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-The Project Gutenberg EBook of Das Feuer hinter dem Berge, by Juliane Karwath
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Das Feuer hinter dem Berge
- Roman
-
-Author: Juliane Karwath
-
-Release Date: September 27, 2020 [EBook #63312]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS FEUER HINTER DEM BERGE ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net (This book was produced from images
-made available by the HathiTrust Digital Library.)
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- Das
-
- Feuer hinter dem Berge
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- Roman
-
- von
-
- Juliane Karwath
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- [Illustration]
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-
- Egon Fleischel & Co.
- Berlin
- 1913
-
-
- Alle Rechte vorbehalten
- =Copyright 1913 by Egon Fleischel & Co. Berlin=
-
-
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-
-Christiane und Hardi Dorreyter waren nicht die Kinder innig
-zusammenströmender Gattenliebe. Ihre Mutter, ein herzlich armes, sehr
-schönes, aber unbegehrtes Fräulein hatte den viel älteren Hauptmann in
-dem Glauben genommen, daß für ihr Zähnezusammenbeißen das Gute schon
-nachkommen werde. Aber es geschah ihr, daß sie ohne Liebe zu tragen hatte,
-was der Liebe selber oft recht schwer fällt. Der Mann verwickelte sich
-infolge zögernden Avancements in allerhand Querulantengeschichten,
-die zwar noch einigermaßen beigelegt wurden, ihm aber den Abschied
-einbrachten. Es ging in ein recht enges und armes Leben, das Mutter und
-Kindern schlecht bekam: der Frau, weil sie dem Manne, mit dem sie sich
-betrogen hatte, noch immer Weib sein mußte, und den Kindern, weil sie an
-allem ziemlich unverhüllt mitzutragen hatten, denn die Mutter gab ihnen in
-ihrer Verlassenheit ihre Not sehr zeitig preis.
-
-Die Mädchen lernten Abneigung und Mißtrauen gegen den Mann.
-
-Die lagen ihnen schon im Blute, die Stunde, die sie geschaffen, hatte sie
-ihnen tief eingetränkt.
-
-Sie blühten nicht recht auf. Zwar hatten sie den einen oder anderen Zug
-der Rhanes, welcher blaublütigen Familie ihre Mutter entstammte, aber ihre
-Gestalten blieben gestreckt, lang, flach, herb wie Schattenfrüchte.
-
-Der Hauptmann starb. Frau Dorreyter, die ihre Leute bisher nur durch
-Unterstützung der Rhanes sattbekommen hatte, erhielt von diesen als
-endgültige Abfindung ein kleines Kapital. Die Rhanes kauften zu der
-Zeit, einer günstigen Heirat wegen, zwei Rittergüter und gründeten ein
-Majorat. Frau Dorreyter stürzte sich über die paar Groschen, selig, ihre
-Mädchen ausbilden zu können. Sie war durch und durch Frauenrechtlerin,
-ohne viel mit Büchern oder aufrührerischen Personen zusammengekommen zu
-sein.
-
-Sie lernte mit den Kindern. Die fühlten, wie gierig die Mutter zu trinken
-versuchte und wie sie innerlich erzitterte, wenn sie ihre Kraftlosigkeit
-erkannte, und stemmten sich tüchtig an, um wenigstens selber zu glänzen
-und ihr dadurch Grund zum Stolz zu geben.
-
-Die leise hervortretenden Rätsel des jungen Weibwerdens blieben den
-Kindern gleichgültig. Sie grübelten nicht.
-
-Sie sehnten sich nach keiner Süßigkeit.
-
-Frühzeitig kamen sie in das Seminar der Provinz.
-
-Die Vorsteherin war ein derbmännliches Frauenwesen, das Unerhörtes
-leisten wollte. Mit einer rücksichtslosen Energie schaltete sie alles
-Schwache aus. Die Lehrerinnen, die sich verlobten, mußten sofort weg,
-die Schülerinnen, die irgendwie versagten, wurden sofort entfernt. Muster
-sollte alles sein, Auslese.
-
-Fräulein Schmöckler war nicht beliebt. Ihrem Schritt ging der Schrecken
-voraus, die reifen Lehrer erröteten vor ihren eisernen, oft rücksichtslos
-vor allen Schülerinnen gegebenen Tadelworten und bebten gleich ihren
-Kolleginnen, wenn sie ins Bureau befohlen wurden.
-
-Christiane erwarb sich rasch ziemliches Wohlwollen, Hardi aber bekam sofort
-›Halbheit‹ vorgeworfen, das Schlimmste, was Fräulein Schmöckler
-vorwerfen konnte, ohne daß sich aber entdecken ließ, wohin Hardis andere
-Geisteshälfte neigte. Die Rhanesche Familienkrankheit, die Bleichsucht,
-waltete über der Kleinen.
-
-Christiane kam ihr rasch voraus in die Oberstufe, wo sie mit Ada Wehrendorf
-zusammentraf, die aus ihrer Heimat stammte. Der Vater, ein Justizrat, war
-rasch gestorben, und für das völlig verwaiste und vermögenslose Ding
-mußte bald ein Lebensunterhalt gefunden werden, zumal sie dünn wie eine
-Spindel und ohne jedes Temperament war. Beim Abschlußexamen kam sie
-mit einer knappen Drei heraus, während sich die glänzendste der
-Schülerinnen, der Fräulein Schmöckler keinerlei Halbheit hatte vorwerfen
-können, noch an demselben Tage öffentlich verlobte und somit ihre ganze
-Weisheit und eine ihr von der Vorsteherin schon bereitgehaltene Stelle
-glattweg preisgab.
-
-Hardi kam Christiane verweint entgegen, denn die Schmöckler hatte ihr an
-dem Tage bedeuten lassen, daß sie für ihren Teil am besten täte, die
-aussichtslose Sache zu lassen. So reisten beide Dorreyters mit Sack und
-Pack nach Hause, und die Mutter verriet in ihrem Entsetzen über das
-Unglück der geliebten Jüngsten keinerlei Freude über Christianens Sieg.
-
-Die merkte nichts davon, denn Fräulein Schmöckler hatte ihr die von der
-Braut ausgeschlagene Stelle in einem vornehmen Töchterinstitut der Schweiz
-verschafft, und der Himmel hing ihr voller Geigen. Sie packte von neuem,
-und mitten im Kramen fielen ihr auf einmal Briefblätter entgegen, die die
-Mutter bewahrte, und sie las neugierig darüber hin.
-
-Auf einmal wurde sie aufmerksam und winkte die in ihre Melancholie
-versunkene Hardi herbei.
-
-In diesen Blättern lasen sie zum ersten Mal von der Liebe.
-
-In den Tagebuchblättern und Briefen der Urgroßmutter, die dem
-schlesischen Adel entstammte, glomm eine ehebrecherische Sünde. Die Frau
-des Hofstallmeisters von Rhane hatte es mit einem Prinzen gehalten, der,
-wie sie, nachher recht tugendhaft und brav geworden war, aber mit einem
-Schuß nervöser Geistigkeit, und kein Glück in der Politik gehabt
-hatte. In den Blättern waren Glut, Zärtlichkeit und französische
-Verse. Dazwischen lagen später geschriebene Mutterbriefe an den Sohn im
-Kadettenhaus, das Fürstenpatenkind.
-
-Es war auf einmal begreiflich, warum die jetzigen Rhanes sich plötzlich im
-Glanz und mit Majoraten aufgetan hatten: sie waren von ihrem Bluteinschuß
-getrieben.
-
-Die Mädchen schauten sich an.
-
-Über Hardis kleines, verweintes Gesicht flirrte es.
-
-»Da sind wir -- ja -- auch -- -- --«
-
-Die Mutter kam. »Was habt ihr da? Die Briefe? Ach, die Briefe --« Einen
-Augenblick hatte sie gestutzt. Dann nahm sie sie verächtlich zusammen:
-»Schmutzkram. Der kann fort.«
-
-Christiane bat: »Gib sie mir.«
-
-Sie packte sie in ihren Lehrerinnenkoffer.
-
-Mit ihr reiste die kleine Wehrendorf, die an dieselbe Anstalt kam, aber des
-minderen Zeugnisses wegen ›=au pair=‹.
-
-Das Schweizer Institut war ein Erziehungskasten von oben bis unten. Die
-Leiterin war sehr fett und behäbig. An Zöglingen waren ungefähr achtzig
-da, darunter viele Bräute. Es wurden Wissenschaften getrieben, gekocht,
-genäht, geputzt, gestickt, gemalt, gebrannt, Tennis und Golf gespielt
-und getanzt. Es gab Unterricht in Sprachen, Musik, Gesang, Gymnastik,
-Rezitation und Körperpflege. Man hatte in einem Jahr ausgelernt oder in
-einem halben. Es gab auch Vierteljahrs- und Monatskurse, ganz nach Wunsch,
-und immer hatte man ausgelernt. Eine Auslese fand nicht statt, nur eine
-Trennung nach Rang und Stand und Geld. Man unterschied einen Flügel der
-Aristokratinnen, unter denen auch eine junge Freiin von Rhane war, eine
-Abteilung der Ausländerinnen und noch viele andere Gruppen bis zu
-den reichen Fabrikanten- und Handwerkertöchtern. Die Zimmer, die den
-besichtigenden Eltern gern gezeigt wurden, waren blank und hell, wie
-Ziervogelkäfige.
-
-Christiane aber bewohnte mit drei Kolleginnen ein enges Kabinett im
-Hintergebäude, in dem zwei alte Holzbetten der Quere nach nebeneinander
-und zwei an der Wand standen. Dazwischen war nicht viel Raum. Im
-Flur befand sich ein wurmzerfressener Kleiderschrank, in dem die vier
-Lehrerinnen ihr Eigentum aufbewahren konnten, und unter dem schmalen
-Zimmerfenster war eine Bank etabliert, unter der das Schuhwerk stand,
-während man die Oberfläche ganz gut als Tisch benutzen konnte.
-
-Die Lehrerinnen durften nur dunkle, hochgeschlossene Kleider und
-glattgestrichene Haare tragen.
-
-Christianens Bettnachbarin war eine nicht mehr junge Holsteinerin, die
-beiden anderen eine Engländerin mit einem dunklen warmen Schmeichelgesicht
-und eine magere Französin, die etwas von einer Ziege an sich hatte. Diese
-beiden trieben bei guter Laune Spaß, nannten sich die ›Babies‹ und
-stellten sich an, als ob Christiane und die Blonde Vater und Mutter seien
-und das Ganze eine warme Familienstube. Die Holsteinerin sagte nie ein Wort
-dazu. Einmal erwachte Christiane von etwas Merkwürdigem, horchte in
-die ferne Mondnacht hinaus und merkte auf einmal, daß ihr ganzes Lager
-zitterte. Neben ihr lag die Holsteinerin in einem furchtbaren, rüttelnden,
-lautlosen Weinen.
-
-Am Morgen wagte Christiane die andere kaum anzusehen, aber die hatte
-keine Ahnung von der Beobachtung, sondern tat ihre Pflicht in derselben
-verschlossenen Art wie zuvor.
-
-Die arme Wehrendorf hieß bald nur das ›Sneewittchen‹.
-
-Die junge =au pair=-Lehrerin mußte nämlich aus Platzmangel in einem
-gläsernen Erker schlafen, der an ein Zimmer der Pensionärinnen grenzte
-und nur Raum für das Bett und eine Waschkiste bot. In der Tiefe lag der
-See, und die Schwalben strichen ganz nahe an den nur mit dünnen Gardinchen
-verkleideten Scheiben vorbei. Es gab viel Gekicher unter den verwöhnten
-jungen Damen, wenn die Lehrerin in ihr Glaskästchen ging, und die
-Wehrendorf trug es stumm und ergeben wie das Pechkind im Märchen.
-
-Die dicke Leiterin konnte mit dem großen Unternehmen allein nicht fertig
-werden, sondern hatte als Stab ein paar ältere Lehrerinnen um sich, unter
-denen besonders ein zähes, dürres Fräulein Beierlein hervorragte, die
-sich mit der Ausbildung der ›Neuen‹ beschäftigte.
-
-Die konnten ihre mühsam erworbene Schulweisheit getrost in den
-Koffer packen. In diesem Erziehungskasten ging es nur darum, sich die
-Zufriedenheit der Zöglinge und deren Eltern zu verschaffen -- wehe der
-Lehrerin, über die eine junge Dame sich beklagt hätte! Und dreimal wehe
-der, um deretwillen eine Pensionärin verloren gegangen wäre! Die achtzig
-wurden behütet wie Gold -- das war Geschäft!
-
-Die Miß und die Französin standen in einem bewährten
-Freundschaftsverhältnis mit der Beierlein und hatten die Organisation
-dieses vortrefflichen Institutes vollkommen begriffen. Christiane und die
-Wehrendorf aber hörten alle Augenblicke den windschnellen Schritt der
-Vorgesetzten hinter sich und wurden mit nadelscharfen Blicken aufgespießt
-und von spitzigen Worten ins Herz getroffen.
-
-Was der Mann am Weib verschulden kann, reicht in aller Welt nicht an das,
-was eine Frau der andern anzutun vermag, besonders, wenn die eine alt, die
-andere jung, die eine übergeordnet und die andere untergeben ist!
-
-Die beiden kamen aus den Unterrichts- und Aufsichtsstunden nicht heraus.
-Der Dienst währte von morgens sechs Uhr bis abends um zehn Uhr. Die
-Wehrendorf mußte auch Zimmer putzen, die jüngeren Zöglinge baden und
-kämmen und der dicken Vorsteherin bei der Toilette helfen. Freistunden
-gab es nicht. Ausgänge auch nicht. Mit den Zöglingen gingen immer nur die
-älteren Lehrerinnen.
-
-Christiane kam kaum in den Garten, erblickte Wald und See und Berge nur
-von den Fenstern und Terrassen aus und hatte von der neuen Welt nur ganz
-verwischte Vorstellungen. Sie hörte die Pfiffe der Züge, mit denen sie
-in den Tunnel glitten, das Geläut, mit dem sie wieder herauskamen, die
-Signale der Dampfer und die Stimmen der Touristen.
-
-Oft wurden junge Mädchen von ihren Anverwandten abgeholt und kamen abends
-froh erregt wieder. Blumen wurden bei jeder Gelegenheit hereingeschleppt
-und die Pensionszimmer malerisch damit geschmückt. Es gab große
-Ausflüge, sanfte Besteigungen und Dampferpartien, an denen die beiden
-jungen Lehrerinnen aber nicht teilnehmen durften. Eine Freude blieb der
-armen Wehrendorf: sie mußte jeden Sonntagabend die an diesem Tag laut
-offizieller Erlaubnis geschriebenen Briefe der Zöglinge nach der weiter
-unten im Ort befindlichen Poststation bringen. Mit Stößen von legitimen
-Liebesbriefen zog das arme, häßliche Sneewittchen los und genoß die
-kurze Freiheit.
-
--- -- Christianens Nerven begannen zu versagen. Ihr grauste vor dem
-Lärm, dem Geschnatter, dem mechanischen Unterricht, den unaufhörlichen
-Aufsichtsstunden, dem Aufpassen der Beierlein und dem nächtlichen
-Zusammensein mit den Kolleginnen. Ergab sich am Tage einmal ein passender
-Moment, so stürzte sie nach oben in ihr Zimmer, in dem um die Zeit niemand
-war, verriegelte die Tür und starrte aufatmend um sich: allein! Allein!
-Ihre Blicke wanderten. Scheu horchte sie nach außen und atmete von neuem
-auf: allein -- allein --!
-
-Leise schlich sie an ihr Kommodenfach. Doppelt verschlossen lag da ihr
-bißchen Eigenes: ihre Zeugnisse, die Briefe der Mutter und die Tagebücher
-der Frau von Rhane! Wie gut, daß sie vor der Abreise noch die Mappe
-gekauft hatte -- jetzt hatte sie doch ein Fleckchen für sich!
-
-Allein -- allein -- -- -- --
-
-Da rief es schon draußen, da trippelte es und klopfte an die Tür:
-»Fräulein Dorreyter! Fräulein Dorreyter!« Christiane fuhr, öffnend,
-zurück -- das Fräulein von Rhane! Jäh sah sie, was sie noch nicht
-gesehen hatte: das Jugendgesicht der Mutter, die Rhanesche Schönheit.
-
-»Fräulein Beierlein läßt bitten,« sagte die junge Aristokratin in dem
-wenig respektvollen Tone, den die Pensionärinnen für die Unterlehrerinnen
-hatten.
-
--- -- Christiane konnte nicht schlafen. Nacht für Nacht ging das stumme
-Weinen der Nachbarin. Christiane wollte manchmal rufen, fragen, die anderen
-wecken, aber sie wagte es doch nicht: es war für die Verzweifelte die
-einzige Stunde, in der sie allein zu sein glaubte -- allein!
-
-Stundenlang zitterte das Bett. Stundenlang liefen Christianens krause
-Gedanken zur Mutter zurück und zu der Frau von Rhane. Sie sah die blonde
-Familienschönheit und wieder die Frau von Rhane.
-
-Blau schien die Mondnacht. Ein ungewisses Raunen scholl: der See. Ein
-Flimmern stand fern: die Berge.
-
-Die Französin schnarchte mit spitz gehobener Nase, die Miß hatte ihr Haar
-stramm geflochten und den abgebundenen Zopf an den Bettpfosten
-gehängt. Das Lager der Holsteinerin hob sich in schweren, krampfhaften
-Stößen -- --
-
-Christiane dachte an die Frau von Rhane.
-
-Eines Morgens sagte die Wehrendorf: »Du, deine Schwester wird ja
-heiraten --!«
-
-Christiane starrte sie an. »Hardi!« Sie hob die Hand zur Stirn.
-»Hardi!«
-
-»Ja, ja,« sagte Ada hinterhältig.
-
-Christiane dachte nach. Die Mutter hatte angefangen, Hardi gewaltig mit
-Eiern und Peptonen zu füttern, denn zum Herbst sollte sie auf ein anderes
-Seminar.
-
-Christiane schrieb eine scherzhaft vorsichtige Anfrage. Sie wußte, es war
-Unsinn. Wen sollte Hardi kennen bei dem Leben, das sie führten. Wen? Wen?
-
-Die Antwort kam, und die Mutter entschuldigte sich und Hardi. Es war auch
-gradezu romanhaft. Auf der Straße hatte ein Herr von der Regierung Hardi
-gesehen und verfolgt, dann war korrekte Bekanntschaft daraus geworden.
-Er hatte Besuch gemacht. Sie mußten ihn einladen. Die Mutter knüpfte
-beunruhigte und bestürzte Bemerkungen daran.
-
-Nach drei Wochen kam die Anzeige: Hardi Dorreyter und Ludwig von Cöldt,
-und die Mutter schrieb hoffnungsvoller. Die Verhältnisse seien ja gut. Es
-sei wohl das beste für Hardi. Zum Herbst wäre Cöldt nach Posen versetzt
-und wolle vorher heiraten. Er sei sehr verliebt.
-
-Christiane dachte an die Peptone.
-
-Sie schrieb an die Schwester und bekam einen kleinen, halb verlegenen
-und halb triumphierenden Brief. Fräulein Schmöckler hatte die Anzeige
-bekommen!
-
-Christiane konnte an der Hochzeitsfeier nicht teilnehmen, denn sie bekam
-keinen Urlaub, auch das Reisegeld hätte gefehlt. Sie sandte ein Telegramm
-und durfte es selbst zur Post bringen.
-
-Sie ging an roten Ranken vorbei und sah blaues Wasser und unwahrscheinlich
-weißes Getürm in der Höhe. Eine gebogene Straße lief in die Ferne
-hinein.
-
-Nachher mußte sie Schrankrevision halten, fand sehr viel Schokolade und
-ein Dutzend illegitime Liebesbriefe.
-
-Die Depesche war längst in der Hochzeitsgesellschaft.
-
-Im Winter gab es Tanzstunden, Faschingfeste, Theateraufführungen und
-Schlittenfahrten. Die Wehrendorf erfror sich in ihrem Glaskäfig die
-Zehen und wurde in einem Badezimmer einquartiert. Sie hieß jetzt ›die
-Seejungfrau‹.
-
-Christiane erhielt Botschaft aus Posen. Die Mutter war zu Weihnachten dort.
-
-Nebelzeiten begannen. Die Schlafkammer war lichtlos. Es regnete.
-
-Eines Morgens war das Bett der Holsteinerin leer. Ihre Sachen hingen da.
-Sie war fort.
-
-Der Aufruhr wurde im Keim erdrückt. Keiner durfte eine Frage stellen. In
-das Bett kam schon nach wenigen Tagen eine Belgierin, die sehr schnarchte
-und aussah, als ob sie sich nicht ganz sauber wüsche.
-
-Christiane lag noch immer häufig wach. Sie hörte den Tropfenfall und sah
-die Verschwundene auf nackten Füßen durch den Tauschnee eilen. Wohin?
-Wohin? Zu wem?
-
-Sie stand und horchte. Der Föhn heulte. Die Fenster zitterten.
-
-Leise öffnete sie einen Flügel. Schwül schoß es ihr entgegen: drüben
-war der See. Sie sah ferne Straßen. Wohin? Wohin? Zu wem?
-
-Ihr Herz zitterte.
-
-Am Sonntagabend war es klar. Die Wehrendorf erschrak, als Christiane auf
-einmal an ihrer Seite stand: »Ich gehe mit dir zur Post!«
-
-Der Wind pfiff. Aus dem geschuppten Wasser sahen entfremdete Sternbilder.
-
-»Hier war es sicher -- hier,« flüsterte die Wehrendorf, scheu auf das
-Ufer deutend.
-
-Christiane lachte und eilte weiter.
-
-»Wohin willst du?« rief Ada ihr nach.
-
-Es ging bergauf, der Wind kam bergab. Wuchtig und warm schlugen seine
-großen Flügel, wuchtig schlugen sie auf die brausenden Wasser, wuchtig
-fuhren sie an Christianens warmen Mädchenleib. Die Sterne zitterten.
-
-Ada Wehrendorf rief aus der Ferne.
-
-Christiane aber ging, wie sie in ihrem Leben noch nicht gegangen war. Sie
-ging auf der Erde, deren freie Krume sie noch nie so unter ihren Schuhen
-gespürt hatte, in der Luft, die noch nie so rein in ihren Lungen gewesen
-war. Sie fühlte im Sturm die Gletscher, über die er gefahren, die
-Wälder, durch die er gestürzt war, die Wasser, von denen er getrunken
-hatte. Sie fühlte den freien, dunklen Duft der Welt.
-
-Allein!
-
-Beim Nachhausekommen erhielt sie ihre Kündigung.
-
- * * * * *
-
-Als Christiane der Mutter davon schrieb, kam ein erlöster Brief: »Geh
-nach Posen. Hardi hat Heimweh. Geh nach Posen.«
-
-Christiane reiste.
-
-Die Polen feierten eben Ostern. Die Stadt inmitten der Wälle war voll
-gedrängtem Glockengeläut. Man betete und aß, aß und betete.
-
-Herr von Cöldt holte Christiane vom Bahnhof.
-
-»Hardi geht es nicht gut,« sagte er.
-
-Sie begriff erst in diesem Augenblick, in welch ernstes Ehekapitel man sie
-hereingeholt hatte.
-
-Hardi lag im Schlafzimmer. Sie war viel hübscher, als Christiane sie
-in Erinnerung hatte, ihr Profil zeigte eine pikante Mischung von
-Soubrettenhaftem und Sentimentalem. Sie warf dem Mann einen schnippisch
-koketten Vorwurf zu, der ihn zum Gehen zwang, und fing hinter ihm
-ein fürchterliches Weinen an. Christiane entdeckte jetzt, auf sie
-niederschauend, die Veränderung der Gestalt.
-
-Hardi fuhr auf. »Bitte gib mir das Morphium.«
-
-»Morphium nimmst du?« fragte Christiane, an die Mutter denkend.
-
-Hardi warf einen Blick ringsum. »Schon lange.«
-
-»Warum?« fragte Christiane herzlich, sich über sie neigend, »leidest du
-an Schlaflosigkeit? Oder was ist dir eigentlich?«
-
-»Was mir ist!« Hardi lachte nervös auf. »Siehst du denn nicht, was mir
-ist -- haha -- --«
-
-»Wie sprichst du nur,« sagte Christiane, »wenn das dein Mann hört --!«
-
-»Das sage ich ihm immer.« Hardi warf sich herum. »Das sage ich ihm. Und
-noch mehr: er ist schuld.«
-
-Christiane blickte auf sie nieder.
-
-Ihr Herz schlug, leise rann es an sie heran.
-
-»Er hat dich doch lieb,« sprach sie.
-
-Hardi starrte sie gläsern an. »Ja--aa lieb,« sagte sie. Dann deutete
-sie ringsum. »Hier bleibst du. Mein Mann schläft hinten. Wir bleiben
-zusammen.«
-
-»Warum hast du ihn denn genommen?« fragte Christiane.
-
-»Weil mir bange war. Weil die Schmöckler mich herausgejagt hatte. Was
-blieb mir sonst übrig? Stundenlang haben wir überlegt, die Mutter und
-ich. Es war ja wegen der Mathematik. Das war ja der Haken bei mir. Damit
-wäre ich nicht durchgekommen ...«
-
-»Das hättest du immerhin noch versuchen können. Deshalb --« Christiane
-sah sie an, »deshalb -- -- -- Du mußt ihn doch -- -- du mußt ihn doch
-lieb gehabt haben!«
-
-»Ja--aa. Lieb -- ja. Aber nicht so. Nicht so.« Hardi zog die Schultern
-ein. »Wenn ich gewußt hätte! -- -- Das hab ich nicht gewußt. Das
-hat mir niemand gesagt. Sonst wäre ich lieber -- --« sie sah mit irren
-Blicken um sich.
-
-Christianens Backen brannten.
-
-Vor den Fenstern war weites, flaches Land. Unten auf dem Wall ging ein
-Infanterieposten.
-
-»Du wirst dich noch daran gewöhnen,« sagte sie leise, »es war der
-Übergang. Wenn du erst weiter bist --«
-
-»Davor graut mir ja,« rief Hardi. »Deshalb schlaf ich schon nicht mehr.
-Ich bin ja so schwach. Die Mutter hat Angst, ich komm nicht durch. Jetzt
-tut ihr's leid.«
-
-»Die Mutter hat dich mit ihren schwarzen Gedanken angesteckt.«
-
-Hardi schauderte. »Damals hatte ich Angst vor dem Examen. Ach --
-tausendmal lieber würd ich jetzt ins Examen gehen, als das durchmachen,
-was mir nun bevorsteht!«
-
-»Du bist hysterisch,« sagte Christiane scharf.
-
-»Ich bin wie die Mutter. Der ist es auch so gegangen. Sie hat keine Kinder
-haben wollen. Sie hat nie Frau sein wollen. Ich auch nicht.«
-
-»Das hättest du wirklich vorher bedenken müssen. Aber ich glaube, du
-lachst noch einmal darüber.«
-
-»Jetzt lache ich nicht,« sagte Hardi. »Jetzt bin ich krank.«
-
-Ludwig kam herein. Er und Christiane sahen sich an. Sie fühlte, daß seine
-Hoffnung bei ihr stand.
-
- * * * * *
-
-Es war noch das alte Posen mit dem dumpfen Gassengedräng, den mächtigen
-Wällen und den polnischen Dörfern dicht vor den Toren.
-
-Es war urfremdes Land.
-
-Fremd war das kleine, dunkle Volk, die vielen Kirchen und Kleriker, die
-langen Leichenzüge und der geniale Schmutz. Von der Warthe her kroch der
-Typhus, von den Dörfern her die Granulose.
-
-Was deutsch war, saß lose obenauf, ging und kam und hatte wenig Freude an
-der gewagten Existenz.
-
-Nach dem internationalen Gewäsch in der Schweiz war Christianens Blick
-für einfachere Konflikte offen. Sie hatte Freude an der ungeheuren
-Spannung, die zu ihr herüberwehte.
-
-Ludwig von Cöldts Chef gehörte noch zur alten Schule, die mit den Polen
-tafelte. Um ihn herum aber raunte es. Eine deutsche Zeitung, die bisher
-in politisch gleichgültigem Fahrwasser geplätschert war, hatte sich auf
-einmal rätselhaft einer anderen Richtung verschrieben und schoß Pfeil auf
-Pfeil auf den ziemlich wehrlosen alten Herrn. Im polnischen Lager summte
-Unruhe auf, der heimliche Konflikt wurde bloß. Der Deutsche wehrte sich
-plötzlich gegen seine geduldete Existenz in diesem Lande, das von seinen
-Kräften fraß und stark wurde. Der Pole verteidigte seinen uralten Boden.
-
-Der Kampf war da.
-
-Den Anfang dieser Zeit erlebte Christiane Dorreyter in Posen.
-
-Der Frühling wußte nicht viel zu zünden. Auf den Feldern hob sich ein
-riesiges, eintöniges Grün empor, die wilden, niedrigen Glacisbäume
-blühten. Die Warthe trieb gelbe Flut aus Rußland.
-
-Christiane begriff, daß es schwer und seltsam war, hier zu leben. Sie kam
-nicht zum Klaren, ob Cöldts Versetzung eine zufällige war. Jedenfalls
-war er mit dem Mut der alten Kolonisten hergekommen, und sein Junkerblut
-drängte zum Kampf.
-
-In Christiane war noch etwas von der freiheitlichen Abendstunde in den
-Bergen. Sie spürte den Osten wie einen fremden, starken Trank, mit dem sie
-fertig zu werden versuchte.
-
-Sie schalt über Hardis Gleichgültigkeit. Ludwig gegenüber war sie erst
-unfrei, ihre Gedanken fielen ihn oft hinterrücks niedrig an. Dann wurde
-sie ruhiger und fast etwas beschämt.
-
-Seine Art machte sich geltend.
-
-Er besorgte ihr ein Pferd, und in freien Stunden ritt sie mit ihm bald
-junkerhaft durch die warmen, dampfenden Glaciswälder oder in die Felder
-hinaus, über denen die Windmühlen gingen.
-
-Anfangs dachte Christiane noch an ihre bisherige Existenz, dann versank
-das.
-
-Sie war aus einem Traum ins Wahre gekommen oder knüpfte an etwas an, das
-früher gewesen war.
-
-In diesem flachen, unendlichen Lande war sie schon einmal gewesen, die
-Zügel in der Faust.
-
-Über diese Straßen war sie schon einmal herrinnenhaft geritten, den
-Gesellen neben sich.
-
-Es war ein Traum, der aus dem unendlichen Frühling dieser slawischen
-Unendlichkeit stieg. Es war doch Frühling.
-
-Ludwig suchte sich auch literarisch zu informieren und brachte eine Menge
-polnischer Literatur an; Krasinski und sogar Kraszewski, vor allem aber
-Mikiewicz und Sienkiewicz.
-
-Christiane las immer in einer gewissen Distanz, mit scharfem, jungem
-Denken und mit dem überlegenen Gefühl ihres reinen Germanentums, das dem
-slawischen Bruder das Leben und die Kultur im Herzensgrunde absprach.
-
-Hardi beteiligte sich an diesen Erörterungen immer nur zeitweilig. Wenn
-sie wieder an ihren Zustand dachte, sanken ihr die Flügel, und sie saß
-wie eine Verurteilte.
-
-Ludwig erzählte auf einem der Ritte von seinem Vorfahren, der mit Heinrich
-von Plauen gezogen war. Darauf begann Christiane von der Frau von Rhane
-zu sprechen, und er wurde aufmerksam und bat um die Blätter. Hardi hatte
-nichts davon erzählt.
-
-Christiane wußte: sie war äußerlich keine Rhane, ihr fehlte die blonde,
-reinblütige Schönheit, wie sie im Grunde auch Hardi fehlte. Nur ihre
-Hände waren rhanisch. Ihre Hände waren die der Frau von Rhane.
-
-Traumhaft ritt sie durch die maiheißen Straßen, die Mühlen gingen.
-Ihr Körper bog sich nach dem Rhythmus des Tieres, die Rhaneschen Hände
-regierten es.
-
-Ihr Blut war das der Frau von Rhane.
-
-Traumhaft sah sie in die maiblaue Ferne. Glühend, wie ein fallender Stern
-schoß es ihr durch die Seele. Wohin? Wohin? Zu wem?
-
-»Ein Schicksal,« sprach Ludwig neben ihr.
-
-Sie fuhr herum und sah ihn an.
-
-»Unsere Mutter sagt: ›Schmutz‹.«
-
-Er verzog den Mund und sagte: »Wir wollen zu den Mühlen.«
-
-Sie trabten schneller, der Staub war wie lange Fahnen hinter ihnen. Mitten
-im Geklapper hörten sie Lerchenlaut. Sie trabten. In Christiane war der
-Rhythmus der Leonorenballade, ihr Blut sauste. Sie sah nichts mehr. Sie
-jagten.
-
-Am Abend war ein Gast da.
-
-Cöldts lebten sehr zurückgezogen, da Hardi sich gegen jeden Verkehr
-gesträubt und die gutmütig und neugierig teilnahmsvollen Kollegenfrauen
-beinahe brüskiert hatte. Sie hatte die Bilder ihrer Heimat um sich und
-unterhielt sich mit ihnen und schrieb heimwehkranke Briefe an die Mutter.
-
-»Kraneis ist ein guter Kenner der slawischen Literatur,« sagte Ludwig.
-
-Der Doktor war sein Studienfreund und als Assistent an der damals noch
-herzlich unfertigen Bibliothek tätig. Seine Stellung war auch unfertig.
-Er erwog immer die Aussichten, die sich ihm in dem sich nun langsam
-kultivierenden Posen eröffnen konnten, und schrieb zwischendurch
-Bewerbungsschreiben an alle Orte, in denen man einen Bibliotheksleiter
-suchte. So war sein Sinn auf jeden Fall zerspalten, und wenn er einmal
-fanatisch begeistert über die Kultivierung des Ostlandes sprach und nicht
-genug Opfer an deutschem Blut und deutscher Kraft erwarten konnte, wenn
-er sich in slawische Verhältnisse nachfühlend hineingrub, die östliche
-Seele ergründete, Polnisch lernte und Mikiewicz zitierte, so war er ein
-paar Tage später ganz und gar westlich gesinnt und redete mit Ausdauer und
-einem wahrhaft deutsch biederen Beamtentum von Elberfeld oder Mainz.
-
-Christiane begann dieser Mensch zu interessieren und zu amüsieren. Sie
-getraute sich aber Ludwig gegenüber nicht viel darüber zu sagen, weil sie
-nicht wußte, wie weit dieses Freundschaftsverhältnis in die Tiefe ging.
-
-Eines Tages suchte sie Bücher aus Ludwigs Bibliothek zusammen,
-weil Kraneis kommen sollte, und brachte neben Mereschkowski einen --
-Reiseführer durch Mainz, der ihr zufällig in die Hand geraten war. Ludwig
-sah ihn betroffen an -- dann begriff er. Sie leise anblickend, sagte er mit
-einem feinen Lächeln:
-
-»Weißt du auch, Christiane, warum dieser Kraneis jetzt so unheimlich
-westdeutsch wird? An Mainz knüpfen sich jetzt seine größten
-Hoffnungen.«
-
-Sie schaute ihn an. »Er will sich dort eine feste Zukunft gründen, denke
-ich.«
-
-»Und zwar recht fest. Bürgerlich fest. Haus und Herd.«
-
-Jetzt stutzte sie. Dann hatte auch sie begriffen.
-
-Als Kraneis dann erschien, bekam er den Führer durch Mainz nicht zu sehen.
-
-Er sprach aber nur von dieser Stadt. Ein dortiger Freund hatte ihm unter
-der Hand Nachricht gegeben, daß seine Sache sehr günstig stünde.
-
-Christiane fragte nach diesem Freunde, und seine Miene wurde etwas
-verlegen.
-
-»Er ist in der Stadtverwaltung. Freilich nichts Besonderes. Hat sich
-so durchdrücken müssen.« Er zögerte eine Sekunde. »Wir waren
-Nachbarskinder in Neustadt.«
-
-Christiane sah den jungen Mann an. Handwerkerssohn, dachte sie. Nicht, daß
-sie ihn deshalb verachtet hätte, aber irgend etwas an ihm störte sie.
-Vielleicht die Hände, die Bewegungen überhaupt. Oder die Sprache.
-Wahrscheinlich die Sprache.
-
-In Mainz hatte auch die Frau von Rhane einige Zeit gelebt, nach ihrem Glanz
-als Witwe. Ihr Mann war bei einem Schlaganfall vom Pferd gestürzt und
-gestorben. Die Witwe hatte Bittbrief auf Bittbrief um eine Gnadenpension
-geschrieben. Dann war sie gestorben. Ohne Gnadenpension.
-
-Irgend ein Gedanke zog in Christiane empor und hatte Farbe und Macht
-aus der kurz verstrichenen Vergangenheit. Sie sah auf einmal wieder das
-stickige Lehrerinnenzimmer in der Pension, hörte das Herantraben der
-Beierlein und das nächtliche Schluchzen der Holsteinerin.
-
-Warum nicht in Mainz leben, als Frau Stadtbibliothekar? Reiten kann man
-doch nicht immer.
-
-Sie war an dem Abend zerstreut. Hardi war ausnahmsweise dabei und wollte,
-von diesen Dingen gänzlich unberührt, etwas über Mereschkowski wissen.
-Die Übersetzung der Verse war von einem Kollegen Kraneis', einem Balten
-besorgt worden.
-
-Kraneis schien auch nicht bei der Sache. Was ging ihn dieser hoffnungslose
-Russe an, was die fremde Flut, die mit dumpfem Brausen draußen dicht vor
-den Toren stand und weithin über Steppen und Steppen reichte? Er war weit
-weg, im goldenen Mainz.
-
-Hardi zitterte. Das Fleckchen, auf dem ihr bißchen Leben verstört
-hockte, erbebte. Sie begann plötzlich laut zu schluchzen. Kraneis
-hielt erschrocken inne. Ludwig eilte zu ihr hin. Sie stieß ihn zurück.
-Aufweinend lief sie aus dem Zimmer.
-
-Christiane ging ihr nach. Hardi wollte ihr Morphium haben. Die Schwester
-griff schon danach, aber auf einmal sank ihre Hand nieder, wie gedrückt.
-Wie sollte das werden? Was für Kraft bekam Ludwigs Kind? Was für Willen,
-was für Blut? Mit Giften wurde sein Organismus getränkt, noch ehe er ganz
-entwickelt war.
-
-»Du sollst nicht,« sagte sie mit eiserner Energie. »Du darfst nicht. Ich
-gebe dir's nicht. Ich gebe dir's nicht.«
-
-Sie setzte sich zu Hardi aufs Bett und hielt den Arm unter ihren Kopf,
-leise redete sie ihr zu. Die junge Frau weinte.
-
-»Ich gebe dir's nicht.«
-
-Hardi schrie, sie bettelte.
-
-»Nein, nein,« sagte Christiane. Sie machte sich frei. »Du sollst Kraft
-haben! Du mußt!«
-
-Scharf sah sie auf die Schwester hernieder. Hätte sie ihr nur von ihrem
-Willen abgeben können, von ihrem starken, entschlossenen Blut!
-
-»Du mußt Kraft haben aus dir allein. Du darfst dich nicht einlullen.
-Durchhalten sollst du.«
-
-Hardi wimmerte.
-
-»Gib. Gib.«
-
-Sie schluchzte.
-
-Da kam Ludwig.
-
-Christiane sagte ihm kurz Bescheid.
-
-Er sah zu seiner Frau hin. Ohne Christiane anzublicken gab er ihr das
-Morphium. Dann ging er zur Tür hinaus.
-
- * * * * *
-
-Am nächsten Tage sprach Christiane mit dem Arzt.
-
-Der sah sie ernst an.
-
-»Die gnädige Frau ist sehr krank.«
-
-»Krank --«
-
-»Sehr krank,« sagte er mit dem scharfen ›R‹ der altansässigen
-Deutschen. »Sie fühlt vollkommen das Richtige. Ihr Organismus ist für
-die Ehe nicht geschaffen, wenigstens war sie viel zu jung. Es wird einen
-bösen Kampf geben.«
-
-»Weiß mein Schwager -- --«
-
-Der Arzt zuckte die Achseln.
-
-Wie geschlagen blieb Christiane zurück. Die ganze schöne Einrichtung
-der Wohnung, die Ludwig bezahlt hatte, schien ihr wie die Dekoration eines
-Totenhauses. Die kleine Hardi hatte ihre Examenscheu und das bißchen
-Frauenglanz mit dem Schwersten zu bezahlen. Ihr inneres und äußeres
-Wehren war der wahrhaftige und unbewußte Ausdruck der ahnenden Kreatur.
-
-Sie ging zur Schwester und begriff nicht. Alles in ihr lehnte sich dagegen
-auf, in einem bißchen Wärme so dahinzuschwinden. Sie dachte wiederum an
-die Frau von Rhane.
-
-Es blieb ihr wohl übrig, Ludwig vorzubereiten. An dem Tage hatte sie grade
-versprochen, ihn vom Amt abzuholen.
-
-Das Regierungsgebäude lag mitten in der Altstadt an einem schmutzigen
-Markt und dicht bei einer riesigen dunklen Kirche. Weiber mit groben
-Tüchern um den Kopf kamen langsam und geduckt daher, Glocken läuteten.
-Sie sah durch ein Portal in das flimmernde Dunkel hinein: dort hinten war
-der Stern, an den sich das dumpf elende Volk hier hielt. Sie sann: konnte
-das auch über einen kommen? Kam nach aller Jugend oder -- mitten in der
-Jugend -- eine Stunde, in der man Hilfe brauchte -- solche Hilfe?
-
-Da fiel ihr Hardi ein. Die hatte -- Morphium.
-
-»Wollen wir noch tiefer in die Polackei?« fragte Ludwig, der ihr eben
-durch die enge Gasse entgegenkam, »oder ins -- Freie?«
-
-»Lieber ins Freie,« sprach sie hastig.
-
-Sie waren auch dort in der Polackei. Rings um die Stadt zogen sich, dicht
-an die Wälle gedrückt, zahllose polnische Kirchhöfe. Wild war
-das Gesträuch drinnen gewachsen, wild lagen die Gräber, von den
-Leichensteinen sahen fremde Worte und Zeichen. Alte Weiblein zogen herum
-und schienen den Tod zu suchen, Kinder schlichen diebisch um die Blumen, da
-und dort kam eine ganze Familie an, um ein Grab zu begießen. Der Faulbaum
-duftete über den Zaun.
-
-Es war keine Gegend, um von dem zu reden, was Christiane zu sagen hatte.
-Aber -- wo war eine andere? Ihr kam es plötzlich vor, als müsse ganz
-Posen Ludwig wie ein Grab erscheinen, in dem alles Seine versunken war.
-Dabei fiel ihr auf, daß er selten mehr eine direkte Frage nach Hardi tat.
-Man merkte ihm kaum mehr die Besorgnis des Ehemanns an, der seine Frau
-in solcher Lage weiß. Kaum, daß er auf eine Erkundigung einging. War er
-schon -- fertig? Was war alles vorgegangen?
-
-Herrgott, dachte Christiane, wie gut könnte das sein. Warum muß gerade
-hier die Tragödie beginnen?
-
-Er sprach über die augenblickliche politische Lage. Des alten Herrn
-Stellung war zweifellos erschüttert, selbst wenn dem frechen Blatt der
-Mund gestopft wurde. Die Zeitung mußte es büßen und die Exzellenz auch.
-Und dann -- kam der neue Kurs.
-
-»Du bist hier glücklich?« fragte sie, die eben noch gegrübelt hatte.
-
-»So lange ich Arbeit habe, ja.«
-
-Wie sie dir paßt, dachte sie. Mit einem Schablonenwerk bist du nicht
-zufrieden. Man läßt dir hier anscheinend Raum und wird dir vielleicht
-noch mehr lassen. Sie war schon längst überzeugt, daß er zu den Junkern
-gehörte, die noch Führer sein konnten, nicht nur Namensträger und
-Konnexionennützer. Er stammte aus einer altpreußischen Familie, sein
-Vater war als Intendanturrat in Danzig gestorben. Sie dachte: das hier
-wird ihm eine gute Lehrzeit sein. Seine Waffen können sich nicht
-besser schärfen, als hier im Kriege -- selbst wenn der neue Kurs doch
-schließlich wieder im Sande verlaufen sollte. Selbst wenn er eine Weile
-Zickzack mitmachen muß, wird doch sein Gewicht einmal so stark geworden
-sein, daß er an irgend einer Stelle den Zickzack -- biegt.
-
-Sie erhoffte Großes von ihm.
-
-Beide waren sie von jenem weltfremden alten Blut, das das moderne
-Protzentum, den Wettbewerb, die brutale Menschenausnützung, den
-Kapitalismus verachtete. Ihm war es noch undenkbar, anders als vom Staate
-Geld anzunehmen, jemand anderem als dem Staate überhaupt zu dienen. Er
-gehörte zu jenem stillen, armen Junkertum, das heute wie ein schmaler,
-alter, verrosteter Degen im Winkel liegt.
-
-Auf einmal fiel ihr Hardi wieder ein, Hardi, seine Frau, die vielleicht
-sterben mußte.
-
-Sie stockte mitten im Satz.
-
-»Was ist dir?« fragte er.
-
-Drüben hinter dem blühenden Dorn, der schwer niederhing, stand ein
-einsamer Mann an einem frischen Grab.
-
-Sie zuckte.
-
-Er folgte ihrem Blick.
-
-»Wie häßlich ist das hier,« sagte sie nervös.
-
-Wie kann ich in ihn eindringen, dachte sie plötzlich. Er muß selber
-fühlen, was vorgehen wird. Ich kann ja doch gar nicht an ihre Ehe
-heranreichen.
-
-Sie kam sich in ihrer Absicht unzart vor.
-
-Er wandte die Augen langsam vom Kirchhof weg und nahm das frühere Thema
-wieder auf.
-
-Warum konnte ich nichts sagen? fragte sich Christiane, als sie abends in
-ihrer Stube saß. Ein Gedichtband aus Ludwigs Bibliothek war hingelegt.
-Beim Blättern schlug ein Gedicht von Agnes Miegel auf. Es hieß »Heinrich
-von Plauen. Lochstedt 1429«. Anfang und Schluß blieben ihr besonders im
-Gedächtnis.
-
- Grau und schlaff
- Dehnt sich das Haff.
- An der Straße von Bischoffshausen
- Müssen noch Linden in Blüte stehn,
- Ich spüre den Duft in wanderndem Wehn
- Und höre heimlich ein Bienenbrausen,
- Das leise Rauschen der brandenden See.
- Nie rastendes Weh,
- Immerwogendes Leid, dessen salzige Fluten
- Bis zur Seele mir stiegen,
- Nun lege auch du
- Wie das Meer da draußen,
- Dich endlich zur Ruh.
- Mit diesem Sommer wirst du verbluten,
- Herz, das nie gelernt zu entsagen.
- . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
- . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
- Ich will hinab nach dem Hofe sehn.
- Daß ich so frei darf gehn
- Ist mir noch immer wie ein Traum.
- Früher merkte ich's kaum,
- Wenn ich Stunden und Stunden im Sattel gesessen.
- Ich glaube, ich habe das Reiten vergessen.
- Meine Glieder sind steif, die Stiege ist steil.
- Es dauert eine gute Weil,
- Eh' die Hand den Riegel zurückgeschoben. -- -- --
- Heiß und schwül war es droben.
- Hier unten ist's kühl und abendstill.
- Aus den Ställen kommt der Kühe Gebrüll.
- Wie Gold ist die Luft,
- Purpurn im Abendduft
- Über dem flutenden Tief
- Ragt die Feste.
- Die immer leise rief,
- Die See, schläft ein,
- Der Abend allein ist das Beste.
-
-Sie schauerte und träumte. Ihre Augen spähten in die Nacht über
-den Wällen. Ihre Sinne suchten die Zukunft zu durchdringen und fanden
-plötzlich nichts mehr, keine Hoffnung, keine Aussicht, nichts mehr, nichts
--- -- Der Abend allein, dachte sie -- -- --
-
-Am nächsten Tage kamen Bücher für sie vom Doktor Kraneis. Nichts
-Slawisches. Alle diese Bücher waren rein germanisch und kümmerten sich
-nicht um östliche Konflikte. Kein Sturm schlug hinein, nur hier und da
-eine zarte Welle Lyrik.
-
-Er hat einen ganz guten Geschmack, überlegte Christiane und bedachte
-dabei, daß seine Seele durch das ihr entgegenfahrende Glück wohl weicher
-und konfliktloser gestimmt sei, als sonst. Man merkte, er verlangte nach
-dem deutschen Herd und deutschen Süßigkeiten. Alle diese Bücher waren
-eine Liebeserklärung.
-
-Sie sprach zu keinem davon, wurde etwas stiller und ging jetzt mehr für
-sich. Die Briefe der Mutter beantwortete sie in flach beruhigendem Tone,
-denn der Arzt wollte sie jetzt durchaus nicht hier haben. Damals hatte sie
-Hardi durch ihre Art noch aufgeregter gemacht.
-
-Christiane traf Kraneis manchmal auf dem Wilhelmsplatz, in dessen Nähe die
-Bibliothek lag, sie gingen wohl ein paar Straßen lang miteinander, und
-sie spähte ihn verhohlen in Schärfe aus, fand nichts, das sie von ihm
-wegschob, aber auch nichts, das sie zu ihm trieb. Ob Ludwig -- weiß?
-dachte sie immer. Ob man ihm gesagt hat --?
-
-Hardi wurde immer reizbarer, hinfälliger, hoffnungsloser, und immer mehr
-nahm sie Morphium. Sie wußte jetzt aber von Kraneis' Absichten, und
-ihr Blick schlug manchmal wie eine Flamme über die Schwester hin, voll
-Geringschätzung und voll von verzweifelter Warnung.
-
-Eines Tages fragte Kraneis, ob Christiane ihn nach dem Dom hinaus begleiten
-wolle. Sie ging mit ihm. Es war in der Zeit der Fronleichnamsprozessionen.
-Das holprige Pflaster der Straßen war mit geschnittenem Gras überstreut,
-die schmutzigen Hauswände mit Teppichen und Kränzen verhängt, an jeder
-Ecke war ein Altar. Am heiligen Nepomuk auf dem Markt flimmerten Kerzen,
-vom Rathausturm herab bliesen Musikanten, Volk an Volk war in den Gassen,
-bunt, voll Putz.
-
-Vorsichtig drängten sich die beiden hindurch. Da waren die Bamberkas*)
-mit den weit starrenden, steifen, kniekurzen Röcken, die sommersprossigen
-kleinen Polinnen mit den Korallenkettchen um den Hals und den weiten
-schwarzen Jacken, die stieräugigen, halbbetrunkenen Bauern und Knechte aus
-der Umgegend. Dazwischen viele Kinder und so manche mit verbundenen
-Augen oder blauen Brillen, mit geschwollenen, tränenden Lidern. Überall
-Augenkranke.
-
- *) Polonisierte Bambergerinnen.
-
-Doktor Kraneis erzählte von einem Städtchen in der Umgegend, das er vor
-wenigen Tagen besucht hatte. Den Hut hatten sie ihm vom Kopf geschlagen,
-als die Prozession um die Marktecke kam. Und den ›Himmel‹, unter
-dem der polnische Propst mit dem Allerheiligsten schritt, trugen der
-Bürgermeister, der Kämmerer, ein Gutsbesitzer und ein junger Doktor. Der
-war ein Deutscher.
-
-»Nein! Nein,« stieß Kraneis hervor. Und dann sprach er mit heiserer,
-feierlicher Stimme von dem goldenen Mainz.
-
-Er hatte es.
-
-Sie gingen rasch über die schmale, schmutzige Brücke, unter der das
-lehmgelbe Warthewasser trieb. Heute zog kein Flößer, kein Schiffer. Der
-Strom war leer. Aber weiter oben, wo die Ufer dämmerten, würden sie zum
-Sonnenwendstag eine nächtliche Johannisfeier veranstalten, Schiffe und
-Kähne würden sich zusammenrudeln, die rotweißen Fähnchen würden
-wehen, die Buntfeuer lohen und das ›=Jeszcze Polska=‹ über die Wasser
-klingen.
-
-Ein paar junge Kleriker wanderten ihnen auf der Brücke entgegen, keinen
-Blick auf sie verwendend. Jetzt wurden die Straßen ganz eng, grabentief
-die Rinnsteine, hüttengleich die Häuser. Das Glockengeläut des Domes
-schwoll ihnen entgegen, die zwei kurzen Türme stachen in die Luft,
-ein paar Bäume grünten. An der Seite lag hinter hoher Mauer das
-erzbischöfliche Palais, in dem damals noch der kluge Stablewski hauste.
-Nach ein paar engen Gassen und düsteren Plätzen kam auf einmal freieres
-Land, ein grüner Wall, ein Tor, Wachsoldaten. Endlich Felder, Gärten,
-Land.
-
-Christiane blieb stehen. Das war kein deutsches Land. Nicht mit der
-kühnsten Phantasie konnte man sich vorstellen, daß das deutsches Land
-sei: diese endlosen Felder. Hinter ihnen stand die finstere Silhouette des
-Domes, ein ferner Goldschein schwamm am Himmel: fremdes Abendrot. Fremdes
-Land -- fremdes Abendrot. Vor ihnen, aus dem stahlblauen Osten wälzte
-es sich ihnen mit lautloser, zäher Wucht entgegen -- die Fremde, die
-unendliche Ebene, die Steppe.
-
-Man tat gut, wenn man floh.
-
-Sie sagte es Kraneis, und er begann wieder bebend von Mainz.
-
-Den Rhein würde sie nun also sehen. An seinem Ufer, über seine Brücken
-würde sie mit diesem Manne gehen, Arm in Arm und mit dem Bewußtsein und
-der Erinnerung enger Gemeinschaft. Sie blickte ihn an. Er sah doch nicht
-schlecht aus. Die Figur war gut. Sein Dialekt ließ sich abgewöhnen, oder
-vielleicht sprachen sie dort alle so.
-
-Sie war dabei ›ja‹ zu sagen. Nicht feierlich, auf ein bestimmtes Wort,
-sondern im Nachgeben, im Eingehen, indem sie zuließ, daß er sie immer
-fester damit verflocht. Mainz -- da konnte sie das Grab der Frau von Rhane
-suchen, vielleicht gab es auch noch das Haus, in dem sie gewohnt hatte.
-
-Der neugebackene Bibliothekar streckte die Hand aus.
-
-»Sehen Sie doch, wieviel Zwetschen dort angesetzt haben,« rief er selig,
-in einen der erbärmlichen Bauerngärten deutend, »so viele --!«
-
-Seine ganze Herkunft klang aus diesem Wort. Man sah auf einmal das
-pfälzische Kleinbürgerhaus, aus dem er hervorgegangen war. Man fühlte
-das Milieu, dem er entstiegen war -- es klebte ihm ja an! Wie er an den
-Zäunen entlangging, mit der Schulterhaltung seiner Ahnen, die Lasten
-getragen hatten, und immer noch nach den Zwetschen spähte, erkannte sie
-jäh, wieviel an ihm lose saß, wieviel er im Augenblick nur übergetan
-hatte, um ihr zu gefallen, wieviel Brücken er zu ihr hinüber gebaut hatte
--- die er dann sämtlich abreißen würde, wenn sie drüben bei ihm war --
-in Mainz.
-
-Sie erkannte auf einmal, daß er in allem, was er vielleicht noch
-erreichte, in seinem ganzen Leben doch Kleinbürger bleiben würde, und
-wußte auf einmal eisern und unumstößlich: nein, nein, nein.
-
-Es waren nicht Hardis zitternde Warnungen -- -- die nicht. Nicht die Ehe
-scheute sie, sondern die Ehe mit ihm. Sie würden sich nie verstehen.
-
-Er betrachtete in glücklicher Jugenderinnerung noch immer die Pflaumen und
-sah wahrscheinlich im Geiste selber welche in seinem Gärtchen am Rhein, in
-dem er abends in der Laube womöglich in Hemdsärmeln saß.
-
-Sie wußte immer sicherer: sie konnte, konnte nicht, und hörte mit kaltem,
-arglistigem Herzen auf seine Worte.
-
-Endlich schien er ihr verändertes Wesen zu erkennen und zu begreifen,
-daß er sich etwas verdorben habe. Er fand es aber nicht, sondern suchte im
-Gegenteil das ganze Bauerndörfchen nach dem Glück im Winkel ab und wurde
-dabei immer ratloser, bis ihn schließlich der Trotz überkam. Er war doch
-jetzt der Stadtbibliothekar von Mainz, ein wichtiger Herr, um den man sich
-reißen würde -- was machte ihm die arme Lehrerin aus, die sich sperrte.
-Wenn's ihr eben nicht paßte, na, dann nicht, dachte er zweifellos.
-
-Sie las hellsichtig in ihm.
-
-Bald nahmen sie kalten Abschied.
-
-Als Christiane in die Wallstraße kam, traf sie Ludwig schon im Eßzimmer
-ihrer wartend. Hardi schlief bereits.
-
-Er sah sie in jäher, eigentümlicher Prüfung an.
-
-»Der Abend allein ist das Beste,« sagte er dann langsam.
-
-Sie zuckte zusammen.
-
-Irgend eine Welle schlug von ihm zu ihr, sie spürte sie in jedem Nerv, im
-Innersten erschüttert. Auf einmal sah sie die verflossene Stunde klarer
--- -- Kraneis -- o, Gott!
-
-Ihr Herz schlug.
-
-Sie saßen unter der verschleierten Lampe schweigend bei Tische, und
-Christianens Blick huschte immer wieder verstohlen zu Ludwigs festen
-Zügen. Ihre Gedanken wirrten hin und her, höhnten über Kraneis und
-zitterten zu Ludwig und hingen sich an ihn und wurden zart, weich,
-vergötternd. Verächtlich glitten sie zu Hardi hin, und alles Mitleid
-wandte sich zu -- ihm.
-
-Sie trennten sich bald.
-
-Christiane fiel es nachher ein, daß sie Ludwig heute wohl am ehesten
-hätte vorbereiten können. Aber sie konnte nicht mehr.
-
-Mochte alles -- Schicksal seinen -- Gang gehen.
-
-Sie saß noch lange verstört in ihrem Zimmer, dann ging sie zu Hardi
-schlafen. Weit rückte sie von der Schwester ab, weit, ganz weit.
-
-Sie hätte in dieser Nacht nicht denken mögen. Aber sie dachte viel.
-
- * * * * *
-
-Ganz unverhofft kam dann Hardis Stunde. Mitten im Juli, als alle Linden
-blühten. Christiane war bei ihr und schickte zu Ludwig aufs Amt.
-
-Die Wohnung war voll Aufruhr, und dazwischen klang das trostlose Wimmern
-der Schwester, die keinen wilden Widerstand mehr aufbringen konnte. Sie war
-in der ganzen Zeit schon hundertfach im voraus gestorben. Nur in den Augen
-stand das ohnmächtige, haßvolle Widerstreben.
-
-Der Mutter wurde telegraphiert.
-
-Ludwig kam und kam nicht. War er beim Präsidenten? Hatte er irgend eine
-Konferenz? Sie wartete. Sie schaute aus dem Fenster. Auf jeden Wagen hörte
-sie. Immer noch kam er nicht.
-
-Die Zeit verstrich. Die Lage wurde immer unheimlicher, und der Abend kam.
-Das fremde Rot brannte über der Ebene hinter den Wällen.
-
-Da endlich ein Schritt auf der Treppe -- Ludwig. »Ich konnte nicht eher,«
-murmelte er mit abgewandten Augen auf dem Flur. »Die Exzellenz -- --«
-Seine Miene war bedeckt. Jetzt schien er sich auf einmal zu besinnen -- er
-hörte auch. Seine Stirne wurde weiß.
-
-»Hardi,« sagte er, wie in sich suchend, verstört.
-
-Er blickte zu Boden.
-
-In der Sekunde erkannte Christiane, daß er von Hardis verzweifelter Lage
-schon lange wußte.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Das Kind war tot, aber die junge Frau wurde gerettet.
-
-Ludwig kam zu Christiane, die fiebernd, auf jeden Laut horchend, in ihrem
-Zimmer saß. Der Sommermorgen dämmerte, der weite, unendliche Sommermorgen
-des slawischen Landes. Lerchen sangen drüben. Fern drehten sich die
-Flügel der Mühlen. Weite, gelbe Felder leuchteten.
-
-Ludwig sagte es.
-
-Sie schauten sich an.
-
-Und jetzt, da die Wellen verebbten, die das Haus erfüllt hatten, jetzt, da
-die Fluten der Unruhe, der ungeheuren Verwirrung und verstörten Erwartung
-aus ihren Herzen strömten -- jetzt sahen sie erst, was sündig hoffend,
-sündig begehrend, heimlich darunter gelebt hatte.
-
-Beide sahen es in dieser Morgenstunde.
-
- * * * * *
-
-Zwei Tage später reiste Christiane ab.
-
-Die Mutter war gekommen und wollte einstweilen bleiben. Mutter und Tochter
-waren sich genug.
-
-Ludwig brachte Christiane zur Bahn. Es war der Berliner Frühzug, der
-von Alexandrowo kommt, russischen Staub an den Rädern trägt und
-voll unruhigen Slawentums steckt. Juden, Polen, Russen, fast alles
-Geschäftsleute. Dazwischen ein paar Uniformen, Offiziere aus den großen
-östlichen Garnisonen, und einige Agrarier. Da und dort eine versprengte
-Familie mit Kindern, hilflos und stumpf in ein neues Leben hineinfahrend.
-
-Das Abteil, in das Christiane stieg, war wie alle anderen schon sehr
-gefüllt. Ludwig stand draußen. Sie konnten sich ansehen. Dann und wann
-rannte jemand dazwischen, der verschmutzte Schaffner, ein Kellner, der
-Zeitungsmensch, Reisende, die noch aufgeregt nach leeren Abteilen spähten.
-Dann schauten sie sich wieder an.
-
-Immer unruhiger wurden die Menschen, immer schneller liefen sie. Vom
-Anfang des Zuges her kam ein sonderbares Geräusch immer näher. Schlag auf
-Schlag. Immer näher. Jetzt kam der Schaffner heran. Schlag auf Schlag.
-
-Nun wurde ihre Türe gefaßt.
-
-An dem Mann vorbei streckten sich ihre Hände einander entgegen. Fest
-preßten sie sich, eisenfest. Stark sah Auge in Auge, alles bekennend,
-rückhaltslos.
-
-Der Schaffner war weitergegangen. Jetzt kam der Ruf, der Pfiff.
-
-Ludwig faßte die Tür und drückte sie mit leiser Hand zu.
-
-Dann verschwand der Bahnhof.
-
-Christiane sah in die weiten Felder hinaus, in die ungeheure gelbe Ebene,
-und ein wildes Verlangen faßte sie: hierbleiben, an seiner Seite um dieses
-fremde Land, diese riesigen Weiten ringen, kämpfen; kämpfen -- mit ihm!
-Sie hätte jeden Zoll des rasend wegfliegenden Bodens festhalten mögen --
-diesen fremden, starken, feindlichen, geliebten Boden!
-
-Bleiben, bleiben wollte sie! Über diese Ebene mit ihm sausen, Pferd an
-Pferd, an diesen roten Abenden bei ihm sitzen, bleiben, bleiben wollte
-sie -- -- --!
-
-Dann sank sie zusammen. Über ihr im Netz zitterte ihr Lehrerinnenkoffer.
-Dicht an sie heran drängte sich kleinbürgerliches, verschwitztes Volk
--- ach, zu dem gehörte sie ja! Vorbei der Junkertraum, fort die schmalen
-Zügel, die sie in der Faust gehalten hatte, fort das urheimlich traute
-Beisammensein!
-
-Gelbe Felder, grüne Felder. Dann und wann eine kleine Station. Dann wieder
-die unendliche Weite, die der Zug noch immer nicht durchmessen hatte und
-die doch schon eine andere war. Weite an Weite, immer verschwindend und
-sich von neuem aufschließend, Land an Land, Osten, noch immer Osten.
-
-Die Frauen im Abteil hatten es sich bequem gemacht. Die junge Polin in der
-Ecke hatte den Hut abgenommen, den Kragen geöffnet und nestelte eben am
-Korsett. Die verängstigte Mutter mit den vier kleinen schwarzen Russen
-holte Kissen und Decken aus dem Netz und breitete sie über die Polster.
-Die Kinder kauerten, schliefen, tranken Milch, rannten, trieben es wie zu
-Hause. Eine furchtbare Luft war in dem engen Raum.
-
-Christiane bog sich vor: daß sie es nur nicht vergaß -- jetzt mußte
-sie umsteigen. Ludwig hatte es ihr auf der Fahrt zum Bahnhof
-auseinandergesetzt; die Verbindung war nicht gut. Sie fuhr nach Dresden.
-
-Ein Ruck, ein sirrendes Verschwirren der Luft -- Christiane stieg aus, und
-wie Fächeln streifte sie der reine Felderatem. Sie kam in einen anderen
-Zug, und nun war es allmählich nicht mehr Osten. Sie fuhren durch
-einen Zipfel märkischen Landes mit kleinen Fabrikstädten, kamen durchs
-Wendische und dann nach Dobrilugk. Wieder mußte sie umsteigen, und der
-neue Zug verschwand mit schnurrenden Rädern in der Ferne. Christiane aber
-fuhr in einem anderen, in dem es nur noch die deutsche Sprache und ein
-begrenztes Provinzlertum gab, nach Dresden hinein.
-
-Sie war ruhiger geworden. Wie ein dumpfer Schleier lag es über ihr. Der
-Osten verwischte sich, wurde zum Märchen, zu einem fremden Lied. Ihre
-Existenz wurde ihr haarscharf deutlich.
-
-Christiane mußte sich nun so bald als möglich eine neue Stelle suchen. Da
-ihre Papiere von der Schweizer Pension her mit einer mißbilligenden Note
-behaftet waren, würde es nicht ganz leicht sein.
-
-Sie fuhr nach dem Lehrerinnenheim, einem alten Bau in enger Stadtgasse.
-Erst wurde sie vom Portier, dann von der Oberin gemustert. Sie stand vor
-ihr und sah dabei traumhaft fern eine weiße Landstraße und darüber hin
-zwei sausende Pferde, hörte etwas von großer Überfüllung und wurde dann
-in ein winziges Erdgeschoßzimmerchen geführt, es war billig, wie alles
-dort. Aber wenigstens war sie allein darin. Ein hartes, uraltes Bett, ein
-Liegestuhl, ein kleiner Tisch, ein Schrank. An der Wand die Hausordnung. Es
-roch nach Fremde.
-
-Dann ertönte eine Glocke. Sie fing unten im Erdgeschoß zu leben an und
-stieg gleichsam die Treppen empor, jeden Winkel mit Klingen ausfüllend.
-Auf einmal war nichts mehr als Glockenläuten im ganzen Haus, Türengehen
-und Schreiten. Christiane ging nach oben. Auf den Gängen waren Türen und
-an jeder ein Name. Hinter jeder wohnte der zitternde Rest eines Lebens.
-Manchmal stach ein besonders schön gestickter Klingelzug hervor oder ein
-zärtlich bemaltes Täschchen für die Besuchstafel.
-
-Da waren die emeritierten Lehrerinnen. Etwas Eiliges war an ihnen, eine
-große Spannung beherrschte sie. Flure und Treppen waren jetzt voll
-gebeugter Frauen. Es gab gute Gesichter darunter, liebe Frauengesichter,
-die fein zu Großmüttern gepaßt hätten, und scharfe, spitze, denen man
-ein glückloses Altjungferntum ansah, gleichgültige Gesichter, die man
-schon tausendmal gesehen hatte, und einige voll Rasse und geprägtem
-Adelszug.
-
-Der leise Strom glitt an Christiane vorbei wie das Leben selber. Nicht das
-Leben, das im Tragischen oder Lichten vollkommen ausgleicht und Farbe
-auf Farbe gewissenhaft setzt wie ein guter, braver Maler, sondern wie der
-große Künstler, der im Überreichtum seines Schaffens seine Werke nicht
-alle beenden kann, der oft nur Fragmente schafft, Proben, Übergänge und
-dabei allerlei wegwirft, das eines Besseren wert gewesen wäre.
-
-Sie waren alle den Bächlein gleich, die durch das Land rinnen, still,
-schmal, da einen grünen Streif finden, dort eine Weile unter hängenden
-Blüten treiben, aber spurlos im Größeren aufgehen ohne ein Mühlrad
-gejagt oder ein Schifflein getragen zu haben.
-
-Mit Spannung schauten sie auf ihren Platz und grüßten einander, die
-Köpfe mit den schwarzen Spitzenhäubchen höflich neigend und nach der
-Oberin schauend, vor der die Suppenschüssel stand. Die eine oder die
-andere hatte aus Gesundheitsrücksichten ein Gläschen Wein neben ihrem
-Gedeck, ein Tellerchen war daraufgelegt, damit der Duft nicht verflog.
-
-Erst sprach die Oberin das Gebet, dann gingen die Teller ringsum, die
-Köpfe neigten sich darüber, das Essen begann, nur da und dort von mildem
-Gespräch unterbrochen.
-
-Christiane horchte und verstand nicht viel. Da war eine von einer
-früheren, längst verheirateten Schülerin besucht worden, dort hatte
-eine einen Brief bekommen, dort huschte auch wohl ein kleiner Streit mit
-geduckten Flügeln.
-
-An Christianens Tisch ging es lebhafter zu. Sie saß auf der Jugendseite,
-unter den Lehrerinnen, die sich gleich ihr nur vorübergehend im Heim
-aufhielten, meist Ferienvolk. Viele Sprachen wirbelten über den Tisch. Die
-Ungarin schwatzte von der Operette, die beiden Norwegerinnen redeten vom
-grünen Gewölbe, die Engländerin fragte ihre Nachbarin mit zähen Blicken
-nach allen Sehenswürdigkeiten aus. Eintrittskarten gingen von Hand zu
-Hand, Pläne wurden gemacht, da hatte eine einen Kniff heraus, wie eine
-Sache billiger zu bekommen war, und rief's triumphierend über den Tisch.
-Eine unendliche Vergnügungsgier beherrschte die meisten. Das ganze Jahr
-hatten sie für ihre Ferien gespart!
-
-Christiane bemerkte dann noch andere darunter, die stiller waren und mehr
-vor sich hinguckten, das waren solche, die keine Stelle hatten. Schöne,
-stolze, frische Gesichter darunter, noch mit allen Jugendillusionen, mit
-romantischen Erwartungen und heißer Fernsehnsucht, mürbe, schwache,
-ausgemergelte Erscheinungen und solche mit großer Vortrefflichkeit im
-ganzen Wesen, glattgescheitelten Haaren und dem Klemmer -- die richtigen
-Lehrerinnen.
-
-Christiane machte sich mit keiner bekannt.
-
-Nach Tisch ging sie durch die Stadt. Die Straßen glühten, und doch waren
-sie nicht schläfrig; man sah viel Fremde. Christiane entdeckte manches
-Schöne, manche Rasseerscheinung, aber auch viel Talmi, viel lächerliches
-Provinzlertum in Warenhäusern aufgeputzt, und die braven Dresdner selber,
-diesen Typen nicht ungleich. Sie sah die Talmikultur in den Läden und an
-den Bauten und begriff nicht, wie man die schöne Linie so mißhandeln,
-zerbrechen, vergewaltigen konnte. Wieder schweiften ihre Gedanken nach
-dem Osten zurück: dort war noch ein Boden, auf dem zu schaffen war, eine
-königliche Fläche, die tragen und leuchten konnte.
-
-Sie kam an die Elbufer. Die fernen Hügel schwammen in blauem Duft. Der
-Strom strich sommerlich schwach, die Wagen und Bahnen polterten über die
-weißen Brücken.
-
-Christiane stieg in einen Dampfer und fuhr nach Pillnitz.
-
-Das Boot war voll. Auch hier Fremde, einige rassig, elegant, voll
-hochmütig überlegener Kultur, still sich zurückhaltend, daneben die
-Familienrudel mit den unruhigen Kindern. Da und dort ein Künstlerkopf,
-ein Künstlerschauen, aber überragend die Masse, der ewig plappernde
-Durchschnitt. Der Dampfer fuhr unter den weißen Brücken mit den gelben
-und roten Bahnen hindurch, und nun sah man die Villenvororte, die weißen
-Häuschen an den Bergen, die Schlösser der großen Herren und der
-Künstler, die Protzenbauten der Reichgewordenen und die Massenrestaurants.
-An den Badeanstalten flatterten die Wimpel.
-
-Hügel um Hügel glitt vorbei. Der Strom bekam ein wenig Weite und
-Einsamkeit. Dann leuchtete das grüne Dach des Schlosses zu Pillnitz.
-Christiane ging an ihm vorüber durch den Park in den Wald. Der Weg wurde
-einsam. Sie ging lange, bis sie an eine Mühle kam, die jetzt Wirtschaft
-war. Dort rastete sie. Es war still, ganz still.
-
-Als sie wieder aus dem Walde an den Strom kam, sah sie, daß der Himmel
-sich umzogen hatte. Von den fernen Bergzügen merkte man nichts mehr, ein
-grauer Dunst kroch bergauf. Auf dem Dampfer sammelten sich schon die Leute.
-Das Wasser war grau.
-
-Im Abenddämmer tauchte die Silhouette Dresdens wieder auf. In dem Fenster
-einer Kunsthandlung in der Prager Straße gewahrte Christiane plötzlich
-die ›eiserne Wehr‹ von Angelo Jank. Sie starrte das Bild an. Dann ging
-sie in den Laden und kaufte es.
-
-So kam sie wieder in ihr Heim, wo sie es zusammengerollt in ihren Koffer
-legte. Draußen dröhnte schon wieder die Glocke, wieder zogen sie
-draußen nach dem Eßsaal. Der Abendtisch war leerer, nur die Alten und die
-Stellesuchenden waren da, die Ausflüglerinnen fehlten.
-
-Christiane ging nachher wieder in ihr Zimmer. Sie holte die ›eiserne
-Wehr‹ aus dem Koffer und besah das dunkle Bild von neuem. Draußen
-trommelte der Regen, die schmale Gasse war überspült. Tapp, tapp, tapp
--- die Leute rannten. Es wurde finster. Das Bild verschwamm, das Zimmer
-verschwamm.
-
-Der Abend allein -- -- dachte Christiane.
-
-Sie warf sich plötzlich auf ihr Bett nieder und schluchzte.
-
-Nach einer Weile wurde sie ruhiger und hob den Kopf.
-
-Sie war wohl nicht die einzige hier im Hause, die so weinte.
-
- * * * * *
-
-Nach ein paar Tagen hatte sie eine Stelle bei einem Forstmeister dahinten
-in Sachsen. Christiane war es lieber, in die Familie zu kommen, statt in
-eine Pension, und sie erhoffte bei diesen Leuten etwas Kultur und auch ein
-wenig Leben für sich allein.
-
-So fuhr sie nach Silberfähre.
-
-Der Tag war verregnet. Das Bergland senkte sich nach Westen zu in so
-eigentümlicher Weise, daß es ihr vorkam, als ob der schwarze Zug mit
-seiner Menschenladung waghalsig am Rande der Erde dahinführe. Dünner und
-feiner wurde der Regen, noch ein Wirbel, ein flatterndes Ausfliegen der
-Tropfen, dann sank der Schleier, und darüber zog ein roter Himmel glühend
-auf, nahe, ganz nahe, nur eine lose, blaue Wolkenwand schwamm von unten
-herauf schwer vor ihm, wie die dampfende Sehnsucht der Menschen.
-
-Neben Christiane schob sich eine Hand vor: »Entschuldigen Sie, das Fenster
-zittert echal so -- darf ich mal --«
-
-Und die Scheibe wurde gerückt.
-
-»So,« klang die Stimme weiter, »fahren Sie auch bis Chemnitz?«
-
-»Ich fahre noch weiter.«
-
-»I gor, i gor -- --«
-
--- -- Das Feuer stand noch drüben. Wie hundert goldene Fackeln lohte
-es vor dem armen Land. Wie ein rosenrotes sicheres Geheimnis stand es am
-anderen Ufer, von den dunklen bebenden Wünschen der Menschen zitternd
-umdünstet. Wie ein offenes Tor stand es da und hundert und hundert
-Schritte waren nur noch bis zu ihm.
-
-Der Zug aber sprang jetzt wie ein Tier, das die Peitsche fühlt. Ein
-Klirren ging durch ihn, ein Ruck traf Rad um Rad -- und Rad um Rad wandte
-sich gehorsam.
-
--- -- Das Feuer war nicht mehr da.
-
-Nur ein schmaler verblichener Schein stand fern, wie von einer Tür, die
-zugeschlagen wird.
-
-Berg um Berg war da, blau umhüllt, von Nebeln umgangen, die sich ihre
-Nachtplätze suchten, Tal um Tal war da, von Schatten gefüllt, von
-Häusern, aus denen die Wünsche wie Rauch aufstiegen, Wünsche, die keinen
-Weg mehr hatten.
-
-Das Feuer war nicht mehr da. -- --
-
-Der Hauch des fremden Gebirges umfing Christiane beim Aussteigen. Ein
-Wasser rauschte. Die Gassen liefen bald rechts, bald links, immer wieder
-vom Berg abgefangen. Gradeaus aber erhob sich auf einem Kegel die alte
-böhmische Burg Silberfähre. Mitleidslos hoch stieg der Weg zu ihr hinan,
-die kleinen Häuser verschwanden, das Wasser entlief weit unten, die Weite
-war nahe, der Himmel bog sich heran.
-
-Nun war Christiane in einem Schloß.
-
-Die Frau Forstmeister aber trug eine Küchenschürze, und drinnen über
-dem Feuer schmorten die Quarkkeilchen. Die Tochter kam aus dem Garten, ein
-schlacksiges, dreizehnjähriges Ding, von dem man noch nicht wußte, ob es
-hübsch oder häßlich werden würde. Es waren noch zwei ältere Töchter
-da, die sich nach der einen und der anderen Richtung längst entschieden
-hatten. Anna war schön, mit fuchsigem Haar und dem lebendigen, dunkel
-spiegelnden Blick des Waldtieres, Hella ein Kind des Schattens, klein, mit
-einem Zwergengesicht und einer Wichtelstimme. Anna war verlobt, Hella war
-schon über dreißig Jahre.
-
-Die Lehrerin wurde nicht sehr angestrengt. Viele Vorgängerinnen hatten
-in Nora ein so queres und sonderbares Wissen angehäuft, daß es Jahre und
-Jahre gebraucht hätte, um es zu entwirren. Nora sollte aber in ein oder
-zwei Jahren schon in eine Pension.
-
-Christiane wanderte viel in den einsamen Wäldern des Erzgebirges. Manchmal
-traf sie unterwegs den Forstmeister, einen kleinen, blonden, stumpfnäsigen
-Herrn, der sich noch immer darüber wunderte, daß man ihn im Münchner
-Hofbräuhause, ohne daß er noch ein Wort gesprochen, als Sachsen erkannt
-hatte! Manchmal mußte sie auch der Frau Forstmeister bei den Quarkkeilchen
-oder den grünen Klößen helfen und hatte dabei Gelegenheit, über nord-
-und mitteldeutsche Lebensführung Beobachtungen anzustellen.
-
-Fremde Menschen sah sie fast gar nicht. Einmal tauchte Annas Verlobter, ein
-Gerichtsassessor aus Bautzen, auf. Ein jähes Feuer schoß aus seinen Augen
-zu Christiane hin, sie spürte seine heimliche Jagdlust und wich ihm aus.
-Bald danach hatte das Paar Hochzeit und verschwand vom Schauplatz.
-
-Der ältesten Tochter kam Christiane nicht nahe. Die Zwergin saß bei
-gutem Wetter im Schloßgarten und bei schlechtem im Zimmer und klöppelte.
-Manchmal besuchte sie die armen Spitzenklöpplerinnen im Dorf. Sonst sprach
-sie fast gar nicht.
-
-Die Frau Forstmeister empfing jeden vierten Mittwoch ein Kaffeekränzchen
-auf dem Schlosse. Dann mußte Christiane den dicken Fabrikantenfrauen die
-Mantillen abnehmen und ihnen den Kuchen präsentieren. Sie musterten die
-Erzieherin voll Neugier und Herablassung und hatten keine Ahnung, wie stark
-sie beobachtet wurden.
-
-Bei solchen Gelegenheiten schossen Christianens Gedanken immer nach Posen
-hin, obwohl sie viel ruhiger geworden war.
-
-Sie konnte wieder objektiver an Hardi denken. In ihrem Herzen war eine Spur
-Mitleid mit der blutjungen Frau, die kinderzart und ahnungslos, von einer
-heißen Hand in die allertiefsten Geheimnisse verstrickt worden war.
-Immer wieder sah sie das junge Gesicht mit dem eigentümlich pikant
-sentimentalen, hilflosen Ausdruck.
-
-Jetzt mußte Hardi reifer geworden sein und das tiefe Glück ihres Lebens
-erkannt haben.
-
-Sie schrieb Christiane nicht. Ludwig sandte manchmal ein paar knappe
-Zeilen, die sie unterzeichnete.
-
-Christiane brauchte nichts von ihm zu wissen -- sie las von ihm. Seine Name
-tauchte immer öfter in den Zeitungsspalten auf, er hatte ein Buch über
-die Ostmark geschrieben, das sowohl von der einen, wie von der anderen
-Seite Angriffe erfuhr, obwohl von keinem übersehen wurde, daß da ein
-kommender Mann sprach. Der Nationalitätenkampf war längst aufgebraust,
-die Deutschen erwacht. Jetzt tafelte kein hoher Regierungsbeamter mehr mit
-den Polen.
-
-Christiane lebte in diesem Kampf: sie verlor nicht einen Moment
-davon. Mitten in den sächsischen Wäldern und Bergschluchten, wo die
-Forellenwasser rauschten, dachte sie an die Völkertragödie des Ostens und
-an Ludwig von Cöldt.
-
-Es ist schön, wenn der Liebste ein großes Werk hat, schön, wenn man
-seinen Namen in den Blättern lesen kann. Man weiß immer von ihm. Er ist
-immer nahe. Er lebt.
-
-An einem glühenden Herbstnachmittag des zweiten Jahres fuhr Christiane
-nach Johann-Georgenstadt an die böhmische Grenze, hörte wieder scharfe,
-fremde Laute statt des braven Sächsisch und warf einen Blick in eine
-Welt, die eine Spur Ähnlichkeit mit der besaß, die sie im Osten verlassen
-hatte.
-
-An den abendblauen Bergen, den glühenden Vogelbeerstraßen und den
-klirrenden Emaillierwerken vorbei fuhr sie zurück und fand zu Hause einen
-Brief der Mutter, in dem gesagt war, daß Christiane Tante geworden sei.
-Hardi hatte ein Kind.
-
- * * * * *
-
-Zu Ostern zog die Forstmeisterstochter in eine Pension -- Christiane hatte
-wenigstens erreicht, daß es kein ›Erziehungskasten‹ war -- und sie
-selbst ging als Lehrerin in eine Privattöchterschule von Fräulein Gusti
-Schellenbaum zu Crivenwalde in Mecklenburg. Fräulein Gusti war bucklig.
-Sie hakte Christiane schon am Bahnhof ein und erklärte, daß sie vom Rhein
-stammte, nicht etwa von hier aus dem steifen Norden. Übrigens sagte sie
-›s--teif‹ und teilte der Lehrerin mit, daß sie auch so s--prechen
-müßte, sonst hätten die Kinder keinen Res--pekt vor ihr. Man müßte das
-lernen.
-
-Sie kamen an der Schule vorbei, die den unteren Teil eines hübschen Hauses
-einnahm. Oben wohnte Professor Thiele, das erfuhr Christiane auch. Das
-Fräulein nickte zu ihm empor. Sie gingen über den Spielhof, der von
-großen Linden umstanden war und ein paar dürftige Recks und Stangen und
-eine vergessene Puppe zeigte, und dann durch eine Hintertür ins Haus.
-Alle mußten durch die Hintertür, das Portal vorn war verschlossen. Warum
-wußte Fräulein Gusti auch nicht. Sie hatte es so von ihrer Vorgängerin
-übernommen. Die lebte noch am Orte und zwar als die Gemahlin des
-Tierarztes. Mit fünfundvierzig Jahren hatte sie sich den Tierarzt gekapert
--- zufällig, weil ihr Kanarienvogel krank geworden war -- und zusammen
-waren sie über hundert Jahre alt. Es war eine junge Ehe.
-
-In Crivenwalde sah man dem Paar nach, wenn es auf der Straße erschien. Man
-sah überhaupt den Leuten nach.
-
-Fräulein Guste s--prach eine Weile darüber, dann brachte sie ihrer neuen
-Lehrerin Kaffee. Sie hatte übrigens keinen Kanarienvogel, sondern nur
-Lachtauben. Und die waren gesund. Und wenn sie etwa krank würden, so
-würde sie doch keinen Tierarzt in Anspruch nehmen. Fräulein Gusti zog
-die Nase kraus. Sie schien an dem krankgewordenen Kanarienvogel ihrer
-Vorgängerin etwas zu finden.
-
-Nun kam sie auf den Professor Thiele zu sprechen. Das Haus gehörte ihm,
-und er hatte es der Schule gestiftet. Sonst müßten sie noch in der
-kleinen Bude drinnen am Neumarkt hausen. Schrecklich soll es dort gewesen
-sein! Ja, also der Professor hatte sein Testament zugunsten der Schule
-gemacht, und die genoß schon bei seinen Lebzeiten davon. Er hatte sich
-ausbedungen, daß er in dem Hause wohnen bleiben und manchmal mit den
-Kindern sprechen durfte. In der Pause kam er immer herunter und verteilte
-Äpfel oder Bananen oder Schokolade. Die ganz kleinen Mädchen hielten ihn
-für den lieben Gott. Er war neunzig Jahre.
-
-An der Schule waren noch zwei Lehrerinnen tätig, die Schwestern Dittmer.
-Nachher wollten sie die neue Kollegin begrüßen. Fräulein Dorreyter solle
-bei ihrem Anblick nicht erschrecken -- sie seien ein bißchen lang. Die
-Kinder nannten sie die ›Erzengel‹.
-
-Übrigens herrschte ein recht gemütliches Leben an der Schule.
-
-Ob Fräulein Dorreyter -- Frauenrechtlerin sei?
-
-Christiane sah kritisch auf die Bücher und Broschüren, die das Fräulein
-sofort heranschleppte. Sie mußte sie mitnehmen. Die Vorsteherin tat es
-nicht anders. Und morgen fing die Schule an.
-
-Christiane ging ins Hotel ›Friedrich Franz‹, dort wußte man schon
-von ihrem Eintreffen. Der Geschäftsführer hatte ihr bereits ein recht
-freundliches ruhiges Zimmer reserviert -- die Damen von der Schule wären
-ja immer recht nervös. Er stellte sich als Berliner vor. Vorn nach
-der Straße wohnten die Reisenden. Crivenwalde betrieb einen Handel mit
-Bratheringen und Sprotten. Sie merkte es bald, denn die Stube war gleich
-voll von dem Duft einer nahen Räucherei.
-
-Christiane spähte über einen Garten mit Tischen und Stühlen hinweg
-und sah hinter allerhand Bürgerhäusern, Schuppen und Speichern einen
-schmalen, grauen Streifen.
-
-Sie erschrak etwas.
-
-Die See.
-
-Bald nachher kamen die Schwestern Dittmer. Sie traten unter die Tür wie
-Grenadiere des alten Fritz. Übrigens waren sie keine Mecklenburgerinnen,
-wie sie gleich erzählten, sondern stammten aus Osnabrück. Es schien
-das Eigentümlichste der Crivenwalder zu sein, daß sich keiner als
-Eingeborener bekennen wollte.
-
-Die Fräulein wiederholten in Geschwindigkeit die Verhältnisse der Schule
-nicht anders, als die Leiterin sie schon geschildert hatte, und glitten
-dann auf die Stadt Crivenwalde über, die sie mit allen ihren Bewohnern
-genau zu kennen schienen, denn sie waren schon über fünfzehn Jahre am
-Orte. Übrigens s--prachen sie auch. Sie waren zusammen hergekommen und
-waren Zwillingsschwestern; man konnte sie kaum von einander unterscheiden.
-Allerdings hatte die eine eine etwas schiefe Backe.
-
-Am nächsten Tage wurde Christiane im Beisein der beiden Erzengel, des
-alten Professors, den die Kleinen für den lieben Gott hielten, und eines
-dicken Lehrers vom Gymnasium, der auch Stunden an der Töchterschule gab,
-von Fräulein Gusti in ihr Amt eingeführt. Der dicke Lehrer stellte sich
-hernach als Hannoveraner vor.
-
-Nachmittags ging sie dann auf die Wohnungssuche und fand ein kleines Zimmer
-bei einer Apothekersfrau, die zwei Kinder hatte, von denen das eine
-in Fräulein Gustis Schule ging und vom Herrn Professor immer die
-allergrößten Bananen bekam. Das liebliche, stille Kind nahm Christiane
-für die Wohnung ein.
-
-Sie bezog das Zimmer. Übrigens war die Frau Apotheker eine Husumerin, und
-ihr Mann hatte gar keine Apotheke, sondern eine Drogenhandlung, und mit der
-war er grade im Bankerott. Es herrschte ein sonderbar verwirrtes Wesen im
-Hause, das einesteils von dem gescheiterten Mann, andererseits aber von der
-Frau auszugehen schien, die allen Dingen hilflos gegenüber stand, wie vom
-Himmel gefallen.
-
-Als Christiane am ersten Morgen in die Schule gehen wollte, stürzte ihr
-Frau Thomsen mit verstörter Miene nach: »Ach, verzeihen Sie, Fräulein --
-in der Eile hab ich ganz und gar auf den Kaffee vergessen ...«
-
-»Kaffee haben Sie mir gebracht --« sagte Christiane, auf die Tasse
-deutend, die noch ziemlich gefüllt auf dem Tische stand.
-
-»Ja, ja. Ich hab ihn ja gekocht, aber dabei ... den Kaffee hineinzutun
-vergessen ... Sehen Sie ... hier ...« Sie deutete dabei auf ein braunes
-Pulver in einer Untertasse.
-
-»Jetzt trinken Sie ihn nur, Frau Thomsen,« sagte Christiane und ging.
-
-Als die Wirtin in der Folgezeit nicht nur das Kaffeepulver, sondern auch
-sonst allerlei vergaß, als das Mittagessen immer öfter ausblieb
-oder vollkommen ungenießbar war, als die Wirtin ihre Mieterin immer
-bedrohlicher anzuborgen begann und Christiane längst ihr Zimmer selbst
-rein hielt -- sonst hätte sie es nie rein bekommen -- mußte sie sich zum
-Ausziehen entschließen.
-
-Sie zog mehr zum Hafen hinunter, was schon längst ihr Wunsch gewesen war,
-und die ›Erzengel‹ hatten ihr die neue Wirtin empfohlen. Sie sollte
-Witwe sein, es stellte sich aber bald heraus, daß sie nur von ihrem Manne
-getrennt und in beständiger Furcht lebte, er könnte wiederkommen und
-ihr einen Schaden zufügen. Deshalb verriegelte sie ihre Wohnung sehr
-sorgfältig, und man mußte ein ganzes Schlüsselsystem anwenden, um
-hineinzukommen. Vor dem Schlafengehen machte sie regelmäßig eine Runde
-durch sämtliche Räume, guckte in die Schränke und leuchtete auch unter
-Christianens Bett, in der Befürchtung, der geschiedene Mann könnte eines
-Tages schließlich darunter sein. Sie schneiderte, und man hörte
-den ganzen Tag das sonderbar ängstliche und ärmliche Geräusch der
-Nähmaschine.
-
-Aber sonst war das Zimmer ganz nett. Die Terrakottabüsten waren samt
-ihren Zimmersäulen hinausbefördert worden, ebenso das, was Frau Claß
-›Bilder‹ nannte. An der grauen Wand hing einzig die ›eiserne Wehr‹
-in ihrer düsteren Wucht. Am Fenster stand Christianens Schreibtisch, und
-durch die Scheiben sah man hinter beschnittenen Lindenbäumen den grellen
-Streifen weißen Sandes und dahinter die bald graue, bald blaue See.
-
-In der Schule ging es recht gemütlich zu. Fräulein Gusti war ebenso
-beliebt, wie die ›Erzengel‹, und wenn der dicke Lehrer bei seinen
-Gymnasiasten schärfere Saiten aufzog, -- was übrigens zu bezweifeln
-war -- so wandelte er sich in der Schule von Fräulein Schellenbaum so
-friedlich um, daß er ganz genau hineinpaßte. Nachmittags um vier gab
-es immer ein Kaffeestündchen in Fräulein Gustis Zimmer, und wenn der
-Oberlehrer dabei war, mußte er immer von seinem Jungen erzählen, mit dem
-ihn seine Gemahlin vor einem halben Jahr beschenkt hatte. Waren die Damen
-aber unter sich, so holte Fräulein Gusti ihre frauenrechtlerischen Bücher
-und Hefte heraus, und die ›Erzengel‹ sahen ebenso kritisch darauf wie
-Christiane und ließen das Fräulein reden. Brachte man das Gespräch aber
-auf die Vorgängerin, die jetzt Frau Tierarzt war, so wurde Fräulein Gusti
-spitz.
-
-Die ›Erzengel‹ machten ihrem Namen alle Ehre und standen Christiane in
-allen Dingen wirklich wie ein paar langgeflügelte Himmelsboten zur Seite.
-In der freien Zeit machten sie weite Fußmärsche in die Umgegend, die
-wohl auch weit und flach, aber immer mit Möwen überflogen und mit dem nie
-weichenden, leise überdunsteten Streifen See im Hintergrunde nie mit jener
-östlichen zu verwechseln war. Auf den Wiesen weidete das schwarzbunte
-Vieh, das Getreide stand niedriger, der Wald war dürftig, wie zerblasen.
-Immer ging der Wind, und immer roch es nach Fischen im Rauch.
-
-Sie segelten und schwammen auch, besuchten die Badeorte der Umgegend und
-machten in den Ferien gemeinsame größere Reisen nach Dänemark, Schweden
-und Norwegen, für das die ›Erzengel‹ so schwärmten, obwohl sie aus
-Osnabrück waren. Sie konnten nicht ohne Wasser sein.
-
-Einmal gerieten sie auf der Rückreise -- sie fuhren über Malmö-Lübeck
--- in eine Horde Engländer, die den Kontinent bereiste, alles Lehrer
-und Lehrerinnen, die eifrig bemüht waren, sich in der fremden Sprache zu
-üben. Ein großer, sehr rotblonder Dozent aus Nottingham hatte sich
-von Anfang an Christiane, die seine Tischnachbarin war, zur Partnerin
-ausersehen, und sie tauschten allerlei Rede und Gegenrede in der pikanten,
-spähenden, argwöhnisch höflichen Art, wie sie schon damals zwischen
-Vertretern der beiden Nationen zu herrschen pflegte. Als alles Neue
-erschöpft war und Christiane merkte, daß sie und der Engländer
-der Zielpunkt von allerhand Blicken wurden, die namentlich von seinen
-Landsmänninnen ausgingen, und als sogar die ›Erzengel‹ gutmütige
-Bemerkungen machten, zog sie sich rasch zurück. Es war möglich, daß
-Mr. Wyche, wie nachher erzählt wurde, auf dieser Seefahrt ein ganz
-ernstliches Interesse für die junge Deutsche gefaßt hatte, aber sie
-konnte es nicht zurückgeben. Von allem anderen abgesehen, hätte sie es
-undenkbar gefunden, ins Ausland zu gehen und mit einem fremden Volk zu
-leben, wo das eigene Land so voller Probleme und Arbeitsmöglichkeiten
-steckte.
-
-Die ›Erzengel‹ begriffen sie nicht, und Christiane gab sich auch nicht
-die Mühe, sie aufzuklären, wie sie den braven Geschöpfen innerlich auch
-ganz fern stand.
-
-Spät abends ging sie gewöhnlich allein am Strand spazieren, dort hinaus,
-wohin die Crivenwalder nicht mehr kamen. Sie sah die zart verdämmernde
-Opalfarbe der abendlichen See, spürte den fernen Duft der Linden, die
-hier so sehr spät blühten, und in ihrer Seele stieg es auf wie
-Wasser -- -- -- -- --
-
-»Du hast es gut,« schrieb die Mutter, »viel besser, als Hardi, die sich
-in Posen noch immer nicht eingewöhnt hat und sich in Heimweh verzehrt. Du
-hast keine Sorgen -- -- --«
-
-Nein, sie hatte keine Sorgen. Sie hatte -- alles. -- --
-
- * * * * *
-
-Im Herbst danach kam wieder ein Brief von Ludwig. Christianens Blicke
-flogen jäh darüber hin und suchten hungrig im voraus den heimlichen
-Gruß, das heimliche Gedenken, ehe sie alles Tatsächliche erfaßten. Und
-dann wurde ihr das klar.
-
-Ludwig war in acht Tagen in Berlin, grade zurzeit ihrer Herbstferien.
-Ob sie ihre Reise zur Mutter nicht über Berlin richten und mit ihm dort
-zusammentreffen wollte?
-
-Christiane hatte gar nicht zur Mutter fahren wollen, denn die vermißte
-sie kaum. Deren Sinn stand allein nach Hardi und war durch der Jüngsten
-Schicksal vollkommen ausgefüllt. Zudem hatte sie jetzt eine kleine Pension
-gegründet und dadurch eine neue Art Lebensinhalt.
-
-Christiane interessierte sich nicht dafür. Ihr kam es überhaupt vor, als
-ob sie mit ihren Wünschen, mit ihrem ganzen Wesen längst heimlich weit
-über die letzten Inseln der Menschen hinausgetrieben sei. Jetzt -- jetzt
-erkannte sie es -- --
-
-Wann begannen doch die Ferien? Wie lange fuhr man von Crivenwalde nach
-Berlin? Lehrter Bahnhof -- --? Am Lehrter Bahnhof würden sie sich treffen!
-
-Die ›Erzengel‹ wunderten sich redlich über die Kollegin, die sie in
-ihrer biederen Herzensharmlosigkeit zu kennen glaubten und die auf einmal
-so anders war. Am letzten Abend veranstaltete Fräulein Gusti noch ein
-frauenrechtlerisches Kränzchen, dem ein dicke Hamburgerin beiwohnte, die
-auf dem Gebiet irgendwelche Bedeutung hatte. Sie begrüßte die drei Damen
-mit großer Kollegialität und begann gleich mit ihren Ausführungen, dann
-und wann einen Schluck Tee mit Rum nehmend. Die ›Erzengel‹ guckten
-ihrem Wesen kritisch zu, und Christiane sagte auch nichts.
-
-Fräulein Gusti ereiferte und ereiferte sich, die Hefte flatterten
-förmlich unter ihren Händen, sie suchte die Diskussion immer mehr
-anzufeuern -- ihr Traum war: ein Frauenrechtsverein hier in Crivenwalde,
-der gewesenen Leiterin und jetzigen Frau Tierarzt erst recht zum Trotz! --
-Die ›Erzengel‹ tauten auf. Es war im Grunde nichts, nach dem Unterricht
-immer nur spazieren zu gehen oder zu baden, in den Schulpausen dem alten
-Professor zuzusehen oder vom Oberlehrer Müller zu hören, wie sich sein
-Sprößling weiter entwickelte. Es war am Ende am besten, Frauenrechtlerin
-zu werden und sich für allerlei fernliegende Dinge zu interessieren,
-wenngleich irgend etwas in ihrem Herzen entschieden ›Nein‹ sagte und
-die dicke Hamburgerin deutlich verlachte.
-
-Aber sie sagten ›Ja‹, schon der Vorsteherin zuliebe, und wunderten sich
-auf dem Nachhausewege über Christiane, die noch immer schwieg.
-
-Die verabschiedete sich eilig, lief in ihre Stube und ging an den Koffer --
-war nun schon alles darin? War nichts vergessen? Sie trat ans Fenster und
-sah mit gläsernem Blick hinaus -- -- draußen stand die See und hatte noch
-einen Schein wie aus den hohen, grauen Sommernächten, die Christiane im
-Norden erlebt hatte. Die Sterne flimmerten.
-
-Der Morgen war sonnenhell, alle Wiesen grünten, wie im Frühling, und alle
-Stoppelfelder leuchteten, als ob das blonde Korn noch auf ihnen stünde.
-Knick auf Knick schloß sich daran, wie Kranz auf Kranz. Die Wasser der
-Seen blinkten blau auf und verschwanden wieder, der Buchenwald flimmerte in
-sommergrüner, unzerstörter Glut. Wald auf Wald, See auf See. Wie schön
-war diese Gegend doch!
-
-Christiane starrte aus den Coupéfenstern wie im Traum. Sie fühlte immer
-deutlicher, daß sie über die letzten festen Länder und Inseln der
-Menschen weit hinausgetrieben wurde.
-
-Station auf Station. Jetzt Schnellzugssausen. Der sonnige reine Morgen und
-die blauen Seen waren weit. Nauen, Spandau. Straßenbahnen und Soldaten,
-Glashallen, Vorortbahnhöfe. Endlich die schwarze Höhle der Lehrter
-Einfahrtshalle. Auf dem Bahnsteig war auf einmal ein Strudel entlassener,
-mit bunten Bändern behängter Matrosen, die Christiane gar nicht im Zuge
-gewahrt hatte.
-
-Sie trennte sich instinktiv von der Menge, fühlte sich plötzlich verwirrt
-und verloren und in eine Fremde gerissen, hinter der Fräulein Gusti, die
-›Erzengel‹ und ganz Crivenwalde wie freundliche Schatten standen, und
-sah dann auf einmal -- Ludwig.
-
-Da war er! Nur einer wie er!
-
-Sie sah ihn an. Sie gaben sich fest die Hände.
-
-Ihr Herz war stark und entschlossen.
-
-Leicht schritt sie neben ihm her, und jetzt war Crivenwalde weit weg. Alles
-war weit weg. Auch Hardi und die ›eiserne Wehr‹.
-
-»Du fährst zur Mutter?« fragte er.
-
-Sie schrak auf. Ihr Blick flog in den hellen Großstadttag hinaus. Sie sah
-bunte Farben, Linien, Lichter, Menschen und -- ihn.
-
-»Ja, ja,« sagte sie.
-
-Als sie im Wagen saßen, erzählte er, daß er Konferenzen in seinem
-Ministerium hätte. Er nannte die Namen der beteiligten Herren -- alles
-Ostmarkenleute.
-
-»Du gehörst schon ganz und gar zu ihnen,« sprach sie.
-
-Er nahm das gleichgültig hin, denn es war in Wahrheit so.
-
-Sein Gesicht war schärfer und länger geworden, das Junkertum prägte sich
-härter aus. Ob er noch ritt?
-
-Sie traten in ein Restaurant. Sein Blick flog unwillkürlich nach den
-Mittagszeitungen, die eben kamen. Sie lachte und ließ sie bringen -- sie
-kannte ihn. Jeder hatte ein Blatt, und darüberweg tauschten sie kurze
-erregte Bemerkungen. Ihm schien es gar nicht aufzufallen, wie sehr sie noch
-mitten darin war. Es war eine Situation, die auf der Spitze stand.
-
-»Du müßtest in den Reichstag,« sagte sie.
-
-Er zuckte die Achseln. In der Stadt Posen war nicht die geringste Aussicht
-für einen deutschen Kandidaten, und er fühlte sich auch so besser am
-Platze und das Heft stärker in der Hand.
-
-Eine polnische Gesellschaft betrat den Raum, ein Herr, zwei Damen, diese
-klein, biegsam, mit wundervoller Eleganz gekleidet, an der aber noch etwas
-war, was man eben durchaus als polnisch erkannte. Ludwig sah kurz hin,
-und dann blickte er Christiane an -- ihre Augen tauchten ineinander wie
-gezogen, eine Maske fiel, ein Vorhang sank, eine ganze Zeit, Jahre und
-Jahre verschwanden für einen Augenblick.
-
-Er faltete ein Zeitungsblatt eng zusammen, immer kleiner wurde der
-Streifen. Er sah vor sich hin.
-
-Dann begann er von der kleinen Hanni zu erzählen. Immer noch schaute er
-vor sich hin. In die Stimme kam neben dem Bewußten und Gewollten eine
-kleine Erregtheit, und plötzlich mußte sie an den Oberlehrer Müller in
-Crivenwalde denken, wenn der von seinem Jungen sprach.
-
-Sie redete plötzlich dazwischen, scharf, kurz, fragend, immer mehr
-verstrickte sie ihn ins Erzählen, alles wollte sie wissen ... jetzt wußte
-sie. Ihr Gesicht wurde feindlicher, ihre Miene kälter, ihr Herz erstarb
--- warum war es nicht mehr wie damals an jenem Morgen? Warum war in
-ihr einfaches und naturgewaltiges Erkennen jetzt so viel anderes
-gekommen -- -- --?
-
-Warum hatte er sie überhaupt sehen wollen und grade dieses Wiedersehen
-herbeigeführt? Er hätte sie ja auch nach Posen einladen können, sie
-wäre zu ihm und Hardi gekommen und hätte mit der kleinen Hanni gespielt.
-Geritten wären sie nicht mehr miteinander!
-
-Sie saß in sich verbittert und schrak erst auf, als er Abschied nahm -- er
-mußte jetzt in die Wilhelmstraße.
-
-Sie gingen die paar Schritte nebeneinander, dann nannte sie ihm das Hotel,
-in dem er sie abholen konnte. Es war eines der ersten, Geld hatte sie
-ja. Hier in Berlin wollte sie einmal wieder Herrin sein, nicht die
-Schulmeisterin. Das sagte sie Ludwig freilich nicht, und es schien ihm auch
-nicht aufzufallen.
-
-Als er fort war, wanderte sie durch die Straßen, ohne mehr zu sehen
-als die Menschen und unter den Menschen die Kinder. Die kleinen, die
-zweijährigen. Sie sah so viel Süßes an ihnen, daß ihr Herz auf
-einmal weich wurde und anfing zu verstehen. Sollte er das Liebliche nicht
-schätzen, das er besaß -- wegen des einen, das er nicht besitzen
-konnte? Er war ein Mann. Eine Frau kann in der Liebe eher leben wie ein
-Hungerkünstler unter Glas -- der Mann wird niemals hungern. Er sucht sich
-von allen Seiten zusammen, was ihn satt macht. Und es fällt ihm auch immer
-zu.
-
-Ludwig war es auch zugefallen. Und wer weiß -- es war ihm vielleicht --
-noch mehr -- zugefallen. Was wußte sie denn -- -- --?
-
-Sie ging zitternd und immer verwirrter und eifersüchtiger, und rasend
-peinigten sie jetzt die einsamen Abende an der See und so manches andere,
-sogar die Sache mit Kraneis und dem englischen Dozenten. -- -- --
-
-Hochmütig und verbittert saß sie dann im Hotel, und das Rauschen
-und Sausen der Straße hinter der Glasscheibe quälte sie wie etwas
-Feindliches, und feindlich war sie selber.
-
-Und Ludwig kam.
-
-Er sah auf einmal jünger und lebendiger aus. Man merkte, daß irgend etwas
-für ihn erledigt, daß eine Last abgeworfen war. Und jetzt sprach er
-offen darüber. Neben ihr an dem kleinen Tisch saß er und sprach, und
-sie wußte, daß er zu keinem Menschen weder im Amt noch zu Hause davon
-sprechen würde wie zu ihr und daß er danach gehungert hatte, wieder so
-mit ihr zu sprechen. Daß er sie gerufen hatte, weil er sie brauchte und
-weil sie ihn verstand.
-
-Die alte Stunde spann sich wieder an, aber es kam nichts Unreines hinein,
-und ihr Schiff wendete langsam und fuhr an den letzten äußersten Inseln
-und Bollwerken vorbei wieder auf die Küste der Menschen zu, nach dem
-Lande, das alle bewohnten und in dem noch ein eisernes Recht galt.
-
-Nachher waren sie noch draußen in Potsdam, eine Stadt für ihn. Christiane
-sah im Adreßbuch nach und fand, daß einige Rhanes hier wohnten,
-Abkömmlinge wie sie. Sie schaute den Reitern nach, wie sie
-dahingaloppierten, und den jüngeren Offizieren in die sonnenverbrannten
-Gesichter -- war einer von ihrem Blut dabei?
-
-Dabei erzählte sie Ludwig von ihrem Leben in Crivenwalde und wußte
-dabei schon, daß es hinter ihr lag und daß der heutige Tag, das endliche
-Sichwiederkreuzen ihrer Leben eine starke Wendung gebracht hatte. Mit dem
-Nachtschnellzug fuhr sie zur Mutter, um die für ihre Pläne zu gewinnen
-und im voraus alles glatt zu wissen.
-
- * * * * *
-
-Und nun fing für Christiane Dorreyter eine schwere und sonderbare Zeit an.
-Die ›Erzengel‹ wunderten sich nicht wenig über sie, die plötzlich
-so merkwürdige Neigungen zeigte, und Fräulein Gusti streckte noch einmal
-erwartungsvoll die frauenrechtlerische Hand aus, ohne daß sie ergriffen
-wurde. Aber es war offenbar, daß Fräulein Dorreyter sich für das Studium
-vorbereitete und zunächst das Abiturientenexamen abzulegen gedachte.
-
-Dem Oberlehrer Müller war dabei eine ziemlich bedeutende Rolle zugedacht,
-und er füllte sie auch aus und holte auch andere Kollegen vom Crivenwalder
-Gymnasium für die Fächer heran, die er nicht beherrschte. Und langsam kam
-das Lernen in Gang.
-
-Auf den Straßen zeigte man sich Christiane. Die Herren grüßten
-respektvoll und doch mit einem verborgen prüfenden und etwas mitleidigen
-Schauen. Die Gattinnen spähten zu ihr hin, wie Kinder, die sich hinter
-einer Hecke vorm Gewittersturm gedeckt haben, nach nassen Leuten
-gucken. Von auswärts erhielt Christiane allerhand Briefe, Zirkulare und
-Agitationspapiere, und sogar die dicke Hamburgerin schrieb ihr -- es
-war klar, daß man jetzt in ihr die größte Stütze der Frauensache in
-Crivenwalde erwartete, die noch weit über Fräulein Gusti ging. Sie sollte
-sogar einen Vortrag halten.
-
-Lächelnd schob Christiane alles beiseite. Warum die Leute nur so taten?
-Sie erstrebte doch nichts anderes, als eine Tat für sich, die Crivenwalder
-ging die gar nichts an und die Frauenrechtlerinnen der ganzen Welt auch
-nichts. Sie suchte doch nichts anderes, als ein Leben, das dem Geliebten
-gleichwertig war, wollte nicht in der Enge, in der Kleinstadt, im kleinen
-Lehrerinnendasein verstauben, während er am Werke war -- sie wollte adlig
-Blut in adligem starkem Tun zeigen, wie er.
-
-Sie wollte Mensch sein, wie er, und -- schaffen.
-
-Kraus war der Weg und oft verkehrt! O, dieses einsame Lernen an den eisern
-eingezäunten Erziehungsgärten der Männer vorüber. Sie guckte den
-Crivenwalder Schulbuben neidisch nach und war doch wiederum froh darüber,
-daß man sie nicht in diesen Zwangsweg des Durchschnittslernens pressen
-konnte! Sie kam in Freundschaft mit einem Primaner, einem Neffen des Herrn
-Müller, der sie erst argwöhnisch in der Anstalt Schellenbaum besuchte und
-dann ein guter Kamerad, ein unverzagter Mitreißer, ein bißchen Freund und
-ein ganz klein wenig Verehrer wurde.
-
-Fort damit! Er verschwand bald wieder aus ihrem Leben!
-
-Und so kam nach guten zwei Jahren, nach durchwachten Nächten und mancher
-hoffnungslosen Stunde der Morgen, an dem sie das Crivenwalder Gymnasium
-zum ›Mündlichen‹ betrat. Am Abend vorher schaute sie zufällig durchs
-Fenster auf die See, und plötzlich war ihr eingefallen, daß sie schon
-lange nicht mehr spät abends am Strand unter Lindenduft gewandelt war --
-sie hatte es ganz vergessen.
-
-Außer ihr machte noch ein junger Volksschullehrer und ein junger
-Drogenhändler (Theissen und Wolters in Crivenwalde) das Examen. Sie
-guckten sich an, wie Tiere, die in denselben Käfig gelassen worden und
-sich gegenseitig keinen Vorteil zu gönnen gesinnt sind, und auf die
-schwarzen Examenherren wie auf die Bändiger mit der Peitsche.
-
-Sie schnappten jede Frage, die ihnen hingeworfen wurde, mit einer Gier auf,
-wie sie die durchs Durchschnittlernen Gegangenen nicht kennen.
-
-Die Herren wurden aber befriedigt.
-
-Alle drei bestanden. Der Drogenhändler und der Volksschullehrer kneipten
-die Nacht durch, Christiane aber packte um dieselbe Zeit ihre Sachen
-und verließ beim grauenden Morgen Crivenwalde. Schnee und Eis fiel, es
-stürmte und graupelte. So häßlich war die Stadt schon lange nicht
-mehr gewesen. Die ›Erzengel‹ standen mit roten Nasenspitzen auf dem
-Bahnsteig.
-
-Christiane wußte, daß sie das alles nie mehr wiedersehen würde.
-
- * * * * *
-
-Nun kam Berlin. Christiane wohnte bei einer Majorin am Lützowplatz, die
-mit Jean Paul verwandt zu sein behauptete und kein Dienstmädchen behalten
-konnte. Christiane amüsierte sich darüber und suchte mit den Dingen
-fertig zu werden, wie es eben ging. Nie und nimmer wäre sie in eine
-Massenpension gezogen und mit einem halben Hundert gleichgültiger Menschen
-täglich zusammen gewesen. Auch hier in der großen Stadt bewahrte sie ihr
-aristokratisches Prinzip auf Kosten ihres Menschenstudiums.
-
-Von der Mutter vernahm sie zu dieser Zeit, daß Ludwig nach Danzig versetzt
-worden sei. Sie weilte eben bei Cöldts, um den Umzug in die Wege zu
-leiten, Hardi, die arme Frau, war ja so schwach.
-
-Seit jenem Zusammensein war die Verbindung mit Ludwig äußerlich geringer
-geworden, er schrieb seltener und nie von sich und seinen politischen
-Ideen. Sie hörte eigentlich nur noch durch die Mutter von ihm.
-
-Jetzt ging sie durch die Berliner Straßen mit dem Gefühl wieder
-freigewordener Kräfte und Gedanken. Leise kamen die Stimmungen wieder wie
-an jenen Abenden an der See, sie schaute auch die ›eiserne Wehr‹ wieder
-an und dachte von neuem an jene Verse. -- Warum war Ludwig versetzt? War
-Danzig wirklich ein Fortschritt, eine neue Seite seines Werkes? Brauchte
-man ihn dort, wie man ihn in Posen gebraucht hatte? Die Mutter verriet
-nichts darüber und wußte es auch wohl nicht. Oder war diese Versetzung
-eine -- Unterbrechung? Von einer Änderung des Ostmarkenkurses war nichts
-bekannt.
-
-Sie grübelte und fühlte wieder Leichtsinn, Sehnsucht und Temperament. Und
--- Einsamkeit.
-
-Schließlich lernte sie von den wenigen Damen, die zu jener Zeit
-Vorlesungen hörten, Yse Bernhart genauer kennen.
-
-Eigentlich hatte sich Christiane anfangs an Käthe Arndt angeschlossen,
-die dasselbe Ziel wie sie verfolgte und die Tochter eines
-Universitätsprofessors und bekannten Frauenrechtlers war. Er hatte viel
-zugunsten der kämpfenden Frauen geschrieben, Angriffe zurückgeschlagen
-und war mit allen bedeutenden Führerinnen freundschaftlich liiert. Seine
-sechs Töchter hatten sämtlich Examen gemacht und waren im Lehramt. Nur
-eine einzige war mißraten und hatte geheiratet. Käthes Ziel bestand im
-Oberlehrerinnenexamen, mit dem sie ihre Schwestern auf der ganzen Linie
-schlagen konnte, und sie wütete so in die Arbeit hinein, daß sie trotz
-ihrer Jugend schon Nervenmittel nehmen mußte.
-
-Durch Käthe kam Christiane mit Yse Bernhart zusammen, die mit ihr in der
-gleichen Pension wohnte. Yse hatte keinerlei Examina hinter sich, und
-daß sie als Gasthörerin zugelassen worden war, verdankte sie nur der
-Empfehlung eines bedeutenden Literarhistorikers, der ihre Bücher gelesen
-hatte. Sie war klein, schmächtig und sehr still.
-
-In ihrem Zimmer hing als einziger Schmuck Thomas ›Sehnsucht‹, der
-nackte Mensch, der vor dem Abgrund steht und die Arme nach den weit über
-ihn wegfliegenden Wundervögeln streckt.
-
-Das Bild sagte Christiane viel. Etwas Verwandtes berührte sie.
-
-Yse stammte aus einer kleinen westpreußischen Stadt, in der ihr Vater
-Pastor war.
-
-Es war kein Dilettantismus in ihr. Nie hatte sie das Leben gesucht, um es
-zu finden, um etwas zu ›erleben‹, es war zu ihr gekommen, lag von den
-Vätern her in sonderbarer Mischung in ihr drin, es hatte sie getroffen und
-damit zum Schaffen fertig gemacht. Keine Spur von Bohème war an ihr, sie
-rauchte weder Zigaretten, noch trug sie Eigenkleider, noch verriet sie
-irgend welche Hinneigung zur freien Liebe. Ein paar bedeutende Menschen
-in Berlin kannten und schätzten sie, luden sie ein und empfanden, wer sie
-war.
-
-Kam sie aber wieder in den Kreis der heimatlichen Kleinstadt zurück, so
-ahnte kein Mensch mehr etwas von ihr, und sie brauchte die Leute dort auch
-nicht. Aber sie schuf.
-
-Ihre Geschichten gaben Bilder aus dem Osten, die große Fläche, die
-endlosen Getreidebreiten, die Weichsel und Warthe, das Leben in der Stadt
-Posen, in der Wallischei und auf dem ›Städtchen‹, in der Dominsel, der
-ganze Nationalkonflikt tauchten auf und waren bis zum letzten beobachtet.
-Die ganze Wucht des Weltgeschehens stand hinter den Bildern.
-
-Es dauerte eine Weile, ehe es zu einigen Wärmegraden zwischen ihr und
-Christiane kam, denn in ihr lag die harte Zurückhaltung der Einsamen
-und das ganze Mißtrauen der Frau gegen die Frau. Dann aber stieg das
-Thermometer langsam bis zu einem guten Punkt, bis zu jener naturgezogenen
-Eisgrenze, die ein Geheimnis um jeden Menschen wahrt.
-
-Beide liebten sie die gleiche Heimat und die gleiche Freiheit. Sie
-verachteten Berlin, trotz allem, was es ihnen gab, als fürchterliche
-Beengung des Lebens, als offenbare Unkultur. Was als architektonische
-Schönheit galt, kam ihnen arm und zwangvoll vor, was an Kunst da war,
-hatte etwas mühsam Eingefangenes. Sie bedauerten die Menschen, die ihr
-Leben in der Großstadt zubringen mußten und ihre Ansprüche danach
-zumaßen, die Kinder, die nie ans volle Licht kamen, die Herzen, die nie
-einen Sommer erlebten.
-
-Sie tasteten an die Welträtsel.
-
-Alle Naturwissenschaft hatte Christiane schon von früh an gefesselt, und
-förmlich gierig horchte sie jetzt auf, wenn da und dort ein neuer Vers
-vom Weltenlied entdeckt schien. Sie grübelte selbständig daran herum und
-suchte nach neuen Gesetzen und fand doch immer nur die alten, weil sie in
-ihrer Zeit befangen war wie alle und das gleiche eiserne Netz auch über
-sie gespannt war. Dabei fühlte sie, daß im Ganzen für sie immer nur ein
-Stück Handwerk herauskam, ein bedingtes und begrenztes Frauenschauen, und
-daß sie nach dem allen nicht so unruhig und verwirrt und durstig geforscht
-hätte, wenn ihr Leben in eine andere Bahn hätte einlenken können. Sie
-suchte dort die Harmonie, die in ihr nicht war, eine Lösung, die sie
-einbezog und ihr Leben gültig machte, und fand sie nie und nirgends. Sie
-stand außer den Dingen. Dem ewigen, immer wieder ausholenden Kreise der
-Schöpfung war sie entrückt, sie war weder klein, noch groß, sie war
-übrig.
-
-Yse kannte nur ein Gesetz für Mann und Frau und wollte es nicht gelten
-lassen, daß die Frau innerlich verwuchs und verdarb, wenn sie nicht gleich
-anderen Halmen in die Erntekammer kam. Sie kannte und sah in allem und
-jedem Entwickeln und Reifen und fand überall einen Sinn. Trotzdem sie die
-Dinge unverhüllt schaute, fühlte sie doch Harmonie im Weltgeschehen und
-das Dasein als ein Glück. Was an Rätseln ringsum starrte, was vor Not
-schrie, was verdarb, was Torso war, Übergang, Abriß, Sinnlosigkeit,
-Brutalität -- alles das zog sie in ihre Kunst hinein, und da paßte
-es, rundete es sich und leuchtete fackelgleich und purpurn in die
-Weltfinsternisse.
-
-Als Christiane eines Tages zu ihr kam, stand sie vor einem Papier am Tisch.
-Darinnen lagen Bücher -- es waren sämtlich die gleichen, die gleiche
-Farbe, derselbe Schnitt, derselbe Band. Es war Yses neues Buch.
-
-Sie hob es hoch und sagte ernst und doch voll seltsamen Zaubers, mit einem
-Verrat, der über die Eisgrenze glühend hinwegschoß: »Gott ist das
-Werk --!«
-
-Christiane fuhr zurück.
-
-Jetzt wußte sie es.
-
-Zwischen ihnen war ein großer, nie zu überbrückender Unterschied.
-
-Beide liebten sie das gleiche Land, aber Christiane liebte dort einen Mann,
-und Yse liebte dort ihr Werk.
-
-Yses Leben wäre unter allem, was sie getroffen oder getragen hätte, immer
-wieder auf die eine gleiche Lösung, hinausgekommen, aber das ihre hatte
-sich erst eine suchen müssen.
-
-Für Yse war alles Erleben die Saat zum Schaffen, und für Christiane gab
-es nur das nackte Erleben allein, und sie war darauf angewiesen.
-
-Zum ersten Mal merkte sie, wie erlösend Kunst sein kann. Bisher hatte sie
-kaum darüber nachgedacht, ja, sie hatte sie in ihren exakten Studien
-fast ein wenig verachtet. Ihr schien es, als ob die Menschheit seit
-Jahrtausenden darin im gleichen Trott liefe und aus dem Haufen immer die
-gleichen Lieder kämen.
-
-Aber die Kunst kam dem Weltschaffen am nächsten, und auch eine Frau konnte
-darin seliger werden als im reinsten Madonnenglück. Das Höchste und
-Primitivste war in seiner Wirkung gleich.
-
-Was aber für die Frau dazwischen lag, war dürres Land, ein Weg mit
-verstreuten Halmen, die nicht zur Ernte kommen. Christiane mußte an eine
-kleine bucklige Studentin denken, die neulich mit ihrer krächzenden
-Stimme gesagt hatte, der große Überschuß an Weiblichkeit sei etwas
-Naturgewolltes, der Vorbote großer, sonderbarer Umwälzungen in der
-Menschheitsentwicklung und vor allen Dingen für die Gegenwart ein
-ungeheurer Auftrieb, der die Frauen mit einem Schlage aus den Niederungen
-der Jahrtausende stieße, ob sie wollten oder nicht.
-
-Christiane dachte: Ja, so mag es sein. Denn wenn ich könnte, wie ich
-wollte, ich legte die Bücher hin. Ich stiege aufs Pferd und ritte mit
-meinem Liebsten und würde dann alles wissen -- -- -- -- -- --
-
-Sie starrte in ihrer Stube um sich, sah nach der ›eisernen Wehr‹ und
-biß die Zähne zusammen.
-
-Aber es nützte nichts. Sie weinte wie sie, damals im Lehrerinnenheim unter
-dem Glockengeklingel und den schleichenden Schritten der Alten geweint
-hatte.
-
- * * * * *
-
-Es kamen noch andere Zeiten für Christiane Dorreyter, wo ihre Arbeit sie
-schärfer nahm und ihr keine Minute mehr zum Grübeln ließ. Wo sie froh
-war, wenn sie überhaupt ein paar Stunden zum Ausschlafen fand, und ihr
-Ehrgeiz ihr wieder zuflüsterte: ›Den andern voran!‹ Es ist notwendig
-für ein Gelingen, daß andere dabei sind, die das gleiche Ziel verfolgen,
-nie kommt man schneller weiter, als wenn ein Sichmessen dabei ist, ein Sieg
-im Siege!
-
-Das Rhanesche Kapital, das die Mutter seufzend geopfert hatte, ging zu
-Ende. Christiane mußte Stunden geben und durch allerhand Aufsätze und
-Artikel etwas dazu verdienen. Langsam kam ein stärkeres Interesse für
-fachpädagogische Dinge über sie, und sie fand auch schließlich eine
-Meinung. Und dann ein Wissen und schließlich die Überlegenheit. Man wurde
-schon auf sie aufmerksam, als sie noch auf der Universität war, und sie
-bekam noch vor dem Examen allerhand Anerbietungen, denn man riß sich
-damals in den Städten um die ersten jungen Oberlehrerinnen. Sie konnte
-wählen und suchte einen großen Platz, eine berühmt schöne Stadt mit
-alter Kultur, in der sie Gelegenheit zur Weiterbildung fand und auch ein
-wenig Raum, um etwas zu sagen.
-
-In den Jahren schrieb sie ein paar Bücher über Mädchenerziehung, die
-viel beachtet wurden und auch bei der langsam einsetzenden preußischen
-Schulreform nicht ganz ohne Einfluß blieben. Sie besuchte Kongresse
-und Versammlungen und war gewohnt, auf das Podium zu treten und zu einer
-respektvoll harrenden, meist weiblich pädagogischen Versammlung zu
-sprechen. Den führenden Persönlichkeiten der Frauenbewegung trat sie
-näher und beobachtete mancherlei.
-
-Viele Menschen gingen an ihr vorüber, wenige waren farblos und
-Dutzendware, und wenigen gegenüber blieb ihr Wesen stumm. Aber ihr Blut
-regte sich nicht, und wenn einer mehr begehrte, als nur Geistiges, so
-wandte sie sich von ihm ab. Sie schuf sich eine eigene feine Kultur und war
-darin glücklich.
-
-Langsam sah sie alle Dinge ruhiger und reifer an und dachte kaum mehr an
-Ludwig von Cöldt. Was ging ein Mann sie an, der ihrer Schwester Ehegatte
-war und nicht mehr nach ihr fragte. Und von dem man nichts mehr -- hörte.
-
-Seit einiger Zeit war Ludwig auf seinen Wunsch nach Markburg, wo die
-Mutter noch immer lebte, zurückversetzt worden und damit von seinem
-Ostmarkenwerk, vielleicht auch von allem anderen größeren Werk für immer
-geschieden. Damit schien seine Karriere abgeschnitten. Sein Name war aus
-der Polenpolitik gelöscht.
-
-Von Yse hörte Christiane noch dann und wann etwas. Sie war mit der Zeit
-berühmt geworden, schrieb aber nicht gern Briefe.
-
-Die Mutter war jetzt stolz auf Christiane und verriet immer mehr Sehnsucht
-nach ihr. Jahr um Jahr hatte es ihr keine Unruhe gemacht, die Tochter
-draußen zu wissen, jetzt wo Christiane einen Namen hatte, wo Bücher von
-ihr in den Schaufenstern lagen, empfand sie immer größeres Verlangen nach
-ihr. Und eines Tages machte sie den Vorschlag, daß Christiane sich doch um
-die Direktorstelle an der Sophie-Reutterschule daheim in Markburg bewerben
-solle, die vor kurzem erledigt war und nach allem Hörensagen von dem
-Patronat mit einer weiblichen Kraft besetzt werden sollte.
-
-Diese Schule hatte Christiane selbst ein paar Jahre hindurch besucht. Sie
-war etwas vor der Stadt in einem alten Herrschaftshause untergebracht, das
-im Volksmund das ›Reutterschloß‹ hieß. Die einstige Besitzerin, ein
-vereinsamtes Weib, hatte sich aufgehängt, und in ihrem Testament stiftete
-sie die Anstalt, die immer nur von den Töchtern der besten Familien
-besucht wurde und in ihrem Gepräge etwas hatte, das viel mehr an sehr alte
-Zeiten als an moderne Mädchenerziehung mahnte. Die Reutterschülerinnen
-wurden zu sehr vornehmen Haustöchtern und verwöhnten Damen erzogen, für
-den Sturm war keine gehärtet, und an Konflikte wurde überhaupt nicht
-gedacht, was für Markburg vielleicht auch nicht nötig war.
-
-Damals. Jetzt -- --? Christiane fand sich dabei, wie sie auf einmal
-nachgrübelte und im ›Reutterschloß‹ Ordnung machte und ein neues
-Wesen schuf. Sie -- als Reformatorin in ihrer Heimatstadt, unter allem
-Bekannten, dicht vor Ludwigs Augen --! Sie als Schulmeisterin vor Ludwigs
-Augen!
-
-Alles in ihr sträubte sich. Es war ihr, als müßte sie mit dem, was sie
-sich in der ganzen schweren Zeit erworben hatte, vor ihm verlieren, als
-müßte sie vor ihm immer noch als die scheinen, neben der er damals
-geritten war.
-
-Ach, die Ostmark war für ihn und sie vorbei, und beider Wege waren aus den
-Dickichten herausgebogen, ins Bürgerliche und Normale hinein. Als Mitglied
-der Regierung hatte er sogar ein wenig Einfluß auf die Reutterschule, was
-die Mutter in ihrem Vorschlag bereits in Betracht gezogen hatte, ja, sie
-baute darauf, daß Christiane die Stelle unbedingt sicher sei!
-
-Aber Christiane bewarb sich nicht. Sie brachte nicht all ihr Erlittenes
-vor seine Augen und richtete sich vor ihm und Hardi in einem schmalen Leben
-ein! Unverzüglich schrieb sie der Mutter ab.
-
-Deren Briefe hielten aber die Bitte immer noch aufrecht, Tag um Tag und
-Woche um Woche.
-
-Und es war doch wie ein Stein in Christianens Leben gefallen, in dem die
-Wellen nun unruhig zogen und zitterten. Sie sah ihre Existenz an und fand
-plötzlich nicht, daß sie immer so bleiben konnte. Ja, sie merkte, daß
-sie unbewußt doch immer auf ein Später hin gelebt hatte, auf etwas, das
-noch kommen _mußte_. Und vielleicht fand sich nie wieder so etwas wie
-diese freie Stelle, an der sie herrschen und alles wahrmachen konnte, wovon
-sie in ihren Büchern geschrieben hatte. Sie konnte fort. Und vielleicht
-wollte sie auch fort. Nichts hielt sie. Ihr Leben glich einem Zelt, das
-wieder abgebrochen werden konnte, trotz all der Bäume und Blumen, die
-darum gewachsen waren. Sie konnte fort.
-
-Es kam hinzu, daß die Stelle an der Reutterschule andauernd unbesetzt
-blieb, weil sich die Meinungen in der Stadt gespalten hatten und sogar das
-Kollegium und zwar sowohl der männliche, wie der weibliche Teil heftig
-gegen die geplante weibliche Oberleitung aufbegehrt hatte. Die Zeitungen
-beschäftigten sich bereits mit der Angelegenheit.
-
-Da lag der Kampf. Das war kein Dutzendwerk, keine schnurrende Spule, das
-war ein Leben voll Überraschungen, voll Tat, voller Widerstände und
-voller Schaffen. Das war ein Schaffen, das sich lohnte.
-
-Es kam noch mehr hinzu, Kleines, Kleinliches, Unbehaglichkeiten in
-Christianens jetziger Stellung, die ihr nur darum so unerträglich
-schienen, weil sie jetzt das Bessere dicht daneben sah.
-
-Und in einer Stunde und Stimmung, die sie später kaum begriff, in der
-ein unerklärlicher treibender Zwang war, schrieb sie an das Patronat der
-Reutterschule und bewarb sich, hinter sich die ganze Unterstützung ihrer
-Schulreformbücher.
-
-So kam sie eines Tages als neuernannte Leiterin der Sophie-Reutterschule
-nach Markburg zurück und wunderte sich dort selbst über ihren Sieg.
-
-Vielleicht war es mit maßgebend gewesen, daß man die Dienstwohnung
-verkleinern und ihr weniger Gehalt zu zahlen brauchte, als einem
-männlichen Leiter.
-
- * * * * *
-
-Der Vorsitzende des Patronats, der Regierungspräsident, hatte die
-Begrüßungsrede für Doktor Christiane Dorreyter beendet.
-
-Jetzt kam sie aus der Schar, die sie schwarz und feierlich umringt hatte,
-auf die Rednerbühne der Aula und begann langsam und mit klarer Stimme
-zu sprechen, rechts vor sich die unbeweglichen Gesichter der Kollegen
-und Kolleginnen, links die Schar der Gäste aus der Stadt und die
-Patronatsmitglieder. Ludwig von Cöldt war auch gekommen.
-
-Sie sprach in diesen ungewissen Wall hinein, in dem sie keine Wirkung
-erkannte und nur die ungeheure Spannung ahnte, mit der auf ihre erste
-Äußerung gewartet worden war. Sie gab im ganzen und großlinig ein
-Programm, aus dem deutlich zu entnehmen war, daß neuer Wind hindurchgefegt
-war und nichts Verstaubtes geduldet werden sollte. Dann wandte sie sich
-an das Kollegium, das sie an Pflicht, Treue und Können scharf zu sich
-heranriß, und fühlte, daß es in ihrer kühlen Rede angefangen hatte zu
-glühen, wie ein Draht zu glühen anfängt, und empfand dieses schnelle,
-rote Hellwerden herrinnenhaft bis zum knappen, festen Schluß in sich,
-worauf sie mit einer leichten Verneigung abtrat.
-
-Der Vorsitzende schüttelte ihr die Hand.
-
-Nun löste sich aus dem noch immer regungslosen Kreis der Kollegenschaft
-ein Fräulein und ging ruckweis mit gesenktem Kopf auf den Rednerplatz zu.
-Sie war rund, ohne stark zu sein, klein, aber ohne Zierlichkeit, es war,
-als ob die Natur etwas Nettes aus ihr hätte schaffen wollen und es dann
-beim plumpen Rohwerk hatte bewenden lassen. Sie war rothaarig, klein und
-häßlich, aber die Natur hatte ihr eine scharfe Weiberwaffe gegeben, die
-sich in den gallig schrägen Linien um den geschwätzig aufgebogenen Mund
-auch äußerlich kundtat. Fräulein Haberkorn warf alle Schulgemeinplätze
-mit autoritativer Lehrerinnensicherheit hin, rührte Frömmeleien und
-spitze Süßigkeiten hinein und gedachte mit viel Sentimentalität des
-verstorbenen Herrn Direktors, worauf sie die neue Leiterin im Namen des
-Lehrerinnenkollegiums begrüßte.
-
-Die Köpfe hoben sich, die Gesichter wurden klarer. Man war wieder auf
-festem Boden und verstand.
-
-Jetzt trat Professor Diermann vor. Er war alt, etwas vernachlässigt,
-und hatte einen Begasbart und scheue Augen. Er versprach sich mehrmals,
-stotterte und eilte dann mit Energie seinem Ziele, dem Hoch auf den
-Landesherrn, zu.
-
-Danach sang der Schülerinnenchor der Anstalt sechsstimmig einen Choral.
-Die Mädchenstimmen waren übermäßig hoch, aber sehr rein.
-
-Christiane Dorreyter hatte in ihrem Leben schon viele Choräle bei
-ähnlicher Veranlassung gehört, und sicherlich hatte sie auch dabei
-gesessen, wie die meisten hier: korrekt, zerstreut und gleichgültig. Jetzt
-aber stieg aus dem heimlichen Aufruhr ihrer Seele ein Brausen; Erinnerungen
-erhoben sich wie schwergeflügelte, dunkle Vögel. Alle Einsamkeiten und
-alle Not zitterten wieder in ihrer Seele, alles Mühselige und Götterlose
-ihres Lebens hob sein Haupt. Jahre und Jahre waren schwer wieder da. ›Der
-dich auf Adlersflügeln sicher geleitet --‹
-
-Sie fühlte auf einmal Adlergewalt in ihrem Leben.
-
-Die Feier löste sich auf. Christiane mußte die Gäste auf einem Rundgang
-durch das alte Haus begleiten. Es war äußerlich von sehr reiner, strenger
-Form, innerlich aber herrschten manchmal Schatten und Dunkelheit. Das Haus
-hatte sich noch nicht ganz seinem Zweck gemäß geformt, überall sah das
-Ursprüngliche heraus, die Herrschaftlichkeit. Es paßt zu mir, dachte
-Christiane.
-
-Die Damen der Patronatsmitglieder, Frau Geheimrat Meckebier, Frau Landesrat
-Colb und Frau Kommerzienrat Reimann trappten mit rauschenden Kleidern
-eifrig voraus, um die Spuren der Neuen aufzufinden, denn sie kannten das
-Haus von vielen Kränzchentagen bei der Gattin des früheren Direktors.
-
-Ganz oben im Zeichensaal waren Blätter ausgelegt, und hier tat die
-Oberlehrerin, Fräulein Haberkorn, sich groß: »Alles seit Ostern gemacht,
-im letzten Vierteljahr!« Denn so lange war die Direktorstelle unbesetzt
-geblieben. Der Kommerzienrat Reimann fragte Christiane mit schlecht
-verdecktem Mißtrauen, ob sie sich diese Methode auch zu beherrschen
-getraue, und sie sagte ihm kühl, klar und nicht gerade behutsam, daß man
-›draußen‹ schon eine Weile anders arbeite, worauf er schnell von ihrer
-Seite verschwand.
-
-Neugierig spähten die kleinstädtischen Frauen zu ihr hin. So eine
-Toilette trug keine der hiesigen Damen. Wie kam die dazu? Wollte die das
-immer so machen? Als sie das Rednerpult bestieg, war das Rauschen durch den
-ganzen Saal gegangen, und alle hatten sie angeblickt.
-
-Gott, wer war sie denn! Man kannte doch die Verhältnisse und hatte von den
-Männern her ihre Papiere in der Hand gehabt. Es gab kein anderes Fräulein
-Doktor in der Stadt, aber man legte weiter kein Gewicht darauf.
-
-Im Amtszimmer standen mehr Bücher, als beim guten alten Herrn. Auf dem
-Schreibtisch lagen Stöße von Plänen, Heften und Entwürfen, mit denen
-sich die Neue wohl wichtig machen wollte! Fräulein Haberkorn, die der
-Tochter der Frau Meckebier Privatstunde gab, hatte schon davon erzählt.
-Der Buchhändler in der Rädelgasse hatte die Bücher des Fräulein Doktor
-besorgt und ausgestellt. Natürlich kaufte sie kein Mensch.
-
-Die Frau Landesrat und die Kommerzienrätin flüsterten. Sie schoben sich
-würdevoll vor und sprachen für die arme Wehrendorf. Ja, sie hatten
-doch einen modernen Frauenverein, und die gute Frau von Cöldt hatte sie
-gebeten, ein Wort für die Wehrendorf einzulegen, die endlich eine feste
-Stelle haben mußte. Sie war so sehr darauf angewiesen, und deshalb war es
-ja Menschenpflicht -- --
-
-Menschenpflicht, dachte Christiane Dorreyter.
-
-Sie wußte genau, daß diese Damen, die einen modernen Frauenverein hatten,
-sie im Herzensgrunde verachteten. Sie und die arme Wehrendorf.
-
-Sie antwortete mit leichter Ironie. Die Patronatsdamen wanderten weiter und
-ließen nicht einen Winkel undurchspäht.
-
-Dann wurde es endlich stiller. Türen dröhnten, die Stimme der Haberkorn
-scholl noch einmal echokräftig heraus. Die Damen verabschiedeten sich,
-nachdem sie die kleine Wehrendorf dem Fräulein Doktor noch einmal dringend
-ans Herz gelegt hatten.
-
-Es war still.
-
-Da kam Ludwig von Cöldt. Christiane hörte seinen Schritt schon von
-weitem.
-
-Sie sahen sich an.
-
-Er gab ihr die Hand, dann schaute er lange auf die ›eiserne Wehr‹ über
-dem Arbeitstisch. Sein Blick glitt in ihr Gesicht. Sie hob die Augen, und
-eine Sekunde standen sie und verstanden sich wieder im Geringsten, ohne
-Wort.
-
-»Du gibst mir Relief,« sagte sie dann mit leichter Ironie. »Wenn
-die Vorstandsdamen gnädig zu mir gewesen sind, so verdanke ich das der
-Tatsache, daß ich einen Schwager hier habe. Ich bin höchstens dreimal auf
-meinen Doktor, mindestens dreißigmal aber auf den Regierungsrat von Cöldt
-angeredet worden.«
-
-Seine Wimpern zuckten. Er sah eine Sekunde vor sich hin.
-
-»Du wirst dir deinen Platz schon schaffen,« sprach er dann.
-
-»O ja,« sagte sie, »das werde ich.«
-
-Sein Gesicht behielt den gleichen geschlossenen, etwas resignierten Ernst.
-Sie sah, daß er sich sehr verändert hatte.
-
-Sekundenlang durchrann sie eine furchtbare Machtlosigkeit, sekundenlang
-brauste ihr Wille wieder räuberisch zum Stehlen und Genießen hin.
-
-Tief unten war sie in aller ihrer Würde.
-
-Ihre Hände zitterten. Ihre Blicke streiften das Bild. Sie biß die Zähne
-zusammen. Eiserne Wehr, dachte sie, eiserne -- Wehr -- -- --
-
-Er sah auf die Bücher, die sie in strengen Reihen umgaben. Durch sein
-Gehirn liefen blitzartig die Vorstellungen von den Lebenserkenntnissen, die
-sie sich errungen hatte.
-
-»Du bist Naturwissenschaftlerin,« sagte er.
-
-Ihre düsteren grauen Augen wurden langsam heller.
-
-»Meiner innersten Meinung nach, ja,« sprach sie. »Ich kann dir aber noch
-einige andere Dinge vorzeigen,« setzte sie ironisch hinzu.
-
-Er zuckte nur die Achseln. Wieder fuhr sein Blick durch den Raum. Halb
-unbewußt suchte er darin nach Zeichen aus den zehn fremden Jahren.
-
-Seine Ruhe fing an ihre Flügel zu lockern.
-
-Er begann nach diesem und jenem zu fragen. Ihm gegenübersitzend, etwas in
-sich versonnen, wich sie aus. »Das läßt sich so schnell nicht hersagen,
-Ludwig. Es war alles sehr kraus. Ich war immer -- Outsider.«
-
-Sein Blick brannte, ohne daß er's wußte, eifersüchtig auf.
-
-»Outsider,« murmelte er.
-
-Er sann vor sich hin.
-
-Zehn Jahre.
-
-Christiane blickte nach der ›eisernen Wehr‹. Es zitterte leise in ihr.
-
-Plötzlich bog er sich ihr zu.
-
-»Ich möchte dir mein Mädel bringen, Christiane.«
-
-Sie fuhr zurück.
-
-»Mein Mädel,« sagte er mit etwas flimmernden Augen, »unsere kleine
-Hanni -- --«
-
-Ihre Lippen zwangen sich. »Wie alt ist sie doch --?«
-
-»Neun Jahre.«
-
-Sein Auge hing an ihr.
-
-»Du sahst sie noch niemals?«
-
-»Noch niemals,« sagte sie. Sie dachte wieder: Als ich fort
-war -- -- -- --
-
-Jetzt fühlte sie die -- zehn Jahre.
-
-»Sie ist groß,« sagte er, langsam vor sich hin erzählend, während
-die Veränderung seines Gesichtes blieb, »und sehr kräftig. Nur geistig
-schreitet sie nicht recht fort. Aber das Fräulein hat nichts getaugt, ihm
-ist gekündigt.«
-
-Christiane fragte: »Wie heißt sie?«
-
-»Das Fräulein? Die kleine Wehrendorf.«
-
-Sie nickte.
-
-Dabei wurde es freier in ihr. Sie richtete sich auf.
-
-»Das Fräulein werde ich mir mal angucken, Ludwig.«
-
-»Wie du willst,« sagte er gleichgültig, »es ist aber nicht viel an ihr
-dran. Ein Weibtorso. Nirgends beschenkt.«
-
-Sie kannte Ludwig. Ein feines Lächeln verzog ihren Mund.
-
-Das reizte ihn.
-
-»Wann kommst du zu uns? Wir erwarteten dich schon gestern.«
-
-»Vorgestern kam ich an. Da war ich in Frankfurt eben fertig. Ich komme aus
-einer Arbeit in die andere, Ludwig.«
-
-»Ja, ja. Aber wir --«
-
-Sie sah ihn an.
-
-In seinen Augen wurde ein verschollenes Geflimmer wach. Er wurde wieder
-jünger.
-
-»Aber -- ich --« sagte er.
-
-»Ich komme, Ludwig. Vielleicht heute abend noch. Wie geht es Hardi? Sie
-schrieb so selten.«
-
-»Dir schrieb sie selten,« sagte er.
-
-Sie schaute ihn mit großen Augen an.
-
-Dabei schlich wieder eine heiße, heimliche Welle von einem zum anderen.
-Sie wurden still.
-
-Über ihnen hing in strenger Wacht die ›eiserne Wehr‹.
-
-»Ich komme heute abend zu euch,« sagte sie.
-
-Sie gaben sich die Hand und empfanden wieder den uralten Einklang ihres
-Blutes und die geistige Zusammengehörigkeit.
-
-»Ich komme, Ludwig.«
-
- * * * * *
-
-Als Christiane allein war, warf sie den Kopf zurück. War sie unwissentlich
-an einen alten Strudel geraten? War es _das_ gewesen, was sie heimlich
-zurückgeleitet hatte, nichts als -- das --? Waren noch unerhörte
-Möglichkeiten, unerhörtes Begehren in ihr, wollte sie noch immer ein --
-Abenteuer --?
-
-Sie sah wieder die gelben Felder der maiheißen Straßen, die Mühlen,
-hörte das Traben der Pferde und ritt wieder neben ihm wie einst.
-
-Nein, das war vorbei. -- -- --
-
-Am späten Nachmittag ging sie fort. Vor dem Hause warf sie noch einen
-Blick zurück. Wie gut es aussah, gar nicht schulmäßig!
-
-Dann kam sie in die Stadt. Seit hundert und mehr Jahren war kein
-bedeutender Künstler in ihr gewesen, was an guten Bauwerken da war,
-hatte ein graues Alter und war teilweis im Abbruch. Was neu war, war
-handwerkerlich, was eben wurde, war es noch mehr. Ziemlich im ältesten
-Teil der Stadt lag das ehemalige Cistercienserkloster, das nun
-Regierungsgebäude und mit der Geschichte der Stadt und der Provinz
-eng verknüpft war. Viele preußische Könige hatten darin geweilt, von
-Friedrich dem Großen erzählte man sich ganze Legenden, und Blücher
-sollte sich an seinen Steinstufen den Säbel gewetzt haben. Vor hundert
-Jahren war der Klostergraben mit Gefallenen bis zum Rand gefüllt gewesen.
-
-Bald hinter dem Kloster begannen die Anlagen, die in den Stadtpark
-ausliefen. Hier waren die Kindermädchen mit den Babies, hier passierten
-die Damen, wenn sie von ihren Kränzchen kamen, hier trieben die Backfische
-und Jünglinge ihren grünen Flirt. Es gab auch abgelegenere Gegenden
-darin, Winkel, in denen geküßt wurde. Ein paar Sportplätze
-begrenzten den Park, der gute Baumbestände und die Schönheit solcher
-kleinstädtischer Anlagen hatte.
-
-Christiane eilte rasch hindurch. Schon als Kind hatte sie ihn nicht
-gemocht, wie alles, was Massenfreude war.
-
-Draußen hinter dem Krähenteich, an dem sich die Pensionäre der Stadt mit
-Angeln zu unterhalten pflegten, begann der Wald.
-
-Die Markburger machten sich nichts aus ihm. Sie hatten ihre Vereine und
-Kaffeekränzchen. Nur ein paar schulmeisterliche Naturheilapostel oder
-ein paar Brunnentrinker kannten seine Wege. Übrigens war er nicht mehr
-städtisches Gebiet, sondern gehörte den -- Rhanes. Weiter oben, hinter
-dem Forsthaus, konnte man das Schloß bei klarem Wetter wie ein blasses
-Schattenbild am Himmel sehen.
-
-Christiane schaute auf die Stadt zurück. Eine rechte Heimat war sie ihr
-nicht, denn als Soldatentochter war sie kreuz und quer durch Deutschland
-gezogen und hatte überall ein Stücklein Kindererinnerung gelassen.
-
-Bald kam der Weg, den Christiane besonders liebte. Als eine schmale, leicht
-steigende Allee zog er sich, von starken Tannen eingefaßt, dahin, und
-hinter ihm stand der Wald mit Eichen und Buchen. Der Boden war mit roten,
-vorjährigen Blättern überstreut. Das Laub war noch voll und unversehrt,
-aber schon über manche Sommerglut hinaus.
-
-Christiane blieb stehen. Ein Rollen zog durch die Wipfel -- das war
-Donner. Das frühe Dämmern eines Waldgewitters senkte sich, die Schwüle
-verstärkte sich -- dicht über den Wipfeln schien es zu stehen! Da zuckte
-es -- wieder ein Zucken, wieder ein Donner -- es war da!
-
-Christianens Herz jauchzte auf. Traumhaft starrte sie in das schöne
-Waldabenteuer, das ihr allein gehörte. Kein Mensch, keine Stimme, kein
-Knistern. Kein Vogel rührte sich. Und doch war das Leben nie stärker,
-leidenschaftlicher und jauchzender, als wenn es so flammte und schlug! Wie
-die Feuer zogen und zuckten, da um den Wipfel einer Riesenbuche tanzten,
-dort an den Stämmen hinabliefen, da einen fernen Grund bläulich erhellten
--- wie sie sich unerbittlich kreuzten wie Degen und fauchend über dem Wald
-zusammenschlugen -- das war schön! Irgend etwas in Christianens Seele war
-dabei, tat mit.
-
-Ein paar große Tropfen sprangen durch die Äste und verrollten im Staub.
-Es donnerte wieder, aber schon ferner, es lohte von neuem, aber schon
-schwächer. Es wurde still. Die Vögel rührten sich wieder, huschten durch
-das Unterholz, rannten über den Weg. Irgend ein Gelächter scholl durch
-den Wald. An den Blättern blitzten die Tropfen, darüber kam die Sonne
-heraus.
-
-Als Christiane aus dem Walde trat, lag schon sanfte Abendruhe über den
-Feldern. Ein Bahnzug fuhr sacht dahin, die Streckenlichter blinkten. Das
-Sonnenrot verging.
-
-Sie fand die Villenkolonie und Ludwigs Haus.
-
-Ein kleiner Garten mit vielen dichten Büschen zog sich rings herum, man
-mußte in ihn hinein und kam von rückwärts ins Haus. Christiane wurde in
-ein großes Zimmer geführt und erkannte den Salon aus Posen wieder. Nichts
-war daran verändert.
-
-Jetzt kam Ludwig schon.
-
-»Hardi -- --?« fragte sie.
-
-»Sie läßt noch um einen Augenblick Geduld bitten,« erwiderte er, »bis
-jetzt hat sie gelegen. Jedes Gewitter quält sie furchtbar. -- Bitte,
-hier.«
-
-Er führte sie in sein Zimmer.
-
-Sie sah mit jäher Aufmerksamkeit umher, entdeckte ein schönes Stück
-Kopenhagner, einen Liebermann an der Wand, gewahrte die Papiere und Akten
-auf dem Schreibtisch und dann Bücher -- ja -- Bücher!
-
-Rasch trat sie vor die Eichenschränke und sah die Reihen auf und ab. Er
-stand hinter ihr. Plötzlich gewahrte sie das alte Bändchen Mereschkowski
-und spähte aus, ob ihr nicht da und dort wieder sein eigener Name
-entgegenspringen würde. Aber sie sah ihn nicht. Ihr Blick glitt
-schließlich unruhig ab.
-
-Er hatte die Tür zum Gang geöffnet.
-
-»Hanni!«
-
-Jetzt kam sein Kind und knickste scheu.
-
-Christiane merkte, daß es in ihr weniger die Verwandte, als die Erzieherin
-sah. Hanni war weder dem Vater noch der Mutter ähnlich, sondern mußte
-ihren Typ wohl von irgend welchen längst verschollenen Vorfahren geliehen
-haben. Es war kein angenehmer Typ. Das spröde, blonde Haar hing strähnig
-um das schmale, feste, unkindlich herbe Gesicht, der Blick der Augen war
-eng und kalt, und ebenso eng und kalt fielen die spärlichen Antworten;
-der Widerstand der kleinen Schultern, auf die Christiane ihre Hand gelegt
-hatte, war unmerklich eisenstark.
-
-Christiane sah betroffen auf und gewahrte, daß Ludwig sich abwandte. Er
-sah nach seinen Büchern hin.
-
-Jetzt pochte das Mädchen und meldete, daß die gnädige Frau zu sprechen
-sei.
-
-Ludwig führte Christiane die Treppe hinab zu Hardi. Dieses Zimmer kannte
-sie noch nicht. Die Möbel waren weich und hell und mit Rücksicht auf viel
-Liegen und viel Bequemlichkeit aufgestellt. Ein Rollstuhl fehlte nicht.
-Alles war wie im Krankenzimmer. Keine Blume, kein Buch.
-
-Hardi lag in einem dünnen, lilafarbenen Gewand auf dem Ruhebett und hob
-sich nur schwach, mit zwinkernden Lidern.
-
-»Du -- --« sagte sie.
-
-Ihr kleines Gesicht zeigte noch immer die merkwürdige Mischung von
-Pikantem und Sentimentalem. Sie sah gut aus, großäugig, fast schmachtend,
-und doch war etwas von leisem Welken an ihr, vom frühen Vergehen der
-blassen, gelblichen Resedablüten, wenn sie geschnitten sind. Sie maß die
-Schwester eine Weile und ließ dann davon ab. Ihre Augen irrten zu Ludwig
-hin, senkten sich aber gleich wieder.
-
-»Daß du dich hergewagt hast,« sagte sie halblaut, wie erstaunt.
-
-»Weshalb --?«
-
-»Weil doch ein Gewitter war.«
-
-»Ich war dabei im Walde.«
-
-Hardi zuckte und warf wieder einen Blick auf ihren Mann. Scheu zog sie ihn
-wieder weg, lachte kurz auf und sagte: »Na .. ja -- du ... Wenn ich wie
-du wäre, könnt ich's vielleicht auch .... Aber ich bin's nicht! -- --
-Christiane, weißt du noch, wie wir früher drüben am Krähenteich
-die Angler ärgerten? Ja, das waren schöne Zeiten. Dann kam ich zur
-Schmöckler --«
-
-Ihr Gesicht bekam einen finsteren Ausdruck. Die Nähe ihres Mannes schien
-sie zu bedrücken.
-
-Er stand schweigend auf und ging.
-
-Sie horchte ihm eine Weile nach. Dann legte sie den Kopf auf die Kissen.
-Ihre Haltung wurde allmählich entspannter, gelöster. Nur im Gesicht
-zuckte noch die Unruhe.
-
-»Ja, das waren schöne Zeiten ... Auch bei der Schmöckler noch ...
-anfangs. Und dann, als die Mutter mich so verwöhnte. Wie gut hab ich's da
-gehabt. Und da -- da mußte ich das tun --« sie richtete sich wieder
-auf und sah nach Christiane hin. »Was weißt du davon,« sagte sie
-verächtlich, »was ich gelitten habe!«
-
-»Gelitten,« sagte Christiane leise.
-
-»Ja, ja! -- -- Und dann erst. Dann -- als ich -- allein war.«
-
-Sie sah Christiane finster an.
-
-»Als ich allein war!«
-
-Christiane schwieg.
-
-Es war eine Pause.
-
-Hardi atmete rasch. Qualvoll vernahm Christiane diesen raschelnden,
-schlürfenden Atem.
-
-Sie ist doch wirklich krank, dachte sie.
-
-»Als du abgereist warst,« begann die junge Frau langsam wieder, »vorher
-hatte ich ihn nicht haben wollen -- jetzt hatte ich ihn nicht mehr. Und
-zurück konnte ich doch nicht. Ich hab daran gedacht. Ich hab mir den Kopf
-zergrübelt. Brief auf Briefe hab ich der Mutter geschrieben -- die hat sie
-dann alle verbrennen müssen. Aber zurück konnte ich doch nicht. Ich war
-doch einmal bei ihm. Er hatte doch nun einmal meine Jugend bekommen. Und
-da -- --« ihre Stimme wurde ganz heiser, »da -- gab ich ihm das Kind. Ja,
-das tat ich aus freiem Willen. Ich gab es ihm. Und damit habe ich ihm den
-Rest meines Lebens gegeben -- seitdem wird es nichts mehr mit mir. Kuren
-über Kuren habe ich gebraucht, bei so viel Ärzten sind wir gewesen --
-es hat alles nichts mehr genützt. Zuletzt mußte er sich von Posen weg
-versetzen lassen. Aber auch in Danzig konnte ich die Luft nicht vertragen,
-es ging und ging nicht -- da mußte ich hierher. Zur Mutter. Hier geht es
-wenigstens ...«
-
-Christiane schaute sie an.
-
-»Und -- er --?«
-
-»Wer?«
-
-»Ludwig.«
-
-Hardi lachte kurz auf.
-
-»Was denn --? Es geht ihm hier ganz gut. Es gibt genug andere, die sich
-in der häßlichen Polakei die Zähne ausbeißen können. Und auf etwas
-anderes kommt es doch nicht heraus. -- 's ist doch kein Ziel dabei. Die
-Polen verteidigen nur ihr Recht und ihre Heimat. Das tut jeder Mensch, ich
-auch. Höre Christiane ... störe mich nicht darin -- -- rege mich nicht
-auf ... du weißt ... du weißt doch genug ...«
-
-Sie brach in Schluchzen aus.
-
-»Laß mich doch nur. Ich will Ruhe haben ... bloß Ruhe haben, nichts
-weiter. Was verstehst du denn davon ... Ich bin ganz verbraucht.«
-
-Das Mädchen trat ein und gab ihr wieder Morphium.
-
-Hardi weinte noch eine Weile, dann wurde sie stiller. Zuletzt sah sie
-versöhnt zu Christiane auf.
-
-»Es war das Gewitter,« sagte sie.
-
-Das Mädchen brachte sie zu Bett, Hardi schlief ganz allein.
-
-Christiane nahm kurzen hastigen Abschied von Ludwig.
-
-Als sie durch den Garten ging, hörte sie das stuckernde, ungelenke
-Klavierspiel des Kindes.
-
- * * * * *
-
-Heute waren die Damen der Sophie-Reutterschule fast alle eine Viertelstunde
-eher gekommen.
-
-Eben trat die Oberlehrerin, Fräulein Haberkorn, in das Lehrerinnenzimmer,
-und die Unterhaltung verstummte im Augenblick.
-
-Das Fräulein war das gewohnt. Es kannte seine Kolleginnen, wie die es
-kannten.
-
-Sie konnte sie alle nicht leiden, aber am wenigsten die, die gut aussahen.
-Halb toll konnte es sie innerlich machen, wenn eine eine besonders schöne
-Bluse oder hübsche Schleife angesteckt hatte. Dann suchte und suchte sie
-unbewußt, bis sie eine Gelegenheit gefunden hatte, um sie zu ärgern.
-Sie hatte schon junge Damen aus der Schule herausgebracht, weil sie ihre
-Erscheinung nicht vertrug. Beim alten Direktor war sie neben Professor
-Diermann allmächtig gewesen.
-
-Die klugen jungen Lehrerinnen verfehlten daher nicht, sie auch in bezug auf
-Toilettesachen um ihren Rat zu fragen. Dann wurde sie am ehesten mit einem
-neuen Kleide versöhnt.
-
-Fräulein Haberkorn war mutterlos aufgewachsen, vom Vater früh ins
-Seminar gesteckt worden und hatte dann das Wanderleben gehabt, das viele
-Lehrerinnen durchmachen. Aber niemals war ihr etwas Freundliches
-begegnet. Kein bißchen Liebe war über sie hingegangen, keiner hatte sie
-gestreichelt, keiner geküßt, keinem Menschen war sie zum Leben nötig
-gewesen. Sie war in der Welt übrig.
-
-Ihr ganzer Ehrgeiz hatte sich auf ihre Laufbahn gerichtet, und sie war
-schließlich, ohne besondere Examina, so weit nach oben gekommen, wie sie
-es in der kleinen Stadt konnte. Und nun übte sie einen ständigen Druck
-auf die aus, die nach ihrer Meinung mehr hatten, als sie.
-
-Es gab welche, die sich nichts aus ihrer Ungnade machten.
-
-Da war die blonde Mai Friedlein.
-
-Sie kam erst nach der Oberlehrerin mit einem leisen Rauschen und der ganzen
-köstlichen Frische ihrer rosenroten Schönheit herein. Es hieß, sie sei
-schon dreißig Jahre, aber genau konnte man es nicht nachrechnen.
-
-Ihr hatte man es nicht an der Wiege gesungen, daß sie Schulmeisterin
-werden würde. Es kam erst mit dem Krach. Ihr Vater war Direktor einer
-großen schlesischen Aktiengesellschaft gewesen -- jetzt lag er schwerkrank
-in einem kleinen Nest in der Nähe und hatte eine Agentur. Mai war damals
-verlobt gewesen. Ihr Bräutigam war aber mit dem Krach verstrickt und ging
-nach Amerika. Von dort schickte er noch ein paar Gedichte. Sonst nichts
-mehr.
-
-Mai hoffte noch immer auf eine gute Partie.
-
-Die Lehrerin Dorette Jong war ihre vertraute Freundin und Beschützerin
-und eine zähe Gegnerin der Haberkorn. Sie war dünn und ein bißchen
-verbräunt, so daß man den Eindruck hatte, als ob sie an einem langen und
-sehr heißen Sommertag draußen vergessen worden sei. Indessen wirkte sie
-nicht unangenehm. Um ihre dunklen Finkenaugen hockten Lachfältchen.
-
-Ihre Nachbarin Fräulein Seifert war sehr dick und groß, aber von einer
-unangenehmen, klebrigen Art. Sie war sehr musterhaft und vortrefflich, und
-ihre besondere Eigenheit war, daß sie niemals fror oder schwitzte. Diese
-physiologische Merkwürdigkeit pflegte sie den jungen Anfängerinnen und
-den Schülerinnen fortwährend zur Nachahmung zu empfehlen.
-
-Jetzt huschten ihre schlauen Blicke ihrer Freundin Haberkorn entgegen,
-gespannt, was die als Morgengruß sagen würde. Die Laune der Oberlehrerin
-war immer zunächst davon abhängig, wie sie in der Nacht geschlafen hatte,
-heute aber fegte wohl noch etwas anderes darein, denn es war der erste
-Amtstag des Fräulein Doktors.
-
-Sie wußte genau, weshalb alle sie so anguckten, und lächelte süß.
-
-Huldreich nickte sie zwei kleinen Praktikantinnen entgegen, die sich
-bescheiden in der Ecke hielten, aber doch aufmerksam und heimlich
-quietschvergnügt beobachteten. Sie hießen ›die Kanarienvögel‹.
-
-»Wie frisch Sie aussehen! -- -- Ja, ja -- die Jugend --!«
-
-Die beiden Vögel hatten alte Waschblusen an.
-
-Das war nun bei Mai Friedlein nicht der Fall.
-
-Das Rauschen hatte die Haberkorn schon lange gepeinigt. Jetzt drehte sie
-sich zu ihr um und sagte mit einem Lächeln:
-
-»Ach, ich dachte wirklich, es käme ein Engel vom Himmel herabgeschwebt.«
-
-»Es ist vielleicht auch einer,« meinte die Jong trocken.
-
-Mai warf ihr einen Blick voll ergebener Selbstironie zu, der ihr sehr gut
-stand, und sagte nichts. Ihr war keine Schlagfertigkeit gegeben, wenigstens
-Damen gegenüber nicht. Da stand die Jong immer mit gesträubten Federn vor
-ihr.
-
-Die Haberkorn lachte glucksend.
-
-»Ganz recht! Ganz recht! Wie der sich nur bloß in unser dunkles
-Reutterschloß verirren konnte!«
-
-»Er hat vielleicht nur keinen Ausweg gefunden,« sagte die Jong.
-
-Fräulein Haberkorn lachte von neuem, von den Kanarienvögeln scheu
-beobachtet.
-
-»Hahaha -- das kann ich ja nicht wissen. Aber wenn es so sein sollte --
-suchen Sie nur tüchtig, Fräulein Mai -- -- ich würde Ihnen herzlich gern
-dabei helfen -- --!«
-
-»Danke, das tu ich schon,« sprach die Jong.
-
-»Wie aufopferungsvoll.«
-
-»Sie haben uns doch gestern alle Lehrerinnentugenden so schön
-vorgehalten,« meinte die Jong.
-
-Alle wußten, daß die Haberkorn keine Reden halten konnte. Es war ihre
-schwache Seite. Sie mußte vorher immer ein Brausepulver nehmen.
-
-Die Oberlehrerin begann nervös zu werden.
-
-»Was haben die Herren denn dazu gesagt?« fragte sie.
-
-»Die waren alle begeistert,« antwortete eine aufrichtige Stimme aus der
-Ecke.
-
-Das war Mielchen Mehlmann. Ein etwa fünfzigjähriges Fräulein mit einem
-Apfelgesicht, das sich offenkundig bemühte, sehr damenhaft auszusehen.
-Heute trug sie einen mächtigen schwarzen Spitzenkragen über einem neuen
-Kleide.
-
-Das gewahrten die anderen plötzlich.
-
-»Sie haben sich ja so fein gemacht, Mehlmännchen?« sagte die Jong
-gutmütig.
-
-Mai lächelte ein wenig. Das gute Fräulein ließ doch bei der Beckern im
-Probsteigäßchen arbeiten, und die machte doch alle Taillen schief! Mai
-Friedlein sah am schärfsten Toiletten und Männer.
-
-Über die anderen Gesichter flackerte es beunruhigt. Wenn es auch nur die
-Mehlmann, die Gesang- und Handarbeitslehrerin war -- besser als die anderen
-durfte sie sich nicht tragen!
-
-Sie wurde noch einmal beguckt.
-
-»Warum denn nur?« sagte die Haberkorn in merkwürdig schwingendem Tone.
-Ihre Blicke schillerten wie die der Katzen.
-
-Die gute, ehrliche Mehlmann konnte nicht lügen.
-
-»Nu, wo unser Fräulein Doktor so fein geht,« sagte sie.
-
-Jetzt hatte sie es in doppelter Weise verdorben. Die Seifert sagte mit
-ihrer ganzen Vortrefflichkeit:
-
-»Liebes Fräulein Mehlmann, auch außer dem Unterricht müssen wir uns
-einer guten Aussprache befleißigen!«
-
-Die Haberkorn nickte geringschätzig: »Ja, ja, die Provinzialismen.«
-
-Fräulein Mehlmann stammte aus dem benachbarten Neukirch. Sie war so gut
-wie vom Lande.
-
-»Nu, ich meine --« sie verbesserte sich jetzt rasch. »Ich dachte, wenn
-unser Fräulein Doktor so fein aussieht, müssen wir auch was übriges tun.
-Ich mochte ihr in der alten braunen Bluse nicht mehr begegnen.«
-
-»Hm,« machte die Seifert.
-
-Ein Schweigen ging durch die Runde. Die beiden kleinen Vögel wagten kaum
-zu atmen.
-
-Da sprang die Türe auf. Es war aber der Professor Diermann, der immer zwei
-Minuten vor Anfang kam. Neugierig lugten seine Augen voraus, dann kam er
-näher.
-
-»Morjen, morjen.« Er griente die Damen an.
-
-Zwischen ihm und den Kolleginnen galt unsichtbar auch der Satz aus der
-Bibel: ›Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe --‹, wie
-er in allen Berufen herrscht, in denen es auf eine ernstliche Konkurrenz
-hinausgeht.
-
-Professor Diermann verachtete die Kolleginnen, zunächst weil er ein
-geborener Markburger war, die alle arbeitenden Frauen geringschätzten,
-dann als Akademiker gegenüber geringwertiger Frauenbildung, dann wegen
-noch anderer Dinge. Er machte aus seiner Richtung nicht immer ein Hehl, in
-seinem Alter glaubte er Ritterlichkeit nicht mehr nötig zu haben und
--- die Damen brauchten ja nicht in die Schule zu kommen, wenn sie
-Ritterlichkeit beanspruchten.
-
-Er hatte vier Töchter, die eifrig Tennis spielten und sich dadurch noch
-Männer zu erobern hofften. Wenn nun nicht so viel Damen an der Schule
-gewesen wären, so wären eben Männer hingekommen, und damit auch wohl der
-eine oder der andere Heiratskandidat. Denn der einzige Unverheiratete im
-Reutterschloß, der behäbige Oberlehrer Dreher, war wohl nicht mehr zu
-rechnen. --
-
-In der Beziehung hatte Diermann Sorgen. Wie schwer fiel es ihm nicht, die
-Kleider für die vier herbeizuschaffen! Er mußte auf seine alten Tage
-noch Pensionäre halten, und wenn sie ihn zur Ruhe setzten -- was dann?
-Er hörte von Tag zu Tag schwerer. Ja, das knappe Gehalt für einen
-Familienvater! Und hier diese sogenannten Kolleginnen bezogen für sich
-allein so viel Geld! Wozu brauchten sie es denn? Doch nur für Putz!
-
-Er richtete einen bösen Blick auf Mai.
-
-Sie übte keine Wirkung auf ihn aus, lächelte aber so freundlich, wie sie
-gewohnt war, Männer anzulächeln. Einmal fiel es doch hoffentlich auf den
-richtigen Boden, wenn es auch auf keinen Fall der Professor Diermann sein
-sollte!
-
-»Gut geschlafen?« fragte er bissig die Oberlehrerin. »Ja, in unseren
-Jahren -- --«
-
-Er freute sich, daß er ihr einen Stich versetzt hatte. Sie gab ihn rasch
-zurück, indem sie ganz leise antwortete: »Haben Sie unser Fräulein
-Doktor schon gesehen?«
-
-Ihr wichtiges Gesicht machte ihn unruhig -- was hatte sie gesagt? Er hatte
-nichts verstanden, obwohl er ihr das beste Ohr hingehalten hatte. Rasch
-schaute er ringsum.
-
-Da rief ihm die Haberkorn laut entgegen: »Das -- Fräulein Doktor --!«
-
-Hastig fuhr er zurück und starrte zur Tür -- da stand aber nur
-Mehlmännchen, die in ihre Klasse wollte.
-
-»Hm,« sagte er nur. Sein Blick wurde eine Sekunde höhnisch. Nach einigem
-Irren traf er sich mit dem der Oberlehrerin.
-
-Jetzt läutete es.
-
-Die Glocke, ein rostiges Werk, hing unten im Erdgeschoß, durchgellte aber
-alle Räume wie ein Feuersignal.
-
-Sie eilten alle hinaus. Der Professor warf dabei noch einen unzufriedenen
-Blick auf Mai. Keine von seinen Töchtern war so hübsch!
-
-Ei -- da stand ja das Fräulein Doktor!
-
-Der Alte hatte es noch nie so eilig gehabt. Er riß sich in allen Knochen
-zusammen und bedachte nicht, daß er es vor einem männlichen Chef
-wahrscheinlich ebenso getan hätte, so lange ihm noch an seinem Amt gelegen
-war.
-
-Aber Christiane sah doch, wie es um ihn stand. Ein ganzes Schulmeisterleben
-zog an ihr vorüber: ein bißchen zahme Jugend, dann Schaffen, Sorgen,
-Schaffen. Gleichmaß. Schritt auf Schritt. Und auf einmal die Senkung des
-Weges, das hilflose Verfallen ins Alter hinein. Die Pensionierung.
-
-Ja, geschah es einem anderen anders? Geschah es ihr einmal anders? Ihre
-Wimpern zuckten scheu. An alles Anfangen schloß sich ein Aufhören. An
-jeden Sieg, wie er auch aussah, wie heiß er war, wie mühsam errungen,
-schloß sich die Stunde, in der die Waffen abgegeben werden mußten. Alle
-Waffen und aller Schmuck.
-
-Sie wandte sich.
-
-Da stand jemand.
-
-»Sie wünschen mich zu sprechen?«
-
-Da erkannte sie erst die kleine Wehrendorf.
-
-Ein Schreck lief ihr durchs Herz.
-
-»Du --« sagte sie.
-
-Es war noch immer das alte Pechkind, über das die jungen Damen im
-Erziehungskasten so gelacht hatten. Es mußten noch manche andere über
-das Mädchen gelacht haben, so arm stand es da, so scheu, so still. Das
-Gesicht, das nie hübsch gewesen war, war jetzt alt, sehr, sehr alt,
-verblichen und geschrumpft.
-
-Schweigsam folgte sie Christiane in das Arbeitszimmer, matt sah sie zur
-›eisernen Wehr‹ auf, hastig drehten ihre Finger den Briefumschlag, den
-sie mitgebracht hatte. Sie wagte sich kaum zu setzen.
-
-»Du möchtest hier am Reutterschloß unterrichten?«
-
-»Die Damen haben mir den Rat gegeben,« flüsterte die Wehrendorf, »ich
-sollte ... ich weiß ja nicht ...«
-
-Christiane griff nach den Papieren.
-
-»Zuletzt erzogst du meine kleine Nichte -- --?«
-
-»Ein Jahr,« antwortete die Wehrendorf. Sie vermied jede direkte
-Ansprache, denn sie wußte nicht, ob sie das Fräulein Doktor noch so
-anreden durfte, wie die sie. »Ich habe schon viele Stellungen gehabt.«
-
-»Wo warst du überall?«
-
-»Damals aus der Schweiz ging ich nach der Lüneburger Heide. Dann --« Ada
-suchte in ihrem Gedächtnis. »Dann ging ich nach dem Rhein. Nach Mainz.«
-
-»Nach Mainz,« sagte Christiane.
-
-»Da hab ich es sehr gut gehabt. Ich wär so gern geblieben, die Leute
-haben mich auch gemocht. Und die Kinder erst -- Schön war's --! Aber da
-wurde ich krank.« Ihre Blicke flirrten.
-
-»Was fehlte dir?«
-
-»Die Nerven,« murmelte Ada, »und ein bißchen an der Lunge.
-Erschöpfung. Danach wurde ich Erzieherin in einer Anstalt für
-verwahrloste Mädchen.« Sie schauderte ein wenig. »Das war schwer. Sehr
-schwer. Da ging ich --« sie ließ plötzlich die Hände sinken, »ach, ich
-weiß es nicht mehr auswendig, es war so viel. Ich hab kein Glück gehabt.
-Ich hab kein Glück gehabt.«
-
-In ihren Augen brannte eine verzehrende Angst.
-
-»Und ich habe doch immer so gern gearbeitet,« sagte sie. Christiane
-schlug die Papiere auseinander. Vor allem suchte sie das Zeugnis heraus,
-das Ludwig geschrieben hatte. Es sagte gar nichts. Er hat ihr nicht den
-Weg verlegen wollen, dachte sie und durchblätterte die anderen Bogen --
-so hatten die übrigen auch gedacht! Doch -- da auf dem einen stand:
-›Körperlich sehr wenig geeignet.‹
-
-Sie sah das schmächtige Mädchen wieder an.
-
-»Hast du niemals an einen anderen Beruf gedacht?«
-
-»Umsatteln?« fragte die Wehrendorf erschrocken, »das kann ich ja gar
-nicht! Wie denn? Was denn? Ich mag doch nichts anderes -- ich passe zu
-nichts anderem -- die Kinder immer um mich zu haben -- o, das ist schön!
-Ich mag die Kinder so gern! Es war mir so schrecklich, daß ich immer
-wieder aussetzen mußte!«
-
-Sie senkte das Gesicht.
-
-Christiane überlegte. An der Schule war noch die Stelle des Akademikers
-unbesetzt, der abgegangen war, als ihre Ernennung bekannt wurde. An Herren
-waren außer dem Professor nur der kleine Oberlehrer Doktor Korn, der
-Junggeselle Dreher und der blonde Zeichenlehrer da, von dem es hieß, daß
-er ein verunglückter Künstler sei. Alle Kräfte waren sehr überlastet.
-Man konnte die Wehrendorf vielleicht versuchsweise eintreten lassen. Aber
-Christiane wußte zugleich, daß sie damit eine Verantwortung übernahm.
-
-Sie legte die Papiere zusammen. »Ich kann dir jetzt noch keinen Bescheid
-geben. Morgen sollst du wissen, ob du Aussichten hast.«
-
-Die Wehrendorf stand auf.
-
-»Wo wohnst du?«
-
-»Im christlichen Hospiz.«
-
-Das Mädchen verneigte sich. Christiane drückte ihr die Hand. Ada ging zur
-Tür.
-
-Da sah Christiane etwas Merkwürdiges. Es war nur eine Schulterneigung,
-eine einzige, geringe Haltungsveränderung. Aber sie sagte: bis morgen
-ertrage ich es nicht mehr. Es kommt auch nichts. Es wird auch nichts.
--- -- -- Es soll zu Ende sein.
-
-Sie eilte ihr nach.
-
-Es rief in ihr: hilf ihr! Hilf einer Schiffbrüchigen, einer der ärmsten
-unter den Frauen, einer, der nach Schaffen hungert und der es nicht gegeben
-wird. Gib ihr einen sanften Platz, einen Anfang -- dann wird sie sich schon
-hineinfinden. Sie bringt alle Liebe mit. Nimm es auf dich, auch einmal
-gegen deine Pflicht zu handeln.
-
-»Da,« sagte sie zu Ada, »bring deine Papiere dem Patronat. Dem
-Präsidenten. Ich will heute noch selber mit ihm sprechen. Dann wird es.
-Hörst du? Es wird.«
-
-Die Wehrendorf sagte gar nichts. Sie sah sie nur mit erloschenen Augen an.
-
-»Und geh zu meiner Mutter. Am Stieglitzberg 2. Du wirst schon finden.
-Sage, ich schickte dich. Nimm deine Sachen mit, sie wird dir einstweilen
-ein Unterkommen geben. Ja, ja, ich meine es im Ernst. Es wird schon werden,
-fasse nur wieder Mut. Wir werden dir schon helfen. Du kannst vielleicht
-immer da wohnen bleiben, das heißt, wenn es dir späterhin gefällt --«
-
-»Es wird mir -- schon gefallen,« sprach die Wehrendorf.
-
-Sie faßte nach Christianens Hand.
-
-Es war der dumpfe Blick eines geretteten Tieres.
-
-Sie ging -- -- --
-
-Nachher winkte Christiane sich das Fräulein Jong heran, in dessen
-Abteilung die kleine Hanni Cöldt heute eingetreten war, und befragte sie
-wegen ihrer Nichte.
-
-Die Finkenaugen des Fräuleins kniffen sich ein bißchen.
-
-Sie zauderte eine Sekunde.
-
-Dann sprach sie offen: »Es scheint ein sonderbares Kind zu sein. Sehr
-hart, sehr einsam. Und sehr zurück und sehr gleichgültig im Lernen. Na,
-wir wollen abwarten.«
-
-Nachmittags ging Christiane zum Präsidenten. Der empfing sie sofort. Er
-trug einen uralten Namen, der an Landsknechtslieder und verbrannte Städte
-erinnerte, und irgend etwas war an ihm, das ihr nicht unsympathisch war.
-Überhaupt hatte sie in ihrer ganzen bisherigen Laufbahn selten einen
-Widerstand auf männlicher Seite gefunden, ihre bittersten Gegner waren
-immer nur die Frauen gewesen.
-
-»Ich hoffe, daß gnädiges Fräulein -- pardon, Fräulein Doktor, sich
-in Markburg eingewöhnen werden. Wir reiten Schnitzeljagden, haben einen
-Kunstverein und einen Regierungsball --«
-
-»Die Markburger Kunst werde ich mir ansehen,« antwortete sie, »die
-Schnitzeljagden sind für mich vorbei.«
-
-Rasch kam sie auf ihr Thema.
-
-Der Präsident erhob keinen Widerstand.
-
-Er war ein Fünfziger. Seine Frau, eine Wandlenburg, war eine Zeitlang
-Christianens Schulkameradin gewesen und vor einigen Jahren verstorben. Die
-Söhne besuchten die Ritterakademie.
-
-Seine schwarzen Augen maßen sie aufmerksam.
-
-Sie sprachen von mancherlei und kamen wieder auf die Reutterschule zurück.
-»Der gute Diermann wird schon recht alt,« sagte der Präsident.
-
-»Ich fürchte, es wird nicht mehr lange mit ihm gehen,« erwiderte
-Christiane, »sein Gehör ist nur noch sehr schwach.«
-
-»Hm,« machte der Präsident. »Wir müssen nun allerdings bedenken,
-daß wir erst kürzlich einen sehr tüchtigen Mitarbeiter an der Anstalt
-verloren haben -- deshalb bleibt uns nichts anderes übrig, als das noch
-Vorhandene so gut wie möglich festzuhalten.«
-
-Sie begann lebhaft von ihrem Plan, der Ausgestaltung der Reutterschule,
-aber er streckte die schmale weiße Hand ein wenig aus: »Zunächst wollen
-wir Sie noch gar nicht mit solchen Dingen behelligen, Fräulein Doktor,«
-sagte er liebenswürdig.
-
-Zum ersten Mal spürte sie an diesem verbindlichen Weltmann eine Spur
-Mißtrauen. Wir haben dir ja den Willen getan, aber -- aber -- -- --
-
-Sie lächelte in sich hinein. Was dachte er? Woher kam das auf einmal? War
-das die Kleinstadt? Sie lächelte wieder.
-
-Wißt ihr denn nicht, daß meine Hände eisenstark sind und eisenstark sein
-müssen? Denn was hätte ich sonst, wenn ich mein Werk losließe --?
-
-Ich will schaffen!
-
- * * * * *
-
-Sie ging nach dem Stieglitzberg. Die Straße lag am Stadtpark und hatte die
-Aussicht ins Grüne. Grade gegenüber dem Hause Nummer zwei war die große
-Fontäne, der Stolz der Stadt. Sie sprang, wenn es viel Wasser gab. Das
-Haus war einer der in Markburg üblichen stuckreichen Maurermeisterbauten
-und nicht mehr ganz neu.
-
-Im ersten Stock war das Türschild: ›Verw. Frau Hauptmann Dorreyter, geb.
-Freiin von Rhane.‹
-
-Die Mutter hatte es in den ersten Zeiten anfertigen lassen, als die Pension
-noch nicht so gut ging. Um einen Anziehungspunkt zu haben, nicht, um etwas
-Besonderes vorzustellen. Denn sie war nie etwas Besonderes gewesen, auch
-in ihrer Jugend nicht. Es hatte nicht in ihr gelegen, so schön sie auch
-gewesen war. Das große Feuer des Blutes, das wilde Begehren ans Leben,
-jedes Wagen hatte ihr gefehlt. Das sich zum Glück selber Berufenkönnen.
-Wie es Hardi fehlte. Darum waren alle goldenen Äpfel, die das Schicksal
-ihr etwa hätte reichen können, an ihr vorbei in den Staub gerollt. Darum
-war sie Frau Dorreyter geworden und hatte alle Not gekostet. Jetzt ging
-die Pension recht gut. Die Tischwäsche mit der Krone aber war längst
-verschlissen und durch solche aus dem Warenhause ersetzt. Aus der
-›weißen Woche‹.
-
-Christiane hatte manchmal gedacht: wie gut ist es, daß ich niemals ein
-Kind haben werde. Ich könnte es nicht ertragen, wenn es anders würde als
-ich. Wenn es -- zurücktauchte.
-
-Jetzt aber hatte sie an Hanni Cöldt gesehen, daß es noch viel
-wunderlichere und sonderbarere Dinge gibt als ein einfaches Zurückgleiten
-der Generationen.
-
-Die Mutter öffnete selbst. Sie hatte ein Staubtuch in der Hand. In
-einem der Zimmer, dessen Inhaberin grade nicht da war, wurde Reinmachen
-abgehalten. Frau Dorreyter hatte Christiane vor vier Tagen bei der Ankunft
-begrüßt und ihr dann ein wenig beim Einzug ins Reutterschloß geholfen,
-hierauf war sie gleich wieder in ihre Pension zurückgeeilt, denn die gab
-zu tun.
-
-»Warst du bei Hardi?« fragte sie gleich eifrig. »Wie fandst du sie?«
-
-»Nervös, wie immer.«
-
-»Sie ist sehr krank. Hättest du sie nur gesehen, wie ich sie gesehen
-habe! Die ganze Heirat war eine Torheit. Wäre sie nur bei mir! Nur die
-allergrößte Schonung kann ihr Leben erhalten --!«
-
-Christiane zuckte die Achseln.
-
-Frau Dorreyter öffnete die Tür zu ihrem Wohnzimmer, das zugleich
-allgemeines Eßzimmer war. Sie schlief auch darin. Abends wurde das Sofa
-für sie zurechtgemacht, und sie lag darauf besser, als in irgend einem
-Bett. Sie war es gewohnt. Früh, ganz zeitig, stand sie auf.
-
-Jetzt war alles tadellos aufgeräumt. Auf dem Büfett lagen die
-aneinandergereihten Serviettenröllchen der Damen neben einem blanken
-Nickelkaffeegeschirr.
-
-Auf dem Tisch stand noch eine Kanne mit dem Wärmer.
-
-»Das ist für die Friedlein und die Kanarienvögel. Die sind ausgegangen.
-Ich glaube --« ihr Gesicht wurde besorgt, »die Friedlein hat wieder
-eine ... Aussicht.«
-
-Christiane lächelte. »Gönn's ihr doch!«
-
-»Aber sie hat es doch so gut! Das schöne Gehalt -- keine Sorgen -- wenn
-ich es nur so gehabt hätte!«
-
-»Dann will sie es eben -- schlechter haben,« sagte Christiane.
-
-»Du lachst! Ich habe es der Mai neulich ernstlich vorgestellt. Etwas
-Besseres als ihre Freiheit hat sie doch nicht. Sie hat es sich angehört
-und ist dann gegangen und hat sich einen neuen Hut gekauft!«
-
-Christiane zog die Mutter auf das Sofa. »Hör zu: Du bekommst heute einen
-Gast! Schreib ihn auf meine Rechnung, denn nehmen mußt du ihn!«
-
-»Um Gottes willen -- wen denn?«
-
-»Die Wehrendorf.«
-
-»Ach herrje, ich kann sie doch nicht in die Speisekammer stecken. Es ist
-wirklich kein Raum mehr frei.«
-
-»Es geht doch,« beharrte Christiane, »sie braucht jemand wie dich --«
-
-Frau Dorreyters herbes Gesicht erhellte sich. In der Arbeit in der Pension
-hatte sie endlich die Befriedigung ihres Lebens gefunden. Soweit Hardi ihr
-Interesse nicht in Anspruch nahm, gehörte es den Berufsdamen.
-
-»Wie lange ist sie doch von Cöldts fort?« fragte Christiane.
-
-»Vor den Ferien war es. Also seit fünf Wochen.«
-
-»Und seitdem hat sie im Hospiz gelebt. Vermutlich hat sie kaum noch
-Geld.«
-
-»So sah sie aus. Ich hab sie manchmal drüben im Stadtpark gesehen und
-dachte immerzu: die geht noch in den Teich. Darum hab ich Hardi gebeten,
-daß sie noch irgendwie für sie sorgt.«
-
-»Die Vereinsdamen sprachen mir von ihr.«
-
-»Ja, ja. Unter den Mitgliedern mag vielleicht noch die eine oder andere
-sein, die ihre Eltern gekannt hat. -- Weißt du, ich will sie bei der Jong
-einquartieren und aufs Sofa betten. Die erlaubt das gern. Wir wollen mal zu
-ihr gehen, was meinst du?«
-
-»Wer wohnt denn alles bei dir?« fragte Christiane.
-
-»Außer dem Fräulein Seifert alle Damen vom Reutterschloß. Ich komme mit
-ihnen aus.«
-
-Auf dem Flur, auf dem die Mangel und ein paar Fahrräder standen,
-flüsterte die Mutter plötzlich: »Du, wir klopfen besser erst bei der
-Haberkorn. Denn wenn du zur Jong gehst und nicht erst zu ihr, so nimmt sie
-das übel.«
-
-»Wie furchtbar.« Christiane lachte.
-
-Aber in dem Augenblick geschah es doch anders.
-
-Fräulein Mehlmann öffnete ihre Tür, noch den roten Schein eines
-ausgedehnten Nachmittagsschläfchens auf den Wangen und erstrahlte in
-Seligkeit und Respekt, als sie Christiane gewahrte.
-
-»Ach, Fräulein Doktor, ne -- ne« -- sie unterbrach sich hastig -- »ich
-wollte nur sagen, das freut mich aber -- jetzt müssen Sie doch bei mir
-eintreten, nur auf ein Augenblickchen, ein einziges Augenblickchen --!«
-
-Sie kam hinter den beiden in das große Zimmer zurück und zuckte
-erschrocken: »Wirst du wohl! Verzeihen Sie nur -- da ist wieder das dumme
-Tier, der Kater, hereingekommen --«
-
-Auf dem gepolsterten grünbezogenen Ohrenstuhl richtete sich ein riesiges
-schwarzes Katzentier auf und sprang mit einem Satz auf den Blumenteppich.
-
-»Marsch -- marsch -- fort --.« Fräulein Mehlmann jagte ihn aufgeregt aus
-der Tür.
-
-»Sie haben hier Ihre eigenen Sachen?« fragte Christiane, die sich
-umgesehen hatte.
-
-»Ja, ja, die von zu Hause. Ich habe nur die leeren Stuben gemietet. Ich
-könnte ja auch allein wohnen, aber dann ist mir zu bange. Hier hat man
-doch immer eine Ansprache, wenn man sie haben will ...« Sie blickte
-Christiane glücklich an.
-
-»Vor zwanzig Jahren sind Sie noch meine Schülerin gewesen ... wissen Sie
-noch ...?«
-
-»Ich weiß es noch,« lächelte Christiane.
-
-»Ne, daß es nu so gekommen ist ...! Aber gestickt haben Sie immer fein.
-Immer die besten Kanten!«
-
-»Ich kann's nicht mehr,« sagte Christiane.
-
-Das Fräulein riß die Augen auf. »Gar nicht? Ach, Sie scherzen, Fräulein
-Doktor ...«
-
-»Durchaus nicht, Fräulein Mehlmann.«
-
-Die Handarbeitslehrerin wußte nicht, was sie sagen sollte. Sie
-schnüffelte ängstlich. »Ach, ich weiß nicht ... riecht es hier nicht
-ein bißchen nach Katzen? Es ist ein Schabernack mit dem Tier. Es kommt
-immer über den Balkon zu mir.«
-
-»Wem gehört es denn?«
-
-»Dem Fräulein Jong,« sagte die Mutter. »Aber eigentlich wird er von
-allen Damen gleich verwöhnt. Nur Mai gibt ihm manchmal einen Schub.«
-
-Fräulein Mehlmann stand verlegen auf. »Ach, ich weiß schon, was das
-schwarze Vieh bei mir so anzieht ...«
-
-Wichtig öffnete sie einen gelben Kirschbaumschrank, in dem man Kleider
-vermutete.
-
-Darinnen lagen aber auf sauber gezacktem Papier Schinken und
-Würste, Kuchen und Plätzchen, Tütchen und Schachteln, Obst- und
-Marmeladebüchsen.
-
-Fräulein Mehlmann griff hastig etwas heraus, roch daran, zog die Nase
-kraus und murmelte: »Das muß bald gegessen werden ...«
-
-Dann wandte sie sich an Christiane:
-
-»Sie sehen, das ist meine Speisekammer. Ich muß das haben und hab' mir
-deshalb auch den großen Ofen setzen lassen. Wenn ich aus der Schule komme,
-probiere ich mal das, mal dies -- ich will ja der ausgezeichneten Küche
-der Frau Hauptmann durchaus nicht zunahe treten, aber am besten schmeckt
-halt, was man sich selber gekocht hat ... Ich kann nicht anders: Ich
-muß wenigstens dann und wann wirtschaften! Möchten Sie nicht meine
-selbstgebackenen Knusperchen probieren, Fräulein Doktor --?«
-
-»Und hier« -- mit einem Ruck griff sie ganz tief in den Schrank -- »hier
-ist noch etwas Besseres ... ein Likörchen! Selbstgemacht, ja, natürlich!
-Noch nach dem Rezept von zu Hause! Ein Schlückchen ... ja ...? Was, Sie
-danken, Fräulein Doktor? Gar nichts wollen Sie annehmen? Ein Schlückchen
-doch wenigstens ... die anderen Damen nehmen es so gern -- Wenn Sie nur
-hören könnten, wie die es immer loben ... Na, denn ein andermal ...
-andermal, gewiß, nicht wahr -- --?«
-
-Christiane beruhigte sie und stand auf.
-
-Wie war das hier so warm und familienhaft!
-
-»Wirklich kein Likörchen?« bettelte das Fräulein noch einmal.
-
-Sie mußte zusehen, daß die Damen ohne Stärkung gingen.
-
-Draußen flüsterte die Mutter: »Nun schnell zur Haberkorn -- die hat doch
-schon sicher was gemerkt.«
-
-Als die Tür aufging, fiel Christianens Blick sofort wieder auf den Kater.
-Er stand mit fröhlich gehobenem Schwanz inmitten eines blanken, kahlen
-Fußbodens und leckte sich die Lippen.
-
-Die Oberlehrerin schien doch etwas zusammenzufahren.
-
-»Ach,« sagte sie ärgerlich, »verzeihen Sie nur, das Tier hat sich
-hierher verirrt -- ich pflege es sonst nicht. Mir bleibt keine Zeit dazu.«
-Sie deutete auf ihren Schreibtisch. »Gegenwärtig bin ich mit einer
-Geschichte der Sophie-Reutterschule beschäftigt ... fürs Jubiläum im
-nächsten Jahr.« Sie ging an die Tür und jagte den Kater hinaus.
-
-»Marsch, marsch -- --«
-
-Das Tier quietschte leise auf.
-
-»Ja, also das fünfzigjährige Jubiläum,« sprach sie zurückkehrend,
-während sie Christiane ins Gesicht sah und jeden Zug in ihm und jede Falte
-ihres Kleides studierte, »wir werden doch eine große Feier veranstalten
-müssen. Mit Herrn Professor Diermann habe ich neulich schon über das
-Programm gesprochen. -- Ich meine -- -- vor den Ferien,« setzte sie rasch
-hinzu.
-
-Christiane sagte nicht viel.
-
-Sie las in den Augen das wehrhafte Unterlegensein, die echte
-Frauenfeindschaft.
-
-Der Raum war der beste der ganzen Etage, denn die Fenster gingen nach
-dem Springbrunnen hinaus, und der grüne Rasen schien herein. Christiane
-erkannte die wertvollsten Sachen ihrer Mutter, die noch Rhaneschen
-Stempel trugen, aber sie waren nüchtern gestellt und hatten durch viele
-Nippsachen, Bilder und scharfgelbe Gardinen einen kleinbürgerlichen
-Anstrich erhalten.
-
-Keine Phantasie, dachte Christiane, kulturlos, ganz kulturlos.
-
-Gleich nebenan war das Zimmer des Fräulein Dorette Jong, das letzte
-auf dieser Seite der Etage. Ein bescheidener Raum mit geringeren,
-verbrauchteren Möbeln, aber mit einer Unmenge von Blumen und Büchern.
-Nicht nur das Handwerkszeug, sondern eigene Bücher, gelesen, gekannt,
-zärtlich gestellt, Reihe an Reihe. Rechts ein Bord, links ein Bord
-und über dem Sofa noch ein vollgepacktes Brettchen, an ganz dünnen
-Drahtfäden hängend. Es sah ängstlich aus.
-
-Die Lehrerin hatte den Kater im Arm.
-
-»Er ist bange,« sagte sie nach unbefangener Begrüßung, »was hat er
-denn erlebt? Wie seine Augen ausschauen, wie seltsam der unbekümmerte
-Raubtierausdruck mit einem Schrecken, ich möchte fast sagen, mit einer
-seelischen Enttäuschung kämpft --«
-
-Frau Dorreyter lachte. »Verwöhnen Sie das Tier nur nicht gar zu sehr! Was
-haben Sie davon!«
-
-»Es ist uns gleich,« sprach Fräulein Jong ruhig.
-
-Sie hob es ein wenig hoch. Es war fast wie eine zärtliche kundige
-Mutterbewegung, aber es glänzte auch etwas Selbstironie in den
-Finkenaugen.
-
-»Ich bin halt nicht so modern,« sagte sie.
-
-»Vielleicht sind wir das alle nicht,« sprach Christiane.
-
-»Aber es gibt solche, die schon als alte Jungfern auf die Welt kommen,«
-erwiderte die Jong. »Ich gehör dazu. Als kleines Mädel hab ich mich
-immer nur gewundert, daß ich jung bin. Als ich dann unversehens ins
-dreißigste Jahr rückte, dacht ich: nun hast du's ja. Nun kannst du dir
-ruhig deine Katze anschaffen und die Blumen ...« Sie deutete zum Fenster.
-»Frau Hauptmann schilt wohl immer über den vielen Kram beim Reinemachen,
-aber ich bringe sie doch nicht weg.«
-
-Christiane sagte ruhig: »Es ist doch nicht Ihr Einziges.«
-
-Die Jong guckte jäh.
-
-»Ach, die Bücher,« sprach sie langsam, »ja, deswegen bin ich mein
-ganzes Leben gefoppt worden. Aber sie sind doch nun mal meine Leidenschaft,
-und ich muß immer welche haben, und morgens in der Schule denk ich schon
-immer daran, was für ein Glück mich zu Hause wieder erwartet.« Sie sah
-vor sich hin.
-
-»Wenn die anderen Sie nicht mit ihren vielen Wünschen stören,« sagte
-Frau Dorreyter, »die Mai oder Ihre anderen Schützlinge.«
-
-»Das gehört dazu,« erwiderte die Jong.
-
-Frau Dorreyter hielt es jetzt für an der Zeit, mit ihrer Bitte
-herauszurücken, und das Fräulein war gleich dabei.
-
-»Gewiß behalt ich sie. Das stört mich gar nicht. Hier auf dem Sofa kann
-sie schlafen. Nur die Bücher muß ich vom Bord nehmen, sonst fallen sie
-ihr schließlich noch auf den Kopf.« Sie lachte.
-
-Da klingelte es an der Korridortür.
-
-»Das wird sie sein,« sprach Frau Dorreyter.
-
-Klein und ängstlich trat die Wehrendorf ein. Die Kartons, die ihre Habe
-enthielten, hatte sie draußen auf dem Flur gelassen.
-
-Sie war sehr verlegen.
-
-»Immer Courage,« sagte die Jong, »vor mir brauchen Sie sich nicht zu
-genieren, wir sind ja Kolleginnen, da hilft doch mal eine der anderen.
-Und später rücken Sie hier ganz in unseren hohen Kreis ein -- in den der
-Damen vom Reutterschloß!«
-
-»Wenn es nur würde,« sprach die Wehrendorf.
-
-»Es wird schon. Nur immer Mut. Es stört Sie doch nicht, daß Sie noch
-keine eigene Stube haben?«
-
-Ada hob nur die Schultern. Leise sagte sie: »Ich hätte dort im Hospiz
-morgen ... nicht mehr wohnen können.«
-
-»Sie armes Tier. Na, das ist keine Beleidigung, mir sind die Tiere so gut
-wie die Menschen. Kommen Sie, wir wollen auspacken!«
-
-Frau Dorreyter eilte hinaus, um Kaffee zu holen, und Christiane folgte ihr.
-
-Auf dem Gang begegneten ihr Mai Friedlein und die Kanarienvögel, die eben
-heimkamen. Die prangende Schönheit Mais bestürzte sie wieder wie beim
-ersten Anblick -- die gehörte nicht vor Schulbänke, sondern in seidene
-Kleider und in heiße Hände, zu Liebe und Verlangen! Das war die Eva aller
-Zeiten.
-
-Während des Gesprächs wurde ihr Urteil kühler -- viel Temperament und
-Intelligenz schien nicht vorhanden. Flüchtig sah sie in Mais Zimmer, einen
-überputzten, hellen Mädchenraum mit dem Geruch von Parfüm und gebrannten
-Haaren.
-
-Die Kanarienvögel hausten dagegen in einem engen Hofkämmerchen, dessen
-einziger Schmuck ein großes Plakat über den Betten war: ›Mensch,
-ärgere dich nicht!‹ Auf dem Tisch stand eine Schachtel Schokolade.
-
-Als Christiane nachher heimging, hatte sie neben dem Eindruck ihres seltsam
-verwandelten und belebten Jugendheims das Gefühl, ihre Mitarbeiterinnen an
-dem Nachmittag ganz gut kennen gelernt zu haben.
-
- * * * * *
-
-Es war nach einem Abendessen beim Regierungsrat von Cöldt.
-
-Der Kreis war nur klein, denn große Gesellschaften gaben Cöldts nicht,
-nur das Allernotwendigste, denn die Hausfrau war zu leidend.
-
-Übrigens sah sie an dem Abend sehr gut aus, oder sah sie abends
-immer besser aus? Es war viel Reiz an ihr, etwas gradezu sentimental
-Schmachtendes. Und doch wußte man in der Stadt, daß sie
-nicht schmachtete, oben und unten wußte man's; oben durch ihre
-Frauenvereinsdamen, unten durch die Dienstboten. Schon manches hübsche
-Mädel, das im Hause gewesen war, hatte dem schlanken Hausherrn mitleidig
-und verlangend nachgeguckt.
-
-Er hatte jetzt eine merkwürdig stille, verschlossene Art, und grade
-die widerstrebte Christiane plötzlich an ihm. Absichtlich, um ihn
-aufzuscheuchen, um zu forschen, brachte sie die Rede auf die Ostmark.
-
-Sie saßen im Salon. Herren und Damen waren nach Tische nicht getrennt
-worden, aber es hatte sich in dem großen Raume von selbst eine gewisse
-Schiebung vollzogen: links mehr das männliche, rechts fast nur das
-weibliche Element. Christiane saß bei den Herren.
-
-Der Präsident war auch anwesend.
-
-Sonst fiel ihr nur der Assessor Wratislaw von Wratislawski auf, trotz
-seines Namens ein Deutscher, von großer Rassenhäßlichkeit. Er
-hatte einen Doggenkopf, der durch die Korpsstudentenspuren und das
-Lebemannsdasein fast gefährlich ausdrucksvoll geworden war. Seine
-Sprechweise störte; er redete so zart meckernd, daß man unwillkürlich
-glaubte, er hätte noch eine andere in der Tasche, wie etwa ein
-zweites Paar Handschuhe. Seine Blicke waren heimlich über Christiane
-hingeschossen, aber sie war nicht nach seinem Geschmack. Er sollte
-allerhand Verhältnisse in Bürgerkreisen haben.
-
-Der Assessor, der auch im Posenschen bekannt war, horchte bei Christianens
-Worten auf und meinte, die Sache ginge jetzt ja gut voran. Er sei vor
-einiger Zeit mal wieder durch Posen gekommen und hätte nur immer
-gestaunt, wie sich alles verwandelt habe. Überall neue Häuser und
-Großstadtstraßen! Alles ganz preußisch!
-
-Ludwig sah auf.
-
-»Ein paar gute Bauten mögen hinzugekommen sein, aber in der Hauptsache
-sind es doch Mietskasernen. Wälle und Bäume sind fort, dafür steht ein
-kleiner Ring Deutschtum mitten im Polnischen.«
-
-Sie schaute ihn an.
-
-»Es ist also noch nichts gewonnen?«
-
-»Nichts,« sagte er.
-
-Sie sann und sah wieder die Wälle und Bäume, die wilden Kirchhöfe. Sie
-sah das Sonnengold hinter dem Dom stehen und sah die unendliche Ebene.
-
-Die Bäume und Wälle hatte man entfernt. Aber die polnische Ebene war
-geblieben.
-
-Sie blickte Ludwig wieder an und wartete auf eine Äußerung, die ihr
-verriet, daß er mit der Sache noch immer nicht ganz fertig war, sondern
-daß seine Gedanken noch immer darum spielten, daß seine Hände heimlich
-nach dem alten Werk griffen.
-
-Aber er sagte nichts mehr.
-
-Sein Blick glitt zerstreut durch den Raum, um sich sofort voll
-verbindlicher Aufmerksamkeit auf den Präsidenten zu richten.
-
-Auch die übrigen sprachen längst von etwas Anderem.
-
-Christiane merkte, daß sie nicht mehr in diesen Kreis paßte.
-
-Sie sprach nur flüchtig mit, aber ihre Blicke glitten umher, und alles in
-ihr spannte sich in hellsichtiger Menschenbeobachtung.
-
-Sie erkannte wieder, wie gering die Schicht Bildung auch bei den Menschen
-ist, die sich doch zu den Oberen zählen. Mit welch eng begrenztem
-geistigem Weidegebiet sich die meisten begnügen, wie unendlich bescheiden
-in dieser Richtung die sonst so Unbescheidenen sind.
-
-Sie empfand wieder, daß geistige Kultur in der Gegenwart etwas ganz
-Seltenes ist, die nur eine mäßige Zahl besitzt, während Tausende in
-dumpfem Jammer vergeblich danach tasten und die große Mehrheit ganz gut
-ohne sie fertig wird.
-
-Ironisch horchte sie auf Flugergebnisse, die eben berichtet wurden, und
-dachte: ja, das ist etwas, das auch vom engsten Weideplatz aus begriffen
-wird. Aber daß es noch anderes gibt, immer gegeben hat, daß unendliche
-Massen geistigen Schaffens längst vorhanden sind, das wissen und brauchen
-die Vielen weder für ihr Leben noch für ihren Tod.
-
-Daß grade Ludwig trotz seiner Erziehung in seinem Denken nicht einseitig
-war, sondern alle Dinge und Gedanken des Lebens suchend und blitzend
-umfaßte, daß man bei ihm nie an die sperrende Hürde kam, hatte sie
-früher, wenn auch anfangs mehr unbewußt, am meisten gepackt. Er war ein
-Aristokrat der Kultur.
-
-Jetzt konnte er nicht anders geworden sein und war es auch nicht. Aber
-nach außen war es verkapselt, auch ihr gegenüber, so daß sie wieder und
-wieder ins Irren kam -- -- Nach dem Schaffen hin war er verkapselt, stummer
-regloser, gleichgültiger, und nach der Kleinstadt hin hatte er sich
-geöffnet -- --
-
-Er war glatt geworden, sehr glatt.
-
-Die Unterhaltung mit dem Chef plätscherte -- Jagd oder wovon redeten sie
-sonst? Sie mußten ausgezeichnet harmonieren. Christiane erschien der Herr
-mit dem uralten Namen plötzlich als ein rechter Spießer.
-
-Der Assessor von Wratislawski stand leise auf und pirschte sich sacht nach
-der weiblichen Seite hinüber, wo die Unterhaltung kürzeren Wellenschlag
-hatte. Die Frau Geheimrat Meckebier hörte man aus allem heraus.
-
-Christianens Gedanken strömten unwillkürlich zu ihrer Arbeit hin, was ihr
-sonst in geistvollem Kreise selten geschah. Im Gegenteil konnte sie sie oft
-kräftig vergessen.
-
-»Ach, Fräulein Doktor, wie macht sich meine Jüngste?« Frau Colb
-rauschte zu ihr heran, der Titel wollte nicht so recht über ihre Zunge;
-sie quetschte ihn. »Es freut uns sehr, daß Sie hier sind, wir rechnen
-ganz besonders auf gute Mitarbeiterschaft.« Sie setzte sich neben sie.
-»Das war Ihnen doch wohl eine kleine Überraschung, daß in der Heimat
-inzwischen auch moderne Frauen entstanden waren --? Ich nehme an, daß Sie
-von unserem Verein gehört haben. Meine Nichte, die jetzt zu Besuch ist,
-war von unseren Arbeiten ganz entzückt.«
-
-»Kann ich erfahren, was Sie schon erreicht haben, gnädige Frau?«
-
-»Nun -- das warme Frühstück für die Schulkinder, dann eine Flickstube.
-Und jetzt sind wir dabei, dafür zu sorgen, daß alle bedürftigen
-Wöchnerinnen wenigstens acht Tage lang eine warme Suppe bekommen. Wir
-lassen auch Vorträge halten, und ich bin eben dabei, unsern Herrn
-von Wratislawski zu gewinnen -- er soll uns über die Reichsverfassung
-belehren.«
-
-Christiane hob den Kopf. »Sie nennen sich moderne Frauen?«
-
-»Allerdings. Unser Verein bekennt sich zu fortschrittlichen Grundsätzen.
-Wir wollen die Leistungsfähigkeit der Frau auf allen Gebieten heben. Mit
-dem alten Kram räumen wir auf. Alle unsere Mitglieder sind tapfer dabei.
-Unsere gute Frau von Cöldt opfert sich förmlich, trotz ihrer schwachen
-Gesundheit.«
-
-Christiane sah nach der Schwester, die in eifriger Unterhaltung mit der
-Kommerzienrätin saß, wobei ihre Lider wie immer in süß unbewußtem
-Schmachten niedergeschlagen waren.
-
-So, tat sie das?
-
-»Ich könnte Ihrem Verein ein sehr dankbares Werk weisen, gnädige Frau,«
-sagte Christiane langsam, »haben Sie wohl einmal der Frauen in der Stadt
-gedacht, die da -- arbeiten? Die also praktische oder -- ich will lieber
-sagen -- unbewußte Frauenrechtlerinnen sind --?«
-
-»Wie meinen Sie, Fräulein ... Doktor?«
-
-»Nicht die Unterschicht, sondern die gebildeten Mädchen, die hier ihr
-Brot verdienen.«
-
-»Ja, aber ... ich verstehe noch nicht ...«
-
-»Ich meine, daß sich zwischen Ihnen, den fortschrittlich gesinnten
-Frauen, und diesen jungen Mädchen, die der Fortschritt gepackt hat,
-vielleicht eine Brücke schlagen ließe. Es wird so manche hier sein, der
-das einsame Geldverdienen noch schwer fällt, so manche aus gutem Haus,
-die in der fremden Luft und in den fremden Gefahren zittert und einen guten
-Anhalt ersehnt. Ich glaube, da sind viele, die zwar in ihrer Arbeit froh
-sind, aber sich in den Freistunden vor Einsamkeit verzehren, weil sie von
-ihrer Familie versprengt und im Herzen wählerisch sind, denen könnten die
-modernen Markburger Damen ein wenig helfen --«
-
-Frau Colbs befremdeter Blick schoß nach links und nach rechts zu ihren
-Freundinnen. Eine kleine Stille trat ein. Sogar der Assessor hörte zu.
-Hardi sah Christiane merkwürdig spöttisch an.
-
-»Ich sehe da ein schönes Arbeitsgebiet für Ihren Verein,« sprach
-Christiane, »allerdings keine -- Wohltätigkeit.«
-
-»Aber diese jungen Mädchen gehören doch nicht zu uns,« sagte Frau Colb.
-
-»Sie _arbeiten_,« antwortete Christiane, indem sie die Dame fest
-anblickte.
-
-»Ja eben deshalb ... solche Elemente ...« Frau Colb biß sich auf die
-Lippen, denn ihr fiel ein, daß die Sprecherin ja auch dazu gehörte,
-wenngleich sie die Schwägerin des Herrn von Cöldt war.
-
-Ratlos sah sie sich um.
-
-»Unter meinen Lehrerinnen sind einige, die, wie ich genau weiß, sehr
-einsam sind,« fuhr Christiane ruhig fort, »denn der Verkehr untereinander
-ist auf die Dauer doch recht einseitig.«
-
-»Es steht ja nichts im Wege, daß die Damen sich an unserem Wirken
-beteiligen.«
-
-»Verzeihen Sie, gnädige Frau -- ich glaube nicht, daß es sie nach ihrem
-strengen Schaffen noch nach -- Wöchnerinnenpflege zieht,« entgegnete
-Christiane ironisch, »aber eine Heimat brauchten sie, Anschluß, etwas
-Geselligkeit und Freude -- Erholung --! Grade da müßten sich Ihre
-Interessen über alle herkömmliche Wohltätigkeit hinweg berühren,«
-fuhr sie fort, »die Mütterlichkeit der modernen lebenserfahrenen Frau
-gegenüber den einsamen Schwestern, von denen ein volles Werk verlangt
-wird.«
-
-Frau Justizrat räusperte sich und schickte ein unsicheres Lächeln voll
-Hochmut ringsum.
-
-»Man merkt, daß Sie hier doch recht ... fremd geworden sind, Fräulein
-Doktor,« sprach sie, und diesmal kam der Titel scharf heraus, fast
-zugespitzt und verächtlich hingetan, »wir Damen der Gesellschaft haben
-da so vielerlei Rücksichten zu nehmen, dergleichen geht nicht so leicht,
-nicht wahr, meine liebe Frau von Cöldt? Auch würde uns die Zeit dazu
-wirklich fehlen ...«
-
-Sie wandte sich rasch dem Assessor zu und begann ihn von neuem wegen der
-Reichsverfassung zu bearbeiten.
-
- * * * * *
-
-Als Christiane an dem Abend in Mantel und Tuch ziemlich als die Letzte aus
-dem Cöldtschen Hause trat, kam ihr Ludwig nach.
-
-»Verzeih,« sagte er, »der Präsident hielt mich eben noch fest --«
-
-»Du willst mich begleiten?« Ihre Augen kniffen sich lustig, »Ludwig,
-glaubst du nicht, daß ich unter ähnlichen Umständen schon oft allein
-gegangen bin?«
-
-Er sagte nichts.
-
-»Genau so, wie die jungen Mädchen, die die Markburger modernen Frauen
-verachten.« Sie lachte.
-
-Er entgegnete noch immer nichts. Sein Blick fuhr am Hause empor. Eben
-erhellte sich Hardis Schlafzimmer.
-
-Sie gingen an den dunklen Gärten der Villenstraße entlang. Man roch den
-Rasen, die Sträucher, die Erde und, ach, von drüben her den Wald. Man
-sah ihn nicht. Aber man fühlte die Stämme mit ihren ungeheuren Massen von
-luftgierigen Blättern oder Nadeln, die Eichen, die Tannen, die Buchen und
-versprengten Linden und fühlte ihren tiefen Herbst.
-
-Christiane dachte jetzt nicht an die törichte Süßigkeit des Vergangenen.
-Ihr Sinn wühlte sich in die andere Seite ihres Lebens zurück, in das
-Schaffen, Grübeln und einsame Leisten, in Gedanken an die vielen, die
-ebenso wirkend ihren Weg gekreuzt hatten, an so manches Mädchen, so manche
-Frau aus der Höhe, gleichfalls getrieben vom Muß oder vom Entschluß. Sie
-sah die Zeiten voll eiserner Aufsichgestelltheit, voll Konzentration, voll
-hoch emporflackernder Zweifel, voll geistiger Belebtheit, die durchlesenen
-oder durchlernten Nächte, ganz nahe am starken Wissen der Menschheit, die
-Stunden in der Schule, in denen immer und immer Energie da sein mußte, in
-denen stets die Kritik neben dem Schaffen stand und kein Nachlassen sehen
-durfte, und verglich damit die Existenzen dieser kleinstädtisch gehegten
-und gepflegten, in ihren Sippenerlebnissen aufgehenden Frauen, an die
-ganz von fern ein neuer Wind gestrichen war und die die fremde Sache
-in gänzlichem Unverständnis zu einer Art Kränzchensport und sanftem
-Zeitvertreib machten -- ach, da gab es keinen Vergleich -- --!
-
-Sie ging rasch und federnd. Alles in ihr war Frische und Bejahen des
-Lebens, so wie es für sie war!
-
-Er schritt müde, gebeugt.
-
-An nichts rühren, dachte sie. Leise, leise gehen -- wir wandern aneinander
-vorbei.
-
-Ich will es auch. Ich brauche ihn nicht mehr. Etwas in mir klingt nicht
-mehr. Es mußte alles so sein. Aber -- ich brauche ihn nicht mehr.
-
-Jetzt waren sie am Gartengitter des Reutterschlosses und schauten beide
-an dem Hause empor, dessen feste, schöne Linien sich abzeichneten, vom
-Waldduft umweht.
-
-»Wie wundervoll, daß ich hier wenigstens _das_ habe,« sagte sie lebhaft,
-»eine Welt abseits aller Spießer! Ludwig, wie stolz bin ich auf mein
-Heim, auf alles selber Erworbene -- immer wieder schaue und staune ich --
-es ist so schön!«
-
-»Ja, das ist dein Reich,« sagte er langsam.
-
-Er küßte ihr die Hand und ging.
-
-Die Hausmannsfrau leuchtete Christiane in ihre Wohnung hinauf. Das Licht
-fiel grade auf die ›eiserne Wehr‹.
-
-Ein leiser Schauer überrann sie. Aber sie lächelte noch immer. --
-
-Cöldt ging durch die Allee wieder zurück. Er atmete den Wald.
-
-Weiter oben am Bahnübergang sah er noch einmal nach dem Reutterschloß
-zurück.
-
-Auch von dort glühten ihm zwei helle Fenster entgegen, wie vorhin von
-Hardis Zimmer.
-
-Ein schweres Begehren schwoll in ihm auf, das Mannesbegehren überhaupt und
-das Begehren nach Christiane.
-
-In den Wochen nach ihrer damaligen Abreise, als nur die spröde,
-jüngferlich feindliche Frau um ihn war, hatte er sich entschlossen sich
-freizumachen, trotz allem, was daran hing. Von Tag zu Tag wurde sein Wille
-fester. Und dann wollte er mit Hardi davon sprechen.
-
-Es war Abend, rot stand es über den Wällen, im Zimmer brannte noch kein
-Licht. Da fing er an zu reden. Er ging dabei auf und ab -- sie richtete
-sich empor und sah nach ihm. Sie kam zu ihm. Er merkte, daß sie ihn gar
-nicht verstand. Sie schluchzte. Sie legte die Arme um ihn. So hatte sie es
-nie getan. So -- nicht.
-
-Sie war seine Frau.
-
-Und dann kamen wieder die Stunden, in denen sie mit ihrem furchtbaren
-Leiden kämpfte. Und die Wochen, in denen es nicht besser werden wollte
-und Arzt auf Arzt ins Haus kam und die Krankenluft durch alle Zimmer drang.
-Aber er war getrost: er hatte ja das Kind.
-
-In der Zeit war Christiane für ihn verschwunden.
-
-Geduldig ließ er Hardi von Bad zu Bad reisen, begleitete sie zu
-verschiedenen Kuren, geduldig nahm er es hin, daß sie immer und immer
-schonungsbedürftig blieb -- es war ja noch Licht da, eine rührende
-Kostbarkeit, ihr Liebesopfer.
-
-Bis ihm allmählich der Charakter des Kindes klar wurde, bis die Züge sich
-unerbittlich zusammenfügten, bis das Erkennen überhaupt über ihn kam und
-er alles -- begriff. Das Kind gehörte ihm im Herzen nicht, so wenig wie
-die Mutter im Herzen aufrichtig sein gewesen war; es verriet in seiner Art
-allen inneren Widerstand, alle Starrheit, alles feindliche Muß; es liebte
-keinen.
-
-Und nun ging das Leben weiter. Wie ein Gewicht hing sich Hardi an ihn, nahm
-ihm sein liebstes Werk, und die Leute fanden es ehemännisch korrekt, daß
-er es gab. Er kehrte in die Stadt zurück, in der keine besondere Leistung
-ihn erwartete, aber die kranke Frau hatte hier einen harmlosen Zeitvertreib
-in ihrem Verein, ein flaches Sichbeschäftigen mit dem Kind und den
-Haushaltsdingen und fühlte sich im Grunde ganz behaglich.
-
-Sie verlangte nichts weiter, als Rücksicht, Rücksicht.
-
-Und er?
-
-Er war in der ganzen Zeit nie vom Wege abgewichen.
-
-Jetzt kam er an sein Haus zurück und sah, daß Hardis Zimmer schon dunkel
-war.
-
-Im Eßzimmer räumten noch die Mädchen und das Fräulein. Sonst war alles
-still.
-
-Er ging in sein Zimmer und machte Licht. Er wollte noch ein Buch holen und
-griff einen bekannten Band.
-
-Der Abend -- allein -- dachte er bitter.
-
- * * * * *
-
-Gesenkten Kopfes und sehr hurtig ging die kleine Wehrendorf nach dem
-Reutterschloß. Ein wenig stolz war sie schon, aber das Bangen ließ sie
-nicht los.
-
-Ihre Gesundheit war so sehr schwach. Der Husten blieb und blieb und störte
-nachts die Jong, obwohl die es nicht wahr haben wollte.
-
-Das kam von den vielen heimatlosen Jahren. Nach den verschiedenen
-Stellungen gab es immer nur ein angstvolles Intermezzo in irgend einem Heim
-oder Hospiz, ein unruhiges Zählen des Geldes -- wie lange reichte es noch?
-Ihre Aussichten wurden immer ungünstiger. Sie wußte, wenn sie diesmal
-nicht festwurzelte, anderswo kam sie nicht mehr an, dann war sie zu alt.
-Und neuen Kampf, neues Sicheinrichten hielt ihr Körper auch nicht mehr
-aus.
-
-Christiane hatte ihr eine junge und kleine Klasse gegeben. Nein, da war es
-nicht schwer. Diese achtjährigen Dinger waren so sanft und niedlich, das
-Herz wurde ihr immer wärmer bei ihnen -- irgend etwas stieg aus ihrer
-Seele herauf, das klammerte sich gierig an sie. Abends konnte sie
-schweigsam sitzen und an die eine oder die andere denken, jedes Lächeln,
-jedes reine Wort, jeden lieblichen Kinderblick vergegenwärtigte sie sich
-dann -- von oben bis unten war sie in Wärme gehüllt.
-
-Sie schaute auf. Da kam Fräulein Friedlein. Wie leicht die ging, und wie
-schön sie aussah. Da kam ja auch ein Herr, der sie grüßte, ein großer,
-schwarzer -- häßlich war er -- aber sie schienen sich doch wohl ganz gut
-leiden zu können --?
-
-Er blieb sogar stehen und sah ihr nach.
-
-Ach, nun nahte die Schlimmste -- die Haberkorn. Tausend verquälte
-Lebensstunden erschienen vor Ada, wenn sie die Oberlehrerin sah. Die gibt
-es vielmals auf der Welt, dachte sie.
-
-Aber die Haberkorn guckte jetzt nur nach der Friedlein, ihr Gesicht war
-scharf.
-
-Wahrscheinlich hatte sie den überaus höflichen Gruß des Herrn auch
-gesehen.
-
-Ada war dergleichen sehr gleichgültig, sie hatte keinen Sinn für
-Liebesgeschichten. Nie war ihr der unerhörte Gedanke gekommen, daß sich
-jemand für sie interessieren, daß einer sie hätte heiraten können! Ihre
-Wünsche und kühnsten Träume hatten sich nie so weit verstiegen.
-
-Ihr ganzes Lebensideal war -- die Arbeit, die Kinder, ein gutes, sicheres
-Schaffen! Und dann noch etwas -- ein eigenes Zimmer zu besitzen. Einmal im
-eigenen Raume ungestört zu sein, Tag und Nacht, eigene Sachen um sich zu
-haben. Sie dachte an das Wohnen im Glaserker, im Badezimmer -- in ihrem
-Erzieherinnenleben hatte sie noch manches andere Derartige kennen gelernt
--- oder sie hatte bei den Zöglingen schlafen müssen, wie in der Villa
-Cöldt.
-
-Wenn sie angestellt würde! An der Schule bleiben könnte -- dann
-vielleicht! Jetzt betrug ihr Gehalt als Hilfslehrerin nur sechzig Mark,
-mehr hatte das Patronat für sie nicht bewilligen wollen, und dann war in
-der Pension auch kein anderes Zimmer frei.
-
-Scheu bewundernd sah sie am Reutterschloß empor -- wie schön war es, hier
-zu wohnen -- so zu sein, wie Christiane. Fräulein Doktor -- sie sagte es
-lautlos vor sich hin, es schien ihr unerhört und sehr groß, daß eine
-Frau so weit kommen konnte!
-
-Im Schulhaus senkte sie den Kopf wieder. Wie die Großen nur guckten. Jetzt
-lachten sie -- sicher über sie -- über ihre verschossene Bluse. Ach ja,
-darüber hatte schon manche gelacht.
-
-Als sie in die Klasse trat, wurde ihr wieder tröstlich zumute. All die
-braunen und blauen Augen, die sich auf sie richteten, all die Locken und
-Zöpfchen, die jetzt mit in Bewegung kamen -- die ganze Schar drängte auf
-sie zu und gab ihr die Pfötchen.
-
-Eben wollte sie mit ihnen beten, ein Kindergebet, das sie so gläubig
-sprechen konnte, als ob sie selbst ein Kind sei -- da ging die Türe auf.
-Die Vorsteherin, und hinter ihr -- erbarm sich der Himmel -- die kleine
-Cöldt! Sie sah schon die grünschillernden, kalten, höhnischen Augen --
-ja, das war sie.
-
-»Hier ist deine ehemalige Schülerin,« sagte Christiane, »sie soll jetzt
-hier sein, denn für die höhere Klasse ist sie noch nicht reif genug.«
-Ein jäher Zweifelblick brach aus ihren Augen. Dann fügte sie aber hinzu:
-»Das Pensum hier wird sie sicher schaffen.«
-
-Ada konnte nichts weiter sagen.
-
-Die Leiterin ging.
-
-Ada setzte Hanni Cöldt weit nach hinten. Sie mochte sie nicht so nahe
-haben. Dabei kam ihr aber wieder Besorgnis -- dort war sie ja kaum zu
-beobachten! Und Hanni -- Hanni Cöldt! Ein Schauder überlief sie, wenn sie
-an das vergangene Jahr dachte -- davon hatte niemand etwas gewußt, und
-es war auch ganz lautlos geschehen -- dieses hartherzige, erbarmungslose
-Quälen. So konnte nur die kleine Cöldt quälen! Ada sah die grünlichen,
-engen, klaren Augen vor sich -- die hatte kein Herz. Kein Fünkchen Liebe.
-Überhaupt keine Seele. Die war hart in sich.
-
-Sie begann ihren Unterricht. Die Augen der kleinen Mädchen taten sich
-groß auf -- so schön hatten sie die Geschichte noch nie gehört! Ada
-wunderte sich selbst, wie leicht es ging, wie die Worte ihr so glatt und
-farbig kamen -- wenn sie es immer so machte, auch wenn der Schulrat kam,
-dann wurde sie angestellt. Ihr Herz wurde leicht.
-
-Da -- auf einmal -- ein Kichern. Es verflog. Sie sprach weiter, wollte
-es nicht gehört haben, es gab so leicht Unannehmlichkeiten -- da, schon
-wieder. Sie guckte. Die eiskalten Augen der kleinen Cöldt begegneten ihr.
-
-»Hanni,« sagte sie.
-
-Nach einer Weile ertönte wieder das Lachen. Jetzt merkte sie, daß alle
-Kinder unruhig waren, sie hörten kaum auf ihre Erzählung. Irgend etwas
-war ihnen zugeflüstert worden und machte die Runde -- ein Wort über sie.
-
-Ada starrte in die verwandelten Gesichter, sie fragte -- keine Antwort. Die
-Cöldt sah sie mit spöttischer Ruhe an.
-
-In der Pause überlegte die Wehrendorf verstört: sollte sie es
-Christiane sagen? Sie bitten: nimm das Kind wieder fort? Aber das war ein
-Eingeständnis ihrer Machtlosigkeit. Und sie wußte auch, daß Christiane
-ihr das Kind auch nicht wieder gebracht haben würde, wenn ein anderer
-Ausweg möglich gewesen wäre.
-
-Hoffentlich würde sie sich selbst darum kümmern. --
-
-Die Haberkorn flüsterte mit der Seifert. Frau Geheimrat Meckebier habe
-neulich eine Andeutung über das Fräulein Doktor gemacht -- keine sehr
-wohlwollende --! Zwar hatte sie sich nicht näher geäußert, aber es war
-doch zu verstehen: die Dorreyter mußte bei den Patronatsdamen irgendwo
-angestoßen haben! Na, wenn man sie auch schon sah -- dieser Hochmut!
-Dieses steile, kühle Wesen! Die guckte ja über alle hinweg!
-
-Die Herren, der Junggeselle Dreher und Doktor Korn, kümmerten sich nicht
-weiter um solche Dinge, nachdem sie erkannt hatten, daß das Fräulein
-Doktor ihnen durchaus in vornehmer Weise Freiheit ließ. Korn erzählte
-manchmal ein paar listige Beobachtungen der Kolleginnen seiner Frau zu
-Hause. Sie waren sehr glückliche Leute, die lange aufeinander gewartet
-hatten, und waren mit ihrem Los zufrieden.
-
-Der Zeichenlehrer aber war von Christiane ganz entzückt.
-
-Mit großer Zartheit war er von ihr auf einen neuen Weg geleitet worden,
-auf dem er etwas aus seiner melancholischen Kleinstadtlethargie aufwachte.
-
-Jetzt merkte er auf einmal, daß sich hier im verachteten Amt auch etwas
-wie eine feine Kunst bot, neben der seine bisherigen eigenen, gänzlich
-erfolglosen künstlerischen Versuche kläglich verblichen.
-
-Oberlehrer Dreher beobachtete Christiane von seinem phlegmatischen
-Junggesellenstandpunkt aus.
-
-Dieses viel beredete und beguckte Fräulein Doktor Dorreyter -- eigentlich
-eine ganz interessante Erscheinung! Er sah ihr manchmal sinnend nach,
-schattenhaft stieg ein ungewohnter Begriff vor ihm auf: große Dame.
-
-Die paßte kaum hierher.
-
-Seine Kollegen vom Stammtisch im ›Deutschen Kaiser‹ begannen ihn zu
-necken -- er suchte ja eine Frau! Wenigstens war er schon seit langem weder
-mit seiner Wirtin, noch mit seinem Essen zufrieden. Ob er denn da nicht
-vielleicht den Versuch machen wollte -- es böte sich ihm doch die beste
-Gelegenheit -- Brr -- er erschrak förmlich, wenn er's hörte!
-
-Die Friedlein dagegen, die blonde Mai -- eben huschte sie wieder in seiner
-Nähe vorbei -- schön war sie, und mehr als einmal hatte er sich schon
-in sie verliebt. Aber entschließen konnte er sich nicht -- ihre Toiletten
-kosteten sichtlich recht viel Geld und -- sie war ihm eigentlich zu
-schön. --
-
-Christiane traf Professor Diermann auf dem Korridor. Sein Hut glitt lässig
-vom Kopfe, seine Augen blickten sie gehässig an -- sie hielt ihn fest und
-sprach mit ihm.
-
-Er verbarg seine Aufregung -- er hatte nichts verstanden! Diese dunkle
-Stimme war so schwer zu vernehmen. Er hatte auf ihre Lippen geguckt, aber
-es war ihm keine Klarheit geworden.
-
-Nun ging er zu seinen Schülerinnen. Für heute hätte ich eigentlich schon
-genug, dachte er.
-
-Es war sehr heiß. Die Sonne brannte sommertagswarm über den
-Oktoberfeldern. Er fühlte sich sehr schlecht. Als er in den Physiksaal
-trat, empfand er wieder: ich kann heute nicht. Er winkte dem jungen
-Mädchen ab, das ihm bei den Apparaten behilflich sein wollte, und stellte
-sich ans offene Fenster. Hier war Schattenseite. Aus dem Garten stieg ein
-herbstlicher Würzduft herauf. Ah -- was war das nur, das ihm die Lungen so
-zusammenschnürte -- was war das -- --?
-
-Hinter ihm hatten die Mädchen sacht zu zischeln begonnen, jetzt schwatzten
-sie ungeniert. Sie redeten über seinen Kopf weg -- er verstand ja doch
-nichts!
-
-Er hörte auch nichts. Der Schweiß kroch auf seine Stirn -- was war denn
-das -- -- --
-
-Er bog sich vor, um noch mehr von der frischen Luft zu spüren, aber von
-draußen aus dem blauen Tag schien eine sonderbare Dunkelheit zu ihm zu
-kommen -- was -- was -- -- ah -- jetzt war es wieder weg!
-
-Er wandte sich -- da sah er das Fräulein Doktor mitten im Saal. Sie redete
-mit den jungen Mädchen.
-
-»Ich hatte Sie eigentlich sprechen wollen, Herr Professor,« sagte sie
-nun, auf ihn zutretend, »Sie wissen --«
-
-Nein, er wußte nichts. Er hatte ja nichts verstanden. Der Ärger
-durchlohte ihn.
-
-»Sie scheinen krank, Herr Professor,« sagte sie nun, »ich bin gern
-bereit, Sie zu vertreten -- --«
-
-Er starrte sie an -- ihm schien Klarheit zu kommen.
-
-Er sah auch die betroffenen Gesichter der Mädchen.
-
-»Nein, nein, danke,« murmelte er, »sehr liebenswürdig -- mir ist wohl.
-Ganz wohl.«
-
-Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, sein Herz raste. Jäh huschte
-sein Blick zum Fenster.
-
-»Mir ist ganz wohl.«
-
-Krank sein kann man wohl, wenn man jung ist. Wenn nichts in Gefahr ist.
-Aber jetzt -- jetzt -- zwei Jahre mußte es noch gehen -- die letzte
-Gehaltszulage mußte er noch haben! Zwei Jahre noch!
-
-In seinen Augen stand die Angst. Seine Hände zitterten, als er nach den
-Apparaten griff. Er hatte keine Ahnung, was heute eigentlich durchgenommen
-werden sollte ... jetzt winkte er Betty von Kramer und befragte sie leise
--- nun wußte er's.
-
-Er griff nach dem Reagenzglase, das ihm Betty reichte. Ganz deutlich sah er
-eine bräunliche Lösung darin und wollte es nehmen, aber dicht vor seinen
-Fingern fiel es zu Boden und zerschellte.
-
-»Herr Professor, ich bitte Sie herzlich -- ruhen Sie sich heute lieber
-aus.«
-
-Er fuhr herum.
-
-Da stand sie ja noch.
-
-Sein Fuß trat in die Splitter.
-
-Wahnsinnige Verwirrung erfüllte ihn. Was war das denn? Was wollte sie?
-Warum ließ sie ihn nicht in Ruhe? Die sollte fort -- fort -- --
-
-Die -- die -- -- --
-
-Er stotterte etwas. Oder schrie er etwas?
-
-Die Schar der Mädchen fuhr mit einem entsetzten Rauschen auf. Das hörte
-er noch. Zugleich verlosch der blaue Tag für ihn. Die Dunkelheit, die
-heimlich draußen gelauert hatte, brach herein und riß ihn zu Boden.
-
-Man brachte ihn besinnungslos nach Hause.
-
- * * * * *
-
-Christiane schrieb an Käthe Arndt und fragte, ob sie nicht Lust hätte, zu
-ihr zu kommen. Es sei Platz an der Reutterschule.
-
-Der Arzt hatte Christiane verraten, daß der Professor nicht mehr in sein
-Amt zurückkehren würde.
-
-Warum denke ich an die Arndt? fragte sich Christiane.
-
-Brauche ich jemand von -- früher?
-
-Langsam stiegen die alten Zeiten vor ihr auf, in denen sie doch
-Kameradinnen um sich gehabt hatte.
-
-Jetzt -- -- wie das von allen Seiten an sie stieß. Viel Feind, viel Ehr --
-ja, ja! Viel Widerstand, viel Sieg! -- -- Aber es zehrte an den Nerven.
-
-Der Vorgang mit dem Professor war in der ganzen Stadt aufgebauscht und
-verzerrt worden. Einer hatte immer mehr gewußt als der andere, sogar die
-jungen Mädchen, die den Vorgang überhaupt nicht recht begriffen hatten,
-zischelten. Für alle Unbeteiligten stand es fest, daß der alte Herr nur
-infolge irgend einer aufregenden Auseinandersetzung mit Christiane krank
-geworden war. Sogar die Frau und die Töchter waren zu ihr gekommen und
-hatten erkunden wollen, was eigentlich vorgefallen sei.
-
-Christiane hatte dem Patronat berichtet und auch mit dem Präsidenten
-gesprochen, sie mußten ihr natürlich glauben, aber ein Rest blieb doch
--- wie war das mit dem alten, verdienten Herrn nur so schnell gekommen! Nun
-waren ihre Pläne erst recht hintenan gestellt.
-
-Unter den Mitarbeitern war eine gewisse Scheu entstanden. So gut es
-ging, wichen sie Christiane aus. Nur die Jong, Doktor Korn und der junge
-Zeichenlehrer nicht, und allenfalls die Friedlein, die ganz andere Gedanken
-hatte.
-
-Ja, was kümmerte sich Christiane um dergleichen? War das nicht die
-Kleinstadt, die schon abfärbte?
-
-Was gingen sie die guten Leute an, die auf der Straße hinter ihr her
-zischelten und die Köpfe wendeten ... die Spießbürger! -- --
-
-Jetzt läutete es draußen.
-
-Sie ging selbst hinaus, denn sie wußte, es war Hanni Cöldt, die sie sich
-zum Nachmittag eingeladen hatte. Das Fräulein brachte sie und ging gleich
-wieder.
-
-Das kleine Mädchen kam sicher herein und besah Christianens Zimmer.
-Die Bücher, die Möbel, die Bilder. Alles etwas von weitem, ohne das
-ernsthafte Interesse näher zu treten, alles mit dem gleichen kühlen und
-verborgen spöttischen Blick.
-
-Erst mußte sie mit der Tante Kaffee trinken. Dann -- was tat man
-mit diesem Kind? Christiane hatte sich Bücher herausgesucht, mit dem
-unwillkürlichen Trieb des Kulturmenschen strebte sie danach, des Kindes
-Verhältnis zum Gedruckten festzustellen. Hanni sah über Blätter und
-Bilder, über Geschichten und Märchen.
-
-»Märchen --!« Ein geringschätziges Lächeln flog über ihr klares,
-kaltes Gesicht.
-
-»Die magst du nicht? Hat dir keiner welche erzählt?«
-
-»O, ja, die verschiedenen Fräuleins. Wenn ich nicht still war, bekam ich
-immer ein Märchen zu hören.«
-
-»Und das gefiel dir nicht?«
-
-»Nein. Sie sind ja doch nicht wahr.«
-
-»Woraus schließt du das?«
-
-»Weil ich nichts davon sehe. Nirgends. Nirgends. Und dann hat sie mir
-jeder anders erzählt. Und doch waren es immer dieselben.«
-
-»Ich würde sie dir auch wieder anders erzählen,« sagte Christiane,
-»und siehst du, grade deshalb sind die Märchen wahr.«
-
-»Weil jeder sie anders sagt?« Hanni verzog den schmalen Mund.
-
-»Wenn du mit deinen Gefährtinnen im Wald spazieren gehst, dann sieht jede
-von euch dort etwas anderes. Die vielleicht die dicken Pilze zwischen dem
-welken Laub, die andere die Kröte am Weg, die dritte den Holunderbusch,
-die vierte vielleicht ein rotes Reh. Und wenn sie nachher vom Wald
-erzählen, dann denkst du an die Pilze, die andere an den Holunderbusch und
-die letzte an das rote Reh. Sieh, so ist das auch mit den Märchen. Gesehen
-hat sie jeder schon einmal, aber er hat nicht alles davon behalten, und so
-erzählt er immer nur weiter, was er daran am liebsten hat, denn das ist in
-seinem Herzen -- -- und dann ist es auch wahr --«
-
-Hanni schien nicht ganz davon überzeugt.
-
-»Sie sind doch erlogen,« sagte sie.
-
-»Du, wir wollen einmal in den Garten.«
-
-»In den Schulgarten?«
-
-»Nein, in meinen. In den Schloßgarten.«
-
-Das Kind horchte auf.
-
-Sie gingen die Treppe hinunter und durch die Hintertür hinaus. Jetzt
-schloß Christiane eine eiserne Pforte auf, an der schon manches Kind in
-den Jahren sehnsüchtig und neugierig gestanden hatte. Dahinter rauschte
-es. Da waren grüne Wipfel.
-
-Christiane dachte flüchtig daran, daß sie als junges Ding auch einmal vor
-der verschlossenen Pforte gestanden hatte.
-
-Nun war ihr das, was dahinter war, längst vertraut. Schöne, alte Bäume,
-die mit ihren Ästen am Boden schleiften, Rasenflächen, hinten ein
-Tempelchen aus Birkenstämmen -- uralt. An der Seite störten ein paar
-Obstbäume, die der vorige Direktor gepflanzt hatte, längs der Wand hatte
-er Bienenstöcke gehabt und daneben Kohl gepflanzt. Jetzt waren diese
-Spuren, so gut es ging, vertilgt. Hoch und grau standen die Mauern um das
-Parkstückchen.
-
-Mein Klostergarten, dachte Christiane.
-
-Sie führte das Kind zum Tempelchen. An die Innenwand war mit ziemlich
-grellen und anscheinend unvergänglichen Farben das blaue Griechenmeer
-gemalt, auf dem Odysseus segelte.
-
-Hanni guckte.
-
-»Ist das auch ein Märchen?« fragte sie.
-
-Christiane erzählte. Sie dachte, vielleicht wirkt das Starke besser auf
-das Kind. Seine Phantasie muß vielleicht kräftiger geschüttelt werden.
-
-Sie erzählte das Abenteuer mit Polyphem.
-
-Als sie sich wandte, merkte sie, daß Hanni ein Bündelchen Handarbeit
-hervorgezogen hatte.
-
-»Ich will was tun,« sagte sie.
-
-Christiane erinnerte sich. Ja, Fräulein Mehlmann hatte ihre Nichte sehr
-gelobt. Von allen Lehrkräften, die sich um den dürftigen Geist bemüht
-hatten, war einzig Fräulein Mehlmann zufriedengestellt.
-
-Und Hanni saß auch jetzt vor dem blauen Griechenmeer, von Vögeln
-umzwitschert, von Bäumen umrauscht, von einer Sehnsucht umworben, die
-ihr Herz suchte, und häkelte mit kühler Aufmerksamkeit Stäbchen um
-Stäbchen.
-
- * * * * *
-
-Mai Friedlein ging in den Stadtpark. Es war in der Mittagsstunde, als die
-Bürger zu Tisch waren. Auch in der Pension Dorreyter saßen sie jetzt beim
-Essen, aber die Jong war eingeweiht und entschuldigte Mai. Sie wußte von
-der Sache, hatte auch tüchtig gewarnt.
-
-Mais Herz klopfte. Sie wußte selber, um was es ging.
-
-Ein Rendezvous -- nein, das überließ sie den Ladenmädchen und
-Kontorfräulein. Sie ging nur eben am Krähenteich entlang, weil -- der
-Assessor von Wratislawski um dieselbe Zeit dort gehen wollte.
-
-Er hatte sie auf der Straße gesehen. Dann war im Theater einmal die
-Gelegenheit zu einer Gefälligkeit gewesen. Er hatte sie aber nicht
-begleiten dürfen. Von da an kreuzte er fast täglich ihren Schulweg, kein
-Tag verging ohne seinen respektvollen Gruß, Woche für Woche strich so
-hin, Winter und Frühjahr und Sommer, und nun war es Herbst.
-
-Jetzt mußte die Entscheidung kommen, das hatte Mai gefühlt. Ihr ganzes
-Herz hatte sich an die unerhörte Aussicht gehängt -- wenn es doch würde
--- der Triumph -- das Glück!
-
-Er hatte ihr also ein Briefchen gesandt und darin ehrerbietig um eine
-Zusammenkunft gebeten, zugleich beklagend, daß ihm kein anderer Weg zu
-einer Aussprache mit ihr bliebe.
-
-Ach ja, das war es.
-
-Mai war überzeugt, daß sie bei ihrer Schönheit längst verheiratet sein
-würde, wenn nur ein korrekter Anknüpfungspunkt dagewesen wäre, eine
-Gelegenheit, bei der sie mit Herren hätte sprechen können. Aber so hatte
-jede ihrer Herzensgeschichten etwas vom Wagnis.
-
-Sie pflegte aber als gute Tochter ihrer Mutter sofort Nachricht zu geben,
-wenn sich wieder etwas angebandelt hatte, und die kam dann sogleich mit dem
-nächsten Zuge an, um den Schwiegersohn zu besehen und die Angelegenheit
-ins Korrekte zu bringen. Leider war das bis jetzt noch nie geglückt.
-
-Einmal da, einmal dort ein Aufblinken, eine Hoffnung und immer wieder --
-nichts.
-
-Und jetzt -- dies. Mai wußte, der Assessor war reich. Der konnte sich
-den Luxus leisten, das schönste Mädchen von Markburg zu seiner Frau zu
-machen. Und wenn er sich versetzen ließ -- nach dem Westen oder nach Kiel
--- dann wußte dort kein Mensch, daß sie Lehrerin gewesen war. Und keiner,
-der die junge Frau von Wratislawski sah, würde von selber auf den Gedanken
-kommen.
-
-Mais feines Marquisengesicht rötete sich ein wenig -- sie sah ihn schon
-dort am Teich. Er hatte es eilig. Seine große Dogge, die ihm so ungeheuer
-ähnlich sah, war mit.
-
-Unbefangen kam er auf sie zu. »Ich bin außerordentlich glücklich, mein
-gnädiges Fräulein -- --«
-
-Sah sie an.
-
-Sie gingen auf und ab. Immer an der Seite des Teiches, an der die
-Büsche die Aussicht nach beiden Seiten sperrten. Durch das Gezweig
-der Hängeweiden hörten sie nur das Geraschel und Geplätscher der
-Wasservögel, das Gequarr der bunten Enten. Rauschend flog mal da, mal dort
-ein Tier auf.
-
-Auf dem Wege lagen Kastanienhüllen und Blätter. Wie rote Hände schwebten
-da und dort Blätter heran. Der Himmel war hoch und blau.
-
-Herr von Wratislawski wußte das sehr hübsch auszudrücken. Und Mai war
-dafür empfänglich, denn sie war sehr poetisch. Alle ihre verflossenen
-Verehrer hatten ihr ein künstlerisches Andenken hinterlassen dürfen, ihre
-Stube war voll von solchen zart elegischen Erinnerungen.
-
-Jetzt war sie lebendig. Herren gegenüber kam sie gut aus sich heraus.
-
-Ja, der blaue Himmel, die roten Blätter, der ferne Wald -- sogar die
-leeren Kastanienschalen waren poetisch. Raschelnd fuhr ihr Fuß durch die
-Blätter.
-
-Goldspuren zögen hinter ihr her, behauptete Herr von Wratislawski.
-
-Seine Augen waren ganz rund. Seine Hand im prallen Glacé streifte die
-ihre. Er kam näher an sie heran.
-
-Sie standen nun vor der offenen Fläche des Teiches. Der Himmel spiegelte
-sich im Wasser wie in Glas. Die Bäume umrahmten das blaue Bild. Das
-Wassergevögel hatte sich jetzt ziemlich auf die Schwaneninsel in der Mitte
-zurückgezogen, nur ein paar Entchen schwammen noch wie grüne Klümpchen
-in glitzernden Streifen da und dort.
-
-Es war ganz und gar einsam.
-
-Er kam noch näher an sie heran.
-
-Lieblicher sei ihm noch kein Mai vorgekommen, als der an diesem Herbsttage,
-behauptete er. Wenn sie nur wüßte, wie er auf diese zarte Stunde geharrt
-hätte! Aber es sei ja so unendlich schwer gewesen -- -- und sie so
-kühl -- --
-
-»Ja, ja,« sagte sie elegisch. Sie hielt es für angebracht, auch einmal
-wieder streng zu sein.
-
-Aber er hörte nicht darauf.
-
-Jetzt sei ja das Eis gebrochen.
-
-Und deshalb müßte sie heute Rosen haben, drüben in der Stadtgärtnerei
-am anderen Ufer müßte es noch welche geben. Ob sie mitkommen wolle? Der
-Weg sei nur kurz und sehr schön -- --
-
-Sie ging mit ihm, unbefangen, sehr damenhaft. Der Hund raschelte hinter
-ihnen her. Sie dachte, daß wohl die Stellung der behüteten Haustöchter
-angenehmer, aber doch weniger poetisch sei, als die eines einsamen, sich
-selbst das Brot verdienenden Mädchens, dem endlich das Glück lächele.
-Sie sah ja, wie verliebt er war.
-
-Und nun waren sie an der Gärtnerei. Sie wartete draußen. Nach ein paar
-Minuten kam er wieder, einen Strauß Rosen in der Hand, wie sie ihn schon
-lange nicht mehr beisammen gesehen hatte, rote, purpurrote, weiße und
-zartgelbe.
-
-»Der letzte Sommer,« sagte er, »dem ewigen Lenz.«
-
-Es war sehr poetisch.
-
-Sie drückte das Gesicht in die Blumen, schon, weil sie wußte, wie gut es
-ihr stand. Mehrfach war sie so photographiert worden.
-
-Es war still. Die Hecke deckte sie wieder. Da flüsterte er: »Mai,
-liebliche Mai -- nun kommen wir nicht mehr auseinander, nicht wahr --?«
-
-Sie hielt das Gesicht noch immer in den Rosen.
-
-»Mai --« bettelte er.
-
-Sie murmelte zag: »So kann ich Sie nicht mehr treffen,« und horchte
-scharf auf das, was er sagen würde.
-
-»Nein,« sprach er, »so -- nicht.«
-
-Er schien nachzusinnen.
-
-»Aber es gäbe doch noch vielleicht einen Weg für uns beide --«
-
-Ihr Herz schlug hart auf. Blitzschnell durchmaß ihr Hirn noch einmal alle
-Hindernisse ihrer Verlobungen -- hier war keiner vorhanden! Der Assessor
-war ganz unabhängig.
-
-Er machte ein paar Schritte und sah sie nicht an.
-
-»Fräulein Mai,« sagte er in resigniertem Tone, »man weiß ja, wie die
-guten Markburger sind. Deshalb erlaube ich mir vorzuschlagen -- -- jetzt
-kommt der Winter, und ich bin oft in der Provinzialhauptstadt in der Oper
--- Musiknarr, der ich nun einmal bin -- da möchte ich also gehorsamst
-vorschlagen -- begegnen wir uns -- dort. Bitte, bitte, denken Sie einmal
-darüber nach. Da fiele so manches fort, das uns hier beengen würde.
-Zusammen können wir da so viel Poesie genießen, wie wir wollen -- --
-auch der Winter und die Großstadt sind poetisch ...« Er bückte sich
-plötzlich und faßte mit seinem Handschuh ein Zweiglein harter, weißer
-Beeren. »Wie zart das ist, nicht wahr?« fragte er fast flötend, »so
-entzückend zart -- liebes Fräulein Mai -- Herzkönigin --«
-
-Er stockte.
-
-Sie warf ihm die Rosen vor die Füße. Rote, purpurrote, weiße, gelbe
-Rosen.
-
-»Nein, danke sehr, Herr von Wratislawski.«
-
-Sie wandte sich um und ging.
-
-Ging sehr rasch und sehr anmutig und sehr stolz. Sie wußte, daß man das
-alles merkte, wußte, daß er ihr verdutzt nachstarrte, und noch ging ihr
-Blut in gewaltiger Erwartung: kam er jetzt nicht doch --? Stürzte er ihr
-nicht voller Reue nach -- --?
-
-Sie ging und ging. Die Blätter raschelten rechts und raschelten links. Es
-waren lauter Goldstreifen.
-
-Aber er kam nicht. Er holte sie nicht ein. --
-
-Wütend trat sie aus dem Park heraus.
-
-Es war ja nicht das erste Mal. Schlingen um Schlingen waren ihr in den
-Jahren um die Füße geworfen worden -- sie hatte sich in keiner verfangen.
-
-Nur weil sie arbeitete und ihr Brot selber verdiente, glaubte man in dieser
-Stadt, wo die Töchter ihr Leben nur mit Tennisspielen und ›Kränzchen‹
-ausfüllten, sie müßte zu haben sein!
-
-Der Schuft!
-
-Zitternd kam sie die Stiege herauf und horchte vor der Korridortür --
-kamen sie nicht etwa eben aus dem Eßzimmer?
-
-Nein, es war still. Sie ging an der Wäschemangel und den Fahrrädern
-vorbei und öffnete leise die Tür zu ihrem Zimmer -- ach herrje, da war
-ja die Mutter mit den beiden Schwestern. Sie hatte im Augenblick vergessen,
-daß sie ihr gleich von der neuen Aussicht geschrieben hatte, nun war die
-wieder gleich gekommen. Und Paula und Eva waren mit.
-
-Paula war Wochenpflegerin und hatte wohl grade einen freien Tag, und
-Eva suchte eben wieder eine Stellung als Hausdame. Beide hatten sie die
-gleichen zartrosa Marquisengesichter, das helle, schöne, wie gepuderte
-Haar -- nur ihre Gestalten waren nicht so prächtig entwickelt, nicht so
-germanienhaft, wie die Mais, und nicht so elegant. Frau Friedlein sah man
-an, daß sie die -- Mutter dieser köstlichen Mädchen war -- sie hätte
-gar nicht anders aussehen können. Und fein hatte sie sich gemacht, ein
-seidenes Kleid aus dem Schrank genommen -- es war noch nicht bezahlt. Aber
-sie hatte sich vor dem reichen Schwiegersohn doch ins rechte Licht setzen
-wollen.
-
-Unterwegs hatten sie schon hin und her überlegt: wenn Mai jetzt so eine
-gute Partie machte, konnte eine der beiden anderen immer abwechselnd zu ihr
-auf Besuch kommen, und dadurch war es sehr leicht möglich, daß sich auch
-vornehme Partieen für die fanden, so daß die Familie allmählich in ihr
-altes Milieu zurückdrang.
-
-Die Mutter fragte Mai gleich: »_Wie_ heißt er?« denn sie hatte den Namen
-vergessen.
-
-Die Schwestern spitzten die Ohren, doch Paula, die Wochenpflegerin, die
-etwas psychologische Beobachtungsgabe und ziemlich viel Pessimismus besaß,
-merkte gleich, daß etwas nicht in Ordnung war.
-
-Und nun fuhr es Mai auch gleich heraus: »Es ist nichts, ich habe mich in
-ihm getäuscht, er hat nur -- nur -- anbändeln wollen -- --«
-
-Die Mutter klappte den schönen Mund zu. Eva sagte: »Na ja,« denn sie
-hatte auch ihre Erfahrungen.
-
-Paula meinte gleichmütig: »Mai muß doch noch mehr Verehrer haben,« aber
-die Mutter sprach eifrig: »Erzähle nur -- vielleicht läßt sich noch
-etwas machen --«
-
-»Da läßt sich nichts machen,« seufzte Mai, fuhr sich über die
-Stirn und begann zu berichten: »Der Schuft -- der Schuft -- so hat er's
-angefangen --«
-
-»Du warst allerdings sehr unvorsichtig,« sagte Frau Friedlein
-vorwurfsvoll, »wenn dich jemand mit ihm am Teich gesehen hat, ist die
-Sache sehr schlimm --«
-
-»Aber was sollte ich anders tun,« rief Mai, »an welche Weise kann ich
-sonst einen Mann kennen lernen. Ach, und an dem Teich war es so wunder --
-wunderschön. Das blaue Wasser und der blaue Himmel und das rote Laub. Und
-selbst die zerplatzten Kastanien hat er schön gefunden. Ach,« sie weinte
-plötzlich auf, »wir haben uns doch so gut verstanden --!«
-
-Die Mutter nahm sie in den Arm an ihre volle Brust und tröstete sie.
-
-»Mein armes Kind, ja, ich glaub's, es ist schwer für dich. Für deine
-Schwestern auch. Für uns alle. Eva hat ihre Stelle in Stettin doch auch
-verloren, der Amtsrichter hat sich wieder verheiratet, und sie glaubte
-doch -- Wie oft kommt das vor. Und Paula hat jetzt eine Frau bis zu Tode
-gepflegt. Nachher ließ sie sich überreden, bei dem Kind zu bleiben. Es
-war so verlassen. Sie hatte es gern. Es war ein so hübsches Kind, nicht
-wahr, Paula? Und um des Kindes willen hätte sie auch den Vater in Kauf
-genommen. Aber da ist er vorgestern über alle Berge. Über alle
-Berge, sage ich. Mit der ganzen Kasse des Chefs. Nur das Kind hat er
-zurückgelassen. Das hat Paula nun in Gemeindepflege geben müssen. Sie hat
-sehr geweint.«
-
-Mai sah die Schwester an, und die nickte ihr zu. Auch Eva nickte. Ja, sie
-wußten Bescheid.
-
-Draußen klirrte es. Was war denn --? Ach -- Kaffeekränzchen bei der
-Mehlmann! Da gab es kein Ausschlagen.
-
-»Ihr müßt auch dabei sein,« sagte Mai zu der Mutter, und die wehrte
-sich nicht weiter, denn nach der Fahrt und der Aufregung hatte sie Durst
-bekommen.
-
-Gleich darauf klopfte auch die Handarbeitslehrerin, begrüßte die
-Damen Friedlein zierlich und bat, sie möchten doch an ihrem Kränzchen
-teilnehmen. Es sei alles reichlich da.
-
-Das war es. Der runde Tisch sah noch einmal so wichtig aus mit der weißen
-Decke, den vielen Tassen, Untertassen und Tellerchen, den Sahnennäpfchen,
-Zuckerdosen, den Marmeladenbüchsen, den Kuchenbergen, Waffelhäufchen und
-der großen Weinbeertorte in der Mitte. Die war vom Konditor, ebenso
-die Schlagsahne. Alles andere dagegen hatte Fräulein Mehlmann selbst
-verfertigt.
-
-Frau Friedlein bog sich in kluger Liebenswürdigkeit vor und bewunderte die
-glasklaren Früchte und die Marmelade -- ja, die war gut geraten! Eben war
-die Einmachezeit vorbei. Frühmorgens, ehe sie in die Schule ging, hatte
-Fräulein Mehlmann auf dem Markte eingekauft, und wer nachmittags etwa zu
-ihr kam, erhielt unversehens ein Messer in die eine Hand gedrückt und in
-die andere eine Gurke -- jetzt hieß es helfen! Da nahm das Fräulein keine
-Rücksicht!
-
-Frau Friedlein mußte auf dem Sofa Platz nehmen. Neben ihr saß Fräulein
-Seifert, ein Platz war noch frei, denn die Oberlehrerin hatte der kleinen
-Meckebier Stunde zu geben und kam erst später. Frau Dorreyter hatte sich
-mit einem Ecksitz begnügt, sie mußte auch oft hin und her laufen, denn
-das kleine Dienstmädchen war so stutzig. Trotzdem fühlte sie sich sehr
-behaglich und sah mit Blicken voll Genugtuung auf ihre Damen. Der Kater
-wußte schon Bescheid, er bettelte bald bei der, bald bei jener und bekam
-überall etwas.
-
-Die Jong hatte Mais Miene erkannt. An der Weinbeertorte vorbei flüsterte
-sie ihr zu: »Und stürzt der Himmel ein, kommt doch eine Lerche davon!«
-was die schöne Mai zu einem Dankesblick veranlaßte, obwohl sie das Zitat
-im Augenblick nicht unterzubringen wußte, so poetisch sie sonst war.
-
-Die kleine Wehrendorf saß still dabei.
-
-Es war ein schweres Leben für sie. Wenn nur der Husten besser und das
-erste Jahr vorbei wäre. Dann -- dann -- wieder kam Ada der ungeheure Traum
-von der eigenen Stube.
-
-Wie sollte die aussehen? Ein weiches Liegesofa, ein Arbeitstisch, ein paar
-Stühle, ein Schrank und ein richtiges Bett. Ihrer Eltern Sachen waren
-damals alle verkauft worden.
-
-Sie schrak zusammen -- ach, nun hatte sie übersehen, daß Fräulein
-Seifert die Sahne gereicht haben wollte. Nie fand sie im Verkehr das
-Richtige. Das war, weil sie schon so weit ab vom Leben gewesen war,
-wochenlang hatte sie einer an der Hand gehabt -- sie wußte über die
-Höflichkeit bei Kaffeekränzchen nur noch geringen Bescheid.
-
-Die Damen aßen und tranken, immer wieder wurde eingeschenkt, immer wieder
-herumgereicht, der Sahnenberg senkte sich, die Kuchenteller leerten sich,
-die Torte wurde ganz schmal -- es schmeckte allen sehr gut.
-
-Nun waren sie satt.
-
-Die Mehlmann fragte noch ein-, zweimal herum. Sie hielt Fräulein Seifert
-die Tortenplatte noch einmal hin -- die dankte. Sie bot sie Frau Friedlein
-an -- die dankte auch. Sie fragte noch einmal vorsichtshalber ringsum --
-alle dankten.
-
-Da räumte sie mit Hausfrauenzärtlichkeit ab. Sie sperrte ihren Schrank
-auf -- man sah noch allerhand gute Sachen darinnen stehen -- und packte
-alles sorgfältig hinein -- für Fräulein Haberkorn wurde etwas besonders
-aufgehoben. Sie schloß wieder zu, nahm den Tischbesen und die kleine
-Schaufel und kehrte Krümelchen um Krümelchen vom Tisch. Jetzt sah man die
-Decke -- ein schönes Muster -- und darüber gelegt den feinen Läufer --
-die Damen besahen ihn sich genau. Die Seifert fragte, wo man die Vorlage
-bekommen könnte, aus Markburg sei die doch nicht.
-
-Sie sprachen über Handarbeiten, danach über Kleider, jede schilderte die
-Art und Weise ihrer Schneiderin.
-
-Mai starrte mit melancholischen Blicken gradeaus: nun mußte sie sich doch
-zum Winter das gelbe Kleid machen lassen, das ihr gar nicht stand. Den
-Stoff hatte sie von einer Tante bekommen. Sie hatte gedacht, als Braut --
-ach, wo waren die Träume wieder hin!
-
-Fräulein Mehlmann kam heran und trug Gläschen auf Gläschen. Feierlich
-stellte sie sie vor eine jede hin, und jede guckte darauf. Sie wußten,
-was nun kam: die Likörchen. Plötzlich stutzte das Fräulein und zählte
-verdutzt, guckte in ihren Schrank und zählte von neuem -- ja, die Gläser
-reichten nicht!
-
-»Ich hole Ihnen gleich welche,« rief Frau Dorreyter, »aber ich habe nur
-Weingläser.«
-
-»O, Weingläser,« entsetzten sich die Damen lachend.
-
-»Meine Likörchen sind nicht gefährlich,« beteuerte Fräulein Mehlmann
-eifrig, »aber wir können ja auch Eierbecher nehmen --« Sie griff in den
-Schrank.
-
-Die Seifert machte eine kritische Miene -- nein, Frau Dorreyter sprang
-schon nach den Wirtschaftsräumen.
-
-Jetzt kam sie und zählte mit den Augen: hatte sie sich noch vergriffen?
-Nein, es reichte.
-
-Es waren gewöhnliche, schlecht geschliffene Gläser aus dem Warenhause,
-nur ein einziges war dabei, das war anders. Es stammte noch aus dem knappen
-Brautschatz der Freiin von Rhane.
-
-Die merkte es gar nicht. Ahnungslos stellte sie es hin. Es kam grade zu der
-kleinen Wehrendorf.
-
-Fräulein Mehlmann ging mit der klebrigen Flasche ringsum und schenkte ein.
-Die Weingläser goß sie auch voll, so sehr die betreffenden Damen sich
-auch dagegen sträubten.
-
-»Aber ich bitte Sie, ein Likörchen --«
-
-Dann stießen alle an.
-
-»Worauf?« rief die Jong. Ihre Finkenaugen lachten gemütlich.
-
-»Worauf?« fragte die Seifert säuerlich.
-
-Sie wußten es gar nicht. Aber die Gläser klangen.
-
-Das der kleinen Wehrendorf tönte sonderbar auf. Sie horchte verwundert.
-Sie stieß mit Paula Friedlein an, da klang es wieder. Wieder und wieder
-klang es ganz zart, ganz silbern. Die anderen merkten es nicht. Aber Ada
-saß ganz erschrocken vor dem Wunder.
-
-In ihr zerschlagenes Herz kam ein kleiner Traum.
-
-Es war der einzige ihres Lebens.
-
-Der kam von dem feinen, singenden Kristall.
-
-Frau Friedlein schrak plötzlich auf. »Wo hast du denn die ... Rosen
-gelassen?« flüsterte sie der Tochter zu.
-
-Die fuhr herum, ihre Augen glänzten schon wieder. Die Mutter sah sie
-an und wünschte heiß, jetzt möchte einer die Tochter sehen, ein ganz
-Reicher, einer ohne Schulden, ein solider Mann.
-
-»Die ... Rosen ... ich hab sie ihm ja doch hingeworfen -- du weißt
-doch,« murmelte sie, nur der Mutter verständlich.
-
-»Dann müssen sie noch dort liegen --«
-
-»Was muß dort liegen?« flüsterte Paula von der anderen Seite.
-
-Die Mutter erklärte ihr's verstohlen.
-
-»Die sind längst fort. Die haben andere genommen,« meinte Mai, die in
-dem Gesicht ihrer Schwester und dem der Mutter schon etwas aufsteigen sah.
-
-»_Wo_ liegen sie?« flüsterte Frau Friedlein.
-
-»Ich hab dir's ja gesagt. An dem kleinen Heckenweg hinter der
-Gärtnerei.«
-
-»Da kommen selten Leute hin. Das ist ein ganz einsamer Platz. Die Rosen
-liegen sicher noch da -- --« Sie flüsterte mit den Töchtern.
-
-Nach einer Weile stand Paula auf und verschwand unauffällig.
-
-Frau Friedlein erhob sich auch und setzte sich ans Klavier. Es war ein
-altes Stück, Fräulein Mehlmann hatte es geerbt. Aber sie spielte gut.
-Perlend flogen die Töne auf -- alle horchten -- das klang schön --! Es
-war aus dem ›Zigeunerbaron‹: »Wer hat uns getraut --« Jetzt sangen
-alle mit: »Die Liebe, die Liebe ist eine Himmelsmacht --«
-
-Auf einmal war Paula wieder da. Sie schlich in die heitere Gruppe und hatte
-die Hände voll Rosen: rote, purpurrote, weiße, gelbe Rosen. Sie waren
-noch ganz frisch.
-
-Die Kanarienvögel schrieen verwundert auf: »Im Oktober so schöne Rosen?
-Woher kommen die --?«
-
-Paula blinzelte Mai zu, die eine regungslose Miene machte. Dann begann
-sie zu verteilen, der einen eine weiße, der anderen eine rote Rose und so
-fort. Alle bekamen eine, sogar die Wehrendorf, und für Fräulein Haberkorn
-wurde eine aufgehoben und in ein Gläschen gestellt.
-
-Fräulein Mehlmann goß noch einmal ein, und nun sangen alle wieder, von
-Rosen umduftet: »Die Liebe, die Liebe ist eine Himmelsmacht -- --«
-
-Auch Mai sang mit.
-
-Jetzt ging die Tür auf. Es war ungefähr so wie im Märchen, wo sich
-die verregnete, vergnügte Musikantengesellschaft unter den großen Pilz
-gestellt hat und wo unverhofft die böse Besitzerin, die große Kröte,
-erscheint.
-
-Es kam Fräulein Haberkorn.
-
-Alle überboten sich in Liebenswürdigkeit, die Wehrendorf raffte sich
-sogar auf und rückte ihr einen Stuhl zurecht, es war nur leider verkehrt.
-Die Oberlehrerin nahm stirnrunzelnd auf dem Sofa Platz, bekam ihren Kaffee
-frischgewärmt, ihre Torte, ihre Knusperchen, ihre Sahne und ihre Rose.
-Darüberweg besah sie sich die Kleider der Anwesenden. Die Kanarienvögel
-bekamen gleich ein paar versteckte Lehren, weil sie augenscheinlich zu
-munter geworden waren.
-
-Fräulein Haberkorn mußte die Luft dieses vergnügten Kränzchens erst
-eine Weile einatmen, um eingewöhnt zu werden; sie hatte auch noch nicht
-genug Kaffee getrunken. Vom Likör gar nicht zu reden.
-
-Fräulein Mehlmann erzählte eifrig mit lauter Stimme von ihren letzten
-Einmachetagen. Sie hatte sich mit Tomaten beschäftigt. Es war das erste
-Mal.
-
-Im nächsten Jahr wollte sie sich einen Einkochapparat anschaffen, dann
-konnte sie noch mehr fertig bringen!
-
-Endlich merkte sie, durch das Schweigen der anderen aufmerksam gemacht,
-daß Fräulein Haberkorn von Meckebiers erzählen wollte.
-
-»Frau Geheimrat war _sehr_ liebenswürdig,« begann sie nun, ihren Kuchen
-in den Kaffee tunkend, »die kleine Lydia ist aber auch so begabt. Ich habe
-heute gesagt, sie brauchte eigentlich gar keine Privatstunde, da meinte die
-Frau Geheimrat, ›ja, das ist wohl möglich. Aber wir, mein Mann und ich,
-ziehen es doch vor, eine so bewährte Lehrkraft noch weiter um unser Kind
-zu haben.‹ Das war doch nett, nicht wahr?«
-
-»Sehr nett,« bestätigten alle ringsum.
-
-Fräulein Haberkorn tunkte den Kuchen wieder ein. Jetzt sah sie auf. Ihre
-Blicke flogen funkelnd über alle. Frau Dorreyter war hinausgegangen.
-
-»Ja, und was ich noch weiß,« sagte sie.
-
-»Was wissen Sie?!«
-
-Alle waren hochgespannt.
-
-Fräulein Haberkorn wählte sich noch ein Stück Torte.
-
-»Sehr schön ist die,« lobte sie, »haben Sie die auch selber gebacken,
-liebe Mehlmann?«
-
-»Nein,« erwiderte die verlegen.
-
-Fräulein Haberkorn wußte es auch so.
-
-Fräulein Mehlmann brachte, um ihre Ehre wieder herzustellen, jetzt ihr
-Likörchen an und goß ein.
-
-Die anderen warteten atemlos. Was war das für eine Neuigkeit? Von
-Meckebiers brachte die Haberkorn oft wichtige Schulneuigkeiten, die sie
-dort erlistet hatte.
-
-Die Oberlehrerin trank prüfend. Fräulein Mehlmanns Blick hing an dem
-ihren. Sie nickte ihr gönnerhaft zu. »Ganz gut, wirklich.«
-
-»Ja, also, ich habe nun erfahren, wer unserm lieben verstorbenen Kollegen
-Diermann im Amt nachfolgen wird,« begann sie endlich.
-
-»Ach!« Die Neugier flackerte noch höher.
-
-Die Mehlmann war ungeschickt und sagte: »Nu, das wird doch das Fräulein
-Doktor Arndt sein, die neulich bei unserer Vorsteherin war. Die schienen
-doch gut Freund.«
-
-»Nein,« sprach die Haberkorn triumphierend, »das wird die nicht. Man hat
-mit vielen Opfern einen Oberlehrer gewonnen. Einen _Mann_!«
-
-Sie sagte das so stolz, als ob sie selber einer sei.
-
-»Wer denn? Wer denn? Ist er hier bekannt?« Die Fragen wirbelten ringsum.
-
-Die Haberkorn zuckte die Achseln.
-
-»Das weiß ich nicht. Auch den Namen weiß ich nicht. Aber wir werden ja
-sehen.« Sie merkte, daß Frau Dorreyter wieder eintrat.
-
-Die anderen schwiegen.
-
-Sie tranken ihre Likörchen aus. Dann ging das Kränzchen unter vielen
-begeisterten, immer wiederholten Danksagungen auseinander. Gruppenweise,
-wie sie grade zueinander stimmten, wanderten die Damen ab. Mai begleitete
-ihre Familie zum Bahnhof. Sie ging dann durch die Nebenstraßen zurück, um
-dem Assessor nicht etwa noch einmal zu begegnen. Ihre Rose, die sie hatte
-nehmen müssen, schenkte sie der Wehrendorf.
-
-Die ging mit zwei roten Blumen und einem kleinen, zart klingenden Traum im
-Herzen in das Zimmer der Jong. Die Lehrerin hatte schon Adas Betten, die
-tagsüber in einer Lade verwahrt wurden, auf das Sofa geworfen und räumte
-bereits das darüberhängende, zu stark belastete Bücherbrett ab.
-
-Ada half ihr eilig und legte die Bücher beiseite.
-
-Es waren ein paar alte Lexika, ein Dictionnaire, ein paar Reclamheftchen
-und ein Band Fulda: ›Die Hochzeitsreise nach Rom‹.
-
-Dann ging Ada schlafen.
-
- * * * * *
-
-Frau von Cöldt saß in ihrem bequemen Liegestuhl am Fenster ihres Zimmers.
-Eine sacht behagliche Stimmung erfüllte sie, ohne daß sie ganz
-genau darum wußte. Der Haushalt war in den Händen des Fräuleins gut
-aufgehoben, auch Hanni war unter Aufsicht.
-
-Frau von Cöldt überdachte die gestrige Vereinssitzung bei Frau Colb
-und wühlte wichtig in ein paar Drucksachen, die eben gekommen waren --
-Vereinsangelegenheiten. O, sehr interessant! Ob man die Wöchnerinnenpflege
-noch weiter ausdehnte?
-
-Sie sann lange darüber nach.
-
-Dann fiel ihr Ludwig ein. Er war heute schon früh nach dem Walde gegangen.
-Es war ein Wintertag, dick lag der Schnee draußen, der Himmel war
-förmlich finster gegen alles Weiß.
-
-Merkwürdiges Sonntagsvergnügen, dachte sie. Aber an Wochentagen machte er
-es oft ebenso. Eine Unruhe war in ihm.
-
-Er war schon eine Weile fort.
-
-Sie dachte ein paar Sekunden darüber nach, dann vertiefte sie sich weiter
-in ihre Vereinsangelegenheiten. Nur nicht grübeln -- mit ihren Nerven war
-es dann sofort vorbei. Ein Sturz und alles war wieder beim alten. Hardi
-hatte manchmal das Gefühl, als ob sie auf einer ganz dünnen Eisdecke
-lebte. Nur sich nicht rühren, sonst brach sie ein.
-
-Aber das Leben auf diesem schwachen, einsamen Fleck gefiel ihr.
-
-»Sie haben einen sehr guten Ehemann,« sagten ihr die Damen, obwohl
-sie auf ihre eigenen auch nichts kommen ließen, so vertraut waren sie
-miteinander nicht.
-
-Ja gewiß. Er mußte sich nur mehr Bewegung machen. Reiten oder Brunnen
-trinken. Sie hatte ihm selber gesagt, er solle sich wieder ein Pferd
-anschaffen, aber er hatte nicht gewollt.
-
-Da lief er im Walde herum.
-
-Mochte er.
-
-Wieder spürte Frau von Cöldt die ganz dünne Eisdecke, auf der ihr Leben
-aufgebaut war -- sie spürte, daß sie zitterte.
-
-Nur Ruhe --! Sie verkroch sich innerlich. Der Verein -- das war ja genug.
-
-Jetzt fing ein starker Schnee draußen an.
-
-Sie ließ ihre Hefte wieder sinken und starrte hinaus, eine ganz sonderbare
-Stimmung überkam sie, etwas von einer ungeheuren, ratlosen Angst, wie aus
-Kindermärchen. Als brächte ihr der Schnee draußen ein Verschütten und
-Vergehen, ein Verschwinden vor Frühlingsanfang. Als fiele dieser Schnee
-langsam über ihr Leben hin, das doch so wohlgewahrt hinter den Scheiben
-saß. Wo war sie übers Jahr -- --?
-
-O, was war denn das -- was war denn das -- --?
-
-Sie starrte wieder hinaus.
-
-Wie das fiel. Auf Dach, Straße und Haus. Wie das in den Wald fiel und
-über alle weiten Felder. Schnee auf Schnee.
-
-Sie reckte sich. Es war doch schon Januar. Das Schlimmste war doch schon
-vorbei. Noch vier, acht Wochen, und die Amseln pfiffen wieder. Noch vier,
-acht Wochen, und der Winter war vorbei.
-
-Warum fürchtete sie sich?
-
-Sie saß doch so warm.
-
-Da kam Ludwig ja wieder. Er sah ganz weiß aus. Sie ging selbst auf den
-Flur und rief ihn an.
-
-»Wie siehst du aus,« sagte sie.
-
-Er blickte sie aus dunklen Augen an und antwortete nicht.
-
-Sein Gesicht war gelb. Er wurde alt.
-
-Sie ging in ihr Zimmer zurück und dachte weiter: wie alt war er denn
-schon? Er war ja nicht mehr ganz jung gewesen, als er sie heiratete.
-
-Ja, und was hatte er gehabt?
-
-Sie fühlte wieder, wie die Eisdecke erbebte, mein Gott, er hatte doch
-seinen Beruf. Es ging ihm gut. Er stand glänzend beim Präsidenten, sie
-wußte es, aus den Reden und dem Wesen der anderen hatte sie es gemerkt.
-Und sie kannte ihn ja doch. Er war die altpreußische Gewissenhaftigkeit
-selber. -- -- Und sein Herz hing ja doch nicht mehr an ihr. Sie hatte es in
-der Sekunde erkannt, in der sie damals wieder zu ihm gekommen war.
-Vorher glaubte sie sein verändertes Wesen nur auf die Enttäuschung
-zurückführen zu müssen, auf die feige und mutlose Art, die sie ihm
-gegenüber gezeigt hatte -- aber dann spürte sie: es war etwas anderes,
-sein Sinn war bei etwas anderem -- er machte sich nichts mehr aus ihr.
-
-Und bald hatte sie Klarheit gehabt.
-
-Wie er auf jeden Brief Christianens paßte, wie er es so gern übernahm,
-ihr zu antworten, wie sorgfältig und ruhig er schrieb, und doch war etwas
-darin -- sie überlas die Zeilen -- ja, sein Herz war darin!
-
-Beim zweiten Mal war sie viel tapferer, obwohl ihr Zustand bewies, daß ihr
-Schrecken einen guten Grund gehabt hatte, und zugleich fühlte sie sich wie
-von einer Last erleichtert -- sie hatte ihm ihre Gesundheit geopfert, sie
-hatte genug getan!
-
-Nun konnte _sie_ fordern!
-
-Und er gab ihr alles, was sie wünschte, und alles war gut, bis das Kind
-größer wurde.
-
-Da sahen sie beide, wie sonderbar Hanni in ihre Ehe hineinpaßte, und
-wußten, daß sie sich nicht geliebt hatten.
-
-Nun also -- was wollte er noch?
-
-Christiane konnte er ja niemals haben, das stand weder in seinem, noch in
-ihrem Katechismus, solche Dinge taten sie nicht.
-
-Die Gartentür klirrte -- es kam wohl Besuch. Sonntagsvisiten. Mochte
-Ludwig annehmen, wenn er Lust hatte, sie ließ sich von Fremden niemals
-sprechen, wenn es nicht in Vereinsangelegenheiten war.
-
-Flüchtig horchte sie. Unten gingen Türen. --
-
-Ludwig hatte die Karte verwundert besehen: Richard Bartelmes, =Dr. phil.=
-
-Ach so, das war wohl der neue Oberlehrer an der Reutterschule? Was wollte
-der bei ihm? Nahm's wohl sehr gewissenhaft, klapperte alle Honoratioren ab.
-Na, den wollte er sich ansehen.
-
-Es war ja schon im voraus genug über ihn erzählt worden. Man sollte ihn
-an gewisser Stelle förmlich gebeten haben, anzunehmen. Er war ein Licht.
-So eine besonders moderne Sorte Reformlehrer. Schriftstellerte über
-allerhand Ästhetisches und hatte die neuesten Ideen, die es gab. Kunst
-in der Schule! Es hieß, er sei aus der westdeutschen Stadt nur privater
-Verhältnisse wegen weggegangen. Einzig diesem Grunde verdankte Markburg
-das Glück seiner Zusage.
-
-Jetzt kam der Reformoberlehrer.
-
-Was er sagte, war gewandt. Ludwig entdeckte auf den ersten Blick weder
-eine Teutonische Wucht, noch eine Spießbürgerlichkeit. Der Mann sah ganz
-weltmännisch aus.
-
-»Sie werden sich an meinen Namen wohl nicht mehr erinnern, Herr
-Regierungsrat,« sagte er verbindlich, ihm mit den etwas runden dunklen
-Augen im Gesicht forschend.
-
-»Ihren Namen hat man in der letzten Zeit hier oft im Blatt gelesen,«
-erwiderte Ludwig.
-
-»Es war aber auch einmal eine Erinnerung für Sie damit verbunden -- wenn
-ich nicht sehr irre. -- Ich bin ein geborener Westpreuße, mein Vater war
-zuletzt in Thorn Major vom Platz.«
-
-»Der alte Bartelmes,« fuhr Ludwig ein wenig vor -- bis jetzt hatte
-er eine kühle Gleichgültigkeit gezeigt, fast mehr, als korrekt war --
-Christianens wegen! Er wußte doch, daß dieser Mann ihr als Stein in
-den Weg geschoben war, daß seine, grade seine Berufung etwas wie
-ein verstecktes Mißtrauensvotum war -- im Reutterschloß sollte die
-Persönlichkeit eines bedeutenden Mannes wieder mit ins Gewicht fallen!
-
-Man hatte deshalb keinen ganz Jungen gewählt.
-
-Bartelmes war nicht sehr viel jünger als er selbst.
-
-»Ja, Major Bartelmes kannte ich,« fuhr er nun ruhiger fort, auf seine
-Hände schauend, »aber an seine Familie erinnere ich mich nicht mehr.«
-
-»Das ist leicht erklärlich. Mein Bruder und ich waren damals im
-Kadettenhaus und kamen nicht oft nach Hause. Freilich haben wir es in der
-militärischen Zwangsjacke nicht sehr lange ausgehalten.« Er lächelte und
-fuhr leicht über seinen sehr gepflegten, kurzen dunklen Vollbart. »Leider
-sind wir alle etwas aus der Art geschlagen. Mein Bruder ist Musiker, meine
-Schwester Schauspielerin.«
-
-Es war, als ob er das dem Herrn Regierungsrat mit besonderem Wohlgefallen
-sagte.
-
-»In der Tat? Ganz künstlerisch! Herr Major Bartelmes --«
-
-»War es nicht,« ergänzte der Doktor mit einer etwas sonderbaren
-Stimmfärbung.
-
-Cöldt entsann sich. Der Major hatte getrunken. Und hatte dann unklarer
-Dinge wegen weggemußt.
-
-Also die Kinder dieses Trinkers waren Künstler geworden, und der Herr
-Doktor war vermutlich Abstinenzler.
-
-Er sah ihn mit leiser Ironie an.
-
-Etwas stieg in ihm auf, das wehrte sich riesenstark gegen den Menschen. Er
-horchte in sich hinein: wie kam er zu solch vorweltlichen Haßgefühlen?
-
-Ach, ein Grund war wohl da: Christiane.
-
-Sie soll es aufgeben, dachte er plötzlich, sie soll die Sache einfach
-hinwerfen. Sie ist doch kein Mensch, dem man mißtrauen darf.
-
-Und plötzlich kam es erlösend über ihn: sie wird sich nicht ducken
-lassen.
-
-Jetzt wurde er freundlicher. Befragte den Herrn nach seinem Studiengang und
-seinen Werken.
-
-Der antwortete zurückhaltend.
-
-Also immerhin ein Offizierssohn, vermutlich doch wohl noch in einigem
-wesensverwandt. Wahrscheinlich wollte er in der Gesellschaft verkehren? Ob
-er keine Frau hatte? Es schien doch nicht.
-
-Und plötzlich überkam Cöldt wieder ein neues Gefühl: die Eifersucht.
-
-Er sah, daß Richard Bartelmes gut gewachsen war, sich gut hielt und ein
-regelmäßiges, gesundes Gesicht hatte, nicht junggesellenhaft zerknittert.
-Der hat gelebt, erkannte er plötzlich. Ein Mucker ist der Herr Doktor
-nicht, trotz seiner Reformen.
-
-Bartelmes verabschiedete sich. --
-
-Um zwei Uhr erschien Christiane mit ihrer Mutter, wie sonntäglich üblich,
-zu Tische und blieb hernach bis zum Abend.
-
-Ludwig erzählte von dem Besuch.
-
-»Er war bei mir,« sagte Christiane ohne Aufregung, aber mit einem seltsam
-konzentrierten Blick, »allzu gewaltig können seine Reformideen nicht
-sein, da er beim Provinzialschulkollegium so in Gunst steht.«
-
-»Und du wirst ihm wohl nicht mehr Einfluß gönnen, als ihm gebührt?«
-
-Sie sah ihn ruhig an.
-
-»Er bekommt den Raum, der ihm gehört. Nicht einen Zoll mehr.«
-
-Er merkte, daß ihr Gesicht in seinen Linien schärfer und härter geworden
-war.
-
-Sie begaben sich in Ludwigs Zimmer, die Mutter blieb bei Hardi im Salon.
-Dort redeten sie vom Verein. Hanni saß gleichmütig und kaltblütig dabei
-und häkelte.
-
-Frau Dorreyter hatte nie eine Ahnung von dem gehabt, was Christiane und
-Ludwig verbunden hatte. Hardi hatte niemals etwas angedeutet und verriet
-auch jetzt nichts, obwohl sie den beiden merkwürdig nachgeschaut hatte.
-
-Christiane ging drinnen an einen Tisch, auf dem neue Bücher lagen.
-»Hier,« sagte Ludwig und hielt ihr einen Band hin.
-
-Es war ein neues Buch von Mereschkowski über Tolstoi und Dostojewski.
-
-Sie las, in einen der tiefen Ledersessel gedrückt. Er saß ihr gegenüber
-und las und rauchte. Sie liebte den feinen Zigarrenrauch sehr, wenngleich
-sie selbst nie rauchte. Dann und wann hielten sie inne und sprachen ein
-wenig, oder sie ließen nur ihre Bücher sinken und sahen sich kurz in die
-Augen.
-
-Es war etwas von einem alten Rausch dabei.
-
-Als Christiane und ihre Mutter gegangen waren, trat Ludwig wieder in sein
-Zimmer zurück und zog die Schiebetür leise zu. Hardi war noch im Salon
-mit Hanni beschäftigt und hörte das sachte Vorfallen des Holzes.
-
-Der Zigarrenrauch war ein wenig eingedrungen und durchwebte die Luft des
-Salons. Hardi erhob sich, machte ein paar Schritte und vertrieb den Rauch
-mit der Hand. Sie ging näher an die verschlossene Tür heran, und es war,
-als ob sie horchte oder etwas überlegte. Dann aber wandte sie sich, nahm
-ihr Kind an die Hand und ging mit ihm die Stiege hinab in ihr eigenes
-Zimmer.
-
- * * * * *
-
-In der Reutterschule war doch einiges anders geworden.
-
-Christiane beobachtete es aber von einem stillen gleichmütigen
-Lauscherposten aus.
-
-Doktor Bartelmes hatte den Ton im Kollegium verändert. Er war der
-Haberkorn so liebenswürdig entgegengetreten, daß sie ihre kratzbürstige
-Art wider Willen vergaß; sie kam in seiner Gegenwart einfach nicht dazu.
-Er war anders als ihr Freund, der Professor Diermann, dem noch ganz und
-gar die alte Zeit in den Gliedern gesteckt hatte, und auch anders, als die
-übrigen Herren, die den Damen mit wenigen Ausnahmen doch am liebsten aus
-dem Wege gingen. Bartelmes nahm die Haberkorn so wichtig, wie sie sich
-selber vorkam, und wenn ein heimliches Blinzeln und Flirren manchmal dabei
-in seinen Augen war, so merkte sie das nicht.
-
-Auch mit den anderen wußte er fertig zu werden. Nicht nur, daß er das
-gute Mehlmännchen allerorten neckte und von ihr schon einmal eine Büchse
-köstlicher Marmelade geschenkt bekommen hatte (sie erkundigte sich nachher
-bei sämtlichen Damen, ob man auch nichts ›dabei gefunden‹ hätte),
-sich von Fräulein Jong Fußtouren sagen ließ, den jungen Praktikantinnen
-und Mai mit viel Ritterlichkeit gegenübertrat, das physiologische
-Phänomen der Seifert und ihre sonstige Vortrefflichkeit genügend
-anerkannte -- auch mit den Kollegen wußte er sich zu stellen, und mit dem
-Zeichenlehrer sah man ihn sogar oft. Nur die kleine Wehrendorf beachtete er
-nicht, aber die hatte ja immer Pech.
-
-Man begriff manchmal nicht mehr recht, wie man sich innerlich so schroff
-vom anderen getrennt und nur bei feierlichen Gelegenheiten offiziell
-zusammengefunden hatte --, man war ja gleich und beim gleichen Werk
-eingespannt.
-
-Bartelmes widersprach seinen Büchern nicht. Er hatte noch Idealismus.
-
-Die Haberkorn wurde auch idealistisch. Bisher hatte ihre Stimmung sich
-immer nach ihren Nerven gerichtet oder je nachdem sie geschlafen hatte --
-jetzt kam sie alle Morgen strahlend frisch, und ihr zweites Wort war
-immer ›Die Kindesseele --‹. Sie schwärmte jetzt nicht nur für die
-geheimrätliche Meckebier, sondern auch für alle anderen Zöglinge, ihr
-Herz wurde butterweich -- es war doch ein schöner, edler Beruf!
-
-Sie fühlte sich glücklich.
-
-Auch den anderen ging es ähnlich, und Christiane mußte sich sagen: er
-hatte es gemacht, nicht sie. Obwohl sie mit gutem Willen, mit Gerechtigkeit
-und Liebenswürdigkeit begonnen hatte -- er hatte es gemacht, nicht sie.
-
-Sie wußte, woran es lag. Es war etwas Uraltes, das in diesen älteren und
-jüngeren Mädchen unbewußt lebendig wurde. Es war auch ein heimlicher
-wissender Trotz gegen sie dabei. Sie wollten das Tun dieses herangerufenen
-Fremden doppelt wiegen.
-
-Christiane beobachtete ihn mit kühler Zurückhaltung, fand, daß er
-anscheinend eine gute unterrichtliche Begabung und vor allem ein gewisses,
-verschleiertes Künstlertum besaß, von dem freilich nicht zu ersehen war,
-wie weit es reichte.
-
-Er hatte Christianens Pläne, von denen sie ihm gesprochen hatte, mit
-großer Entschiedenheit abgelehnt.
-
-Ein Seminar, eine harte, nüchterne Beruflichkeit, ja nur ein Hineinmischen
-solcher Dinge hier an der vornehmen Schule war für ihn ein Unding. Man
-sollte froh sein, daß diese moderne Unumgänglichkeit hier noch
-umgangen werden konnte! Diese Mädchen stammten sämtlich aus solchen
-Verhältnissen, daß man sie zu echten Frauen erziehen konnte, zu der
-modernen Weibpersönlichkeit, die die Frauenbewegung niemals zu schaffen
-vermochte.
-
-Kultur, ja, die brauchten diese jungen Markburgerinnen herzlich notwendig,
-Schönheit, die mußte man ihnen geben. Man sollte sie das reine Genießen
-lehren, die schöne Haltung, das ganze Begreifen der Gegenwart, aber man
-sollte sie nicht mit häßlichen Klammern verzerren.
-
-Christiane kannte sein Buch ›Die unerreichbare Frau‹, das nach
-einem neuen, noch unbekannten Frauentypus rang, während er die
-›Karrenschieberinnen‹, wie er sie nannte, als ewig kulturlos beiseite
-warf. Er wollte hohe, starke Geister, volle Teilhaberinnen am modernen
-Leben, aber keine Frauen mit Examen, mit dem Sinn an ein enges Fach
-gebunden, mit den Gedanken an Geldverdienen. Er knüpfte an die großen
-Frauen des achtzehnten Jahrhunderts an und rief ein hohes Idealbild auf.
-
-Warum sattelte er nicht um und ritt mit seinen Gedanken ganz in die bunten
-Felder der Phantasie?
-
-Denn er war ein Phantast.
-
-Sie begriff nicht, wie die Frauen ringsum sich so für ihn begeistern
-konnten -- er lehnte sie ja alle ab. Er verachtete sie innerlich grausam,
-obwohl er ihnen äußerlich zu Hilfe kam; diese Hilfe war verkappter Spott.
-
-Christiane fühlte: er sah sie auch nicht anders. Sein Schauen war ihr
-gegenüber wenigstens geteilt. Halb ließ er sie gelten, halb lehnte er sie
-auch ab.
-
-Ihre Schriften ignorierte er vollständig.
-
- * * * * *
-
-Christiane begegnete dem Doktor Bartelmes eines Abends bei Cöldts. Er
-machte eine sehr gute Figur, und plötzlich horchte sie überrascht: er
-suchte wahrhaftig Geist in die Unterhaltung zu bringen! Mit zweien, dreien
-hatte er ein interessanteres Thema angefangen -- jetzt horchten schon
-mehrere darauf.
-
-Er kam aus geistig reger Stadt, kannte viele Großstädte und Künstler. Es
-war nicht die geringste Prahlerei an der Art, in der er das vorbrachte, es
-kam ganz zufällig.
-
-Er war vorzeiten Gast im literarischen Kreise zu Schreiberhau gewesen,
-kannte Reicke und Bölsche -- für Bölsche interessierten sich sogar
-die Markburger jungen Damen, der war ja populär! Er hatte etwas von der
-merkwürdigen Friedrichshagner Zeit kennen gelernt, war in München und in
-Bayreuth bekannt und hatte in Weimar Beziehungen. Vieles war durch seinen
-Bruder gekommen, der aber ein etwas schwankendes und unklares Genie zu sein
-schien und einmal eine preußische Wachtparade im Stil des alten Fritz, ein
-andermal eine Oper komponierte und jetzt an einer modernen Operette war.
-Die Schwester war in Dresden und bei der Dumont engagiert gewesen und
-sollte jetzt zu Reinhardt kommen.
-
-Es schien doch Leute in Markburg zu geben, die da wußten, was Reinhardt
-augenblicklich bedeutete.
-
-Bartelmes kannte auch Yse Bernhart.
-
-Christiane sah ihn überrascht an.
-
-»Ich traf Fräulein Bernhart erst vor kurzem in Weimar.«
-
-»Dann hat sie gewiß auch von mir gesprochen.«
-
-Christiane sah starr in die flimmrigen schwarzen Augen des Mannes.
-
-»Ihren Namen nannte sie allerdings, Fräulein Doktor,« erwiderte er
-langsam, während sein Blick etwas nach unten strich -- und Christiane
-begriff jäh: der wußte mehr von ihr, als sie geahnt hatte. Der hatte
-sie schon gekannt, ehe er hierher kam! Er wußte, aus welcher Flut sie
-gestiegen, wie ihre Entwicklung war -- grade aus dieser Verbindung heraus!
-
-Sie fühlte sich ihm gegenüber plötzlich rätselhaft ärmer, als ob sie
-ihm gebeichtet hätte. Etwas zwischen ihnen war verschoben. Nicht, daß Yse
-etwas verraten hätte, aber ihre Freundschaft sagte dem Psychologen schon
-genug! Und Bartelmes war ein Frauenpsychologe, wollte es wenigstens sein,
-und so fühlte sie sich ihm gegenüber plötzlich nicht mehr als das ruhig,
-straffe Fräulein Doktor, die moderne Herrscherin, sondern --
-
-Rief noch immer etwas in ihr nach dem verbotenen Gestade -- --?
-
-Ihr Blick irrte zu Ludwig. Er stand nicht weit entfernt von ihr.
-
-Er war nie weit entfernt von ihr.
-
-Sie sahen sich an.
-
-In dem Augenblick wurde ihr Bartelmes von einer Dame weggewinkt. Es ging
-wohl um den Frauenverein, in dem der Doktor Kunstvorträge halten sollte,
-vielleicht aber auch um andere Dinge, denn sie wären im Alter zu einer
-Partie grade recht gewesen.
-
-Er schien aber nicht daran zu denken.
-
-Sie merkte, daß er während aller Liebenswürdigkeiten, die auf ihn
-einkamen und die er weltmännisch und mit dem kleinen Künstlerhauch
-erwiderte, doch immer wieder zu ihr schaute.
-
-Sie kannte den Blick.
-
-Es war etwas von dem darin, den Ludwig für sie hatte. Den schon mancher
-Mann für sie gehabt hatte: das eigentümlich überlegende Sinnen, das
-innere Festgehaltensein.
-
-Ludwig! Ludwig!
-
-Nachher brachte Bartelmes sie nach Hause.
-
-Es war Tauweiche in der Luft. Noch lag alles voll Schnee. So viel Schnee
-hatte man in den Jahren hier nicht mehr gehabt. Schnee auf Schnee lag im
-Walde. Wälle, die vorm Feind geschützt hätten, waren um die Felder und
-Dörfer geschichtet. Schnee um Schnee war in der Welt. Aber ein flüchtiger
-Tauwind zog darüber.
-
-Sie begann unwillkürlich wieder von Yse.
-
-»Ich sah sie lange nicht. Sie schreibt mir auch nicht mehr.«
-
-»Dafür liest man, was sie für alle schreibt,« sagte er.
-
-»Das lassen Sie also gelten?« fragte sie. »Das, was _sie_ schafft?«
-
-»Was sie schafft, ja. Denn es ist etwas Gegebenes, die Aussprache einer
-inneren Kultur. Ich freute mich herzlich, wenn ich unter meinen Mädchen
-ein solches Fünklein entdecken könnte -- blasen und blasen würde ich --
-aber leider glimmen solche Feuer in Markburg nicht auf!«
-
-Christiane fragte plötzlich nach seiner Schwester.
-
-Er sagte langsam: »Fräulein Doktor Dorreyter, Sie werden sich wohl
-darüber klar sein, was für einen Weg sie gemacht hat. Vor Ihnen will ich
-das nicht verhehlen. Es hängt etwas daran, ehe eine arme Offizierstochter
-eine bekannte Bühnenkünstlerin wird.«
-
-Sie nickte schwer.
-
-»Aber meine Schwester ist echtes Künstlerblut,« setzte er hinzu, »und
-es hat keinen Ballast für sie bedeutet.«
-
-»Und Sie, Herr Doktor?« fragte Christiane plötzlich, »wie stellen Sie
-sich als Bruder dazu?«
-
-»Daß sie diesen Weg machen mußte,« sagte er leichthin. »Vielleicht
-ist in späterer Zeit auch der Bühnenberuf eine Versorgung für untadelige
-höhere Töchter und mit allerhand Besen gesäubert. Aber ich -- möchte es
-nicht hoffen. Ich -- glaub's nicht. Dickicht muß sein. Grade hier. Unkraut
-muß sein. Grade hier.«
-
-Er bog sich ihr zu.
-
-»Nicht wahr, das sind nette Anschauungen? Aber ich bringe sie nicht in das
-Reutterschloß.«
-
-Er sah blinzelnd nach dem Haus, das jetzt inmitten der weißen Nacht
-sichtbar wurde.
-
-Sie wußte gar nicht, was er da zu schauen hatte, legte die Hand auf den
-Knopf und klingelte.
-
-Jetzt tauchte die Hausmeisterin mit ihrem Laternchen auf.
-
-»Ich danke Ihnen, Herr Doktor,« sagte Christiane kühl und reichte ihm
-die Hand.
-
-»Auf Wiedersehen, Frau ... Äbtissin,« sprach er langsam mit einem
-Lächeln, das sich in seinem Bart verkroch.
-
- * * * * *
-
-Am anderen Tag begegnete er ihr ganz unbefangen und fragte sie, ob sie
-nicht einmal ihren Garten öffnen wollte. Er würde seine Mädel gern
-mal hineinführen, so lange noch Schnee sei. Jetzt könnten sie ja keinen
-Schaden anrichten.
-
-Ihr war es noch nicht eingefallen, den fremden Kindern ihr einsames
-Geheimnis preiszugeben, noch viel weniger den Kollegen und Kolleginnen. Der
-Garten war auch jetzt ein Märchen. Sie schaute von ihren Fenstern aus oft
-hinein, und nur ihre Fußspuren gingen einsam durch den Schnee. Der Garten
-war ihr Schönstes.
-
-Aber sie sah keinen Grund nein zu sagen. Denn in ihrem Amt durfte sie
-eigentlich gar nichts für sich allein haben. Alles mußte dem Zwecke
-dienen, dem sie sich einmal gelobt hatte.
-
-Sie stand am Fenster und gewahrte, daß der Doktor zuerst allein
-hineinging. Er schaute auf ihre Fußspuren und verfolgte sie langsam bis
-zum Tempel mit dem blauen Griechenbild. Auf einmal hatte sie das Gefühl:
-es ist ihm gar nicht um das Schneeballen der Kinder -- er will nur wieder
-spähen. Er hat ein halbes Bild von dir und will neue Züge haben. Er sucht
-sie sich.
-
-Sie sah, wie er ging und ihre Spuren verdarb.
-
-Sie sah, wie er durch ihren weißen Schneegarten ging.
-
-Auf einmal fühlte sie das Widrigste an ihm, das eine Frau an einem Mann
-empfinden kann.
-
-Sie trat zurück. Ihre schwarze Gewandschleppe rauschte.
-
-Dann hörte sie Kinderlärm.
-
-Jetzt flog es da unten hin und her. Ball auf Ball. Der Doktor warf seine
-Bälle immer den hübschesten Mädchen zu. Die wußten das und warteten
-darauf. Sie lachten.
-
-Christiane dachte jäh: im Grunde wird Bartelmes mit diesen Mädchen gut
-fertig.
-
-Bestand da irgend eine geheimnisvolle Wirkung, ein heimliches Gegenspiel --
-Funke und Funke -- --?
-
-Oder war er wirklich auf diesem Gebiete besonders begabt?
-
-Ihr fehlte die große Begeisterung, die in dem Werk an den verwöhnten
-Kindern eben wirklich ein Werk sah. Heimlich hatte es schon oft in
-ihr gerissen: wärst du doch dort geblieben, wo du warst, wo du junge
-Kämpferinnen vor dir hattest, Wesen wie du, die ihren Sinn gespannt
-auf alle Dinge des Wissens richteten und ihren Lebensgehalt vom Wissen
-erwarteten --! Das Nutzlose ihres Schaffens stieg vor ihr auf.
-
-Die hier sind anders. Sie sind vom anderen Ufer. Sie sehen kühl und
-lächelnd auf dich und denken: du bist alt. Sie sehen dein Kleid und
-denken: hu, so möchte ich nicht sein.
-
-Sie schauen nach dem, was du nie besaßest, und sie werden es besitzen.
-Alle, alle werden es besitzen.
-
-Neid kam in ihr auf, Neid auf diese jungen, werdenden, schönen,
-leichtbeschwingten Dinger.
-
-Sie vermochte ihnen nichts Dunkles anzudenken, und sie sollten es auch
-nicht verstehen. Sie sollten den Weg gehen, den dieser Mann, dessen Nerven
-in einem starken, sinnlichen Weibesverstehen zuckten, ihnen anweisen
-würde.
-
-Sie selber konnte hier nicht anwenden, was sie eigentlich war, nicht
-werden, die sie war.
-
-Vielleicht nie und nirgends.
-
-Sie war in einer Sackgasse verrannt.
-
-Ihre besten Gaben, ihr Geist, ihre Klugheit, ihre Sehnsucht, ihre uralte
-Kultur -- das alles war knapp eingespannt und kläglich halb ausgenützt.
-Das andere verfiel.
-
-Torheit war es, zu glauben, daß ein Beruf eine jede Frau höher
-brächte ... dazu durfte man nicht Vollblut sein. Er entwickelte eine
-brave, nüchterne, praktische, manchmal sogar trostlose Seite, aber ein
-geistiges Wachsen brachte er nicht. Die ersehnte Hochkultur brachte er
-nicht.
-
-Sie hätte eine dieser Frauen werden können, wie sie Bartelmes suchte,
-einer der vornehmen, neuen Geister, die alte und neue Kultur, Traditionen
-und Erworbenes in sich vereinten -- war es nicht das, was sie Jahre und
-Jahre hindurch mit verbotenen Wünschen heimlich ersehnt hatte?
-
-Mit Ludwig hätte sie reiten, an seiner Seite mit an seinem Werk bauen,
-das ganze Leben der Nation in seiner Entwicklung, in seinen Kämpfen und
-Bedrohungen mit erleben wollen -- sie wäre eine kostbare Teilhaberin
-geworden!
-
-Wohin er auch gelangt wäre, immer hätte sie unübersehbar an seiner Seite
-gestanden, keine Nichtstuerin, kein Weibchen, sondern mit weiten Flügeln
-hinaufstrebend zu dem Hochbild der neuen Frau.
-
-Sie fühlte sich plötzlich umspannt, beunruhigt, in alte Qualen gestürzt.
-
-In ihr spähte es ja immer noch. Es war, als ob ihre ganze Seele dem Leben
-gegenüber jetzt atemlos auf dem Lauscherposten stünde, ehe sie sich
-enttäuscht für immer abwandte und in Niederungen verkroch.
-
-Sie vergaß ihre Grenzen und ihre Würde.
-
-Sie starrte zu den jungen Dingern hinab, und ihre Hände zuckten, wie ihr
-Herz.
-
- * * * * *
-
-Um zwölf Uhr -- das Glockenspiel der Agnetenkirche summte durch die
-weiche, dicke Luft -- guckte Mai Friedlein aus dem Tor des Reutterschlosses
-sehr bestürzt in das Gewimmel. Schon wieder so viel Schnee, und sie hatte
-keinen Schirm. Schon wieder so viel Nässe, und sie hatte ihren guten Hut
-auf.
-
-Da kam es von rechts und von links.
-
-Sie wußte gar nicht, wohin sie zuerst schauen sollte, und war von dem
-Übermaß unerwarteter Ritterlichkeit förmlich entzückt. Das war hier
-doch sonst nicht Sitte! Sicher hatte Dreher Bartelmes beobachtet, sein
-Vorhaben erraten und kam nun von der anderen Seite gleichfalls mit seinem
-Schirm und einem galanten Spruch.
-
-Sie warf den Kopf zurück und sah noch viel schöner als gewöhnlich aus.
-
-»Wie soll ich mich da entscheiden?« sagte sie lachend, »am besten ist
-es wohl, ich nehme einen Schirm, und die Herren gehen zusammen unter dem
-anderen.«
-
-»Ihr Hut muß sehr geschützt werden,« meinte Dreher, der im Herzen
-wieder erwog, wieviel solch ein Hut kostete. Er hätte den Vorstoß nicht
-gewagt, sondern hätte sie seelenruhig im Schnee gehen lassen und wäre
-höchstens zärtlich hinterhergestapft -- wenn er nicht noch rechtzeitig
-den anderen gewahrt hätte. Nein, dem gönnte er sie nicht! Dem Bartelmes
-nicht!
-
-Sie hatte einen Schirm angenommen, und zwar, vielleicht zufällig, den des
-Doktors.
-
-Nun liefen die beiden Herren neben ihr her, einer rechts, einer links.
-
-Jeder im Schnee.
-
-Mai beobachtete das mit großer Schärfe und fand, daß die breiten Flocken
-dem Doktor besser standen, als Dreher, dem sie lächerlich an der Nase
-vorbeitrudelten. Auf Bartelmes blieb der Schnee förmlich zärtlich liegen
-und zerfloß dann schnell, wie von einer ungeheuren Wärme aufgezehrt.
-
-Wenn man nur wüßte, was für Gedanken er hatte!
-
-Sie mahnte sich selber: Vorsicht! Vorsicht!
-
-Die Erinnerung an den Assessor kam wieder.
-
-Noch immer war kein sicherer Bewerber aufgetaucht. Die Mutter war noch
-nicht wieder in die Stadt gekommen.
-
-Dreher redete wenig, horchte aber aufmerksam auf den anderen. Der erzählte
-vom Theater (das für Mai auch keine ganz angenehme Erinnerung war) und vom
-Rodeln, das er für seine flotten Schülerinnen eingeführt hatte. Ein Wall
-im Stadtpark war dafür hergerichtet worden.
-
-Er hatte auch Winterwanderungen aufgebracht.
-
-Nun bot Bartelmes sich Mai zum Führer an: »Wenn Sie einmal den Versuch
-machen wollen, so bin ich gern bereit, Sie zu unterstützen.«
-
-Sie merkte, was für ein Gesicht Dreher zog, und bedachte sich.
-
-»Ich werde es mir überlegen.«
-
-»Zu unserm Rodeln müssen Sie aber kommen,« redete Bartelmes zu. »Heute
-nachmittag sind wir im Stadtpark, meine Mädel und ich.«
-
-Der Stadtpark verursachte ihr auch keine angenehmen Erinnerungen.
-
-»Kommen Sie doch, Fräulein Friedlein,« bettelte er.
-
-Sie besann sich rasch. Wenn sie recht spät kam, war das Rodeln beendet,
-und dann hatte sie noch den Heimweg mit dem Doktor. Sie konnten sich einmal
-sprechen. Wann war das sonst möglich? Im Reutterschloß war man doch
-umspäht und beobachtet. Er war doch schließlich -- -- vielleicht -- zu
-rechnen. Der langweilige Dreher entschloß sich doch nie.
-
-Sie blieb stehen, denn sie war am Stieglitzberg. Eben wollte sie zusagend
-antworten, in Gegenwart Drehers antworten, und sie wußte, was das für den
-bedeutet hätte. Denn der haßte das Rodeln, erstens, weil man sich dabei
-erkälten konnte, und dann, weil es unnötige Anstrengung war.
-
-Da sah sie in Bartelmes Augen.
-
-Mai Friedlein war mit der Zeit klug geworden. Sie hatte ihre Erfahrungen
-und eine gewisse sehr feine, treffsichere Männerpsychologie.
-
-Lächelnd und sehr unbefangen sagte sie: »Nein, Herr Doktor, es tut mir
-sehr leid -- ich rodle, offengestanden, nicht sehr gern. Sie verzeihen
-also, wenn ich -- fehle.«
-
-Und damit gab sie dem alten Junggesellen, dem Dreher, die Hand. Instinktiv
-sehr fest. Und er antwortete mit einem Druck, der ein Kompliment war, eine
-große Anerkennung. Eine Sorge war von ihm genommen.
-
-Sie war doch nicht zu -- schön.
-
-Die Herren sprachen nicht viel untereinander, als sie zu Tisch gingen.
-
- * * * * *
-
-Ludwig brachte Christiane ein Buch, von dem sie gesprochen hatten, und
-fragte, ob sie zum Abend zu ihnen kommen könnte. Es sei aber niemand
-weiter da.
-
-»Heute abend geht es nicht,« antwortete sie, das Buch leicht in der Hand
-drehend, »heute fahre ich nach der Oper. Götterdämmerung.«
-
-»Siegfrieds Tod,« sagte er mit leichter Ironie, die sie nicht verstand.
-
-»Ja, Ludwig, es ist mir hier manchmal zu eng,« sprach sie, aufstehend und
-ein paar unruhige Schritte durchs Zimmer machend, »ich muß etwas anderes
-haben, wenigstens einen Ton von Ungewöhnlichkeit. Es ist ja nur kurz,«
-fügte sie hinzu, »sieh, so musikalisch bin ich nicht, daß ich Wagner
-vollkommen verstünde. Ich habe nur _gelernt_, ihn zu verstehen. Das ist
-nicht viel. Im Anfang werde ich kalt sein. Ich werde die Pappen und die
-Leinwand der Dekorationen am deutlichsten sehen und die koketten Arme der
-Sängerinnen. Dann werde ich anfangen zu hören und für eine Weile im
-Strudel untertauchen. Aber wenn es aus ist, Ludwig, dann ist es auch
-für mich aus,« setzte sie traurig hinzu, »ich nehme nichts mit. Keinen
-Rausch, keinen Traum, keine Erhebung. Davon bin ich ausgeschlossen.«
-
-»Aber warum suchst du dir nicht eine Sprache aus, die du ganz verstehst?«
-fragte er.
-
-»Ich sage dir ja, ich suche das Ungewöhnliche,« antwortete sie.
-
-Er sah sie schärfer an.
-
-»Christiane, ist es dir zu -- schwer?« fragte er halblaut, »dann --
-wirf's doch hin. Wirf die Sache hin. Such dir Größeres. Sieh, ich sprach
-damals nicht dagegen, als du kommen solltest, weil ich« -- er stockte eine
-Sekunde -- »weil ich dich wieder nahe haben wollte. Weil ich dachte, wir
-könnten uns auch so etwas sein. Du mir und ich -- dir.«
-
-»Was können wir uns sein, wenn unser Feuer so hinter dem Berge brennt,«
-erwiderte sie leise.
-
-Er schrak zusammen.
-
-»Dafür brennt aber kein anderes, näheres,« sagte er langsam, in sich
-versunken.
-
-Sie schwiegen beide.
-
-Als er aufschaute, kam ihm ihr Gesicht wieder verwandelt vor.
-
-Sie blickte in ihren Garten hinaus. Der war voll Schnee. Aber viele Spuren
-führten bis zu dem blauen Griechenbild.
-
-»Komm morgen zu uns,« sagte er, »komm jeden Tag. Wenn du _kannst_,«
-fügte er halblaut hinzu.
-
-»Ich dachte, damals sei das Schwerste für mich,« sprach sie langsam,
-»damals am Morgen auf der Bahn. Weißt du -- als du die Türe hinter mir
-schlossest. Aber jetzt -- ich bin doch schon so weit -- aber jetzt --«
-sie fuhr plötzlich zusammen. »Ludwig, was sage ich dir,« rief sie, »was
-fällt mir ein? An solche Dinge dürfen wir nicht rühren.«
-
-Sie sah wieder nach ihrem Garten.
-
-»Solche Spuren sind ganz fein, und mehr darf nicht sein. Sei ruhig,
-Ludwig, ich will dir keine neue Last aufladen. Ich möchte nur, daß du
--- fortgingst. Das quält mich mit, daß ich dich hier weiß und daß du
-so --«
-
-Er sah sie an.
-
-»Sprich nicht weiter,« bat er.
-
-Sie schauten sich an.
-
-»Bitte, komm morgen,« sagte er dann, »komm, Christiane.«
-
-Er ging. -- -- -- --
-
-Christiane fuhr in die ›Götterdämmerung‹. Unterwegs, während der
-kurzen Eisenbahnfahrt, sah sie erst, wieviel Schnee in der Welt war. Schnee
-um Schnee.
-
-Aber in der großen Stadt war er weg, oder wenigstens unkenntlich. In der
-Vorhalle des Opernhauses mußte sie plötzlich an den Wald denken, und
-jetzt wußte sie: ich werde ihn gleich sehen. Oder etwas Ähnliches.
-
-Und es kam so, wie sie gesagt hatte: erst saß sie fremd, ja, sie lächelte
-sogar flüchtig, dann aber warf sie ihre Seele in die Musik hinein, sehr
-spät, denn die anderen, die ihre Gläser vor die Augen und die Textbücher
-auf dem Schoß hielten, hatten das vermutlich längst getan.
-
-Der Gesang der Rheintöchter berührte sie besonders. Dieses Klingen,
-dachte sie. Meine Stimme hat in meinem ganzen Leben nicht so geklungen. Wie
-das perlt.
-
-Ich kann mir denken, daß Frauen, die so singen können, ein ganz anderes
-Leben führen, als eine -- Schulmeisterin.
-
-Nachher dachte sie an Doktor Bartelmes Schwester. Eine Tochter aus gutem
-Hause -- nein, so ganz gut war es wohl nicht. Sie hatte es von Ludwig
-gehört. Ein wenig Schmutz war ihr wohl schon in der Seele angehangen, als
-sie auf die Bretter kam, und ihre Seele war jedenfalls ebenso bereit für
-den Schmutz wie für die Kunst.
-
-In Christiane wehrte es sich auf einmal gegen alle heuchlerische
-Bühnenkunst, und sie sehnte sich nach der reinen Kunst der Bücher und der
-Bilder.
-
-Wenn ich dergleichen getan hätte, dachte sie.
-
-Das ist auch ein Lebenpacken, vielleicht sogar ein -- Sichanwenden.
-
-Dann reckte sie sich.
-
-Dazu hätte ich nie gepaßt. Ich, eine Dorreyter -- nein. Nie. Zum Reiten
-über die Heide hätte ich gepaßt. Zu Ludwig. Zu keinem anderen, als zu
-Ludwig und zu seinem Werk.
-
-Aber wenn ich diesen Stempel nicht empfangen hätte -- wäre ich dann nicht
-vielleicht -- -- nein, was denke ich, keiner wird anders, als er ist.
-Ich bin die Urenkelin der Frau von Rhane und habe heißes Blut. Aber --
-hochmütiges. Sehr hochmütiges.
-
-Zu Ludwig hätte ich gepaßt. Aber Sünde hätten wir nicht tun können. Er
-nicht und ich nicht.
-
-Dazu ist unser Blut zu stolz. Wir lassen unser Feuer hinter dem Berge
-niederbrennen.
-
-Ja, niederbrennen.
-
-Ich bin aufgeregt, dachte sie, als sie aus dem Theater kam und nach dem
-Bahnhof fuhr.
-
-Es war der letzte Nachtzug nach Markburg.
-
-Und morgen früh -- -- was war mit ihr? Sie war ja ganz aus dem
-Geleise -- --? Hastig stieg sie ein und lehnte sich zurück. Allein sein,
-allein fahren, fahren, irgendwohin.
-
-In ihrem Blut bebte der schwere Rausch der Musik. --
-
-Sie stutzte. Da sah sie einen: Bartelmes. Und er erkannte sie im selben
-Augenblick. Nach einem kurzen Zaudern sprang er zu ihr in den Wagen und
-begrüßte sie.
-
-»Waren Sie auch in der Oper?« fragte sie unwillkürlich.
-
-»Ja, ja,« sagte er. »Ging aber vor Schluß weg und war noch mit Freunden
-zusammen. Literatur.« Er lachte vor sich hin, und auf einmal dachte sie
-wieder an seine Schwester.
-
-»Ich möchte Ihr Fräulein Schwester wohl einmal sehen,« sagte sie.
-
-Er fuhr vor. »Meine Schwester?«
-
-Dabei sah er sie an. Das Licht im Abteil war blau gedämpft, ganz genau
-konnten sie einander nicht erkennen. Aus dem Nebencoupé tönten lebhafte
-Stimmen. Da fuhren auch welche aus der Oper nach Markburg oder in ein
-anderes Nest.
-
-»Ach, meine Schwester,« sagte er. »Ich versichere Sie, die braucht keine
-Hilfe und keinen Rat. Sie sollten Sie sehen: klein ist sie nur, aber ein
-stahlfestes, geschmeidiges Tierchen und -- ach, ich glaube, ich habe
-wohl ein Bild von ihr da.« Er griff seine Brieftasche heraus und suchte
-zwischen anderen Photographieen.
-
-Jetzt hielt er ihr eine hin und riß am Lampenschleier.
-
-»Hier, bitte, gnäd -- -- Fräulein Doktor --«
-
-Hatte er ganz vergessen, wer sie war?
-
-Jetzt war nur das kleine Bild zwischen ihnen.
-
-Ein keckes Persönchen. Sie wußte sofort, es war so, wie sie gedacht
-hatte: an der war nichts Reines und Bewahrtes, die war durch alle Feuer
-gegangen.
-
-»Aber nun --« er steckte das Bildchen ein -- »darf ich erfahren, wie
-Ihnen der Siegfried gefallen hat --?«
-
-»Ein dicker Sänger,« sagte sie.
-
-Er fuhr zurück.
-
-»Erbarm sich -- -- Pardon, gnädiges Fräulein -- Sie scheinen überhaupt
-keine Musikkennerin zu sein und auch wohl keine Bühnenillusion gelten zu
-lassen?«
-
-»Musik verstehe ich nicht,« sagte sie, »und die Bühne -- mir scheint es
-nicht, daß das Kunst ist -- -- Kunst ist meiner Ansicht nach -- vornehmer.
-Kunst war es, als es _wurde_.«
-
-»Vornehm, ja, vornehm,« höhnte er. Es versank fast im Rattern des Zuges.
-
-»Ja, allerdings. In den Klöstern gab es auch nur das Buch und die Musik,
-die den frommen Frauen die Zeit vertrieben. Aber eine andere Musik. Ach,
-kleine Spiele gab es auch, fromme Spiele.«
-
-Er lachte. Irgend etwas an ihm schien verwandelt, und in ihr begann es
-heimlich gierig zu spähen: kam sie jetzt auf den eigentlichen Kern des
-Doktor Bartelmes?
-
-»Ich dachte, Sie kämen vom Siegfried anders zurück,« sagte er nun, und
-sie zuckte: »Wußten Sie denn --? Daß ich --«
-
-»Ach, ich glaube, ich war in der Telephonzelle, als die Hausmeisterin Ihr
-Billett bestellte,« sagte er gleichmütig. Jetzt war er wieder korrekter.
-»Ich bin aber oft hier,« setzte er noch hinzu.
-
-Sie saß regungslos.
-
-Das hieß ja fast, es könnte auch möglich gewesen sein, daß er um
-ihretwillen hierhergefahren wäre! Sie hätte fast gelacht. Und zugleich
-schraubte sich ihr ganzer Hochmut herauf: wer war er denn? Was erlaubte
-sich dieser Mann?
-
-Er hatte wohl gemerkt, was in ihr vorging. Seine Stimme veränderte sich
-vollkommen. Kühl holte er ein Schulthema heran, ein extra langweiliges.
-
-Sie hörte kaum zu. Ihre Blicke hingen sich mechanisch an die
-schwarzspiegelnden Scheiben -- da merkte sie, daß er auch dahin guckte. Er
-suchte ihr Bild heimlich aufzufangen.
-
-Und plötzlich kam über sie, was noch keine Gestalt angenommen hatte, aber
-schon dagewesen war. Sie dachte wieder an ihren weißen Garten, durch den
-er gegangen war. Irgend etwas in ihr neigte sich ihm zu: sie waren einander
-im Geistigen wohl ebenbürtiger, als er dachte, und wenn ein Feuer sein
-sollte, so konnte es diesseits brennen, offen, ganz offen -- -- --
-
-Ludwig!
-
-An wie vielen war sie in den Jahren schon vorbeigegangen!
-
-Und jetzt sollte es so kommen?
-
-Hier vor seinen Augen?
-
-Eine Stimme sagte ihr: früher hattest du noch Hoffnungen und mehr
-Idealismus. Früher war Ludwig noch groß vor dir, und etwas in dir fand
-keinen Größeren.
-
-Jetzt ist deine Seele in einem atemlosen Harren über ihn hinausgeflackert.
-
-Hier ist einer, der dich zwar noch nicht kennt, aber doch über
-dich nachdenkt, der Macht über dich gewinnen will. Nicht einer der
-Gleichgültigen und Dutzendleute -- nein, eine Basis wäre wohl da, auf der
-ihr euch treffen könntet -- er würde dir geben, was du verlangst -- --
-und du ihm, was er -- braucht -- -- --
-
-Sie zuckte.
-
-Was war das?
-
-Wie verirrte sie sich in solche tollen Dinge?
-
-Morgen, ach morgen -- -- --
-
-Sie strich über die Scheiben, die nun angelaufen waren, und brachte den
-Kopf ganz nahe. Auf einmal sah sie die vorbeistreifenden Schneefelder, und
-plötzlich überkam sie eine ganz lichte Empfindung, als glitten weiße
-Büsche an den Rainen entlang, als seien blütenhelle Bäumchen da, als sei
-ein ganz zarter, heimlicher Frühling draußen. Eine Frühlingsnacht.
-
-Und sie dachte: Wieviel hast du versäumt. Mit Büchern und mit fremden
-Leuten. Mit Tränen hast du es versäumt. Mit Sehnsucht. Nach einem fernen
-großen Jugendfeuer hast du hingestarrt und dabei jeden deiner neuen
-Frühlingstage übersehen.
-
-Und bald kommt der Herbst. Dann wird dir die Rechnung präsentiert. Dann
--- was dann kommt, ist bitterer als Sehnsucht, ist die ganze Qual des
-Unerlebten, ist die Erkenntnis, daß du leben _konntest_ und hast es nicht
-getan. Und hast es nicht getan.
-
-Sie saß regungslos.
-
-Und drüben saß der Mann.
-
-Sie sprachen nicht mehr.
-
-Er begleitete sie auch nicht nach ihrem Hause, denn Christiane winkte sich
-rasch eine Droschke heran und fuhr dem Reutterschloß zu.
-
- * * * * *
-
-Am anderen Abend kam sie zu Cöldts.
-
-Sie blieb erst eine Sekunde vor dem Hause stehen und besah es sonderbar
-genau, und als sie nachher Ludwig gegenüberstand, schaute sie ihm auch
-sonderbar ins Auge.
-
-Er kam an dem Abend zeitiger aus seinem Zimmer als sonst. Immer, wenn
-Christiane da war, tat er es, aber heute war es noch zeitiger. Und dann bat
-er sie, sie solle zu seinen Büchern kommen.
-
-Hardi folgte und beobachtete Hanni, die ein Schulbuch vor hatte. Sie
-schaute auch zu Christiane, die mit Ludwig zusammen Neuausgaben alter
-Bücher besah.
-
-Und es überkam sie auf einmal: was tue ich denn hier? Wer bin ich denn
-hier? Was für ein Recht habe ich hier --?
-
-Sie fühlte wieder den Schnee draußen.
-
-Christiane aber sah, Ludwigs Auge vermeidend, die Neudrucke an und dachte:
-Ja, es sind Kostbarkeiten, für ihn wenigstens. Stille Kostbarkeiten, wie
-er sie so gern hat, wie er sie an sich genommen hat, statt seines Werkes,
-statt seiner eigenen Ideen, statt jeder Tat, zusammen mit meiner Liebe.
-
-Alles stille Kostbarkeiten.
-
-Aber später? Wie werden wir das später ansehen?
-
-Ludwig, man bleibt nicht zusammen, wenn man sich immer ferne ist. Eine
-Lücke bleibt -- es bricht. Ludwig, zwischen uns ist eine Lücke, und wir
-spüren sie jetzt -- beide.
-
-Beide spüren wir sie jetzt.
-
-Ich habe ja keine anderen Erinnerungen, als an die Ritte über die Ebene
-und an die Stunde, in der du die Tür leise hinter mir schlossest.
-
-Soll ich hinter der Tür stehen bleiben?
-
-Frau von Cöldt merkte, wie wenig geredet wurde. Die beiden sahen
-aufmerksam auf die Bücher und kaum auf einander.
-
-Eine Stille zog durch den Raum und wurde schwer.
-
-Es war gut, daß unvermutet noch jemand kam: eine der Vereinsdamen. Sie
-wollte einiges mit Hardi besprechen und tat es auch, und dann ging sie mit
-Christiane zusammen fort. Andere Begleitung war nicht nötig.
-
-Sie wohnten nicht weit voneinander.
-
-Hardi Cöldt sah ihren Mann nachher flüchtig an.
-
-Irgend ein Triumph schwoll in ihr, ein ungewisser roher Hohn, vor dem sie
-selbst erschrak.
-
-Sie sagte nichts.
-
- * * * * *
-
-Das Jubiläum der Reutterschule rückte näher.
-
-Fünfzig Jahre war es her, seit Fräulein Sophie Reutter sich in ihrem
-Hause aufgehängt hatte. Von dem Tage datierte die neue Zeit, wie die
-Blätter schrieben. Natürlich erwähnten sie den Selbstmord der alten Dame
-nicht, sondern priesen nur ihren sozialen Weitblick, der der Regierung die
-Mittel zur Entwicklung der Anstalt an die Hand gegeben hatte.
-
-Die Haberkorn gab ihr Jubiläumsbuch heraus. Wochenlang hatten ihr die
-Kanarienvögel bei den Korrekturen helfen müssen. Jetzt lag es beim
-Buchhändler in der Rädelgasse im Schaufenster, gleich neben den Schriften
-des Doktor Bartelmes.
-
-Und der hatte auch darin abgefärbt. Wenn man genau zusah, so kehrten
-seine Wendungen wieder, und seine Schlager waren unbewußt angenommene
-Geleitsworte geworden. Das System Bartelmes feierte hier einen Triumph.
-
-Es kamen viele Gästeanmeldungen. Christiane staunte, wie weit die
-Provinzschule ihre Zöglinge ausgeworfen hatte. Die meisten hatten Mann und
-Kinder, waren Regierungsrätinnen und Professorsfrauen, Offiziersgattinnen
-und große Damen. Einige wenige hatten sich selber Brot schaffen
-müssen, das waren Lehrerinnen. Alle waren der Zucht und Pflege des
-Reuttersschlosses entsprechend geraten -- die Ungeratenen meldeten sich
-erst nicht.
-
-Am Vormittag des Festtages fand der offizielle Aktus statt, für den Abend
-aber waren künstlerische Aufführungen der Schülerinnen geplant, über
-denen Doktor Bartelmes wachte.
-
-Christiane zog sich von diesen Vorbereitungen zurück, der Doktor hatte sie
-darum gebeten, es sollte eine Überraschung für sie sein.
-
-Lange vor Ostern wurde schon geprobt. Die Gedanken der Kinder waren
-von nichts anderem mehr erfüllt, und den Auserwählten, den schönsten
-Mädchen, wurde von den anderen neidisch nachgeguckt.
-
-Christiane verlor ihre stillen Nachmittage und Abende, an denen keiner in
-dem Hause war, als sie und die alte Hausmeisterin und etwa der Geist des
-aufgehängten Fräuleins -- wenn der Lust dazu hatte. Sie atmete nicht mehr
-die schwere, herrschaftliche Ruhe, die noch von der Besitzerin her stammte,
-gleichsam aus der Sekunde, in der sie ihren letzten Atemzug getan hatte,
-diese Ruhe, die alles wegstrich, was gerauscht und gerüttelt hatte.
-
-Vom frühen Nachmittag an gingen Türen, wanderten Mädchenschritte,
-erscholl Mädchenlachen, ertönte das Klavier. Mai Friedlein hatte
-Seele für das, was sie zu spielen hatte. Es begann mit Mozarts zartem
-Frühlingslied: ›Ein Veilchen auf der Wiese stand --‹ und kettete einen
-leichten Rhythmus an den anderen.
-
-Es war dann, als ob lichte Wolken zogen, der Rasen grünte, und die Amseln
-schrieen.
-
-Und es kam so: während man so sang und spielte und probte, zerfiel der
-Schnee, und es wurde viel schneller Frühling, als man es nach diesem
-sibirischen Winter erwartet hatte. Viel schneller zog es blau hinter den
-Bäumen auf, liefen die Wasser ab und pfiffen die Amseln vom Giebel des
-Griechentempels.
-
-Und dann kam der Tag.
-
-Morgens, beim Ankleiden, dachte Christiane: ich kann begreifen, daß Sophie
-Reutter an einem solchen Tage Schluß machte. Der treibt ja dazu. Der
-Frühling hat tausend Fäuste gegen den, der ihm widerstrebt. Seinen
-ungeheuren blauen Schild deckt er über alles, was nicht mit ihm leben
-kann.
-
-Wie das funkelt.
-
-Herein in den Saal oder -- heraus!
-
-Sie erschauerte: was denke ich?
-
-Der Garten war ganz trocken, ganz grün, voller Sonne. Die Linden waren
-noch hochmütig kahl, aber lebendig waren sie auch. Alles, alles war
-lebendig.
-
-Das Griechenbild verschwand fast dahinter.
-
-Christiane dachte: mit einem Siebenmeilensprung bin ich über die
-Felder des Lebens hinweggekommen, auf denen die Frauen am längsten und
-zärtlichsten stehen und auf denen sie ihre Blumen pflücken. Weit, weit
-unter mir hat es unsicher geleuchtet. Ich dachte nicht daran. Ich durfte
-nicht.
-
-Ist jetzt ein Wind gekommen, der mich -- zurückträgt?
-
-Auf einmal fiel ihr ein, daß sie am Abend auch Ludwig sehen würde. Gewiß
-würde er kommen. Aber mit Hardi. Sie lachte vor sich hin. Mit Hardi! Mit
-seiner Frau!
-
-Draußen auf den Gängen trappelte es schon -- Herrgott, sie kamen! In dem
-Augenblick empfand sie jäh, wie eisig einsam sie in tiefster Seele doch
-war.
-
-Nun vollzog sich die offizielle Jubiläumsfeier unter der Teilnahme
-des Präsidenten und vieler Stadtspitzen. Orden wurden allerdings nicht
-verteilt. Der einzige, der dafür reif gewesen wäre, Professor Diermann,
-war nicht mehr da.
-
-Christiane mußte auch wieder reden.
-
-Ein bißchen verborgener Spott über die ganze Kleinstädterei, über das
-gesamte menschliche Narrenspiel war in ihr. Sie sprach anders, als sonst,
-leichter, gleichgültiger. Verschiedene Gesichter hoben sich und staunten
-zu ihr herauf, die Jong, der Zeichenlehrer, sogar der Präsident.
-
-Komödie, Komödie, dachte sie.
-
-Auf der anderen Seite fuhr Lächeln über ironische Mienen.
-
-Sie merkte es nicht.
-
-Draußen vor den Fenstern glitten Wolken wie weiße Vögel. Siegfrieds Tod
-stand wieder vor ihr auf, der ganze schwere, tönende, verlangende Rausch
-der Musik.
-
-Jetzt sangen sie. Sie erschrak.
-
-›Der dich mit Adlersflügeln -- -- --‹
-
-Bestürzt blickte sie in Doktor Bartelmes Augen. --
-
-Am Abend war das Fest. Blumen durchzogen das ganze Haus, lauter
-Frühlingsblumen.
-
-Christiane kam in die Menge herein, wie ein Gast.
-
-Ludwig, den sie traf, befragte sie, wer alles geleitet hätte. Sie war
-schon eine Zeitlang nicht mehr bei Cöldts gewesen.
-
-»Ja, Bartelmes,« sagte sie, über ihn wegschauend. Ihre Augen flimmerten.
-
-Er trat zurück.
-
-Dann merkte sie, daß auch wohl die Haberkorn an der Sache beteiligt war.
-Sie lief wenigstens aufgeregt hin und her und flüsterte da und dort einem
-Mädchen etwas zu, erklärte diesem oder jenem etwas. Der Zeichenlehrer
-zeigte irgendwelche Skizzen herum. Mai probierte das Instrument, wobei
-die Jong gleichmütig wissend zusah, und die Kanarienvögel nahmen alles
-ringsum mit wissenschaftlicher Neugier auf, obgleich nicht zu erwarten
-war, daß man in ihren künftigen Wirkungskreisen auf dem oder jenem Dorfe
-gleich etwas der Art von ihnen erwarten würde. Immerhin hatten sie auch
-ein kleines, verborgenes Gelächter über Bartelmes, dem sie den Spitznamen
-›die schwere Zigarre‹ gegeben hatten, denn an eine solche erinnerte er
-sie. Er war lang, dunkel, steif und doch gut anzubrennen.
-
-Die Wehrendorf kam in ihrem schwarzen Kleidchen still herein und winkte
-sich ein paar Kinder heran, eins davon war bucklig.
-
-Bartelmes trat zu Christiane heran.
-
-»Jetzt dürfen wir beginnen, nicht wahr?«
-
-Das Klavier schlug an, und nun kamen sie.
-
-Wie ein Frühlingszug glitt es heran, nichts von Drill und Tanzstunde,
-von frühreifer Koketterie, in keinem Auge etwas Dreistes, überall
-Mädchenschritte, Mädchenblicke, zarte Hingabe -- -- ›Ein Veilchen auf
-der Wiese stand --‹
-
-Gewiß waren die Kleider raffiniert ausgesucht, die Kränze geschickt
-aufgesetzt, gewiß war alles genau überlegt und herausgespielt, und doch
-schien es, als hätte er die Kindesseele ganz rein heraufgeholt, als hätte
-er diese Herzen zu feiner Kunst geöffnet.
-
-So lieblich hatte Christiane diese Mädchen noch nie gesehen. So schön
-noch nicht. --
-
-In ihr schrie es. Der Neid kam auf. Die glühende Sehnsucht nach dieser
-Jugend und diesem Sein.
-
-Und auf einmal überkam sie eine Erinnerung: ein wenig ähnlich war der
-Plan doch gewesen, den Diermann und die Haberkorn damals aufgesetzt
-hatten, als sie glaubten, daß ihr Interregnum noch fortdauern könnte. Nur
-künstlerischer war er gestaltet. Deshalb war die Oberlehrerin so eifrig
-dabei, deshalb waren fast alle so voller Feuer und Flamme gewesen -- etwas
-Altes von ihnen, ihr eigener Wille hatte sich da durchgedrückt.
-
-Und es war schön -- schön -- -- --
-
-Bartelmes konnte viel. Er war ein Künstler.
-
-Auf einmal fiel ihr Sophie Reutter wieder ein. So viel auch ihrer
-Wohltätigkeit gedacht worden war -- ihr dunkles Bild war nicht aufgerufen
-worden.
-
-Sollte sie es jetzt tun?
-
-Irgend etwas trieb Christiane plötzlich an, diesen Kindern in ihrem
-werdenden Frauenglanz auch den Frauensturz, das ernste Schicksal zu zeigen!
-
-Eine Jugend lebte von ihr, Jugenden hatten schon von ihr gelebt, aber ihr
-wirkliches Los und Leiden kümmerte keinen.
-
-Sie wollte vortreten, Schweres auf den Lippen -- da kam Bartelmes auf sie
-zu.
-
-»Fräulein Doktor -- -- Verzeihung --.« Er war gar nicht Erzieher,
-sondern nur ein triumphierender Mann. Er sah zu den Mädchen und sah zu
-ihr. »Wie dunkel sehen Sie aus, Fräulein Doktor.« Seine Worte waren
-Kompliment, seine Augen glänzten.
-
-Es überstrich sie.
-
-»Ich wollte sprechen,« sagte sie.
-
-»Wovon?«
-
-»Von der Frau, die hinter uns steht. Von der -- Gescheiterten.«
-
-Er verzog den Mund.
-
-»Ist denn heute ein Tag für Gespenster? Heute? Heute? Verzeihung, aber
--- -- ja, gewiß -- --« Er trat zurück, sein Ton war kühl. »Wenn Sie
-glauben --«
-
-»Nein, nein, ich will doch lieber nicht.« Sie hatte sich besonnen. Heut
-war ein Frühlingstag gewesen, und für alle Jugend hier im Saal würde es
-doch Frühling bleiben, trotz allem, was etwa gesagt wurde. Darin läßt
-keine Seele sich etwas aufreden.
-
-»Nein, ich will nicht,« sagte sie.
-
-In seinen Augen flimmerte es noch immer.
-
-»Der Abend sollte ein ganz helles Geschenk für Sie sein,« sprach er
-leise, fast ein wenig heiser.
-
-Er blieb neben ihr stehen.
-
-Die Gäste drangen auf sie ein. Alle ehemaligen Schülerinnen, die
-Professorsfrauen und Offiziersgattinnen. Alle sprachen sie vom verstorbenen
-lieben Herrn Direktor und von Diermann.
-
-Bartelmes war für sie jetzt der Herrscher. Er hatte ja alles geleitet. Er
-antwortete allen. Christiane schwieg betäubt.
-
-Sie wußte, daß sie ihm heute die Herrschaft übergeben hatte. -- --
-
-Mai Friedlein hatte sich trotz ihrer Mitwirkung und manch heimlicher
-Komplimente, die ihr vom Doktor zugekommen waren, doch geschickt von ihm
-zurückgehalten. Sie war mit ihren Plänen so gut fertig, daß es nur noch
-fehlte, daß sie gelangen. Sie spielte nicht mehr auf das Wunder hinaus.
-Ihr Wurf war viel kürzer geworden.
-
-Ja, sie war schön. Wie schön, das wußte sie nur allein.
-
-Aber wenn einer nach ihr gegriffen hatte, so fand es sich immer, daß er
-schmutzige Hände hatte oder nichts in den Taschen.
-
-Nun war einer mit sauberen Händen da. Aber er war ein bißchen gewöhnlich
-und hatte schlechte Manieren. Ihr Herz zog sich vor ihm bitter zusammen,
-aber es blieb ihr kein anderer Weg, als der zu ihm, und es gehörte noch
-viel Klugheit dazu.
-
-Auch sie empfand die Schönheit der Mädchen. Die der Werdenden. Die über
-sie hinwegwuchsen.
-
-Wenn sie an dem Abend noch nicht an ihr Ziel kam, so war es, weil ihr
-helles Kleid Dreher Bedenken machte. So etwas kostete viel Geld.
-
-Die Jong kam zur Wehrendorf.
-
-»Dörfchen,« sagte sie.
-
-Ada hielt ihren Kopf gesenkt.
-
-Mühsam hatte sie ihr Schiff ein halbes Jahr gesteuert. Ostern hatte sie
-einen Teil der Fracht abgeben können, aber grade die guten, strebsamen
-Kinder. Die anderen waren geblieben. Auch die kleine Cöldt.
-
-Nun wiegelte die in ihrer lautlos höhnischen Art die anderen auf, und es
-waren weniger gute darunter, als vorher. Es war diesmal kein besonderer
-Jahrgang. Und Adas Nerven waren sehr herunter. Sie schlief kaum mehr vor
-Husten. Mit dem Essen mußte sie auch furchtbar sparen.
-
-Sie äße außerhalb, sagte sie Frau Dorreyter manchmal. Immer konnte sie
-doch nicht auf deren Kosten leben.
-
-Die Jong schien etwas gemerkt zu haben und ließ sie an heimatlichen Kisten
-teilnehmen. Mehlmännchen brachte ihr Marmelade und Knusperchen.
-
-Aber trotzdem -- -- --
-
-»Hören Sie mal, Dörfchen, wenn Sie nicht mehr können, dann ruhen Sie
-sich lieber aus,« sagte die Jong.
-
-»Wo denn?«
-
-Die Wehrendorf schaute den Kindern zu. Ihre Augen strahlten
-selbstvergessen.
-
-»Ich will Ihnen mal was sagen. Mein Bruder ist Pastor in der Lausitz.
-Ältere Leute schon, haben weder Kind noch Kegel. Die brauchen jemand für
-sich. Wenn Sie dahin gingen -- schlecht würden Sie es nicht haben. Da
-könnten Sie sich ausruhen, meine ich.«
-
-Die Wehrendorf gab keine Antwort. -- --
-
-Ludwig sah sein Kind an, das eben vor ihm stand. Es trug auch das helle
-Tanzkleid und den Kranz im Haar. Und doch wirkte es nicht elfenhaft wie die
-anderen, sondern eher wie ein Waldschrat.
-
-Hardi war schon müde. Das grade Dasitzen konnte sie nicht gut aushalten.
-Und nun war es doch wohl endlich aus.
-
-Sie befragte Frau Landesrat Colb deswegen. Die Damen rückten zusammen und
-flüsterten wieder vom Verein. Sie wollten einen Frühlingsbasar halten.
-
-»Das könnte aber erst sein, wenn ich zurückkomme,« sagte Hardi, »ich
-wäre doch gern dabei. Und dann bin ich auch frisch.«
-
-»Ach ja, gnädige Frau gehen ja nach Bad Wiesental -- so bald schon -- wie
-hübsch.«
-
-»Der Arzt hat es geraten. Im vorigen Jahr war ich um diese Zeit auch da.
-Es war nett. Nur ein paar Familien und die schöne Gegend --«
-
-»Ihr Herr Gemahl geht auch mit?«
-
-»Er bringt mich nur hin. Nein, er hat ja keinen Urlaub. Und das Kind muß
-doch auch in die Schule. Das Fräulein ist ja so zuverlässig --«
-
-»Wie reizend,« sagte Frau Colb. »Da besuche ich Sie einmal, und wir
-können dann wegen des Basars überlegen. Zu spät dürfte es nicht werden,
-denn --«
-
-»Dann ist es nicht mehr Frühling.« Hardi lachte sonderbar. »Ja, sicher,
-sicher --«
-
-Sie spähte nach Christiane aus. Neben der stand noch immer der große
-dunkle Mensch.
-
-Wie hatten die Herren vor ihnen vorhin gesagt?
-
-»Der hat jetzt die Macht im Reutterschloß. _Sie_ hat -- umgesattelt.«
-
-Ludwig hatte es doch auch gehört.
-
-Sie faßte ihn am Arm.
-
-»Komm, wir gehen.«
-
-Sie gingen Arm in Arm aus dem Saale.
-
-Keiner sprach.
-
- * * * * *
-
-Nun kam schon Bad Wiesental hinter den Bäumen herauf. Kein großes Bad,
-aber sehr lieblich. Es gab Eisenquellen dort. Hardi war voriges Jahr sehr
-frisch wiedergekommen.
-
-Bäume, Büsche, Gärten, Wiesenflächen -- wie schön war alles. Ganz hell
-alle Bäume und Sträucher, mit Blättchen fast nur erst wie befiedert --
-aber viel Blüten. Lauter Blüten, weiße und rosige und da und dort auch
-gelbgoldene, strähnig hängend. Ein wahrhaftiges Märchen.
-
-Hardi dachte daran.
-
-Sie hatte nicht viel Süßes im Leben gehabt. Aber sie hatte es auch nicht
-gebraucht. Sie war ihrer Mutter Tochter.
-
-Es hatte wohl noch mancher ihren Weg gekreuzt, besonders dort oben in der
-Ostmark. Wenn sie unverheiratet gewesen wäre, noch die arme Dorreyter --
-dann hätte sich keiner dieser Herren um sie gekümmert. Aber so neigten
-sie sich ihr verhohlen spähend zu. Sie spürten ein Unglück an ihr und
-suchten sie auf ihre Art zu trösten. Noch jetzt blitzte dann und wann auf
-ihrem Wege ein solcher Glühfunken auf.
-
-Sie kümmerte sich nicht darum.
-
-Sie hätte zu Hause bleiben und ein altes Fräulein werden müssen; sie
-hätte nichts vermißt.
-
-Aber sie war's nicht geworden.
-
-Jetzt hatten sie das Dorf erreicht. Die Häuser waren sanft an den Berg
-gelehnt, der sie schützte. Gärten kränzten sich um sie. Einige schlichen
-den Berg hinauf, so weit sie konnten. Ganz oben auf dem Gipfel waren
-Kirschenplantagen, die standen wie weißes Gewölk.
-
-Weiber liefen vorbei, schon barfüßig, schmunzelten hinauf und sprachen
-von guter Ernte.
-
-Wie konnte man an Ernte denken, an dicke, rote Kirschen, wenn das zarte
-Gewölk da oben stand?
-
-Mit einem leisen Gelächter sagte Hardi es ihrem Mann.
-
-Der horchte verwundert hin, denn dergleichen war er an ihr nicht gewohnt.
-Auch hatte sie während der Fahrt kein Wort geredet.
-
-Er dachte sich nichts bei dem Frühlingstag. Er erfüllte nur seine
-Pflicht, wenn er seine leidende Frau hierher brachte, wo sie gut aufgehoben
-war und sich fern von ihm vorzüglich erholte.
-
-Zu Hause lag ein Stoß Akten, an dem wollte er morgen, über Sonntag,
-arbeiten.
-
-Hardi hielt sich fast ungewohnt straff, und nun kamen sie an das Häuschen,
-in dem das Quartier wieder bestellt und bereitet war.
-
-Hardi lief in die Zimmer und guckte sich um: vor den vorderen Fenstern
-standen weißblühende Dornbüsche, förmlich dick und trotzig taten sie
-im Übermut. Sie wollten blühen. Und vor der Hinterstube blühte, schräg
-ansteigend, der Berg.
-
-Sie faßte den Mann am Arm.
-
-»Sieh, Ludwig, wie schön --!«
-
-»Du kannst es ja recht genießen,« sagte er.
-
-Sie hatte die rote Gardine etwas zurückgeschoben und sah hinaus.
-Plötzlich wandte sie sich um und blickte in sein fahles Gesicht.
-
-Und auf einmal kam es wieder über sie: Ich hätte ja längst gehen
-müssen.
-
-Das war meine Sünde, daß ich nicht gegangen bin.
-
-Was war ich denn bei ihm? Nicht einmal sein Haus habe ich ihm geführt.
-Nicht einmal sein Kind habe ich ihm erzogen. Mit Spielereien habe ich mich
-satt gemacht, mit fremder Not ein wenig getändelt, und sein Werk habe ich
-ihm genommen.
-
-Sünde war alles.
-
-Ich habe es gespürt. Lange, lange schon.
-
-Die Eisdecke unter mir hat schon immer gezittert.
-
-Aber was nun -- was nun --?
-
-Das andere Glück kann ich ihm nicht schaffen. Wenn ich sein Haus verließe
-und mich frei machte, würde ich noch mehr von seiner Laufbahn gefährden,
-als ich schon gefährdet habe, noch mehr wegreißen und nichts dafür
-geben. Denn das Feuer, nach dem er noch immer geschaut hat und das ich ihm
-gleichmütig und spöttisch ließ, ist ja längst für ihn erloschen.
-
-Ich kann ihm nichts geben, wenn ich -- gehe.
-
-Es umwirbelte sie. Wie durch einen Schleier sah sie die weißen Bäume auf
-dem Berg. Wie eine feierliche Prozession stiegen sie höher und höher.
-Weiß, alles weiß.
-
-Die rote Gardine wehte.
-
-Ludwig schritt noch einmal prüfend durch die beiden Zimmer. Er rief die
-Wirtin und sprach mit ihr, um sicher zu gehen, daß für Hardi alles gut
-besorgt werden würde.
-
-Dann kam er zurück, gab ihr die Hand und warf dabei einen Blick auf die
-alte Bauernuhr an der Wand.
-
-»Ich muß zum Zug, Hardi. Hier scheint alles in Ordnung. Solltest du etwas
-vermissen, so telephoniere sofort, hörst du? Aber voriges Jahr hat es dir
-doch so gut gefallen.«
-
-»Ja, es hat mir gut gefallen,« erwiderte sie, ohne den Blick aufzuheben.
-
-»Ludwig,« sagte sie.
-
-Er stutzte flüchtig.
-
-Nun küßte er sie. »Lebwohl, Hardi.«
-
-Sie blieb stehen und horchte seinem Schritt nach, er ging langsam. Sie
-horchte noch immer: jetzt war er draußen. Der Sand knirschte.
-
-Auf einmal lief sie nach dem Vorderzimmer und spähte aus dem Fenster.
-
-Da war er.
-
-Er wandte sich, glaubte wohl, daß sie noch etwas zu sagen vergessen hatte,
-und sah ihr fragend ins Auge.
-
-Seine Wimpern zuckten.
-
-»Bleib noch ein wenig,« bat sie mit blassen Lippen.
-
-»Es ist der letzte Zug,« sprach er.
-
-»Bleib,« sagte sie.
-
- * * * * *
-
-Und nun begann eine seltsame Zeit.
-
-Ludwig Cöldt kehrte wieder an den Anfang zurück.
-
-Er war wieder bei seiner Frau.
-
-Das Ursprüngliche knüpfte sich wieder an, das alte Recht und die alte
-Liebe. Er fand sich wieder an die Zeit heran, wo er das liebe Mädchen mit
-den melancholisch schmachtenden Augen auf den Markburger Straßen gesehen
-hatte und sofort rätselhaft gepackt gewesen war, daß kein Überlegen,
-kein Bremsen geholfen hatte -- er mußte sie haben, keine Bessere, keine
-Schönere, die nur -- die!
-
-Daß sie sich nicht gleich ergab, daß sie auch als Braut immer etwas
-Scheues, Beklommenes behielt, war ihm ein Reiz mehr gewesen -- je mehr
-Wälle, desto mehr Sieg, je mehr Trutz, desto mehr Süßigkeiten.
-
-Und dann -- -- --
-
-Da war ein breiter Graben. Aber über den waren sie jetzt hinweg.
-
-Sie vergaßen Markburg mit allem, was daran hing, die Gesellschaft, die
-um sie war, sein Amt, sogar ihr Kind. Sie durchlebten in diesen zarten
-Frühlingswochen etwas, was sie noch nie erlebt hatten, so groß war es.
-Ein sonderbarer Ballast war dabei, aber er machte es noch größer.
-
-Christiane Dorreyter war aus Ludwigs Leben verschwunden. Sie war ihm
-das Fremde geworden, das unsichere Feuer, die Versuchung. Hier war die
-Ehrlichkeit, die innerste Verknüpfung, die reinste, beste Verbindung
--- hier war das Weib und nicht die Verirrung. Hier brannte das schönste
-Feuer, und drüben war nur ein trüber Hauch -- hier war die Ehe und dort
-die Sünde.
-
-Hardi war schuld an dieser Verirrung, aber sie sühnte jetzt, gab ihm
-alles, und er verstand sie und sich.
-
-In jeder freien Zeit war er in Wiesental. Er hatte sich ein Pferd
-angeschafft; fast an jedem Tag konnte man ihn hinüberreiten sehen.
-
-Hardi dachte nicht mehr an ihren Verein, auch nicht an die Mutter, nicht
-an den Basar, den die Damen veranstalteten. Einmal war eine von ihnen
-dagewesen, hatte aber nichts ausgerichtet und die gute Cöldt recht
-sonderbar gefunden.
-
-Wenn Hardi auch nicht zur Leidenschaft fand, nie ein brausendes Wasser
-wurde, weil die Dinge in ihrer Seele kein Gefäll bekamen, so gab sie sich
-doch in Ludwig hinein und hatte keinen anderen Gedanken mehr. Es war kein
-Zu-ihm-finden, keine späte Liebe, aber eine späte Ehe.
-
-Etwas trug sie -- sie verstand es nicht ganz -- etwas schob sie, das hatte
-Macht aus jener Wintermorgenstunde, als sie den Schnee über ihr warmes
-Leben herfallen spürte, Schnee um Schnee. Sie fühlte sich getrieben und
-dachte nicht zurück, höchstens wie an fremde Länder.
-
-Sie freute sich über sein Glück. Denn er war jung geworden und lachte
-viel.
-
- * * * * *
-
-Der Frühling flammte. Sein Schild war noch glühender, sein Ruf noch
-lauter geworden.
-
-Christiane sah ihren einsamen Garten in Blüte kommen. Sie hatte nicht
-gedacht, daß der Garten der unglücklichen Sophie Reutter auch blühen
-konnte. Als sie ihn im Vorjahre fand, hatte ihr nur dunkles Laubwerk
-entgegengeduftet, steife, ernste Bäume. Jetzt zeigte es sich, daß
-Kleineres versteckt gewesen war, das sich nun bunt heraustat und alle Feuer
-spielen ließ: Goldregen und Dornsträucher, Quitten und weißer Flieder.
-Und gleich neben dem Tempel standen zwei riesige Kastanienbäume, die
-blühten über und über rot.
-
-Der Garten war kein Klostergarten mehr. Bis in die Nacht hinein duftete
-er, ja, die ganze Nacht hindurch. Durch die offenen Fenster kamen seine
-Duftwellen, und von weiter her kamen andere, von den Wiesen, auf denen
-die freie Blüte stand, vom Walde, in dem die wilden Kirschbäume wie
-Frühlingsfackeln brannten.
-
-Und der Himmel war stahlblau, und die Abende goldschwer veratmend, sich
-immer mehr dehnend, kein Ende nehmend. Immer noch Abend, immer noch ein
-Glühen, immer noch ein Rot hinter dem Walde!
-
-Die Kinder brachten Christiane Sträuße aus ihrer Eltern Gärten. Sie
-gaben auch der Haberkorn welche, aber nicht mehr, als die Höflichkeit es
-erforderte, auch der Seifert und der Jong, sogar dem Mehlmännchen, aber am
-meisten bekam sie der Doktor Bartelmes. Mit Blumen beladen ging er mittags
-weg, er zeigte sie recht -- auch Christiane sah es. Die meisten waren von
-Betty von Kramer, von der schönen Ersten mit dem ägyptisch geschnittenen
-Gesicht.
-
-Wenn er einmal gar zu viel hatte, so schenkte er den Damen davon, einmal
-hatte er der Mehlmann einen großen Busch roter Tulpen verehrt (sie fragte
-nachher wieder die anderen, ob man nichts dabei ›gefunden‹ hätte?) und
-der Haberkorn einen Strauß Vergißmeinnicht, den die verdutzt anguckte,
-wobei wieder das merkwürdige, unbestimmbare Männerlächeln um seinen Mund
-zuckte.
-
-Einmal kam er mit einem Busch weißer Narzissen auf Christiane zu, in
-seinen Augen flirrte etwas -- sie fuhr hochmütig zurück: wollte er die
-ihr etwa schenken?
-
-Nein, er zeigte sie ihr nur und sagte: »Sehen Sie, die Mädel bringen
-mir doch wenigstens nichts Geschmackloses mehr. Sie wissen, alles, was mir
-nicht gefällt, lasse ich unbarmherzig liegen, und dem will sich doch keine
-aussetzen! Die sind übrigens von Betty. Die sind schön.«
-
-Ein leiser, aufreizender Hohn schien in seinen Worten mitzuklingen.
-
-Gleich darauf wurde seine Miene wieder schmeichelnder, weicher, und
-er fragte halblaut: »Kann ich Ihren Garten jetzt wieder einmal sehen,
-Fräulein Doktor?«
-
-Jäh sah sie ihm in die Augen.
-
-Er erwiderte den Blick. Die Narzissen in seinen Händen sanken etwas.
-
-Kühl gab sie ihm die Erlaubnis und ging davon. Oben in ihrem Zimmer trat
-sie nicht ans Fenster -- sie wollte nicht sehen, wie er zwischen
-ihren Bäumen herumschlich bis zum Griechentempel, über dem die rote
-Kastanienblüte stand. Er kannte zu viel von ihr und würde noch mehr
-erraten, wenn er jetzt durch ihren Garten ging.
-
-Nun hörte sie seinen Schritt.
-
-Sie stand von ihrem Platze auf, warf einen trüben Blick auf die ›eiserne
-Wehr‹ und schritt leise zum Fenster -- -- sie mußte ihn doch noch --
-sehen -- -- --
-
-Und plötzlich dachte sie wieder: er ist mir ja ganz fremd. Ich kenne
-ihn nicht. Nein, alles, was er tut und will, kenne ich nicht, weil es aus
-anderem Gesichtspunkt und von einem ganz anderen, mir dunklen Leben her
-geschieht -- -- --
-
-Und doch fühlte sie die unheimliche, treibende Macht in sich.
-
-Zu Cöldts kam sie jetzt nicht mehr. Sie wußte von der Mutter, daß Hardi
-in Wiesental war und Ludwig oft hinüberritt. Oft hörte sie sein Pferd am
-Hause vorbeitraben, hörte den Hufschlag und dachte dumpf: hier hält er
-nicht mehr an.
-
-Nein.
-
-Jeder suchte das Seine.
-
-Auch jetzt war sie nachmittags oft nicht mehr allein im Reutterschloß.
-Doktor Bartelmes hatte sich die Erlaubnis erbeten, auf dem Harmonium in der
-Aula zu üben. Nun hörte sie das oft. Es war nicht laut. Es drang nur wie
-Summen durch die dicken Wände, drang zu ihr, und sie horchte danach, und
-ihr Herz strebte davon los und kam nicht frei, sondern verwirrte sich noch
-mehr daran. In einer fremden Sprache kann man dem viel sagen, der sie nicht
-versteht: er hängt daran und rätselt daran, und ein wenig Rausch ist
-dabei. --
-
-An anderen Tagen war er wieder mit seinen Mädchen auf Wanderungen
-unterwegs. Immer waren die Schönsten um ihn herum, besonders Betty von
-Kramer.
-
-Es waren schon Mütter zu Christiane gekommen und hatten gesagt, der Herr
-sei wohl zu modern für Markburg. Die Mädel hätten ja keinen Sinn mehr
-für etwas anderes, außer ihrem Doktor, eitler könnten sie nicht mehr
-werden, als sie geworden seien, und Neid und Eifersucht wären an der
-Tagesordnung.
-
-Christiane merkte: ich kann es nicht mehr so lassen. Ich darf es nicht. Ich
-lade Schuld auf mich.
-
-Schattenhaft stieg das Bild der Schwester des Doktor Bartelmes vor ihr auf.
-
-Da kam er zu ihr wegen des Johannisfestes.
-
-»Johannisfest?« sprach sie tonlos.
-
-»Ja,« meinte er unbefangen, »ich glaubte es Ihnen schon gesagt zu haben,
-daß wir feiern wollen --«
-
-»Nein.«
-
-»Es soll wieder ein Fest nach echter Reutterschulart werden.«
-
-»Nach Reutterschulart?« fragte sie.
-
-»Ja. So sagt man doch jetzt in der Stadt.«
-
-So sagte man in der Stadt?
-
-»Also nach Ihrer Art?« sprach sie langsam.
-
-»Ein Waldfest,« entgegnete er, ohne auf ihre Frage einzugehen, »ein
-Feuer draußen am Hünengrab im Obrawald. Ein Reigen. Ein paar Lieder und
-Tänze.«
-
-»Und die anderen Kollegen?« fragte sie.
-
-Er zuckte die Achseln. »Ich weiß darüber nicht Bescheid.« Ein scharfes
-Licht war in den dunklen Augen.
-
-Sie wußte: die anderen waren allmählich von ihm abgerückt. Sie billigten
-seine Art nicht mehr. Ihre Begeisterung war abgekühlt. Jeder stöhnte,
-wenn er in der Klasse des Doktor Bartelmes zu unterrichten hatte. Sogar die
-Haberkorn.
-
-Christiane sah vor sich hin.
-
-»Ich möchte es nicht gern, Herr Doktor,« sagte sie.
-
-Er sah sie groß an.
-
-»_Sie_ möchten es nicht?« wiederholte er.
-
-Er sagte gar nichts weiter.
-
-Sie war gezwungen zu sprechen.
-
-»Der Platz ist sehr entlegen. Sind Sie sich der Verantwortung bewußt,
-Herr Doktor? Glauben Sie, daß es leicht sein wird, die vom Feuer, vom Tanz
-und Gesang aufgeregte Schar wieder durch den dunklen Wald heimwärts zu
-bringen?«
-
-Er lachte. »Wenn es weiter nichts ist, Fräulein Doktor! _Ich_ bringe sie
-schon heim. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf.«
-
-»Die Eltern der Kinder sehen in diesen Wanderungen und Festen eine gewisse
--- Übertreibung,« sagte sie.
-
-Er verzog den Mund.
-
-»Markburg,« sagte er trocken. »Aber Sie gnädiges Fräulein -- Sie -- --
-sind doch nicht so kleinbürgerlich!« Er lachte.
-
-Sie schwieg. --
-
-Ich gehe nicht nach dem Walde, dachte sie. Mögen sie ihr Spiel für sich
-allein haben. In ihr nagte es: Du durftest nicht. Sie hörte die Worte der
-besorgten Mütter, daneben aber klang noch etwas anderes -- eine Melodie!
-
-Sie kümmerte sich nicht um die Vorbereitungen, hörte aber von der
-Haberkorn, daß die Mädchen des Doktor Bartelmes kaum noch zu regieren
-seien, so vergnügt seien sie. Es machte ihr jetzt eine besondere Freude,
-Christiane etwas über Bartelmes zuzutragen. Lauernd flogen ihre Blicke
-über sie hin.
-
-Christiane verzog keine Miene.
-
-Heute nachmittag will ich mal wieder zur Mutter, dachte sie, und mich nach
-der Wehrendorf umschauen. Hier läuft sie mir immer aus dem Wege, und ich
--- denke nicht an sie.
-
-Ehe sie aber so weit kam, erhielt sie Botschaft vom Präsidenten, daß er
-sie zu sprechen wünsche.
-
-Das gesamte Patronat war versammelt.
-
-Die Herren schienen kühl.
-
-Der Präsident sagte, daß die Richtung, die in der Reutterschule
-neuerdings unerwarteterweise verfolgt würde, in den beteiligten Kreisen
-gar nicht angesprochen hätte und daß man Fräulein Doktor Dorreyter
-dringend ersuchte, von diesem veränderten Kurse abzusehen. Der Kernpunkt
-sei ja wohl nicht sie, sondern der neue Oberlehrer, in dessen Wahl man sich
-anscheinend etwas vergriffen hätte und der auch anscheinend über seine
-Grenzen hinaus zu dominieren versuche. Man setze aber in Fräulein Doktor
-Dorreyter volles Vertrauen, daß sie das Schiff in _ihrem_ Sinne steuere,
-den sie ja in ihrer energischen Antrittsrede, wenn man sich richtig
-erinnere, deutlich kundgegeben habe. Es seien auch Beschwerden über die
-Lehrerin Wehrendorf eingelaufen, die damals nur auf besondere Verwendung
-des Fräulein Doktor und einiger Damen angenommen worden sei und die
-anscheinend nicht in den Schulbetrieb gehöre.
-
-Christiane konnte auf diese feinironischen Ausführungen ihres Chefs nicht
-antworten, denn der Präsident fuhr gleich darauf anscheinend gelassen
-fort, indem er sich einige Aktenstücke reichen ließ: Man hätte
-sich, nachdem das Stiftungskapital neuerdings zu einer bestimmten Höhe
-angewachsen sei, in der letzten Patronatssitzung entschlossen, die
-wiederholt ausgesprochenen Wünsche der Leiterin zu erfüllen, die
-fehlenden Klassen aufzusetzen und ein Seminar anzufügen, wodurch
-wohl vielen jungen Mädchen eine willkommene Gelegenheit zur Aus- oder
-wenigstens zur Weiterbildung gegeben sei.
-
-Christiane schaute betäubt auf.
-
-Damit hatte sie ja gesiegt -- -- gesiegt -- -- --
-
-»Wir wären sehr dankbar, wenn wir Ihre Entwürfe und Pläne schon in
-kurzer Zeit erhalten könnten, Fräulein Doktor,« fügte der Präsident
-noch hinzu.
-
-Christiane machte sich zu Hause sofort an die Arbeit, suchte alte Pläne,
-Ministerialerlasse und Verordnungen heraus, verglich, entwarf, überlegte,
-zeichnete auf, und darüber wurde es Abend.
-
-Sie fuhr plötzlich hoch und sah es rot über dem Walde stehen.
-
-Das ist der Johannisabend, fiel ihr auf einmal ein.
-
-Sie schob ihre Papiere zurück und sah starr in das ferne Glühen hinaus.
-Ein feiner Dunst kam aus dem Walde und schlich herein.
-
-Sie schaute in ihren Garten -- der war schwarz.
-
-Eine wahnsinnige Angst überkam sie. Der Sommer gleitet vorbei. Alle
-ansteigenden Zeiten sind vorbei. Mein Leben tritt in das Dunkle ein. Hier
-sind die Pläne, die Ministerialerlasse, die Prüfungsordnungen -- haha --
-das ist mein -- -- das ist mein -- --
-
-Sie warf noch einen Blick zur ›eisernen Wehr‹ empor, dann nahm sie
-ihren Hut und ging.
-
-Wie leicht kann ich schreiten, dachte sie, als sie in den lichten Staub der
-Straße trat. Wie -- jung --
-
-Vom Sonnenrot sah sie hier nichts. Der Wald stand dunkelnd. Eine verwischt
-blaue Stimmung war zwischen den Straßenbäumen. Die Kinder kletterten
-darauf herum, rissen Lindenblüten los und warfen sie herab.
-
-Sie eilte. Nun war sie im Walde. Fahrtgeleise gingen tief hindurch -- ach,
-es war die Allee, auf der sie damals gegangen war, als das Gewitter kam,
-vor einem Jahre -- --
-
-Sie schritt rasch und empfand: Johannisabend.
-
-Hinter allen Büschen schien es zu leben, tiefer, als bei jenem
-Taggewitter, heimlicher, als in den hellsten Stunden, seltsamer, als an
-anderen Abenden. Sie fühlte: hier ist Leben über Leben um mich. Sie sah
-an den Tannen empor, sah, wie die silbergrauen glatten Stämme der Buchen
-grünumflimmert zur Höhe stiegen und oben ihr Laub ausbreiteten, sie sah
-Bäume, die über und über grün waren, bei denen die Äste schleppend auf
-den Boden hingen, so voller Sommer waren sie. Und dann sah sie noch etwas.
-Mitten unter den Waldbäumen stand eine Linde, über und über blühend.
-Hoch stieg sie empor, höher, als die Buchen und Tannen, und oben blühte
-sie ganz allein, über allem Laub. Diese Blüten konnte keiner pflücken.
-Das Abendlicht überglänzte sie. An die konnte keiner heran.
-
-Sie ging weiter.
-
-Auf einmal scholl es hinter ihr. Sie horchte: Klippklapp, Klippklapp.
-
-Sie blieb stehen.
-
-Da kam es sacht näher. Ein Reiter.
-
-Sie wandte das Gesicht. Das Herz schlug ihr hoch auf, sie wußte, wer das
-war. Er wandte sich ihr flüchtig zu, eine halbe Sekunde schauten sie sich
-in die Augen. Es war Ludwig.
-
-Klippklapp, klippklapp, trabte das Pferd.
-
-Weit hinten auf der Schneise verschwand es. Er war vorbeigeritten.
-
-Sie wußte, wohin er ritt.
-
-Langsam ging sie weiter, es dunkelte.
-
-Und nun kam es wie Gesang näher -- sie horchte gierig. Es war kein
-Hufschlag. Es war Gesang.
-
-Das Lied kam ihr sonderbar vor. Sie, die so viele Kinderlieder gehört
-hatte, horchte wie verzaubert auf dieses Lied.
-
-Es kam ihr vor, als hätte sie es noch nie vernommen, aber als müßte
-sie es vernehmen, eben jetzt zu dieser Stunde. Auf einmal verstand sie die
-Sprache der Melodie.
-
-Sie blieb stehen, ihr Herz versagte.
-
-Und nun kam der Zug aus dem Walde heraus.
-
-Mitten zwischen den Stämmen kamen sie hervor -- o, es sah schön aus! Es
-war, als ob die Elfen dieses Johannisabends kettengleich vorüberzögen im
-Reigentanz.
-
-Sie sangen noch immer, und immer noch mehr kamen aus dem Walde, helle,
-singende Gestalten.
-
-Das war keine Ausgelassenheit.
-
-Jäh packte es sie: das war Feier.
-
-Er hatte es wieder fertig gebracht. Er hatte ein kleines Kunstwerk
-geschaffen, hatte in diesen verwöhnten oberflächlichen Dingern das
-Verständnis für Weihe, für die Schönheit des Waldes und für den
-sonderbaren schwülen Zauber dieses Abends geöffnet. Er konnte das, denn
-er war ein Künstler.
-
-Nun kam er.
-
-Ein paar große Mädel waren dicht um ihn und glitten jetzt fort. Betty war
-dabei und wandte noch das Gesicht nach dem Fräulein Doktor.
-
-Er sah Christiane an: »Nun? Ist es nicht schön?«
-
-Sie schwieg.
-
-Er blieb etwas mit ihr zurück. Die Schar zog vor ihnen. Sie sang noch
-immer. Leise, ganz zart. Es verschwamm jetzt fast. Es ging sanft in diesem
-sanften Abend unter, der seine wilden Farben jetzt eingezogen hatte.
-
-Sie schaute zurück.
-
-Wo war das Rot?
-
-Sie sah auf die Straße.
-
-Wo war der Reiter?
-
-Bartelmes stand vor ihr. Seine Blicke überglitten sie, er sprach kein
-Wort.
-
-Wie ein seidenweicher Schleier überrann sie das Gefühl: ich bin doch
-schön. Ich bin vielleicht noch nie so schön gewesen, wie jetzt -- in
-meiner Reife.
-
-Verwirrt horchte sie. Kein Hufschlag mehr.
-
-Ihre Seele schrie auf, schrie nach Feuern hin, nach Flammen, nach einer
-einzigen schönen Glut, nach einem Glück, wie sie es noch nie besessen
-hatte. Sie wollte nicht immer Muster sein, Tugend, Vorbild, sie wollte
-Flamme sein, Schönheit, Genuß -- sie wollte geben, was noch keiner
-besessen hatte und was alle gaben. Sie wollte mit Kränzen in feinen
-Melodien schreiten und purpurn untergehen, wie der Abend untergeht. Sie
-wollte dem Leben nahe sein, ganz nahe, sie wollte Leben sein.
-
-Seine Miene blieb unbeweglich.
-
-Und eben deshalb sah sie ihn schärfer an, als sie es sonst in ihrer
-Erregung getan hätte.
-
-Er hielt stand. Es war vielleicht in seinem Willen, daß die Maske jetzt
-fiel, die er doch für jeden Kundigen nur lose vorgehabt hatte, denn
-er gedachte nicht weiter zu gehen und sich keinerlei Schwierigkeiten zu
-machen.
-
-In den Augen blieb sein Lächeln.
-
-Verwirrt grübelte sie, wo sie es schon gewahrt hatte: wenn er mit der
-Haberkorn sprach, auch mit der Seifert oder mit der Mehlmann -- alle
-belächelte er so aus einer gewissen Mannesüberlegenheit heraus, und nun
-hatte er das Lächeln, das Blinzeln auch für sie -- --?
-
-Sie begriff noch nicht. -- Auch -- für -- sie -- --?
-
-Und dann kam ihr Gewißheit. Ihre hellsichtige Menschenbeobachtung fand
-sich wieder ein, vielleicht noch nie so scharf, wie in dieser Sekunde. Sie
-durchschaute sein Spiel, das auf ihre innere Demütigung auslief und auf
-das äußere Vorzeigen: seht, ich habe die Herrin unter mir. Ich bin der
-Herr. Die haben sie angestaunt, wie ein neues Wunder, die sind argwöhnisch
-vor ihr geflohen, ein Narr ist sogar vor Schrecken gestorben -- ich aber
-habe festgestellt, daß es unter den Frauen nichts Neues gibt und niemals
-etwas Neues geben wird. Es gibt gar keine modernen Frauen. Wenn sie es
-können, so begehren sie immer nur den Kranz, den der Mann ihnen aufsetzt,
-und ihr Wille, ihre Pläne sind rasch zu biegen ... an jedem Platz!
-
-Sie erkannte noch mehr: Er war ihr gegenüber nie in Unruhe geraten,
-vermißte nichts und begehrte nichts. Seine Sinne waren unbeteiligt, denn
-er hatte ein anderes Weib um sich, von dem ihm die scharfe Erkenntnis
-jedenfalls mit geflossen war -- -- --
-
-Er wollte nun doch näher an sie heran.
-
-Sie sah ihn mit funkelnden Augen an.
-
-»Sie haben ja eine Geliebte,« sagte sie hart.
-
-Er schnellte etwas zurück.
-
-Dann besann er sich.
-
-Der wissende Hohn in seinen Augen wurde stärker.
-
-»Ja. Ich habe Ihnen sogar schon ihr Bild gezeigt, Fräulein Doktor
-Dorreyter -- eine junge Bühnenkünstlerin.«
-
-Er lachte ein wenig. Sein Fuß rührte im Staub.
-
-»Ich wollte Ihnen damals das Bild meiner Schwester zeigen -- sie schauen
-sich übrigens ähnlich -- da griff ich zufällig das andere.«
-
-Sie gab keine Antwort.
-
-Rasch schritt sie an ihm vorbei.
-
-Die Kinder vorn sangen wieder.
-
-Christiane sah, daß der Wald zu Ende war. Da kam schon die Stadt. Sie war
-so voller Lichter, wie sie nur sein konnte.
-
-Christiane wandte sich und schaute noch einmal nach dem Walde zurück.
-
-Das Feuer war erloschen.
-
- * * * * *
-
-Am nächsten Tage ereignete sich das Unglück.
-
-Einige der Patronatsherren kamen in die Klasse der kleinen Wehrendorf. Sie
-hatten es noch mehr auf den Doktor Bartelmes abgesehen, dessen beargwöhnte
-Methode sie sich näher begucken wollten, aber die Hilfslehrerin stand mit
-auf dem Programm.
-
-Ada wußte sofort Bescheid.
-
-Christiane hatte ihr schon einen Wink gegeben: nimm dich zusammen! Aber was
-heißt ›Sich zusammennehmen‹, wenn die Nerven und alle Hoffnung ohnehin
-zu Ende sind. Wenn sie nicht so an der Arbeit gehangen hätte, wenn sie ihr
-nicht das Wichtigste, die schwere Hauptsache ihres Lebens gewesen wäre,
-dann wäre sie leichter über die Klippe hinweggekommen.
-
-So aber gab sie sofort das Spiel verloren, als keine Ruhe unter den Kleinen
-wurde und Hanni Cöldt ganz offen in ihre Worte hineinlachte.
-
-Die Herren sahen Ada fragend an.
-
-Die aber stürzte an ihnen vorüber zur Tür hinaus.
-
-Die Gäste wußten nicht, wie ihnen geschah. Deshalb warteten sie noch ein
-paar Minuten.
-
-Aber auf einmal fingen ein paar der Kleinen heftig an zu weinen. Und eine
-drehte sich zu Hanni Cöldt um und schrie: »Du! Du!«
-
-Und plötzlich sah der Geheimrat Meckebier die fliehende Gestalt drüben am
-Walde.
-
-»Herrgott,« sagte er und faßte den anderen am Arm.
-
-Nun eilten sie zu Christiane und schlugen Lärm.
-
-Die Jong wurde gerufen und sagte: »Ich habe es kommen gesehen. Sie aß und
-schlief nicht mehr. Gestern gab ich ihr noch einen Brief von meinem Onkel
-und redete ihr flehentlich zu: sie solle kommen und wenn es nur für ein
-Ausruhen war -- man wollte sie dort pflegen. Aber sie wollte nicht.«
-
--- Als Ada im Walde war, fing sie an zu denken.
-
-Von neuem kam die Gewißheit über sie: es war aus. Man behielt sie nicht
-mehr an der Reutterschule. Da konnte Christiane es so gut meinen, wie sie
-wollte -- man behielt sie nicht mehr.
-
-Und ohne die Kinder konnte sie doch nicht leben. So viel sie sie in ihrer
-süßen Dummheit auch gequält hatten, sie hatten sie doch auch lieb
-gehabt. O ja, die meisten hatten sie doch lieb gehabt. Und nun konnte sie
-es nicht vertragen, daß eine andere an ihre Stelle kam -- das konnte sie
-ihr nicht gönnen! Nicht einmal die kleine Cöldt konnte sie ihr gönnen!
-Der ganze schwere Kampf -- wie war er schön -- wie war er schön.
-
-Sie blieb wieder stehen. Unbewußt war sie richtig gelaufen, denn ihre
-Phantasie hatte den Weg schon Tag und Nacht gemacht.
-
-Da war der Krähenteich.
-
-Mit zitternden Gliedern, halb besinnungslos, glitt sie nieder und ins
-Wasser hinein. Schnell. Schnell.
-
-Es war grade die Stelle, an der Herr von Wratislawski Mai die Rosen
-überreicht hatte.
-
- * * * * *
-
-Vierundzwanzig Stunden später waren die Reutterschülerinnen und das
-ganze Kollegium zur Gedächtnisfeier für die Tote in der Aula versammelt.
-Diesmal sprach Christiane schwer und fest.
-
-Die Herren und Damen spähten argwöhnisch zu ihr empor. Alle wußten,
-daß der schöne Doktor Bartelmes bei der gestrigen Revision recht schlecht
-abgeschnitten hatte. Er hatte es sich aber nicht weiter anfechten lassen,
-sondern auf der Stelle gekündigt. Was bedeutete ihm Markburg! Er hatte
-übrigens wieder ein neues ästhetisches Buch geschrieben, das kam zum
-Herbst heraus und würde seinen Ruhm verstärken. Aber hier --! Ironisch
-blinzelte er zu Christiane hin und strich den Bart.
-
-Diesmal fand sie kein Beschönigen mehr. Vor allen Mädchen rief sie das
-Frauenschicksal auf, das vor ihnen hingeglitten war, ohne daß einer es nur
-recht erfaßt hätte. Desto mehr aber war seit gestern geflüstert worden.
-An verborgener Niedrigkeit brachten auch diese planmäßig zur Schönheit
-erzogenen Mädchen genug auf.
-
-Nun aber hörten sie die Wahrheit.
-
-Christiane sprach von den Frauen, in deren Leben kein anderes Feuer brennt,
-als das, das sie sich selber anzünden. Ada Wehrendorf hatte nie nach
-fremden Feuern gespäht, hatte nie eine Gnade, ein Glück erwartet, als aus
-ihrer Arbeit allein. Sie hatte so an der gehangen, daß sie ihren Verlust
-nicht überwinden konnte. Es hatte ihr Ruhe gewinkt, Pflege, ein Schutz.
-Sie hatte aber ohne ihr Werk nicht leben mögen. Nicht an irgend einer
-Sehnsucht war sie gestorben, sondern an dem Verlust ihres Schaffens. Sie
-hatte ihre Arbeit lieb gehabt.
-
-Christiane riß die Kinder an sich heran -- wie glühender Draht brannte
-es wieder in ihrer Rede auf -- die Wehrendorf war einstmals eine von ihnen
-gewesen, eine der verwöhntesten -- und wie mancher konnte es gehen wie
-ihr.
-
-Sie spürte auf einmal: an diesem Leben hing auch Kampf, war nicht nur
-ästhetisches Genießen -- das Blatt wandte sich für viele -- und manche
-Seelen waren unter ihnen, die einen Schutz brauchten.
-
-Sie fühlte auf einmal: auch sie hing an ihrer Arbeit. Wenn sie gescheitert
-wäre, wenn es ihr irgendwie gegangen wäre, wie der Wehrendorf -- -- sie
-atmete heimlich auf -- der häßliche Sturz war nahe gewesen -- -- dann
-hätte sie auch nicht mehr leben können. Ihr Werk hätte sie nicht
-zerbrochen und besudelt aus der Hand legen können. Sie fühlte auf einmal
-Fäden, die sie mit ihm verbanden, mit diesem allen hier, so fest, wie
-mit keinem anderen, weil Kampf daran hing, letzter Aufruhr, weil hier die
-Krisis gekommen war.
-
-Sie starrte auf die Mädchenköpfe, und ihre Seele rang sich ganz fest an
-das Werk heran.
-
-Man empfand wieder die alte Christiane Dorreyter, die im Übermaß ihrer
-schweren Kraft und ihres harten Erkennens ihre Leitsätze gegeben hatte.
-
-Alle wußten, daß ihre Worte ein Vernichten des System Bartelmes
-bedeuteten und des Schiefen, das für die Leiterin daran gehangen hatte.
-Man konnte nichts mehr reden.
-
-Leise gingen die Mädchen dann aus dem Saal -- so leise waren sie selten
-gegangen.
-
-Die Herren und Damen redeten nachher noch über die kleine Wehrendorf.
-Natürlich hätte ihr jeder beigestanden, wenn er es gewußt hätte.
-
-Christiane sprach noch mit der Jong. Da kam ein Bote und gab ihr ein
-Telegramm.
-
-Sie brach es auf und las: ›Hardi soeben verschieden.‹
-
- * * * * *
-
-Es war zwei Tage später.
-
-An Christianens Tür pochte es.
-
-Es war das Brautpaar Dreher-Friedlein.
-
-Sie gratulierte den beiden. Ihr Gesicht war ganz ruhig.
-
-Der Oberlehrer sah an ihr herab, schrak ein bißchen auf, und es begann ihm
-zu dämmern, daß der Besuch jetzt zu dieser Stunde eine Taktlosigkeit sei.
-Aber im Übermaß seiner Freude hatte er an nichts anderes gedacht.
-
-»Ich habe sie mir erobert,« sagte er mit bedächtigem Triumph, »seit dem
-Unglück hatte ich doch Angst bekommen, die Schule zehrt unheimlich an den
-Frauennerven -- ich sah Mai im Traum wirklich auch am Krähenteich --«
-
-Mai zuckte bei dem Wort zusammen.
-
-»Ja, ich hänge sehr an meiner Arbeit,« sagte sie.
-
-Er guckte sie von der Seite an. »Jetzt weiß ich freilich, daß du mich
-lieb hast, denn sonst würdest du sie wegen mir nicht aufgeben --! Das ist
-das Gute an den modernen Frauen,« wandte er sich an das Fräulein Doktor,
-»sie heiraten nur noch aus -- Liebe.«
-
-»Ja,« sagte Mai, »wir haben uns ja schon immer so gut verstanden.«
-
-Dann zupfte sie ihn am Arm -- die Mutter käme gleich. Ihr Telegramm war
-schon da.
-
-Beim Abschied fragte sie noch, ob sie auf der Stelle austreten könne
--- das für ein Vierteljahr im voraus empfangene Gehalt wolle sie gern
-zurückzahlen --!
-
-Christiane wies sie an das Patronat.
-
-Dann war sie wieder allein.
-
-Sie ging ans Fenster und starrte einen Augenblick in ihren Garten. Der war
-ganz still.
-
-Dann trat sie in ihr Schlafzimmer und machte sich zurecht. Sie mußte nach
-Wiesental. Heute wurde Hardi begraben. Sie kam dort auf den Kirchhof. Das
-hatte sie gewollt.
-
-Sie war an den Folgen einer Frühgeburt gestorben.
-
-Unten fuhr der Wagen vor.
-
-Leise trug er sie über den weißen Waldweg, den sie noch vor ein paar
-Tagen abends gewandert war.
-
-Die Sonne schien mittsommerhell. Es wurde heiß. Der Wald stand
-verschlafen. Einmal wandte sich Christiane: ein Duft streifte sie. Da sah
-sie die einsam blühende Linde.
-
-Nun war sie in Wiesental. Mit der Bahn, mit dem Wagen, mit dem Auto kam die
-Trauergesellschaft.
-
-Christiane trat in das kleine Haus. Der Sarg war schon geschlossen.
-
-Sie hätte auch nicht danach verlangt, Hardi noch einmal zu sehen.
-
-Sie ging nicht zu Ludwig hin, und er bemerkte sie auch weiter nicht. Leise
-war er um die Mutter beschäftigt, und Christiane erkannte wieder, was sie
-schon vorgestern gesehen hatte, als sie hinkam: die hatte alles verloren,
-ihr Bestes und Ähnlichstes. Vorgestern hatte sie Ludwig noch verwünscht
-und verflucht. Jetzt schien sie ruhiger.
-
-Der Gottesacker lag hoch oben auf der anderen Seite des Berges, klein,
-freundlich, aber ohne viel Baumbestand. Die Kirschbäume reichten bis dicht
-heran.
-
-Der Sarg versank.
-
-Der erste Geistliche der Stadt hielt die Trauerrede, die erste Gesellschaft
-der Stadt wischte sich die Augen.
-
-Ludwig starrte vor sich hin. Er hatte die schluchzende Mutter am Arm.
-Hinter ihm standen ein paar Rhanes, die grade auf ihrem Gut gewesen waren.
-Sie waren in Uniform, und Christiane mußte flüchtig an den längst
-verschollenen Potsdamer Tag denken.
-
-Ludwig hatte noch immer kein Wort mit ihr gesprochen, hatte sie kaum
-gesehen.
-
-Nachher mußte sie sich verabschieden. Die Mutter ließ sich kaum sprechen.
-Sie sah die älteste Tochter finster an, in ihren verstörten Zügen sprang
-unbewußt ein harter Wunsch auf: wärst du es -- doch -- wärst du's! Sie
-war wieder die, die sie in schweren Zeiten gewesen war.
-
-Ludwig trat dann mit Christiane in das Hinterzimmer mit den roten Gardinen.
-
-Sie sah einen ganz anderen Mann als den, den sie damals nach zehn Jahren
-wiedergesehen hatte, so hatten ihn die zehn Wochen verwandelt. Und sie
-hatte es gewußt und erwartet. Sie fühlte, in den zehn Wochen lagen für
-ihn Erinnerungen, an die ihre ganze ehemalige Liebe nicht reichte, in denen
-sie für immer untergegangen war.
-
-Das große, halb unbewußte Opfer der zarten Frau hatte alles fremde Feuer
-für immer gelöscht und verzehrt.
-
-»Du gehst nun fort?« fragte sie.
-
-»Ja, ich habe Urlaub,« sagte er monoton. »Hanni geht mit.«
-
-Sie entdeckte im Hintergrunde auf einmal das Kind, etwas scheu, beklommen.
-Über den rohen Egoismus dieses verwöhnten Geschöpfes schien es doch mit
-einiger Wucht gefahren zu sein.
-
-Er nahm die Kleine in die Höhe und legte sein Gesicht an das ihre.
-»Du --« murmelte er.
-
-Christiane merkte, daß er Hardis Kind wieder liebte.
-
-Nebenan weinte die Mutter.
-
-Draußen verging der Sommertag.
-
-Christiane trat mit Ludwig vors Haus. Er hatte Hanni jetzt an der Hand.
-
-»Du wirst nun bald für immer von Markburg weggehn?« fragte sie.
-
-»Ja,« sagte er.
-
-Sie wußte genug.
-
-Er ging nach dem Osten zurück. Von Zeit zu Zeit würde er nach Wiesental
-zu Hardis Grab kommen und zur Mutter, aber sie würde ihn nicht mehr
-wiedersehen.
-
-Mochte sein künftiges Schaffen nun so oder so ausschlagen -- es gab ihm
-Halt und war seine Erlösung. Er würde über Hardis Opfer hinweg wieder
-lebendig werden.
-
-Christiane dachte ihm nicht mehr so weit nach, ihre Gedanken kehrten vor
-den riesigen slawischen Feldern um -- sie gab ihm die Hand, küßte Hanni
-und stieg in den Wagen.
-
-Er fuhr auf und sah sie noch einmal an.
-
-Sie winkte ihm leise zu.
-
-Das war ihr Abschied. -- -- --
-
-Spät abends kam sie in ihr Haus -- drei Stunden war sie durch den Wald
-gefahren.
-
-Sie machte Licht und sah gewohnheitsgemäß auf ihren Schreibtisch. Da
-lagen Briefe, Drucksachen, Kondolenzkarten und amtliche Schreiben. Da lagen
-ihre Entwürfe.
-
-Ach ja, ihre Entwürfe.
-
-Ihr Atem strich einen Augenblick schwer. Es war, als wollte sie etwas
-niederreißen. Als stürmte ein schweres Wasser gegen sie an.
-
-Sie ging ans Fenster.
-
-Da lag ihr einsamer Garten. Er war dunkel, nur der Duft strich herauf. Es
-war kein Frühlingsduft, er erinnerte sie an den Wald, an den der einsamen,
-goldblühenden Linde, deren Blüten keiner pflückte.
-
-Ihr Herz schlug hart und stark.
-
-Und dann überkam es sie auf einmal wie mit festen Händen: es war die
-Einsamkeit, das eiserne Geborgensein in sich.
-
-Das war das beste, was ihr gehörte, und ihr höchstes Lebensgeschenk.
-Tief in ihr lag unendliches Blühen, lagen unendliche Strecken unbetretenen
-Landes, eisige Einsamkeiten.
-
-Die gehörten ihr. Nur ihr allein.
-
-Sie ging hin und her.
-
-Dann machte sie Licht, sah auf das Bild und holte ihre Arbeit vor.
-
-Schauer überrannen sie und verrannen.
-
-Sie holte tief Atem.
-
-»Der Abend allein ist das Beste.«
-
-
-Buchdruckerei Roitzsch, Albert Schulze, Roitzsch.
-
-
-
-
- Im Verlage von Carl Reißner erschien von
-
- Juliane Karwath
-
-
- Die drei Thedenbrinks
-
- Ein Kleinstadtroman
-
-
- Katharyna Holerbeck
-
- Roman
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
-
-Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=.
-
-Der Schmutztitel wurde entfernt. Eine Seite mit Verlagswerbung wurde vom
-Buchanfang an das Buchende verschoben.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
-Ausnahmen,
-
- Seite 28:
- "." eingefügt
- (Sie schauerte und träumte.)
-
- Seite 30:
- "Ueberall" geändert in "Überall"
- (Überall Augenkranke.)
-
- Seite 35:
- "Schrit" geändert in "Schritt"
- (Da endlich ein Schritt auf der Treppe)
-
- Seite 43:
- "." eingefügt
- (Der Abend allein -- -- dachte Christiane.) ]
-
-
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Das Feuer hinter dem Berge, by Juliane Karwath
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS FEUER HINTER DEM BERGE ***
-
-***** This file should be named 63312-0.txt or 63312-0.zip *****
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-<title>The Project Gutenberg eBook of
-Das Feuer hinter dem Berge
-by
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-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Das Feuer hinter dem Berge, by Juliane Karwath
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Das Feuer hinter dem Berge
- Roman
-
-Author: Juliane Karwath
-
-Release Date: September 27, 2020 [EBook #63312]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS FEUER HINTER DEM BERGE ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net (This book was produced from images
-made available by the HathiTrust Digital Library.)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-
-<h1><span class="fss">Das</span><br />
-Feuer hinter dem Berge</h1>
-
-
-<p class="ce lh2 mt2"><span class="fsl">Roman</span><br />
-von<br />
-<span class="fsxl ge">Juliane Karwath</span></p>
-
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/emblem.jpg" alt="" /></p>
-
-
-<p class="ce mt2 lh1"><span class="ge">Egon Fleischel &amp; Co.<br />
-Berlin</span><br />
-1913</p>
-
-
-<p class="ce mt2 fss lh1"><span class="ge">Alle Rechte vorbehalten</span><br />
-<i>Copyright 1913 by Egon Fleischel &amp; Co. Berlin</i></p>
-
-
-
-
-<p class="pb mt4"><a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a>
-Christiane und Hardi Dorreyter waren nicht die
-Kinder innig zusammenströmender Gattenliebe. Ihre
-Mutter, ein herzlich armes, sehr schönes, aber unbegehrtes
-Fräulein hatte den viel älteren Hauptmann in dem
-Glauben genommen, daß für ihr Zähnezusammenbeißen
-das Gute schon nachkommen werde. Aber es geschah ihr,
-daß sie ohne Liebe zu tragen hatte, was der Liebe selber
-oft recht schwer fällt. Der Mann verwickelte sich infolge
-zögernden Avancements in allerhand Querulantengeschichten,
-die zwar noch einigermaßen beigelegt wurden,
-ihm aber den Abschied einbrachten. Es ging in ein recht
-enges und armes Leben, das Mutter und Kindern schlecht
-bekam: der Frau, weil sie dem Manne, mit dem sie sich
-betrogen hatte, noch immer Weib sein mußte, und den
-Kindern, weil sie an allem ziemlich unverhüllt mitzutragen
-hatten, denn die Mutter gab ihnen in ihrer Verlassenheit
-ihre Not sehr zeitig preis.</p>
-
-<p>Die Mädchen lernten Abneigung und Mißtrauen
-gegen den Mann.</p>
-
-<p>Die lagen ihnen schon im Blute, die Stunde, die sie
-geschaffen, hatte sie ihnen tief eingetränkt.</p>
-
-<p>Sie blühten nicht recht auf. Zwar hatten sie den
-einen oder anderen Zug der Rhanes, welcher blaublütigen
-Familie ihre Mutter entstammte, aber ihre Gestalten
-blieben gestreckt, lang, flach, herb wie Schattenfrüchte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_002" title="2"> </a>
-Der Hauptmann starb. Frau Dorreyter, die ihre
-Leute bisher nur durch Unterstützung der Rhanes sattbekommen
-hatte, erhielt von diesen als endgültige Abfindung
-ein kleines Kapital. Die Rhanes kauften zu der
-Zeit, einer günstigen Heirat wegen, zwei Rittergüter und
-gründeten ein Majorat. Frau Dorreyter stürzte sich
-über die paar Groschen, selig, ihre Mädchen ausbilden
-zu können. Sie war durch und durch Frauenrechtlerin,
-ohne viel mit Büchern oder aufrührerischen Personen
-zusammengekommen zu sein.</p>
-
-<p>Sie lernte mit den Kindern. Die fühlten, wie gierig
-die Mutter zu trinken versuchte und wie sie innerlich
-erzitterte, wenn sie ihre Kraftlosigkeit erkannte, und
-stemmten sich tüchtig an, um wenigstens selber zu glänzen
-und ihr dadurch Grund zum Stolz zu geben.</p>
-
-<p>Die leise hervortretenden Rätsel des jungen Weibwerdens
-blieben den Kindern gleichgültig. Sie grübelten
-nicht.</p>
-
-<p>Sie sehnten sich nach keiner Süßigkeit.</p>
-
-<p>Frühzeitig kamen sie in das Seminar der Provinz.</p>
-
-<p>Die Vorsteherin war ein derbmännliches Frauenwesen,
-das Unerhörtes leisten wollte. Mit einer rücksichtslosen
-Energie schaltete sie alles Schwache aus. Die
-Lehrerinnen, die sich verlobten, mußten sofort weg, die
-Schülerinnen, die irgendwie versagten, wurden sofort
-entfernt. Muster sollte alles sein, Auslese.</p>
-
-<p>Fräulein Schmöckler war nicht beliebt. Ihrem
-Schritt ging der Schrecken voraus, die reifen Lehrer erröteten
-vor ihren eisernen, oft rücksichtslos vor allen
-<a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a>
-Schülerinnen gegebenen Tadelworten und bebten gleich
-ihren Kolleginnen, wenn sie ins Bureau befohlen wurden.</p>
-
-<p>Christiane erwarb sich rasch ziemliches Wohlwollen,
-Hardi aber bekam sofort &rsaquo;Halbheit&lsaquo; vorgeworfen, das
-Schlimmste, was Fräulein Schmöckler vorwerfen konnte,
-ohne daß sich aber entdecken ließ, wohin Hardis andere
-Geisteshälfte neigte. Die Rhanesche Familienkrankheit,
-die Bleichsucht, waltete über der Kleinen.</p>
-
-<p>Christiane kam ihr rasch voraus in die Oberstufe,
-wo sie mit Ada Wehrendorf zusammentraf, die aus ihrer
-Heimat stammte. Der Vater, ein Justizrat, war rasch
-gestorben, und für das völlig verwaiste und vermögenslose
-Ding mußte bald ein Lebensunterhalt gefunden
-werden, zumal sie dünn wie eine Spindel und ohne jedes
-Temperament war. Beim Abschlußexamen kam sie mit
-einer knappen Drei heraus, während sich die glänzendste
-der Schülerinnen, der Fräulein Schmöckler keinerlei
-Halbheit hatte vorwerfen können, noch an demselben
-Tage öffentlich verlobte und somit ihre ganze Weisheit
-und eine ihr von der Vorsteherin schon bereitgehaltene
-Stelle glattweg preisgab.</p>
-
-<p>Hardi kam Christiane verweint entgegen, denn die
-Schmöckler hatte ihr an dem Tage bedeuten lassen, daß
-sie für ihren Teil am besten täte, die aussichtslose Sache
-zu lassen. So reisten beide Dorreyters mit Sack und
-Pack nach Hause, und die Mutter verriet in ihrem Entsetzen
-über das Unglück der geliebten Jüngsten keinerlei
-Freude über Christianens Sieg.</p>
-
-<p>Die merkte nichts davon, denn Fräulein Schmöckler
-hatte ihr die von der Braut ausgeschlagene Stelle in
-<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a>
-einem vornehmen Töchterinstitut der Schweiz verschafft,
-und der Himmel hing ihr voller Geigen. Sie packte von
-neuem, und mitten im Kramen fielen ihr auf einmal
-Briefblätter entgegen, die die Mutter bewahrte, und sie
-las neugierig darüber hin.</p>
-
-<p>Auf einmal wurde sie aufmerksam und winkte die
-in ihre Melancholie versunkene Hardi herbei.</p>
-
-<p>In diesen Blättern lasen sie zum ersten Mal von der
-Liebe.</p>
-
-<p>In den Tagebuchblättern und Briefen der Urgroßmutter,
-die dem schlesischen Adel entstammte, glomm
-eine ehebrecherische Sünde. Die Frau des Hofstallmeisters
-von Rhane hatte es mit einem Prinzen gehalten,
-der, wie sie, nachher recht tugendhaft und brav geworden
-war, aber mit einem Schuß nervöser Geistigkeit,
-und kein Glück in der Politik gehabt hatte. In den
-Blättern waren Glut, Zärtlichkeit und französische Verse.
-Dazwischen lagen später geschriebene Mutterbriefe an
-den Sohn im Kadettenhaus, das Fürstenpatenkind.</p>
-
-<p>Es war auf einmal begreiflich, warum die jetzigen
-Rhanes sich plötzlich im Glanz und mit Majoraten aufgetan
-hatten: sie waren von ihrem Bluteinschuß getrieben.</p>
-
-<p>Die Mädchen schauten sich an.</p>
-
-<p>Über Hardis kleines, verweintes Gesicht flirrte es.</p>
-
-<p>»Da sind wir &ndash; ja &ndash; auch&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Die Mutter kam. »Was habt ihr da? Die Briefe?
-Ach, die Briefe&nbsp;&ndash;« Einen Augenblick hatte sie gestutzt.
-Dann nahm sie sie verächtlich zusammen: »Schmutzkram.
-Der kann fort.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a>
-Christiane bat: »Gib sie mir.«</p>
-
-<p>Sie packte sie in ihren Lehrerinnenkoffer.</p>
-
-<p>Mit ihr reiste die kleine Wehrendorf, die an dieselbe
-Anstalt kam, aber des minderen Zeugnisses wegen &rsaquo;<i>au
-pair</i>&lsaquo;.</p>
-
-<p>Das Schweizer Institut war ein Erziehungskasten
-von oben bis unten. Die Leiterin war sehr fett und behäbig.
-An Zöglingen waren ungefähr achtzig da, darunter
-viele Bräute. Es wurden Wissenschaften getrieben,
-gekocht, genäht, geputzt, gestickt, gemalt, gebrannt,
-Tennis und Golf gespielt und getanzt. Es gab Unterricht
-in Sprachen, Musik, Gesang, Gymnastik, Rezitation
-und Körperpflege. Man hatte in einem Jahr ausgelernt
-oder in einem halben. Es gab auch Vierteljahrs-
-und Monatskurse, ganz nach Wunsch, und immer hatte
-man ausgelernt. Eine Auslese fand nicht statt, nur eine
-Trennung nach Rang und Stand und Geld. Man
-unterschied einen Flügel der Aristokratinnen, unter denen
-auch eine junge Freiin von Rhane war, eine Abteilung
-der Ausländerinnen und noch viele andere Gruppen bis
-zu den reichen Fabrikanten- und Handwerkertöchtern.
-Die Zimmer, die den besichtigenden Eltern gern gezeigt
-wurden, waren blank und hell, wie Ziervogelkäfige.</p>
-
-<p>Christiane aber bewohnte mit drei Kolleginnen ein
-enges Kabinett im Hintergebäude, in dem zwei alte
-Holzbetten der Quere nach nebeneinander und zwei an
-der Wand standen. Dazwischen war nicht viel Raum.
-Im Flur befand sich ein wurmzerfressener Kleiderschrank,
-in dem die vier Lehrerinnen ihr Eigentum aufbewahren
-konnten, und unter dem schmalen Zimmerfenster war
-<a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a>
-eine Bank etabliert, unter der das Schuhwerk stand,
-während man die Oberfläche ganz gut als Tisch benutzen
-konnte.</p>
-
-<p>Die Lehrerinnen durften nur dunkle, hochgeschlossene
-Kleider und glattgestrichene Haare tragen.</p>
-
-<p>Christianens Bettnachbarin war eine nicht mehr
-junge Holsteinerin, die beiden anderen eine Engländerin
-mit einem dunklen warmen Schmeichelgesicht und eine
-magere Französin, die etwas von einer Ziege an sich
-hatte. Diese beiden trieben bei guter Laune Spaß, nannten
-sich die &rsaquo;Babies&lsaquo; und stellten sich an, als ob Christiane
-und die Blonde Vater und Mutter seien und das Ganze
-eine warme Familienstube. Die Holsteinerin sagte nie
-ein Wort dazu. Einmal erwachte Christiane von etwas
-Merkwürdigem, horchte in die ferne Mondnacht hinaus
-und merkte auf einmal, daß ihr ganzes Lager zitterte.
-Neben ihr lag die Holsteinerin in einem furchtbaren,
-rüttelnden, lautlosen Weinen.</p>
-
-<p>Am Morgen wagte Christiane die andere kaum anzusehen,
-aber die hatte keine Ahnung von der Beobachtung,
-sondern tat ihre Pflicht in derselben verschlossenen
-Art wie zuvor.</p>
-
-<p>Die arme Wehrendorf hieß bald nur das &rsaquo;Sneewittchen&lsaquo;.</p>
-
-<p>Die junge <i>au pair</i>-Lehrerin mußte nämlich aus
-Platzmangel in einem gläsernen Erker schlafen, der
-an ein Zimmer der Pensionärinnen grenzte und nur
-Raum für das Bett und eine Waschkiste bot. In
-der Tiefe lag der See, und die Schwalben strichen ganz
-nahe an den nur mit dünnen Gardinchen verkleideten
-<a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a>
-Scheiben vorbei. Es gab viel Gekicher unter den verwöhnten
-jungen Damen, wenn die Lehrerin in ihr Glaskästchen
-ging, und die Wehrendorf trug es stumm und
-ergeben wie das Pechkind im Märchen.</p>
-
-<p>Die dicke Leiterin konnte mit dem großen Unternehmen
-allein nicht fertig werden, sondern hatte als
-Stab ein paar ältere Lehrerinnen um sich, unter denen
-besonders ein zähes, dürres Fräulein Beierlein hervorragte,
-die sich mit der Ausbildung der &rsaquo;Neuen&lsaquo; beschäftigte.</p>
-
-<p>Die konnten ihre mühsam erworbene Schulweisheit
-getrost in den Koffer packen. In diesem Erziehungskasten
-ging es nur darum, sich die Zufriedenheit der Zöglinge
-und deren Eltern zu verschaffen &ndash; wehe der Lehrerin,
-über die eine junge Dame sich beklagt hätte! Und
-dreimal wehe der, um deretwillen eine Pensionärin verloren
-gegangen wäre! Die achtzig wurden behütet wie
-Gold &ndash; das war Geschäft!</p>
-
-<p>Die Miß und die Französin standen in einem bewährten
-Freundschaftsverhältnis mit der Beierlein und
-hatten die Organisation dieses vortrefflichen Institutes
-vollkommen begriffen. Christiane und die Wehrendorf
-aber hörten alle Augenblicke den windschnellen Schritt
-der Vorgesetzten hinter sich und wurden mit nadelscharfen
-Blicken aufgespießt und von spitzigen Worten ins
-Herz getroffen.</p>
-
-<p>Was der Mann am Weib verschulden kann, reicht
-in aller Welt nicht an das, was eine Frau der andern
-anzutun vermag, besonders, wenn die eine alt, die andere
-jung, die eine übergeordnet und die andere untergeben ist!</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a>
-Die beiden kamen aus den Unterrichts- und Aufsichtsstunden
-nicht heraus. Der Dienst währte von morgens
-sechs Uhr bis abends um zehn Uhr. Die Wehrendorf
-mußte auch Zimmer putzen, die jüngeren Zöglinge
-baden und kämmen und der dicken Vorsteherin bei der
-Toilette helfen. Freistunden gab es nicht. Ausgänge
-auch nicht. Mit den Zöglingen gingen immer nur die
-älteren Lehrerinnen.</p>
-
-<p>Christiane kam kaum in den Garten, erblickte Wald
-und See und Berge nur von den Fenstern und Terrassen
-aus und hatte von der neuen Welt nur ganz verwischte
-Vorstellungen. Sie hörte die Pfiffe der Züge, mit denen
-sie in den Tunnel glitten, das Geläut, mit dem sie wieder
-herauskamen, die Signale der Dampfer und die
-Stimmen der Touristen.</p>
-
-<p>Oft wurden junge Mädchen von ihren Anverwandten
-abgeholt und kamen abends froh erregt wieder. Blumen
-wurden bei jeder Gelegenheit hereingeschleppt und
-die Pensionszimmer malerisch damit geschmückt. Es gab
-große Ausflüge, sanfte Besteigungen und Dampferpartien,
-an denen die beiden jungen Lehrerinnen aber
-nicht teilnehmen durften. Eine Freude blieb der
-armen Wehrendorf: sie mußte jeden Sonntagabend die
-an diesem Tag laut offizieller Erlaubnis geschriebenen
-Briefe der Zöglinge nach der weiter unten im Ort befindlichen
-Poststation bringen. Mit Stößen von legitimen
-Liebesbriefen zog das arme, häßliche Sneewittchen
-los und genoß die kurze Freiheit.</p>
-
-<p>&ndash;&nbsp;&ndash; Christianens Nerven begannen zu versagen.
-Ihr grauste vor dem Lärm, dem Geschnatter, dem mechanischen
-<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a>
-Unterricht, den unaufhörlichen Aufsichtsstunden,
-dem Aufpassen der Beierlein und dem nächtlichen Zusammensein
-mit den Kolleginnen. Ergab sich am Tage
-einmal ein passender Moment, so stürzte sie nach oben
-in ihr Zimmer, in dem um die Zeit niemand war, verriegelte
-die Tür und starrte aufatmend um sich: allein!
-Allein! Ihre Blicke wanderten. Scheu horchte sie nach
-außen und atmete von neuem auf: allein &ndash; allein&nbsp;&ndash;!</p>
-
-<p>Leise schlich sie an ihr Kommodenfach. Doppelt verschlossen
-lag da ihr bißchen Eigenes: ihre Zeugnisse, die
-Briefe der Mutter und die Tagebücher der Frau von
-Rhane! Wie gut, daß sie vor der Abreise noch die Mappe
-gekauft hatte &ndash; jetzt hatte sie doch ein Fleckchen für
-sich!</p>
-
-<p>Allein &ndash; allein&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Da rief es schon draußen, da trippelte es und klopfte
-an die Tür: »Fräulein Dorreyter! Fräulein Dorreyter!«
-Christiane fuhr, öffnend, zurück &ndash; das Fräulein von
-Rhane! Jäh sah sie, was sie noch nicht gesehen hatte: das
-Jugendgesicht der Mutter, die Rhanesche Schönheit.</p>
-
-<p>»Fräulein Beierlein läßt bitten,« sagte die junge
-Aristokratin in dem wenig respektvollen Tone, den die
-Pensionärinnen für die Unterlehrerinnen hatten.</p>
-
-<p>&ndash;&nbsp;&ndash; Christiane konnte nicht schlafen. Nacht für
-Nacht ging das stumme Weinen der Nachbarin.
-Christiane wollte manchmal rufen, fragen, die anderen
-wecken, aber sie wagte es doch nicht: es war für die Verzweifelte
-die einzige Stunde, in der sie allein zu sein
-glaubte &ndash; allein!</p>
-
-<p>Stundenlang zitterte das Bett. Stundenlang liefen
-<a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a>
-Christianens krause Gedanken zur Mutter zurück und
-zu der Frau von Rhane. Sie sah die blonde Familienschönheit
-und wieder die Frau von Rhane.</p>
-
-<p>Blau schien die Mondnacht. Ein ungewisses Raunen
-scholl: der See. Ein Flimmern stand fern: die
-Berge.</p>
-
-<p>Die Französin schnarchte mit spitz gehobener Nase,
-die Miß hatte ihr Haar stramm geflochten und den abgebundenen
-Zopf an den Bettpfosten gehängt. Das Lager
-der Holsteinerin hob sich in schweren, krampfhaften
-Stößen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Christiane dachte an die Frau von Rhane.</p>
-
-<p>Eines Morgens sagte die Wehrendorf: »Du, deine
-Schwester wird ja heiraten&nbsp;&ndash;!«</p>
-
-<p>Christiane starrte sie an. »Hardi!« Sie hob die
-Hand zur Stirn. »Hardi!«</p>
-
-<p>»Ja, ja,« sagte Ada hinterhältig.</p>
-
-<p>Christiane dachte nach. Die Mutter hatte angefangen,
-Hardi gewaltig mit Eiern und Peptonen zu füttern,
-denn zum Herbst sollte sie auf ein anderes Seminar.</p>
-
-<p>Christiane schrieb eine scherzhaft vorsichtige Anfrage.
-Sie wußte, es war Unsinn. Wen sollte Hardi kennen
-bei dem Leben, das sie führten. Wen? Wen?</p>
-
-<p>Die Antwort kam, und die Mutter entschuldigte sich
-und Hardi. Es war auch gradezu romanhaft. Auf der
-Straße hatte ein Herr von der Regierung Hardi gesehen
-und verfolgt, dann war korrekte Bekanntschaft daraus geworden.
-Er hatte Besuch gemacht. Sie mußten ihn
-einladen. Die Mutter knüpfte beunruhigte und bestürzte
-Bemerkungen daran.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a>
-Nach drei Wochen kam die Anzeige: Hardi Dorreyter
-und Ludwig von Cöldt, und die Mutter schrieb hoffnungsvoller.
-Die Verhältnisse seien ja gut. Es sei wohl
-das beste für Hardi. Zum Herbst wäre Cöldt nach Posen
-versetzt und wolle vorher heiraten. Er sei sehr verliebt.</p>
-
-<p>Christiane dachte an die Peptone.</p>
-
-<p>Sie schrieb an die Schwester und bekam einen kleinen,
-halb verlegenen und halb triumphierenden Brief.
-Fräulein Schmöckler hatte die Anzeige bekommen!</p>
-
-<p>Christiane konnte an der Hochzeitsfeier nicht teilnehmen,
-denn sie bekam keinen Urlaub, auch das Reisegeld
-hätte gefehlt. Sie sandte ein Telegramm und durfte
-es selbst zur Post bringen.</p>
-
-<p>Sie ging an roten Ranken vorbei und sah blaues
-Wasser und unwahrscheinlich weißes Getürm in der
-Höhe. Eine gebogene Straße lief in die Ferne hinein.</p>
-
-<p>Nachher mußte sie Schrankrevision halten, fand sehr
-viel Schokolade und ein Dutzend illegitime Liebesbriefe.</p>
-
-<p>Die Depesche war längst in der Hochzeitsgesellschaft.</p>
-
-<p>Im Winter gab es Tanzstunden, Faschingfeste, Theateraufführungen
-und Schlittenfahrten. Die Wehrendorf
-erfror sich in ihrem Glaskäfig die Zehen und wurde
-in einem Badezimmer einquartiert. Sie hieß jetzt &rsaquo;die
-Seejungfrau&lsaquo;.</p>
-
-<p>Christiane erhielt Botschaft aus Posen. Die Mutter
-war zu Weihnachten dort.</p>
-
-<p>Nebelzeiten begannen. Die Schlafkammer war lichtlos.
-Es regnete.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a>
-Eines Morgens war das Bett der Holsteinerin leer.
-Ihre Sachen hingen da. Sie war fort.</p>
-
-<p>Der Aufruhr wurde im Keim erdrückt. Keiner
-durfte eine Frage stellen. In das Bett kam schon nach
-wenigen Tagen eine Belgierin, die sehr schnarchte und
-aussah, als ob sie sich nicht ganz sauber wüsche.</p>
-
-<p>Christiane lag noch immer häufig wach. Sie hörte
-den Tropfenfall und sah die Verschwundene auf nackten
-Füßen durch den Tauschnee eilen. Wohin? Wohin?
-Zu wem?</p>
-
-<p>Sie stand und horchte. Der Föhn heulte. Die Fenster
-zitterten.</p>
-
-<p>Leise öffnete sie einen Flügel. Schwül schoß es ihr
-entgegen: drüben war der See. Sie sah ferne Straßen.
-Wohin? Wohin? Zu wem?</p>
-
-<p>Ihr Herz zitterte.</p>
-
-<p>Am Sonntagabend war es klar. Die Wehrendorf
-erschrak, als Christiane auf einmal an ihrer Seite stand:
-»Ich gehe mit dir zur Post!«</p>
-
-<p>Der Wind pfiff. Aus dem geschuppten Wasser sahen
-entfremdete Sternbilder.</p>
-
-<p>»Hier war es sicher &ndash; hier,« flüsterte die Wehrendorf,
-scheu auf das Ufer deutend.</p>
-
-<p>Christiane lachte und eilte weiter.</p>
-
-<p>»Wohin willst du?« rief Ada ihr nach.</p>
-
-<p>Es ging bergauf, der Wind kam bergab. Wuchtig
-und warm schlugen seine großen Flügel, wuchtig schlugen
-sie auf die brausenden Wasser, wuchtig fuhren sie an
-Christianens warmen Mädchenleib. Die Sterne zitterten.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a>
-Ada Wehrendorf rief aus der Ferne.</p>
-
-<p>Christiane aber ging, wie sie in ihrem Leben noch
-nicht gegangen war. Sie ging auf der Erde, deren freie
-Krume sie noch nie so unter ihren Schuhen gespürt hatte,
-in der Luft, die noch nie so rein in ihren Lungen gewesen
-war. Sie fühlte im Sturm die Gletscher, über die er
-gefahren, die Wälder, durch die er gestürzt war, die
-Wasser, von denen er getrunken hatte. Sie fühlte den
-freien, dunklen Duft der Welt.</p>
-
-<p>Allein!</p>
-
-<p>Beim Nachhausekommen erhielt sie ihre Kündigung.</p>
-
-<p class="ce mt1 mb1">*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Als Christiane der Mutter davon schrieb, kam ein
-erlöster Brief: »Geh nach Posen. Hardi hat Heimweh.
-Geh nach Posen.«</p>
-
-<p>Christiane reiste.</p>
-
-<p>Die Polen feierten eben Ostern. Die Stadt inmitten
-der Wälle war voll gedrängtem Glockengeläut.
-Man betete und aß, aß und betete.</p>
-
-<p>Herr von Cöldt holte Christiane vom Bahnhof.</p>
-
-<p>»Hardi geht es nicht gut,« sagte er.</p>
-
-<p>Sie begriff erst in diesem Augenblick, in welch
-ernstes Ehekapitel man sie hereingeholt hatte.</p>
-
-<p>Hardi lag im Schlafzimmer. Sie war viel hübscher,
-als Christiane sie in Erinnerung hatte, ihr Profil zeigte
-eine pikante Mischung von Soubrettenhaftem und Sentimentalem.
-Sie warf dem Mann einen schnippisch koketten
-Vorwurf zu, der ihn zum Gehen zwang, und fing
-<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a>
-hinter ihm ein fürchterliches Weinen an. Christiane entdeckte
-jetzt, auf sie niederschauend, die Veränderung der
-Gestalt.</p>
-
-<p>Hardi fuhr auf. »Bitte gib mir das Morphium.«</p>
-
-<p>»Morphium nimmst du?« fragte Christiane, an die
-Mutter denkend.</p>
-
-<p>Hardi warf einen Blick ringsum. »Schon lange.«</p>
-
-<p>»Warum?« fragte Christiane herzlich, sich über sie
-neigend, »leidest du an Schlaflosigkeit? Oder was ist
-dir eigentlich?«</p>
-
-<p>»Was mir ist!« Hardi lachte nervös auf. »Siehst
-du denn nicht, was mir ist &ndash; haha&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Wie sprichst du nur,« sagte Christiane, »wenn das
-dein Mann hört&nbsp;&ndash;!«</p>
-
-<p>»Das sage ich ihm immer.« Hardi warf sich herum.
-»Das sage ich ihm. Und noch mehr: er ist schuld.«</p>
-
-<p>Christiane blickte auf sie nieder.</p>
-
-<p>Ihr Herz schlug, leise rann es an sie heran.</p>
-
-<p>»Er hat dich doch lieb,« sprach sie.</p>
-
-<p>Hardi starrte sie gläsern an. »Ja&ndash;aa lieb,« sagte
-sie. Dann deutete sie ringsum. »Hier bleibst du. Mein
-Mann schläft hinten. Wir bleiben zusammen.«</p>
-
-<p>»Warum hast du ihn denn genommen?« fragte
-Christiane.</p>
-
-<p>»Weil mir bange war. Weil die Schmöckler mich
-herausgejagt hatte. Was blieb mir sonst übrig? Stundenlang
-haben wir überlegt, die Mutter und ich. Es
-war ja wegen der Mathematik. Das war ja der Haken
-bei mir. Damit wäre ich nicht durchgekommen&nbsp;...«</p>
-
-<p>»Das hättest du immerhin noch versuchen können.
-<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a>
-Deshalb&nbsp;&ndash;« Christiane sah sie an, »deshalb &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;
-Du mußt ihn doch &ndash;&nbsp;&ndash; du mußt ihn doch lieb gehabt
-haben!«</p>
-
-<p>»Ja&ndash;aa. Lieb &ndash; ja. Aber nicht so. Nicht so.«
-Hardi zog die Schultern ein. »Wenn ich gewußt hätte!
-&ndash;&nbsp;&ndash; Das hab ich nicht gewußt. Das hat mir niemand
-gesagt. Sonst wäre ich lieber&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;« sie sah mit irren
-Blicken um sich.</p>
-
-<p>Christianens Backen brannten.</p>
-
-<p>Vor den Fenstern war weites, flaches Land. Unten
-auf dem Wall ging ein Infanterieposten.</p>
-
-<p>»Du wirst dich noch daran gewöhnen,« sagte sie leise,
-»es war der Übergang. Wenn du erst weiter bist&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Davor graut mir ja,« rief Hardi. »Deshalb schlaf
-ich schon nicht mehr. Ich bin ja so schwach. Die Mutter
-hat Angst, ich komm nicht durch. Jetzt tut ihr's leid.«</p>
-
-<p>»Die Mutter hat dich mit ihren schwarzen Gedanken
-angesteckt.«</p>
-
-<p>Hardi schauderte. »Damals hatte ich Angst vor dem
-Examen. Ach &ndash; tausendmal lieber würd ich jetzt ins
-Examen gehen, als das durchmachen, was mir nun bevorsteht!«</p>
-
-<p>»Du bist hysterisch,« sagte Christiane scharf.</p>
-
-<p>»Ich bin wie die Mutter. Der ist es auch so gegangen.
-Sie hat keine Kinder haben wollen. Sie hat nie
-Frau sein wollen. Ich auch nicht.«</p>
-
-<p>»Das hättest du wirklich vorher bedenken müssen.
-Aber ich glaube, du lachst noch einmal darüber.«</p>
-
-<p>»Jetzt lache ich nicht,« sagte Hardi. »Jetzt bin ich
-krank.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a>
-Ludwig kam herein. Er und Christiane sahen sich
-an. Sie fühlte, daß seine Hoffnung bei ihr stand.</p>
-
-<p class="ce mt1 mb1">*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Es war noch das alte Posen mit dem dumpfen
-Gassengedräng, den mächtigen Wällen und den polnischen
-Dörfern dicht vor den Toren.</p>
-
-<p>Es war urfremdes Land.</p>
-
-<p>Fremd war das kleine, dunkle Volk, die vielen Kirchen
-und Kleriker, die langen Leichenzüge und der geniale
-Schmutz. Von der Warthe her kroch der Typhus, von
-den Dörfern her die Granulose.</p>
-
-<p>Was deutsch war, saß lose obenauf, ging und kam
-und hatte wenig Freude an der gewagten Existenz.</p>
-
-<p>Nach dem internationalen Gewäsch in der Schweiz
-war Christianens Blick für einfachere Konflikte offen.
-Sie hatte Freude an der ungeheuren Spannung, die zu
-ihr herüberwehte.</p>
-
-<p>Ludwig von Cöldts Chef gehörte noch zur alten
-Schule, die mit den Polen tafelte. Um ihn herum aber
-raunte es. Eine deutsche Zeitung, die bisher in politisch
-gleichgültigem Fahrwasser geplätschert war, hatte sich auf
-einmal rätselhaft einer anderen Richtung verschrieben
-und schoß Pfeil auf Pfeil auf den ziemlich wehrlosen
-alten Herrn. Im polnischen Lager summte Unruhe auf,
-der heimliche Konflikt wurde bloß. Der Deutsche wehrte
-sich plötzlich gegen seine geduldete Existenz in diesem
-Lande, das von seinen Kräften fraß und stark wurde.
-Der Pole verteidigte seinen uralten Boden.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a>
-Der Kampf war da.</p>
-
-<p>Den Anfang dieser Zeit erlebte Christiane Dorreyter
-in Posen.</p>
-
-<p>Der Frühling wußte nicht viel zu zünden. Auf den
-Feldern hob sich ein riesiges, eintöniges Grün empor, die
-wilden, niedrigen Glacisbäume blühten. Die Warthe
-trieb gelbe Flut aus Rußland.</p>
-
-<p>Christiane begriff, daß es schwer und seltsam war,
-hier zu leben. Sie kam nicht zum Klaren, ob Cöldts
-Versetzung eine zufällige war. Jedenfalls war er mit
-dem Mut der alten Kolonisten hergekommen, und sein
-Junkerblut drängte zum Kampf.</p>
-
-<p>In Christiane war noch etwas von der freiheitlichen
-Abendstunde in den Bergen. Sie spürte den Osten wie
-einen fremden, starken Trank, mit dem sie fertig zu werden
-versuchte.</p>
-
-<p>Sie schalt über Hardis Gleichgültigkeit. Ludwig
-gegenüber war sie erst unfrei, ihre Gedanken fielen ihn
-oft hinterrücks niedrig an. Dann wurde sie ruhiger und
-fast etwas beschämt.</p>
-
-<p>Seine Art machte sich geltend.</p>
-
-<p>Er besorgte ihr ein Pferd, und in freien Stunden
-ritt sie mit ihm bald junkerhaft durch die warmen,
-dampfenden Glaciswälder oder in die Felder hinaus,
-über denen die Windmühlen gingen.</p>
-
-<p>Anfangs dachte Christiane noch an ihre bisherige
-Existenz, dann versank das.</p>
-
-<p>Sie war aus einem Traum ins Wahre gekommen
-oder knüpfte an etwas an, das früher gewesen war.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a>
-In diesem flachen, unendlichen Lande war sie schon
-einmal gewesen, die Zügel in der Faust.</p>
-
-<p>Über diese Straßen war sie schon einmal herrinnenhaft
-geritten, den Gesellen neben sich.</p>
-
-<p>Es war ein Traum, der aus dem unendlichen Frühling
-dieser slawischen Unendlichkeit stieg. Es war doch
-Frühling.</p>
-
-<p>Ludwig suchte sich auch literarisch zu informieren und
-brachte eine Menge polnischer Literatur an; Krasinski
-und sogar Kraszewski, vor allem aber Mikiewicz und
-Sienkiewicz.</p>
-
-<p>Christiane las immer in einer gewissen Distanz, mit
-scharfem, jungem Denken und mit dem überlegenen Gefühl
-ihres reinen Germanentums, das dem slawischen
-Bruder das Leben und die Kultur im Herzensgrunde absprach.</p>
-
-<p>Hardi beteiligte sich an diesen Erörterungen immer
-nur zeitweilig. Wenn sie wieder an ihren Zustand dachte,
-sanken ihr die Flügel, und sie saß wie eine Verurteilte.</p>
-
-<p>Ludwig erzählte auf einem der Ritte von seinem
-Vorfahren, der mit Heinrich von Plauen gezogen war.
-Darauf begann Christiane von der Frau von Rhane zu
-sprechen, und er wurde aufmerksam und bat um die
-Blätter. Hardi hatte nichts davon erzählt.</p>
-
-<p>Christiane wußte: sie war äußerlich keine Rhane,
-ihr fehlte die blonde, reinblütige Schönheit, wie sie im
-Grunde auch Hardi fehlte. Nur ihre Hände waren rhanisch.
-Ihre Hände waren die der Frau von Rhane.</p>
-
-<p>Traumhaft ritt sie durch die maiheißen Straßen, die
-<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a>
-Mühlen gingen. Ihr Körper bog sich nach dem Rhythmus
-des Tieres, die Rhaneschen Hände regierten es.</p>
-
-<p>Ihr Blut war das der Frau von Rhane.</p>
-
-<p>Traumhaft sah sie in die maiblaue Ferne. Glühend,
-wie ein fallender Stern schoß es ihr durch die Seele.
-Wohin? Wohin? Zu wem?</p>
-
-<p>»Ein Schicksal,« sprach Ludwig neben ihr.</p>
-
-<p>Sie fuhr herum und sah ihn an.</p>
-
-<p>»Unsere Mutter sagt: &rsaquo;Schmutz&lsaquo;.«</p>
-
-<p>Er verzog den Mund und sagte: »Wir wollen zu den
-Mühlen.«</p>
-
-<p>Sie trabten schneller, der Staub war wie lange
-Fahnen hinter ihnen. Mitten im Geklapper hörten sie
-Lerchenlaut. Sie trabten. In Christiane war der
-Rhythmus der Leonorenballade, ihr Blut sauste. Sie
-sah nichts mehr. Sie jagten.</p>
-
-<p>Am Abend war ein Gast da.</p>
-
-<p>Cöldts lebten sehr zurückgezogen, da Hardi sich gegen
-jeden Verkehr gesträubt und die gutmütig und neugierig
-teilnahmsvollen Kollegenfrauen beinahe brüskiert hatte.
-Sie hatte die Bilder ihrer Heimat um sich und unterhielt
-sich mit ihnen und schrieb heimwehkranke Briefe an
-die Mutter.</p>
-
-<p>»Kraneis ist ein guter Kenner der slawischen Literatur,«
-sagte Ludwig.</p>
-
-<p>Der Doktor war sein Studienfreund und als
-Assistent an der damals noch herzlich unfertigen Bibliothek
-tätig. Seine Stellung war auch unfertig. Er erwog
-immer die Aussichten, die sich ihm in dem sich nun langsam
-kultivierenden Posen eröffnen konnten, und schrieb
-<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a>
-zwischendurch Bewerbungsschreiben an alle Orte, in denen
-man einen Bibliotheksleiter suchte. So war sein Sinn
-auf jeden Fall zerspalten, und wenn er einmal fanatisch
-begeistert über die Kultivierung des Ostlandes sprach und
-nicht genug Opfer an deutschem Blut und deutscher Kraft
-erwarten konnte, wenn er sich in slawische Verhältnisse
-nachfühlend hineingrub, die östliche Seele ergründete,
-Polnisch lernte und Mikiewicz zitierte, so war er ein
-paar Tage später ganz und gar westlich gesinnt und redete
-mit Ausdauer und einem wahrhaft deutsch biederen
-Beamtentum von Elberfeld oder Mainz.</p>
-
-<p>Christiane begann dieser Mensch zu interessieren und
-zu amüsieren. Sie getraute sich aber Ludwig gegenüber
-nicht viel darüber zu sagen, weil sie nicht wußte,
-wie weit dieses Freundschaftsverhältnis in die Tiefe
-ging.</p>
-
-<p>Eines Tages suchte sie Bücher aus Ludwigs Bibliothek
-zusammen, weil Kraneis kommen sollte, und brachte
-neben Mereschkowski einen &ndash; Reiseführer durch Mainz,
-der ihr zufällig in die Hand geraten war. Ludwig sah
-ihn betroffen an &ndash; dann begriff er. Sie leise anblickend,
-sagte er mit einem feinen Lächeln:</p>
-
-<p>»Weißt du auch, Christiane, warum dieser Kraneis
-jetzt so unheimlich westdeutsch wird? An Mainz knüpfen
-sich jetzt seine größten Hoffnungen.«</p>
-
-<p>Sie schaute ihn an. »Er will sich dort eine feste Zukunft
-gründen, denke ich.«</p>
-
-<p>»Und zwar recht fest. Bürgerlich fest. Haus und
-Herd.«</p>
-
-<p>Jetzt stutzte sie. Dann hatte auch sie begriffen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a>
-Als Kraneis dann erschien, bekam er den Führer
-durch Mainz nicht zu sehen.</p>
-
-<p>Er sprach aber nur von dieser Stadt. Ein dortiger
-Freund hatte ihm unter der Hand Nachricht gegeben,
-daß seine Sache sehr günstig stünde.</p>
-
-<p>Christiane fragte nach diesem Freunde, und seine
-Miene wurde etwas verlegen.</p>
-
-<p>»Er ist in der Stadtverwaltung. Freilich nichts
-Besonderes. Hat sich so durchdrücken müssen.« Er zögerte
-eine Sekunde. »Wir waren Nachbarskinder in Neustadt.«</p>
-
-<p>Christiane sah den jungen Mann an. Handwerkerssohn,
-dachte sie. Nicht, daß sie ihn deshalb verachtet
-hätte, aber irgend etwas an ihm störte sie. Vielleicht die
-Hände, die Bewegungen überhaupt. Oder die Sprache.
-Wahrscheinlich die Sprache.</p>
-
-<p>In Mainz hatte auch die Frau von Rhane einige
-Zeit gelebt, nach ihrem Glanz als Witwe. Ihr Mann
-war bei einem Schlaganfall vom Pferd gestürzt und gestorben.
-Die Witwe hatte Bittbrief auf Bittbrief um
-eine Gnadenpension geschrieben. Dann war sie gestorben.
-Ohne Gnadenpension.</p>
-
-<p>Irgend ein Gedanke zog in Christiane empor und
-hatte Farbe und Macht aus der kurz verstrichenen Vergangenheit.
-Sie sah auf einmal wieder das stickige Lehrerinnenzimmer
-in der Pension, hörte das Herantraben
-der Beierlein und das nächtliche Schluchzen der Holsteinerin.</p>
-
-<p>Warum nicht in Mainz leben, als Frau Stadtbibliothekar?
-Reiten kann man doch nicht immer.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a>
-Sie war an dem Abend zerstreut. Hardi war ausnahmsweise
-dabei und wollte, von diesen Dingen gänzlich
-unberührt, etwas über Mereschkowski wissen. Die Übersetzung
-der Verse war von einem Kollegen Kraneis',
-einem Balten besorgt worden.</p>
-
-<p>Kraneis schien auch nicht bei der Sache. Was ging
-ihn dieser hoffnungslose Russe an, was die fremde Flut,
-die mit dumpfem Brausen draußen dicht vor den Toren
-stand und weithin über Steppen und Steppen reichte?
-Er war weit weg, im goldenen Mainz.</p>
-
-<p>Hardi zitterte. Das Fleckchen, auf dem ihr bißchen
-Leben verstört hockte, erbebte. Sie begann plötzlich laut
-zu schluchzen. Kraneis hielt erschrocken inne. Ludwig
-eilte zu ihr hin. Sie stieß ihn zurück. Aufweinend lief
-sie aus dem Zimmer.</p>
-
-<p>Christiane ging ihr nach. Hardi wollte ihr Morphium
-haben. Die Schwester griff schon danach, aber
-auf einmal sank ihre Hand nieder, wie gedrückt. Wie
-sollte das werden? Was für Kraft bekam Ludwigs
-Kind? Was für Willen, was für Blut? Mit Giften
-wurde sein Organismus getränkt, noch ehe er ganz entwickelt
-war.</p>
-
-<p>»Du sollst nicht,« sagte sie mit eiserner Energie.
-»Du darfst nicht. Ich gebe dir's nicht. Ich gebe dir's
-nicht.«</p>
-
-<p>Sie setzte sich zu Hardi aufs Bett und hielt den Arm
-unter ihren Kopf, leise redete sie ihr zu. Die junge Frau
-weinte.</p>
-
-<p>»Ich gebe dir's nicht.«</p>
-
-<p>Hardi schrie, sie bettelte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a>
-»Nein, nein,« sagte Christiane. Sie machte sich frei.
-»Du sollst Kraft haben! Du mußt!«</p>
-
-<p>Scharf sah sie auf die Schwester hernieder. Hätte
-sie ihr nur von ihrem Willen abgeben können, von ihrem
-starken, entschlossenen Blut!</p>
-
-<p>»Du mußt Kraft haben aus dir allein. Du darfst
-dich nicht einlullen. Durchhalten sollst du.«</p>
-
-<p>Hardi wimmerte.</p>
-
-<p>»Gib. Gib.«</p>
-
-<p>Sie schluchzte.</p>
-
-<p>Da kam Ludwig.</p>
-
-<p>Christiane sagte ihm kurz Bescheid.</p>
-
-<p>Er sah zu seiner Frau hin. Ohne Christiane anzublicken
-gab er ihr das Morphium. Dann ging er zur Tür
-hinaus.</p>
-
-<p class="ce mt1 mb1">*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Am nächsten Tage sprach Christiane mit dem Arzt.</p>
-
-<p>Der sah sie ernst an.</p>
-
-<p>»Die gnädige Frau ist sehr krank.«</p>
-
-<p>»Krank&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Sehr krank,« sagte er mit dem scharfen &rsaquo;R&lsaquo; der altansässigen
-Deutschen. »Sie fühlt vollkommen das Richtige.
-Ihr Organismus ist für die Ehe nicht geschaffen, wenigstens
-war sie viel zu jung. Es wird einen bösen Kampf
-geben.«</p>
-
-<p>»Weiß mein Schwager&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Der Arzt zuckte die Achseln.</p>
-
-<p>Wie geschlagen blieb Christiane zurück. Die ganze
-<a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a>
-schöne Einrichtung der Wohnung, die Ludwig bezahlt
-hatte, schien ihr wie die Dekoration eines Totenhauses.
-Die kleine Hardi hatte ihre Examenscheu und das bißchen
-Frauenglanz mit dem Schwersten zu bezahlen. Ihr
-inneres und äußeres Wehren war der wahrhaftige und
-unbewußte Ausdruck der ahnenden Kreatur.</p>
-
-<p>Sie ging zur Schwester und begriff nicht. Alles in
-ihr lehnte sich dagegen auf, in einem bißchen Wärme so
-dahinzuschwinden. Sie dachte wiederum an die Frau
-von Rhane.</p>
-
-<p>Es blieb ihr wohl übrig, Ludwig vorzubereiten. An
-dem Tage hatte sie grade versprochen, ihn vom Amt abzuholen.</p>
-
-<p>Das Regierungsgebäude lag mitten in der Altstadt
-an einem schmutzigen Markt und dicht bei einer riesigen
-dunklen Kirche. Weiber mit groben Tüchern um den
-Kopf kamen langsam und geduckt daher, Glocken läuteten.
-Sie sah durch ein Portal in das flimmernde Dunkel
-hinein: dort hinten war der Stern, an den sich das dumpf
-elende Volk hier hielt. Sie sann: konnte das auch über
-einen kommen? Kam nach aller Jugend oder &ndash; mitten
-in der Jugend &ndash; eine Stunde, in der man Hilfe brauchte
-&ndash; solche Hilfe?</p>
-
-<p>Da fiel ihr Hardi ein. Die hatte &ndash; Morphium.</p>
-
-<p>»Wollen wir noch tiefer in die Polackei?« fragte
-Ludwig, der ihr eben durch die enge Gasse entgegenkam,
-»oder ins &ndash; Freie?«</p>
-
-<p>»Lieber ins Freie,« sprach sie hastig.</p>
-
-<p>Sie waren auch dort in der Polackei. Rings um die
-Stadt zogen sich, dicht an die Wälle gedrückt, zahllose polnische
-<a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a>
-Kirchhöfe. Wild war das Gesträuch drinnen gewachsen,
-wild lagen die Gräber, von den Leichensteinen
-sahen fremde Worte und Zeichen. Alte Weiblein zogen
-herum und schienen den Tod zu suchen, Kinder schlichen
-diebisch um die Blumen, da und dort kam eine ganze
-Familie an, um ein Grab zu begießen. Der Faulbaum
-duftete über den Zaun.</p>
-
-<p>Es war keine Gegend, um von dem zu reden, was
-Christiane zu sagen hatte. Aber &ndash; wo war eine andere?
-Ihr kam es plötzlich vor, als müsse ganz Posen Ludwig
-wie ein Grab erscheinen, in dem alles Seine versunken
-war. Dabei fiel ihr auf, daß er selten mehr eine direkte
-Frage nach Hardi tat. Man merkte ihm kaum mehr die
-Besorgnis des Ehemanns an, der seine Frau in solcher
-Lage weiß. Kaum, daß er auf eine Erkundigung einging.
-War er schon &ndash; fertig? Was war alles vorgegangen?</p>
-
-<p>Herrgott, dachte Christiane, wie gut könnte das sein.
-Warum muß gerade hier die Tragödie beginnen?</p>
-
-<p>Er sprach über die augenblickliche politische Lage.
-Des alten Herrn Stellung war zweifellos erschüttert,
-selbst wenn dem frechen Blatt der Mund gestopft wurde.
-Die Zeitung mußte es büßen und die Exzellenz auch.
-Und dann &ndash; kam der neue Kurs.</p>
-
-<p>»Du bist hier glücklich?« fragte sie, die eben noch
-gegrübelt hatte.</p>
-
-<p>»So lange ich Arbeit habe, ja.«</p>
-
-<p>Wie sie dir paßt, dachte sie. Mit einem Schablonenwerk
-bist du nicht zufrieden. Man läßt dir hier anscheinend
-Raum und wird dir vielleicht noch mehr lassen.
-<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a>
-Sie war schon längst überzeugt, daß er zu den Junkern
-gehörte, die noch Führer sein konnten, nicht nur Namensträger
-und Konnexionennützer. Er stammte aus einer
-altpreußischen Familie, sein Vater war als Intendanturrat
-in Danzig gestorben. Sie dachte: das hier wird ihm
-eine gute Lehrzeit sein. Seine Waffen können sich nicht
-besser schärfen, als hier im Kriege &ndash; selbst wenn der neue
-Kurs doch schließlich wieder im Sande verlaufen sollte.
-Selbst wenn er eine Weile Zickzack mitmachen muß, wird
-doch sein Gewicht einmal so stark geworden sein, daß er
-an irgend einer Stelle den Zickzack &ndash; biegt.</p>
-
-<p>Sie erhoffte Großes von ihm.</p>
-
-<p>Beide waren sie von jenem weltfremden alten Blut,
-das das moderne Protzentum, den Wettbewerb, die brutale
-Menschenausnützung, den Kapitalismus verachtete.
-Ihm war es noch undenkbar, anders als vom Staate
-Geld anzunehmen, jemand anderem als dem Staate
-überhaupt zu dienen. Er gehörte zu jenem stillen, armen
-Junkertum, das heute wie ein schmaler, alter, verrosteter
-Degen im Winkel liegt.</p>
-
-<p>Auf einmal fiel ihr Hardi wieder ein, Hardi, seine
-Frau, die vielleicht sterben mußte.</p>
-
-<p>Sie stockte mitten im Satz.</p>
-
-<p>»Was ist dir?« fragte er.</p>
-
-<p>Drüben hinter dem blühenden Dorn, der schwer niederhing,
-stand ein einsamer Mann an einem frischen
-Grab.</p>
-
-<p>Sie zuckte.</p>
-
-<p>Er folgte ihrem Blick.</p>
-
-<p>»Wie häßlich ist das hier,« sagte sie nervös.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a>
-Wie kann ich in ihn eindringen, dachte sie plötzlich.
-Er muß selber fühlen, was vorgehen wird. Ich kann ja
-doch gar nicht an ihre Ehe heranreichen.</p>
-
-<p>Sie kam sich in ihrer Absicht unzart vor.</p>
-
-<p>Er wandte die Augen langsam vom Kirchhof weg
-und nahm das frühere Thema wieder auf.</p>
-
-<p>Warum konnte ich nichts sagen? fragte sich Christiane,
-als sie abends in ihrer Stube saß. Ein Gedichtband aus
-Ludwigs Bibliothek war hingelegt. Beim Blättern schlug
-ein Gedicht von Agnes Miegel auf. Es hieß »Heinrich
-von Plauen. Lochstedt 1429«. Anfang und Schluß blieben
-ihr besonders im Gedächtnis.</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">Grau und schlaff</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Dehnt sich das Haff.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">An der Straße von Bischoffshausen</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Müssen noch Linden in Blüte stehn,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ich spüre den Duft in wanderndem Wehn</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und höre heimlich ein Bienenbrausen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Das leise Rauschen der brandenden See.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Nie rastendes Weh,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Immerwogendes Leid, dessen salzige Fluten</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Bis zur Seele mir stiegen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Nun lege auch du</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wie das Meer da draußen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Dich endlich zur Ruh.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Mit diesem Sommer wirst du verbluten,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Herz, das nie gelernt zu entsagen.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ich will hinab nach dem Hofe sehn.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Daß ich so frei darf gehn</td></tr>
- <tr><td class="tdl"><a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a>Ist mir noch immer wie ein Traum.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Früher merkte ich's kaum,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wenn ich Stunden und Stunden im Sattel gesessen.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ich glaube, ich habe das Reiten vergessen.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Meine Glieder sind steif, die Stiege ist steil.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Es dauert eine gute Weil,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Eh' die Hand den Riegel zurückgeschoben.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Heiß und schwül war es droben.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Hier unten ist's kühl und abendstill.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Aus den Ställen kommt der Kühe Gebrüll.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wie Gold ist die Luft,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Purpurn im Abendduft</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Über dem flutenden Tief</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ragt die Feste.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die immer leise rief,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die See, schläft ein,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Der Abend allein ist das Beste.</td></tr>
-</table>
-
-<p>Sie schauerte und träumte. Ihre Augen spähten in
-die Nacht über den Wällen. Ihre Sinne suchten die Zukunft
-zu durchdringen und fanden plötzlich nichts mehr,
-keine Hoffnung, keine Aussicht, nichts mehr, nichts &ndash;&nbsp;&ndash;
-Der Abend allein, dachte sie&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Am nächsten Tage kamen Bücher für sie vom Doktor
-Kraneis. Nichts Slawisches. Alle diese Bücher waren
-rein germanisch und kümmerten sich nicht um östliche
-Konflikte. Kein Sturm schlug hinein, nur hier und da
-eine zarte Welle Lyrik.</p>
-
-<p>Er hat einen ganz guten Geschmack, überlegte Christiane
-und bedachte dabei, daß seine Seele durch das ihr
-entgegenfahrende Glück wohl weicher und konfliktloser
-gestimmt sei, als sonst. Man merkte, er verlangte nach
-<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a>
-dem deutschen Herd und deutschen Süßigkeiten. Alle
-diese Bücher waren eine Liebeserklärung.</p>
-
-<p>Sie sprach zu keinem davon, wurde etwas stiller und
-ging jetzt mehr für sich. Die Briefe der Mutter beantwortete
-sie in flach beruhigendem Tone, denn der Arzt
-wollte sie jetzt durchaus nicht hier haben. Damals hatte
-sie Hardi durch ihre Art noch aufgeregter gemacht.</p>
-
-<p>Christiane traf Kraneis manchmal auf dem Wilhelmsplatz,
-in dessen Nähe die Bibliothek lag, sie gingen
-wohl ein paar Straßen lang miteinander, und sie spähte
-ihn verhohlen in Schärfe aus, fand nichts, das sie von
-ihm wegschob, aber auch nichts, das sie zu ihm trieb.
-Ob Ludwig &ndash; weiß? dachte sie immer. Ob man ihm
-gesagt hat&nbsp;&ndash;?</p>
-
-<p>Hardi wurde immer reizbarer, hinfälliger, hoffnungsloser,
-und immer mehr nahm sie Morphium. Sie
-wußte jetzt aber von Kraneis' Absichten, und ihr Blick
-schlug manchmal wie eine Flamme über die Schwester
-hin, voll Geringschätzung und voll von verzweifelter Warnung.</p>
-
-<p>Eines Tages fragte Kraneis, ob Christiane ihn nach
-dem Dom hinaus begleiten wolle. Sie ging mit ihm.
-Es war in der Zeit der Fronleichnamsprozessionen. Das
-holprige Pflaster der Straßen war mit geschnittenem
-Gras überstreut, die schmutzigen Hauswände mit Teppichen
-und Kränzen verhängt, an jeder Ecke war ein Altar.
-Am heiligen Nepomuk auf dem Markt flimmerten Kerzen,
-vom Rathausturm herab bliesen Musikanten, Volk
-an Volk war in den Gassen, bunt, voll Putz.</p>
-
-<p>Vorsichtig drängten sich die beiden hindurch. Da
-<a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a>
-waren die Bamberkas*) mit den weit starrenden, steifen,
-kniekurzen Röcken, die sommersprossigen kleinen Polinnen
-mit den Korallenkettchen um den Hals und den weiten
-schwarzen Jacken, die stieräugigen, halbbetrunkenen
-Bauern und Knechte aus der Umgegend. Dazwischen
-viele Kinder und so manche mit verbundenen Augen
-oder blauen Brillen, mit geschwollenen, tränenden Lidern.
-Überall Augenkranke.</p>
-
-<p class="ci fss">*) Polonisierte Bambergerinnen.</p>
-
-<p>Doktor Kraneis erzählte von einem Städtchen in der
-Umgegend, das er vor wenigen Tagen besucht hatte. Den
-Hut hatten sie ihm vom Kopf geschlagen, als die Prozession
-um die Marktecke kam. Und den &rsaquo;Himmel&lsaquo;, unter
-dem der polnische Propst mit dem Allerheiligsten schritt,
-trugen der Bürgermeister, der Kämmerer, ein Gutsbesitzer
-und ein junger Doktor. Der war ein Deutscher.</p>
-
-<p>»Nein! Nein,« stieß Kraneis hervor. Und dann
-sprach er mit heiserer, feierlicher Stimme von dem goldenen
-Mainz.</p>
-
-<p>Er hatte es.</p>
-
-<p>Sie gingen rasch über die schmale, schmutzige Brücke,
-unter der das lehmgelbe Warthewasser trieb. Heute zog
-kein Flößer, kein Schiffer. Der Strom war leer. Aber
-weiter oben, wo die Ufer dämmerten, würden sie zum
-Sonnenwendstag eine nächtliche Johannisfeier veranstalten,
-Schiffe und Kähne würden sich zusammenrudeln,
-die rotweißen Fähnchen würden wehen, die Buntfeuer
-lohen und das &rsaquo;<i>Jeszcze Polska</i>&lsaquo; über die Wasser klingen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a>
-Ein paar junge Kleriker wanderten ihnen auf der
-Brücke entgegen, keinen Blick auf sie verwendend. Jetzt
-wurden die Straßen ganz eng, grabentief die Rinnsteine,
-hüttengleich die Häuser. Das Glockengeläut des Domes
-schwoll ihnen entgegen, die zwei kurzen Türme stachen
-in die Luft, ein paar Bäume grünten. An der Seite lag
-hinter hoher Mauer das erzbischöfliche Palais, in dem
-damals noch der kluge Stablewski hauste. Nach ein paar
-engen Gassen und düsteren Plätzen kam auf einmal freieres
-Land, ein grüner Wall, ein Tor, Wachsoldaten. Endlich
-Felder, Gärten, Land.</p>
-
-<p>Christiane blieb stehen. Das war kein deutsches
-Land. Nicht mit der kühnsten Phantasie konnte man sich
-vorstellen, daß das deutsches Land sei: diese endlosen
-Felder. Hinter ihnen stand die finstere Silhouette des
-Domes, ein ferner Goldschein schwamm am Himmel:
-fremdes Abendrot. Fremdes Land &ndash; fremdes Abendrot.
-Vor ihnen, aus dem stahlblauen Osten wälzte es
-sich ihnen mit lautloser, zäher Wucht entgegen &ndash; die
-Fremde, die unendliche Ebene, die Steppe.</p>
-
-<p>Man tat gut, wenn man floh.</p>
-
-<p>Sie sagte es Kraneis, und er begann wieder bebend
-von Mainz.</p>
-
-<p>Den Rhein würde sie nun also sehen. An seinem
-Ufer, über seine Brücken würde sie mit diesem Manne
-gehen, Arm in Arm und mit dem Bewußtsein und der
-Erinnerung enger Gemeinschaft. Sie blickte ihn an. Er
-sah doch nicht schlecht aus. Die Figur war gut. Sein
-Dialekt ließ sich abgewöhnen, oder vielleicht sprachen sie
-dort alle so.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a>
-Sie war dabei &rsaquo;ja&lsaquo; zu sagen. Nicht feierlich, auf
-ein bestimmtes Wort, sondern im Nachgeben, im Eingehen,
-indem sie zuließ, daß er sie immer fester damit
-verflocht. Mainz &ndash; da konnte sie das Grab der Frau
-von Rhane suchen, vielleicht gab es auch noch das Haus,
-in dem sie gewohnt hatte.</p>
-
-<p>Der neugebackene Bibliothekar streckte die Hand
-aus.</p>
-
-<p>»Sehen Sie doch, wieviel Zwetschen dort angesetzt
-haben,« rief er selig, in einen der erbärmlichen Bauerngärten
-deutend, »so viele&nbsp;&ndash;!«</p>
-
-<p>Seine ganze Herkunft klang aus diesem Wort. Man
-sah auf einmal das pfälzische Kleinbürgerhaus, aus dem
-er hervorgegangen war. Man fühlte das Milieu, dem er
-entstiegen war &ndash; es klebte ihm ja an! Wie er an den
-Zäunen entlangging, mit der Schulterhaltung seiner
-Ahnen, die Lasten getragen hatten, und immer noch nach
-den Zwetschen spähte, erkannte sie jäh, wieviel an ihm
-lose saß, wieviel er im Augenblick nur übergetan hatte,
-um ihr zu gefallen, wieviel Brücken er zu ihr hinüber
-gebaut hatte &ndash; die er dann sämtlich abreißen würde,
-wenn sie drüben bei ihm war &ndash; in Mainz.</p>
-
-<p>Sie erkannte auf einmal, daß er in allem, was er vielleicht
-noch erreichte, in seinem ganzen Leben doch Kleinbürger
-bleiben würde, und wußte auf einmal eisern und
-unumstößlich: nein, nein, nein.</p>
-
-<p>Es waren nicht Hardis zitternde Warnungen &ndash;&nbsp;&ndash;
-die nicht. Nicht die Ehe scheute sie, sondern die Ehe mit
-ihm. Sie würden sich nie verstehen.</p>
-
-<p>Er betrachtete in glücklicher Jugenderinnerung noch
-<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a>
-immer die Pflaumen und sah wahrscheinlich im Geiste
-selber welche in seinem Gärtchen am Rhein, in dem er
-abends in der Laube womöglich in Hemdsärmeln saß.</p>
-
-<p>Sie wußte immer sicherer: sie konnte, konnte nicht, und
-hörte mit kaltem, arglistigem Herzen auf seine Worte.</p>
-
-<p>Endlich schien er ihr verändertes Wesen zu erkennen
-und zu begreifen, daß er sich etwas verdorben habe. Er
-fand es aber nicht, sondern suchte im Gegenteil das
-ganze Bauerndörfchen nach dem Glück im Winkel ab und
-wurde dabei immer ratloser, bis ihn schließlich der Trotz
-überkam. Er war doch jetzt der Stadtbibliothekar von
-Mainz, ein wichtiger Herr, um den man sich reißen würde
-&ndash; was machte ihm die arme Lehrerin aus, die sich sperrte.
-Wenn's ihr eben nicht paßte, na, dann nicht, dachte er
-zweifellos.</p>
-
-<p>Sie las hellsichtig in ihm.</p>
-
-<p>Bald nahmen sie kalten Abschied.</p>
-
-<p>Als Christiane in die Wallstraße kam, traf sie Ludwig
-schon im Eßzimmer ihrer wartend. Hardi schlief bereits.</p>
-
-<p>Er sah sie in jäher, eigentümlicher Prüfung an.</p>
-
-<p>»Der Abend allein ist das Beste,« sagte er dann
-langsam.</p>
-
-<p>Sie zuckte zusammen.</p>
-
-<p>Irgend eine Welle schlug von ihm zu ihr, sie spürte
-sie in jedem Nerv, im Innersten erschüttert. Auf einmal
-sah sie die verflossene Stunde klarer &ndash;&nbsp;&ndash; Kraneis &ndash; o,
-Gott!</p>
-
-<p>Ihr Herz schlug.</p>
-
-<p>Sie saßen unter der verschleierten Lampe schweigend
-bei Tische, und Christianens Blick huschte immer
-<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a>
-wieder verstohlen zu Ludwigs festen Zügen. Ihre Gedanken
-wirrten hin und her, höhnten über Kraneis
-und zitterten zu Ludwig und hingen sich an ihn und
-wurden zart, weich, vergötternd. Verächtlich glitten sie
-zu Hardi hin, und alles Mitleid wandte sich zu &ndash; ihm.</p>
-
-<p>Sie trennten sich bald.</p>
-
-<p>Christiane fiel es nachher ein, daß sie Ludwig heute
-wohl am ehesten hätte vorbereiten können. Aber sie
-konnte nicht mehr.</p>
-
-<p>Mochte alles &ndash; Schicksal seinen &ndash; Gang gehen.</p>
-
-<p>Sie saß noch lange verstört in ihrem Zimmer, dann
-ging sie zu Hardi schlafen. Weit rückte sie von der
-Schwester ab, weit, ganz weit.</p>
-
-<p>Sie hätte in dieser Nacht nicht denken mögen. Aber
-sie dachte viel.</p>
-
-<p class="ce mt1 mb1">*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Ganz unverhofft kam dann Hardis Stunde. Mitten
-im Juli, als alle Linden blühten. Christiane war bei
-ihr und schickte zu Ludwig aufs Amt.</p>
-
-<p>Die Wohnung war voll Aufruhr, und dazwischen
-klang das trostlose Wimmern der Schwester, die keinen
-wilden Widerstand mehr aufbringen konnte. Sie war
-in der ganzen Zeit schon hundertfach im voraus gestorben.
-Nur in den Augen stand das ohnmächtige, haßvolle
-Widerstreben.</p>
-
-<p>Der Mutter wurde telegraphiert.</p>
-
-<p>Ludwig kam und kam nicht. War er beim Präsidenten?
-Hatte er irgend eine Konferenz? Sie wartete.
-<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a>
-Sie schaute aus dem Fenster. Auf jeden Wagen hörte sie.
-Immer noch kam er nicht.</p>
-
-<p>Die Zeit verstrich. Die Lage wurde immer unheimlicher,
-und der Abend kam. Das fremde Rot brannte
-über der Ebene hinter den Wällen.</p>
-
-<p>Da endlich ein Schritt auf der Treppe &ndash; Ludwig.
-»Ich konnte nicht eher,« murmelte er mit abgewandten
-Augen auf dem Flur. »Die Exzellenz&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;« Seine
-Miene war bedeckt. Jetzt schien er sich auf einmal zu
-besinnen &ndash; er hörte auch. Seine Stirne wurde weiß.</p>
-
-<p>»Hardi,« sagte er, wie in sich suchend, verstört.</p>
-
-<p>Er blickte zu Boden.</p>
-
-<p>In der Sekunde erkannte Christiane, daß er von
-Hardis verzweifelter Lage schon lange wußte.</p>
-
-<hr class="dash" />
-
-<p>Das Kind war tot, aber die junge Frau wurde gerettet.</p>
-
-<p>Ludwig kam zu Christiane, die fiebernd, auf jeden
-Laut horchend, in ihrem Zimmer saß. Der Sommermorgen
-dämmerte, der weite, unendliche Sommermorgen des
-slawischen Landes. Lerchen sangen drüben. Fern drehten
-sich die Flügel der Mühlen. Weite, gelbe Felder
-leuchteten.</p>
-
-<p>Ludwig sagte es.</p>
-
-<p>Sie schauten sich an.</p>
-
-<p>Und jetzt, da die Wellen verebbten, die das Haus
-erfüllt hatten, jetzt, da die Fluten der Unruhe, der ungeheuren
-Verwirrung und verstörten Erwartung aus
-ihren Herzen strömten &ndash; jetzt sahen sie erst, was sündig
-<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a>
-hoffend, sündig begehrend, heimlich darunter gelebt
-hatte.</p>
-
-<p>Beide sahen es in dieser Morgenstunde.</p>
-
-<p class="ce mt1 mb1">*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Zwei Tage später reiste Christiane ab.</p>
-
-<p>Die Mutter war gekommen und wollte einstweilen
-bleiben. Mutter und Tochter waren sich genug.</p>
-
-<p>Ludwig brachte Christiane zur Bahn. Es war der
-Berliner Frühzug, der von Alexandrowo kommt, russischen
-Staub an den Rädern trägt und voll unruhigen
-Slawentums steckt. Juden, Polen, Russen, fast alles Geschäftsleute.
-Dazwischen ein paar Uniformen, Offiziere
-aus den großen östlichen Garnisonen, und einige Agrarier.
-Da und dort eine versprengte Familie mit Kindern,
-hilflos und stumpf in ein neues Leben hineinfahrend.</p>
-
-<p>Das Abteil, in das Christiane stieg, war wie alle anderen
-schon sehr gefüllt. Ludwig stand draußen. Sie
-konnten sich ansehen. Dann und wann rannte jemand
-dazwischen, der verschmutzte Schaffner, ein Kellner, der
-Zeitungsmensch, Reisende, die noch aufgeregt nach leeren
-Abteilen spähten. Dann schauten sie sich wieder an.</p>
-
-<p>Immer unruhiger wurden die Menschen, immer
-schneller liefen sie. Vom Anfang des Zuges her kam ein
-sonderbares Geräusch immer näher. Schlag auf Schlag.
-Immer näher. Jetzt kam der Schaffner heran. Schlag
-auf Schlag.</p>
-
-<p>Nun wurde ihre Türe gefaßt.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a>
-An dem Mann vorbei streckten sich ihre Hände einander
-entgegen. Fest preßten sie sich, eisenfest. Stark
-sah Auge in Auge, alles bekennend, rückhaltslos.</p>
-
-<p>Der Schaffner war weitergegangen. Jetzt kam der
-Ruf, der Pfiff.</p>
-
-<p>Ludwig faßte die Tür und drückte sie mit leiser Hand
-zu.</p>
-
-<p>Dann verschwand der Bahnhof.</p>
-
-<p>Christiane sah in die weiten Felder hinaus, in die
-ungeheure gelbe Ebene, und ein wildes Verlangen faßte
-sie: hierbleiben, an seiner Seite um dieses fremde Land,
-diese riesigen Weiten ringen, kämpfen; kämpfen &ndash; mit
-ihm! Sie hätte jeden Zoll des rasend wegfliegenden
-Bodens festhalten mögen &ndash; diesen fremden, starken, feindlichen,
-geliebten Boden!</p>
-
-<p>Bleiben, bleiben wollte sie! Über diese Ebene mit
-ihm sausen, Pferd an Pferd, an diesen roten Abenden
-bei ihm sitzen, bleiben, bleiben wollte sie&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;!</p>
-
-<p>Dann sank sie zusammen. Über ihr im Netz zitterte
-ihr Lehrerinnenkoffer. Dicht an sie heran drängte sich
-kleinbürgerliches, verschwitztes Volk &ndash; ach, zu dem gehörte
-sie ja! Vorbei der Junkertraum, fort die schmalen
-Zügel, die sie in der Faust gehalten hatte, fort das urheimlich
-traute Beisammensein!</p>
-
-<p>Gelbe Felder, grüne Felder. Dann und wann eine
-kleine Station. Dann wieder die unendliche Weite, die
-der Zug noch immer nicht durchmessen hatte und die doch
-schon eine andere war. Weite an Weite, immer verschwindend
-und sich von neuem aufschließend, Land an
-Land, Osten, noch immer Osten.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a>
-Die Frauen im Abteil hatten es sich bequem gemacht.
-Die junge Polin in der Ecke hatte den Hut abgenommen,
-den Kragen geöffnet und nestelte eben am
-Korsett. Die verängstigte Mutter mit den vier kleinen
-schwarzen Russen holte Kissen und Decken aus dem
-Netz und breitete sie über die Polster. Die Kinder
-kauerten, schliefen, tranken Milch, rannten, trieben es
-wie zu Hause. Eine furchtbare Luft war in dem engen
-Raum.</p>
-
-<p>Christiane bog sich vor: daß sie es nur nicht vergaß
-&ndash; jetzt mußte sie umsteigen. Ludwig hatte es ihr auf
-der Fahrt zum Bahnhof auseinandergesetzt; die Verbindung
-war nicht gut. Sie fuhr nach Dresden.</p>
-
-<p>Ein Ruck, ein sirrendes Verschwirren der Luft &ndash;
-Christiane stieg aus, und wie Fächeln streifte sie der
-reine Felderatem. Sie kam in einen anderen Zug, und
-nun war es allmählich nicht mehr Osten. Sie fuhren
-durch einen Zipfel märkischen Landes mit kleinen Fabrikstädten,
-kamen durchs Wendische und dann nach Dobrilugk.
-Wieder mußte sie umsteigen, und der neue Zug
-verschwand mit schnurrenden Rädern in der Ferne.
-Christiane aber fuhr in einem anderen, in dem es nur
-noch die deutsche Sprache und ein begrenztes Provinzlertum
-gab, nach Dresden hinein.</p>
-
-<p>Sie war ruhiger geworden. Wie ein dumpfer
-Schleier lag es über ihr. Der Osten verwischte sich,
-wurde zum Märchen, zu einem fremden Lied. Ihre
-Existenz wurde ihr haarscharf deutlich.</p>
-
-<p>Christiane mußte sich nun so bald als möglich eine
-neue Stelle suchen. Da ihre Papiere von der Schweizer
-<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a>
-Pension her mit einer mißbilligenden Note behaftet waren,
-würde es nicht ganz leicht sein.</p>
-
-<p>Sie fuhr nach dem Lehrerinnenheim, einem alten
-Bau in enger Stadtgasse. Erst wurde sie vom Portier,
-dann von der Oberin gemustert. Sie stand vor ihr und
-sah dabei traumhaft fern eine weiße Landstraße und darüber
-hin zwei sausende Pferde, hörte etwas von großer
-Überfüllung und wurde dann in ein winziges Erdgeschoßzimmerchen
-geführt, es war billig, wie alles dort. Aber
-wenigstens war sie allein darin. Ein hartes, uraltes
-Bett, ein Liegestuhl, ein kleiner Tisch, ein Schrank. An
-der Wand die Hausordnung. Es roch nach Fremde.</p>
-
-<p>Dann ertönte eine Glocke. Sie fing unten im Erdgeschoß
-zu leben an und stieg gleichsam die Treppen empor,
-jeden Winkel mit Klingen ausfüllend. Auf einmal
-war nichts mehr als Glockenläuten im ganzen Haus,
-Türengehen und Schreiten. Christiane ging nach oben.
-Auf den Gängen waren Türen und an jeder ein Name.
-Hinter jeder wohnte der zitternde Rest eines Lebens.
-Manchmal stach ein besonders schön gestickter Klingelzug
-hervor oder ein zärtlich bemaltes Täschchen für die Besuchstafel.</p>
-
-<p>Da waren die emeritierten Lehrerinnen. Etwas Eiliges
-war an ihnen, eine große Spannung beherrschte sie.
-Flure und Treppen waren jetzt voll gebeugter Frauen.
-Es gab gute Gesichter darunter, liebe Frauengesichter,
-die fein zu Großmüttern gepaßt hätten, und scharfe, spitze,
-denen man ein glückloses Altjungferntum ansah, gleichgültige
-Gesichter, die man schon tausendmal gesehen
-hatte, und einige voll Rasse und geprägtem Adelszug.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a>
-Der leise Strom glitt an Christiane vorbei wie das
-Leben selber. Nicht das Leben, das im Tragischen oder
-Lichten vollkommen ausgleicht und Farbe auf Farbe gewissenhaft
-setzt wie ein guter, braver Maler, sondern wie
-der große Künstler, der im Überreichtum seines Schaffens
-seine Werke nicht alle beenden kann, der oft nur Fragmente
-schafft, Proben, Übergänge und dabei allerlei wegwirft,
-das eines Besseren wert gewesen wäre.</p>
-
-<p>Sie waren alle den Bächlein gleich, die durch das
-Land rinnen, still, schmal, da einen grünen Streif finden,
-dort eine Weile unter hängenden Blüten treiben, aber
-spurlos im Größeren aufgehen ohne ein Mühlrad gejagt
-oder ein Schifflein getragen zu haben.</p>
-
-<p>Mit Spannung schauten sie auf ihren Platz und
-grüßten einander, die Köpfe mit den schwarzen Spitzenhäubchen
-höflich neigend und nach der Oberin schauend,
-vor der die Suppenschüssel stand. Die eine oder die andere
-hatte aus Gesundheitsrücksichten ein Gläschen Wein
-neben ihrem Gedeck, ein Tellerchen war daraufgelegt, damit
-der Duft nicht verflog.</p>
-
-<p>Erst sprach die Oberin das Gebet, dann gingen die
-Teller ringsum, die Köpfe neigten sich darüber, das Essen
-begann, nur da und dort von mildem Gespräch unterbrochen.</p>
-
-<p>Christiane horchte und verstand nicht viel. Da war
-eine von einer früheren, längst verheirateten Schülerin
-besucht worden, dort hatte eine einen Brief bekommen,
-dort huschte auch wohl ein kleiner Streit mit geduckten
-Flügeln.</p>
-
-<p>An Christianens Tisch ging es lebhafter zu. Sie saß
-<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a>
-auf der Jugendseite, unter den Lehrerinnen, die sich gleich
-ihr nur vorübergehend im Heim aufhielten, meist Ferienvolk.
-Viele Sprachen wirbelten über den Tisch. Die Ungarin
-schwatzte von der Operette, die beiden Norwegerinnen
-redeten vom grünen Gewölbe, die Engländerin fragte
-ihre Nachbarin mit zähen Blicken nach allen Sehenswürdigkeiten
-aus. Eintrittskarten gingen von Hand zu
-Hand, Pläne wurden gemacht, da hatte eine einen Kniff
-heraus, wie eine Sache billiger zu bekommen war, und
-rief's triumphierend über den Tisch. Eine unendliche
-Vergnügungsgier beherrschte die meisten. Das ganze
-Jahr hatten sie für ihre Ferien gespart!</p>
-
-<p>Christiane bemerkte dann noch andere darunter, die
-stiller waren und mehr vor sich hinguckten, das waren
-solche, die keine Stelle hatten. Schöne, stolze, frische Gesichter
-darunter, noch mit allen Jugendillusionen, mit
-romantischen Erwartungen und heißer Fernsehnsucht,
-mürbe, schwache, ausgemergelte Erscheinungen und solche
-mit großer Vortrefflichkeit im ganzen Wesen, glattgescheitelten
-Haaren und dem Klemmer &ndash; die richtigen
-Lehrerinnen.</p>
-
-<p>Christiane machte sich mit keiner bekannt.</p>
-
-<p>Nach Tisch ging sie durch die Stadt. Die Straßen
-glühten, und doch waren sie nicht schläfrig; man sah viel
-Fremde. Christiane entdeckte manches Schöne, manche
-Rasseerscheinung, aber auch viel Talmi, viel lächerliches
-Provinzlertum in Warenhäusern aufgeputzt, und die braven
-Dresdner selber, diesen Typen nicht ungleich. Sie
-sah die Talmikultur in den Läden und an den Bauten
-und begriff nicht, wie man die schöne Linie so mißhandeln,
-<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a>
-zerbrechen, vergewaltigen konnte. Wieder schweiften
-ihre Gedanken nach dem Osten zurück: dort war noch
-ein Boden, auf dem zu schaffen war, eine königliche
-Fläche, die tragen und leuchten konnte.</p>
-
-<p>Sie kam an die Elbufer. Die fernen Hügel schwammen
-in blauem Duft. Der Strom strich sommerlich
-schwach, die Wagen und Bahnen polterten über die weißen
-Brücken.</p>
-
-<p>Christiane stieg in einen Dampfer und fuhr nach
-Pillnitz.</p>
-
-<p>Das Boot war voll. Auch hier Fremde, einige
-rassig, elegant, voll hochmütig überlegener Kultur, still
-sich zurückhaltend, daneben die Familienrudel mit den
-unruhigen Kindern. Da und dort ein Künstlerkopf, ein
-Künstlerschauen, aber überragend die Masse, der ewig
-plappernde Durchschnitt. Der Dampfer fuhr unter den
-weißen Brücken mit den gelben und roten Bahnen hindurch,
-und nun sah man die Villenvororte, die weißen
-Häuschen an den Bergen, die Schlösser der großen Herren
-und der Künstler, die Protzenbauten der Reichgewordenen
-und die Massenrestaurants. An den Badeanstalten flatterten
-die Wimpel.</p>
-
-<p>Hügel um Hügel glitt vorbei. Der Strom bekam
-ein wenig Weite und Einsamkeit. Dann leuchtete das
-grüne Dach des Schlosses zu Pillnitz. Christiane ging
-an ihm vorüber durch den Park in den Wald. Der Weg
-wurde einsam. Sie ging lange, bis sie an eine Mühle
-kam, die jetzt Wirtschaft war. Dort rastete sie. Es war
-still, ganz still.</p>
-
-<p>Als sie wieder aus dem Walde an den Strom kam,
-<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a>
-sah sie, daß der Himmel sich umzogen hatte. Von den
-fernen Bergzügen merkte man nichts mehr, ein grauer
-Dunst kroch bergauf. Auf dem Dampfer sammelten sich
-schon die Leute. Das Wasser war grau.</p>
-
-<p>Im Abenddämmer tauchte die Silhouette Dresdens
-wieder auf. In dem Fenster einer Kunsthandlung in der
-Prager Straße gewahrte Christiane plötzlich die &rsaquo;eiserne
-Wehr&lsaquo; von Angelo Jank. Sie starrte das Bild an. Dann
-ging sie in den Laden und kaufte es.</p>
-
-<p>So kam sie wieder in ihr Heim, wo sie es zusammengerollt
-in ihren Koffer legte. Draußen dröhnte schon
-wieder die Glocke, wieder zogen sie draußen nach dem
-Eßsaal. Der Abendtisch war leerer, nur die Alten und
-die Stellesuchenden waren da, die Ausflüglerinnen fehlten.</p>
-
-<p>Christiane ging nachher wieder in ihr Zimmer. Sie
-holte die &rsaquo;eiserne Wehr&lsaquo; aus dem Koffer und besah das
-dunkle Bild von neuem. Draußen trommelte der Regen,
-die schmale Gasse war überspült. Tapp, tapp, tapp &ndash; die
-Leute rannten. Es wurde finster. Das Bild verschwamm,
-das Zimmer verschwamm.</p>
-
-<p>Der Abend allein &ndash;&nbsp;&ndash; dachte Christiane.</p>
-
-<p>Sie warf sich plötzlich auf ihr Bett nieder und
-schluchzte.</p>
-
-<p>Nach einer Weile wurde sie ruhiger und hob den
-Kopf.</p>
-
-<p>Sie war wohl nicht die einzige hier im Hause, die
-so weinte.</p>
-
-<p class="ce mt1 mb1">*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a>
-Nach ein paar Tagen hatte sie eine Stelle bei einem
-Forstmeister dahinten in Sachsen. Christiane war es lieber,
-in die Familie zu kommen, statt in eine Pension,
-und sie erhoffte bei diesen Leuten etwas Kultur und auch
-ein wenig Leben für sich allein.</p>
-
-<p>So fuhr sie nach Silberfähre.</p>
-
-<p>Der Tag war verregnet. Das Bergland senkte sich
-nach Westen zu in so eigentümlicher Weise, daß es ihr
-vorkam, als ob der schwarze Zug mit seiner Menschenladung
-waghalsig am Rande der Erde dahinführe.
-Dünner und feiner wurde der Regen, noch ein Wirbel,
-ein flatterndes Ausfliegen der Tropfen, dann sank der
-Schleier, und darüber zog ein roter Himmel glühend auf,
-nahe, ganz nahe, nur eine lose, blaue Wolkenwand
-schwamm von unten herauf schwer vor ihm, wie die dampfende
-Sehnsucht der Menschen.</p>
-
-<p>Neben Christiane schob sich eine Hand vor: »Entschuldigen
-Sie, das Fenster zittert echal so &ndash; darf ich
-mal&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Und die Scheibe wurde gerückt.</p>
-
-<p>»So,« klang die Stimme weiter, »fahren Sie auch
-bis Chemnitz?«</p>
-
-<p>»Ich fahre noch weiter.«</p>
-
-<p>»I gor, i gor&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>&ndash;&nbsp;&ndash; Das Feuer stand noch drüben. Wie hundert
-goldene Fackeln lohte es vor dem armen Land. Wie ein
-rosenrotes sicheres Geheimnis stand es am anderen Ufer,
-von den dunklen bebenden Wünschen der Menschen zitternd
-umdünstet. Wie ein offenes Tor stand es da und
-hundert und hundert Schritte waren nur noch bis zu ihm.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a>
-Der Zug aber sprang jetzt wie ein Tier, das die
-Peitsche fühlt. Ein Klirren ging durch ihn, ein Ruck
-traf Rad um Rad &ndash; und Rad um Rad wandte sich gehorsam.</p>
-
-<p>&ndash;&nbsp;&ndash; Das Feuer war nicht mehr da.</p>
-
-<p>Nur ein schmaler verblichener Schein stand fern, wie
-von einer Tür, die zugeschlagen wird.</p>
-
-<p>Berg um Berg war da, blau umhüllt, von Nebeln
-umgangen, die sich ihre Nachtplätze suchten, Tal um Tal
-war da, von Schatten gefüllt, von Häusern, aus denen
-die Wünsche wie Rauch aufstiegen, Wünsche, die keinen
-Weg mehr hatten.</p>
-
-<p>Das Feuer war nicht mehr da.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der Hauch des fremden Gebirges umfing Christiane
-beim Aussteigen. Ein Wasser rauschte. Die Gassen liefen
-bald rechts, bald links, immer wieder vom Berg abgefangen.
-Gradeaus aber erhob sich auf einem Kegel die
-alte böhmische Burg Silberfähre. Mitleidslos hoch stieg
-der Weg zu ihr hinan, die kleinen Häuser verschwanden,
-das Wasser entlief weit unten, die Weite war nahe, der
-Himmel bog sich heran.</p>
-
-<p>Nun war Christiane in einem Schloß.</p>
-
-<p>Die Frau Forstmeister aber trug eine Küchenschürze,
-und drinnen über dem Feuer schmorten die Quarkkeilchen.
-Die Tochter kam aus dem Garten, ein schlacksiges, dreizehnjähriges
-Ding, von dem man noch nicht wußte, ob es
-hübsch oder häßlich werden würde. Es waren noch zwei
-ältere Töchter da, die sich nach der einen und der anderen
-Richtung längst entschieden hatten. Anna war schön,
-mit fuchsigem Haar und dem lebendigen, dunkel spiegelnden
-<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a>
-Blick des Waldtieres, Hella ein Kind des Schattens,
-klein, mit einem Zwergengesicht und einer Wichtelstimme.
-Anna war verlobt, Hella war schon über dreißig Jahre.</p>
-
-<p>Die Lehrerin wurde nicht sehr angestrengt. Viele
-Vorgängerinnen hatten in Nora ein so queres und sonderbares
-Wissen angehäuft, daß es Jahre und Jahre gebraucht
-hätte, um es zu entwirren. Nora sollte aber in
-ein oder zwei Jahren schon in eine Pension.</p>
-
-<p>Christiane wanderte viel in den einsamen Wäldern
-des Erzgebirges. Manchmal traf sie unterwegs den
-Forstmeister, einen kleinen, blonden, stumpfnäsigen
-Herrn, der sich noch immer darüber wunderte, daß man
-ihn im Münchner Hofbräuhause, ohne daß er noch ein
-Wort gesprochen, als Sachsen erkannt hatte! Manchmal
-mußte sie auch der Frau Forstmeister bei den Quarkkeilchen
-oder den grünen Klößen helfen und hatte dabei
-Gelegenheit, über nord- und mitteldeutsche Lebensführung
-Beobachtungen anzustellen.</p>
-
-<p>Fremde Menschen sah sie fast gar nicht. Einmal
-tauchte Annas Verlobter, ein Gerichtsassessor aus Bautzen,
-auf. Ein jähes Feuer schoß aus seinen Augen zu Christiane
-hin, sie spürte seine heimliche Jagdlust und wich ihm
-aus. Bald danach hatte das Paar Hochzeit und verschwand
-vom Schauplatz.</p>
-
-<p>Der ältesten Tochter kam Christiane nicht nahe. Die
-Zwergin saß bei gutem Wetter im Schloßgarten und bei
-schlechtem im Zimmer und klöppelte. Manchmal besuchte
-sie die armen Spitzenklöpplerinnen im Dorf. Sonst
-sprach sie fast gar nicht.</p>
-
-<p>Die Frau Forstmeister empfing jeden vierten Mittwoch
-<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a>
-ein Kaffeekränzchen auf dem Schlosse. Dann mußte
-Christiane den dicken Fabrikantenfrauen die Mantillen
-abnehmen und ihnen den Kuchen präsentieren. Sie
-musterten die Erzieherin voll Neugier und Herablassung
-und hatten keine Ahnung, wie stark sie beobachtet wurden.</p>
-
-<p>Bei solchen Gelegenheiten schossen Christianens Gedanken
-immer nach Posen hin, obwohl sie viel ruhiger
-geworden war.</p>
-
-<p>Sie konnte wieder objektiver an Hardi denken. In
-ihrem Herzen war eine Spur Mitleid mit der blutjungen
-Frau, die kinderzart und ahnungslos, von einer heißen
-Hand in die allertiefsten Geheimnisse verstrickt worden
-war. Immer wieder sah sie das junge Gesicht mit dem
-eigentümlich pikant sentimentalen, hilflosen Ausdruck.</p>
-
-<p>Jetzt mußte Hardi reifer geworden sein und das
-tiefe Glück ihres Lebens erkannt haben.</p>
-
-<p>Sie schrieb Christiane nicht. Ludwig sandte manchmal
-ein paar knappe Zeilen, die sie unterzeichnete.</p>
-
-<p>Christiane brauchte nichts von ihm zu wissen &ndash; sie
-las von ihm. Seine Name tauchte immer öfter in den
-Zeitungsspalten auf, er hatte ein Buch über die Ostmark
-geschrieben, das sowohl von der einen, wie von der anderen
-Seite Angriffe erfuhr, obwohl von keinem übersehen
-wurde, daß da ein kommender Mann sprach. Der
-Nationalitätenkampf war längst aufgebraust, die Deutschen
-erwacht. Jetzt tafelte kein hoher Regierungsbeamter
-mehr mit den Polen.</p>
-
-<p>Christiane lebte in diesem Kampf: sie verlor nicht
-einen Moment davon. Mitten in den sächsischen Wäldern
-<a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a>
-und Bergschluchten, wo die Forellenwasser rauschten,
-dachte sie an die Völkertragödie des Ostens und an Ludwig
-von Cöldt.</p>
-
-<p>Es ist schön, wenn der Liebste ein großes Werk hat,
-schön, wenn man seinen Namen in den Blättern lesen
-kann. Man weiß immer von ihm. Er ist immer nahe.
-Er lebt.</p>
-
-<p>An einem glühenden Herbstnachmittag des zweiten
-Jahres fuhr Christiane nach Johann-Georgenstadt an die
-böhmische Grenze, hörte wieder scharfe, fremde Laute statt
-des braven Sächsisch und warf einen Blick in eine Welt,
-die eine Spur Ähnlichkeit mit der besaß, die sie im Osten
-verlassen hatte.</p>
-
-<p>An den abendblauen Bergen, den glühenden Vogelbeerstraßen
-und den klirrenden Emaillierwerken vorbei
-fuhr sie zurück und fand zu Hause einen Brief der Mutter,
-in dem gesagt war, daß Christiane Tante geworden sei.
-Hardi hatte ein Kind.</p>
-
-<p class="ce mt1 mb1">*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Zu Ostern zog die Forstmeisterstochter in eine Pension
-&ndash; Christiane hatte wenigstens erreicht, daß es kein
-&rsaquo;Erziehungskasten&lsaquo; war &ndash; und sie selbst ging als Lehrerin
-in eine Privattöchterschule von Fräulein Gusti Schellenbaum
-zu Crivenwalde in Mecklenburg. Fräulein Gusti
-war bucklig. Sie hakte Christiane schon am Bahnhof ein
-und erklärte, daß sie vom Rhein stammte, nicht etwa von
-hier aus dem steifen Norden. Übrigens sagte sie &rsaquo;s&ndash;teif&lsaquo;
-und teilte der Lehrerin mit, daß sie auch so s&ndash;prechen
-<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a>
-müßte, sonst hätten die Kinder keinen Res&ndash;pekt vor ihr.
-Man müßte das lernen.</p>
-
-<p>Sie kamen an der Schule vorbei, die den unteren
-Teil eines hübschen Hauses einnahm. Oben wohnte Professor
-Thiele, das erfuhr Christiane auch. Das Fräulein
-nickte zu ihm empor. Sie gingen über den Spielhof, der
-von großen Linden umstanden war und ein paar dürftige
-Recks und Stangen und eine vergessene Puppe zeigte,
-und dann durch eine Hintertür ins Haus. Alle mußten
-durch die Hintertür, das Portal vorn war verschlossen.
-Warum wußte Fräulein Gusti auch nicht. Sie hatte es
-so von ihrer Vorgängerin übernommen. Die lebte noch
-am Orte und zwar als die Gemahlin des Tierarztes.
-Mit fünfundvierzig Jahren hatte sie sich den Tierarzt gekapert
-&ndash; zufällig, weil ihr Kanarienvogel krank geworden
-war &ndash; und zusammen waren sie über hundert
-Jahre alt. Es war eine junge Ehe.</p>
-
-<p>In Crivenwalde sah man dem Paar nach, wenn es
-auf der Straße erschien. Man sah überhaupt den Leuten
-nach.</p>
-
-<p>Fräulein Guste s&ndash;prach eine Weile darüber, dann
-brachte sie ihrer neuen Lehrerin Kaffee. Sie hatte übrigens
-keinen Kanarienvogel, sondern nur Lachtauben.
-Und die waren gesund. Und wenn sie etwa krank würden,
-so würde sie doch keinen Tierarzt in Anspruch nehmen.
-Fräulein Gusti zog die Nase kraus. Sie schien an
-dem krankgewordenen Kanarienvogel ihrer Vorgängerin
-etwas zu finden.</p>
-
-<p>Nun kam sie auf den Professor Thiele zu sprechen.
-Das Haus gehörte ihm, und er hatte es der Schule gestiftet.
-<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a>
-Sonst müßten sie noch in der kleinen Bude
-drinnen am Neumarkt hausen. Schrecklich soll es
-dort gewesen sein! Ja, also der Professor hatte sein
-Testament zugunsten der Schule gemacht, und die genoß
-schon bei seinen Lebzeiten davon. Er hatte sich
-ausbedungen, daß er in dem Hause wohnen bleiben
-und manchmal mit den Kindern sprechen durfte. In
-der Pause kam er immer herunter und verteilte Äpfel
-oder Bananen oder Schokolade. Die ganz kleinen
-Mädchen hielten ihn für den lieben Gott. Er war
-neunzig Jahre.</p>
-
-<p>An der Schule waren noch zwei Lehrerinnen tätig,
-die Schwestern Dittmer. Nachher wollten sie die neue
-Kollegin begrüßen. Fräulein Dorreyter solle bei ihrem
-Anblick nicht erschrecken &ndash; sie seien ein bißchen lang.
-Die Kinder nannten sie die &rsaquo;Erzengel&lsaquo;.</p>
-
-<p>Übrigens herrschte ein recht gemütliches Leben an der
-Schule.</p>
-
-<p>Ob Fräulein Dorreyter &ndash; Frauenrechtlerin sei?</p>
-
-<p>Christiane sah kritisch auf die Bücher und Broschüren,
-die das Fräulein sofort heranschleppte. Sie mußte sie
-mitnehmen. Die Vorsteherin tat es nicht anders. Und
-morgen fing die Schule an.</p>
-
-<p>Christiane ging ins Hotel &rsaquo;Friedrich Franz&lsaquo;, dort
-wußte man schon von ihrem Eintreffen. Der Geschäftsführer
-hatte ihr bereits ein recht freundliches ruhiges
-Zimmer reserviert &ndash; die Damen von der Schule wären
-ja immer recht nervös. Er stellte sich als Berliner vor.
-Vorn nach der Straße wohnten die Reisenden. Crivenwalde
-betrieb einen Handel mit Bratheringen und Sprotten.
-<a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a>
-Sie merkte es bald, denn die Stube war gleich voll
-von dem Duft einer nahen Räucherei.</p>
-
-<p>Christiane spähte über einen Garten mit Tischen und
-Stühlen hinweg und sah hinter allerhand Bürgerhäusern,
-Schuppen und Speichern einen schmalen, grauen
-Streifen.</p>
-
-<p>Sie erschrak etwas.</p>
-
-<p>Die See.</p>
-
-<p>Bald nachher kamen die Schwestern Dittmer. Sie
-traten unter die Tür wie Grenadiere des alten Fritz.
-Übrigens waren sie keine Mecklenburgerinnen, wie sie
-gleich erzählten, sondern stammten aus Osnabrück. Es
-schien das Eigentümlichste der Crivenwalder zu sein, daß
-sich keiner als Eingeborener bekennen wollte.</p>
-
-<p>Die Fräulein wiederholten in Geschwindigkeit die
-Verhältnisse der Schule nicht anders, als die Leiterin sie
-schon geschildert hatte, und glitten dann auf die Stadt
-Crivenwalde über, die sie mit allen ihren Bewohnern
-genau zu kennen schienen, denn sie waren schon über fünfzehn
-Jahre am Orte. Übrigens s&ndash;prachen sie auch. Sie
-waren zusammen hergekommen und waren Zwillingsschwestern;
-man konnte sie kaum von einander unterscheiden.
-Allerdings hatte die eine eine etwas schiefe
-Backe.</p>
-
-<p>Am nächsten Tage wurde Christiane im Beisein der
-beiden Erzengel, des alten Professors, den die Kleinen
-für den lieben Gott hielten, und eines dicken Lehrers vom
-Gymnasium, der auch Stunden an der Töchterschule gab,
-von Fräulein Gusti in ihr Amt eingeführt. Der dicke
-Lehrer stellte sich hernach als Hannoveraner vor.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a>
-Nachmittags ging sie dann auf die Wohnungssuche
-und fand ein kleines Zimmer bei einer Apothekersfrau,
-die zwei Kinder hatte, von denen das eine in Fräulein
-Gustis Schule ging und vom Herrn Professor immer die
-allergrößten Bananen bekam. Das liebliche, stille Kind
-nahm Christiane für die Wohnung ein.</p>
-
-<p>Sie bezog das Zimmer. Übrigens war die Frau
-Apotheker eine Husumerin, und ihr Mann hatte gar
-keine Apotheke, sondern eine Drogenhandlung, und mit
-der war er grade im Bankerott. Es herrschte ein sonderbar
-verwirrtes Wesen im Hause, das einesteils von
-dem gescheiterten Mann, andererseits aber von der Frau
-auszugehen schien, die allen Dingen hilflos gegenüber
-stand, wie vom Himmel gefallen.</p>
-
-<p>Als Christiane am ersten Morgen in die Schule
-gehen wollte, stürzte ihr Frau Thomsen mit verstörter
-Miene nach: »Ach, verzeihen Sie, Fräulein &ndash; in der
-Eile hab ich ganz und gar auf den Kaffee vergessen&nbsp;...«</p>
-
-<p>»Kaffee haben Sie mir gebracht&nbsp;&ndash;« sagte Christiane,
-auf die Tasse deutend, die noch ziemlich gefüllt auf
-dem Tische stand.</p>
-
-<p>»Ja, ja. Ich hab ihn ja gekocht, aber dabei&nbsp;...
-den Kaffee hineinzutun vergessen&nbsp;... Sehen Sie&nbsp;...
-hier&nbsp;...« Sie deutete dabei auf ein braunes Pulver in
-einer Untertasse.</p>
-
-<p>»Jetzt trinken Sie ihn nur, Frau Thomsen,« sagte
-Christiane und ging.</p>
-
-<p>Als die Wirtin in der Folgezeit nicht nur das Kaffeepulver,
-sondern auch sonst allerlei vergaß, als das Mittagessen
-immer öfter ausblieb oder vollkommen ungenießbar
-<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a>
-war, als die Wirtin ihre Mieterin immer bedrohlicher
-anzuborgen begann und Christiane längst
-ihr Zimmer selbst rein hielt &ndash; sonst hätte sie es nie
-rein bekommen &ndash; mußte sie sich zum Ausziehen entschließen.</p>
-
-<p>Sie zog mehr zum Hafen hinunter, was schon längst
-ihr Wunsch gewesen war, und die &rsaquo;Erzengel&lsaquo; hatten ihr
-die neue Wirtin empfohlen. Sie sollte Witwe sein, es
-stellte sich aber bald heraus, daß sie nur von ihrem Manne
-getrennt und in beständiger Furcht lebte, er könnte wiederkommen
-und ihr einen Schaden zufügen. Deshalb
-verriegelte sie ihre Wohnung sehr sorgfältig, und man
-mußte ein ganzes Schlüsselsystem anwenden, um hineinzukommen.
-Vor dem Schlafengehen machte sie regelmäßig
-eine Runde durch sämtliche Räume, guckte in die
-Schränke und leuchtete auch unter Christianens Bett, in
-der Befürchtung, der geschiedene Mann könnte eines Tages
-schließlich darunter sein. Sie schneiderte, und man
-hörte den ganzen Tag das sonderbar ängstliche und ärmliche
-Geräusch der Nähmaschine.</p>
-
-<p>Aber sonst war das Zimmer ganz nett. Die Terrakottabüsten
-waren samt ihren Zimmersäulen hinausbefördert
-worden, ebenso das, was Frau Claß &rsaquo;Bilder&lsaquo;
-nannte. An der grauen Wand hing einzig die &rsaquo;eiserne
-Wehr&lsaquo; in ihrer düsteren Wucht. Am Fenster stand
-Christianens Schreibtisch, und durch die Scheiben sah man
-hinter beschnittenen Lindenbäumen den grellen Streifen
-weißen Sandes und dahinter die bald graue, bald blaue
-See.</p>
-
-<p>In der Schule ging es recht gemütlich zu. Fräulein
-<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a>
-Gusti war ebenso beliebt, wie die &rsaquo;Erzengel&lsaquo;, und wenn
-der dicke Lehrer bei seinen Gymnasiasten schärfere Saiten
-aufzog, &ndash; was übrigens zu bezweifeln war &ndash; so wandelte
-er sich in der Schule von Fräulein Schellenbaum so friedlich
-um, daß er ganz genau hineinpaßte. Nachmittags
-um vier gab es immer ein Kaffeestündchen in Fräulein
-Gustis Zimmer, und wenn der Oberlehrer dabei war,
-mußte er immer von seinem Jungen erzählen, mit dem
-ihn seine Gemahlin vor einem halben Jahr beschenkt
-hatte. Waren die Damen aber unter sich, so holte Fräulein
-Gusti ihre frauenrechtlerischen Bücher und Hefte
-heraus, und die &rsaquo;Erzengel&lsaquo; sahen ebenso kritisch darauf
-wie Christiane und ließen das Fräulein reden. Brachte
-man das Gespräch aber auf die Vorgängerin, die jetzt
-Frau Tierarzt war, so wurde Fräulein Gusti spitz.</p>
-
-<p>Die &rsaquo;Erzengel&lsaquo; machten ihrem Namen alle Ehre und
-standen Christiane in allen Dingen wirklich wie ein paar
-langgeflügelte Himmelsboten zur Seite. In der freien
-Zeit machten sie weite Fußmärsche in die Umgegend, die
-wohl auch weit und flach, aber immer mit Möwen überflogen
-und mit dem nie weichenden, leise überdunsteten
-Streifen See im Hintergrunde nie mit jener östlichen zu
-verwechseln war. Auf den Wiesen weidete das schwarzbunte
-Vieh, das Getreide stand niedriger, der Wald war
-dürftig, wie zerblasen. Immer ging der Wind, und immer
-roch es nach Fischen im Rauch.</p>
-
-<p>Sie segelten und schwammen auch, besuchten die
-Badeorte der Umgegend und machten in den Ferien gemeinsame
-größere Reisen nach Dänemark, Schweden und
-Norwegen, für das die &rsaquo;Erzengel&lsaquo; so schwärmten, obwohl
-<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a>
-sie aus Osnabrück waren. Sie konnten nicht ohne Wasser
-sein.</p>
-
-<p>Einmal gerieten sie auf der Rückreise &ndash; sie fuhren
-über Malmö-Lübeck &ndash; in eine Horde Engländer, die
-den Kontinent bereiste, alles Lehrer und Lehrerinnen, die
-eifrig bemüht waren, sich in der fremden Sprache zu
-üben. Ein großer, sehr rotblonder Dozent aus Nottingham
-hatte sich von Anfang an Christiane, die seine Tischnachbarin
-war, zur Partnerin ausersehen, und sie tauschten
-allerlei Rede und Gegenrede in der pikanten, spähenden,
-argwöhnisch höflichen Art, wie sie schon damals
-zwischen Vertretern der beiden Nationen zu herrschen
-pflegte. Als alles Neue erschöpft war und Christiane
-merkte, daß sie und der Engländer der Zielpunkt von
-allerhand Blicken wurden, die namentlich von seinen
-Landsmänninnen ausgingen, und als sogar die &rsaquo;Erzengel&lsaquo;
-gutmütige Bemerkungen machten, zog sie sich rasch zurück.
-Es war möglich, daß Mr.&nbsp;Wyche, wie nachher erzählt
-wurde, auf dieser Seefahrt ein ganz ernstliches Interesse
-für die junge Deutsche gefaßt hatte, aber sie konnte es
-nicht zurückgeben. Von allem anderen abgesehen, hätte
-sie es undenkbar gefunden, ins Ausland zu gehen und
-mit einem fremden Volk zu leben, wo das eigene Land
-so voller Probleme und Arbeitsmöglichkeiten steckte.</p>
-
-<p>Die &rsaquo;Erzengel&lsaquo; begriffen sie nicht, und Christiane gab
-sich auch nicht die Mühe, sie aufzuklären, wie sie den braven
-Geschöpfen innerlich auch ganz fern stand.</p>
-
-<p>Spät abends ging sie gewöhnlich allein am Strand
-spazieren, dort hinaus, wohin die Crivenwalder nicht
-mehr kamen. Sie sah die zart verdämmernde Opalfarbe
-<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a>
-der abendlichen See, spürte den fernen Duft der Linden,
-die hier so sehr spät blühten, und in ihrer Seele stieg es
-auf wie Wasser&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Du hast es gut,« schrieb die Mutter, »viel besser,
-als Hardi, die sich in Posen noch immer nicht eingewöhnt
-hat und sich in Heimweh verzehrt. Du hast keine Sorgen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Nein, sie hatte keine Sorgen. Sie hatte &ndash; alles.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p class="ce mt1 mb1">*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Im Herbst danach kam wieder ein Brief von Ludwig.
-Christianens Blicke flogen jäh darüber hin und suchten
-hungrig im voraus den heimlichen Gruß, das heimliche
-Gedenken, ehe sie alles Tatsächliche erfaßten. Und dann
-wurde ihr das klar.</p>
-
-<p>Ludwig war in acht Tagen in Berlin, grade zurzeit
-ihrer Herbstferien. Ob sie ihre Reise zur Mutter nicht
-über Berlin richten und mit ihm dort zusammentreffen
-wollte?</p>
-
-<p>Christiane hatte gar nicht zur Mutter fahren wollen,
-denn die vermißte sie kaum. Deren Sinn stand allein
-nach Hardi und war durch der Jüngsten Schicksal vollkommen
-ausgefüllt. Zudem hatte sie jetzt eine kleine Pension
-gegründet und dadurch eine neue Art Lebensinhalt.</p>
-
-<p>Christiane interessierte sich nicht dafür. Ihr kam
-es überhaupt vor, als ob sie mit ihren Wünschen, mit
-ihrem ganzen Wesen längst heimlich weit über die letzten
-Inseln der Menschen hinausgetrieben sei. Jetzt &ndash; jetzt
-erkannte sie es&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a>
-Wann begannen doch die Ferien? Wie lange fuhr
-man von Crivenwalde nach Berlin? Lehrter Bahnhof&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;?
-Am Lehrter Bahnhof würden sie sich
-treffen!</p>
-
-<p>Die &rsaquo;Erzengel&lsaquo; wunderten sich redlich über die Kollegin,
-die sie in ihrer biederen Herzensharmlosigkeit zu
-kennen glaubten und die auf einmal so anders war. Am
-letzten Abend veranstaltete Fräulein Gusti noch ein
-frauenrechtlerisches Kränzchen, dem ein dicke Hamburgerin
-beiwohnte, die auf dem Gebiet irgendwelche Bedeutung
-hatte. Sie begrüßte die drei Damen mit großer
-Kollegialität und begann gleich mit ihren Ausführungen,
-dann und wann einen Schluck Tee mit Rum nehmend.
-Die &rsaquo;Erzengel&lsaquo; guckten ihrem Wesen kritisch zu,
-und Christiane sagte auch nichts.</p>
-
-<p>Fräulein Gusti ereiferte und ereiferte sich, die Hefte
-flatterten förmlich unter ihren Händen, sie suchte die Diskussion
-immer mehr anzufeuern &ndash; ihr Traum war: ein
-Frauenrechtsverein hier in Crivenwalde, der gewesenen
-Leiterin und jetzigen Frau Tierarzt erst recht zum
-Trotz! &ndash; Die &rsaquo;Erzengel&lsaquo; tauten auf. Es war im Grunde
-nichts, nach dem Unterricht immer nur spazieren zu gehen
-oder zu baden, in den Schulpausen dem alten Professor
-zuzusehen oder vom Oberlehrer Müller zu hören, wie sich
-sein Sprößling weiter entwickelte. Es war am Ende
-am besten, Frauenrechtlerin zu werden und sich für allerlei
-fernliegende Dinge zu interessieren, wenngleich irgend
-etwas in ihrem Herzen entschieden &rsaquo;Nein&lsaquo; sagte und die
-dicke Hamburgerin deutlich verlachte.</p>
-
-<p>Aber sie sagten &rsaquo;Ja&lsaquo;, schon der Vorsteherin zuliebe,
-<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a>
-und wunderten sich auf dem Nachhausewege über Christiane,
-die noch immer schwieg.</p>
-
-<p>Die verabschiedete sich eilig, lief in ihre Stube und
-ging an den Koffer &ndash; war nun schon alles darin? War
-nichts vergessen? Sie trat ans Fenster und sah mit gläsernem
-Blick hinaus &ndash;&nbsp;&ndash; draußen stand die See und
-hatte noch einen Schein wie aus den hohen, grauen Sommernächten,
-die Christiane im Norden erlebt hatte. Die
-Sterne flimmerten.</p>
-
-<p>Der Morgen war sonnenhell, alle Wiesen grünten,
-wie im Frühling, und alle Stoppelfelder leuchteten, als
-ob das blonde Korn noch auf ihnen stünde. Knick auf
-Knick schloß sich daran, wie Kranz auf Kranz. Die Wasser
-der Seen blinkten blau auf und verschwanden wieder, der
-Buchenwald flimmerte in sommergrüner, unzerstörter
-Glut. Wald auf Wald, See auf See. Wie schön war
-diese Gegend doch!</p>
-
-<p>Christiane starrte aus den Coupéfenstern wie im
-Traum. Sie fühlte immer deutlicher, daß sie über die letzten
-festen Länder und Inseln der Menschen weit hinausgetrieben
-wurde.</p>
-
-<p>Station auf Station. Jetzt Schnellzugssausen. Der
-sonnige reine Morgen und die blauen Seen waren weit.
-Nauen, Spandau. Straßenbahnen und Soldaten, Glashallen,
-Vorortbahnhöfe. Endlich die schwarze Höhle der
-Lehrter Einfahrtshalle. Auf dem Bahnsteig war auf
-einmal ein Strudel entlassener, mit bunten Bändern behängter
-Matrosen, die Christiane gar nicht im Zuge gewahrt
-hatte.</p>
-
-<p>Sie trennte sich instinktiv von der Menge, fühlte sich
-<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a>
-plötzlich verwirrt und verloren und in eine Fremde
-gerissen, hinter der Fräulein Gusti, die &rsaquo;Erzengel&lsaquo; und
-ganz Crivenwalde wie freundliche Schatten standen, und
-sah dann auf einmal &ndash; Ludwig.</p>
-
-<p>Da war er! Nur einer wie er!</p>
-
-<p>Sie sah ihn an. Sie gaben sich fest die Hände.</p>
-
-<p>Ihr Herz war stark und entschlossen.</p>
-
-<p>Leicht schritt sie neben ihm her, und jetzt war Crivenwalde
-weit weg. Alles war weit weg. Auch Hardi und
-die &rsaquo;eiserne Wehr&lsaquo;.</p>
-
-<p>»Du fährst zur Mutter?« fragte er.</p>
-
-<p>Sie schrak auf. Ihr Blick flog in den hellen Großstadttag
-hinaus. Sie sah bunte Farben, Linien, Lichter,
-Menschen und &ndash; ihn.</p>
-
-<p>»Ja, ja,« sagte sie.</p>
-
-<p>Als sie im Wagen saßen, erzählte er, daß er Konferenzen
-in seinem Ministerium hätte. Er nannte die Namen
-der beteiligten Herren &ndash; alles Ostmarkenleute.</p>
-
-<p>»Du gehörst schon ganz und gar zu ihnen,« sprach sie.</p>
-
-<p>Er nahm das gleichgültig hin, denn es war in Wahrheit
-so.</p>
-
-<p>Sein Gesicht war schärfer und länger geworden, das
-Junkertum prägte sich härter aus. Ob er noch ritt?</p>
-
-<p>Sie traten in ein Restaurant. Sein Blick flog unwillkürlich
-nach den Mittagszeitungen, die eben kamen.
-Sie lachte und ließ sie bringen &ndash; sie kannte ihn. Jeder
-hatte ein Blatt, und darüberweg tauschten sie kurze erregte
-Bemerkungen. Ihm schien es gar nicht aufzufallen,
-wie sehr sie noch mitten darin war. Es war eine Situation,
-die auf der Spitze stand.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a>
-»Du müßtest in den Reichstag,« sagte sie.</p>
-
-<p>Er zuckte die Achseln. In der Stadt Posen war nicht
-die geringste Aussicht für einen deutschen Kandidaten, und
-er fühlte sich auch so besser am Platze und das Heft stärker
-in der Hand.</p>
-
-<p>Eine polnische Gesellschaft betrat den Raum, ein
-Herr, zwei Damen, diese klein, biegsam, mit wundervoller
-Eleganz gekleidet, an der aber noch etwas war,
-was man eben durchaus als polnisch erkannte. Ludwig
-sah kurz hin, und dann blickte er Christiane an &ndash; ihre
-Augen tauchten ineinander wie gezogen, eine Maske fiel,
-ein Vorhang sank, eine ganze Zeit, Jahre und Jahre verschwanden
-für einen Augenblick.</p>
-
-<p>Er faltete ein Zeitungsblatt eng zusammen, immer
-kleiner wurde der Streifen. Er sah vor sich hin.</p>
-
-<p>Dann begann er von der kleinen Hanni zu erzählen.
-Immer noch schaute er vor sich hin. In die Stimme kam
-neben dem Bewußten und Gewollten eine kleine Erregtheit,
-und plötzlich mußte sie an den Oberlehrer Müller in
-Crivenwalde denken, wenn der von seinem Jungen
-sprach.</p>
-
-<p>Sie redete plötzlich dazwischen, scharf, kurz, fragend,
-immer mehr verstrickte sie ihn ins Erzählen, alles wollte
-sie wissen&nbsp;... jetzt wußte sie. Ihr Gesicht wurde feindlicher,
-ihre Miene kälter, ihr Herz erstarb &ndash; warum war
-es nicht mehr wie damals an jenem Morgen? Warum
-war in ihr einfaches und naturgewaltiges Erkennen jetzt
-so viel anderes gekommen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;?</p>
-
-<p>Warum hatte er sie überhaupt sehen wollen und
-grade dieses Wiedersehen herbeigeführt? Er hätte sie
-<a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a>
-ja auch nach Posen einladen können, sie wäre zu ihm und
-Hardi gekommen und hätte mit der kleinen Hanni gespielt.
-Geritten wären sie nicht mehr miteinander!</p>
-
-<p>Sie saß in sich verbittert und schrak erst auf, als er
-Abschied nahm &ndash; er mußte jetzt in die Wilhelmstraße.</p>
-
-<p>Sie gingen die paar Schritte nebeneinander, dann
-nannte sie ihm das Hotel, in dem er sie abholen konnte.
-Es war eines der ersten, Geld hatte sie ja. Hier in Berlin
-wollte sie einmal wieder Herrin sein, nicht die Schulmeisterin.
-Das sagte sie Ludwig freilich nicht, und es
-schien ihm auch nicht aufzufallen.</p>
-
-<p>Als er fort war, wanderte sie durch die Straßen,
-ohne mehr zu sehen als die Menschen und unter den
-Menschen die Kinder. Die kleinen, die zweijährigen.
-Sie sah so viel Süßes an ihnen, daß ihr Herz auf einmal
-weich wurde und anfing zu verstehen. Sollte er das
-Liebliche nicht schätzen, das er besaß &ndash; wegen des einen,
-das er nicht besitzen konnte? Er war ein Mann. Eine
-Frau kann in der Liebe eher leben wie ein Hungerkünstler
-unter Glas &ndash; der Mann wird niemals hungern. Er
-sucht sich von allen Seiten zusammen, was ihn satt macht.
-Und es fällt ihm auch immer zu.</p>
-
-<p>Ludwig war es auch zugefallen. Und wer weiß &ndash;
-es war ihm vielleicht &ndash; noch mehr &ndash; zugefallen. Was
-wußte sie denn&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;?</p>
-
-<p>Sie ging zitternd und immer verwirrter und eifersüchtiger,
-und rasend peinigten sie jetzt die einsamen
-Abende an der See und so manches andere, sogar die
-Sache mit Kraneis und dem englischen Dozenten.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Hochmütig und verbittert saß sie dann im Hotel, und
-<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a>
-das Rauschen und Sausen der Straße hinter der Glasscheibe
-quälte sie wie etwas Feindliches, und feindlich war
-sie selber.</p>
-
-<p>Und Ludwig kam.</p>
-
-<p>Er sah auf einmal jünger und lebendiger aus. Man
-merkte, daß irgend etwas für ihn erledigt, daß eine Last
-abgeworfen war. Und jetzt sprach er offen darüber. Neben
-ihr an dem kleinen Tisch saß er und sprach, und sie
-wußte, daß er zu keinem Menschen weder im Amt noch
-zu Hause davon sprechen würde wie zu ihr und daß er
-danach gehungert hatte, wieder so mit ihr zu sprechen.
-Daß er sie gerufen hatte, weil er sie brauchte und weil
-sie ihn verstand.</p>
-
-<p>Die alte Stunde spann sich wieder an, aber es kam
-nichts Unreines hinein, und ihr Schiff wendete langsam
-und fuhr an den letzten äußersten Inseln und Bollwerken
-vorbei wieder auf die Küste der Menschen zu, nach dem
-Lande, das alle bewohnten und in dem noch ein eisernes
-Recht galt.</p>
-
-<p>Nachher waren sie noch draußen in Potsdam, eine
-Stadt für ihn. Christiane sah im Adreßbuch nach und
-fand, daß einige Rhanes hier wohnten, Abkömmlinge
-wie sie. Sie schaute den Reitern nach, wie sie dahingaloppierten,
-und den jüngeren Offizieren in die sonnenverbrannten
-Gesichter &ndash; war einer von ihrem Blut
-dabei?</p>
-
-<p>Dabei erzählte sie Ludwig von ihrem Leben in Crivenwalde
-und wußte dabei schon, daß es hinter ihr lag
-und daß der heutige Tag, das endliche Sichwiederkreuzen
-ihrer Leben eine starke Wendung gebracht hatte. Mit
-<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a>
-dem Nachtschnellzug fuhr sie zur Mutter, um die für
-ihre Pläne zu gewinnen und im voraus alles glatt zu
-wissen.</p>
-
-<p class="ce mt1 mb1">*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Und nun fing für Christiane Dorreyter eine schwere
-und sonderbare Zeit an. Die &rsaquo;Erzengel&lsaquo; wunderten sich
-nicht wenig über sie, die plötzlich so merkwürdige Neigungen
-zeigte, und Fräulein Gusti streckte noch einmal
-erwartungsvoll die frauenrechtlerische Hand aus, ohne
-daß sie ergriffen wurde. Aber es war offenbar, daß Fräulein
-Dorreyter sich für das Studium vorbereitete und
-zunächst das Abiturientenexamen abzulegen gedachte.</p>
-
-<p>Dem Oberlehrer Müller war dabei eine ziemlich bedeutende
-Rolle zugedacht, und er füllte sie auch aus und
-holte auch andere Kollegen vom Crivenwalder Gymnasium
-für die Fächer heran, die er nicht beherrschte. Und
-langsam kam das Lernen in Gang.</p>
-
-<p>Auf den Straßen zeigte man sich Christiane. Die
-Herren grüßten respektvoll und doch mit einem verborgen
-prüfenden und etwas mitleidigen Schauen. Die
-Gattinnen spähten zu ihr hin, wie Kinder, die sich hinter
-einer Hecke vorm Gewittersturm gedeckt haben, nach
-nassen Leuten gucken. Von auswärts erhielt Christiane
-allerhand Briefe, Zirkulare und Agitationspapiere, und
-sogar die dicke Hamburgerin schrieb ihr &ndash; es war klar,
-daß man jetzt in ihr die größte Stütze der Frauensache in
-Crivenwalde erwartete, die noch weit über Fräulein
-Gusti ging. Sie sollte sogar einen Vortrag halten.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a>
-Lächelnd schob Christiane alles beiseite. Warum die
-Leute nur so taten? Sie erstrebte doch nichts anderes,
-als eine Tat für sich, die Crivenwalder ging die gar
-nichts an und die Frauenrechtlerinnen der ganzen Welt
-auch nichts. Sie suchte doch nichts anderes, als ein Leben,
-das dem Geliebten gleichwertig war, wollte nicht
-in der Enge, in der Kleinstadt, im kleinen Lehrerinnendasein
-verstauben, während er am Werke war
-&ndash; sie wollte adlig Blut in adligem starkem Tun zeigen,
-wie er.</p>
-
-<p>Sie wollte Mensch sein, wie er, und &ndash; schaffen.</p>
-
-<p>Kraus war der Weg und oft verkehrt! O, dieses
-einsame Lernen an den eisern eingezäunten Erziehungsgärten
-der Männer vorüber. Sie guckte den Crivenwalder
-Schulbuben neidisch nach und war doch wiederum froh
-darüber, daß man sie nicht in diesen Zwangsweg des
-Durchschnittslernens pressen konnte! Sie kam in Freundschaft
-mit einem Primaner, einem Neffen des Herrn
-Müller, der sie erst argwöhnisch in der Anstalt Schellenbaum
-besuchte und dann ein guter Kamerad, ein unverzagter
-Mitreißer, ein bißchen Freund und ein ganz klein
-wenig Verehrer wurde.</p>
-
-<p>Fort damit! Er verschwand bald wieder aus ihrem
-Leben!</p>
-
-<p>Und so kam nach guten zwei Jahren, nach durchwachten
-Nächten und mancher hoffnungslosen Stunde der
-Morgen, an dem sie das Crivenwalder Gymnasium zum
-&rsaquo;Mündlichen&lsaquo; betrat. Am Abend vorher schaute sie zufällig
-durchs Fenster auf die See, und plötzlich war ihr
-eingefallen, daß sie schon lange nicht mehr spät abends
-<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a>
-am Strand unter Lindenduft gewandelt war &ndash; sie hatte
-es ganz vergessen.</p>
-
-<p>Außer ihr machte noch ein junger Volksschullehrer
-und ein junger Drogenhändler (Theissen und Wolters in
-Crivenwalde) das Examen. Sie guckten sich an, wie
-Tiere, die in denselben Käfig gelassen worden und sich
-gegenseitig keinen Vorteil zu gönnen gesinnt sind, und
-auf die schwarzen Examenherren wie auf die Bändiger
-mit der Peitsche.</p>
-
-<p>Sie schnappten jede Frage, die ihnen hingeworfen
-wurde, mit einer Gier auf, wie sie die durchs Durchschnittlernen
-Gegangenen nicht kennen.</p>
-
-<p>Die Herren wurden aber befriedigt.</p>
-
-<p>Alle drei bestanden. Der Drogenhändler und der
-Volksschullehrer kneipten die Nacht durch, Christiane aber
-packte um dieselbe Zeit ihre Sachen und verließ beim
-grauenden Morgen Crivenwalde. Schnee und Eis fiel, es
-stürmte und graupelte. So häßlich war die Stadt schon
-lange nicht mehr gewesen. Die &rsaquo;Erzengel&lsaquo; standen mit
-roten Nasenspitzen auf dem Bahnsteig.</p>
-
-<p>Christiane wußte, daß sie das alles nie mehr wiedersehen
-würde.</p>
-
-<p class="ce mt1 mb1">*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Nun kam Berlin. Christiane wohnte bei einer Majorin
-am Lützowplatz, die mit Jean Paul verwandt zu
-sein behauptete und kein Dienstmädchen behalten konnte.
-Christiane amüsierte sich darüber und suchte mit den Dingen
-fertig zu werden, wie es eben ging. Nie und nimmer
-<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a>
-wäre sie in eine Massenpension gezogen und mit
-einem halben Hundert gleichgültiger Menschen täglich
-zusammen gewesen. Auch hier in der großen Stadt bewahrte
-sie ihr aristokratisches Prinzip auf Kosten ihres
-Menschenstudiums.</p>
-
-<p>Von der Mutter vernahm sie zu dieser Zeit, daß Ludwig
-nach Danzig versetzt worden sei. Sie weilte eben bei
-Cöldts, um den Umzug in die Wege zu leiten, Hardi, die
-arme Frau, war ja so schwach.</p>
-
-<p>Seit jenem Zusammensein war die Verbindung mit
-Ludwig äußerlich geringer geworden, er schrieb seltener
-und nie von sich und seinen politischen Ideen. Sie hörte
-eigentlich nur noch durch die Mutter von ihm.</p>
-
-<p>Jetzt ging sie durch die Berliner Straßen mit dem
-Gefühl wieder freigewordener Kräfte und Gedanken.
-Leise kamen die Stimmungen wieder wie an jenen Abenden
-an der See, sie schaute auch die &rsaquo;eiserne Wehr&lsaquo; wieder an
-und dachte von neuem an jene Verse. &ndash; Warum war
-Ludwig versetzt? War Danzig wirklich ein Fortschritt,
-eine neue Seite seines Werkes? Brauchte man ihn dort,
-wie man ihn in Posen gebraucht hatte? Die Mutter verriet
-nichts darüber und wußte es auch wohl nicht. Oder
-war diese Versetzung eine &ndash; Unterbrechung? Von einer
-Änderung des Ostmarkenkurses war nichts bekannt.</p>
-
-<p>Sie grübelte und fühlte wieder Leichtsinn, Sehnsucht
-und Temperament. Und &ndash; Einsamkeit.</p>
-
-<p>Schließlich lernte sie von den wenigen Damen, die
-zu jener Zeit Vorlesungen hörten, Yse Bernhart genauer
-kennen.</p>
-
-<p>Eigentlich hatte sich Christiane anfangs an Käthe
-<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a>
-Arndt angeschlossen, die dasselbe Ziel wie sie verfolgte
-und die Tochter eines Universitätsprofessors und bekannten
-Frauenrechtlers war. Er hatte viel zugunsten der
-kämpfenden Frauen geschrieben, Angriffe zurückgeschlagen
-und war mit allen bedeutenden Führerinnen freundschaftlich
-liiert. Seine sechs Töchter hatten sämtlich Examen
-gemacht und waren im Lehramt. Nur eine einzige
-war mißraten und hatte geheiratet. Käthes Ziel bestand
-im Oberlehrerinnenexamen, mit dem sie ihre Schwestern
-auf der ganzen Linie schlagen konnte, und sie wütete so
-in die Arbeit hinein, daß sie trotz ihrer Jugend schon
-Nervenmittel nehmen mußte.</p>
-
-<p>Durch Käthe kam Christiane mit Yse Bernhart zusammen,
-die mit ihr in der gleichen Pension wohnte.
-Yse hatte keinerlei Examina hinter sich, und daß sie als
-Gasthörerin zugelassen worden war, verdankte sie nur
-der Empfehlung eines bedeutenden Literarhistorikers,
-der ihre Bücher gelesen hatte. Sie war klein, schmächtig
-und sehr still.</p>
-
-<p>In ihrem Zimmer hing als einziger Schmuck
-Thomas &rsaquo;Sehnsucht&lsaquo;, der nackte Mensch, der vor dem Abgrund
-steht und die Arme nach den weit über ihn wegfliegenden
-Wundervögeln streckt.</p>
-
-<p>Das Bild sagte Christiane viel. Etwas Verwandtes
-berührte sie.</p>
-
-<p>Yse stammte aus einer kleinen westpreußischen Stadt,
-in der ihr Vater Pastor war.</p>
-
-<p>Es war kein Dilettantismus in ihr. Nie hatte sie
-das Leben gesucht, um es zu finden, um etwas zu &rsaquo;erleben&lsaquo;,
-es war zu ihr gekommen, lag von den Vätern her in
-<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a>
-sonderbarer Mischung in ihr drin, es hatte sie getroffen
-und damit zum Schaffen fertig gemacht. Keine Spur
-von Bohème war an ihr, sie rauchte weder Zigaretten,
-noch trug sie Eigenkleider, noch verriet sie irgend welche
-Hinneigung zur freien Liebe. Ein paar bedeutende Menschen
-in Berlin kannten und schätzten sie, luden sie ein und
-empfanden, wer sie war.</p>
-
-<p>Kam sie aber wieder in den Kreis der heimatlichen
-Kleinstadt zurück, so ahnte kein Mensch mehr etwas von
-ihr, und sie brauchte die Leute dort auch nicht. Aber sie
-schuf.</p>
-
-<p>Ihre Geschichten gaben Bilder aus dem Osten, die
-große Fläche, die endlosen Getreidebreiten, die Weichsel
-und Warthe, das Leben in der Stadt Posen, in der
-Wallischei und auf dem &rsaquo;Städtchen&lsaquo;, in der Dominsel,
-der ganze Nationalkonflikt tauchten auf und waren bis
-zum letzten beobachtet. Die ganze Wucht des Weltgeschehens
-stand hinter den Bildern.</p>
-
-<p>Es dauerte eine Weile, ehe es zu einigen Wärmegraden
-zwischen ihr und Christiane kam, denn in ihr lag
-die harte Zurückhaltung der Einsamen und das ganze
-Mißtrauen der Frau gegen die Frau. Dann aber stieg
-das Thermometer langsam bis zu einem guten Punkt,
-bis zu jener naturgezogenen Eisgrenze, die ein Geheimnis
-um jeden Menschen wahrt.</p>
-
-<p>Beide liebten sie die gleiche Heimat und die gleiche
-Freiheit. Sie verachteten Berlin, trotz allem, was es
-ihnen gab, als fürchterliche Beengung des Lebens, als
-offenbare Unkultur. Was als architektonische Schönheit
-galt, kam ihnen arm und zwangvoll vor, was an
-<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a>
-Kunst da war, hatte etwas mühsam Eingefangenes. Sie
-bedauerten die Menschen, die ihr Leben in der Großstadt
-zubringen mußten und ihre Ansprüche danach zumaßen,
-die Kinder, die nie ans volle Licht kamen, die Herzen,
-die nie einen Sommer erlebten.</p>
-
-<p>Sie tasteten an die Welträtsel.</p>
-
-<p>Alle Naturwissenschaft hatte Christiane schon von
-früh an gefesselt, und förmlich gierig horchte sie jetzt auf,
-wenn da und dort ein neuer Vers vom Weltenlied entdeckt
-schien. Sie grübelte selbständig daran herum und
-suchte nach neuen Gesetzen und fand doch immer nur die
-alten, weil sie in ihrer Zeit befangen war wie alle und
-das gleiche eiserne Netz auch über sie gespannt war. Dabei
-fühlte sie, daß im Ganzen für sie immer nur ein
-Stück Handwerk herauskam, ein bedingtes und begrenztes
-Frauenschauen, und daß sie nach dem allen nicht so
-unruhig und verwirrt und durstig geforscht hätte, wenn
-ihr Leben in eine andere Bahn hätte einlenken können.
-Sie suchte dort die Harmonie, die in ihr nicht war, eine
-Lösung, die sie einbezog und ihr Leben gültig machte, und
-fand sie nie und nirgends. Sie stand außer den Dingen.
-Dem ewigen, immer wieder ausholenden Kreise der
-Schöpfung war sie entrückt, sie war weder klein, noch
-groß, sie war übrig.</p>
-
-<p>Yse kannte nur ein Gesetz für Mann und Frau und
-wollte es nicht gelten lassen, daß die Frau innerlich verwuchs
-und verdarb, wenn sie nicht gleich anderen Halmen
-in die Erntekammer kam. Sie kannte und sah in
-allem und jedem Entwickeln und Reifen und fand überall
-einen Sinn. Trotzdem sie die Dinge unverhüllt schaute,
-<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a>
-fühlte sie doch Harmonie im Weltgeschehen und das Dasein
-als ein Glück. Was an Rätseln ringsum starrte,
-was vor Not schrie, was verdarb, was Torso war, Übergang,
-Abriß, Sinnlosigkeit, Brutalität &ndash; alles das zog
-sie in ihre Kunst hinein, und da paßte es, rundete es sich
-und leuchtete fackelgleich und purpurn in die Weltfinsternisse.</p>
-
-<p>Als Christiane eines Tages zu ihr kam, stand sie
-vor einem Papier am Tisch. Darinnen lagen Bücher &ndash;
-es waren sämtlich die gleichen, die gleiche Farbe, derselbe
-Schnitt, derselbe Band. Es war Yses neues Buch.</p>
-
-<p>Sie hob es hoch und sagte ernst und doch voll seltsamen
-Zaubers, mit einem Verrat, der über die Eisgrenze
-glühend hinwegschoß: »Gott ist das Werk&nbsp;&ndash;!«</p>
-
-<p>Christiane fuhr zurück.</p>
-
-<p>Jetzt wußte sie es.</p>
-
-<p>Zwischen ihnen war ein großer, nie zu überbrückender
-Unterschied.</p>
-
-<p>Beide liebten sie das gleiche Land, aber Christiane
-liebte dort einen Mann, und Yse liebte dort ihr Werk.</p>
-
-<p>Yses Leben wäre unter allem, was sie getroffen oder
-getragen hätte, immer wieder auf die eine gleiche Lösung,
-hinausgekommen, aber das ihre hatte sich erst eine suchen
-müssen.</p>
-
-<p>Für Yse war alles Erleben die Saat zum Schaffen,
-und für Christiane gab es nur das nackte Erleben allein,
-und sie war darauf angewiesen.</p>
-
-<p>Zum ersten Mal merkte sie, wie erlösend Kunst sein
-kann. Bisher hatte sie kaum darüber nachgedacht, ja, sie
-hatte sie in ihren exakten Studien fast ein wenig verachtet.
-<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a>
-Ihr schien es, als ob die Menschheit seit Jahrtausenden
-darin im gleichen Trott liefe und aus dem
-Haufen immer die gleichen Lieder kämen.</p>
-
-<p>Aber die Kunst kam dem Weltschaffen am nächsten,
-und auch eine Frau konnte darin seliger werden als im
-reinsten Madonnenglück. Das Höchste und Primitivste
-war in seiner Wirkung gleich.</p>
-
-<p>Was aber für die Frau dazwischen lag, war dürres
-Land, ein Weg mit verstreuten Halmen, die nicht zur
-Ernte kommen. Christiane mußte an eine kleine bucklige
-Studentin denken, die neulich mit ihrer krächzenden
-Stimme gesagt hatte, der große Überschuß an Weiblichkeit
-sei etwas Naturgewolltes, der Vorbote großer, sonderbarer
-Umwälzungen in der Menschheitsentwicklung
-und vor allen Dingen für die Gegenwart ein ungeheurer
-Auftrieb, der die Frauen mit einem Schlage aus den
-Niederungen der Jahrtausende stieße, ob sie wollten oder
-nicht.</p>
-
-<p>Christiane dachte: Ja, so mag es sein. Denn wenn
-ich könnte, wie ich wollte, ich legte die Bücher hin. Ich
-stiege aufs Pferd und ritte mit meinem Liebsten und
-würde dann alles wissen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Sie starrte in ihrer Stube um sich, sah nach der
-&rsaquo;eisernen Wehr&lsaquo; und biß die Zähne zusammen.</p>
-
-<p>Aber es nützte nichts. Sie weinte wie sie, damals
-im Lehrerinnenheim unter dem Glockengeklingel und den
-schleichenden Schritten der Alten geweint hatte.</p>
-
-<p class="ce mt1 mb1">*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a>
-Es kamen noch andere Zeiten für Christiane Dorreyter,
-wo ihre Arbeit sie schärfer nahm und ihr keine
-Minute mehr zum Grübeln ließ. Wo sie froh war, wenn
-sie überhaupt ein paar Stunden zum Ausschlafen fand,
-und ihr Ehrgeiz ihr wieder zuflüsterte: &rsaquo;Den andern
-voran!&lsaquo; Es ist notwendig für ein Gelingen, daß andere
-dabei sind, die das gleiche Ziel verfolgen, nie kommt man
-schneller weiter, als wenn ein Sichmessen dabei ist, ein
-Sieg im Siege!</p>
-
-<p>Das Rhanesche Kapital, das die Mutter seufzend geopfert
-hatte, ging zu Ende. Christiane mußte Stunden
-geben und durch allerhand Aufsätze und Artikel etwas
-dazu verdienen. Langsam kam ein stärkeres Interesse
-für fachpädagogische Dinge über sie, und sie fand auch
-schließlich eine Meinung. Und dann ein Wissen und
-schließlich die Überlegenheit. Man wurde schon auf sie
-aufmerksam, als sie noch auf der Universität war, und sie
-bekam noch vor dem Examen allerhand Anerbietungen,
-denn man riß sich damals in den Städten um die ersten
-jungen Oberlehrerinnen. Sie konnte wählen und suchte
-einen großen Platz, eine berühmt schöne Stadt mit alter
-Kultur, in der sie Gelegenheit zur Weiterbildung fand
-und auch ein wenig Raum, um etwas zu sagen.</p>
-
-<p>In den Jahren schrieb sie ein paar Bücher über
-Mädchenerziehung, die viel beachtet wurden und auch bei
-der langsam einsetzenden preußischen Schulreform nicht
-ganz ohne Einfluß blieben. Sie besuchte Kongresse und
-Versammlungen und war gewohnt, auf das Podium zu
-treten und zu einer respektvoll harrenden, meist weiblich
-pädagogischen Versammlung zu sprechen. Den führenden
-<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a>
-Persönlichkeiten der Frauenbewegung trat sie näher und
-beobachtete mancherlei.</p>
-
-<p>Viele Menschen gingen an ihr vorüber, wenige waren
-farblos und Dutzendware, und wenigen gegenüber blieb
-ihr Wesen stumm. Aber ihr Blut regte sich nicht, und
-wenn einer mehr begehrte, als nur Geistiges, so wandte
-sie sich von ihm ab. Sie schuf sich eine eigene feine Kultur
-und war darin glücklich.</p>
-
-<p>Langsam sah sie alle Dinge ruhiger und reifer an
-und dachte kaum mehr an Ludwig von Cöldt. Was ging
-ein Mann sie an, der ihrer Schwester Ehegatte war und
-nicht mehr nach ihr fragte. Und von dem man nichts mehr
-&ndash; hörte.</p>
-
-<p>Seit einiger Zeit war Ludwig auf seinen Wunsch
-nach Markburg, wo die Mutter noch immer lebte, zurückversetzt
-worden und damit von seinem Ostmarkenwerk,
-vielleicht auch von allem anderen größeren Werk für immer
-geschieden. Damit schien seine Karriere abgeschnitten.
-Sein Name war aus der Polenpolitik gelöscht.</p>
-
-<p>Von Yse hörte Christiane noch dann und wann
-etwas. Sie war mit der Zeit berühmt geworden, schrieb
-aber nicht gern Briefe.</p>
-
-<p>Die Mutter war jetzt stolz auf Christiane und verriet
-immer mehr Sehnsucht nach ihr. Jahr um Jahr
-hatte es ihr keine Unruhe gemacht, die Tochter draußen
-zu wissen, jetzt wo Christiane einen Namen hatte, wo
-Bücher von ihr in den Schaufenstern lagen, empfand sie
-immer größeres Verlangen nach ihr. Und eines Tages
-machte sie den Vorschlag, daß Christiane sich doch um die
-Direktorstelle an der Sophie-Reutterschule daheim in
-<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a>
-Markburg bewerben solle, die vor kurzem erledigt war
-und nach allem Hörensagen von dem Patronat mit einer
-weiblichen Kraft besetzt werden sollte.</p>
-
-<p>Diese Schule hatte Christiane selbst ein paar Jahre
-hindurch besucht. Sie war etwas vor der Stadt in einem
-alten Herrschaftshause untergebracht, das im Volksmund
-das &rsaquo;Reutterschloß&lsaquo; hieß. Die einstige Besitzerin, ein vereinsamtes
-Weib, hatte sich aufgehängt, und in ihrem
-Testament stiftete sie die Anstalt, die immer nur von den
-Töchtern der besten Familien besucht wurde und in ihrem
-Gepräge etwas hatte, das viel mehr an sehr alte Zeiten
-als an moderne Mädchenerziehung mahnte. Die Reutterschülerinnen
-wurden zu sehr vornehmen Haustöchtern und
-verwöhnten Damen erzogen, für den Sturm war keine
-gehärtet, und an Konflikte wurde überhaupt nicht gedacht,
-was für Markburg vielleicht auch nicht nötig war.</p>
-
-<p>Damals. Jetzt&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;? Christiane fand sich dabei,
-wie sie auf einmal nachgrübelte und im &rsaquo;Reutterschloß&lsaquo;
-Ordnung machte und ein neues Wesen schuf. Sie &ndash; als
-Reformatorin in ihrer Heimatstadt, unter allem Bekannten,
-dicht vor Ludwigs Augen&nbsp;&ndash;! Sie als Schulmeisterin
-vor Ludwigs Augen!</p>
-
-<p>Alles in ihr sträubte sich. Es war ihr, als müßte sie
-mit dem, was sie sich in der ganzen schweren Zeit erworben
-hatte, vor ihm verlieren, als müßte sie vor ihm immer
-noch als die scheinen, neben der er damals geritten
-war.</p>
-
-<p>Ach, die Ostmark war für ihn und sie vorbei, und beider
-Wege waren aus den Dickichten herausgebogen, ins
-Bürgerliche und Normale hinein. Als Mitglied der Regierung
-<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a>
-hatte er sogar ein wenig Einfluß auf die
-Reutterschule, was die Mutter in ihrem Vorschlag bereits
-in Betracht gezogen hatte, ja, sie baute darauf, daß
-Christiane die Stelle unbedingt sicher sei!</p>
-
-<p>Aber Christiane bewarb sich nicht. Sie brachte nicht
-all ihr Erlittenes vor seine Augen und richtete sich vor
-ihm und Hardi in einem schmalen Leben ein! Unverzüglich
-schrieb sie der Mutter ab.</p>
-
-<p>Deren Briefe hielten aber die Bitte immer noch aufrecht,
-Tag um Tag und Woche um Woche.</p>
-
-<p>Und es war doch wie ein Stein in Christianens Leben
-gefallen, in dem die Wellen nun unruhig zogen und
-zitterten. Sie sah ihre Existenz an und fand plötzlich
-nicht, daß sie immer so bleiben konnte. Ja, sie merkte,
-daß sie unbewußt doch immer auf ein Später hin gelebt
-hatte, auf etwas, das noch kommen <em class="ge">mußte</em>. Und
-vielleicht fand sich nie wieder so etwas wie diese freie
-Stelle, an der sie herrschen und alles wahrmachen konnte,
-wovon sie in ihren Büchern geschrieben hatte. Sie konnte
-fort. Und vielleicht wollte sie auch fort. Nichts hielt sie.
-Ihr Leben glich einem Zelt, das wieder abgebrochen werden
-konnte, trotz all der Bäume und Blumen, die darum
-gewachsen waren. Sie konnte fort.</p>
-
-<p>Es kam hinzu, daß die Stelle an der Reutterschule
-andauernd unbesetzt blieb, weil sich die Meinungen in der
-Stadt gespalten hatten und sogar das Kollegium und
-zwar sowohl der männliche, wie der weibliche Teil heftig
-gegen die geplante weibliche Oberleitung aufbegehrt
-hatte. Die Zeitungen beschäftigten sich bereits mit der
-Angelegenheit.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a>
-Da lag der Kampf. Das war kein Dutzendwerk,
-keine schnurrende Spule, das war ein Leben voll Überraschungen,
-voll Tat, voller Widerstände und voller Schaffen.
-Das war ein Schaffen, das sich lohnte.</p>
-
-<p>Es kam noch mehr hinzu, Kleines, Kleinliches, Unbehaglichkeiten
-in Christianens jetziger Stellung, die ihr
-nur darum so unerträglich schienen, weil sie jetzt das
-Bessere dicht daneben sah.</p>
-
-<p>Und in einer Stunde und Stimmung, die sie später
-kaum begriff, in der ein unerklärlicher treibender Zwang
-war, schrieb sie an das Patronat der Reutterschule und
-bewarb sich, hinter sich die ganze Unterstützung ihrer
-Schulreformbücher.</p>
-
-<p>So kam sie eines Tages als neuernannte Leiterin
-der Sophie-Reutterschule nach Markburg zurück und wunderte
-sich dort selbst über ihren Sieg.</p>
-
-<p>Vielleicht war es mit maßgebend gewesen, daß man
-die Dienstwohnung verkleinern und ihr weniger Gehalt
-zu zahlen brauchte, als einem männlichen Leiter.</p>
-
-<p class="ce mt1 mb1">*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Der Vorsitzende des Patronats, der Regierungspräsident,
-hatte die Begrüßungsrede für Doktor Christiane
-Dorreyter beendet.</p>
-
-<p>Jetzt kam sie aus der Schar, die sie schwarz und feierlich
-umringt hatte, auf die Rednerbühne der Aula und
-begann langsam und mit klarer Stimme zu sprechen,
-rechts vor sich die unbeweglichen Gesichter der Kollegen
-und Kolleginnen, links die Schar der Gäste aus der
-<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a>
-Stadt und die Patronatsmitglieder. Ludwig von Cöldt
-war auch gekommen.</p>
-
-<p>Sie sprach in diesen ungewissen Wall hinein, in dem
-sie keine Wirkung erkannte und nur die ungeheure Spannung
-ahnte, mit der auf ihre erste Äußerung gewartet
-worden war. Sie gab im ganzen und großlinig ein
-Programm, aus dem deutlich zu entnehmen war, daß
-neuer Wind hindurchgefegt war und nichts Verstaubtes
-geduldet werden sollte. Dann wandte sie sich an das Kollegium,
-das sie an Pflicht, Treue und Können scharf zu
-sich heranriß, und fühlte, daß es in ihrer kühlen Rede angefangen
-hatte zu glühen, wie ein Draht zu glühen anfängt,
-und empfand dieses schnelle, rote Hellwerden
-herrinnenhaft bis zum knappen, festen Schluß in sich, worauf
-sie mit einer leichten Verneigung abtrat.</p>
-
-<p>Der Vorsitzende schüttelte ihr die Hand.</p>
-
-<p>Nun löste sich aus dem noch immer regungslosen
-Kreis der Kollegenschaft ein Fräulein und ging ruckweis
-mit gesenktem Kopf auf den Rednerplatz zu. Sie war
-rund, ohne stark zu sein, klein, aber ohne Zierlichkeit, es
-war, als ob die Natur etwas Nettes aus ihr hätte schaffen
-wollen und es dann beim plumpen Rohwerk hatte
-bewenden lassen. Sie war rothaarig, klein und häßlich,
-aber die Natur hatte ihr eine scharfe Weiberwaffe gegeben,
-die sich in den gallig schrägen Linien um den geschwätzig
-aufgebogenen Mund auch äußerlich kundtat.
-Fräulein Haberkorn warf alle Schulgemeinplätze mit
-autoritativer Lehrerinnensicherheit hin, rührte Frömmeleien
-und spitze Süßigkeiten hinein und gedachte mit
-viel Sentimentalität des verstorbenen Herrn Direktors,
-<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a>
-worauf sie die neue Leiterin im Namen des Lehrerinnenkollegiums
-begrüßte.</p>
-
-<p>Die Köpfe hoben sich, die Gesichter wurden klarer.
-Man war wieder auf festem Boden und verstand.</p>
-
-<p>Jetzt trat Professor Diermann vor. Er war alt,
-etwas vernachlässigt, und hatte einen Begasbart und
-scheue Augen. Er versprach sich mehrmals, stotterte und
-eilte dann mit Energie seinem Ziele, dem Hoch auf den
-Landesherrn, zu.</p>
-
-<p>Danach sang der Schülerinnenchor der Anstalt sechsstimmig
-einen Choral. Die Mädchenstimmen waren
-übermäßig hoch, aber sehr rein.</p>
-
-<p>Christiane Dorreyter hatte in ihrem Leben schon
-viele Choräle bei ähnlicher Veranlassung gehört, und
-sicherlich hatte sie auch dabei gesessen, wie die meisten hier:
-korrekt, zerstreut und gleichgültig. Jetzt aber stieg aus dem
-heimlichen Aufruhr ihrer Seele ein Brausen; Erinnerungen
-erhoben sich wie schwergeflügelte, dunkle
-Vögel. Alle Einsamkeiten und alle Not zitterten wieder
-in ihrer Seele, alles Mühselige und Götterlose ihres
-Lebens hob sein Haupt. Jahre und Jahre waren schwer
-wieder da. &rsaquo;Der dich auf Adlersflügeln sicher geleitet&nbsp;&ndash;&lsaquo;</p>
-
-<p>Sie fühlte auf einmal Adlergewalt in ihrem Leben.</p>
-
-<p>Die Feier löste sich auf. Christiane mußte die Gäste
-auf einem Rundgang durch das alte Haus begleiten. Es
-war äußerlich von sehr reiner, strenger Form, innerlich
-aber herrschten manchmal Schatten und Dunkelheit. Das
-Haus hatte sich noch nicht ganz seinem Zweck gemäß geformt,
-überall sah das Ursprüngliche heraus, die Herrschaftlichkeit.
-Es paßt zu mir, dachte Christiane.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a>
-Die Damen der Patronatsmitglieder, Frau Geheimrat
-Meckebier, Frau Landesrat Colb und Frau Kommerzienrat
-Reimann trappten mit rauschenden Kleidern
-eifrig voraus, um die Spuren der Neuen aufzufinden,
-denn sie kannten das Haus von vielen Kränzchentagen
-bei der Gattin des früheren Direktors.</p>
-
-<p>Ganz oben im Zeichensaal waren Blätter ausgelegt,
-und hier tat die Oberlehrerin, Fräulein Haberkorn, sich
-groß: »Alles seit Ostern gemacht, im letzten Vierteljahr!«
-Denn so lange war die Direktorstelle unbesetzt geblieben.
-Der Kommerzienrat Reimann fragte Christiane mit
-schlecht verdecktem Mißtrauen, ob sie sich diese Methode
-auch zu beherrschen getraue, und sie sagte ihm kühl, klar
-und nicht gerade behutsam, daß man &rsaquo;draußen&lsaquo; schon
-eine Weile anders arbeite, worauf er schnell von ihrer
-Seite verschwand.</p>
-
-<p>Neugierig spähten die kleinstädtischen Frauen zu
-ihr hin. So eine Toilette trug keine der hiesigen Damen.
-Wie kam die dazu? Wollte die das immer so machen?
-Als sie das Rednerpult bestieg, war das Rauschen durch
-den ganzen Saal gegangen, und alle hatten sie angeblickt.</p>
-
-<p>Gott, wer war sie denn! Man kannte doch die Verhältnisse
-und hatte von den Männern her ihre Papiere
-in der Hand gehabt. Es gab kein anderes Fräulein Doktor
-in der Stadt, aber man legte weiter kein Gewicht
-darauf.</p>
-
-<p>Im Amtszimmer standen mehr Bücher, als beim
-guten alten Herrn. Auf dem Schreibtisch lagen Stöße
-von Plänen, Heften und Entwürfen, mit denen sich die
-<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a>
-Neue wohl wichtig machen wollte! Fräulein Haberkorn,
-die der Tochter der Frau Meckebier Privatstunde gab,
-hatte schon davon erzählt. Der Buchhändler in der
-Rädelgasse hatte die Bücher des Fräulein Doktor besorgt
-und ausgestellt. Natürlich kaufte sie kein Mensch.</p>
-
-<p>Die Frau Landesrat und die Kommerzienrätin
-flüsterten. Sie schoben sich würdevoll vor und sprachen
-für die arme Wehrendorf. Ja, sie hatten doch einen
-modernen Frauenverein, und die gute Frau von Cöldt
-hatte sie gebeten, ein Wort für die Wehrendorf einzulegen,
-die endlich eine feste Stelle haben mußte. Sie war
-so sehr darauf angewiesen, und deshalb war es ja Menschenpflicht&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Menschenpflicht, dachte Christiane Dorreyter.</p>
-
-<p>Sie wußte genau, daß diese Damen, die einen modernen
-Frauenverein hatten, sie im Herzensgrunde verachteten.
-Sie und die arme Wehrendorf.</p>
-
-<p>Sie antwortete mit leichter Ironie. Die Patronatsdamen
-wanderten weiter und ließen nicht einen Winkel
-undurchspäht.</p>
-
-<p>Dann wurde es endlich stiller. Türen dröhnten, die
-Stimme der Haberkorn scholl noch einmal echokräftig
-heraus. Die Damen verabschiedeten sich, nachdem sie die
-kleine Wehrendorf dem Fräulein Doktor noch einmal
-dringend ans Herz gelegt hatten.</p>
-
-<p>Es war still.</p>
-
-<p>Da kam Ludwig von Cöldt. Christiane hörte seinen
-Schritt schon von weitem.</p>
-
-<p>Sie sahen sich an.</p>
-
-<p>Er gab ihr die Hand, dann schaute er lange auf die
-<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a>
-&rsaquo;eiserne Wehr&lsaquo; über dem Arbeitstisch. Sein Blick glitt
-in ihr Gesicht. Sie hob die Augen, und eine Sekunde
-standen sie und verstanden sich wieder im Geringsten, ohne
-Wort.</p>
-
-<p>»Du gibst mir Relief,« sagte sie dann mit leichter
-Ironie. »Wenn die Vorstandsdamen gnädig zu mir gewesen
-sind, so verdanke ich das der Tatsache, daß ich einen
-Schwager hier habe. Ich bin höchstens dreimal auf
-meinen Doktor, mindestens dreißigmal aber auf den Regierungsrat
-von Cöldt angeredet worden.«</p>
-
-<p>Seine Wimpern zuckten. Er sah eine Sekunde vor
-sich hin.</p>
-
-<p>»Du wirst dir deinen Platz schon schaffen,« sprach er
-dann.</p>
-
-<p>»O ja,« sagte sie, »das werde ich.«</p>
-
-<p>Sein Gesicht behielt den gleichen geschlossenen, etwas
-resignierten Ernst. Sie sah, daß er sich sehr verändert
-hatte.</p>
-
-<p>Sekundenlang durchrann sie eine furchtbare Machtlosigkeit,
-sekundenlang brauste ihr Wille wieder räuberisch
-zum Stehlen und Genießen hin.</p>
-
-<p>Tief unten war sie in aller ihrer Würde.</p>
-
-<p>Ihre Hände zitterten. Ihre Blicke streiften das Bild.
-Sie biß die Zähne zusammen. Eiserne Wehr, dachte sie,
-eiserne &ndash; Wehr&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Er sah auf die Bücher, die sie in strengen Reihen
-umgaben. Durch sein Gehirn liefen blitzartig die Vorstellungen
-von den Lebenserkenntnissen, die sie sich errungen
-hatte.</p>
-
-<p>»Du bist Naturwissenschaftlerin,« sagte er.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a>
-Ihre düsteren grauen Augen wurden langsam heller.</p>
-
-<p>»Meiner innersten Meinung nach, ja,« sprach sie.
-»Ich kann dir aber noch einige andere Dinge vorzeigen,«
-setzte sie ironisch hinzu.</p>
-
-<p>Er zuckte nur die Achseln. Wieder fuhr sein Blick
-durch den Raum. Halb unbewußt suchte er darin nach
-Zeichen aus den zehn fremden Jahren.</p>
-
-<p>Seine Ruhe fing an ihre Flügel zu lockern.</p>
-
-<p>Er begann nach diesem und jenem zu fragen. Ihm
-gegenübersitzend, etwas in sich versonnen, wich sie aus.
-»Das läßt sich so schnell nicht hersagen, Ludwig. Es war
-alles sehr kraus. Ich war immer &ndash; Outsider.«</p>
-
-<p>Sein Blick brannte, ohne daß er's wußte, eifersüchtig
-auf.</p>
-
-<p>»Outsider,« murmelte er.</p>
-
-<p>Er sann vor sich hin.</p>
-
-<p>Zehn Jahre.</p>
-
-<p>Christiane blickte nach der &rsaquo;eisernen Wehr&lsaquo;. Es
-zitterte leise in ihr.</p>
-
-<p>Plötzlich bog er sich ihr zu.</p>
-
-<p>»Ich möchte dir mein Mädel bringen, Christiane.«</p>
-
-<p>Sie fuhr zurück.</p>
-
-<p>»Mein Mädel,« sagte er mit etwas flimmernden Augen,
-»unsere kleine Hanni&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Ihre Lippen zwangen sich. »Wie alt ist sie doch&nbsp;&ndash;?«</p>
-
-<p>»Neun Jahre.«</p>
-
-<p>Sein Auge hing an ihr.</p>
-
-<p>»Du sahst sie noch niemals?«</p>
-
-<p>»Noch niemals,« sagte sie. Sie dachte wieder: Als
-ich fort war&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a>
-Jetzt fühlte sie die &ndash; zehn Jahre.</p>
-
-<p>»Sie ist groß,« sagte er, langsam vor sich hin erzählend,
-während die Veränderung seines Gesichtes blieb,
-»und sehr kräftig. Nur geistig schreitet sie nicht recht
-fort. Aber das Fräulein hat nichts getaugt, ihm ist gekündigt.«</p>
-
-<p>Christiane fragte: »Wie heißt sie?«</p>
-
-<p>»Das Fräulein? Die kleine Wehrendorf.«</p>
-
-<p>Sie nickte.</p>
-
-<p>Dabei wurde es freier in ihr. Sie richtete sich auf.</p>
-
-<p>»Das Fräulein werde ich mir mal angucken, Ludwig.«</p>
-
-<p>»Wie du willst,« sagte er gleichgültig, »es ist aber
-nicht viel an ihr dran. Ein Weibtorso. Nirgends beschenkt.«</p>
-
-<p>Sie kannte Ludwig. Ein feines Lächeln verzog ihren
-Mund.</p>
-
-<p>Das reizte ihn.</p>
-
-<p>»Wann kommst du zu uns? Wir erwarteten dich
-schon gestern.«</p>
-
-<p>»Vorgestern kam ich an. Da war ich in Frankfurt
-eben fertig. Ich komme aus einer Arbeit in die andere,
-Ludwig.«</p>
-
-<p>»Ja, ja. Aber wir&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Sie sah ihn an.</p>
-
-<p>In seinen Augen wurde ein verschollenes Geflimmer
-wach. Er wurde wieder jünger.</p>
-
-<p>»Aber &ndash; ich&nbsp;&ndash;« sagte er.</p>
-
-<p>»Ich komme, Ludwig. Vielleicht heute abend noch.
-Wie geht es Hardi? Sie schrieb so selten.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a>
-»Dir schrieb sie selten,« sagte er.</p>
-
-<p>Sie schaute ihn mit großen Augen an.</p>
-
-<p>Dabei schlich wieder eine heiße, heimliche Welle von
-einem zum anderen. Sie wurden still.</p>
-
-<p>Über ihnen hing in strenger Wacht die &rsaquo;eiserne
-Wehr&lsaquo;.</p>
-
-<p>»Ich komme heute abend zu euch,« sagte sie.</p>
-
-<p>Sie gaben sich die Hand und empfanden wieder den
-uralten Einklang ihres Blutes und die geistige Zusammengehörigkeit.</p>
-
-<p>»Ich komme, Ludwig.«</p>
-
-<p class="ce mt1 mb1">*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Als Christiane allein war, warf sie den Kopf zurück.
-War sie unwissentlich an einen alten Strudel geraten?
-War es <em class="ge">das</em> gewesen, was sie heimlich zurückgeleitet
-hatte, nichts als &ndash; das&nbsp;&ndash;? Waren noch unerhörte Möglichkeiten,
-unerhörtes Begehren in ihr, wollte sie noch
-immer ein &ndash; Abenteuer&nbsp;&ndash;?</p>
-
-<p>Sie sah wieder die gelben Felder der maiheißen
-Straßen, die Mühlen, hörte das Traben der Pferde und
-ritt wieder neben ihm wie einst.</p>
-
-<p>Nein, das war vorbei.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Am späten Nachmittag ging sie fort. Vor dem Hause
-warf sie noch einen Blick zurück. Wie gut es aussah, gar
-nicht schulmäßig!</p>
-
-<p>Dann kam sie in die Stadt. Seit hundert und mehr
-Jahren war kein bedeutender Künstler in ihr gewesen,
-was an guten Bauwerken da war, hatte ein graues Alter
-<a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a>
-und war teilweis im Abbruch. Was neu war, war handwerkerlich,
-was eben wurde, war es noch mehr. Ziemlich
-im ältesten Teil der Stadt lag das ehemalige Cistercienserkloster,
-das nun Regierungsgebäude und mit der
-Geschichte der Stadt und der Provinz eng verknüpft war.
-Viele preußische Könige hatten darin geweilt, von Friedrich
-dem Großen erzählte man sich ganze Legenden, und
-Blücher sollte sich an seinen Steinstufen den Säbel gewetzt
-haben. Vor hundert Jahren war der Klostergraben mit
-Gefallenen bis zum Rand gefüllt gewesen.</p>
-
-<p>Bald hinter dem Kloster begannen die Anlagen, die
-in den Stadtpark ausliefen. Hier waren die Kindermädchen
-mit den Babies, hier passierten die Damen,
-wenn sie von ihren Kränzchen kamen, hier trieben die
-Backfische und Jünglinge ihren grünen Flirt. Es gab
-auch abgelegenere Gegenden darin, Winkel, in denen geküßt
-wurde. Ein paar Sportplätze begrenzten den Park,
-der gute Baumbestände und die Schönheit solcher kleinstädtischer
-Anlagen hatte.</p>
-
-<p>Christiane eilte rasch hindurch. Schon als Kind
-hatte sie ihn nicht gemocht, wie alles, was Massenfreude
-war.</p>
-
-<p>Draußen hinter dem Krähenteich, an dem sich die
-Pensionäre der Stadt mit Angeln zu unterhalten pflegten,
-begann der Wald.</p>
-
-<p>Die Markburger machten sich nichts aus ihm. Sie
-hatten ihre Vereine und Kaffeekränzchen. Nur ein paar
-schulmeisterliche Naturheilapostel oder ein paar Brunnentrinker
-kannten seine Wege. Übrigens war er nicht
-mehr städtisches Gebiet, sondern gehörte den &ndash; Rhanes.
-<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a>
-Weiter oben, hinter dem Forsthaus, konnte man das
-Schloß bei klarem Wetter wie ein blasses Schattenbild
-am Himmel sehen.</p>
-
-<p>Christiane schaute auf die Stadt zurück. Eine rechte
-Heimat war sie ihr nicht, denn als Soldatentochter war
-sie kreuz und quer durch Deutschland gezogen und hatte
-überall ein Stücklein Kindererinnerung gelassen.</p>
-
-<p>Bald kam der Weg, den Christiane besonders liebte.
-Als eine schmale, leicht steigende Allee zog er sich, von
-starken Tannen eingefaßt, dahin, und hinter ihm stand
-der Wald mit Eichen und Buchen. Der Boden war mit
-roten, vorjährigen Blättern überstreut. Das Laub war
-noch voll und unversehrt, aber schon über manche Sommerglut
-hinaus.</p>
-
-<p>Christiane blieb stehen. Ein Rollen zog durch die
-Wipfel &ndash; das war Donner. Das frühe Dämmern eines
-Waldgewitters senkte sich, die Schwüle verstärkte sich &ndash;
-dicht über den Wipfeln schien es zu stehen! Da zuckte es
-&ndash; wieder ein Zucken, wieder ein Donner &ndash; es war da!</p>
-
-<p>Christianens Herz jauchzte auf. Traumhaft starrte
-sie in das schöne Waldabenteuer, das ihr allein gehörte.
-Kein Mensch, keine Stimme, kein Knistern. Kein Vogel
-rührte sich. Und doch war das Leben nie stärker, leidenschaftlicher
-und jauchzender, als wenn es so flammte und
-schlug! Wie die Feuer zogen und zuckten, da um den Wipfel
-einer Riesenbuche tanzten, dort an den Stämmen hinabliefen,
-da einen fernen Grund bläulich erhellten &ndash; wie sie
-sich unerbittlich kreuzten wie Degen und fauchend über
-dem Wald zusammenschlugen &ndash; das war schön! Irgend
-etwas in Christianens Seele war dabei, tat mit.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a>
-Ein paar große Tropfen sprangen durch die Äste
-und verrollten im Staub. Es donnerte wieder, aber schon
-ferner, es lohte von neuem, aber schon schwächer. Es
-wurde still. Die Vögel rührten sich wieder, huschten durch
-das Unterholz, rannten über den Weg. Irgend ein Gelächter
-scholl durch den Wald. An den Blättern blitzten
-die Tropfen, darüber kam die Sonne heraus.</p>
-
-<p>Als Christiane aus dem Walde trat, lag schon sanfte
-Abendruhe über den Feldern. Ein Bahnzug fuhr sacht
-dahin, die Streckenlichter blinkten. Das Sonnenrot verging.</p>
-
-<p>Sie fand die Villenkolonie und Ludwigs Haus.</p>
-
-<p>Ein kleiner Garten mit vielen dichten Büschen zog
-sich rings herum, man mußte in ihn hinein und kam von
-rückwärts ins Haus. Christiane wurde in ein großes
-Zimmer geführt und erkannte den Salon aus Posen
-wieder. Nichts war daran verändert.</p>
-
-<p>Jetzt kam Ludwig schon.</p>
-
-<p>»Hardi&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;?« fragte sie.</p>
-
-<p>»Sie läßt noch um einen Augenblick Geduld bitten,«
-erwiderte er, »bis jetzt hat sie gelegen. Jedes Gewitter
-quält sie furchtbar. &ndash; Bitte, hier.«</p>
-
-<p>Er führte sie in sein Zimmer.</p>
-
-<p>Sie sah mit jäher Aufmerksamkeit umher, entdeckte
-ein schönes Stück Kopenhagner, einen Liebermann an
-der Wand, gewahrte die Papiere und Akten auf dem
-Schreibtisch und dann Bücher &ndash; ja &ndash; Bücher!</p>
-
-<p>Rasch trat sie vor die Eichenschränke und sah die
-Reihen auf und ab. Er stand hinter ihr. Plötzlich gewahrte
-sie das alte Bändchen Mereschkowski und spähte
-<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a>
-aus, ob ihr nicht da und dort wieder sein eigener Name
-entgegenspringen würde. Aber sie sah ihn nicht. Ihr
-Blick glitt schließlich unruhig ab.</p>
-
-<p>Er hatte die Tür zum Gang geöffnet.</p>
-
-<p>»Hanni!«</p>
-
-<p>Jetzt kam sein Kind und knickste scheu.</p>
-
-<p>Christiane merkte, daß es in ihr weniger die Verwandte,
-als die Erzieherin sah. Hanni war weder dem
-Vater noch der Mutter ähnlich, sondern mußte ihren
-Typ wohl von irgend welchen längst verschollenen Vorfahren
-geliehen haben. Es war kein angenehmer Typ.
-Das spröde, blonde Haar hing strähnig um das schmale,
-feste, unkindlich herbe Gesicht, der Blick der Augen war
-eng und kalt, und ebenso eng und kalt fielen die spärlichen
-Antworten; der Widerstand der kleinen Schultern,
-auf die Christiane ihre Hand gelegt hatte, war unmerklich
-eisenstark.</p>
-
-<p>Christiane sah betroffen auf und gewahrte, daß Ludwig
-sich abwandte. Er sah nach seinen Büchern hin.</p>
-
-<p>Jetzt pochte das Mädchen und meldete, daß die gnädige
-Frau zu sprechen sei.</p>
-
-<p>Ludwig führte Christiane die Treppe hinab zu Hardi.
-Dieses Zimmer kannte sie noch nicht. Die Möbel waren
-weich und hell und mit Rücksicht auf viel Liegen und viel
-Bequemlichkeit aufgestellt. Ein Rollstuhl fehlte nicht.
-Alles war wie im Krankenzimmer. Keine Blume, kein
-Buch.</p>
-
-<p>Hardi lag in einem dünnen, lilafarbenen Gewand
-auf dem Ruhebett und hob sich nur schwach, mit zwinkernden
-Lidern.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a>
-»Du&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;« sagte sie.</p>
-
-<p>Ihr kleines Gesicht zeigte noch immer die merkwürdige
-Mischung von Pikantem und Sentimentalem. Sie
-sah gut aus, großäugig, fast schmachtend, und doch war
-etwas von leisem Welken an ihr, vom frühen Vergehen
-der blassen, gelblichen Resedablüten, wenn sie geschnitten
-sind. Sie maß die Schwester eine Weile und ließ dann
-davon ab. Ihre Augen irrten zu Ludwig hin, senkten
-sich aber gleich wieder.</p>
-
-<p>»Daß du dich hergewagt hast,« sagte sie halblaut,
-wie erstaunt.</p>
-
-<p>»Weshalb&nbsp;&ndash;?«</p>
-
-<p>»Weil doch ein Gewitter war.«</p>
-
-<p>»Ich war dabei im Walde.«</p>
-
-<p>Hardi zuckte und warf wieder einen Blick auf ihren
-Mann. Scheu zog sie ihn wieder weg, lachte kurz auf
-und sagte: »Na&nbsp;.. ja &ndash; du&nbsp;... Wenn ich wie du
-wäre, könnt ich's vielleicht auch&nbsp;.... Aber ich bin's
-nicht! &ndash;&nbsp;&ndash; Christiane, weißt du noch, wie wir früher
-drüben am Krähenteich die Angler ärgerten? Ja, das
-waren schöne Zeiten. Dann kam ich zur Schmöckler&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Ihr Gesicht bekam einen finsteren Ausdruck. Die
-Nähe ihres Mannes schien sie zu bedrücken.</p>
-
-<p>Er stand schweigend auf und ging.</p>
-
-<p>Sie horchte ihm eine Weile nach. Dann legte sie
-den Kopf auf die Kissen. Ihre Haltung wurde allmählich
-entspannter, gelöster. Nur im Gesicht zuckte noch die
-Unruhe.</p>
-
-<p>»Ja, das waren schöne Zeiten&nbsp;... Auch bei der
-Schmöckler noch&nbsp;... anfangs. Und dann, als die Mutter
-<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a>
-mich so verwöhnte. Wie gut hab ich's da gehabt. Und
-da &ndash; da mußte ich das tun&nbsp;&ndash;« sie richtete sich wieder
-auf und sah nach Christiane hin. »Was weißt du davon,«
-sagte sie verächtlich, »was ich gelitten habe!«</p>
-
-<p>»Gelitten,« sagte Christiane leise.</p>
-
-<p>»Ja, ja! &ndash;&nbsp;&ndash; Und dann erst. Dann &ndash; als ich &ndash;
-allein war.«</p>
-
-<p>Sie sah Christiane finster an.</p>
-
-<p>»Als ich allein war!«</p>
-
-<p>Christiane schwieg.</p>
-
-<p>Es war eine Pause.</p>
-
-<p>Hardi atmete rasch. Qualvoll vernahm Christiane
-diesen raschelnden, schlürfenden Atem.</p>
-
-<p>Sie ist doch wirklich krank, dachte sie.</p>
-
-<p>»Als du abgereist warst,« begann die junge Frau
-langsam wieder, »vorher hatte ich ihn nicht haben wollen
-&ndash; jetzt hatte ich ihn nicht mehr. Und zurück konnte ich
-doch nicht. Ich hab daran gedacht. Ich hab mir den
-Kopf zergrübelt. Brief auf Briefe hab ich der Mutter
-geschrieben &ndash; die hat sie dann alle verbrennen müssen.
-Aber zurück konnte ich doch nicht. Ich war doch einmal
-bei ihm. Er hatte doch nun einmal meine Jugend bekommen.
-Und da&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;« ihre Stimme wurde ganz
-heiser, »da &ndash; gab ich ihm das Kind. Ja, das tat ich aus
-freiem Willen. Ich gab es ihm. Und damit habe ich
-ihm den Rest meines Lebens gegeben &ndash; seitdem wird es
-nichts mehr mit mir. Kuren über Kuren habe ich gebraucht,
-bei so viel Ärzten sind wir gewesen &ndash; es hat
-alles nichts mehr genützt. Zuletzt mußte er sich von
-Posen weg versetzen lassen. Aber auch in Danzig konnte
-<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a>
-ich die Luft nicht vertragen, es ging und ging nicht &ndash;
-da mußte ich hierher. Zur Mutter. Hier geht es wenigstens&nbsp;...«</p>
-
-<p>Christiane schaute sie an.</p>
-
-<p>»Und &ndash; er&nbsp;&ndash;?«</p>
-
-<p>»Wer?«</p>
-
-<p>»Ludwig.«</p>
-
-<p>Hardi lachte kurz auf.</p>
-
-<p>»Was denn&nbsp;&ndash;? Es geht ihm hier ganz gut. Es
-gibt genug andere, die sich in der häßlichen Polakei die
-Zähne ausbeißen können. Und auf etwas anderes kommt
-es doch nicht heraus. &ndash; 's&nbsp;ist doch kein Ziel dabei. Die
-Polen verteidigen nur ihr Recht und ihre Heimat. Das
-tut jeder Mensch, ich auch. Höre Christiane&nbsp;... störe
-mich nicht darin &ndash;&nbsp;&ndash; rege mich nicht auf&nbsp;... du weißt&nbsp;...
-du weißt doch genug&nbsp;...«</p>
-
-<p>Sie brach in Schluchzen aus.</p>
-
-<p>»Laß mich doch nur. Ich will Ruhe haben&nbsp;... bloß
-Ruhe haben, nichts weiter. Was verstehst du denn davon&nbsp;...
-Ich bin ganz verbraucht.«</p>
-
-<p>Das Mädchen trat ein und gab ihr wieder Morphium.</p>
-
-<p>Hardi weinte noch eine Weile, dann wurde sie stiller.
-Zuletzt sah sie versöhnt zu Christiane auf.</p>
-
-<p>»Es war das Gewitter,« sagte sie.</p>
-
-<p>Das Mädchen brachte sie zu Bett, Hardi schlief ganz
-allein.</p>
-
-<p>Christiane nahm kurzen hastigen Abschied von Ludwig.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a>
-Als sie durch den Garten ging, hörte sie das stuckernde,
-ungelenke Klavierspiel des Kindes.</p>
-
-<p class="ce mt1 mb1">*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Heute waren die Damen der Sophie-Reutterschule
-fast alle eine Viertelstunde eher gekommen.</p>
-
-<p>Eben trat die Oberlehrerin, Fräulein Haberkorn, in
-das Lehrerinnenzimmer, und die Unterhaltung verstummte
-im Augenblick.</p>
-
-<p>Das Fräulein war das gewohnt. Es kannte seine
-Kolleginnen, wie die es kannten.</p>
-
-<p>Sie konnte sie alle nicht leiden, aber am wenigsten
-die, die gut aussahen. Halb toll konnte es sie innerlich
-machen, wenn eine eine besonders schöne Bluse oder
-hübsche Schleife angesteckt hatte. Dann suchte und suchte
-sie unbewußt, bis sie eine Gelegenheit gefunden hatte,
-um sie zu ärgern. Sie hatte schon junge Damen aus der
-Schule herausgebracht, weil sie ihre Erscheinung nicht
-vertrug. Beim alten Direktor war sie neben Professor
-Diermann allmächtig gewesen.</p>
-
-<p>Die klugen jungen Lehrerinnen verfehlten daher
-nicht, sie auch in bezug auf Toilettesachen um ihren Rat
-zu fragen. Dann wurde sie am ehesten mit einem neuen
-Kleide versöhnt.</p>
-
-<p>Fräulein Haberkorn war mutterlos aufgewachsen,
-vom Vater früh ins Seminar gesteckt worden und
-hatte dann das Wanderleben gehabt, das viele Lehrerinnen
-durchmachen. Aber niemals war ihr etwas Freundliches
-begegnet. Kein bißchen Liebe war über sie hingegangen,
-<a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a>
-keiner hatte sie gestreichelt, keiner geküßt, keinem
-Menschen war sie zum Leben nötig gewesen. Sie
-war in der Welt übrig.</p>
-
-<p>Ihr ganzer Ehrgeiz hatte sich auf ihre Laufbahn gerichtet,
-und sie war schließlich, ohne besondere Examina,
-so weit nach oben gekommen, wie sie es in der kleinen
-Stadt konnte. Und nun übte sie einen ständigen Druck
-auf die aus, die nach ihrer Meinung mehr hatten,
-als sie.</p>
-
-<p>Es gab welche, die sich nichts aus ihrer Ungnade
-machten.</p>
-
-<p>Da war die blonde Mai Friedlein.</p>
-
-<p>Sie kam erst nach der Oberlehrerin mit einem leisen
-Rauschen und der ganzen köstlichen Frische ihrer
-rosenroten Schönheit herein. Es hieß, sie sei schon dreißig
-Jahre, aber genau konnte man es nicht nachrechnen.</p>
-
-<p>Ihr hatte man es nicht an der Wiege gesungen, daß
-sie Schulmeisterin werden würde. Es kam erst mit dem
-Krach. Ihr Vater war Direktor einer großen schlesischen
-Aktiengesellschaft gewesen &ndash; jetzt lag er schwerkrank
-in einem kleinen Nest in der Nähe und hatte eine
-Agentur. Mai war damals verlobt gewesen. Ihr Bräutigam
-war aber mit dem Krach verstrickt und ging nach
-Amerika. Von dort schickte er noch ein paar Gedichte.
-Sonst nichts mehr.</p>
-
-<p>Mai hoffte noch immer auf eine gute Partie.</p>
-
-<p>Die Lehrerin Dorette Jong war ihre vertraute
-Freundin und Beschützerin und eine zähe Gegnerin der
-Haberkorn. Sie war dünn und ein bißchen verbräunt,
-so daß man den Eindruck hatte, als ob sie an einem
-<a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a>
-langen und sehr heißen Sommertag draußen vergessen
-worden sei. Indessen wirkte sie nicht unangenehm. Um
-ihre dunklen Finkenaugen hockten Lachfältchen.</p>
-
-<p>Ihre Nachbarin Fräulein Seifert war sehr dick und
-groß, aber von einer unangenehmen, klebrigen Art. Sie
-war sehr musterhaft und vortrefflich, und ihre besondere
-Eigenheit war, daß sie niemals fror oder schwitzte. Diese
-physiologische Merkwürdigkeit pflegte sie den jungen Anfängerinnen
-und den Schülerinnen fortwährend zur Nachahmung
-zu empfehlen.</p>
-
-<p>Jetzt huschten ihre schlauen Blicke ihrer Freundin
-Haberkorn entgegen, gespannt, was die als Morgengruß
-sagen würde. Die Laune der Oberlehrerin war immer
-zunächst davon abhängig, wie sie in der Nacht geschlafen
-hatte, heute aber fegte wohl noch etwas anderes darein,
-denn es war der erste Amtstag des Fräulein Doktors.</p>
-
-<p>Sie wußte genau, weshalb alle sie so anguckten, und
-lächelte süß.</p>
-
-<p>Huldreich nickte sie zwei kleinen Praktikantinnen
-entgegen, die sich bescheiden in der Ecke hielten, aber doch
-aufmerksam und heimlich quietschvergnügt beobachteten.
-Sie hießen &rsaquo;die Kanarienvögel&lsaquo;.</p>
-
-<p>»Wie frisch Sie aussehen! &ndash;&nbsp;&ndash; Ja, ja &ndash; die Jugend&nbsp;&ndash;!«</p>
-
-<p>Die beiden Vögel hatten alte Waschblusen an.</p>
-
-<p>Das war nun bei Mai Friedlein nicht der Fall.</p>
-
-<p>Das Rauschen hatte die Haberkorn schon lange gepeinigt.
-Jetzt drehte sie sich zu ihr um und sagte mit
-einem Lächeln:</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a>
-»Ach, ich dachte wirklich, es käme ein Engel vom
-Himmel herabgeschwebt.«</p>
-
-<p>»Es ist vielleicht auch einer,« meinte die Jong
-trocken.</p>
-
-<p>Mai warf ihr einen Blick voll ergebener Selbstironie
-zu, der ihr sehr gut stand, und sagte nichts. Ihr
-war keine Schlagfertigkeit gegeben, wenigstens Damen
-gegenüber nicht. Da stand die Jong immer mit gesträubten
-Federn vor ihr.</p>
-
-<p>Die Haberkorn lachte glucksend.</p>
-
-<p>»Ganz recht! Ganz recht! Wie der sich nur bloß in
-unser dunkles Reutterschloß verirren konnte!«</p>
-
-<p>»Er hat vielleicht nur keinen Ausweg gefunden,«
-sagte die Jong.</p>
-
-<p>Fräulein Haberkorn lachte von neuem, von den
-Kanarienvögeln scheu beobachtet.</p>
-
-<p>»Hahaha &ndash; das kann ich ja nicht wissen. Aber
-wenn es so sein sollte &ndash; suchen Sie nur tüchtig, Fräulein
-Mai &ndash;&nbsp;&ndash; ich würde Ihnen herzlich gern dabei helfen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;!«</p>
-
-<p>»Danke, das tu ich schon,« sprach die Jong.</p>
-
-<p>»Wie aufopferungsvoll.«</p>
-
-<p>»Sie haben uns doch gestern alle Lehrerinnentugenden
-so schön vorgehalten,« meinte die Jong.</p>
-
-<p>Alle wußten, daß die Haberkorn keine Reden halten
-konnte. Es war ihre schwache Seite. Sie mußte vorher
-immer ein Brausepulver nehmen.</p>
-
-<p>Die Oberlehrerin begann nervös zu werden.</p>
-
-<p>»Was haben die Herren denn dazu gesagt?« fragte
-sie.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a>
-»Die waren alle begeistert,« antwortete eine aufrichtige
-Stimme aus der Ecke.</p>
-
-<p>Das war Mielchen Mehlmann. Ein etwa fünfzigjähriges
-Fräulein mit einem Apfelgesicht, das sich offenkundig
-bemühte, sehr damenhaft auszusehen. Heute trug
-sie einen mächtigen schwarzen Spitzenkragen über einem
-neuen Kleide.</p>
-
-<p>Das gewahrten die anderen plötzlich.</p>
-
-<p>»Sie haben sich ja so fein gemacht, Mehlmännchen?«
-sagte die Jong gutmütig.</p>
-
-<p>Mai lächelte ein wenig. Das gute Fräulein ließ
-doch bei der Beckern im Probsteigäßchen arbeiten, und die
-machte doch alle Taillen schief! Mai Friedlein sah am
-schärfsten Toiletten und Männer.</p>
-
-<p>Über die anderen Gesichter flackerte es beunruhigt.
-Wenn es auch nur die Mehlmann, die Gesang- und
-Handarbeitslehrerin war &ndash; besser als die anderen durfte
-sie sich nicht tragen!</p>
-
-<p>Sie wurde noch einmal beguckt.</p>
-
-<p>»Warum denn nur?« sagte die Haberkorn in merkwürdig
-schwingendem Tone. Ihre Blicke schillerten wie
-die der Katzen.</p>
-
-<p>Die gute, ehrliche Mehlmann konnte nicht lügen.</p>
-
-<p>»Nu, wo unser Fräulein Doktor so fein geht,« sagte
-sie.</p>
-
-<p>Jetzt hatte sie es in doppelter Weise verdorben. Die
-Seifert sagte mit ihrer ganzen Vortrefflichkeit:</p>
-
-<p>»Liebes Fräulein Mehlmann, auch außer dem Unterricht
-müssen wir uns einer guten Aussprache befleißigen!«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a>
-Die Haberkorn nickte geringschätzig: »Ja, ja, die
-Provinzialismen.«</p>
-
-<p>Fräulein Mehlmann stammte aus dem benachbarten
-Neukirch. Sie war so gut wie vom Lande.</p>
-
-<p>»Nu, ich meine&nbsp;&ndash;« sie verbesserte sich jetzt rasch.
-»Ich dachte, wenn unser Fräulein Doktor so fein aussieht,
-müssen wir auch was übriges tun. Ich mochte ihr
-in der alten braunen Bluse nicht mehr begegnen.«</p>
-
-<p>»Hm,« machte die Seifert.</p>
-
-<p>Ein Schweigen ging durch die Runde. Die beiden
-kleinen Vögel wagten kaum zu atmen.</p>
-
-<p>Da sprang die Türe auf. Es war aber der Professor
-Diermann, der immer zwei Minuten vor Anfang
-kam. Neugierig lugten seine Augen voraus, dann kam
-er näher.</p>
-
-<p>»Morjen, morjen.« Er griente die Damen an.</p>
-
-<p>Zwischen ihm und den Kolleginnen galt unsichtbar
-auch der Satz aus der Bibel: &rsaquo;Ich will Feindschaft setzen
-zwischen dir und dem Weibe&nbsp;&ndash;&lsaquo;, wie er in allen Berufen
-herrscht, in denen es auf eine ernstliche Konkurrenz
-hinausgeht.</p>
-
-<p>Professor Diermann verachtete die Kolleginnen, zunächst
-weil er ein geborener Markburger war, die alle
-arbeitenden Frauen geringschätzten, dann als Akademiker
-gegenüber geringwertiger Frauenbildung, dann wegen
-noch anderer Dinge. Er machte aus seiner Richtung
-nicht immer ein Hehl, in seinem Alter glaubte er Ritterlichkeit
-nicht mehr nötig zu haben und &ndash; die Damen
-brauchten ja nicht in die Schule zu kommen, wenn sie
-Ritterlichkeit beanspruchten.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a>
-Er hatte vier Töchter, die eifrig Tennis spielten und
-sich dadurch noch Männer zu erobern hofften. Wenn nun
-nicht so viel Damen an der Schule gewesen wären, so
-wären eben Männer hingekommen, und damit auch wohl
-der eine oder der andere Heiratskandidat. Denn der
-einzige Unverheiratete im Reutterschloß, der behäbige
-Oberlehrer Dreher, war wohl nicht mehr zu rechnen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>In der Beziehung hatte Diermann Sorgen. Wie
-schwer fiel es ihm nicht, die Kleider für die vier herbeizuschaffen!
-Er mußte auf seine alten Tage noch Pensionäre
-halten, und wenn sie ihn zur Ruhe setzten &ndash; was
-dann? Er hörte von Tag zu Tag schwerer. Ja, das
-knappe Gehalt für einen Familienvater! Und hier diese
-sogenannten Kolleginnen bezogen für sich allein so viel
-Geld! Wozu brauchten sie es denn? Doch nur für
-Putz!</p>
-
-<p>Er richtete einen bösen Blick auf Mai.</p>
-
-<p>Sie übte keine Wirkung auf ihn aus, lächelte aber
-so freundlich, wie sie gewohnt war, Männer anzulächeln.
-Einmal fiel es doch hoffentlich auf den richtigen Boden,
-wenn es auch auf keinen Fall der Professor Diermann
-sein sollte!</p>
-
-<p>»Gut geschlafen?« fragte er bissig die Oberlehrerin.
-»Ja, in unseren Jahren&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Er freute sich, daß er ihr einen Stich versetzt hatte.
-Sie gab ihn rasch zurück, indem sie ganz leise antwortete:
-»Haben Sie unser Fräulein Doktor schon gesehen?«</p>
-
-<p>Ihr wichtiges Gesicht machte ihn unruhig &ndash; was
-hatte sie gesagt? Er hatte nichts verstanden, obwohl er
-<a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a>
-ihr das beste Ohr hingehalten hatte. Rasch schaute er
-ringsum.</p>
-
-<p>Da rief ihm die Haberkorn laut entgegen: »Das &ndash;
-Fräulein Doktor&nbsp;&ndash;!«</p>
-
-<p>Hastig fuhr er zurück und starrte zur Tür &ndash; da
-stand aber nur Mehlmännchen, die in ihre Klasse wollte.</p>
-
-<p>»Hm,« sagte er nur. Sein Blick wurde eine Sekunde
-höhnisch. Nach einigem Irren traf er sich mit dem der
-Oberlehrerin.</p>
-
-<p>Jetzt läutete es.</p>
-
-<p>Die Glocke, ein rostiges Werk, hing unten im Erdgeschoß,
-durchgellte aber alle Räume wie ein Feuersignal.</p>
-
-<p>Sie eilten alle hinaus. Der Professor warf dabei
-noch einen unzufriedenen Blick auf Mai. Keine von seinen
-Töchtern war so hübsch!</p>
-
-<p>Ei &ndash; da stand ja das Fräulein Doktor!</p>
-
-<p>Der Alte hatte es noch nie so eilig gehabt. Er riß
-sich in allen Knochen zusammen und bedachte nicht, daß
-er es vor einem männlichen Chef wahrscheinlich ebenso
-getan hätte, so lange ihm noch an seinem Amt gelegen
-war.</p>
-
-<p>Aber Christiane sah doch, wie es um ihn stand. Ein
-ganzes Schulmeisterleben zog an ihr vorüber: ein bißchen
-zahme Jugend, dann Schaffen, Sorgen, Schaffen.
-Gleichmaß. Schritt auf Schritt. Und auf einmal die
-Senkung des Weges, das hilflose Verfallen ins Alter
-hinein. Die Pensionierung.</p>
-
-<p>Ja, geschah es einem anderen anders? Geschah es
-ihr einmal anders? Ihre Wimpern zuckten scheu. An
-<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a>
-alles Anfangen schloß sich ein Aufhören. An jeden Sieg,
-wie er auch aussah, wie heiß er war, wie mühsam errungen,
-schloß sich die Stunde, in der die Waffen abgegeben
-werden mußten. Alle Waffen und aller Schmuck.</p>
-
-<p>Sie wandte sich.</p>
-
-<p>Da stand jemand.</p>
-
-<p>»Sie wünschen mich zu sprechen?«</p>
-
-<p>Da erkannte sie erst die kleine Wehrendorf.</p>
-
-<p>Ein Schreck lief ihr durchs Herz.</p>
-
-<p>»Du&nbsp;&ndash;« sagte sie.</p>
-
-<p>Es war noch immer das alte Pechkind, über das die
-jungen Damen im Erziehungskasten so gelacht hatten.
-Es mußten noch manche andere über das Mädchen gelacht
-haben, so arm stand es da, so scheu, so still. Das
-Gesicht, das nie hübsch gewesen war, war jetzt alt, sehr,
-sehr alt, verblichen und geschrumpft.</p>
-
-<p>Schweigsam folgte sie Christiane in das Arbeitszimmer,
-matt sah sie zur &rsaquo;eisernen Wehr&lsaquo; auf, hastig drehten
-ihre Finger den Briefumschlag, den sie mitgebracht hatte.
-Sie wagte sich kaum zu setzen.</p>
-
-<p>»Du möchtest hier am Reutterschloß unterrichten?«</p>
-
-<p>»Die Damen haben mir den Rat gegeben,« flüsterte
-die Wehrendorf, »ich sollte&nbsp;... ich weiß ja nicht&nbsp;...«</p>
-
-<p>Christiane griff nach den Papieren.</p>
-
-<p>»Zuletzt erzogst du meine kleine Nichte&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;?«</p>
-
-<p>»Ein Jahr,« antwortete die Wehrendorf. Sie vermied
-jede direkte Ansprache, denn sie wußte nicht, ob sie
-das Fräulein Doktor noch so anreden durfte, wie die sie.
-»Ich habe schon viele Stellungen gehabt.«</p>
-
-<p>»Wo warst du überall?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a>
-»Damals aus der Schweiz ging ich nach der Lüneburger
-Heide. Dann&nbsp;&ndash;« Ada suchte in ihrem Gedächtnis.
-»Dann ging ich nach dem Rhein. Nach Mainz.«</p>
-
-<p>»Nach Mainz,« sagte Christiane.</p>
-
-<p>»Da hab ich es sehr gut gehabt. Ich wär so gern geblieben,
-die Leute haben mich auch gemocht. Und die
-Kinder erst &ndash; Schön war's&nbsp;&ndash;! Aber da wurde ich krank.«
-Ihre Blicke flirrten.</p>
-
-<p>»Was fehlte dir?«</p>
-
-<p>»Die Nerven,« murmelte Ada, »und ein bißchen an
-der Lunge. Erschöpfung. Danach wurde ich Erzieherin
-in einer Anstalt für verwahrloste Mädchen.« Sie schauderte
-ein wenig. »Das war schwer. Sehr schwer. Da
-ging ich&nbsp;&ndash;« sie ließ plötzlich die Hände sinken, »ach, ich
-weiß es nicht mehr auswendig, es war so viel. Ich hab
-kein Glück gehabt. Ich hab kein Glück gehabt.«</p>
-
-<p>In ihren Augen brannte eine verzehrende Angst.</p>
-
-<p>»Und ich habe doch immer so gern gearbeitet,« sagte
-sie. Christiane schlug die Papiere auseinander. Vor
-allem suchte sie das Zeugnis heraus, das Ludwig geschrieben
-hatte. Es sagte gar nichts. Er hat ihr nicht
-den Weg verlegen wollen, dachte sie und durchblätterte
-die anderen Bogen &ndash; so hatten die übrigen auch gedacht!
-Doch &ndash; da auf dem einen stand: &rsaquo;Körperlich sehr wenig
-geeignet.&lsaquo;</p>
-
-<p>Sie sah das schmächtige Mädchen wieder an.</p>
-
-<p>»Hast du niemals an einen anderen Beruf gedacht?«</p>
-
-<p>»Umsatteln?« fragte die Wehrendorf erschrocken,
-»das kann ich ja gar nicht! Wie denn? Was denn? Ich
-<a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a>
-mag doch nichts anderes &ndash; ich passe zu nichts anderem
-&ndash; die Kinder immer um mich zu haben &ndash; o, das ist
-schön! Ich mag die Kinder so gern! Es war mir so
-schrecklich, daß ich immer wieder aussetzen mußte!«</p>
-
-<p>Sie senkte das Gesicht.</p>
-
-<p>Christiane überlegte. An der Schule war noch die
-Stelle des Akademikers unbesetzt, der abgegangen war,
-als ihre Ernennung bekannt wurde. An Herren waren
-außer dem Professor nur der kleine Oberlehrer Doktor
-Korn, der Junggeselle Dreher und der blonde Zeichenlehrer
-da, von dem es hieß, daß er ein verunglückter
-Künstler sei. Alle Kräfte waren sehr überlastet. Man
-konnte die Wehrendorf vielleicht versuchsweise eintreten
-lassen. Aber Christiane wußte zugleich, daß sie damit
-eine Verantwortung übernahm.</p>
-
-<p>Sie legte die Papiere zusammen. »Ich kann dir
-jetzt noch keinen Bescheid geben. Morgen sollst du wissen,
-ob du Aussichten hast.«</p>
-
-<p>Die Wehrendorf stand auf.</p>
-
-<p>»Wo wohnst du?«</p>
-
-<p>»Im christlichen Hospiz.«</p>
-
-<p>Das Mädchen verneigte sich. Christiane drückte ihr
-die Hand. Ada ging zur Tür.</p>
-
-<p>Da sah Christiane etwas Merkwürdiges. Es war
-nur eine Schulterneigung, eine einzige, geringe Haltungsveränderung.
-Aber sie sagte: bis morgen ertrage
-ich es nicht mehr. Es kommt auch nichts. Es wird auch
-nichts. &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; Es soll zu Ende sein.</p>
-
-<p>Sie eilte ihr nach.</p>
-
-<p>Es rief in ihr: hilf ihr! Hilf einer Schiffbrüchigen,
-<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a>
-einer der ärmsten unter den Frauen, einer, der nach
-Schaffen hungert und der es nicht gegeben wird. Gib
-ihr einen sanften Platz, einen Anfang &ndash; dann wird sie
-sich schon hineinfinden. Sie bringt alle Liebe mit.
-Nimm es auf dich, auch einmal gegen deine Pflicht zu
-handeln.</p>
-
-<p>»Da,« sagte sie zu Ada, »bring deine Papiere dem
-Patronat. Dem Präsidenten. Ich will heute noch selber
-mit ihm sprechen. Dann wird es. Hörst du? Es wird.«</p>
-
-<p>Die Wehrendorf sagte gar nichts. Sie sah sie nur
-mit erloschenen Augen an.</p>
-
-<p>»Und geh zu meiner Mutter. Am Stieglitzberg&nbsp;2.
-Du wirst schon finden. Sage, ich schickte dich. Nimm
-deine Sachen mit, sie wird dir einstweilen ein Unterkommen
-geben. Ja, ja, ich meine es im Ernst. Es wird
-schon werden, fasse nur wieder Mut. Wir werden dir
-schon helfen. Du kannst vielleicht immer da wohnen
-bleiben, das heißt, wenn es dir späterhin gefällt&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Es wird mir &ndash; schon gefallen,« sprach die Wehrendorf.</p>
-
-<p>Sie faßte nach Christianens Hand.</p>
-
-<p>Es war der dumpfe Blick eines geretteten Tieres.</p>
-
-<p>Sie ging&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nachher winkte Christiane sich das Fräulein Jong
-heran, in dessen Abteilung die kleine Hanni Cöldt heute
-eingetreten war, und befragte sie wegen ihrer Nichte.</p>
-
-<p>Die Finkenaugen des Fräuleins kniffen sich ein bißchen.</p>
-
-<p>Sie zauderte eine Sekunde.</p>
-
-<p>Dann sprach sie offen: »Es scheint ein sonderbares
-<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a>
-Kind zu sein. Sehr hart, sehr einsam. Und sehr zurück
-und sehr gleichgültig im Lernen. Na, wir wollen abwarten.«</p>
-
-<p>Nachmittags ging Christiane zum Präsidenten. Der
-empfing sie sofort. Er trug einen uralten Namen, der
-an Landsknechtslieder und verbrannte Städte erinnerte,
-und irgend etwas war an ihm, das ihr nicht unsympathisch
-war. Überhaupt hatte sie in ihrer ganzen bisherigen
-Laufbahn selten einen Widerstand auf männlicher
-Seite gefunden, ihre bittersten Gegner waren immer
-nur die Frauen gewesen.</p>
-
-<p>»Ich hoffe, daß gnädiges Fräulein &ndash; pardon, Fräulein
-Doktor, sich in Markburg eingewöhnen werden. Wir
-reiten Schnitzeljagden, haben einen Kunstverein und
-einen Regierungsball&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Die Markburger Kunst werde ich mir ansehen,«
-antwortete sie, »die Schnitzeljagden sind für mich vorbei.«</p>
-
-<p>Rasch kam sie auf ihr Thema.</p>
-
-<p>Der Präsident erhob keinen Widerstand.</p>
-
-<p>Er war ein Fünfziger. Seine Frau, eine Wandlenburg,
-war eine Zeitlang Christianens Schulkameradin
-gewesen und vor einigen Jahren verstorben. Die Söhne
-besuchten die Ritterakademie.</p>
-
-<p>Seine schwarzen Augen maßen sie aufmerksam.</p>
-
-<p>Sie sprachen von mancherlei und kamen wieder auf
-die Reutterschule zurück. »Der gute Diermann wird schon
-recht alt,« sagte der Präsident.</p>
-
-<p>»Ich fürchte, es wird nicht mehr lange mit ihm
-gehen,« erwiderte Christiane, »sein Gehör ist nur noch
-sehr schwach.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a>
-»Hm,« machte der Präsident. »Wir müssen nun
-allerdings bedenken, daß wir erst kürzlich einen sehr tüchtigen
-Mitarbeiter an der Anstalt verloren haben &ndash; deshalb
-bleibt uns nichts anderes übrig, als das noch Vorhandene
-so gut wie möglich festzuhalten.«</p>
-
-<p>Sie begann lebhaft von ihrem Plan, der Ausgestaltung
-der Reutterschule, aber er streckte die schmale weiße
-Hand ein wenig aus: »Zunächst wollen wir Sie noch gar
-nicht mit solchen Dingen behelligen, Fräulein Doktor,«
-sagte er liebenswürdig.</p>
-
-<p>Zum ersten Mal spürte sie an diesem verbindlichen
-Weltmann eine Spur Mißtrauen. Wir haben dir ja den
-Willen getan, aber &ndash; aber&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Sie lächelte in sich hinein. Was dachte er? Woher
-kam das auf einmal? War das die Kleinstadt? Sie
-lächelte wieder.</p>
-
-<p>Wißt ihr denn nicht, daß meine Hände eisenstark
-sind und eisenstark sein müssen? Denn was hätte ich
-sonst, wenn ich mein Werk losließe&nbsp;&ndash;?</p>
-
-<p>Ich will schaffen!</p>
-
-<p class="ce mt1 mb1">*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Sie ging nach dem Stieglitzberg. Die Straße lag
-am Stadtpark und hatte die Aussicht ins Grüne. Grade
-gegenüber dem Hause Nummer zwei war die große Fontäne,
-der Stolz der Stadt. Sie sprang, wenn es viel
-Wasser gab. Das Haus war einer der in Markburg
-üblichen stuckreichen Maurermeisterbauten und nicht mehr
-ganz neu.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a>
-Im ersten Stock war das Türschild: &rsaquo;Verw. Frau
-Hauptmann Dorreyter, geb. Freiin von Rhane.&lsaquo;</p>
-
-<p>Die Mutter hatte es in den ersten Zeiten anfertigen
-lassen, als die Pension noch nicht so gut ging. Um einen
-Anziehungspunkt zu haben, nicht, um etwas Besonderes
-vorzustellen. Denn sie war nie etwas Besonderes gewesen,
-auch in ihrer Jugend nicht. Es hatte nicht in
-ihr gelegen, so schön sie auch gewesen war. Das große
-Feuer des Blutes, das wilde Begehren ans Leben, jedes
-Wagen hatte ihr gefehlt. Das sich zum Glück selber Berufenkönnen.
-Wie es Hardi fehlte. Darum waren alle
-goldenen Äpfel, die das Schicksal ihr etwa hätte reichen
-können, an ihr vorbei in den Staub gerollt. Darum war
-sie Frau Dorreyter geworden und hatte alle Not gekostet.
-Jetzt ging die Pension recht gut. Die Tischwäsche
-mit der Krone aber war längst verschlissen und
-durch solche aus dem Warenhause ersetzt. Aus der &rsaquo;weißen
-Woche&lsaquo;.</p>
-
-<p>Christiane hatte manchmal gedacht: wie gut ist es,
-daß ich niemals ein Kind haben werde. Ich könnte es
-nicht ertragen, wenn es anders würde als ich. Wenn
-es &ndash; zurücktauchte.</p>
-
-<p>Jetzt aber hatte sie an Hanni Cöldt gesehen, daß es
-noch viel wunderlichere und sonderbarere Dinge gibt
-als ein einfaches Zurückgleiten der Generationen.</p>
-
-<p>Die Mutter öffnete selbst. Sie hatte ein Staubtuch
-in der Hand. In einem der Zimmer, dessen Inhaberin
-grade nicht da war, wurde Reinmachen abgehalten.
-Frau Dorreyter hatte Christiane vor vier Tagen
-bei der Ankunft begrüßt und ihr dann ein wenig beim
-<a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a>
-Einzug ins Reutterschloß geholfen, hierauf war sie gleich
-wieder in ihre Pension zurückgeeilt, denn die gab zu
-tun.</p>
-
-<p>»Warst du bei Hardi?« fragte sie gleich eifrig. »Wie
-fandst du sie?«</p>
-
-<p>»Nervös, wie immer.«</p>
-
-<p>»Sie ist sehr krank. Hättest du sie nur gesehen, wie
-ich sie gesehen habe! Die ganze Heirat war eine Torheit.
-Wäre sie nur bei mir! Nur die allergrößte Schonung
-kann ihr Leben erhalten&nbsp;&ndash;!«</p>
-
-<p>Christiane zuckte die Achseln.</p>
-
-<p>Frau Dorreyter öffnete die Tür zu ihrem Wohnzimmer,
-das zugleich allgemeines Eßzimmer war. Sie
-schlief auch darin. Abends wurde das Sofa für sie zurechtgemacht,
-und sie lag darauf besser, als in irgend
-einem Bett. Sie war es gewohnt. Früh, ganz zeitig,
-stand sie auf.</p>
-
-<p>Jetzt war alles tadellos aufgeräumt. Auf dem
-Büfett lagen die aneinandergereihten Serviettenröllchen
-der Damen neben einem blanken Nickelkaffeegeschirr.</p>
-
-<p>Auf dem Tisch stand noch eine Kanne mit dem Wärmer.</p>
-
-<p>»Das ist für die Friedlein und die Kanarienvögel.
-Die sind ausgegangen. Ich glaube&nbsp;&ndash;« ihr Gesicht wurde
-besorgt, »die Friedlein hat wieder eine&nbsp;... Aussicht.«</p>
-
-<p>Christiane lächelte. »Gönn's ihr doch!«</p>
-
-<p>»Aber sie hat es doch so gut! Das schöne Gehalt &ndash;
-keine Sorgen &ndash; wenn ich es nur so gehabt hätte!«</p>
-
-<p>»Dann will sie es eben &ndash; schlechter haben,« sagte
-Christiane.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a>
-»Du lachst! Ich habe es der Mai neulich ernstlich
-vorgestellt. Etwas Besseres als ihre Freiheit hat sie doch
-nicht. Sie hat es sich angehört und ist dann gegangen
-und hat sich einen neuen Hut gekauft!«</p>
-
-<p>Christiane zog die Mutter auf das Sofa. »Hör zu:
-Du bekommst heute einen Gast! Schreib ihn auf meine
-Rechnung, denn nehmen mußt du ihn!«</p>
-
-<p>»Um Gottes willen &ndash; wen denn?«</p>
-
-<p>»Die Wehrendorf.«</p>
-
-<p>»Ach herrje, ich kann sie doch nicht in die Speisekammer
-stecken. Es ist wirklich kein Raum mehr frei.«</p>
-
-<p>»Es geht doch,« beharrte Christiane, »sie braucht jemand
-wie dich&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Frau Dorreyters herbes Gesicht erhellte sich. In
-der Arbeit in der Pension hatte sie endlich die Befriedigung
-ihres Lebens gefunden. Soweit Hardi ihr Interesse
-nicht in Anspruch nahm, gehörte es den Berufsdamen.</p>
-
-<p>»Wie lange ist sie doch von Cöldts fort?« fragte
-Christiane.</p>
-
-<p>»Vor den Ferien war es. Also seit fünf Wochen.«</p>
-
-<p>»Und seitdem hat sie im Hospiz gelebt. Vermutlich
-hat sie kaum noch Geld.«</p>
-
-<p>»So sah sie aus. Ich hab sie manchmal drüben im
-Stadtpark gesehen und dachte immerzu: die geht noch in
-den Teich. Darum hab ich Hardi gebeten, daß sie noch
-irgendwie für sie sorgt.«</p>
-
-<p>»Die Vereinsdamen sprachen mir von ihr.«</p>
-
-<p>»Ja, ja. Unter den Mitgliedern mag vielleicht noch
-die eine oder andere sein, die ihre Eltern gekannt hat. &ndash;
-<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a>
-Weißt du, ich will sie bei der Jong einquartieren und
-aufs Sofa betten. Die erlaubt das gern. Wir wollen
-mal zu ihr gehen, was meinst du?«</p>
-
-<p>»Wer wohnt denn alles bei dir?« fragte Christiane.</p>
-
-<p>»Außer dem Fräulein Seifert alle Damen vom
-Reutterschloß. Ich komme mit ihnen aus.«</p>
-
-<p>Auf dem Flur, auf dem die Mangel und ein paar
-Fahrräder standen, flüsterte die Mutter plötzlich: »Du,
-wir klopfen besser erst bei der Haberkorn. Denn wenn
-du zur Jong gehst und nicht erst zu ihr, so nimmt sie das
-übel.«</p>
-
-<p>»Wie furchtbar.« Christiane lachte.</p>
-
-<p>Aber in dem Augenblick geschah es doch anders.</p>
-
-<p>Fräulein Mehlmann öffnete ihre Tür, noch den roten
-Schein eines ausgedehnten Nachmittagsschläfchens auf
-den Wangen und erstrahlte in Seligkeit und Respekt, als
-sie Christiane gewahrte.</p>
-
-<p>»Ach, Fräulein Doktor, ne &ndash; ne« &ndash; sie unterbrach
-sich hastig &ndash; »ich wollte nur sagen, das freut mich
-aber &ndash; jetzt müssen Sie doch bei mir eintreten, nur auf
-ein Augenblickchen, ein einziges Augenblickchen&nbsp;&ndash;!«</p>
-
-<p>Sie kam hinter den beiden in das große Zimmer
-zurück und zuckte erschrocken: »Wirst du wohl! Verzeihen
-Sie nur &ndash; da ist wieder das dumme Tier, der Kater,
-hereingekommen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Auf dem gepolsterten grünbezogenen Ohrenstuhl
-richtete sich ein riesiges schwarzes Katzentier auf und
-sprang mit einem Satz auf den Blumenteppich.</p>
-
-<p>»Marsch &ndash; marsch &ndash; fort&nbsp;&ndash;.« Fräulein Mehlmann
-jagte ihn aufgeregt aus der Tür.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a>
-»Sie haben hier Ihre eigenen Sachen?« fragte
-Christiane, die sich umgesehen hatte.</p>
-
-<p>»Ja, ja, die von zu Hause. Ich habe nur die leeren
-Stuben gemietet. Ich könnte ja auch allein wohnen,
-aber dann ist mir zu bange. Hier hat man doch immer
-eine Ansprache, wenn man sie haben will&nbsp;...« Sie blickte
-Christiane glücklich an.</p>
-
-<p>»Vor zwanzig Jahren sind Sie noch meine Schülerin
-gewesen&nbsp;... wissen Sie noch&nbsp;...?«</p>
-
-<p>»Ich weiß es noch,« lächelte Christiane.</p>
-
-<p>»Ne, daß es nu so gekommen ist&nbsp;...! Aber gestickt
-haben Sie immer fein. Immer die besten Kanten!«</p>
-
-<p>»Ich kann's nicht mehr,« sagte Christiane.</p>
-
-<p>Das Fräulein riß die Augen auf. »Gar nicht? Ach,
-Sie scherzen, Fräulein Doktor&nbsp;...«</p>
-
-<p>»Durchaus nicht, Fräulein Mehlmann.«</p>
-
-<p>Die Handarbeitslehrerin wußte nicht, was sie sagen
-sollte. Sie schnüffelte ängstlich. »Ach, ich weiß nicht&nbsp;...
-riecht es hier nicht ein bißchen nach Katzen? Es ist
-ein Schabernack mit dem Tier. Es kommt immer über
-den Balkon zu mir.«</p>
-
-<p>»Wem gehört es denn?«</p>
-
-<p>»Dem Fräulein Jong,« sagte die Mutter. »Aber
-eigentlich wird er von allen Damen gleich verwöhnt. Nur
-Mai gibt ihm manchmal einen Schub.«</p>
-
-<p>Fräulein Mehlmann stand verlegen auf. »Ach, ich
-weiß schon, was das schwarze Vieh bei mir so anzieht&nbsp;...«</p>
-
-<p>Wichtig öffnete sie einen gelben Kirschbaumschrank,
-in dem man Kleider vermutete.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a>
-Darinnen lagen aber auf sauber gezacktem Papier
-Schinken und Würste, Kuchen und Plätzchen, Tütchen und
-Schachteln, Obst- und Marmeladebüchsen.</p>
-
-<p>Fräulein Mehlmann griff hastig etwas heraus, roch
-daran, zog die Nase kraus und murmelte: »Das muß
-bald gegessen werden&nbsp;...«</p>
-
-<p>Dann wandte sie sich an Christiane:</p>
-
-<p>»Sie sehen, das ist meine Speisekammer. Ich muß
-das haben und hab' mir deshalb auch den großen Ofen
-setzen lassen. Wenn ich aus der Schule komme, probiere
-ich mal das, mal dies &ndash; ich will ja der ausgezeichneten
-Küche der Frau Hauptmann durchaus nicht zunahe treten,
-aber am besten schmeckt halt, was man sich selber gekocht
-hat&nbsp;... Ich kann nicht anders: Ich muß wenigstens
-dann und wann wirtschaften! Möchten Sie nicht
-meine selbstgebackenen Knusperchen probieren, Fräulein
-Doktor&nbsp;&ndash;?«</p>
-
-<p>»Und hier« &ndash; mit einem Ruck griff sie ganz tief
-in den Schrank &ndash; »hier ist noch etwas Besseres&nbsp;... ein
-Likörchen! Selbstgemacht, ja, natürlich! Noch nach dem
-Rezept von zu Hause! Ein Schlückchen&nbsp;... ja&nbsp;...? Was,
-Sie danken, Fräulein Doktor? Gar nichts wollen Sie
-annehmen? Ein Schlückchen doch wenigstens&nbsp;... die anderen
-Damen nehmen es so gern &ndash; Wenn Sie nur hören
-könnten, wie die es immer loben&nbsp;... Na, denn ein andermal&nbsp;...
-andermal, gewiß, nicht wahr&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;?«</p>
-
-<p>Christiane beruhigte sie und stand auf.</p>
-
-<p>Wie war das hier so warm und familienhaft!</p>
-
-<p>»Wirklich kein Likörchen?« bettelte das Fräulein
-noch einmal.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a>
-Sie mußte zusehen, daß die Damen ohne Stärkung
-gingen.</p>
-
-<p>Draußen flüsterte die Mutter: »Nun schnell zur
-Haberkorn &ndash; die hat doch schon sicher was gemerkt.«</p>
-
-<p>Als die Tür aufging, fiel Christianens Blick sofort
-wieder auf den Kater. Er stand mit fröhlich gehobenem
-Schwanz inmitten eines blanken, kahlen Fußbodens und
-leckte sich die Lippen.</p>
-
-<p>Die Oberlehrerin schien doch etwas zusammenzufahren.</p>
-
-<p>»Ach,« sagte sie ärgerlich, »verzeihen Sie nur, das
-Tier hat sich hierher verirrt &ndash; ich pflege es sonst nicht.
-Mir bleibt keine Zeit dazu.« Sie deutete auf ihren
-Schreibtisch. »Gegenwärtig bin ich mit einer Geschichte
-der Sophie-Reutterschule beschäftigt&nbsp;... fürs Jubiläum
-im nächsten Jahr.« Sie ging an die Tür und jagte den
-Kater hinaus.</p>
-
-<p>»Marsch, marsch&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Das Tier quietschte leise auf.</p>
-
-<p>»Ja, also das fünfzigjährige Jubiläum,« sprach sie
-zurückkehrend, während sie Christiane ins Gesicht sah
-und jeden Zug in ihm und jede Falte ihres Kleides
-studierte, »wir werden doch eine große Feier veranstalten
-müssen. Mit Herrn Professor Diermann habe ich
-neulich schon über das Programm gesprochen. &ndash; Ich
-meine &ndash;&nbsp;&ndash; vor den Ferien,« setzte sie rasch hinzu.</p>
-
-<p>Christiane sagte nicht viel.</p>
-
-<p>Sie las in den Augen das wehrhafte Unterlegensein,
-die echte Frauenfeindschaft.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a>
-Der Raum war der beste der ganzen Etage, denn die
-Fenster gingen nach dem Springbrunnen hinaus, und
-der grüne Rasen schien herein. Christiane erkannte die
-wertvollsten Sachen ihrer Mutter, die noch Rhaneschen
-Stempel trugen, aber sie waren nüchtern gestellt und
-hatten durch viele Nippsachen, Bilder und scharfgelbe
-Gardinen einen kleinbürgerlichen Anstrich erhalten.</p>
-
-<p>Keine Phantasie, dachte Christiane, kulturlos, ganz
-kulturlos.</p>
-
-<p>Gleich nebenan war das Zimmer des Fräulein
-Dorette Jong, das letzte auf dieser Seite der Etage. Ein
-bescheidener Raum mit geringeren, verbrauchteren Möbeln,
-aber mit einer Unmenge von Blumen und Büchern.
-Nicht nur das Handwerkszeug, sondern eigene Bücher,
-gelesen, gekannt, zärtlich gestellt, Reihe an Reihe. Rechts
-ein Bord, links ein Bord und über dem Sofa noch ein
-vollgepacktes Brettchen, an ganz dünnen Drahtfäden hängend.
-Es sah ängstlich aus.</p>
-
-<p>Die Lehrerin hatte den Kater im Arm.</p>
-
-<p>»Er ist bange,« sagte sie nach unbefangener Begrüßung,
-»was hat er denn erlebt? Wie seine Augen
-ausschauen, wie seltsam der unbekümmerte Raubtierausdruck
-mit einem Schrecken, ich möchte fast sagen, mit
-einer seelischen Enttäuschung kämpft&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Frau Dorreyter lachte. »Verwöhnen Sie das Tier
-nur nicht gar zu sehr! Was haben Sie davon!«</p>
-
-<p>»Es ist uns gleich,« sprach Fräulein Jong ruhig.</p>
-
-<p>Sie hob es ein wenig hoch. Es war fast wie eine
-zärtliche kundige Mutterbewegung, aber es glänzte auch
-etwas Selbstironie in den Finkenaugen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a>
-»Ich bin halt nicht so modern,« sagte sie.</p>
-
-<p>»Vielleicht sind wir das alle nicht,« sprach Christiane.</p>
-
-<p>»Aber es gibt solche, die schon als alte Jungfern auf
-die Welt kommen,« erwiderte die Jong. »Ich gehör dazu.
-Als kleines Mädel hab ich mich immer nur gewundert,
-daß ich jung bin. Als ich dann unversehens ins
-dreißigste Jahr rückte, dacht ich: nun hast du's ja. Nun
-kannst du dir ruhig deine Katze anschaffen und die Blumen&nbsp;...«
-Sie deutete zum Fenster. »Frau Hauptmann
-schilt wohl immer über den vielen Kram beim Reinemachen,
-aber ich bringe sie doch nicht weg.«</p>
-
-<p>Christiane sagte ruhig: »Es ist doch nicht Ihr Einziges.«</p>
-
-<p>Die Jong guckte jäh.</p>
-
-<p>»Ach, die Bücher,« sprach sie langsam, »ja, deswegen
-bin ich mein ganzes Leben gefoppt worden. Aber sie sind
-doch nun mal meine Leidenschaft, und ich muß immer
-welche haben, und morgens in der Schule denk ich schon
-immer daran, was für ein Glück mich zu Hause wieder
-erwartet.« Sie sah vor sich hin.</p>
-
-<p>»Wenn die anderen Sie nicht mit ihren vielen Wünschen
-stören,« sagte Frau Dorreyter, »die Mai oder Ihre
-anderen Schützlinge.«</p>
-
-<p>»Das gehört dazu,« erwiderte die Jong.</p>
-
-<p>Frau Dorreyter hielt es jetzt für an der Zeit, mit
-ihrer Bitte herauszurücken, und das Fräulein war gleich
-dabei.</p>
-
-<p>»Gewiß behalt ich sie. Das stört mich gar nicht.
-Hier auf dem Sofa kann sie schlafen. Nur die Bücher
-<a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a>
-muß ich vom Bord nehmen, sonst fallen sie ihr schließlich
-noch auf den Kopf.« Sie lachte.</p>
-
-<p>Da klingelte es an der Korridortür.</p>
-
-<p>»Das wird sie sein,« sprach Frau Dorreyter.</p>
-
-<p>Klein und ängstlich trat die Wehrendorf ein. Die
-Kartons, die ihre Habe enthielten, hatte sie draußen auf
-dem Flur gelassen.</p>
-
-<p>Sie war sehr verlegen.</p>
-
-<p>»Immer Courage,« sagte die Jong, »vor mir brauchen
-Sie sich nicht zu genieren, wir sind ja Kolleginnen,
-da hilft doch mal eine der anderen. Und später rücken
-Sie hier ganz in unseren hohen Kreis ein &ndash; in den der
-Damen vom Reutterschloß!«</p>
-
-<p>»Wenn es nur würde,« sprach die Wehrendorf.</p>
-
-<p>»Es wird schon. Nur immer Mut. Es stört Sie doch
-nicht, daß Sie noch keine eigene Stube haben?«</p>
-
-<p>Ada hob nur die Schultern. Leise sagte sie: »Ich
-hätte dort im Hospiz morgen&nbsp;... nicht mehr wohnen
-können.«</p>
-
-<p>»Sie armes Tier. Na, das ist keine Beleidigung,
-mir sind die Tiere so gut wie die Menschen. Kommen
-Sie, wir wollen auspacken!«</p>
-
-<p>Frau Dorreyter eilte hinaus, um Kaffee zu holen,
-und Christiane folgte ihr.</p>
-
-<p>Auf dem Gang begegneten ihr Mai Friedlein und
-die Kanarienvögel, die eben heimkamen. Die prangende
-Schönheit Mais bestürzte sie wieder wie beim ersten Anblick
-&ndash; die gehörte nicht vor Schulbänke, sondern in seidene
-Kleider und in heiße Hände, zu Liebe und Verlangen!
-Das war die Eva aller Zeiten.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a>
-Während des Gesprächs wurde ihr Urteil kühler &ndash;
-viel Temperament und Intelligenz schien nicht vorhanden.
-Flüchtig sah sie in Mais Zimmer, einen überputzten,
-hellen Mädchenraum mit dem Geruch von Parfüm
-und gebrannten Haaren.</p>
-
-<p>Die Kanarienvögel hausten dagegen in einem engen
-Hofkämmerchen, dessen einziger Schmuck ein großes Plakat
-über den Betten war: &rsaquo;Mensch, ärgere dich nicht!&lsaquo; Auf
-dem Tisch stand eine Schachtel Schokolade.</p>
-
-<p>Als Christiane nachher heimging, hatte sie neben
-dem Eindruck ihres seltsam verwandelten und belebten
-Jugendheims das Gefühl, ihre Mitarbeiterinnen an dem
-Nachmittag ganz gut kennen gelernt zu haben.</p>
-
-<p class="ce mt1 mb1">*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Es war nach einem Abendessen beim Regierungsrat
-von Cöldt.</p>
-
-<p>Der Kreis war nur klein, denn große Gesellschaften
-gaben Cöldts nicht, nur das Allernotwendigste, denn die
-Hausfrau war zu leidend.</p>
-
-<p>Übrigens sah sie an dem Abend sehr gut aus, oder
-sah sie abends immer besser aus? Es war viel Reiz an
-ihr, etwas gradezu sentimental Schmachtendes. Und
-doch wußte man in der Stadt, daß sie nicht schmachtete,
-oben und unten wußte man's; oben durch ihre Frauenvereinsdamen,
-unten durch die Dienstboten. Schon manches
-hübsche Mädel, das im Hause gewesen war, hatte
-dem schlanken Hausherrn mitleidig und verlangend nachgeguckt.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a>
-Er hatte jetzt eine merkwürdig stille, verschlossene
-Art, und grade die widerstrebte Christiane plötzlich an
-ihm. Absichtlich, um ihn aufzuscheuchen, um zu forschen,
-brachte sie die Rede auf die Ostmark.</p>
-
-<p>Sie saßen im Salon. Herren und Damen waren
-nach Tische nicht getrennt worden, aber es hatte sich in
-dem großen Raume von selbst eine gewisse Schiebung
-vollzogen: links mehr das männliche, rechts fast nur das
-weibliche Element. Christiane saß bei den Herren.</p>
-
-<p>Der Präsident war auch anwesend.</p>
-
-<p>Sonst fiel ihr nur der Assessor Wratislaw von
-Wratislawski auf, trotz seines Namens ein Deutscher,
-von großer Rassenhäßlichkeit. Er hatte einen Doggenkopf,
-der durch die Korpsstudentenspuren und das Lebemannsdasein
-fast gefährlich ausdrucksvoll geworden war.
-Seine Sprechweise störte; er redete so zart meckernd, daß
-man unwillkürlich glaubte, er hätte noch eine andere in
-der Tasche, wie etwa ein zweites Paar Handschuhe. Seine
-Blicke waren heimlich über Christiane hingeschossen, aber
-sie war nicht nach seinem Geschmack. Er sollte allerhand
-Verhältnisse in Bürgerkreisen haben.</p>
-
-<p>Der Assessor, der auch im Posenschen bekannt war,
-horchte bei Christianens Worten auf und meinte, die
-Sache ginge jetzt ja gut voran. Er sei vor einiger Zeit
-mal wieder durch Posen gekommen und hätte nur immer
-gestaunt, wie sich alles verwandelt habe. Überall neue
-Häuser und Großstadtstraßen! Alles ganz preußisch!</p>
-
-<p>Ludwig sah auf.</p>
-
-<p>»Ein paar gute Bauten mögen hinzugekommen sein,
-aber in der Hauptsache sind es doch Mietskasernen. Wälle
-<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a>
-und Bäume sind fort, dafür steht ein kleiner Ring
-Deutschtum mitten im Polnischen.«</p>
-
-<p>Sie schaute ihn an.</p>
-
-<p>»Es ist also noch nichts gewonnen?«</p>
-
-<p>»Nichts,« sagte er.</p>
-
-<p>Sie sann und sah wieder die Wälle und Bäume, die
-wilden Kirchhöfe. Sie sah das Sonnengold hinter dem
-Dom stehen und sah die unendliche Ebene.</p>
-
-<p>Die Bäume und Wälle hatte man entfernt. Aber
-die polnische Ebene war geblieben.</p>
-
-<p>Sie blickte Ludwig wieder an und wartete auf eine
-Äußerung, die ihr verriet, daß er mit der Sache noch
-immer nicht ganz fertig war, sondern daß seine Gedanken
-noch immer darum spielten, daß seine Hände heimlich
-nach dem alten Werk griffen.</p>
-
-<p>Aber er sagte nichts mehr.</p>
-
-<p>Sein Blick glitt zerstreut durch den Raum, um sich
-sofort voll verbindlicher Aufmerksamkeit auf den Präsidenten
-zu richten.</p>
-
-<p>Auch die übrigen sprachen längst von etwas Anderem.</p>
-
-<p>Christiane merkte, daß sie nicht mehr in diesen Kreis
-paßte.</p>
-
-<p>Sie sprach nur flüchtig mit, aber ihre Blicke glitten
-umher, und alles in ihr spannte sich in hellsichtiger Menschenbeobachtung.</p>
-
-<p>Sie erkannte wieder, wie gering die Schicht Bildung
-auch bei den Menschen ist, die sich doch zu den Oberen
-zählen. Mit welch eng begrenztem geistigem Weidegebiet
-sich die meisten begnügen, wie unendlich bescheiden
-in dieser Richtung die sonst so Unbescheidenen sind.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a>
-Sie empfand wieder, daß geistige Kultur in der
-Gegenwart etwas ganz Seltenes ist, die nur eine mäßige
-Zahl besitzt, während Tausende in dumpfem Jammer
-vergeblich danach tasten und die große Mehrheit ganz
-gut ohne sie fertig wird.</p>
-
-<p>Ironisch horchte sie auf Flugergebnisse, die eben berichtet
-wurden, und dachte: ja, das ist etwas, das auch
-vom engsten Weideplatz aus begriffen wird. Aber daß
-es noch anderes gibt, immer gegeben hat, daß unendliche
-Massen geistigen Schaffens längst vorhanden sind, das
-wissen und brauchen die Vielen weder für ihr Leben noch
-für ihren Tod.</p>
-
-<p>Daß grade Ludwig trotz seiner Erziehung in seinem
-Denken nicht einseitig war, sondern alle Dinge und Gedanken
-des Lebens suchend und blitzend umfaßte, daß
-man bei ihm nie an die sperrende Hürde kam, hatte sie
-früher, wenn auch anfangs mehr unbewußt, am meisten
-gepackt. Er war ein Aristokrat der Kultur.</p>
-
-<p>Jetzt konnte er nicht anders geworden sein und war
-es auch nicht. Aber nach außen war es verkapselt, auch
-ihr gegenüber, so daß sie wieder und wieder ins Irren
-kam &ndash;&nbsp;&ndash; Nach dem Schaffen hin war er verkapselt,
-stummer regloser, gleichgültiger, und nach der Kleinstadt
-hin hatte er sich geöffnet&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Er war glatt geworden, sehr glatt.</p>
-
-<p>Die Unterhaltung mit dem Chef plätscherte &ndash; Jagd
-oder wovon redeten sie sonst? Sie mußten ausgezeichnet
-harmonieren. Christiane erschien der Herr mit dem uralten
-Namen plötzlich als ein rechter Spießer.</p>
-
-<p>Der Assessor von Wratislawski stand leise auf und
-<a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a>
-pirschte sich sacht nach der weiblichen Seite hinüber, wo
-die Unterhaltung kürzeren Wellenschlag hatte. Die Frau
-Geheimrat Meckebier hörte man aus allem heraus.</p>
-
-<p>Christianens Gedanken strömten unwillkürlich zu
-ihrer Arbeit hin, was ihr sonst in geistvollem Kreise selten
-geschah. Im Gegenteil konnte sie sie oft kräftig vergessen.</p>
-
-<p>»Ach, Fräulein Doktor, wie macht sich meine
-Jüngste?« Frau Colb rauschte zu ihr heran, der Titel
-wollte nicht so recht über ihre Zunge; sie quetschte ihn.
-»Es freut uns sehr, daß Sie hier sind, wir rechnen ganz
-besonders auf gute Mitarbeiterschaft.« Sie setzte sich
-neben sie. »Das war Ihnen doch wohl eine kleine Überraschung,
-daß in der Heimat inzwischen auch moderne
-Frauen entstanden waren&nbsp;&ndash;? Ich nehme an, daß Sie
-von unserem Verein gehört haben. Meine Nichte, die
-jetzt zu Besuch ist, war von unseren Arbeiten ganz entzückt.«</p>
-
-<p>»Kann ich erfahren, was Sie schon erreicht haben,
-gnädige Frau?«</p>
-
-<p>»Nun &ndash; das warme Frühstück für die Schulkinder,
-dann eine Flickstube. Und jetzt sind wir dabei, dafür zu
-sorgen, daß alle bedürftigen Wöchnerinnen wenigstens
-acht Tage lang eine warme Suppe bekommen. Wir
-lassen auch Vorträge halten, und ich bin eben dabei, unsern
-Herrn von Wratislawski zu gewinnen &ndash; er soll
-uns über die Reichsverfassung belehren.«</p>
-
-<p>Christiane hob den Kopf. »Sie nennen sich moderne
-Frauen?«</p>
-
-<p>»Allerdings. Unser Verein bekennt sich zu fortschrittlichen
-<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a>
-Grundsätzen. Wir wollen die Leistungsfähigkeit
-der Frau auf allen Gebieten heben. Mit dem alten
-Kram räumen wir auf. Alle unsere Mitglieder sind
-tapfer dabei. Unsere gute Frau von Cöldt opfert sich
-förmlich, trotz ihrer schwachen Gesundheit.«</p>
-
-<p>Christiane sah nach der Schwester, die in eifriger
-Unterhaltung mit der Kommerzienrätin saß, wobei ihre
-Lider wie immer in süß unbewußtem Schmachten niedergeschlagen
-waren.</p>
-
-<p>So, tat sie das?</p>
-
-<p>»Ich könnte Ihrem Verein ein sehr dankbares Werk
-weisen, gnädige Frau,« sagte Christiane langsam, »haben
-Sie wohl einmal der Frauen in der Stadt gedacht,
-die da &ndash; arbeiten? Die also praktische oder &ndash; ich
-will lieber sagen &ndash; unbewußte Frauenrechtlerinnen
-sind&nbsp;&ndash;?«</p>
-
-<p>»Wie meinen Sie, Fräulein&nbsp;... Doktor?«</p>
-
-<p>»Nicht die Unterschicht, sondern die gebildeten Mädchen,
-die hier ihr Brot verdienen.«</p>
-
-<p>»Ja, aber&nbsp;... ich verstehe noch nicht&nbsp;...«</p>
-
-<p>»Ich meine, daß sich zwischen Ihnen, den fortschrittlich
-gesinnten Frauen, und diesen jungen Mädchen, die der
-Fortschritt gepackt hat, vielleicht eine Brücke schlagen
-ließe. Es wird so manche hier sein, der das einsame
-Geldverdienen noch schwer fällt, so manche aus gutem
-Haus, die in der fremden Luft und in den fremden Gefahren
-zittert und einen guten Anhalt ersehnt. Ich
-glaube, da sind viele, die zwar in ihrer Arbeit froh sind,
-aber sich in den Freistunden vor Einsamkeit verzehren,
-weil sie von ihrer Familie versprengt und im Herzen
-<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a>
-wählerisch sind, denen könnten die modernen Markburger
-Damen ein wenig helfen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Frau Colbs befremdeter Blick schoß nach links und
-nach rechts zu ihren Freundinnen. Eine kleine Stille
-trat ein. Sogar der Assessor hörte zu. Hardi sah Christiane
-merkwürdig spöttisch an.</p>
-
-<p>»Ich sehe da ein schönes Arbeitsgebiet für Ihren
-Verein,« sprach Christiane, »allerdings keine &ndash; Wohltätigkeit.«</p>
-
-<p>»Aber diese jungen Mädchen gehören doch nicht zu
-uns,« sagte Frau Colb.</p>
-
-<p>»Sie <em class="ge">arbeiten</em>,« antwortete Christiane, indem
-sie die Dame fest anblickte.</p>
-
-<p>»Ja eben deshalb&nbsp;... solche Elemente&nbsp;...« Frau
-Colb biß sich auf die Lippen, denn ihr fiel ein, daß die
-Sprecherin ja auch dazu gehörte, wenngleich sie die
-Schwägerin des Herrn von Cöldt war.</p>
-
-<p>Ratlos sah sie sich um.</p>
-
-<p>»Unter meinen Lehrerinnen sind einige, die, wie ich
-genau weiß, sehr einsam sind,« fuhr Christiane ruhig
-fort, »denn der Verkehr untereinander ist auf die Dauer
-doch recht einseitig.«</p>
-
-<p>»Es steht ja nichts im Wege, daß die Damen sich an
-unserem Wirken beteiligen.«</p>
-
-<p>»Verzeihen Sie, gnädige Frau &ndash; ich glaube nicht,
-daß es sie nach ihrem strengen Schaffen noch nach &ndash;
-Wöchnerinnenpflege zieht,« entgegnete Christiane ironisch,
-»aber eine Heimat brauchten sie, Anschluß, etwas
-Geselligkeit und Freude &ndash; Erholung&nbsp;&ndash;! Grade da
-müßten sich Ihre Interessen über alle herkömmliche
-<a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a>
-Wohltätigkeit hinweg berühren,« fuhr sie fort, »die Mütterlichkeit
-der modernen lebenserfahrenen Frau gegenüber
-den einsamen Schwestern, von denen ein volles Werk
-verlangt wird.«</p>
-
-<p>Frau Justizrat räusperte sich und schickte ein unsicheres
-Lächeln voll Hochmut ringsum.</p>
-
-<p>»Man merkt, daß Sie hier doch recht&nbsp;... fremd geworden
-sind, Fräulein Doktor,« sprach sie, und diesmal
-kam der Titel scharf heraus, fast zugespitzt und verächtlich
-hingetan, »wir Damen der Gesellschaft haben da so
-vielerlei Rücksichten zu nehmen, dergleichen geht nicht so
-leicht, nicht wahr, meine liebe Frau von Cöldt? Auch
-würde uns die Zeit dazu wirklich fehlen&nbsp;...«</p>
-
-<p>Sie wandte sich rasch dem Assessor zu und begann ihn
-von neuem wegen der Reichsverfassung zu bearbeiten.</p>
-
-<p class="ce mt1 mb1">*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Als Christiane an dem Abend in Mantel und Tuch
-ziemlich als die Letzte aus dem Cöldtschen Hause trat,
-kam ihr Ludwig nach.</p>
-
-<p>»Verzeih,« sagte er, »der Präsident hielt mich eben
-noch fest&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Du willst mich begleiten?« Ihre Augen kniffen
-sich lustig, »Ludwig, glaubst du nicht, daß ich unter ähnlichen
-Umständen schon oft allein gegangen bin?«</p>
-
-<p>Er sagte nichts.</p>
-
-<p>»Genau so, wie die jungen Mädchen, die die Markburger
-modernen Frauen verachten.« Sie lachte.</p>
-
-<p>Er entgegnete noch immer nichts. Sein Blick fuhr
-<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a>
-am Hause empor. Eben erhellte sich Hardis Schlafzimmer.</p>
-
-<p>Sie gingen an den dunklen Gärten der Villenstraße
-entlang. Man roch den Rasen, die Sträucher, die Erde
-und, ach, von drüben her den Wald. Man sah ihn nicht.
-Aber man fühlte die Stämme mit ihren ungeheuren
-Massen von luftgierigen Blättern oder Nadeln, die
-Eichen, die Tannen, die Buchen und versprengten Linden
-und fühlte ihren tiefen Herbst.</p>
-
-<p>Christiane dachte jetzt nicht an die törichte Süßigkeit
-des Vergangenen. Ihr Sinn wühlte sich in die andere
-Seite ihres Lebens zurück, in das Schaffen, Grübeln
-und einsame Leisten, in Gedanken an die vielen, die
-ebenso wirkend ihren Weg gekreuzt hatten, an so manches
-Mädchen, so manche Frau aus der Höhe, gleichfalls getrieben
-vom Muß oder vom Entschluß. Sie sah die
-Zeiten voll eiserner Aufsichgestelltheit, voll Konzentration,
-voll hoch emporflackernder Zweifel, voll geistiger
-Belebtheit, die durchlesenen oder durchlernten Nächte,
-ganz nahe am starken Wissen der Menschheit, die Stunden
-in der Schule, in denen immer und immer Energie
-da sein mußte, in denen stets die Kritik neben dem Schaffen
-stand und kein Nachlassen sehen durfte, und verglich damit
-die Existenzen dieser kleinstädtisch gehegten und
-gepflegten, in ihren Sippenerlebnissen aufgehenden
-Frauen, an die ganz von fern ein neuer Wind gestrichen
-war und die die fremde Sache in gänzlichem Unverständnis
-zu einer Art Kränzchensport und sanftem Zeitvertreib
-machten &ndash; ach, da gab es keinen Vergleich &ndash;&nbsp;&ndash;!</p>
-
-<p>Sie ging rasch und federnd. Alles in ihr war
-<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a>
-Frische und Bejahen des Lebens, so wie es für sie
-war!</p>
-
-<p>Er schritt müde, gebeugt.</p>
-
-<p>An nichts rühren, dachte sie. Leise, leise gehen &ndash;
-wir wandern aneinander vorbei.</p>
-
-<p>Ich will es auch. Ich brauche ihn nicht mehr. Etwas
-in mir klingt nicht mehr. Es mußte alles so sein. Aber
-&ndash; ich brauche ihn nicht mehr.</p>
-
-<p>Jetzt waren sie am Gartengitter des Reutterschlosses
-und schauten beide an dem Hause empor, dessen feste,
-schöne Linien sich abzeichneten, vom Waldduft umweht.</p>
-
-<p>»Wie wundervoll, daß ich hier wenigstens <em class="ge">das</em>
-habe,« sagte sie lebhaft, »eine Welt abseits aller Spießer!
-Ludwig, wie stolz bin ich auf mein Heim, auf alles selber
-Erworbene &ndash; immer wieder schaue und staune ich &ndash; es
-ist so schön!«</p>
-
-<p>»Ja, das ist dein Reich,« sagte er langsam.</p>
-
-<p>Er küßte ihr die Hand und ging.</p>
-
-<p>Die Hausmannsfrau leuchtete Christiane in ihre
-Wohnung hinauf. Das Licht fiel grade auf die &rsaquo;eiserne
-Wehr&lsaquo;.</p>
-
-<p>Ein leiser Schauer überrann sie. Aber sie lächelte
-noch immer.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Cöldt ging durch die Allee wieder zurück. Er atmete
-den Wald.</p>
-
-<p>Weiter oben am Bahnübergang sah er noch einmal
-nach dem Reutterschloß zurück.</p>
-
-<p>Auch von dort glühten ihm zwei helle Fenster entgegen,
-wie vorhin von Hardis Zimmer.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a>
-Ein schweres Begehren schwoll in ihm auf, das
-Mannesbegehren überhaupt und das Begehren nach
-Christiane.</p>
-
-<p>In den Wochen nach ihrer damaligen Abreise, als
-nur die spröde, jüngferlich feindliche Frau um ihn war,
-hatte er sich entschlossen sich freizumachen, trotz allem, was
-daran hing. Von Tag zu Tag wurde sein Wille fester.
-Und dann wollte er mit Hardi davon sprechen.</p>
-
-<p>Es war Abend, rot stand es über den Wällen, im
-Zimmer brannte noch kein Licht. Da fing er an zu
-reden. Er ging dabei auf und ab &ndash; sie richtete sich
-empor und sah nach ihm. Sie kam zu ihm. Er merkte,
-daß sie ihn gar nicht verstand. Sie schluchzte. Sie legte
-die Arme um ihn. So hatte sie es nie getan. So &ndash;
-nicht.</p>
-
-<p>Sie war seine Frau.</p>
-
-<p>Und dann kamen wieder die Stunden, in denen sie
-mit ihrem furchtbaren Leiden kämpfte. Und die Wochen,
-in denen es nicht besser werden wollte und Arzt auf Arzt
-ins Haus kam und die Krankenluft durch alle Zimmer
-drang. Aber er war getrost: er hatte ja das Kind.</p>
-
-<p>In der Zeit war Christiane für ihn verschwunden.</p>
-
-<p>Geduldig ließ er Hardi von Bad zu Bad reisen, begleitete
-sie zu verschiedenen Kuren, geduldig nahm er es
-hin, daß sie immer und immer schonungsbedürftig blieb
-&ndash; es war ja noch Licht da, eine rührende Kostbarkeit, ihr
-Liebesopfer.</p>
-
-<p>Bis ihm allmählich der Charakter des Kindes klar
-wurde, bis die Züge sich unerbittlich zusammenfügten,
-bis das Erkennen überhaupt über ihn kam und er alles
-<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a>
-&ndash; begriff. Das Kind gehörte ihm im Herzen nicht, so
-wenig wie die Mutter im Herzen aufrichtig sein gewesen
-war; es verriet in seiner Art allen inneren Widerstand,
-alle Starrheit, alles feindliche Muß; es liebte keinen.</p>
-
-<p>Und nun ging das Leben weiter. Wie ein Gewicht
-hing sich Hardi an ihn, nahm ihm sein liebstes Werk,
-und die Leute fanden es ehemännisch korrekt, daß er es
-gab. Er kehrte in die Stadt zurück, in der keine besondere
-Leistung ihn erwartete, aber die kranke Frau hatte
-hier einen harmlosen Zeitvertreib in ihrem Verein, ein
-flaches Sichbeschäftigen mit dem Kind und den Haushaltsdingen
-und fühlte sich im Grunde ganz behaglich.</p>
-
-<p>Sie verlangte nichts weiter, als Rücksicht, Rücksicht.</p>
-
-<p>Und er?</p>
-
-<p>Er war in der ganzen Zeit nie vom Wege abgewichen.</p>
-
-<p>Jetzt kam er an sein Haus zurück und sah, daß Hardis
-Zimmer schon dunkel war.</p>
-
-<p>Im Eßzimmer räumten noch die Mädchen und das
-Fräulein. Sonst war alles still.</p>
-
-<p>Er ging in sein Zimmer und machte Licht. Er wollte
-noch ein Buch holen und griff einen bekannten Band.</p>
-
-<p>Der Abend &ndash; allein &ndash; dachte er bitter.</p>
-
-<p class="ce mt1 mb1">*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Gesenkten Kopfes und sehr hurtig ging die kleine
-Wehrendorf nach dem Reutterschloß. Ein wenig stolz
-war sie schon, aber das Bangen ließ sie nicht los.</p>
-
-<p>Ihre Gesundheit war so sehr schwach. Der Husten
-<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a>
-blieb und blieb und störte nachts die Jong, obwohl die
-es nicht wahr haben wollte.</p>
-
-<p>Das kam von den vielen heimatlosen Jahren. Nach
-den verschiedenen Stellungen gab es immer nur ein
-angstvolles Intermezzo in irgend einem Heim oder
-Hospiz, ein unruhiges Zählen des Geldes &ndash; wie lange
-reichte es noch? Ihre Aussichten wurden immer ungünstiger.
-Sie wußte, wenn sie diesmal nicht festwurzelte,
-anderswo kam sie nicht mehr an, dann war sie
-zu alt. Und neuen Kampf, neues Sicheinrichten hielt
-ihr Körper auch nicht mehr aus.</p>
-
-<p>Christiane hatte ihr eine junge und kleine Klasse gegeben.
-Nein, da war es nicht schwer. Diese achtjährigen
-Dinger waren so sanft und niedlich, das Herz wurde ihr
-immer wärmer bei ihnen &ndash; irgend etwas stieg aus ihrer
-Seele herauf, das klammerte sich gierig an sie. Abends
-konnte sie schweigsam sitzen und an die eine oder die andere
-denken, jedes Lächeln, jedes reine Wort, jeden lieblichen
-Kinderblick vergegenwärtigte sie sich dann &ndash; von
-oben bis unten war sie in Wärme gehüllt.</p>
-
-<p>Sie schaute auf. Da kam Fräulein Friedlein. Wie
-leicht die ging, und wie schön sie aussah. Da kam ja auch
-ein Herr, der sie grüßte, ein großer, schwarzer &ndash; häßlich
-war er &ndash; aber sie schienen sich doch wohl ganz gut
-leiden zu können&nbsp;&ndash;?</p>
-
-<p>Er blieb sogar stehen und sah ihr nach.</p>
-
-<p>Ach, nun nahte die Schlimmste &ndash; die Haberkorn.
-Tausend verquälte Lebensstunden erschienen vor Ada,
-wenn sie die Oberlehrerin sah. Die gibt es vielmals auf
-der Welt, dachte sie.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a>
-Aber die Haberkorn guckte jetzt nur nach der Friedlein,
-ihr Gesicht war scharf.</p>
-
-<p>Wahrscheinlich hatte sie den überaus höflichen Gruß
-des Herrn auch gesehen.</p>
-
-<p>Ada war dergleichen sehr gleichgültig, sie hatte keinen
-Sinn für Liebesgeschichten. Nie war ihr der unerhörte
-Gedanke gekommen, daß sich jemand für sie interessieren,
-daß einer sie hätte heiraten können! Ihre
-Wünsche und kühnsten Träume hatten sich nie so weit
-verstiegen.</p>
-
-<p>Ihr ganzes Lebensideal war &ndash; die Arbeit, die Kinder,
-ein gutes, sicheres Schaffen! Und dann noch etwas
-&ndash; ein eigenes Zimmer zu besitzen. Einmal im eigenen
-Raume ungestört zu sein, Tag und Nacht, eigene Sachen
-um sich zu haben. Sie dachte an das Wohnen im Glaserker,
-im Badezimmer &ndash; in ihrem Erzieherinnenleben
-hatte sie noch manches andere Derartige kennen gelernt &ndash;
-oder sie hatte bei den Zöglingen schlafen müssen, wie in
-der Villa Cöldt.</p>
-
-<p>Wenn sie angestellt würde! An der Schule bleiben
-könnte &ndash; dann vielleicht! Jetzt betrug ihr Gehalt als
-Hilfslehrerin nur sechzig Mark, mehr hatte das Patronat
-für sie nicht bewilligen wollen, und dann war in der
-Pension auch kein anderes Zimmer frei.</p>
-
-<p>Scheu bewundernd sah sie am Reutterschloß empor
-&ndash; wie schön war es, hier zu wohnen &ndash; so zu sein, wie
-Christiane. Fräulein Doktor &ndash; sie sagte es lautlos vor
-sich hin, es schien ihr unerhört und sehr groß, daß eine
-Frau so weit kommen konnte!</p>
-
-<p>Im Schulhaus senkte sie den Kopf wieder. Wie die
-<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a>
-Großen nur guckten. Jetzt lachten sie &ndash; sicher über sie
-&ndash; über ihre verschossene Bluse. Ach ja, darüber hatte
-schon manche gelacht.</p>
-
-<p>Als sie in die Klasse trat, wurde ihr wieder tröstlich
-zumute. All die braunen und blauen Augen, die sich
-auf sie richteten, all die Locken und Zöpfchen, die jetzt
-mit in Bewegung kamen &ndash; die ganze Schar drängte auf
-sie zu und gab ihr die Pfötchen.</p>
-
-<p>Eben wollte sie mit ihnen beten, ein Kindergebet,
-das sie so gläubig sprechen konnte, als ob sie selbst ein
-Kind sei &ndash; da ging die Türe auf. Die Vorsteherin, und
-hinter ihr &ndash; erbarm sich der Himmel &ndash; die kleine
-Cöldt! Sie sah schon die grünschillernden, kalten, höhnischen
-Augen &ndash; ja, das war sie.</p>
-
-<p>»Hier ist deine ehemalige Schülerin,« sagte Christiane,
-»sie soll jetzt hier sein, denn für die höhere Klasse
-ist sie noch nicht reif genug.« Ein jäher Zweifelblick
-brach aus ihren Augen. Dann fügte sie aber hinzu:
-»Das Pensum hier wird sie sicher schaffen.«</p>
-
-<p>Ada konnte nichts weiter sagen.</p>
-
-<p>Die Leiterin ging.</p>
-
-<p>Ada setzte Hanni Cöldt weit nach hinten. Sie mochte
-sie nicht so nahe haben. Dabei kam ihr aber wieder Besorgnis
-&ndash; dort war sie ja kaum zu beobachten! Und
-Hanni &ndash; Hanni Cöldt! Ein Schauder überlief sie, wenn
-sie an das vergangene Jahr dachte &ndash; davon hatte niemand
-etwas gewußt, und es war auch ganz lautlos geschehen
-&ndash; dieses hartherzige, erbarmungslose Quälen.
-So konnte nur die kleine Cöldt quälen! Ada sah die
-grünlichen, engen, klaren Augen vor sich &ndash; die hatte kein
-<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a>
-Herz. Kein Fünkchen Liebe. Überhaupt keine Seele.
-Die war hart in sich.</p>
-
-<p>Sie begann ihren Unterricht. Die Augen der kleinen
-Mädchen taten sich groß auf &ndash; so schön hatten sie
-die Geschichte noch nie gehört! Ada wunderte sich selbst,
-wie leicht es ging, wie die Worte ihr so glatt und farbig
-kamen &ndash; wenn sie es immer so machte, auch wenn der
-Schulrat kam, dann wurde sie angestellt. Ihr Herz wurde
-leicht.</p>
-
-<p>Da &ndash; auf einmal &ndash; ein Kichern. Es verflog. Sie
-sprach weiter, wollte es nicht gehört haben, es gab so
-leicht Unannehmlichkeiten &ndash; da, schon wieder. Sie
-guckte. Die eiskalten Augen der kleinen Cöldt begegneten
-ihr.</p>
-
-<p>»Hanni,« sagte sie.</p>
-
-<p>Nach einer Weile ertönte wieder das Lachen. Jetzt
-merkte sie, daß alle Kinder unruhig waren, sie hörten
-kaum auf ihre Erzählung. Irgend etwas war ihnen
-zugeflüstert worden und machte die Runde &ndash; ein Wort
-über sie.</p>
-
-<p>Ada starrte in die verwandelten Gesichter, sie fragte
-&ndash; keine Antwort. Die Cöldt sah sie mit spöttischer
-Ruhe an.</p>
-
-<p>In der Pause überlegte die Wehrendorf verstört:
-sollte sie es Christiane sagen? Sie bitten: nimm das
-Kind wieder fort? Aber das war ein Eingeständnis
-ihrer Machtlosigkeit. Und sie wußte auch, daß Christiane
-ihr das Kind auch nicht wieder gebracht haben würde,
-wenn ein anderer Ausweg möglich gewesen wäre.</p>
-
-<p>Hoffentlich würde sie sich selbst darum kümmern.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a>
-Die Haberkorn flüsterte mit der Seifert. Frau Geheimrat
-Meckebier habe neulich eine Andeutung über das
-Fräulein Doktor gemacht &ndash; keine sehr wohlwollende&nbsp;&ndash;!
-Zwar hatte sie sich nicht näher geäußert, aber es war doch
-zu verstehen: die Dorreyter mußte bei den Patronatsdamen
-irgendwo angestoßen haben! Na, wenn man sie
-auch schon sah &ndash; dieser Hochmut! Dieses steile, kühle
-Wesen! Die guckte ja über alle hinweg!</p>
-
-<p>Die Herren, der Junggeselle Dreher und Doktor
-Korn, kümmerten sich nicht weiter um solche Dinge, nachdem
-sie erkannt hatten, daß das Fräulein Doktor ihnen
-durchaus in vornehmer Weise Freiheit ließ. Korn erzählte
-manchmal ein paar listige Beobachtungen der
-Kolleginnen seiner Frau zu Hause. Sie waren sehr glückliche
-Leute, die lange aufeinander gewartet hatten, und
-waren mit ihrem Los zufrieden.</p>
-
-<p>Der Zeichenlehrer aber war von Christiane ganz entzückt.</p>
-
-<p>Mit großer Zartheit war er von ihr auf einen
-neuen Weg geleitet worden, auf dem er etwas aus seiner
-melancholischen Kleinstadtlethargie aufwachte.</p>
-
-<p>Jetzt merkte er auf einmal, daß sich hier im verachteten
-Amt auch etwas wie eine feine Kunst bot, neben
-der seine bisherigen eigenen, gänzlich erfolglosen künstlerischen
-Versuche kläglich verblichen.</p>
-
-<p>Oberlehrer Dreher beobachtete Christiane von seinem
-phlegmatischen Junggesellenstandpunkt aus.</p>
-
-<p>Dieses viel beredete und beguckte Fräulein Doktor
-Dorreyter &ndash; eigentlich eine ganz interessante Erscheinung!
-Er sah ihr manchmal sinnend nach, schattenhaft
-<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a>
-stieg ein ungewohnter Begriff vor ihm auf: große
-Dame.</p>
-
-<p>Die paßte kaum hierher.</p>
-
-<p>Seine Kollegen vom Stammtisch im &rsaquo;Deutschen
-Kaiser&lsaquo; begannen ihn zu necken &ndash; er suchte ja eine Frau!
-Wenigstens war er schon seit langem weder mit seiner
-Wirtin, noch mit seinem Essen zufrieden. Ob er denn
-da nicht vielleicht den Versuch machen wollte &ndash; es böte
-sich ihm doch die beste Gelegenheit &ndash; Brr &ndash; er erschrak
-förmlich, wenn er's hörte!</p>
-
-<p>Die Friedlein dagegen, die blonde Mai &ndash; eben
-huschte sie wieder in seiner Nähe vorbei &ndash; schön war sie,
-und mehr als einmal hatte er sich schon in sie verliebt.
-Aber entschließen konnte er sich nicht &ndash; ihre Toiletten
-kosteten sichtlich recht viel Geld und &ndash; sie war ihm eigentlich
-zu schön.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Christiane traf Professor Diermann auf dem Korridor.
-Sein Hut glitt lässig vom Kopfe, seine Augen
-blickten sie gehässig an &ndash; sie hielt ihn fest und sprach mit
-ihm.</p>
-
-<p>Er verbarg seine Aufregung &ndash; er hatte nichts verstanden!
-Diese dunkle Stimme war so schwer zu vernehmen.
-Er hatte auf ihre Lippen geguckt, aber es war
-ihm keine Klarheit geworden.</p>
-
-<p>Nun ging er zu seinen Schülerinnen. Für heute
-hätte ich eigentlich schon genug, dachte er.</p>
-
-<p>Es war sehr heiß. Die Sonne brannte sommertagswarm
-über den Oktoberfeldern. Er fühlte sich sehr
-schlecht. Als er in den Physiksaal trat, empfand er wieder:
-ich kann heute nicht. Er winkte dem jungen Mädchen
-<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a>
-ab, das ihm bei den Apparaten behilflich sein wollte,
-und stellte sich ans offene Fenster. Hier war Schattenseite.
-Aus dem Garten stieg ein herbstlicher Würzduft
-herauf. Ah &ndash; was war das nur, das ihm die Lungen so
-zusammenschnürte &ndash; was war das&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;?</p>
-
-<p>Hinter ihm hatten die Mädchen sacht zu zischeln begonnen,
-jetzt schwatzten sie ungeniert. Sie redeten über
-seinen Kopf weg &ndash; er verstand ja doch nichts!</p>
-
-<p>Er hörte auch nichts. Der Schweiß kroch auf seine
-Stirn &ndash; was war denn das&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Er bog sich vor, um noch mehr von der frischen Luft
-zu spüren, aber von draußen aus dem blauen Tag schien
-eine sonderbare Dunkelheit zu ihm zu kommen &ndash; was &ndash;
-was &ndash;&nbsp;&ndash; ah &ndash; jetzt war es wieder weg!</p>
-
-<p>Er wandte sich &ndash; da sah er das Fräulein Doktor
-mitten im Saal. Sie redete mit den jungen Mädchen.</p>
-
-<p>»Ich hatte Sie eigentlich sprechen wollen, Herr Professor,«
-sagte sie nun, auf ihn zutretend, »Sie wissen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Nein, er wußte nichts. Er hatte ja nichts verstanden.
-Der Ärger durchlohte ihn.</p>
-
-<p>»Sie scheinen krank, Herr Professor,« sagte sie nun,
-»ich bin gern bereit, Sie zu vertreten&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Er starrte sie an &ndash; ihm schien Klarheit zu kommen.</p>
-
-<p>Er sah auch die betroffenen Gesichter der Mädchen.</p>
-
-<p>»Nein, nein, danke,« murmelte er, »sehr liebenswürdig
-&ndash; mir ist wohl. Ganz wohl.«</p>
-
-<p>Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, sein Herz
-raste. Jäh huschte sein Blick zum Fenster.</p>
-
-<p>»Mir ist ganz wohl.«</p>
-
-<p>Krank sein kann man wohl, wenn man jung ist.
-<a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a>
-Wenn nichts in Gefahr ist. Aber jetzt &ndash; jetzt &ndash; zwei
-Jahre mußte es noch gehen &ndash; die letzte Gehaltszulage
-mußte er noch haben! Zwei Jahre noch!</p>
-
-<p>In seinen Augen stand die Angst. Seine Hände
-zitterten, als er nach den Apparaten griff. Er hatte
-keine Ahnung, was heute eigentlich durchgenommen werden
-sollte&nbsp;... jetzt winkte er Betty von Kramer und
-befragte sie leise &ndash; nun wußte er's.</p>
-
-<p>Er griff nach dem Reagenzglase, das ihm Betty
-reichte. Ganz deutlich sah er eine bräunliche Lösung
-darin und wollte es nehmen, aber dicht vor seinen Fingern
-fiel es zu Boden und zerschellte.</p>
-
-<p>»Herr Professor, ich bitte Sie herzlich &ndash; ruhen Sie
-sich heute lieber aus.«</p>
-
-<p>Er fuhr herum.</p>
-
-<p>Da stand sie ja noch.</p>
-
-<p>Sein Fuß trat in die Splitter.</p>
-
-<p>Wahnsinnige Verwirrung erfüllte ihn. Was war
-das denn? Was wollte sie? Warum ließ sie ihn nicht in
-Ruhe? Die sollte fort &ndash; fort&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die &ndash; die&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Er stotterte etwas. Oder schrie er etwas?</p>
-
-<p>Die Schar der Mädchen fuhr mit einem entsetzten
-Rauschen auf. Das hörte er noch. Zugleich verlosch der
-blaue Tag für ihn. Die Dunkelheit, die heimlich draußen
-gelauert hatte, brach herein und riß ihn zu Boden.</p>
-
-<p>Man brachte ihn besinnungslos nach Hause.</p>
-
-<p class="ce mt1 mb1">*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a>
-Christiane schrieb an Käthe Arndt und fragte, ob sie
-nicht Lust hätte, zu ihr zu kommen. Es sei Platz an der
-Reutterschule.</p>
-
-<p>Der Arzt hatte Christiane verraten, daß der Professor
-nicht mehr in sein Amt zurückkehren würde.</p>
-
-<p>Warum denke ich an die Arndt? fragte sich Christiane.</p>
-
-<p>Brauche ich jemand von &ndash; früher?</p>
-
-<p>Langsam stiegen die alten Zeiten vor ihr auf, in
-denen sie doch Kameradinnen um sich gehabt hatte.</p>
-
-<p>Jetzt &ndash;&nbsp;&ndash; wie das von allen Seiten an sie stieß.
-Viel Feind, viel Ehr &ndash; ja, ja! Viel Widerstand, viel
-Sieg! &ndash;&nbsp;&ndash; Aber es zehrte an den Nerven.</p>
-
-<p>Der Vorgang mit dem Professor war in der ganzen
-Stadt aufgebauscht und verzerrt worden. Einer hatte
-immer mehr gewußt als der andere, sogar die jungen
-Mädchen, die den Vorgang überhaupt nicht recht begriffen
-hatten, zischelten. Für alle Unbeteiligten stand
-es fest, daß der alte Herr nur infolge irgend einer aufregenden
-Auseinandersetzung mit Christiane krank geworden
-war. Sogar die Frau und die Töchter waren
-zu ihr gekommen und hatten erkunden wollen, was
-eigentlich vorgefallen sei.</p>
-
-<p>Christiane hatte dem Patronat berichtet und auch
-mit dem Präsidenten gesprochen, sie mußten ihr natürlich
-glauben, aber ein Rest blieb doch &ndash; wie war das mit
-dem alten, verdienten Herrn nur so schnell gekommen!
-Nun waren ihre Pläne erst recht hintenan gestellt.</p>
-
-<p>Unter den Mitarbeitern war eine gewisse Scheu entstanden.
-So gut es ging, wichen sie Christiane aus. Nur
-<a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a>
-die Jong, Doktor Korn und der junge Zeichenlehrer
-nicht, und allenfalls die Friedlein, die ganz andere Gedanken
-hatte.</p>
-
-<p>Ja, was kümmerte sich Christiane um dergleichen?
-War das nicht die Kleinstadt, die schon abfärbte?</p>
-
-<p>Was gingen sie die guten Leute an, die auf der
-Straße hinter ihr her zischelten und die Köpfe wendeten&nbsp;...
-die Spießbürger!&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Jetzt läutete es draußen.</p>
-
-<p>Sie ging selbst hinaus, denn sie wußte, es war Hanni
-Cöldt, die sie sich zum Nachmittag eingeladen hatte. Das
-Fräulein brachte sie und ging gleich wieder.</p>
-
-<p>Das kleine Mädchen kam sicher herein und besah
-Christianens Zimmer. Die Bücher, die Möbel, die Bilder.
-Alles etwas von weitem, ohne das ernsthafte Interesse
-näher zu treten, alles mit dem gleichen kühlen
-und verborgen spöttischen Blick.</p>
-
-<p>Erst mußte sie mit der Tante Kaffee trinken. Dann
-&ndash; was tat man mit diesem Kind? Christiane hatte sich
-Bücher herausgesucht, mit dem unwillkürlichen Trieb
-des Kulturmenschen strebte sie danach, des Kindes Verhältnis
-zum Gedruckten festzustellen. Hanni sah über
-Blätter und Bilder, über Geschichten und Märchen.</p>
-
-<p>»Märchen&nbsp;&ndash;!« Ein geringschätziges Lächeln flog über
-ihr klares, kaltes Gesicht.</p>
-
-<p>»Die magst du nicht? Hat dir keiner welche erzählt?«</p>
-
-<p>»O, ja, die verschiedenen Fräuleins. Wenn ich nicht
-still war, bekam ich immer ein Märchen zu hören.«</p>
-
-<p>»Und das gefiel dir nicht?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a>
-»Nein. Sie sind ja doch nicht wahr.«</p>
-
-<p>»Woraus schließt du das?«</p>
-
-<p>»Weil ich nichts davon sehe. Nirgends. Nirgends.
-Und dann hat sie mir jeder anders erzählt. Und doch
-waren es immer dieselben.«</p>
-
-<p>»Ich würde sie dir auch wieder anders erzählen,«
-sagte Christiane, »und siehst du, grade deshalb sind die
-Märchen wahr.«</p>
-
-<p>»Weil jeder sie anders sagt?« Hanni verzog den
-schmalen Mund.</p>
-
-<p>»Wenn du mit deinen Gefährtinnen im Wald spazieren
-gehst, dann sieht jede von euch dort etwas anderes.
-Die vielleicht die dicken Pilze zwischen dem welken Laub,
-die andere die Kröte am Weg, die dritte den Holunderbusch,
-die vierte vielleicht ein rotes Reh. Und wenn sie
-nachher vom Wald erzählen, dann denkst du an die Pilze,
-die andere an den Holunderbusch und die letzte an das
-rote Reh. Sieh, so ist das auch mit den Märchen. Gesehen
-hat sie jeder schon einmal, aber er hat nicht alles
-davon behalten, und so erzählt er immer nur weiter, was
-er daran am liebsten hat, denn das ist in seinem Herzen
-&ndash;&nbsp;&ndash; und dann ist es auch wahr&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Hanni schien nicht ganz davon überzeugt.</p>
-
-<p>»Sie sind doch erlogen,« sagte sie.</p>
-
-<p>»Du, wir wollen einmal in den Garten.«</p>
-
-<p>»In den Schulgarten?«</p>
-
-<p>»Nein, in meinen. In den Schloßgarten.«</p>
-
-<p>Das Kind horchte auf.</p>
-
-<p>Sie gingen die Treppe hinunter und durch die Hintertür
-hinaus. Jetzt schloß Christiane eine eiserne Pforte
-<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a>
-auf, an der schon manches Kind in den Jahren sehnsüchtig
-und neugierig gestanden hatte. Dahinter rauschte
-es. Da waren grüne Wipfel.</p>
-
-<p>Christiane dachte flüchtig daran, daß sie als junges
-Ding auch einmal vor der verschlossenen Pforte gestanden
-hatte.</p>
-
-<p>Nun war ihr das, was dahinter war, längst vertraut.
-Schöne, alte Bäume, die mit ihren Ästen am
-Boden schleiften, Rasenflächen, hinten ein Tempelchen
-aus Birkenstämmen &ndash; uralt. An der Seite störten ein
-paar Obstbäume, die der vorige Direktor gepflanzt hatte,
-längs der Wand hatte er Bienenstöcke gehabt und daneben
-Kohl gepflanzt. Jetzt waren diese Spuren, so
-gut es ging, vertilgt. Hoch und grau standen die Mauern
-um das Parkstückchen.</p>
-
-<p>Mein Klostergarten, dachte Christiane.</p>
-
-<p>Sie führte das Kind zum Tempelchen. An die
-Innenwand war mit ziemlich grellen und anscheinend
-unvergänglichen Farben das blaue Griechenmeer gemalt,
-auf dem Odysseus segelte.</p>
-
-<p>Hanni guckte.</p>
-
-<p>»Ist das auch ein Märchen?« fragte sie.</p>
-
-<p>Christiane erzählte. Sie dachte, vielleicht wirkt das
-Starke besser auf das Kind. Seine Phantasie muß
-vielleicht kräftiger geschüttelt werden.</p>
-
-<p>Sie erzählte das Abenteuer mit Polyphem.</p>
-
-<p>Als sie sich wandte, merkte sie, daß Hanni ein Bündelchen
-Handarbeit hervorgezogen hatte.</p>
-
-<p>»Ich will was tun,« sagte sie.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a>
-Christiane erinnerte sich. Ja, Fräulein Mehlmann
-hatte ihre Nichte sehr gelobt. Von allen Lehrkräften,
-die sich um den dürftigen Geist bemüht hatten, war einzig
-Fräulein Mehlmann zufriedengestellt.</p>
-
-<p>Und Hanni saß auch jetzt vor dem blauen Griechenmeer,
-von Vögeln umzwitschert, von Bäumen umrauscht,
-von einer Sehnsucht umworben, die ihr Herz suchte, und
-häkelte mit kühler Aufmerksamkeit Stäbchen um Stäbchen.</p>
-
-<p class="ce mt1 mb1">*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Mai Friedlein ging in den Stadtpark. Es war in
-der Mittagsstunde, als die Bürger zu Tisch waren. Auch
-in der Pension Dorreyter saßen sie jetzt beim Essen, aber
-die Jong war eingeweiht und entschuldigte Mai. Sie
-wußte von der Sache, hatte auch tüchtig gewarnt.</p>
-
-<p>Mais Herz klopfte. Sie wußte selber, um was es
-ging.</p>
-
-<p>Ein Rendezvous &ndash; nein, das überließ sie den Ladenmädchen
-und Kontorfräulein. Sie ging nur eben am
-Krähenteich entlang, weil &ndash; der Assessor von Wratislawski
-um dieselbe Zeit dort gehen wollte.</p>
-
-<p>Er hatte sie auf der Straße gesehen. Dann war im
-Theater einmal die Gelegenheit zu einer Gefälligkeit gewesen.
-Er hatte sie aber nicht begleiten dürfen. Von
-da an kreuzte er fast täglich ihren Schulweg, kein Tag
-verging ohne seinen respektvollen Gruß, Woche für Woche
-strich so hin, Winter und Frühjahr und Sommer, und
-nun war es Herbst.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a>
-Jetzt mußte die Entscheidung kommen, das hatte
-Mai gefühlt. Ihr ganzes Herz hatte sich an die unerhörte
-Aussicht gehängt &ndash; wenn es doch würde &ndash; der
-Triumph &ndash; das Glück!</p>
-
-<p>Er hatte ihr also ein Briefchen gesandt und darin
-ehrerbietig um eine Zusammenkunft gebeten, zugleich beklagend,
-daß ihm kein anderer Weg zu einer Aussprache
-mit ihr bliebe.</p>
-
-<p>Ach ja, das war es.</p>
-
-<p>Mai war überzeugt, daß sie bei ihrer Schönheit
-längst verheiratet sein würde, wenn nur ein korrekter
-Anknüpfungspunkt dagewesen wäre, eine Gelegenheit,
-bei der sie mit Herren hätte sprechen können. Aber so
-hatte jede ihrer Herzensgeschichten etwas vom Wagnis.</p>
-
-<p>Sie pflegte aber als gute Tochter ihrer Mutter sofort
-Nachricht zu geben, wenn sich wieder etwas angebandelt
-hatte, und die kam dann sogleich mit dem nächsten
-Zuge an, um den Schwiegersohn zu besehen und die
-Angelegenheit ins Korrekte zu bringen. Leider war das
-bis jetzt noch nie geglückt.</p>
-
-<p>Einmal da, einmal dort ein Aufblinken, eine Hoffnung
-und immer wieder &ndash; nichts.</p>
-
-<p>Und jetzt &ndash; dies. Mai wußte, der Assessor war
-reich. Der konnte sich den Luxus leisten, das schönste
-Mädchen von Markburg zu seiner Frau zu machen. Und
-wenn er sich versetzen ließ &ndash; nach dem Westen oder nach
-Kiel &ndash; dann wußte dort kein Mensch, daß sie Lehrerin
-gewesen war. Und keiner, der die junge Frau von
-Wratislawski sah, würde von selber auf den Gedanken
-kommen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a>
-Mais feines Marquisengesicht rötete sich ein wenig
-&ndash; sie sah ihn schon dort am Teich. Er hatte es eilig.
-Seine große Dogge, die ihm so ungeheuer ähnlich sah,
-war mit.</p>
-
-<p>Unbefangen kam er auf sie zu. »Ich bin außerordentlich
-glücklich, mein gnädiges Fräulein&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Sah sie an.</p>
-
-<p>Sie gingen auf und ab. Immer an der Seite des
-Teiches, an der die Büsche die Aussicht nach beiden Seiten
-sperrten. Durch das Gezweig der Hängeweiden hörten
-sie nur das Geraschel und Geplätscher der Wasservögel,
-das Gequarr der bunten Enten. Rauschend flog
-mal da, mal dort ein Tier auf.</p>
-
-<p>Auf dem Wege lagen Kastanienhüllen und Blätter.
-Wie rote Hände schwebten da und dort Blätter heran.
-Der Himmel war hoch und blau.</p>
-
-<p>Herr von Wratislawski wußte das sehr hübsch auszudrücken.
-Und Mai war dafür empfänglich, denn sie
-war sehr poetisch. Alle ihre verflossenen Verehrer hatten
-ihr ein künstlerisches Andenken hinterlassen dürfen, ihre
-Stube war voll von solchen zart elegischen Erinnerungen.</p>
-
-<p>Jetzt war sie lebendig. Herren gegenüber kam sie
-gut aus sich heraus.</p>
-
-<p>Ja, der blaue Himmel, die roten Blätter, der ferne
-Wald &ndash; sogar die leeren Kastanienschalen waren poetisch.
-Raschelnd fuhr ihr Fuß durch die Blätter.</p>
-
-<p>Goldspuren zögen hinter ihr her, behauptete Herr
-von Wratislawski.</p>
-
-<p>Seine Augen waren ganz rund. Seine Hand im prallen
-Glacé streifte die ihre. Er kam näher an sie heran.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a>
-Sie standen nun vor der offenen Fläche des Teiches.
-Der Himmel spiegelte sich im Wasser wie in Glas. Die
-Bäume umrahmten das blaue Bild. Das Wassergevögel
-hatte sich jetzt ziemlich auf die Schwaneninsel in der Mitte
-zurückgezogen, nur ein paar Entchen schwammen noch
-wie grüne Klümpchen in glitzernden Streifen da und dort.</p>
-
-<p>Es war ganz und gar einsam.</p>
-
-<p>Er kam noch näher an sie heran.</p>
-
-<p>Lieblicher sei ihm noch kein Mai vorgekommen, als
-der an diesem Herbsttage, behauptete er. Wenn sie nur
-wüßte, wie er auf diese zarte Stunde geharrt hätte!
-Aber es sei ja so unendlich schwer gewesen &ndash;&nbsp;&ndash; und sie
-so kühl&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Ja, ja,« sagte sie elegisch. Sie hielt es für angebracht,
-auch einmal wieder streng zu sein.</p>
-
-<p>Aber er hörte nicht darauf.</p>
-
-<p>Jetzt sei ja das Eis gebrochen.</p>
-
-<p>Und deshalb müßte sie heute Rosen haben, drüben
-in der Stadtgärtnerei am anderen Ufer müßte es noch
-welche geben. Ob sie mitkommen wolle? Der Weg sei
-nur kurz und sehr schön&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Sie ging mit ihm, unbefangen, sehr damenhaft.
-Der Hund raschelte hinter ihnen her. Sie dachte, daß
-wohl die Stellung der behüteten Haustöchter angenehmer,
-aber doch weniger poetisch sei, als die eines einsamen,
-sich selbst das Brot verdienenden Mädchens, dem
-endlich das Glück lächele. Sie sah ja, wie verliebt er war.</p>
-
-<p>Und nun waren sie an der Gärtnerei. Sie wartete
-draußen. Nach ein paar Minuten kam er wieder,
-einen Strauß Rosen in der Hand, wie sie ihn schon lange
-<a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a>
-nicht mehr beisammen gesehen hatte, rote, purpurrote,
-weiße und zartgelbe.</p>
-
-<p>»Der letzte Sommer,« sagte er, »dem ewigen Lenz.«</p>
-
-<p>Es war sehr poetisch.</p>
-
-<p>Sie drückte das Gesicht in die Blumen, schon, weil
-sie wußte, wie gut es ihr stand. Mehrfach war sie so
-photographiert worden.</p>
-
-<p>Es war still. Die Hecke deckte sie wieder. Da
-flüsterte er: »Mai, liebliche Mai &ndash; nun kommen wir
-nicht mehr auseinander, nicht wahr&nbsp;&ndash;?«</p>
-
-<p>Sie hielt das Gesicht noch immer in den Rosen.</p>
-
-<p>»Mai&nbsp;&ndash;« bettelte er.</p>
-
-<p>Sie murmelte zag: »So kann ich Sie nicht mehr
-treffen,« und horchte scharf auf das, was er sagen
-würde.</p>
-
-<p>»Nein,« sprach er, »so &ndash; nicht.«</p>
-
-<p>Er schien nachzusinnen.</p>
-
-<p>»Aber es gäbe doch noch vielleicht einen Weg für
-uns beide&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Ihr Herz schlug hart auf. Blitzschnell durchmaß ihr
-Hirn noch einmal alle Hindernisse ihrer Verlobungen &ndash;
-hier war keiner vorhanden! Der Assessor war ganz unabhängig.</p>
-
-<p>Er machte ein paar Schritte und sah sie nicht an.</p>
-
-<p>»Fräulein Mai,« sagte er in resigniertem Tone,
-»man weiß ja, wie die guten Markburger sind. Deshalb
-erlaube ich mir vorzuschlagen &ndash;&nbsp;&ndash; jetzt kommt der
-Winter, und ich bin oft in der Provinzialhauptstadt in
-der Oper &ndash; Musiknarr, der ich nun einmal bin &ndash; da
-möchte ich also gehorsamst vorschlagen &ndash; begegnen wir
-<a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a>
-uns &ndash; dort. Bitte, bitte, denken Sie einmal darüber
-nach. Da fiele so manches fort, das uns hier beengen
-würde. Zusammen können wir da so viel Poesie genießen,
-wie wir wollen &ndash;&nbsp;&ndash; auch der Winter und die
-Großstadt sind poetisch&nbsp;...« Er bückte sich plötzlich und
-faßte mit seinem Handschuh ein Zweiglein harter, weißer
-Beeren. »Wie zart das ist, nicht wahr?« fragte er fast
-flötend, »so entzückend zart &ndash; liebes Fräulein Mai &ndash;
-Herzkönigin&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Er stockte.</p>
-
-<p>Sie warf ihm die Rosen vor die Füße. Rote, purpurrote,
-weiße, gelbe Rosen.</p>
-
-<p>»Nein, danke sehr, Herr von Wratislawski.«</p>
-
-<p>Sie wandte sich um und ging.</p>
-
-<p>Ging sehr rasch und sehr anmutig und sehr stolz.
-Sie wußte, daß man das alles merkte, wußte, daß er ihr
-verdutzt nachstarrte, und noch ging ihr Blut in gewaltiger
-Erwartung: kam er jetzt nicht doch&nbsp;&ndash;? Stürzte er ihr
-nicht voller Reue nach&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;?</p>
-
-<p>Sie ging und ging. Die Blätter raschelten rechts
-und raschelten links. Es waren lauter Goldstreifen.</p>
-
-<p>Aber er kam nicht. Er holte sie nicht ein.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Wütend trat sie aus dem Park heraus.</p>
-
-<p>Es war ja nicht das erste Mal. Schlingen um
-Schlingen waren ihr in den Jahren um die Füße geworfen
-worden &ndash; sie hatte sich in keiner verfangen.</p>
-
-<p>Nur weil sie arbeitete und ihr Brot selber verdiente,
-glaubte man in dieser Stadt, wo die Töchter ihr Leben
-nur mit Tennisspielen und &rsaquo;Kränzchen&lsaquo; ausfüllten, sie
-müßte zu haben sein!</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a>
-Der Schuft!</p>
-
-<p>Zitternd kam sie die Stiege herauf und horchte vor
-der Korridortür &ndash; kamen sie nicht etwa eben aus dem
-Eßzimmer?</p>
-
-<p>Nein, es war still. Sie ging an der Wäschemangel
-und den Fahrrädern vorbei und öffnete leise die Tür zu
-ihrem Zimmer &ndash; ach herrje, da war ja die Mutter mit
-den beiden Schwestern. Sie hatte im Augenblick vergessen,
-daß sie ihr gleich von der neuen Aussicht geschrieben
-hatte, nun war die wieder gleich gekommen. Und
-Paula und Eva waren mit.</p>
-
-<p>Paula war Wochenpflegerin und hatte wohl grade
-einen freien Tag, und Eva suchte eben wieder eine Stellung
-als Hausdame. Beide hatten sie die gleichen zartrosa
-Marquisengesichter, das helle, schöne, wie gepuderte
-Haar &ndash; nur ihre Gestalten waren nicht so prächtig entwickelt,
-nicht so germanienhaft, wie die Mais, und nicht
-so elegant. Frau Friedlein sah man an, daß sie die
-&ndash; Mutter dieser köstlichen Mädchen war &ndash; sie hätte gar
-nicht anders aussehen können. Und fein hatte sie sich
-gemacht, ein seidenes Kleid aus dem Schrank genommen
-&ndash; es war noch nicht bezahlt. Aber sie hatte sich vor
-dem reichen Schwiegersohn doch ins rechte Licht setzen
-wollen.</p>
-
-<p>Unterwegs hatten sie schon hin und her überlegt:
-wenn Mai jetzt so eine gute Partie machte, konnte eine
-der beiden anderen immer abwechselnd zu ihr auf Besuch
-kommen, und dadurch war es sehr leicht möglich, daß sich
-auch vornehme Partieen für die fanden, so daß die Familie
-allmählich in ihr altes Milieu zurückdrang.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a>
-Die Mutter fragte Mai gleich: »<em class="ge">Wie</em> heißt er?«
-denn sie hatte den Namen vergessen.</p>
-
-<p>Die Schwestern spitzten die Ohren, doch Paula, die
-Wochenpflegerin, die etwas psychologische Beobachtungsgabe
-und ziemlich viel Pessimismus besaß, merkte gleich,
-daß etwas nicht in Ordnung war.</p>
-
-<p>Und nun fuhr es Mai auch gleich heraus: »Es ist
-nichts, ich habe mich in ihm getäuscht, er hat nur &ndash; nur
-&ndash; anbändeln wollen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Die Mutter klappte den schönen Mund zu. Eva
-sagte: »Na ja,« denn sie hatte auch ihre Erfahrungen.</p>
-
-<p>Paula meinte gleichmütig: »Mai muß doch noch
-mehr Verehrer haben,« aber die Mutter sprach eifrig:
-»Erzähle nur &ndash; vielleicht läßt sich noch etwas machen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Da läßt sich nichts machen,« seufzte Mai, fuhr sich
-über die Stirn und begann zu berichten: »Der Schuft &ndash;
-der Schuft &ndash; so hat er's angefangen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Du warst allerdings sehr unvorsichtig,« sagte Frau
-Friedlein vorwurfsvoll, »wenn dich jemand mit ihm am
-Teich gesehen hat, ist die Sache sehr schlimm&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Aber was sollte ich anders tun,« rief Mai, »an
-welche Weise kann ich sonst einen Mann kennen lernen.
-Ach, und an dem Teich war es so wunder&nbsp;&ndash; wunderschön.
-Das blaue Wasser und der blaue Himmel und
-das rote Laub. Und selbst die zerplatzten Kastanien hat
-er schön gefunden. Ach,« sie weinte plötzlich auf, »wir
-haben uns doch so gut verstanden&nbsp;&ndash;!«</p>
-
-<p>Die Mutter nahm sie in den Arm an ihre volle Brust
-und tröstete sie.</p>
-
-<p>»Mein armes Kind, ja, ich glaub's, es ist schwer für
-<a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a>
-dich. Für deine Schwestern auch. Für uns alle. Eva
-hat ihre Stelle in Stettin doch auch verloren, der Amtsrichter
-hat sich wieder verheiratet, und sie glaubte doch &ndash;
-Wie oft kommt das vor. Und Paula hat jetzt eine Frau
-bis zu Tode gepflegt. Nachher ließ sie sich überreden,
-bei dem Kind zu bleiben. Es war so verlassen. Sie
-hatte es gern. Es war ein so hübsches Kind, nicht wahr,
-Paula? Und um des Kindes willen hätte sie auch den
-Vater in Kauf genommen. Aber da ist er vorgestern
-über alle Berge. Über alle Berge, sage ich. Mit der
-ganzen Kasse des Chefs. Nur das Kind hat er zurückgelassen.
-Das hat Paula nun in Gemeindepflege geben
-müssen. Sie hat sehr geweint.«</p>
-
-<p>Mai sah die Schwester an, und die nickte ihr zu.
-Auch Eva nickte. Ja, sie wußten Bescheid.</p>
-
-<p>Draußen klirrte es. Was war denn&nbsp;&ndash;? Ach &ndash;
-Kaffeekränzchen bei der Mehlmann! Da gab es kein
-Ausschlagen.</p>
-
-<p>»Ihr müßt auch dabei sein,« sagte Mai zu der Mutter,
-und die wehrte sich nicht weiter, denn nach der Fahrt
-und der Aufregung hatte sie Durst bekommen.</p>
-
-<p>Gleich darauf klopfte auch die Handarbeitslehrerin,
-begrüßte die Damen Friedlein zierlich und bat, sie möchten
-doch an ihrem Kränzchen teilnehmen. Es sei alles
-reichlich da.</p>
-
-<p>Das war es. Der runde Tisch sah noch einmal so
-wichtig aus mit der weißen Decke, den vielen Tassen,
-Untertassen und Tellerchen, den Sahnennäpfchen, Zuckerdosen,
-den Marmeladenbüchsen, den Kuchenbergen, Waffelhäufchen
-und der großen Weinbeertorte in der Mitte.
-<a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a>
-Die war vom Konditor, ebenso die Schlagsahne. Alles
-andere dagegen hatte Fräulein Mehlmann selbst verfertigt.</p>
-
-<p>Frau Friedlein bog sich in kluger Liebenswürdigkeit
-vor und bewunderte die glasklaren Früchte und die
-Marmelade &ndash; ja, die war gut geraten! Eben war die
-Einmachezeit vorbei. Frühmorgens, ehe sie in die Schule
-ging, hatte Fräulein Mehlmann auf dem Markte eingekauft,
-und wer nachmittags etwa zu ihr kam, erhielt
-unversehens ein Messer in die eine Hand gedrückt und in
-die andere eine Gurke &ndash; jetzt hieß es helfen! Da nahm
-das Fräulein keine Rücksicht!</p>
-
-<p>Frau Friedlein mußte auf dem Sofa Platz nehmen.
-Neben ihr saß Fräulein Seifert, ein Platz war noch
-frei, denn die Oberlehrerin hatte der kleinen Meckebier
-Stunde zu geben und kam erst später. Frau Dorreyter
-hatte sich mit einem Ecksitz begnügt, sie mußte auch oft
-hin und her laufen, denn das kleine Dienstmädchen war
-so stutzig. Trotzdem fühlte sie sich sehr behaglich und sah
-mit Blicken voll Genugtuung auf ihre Damen. Der
-Kater wußte schon Bescheid, er bettelte bald bei der, bald
-bei jener und bekam überall etwas.</p>
-
-<p>Die Jong hatte Mais Miene erkannt. An der
-Weinbeertorte vorbei flüsterte sie ihr zu: »Und stürzt der
-Himmel ein, kommt doch eine Lerche davon!« was die
-schöne Mai zu einem Dankesblick veranlaßte, obwohl sie
-das Zitat im Augenblick nicht unterzubringen wußte, so
-poetisch sie sonst war.</p>
-
-<p>Die kleine Wehrendorf saß still dabei.</p>
-
-<p>Es war ein schweres Leben für sie. Wenn nur der
-<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a>
-Husten besser und das erste Jahr vorbei wäre. Dann
-&ndash; dann &ndash; wieder kam Ada der ungeheure Traum von
-der eigenen Stube.</p>
-
-<p>Wie sollte die aussehen? Ein weiches Liegesofa, ein
-Arbeitstisch, ein paar Stühle, ein Schrank und ein richtiges
-Bett. Ihrer Eltern Sachen waren damals alle
-verkauft worden.</p>
-
-<p>Sie schrak zusammen &ndash; ach, nun hatte sie übersehen,
-daß Fräulein Seifert die Sahne gereicht haben
-wollte. Nie fand sie im Verkehr das Richtige. Das war,
-weil sie schon so weit ab vom Leben gewesen war, wochenlang
-hatte sie einer an der Hand gehabt &ndash; sie wußte
-über die Höflichkeit bei Kaffeekränzchen nur noch geringen
-Bescheid.</p>
-
-<p>Die Damen aßen und tranken, immer wieder wurde
-eingeschenkt, immer wieder herumgereicht, der Sahnenberg
-senkte sich, die Kuchenteller leerten sich, die Torte
-wurde ganz schmal &ndash; es schmeckte allen sehr gut.</p>
-
-<p>Nun waren sie satt.</p>
-
-<p>Die Mehlmann fragte noch ein-, zweimal herum.
-Sie hielt Fräulein Seifert die Tortenplatte noch einmal
-hin &ndash; die dankte. Sie bot sie Frau Friedlein an &ndash; die
-dankte auch. Sie fragte noch einmal vorsichtshalber
-ringsum &ndash; alle dankten.</p>
-
-<p>Da räumte sie mit Hausfrauenzärtlichkeit ab. Sie
-sperrte ihren Schrank auf &ndash; man sah noch allerhand
-gute Sachen darinnen stehen &ndash; und packte alles sorgfältig
-hinein &ndash; für Fräulein Haberkorn wurde etwas
-besonders aufgehoben. Sie schloß wieder zu, nahm den
-Tischbesen und die kleine Schaufel und kehrte Krümelchen
-<a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a>
-um Krümelchen vom Tisch. Jetzt sah man die Decke
-&ndash; ein schönes Muster &ndash; und darüber gelegt den feinen
-Läufer &ndash; die Damen besahen ihn sich genau. Die Seifert
-fragte, wo man die Vorlage bekommen könnte, aus
-Markburg sei die doch nicht.</p>
-
-<p>Sie sprachen über Handarbeiten, danach über Kleider,
-jede schilderte die Art und Weise ihrer Schneiderin.</p>
-
-<p>Mai starrte mit melancholischen Blicken gradeaus:
-nun mußte sie sich doch zum Winter das gelbe Kleid
-machen lassen, das ihr gar nicht stand. Den Stoff hatte
-sie von einer Tante bekommen. Sie hatte gedacht, als
-Braut &ndash; ach, wo waren die Träume wieder hin!</p>
-
-<p>Fräulein Mehlmann kam heran und trug Gläschen
-auf Gläschen. Feierlich stellte sie sie vor eine jede hin,
-und jede guckte darauf. Sie wußten, was nun kam: die
-Likörchen. Plötzlich stutzte das Fräulein und zählte verdutzt,
-guckte in ihren Schrank und zählte von neuem &ndash;
-ja, die Gläser reichten nicht!</p>
-
-<p>»Ich hole Ihnen gleich welche,« rief Frau Dorreyter,
-»aber ich habe nur Weingläser.«</p>
-
-<p>»O, Weingläser,« entsetzten sich die Damen lachend.</p>
-
-<p>»Meine Likörchen sind nicht gefährlich,« beteuerte
-Fräulein Mehlmann eifrig, »aber wir können ja auch
-Eierbecher nehmen&nbsp;&ndash;« Sie griff in den Schrank.</p>
-
-<p>Die Seifert machte eine kritische Miene &ndash; nein,
-Frau Dorreyter sprang schon nach den Wirtschaftsräumen.</p>
-
-<p>Jetzt kam sie und zählte mit den Augen: hatte sie
-sich noch vergriffen? Nein, es reichte.</p>
-
-<p>Es waren gewöhnliche, schlecht geschliffene Gläser
-<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a>
-aus dem Warenhause, nur ein einziges war dabei, das
-war anders. Es stammte noch aus dem knappen Brautschatz
-der Freiin von Rhane.</p>
-
-<p>Die merkte es gar nicht. Ahnungslos stellte sie es
-hin. Es kam grade zu der kleinen Wehrendorf.</p>
-
-<p>Fräulein Mehlmann ging mit der klebrigen Flasche
-ringsum und schenkte ein. Die Weingläser goß sie auch
-voll, so sehr die betreffenden Damen sich auch dagegen
-sträubten.</p>
-
-<p>»Aber ich bitte Sie, ein Likörchen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Dann stießen alle an.</p>
-
-<p>»Worauf?« rief die Jong. Ihre Finkenaugen lachten
-gemütlich.</p>
-
-<p>»Worauf?« fragte die Seifert säuerlich.</p>
-
-<p>Sie wußten es gar nicht. Aber die Gläser klangen.</p>
-
-<p>Das der kleinen Wehrendorf tönte sonderbar auf.
-Sie horchte verwundert. Sie stieß mit Paula Friedlein
-an, da klang es wieder. Wieder und wieder klang es
-ganz zart, ganz silbern. Die anderen merkten es nicht.
-Aber Ada saß ganz erschrocken vor dem Wunder.</p>
-
-<p>In ihr zerschlagenes Herz kam ein kleiner Traum.</p>
-
-<p>Es war der einzige ihres Lebens.</p>
-
-<p>Der kam von dem feinen, singenden Kristall.</p>
-
-<p>Frau Friedlein schrak plötzlich auf. »Wo hast du
-denn die&nbsp;... Rosen gelassen?« flüsterte sie der Tochter zu.</p>
-
-<p>Die fuhr herum, ihre Augen glänzten schon wieder.
-Die Mutter sah sie an und wünschte heiß, jetzt möchte
-einer die Tochter sehen, ein ganz Reicher, einer ohne
-Schulden, ein solider Mann.</p>
-
-<p>»Die&nbsp;... Rosen&nbsp;... ich hab sie ihm ja doch hingeworfen
-<a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a>
-&ndash; du weißt doch,« murmelte sie, nur der Mutter
-verständlich.</p>
-
-<p>»Dann müssen sie noch dort liegen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Was muß dort liegen?« flüsterte Paula von der
-anderen Seite.</p>
-
-<p>Die Mutter erklärte ihr's verstohlen.</p>
-
-<p>»Die sind längst fort. Die haben andere genommen,«
-meinte Mai, die in dem Gesicht ihrer Schwester
-und dem der Mutter schon etwas aufsteigen sah.</p>
-
-<p>»<em class="ge">Wo</em> liegen sie?« flüsterte Frau Friedlein.</p>
-
-<p>»Ich hab dir's ja gesagt. An dem kleinen Heckenweg
-hinter der Gärtnerei.«</p>
-
-<p>»Da kommen selten Leute hin. Das ist ein ganz
-einsamer Platz. Die Rosen liegen sicher noch da&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«
-Sie flüsterte mit den Töchtern.</p>
-
-<p>Nach einer Weile stand Paula auf und verschwand
-unauffällig.</p>
-
-<p>Frau Friedlein erhob sich auch und setzte sich ans
-Klavier. Es war ein altes Stück, Fräulein Mehlmann
-hatte es geerbt. Aber sie spielte gut. Perlend flogen
-die Töne auf &ndash; alle horchten &ndash; das klang schön&nbsp;&ndash;! Es
-war aus dem &rsaquo;Zigeunerbaron&lsaquo;: »Wer hat uns getraut&nbsp;&ndash;«
-Jetzt sangen alle mit: »Die Liebe, die Liebe ist eine Himmelsmacht&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Auf einmal war Paula wieder da. Sie schlich in
-die heitere Gruppe und hatte die Hände voll Rosen:
-rote, purpurrote, weiße, gelbe Rosen. Sie waren noch
-ganz frisch.</p>
-
-<p>Die Kanarienvögel schrieen verwundert auf: »Im
-Oktober so schöne Rosen? Woher kommen die&nbsp;&ndash;?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a>
-Paula blinzelte Mai zu, die eine regungslose Miene
-machte. Dann begann sie zu verteilen, der einen eine
-weiße, der anderen eine rote Rose und so fort. Alle bekamen
-eine, sogar die Wehrendorf, und für Fräulein
-Haberkorn wurde eine aufgehoben und in ein Gläschen
-gestellt.</p>
-
-<p>Fräulein Mehlmann goß noch einmal ein, und nun
-sangen alle wieder, von Rosen umduftet: »Die Liebe,
-die Liebe ist eine Himmelsmacht&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Auch Mai sang mit.</p>
-
-<p>Jetzt ging die Tür auf. Es war ungefähr so wie
-im Märchen, wo sich die verregnete, vergnügte Musikantengesellschaft
-unter den großen Pilz gestellt hat und wo
-unverhofft die böse Besitzerin, die große Kröte, erscheint.</p>
-
-<p>Es kam Fräulein Haberkorn.</p>
-
-<p>Alle überboten sich in Liebenswürdigkeit, die Wehrendorf
-raffte sich sogar auf und rückte ihr einen Stuhl
-zurecht, es war nur leider verkehrt. Die Oberlehrerin
-nahm stirnrunzelnd auf dem Sofa Platz, bekam ihren
-Kaffee frischgewärmt, ihre Torte, ihre Knusperchen, ihre
-Sahne und ihre Rose. Darüberweg besah sie sich die
-Kleider der Anwesenden. Die Kanarienvögel bekamen
-gleich ein paar versteckte Lehren, weil sie augenscheinlich
-zu munter geworden waren.</p>
-
-<p>Fräulein Haberkorn mußte die Luft dieses vergnügten
-Kränzchens erst eine Weile einatmen, um eingewöhnt
-zu werden; sie hatte auch noch nicht genug Kaffee
-getrunken. Vom Likör gar nicht zu reden.</p>
-
-<p>Fräulein Mehlmann erzählte eifrig mit lauter
-<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a>
-Stimme von ihren letzten Einmachetagen. Sie hatte
-sich mit Tomaten beschäftigt. Es war das erste Mal.</p>
-
-<p>Im nächsten Jahr wollte sie sich einen Einkochapparat
-anschaffen, dann konnte sie noch mehr fertig
-bringen!</p>
-
-<p>Endlich merkte sie, durch das Schweigen der anderen
-aufmerksam gemacht, daß Fräulein Haberkorn von Meckebiers
-erzählen wollte.</p>
-
-<p>»Frau Geheimrat war <em class="ge">sehr</em> liebenswürdig,« begann
-sie nun, ihren Kuchen in den Kaffee tunkend, »die
-kleine Lydia ist aber auch so begabt. Ich habe heute gesagt,
-sie brauchte eigentlich gar keine Privatstunde, da
-meinte die Frau Geheimrat, &rsaquo;ja, das ist wohl möglich.
-Aber wir, mein Mann und ich, ziehen es doch vor, eine
-so bewährte Lehrkraft noch weiter um unser Kind zu
-haben.&lsaquo; Das war doch nett, nicht wahr?«</p>
-
-<p>»Sehr nett,« bestätigten alle ringsum.</p>
-
-<p>Fräulein Haberkorn tunkte den Kuchen wieder ein.
-Jetzt sah sie auf. Ihre Blicke flogen funkelnd über alle.
-Frau Dorreyter war hinausgegangen.</p>
-
-<p>»Ja, und was ich noch weiß,« sagte sie.</p>
-
-<p>»Was wissen Sie?!«</p>
-
-<p>Alle waren hochgespannt.</p>
-
-<p>Fräulein Haberkorn wählte sich noch ein Stück
-Torte.</p>
-
-<p>»Sehr schön ist die,« lobte sie, »haben Sie die auch
-selber gebacken, liebe Mehlmann?«</p>
-
-<p>»Nein,« erwiderte die verlegen.</p>
-
-<p>Fräulein Haberkorn wußte es auch so.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a>
-Fräulein Mehlmann brachte, um ihre Ehre wieder
-herzustellen, jetzt ihr Likörchen an und goß ein.</p>
-
-<p>Die anderen warteten atemlos. Was war das für
-eine Neuigkeit? Von Meckebiers brachte die Haberkorn
-oft wichtige Schulneuigkeiten, die sie dort erlistet hatte.</p>
-
-<p>Die Oberlehrerin trank prüfend. Fräulein Mehlmanns
-Blick hing an dem ihren. Sie nickte ihr gönnerhaft
-zu. »Ganz gut, wirklich.«</p>
-
-<p>»Ja, also, ich habe nun erfahren, wer unserm lieben
-verstorbenen Kollegen Diermann im Amt nachfolgen
-wird,« begann sie endlich.</p>
-
-<p>»Ach!« Die Neugier flackerte noch höher.</p>
-
-<p>Die Mehlmann war ungeschickt und sagte: »Nu, das
-wird doch das Fräulein Doktor Arndt sein, die neulich
-bei unserer Vorsteherin war. Die schienen doch gut
-Freund.«</p>
-
-<p>»Nein,« sprach die Haberkorn triumphierend, »das
-wird die nicht. Man hat mit vielen Opfern einen Oberlehrer
-gewonnen. Einen <em class="ge">Mann</em>!«</p>
-
-<p>Sie sagte das so stolz, als ob sie selber einer sei.</p>
-
-<p>»Wer denn? Wer denn? Ist er hier bekannt?«
-Die Fragen wirbelten ringsum.</p>
-
-<p>Die Haberkorn zuckte die Achseln.</p>
-
-<p>»Das weiß ich nicht. Auch den Namen weiß ich
-nicht. Aber wir werden ja sehen.« Sie merkte, daß
-Frau Dorreyter wieder eintrat.</p>
-
-<p>Die anderen schwiegen.</p>
-
-<p>Sie tranken ihre Likörchen aus. Dann ging das
-Kränzchen unter vielen begeisterten, immer wiederholten
-Danksagungen auseinander. Gruppenweise, wie sie grade
-<a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a>
-zueinander stimmten, wanderten die Damen ab. Mai
-begleitete ihre Familie zum Bahnhof. Sie ging dann
-durch die Nebenstraßen zurück, um dem Assessor nicht
-etwa noch einmal zu begegnen. Ihre Rose, die sie hatte
-nehmen müssen, schenkte sie der Wehrendorf.</p>
-
-<p>Die ging mit zwei roten Blumen und einem kleinen,
-zart klingenden Traum im Herzen in das Zimmer
-der Jong. Die Lehrerin hatte schon Adas Betten, die
-tagsüber in einer Lade verwahrt wurden, auf das Sofa
-geworfen und räumte bereits das darüberhängende, zu
-stark belastete Bücherbrett ab.</p>
-
-<p>Ada half ihr eilig und legte die Bücher beiseite.</p>
-
-<p>Es waren ein paar alte Lexika, ein Dictionnaire,
-ein paar Reclamheftchen und ein Band Fulda: &rsaquo;Die
-Hochzeitsreise nach Rom&lsaquo;.</p>
-
-<p>Dann ging Ada schlafen.</p>
-
-<p class="ce mt1 mb1">*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Frau von Cöldt saß in ihrem bequemen Liegestuhl
-am Fenster ihres Zimmers. Eine sacht behagliche Stimmung
-erfüllte sie, ohne daß sie ganz genau darum wußte.
-Der Haushalt war in den Händen des Fräuleins gut
-aufgehoben, auch Hanni war unter Aufsicht.</p>
-
-<p>Frau von Cöldt überdachte die gestrige Vereinssitzung
-bei Frau Colb und wühlte wichtig in ein paar
-Drucksachen, die eben gekommen waren &ndash; Vereinsangelegenheiten.
-O, sehr interessant! Ob man die Wöchnerinnenpflege
-noch weiter ausdehnte?</p>
-
-<p>Sie sann lange darüber nach.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a>
-Dann fiel ihr Ludwig ein. Er war heute schon früh
-nach dem Walde gegangen. Es war ein Wintertag, dick
-lag der Schnee draußen, der Himmel war förmlich finster
-gegen alles Weiß.</p>
-
-<p>Merkwürdiges Sonntagsvergnügen, dachte sie. Aber
-an Wochentagen machte er es oft ebenso. Eine Unruhe
-war in ihm.</p>
-
-<p>Er war schon eine Weile fort.</p>
-
-<p>Sie dachte ein paar Sekunden darüber nach, dann
-vertiefte sie sich weiter in ihre Vereinsangelegenheiten.
-Nur nicht grübeln &ndash; mit ihren Nerven war es dann
-sofort vorbei. Ein Sturz und alles war wieder beim
-alten. Hardi hatte manchmal das Gefühl, als ob sie auf
-einer ganz dünnen Eisdecke lebte. Nur sich nicht rühren,
-sonst brach sie ein.</p>
-
-<p>Aber das Leben auf diesem schwachen, einsamen
-Fleck gefiel ihr.</p>
-
-<p>»Sie haben einen sehr guten Ehemann,« sagten
-ihr die Damen, obwohl sie auf ihre eigenen auch nichts
-kommen ließen, so vertraut waren sie miteinander
-nicht.</p>
-
-<p>Ja gewiß. Er mußte sich nur mehr Bewegung
-machen. Reiten oder Brunnen trinken. Sie hatte ihm
-selber gesagt, er solle sich wieder ein Pferd anschaffen,
-aber er hatte nicht gewollt.</p>
-
-<p>Da lief er im Walde herum.</p>
-
-<p>Mochte er.</p>
-
-<p>Wieder spürte Frau von Cöldt die ganz dünne Eisdecke,
-auf der ihr Leben aufgebaut war &ndash; sie spürte, daß
-sie zitterte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a>
-Nur Ruhe&nbsp;&ndash;! Sie verkroch sich innerlich. Der
-Verein &ndash; das war ja genug.</p>
-
-<p>Jetzt fing ein starker Schnee draußen an.</p>
-
-<p>Sie ließ ihre Hefte wieder sinken und starrte hinaus,
-eine ganz sonderbare Stimmung überkam sie, etwas
-von einer ungeheuren, ratlosen Angst, wie aus Kindermärchen.
-Als brächte ihr der Schnee draußen ein Verschütten
-und Vergehen, ein Verschwinden vor Frühlingsanfang.
-Als fiele dieser Schnee langsam über ihr Leben
-hin, das doch so wohlgewahrt hinter den Scheiben saß.
-Wo war sie übers Jahr&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;?</p>
-
-<p>O, was war denn das &ndash; was war denn das&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;?</p>
-
-<p>Sie starrte wieder hinaus.</p>
-
-<p>Wie das fiel. Auf Dach, Straße und Haus. Wie
-das in den Wald fiel und über alle weiten Felder.
-Schnee auf Schnee.</p>
-
-<p>Sie reckte sich. Es war doch schon Januar. Das
-Schlimmste war doch schon vorbei. Noch vier, acht
-Wochen, und die Amseln pfiffen wieder. Noch vier, acht
-Wochen, und der Winter war vorbei.</p>
-
-<p>Warum fürchtete sie sich?</p>
-
-<p>Sie saß doch so warm.</p>
-
-<p>Da kam Ludwig ja wieder. Er sah ganz weiß aus.
-Sie ging selbst auf den Flur und rief ihn an.</p>
-
-<p>»Wie siehst du aus,« sagte sie.</p>
-
-<p>Er blickte sie aus dunklen Augen an und antwortete
-nicht.</p>
-
-<p>Sein Gesicht war gelb. Er wurde alt.</p>
-
-<p>Sie ging in ihr Zimmer zurück und dachte weiter:
-<a class="pagenum" id="page_160" title="160"> </a>
-wie alt war er denn schon? Er war ja nicht mehr ganz
-jung gewesen, als er sie heiratete.</p>
-
-<p>Ja, und was hatte er gehabt?</p>
-
-<p>Sie fühlte wieder, wie die Eisdecke erbebte, mein
-Gott, er hatte doch seinen Beruf. Es ging ihm gut. Er
-stand glänzend beim Präsidenten, sie wußte es, aus den
-Reden und dem Wesen der anderen hatte sie es gemerkt.
-Und sie kannte ihn ja doch. Er war die altpreußische
-Gewissenhaftigkeit selber. &ndash;&nbsp;&ndash; Und sein Herz hing ja
-doch nicht mehr an ihr. Sie hatte es in der Sekunde
-erkannt, in der sie damals wieder zu ihm gekommen
-war. Vorher glaubte sie sein verändertes Wesen nur auf
-die Enttäuschung zurückführen zu müssen, auf die feige
-und mutlose Art, die sie ihm gegenüber gezeigt hatte &ndash;
-aber dann spürte sie: es war etwas anderes, sein Sinn
-war bei etwas anderem &ndash; er machte sich nichts mehr
-aus ihr.</p>
-
-<p>Und bald hatte sie Klarheit gehabt.</p>
-
-<p>Wie er auf jeden Brief Christianens paßte, wie er
-es so gern übernahm, ihr zu antworten, wie sorgfältig
-und ruhig er schrieb, und doch war etwas darin &ndash; sie
-überlas die Zeilen &ndash; ja, sein Herz war darin!</p>
-
-<p>Beim zweiten Mal war sie viel tapferer, obwohl ihr
-Zustand bewies, daß ihr Schrecken einen guten Grund
-gehabt hatte, und zugleich fühlte sie sich wie von einer
-Last erleichtert &ndash; sie hatte ihm ihre Gesundheit geopfert,
-sie hatte genug getan!</p>
-
-<p>Nun konnte <em class="ge">sie</em> fordern!</p>
-
-<p>Und er gab ihr alles, was sie wünschte, und alles war
-gut, bis das Kind größer wurde.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a>
-Da sahen sie beide, wie sonderbar Hanni in ihre
-Ehe hineinpaßte, und wußten, daß sie sich nicht geliebt
-hatten.</p>
-
-<p>Nun also &ndash; was wollte er noch?</p>
-
-<p>Christiane konnte er ja niemals haben, das stand
-weder in seinem, noch in ihrem Katechismus, solche Dinge
-taten sie nicht.</p>
-
-<p>Die Gartentür klirrte &ndash; es kam wohl Besuch.
-Sonntagsvisiten. Mochte Ludwig annehmen, wenn er
-Lust hatte, sie ließ sich von Fremden niemals sprechen,
-wenn es nicht in Vereinsangelegenheiten war.</p>
-
-<p>Flüchtig horchte sie. Unten gingen Türen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ludwig hatte die Karte verwundert besehen: Richard
-Bartelmes, <i>Dr. phil.</i></p>
-
-<p>Ach so, das war wohl der neue Oberlehrer an der
-Reutterschule? Was wollte der bei ihm? Nahm's wohl
-sehr gewissenhaft, klapperte alle Honoratioren ab. Na,
-den wollte er sich ansehen.</p>
-
-<p>Es war ja schon im voraus genug über ihn erzählt
-worden. Man sollte ihn an gewisser Stelle förmlich gebeten
-haben, anzunehmen. Er war ein Licht. So eine
-besonders moderne Sorte Reformlehrer. Schriftstellerte
-über allerhand Ästhetisches und hatte die neuesten Ideen,
-die es gab. Kunst in der Schule! Es hieß, er sei aus der
-westdeutschen Stadt nur privater Verhältnisse wegen
-weggegangen. Einzig diesem Grunde verdankte Markburg
-das Glück seiner Zusage.</p>
-
-<p>Jetzt kam der Reformoberlehrer.</p>
-
-<p>Was er sagte, war gewandt. Ludwig entdeckte auf
-den ersten Blick weder eine Teutonische Wucht, noch eine
-<a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a>
-Spießbürgerlichkeit. Der Mann sah ganz weltmännisch
-aus.</p>
-
-<p>»Sie werden sich an meinen Namen wohl nicht mehr
-erinnern, Herr Regierungsrat,« sagte er verbindlich, ihm
-mit den etwas runden dunklen Augen im Gesicht forschend.</p>
-
-<p>»Ihren Namen hat man in der letzten Zeit hier oft
-im Blatt gelesen,« erwiderte Ludwig.</p>
-
-<p>»Es war aber auch einmal eine Erinnerung für Sie
-damit verbunden &ndash; wenn ich nicht sehr irre. &ndash; Ich bin
-ein geborener Westpreuße, mein Vater war zuletzt in
-Thorn Major vom Platz.«</p>
-
-<p>»Der alte Bartelmes,« fuhr Ludwig ein wenig vor
-&ndash; bis jetzt hatte er eine kühle Gleichgültigkeit gezeigt,
-fast mehr, als korrekt war &ndash; Christianens wegen! Er
-wußte doch, daß dieser Mann ihr als Stein in den Weg
-geschoben war, daß seine, grade seine Berufung etwas
-wie ein verstecktes Mißtrauensvotum war &ndash; im Reutterschloß
-sollte die Persönlichkeit eines bedeutenden Mannes
-wieder mit ins Gewicht fallen!</p>
-
-<p>Man hatte deshalb keinen ganz Jungen gewählt.</p>
-
-<p>Bartelmes war nicht sehr viel jünger als er selbst.</p>
-
-<p>»Ja, Major Bartelmes kannte ich,« fuhr er nun
-ruhiger fort, auf seine Hände schauend, »aber an seine
-Familie erinnere ich mich nicht mehr.«</p>
-
-<p>»Das ist leicht erklärlich. Mein Bruder und ich
-waren damals im Kadettenhaus und kamen nicht oft nach
-Hause. Freilich haben wir es in der militärischen Zwangsjacke
-nicht sehr lange ausgehalten.« Er lächelte und fuhr
-leicht über seinen sehr gepflegten, kurzen dunklen Vollbart.
-<a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a>
-»Leider sind wir alle etwas aus der Art geschlagen.
-Mein Bruder ist Musiker, meine Schwester
-Schauspielerin.«</p>
-
-<p>Es war, als ob er das dem Herrn Regierungsrat
-mit besonderem Wohlgefallen sagte.</p>
-
-<p>»In der Tat? Ganz künstlerisch! Herr Major
-Bartelmes&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»War es nicht,« ergänzte der Doktor mit einer etwas
-sonderbaren Stimmfärbung.</p>
-
-<p>Cöldt entsann sich. Der Major hatte getrunken.
-Und hatte dann unklarer Dinge wegen weggemußt.</p>
-
-<p>Also die Kinder dieses Trinkers waren Künstler geworden,
-und der Herr Doktor war vermutlich Abstinenzler.</p>
-
-<p>Er sah ihn mit leiser Ironie an.</p>
-
-<p>Etwas stieg in ihm auf, das wehrte sich riesenstark
-gegen den Menschen. Er horchte in sich hinein: wie kam
-er zu solch vorweltlichen Haßgefühlen?</p>
-
-<p>Ach, ein Grund war wohl da: Christiane.</p>
-
-<p>Sie soll es aufgeben, dachte er plötzlich, sie soll die
-Sache einfach hinwerfen. Sie ist doch kein Mensch, dem
-man mißtrauen darf.</p>
-
-<p>Und plötzlich kam es erlösend über ihn: sie wird sich
-nicht ducken lassen.</p>
-
-<p>Jetzt wurde er freundlicher. Befragte den Herrn
-nach seinem Studiengang und seinen Werken.</p>
-
-<p>Der antwortete zurückhaltend.</p>
-
-<p>Also immerhin ein Offizierssohn, vermutlich doch
-wohl noch in einigem wesensverwandt. Wahrscheinlich
-wollte er in der Gesellschaft verkehren? Ob er keine Frau
-hatte? Es schien doch nicht.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a>
-Und plötzlich überkam Cöldt wieder ein neues Gefühl:
-die Eifersucht.</p>
-
-<p>Er sah, daß Richard Bartelmes gut gewachsen war,
-sich gut hielt und ein regelmäßiges, gesundes Gesicht
-hatte, nicht junggesellenhaft zerknittert. Der hat gelebt,
-erkannte er plötzlich. Ein Mucker ist der Herr Doktor
-nicht, trotz seiner Reformen.</p>
-
-<p>Bartelmes verabschiedete sich.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Um zwei Uhr erschien Christiane mit ihrer Mutter,
-wie sonntäglich üblich, zu Tische und blieb hernach bis
-zum Abend.</p>
-
-<p>Ludwig erzählte von dem Besuch.</p>
-
-<p>»Er war bei mir,« sagte Christiane ohne Aufregung,
-aber mit einem seltsam konzentrierten Blick, »allzu gewaltig
-können seine Reformideen nicht sein, da er beim
-Provinzialschulkollegium so in Gunst steht.«</p>
-
-<p>»Und du wirst ihm wohl nicht mehr Einfluß gönnen,
-als ihm gebührt?«</p>
-
-<p>Sie sah ihn ruhig an.</p>
-
-<p>»Er bekommt den Raum, der ihm gehört. Nicht
-einen Zoll mehr.«</p>
-
-<p>Er merkte, daß ihr Gesicht in seinen Linien schärfer
-und härter geworden war.</p>
-
-<p>Sie begaben sich in Ludwigs Zimmer, die Mutter
-blieb bei Hardi im Salon. Dort redeten sie vom Verein.
-Hanni saß gleichmütig und kaltblütig dabei und
-häkelte.</p>
-
-<p>Frau Dorreyter hatte nie eine Ahnung von dem
-gehabt, was Christiane und Ludwig verbunden hatte.
-Hardi hatte niemals etwas angedeutet und verriet auch
-<a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a>
-jetzt nichts, obwohl sie den beiden merkwürdig nachgeschaut
-hatte.</p>
-
-<p>Christiane ging drinnen an einen Tisch, auf dem
-neue Bücher lagen. »Hier,« sagte Ludwig und hielt ihr
-einen Band hin.</p>
-
-<p>Es war ein neues Buch von Mereschkowski über
-Tolstoi und Dostojewski.</p>
-
-<p>Sie las, in einen der tiefen Ledersessel gedrückt. Er
-saß ihr gegenüber und las und rauchte. Sie liebte den
-feinen Zigarrenrauch sehr, wenngleich sie selbst nie
-rauchte. Dann und wann hielten sie inne und sprachen
-ein wenig, oder sie ließen nur ihre Bücher sinken und
-sahen sich kurz in die Augen.</p>
-
-<p>Es war etwas von einem alten Rausch dabei.</p>
-
-<p>Als Christiane und ihre Mutter gegangen waren,
-trat Ludwig wieder in sein Zimmer zurück und zog die
-Schiebetür leise zu. Hardi war noch im Salon mit
-Hanni beschäftigt und hörte das sachte Vorfallen des
-Holzes.</p>
-
-<p>Der Zigarrenrauch war ein wenig eingedrungen und
-durchwebte die Luft des Salons. Hardi erhob sich,
-machte ein paar Schritte und vertrieb den Rauch mit der
-Hand. Sie ging näher an die verschlossene Tür heran,
-und es war, als ob sie horchte oder etwas überlegte.
-Dann aber wandte sie sich, nahm ihr Kind an die Hand
-und ging mit ihm die Stiege hinab in ihr eigenes
-Zimmer.</p>
-
-<p class="ce mt1 mb1">*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a>
-In der Reutterschule war doch einiges anders geworden.</p>
-
-<p>Christiane beobachtete es aber von einem stillen
-gleichmütigen Lauscherposten aus.</p>
-
-<p>Doktor Bartelmes hatte den Ton im Kollegium verändert.
-Er war der Haberkorn so liebenswürdig entgegengetreten,
-daß sie ihre kratzbürstige Art wider Willen
-vergaß; sie kam in seiner Gegenwart einfach nicht
-dazu. Er war anders als ihr Freund, der Professor
-Diermann, dem noch ganz und gar die alte Zeit in den
-Gliedern gesteckt hatte, und auch anders, als die übrigen
-Herren, die den Damen mit wenigen Ausnahmen doch
-am liebsten aus dem Wege gingen. Bartelmes nahm die
-Haberkorn so wichtig, wie sie sich selber vorkam, und
-wenn ein heimliches Blinzeln und Flirren manchmal
-dabei in seinen Augen war, so merkte sie das nicht.</p>
-
-<p>Auch mit den anderen wußte er fertig zu werden.
-Nicht nur, daß er das gute Mehlmännchen allerorten
-neckte und von ihr schon einmal eine Büchse köstlicher
-Marmelade geschenkt bekommen hatte (sie erkundigte sich
-nachher bei sämtlichen Damen, ob man auch nichts &rsaquo;dabei
-gefunden&lsaquo; hätte), sich von Fräulein Jong Fußtouren
-sagen ließ, den jungen Praktikantinnen und Mai mit
-viel Ritterlichkeit gegenübertrat, das physiologische Phänomen
-der Seifert und ihre sonstige Vortrefflichkeit genügend
-anerkannte &ndash; auch mit den Kollegen wußte er
-sich zu stellen, und mit dem Zeichenlehrer sah man ihn
-sogar oft. Nur die kleine Wehrendorf beachtete er nicht,
-aber die hatte ja immer Pech.</p>
-
-<p>Man begriff manchmal nicht mehr recht, wie man
-<a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a>
-sich innerlich so schroff vom anderen getrennt und nur
-bei feierlichen Gelegenheiten offiziell zusammengefunden
-hatte&nbsp;&ndash;, man war ja gleich und beim gleichen Werk eingespannt.</p>
-
-<p>Bartelmes widersprach seinen Büchern nicht. Er
-hatte noch Idealismus.</p>
-
-<p>Die Haberkorn wurde auch idealistisch. Bisher hatte
-ihre Stimmung sich immer nach ihren Nerven gerichtet
-oder je nachdem sie geschlafen hatte &ndash; jetzt kam sie alle
-Morgen strahlend frisch, und ihr zweites Wort war immer
-&rsaquo;Die Kindesseele&nbsp;&ndash;&lsaquo;. Sie schwärmte jetzt nicht nur
-für die geheimrätliche Meckebier, sondern auch für alle
-anderen Zöglinge, ihr Herz wurde butterweich &ndash; es war
-doch ein schöner, edler Beruf!</p>
-
-<p>Sie fühlte sich glücklich.</p>
-
-<p>Auch den anderen ging es ähnlich, und Christiane
-mußte sich sagen: er hatte es gemacht, nicht sie. Obwohl
-sie mit gutem Willen, mit Gerechtigkeit und Liebenswürdigkeit
-begonnen hatte &ndash; er hatte es gemacht, nicht
-sie.</p>
-
-<p>Sie wußte, woran es lag. Es war etwas Uraltes,
-das in diesen älteren und jüngeren Mädchen unbewußt
-lebendig wurde. Es war auch ein heimlicher wissender
-Trotz gegen sie dabei. Sie wollten das Tun dieses herangerufenen
-Fremden doppelt wiegen.</p>
-
-<p>Christiane beobachtete ihn mit kühler Zurückhaltung,
-fand, daß er anscheinend eine gute unterrichtliche Begabung
-und vor allem ein gewisses, verschleiertes Künstlertum
-besaß, von dem freilich nicht zu ersehen war, wie
-weit es reichte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_168" title="168"> </a>
-Er hatte Christianens Pläne, von denen sie ihm gesprochen
-hatte, mit großer Entschiedenheit abgelehnt.</p>
-
-<p>Ein Seminar, eine harte, nüchterne Beruflichkeit,
-ja nur ein Hineinmischen solcher Dinge hier an der vornehmen
-Schule war für ihn ein Unding. Man sollte
-froh sein, daß diese moderne Unumgänglichkeit hier noch
-umgangen werden konnte! Diese Mädchen stammten
-sämtlich aus solchen Verhältnissen, daß man sie zu echten
-Frauen erziehen konnte, zu der modernen Weibpersönlichkeit,
-die die Frauenbewegung niemals zu schaffen vermochte.</p>
-
-<p>Kultur, ja, die brauchten diese jungen Markburgerinnen
-herzlich notwendig, Schönheit, die mußte man
-ihnen geben. Man sollte sie das reine Genießen lehren,
-die schöne Haltung, das ganze Begreifen der Gegenwart,
-aber man sollte sie nicht mit häßlichen Klammern verzerren.</p>
-
-<p>Christiane kannte sein Buch &rsaquo;Die unerreichbare Frau&lsaquo;,
-das nach einem neuen, noch unbekannten Frauentypus
-rang, während er die &rsaquo;Karrenschieberinnen&lsaquo;, wie er sie
-nannte, als ewig kulturlos beiseite warf. Er wollte
-hohe, starke Geister, volle Teilhaberinnen am modernen
-Leben, aber keine Frauen mit Examen, mit dem Sinn
-an ein enges Fach gebunden, mit den Gedanken an Geldverdienen.
-Er knüpfte an die großen Frauen des achtzehnten
-Jahrhunderts an und rief ein hohes Idealbild
-auf.</p>
-
-<p>Warum sattelte er nicht um und ritt mit seinen Gedanken
-ganz in die bunten Felder der Phantasie?</p>
-
-<p>Denn er war ein Phantast.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a>
-Sie begriff nicht, wie die Frauen ringsum sich so
-für ihn begeistern konnten &ndash; er lehnte sie ja alle ab.
-Er verachtete sie innerlich grausam, obwohl er ihnen
-äußerlich zu Hilfe kam; diese Hilfe war verkappter
-Spott.</p>
-
-<p>Christiane fühlte: er sah sie auch nicht anders. Sein
-Schauen war ihr gegenüber wenigstens geteilt. Halb
-ließ er sie gelten, halb lehnte er sie auch ab.</p>
-
-<p>Ihre Schriften ignorierte er vollständig.</p>
-
-<p class="ce mt1 mb1">*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Christiane begegnete dem Doktor Bartelmes eines
-Abends bei Cöldts. Er machte eine sehr gute Figur, und
-plötzlich horchte sie überrascht: er suchte wahrhaftig Geist
-in die Unterhaltung zu bringen! Mit zweien, dreien
-hatte er ein interessanteres Thema angefangen &ndash; jetzt
-horchten schon mehrere darauf.</p>
-
-<p>Er kam aus geistig reger Stadt, kannte viele Großstädte
-und Künstler. Es war nicht die geringste Prahlerei
-an der Art, in der er das vorbrachte, es kam ganz
-zufällig.</p>
-
-<p>Er war vorzeiten Gast im literarischen Kreise zu
-Schreiberhau gewesen, kannte Reicke und Bölsche &ndash; für
-Bölsche interessierten sich sogar die Markburger jungen
-Damen, der war ja populär! Er hatte etwas von der
-merkwürdigen Friedrichshagner Zeit kennen gelernt, war
-in München und in Bayreuth bekannt und hatte in
-Weimar Beziehungen. Vieles war durch seinen Bruder
-gekommen, der aber ein etwas schwankendes und unklares
-<a class="pagenum" id="page_170" title="170"> </a>
-Genie zu sein schien und einmal eine preußische
-Wachtparade im Stil des alten Fritz, ein andermal eine
-Oper komponierte und jetzt an einer modernen Operette
-war. Die Schwester war in Dresden und bei der Dumont
-engagiert gewesen und sollte jetzt zu Reinhardt
-kommen.</p>
-
-<p>Es schien doch Leute in Markburg zu geben, die da
-wußten, was Reinhardt augenblicklich bedeutete.</p>
-
-<p>Bartelmes kannte auch Yse Bernhart.</p>
-
-<p>Christiane sah ihn überrascht an.</p>
-
-<p>»Ich traf Fräulein Bernhart erst vor kurzem in
-Weimar.«</p>
-
-<p>»Dann hat sie gewiß auch von mir gesprochen.«</p>
-
-<p>Christiane sah starr in die flimmrigen schwarzen
-Augen des Mannes.</p>
-
-<p>»Ihren Namen nannte sie allerdings, Fräulein
-Doktor,« erwiderte er langsam, während sein Blick etwas
-nach unten strich &ndash; und Christiane begriff jäh: der
-wußte mehr von ihr, als sie geahnt hatte. Der hatte sie
-schon gekannt, ehe er hierher kam! Er wußte, aus welcher
-Flut sie gestiegen, wie ihre Entwicklung war &ndash;
-grade aus dieser Verbindung heraus!</p>
-
-<p>Sie fühlte sich ihm gegenüber plötzlich rätselhaft
-ärmer, als ob sie ihm gebeichtet hätte. Etwas zwischen
-ihnen war verschoben. Nicht, daß Yse etwas verraten
-hätte, aber ihre Freundschaft sagte dem Psychologen
-schon genug! Und Bartelmes war ein Frauenpsychologe,
-wollte es wenigstens sein, und so fühlte sie sich ihm
-gegenüber plötzlich nicht mehr als das ruhig, straffe
-Fräulein Doktor, die moderne Herrscherin, sondern&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a>
-Rief noch immer etwas in ihr nach dem verbotenen
-Gestade&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;?</p>
-
-<p>Ihr Blick irrte zu Ludwig. Er stand nicht weit entfernt
-von ihr.</p>
-
-<p>Er war nie weit entfernt von ihr.</p>
-
-<p>Sie sahen sich an.</p>
-
-<p>In dem Augenblick wurde ihr Bartelmes von einer
-Dame weggewinkt. Es ging wohl um den Frauenverein,
-in dem der Doktor Kunstvorträge halten sollte, vielleicht
-aber auch um andere Dinge, denn sie wären im
-Alter zu einer Partie grade recht gewesen.</p>
-
-<p>Er schien aber nicht daran zu denken.</p>
-
-<p>Sie merkte, daß er während aller Liebenswürdigkeiten,
-die auf ihn einkamen und die er weltmännisch
-und mit dem kleinen Künstlerhauch erwiderte, doch immer
-wieder zu ihr schaute.</p>
-
-<p>Sie kannte den Blick.</p>
-
-<p>Es war etwas von dem darin, den Ludwig für sie
-hatte. Den schon mancher Mann für sie gehabt hatte:
-das eigentümlich überlegende Sinnen, das innere Festgehaltensein.</p>
-
-<p>Ludwig! Ludwig!</p>
-
-<p>Nachher brachte Bartelmes sie nach Hause.</p>
-
-<p>Es war Tauweiche in der Luft. Noch lag alles voll
-Schnee. So viel Schnee hatte man in den Jahren hier
-nicht mehr gehabt. Schnee auf Schnee lag im Walde.
-Wälle, die vorm Feind geschützt hätten, waren um die
-Felder und Dörfer geschichtet. Schnee um Schnee war
-in der Welt. Aber ein flüchtiger Tauwind zog darüber.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_172" title="172"> </a>
-Sie begann unwillkürlich wieder von Yse.</p>
-
-<p>»Ich sah sie lange nicht. Sie schreibt mir auch nicht
-mehr.«</p>
-
-<p>»Dafür liest man, was sie für alle schreibt,« sagte er.</p>
-
-<p>»Das lassen Sie also gelten?« fragte sie. »Das,
-was <em class="ge">sie</em> schafft?«</p>
-
-<p>»Was sie schafft, ja. Denn es ist etwas Gegebenes,
-die Aussprache einer inneren Kultur. Ich freute mich
-herzlich, wenn ich unter meinen Mädchen ein solches
-Fünklein entdecken könnte &ndash; blasen und blasen würde
-ich &ndash; aber leider glimmen solche Feuer in Markburg
-nicht auf!«</p>
-
-<p>Christiane fragte plötzlich nach seiner Schwester.</p>
-
-<p>Er sagte langsam: »Fräulein Doktor Dorreyter,
-Sie werden sich wohl darüber klar sein, was für einen
-Weg sie gemacht hat. Vor Ihnen will ich das nicht verhehlen.
-Es hängt etwas daran, ehe eine arme Offizierstochter
-eine bekannte Bühnenkünstlerin wird.«</p>
-
-<p>Sie nickte schwer.</p>
-
-<p>»Aber meine Schwester ist echtes Künstlerblut,«
-setzte er hinzu, »und es hat keinen Ballast für sie bedeutet.«</p>
-
-<p>»Und Sie, Herr Doktor?« fragte Christiane plötzlich,
-»wie stellen Sie sich als Bruder dazu?«</p>
-
-<p>»Daß sie diesen Weg machen mußte,« sagte er leichthin.
-»Vielleicht ist in späterer Zeit auch der Bühnenberuf
-eine Versorgung für untadelige höhere Töchter
-und mit allerhand Besen gesäubert. Aber ich &ndash; möchte
-es nicht hoffen. Ich &ndash; glaub's nicht. Dickicht muß sein.
-Grade hier. Unkraut muß sein. Grade hier.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a>
-Er bog sich ihr zu.</p>
-
-<p>»Nicht wahr, das sind nette Anschauungen? Aber
-ich bringe sie nicht in das Reutterschloß.«</p>
-
-<p>Er sah blinzelnd nach dem Haus, das jetzt inmitten
-der weißen Nacht sichtbar wurde.</p>
-
-<p>Sie wußte gar nicht, was er da zu schauen hatte,
-legte die Hand auf den Knopf und klingelte.</p>
-
-<p>Jetzt tauchte die Hausmeisterin mit ihrem Laternchen
-auf.</p>
-
-<p>»Ich danke Ihnen, Herr Doktor,« sagte Christiane
-kühl und reichte ihm die Hand.</p>
-
-<p>»Auf Wiedersehen, Frau&nbsp;... Äbtissin,« sprach er
-langsam mit einem Lächeln, das sich in seinem Bart
-verkroch.</p>
-
-<p class="ce mt1 mb1">*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Am anderen Tag begegnete er ihr ganz unbefangen
-und fragte sie, ob sie nicht einmal ihren Garten öffnen
-wollte. Er würde seine Mädel gern mal hineinführen,
-so lange noch Schnee sei. Jetzt könnten sie ja keinen
-Schaden anrichten.</p>
-
-<p>Ihr war es noch nicht eingefallen, den fremden
-Kindern ihr einsames Geheimnis preiszugeben, noch viel
-weniger den Kollegen und Kolleginnen. Der Garten
-war auch jetzt ein Märchen. Sie schaute von ihren Fenstern
-aus oft hinein, und nur ihre Fußspuren gingen einsam
-durch den Schnee. Der Garten war ihr Schönstes.</p>
-
-<p>Aber sie sah keinen Grund nein zu sagen. Denn in
-ihrem Amt durfte sie eigentlich gar nichts für sich allein
-<a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a>
-haben. Alles mußte dem Zwecke dienen, dem sie sich einmal
-gelobt hatte.</p>
-
-<p>Sie stand am Fenster und gewahrte, daß der Doktor
-zuerst allein hineinging. Er schaute auf ihre Fußspuren
-und verfolgte sie langsam bis zum Tempel mit
-dem blauen Griechenbild. Auf einmal hatte sie das Gefühl:
-es ist ihm gar nicht um das Schneeballen der
-Kinder &ndash; er will nur wieder spähen. Er hat ein halbes
-Bild von dir und will neue Züge haben. Er sucht sie
-sich.</p>
-
-<p>Sie sah, wie er ging und ihre Spuren verdarb.</p>
-
-<p>Sie sah, wie er durch ihren weißen Schneegarten
-ging.</p>
-
-<p>Auf einmal fühlte sie das Widrigste an ihm, das
-eine Frau an einem Mann empfinden kann.</p>
-
-<p>Sie trat zurück. Ihre schwarze Gewandschleppe
-rauschte.</p>
-
-<p>Dann hörte sie Kinderlärm.</p>
-
-<p>Jetzt flog es da unten hin und her. Ball auf Ball.
-Der Doktor warf seine Bälle immer den hübschesten
-Mädchen zu. Die wußten das und warteten darauf.
-Sie lachten.</p>
-
-<p>Christiane dachte jäh: im Grunde wird Bartelmes
-mit diesen Mädchen gut fertig.</p>
-
-<p>Bestand da irgend eine geheimnisvolle Wirkung, ein
-heimliches Gegenspiel &ndash; Funke und Funke&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;?</p>
-
-<p>Oder war er wirklich auf diesem Gebiete besonders
-begabt?</p>
-
-<p>Ihr fehlte die große Begeisterung, die in dem Werk
-an den verwöhnten Kindern eben wirklich ein Werk sah.
-<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a>
-Heimlich hatte es schon oft in ihr gerissen: wärst du
-doch dort geblieben, wo du warst, wo du junge Kämpferinnen
-vor dir hattest, Wesen wie du, die ihren Sinn gespannt
-auf alle Dinge des Wissens richteten und ihren
-Lebensgehalt vom Wissen erwarteten&nbsp;&ndash;! Das Nutzlose
-ihres Schaffens stieg vor ihr auf.</p>
-
-<p>Die hier sind anders. Sie sind vom anderen Ufer.
-Sie sehen kühl und lächelnd auf dich und denken: du bist
-alt. Sie sehen dein Kleid und denken: hu, so möchte ich
-nicht sein.</p>
-
-<p>Sie schauen nach dem, was du nie besaßest, und sie werden
-es besitzen. Alle, alle werden es besitzen.</p>
-
-<p>Neid kam in ihr auf, Neid auf diese jungen, werdenden,
-schönen, leichtbeschwingten Dinger.</p>
-
-<p>Sie vermochte ihnen nichts Dunkles anzudenken,
-und sie sollten es auch nicht verstehen. Sie sollten den
-Weg gehen, den dieser Mann, dessen Nerven in einem
-starken, sinnlichen Weibesverstehen zuckten, ihnen anweisen
-würde.</p>
-
-<p>Sie selber konnte hier nicht anwenden, was sie
-eigentlich war, nicht werden, die sie war.</p>
-
-<p>Vielleicht nie und nirgends.</p>
-
-<p>Sie war in einer Sackgasse verrannt.</p>
-
-<p>Ihre besten Gaben, ihr Geist, ihre Klugheit, ihre
-Sehnsucht, ihre uralte Kultur &ndash; das alles war knapp
-eingespannt und kläglich halb ausgenützt. Das andere
-verfiel.</p>
-
-<p>Torheit war es, zu glauben, daß ein Beruf eine jede
-Frau höher brächte&nbsp;... dazu durfte man nicht Vollblut
-sein. Er entwickelte eine brave, nüchterne, praktische,
-<a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a>
-manchmal sogar trostlose Seite, aber ein geistiges Wachsen
-brachte er nicht. Die ersehnte Hochkultur brachte er
-nicht.</p>
-
-<p>Sie hätte eine dieser Frauen werden können, wie sie
-Bartelmes suchte, einer der vornehmen, neuen Geister,
-die alte und neue Kultur, Traditionen und Erworbenes
-in sich vereinten &ndash; war es nicht das, was sie Jahre
-und Jahre hindurch mit verbotenen Wünschen heimlich
-ersehnt hatte?</p>
-
-<p>Mit Ludwig hätte sie reiten, an seiner Seite mit an
-seinem Werk bauen, das ganze Leben der Nation in
-seiner Entwicklung, in seinen Kämpfen und Bedrohungen
-mit erleben wollen &ndash; sie wäre eine kostbare Teilhaberin
-geworden!</p>
-
-<p>Wohin er auch gelangt wäre, immer hätte sie unübersehbar
-an seiner Seite gestanden, keine Nichtstuerin,
-kein Weibchen, sondern mit weiten Flügeln hinaufstrebend
-zu dem Hochbild der neuen Frau.</p>
-
-<p>Sie fühlte sich plötzlich umspannt, beunruhigt, in
-alte Qualen gestürzt.</p>
-
-<p>In ihr spähte es ja immer noch. Es war, als ob
-ihre ganze Seele dem Leben gegenüber jetzt atemlos auf
-dem Lauscherposten stünde, ehe sie sich enttäuscht für immer
-abwandte und in Niederungen verkroch.</p>
-
-<p>Sie vergaß ihre Grenzen und ihre Würde.</p>
-
-<p>Sie starrte zu den jungen Dingern hinab, und ihre
-Hände zuckten, wie ihr Herz.</p>
-
-<p class="ce mt1 mb1">*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_177" title="177"> </a>
-Um zwölf Uhr &ndash; das Glockenspiel der Agnetenkirche
-summte durch die weiche, dicke Luft &ndash; guckte Mai
-Friedlein aus dem Tor des Reutterschlosses sehr bestürzt
-in das Gewimmel. Schon wieder so viel Schnee, und sie
-hatte keinen Schirm. Schon wieder so viel Nässe, und sie
-hatte ihren guten Hut auf.</p>
-
-<p>Da kam es von rechts und von links.</p>
-
-<p>Sie wußte gar nicht, wohin sie zuerst schauen sollte,
-und war von dem Übermaß unerwarteter Ritterlichkeit
-förmlich entzückt. Das war hier doch sonst nicht Sitte!
-Sicher hatte Dreher Bartelmes beobachtet, sein Vorhaben
-erraten und kam nun von der anderen Seite
-gleichfalls mit seinem Schirm und einem galanten
-Spruch.</p>
-
-<p>Sie warf den Kopf zurück und sah noch viel schöner
-als gewöhnlich aus.</p>
-
-<p>»Wie soll ich mich da entscheiden?« sagte sie lachend,
-»am besten ist es wohl, ich nehme einen Schirm, und die
-Herren gehen zusammen unter dem anderen.«</p>
-
-<p>»Ihr Hut muß sehr geschützt werden,« meinte Dreher,
-der im Herzen wieder erwog, wieviel solch ein Hut
-kostete. Er hätte den Vorstoß nicht gewagt, sondern
-hätte sie seelenruhig im Schnee gehen lassen und wäre
-höchstens zärtlich hinterhergestapft &ndash; wenn er nicht noch
-rechtzeitig den anderen gewahrt hätte. Nein, dem gönnte
-er sie nicht! Dem Bartelmes nicht!</p>
-
-<p>Sie hatte einen Schirm angenommen, und zwar,
-vielleicht zufällig, den des Doktors.</p>
-
-<p>Nun liefen die beiden Herren neben ihr her, einer
-rechts, einer links.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_178" title="178"> </a>
-Jeder im Schnee.</p>
-
-<p>Mai beobachtete das mit großer Schärfe und fand,
-daß die breiten Flocken dem Doktor besser standen, als
-Dreher, dem sie lächerlich an der Nase vorbeitrudelten.
-Auf Bartelmes blieb der Schnee förmlich zärtlich liegen
-und zerfloß dann schnell, wie von einer ungeheuren
-Wärme aufgezehrt.</p>
-
-<p>Wenn man nur wüßte, was für Gedanken er
-hatte!</p>
-
-<p>Sie mahnte sich selber: Vorsicht! Vorsicht!</p>
-
-<p>Die Erinnerung an den Assessor kam wieder.</p>
-
-<p>Noch immer war kein sicherer Bewerber aufgetaucht.
-Die Mutter war noch nicht wieder in die Stadt gekommen.</p>
-
-<p>Dreher redete wenig, horchte aber aufmerksam auf
-den anderen. Der erzählte vom Theater (das für Mai
-auch keine ganz angenehme Erinnerung war) und vom
-Rodeln, das er für seine flotten Schülerinnen eingeführt
-hatte. Ein Wall im Stadtpark war dafür hergerichtet
-worden.</p>
-
-<p>Er hatte auch Winterwanderungen aufgebracht.</p>
-
-<p>Nun bot Bartelmes sich Mai zum Führer an: »Wenn
-Sie einmal den Versuch machen wollen, so bin ich gern
-bereit, Sie zu unterstützen.«</p>
-
-<p>Sie merkte, was für ein Gesicht Dreher zog, und bedachte
-sich.</p>
-
-<p>»Ich werde es mir überlegen.«</p>
-
-<p>»Zu unserm Rodeln müssen Sie aber kommen,«
-redete Bartelmes zu. »Heute nachmittag sind wir im
-Stadtpark, meine Mädel und ich.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_179" title="179"> </a>
-Der Stadtpark verursachte ihr auch keine angenehmen
-Erinnerungen.</p>
-
-<p>»Kommen Sie doch, Fräulein Friedlein,« bettelte er.</p>
-
-<p>Sie besann sich rasch. Wenn sie recht spät kam, war
-das Rodeln beendet, und dann hatte sie noch den Heimweg
-mit dem Doktor. Sie konnten sich einmal sprechen.
-Wann war das sonst möglich? Im Reutterschloß war
-man doch umspäht und beobachtet. Er war doch schließlich
-&ndash;&nbsp;&ndash; vielleicht &ndash; zu rechnen. Der langweilige
-Dreher entschloß sich doch nie.</p>
-
-<p>Sie blieb stehen, denn sie war am Stieglitzberg.
-Eben wollte sie zusagend antworten, in Gegenwart
-Drehers antworten, und sie wußte, was das für den bedeutet
-hätte. Denn der haßte das Rodeln, erstens, weil
-man sich dabei erkälten konnte, und dann, weil es unnötige
-Anstrengung war.</p>
-
-<p>Da sah sie in Bartelmes Augen.</p>
-
-<p>Mai Friedlein war mit der Zeit klug geworden.
-Sie hatte ihre Erfahrungen und eine gewisse sehr feine,
-treffsichere Männerpsychologie.</p>
-
-<p>Lächelnd und sehr unbefangen sagte sie: »Nein, Herr
-Doktor, es tut mir sehr leid &ndash; ich rodle, offengestanden,
-nicht sehr gern. Sie verzeihen also, wenn ich &ndash;
-fehle.«</p>
-
-<p>Und damit gab sie dem alten Junggesellen, dem
-Dreher, die Hand. Instinktiv sehr fest. Und er antwortete
-mit einem Druck, der ein Kompliment war, eine
-große Anerkennung. Eine Sorge war von ihm genommen.</p>
-
-<p>Sie war doch nicht zu &ndash; schön.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_180" title="180"> </a>
-Die Herren sprachen nicht viel untereinander, als sie
-zu Tisch gingen.</p>
-
-<p class="ce mt1 mb1">*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Ludwig brachte Christiane ein Buch, von dem sie gesprochen
-hatten, und fragte, ob sie zum Abend zu ihnen
-kommen könnte. Es sei aber niemand weiter da.</p>
-
-<p>»Heute abend geht es nicht,« antwortete sie, das
-Buch leicht in der Hand drehend, »heute fahre ich nach
-der Oper. Götterdämmerung.«</p>
-
-<p>»Siegfrieds Tod,« sagte er mit leichter Ironie, die
-sie nicht verstand.</p>
-
-<p>»Ja, Ludwig, es ist mir hier manchmal zu eng,«
-sprach sie, aufstehend und ein paar unruhige Schritte
-durchs Zimmer machend, »ich muß etwas anderes haben,
-wenigstens einen Ton von Ungewöhnlichkeit. Es ist ja
-nur kurz,« fügte sie hinzu, »sieh, so musikalisch bin ich
-nicht, daß ich Wagner vollkommen verstünde. Ich habe
-nur <em class="ge">gelernt</em>, ihn zu verstehen. Das ist nicht viel.
-Im Anfang werde ich kalt sein. Ich werde die Pappen
-und die Leinwand der Dekorationen am deutlichsten sehen
-und die koketten Arme der Sängerinnen. Dann werde
-ich anfangen zu hören und für eine Weile im Strudel
-untertauchen. Aber wenn es aus ist, Ludwig, dann ist
-es auch für mich aus,« setzte sie traurig hinzu, »ich nehme
-nichts mit. Keinen Rausch, keinen Traum, keine Erhebung.
-Davon bin ich ausgeschlossen.«</p>
-
-<p>»Aber warum suchst du dir nicht eine Sprache aus,
-die du ganz verstehst?« fragte er.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_181" title="181"> </a>
-»Ich sage dir ja, ich suche das Ungewöhnliche,« antwortete
-sie.</p>
-
-<p>Er sah sie schärfer an.</p>
-
-<p>»Christiane, ist es dir zu &ndash; schwer?« fragte er halblaut,
-»dann &ndash; wirf's doch hin. Wirf die Sache hin.
-Such dir Größeres. Sieh, ich sprach damals nicht dagegen,
-als du kommen solltest, weil ich« &ndash; er stockte eine
-Sekunde &ndash; »weil ich dich wieder nahe haben wollte. Weil
-ich dachte, wir könnten uns auch so etwas sein. Du mir
-und ich &ndash; dir.«</p>
-
-<p>»Was können wir uns sein, wenn unser Feuer so
-hinter dem Berge brennt,« erwiderte sie leise.</p>
-
-<p>Er schrak zusammen.</p>
-
-<p>»Dafür brennt aber kein anderes, näheres,« sagte
-er langsam, in sich versunken.</p>
-
-<p>Sie schwiegen beide.</p>
-
-<p>Als er aufschaute, kam ihm ihr Gesicht wieder verwandelt
-vor.</p>
-
-<p>Sie blickte in ihren Garten hinaus. Der war voll
-Schnee. Aber viele Spuren führten bis zu dem blauen
-Griechenbild.</p>
-
-<p>»Komm morgen zu uns,« sagte er, »komm jeden
-Tag. Wenn du <em class="ge">kannst</em>,« fügte er halblaut hinzu.</p>
-
-<p>»Ich dachte, damals sei das Schwerste für mich,«
-sprach sie langsam, »damals am Morgen auf der Bahn.
-Weißt du &ndash; als du die Türe hinter mir schlossest. Aber
-jetzt &ndash; ich bin doch schon so weit &ndash; aber jetzt&nbsp;&ndash;« sie fuhr
-plötzlich zusammen. »Ludwig, was sage ich dir,« rief sie,
-»was fällt mir ein? An solche Dinge dürfen wir nicht
-rühren.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_182" title="182"> </a>
-Sie sah wieder nach ihrem Garten.</p>
-
-<p>»Solche Spuren sind ganz fein, und mehr darf nicht
-sein. Sei ruhig, Ludwig, ich will dir keine neue Last
-aufladen. Ich möchte nur, daß du &ndash; fortgingst. Das
-quält mich mit, daß ich dich hier weiß und daß du
-so&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Er sah sie an.</p>
-
-<p>»Sprich nicht weiter,« bat er.</p>
-
-<p>Sie schauten sich an.</p>
-
-<p>»Bitte, komm morgen,« sagte er dann, »komm, Christiane.«</p>
-
-<p>Er ging.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Christiane fuhr in die &rsaquo;Götterdämmerung&lsaquo;. Unterwegs,
-während der kurzen Eisenbahnfahrt, sah sie erst,
-wieviel Schnee in der Welt war. Schnee um Schnee.</p>
-
-<p>Aber in der großen Stadt war er weg, oder wenigstens
-unkenntlich. In der Vorhalle des Opernhauses
-mußte sie plötzlich an den Wald denken, und jetzt wußte
-sie: ich werde ihn gleich sehen. Oder etwas Ähnliches.</p>
-
-<p>Und es kam so, wie sie gesagt hatte: erst saß sie
-fremd, ja, sie lächelte sogar flüchtig, dann aber warf sie
-ihre Seele in die Musik hinein, sehr spät, denn die anderen,
-die ihre Gläser vor die Augen und die Textbücher
-auf dem Schoß hielten, hatten das vermutlich
-längst getan.</p>
-
-<p>Der Gesang der Rheintöchter berührte sie besonders.
-Dieses Klingen, dachte sie. Meine Stimme hat in meinem
-ganzen Leben nicht so geklungen. Wie das perlt.</p>
-
-<p>Ich kann mir denken, daß Frauen, die so singen
-<a class="pagenum" id="page_183" title="183"> </a>
-können, ein ganz anderes Leben führen, als eine &ndash;
-Schulmeisterin.</p>
-
-<p>Nachher dachte sie an Doktor Bartelmes Schwester.
-Eine Tochter aus gutem Hause &ndash; nein, so ganz gut war
-es wohl nicht. Sie hatte es von Ludwig gehört. Ein
-wenig Schmutz war ihr wohl schon in der Seele angehangen,
-als sie auf die Bretter kam, und ihre Seele war
-jedenfalls ebenso bereit für den Schmutz wie für die
-Kunst.</p>
-
-<p>In Christiane wehrte es sich auf einmal gegen alle
-heuchlerische Bühnenkunst, und sie sehnte sich nach der
-reinen Kunst der Bücher und der Bilder.</p>
-
-<p>Wenn ich dergleichen getan hätte, dachte sie.</p>
-
-<p>Das ist auch ein Lebenpacken, vielleicht sogar ein &ndash;
-Sichanwenden.</p>
-
-<p>Dann reckte sie sich.</p>
-
-<p>Dazu hätte ich nie gepaßt. Ich, eine Dorreyter &ndash;
-nein. Nie. Zum Reiten über die Heide hätte ich gepaßt.
-Zu Ludwig. Zu keinem anderen, als zu Ludwig
-und zu seinem Werk.</p>
-
-<p>Aber wenn ich diesen Stempel nicht empfangen
-hätte &ndash; wäre ich dann nicht vielleicht &ndash;&nbsp;&ndash; nein, was
-denke ich, keiner wird anders, als er ist. Ich bin die Urenkelin
-der Frau von Rhane und habe heißes Blut. Aber
-&ndash; hochmütiges. Sehr hochmütiges.</p>
-
-<p>Zu Ludwig hätte ich gepaßt. Aber Sünde hätten
-wir nicht tun können. Er nicht und ich nicht.</p>
-
-<p>Dazu ist unser Blut zu stolz. Wir lassen unser
-Feuer hinter dem Berge niederbrennen.</p>
-
-<p>Ja, niederbrennen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_184" title="184"> </a>
-Ich bin aufgeregt, dachte sie, als sie aus dem Theater
-kam und nach dem Bahnhof fuhr.</p>
-
-<p>Es war der letzte Nachtzug nach Markburg.</p>
-
-<p>Und morgen früh &ndash;&nbsp;&ndash; was war mit ihr? Sie war
-ja ganz aus dem Geleise&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;? Hastig stieg sie ein und
-lehnte sich zurück. Allein sein, allein fahren, fahren,
-irgendwohin.</p>
-
-<p>In ihrem Blut bebte der schwere Rausch der Musik.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Sie stutzte. Da sah sie einen: Bartelmes. Und
-er erkannte sie im selben Augenblick. Nach einem kurzen
-Zaudern sprang er zu ihr in den Wagen und begrüßte
-sie.</p>
-
-<p>»Waren Sie auch in der Oper?« fragte sie unwillkürlich.</p>
-
-<p>»Ja, ja,« sagte er. »Ging aber vor Schluß weg
-und war noch mit Freunden zusammen. Literatur.«
-Er lachte vor sich hin, und auf einmal dachte sie wieder
-an seine Schwester.</p>
-
-<p>»Ich möchte Ihr Fräulein Schwester wohl einmal
-sehen,« sagte sie.</p>
-
-<p>Er fuhr vor. »Meine Schwester?«</p>
-
-<p>Dabei sah er sie an. Das Licht im Abteil war blau
-gedämpft, ganz genau konnten sie einander nicht erkennen.
-Aus dem Nebencoupé tönten lebhafte Stimmen.
-Da fuhren auch welche aus der Oper nach Markburg
-oder in ein anderes Nest.</p>
-
-<p>»Ach, meine Schwester,« sagte er. »Ich versichere
-Sie, die braucht keine Hilfe und keinen Rat. Sie sollten
-Sie sehen: klein ist sie nur, aber ein stahlfestes, geschmeidiges
-Tierchen und &ndash; ach, ich glaube, ich habe
-<a class="pagenum" id="page_185" title="185"> </a>
-wohl ein Bild von ihr da.« Er griff seine Brieftasche
-heraus und suchte zwischen anderen Photographieen.</p>
-
-<p>Jetzt hielt er ihr eine hin und riß am Lampenschleier.</p>
-
-<p>»Hier, bitte, gnäd &ndash;&nbsp;&ndash; Fräulein Doktor&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Hatte er ganz vergessen, wer sie war?</p>
-
-<p>Jetzt war nur das kleine Bild zwischen ihnen.</p>
-
-<p>Ein keckes Persönchen. Sie wußte sofort, es war so,
-wie sie gedacht hatte: an der war nichts Reines und Bewahrtes,
-die war durch alle Feuer gegangen.</p>
-
-<p>»Aber nun&nbsp;&ndash;« er steckte das Bildchen ein &ndash; »darf ich
-erfahren, wie Ihnen der Siegfried gefallen hat&nbsp;&ndash;?«</p>
-
-<p>»Ein dicker Sänger,« sagte sie.</p>
-
-<p>Er fuhr zurück.</p>
-
-<p>»Erbarm sich &ndash;&nbsp;&ndash; Pardon, gnädiges Fräulein &ndash;
-Sie scheinen überhaupt keine Musikkennerin zu sein und
-auch wohl keine Bühnenillusion gelten zu lassen?«</p>
-
-<p>»Musik verstehe ich nicht,« sagte sie, »und die Bühne
-&ndash; mir scheint es nicht, daß das Kunst ist &ndash;&nbsp;&ndash; Kunst ist
-meiner Ansicht nach &ndash; vornehmer. Kunst war es, als es
-<em class="ge">wurde</em>.«</p>
-
-<p>»Vornehm, ja, vornehm,« höhnte er. Es versank
-fast im Rattern des Zuges.</p>
-
-<p>»Ja, allerdings. In den Klöstern gab es auch nur
-das Buch und die Musik, die den frommen Frauen die
-Zeit vertrieben. Aber eine andere Musik. Ach, kleine
-Spiele gab es auch, fromme Spiele.«</p>
-
-<p>Er lachte. Irgend etwas an ihm schien verwandelt,
-und in ihr begann es heimlich gierig zu spähen: kam sie
-jetzt auf den eigentlichen Kern des Doktor Bartelmes?</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_186" title="186"> </a>
-»Ich dachte, Sie kämen vom Siegfried anders zurück,«
-sagte er nun, und sie zuckte: »Wußten Sie denn&nbsp;&ndash;?
-Daß ich&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ach, ich glaube, ich war in der Telephonzelle, als
-die Hausmeisterin Ihr Billett bestellte,« sagte er gleichmütig.
-Jetzt war er wieder korrekter. »Ich bin aber
-oft hier,« setzte er noch hinzu.</p>
-
-<p>Sie saß regungslos.</p>
-
-<p>Das hieß ja fast, es könnte auch möglich gewesen
-sein, daß er um ihretwillen hierhergefahren wäre! Sie
-hätte fast gelacht. Und zugleich schraubte sich ihr ganzer
-Hochmut herauf: wer war er denn? Was erlaubte
-sich dieser Mann?</p>
-
-<p>Er hatte wohl gemerkt, was in ihr vorging. Seine
-Stimme veränderte sich vollkommen. Kühl holte er ein
-Schulthema heran, ein extra langweiliges.</p>
-
-<p>Sie hörte kaum zu. Ihre Blicke hingen sich mechanisch
-an die schwarzspiegelnden Scheiben &ndash; da merkte
-sie, daß er auch dahin guckte. Er suchte ihr Bild heimlich
-aufzufangen.</p>
-
-<p>Und plötzlich kam über sie, was noch keine Gestalt
-angenommen hatte, aber schon dagewesen war. Sie
-dachte wieder an ihren weißen Garten, durch den er gegangen
-war. Irgend etwas in ihr neigte sich ihm zu:
-sie waren einander im Geistigen wohl ebenbürtiger, als
-er dachte, und wenn ein Feuer sein sollte, so konnte es
-diesseits brennen, offen, ganz offen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ludwig!</p>
-
-<p>An wie vielen war sie in den Jahren schon vorbeigegangen!</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_187" title="187"> </a>
-Und jetzt sollte es so kommen?</p>
-
-<p>Hier vor seinen Augen?</p>
-
-<p>Eine Stimme sagte ihr: früher hattest du noch Hoffnungen
-und mehr Idealismus. Früher war Ludwig noch
-groß vor dir, und etwas in dir fand keinen Größeren.</p>
-
-<p>Jetzt ist deine Seele in einem atemlosen Harren
-über ihn hinausgeflackert.</p>
-
-<p>Hier ist einer, der dich zwar noch nicht kennt, aber
-doch über dich nachdenkt, der Macht über dich gewinnen
-will. Nicht einer der Gleichgültigen und Dutzendleute
-&ndash; nein, eine Basis wäre wohl da, auf der ihr euch treffen
-könntet &ndash; er würde dir geben, was du verlangst &ndash;&nbsp;&ndash;
-und du ihm, was er &ndash; braucht&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Sie zuckte.</p>
-
-<p>Was war das?</p>
-
-<p>Wie verirrte sie sich in solche tollen Dinge?</p>
-
-<p>Morgen, ach morgen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Sie strich über die Scheiben, die nun angelaufen
-waren, und brachte den Kopf ganz nahe. Auf einmal sah
-sie die vorbeistreifenden Schneefelder, und plötzlich überkam
-sie eine ganz lichte Empfindung, als glitten weiße
-Büsche an den Rainen entlang, als seien blütenhelle
-Bäumchen da, als sei ein ganz zarter, heimlicher Frühling
-draußen. Eine Frühlingsnacht.</p>
-
-<p>Und sie dachte: Wieviel hast du versäumt. Mit
-Büchern und mit fremden Leuten. Mit Tränen hast du
-es versäumt. Mit Sehnsucht. Nach einem fernen großen
-Jugendfeuer hast du hingestarrt und dabei jeden deiner
-neuen Frühlingstage übersehen.</p>
-
-<p>Und bald kommt der Herbst. Dann wird dir die
-<a class="pagenum" id="page_188" title="188"> </a>
-Rechnung präsentiert. Dann &ndash; was dann kommt, ist
-bitterer als Sehnsucht, ist die ganze Qual des Unerlebten,
-ist die Erkenntnis, daß du leben <em class="ge">konntest</em> und
-hast es nicht getan. Und hast es nicht getan.</p>
-
-<p>Sie saß regungslos.</p>
-
-<p>Und drüben saß der Mann.</p>
-
-<p>Sie sprachen nicht mehr.</p>
-
-<p>Er begleitete sie auch nicht nach ihrem Hause, denn
-Christiane winkte sich rasch eine Droschke heran und fuhr
-dem Reutterschloß zu.</p>
-
-<p class="ce mt1 mb1">*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Am anderen Abend kam sie zu Cöldts.</p>
-
-<p>Sie blieb erst eine Sekunde vor dem Hause stehen
-und besah es sonderbar genau, und als sie nachher Ludwig
-gegenüberstand, schaute sie ihm auch sonderbar ins
-Auge.</p>
-
-<p>Er kam an dem Abend zeitiger aus seinem Zimmer
-als sonst. Immer, wenn Christiane da war, tat er es,
-aber heute war es noch zeitiger. Und dann bat er sie,
-sie solle zu seinen Büchern kommen.</p>
-
-<p>Hardi folgte und beobachtete Hanni, die ein Schulbuch
-vor hatte. Sie schaute auch zu Christiane, die mit
-Ludwig zusammen Neuausgaben alter Bücher besah.</p>
-
-<p>Und es überkam sie auf einmal: was tue ich denn
-hier? Wer bin ich denn hier? Was für ein Recht habe ich
-hier&nbsp;&ndash;?</p>
-
-<p>Sie fühlte wieder den Schnee draußen.</p>
-
-<p>Christiane aber sah, Ludwigs Auge vermeidend, die
-<a class="pagenum" id="page_189" title="189"> </a>
-Neudrucke an und dachte: Ja, es sind Kostbarkeiten, für
-ihn wenigstens. Stille Kostbarkeiten, wie er sie so gern
-hat, wie er sie an sich genommen hat, statt seines Werkes,
-statt seiner eigenen Ideen, statt jeder Tat, zusammen
-mit meiner Liebe.</p>
-
-<p>Alles stille Kostbarkeiten.</p>
-
-<p>Aber später? Wie werden wir das später ansehen?</p>
-
-<p>Ludwig, man bleibt nicht zusammen, wenn man sich
-immer ferne ist. Eine Lücke bleibt &ndash; es bricht. Ludwig,
-zwischen uns ist eine Lücke, und wir spüren sie jetzt
-&ndash; beide.</p>
-
-<p>Beide spüren wir sie jetzt.</p>
-
-<p>Ich habe ja keine anderen Erinnerungen, als an die
-Ritte über die Ebene und an die Stunde, in der du die
-Tür leise hinter mir schlossest.</p>
-
-<p>Soll ich hinter der Tür stehen bleiben?</p>
-
-<p>Frau von Cöldt merkte, wie wenig geredet wurde.
-Die beiden sahen aufmerksam auf die Bücher und kaum
-auf einander.</p>
-
-<p>Eine Stille zog durch den Raum und wurde schwer.</p>
-
-<p>Es war gut, daß unvermutet noch jemand kam:
-eine der Vereinsdamen. Sie wollte einiges mit Hardi
-besprechen und tat es auch, und dann ging sie mit
-Christiane zusammen fort. Andere Begleitung war
-nicht nötig.</p>
-
-<p>Sie wohnten nicht weit voneinander.</p>
-
-<p>Hardi Cöldt sah ihren Mann nachher flüchtig
-an.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_190" title="190"> </a>
-Irgend ein Triumph schwoll in ihr, ein ungewisser
-roher Hohn, vor dem sie selbst erschrak.</p>
-
-<p>Sie sagte nichts.</p>
-
-<p class="ce mt1 mb1">*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Das Jubiläum der Reutterschule rückte näher.</p>
-
-<p>Fünfzig Jahre war es her, seit Fräulein Sophie
-Reutter sich in ihrem Hause aufgehängt hatte. Von
-dem Tage datierte die neue Zeit, wie die Blätter schrieben.
-Natürlich erwähnten sie den Selbstmord der alten
-Dame nicht, sondern priesen nur ihren sozialen Weitblick,
-der der Regierung die Mittel zur Entwicklung der
-Anstalt an die Hand gegeben hatte.</p>
-
-<p>Die Haberkorn gab ihr Jubiläumsbuch heraus.
-Wochenlang hatten ihr die Kanarienvögel bei den Korrekturen
-helfen müssen. Jetzt lag es beim Buchhändler
-in der Rädelgasse im Schaufenster, gleich neben den
-Schriften des Doktor Bartelmes.</p>
-
-<p>Und der hatte auch darin abgefärbt. Wenn man
-genau zusah, so kehrten seine Wendungen wieder, und
-seine Schlager waren unbewußt angenommene Geleitsworte
-geworden. Das System Bartelmes feierte hier
-einen Triumph.</p>
-
-<p>Es kamen viele Gästeanmeldungen. Christiane
-staunte, wie weit die Provinzschule ihre Zöglinge ausgeworfen
-hatte. Die meisten hatten Mann und Kinder,
-waren Regierungsrätinnen und Professorsfrauen, Offiziersgattinnen
-und große Damen. Einige wenige hatten
-sich selber Brot schaffen müssen, das waren Lehrerinnen.
-<a class="pagenum" id="page_191" title="191"> </a>
-Alle waren der Zucht und Pflege des Reuttersschlosses
-entsprechend geraten &ndash; die Ungeratenen meldeten
-sich erst nicht.</p>
-
-<p>Am Vormittag des Festtages fand der offizielle
-Aktus statt, für den Abend aber waren künstlerische Aufführungen
-der Schülerinnen geplant, über denen Doktor
-Bartelmes wachte.</p>
-
-<p>Christiane zog sich von diesen Vorbereitungen zurück,
-der Doktor hatte sie darum gebeten, es sollte eine
-Überraschung für sie sein.</p>
-
-<p>Lange vor Ostern wurde schon geprobt. Die Gedanken
-der Kinder waren von nichts anderem mehr erfüllt,
-und den Auserwählten, den schönsten Mädchen,
-wurde von den anderen neidisch nachgeguckt.</p>
-
-<p>Christiane verlor ihre stillen Nachmittage und
-Abende, an denen keiner in dem Hause war, als sie und
-die alte Hausmeisterin und etwa der Geist des aufgehängten
-Fräuleins &ndash; wenn der Lust dazu hatte. Sie atmete
-nicht mehr die schwere, herrschaftliche Ruhe, die noch
-von der Besitzerin her stammte, gleichsam aus der Sekunde,
-in der sie ihren letzten Atemzug getan hatte, diese Ruhe,
-die alles wegstrich, was gerauscht und gerüttelt hatte.</p>
-
-<p>Vom frühen Nachmittag an gingen Türen, wanderten
-Mädchenschritte, erscholl Mädchenlachen, ertönte das
-Klavier. Mai Friedlein hatte Seele für das, was sie zu
-spielen hatte. Es begann mit Mozarts zartem Frühlingslied:
-&rsaquo;Ein Veilchen auf der Wiese stand&nbsp;&ndash;&lsaquo; und
-kettete einen leichten Rhythmus an den anderen.</p>
-
-<p>Es war dann, als ob lichte Wolken zogen, der Rasen
-grünte, und die Amseln schrieen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_192" title="192"> </a>
-Und es kam so: während man so sang und spielte
-und probte, zerfiel der Schnee, und es wurde viel schneller
-Frühling, als man es nach diesem sibirischen Winter
-erwartet hatte. Viel schneller zog es blau hinter den
-Bäumen auf, liefen die Wasser ab und pfiffen die Amseln
-vom Giebel des Griechentempels.</p>
-
-<p>Und dann kam der Tag.</p>
-
-<p>Morgens, beim Ankleiden, dachte Christiane: ich
-kann begreifen, daß Sophie Reutter an einem solchen
-Tage Schluß machte. Der treibt ja dazu. Der Frühling
-hat tausend Fäuste gegen den, der ihm widerstrebt.
-Seinen ungeheuren blauen Schild deckt er über alles,
-was nicht mit ihm leben kann.</p>
-
-<p>Wie das funkelt.</p>
-
-<p>Herein in den Saal oder &ndash; heraus!</p>
-
-<p>Sie erschauerte: was denke ich?</p>
-
-<p>Der Garten war ganz trocken, ganz grün, voller
-Sonne. Die Linden waren noch hochmütig kahl, aber
-lebendig waren sie auch. Alles, alles war lebendig.</p>
-
-<p>Das Griechenbild verschwand fast dahinter.</p>
-
-<p>Christiane dachte: mit einem Siebenmeilensprung
-bin ich über die Felder des Lebens hinweggekommen,
-auf denen die Frauen am längsten und zärtlichsten stehen
-und auf denen sie ihre Blumen pflücken. Weit, weit
-unter mir hat es unsicher geleuchtet. Ich dachte nicht
-daran. Ich durfte nicht.</p>
-
-<p>Ist jetzt ein Wind gekommen, der mich &ndash; zurückträgt?</p>
-
-<p>Auf einmal fiel ihr ein, daß sie am Abend auch
-Ludwig sehen würde. Gewiß würde er kommen. Aber
-<a class="pagenum" id="page_193" title="193"> </a>
-mit Hardi. Sie lachte vor sich hin. Mit Hardi! Mit
-seiner Frau!</p>
-
-<p>Draußen auf den Gängen trappelte es schon &ndash;
-Herrgott, sie kamen! In dem Augenblick empfand sie
-jäh, wie eisig einsam sie in tiefster Seele doch war.</p>
-
-<p>Nun vollzog sich die offizielle Jubiläumsfeier unter
-der Teilnahme des Präsidenten und vieler Stadtspitzen.
-Orden wurden allerdings nicht verteilt. Der einzige,
-der dafür reif gewesen wäre, Professor Diermann, war
-nicht mehr da.</p>
-
-<p>Christiane mußte auch wieder reden.</p>
-
-<p>Ein bißchen verborgener Spott über die ganze Kleinstädterei,
-über das gesamte menschliche Narrenspiel war
-in ihr. Sie sprach anders, als sonst, leichter, gleichgültiger.
-Verschiedene Gesichter hoben sich und staunten zu
-ihr herauf, die Jong, der Zeichenlehrer, sogar der Präsident.</p>
-
-<p>Komödie, Komödie, dachte sie.</p>
-
-<p>Auf der anderen Seite fuhr Lächeln über ironische
-Mienen.</p>
-
-<p>Sie merkte es nicht.</p>
-
-<p>Draußen vor den Fenstern glitten Wolken wie weiße
-Vögel. Siegfrieds Tod stand wieder vor ihr auf, der
-ganze schwere, tönende, verlangende Rausch der Musik.</p>
-
-<p>Jetzt sangen sie. Sie erschrak.</p>
-
-<p>&rsaquo;Der dich mit Adlersflügeln&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&lsaquo;</p>
-
-<p>Bestürzt blickte sie in Doktor Bartelmes Augen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Am Abend war das Fest. Blumen durchzogen das
-ganze Haus, lauter Frühlingsblumen.</p>
-
-<p>Christiane kam in die Menge herein, wie ein Gast.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_194" title="194"> </a>
-Ludwig, den sie traf, befragte sie, wer alles geleitet
-hätte. Sie war schon eine Zeitlang nicht mehr bei Cöldts
-gewesen.</p>
-
-<p>»Ja, Bartelmes,« sagte sie, über ihn wegschauend.
-Ihre Augen flimmerten.</p>
-
-<p>Er trat zurück.</p>
-
-<p>Dann merkte sie, daß auch wohl die Haberkorn an
-der Sache beteiligt war. Sie lief wenigstens aufgeregt
-hin und her und flüsterte da und dort einem Mädchen
-etwas zu, erklärte diesem oder jenem etwas. Der Zeichenlehrer
-zeigte irgendwelche Skizzen herum. Mai probierte
-das Instrument, wobei die Jong gleichmütig
-wissend zusah, und die Kanarienvögel nahmen alles
-ringsum mit wissenschaftlicher Neugier auf, obgleich
-nicht zu erwarten war, daß man in ihren künftigen Wirkungskreisen
-auf dem oder jenem Dorfe gleich etwas der
-Art von ihnen erwarten würde. Immerhin hatten sie
-auch ein kleines, verborgenes Gelächter über Bartelmes,
-dem sie den Spitznamen &rsaquo;die schwere Zigarre&lsaquo; gegeben
-hatten, denn an eine solche erinnerte er sie. Er war lang,
-dunkel, steif und doch gut anzubrennen.</p>
-
-<p>Die Wehrendorf kam in ihrem schwarzen Kleidchen
-still herein und winkte sich ein paar Kinder heran, eins
-davon war bucklig.</p>
-
-<p>Bartelmes trat zu Christiane heran.</p>
-
-<p>»Jetzt dürfen wir beginnen, nicht wahr?«</p>
-
-<p>Das Klavier schlug an, und nun kamen sie.</p>
-
-<p>Wie ein Frühlingszug glitt es heran, nichts von
-Drill und Tanzstunde, von frühreifer Koketterie, in keinem
-Auge etwas Dreistes, überall Mädchenschritte, Mädchenblicke,
-<a class="pagenum" id="page_195" title="195"> </a>
-zarte Hingabe &ndash;&nbsp;&ndash; &rsaquo;Ein Veilchen auf der
-Wiese stand&nbsp;&ndash;&lsaquo;</p>
-
-<p>Gewiß waren die Kleider raffiniert ausgesucht, die
-Kränze geschickt aufgesetzt, gewiß war alles genau überlegt
-und herausgespielt, und doch schien es, als hätte er
-die Kindesseele ganz rein heraufgeholt, als hätte er diese
-Herzen zu feiner Kunst geöffnet.</p>
-
-<p>So lieblich hatte Christiane diese Mädchen noch nie
-gesehen. So schön noch nicht.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>In ihr schrie es. Der Neid kam auf. Die glühende
-Sehnsucht nach dieser Jugend und diesem Sein.</p>
-
-<p>Und auf einmal überkam sie eine Erinnerung: ein
-wenig ähnlich war der Plan doch gewesen, den Diermann
-und die Haberkorn damals aufgesetzt hatten, als sie
-glaubten, daß ihr Interregnum noch fortdauern könnte.
-Nur künstlerischer war er gestaltet. Deshalb war die
-Oberlehrerin so eifrig dabei, deshalb waren fast alle so
-voller Feuer und Flamme gewesen &ndash; etwas Altes
-von ihnen, ihr eigener Wille hatte sich da durchgedrückt.</p>
-
-<p>Und es war schön &ndash; schön&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Bartelmes konnte viel. Er war ein Künstler.</p>
-
-<p>Auf einmal fiel ihr Sophie Reutter wieder ein. So
-viel auch ihrer Wohltätigkeit gedacht worden war &ndash; ihr
-dunkles Bild war nicht aufgerufen worden.</p>
-
-<p>Sollte sie es jetzt tun?</p>
-
-<p>Irgend etwas trieb Christiane plötzlich an, diesen
-Kindern in ihrem werdenden Frauenglanz auch den
-Frauensturz, das ernste Schicksal zu zeigen!</p>
-
-<p>Eine Jugend lebte von ihr, Jugenden hatten schon
-<a class="pagenum" id="page_196" title="196"> </a>
-von ihr gelebt, aber ihr wirkliches Los und Leiden kümmerte
-keinen.</p>
-
-<p>Sie wollte vortreten, Schweres auf den Lippen &ndash;
-da kam Bartelmes auf sie zu.</p>
-
-<p>»Fräulein Doktor &ndash;&nbsp;&ndash; Verzeihung&nbsp;&ndash;.« Er war gar
-nicht Erzieher, sondern nur ein triumphierender Mann.
-Er sah zu den Mädchen und sah zu ihr. »Wie dunkel
-sehen Sie aus, Fräulein Doktor.« Seine Worte waren
-Kompliment, seine Augen glänzten.</p>
-
-<p>Es überstrich sie.</p>
-
-<p>»Ich wollte sprechen,« sagte sie.</p>
-
-<p>»Wovon?«</p>
-
-<p>»Von der Frau, die hinter uns steht. Von der &ndash;
-Gescheiterten.«</p>
-
-<p>Er verzog den Mund.</p>
-
-<p>»Ist denn heute ein Tag für Gespenster? Heute?
-Heute? Verzeihung, aber &ndash;&nbsp;&ndash; ja, gewiß&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;« Er
-trat zurück, sein Ton war kühl. »Wenn Sie glauben&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nein, nein, ich will doch lieber nicht.« Sie hatte
-sich besonnen. Heut war ein Frühlingstag gewesen, und
-für alle Jugend hier im Saal würde es doch Frühling
-bleiben, trotz allem, was etwa gesagt wurde. Darin
-läßt keine Seele sich etwas aufreden.</p>
-
-<p>»Nein, ich will nicht,« sagte sie.</p>
-
-<p>In seinen Augen flimmerte es noch immer.</p>
-
-<p>»Der Abend sollte ein ganz helles Geschenk für Sie
-sein,« sprach er leise, fast ein wenig heiser.</p>
-
-<p>Er blieb neben ihr stehen.</p>
-
-<p>Die Gäste drangen auf sie ein. Alle ehemaligen
-Schülerinnen, die Professorsfrauen und Offiziersgattinnen.
-<a class="pagenum" id="page_197" title="197"> </a>
-Alle sprachen sie vom verstorbenen lieben Herrn
-Direktor und von Diermann.</p>
-
-<p>Bartelmes war für sie jetzt der Herrscher. Er hatte
-ja alles geleitet. Er antwortete allen. Christiane schwieg
-betäubt.</p>
-
-<p>Sie wußte, daß sie ihm heute die Herrschaft übergeben
-hatte.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Mai Friedlein hatte sich trotz ihrer Mitwirkung und
-manch heimlicher Komplimente, die ihr vom Doktor zugekommen
-waren, doch geschickt von ihm zurückgehalten.
-Sie war mit ihren Plänen so gut fertig, daß es nur
-noch fehlte, daß sie gelangen. Sie spielte nicht mehr auf
-das Wunder hinaus. Ihr Wurf war viel kürzer geworden.</p>
-
-<p>Ja, sie war schön. Wie schön, das wußte sie nur
-allein.</p>
-
-<p>Aber wenn einer nach ihr gegriffen hatte, so fand es
-sich immer, daß er schmutzige Hände hatte oder nichts in
-den Taschen.</p>
-
-<p>Nun war einer mit sauberen Händen da. Aber er
-war ein bißchen gewöhnlich und hatte schlechte Manieren.
-Ihr Herz zog sich vor ihm bitter zusammen, aber es
-blieb ihr kein anderer Weg, als der zu ihm, und es gehörte
-noch viel Klugheit dazu.</p>
-
-<p>Auch sie empfand die Schönheit der Mädchen. Die
-der Werdenden. Die über sie hinwegwuchsen.</p>
-
-<p>Wenn sie an dem Abend noch nicht an ihr Ziel kam,
-so war es, weil ihr helles Kleid Dreher Bedenken machte.
-So etwas kostete viel Geld.</p>
-
-<p>Die Jong kam zur Wehrendorf.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_198" title="198"> </a>
-»Dörfchen,« sagte sie.</p>
-
-<p>Ada hielt ihren Kopf gesenkt.</p>
-
-<p>Mühsam hatte sie ihr Schiff ein halbes Jahr gesteuert.
-Ostern hatte sie einen Teil der Fracht abgeben
-können, aber grade die guten, strebsamen Kinder. Die
-anderen waren geblieben. Auch die kleine Cöldt.</p>
-
-<p>Nun wiegelte die in ihrer lautlos höhnischen Art
-die anderen auf, und es waren weniger gute darunter,
-als vorher. Es war diesmal kein besonderer Jahrgang.
-Und Adas Nerven waren sehr herunter. Sie schlief kaum
-mehr vor Husten. Mit dem Essen mußte sie auch furchtbar
-sparen.</p>
-
-<p>Sie äße außerhalb, sagte sie Frau Dorreyter manchmal.
-Immer konnte sie doch nicht auf deren Kosten
-leben.</p>
-
-<p>Die Jong schien etwas gemerkt zu haben und ließ
-sie an heimatlichen Kisten teilnehmen. Mehlmännchen
-brachte ihr Marmelade und Knusperchen.</p>
-
-<p>Aber trotzdem&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Hören Sie mal, Dörfchen, wenn Sie nicht mehr
-können, dann ruhen Sie sich lieber aus,« sagte die Jong.</p>
-
-<p>»Wo denn?«</p>
-
-<p>Die Wehrendorf schaute den Kindern zu. Ihre
-Augen strahlten selbstvergessen.</p>
-
-<p>»Ich will Ihnen mal was sagen. Mein Bruder ist
-Pastor in der Lausitz. Ältere Leute schon, haben weder
-Kind noch Kegel. Die brauchen jemand für sich. Wenn
-Sie dahin gingen &ndash; schlecht würden Sie es nicht haben.
-Da könnten Sie sich ausruhen, meine ich.«</p>
-
-<p>Die Wehrendorf gab keine Antwort.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_199" title="199"> </a>
-Ludwig sah sein Kind an, das eben vor ihm stand.
-Es trug auch das helle Tanzkleid und den Kranz im
-Haar. Und doch wirkte es nicht elfenhaft wie die anderen,
-sondern eher wie ein Waldschrat.</p>
-
-<p>Hardi war schon müde. Das grade Dasitzen konnte
-sie nicht gut aushalten. Und nun war es doch wohl endlich
-aus.</p>
-
-<p>Sie befragte Frau Landesrat Colb deswegen. Die
-Damen rückten zusammen und flüsterten wieder vom
-Verein. Sie wollten einen Frühlingsbasar halten.</p>
-
-<p>»Das könnte aber erst sein, wenn ich zurückkomme,«
-sagte Hardi, »ich wäre doch gern dabei. Und dann bin
-ich auch frisch.«</p>
-
-<p>»Ach ja, gnädige Frau gehen ja nach Bad Wiesental
-&ndash; so bald schon &ndash; wie hübsch.«</p>
-
-<p>»Der Arzt hat es geraten. Im vorigen Jahr war
-ich um diese Zeit auch da. Es war nett. Nur ein paar
-Familien und die schöne Gegend&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ihr Herr Gemahl geht auch mit?«</p>
-
-<p>»Er bringt mich nur hin. Nein, er hat ja keinen
-Urlaub. Und das Kind muß doch auch in die Schule.
-Das Fräulein ist ja so zuverlässig&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Wie reizend,« sagte Frau Colb. »Da besuche ich
-Sie einmal, und wir können dann wegen des Basars
-überlegen. Zu spät dürfte es nicht werden, denn&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Dann ist es nicht mehr Frühling.« Hardi lachte
-sonderbar. »Ja, sicher, sicher&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Sie spähte nach Christiane aus. Neben der stand
-noch immer der große dunkle Mensch.</p>
-
-<p>Wie hatten die Herren vor ihnen vorhin gesagt?</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_200" title="200"> </a>
-»Der hat jetzt die Macht im Reutterschloß. <em class="ge">Sie</em>
-hat &ndash; umgesattelt.«</p>
-
-<p>Ludwig hatte es doch auch gehört.</p>
-
-<p>Sie faßte ihn am Arm.</p>
-
-<p>»Komm, wir gehen.«</p>
-
-<p>Sie gingen Arm in Arm aus dem Saale.</p>
-
-<p>Keiner sprach.</p>
-
-<p class="ce mt1 mb1">*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Nun kam schon Bad Wiesental hinter den Bäumen
-herauf. Kein großes Bad, aber sehr lieblich. Es gab
-Eisenquellen dort. Hardi war voriges Jahr sehr frisch
-wiedergekommen.</p>
-
-<p>Bäume, Büsche, Gärten, Wiesenflächen &ndash; wie schön
-war alles. Ganz hell alle Bäume und Sträucher, mit
-Blättchen fast nur erst wie befiedert &ndash; aber viel Blüten.
-Lauter Blüten, weiße und rosige und da und dort auch
-gelbgoldene, strähnig hängend. Ein wahrhaftiges Märchen.</p>
-
-<p>Hardi dachte daran.</p>
-
-<p>Sie hatte nicht viel Süßes im Leben gehabt. Aber
-sie hatte es auch nicht gebraucht. Sie war ihrer Mutter
-Tochter.</p>
-
-<p>Es hatte wohl noch mancher ihren Weg gekreuzt, besonders
-dort oben in der Ostmark. Wenn sie unverheiratet
-gewesen wäre, noch die arme Dorreyter &ndash; dann
-hätte sich keiner dieser Herren um sie gekümmert. Aber
-so neigten sie sich ihr verhohlen spähend zu. Sie spürten
-ein Unglück an ihr und suchten sie auf ihre Art zu trösten.
-<a class="pagenum" id="page_201" title="201"> </a>
-Noch jetzt blitzte dann und wann auf ihrem Wege ein
-solcher Glühfunken auf.</p>
-
-<p>Sie kümmerte sich nicht darum.</p>
-
-<p>Sie hätte zu Hause bleiben und ein altes Fräulein
-werden müssen; sie hätte nichts vermißt.</p>
-
-<p>Aber sie war's nicht geworden.</p>
-
-<p>Jetzt hatten sie das Dorf erreicht. Die Häuser
-waren sanft an den Berg gelehnt, der sie schützte. Gärten
-kränzten sich um sie. Einige schlichen den Berg hinauf,
-so weit sie konnten. Ganz oben auf dem Gipfel
-waren Kirschenplantagen, die standen wie weißes Gewölk.</p>
-
-<p>Weiber liefen vorbei, schon barfüßig, schmunzelten
-hinauf und sprachen von guter Ernte.</p>
-
-<p>Wie konnte man an Ernte denken, an dicke, rote
-Kirschen, wenn das zarte Gewölk da oben stand?</p>
-
-<p>Mit einem leisen Gelächter sagte Hardi es ihrem
-Mann.</p>
-
-<p>Der horchte verwundert hin, denn dergleichen war
-er an ihr nicht gewohnt. Auch hatte sie während der
-Fahrt kein Wort geredet.</p>
-
-<p>Er dachte sich nichts bei dem Frühlingstag. Er erfüllte
-nur seine Pflicht, wenn er seine leidende Frau hierher
-brachte, wo sie gut aufgehoben war und sich fern von
-ihm vorzüglich erholte.</p>
-
-<p>Zu Hause lag ein Stoß Akten, an dem wollte er
-morgen, über Sonntag, arbeiten.</p>
-
-<p>Hardi hielt sich fast ungewohnt straff, und nun kamen
-sie an das Häuschen, in dem das Quartier wieder bestellt
-und bereitet war.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_202" title="202"> </a>
-Hardi lief in die Zimmer und guckte sich um: vor
-den vorderen Fenstern standen weißblühende Dornbüsche,
-förmlich dick und trotzig taten sie im Übermut. Sie
-wollten blühen. Und vor der Hinterstube blühte, schräg
-ansteigend, der Berg.</p>
-
-<p>Sie faßte den Mann am Arm.</p>
-
-<p>»Sieh, Ludwig, wie schön&nbsp;&ndash;!«</p>
-
-<p>»Du kannst es ja recht genießen,« sagte er.</p>
-
-<p>Sie hatte die rote Gardine etwas zurückgeschoben
-und sah hinaus. Plötzlich wandte sie sich um und blickte
-in sein fahles Gesicht.</p>
-
-<p>Und auf einmal kam es wieder über sie: Ich hätte
-ja längst gehen müssen.</p>
-
-<p>Das war meine Sünde, daß ich nicht gegangen bin.</p>
-
-<p>Was war ich denn bei ihm? Nicht einmal sein Haus
-habe ich ihm geführt. Nicht einmal sein Kind habe ich
-ihm erzogen. Mit Spielereien habe ich mich satt gemacht,
-mit fremder Not ein wenig getändelt, und sein
-Werk habe ich ihm genommen.</p>
-
-<p>Sünde war alles.</p>
-
-<p>Ich habe es gespürt. Lange, lange schon.</p>
-
-<p>Die Eisdecke unter mir hat schon immer gezittert.</p>
-
-<p>Aber was nun &ndash; was nun&nbsp;&ndash;?</p>
-
-<p>Das andere Glück kann ich ihm nicht schaffen. Wenn
-ich sein Haus verließe und mich frei machte, würde ich
-noch mehr von seiner Laufbahn gefährden, als ich schon
-gefährdet habe, noch mehr wegreißen und nichts dafür
-geben. Denn das Feuer, nach dem er noch immer geschaut
-hat und das ich ihm gleichmütig und spöttisch ließ,
-ist ja längst für ihn erloschen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_203" title="203"> </a>
-Ich kann ihm nichts geben, wenn ich &ndash; gehe.</p>
-
-<p>Es umwirbelte sie. Wie durch einen Schleier sah
-sie die weißen Bäume auf dem Berg. Wie eine feierliche
-Prozession stiegen sie höher und höher. Weiß, alles
-weiß.</p>
-
-<p>Die rote Gardine wehte.</p>
-
-<p>Ludwig schritt noch einmal prüfend durch die beiden
-Zimmer. Er rief die Wirtin und sprach mit ihr, um
-sicher zu gehen, daß für Hardi alles gut besorgt werden
-würde.</p>
-
-<p>Dann kam er zurück, gab ihr die Hand und warf
-dabei einen Blick auf die alte Bauernuhr an der
-Wand.</p>
-
-<p>»Ich muß zum Zug, Hardi. Hier scheint alles in
-Ordnung. Solltest du etwas vermissen, so telephoniere
-sofort, hörst du? Aber voriges Jahr hat es dir doch so
-gut gefallen.«</p>
-
-<p>»Ja, es hat mir gut gefallen,« erwiderte sie, ohne
-den Blick aufzuheben.</p>
-
-<p>»Ludwig,« sagte sie.</p>
-
-<p>Er stutzte flüchtig.</p>
-
-<p>Nun küßte er sie. »Lebwohl, Hardi.«</p>
-
-<p>Sie blieb stehen und horchte seinem Schritt nach, er
-ging langsam. Sie horchte noch immer: jetzt war er
-draußen. Der Sand knirschte.</p>
-
-<p>Auf einmal lief sie nach dem Vorderzimmer und
-spähte aus dem Fenster.</p>
-
-<p>Da war er.</p>
-
-<p>Er wandte sich, glaubte wohl, daß sie noch etwas zu
-sagen vergessen hatte, und sah ihr fragend ins Auge.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_204" title="204"> </a>
-Seine Wimpern zuckten.</p>
-
-<p>»Bleib noch ein wenig,« bat sie mit blassen Lippen.</p>
-
-<p>»Es ist der letzte Zug,« sprach er.</p>
-
-<p>»Bleib,« sagte sie.</p>
-
-<p class="ce mt1 mb1">*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Und nun begann eine seltsame Zeit.</p>
-
-<p>Ludwig Cöldt kehrte wieder an den Anfang zurück.</p>
-
-<p>Er war wieder bei seiner Frau.</p>
-
-<p>Das Ursprüngliche knüpfte sich wieder an, das alte
-Recht und die alte Liebe. Er fand sich wieder an die
-Zeit heran, wo er das liebe Mädchen mit den melancholisch
-schmachtenden Augen auf den Markburger Straßen
-gesehen hatte und sofort rätselhaft gepackt gewesen war,
-daß kein Überlegen, kein Bremsen geholfen hatte &ndash; er
-mußte sie haben, keine Bessere, keine Schönere, die nur
-&ndash; die!</p>
-
-<p>Daß sie sich nicht gleich ergab, daß sie auch als Braut
-immer etwas Scheues, Beklommenes behielt, war ihm
-ein Reiz mehr gewesen &ndash; je mehr Wälle, desto mehr
-Sieg, je mehr Trutz, desto mehr Süßigkeiten.</p>
-
-<p>Und dann&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Da war ein breiter Graben. Aber über den waren
-sie jetzt hinweg.</p>
-
-<p>Sie vergaßen Markburg mit allem, was daran hing,
-die Gesellschaft, die um sie war, sein Amt, sogar ihr
-Kind. Sie durchlebten in diesen zarten Frühlingswochen
-etwas, was sie noch nie erlebt hatten, so groß
-<a class="pagenum" id="page_205" title="205"> </a>
-war es. Ein sonderbarer Ballast war dabei, aber er
-machte es noch größer.</p>
-
-<p>Christiane Dorreyter war aus Ludwigs Leben verschwunden.
-Sie war ihm das Fremde geworden, das
-unsichere Feuer, die Versuchung. Hier war die Ehrlichkeit,
-die innerste Verknüpfung, die reinste, beste Verbindung
-&ndash; hier war das Weib und nicht die Verirrung.
-Hier brannte das schönste Feuer, und drüben war nur
-ein trüber Hauch &ndash; hier war die Ehe und dort die
-Sünde.</p>
-
-<p>Hardi war schuld an dieser Verirrung, aber sie
-sühnte jetzt, gab ihm alles, und er verstand sie und
-sich.</p>
-
-<p>In jeder freien Zeit war er in Wiesental. Er hatte
-sich ein Pferd angeschafft; fast an jedem Tag konnte man
-ihn hinüberreiten sehen.</p>
-
-<p>Hardi dachte nicht mehr an ihren Verein, auch nicht
-an die Mutter, nicht an den Basar, den die Damen veranstalteten.
-Einmal war eine von ihnen dagewesen,
-hatte aber nichts ausgerichtet und die gute Cöldt recht
-sonderbar gefunden.</p>
-
-<p>Wenn Hardi auch nicht zur Leidenschaft fand, nie
-ein brausendes Wasser wurde, weil die Dinge in ihrer
-Seele kein Gefäll bekamen, so gab sie sich doch in Ludwig
-hinein und hatte keinen anderen Gedanken mehr. Es
-war kein Zu-ihm-finden, keine späte Liebe, aber eine
-späte Ehe.</p>
-
-<p>Etwas trug sie &ndash; sie verstand es nicht ganz &ndash;
-etwas schob sie, das hatte Macht aus jener Wintermorgenstunde,
-als sie den Schnee über ihr warmes Leben
-<a class="pagenum" id="page_206" title="206"> </a>
-herfallen spürte, Schnee um Schnee. Sie fühlte sich
-getrieben und dachte nicht zurück, höchstens wie an fremde
-Länder.</p>
-
-<p>Sie freute sich über sein Glück. Denn er war jung
-geworden und lachte viel.</p>
-
-<p class="ce mt1 mb1">*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Der Frühling flammte. Sein Schild war noch
-glühender, sein Ruf noch lauter geworden.</p>
-
-<p>Christiane sah ihren einsamen Garten in Blüte
-kommen. Sie hatte nicht gedacht, daß der Garten der
-unglücklichen Sophie Reutter auch blühen konnte. Als
-sie ihn im Vorjahre fand, hatte ihr nur dunkles Laubwerk
-entgegengeduftet, steife, ernste Bäume. Jetzt zeigte
-es sich, daß Kleineres versteckt gewesen war, das sich
-nun bunt heraustat und alle Feuer spielen ließ: Goldregen
-und Dornsträucher, Quitten und weißer Flieder.
-Und gleich neben dem Tempel standen zwei riesige
-Kastanienbäume, die blühten über und über rot.</p>
-
-<p>Der Garten war kein Klostergarten mehr. Bis in
-die Nacht hinein duftete er, ja, die ganze Nacht hindurch.
-Durch die offenen Fenster kamen seine Duftwellen, und
-von weiter her kamen andere, von den Wiesen, auf denen
-die freie Blüte stand, vom Walde, in dem die wilden
-Kirschbäume wie Frühlingsfackeln brannten.</p>
-
-<p>Und der Himmel war stahlblau, und die Abende
-goldschwer veratmend, sich immer mehr dehnend, kein
-Ende nehmend. Immer noch Abend, immer noch ein
-Glühen, immer noch ein Rot hinter dem Walde!</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_207" title="207"> </a>
-Die Kinder brachten Christiane Sträuße aus ihrer
-Eltern Gärten. Sie gaben auch der Haberkorn welche,
-aber nicht mehr, als die Höflichkeit es erforderte, auch
-der Seifert und der Jong, sogar dem Mehlmännchen,
-aber am meisten bekam sie der Doktor Bartelmes. Mit
-Blumen beladen ging er mittags weg, er zeigte sie recht
-&ndash; auch Christiane sah es. Die meisten waren von Betty
-von Kramer, von der schönen Ersten mit dem ägyptisch
-geschnittenen Gesicht.</p>
-
-<p>Wenn er einmal gar zu viel hatte, so schenkte er
-den Damen davon, einmal hatte er der Mehlmann
-einen großen Busch roter Tulpen verehrt (sie fragte nachher
-wieder die anderen, ob man nichts dabei &rsaquo;gefunden&lsaquo;
-hätte?) und der Haberkorn einen Strauß Vergißmeinnicht,
-den die verdutzt anguckte, wobei wieder das
-merkwürdige, unbestimmbare Männerlächeln um seinen
-Mund zuckte.</p>
-
-<p>Einmal kam er mit einem Busch weißer Narzissen
-auf Christiane zu, in seinen Augen flirrte etwas &ndash; sie
-fuhr hochmütig zurück: wollte er die ihr etwa schenken?</p>
-
-<p>Nein, er zeigte sie ihr nur und sagte: »Sehen Sie,
-die Mädel bringen mir doch wenigstens nichts Geschmackloses
-mehr. Sie wissen, alles, was mir nicht gefällt,
-lasse ich unbarmherzig liegen, und dem will sich
-doch keine aussetzen! Die sind übrigens von Betty. Die
-sind schön.«</p>
-
-<p>Ein leiser, aufreizender Hohn schien in seinen Worten
-mitzuklingen.</p>
-
-<p>Gleich darauf wurde seine Miene wieder schmeichelnder,
-<a class="pagenum" id="page_208" title="208"> </a>
-weicher, und er fragte halblaut: »Kann ich Ihren
-Garten jetzt wieder einmal sehen, Fräulein Doktor?«</p>
-
-<p>Jäh sah sie ihm in die Augen.</p>
-
-<p>Er erwiderte den Blick. Die Narzissen in seinen
-Händen sanken etwas.</p>
-
-<p>Kühl gab sie ihm die Erlaubnis und ging davon.
-Oben in ihrem Zimmer trat sie nicht ans Fenster &ndash;
-sie wollte nicht sehen, wie er zwischen ihren Bäumen
-herumschlich bis zum Griechentempel, über dem die rote
-Kastanienblüte stand. Er kannte zu viel von ihr und
-würde noch mehr erraten, wenn er jetzt durch ihren Garten
-ging.</p>
-
-<p>Nun hörte sie seinen Schritt.</p>
-
-<p>Sie stand von ihrem Platze auf, warf einen trüben
-Blick auf die &rsaquo;eiserne Wehr&lsaquo; und schritt leise zum Fenster
-&ndash;&nbsp;&ndash; sie mußte ihn doch noch &ndash; sehen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Und plötzlich dachte sie wieder: er ist mir ja ganz
-fremd. Ich kenne ihn nicht. Nein, alles, was er tut und
-will, kenne ich nicht, weil es aus anderem Gesichtspunkt
-und von einem ganz anderen, mir dunklen Leben her
-geschieht&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Und doch fühlte sie die unheimliche, treibende Macht
-in sich.</p>
-
-<p>Zu Cöldts kam sie jetzt nicht mehr. Sie wußte von
-der Mutter, daß Hardi in Wiesental war und Ludwig
-oft hinüberritt. Oft hörte sie sein Pferd am Hause vorbeitraben,
-hörte den Hufschlag und dachte dumpf: hier
-hält er nicht mehr an.</p>
-
-<p>Nein.</p>
-
-<p>Jeder suchte das Seine.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_209" title="209"> </a>
-Auch jetzt war sie nachmittags oft nicht mehr allein
-im Reutterschloß. Doktor Bartelmes hatte sich die Erlaubnis
-erbeten, auf dem Harmonium in der Aula zu
-üben. Nun hörte sie das oft. Es war nicht laut. Es
-drang nur wie Summen durch die dicken Wände, drang
-zu ihr, und sie horchte danach, und ihr Herz strebte davon
-los und kam nicht frei, sondern verwirrte sich noch
-mehr daran. In einer fremden Sprache kann man dem
-viel sagen, der sie nicht versteht: er hängt daran und
-rätselt daran, und ein wenig Rausch ist dabei.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>An anderen Tagen war er wieder mit seinen Mädchen
-auf Wanderungen unterwegs. Immer waren die
-Schönsten um ihn herum, besonders Betty von Kramer.</p>
-
-<p>Es waren schon Mütter zu Christiane gekommen
-und hatten gesagt, der Herr sei wohl zu modern für
-Markburg. Die Mädel hätten ja keinen Sinn mehr
-für etwas anderes, außer ihrem Doktor, eitler könnten
-sie nicht mehr werden, als sie geworden seien, und Neid
-und Eifersucht wären an der Tagesordnung.</p>
-
-<p>Christiane merkte: ich kann es nicht mehr so lassen.
-Ich darf es nicht. Ich lade Schuld auf mich.</p>
-
-<p>Schattenhaft stieg das Bild der Schwester des Doktor
-Bartelmes vor ihr auf.</p>
-
-<p>Da kam er zu ihr wegen des Johannisfestes.</p>
-
-<p>»Johannisfest?« sprach sie tonlos.</p>
-
-<p>»Ja,« meinte er unbefangen, »ich glaubte es Ihnen
-schon gesagt zu haben, daß wir feiern wollen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Es soll wieder ein Fest nach echter Reutterschulart
-werden.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_210" title="210"> </a>
-»Nach Reutterschulart?« fragte sie.</p>
-
-<p>»Ja. So sagt man doch jetzt in der Stadt.«</p>
-
-<p>So sagte man in der Stadt?</p>
-
-<p>»Also nach Ihrer Art?« sprach sie langsam.</p>
-
-<p>»Ein Waldfest,« entgegnete er, ohne auf ihre Frage
-einzugehen, »ein Feuer draußen am Hünengrab im
-Obrawald. Ein Reigen. Ein paar Lieder und Tänze.«</p>
-
-<p>»Und die anderen Kollegen?« fragte sie.</p>
-
-<p>Er zuckte die Achseln. »Ich weiß darüber nicht Bescheid.«
-Ein scharfes Licht war in den dunklen Augen.</p>
-
-<p>Sie wußte: die anderen waren allmählich von ihm
-abgerückt. Sie billigten seine Art nicht mehr. Ihre
-Begeisterung war abgekühlt. Jeder stöhnte, wenn er in
-der Klasse des Doktor Bartelmes zu unterrichten hatte.
-Sogar die Haberkorn.</p>
-
-<p>Christiane sah vor sich hin.</p>
-
-<p>»Ich möchte es nicht gern, Herr Doktor,« sagte sie.</p>
-
-<p>Er sah sie groß an.</p>
-
-<p>»<em class="ge">Sie</em> möchten es nicht?« wiederholte er.</p>
-
-<p>Er sagte gar nichts weiter.</p>
-
-<p>Sie war gezwungen zu sprechen.</p>
-
-<p>»Der Platz ist sehr entlegen. Sind Sie sich der Verantwortung
-bewußt, Herr Doktor? Glauben Sie, daß
-es leicht sein wird, die vom Feuer, vom Tanz und Gesang
-aufgeregte Schar wieder durch den dunklen Wald
-heimwärts zu bringen?«</p>
-
-<p>Er lachte. »Wenn es weiter nichts ist, Fräulein
-Doktor! <em class="ge">Ich</em> bringe sie schon heim. Ich gebe Ihnen
-mein Wort darauf.«</p>
-
-<p>»Die Eltern der Kinder sehen in diesen Wanderungen
-<a class="pagenum" id="page_211" title="211"> </a>
-und Festen eine gewisse &ndash; Übertreibung,« sagte
-sie.</p>
-
-<p>Er verzog den Mund.</p>
-
-<p>»Markburg,« sagte er trocken. »Aber Sie gnädiges
-Fräulein &ndash; Sie &ndash;&nbsp;&ndash; sind doch nicht so kleinbürgerlich!«
-Er lachte.</p>
-
-<p>Sie schwieg.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ich gehe nicht nach dem Walde, dachte sie. Mögen
-sie ihr Spiel für sich allein haben. In ihr nagte es:
-Du durftest nicht. Sie hörte die Worte der besorgten
-Mütter, daneben aber klang noch etwas anderes &ndash; eine
-Melodie!</p>
-
-<p>Sie kümmerte sich nicht um die Vorbereitungen,
-hörte aber von der Haberkorn, daß die Mädchen des Doktor
-Bartelmes kaum noch zu regieren seien, so vergnügt
-seien sie. Es machte ihr jetzt eine besondere Freude,
-Christiane etwas über Bartelmes zuzutragen. Lauernd
-flogen ihre Blicke über sie hin.</p>
-
-<p>Christiane verzog keine Miene.</p>
-
-<p>Heute nachmittag will ich mal wieder zur Mutter,
-dachte sie, und mich nach der Wehrendorf umschauen.
-Hier läuft sie mir immer aus dem Wege, und ich &ndash;
-denke nicht an sie.</p>
-
-<p>Ehe sie aber so weit kam, erhielt sie Botschaft vom
-Präsidenten, daß er sie zu sprechen wünsche.</p>
-
-<p>Das gesamte Patronat war versammelt.</p>
-
-<p>Die Herren schienen kühl.</p>
-
-<p>Der Präsident sagte, daß die Richtung, die in der
-Reutterschule neuerdings unerwarteterweise verfolgt
-würde, in den beteiligten Kreisen gar nicht angesprochen
-<a class="pagenum" id="page_212" title="212"> </a>
-hätte und daß man Fräulein Doktor Dorreyter dringend
-ersuchte, von diesem veränderten Kurse abzusehen. Der
-Kernpunkt sei ja wohl nicht sie, sondern der neue Oberlehrer,
-in dessen Wahl man sich anscheinend etwas vergriffen
-hätte und der auch anscheinend über seine Grenzen
-hinaus zu dominieren versuche. Man setze aber in
-Fräulein Doktor Dorreyter volles Vertrauen, daß sie
-das Schiff in <em class="ge">ihrem</em> Sinne steuere, den sie ja in ihrer
-energischen Antrittsrede, wenn man sich richtig erinnere,
-deutlich kundgegeben habe. Es seien auch Beschwerden
-über die Lehrerin Wehrendorf eingelaufen, die damals
-nur auf besondere Verwendung des Fräulein Doktor
-und einiger Damen angenommen worden sei und die
-anscheinend nicht in den Schulbetrieb gehöre.</p>
-
-<p>Christiane konnte auf diese feinironischen Ausführungen
-ihres Chefs nicht antworten, denn der Präsident
-fuhr gleich darauf anscheinend gelassen fort, indem er
-sich einige Aktenstücke reichen ließ: Man hätte sich, nachdem
-das Stiftungskapital neuerdings zu einer bestimmten
-Höhe angewachsen sei, in der letzten Patronatssitzung
-entschlossen, die wiederholt ausgesprochenen
-Wünsche der Leiterin zu erfüllen, die fehlenden Klassen
-aufzusetzen und ein Seminar anzufügen, wodurch wohl
-vielen jungen Mädchen eine willkommene Gelegenheit
-zur Aus- oder wenigstens zur Weiterbildung gegeben sei.</p>
-
-<p>Christiane schaute betäubt auf.</p>
-
-<p>Damit hatte sie ja gesiegt &ndash;&nbsp;&ndash; gesiegt&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Wir wären sehr dankbar, wenn wir Ihre Entwürfe
-und Pläne schon in kurzer Zeit erhalten könnten,
-Fräulein Doktor,« fügte der Präsident noch hinzu.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_213" title="213"> </a>
-Christiane machte sich zu Hause sofort an die Arbeit,
-suchte alte Pläne, Ministerialerlasse und Verordnungen
-heraus, verglich, entwarf, überlegte, zeichnete
-auf, und darüber wurde es Abend.</p>
-
-<p>Sie fuhr plötzlich hoch und sah es rot über dem
-Walde stehen.</p>
-
-<p>Das ist der Johannisabend, fiel ihr auf einmal
-ein.</p>
-
-<p>Sie schob ihre Papiere zurück und sah starr in das
-ferne Glühen hinaus. Ein feiner Dunst kam aus dem
-Walde und schlich herein.</p>
-
-<p>Sie schaute in ihren Garten &ndash; der war schwarz.</p>
-
-<p>Eine wahnsinnige Angst überkam sie. Der Sommer
-gleitet vorbei. Alle ansteigenden Zeiten sind vorbei.
-Mein Leben tritt in das Dunkle ein. Hier sind die
-Pläne, die Ministerialerlasse, die Prüfungsordnungen
-&ndash; haha &ndash; das ist mein &ndash;&nbsp;&ndash; das ist mein&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Sie warf noch einen Blick zur &rsaquo;eisernen Wehr&lsaquo; empor,
-dann nahm sie ihren Hut und ging.</p>
-
-<p>Wie leicht kann ich schreiten, dachte sie, als sie in
-den lichten Staub der Straße trat. Wie &ndash; jung&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Vom Sonnenrot sah sie hier nichts. Der Wald
-stand dunkelnd. Eine verwischt blaue Stimmung war
-zwischen den Straßenbäumen. Die Kinder kletterten
-darauf herum, rissen Lindenblüten los und warfen sie
-herab.</p>
-
-<p>Sie eilte. Nun war sie im Walde. Fahrtgeleise
-gingen tief hindurch &ndash; ach, es war die Allee, auf der
-sie damals gegangen war, als das Gewitter kam, vor
-einem Jahre&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_214" title="214"> </a>
-Sie schritt rasch und empfand: Johannisabend.</p>
-
-<p>Hinter allen Büschen schien es zu leben, tiefer, als
-bei jenem Taggewitter, heimlicher, als in den hellsten
-Stunden, seltsamer, als an anderen Abenden. Sie
-fühlte: hier ist Leben über Leben um mich. Sie sah an
-den Tannen empor, sah, wie die silbergrauen glatten
-Stämme der Buchen grünumflimmert zur Höhe stiegen
-und oben ihr Laub ausbreiteten, sie sah Bäume, die über
-und über grün waren, bei denen die Äste schleppend auf
-den Boden hingen, so voller Sommer waren sie. Und
-dann sah sie noch etwas. Mitten unter den Waldbäumen
-stand eine Linde, über und über blühend. Hoch
-stieg sie empor, höher, als die Buchen und Tannen, und
-oben blühte sie ganz allein, über allem Laub. Diese
-Blüten konnte keiner pflücken. Das Abendlicht überglänzte
-sie. An die konnte keiner heran.</p>
-
-<p>Sie ging weiter.</p>
-
-<p>Auf einmal scholl es hinter ihr. Sie horchte: Klippklapp,
-Klippklapp.</p>
-
-<p>Sie blieb stehen.</p>
-
-<p>Da kam es sacht näher. Ein Reiter.</p>
-
-<p>Sie wandte das Gesicht. Das Herz schlug ihr hoch
-auf, sie wußte, wer das war. Er wandte sich ihr flüchtig
-zu, eine halbe Sekunde schauten sie sich in die Augen.
-Es war Ludwig.</p>
-
-<p>Klippklapp, klippklapp, trabte das Pferd.</p>
-
-<p>Weit hinten auf der Schneise verschwand es. Er
-war vorbeigeritten.</p>
-
-<p>Sie wußte, wohin er ritt.</p>
-
-<p>Langsam ging sie weiter, es dunkelte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_215" title="215"> </a>
-Und nun kam es wie Gesang näher &ndash; sie horchte
-gierig. Es war kein Hufschlag. Es war Gesang.</p>
-
-<p>Das Lied kam ihr sonderbar vor. Sie, die so viele
-Kinderlieder gehört hatte, horchte wie verzaubert auf
-dieses Lied.</p>
-
-<p>Es kam ihr vor, als hätte sie es noch nie vernommen,
-aber als müßte sie es vernehmen, eben jetzt zu
-dieser Stunde. Auf einmal verstand sie die Sprache der
-Melodie.</p>
-
-<p>Sie blieb stehen, ihr Herz versagte.</p>
-
-<p>Und nun kam der Zug aus dem Walde heraus.</p>
-
-<p>Mitten zwischen den Stämmen kamen sie hervor &ndash;
-o, es sah schön aus! Es war, als ob die Elfen dieses
-Johannisabends kettengleich vorüberzögen im Reigentanz.</p>
-
-<p>Sie sangen noch immer, und immer noch mehr kamen
-aus dem Walde, helle, singende Gestalten.</p>
-
-<p>Das war keine Ausgelassenheit.</p>
-
-<p>Jäh packte es sie: das war Feier.</p>
-
-<p>Er hatte es wieder fertig gebracht. Er hatte ein
-kleines Kunstwerk geschaffen, hatte in diesen verwöhnten
-oberflächlichen Dingern das Verständnis für Weihe,
-für die Schönheit des Waldes und für den sonderbaren
-schwülen Zauber dieses Abends geöffnet. Er konnte das,
-denn er war ein Künstler.</p>
-
-<p>Nun kam er.</p>
-
-<p>Ein paar große Mädel waren dicht um ihn und
-glitten jetzt fort. Betty war dabei und wandte noch das
-Gesicht nach dem Fräulein Doktor.</p>
-
-<p>Er sah Christiane an: »Nun? Ist es nicht schön?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_216" title="216"> </a>
-Sie schwieg.</p>
-
-<p>Er blieb etwas mit ihr zurück. Die Schar zog vor
-ihnen. Sie sang noch immer. Leise, ganz zart. Es
-verschwamm jetzt fast. Es ging sanft in diesem sanften
-Abend unter, der seine wilden Farben jetzt eingezogen
-hatte.</p>
-
-<p>Sie schaute zurück.</p>
-
-<p>Wo war das Rot?</p>
-
-<p>Sie sah auf die Straße.</p>
-
-<p>Wo war der Reiter?</p>
-
-<p>Bartelmes stand vor ihr. Seine Blicke überglitten
-sie, er sprach kein Wort.</p>
-
-<p>Wie ein seidenweicher Schleier überrann sie das Gefühl:
-ich bin doch schön. Ich bin vielleicht noch nie so
-schön gewesen, wie jetzt &ndash; in meiner Reife.</p>
-
-<p>Verwirrt horchte sie. Kein Hufschlag mehr.</p>
-
-<p>Ihre Seele schrie auf, schrie nach Feuern hin, nach
-Flammen, nach einer einzigen schönen Glut, nach einem
-Glück, wie sie es noch nie besessen hatte. Sie wollte
-nicht immer Muster sein, Tugend, Vorbild, sie wollte
-Flamme sein, Schönheit, Genuß &ndash; sie wollte geben, was
-noch keiner besessen hatte und was alle gaben. Sie
-wollte mit Kränzen in feinen Melodien schreiten und
-purpurn untergehen, wie der Abend untergeht. Sie
-wollte dem Leben nahe sein, ganz nahe, sie wollte Leben
-sein.</p>
-
-<p>Seine Miene blieb unbeweglich.</p>
-
-<p>Und eben deshalb sah sie ihn schärfer an, als sie es
-sonst in ihrer Erregung getan hätte.</p>
-
-<p>Er hielt stand. Es war vielleicht in seinem Willen,
-<a class="pagenum" id="page_217" title="217"> </a>
-daß die Maske jetzt fiel, die er doch für jeden Kundigen
-nur lose vorgehabt hatte, denn er gedachte nicht
-weiter zu gehen und sich keinerlei Schwierigkeiten zu
-machen.</p>
-
-<p>In den Augen blieb sein Lächeln.</p>
-
-<p>Verwirrt grübelte sie, wo sie es schon gewahrt hatte:
-wenn er mit der Haberkorn sprach, auch mit der Seifert
-oder mit der Mehlmann &ndash; alle belächelte er so aus einer
-gewissen Mannesüberlegenheit heraus, und nun hatte er
-das Lächeln, das Blinzeln auch für sie&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;?</p>
-
-<p>Sie begriff noch nicht. &ndash; Auch &ndash; für &ndash; sie&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;?</p>
-
-<p>Und dann kam ihr Gewißheit. Ihre hellsichtige
-Menschenbeobachtung fand sich wieder ein, vielleicht noch
-nie so scharf, wie in dieser Sekunde. Sie durchschaute
-sein Spiel, das auf ihre innere Demütigung auslief und
-auf das äußere Vorzeigen: seht, ich habe die Herrin
-unter mir. Ich bin der Herr. Die haben sie angestaunt,
-wie ein neues Wunder, die sind argwöhnisch vor ihr geflohen,
-ein Narr ist sogar vor Schrecken gestorben &ndash; ich
-aber habe festgestellt, daß es unter den Frauen nichts
-Neues gibt und niemals etwas Neues geben wird. Es
-gibt gar keine modernen Frauen. Wenn sie es können,
-so begehren sie immer nur den Kranz, den der Mann
-ihnen aufsetzt, und ihr Wille, ihre Pläne sind rasch zu
-biegen&nbsp;... an jedem Platz!</p>
-
-<p>Sie erkannte noch mehr: Er war ihr gegenüber nie
-in Unruhe geraten, vermißte nichts und begehrte nichts.
-Seine Sinne waren unbeteiligt, denn er hatte ein anderes
-Weib um sich, von dem ihm die scharfe Erkenntnis
-jedenfalls mit geflossen war&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_218" title="218"> </a>
-Er wollte nun doch näher an sie heran.</p>
-
-<p>Sie sah ihn mit funkelnden Augen an.</p>
-
-<p>»Sie haben ja eine Geliebte,« sagte sie hart.</p>
-
-<p>Er schnellte etwas zurück.</p>
-
-<p>Dann besann er sich.</p>
-
-<p>Der wissende Hohn in seinen Augen wurde stärker.</p>
-
-<p>»Ja. Ich habe Ihnen sogar schon ihr Bild gezeigt,
-Fräulein Doktor Dorreyter &ndash; eine junge Bühnenkünstlerin.«</p>
-
-<p>Er lachte ein wenig. Sein Fuß rührte im Staub.</p>
-
-<p>»Ich wollte Ihnen damals das Bild meiner Schwester
-zeigen &ndash; sie schauen sich übrigens ähnlich &ndash; da griff
-ich zufällig das andere.«</p>
-
-<p>Sie gab keine Antwort.</p>
-
-<p>Rasch schritt sie an ihm vorbei.</p>
-
-<p>Die Kinder vorn sangen wieder.</p>
-
-<p>Christiane sah, daß der Wald zu Ende war. Da
-kam schon die Stadt. Sie war so voller Lichter, wie sie
-nur sein konnte.</p>
-
-<p>Christiane wandte sich und schaute noch einmal nach
-dem Walde zurück.</p>
-
-<p>Das Feuer war erloschen.</p>
-
-<p class="ce mt1 mb1">*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Am nächsten Tage ereignete sich das Unglück.</p>
-
-<p>Einige der Patronatsherren kamen in die Klasse der
-kleinen Wehrendorf. Sie hatten es noch mehr auf den
-Doktor Bartelmes abgesehen, dessen beargwöhnte Methode
-<a class="pagenum" id="page_219" title="219"> </a>
-sie sich näher begucken wollten, aber die Hilfslehrerin
-stand mit auf dem Programm.</p>
-
-<p>Ada wußte sofort Bescheid.</p>
-
-<p>Christiane hatte ihr schon einen Wink gegeben:
-nimm dich zusammen! Aber was heißt &rsaquo;Sich zusammennehmen&lsaquo;,
-wenn die Nerven und alle Hoffnung ohnehin
-zu Ende sind. Wenn sie nicht so an der Arbeit gehangen
-hätte, wenn sie ihr nicht das Wichtigste, die schwere
-Hauptsache ihres Lebens gewesen wäre, dann wäre sie
-leichter über die Klippe hinweggekommen.</p>
-
-<p>So aber gab sie sofort das Spiel verloren, als keine
-Ruhe unter den Kleinen wurde und Hanni Cöldt ganz
-offen in ihre Worte hineinlachte.</p>
-
-<p>Die Herren sahen Ada fragend an.</p>
-
-<p>Die aber stürzte an ihnen vorüber zur Tür hinaus.</p>
-
-<p>Die Gäste wußten nicht, wie ihnen geschah. Deshalb
-warteten sie noch ein paar Minuten.</p>
-
-<p>Aber auf einmal fingen ein paar der Kleinen heftig
-an zu weinen. Und eine drehte sich zu Hanni Cöldt um
-und schrie: »Du! Du!«</p>
-
-<p>Und plötzlich sah der Geheimrat Meckebier die fliehende
-Gestalt drüben am Walde.</p>
-
-<p>»Herrgott,« sagte er und faßte den anderen am
-Arm.</p>
-
-<p>Nun eilten sie zu Christiane und schlugen Lärm.</p>
-
-<p>Die Jong wurde gerufen und sagte: »Ich habe es
-kommen gesehen. Sie aß und schlief nicht mehr. Gestern
-gab ich ihr noch einen Brief von meinem Onkel und
-redete ihr flehentlich zu: sie solle kommen und wenn es
-<a class="pagenum" id="page_220" title="220"> </a>
-nur für ein Ausruhen war &ndash; man wollte sie dort pflegen.
-Aber sie wollte nicht.«</p>
-
-<p>&ndash; Als Ada im Walde war, fing sie an zu denken.</p>
-
-<p>Von neuem kam die Gewißheit über sie: es war aus.
-Man behielt sie nicht mehr an der Reutterschule. Da
-konnte Christiane es so gut meinen, wie sie wollte &ndash;
-man behielt sie nicht mehr.</p>
-
-<p>Und ohne die Kinder konnte sie doch nicht leben. So
-viel sie sie in ihrer süßen Dummheit auch gequält hatten,
-sie hatten sie doch auch lieb gehabt. O ja, die meisten
-hatten sie doch lieb gehabt. Und nun konnte sie es nicht
-vertragen, daß eine andere an ihre Stelle kam &ndash; das
-konnte sie ihr nicht gönnen! Nicht einmal die kleine
-Cöldt konnte sie ihr gönnen! Der ganze schwere Kampf
-&ndash; wie war er schön &ndash; wie war er schön.</p>
-
-<p>Sie blieb wieder stehen. Unbewußt war sie richtig
-gelaufen, denn ihre Phantasie hatte den Weg schon Tag
-und Nacht gemacht.</p>
-
-<p>Da war der Krähenteich.</p>
-
-<p>Mit zitternden Gliedern, halb besinnungslos, glitt
-sie nieder und ins Wasser hinein. Schnell. Schnell.</p>
-
-<p>Es war grade die Stelle, an der Herr von Wratislawski
-Mai die Rosen überreicht hatte.</p>
-
-<p class="ce mt1 mb1">*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Vierundzwanzig Stunden später waren die Reutterschülerinnen
-und das ganze Kollegium zur Gedächtnisfeier
-für die Tote in der Aula versammelt. Diesmal
-sprach Christiane schwer und fest.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_221" title="221"> </a>
-Die Herren und Damen spähten argwöhnisch zu ihr
-empor. Alle wußten, daß der schöne Doktor Bartelmes
-bei der gestrigen Revision recht schlecht abgeschnitten
-hatte. Er hatte es sich aber nicht weiter anfechten
-lassen, sondern auf der Stelle gekündigt. Was bedeutete
-ihm Markburg! Er hatte übrigens wieder ein
-neues ästhetisches Buch geschrieben, das kam zum Herbst
-heraus und würde seinen Ruhm verstärken. Aber
-hier&nbsp;&ndash;! Ironisch blinzelte er zu Christiane hin und
-strich den Bart.</p>
-
-<p>Diesmal fand sie kein Beschönigen mehr. Vor allen
-Mädchen rief sie das Frauenschicksal auf, das vor ihnen
-hingeglitten war, ohne daß einer es nur recht erfaßt
-hätte. Desto mehr aber war seit gestern geflüstert worden.
-An verborgener Niedrigkeit brachten auch diese
-planmäßig zur Schönheit erzogenen Mädchen genug
-auf.</p>
-
-<p>Nun aber hörten sie die Wahrheit.</p>
-
-<p>Christiane sprach von den Frauen, in deren Leben
-kein anderes Feuer brennt, als das, das sie sich selber
-anzünden. Ada Wehrendorf hatte nie nach fremden
-Feuern gespäht, hatte nie eine Gnade, ein Glück erwartet,
-als aus ihrer Arbeit allein. Sie hatte so an der gehangen,
-daß sie ihren Verlust nicht überwinden konnte.
-Es hatte ihr Ruhe gewinkt, Pflege, ein Schutz. Sie
-hatte aber ohne ihr Werk nicht leben mögen. Nicht an
-irgend einer Sehnsucht war sie gestorben, sondern an
-dem Verlust ihres Schaffens. Sie hatte ihre Arbeit lieb
-gehabt.</p>
-
-<p>Christiane riß die Kinder an sich heran &ndash; wie
-<a class="pagenum" id="page_222" title="222"> </a>
-glühender Draht brannte es wieder in ihrer Rede auf
-&ndash; die Wehrendorf war einstmals eine von ihnen gewesen,
-eine der verwöhntesten &ndash; und wie mancher konnte
-es gehen wie ihr.</p>
-
-<p>Sie spürte auf einmal: an diesem Leben hing auch
-Kampf, war nicht nur ästhetisches Genießen &ndash; das Blatt
-wandte sich für viele &ndash; und manche Seelen waren unter
-ihnen, die einen Schutz brauchten.</p>
-
-<p>Sie fühlte auf einmal: auch sie hing an ihrer Arbeit.
-Wenn sie gescheitert wäre, wenn es ihr irgendwie
-gegangen wäre, wie der Wehrendorf &ndash;&nbsp;&ndash; sie atmete
-heimlich auf &ndash; der häßliche Sturz war nahe gewesen
-&ndash;&nbsp;&ndash; dann hätte sie auch nicht mehr leben können. Ihr
-Werk hätte sie nicht zerbrochen und besudelt aus der
-Hand legen können. Sie fühlte auf einmal Fäden, die
-sie mit ihm verbanden, mit diesem allen hier, so fest, wie
-mit keinem anderen, weil Kampf daran hing, letzter Aufruhr,
-weil hier die Krisis gekommen war.</p>
-
-<p>Sie starrte auf die Mädchenköpfe, und ihre Seele
-rang sich ganz fest an das Werk heran.</p>
-
-<p>Man empfand wieder die alte Christiane Dorreyter,
-die im Übermaß ihrer schweren Kraft und ihres harten
-Erkennens ihre Leitsätze gegeben hatte.</p>
-
-<p>Alle wußten, daß ihre Worte ein Vernichten des
-System Bartelmes bedeuteten und des Schiefen, das für
-die Leiterin daran gehangen hatte. Man konnte nichts
-mehr reden.</p>
-
-<p>Leise gingen die Mädchen dann aus dem Saal &ndash; so
-leise waren sie selten gegangen.</p>
-
-<p>Die Herren und Damen redeten nachher noch über
-<a class="pagenum" id="page_223" title="223"> </a>
-die kleine Wehrendorf. Natürlich hätte ihr jeder beigestanden,
-wenn er es gewußt hätte.</p>
-
-<p>Christiane sprach noch mit der Jong. Da kam ein
-Bote und gab ihr ein Telegramm.</p>
-
-<p>Sie brach es auf und las: &rsaquo;Hardi soeben verschieden.&lsaquo;</p>
-
-<p class="ce mt1 mb1">*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Es war zwei Tage später.</p>
-
-<p>An Christianens Tür pochte es.</p>
-
-<p>Es war das Brautpaar Dreher-Friedlein.</p>
-
-<p>Sie gratulierte den beiden. Ihr Gesicht war ganz
-ruhig.</p>
-
-<p>Der Oberlehrer sah an ihr herab, schrak ein bißchen
-auf, und es begann ihm zu dämmern, daß der Besuch
-jetzt zu dieser Stunde eine Taktlosigkeit sei. Aber
-im Übermaß seiner Freude hatte er an nichts anderes
-gedacht.</p>
-
-<p>»Ich habe sie mir erobert,« sagte er mit bedächtigem
-Triumph, »seit dem Unglück hatte ich doch Angst bekommen,
-die Schule zehrt unheimlich an den Frauennerven
-&ndash; ich sah Mai im Traum wirklich auch am Krähenteich&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Mai zuckte bei dem Wort zusammen.</p>
-
-<p>»Ja, ich hänge sehr an meiner Arbeit,« sagte sie.</p>
-
-<p>Er guckte sie von der Seite an. »Jetzt weiß ich freilich,
-daß du mich lieb hast, denn sonst würdest du sie
-wegen mir nicht aufgeben&nbsp;&ndash;! Das ist das Gute an den
-modernen Frauen,« wandte er sich an das Fräulein Doktor,
-»sie heiraten nur noch aus &ndash; Liebe.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_224" title="224"> </a>
-»Ja,« sagte Mai, »wir haben uns ja schon immer so
-gut verstanden.«</p>
-
-<p>Dann zupfte sie ihn am Arm &ndash; die Mutter käme
-gleich. Ihr Telegramm war schon da.</p>
-
-<p>Beim Abschied fragte sie noch, ob sie auf der Stelle
-austreten könne &ndash; das für ein Vierteljahr im voraus
-empfangene Gehalt wolle sie gern zurückzahlen&nbsp;&ndash;!</p>
-
-<p>Christiane wies sie an das Patronat.</p>
-
-<p>Dann war sie wieder allein.</p>
-
-<p>Sie ging ans Fenster und starrte einen Augenblick
-in ihren Garten. Der war ganz still.</p>
-
-<p>Dann trat sie in ihr Schlafzimmer und machte sich
-zurecht. Sie mußte nach Wiesental. Heute wurde Hardi
-begraben. Sie kam dort auf den Kirchhof. Das hatte
-sie gewollt.</p>
-
-<p>Sie war an den Folgen einer Frühgeburt gestorben.</p>
-
-<p>Unten fuhr der Wagen vor.</p>
-
-<p>Leise trug er sie über den weißen Waldweg, den sie
-noch vor ein paar Tagen abends gewandert war.</p>
-
-<p>Die Sonne schien mittsommerhell. Es wurde heiß.
-Der Wald stand verschlafen. Einmal wandte sich Christiane:
-ein Duft streifte sie. Da sah sie die einsam
-blühende Linde.</p>
-
-<p>Nun war sie in Wiesental. Mit der Bahn, mit dem
-Wagen, mit dem Auto kam die Trauergesellschaft.</p>
-
-<p>Christiane trat in das kleine Haus. Der Sarg war
-schon geschlossen.</p>
-
-<p>Sie hätte auch nicht danach verlangt, Hardi noch
-einmal zu sehen.</p>
-
-<p>Sie ging nicht zu Ludwig hin, und er bemerkte sie
-<a class="pagenum" id="page_225" title="225"> </a>
-auch weiter nicht. Leise war er um die Mutter beschäftigt,
-und Christiane erkannte wieder, was sie schon vorgestern
-gesehen hatte, als sie hinkam: die hatte alles
-verloren, ihr Bestes und Ähnlichstes. Vorgestern hatte
-sie Ludwig noch verwünscht und verflucht. Jetzt schien
-sie ruhiger.</p>
-
-<p>Der Gottesacker lag hoch oben auf der anderen Seite
-des Berges, klein, freundlich, aber ohne viel Baumbestand.
-Die Kirschbäume reichten bis dicht heran.</p>
-
-<p>Der Sarg versank.</p>
-
-<p>Der erste Geistliche der Stadt hielt die Trauerrede,
-die erste Gesellschaft der Stadt wischte sich die
-Augen.</p>
-
-<p>Ludwig starrte vor sich hin. Er hatte die schluchzende
-Mutter am Arm. Hinter ihm standen ein paar
-Rhanes, die grade auf ihrem Gut gewesen waren. Sie
-waren in Uniform, und Christiane mußte flüchtig an den
-längst verschollenen Potsdamer Tag denken.</p>
-
-<p>Ludwig hatte noch immer kein Wort mit ihr gesprochen,
-hatte sie kaum gesehen.</p>
-
-<p>Nachher mußte sie sich verabschieden. Die Mutter
-ließ sich kaum sprechen. Sie sah die älteste Tochter
-finster an, in ihren verstörten Zügen sprang unbewußt
-ein harter Wunsch auf: wärst du es &ndash; doch &ndash; wärst
-du's! Sie war wieder die, die sie in schweren Zeiten gewesen
-war.</p>
-
-<p>Ludwig trat dann mit Christiane in das Hinterzimmer
-mit den roten Gardinen.</p>
-
-<p>Sie sah einen ganz anderen Mann als den, den sie
-damals nach zehn Jahren wiedergesehen hatte, so hatten
-<a class="pagenum" id="page_226" title="226"> </a>
-ihn die zehn Wochen verwandelt. Und sie hatte es
-gewußt und erwartet. Sie fühlte, in den zehn Wochen
-lagen für ihn Erinnerungen, an die ihre ganze ehemalige
-Liebe nicht reichte, in denen sie für immer untergegangen
-war.</p>
-
-<p>Das große, halb unbewußte Opfer der zarten Frau
-hatte alles fremde Feuer für immer gelöscht und verzehrt.</p>
-
-<p>»Du gehst nun fort?« fragte sie.</p>
-
-<p>»Ja, ich habe Urlaub,« sagte er monoton. »Hanni
-geht mit.«</p>
-
-<p>Sie entdeckte im Hintergrunde auf einmal das Kind,
-etwas scheu, beklommen. Über den rohen Egoismus dieses
-verwöhnten Geschöpfes schien es doch mit einiger
-Wucht gefahren zu sein.</p>
-
-<p>Er nahm die Kleine in die Höhe und legte sein Gesicht
-an das ihre. »Du&nbsp;&ndash;« murmelte er.</p>
-
-<p>Christiane merkte, daß er Hardis Kind wieder
-liebte.</p>
-
-<p>Nebenan weinte die Mutter.</p>
-
-<p>Draußen verging der Sommertag.</p>
-
-<p>Christiane trat mit Ludwig vors Haus. Er hatte
-Hanni jetzt an der Hand.</p>
-
-<p>»Du wirst nun bald für immer von Markburg weggehn?«
-fragte sie.</p>
-
-<p>»Ja,« sagte er.</p>
-
-<p>Sie wußte genug.</p>
-
-<p>Er ging nach dem Osten zurück. Von Zeit zu Zeit
-würde er nach Wiesental zu Hardis Grab kommen und
-zur Mutter, aber sie würde ihn nicht mehr wiedersehen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_227" title="227"> </a>
-Mochte sein künftiges Schaffen nun so oder so ausschlagen
-&ndash; es gab ihm Halt und war seine Erlösung.
-Er würde über Hardis Opfer hinweg wieder lebendig
-werden.</p>
-
-<p>Christiane dachte ihm nicht mehr so weit nach, ihre
-Gedanken kehrten vor den riesigen slawischen Feldern
-um &ndash; sie gab ihm die Hand, küßte Hanni und stieg in
-den Wagen.</p>
-
-<p>Er fuhr auf und sah sie noch einmal an.</p>
-
-<p>Sie winkte ihm leise zu.</p>
-
-<p>Das war ihr Abschied.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Spät abends kam sie in ihr Haus &ndash; drei Stunden
-war sie durch den Wald gefahren.</p>
-
-<p>Sie machte Licht und sah gewohnheitsgemäß auf
-ihren Schreibtisch. Da lagen Briefe, Drucksachen, Kondolenzkarten
-und amtliche Schreiben. Da lagen ihre Entwürfe.</p>
-
-<p>Ach ja, ihre Entwürfe.</p>
-
-<p>Ihr Atem strich einen Augenblick schwer. Es war,
-als wollte sie etwas niederreißen. Als stürmte ein
-schweres Wasser gegen sie an.</p>
-
-<p>Sie ging ans Fenster.</p>
-
-<p>Da lag ihr einsamer Garten. Er war dunkel, nur
-der Duft strich herauf. Es war kein Frühlingsduft, er
-erinnerte sie an den Wald, an den der einsamen, goldblühenden
-Linde, deren Blüten keiner pflückte.</p>
-
-<p>Ihr Herz schlug hart und stark.</p>
-
-<p>Und dann überkam es sie auf einmal wie mit festen
-Händen: es war die Einsamkeit, das eiserne Geborgensein
-in sich.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_228" title="228"> </a>
-Das war das beste, was ihr gehörte, und ihr höchstes
-Lebensgeschenk. Tief in ihr lag unendliches Blühen,
-lagen unendliche Strecken unbetretenen Landes, eisige
-Einsamkeiten.</p>
-
-<p>Die gehörten ihr. Nur ihr allein.</p>
-
-<p>Sie ging hin und her.</p>
-
-<p>Dann machte sie Licht, sah auf das Bild und holte
-ihre Arbeit vor.</p>
-
-<p>Schauer überrannen sie und verrannen.</p>
-
-<p>Sie holte tief Atem.</p>
-
-<p>»Der Abend allein ist das Beste.«</p>
-
-
-<p class="fsxs ce mt4">Buchdruckerei Roitzsch, Albert Schulze, Roitzsch.</p>
-
-
-
-
-<p class="pb mt4 ce lh2">Im Verlage von Carl Reißner erschien von<br />
-<span class="fsxl">Juliane Karwath</span></p>
-
-<p class="ce lh1"><span class="fsl">Die drei Thedenbrinks</span><br />
-Ein Kleinstadtroman</p>
-
-<p class="ce lh1"><span class="fsl">Katharyna Holerbeck</span><br />
-Roman</p>
-
-<hr />
-
-
-
-
-<h2>Hinweise zur Transkription</h2>
-
-
-<p class="in0">Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.</p>
-
-<p class="in0">Darstellung abweichender Schriftarten:
-<span class="ge">gesperrt</span>, <i>Antiqua</i>.</p>
-
-<p class="in0">Der Schmutztitel wurde entfernt. Eine Seite mit Verlagswerbung
-wurde vom Buchanfang an das Buchende verschoben.</p>
-
-<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten,
-mit folgenden Ausnahmen,</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_028">28</a>:<br />
-"." eingefügt<br />
-(Sie schauerte und träumte.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_030">30</a>:<br />
-"Ueberall" geändert in "Überall"<br />
-(Überall Augenkranke.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_035">35</a>:<br />
-"Schrit" geändert in "Schritt"<br />
-(Da endlich ein Schritt auf der Treppe)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_043">43</a>:<br />
-"." eingefügt<br />
-(Der Abend allein &ndash;&nbsp;&ndash; dachte Christiane.)</p>
-
-<hr />
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Das Feuer hinter dem Berge, by Juliane Karwath
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS FEUER HINTER DEM BERGE ***
-
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-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
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