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-The Project Gutenberg EBook of Das Feuer hinter dem Berge, by Juliane Karwath
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Das Feuer hinter dem Berge
- Roman
-
-Author: Juliane Karwath
-
-Release Date: September 27, 2020 [EBook #63312]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS FEUER HINTER DEM BERGE ***
-
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-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net (This book was produced from images
-made available by the HathiTrust Digital Library.)
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- Das
-
- Feuer hinter dem Berge
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- Roman
-
- von
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- Juliane Karwath
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- [Illustration]
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-
- Egon Fleischel & Co.
- Berlin
- 1913
-
-
- Alle Rechte vorbehalten
- =Copyright 1913 by Egon Fleischel & Co. Berlin=
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-
-Christiane und Hardi Dorreyter waren nicht die Kinder innig
-zusammenströmender Gattenliebe. Ihre Mutter, ein herzlich armes, sehr
-schönes, aber unbegehrtes Fräulein hatte den viel älteren Hauptmann in
-dem Glauben genommen, daß für ihr Zähnezusammenbeißen das Gute schon
-nachkommen werde. Aber es geschah ihr, daß sie ohne Liebe zu tragen hatte,
-was der Liebe selber oft recht schwer fällt. Der Mann verwickelte sich
-infolge zögernden Avancements in allerhand Querulantengeschichten,
-die zwar noch einigermaßen beigelegt wurden, ihm aber den Abschied
-einbrachten. Es ging in ein recht enges und armes Leben, das Mutter und
-Kindern schlecht bekam: der Frau, weil sie dem Manne, mit dem sie sich
-betrogen hatte, noch immer Weib sein mußte, und den Kindern, weil sie an
-allem ziemlich unverhüllt mitzutragen hatten, denn die Mutter gab ihnen in
-ihrer Verlassenheit ihre Not sehr zeitig preis.
-
-Die Mädchen lernten Abneigung und Mißtrauen gegen den Mann.
-
-Die lagen ihnen schon im Blute, die Stunde, die sie geschaffen, hatte sie
-ihnen tief eingetränkt.
-
-Sie blühten nicht recht auf. Zwar hatten sie den einen oder anderen Zug
-der Rhanes, welcher blaublütigen Familie ihre Mutter entstammte, aber ihre
-Gestalten blieben gestreckt, lang, flach, herb wie Schattenfrüchte.
-
-Der Hauptmann starb. Frau Dorreyter, die ihre Leute bisher nur durch
-Unterstützung der Rhanes sattbekommen hatte, erhielt von diesen als
-endgültige Abfindung ein kleines Kapital. Die Rhanes kauften zu der
-Zeit, einer günstigen Heirat wegen, zwei Rittergüter und gründeten ein
-Majorat. Frau Dorreyter stürzte sich über die paar Groschen, selig, ihre
-Mädchen ausbilden zu können. Sie war durch und durch Frauenrechtlerin,
-ohne viel mit Büchern oder aufrührerischen Personen zusammengekommen zu
-sein.
-
-Sie lernte mit den Kindern. Die fühlten, wie gierig die Mutter zu trinken
-versuchte und wie sie innerlich erzitterte, wenn sie ihre Kraftlosigkeit
-erkannte, und stemmten sich tüchtig an, um wenigstens selber zu glänzen
-und ihr dadurch Grund zum Stolz zu geben.
-
-Die leise hervortretenden Rätsel des jungen Weibwerdens blieben den
-Kindern gleichgültig. Sie grübelten nicht.
-
-Sie sehnten sich nach keiner Süßigkeit.
-
-Frühzeitig kamen sie in das Seminar der Provinz.
-
-Die Vorsteherin war ein derbmännliches Frauenwesen, das Unerhörtes
-leisten wollte. Mit einer rücksichtslosen Energie schaltete sie alles
-Schwache aus. Die Lehrerinnen, die sich verlobten, mußten sofort weg,
-die Schülerinnen, die irgendwie versagten, wurden sofort entfernt. Muster
-sollte alles sein, Auslese.
-
-Fräulein Schmöckler war nicht beliebt. Ihrem Schritt ging der Schrecken
-voraus, die reifen Lehrer erröteten vor ihren eisernen, oft rücksichtslos
-vor allen Schülerinnen gegebenen Tadelworten und bebten gleich ihren
-Kolleginnen, wenn sie ins Bureau befohlen wurden.
-
-Christiane erwarb sich rasch ziemliches Wohlwollen, Hardi aber bekam sofort
-›Halbheit‹ vorgeworfen, das Schlimmste, was Fräulein Schmöckler
-vorwerfen konnte, ohne daß sich aber entdecken ließ, wohin Hardis andere
-Geisteshälfte neigte. Die Rhanesche Familienkrankheit, die Bleichsucht,
-waltete über der Kleinen.
-
-Christiane kam ihr rasch voraus in die Oberstufe, wo sie mit Ada Wehrendorf
-zusammentraf, die aus ihrer Heimat stammte. Der Vater, ein Justizrat, war
-rasch gestorben, und für das völlig verwaiste und vermögenslose Ding
-mußte bald ein Lebensunterhalt gefunden werden, zumal sie dünn wie eine
-Spindel und ohne jedes Temperament war. Beim Abschlußexamen kam sie
-mit einer knappen Drei heraus, während sich die glänzendste der
-Schülerinnen, der Fräulein Schmöckler keinerlei Halbheit hatte vorwerfen
-können, noch an demselben Tage öffentlich verlobte und somit ihre ganze
-Weisheit und eine ihr von der Vorsteherin schon bereitgehaltene Stelle
-glattweg preisgab.
-
-Hardi kam Christiane verweint entgegen, denn die Schmöckler hatte ihr an
-dem Tage bedeuten lassen, daß sie für ihren Teil am besten täte, die
-aussichtslose Sache zu lassen. So reisten beide Dorreyters mit Sack und
-Pack nach Hause, und die Mutter verriet in ihrem Entsetzen über das
-Unglück der geliebten Jüngsten keinerlei Freude über Christianens Sieg.
-
-Die merkte nichts davon, denn Fräulein Schmöckler hatte ihr die von der
-Braut ausgeschlagene Stelle in einem vornehmen Töchterinstitut der Schweiz
-verschafft, und der Himmel hing ihr voller Geigen. Sie packte von neuem,
-und mitten im Kramen fielen ihr auf einmal Briefblätter entgegen, die die
-Mutter bewahrte, und sie las neugierig darüber hin.
-
-Auf einmal wurde sie aufmerksam und winkte die in ihre Melancholie
-versunkene Hardi herbei.
-
-In diesen Blättern lasen sie zum ersten Mal von der Liebe.
-
-In den Tagebuchblättern und Briefen der Urgroßmutter, die dem
-schlesischen Adel entstammte, glomm eine ehebrecherische Sünde. Die Frau
-des Hofstallmeisters von Rhane hatte es mit einem Prinzen gehalten, der,
-wie sie, nachher recht tugendhaft und brav geworden war, aber mit einem
-Schuß nervöser Geistigkeit, und kein Glück in der Politik gehabt
-hatte. In den Blättern waren Glut, Zärtlichkeit und französische
-Verse. Dazwischen lagen später geschriebene Mutterbriefe an den Sohn im
-Kadettenhaus, das Fürstenpatenkind.
-
-Es war auf einmal begreiflich, warum die jetzigen Rhanes sich plötzlich im
-Glanz und mit Majoraten aufgetan hatten: sie waren von ihrem Bluteinschuß
-getrieben.
-
-Die Mädchen schauten sich an.
-
-Über Hardis kleines, verweintes Gesicht flirrte es.
-
-»Da sind wir -- ja -- auch -- -- --«
-
-Die Mutter kam. »Was habt ihr da? Die Briefe? Ach, die Briefe --« Einen
-Augenblick hatte sie gestutzt. Dann nahm sie sie verächtlich zusammen:
-»Schmutzkram. Der kann fort.«
-
-Christiane bat: »Gib sie mir.«
-
-Sie packte sie in ihren Lehrerinnenkoffer.
-
-Mit ihr reiste die kleine Wehrendorf, die an dieselbe Anstalt kam, aber des
-minderen Zeugnisses wegen ›=au pair=‹.
-
-Das Schweizer Institut war ein Erziehungskasten von oben bis unten. Die
-Leiterin war sehr fett und behäbig. An Zöglingen waren ungefähr achtzig
-da, darunter viele Bräute. Es wurden Wissenschaften getrieben, gekocht,
-genäht, geputzt, gestickt, gemalt, gebrannt, Tennis und Golf gespielt
-und getanzt. Es gab Unterricht in Sprachen, Musik, Gesang, Gymnastik,
-Rezitation und Körperpflege. Man hatte in einem Jahr ausgelernt oder in
-einem halben. Es gab auch Vierteljahrs- und Monatskurse, ganz nach Wunsch,
-und immer hatte man ausgelernt. Eine Auslese fand nicht statt, nur eine
-Trennung nach Rang und Stand und Geld. Man unterschied einen Flügel der
-Aristokratinnen, unter denen auch eine junge Freiin von Rhane war, eine
-Abteilung der Ausländerinnen und noch viele andere Gruppen bis zu
-den reichen Fabrikanten- und Handwerkertöchtern. Die Zimmer, die den
-besichtigenden Eltern gern gezeigt wurden, waren blank und hell, wie
-Ziervogelkäfige.
-
-Christiane aber bewohnte mit drei Kolleginnen ein enges Kabinett im
-Hintergebäude, in dem zwei alte Holzbetten der Quere nach nebeneinander
-und zwei an der Wand standen. Dazwischen war nicht viel Raum. Im
-Flur befand sich ein wurmzerfressener Kleiderschrank, in dem die vier
-Lehrerinnen ihr Eigentum aufbewahren konnten, und unter dem schmalen
-Zimmerfenster war eine Bank etabliert, unter der das Schuhwerk stand,
-während man die Oberfläche ganz gut als Tisch benutzen konnte.
-
-Die Lehrerinnen durften nur dunkle, hochgeschlossene Kleider und
-glattgestrichene Haare tragen.
-
-Christianens Bettnachbarin war eine nicht mehr junge Holsteinerin, die
-beiden anderen eine Engländerin mit einem dunklen warmen Schmeichelgesicht
-und eine magere Französin, die etwas von einer Ziege an sich hatte. Diese
-beiden trieben bei guter Laune Spaß, nannten sich die ›Babies‹ und
-stellten sich an, als ob Christiane und die Blonde Vater und Mutter seien
-und das Ganze eine warme Familienstube. Die Holsteinerin sagte nie ein Wort
-dazu. Einmal erwachte Christiane von etwas Merkwürdigem, horchte in
-die ferne Mondnacht hinaus und merkte auf einmal, daß ihr ganzes Lager
-zitterte. Neben ihr lag die Holsteinerin in einem furchtbaren, rüttelnden,
-lautlosen Weinen.
-
-Am Morgen wagte Christiane die andere kaum anzusehen, aber die hatte
-keine Ahnung von der Beobachtung, sondern tat ihre Pflicht in derselben
-verschlossenen Art wie zuvor.
-
-Die arme Wehrendorf hieß bald nur das ›Sneewittchen‹.
-
-Die junge =au pair=-Lehrerin mußte nämlich aus Platzmangel in einem
-gläsernen Erker schlafen, der an ein Zimmer der Pensionärinnen grenzte
-und nur Raum für das Bett und eine Waschkiste bot. In der Tiefe lag der
-See, und die Schwalben strichen ganz nahe an den nur mit dünnen Gardinchen
-verkleideten Scheiben vorbei. Es gab viel Gekicher unter den verwöhnten
-jungen Damen, wenn die Lehrerin in ihr Glaskästchen ging, und die
-Wehrendorf trug es stumm und ergeben wie das Pechkind im Märchen.
-
-Die dicke Leiterin konnte mit dem großen Unternehmen allein nicht fertig
-werden, sondern hatte als Stab ein paar ältere Lehrerinnen um sich, unter
-denen besonders ein zähes, dürres Fräulein Beierlein hervorragte, die
-sich mit der Ausbildung der ›Neuen‹ beschäftigte.
-
-Die konnten ihre mühsam erworbene Schulweisheit getrost in den
-Koffer packen. In diesem Erziehungskasten ging es nur darum, sich die
-Zufriedenheit der Zöglinge und deren Eltern zu verschaffen -- wehe der
-Lehrerin, über die eine junge Dame sich beklagt hätte! Und dreimal wehe
-der, um deretwillen eine Pensionärin verloren gegangen wäre! Die achtzig
-wurden behütet wie Gold -- das war Geschäft!
-
-Die Miß und die Französin standen in einem bewährten
-Freundschaftsverhältnis mit der Beierlein und hatten die Organisation
-dieses vortrefflichen Institutes vollkommen begriffen. Christiane und die
-Wehrendorf aber hörten alle Augenblicke den windschnellen Schritt der
-Vorgesetzten hinter sich und wurden mit nadelscharfen Blicken aufgespießt
-und von spitzigen Worten ins Herz getroffen.
-
-Was der Mann am Weib verschulden kann, reicht in aller Welt nicht an das,
-was eine Frau der andern anzutun vermag, besonders, wenn die eine alt, die
-andere jung, die eine übergeordnet und die andere untergeben ist!
-
-Die beiden kamen aus den Unterrichts- und Aufsichtsstunden nicht heraus.
-Der Dienst währte von morgens sechs Uhr bis abends um zehn Uhr. Die
-Wehrendorf mußte auch Zimmer putzen, die jüngeren Zöglinge baden und
-kämmen und der dicken Vorsteherin bei der Toilette helfen. Freistunden
-gab es nicht. Ausgänge auch nicht. Mit den Zöglingen gingen immer nur die
-älteren Lehrerinnen.
-
-Christiane kam kaum in den Garten, erblickte Wald und See und Berge nur
-von den Fenstern und Terrassen aus und hatte von der neuen Welt nur ganz
-verwischte Vorstellungen. Sie hörte die Pfiffe der Züge, mit denen sie
-in den Tunnel glitten, das Geläut, mit dem sie wieder herauskamen, die
-Signale der Dampfer und die Stimmen der Touristen.
-
-Oft wurden junge Mädchen von ihren Anverwandten abgeholt und kamen abends
-froh erregt wieder. Blumen wurden bei jeder Gelegenheit hereingeschleppt
-und die Pensionszimmer malerisch damit geschmückt. Es gab große
-Ausflüge, sanfte Besteigungen und Dampferpartien, an denen die beiden
-jungen Lehrerinnen aber nicht teilnehmen durften. Eine Freude blieb der
-armen Wehrendorf: sie mußte jeden Sonntagabend die an diesem Tag laut
-offizieller Erlaubnis geschriebenen Briefe der Zöglinge nach der weiter
-unten im Ort befindlichen Poststation bringen. Mit Stößen von legitimen
-Liebesbriefen zog das arme, häßliche Sneewittchen los und genoß die
-kurze Freiheit.
-
--- -- Christianens Nerven begannen zu versagen. Ihr grauste vor dem
-Lärm, dem Geschnatter, dem mechanischen Unterricht, den unaufhörlichen
-Aufsichtsstunden, dem Aufpassen der Beierlein und dem nächtlichen
-Zusammensein mit den Kolleginnen. Ergab sich am Tage einmal ein passender
-Moment, so stürzte sie nach oben in ihr Zimmer, in dem um die Zeit niemand
-war, verriegelte die Tür und starrte aufatmend um sich: allein! Allein!
-Ihre Blicke wanderten. Scheu horchte sie nach außen und atmete von neuem
-auf: allein -- allein --!
-
-Leise schlich sie an ihr Kommodenfach. Doppelt verschlossen lag da ihr
-bißchen Eigenes: ihre Zeugnisse, die Briefe der Mutter und die Tagebücher
-der Frau von Rhane! Wie gut, daß sie vor der Abreise noch die Mappe
-gekauft hatte -- jetzt hatte sie doch ein Fleckchen für sich!
-
-Allein -- allein -- -- -- --
-
-Da rief es schon draußen, da trippelte es und klopfte an die Tür:
-»Fräulein Dorreyter! Fräulein Dorreyter!« Christiane fuhr, öffnend,
-zurück -- das Fräulein von Rhane! Jäh sah sie, was sie noch nicht
-gesehen hatte: das Jugendgesicht der Mutter, die Rhanesche Schönheit.
-
-»Fräulein Beierlein läßt bitten,« sagte die junge Aristokratin in dem
-wenig respektvollen Tone, den die Pensionärinnen für die Unterlehrerinnen
-hatten.
-
--- -- Christiane konnte nicht schlafen. Nacht für Nacht ging das stumme
-Weinen der Nachbarin. Christiane wollte manchmal rufen, fragen, die anderen
-wecken, aber sie wagte es doch nicht: es war für die Verzweifelte die
-einzige Stunde, in der sie allein zu sein glaubte -- allein!
-
-Stundenlang zitterte das Bett. Stundenlang liefen Christianens krause
-Gedanken zur Mutter zurück und zu der Frau von Rhane. Sie sah die blonde
-Familienschönheit und wieder die Frau von Rhane.
-
-Blau schien die Mondnacht. Ein ungewisses Raunen scholl: der See. Ein
-Flimmern stand fern: die Berge.
-
-Die Französin schnarchte mit spitz gehobener Nase, die Miß hatte ihr Haar
-stramm geflochten und den abgebundenen Zopf an den Bettpfosten
-gehängt. Das Lager der Holsteinerin hob sich in schweren, krampfhaften
-Stößen -- --
-
-Christiane dachte an die Frau von Rhane.
-
-Eines Morgens sagte die Wehrendorf: »Du, deine Schwester wird ja
-heiraten --!«
-
-Christiane starrte sie an. »Hardi!« Sie hob die Hand zur Stirn.
-»Hardi!«
-
-»Ja, ja,« sagte Ada hinterhältig.
-
-Christiane dachte nach. Die Mutter hatte angefangen, Hardi gewaltig mit
-Eiern und Peptonen zu füttern, denn zum Herbst sollte sie auf ein anderes
-Seminar.
-
-Christiane schrieb eine scherzhaft vorsichtige Anfrage. Sie wußte, es war
-Unsinn. Wen sollte Hardi kennen bei dem Leben, das sie führten. Wen? Wen?
-
-Die Antwort kam, und die Mutter entschuldigte sich und Hardi. Es war auch
-gradezu romanhaft. Auf der Straße hatte ein Herr von der Regierung Hardi
-gesehen und verfolgt, dann war korrekte Bekanntschaft daraus geworden.
-Er hatte Besuch gemacht. Sie mußten ihn einladen. Die Mutter knüpfte
-beunruhigte und bestürzte Bemerkungen daran.
-
-Nach drei Wochen kam die Anzeige: Hardi Dorreyter und Ludwig von Cöldt,
-und die Mutter schrieb hoffnungsvoller. Die Verhältnisse seien ja gut. Es
-sei wohl das beste für Hardi. Zum Herbst wäre Cöldt nach Posen versetzt
-und wolle vorher heiraten. Er sei sehr verliebt.
-
-Christiane dachte an die Peptone.
-
-Sie schrieb an die Schwester und bekam einen kleinen, halb verlegenen
-und halb triumphierenden Brief. Fräulein Schmöckler hatte die Anzeige
-bekommen!
-
-Christiane konnte an der Hochzeitsfeier nicht teilnehmen, denn sie bekam
-keinen Urlaub, auch das Reisegeld hätte gefehlt. Sie sandte ein Telegramm
-und durfte es selbst zur Post bringen.
-
-Sie ging an roten Ranken vorbei und sah blaues Wasser und unwahrscheinlich
-weißes Getürm in der Höhe. Eine gebogene Straße lief in die Ferne
-hinein.
-
-Nachher mußte sie Schrankrevision halten, fand sehr viel Schokolade und
-ein Dutzend illegitime Liebesbriefe.
-
-Die Depesche war längst in der Hochzeitsgesellschaft.
-
-Im Winter gab es Tanzstunden, Faschingfeste, Theateraufführungen und
-Schlittenfahrten. Die Wehrendorf erfror sich in ihrem Glaskäfig die
-Zehen und wurde in einem Badezimmer einquartiert. Sie hieß jetzt ›die
-Seejungfrau‹.
-
-Christiane erhielt Botschaft aus Posen. Die Mutter war zu Weihnachten dort.
-
-Nebelzeiten begannen. Die Schlafkammer war lichtlos. Es regnete.
-
-Eines Morgens war das Bett der Holsteinerin leer. Ihre Sachen hingen da.
-Sie war fort.
-
-Der Aufruhr wurde im Keim erdrückt. Keiner durfte eine Frage stellen. In
-das Bett kam schon nach wenigen Tagen eine Belgierin, die sehr schnarchte
-und aussah, als ob sie sich nicht ganz sauber wüsche.
-
-Christiane lag noch immer häufig wach. Sie hörte den Tropfenfall und sah
-die Verschwundene auf nackten Füßen durch den Tauschnee eilen. Wohin?
-Wohin? Zu wem?
-
-Sie stand und horchte. Der Föhn heulte. Die Fenster zitterten.
-
-Leise öffnete sie einen Flügel. Schwül schoß es ihr entgegen: drüben
-war der See. Sie sah ferne Straßen. Wohin? Wohin? Zu wem?
-
-Ihr Herz zitterte.
-
-Am Sonntagabend war es klar. Die Wehrendorf erschrak, als Christiane auf
-einmal an ihrer Seite stand: »Ich gehe mit dir zur Post!«
-
-Der Wind pfiff. Aus dem geschuppten Wasser sahen entfremdete Sternbilder.
-
-»Hier war es sicher -- hier,« flüsterte die Wehrendorf, scheu auf das
-Ufer deutend.
-
-Christiane lachte und eilte weiter.
-
-»Wohin willst du?« rief Ada ihr nach.
-
-Es ging bergauf, der Wind kam bergab. Wuchtig und warm schlugen seine
-großen Flügel, wuchtig schlugen sie auf die brausenden Wasser, wuchtig
-fuhren sie an Christianens warmen Mädchenleib. Die Sterne zitterten.
-
-Ada Wehrendorf rief aus der Ferne.
-
-Christiane aber ging, wie sie in ihrem Leben noch nicht gegangen war. Sie
-ging auf der Erde, deren freie Krume sie noch nie so unter ihren Schuhen
-gespürt hatte, in der Luft, die noch nie so rein in ihren Lungen gewesen
-war. Sie fühlte im Sturm die Gletscher, über die er gefahren, die
-Wälder, durch die er gestürzt war, die Wasser, von denen er getrunken
-hatte. Sie fühlte den freien, dunklen Duft der Welt.
-
-Allein!
-
-Beim Nachhausekommen erhielt sie ihre Kündigung.
-
- * * * * *
-
-Als Christiane der Mutter davon schrieb, kam ein erlöster Brief: »Geh
-nach Posen. Hardi hat Heimweh. Geh nach Posen.«
-
-Christiane reiste.
-
-Die Polen feierten eben Ostern. Die Stadt inmitten der Wälle war voll
-gedrängtem Glockengeläut. Man betete und aß, aß und betete.
-
-Herr von Cöldt holte Christiane vom Bahnhof.
-
-»Hardi geht es nicht gut,« sagte er.
-
-Sie begriff erst in diesem Augenblick, in welch ernstes Ehekapitel man sie
-hereingeholt hatte.
-
-Hardi lag im Schlafzimmer. Sie war viel hübscher, als Christiane sie
-in Erinnerung hatte, ihr Profil zeigte eine pikante Mischung von
-Soubrettenhaftem und Sentimentalem. Sie warf dem Mann einen schnippisch
-koketten Vorwurf zu, der ihn zum Gehen zwang, und fing hinter ihm
-ein fürchterliches Weinen an. Christiane entdeckte jetzt, auf sie
-niederschauend, die Veränderung der Gestalt.
-
-Hardi fuhr auf. »Bitte gib mir das Morphium.«
-
-»Morphium nimmst du?« fragte Christiane, an die Mutter denkend.
-
-Hardi warf einen Blick ringsum. »Schon lange.«
-
-»Warum?« fragte Christiane herzlich, sich über sie neigend, »leidest du
-an Schlaflosigkeit? Oder was ist dir eigentlich?«
-
-»Was mir ist!« Hardi lachte nervös auf. »Siehst du denn nicht, was mir
-ist -- haha -- --«
-
-»Wie sprichst du nur,« sagte Christiane, »wenn das dein Mann hört --!«
-
-»Das sage ich ihm immer.« Hardi warf sich herum. »Das sage ich ihm. Und
-noch mehr: er ist schuld.«
-
-Christiane blickte auf sie nieder.
-
-Ihr Herz schlug, leise rann es an sie heran.
-
-»Er hat dich doch lieb,« sprach sie.
-
-Hardi starrte sie gläsern an. »Ja--aa lieb,« sagte sie. Dann deutete
-sie ringsum. »Hier bleibst du. Mein Mann schläft hinten. Wir bleiben
-zusammen.«
-
-»Warum hast du ihn denn genommen?« fragte Christiane.
-
-»Weil mir bange war. Weil die Schmöckler mich herausgejagt hatte. Was
-blieb mir sonst übrig? Stundenlang haben wir überlegt, die Mutter und
-ich. Es war ja wegen der Mathematik. Das war ja der Haken bei mir. Damit
-wäre ich nicht durchgekommen ...«
-
-»Das hättest du immerhin noch versuchen können. Deshalb --« Christiane
-sah sie an, »deshalb -- -- -- Du mußt ihn doch -- -- du mußt ihn doch
-lieb gehabt haben!«
-
-»Ja--aa. Lieb -- ja. Aber nicht so. Nicht so.« Hardi zog die Schultern
-ein. »Wenn ich gewußt hätte! -- -- Das hab ich nicht gewußt. Das
-hat mir niemand gesagt. Sonst wäre ich lieber -- --« sie sah mit irren
-Blicken um sich.
-
-Christianens Backen brannten.
-
-Vor den Fenstern war weites, flaches Land. Unten auf dem Wall ging ein
-Infanterieposten.
-
-»Du wirst dich noch daran gewöhnen,« sagte sie leise, »es war der
-Übergang. Wenn du erst weiter bist --«
-
-»Davor graut mir ja,« rief Hardi. »Deshalb schlaf ich schon nicht mehr.
-Ich bin ja so schwach. Die Mutter hat Angst, ich komm nicht durch. Jetzt
-tut ihr's leid.«
-
-»Die Mutter hat dich mit ihren schwarzen Gedanken angesteckt.«
-
-Hardi schauderte. »Damals hatte ich Angst vor dem Examen. Ach --
-tausendmal lieber würd ich jetzt ins Examen gehen, als das durchmachen,
-was mir nun bevorsteht!«
-
-»Du bist hysterisch,« sagte Christiane scharf.
-
-»Ich bin wie die Mutter. Der ist es auch so gegangen. Sie hat keine Kinder
-haben wollen. Sie hat nie Frau sein wollen. Ich auch nicht.«
-
-»Das hättest du wirklich vorher bedenken müssen. Aber ich glaube, du
-lachst noch einmal darüber.«
-
-»Jetzt lache ich nicht,« sagte Hardi. »Jetzt bin ich krank.«
-
-Ludwig kam herein. Er und Christiane sahen sich an. Sie fühlte, daß seine
-Hoffnung bei ihr stand.
-
- * * * * *
-
-Es war noch das alte Posen mit dem dumpfen Gassengedräng, den mächtigen
-Wällen und den polnischen Dörfern dicht vor den Toren.
-
-Es war urfremdes Land.
-
-Fremd war das kleine, dunkle Volk, die vielen Kirchen und Kleriker, die
-langen Leichenzüge und der geniale Schmutz. Von der Warthe her kroch der
-Typhus, von den Dörfern her die Granulose.
-
-Was deutsch war, saß lose obenauf, ging und kam und hatte wenig Freude an
-der gewagten Existenz.
-
-Nach dem internationalen Gewäsch in der Schweiz war Christianens Blick
-für einfachere Konflikte offen. Sie hatte Freude an der ungeheuren
-Spannung, die zu ihr herüberwehte.
-
-Ludwig von Cöldts Chef gehörte noch zur alten Schule, die mit den Polen
-tafelte. Um ihn herum aber raunte es. Eine deutsche Zeitung, die bisher
-in politisch gleichgültigem Fahrwasser geplätschert war, hatte sich auf
-einmal rätselhaft einer anderen Richtung verschrieben und schoß Pfeil auf
-Pfeil auf den ziemlich wehrlosen alten Herrn. Im polnischen Lager summte
-Unruhe auf, der heimliche Konflikt wurde bloß. Der Deutsche wehrte sich
-plötzlich gegen seine geduldete Existenz in diesem Lande, das von seinen
-Kräften fraß und stark wurde. Der Pole verteidigte seinen uralten Boden.
-
-Der Kampf war da.
-
-Den Anfang dieser Zeit erlebte Christiane Dorreyter in Posen.
-
-Der Frühling wußte nicht viel zu zünden. Auf den Feldern hob sich ein
-riesiges, eintöniges Grün empor, die wilden, niedrigen Glacisbäume
-blühten. Die Warthe trieb gelbe Flut aus Rußland.
-
-Christiane begriff, daß es schwer und seltsam war, hier zu leben. Sie kam
-nicht zum Klaren, ob Cöldts Versetzung eine zufällige war. Jedenfalls
-war er mit dem Mut der alten Kolonisten hergekommen, und sein Junkerblut
-drängte zum Kampf.
-
-In Christiane war noch etwas von der freiheitlichen Abendstunde in den
-Bergen. Sie spürte den Osten wie einen fremden, starken Trank, mit dem sie
-fertig zu werden versuchte.
-
-Sie schalt über Hardis Gleichgültigkeit. Ludwig gegenüber war sie erst
-unfrei, ihre Gedanken fielen ihn oft hinterrücks niedrig an. Dann wurde
-sie ruhiger und fast etwas beschämt.
-
-Seine Art machte sich geltend.
-
-Er besorgte ihr ein Pferd, und in freien Stunden ritt sie mit ihm bald
-junkerhaft durch die warmen, dampfenden Glaciswälder oder in die Felder
-hinaus, über denen die Windmühlen gingen.
-
-Anfangs dachte Christiane noch an ihre bisherige Existenz, dann versank
-das.
-
-Sie war aus einem Traum ins Wahre gekommen oder knüpfte an etwas an, das
-früher gewesen war.
-
-In diesem flachen, unendlichen Lande war sie schon einmal gewesen, die
-Zügel in der Faust.
-
-Über diese Straßen war sie schon einmal herrinnenhaft geritten, den
-Gesellen neben sich.
-
-Es war ein Traum, der aus dem unendlichen Frühling dieser slawischen
-Unendlichkeit stieg. Es war doch Frühling.
-
-Ludwig suchte sich auch literarisch zu informieren und brachte eine Menge
-polnischer Literatur an; Krasinski und sogar Kraszewski, vor allem aber
-Mikiewicz und Sienkiewicz.
-
-Christiane las immer in einer gewissen Distanz, mit scharfem, jungem
-Denken und mit dem überlegenen Gefühl ihres reinen Germanentums, das dem
-slawischen Bruder das Leben und die Kultur im Herzensgrunde absprach.
-
-Hardi beteiligte sich an diesen Erörterungen immer nur zeitweilig. Wenn
-sie wieder an ihren Zustand dachte, sanken ihr die Flügel, und sie saß
-wie eine Verurteilte.
-
-Ludwig erzählte auf einem der Ritte von seinem Vorfahren, der mit Heinrich
-von Plauen gezogen war. Darauf begann Christiane von der Frau von Rhane
-zu sprechen, und er wurde aufmerksam und bat um die Blätter. Hardi hatte
-nichts davon erzählt.
-
-Christiane wußte: sie war äußerlich keine Rhane, ihr fehlte die blonde,
-reinblütige Schönheit, wie sie im Grunde auch Hardi fehlte. Nur ihre
-Hände waren rhanisch. Ihre Hände waren die der Frau von Rhane.
-
-Traumhaft ritt sie durch die maiheißen Straßen, die Mühlen gingen.
-Ihr Körper bog sich nach dem Rhythmus des Tieres, die Rhaneschen Hände
-regierten es.
-
-Ihr Blut war das der Frau von Rhane.
-
-Traumhaft sah sie in die maiblaue Ferne. Glühend, wie ein fallender Stern
-schoß es ihr durch die Seele. Wohin? Wohin? Zu wem?
-
-»Ein Schicksal,« sprach Ludwig neben ihr.
-
-Sie fuhr herum und sah ihn an.
-
-»Unsere Mutter sagt: ›Schmutz‹.«
-
-Er verzog den Mund und sagte: »Wir wollen zu den Mühlen.«
-
-Sie trabten schneller, der Staub war wie lange Fahnen hinter ihnen. Mitten
-im Geklapper hörten sie Lerchenlaut. Sie trabten. In Christiane war der
-Rhythmus der Leonorenballade, ihr Blut sauste. Sie sah nichts mehr. Sie
-jagten.
-
-Am Abend war ein Gast da.
-
-Cöldts lebten sehr zurückgezogen, da Hardi sich gegen jeden Verkehr
-gesträubt und die gutmütig und neugierig teilnahmsvollen Kollegenfrauen
-beinahe brüskiert hatte. Sie hatte die Bilder ihrer Heimat um sich und
-unterhielt sich mit ihnen und schrieb heimwehkranke Briefe an die Mutter.
-
-»Kraneis ist ein guter Kenner der slawischen Literatur,« sagte Ludwig.
-
-Der Doktor war sein Studienfreund und als Assistent an der damals noch
-herzlich unfertigen Bibliothek tätig. Seine Stellung war auch unfertig.
-Er erwog immer die Aussichten, die sich ihm in dem sich nun langsam
-kultivierenden Posen eröffnen konnten, und schrieb zwischendurch
-Bewerbungsschreiben an alle Orte, in denen man einen Bibliotheksleiter
-suchte. So war sein Sinn auf jeden Fall zerspalten, und wenn er einmal
-fanatisch begeistert über die Kultivierung des Ostlandes sprach und nicht
-genug Opfer an deutschem Blut und deutscher Kraft erwarten konnte, wenn
-er sich in slawische Verhältnisse nachfühlend hineingrub, die östliche
-Seele ergründete, Polnisch lernte und Mikiewicz zitierte, so war er ein
-paar Tage später ganz und gar westlich gesinnt und redete mit Ausdauer und
-einem wahrhaft deutsch biederen Beamtentum von Elberfeld oder Mainz.
-
-Christiane begann dieser Mensch zu interessieren und zu amüsieren. Sie
-getraute sich aber Ludwig gegenüber nicht viel darüber zu sagen, weil sie
-nicht wußte, wie weit dieses Freundschaftsverhältnis in die Tiefe ging.
-
-Eines Tages suchte sie Bücher aus Ludwigs Bibliothek zusammen,
-weil Kraneis kommen sollte, und brachte neben Mereschkowski einen --
-Reiseführer durch Mainz, der ihr zufällig in die Hand geraten war. Ludwig
-sah ihn betroffen an -- dann begriff er. Sie leise anblickend, sagte er mit
-einem feinen Lächeln:
-
-»Weißt du auch, Christiane, warum dieser Kraneis jetzt so unheimlich
-westdeutsch wird? An Mainz knüpfen sich jetzt seine größten
-Hoffnungen.«
-
-Sie schaute ihn an. »Er will sich dort eine feste Zukunft gründen, denke
-ich.«
-
-»Und zwar recht fest. Bürgerlich fest. Haus und Herd.«
-
-Jetzt stutzte sie. Dann hatte auch sie begriffen.
-
-Als Kraneis dann erschien, bekam er den Führer durch Mainz nicht zu sehen.
-
-Er sprach aber nur von dieser Stadt. Ein dortiger Freund hatte ihm unter
-der Hand Nachricht gegeben, daß seine Sache sehr günstig stünde.
-
-Christiane fragte nach diesem Freunde, und seine Miene wurde etwas
-verlegen.
-
-»Er ist in der Stadtverwaltung. Freilich nichts Besonderes. Hat sich
-so durchdrücken müssen.« Er zögerte eine Sekunde. »Wir waren
-Nachbarskinder in Neustadt.«
-
-Christiane sah den jungen Mann an. Handwerkerssohn, dachte sie. Nicht, daß
-sie ihn deshalb verachtet hätte, aber irgend etwas an ihm störte sie.
-Vielleicht die Hände, die Bewegungen überhaupt. Oder die Sprache.
-Wahrscheinlich die Sprache.
-
-In Mainz hatte auch die Frau von Rhane einige Zeit gelebt, nach ihrem Glanz
-als Witwe. Ihr Mann war bei einem Schlaganfall vom Pferd gestürzt und
-gestorben. Die Witwe hatte Bittbrief auf Bittbrief um eine Gnadenpension
-geschrieben. Dann war sie gestorben. Ohne Gnadenpension.
-
-Irgend ein Gedanke zog in Christiane empor und hatte Farbe und Macht
-aus der kurz verstrichenen Vergangenheit. Sie sah auf einmal wieder das
-stickige Lehrerinnenzimmer in der Pension, hörte das Herantraben der
-Beierlein und das nächtliche Schluchzen der Holsteinerin.
-
-Warum nicht in Mainz leben, als Frau Stadtbibliothekar? Reiten kann man
-doch nicht immer.
-
-Sie war an dem Abend zerstreut. Hardi war ausnahmsweise dabei und wollte,
-von diesen Dingen gänzlich unberührt, etwas über Mereschkowski wissen.
-Die Übersetzung der Verse war von einem Kollegen Kraneis', einem Balten
-besorgt worden.
-
-Kraneis schien auch nicht bei der Sache. Was ging ihn dieser hoffnungslose
-Russe an, was die fremde Flut, die mit dumpfem Brausen draußen dicht vor
-den Toren stand und weithin über Steppen und Steppen reichte? Er war weit
-weg, im goldenen Mainz.
-
-Hardi zitterte. Das Fleckchen, auf dem ihr bißchen Leben verstört
-hockte, erbebte. Sie begann plötzlich laut zu schluchzen. Kraneis
-hielt erschrocken inne. Ludwig eilte zu ihr hin. Sie stieß ihn zurück.
-Aufweinend lief sie aus dem Zimmer.
-
-Christiane ging ihr nach. Hardi wollte ihr Morphium haben. Die Schwester
-griff schon danach, aber auf einmal sank ihre Hand nieder, wie gedrückt.
-Wie sollte das werden? Was für Kraft bekam Ludwigs Kind? Was für Willen,
-was für Blut? Mit Giften wurde sein Organismus getränkt, noch ehe er ganz
-entwickelt war.
-
-»Du sollst nicht,« sagte sie mit eiserner Energie. »Du darfst nicht. Ich
-gebe dir's nicht. Ich gebe dir's nicht.«
-
-Sie setzte sich zu Hardi aufs Bett und hielt den Arm unter ihren Kopf,
-leise redete sie ihr zu. Die junge Frau weinte.
-
-»Ich gebe dir's nicht.«
-
-Hardi schrie, sie bettelte.
-
-»Nein, nein,« sagte Christiane. Sie machte sich frei. »Du sollst Kraft
-haben! Du mußt!«
-
-Scharf sah sie auf die Schwester hernieder. Hätte sie ihr nur von ihrem
-Willen abgeben können, von ihrem starken, entschlossenen Blut!
-
-»Du mußt Kraft haben aus dir allein. Du darfst dich nicht einlullen.
-Durchhalten sollst du.«
-
-Hardi wimmerte.
-
-»Gib. Gib.«
-
-Sie schluchzte.
-
-Da kam Ludwig.
-
-Christiane sagte ihm kurz Bescheid.
-
-Er sah zu seiner Frau hin. Ohne Christiane anzublicken gab er ihr das
-Morphium. Dann ging er zur Tür hinaus.
-
- * * * * *
-
-Am nächsten Tage sprach Christiane mit dem Arzt.
-
-Der sah sie ernst an.
-
-»Die gnädige Frau ist sehr krank.«
-
-»Krank --«
-
-»Sehr krank,« sagte er mit dem scharfen ›R‹ der altansässigen
-Deutschen. »Sie fühlt vollkommen das Richtige. Ihr Organismus ist für
-die Ehe nicht geschaffen, wenigstens war sie viel zu jung. Es wird einen
-bösen Kampf geben.«
-
-»Weiß mein Schwager -- --«
-
-Der Arzt zuckte die Achseln.
-
-Wie geschlagen blieb Christiane zurück. Die ganze schöne Einrichtung
-der Wohnung, die Ludwig bezahlt hatte, schien ihr wie die Dekoration eines
-Totenhauses. Die kleine Hardi hatte ihre Examenscheu und das bißchen
-Frauenglanz mit dem Schwersten zu bezahlen. Ihr inneres und äußeres
-Wehren war der wahrhaftige und unbewußte Ausdruck der ahnenden Kreatur.
-
-Sie ging zur Schwester und begriff nicht. Alles in ihr lehnte sich dagegen
-auf, in einem bißchen Wärme so dahinzuschwinden. Sie dachte wiederum an
-die Frau von Rhane.
-
-Es blieb ihr wohl übrig, Ludwig vorzubereiten. An dem Tage hatte sie grade
-versprochen, ihn vom Amt abzuholen.
-
-Das Regierungsgebäude lag mitten in der Altstadt an einem schmutzigen
-Markt und dicht bei einer riesigen dunklen Kirche. Weiber mit groben
-Tüchern um den Kopf kamen langsam und geduckt daher, Glocken läuteten.
-Sie sah durch ein Portal in das flimmernde Dunkel hinein: dort hinten war
-der Stern, an den sich das dumpf elende Volk hier hielt. Sie sann: konnte
-das auch über einen kommen? Kam nach aller Jugend oder -- mitten in der
-Jugend -- eine Stunde, in der man Hilfe brauchte -- solche Hilfe?
-
-Da fiel ihr Hardi ein. Die hatte -- Morphium.
-
-»Wollen wir noch tiefer in die Polackei?« fragte Ludwig, der ihr eben
-durch die enge Gasse entgegenkam, »oder ins -- Freie?«
-
-»Lieber ins Freie,« sprach sie hastig.
-
-Sie waren auch dort in der Polackei. Rings um die Stadt zogen sich, dicht
-an die Wälle gedrückt, zahllose polnische Kirchhöfe. Wild war
-das Gesträuch drinnen gewachsen, wild lagen die Gräber, von den
-Leichensteinen sahen fremde Worte und Zeichen. Alte Weiblein zogen herum
-und schienen den Tod zu suchen, Kinder schlichen diebisch um die Blumen, da
-und dort kam eine ganze Familie an, um ein Grab zu begießen. Der Faulbaum
-duftete über den Zaun.
-
-Es war keine Gegend, um von dem zu reden, was Christiane zu sagen hatte.
-Aber -- wo war eine andere? Ihr kam es plötzlich vor, als müsse ganz
-Posen Ludwig wie ein Grab erscheinen, in dem alles Seine versunken war.
-Dabei fiel ihr auf, daß er selten mehr eine direkte Frage nach Hardi tat.
-Man merkte ihm kaum mehr die Besorgnis des Ehemanns an, der seine Frau
-in solcher Lage weiß. Kaum, daß er auf eine Erkundigung einging. War er
-schon -- fertig? Was war alles vorgegangen?
-
-Herrgott, dachte Christiane, wie gut könnte das sein. Warum muß gerade
-hier die Tragödie beginnen?
-
-Er sprach über die augenblickliche politische Lage. Des alten Herrn
-Stellung war zweifellos erschüttert, selbst wenn dem frechen Blatt der
-Mund gestopft wurde. Die Zeitung mußte es büßen und die Exzellenz auch.
-Und dann -- kam der neue Kurs.
-
-»Du bist hier glücklich?« fragte sie, die eben noch gegrübelt hatte.
-
-»So lange ich Arbeit habe, ja.«
-
-Wie sie dir paßt, dachte sie. Mit einem Schablonenwerk bist du nicht
-zufrieden. Man läßt dir hier anscheinend Raum und wird dir vielleicht
-noch mehr lassen. Sie war schon längst überzeugt, daß er zu den Junkern
-gehörte, die noch Führer sein konnten, nicht nur Namensträger und
-Konnexionennützer. Er stammte aus einer altpreußischen Familie, sein
-Vater war als Intendanturrat in Danzig gestorben. Sie dachte: das hier
-wird ihm eine gute Lehrzeit sein. Seine Waffen können sich nicht
-besser schärfen, als hier im Kriege -- selbst wenn der neue Kurs doch
-schließlich wieder im Sande verlaufen sollte. Selbst wenn er eine Weile
-Zickzack mitmachen muß, wird doch sein Gewicht einmal so stark geworden
-sein, daß er an irgend einer Stelle den Zickzack -- biegt.
-
-Sie erhoffte Großes von ihm.
-
-Beide waren sie von jenem weltfremden alten Blut, das das moderne
-Protzentum, den Wettbewerb, die brutale Menschenausnützung, den
-Kapitalismus verachtete. Ihm war es noch undenkbar, anders als vom Staate
-Geld anzunehmen, jemand anderem als dem Staate überhaupt zu dienen. Er
-gehörte zu jenem stillen, armen Junkertum, das heute wie ein schmaler,
-alter, verrosteter Degen im Winkel liegt.
-
-Auf einmal fiel ihr Hardi wieder ein, Hardi, seine Frau, die vielleicht
-sterben mußte.
-
-Sie stockte mitten im Satz.
-
-»Was ist dir?« fragte er.
-
-Drüben hinter dem blühenden Dorn, der schwer niederhing, stand ein
-einsamer Mann an einem frischen Grab.
-
-Sie zuckte.
-
-Er folgte ihrem Blick.
-
-»Wie häßlich ist das hier,« sagte sie nervös.
-
-Wie kann ich in ihn eindringen, dachte sie plötzlich. Er muß selber
-fühlen, was vorgehen wird. Ich kann ja doch gar nicht an ihre Ehe
-heranreichen.
-
-Sie kam sich in ihrer Absicht unzart vor.
-
-Er wandte die Augen langsam vom Kirchhof weg und nahm das frühere Thema
-wieder auf.
-
-Warum konnte ich nichts sagen? fragte sich Christiane, als sie abends in
-ihrer Stube saß. Ein Gedichtband aus Ludwigs Bibliothek war hingelegt.
-Beim Blättern schlug ein Gedicht von Agnes Miegel auf. Es hieß »Heinrich
-von Plauen. Lochstedt 1429«. Anfang und Schluß blieben ihr besonders im
-Gedächtnis.
-
- Grau und schlaff
- Dehnt sich das Haff.
- An der Straße von Bischoffshausen
- Müssen noch Linden in Blüte stehn,
- Ich spüre den Duft in wanderndem Wehn
- Und höre heimlich ein Bienenbrausen,
- Das leise Rauschen der brandenden See.
- Nie rastendes Weh,
- Immerwogendes Leid, dessen salzige Fluten
- Bis zur Seele mir stiegen,
- Nun lege auch du
- Wie das Meer da draußen,
- Dich endlich zur Ruh.
- Mit diesem Sommer wirst du verbluten,
- Herz, das nie gelernt zu entsagen.
- . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
- . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
- Ich will hinab nach dem Hofe sehn.
- Daß ich so frei darf gehn
- Ist mir noch immer wie ein Traum.
- Früher merkte ich's kaum,
- Wenn ich Stunden und Stunden im Sattel gesessen.
- Ich glaube, ich habe das Reiten vergessen.
- Meine Glieder sind steif, die Stiege ist steil.
- Es dauert eine gute Weil,
- Eh' die Hand den Riegel zurückgeschoben. -- -- --
- Heiß und schwül war es droben.
- Hier unten ist's kühl und abendstill.
- Aus den Ställen kommt der Kühe Gebrüll.
- Wie Gold ist die Luft,
- Purpurn im Abendduft
- Über dem flutenden Tief
- Ragt die Feste.
- Die immer leise rief,
- Die See, schläft ein,
- Der Abend allein ist das Beste.
-
-Sie schauerte und träumte. Ihre Augen spähten in die Nacht über
-den Wällen. Ihre Sinne suchten die Zukunft zu durchdringen und fanden
-plötzlich nichts mehr, keine Hoffnung, keine Aussicht, nichts mehr, nichts
--- -- Der Abend allein, dachte sie -- -- --
-
-Am nächsten Tage kamen Bücher für sie vom Doktor Kraneis. Nichts
-Slawisches. Alle diese Bücher waren rein germanisch und kümmerten sich
-nicht um östliche Konflikte. Kein Sturm schlug hinein, nur hier und da
-eine zarte Welle Lyrik.
-
-Er hat einen ganz guten Geschmack, überlegte Christiane und bedachte
-dabei, daß seine Seele durch das ihr entgegenfahrende Glück wohl weicher
-und konfliktloser gestimmt sei, als sonst. Man merkte, er verlangte nach
-dem deutschen Herd und deutschen Süßigkeiten. Alle diese Bücher waren
-eine Liebeserklärung.
-
-Sie sprach zu keinem davon, wurde etwas stiller und ging jetzt mehr für
-sich. Die Briefe der Mutter beantwortete sie in flach beruhigendem Tone,
-denn der Arzt wollte sie jetzt durchaus nicht hier haben. Damals hatte sie
-Hardi durch ihre Art noch aufgeregter gemacht.
-
-Christiane traf Kraneis manchmal auf dem Wilhelmsplatz, in dessen Nähe die
-Bibliothek lag, sie gingen wohl ein paar Straßen lang miteinander, und
-sie spähte ihn verhohlen in Schärfe aus, fand nichts, das sie von ihm
-wegschob, aber auch nichts, das sie zu ihm trieb. Ob Ludwig -- weiß?
-dachte sie immer. Ob man ihm gesagt hat --?
-
-Hardi wurde immer reizbarer, hinfälliger, hoffnungsloser, und immer mehr
-nahm sie Morphium. Sie wußte jetzt aber von Kraneis' Absichten, und
-ihr Blick schlug manchmal wie eine Flamme über die Schwester hin, voll
-Geringschätzung und voll von verzweifelter Warnung.
-
-Eines Tages fragte Kraneis, ob Christiane ihn nach dem Dom hinaus begleiten
-wolle. Sie ging mit ihm. Es war in der Zeit der Fronleichnamsprozessionen.
-Das holprige Pflaster der Straßen war mit geschnittenem Gras überstreut,
-die schmutzigen Hauswände mit Teppichen und Kränzen verhängt, an jeder
-Ecke war ein Altar. Am heiligen Nepomuk auf dem Markt flimmerten Kerzen,
-vom Rathausturm herab bliesen Musikanten, Volk an Volk war in den Gassen,
-bunt, voll Putz.
-
-Vorsichtig drängten sich die beiden hindurch. Da waren die Bamberkas*)
-mit den weit starrenden, steifen, kniekurzen Röcken, die sommersprossigen
-kleinen Polinnen mit den Korallenkettchen um den Hals und den weiten
-schwarzen Jacken, die stieräugigen, halbbetrunkenen Bauern und Knechte aus
-der Umgegend. Dazwischen viele Kinder und so manche mit verbundenen
-Augen oder blauen Brillen, mit geschwollenen, tränenden Lidern. Überall
-Augenkranke.
-
- *) Polonisierte Bambergerinnen.
-
-Doktor Kraneis erzählte von einem Städtchen in der Umgegend, das er vor
-wenigen Tagen besucht hatte. Den Hut hatten sie ihm vom Kopf geschlagen,
-als die Prozession um die Marktecke kam. Und den ›Himmel‹, unter
-dem der polnische Propst mit dem Allerheiligsten schritt, trugen der
-Bürgermeister, der Kämmerer, ein Gutsbesitzer und ein junger Doktor. Der
-war ein Deutscher.
-
-»Nein! Nein,« stieß Kraneis hervor. Und dann sprach er mit heiserer,
-feierlicher Stimme von dem goldenen Mainz.
-
-Er hatte es.
-
-Sie gingen rasch über die schmale, schmutzige Brücke, unter der das
-lehmgelbe Warthewasser trieb. Heute zog kein Flößer, kein Schiffer. Der
-Strom war leer. Aber weiter oben, wo die Ufer dämmerten, würden sie zum
-Sonnenwendstag eine nächtliche Johannisfeier veranstalten, Schiffe und
-Kähne würden sich zusammenrudeln, die rotweißen Fähnchen würden
-wehen, die Buntfeuer lohen und das ›=Jeszcze Polska=‹ über die Wasser
-klingen.
-
-Ein paar junge Kleriker wanderten ihnen auf der Brücke entgegen, keinen
-Blick auf sie verwendend. Jetzt wurden die Straßen ganz eng, grabentief
-die Rinnsteine, hüttengleich die Häuser. Das Glockengeläut des Domes
-schwoll ihnen entgegen, die zwei kurzen Türme stachen in die Luft,
-ein paar Bäume grünten. An der Seite lag hinter hoher Mauer das
-erzbischöfliche Palais, in dem damals noch der kluge Stablewski hauste.
-Nach ein paar engen Gassen und düsteren Plätzen kam auf einmal freieres
-Land, ein grüner Wall, ein Tor, Wachsoldaten. Endlich Felder, Gärten,
-Land.
-
-Christiane blieb stehen. Das war kein deutsches Land. Nicht mit der
-kühnsten Phantasie konnte man sich vorstellen, daß das deutsches Land
-sei: diese endlosen Felder. Hinter ihnen stand die finstere Silhouette des
-Domes, ein ferner Goldschein schwamm am Himmel: fremdes Abendrot. Fremdes
-Land -- fremdes Abendrot. Vor ihnen, aus dem stahlblauen Osten wälzte
-es sich ihnen mit lautloser, zäher Wucht entgegen -- die Fremde, die
-unendliche Ebene, die Steppe.
-
-Man tat gut, wenn man floh.
-
-Sie sagte es Kraneis, und er begann wieder bebend von Mainz.
-
-Den Rhein würde sie nun also sehen. An seinem Ufer, über seine Brücken
-würde sie mit diesem Manne gehen, Arm in Arm und mit dem Bewußtsein und
-der Erinnerung enger Gemeinschaft. Sie blickte ihn an. Er sah doch nicht
-schlecht aus. Die Figur war gut. Sein Dialekt ließ sich abgewöhnen, oder
-vielleicht sprachen sie dort alle so.
-
-Sie war dabei ›ja‹ zu sagen. Nicht feierlich, auf ein bestimmtes Wort,
-sondern im Nachgeben, im Eingehen, indem sie zuließ, daß er sie immer
-fester damit verflocht. Mainz -- da konnte sie das Grab der Frau von Rhane
-suchen, vielleicht gab es auch noch das Haus, in dem sie gewohnt hatte.
-
-Der neugebackene Bibliothekar streckte die Hand aus.
-
-»Sehen Sie doch, wieviel Zwetschen dort angesetzt haben,« rief er selig,
-in einen der erbärmlichen Bauerngärten deutend, »so viele --!«
-
-Seine ganze Herkunft klang aus diesem Wort. Man sah auf einmal das
-pfälzische Kleinbürgerhaus, aus dem er hervorgegangen war. Man fühlte
-das Milieu, dem er entstiegen war -- es klebte ihm ja an! Wie er an den
-Zäunen entlangging, mit der Schulterhaltung seiner Ahnen, die Lasten
-getragen hatten, und immer noch nach den Zwetschen spähte, erkannte sie
-jäh, wieviel an ihm lose saß, wieviel er im Augenblick nur übergetan
-hatte, um ihr zu gefallen, wieviel Brücken er zu ihr hinüber gebaut hatte
--- die er dann sämtlich abreißen würde, wenn sie drüben bei ihm war --
-in Mainz.
-
-Sie erkannte auf einmal, daß er in allem, was er vielleicht noch
-erreichte, in seinem ganzen Leben doch Kleinbürger bleiben würde, und
-wußte auf einmal eisern und unumstößlich: nein, nein, nein.
-
-Es waren nicht Hardis zitternde Warnungen -- -- die nicht. Nicht die Ehe
-scheute sie, sondern die Ehe mit ihm. Sie würden sich nie verstehen.
-
-Er betrachtete in glücklicher Jugenderinnerung noch immer die Pflaumen und
-sah wahrscheinlich im Geiste selber welche in seinem Gärtchen am Rhein, in
-dem er abends in der Laube womöglich in Hemdsärmeln saß.
-
-Sie wußte immer sicherer: sie konnte, konnte nicht, und hörte mit kaltem,
-arglistigem Herzen auf seine Worte.
-
-Endlich schien er ihr verändertes Wesen zu erkennen und zu begreifen,
-daß er sich etwas verdorben habe. Er fand es aber nicht, sondern suchte im
-Gegenteil das ganze Bauerndörfchen nach dem Glück im Winkel ab und wurde
-dabei immer ratloser, bis ihn schließlich der Trotz überkam. Er war doch
-jetzt der Stadtbibliothekar von Mainz, ein wichtiger Herr, um den man sich
-reißen würde -- was machte ihm die arme Lehrerin aus, die sich sperrte.
-Wenn's ihr eben nicht paßte, na, dann nicht, dachte er zweifellos.
-
-Sie las hellsichtig in ihm.
-
-Bald nahmen sie kalten Abschied.
-
-Als Christiane in die Wallstraße kam, traf sie Ludwig schon im Eßzimmer
-ihrer wartend. Hardi schlief bereits.
-
-Er sah sie in jäher, eigentümlicher Prüfung an.
-
-»Der Abend allein ist das Beste,« sagte er dann langsam.
-
-Sie zuckte zusammen.
-
-Irgend eine Welle schlug von ihm zu ihr, sie spürte sie in jedem Nerv, im
-Innersten erschüttert. Auf einmal sah sie die verflossene Stunde klarer
--- -- Kraneis -- o, Gott!
-
-Ihr Herz schlug.
-
-Sie saßen unter der verschleierten Lampe schweigend bei Tische, und
-Christianens Blick huschte immer wieder verstohlen zu Ludwigs festen
-Zügen. Ihre Gedanken wirrten hin und her, höhnten über Kraneis und
-zitterten zu Ludwig und hingen sich an ihn und wurden zart, weich,
-vergötternd. Verächtlich glitten sie zu Hardi hin, und alles Mitleid
-wandte sich zu -- ihm.
-
-Sie trennten sich bald.
-
-Christiane fiel es nachher ein, daß sie Ludwig heute wohl am ehesten
-hätte vorbereiten können. Aber sie konnte nicht mehr.
-
-Mochte alles -- Schicksal seinen -- Gang gehen.
-
-Sie saß noch lange verstört in ihrem Zimmer, dann ging sie zu Hardi
-schlafen. Weit rückte sie von der Schwester ab, weit, ganz weit.
-
-Sie hätte in dieser Nacht nicht denken mögen. Aber sie dachte viel.
-
- * * * * *
-
-Ganz unverhofft kam dann Hardis Stunde. Mitten im Juli, als alle Linden
-blühten. Christiane war bei ihr und schickte zu Ludwig aufs Amt.
-
-Die Wohnung war voll Aufruhr, und dazwischen klang das trostlose Wimmern
-der Schwester, die keinen wilden Widerstand mehr aufbringen konnte. Sie war
-in der ganzen Zeit schon hundertfach im voraus gestorben. Nur in den Augen
-stand das ohnmächtige, haßvolle Widerstreben.
-
-Der Mutter wurde telegraphiert.
-
-Ludwig kam und kam nicht. War er beim Präsidenten? Hatte er irgend eine
-Konferenz? Sie wartete. Sie schaute aus dem Fenster. Auf jeden Wagen hörte
-sie. Immer noch kam er nicht.
-
-Die Zeit verstrich. Die Lage wurde immer unheimlicher, und der Abend kam.
-Das fremde Rot brannte über der Ebene hinter den Wällen.
-
-Da endlich ein Schritt auf der Treppe -- Ludwig. »Ich konnte nicht eher,«
-murmelte er mit abgewandten Augen auf dem Flur. »Die Exzellenz -- --«
-Seine Miene war bedeckt. Jetzt schien er sich auf einmal zu besinnen -- er
-hörte auch. Seine Stirne wurde weiß.
-
-»Hardi,« sagte er, wie in sich suchend, verstört.
-
-Er blickte zu Boden.
-
-In der Sekunde erkannte Christiane, daß er von Hardis verzweifelter Lage
-schon lange wußte.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Das Kind war tot, aber die junge Frau wurde gerettet.
-
-Ludwig kam zu Christiane, die fiebernd, auf jeden Laut horchend, in ihrem
-Zimmer saß. Der Sommermorgen dämmerte, der weite, unendliche Sommermorgen
-des slawischen Landes. Lerchen sangen drüben. Fern drehten sich die
-Flügel der Mühlen. Weite, gelbe Felder leuchteten.
-
-Ludwig sagte es.
-
-Sie schauten sich an.
-
-Und jetzt, da die Wellen verebbten, die das Haus erfüllt hatten, jetzt, da
-die Fluten der Unruhe, der ungeheuren Verwirrung und verstörten Erwartung
-aus ihren Herzen strömten -- jetzt sahen sie erst, was sündig hoffend,
-sündig begehrend, heimlich darunter gelebt hatte.
-
-Beide sahen es in dieser Morgenstunde.
-
- * * * * *
-
-Zwei Tage später reiste Christiane ab.
-
-Die Mutter war gekommen und wollte einstweilen bleiben. Mutter und Tochter
-waren sich genug.
-
-Ludwig brachte Christiane zur Bahn. Es war der Berliner Frühzug, der
-von Alexandrowo kommt, russischen Staub an den Rädern trägt und
-voll unruhigen Slawentums steckt. Juden, Polen, Russen, fast alles
-Geschäftsleute. Dazwischen ein paar Uniformen, Offiziere aus den großen
-östlichen Garnisonen, und einige Agrarier. Da und dort eine versprengte
-Familie mit Kindern, hilflos und stumpf in ein neues Leben hineinfahrend.
-
-Das Abteil, in das Christiane stieg, war wie alle anderen schon sehr
-gefüllt. Ludwig stand draußen. Sie konnten sich ansehen. Dann und wann
-rannte jemand dazwischen, der verschmutzte Schaffner, ein Kellner, der
-Zeitungsmensch, Reisende, die noch aufgeregt nach leeren Abteilen spähten.
-Dann schauten sie sich wieder an.
-
-Immer unruhiger wurden die Menschen, immer schneller liefen sie. Vom
-Anfang des Zuges her kam ein sonderbares Geräusch immer näher. Schlag auf
-Schlag. Immer näher. Jetzt kam der Schaffner heran. Schlag auf Schlag.
-
-Nun wurde ihre Türe gefaßt.
-
-An dem Mann vorbei streckten sich ihre Hände einander entgegen. Fest
-preßten sie sich, eisenfest. Stark sah Auge in Auge, alles bekennend,
-rückhaltslos.
-
-Der Schaffner war weitergegangen. Jetzt kam der Ruf, der Pfiff.
-
-Ludwig faßte die Tür und drückte sie mit leiser Hand zu.
-
-Dann verschwand der Bahnhof.
-
-Christiane sah in die weiten Felder hinaus, in die ungeheure gelbe Ebene,
-und ein wildes Verlangen faßte sie: hierbleiben, an seiner Seite um dieses
-fremde Land, diese riesigen Weiten ringen, kämpfen; kämpfen -- mit ihm!
-Sie hätte jeden Zoll des rasend wegfliegenden Bodens festhalten mögen --
-diesen fremden, starken, feindlichen, geliebten Boden!
-
-Bleiben, bleiben wollte sie! Über diese Ebene mit ihm sausen, Pferd an
-Pferd, an diesen roten Abenden bei ihm sitzen, bleiben, bleiben wollte
-sie -- -- --!
-
-Dann sank sie zusammen. Über ihr im Netz zitterte ihr Lehrerinnenkoffer.
-Dicht an sie heran drängte sich kleinbürgerliches, verschwitztes Volk
--- ach, zu dem gehörte sie ja! Vorbei der Junkertraum, fort die schmalen
-Zügel, die sie in der Faust gehalten hatte, fort das urheimlich traute
-Beisammensein!
-
-Gelbe Felder, grüne Felder. Dann und wann eine kleine Station. Dann wieder
-die unendliche Weite, die der Zug noch immer nicht durchmessen hatte und
-die doch schon eine andere war. Weite an Weite, immer verschwindend und
-sich von neuem aufschließend, Land an Land, Osten, noch immer Osten.
-
-Die Frauen im Abteil hatten es sich bequem gemacht. Die junge Polin in der
-Ecke hatte den Hut abgenommen, den Kragen geöffnet und nestelte eben am
-Korsett. Die verängstigte Mutter mit den vier kleinen schwarzen Russen
-holte Kissen und Decken aus dem Netz und breitete sie über die Polster.
-Die Kinder kauerten, schliefen, tranken Milch, rannten, trieben es wie zu
-Hause. Eine furchtbare Luft war in dem engen Raum.
-
-Christiane bog sich vor: daß sie es nur nicht vergaß -- jetzt mußte
-sie umsteigen. Ludwig hatte es ihr auf der Fahrt zum Bahnhof
-auseinandergesetzt; die Verbindung war nicht gut. Sie fuhr nach Dresden.
-
-Ein Ruck, ein sirrendes Verschwirren der Luft -- Christiane stieg aus, und
-wie Fächeln streifte sie der reine Felderatem. Sie kam in einen anderen
-Zug, und nun war es allmählich nicht mehr Osten. Sie fuhren durch
-einen Zipfel märkischen Landes mit kleinen Fabrikstädten, kamen durchs
-Wendische und dann nach Dobrilugk. Wieder mußte sie umsteigen, und der
-neue Zug verschwand mit schnurrenden Rädern in der Ferne. Christiane aber
-fuhr in einem anderen, in dem es nur noch die deutsche Sprache und ein
-begrenztes Provinzlertum gab, nach Dresden hinein.
-
-Sie war ruhiger geworden. Wie ein dumpfer Schleier lag es über ihr. Der
-Osten verwischte sich, wurde zum Märchen, zu einem fremden Lied. Ihre
-Existenz wurde ihr haarscharf deutlich.
-
-Christiane mußte sich nun so bald als möglich eine neue Stelle suchen. Da
-ihre Papiere von der Schweizer Pension her mit einer mißbilligenden Note
-behaftet waren, würde es nicht ganz leicht sein.
-
-Sie fuhr nach dem Lehrerinnenheim, einem alten Bau in enger Stadtgasse.
-Erst wurde sie vom Portier, dann von der Oberin gemustert. Sie stand vor
-ihr und sah dabei traumhaft fern eine weiße Landstraße und darüber hin
-zwei sausende Pferde, hörte etwas von großer Überfüllung und wurde dann
-in ein winziges Erdgeschoßzimmerchen geführt, es war billig, wie alles
-dort. Aber wenigstens war sie allein darin. Ein hartes, uraltes Bett, ein
-Liegestuhl, ein kleiner Tisch, ein Schrank. An der Wand die Hausordnung. Es
-roch nach Fremde.
-
-Dann ertönte eine Glocke. Sie fing unten im Erdgeschoß zu leben an und
-stieg gleichsam die Treppen empor, jeden Winkel mit Klingen ausfüllend.
-Auf einmal war nichts mehr als Glockenläuten im ganzen Haus, Türengehen
-und Schreiten. Christiane ging nach oben. Auf den Gängen waren Türen und
-an jeder ein Name. Hinter jeder wohnte der zitternde Rest eines Lebens.
-Manchmal stach ein besonders schön gestickter Klingelzug hervor oder ein
-zärtlich bemaltes Täschchen für die Besuchstafel.
-
-Da waren die emeritierten Lehrerinnen. Etwas Eiliges war an ihnen, eine
-große Spannung beherrschte sie. Flure und Treppen waren jetzt voll
-gebeugter Frauen. Es gab gute Gesichter darunter, liebe Frauengesichter,
-die fein zu Großmüttern gepaßt hätten, und scharfe, spitze, denen man
-ein glückloses Altjungferntum ansah, gleichgültige Gesichter, die man
-schon tausendmal gesehen hatte, und einige voll Rasse und geprägtem
-Adelszug.
-
-Der leise Strom glitt an Christiane vorbei wie das Leben selber. Nicht das
-Leben, das im Tragischen oder Lichten vollkommen ausgleicht und Farbe
-auf Farbe gewissenhaft setzt wie ein guter, braver Maler, sondern wie der
-große Künstler, der im Überreichtum seines Schaffens seine Werke nicht
-alle beenden kann, der oft nur Fragmente schafft, Proben, Übergänge und
-dabei allerlei wegwirft, das eines Besseren wert gewesen wäre.
-
-Sie waren alle den Bächlein gleich, die durch das Land rinnen, still,
-schmal, da einen grünen Streif finden, dort eine Weile unter hängenden
-Blüten treiben, aber spurlos im Größeren aufgehen ohne ein Mühlrad
-gejagt oder ein Schifflein getragen zu haben.
-
-Mit Spannung schauten sie auf ihren Platz und grüßten einander, die
-Köpfe mit den schwarzen Spitzenhäubchen höflich neigend und nach der
-Oberin schauend, vor der die Suppenschüssel stand. Die eine oder die
-andere hatte aus Gesundheitsrücksichten ein Gläschen Wein neben ihrem
-Gedeck, ein Tellerchen war daraufgelegt, damit der Duft nicht verflog.
-
-Erst sprach die Oberin das Gebet, dann gingen die Teller ringsum, die
-Köpfe neigten sich darüber, das Essen begann, nur da und dort von mildem
-Gespräch unterbrochen.
-
-Christiane horchte und verstand nicht viel. Da war eine von einer
-früheren, längst verheirateten Schülerin besucht worden, dort hatte
-eine einen Brief bekommen, dort huschte auch wohl ein kleiner Streit mit
-geduckten Flügeln.
-
-An Christianens Tisch ging es lebhafter zu. Sie saß auf der Jugendseite,
-unter den Lehrerinnen, die sich gleich ihr nur vorübergehend im Heim
-aufhielten, meist Ferienvolk. Viele Sprachen wirbelten über den Tisch. Die
-Ungarin schwatzte von der Operette, die beiden Norwegerinnen redeten vom
-grünen Gewölbe, die Engländerin fragte ihre Nachbarin mit zähen Blicken
-nach allen Sehenswürdigkeiten aus. Eintrittskarten gingen von Hand zu
-Hand, Pläne wurden gemacht, da hatte eine einen Kniff heraus, wie eine
-Sache billiger zu bekommen war, und rief's triumphierend über den Tisch.
-Eine unendliche Vergnügungsgier beherrschte die meisten. Das ganze Jahr
-hatten sie für ihre Ferien gespart!
-
-Christiane bemerkte dann noch andere darunter, die stiller waren und mehr
-vor sich hinguckten, das waren solche, die keine Stelle hatten. Schöne,
-stolze, frische Gesichter darunter, noch mit allen Jugendillusionen, mit
-romantischen Erwartungen und heißer Fernsehnsucht, mürbe, schwache,
-ausgemergelte Erscheinungen und solche mit großer Vortrefflichkeit im
-ganzen Wesen, glattgescheitelten Haaren und dem Klemmer -- die richtigen
-Lehrerinnen.
-
-Christiane machte sich mit keiner bekannt.
-
-Nach Tisch ging sie durch die Stadt. Die Straßen glühten, und doch waren
-sie nicht schläfrig; man sah viel Fremde. Christiane entdeckte manches
-Schöne, manche Rasseerscheinung, aber auch viel Talmi, viel lächerliches
-Provinzlertum in Warenhäusern aufgeputzt, und die braven Dresdner selber,
-diesen Typen nicht ungleich. Sie sah die Talmikultur in den Läden und an
-den Bauten und begriff nicht, wie man die schöne Linie so mißhandeln,
-zerbrechen, vergewaltigen konnte. Wieder schweiften ihre Gedanken nach
-dem Osten zurück: dort war noch ein Boden, auf dem zu schaffen war, eine
-königliche Fläche, die tragen und leuchten konnte.
-
-Sie kam an die Elbufer. Die fernen Hügel schwammen in blauem Duft. Der
-Strom strich sommerlich schwach, die Wagen und Bahnen polterten über die
-weißen Brücken.
-
-Christiane stieg in einen Dampfer und fuhr nach Pillnitz.
-
-Das Boot war voll. Auch hier Fremde, einige rassig, elegant, voll
-hochmütig überlegener Kultur, still sich zurückhaltend, daneben die
-Familienrudel mit den unruhigen Kindern. Da und dort ein Künstlerkopf,
-ein Künstlerschauen, aber überragend die Masse, der ewig plappernde
-Durchschnitt. Der Dampfer fuhr unter den weißen Brücken mit den gelben
-und roten Bahnen hindurch, und nun sah man die Villenvororte, die weißen
-Häuschen an den Bergen, die Schlösser der großen Herren und der
-Künstler, die Protzenbauten der Reichgewordenen und die Massenrestaurants.
-An den Badeanstalten flatterten die Wimpel.
-
-Hügel um Hügel glitt vorbei. Der Strom bekam ein wenig Weite und
-Einsamkeit. Dann leuchtete das grüne Dach des Schlosses zu Pillnitz.
-Christiane ging an ihm vorüber durch den Park in den Wald. Der Weg wurde
-einsam. Sie ging lange, bis sie an eine Mühle kam, die jetzt Wirtschaft
-war. Dort rastete sie. Es war still, ganz still.
-
-Als sie wieder aus dem Walde an den Strom kam, sah sie, daß der Himmel
-sich umzogen hatte. Von den fernen Bergzügen merkte man nichts mehr, ein
-grauer Dunst kroch bergauf. Auf dem Dampfer sammelten sich schon die Leute.
-Das Wasser war grau.
-
-Im Abenddämmer tauchte die Silhouette Dresdens wieder auf. In dem Fenster
-einer Kunsthandlung in der Prager Straße gewahrte Christiane plötzlich
-die ›eiserne Wehr‹ von Angelo Jank. Sie starrte das Bild an. Dann ging
-sie in den Laden und kaufte es.
-
-So kam sie wieder in ihr Heim, wo sie es zusammengerollt in ihren Koffer
-legte. Draußen dröhnte schon wieder die Glocke, wieder zogen sie
-draußen nach dem Eßsaal. Der Abendtisch war leerer, nur die Alten und die
-Stellesuchenden waren da, die Ausflüglerinnen fehlten.
-
-Christiane ging nachher wieder in ihr Zimmer. Sie holte die ›eiserne
-Wehr‹ aus dem Koffer und besah das dunkle Bild von neuem. Draußen
-trommelte der Regen, die schmale Gasse war überspült. Tapp, tapp, tapp
--- die Leute rannten. Es wurde finster. Das Bild verschwamm, das Zimmer
-verschwamm.
-
-Der Abend allein -- -- dachte Christiane.
-
-Sie warf sich plötzlich auf ihr Bett nieder und schluchzte.
-
-Nach einer Weile wurde sie ruhiger und hob den Kopf.
-
-Sie war wohl nicht die einzige hier im Hause, die so weinte.
-
- * * * * *
-
-Nach ein paar Tagen hatte sie eine Stelle bei einem Forstmeister dahinten
-in Sachsen. Christiane war es lieber, in die Familie zu kommen, statt in
-eine Pension, und sie erhoffte bei diesen Leuten etwas Kultur und auch ein
-wenig Leben für sich allein.
-
-So fuhr sie nach Silberfähre.
-
-Der Tag war verregnet. Das Bergland senkte sich nach Westen zu in so
-eigentümlicher Weise, daß es ihr vorkam, als ob der schwarze Zug mit
-seiner Menschenladung waghalsig am Rande der Erde dahinführe. Dünner und
-feiner wurde der Regen, noch ein Wirbel, ein flatterndes Ausfliegen der
-Tropfen, dann sank der Schleier, und darüber zog ein roter Himmel glühend
-auf, nahe, ganz nahe, nur eine lose, blaue Wolkenwand schwamm von unten
-herauf schwer vor ihm, wie die dampfende Sehnsucht der Menschen.
-
-Neben Christiane schob sich eine Hand vor: »Entschuldigen Sie, das Fenster
-zittert echal so -- darf ich mal --«
-
-Und die Scheibe wurde gerückt.
-
-»So,« klang die Stimme weiter, »fahren Sie auch bis Chemnitz?«
-
-»Ich fahre noch weiter.«
-
-»I gor, i gor -- --«
-
--- -- Das Feuer stand noch drüben. Wie hundert goldene Fackeln lohte
-es vor dem armen Land. Wie ein rosenrotes sicheres Geheimnis stand es am
-anderen Ufer, von den dunklen bebenden Wünschen der Menschen zitternd
-umdünstet. Wie ein offenes Tor stand es da und hundert und hundert
-Schritte waren nur noch bis zu ihm.
-
-Der Zug aber sprang jetzt wie ein Tier, das die Peitsche fühlt. Ein
-Klirren ging durch ihn, ein Ruck traf Rad um Rad -- und Rad um Rad wandte
-sich gehorsam.
-
--- -- Das Feuer war nicht mehr da.
-
-Nur ein schmaler verblichener Schein stand fern, wie von einer Tür, die
-zugeschlagen wird.
-
-Berg um Berg war da, blau umhüllt, von Nebeln umgangen, die sich ihre
-Nachtplätze suchten, Tal um Tal war da, von Schatten gefüllt, von
-Häusern, aus denen die Wünsche wie Rauch aufstiegen, Wünsche, die keinen
-Weg mehr hatten.
-
-Das Feuer war nicht mehr da. -- --
-
-Der Hauch des fremden Gebirges umfing Christiane beim Aussteigen. Ein
-Wasser rauschte. Die Gassen liefen bald rechts, bald links, immer wieder
-vom Berg abgefangen. Gradeaus aber erhob sich auf einem Kegel die alte
-böhmische Burg Silberfähre. Mitleidslos hoch stieg der Weg zu ihr hinan,
-die kleinen Häuser verschwanden, das Wasser entlief weit unten, die Weite
-war nahe, der Himmel bog sich heran.
-
-Nun war Christiane in einem Schloß.
-
-Die Frau Forstmeister aber trug eine Küchenschürze, und drinnen über
-dem Feuer schmorten die Quarkkeilchen. Die Tochter kam aus dem Garten, ein
-schlacksiges, dreizehnjähriges Ding, von dem man noch nicht wußte, ob es
-hübsch oder häßlich werden würde. Es waren noch zwei ältere Töchter
-da, die sich nach der einen und der anderen Richtung längst entschieden
-hatten. Anna war schön, mit fuchsigem Haar und dem lebendigen, dunkel
-spiegelnden Blick des Waldtieres, Hella ein Kind des Schattens, klein, mit
-einem Zwergengesicht und einer Wichtelstimme. Anna war verlobt, Hella war
-schon über dreißig Jahre.
-
-Die Lehrerin wurde nicht sehr angestrengt. Viele Vorgängerinnen hatten
-in Nora ein so queres und sonderbares Wissen angehäuft, daß es Jahre und
-Jahre gebraucht hätte, um es zu entwirren. Nora sollte aber in ein oder
-zwei Jahren schon in eine Pension.
-
-Christiane wanderte viel in den einsamen Wäldern des Erzgebirges. Manchmal
-traf sie unterwegs den Forstmeister, einen kleinen, blonden, stumpfnäsigen
-Herrn, der sich noch immer darüber wunderte, daß man ihn im Münchner
-Hofbräuhause, ohne daß er noch ein Wort gesprochen, als Sachsen erkannt
-hatte! Manchmal mußte sie auch der Frau Forstmeister bei den Quarkkeilchen
-oder den grünen Klößen helfen und hatte dabei Gelegenheit, über nord-
-und mitteldeutsche Lebensführung Beobachtungen anzustellen.
-
-Fremde Menschen sah sie fast gar nicht. Einmal tauchte Annas Verlobter, ein
-Gerichtsassessor aus Bautzen, auf. Ein jähes Feuer schoß aus seinen Augen
-zu Christiane hin, sie spürte seine heimliche Jagdlust und wich ihm aus.
-Bald danach hatte das Paar Hochzeit und verschwand vom Schauplatz.
-
-Der ältesten Tochter kam Christiane nicht nahe. Die Zwergin saß bei
-gutem Wetter im Schloßgarten und bei schlechtem im Zimmer und klöppelte.
-Manchmal besuchte sie die armen Spitzenklöpplerinnen im Dorf. Sonst sprach
-sie fast gar nicht.
-
-Die Frau Forstmeister empfing jeden vierten Mittwoch ein Kaffeekränzchen
-auf dem Schlosse. Dann mußte Christiane den dicken Fabrikantenfrauen die
-Mantillen abnehmen und ihnen den Kuchen präsentieren. Sie musterten die
-Erzieherin voll Neugier und Herablassung und hatten keine Ahnung, wie stark
-sie beobachtet wurden.
-
-Bei solchen Gelegenheiten schossen Christianens Gedanken immer nach Posen
-hin, obwohl sie viel ruhiger geworden war.
-
-Sie konnte wieder objektiver an Hardi denken. In ihrem Herzen war eine Spur
-Mitleid mit der blutjungen Frau, die kinderzart und ahnungslos, von einer
-heißen Hand in die allertiefsten Geheimnisse verstrickt worden war.
-Immer wieder sah sie das junge Gesicht mit dem eigentümlich pikant
-sentimentalen, hilflosen Ausdruck.
-
-Jetzt mußte Hardi reifer geworden sein und das tiefe Glück ihres Lebens
-erkannt haben.
-
-Sie schrieb Christiane nicht. Ludwig sandte manchmal ein paar knappe
-Zeilen, die sie unterzeichnete.
-
-Christiane brauchte nichts von ihm zu wissen -- sie las von ihm. Seine Name
-tauchte immer öfter in den Zeitungsspalten auf, er hatte ein Buch über
-die Ostmark geschrieben, das sowohl von der einen, wie von der anderen
-Seite Angriffe erfuhr, obwohl von keinem übersehen wurde, daß da ein
-kommender Mann sprach. Der Nationalitätenkampf war längst aufgebraust,
-die Deutschen erwacht. Jetzt tafelte kein hoher Regierungsbeamter mehr mit
-den Polen.
-
-Christiane lebte in diesem Kampf: sie verlor nicht einen Moment
-davon. Mitten in den sächsischen Wäldern und Bergschluchten, wo die
-Forellenwasser rauschten, dachte sie an die Völkertragödie des Ostens und
-an Ludwig von Cöldt.
-
-Es ist schön, wenn der Liebste ein großes Werk hat, schön, wenn man
-seinen Namen in den Blättern lesen kann. Man weiß immer von ihm. Er ist
-immer nahe. Er lebt.
-
-An einem glühenden Herbstnachmittag des zweiten Jahres fuhr Christiane
-nach Johann-Georgenstadt an die böhmische Grenze, hörte wieder scharfe,
-fremde Laute statt des braven Sächsisch und warf einen Blick in eine
-Welt, die eine Spur Ähnlichkeit mit der besaß, die sie im Osten verlassen
-hatte.
-
-An den abendblauen Bergen, den glühenden Vogelbeerstraßen und den
-klirrenden Emaillierwerken vorbei fuhr sie zurück und fand zu Hause einen
-Brief der Mutter, in dem gesagt war, daß Christiane Tante geworden sei.
-Hardi hatte ein Kind.
-
- * * * * *
-
-Zu Ostern zog die Forstmeisterstochter in eine Pension -- Christiane hatte
-wenigstens erreicht, daß es kein ›Erziehungskasten‹ war -- und sie
-selbst ging als Lehrerin in eine Privattöchterschule von Fräulein Gusti
-Schellenbaum zu Crivenwalde in Mecklenburg. Fräulein Gusti war bucklig.
-Sie hakte Christiane schon am Bahnhof ein und erklärte, daß sie vom Rhein
-stammte, nicht etwa von hier aus dem steifen Norden. Übrigens sagte sie
-›s--teif‹ und teilte der Lehrerin mit, daß sie auch so s--prechen
-müßte, sonst hätten die Kinder keinen Res--pekt vor ihr. Man müßte das
-lernen.
-
-Sie kamen an der Schule vorbei, die den unteren Teil eines hübschen Hauses
-einnahm. Oben wohnte Professor Thiele, das erfuhr Christiane auch. Das
-Fräulein nickte zu ihm empor. Sie gingen über den Spielhof, der von
-großen Linden umstanden war und ein paar dürftige Recks und Stangen und
-eine vergessene Puppe zeigte, und dann durch eine Hintertür ins Haus.
-Alle mußten durch die Hintertür, das Portal vorn war verschlossen. Warum
-wußte Fräulein Gusti auch nicht. Sie hatte es so von ihrer Vorgängerin
-übernommen. Die lebte noch am Orte und zwar als die Gemahlin des
-Tierarztes. Mit fünfundvierzig Jahren hatte sie sich den Tierarzt gekapert
--- zufällig, weil ihr Kanarienvogel krank geworden war -- und zusammen
-waren sie über hundert Jahre alt. Es war eine junge Ehe.
-
-In Crivenwalde sah man dem Paar nach, wenn es auf der Straße erschien. Man
-sah überhaupt den Leuten nach.
-
-Fräulein Guste s--prach eine Weile darüber, dann brachte sie ihrer neuen
-Lehrerin Kaffee. Sie hatte übrigens keinen Kanarienvogel, sondern nur
-Lachtauben. Und die waren gesund. Und wenn sie etwa krank würden, so
-würde sie doch keinen Tierarzt in Anspruch nehmen. Fräulein Gusti zog
-die Nase kraus. Sie schien an dem krankgewordenen Kanarienvogel ihrer
-Vorgängerin etwas zu finden.
-
-Nun kam sie auf den Professor Thiele zu sprechen. Das Haus gehörte ihm,
-und er hatte es der Schule gestiftet. Sonst müßten sie noch in der
-kleinen Bude drinnen am Neumarkt hausen. Schrecklich soll es dort gewesen
-sein! Ja, also der Professor hatte sein Testament zugunsten der Schule
-gemacht, und die genoß schon bei seinen Lebzeiten davon. Er hatte sich
-ausbedungen, daß er in dem Hause wohnen bleiben und manchmal mit den
-Kindern sprechen durfte. In der Pause kam er immer herunter und verteilte
-Äpfel oder Bananen oder Schokolade. Die ganz kleinen Mädchen hielten ihn
-für den lieben Gott. Er war neunzig Jahre.
-
-An der Schule waren noch zwei Lehrerinnen tätig, die Schwestern Dittmer.
-Nachher wollten sie die neue Kollegin begrüßen. Fräulein Dorreyter solle
-bei ihrem Anblick nicht erschrecken -- sie seien ein bißchen lang. Die
-Kinder nannten sie die ›Erzengel‹.
-
-Übrigens herrschte ein recht gemütliches Leben an der Schule.
-
-Ob Fräulein Dorreyter -- Frauenrechtlerin sei?
-
-Christiane sah kritisch auf die Bücher und Broschüren, die das Fräulein
-sofort heranschleppte. Sie mußte sie mitnehmen. Die Vorsteherin tat es
-nicht anders. Und morgen fing die Schule an.
-
-Christiane ging ins Hotel ›Friedrich Franz‹, dort wußte man schon
-von ihrem Eintreffen. Der Geschäftsführer hatte ihr bereits ein recht
-freundliches ruhiges Zimmer reserviert -- die Damen von der Schule wären
-ja immer recht nervös. Er stellte sich als Berliner vor. Vorn nach
-der Straße wohnten die Reisenden. Crivenwalde betrieb einen Handel mit
-Bratheringen und Sprotten. Sie merkte es bald, denn die Stube war gleich
-voll von dem Duft einer nahen Räucherei.
-
-Christiane spähte über einen Garten mit Tischen und Stühlen hinweg
-und sah hinter allerhand Bürgerhäusern, Schuppen und Speichern einen
-schmalen, grauen Streifen.
-
-Sie erschrak etwas.
-
-Die See.
-
-Bald nachher kamen die Schwestern Dittmer. Sie traten unter die Tür wie
-Grenadiere des alten Fritz. Übrigens waren sie keine Mecklenburgerinnen,
-wie sie gleich erzählten, sondern stammten aus Osnabrück. Es schien
-das Eigentümlichste der Crivenwalder zu sein, daß sich keiner als
-Eingeborener bekennen wollte.
-
-Die Fräulein wiederholten in Geschwindigkeit die Verhältnisse der Schule
-nicht anders, als die Leiterin sie schon geschildert hatte, und glitten
-dann auf die Stadt Crivenwalde über, die sie mit allen ihren Bewohnern
-genau zu kennen schienen, denn sie waren schon über fünfzehn Jahre am
-Orte. Übrigens s--prachen sie auch. Sie waren zusammen hergekommen und
-waren Zwillingsschwestern; man konnte sie kaum von einander unterscheiden.
-Allerdings hatte die eine eine etwas schiefe Backe.
-
-Am nächsten Tage wurde Christiane im Beisein der beiden Erzengel, des
-alten Professors, den die Kleinen für den lieben Gott hielten, und eines
-dicken Lehrers vom Gymnasium, der auch Stunden an der Töchterschule gab,
-von Fräulein Gusti in ihr Amt eingeführt. Der dicke Lehrer stellte sich
-hernach als Hannoveraner vor.
-
-Nachmittags ging sie dann auf die Wohnungssuche und fand ein kleines Zimmer
-bei einer Apothekersfrau, die zwei Kinder hatte, von denen das eine
-in Fräulein Gustis Schule ging und vom Herrn Professor immer die
-allergrößten Bananen bekam. Das liebliche, stille Kind nahm Christiane
-für die Wohnung ein.
-
-Sie bezog das Zimmer. Übrigens war die Frau Apotheker eine Husumerin, und
-ihr Mann hatte gar keine Apotheke, sondern eine Drogenhandlung, und mit der
-war er grade im Bankerott. Es herrschte ein sonderbar verwirrtes Wesen im
-Hause, das einesteils von dem gescheiterten Mann, andererseits aber von der
-Frau auszugehen schien, die allen Dingen hilflos gegenüber stand, wie vom
-Himmel gefallen.
-
-Als Christiane am ersten Morgen in die Schule gehen wollte, stürzte ihr
-Frau Thomsen mit verstörter Miene nach: »Ach, verzeihen Sie, Fräulein --
-in der Eile hab ich ganz und gar auf den Kaffee vergessen ...«
-
-»Kaffee haben Sie mir gebracht --« sagte Christiane, auf die Tasse
-deutend, die noch ziemlich gefüllt auf dem Tische stand.
-
-»Ja, ja. Ich hab ihn ja gekocht, aber dabei ... den Kaffee hineinzutun
-vergessen ... Sehen Sie ... hier ...« Sie deutete dabei auf ein braunes
-Pulver in einer Untertasse.
-
-»Jetzt trinken Sie ihn nur, Frau Thomsen,« sagte Christiane und ging.
-
-Als die Wirtin in der Folgezeit nicht nur das Kaffeepulver, sondern auch
-sonst allerlei vergaß, als das Mittagessen immer öfter ausblieb
-oder vollkommen ungenießbar war, als die Wirtin ihre Mieterin immer
-bedrohlicher anzuborgen begann und Christiane längst ihr Zimmer selbst
-rein hielt -- sonst hätte sie es nie rein bekommen -- mußte sie sich zum
-Ausziehen entschließen.
-
-Sie zog mehr zum Hafen hinunter, was schon längst ihr Wunsch gewesen war,
-und die ›Erzengel‹ hatten ihr die neue Wirtin empfohlen. Sie sollte
-Witwe sein, es stellte sich aber bald heraus, daß sie nur von ihrem Manne
-getrennt und in beständiger Furcht lebte, er könnte wiederkommen und
-ihr einen Schaden zufügen. Deshalb verriegelte sie ihre Wohnung sehr
-sorgfältig, und man mußte ein ganzes Schlüsselsystem anwenden, um
-hineinzukommen. Vor dem Schlafengehen machte sie regelmäßig eine Runde
-durch sämtliche Räume, guckte in die Schränke und leuchtete auch unter
-Christianens Bett, in der Befürchtung, der geschiedene Mann könnte eines
-Tages schließlich darunter sein. Sie schneiderte, und man hörte
-den ganzen Tag das sonderbar ängstliche und ärmliche Geräusch der
-Nähmaschine.
-
-Aber sonst war das Zimmer ganz nett. Die Terrakottabüsten waren samt
-ihren Zimmersäulen hinausbefördert worden, ebenso das, was Frau Claß
-›Bilder‹ nannte. An der grauen Wand hing einzig die ›eiserne Wehr‹
-in ihrer düsteren Wucht. Am Fenster stand Christianens Schreibtisch, und
-durch die Scheiben sah man hinter beschnittenen Lindenbäumen den grellen
-Streifen weißen Sandes und dahinter die bald graue, bald blaue See.
-
-In der Schule ging es recht gemütlich zu. Fräulein Gusti war ebenso
-beliebt, wie die ›Erzengel‹, und wenn der dicke Lehrer bei seinen
-Gymnasiasten schärfere Saiten aufzog, -- was übrigens zu bezweifeln
-war -- so wandelte er sich in der Schule von Fräulein Schellenbaum so
-friedlich um, daß er ganz genau hineinpaßte. Nachmittags um vier gab
-es immer ein Kaffeestündchen in Fräulein Gustis Zimmer, und wenn der
-Oberlehrer dabei war, mußte er immer von seinem Jungen erzählen, mit dem
-ihn seine Gemahlin vor einem halben Jahr beschenkt hatte. Waren die Damen
-aber unter sich, so holte Fräulein Gusti ihre frauenrechtlerischen Bücher
-und Hefte heraus, und die ›Erzengel‹ sahen ebenso kritisch darauf wie
-Christiane und ließen das Fräulein reden. Brachte man das Gespräch aber
-auf die Vorgängerin, die jetzt Frau Tierarzt war, so wurde Fräulein Gusti
-spitz.
-
-Die ›Erzengel‹ machten ihrem Namen alle Ehre und standen Christiane in
-allen Dingen wirklich wie ein paar langgeflügelte Himmelsboten zur Seite.
-In der freien Zeit machten sie weite Fußmärsche in die Umgegend, die
-wohl auch weit und flach, aber immer mit Möwen überflogen und mit dem nie
-weichenden, leise überdunsteten Streifen See im Hintergrunde nie mit jener
-östlichen zu verwechseln war. Auf den Wiesen weidete das schwarzbunte
-Vieh, das Getreide stand niedriger, der Wald war dürftig, wie zerblasen.
-Immer ging der Wind, und immer roch es nach Fischen im Rauch.
-
-Sie segelten und schwammen auch, besuchten die Badeorte der Umgegend und
-machten in den Ferien gemeinsame größere Reisen nach Dänemark, Schweden
-und Norwegen, für das die ›Erzengel‹ so schwärmten, obwohl sie aus
-Osnabrück waren. Sie konnten nicht ohne Wasser sein.
-
-Einmal gerieten sie auf der Rückreise -- sie fuhren über Malmö-Lübeck
--- in eine Horde Engländer, die den Kontinent bereiste, alles Lehrer
-und Lehrerinnen, die eifrig bemüht waren, sich in der fremden Sprache zu
-üben. Ein großer, sehr rotblonder Dozent aus Nottingham hatte sich
-von Anfang an Christiane, die seine Tischnachbarin war, zur Partnerin
-ausersehen, und sie tauschten allerlei Rede und Gegenrede in der pikanten,
-spähenden, argwöhnisch höflichen Art, wie sie schon damals zwischen
-Vertretern der beiden Nationen zu herrschen pflegte. Als alles Neue
-erschöpft war und Christiane merkte, daß sie und der Engländer
-der Zielpunkt von allerhand Blicken wurden, die namentlich von seinen
-Landsmänninnen ausgingen, und als sogar die ›Erzengel‹ gutmütige
-Bemerkungen machten, zog sie sich rasch zurück. Es war möglich, daß
-Mr. Wyche, wie nachher erzählt wurde, auf dieser Seefahrt ein ganz
-ernstliches Interesse für die junge Deutsche gefaßt hatte, aber sie
-konnte es nicht zurückgeben. Von allem anderen abgesehen, hätte sie es
-undenkbar gefunden, ins Ausland zu gehen und mit einem fremden Volk zu
-leben, wo das eigene Land so voller Probleme und Arbeitsmöglichkeiten
-steckte.
-
-Die ›Erzengel‹ begriffen sie nicht, und Christiane gab sich auch nicht
-die Mühe, sie aufzuklären, wie sie den braven Geschöpfen innerlich auch
-ganz fern stand.
-
-Spät abends ging sie gewöhnlich allein am Strand spazieren, dort hinaus,
-wohin die Crivenwalder nicht mehr kamen. Sie sah die zart verdämmernde
-Opalfarbe der abendlichen See, spürte den fernen Duft der Linden, die
-hier so sehr spät blühten, und in ihrer Seele stieg es auf wie
-Wasser -- -- -- -- --
-
-»Du hast es gut,« schrieb die Mutter, »viel besser, als Hardi, die sich
-in Posen noch immer nicht eingewöhnt hat und sich in Heimweh verzehrt. Du
-hast keine Sorgen -- -- --«
-
-Nein, sie hatte keine Sorgen. Sie hatte -- alles. -- --
-
- * * * * *
-
-Im Herbst danach kam wieder ein Brief von Ludwig. Christianens Blicke
-flogen jäh darüber hin und suchten hungrig im voraus den heimlichen
-Gruß, das heimliche Gedenken, ehe sie alles Tatsächliche erfaßten. Und
-dann wurde ihr das klar.
-
-Ludwig war in acht Tagen in Berlin, grade zurzeit ihrer Herbstferien.
-Ob sie ihre Reise zur Mutter nicht über Berlin richten und mit ihm dort
-zusammentreffen wollte?
-
-Christiane hatte gar nicht zur Mutter fahren wollen, denn die vermißte
-sie kaum. Deren Sinn stand allein nach Hardi und war durch der Jüngsten
-Schicksal vollkommen ausgefüllt. Zudem hatte sie jetzt eine kleine Pension
-gegründet und dadurch eine neue Art Lebensinhalt.
-
-Christiane interessierte sich nicht dafür. Ihr kam es überhaupt vor, als
-ob sie mit ihren Wünschen, mit ihrem ganzen Wesen längst heimlich weit
-über die letzten Inseln der Menschen hinausgetrieben sei. Jetzt -- jetzt
-erkannte sie es -- --
-
-Wann begannen doch die Ferien? Wie lange fuhr man von Crivenwalde nach
-Berlin? Lehrter Bahnhof -- --? Am Lehrter Bahnhof würden sie sich treffen!
-
-Die ›Erzengel‹ wunderten sich redlich über die Kollegin, die sie in
-ihrer biederen Herzensharmlosigkeit zu kennen glaubten und die auf einmal
-so anders war. Am letzten Abend veranstaltete Fräulein Gusti noch ein
-frauenrechtlerisches Kränzchen, dem ein dicke Hamburgerin beiwohnte, die
-auf dem Gebiet irgendwelche Bedeutung hatte. Sie begrüßte die drei Damen
-mit großer Kollegialität und begann gleich mit ihren Ausführungen, dann
-und wann einen Schluck Tee mit Rum nehmend. Die ›Erzengel‹ guckten
-ihrem Wesen kritisch zu, und Christiane sagte auch nichts.
-
-Fräulein Gusti ereiferte und ereiferte sich, die Hefte flatterten
-förmlich unter ihren Händen, sie suchte die Diskussion immer mehr
-anzufeuern -- ihr Traum war: ein Frauenrechtsverein hier in Crivenwalde,
-der gewesenen Leiterin und jetzigen Frau Tierarzt erst recht zum Trotz! --
-Die ›Erzengel‹ tauten auf. Es war im Grunde nichts, nach dem Unterricht
-immer nur spazieren zu gehen oder zu baden, in den Schulpausen dem alten
-Professor zuzusehen oder vom Oberlehrer Müller zu hören, wie sich sein
-Sprößling weiter entwickelte. Es war am Ende am besten, Frauenrechtlerin
-zu werden und sich für allerlei fernliegende Dinge zu interessieren,
-wenngleich irgend etwas in ihrem Herzen entschieden ›Nein‹ sagte und
-die dicke Hamburgerin deutlich verlachte.
-
-Aber sie sagten ›Ja‹, schon der Vorsteherin zuliebe, und wunderten sich
-auf dem Nachhausewege über Christiane, die noch immer schwieg.
-
-Die verabschiedete sich eilig, lief in ihre Stube und ging an den Koffer --
-war nun schon alles darin? War nichts vergessen? Sie trat ans Fenster und
-sah mit gläsernem Blick hinaus -- -- draußen stand die See und hatte noch
-einen Schein wie aus den hohen, grauen Sommernächten, die Christiane im
-Norden erlebt hatte. Die Sterne flimmerten.
-
-Der Morgen war sonnenhell, alle Wiesen grünten, wie im Frühling, und alle
-Stoppelfelder leuchteten, als ob das blonde Korn noch auf ihnen stünde.
-Knick auf Knick schloß sich daran, wie Kranz auf Kranz. Die Wasser der
-Seen blinkten blau auf und verschwanden wieder, der Buchenwald flimmerte in
-sommergrüner, unzerstörter Glut. Wald auf Wald, See auf See. Wie schön
-war diese Gegend doch!
-
-Christiane starrte aus den Coupéfenstern wie im Traum. Sie fühlte immer
-deutlicher, daß sie über die letzten festen Länder und Inseln der
-Menschen weit hinausgetrieben wurde.
-
-Station auf Station. Jetzt Schnellzugssausen. Der sonnige reine Morgen und
-die blauen Seen waren weit. Nauen, Spandau. Straßenbahnen und Soldaten,
-Glashallen, Vorortbahnhöfe. Endlich die schwarze Höhle der Lehrter
-Einfahrtshalle. Auf dem Bahnsteig war auf einmal ein Strudel entlassener,
-mit bunten Bändern behängter Matrosen, die Christiane gar nicht im Zuge
-gewahrt hatte.
-
-Sie trennte sich instinktiv von der Menge, fühlte sich plötzlich verwirrt
-und verloren und in eine Fremde gerissen, hinter der Fräulein Gusti, die
-›Erzengel‹ und ganz Crivenwalde wie freundliche Schatten standen, und
-sah dann auf einmal -- Ludwig.
-
-Da war er! Nur einer wie er!
-
-Sie sah ihn an. Sie gaben sich fest die Hände.
-
-Ihr Herz war stark und entschlossen.
-
-Leicht schritt sie neben ihm her, und jetzt war Crivenwalde weit weg. Alles
-war weit weg. Auch Hardi und die ›eiserne Wehr‹.
-
-»Du fährst zur Mutter?« fragte er.
-
-Sie schrak auf. Ihr Blick flog in den hellen Großstadttag hinaus. Sie sah
-bunte Farben, Linien, Lichter, Menschen und -- ihn.
-
-»Ja, ja,« sagte sie.
-
-Als sie im Wagen saßen, erzählte er, daß er Konferenzen in seinem
-Ministerium hätte. Er nannte die Namen der beteiligten Herren -- alles
-Ostmarkenleute.
-
-»Du gehörst schon ganz und gar zu ihnen,« sprach sie.
-
-Er nahm das gleichgültig hin, denn es war in Wahrheit so.
-
-Sein Gesicht war schärfer und länger geworden, das Junkertum prägte sich
-härter aus. Ob er noch ritt?
-
-Sie traten in ein Restaurant. Sein Blick flog unwillkürlich nach den
-Mittagszeitungen, die eben kamen. Sie lachte und ließ sie bringen -- sie
-kannte ihn. Jeder hatte ein Blatt, und darüberweg tauschten sie kurze
-erregte Bemerkungen. Ihm schien es gar nicht aufzufallen, wie sehr sie noch
-mitten darin war. Es war eine Situation, die auf der Spitze stand.
-
-»Du müßtest in den Reichstag,« sagte sie.
-
-Er zuckte die Achseln. In der Stadt Posen war nicht die geringste Aussicht
-für einen deutschen Kandidaten, und er fühlte sich auch so besser am
-Platze und das Heft stärker in der Hand.
-
-Eine polnische Gesellschaft betrat den Raum, ein Herr, zwei Damen, diese
-klein, biegsam, mit wundervoller Eleganz gekleidet, an der aber noch etwas
-war, was man eben durchaus als polnisch erkannte. Ludwig sah kurz hin,
-und dann blickte er Christiane an -- ihre Augen tauchten ineinander wie
-gezogen, eine Maske fiel, ein Vorhang sank, eine ganze Zeit, Jahre und
-Jahre verschwanden für einen Augenblick.
-
-Er faltete ein Zeitungsblatt eng zusammen, immer kleiner wurde der
-Streifen. Er sah vor sich hin.
-
-Dann begann er von der kleinen Hanni zu erzählen. Immer noch schaute er
-vor sich hin. In die Stimme kam neben dem Bewußten und Gewollten eine
-kleine Erregtheit, und plötzlich mußte sie an den Oberlehrer Müller in
-Crivenwalde denken, wenn der von seinem Jungen sprach.
-
-Sie redete plötzlich dazwischen, scharf, kurz, fragend, immer mehr
-verstrickte sie ihn ins Erzählen, alles wollte sie wissen ... jetzt wußte
-sie. Ihr Gesicht wurde feindlicher, ihre Miene kälter, ihr Herz erstarb
--- warum war es nicht mehr wie damals an jenem Morgen? Warum war in
-ihr einfaches und naturgewaltiges Erkennen jetzt so viel anderes
-gekommen -- -- --?
-
-Warum hatte er sie überhaupt sehen wollen und grade dieses Wiedersehen
-herbeigeführt? Er hätte sie ja auch nach Posen einladen können, sie
-wäre zu ihm und Hardi gekommen und hätte mit der kleinen Hanni gespielt.
-Geritten wären sie nicht mehr miteinander!
-
-Sie saß in sich verbittert und schrak erst auf, als er Abschied nahm -- er
-mußte jetzt in die Wilhelmstraße.
-
-Sie gingen die paar Schritte nebeneinander, dann nannte sie ihm das Hotel,
-in dem er sie abholen konnte. Es war eines der ersten, Geld hatte sie
-ja. Hier in Berlin wollte sie einmal wieder Herrin sein, nicht die
-Schulmeisterin. Das sagte sie Ludwig freilich nicht, und es schien ihm auch
-nicht aufzufallen.
-
-Als er fort war, wanderte sie durch die Straßen, ohne mehr zu sehen
-als die Menschen und unter den Menschen die Kinder. Die kleinen, die
-zweijährigen. Sie sah so viel Süßes an ihnen, daß ihr Herz auf
-einmal weich wurde und anfing zu verstehen. Sollte er das Liebliche nicht
-schätzen, das er besaß -- wegen des einen, das er nicht besitzen
-konnte? Er war ein Mann. Eine Frau kann in der Liebe eher leben wie ein
-Hungerkünstler unter Glas -- der Mann wird niemals hungern. Er sucht sich
-von allen Seiten zusammen, was ihn satt macht. Und es fällt ihm auch immer
-zu.
-
-Ludwig war es auch zugefallen. Und wer weiß -- es war ihm vielleicht --
-noch mehr -- zugefallen. Was wußte sie denn -- -- --?
-
-Sie ging zitternd und immer verwirrter und eifersüchtiger, und rasend
-peinigten sie jetzt die einsamen Abende an der See und so manches andere,
-sogar die Sache mit Kraneis und dem englischen Dozenten. -- -- --
-
-Hochmütig und verbittert saß sie dann im Hotel, und das Rauschen
-und Sausen der Straße hinter der Glasscheibe quälte sie wie etwas
-Feindliches, und feindlich war sie selber.
-
-Und Ludwig kam.
-
-Er sah auf einmal jünger und lebendiger aus. Man merkte, daß irgend etwas
-für ihn erledigt, daß eine Last abgeworfen war. Und jetzt sprach er
-offen darüber. Neben ihr an dem kleinen Tisch saß er und sprach, und
-sie wußte, daß er zu keinem Menschen weder im Amt noch zu Hause davon
-sprechen würde wie zu ihr und daß er danach gehungert hatte, wieder so
-mit ihr zu sprechen. Daß er sie gerufen hatte, weil er sie brauchte und
-weil sie ihn verstand.
-
-Die alte Stunde spann sich wieder an, aber es kam nichts Unreines hinein,
-und ihr Schiff wendete langsam und fuhr an den letzten äußersten Inseln
-und Bollwerken vorbei wieder auf die Küste der Menschen zu, nach dem
-Lande, das alle bewohnten und in dem noch ein eisernes Recht galt.
-
-Nachher waren sie noch draußen in Potsdam, eine Stadt für ihn. Christiane
-sah im Adreßbuch nach und fand, daß einige Rhanes hier wohnten,
-Abkömmlinge wie sie. Sie schaute den Reitern nach, wie sie
-dahingaloppierten, und den jüngeren Offizieren in die sonnenverbrannten
-Gesichter -- war einer von ihrem Blut dabei?
-
-Dabei erzählte sie Ludwig von ihrem Leben in Crivenwalde und wußte
-dabei schon, daß es hinter ihr lag und daß der heutige Tag, das endliche
-Sichwiederkreuzen ihrer Leben eine starke Wendung gebracht hatte. Mit dem
-Nachtschnellzug fuhr sie zur Mutter, um die für ihre Pläne zu gewinnen
-und im voraus alles glatt zu wissen.
-
- * * * * *
-
-Und nun fing für Christiane Dorreyter eine schwere und sonderbare Zeit an.
-Die ›Erzengel‹ wunderten sich nicht wenig über sie, die plötzlich
-so merkwürdige Neigungen zeigte, und Fräulein Gusti streckte noch einmal
-erwartungsvoll die frauenrechtlerische Hand aus, ohne daß sie ergriffen
-wurde. Aber es war offenbar, daß Fräulein Dorreyter sich für das Studium
-vorbereitete und zunächst das Abiturientenexamen abzulegen gedachte.
-
-Dem Oberlehrer Müller war dabei eine ziemlich bedeutende Rolle zugedacht,
-und er füllte sie auch aus und holte auch andere Kollegen vom Crivenwalder
-Gymnasium für die Fächer heran, die er nicht beherrschte. Und langsam kam
-das Lernen in Gang.
-
-Auf den Straßen zeigte man sich Christiane. Die Herren grüßten
-respektvoll und doch mit einem verborgen prüfenden und etwas mitleidigen
-Schauen. Die Gattinnen spähten zu ihr hin, wie Kinder, die sich hinter
-einer Hecke vorm Gewittersturm gedeckt haben, nach nassen Leuten
-gucken. Von auswärts erhielt Christiane allerhand Briefe, Zirkulare und
-Agitationspapiere, und sogar die dicke Hamburgerin schrieb ihr -- es
-war klar, daß man jetzt in ihr die größte Stütze der Frauensache in
-Crivenwalde erwartete, die noch weit über Fräulein Gusti ging. Sie sollte
-sogar einen Vortrag halten.
-
-Lächelnd schob Christiane alles beiseite. Warum die Leute nur so taten?
-Sie erstrebte doch nichts anderes, als eine Tat für sich, die Crivenwalder
-ging die gar nichts an und die Frauenrechtlerinnen der ganzen Welt auch
-nichts. Sie suchte doch nichts anderes, als ein Leben, das dem Geliebten
-gleichwertig war, wollte nicht in der Enge, in der Kleinstadt, im kleinen
-Lehrerinnendasein verstauben, während er am Werke war -- sie wollte adlig
-Blut in adligem starkem Tun zeigen, wie er.
-
-Sie wollte Mensch sein, wie er, und -- schaffen.
-
-Kraus war der Weg und oft verkehrt! O, dieses einsame Lernen an den eisern
-eingezäunten Erziehungsgärten der Männer vorüber. Sie guckte den
-Crivenwalder Schulbuben neidisch nach und war doch wiederum froh darüber,
-daß man sie nicht in diesen Zwangsweg des Durchschnittslernens pressen
-konnte! Sie kam in Freundschaft mit einem Primaner, einem Neffen des Herrn
-Müller, der sie erst argwöhnisch in der Anstalt Schellenbaum besuchte und
-dann ein guter Kamerad, ein unverzagter Mitreißer, ein bißchen Freund und
-ein ganz klein wenig Verehrer wurde.
-
-Fort damit! Er verschwand bald wieder aus ihrem Leben!
-
-Und so kam nach guten zwei Jahren, nach durchwachten Nächten und mancher
-hoffnungslosen Stunde der Morgen, an dem sie das Crivenwalder Gymnasium
-zum ›Mündlichen‹ betrat. Am Abend vorher schaute sie zufällig durchs
-Fenster auf die See, und plötzlich war ihr eingefallen, daß sie schon
-lange nicht mehr spät abends am Strand unter Lindenduft gewandelt war --
-sie hatte es ganz vergessen.
-
-Außer ihr machte noch ein junger Volksschullehrer und ein junger
-Drogenhändler (Theissen und Wolters in Crivenwalde) das Examen. Sie
-guckten sich an, wie Tiere, die in denselben Käfig gelassen worden und
-sich gegenseitig keinen Vorteil zu gönnen gesinnt sind, und auf die
-schwarzen Examenherren wie auf die Bändiger mit der Peitsche.
-
-Sie schnappten jede Frage, die ihnen hingeworfen wurde, mit einer Gier auf,
-wie sie die durchs Durchschnittlernen Gegangenen nicht kennen.
-
-Die Herren wurden aber befriedigt.
-
-Alle drei bestanden. Der Drogenhändler und der Volksschullehrer kneipten
-die Nacht durch, Christiane aber packte um dieselbe Zeit ihre Sachen
-und verließ beim grauenden Morgen Crivenwalde. Schnee und Eis fiel, es
-stürmte und graupelte. So häßlich war die Stadt schon lange nicht
-mehr gewesen. Die ›Erzengel‹ standen mit roten Nasenspitzen auf dem
-Bahnsteig.
-
-Christiane wußte, daß sie das alles nie mehr wiedersehen würde.
-
- * * * * *
-
-Nun kam Berlin. Christiane wohnte bei einer Majorin am Lützowplatz, die
-mit Jean Paul verwandt zu sein behauptete und kein Dienstmädchen behalten
-konnte. Christiane amüsierte sich darüber und suchte mit den Dingen
-fertig zu werden, wie es eben ging. Nie und nimmer wäre sie in eine
-Massenpension gezogen und mit einem halben Hundert gleichgültiger Menschen
-täglich zusammen gewesen. Auch hier in der großen Stadt bewahrte sie ihr
-aristokratisches Prinzip auf Kosten ihres Menschenstudiums.
-
-Von der Mutter vernahm sie zu dieser Zeit, daß Ludwig nach Danzig versetzt
-worden sei. Sie weilte eben bei Cöldts, um den Umzug in die Wege zu
-leiten, Hardi, die arme Frau, war ja so schwach.
-
-Seit jenem Zusammensein war die Verbindung mit Ludwig äußerlich geringer
-geworden, er schrieb seltener und nie von sich und seinen politischen
-Ideen. Sie hörte eigentlich nur noch durch die Mutter von ihm.
-
-Jetzt ging sie durch die Berliner Straßen mit dem Gefühl wieder
-freigewordener Kräfte und Gedanken. Leise kamen die Stimmungen wieder wie
-an jenen Abenden an der See, sie schaute auch die ›eiserne Wehr‹ wieder
-an und dachte von neuem an jene Verse. -- Warum war Ludwig versetzt? War
-Danzig wirklich ein Fortschritt, eine neue Seite seines Werkes? Brauchte
-man ihn dort, wie man ihn in Posen gebraucht hatte? Die Mutter verriet
-nichts darüber und wußte es auch wohl nicht. Oder war diese Versetzung
-eine -- Unterbrechung? Von einer Änderung des Ostmarkenkurses war nichts
-bekannt.
-
-Sie grübelte und fühlte wieder Leichtsinn, Sehnsucht und Temperament. Und
--- Einsamkeit.
-
-Schließlich lernte sie von den wenigen Damen, die zu jener Zeit
-Vorlesungen hörten, Yse Bernhart genauer kennen.
-
-Eigentlich hatte sich Christiane anfangs an Käthe Arndt angeschlossen,
-die dasselbe Ziel wie sie verfolgte und die Tochter eines
-Universitätsprofessors und bekannten Frauenrechtlers war. Er hatte viel
-zugunsten der kämpfenden Frauen geschrieben, Angriffe zurückgeschlagen
-und war mit allen bedeutenden Führerinnen freundschaftlich liiert. Seine
-sechs Töchter hatten sämtlich Examen gemacht und waren im Lehramt. Nur
-eine einzige war mißraten und hatte geheiratet. Käthes Ziel bestand im
-Oberlehrerinnenexamen, mit dem sie ihre Schwestern auf der ganzen Linie
-schlagen konnte, und sie wütete so in die Arbeit hinein, daß sie trotz
-ihrer Jugend schon Nervenmittel nehmen mußte.
-
-Durch Käthe kam Christiane mit Yse Bernhart zusammen, die mit ihr in der
-gleichen Pension wohnte. Yse hatte keinerlei Examina hinter sich, und
-daß sie als Gasthörerin zugelassen worden war, verdankte sie nur der
-Empfehlung eines bedeutenden Literarhistorikers, der ihre Bücher gelesen
-hatte. Sie war klein, schmächtig und sehr still.
-
-In ihrem Zimmer hing als einziger Schmuck Thomas ›Sehnsucht‹, der
-nackte Mensch, der vor dem Abgrund steht und die Arme nach den weit über
-ihn wegfliegenden Wundervögeln streckt.
-
-Das Bild sagte Christiane viel. Etwas Verwandtes berührte sie.
-
-Yse stammte aus einer kleinen westpreußischen Stadt, in der ihr Vater
-Pastor war.
-
-Es war kein Dilettantismus in ihr. Nie hatte sie das Leben gesucht, um es
-zu finden, um etwas zu ›erleben‹, es war zu ihr gekommen, lag von den
-Vätern her in sonderbarer Mischung in ihr drin, es hatte sie getroffen und
-damit zum Schaffen fertig gemacht. Keine Spur von Bohème war an ihr, sie
-rauchte weder Zigaretten, noch trug sie Eigenkleider, noch verriet sie
-irgend welche Hinneigung zur freien Liebe. Ein paar bedeutende Menschen
-in Berlin kannten und schätzten sie, luden sie ein und empfanden, wer sie
-war.
-
-Kam sie aber wieder in den Kreis der heimatlichen Kleinstadt zurück, so
-ahnte kein Mensch mehr etwas von ihr, und sie brauchte die Leute dort auch
-nicht. Aber sie schuf.
-
-Ihre Geschichten gaben Bilder aus dem Osten, die große Fläche, die
-endlosen Getreidebreiten, die Weichsel und Warthe, das Leben in der Stadt
-Posen, in der Wallischei und auf dem ›Städtchen‹, in der Dominsel, der
-ganze Nationalkonflikt tauchten auf und waren bis zum letzten beobachtet.
-Die ganze Wucht des Weltgeschehens stand hinter den Bildern.
-
-Es dauerte eine Weile, ehe es zu einigen Wärmegraden zwischen ihr und
-Christiane kam, denn in ihr lag die harte Zurückhaltung der Einsamen
-und das ganze Mißtrauen der Frau gegen die Frau. Dann aber stieg das
-Thermometer langsam bis zu einem guten Punkt, bis zu jener naturgezogenen
-Eisgrenze, die ein Geheimnis um jeden Menschen wahrt.
-
-Beide liebten sie die gleiche Heimat und die gleiche Freiheit. Sie
-verachteten Berlin, trotz allem, was es ihnen gab, als fürchterliche
-Beengung des Lebens, als offenbare Unkultur. Was als architektonische
-Schönheit galt, kam ihnen arm und zwangvoll vor, was an Kunst da war,
-hatte etwas mühsam Eingefangenes. Sie bedauerten die Menschen, die ihr
-Leben in der Großstadt zubringen mußten und ihre Ansprüche danach
-zumaßen, die Kinder, die nie ans volle Licht kamen, die Herzen, die nie
-einen Sommer erlebten.
-
-Sie tasteten an die Welträtsel.
-
-Alle Naturwissenschaft hatte Christiane schon von früh an gefesselt, und
-förmlich gierig horchte sie jetzt auf, wenn da und dort ein neuer Vers
-vom Weltenlied entdeckt schien. Sie grübelte selbständig daran herum und
-suchte nach neuen Gesetzen und fand doch immer nur die alten, weil sie in
-ihrer Zeit befangen war wie alle und das gleiche eiserne Netz auch über
-sie gespannt war. Dabei fühlte sie, daß im Ganzen für sie immer nur ein
-Stück Handwerk herauskam, ein bedingtes und begrenztes Frauenschauen, und
-daß sie nach dem allen nicht so unruhig und verwirrt und durstig geforscht
-hätte, wenn ihr Leben in eine andere Bahn hätte einlenken können. Sie
-suchte dort die Harmonie, die in ihr nicht war, eine Lösung, die sie
-einbezog und ihr Leben gültig machte, und fand sie nie und nirgends. Sie
-stand außer den Dingen. Dem ewigen, immer wieder ausholenden Kreise der
-Schöpfung war sie entrückt, sie war weder klein, noch groß, sie war
-übrig.
-
-Yse kannte nur ein Gesetz für Mann und Frau und wollte es nicht gelten
-lassen, daß die Frau innerlich verwuchs und verdarb, wenn sie nicht gleich
-anderen Halmen in die Erntekammer kam. Sie kannte und sah in allem und
-jedem Entwickeln und Reifen und fand überall einen Sinn. Trotzdem sie die
-Dinge unverhüllt schaute, fühlte sie doch Harmonie im Weltgeschehen und
-das Dasein als ein Glück. Was an Rätseln ringsum starrte, was vor Not
-schrie, was verdarb, was Torso war, Übergang, Abriß, Sinnlosigkeit,
-Brutalität -- alles das zog sie in ihre Kunst hinein, und da paßte
-es, rundete es sich und leuchtete fackelgleich und purpurn in die
-Weltfinsternisse.
-
-Als Christiane eines Tages zu ihr kam, stand sie vor einem Papier am Tisch.
-Darinnen lagen Bücher -- es waren sämtlich die gleichen, die gleiche
-Farbe, derselbe Schnitt, derselbe Band. Es war Yses neues Buch.
-
-Sie hob es hoch und sagte ernst und doch voll seltsamen Zaubers, mit einem
-Verrat, der über die Eisgrenze glühend hinwegschoß: »Gott ist das
-Werk --!«
-
-Christiane fuhr zurück.
-
-Jetzt wußte sie es.
-
-Zwischen ihnen war ein großer, nie zu überbrückender Unterschied.
-
-Beide liebten sie das gleiche Land, aber Christiane liebte dort einen Mann,
-und Yse liebte dort ihr Werk.
-
-Yses Leben wäre unter allem, was sie getroffen oder getragen hätte, immer
-wieder auf die eine gleiche Lösung, hinausgekommen, aber das ihre hatte
-sich erst eine suchen müssen.
-
-Für Yse war alles Erleben die Saat zum Schaffen, und für Christiane gab
-es nur das nackte Erleben allein, und sie war darauf angewiesen.
-
-Zum ersten Mal merkte sie, wie erlösend Kunst sein kann. Bisher hatte sie
-kaum darüber nachgedacht, ja, sie hatte sie in ihren exakten Studien
-fast ein wenig verachtet. Ihr schien es, als ob die Menschheit seit
-Jahrtausenden darin im gleichen Trott liefe und aus dem Haufen immer die
-gleichen Lieder kämen.
-
-Aber die Kunst kam dem Weltschaffen am nächsten, und auch eine Frau konnte
-darin seliger werden als im reinsten Madonnenglück. Das Höchste und
-Primitivste war in seiner Wirkung gleich.
-
-Was aber für die Frau dazwischen lag, war dürres Land, ein Weg mit
-verstreuten Halmen, die nicht zur Ernte kommen. Christiane mußte an eine
-kleine bucklige Studentin denken, die neulich mit ihrer krächzenden
-Stimme gesagt hatte, der große Überschuß an Weiblichkeit sei etwas
-Naturgewolltes, der Vorbote großer, sonderbarer Umwälzungen in der
-Menschheitsentwicklung und vor allen Dingen für die Gegenwart ein
-ungeheurer Auftrieb, der die Frauen mit einem Schlage aus den Niederungen
-der Jahrtausende stieße, ob sie wollten oder nicht.
-
-Christiane dachte: Ja, so mag es sein. Denn wenn ich könnte, wie ich
-wollte, ich legte die Bücher hin. Ich stiege aufs Pferd und ritte mit
-meinem Liebsten und würde dann alles wissen -- -- -- -- -- --
-
-Sie starrte in ihrer Stube um sich, sah nach der ›eisernen Wehr‹ und
-biß die Zähne zusammen.
-
-Aber es nützte nichts. Sie weinte wie sie, damals im Lehrerinnenheim unter
-dem Glockengeklingel und den schleichenden Schritten der Alten geweint
-hatte.
-
- * * * * *
-
-Es kamen noch andere Zeiten für Christiane Dorreyter, wo ihre Arbeit sie
-schärfer nahm und ihr keine Minute mehr zum Grübeln ließ. Wo sie froh
-war, wenn sie überhaupt ein paar Stunden zum Ausschlafen fand, und ihr
-Ehrgeiz ihr wieder zuflüsterte: ›Den andern voran!‹ Es ist notwendig
-für ein Gelingen, daß andere dabei sind, die das gleiche Ziel verfolgen,
-nie kommt man schneller weiter, als wenn ein Sichmessen dabei ist, ein Sieg
-im Siege!
-
-Das Rhanesche Kapital, das die Mutter seufzend geopfert hatte, ging zu
-Ende. Christiane mußte Stunden geben und durch allerhand Aufsätze und
-Artikel etwas dazu verdienen. Langsam kam ein stärkeres Interesse für
-fachpädagogische Dinge über sie, und sie fand auch schließlich eine
-Meinung. Und dann ein Wissen und schließlich die Überlegenheit. Man wurde
-schon auf sie aufmerksam, als sie noch auf der Universität war, und sie
-bekam noch vor dem Examen allerhand Anerbietungen, denn man riß sich
-damals in den Städten um die ersten jungen Oberlehrerinnen. Sie konnte
-wählen und suchte einen großen Platz, eine berühmt schöne Stadt mit
-alter Kultur, in der sie Gelegenheit zur Weiterbildung fand und auch ein
-wenig Raum, um etwas zu sagen.
-
-In den Jahren schrieb sie ein paar Bücher über Mädchenerziehung, die
-viel beachtet wurden und auch bei der langsam einsetzenden preußischen
-Schulreform nicht ganz ohne Einfluß blieben. Sie besuchte Kongresse
-und Versammlungen und war gewohnt, auf das Podium zu treten und zu einer
-respektvoll harrenden, meist weiblich pädagogischen Versammlung zu
-sprechen. Den führenden Persönlichkeiten der Frauenbewegung trat sie
-näher und beobachtete mancherlei.
-
-Viele Menschen gingen an ihr vorüber, wenige waren farblos und
-Dutzendware, und wenigen gegenüber blieb ihr Wesen stumm. Aber ihr Blut
-regte sich nicht, und wenn einer mehr begehrte, als nur Geistiges, so
-wandte sie sich von ihm ab. Sie schuf sich eine eigene feine Kultur und war
-darin glücklich.
-
-Langsam sah sie alle Dinge ruhiger und reifer an und dachte kaum mehr an
-Ludwig von Cöldt. Was ging ein Mann sie an, der ihrer Schwester Ehegatte
-war und nicht mehr nach ihr fragte. Und von dem man nichts mehr -- hörte.
-
-Seit einiger Zeit war Ludwig auf seinen Wunsch nach Markburg, wo die
-Mutter noch immer lebte, zurückversetzt worden und damit von seinem
-Ostmarkenwerk, vielleicht auch von allem anderen größeren Werk für immer
-geschieden. Damit schien seine Karriere abgeschnitten. Sein Name war aus
-der Polenpolitik gelöscht.
-
-Von Yse hörte Christiane noch dann und wann etwas. Sie war mit der Zeit
-berühmt geworden, schrieb aber nicht gern Briefe.
-
-Die Mutter war jetzt stolz auf Christiane und verriet immer mehr Sehnsucht
-nach ihr. Jahr um Jahr hatte es ihr keine Unruhe gemacht, die Tochter
-draußen zu wissen, jetzt wo Christiane einen Namen hatte, wo Bücher von
-ihr in den Schaufenstern lagen, empfand sie immer größeres Verlangen nach
-ihr. Und eines Tages machte sie den Vorschlag, daß Christiane sich doch um
-die Direktorstelle an der Sophie-Reutterschule daheim in Markburg bewerben
-solle, die vor kurzem erledigt war und nach allem Hörensagen von dem
-Patronat mit einer weiblichen Kraft besetzt werden sollte.
-
-Diese Schule hatte Christiane selbst ein paar Jahre hindurch besucht. Sie
-war etwas vor der Stadt in einem alten Herrschaftshause untergebracht, das
-im Volksmund das ›Reutterschloß‹ hieß. Die einstige Besitzerin, ein
-vereinsamtes Weib, hatte sich aufgehängt, und in ihrem Testament stiftete
-sie die Anstalt, die immer nur von den Töchtern der besten Familien
-besucht wurde und in ihrem Gepräge etwas hatte, das viel mehr an sehr alte
-Zeiten als an moderne Mädchenerziehung mahnte. Die Reutterschülerinnen
-wurden zu sehr vornehmen Haustöchtern und verwöhnten Damen erzogen, für
-den Sturm war keine gehärtet, und an Konflikte wurde überhaupt nicht
-gedacht, was für Markburg vielleicht auch nicht nötig war.
-
-Damals. Jetzt -- --? Christiane fand sich dabei, wie sie auf einmal
-nachgrübelte und im ›Reutterschloß‹ Ordnung machte und ein neues
-Wesen schuf. Sie -- als Reformatorin in ihrer Heimatstadt, unter allem
-Bekannten, dicht vor Ludwigs Augen --! Sie als Schulmeisterin vor Ludwigs
-Augen!
-
-Alles in ihr sträubte sich. Es war ihr, als müßte sie mit dem, was sie
-sich in der ganzen schweren Zeit erworben hatte, vor ihm verlieren, als
-müßte sie vor ihm immer noch als die scheinen, neben der er damals
-geritten war.
-
-Ach, die Ostmark war für ihn und sie vorbei, und beider Wege waren aus den
-Dickichten herausgebogen, ins Bürgerliche und Normale hinein. Als Mitglied
-der Regierung hatte er sogar ein wenig Einfluß auf die Reutterschule, was
-die Mutter in ihrem Vorschlag bereits in Betracht gezogen hatte, ja, sie
-baute darauf, daß Christiane die Stelle unbedingt sicher sei!
-
-Aber Christiane bewarb sich nicht. Sie brachte nicht all ihr Erlittenes
-vor seine Augen und richtete sich vor ihm und Hardi in einem schmalen Leben
-ein! Unverzüglich schrieb sie der Mutter ab.
-
-Deren Briefe hielten aber die Bitte immer noch aufrecht, Tag um Tag und
-Woche um Woche.
-
-Und es war doch wie ein Stein in Christianens Leben gefallen, in dem die
-Wellen nun unruhig zogen und zitterten. Sie sah ihre Existenz an und fand
-plötzlich nicht, daß sie immer so bleiben konnte. Ja, sie merkte, daß
-sie unbewußt doch immer auf ein Später hin gelebt hatte, auf etwas, das
-noch kommen _mußte_. Und vielleicht fand sich nie wieder so etwas wie
-diese freie Stelle, an der sie herrschen und alles wahrmachen konnte, wovon
-sie in ihren Büchern geschrieben hatte. Sie konnte fort. Und vielleicht
-wollte sie auch fort. Nichts hielt sie. Ihr Leben glich einem Zelt, das
-wieder abgebrochen werden konnte, trotz all der Bäume und Blumen, die
-darum gewachsen waren. Sie konnte fort.
-
-Es kam hinzu, daß die Stelle an der Reutterschule andauernd unbesetzt
-blieb, weil sich die Meinungen in der Stadt gespalten hatten und sogar das
-Kollegium und zwar sowohl der männliche, wie der weibliche Teil heftig
-gegen die geplante weibliche Oberleitung aufbegehrt hatte. Die Zeitungen
-beschäftigten sich bereits mit der Angelegenheit.
-
-Da lag der Kampf. Das war kein Dutzendwerk, keine schnurrende Spule, das
-war ein Leben voll Überraschungen, voll Tat, voller Widerstände und
-voller Schaffen. Das war ein Schaffen, das sich lohnte.
-
-Es kam noch mehr hinzu, Kleines, Kleinliches, Unbehaglichkeiten in
-Christianens jetziger Stellung, die ihr nur darum so unerträglich
-schienen, weil sie jetzt das Bessere dicht daneben sah.
-
-Und in einer Stunde und Stimmung, die sie später kaum begriff, in der
-ein unerklärlicher treibender Zwang war, schrieb sie an das Patronat der
-Reutterschule und bewarb sich, hinter sich die ganze Unterstützung ihrer
-Schulreformbücher.
-
-So kam sie eines Tages als neuernannte Leiterin der Sophie-Reutterschule
-nach Markburg zurück und wunderte sich dort selbst über ihren Sieg.
-
-Vielleicht war es mit maßgebend gewesen, daß man die Dienstwohnung
-verkleinern und ihr weniger Gehalt zu zahlen brauchte, als einem
-männlichen Leiter.
-
- * * * * *
-
-Der Vorsitzende des Patronats, der Regierungspräsident, hatte die
-Begrüßungsrede für Doktor Christiane Dorreyter beendet.
-
-Jetzt kam sie aus der Schar, die sie schwarz und feierlich umringt hatte,
-auf die Rednerbühne der Aula und begann langsam und mit klarer Stimme
-zu sprechen, rechts vor sich die unbeweglichen Gesichter der Kollegen
-und Kolleginnen, links die Schar der Gäste aus der Stadt und die
-Patronatsmitglieder. Ludwig von Cöldt war auch gekommen.
-
-Sie sprach in diesen ungewissen Wall hinein, in dem sie keine Wirkung
-erkannte und nur die ungeheure Spannung ahnte, mit der auf ihre erste
-Äußerung gewartet worden war. Sie gab im ganzen und großlinig ein
-Programm, aus dem deutlich zu entnehmen war, daß neuer Wind hindurchgefegt
-war und nichts Verstaubtes geduldet werden sollte. Dann wandte sie sich
-an das Kollegium, das sie an Pflicht, Treue und Können scharf zu sich
-heranriß, und fühlte, daß es in ihrer kühlen Rede angefangen hatte zu
-glühen, wie ein Draht zu glühen anfängt, und empfand dieses schnelle,
-rote Hellwerden herrinnenhaft bis zum knappen, festen Schluß in sich,
-worauf sie mit einer leichten Verneigung abtrat.
-
-Der Vorsitzende schüttelte ihr die Hand.
-
-Nun löste sich aus dem noch immer regungslosen Kreis der Kollegenschaft
-ein Fräulein und ging ruckweis mit gesenktem Kopf auf den Rednerplatz zu.
-Sie war rund, ohne stark zu sein, klein, aber ohne Zierlichkeit, es war,
-als ob die Natur etwas Nettes aus ihr hätte schaffen wollen und es dann
-beim plumpen Rohwerk hatte bewenden lassen. Sie war rothaarig, klein und
-häßlich, aber die Natur hatte ihr eine scharfe Weiberwaffe gegeben, die
-sich in den gallig schrägen Linien um den geschwätzig aufgebogenen Mund
-auch äußerlich kundtat. Fräulein Haberkorn warf alle Schulgemeinplätze
-mit autoritativer Lehrerinnensicherheit hin, rührte Frömmeleien und
-spitze Süßigkeiten hinein und gedachte mit viel Sentimentalität des
-verstorbenen Herrn Direktors, worauf sie die neue Leiterin im Namen des
-Lehrerinnenkollegiums begrüßte.
-
-Die Köpfe hoben sich, die Gesichter wurden klarer. Man war wieder auf
-festem Boden und verstand.
-
-Jetzt trat Professor Diermann vor. Er war alt, etwas vernachlässigt,
-und hatte einen Begasbart und scheue Augen. Er versprach sich mehrmals,
-stotterte und eilte dann mit Energie seinem Ziele, dem Hoch auf den
-Landesherrn, zu.
-
-Danach sang der Schülerinnenchor der Anstalt sechsstimmig einen Choral.
-Die Mädchenstimmen waren übermäßig hoch, aber sehr rein.
-
-Christiane Dorreyter hatte in ihrem Leben schon viele Choräle bei
-ähnlicher Veranlassung gehört, und sicherlich hatte sie auch dabei
-gesessen, wie die meisten hier: korrekt, zerstreut und gleichgültig. Jetzt
-aber stieg aus dem heimlichen Aufruhr ihrer Seele ein Brausen; Erinnerungen
-erhoben sich wie schwergeflügelte, dunkle Vögel. Alle Einsamkeiten und
-alle Not zitterten wieder in ihrer Seele, alles Mühselige und Götterlose
-ihres Lebens hob sein Haupt. Jahre und Jahre waren schwer wieder da. ›Der
-dich auf Adlersflügeln sicher geleitet --‹
-
-Sie fühlte auf einmal Adlergewalt in ihrem Leben.
-
-Die Feier löste sich auf. Christiane mußte die Gäste auf einem Rundgang
-durch das alte Haus begleiten. Es war äußerlich von sehr reiner, strenger
-Form, innerlich aber herrschten manchmal Schatten und Dunkelheit. Das Haus
-hatte sich noch nicht ganz seinem Zweck gemäß geformt, überall sah das
-Ursprüngliche heraus, die Herrschaftlichkeit. Es paßt zu mir, dachte
-Christiane.
-
-Die Damen der Patronatsmitglieder, Frau Geheimrat Meckebier, Frau Landesrat
-Colb und Frau Kommerzienrat Reimann trappten mit rauschenden Kleidern
-eifrig voraus, um die Spuren der Neuen aufzufinden, denn sie kannten das
-Haus von vielen Kränzchentagen bei der Gattin des früheren Direktors.
-
-Ganz oben im Zeichensaal waren Blätter ausgelegt, und hier tat die
-Oberlehrerin, Fräulein Haberkorn, sich groß: »Alles seit Ostern gemacht,
-im letzten Vierteljahr!« Denn so lange war die Direktorstelle unbesetzt
-geblieben. Der Kommerzienrat Reimann fragte Christiane mit schlecht
-verdecktem Mißtrauen, ob sie sich diese Methode auch zu beherrschen
-getraue, und sie sagte ihm kühl, klar und nicht gerade behutsam, daß man
-›draußen‹ schon eine Weile anders arbeite, worauf er schnell von ihrer
-Seite verschwand.
-
-Neugierig spähten die kleinstädtischen Frauen zu ihr hin. So eine
-Toilette trug keine der hiesigen Damen. Wie kam die dazu? Wollte die das
-immer so machen? Als sie das Rednerpult bestieg, war das Rauschen durch den
-ganzen Saal gegangen, und alle hatten sie angeblickt.
-
-Gott, wer war sie denn! Man kannte doch die Verhältnisse und hatte von den
-Männern her ihre Papiere in der Hand gehabt. Es gab kein anderes Fräulein
-Doktor in der Stadt, aber man legte weiter kein Gewicht darauf.
-
-Im Amtszimmer standen mehr Bücher, als beim guten alten Herrn. Auf dem
-Schreibtisch lagen Stöße von Plänen, Heften und Entwürfen, mit denen
-sich die Neue wohl wichtig machen wollte! Fräulein Haberkorn, die der
-Tochter der Frau Meckebier Privatstunde gab, hatte schon davon erzählt.
-Der Buchhändler in der Rädelgasse hatte die Bücher des Fräulein Doktor
-besorgt und ausgestellt. Natürlich kaufte sie kein Mensch.
-
-Die Frau Landesrat und die Kommerzienrätin flüsterten. Sie schoben sich
-würdevoll vor und sprachen für die arme Wehrendorf. Ja, sie hatten
-doch einen modernen Frauenverein, und die gute Frau von Cöldt hatte sie
-gebeten, ein Wort für die Wehrendorf einzulegen, die endlich eine feste
-Stelle haben mußte. Sie war so sehr darauf angewiesen, und deshalb war es
-ja Menschenpflicht -- --
-
-Menschenpflicht, dachte Christiane Dorreyter.
-
-Sie wußte genau, daß diese Damen, die einen modernen Frauenverein hatten,
-sie im Herzensgrunde verachteten. Sie und die arme Wehrendorf.
-
-Sie antwortete mit leichter Ironie. Die Patronatsdamen wanderten weiter und
-ließen nicht einen Winkel undurchspäht.
-
-Dann wurde es endlich stiller. Türen dröhnten, die Stimme der Haberkorn
-scholl noch einmal echokräftig heraus. Die Damen verabschiedeten sich,
-nachdem sie die kleine Wehrendorf dem Fräulein Doktor noch einmal dringend
-ans Herz gelegt hatten.
-
-Es war still.
-
-Da kam Ludwig von Cöldt. Christiane hörte seinen Schritt schon von
-weitem.
-
-Sie sahen sich an.
-
-Er gab ihr die Hand, dann schaute er lange auf die ›eiserne Wehr‹ über
-dem Arbeitstisch. Sein Blick glitt in ihr Gesicht. Sie hob die Augen, und
-eine Sekunde standen sie und verstanden sich wieder im Geringsten, ohne
-Wort.
-
-»Du gibst mir Relief,« sagte sie dann mit leichter Ironie. »Wenn
-die Vorstandsdamen gnädig zu mir gewesen sind, so verdanke ich das der
-Tatsache, daß ich einen Schwager hier habe. Ich bin höchstens dreimal auf
-meinen Doktor, mindestens dreißigmal aber auf den Regierungsrat von Cöldt
-angeredet worden.«
-
-Seine Wimpern zuckten. Er sah eine Sekunde vor sich hin.
-
-»Du wirst dir deinen Platz schon schaffen,« sprach er dann.
-
-»O ja,« sagte sie, »das werde ich.«
-
-Sein Gesicht behielt den gleichen geschlossenen, etwas resignierten Ernst.
-Sie sah, daß er sich sehr verändert hatte.
-
-Sekundenlang durchrann sie eine furchtbare Machtlosigkeit, sekundenlang
-brauste ihr Wille wieder räuberisch zum Stehlen und Genießen hin.
-
-Tief unten war sie in aller ihrer Würde.
-
-Ihre Hände zitterten. Ihre Blicke streiften das Bild. Sie biß die Zähne
-zusammen. Eiserne Wehr, dachte sie, eiserne -- Wehr -- -- --
-
-Er sah auf die Bücher, die sie in strengen Reihen umgaben. Durch sein
-Gehirn liefen blitzartig die Vorstellungen von den Lebenserkenntnissen, die
-sie sich errungen hatte.
-
-»Du bist Naturwissenschaftlerin,« sagte er.
-
-Ihre düsteren grauen Augen wurden langsam heller.
-
-»Meiner innersten Meinung nach, ja,« sprach sie. »Ich kann dir aber noch
-einige andere Dinge vorzeigen,« setzte sie ironisch hinzu.
-
-Er zuckte nur die Achseln. Wieder fuhr sein Blick durch den Raum. Halb
-unbewußt suchte er darin nach Zeichen aus den zehn fremden Jahren.
-
-Seine Ruhe fing an ihre Flügel zu lockern.
-
-Er begann nach diesem und jenem zu fragen. Ihm gegenübersitzend, etwas in
-sich versonnen, wich sie aus. »Das läßt sich so schnell nicht hersagen,
-Ludwig. Es war alles sehr kraus. Ich war immer -- Outsider.«
-
-Sein Blick brannte, ohne daß er's wußte, eifersüchtig auf.
-
-»Outsider,« murmelte er.
-
-Er sann vor sich hin.
-
-Zehn Jahre.
-
-Christiane blickte nach der ›eisernen Wehr‹. Es zitterte leise in ihr.
-
-Plötzlich bog er sich ihr zu.
-
-»Ich möchte dir mein Mädel bringen, Christiane.«
-
-Sie fuhr zurück.
-
-»Mein Mädel,« sagte er mit etwas flimmernden Augen, »unsere kleine
-Hanni -- --«
-
-Ihre Lippen zwangen sich. »Wie alt ist sie doch --?«
-
-»Neun Jahre.«
-
-Sein Auge hing an ihr.
-
-»Du sahst sie noch niemals?«
-
-»Noch niemals,« sagte sie. Sie dachte wieder: Als ich fort
-war -- -- -- --
-
-Jetzt fühlte sie die -- zehn Jahre.
-
-»Sie ist groß,« sagte er, langsam vor sich hin erzählend, während
-die Veränderung seines Gesichtes blieb, »und sehr kräftig. Nur geistig
-schreitet sie nicht recht fort. Aber das Fräulein hat nichts getaugt, ihm
-ist gekündigt.«
-
-Christiane fragte: »Wie heißt sie?«
-
-»Das Fräulein? Die kleine Wehrendorf.«
-
-Sie nickte.
-
-Dabei wurde es freier in ihr. Sie richtete sich auf.
-
-»Das Fräulein werde ich mir mal angucken, Ludwig.«
-
-»Wie du willst,« sagte er gleichgültig, »es ist aber nicht viel an ihr
-dran. Ein Weibtorso. Nirgends beschenkt.«
-
-Sie kannte Ludwig. Ein feines Lächeln verzog ihren Mund.
-
-Das reizte ihn.
-
-»Wann kommst du zu uns? Wir erwarteten dich schon gestern.«
-
-»Vorgestern kam ich an. Da war ich in Frankfurt eben fertig. Ich komme aus
-einer Arbeit in die andere, Ludwig.«
-
-»Ja, ja. Aber wir --«
-
-Sie sah ihn an.
-
-In seinen Augen wurde ein verschollenes Geflimmer wach. Er wurde wieder
-jünger.
-
-»Aber -- ich --« sagte er.
-
-»Ich komme, Ludwig. Vielleicht heute abend noch. Wie geht es Hardi? Sie
-schrieb so selten.«
-
-»Dir schrieb sie selten,« sagte er.
-
-Sie schaute ihn mit großen Augen an.
-
-Dabei schlich wieder eine heiße, heimliche Welle von einem zum anderen.
-Sie wurden still.
-
-Über ihnen hing in strenger Wacht die ›eiserne Wehr‹.
-
-»Ich komme heute abend zu euch,« sagte sie.
-
-Sie gaben sich die Hand und empfanden wieder den uralten Einklang ihres
-Blutes und die geistige Zusammengehörigkeit.
-
-»Ich komme, Ludwig.«
-
- * * * * *
-
-Als Christiane allein war, warf sie den Kopf zurück. War sie unwissentlich
-an einen alten Strudel geraten? War es _das_ gewesen, was sie heimlich
-zurückgeleitet hatte, nichts als -- das --? Waren noch unerhörte
-Möglichkeiten, unerhörtes Begehren in ihr, wollte sie noch immer ein --
-Abenteuer --?
-
-Sie sah wieder die gelben Felder der maiheißen Straßen, die Mühlen,
-hörte das Traben der Pferde und ritt wieder neben ihm wie einst.
-
-Nein, das war vorbei. -- -- --
-
-Am späten Nachmittag ging sie fort. Vor dem Hause warf sie noch einen
-Blick zurück. Wie gut es aussah, gar nicht schulmäßig!
-
-Dann kam sie in die Stadt. Seit hundert und mehr Jahren war kein
-bedeutender Künstler in ihr gewesen, was an guten Bauwerken da war,
-hatte ein graues Alter und war teilweis im Abbruch. Was neu war, war
-handwerkerlich, was eben wurde, war es noch mehr. Ziemlich im ältesten
-Teil der Stadt lag das ehemalige Cistercienserkloster, das nun
-Regierungsgebäude und mit der Geschichte der Stadt und der Provinz
-eng verknüpft war. Viele preußische Könige hatten darin geweilt, von
-Friedrich dem Großen erzählte man sich ganze Legenden, und Blücher
-sollte sich an seinen Steinstufen den Säbel gewetzt haben. Vor hundert
-Jahren war der Klostergraben mit Gefallenen bis zum Rand gefüllt gewesen.
-
-Bald hinter dem Kloster begannen die Anlagen, die in den Stadtpark
-ausliefen. Hier waren die Kindermädchen mit den Babies, hier passierten
-die Damen, wenn sie von ihren Kränzchen kamen, hier trieben die Backfische
-und Jünglinge ihren grünen Flirt. Es gab auch abgelegenere Gegenden
-darin, Winkel, in denen geküßt wurde. Ein paar Sportplätze
-begrenzten den Park, der gute Baumbestände und die Schönheit solcher
-kleinstädtischer Anlagen hatte.
-
-Christiane eilte rasch hindurch. Schon als Kind hatte sie ihn nicht
-gemocht, wie alles, was Massenfreude war.
-
-Draußen hinter dem Krähenteich, an dem sich die Pensionäre der Stadt mit
-Angeln zu unterhalten pflegten, begann der Wald.
-
-Die Markburger machten sich nichts aus ihm. Sie hatten ihre Vereine und
-Kaffeekränzchen. Nur ein paar schulmeisterliche Naturheilapostel oder
-ein paar Brunnentrinker kannten seine Wege. Übrigens war er nicht mehr
-städtisches Gebiet, sondern gehörte den -- Rhanes. Weiter oben, hinter
-dem Forsthaus, konnte man das Schloß bei klarem Wetter wie ein blasses
-Schattenbild am Himmel sehen.
-
-Christiane schaute auf die Stadt zurück. Eine rechte Heimat war sie ihr
-nicht, denn als Soldatentochter war sie kreuz und quer durch Deutschland
-gezogen und hatte überall ein Stücklein Kindererinnerung gelassen.
-
-Bald kam der Weg, den Christiane besonders liebte. Als eine schmale, leicht
-steigende Allee zog er sich, von starken Tannen eingefaßt, dahin, und
-hinter ihm stand der Wald mit Eichen und Buchen. Der Boden war mit roten,
-vorjährigen Blättern überstreut. Das Laub war noch voll und unversehrt,
-aber schon über manche Sommerglut hinaus.
-
-Christiane blieb stehen. Ein Rollen zog durch die Wipfel -- das war
-Donner. Das frühe Dämmern eines Waldgewitters senkte sich, die Schwüle
-verstärkte sich -- dicht über den Wipfeln schien es zu stehen! Da zuckte
-es -- wieder ein Zucken, wieder ein Donner -- es war da!
-
-Christianens Herz jauchzte auf. Traumhaft starrte sie in das schöne
-Waldabenteuer, das ihr allein gehörte. Kein Mensch, keine Stimme, kein
-Knistern. Kein Vogel rührte sich. Und doch war das Leben nie stärker,
-leidenschaftlicher und jauchzender, als wenn es so flammte und schlug! Wie
-die Feuer zogen und zuckten, da um den Wipfel einer Riesenbuche tanzten,
-dort an den Stämmen hinabliefen, da einen fernen Grund bläulich erhellten
--- wie sie sich unerbittlich kreuzten wie Degen und fauchend über dem Wald
-zusammenschlugen -- das war schön! Irgend etwas in Christianens Seele war
-dabei, tat mit.
-
-Ein paar große Tropfen sprangen durch die Äste und verrollten im Staub.
-Es donnerte wieder, aber schon ferner, es lohte von neuem, aber schon
-schwächer. Es wurde still. Die Vögel rührten sich wieder, huschten durch
-das Unterholz, rannten über den Weg. Irgend ein Gelächter scholl durch
-den Wald. An den Blättern blitzten die Tropfen, darüber kam die Sonne
-heraus.
-
-Als Christiane aus dem Walde trat, lag schon sanfte Abendruhe über den
-Feldern. Ein Bahnzug fuhr sacht dahin, die Streckenlichter blinkten. Das
-Sonnenrot verging.
-
-Sie fand die Villenkolonie und Ludwigs Haus.
-
-Ein kleiner Garten mit vielen dichten Büschen zog sich rings herum, man
-mußte in ihn hinein und kam von rückwärts ins Haus. Christiane wurde in
-ein großes Zimmer geführt und erkannte den Salon aus Posen wieder. Nichts
-war daran verändert.
-
-Jetzt kam Ludwig schon.
-
-»Hardi -- --?« fragte sie.
-
-»Sie läßt noch um einen Augenblick Geduld bitten,« erwiderte er, »bis
-jetzt hat sie gelegen. Jedes Gewitter quält sie furchtbar. -- Bitte,
-hier.«
-
-Er führte sie in sein Zimmer.
-
-Sie sah mit jäher Aufmerksamkeit umher, entdeckte ein schönes Stück
-Kopenhagner, einen Liebermann an der Wand, gewahrte die Papiere und Akten
-auf dem Schreibtisch und dann Bücher -- ja -- Bücher!
-
-Rasch trat sie vor die Eichenschränke und sah die Reihen auf und ab. Er
-stand hinter ihr. Plötzlich gewahrte sie das alte Bändchen Mereschkowski
-und spähte aus, ob ihr nicht da und dort wieder sein eigener Name
-entgegenspringen würde. Aber sie sah ihn nicht. Ihr Blick glitt
-schließlich unruhig ab.
-
-Er hatte die Tür zum Gang geöffnet.
-
-»Hanni!«
-
-Jetzt kam sein Kind und knickste scheu.
-
-Christiane merkte, daß es in ihr weniger die Verwandte, als die Erzieherin
-sah. Hanni war weder dem Vater noch der Mutter ähnlich, sondern mußte
-ihren Typ wohl von irgend welchen längst verschollenen Vorfahren geliehen
-haben. Es war kein angenehmer Typ. Das spröde, blonde Haar hing strähnig
-um das schmale, feste, unkindlich herbe Gesicht, der Blick der Augen war
-eng und kalt, und ebenso eng und kalt fielen die spärlichen Antworten;
-der Widerstand der kleinen Schultern, auf die Christiane ihre Hand gelegt
-hatte, war unmerklich eisenstark.
-
-Christiane sah betroffen auf und gewahrte, daß Ludwig sich abwandte. Er
-sah nach seinen Büchern hin.
-
-Jetzt pochte das Mädchen und meldete, daß die gnädige Frau zu sprechen
-sei.
-
-Ludwig führte Christiane die Treppe hinab zu Hardi. Dieses Zimmer kannte
-sie noch nicht. Die Möbel waren weich und hell und mit Rücksicht auf viel
-Liegen und viel Bequemlichkeit aufgestellt. Ein Rollstuhl fehlte nicht.
-Alles war wie im Krankenzimmer. Keine Blume, kein Buch.
-
-Hardi lag in einem dünnen, lilafarbenen Gewand auf dem Ruhebett und hob
-sich nur schwach, mit zwinkernden Lidern.
-
-»Du -- --« sagte sie.
-
-Ihr kleines Gesicht zeigte noch immer die merkwürdige Mischung von
-Pikantem und Sentimentalem. Sie sah gut aus, großäugig, fast schmachtend,
-und doch war etwas von leisem Welken an ihr, vom frühen Vergehen der
-blassen, gelblichen Resedablüten, wenn sie geschnitten sind. Sie maß die
-Schwester eine Weile und ließ dann davon ab. Ihre Augen irrten zu Ludwig
-hin, senkten sich aber gleich wieder.
-
-»Daß du dich hergewagt hast,« sagte sie halblaut, wie erstaunt.
-
-»Weshalb --?«
-
-»Weil doch ein Gewitter war.«
-
-»Ich war dabei im Walde.«
-
-Hardi zuckte und warf wieder einen Blick auf ihren Mann. Scheu zog sie ihn
-wieder weg, lachte kurz auf und sagte: »Na .. ja -- du ... Wenn ich wie
-du wäre, könnt ich's vielleicht auch .... Aber ich bin's nicht! -- --
-Christiane, weißt du noch, wie wir früher drüben am Krähenteich
-die Angler ärgerten? Ja, das waren schöne Zeiten. Dann kam ich zur
-Schmöckler --«
-
-Ihr Gesicht bekam einen finsteren Ausdruck. Die Nähe ihres Mannes schien
-sie zu bedrücken.
-
-Er stand schweigend auf und ging.
-
-Sie horchte ihm eine Weile nach. Dann legte sie den Kopf auf die Kissen.
-Ihre Haltung wurde allmählich entspannter, gelöster. Nur im Gesicht
-zuckte noch die Unruhe.
-
-»Ja, das waren schöne Zeiten ... Auch bei der Schmöckler noch ...
-anfangs. Und dann, als die Mutter mich so verwöhnte. Wie gut hab ich's da
-gehabt. Und da -- da mußte ich das tun --« sie richtete sich wieder
-auf und sah nach Christiane hin. »Was weißt du davon,« sagte sie
-verächtlich, »was ich gelitten habe!«
-
-»Gelitten,« sagte Christiane leise.
-
-»Ja, ja! -- -- Und dann erst. Dann -- als ich -- allein war.«
-
-Sie sah Christiane finster an.
-
-»Als ich allein war!«
-
-Christiane schwieg.
-
-Es war eine Pause.
-
-Hardi atmete rasch. Qualvoll vernahm Christiane diesen raschelnden,
-schlürfenden Atem.
-
-Sie ist doch wirklich krank, dachte sie.
-
-»Als du abgereist warst,« begann die junge Frau langsam wieder, »vorher
-hatte ich ihn nicht haben wollen -- jetzt hatte ich ihn nicht mehr. Und
-zurück konnte ich doch nicht. Ich hab daran gedacht. Ich hab mir den Kopf
-zergrübelt. Brief auf Briefe hab ich der Mutter geschrieben -- die hat sie
-dann alle verbrennen müssen. Aber zurück konnte ich doch nicht. Ich war
-doch einmal bei ihm. Er hatte doch nun einmal meine Jugend bekommen. Und
-da -- --« ihre Stimme wurde ganz heiser, »da -- gab ich ihm das Kind. Ja,
-das tat ich aus freiem Willen. Ich gab es ihm. Und damit habe ich ihm den
-Rest meines Lebens gegeben -- seitdem wird es nichts mehr mit mir. Kuren
-über Kuren habe ich gebraucht, bei so viel Ärzten sind wir gewesen --
-es hat alles nichts mehr genützt. Zuletzt mußte er sich von Posen weg
-versetzen lassen. Aber auch in Danzig konnte ich die Luft nicht vertragen,
-es ging und ging nicht -- da mußte ich hierher. Zur Mutter. Hier geht es
-wenigstens ...«
-
-Christiane schaute sie an.
-
-»Und -- er --?«
-
-»Wer?«
-
-»Ludwig.«
-
-Hardi lachte kurz auf.
-
-»Was denn --? Es geht ihm hier ganz gut. Es gibt genug andere, die sich
-in der häßlichen Polakei die Zähne ausbeißen können. Und auf etwas
-anderes kommt es doch nicht heraus. -- 's ist doch kein Ziel dabei. Die
-Polen verteidigen nur ihr Recht und ihre Heimat. Das tut jeder Mensch, ich
-auch. Höre Christiane ... störe mich nicht darin -- -- rege mich nicht
-auf ... du weißt ... du weißt doch genug ...«
-
-Sie brach in Schluchzen aus.
-
-»Laß mich doch nur. Ich will Ruhe haben ... bloß Ruhe haben, nichts
-weiter. Was verstehst du denn davon ... Ich bin ganz verbraucht.«
-
-Das Mädchen trat ein und gab ihr wieder Morphium.
-
-Hardi weinte noch eine Weile, dann wurde sie stiller. Zuletzt sah sie
-versöhnt zu Christiane auf.
-
-»Es war das Gewitter,« sagte sie.
-
-Das Mädchen brachte sie zu Bett, Hardi schlief ganz allein.
-
-Christiane nahm kurzen hastigen Abschied von Ludwig.
-
-Als sie durch den Garten ging, hörte sie das stuckernde, ungelenke
-Klavierspiel des Kindes.
-
- * * * * *
-
-Heute waren die Damen der Sophie-Reutterschule fast alle eine Viertelstunde
-eher gekommen.
-
-Eben trat die Oberlehrerin, Fräulein Haberkorn, in das Lehrerinnenzimmer,
-und die Unterhaltung verstummte im Augenblick.
-
-Das Fräulein war das gewohnt. Es kannte seine Kolleginnen, wie die es
-kannten.
-
-Sie konnte sie alle nicht leiden, aber am wenigsten die, die gut aussahen.
-Halb toll konnte es sie innerlich machen, wenn eine eine besonders schöne
-Bluse oder hübsche Schleife angesteckt hatte. Dann suchte und suchte sie
-unbewußt, bis sie eine Gelegenheit gefunden hatte, um sie zu ärgern.
-Sie hatte schon junge Damen aus der Schule herausgebracht, weil sie ihre
-Erscheinung nicht vertrug. Beim alten Direktor war sie neben Professor
-Diermann allmächtig gewesen.
-
-Die klugen jungen Lehrerinnen verfehlten daher nicht, sie auch in bezug auf
-Toilettesachen um ihren Rat zu fragen. Dann wurde sie am ehesten mit einem
-neuen Kleide versöhnt.
-
-Fräulein Haberkorn war mutterlos aufgewachsen, vom Vater früh ins
-Seminar gesteckt worden und hatte dann das Wanderleben gehabt, das viele
-Lehrerinnen durchmachen. Aber niemals war ihr etwas Freundliches
-begegnet. Kein bißchen Liebe war über sie hingegangen, keiner hatte sie
-gestreichelt, keiner geküßt, keinem Menschen war sie zum Leben nötig
-gewesen. Sie war in der Welt übrig.
-
-Ihr ganzer Ehrgeiz hatte sich auf ihre Laufbahn gerichtet, und sie war
-schließlich, ohne besondere Examina, so weit nach oben gekommen, wie sie
-es in der kleinen Stadt konnte. Und nun übte sie einen ständigen Druck
-auf die aus, die nach ihrer Meinung mehr hatten, als sie.
-
-Es gab welche, die sich nichts aus ihrer Ungnade machten.
-
-Da war die blonde Mai Friedlein.
-
-Sie kam erst nach der Oberlehrerin mit einem leisen Rauschen und der ganzen
-köstlichen Frische ihrer rosenroten Schönheit herein. Es hieß, sie sei
-schon dreißig Jahre, aber genau konnte man es nicht nachrechnen.
-
-Ihr hatte man es nicht an der Wiege gesungen, daß sie Schulmeisterin
-werden würde. Es kam erst mit dem Krach. Ihr Vater war Direktor einer
-großen schlesischen Aktiengesellschaft gewesen -- jetzt lag er schwerkrank
-in einem kleinen Nest in der Nähe und hatte eine Agentur. Mai war damals
-verlobt gewesen. Ihr Bräutigam war aber mit dem Krach verstrickt und ging
-nach Amerika. Von dort schickte er noch ein paar Gedichte. Sonst nichts
-mehr.
-
-Mai hoffte noch immer auf eine gute Partie.
-
-Die Lehrerin Dorette Jong war ihre vertraute Freundin und Beschützerin
-und eine zähe Gegnerin der Haberkorn. Sie war dünn und ein bißchen
-verbräunt, so daß man den Eindruck hatte, als ob sie an einem langen und
-sehr heißen Sommertag draußen vergessen worden sei. Indessen wirkte sie
-nicht unangenehm. Um ihre dunklen Finkenaugen hockten Lachfältchen.
-
-Ihre Nachbarin Fräulein Seifert war sehr dick und groß, aber von einer
-unangenehmen, klebrigen Art. Sie war sehr musterhaft und vortrefflich, und
-ihre besondere Eigenheit war, daß sie niemals fror oder schwitzte. Diese
-physiologische Merkwürdigkeit pflegte sie den jungen Anfängerinnen und
-den Schülerinnen fortwährend zur Nachahmung zu empfehlen.
-
-Jetzt huschten ihre schlauen Blicke ihrer Freundin Haberkorn entgegen,
-gespannt, was die als Morgengruß sagen würde. Die Laune der Oberlehrerin
-war immer zunächst davon abhängig, wie sie in der Nacht geschlafen hatte,
-heute aber fegte wohl noch etwas anderes darein, denn es war der erste
-Amtstag des Fräulein Doktors.
-
-Sie wußte genau, weshalb alle sie so anguckten, und lächelte süß.
-
-Huldreich nickte sie zwei kleinen Praktikantinnen entgegen, die sich
-bescheiden in der Ecke hielten, aber doch aufmerksam und heimlich
-quietschvergnügt beobachteten. Sie hießen ›die Kanarienvögel‹.
-
-»Wie frisch Sie aussehen! -- -- Ja, ja -- die Jugend --!«
-
-Die beiden Vögel hatten alte Waschblusen an.
-
-Das war nun bei Mai Friedlein nicht der Fall.
-
-Das Rauschen hatte die Haberkorn schon lange gepeinigt. Jetzt drehte sie
-sich zu ihr um und sagte mit einem Lächeln:
-
-»Ach, ich dachte wirklich, es käme ein Engel vom Himmel herabgeschwebt.«
-
-»Es ist vielleicht auch einer,« meinte die Jong trocken.
-
-Mai warf ihr einen Blick voll ergebener Selbstironie zu, der ihr sehr gut
-stand, und sagte nichts. Ihr war keine Schlagfertigkeit gegeben, wenigstens
-Damen gegenüber nicht. Da stand die Jong immer mit gesträubten Federn vor
-ihr.
-
-Die Haberkorn lachte glucksend.
-
-»Ganz recht! Ganz recht! Wie der sich nur bloß in unser dunkles
-Reutterschloß verirren konnte!«
-
-»Er hat vielleicht nur keinen Ausweg gefunden,« sagte die Jong.
-
-Fräulein Haberkorn lachte von neuem, von den Kanarienvögeln scheu
-beobachtet.
-
-»Hahaha -- das kann ich ja nicht wissen. Aber wenn es so sein sollte --
-suchen Sie nur tüchtig, Fräulein Mai -- -- ich würde Ihnen herzlich gern
-dabei helfen -- --!«
-
-»Danke, das tu ich schon,« sprach die Jong.
-
-»Wie aufopferungsvoll.«
-
-»Sie haben uns doch gestern alle Lehrerinnentugenden so schön
-vorgehalten,« meinte die Jong.
-
-Alle wußten, daß die Haberkorn keine Reden halten konnte. Es war ihre
-schwache Seite. Sie mußte vorher immer ein Brausepulver nehmen.
-
-Die Oberlehrerin begann nervös zu werden.
-
-»Was haben die Herren denn dazu gesagt?« fragte sie.
-
-»Die waren alle begeistert,« antwortete eine aufrichtige Stimme aus der
-Ecke.
-
-Das war Mielchen Mehlmann. Ein etwa fünfzigjähriges Fräulein mit einem
-Apfelgesicht, das sich offenkundig bemühte, sehr damenhaft auszusehen.
-Heute trug sie einen mächtigen schwarzen Spitzenkragen über einem neuen
-Kleide.
-
-Das gewahrten die anderen plötzlich.
-
-»Sie haben sich ja so fein gemacht, Mehlmännchen?« sagte die Jong
-gutmütig.
-
-Mai lächelte ein wenig. Das gute Fräulein ließ doch bei der Beckern im
-Probsteigäßchen arbeiten, und die machte doch alle Taillen schief! Mai
-Friedlein sah am schärfsten Toiletten und Männer.
-
-Über die anderen Gesichter flackerte es beunruhigt. Wenn es auch nur die
-Mehlmann, die Gesang- und Handarbeitslehrerin war -- besser als die anderen
-durfte sie sich nicht tragen!
-
-Sie wurde noch einmal beguckt.
-
-»Warum denn nur?« sagte die Haberkorn in merkwürdig schwingendem Tone.
-Ihre Blicke schillerten wie die der Katzen.
-
-Die gute, ehrliche Mehlmann konnte nicht lügen.
-
-»Nu, wo unser Fräulein Doktor so fein geht,« sagte sie.
-
-Jetzt hatte sie es in doppelter Weise verdorben. Die Seifert sagte mit
-ihrer ganzen Vortrefflichkeit:
-
-»Liebes Fräulein Mehlmann, auch außer dem Unterricht müssen wir uns
-einer guten Aussprache befleißigen!«
-
-Die Haberkorn nickte geringschätzig: »Ja, ja, die Provinzialismen.«
-
-Fräulein Mehlmann stammte aus dem benachbarten Neukirch. Sie war so gut
-wie vom Lande.
-
-»Nu, ich meine --« sie verbesserte sich jetzt rasch. »Ich dachte, wenn
-unser Fräulein Doktor so fein aussieht, müssen wir auch was übriges tun.
-Ich mochte ihr in der alten braunen Bluse nicht mehr begegnen.«
-
-»Hm,« machte die Seifert.
-
-Ein Schweigen ging durch die Runde. Die beiden kleinen Vögel wagten kaum
-zu atmen.
-
-Da sprang die Türe auf. Es war aber der Professor Diermann, der immer zwei
-Minuten vor Anfang kam. Neugierig lugten seine Augen voraus, dann kam er
-näher.
-
-»Morjen, morjen.« Er griente die Damen an.
-
-Zwischen ihm und den Kolleginnen galt unsichtbar auch der Satz aus der
-Bibel: ›Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe --‹, wie
-er in allen Berufen herrscht, in denen es auf eine ernstliche Konkurrenz
-hinausgeht.
-
-Professor Diermann verachtete die Kolleginnen, zunächst weil er ein
-geborener Markburger war, die alle arbeitenden Frauen geringschätzten,
-dann als Akademiker gegenüber geringwertiger Frauenbildung, dann wegen
-noch anderer Dinge. Er machte aus seiner Richtung nicht immer ein Hehl, in
-seinem Alter glaubte er Ritterlichkeit nicht mehr nötig zu haben und
--- die Damen brauchten ja nicht in die Schule zu kommen, wenn sie
-Ritterlichkeit beanspruchten.
-
-Er hatte vier Töchter, die eifrig Tennis spielten und sich dadurch noch
-Männer zu erobern hofften. Wenn nun nicht so viel Damen an der Schule
-gewesen wären, so wären eben Männer hingekommen, und damit auch wohl der
-eine oder der andere Heiratskandidat. Denn der einzige Unverheiratete im
-Reutterschloß, der behäbige Oberlehrer Dreher, war wohl nicht mehr zu
-rechnen. --
-
-In der Beziehung hatte Diermann Sorgen. Wie schwer fiel es ihm nicht, die
-Kleider für die vier herbeizuschaffen! Er mußte auf seine alten Tage
-noch Pensionäre halten, und wenn sie ihn zur Ruhe setzten -- was dann?
-Er hörte von Tag zu Tag schwerer. Ja, das knappe Gehalt für einen
-Familienvater! Und hier diese sogenannten Kolleginnen bezogen für sich
-allein so viel Geld! Wozu brauchten sie es denn? Doch nur für Putz!
-
-Er richtete einen bösen Blick auf Mai.
-
-Sie übte keine Wirkung auf ihn aus, lächelte aber so freundlich, wie sie
-gewohnt war, Männer anzulächeln. Einmal fiel es doch hoffentlich auf den
-richtigen Boden, wenn es auch auf keinen Fall der Professor Diermann sein
-sollte!
-
-»Gut geschlafen?« fragte er bissig die Oberlehrerin. »Ja, in unseren
-Jahren -- --«
-
-Er freute sich, daß er ihr einen Stich versetzt hatte. Sie gab ihn rasch
-zurück, indem sie ganz leise antwortete: »Haben Sie unser Fräulein
-Doktor schon gesehen?«
-
-Ihr wichtiges Gesicht machte ihn unruhig -- was hatte sie gesagt? Er hatte
-nichts verstanden, obwohl er ihr das beste Ohr hingehalten hatte. Rasch
-schaute er ringsum.
-
-Da rief ihm die Haberkorn laut entgegen: »Das -- Fräulein Doktor --!«
-
-Hastig fuhr er zurück und starrte zur Tür -- da stand aber nur
-Mehlmännchen, die in ihre Klasse wollte.
-
-»Hm,« sagte er nur. Sein Blick wurde eine Sekunde höhnisch. Nach einigem
-Irren traf er sich mit dem der Oberlehrerin.
-
-Jetzt läutete es.
-
-Die Glocke, ein rostiges Werk, hing unten im Erdgeschoß, durchgellte aber
-alle Räume wie ein Feuersignal.
-
-Sie eilten alle hinaus. Der Professor warf dabei noch einen unzufriedenen
-Blick auf Mai. Keine von seinen Töchtern war so hübsch!
-
-Ei -- da stand ja das Fräulein Doktor!
-
-Der Alte hatte es noch nie so eilig gehabt. Er riß sich in allen Knochen
-zusammen und bedachte nicht, daß er es vor einem männlichen Chef
-wahrscheinlich ebenso getan hätte, so lange ihm noch an seinem Amt gelegen
-war.
-
-Aber Christiane sah doch, wie es um ihn stand. Ein ganzes Schulmeisterleben
-zog an ihr vorüber: ein bißchen zahme Jugend, dann Schaffen, Sorgen,
-Schaffen. Gleichmaß. Schritt auf Schritt. Und auf einmal die Senkung des
-Weges, das hilflose Verfallen ins Alter hinein. Die Pensionierung.
-
-Ja, geschah es einem anderen anders? Geschah es ihr einmal anders? Ihre
-Wimpern zuckten scheu. An alles Anfangen schloß sich ein Aufhören. An
-jeden Sieg, wie er auch aussah, wie heiß er war, wie mühsam errungen,
-schloß sich die Stunde, in der die Waffen abgegeben werden mußten. Alle
-Waffen und aller Schmuck.
-
-Sie wandte sich.
-
-Da stand jemand.
-
-»Sie wünschen mich zu sprechen?«
-
-Da erkannte sie erst die kleine Wehrendorf.
-
-Ein Schreck lief ihr durchs Herz.
-
-»Du --« sagte sie.
-
-Es war noch immer das alte Pechkind, über das die jungen Damen im
-Erziehungskasten so gelacht hatten. Es mußten noch manche andere über
-das Mädchen gelacht haben, so arm stand es da, so scheu, so still. Das
-Gesicht, das nie hübsch gewesen war, war jetzt alt, sehr, sehr alt,
-verblichen und geschrumpft.
-
-Schweigsam folgte sie Christiane in das Arbeitszimmer, matt sah sie zur
-›eisernen Wehr‹ auf, hastig drehten ihre Finger den Briefumschlag, den
-sie mitgebracht hatte. Sie wagte sich kaum zu setzen.
-
-»Du möchtest hier am Reutterschloß unterrichten?«
-
-»Die Damen haben mir den Rat gegeben,« flüsterte die Wehrendorf, »ich
-sollte ... ich weiß ja nicht ...«
-
-Christiane griff nach den Papieren.
-
-»Zuletzt erzogst du meine kleine Nichte -- --?«
-
-»Ein Jahr,« antwortete die Wehrendorf. Sie vermied jede direkte
-Ansprache, denn sie wußte nicht, ob sie das Fräulein Doktor noch so
-anreden durfte, wie die sie. »Ich habe schon viele Stellungen gehabt.«
-
-»Wo warst du überall?«
-
-»Damals aus der Schweiz ging ich nach der Lüneburger Heide. Dann --« Ada
-suchte in ihrem Gedächtnis. »Dann ging ich nach dem Rhein. Nach Mainz.«
-
-»Nach Mainz,« sagte Christiane.
-
-»Da hab ich es sehr gut gehabt. Ich wär so gern geblieben, die Leute
-haben mich auch gemocht. Und die Kinder erst -- Schön war's --! Aber da
-wurde ich krank.« Ihre Blicke flirrten.
-
-»Was fehlte dir?«
-
-»Die Nerven,« murmelte Ada, »und ein bißchen an der Lunge.
-Erschöpfung. Danach wurde ich Erzieherin in einer Anstalt für
-verwahrloste Mädchen.« Sie schauderte ein wenig. »Das war schwer. Sehr
-schwer. Da ging ich --« sie ließ plötzlich die Hände sinken, »ach, ich
-weiß es nicht mehr auswendig, es war so viel. Ich hab kein Glück gehabt.
-Ich hab kein Glück gehabt.«
-
-In ihren Augen brannte eine verzehrende Angst.
-
-»Und ich habe doch immer so gern gearbeitet,« sagte sie. Christiane
-schlug die Papiere auseinander. Vor allem suchte sie das Zeugnis heraus,
-das Ludwig geschrieben hatte. Es sagte gar nichts. Er hat ihr nicht den
-Weg verlegen wollen, dachte sie und durchblätterte die anderen Bogen --
-so hatten die übrigen auch gedacht! Doch -- da auf dem einen stand:
-›Körperlich sehr wenig geeignet.‹
-
-Sie sah das schmächtige Mädchen wieder an.
-
-»Hast du niemals an einen anderen Beruf gedacht?«
-
-»Umsatteln?« fragte die Wehrendorf erschrocken, »das kann ich ja gar
-nicht! Wie denn? Was denn? Ich mag doch nichts anderes -- ich passe zu
-nichts anderem -- die Kinder immer um mich zu haben -- o, das ist schön!
-Ich mag die Kinder so gern! Es war mir so schrecklich, daß ich immer
-wieder aussetzen mußte!«
-
-Sie senkte das Gesicht.
-
-Christiane überlegte. An der Schule war noch die Stelle des Akademikers
-unbesetzt, der abgegangen war, als ihre Ernennung bekannt wurde. An Herren
-waren außer dem Professor nur der kleine Oberlehrer Doktor Korn, der
-Junggeselle Dreher und der blonde Zeichenlehrer da, von dem es hieß, daß
-er ein verunglückter Künstler sei. Alle Kräfte waren sehr überlastet.
-Man konnte die Wehrendorf vielleicht versuchsweise eintreten lassen. Aber
-Christiane wußte zugleich, daß sie damit eine Verantwortung übernahm.
-
-Sie legte die Papiere zusammen. »Ich kann dir jetzt noch keinen Bescheid
-geben. Morgen sollst du wissen, ob du Aussichten hast.«
-
-Die Wehrendorf stand auf.
-
-»Wo wohnst du?«
-
-»Im christlichen Hospiz.«
-
-Das Mädchen verneigte sich. Christiane drückte ihr die Hand. Ada ging zur
-Tür.
-
-Da sah Christiane etwas Merkwürdiges. Es war nur eine Schulterneigung,
-eine einzige, geringe Haltungsveränderung. Aber sie sagte: bis morgen
-ertrage ich es nicht mehr. Es kommt auch nichts. Es wird auch nichts.
--- -- -- Es soll zu Ende sein.
-
-Sie eilte ihr nach.
-
-Es rief in ihr: hilf ihr! Hilf einer Schiffbrüchigen, einer der ärmsten
-unter den Frauen, einer, der nach Schaffen hungert und der es nicht gegeben
-wird. Gib ihr einen sanften Platz, einen Anfang -- dann wird sie sich schon
-hineinfinden. Sie bringt alle Liebe mit. Nimm es auf dich, auch einmal
-gegen deine Pflicht zu handeln.
-
-»Da,« sagte sie zu Ada, »bring deine Papiere dem Patronat. Dem
-Präsidenten. Ich will heute noch selber mit ihm sprechen. Dann wird es.
-Hörst du? Es wird.«
-
-Die Wehrendorf sagte gar nichts. Sie sah sie nur mit erloschenen Augen an.
-
-»Und geh zu meiner Mutter. Am Stieglitzberg 2. Du wirst schon finden.
-Sage, ich schickte dich. Nimm deine Sachen mit, sie wird dir einstweilen
-ein Unterkommen geben. Ja, ja, ich meine es im Ernst. Es wird schon werden,
-fasse nur wieder Mut. Wir werden dir schon helfen. Du kannst vielleicht
-immer da wohnen bleiben, das heißt, wenn es dir späterhin gefällt --«
-
-»Es wird mir -- schon gefallen,« sprach die Wehrendorf.
-
-Sie faßte nach Christianens Hand.
-
-Es war der dumpfe Blick eines geretteten Tieres.
-
-Sie ging -- -- --
-
-Nachher winkte Christiane sich das Fräulein Jong heran, in dessen
-Abteilung die kleine Hanni Cöldt heute eingetreten war, und befragte sie
-wegen ihrer Nichte.
-
-Die Finkenaugen des Fräuleins kniffen sich ein bißchen.
-
-Sie zauderte eine Sekunde.
-
-Dann sprach sie offen: »Es scheint ein sonderbares Kind zu sein. Sehr
-hart, sehr einsam. Und sehr zurück und sehr gleichgültig im Lernen. Na,
-wir wollen abwarten.«
-
-Nachmittags ging Christiane zum Präsidenten. Der empfing sie sofort. Er
-trug einen uralten Namen, der an Landsknechtslieder und verbrannte Städte
-erinnerte, und irgend etwas war an ihm, das ihr nicht unsympathisch war.
-Überhaupt hatte sie in ihrer ganzen bisherigen Laufbahn selten einen
-Widerstand auf männlicher Seite gefunden, ihre bittersten Gegner waren
-immer nur die Frauen gewesen.
-
-»Ich hoffe, daß gnädiges Fräulein -- pardon, Fräulein Doktor, sich
-in Markburg eingewöhnen werden. Wir reiten Schnitzeljagden, haben einen
-Kunstverein und einen Regierungsball --«
-
-»Die Markburger Kunst werde ich mir ansehen,« antwortete sie, »die
-Schnitzeljagden sind für mich vorbei.«
-
-Rasch kam sie auf ihr Thema.
-
-Der Präsident erhob keinen Widerstand.
-
-Er war ein Fünfziger. Seine Frau, eine Wandlenburg, war eine Zeitlang
-Christianens Schulkameradin gewesen und vor einigen Jahren verstorben. Die
-Söhne besuchten die Ritterakademie.
-
-Seine schwarzen Augen maßen sie aufmerksam.
-
-Sie sprachen von mancherlei und kamen wieder auf die Reutterschule zurück.
-»Der gute Diermann wird schon recht alt,« sagte der Präsident.
-
-»Ich fürchte, es wird nicht mehr lange mit ihm gehen,« erwiderte
-Christiane, »sein Gehör ist nur noch sehr schwach.«
-
-»Hm,« machte der Präsident. »Wir müssen nun allerdings bedenken,
-daß wir erst kürzlich einen sehr tüchtigen Mitarbeiter an der Anstalt
-verloren haben -- deshalb bleibt uns nichts anderes übrig, als das noch
-Vorhandene so gut wie möglich festzuhalten.«
-
-Sie begann lebhaft von ihrem Plan, der Ausgestaltung der Reutterschule,
-aber er streckte die schmale weiße Hand ein wenig aus: »Zunächst wollen
-wir Sie noch gar nicht mit solchen Dingen behelligen, Fräulein Doktor,«
-sagte er liebenswürdig.
-
-Zum ersten Mal spürte sie an diesem verbindlichen Weltmann eine Spur
-Mißtrauen. Wir haben dir ja den Willen getan, aber -- aber -- -- --
-
-Sie lächelte in sich hinein. Was dachte er? Woher kam das auf einmal? War
-das die Kleinstadt? Sie lächelte wieder.
-
-Wißt ihr denn nicht, daß meine Hände eisenstark sind und eisenstark sein
-müssen? Denn was hätte ich sonst, wenn ich mein Werk losließe --?
-
-Ich will schaffen!
-
- * * * * *
-
-Sie ging nach dem Stieglitzberg. Die Straße lag am Stadtpark und hatte die
-Aussicht ins Grüne. Grade gegenüber dem Hause Nummer zwei war die große
-Fontäne, der Stolz der Stadt. Sie sprang, wenn es viel Wasser gab. Das
-Haus war einer der in Markburg üblichen stuckreichen Maurermeisterbauten
-und nicht mehr ganz neu.
-
-Im ersten Stock war das Türschild: ›Verw. Frau Hauptmann Dorreyter, geb.
-Freiin von Rhane.‹
-
-Die Mutter hatte es in den ersten Zeiten anfertigen lassen, als die Pension
-noch nicht so gut ging. Um einen Anziehungspunkt zu haben, nicht, um etwas
-Besonderes vorzustellen. Denn sie war nie etwas Besonderes gewesen, auch
-in ihrer Jugend nicht. Es hatte nicht in ihr gelegen, so schön sie auch
-gewesen war. Das große Feuer des Blutes, das wilde Begehren ans Leben,
-jedes Wagen hatte ihr gefehlt. Das sich zum Glück selber Berufenkönnen.
-Wie es Hardi fehlte. Darum waren alle goldenen Äpfel, die das Schicksal
-ihr etwa hätte reichen können, an ihr vorbei in den Staub gerollt. Darum
-war sie Frau Dorreyter geworden und hatte alle Not gekostet. Jetzt ging
-die Pension recht gut. Die Tischwäsche mit der Krone aber war längst
-verschlissen und durch solche aus dem Warenhause ersetzt. Aus der
-›weißen Woche‹.
-
-Christiane hatte manchmal gedacht: wie gut ist es, daß ich niemals ein
-Kind haben werde. Ich könnte es nicht ertragen, wenn es anders würde als
-ich. Wenn es -- zurücktauchte.
-
-Jetzt aber hatte sie an Hanni Cöldt gesehen, daß es noch viel
-wunderlichere und sonderbarere Dinge gibt als ein einfaches Zurückgleiten
-der Generationen.
-
-Die Mutter öffnete selbst. Sie hatte ein Staubtuch in der Hand. In
-einem der Zimmer, dessen Inhaberin grade nicht da war, wurde Reinmachen
-abgehalten. Frau Dorreyter hatte Christiane vor vier Tagen bei der Ankunft
-begrüßt und ihr dann ein wenig beim Einzug ins Reutterschloß geholfen,
-hierauf war sie gleich wieder in ihre Pension zurückgeeilt, denn die gab
-zu tun.
-
-»Warst du bei Hardi?« fragte sie gleich eifrig. »Wie fandst du sie?«
-
-»Nervös, wie immer.«
-
-»Sie ist sehr krank. Hättest du sie nur gesehen, wie ich sie gesehen
-habe! Die ganze Heirat war eine Torheit. Wäre sie nur bei mir! Nur die
-allergrößte Schonung kann ihr Leben erhalten --!«
-
-Christiane zuckte die Achseln.
-
-Frau Dorreyter öffnete die Tür zu ihrem Wohnzimmer, das zugleich
-allgemeines Eßzimmer war. Sie schlief auch darin. Abends wurde das Sofa
-für sie zurechtgemacht, und sie lag darauf besser, als in irgend einem
-Bett. Sie war es gewohnt. Früh, ganz zeitig, stand sie auf.
-
-Jetzt war alles tadellos aufgeräumt. Auf dem Büfett lagen die
-aneinandergereihten Serviettenröllchen der Damen neben einem blanken
-Nickelkaffeegeschirr.
-
-Auf dem Tisch stand noch eine Kanne mit dem Wärmer.
-
-»Das ist für die Friedlein und die Kanarienvögel. Die sind ausgegangen.
-Ich glaube --« ihr Gesicht wurde besorgt, »die Friedlein hat wieder
-eine ... Aussicht.«
-
-Christiane lächelte. »Gönn's ihr doch!«
-
-»Aber sie hat es doch so gut! Das schöne Gehalt -- keine Sorgen -- wenn
-ich es nur so gehabt hätte!«
-
-»Dann will sie es eben -- schlechter haben,« sagte Christiane.
-
-»Du lachst! Ich habe es der Mai neulich ernstlich vorgestellt. Etwas
-Besseres als ihre Freiheit hat sie doch nicht. Sie hat es sich angehört
-und ist dann gegangen und hat sich einen neuen Hut gekauft!«
-
-Christiane zog die Mutter auf das Sofa. »Hör zu: Du bekommst heute einen
-Gast! Schreib ihn auf meine Rechnung, denn nehmen mußt du ihn!«
-
-»Um Gottes willen -- wen denn?«
-
-»Die Wehrendorf.«
-
-»Ach herrje, ich kann sie doch nicht in die Speisekammer stecken. Es ist
-wirklich kein Raum mehr frei.«
-
-»Es geht doch,« beharrte Christiane, »sie braucht jemand wie dich --«
-
-Frau Dorreyters herbes Gesicht erhellte sich. In der Arbeit in der Pension
-hatte sie endlich die Befriedigung ihres Lebens gefunden. Soweit Hardi ihr
-Interesse nicht in Anspruch nahm, gehörte es den Berufsdamen.
-
-»Wie lange ist sie doch von Cöldts fort?« fragte Christiane.
-
-»Vor den Ferien war es. Also seit fünf Wochen.«
-
-»Und seitdem hat sie im Hospiz gelebt. Vermutlich hat sie kaum noch
-Geld.«
-
-»So sah sie aus. Ich hab sie manchmal drüben im Stadtpark gesehen und
-dachte immerzu: die geht noch in den Teich. Darum hab ich Hardi gebeten,
-daß sie noch irgendwie für sie sorgt.«
-
-»Die Vereinsdamen sprachen mir von ihr.«
-
-»Ja, ja. Unter den Mitgliedern mag vielleicht noch die eine oder andere
-sein, die ihre Eltern gekannt hat. -- Weißt du, ich will sie bei der Jong
-einquartieren und aufs Sofa betten. Die erlaubt das gern. Wir wollen mal zu
-ihr gehen, was meinst du?«
-
-»Wer wohnt denn alles bei dir?« fragte Christiane.
-
-»Außer dem Fräulein Seifert alle Damen vom Reutterschloß. Ich komme mit
-ihnen aus.«
-
-Auf dem Flur, auf dem die Mangel und ein paar Fahrräder standen,
-flüsterte die Mutter plötzlich: »Du, wir klopfen besser erst bei der
-Haberkorn. Denn wenn du zur Jong gehst und nicht erst zu ihr, so nimmt sie
-das übel.«
-
-»Wie furchtbar.« Christiane lachte.
-
-Aber in dem Augenblick geschah es doch anders.
-
-Fräulein Mehlmann öffnete ihre Tür, noch den roten Schein eines
-ausgedehnten Nachmittagsschläfchens auf den Wangen und erstrahlte in
-Seligkeit und Respekt, als sie Christiane gewahrte.
-
-»Ach, Fräulein Doktor, ne -- ne« -- sie unterbrach sich hastig -- »ich
-wollte nur sagen, das freut mich aber -- jetzt müssen Sie doch bei mir
-eintreten, nur auf ein Augenblickchen, ein einziges Augenblickchen --!«
-
-Sie kam hinter den beiden in das große Zimmer zurück und zuckte
-erschrocken: »Wirst du wohl! Verzeihen Sie nur -- da ist wieder das dumme
-Tier, der Kater, hereingekommen --«
-
-Auf dem gepolsterten grünbezogenen Ohrenstuhl richtete sich ein riesiges
-schwarzes Katzentier auf und sprang mit einem Satz auf den Blumenteppich.
-
-»Marsch -- marsch -- fort --.« Fräulein Mehlmann jagte ihn aufgeregt aus
-der Tür.
-
-»Sie haben hier Ihre eigenen Sachen?« fragte Christiane, die sich
-umgesehen hatte.
-
-»Ja, ja, die von zu Hause. Ich habe nur die leeren Stuben gemietet. Ich
-könnte ja auch allein wohnen, aber dann ist mir zu bange. Hier hat man
-doch immer eine Ansprache, wenn man sie haben will ...« Sie blickte
-Christiane glücklich an.
-
-»Vor zwanzig Jahren sind Sie noch meine Schülerin gewesen ... wissen Sie
-noch ...?«
-
-»Ich weiß es noch,« lächelte Christiane.
-
-»Ne, daß es nu so gekommen ist ...! Aber gestickt haben Sie immer fein.
-Immer die besten Kanten!«
-
-»Ich kann's nicht mehr,« sagte Christiane.
-
-Das Fräulein riß die Augen auf. »Gar nicht? Ach, Sie scherzen, Fräulein
-Doktor ...«
-
-»Durchaus nicht, Fräulein Mehlmann.«
-
-Die Handarbeitslehrerin wußte nicht, was sie sagen sollte. Sie
-schnüffelte ängstlich. »Ach, ich weiß nicht ... riecht es hier nicht
-ein bißchen nach Katzen? Es ist ein Schabernack mit dem Tier. Es kommt
-immer über den Balkon zu mir.«
-
-»Wem gehört es denn?«
-
-»Dem Fräulein Jong,« sagte die Mutter. »Aber eigentlich wird er von
-allen Damen gleich verwöhnt. Nur Mai gibt ihm manchmal einen Schub.«
-
-Fräulein Mehlmann stand verlegen auf. »Ach, ich weiß schon, was das
-schwarze Vieh bei mir so anzieht ...«
-
-Wichtig öffnete sie einen gelben Kirschbaumschrank, in dem man Kleider
-vermutete.
-
-Darinnen lagen aber auf sauber gezacktem Papier Schinken und
-Würste, Kuchen und Plätzchen, Tütchen und Schachteln, Obst- und
-Marmeladebüchsen.
-
-Fräulein Mehlmann griff hastig etwas heraus, roch daran, zog die Nase
-kraus und murmelte: »Das muß bald gegessen werden ...«
-
-Dann wandte sie sich an Christiane:
-
-»Sie sehen, das ist meine Speisekammer. Ich muß das haben und hab' mir
-deshalb auch den großen Ofen setzen lassen. Wenn ich aus der Schule komme,
-probiere ich mal das, mal dies -- ich will ja der ausgezeichneten Küche
-der Frau Hauptmann durchaus nicht zunahe treten, aber am besten schmeckt
-halt, was man sich selber gekocht hat ... Ich kann nicht anders: Ich
-muß wenigstens dann und wann wirtschaften! Möchten Sie nicht meine
-selbstgebackenen Knusperchen probieren, Fräulein Doktor --?«
-
-»Und hier« -- mit einem Ruck griff sie ganz tief in den Schrank -- »hier
-ist noch etwas Besseres ... ein Likörchen! Selbstgemacht, ja, natürlich!
-Noch nach dem Rezept von zu Hause! Ein Schlückchen ... ja ...? Was, Sie
-danken, Fräulein Doktor? Gar nichts wollen Sie annehmen? Ein Schlückchen
-doch wenigstens ... die anderen Damen nehmen es so gern -- Wenn Sie nur
-hören könnten, wie die es immer loben ... Na, denn ein andermal ...
-andermal, gewiß, nicht wahr -- --?«
-
-Christiane beruhigte sie und stand auf.
-
-Wie war das hier so warm und familienhaft!
-
-»Wirklich kein Likörchen?« bettelte das Fräulein noch einmal.
-
-Sie mußte zusehen, daß die Damen ohne Stärkung gingen.
-
-Draußen flüsterte die Mutter: »Nun schnell zur Haberkorn -- die hat doch
-schon sicher was gemerkt.«
-
-Als die Tür aufging, fiel Christianens Blick sofort wieder auf den Kater.
-Er stand mit fröhlich gehobenem Schwanz inmitten eines blanken, kahlen
-Fußbodens und leckte sich die Lippen.
-
-Die Oberlehrerin schien doch etwas zusammenzufahren.
-
-»Ach,« sagte sie ärgerlich, »verzeihen Sie nur, das Tier hat sich
-hierher verirrt -- ich pflege es sonst nicht. Mir bleibt keine Zeit dazu.«
-Sie deutete auf ihren Schreibtisch. »Gegenwärtig bin ich mit einer
-Geschichte der Sophie-Reutterschule beschäftigt ... fürs Jubiläum im
-nächsten Jahr.« Sie ging an die Tür und jagte den Kater hinaus.
-
-»Marsch, marsch -- --«
-
-Das Tier quietschte leise auf.
-
-»Ja, also das fünfzigjährige Jubiläum,« sprach sie zurückkehrend,
-während sie Christiane ins Gesicht sah und jeden Zug in ihm und jede Falte
-ihres Kleides studierte, »wir werden doch eine große Feier veranstalten
-müssen. Mit Herrn Professor Diermann habe ich neulich schon über das
-Programm gesprochen. -- Ich meine -- -- vor den Ferien,« setzte sie rasch
-hinzu.
-
-Christiane sagte nicht viel.
-
-Sie las in den Augen das wehrhafte Unterlegensein, die echte
-Frauenfeindschaft.
-
-Der Raum war der beste der ganzen Etage, denn die Fenster gingen nach
-dem Springbrunnen hinaus, und der grüne Rasen schien herein. Christiane
-erkannte die wertvollsten Sachen ihrer Mutter, die noch Rhaneschen
-Stempel trugen, aber sie waren nüchtern gestellt und hatten durch viele
-Nippsachen, Bilder und scharfgelbe Gardinen einen kleinbürgerlichen
-Anstrich erhalten.
-
-Keine Phantasie, dachte Christiane, kulturlos, ganz kulturlos.
-
-Gleich nebenan war das Zimmer des Fräulein Dorette Jong, das letzte
-auf dieser Seite der Etage. Ein bescheidener Raum mit geringeren,
-verbrauchteren Möbeln, aber mit einer Unmenge von Blumen und Büchern.
-Nicht nur das Handwerkszeug, sondern eigene Bücher, gelesen, gekannt,
-zärtlich gestellt, Reihe an Reihe. Rechts ein Bord, links ein Bord
-und über dem Sofa noch ein vollgepacktes Brettchen, an ganz dünnen
-Drahtfäden hängend. Es sah ängstlich aus.
-
-Die Lehrerin hatte den Kater im Arm.
-
-»Er ist bange,« sagte sie nach unbefangener Begrüßung, »was hat er
-denn erlebt? Wie seine Augen ausschauen, wie seltsam der unbekümmerte
-Raubtierausdruck mit einem Schrecken, ich möchte fast sagen, mit einer
-seelischen Enttäuschung kämpft --«
-
-Frau Dorreyter lachte. »Verwöhnen Sie das Tier nur nicht gar zu sehr! Was
-haben Sie davon!«
-
-»Es ist uns gleich,« sprach Fräulein Jong ruhig.
-
-Sie hob es ein wenig hoch. Es war fast wie eine zärtliche kundige
-Mutterbewegung, aber es glänzte auch etwas Selbstironie in den
-Finkenaugen.
-
-»Ich bin halt nicht so modern,« sagte sie.
-
-»Vielleicht sind wir das alle nicht,« sprach Christiane.
-
-»Aber es gibt solche, die schon als alte Jungfern auf die Welt kommen,«
-erwiderte die Jong. »Ich gehör dazu. Als kleines Mädel hab ich mich
-immer nur gewundert, daß ich jung bin. Als ich dann unversehens ins
-dreißigste Jahr rückte, dacht ich: nun hast du's ja. Nun kannst du dir
-ruhig deine Katze anschaffen und die Blumen ...« Sie deutete zum Fenster.
-»Frau Hauptmann schilt wohl immer über den vielen Kram beim Reinemachen,
-aber ich bringe sie doch nicht weg.«
-
-Christiane sagte ruhig: »Es ist doch nicht Ihr Einziges.«
-
-Die Jong guckte jäh.
-
-»Ach, die Bücher,« sprach sie langsam, »ja, deswegen bin ich mein
-ganzes Leben gefoppt worden. Aber sie sind doch nun mal meine Leidenschaft,
-und ich muß immer welche haben, und morgens in der Schule denk ich schon
-immer daran, was für ein Glück mich zu Hause wieder erwartet.« Sie sah
-vor sich hin.
-
-»Wenn die anderen Sie nicht mit ihren vielen Wünschen stören,« sagte
-Frau Dorreyter, »die Mai oder Ihre anderen Schützlinge.«
-
-»Das gehört dazu,« erwiderte die Jong.
-
-Frau Dorreyter hielt es jetzt für an der Zeit, mit ihrer Bitte
-herauszurücken, und das Fräulein war gleich dabei.
-
-»Gewiß behalt ich sie. Das stört mich gar nicht. Hier auf dem Sofa kann
-sie schlafen. Nur die Bücher muß ich vom Bord nehmen, sonst fallen sie
-ihr schließlich noch auf den Kopf.« Sie lachte.
-
-Da klingelte es an der Korridortür.
-
-»Das wird sie sein,« sprach Frau Dorreyter.
-
-Klein und ängstlich trat die Wehrendorf ein. Die Kartons, die ihre Habe
-enthielten, hatte sie draußen auf dem Flur gelassen.
-
-Sie war sehr verlegen.
-
-»Immer Courage,« sagte die Jong, »vor mir brauchen Sie sich nicht zu
-genieren, wir sind ja Kolleginnen, da hilft doch mal eine der anderen.
-Und später rücken Sie hier ganz in unseren hohen Kreis ein -- in den der
-Damen vom Reutterschloß!«
-
-»Wenn es nur würde,« sprach die Wehrendorf.
-
-»Es wird schon. Nur immer Mut. Es stört Sie doch nicht, daß Sie noch
-keine eigene Stube haben?«
-
-Ada hob nur die Schultern. Leise sagte sie: »Ich hätte dort im Hospiz
-morgen ... nicht mehr wohnen können.«
-
-»Sie armes Tier. Na, das ist keine Beleidigung, mir sind die Tiere so gut
-wie die Menschen. Kommen Sie, wir wollen auspacken!«
-
-Frau Dorreyter eilte hinaus, um Kaffee zu holen, und Christiane folgte ihr.
-
-Auf dem Gang begegneten ihr Mai Friedlein und die Kanarienvögel, die eben
-heimkamen. Die prangende Schönheit Mais bestürzte sie wieder wie beim
-ersten Anblick -- die gehörte nicht vor Schulbänke, sondern in seidene
-Kleider und in heiße Hände, zu Liebe und Verlangen! Das war die Eva aller
-Zeiten.
-
-Während des Gesprächs wurde ihr Urteil kühler -- viel Temperament und
-Intelligenz schien nicht vorhanden. Flüchtig sah sie in Mais Zimmer, einen
-überputzten, hellen Mädchenraum mit dem Geruch von Parfüm und gebrannten
-Haaren.
-
-Die Kanarienvögel hausten dagegen in einem engen Hofkämmerchen, dessen
-einziger Schmuck ein großes Plakat über den Betten war: ›Mensch,
-ärgere dich nicht!‹ Auf dem Tisch stand eine Schachtel Schokolade.
-
-Als Christiane nachher heimging, hatte sie neben dem Eindruck ihres seltsam
-verwandelten und belebten Jugendheims das Gefühl, ihre Mitarbeiterinnen an
-dem Nachmittag ganz gut kennen gelernt zu haben.
-
- * * * * *
-
-Es war nach einem Abendessen beim Regierungsrat von Cöldt.
-
-Der Kreis war nur klein, denn große Gesellschaften gaben Cöldts nicht,
-nur das Allernotwendigste, denn die Hausfrau war zu leidend.
-
-Übrigens sah sie an dem Abend sehr gut aus, oder sah sie abends
-immer besser aus? Es war viel Reiz an ihr, etwas gradezu sentimental
-Schmachtendes. Und doch wußte man in der Stadt, daß sie
-nicht schmachtete, oben und unten wußte man's; oben durch ihre
-Frauenvereinsdamen, unten durch die Dienstboten. Schon manches hübsche
-Mädel, das im Hause gewesen war, hatte dem schlanken Hausherrn mitleidig
-und verlangend nachgeguckt.
-
-Er hatte jetzt eine merkwürdig stille, verschlossene Art, und grade
-die widerstrebte Christiane plötzlich an ihm. Absichtlich, um ihn
-aufzuscheuchen, um zu forschen, brachte sie die Rede auf die Ostmark.
-
-Sie saßen im Salon. Herren und Damen waren nach Tische nicht getrennt
-worden, aber es hatte sich in dem großen Raume von selbst eine gewisse
-Schiebung vollzogen: links mehr das männliche, rechts fast nur das
-weibliche Element. Christiane saß bei den Herren.
-
-Der Präsident war auch anwesend.
-
-Sonst fiel ihr nur der Assessor Wratislaw von Wratislawski auf, trotz
-seines Namens ein Deutscher, von großer Rassenhäßlichkeit. Er
-hatte einen Doggenkopf, der durch die Korpsstudentenspuren und das
-Lebemannsdasein fast gefährlich ausdrucksvoll geworden war. Seine
-Sprechweise störte; er redete so zart meckernd, daß man unwillkürlich
-glaubte, er hätte noch eine andere in der Tasche, wie etwa ein
-zweites Paar Handschuhe. Seine Blicke waren heimlich über Christiane
-hingeschossen, aber sie war nicht nach seinem Geschmack. Er sollte
-allerhand Verhältnisse in Bürgerkreisen haben.
-
-Der Assessor, der auch im Posenschen bekannt war, horchte bei Christianens
-Worten auf und meinte, die Sache ginge jetzt ja gut voran. Er sei vor
-einiger Zeit mal wieder durch Posen gekommen und hätte nur immer
-gestaunt, wie sich alles verwandelt habe. Überall neue Häuser und
-Großstadtstraßen! Alles ganz preußisch!
-
-Ludwig sah auf.
-
-»Ein paar gute Bauten mögen hinzugekommen sein, aber in der Hauptsache
-sind es doch Mietskasernen. Wälle und Bäume sind fort, dafür steht ein
-kleiner Ring Deutschtum mitten im Polnischen.«
-
-Sie schaute ihn an.
-
-»Es ist also noch nichts gewonnen?«
-
-»Nichts,« sagte er.
-
-Sie sann und sah wieder die Wälle und Bäume, die wilden Kirchhöfe. Sie
-sah das Sonnengold hinter dem Dom stehen und sah die unendliche Ebene.
-
-Die Bäume und Wälle hatte man entfernt. Aber die polnische Ebene war
-geblieben.
-
-Sie blickte Ludwig wieder an und wartete auf eine Äußerung, die ihr
-verriet, daß er mit der Sache noch immer nicht ganz fertig war, sondern
-daß seine Gedanken noch immer darum spielten, daß seine Hände heimlich
-nach dem alten Werk griffen.
-
-Aber er sagte nichts mehr.
-
-Sein Blick glitt zerstreut durch den Raum, um sich sofort voll
-verbindlicher Aufmerksamkeit auf den Präsidenten zu richten.
-
-Auch die übrigen sprachen längst von etwas Anderem.
-
-Christiane merkte, daß sie nicht mehr in diesen Kreis paßte.
-
-Sie sprach nur flüchtig mit, aber ihre Blicke glitten umher, und alles in
-ihr spannte sich in hellsichtiger Menschenbeobachtung.
-
-Sie erkannte wieder, wie gering die Schicht Bildung auch bei den Menschen
-ist, die sich doch zu den Oberen zählen. Mit welch eng begrenztem
-geistigem Weidegebiet sich die meisten begnügen, wie unendlich bescheiden
-in dieser Richtung die sonst so Unbescheidenen sind.
-
-Sie empfand wieder, daß geistige Kultur in der Gegenwart etwas ganz
-Seltenes ist, die nur eine mäßige Zahl besitzt, während Tausende in
-dumpfem Jammer vergeblich danach tasten und die große Mehrheit ganz gut
-ohne sie fertig wird.
-
-Ironisch horchte sie auf Flugergebnisse, die eben berichtet wurden, und
-dachte: ja, das ist etwas, das auch vom engsten Weideplatz aus begriffen
-wird. Aber daß es noch anderes gibt, immer gegeben hat, daß unendliche
-Massen geistigen Schaffens längst vorhanden sind, das wissen und brauchen
-die Vielen weder für ihr Leben noch für ihren Tod.
-
-Daß grade Ludwig trotz seiner Erziehung in seinem Denken nicht einseitig
-war, sondern alle Dinge und Gedanken des Lebens suchend und blitzend
-umfaßte, daß man bei ihm nie an die sperrende Hürde kam, hatte sie
-früher, wenn auch anfangs mehr unbewußt, am meisten gepackt. Er war ein
-Aristokrat der Kultur.
-
-Jetzt konnte er nicht anders geworden sein und war es auch nicht. Aber
-nach außen war es verkapselt, auch ihr gegenüber, so daß sie wieder und
-wieder ins Irren kam -- -- Nach dem Schaffen hin war er verkapselt, stummer
-regloser, gleichgültiger, und nach der Kleinstadt hin hatte er sich
-geöffnet -- --
-
-Er war glatt geworden, sehr glatt.
-
-Die Unterhaltung mit dem Chef plätscherte -- Jagd oder wovon redeten sie
-sonst? Sie mußten ausgezeichnet harmonieren. Christiane erschien der Herr
-mit dem uralten Namen plötzlich als ein rechter Spießer.
-
-Der Assessor von Wratislawski stand leise auf und pirschte sich sacht nach
-der weiblichen Seite hinüber, wo die Unterhaltung kürzeren Wellenschlag
-hatte. Die Frau Geheimrat Meckebier hörte man aus allem heraus.
-
-Christianens Gedanken strömten unwillkürlich zu ihrer Arbeit hin, was ihr
-sonst in geistvollem Kreise selten geschah. Im Gegenteil konnte sie sie oft
-kräftig vergessen.
-
-»Ach, Fräulein Doktor, wie macht sich meine Jüngste?« Frau Colb
-rauschte zu ihr heran, der Titel wollte nicht so recht über ihre Zunge;
-sie quetschte ihn. »Es freut uns sehr, daß Sie hier sind, wir rechnen
-ganz besonders auf gute Mitarbeiterschaft.« Sie setzte sich neben sie.
-»Das war Ihnen doch wohl eine kleine Überraschung, daß in der Heimat
-inzwischen auch moderne Frauen entstanden waren --? Ich nehme an, daß Sie
-von unserem Verein gehört haben. Meine Nichte, die jetzt zu Besuch ist,
-war von unseren Arbeiten ganz entzückt.«
-
-»Kann ich erfahren, was Sie schon erreicht haben, gnädige Frau?«
-
-»Nun -- das warme Frühstück für die Schulkinder, dann eine Flickstube.
-Und jetzt sind wir dabei, dafür zu sorgen, daß alle bedürftigen
-Wöchnerinnen wenigstens acht Tage lang eine warme Suppe bekommen. Wir
-lassen auch Vorträge halten, und ich bin eben dabei, unsern Herrn
-von Wratislawski zu gewinnen -- er soll uns über die Reichsverfassung
-belehren.«
-
-Christiane hob den Kopf. »Sie nennen sich moderne Frauen?«
-
-»Allerdings. Unser Verein bekennt sich zu fortschrittlichen Grundsätzen.
-Wir wollen die Leistungsfähigkeit der Frau auf allen Gebieten heben. Mit
-dem alten Kram räumen wir auf. Alle unsere Mitglieder sind tapfer dabei.
-Unsere gute Frau von Cöldt opfert sich förmlich, trotz ihrer schwachen
-Gesundheit.«
-
-Christiane sah nach der Schwester, die in eifriger Unterhaltung mit der
-Kommerzienrätin saß, wobei ihre Lider wie immer in süß unbewußtem
-Schmachten niedergeschlagen waren.
-
-So, tat sie das?
-
-»Ich könnte Ihrem Verein ein sehr dankbares Werk weisen, gnädige Frau,«
-sagte Christiane langsam, »haben Sie wohl einmal der Frauen in der Stadt
-gedacht, die da -- arbeiten? Die also praktische oder -- ich will lieber
-sagen -- unbewußte Frauenrechtlerinnen sind --?«
-
-»Wie meinen Sie, Fräulein ... Doktor?«
-
-»Nicht die Unterschicht, sondern die gebildeten Mädchen, die hier ihr
-Brot verdienen.«
-
-»Ja, aber ... ich verstehe noch nicht ...«
-
-»Ich meine, daß sich zwischen Ihnen, den fortschrittlich gesinnten
-Frauen, und diesen jungen Mädchen, die der Fortschritt gepackt hat,
-vielleicht eine Brücke schlagen ließe. Es wird so manche hier sein, der
-das einsame Geldverdienen noch schwer fällt, so manche aus gutem Haus,
-die in der fremden Luft und in den fremden Gefahren zittert und einen guten
-Anhalt ersehnt. Ich glaube, da sind viele, die zwar in ihrer Arbeit froh
-sind, aber sich in den Freistunden vor Einsamkeit verzehren, weil sie von
-ihrer Familie versprengt und im Herzen wählerisch sind, denen könnten die
-modernen Markburger Damen ein wenig helfen --«
-
-Frau Colbs befremdeter Blick schoß nach links und nach rechts zu ihren
-Freundinnen. Eine kleine Stille trat ein. Sogar der Assessor hörte zu.
-Hardi sah Christiane merkwürdig spöttisch an.
-
-»Ich sehe da ein schönes Arbeitsgebiet für Ihren Verein,« sprach
-Christiane, »allerdings keine -- Wohltätigkeit.«
-
-»Aber diese jungen Mädchen gehören doch nicht zu uns,« sagte Frau Colb.
-
-»Sie _arbeiten_,« antwortete Christiane, indem sie die Dame fest
-anblickte.
-
-»Ja eben deshalb ... solche Elemente ...« Frau Colb biß sich auf die
-Lippen, denn ihr fiel ein, daß die Sprecherin ja auch dazu gehörte,
-wenngleich sie die Schwägerin des Herrn von Cöldt war.
-
-Ratlos sah sie sich um.
-
-»Unter meinen Lehrerinnen sind einige, die, wie ich genau weiß, sehr
-einsam sind,« fuhr Christiane ruhig fort, »denn der Verkehr untereinander
-ist auf die Dauer doch recht einseitig.«
-
-»Es steht ja nichts im Wege, daß die Damen sich an unserem Wirken
-beteiligen.«
-
-»Verzeihen Sie, gnädige Frau -- ich glaube nicht, daß es sie nach ihrem
-strengen Schaffen noch nach -- Wöchnerinnenpflege zieht,« entgegnete
-Christiane ironisch, »aber eine Heimat brauchten sie, Anschluß, etwas
-Geselligkeit und Freude -- Erholung --! Grade da müßten sich Ihre
-Interessen über alle herkömmliche Wohltätigkeit hinweg berühren,«
-fuhr sie fort, »die Mütterlichkeit der modernen lebenserfahrenen Frau
-gegenüber den einsamen Schwestern, von denen ein volles Werk verlangt
-wird.«
-
-Frau Justizrat räusperte sich und schickte ein unsicheres Lächeln voll
-Hochmut ringsum.
-
-»Man merkt, daß Sie hier doch recht ... fremd geworden sind, Fräulein
-Doktor,« sprach sie, und diesmal kam der Titel scharf heraus, fast
-zugespitzt und verächtlich hingetan, »wir Damen der Gesellschaft haben
-da so vielerlei Rücksichten zu nehmen, dergleichen geht nicht so leicht,
-nicht wahr, meine liebe Frau von Cöldt? Auch würde uns die Zeit dazu
-wirklich fehlen ...«
-
-Sie wandte sich rasch dem Assessor zu und begann ihn von neuem wegen der
-Reichsverfassung zu bearbeiten.
-
- * * * * *
-
-Als Christiane an dem Abend in Mantel und Tuch ziemlich als die Letzte aus
-dem Cöldtschen Hause trat, kam ihr Ludwig nach.
-
-»Verzeih,« sagte er, »der Präsident hielt mich eben noch fest --«
-
-»Du willst mich begleiten?« Ihre Augen kniffen sich lustig, »Ludwig,
-glaubst du nicht, daß ich unter ähnlichen Umständen schon oft allein
-gegangen bin?«
-
-Er sagte nichts.
-
-»Genau so, wie die jungen Mädchen, die die Markburger modernen Frauen
-verachten.« Sie lachte.
-
-Er entgegnete noch immer nichts. Sein Blick fuhr am Hause empor. Eben
-erhellte sich Hardis Schlafzimmer.
-
-Sie gingen an den dunklen Gärten der Villenstraße entlang. Man roch den
-Rasen, die Sträucher, die Erde und, ach, von drüben her den Wald. Man
-sah ihn nicht. Aber man fühlte die Stämme mit ihren ungeheuren Massen von
-luftgierigen Blättern oder Nadeln, die Eichen, die Tannen, die Buchen und
-versprengten Linden und fühlte ihren tiefen Herbst.
-
-Christiane dachte jetzt nicht an die törichte Süßigkeit des Vergangenen.
-Ihr Sinn wühlte sich in die andere Seite ihres Lebens zurück, in das
-Schaffen, Grübeln und einsame Leisten, in Gedanken an die vielen, die
-ebenso wirkend ihren Weg gekreuzt hatten, an so manches Mädchen, so manche
-Frau aus der Höhe, gleichfalls getrieben vom Muß oder vom Entschluß. Sie
-sah die Zeiten voll eiserner Aufsichgestelltheit, voll Konzentration, voll
-hoch emporflackernder Zweifel, voll geistiger Belebtheit, die durchlesenen
-oder durchlernten Nächte, ganz nahe am starken Wissen der Menschheit, die
-Stunden in der Schule, in denen immer und immer Energie da sein mußte, in
-denen stets die Kritik neben dem Schaffen stand und kein Nachlassen sehen
-durfte, und verglich damit die Existenzen dieser kleinstädtisch gehegten
-und gepflegten, in ihren Sippenerlebnissen aufgehenden Frauen, an die
-ganz von fern ein neuer Wind gestrichen war und die die fremde Sache
-in gänzlichem Unverständnis zu einer Art Kränzchensport und sanftem
-Zeitvertreib machten -- ach, da gab es keinen Vergleich -- --!
-
-Sie ging rasch und federnd. Alles in ihr war Frische und Bejahen des
-Lebens, so wie es für sie war!
-
-Er schritt müde, gebeugt.
-
-An nichts rühren, dachte sie. Leise, leise gehen -- wir wandern aneinander
-vorbei.
-
-Ich will es auch. Ich brauche ihn nicht mehr. Etwas in mir klingt nicht
-mehr. Es mußte alles so sein. Aber -- ich brauche ihn nicht mehr.
-
-Jetzt waren sie am Gartengitter des Reutterschlosses und schauten beide
-an dem Hause empor, dessen feste, schöne Linien sich abzeichneten, vom
-Waldduft umweht.
-
-»Wie wundervoll, daß ich hier wenigstens _das_ habe,« sagte sie lebhaft,
-»eine Welt abseits aller Spießer! Ludwig, wie stolz bin ich auf mein
-Heim, auf alles selber Erworbene -- immer wieder schaue und staune ich --
-es ist so schön!«
-
-»Ja, das ist dein Reich,« sagte er langsam.
-
-Er küßte ihr die Hand und ging.
-
-Die Hausmannsfrau leuchtete Christiane in ihre Wohnung hinauf. Das Licht
-fiel grade auf die ›eiserne Wehr‹.
-
-Ein leiser Schauer überrann sie. Aber sie lächelte noch immer. --
-
-Cöldt ging durch die Allee wieder zurück. Er atmete den Wald.
-
-Weiter oben am Bahnübergang sah er noch einmal nach dem Reutterschloß
-zurück.
-
-Auch von dort glühten ihm zwei helle Fenster entgegen, wie vorhin von
-Hardis Zimmer.
-
-Ein schweres Begehren schwoll in ihm auf, das Mannesbegehren überhaupt und
-das Begehren nach Christiane.
-
-In den Wochen nach ihrer damaligen Abreise, als nur die spröde,
-jüngferlich feindliche Frau um ihn war, hatte er sich entschlossen sich
-freizumachen, trotz allem, was daran hing. Von Tag zu Tag wurde sein Wille
-fester. Und dann wollte er mit Hardi davon sprechen.
-
-Es war Abend, rot stand es über den Wällen, im Zimmer brannte noch kein
-Licht. Da fing er an zu reden. Er ging dabei auf und ab -- sie richtete
-sich empor und sah nach ihm. Sie kam zu ihm. Er merkte, daß sie ihn gar
-nicht verstand. Sie schluchzte. Sie legte die Arme um ihn. So hatte sie es
-nie getan. So -- nicht.
-
-Sie war seine Frau.
-
-Und dann kamen wieder die Stunden, in denen sie mit ihrem furchtbaren
-Leiden kämpfte. Und die Wochen, in denen es nicht besser werden wollte
-und Arzt auf Arzt ins Haus kam und die Krankenluft durch alle Zimmer drang.
-Aber er war getrost: er hatte ja das Kind.
-
-In der Zeit war Christiane für ihn verschwunden.
-
-Geduldig ließ er Hardi von Bad zu Bad reisen, begleitete sie zu
-verschiedenen Kuren, geduldig nahm er es hin, daß sie immer und immer
-schonungsbedürftig blieb -- es war ja noch Licht da, eine rührende
-Kostbarkeit, ihr Liebesopfer.
-
-Bis ihm allmählich der Charakter des Kindes klar wurde, bis die Züge sich
-unerbittlich zusammenfügten, bis das Erkennen überhaupt über ihn kam und
-er alles -- begriff. Das Kind gehörte ihm im Herzen nicht, so wenig wie
-die Mutter im Herzen aufrichtig sein gewesen war; es verriet in seiner Art
-allen inneren Widerstand, alle Starrheit, alles feindliche Muß; es liebte
-keinen.
-
-Und nun ging das Leben weiter. Wie ein Gewicht hing sich Hardi an ihn, nahm
-ihm sein liebstes Werk, und die Leute fanden es ehemännisch korrekt, daß
-er es gab. Er kehrte in die Stadt zurück, in der keine besondere Leistung
-ihn erwartete, aber die kranke Frau hatte hier einen harmlosen Zeitvertreib
-in ihrem Verein, ein flaches Sichbeschäftigen mit dem Kind und den
-Haushaltsdingen und fühlte sich im Grunde ganz behaglich.
-
-Sie verlangte nichts weiter, als Rücksicht, Rücksicht.
-
-Und er?
-
-Er war in der ganzen Zeit nie vom Wege abgewichen.
-
-Jetzt kam er an sein Haus zurück und sah, daß Hardis Zimmer schon dunkel
-war.
-
-Im Eßzimmer räumten noch die Mädchen und das Fräulein. Sonst war alles
-still.
-
-Er ging in sein Zimmer und machte Licht. Er wollte noch ein Buch holen und
-griff einen bekannten Band.
-
-Der Abend -- allein -- dachte er bitter.
-
- * * * * *
-
-Gesenkten Kopfes und sehr hurtig ging die kleine Wehrendorf nach dem
-Reutterschloß. Ein wenig stolz war sie schon, aber das Bangen ließ sie
-nicht los.
-
-Ihre Gesundheit war so sehr schwach. Der Husten blieb und blieb und störte
-nachts die Jong, obwohl die es nicht wahr haben wollte.
-
-Das kam von den vielen heimatlosen Jahren. Nach den verschiedenen
-Stellungen gab es immer nur ein angstvolles Intermezzo in irgend einem Heim
-oder Hospiz, ein unruhiges Zählen des Geldes -- wie lange reichte es noch?
-Ihre Aussichten wurden immer ungünstiger. Sie wußte, wenn sie diesmal
-nicht festwurzelte, anderswo kam sie nicht mehr an, dann war sie zu alt.
-Und neuen Kampf, neues Sicheinrichten hielt ihr Körper auch nicht mehr
-aus.
-
-Christiane hatte ihr eine junge und kleine Klasse gegeben. Nein, da war es
-nicht schwer. Diese achtjährigen Dinger waren so sanft und niedlich, das
-Herz wurde ihr immer wärmer bei ihnen -- irgend etwas stieg aus ihrer
-Seele herauf, das klammerte sich gierig an sie. Abends konnte sie
-schweigsam sitzen und an die eine oder die andere denken, jedes Lächeln,
-jedes reine Wort, jeden lieblichen Kinderblick vergegenwärtigte sie sich
-dann -- von oben bis unten war sie in Wärme gehüllt.
-
-Sie schaute auf. Da kam Fräulein Friedlein. Wie leicht die ging, und wie
-schön sie aussah. Da kam ja auch ein Herr, der sie grüßte, ein großer,
-schwarzer -- häßlich war er -- aber sie schienen sich doch wohl ganz gut
-leiden zu können --?
-
-Er blieb sogar stehen und sah ihr nach.
-
-Ach, nun nahte die Schlimmste -- die Haberkorn. Tausend verquälte
-Lebensstunden erschienen vor Ada, wenn sie die Oberlehrerin sah. Die gibt
-es vielmals auf der Welt, dachte sie.
-
-Aber die Haberkorn guckte jetzt nur nach der Friedlein, ihr Gesicht war
-scharf.
-
-Wahrscheinlich hatte sie den überaus höflichen Gruß des Herrn auch
-gesehen.
-
-Ada war dergleichen sehr gleichgültig, sie hatte keinen Sinn für
-Liebesgeschichten. Nie war ihr der unerhörte Gedanke gekommen, daß sich
-jemand für sie interessieren, daß einer sie hätte heiraten können! Ihre
-Wünsche und kühnsten Träume hatten sich nie so weit verstiegen.
-
-Ihr ganzes Lebensideal war -- die Arbeit, die Kinder, ein gutes, sicheres
-Schaffen! Und dann noch etwas -- ein eigenes Zimmer zu besitzen. Einmal im
-eigenen Raume ungestört zu sein, Tag und Nacht, eigene Sachen um sich zu
-haben. Sie dachte an das Wohnen im Glaserker, im Badezimmer -- in ihrem
-Erzieherinnenleben hatte sie noch manches andere Derartige kennen gelernt
--- oder sie hatte bei den Zöglingen schlafen müssen, wie in der Villa
-Cöldt.
-
-Wenn sie angestellt würde! An der Schule bleiben könnte -- dann
-vielleicht! Jetzt betrug ihr Gehalt als Hilfslehrerin nur sechzig Mark,
-mehr hatte das Patronat für sie nicht bewilligen wollen, und dann war in
-der Pension auch kein anderes Zimmer frei.
-
-Scheu bewundernd sah sie am Reutterschloß empor -- wie schön war es, hier
-zu wohnen -- so zu sein, wie Christiane. Fräulein Doktor -- sie sagte es
-lautlos vor sich hin, es schien ihr unerhört und sehr groß, daß eine
-Frau so weit kommen konnte!
-
-Im Schulhaus senkte sie den Kopf wieder. Wie die Großen nur guckten. Jetzt
-lachten sie -- sicher über sie -- über ihre verschossene Bluse. Ach ja,
-darüber hatte schon manche gelacht.
-
-Als sie in die Klasse trat, wurde ihr wieder tröstlich zumute. All die
-braunen und blauen Augen, die sich auf sie richteten, all die Locken und
-Zöpfchen, die jetzt mit in Bewegung kamen -- die ganze Schar drängte auf
-sie zu und gab ihr die Pfötchen.
-
-Eben wollte sie mit ihnen beten, ein Kindergebet, das sie so gläubig
-sprechen konnte, als ob sie selbst ein Kind sei -- da ging die Türe auf.
-Die Vorsteherin, und hinter ihr -- erbarm sich der Himmel -- die kleine
-Cöldt! Sie sah schon die grünschillernden, kalten, höhnischen Augen --
-ja, das war sie.
-
-»Hier ist deine ehemalige Schülerin,« sagte Christiane, »sie soll jetzt
-hier sein, denn für die höhere Klasse ist sie noch nicht reif genug.«
-Ein jäher Zweifelblick brach aus ihren Augen. Dann fügte sie aber hinzu:
-»Das Pensum hier wird sie sicher schaffen.«
-
-Ada konnte nichts weiter sagen.
-
-Die Leiterin ging.
-
-Ada setzte Hanni Cöldt weit nach hinten. Sie mochte sie nicht so nahe
-haben. Dabei kam ihr aber wieder Besorgnis -- dort war sie ja kaum zu
-beobachten! Und Hanni -- Hanni Cöldt! Ein Schauder überlief sie, wenn sie
-an das vergangene Jahr dachte -- davon hatte niemand etwas gewußt, und
-es war auch ganz lautlos geschehen -- dieses hartherzige, erbarmungslose
-Quälen. So konnte nur die kleine Cöldt quälen! Ada sah die grünlichen,
-engen, klaren Augen vor sich -- die hatte kein Herz. Kein Fünkchen Liebe.
-Überhaupt keine Seele. Die war hart in sich.
-
-Sie begann ihren Unterricht. Die Augen der kleinen Mädchen taten sich
-groß auf -- so schön hatten sie die Geschichte noch nie gehört! Ada
-wunderte sich selbst, wie leicht es ging, wie die Worte ihr so glatt und
-farbig kamen -- wenn sie es immer so machte, auch wenn der Schulrat kam,
-dann wurde sie angestellt. Ihr Herz wurde leicht.
-
-Da -- auf einmal -- ein Kichern. Es verflog. Sie sprach weiter, wollte
-es nicht gehört haben, es gab so leicht Unannehmlichkeiten -- da, schon
-wieder. Sie guckte. Die eiskalten Augen der kleinen Cöldt begegneten ihr.
-
-»Hanni,« sagte sie.
-
-Nach einer Weile ertönte wieder das Lachen. Jetzt merkte sie, daß alle
-Kinder unruhig waren, sie hörten kaum auf ihre Erzählung. Irgend etwas
-war ihnen zugeflüstert worden und machte die Runde -- ein Wort über sie.
-
-Ada starrte in die verwandelten Gesichter, sie fragte -- keine Antwort. Die
-Cöldt sah sie mit spöttischer Ruhe an.
-
-In der Pause überlegte die Wehrendorf verstört: sollte sie es
-Christiane sagen? Sie bitten: nimm das Kind wieder fort? Aber das war ein
-Eingeständnis ihrer Machtlosigkeit. Und sie wußte auch, daß Christiane
-ihr das Kind auch nicht wieder gebracht haben würde, wenn ein anderer
-Ausweg möglich gewesen wäre.
-
-Hoffentlich würde sie sich selbst darum kümmern. --
-
-Die Haberkorn flüsterte mit der Seifert. Frau Geheimrat Meckebier habe
-neulich eine Andeutung über das Fräulein Doktor gemacht -- keine sehr
-wohlwollende --! Zwar hatte sie sich nicht näher geäußert, aber es war
-doch zu verstehen: die Dorreyter mußte bei den Patronatsdamen irgendwo
-angestoßen haben! Na, wenn man sie auch schon sah -- dieser Hochmut!
-Dieses steile, kühle Wesen! Die guckte ja über alle hinweg!
-
-Die Herren, der Junggeselle Dreher und Doktor Korn, kümmerten sich nicht
-weiter um solche Dinge, nachdem sie erkannt hatten, daß das Fräulein
-Doktor ihnen durchaus in vornehmer Weise Freiheit ließ. Korn erzählte
-manchmal ein paar listige Beobachtungen der Kolleginnen seiner Frau zu
-Hause. Sie waren sehr glückliche Leute, die lange aufeinander gewartet
-hatten, und waren mit ihrem Los zufrieden.
-
-Der Zeichenlehrer aber war von Christiane ganz entzückt.
-
-Mit großer Zartheit war er von ihr auf einen neuen Weg geleitet worden,
-auf dem er etwas aus seiner melancholischen Kleinstadtlethargie aufwachte.
-
-Jetzt merkte er auf einmal, daß sich hier im verachteten Amt auch etwas
-wie eine feine Kunst bot, neben der seine bisherigen eigenen, gänzlich
-erfolglosen künstlerischen Versuche kläglich verblichen.
-
-Oberlehrer Dreher beobachtete Christiane von seinem phlegmatischen
-Junggesellenstandpunkt aus.
-
-Dieses viel beredete und beguckte Fräulein Doktor Dorreyter -- eigentlich
-eine ganz interessante Erscheinung! Er sah ihr manchmal sinnend nach,
-schattenhaft stieg ein ungewohnter Begriff vor ihm auf: große Dame.
-
-Die paßte kaum hierher.
-
-Seine Kollegen vom Stammtisch im ›Deutschen Kaiser‹ begannen ihn zu
-necken -- er suchte ja eine Frau! Wenigstens war er schon seit langem weder
-mit seiner Wirtin, noch mit seinem Essen zufrieden. Ob er denn da nicht
-vielleicht den Versuch machen wollte -- es böte sich ihm doch die beste
-Gelegenheit -- Brr -- er erschrak förmlich, wenn er's hörte!
-
-Die Friedlein dagegen, die blonde Mai -- eben huschte sie wieder in seiner
-Nähe vorbei -- schön war sie, und mehr als einmal hatte er sich schon
-in sie verliebt. Aber entschließen konnte er sich nicht -- ihre Toiletten
-kosteten sichtlich recht viel Geld und -- sie war ihm eigentlich zu
-schön. --
-
-Christiane traf Professor Diermann auf dem Korridor. Sein Hut glitt lässig
-vom Kopfe, seine Augen blickten sie gehässig an -- sie hielt ihn fest und
-sprach mit ihm.
-
-Er verbarg seine Aufregung -- er hatte nichts verstanden! Diese dunkle
-Stimme war so schwer zu vernehmen. Er hatte auf ihre Lippen geguckt, aber
-es war ihm keine Klarheit geworden.
-
-Nun ging er zu seinen Schülerinnen. Für heute hätte ich eigentlich schon
-genug, dachte er.
-
-Es war sehr heiß. Die Sonne brannte sommertagswarm über den
-Oktoberfeldern. Er fühlte sich sehr schlecht. Als er in den Physiksaal
-trat, empfand er wieder: ich kann heute nicht. Er winkte dem jungen
-Mädchen ab, das ihm bei den Apparaten behilflich sein wollte, und stellte
-sich ans offene Fenster. Hier war Schattenseite. Aus dem Garten stieg ein
-herbstlicher Würzduft herauf. Ah -- was war das nur, das ihm die Lungen so
-zusammenschnürte -- was war das -- --?
-
-Hinter ihm hatten die Mädchen sacht zu zischeln begonnen, jetzt schwatzten
-sie ungeniert. Sie redeten über seinen Kopf weg -- er verstand ja doch
-nichts!
-
-Er hörte auch nichts. Der Schweiß kroch auf seine Stirn -- was war denn
-das -- -- --
-
-Er bog sich vor, um noch mehr von der frischen Luft zu spüren, aber von
-draußen aus dem blauen Tag schien eine sonderbare Dunkelheit zu ihm zu
-kommen -- was -- was -- -- ah -- jetzt war es wieder weg!
-
-Er wandte sich -- da sah er das Fräulein Doktor mitten im Saal. Sie redete
-mit den jungen Mädchen.
-
-»Ich hatte Sie eigentlich sprechen wollen, Herr Professor,« sagte sie
-nun, auf ihn zutretend, »Sie wissen --«
-
-Nein, er wußte nichts. Er hatte ja nichts verstanden. Der Ärger
-durchlohte ihn.
-
-»Sie scheinen krank, Herr Professor,« sagte sie nun, »ich bin gern
-bereit, Sie zu vertreten -- --«
-
-Er starrte sie an -- ihm schien Klarheit zu kommen.
-
-Er sah auch die betroffenen Gesichter der Mädchen.
-
-»Nein, nein, danke,« murmelte er, »sehr liebenswürdig -- mir ist wohl.
-Ganz wohl.«
-
-Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, sein Herz raste. Jäh huschte
-sein Blick zum Fenster.
-
-»Mir ist ganz wohl.«
-
-Krank sein kann man wohl, wenn man jung ist. Wenn nichts in Gefahr ist.
-Aber jetzt -- jetzt -- zwei Jahre mußte es noch gehen -- die letzte
-Gehaltszulage mußte er noch haben! Zwei Jahre noch!
-
-In seinen Augen stand die Angst. Seine Hände zitterten, als er nach den
-Apparaten griff. Er hatte keine Ahnung, was heute eigentlich durchgenommen
-werden sollte ... jetzt winkte er Betty von Kramer und befragte sie leise
--- nun wußte er's.
-
-Er griff nach dem Reagenzglase, das ihm Betty reichte. Ganz deutlich sah er
-eine bräunliche Lösung darin und wollte es nehmen, aber dicht vor seinen
-Fingern fiel es zu Boden und zerschellte.
-
-»Herr Professor, ich bitte Sie herzlich -- ruhen Sie sich heute lieber
-aus.«
-
-Er fuhr herum.
-
-Da stand sie ja noch.
-
-Sein Fuß trat in die Splitter.
-
-Wahnsinnige Verwirrung erfüllte ihn. Was war das denn? Was wollte sie?
-Warum ließ sie ihn nicht in Ruhe? Die sollte fort -- fort -- --
-
-Die -- die -- -- --
-
-Er stotterte etwas. Oder schrie er etwas?
-
-Die Schar der Mädchen fuhr mit einem entsetzten Rauschen auf. Das hörte
-er noch. Zugleich verlosch der blaue Tag für ihn. Die Dunkelheit, die
-heimlich draußen gelauert hatte, brach herein und riß ihn zu Boden.
-
-Man brachte ihn besinnungslos nach Hause.
-
- * * * * *
-
-Christiane schrieb an Käthe Arndt und fragte, ob sie nicht Lust hätte, zu
-ihr zu kommen. Es sei Platz an der Reutterschule.
-
-Der Arzt hatte Christiane verraten, daß der Professor nicht mehr in sein
-Amt zurückkehren würde.
-
-Warum denke ich an die Arndt? fragte sich Christiane.
-
-Brauche ich jemand von -- früher?
-
-Langsam stiegen die alten Zeiten vor ihr auf, in denen sie doch
-Kameradinnen um sich gehabt hatte.
-
-Jetzt -- -- wie das von allen Seiten an sie stieß. Viel Feind, viel Ehr --
-ja, ja! Viel Widerstand, viel Sieg! -- -- Aber es zehrte an den Nerven.
-
-Der Vorgang mit dem Professor war in der ganzen Stadt aufgebauscht und
-verzerrt worden. Einer hatte immer mehr gewußt als der andere, sogar die
-jungen Mädchen, die den Vorgang überhaupt nicht recht begriffen hatten,
-zischelten. Für alle Unbeteiligten stand es fest, daß der alte Herr nur
-infolge irgend einer aufregenden Auseinandersetzung mit Christiane krank
-geworden war. Sogar die Frau und die Töchter waren zu ihr gekommen und
-hatten erkunden wollen, was eigentlich vorgefallen sei.
-
-Christiane hatte dem Patronat berichtet und auch mit dem Präsidenten
-gesprochen, sie mußten ihr natürlich glauben, aber ein Rest blieb doch
--- wie war das mit dem alten, verdienten Herrn nur so schnell gekommen! Nun
-waren ihre Pläne erst recht hintenan gestellt.
-
-Unter den Mitarbeitern war eine gewisse Scheu entstanden. So gut es
-ging, wichen sie Christiane aus. Nur die Jong, Doktor Korn und der junge
-Zeichenlehrer nicht, und allenfalls die Friedlein, die ganz andere Gedanken
-hatte.
-
-Ja, was kümmerte sich Christiane um dergleichen? War das nicht die
-Kleinstadt, die schon abfärbte?
-
-Was gingen sie die guten Leute an, die auf der Straße hinter ihr her
-zischelten und die Köpfe wendeten ... die Spießbürger! -- --
-
-Jetzt läutete es draußen.
-
-Sie ging selbst hinaus, denn sie wußte, es war Hanni Cöldt, die sie sich
-zum Nachmittag eingeladen hatte. Das Fräulein brachte sie und ging gleich
-wieder.
-
-Das kleine Mädchen kam sicher herein und besah Christianens Zimmer.
-Die Bücher, die Möbel, die Bilder. Alles etwas von weitem, ohne das
-ernsthafte Interesse näher zu treten, alles mit dem gleichen kühlen und
-verborgen spöttischen Blick.
-
-Erst mußte sie mit der Tante Kaffee trinken. Dann -- was tat man
-mit diesem Kind? Christiane hatte sich Bücher herausgesucht, mit dem
-unwillkürlichen Trieb des Kulturmenschen strebte sie danach, des Kindes
-Verhältnis zum Gedruckten festzustellen. Hanni sah über Blätter und
-Bilder, über Geschichten und Märchen.
-
-»Märchen --!« Ein geringschätziges Lächeln flog über ihr klares,
-kaltes Gesicht.
-
-»Die magst du nicht? Hat dir keiner welche erzählt?«
-
-»O, ja, die verschiedenen Fräuleins. Wenn ich nicht still war, bekam ich
-immer ein Märchen zu hören.«
-
-»Und das gefiel dir nicht?«
-
-»Nein. Sie sind ja doch nicht wahr.«
-
-»Woraus schließt du das?«
-
-»Weil ich nichts davon sehe. Nirgends. Nirgends. Und dann hat sie mir
-jeder anders erzählt. Und doch waren es immer dieselben.«
-
-»Ich würde sie dir auch wieder anders erzählen,« sagte Christiane,
-»und siehst du, grade deshalb sind die Märchen wahr.«
-
-»Weil jeder sie anders sagt?« Hanni verzog den schmalen Mund.
-
-»Wenn du mit deinen Gefährtinnen im Wald spazieren gehst, dann sieht jede
-von euch dort etwas anderes. Die vielleicht die dicken Pilze zwischen dem
-welken Laub, die andere die Kröte am Weg, die dritte den Holunderbusch,
-die vierte vielleicht ein rotes Reh. Und wenn sie nachher vom Wald
-erzählen, dann denkst du an die Pilze, die andere an den Holunderbusch und
-die letzte an das rote Reh. Sieh, so ist das auch mit den Märchen. Gesehen
-hat sie jeder schon einmal, aber er hat nicht alles davon behalten, und so
-erzählt er immer nur weiter, was er daran am liebsten hat, denn das ist in
-seinem Herzen -- -- und dann ist es auch wahr --«
-
-Hanni schien nicht ganz davon überzeugt.
-
-»Sie sind doch erlogen,« sagte sie.
-
-»Du, wir wollen einmal in den Garten.«
-
-»In den Schulgarten?«
-
-»Nein, in meinen. In den Schloßgarten.«
-
-Das Kind horchte auf.
-
-Sie gingen die Treppe hinunter und durch die Hintertür hinaus. Jetzt
-schloß Christiane eine eiserne Pforte auf, an der schon manches Kind in
-den Jahren sehnsüchtig und neugierig gestanden hatte. Dahinter rauschte
-es. Da waren grüne Wipfel.
-
-Christiane dachte flüchtig daran, daß sie als junges Ding auch einmal vor
-der verschlossenen Pforte gestanden hatte.
-
-Nun war ihr das, was dahinter war, längst vertraut. Schöne, alte Bäume,
-die mit ihren Ästen am Boden schleiften, Rasenflächen, hinten ein
-Tempelchen aus Birkenstämmen -- uralt. An der Seite störten ein paar
-Obstbäume, die der vorige Direktor gepflanzt hatte, längs der Wand hatte
-er Bienenstöcke gehabt und daneben Kohl gepflanzt. Jetzt waren diese
-Spuren, so gut es ging, vertilgt. Hoch und grau standen die Mauern um das
-Parkstückchen.
-
-Mein Klostergarten, dachte Christiane.
-
-Sie führte das Kind zum Tempelchen. An die Innenwand war mit ziemlich
-grellen und anscheinend unvergänglichen Farben das blaue Griechenmeer
-gemalt, auf dem Odysseus segelte.
-
-Hanni guckte.
-
-»Ist das auch ein Märchen?« fragte sie.
-
-Christiane erzählte. Sie dachte, vielleicht wirkt das Starke besser auf
-das Kind. Seine Phantasie muß vielleicht kräftiger geschüttelt werden.
-
-Sie erzählte das Abenteuer mit Polyphem.
-
-Als sie sich wandte, merkte sie, daß Hanni ein Bündelchen Handarbeit
-hervorgezogen hatte.
-
-»Ich will was tun,« sagte sie.
-
-Christiane erinnerte sich. Ja, Fräulein Mehlmann hatte ihre Nichte sehr
-gelobt. Von allen Lehrkräften, die sich um den dürftigen Geist bemüht
-hatten, war einzig Fräulein Mehlmann zufriedengestellt.
-
-Und Hanni saß auch jetzt vor dem blauen Griechenmeer, von Vögeln
-umzwitschert, von Bäumen umrauscht, von einer Sehnsucht umworben, die
-ihr Herz suchte, und häkelte mit kühler Aufmerksamkeit Stäbchen um
-Stäbchen.
-
- * * * * *
-
-Mai Friedlein ging in den Stadtpark. Es war in der Mittagsstunde, als die
-Bürger zu Tisch waren. Auch in der Pension Dorreyter saßen sie jetzt beim
-Essen, aber die Jong war eingeweiht und entschuldigte Mai. Sie wußte von
-der Sache, hatte auch tüchtig gewarnt.
-
-Mais Herz klopfte. Sie wußte selber, um was es ging.
-
-Ein Rendezvous -- nein, das überließ sie den Ladenmädchen und
-Kontorfräulein. Sie ging nur eben am Krähenteich entlang, weil -- der
-Assessor von Wratislawski um dieselbe Zeit dort gehen wollte.
-
-Er hatte sie auf der Straße gesehen. Dann war im Theater einmal die
-Gelegenheit zu einer Gefälligkeit gewesen. Er hatte sie aber nicht
-begleiten dürfen. Von da an kreuzte er fast täglich ihren Schulweg, kein
-Tag verging ohne seinen respektvollen Gruß, Woche für Woche strich so
-hin, Winter und Frühjahr und Sommer, und nun war es Herbst.
-
-Jetzt mußte die Entscheidung kommen, das hatte Mai gefühlt. Ihr ganzes
-Herz hatte sich an die unerhörte Aussicht gehängt -- wenn es doch würde
--- der Triumph -- das Glück!
-
-Er hatte ihr also ein Briefchen gesandt und darin ehrerbietig um eine
-Zusammenkunft gebeten, zugleich beklagend, daß ihm kein anderer Weg zu
-einer Aussprache mit ihr bliebe.
-
-Ach ja, das war es.
-
-Mai war überzeugt, daß sie bei ihrer Schönheit längst verheiratet sein
-würde, wenn nur ein korrekter Anknüpfungspunkt dagewesen wäre, eine
-Gelegenheit, bei der sie mit Herren hätte sprechen können. Aber so hatte
-jede ihrer Herzensgeschichten etwas vom Wagnis.
-
-Sie pflegte aber als gute Tochter ihrer Mutter sofort Nachricht zu geben,
-wenn sich wieder etwas angebandelt hatte, und die kam dann sogleich mit dem
-nächsten Zuge an, um den Schwiegersohn zu besehen und die Angelegenheit
-ins Korrekte zu bringen. Leider war das bis jetzt noch nie geglückt.
-
-Einmal da, einmal dort ein Aufblinken, eine Hoffnung und immer wieder --
-nichts.
-
-Und jetzt -- dies. Mai wußte, der Assessor war reich. Der konnte sich
-den Luxus leisten, das schönste Mädchen von Markburg zu seiner Frau zu
-machen. Und wenn er sich versetzen ließ -- nach dem Westen oder nach Kiel
--- dann wußte dort kein Mensch, daß sie Lehrerin gewesen war. Und keiner,
-der die junge Frau von Wratislawski sah, würde von selber auf den Gedanken
-kommen.
-
-Mais feines Marquisengesicht rötete sich ein wenig -- sie sah ihn schon
-dort am Teich. Er hatte es eilig. Seine große Dogge, die ihm so ungeheuer
-ähnlich sah, war mit.
-
-Unbefangen kam er auf sie zu. »Ich bin außerordentlich glücklich, mein
-gnädiges Fräulein -- --«
-
-Sah sie an.
-
-Sie gingen auf und ab. Immer an der Seite des Teiches, an der die
-Büsche die Aussicht nach beiden Seiten sperrten. Durch das Gezweig
-der Hängeweiden hörten sie nur das Geraschel und Geplätscher der
-Wasservögel, das Gequarr der bunten Enten. Rauschend flog mal da, mal dort
-ein Tier auf.
-
-Auf dem Wege lagen Kastanienhüllen und Blätter. Wie rote Hände schwebten
-da und dort Blätter heran. Der Himmel war hoch und blau.
-
-Herr von Wratislawski wußte das sehr hübsch auszudrücken. Und Mai war
-dafür empfänglich, denn sie war sehr poetisch. Alle ihre verflossenen
-Verehrer hatten ihr ein künstlerisches Andenken hinterlassen dürfen, ihre
-Stube war voll von solchen zart elegischen Erinnerungen.
-
-Jetzt war sie lebendig. Herren gegenüber kam sie gut aus sich heraus.
-
-Ja, der blaue Himmel, die roten Blätter, der ferne Wald -- sogar die
-leeren Kastanienschalen waren poetisch. Raschelnd fuhr ihr Fuß durch die
-Blätter.
-
-Goldspuren zögen hinter ihr her, behauptete Herr von Wratislawski.
-
-Seine Augen waren ganz rund. Seine Hand im prallen Glacé streifte die
-ihre. Er kam näher an sie heran.
-
-Sie standen nun vor der offenen Fläche des Teiches. Der Himmel spiegelte
-sich im Wasser wie in Glas. Die Bäume umrahmten das blaue Bild. Das
-Wassergevögel hatte sich jetzt ziemlich auf die Schwaneninsel in der Mitte
-zurückgezogen, nur ein paar Entchen schwammen noch wie grüne Klümpchen
-in glitzernden Streifen da und dort.
-
-Es war ganz und gar einsam.
-
-Er kam noch näher an sie heran.
-
-Lieblicher sei ihm noch kein Mai vorgekommen, als der an diesem Herbsttage,
-behauptete er. Wenn sie nur wüßte, wie er auf diese zarte Stunde geharrt
-hätte! Aber es sei ja so unendlich schwer gewesen -- -- und sie so
-kühl -- --
-
-»Ja, ja,« sagte sie elegisch. Sie hielt es für angebracht, auch einmal
-wieder streng zu sein.
-
-Aber er hörte nicht darauf.
-
-Jetzt sei ja das Eis gebrochen.
-
-Und deshalb müßte sie heute Rosen haben, drüben in der Stadtgärtnerei
-am anderen Ufer müßte es noch welche geben. Ob sie mitkommen wolle? Der
-Weg sei nur kurz und sehr schön -- --
-
-Sie ging mit ihm, unbefangen, sehr damenhaft. Der Hund raschelte hinter
-ihnen her. Sie dachte, daß wohl die Stellung der behüteten Haustöchter
-angenehmer, aber doch weniger poetisch sei, als die eines einsamen, sich
-selbst das Brot verdienenden Mädchens, dem endlich das Glück lächele.
-Sie sah ja, wie verliebt er war.
-
-Und nun waren sie an der Gärtnerei. Sie wartete draußen. Nach ein paar
-Minuten kam er wieder, einen Strauß Rosen in der Hand, wie sie ihn schon
-lange nicht mehr beisammen gesehen hatte, rote, purpurrote, weiße und
-zartgelbe.
-
-»Der letzte Sommer,« sagte er, »dem ewigen Lenz.«
-
-Es war sehr poetisch.
-
-Sie drückte das Gesicht in die Blumen, schon, weil sie wußte, wie gut es
-ihr stand. Mehrfach war sie so photographiert worden.
-
-Es war still. Die Hecke deckte sie wieder. Da flüsterte er: »Mai,
-liebliche Mai -- nun kommen wir nicht mehr auseinander, nicht wahr --?«
-
-Sie hielt das Gesicht noch immer in den Rosen.
-
-»Mai --« bettelte er.
-
-Sie murmelte zag: »So kann ich Sie nicht mehr treffen,« und horchte
-scharf auf das, was er sagen würde.
-
-»Nein,« sprach er, »so -- nicht.«
-
-Er schien nachzusinnen.
-
-»Aber es gäbe doch noch vielleicht einen Weg für uns beide --«
-
-Ihr Herz schlug hart auf. Blitzschnell durchmaß ihr Hirn noch einmal alle
-Hindernisse ihrer Verlobungen -- hier war keiner vorhanden! Der Assessor
-war ganz unabhängig.
-
-Er machte ein paar Schritte und sah sie nicht an.
-
-»Fräulein Mai,« sagte er in resigniertem Tone, »man weiß ja, wie die
-guten Markburger sind. Deshalb erlaube ich mir vorzuschlagen -- -- jetzt
-kommt der Winter, und ich bin oft in der Provinzialhauptstadt in der Oper
--- Musiknarr, der ich nun einmal bin -- da möchte ich also gehorsamst
-vorschlagen -- begegnen wir uns -- dort. Bitte, bitte, denken Sie einmal
-darüber nach. Da fiele so manches fort, das uns hier beengen würde.
-Zusammen können wir da so viel Poesie genießen, wie wir wollen -- --
-auch der Winter und die Großstadt sind poetisch ...« Er bückte sich
-plötzlich und faßte mit seinem Handschuh ein Zweiglein harter, weißer
-Beeren. »Wie zart das ist, nicht wahr?« fragte er fast flötend, »so
-entzückend zart -- liebes Fräulein Mai -- Herzkönigin --«
-
-Er stockte.
-
-Sie warf ihm die Rosen vor die Füße. Rote, purpurrote, weiße, gelbe
-Rosen.
-
-»Nein, danke sehr, Herr von Wratislawski.«
-
-Sie wandte sich um und ging.
-
-Ging sehr rasch und sehr anmutig und sehr stolz. Sie wußte, daß man das
-alles merkte, wußte, daß er ihr verdutzt nachstarrte, und noch ging ihr
-Blut in gewaltiger Erwartung: kam er jetzt nicht doch --? Stürzte er ihr
-nicht voller Reue nach -- --?
-
-Sie ging und ging. Die Blätter raschelten rechts und raschelten links. Es
-waren lauter Goldstreifen.
-
-Aber er kam nicht. Er holte sie nicht ein. --
-
-Wütend trat sie aus dem Park heraus.
-
-Es war ja nicht das erste Mal. Schlingen um Schlingen waren ihr in den
-Jahren um die Füße geworfen worden -- sie hatte sich in keiner verfangen.
-
-Nur weil sie arbeitete und ihr Brot selber verdiente, glaubte man in dieser
-Stadt, wo die Töchter ihr Leben nur mit Tennisspielen und ›Kränzchen‹
-ausfüllten, sie müßte zu haben sein!
-
-Der Schuft!
-
-Zitternd kam sie die Stiege herauf und horchte vor der Korridortür --
-kamen sie nicht etwa eben aus dem Eßzimmer?
-
-Nein, es war still. Sie ging an der Wäschemangel und den Fahrrädern
-vorbei und öffnete leise die Tür zu ihrem Zimmer -- ach herrje, da war
-ja die Mutter mit den beiden Schwestern. Sie hatte im Augenblick vergessen,
-daß sie ihr gleich von der neuen Aussicht geschrieben hatte, nun war die
-wieder gleich gekommen. Und Paula und Eva waren mit.
-
-Paula war Wochenpflegerin und hatte wohl grade einen freien Tag, und
-Eva suchte eben wieder eine Stellung als Hausdame. Beide hatten sie die
-gleichen zartrosa Marquisengesichter, das helle, schöne, wie gepuderte
-Haar -- nur ihre Gestalten waren nicht so prächtig entwickelt, nicht so
-germanienhaft, wie die Mais, und nicht so elegant. Frau Friedlein sah man
-an, daß sie die -- Mutter dieser köstlichen Mädchen war -- sie hätte
-gar nicht anders aussehen können. Und fein hatte sie sich gemacht, ein
-seidenes Kleid aus dem Schrank genommen -- es war noch nicht bezahlt. Aber
-sie hatte sich vor dem reichen Schwiegersohn doch ins rechte Licht setzen
-wollen.
-
-Unterwegs hatten sie schon hin und her überlegt: wenn Mai jetzt so eine
-gute Partie machte, konnte eine der beiden anderen immer abwechselnd zu ihr
-auf Besuch kommen, und dadurch war es sehr leicht möglich, daß sich auch
-vornehme Partieen für die fanden, so daß die Familie allmählich in ihr
-altes Milieu zurückdrang.
-
-Die Mutter fragte Mai gleich: »_Wie_ heißt er?« denn sie hatte den Namen
-vergessen.
-
-Die Schwestern spitzten die Ohren, doch Paula, die Wochenpflegerin, die
-etwas psychologische Beobachtungsgabe und ziemlich viel Pessimismus besaß,
-merkte gleich, daß etwas nicht in Ordnung war.
-
-Und nun fuhr es Mai auch gleich heraus: »Es ist nichts, ich habe mich in
-ihm getäuscht, er hat nur -- nur -- anbändeln wollen -- --«
-
-Die Mutter klappte den schönen Mund zu. Eva sagte: »Na ja,« denn sie
-hatte auch ihre Erfahrungen.
-
-Paula meinte gleichmütig: »Mai muß doch noch mehr Verehrer haben,« aber
-die Mutter sprach eifrig: »Erzähle nur -- vielleicht läßt sich noch
-etwas machen --«
-
-»Da läßt sich nichts machen,« seufzte Mai, fuhr sich über die
-Stirn und begann zu berichten: »Der Schuft -- der Schuft -- so hat er's
-angefangen --«
-
-»Du warst allerdings sehr unvorsichtig,« sagte Frau Friedlein
-vorwurfsvoll, »wenn dich jemand mit ihm am Teich gesehen hat, ist die
-Sache sehr schlimm --«
-
-»Aber was sollte ich anders tun,« rief Mai, »an welche Weise kann ich
-sonst einen Mann kennen lernen. Ach, und an dem Teich war es so wunder --
-wunderschön. Das blaue Wasser und der blaue Himmel und das rote Laub. Und
-selbst die zerplatzten Kastanien hat er schön gefunden. Ach,« sie weinte
-plötzlich auf, »wir haben uns doch so gut verstanden --!«
-
-Die Mutter nahm sie in den Arm an ihre volle Brust und tröstete sie.
-
-»Mein armes Kind, ja, ich glaub's, es ist schwer für dich. Für deine
-Schwestern auch. Für uns alle. Eva hat ihre Stelle in Stettin doch auch
-verloren, der Amtsrichter hat sich wieder verheiratet, und sie glaubte
-doch -- Wie oft kommt das vor. Und Paula hat jetzt eine Frau bis zu Tode
-gepflegt. Nachher ließ sie sich überreden, bei dem Kind zu bleiben. Es
-war so verlassen. Sie hatte es gern. Es war ein so hübsches Kind, nicht
-wahr, Paula? Und um des Kindes willen hätte sie auch den Vater in Kauf
-genommen. Aber da ist er vorgestern über alle Berge. Über alle
-Berge, sage ich. Mit der ganzen Kasse des Chefs. Nur das Kind hat er
-zurückgelassen. Das hat Paula nun in Gemeindepflege geben müssen. Sie hat
-sehr geweint.«
-
-Mai sah die Schwester an, und die nickte ihr zu. Auch Eva nickte. Ja, sie
-wußten Bescheid.
-
-Draußen klirrte es. Was war denn --? Ach -- Kaffeekränzchen bei der
-Mehlmann! Da gab es kein Ausschlagen.
-
-»Ihr müßt auch dabei sein,« sagte Mai zu der Mutter, und die wehrte
-sich nicht weiter, denn nach der Fahrt und der Aufregung hatte sie Durst
-bekommen.
-
-Gleich darauf klopfte auch die Handarbeitslehrerin, begrüßte die
-Damen Friedlein zierlich und bat, sie möchten doch an ihrem Kränzchen
-teilnehmen. Es sei alles reichlich da.
-
-Das war es. Der runde Tisch sah noch einmal so wichtig aus mit der weißen
-Decke, den vielen Tassen, Untertassen und Tellerchen, den Sahnennäpfchen,
-Zuckerdosen, den Marmeladenbüchsen, den Kuchenbergen, Waffelhäufchen und
-der großen Weinbeertorte in der Mitte. Die war vom Konditor, ebenso
-die Schlagsahne. Alles andere dagegen hatte Fräulein Mehlmann selbst
-verfertigt.
-
-Frau Friedlein bog sich in kluger Liebenswürdigkeit vor und bewunderte die
-glasklaren Früchte und die Marmelade -- ja, die war gut geraten! Eben war
-die Einmachezeit vorbei. Frühmorgens, ehe sie in die Schule ging, hatte
-Fräulein Mehlmann auf dem Markte eingekauft, und wer nachmittags etwa zu
-ihr kam, erhielt unversehens ein Messer in die eine Hand gedrückt und in
-die andere eine Gurke -- jetzt hieß es helfen! Da nahm das Fräulein keine
-Rücksicht!
-
-Frau Friedlein mußte auf dem Sofa Platz nehmen. Neben ihr saß Fräulein
-Seifert, ein Platz war noch frei, denn die Oberlehrerin hatte der kleinen
-Meckebier Stunde zu geben und kam erst später. Frau Dorreyter hatte sich
-mit einem Ecksitz begnügt, sie mußte auch oft hin und her laufen, denn
-das kleine Dienstmädchen war so stutzig. Trotzdem fühlte sie sich sehr
-behaglich und sah mit Blicken voll Genugtuung auf ihre Damen. Der Kater
-wußte schon Bescheid, er bettelte bald bei der, bald bei jener und bekam
-überall etwas.
-
-Die Jong hatte Mais Miene erkannt. An der Weinbeertorte vorbei flüsterte
-sie ihr zu: »Und stürzt der Himmel ein, kommt doch eine Lerche davon!«
-was die schöne Mai zu einem Dankesblick veranlaßte, obwohl sie das Zitat
-im Augenblick nicht unterzubringen wußte, so poetisch sie sonst war.
-
-Die kleine Wehrendorf saß still dabei.
-
-Es war ein schweres Leben für sie. Wenn nur der Husten besser und das
-erste Jahr vorbei wäre. Dann -- dann -- wieder kam Ada der ungeheure Traum
-von der eigenen Stube.
-
-Wie sollte die aussehen? Ein weiches Liegesofa, ein Arbeitstisch, ein paar
-Stühle, ein Schrank und ein richtiges Bett. Ihrer Eltern Sachen waren
-damals alle verkauft worden.
-
-Sie schrak zusammen -- ach, nun hatte sie übersehen, daß Fräulein
-Seifert die Sahne gereicht haben wollte. Nie fand sie im Verkehr das
-Richtige. Das war, weil sie schon so weit ab vom Leben gewesen war,
-wochenlang hatte sie einer an der Hand gehabt -- sie wußte über die
-Höflichkeit bei Kaffeekränzchen nur noch geringen Bescheid.
-
-Die Damen aßen und tranken, immer wieder wurde eingeschenkt, immer wieder
-herumgereicht, der Sahnenberg senkte sich, die Kuchenteller leerten sich,
-die Torte wurde ganz schmal -- es schmeckte allen sehr gut.
-
-Nun waren sie satt.
-
-Die Mehlmann fragte noch ein-, zweimal herum. Sie hielt Fräulein Seifert
-die Tortenplatte noch einmal hin -- die dankte. Sie bot sie Frau Friedlein
-an -- die dankte auch. Sie fragte noch einmal vorsichtshalber ringsum --
-alle dankten.
-
-Da räumte sie mit Hausfrauenzärtlichkeit ab. Sie sperrte ihren Schrank
-auf -- man sah noch allerhand gute Sachen darinnen stehen -- und packte
-alles sorgfältig hinein -- für Fräulein Haberkorn wurde etwas besonders
-aufgehoben. Sie schloß wieder zu, nahm den Tischbesen und die kleine
-Schaufel und kehrte Krümelchen um Krümelchen vom Tisch. Jetzt sah man die
-Decke -- ein schönes Muster -- und darüber gelegt den feinen Läufer --
-die Damen besahen ihn sich genau. Die Seifert fragte, wo man die Vorlage
-bekommen könnte, aus Markburg sei die doch nicht.
-
-Sie sprachen über Handarbeiten, danach über Kleider, jede schilderte die
-Art und Weise ihrer Schneiderin.
-
-Mai starrte mit melancholischen Blicken gradeaus: nun mußte sie sich doch
-zum Winter das gelbe Kleid machen lassen, das ihr gar nicht stand. Den
-Stoff hatte sie von einer Tante bekommen. Sie hatte gedacht, als Braut --
-ach, wo waren die Träume wieder hin!
-
-Fräulein Mehlmann kam heran und trug Gläschen auf Gläschen. Feierlich
-stellte sie sie vor eine jede hin, und jede guckte darauf. Sie wußten,
-was nun kam: die Likörchen. Plötzlich stutzte das Fräulein und zählte
-verdutzt, guckte in ihren Schrank und zählte von neuem -- ja, die Gläser
-reichten nicht!
-
-»Ich hole Ihnen gleich welche,« rief Frau Dorreyter, »aber ich habe nur
-Weingläser.«
-
-»O, Weingläser,« entsetzten sich die Damen lachend.
-
-»Meine Likörchen sind nicht gefährlich,« beteuerte Fräulein Mehlmann
-eifrig, »aber wir können ja auch Eierbecher nehmen --« Sie griff in den
-Schrank.
-
-Die Seifert machte eine kritische Miene -- nein, Frau Dorreyter sprang
-schon nach den Wirtschaftsräumen.
-
-Jetzt kam sie und zählte mit den Augen: hatte sie sich noch vergriffen?
-Nein, es reichte.
-
-Es waren gewöhnliche, schlecht geschliffene Gläser aus dem Warenhause,
-nur ein einziges war dabei, das war anders. Es stammte noch aus dem knappen
-Brautschatz der Freiin von Rhane.
-
-Die merkte es gar nicht. Ahnungslos stellte sie es hin. Es kam grade zu der
-kleinen Wehrendorf.
-
-Fräulein Mehlmann ging mit der klebrigen Flasche ringsum und schenkte ein.
-Die Weingläser goß sie auch voll, so sehr die betreffenden Damen sich
-auch dagegen sträubten.
-
-»Aber ich bitte Sie, ein Likörchen --«
-
-Dann stießen alle an.
-
-»Worauf?« rief die Jong. Ihre Finkenaugen lachten gemütlich.
-
-»Worauf?« fragte die Seifert säuerlich.
-
-Sie wußten es gar nicht. Aber die Gläser klangen.
-
-Das der kleinen Wehrendorf tönte sonderbar auf. Sie horchte verwundert.
-Sie stieß mit Paula Friedlein an, da klang es wieder. Wieder und wieder
-klang es ganz zart, ganz silbern. Die anderen merkten es nicht. Aber Ada
-saß ganz erschrocken vor dem Wunder.
-
-In ihr zerschlagenes Herz kam ein kleiner Traum.
-
-Es war der einzige ihres Lebens.
-
-Der kam von dem feinen, singenden Kristall.
-
-Frau Friedlein schrak plötzlich auf. »Wo hast du denn die ... Rosen
-gelassen?« flüsterte sie der Tochter zu.
-
-Die fuhr herum, ihre Augen glänzten schon wieder. Die Mutter sah sie
-an und wünschte heiß, jetzt möchte einer die Tochter sehen, ein ganz
-Reicher, einer ohne Schulden, ein solider Mann.
-
-»Die ... Rosen ... ich hab sie ihm ja doch hingeworfen -- du weißt
-doch,« murmelte sie, nur der Mutter verständlich.
-
-»Dann müssen sie noch dort liegen --«
-
-»Was muß dort liegen?« flüsterte Paula von der anderen Seite.
-
-Die Mutter erklärte ihr's verstohlen.
-
-»Die sind längst fort. Die haben andere genommen,« meinte Mai, die in
-dem Gesicht ihrer Schwester und dem der Mutter schon etwas aufsteigen sah.
-
-»_Wo_ liegen sie?« flüsterte Frau Friedlein.
-
-»Ich hab dir's ja gesagt. An dem kleinen Heckenweg hinter der
-Gärtnerei.«
-
-»Da kommen selten Leute hin. Das ist ein ganz einsamer Platz. Die Rosen
-liegen sicher noch da -- --« Sie flüsterte mit den Töchtern.
-
-Nach einer Weile stand Paula auf und verschwand unauffällig.
-
-Frau Friedlein erhob sich auch und setzte sich ans Klavier. Es war ein
-altes Stück, Fräulein Mehlmann hatte es geerbt. Aber sie spielte gut.
-Perlend flogen die Töne auf -- alle horchten -- das klang schön --! Es
-war aus dem ›Zigeunerbaron‹: »Wer hat uns getraut --« Jetzt sangen
-alle mit: »Die Liebe, die Liebe ist eine Himmelsmacht --«
-
-Auf einmal war Paula wieder da. Sie schlich in die heitere Gruppe und hatte
-die Hände voll Rosen: rote, purpurrote, weiße, gelbe Rosen. Sie waren
-noch ganz frisch.
-
-Die Kanarienvögel schrieen verwundert auf: »Im Oktober so schöne Rosen?
-Woher kommen die --?«
-
-Paula blinzelte Mai zu, die eine regungslose Miene machte. Dann begann
-sie zu verteilen, der einen eine weiße, der anderen eine rote Rose und so
-fort. Alle bekamen eine, sogar die Wehrendorf, und für Fräulein Haberkorn
-wurde eine aufgehoben und in ein Gläschen gestellt.
-
-Fräulein Mehlmann goß noch einmal ein, und nun sangen alle wieder, von
-Rosen umduftet: »Die Liebe, die Liebe ist eine Himmelsmacht -- --«
-
-Auch Mai sang mit.
-
-Jetzt ging die Tür auf. Es war ungefähr so wie im Märchen, wo sich
-die verregnete, vergnügte Musikantengesellschaft unter den großen Pilz
-gestellt hat und wo unverhofft die böse Besitzerin, die große Kröte,
-erscheint.
-
-Es kam Fräulein Haberkorn.
-
-Alle überboten sich in Liebenswürdigkeit, die Wehrendorf raffte sich
-sogar auf und rückte ihr einen Stuhl zurecht, es war nur leider verkehrt.
-Die Oberlehrerin nahm stirnrunzelnd auf dem Sofa Platz, bekam ihren Kaffee
-frischgewärmt, ihre Torte, ihre Knusperchen, ihre Sahne und ihre Rose.
-Darüberweg besah sie sich die Kleider der Anwesenden. Die Kanarienvögel
-bekamen gleich ein paar versteckte Lehren, weil sie augenscheinlich zu
-munter geworden waren.
-
-Fräulein Haberkorn mußte die Luft dieses vergnügten Kränzchens erst
-eine Weile einatmen, um eingewöhnt zu werden; sie hatte auch noch nicht
-genug Kaffee getrunken. Vom Likör gar nicht zu reden.
-
-Fräulein Mehlmann erzählte eifrig mit lauter Stimme von ihren letzten
-Einmachetagen. Sie hatte sich mit Tomaten beschäftigt. Es war das erste
-Mal.
-
-Im nächsten Jahr wollte sie sich einen Einkochapparat anschaffen, dann
-konnte sie noch mehr fertig bringen!
-
-Endlich merkte sie, durch das Schweigen der anderen aufmerksam gemacht,
-daß Fräulein Haberkorn von Meckebiers erzählen wollte.
-
-»Frau Geheimrat war _sehr_ liebenswürdig,« begann sie nun, ihren Kuchen
-in den Kaffee tunkend, »die kleine Lydia ist aber auch so begabt. Ich habe
-heute gesagt, sie brauchte eigentlich gar keine Privatstunde, da meinte die
-Frau Geheimrat, ›ja, das ist wohl möglich. Aber wir, mein Mann und ich,
-ziehen es doch vor, eine so bewährte Lehrkraft noch weiter um unser Kind
-zu haben.‹ Das war doch nett, nicht wahr?«
-
-»Sehr nett,« bestätigten alle ringsum.
-
-Fräulein Haberkorn tunkte den Kuchen wieder ein. Jetzt sah sie auf. Ihre
-Blicke flogen funkelnd über alle. Frau Dorreyter war hinausgegangen.
-
-»Ja, und was ich noch weiß,« sagte sie.
-
-»Was wissen Sie?!«
-
-Alle waren hochgespannt.
-
-Fräulein Haberkorn wählte sich noch ein Stück Torte.
-
-»Sehr schön ist die,« lobte sie, »haben Sie die auch selber gebacken,
-liebe Mehlmann?«
-
-»Nein,« erwiderte die verlegen.
-
-Fräulein Haberkorn wußte es auch so.
-
-Fräulein Mehlmann brachte, um ihre Ehre wieder herzustellen, jetzt ihr
-Likörchen an und goß ein.
-
-Die anderen warteten atemlos. Was war das für eine Neuigkeit? Von
-Meckebiers brachte die Haberkorn oft wichtige Schulneuigkeiten, die sie
-dort erlistet hatte.
-
-Die Oberlehrerin trank prüfend. Fräulein Mehlmanns Blick hing an dem
-ihren. Sie nickte ihr gönnerhaft zu. »Ganz gut, wirklich.«
-
-»Ja, also, ich habe nun erfahren, wer unserm lieben verstorbenen Kollegen
-Diermann im Amt nachfolgen wird,« begann sie endlich.
-
-»Ach!« Die Neugier flackerte noch höher.
-
-Die Mehlmann war ungeschickt und sagte: »Nu, das wird doch das Fräulein
-Doktor Arndt sein, die neulich bei unserer Vorsteherin war. Die schienen
-doch gut Freund.«
-
-»Nein,« sprach die Haberkorn triumphierend, »das wird die nicht. Man hat
-mit vielen Opfern einen Oberlehrer gewonnen. Einen _Mann_!«
-
-Sie sagte das so stolz, als ob sie selber einer sei.
-
-»Wer denn? Wer denn? Ist er hier bekannt?« Die Fragen wirbelten ringsum.
-
-Die Haberkorn zuckte die Achseln.
-
-»Das weiß ich nicht. Auch den Namen weiß ich nicht. Aber wir werden ja
-sehen.« Sie merkte, daß Frau Dorreyter wieder eintrat.
-
-Die anderen schwiegen.
-
-Sie tranken ihre Likörchen aus. Dann ging das Kränzchen unter vielen
-begeisterten, immer wiederholten Danksagungen auseinander. Gruppenweise,
-wie sie grade zueinander stimmten, wanderten die Damen ab. Mai begleitete
-ihre Familie zum Bahnhof. Sie ging dann durch die Nebenstraßen zurück, um
-dem Assessor nicht etwa noch einmal zu begegnen. Ihre Rose, die sie hatte
-nehmen müssen, schenkte sie der Wehrendorf.
-
-Die ging mit zwei roten Blumen und einem kleinen, zart klingenden Traum im
-Herzen in das Zimmer der Jong. Die Lehrerin hatte schon Adas Betten, die
-tagsüber in einer Lade verwahrt wurden, auf das Sofa geworfen und räumte
-bereits das darüberhängende, zu stark belastete Bücherbrett ab.
-
-Ada half ihr eilig und legte die Bücher beiseite.
-
-Es waren ein paar alte Lexika, ein Dictionnaire, ein paar Reclamheftchen
-und ein Band Fulda: ›Die Hochzeitsreise nach Rom‹.
-
-Dann ging Ada schlafen.
-
- * * * * *
-
-Frau von Cöldt saß in ihrem bequemen Liegestuhl am Fenster ihres Zimmers.
-Eine sacht behagliche Stimmung erfüllte sie, ohne daß sie ganz
-genau darum wußte. Der Haushalt war in den Händen des Fräuleins gut
-aufgehoben, auch Hanni war unter Aufsicht.
-
-Frau von Cöldt überdachte die gestrige Vereinssitzung bei Frau Colb
-und wühlte wichtig in ein paar Drucksachen, die eben gekommen waren --
-Vereinsangelegenheiten. O, sehr interessant! Ob man die Wöchnerinnenpflege
-noch weiter ausdehnte?
-
-Sie sann lange darüber nach.
-
-Dann fiel ihr Ludwig ein. Er war heute schon früh nach dem Walde gegangen.
-Es war ein Wintertag, dick lag der Schnee draußen, der Himmel war
-förmlich finster gegen alles Weiß.
-
-Merkwürdiges Sonntagsvergnügen, dachte sie. Aber an Wochentagen machte er
-es oft ebenso. Eine Unruhe war in ihm.
-
-Er war schon eine Weile fort.
-
-Sie dachte ein paar Sekunden darüber nach, dann vertiefte sie sich weiter
-in ihre Vereinsangelegenheiten. Nur nicht grübeln -- mit ihren Nerven war
-es dann sofort vorbei. Ein Sturz und alles war wieder beim alten. Hardi
-hatte manchmal das Gefühl, als ob sie auf einer ganz dünnen Eisdecke
-lebte. Nur sich nicht rühren, sonst brach sie ein.
-
-Aber das Leben auf diesem schwachen, einsamen Fleck gefiel ihr.
-
-»Sie haben einen sehr guten Ehemann,« sagten ihr die Damen, obwohl
-sie auf ihre eigenen auch nichts kommen ließen, so vertraut waren sie
-miteinander nicht.
-
-Ja gewiß. Er mußte sich nur mehr Bewegung machen. Reiten oder Brunnen
-trinken. Sie hatte ihm selber gesagt, er solle sich wieder ein Pferd
-anschaffen, aber er hatte nicht gewollt.
-
-Da lief er im Walde herum.
-
-Mochte er.
-
-Wieder spürte Frau von Cöldt die ganz dünne Eisdecke, auf der ihr Leben
-aufgebaut war -- sie spürte, daß sie zitterte.
-
-Nur Ruhe --! Sie verkroch sich innerlich. Der Verein -- das war ja genug.
-
-Jetzt fing ein starker Schnee draußen an.
-
-Sie ließ ihre Hefte wieder sinken und starrte hinaus, eine ganz sonderbare
-Stimmung überkam sie, etwas von einer ungeheuren, ratlosen Angst, wie aus
-Kindermärchen. Als brächte ihr der Schnee draußen ein Verschütten und
-Vergehen, ein Verschwinden vor Frühlingsanfang. Als fiele dieser Schnee
-langsam über ihr Leben hin, das doch so wohlgewahrt hinter den Scheiben
-saß. Wo war sie übers Jahr -- --?
-
-O, was war denn das -- was war denn das -- --?
-
-Sie starrte wieder hinaus.
-
-Wie das fiel. Auf Dach, Straße und Haus. Wie das in den Wald fiel und
-über alle weiten Felder. Schnee auf Schnee.
-
-Sie reckte sich. Es war doch schon Januar. Das Schlimmste war doch schon
-vorbei. Noch vier, acht Wochen, und die Amseln pfiffen wieder. Noch vier,
-acht Wochen, und der Winter war vorbei.
-
-Warum fürchtete sie sich?
-
-Sie saß doch so warm.
-
-Da kam Ludwig ja wieder. Er sah ganz weiß aus. Sie ging selbst auf den
-Flur und rief ihn an.
-
-»Wie siehst du aus,« sagte sie.
-
-Er blickte sie aus dunklen Augen an und antwortete nicht.
-
-Sein Gesicht war gelb. Er wurde alt.
-
-Sie ging in ihr Zimmer zurück und dachte weiter: wie alt war er denn
-schon? Er war ja nicht mehr ganz jung gewesen, als er sie heiratete.
-
-Ja, und was hatte er gehabt?
-
-Sie fühlte wieder, wie die Eisdecke erbebte, mein Gott, er hatte doch
-seinen Beruf. Es ging ihm gut. Er stand glänzend beim Präsidenten, sie
-wußte es, aus den Reden und dem Wesen der anderen hatte sie es gemerkt.
-Und sie kannte ihn ja doch. Er war die altpreußische Gewissenhaftigkeit
-selber. -- -- Und sein Herz hing ja doch nicht mehr an ihr. Sie hatte es in
-der Sekunde erkannt, in der sie damals wieder zu ihm gekommen war.
-Vorher glaubte sie sein verändertes Wesen nur auf die Enttäuschung
-zurückführen zu müssen, auf die feige und mutlose Art, die sie ihm
-gegenüber gezeigt hatte -- aber dann spürte sie: es war etwas anderes,
-sein Sinn war bei etwas anderem -- er machte sich nichts mehr aus ihr.
-
-Und bald hatte sie Klarheit gehabt.
-
-Wie er auf jeden Brief Christianens paßte, wie er es so gern übernahm,
-ihr zu antworten, wie sorgfältig und ruhig er schrieb, und doch war etwas
-darin -- sie überlas die Zeilen -- ja, sein Herz war darin!
-
-Beim zweiten Mal war sie viel tapferer, obwohl ihr Zustand bewies, daß ihr
-Schrecken einen guten Grund gehabt hatte, und zugleich fühlte sie sich wie
-von einer Last erleichtert -- sie hatte ihm ihre Gesundheit geopfert, sie
-hatte genug getan!
-
-Nun konnte _sie_ fordern!
-
-Und er gab ihr alles, was sie wünschte, und alles war gut, bis das Kind
-größer wurde.
-
-Da sahen sie beide, wie sonderbar Hanni in ihre Ehe hineinpaßte, und
-wußten, daß sie sich nicht geliebt hatten.
-
-Nun also -- was wollte er noch?
-
-Christiane konnte er ja niemals haben, das stand weder in seinem, noch in
-ihrem Katechismus, solche Dinge taten sie nicht.
-
-Die Gartentür klirrte -- es kam wohl Besuch. Sonntagsvisiten. Mochte
-Ludwig annehmen, wenn er Lust hatte, sie ließ sich von Fremden niemals
-sprechen, wenn es nicht in Vereinsangelegenheiten war.
-
-Flüchtig horchte sie. Unten gingen Türen. --
-
-Ludwig hatte die Karte verwundert besehen: Richard Bartelmes, =Dr. phil.=
-
-Ach so, das war wohl der neue Oberlehrer an der Reutterschule? Was wollte
-der bei ihm? Nahm's wohl sehr gewissenhaft, klapperte alle Honoratioren ab.
-Na, den wollte er sich ansehen.
-
-Es war ja schon im voraus genug über ihn erzählt worden. Man sollte ihn
-an gewisser Stelle förmlich gebeten haben, anzunehmen. Er war ein Licht.
-So eine besonders moderne Sorte Reformlehrer. Schriftstellerte über
-allerhand Ästhetisches und hatte die neuesten Ideen, die es gab. Kunst
-in der Schule! Es hieß, er sei aus der westdeutschen Stadt nur privater
-Verhältnisse wegen weggegangen. Einzig diesem Grunde verdankte Markburg
-das Glück seiner Zusage.
-
-Jetzt kam der Reformoberlehrer.
-
-Was er sagte, war gewandt. Ludwig entdeckte auf den ersten Blick weder
-eine Teutonische Wucht, noch eine Spießbürgerlichkeit. Der Mann sah ganz
-weltmännisch aus.
-
-»Sie werden sich an meinen Namen wohl nicht mehr erinnern, Herr
-Regierungsrat,« sagte er verbindlich, ihm mit den etwas runden dunklen
-Augen im Gesicht forschend.
-
-»Ihren Namen hat man in der letzten Zeit hier oft im Blatt gelesen,«
-erwiderte Ludwig.
-
-»Es war aber auch einmal eine Erinnerung für Sie damit verbunden -- wenn
-ich nicht sehr irre. -- Ich bin ein geborener Westpreuße, mein Vater war
-zuletzt in Thorn Major vom Platz.«
-
-»Der alte Bartelmes,« fuhr Ludwig ein wenig vor -- bis jetzt hatte
-er eine kühle Gleichgültigkeit gezeigt, fast mehr, als korrekt war --
-Christianens wegen! Er wußte doch, daß dieser Mann ihr als Stein in
-den Weg geschoben war, daß seine, grade seine Berufung etwas wie
-ein verstecktes Mißtrauensvotum war -- im Reutterschloß sollte die
-Persönlichkeit eines bedeutenden Mannes wieder mit ins Gewicht fallen!
-
-Man hatte deshalb keinen ganz Jungen gewählt.
-
-Bartelmes war nicht sehr viel jünger als er selbst.
-
-»Ja, Major Bartelmes kannte ich,« fuhr er nun ruhiger fort, auf seine
-Hände schauend, »aber an seine Familie erinnere ich mich nicht mehr.«
-
-»Das ist leicht erklärlich. Mein Bruder und ich waren damals im
-Kadettenhaus und kamen nicht oft nach Hause. Freilich haben wir es in der
-militärischen Zwangsjacke nicht sehr lange ausgehalten.« Er lächelte und
-fuhr leicht über seinen sehr gepflegten, kurzen dunklen Vollbart. »Leider
-sind wir alle etwas aus der Art geschlagen. Mein Bruder ist Musiker, meine
-Schwester Schauspielerin.«
-
-Es war, als ob er das dem Herrn Regierungsrat mit besonderem Wohlgefallen
-sagte.
-
-»In der Tat? Ganz künstlerisch! Herr Major Bartelmes --«
-
-»War es nicht,« ergänzte der Doktor mit einer etwas sonderbaren
-Stimmfärbung.
-
-Cöldt entsann sich. Der Major hatte getrunken. Und hatte dann unklarer
-Dinge wegen weggemußt.
-
-Also die Kinder dieses Trinkers waren Künstler geworden, und der Herr
-Doktor war vermutlich Abstinenzler.
-
-Er sah ihn mit leiser Ironie an.
-
-Etwas stieg in ihm auf, das wehrte sich riesenstark gegen den Menschen. Er
-horchte in sich hinein: wie kam er zu solch vorweltlichen Haßgefühlen?
-
-Ach, ein Grund war wohl da: Christiane.
-
-Sie soll es aufgeben, dachte er plötzlich, sie soll die Sache einfach
-hinwerfen. Sie ist doch kein Mensch, dem man mißtrauen darf.
-
-Und plötzlich kam es erlösend über ihn: sie wird sich nicht ducken
-lassen.
-
-Jetzt wurde er freundlicher. Befragte den Herrn nach seinem Studiengang und
-seinen Werken.
-
-Der antwortete zurückhaltend.
-
-Also immerhin ein Offizierssohn, vermutlich doch wohl noch in einigem
-wesensverwandt. Wahrscheinlich wollte er in der Gesellschaft verkehren? Ob
-er keine Frau hatte? Es schien doch nicht.
-
-Und plötzlich überkam Cöldt wieder ein neues Gefühl: die Eifersucht.
-
-Er sah, daß Richard Bartelmes gut gewachsen war, sich gut hielt und ein
-regelmäßiges, gesundes Gesicht hatte, nicht junggesellenhaft zerknittert.
-Der hat gelebt, erkannte er plötzlich. Ein Mucker ist der Herr Doktor
-nicht, trotz seiner Reformen.
-
-Bartelmes verabschiedete sich. --
-
-Um zwei Uhr erschien Christiane mit ihrer Mutter, wie sonntäglich üblich,
-zu Tische und blieb hernach bis zum Abend.
-
-Ludwig erzählte von dem Besuch.
-
-»Er war bei mir,« sagte Christiane ohne Aufregung, aber mit einem seltsam
-konzentrierten Blick, »allzu gewaltig können seine Reformideen nicht
-sein, da er beim Provinzialschulkollegium so in Gunst steht.«
-
-»Und du wirst ihm wohl nicht mehr Einfluß gönnen, als ihm gebührt?«
-
-Sie sah ihn ruhig an.
-
-»Er bekommt den Raum, der ihm gehört. Nicht einen Zoll mehr.«
-
-Er merkte, daß ihr Gesicht in seinen Linien schärfer und härter geworden
-war.
-
-Sie begaben sich in Ludwigs Zimmer, die Mutter blieb bei Hardi im Salon.
-Dort redeten sie vom Verein. Hanni saß gleichmütig und kaltblütig dabei
-und häkelte.
-
-Frau Dorreyter hatte nie eine Ahnung von dem gehabt, was Christiane und
-Ludwig verbunden hatte. Hardi hatte niemals etwas angedeutet und verriet
-auch jetzt nichts, obwohl sie den beiden merkwürdig nachgeschaut hatte.
-
-Christiane ging drinnen an einen Tisch, auf dem neue Bücher lagen.
-»Hier,« sagte Ludwig und hielt ihr einen Band hin.
-
-Es war ein neues Buch von Mereschkowski über Tolstoi und Dostojewski.
-
-Sie las, in einen der tiefen Ledersessel gedrückt. Er saß ihr gegenüber
-und las und rauchte. Sie liebte den feinen Zigarrenrauch sehr, wenngleich
-sie selbst nie rauchte. Dann und wann hielten sie inne und sprachen ein
-wenig, oder sie ließen nur ihre Bücher sinken und sahen sich kurz in die
-Augen.
-
-Es war etwas von einem alten Rausch dabei.
-
-Als Christiane und ihre Mutter gegangen waren, trat Ludwig wieder in sein
-Zimmer zurück und zog die Schiebetür leise zu. Hardi war noch im Salon
-mit Hanni beschäftigt und hörte das sachte Vorfallen des Holzes.
-
-Der Zigarrenrauch war ein wenig eingedrungen und durchwebte die Luft des
-Salons. Hardi erhob sich, machte ein paar Schritte und vertrieb den Rauch
-mit der Hand. Sie ging näher an die verschlossene Tür heran, und es war,
-als ob sie horchte oder etwas überlegte. Dann aber wandte sie sich, nahm
-ihr Kind an die Hand und ging mit ihm die Stiege hinab in ihr eigenes
-Zimmer.
-
- * * * * *
-
-In der Reutterschule war doch einiges anders geworden.
-
-Christiane beobachtete es aber von einem stillen gleichmütigen
-Lauscherposten aus.
-
-Doktor Bartelmes hatte den Ton im Kollegium verändert. Er war der
-Haberkorn so liebenswürdig entgegengetreten, daß sie ihre kratzbürstige
-Art wider Willen vergaß; sie kam in seiner Gegenwart einfach nicht dazu.
-Er war anders als ihr Freund, der Professor Diermann, dem noch ganz und
-gar die alte Zeit in den Gliedern gesteckt hatte, und auch anders, als die
-übrigen Herren, die den Damen mit wenigen Ausnahmen doch am liebsten aus
-dem Wege gingen. Bartelmes nahm die Haberkorn so wichtig, wie sie sich
-selber vorkam, und wenn ein heimliches Blinzeln und Flirren manchmal dabei
-in seinen Augen war, so merkte sie das nicht.
-
-Auch mit den anderen wußte er fertig zu werden. Nicht nur, daß er das
-gute Mehlmännchen allerorten neckte und von ihr schon einmal eine Büchse
-köstlicher Marmelade geschenkt bekommen hatte (sie erkundigte sich nachher
-bei sämtlichen Damen, ob man auch nichts ›dabei gefunden‹ hätte),
-sich von Fräulein Jong Fußtouren sagen ließ, den jungen Praktikantinnen
-und Mai mit viel Ritterlichkeit gegenübertrat, das physiologische
-Phänomen der Seifert und ihre sonstige Vortrefflichkeit genügend
-anerkannte -- auch mit den Kollegen wußte er sich zu stellen, und mit dem
-Zeichenlehrer sah man ihn sogar oft. Nur die kleine Wehrendorf beachtete er
-nicht, aber die hatte ja immer Pech.
-
-Man begriff manchmal nicht mehr recht, wie man sich innerlich so schroff
-vom anderen getrennt und nur bei feierlichen Gelegenheiten offiziell
-zusammengefunden hatte --, man war ja gleich und beim gleichen Werk
-eingespannt.
-
-Bartelmes widersprach seinen Büchern nicht. Er hatte noch Idealismus.
-
-Die Haberkorn wurde auch idealistisch. Bisher hatte ihre Stimmung sich
-immer nach ihren Nerven gerichtet oder je nachdem sie geschlafen hatte --
-jetzt kam sie alle Morgen strahlend frisch, und ihr zweites Wort war
-immer ›Die Kindesseele --‹. Sie schwärmte jetzt nicht nur für die
-geheimrätliche Meckebier, sondern auch für alle anderen Zöglinge, ihr
-Herz wurde butterweich -- es war doch ein schöner, edler Beruf!
-
-Sie fühlte sich glücklich.
-
-Auch den anderen ging es ähnlich, und Christiane mußte sich sagen: er
-hatte es gemacht, nicht sie. Obwohl sie mit gutem Willen, mit Gerechtigkeit
-und Liebenswürdigkeit begonnen hatte -- er hatte es gemacht, nicht sie.
-
-Sie wußte, woran es lag. Es war etwas Uraltes, das in diesen älteren und
-jüngeren Mädchen unbewußt lebendig wurde. Es war auch ein heimlicher
-wissender Trotz gegen sie dabei. Sie wollten das Tun dieses herangerufenen
-Fremden doppelt wiegen.
-
-Christiane beobachtete ihn mit kühler Zurückhaltung, fand, daß er
-anscheinend eine gute unterrichtliche Begabung und vor allem ein gewisses,
-verschleiertes Künstlertum besaß, von dem freilich nicht zu ersehen war,
-wie weit es reichte.
-
-Er hatte Christianens Pläne, von denen sie ihm gesprochen hatte, mit
-großer Entschiedenheit abgelehnt.
-
-Ein Seminar, eine harte, nüchterne Beruflichkeit, ja nur ein Hineinmischen
-solcher Dinge hier an der vornehmen Schule war für ihn ein Unding. Man
-sollte froh sein, daß diese moderne Unumgänglichkeit hier noch
-umgangen werden konnte! Diese Mädchen stammten sämtlich aus solchen
-Verhältnissen, daß man sie zu echten Frauen erziehen konnte, zu der
-modernen Weibpersönlichkeit, die die Frauenbewegung niemals zu schaffen
-vermochte.
-
-Kultur, ja, die brauchten diese jungen Markburgerinnen herzlich notwendig,
-Schönheit, die mußte man ihnen geben. Man sollte sie das reine Genießen
-lehren, die schöne Haltung, das ganze Begreifen der Gegenwart, aber man
-sollte sie nicht mit häßlichen Klammern verzerren.
-
-Christiane kannte sein Buch ›Die unerreichbare Frau‹, das nach
-einem neuen, noch unbekannten Frauentypus rang, während er die
-›Karrenschieberinnen‹, wie er sie nannte, als ewig kulturlos beiseite
-warf. Er wollte hohe, starke Geister, volle Teilhaberinnen am modernen
-Leben, aber keine Frauen mit Examen, mit dem Sinn an ein enges Fach
-gebunden, mit den Gedanken an Geldverdienen. Er knüpfte an die großen
-Frauen des achtzehnten Jahrhunderts an und rief ein hohes Idealbild auf.
-
-Warum sattelte er nicht um und ritt mit seinen Gedanken ganz in die bunten
-Felder der Phantasie?
-
-Denn er war ein Phantast.
-
-Sie begriff nicht, wie die Frauen ringsum sich so für ihn begeistern
-konnten -- er lehnte sie ja alle ab. Er verachtete sie innerlich grausam,
-obwohl er ihnen äußerlich zu Hilfe kam; diese Hilfe war verkappter Spott.
-
-Christiane fühlte: er sah sie auch nicht anders. Sein Schauen war ihr
-gegenüber wenigstens geteilt. Halb ließ er sie gelten, halb lehnte er sie
-auch ab.
-
-Ihre Schriften ignorierte er vollständig.
-
- * * * * *
-
-Christiane begegnete dem Doktor Bartelmes eines Abends bei Cöldts. Er
-machte eine sehr gute Figur, und plötzlich horchte sie überrascht: er
-suchte wahrhaftig Geist in die Unterhaltung zu bringen! Mit zweien, dreien
-hatte er ein interessanteres Thema angefangen -- jetzt horchten schon
-mehrere darauf.
-
-Er kam aus geistig reger Stadt, kannte viele Großstädte und Künstler. Es
-war nicht die geringste Prahlerei an der Art, in der er das vorbrachte, es
-kam ganz zufällig.
-
-Er war vorzeiten Gast im literarischen Kreise zu Schreiberhau gewesen,
-kannte Reicke und Bölsche -- für Bölsche interessierten sich sogar
-die Markburger jungen Damen, der war ja populär! Er hatte etwas von der
-merkwürdigen Friedrichshagner Zeit kennen gelernt, war in München und in
-Bayreuth bekannt und hatte in Weimar Beziehungen. Vieles war durch seinen
-Bruder gekommen, der aber ein etwas schwankendes und unklares Genie zu sein
-schien und einmal eine preußische Wachtparade im Stil des alten Fritz, ein
-andermal eine Oper komponierte und jetzt an einer modernen Operette war.
-Die Schwester war in Dresden und bei der Dumont engagiert gewesen und
-sollte jetzt zu Reinhardt kommen.
-
-Es schien doch Leute in Markburg zu geben, die da wußten, was Reinhardt
-augenblicklich bedeutete.
-
-Bartelmes kannte auch Yse Bernhart.
-
-Christiane sah ihn überrascht an.
-
-»Ich traf Fräulein Bernhart erst vor kurzem in Weimar.«
-
-»Dann hat sie gewiß auch von mir gesprochen.«
-
-Christiane sah starr in die flimmrigen schwarzen Augen des Mannes.
-
-»Ihren Namen nannte sie allerdings, Fräulein Doktor,« erwiderte er
-langsam, während sein Blick etwas nach unten strich -- und Christiane
-begriff jäh: der wußte mehr von ihr, als sie geahnt hatte. Der hatte
-sie schon gekannt, ehe er hierher kam! Er wußte, aus welcher Flut sie
-gestiegen, wie ihre Entwicklung war -- grade aus dieser Verbindung heraus!
-
-Sie fühlte sich ihm gegenüber plötzlich rätselhaft ärmer, als ob sie
-ihm gebeichtet hätte. Etwas zwischen ihnen war verschoben. Nicht, daß Yse
-etwas verraten hätte, aber ihre Freundschaft sagte dem Psychologen schon
-genug! Und Bartelmes war ein Frauenpsychologe, wollte es wenigstens sein,
-und so fühlte sie sich ihm gegenüber plötzlich nicht mehr als das ruhig,
-straffe Fräulein Doktor, die moderne Herrscherin, sondern --
-
-Rief noch immer etwas in ihr nach dem verbotenen Gestade -- --?
-
-Ihr Blick irrte zu Ludwig. Er stand nicht weit entfernt von ihr.
-
-Er war nie weit entfernt von ihr.
-
-Sie sahen sich an.
-
-In dem Augenblick wurde ihr Bartelmes von einer Dame weggewinkt. Es ging
-wohl um den Frauenverein, in dem der Doktor Kunstvorträge halten sollte,
-vielleicht aber auch um andere Dinge, denn sie wären im Alter zu einer
-Partie grade recht gewesen.
-
-Er schien aber nicht daran zu denken.
-
-Sie merkte, daß er während aller Liebenswürdigkeiten, die auf ihn
-einkamen und die er weltmännisch und mit dem kleinen Künstlerhauch
-erwiderte, doch immer wieder zu ihr schaute.
-
-Sie kannte den Blick.
-
-Es war etwas von dem darin, den Ludwig für sie hatte. Den schon mancher
-Mann für sie gehabt hatte: das eigentümlich überlegende Sinnen, das
-innere Festgehaltensein.
-
-Ludwig! Ludwig!
-
-Nachher brachte Bartelmes sie nach Hause.
-
-Es war Tauweiche in der Luft. Noch lag alles voll Schnee. So viel Schnee
-hatte man in den Jahren hier nicht mehr gehabt. Schnee auf Schnee lag im
-Walde. Wälle, die vorm Feind geschützt hätten, waren um die Felder und
-Dörfer geschichtet. Schnee um Schnee war in der Welt. Aber ein flüchtiger
-Tauwind zog darüber.
-
-Sie begann unwillkürlich wieder von Yse.
-
-»Ich sah sie lange nicht. Sie schreibt mir auch nicht mehr.«
-
-»Dafür liest man, was sie für alle schreibt,« sagte er.
-
-»Das lassen Sie also gelten?« fragte sie. »Das, was _sie_ schafft?«
-
-»Was sie schafft, ja. Denn es ist etwas Gegebenes, die Aussprache einer
-inneren Kultur. Ich freute mich herzlich, wenn ich unter meinen Mädchen
-ein solches Fünklein entdecken könnte -- blasen und blasen würde ich --
-aber leider glimmen solche Feuer in Markburg nicht auf!«
-
-Christiane fragte plötzlich nach seiner Schwester.
-
-Er sagte langsam: »Fräulein Doktor Dorreyter, Sie werden sich wohl
-darüber klar sein, was für einen Weg sie gemacht hat. Vor Ihnen will ich
-das nicht verhehlen. Es hängt etwas daran, ehe eine arme Offizierstochter
-eine bekannte Bühnenkünstlerin wird.«
-
-Sie nickte schwer.
-
-»Aber meine Schwester ist echtes Künstlerblut,« setzte er hinzu, »und
-es hat keinen Ballast für sie bedeutet.«
-
-»Und Sie, Herr Doktor?« fragte Christiane plötzlich, »wie stellen Sie
-sich als Bruder dazu?«
-
-»Daß sie diesen Weg machen mußte,« sagte er leichthin. »Vielleicht
-ist in späterer Zeit auch der Bühnenberuf eine Versorgung für untadelige
-höhere Töchter und mit allerhand Besen gesäubert. Aber ich -- möchte es
-nicht hoffen. Ich -- glaub's nicht. Dickicht muß sein. Grade hier. Unkraut
-muß sein. Grade hier.«
-
-Er bog sich ihr zu.
-
-»Nicht wahr, das sind nette Anschauungen? Aber ich bringe sie nicht in das
-Reutterschloß.«
-
-Er sah blinzelnd nach dem Haus, das jetzt inmitten der weißen Nacht
-sichtbar wurde.
-
-Sie wußte gar nicht, was er da zu schauen hatte, legte die Hand auf den
-Knopf und klingelte.
-
-Jetzt tauchte die Hausmeisterin mit ihrem Laternchen auf.
-
-»Ich danke Ihnen, Herr Doktor,« sagte Christiane kühl und reichte ihm
-die Hand.
-
-»Auf Wiedersehen, Frau ... Äbtissin,« sprach er langsam mit einem
-Lächeln, das sich in seinem Bart verkroch.
-
- * * * * *
-
-Am anderen Tag begegnete er ihr ganz unbefangen und fragte sie, ob sie
-nicht einmal ihren Garten öffnen wollte. Er würde seine Mädel gern
-mal hineinführen, so lange noch Schnee sei. Jetzt könnten sie ja keinen
-Schaden anrichten.
-
-Ihr war es noch nicht eingefallen, den fremden Kindern ihr einsames
-Geheimnis preiszugeben, noch viel weniger den Kollegen und Kolleginnen. Der
-Garten war auch jetzt ein Märchen. Sie schaute von ihren Fenstern aus oft
-hinein, und nur ihre Fußspuren gingen einsam durch den Schnee. Der Garten
-war ihr Schönstes.
-
-Aber sie sah keinen Grund nein zu sagen. Denn in ihrem Amt durfte sie
-eigentlich gar nichts für sich allein haben. Alles mußte dem Zwecke
-dienen, dem sie sich einmal gelobt hatte.
-
-Sie stand am Fenster und gewahrte, daß der Doktor zuerst allein
-hineinging. Er schaute auf ihre Fußspuren und verfolgte sie langsam bis
-zum Tempel mit dem blauen Griechenbild. Auf einmal hatte sie das Gefühl:
-es ist ihm gar nicht um das Schneeballen der Kinder -- er will nur wieder
-spähen. Er hat ein halbes Bild von dir und will neue Züge haben. Er sucht
-sie sich.
-
-Sie sah, wie er ging und ihre Spuren verdarb.
-
-Sie sah, wie er durch ihren weißen Schneegarten ging.
-
-Auf einmal fühlte sie das Widrigste an ihm, das eine Frau an einem Mann
-empfinden kann.
-
-Sie trat zurück. Ihre schwarze Gewandschleppe rauschte.
-
-Dann hörte sie Kinderlärm.
-
-Jetzt flog es da unten hin und her. Ball auf Ball. Der Doktor warf seine
-Bälle immer den hübschesten Mädchen zu. Die wußten das und warteten
-darauf. Sie lachten.
-
-Christiane dachte jäh: im Grunde wird Bartelmes mit diesen Mädchen gut
-fertig.
-
-Bestand da irgend eine geheimnisvolle Wirkung, ein heimliches Gegenspiel --
-Funke und Funke -- --?
-
-Oder war er wirklich auf diesem Gebiete besonders begabt?
-
-Ihr fehlte die große Begeisterung, die in dem Werk an den verwöhnten
-Kindern eben wirklich ein Werk sah. Heimlich hatte es schon oft in
-ihr gerissen: wärst du doch dort geblieben, wo du warst, wo du junge
-Kämpferinnen vor dir hattest, Wesen wie du, die ihren Sinn gespannt
-auf alle Dinge des Wissens richteten und ihren Lebensgehalt vom Wissen
-erwarteten --! Das Nutzlose ihres Schaffens stieg vor ihr auf.
-
-Die hier sind anders. Sie sind vom anderen Ufer. Sie sehen kühl und
-lächelnd auf dich und denken: du bist alt. Sie sehen dein Kleid und
-denken: hu, so möchte ich nicht sein.
-
-Sie schauen nach dem, was du nie besaßest, und sie werden es besitzen.
-Alle, alle werden es besitzen.
-
-Neid kam in ihr auf, Neid auf diese jungen, werdenden, schönen,
-leichtbeschwingten Dinger.
-
-Sie vermochte ihnen nichts Dunkles anzudenken, und sie sollten es auch
-nicht verstehen. Sie sollten den Weg gehen, den dieser Mann, dessen Nerven
-in einem starken, sinnlichen Weibesverstehen zuckten, ihnen anweisen
-würde.
-
-Sie selber konnte hier nicht anwenden, was sie eigentlich war, nicht
-werden, die sie war.
-
-Vielleicht nie und nirgends.
-
-Sie war in einer Sackgasse verrannt.
-
-Ihre besten Gaben, ihr Geist, ihre Klugheit, ihre Sehnsucht, ihre uralte
-Kultur -- das alles war knapp eingespannt und kläglich halb ausgenützt.
-Das andere verfiel.
-
-Torheit war es, zu glauben, daß ein Beruf eine jede Frau höher
-brächte ... dazu durfte man nicht Vollblut sein. Er entwickelte eine
-brave, nüchterne, praktische, manchmal sogar trostlose Seite, aber ein
-geistiges Wachsen brachte er nicht. Die ersehnte Hochkultur brachte er
-nicht.
-
-Sie hätte eine dieser Frauen werden können, wie sie Bartelmes suchte,
-einer der vornehmen, neuen Geister, die alte und neue Kultur, Traditionen
-und Erworbenes in sich vereinten -- war es nicht das, was sie Jahre und
-Jahre hindurch mit verbotenen Wünschen heimlich ersehnt hatte?
-
-Mit Ludwig hätte sie reiten, an seiner Seite mit an seinem Werk bauen,
-das ganze Leben der Nation in seiner Entwicklung, in seinen Kämpfen und
-Bedrohungen mit erleben wollen -- sie wäre eine kostbare Teilhaberin
-geworden!
-
-Wohin er auch gelangt wäre, immer hätte sie unübersehbar an seiner Seite
-gestanden, keine Nichtstuerin, kein Weibchen, sondern mit weiten Flügeln
-hinaufstrebend zu dem Hochbild der neuen Frau.
-
-Sie fühlte sich plötzlich umspannt, beunruhigt, in alte Qualen gestürzt.
-
-In ihr spähte es ja immer noch. Es war, als ob ihre ganze Seele dem Leben
-gegenüber jetzt atemlos auf dem Lauscherposten stünde, ehe sie sich
-enttäuscht für immer abwandte und in Niederungen verkroch.
-
-Sie vergaß ihre Grenzen und ihre Würde.
-
-Sie starrte zu den jungen Dingern hinab, und ihre Hände zuckten, wie ihr
-Herz.
-
- * * * * *
-
-Um zwölf Uhr -- das Glockenspiel der Agnetenkirche summte durch die
-weiche, dicke Luft -- guckte Mai Friedlein aus dem Tor des Reutterschlosses
-sehr bestürzt in das Gewimmel. Schon wieder so viel Schnee, und sie hatte
-keinen Schirm. Schon wieder so viel Nässe, und sie hatte ihren guten Hut
-auf.
-
-Da kam es von rechts und von links.
-
-Sie wußte gar nicht, wohin sie zuerst schauen sollte, und war von dem
-Übermaß unerwarteter Ritterlichkeit förmlich entzückt. Das war hier
-doch sonst nicht Sitte! Sicher hatte Dreher Bartelmes beobachtet, sein
-Vorhaben erraten und kam nun von der anderen Seite gleichfalls mit seinem
-Schirm und einem galanten Spruch.
-
-Sie warf den Kopf zurück und sah noch viel schöner als gewöhnlich aus.
-
-»Wie soll ich mich da entscheiden?« sagte sie lachend, »am besten ist
-es wohl, ich nehme einen Schirm, und die Herren gehen zusammen unter dem
-anderen.«
-
-»Ihr Hut muß sehr geschützt werden,« meinte Dreher, der im Herzen
-wieder erwog, wieviel solch ein Hut kostete. Er hätte den Vorstoß nicht
-gewagt, sondern hätte sie seelenruhig im Schnee gehen lassen und wäre
-höchstens zärtlich hinterhergestapft -- wenn er nicht noch rechtzeitig
-den anderen gewahrt hätte. Nein, dem gönnte er sie nicht! Dem Bartelmes
-nicht!
-
-Sie hatte einen Schirm angenommen, und zwar, vielleicht zufällig, den des
-Doktors.
-
-Nun liefen die beiden Herren neben ihr her, einer rechts, einer links.
-
-Jeder im Schnee.
-
-Mai beobachtete das mit großer Schärfe und fand, daß die breiten Flocken
-dem Doktor besser standen, als Dreher, dem sie lächerlich an der Nase
-vorbeitrudelten. Auf Bartelmes blieb der Schnee förmlich zärtlich liegen
-und zerfloß dann schnell, wie von einer ungeheuren Wärme aufgezehrt.
-
-Wenn man nur wüßte, was für Gedanken er hatte!
-
-Sie mahnte sich selber: Vorsicht! Vorsicht!
-
-Die Erinnerung an den Assessor kam wieder.
-
-Noch immer war kein sicherer Bewerber aufgetaucht. Die Mutter war noch
-nicht wieder in die Stadt gekommen.
-
-Dreher redete wenig, horchte aber aufmerksam auf den anderen. Der erzählte
-vom Theater (das für Mai auch keine ganz angenehme Erinnerung war) und vom
-Rodeln, das er für seine flotten Schülerinnen eingeführt hatte. Ein Wall
-im Stadtpark war dafür hergerichtet worden.
-
-Er hatte auch Winterwanderungen aufgebracht.
-
-Nun bot Bartelmes sich Mai zum Führer an: »Wenn Sie einmal den Versuch
-machen wollen, so bin ich gern bereit, Sie zu unterstützen.«
-
-Sie merkte, was für ein Gesicht Dreher zog, und bedachte sich.
-
-»Ich werde es mir überlegen.«
-
-»Zu unserm Rodeln müssen Sie aber kommen,« redete Bartelmes zu. »Heute
-nachmittag sind wir im Stadtpark, meine Mädel und ich.«
-
-Der Stadtpark verursachte ihr auch keine angenehmen Erinnerungen.
-
-»Kommen Sie doch, Fräulein Friedlein,« bettelte er.
-
-Sie besann sich rasch. Wenn sie recht spät kam, war das Rodeln beendet,
-und dann hatte sie noch den Heimweg mit dem Doktor. Sie konnten sich einmal
-sprechen. Wann war das sonst möglich? Im Reutterschloß war man doch
-umspäht und beobachtet. Er war doch schließlich -- -- vielleicht -- zu
-rechnen. Der langweilige Dreher entschloß sich doch nie.
-
-Sie blieb stehen, denn sie war am Stieglitzberg. Eben wollte sie zusagend
-antworten, in Gegenwart Drehers antworten, und sie wußte, was das für den
-bedeutet hätte. Denn der haßte das Rodeln, erstens, weil man sich dabei
-erkälten konnte, und dann, weil es unnötige Anstrengung war.
-
-Da sah sie in Bartelmes Augen.
-
-Mai Friedlein war mit der Zeit klug geworden. Sie hatte ihre Erfahrungen
-und eine gewisse sehr feine, treffsichere Männerpsychologie.
-
-Lächelnd und sehr unbefangen sagte sie: »Nein, Herr Doktor, es tut mir
-sehr leid -- ich rodle, offengestanden, nicht sehr gern. Sie verzeihen
-also, wenn ich -- fehle.«
-
-Und damit gab sie dem alten Junggesellen, dem Dreher, die Hand. Instinktiv
-sehr fest. Und er antwortete mit einem Druck, der ein Kompliment war, eine
-große Anerkennung. Eine Sorge war von ihm genommen.
-
-Sie war doch nicht zu -- schön.
-
-Die Herren sprachen nicht viel untereinander, als sie zu Tisch gingen.
-
- * * * * *
-
-Ludwig brachte Christiane ein Buch, von dem sie gesprochen hatten, und
-fragte, ob sie zum Abend zu ihnen kommen könnte. Es sei aber niemand
-weiter da.
-
-»Heute abend geht es nicht,« antwortete sie, das Buch leicht in der Hand
-drehend, »heute fahre ich nach der Oper. Götterdämmerung.«
-
-»Siegfrieds Tod,« sagte er mit leichter Ironie, die sie nicht verstand.
-
-»Ja, Ludwig, es ist mir hier manchmal zu eng,« sprach sie, aufstehend und
-ein paar unruhige Schritte durchs Zimmer machend, »ich muß etwas anderes
-haben, wenigstens einen Ton von Ungewöhnlichkeit. Es ist ja nur kurz,«
-fügte sie hinzu, »sieh, so musikalisch bin ich nicht, daß ich Wagner
-vollkommen verstünde. Ich habe nur _gelernt_, ihn zu verstehen. Das ist
-nicht viel. Im Anfang werde ich kalt sein. Ich werde die Pappen und die
-Leinwand der Dekorationen am deutlichsten sehen und die koketten Arme der
-Sängerinnen. Dann werde ich anfangen zu hören und für eine Weile im
-Strudel untertauchen. Aber wenn es aus ist, Ludwig, dann ist es auch
-für mich aus,« setzte sie traurig hinzu, »ich nehme nichts mit. Keinen
-Rausch, keinen Traum, keine Erhebung. Davon bin ich ausgeschlossen.«
-
-»Aber warum suchst du dir nicht eine Sprache aus, die du ganz verstehst?«
-fragte er.
-
-»Ich sage dir ja, ich suche das Ungewöhnliche,« antwortete sie.
-
-Er sah sie schärfer an.
-
-»Christiane, ist es dir zu -- schwer?« fragte er halblaut, »dann --
-wirf's doch hin. Wirf die Sache hin. Such dir Größeres. Sieh, ich sprach
-damals nicht dagegen, als du kommen solltest, weil ich« -- er stockte eine
-Sekunde -- »weil ich dich wieder nahe haben wollte. Weil ich dachte, wir
-könnten uns auch so etwas sein. Du mir und ich -- dir.«
-
-»Was können wir uns sein, wenn unser Feuer so hinter dem Berge brennt,«
-erwiderte sie leise.
-
-Er schrak zusammen.
-
-»Dafür brennt aber kein anderes, näheres,« sagte er langsam, in sich
-versunken.
-
-Sie schwiegen beide.
-
-Als er aufschaute, kam ihm ihr Gesicht wieder verwandelt vor.
-
-Sie blickte in ihren Garten hinaus. Der war voll Schnee. Aber viele Spuren
-führten bis zu dem blauen Griechenbild.
-
-»Komm morgen zu uns,« sagte er, »komm jeden Tag. Wenn du _kannst_,«
-fügte er halblaut hinzu.
-
-»Ich dachte, damals sei das Schwerste für mich,« sprach sie langsam,
-»damals am Morgen auf der Bahn. Weißt du -- als du die Türe hinter mir
-schlossest. Aber jetzt -- ich bin doch schon so weit -- aber jetzt --«
-sie fuhr plötzlich zusammen. »Ludwig, was sage ich dir,« rief sie, »was
-fällt mir ein? An solche Dinge dürfen wir nicht rühren.«
-
-Sie sah wieder nach ihrem Garten.
-
-»Solche Spuren sind ganz fein, und mehr darf nicht sein. Sei ruhig,
-Ludwig, ich will dir keine neue Last aufladen. Ich möchte nur, daß du
--- fortgingst. Das quält mich mit, daß ich dich hier weiß und daß du
-so --«
-
-Er sah sie an.
-
-»Sprich nicht weiter,« bat er.
-
-Sie schauten sich an.
-
-»Bitte, komm morgen,« sagte er dann, »komm, Christiane.«
-
-Er ging. -- -- -- --
-
-Christiane fuhr in die ›Götterdämmerung‹. Unterwegs, während der
-kurzen Eisenbahnfahrt, sah sie erst, wieviel Schnee in der Welt war. Schnee
-um Schnee.
-
-Aber in der großen Stadt war er weg, oder wenigstens unkenntlich. In der
-Vorhalle des Opernhauses mußte sie plötzlich an den Wald denken, und
-jetzt wußte sie: ich werde ihn gleich sehen. Oder etwas Ähnliches.
-
-Und es kam so, wie sie gesagt hatte: erst saß sie fremd, ja, sie lächelte
-sogar flüchtig, dann aber warf sie ihre Seele in die Musik hinein, sehr
-spät, denn die anderen, die ihre Gläser vor die Augen und die Textbücher
-auf dem Schoß hielten, hatten das vermutlich längst getan.
-
-Der Gesang der Rheintöchter berührte sie besonders. Dieses Klingen,
-dachte sie. Meine Stimme hat in meinem ganzen Leben nicht so geklungen. Wie
-das perlt.
-
-Ich kann mir denken, daß Frauen, die so singen können, ein ganz anderes
-Leben führen, als eine -- Schulmeisterin.
-
-Nachher dachte sie an Doktor Bartelmes Schwester. Eine Tochter aus gutem
-Hause -- nein, so ganz gut war es wohl nicht. Sie hatte es von Ludwig
-gehört. Ein wenig Schmutz war ihr wohl schon in der Seele angehangen, als
-sie auf die Bretter kam, und ihre Seele war jedenfalls ebenso bereit für
-den Schmutz wie für die Kunst.
-
-In Christiane wehrte es sich auf einmal gegen alle heuchlerische
-Bühnenkunst, und sie sehnte sich nach der reinen Kunst der Bücher und der
-Bilder.
-
-Wenn ich dergleichen getan hätte, dachte sie.
-
-Das ist auch ein Lebenpacken, vielleicht sogar ein -- Sichanwenden.
-
-Dann reckte sie sich.
-
-Dazu hätte ich nie gepaßt. Ich, eine Dorreyter -- nein. Nie. Zum Reiten
-über die Heide hätte ich gepaßt. Zu Ludwig. Zu keinem anderen, als zu
-Ludwig und zu seinem Werk.
-
-Aber wenn ich diesen Stempel nicht empfangen hätte -- wäre ich dann nicht
-vielleicht -- -- nein, was denke ich, keiner wird anders, als er ist.
-Ich bin die Urenkelin der Frau von Rhane und habe heißes Blut. Aber --
-hochmütiges. Sehr hochmütiges.
-
-Zu Ludwig hätte ich gepaßt. Aber Sünde hätten wir nicht tun können. Er
-nicht und ich nicht.
-
-Dazu ist unser Blut zu stolz. Wir lassen unser Feuer hinter dem Berge
-niederbrennen.
-
-Ja, niederbrennen.
-
-Ich bin aufgeregt, dachte sie, als sie aus dem Theater kam und nach dem
-Bahnhof fuhr.
-
-Es war der letzte Nachtzug nach Markburg.
-
-Und morgen früh -- -- was war mit ihr? Sie war ja ganz aus dem
-Geleise -- --? Hastig stieg sie ein und lehnte sich zurück. Allein sein,
-allein fahren, fahren, irgendwohin.
-
-In ihrem Blut bebte der schwere Rausch der Musik. --
-
-Sie stutzte. Da sah sie einen: Bartelmes. Und er erkannte sie im selben
-Augenblick. Nach einem kurzen Zaudern sprang er zu ihr in den Wagen und
-begrüßte sie.
-
-»Waren Sie auch in der Oper?« fragte sie unwillkürlich.
-
-»Ja, ja,« sagte er. »Ging aber vor Schluß weg und war noch mit Freunden
-zusammen. Literatur.« Er lachte vor sich hin, und auf einmal dachte sie
-wieder an seine Schwester.
-
-»Ich möchte Ihr Fräulein Schwester wohl einmal sehen,« sagte sie.
-
-Er fuhr vor. »Meine Schwester?«
-
-Dabei sah er sie an. Das Licht im Abteil war blau gedämpft, ganz genau
-konnten sie einander nicht erkennen. Aus dem Nebencoupé tönten lebhafte
-Stimmen. Da fuhren auch welche aus der Oper nach Markburg oder in ein
-anderes Nest.
-
-»Ach, meine Schwester,« sagte er. »Ich versichere Sie, die braucht keine
-Hilfe und keinen Rat. Sie sollten Sie sehen: klein ist sie nur, aber ein
-stahlfestes, geschmeidiges Tierchen und -- ach, ich glaube, ich habe
-wohl ein Bild von ihr da.« Er griff seine Brieftasche heraus und suchte
-zwischen anderen Photographieen.
-
-Jetzt hielt er ihr eine hin und riß am Lampenschleier.
-
-»Hier, bitte, gnäd -- -- Fräulein Doktor --«
-
-Hatte er ganz vergessen, wer sie war?
-
-Jetzt war nur das kleine Bild zwischen ihnen.
-
-Ein keckes Persönchen. Sie wußte sofort, es war so, wie sie gedacht
-hatte: an der war nichts Reines und Bewahrtes, die war durch alle Feuer
-gegangen.
-
-»Aber nun --« er steckte das Bildchen ein -- »darf ich erfahren, wie
-Ihnen der Siegfried gefallen hat --?«
-
-»Ein dicker Sänger,« sagte sie.
-
-Er fuhr zurück.
-
-»Erbarm sich -- -- Pardon, gnädiges Fräulein -- Sie scheinen überhaupt
-keine Musikkennerin zu sein und auch wohl keine Bühnenillusion gelten zu
-lassen?«
-
-»Musik verstehe ich nicht,« sagte sie, »und die Bühne -- mir scheint es
-nicht, daß das Kunst ist -- -- Kunst ist meiner Ansicht nach -- vornehmer.
-Kunst war es, als es _wurde_.«
-
-»Vornehm, ja, vornehm,« höhnte er. Es versank fast im Rattern des Zuges.
-
-»Ja, allerdings. In den Klöstern gab es auch nur das Buch und die Musik,
-die den frommen Frauen die Zeit vertrieben. Aber eine andere Musik. Ach,
-kleine Spiele gab es auch, fromme Spiele.«
-
-Er lachte. Irgend etwas an ihm schien verwandelt, und in ihr begann es
-heimlich gierig zu spähen: kam sie jetzt auf den eigentlichen Kern des
-Doktor Bartelmes?
-
-»Ich dachte, Sie kämen vom Siegfried anders zurück,« sagte er nun, und
-sie zuckte: »Wußten Sie denn --? Daß ich --«
-
-»Ach, ich glaube, ich war in der Telephonzelle, als die Hausmeisterin Ihr
-Billett bestellte,« sagte er gleichmütig. Jetzt war er wieder korrekter.
-»Ich bin aber oft hier,« setzte er noch hinzu.
-
-Sie saß regungslos.
-
-Das hieß ja fast, es könnte auch möglich gewesen sein, daß er um
-ihretwillen hierhergefahren wäre! Sie hätte fast gelacht. Und zugleich
-schraubte sich ihr ganzer Hochmut herauf: wer war er denn? Was erlaubte
-sich dieser Mann?
-
-Er hatte wohl gemerkt, was in ihr vorging. Seine Stimme veränderte sich
-vollkommen. Kühl holte er ein Schulthema heran, ein extra langweiliges.
-
-Sie hörte kaum zu. Ihre Blicke hingen sich mechanisch an die
-schwarzspiegelnden Scheiben -- da merkte sie, daß er auch dahin guckte. Er
-suchte ihr Bild heimlich aufzufangen.
-
-Und plötzlich kam über sie, was noch keine Gestalt angenommen hatte, aber
-schon dagewesen war. Sie dachte wieder an ihren weißen Garten, durch den
-er gegangen war. Irgend etwas in ihr neigte sich ihm zu: sie waren einander
-im Geistigen wohl ebenbürtiger, als er dachte, und wenn ein Feuer sein
-sollte, so konnte es diesseits brennen, offen, ganz offen -- -- --
-
-Ludwig!
-
-An wie vielen war sie in den Jahren schon vorbeigegangen!
-
-Und jetzt sollte es so kommen?
-
-Hier vor seinen Augen?
-
-Eine Stimme sagte ihr: früher hattest du noch Hoffnungen und mehr
-Idealismus. Früher war Ludwig noch groß vor dir, und etwas in dir fand
-keinen Größeren.
-
-Jetzt ist deine Seele in einem atemlosen Harren über ihn hinausgeflackert.
-
-Hier ist einer, der dich zwar noch nicht kennt, aber doch über
-dich nachdenkt, der Macht über dich gewinnen will. Nicht einer der
-Gleichgültigen und Dutzendleute -- nein, eine Basis wäre wohl da, auf der
-ihr euch treffen könntet -- er würde dir geben, was du verlangst -- --
-und du ihm, was er -- braucht -- -- --
-
-Sie zuckte.
-
-Was war das?
-
-Wie verirrte sie sich in solche tollen Dinge?
-
-Morgen, ach morgen -- -- --
-
-Sie strich über die Scheiben, die nun angelaufen waren, und brachte den
-Kopf ganz nahe. Auf einmal sah sie die vorbeistreifenden Schneefelder, und
-plötzlich überkam sie eine ganz lichte Empfindung, als glitten weiße
-Büsche an den Rainen entlang, als seien blütenhelle Bäumchen da, als sei
-ein ganz zarter, heimlicher Frühling draußen. Eine Frühlingsnacht.
-
-Und sie dachte: Wieviel hast du versäumt. Mit Büchern und mit fremden
-Leuten. Mit Tränen hast du es versäumt. Mit Sehnsucht. Nach einem fernen
-großen Jugendfeuer hast du hingestarrt und dabei jeden deiner neuen
-Frühlingstage übersehen.
-
-Und bald kommt der Herbst. Dann wird dir die Rechnung präsentiert. Dann
--- was dann kommt, ist bitterer als Sehnsucht, ist die ganze Qual des
-Unerlebten, ist die Erkenntnis, daß du leben _konntest_ und hast es nicht
-getan. Und hast es nicht getan.
-
-Sie saß regungslos.
-
-Und drüben saß der Mann.
-
-Sie sprachen nicht mehr.
-
-Er begleitete sie auch nicht nach ihrem Hause, denn Christiane winkte sich
-rasch eine Droschke heran und fuhr dem Reutterschloß zu.
-
- * * * * *
-
-Am anderen Abend kam sie zu Cöldts.
-
-Sie blieb erst eine Sekunde vor dem Hause stehen und besah es sonderbar
-genau, und als sie nachher Ludwig gegenüberstand, schaute sie ihm auch
-sonderbar ins Auge.
-
-Er kam an dem Abend zeitiger aus seinem Zimmer als sonst. Immer, wenn
-Christiane da war, tat er es, aber heute war es noch zeitiger. Und dann bat
-er sie, sie solle zu seinen Büchern kommen.
-
-Hardi folgte und beobachtete Hanni, die ein Schulbuch vor hatte. Sie
-schaute auch zu Christiane, die mit Ludwig zusammen Neuausgaben alter
-Bücher besah.
-
-Und es überkam sie auf einmal: was tue ich denn hier? Wer bin ich denn
-hier? Was für ein Recht habe ich hier --?
-
-Sie fühlte wieder den Schnee draußen.
-
-Christiane aber sah, Ludwigs Auge vermeidend, die Neudrucke an und dachte:
-Ja, es sind Kostbarkeiten, für ihn wenigstens. Stille Kostbarkeiten, wie
-er sie so gern hat, wie er sie an sich genommen hat, statt seines Werkes,
-statt seiner eigenen Ideen, statt jeder Tat, zusammen mit meiner Liebe.
-
-Alles stille Kostbarkeiten.
-
-Aber später? Wie werden wir das später ansehen?
-
-Ludwig, man bleibt nicht zusammen, wenn man sich immer ferne ist. Eine
-Lücke bleibt -- es bricht. Ludwig, zwischen uns ist eine Lücke, und wir
-spüren sie jetzt -- beide.
-
-Beide spüren wir sie jetzt.
-
-Ich habe ja keine anderen Erinnerungen, als an die Ritte über die Ebene
-und an die Stunde, in der du die Tür leise hinter mir schlossest.
-
-Soll ich hinter der Tür stehen bleiben?
-
-Frau von Cöldt merkte, wie wenig geredet wurde. Die beiden sahen
-aufmerksam auf die Bücher und kaum auf einander.
-
-Eine Stille zog durch den Raum und wurde schwer.
-
-Es war gut, daß unvermutet noch jemand kam: eine der Vereinsdamen. Sie
-wollte einiges mit Hardi besprechen und tat es auch, und dann ging sie mit
-Christiane zusammen fort. Andere Begleitung war nicht nötig.
-
-Sie wohnten nicht weit voneinander.
-
-Hardi Cöldt sah ihren Mann nachher flüchtig an.
-
-Irgend ein Triumph schwoll in ihr, ein ungewisser roher Hohn, vor dem sie
-selbst erschrak.
-
-Sie sagte nichts.
-
- * * * * *
-
-Das Jubiläum der Reutterschule rückte näher.
-
-Fünfzig Jahre war es her, seit Fräulein Sophie Reutter sich in ihrem
-Hause aufgehängt hatte. Von dem Tage datierte die neue Zeit, wie die
-Blätter schrieben. Natürlich erwähnten sie den Selbstmord der alten Dame
-nicht, sondern priesen nur ihren sozialen Weitblick, der der Regierung die
-Mittel zur Entwicklung der Anstalt an die Hand gegeben hatte.
-
-Die Haberkorn gab ihr Jubiläumsbuch heraus. Wochenlang hatten ihr die
-Kanarienvögel bei den Korrekturen helfen müssen. Jetzt lag es beim
-Buchhändler in der Rädelgasse im Schaufenster, gleich neben den Schriften
-des Doktor Bartelmes.
-
-Und der hatte auch darin abgefärbt. Wenn man genau zusah, so kehrten
-seine Wendungen wieder, und seine Schlager waren unbewußt angenommene
-Geleitsworte geworden. Das System Bartelmes feierte hier einen Triumph.
-
-Es kamen viele Gästeanmeldungen. Christiane staunte, wie weit die
-Provinzschule ihre Zöglinge ausgeworfen hatte. Die meisten hatten Mann und
-Kinder, waren Regierungsrätinnen und Professorsfrauen, Offiziersgattinnen
-und große Damen. Einige wenige hatten sich selber Brot schaffen
-müssen, das waren Lehrerinnen. Alle waren der Zucht und Pflege des
-Reuttersschlosses entsprechend geraten -- die Ungeratenen meldeten sich
-erst nicht.
-
-Am Vormittag des Festtages fand der offizielle Aktus statt, für den Abend
-aber waren künstlerische Aufführungen der Schülerinnen geplant, über
-denen Doktor Bartelmes wachte.
-
-Christiane zog sich von diesen Vorbereitungen zurück, der Doktor hatte sie
-darum gebeten, es sollte eine Überraschung für sie sein.
-
-Lange vor Ostern wurde schon geprobt. Die Gedanken der Kinder waren
-von nichts anderem mehr erfüllt, und den Auserwählten, den schönsten
-Mädchen, wurde von den anderen neidisch nachgeguckt.
-
-Christiane verlor ihre stillen Nachmittage und Abende, an denen keiner in
-dem Hause war, als sie und die alte Hausmeisterin und etwa der Geist des
-aufgehängten Fräuleins -- wenn der Lust dazu hatte. Sie atmete nicht mehr
-die schwere, herrschaftliche Ruhe, die noch von der Besitzerin her stammte,
-gleichsam aus der Sekunde, in der sie ihren letzten Atemzug getan hatte,
-diese Ruhe, die alles wegstrich, was gerauscht und gerüttelt hatte.
-
-Vom frühen Nachmittag an gingen Türen, wanderten Mädchenschritte,
-erscholl Mädchenlachen, ertönte das Klavier. Mai Friedlein hatte
-Seele für das, was sie zu spielen hatte. Es begann mit Mozarts zartem
-Frühlingslied: ›Ein Veilchen auf der Wiese stand --‹ und kettete einen
-leichten Rhythmus an den anderen.
-
-Es war dann, als ob lichte Wolken zogen, der Rasen grünte, und die Amseln
-schrieen.
-
-Und es kam so: während man so sang und spielte und probte, zerfiel der
-Schnee, und es wurde viel schneller Frühling, als man es nach diesem
-sibirischen Winter erwartet hatte. Viel schneller zog es blau hinter den
-Bäumen auf, liefen die Wasser ab und pfiffen die Amseln vom Giebel des
-Griechentempels.
-
-Und dann kam der Tag.
-
-Morgens, beim Ankleiden, dachte Christiane: ich kann begreifen, daß Sophie
-Reutter an einem solchen Tage Schluß machte. Der treibt ja dazu. Der
-Frühling hat tausend Fäuste gegen den, der ihm widerstrebt. Seinen
-ungeheuren blauen Schild deckt er über alles, was nicht mit ihm leben
-kann.
-
-Wie das funkelt.
-
-Herein in den Saal oder -- heraus!
-
-Sie erschauerte: was denke ich?
-
-Der Garten war ganz trocken, ganz grün, voller Sonne. Die Linden waren
-noch hochmütig kahl, aber lebendig waren sie auch. Alles, alles war
-lebendig.
-
-Das Griechenbild verschwand fast dahinter.
-
-Christiane dachte: mit einem Siebenmeilensprung bin ich über die
-Felder des Lebens hinweggekommen, auf denen die Frauen am längsten und
-zärtlichsten stehen und auf denen sie ihre Blumen pflücken. Weit, weit
-unter mir hat es unsicher geleuchtet. Ich dachte nicht daran. Ich durfte
-nicht.
-
-Ist jetzt ein Wind gekommen, der mich -- zurückträgt?
-
-Auf einmal fiel ihr ein, daß sie am Abend auch Ludwig sehen würde. Gewiß
-würde er kommen. Aber mit Hardi. Sie lachte vor sich hin. Mit Hardi! Mit
-seiner Frau!
-
-Draußen auf den Gängen trappelte es schon -- Herrgott, sie kamen! In dem
-Augenblick empfand sie jäh, wie eisig einsam sie in tiefster Seele doch
-war.
-
-Nun vollzog sich die offizielle Jubiläumsfeier unter der Teilnahme
-des Präsidenten und vieler Stadtspitzen. Orden wurden allerdings nicht
-verteilt. Der einzige, der dafür reif gewesen wäre, Professor Diermann,
-war nicht mehr da.
-
-Christiane mußte auch wieder reden.
-
-Ein bißchen verborgener Spott über die ganze Kleinstädterei, über das
-gesamte menschliche Narrenspiel war in ihr. Sie sprach anders, als sonst,
-leichter, gleichgültiger. Verschiedene Gesichter hoben sich und staunten
-zu ihr herauf, die Jong, der Zeichenlehrer, sogar der Präsident.
-
-Komödie, Komödie, dachte sie.
-
-Auf der anderen Seite fuhr Lächeln über ironische Mienen.
-
-Sie merkte es nicht.
-
-Draußen vor den Fenstern glitten Wolken wie weiße Vögel. Siegfrieds Tod
-stand wieder vor ihr auf, der ganze schwere, tönende, verlangende Rausch
-der Musik.
-
-Jetzt sangen sie. Sie erschrak.
-
-›Der dich mit Adlersflügeln -- -- --‹
-
-Bestürzt blickte sie in Doktor Bartelmes Augen. --
-
-Am Abend war das Fest. Blumen durchzogen das ganze Haus, lauter
-Frühlingsblumen.
-
-Christiane kam in die Menge herein, wie ein Gast.
-
-Ludwig, den sie traf, befragte sie, wer alles geleitet hätte. Sie war
-schon eine Zeitlang nicht mehr bei Cöldts gewesen.
-
-»Ja, Bartelmes,« sagte sie, über ihn wegschauend. Ihre Augen flimmerten.
-
-Er trat zurück.
-
-Dann merkte sie, daß auch wohl die Haberkorn an der Sache beteiligt war.
-Sie lief wenigstens aufgeregt hin und her und flüsterte da und dort einem
-Mädchen etwas zu, erklärte diesem oder jenem etwas. Der Zeichenlehrer
-zeigte irgendwelche Skizzen herum. Mai probierte das Instrument, wobei
-die Jong gleichmütig wissend zusah, und die Kanarienvögel nahmen alles
-ringsum mit wissenschaftlicher Neugier auf, obgleich nicht zu erwarten
-war, daß man in ihren künftigen Wirkungskreisen auf dem oder jenem Dorfe
-gleich etwas der Art von ihnen erwarten würde. Immerhin hatten sie auch
-ein kleines, verborgenes Gelächter über Bartelmes, dem sie den Spitznamen
-›die schwere Zigarre‹ gegeben hatten, denn an eine solche erinnerte er
-sie. Er war lang, dunkel, steif und doch gut anzubrennen.
-
-Die Wehrendorf kam in ihrem schwarzen Kleidchen still herein und winkte
-sich ein paar Kinder heran, eins davon war bucklig.
-
-Bartelmes trat zu Christiane heran.
-
-»Jetzt dürfen wir beginnen, nicht wahr?«
-
-Das Klavier schlug an, und nun kamen sie.
-
-Wie ein Frühlingszug glitt es heran, nichts von Drill und Tanzstunde,
-von frühreifer Koketterie, in keinem Auge etwas Dreistes, überall
-Mädchenschritte, Mädchenblicke, zarte Hingabe -- -- ›Ein Veilchen auf
-der Wiese stand --‹
-
-Gewiß waren die Kleider raffiniert ausgesucht, die Kränze geschickt
-aufgesetzt, gewiß war alles genau überlegt und herausgespielt, und doch
-schien es, als hätte er die Kindesseele ganz rein heraufgeholt, als hätte
-er diese Herzen zu feiner Kunst geöffnet.
-
-So lieblich hatte Christiane diese Mädchen noch nie gesehen. So schön
-noch nicht. --
-
-In ihr schrie es. Der Neid kam auf. Die glühende Sehnsucht nach dieser
-Jugend und diesem Sein.
-
-Und auf einmal überkam sie eine Erinnerung: ein wenig ähnlich war der
-Plan doch gewesen, den Diermann und die Haberkorn damals aufgesetzt
-hatten, als sie glaubten, daß ihr Interregnum noch fortdauern könnte. Nur
-künstlerischer war er gestaltet. Deshalb war die Oberlehrerin so eifrig
-dabei, deshalb waren fast alle so voller Feuer und Flamme gewesen -- etwas
-Altes von ihnen, ihr eigener Wille hatte sich da durchgedrückt.
-
-Und es war schön -- schön -- -- --
-
-Bartelmes konnte viel. Er war ein Künstler.
-
-Auf einmal fiel ihr Sophie Reutter wieder ein. So viel auch ihrer
-Wohltätigkeit gedacht worden war -- ihr dunkles Bild war nicht aufgerufen
-worden.
-
-Sollte sie es jetzt tun?
-
-Irgend etwas trieb Christiane plötzlich an, diesen Kindern in ihrem
-werdenden Frauenglanz auch den Frauensturz, das ernste Schicksal zu zeigen!
-
-Eine Jugend lebte von ihr, Jugenden hatten schon von ihr gelebt, aber ihr
-wirkliches Los und Leiden kümmerte keinen.
-
-Sie wollte vortreten, Schweres auf den Lippen -- da kam Bartelmes auf sie
-zu.
-
-»Fräulein Doktor -- -- Verzeihung --.« Er war gar nicht Erzieher,
-sondern nur ein triumphierender Mann. Er sah zu den Mädchen und sah zu
-ihr. »Wie dunkel sehen Sie aus, Fräulein Doktor.« Seine Worte waren
-Kompliment, seine Augen glänzten.
-
-Es überstrich sie.
-
-»Ich wollte sprechen,« sagte sie.
-
-»Wovon?«
-
-»Von der Frau, die hinter uns steht. Von der -- Gescheiterten.«
-
-Er verzog den Mund.
-
-»Ist denn heute ein Tag für Gespenster? Heute? Heute? Verzeihung, aber
--- -- ja, gewiß -- --« Er trat zurück, sein Ton war kühl. »Wenn Sie
-glauben --«
-
-»Nein, nein, ich will doch lieber nicht.« Sie hatte sich besonnen. Heut
-war ein Frühlingstag gewesen, und für alle Jugend hier im Saal würde es
-doch Frühling bleiben, trotz allem, was etwa gesagt wurde. Darin läßt
-keine Seele sich etwas aufreden.
-
-»Nein, ich will nicht,« sagte sie.
-
-In seinen Augen flimmerte es noch immer.
-
-»Der Abend sollte ein ganz helles Geschenk für Sie sein,« sprach er
-leise, fast ein wenig heiser.
-
-Er blieb neben ihr stehen.
-
-Die Gäste drangen auf sie ein. Alle ehemaligen Schülerinnen, die
-Professorsfrauen und Offiziersgattinnen. Alle sprachen sie vom verstorbenen
-lieben Herrn Direktor und von Diermann.
-
-Bartelmes war für sie jetzt der Herrscher. Er hatte ja alles geleitet. Er
-antwortete allen. Christiane schwieg betäubt.
-
-Sie wußte, daß sie ihm heute die Herrschaft übergeben hatte. -- --
-
-Mai Friedlein hatte sich trotz ihrer Mitwirkung und manch heimlicher
-Komplimente, die ihr vom Doktor zugekommen waren, doch geschickt von ihm
-zurückgehalten. Sie war mit ihren Plänen so gut fertig, daß es nur noch
-fehlte, daß sie gelangen. Sie spielte nicht mehr auf das Wunder hinaus.
-Ihr Wurf war viel kürzer geworden.
-
-Ja, sie war schön. Wie schön, das wußte sie nur allein.
-
-Aber wenn einer nach ihr gegriffen hatte, so fand es sich immer, daß er
-schmutzige Hände hatte oder nichts in den Taschen.
-
-Nun war einer mit sauberen Händen da. Aber er war ein bißchen gewöhnlich
-und hatte schlechte Manieren. Ihr Herz zog sich vor ihm bitter zusammen,
-aber es blieb ihr kein anderer Weg, als der zu ihm, und es gehörte noch
-viel Klugheit dazu.
-
-Auch sie empfand die Schönheit der Mädchen. Die der Werdenden. Die über
-sie hinwegwuchsen.
-
-Wenn sie an dem Abend noch nicht an ihr Ziel kam, so war es, weil ihr
-helles Kleid Dreher Bedenken machte. So etwas kostete viel Geld.
-
-Die Jong kam zur Wehrendorf.
-
-»Dörfchen,« sagte sie.
-
-Ada hielt ihren Kopf gesenkt.
-
-Mühsam hatte sie ihr Schiff ein halbes Jahr gesteuert. Ostern hatte sie
-einen Teil der Fracht abgeben können, aber grade die guten, strebsamen
-Kinder. Die anderen waren geblieben. Auch die kleine Cöldt.
-
-Nun wiegelte die in ihrer lautlos höhnischen Art die anderen auf, und es
-waren weniger gute darunter, als vorher. Es war diesmal kein besonderer
-Jahrgang. Und Adas Nerven waren sehr herunter. Sie schlief kaum mehr vor
-Husten. Mit dem Essen mußte sie auch furchtbar sparen.
-
-Sie äße außerhalb, sagte sie Frau Dorreyter manchmal. Immer konnte sie
-doch nicht auf deren Kosten leben.
-
-Die Jong schien etwas gemerkt zu haben und ließ sie an heimatlichen Kisten
-teilnehmen. Mehlmännchen brachte ihr Marmelade und Knusperchen.
-
-Aber trotzdem -- -- --
-
-»Hören Sie mal, Dörfchen, wenn Sie nicht mehr können, dann ruhen Sie
-sich lieber aus,« sagte die Jong.
-
-»Wo denn?«
-
-Die Wehrendorf schaute den Kindern zu. Ihre Augen strahlten
-selbstvergessen.
-
-»Ich will Ihnen mal was sagen. Mein Bruder ist Pastor in der Lausitz.
-Ältere Leute schon, haben weder Kind noch Kegel. Die brauchen jemand für
-sich. Wenn Sie dahin gingen -- schlecht würden Sie es nicht haben. Da
-könnten Sie sich ausruhen, meine ich.«
-
-Die Wehrendorf gab keine Antwort. -- --
-
-Ludwig sah sein Kind an, das eben vor ihm stand. Es trug auch das helle
-Tanzkleid und den Kranz im Haar. Und doch wirkte es nicht elfenhaft wie die
-anderen, sondern eher wie ein Waldschrat.
-
-Hardi war schon müde. Das grade Dasitzen konnte sie nicht gut aushalten.
-Und nun war es doch wohl endlich aus.
-
-Sie befragte Frau Landesrat Colb deswegen. Die Damen rückten zusammen und
-flüsterten wieder vom Verein. Sie wollten einen Frühlingsbasar halten.
-
-»Das könnte aber erst sein, wenn ich zurückkomme,« sagte Hardi, »ich
-wäre doch gern dabei. Und dann bin ich auch frisch.«
-
-»Ach ja, gnädige Frau gehen ja nach Bad Wiesental -- so bald schon -- wie
-hübsch.«
-
-»Der Arzt hat es geraten. Im vorigen Jahr war ich um diese Zeit auch da.
-Es war nett. Nur ein paar Familien und die schöne Gegend --«
-
-»Ihr Herr Gemahl geht auch mit?«
-
-»Er bringt mich nur hin. Nein, er hat ja keinen Urlaub. Und das Kind muß
-doch auch in die Schule. Das Fräulein ist ja so zuverlässig --«
-
-»Wie reizend,« sagte Frau Colb. »Da besuche ich Sie einmal, und wir
-können dann wegen des Basars überlegen. Zu spät dürfte es nicht werden,
-denn --«
-
-»Dann ist es nicht mehr Frühling.« Hardi lachte sonderbar. »Ja, sicher,
-sicher --«
-
-Sie spähte nach Christiane aus. Neben der stand noch immer der große
-dunkle Mensch.
-
-Wie hatten die Herren vor ihnen vorhin gesagt?
-
-»Der hat jetzt die Macht im Reutterschloß. _Sie_ hat -- umgesattelt.«
-
-Ludwig hatte es doch auch gehört.
-
-Sie faßte ihn am Arm.
-
-»Komm, wir gehen.«
-
-Sie gingen Arm in Arm aus dem Saale.
-
-Keiner sprach.
-
- * * * * *
-
-Nun kam schon Bad Wiesental hinter den Bäumen herauf. Kein großes Bad,
-aber sehr lieblich. Es gab Eisenquellen dort. Hardi war voriges Jahr sehr
-frisch wiedergekommen.
-
-Bäume, Büsche, Gärten, Wiesenflächen -- wie schön war alles. Ganz hell
-alle Bäume und Sträucher, mit Blättchen fast nur erst wie befiedert --
-aber viel Blüten. Lauter Blüten, weiße und rosige und da und dort auch
-gelbgoldene, strähnig hängend. Ein wahrhaftiges Märchen.
-
-Hardi dachte daran.
-
-Sie hatte nicht viel Süßes im Leben gehabt. Aber sie hatte es auch nicht
-gebraucht. Sie war ihrer Mutter Tochter.
-
-Es hatte wohl noch mancher ihren Weg gekreuzt, besonders dort oben in der
-Ostmark. Wenn sie unverheiratet gewesen wäre, noch die arme Dorreyter --
-dann hätte sich keiner dieser Herren um sie gekümmert. Aber so neigten
-sie sich ihr verhohlen spähend zu. Sie spürten ein Unglück an ihr und
-suchten sie auf ihre Art zu trösten. Noch jetzt blitzte dann und wann auf
-ihrem Wege ein solcher Glühfunken auf.
-
-Sie kümmerte sich nicht darum.
-
-Sie hätte zu Hause bleiben und ein altes Fräulein werden müssen; sie
-hätte nichts vermißt.
-
-Aber sie war's nicht geworden.
-
-Jetzt hatten sie das Dorf erreicht. Die Häuser waren sanft an den Berg
-gelehnt, der sie schützte. Gärten kränzten sich um sie. Einige schlichen
-den Berg hinauf, so weit sie konnten. Ganz oben auf dem Gipfel waren
-Kirschenplantagen, die standen wie weißes Gewölk.
-
-Weiber liefen vorbei, schon barfüßig, schmunzelten hinauf und sprachen
-von guter Ernte.
-
-Wie konnte man an Ernte denken, an dicke, rote Kirschen, wenn das zarte
-Gewölk da oben stand?
-
-Mit einem leisen Gelächter sagte Hardi es ihrem Mann.
-
-Der horchte verwundert hin, denn dergleichen war er an ihr nicht gewohnt.
-Auch hatte sie während der Fahrt kein Wort geredet.
-
-Er dachte sich nichts bei dem Frühlingstag. Er erfüllte nur seine
-Pflicht, wenn er seine leidende Frau hierher brachte, wo sie gut aufgehoben
-war und sich fern von ihm vorzüglich erholte.
-
-Zu Hause lag ein Stoß Akten, an dem wollte er morgen, über Sonntag,
-arbeiten.
-
-Hardi hielt sich fast ungewohnt straff, und nun kamen sie an das Häuschen,
-in dem das Quartier wieder bestellt und bereitet war.
-
-Hardi lief in die Zimmer und guckte sich um: vor den vorderen Fenstern
-standen weißblühende Dornbüsche, förmlich dick und trotzig taten sie
-im Übermut. Sie wollten blühen. Und vor der Hinterstube blühte, schräg
-ansteigend, der Berg.
-
-Sie faßte den Mann am Arm.
-
-»Sieh, Ludwig, wie schön --!«
-
-»Du kannst es ja recht genießen,« sagte er.
-
-Sie hatte die rote Gardine etwas zurückgeschoben und sah hinaus.
-Plötzlich wandte sie sich um und blickte in sein fahles Gesicht.
-
-Und auf einmal kam es wieder über sie: Ich hätte ja längst gehen
-müssen.
-
-Das war meine Sünde, daß ich nicht gegangen bin.
-
-Was war ich denn bei ihm? Nicht einmal sein Haus habe ich ihm geführt.
-Nicht einmal sein Kind habe ich ihm erzogen. Mit Spielereien habe ich mich
-satt gemacht, mit fremder Not ein wenig getändelt, und sein Werk habe ich
-ihm genommen.
-
-Sünde war alles.
-
-Ich habe es gespürt. Lange, lange schon.
-
-Die Eisdecke unter mir hat schon immer gezittert.
-
-Aber was nun -- was nun --?
-
-Das andere Glück kann ich ihm nicht schaffen. Wenn ich sein Haus verließe
-und mich frei machte, würde ich noch mehr von seiner Laufbahn gefährden,
-als ich schon gefährdet habe, noch mehr wegreißen und nichts dafür
-geben. Denn das Feuer, nach dem er noch immer geschaut hat und das ich ihm
-gleichmütig und spöttisch ließ, ist ja längst für ihn erloschen.
-
-Ich kann ihm nichts geben, wenn ich -- gehe.
-
-Es umwirbelte sie. Wie durch einen Schleier sah sie die weißen Bäume auf
-dem Berg. Wie eine feierliche Prozession stiegen sie höher und höher.
-Weiß, alles weiß.
-
-Die rote Gardine wehte.
-
-Ludwig schritt noch einmal prüfend durch die beiden Zimmer. Er rief die
-Wirtin und sprach mit ihr, um sicher zu gehen, daß für Hardi alles gut
-besorgt werden würde.
-
-Dann kam er zurück, gab ihr die Hand und warf dabei einen Blick auf die
-alte Bauernuhr an der Wand.
-
-»Ich muß zum Zug, Hardi. Hier scheint alles in Ordnung. Solltest du etwas
-vermissen, so telephoniere sofort, hörst du? Aber voriges Jahr hat es dir
-doch so gut gefallen.«
-
-»Ja, es hat mir gut gefallen,« erwiderte sie, ohne den Blick aufzuheben.
-
-»Ludwig,« sagte sie.
-
-Er stutzte flüchtig.
-
-Nun küßte er sie. »Lebwohl, Hardi.«
-
-Sie blieb stehen und horchte seinem Schritt nach, er ging langsam. Sie
-horchte noch immer: jetzt war er draußen. Der Sand knirschte.
-
-Auf einmal lief sie nach dem Vorderzimmer und spähte aus dem Fenster.
-
-Da war er.
-
-Er wandte sich, glaubte wohl, daß sie noch etwas zu sagen vergessen hatte,
-und sah ihr fragend ins Auge.
-
-Seine Wimpern zuckten.
-
-»Bleib noch ein wenig,« bat sie mit blassen Lippen.
-
-»Es ist der letzte Zug,« sprach er.
-
-»Bleib,« sagte sie.
-
- * * * * *
-
-Und nun begann eine seltsame Zeit.
-
-Ludwig Cöldt kehrte wieder an den Anfang zurück.
-
-Er war wieder bei seiner Frau.
-
-Das Ursprüngliche knüpfte sich wieder an, das alte Recht und die alte
-Liebe. Er fand sich wieder an die Zeit heran, wo er das liebe Mädchen mit
-den melancholisch schmachtenden Augen auf den Markburger Straßen gesehen
-hatte und sofort rätselhaft gepackt gewesen war, daß kein Überlegen,
-kein Bremsen geholfen hatte -- er mußte sie haben, keine Bessere, keine
-Schönere, die nur -- die!
-
-Daß sie sich nicht gleich ergab, daß sie auch als Braut immer etwas
-Scheues, Beklommenes behielt, war ihm ein Reiz mehr gewesen -- je mehr
-Wälle, desto mehr Sieg, je mehr Trutz, desto mehr Süßigkeiten.
-
-Und dann -- -- --
-
-Da war ein breiter Graben. Aber über den waren sie jetzt hinweg.
-
-Sie vergaßen Markburg mit allem, was daran hing, die Gesellschaft, die
-um sie war, sein Amt, sogar ihr Kind. Sie durchlebten in diesen zarten
-Frühlingswochen etwas, was sie noch nie erlebt hatten, so groß war es.
-Ein sonderbarer Ballast war dabei, aber er machte es noch größer.
-
-Christiane Dorreyter war aus Ludwigs Leben verschwunden. Sie war ihm
-das Fremde geworden, das unsichere Feuer, die Versuchung. Hier war die
-Ehrlichkeit, die innerste Verknüpfung, die reinste, beste Verbindung
--- hier war das Weib und nicht die Verirrung. Hier brannte das schönste
-Feuer, und drüben war nur ein trüber Hauch -- hier war die Ehe und dort
-die Sünde.
-
-Hardi war schuld an dieser Verirrung, aber sie sühnte jetzt, gab ihm
-alles, und er verstand sie und sich.
-
-In jeder freien Zeit war er in Wiesental. Er hatte sich ein Pferd
-angeschafft; fast an jedem Tag konnte man ihn hinüberreiten sehen.
-
-Hardi dachte nicht mehr an ihren Verein, auch nicht an die Mutter, nicht
-an den Basar, den die Damen veranstalteten. Einmal war eine von ihnen
-dagewesen, hatte aber nichts ausgerichtet und die gute Cöldt recht
-sonderbar gefunden.
-
-Wenn Hardi auch nicht zur Leidenschaft fand, nie ein brausendes Wasser
-wurde, weil die Dinge in ihrer Seele kein Gefäll bekamen, so gab sie sich
-doch in Ludwig hinein und hatte keinen anderen Gedanken mehr. Es war kein
-Zu-ihm-finden, keine späte Liebe, aber eine späte Ehe.
-
-Etwas trug sie -- sie verstand es nicht ganz -- etwas schob sie, das hatte
-Macht aus jener Wintermorgenstunde, als sie den Schnee über ihr warmes
-Leben herfallen spürte, Schnee um Schnee. Sie fühlte sich getrieben und
-dachte nicht zurück, höchstens wie an fremde Länder.
-
-Sie freute sich über sein Glück. Denn er war jung geworden und lachte
-viel.
-
- * * * * *
-
-Der Frühling flammte. Sein Schild war noch glühender, sein Ruf noch
-lauter geworden.
-
-Christiane sah ihren einsamen Garten in Blüte kommen. Sie hatte nicht
-gedacht, daß der Garten der unglücklichen Sophie Reutter auch blühen
-konnte. Als sie ihn im Vorjahre fand, hatte ihr nur dunkles Laubwerk
-entgegengeduftet, steife, ernste Bäume. Jetzt zeigte es sich, daß
-Kleineres versteckt gewesen war, das sich nun bunt heraustat und alle Feuer
-spielen ließ: Goldregen und Dornsträucher, Quitten und weißer Flieder.
-Und gleich neben dem Tempel standen zwei riesige Kastanienbäume, die
-blühten über und über rot.
-
-Der Garten war kein Klostergarten mehr. Bis in die Nacht hinein duftete
-er, ja, die ganze Nacht hindurch. Durch die offenen Fenster kamen seine
-Duftwellen, und von weiter her kamen andere, von den Wiesen, auf denen
-die freie Blüte stand, vom Walde, in dem die wilden Kirschbäume wie
-Frühlingsfackeln brannten.
-
-Und der Himmel war stahlblau, und die Abende goldschwer veratmend, sich
-immer mehr dehnend, kein Ende nehmend. Immer noch Abend, immer noch ein
-Glühen, immer noch ein Rot hinter dem Walde!
-
-Die Kinder brachten Christiane Sträuße aus ihrer Eltern Gärten. Sie
-gaben auch der Haberkorn welche, aber nicht mehr, als die Höflichkeit es
-erforderte, auch der Seifert und der Jong, sogar dem Mehlmännchen, aber am
-meisten bekam sie der Doktor Bartelmes. Mit Blumen beladen ging er mittags
-weg, er zeigte sie recht -- auch Christiane sah es. Die meisten waren von
-Betty von Kramer, von der schönen Ersten mit dem ägyptisch geschnittenen
-Gesicht.
-
-Wenn er einmal gar zu viel hatte, so schenkte er den Damen davon, einmal
-hatte er der Mehlmann einen großen Busch roter Tulpen verehrt (sie fragte
-nachher wieder die anderen, ob man nichts dabei ›gefunden‹ hätte?) und
-der Haberkorn einen Strauß Vergißmeinnicht, den die verdutzt anguckte,
-wobei wieder das merkwürdige, unbestimmbare Männerlächeln um seinen Mund
-zuckte.
-
-Einmal kam er mit einem Busch weißer Narzissen auf Christiane zu, in
-seinen Augen flirrte etwas -- sie fuhr hochmütig zurück: wollte er die
-ihr etwa schenken?
-
-Nein, er zeigte sie ihr nur und sagte: »Sehen Sie, die Mädel bringen
-mir doch wenigstens nichts Geschmackloses mehr. Sie wissen, alles, was mir
-nicht gefällt, lasse ich unbarmherzig liegen, und dem will sich doch keine
-aussetzen! Die sind übrigens von Betty. Die sind schön.«
-
-Ein leiser, aufreizender Hohn schien in seinen Worten mitzuklingen.
-
-Gleich darauf wurde seine Miene wieder schmeichelnder, weicher, und
-er fragte halblaut: »Kann ich Ihren Garten jetzt wieder einmal sehen,
-Fräulein Doktor?«
-
-Jäh sah sie ihm in die Augen.
-
-Er erwiderte den Blick. Die Narzissen in seinen Händen sanken etwas.
-
-Kühl gab sie ihm die Erlaubnis und ging davon. Oben in ihrem Zimmer trat
-sie nicht ans Fenster -- sie wollte nicht sehen, wie er zwischen
-ihren Bäumen herumschlich bis zum Griechentempel, über dem die rote
-Kastanienblüte stand. Er kannte zu viel von ihr und würde noch mehr
-erraten, wenn er jetzt durch ihren Garten ging.
-
-Nun hörte sie seinen Schritt.
-
-Sie stand von ihrem Platze auf, warf einen trüben Blick auf die ›eiserne
-Wehr‹ und schritt leise zum Fenster -- -- sie mußte ihn doch noch --
-sehen -- -- --
-
-Und plötzlich dachte sie wieder: er ist mir ja ganz fremd. Ich kenne
-ihn nicht. Nein, alles, was er tut und will, kenne ich nicht, weil es aus
-anderem Gesichtspunkt und von einem ganz anderen, mir dunklen Leben her
-geschieht -- -- --
-
-Und doch fühlte sie die unheimliche, treibende Macht in sich.
-
-Zu Cöldts kam sie jetzt nicht mehr. Sie wußte von der Mutter, daß Hardi
-in Wiesental war und Ludwig oft hinüberritt. Oft hörte sie sein Pferd am
-Hause vorbeitraben, hörte den Hufschlag und dachte dumpf: hier hält er
-nicht mehr an.
-
-Nein.
-
-Jeder suchte das Seine.
-
-Auch jetzt war sie nachmittags oft nicht mehr allein im Reutterschloß.
-Doktor Bartelmes hatte sich die Erlaubnis erbeten, auf dem Harmonium in der
-Aula zu üben. Nun hörte sie das oft. Es war nicht laut. Es drang nur wie
-Summen durch die dicken Wände, drang zu ihr, und sie horchte danach, und
-ihr Herz strebte davon los und kam nicht frei, sondern verwirrte sich noch
-mehr daran. In einer fremden Sprache kann man dem viel sagen, der sie nicht
-versteht: er hängt daran und rätselt daran, und ein wenig Rausch ist
-dabei. --
-
-An anderen Tagen war er wieder mit seinen Mädchen auf Wanderungen
-unterwegs. Immer waren die Schönsten um ihn herum, besonders Betty von
-Kramer.
-
-Es waren schon Mütter zu Christiane gekommen und hatten gesagt, der Herr
-sei wohl zu modern für Markburg. Die Mädel hätten ja keinen Sinn mehr
-für etwas anderes, außer ihrem Doktor, eitler könnten sie nicht mehr
-werden, als sie geworden seien, und Neid und Eifersucht wären an der
-Tagesordnung.
-
-Christiane merkte: ich kann es nicht mehr so lassen. Ich darf es nicht. Ich
-lade Schuld auf mich.
-
-Schattenhaft stieg das Bild der Schwester des Doktor Bartelmes vor ihr auf.
-
-Da kam er zu ihr wegen des Johannisfestes.
-
-»Johannisfest?« sprach sie tonlos.
-
-»Ja,« meinte er unbefangen, »ich glaubte es Ihnen schon gesagt zu haben,
-daß wir feiern wollen --«
-
-»Nein.«
-
-»Es soll wieder ein Fest nach echter Reutterschulart werden.«
-
-»Nach Reutterschulart?« fragte sie.
-
-»Ja. So sagt man doch jetzt in der Stadt.«
-
-So sagte man in der Stadt?
-
-»Also nach Ihrer Art?« sprach sie langsam.
-
-»Ein Waldfest,« entgegnete er, ohne auf ihre Frage einzugehen, »ein
-Feuer draußen am Hünengrab im Obrawald. Ein Reigen. Ein paar Lieder und
-Tänze.«
-
-»Und die anderen Kollegen?« fragte sie.
-
-Er zuckte die Achseln. »Ich weiß darüber nicht Bescheid.« Ein scharfes
-Licht war in den dunklen Augen.
-
-Sie wußte: die anderen waren allmählich von ihm abgerückt. Sie billigten
-seine Art nicht mehr. Ihre Begeisterung war abgekühlt. Jeder stöhnte,
-wenn er in der Klasse des Doktor Bartelmes zu unterrichten hatte. Sogar die
-Haberkorn.
-
-Christiane sah vor sich hin.
-
-»Ich möchte es nicht gern, Herr Doktor,« sagte sie.
-
-Er sah sie groß an.
-
-»_Sie_ möchten es nicht?« wiederholte er.
-
-Er sagte gar nichts weiter.
-
-Sie war gezwungen zu sprechen.
-
-»Der Platz ist sehr entlegen. Sind Sie sich der Verantwortung bewußt,
-Herr Doktor? Glauben Sie, daß es leicht sein wird, die vom Feuer, vom Tanz
-und Gesang aufgeregte Schar wieder durch den dunklen Wald heimwärts zu
-bringen?«
-
-Er lachte. »Wenn es weiter nichts ist, Fräulein Doktor! _Ich_ bringe sie
-schon heim. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf.«
-
-»Die Eltern der Kinder sehen in diesen Wanderungen und Festen eine gewisse
--- Übertreibung,« sagte sie.
-
-Er verzog den Mund.
-
-»Markburg,« sagte er trocken. »Aber Sie gnädiges Fräulein -- Sie -- --
-sind doch nicht so kleinbürgerlich!« Er lachte.
-
-Sie schwieg. --
-
-Ich gehe nicht nach dem Walde, dachte sie. Mögen sie ihr Spiel für sich
-allein haben. In ihr nagte es: Du durftest nicht. Sie hörte die Worte der
-besorgten Mütter, daneben aber klang noch etwas anderes -- eine Melodie!
-
-Sie kümmerte sich nicht um die Vorbereitungen, hörte aber von der
-Haberkorn, daß die Mädchen des Doktor Bartelmes kaum noch zu regieren
-seien, so vergnügt seien sie. Es machte ihr jetzt eine besondere Freude,
-Christiane etwas über Bartelmes zuzutragen. Lauernd flogen ihre Blicke
-über sie hin.
-
-Christiane verzog keine Miene.
-
-Heute nachmittag will ich mal wieder zur Mutter, dachte sie, und mich nach
-der Wehrendorf umschauen. Hier läuft sie mir immer aus dem Wege, und ich
--- denke nicht an sie.
-
-Ehe sie aber so weit kam, erhielt sie Botschaft vom Präsidenten, daß er
-sie zu sprechen wünsche.
-
-Das gesamte Patronat war versammelt.
-
-Die Herren schienen kühl.
-
-Der Präsident sagte, daß die Richtung, die in der Reutterschule
-neuerdings unerwarteterweise verfolgt würde, in den beteiligten Kreisen
-gar nicht angesprochen hätte und daß man Fräulein Doktor Dorreyter
-dringend ersuchte, von diesem veränderten Kurse abzusehen. Der Kernpunkt
-sei ja wohl nicht sie, sondern der neue Oberlehrer, in dessen Wahl man sich
-anscheinend etwas vergriffen hätte und der auch anscheinend über seine
-Grenzen hinaus zu dominieren versuche. Man setze aber in Fräulein Doktor
-Dorreyter volles Vertrauen, daß sie das Schiff in _ihrem_ Sinne steuere,
-den sie ja in ihrer energischen Antrittsrede, wenn man sich richtig
-erinnere, deutlich kundgegeben habe. Es seien auch Beschwerden über die
-Lehrerin Wehrendorf eingelaufen, die damals nur auf besondere Verwendung
-des Fräulein Doktor und einiger Damen angenommen worden sei und die
-anscheinend nicht in den Schulbetrieb gehöre.
-
-Christiane konnte auf diese feinironischen Ausführungen ihres Chefs nicht
-antworten, denn der Präsident fuhr gleich darauf anscheinend gelassen
-fort, indem er sich einige Aktenstücke reichen ließ: Man hätte
-sich, nachdem das Stiftungskapital neuerdings zu einer bestimmten Höhe
-angewachsen sei, in der letzten Patronatssitzung entschlossen, die
-wiederholt ausgesprochenen Wünsche der Leiterin zu erfüllen, die
-fehlenden Klassen aufzusetzen und ein Seminar anzufügen, wodurch
-wohl vielen jungen Mädchen eine willkommene Gelegenheit zur Aus- oder
-wenigstens zur Weiterbildung gegeben sei.
-
-Christiane schaute betäubt auf.
-
-Damit hatte sie ja gesiegt -- -- gesiegt -- -- --
-
-»Wir wären sehr dankbar, wenn wir Ihre Entwürfe und Pläne schon in
-kurzer Zeit erhalten könnten, Fräulein Doktor,« fügte der Präsident
-noch hinzu.
-
-Christiane machte sich zu Hause sofort an die Arbeit, suchte alte Pläne,
-Ministerialerlasse und Verordnungen heraus, verglich, entwarf, überlegte,
-zeichnete auf, und darüber wurde es Abend.
-
-Sie fuhr plötzlich hoch und sah es rot über dem Walde stehen.
-
-Das ist der Johannisabend, fiel ihr auf einmal ein.
-
-Sie schob ihre Papiere zurück und sah starr in das ferne Glühen hinaus.
-Ein feiner Dunst kam aus dem Walde und schlich herein.
-
-Sie schaute in ihren Garten -- der war schwarz.
-
-Eine wahnsinnige Angst überkam sie. Der Sommer gleitet vorbei. Alle
-ansteigenden Zeiten sind vorbei. Mein Leben tritt in das Dunkle ein. Hier
-sind die Pläne, die Ministerialerlasse, die Prüfungsordnungen -- haha --
-das ist mein -- -- das ist mein -- --
-
-Sie warf noch einen Blick zur ›eisernen Wehr‹ empor, dann nahm sie
-ihren Hut und ging.
-
-Wie leicht kann ich schreiten, dachte sie, als sie in den lichten Staub der
-Straße trat. Wie -- jung --
-
-Vom Sonnenrot sah sie hier nichts. Der Wald stand dunkelnd. Eine verwischt
-blaue Stimmung war zwischen den Straßenbäumen. Die Kinder kletterten
-darauf herum, rissen Lindenblüten los und warfen sie herab.
-
-Sie eilte. Nun war sie im Walde. Fahrtgeleise gingen tief hindurch -- ach,
-es war die Allee, auf der sie damals gegangen war, als das Gewitter kam,
-vor einem Jahre -- --
-
-Sie schritt rasch und empfand: Johannisabend.
-
-Hinter allen Büschen schien es zu leben, tiefer, als bei jenem
-Taggewitter, heimlicher, als in den hellsten Stunden, seltsamer, als an
-anderen Abenden. Sie fühlte: hier ist Leben über Leben um mich. Sie sah
-an den Tannen empor, sah, wie die silbergrauen glatten Stämme der Buchen
-grünumflimmert zur Höhe stiegen und oben ihr Laub ausbreiteten, sie sah
-Bäume, die über und über grün waren, bei denen die Äste schleppend auf
-den Boden hingen, so voller Sommer waren sie. Und dann sah sie noch etwas.
-Mitten unter den Waldbäumen stand eine Linde, über und über blühend.
-Hoch stieg sie empor, höher, als die Buchen und Tannen, und oben blühte
-sie ganz allein, über allem Laub. Diese Blüten konnte keiner pflücken.
-Das Abendlicht überglänzte sie. An die konnte keiner heran.
-
-Sie ging weiter.
-
-Auf einmal scholl es hinter ihr. Sie horchte: Klippklapp, Klippklapp.
-
-Sie blieb stehen.
-
-Da kam es sacht näher. Ein Reiter.
-
-Sie wandte das Gesicht. Das Herz schlug ihr hoch auf, sie wußte, wer das
-war. Er wandte sich ihr flüchtig zu, eine halbe Sekunde schauten sie sich
-in die Augen. Es war Ludwig.
-
-Klippklapp, klippklapp, trabte das Pferd.
-
-Weit hinten auf der Schneise verschwand es. Er war vorbeigeritten.
-
-Sie wußte, wohin er ritt.
-
-Langsam ging sie weiter, es dunkelte.
-
-Und nun kam es wie Gesang näher -- sie horchte gierig. Es war kein
-Hufschlag. Es war Gesang.
-
-Das Lied kam ihr sonderbar vor. Sie, die so viele Kinderlieder gehört
-hatte, horchte wie verzaubert auf dieses Lied.
-
-Es kam ihr vor, als hätte sie es noch nie vernommen, aber als müßte
-sie es vernehmen, eben jetzt zu dieser Stunde. Auf einmal verstand sie die
-Sprache der Melodie.
-
-Sie blieb stehen, ihr Herz versagte.
-
-Und nun kam der Zug aus dem Walde heraus.
-
-Mitten zwischen den Stämmen kamen sie hervor -- o, es sah schön aus! Es
-war, als ob die Elfen dieses Johannisabends kettengleich vorüberzögen im
-Reigentanz.
-
-Sie sangen noch immer, und immer noch mehr kamen aus dem Walde, helle,
-singende Gestalten.
-
-Das war keine Ausgelassenheit.
-
-Jäh packte es sie: das war Feier.
-
-Er hatte es wieder fertig gebracht. Er hatte ein kleines Kunstwerk
-geschaffen, hatte in diesen verwöhnten oberflächlichen Dingern das
-Verständnis für Weihe, für die Schönheit des Waldes und für den
-sonderbaren schwülen Zauber dieses Abends geöffnet. Er konnte das, denn
-er war ein Künstler.
-
-Nun kam er.
-
-Ein paar große Mädel waren dicht um ihn und glitten jetzt fort. Betty war
-dabei und wandte noch das Gesicht nach dem Fräulein Doktor.
-
-Er sah Christiane an: »Nun? Ist es nicht schön?«
-
-Sie schwieg.
-
-Er blieb etwas mit ihr zurück. Die Schar zog vor ihnen. Sie sang noch
-immer. Leise, ganz zart. Es verschwamm jetzt fast. Es ging sanft in diesem
-sanften Abend unter, der seine wilden Farben jetzt eingezogen hatte.
-
-Sie schaute zurück.
-
-Wo war das Rot?
-
-Sie sah auf die Straße.
-
-Wo war der Reiter?
-
-Bartelmes stand vor ihr. Seine Blicke überglitten sie, er sprach kein
-Wort.
-
-Wie ein seidenweicher Schleier überrann sie das Gefühl: ich bin doch
-schön. Ich bin vielleicht noch nie so schön gewesen, wie jetzt -- in
-meiner Reife.
-
-Verwirrt horchte sie. Kein Hufschlag mehr.
-
-Ihre Seele schrie auf, schrie nach Feuern hin, nach Flammen, nach einer
-einzigen schönen Glut, nach einem Glück, wie sie es noch nie besessen
-hatte. Sie wollte nicht immer Muster sein, Tugend, Vorbild, sie wollte
-Flamme sein, Schönheit, Genuß -- sie wollte geben, was noch keiner
-besessen hatte und was alle gaben. Sie wollte mit Kränzen in feinen
-Melodien schreiten und purpurn untergehen, wie der Abend untergeht. Sie
-wollte dem Leben nahe sein, ganz nahe, sie wollte Leben sein.
-
-Seine Miene blieb unbeweglich.
-
-Und eben deshalb sah sie ihn schärfer an, als sie es sonst in ihrer
-Erregung getan hätte.
-
-Er hielt stand. Es war vielleicht in seinem Willen, daß die Maske jetzt
-fiel, die er doch für jeden Kundigen nur lose vorgehabt hatte, denn
-er gedachte nicht weiter zu gehen und sich keinerlei Schwierigkeiten zu
-machen.
-
-In den Augen blieb sein Lächeln.
-
-Verwirrt grübelte sie, wo sie es schon gewahrt hatte: wenn er mit der
-Haberkorn sprach, auch mit der Seifert oder mit der Mehlmann -- alle
-belächelte er so aus einer gewissen Mannesüberlegenheit heraus, und nun
-hatte er das Lächeln, das Blinzeln auch für sie -- --?
-
-Sie begriff noch nicht. -- Auch -- für -- sie -- --?
-
-Und dann kam ihr Gewißheit. Ihre hellsichtige Menschenbeobachtung fand
-sich wieder ein, vielleicht noch nie so scharf, wie in dieser Sekunde. Sie
-durchschaute sein Spiel, das auf ihre innere Demütigung auslief und auf
-das äußere Vorzeigen: seht, ich habe die Herrin unter mir. Ich bin der
-Herr. Die haben sie angestaunt, wie ein neues Wunder, die sind argwöhnisch
-vor ihr geflohen, ein Narr ist sogar vor Schrecken gestorben -- ich aber
-habe festgestellt, daß es unter den Frauen nichts Neues gibt und niemals
-etwas Neues geben wird. Es gibt gar keine modernen Frauen. Wenn sie es
-können, so begehren sie immer nur den Kranz, den der Mann ihnen aufsetzt,
-und ihr Wille, ihre Pläne sind rasch zu biegen ... an jedem Platz!
-
-Sie erkannte noch mehr: Er war ihr gegenüber nie in Unruhe geraten,
-vermißte nichts und begehrte nichts. Seine Sinne waren unbeteiligt, denn
-er hatte ein anderes Weib um sich, von dem ihm die scharfe Erkenntnis
-jedenfalls mit geflossen war -- -- --
-
-Er wollte nun doch näher an sie heran.
-
-Sie sah ihn mit funkelnden Augen an.
-
-»Sie haben ja eine Geliebte,« sagte sie hart.
-
-Er schnellte etwas zurück.
-
-Dann besann er sich.
-
-Der wissende Hohn in seinen Augen wurde stärker.
-
-»Ja. Ich habe Ihnen sogar schon ihr Bild gezeigt, Fräulein Doktor
-Dorreyter -- eine junge Bühnenkünstlerin.«
-
-Er lachte ein wenig. Sein Fuß rührte im Staub.
-
-»Ich wollte Ihnen damals das Bild meiner Schwester zeigen -- sie schauen
-sich übrigens ähnlich -- da griff ich zufällig das andere.«
-
-Sie gab keine Antwort.
-
-Rasch schritt sie an ihm vorbei.
-
-Die Kinder vorn sangen wieder.
-
-Christiane sah, daß der Wald zu Ende war. Da kam schon die Stadt. Sie war
-so voller Lichter, wie sie nur sein konnte.
-
-Christiane wandte sich und schaute noch einmal nach dem Walde zurück.
-
-Das Feuer war erloschen.
-
- * * * * *
-
-Am nächsten Tage ereignete sich das Unglück.
-
-Einige der Patronatsherren kamen in die Klasse der kleinen Wehrendorf. Sie
-hatten es noch mehr auf den Doktor Bartelmes abgesehen, dessen beargwöhnte
-Methode sie sich näher begucken wollten, aber die Hilfslehrerin stand mit
-auf dem Programm.
-
-Ada wußte sofort Bescheid.
-
-Christiane hatte ihr schon einen Wink gegeben: nimm dich zusammen! Aber was
-heißt ›Sich zusammennehmen‹, wenn die Nerven und alle Hoffnung ohnehin
-zu Ende sind. Wenn sie nicht so an der Arbeit gehangen hätte, wenn sie ihr
-nicht das Wichtigste, die schwere Hauptsache ihres Lebens gewesen wäre,
-dann wäre sie leichter über die Klippe hinweggekommen.
-
-So aber gab sie sofort das Spiel verloren, als keine Ruhe unter den Kleinen
-wurde und Hanni Cöldt ganz offen in ihre Worte hineinlachte.
-
-Die Herren sahen Ada fragend an.
-
-Die aber stürzte an ihnen vorüber zur Tür hinaus.
-
-Die Gäste wußten nicht, wie ihnen geschah. Deshalb warteten sie noch ein
-paar Minuten.
-
-Aber auf einmal fingen ein paar der Kleinen heftig an zu weinen. Und eine
-drehte sich zu Hanni Cöldt um und schrie: »Du! Du!«
-
-Und plötzlich sah der Geheimrat Meckebier die fliehende Gestalt drüben am
-Walde.
-
-»Herrgott,« sagte er und faßte den anderen am Arm.
-
-Nun eilten sie zu Christiane und schlugen Lärm.
-
-Die Jong wurde gerufen und sagte: »Ich habe es kommen gesehen. Sie aß und
-schlief nicht mehr. Gestern gab ich ihr noch einen Brief von meinem Onkel
-und redete ihr flehentlich zu: sie solle kommen und wenn es nur für ein
-Ausruhen war -- man wollte sie dort pflegen. Aber sie wollte nicht.«
-
--- Als Ada im Walde war, fing sie an zu denken.
-
-Von neuem kam die Gewißheit über sie: es war aus. Man behielt sie nicht
-mehr an der Reutterschule. Da konnte Christiane es so gut meinen, wie sie
-wollte -- man behielt sie nicht mehr.
-
-Und ohne die Kinder konnte sie doch nicht leben. So viel sie sie in ihrer
-süßen Dummheit auch gequält hatten, sie hatten sie doch auch lieb
-gehabt. O ja, die meisten hatten sie doch lieb gehabt. Und nun konnte sie
-es nicht vertragen, daß eine andere an ihre Stelle kam -- das konnte sie
-ihr nicht gönnen! Nicht einmal die kleine Cöldt konnte sie ihr gönnen!
-Der ganze schwere Kampf -- wie war er schön -- wie war er schön.
-
-Sie blieb wieder stehen. Unbewußt war sie richtig gelaufen, denn ihre
-Phantasie hatte den Weg schon Tag und Nacht gemacht.
-
-Da war der Krähenteich.
-
-Mit zitternden Gliedern, halb besinnungslos, glitt sie nieder und ins
-Wasser hinein. Schnell. Schnell.
-
-Es war grade die Stelle, an der Herr von Wratislawski Mai die Rosen
-überreicht hatte.
-
- * * * * *
-
-Vierundzwanzig Stunden später waren die Reutterschülerinnen und das
-ganze Kollegium zur Gedächtnisfeier für die Tote in der Aula versammelt.
-Diesmal sprach Christiane schwer und fest.
-
-Die Herren und Damen spähten argwöhnisch zu ihr empor. Alle wußten,
-daß der schöne Doktor Bartelmes bei der gestrigen Revision recht schlecht
-abgeschnitten hatte. Er hatte es sich aber nicht weiter anfechten lassen,
-sondern auf der Stelle gekündigt. Was bedeutete ihm Markburg! Er hatte
-übrigens wieder ein neues ästhetisches Buch geschrieben, das kam zum
-Herbst heraus und würde seinen Ruhm verstärken. Aber hier --! Ironisch
-blinzelte er zu Christiane hin und strich den Bart.
-
-Diesmal fand sie kein Beschönigen mehr. Vor allen Mädchen rief sie das
-Frauenschicksal auf, das vor ihnen hingeglitten war, ohne daß einer es nur
-recht erfaßt hätte. Desto mehr aber war seit gestern geflüstert worden.
-An verborgener Niedrigkeit brachten auch diese planmäßig zur Schönheit
-erzogenen Mädchen genug auf.
-
-Nun aber hörten sie die Wahrheit.
-
-Christiane sprach von den Frauen, in deren Leben kein anderes Feuer brennt,
-als das, das sie sich selber anzünden. Ada Wehrendorf hatte nie nach
-fremden Feuern gespäht, hatte nie eine Gnade, ein Glück erwartet, als aus
-ihrer Arbeit allein. Sie hatte so an der gehangen, daß sie ihren Verlust
-nicht überwinden konnte. Es hatte ihr Ruhe gewinkt, Pflege, ein Schutz.
-Sie hatte aber ohne ihr Werk nicht leben mögen. Nicht an irgend einer
-Sehnsucht war sie gestorben, sondern an dem Verlust ihres Schaffens. Sie
-hatte ihre Arbeit lieb gehabt.
-
-Christiane riß die Kinder an sich heran -- wie glühender Draht brannte
-es wieder in ihrer Rede auf -- die Wehrendorf war einstmals eine von ihnen
-gewesen, eine der verwöhntesten -- und wie mancher konnte es gehen wie
-ihr.
-
-Sie spürte auf einmal: an diesem Leben hing auch Kampf, war nicht nur
-ästhetisches Genießen -- das Blatt wandte sich für viele -- und manche
-Seelen waren unter ihnen, die einen Schutz brauchten.
-
-Sie fühlte auf einmal: auch sie hing an ihrer Arbeit. Wenn sie gescheitert
-wäre, wenn es ihr irgendwie gegangen wäre, wie der Wehrendorf -- -- sie
-atmete heimlich auf -- der häßliche Sturz war nahe gewesen -- -- dann
-hätte sie auch nicht mehr leben können. Ihr Werk hätte sie nicht
-zerbrochen und besudelt aus der Hand legen können. Sie fühlte auf einmal
-Fäden, die sie mit ihm verbanden, mit diesem allen hier, so fest, wie
-mit keinem anderen, weil Kampf daran hing, letzter Aufruhr, weil hier die
-Krisis gekommen war.
-
-Sie starrte auf die Mädchenköpfe, und ihre Seele rang sich ganz fest an
-das Werk heran.
-
-Man empfand wieder die alte Christiane Dorreyter, die im Übermaß ihrer
-schweren Kraft und ihres harten Erkennens ihre Leitsätze gegeben hatte.
-
-Alle wußten, daß ihre Worte ein Vernichten des System Bartelmes
-bedeuteten und des Schiefen, das für die Leiterin daran gehangen hatte.
-Man konnte nichts mehr reden.
-
-Leise gingen die Mädchen dann aus dem Saal -- so leise waren sie selten
-gegangen.
-
-Die Herren und Damen redeten nachher noch über die kleine Wehrendorf.
-Natürlich hätte ihr jeder beigestanden, wenn er es gewußt hätte.
-
-Christiane sprach noch mit der Jong. Da kam ein Bote und gab ihr ein
-Telegramm.
-
-Sie brach es auf und las: ›Hardi soeben verschieden.‹
-
- * * * * *
-
-Es war zwei Tage später.
-
-An Christianens Tür pochte es.
-
-Es war das Brautpaar Dreher-Friedlein.
-
-Sie gratulierte den beiden. Ihr Gesicht war ganz ruhig.
-
-Der Oberlehrer sah an ihr herab, schrak ein bißchen auf, und es begann ihm
-zu dämmern, daß der Besuch jetzt zu dieser Stunde eine Taktlosigkeit sei.
-Aber im Übermaß seiner Freude hatte er an nichts anderes gedacht.
-
-»Ich habe sie mir erobert,« sagte er mit bedächtigem Triumph, »seit dem
-Unglück hatte ich doch Angst bekommen, die Schule zehrt unheimlich an den
-Frauennerven -- ich sah Mai im Traum wirklich auch am Krähenteich --«
-
-Mai zuckte bei dem Wort zusammen.
-
-»Ja, ich hänge sehr an meiner Arbeit,« sagte sie.
-
-Er guckte sie von der Seite an. »Jetzt weiß ich freilich, daß du mich
-lieb hast, denn sonst würdest du sie wegen mir nicht aufgeben --! Das ist
-das Gute an den modernen Frauen,« wandte er sich an das Fräulein Doktor,
-»sie heiraten nur noch aus -- Liebe.«
-
-»Ja,« sagte Mai, »wir haben uns ja schon immer so gut verstanden.«
-
-Dann zupfte sie ihn am Arm -- die Mutter käme gleich. Ihr Telegramm war
-schon da.
-
-Beim Abschied fragte sie noch, ob sie auf der Stelle austreten könne
--- das für ein Vierteljahr im voraus empfangene Gehalt wolle sie gern
-zurückzahlen --!
-
-Christiane wies sie an das Patronat.
-
-Dann war sie wieder allein.
-
-Sie ging ans Fenster und starrte einen Augenblick in ihren Garten. Der war
-ganz still.
-
-Dann trat sie in ihr Schlafzimmer und machte sich zurecht. Sie mußte nach
-Wiesental. Heute wurde Hardi begraben. Sie kam dort auf den Kirchhof. Das
-hatte sie gewollt.
-
-Sie war an den Folgen einer Frühgeburt gestorben.
-
-Unten fuhr der Wagen vor.
-
-Leise trug er sie über den weißen Waldweg, den sie noch vor ein paar
-Tagen abends gewandert war.
-
-Die Sonne schien mittsommerhell. Es wurde heiß. Der Wald stand
-verschlafen. Einmal wandte sich Christiane: ein Duft streifte sie. Da sah
-sie die einsam blühende Linde.
-
-Nun war sie in Wiesental. Mit der Bahn, mit dem Wagen, mit dem Auto kam die
-Trauergesellschaft.
-
-Christiane trat in das kleine Haus. Der Sarg war schon geschlossen.
-
-Sie hätte auch nicht danach verlangt, Hardi noch einmal zu sehen.
-
-Sie ging nicht zu Ludwig hin, und er bemerkte sie auch weiter nicht. Leise
-war er um die Mutter beschäftigt, und Christiane erkannte wieder, was sie
-schon vorgestern gesehen hatte, als sie hinkam: die hatte alles verloren,
-ihr Bestes und Ähnlichstes. Vorgestern hatte sie Ludwig noch verwünscht
-und verflucht. Jetzt schien sie ruhiger.
-
-Der Gottesacker lag hoch oben auf der anderen Seite des Berges, klein,
-freundlich, aber ohne viel Baumbestand. Die Kirschbäume reichten bis dicht
-heran.
-
-Der Sarg versank.
-
-Der erste Geistliche der Stadt hielt die Trauerrede, die erste Gesellschaft
-der Stadt wischte sich die Augen.
-
-Ludwig starrte vor sich hin. Er hatte die schluchzende Mutter am Arm.
-Hinter ihm standen ein paar Rhanes, die grade auf ihrem Gut gewesen waren.
-Sie waren in Uniform, und Christiane mußte flüchtig an den längst
-verschollenen Potsdamer Tag denken.
-
-Ludwig hatte noch immer kein Wort mit ihr gesprochen, hatte sie kaum
-gesehen.
-
-Nachher mußte sie sich verabschieden. Die Mutter ließ sich kaum sprechen.
-Sie sah die älteste Tochter finster an, in ihren verstörten Zügen sprang
-unbewußt ein harter Wunsch auf: wärst du es -- doch -- wärst du's! Sie
-war wieder die, die sie in schweren Zeiten gewesen war.
-
-Ludwig trat dann mit Christiane in das Hinterzimmer mit den roten Gardinen.
-
-Sie sah einen ganz anderen Mann als den, den sie damals nach zehn Jahren
-wiedergesehen hatte, so hatten ihn die zehn Wochen verwandelt. Und sie
-hatte es gewußt und erwartet. Sie fühlte, in den zehn Wochen lagen für
-ihn Erinnerungen, an die ihre ganze ehemalige Liebe nicht reichte, in denen
-sie für immer untergegangen war.
-
-Das große, halb unbewußte Opfer der zarten Frau hatte alles fremde Feuer
-für immer gelöscht und verzehrt.
-
-»Du gehst nun fort?« fragte sie.
-
-»Ja, ich habe Urlaub,« sagte er monoton. »Hanni geht mit.«
-
-Sie entdeckte im Hintergrunde auf einmal das Kind, etwas scheu, beklommen.
-Über den rohen Egoismus dieses verwöhnten Geschöpfes schien es doch mit
-einiger Wucht gefahren zu sein.
-
-Er nahm die Kleine in die Höhe und legte sein Gesicht an das ihre.
-»Du --« murmelte er.
-
-Christiane merkte, daß er Hardis Kind wieder liebte.
-
-Nebenan weinte die Mutter.
-
-Draußen verging der Sommertag.
-
-Christiane trat mit Ludwig vors Haus. Er hatte Hanni jetzt an der Hand.
-
-»Du wirst nun bald für immer von Markburg weggehn?« fragte sie.
-
-»Ja,« sagte er.
-
-Sie wußte genug.
-
-Er ging nach dem Osten zurück. Von Zeit zu Zeit würde er nach Wiesental
-zu Hardis Grab kommen und zur Mutter, aber sie würde ihn nicht mehr
-wiedersehen.
-
-Mochte sein künftiges Schaffen nun so oder so ausschlagen -- es gab ihm
-Halt und war seine Erlösung. Er würde über Hardis Opfer hinweg wieder
-lebendig werden.
-
-Christiane dachte ihm nicht mehr so weit nach, ihre Gedanken kehrten vor
-den riesigen slawischen Feldern um -- sie gab ihm die Hand, küßte Hanni
-und stieg in den Wagen.
-
-Er fuhr auf und sah sie noch einmal an.
-
-Sie winkte ihm leise zu.
-
-Das war ihr Abschied. -- -- --
-
-Spät abends kam sie in ihr Haus -- drei Stunden war sie durch den Wald
-gefahren.
-
-Sie machte Licht und sah gewohnheitsgemäß auf ihren Schreibtisch. Da
-lagen Briefe, Drucksachen, Kondolenzkarten und amtliche Schreiben. Da lagen
-ihre Entwürfe.
-
-Ach ja, ihre Entwürfe.
-
-Ihr Atem strich einen Augenblick schwer. Es war, als wollte sie etwas
-niederreißen. Als stürmte ein schweres Wasser gegen sie an.
-
-Sie ging ans Fenster.
-
-Da lag ihr einsamer Garten. Er war dunkel, nur der Duft strich herauf. Es
-war kein Frühlingsduft, er erinnerte sie an den Wald, an den der einsamen,
-goldblühenden Linde, deren Blüten keiner pflückte.
-
-Ihr Herz schlug hart und stark.
-
-Und dann überkam es sie auf einmal wie mit festen Händen: es war die
-Einsamkeit, das eiserne Geborgensein in sich.
-
-Das war das beste, was ihr gehörte, und ihr höchstes Lebensgeschenk.
-Tief in ihr lag unendliches Blühen, lagen unendliche Strecken unbetretenen
-Landes, eisige Einsamkeiten.
-
-Die gehörten ihr. Nur ihr allein.
-
-Sie ging hin und her.
-
-Dann machte sie Licht, sah auf das Bild und holte ihre Arbeit vor.
-
-Schauer überrannen sie und verrannen.
-
-Sie holte tief Atem.
-
-»Der Abend allein ist das Beste.«
-
-
-Buchdruckerei Roitzsch, Albert Schulze, Roitzsch.
-
-
-
-
- Im Verlage von Carl Reißner erschien von
-
- Juliane Karwath
-
-
- Die drei Thedenbrinks
-
- Ein Kleinstadtroman
-
-
- Katharyna Holerbeck
-
- Roman
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
-
-Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=.
-
-Der Schmutztitel wurde entfernt. Eine Seite mit Verlagswerbung wurde vom
-Buchanfang an das Buchende verschoben.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
-Ausnahmen,
-
- Seite 28:
- "." eingefügt
- (Sie schauerte und träumte.)
-
- Seite 30:
- "Ueberall" geändert in "Überall"
- (Überall Augenkranke.)
-
- Seite 35:
- "Schrit" geändert in "Schritt"
- (Da endlich ein Schritt auf der Treppe)
-
- Seite 43:
- "." eingefügt
- (Der Abend allein -- -- dachte Christiane.) ]
-
-
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Das Feuer hinter dem Berge, by Juliane Karwath
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS FEUER HINTER DEM BERGE ***
-
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-
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-
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-
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