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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Das Feuer hinter dem Berge - Roman - -Author: Juliane Karwath - -Release Date: September 27, 2020 [EBook #63312] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS FEUER HINTER DEM BERGE *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net (This book was produced from images -made available by the HathiTrust Digital Library.) - - - - - - - - - - Das - - Feuer hinter dem Berge - - - Roman - - von - - Juliane Karwath - - - [Illustration] - - - Egon Fleischel & Co. - Berlin - 1913 - - - Alle Rechte vorbehalten - =Copyright 1913 by Egon Fleischel & Co. Berlin= - - - - -Christiane und Hardi Dorreyter waren nicht die Kinder innig -zusammenströmender Gattenliebe. Ihre Mutter, ein herzlich armes, sehr -schönes, aber unbegehrtes Fräulein hatte den viel älteren Hauptmann in -dem Glauben genommen, daß für ihr Zähnezusammenbeißen das Gute schon -nachkommen werde. Aber es geschah ihr, daß sie ohne Liebe zu tragen hatte, -was der Liebe selber oft recht schwer fällt. Der Mann verwickelte sich -infolge zögernden Avancements in allerhand Querulantengeschichten, -die zwar noch einigermaßen beigelegt wurden, ihm aber den Abschied -einbrachten. Es ging in ein recht enges und armes Leben, das Mutter und -Kindern schlecht bekam: der Frau, weil sie dem Manne, mit dem sie sich -betrogen hatte, noch immer Weib sein mußte, und den Kindern, weil sie an -allem ziemlich unverhüllt mitzutragen hatten, denn die Mutter gab ihnen in -ihrer Verlassenheit ihre Not sehr zeitig preis. - -Die Mädchen lernten Abneigung und Mißtrauen gegen den Mann. - -Die lagen ihnen schon im Blute, die Stunde, die sie geschaffen, hatte sie -ihnen tief eingetränkt. - -Sie blühten nicht recht auf. Zwar hatten sie den einen oder anderen Zug -der Rhanes, welcher blaublütigen Familie ihre Mutter entstammte, aber ihre -Gestalten blieben gestreckt, lang, flach, herb wie Schattenfrüchte. - -Der Hauptmann starb. Frau Dorreyter, die ihre Leute bisher nur durch -Unterstützung der Rhanes sattbekommen hatte, erhielt von diesen als -endgültige Abfindung ein kleines Kapital. Die Rhanes kauften zu der -Zeit, einer günstigen Heirat wegen, zwei Rittergüter und gründeten ein -Majorat. Frau Dorreyter stürzte sich über die paar Groschen, selig, ihre -Mädchen ausbilden zu können. Sie war durch und durch Frauenrechtlerin, -ohne viel mit Büchern oder aufrührerischen Personen zusammengekommen zu -sein. - -Sie lernte mit den Kindern. Die fühlten, wie gierig die Mutter zu trinken -versuchte und wie sie innerlich erzitterte, wenn sie ihre Kraftlosigkeit -erkannte, und stemmten sich tüchtig an, um wenigstens selber zu glänzen -und ihr dadurch Grund zum Stolz zu geben. - -Die leise hervortretenden Rätsel des jungen Weibwerdens blieben den -Kindern gleichgültig. Sie grübelten nicht. - -Sie sehnten sich nach keiner Süßigkeit. - -Frühzeitig kamen sie in das Seminar der Provinz. - -Die Vorsteherin war ein derbmännliches Frauenwesen, das Unerhörtes -leisten wollte. Mit einer rücksichtslosen Energie schaltete sie alles -Schwache aus. Die Lehrerinnen, die sich verlobten, mußten sofort weg, -die Schülerinnen, die irgendwie versagten, wurden sofort entfernt. Muster -sollte alles sein, Auslese. - -Fräulein Schmöckler war nicht beliebt. Ihrem Schritt ging der Schrecken -voraus, die reifen Lehrer erröteten vor ihren eisernen, oft rücksichtslos -vor allen Schülerinnen gegebenen Tadelworten und bebten gleich ihren -Kolleginnen, wenn sie ins Bureau befohlen wurden. - -Christiane erwarb sich rasch ziemliches Wohlwollen, Hardi aber bekam sofort -›Halbheit‹ vorgeworfen, das Schlimmste, was Fräulein Schmöckler -vorwerfen konnte, ohne daß sich aber entdecken ließ, wohin Hardis andere -Geisteshälfte neigte. Die Rhanesche Familienkrankheit, die Bleichsucht, -waltete über der Kleinen. - -Christiane kam ihr rasch voraus in die Oberstufe, wo sie mit Ada Wehrendorf -zusammentraf, die aus ihrer Heimat stammte. Der Vater, ein Justizrat, war -rasch gestorben, und für das völlig verwaiste und vermögenslose Ding -mußte bald ein Lebensunterhalt gefunden werden, zumal sie dünn wie eine -Spindel und ohne jedes Temperament war. Beim Abschlußexamen kam sie -mit einer knappen Drei heraus, während sich die glänzendste der -Schülerinnen, der Fräulein Schmöckler keinerlei Halbheit hatte vorwerfen -können, noch an demselben Tage öffentlich verlobte und somit ihre ganze -Weisheit und eine ihr von der Vorsteherin schon bereitgehaltene Stelle -glattweg preisgab. - -Hardi kam Christiane verweint entgegen, denn die Schmöckler hatte ihr an -dem Tage bedeuten lassen, daß sie für ihren Teil am besten täte, die -aussichtslose Sache zu lassen. So reisten beide Dorreyters mit Sack und -Pack nach Hause, und die Mutter verriet in ihrem Entsetzen über das -Unglück der geliebten Jüngsten keinerlei Freude über Christianens Sieg. - -Die merkte nichts davon, denn Fräulein Schmöckler hatte ihr die von der -Braut ausgeschlagene Stelle in einem vornehmen Töchterinstitut der Schweiz -verschafft, und der Himmel hing ihr voller Geigen. Sie packte von neuem, -und mitten im Kramen fielen ihr auf einmal Briefblätter entgegen, die die -Mutter bewahrte, und sie las neugierig darüber hin. - -Auf einmal wurde sie aufmerksam und winkte die in ihre Melancholie -versunkene Hardi herbei. - -In diesen Blättern lasen sie zum ersten Mal von der Liebe. - -In den Tagebuchblättern und Briefen der Urgroßmutter, die dem -schlesischen Adel entstammte, glomm eine ehebrecherische Sünde. Die Frau -des Hofstallmeisters von Rhane hatte es mit einem Prinzen gehalten, der, -wie sie, nachher recht tugendhaft und brav geworden war, aber mit einem -Schuß nervöser Geistigkeit, und kein Glück in der Politik gehabt -hatte. In den Blättern waren Glut, Zärtlichkeit und französische -Verse. Dazwischen lagen später geschriebene Mutterbriefe an den Sohn im -Kadettenhaus, das Fürstenpatenkind. - -Es war auf einmal begreiflich, warum die jetzigen Rhanes sich plötzlich im -Glanz und mit Majoraten aufgetan hatten: sie waren von ihrem Bluteinschuß -getrieben. - -Die Mädchen schauten sich an. - -Über Hardis kleines, verweintes Gesicht flirrte es. - -»Da sind wir -- ja -- auch -- -- --« - -Die Mutter kam. »Was habt ihr da? Die Briefe? Ach, die Briefe --« Einen -Augenblick hatte sie gestutzt. Dann nahm sie sie verächtlich zusammen: -»Schmutzkram. Der kann fort.« - -Christiane bat: »Gib sie mir.« - -Sie packte sie in ihren Lehrerinnenkoffer. - -Mit ihr reiste die kleine Wehrendorf, die an dieselbe Anstalt kam, aber des -minderen Zeugnisses wegen ›=au pair=‹. - -Das Schweizer Institut war ein Erziehungskasten von oben bis unten. Die -Leiterin war sehr fett und behäbig. An Zöglingen waren ungefähr achtzig -da, darunter viele Bräute. Es wurden Wissenschaften getrieben, gekocht, -genäht, geputzt, gestickt, gemalt, gebrannt, Tennis und Golf gespielt -und getanzt. Es gab Unterricht in Sprachen, Musik, Gesang, Gymnastik, -Rezitation und Körperpflege. Man hatte in einem Jahr ausgelernt oder in -einem halben. Es gab auch Vierteljahrs- und Monatskurse, ganz nach Wunsch, -und immer hatte man ausgelernt. Eine Auslese fand nicht statt, nur eine -Trennung nach Rang und Stand und Geld. Man unterschied einen Flügel der -Aristokratinnen, unter denen auch eine junge Freiin von Rhane war, eine -Abteilung der Ausländerinnen und noch viele andere Gruppen bis zu -den reichen Fabrikanten- und Handwerkertöchtern. Die Zimmer, die den -besichtigenden Eltern gern gezeigt wurden, waren blank und hell, wie -Ziervogelkäfige. - -Christiane aber bewohnte mit drei Kolleginnen ein enges Kabinett im -Hintergebäude, in dem zwei alte Holzbetten der Quere nach nebeneinander -und zwei an der Wand standen. Dazwischen war nicht viel Raum. Im -Flur befand sich ein wurmzerfressener Kleiderschrank, in dem die vier -Lehrerinnen ihr Eigentum aufbewahren konnten, und unter dem schmalen -Zimmerfenster war eine Bank etabliert, unter der das Schuhwerk stand, -während man die Oberfläche ganz gut als Tisch benutzen konnte. - -Die Lehrerinnen durften nur dunkle, hochgeschlossene Kleider und -glattgestrichene Haare tragen. - -Christianens Bettnachbarin war eine nicht mehr junge Holsteinerin, die -beiden anderen eine Engländerin mit einem dunklen warmen Schmeichelgesicht -und eine magere Französin, die etwas von einer Ziege an sich hatte. Diese -beiden trieben bei guter Laune Spaß, nannten sich die ›Babies‹ und -stellten sich an, als ob Christiane und die Blonde Vater und Mutter seien -und das Ganze eine warme Familienstube. Die Holsteinerin sagte nie ein Wort -dazu. Einmal erwachte Christiane von etwas Merkwürdigem, horchte in -die ferne Mondnacht hinaus und merkte auf einmal, daß ihr ganzes Lager -zitterte. Neben ihr lag die Holsteinerin in einem furchtbaren, rüttelnden, -lautlosen Weinen. - -Am Morgen wagte Christiane die andere kaum anzusehen, aber die hatte -keine Ahnung von der Beobachtung, sondern tat ihre Pflicht in derselben -verschlossenen Art wie zuvor. - -Die arme Wehrendorf hieß bald nur das ›Sneewittchen‹. - -Die junge =au pair=-Lehrerin mußte nämlich aus Platzmangel in einem -gläsernen Erker schlafen, der an ein Zimmer der Pensionärinnen grenzte -und nur Raum für das Bett und eine Waschkiste bot. In der Tiefe lag der -See, und die Schwalben strichen ganz nahe an den nur mit dünnen Gardinchen -verkleideten Scheiben vorbei. Es gab viel Gekicher unter den verwöhnten -jungen Damen, wenn die Lehrerin in ihr Glaskästchen ging, und die -Wehrendorf trug es stumm und ergeben wie das Pechkind im Märchen. - -Die dicke Leiterin konnte mit dem großen Unternehmen allein nicht fertig -werden, sondern hatte als Stab ein paar ältere Lehrerinnen um sich, unter -denen besonders ein zähes, dürres Fräulein Beierlein hervorragte, die -sich mit der Ausbildung der ›Neuen‹ beschäftigte. - -Die konnten ihre mühsam erworbene Schulweisheit getrost in den -Koffer packen. In diesem Erziehungskasten ging es nur darum, sich die -Zufriedenheit der Zöglinge und deren Eltern zu verschaffen -- wehe der -Lehrerin, über die eine junge Dame sich beklagt hätte! Und dreimal wehe -der, um deretwillen eine Pensionärin verloren gegangen wäre! Die achtzig -wurden behütet wie Gold -- das war Geschäft! - -Die Miß und die Französin standen in einem bewährten -Freundschaftsverhältnis mit der Beierlein und hatten die Organisation -dieses vortrefflichen Institutes vollkommen begriffen. Christiane und die -Wehrendorf aber hörten alle Augenblicke den windschnellen Schritt der -Vorgesetzten hinter sich und wurden mit nadelscharfen Blicken aufgespießt -und von spitzigen Worten ins Herz getroffen. - -Was der Mann am Weib verschulden kann, reicht in aller Welt nicht an das, -was eine Frau der andern anzutun vermag, besonders, wenn die eine alt, die -andere jung, die eine übergeordnet und die andere untergeben ist! - -Die beiden kamen aus den Unterrichts- und Aufsichtsstunden nicht heraus. -Der Dienst währte von morgens sechs Uhr bis abends um zehn Uhr. Die -Wehrendorf mußte auch Zimmer putzen, die jüngeren Zöglinge baden und -kämmen und der dicken Vorsteherin bei der Toilette helfen. Freistunden -gab es nicht. Ausgänge auch nicht. Mit den Zöglingen gingen immer nur die -älteren Lehrerinnen. - -Christiane kam kaum in den Garten, erblickte Wald und See und Berge nur -von den Fenstern und Terrassen aus und hatte von der neuen Welt nur ganz -verwischte Vorstellungen. Sie hörte die Pfiffe der Züge, mit denen sie -in den Tunnel glitten, das Geläut, mit dem sie wieder herauskamen, die -Signale der Dampfer und die Stimmen der Touristen. - -Oft wurden junge Mädchen von ihren Anverwandten abgeholt und kamen abends -froh erregt wieder. Blumen wurden bei jeder Gelegenheit hereingeschleppt -und die Pensionszimmer malerisch damit geschmückt. Es gab große -Ausflüge, sanfte Besteigungen und Dampferpartien, an denen die beiden -jungen Lehrerinnen aber nicht teilnehmen durften. Eine Freude blieb der -armen Wehrendorf: sie mußte jeden Sonntagabend die an diesem Tag laut -offizieller Erlaubnis geschriebenen Briefe der Zöglinge nach der weiter -unten im Ort befindlichen Poststation bringen. Mit Stößen von legitimen -Liebesbriefen zog das arme, häßliche Sneewittchen los und genoß die -kurze Freiheit. - --- -- Christianens Nerven begannen zu versagen. Ihr grauste vor dem -Lärm, dem Geschnatter, dem mechanischen Unterricht, den unaufhörlichen -Aufsichtsstunden, dem Aufpassen der Beierlein und dem nächtlichen -Zusammensein mit den Kolleginnen. Ergab sich am Tage einmal ein passender -Moment, so stürzte sie nach oben in ihr Zimmer, in dem um die Zeit niemand -war, verriegelte die Tür und starrte aufatmend um sich: allein! Allein! -Ihre Blicke wanderten. Scheu horchte sie nach außen und atmete von neuem -auf: allein -- allein --! - -Leise schlich sie an ihr Kommodenfach. Doppelt verschlossen lag da ihr -bißchen Eigenes: ihre Zeugnisse, die Briefe der Mutter und die Tagebücher -der Frau von Rhane! Wie gut, daß sie vor der Abreise noch die Mappe -gekauft hatte -- jetzt hatte sie doch ein Fleckchen für sich! - -Allein -- allein -- -- -- -- - -Da rief es schon draußen, da trippelte es und klopfte an die Tür: -»Fräulein Dorreyter! Fräulein Dorreyter!« Christiane fuhr, öffnend, -zurück -- das Fräulein von Rhane! Jäh sah sie, was sie noch nicht -gesehen hatte: das Jugendgesicht der Mutter, die Rhanesche Schönheit. - -»Fräulein Beierlein läßt bitten,« sagte die junge Aristokratin in dem -wenig respektvollen Tone, den die Pensionärinnen für die Unterlehrerinnen -hatten. - --- -- Christiane konnte nicht schlafen. Nacht für Nacht ging das stumme -Weinen der Nachbarin. Christiane wollte manchmal rufen, fragen, die anderen -wecken, aber sie wagte es doch nicht: es war für die Verzweifelte die -einzige Stunde, in der sie allein zu sein glaubte -- allein! - -Stundenlang zitterte das Bett. Stundenlang liefen Christianens krause -Gedanken zur Mutter zurück und zu der Frau von Rhane. Sie sah die blonde -Familienschönheit und wieder die Frau von Rhane. - -Blau schien die Mondnacht. Ein ungewisses Raunen scholl: der See. Ein -Flimmern stand fern: die Berge. - -Die Französin schnarchte mit spitz gehobener Nase, die Miß hatte ihr Haar -stramm geflochten und den abgebundenen Zopf an den Bettpfosten -gehängt. Das Lager der Holsteinerin hob sich in schweren, krampfhaften -Stößen -- -- - -Christiane dachte an die Frau von Rhane. - -Eines Morgens sagte die Wehrendorf: »Du, deine Schwester wird ja -heiraten --!« - -Christiane starrte sie an. »Hardi!« Sie hob die Hand zur Stirn. -»Hardi!« - -»Ja, ja,« sagte Ada hinterhältig. - -Christiane dachte nach. Die Mutter hatte angefangen, Hardi gewaltig mit -Eiern und Peptonen zu füttern, denn zum Herbst sollte sie auf ein anderes -Seminar. - -Christiane schrieb eine scherzhaft vorsichtige Anfrage. Sie wußte, es war -Unsinn. Wen sollte Hardi kennen bei dem Leben, das sie führten. Wen? Wen? - -Die Antwort kam, und die Mutter entschuldigte sich und Hardi. Es war auch -gradezu romanhaft. Auf der Straße hatte ein Herr von der Regierung Hardi -gesehen und verfolgt, dann war korrekte Bekanntschaft daraus geworden. -Er hatte Besuch gemacht. Sie mußten ihn einladen. Die Mutter knüpfte -beunruhigte und bestürzte Bemerkungen daran. - -Nach drei Wochen kam die Anzeige: Hardi Dorreyter und Ludwig von Cöldt, -und die Mutter schrieb hoffnungsvoller. Die Verhältnisse seien ja gut. Es -sei wohl das beste für Hardi. Zum Herbst wäre Cöldt nach Posen versetzt -und wolle vorher heiraten. Er sei sehr verliebt. - -Christiane dachte an die Peptone. - -Sie schrieb an die Schwester und bekam einen kleinen, halb verlegenen -und halb triumphierenden Brief. Fräulein Schmöckler hatte die Anzeige -bekommen! - -Christiane konnte an der Hochzeitsfeier nicht teilnehmen, denn sie bekam -keinen Urlaub, auch das Reisegeld hätte gefehlt. Sie sandte ein Telegramm -und durfte es selbst zur Post bringen. - -Sie ging an roten Ranken vorbei und sah blaues Wasser und unwahrscheinlich -weißes Getürm in der Höhe. Eine gebogene Straße lief in die Ferne -hinein. - -Nachher mußte sie Schrankrevision halten, fand sehr viel Schokolade und -ein Dutzend illegitime Liebesbriefe. - -Die Depesche war längst in der Hochzeitsgesellschaft. - -Im Winter gab es Tanzstunden, Faschingfeste, Theateraufführungen und -Schlittenfahrten. Die Wehrendorf erfror sich in ihrem Glaskäfig die -Zehen und wurde in einem Badezimmer einquartiert. Sie hieß jetzt ›die -Seejungfrau‹. - -Christiane erhielt Botschaft aus Posen. Die Mutter war zu Weihnachten dort. - -Nebelzeiten begannen. Die Schlafkammer war lichtlos. Es regnete. - -Eines Morgens war das Bett der Holsteinerin leer. Ihre Sachen hingen da. -Sie war fort. - -Der Aufruhr wurde im Keim erdrückt. Keiner durfte eine Frage stellen. In -das Bett kam schon nach wenigen Tagen eine Belgierin, die sehr schnarchte -und aussah, als ob sie sich nicht ganz sauber wüsche. - -Christiane lag noch immer häufig wach. Sie hörte den Tropfenfall und sah -die Verschwundene auf nackten Füßen durch den Tauschnee eilen. Wohin? -Wohin? Zu wem? - -Sie stand und horchte. Der Föhn heulte. Die Fenster zitterten. - -Leise öffnete sie einen Flügel. Schwül schoß es ihr entgegen: drüben -war der See. Sie sah ferne Straßen. Wohin? Wohin? Zu wem? - -Ihr Herz zitterte. - -Am Sonntagabend war es klar. Die Wehrendorf erschrak, als Christiane auf -einmal an ihrer Seite stand: »Ich gehe mit dir zur Post!« - -Der Wind pfiff. Aus dem geschuppten Wasser sahen entfremdete Sternbilder. - -»Hier war es sicher -- hier,« flüsterte die Wehrendorf, scheu auf das -Ufer deutend. - -Christiane lachte und eilte weiter. - -»Wohin willst du?« rief Ada ihr nach. - -Es ging bergauf, der Wind kam bergab. Wuchtig und warm schlugen seine -großen Flügel, wuchtig schlugen sie auf die brausenden Wasser, wuchtig -fuhren sie an Christianens warmen Mädchenleib. Die Sterne zitterten. - -Ada Wehrendorf rief aus der Ferne. - -Christiane aber ging, wie sie in ihrem Leben noch nicht gegangen war. Sie -ging auf der Erde, deren freie Krume sie noch nie so unter ihren Schuhen -gespürt hatte, in der Luft, die noch nie so rein in ihren Lungen gewesen -war. Sie fühlte im Sturm die Gletscher, über die er gefahren, die -Wälder, durch die er gestürzt war, die Wasser, von denen er getrunken -hatte. Sie fühlte den freien, dunklen Duft der Welt. - -Allein! - -Beim Nachhausekommen erhielt sie ihre Kündigung. - - * * * * * - -Als Christiane der Mutter davon schrieb, kam ein erlöster Brief: »Geh -nach Posen. Hardi hat Heimweh. Geh nach Posen.« - -Christiane reiste. - -Die Polen feierten eben Ostern. Die Stadt inmitten der Wälle war voll -gedrängtem Glockengeläut. Man betete und aß, aß und betete. - -Herr von Cöldt holte Christiane vom Bahnhof. - -»Hardi geht es nicht gut,« sagte er. - -Sie begriff erst in diesem Augenblick, in welch ernstes Ehekapitel man sie -hereingeholt hatte. - -Hardi lag im Schlafzimmer. Sie war viel hübscher, als Christiane sie -in Erinnerung hatte, ihr Profil zeigte eine pikante Mischung von -Soubrettenhaftem und Sentimentalem. Sie warf dem Mann einen schnippisch -koketten Vorwurf zu, der ihn zum Gehen zwang, und fing hinter ihm -ein fürchterliches Weinen an. Christiane entdeckte jetzt, auf sie -niederschauend, die Veränderung der Gestalt. - -Hardi fuhr auf. »Bitte gib mir das Morphium.« - -»Morphium nimmst du?« fragte Christiane, an die Mutter denkend. - -Hardi warf einen Blick ringsum. »Schon lange.« - -»Warum?« fragte Christiane herzlich, sich über sie neigend, »leidest du -an Schlaflosigkeit? Oder was ist dir eigentlich?« - -»Was mir ist!« Hardi lachte nervös auf. »Siehst du denn nicht, was mir -ist -- haha -- --« - -»Wie sprichst du nur,« sagte Christiane, »wenn das dein Mann hört --!« - -»Das sage ich ihm immer.« Hardi warf sich herum. »Das sage ich ihm. Und -noch mehr: er ist schuld.« - -Christiane blickte auf sie nieder. - -Ihr Herz schlug, leise rann es an sie heran. - -»Er hat dich doch lieb,« sprach sie. - -Hardi starrte sie gläsern an. »Ja--aa lieb,« sagte sie. Dann deutete -sie ringsum. »Hier bleibst du. Mein Mann schläft hinten. Wir bleiben -zusammen.« - -»Warum hast du ihn denn genommen?« fragte Christiane. - -»Weil mir bange war. Weil die Schmöckler mich herausgejagt hatte. Was -blieb mir sonst übrig? Stundenlang haben wir überlegt, die Mutter und -ich. Es war ja wegen der Mathematik. Das war ja der Haken bei mir. Damit -wäre ich nicht durchgekommen ...« - -»Das hättest du immerhin noch versuchen können. Deshalb --« Christiane -sah sie an, »deshalb -- -- -- Du mußt ihn doch -- -- du mußt ihn doch -lieb gehabt haben!« - -»Ja--aa. Lieb -- ja. Aber nicht so. Nicht so.« Hardi zog die Schultern -ein. »Wenn ich gewußt hätte! -- -- Das hab ich nicht gewußt. Das -hat mir niemand gesagt. Sonst wäre ich lieber -- --« sie sah mit irren -Blicken um sich. - -Christianens Backen brannten. - -Vor den Fenstern war weites, flaches Land. Unten auf dem Wall ging ein -Infanterieposten. - -»Du wirst dich noch daran gewöhnen,« sagte sie leise, »es war der -Übergang. Wenn du erst weiter bist --« - -»Davor graut mir ja,« rief Hardi. »Deshalb schlaf ich schon nicht mehr. -Ich bin ja so schwach. Die Mutter hat Angst, ich komm nicht durch. Jetzt -tut ihr's leid.« - -»Die Mutter hat dich mit ihren schwarzen Gedanken angesteckt.« - -Hardi schauderte. »Damals hatte ich Angst vor dem Examen. Ach -- -tausendmal lieber würd ich jetzt ins Examen gehen, als das durchmachen, -was mir nun bevorsteht!« - -»Du bist hysterisch,« sagte Christiane scharf. - -»Ich bin wie die Mutter. Der ist es auch so gegangen. Sie hat keine Kinder -haben wollen. Sie hat nie Frau sein wollen. Ich auch nicht.« - -»Das hättest du wirklich vorher bedenken müssen. Aber ich glaube, du -lachst noch einmal darüber.« - -»Jetzt lache ich nicht,« sagte Hardi. »Jetzt bin ich krank.« - -Ludwig kam herein. Er und Christiane sahen sich an. Sie fühlte, daß seine -Hoffnung bei ihr stand. - - * * * * * - -Es war noch das alte Posen mit dem dumpfen Gassengedräng, den mächtigen -Wällen und den polnischen Dörfern dicht vor den Toren. - -Es war urfremdes Land. - -Fremd war das kleine, dunkle Volk, die vielen Kirchen und Kleriker, die -langen Leichenzüge und der geniale Schmutz. Von der Warthe her kroch der -Typhus, von den Dörfern her die Granulose. - -Was deutsch war, saß lose obenauf, ging und kam und hatte wenig Freude an -der gewagten Existenz. - -Nach dem internationalen Gewäsch in der Schweiz war Christianens Blick -für einfachere Konflikte offen. Sie hatte Freude an der ungeheuren -Spannung, die zu ihr herüberwehte. - -Ludwig von Cöldts Chef gehörte noch zur alten Schule, die mit den Polen -tafelte. Um ihn herum aber raunte es. Eine deutsche Zeitung, die bisher -in politisch gleichgültigem Fahrwasser geplätschert war, hatte sich auf -einmal rätselhaft einer anderen Richtung verschrieben und schoß Pfeil auf -Pfeil auf den ziemlich wehrlosen alten Herrn. Im polnischen Lager summte -Unruhe auf, der heimliche Konflikt wurde bloß. Der Deutsche wehrte sich -plötzlich gegen seine geduldete Existenz in diesem Lande, das von seinen -Kräften fraß und stark wurde. Der Pole verteidigte seinen uralten Boden. - -Der Kampf war da. - -Den Anfang dieser Zeit erlebte Christiane Dorreyter in Posen. - -Der Frühling wußte nicht viel zu zünden. Auf den Feldern hob sich ein -riesiges, eintöniges Grün empor, die wilden, niedrigen Glacisbäume -blühten. Die Warthe trieb gelbe Flut aus Rußland. - -Christiane begriff, daß es schwer und seltsam war, hier zu leben. Sie kam -nicht zum Klaren, ob Cöldts Versetzung eine zufällige war. Jedenfalls -war er mit dem Mut der alten Kolonisten hergekommen, und sein Junkerblut -drängte zum Kampf. - -In Christiane war noch etwas von der freiheitlichen Abendstunde in den -Bergen. Sie spürte den Osten wie einen fremden, starken Trank, mit dem sie -fertig zu werden versuchte. - -Sie schalt über Hardis Gleichgültigkeit. Ludwig gegenüber war sie erst -unfrei, ihre Gedanken fielen ihn oft hinterrücks niedrig an. Dann wurde -sie ruhiger und fast etwas beschämt. - -Seine Art machte sich geltend. - -Er besorgte ihr ein Pferd, und in freien Stunden ritt sie mit ihm bald -junkerhaft durch die warmen, dampfenden Glaciswälder oder in die Felder -hinaus, über denen die Windmühlen gingen. - -Anfangs dachte Christiane noch an ihre bisherige Existenz, dann versank -das. - -Sie war aus einem Traum ins Wahre gekommen oder knüpfte an etwas an, das -früher gewesen war. - -In diesem flachen, unendlichen Lande war sie schon einmal gewesen, die -Zügel in der Faust. - -Über diese Straßen war sie schon einmal herrinnenhaft geritten, den -Gesellen neben sich. - -Es war ein Traum, der aus dem unendlichen Frühling dieser slawischen -Unendlichkeit stieg. Es war doch Frühling. - -Ludwig suchte sich auch literarisch zu informieren und brachte eine Menge -polnischer Literatur an; Krasinski und sogar Kraszewski, vor allem aber -Mikiewicz und Sienkiewicz. - -Christiane las immer in einer gewissen Distanz, mit scharfem, jungem -Denken und mit dem überlegenen Gefühl ihres reinen Germanentums, das dem -slawischen Bruder das Leben und die Kultur im Herzensgrunde absprach. - -Hardi beteiligte sich an diesen Erörterungen immer nur zeitweilig. Wenn -sie wieder an ihren Zustand dachte, sanken ihr die Flügel, und sie saß -wie eine Verurteilte. - -Ludwig erzählte auf einem der Ritte von seinem Vorfahren, der mit Heinrich -von Plauen gezogen war. Darauf begann Christiane von der Frau von Rhane -zu sprechen, und er wurde aufmerksam und bat um die Blätter. Hardi hatte -nichts davon erzählt. - -Christiane wußte: sie war äußerlich keine Rhane, ihr fehlte die blonde, -reinblütige Schönheit, wie sie im Grunde auch Hardi fehlte. Nur ihre -Hände waren rhanisch. Ihre Hände waren die der Frau von Rhane. - -Traumhaft ritt sie durch die maiheißen Straßen, die Mühlen gingen. -Ihr Körper bog sich nach dem Rhythmus des Tieres, die Rhaneschen Hände -regierten es. - -Ihr Blut war das der Frau von Rhane. - -Traumhaft sah sie in die maiblaue Ferne. Glühend, wie ein fallender Stern -schoß es ihr durch die Seele. Wohin? Wohin? Zu wem? - -»Ein Schicksal,« sprach Ludwig neben ihr. - -Sie fuhr herum und sah ihn an. - -»Unsere Mutter sagt: ›Schmutz‹.« - -Er verzog den Mund und sagte: »Wir wollen zu den Mühlen.« - -Sie trabten schneller, der Staub war wie lange Fahnen hinter ihnen. Mitten -im Geklapper hörten sie Lerchenlaut. Sie trabten. In Christiane war der -Rhythmus der Leonorenballade, ihr Blut sauste. Sie sah nichts mehr. Sie -jagten. - -Am Abend war ein Gast da. - -Cöldts lebten sehr zurückgezogen, da Hardi sich gegen jeden Verkehr -gesträubt und die gutmütig und neugierig teilnahmsvollen Kollegenfrauen -beinahe brüskiert hatte. Sie hatte die Bilder ihrer Heimat um sich und -unterhielt sich mit ihnen und schrieb heimwehkranke Briefe an die Mutter. - -»Kraneis ist ein guter Kenner der slawischen Literatur,« sagte Ludwig. - -Der Doktor war sein Studienfreund und als Assistent an der damals noch -herzlich unfertigen Bibliothek tätig. Seine Stellung war auch unfertig. -Er erwog immer die Aussichten, die sich ihm in dem sich nun langsam -kultivierenden Posen eröffnen konnten, und schrieb zwischendurch -Bewerbungsschreiben an alle Orte, in denen man einen Bibliotheksleiter -suchte. So war sein Sinn auf jeden Fall zerspalten, und wenn er einmal -fanatisch begeistert über die Kultivierung des Ostlandes sprach und nicht -genug Opfer an deutschem Blut und deutscher Kraft erwarten konnte, wenn -er sich in slawische Verhältnisse nachfühlend hineingrub, die östliche -Seele ergründete, Polnisch lernte und Mikiewicz zitierte, so war er ein -paar Tage später ganz und gar westlich gesinnt und redete mit Ausdauer und -einem wahrhaft deutsch biederen Beamtentum von Elberfeld oder Mainz. - -Christiane begann dieser Mensch zu interessieren und zu amüsieren. Sie -getraute sich aber Ludwig gegenüber nicht viel darüber zu sagen, weil sie -nicht wußte, wie weit dieses Freundschaftsverhältnis in die Tiefe ging. - -Eines Tages suchte sie Bücher aus Ludwigs Bibliothek zusammen, -weil Kraneis kommen sollte, und brachte neben Mereschkowski einen -- -Reiseführer durch Mainz, der ihr zufällig in die Hand geraten war. Ludwig -sah ihn betroffen an -- dann begriff er. Sie leise anblickend, sagte er mit -einem feinen Lächeln: - -»Weißt du auch, Christiane, warum dieser Kraneis jetzt so unheimlich -westdeutsch wird? An Mainz knüpfen sich jetzt seine größten -Hoffnungen.« - -Sie schaute ihn an. »Er will sich dort eine feste Zukunft gründen, denke -ich.« - -»Und zwar recht fest. Bürgerlich fest. Haus und Herd.« - -Jetzt stutzte sie. Dann hatte auch sie begriffen. - -Als Kraneis dann erschien, bekam er den Führer durch Mainz nicht zu sehen. - -Er sprach aber nur von dieser Stadt. Ein dortiger Freund hatte ihm unter -der Hand Nachricht gegeben, daß seine Sache sehr günstig stünde. - -Christiane fragte nach diesem Freunde, und seine Miene wurde etwas -verlegen. - -»Er ist in der Stadtverwaltung. Freilich nichts Besonderes. Hat sich -so durchdrücken müssen.« Er zögerte eine Sekunde. »Wir waren -Nachbarskinder in Neustadt.« - -Christiane sah den jungen Mann an. Handwerkerssohn, dachte sie. Nicht, daß -sie ihn deshalb verachtet hätte, aber irgend etwas an ihm störte sie. -Vielleicht die Hände, die Bewegungen überhaupt. Oder die Sprache. -Wahrscheinlich die Sprache. - -In Mainz hatte auch die Frau von Rhane einige Zeit gelebt, nach ihrem Glanz -als Witwe. Ihr Mann war bei einem Schlaganfall vom Pferd gestürzt und -gestorben. Die Witwe hatte Bittbrief auf Bittbrief um eine Gnadenpension -geschrieben. Dann war sie gestorben. Ohne Gnadenpension. - -Irgend ein Gedanke zog in Christiane empor und hatte Farbe und Macht -aus der kurz verstrichenen Vergangenheit. Sie sah auf einmal wieder das -stickige Lehrerinnenzimmer in der Pension, hörte das Herantraben der -Beierlein und das nächtliche Schluchzen der Holsteinerin. - -Warum nicht in Mainz leben, als Frau Stadtbibliothekar? Reiten kann man -doch nicht immer. - -Sie war an dem Abend zerstreut. Hardi war ausnahmsweise dabei und wollte, -von diesen Dingen gänzlich unberührt, etwas über Mereschkowski wissen. -Die Übersetzung der Verse war von einem Kollegen Kraneis', einem Balten -besorgt worden. - -Kraneis schien auch nicht bei der Sache. Was ging ihn dieser hoffnungslose -Russe an, was die fremde Flut, die mit dumpfem Brausen draußen dicht vor -den Toren stand und weithin über Steppen und Steppen reichte? Er war weit -weg, im goldenen Mainz. - -Hardi zitterte. Das Fleckchen, auf dem ihr bißchen Leben verstört -hockte, erbebte. Sie begann plötzlich laut zu schluchzen. Kraneis -hielt erschrocken inne. Ludwig eilte zu ihr hin. Sie stieß ihn zurück. -Aufweinend lief sie aus dem Zimmer. - -Christiane ging ihr nach. Hardi wollte ihr Morphium haben. Die Schwester -griff schon danach, aber auf einmal sank ihre Hand nieder, wie gedrückt. -Wie sollte das werden? Was für Kraft bekam Ludwigs Kind? Was für Willen, -was für Blut? Mit Giften wurde sein Organismus getränkt, noch ehe er ganz -entwickelt war. - -»Du sollst nicht,« sagte sie mit eiserner Energie. »Du darfst nicht. Ich -gebe dir's nicht. Ich gebe dir's nicht.« - -Sie setzte sich zu Hardi aufs Bett und hielt den Arm unter ihren Kopf, -leise redete sie ihr zu. Die junge Frau weinte. - -»Ich gebe dir's nicht.« - -Hardi schrie, sie bettelte. - -»Nein, nein,« sagte Christiane. Sie machte sich frei. »Du sollst Kraft -haben! Du mußt!« - -Scharf sah sie auf die Schwester hernieder. Hätte sie ihr nur von ihrem -Willen abgeben können, von ihrem starken, entschlossenen Blut! - -»Du mußt Kraft haben aus dir allein. Du darfst dich nicht einlullen. -Durchhalten sollst du.« - -Hardi wimmerte. - -»Gib. Gib.« - -Sie schluchzte. - -Da kam Ludwig. - -Christiane sagte ihm kurz Bescheid. - -Er sah zu seiner Frau hin. Ohne Christiane anzublicken gab er ihr das -Morphium. Dann ging er zur Tür hinaus. - - * * * * * - -Am nächsten Tage sprach Christiane mit dem Arzt. - -Der sah sie ernst an. - -»Die gnädige Frau ist sehr krank.« - -»Krank --« - -»Sehr krank,« sagte er mit dem scharfen ›R‹ der altansässigen -Deutschen. »Sie fühlt vollkommen das Richtige. Ihr Organismus ist für -die Ehe nicht geschaffen, wenigstens war sie viel zu jung. Es wird einen -bösen Kampf geben.« - -»Weiß mein Schwager -- --« - -Der Arzt zuckte die Achseln. - -Wie geschlagen blieb Christiane zurück. Die ganze schöne Einrichtung -der Wohnung, die Ludwig bezahlt hatte, schien ihr wie die Dekoration eines -Totenhauses. Die kleine Hardi hatte ihre Examenscheu und das bißchen -Frauenglanz mit dem Schwersten zu bezahlen. Ihr inneres und äußeres -Wehren war der wahrhaftige und unbewußte Ausdruck der ahnenden Kreatur. - -Sie ging zur Schwester und begriff nicht. Alles in ihr lehnte sich dagegen -auf, in einem bißchen Wärme so dahinzuschwinden. Sie dachte wiederum an -die Frau von Rhane. - -Es blieb ihr wohl übrig, Ludwig vorzubereiten. An dem Tage hatte sie grade -versprochen, ihn vom Amt abzuholen. - -Das Regierungsgebäude lag mitten in der Altstadt an einem schmutzigen -Markt und dicht bei einer riesigen dunklen Kirche. Weiber mit groben -Tüchern um den Kopf kamen langsam und geduckt daher, Glocken läuteten. -Sie sah durch ein Portal in das flimmernde Dunkel hinein: dort hinten war -der Stern, an den sich das dumpf elende Volk hier hielt. Sie sann: konnte -das auch über einen kommen? Kam nach aller Jugend oder -- mitten in der -Jugend -- eine Stunde, in der man Hilfe brauchte -- solche Hilfe? - -Da fiel ihr Hardi ein. Die hatte -- Morphium. - -»Wollen wir noch tiefer in die Polackei?« fragte Ludwig, der ihr eben -durch die enge Gasse entgegenkam, »oder ins -- Freie?« - -»Lieber ins Freie,« sprach sie hastig. - -Sie waren auch dort in der Polackei. Rings um die Stadt zogen sich, dicht -an die Wälle gedrückt, zahllose polnische Kirchhöfe. Wild war -das Gesträuch drinnen gewachsen, wild lagen die Gräber, von den -Leichensteinen sahen fremde Worte und Zeichen. Alte Weiblein zogen herum -und schienen den Tod zu suchen, Kinder schlichen diebisch um die Blumen, da -und dort kam eine ganze Familie an, um ein Grab zu begießen. Der Faulbaum -duftete über den Zaun. - -Es war keine Gegend, um von dem zu reden, was Christiane zu sagen hatte. -Aber -- wo war eine andere? Ihr kam es plötzlich vor, als müsse ganz -Posen Ludwig wie ein Grab erscheinen, in dem alles Seine versunken war. -Dabei fiel ihr auf, daß er selten mehr eine direkte Frage nach Hardi tat. -Man merkte ihm kaum mehr die Besorgnis des Ehemanns an, der seine Frau -in solcher Lage weiß. Kaum, daß er auf eine Erkundigung einging. War er -schon -- fertig? Was war alles vorgegangen? - -Herrgott, dachte Christiane, wie gut könnte das sein. Warum muß gerade -hier die Tragödie beginnen? - -Er sprach über die augenblickliche politische Lage. Des alten Herrn -Stellung war zweifellos erschüttert, selbst wenn dem frechen Blatt der -Mund gestopft wurde. Die Zeitung mußte es büßen und die Exzellenz auch. -Und dann -- kam der neue Kurs. - -»Du bist hier glücklich?« fragte sie, die eben noch gegrübelt hatte. - -»So lange ich Arbeit habe, ja.« - -Wie sie dir paßt, dachte sie. Mit einem Schablonenwerk bist du nicht -zufrieden. Man läßt dir hier anscheinend Raum und wird dir vielleicht -noch mehr lassen. Sie war schon längst überzeugt, daß er zu den Junkern -gehörte, die noch Führer sein konnten, nicht nur Namensträger und -Konnexionennützer. Er stammte aus einer altpreußischen Familie, sein -Vater war als Intendanturrat in Danzig gestorben. Sie dachte: das hier -wird ihm eine gute Lehrzeit sein. Seine Waffen können sich nicht -besser schärfen, als hier im Kriege -- selbst wenn der neue Kurs doch -schließlich wieder im Sande verlaufen sollte. Selbst wenn er eine Weile -Zickzack mitmachen muß, wird doch sein Gewicht einmal so stark geworden -sein, daß er an irgend einer Stelle den Zickzack -- biegt. - -Sie erhoffte Großes von ihm. - -Beide waren sie von jenem weltfremden alten Blut, das das moderne -Protzentum, den Wettbewerb, die brutale Menschenausnützung, den -Kapitalismus verachtete. Ihm war es noch undenkbar, anders als vom Staate -Geld anzunehmen, jemand anderem als dem Staate überhaupt zu dienen. Er -gehörte zu jenem stillen, armen Junkertum, das heute wie ein schmaler, -alter, verrosteter Degen im Winkel liegt. - -Auf einmal fiel ihr Hardi wieder ein, Hardi, seine Frau, die vielleicht -sterben mußte. - -Sie stockte mitten im Satz. - -»Was ist dir?« fragte er. - -Drüben hinter dem blühenden Dorn, der schwer niederhing, stand ein -einsamer Mann an einem frischen Grab. - -Sie zuckte. - -Er folgte ihrem Blick. - -»Wie häßlich ist das hier,« sagte sie nervös. - -Wie kann ich in ihn eindringen, dachte sie plötzlich. Er muß selber -fühlen, was vorgehen wird. Ich kann ja doch gar nicht an ihre Ehe -heranreichen. - -Sie kam sich in ihrer Absicht unzart vor. - -Er wandte die Augen langsam vom Kirchhof weg und nahm das frühere Thema -wieder auf. - -Warum konnte ich nichts sagen? fragte sich Christiane, als sie abends in -ihrer Stube saß. Ein Gedichtband aus Ludwigs Bibliothek war hingelegt. -Beim Blättern schlug ein Gedicht von Agnes Miegel auf. Es hieß »Heinrich -von Plauen. Lochstedt 1429«. Anfang und Schluß blieben ihr besonders im -Gedächtnis. - - Grau und schlaff - Dehnt sich das Haff. - An der Straße von Bischoffshausen - Müssen noch Linden in Blüte stehn, - Ich spüre den Duft in wanderndem Wehn - Und höre heimlich ein Bienenbrausen, - Das leise Rauschen der brandenden See. - Nie rastendes Weh, - Immerwogendes Leid, dessen salzige Fluten - Bis zur Seele mir stiegen, - Nun lege auch du - Wie das Meer da draußen, - Dich endlich zur Ruh. - Mit diesem Sommer wirst du verbluten, - Herz, das nie gelernt zu entsagen. - . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . - . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . - Ich will hinab nach dem Hofe sehn. - Daß ich so frei darf gehn - Ist mir noch immer wie ein Traum. - Früher merkte ich's kaum, - Wenn ich Stunden und Stunden im Sattel gesessen. - Ich glaube, ich habe das Reiten vergessen. - Meine Glieder sind steif, die Stiege ist steil. - Es dauert eine gute Weil, - Eh' die Hand den Riegel zurückgeschoben. -- -- -- - Heiß und schwül war es droben. - Hier unten ist's kühl und abendstill. - Aus den Ställen kommt der Kühe Gebrüll. - Wie Gold ist die Luft, - Purpurn im Abendduft - Über dem flutenden Tief - Ragt die Feste. - Die immer leise rief, - Die See, schläft ein, - Der Abend allein ist das Beste. - -Sie schauerte und träumte. Ihre Augen spähten in die Nacht über -den Wällen. Ihre Sinne suchten die Zukunft zu durchdringen und fanden -plötzlich nichts mehr, keine Hoffnung, keine Aussicht, nichts mehr, nichts --- -- Der Abend allein, dachte sie -- -- -- - -Am nächsten Tage kamen Bücher für sie vom Doktor Kraneis. Nichts -Slawisches. Alle diese Bücher waren rein germanisch und kümmerten sich -nicht um östliche Konflikte. Kein Sturm schlug hinein, nur hier und da -eine zarte Welle Lyrik. - -Er hat einen ganz guten Geschmack, überlegte Christiane und bedachte -dabei, daß seine Seele durch das ihr entgegenfahrende Glück wohl weicher -und konfliktloser gestimmt sei, als sonst. Man merkte, er verlangte nach -dem deutschen Herd und deutschen Süßigkeiten. Alle diese Bücher waren -eine Liebeserklärung. - -Sie sprach zu keinem davon, wurde etwas stiller und ging jetzt mehr für -sich. Die Briefe der Mutter beantwortete sie in flach beruhigendem Tone, -denn der Arzt wollte sie jetzt durchaus nicht hier haben. Damals hatte sie -Hardi durch ihre Art noch aufgeregter gemacht. - -Christiane traf Kraneis manchmal auf dem Wilhelmsplatz, in dessen Nähe die -Bibliothek lag, sie gingen wohl ein paar Straßen lang miteinander, und -sie spähte ihn verhohlen in Schärfe aus, fand nichts, das sie von ihm -wegschob, aber auch nichts, das sie zu ihm trieb. Ob Ludwig -- weiß? -dachte sie immer. Ob man ihm gesagt hat --? - -Hardi wurde immer reizbarer, hinfälliger, hoffnungsloser, und immer mehr -nahm sie Morphium. Sie wußte jetzt aber von Kraneis' Absichten, und -ihr Blick schlug manchmal wie eine Flamme über die Schwester hin, voll -Geringschätzung und voll von verzweifelter Warnung. - -Eines Tages fragte Kraneis, ob Christiane ihn nach dem Dom hinaus begleiten -wolle. Sie ging mit ihm. Es war in der Zeit der Fronleichnamsprozessionen. -Das holprige Pflaster der Straßen war mit geschnittenem Gras überstreut, -die schmutzigen Hauswände mit Teppichen und Kränzen verhängt, an jeder -Ecke war ein Altar. Am heiligen Nepomuk auf dem Markt flimmerten Kerzen, -vom Rathausturm herab bliesen Musikanten, Volk an Volk war in den Gassen, -bunt, voll Putz. - -Vorsichtig drängten sich die beiden hindurch. Da waren die Bamberkas*) -mit den weit starrenden, steifen, kniekurzen Röcken, die sommersprossigen -kleinen Polinnen mit den Korallenkettchen um den Hals und den weiten -schwarzen Jacken, die stieräugigen, halbbetrunkenen Bauern und Knechte aus -der Umgegend. Dazwischen viele Kinder und so manche mit verbundenen -Augen oder blauen Brillen, mit geschwollenen, tränenden Lidern. Überall -Augenkranke. - - *) Polonisierte Bambergerinnen. - -Doktor Kraneis erzählte von einem Städtchen in der Umgegend, das er vor -wenigen Tagen besucht hatte. Den Hut hatten sie ihm vom Kopf geschlagen, -als die Prozession um die Marktecke kam. Und den ›Himmel‹, unter -dem der polnische Propst mit dem Allerheiligsten schritt, trugen der -Bürgermeister, der Kämmerer, ein Gutsbesitzer und ein junger Doktor. Der -war ein Deutscher. - -»Nein! Nein,« stieß Kraneis hervor. Und dann sprach er mit heiserer, -feierlicher Stimme von dem goldenen Mainz. - -Er hatte es. - -Sie gingen rasch über die schmale, schmutzige Brücke, unter der das -lehmgelbe Warthewasser trieb. Heute zog kein Flößer, kein Schiffer. Der -Strom war leer. Aber weiter oben, wo die Ufer dämmerten, würden sie zum -Sonnenwendstag eine nächtliche Johannisfeier veranstalten, Schiffe und -Kähne würden sich zusammenrudeln, die rotweißen Fähnchen würden -wehen, die Buntfeuer lohen und das ›=Jeszcze Polska=‹ über die Wasser -klingen. - -Ein paar junge Kleriker wanderten ihnen auf der Brücke entgegen, keinen -Blick auf sie verwendend. Jetzt wurden die Straßen ganz eng, grabentief -die Rinnsteine, hüttengleich die Häuser. Das Glockengeläut des Domes -schwoll ihnen entgegen, die zwei kurzen Türme stachen in die Luft, -ein paar Bäume grünten. An der Seite lag hinter hoher Mauer das -erzbischöfliche Palais, in dem damals noch der kluge Stablewski hauste. -Nach ein paar engen Gassen und düsteren Plätzen kam auf einmal freieres -Land, ein grüner Wall, ein Tor, Wachsoldaten. Endlich Felder, Gärten, -Land. - -Christiane blieb stehen. Das war kein deutsches Land. Nicht mit der -kühnsten Phantasie konnte man sich vorstellen, daß das deutsches Land -sei: diese endlosen Felder. Hinter ihnen stand die finstere Silhouette des -Domes, ein ferner Goldschein schwamm am Himmel: fremdes Abendrot. Fremdes -Land -- fremdes Abendrot. Vor ihnen, aus dem stahlblauen Osten wälzte -es sich ihnen mit lautloser, zäher Wucht entgegen -- die Fremde, die -unendliche Ebene, die Steppe. - -Man tat gut, wenn man floh. - -Sie sagte es Kraneis, und er begann wieder bebend von Mainz. - -Den Rhein würde sie nun also sehen. An seinem Ufer, über seine Brücken -würde sie mit diesem Manne gehen, Arm in Arm und mit dem Bewußtsein und -der Erinnerung enger Gemeinschaft. Sie blickte ihn an. Er sah doch nicht -schlecht aus. Die Figur war gut. Sein Dialekt ließ sich abgewöhnen, oder -vielleicht sprachen sie dort alle so. - -Sie war dabei ›ja‹ zu sagen. Nicht feierlich, auf ein bestimmtes Wort, -sondern im Nachgeben, im Eingehen, indem sie zuließ, daß er sie immer -fester damit verflocht. Mainz -- da konnte sie das Grab der Frau von Rhane -suchen, vielleicht gab es auch noch das Haus, in dem sie gewohnt hatte. - -Der neugebackene Bibliothekar streckte die Hand aus. - -»Sehen Sie doch, wieviel Zwetschen dort angesetzt haben,« rief er selig, -in einen der erbärmlichen Bauerngärten deutend, »so viele --!« - -Seine ganze Herkunft klang aus diesem Wort. Man sah auf einmal das -pfälzische Kleinbürgerhaus, aus dem er hervorgegangen war. Man fühlte -das Milieu, dem er entstiegen war -- es klebte ihm ja an! Wie er an den -Zäunen entlangging, mit der Schulterhaltung seiner Ahnen, die Lasten -getragen hatten, und immer noch nach den Zwetschen spähte, erkannte sie -jäh, wieviel an ihm lose saß, wieviel er im Augenblick nur übergetan -hatte, um ihr zu gefallen, wieviel Brücken er zu ihr hinüber gebaut hatte --- die er dann sämtlich abreißen würde, wenn sie drüben bei ihm war -- -in Mainz. - -Sie erkannte auf einmal, daß er in allem, was er vielleicht noch -erreichte, in seinem ganzen Leben doch Kleinbürger bleiben würde, und -wußte auf einmal eisern und unumstößlich: nein, nein, nein. - -Es waren nicht Hardis zitternde Warnungen -- -- die nicht. Nicht die Ehe -scheute sie, sondern die Ehe mit ihm. Sie würden sich nie verstehen. - -Er betrachtete in glücklicher Jugenderinnerung noch immer die Pflaumen und -sah wahrscheinlich im Geiste selber welche in seinem Gärtchen am Rhein, in -dem er abends in der Laube womöglich in Hemdsärmeln saß. - -Sie wußte immer sicherer: sie konnte, konnte nicht, und hörte mit kaltem, -arglistigem Herzen auf seine Worte. - -Endlich schien er ihr verändertes Wesen zu erkennen und zu begreifen, -daß er sich etwas verdorben habe. Er fand es aber nicht, sondern suchte im -Gegenteil das ganze Bauerndörfchen nach dem Glück im Winkel ab und wurde -dabei immer ratloser, bis ihn schließlich der Trotz überkam. Er war doch -jetzt der Stadtbibliothekar von Mainz, ein wichtiger Herr, um den man sich -reißen würde -- was machte ihm die arme Lehrerin aus, die sich sperrte. -Wenn's ihr eben nicht paßte, na, dann nicht, dachte er zweifellos. - -Sie las hellsichtig in ihm. - -Bald nahmen sie kalten Abschied. - -Als Christiane in die Wallstraße kam, traf sie Ludwig schon im Eßzimmer -ihrer wartend. Hardi schlief bereits. - -Er sah sie in jäher, eigentümlicher Prüfung an. - -»Der Abend allein ist das Beste,« sagte er dann langsam. - -Sie zuckte zusammen. - -Irgend eine Welle schlug von ihm zu ihr, sie spürte sie in jedem Nerv, im -Innersten erschüttert. Auf einmal sah sie die verflossene Stunde klarer --- -- Kraneis -- o, Gott! - -Ihr Herz schlug. - -Sie saßen unter der verschleierten Lampe schweigend bei Tische, und -Christianens Blick huschte immer wieder verstohlen zu Ludwigs festen -Zügen. Ihre Gedanken wirrten hin und her, höhnten über Kraneis und -zitterten zu Ludwig und hingen sich an ihn und wurden zart, weich, -vergötternd. Verächtlich glitten sie zu Hardi hin, und alles Mitleid -wandte sich zu -- ihm. - -Sie trennten sich bald. - -Christiane fiel es nachher ein, daß sie Ludwig heute wohl am ehesten -hätte vorbereiten können. Aber sie konnte nicht mehr. - -Mochte alles -- Schicksal seinen -- Gang gehen. - -Sie saß noch lange verstört in ihrem Zimmer, dann ging sie zu Hardi -schlafen. Weit rückte sie von der Schwester ab, weit, ganz weit. - -Sie hätte in dieser Nacht nicht denken mögen. Aber sie dachte viel. - - * * * * * - -Ganz unverhofft kam dann Hardis Stunde. Mitten im Juli, als alle Linden -blühten. Christiane war bei ihr und schickte zu Ludwig aufs Amt. - -Die Wohnung war voll Aufruhr, und dazwischen klang das trostlose Wimmern -der Schwester, die keinen wilden Widerstand mehr aufbringen konnte. Sie war -in der ganzen Zeit schon hundertfach im voraus gestorben. Nur in den Augen -stand das ohnmächtige, haßvolle Widerstreben. - -Der Mutter wurde telegraphiert. - -Ludwig kam und kam nicht. War er beim Präsidenten? Hatte er irgend eine -Konferenz? Sie wartete. Sie schaute aus dem Fenster. Auf jeden Wagen hörte -sie. Immer noch kam er nicht. - -Die Zeit verstrich. Die Lage wurde immer unheimlicher, und der Abend kam. -Das fremde Rot brannte über der Ebene hinter den Wällen. - -Da endlich ein Schritt auf der Treppe -- Ludwig. »Ich konnte nicht eher,« -murmelte er mit abgewandten Augen auf dem Flur. »Die Exzellenz -- --« -Seine Miene war bedeckt. Jetzt schien er sich auf einmal zu besinnen -- er -hörte auch. Seine Stirne wurde weiß. - -»Hardi,« sagte er, wie in sich suchend, verstört. - -Er blickte zu Boden. - -In der Sekunde erkannte Christiane, daß er von Hardis verzweifelter Lage -schon lange wußte. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Das Kind war tot, aber die junge Frau wurde gerettet. - -Ludwig kam zu Christiane, die fiebernd, auf jeden Laut horchend, in ihrem -Zimmer saß. Der Sommermorgen dämmerte, der weite, unendliche Sommermorgen -des slawischen Landes. Lerchen sangen drüben. Fern drehten sich die -Flügel der Mühlen. Weite, gelbe Felder leuchteten. - -Ludwig sagte es. - -Sie schauten sich an. - -Und jetzt, da die Wellen verebbten, die das Haus erfüllt hatten, jetzt, da -die Fluten der Unruhe, der ungeheuren Verwirrung und verstörten Erwartung -aus ihren Herzen strömten -- jetzt sahen sie erst, was sündig hoffend, -sündig begehrend, heimlich darunter gelebt hatte. - -Beide sahen es in dieser Morgenstunde. - - * * * * * - -Zwei Tage später reiste Christiane ab. - -Die Mutter war gekommen und wollte einstweilen bleiben. Mutter und Tochter -waren sich genug. - -Ludwig brachte Christiane zur Bahn. Es war der Berliner Frühzug, der -von Alexandrowo kommt, russischen Staub an den Rädern trägt und -voll unruhigen Slawentums steckt. Juden, Polen, Russen, fast alles -Geschäftsleute. Dazwischen ein paar Uniformen, Offiziere aus den großen -östlichen Garnisonen, und einige Agrarier. Da und dort eine versprengte -Familie mit Kindern, hilflos und stumpf in ein neues Leben hineinfahrend. - -Das Abteil, in das Christiane stieg, war wie alle anderen schon sehr -gefüllt. Ludwig stand draußen. Sie konnten sich ansehen. Dann und wann -rannte jemand dazwischen, der verschmutzte Schaffner, ein Kellner, der -Zeitungsmensch, Reisende, die noch aufgeregt nach leeren Abteilen spähten. -Dann schauten sie sich wieder an. - -Immer unruhiger wurden die Menschen, immer schneller liefen sie. Vom -Anfang des Zuges her kam ein sonderbares Geräusch immer näher. Schlag auf -Schlag. Immer näher. Jetzt kam der Schaffner heran. Schlag auf Schlag. - -Nun wurde ihre Türe gefaßt. - -An dem Mann vorbei streckten sich ihre Hände einander entgegen. Fest -preßten sie sich, eisenfest. Stark sah Auge in Auge, alles bekennend, -rückhaltslos. - -Der Schaffner war weitergegangen. Jetzt kam der Ruf, der Pfiff. - -Ludwig faßte die Tür und drückte sie mit leiser Hand zu. - -Dann verschwand der Bahnhof. - -Christiane sah in die weiten Felder hinaus, in die ungeheure gelbe Ebene, -und ein wildes Verlangen faßte sie: hierbleiben, an seiner Seite um dieses -fremde Land, diese riesigen Weiten ringen, kämpfen; kämpfen -- mit ihm! -Sie hätte jeden Zoll des rasend wegfliegenden Bodens festhalten mögen -- -diesen fremden, starken, feindlichen, geliebten Boden! - -Bleiben, bleiben wollte sie! Über diese Ebene mit ihm sausen, Pferd an -Pferd, an diesen roten Abenden bei ihm sitzen, bleiben, bleiben wollte -sie -- -- --! - -Dann sank sie zusammen. Über ihr im Netz zitterte ihr Lehrerinnenkoffer. -Dicht an sie heran drängte sich kleinbürgerliches, verschwitztes Volk --- ach, zu dem gehörte sie ja! Vorbei der Junkertraum, fort die schmalen -Zügel, die sie in der Faust gehalten hatte, fort das urheimlich traute -Beisammensein! - -Gelbe Felder, grüne Felder. Dann und wann eine kleine Station. Dann wieder -die unendliche Weite, die der Zug noch immer nicht durchmessen hatte und -die doch schon eine andere war. Weite an Weite, immer verschwindend und -sich von neuem aufschließend, Land an Land, Osten, noch immer Osten. - -Die Frauen im Abteil hatten es sich bequem gemacht. Die junge Polin in der -Ecke hatte den Hut abgenommen, den Kragen geöffnet und nestelte eben am -Korsett. Die verängstigte Mutter mit den vier kleinen schwarzen Russen -holte Kissen und Decken aus dem Netz und breitete sie über die Polster. -Die Kinder kauerten, schliefen, tranken Milch, rannten, trieben es wie zu -Hause. Eine furchtbare Luft war in dem engen Raum. - -Christiane bog sich vor: daß sie es nur nicht vergaß -- jetzt mußte -sie umsteigen. Ludwig hatte es ihr auf der Fahrt zum Bahnhof -auseinandergesetzt; die Verbindung war nicht gut. Sie fuhr nach Dresden. - -Ein Ruck, ein sirrendes Verschwirren der Luft -- Christiane stieg aus, und -wie Fächeln streifte sie der reine Felderatem. Sie kam in einen anderen -Zug, und nun war es allmählich nicht mehr Osten. Sie fuhren durch -einen Zipfel märkischen Landes mit kleinen Fabrikstädten, kamen durchs -Wendische und dann nach Dobrilugk. Wieder mußte sie umsteigen, und der -neue Zug verschwand mit schnurrenden Rädern in der Ferne. Christiane aber -fuhr in einem anderen, in dem es nur noch die deutsche Sprache und ein -begrenztes Provinzlertum gab, nach Dresden hinein. - -Sie war ruhiger geworden. Wie ein dumpfer Schleier lag es über ihr. Der -Osten verwischte sich, wurde zum Märchen, zu einem fremden Lied. Ihre -Existenz wurde ihr haarscharf deutlich. - -Christiane mußte sich nun so bald als möglich eine neue Stelle suchen. Da -ihre Papiere von der Schweizer Pension her mit einer mißbilligenden Note -behaftet waren, würde es nicht ganz leicht sein. - -Sie fuhr nach dem Lehrerinnenheim, einem alten Bau in enger Stadtgasse. -Erst wurde sie vom Portier, dann von der Oberin gemustert. Sie stand vor -ihr und sah dabei traumhaft fern eine weiße Landstraße und darüber hin -zwei sausende Pferde, hörte etwas von großer Überfüllung und wurde dann -in ein winziges Erdgeschoßzimmerchen geführt, es war billig, wie alles -dort. Aber wenigstens war sie allein darin. Ein hartes, uraltes Bett, ein -Liegestuhl, ein kleiner Tisch, ein Schrank. An der Wand die Hausordnung. Es -roch nach Fremde. - -Dann ertönte eine Glocke. Sie fing unten im Erdgeschoß zu leben an und -stieg gleichsam die Treppen empor, jeden Winkel mit Klingen ausfüllend. -Auf einmal war nichts mehr als Glockenläuten im ganzen Haus, Türengehen -und Schreiten. Christiane ging nach oben. Auf den Gängen waren Türen und -an jeder ein Name. Hinter jeder wohnte der zitternde Rest eines Lebens. -Manchmal stach ein besonders schön gestickter Klingelzug hervor oder ein -zärtlich bemaltes Täschchen für die Besuchstafel. - -Da waren die emeritierten Lehrerinnen. Etwas Eiliges war an ihnen, eine -große Spannung beherrschte sie. Flure und Treppen waren jetzt voll -gebeugter Frauen. Es gab gute Gesichter darunter, liebe Frauengesichter, -die fein zu Großmüttern gepaßt hätten, und scharfe, spitze, denen man -ein glückloses Altjungferntum ansah, gleichgültige Gesichter, die man -schon tausendmal gesehen hatte, und einige voll Rasse und geprägtem -Adelszug. - -Der leise Strom glitt an Christiane vorbei wie das Leben selber. Nicht das -Leben, das im Tragischen oder Lichten vollkommen ausgleicht und Farbe -auf Farbe gewissenhaft setzt wie ein guter, braver Maler, sondern wie der -große Künstler, der im Überreichtum seines Schaffens seine Werke nicht -alle beenden kann, der oft nur Fragmente schafft, Proben, Übergänge und -dabei allerlei wegwirft, das eines Besseren wert gewesen wäre. - -Sie waren alle den Bächlein gleich, die durch das Land rinnen, still, -schmal, da einen grünen Streif finden, dort eine Weile unter hängenden -Blüten treiben, aber spurlos im Größeren aufgehen ohne ein Mühlrad -gejagt oder ein Schifflein getragen zu haben. - -Mit Spannung schauten sie auf ihren Platz und grüßten einander, die -Köpfe mit den schwarzen Spitzenhäubchen höflich neigend und nach der -Oberin schauend, vor der die Suppenschüssel stand. Die eine oder die -andere hatte aus Gesundheitsrücksichten ein Gläschen Wein neben ihrem -Gedeck, ein Tellerchen war daraufgelegt, damit der Duft nicht verflog. - -Erst sprach die Oberin das Gebet, dann gingen die Teller ringsum, die -Köpfe neigten sich darüber, das Essen begann, nur da und dort von mildem -Gespräch unterbrochen. - -Christiane horchte und verstand nicht viel. Da war eine von einer -früheren, längst verheirateten Schülerin besucht worden, dort hatte -eine einen Brief bekommen, dort huschte auch wohl ein kleiner Streit mit -geduckten Flügeln. - -An Christianens Tisch ging es lebhafter zu. Sie saß auf der Jugendseite, -unter den Lehrerinnen, die sich gleich ihr nur vorübergehend im Heim -aufhielten, meist Ferienvolk. Viele Sprachen wirbelten über den Tisch. Die -Ungarin schwatzte von der Operette, die beiden Norwegerinnen redeten vom -grünen Gewölbe, die Engländerin fragte ihre Nachbarin mit zähen Blicken -nach allen Sehenswürdigkeiten aus. Eintrittskarten gingen von Hand zu -Hand, Pläne wurden gemacht, da hatte eine einen Kniff heraus, wie eine -Sache billiger zu bekommen war, und rief's triumphierend über den Tisch. -Eine unendliche Vergnügungsgier beherrschte die meisten. Das ganze Jahr -hatten sie für ihre Ferien gespart! - -Christiane bemerkte dann noch andere darunter, die stiller waren und mehr -vor sich hinguckten, das waren solche, die keine Stelle hatten. Schöne, -stolze, frische Gesichter darunter, noch mit allen Jugendillusionen, mit -romantischen Erwartungen und heißer Fernsehnsucht, mürbe, schwache, -ausgemergelte Erscheinungen und solche mit großer Vortrefflichkeit im -ganzen Wesen, glattgescheitelten Haaren und dem Klemmer -- die richtigen -Lehrerinnen. - -Christiane machte sich mit keiner bekannt. - -Nach Tisch ging sie durch die Stadt. Die Straßen glühten, und doch waren -sie nicht schläfrig; man sah viel Fremde. Christiane entdeckte manches -Schöne, manche Rasseerscheinung, aber auch viel Talmi, viel lächerliches -Provinzlertum in Warenhäusern aufgeputzt, und die braven Dresdner selber, -diesen Typen nicht ungleich. Sie sah die Talmikultur in den Läden und an -den Bauten und begriff nicht, wie man die schöne Linie so mißhandeln, -zerbrechen, vergewaltigen konnte. Wieder schweiften ihre Gedanken nach -dem Osten zurück: dort war noch ein Boden, auf dem zu schaffen war, eine -königliche Fläche, die tragen und leuchten konnte. - -Sie kam an die Elbufer. Die fernen Hügel schwammen in blauem Duft. Der -Strom strich sommerlich schwach, die Wagen und Bahnen polterten über die -weißen Brücken. - -Christiane stieg in einen Dampfer und fuhr nach Pillnitz. - -Das Boot war voll. Auch hier Fremde, einige rassig, elegant, voll -hochmütig überlegener Kultur, still sich zurückhaltend, daneben die -Familienrudel mit den unruhigen Kindern. Da und dort ein Künstlerkopf, -ein Künstlerschauen, aber überragend die Masse, der ewig plappernde -Durchschnitt. Der Dampfer fuhr unter den weißen Brücken mit den gelben -und roten Bahnen hindurch, und nun sah man die Villenvororte, die weißen -Häuschen an den Bergen, die Schlösser der großen Herren und der -Künstler, die Protzenbauten der Reichgewordenen und die Massenrestaurants. -An den Badeanstalten flatterten die Wimpel. - -Hügel um Hügel glitt vorbei. Der Strom bekam ein wenig Weite und -Einsamkeit. Dann leuchtete das grüne Dach des Schlosses zu Pillnitz. -Christiane ging an ihm vorüber durch den Park in den Wald. Der Weg wurde -einsam. Sie ging lange, bis sie an eine Mühle kam, die jetzt Wirtschaft -war. Dort rastete sie. Es war still, ganz still. - -Als sie wieder aus dem Walde an den Strom kam, sah sie, daß der Himmel -sich umzogen hatte. Von den fernen Bergzügen merkte man nichts mehr, ein -grauer Dunst kroch bergauf. Auf dem Dampfer sammelten sich schon die Leute. -Das Wasser war grau. - -Im Abenddämmer tauchte die Silhouette Dresdens wieder auf. In dem Fenster -einer Kunsthandlung in der Prager Straße gewahrte Christiane plötzlich -die ›eiserne Wehr‹ von Angelo Jank. Sie starrte das Bild an. Dann ging -sie in den Laden und kaufte es. - -So kam sie wieder in ihr Heim, wo sie es zusammengerollt in ihren Koffer -legte. Draußen dröhnte schon wieder die Glocke, wieder zogen sie -draußen nach dem Eßsaal. Der Abendtisch war leerer, nur die Alten und die -Stellesuchenden waren da, die Ausflüglerinnen fehlten. - -Christiane ging nachher wieder in ihr Zimmer. Sie holte die ›eiserne -Wehr‹ aus dem Koffer und besah das dunkle Bild von neuem. Draußen -trommelte der Regen, die schmale Gasse war überspült. Tapp, tapp, tapp --- die Leute rannten. Es wurde finster. Das Bild verschwamm, das Zimmer -verschwamm. - -Der Abend allein -- -- dachte Christiane. - -Sie warf sich plötzlich auf ihr Bett nieder und schluchzte. - -Nach einer Weile wurde sie ruhiger und hob den Kopf. - -Sie war wohl nicht die einzige hier im Hause, die so weinte. - - * * * * * - -Nach ein paar Tagen hatte sie eine Stelle bei einem Forstmeister dahinten -in Sachsen. Christiane war es lieber, in die Familie zu kommen, statt in -eine Pension, und sie erhoffte bei diesen Leuten etwas Kultur und auch ein -wenig Leben für sich allein. - -So fuhr sie nach Silberfähre. - -Der Tag war verregnet. Das Bergland senkte sich nach Westen zu in so -eigentümlicher Weise, daß es ihr vorkam, als ob der schwarze Zug mit -seiner Menschenladung waghalsig am Rande der Erde dahinführe. Dünner und -feiner wurde der Regen, noch ein Wirbel, ein flatterndes Ausfliegen der -Tropfen, dann sank der Schleier, und darüber zog ein roter Himmel glühend -auf, nahe, ganz nahe, nur eine lose, blaue Wolkenwand schwamm von unten -herauf schwer vor ihm, wie die dampfende Sehnsucht der Menschen. - -Neben Christiane schob sich eine Hand vor: »Entschuldigen Sie, das Fenster -zittert echal so -- darf ich mal --« - -Und die Scheibe wurde gerückt. - -»So,« klang die Stimme weiter, »fahren Sie auch bis Chemnitz?« - -»Ich fahre noch weiter.« - -»I gor, i gor -- --« - --- -- Das Feuer stand noch drüben. Wie hundert goldene Fackeln lohte -es vor dem armen Land. Wie ein rosenrotes sicheres Geheimnis stand es am -anderen Ufer, von den dunklen bebenden Wünschen der Menschen zitternd -umdünstet. Wie ein offenes Tor stand es da und hundert und hundert -Schritte waren nur noch bis zu ihm. - -Der Zug aber sprang jetzt wie ein Tier, das die Peitsche fühlt. Ein -Klirren ging durch ihn, ein Ruck traf Rad um Rad -- und Rad um Rad wandte -sich gehorsam. - --- -- Das Feuer war nicht mehr da. - -Nur ein schmaler verblichener Schein stand fern, wie von einer Tür, die -zugeschlagen wird. - -Berg um Berg war da, blau umhüllt, von Nebeln umgangen, die sich ihre -Nachtplätze suchten, Tal um Tal war da, von Schatten gefüllt, von -Häusern, aus denen die Wünsche wie Rauch aufstiegen, Wünsche, die keinen -Weg mehr hatten. - -Das Feuer war nicht mehr da. -- -- - -Der Hauch des fremden Gebirges umfing Christiane beim Aussteigen. Ein -Wasser rauschte. Die Gassen liefen bald rechts, bald links, immer wieder -vom Berg abgefangen. Gradeaus aber erhob sich auf einem Kegel die alte -böhmische Burg Silberfähre. Mitleidslos hoch stieg der Weg zu ihr hinan, -die kleinen Häuser verschwanden, das Wasser entlief weit unten, die Weite -war nahe, der Himmel bog sich heran. - -Nun war Christiane in einem Schloß. - -Die Frau Forstmeister aber trug eine Küchenschürze, und drinnen über -dem Feuer schmorten die Quarkkeilchen. Die Tochter kam aus dem Garten, ein -schlacksiges, dreizehnjähriges Ding, von dem man noch nicht wußte, ob es -hübsch oder häßlich werden würde. Es waren noch zwei ältere Töchter -da, die sich nach der einen und der anderen Richtung längst entschieden -hatten. Anna war schön, mit fuchsigem Haar und dem lebendigen, dunkel -spiegelnden Blick des Waldtieres, Hella ein Kind des Schattens, klein, mit -einem Zwergengesicht und einer Wichtelstimme. Anna war verlobt, Hella war -schon über dreißig Jahre. - -Die Lehrerin wurde nicht sehr angestrengt. Viele Vorgängerinnen hatten -in Nora ein so queres und sonderbares Wissen angehäuft, daß es Jahre und -Jahre gebraucht hätte, um es zu entwirren. Nora sollte aber in ein oder -zwei Jahren schon in eine Pension. - -Christiane wanderte viel in den einsamen Wäldern des Erzgebirges. Manchmal -traf sie unterwegs den Forstmeister, einen kleinen, blonden, stumpfnäsigen -Herrn, der sich noch immer darüber wunderte, daß man ihn im Münchner -Hofbräuhause, ohne daß er noch ein Wort gesprochen, als Sachsen erkannt -hatte! Manchmal mußte sie auch der Frau Forstmeister bei den Quarkkeilchen -oder den grünen Klößen helfen und hatte dabei Gelegenheit, über nord- -und mitteldeutsche Lebensführung Beobachtungen anzustellen. - -Fremde Menschen sah sie fast gar nicht. Einmal tauchte Annas Verlobter, ein -Gerichtsassessor aus Bautzen, auf. Ein jähes Feuer schoß aus seinen Augen -zu Christiane hin, sie spürte seine heimliche Jagdlust und wich ihm aus. -Bald danach hatte das Paar Hochzeit und verschwand vom Schauplatz. - -Der ältesten Tochter kam Christiane nicht nahe. Die Zwergin saß bei -gutem Wetter im Schloßgarten und bei schlechtem im Zimmer und klöppelte. -Manchmal besuchte sie die armen Spitzenklöpplerinnen im Dorf. Sonst sprach -sie fast gar nicht. - -Die Frau Forstmeister empfing jeden vierten Mittwoch ein Kaffeekränzchen -auf dem Schlosse. Dann mußte Christiane den dicken Fabrikantenfrauen die -Mantillen abnehmen und ihnen den Kuchen präsentieren. Sie musterten die -Erzieherin voll Neugier und Herablassung und hatten keine Ahnung, wie stark -sie beobachtet wurden. - -Bei solchen Gelegenheiten schossen Christianens Gedanken immer nach Posen -hin, obwohl sie viel ruhiger geworden war. - -Sie konnte wieder objektiver an Hardi denken. In ihrem Herzen war eine Spur -Mitleid mit der blutjungen Frau, die kinderzart und ahnungslos, von einer -heißen Hand in die allertiefsten Geheimnisse verstrickt worden war. -Immer wieder sah sie das junge Gesicht mit dem eigentümlich pikant -sentimentalen, hilflosen Ausdruck. - -Jetzt mußte Hardi reifer geworden sein und das tiefe Glück ihres Lebens -erkannt haben. - -Sie schrieb Christiane nicht. Ludwig sandte manchmal ein paar knappe -Zeilen, die sie unterzeichnete. - -Christiane brauchte nichts von ihm zu wissen -- sie las von ihm. Seine Name -tauchte immer öfter in den Zeitungsspalten auf, er hatte ein Buch über -die Ostmark geschrieben, das sowohl von der einen, wie von der anderen -Seite Angriffe erfuhr, obwohl von keinem übersehen wurde, daß da ein -kommender Mann sprach. Der Nationalitätenkampf war längst aufgebraust, -die Deutschen erwacht. Jetzt tafelte kein hoher Regierungsbeamter mehr mit -den Polen. - -Christiane lebte in diesem Kampf: sie verlor nicht einen Moment -davon. Mitten in den sächsischen Wäldern und Bergschluchten, wo die -Forellenwasser rauschten, dachte sie an die Völkertragödie des Ostens und -an Ludwig von Cöldt. - -Es ist schön, wenn der Liebste ein großes Werk hat, schön, wenn man -seinen Namen in den Blättern lesen kann. Man weiß immer von ihm. Er ist -immer nahe. Er lebt. - -An einem glühenden Herbstnachmittag des zweiten Jahres fuhr Christiane -nach Johann-Georgenstadt an die böhmische Grenze, hörte wieder scharfe, -fremde Laute statt des braven Sächsisch und warf einen Blick in eine -Welt, die eine Spur Ähnlichkeit mit der besaß, die sie im Osten verlassen -hatte. - -An den abendblauen Bergen, den glühenden Vogelbeerstraßen und den -klirrenden Emaillierwerken vorbei fuhr sie zurück und fand zu Hause einen -Brief der Mutter, in dem gesagt war, daß Christiane Tante geworden sei. -Hardi hatte ein Kind. - - * * * * * - -Zu Ostern zog die Forstmeisterstochter in eine Pension -- Christiane hatte -wenigstens erreicht, daß es kein ›Erziehungskasten‹ war -- und sie -selbst ging als Lehrerin in eine Privattöchterschule von Fräulein Gusti -Schellenbaum zu Crivenwalde in Mecklenburg. Fräulein Gusti war bucklig. -Sie hakte Christiane schon am Bahnhof ein und erklärte, daß sie vom Rhein -stammte, nicht etwa von hier aus dem steifen Norden. Übrigens sagte sie -›s--teif‹ und teilte der Lehrerin mit, daß sie auch so s--prechen -müßte, sonst hätten die Kinder keinen Res--pekt vor ihr. Man müßte das -lernen. - -Sie kamen an der Schule vorbei, die den unteren Teil eines hübschen Hauses -einnahm. Oben wohnte Professor Thiele, das erfuhr Christiane auch. Das -Fräulein nickte zu ihm empor. Sie gingen über den Spielhof, der von -großen Linden umstanden war und ein paar dürftige Recks und Stangen und -eine vergessene Puppe zeigte, und dann durch eine Hintertür ins Haus. -Alle mußten durch die Hintertür, das Portal vorn war verschlossen. Warum -wußte Fräulein Gusti auch nicht. Sie hatte es so von ihrer Vorgängerin -übernommen. Die lebte noch am Orte und zwar als die Gemahlin des -Tierarztes. Mit fünfundvierzig Jahren hatte sie sich den Tierarzt gekapert --- zufällig, weil ihr Kanarienvogel krank geworden war -- und zusammen -waren sie über hundert Jahre alt. Es war eine junge Ehe. - -In Crivenwalde sah man dem Paar nach, wenn es auf der Straße erschien. Man -sah überhaupt den Leuten nach. - -Fräulein Guste s--prach eine Weile darüber, dann brachte sie ihrer neuen -Lehrerin Kaffee. Sie hatte übrigens keinen Kanarienvogel, sondern nur -Lachtauben. Und die waren gesund. Und wenn sie etwa krank würden, so -würde sie doch keinen Tierarzt in Anspruch nehmen. Fräulein Gusti zog -die Nase kraus. Sie schien an dem krankgewordenen Kanarienvogel ihrer -Vorgängerin etwas zu finden. - -Nun kam sie auf den Professor Thiele zu sprechen. Das Haus gehörte ihm, -und er hatte es der Schule gestiftet. Sonst müßten sie noch in der -kleinen Bude drinnen am Neumarkt hausen. Schrecklich soll es dort gewesen -sein! Ja, also der Professor hatte sein Testament zugunsten der Schule -gemacht, und die genoß schon bei seinen Lebzeiten davon. Er hatte sich -ausbedungen, daß er in dem Hause wohnen bleiben und manchmal mit den -Kindern sprechen durfte. In der Pause kam er immer herunter und verteilte -Äpfel oder Bananen oder Schokolade. Die ganz kleinen Mädchen hielten ihn -für den lieben Gott. Er war neunzig Jahre. - -An der Schule waren noch zwei Lehrerinnen tätig, die Schwestern Dittmer. -Nachher wollten sie die neue Kollegin begrüßen. Fräulein Dorreyter solle -bei ihrem Anblick nicht erschrecken -- sie seien ein bißchen lang. Die -Kinder nannten sie die ›Erzengel‹. - -Übrigens herrschte ein recht gemütliches Leben an der Schule. - -Ob Fräulein Dorreyter -- Frauenrechtlerin sei? - -Christiane sah kritisch auf die Bücher und Broschüren, die das Fräulein -sofort heranschleppte. Sie mußte sie mitnehmen. Die Vorsteherin tat es -nicht anders. Und morgen fing die Schule an. - -Christiane ging ins Hotel ›Friedrich Franz‹, dort wußte man schon -von ihrem Eintreffen. Der Geschäftsführer hatte ihr bereits ein recht -freundliches ruhiges Zimmer reserviert -- die Damen von der Schule wären -ja immer recht nervös. Er stellte sich als Berliner vor. Vorn nach -der Straße wohnten die Reisenden. Crivenwalde betrieb einen Handel mit -Bratheringen und Sprotten. Sie merkte es bald, denn die Stube war gleich -voll von dem Duft einer nahen Räucherei. - -Christiane spähte über einen Garten mit Tischen und Stühlen hinweg -und sah hinter allerhand Bürgerhäusern, Schuppen und Speichern einen -schmalen, grauen Streifen. - -Sie erschrak etwas. - -Die See. - -Bald nachher kamen die Schwestern Dittmer. Sie traten unter die Tür wie -Grenadiere des alten Fritz. Übrigens waren sie keine Mecklenburgerinnen, -wie sie gleich erzählten, sondern stammten aus Osnabrück. Es schien -das Eigentümlichste der Crivenwalder zu sein, daß sich keiner als -Eingeborener bekennen wollte. - -Die Fräulein wiederholten in Geschwindigkeit die Verhältnisse der Schule -nicht anders, als die Leiterin sie schon geschildert hatte, und glitten -dann auf die Stadt Crivenwalde über, die sie mit allen ihren Bewohnern -genau zu kennen schienen, denn sie waren schon über fünfzehn Jahre am -Orte. Übrigens s--prachen sie auch. Sie waren zusammen hergekommen und -waren Zwillingsschwestern; man konnte sie kaum von einander unterscheiden. -Allerdings hatte die eine eine etwas schiefe Backe. - -Am nächsten Tage wurde Christiane im Beisein der beiden Erzengel, des -alten Professors, den die Kleinen für den lieben Gott hielten, und eines -dicken Lehrers vom Gymnasium, der auch Stunden an der Töchterschule gab, -von Fräulein Gusti in ihr Amt eingeführt. Der dicke Lehrer stellte sich -hernach als Hannoveraner vor. - -Nachmittags ging sie dann auf die Wohnungssuche und fand ein kleines Zimmer -bei einer Apothekersfrau, die zwei Kinder hatte, von denen das eine -in Fräulein Gustis Schule ging und vom Herrn Professor immer die -allergrößten Bananen bekam. Das liebliche, stille Kind nahm Christiane -für die Wohnung ein. - -Sie bezog das Zimmer. Übrigens war die Frau Apotheker eine Husumerin, und -ihr Mann hatte gar keine Apotheke, sondern eine Drogenhandlung, und mit der -war er grade im Bankerott. Es herrschte ein sonderbar verwirrtes Wesen im -Hause, das einesteils von dem gescheiterten Mann, andererseits aber von der -Frau auszugehen schien, die allen Dingen hilflos gegenüber stand, wie vom -Himmel gefallen. - -Als Christiane am ersten Morgen in die Schule gehen wollte, stürzte ihr -Frau Thomsen mit verstörter Miene nach: »Ach, verzeihen Sie, Fräulein -- -in der Eile hab ich ganz und gar auf den Kaffee vergessen ...« - -»Kaffee haben Sie mir gebracht --« sagte Christiane, auf die Tasse -deutend, die noch ziemlich gefüllt auf dem Tische stand. - -»Ja, ja. Ich hab ihn ja gekocht, aber dabei ... den Kaffee hineinzutun -vergessen ... Sehen Sie ... hier ...« Sie deutete dabei auf ein braunes -Pulver in einer Untertasse. - -»Jetzt trinken Sie ihn nur, Frau Thomsen,« sagte Christiane und ging. - -Als die Wirtin in der Folgezeit nicht nur das Kaffeepulver, sondern auch -sonst allerlei vergaß, als das Mittagessen immer öfter ausblieb -oder vollkommen ungenießbar war, als die Wirtin ihre Mieterin immer -bedrohlicher anzuborgen begann und Christiane längst ihr Zimmer selbst -rein hielt -- sonst hätte sie es nie rein bekommen -- mußte sie sich zum -Ausziehen entschließen. - -Sie zog mehr zum Hafen hinunter, was schon längst ihr Wunsch gewesen war, -und die ›Erzengel‹ hatten ihr die neue Wirtin empfohlen. Sie sollte -Witwe sein, es stellte sich aber bald heraus, daß sie nur von ihrem Manne -getrennt und in beständiger Furcht lebte, er könnte wiederkommen und -ihr einen Schaden zufügen. Deshalb verriegelte sie ihre Wohnung sehr -sorgfältig, und man mußte ein ganzes Schlüsselsystem anwenden, um -hineinzukommen. Vor dem Schlafengehen machte sie regelmäßig eine Runde -durch sämtliche Räume, guckte in die Schränke und leuchtete auch unter -Christianens Bett, in der Befürchtung, der geschiedene Mann könnte eines -Tages schließlich darunter sein. Sie schneiderte, und man hörte -den ganzen Tag das sonderbar ängstliche und ärmliche Geräusch der -Nähmaschine. - -Aber sonst war das Zimmer ganz nett. Die Terrakottabüsten waren samt -ihren Zimmersäulen hinausbefördert worden, ebenso das, was Frau Claß -›Bilder‹ nannte. An der grauen Wand hing einzig die ›eiserne Wehr‹ -in ihrer düsteren Wucht. Am Fenster stand Christianens Schreibtisch, und -durch die Scheiben sah man hinter beschnittenen Lindenbäumen den grellen -Streifen weißen Sandes und dahinter die bald graue, bald blaue See. - -In der Schule ging es recht gemütlich zu. Fräulein Gusti war ebenso -beliebt, wie die ›Erzengel‹, und wenn der dicke Lehrer bei seinen -Gymnasiasten schärfere Saiten aufzog, -- was übrigens zu bezweifeln -war -- so wandelte er sich in der Schule von Fräulein Schellenbaum so -friedlich um, daß er ganz genau hineinpaßte. Nachmittags um vier gab -es immer ein Kaffeestündchen in Fräulein Gustis Zimmer, und wenn der -Oberlehrer dabei war, mußte er immer von seinem Jungen erzählen, mit dem -ihn seine Gemahlin vor einem halben Jahr beschenkt hatte. Waren die Damen -aber unter sich, so holte Fräulein Gusti ihre frauenrechtlerischen Bücher -und Hefte heraus, und die ›Erzengel‹ sahen ebenso kritisch darauf wie -Christiane und ließen das Fräulein reden. Brachte man das Gespräch aber -auf die Vorgängerin, die jetzt Frau Tierarzt war, so wurde Fräulein Gusti -spitz. - -Die ›Erzengel‹ machten ihrem Namen alle Ehre und standen Christiane in -allen Dingen wirklich wie ein paar langgeflügelte Himmelsboten zur Seite. -In der freien Zeit machten sie weite Fußmärsche in die Umgegend, die -wohl auch weit und flach, aber immer mit Möwen überflogen und mit dem nie -weichenden, leise überdunsteten Streifen See im Hintergrunde nie mit jener -östlichen zu verwechseln war. Auf den Wiesen weidete das schwarzbunte -Vieh, das Getreide stand niedriger, der Wald war dürftig, wie zerblasen. -Immer ging der Wind, und immer roch es nach Fischen im Rauch. - -Sie segelten und schwammen auch, besuchten die Badeorte der Umgegend und -machten in den Ferien gemeinsame größere Reisen nach Dänemark, Schweden -und Norwegen, für das die ›Erzengel‹ so schwärmten, obwohl sie aus -Osnabrück waren. Sie konnten nicht ohne Wasser sein. - -Einmal gerieten sie auf der Rückreise -- sie fuhren über Malmö-Lübeck --- in eine Horde Engländer, die den Kontinent bereiste, alles Lehrer -und Lehrerinnen, die eifrig bemüht waren, sich in der fremden Sprache zu -üben. Ein großer, sehr rotblonder Dozent aus Nottingham hatte sich -von Anfang an Christiane, die seine Tischnachbarin war, zur Partnerin -ausersehen, und sie tauschten allerlei Rede und Gegenrede in der pikanten, -spähenden, argwöhnisch höflichen Art, wie sie schon damals zwischen -Vertretern der beiden Nationen zu herrschen pflegte. Als alles Neue -erschöpft war und Christiane merkte, daß sie und der Engländer -der Zielpunkt von allerhand Blicken wurden, die namentlich von seinen -Landsmänninnen ausgingen, und als sogar die ›Erzengel‹ gutmütige -Bemerkungen machten, zog sie sich rasch zurück. Es war möglich, daß -Mr. Wyche, wie nachher erzählt wurde, auf dieser Seefahrt ein ganz -ernstliches Interesse für die junge Deutsche gefaßt hatte, aber sie -konnte es nicht zurückgeben. Von allem anderen abgesehen, hätte sie es -undenkbar gefunden, ins Ausland zu gehen und mit einem fremden Volk zu -leben, wo das eigene Land so voller Probleme und Arbeitsmöglichkeiten -steckte. - -Die ›Erzengel‹ begriffen sie nicht, und Christiane gab sich auch nicht -die Mühe, sie aufzuklären, wie sie den braven Geschöpfen innerlich auch -ganz fern stand. - -Spät abends ging sie gewöhnlich allein am Strand spazieren, dort hinaus, -wohin die Crivenwalder nicht mehr kamen. Sie sah die zart verdämmernde -Opalfarbe der abendlichen See, spürte den fernen Duft der Linden, die -hier so sehr spät blühten, und in ihrer Seele stieg es auf wie -Wasser -- -- -- -- -- - -»Du hast es gut,« schrieb die Mutter, »viel besser, als Hardi, die sich -in Posen noch immer nicht eingewöhnt hat und sich in Heimweh verzehrt. Du -hast keine Sorgen -- -- --« - -Nein, sie hatte keine Sorgen. Sie hatte -- alles. -- -- - - * * * * * - -Im Herbst danach kam wieder ein Brief von Ludwig. Christianens Blicke -flogen jäh darüber hin und suchten hungrig im voraus den heimlichen -Gruß, das heimliche Gedenken, ehe sie alles Tatsächliche erfaßten. Und -dann wurde ihr das klar. - -Ludwig war in acht Tagen in Berlin, grade zurzeit ihrer Herbstferien. -Ob sie ihre Reise zur Mutter nicht über Berlin richten und mit ihm dort -zusammentreffen wollte? - -Christiane hatte gar nicht zur Mutter fahren wollen, denn die vermißte -sie kaum. Deren Sinn stand allein nach Hardi und war durch der Jüngsten -Schicksal vollkommen ausgefüllt. Zudem hatte sie jetzt eine kleine Pension -gegründet und dadurch eine neue Art Lebensinhalt. - -Christiane interessierte sich nicht dafür. Ihr kam es überhaupt vor, als -ob sie mit ihren Wünschen, mit ihrem ganzen Wesen längst heimlich weit -über die letzten Inseln der Menschen hinausgetrieben sei. Jetzt -- jetzt -erkannte sie es -- -- - -Wann begannen doch die Ferien? Wie lange fuhr man von Crivenwalde nach -Berlin? Lehrter Bahnhof -- --? Am Lehrter Bahnhof würden sie sich treffen! - -Die ›Erzengel‹ wunderten sich redlich über die Kollegin, die sie in -ihrer biederen Herzensharmlosigkeit zu kennen glaubten und die auf einmal -so anders war. Am letzten Abend veranstaltete Fräulein Gusti noch ein -frauenrechtlerisches Kränzchen, dem ein dicke Hamburgerin beiwohnte, die -auf dem Gebiet irgendwelche Bedeutung hatte. Sie begrüßte die drei Damen -mit großer Kollegialität und begann gleich mit ihren Ausführungen, dann -und wann einen Schluck Tee mit Rum nehmend. Die ›Erzengel‹ guckten -ihrem Wesen kritisch zu, und Christiane sagte auch nichts. - -Fräulein Gusti ereiferte und ereiferte sich, die Hefte flatterten -förmlich unter ihren Händen, sie suchte die Diskussion immer mehr -anzufeuern -- ihr Traum war: ein Frauenrechtsverein hier in Crivenwalde, -der gewesenen Leiterin und jetzigen Frau Tierarzt erst recht zum Trotz! -- -Die ›Erzengel‹ tauten auf. Es war im Grunde nichts, nach dem Unterricht -immer nur spazieren zu gehen oder zu baden, in den Schulpausen dem alten -Professor zuzusehen oder vom Oberlehrer Müller zu hören, wie sich sein -Sprößling weiter entwickelte. Es war am Ende am besten, Frauenrechtlerin -zu werden und sich für allerlei fernliegende Dinge zu interessieren, -wenngleich irgend etwas in ihrem Herzen entschieden ›Nein‹ sagte und -die dicke Hamburgerin deutlich verlachte. - -Aber sie sagten ›Ja‹, schon der Vorsteherin zuliebe, und wunderten sich -auf dem Nachhausewege über Christiane, die noch immer schwieg. - -Die verabschiedete sich eilig, lief in ihre Stube und ging an den Koffer -- -war nun schon alles darin? War nichts vergessen? Sie trat ans Fenster und -sah mit gläsernem Blick hinaus -- -- draußen stand die See und hatte noch -einen Schein wie aus den hohen, grauen Sommernächten, die Christiane im -Norden erlebt hatte. Die Sterne flimmerten. - -Der Morgen war sonnenhell, alle Wiesen grünten, wie im Frühling, und alle -Stoppelfelder leuchteten, als ob das blonde Korn noch auf ihnen stünde. -Knick auf Knick schloß sich daran, wie Kranz auf Kranz. Die Wasser der -Seen blinkten blau auf und verschwanden wieder, der Buchenwald flimmerte in -sommergrüner, unzerstörter Glut. Wald auf Wald, See auf See. Wie schön -war diese Gegend doch! - -Christiane starrte aus den Coupéfenstern wie im Traum. Sie fühlte immer -deutlicher, daß sie über die letzten festen Länder und Inseln der -Menschen weit hinausgetrieben wurde. - -Station auf Station. Jetzt Schnellzugssausen. Der sonnige reine Morgen und -die blauen Seen waren weit. Nauen, Spandau. Straßenbahnen und Soldaten, -Glashallen, Vorortbahnhöfe. Endlich die schwarze Höhle der Lehrter -Einfahrtshalle. Auf dem Bahnsteig war auf einmal ein Strudel entlassener, -mit bunten Bändern behängter Matrosen, die Christiane gar nicht im Zuge -gewahrt hatte. - -Sie trennte sich instinktiv von der Menge, fühlte sich plötzlich verwirrt -und verloren und in eine Fremde gerissen, hinter der Fräulein Gusti, die -›Erzengel‹ und ganz Crivenwalde wie freundliche Schatten standen, und -sah dann auf einmal -- Ludwig. - -Da war er! Nur einer wie er! - -Sie sah ihn an. Sie gaben sich fest die Hände. - -Ihr Herz war stark und entschlossen. - -Leicht schritt sie neben ihm her, und jetzt war Crivenwalde weit weg. Alles -war weit weg. Auch Hardi und die ›eiserne Wehr‹. - -»Du fährst zur Mutter?« fragte er. - -Sie schrak auf. Ihr Blick flog in den hellen Großstadttag hinaus. Sie sah -bunte Farben, Linien, Lichter, Menschen und -- ihn. - -»Ja, ja,« sagte sie. - -Als sie im Wagen saßen, erzählte er, daß er Konferenzen in seinem -Ministerium hätte. Er nannte die Namen der beteiligten Herren -- alles -Ostmarkenleute. - -»Du gehörst schon ganz und gar zu ihnen,« sprach sie. - -Er nahm das gleichgültig hin, denn es war in Wahrheit so. - -Sein Gesicht war schärfer und länger geworden, das Junkertum prägte sich -härter aus. Ob er noch ritt? - -Sie traten in ein Restaurant. Sein Blick flog unwillkürlich nach den -Mittagszeitungen, die eben kamen. Sie lachte und ließ sie bringen -- sie -kannte ihn. Jeder hatte ein Blatt, und darüberweg tauschten sie kurze -erregte Bemerkungen. Ihm schien es gar nicht aufzufallen, wie sehr sie noch -mitten darin war. Es war eine Situation, die auf der Spitze stand. - -»Du müßtest in den Reichstag,« sagte sie. - -Er zuckte die Achseln. In der Stadt Posen war nicht die geringste Aussicht -für einen deutschen Kandidaten, und er fühlte sich auch so besser am -Platze und das Heft stärker in der Hand. - -Eine polnische Gesellschaft betrat den Raum, ein Herr, zwei Damen, diese -klein, biegsam, mit wundervoller Eleganz gekleidet, an der aber noch etwas -war, was man eben durchaus als polnisch erkannte. Ludwig sah kurz hin, -und dann blickte er Christiane an -- ihre Augen tauchten ineinander wie -gezogen, eine Maske fiel, ein Vorhang sank, eine ganze Zeit, Jahre und -Jahre verschwanden für einen Augenblick. - -Er faltete ein Zeitungsblatt eng zusammen, immer kleiner wurde der -Streifen. Er sah vor sich hin. - -Dann begann er von der kleinen Hanni zu erzählen. Immer noch schaute er -vor sich hin. In die Stimme kam neben dem Bewußten und Gewollten eine -kleine Erregtheit, und plötzlich mußte sie an den Oberlehrer Müller in -Crivenwalde denken, wenn der von seinem Jungen sprach. - -Sie redete plötzlich dazwischen, scharf, kurz, fragend, immer mehr -verstrickte sie ihn ins Erzählen, alles wollte sie wissen ... jetzt wußte -sie. Ihr Gesicht wurde feindlicher, ihre Miene kälter, ihr Herz erstarb --- warum war es nicht mehr wie damals an jenem Morgen? Warum war in -ihr einfaches und naturgewaltiges Erkennen jetzt so viel anderes -gekommen -- -- --? - -Warum hatte er sie überhaupt sehen wollen und grade dieses Wiedersehen -herbeigeführt? Er hätte sie ja auch nach Posen einladen können, sie -wäre zu ihm und Hardi gekommen und hätte mit der kleinen Hanni gespielt. -Geritten wären sie nicht mehr miteinander! - -Sie saß in sich verbittert und schrak erst auf, als er Abschied nahm -- er -mußte jetzt in die Wilhelmstraße. - -Sie gingen die paar Schritte nebeneinander, dann nannte sie ihm das Hotel, -in dem er sie abholen konnte. Es war eines der ersten, Geld hatte sie -ja. Hier in Berlin wollte sie einmal wieder Herrin sein, nicht die -Schulmeisterin. Das sagte sie Ludwig freilich nicht, und es schien ihm auch -nicht aufzufallen. - -Als er fort war, wanderte sie durch die Straßen, ohne mehr zu sehen -als die Menschen und unter den Menschen die Kinder. Die kleinen, die -zweijährigen. Sie sah so viel Süßes an ihnen, daß ihr Herz auf -einmal weich wurde und anfing zu verstehen. Sollte er das Liebliche nicht -schätzen, das er besaß -- wegen des einen, das er nicht besitzen -konnte? Er war ein Mann. Eine Frau kann in der Liebe eher leben wie ein -Hungerkünstler unter Glas -- der Mann wird niemals hungern. Er sucht sich -von allen Seiten zusammen, was ihn satt macht. Und es fällt ihm auch immer -zu. - -Ludwig war es auch zugefallen. Und wer weiß -- es war ihm vielleicht -- -noch mehr -- zugefallen. Was wußte sie denn -- -- --? - -Sie ging zitternd und immer verwirrter und eifersüchtiger, und rasend -peinigten sie jetzt die einsamen Abende an der See und so manches andere, -sogar die Sache mit Kraneis und dem englischen Dozenten. -- -- -- - -Hochmütig und verbittert saß sie dann im Hotel, und das Rauschen -und Sausen der Straße hinter der Glasscheibe quälte sie wie etwas -Feindliches, und feindlich war sie selber. - -Und Ludwig kam. - -Er sah auf einmal jünger und lebendiger aus. Man merkte, daß irgend etwas -für ihn erledigt, daß eine Last abgeworfen war. Und jetzt sprach er -offen darüber. Neben ihr an dem kleinen Tisch saß er und sprach, und -sie wußte, daß er zu keinem Menschen weder im Amt noch zu Hause davon -sprechen würde wie zu ihr und daß er danach gehungert hatte, wieder so -mit ihr zu sprechen. Daß er sie gerufen hatte, weil er sie brauchte und -weil sie ihn verstand. - -Die alte Stunde spann sich wieder an, aber es kam nichts Unreines hinein, -und ihr Schiff wendete langsam und fuhr an den letzten äußersten Inseln -und Bollwerken vorbei wieder auf die Küste der Menschen zu, nach dem -Lande, das alle bewohnten und in dem noch ein eisernes Recht galt. - -Nachher waren sie noch draußen in Potsdam, eine Stadt für ihn. Christiane -sah im Adreßbuch nach und fand, daß einige Rhanes hier wohnten, -Abkömmlinge wie sie. Sie schaute den Reitern nach, wie sie -dahingaloppierten, und den jüngeren Offizieren in die sonnenverbrannten -Gesichter -- war einer von ihrem Blut dabei? - -Dabei erzählte sie Ludwig von ihrem Leben in Crivenwalde und wußte -dabei schon, daß es hinter ihr lag und daß der heutige Tag, das endliche -Sichwiederkreuzen ihrer Leben eine starke Wendung gebracht hatte. Mit dem -Nachtschnellzug fuhr sie zur Mutter, um die für ihre Pläne zu gewinnen -und im voraus alles glatt zu wissen. - - * * * * * - -Und nun fing für Christiane Dorreyter eine schwere und sonderbare Zeit an. -Die ›Erzengel‹ wunderten sich nicht wenig über sie, die plötzlich -so merkwürdige Neigungen zeigte, und Fräulein Gusti streckte noch einmal -erwartungsvoll die frauenrechtlerische Hand aus, ohne daß sie ergriffen -wurde. Aber es war offenbar, daß Fräulein Dorreyter sich für das Studium -vorbereitete und zunächst das Abiturientenexamen abzulegen gedachte. - -Dem Oberlehrer Müller war dabei eine ziemlich bedeutende Rolle zugedacht, -und er füllte sie auch aus und holte auch andere Kollegen vom Crivenwalder -Gymnasium für die Fächer heran, die er nicht beherrschte. Und langsam kam -das Lernen in Gang. - -Auf den Straßen zeigte man sich Christiane. Die Herren grüßten -respektvoll und doch mit einem verborgen prüfenden und etwas mitleidigen -Schauen. Die Gattinnen spähten zu ihr hin, wie Kinder, die sich hinter -einer Hecke vorm Gewittersturm gedeckt haben, nach nassen Leuten -gucken. Von auswärts erhielt Christiane allerhand Briefe, Zirkulare und -Agitationspapiere, und sogar die dicke Hamburgerin schrieb ihr -- es -war klar, daß man jetzt in ihr die größte Stütze der Frauensache in -Crivenwalde erwartete, die noch weit über Fräulein Gusti ging. Sie sollte -sogar einen Vortrag halten. - -Lächelnd schob Christiane alles beiseite. Warum die Leute nur so taten? -Sie erstrebte doch nichts anderes, als eine Tat für sich, die Crivenwalder -ging die gar nichts an und die Frauenrechtlerinnen der ganzen Welt auch -nichts. Sie suchte doch nichts anderes, als ein Leben, das dem Geliebten -gleichwertig war, wollte nicht in der Enge, in der Kleinstadt, im kleinen -Lehrerinnendasein verstauben, während er am Werke war -- sie wollte adlig -Blut in adligem starkem Tun zeigen, wie er. - -Sie wollte Mensch sein, wie er, und -- schaffen. - -Kraus war der Weg und oft verkehrt! O, dieses einsame Lernen an den eisern -eingezäunten Erziehungsgärten der Männer vorüber. Sie guckte den -Crivenwalder Schulbuben neidisch nach und war doch wiederum froh darüber, -daß man sie nicht in diesen Zwangsweg des Durchschnittslernens pressen -konnte! Sie kam in Freundschaft mit einem Primaner, einem Neffen des Herrn -Müller, der sie erst argwöhnisch in der Anstalt Schellenbaum besuchte und -dann ein guter Kamerad, ein unverzagter Mitreißer, ein bißchen Freund und -ein ganz klein wenig Verehrer wurde. - -Fort damit! Er verschwand bald wieder aus ihrem Leben! - -Und so kam nach guten zwei Jahren, nach durchwachten Nächten und mancher -hoffnungslosen Stunde der Morgen, an dem sie das Crivenwalder Gymnasium -zum ›Mündlichen‹ betrat. Am Abend vorher schaute sie zufällig durchs -Fenster auf die See, und plötzlich war ihr eingefallen, daß sie schon -lange nicht mehr spät abends am Strand unter Lindenduft gewandelt war -- -sie hatte es ganz vergessen. - -Außer ihr machte noch ein junger Volksschullehrer und ein junger -Drogenhändler (Theissen und Wolters in Crivenwalde) das Examen. Sie -guckten sich an, wie Tiere, die in denselben Käfig gelassen worden und -sich gegenseitig keinen Vorteil zu gönnen gesinnt sind, und auf die -schwarzen Examenherren wie auf die Bändiger mit der Peitsche. - -Sie schnappten jede Frage, die ihnen hingeworfen wurde, mit einer Gier auf, -wie sie die durchs Durchschnittlernen Gegangenen nicht kennen. - -Die Herren wurden aber befriedigt. - -Alle drei bestanden. Der Drogenhändler und der Volksschullehrer kneipten -die Nacht durch, Christiane aber packte um dieselbe Zeit ihre Sachen -und verließ beim grauenden Morgen Crivenwalde. Schnee und Eis fiel, es -stürmte und graupelte. So häßlich war die Stadt schon lange nicht -mehr gewesen. Die ›Erzengel‹ standen mit roten Nasenspitzen auf dem -Bahnsteig. - -Christiane wußte, daß sie das alles nie mehr wiedersehen würde. - - * * * * * - -Nun kam Berlin. Christiane wohnte bei einer Majorin am Lützowplatz, die -mit Jean Paul verwandt zu sein behauptete und kein Dienstmädchen behalten -konnte. Christiane amüsierte sich darüber und suchte mit den Dingen -fertig zu werden, wie es eben ging. Nie und nimmer wäre sie in eine -Massenpension gezogen und mit einem halben Hundert gleichgültiger Menschen -täglich zusammen gewesen. Auch hier in der großen Stadt bewahrte sie ihr -aristokratisches Prinzip auf Kosten ihres Menschenstudiums. - -Von der Mutter vernahm sie zu dieser Zeit, daß Ludwig nach Danzig versetzt -worden sei. Sie weilte eben bei Cöldts, um den Umzug in die Wege zu -leiten, Hardi, die arme Frau, war ja so schwach. - -Seit jenem Zusammensein war die Verbindung mit Ludwig äußerlich geringer -geworden, er schrieb seltener und nie von sich und seinen politischen -Ideen. Sie hörte eigentlich nur noch durch die Mutter von ihm. - -Jetzt ging sie durch die Berliner Straßen mit dem Gefühl wieder -freigewordener Kräfte und Gedanken. Leise kamen die Stimmungen wieder wie -an jenen Abenden an der See, sie schaute auch die ›eiserne Wehr‹ wieder -an und dachte von neuem an jene Verse. -- Warum war Ludwig versetzt? War -Danzig wirklich ein Fortschritt, eine neue Seite seines Werkes? Brauchte -man ihn dort, wie man ihn in Posen gebraucht hatte? Die Mutter verriet -nichts darüber und wußte es auch wohl nicht. Oder war diese Versetzung -eine -- Unterbrechung? Von einer Änderung des Ostmarkenkurses war nichts -bekannt. - -Sie grübelte und fühlte wieder Leichtsinn, Sehnsucht und Temperament. Und --- Einsamkeit. - -Schließlich lernte sie von den wenigen Damen, die zu jener Zeit -Vorlesungen hörten, Yse Bernhart genauer kennen. - -Eigentlich hatte sich Christiane anfangs an Käthe Arndt angeschlossen, -die dasselbe Ziel wie sie verfolgte und die Tochter eines -Universitätsprofessors und bekannten Frauenrechtlers war. Er hatte viel -zugunsten der kämpfenden Frauen geschrieben, Angriffe zurückgeschlagen -und war mit allen bedeutenden Führerinnen freundschaftlich liiert. Seine -sechs Töchter hatten sämtlich Examen gemacht und waren im Lehramt. Nur -eine einzige war mißraten und hatte geheiratet. Käthes Ziel bestand im -Oberlehrerinnenexamen, mit dem sie ihre Schwestern auf der ganzen Linie -schlagen konnte, und sie wütete so in die Arbeit hinein, daß sie trotz -ihrer Jugend schon Nervenmittel nehmen mußte. - -Durch Käthe kam Christiane mit Yse Bernhart zusammen, die mit ihr in der -gleichen Pension wohnte. Yse hatte keinerlei Examina hinter sich, und -daß sie als Gasthörerin zugelassen worden war, verdankte sie nur der -Empfehlung eines bedeutenden Literarhistorikers, der ihre Bücher gelesen -hatte. Sie war klein, schmächtig und sehr still. - -In ihrem Zimmer hing als einziger Schmuck Thomas ›Sehnsucht‹, der -nackte Mensch, der vor dem Abgrund steht und die Arme nach den weit über -ihn wegfliegenden Wundervögeln streckt. - -Das Bild sagte Christiane viel. Etwas Verwandtes berührte sie. - -Yse stammte aus einer kleinen westpreußischen Stadt, in der ihr Vater -Pastor war. - -Es war kein Dilettantismus in ihr. Nie hatte sie das Leben gesucht, um es -zu finden, um etwas zu ›erleben‹, es war zu ihr gekommen, lag von den -Vätern her in sonderbarer Mischung in ihr drin, es hatte sie getroffen und -damit zum Schaffen fertig gemacht. Keine Spur von Bohème war an ihr, sie -rauchte weder Zigaretten, noch trug sie Eigenkleider, noch verriet sie -irgend welche Hinneigung zur freien Liebe. Ein paar bedeutende Menschen -in Berlin kannten und schätzten sie, luden sie ein und empfanden, wer sie -war. - -Kam sie aber wieder in den Kreis der heimatlichen Kleinstadt zurück, so -ahnte kein Mensch mehr etwas von ihr, und sie brauchte die Leute dort auch -nicht. Aber sie schuf. - -Ihre Geschichten gaben Bilder aus dem Osten, die große Fläche, die -endlosen Getreidebreiten, die Weichsel und Warthe, das Leben in der Stadt -Posen, in der Wallischei und auf dem ›Städtchen‹, in der Dominsel, der -ganze Nationalkonflikt tauchten auf und waren bis zum letzten beobachtet. -Die ganze Wucht des Weltgeschehens stand hinter den Bildern. - -Es dauerte eine Weile, ehe es zu einigen Wärmegraden zwischen ihr und -Christiane kam, denn in ihr lag die harte Zurückhaltung der Einsamen -und das ganze Mißtrauen der Frau gegen die Frau. Dann aber stieg das -Thermometer langsam bis zu einem guten Punkt, bis zu jener naturgezogenen -Eisgrenze, die ein Geheimnis um jeden Menschen wahrt. - -Beide liebten sie die gleiche Heimat und die gleiche Freiheit. Sie -verachteten Berlin, trotz allem, was es ihnen gab, als fürchterliche -Beengung des Lebens, als offenbare Unkultur. Was als architektonische -Schönheit galt, kam ihnen arm und zwangvoll vor, was an Kunst da war, -hatte etwas mühsam Eingefangenes. Sie bedauerten die Menschen, die ihr -Leben in der Großstadt zubringen mußten und ihre Ansprüche danach -zumaßen, die Kinder, die nie ans volle Licht kamen, die Herzen, die nie -einen Sommer erlebten. - -Sie tasteten an die Welträtsel. - -Alle Naturwissenschaft hatte Christiane schon von früh an gefesselt, und -förmlich gierig horchte sie jetzt auf, wenn da und dort ein neuer Vers -vom Weltenlied entdeckt schien. Sie grübelte selbständig daran herum und -suchte nach neuen Gesetzen und fand doch immer nur die alten, weil sie in -ihrer Zeit befangen war wie alle und das gleiche eiserne Netz auch über -sie gespannt war. Dabei fühlte sie, daß im Ganzen für sie immer nur ein -Stück Handwerk herauskam, ein bedingtes und begrenztes Frauenschauen, und -daß sie nach dem allen nicht so unruhig und verwirrt und durstig geforscht -hätte, wenn ihr Leben in eine andere Bahn hätte einlenken können. Sie -suchte dort die Harmonie, die in ihr nicht war, eine Lösung, die sie -einbezog und ihr Leben gültig machte, und fand sie nie und nirgends. Sie -stand außer den Dingen. Dem ewigen, immer wieder ausholenden Kreise der -Schöpfung war sie entrückt, sie war weder klein, noch groß, sie war -übrig. - -Yse kannte nur ein Gesetz für Mann und Frau und wollte es nicht gelten -lassen, daß die Frau innerlich verwuchs und verdarb, wenn sie nicht gleich -anderen Halmen in die Erntekammer kam. Sie kannte und sah in allem und -jedem Entwickeln und Reifen und fand überall einen Sinn. Trotzdem sie die -Dinge unverhüllt schaute, fühlte sie doch Harmonie im Weltgeschehen und -das Dasein als ein Glück. Was an Rätseln ringsum starrte, was vor Not -schrie, was verdarb, was Torso war, Übergang, Abriß, Sinnlosigkeit, -Brutalität -- alles das zog sie in ihre Kunst hinein, und da paßte -es, rundete es sich und leuchtete fackelgleich und purpurn in die -Weltfinsternisse. - -Als Christiane eines Tages zu ihr kam, stand sie vor einem Papier am Tisch. -Darinnen lagen Bücher -- es waren sämtlich die gleichen, die gleiche -Farbe, derselbe Schnitt, derselbe Band. Es war Yses neues Buch. - -Sie hob es hoch und sagte ernst und doch voll seltsamen Zaubers, mit einem -Verrat, der über die Eisgrenze glühend hinwegschoß: »Gott ist das -Werk --!« - -Christiane fuhr zurück. - -Jetzt wußte sie es. - -Zwischen ihnen war ein großer, nie zu überbrückender Unterschied. - -Beide liebten sie das gleiche Land, aber Christiane liebte dort einen Mann, -und Yse liebte dort ihr Werk. - -Yses Leben wäre unter allem, was sie getroffen oder getragen hätte, immer -wieder auf die eine gleiche Lösung, hinausgekommen, aber das ihre hatte -sich erst eine suchen müssen. - -Für Yse war alles Erleben die Saat zum Schaffen, und für Christiane gab -es nur das nackte Erleben allein, und sie war darauf angewiesen. - -Zum ersten Mal merkte sie, wie erlösend Kunst sein kann. Bisher hatte sie -kaum darüber nachgedacht, ja, sie hatte sie in ihren exakten Studien -fast ein wenig verachtet. Ihr schien es, als ob die Menschheit seit -Jahrtausenden darin im gleichen Trott liefe und aus dem Haufen immer die -gleichen Lieder kämen. - -Aber die Kunst kam dem Weltschaffen am nächsten, und auch eine Frau konnte -darin seliger werden als im reinsten Madonnenglück. Das Höchste und -Primitivste war in seiner Wirkung gleich. - -Was aber für die Frau dazwischen lag, war dürres Land, ein Weg mit -verstreuten Halmen, die nicht zur Ernte kommen. Christiane mußte an eine -kleine bucklige Studentin denken, die neulich mit ihrer krächzenden -Stimme gesagt hatte, der große Überschuß an Weiblichkeit sei etwas -Naturgewolltes, der Vorbote großer, sonderbarer Umwälzungen in der -Menschheitsentwicklung und vor allen Dingen für die Gegenwart ein -ungeheurer Auftrieb, der die Frauen mit einem Schlage aus den Niederungen -der Jahrtausende stieße, ob sie wollten oder nicht. - -Christiane dachte: Ja, so mag es sein. Denn wenn ich könnte, wie ich -wollte, ich legte die Bücher hin. Ich stiege aufs Pferd und ritte mit -meinem Liebsten und würde dann alles wissen -- -- -- -- -- -- - -Sie starrte in ihrer Stube um sich, sah nach der ›eisernen Wehr‹ und -biß die Zähne zusammen. - -Aber es nützte nichts. Sie weinte wie sie, damals im Lehrerinnenheim unter -dem Glockengeklingel und den schleichenden Schritten der Alten geweint -hatte. - - * * * * * - -Es kamen noch andere Zeiten für Christiane Dorreyter, wo ihre Arbeit sie -schärfer nahm und ihr keine Minute mehr zum Grübeln ließ. Wo sie froh -war, wenn sie überhaupt ein paar Stunden zum Ausschlafen fand, und ihr -Ehrgeiz ihr wieder zuflüsterte: ›Den andern voran!‹ Es ist notwendig -für ein Gelingen, daß andere dabei sind, die das gleiche Ziel verfolgen, -nie kommt man schneller weiter, als wenn ein Sichmessen dabei ist, ein Sieg -im Siege! - -Das Rhanesche Kapital, das die Mutter seufzend geopfert hatte, ging zu -Ende. Christiane mußte Stunden geben und durch allerhand Aufsätze und -Artikel etwas dazu verdienen. Langsam kam ein stärkeres Interesse für -fachpädagogische Dinge über sie, und sie fand auch schließlich eine -Meinung. Und dann ein Wissen und schließlich die Überlegenheit. Man wurde -schon auf sie aufmerksam, als sie noch auf der Universität war, und sie -bekam noch vor dem Examen allerhand Anerbietungen, denn man riß sich -damals in den Städten um die ersten jungen Oberlehrerinnen. Sie konnte -wählen und suchte einen großen Platz, eine berühmt schöne Stadt mit -alter Kultur, in der sie Gelegenheit zur Weiterbildung fand und auch ein -wenig Raum, um etwas zu sagen. - -In den Jahren schrieb sie ein paar Bücher über Mädchenerziehung, die -viel beachtet wurden und auch bei der langsam einsetzenden preußischen -Schulreform nicht ganz ohne Einfluß blieben. Sie besuchte Kongresse -und Versammlungen und war gewohnt, auf das Podium zu treten und zu einer -respektvoll harrenden, meist weiblich pädagogischen Versammlung zu -sprechen. Den führenden Persönlichkeiten der Frauenbewegung trat sie -näher und beobachtete mancherlei. - -Viele Menschen gingen an ihr vorüber, wenige waren farblos und -Dutzendware, und wenigen gegenüber blieb ihr Wesen stumm. Aber ihr Blut -regte sich nicht, und wenn einer mehr begehrte, als nur Geistiges, so -wandte sie sich von ihm ab. Sie schuf sich eine eigene feine Kultur und war -darin glücklich. - -Langsam sah sie alle Dinge ruhiger und reifer an und dachte kaum mehr an -Ludwig von Cöldt. Was ging ein Mann sie an, der ihrer Schwester Ehegatte -war und nicht mehr nach ihr fragte. Und von dem man nichts mehr -- hörte. - -Seit einiger Zeit war Ludwig auf seinen Wunsch nach Markburg, wo die -Mutter noch immer lebte, zurückversetzt worden und damit von seinem -Ostmarkenwerk, vielleicht auch von allem anderen größeren Werk für immer -geschieden. Damit schien seine Karriere abgeschnitten. Sein Name war aus -der Polenpolitik gelöscht. - -Von Yse hörte Christiane noch dann und wann etwas. Sie war mit der Zeit -berühmt geworden, schrieb aber nicht gern Briefe. - -Die Mutter war jetzt stolz auf Christiane und verriet immer mehr Sehnsucht -nach ihr. Jahr um Jahr hatte es ihr keine Unruhe gemacht, die Tochter -draußen zu wissen, jetzt wo Christiane einen Namen hatte, wo Bücher von -ihr in den Schaufenstern lagen, empfand sie immer größeres Verlangen nach -ihr. Und eines Tages machte sie den Vorschlag, daß Christiane sich doch um -die Direktorstelle an der Sophie-Reutterschule daheim in Markburg bewerben -solle, die vor kurzem erledigt war und nach allem Hörensagen von dem -Patronat mit einer weiblichen Kraft besetzt werden sollte. - -Diese Schule hatte Christiane selbst ein paar Jahre hindurch besucht. Sie -war etwas vor der Stadt in einem alten Herrschaftshause untergebracht, das -im Volksmund das ›Reutterschloß‹ hieß. Die einstige Besitzerin, ein -vereinsamtes Weib, hatte sich aufgehängt, und in ihrem Testament stiftete -sie die Anstalt, die immer nur von den Töchtern der besten Familien -besucht wurde und in ihrem Gepräge etwas hatte, das viel mehr an sehr alte -Zeiten als an moderne Mädchenerziehung mahnte. Die Reutterschülerinnen -wurden zu sehr vornehmen Haustöchtern und verwöhnten Damen erzogen, für -den Sturm war keine gehärtet, und an Konflikte wurde überhaupt nicht -gedacht, was für Markburg vielleicht auch nicht nötig war. - -Damals. Jetzt -- --? Christiane fand sich dabei, wie sie auf einmal -nachgrübelte und im ›Reutterschloß‹ Ordnung machte und ein neues -Wesen schuf. Sie -- als Reformatorin in ihrer Heimatstadt, unter allem -Bekannten, dicht vor Ludwigs Augen --! Sie als Schulmeisterin vor Ludwigs -Augen! - -Alles in ihr sträubte sich. Es war ihr, als müßte sie mit dem, was sie -sich in der ganzen schweren Zeit erworben hatte, vor ihm verlieren, als -müßte sie vor ihm immer noch als die scheinen, neben der er damals -geritten war. - -Ach, die Ostmark war für ihn und sie vorbei, und beider Wege waren aus den -Dickichten herausgebogen, ins Bürgerliche und Normale hinein. Als Mitglied -der Regierung hatte er sogar ein wenig Einfluß auf die Reutterschule, was -die Mutter in ihrem Vorschlag bereits in Betracht gezogen hatte, ja, sie -baute darauf, daß Christiane die Stelle unbedingt sicher sei! - -Aber Christiane bewarb sich nicht. Sie brachte nicht all ihr Erlittenes -vor seine Augen und richtete sich vor ihm und Hardi in einem schmalen Leben -ein! Unverzüglich schrieb sie der Mutter ab. - -Deren Briefe hielten aber die Bitte immer noch aufrecht, Tag um Tag und -Woche um Woche. - -Und es war doch wie ein Stein in Christianens Leben gefallen, in dem die -Wellen nun unruhig zogen und zitterten. Sie sah ihre Existenz an und fand -plötzlich nicht, daß sie immer so bleiben konnte. Ja, sie merkte, daß -sie unbewußt doch immer auf ein Später hin gelebt hatte, auf etwas, das -noch kommen _mußte_. Und vielleicht fand sich nie wieder so etwas wie -diese freie Stelle, an der sie herrschen und alles wahrmachen konnte, wovon -sie in ihren Büchern geschrieben hatte. Sie konnte fort. Und vielleicht -wollte sie auch fort. Nichts hielt sie. Ihr Leben glich einem Zelt, das -wieder abgebrochen werden konnte, trotz all der Bäume und Blumen, die -darum gewachsen waren. Sie konnte fort. - -Es kam hinzu, daß die Stelle an der Reutterschule andauernd unbesetzt -blieb, weil sich die Meinungen in der Stadt gespalten hatten und sogar das -Kollegium und zwar sowohl der männliche, wie der weibliche Teil heftig -gegen die geplante weibliche Oberleitung aufbegehrt hatte. Die Zeitungen -beschäftigten sich bereits mit der Angelegenheit. - -Da lag der Kampf. Das war kein Dutzendwerk, keine schnurrende Spule, das -war ein Leben voll Überraschungen, voll Tat, voller Widerstände und -voller Schaffen. Das war ein Schaffen, das sich lohnte. - -Es kam noch mehr hinzu, Kleines, Kleinliches, Unbehaglichkeiten in -Christianens jetziger Stellung, die ihr nur darum so unerträglich -schienen, weil sie jetzt das Bessere dicht daneben sah. - -Und in einer Stunde und Stimmung, die sie später kaum begriff, in der -ein unerklärlicher treibender Zwang war, schrieb sie an das Patronat der -Reutterschule und bewarb sich, hinter sich die ganze Unterstützung ihrer -Schulreformbücher. - -So kam sie eines Tages als neuernannte Leiterin der Sophie-Reutterschule -nach Markburg zurück und wunderte sich dort selbst über ihren Sieg. - -Vielleicht war es mit maßgebend gewesen, daß man die Dienstwohnung -verkleinern und ihr weniger Gehalt zu zahlen brauchte, als einem -männlichen Leiter. - - * * * * * - -Der Vorsitzende des Patronats, der Regierungspräsident, hatte die -Begrüßungsrede für Doktor Christiane Dorreyter beendet. - -Jetzt kam sie aus der Schar, die sie schwarz und feierlich umringt hatte, -auf die Rednerbühne der Aula und begann langsam und mit klarer Stimme -zu sprechen, rechts vor sich die unbeweglichen Gesichter der Kollegen -und Kolleginnen, links die Schar der Gäste aus der Stadt und die -Patronatsmitglieder. Ludwig von Cöldt war auch gekommen. - -Sie sprach in diesen ungewissen Wall hinein, in dem sie keine Wirkung -erkannte und nur die ungeheure Spannung ahnte, mit der auf ihre erste -Äußerung gewartet worden war. Sie gab im ganzen und großlinig ein -Programm, aus dem deutlich zu entnehmen war, daß neuer Wind hindurchgefegt -war und nichts Verstaubtes geduldet werden sollte. Dann wandte sie sich -an das Kollegium, das sie an Pflicht, Treue und Können scharf zu sich -heranriß, und fühlte, daß es in ihrer kühlen Rede angefangen hatte zu -glühen, wie ein Draht zu glühen anfängt, und empfand dieses schnelle, -rote Hellwerden herrinnenhaft bis zum knappen, festen Schluß in sich, -worauf sie mit einer leichten Verneigung abtrat. - -Der Vorsitzende schüttelte ihr die Hand. - -Nun löste sich aus dem noch immer regungslosen Kreis der Kollegenschaft -ein Fräulein und ging ruckweis mit gesenktem Kopf auf den Rednerplatz zu. -Sie war rund, ohne stark zu sein, klein, aber ohne Zierlichkeit, es war, -als ob die Natur etwas Nettes aus ihr hätte schaffen wollen und es dann -beim plumpen Rohwerk hatte bewenden lassen. Sie war rothaarig, klein und -häßlich, aber die Natur hatte ihr eine scharfe Weiberwaffe gegeben, die -sich in den gallig schrägen Linien um den geschwätzig aufgebogenen Mund -auch äußerlich kundtat. Fräulein Haberkorn warf alle Schulgemeinplätze -mit autoritativer Lehrerinnensicherheit hin, rührte Frömmeleien und -spitze Süßigkeiten hinein und gedachte mit viel Sentimentalität des -verstorbenen Herrn Direktors, worauf sie die neue Leiterin im Namen des -Lehrerinnenkollegiums begrüßte. - -Die Köpfe hoben sich, die Gesichter wurden klarer. Man war wieder auf -festem Boden und verstand. - -Jetzt trat Professor Diermann vor. Er war alt, etwas vernachlässigt, -und hatte einen Begasbart und scheue Augen. Er versprach sich mehrmals, -stotterte und eilte dann mit Energie seinem Ziele, dem Hoch auf den -Landesherrn, zu. - -Danach sang der Schülerinnenchor der Anstalt sechsstimmig einen Choral. -Die Mädchenstimmen waren übermäßig hoch, aber sehr rein. - -Christiane Dorreyter hatte in ihrem Leben schon viele Choräle bei -ähnlicher Veranlassung gehört, und sicherlich hatte sie auch dabei -gesessen, wie die meisten hier: korrekt, zerstreut und gleichgültig. Jetzt -aber stieg aus dem heimlichen Aufruhr ihrer Seele ein Brausen; Erinnerungen -erhoben sich wie schwergeflügelte, dunkle Vögel. Alle Einsamkeiten und -alle Not zitterten wieder in ihrer Seele, alles Mühselige und Götterlose -ihres Lebens hob sein Haupt. Jahre und Jahre waren schwer wieder da. ›Der -dich auf Adlersflügeln sicher geleitet --‹ - -Sie fühlte auf einmal Adlergewalt in ihrem Leben. - -Die Feier löste sich auf. Christiane mußte die Gäste auf einem Rundgang -durch das alte Haus begleiten. Es war äußerlich von sehr reiner, strenger -Form, innerlich aber herrschten manchmal Schatten und Dunkelheit. Das Haus -hatte sich noch nicht ganz seinem Zweck gemäß geformt, überall sah das -Ursprüngliche heraus, die Herrschaftlichkeit. Es paßt zu mir, dachte -Christiane. - -Die Damen der Patronatsmitglieder, Frau Geheimrat Meckebier, Frau Landesrat -Colb und Frau Kommerzienrat Reimann trappten mit rauschenden Kleidern -eifrig voraus, um die Spuren der Neuen aufzufinden, denn sie kannten das -Haus von vielen Kränzchentagen bei der Gattin des früheren Direktors. - -Ganz oben im Zeichensaal waren Blätter ausgelegt, und hier tat die -Oberlehrerin, Fräulein Haberkorn, sich groß: »Alles seit Ostern gemacht, -im letzten Vierteljahr!« Denn so lange war die Direktorstelle unbesetzt -geblieben. Der Kommerzienrat Reimann fragte Christiane mit schlecht -verdecktem Mißtrauen, ob sie sich diese Methode auch zu beherrschen -getraue, und sie sagte ihm kühl, klar und nicht gerade behutsam, daß man -›draußen‹ schon eine Weile anders arbeite, worauf er schnell von ihrer -Seite verschwand. - -Neugierig spähten die kleinstädtischen Frauen zu ihr hin. So eine -Toilette trug keine der hiesigen Damen. Wie kam die dazu? Wollte die das -immer so machen? Als sie das Rednerpult bestieg, war das Rauschen durch den -ganzen Saal gegangen, und alle hatten sie angeblickt. - -Gott, wer war sie denn! Man kannte doch die Verhältnisse und hatte von den -Männern her ihre Papiere in der Hand gehabt. Es gab kein anderes Fräulein -Doktor in der Stadt, aber man legte weiter kein Gewicht darauf. - -Im Amtszimmer standen mehr Bücher, als beim guten alten Herrn. Auf dem -Schreibtisch lagen Stöße von Plänen, Heften und Entwürfen, mit denen -sich die Neue wohl wichtig machen wollte! Fräulein Haberkorn, die der -Tochter der Frau Meckebier Privatstunde gab, hatte schon davon erzählt. -Der Buchhändler in der Rädelgasse hatte die Bücher des Fräulein Doktor -besorgt und ausgestellt. Natürlich kaufte sie kein Mensch. - -Die Frau Landesrat und die Kommerzienrätin flüsterten. Sie schoben sich -würdevoll vor und sprachen für die arme Wehrendorf. Ja, sie hatten -doch einen modernen Frauenverein, und die gute Frau von Cöldt hatte sie -gebeten, ein Wort für die Wehrendorf einzulegen, die endlich eine feste -Stelle haben mußte. Sie war so sehr darauf angewiesen, und deshalb war es -ja Menschenpflicht -- -- - -Menschenpflicht, dachte Christiane Dorreyter. - -Sie wußte genau, daß diese Damen, die einen modernen Frauenverein hatten, -sie im Herzensgrunde verachteten. Sie und die arme Wehrendorf. - -Sie antwortete mit leichter Ironie. Die Patronatsdamen wanderten weiter und -ließen nicht einen Winkel undurchspäht. - -Dann wurde es endlich stiller. Türen dröhnten, die Stimme der Haberkorn -scholl noch einmal echokräftig heraus. Die Damen verabschiedeten sich, -nachdem sie die kleine Wehrendorf dem Fräulein Doktor noch einmal dringend -ans Herz gelegt hatten. - -Es war still. - -Da kam Ludwig von Cöldt. Christiane hörte seinen Schritt schon von -weitem. - -Sie sahen sich an. - -Er gab ihr die Hand, dann schaute er lange auf die ›eiserne Wehr‹ über -dem Arbeitstisch. Sein Blick glitt in ihr Gesicht. Sie hob die Augen, und -eine Sekunde standen sie und verstanden sich wieder im Geringsten, ohne -Wort. - -»Du gibst mir Relief,« sagte sie dann mit leichter Ironie. »Wenn -die Vorstandsdamen gnädig zu mir gewesen sind, so verdanke ich das der -Tatsache, daß ich einen Schwager hier habe. Ich bin höchstens dreimal auf -meinen Doktor, mindestens dreißigmal aber auf den Regierungsrat von Cöldt -angeredet worden.« - -Seine Wimpern zuckten. Er sah eine Sekunde vor sich hin. - -»Du wirst dir deinen Platz schon schaffen,« sprach er dann. - -»O ja,« sagte sie, »das werde ich.« - -Sein Gesicht behielt den gleichen geschlossenen, etwas resignierten Ernst. -Sie sah, daß er sich sehr verändert hatte. - -Sekundenlang durchrann sie eine furchtbare Machtlosigkeit, sekundenlang -brauste ihr Wille wieder räuberisch zum Stehlen und Genießen hin. - -Tief unten war sie in aller ihrer Würde. - -Ihre Hände zitterten. Ihre Blicke streiften das Bild. Sie biß die Zähne -zusammen. Eiserne Wehr, dachte sie, eiserne -- Wehr -- -- -- - -Er sah auf die Bücher, die sie in strengen Reihen umgaben. Durch sein -Gehirn liefen blitzartig die Vorstellungen von den Lebenserkenntnissen, die -sie sich errungen hatte. - -»Du bist Naturwissenschaftlerin,« sagte er. - -Ihre düsteren grauen Augen wurden langsam heller. - -»Meiner innersten Meinung nach, ja,« sprach sie. »Ich kann dir aber noch -einige andere Dinge vorzeigen,« setzte sie ironisch hinzu. - -Er zuckte nur die Achseln. Wieder fuhr sein Blick durch den Raum. Halb -unbewußt suchte er darin nach Zeichen aus den zehn fremden Jahren. - -Seine Ruhe fing an ihre Flügel zu lockern. - -Er begann nach diesem und jenem zu fragen. Ihm gegenübersitzend, etwas in -sich versonnen, wich sie aus. »Das läßt sich so schnell nicht hersagen, -Ludwig. Es war alles sehr kraus. Ich war immer -- Outsider.« - -Sein Blick brannte, ohne daß er's wußte, eifersüchtig auf. - -»Outsider,« murmelte er. - -Er sann vor sich hin. - -Zehn Jahre. - -Christiane blickte nach der ›eisernen Wehr‹. Es zitterte leise in ihr. - -Plötzlich bog er sich ihr zu. - -»Ich möchte dir mein Mädel bringen, Christiane.« - -Sie fuhr zurück. - -»Mein Mädel,« sagte er mit etwas flimmernden Augen, »unsere kleine -Hanni -- --« - -Ihre Lippen zwangen sich. »Wie alt ist sie doch --?« - -»Neun Jahre.« - -Sein Auge hing an ihr. - -»Du sahst sie noch niemals?« - -»Noch niemals,« sagte sie. Sie dachte wieder: Als ich fort -war -- -- -- -- - -Jetzt fühlte sie die -- zehn Jahre. - -»Sie ist groß,« sagte er, langsam vor sich hin erzählend, während -die Veränderung seines Gesichtes blieb, »und sehr kräftig. Nur geistig -schreitet sie nicht recht fort. Aber das Fräulein hat nichts getaugt, ihm -ist gekündigt.« - -Christiane fragte: »Wie heißt sie?« - -»Das Fräulein? Die kleine Wehrendorf.« - -Sie nickte. - -Dabei wurde es freier in ihr. Sie richtete sich auf. - -»Das Fräulein werde ich mir mal angucken, Ludwig.« - -»Wie du willst,« sagte er gleichgültig, »es ist aber nicht viel an ihr -dran. Ein Weibtorso. Nirgends beschenkt.« - -Sie kannte Ludwig. Ein feines Lächeln verzog ihren Mund. - -Das reizte ihn. - -»Wann kommst du zu uns? Wir erwarteten dich schon gestern.« - -»Vorgestern kam ich an. Da war ich in Frankfurt eben fertig. Ich komme aus -einer Arbeit in die andere, Ludwig.« - -»Ja, ja. Aber wir --« - -Sie sah ihn an. - -In seinen Augen wurde ein verschollenes Geflimmer wach. Er wurde wieder -jünger. - -»Aber -- ich --« sagte er. - -»Ich komme, Ludwig. Vielleicht heute abend noch. Wie geht es Hardi? Sie -schrieb so selten.« - -»Dir schrieb sie selten,« sagte er. - -Sie schaute ihn mit großen Augen an. - -Dabei schlich wieder eine heiße, heimliche Welle von einem zum anderen. -Sie wurden still. - -Über ihnen hing in strenger Wacht die ›eiserne Wehr‹. - -»Ich komme heute abend zu euch,« sagte sie. - -Sie gaben sich die Hand und empfanden wieder den uralten Einklang ihres -Blutes und die geistige Zusammengehörigkeit. - -»Ich komme, Ludwig.« - - * * * * * - -Als Christiane allein war, warf sie den Kopf zurück. War sie unwissentlich -an einen alten Strudel geraten? War es _das_ gewesen, was sie heimlich -zurückgeleitet hatte, nichts als -- das --? Waren noch unerhörte -Möglichkeiten, unerhörtes Begehren in ihr, wollte sie noch immer ein -- -Abenteuer --? - -Sie sah wieder die gelben Felder der maiheißen Straßen, die Mühlen, -hörte das Traben der Pferde und ritt wieder neben ihm wie einst. - -Nein, das war vorbei. -- -- -- - -Am späten Nachmittag ging sie fort. Vor dem Hause warf sie noch einen -Blick zurück. Wie gut es aussah, gar nicht schulmäßig! - -Dann kam sie in die Stadt. Seit hundert und mehr Jahren war kein -bedeutender Künstler in ihr gewesen, was an guten Bauwerken da war, -hatte ein graues Alter und war teilweis im Abbruch. Was neu war, war -handwerkerlich, was eben wurde, war es noch mehr. Ziemlich im ältesten -Teil der Stadt lag das ehemalige Cistercienserkloster, das nun -Regierungsgebäude und mit der Geschichte der Stadt und der Provinz -eng verknüpft war. Viele preußische Könige hatten darin geweilt, von -Friedrich dem Großen erzählte man sich ganze Legenden, und Blücher -sollte sich an seinen Steinstufen den Säbel gewetzt haben. Vor hundert -Jahren war der Klostergraben mit Gefallenen bis zum Rand gefüllt gewesen. - -Bald hinter dem Kloster begannen die Anlagen, die in den Stadtpark -ausliefen. Hier waren die Kindermädchen mit den Babies, hier passierten -die Damen, wenn sie von ihren Kränzchen kamen, hier trieben die Backfische -und Jünglinge ihren grünen Flirt. Es gab auch abgelegenere Gegenden -darin, Winkel, in denen geküßt wurde. Ein paar Sportplätze -begrenzten den Park, der gute Baumbestände und die Schönheit solcher -kleinstädtischer Anlagen hatte. - -Christiane eilte rasch hindurch. Schon als Kind hatte sie ihn nicht -gemocht, wie alles, was Massenfreude war. - -Draußen hinter dem Krähenteich, an dem sich die Pensionäre der Stadt mit -Angeln zu unterhalten pflegten, begann der Wald. - -Die Markburger machten sich nichts aus ihm. Sie hatten ihre Vereine und -Kaffeekränzchen. Nur ein paar schulmeisterliche Naturheilapostel oder -ein paar Brunnentrinker kannten seine Wege. Übrigens war er nicht mehr -städtisches Gebiet, sondern gehörte den -- Rhanes. Weiter oben, hinter -dem Forsthaus, konnte man das Schloß bei klarem Wetter wie ein blasses -Schattenbild am Himmel sehen. - -Christiane schaute auf die Stadt zurück. Eine rechte Heimat war sie ihr -nicht, denn als Soldatentochter war sie kreuz und quer durch Deutschland -gezogen und hatte überall ein Stücklein Kindererinnerung gelassen. - -Bald kam der Weg, den Christiane besonders liebte. Als eine schmale, leicht -steigende Allee zog er sich, von starken Tannen eingefaßt, dahin, und -hinter ihm stand der Wald mit Eichen und Buchen. Der Boden war mit roten, -vorjährigen Blättern überstreut. Das Laub war noch voll und unversehrt, -aber schon über manche Sommerglut hinaus. - -Christiane blieb stehen. Ein Rollen zog durch die Wipfel -- das war -Donner. Das frühe Dämmern eines Waldgewitters senkte sich, die Schwüle -verstärkte sich -- dicht über den Wipfeln schien es zu stehen! Da zuckte -es -- wieder ein Zucken, wieder ein Donner -- es war da! - -Christianens Herz jauchzte auf. Traumhaft starrte sie in das schöne -Waldabenteuer, das ihr allein gehörte. Kein Mensch, keine Stimme, kein -Knistern. Kein Vogel rührte sich. Und doch war das Leben nie stärker, -leidenschaftlicher und jauchzender, als wenn es so flammte und schlug! Wie -die Feuer zogen und zuckten, da um den Wipfel einer Riesenbuche tanzten, -dort an den Stämmen hinabliefen, da einen fernen Grund bläulich erhellten --- wie sie sich unerbittlich kreuzten wie Degen und fauchend über dem Wald -zusammenschlugen -- das war schön! Irgend etwas in Christianens Seele war -dabei, tat mit. - -Ein paar große Tropfen sprangen durch die Äste und verrollten im Staub. -Es donnerte wieder, aber schon ferner, es lohte von neuem, aber schon -schwächer. Es wurde still. Die Vögel rührten sich wieder, huschten durch -das Unterholz, rannten über den Weg. Irgend ein Gelächter scholl durch -den Wald. An den Blättern blitzten die Tropfen, darüber kam die Sonne -heraus. - -Als Christiane aus dem Walde trat, lag schon sanfte Abendruhe über den -Feldern. Ein Bahnzug fuhr sacht dahin, die Streckenlichter blinkten. Das -Sonnenrot verging. - -Sie fand die Villenkolonie und Ludwigs Haus. - -Ein kleiner Garten mit vielen dichten Büschen zog sich rings herum, man -mußte in ihn hinein und kam von rückwärts ins Haus. Christiane wurde in -ein großes Zimmer geführt und erkannte den Salon aus Posen wieder. Nichts -war daran verändert. - -Jetzt kam Ludwig schon. - -»Hardi -- --?« fragte sie. - -»Sie läßt noch um einen Augenblick Geduld bitten,« erwiderte er, »bis -jetzt hat sie gelegen. Jedes Gewitter quält sie furchtbar. -- Bitte, -hier.« - -Er führte sie in sein Zimmer. - -Sie sah mit jäher Aufmerksamkeit umher, entdeckte ein schönes Stück -Kopenhagner, einen Liebermann an der Wand, gewahrte die Papiere und Akten -auf dem Schreibtisch und dann Bücher -- ja -- Bücher! - -Rasch trat sie vor die Eichenschränke und sah die Reihen auf und ab. Er -stand hinter ihr. Plötzlich gewahrte sie das alte Bändchen Mereschkowski -und spähte aus, ob ihr nicht da und dort wieder sein eigener Name -entgegenspringen würde. Aber sie sah ihn nicht. Ihr Blick glitt -schließlich unruhig ab. - -Er hatte die Tür zum Gang geöffnet. - -»Hanni!« - -Jetzt kam sein Kind und knickste scheu. - -Christiane merkte, daß es in ihr weniger die Verwandte, als die Erzieherin -sah. Hanni war weder dem Vater noch der Mutter ähnlich, sondern mußte -ihren Typ wohl von irgend welchen längst verschollenen Vorfahren geliehen -haben. Es war kein angenehmer Typ. Das spröde, blonde Haar hing strähnig -um das schmale, feste, unkindlich herbe Gesicht, der Blick der Augen war -eng und kalt, und ebenso eng und kalt fielen die spärlichen Antworten; -der Widerstand der kleinen Schultern, auf die Christiane ihre Hand gelegt -hatte, war unmerklich eisenstark. - -Christiane sah betroffen auf und gewahrte, daß Ludwig sich abwandte. Er -sah nach seinen Büchern hin. - -Jetzt pochte das Mädchen und meldete, daß die gnädige Frau zu sprechen -sei. - -Ludwig führte Christiane die Treppe hinab zu Hardi. Dieses Zimmer kannte -sie noch nicht. Die Möbel waren weich und hell und mit Rücksicht auf viel -Liegen und viel Bequemlichkeit aufgestellt. Ein Rollstuhl fehlte nicht. -Alles war wie im Krankenzimmer. Keine Blume, kein Buch. - -Hardi lag in einem dünnen, lilafarbenen Gewand auf dem Ruhebett und hob -sich nur schwach, mit zwinkernden Lidern. - -»Du -- --« sagte sie. - -Ihr kleines Gesicht zeigte noch immer die merkwürdige Mischung von -Pikantem und Sentimentalem. Sie sah gut aus, großäugig, fast schmachtend, -und doch war etwas von leisem Welken an ihr, vom frühen Vergehen der -blassen, gelblichen Resedablüten, wenn sie geschnitten sind. Sie maß die -Schwester eine Weile und ließ dann davon ab. Ihre Augen irrten zu Ludwig -hin, senkten sich aber gleich wieder. - -»Daß du dich hergewagt hast,« sagte sie halblaut, wie erstaunt. - -»Weshalb --?« - -»Weil doch ein Gewitter war.« - -»Ich war dabei im Walde.« - -Hardi zuckte und warf wieder einen Blick auf ihren Mann. Scheu zog sie ihn -wieder weg, lachte kurz auf und sagte: »Na .. ja -- du ... Wenn ich wie -du wäre, könnt ich's vielleicht auch .... Aber ich bin's nicht! -- -- -Christiane, weißt du noch, wie wir früher drüben am Krähenteich -die Angler ärgerten? Ja, das waren schöne Zeiten. Dann kam ich zur -Schmöckler --« - -Ihr Gesicht bekam einen finsteren Ausdruck. Die Nähe ihres Mannes schien -sie zu bedrücken. - -Er stand schweigend auf und ging. - -Sie horchte ihm eine Weile nach. Dann legte sie den Kopf auf die Kissen. -Ihre Haltung wurde allmählich entspannter, gelöster. Nur im Gesicht -zuckte noch die Unruhe. - -»Ja, das waren schöne Zeiten ... Auch bei der Schmöckler noch ... -anfangs. Und dann, als die Mutter mich so verwöhnte. Wie gut hab ich's da -gehabt. Und da -- da mußte ich das tun --« sie richtete sich wieder -auf und sah nach Christiane hin. »Was weißt du davon,« sagte sie -verächtlich, »was ich gelitten habe!« - -»Gelitten,« sagte Christiane leise. - -»Ja, ja! -- -- Und dann erst. Dann -- als ich -- allein war.« - -Sie sah Christiane finster an. - -»Als ich allein war!« - -Christiane schwieg. - -Es war eine Pause. - -Hardi atmete rasch. Qualvoll vernahm Christiane diesen raschelnden, -schlürfenden Atem. - -Sie ist doch wirklich krank, dachte sie. - -»Als du abgereist warst,« begann die junge Frau langsam wieder, »vorher -hatte ich ihn nicht haben wollen -- jetzt hatte ich ihn nicht mehr. Und -zurück konnte ich doch nicht. Ich hab daran gedacht. Ich hab mir den Kopf -zergrübelt. Brief auf Briefe hab ich der Mutter geschrieben -- die hat sie -dann alle verbrennen müssen. Aber zurück konnte ich doch nicht. Ich war -doch einmal bei ihm. Er hatte doch nun einmal meine Jugend bekommen. Und -da -- --« ihre Stimme wurde ganz heiser, »da -- gab ich ihm das Kind. Ja, -das tat ich aus freiem Willen. Ich gab es ihm. Und damit habe ich ihm den -Rest meines Lebens gegeben -- seitdem wird es nichts mehr mit mir. Kuren -über Kuren habe ich gebraucht, bei so viel Ärzten sind wir gewesen -- -es hat alles nichts mehr genützt. Zuletzt mußte er sich von Posen weg -versetzen lassen. Aber auch in Danzig konnte ich die Luft nicht vertragen, -es ging und ging nicht -- da mußte ich hierher. Zur Mutter. Hier geht es -wenigstens ...« - -Christiane schaute sie an. - -»Und -- er --?« - -»Wer?« - -»Ludwig.« - -Hardi lachte kurz auf. - -»Was denn --? Es geht ihm hier ganz gut. Es gibt genug andere, die sich -in der häßlichen Polakei die Zähne ausbeißen können. Und auf etwas -anderes kommt es doch nicht heraus. -- 's ist doch kein Ziel dabei. Die -Polen verteidigen nur ihr Recht und ihre Heimat. Das tut jeder Mensch, ich -auch. Höre Christiane ... störe mich nicht darin -- -- rege mich nicht -auf ... du weißt ... du weißt doch genug ...« - -Sie brach in Schluchzen aus. - -»Laß mich doch nur. Ich will Ruhe haben ... bloß Ruhe haben, nichts -weiter. Was verstehst du denn davon ... Ich bin ganz verbraucht.« - -Das Mädchen trat ein und gab ihr wieder Morphium. - -Hardi weinte noch eine Weile, dann wurde sie stiller. Zuletzt sah sie -versöhnt zu Christiane auf. - -»Es war das Gewitter,« sagte sie. - -Das Mädchen brachte sie zu Bett, Hardi schlief ganz allein. - -Christiane nahm kurzen hastigen Abschied von Ludwig. - -Als sie durch den Garten ging, hörte sie das stuckernde, ungelenke -Klavierspiel des Kindes. - - * * * * * - -Heute waren die Damen der Sophie-Reutterschule fast alle eine Viertelstunde -eher gekommen. - -Eben trat die Oberlehrerin, Fräulein Haberkorn, in das Lehrerinnenzimmer, -und die Unterhaltung verstummte im Augenblick. - -Das Fräulein war das gewohnt. Es kannte seine Kolleginnen, wie die es -kannten. - -Sie konnte sie alle nicht leiden, aber am wenigsten die, die gut aussahen. -Halb toll konnte es sie innerlich machen, wenn eine eine besonders schöne -Bluse oder hübsche Schleife angesteckt hatte. Dann suchte und suchte sie -unbewußt, bis sie eine Gelegenheit gefunden hatte, um sie zu ärgern. -Sie hatte schon junge Damen aus der Schule herausgebracht, weil sie ihre -Erscheinung nicht vertrug. Beim alten Direktor war sie neben Professor -Diermann allmächtig gewesen. - -Die klugen jungen Lehrerinnen verfehlten daher nicht, sie auch in bezug auf -Toilettesachen um ihren Rat zu fragen. Dann wurde sie am ehesten mit einem -neuen Kleide versöhnt. - -Fräulein Haberkorn war mutterlos aufgewachsen, vom Vater früh ins -Seminar gesteckt worden und hatte dann das Wanderleben gehabt, das viele -Lehrerinnen durchmachen. Aber niemals war ihr etwas Freundliches -begegnet. Kein bißchen Liebe war über sie hingegangen, keiner hatte sie -gestreichelt, keiner geküßt, keinem Menschen war sie zum Leben nötig -gewesen. Sie war in der Welt übrig. - -Ihr ganzer Ehrgeiz hatte sich auf ihre Laufbahn gerichtet, und sie war -schließlich, ohne besondere Examina, so weit nach oben gekommen, wie sie -es in der kleinen Stadt konnte. Und nun übte sie einen ständigen Druck -auf die aus, die nach ihrer Meinung mehr hatten, als sie. - -Es gab welche, die sich nichts aus ihrer Ungnade machten. - -Da war die blonde Mai Friedlein. - -Sie kam erst nach der Oberlehrerin mit einem leisen Rauschen und der ganzen -köstlichen Frische ihrer rosenroten Schönheit herein. Es hieß, sie sei -schon dreißig Jahre, aber genau konnte man es nicht nachrechnen. - -Ihr hatte man es nicht an der Wiege gesungen, daß sie Schulmeisterin -werden würde. Es kam erst mit dem Krach. Ihr Vater war Direktor einer -großen schlesischen Aktiengesellschaft gewesen -- jetzt lag er schwerkrank -in einem kleinen Nest in der Nähe und hatte eine Agentur. Mai war damals -verlobt gewesen. Ihr Bräutigam war aber mit dem Krach verstrickt und ging -nach Amerika. Von dort schickte er noch ein paar Gedichte. Sonst nichts -mehr. - -Mai hoffte noch immer auf eine gute Partie. - -Die Lehrerin Dorette Jong war ihre vertraute Freundin und Beschützerin -und eine zähe Gegnerin der Haberkorn. Sie war dünn und ein bißchen -verbräunt, so daß man den Eindruck hatte, als ob sie an einem langen und -sehr heißen Sommertag draußen vergessen worden sei. Indessen wirkte sie -nicht unangenehm. Um ihre dunklen Finkenaugen hockten Lachfältchen. - -Ihre Nachbarin Fräulein Seifert war sehr dick und groß, aber von einer -unangenehmen, klebrigen Art. Sie war sehr musterhaft und vortrefflich, und -ihre besondere Eigenheit war, daß sie niemals fror oder schwitzte. Diese -physiologische Merkwürdigkeit pflegte sie den jungen Anfängerinnen und -den Schülerinnen fortwährend zur Nachahmung zu empfehlen. - -Jetzt huschten ihre schlauen Blicke ihrer Freundin Haberkorn entgegen, -gespannt, was die als Morgengruß sagen würde. Die Laune der Oberlehrerin -war immer zunächst davon abhängig, wie sie in der Nacht geschlafen hatte, -heute aber fegte wohl noch etwas anderes darein, denn es war der erste -Amtstag des Fräulein Doktors. - -Sie wußte genau, weshalb alle sie so anguckten, und lächelte süß. - -Huldreich nickte sie zwei kleinen Praktikantinnen entgegen, die sich -bescheiden in der Ecke hielten, aber doch aufmerksam und heimlich -quietschvergnügt beobachteten. Sie hießen ›die Kanarienvögel‹. - -»Wie frisch Sie aussehen! -- -- Ja, ja -- die Jugend --!« - -Die beiden Vögel hatten alte Waschblusen an. - -Das war nun bei Mai Friedlein nicht der Fall. - -Das Rauschen hatte die Haberkorn schon lange gepeinigt. Jetzt drehte sie -sich zu ihr um und sagte mit einem Lächeln: - -»Ach, ich dachte wirklich, es käme ein Engel vom Himmel herabgeschwebt.« - -»Es ist vielleicht auch einer,« meinte die Jong trocken. - -Mai warf ihr einen Blick voll ergebener Selbstironie zu, der ihr sehr gut -stand, und sagte nichts. Ihr war keine Schlagfertigkeit gegeben, wenigstens -Damen gegenüber nicht. Da stand die Jong immer mit gesträubten Federn vor -ihr. - -Die Haberkorn lachte glucksend. - -»Ganz recht! Ganz recht! Wie der sich nur bloß in unser dunkles -Reutterschloß verirren konnte!« - -»Er hat vielleicht nur keinen Ausweg gefunden,« sagte die Jong. - -Fräulein Haberkorn lachte von neuem, von den Kanarienvögeln scheu -beobachtet. - -»Hahaha -- das kann ich ja nicht wissen. Aber wenn es so sein sollte -- -suchen Sie nur tüchtig, Fräulein Mai -- -- ich würde Ihnen herzlich gern -dabei helfen -- --!« - -»Danke, das tu ich schon,« sprach die Jong. - -»Wie aufopferungsvoll.« - -»Sie haben uns doch gestern alle Lehrerinnentugenden so schön -vorgehalten,« meinte die Jong. - -Alle wußten, daß die Haberkorn keine Reden halten konnte. Es war ihre -schwache Seite. Sie mußte vorher immer ein Brausepulver nehmen. - -Die Oberlehrerin begann nervös zu werden. - -»Was haben die Herren denn dazu gesagt?« fragte sie. - -»Die waren alle begeistert,« antwortete eine aufrichtige Stimme aus der -Ecke. - -Das war Mielchen Mehlmann. Ein etwa fünfzigjähriges Fräulein mit einem -Apfelgesicht, das sich offenkundig bemühte, sehr damenhaft auszusehen. -Heute trug sie einen mächtigen schwarzen Spitzenkragen über einem neuen -Kleide. - -Das gewahrten die anderen plötzlich. - -»Sie haben sich ja so fein gemacht, Mehlmännchen?« sagte die Jong -gutmütig. - -Mai lächelte ein wenig. Das gute Fräulein ließ doch bei der Beckern im -Probsteigäßchen arbeiten, und die machte doch alle Taillen schief! Mai -Friedlein sah am schärfsten Toiletten und Männer. - -Über die anderen Gesichter flackerte es beunruhigt. Wenn es auch nur die -Mehlmann, die Gesang- und Handarbeitslehrerin war -- besser als die anderen -durfte sie sich nicht tragen! - -Sie wurde noch einmal beguckt. - -»Warum denn nur?« sagte die Haberkorn in merkwürdig schwingendem Tone. -Ihre Blicke schillerten wie die der Katzen. - -Die gute, ehrliche Mehlmann konnte nicht lügen. - -»Nu, wo unser Fräulein Doktor so fein geht,« sagte sie. - -Jetzt hatte sie es in doppelter Weise verdorben. Die Seifert sagte mit -ihrer ganzen Vortrefflichkeit: - -»Liebes Fräulein Mehlmann, auch außer dem Unterricht müssen wir uns -einer guten Aussprache befleißigen!« - -Die Haberkorn nickte geringschätzig: »Ja, ja, die Provinzialismen.« - -Fräulein Mehlmann stammte aus dem benachbarten Neukirch. Sie war so gut -wie vom Lande. - -»Nu, ich meine --« sie verbesserte sich jetzt rasch. »Ich dachte, wenn -unser Fräulein Doktor so fein aussieht, müssen wir auch was übriges tun. -Ich mochte ihr in der alten braunen Bluse nicht mehr begegnen.« - -»Hm,« machte die Seifert. - -Ein Schweigen ging durch die Runde. Die beiden kleinen Vögel wagten kaum -zu atmen. - -Da sprang die Türe auf. Es war aber der Professor Diermann, der immer zwei -Minuten vor Anfang kam. Neugierig lugten seine Augen voraus, dann kam er -näher. - -»Morjen, morjen.« Er griente die Damen an. - -Zwischen ihm und den Kolleginnen galt unsichtbar auch der Satz aus der -Bibel: ›Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe --‹, wie -er in allen Berufen herrscht, in denen es auf eine ernstliche Konkurrenz -hinausgeht. - -Professor Diermann verachtete die Kolleginnen, zunächst weil er ein -geborener Markburger war, die alle arbeitenden Frauen geringschätzten, -dann als Akademiker gegenüber geringwertiger Frauenbildung, dann wegen -noch anderer Dinge. Er machte aus seiner Richtung nicht immer ein Hehl, in -seinem Alter glaubte er Ritterlichkeit nicht mehr nötig zu haben und --- die Damen brauchten ja nicht in die Schule zu kommen, wenn sie -Ritterlichkeit beanspruchten. - -Er hatte vier Töchter, die eifrig Tennis spielten und sich dadurch noch -Männer zu erobern hofften. Wenn nun nicht so viel Damen an der Schule -gewesen wären, so wären eben Männer hingekommen, und damit auch wohl der -eine oder der andere Heiratskandidat. Denn der einzige Unverheiratete im -Reutterschloß, der behäbige Oberlehrer Dreher, war wohl nicht mehr zu -rechnen. -- - -In der Beziehung hatte Diermann Sorgen. Wie schwer fiel es ihm nicht, die -Kleider für die vier herbeizuschaffen! Er mußte auf seine alten Tage -noch Pensionäre halten, und wenn sie ihn zur Ruhe setzten -- was dann? -Er hörte von Tag zu Tag schwerer. Ja, das knappe Gehalt für einen -Familienvater! Und hier diese sogenannten Kolleginnen bezogen für sich -allein so viel Geld! Wozu brauchten sie es denn? Doch nur für Putz! - -Er richtete einen bösen Blick auf Mai. - -Sie übte keine Wirkung auf ihn aus, lächelte aber so freundlich, wie sie -gewohnt war, Männer anzulächeln. Einmal fiel es doch hoffentlich auf den -richtigen Boden, wenn es auch auf keinen Fall der Professor Diermann sein -sollte! - -»Gut geschlafen?« fragte er bissig die Oberlehrerin. »Ja, in unseren -Jahren -- --« - -Er freute sich, daß er ihr einen Stich versetzt hatte. Sie gab ihn rasch -zurück, indem sie ganz leise antwortete: »Haben Sie unser Fräulein -Doktor schon gesehen?« - -Ihr wichtiges Gesicht machte ihn unruhig -- was hatte sie gesagt? Er hatte -nichts verstanden, obwohl er ihr das beste Ohr hingehalten hatte. Rasch -schaute er ringsum. - -Da rief ihm die Haberkorn laut entgegen: »Das -- Fräulein Doktor --!« - -Hastig fuhr er zurück und starrte zur Tür -- da stand aber nur -Mehlmännchen, die in ihre Klasse wollte. - -»Hm,« sagte er nur. Sein Blick wurde eine Sekunde höhnisch. Nach einigem -Irren traf er sich mit dem der Oberlehrerin. - -Jetzt läutete es. - -Die Glocke, ein rostiges Werk, hing unten im Erdgeschoß, durchgellte aber -alle Räume wie ein Feuersignal. - -Sie eilten alle hinaus. Der Professor warf dabei noch einen unzufriedenen -Blick auf Mai. Keine von seinen Töchtern war so hübsch! - -Ei -- da stand ja das Fräulein Doktor! - -Der Alte hatte es noch nie so eilig gehabt. Er riß sich in allen Knochen -zusammen und bedachte nicht, daß er es vor einem männlichen Chef -wahrscheinlich ebenso getan hätte, so lange ihm noch an seinem Amt gelegen -war. - -Aber Christiane sah doch, wie es um ihn stand. Ein ganzes Schulmeisterleben -zog an ihr vorüber: ein bißchen zahme Jugend, dann Schaffen, Sorgen, -Schaffen. Gleichmaß. Schritt auf Schritt. Und auf einmal die Senkung des -Weges, das hilflose Verfallen ins Alter hinein. Die Pensionierung. - -Ja, geschah es einem anderen anders? Geschah es ihr einmal anders? Ihre -Wimpern zuckten scheu. An alles Anfangen schloß sich ein Aufhören. An -jeden Sieg, wie er auch aussah, wie heiß er war, wie mühsam errungen, -schloß sich die Stunde, in der die Waffen abgegeben werden mußten. Alle -Waffen und aller Schmuck. - -Sie wandte sich. - -Da stand jemand. - -»Sie wünschen mich zu sprechen?« - -Da erkannte sie erst die kleine Wehrendorf. - -Ein Schreck lief ihr durchs Herz. - -»Du --« sagte sie. - -Es war noch immer das alte Pechkind, über das die jungen Damen im -Erziehungskasten so gelacht hatten. Es mußten noch manche andere über -das Mädchen gelacht haben, so arm stand es da, so scheu, so still. Das -Gesicht, das nie hübsch gewesen war, war jetzt alt, sehr, sehr alt, -verblichen und geschrumpft. - -Schweigsam folgte sie Christiane in das Arbeitszimmer, matt sah sie zur -›eisernen Wehr‹ auf, hastig drehten ihre Finger den Briefumschlag, den -sie mitgebracht hatte. Sie wagte sich kaum zu setzen. - -»Du möchtest hier am Reutterschloß unterrichten?« - -»Die Damen haben mir den Rat gegeben,« flüsterte die Wehrendorf, »ich -sollte ... ich weiß ja nicht ...« - -Christiane griff nach den Papieren. - -»Zuletzt erzogst du meine kleine Nichte -- --?« - -»Ein Jahr,« antwortete die Wehrendorf. Sie vermied jede direkte -Ansprache, denn sie wußte nicht, ob sie das Fräulein Doktor noch so -anreden durfte, wie die sie. »Ich habe schon viele Stellungen gehabt.« - -»Wo warst du überall?« - -»Damals aus der Schweiz ging ich nach der Lüneburger Heide. Dann --« Ada -suchte in ihrem Gedächtnis. »Dann ging ich nach dem Rhein. Nach Mainz.« - -»Nach Mainz,« sagte Christiane. - -»Da hab ich es sehr gut gehabt. Ich wär so gern geblieben, die Leute -haben mich auch gemocht. Und die Kinder erst -- Schön war's --! Aber da -wurde ich krank.« Ihre Blicke flirrten. - -»Was fehlte dir?« - -»Die Nerven,« murmelte Ada, »und ein bißchen an der Lunge. -Erschöpfung. Danach wurde ich Erzieherin in einer Anstalt für -verwahrloste Mädchen.« Sie schauderte ein wenig. »Das war schwer. Sehr -schwer. Da ging ich --« sie ließ plötzlich die Hände sinken, »ach, ich -weiß es nicht mehr auswendig, es war so viel. Ich hab kein Glück gehabt. -Ich hab kein Glück gehabt.« - -In ihren Augen brannte eine verzehrende Angst. - -»Und ich habe doch immer so gern gearbeitet,« sagte sie. Christiane -schlug die Papiere auseinander. Vor allem suchte sie das Zeugnis heraus, -das Ludwig geschrieben hatte. Es sagte gar nichts. Er hat ihr nicht den -Weg verlegen wollen, dachte sie und durchblätterte die anderen Bogen -- -so hatten die übrigen auch gedacht! Doch -- da auf dem einen stand: -›Körperlich sehr wenig geeignet.‹ - -Sie sah das schmächtige Mädchen wieder an. - -»Hast du niemals an einen anderen Beruf gedacht?« - -»Umsatteln?« fragte die Wehrendorf erschrocken, »das kann ich ja gar -nicht! Wie denn? Was denn? Ich mag doch nichts anderes -- ich passe zu -nichts anderem -- die Kinder immer um mich zu haben -- o, das ist schön! -Ich mag die Kinder so gern! Es war mir so schrecklich, daß ich immer -wieder aussetzen mußte!« - -Sie senkte das Gesicht. - -Christiane überlegte. An der Schule war noch die Stelle des Akademikers -unbesetzt, der abgegangen war, als ihre Ernennung bekannt wurde. An Herren -waren außer dem Professor nur der kleine Oberlehrer Doktor Korn, der -Junggeselle Dreher und der blonde Zeichenlehrer da, von dem es hieß, daß -er ein verunglückter Künstler sei. Alle Kräfte waren sehr überlastet. -Man konnte die Wehrendorf vielleicht versuchsweise eintreten lassen. Aber -Christiane wußte zugleich, daß sie damit eine Verantwortung übernahm. - -Sie legte die Papiere zusammen. »Ich kann dir jetzt noch keinen Bescheid -geben. Morgen sollst du wissen, ob du Aussichten hast.« - -Die Wehrendorf stand auf. - -»Wo wohnst du?« - -»Im christlichen Hospiz.« - -Das Mädchen verneigte sich. Christiane drückte ihr die Hand. Ada ging zur -Tür. - -Da sah Christiane etwas Merkwürdiges. Es war nur eine Schulterneigung, -eine einzige, geringe Haltungsveränderung. Aber sie sagte: bis morgen -ertrage ich es nicht mehr. Es kommt auch nichts. Es wird auch nichts. --- -- -- Es soll zu Ende sein. - -Sie eilte ihr nach. - -Es rief in ihr: hilf ihr! Hilf einer Schiffbrüchigen, einer der ärmsten -unter den Frauen, einer, der nach Schaffen hungert und der es nicht gegeben -wird. Gib ihr einen sanften Platz, einen Anfang -- dann wird sie sich schon -hineinfinden. Sie bringt alle Liebe mit. Nimm es auf dich, auch einmal -gegen deine Pflicht zu handeln. - -»Da,« sagte sie zu Ada, »bring deine Papiere dem Patronat. Dem -Präsidenten. Ich will heute noch selber mit ihm sprechen. Dann wird es. -Hörst du? Es wird.« - -Die Wehrendorf sagte gar nichts. Sie sah sie nur mit erloschenen Augen an. - -»Und geh zu meiner Mutter. Am Stieglitzberg 2. Du wirst schon finden. -Sage, ich schickte dich. Nimm deine Sachen mit, sie wird dir einstweilen -ein Unterkommen geben. Ja, ja, ich meine es im Ernst. Es wird schon werden, -fasse nur wieder Mut. Wir werden dir schon helfen. Du kannst vielleicht -immer da wohnen bleiben, das heißt, wenn es dir späterhin gefällt --« - -»Es wird mir -- schon gefallen,« sprach die Wehrendorf. - -Sie faßte nach Christianens Hand. - -Es war der dumpfe Blick eines geretteten Tieres. - -Sie ging -- -- -- - -Nachher winkte Christiane sich das Fräulein Jong heran, in dessen -Abteilung die kleine Hanni Cöldt heute eingetreten war, und befragte sie -wegen ihrer Nichte. - -Die Finkenaugen des Fräuleins kniffen sich ein bißchen. - -Sie zauderte eine Sekunde. - -Dann sprach sie offen: »Es scheint ein sonderbares Kind zu sein. Sehr -hart, sehr einsam. Und sehr zurück und sehr gleichgültig im Lernen. Na, -wir wollen abwarten.« - -Nachmittags ging Christiane zum Präsidenten. Der empfing sie sofort. Er -trug einen uralten Namen, der an Landsknechtslieder und verbrannte Städte -erinnerte, und irgend etwas war an ihm, das ihr nicht unsympathisch war. -Überhaupt hatte sie in ihrer ganzen bisherigen Laufbahn selten einen -Widerstand auf männlicher Seite gefunden, ihre bittersten Gegner waren -immer nur die Frauen gewesen. - -»Ich hoffe, daß gnädiges Fräulein -- pardon, Fräulein Doktor, sich -in Markburg eingewöhnen werden. Wir reiten Schnitzeljagden, haben einen -Kunstverein und einen Regierungsball --« - -»Die Markburger Kunst werde ich mir ansehen,« antwortete sie, »die -Schnitzeljagden sind für mich vorbei.« - -Rasch kam sie auf ihr Thema. - -Der Präsident erhob keinen Widerstand. - -Er war ein Fünfziger. Seine Frau, eine Wandlenburg, war eine Zeitlang -Christianens Schulkameradin gewesen und vor einigen Jahren verstorben. Die -Söhne besuchten die Ritterakademie. - -Seine schwarzen Augen maßen sie aufmerksam. - -Sie sprachen von mancherlei und kamen wieder auf die Reutterschule zurück. -»Der gute Diermann wird schon recht alt,« sagte der Präsident. - -»Ich fürchte, es wird nicht mehr lange mit ihm gehen,« erwiderte -Christiane, »sein Gehör ist nur noch sehr schwach.« - -»Hm,« machte der Präsident. »Wir müssen nun allerdings bedenken, -daß wir erst kürzlich einen sehr tüchtigen Mitarbeiter an der Anstalt -verloren haben -- deshalb bleibt uns nichts anderes übrig, als das noch -Vorhandene so gut wie möglich festzuhalten.« - -Sie begann lebhaft von ihrem Plan, der Ausgestaltung der Reutterschule, -aber er streckte die schmale weiße Hand ein wenig aus: »Zunächst wollen -wir Sie noch gar nicht mit solchen Dingen behelligen, Fräulein Doktor,« -sagte er liebenswürdig. - -Zum ersten Mal spürte sie an diesem verbindlichen Weltmann eine Spur -Mißtrauen. Wir haben dir ja den Willen getan, aber -- aber -- -- -- - -Sie lächelte in sich hinein. Was dachte er? Woher kam das auf einmal? War -das die Kleinstadt? Sie lächelte wieder. - -Wißt ihr denn nicht, daß meine Hände eisenstark sind und eisenstark sein -müssen? Denn was hätte ich sonst, wenn ich mein Werk losließe --? - -Ich will schaffen! - - * * * * * - -Sie ging nach dem Stieglitzberg. Die Straße lag am Stadtpark und hatte die -Aussicht ins Grüne. Grade gegenüber dem Hause Nummer zwei war die große -Fontäne, der Stolz der Stadt. Sie sprang, wenn es viel Wasser gab. Das -Haus war einer der in Markburg üblichen stuckreichen Maurermeisterbauten -und nicht mehr ganz neu. - -Im ersten Stock war das Türschild: ›Verw. Frau Hauptmann Dorreyter, geb. -Freiin von Rhane.‹ - -Die Mutter hatte es in den ersten Zeiten anfertigen lassen, als die Pension -noch nicht so gut ging. Um einen Anziehungspunkt zu haben, nicht, um etwas -Besonderes vorzustellen. Denn sie war nie etwas Besonderes gewesen, auch -in ihrer Jugend nicht. Es hatte nicht in ihr gelegen, so schön sie auch -gewesen war. Das große Feuer des Blutes, das wilde Begehren ans Leben, -jedes Wagen hatte ihr gefehlt. Das sich zum Glück selber Berufenkönnen. -Wie es Hardi fehlte. Darum waren alle goldenen Äpfel, die das Schicksal -ihr etwa hätte reichen können, an ihr vorbei in den Staub gerollt. Darum -war sie Frau Dorreyter geworden und hatte alle Not gekostet. Jetzt ging -die Pension recht gut. Die Tischwäsche mit der Krone aber war längst -verschlissen und durch solche aus dem Warenhause ersetzt. Aus der -›weißen Woche‹. - -Christiane hatte manchmal gedacht: wie gut ist es, daß ich niemals ein -Kind haben werde. Ich könnte es nicht ertragen, wenn es anders würde als -ich. Wenn es -- zurücktauchte. - -Jetzt aber hatte sie an Hanni Cöldt gesehen, daß es noch viel -wunderlichere und sonderbarere Dinge gibt als ein einfaches Zurückgleiten -der Generationen. - -Die Mutter öffnete selbst. Sie hatte ein Staubtuch in der Hand. In -einem der Zimmer, dessen Inhaberin grade nicht da war, wurde Reinmachen -abgehalten. Frau Dorreyter hatte Christiane vor vier Tagen bei der Ankunft -begrüßt und ihr dann ein wenig beim Einzug ins Reutterschloß geholfen, -hierauf war sie gleich wieder in ihre Pension zurückgeeilt, denn die gab -zu tun. - -»Warst du bei Hardi?« fragte sie gleich eifrig. »Wie fandst du sie?« - -»Nervös, wie immer.« - -»Sie ist sehr krank. Hättest du sie nur gesehen, wie ich sie gesehen -habe! Die ganze Heirat war eine Torheit. Wäre sie nur bei mir! Nur die -allergrößte Schonung kann ihr Leben erhalten --!« - -Christiane zuckte die Achseln. - -Frau Dorreyter öffnete die Tür zu ihrem Wohnzimmer, das zugleich -allgemeines Eßzimmer war. Sie schlief auch darin. Abends wurde das Sofa -für sie zurechtgemacht, und sie lag darauf besser, als in irgend einem -Bett. Sie war es gewohnt. Früh, ganz zeitig, stand sie auf. - -Jetzt war alles tadellos aufgeräumt. Auf dem Büfett lagen die -aneinandergereihten Serviettenröllchen der Damen neben einem blanken -Nickelkaffeegeschirr. - -Auf dem Tisch stand noch eine Kanne mit dem Wärmer. - -»Das ist für die Friedlein und die Kanarienvögel. Die sind ausgegangen. -Ich glaube --« ihr Gesicht wurde besorgt, »die Friedlein hat wieder -eine ... Aussicht.« - -Christiane lächelte. »Gönn's ihr doch!« - -»Aber sie hat es doch so gut! Das schöne Gehalt -- keine Sorgen -- wenn -ich es nur so gehabt hätte!« - -»Dann will sie es eben -- schlechter haben,« sagte Christiane. - -»Du lachst! Ich habe es der Mai neulich ernstlich vorgestellt. Etwas -Besseres als ihre Freiheit hat sie doch nicht. Sie hat es sich angehört -und ist dann gegangen und hat sich einen neuen Hut gekauft!« - -Christiane zog die Mutter auf das Sofa. »Hör zu: Du bekommst heute einen -Gast! Schreib ihn auf meine Rechnung, denn nehmen mußt du ihn!« - -»Um Gottes willen -- wen denn?« - -»Die Wehrendorf.« - -»Ach herrje, ich kann sie doch nicht in die Speisekammer stecken. Es ist -wirklich kein Raum mehr frei.« - -»Es geht doch,« beharrte Christiane, »sie braucht jemand wie dich --« - -Frau Dorreyters herbes Gesicht erhellte sich. In der Arbeit in der Pension -hatte sie endlich die Befriedigung ihres Lebens gefunden. Soweit Hardi ihr -Interesse nicht in Anspruch nahm, gehörte es den Berufsdamen. - -»Wie lange ist sie doch von Cöldts fort?« fragte Christiane. - -»Vor den Ferien war es. Also seit fünf Wochen.« - -»Und seitdem hat sie im Hospiz gelebt. Vermutlich hat sie kaum noch -Geld.« - -»So sah sie aus. Ich hab sie manchmal drüben im Stadtpark gesehen und -dachte immerzu: die geht noch in den Teich. Darum hab ich Hardi gebeten, -daß sie noch irgendwie für sie sorgt.« - -»Die Vereinsdamen sprachen mir von ihr.« - -»Ja, ja. Unter den Mitgliedern mag vielleicht noch die eine oder andere -sein, die ihre Eltern gekannt hat. -- Weißt du, ich will sie bei der Jong -einquartieren und aufs Sofa betten. Die erlaubt das gern. Wir wollen mal zu -ihr gehen, was meinst du?« - -»Wer wohnt denn alles bei dir?« fragte Christiane. - -»Außer dem Fräulein Seifert alle Damen vom Reutterschloß. Ich komme mit -ihnen aus.« - -Auf dem Flur, auf dem die Mangel und ein paar Fahrräder standen, -flüsterte die Mutter plötzlich: »Du, wir klopfen besser erst bei der -Haberkorn. Denn wenn du zur Jong gehst und nicht erst zu ihr, so nimmt sie -das übel.« - -»Wie furchtbar.« Christiane lachte. - -Aber in dem Augenblick geschah es doch anders. - -Fräulein Mehlmann öffnete ihre Tür, noch den roten Schein eines -ausgedehnten Nachmittagsschläfchens auf den Wangen und erstrahlte in -Seligkeit und Respekt, als sie Christiane gewahrte. - -»Ach, Fräulein Doktor, ne -- ne« -- sie unterbrach sich hastig -- »ich -wollte nur sagen, das freut mich aber -- jetzt müssen Sie doch bei mir -eintreten, nur auf ein Augenblickchen, ein einziges Augenblickchen --!« - -Sie kam hinter den beiden in das große Zimmer zurück und zuckte -erschrocken: »Wirst du wohl! Verzeihen Sie nur -- da ist wieder das dumme -Tier, der Kater, hereingekommen --« - -Auf dem gepolsterten grünbezogenen Ohrenstuhl richtete sich ein riesiges -schwarzes Katzentier auf und sprang mit einem Satz auf den Blumenteppich. - -»Marsch -- marsch -- fort --.« Fräulein Mehlmann jagte ihn aufgeregt aus -der Tür. - -»Sie haben hier Ihre eigenen Sachen?« fragte Christiane, die sich -umgesehen hatte. - -»Ja, ja, die von zu Hause. Ich habe nur die leeren Stuben gemietet. Ich -könnte ja auch allein wohnen, aber dann ist mir zu bange. Hier hat man -doch immer eine Ansprache, wenn man sie haben will ...« Sie blickte -Christiane glücklich an. - -»Vor zwanzig Jahren sind Sie noch meine Schülerin gewesen ... wissen Sie -noch ...?« - -»Ich weiß es noch,« lächelte Christiane. - -»Ne, daß es nu so gekommen ist ...! Aber gestickt haben Sie immer fein. -Immer die besten Kanten!« - -»Ich kann's nicht mehr,« sagte Christiane. - -Das Fräulein riß die Augen auf. »Gar nicht? Ach, Sie scherzen, Fräulein -Doktor ...« - -»Durchaus nicht, Fräulein Mehlmann.« - -Die Handarbeitslehrerin wußte nicht, was sie sagen sollte. Sie -schnüffelte ängstlich. »Ach, ich weiß nicht ... riecht es hier nicht -ein bißchen nach Katzen? Es ist ein Schabernack mit dem Tier. Es kommt -immer über den Balkon zu mir.« - -»Wem gehört es denn?« - -»Dem Fräulein Jong,« sagte die Mutter. »Aber eigentlich wird er von -allen Damen gleich verwöhnt. Nur Mai gibt ihm manchmal einen Schub.« - -Fräulein Mehlmann stand verlegen auf. »Ach, ich weiß schon, was das -schwarze Vieh bei mir so anzieht ...« - -Wichtig öffnete sie einen gelben Kirschbaumschrank, in dem man Kleider -vermutete. - -Darinnen lagen aber auf sauber gezacktem Papier Schinken und -Würste, Kuchen und Plätzchen, Tütchen und Schachteln, Obst- und -Marmeladebüchsen. - -Fräulein Mehlmann griff hastig etwas heraus, roch daran, zog die Nase -kraus und murmelte: »Das muß bald gegessen werden ...« - -Dann wandte sie sich an Christiane: - -»Sie sehen, das ist meine Speisekammer. Ich muß das haben und hab' mir -deshalb auch den großen Ofen setzen lassen. Wenn ich aus der Schule komme, -probiere ich mal das, mal dies -- ich will ja der ausgezeichneten Küche -der Frau Hauptmann durchaus nicht zunahe treten, aber am besten schmeckt -halt, was man sich selber gekocht hat ... Ich kann nicht anders: Ich -muß wenigstens dann und wann wirtschaften! Möchten Sie nicht meine -selbstgebackenen Knusperchen probieren, Fräulein Doktor --?« - -»Und hier« -- mit einem Ruck griff sie ganz tief in den Schrank -- »hier -ist noch etwas Besseres ... ein Likörchen! Selbstgemacht, ja, natürlich! -Noch nach dem Rezept von zu Hause! Ein Schlückchen ... ja ...? Was, Sie -danken, Fräulein Doktor? Gar nichts wollen Sie annehmen? Ein Schlückchen -doch wenigstens ... die anderen Damen nehmen es so gern -- Wenn Sie nur -hören könnten, wie die es immer loben ... Na, denn ein andermal ... -andermal, gewiß, nicht wahr -- --?« - -Christiane beruhigte sie und stand auf. - -Wie war das hier so warm und familienhaft! - -»Wirklich kein Likörchen?« bettelte das Fräulein noch einmal. - -Sie mußte zusehen, daß die Damen ohne Stärkung gingen. - -Draußen flüsterte die Mutter: »Nun schnell zur Haberkorn -- die hat doch -schon sicher was gemerkt.« - -Als die Tür aufging, fiel Christianens Blick sofort wieder auf den Kater. -Er stand mit fröhlich gehobenem Schwanz inmitten eines blanken, kahlen -Fußbodens und leckte sich die Lippen. - -Die Oberlehrerin schien doch etwas zusammenzufahren. - -»Ach,« sagte sie ärgerlich, »verzeihen Sie nur, das Tier hat sich -hierher verirrt -- ich pflege es sonst nicht. Mir bleibt keine Zeit dazu.« -Sie deutete auf ihren Schreibtisch. »Gegenwärtig bin ich mit einer -Geschichte der Sophie-Reutterschule beschäftigt ... fürs Jubiläum im -nächsten Jahr.« Sie ging an die Tür und jagte den Kater hinaus. - -»Marsch, marsch -- --« - -Das Tier quietschte leise auf. - -»Ja, also das fünfzigjährige Jubiläum,« sprach sie zurückkehrend, -während sie Christiane ins Gesicht sah und jeden Zug in ihm und jede Falte -ihres Kleides studierte, »wir werden doch eine große Feier veranstalten -müssen. Mit Herrn Professor Diermann habe ich neulich schon über das -Programm gesprochen. -- Ich meine -- -- vor den Ferien,« setzte sie rasch -hinzu. - -Christiane sagte nicht viel. - -Sie las in den Augen das wehrhafte Unterlegensein, die echte -Frauenfeindschaft. - -Der Raum war der beste der ganzen Etage, denn die Fenster gingen nach -dem Springbrunnen hinaus, und der grüne Rasen schien herein. Christiane -erkannte die wertvollsten Sachen ihrer Mutter, die noch Rhaneschen -Stempel trugen, aber sie waren nüchtern gestellt und hatten durch viele -Nippsachen, Bilder und scharfgelbe Gardinen einen kleinbürgerlichen -Anstrich erhalten. - -Keine Phantasie, dachte Christiane, kulturlos, ganz kulturlos. - -Gleich nebenan war das Zimmer des Fräulein Dorette Jong, das letzte -auf dieser Seite der Etage. Ein bescheidener Raum mit geringeren, -verbrauchteren Möbeln, aber mit einer Unmenge von Blumen und Büchern. -Nicht nur das Handwerkszeug, sondern eigene Bücher, gelesen, gekannt, -zärtlich gestellt, Reihe an Reihe. Rechts ein Bord, links ein Bord -und über dem Sofa noch ein vollgepacktes Brettchen, an ganz dünnen -Drahtfäden hängend. Es sah ängstlich aus. - -Die Lehrerin hatte den Kater im Arm. - -»Er ist bange,« sagte sie nach unbefangener Begrüßung, »was hat er -denn erlebt? Wie seine Augen ausschauen, wie seltsam der unbekümmerte -Raubtierausdruck mit einem Schrecken, ich möchte fast sagen, mit einer -seelischen Enttäuschung kämpft --« - -Frau Dorreyter lachte. »Verwöhnen Sie das Tier nur nicht gar zu sehr! Was -haben Sie davon!« - -»Es ist uns gleich,« sprach Fräulein Jong ruhig. - -Sie hob es ein wenig hoch. Es war fast wie eine zärtliche kundige -Mutterbewegung, aber es glänzte auch etwas Selbstironie in den -Finkenaugen. - -»Ich bin halt nicht so modern,« sagte sie. - -»Vielleicht sind wir das alle nicht,« sprach Christiane. - -»Aber es gibt solche, die schon als alte Jungfern auf die Welt kommen,« -erwiderte die Jong. »Ich gehör dazu. Als kleines Mädel hab ich mich -immer nur gewundert, daß ich jung bin. Als ich dann unversehens ins -dreißigste Jahr rückte, dacht ich: nun hast du's ja. Nun kannst du dir -ruhig deine Katze anschaffen und die Blumen ...« Sie deutete zum Fenster. -»Frau Hauptmann schilt wohl immer über den vielen Kram beim Reinemachen, -aber ich bringe sie doch nicht weg.« - -Christiane sagte ruhig: »Es ist doch nicht Ihr Einziges.« - -Die Jong guckte jäh. - -»Ach, die Bücher,« sprach sie langsam, »ja, deswegen bin ich mein -ganzes Leben gefoppt worden. Aber sie sind doch nun mal meine Leidenschaft, -und ich muß immer welche haben, und morgens in der Schule denk ich schon -immer daran, was für ein Glück mich zu Hause wieder erwartet.« Sie sah -vor sich hin. - -»Wenn die anderen Sie nicht mit ihren vielen Wünschen stören,« sagte -Frau Dorreyter, »die Mai oder Ihre anderen Schützlinge.« - -»Das gehört dazu,« erwiderte die Jong. - -Frau Dorreyter hielt es jetzt für an der Zeit, mit ihrer Bitte -herauszurücken, und das Fräulein war gleich dabei. - -»Gewiß behalt ich sie. Das stört mich gar nicht. Hier auf dem Sofa kann -sie schlafen. Nur die Bücher muß ich vom Bord nehmen, sonst fallen sie -ihr schließlich noch auf den Kopf.« Sie lachte. - -Da klingelte es an der Korridortür. - -»Das wird sie sein,« sprach Frau Dorreyter. - -Klein und ängstlich trat die Wehrendorf ein. Die Kartons, die ihre Habe -enthielten, hatte sie draußen auf dem Flur gelassen. - -Sie war sehr verlegen. - -»Immer Courage,« sagte die Jong, »vor mir brauchen Sie sich nicht zu -genieren, wir sind ja Kolleginnen, da hilft doch mal eine der anderen. -Und später rücken Sie hier ganz in unseren hohen Kreis ein -- in den der -Damen vom Reutterschloß!« - -»Wenn es nur würde,« sprach die Wehrendorf. - -»Es wird schon. Nur immer Mut. Es stört Sie doch nicht, daß Sie noch -keine eigene Stube haben?« - -Ada hob nur die Schultern. Leise sagte sie: »Ich hätte dort im Hospiz -morgen ... nicht mehr wohnen können.« - -»Sie armes Tier. Na, das ist keine Beleidigung, mir sind die Tiere so gut -wie die Menschen. Kommen Sie, wir wollen auspacken!« - -Frau Dorreyter eilte hinaus, um Kaffee zu holen, und Christiane folgte ihr. - -Auf dem Gang begegneten ihr Mai Friedlein und die Kanarienvögel, die eben -heimkamen. Die prangende Schönheit Mais bestürzte sie wieder wie beim -ersten Anblick -- die gehörte nicht vor Schulbänke, sondern in seidene -Kleider und in heiße Hände, zu Liebe und Verlangen! Das war die Eva aller -Zeiten. - -Während des Gesprächs wurde ihr Urteil kühler -- viel Temperament und -Intelligenz schien nicht vorhanden. Flüchtig sah sie in Mais Zimmer, einen -überputzten, hellen Mädchenraum mit dem Geruch von Parfüm und gebrannten -Haaren. - -Die Kanarienvögel hausten dagegen in einem engen Hofkämmerchen, dessen -einziger Schmuck ein großes Plakat über den Betten war: ›Mensch, -ärgere dich nicht!‹ Auf dem Tisch stand eine Schachtel Schokolade. - -Als Christiane nachher heimging, hatte sie neben dem Eindruck ihres seltsam -verwandelten und belebten Jugendheims das Gefühl, ihre Mitarbeiterinnen an -dem Nachmittag ganz gut kennen gelernt zu haben. - - * * * * * - -Es war nach einem Abendessen beim Regierungsrat von Cöldt. - -Der Kreis war nur klein, denn große Gesellschaften gaben Cöldts nicht, -nur das Allernotwendigste, denn die Hausfrau war zu leidend. - -Übrigens sah sie an dem Abend sehr gut aus, oder sah sie abends -immer besser aus? Es war viel Reiz an ihr, etwas gradezu sentimental -Schmachtendes. Und doch wußte man in der Stadt, daß sie -nicht schmachtete, oben und unten wußte man's; oben durch ihre -Frauenvereinsdamen, unten durch die Dienstboten. Schon manches hübsche -Mädel, das im Hause gewesen war, hatte dem schlanken Hausherrn mitleidig -und verlangend nachgeguckt. - -Er hatte jetzt eine merkwürdig stille, verschlossene Art, und grade -die widerstrebte Christiane plötzlich an ihm. Absichtlich, um ihn -aufzuscheuchen, um zu forschen, brachte sie die Rede auf die Ostmark. - -Sie saßen im Salon. Herren und Damen waren nach Tische nicht getrennt -worden, aber es hatte sich in dem großen Raume von selbst eine gewisse -Schiebung vollzogen: links mehr das männliche, rechts fast nur das -weibliche Element. Christiane saß bei den Herren. - -Der Präsident war auch anwesend. - -Sonst fiel ihr nur der Assessor Wratislaw von Wratislawski auf, trotz -seines Namens ein Deutscher, von großer Rassenhäßlichkeit. Er -hatte einen Doggenkopf, der durch die Korpsstudentenspuren und das -Lebemannsdasein fast gefährlich ausdrucksvoll geworden war. Seine -Sprechweise störte; er redete so zart meckernd, daß man unwillkürlich -glaubte, er hätte noch eine andere in der Tasche, wie etwa ein -zweites Paar Handschuhe. Seine Blicke waren heimlich über Christiane -hingeschossen, aber sie war nicht nach seinem Geschmack. Er sollte -allerhand Verhältnisse in Bürgerkreisen haben. - -Der Assessor, der auch im Posenschen bekannt war, horchte bei Christianens -Worten auf und meinte, die Sache ginge jetzt ja gut voran. Er sei vor -einiger Zeit mal wieder durch Posen gekommen und hätte nur immer -gestaunt, wie sich alles verwandelt habe. Überall neue Häuser und -Großstadtstraßen! Alles ganz preußisch! - -Ludwig sah auf. - -»Ein paar gute Bauten mögen hinzugekommen sein, aber in der Hauptsache -sind es doch Mietskasernen. Wälle und Bäume sind fort, dafür steht ein -kleiner Ring Deutschtum mitten im Polnischen.« - -Sie schaute ihn an. - -»Es ist also noch nichts gewonnen?« - -»Nichts,« sagte er. - -Sie sann und sah wieder die Wälle und Bäume, die wilden Kirchhöfe. Sie -sah das Sonnengold hinter dem Dom stehen und sah die unendliche Ebene. - -Die Bäume und Wälle hatte man entfernt. Aber die polnische Ebene war -geblieben. - -Sie blickte Ludwig wieder an und wartete auf eine Äußerung, die ihr -verriet, daß er mit der Sache noch immer nicht ganz fertig war, sondern -daß seine Gedanken noch immer darum spielten, daß seine Hände heimlich -nach dem alten Werk griffen. - -Aber er sagte nichts mehr. - -Sein Blick glitt zerstreut durch den Raum, um sich sofort voll -verbindlicher Aufmerksamkeit auf den Präsidenten zu richten. - -Auch die übrigen sprachen längst von etwas Anderem. - -Christiane merkte, daß sie nicht mehr in diesen Kreis paßte. - -Sie sprach nur flüchtig mit, aber ihre Blicke glitten umher, und alles in -ihr spannte sich in hellsichtiger Menschenbeobachtung. - -Sie erkannte wieder, wie gering die Schicht Bildung auch bei den Menschen -ist, die sich doch zu den Oberen zählen. Mit welch eng begrenztem -geistigem Weidegebiet sich die meisten begnügen, wie unendlich bescheiden -in dieser Richtung die sonst so Unbescheidenen sind. - -Sie empfand wieder, daß geistige Kultur in der Gegenwart etwas ganz -Seltenes ist, die nur eine mäßige Zahl besitzt, während Tausende in -dumpfem Jammer vergeblich danach tasten und die große Mehrheit ganz gut -ohne sie fertig wird. - -Ironisch horchte sie auf Flugergebnisse, die eben berichtet wurden, und -dachte: ja, das ist etwas, das auch vom engsten Weideplatz aus begriffen -wird. Aber daß es noch anderes gibt, immer gegeben hat, daß unendliche -Massen geistigen Schaffens längst vorhanden sind, das wissen und brauchen -die Vielen weder für ihr Leben noch für ihren Tod. - -Daß grade Ludwig trotz seiner Erziehung in seinem Denken nicht einseitig -war, sondern alle Dinge und Gedanken des Lebens suchend und blitzend -umfaßte, daß man bei ihm nie an die sperrende Hürde kam, hatte sie -früher, wenn auch anfangs mehr unbewußt, am meisten gepackt. Er war ein -Aristokrat der Kultur. - -Jetzt konnte er nicht anders geworden sein und war es auch nicht. Aber -nach außen war es verkapselt, auch ihr gegenüber, so daß sie wieder und -wieder ins Irren kam -- -- Nach dem Schaffen hin war er verkapselt, stummer -regloser, gleichgültiger, und nach der Kleinstadt hin hatte er sich -geöffnet -- -- - -Er war glatt geworden, sehr glatt. - -Die Unterhaltung mit dem Chef plätscherte -- Jagd oder wovon redeten sie -sonst? Sie mußten ausgezeichnet harmonieren. Christiane erschien der Herr -mit dem uralten Namen plötzlich als ein rechter Spießer. - -Der Assessor von Wratislawski stand leise auf und pirschte sich sacht nach -der weiblichen Seite hinüber, wo die Unterhaltung kürzeren Wellenschlag -hatte. Die Frau Geheimrat Meckebier hörte man aus allem heraus. - -Christianens Gedanken strömten unwillkürlich zu ihrer Arbeit hin, was ihr -sonst in geistvollem Kreise selten geschah. Im Gegenteil konnte sie sie oft -kräftig vergessen. - -»Ach, Fräulein Doktor, wie macht sich meine Jüngste?« Frau Colb -rauschte zu ihr heran, der Titel wollte nicht so recht über ihre Zunge; -sie quetschte ihn. »Es freut uns sehr, daß Sie hier sind, wir rechnen -ganz besonders auf gute Mitarbeiterschaft.« Sie setzte sich neben sie. -»Das war Ihnen doch wohl eine kleine Überraschung, daß in der Heimat -inzwischen auch moderne Frauen entstanden waren --? Ich nehme an, daß Sie -von unserem Verein gehört haben. Meine Nichte, die jetzt zu Besuch ist, -war von unseren Arbeiten ganz entzückt.« - -»Kann ich erfahren, was Sie schon erreicht haben, gnädige Frau?« - -»Nun -- das warme Frühstück für die Schulkinder, dann eine Flickstube. -Und jetzt sind wir dabei, dafür zu sorgen, daß alle bedürftigen -Wöchnerinnen wenigstens acht Tage lang eine warme Suppe bekommen. Wir -lassen auch Vorträge halten, und ich bin eben dabei, unsern Herrn -von Wratislawski zu gewinnen -- er soll uns über die Reichsverfassung -belehren.« - -Christiane hob den Kopf. »Sie nennen sich moderne Frauen?« - -»Allerdings. Unser Verein bekennt sich zu fortschrittlichen Grundsätzen. -Wir wollen die Leistungsfähigkeit der Frau auf allen Gebieten heben. Mit -dem alten Kram räumen wir auf. Alle unsere Mitglieder sind tapfer dabei. -Unsere gute Frau von Cöldt opfert sich förmlich, trotz ihrer schwachen -Gesundheit.« - -Christiane sah nach der Schwester, die in eifriger Unterhaltung mit der -Kommerzienrätin saß, wobei ihre Lider wie immer in süß unbewußtem -Schmachten niedergeschlagen waren. - -So, tat sie das? - -»Ich könnte Ihrem Verein ein sehr dankbares Werk weisen, gnädige Frau,« -sagte Christiane langsam, »haben Sie wohl einmal der Frauen in der Stadt -gedacht, die da -- arbeiten? Die also praktische oder -- ich will lieber -sagen -- unbewußte Frauenrechtlerinnen sind --?« - -»Wie meinen Sie, Fräulein ... Doktor?« - -»Nicht die Unterschicht, sondern die gebildeten Mädchen, die hier ihr -Brot verdienen.« - -»Ja, aber ... ich verstehe noch nicht ...« - -»Ich meine, daß sich zwischen Ihnen, den fortschrittlich gesinnten -Frauen, und diesen jungen Mädchen, die der Fortschritt gepackt hat, -vielleicht eine Brücke schlagen ließe. Es wird so manche hier sein, der -das einsame Geldverdienen noch schwer fällt, so manche aus gutem Haus, -die in der fremden Luft und in den fremden Gefahren zittert und einen guten -Anhalt ersehnt. Ich glaube, da sind viele, die zwar in ihrer Arbeit froh -sind, aber sich in den Freistunden vor Einsamkeit verzehren, weil sie von -ihrer Familie versprengt und im Herzen wählerisch sind, denen könnten die -modernen Markburger Damen ein wenig helfen --« - -Frau Colbs befremdeter Blick schoß nach links und nach rechts zu ihren -Freundinnen. Eine kleine Stille trat ein. Sogar der Assessor hörte zu. -Hardi sah Christiane merkwürdig spöttisch an. - -»Ich sehe da ein schönes Arbeitsgebiet für Ihren Verein,« sprach -Christiane, »allerdings keine -- Wohltätigkeit.« - -»Aber diese jungen Mädchen gehören doch nicht zu uns,« sagte Frau Colb. - -»Sie _arbeiten_,« antwortete Christiane, indem sie die Dame fest -anblickte. - -»Ja eben deshalb ... solche Elemente ...« Frau Colb biß sich auf die -Lippen, denn ihr fiel ein, daß die Sprecherin ja auch dazu gehörte, -wenngleich sie die Schwägerin des Herrn von Cöldt war. - -Ratlos sah sie sich um. - -»Unter meinen Lehrerinnen sind einige, die, wie ich genau weiß, sehr -einsam sind,« fuhr Christiane ruhig fort, »denn der Verkehr untereinander -ist auf die Dauer doch recht einseitig.« - -»Es steht ja nichts im Wege, daß die Damen sich an unserem Wirken -beteiligen.« - -»Verzeihen Sie, gnädige Frau -- ich glaube nicht, daß es sie nach ihrem -strengen Schaffen noch nach -- Wöchnerinnenpflege zieht,« entgegnete -Christiane ironisch, »aber eine Heimat brauchten sie, Anschluß, etwas -Geselligkeit und Freude -- Erholung --! Grade da müßten sich Ihre -Interessen über alle herkömmliche Wohltätigkeit hinweg berühren,« -fuhr sie fort, »die Mütterlichkeit der modernen lebenserfahrenen Frau -gegenüber den einsamen Schwestern, von denen ein volles Werk verlangt -wird.« - -Frau Justizrat räusperte sich und schickte ein unsicheres Lächeln voll -Hochmut ringsum. - -»Man merkt, daß Sie hier doch recht ... fremd geworden sind, Fräulein -Doktor,« sprach sie, und diesmal kam der Titel scharf heraus, fast -zugespitzt und verächtlich hingetan, »wir Damen der Gesellschaft haben -da so vielerlei Rücksichten zu nehmen, dergleichen geht nicht so leicht, -nicht wahr, meine liebe Frau von Cöldt? Auch würde uns die Zeit dazu -wirklich fehlen ...« - -Sie wandte sich rasch dem Assessor zu und begann ihn von neuem wegen der -Reichsverfassung zu bearbeiten. - - * * * * * - -Als Christiane an dem Abend in Mantel und Tuch ziemlich als die Letzte aus -dem Cöldtschen Hause trat, kam ihr Ludwig nach. - -»Verzeih,« sagte er, »der Präsident hielt mich eben noch fest --« - -»Du willst mich begleiten?« Ihre Augen kniffen sich lustig, »Ludwig, -glaubst du nicht, daß ich unter ähnlichen Umständen schon oft allein -gegangen bin?« - -Er sagte nichts. - -»Genau so, wie die jungen Mädchen, die die Markburger modernen Frauen -verachten.« Sie lachte. - -Er entgegnete noch immer nichts. Sein Blick fuhr am Hause empor. Eben -erhellte sich Hardis Schlafzimmer. - -Sie gingen an den dunklen Gärten der Villenstraße entlang. Man roch den -Rasen, die Sträucher, die Erde und, ach, von drüben her den Wald. Man -sah ihn nicht. Aber man fühlte die Stämme mit ihren ungeheuren Massen von -luftgierigen Blättern oder Nadeln, die Eichen, die Tannen, die Buchen und -versprengten Linden und fühlte ihren tiefen Herbst. - -Christiane dachte jetzt nicht an die törichte Süßigkeit des Vergangenen. -Ihr Sinn wühlte sich in die andere Seite ihres Lebens zurück, in das -Schaffen, Grübeln und einsame Leisten, in Gedanken an die vielen, die -ebenso wirkend ihren Weg gekreuzt hatten, an so manches Mädchen, so manche -Frau aus der Höhe, gleichfalls getrieben vom Muß oder vom Entschluß. Sie -sah die Zeiten voll eiserner Aufsichgestelltheit, voll Konzentration, voll -hoch emporflackernder Zweifel, voll geistiger Belebtheit, die durchlesenen -oder durchlernten Nächte, ganz nahe am starken Wissen der Menschheit, die -Stunden in der Schule, in denen immer und immer Energie da sein mußte, in -denen stets die Kritik neben dem Schaffen stand und kein Nachlassen sehen -durfte, und verglich damit die Existenzen dieser kleinstädtisch gehegten -und gepflegten, in ihren Sippenerlebnissen aufgehenden Frauen, an die -ganz von fern ein neuer Wind gestrichen war und die die fremde Sache -in gänzlichem Unverständnis zu einer Art Kränzchensport und sanftem -Zeitvertreib machten -- ach, da gab es keinen Vergleich -- --! - -Sie ging rasch und federnd. Alles in ihr war Frische und Bejahen des -Lebens, so wie es für sie war! - -Er schritt müde, gebeugt. - -An nichts rühren, dachte sie. Leise, leise gehen -- wir wandern aneinander -vorbei. - -Ich will es auch. Ich brauche ihn nicht mehr. Etwas in mir klingt nicht -mehr. Es mußte alles so sein. Aber -- ich brauche ihn nicht mehr. - -Jetzt waren sie am Gartengitter des Reutterschlosses und schauten beide -an dem Hause empor, dessen feste, schöne Linien sich abzeichneten, vom -Waldduft umweht. - -»Wie wundervoll, daß ich hier wenigstens _das_ habe,« sagte sie lebhaft, -»eine Welt abseits aller Spießer! Ludwig, wie stolz bin ich auf mein -Heim, auf alles selber Erworbene -- immer wieder schaue und staune ich -- -es ist so schön!« - -»Ja, das ist dein Reich,« sagte er langsam. - -Er küßte ihr die Hand und ging. - -Die Hausmannsfrau leuchtete Christiane in ihre Wohnung hinauf. Das Licht -fiel grade auf die ›eiserne Wehr‹. - -Ein leiser Schauer überrann sie. Aber sie lächelte noch immer. -- - -Cöldt ging durch die Allee wieder zurück. Er atmete den Wald. - -Weiter oben am Bahnübergang sah er noch einmal nach dem Reutterschloß -zurück. - -Auch von dort glühten ihm zwei helle Fenster entgegen, wie vorhin von -Hardis Zimmer. - -Ein schweres Begehren schwoll in ihm auf, das Mannesbegehren überhaupt und -das Begehren nach Christiane. - -In den Wochen nach ihrer damaligen Abreise, als nur die spröde, -jüngferlich feindliche Frau um ihn war, hatte er sich entschlossen sich -freizumachen, trotz allem, was daran hing. Von Tag zu Tag wurde sein Wille -fester. Und dann wollte er mit Hardi davon sprechen. - -Es war Abend, rot stand es über den Wällen, im Zimmer brannte noch kein -Licht. Da fing er an zu reden. Er ging dabei auf und ab -- sie richtete -sich empor und sah nach ihm. Sie kam zu ihm. Er merkte, daß sie ihn gar -nicht verstand. Sie schluchzte. Sie legte die Arme um ihn. So hatte sie es -nie getan. So -- nicht. - -Sie war seine Frau. - -Und dann kamen wieder die Stunden, in denen sie mit ihrem furchtbaren -Leiden kämpfte. Und die Wochen, in denen es nicht besser werden wollte -und Arzt auf Arzt ins Haus kam und die Krankenluft durch alle Zimmer drang. -Aber er war getrost: er hatte ja das Kind. - -In der Zeit war Christiane für ihn verschwunden. - -Geduldig ließ er Hardi von Bad zu Bad reisen, begleitete sie zu -verschiedenen Kuren, geduldig nahm er es hin, daß sie immer und immer -schonungsbedürftig blieb -- es war ja noch Licht da, eine rührende -Kostbarkeit, ihr Liebesopfer. - -Bis ihm allmählich der Charakter des Kindes klar wurde, bis die Züge sich -unerbittlich zusammenfügten, bis das Erkennen überhaupt über ihn kam und -er alles -- begriff. Das Kind gehörte ihm im Herzen nicht, so wenig wie -die Mutter im Herzen aufrichtig sein gewesen war; es verriet in seiner Art -allen inneren Widerstand, alle Starrheit, alles feindliche Muß; es liebte -keinen. - -Und nun ging das Leben weiter. Wie ein Gewicht hing sich Hardi an ihn, nahm -ihm sein liebstes Werk, und die Leute fanden es ehemännisch korrekt, daß -er es gab. Er kehrte in die Stadt zurück, in der keine besondere Leistung -ihn erwartete, aber die kranke Frau hatte hier einen harmlosen Zeitvertreib -in ihrem Verein, ein flaches Sichbeschäftigen mit dem Kind und den -Haushaltsdingen und fühlte sich im Grunde ganz behaglich. - -Sie verlangte nichts weiter, als Rücksicht, Rücksicht. - -Und er? - -Er war in der ganzen Zeit nie vom Wege abgewichen. - -Jetzt kam er an sein Haus zurück und sah, daß Hardis Zimmer schon dunkel -war. - -Im Eßzimmer räumten noch die Mädchen und das Fräulein. Sonst war alles -still. - -Er ging in sein Zimmer und machte Licht. Er wollte noch ein Buch holen und -griff einen bekannten Band. - -Der Abend -- allein -- dachte er bitter. - - * * * * * - -Gesenkten Kopfes und sehr hurtig ging die kleine Wehrendorf nach dem -Reutterschloß. Ein wenig stolz war sie schon, aber das Bangen ließ sie -nicht los. - -Ihre Gesundheit war so sehr schwach. Der Husten blieb und blieb und störte -nachts die Jong, obwohl die es nicht wahr haben wollte. - -Das kam von den vielen heimatlosen Jahren. Nach den verschiedenen -Stellungen gab es immer nur ein angstvolles Intermezzo in irgend einem Heim -oder Hospiz, ein unruhiges Zählen des Geldes -- wie lange reichte es noch? -Ihre Aussichten wurden immer ungünstiger. Sie wußte, wenn sie diesmal -nicht festwurzelte, anderswo kam sie nicht mehr an, dann war sie zu alt. -Und neuen Kampf, neues Sicheinrichten hielt ihr Körper auch nicht mehr -aus. - -Christiane hatte ihr eine junge und kleine Klasse gegeben. Nein, da war es -nicht schwer. Diese achtjährigen Dinger waren so sanft und niedlich, das -Herz wurde ihr immer wärmer bei ihnen -- irgend etwas stieg aus ihrer -Seele herauf, das klammerte sich gierig an sie. Abends konnte sie -schweigsam sitzen und an die eine oder die andere denken, jedes Lächeln, -jedes reine Wort, jeden lieblichen Kinderblick vergegenwärtigte sie sich -dann -- von oben bis unten war sie in Wärme gehüllt. - -Sie schaute auf. Da kam Fräulein Friedlein. Wie leicht die ging, und wie -schön sie aussah. Da kam ja auch ein Herr, der sie grüßte, ein großer, -schwarzer -- häßlich war er -- aber sie schienen sich doch wohl ganz gut -leiden zu können --? - -Er blieb sogar stehen und sah ihr nach. - -Ach, nun nahte die Schlimmste -- die Haberkorn. Tausend verquälte -Lebensstunden erschienen vor Ada, wenn sie die Oberlehrerin sah. Die gibt -es vielmals auf der Welt, dachte sie. - -Aber die Haberkorn guckte jetzt nur nach der Friedlein, ihr Gesicht war -scharf. - -Wahrscheinlich hatte sie den überaus höflichen Gruß des Herrn auch -gesehen. - -Ada war dergleichen sehr gleichgültig, sie hatte keinen Sinn für -Liebesgeschichten. Nie war ihr der unerhörte Gedanke gekommen, daß sich -jemand für sie interessieren, daß einer sie hätte heiraten können! Ihre -Wünsche und kühnsten Träume hatten sich nie so weit verstiegen. - -Ihr ganzes Lebensideal war -- die Arbeit, die Kinder, ein gutes, sicheres -Schaffen! Und dann noch etwas -- ein eigenes Zimmer zu besitzen. Einmal im -eigenen Raume ungestört zu sein, Tag und Nacht, eigene Sachen um sich zu -haben. Sie dachte an das Wohnen im Glaserker, im Badezimmer -- in ihrem -Erzieherinnenleben hatte sie noch manches andere Derartige kennen gelernt --- oder sie hatte bei den Zöglingen schlafen müssen, wie in der Villa -Cöldt. - -Wenn sie angestellt würde! An der Schule bleiben könnte -- dann -vielleicht! Jetzt betrug ihr Gehalt als Hilfslehrerin nur sechzig Mark, -mehr hatte das Patronat für sie nicht bewilligen wollen, und dann war in -der Pension auch kein anderes Zimmer frei. - -Scheu bewundernd sah sie am Reutterschloß empor -- wie schön war es, hier -zu wohnen -- so zu sein, wie Christiane. Fräulein Doktor -- sie sagte es -lautlos vor sich hin, es schien ihr unerhört und sehr groß, daß eine -Frau so weit kommen konnte! - -Im Schulhaus senkte sie den Kopf wieder. Wie die Großen nur guckten. Jetzt -lachten sie -- sicher über sie -- über ihre verschossene Bluse. Ach ja, -darüber hatte schon manche gelacht. - -Als sie in die Klasse trat, wurde ihr wieder tröstlich zumute. All die -braunen und blauen Augen, die sich auf sie richteten, all die Locken und -Zöpfchen, die jetzt mit in Bewegung kamen -- die ganze Schar drängte auf -sie zu und gab ihr die Pfötchen. - -Eben wollte sie mit ihnen beten, ein Kindergebet, das sie so gläubig -sprechen konnte, als ob sie selbst ein Kind sei -- da ging die Türe auf. -Die Vorsteherin, und hinter ihr -- erbarm sich der Himmel -- die kleine -Cöldt! Sie sah schon die grünschillernden, kalten, höhnischen Augen -- -ja, das war sie. - -»Hier ist deine ehemalige Schülerin,« sagte Christiane, »sie soll jetzt -hier sein, denn für die höhere Klasse ist sie noch nicht reif genug.« -Ein jäher Zweifelblick brach aus ihren Augen. Dann fügte sie aber hinzu: -»Das Pensum hier wird sie sicher schaffen.« - -Ada konnte nichts weiter sagen. - -Die Leiterin ging. - -Ada setzte Hanni Cöldt weit nach hinten. Sie mochte sie nicht so nahe -haben. Dabei kam ihr aber wieder Besorgnis -- dort war sie ja kaum zu -beobachten! Und Hanni -- Hanni Cöldt! Ein Schauder überlief sie, wenn sie -an das vergangene Jahr dachte -- davon hatte niemand etwas gewußt, und -es war auch ganz lautlos geschehen -- dieses hartherzige, erbarmungslose -Quälen. So konnte nur die kleine Cöldt quälen! Ada sah die grünlichen, -engen, klaren Augen vor sich -- die hatte kein Herz. Kein Fünkchen Liebe. -Überhaupt keine Seele. Die war hart in sich. - -Sie begann ihren Unterricht. Die Augen der kleinen Mädchen taten sich -groß auf -- so schön hatten sie die Geschichte noch nie gehört! Ada -wunderte sich selbst, wie leicht es ging, wie die Worte ihr so glatt und -farbig kamen -- wenn sie es immer so machte, auch wenn der Schulrat kam, -dann wurde sie angestellt. Ihr Herz wurde leicht. - -Da -- auf einmal -- ein Kichern. Es verflog. Sie sprach weiter, wollte -es nicht gehört haben, es gab so leicht Unannehmlichkeiten -- da, schon -wieder. Sie guckte. Die eiskalten Augen der kleinen Cöldt begegneten ihr. - -»Hanni,« sagte sie. - -Nach einer Weile ertönte wieder das Lachen. Jetzt merkte sie, daß alle -Kinder unruhig waren, sie hörten kaum auf ihre Erzählung. Irgend etwas -war ihnen zugeflüstert worden und machte die Runde -- ein Wort über sie. - -Ada starrte in die verwandelten Gesichter, sie fragte -- keine Antwort. Die -Cöldt sah sie mit spöttischer Ruhe an. - -In der Pause überlegte die Wehrendorf verstört: sollte sie es -Christiane sagen? Sie bitten: nimm das Kind wieder fort? Aber das war ein -Eingeständnis ihrer Machtlosigkeit. Und sie wußte auch, daß Christiane -ihr das Kind auch nicht wieder gebracht haben würde, wenn ein anderer -Ausweg möglich gewesen wäre. - -Hoffentlich würde sie sich selbst darum kümmern. -- - -Die Haberkorn flüsterte mit der Seifert. Frau Geheimrat Meckebier habe -neulich eine Andeutung über das Fräulein Doktor gemacht -- keine sehr -wohlwollende --! Zwar hatte sie sich nicht näher geäußert, aber es war -doch zu verstehen: die Dorreyter mußte bei den Patronatsdamen irgendwo -angestoßen haben! Na, wenn man sie auch schon sah -- dieser Hochmut! -Dieses steile, kühle Wesen! Die guckte ja über alle hinweg! - -Die Herren, der Junggeselle Dreher und Doktor Korn, kümmerten sich nicht -weiter um solche Dinge, nachdem sie erkannt hatten, daß das Fräulein -Doktor ihnen durchaus in vornehmer Weise Freiheit ließ. Korn erzählte -manchmal ein paar listige Beobachtungen der Kolleginnen seiner Frau zu -Hause. Sie waren sehr glückliche Leute, die lange aufeinander gewartet -hatten, und waren mit ihrem Los zufrieden. - -Der Zeichenlehrer aber war von Christiane ganz entzückt. - -Mit großer Zartheit war er von ihr auf einen neuen Weg geleitet worden, -auf dem er etwas aus seiner melancholischen Kleinstadtlethargie aufwachte. - -Jetzt merkte er auf einmal, daß sich hier im verachteten Amt auch etwas -wie eine feine Kunst bot, neben der seine bisherigen eigenen, gänzlich -erfolglosen künstlerischen Versuche kläglich verblichen. - -Oberlehrer Dreher beobachtete Christiane von seinem phlegmatischen -Junggesellenstandpunkt aus. - -Dieses viel beredete und beguckte Fräulein Doktor Dorreyter -- eigentlich -eine ganz interessante Erscheinung! Er sah ihr manchmal sinnend nach, -schattenhaft stieg ein ungewohnter Begriff vor ihm auf: große Dame. - -Die paßte kaum hierher. - -Seine Kollegen vom Stammtisch im ›Deutschen Kaiser‹ begannen ihn zu -necken -- er suchte ja eine Frau! Wenigstens war er schon seit langem weder -mit seiner Wirtin, noch mit seinem Essen zufrieden. Ob er denn da nicht -vielleicht den Versuch machen wollte -- es böte sich ihm doch die beste -Gelegenheit -- Brr -- er erschrak förmlich, wenn er's hörte! - -Die Friedlein dagegen, die blonde Mai -- eben huschte sie wieder in seiner -Nähe vorbei -- schön war sie, und mehr als einmal hatte er sich schon -in sie verliebt. Aber entschließen konnte er sich nicht -- ihre Toiletten -kosteten sichtlich recht viel Geld und -- sie war ihm eigentlich zu -schön. -- - -Christiane traf Professor Diermann auf dem Korridor. Sein Hut glitt lässig -vom Kopfe, seine Augen blickten sie gehässig an -- sie hielt ihn fest und -sprach mit ihm. - -Er verbarg seine Aufregung -- er hatte nichts verstanden! Diese dunkle -Stimme war so schwer zu vernehmen. Er hatte auf ihre Lippen geguckt, aber -es war ihm keine Klarheit geworden. - -Nun ging er zu seinen Schülerinnen. Für heute hätte ich eigentlich schon -genug, dachte er. - -Es war sehr heiß. Die Sonne brannte sommertagswarm über den -Oktoberfeldern. Er fühlte sich sehr schlecht. Als er in den Physiksaal -trat, empfand er wieder: ich kann heute nicht. Er winkte dem jungen -Mädchen ab, das ihm bei den Apparaten behilflich sein wollte, und stellte -sich ans offene Fenster. Hier war Schattenseite. Aus dem Garten stieg ein -herbstlicher Würzduft herauf. Ah -- was war das nur, das ihm die Lungen so -zusammenschnürte -- was war das -- --? - -Hinter ihm hatten die Mädchen sacht zu zischeln begonnen, jetzt schwatzten -sie ungeniert. Sie redeten über seinen Kopf weg -- er verstand ja doch -nichts! - -Er hörte auch nichts. Der Schweiß kroch auf seine Stirn -- was war denn -das -- -- -- - -Er bog sich vor, um noch mehr von der frischen Luft zu spüren, aber von -draußen aus dem blauen Tag schien eine sonderbare Dunkelheit zu ihm zu -kommen -- was -- was -- -- ah -- jetzt war es wieder weg! - -Er wandte sich -- da sah er das Fräulein Doktor mitten im Saal. Sie redete -mit den jungen Mädchen. - -»Ich hatte Sie eigentlich sprechen wollen, Herr Professor,« sagte sie -nun, auf ihn zutretend, »Sie wissen --« - -Nein, er wußte nichts. Er hatte ja nichts verstanden. Der Ärger -durchlohte ihn. - -»Sie scheinen krank, Herr Professor,« sagte sie nun, »ich bin gern -bereit, Sie zu vertreten -- --« - -Er starrte sie an -- ihm schien Klarheit zu kommen. - -Er sah auch die betroffenen Gesichter der Mädchen. - -»Nein, nein, danke,« murmelte er, »sehr liebenswürdig -- mir ist wohl. -Ganz wohl.« - -Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, sein Herz raste. Jäh huschte -sein Blick zum Fenster. - -»Mir ist ganz wohl.« - -Krank sein kann man wohl, wenn man jung ist. Wenn nichts in Gefahr ist. -Aber jetzt -- jetzt -- zwei Jahre mußte es noch gehen -- die letzte -Gehaltszulage mußte er noch haben! Zwei Jahre noch! - -In seinen Augen stand die Angst. Seine Hände zitterten, als er nach den -Apparaten griff. Er hatte keine Ahnung, was heute eigentlich durchgenommen -werden sollte ... jetzt winkte er Betty von Kramer und befragte sie leise --- nun wußte er's. - -Er griff nach dem Reagenzglase, das ihm Betty reichte. Ganz deutlich sah er -eine bräunliche Lösung darin und wollte es nehmen, aber dicht vor seinen -Fingern fiel es zu Boden und zerschellte. - -»Herr Professor, ich bitte Sie herzlich -- ruhen Sie sich heute lieber -aus.« - -Er fuhr herum. - -Da stand sie ja noch. - -Sein Fuß trat in die Splitter. - -Wahnsinnige Verwirrung erfüllte ihn. Was war das denn? Was wollte sie? -Warum ließ sie ihn nicht in Ruhe? Die sollte fort -- fort -- -- - -Die -- die -- -- -- - -Er stotterte etwas. Oder schrie er etwas? - -Die Schar der Mädchen fuhr mit einem entsetzten Rauschen auf. Das hörte -er noch. Zugleich verlosch der blaue Tag für ihn. Die Dunkelheit, die -heimlich draußen gelauert hatte, brach herein und riß ihn zu Boden. - -Man brachte ihn besinnungslos nach Hause. - - * * * * * - -Christiane schrieb an Käthe Arndt und fragte, ob sie nicht Lust hätte, zu -ihr zu kommen. Es sei Platz an der Reutterschule. - -Der Arzt hatte Christiane verraten, daß der Professor nicht mehr in sein -Amt zurückkehren würde. - -Warum denke ich an die Arndt? fragte sich Christiane. - -Brauche ich jemand von -- früher? - -Langsam stiegen die alten Zeiten vor ihr auf, in denen sie doch -Kameradinnen um sich gehabt hatte. - -Jetzt -- -- wie das von allen Seiten an sie stieß. Viel Feind, viel Ehr -- -ja, ja! Viel Widerstand, viel Sieg! -- -- Aber es zehrte an den Nerven. - -Der Vorgang mit dem Professor war in der ganzen Stadt aufgebauscht und -verzerrt worden. Einer hatte immer mehr gewußt als der andere, sogar die -jungen Mädchen, die den Vorgang überhaupt nicht recht begriffen hatten, -zischelten. Für alle Unbeteiligten stand es fest, daß der alte Herr nur -infolge irgend einer aufregenden Auseinandersetzung mit Christiane krank -geworden war. Sogar die Frau und die Töchter waren zu ihr gekommen und -hatten erkunden wollen, was eigentlich vorgefallen sei. - -Christiane hatte dem Patronat berichtet und auch mit dem Präsidenten -gesprochen, sie mußten ihr natürlich glauben, aber ein Rest blieb doch --- wie war das mit dem alten, verdienten Herrn nur so schnell gekommen! Nun -waren ihre Pläne erst recht hintenan gestellt. - -Unter den Mitarbeitern war eine gewisse Scheu entstanden. So gut es -ging, wichen sie Christiane aus. Nur die Jong, Doktor Korn und der junge -Zeichenlehrer nicht, und allenfalls die Friedlein, die ganz andere Gedanken -hatte. - -Ja, was kümmerte sich Christiane um dergleichen? War das nicht die -Kleinstadt, die schon abfärbte? - -Was gingen sie die guten Leute an, die auf der Straße hinter ihr her -zischelten und die Köpfe wendeten ... die Spießbürger! -- -- - -Jetzt läutete es draußen. - -Sie ging selbst hinaus, denn sie wußte, es war Hanni Cöldt, die sie sich -zum Nachmittag eingeladen hatte. Das Fräulein brachte sie und ging gleich -wieder. - -Das kleine Mädchen kam sicher herein und besah Christianens Zimmer. -Die Bücher, die Möbel, die Bilder. Alles etwas von weitem, ohne das -ernsthafte Interesse näher zu treten, alles mit dem gleichen kühlen und -verborgen spöttischen Blick. - -Erst mußte sie mit der Tante Kaffee trinken. Dann -- was tat man -mit diesem Kind? Christiane hatte sich Bücher herausgesucht, mit dem -unwillkürlichen Trieb des Kulturmenschen strebte sie danach, des Kindes -Verhältnis zum Gedruckten festzustellen. Hanni sah über Blätter und -Bilder, über Geschichten und Märchen. - -»Märchen --!« Ein geringschätziges Lächeln flog über ihr klares, -kaltes Gesicht. - -»Die magst du nicht? Hat dir keiner welche erzählt?« - -»O, ja, die verschiedenen Fräuleins. Wenn ich nicht still war, bekam ich -immer ein Märchen zu hören.« - -»Und das gefiel dir nicht?« - -»Nein. Sie sind ja doch nicht wahr.« - -»Woraus schließt du das?« - -»Weil ich nichts davon sehe. Nirgends. Nirgends. Und dann hat sie mir -jeder anders erzählt. Und doch waren es immer dieselben.« - -»Ich würde sie dir auch wieder anders erzählen,« sagte Christiane, -»und siehst du, grade deshalb sind die Märchen wahr.« - -»Weil jeder sie anders sagt?« Hanni verzog den schmalen Mund. - -»Wenn du mit deinen Gefährtinnen im Wald spazieren gehst, dann sieht jede -von euch dort etwas anderes. Die vielleicht die dicken Pilze zwischen dem -welken Laub, die andere die Kröte am Weg, die dritte den Holunderbusch, -die vierte vielleicht ein rotes Reh. Und wenn sie nachher vom Wald -erzählen, dann denkst du an die Pilze, die andere an den Holunderbusch und -die letzte an das rote Reh. Sieh, so ist das auch mit den Märchen. Gesehen -hat sie jeder schon einmal, aber er hat nicht alles davon behalten, und so -erzählt er immer nur weiter, was er daran am liebsten hat, denn das ist in -seinem Herzen -- -- und dann ist es auch wahr --« - -Hanni schien nicht ganz davon überzeugt. - -»Sie sind doch erlogen,« sagte sie. - -»Du, wir wollen einmal in den Garten.« - -»In den Schulgarten?« - -»Nein, in meinen. In den Schloßgarten.« - -Das Kind horchte auf. - -Sie gingen die Treppe hinunter und durch die Hintertür hinaus. Jetzt -schloß Christiane eine eiserne Pforte auf, an der schon manches Kind in -den Jahren sehnsüchtig und neugierig gestanden hatte. Dahinter rauschte -es. Da waren grüne Wipfel. - -Christiane dachte flüchtig daran, daß sie als junges Ding auch einmal vor -der verschlossenen Pforte gestanden hatte. - -Nun war ihr das, was dahinter war, längst vertraut. Schöne, alte Bäume, -die mit ihren Ästen am Boden schleiften, Rasenflächen, hinten ein -Tempelchen aus Birkenstämmen -- uralt. An der Seite störten ein paar -Obstbäume, die der vorige Direktor gepflanzt hatte, längs der Wand hatte -er Bienenstöcke gehabt und daneben Kohl gepflanzt. Jetzt waren diese -Spuren, so gut es ging, vertilgt. Hoch und grau standen die Mauern um das -Parkstückchen. - -Mein Klostergarten, dachte Christiane. - -Sie führte das Kind zum Tempelchen. An die Innenwand war mit ziemlich -grellen und anscheinend unvergänglichen Farben das blaue Griechenmeer -gemalt, auf dem Odysseus segelte. - -Hanni guckte. - -»Ist das auch ein Märchen?« fragte sie. - -Christiane erzählte. Sie dachte, vielleicht wirkt das Starke besser auf -das Kind. Seine Phantasie muß vielleicht kräftiger geschüttelt werden. - -Sie erzählte das Abenteuer mit Polyphem. - -Als sie sich wandte, merkte sie, daß Hanni ein Bündelchen Handarbeit -hervorgezogen hatte. - -»Ich will was tun,« sagte sie. - -Christiane erinnerte sich. Ja, Fräulein Mehlmann hatte ihre Nichte sehr -gelobt. Von allen Lehrkräften, die sich um den dürftigen Geist bemüht -hatten, war einzig Fräulein Mehlmann zufriedengestellt. - -Und Hanni saß auch jetzt vor dem blauen Griechenmeer, von Vögeln -umzwitschert, von Bäumen umrauscht, von einer Sehnsucht umworben, die -ihr Herz suchte, und häkelte mit kühler Aufmerksamkeit Stäbchen um -Stäbchen. - - * * * * * - -Mai Friedlein ging in den Stadtpark. Es war in der Mittagsstunde, als die -Bürger zu Tisch waren. Auch in der Pension Dorreyter saßen sie jetzt beim -Essen, aber die Jong war eingeweiht und entschuldigte Mai. Sie wußte von -der Sache, hatte auch tüchtig gewarnt. - -Mais Herz klopfte. Sie wußte selber, um was es ging. - -Ein Rendezvous -- nein, das überließ sie den Ladenmädchen und -Kontorfräulein. Sie ging nur eben am Krähenteich entlang, weil -- der -Assessor von Wratislawski um dieselbe Zeit dort gehen wollte. - -Er hatte sie auf der Straße gesehen. Dann war im Theater einmal die -Gelegenheit zu einer Gefälligkeit gewesen. Er hatte sie aber nicht -begleiten dürfen. Von da an kreuzte er fast täglich ihren Schulweg, kein -Tag verging ohne seinen respektvollen Gruß, Woche für Woche strich so -hin, Winter und Frühjahr und Sommer, und nun war es Herbst. - -Jetzt mußte die Entscheidung kommen, das hatte Mai gefühlt. Ihr ganzes -Herz hatte sich an die unerhörte Aussicht gehängt -- wenn es doch würde --- der Triumph -- das Glück! - -Er hatte ihr also ein Briefchen gesandt und darin ehrerbietig um eine -Zusammenkunft gebeten, zugleich beklagend, daß ihm kein anderer Weg zu -einer Aussprache mit ihr bliebe. - -Ach ja, das war es. - -Mai war überzeugt, daß sie bei ihrer Schönheit längst verheiratet sein -würde, wenn nur ein korrekter Anknüpfungspunkt dagewesen wäre, eine -Gelegenheit, bei der sie mit Herren hätte sprechen können. Aber so hatte -jede ihrer Herzensgeschichten etwas vom Wagnis. - -Sie pflegte aber als gute Tochter ihrer Mutter sofort Nachricht zu geben, -wenn sich wieder etwas angebandelt hatte, und die kam dann sogleich mit dem -nächsten Zuge an, um den Schwiegersohn zu besehen und die Angelegenheit -ins Korrekte zu bringen. Leider war das bis jetzt noch nie geglückt. - -Einmal da, einmal dort ein Aufblinken, eine Hoffnung und immer wieder -- -nichts. - -Und jetzt -- dies. Mai wußte, der Assessor war reich. Der konnte sich -den Luxus leisten, das schönste Mädchen von Markburg zu seiner Frau zu -machen. Und wenn er sich versetzen ließ -- nach dem Westen oder nach Kiel --- dann wußte dort kein Mensch, daß sie Lehrerin gewesen war. Und keiner, -der die junge Frau von Wratislawski sah, würde von selber auf den Gedanken -kommen. - -Mais feines Marquisengesicht rötete sich ein wenig -- sie sah ihn schon -dort am Teich. Er hatte es eilig. Seine große Dogge, die ihm so ungeheuer -ähnlich sah, war mit. - -Unbefangen kam er auf sie zu. »Ich bin außerordentlich glücklich, mein -gnädiges Fräulein -- --« - -Sah sie an. - -Sie gingen auf und ab. Immer an der Seite des Teiches, an der die -Büsche die Aussicht nach beiden Seiten sperrten. Durch das Gezweig -der Hängeweiden hörten sie nur das Geraschel und Geplätscher der -Wasservögel, das Gequarr der bunten Enten. Rauschend flog mal da, mal dort -ein Tier auf. - -Auf dem Wege lagen Kastanienhüllen und Blätter. Wie rote Hände schwebten -da und dort Blätter heran. Der Himmel war hoch und blau. - -Herr von Wratislawski wußte das sehr hübsch auszudrücken. Und Mai war -dafür empfänglich, denn sie war sehr poetisch. Alle ihre verflossenen -Verehrer hatten ihr ein künstlerisches Andenken hinterlassen dürfen, ihre -Stube war voll von solchen zart elegischen Erinnerungen. - -Jetzt war sie lebendig. Herren gegenüber kam sie gut aus sich heraus. - -Ja, der blaue Himmel, die roten Blätter, der ferne Wald -- sogar die -leeren Kastanienschalen waren poetisch. Raschelnd fuhr ihr Fuß durch die -Blätter. - -Goldspuren zögen hinter ihr her, behauptete Herr von Wratislawski. - -Seine Augen waren ganz rund. Seine Hand im prallen Glacé streifte die -ihre. Er kam näher an sie heran. - -Sie standen nun vor der offenen Fläche des Teiches. Der Himmel spiegelte -sich im Wasser wie in Glas. Die Bäume umrahmten das blaue Bild. Das -Wassergevögel hatte sich jetzt ziemlich auf die Schwaneninsel in der Mitte -zurückgezogen, nur ein paar Entchen schwammen noch wie grüne Klümpchen -in glitzernden Streifen da und dort. - -Es war ganz und gar einsam. - -Er kam noch näher an sie heran. - -Lieblicher sei ihm noch kein Mai vorgekommen, als der an diesem Herbsttage, -behauptete er. Wenn sie nur wüßte, wie er auf diese zarte Stunde geharrt -hätte! Aber es sei ja so unendlich schwer gewesen -- -- und sie so -kühl -- -- - -»Ja, ja,« sagte sie elegisch. Sie hielt es für angebracht, auch einmal -wieder streng zu sein. - -Aber er hörte nicht darauf. - -Jetzt sei ja das Eis gebrochen. - -Und deshalb müßte sie heute Rosen haben, drüben in der Stadtgärtnerei -am anderen Ufer müßte es noch welche geben. Ob sie mitkommen wolle? Der -Weg sei nur kurz und sehr schön -- -- - -Sie ging mit ihm, unbefangen, sehr damenhaft. Der Hund raschelte hinter -ihnen her. Sie dachte, daß wohl die Stellung der behüteten Haustöchter -angenehmer, aber doch weniger poetisch sei, als die eines einsamen, sich -selbst das Brot verdienenden Mädchens, dem endlich das Glück lächele. -Sie sah ja, wie verliebt er war. - -Und nun waren sie an der Gärtnerei. Sie wartete draußen. Nach ein paar -Minuten kam er wieder, einen Strauß Rosen in der Hand, wie sie ihn schon -lange nicht mehr beisammen gesehen hatte, rote, purpurrote, weiße und -zartgelbe. - -»Der letzte Sommer,« sagte er, »dem ewigen Lenz.« - -Es war sehr poetisch. - -Sie drückte das Gesicht in die Blumen, schon, weil sie wußte, wie gut es -ihr stand. Mehrfach war sie so photographiert worden. - -Es war still. Die Hecke deckte sie wieder. Da flüsterte er: »Mai, -liebliche Mai -- nun kommen wir nicht mehr auseinander, nicht wahr --?« - -Sie hielt das Gesicht noch immer in den Rosen. - -»Mai --« bettelte er. - -Sie murmelte zag: »So kann ich Sie nicht mehr treffen,« und horchte -scharf auf das, was er sagen würde. - -»Nein,« sprach er, »so -- nicht.« - -Er schien nachzusinnen. - -»Aber es gäbe doch noch vielleicht einen Weg für uns beide --« - -Ihr Herz schlug hart auf. Blitzschnell durchmaß ihr Hirn noch einmal alle -Hindernisse ihrer Verlobungen -- hier war keiner vorhanden! Der Assessor -war ganz unabhängig. - -Er machte ein paar Schritte und sah sie nicht an. - -»Fräulein Mai,« sagte er in resigniertem Tone, »man weiß ja, wie die -guten Markburger sind. Deshalb erlaube ich mir vorzuschlagen -- -- jetzt -kommt der Winter, und ich bin oft in der Provinzialhauptstadt in der Oper --- Musiknarr, der ich nun einmal bin -- da möchte ich also gehorsamst -vorschlagen -- begegnen wir uns -- dort. Bitte, bitte, denken Sie einmal -darüber nach. Da fiele so manches fort, das uns hier beengen würde. -Zusammen können wir da so viel Poesie genießen, wie wir wollen -- -- -auch der Winter und die Großstadt sind poetisch ...« Er bückte sich -plötzlich und faßte mit seinem Handschuh ein Zweiglein harter, weißer -Beeren. »Wie zart das ist, nicht wahr?« fragte er fast flötend, »so -entzückend zart -- liebes Fräulein Mai -- Herzkönigin --« - -Er stockte. - -Sie warf ihm die Rosen vor die Füße. Rote, purpurrote, weiße, gelbe -Rosen. - -»Nein, danke sehr, Herr von Wratislawski.« - -Sie wandte sich um und ging. - -Ging sehr rasch und sehr anmutig und sehr stolz. Sie wußte, daß man das -alles merkte, wußte, daß er ihr verdutzt nachstarrte, und noch ging ihr -Blut in gewaltiger Erwartung: kam er jetzt nicht doch --? Stürzte er ihr -nicht voller Reue nach -- --? - -Sie ging und ging. Die Blätter raschelten rechts und raschelten links. Es -waren lauter Goldstreifen. - -Aber er kam nicht. Er holte sie nicht ein. -- - -Wütend trat sie aus dem Park heraus. - -Es war ja nicht das erste Mal. Schlingen um Schlingen waren ihr in den -Jahren um die Füße geworfen worden -- sie hatte sich in keiner verfangen. - -Nur weil sie arbeitete und ihr Brot selber verdiente, glaubte man in dieser -Stadt, wo die Töchter ihr Leben nur mit Tennisspielen und ›Kränzchen‹ -ausfüllten, sie müßte zu haben sein! - -Der Schuft! - -Zitternd kam sie die Stiege herauf und horchte vor der Korridortür -- -kamen sie nicht etwa eben aus dem Eßzimmer? - -Nein, es war still. Sie ging an der Wäschemangel und den Fahrrädern -vorbei und öffnete leise die Tür zu ihrem Zimmer -- ach herrje, da war -ja die Mutter mit den beiden Schwestern. Sie hatte im Augenblick vergessen, -daß sie ihr gleich von der neuen Aussicht geschrieben hatte, nun war die -wieder gleich gekommen. Und Paula und Eva waren mit. - -Paula war Wochenpflegerin und hatte wohl grade einen freien Tag, und -Eva suchte eben wieder eine Stellung als Hausdame. Beide hatten sie die -gleichen zartrosa Marquisengesichter, das helle, schöne, wie gepuderte -Haar -- nur ihre Gestalten waren nicht so prächtig entwickelt, nicht so -germanienhaft, wie die Mais, und nicht so elegant. Frau Friedlein sah man -an, daß sie die -- Mutter dieser köstlichen Mädchen war -- sie hätte -gar nicht anders aussehen können. Und fein hatte sie sich gemacht, ein -seidenes Kleid aus dem Schrank genommen -- es war noch nicht bezahlt. Aber -sie hatte sich vor dem reichen Schwiegersohn doch ins rechte Licht setzen -wollen. - -Unterwegs hatten sie schon hin und her überlegt: wenn Mai jetzt so eine -gute Partie machte, konnte eine der beiden anderen immer abwechselnd zu ihr -auf Besuch kommen, und dadurch war es sehr leicht möglich, daß sich auch -vornehme Partieen für die fanden, so daß die Familie allmählich in ihr -altes Milieu zurückdrang. - -Die Mutter fragte Mai gleich: »_Wie_ heißt er?« denn sie hatte den Namen -vergessen. - -Die Schwestern spitzten die Ohren, doch Paula, die Wochenpflegerin, die -etwas psychologische Beobachtungsgabe und ziemlich viel Pessimismus besaß, -merkte gleich, daß etwas nicht in Ordnung war. - -Und nun fuhr es Mai auch gleich heraus: »Es ist nichts, ich habe mich in -ihm getäuscht, er hat nur -- nur -- anbändeln wollen -- --« - -Die Mutter klappte den schönen Mund zu. Eva sagte: »Na ja,« denn sie -hatte auch ihre Erfahrungen. - -Paula meinte gleichmütig: »Mai muß doch noch mehr Verehrer haben,« aber -die Mutter sprach eifrig: »Erzähle nur -- vielleicht läßt sich noch -etwas machen --« - -»Da läßt sich nichts machen,« seufzte Mai, fuhr sich über die -Stirn und begann zu berichten: »Der Schuft -- der Schuft -- so hat er's -angefangen --« - -»Du warst allerdings sehr unvorsichtig,« sagte Frau Friedlein -vorwurfsvoll, »wenn dich jemand mit ihm am Teich gesehen hat, ist die -Sache sehr schlimm --« - -»Aber was sollte ich anders tun,« rief Mai, »an welche Weise kann ich -sonst einen Mann kennen lernen. Ach, und an dem Teich war es so wunder -- -wunderschön. Das blaue Wasser und der blaue Himmel und das rote Laub. Und -selbst die zerplatzten Kastanien hat er schön gefunden. Ach,« sie weinte -plötzlich auf, »wir haben uns doch so gut verstanden --!« - -Die Mutter nahm sie in den Arm an ihre volle Brust und tröstete sie. - -»Mein armes Kind, ja, ich glaub's, es ist schwer für dich. Für deine -Schwestern auch. Für uns alle. Eva hat ihre Stelle in Stettin doch auch -verloren, der Amtsrichter hat sich wieder verheiratet, und sie glaubte -doch -- Wie oft kommt das vor. Und Paula hat jetzt eine Frau bis zu Tode -gepflegt. Nachher ließ sie sich überreden, bei dem Kind zu bleiben. Es -war so verlassen. Sie hatte es gern. Es war ein so hübsches Kind, nicht -wahr, Paula? Und um des Kindes willen hätte sie auch den Vater in Kauf -genommen. Aber da ist er vorgestern über alle Berge. Über alle -Berge, sage ich. Mit der ganzen Kasse des Chefs. Nur das Kind hat er -zurückgelassen. Das hat Paula nun in Gemeindepflege geben müssen. Sie hat -sehr geweint.« - -Mai sah die Schwester an, und die nickte ihr zu. Auch Eva nickte. Ja, sie -wußten Bescheid. - -Draußen klirrte es. Was war denn --? Ach -- Kaffeekränzchen bei der -Mehlmann! Da gab es kein Ausschlagen. - -»Ihr müßt auch dabei sein,« sagte Mai zu der Mutter, und die wehrte -sich nicht weiter, denn nach der Fahrt und der Aufregung hatte sie Durst -bekommen. - -Gleich darauf klopfte auch die Handarbeitslehrerin, begrüßte die -Damen Friedlein zierlich und bat, sie möchten doch an ihrem Kränzchen -teilnehmen. Es sei alles reichlich da. - -Das war es. Der runde Tisch sah noch einmal so wichtig aus mit der weißen -Decke, den vielen Tassen, Untertassen und Tellerchen, den Sahnennäpfchen, -Zuckerdosen, den Marmeladenbüchsen, den Kuchenbergen, Waffelhäufchen und -der großen Weinbeertorte in der Mitte. Die war vom Konditor, ebenso -die Schlagsahne. Alles andere dagegen hatte Fräulein Mehlmann selbst -verfertigt. - -Frau Friedlein bog sich in kluger Liebenswürdigkeit vor und bewunderte die -glasklaren Früchte und die Marmelade -- ja, die war gut geraten! Eben war -die Einmachezeit vorbei. Frühmorgens, ehe sie in die Schule ging, hatte -Fräulein Mehlmann auf dem Markte eingekauft, und wer nachmittags etwa zu -ihr kam, erhielt unversehens ein Messer in die eine Hand gedrückt und in -die andere eine Gurke -- jetzt hieß es helfen! Da nahm das Fräulein keine -Rücksicht! - -Frau Friedlein mußte auf dem Sofa Platz nehmen. Neben ihr saß Fräulein -Seifert, ein Platz war noch frei, denn die Oberlehrerin hatte der kleinen -Meckebier Stunde zu geben und kam erst später. Frau Dorreyter hatte sich -mit einem Ecksitz begnügt, sie mußte auch oft hin und her laufen, denn -das kleine Dienstmädchen war so stutzig. Trotzdem fühlte sie sich sehr -behaglich und sah mit Blicken voll Genugtuung auf ihre Damen. Der Kater -wußte schon Bescheid, er bettelte bald bei der, bald bei jener und bekam -überall etwas. - -Die Jong hatte Mais Miene erkannt. An der Weinbeertorte vorbei flüsterte -sie ihr zu: »Und stürzt der Himmel ein, kommt doch eine Lerche davon!« -was die schöne Mai zu einem Dankesblick veranlaßte, obwohl sie das Zitat -im Augenblick nicht unterzubringen wußte, so poetisch sie sonst war. - -Die kleine Wehrendorf saß still dabei. - -Es war ein schweres Leben für sie. Wenn nur der Husten besser und das -erste Jahr vorbei wäre. Dann -- dann -- wieder kam Ada der ungeheure Traum -von der eigenen Stube. - -Wie sollte die aussehen? Ein weiches Liegesofa, ein Arbeitstisch, ein paar -Stühle, ein Schrank und ein richtiges Bett. Ihrer Eltern Sachen waren -damals alle verkauft worden. - -Sie schrak zusammen -- ach, nun hatte sie übersehen, daß Fräulein -Seifert die Sahne gereicht haben wollte. Nie fand sie im Verkehr das -Richtige. Das war, weil sie schon so weit ab vom Leben gewesen war, -wochenlang hatte sie einer an der Hand gehabt -- sie wußte über die -Höflichkeit bei Kaffeekränzchen nur noch geringen Bescheid. - -Die Damen aßen und tranken, immer wieder wurde eingeschenkt, immer wieder -herumgereicht, der Sahnenberg senkte sich, die Kuchenteller leerten sich, -die Torte wurde ganz schmal -- es schmeckte allen sehr gut. - -Nun waren sie satt. - -Die Mehlmann fragte noch ein-, zweimal herum. Sie hielt Fräulein Seifert -die Tortenplatte noch einmal hin -- die dankte. Sie bot sie Frau Friedlein -an -- die dankte auch. Sie fragte noch einmal vorsichtshalber ringsum -- -alle dankten. - -Da räumte sie mit Hausfrauenzärtlichkeit ab. Sie sperrte ihren Schrank -auf -- man sah noch allerhand gute Sachen darinnen stehen -- und packte -alles sorgfältig hinein -- für Fräulein Haberkorn wurde etwas besonders -aufgehoben. Sie schloß wieder zu, nahm den Tischbesen und die kleine -Schaufel und kehrte Krümelchen um Krümelchen vom Tisch. Jetzt sah man die -Decke -- ein schönes Muster -- und darüber gelegt den feinen Läufer -- -die Damen besahen ihn sich genau. Die Seifert fragte, wo man die Vorlage -bekommen könnte, aus Markburg sei die doch nicht. - -Sie sprachen über Handarbeiten, danach über Kleider, jede schilderte die -Art und Weise ihrer Schneiderin. - -Mai starrte mit melancholischen Blicken gradeaus: nun mußte sie sich doch -zum Winter das gelbe Kleid machen lassen, das ihr gar nicht stand. Den -Stoff hatte sie von einer Tante bekommen. Sie hatte gedacht, als Braut -- -ach, wo waren die Träume wieder hin! - -Fräulein Mehlmann kam heran und trug Gläschen auf Gläschen. Feierlich -stellte sie sie vor eine jede hin, und jede guckte darauf. Sie wußten, -was nun kam: die Likörchen. Plötzlich stutzte das Fräulein und zählte -verdutzt, guckte in ihren Schrank und zählte von neuem -- ja, die Gläser -reichten nicht! - -»Ich hole Ihnen gleich welche,« rief Frau Dorreyter, »aber ich habe nur -Weingläser.« - -»O, Weingläser,« entsetzten sich die Damen lachend. - -»Meine Likörchen sind nicht gefährlich,« beteuerte Fräulein Mehlmann -eifrig, »aber wir können ja auch Eierbecher nehmen --« Sie griff in den -Schrank. - -Die Seifert machte eine kritische Miene -- nein, Frau Dorreyter sprang -schon nach den Wirtschaftsräumen. - -Jetzt kam sie und zählte mit den Augen: hatte sie sich noch vergriffen? -Nein, es reichte. - -Es waren gewöhnliche, schlecht geschliffene Gläser aus dem Warenhause, -nur ein einziges war dabei, das war anders. Es stammte noch aus dem knappen -Brautschatz der Freiin von Rhane. - -Die merkte es gar nicht. Ahnungslos stellte sie es hin. Es kam grade zu der -kleinen Wehrendorf. - -Fräulein Mehlmann ging mit der klebrigen Flasche ringsum und schenkte ein. -Die Weingläser goß sie auch voll, so sehr die betreffenden Damen sich -auch dagegen sträubten. - -»Aber ich bitte Sie, ein Likörchen --« - -Dann stießen alle an. - -»Worauf?« rief die Jong. Ihre Finkenaugen lachten gemütlich. - -»Worauf?« fragte die Seifert säuerlich. - -Sie wußten es gar nicht. Aber die Gläser klangen. - -Das der kleinen Wehrendorf tönte sonderbar auf. Sie horchte verwundert. -Sie stieß mit Paula Friedlein an, da klang es wieder. Wieder und wieder -klang es ganz zart, ganz silbern. Die anderen merkten es nicht. Aber Ada -saß ganz erschrocken vor dem Wunder. - -In ihr zerschlagenes Herz kam ein kleiner Traum. - -Es war der einzige ihres Lebens. - -Der kam von dem feinen, singenden Kristall. - -Frau Friedlein schrak plötzlich auf. »Wo hast du denn die ... Rosen -gelassen?« flüsterte sie der Tochter zu. - -Die fuhr herum, ihre Augen glänzten schon wieder. Die Mutter sah sie -an und wünschte heiß, jetzt möchte einer die Tochter sehen, ein ganz -Reicher, einer ohne Schulden, ein solider Mann. - -»Die ... Rosen ... ich hab sie ihm ja doch hingeworfen -- du weißt -doch,« murmelte sie, nur der Mutter verständlich. - -»Dann müssen sie noch dort liegen --« - -»Was muß dort liegen?« flüsterte Paula von der anderen Seite. - -Die Mutter erklärte ihr's verstohlen. - -»Die sind längst fort. Die haben andere genommen,« meinte Mai, die in -dem Gesicht ihrer Schwester und dem der Mutter schon etwas aufsteigen sah. - -»_Wo_ liegen sie?« flüsterte Frau Friedlein. - -»Ich hab dir's ja gesagt. An dem kleinen Heckenweg hinter der -Gärtnerei.« - -»Da kommen selten Leute hin. Das ist ein ganz einsamer Platz. Die Rosen -liegen sicher noch da -- --« Sie flüsterte mit den Töchtern. - -Nach einer Weile stand Paula auf und verschwand unauffällig. - -Frau Friedlein erhob sich auch und setzte sich ans Klavier. Es war ein -altes Stück, Fräulein Mehlmann hatte es geerbt. Aber sie spielte gut. -Perlend flogen die Töne auf -- alle horchten -- das klang schön --! Es -war aus dem ›Zigeunerbaron‹: »Wer hat uns getraut --« Jetzt sangen -alle mit: »Die Liebe, die Liebe ist eine Himmelsmacht --« - -Auf einmal war Paula wieder da. Sie schlich in die heitere Gruppe und hatte -die Hände voll Rosen: rote, purpurrote, weiße, gelbe Rosen. Sie waren -noch ganz frisch. - -Die Kanarienvögel schrieen verwundert auf: »Im Oktober so schöne Rosen? -Woher kommen die --?« - -Paula blinzelte Mai zu, die eine regungslose Miene machte. Dann begann -sie zu verteilen, der einen eine weiße, der anderen eine rote Rose und so -fort. Alle bekamen eine, sogar die Wehrendorf, und für Fräulein Haberkorn -wurde eine aufgehoben und in ein Gläschen gestellt. - -Fräulein Mehlmann goß noch einmal ein, und nun sangen alle wieder, von -Rosen umduftet: »Die Liebe, die Liebe ist eine Himmelsmacht -- --« - -Auch Mai sang mit. - -Jetzt ging die Tür auf. Es war ungefähr so wie im Märchen, wo sich -die verregnete, vergnügte Musikantengesellschaft unter den großen Pilz -gestellt hat und wo unverhofft die böse Besitzerin, die große Kröte, -erscheint. - -Es kam Fräulein Haberkorn. - -Alle überboten sich in Liebenswürdigkeit, die Wehrendorf raffte sich -sogar auf und rückte ihr einen Stuhl zurecht, es war nur leider verkehrt. -Die Oberlehrerin nahm stirnrunzelnd auf dem Sofa Platz, bekam ihren Kaffee -frischgewärmt, ihre Torte, ihre Knusperchen, ihre Sahne und ihre Rose. -Darüberweg besah sie sich die Kleider der Anwesenden. Die Kanarienvögel -bekamen gleich ein paar versteckte Lehren, weil sie augenscheinlich zu -munter geworden waren. - -Fräulein Haberkorn mußte die Luft dieses vergnügten Kränzchens erst -eine Weile einatmen, um eingewöhnt zu werden; sie hatte auch noch nicht -genug Kaffee getrunken. Vom Likör gar nicht zu reden. - -Fräulein Mehlmann erzählte eifrig mit lauter Stimme von ihren letzten -Einmachetagen. Sie hatte sich mit Tomaten beschäftigt. Es war das erste -Mal. - -Im nächsten Jahr wollte sie sich einen Einkochapparat anschaffen, dann -konnte sie noch mehr fertig bringen! - -Endlich merkte sie, durch das Schweigen der anderen aufmerksam gemacht, -daß Fräulein Haberkorn von Meckebiers erzählen wollte. - -»Frau Geheimrat war _sehr_ liebenswürdig,« begann sie nun, ihren Kuchen -in den Kaffee tunkend, »die kleine Lydia ist aber auch so begabt. Ich habe -heute gesagt, sie brauchte eigentlich gar keine Privatstunde, da meinte die -Frau Geheimrat, ›ja, das ist wohl möglich. Aber wir, mein Mann und ich, -ziehen es doch vor, eine so bewährte Lehrkraft noch weiter um unser Kind -zu haben.‹ Das war doch nett, nicht wahr?« - -»Sehr nett,« bestätigten alle ringsum. - -Fräulein Haberkorn tunkte den Kuchen wieder ein. Jetzt sah sie auf. Ihre -Blicke flogen funkelnd über alle. Frau Dorreyter war hinausgegangen. - -»Ja, und was ich noch weiß,« sagte sie. - -»Was wissen Sie?!« - -Alle waren hochgespannt. - -Fräulein Haberkorn wählte sich noch ein Stück Torte. - -»Sehr schön ist die,« lobte sie, »haben Sie die auch selber gebacken, -liebe Mehlmann?« - -»Nein,« erwiderte die verlegen. - -Fräulein Haberkorn wußte es auch so. - -Fräulein Mehlmann brachte, um ihre Ehre wieder herzustellen, jetzt ihr -Likörchen an und goß ein. - -Die anderen warteten atemlos. Was war das für eine Neuigkeit? Von -Meckebiers brachte die Haberkorn oft wichtige Schulneuigkeiten, die sie -dort erlistet hatte. - -Die Oberlehrerin trank prüfend. Fräulein Mehlmanns Blick hing an dem -ihren. Sie nickte ihr gönnerhaft zu. »Ganz gut, wirklich.« - -»Ja, also, ich habe nun erfahren, wer unserm lieben verstorbenen Kollegen -Diermann im Amt nachfolgen wird,« begann sie endlich. - -»Ach!« Die Neugier flackerte noch höher. - -Die Mehlmann war ungeschickt und sagte: »Nu, das wird doch das Fräulein -Doktor Arndt sein, die neulich bei unserer Vorsteherin war. Die schienen -doch gut Freund.« - -»Nein,« sprach die Haberkorn triumphierend, »das wird die nicht. Man hat -mit vielen Opfern einen Oberlehrer gewonnen. Einen _Mann_!« - -Sie sagte das so stolz, als ob sie selber einer sei. - -»Wer denn? Wer denn? Ist er hier bekannt?« Die Fragen wirbelten ringsum. - -Die Haberkorn zuckte die Achseln. - -»Das weiß ich nicht. Auch den Namen weiß ich nicht. Aber wir werden ja -sehen.« Sie merkte, daß Frau Dorreyter wieder eintrat. - -Die anderen schwiegen. - -Sie tranken ihre Likörchen aus. Dann ging das Kränzchen unter vielen -begeisterten, immer wiederholten Danksagungen auseinander. Gruppenweise, -wie sie grade zueinander stimmten, wanderten die Damen ab. Mai begleitete -ihre Familie zum Bahnhof. Sie ging dann durch die Nebenstraßen zurück, um -dem Assessor nicht etwa noch einmal zu begegnen. Ihre Rose, die sie hatte -nehmen müssen, schenkte sie der Wehrendorf. - -Die ging mit zwei roten Blumen und einem kleinen, zart klingenden Traum im -Herzen in das Zimmer der Jong. Die Lehrerin hatte schon Adas Betten, die -tagsüber in einer Lade verwahrt wurden, auf das Sofa geworfen und räumte -bereits das darüberhängende, zu stark belastete Bücherbrett ab. - -Ada half ihr eilig und legte die Bücher beiseite. - -Es waren ein paar alte Lexika, ein Dictionnaire, ein paar Reclamheftchen -und ein Band Fulda: ›Die Hochzeitsreise nach Rom‹. - -Dann ging Ada schlafen. - - * * * * * - -Frau von Cöldt saß in ihrem bequemen Liegestuhl am Fenster ihres Zimmers. -Eine sacht behagliche Stimmung erfüllte sie, ohne daß sie ganz -genau darum wußte. Der Haushalt war in den Händen des Fräuleins gut -aufgehoben, auch Hanni war unter Aufsicht. - -Frau von Cöldt überdachte die gestrige Vereinssitzung bei Frau Colb -und wühlte wichtig in ein paar Drucksachen, die eben gekommen waren -- -Vereinsangelegenheiten. O, sehr interessant! Ob man die Wöchnerinnenpflege -noch weiter ausdehnte? - -Sie sann lange darüber nach. - -Dann fiel ihr Ludwig ein. Er war heute schon früh nach dem Walde gegangen. -Es war ein Wintertag, dick lag der Schnee draußen, der Himmel war -förmlich finster gegen alles Weiß. - -Merkwürdiges Sonntagsvergnügen, dachte sie. Aber an Wochentagen machte er -es oft ebenso. Eine Unruhe war in ihm. - -Er war schon eine Weile fort. - -Sie dachte ein paar Sekunden darüber nach, dann vertiefte sie sich weiter -in ihre Vereinsangelegenheiten. Nur nicht grübeln -- mit ihren Nerven war -es dann sofort vorbei. Ein Sturz und alles war wieder beim alten. Hardi -hatte manchmal das Gefühl, als ob sie auf einer ganz dünnen Eisdecke -lebte. Nur sich nicht rühren, sonst brach sie ein. - -Aber das Leben auf diesem schwachen, einsamen Fleck gefiel ihr. - -»Sie haben einen sehr guten Ehemann,« sagten ihr die Damen, obwohl -sie auf ihre eigenen auch nichts kommen ließen, so vertraut waren sie -miteinander nicht. - -Ja gewiß. Er mußte sich nur mehr Bewegung machen. Reiten oder Brunnen -trinken. Sie hatte ihm selber gesagt, er solle sich wieder ein Pferd -anschaffen, aber er hatte nicht gewollt. - -Da lief er im Walde herum. - -Mochte er. - -Wieder spürte Frau von Cöldt die ganz dünne Eisdecke, auf der ihr Leben -aufgebaut war -- sie spürte, daß sie zitterte. - -Nur Ruhe --! Sie verkroch sich innerlich. Der Verein -- das war ja genug. - -Jetzt fing ein starker Schnee draußen an. - -Sie ließ ihre Hefte wieder sinken und starrte hinaus, eine ganz sonderbare -Stimmung überkam sie, etwas von einer ungeheuren, ratlosen Angst, wie aus -Kindermärchen. Als brächte ihr der Schnee draußen ein Verschütten und -Vergehen, ein Verschwinden vor Frühlingsanfang. Als fiele dieser Schnee -langsam über ihr Leben hin, das doch so wohlgewahrt hinter den Scheiben -saß. Wo war sie übers Jahr -- --? - -O, was war denn das -- was war denn das -- --? - -Sie starrte wieder hinaus. - -Wie das fiel. Auf Dach, Straße und Haus. Wie das in den Wald fiel und -über alle weiten Felder. Schnee auf Schnee. - -Sie reckte sich. Es war doch schon Januar. Das Schlimmste war doch schon -vorbei. Noch vier, acht Wochen, und die Amseln pfiffen wieder. Noch vier, -acht Wochen, und der Winter war vorbei. - -Warum fürchtete sie sich? - -Sie saß doch so warm. - -Da kam Ludwig ja wieder. Er sah ganz weiß aus. Sie ging selbst auf den -Flur und rief ihn an. - -»Wie siehst du aus,« sagte sie. - -Er blickte sie aus dunklen Augen an und antwortete nicht. - -Sein Gesicht war gelb. Er wurde alt. - -Sie ging in ihr Zimmer zurück und dachte weiter: wie alt war er denn -schon? Er war ja nicht mehr ganz jung gewesen, als er sie heiratete. - -Ja, und was hatte er gehabt? - -Sie fühlte wieder, wie die Eisdecke erbebte, mein Gott, er hatte doch -seinen Beruf. Es ging ihm gut. Er stand glänzend beim Präsidenten, sie -wußte es, aus den Reden und dem Wesen der anderen hatte sie es gemerkt. -Und sie kannte ihn ja doch. Er war die altpreußische Gewissenhaftigkeit -selber. -- -- Und sein Herz hing ja doch nicht mehr an ihr. Sie hatte es in -der Sekunde erkannt, in der sie damals wieder zu ihm gekommen war. -Vorher glaubte sie sein verändertes Wesen nur auf die Enttäuschung -zurückführen zu müssen, auf die feige und mutlose Art, die sie ihm -gegenüber gezeigt hatte -- aber dann spürte sie: es war etwas anderes, -sein Sinn war bei etwas anderem -- er machte sich nichts mehr aus ihr. - -Und bald hatte sie Klarheit gehabt. - -Wie er auf jeden Brief Christianens paßte, wie er es so gern übernahm, -ihr zu antworten, wie sorgfältig und ruhig er schrieb, und doch war etwas -darin -- sie überlas die Zeilen -- ja, sein Herz war darin! - -Beim zweiten Mal war sie viel tapferer, obwohl ihr Zustand bewies, daß ihr -Schrecken einen guten Grund gehabt hatte, und zugleich fühlte sie sich wie -von einer Last erleichtert -- sie hatte ihm ihre Gesundheit geopfert, sie -hatte genug getan! - -Nun konnte _sie_ fordern! - -Und er gab ihr alles, was sie wünschte, und alles war gut, bis das Kind -größer wurde. - -Da sahen sie beide, wie sonderbar Hanni in ihre Ehe hineinpaßte, und -wußten, daß sie sich nicht geliebt hatten. - -Nun also -- was wollte er noch? - -Christiane konnte er ja niemals haben, das stand weder in seinem, noch in -ihrem Katechismus, solche Dinge taten sie nicht. - -Die Gartentür klirrte -- es kam wohl Besuch. Sonntagsvisiten. Mochte -Ludwig annehmen, wenn er Lust hatte, sie ließ sich von Fremden niemals -sprechen, wenn es nicht in Vereinsangelegenheiten war. - -Flüchtig horchte sie. Unten gingen Türen. -- - -Ludwig hatte die Karte verwundert besehen: Richard Bartelmes, =Dr. phil.= - -Ach so, das war wohl der neue Oberlehrer an der Reutterschule? Was wollte -der bei ihm? Nahm's wohl sehr gewissenhaft, klapperte alle Honoratioren ab. -Na, den wollte er sich ansehen. - -Es war ja schon im voraus genug über ihn erzählt worden. Man sollte ihn -an gewisser Stelle förmlich gebeten haben, anzunehmen. Er war ein Licht. -So eine besonders moderne Sorte Reformlehrer. Schriftstellerte über -allerhand Ästhetisches und hatte die neuesten Ideen, die es gab. Kunst -in der Schule! Es hieß, er sei aus der westdeutschen Stadt nur privater -Verhältnisse wegen weggegangen. Einzig diesem Grunde verdankte Markburg -das Glück seiner Zusage. - -Jetzt kam der Reformoberlehrer. - -Was er sagte, war gewandt. Ludwig entdeckte auf den ersten Blick weder -eine Teutonische Wucht, noch eine Spießbürgerlichkeit. Der Mann sah ganz -weltmännisch aus. - -»Sie werden sich an meinen Namen wohl nicht mehr erinnern, Herr -Regierungsrat,« sagte er verbindlich, ihm mit den etwas runden dunklen -Augen im Gesicht forschend. - -»Ihren Namen hat man in der letzten Zeit hier oft im Blatt gelesen,« -erwiderte Ludwig. - -»Es war aber auch einmal eine Erinnerung für Sie damit verbunden -- wenn -ich nicht sehr irre. -- Ich bin ein geborener Westpreuße, mein Vater war -zuletzt in Thorn Major vom Platz.« - -»Der alte Bartelmes,« fuhr Ludwig ein wenig vor -- bis jetzt hatte -er eine kühle Gleichgültigkeit gezeigt, fast mehr, als korrekt war -- -Christianens wegen! Er wußte doch, daß dieser Mann ihr als Stein in -den Weg geschoben war, daß seine, grade seine Berufung etwas wie -ein verstecktes Mißtrauensvotum war -- im Reutterschloß sollte die -Persönlichkeit eines bedeutenden Mannes wieder mit ins Gewicht fallen! - -Man hatte deshalb keinen ganz Jungen gewählt. - -Bartelmes war nicht sehr viel jünger als er selbst. - -»Ja, Major Bartelmes kannte ich,« fuhr er nun ruhiger fort, auf seine -Hände schauend, »aber an seine Familie erinnere ich mich nicht mehr.« - -»Das ist leicht erklärlich. Mein Bruder und ich waren damals im -Kadettenhaus und kamen nicht oft nach Hause. Freilich haben wir es in der -militärischen Zwangsjacke nicht sehr lange ausgehalten.« Er lächelte und -fuhr leicht über seinen sehr gepflegten, kurzen dunklen Vollbart. »Leider -sind wir alle etwas aus der Art geschlagen. Mein Bruder ist Musiker, meine -Schwester Schauspielerin.« - -Es war, als ob er das dem Herrn Regierungsrat mit besonderem Wohlgefallen -sagte. - -»In der Tat? Ganz künstlerisch! Herr Major Bartelmes --« - -»War es nicht,« ergänzte der Doktor mit einer etwas sonderbaren -Stimmfärbung. - -Cöldt entsann sich. Der Major hatte getrunken. Und hatte dann unklarer -Dinge wegen weggemußt. - -Also die Kinder dieses Trinkers waren Künstler geworden, und der Herr -Doktor war vermutlich Abstinenzler. - -Er sah ihn mit leiser Ironie an. - -Etwas stieg in ihm auf, das wehrte sich riesenstark gegen den Menschen. Er -horchte in sich hinein: wie kam er zu solch vorweltlichen Haßgefühlen? - -Ach, ein Grund war wohl da: Christiane. - -Sie soll es aufgeben, dachte er plötzlich, sie soll die Sache einfach -hinwerfen. Sie ist doch kein Mensch, dem man mißtrauen darf. - -Und plötzlich kam es erlösend über ihn: sie wird sich nicht ducken -lassen. - -Jetzt wurde er freundlicher. Befragte den Herrn nach seinem Studiengang und -seinen Werken. - -Der antwortete zurückhaltend. - -Also immerhin ein Offizierssohn, vermutlich doch wohl noch in einigem -wesensverwandt. Wahrscheinlich wollte er in der Gesellschaft verkehren? Ob -er keine Frau hatte? Es schien doch nicht. - -Und plötzlich überkam Cöldt wieder ein neues Gefühl: die Eifersucht. - -Er sah, daß Richard Bartelmes gut gewachsen war, sich gut hielt und ein -regelmäßiges, gesundes Gesicht hatte, nicht junggesellenhaft zerknittert. -Der hat gelebt, erkannte er plötzlich. Ein Mucker ist der Herr Doktor -nicht, trotz seiner Reformen. - -Bartelmes verabschiedete sich. -- - -Um zwei Uhr erschien Christiane mit ihrer Mutter, wie sonntäglich üblich, -zu Tische und blieb hernach bis zum Abend. - -Ludwig erzählte von dem Besuch. - -»Er war bei mir,« sagte Christiane ohne Aufregung, aber mit einem seltsam -konzentrierten Blick, »allzu gewaltig können seine Reformideen nicht -sein, da er beim Provinzialschulkollegium so in Gunst steht.« - -»Und du wirst ihm wohl nicht mehr Einfluß gönnen, als ihm gebührt?« - -Sie sah ihn ruhig an. - -»Er bekommt den Raum, der ihm gehört. Nicht einen Zoll mehr.« - -Er merkte, daß ihr Gesicht in seinen Linien schärfer und härter geworden -war. - -Sie begaben sich in Ludwigs Zimmer, die Mutter blieb bei Hardi im Salon. -Dort redeten sie vom Verein. Hanni saß gleichmütig und kaltblütig dabei -und häkelte. - -Frau Dorreyter hatte nie eine Ahnung von dem gehabt, was Christiane und -Ludwig verbunden hatte. Hardi hatte niemals etwas angedeutet und verriet -auch jetzt nichts, obwohl sie den beiden merkwürdig nachgeschaut hatte. - -Christiane ging drinnen an einen Tisch, auf dem neue Bücher lagen. -»Hier,« sagte Ludwig und hielt ihr einen Band hin. - -Es war ein neues Buch von Mereschkowski über Tolstoi und Dostojewski. - -Sie las, in einen der tiefen Ledersessel gedrückt. Er saß ihr gegenüber -und las und rauchte. Sie liebte den feinen Zigarrenrauch sehr, wenngleich -sie selbst nie rauchte. Dann und wann hielten sie inne und sprachen ein -wenig, oder sie ließen nur ihre Bücher sinken und sahen sich kurz in die -Augen. - -Es war etwas von einem alten Rausch dabei. - -Als Christiane und ihre Mutter gegangen waren, trat Ludwig wieder in sein -Zimmer zurück und zog die Schiebetür leise zu. Hardi war noch im Salon -mit Hanni beschäftigt und hörte das sachte Vorfallen des Holzes. - -Der Zigarrenrauch war ein wenig eingedrungen und durchwebte die Luft des -Salons. Hardi erhob sich, machte ein paar Schritte und vertrieb den Rauch -mit der Hand. Sie ging näher an die verschlossene Tür heran, und es war, -als ob sie horchte oder etwas überlegte. Dann aber wandte sie sich, nahm -ihr Kind an die Hand und ging mit ihm die Stiege hinab in ihr eigenes -Zimmer. - - * * * * * - -In der Reutterschule war doch einiges anders geworden. - -Christiane beobachtete es aber von einem stillen gleichmütigen -Lauscherposten aus. - -Doktor Bartelmes hatte den Ton im Kollegium verändert. Er war der -Haberkorn so liebenswürdig entgegengetreten, daß sie ihre kratzbürstige -Art wider Willen vergaß; sie kam in seiner Gegenwart einfach nicht dazu. -Er war anders als ihr Freund, der Professor Diermann, dem noch ganz und -gar die alte Zeit in den Gliedern gesteckt hatte, und auch anders, als die -übrigen Herren, die den Damen mit wenigen Ausnahmen doch am liebsten aus -dem Wege gingen. Bartelmes nahm die Haberkorn so wichtig, wie sie sich -selber vorkam, und wenn ein heimliches Blinzeln und Flirren manchmal dabei -in seinen Augen war, so merkte sie das nicht. - -Auch mit den anderen wußte er fertig zu werden. Nicht nur, daß er das -gute Mehlmännchen allerorten neckte und von ihr schon einmal eine Büchse -köstlicher Marmelade geschenkt bekommen hatte (sie erkundigte sich nachher -bei sämtlichen Damen, ob man auch nichts ›dabei gefunden‹ hätte), -sich von Fräulein Jong Fußtouren sagen ließ, den jungen Praktikantinnen -und Mai mit viel Ritterlichkeit gegenübertrat, das physiologische -Phänomen der Seifert und ihre sonstige Vortrefflichkeit genügend -anerkannte -- auch mit den Kollegen wußte er sich zu stellen, und mit dem -Zeichenlehrer sah man ihn sogar oft. Nur die kleine Wehrendorf beachtete er -nicht, aber die hatte ja immer Pech. - -Man begriff manchmal nicht mehr recht, wie man sich innerlich so schroff -vom anderen getrennt und nur bei feierlichen Gelegenheiten offiziell -zusammengefunden hatte --, man war ja gleich und beim gleichen Werk -eingespannt. - -Bartelmes widersprach seinen Büchern nicht. Er hatte noch Idealismus. - -Die Haberkorn wurde auch idealistisch. Bisher hatte ihre Stimmung sich -immer nach ihren Nerven gerichtet oder je nachdem sie geschlafen hatte -- -jetzt kam sie alle Morgen strahlend frisch, und ihr zweites Wort war -immer ›Die Kindesseele --‹. Sie schwärmte jetzt nicht nur für die -geheimrätliche Meckebier, sondern auch für alle anderen Zöglinge, ihr -Herz wurde butterweich -- es war doch ein schöner, edler Beruf! - -Sie fühlte sich glücklich. - -Auch den anderen ging es ähnlich, und Christiane mußte sich sagen: er -hatte es gemacht, nicht sie. Obwohl sie mit gutem Willen, mit Gerechtigkeit -und Liebenswürdigkeit begonnen hatte -- er hatte es gemacht, nicht sie. - -Sie wußte, woran es lag. Es war etwas Uraltes, das in diesen älteren und -jüngeren Mädchen unbewußt lebendig wurde. Es war auch ein heimlicher -wissender Trotz gegen sie dabei. Sie wollten das Tun dieses herangerufenen -Fremden doppelt wiegen. - -Christiane beobachtete ihn mit kühler Zurückhaltung, fand, daß er -anscheinend eine gute unterrichtliche Begabung und vor allem ein gewisses, -verschleiertes Künstlertum besaß, von dem freilich nicht zu ersehen war, -wie weit es reichte. - -Er hatte Christianens Pläne, von denen sie ihm gesprochen hatte, mit -großer Entschiedenheit abgelehnt. - -Ein Seminar, eine harte, nüchterne Beruflichkeit, ja nur ein Hineinmischen -solcher Dinge hier an der vornehmen Schule war für ihn ein Unding. Man -sollte froh sein, daß diese moderne Unumgänglichkeit hier noch -umgangen werden konnte! Diese Mädchen stammten sämtlich aus solchen -Verhältnissen, daß man sie zu echten Frauen erziehen konnte, zu der -modernen Weibpersönlichkeit, die die Frauenbewegung niemals zu schaffen -vermochte. - -Kultur, ja, die brauchten diese jungen Markburgerinnen herzlich notwendig, -Schönheit, die mußte man ihnen geben. Man sollte sie das reine Genießen -lehren, die schöne Haltung, das ganze Begreifen der Gegenwart, aber man -sollte sie nicht mit häßlichen Klammern verzerren. - -Christiane kannte sein Buch ›Die unerreichbare Frau‹, das nach -einem neuen, noch unbekannten Frauentypus rang, während er die -›Karrenschieberinnen‹, wie er sie nannte, als ewig kulturlos beiseite -warf. Er wollte hohe, starke Geister, volle Teilhaberinnen am modernen -Leben, aber keine Frauen mit Examen, mit dem Sinn an ein enges Fach -gebunden, mit den Gedanken an Geldverdienen. Er knüpfte an die großen -Frauen des achtzehnten Jahrhunderts an und rief ein hohes Idealbild auf. - -Warum sattelte er nicht um und ritt mit seinen Gedanken ganz in die bunten -Felder der Phantasie? - -Denn er war ein Phantast. - -Sie begriff nicht, wie die Frauen ringsum sich so für ihn begeistern -konnten -- er lehnte sie ja alle ab. Er verachtete sie innerlich grausam, -obwohl er ihnen äußerlich zu Hilfe kam; diese Hilfe war verkappter Spott. - -Christiane fühlte: er sah sie auch nicht anders. Sein Schauen war ihr -gegenüber wenigstens geteilt. Halb ließ er sie gelten, halb lehnte er sie -auch ab. - -Ihre Schriften ignorierte er vollständig. - - * * * * * - -Christiane begegnete dem Doktor Bartelmes eines Abends bei Cöldts. Er -machte eine sehr gute Figur, und plötzlich horchte sie überrascht: er -suchte wahrhaftig Geist in die Unterhaltung zu bringen! Mit zweien, dreien -hatte er ein interessanteres Thema angefangen -- jetzt horchten schon -mehrere darauf. - -Er kam aus geistig reger Stadt, kannte viele Großstädte und Künstler. Es -war nicht die geringste Prahlerei an der Art, in der er das vorbrachte, es -kam ganz zufällig. - -Er war vorzeiten Gast im literarischen Kreise zu Schreiberhau gewesen, -kannte Reicke und Bölsche -- für Bölsche interessierten sich sogar -die Markburger jungen Damen, der war ja populär! Er hatte etwas von der -merkwürdigen Friedrichshagner Zeit kennen gelernt, war in München und in -Bayreuth bekannt und hatte in Weimar Beziehungen. Vieles war durch seinen -Bruder gekommen, der aber ein etwas schwankendes und unklares Genie zu sein -schien und einmal eine preußische Wachtparade im Stil des alten Fritz, ein -andermal eine Oper komponierte und jetzt an einer modernen Operette war. -Die Schwester war in Dresden und bei der Dumont engagiert gewesen und -sollte jetzt zu Reinhardt kommen. - -Es schien doch Leute in Markburg zu geben, die da wußten, was Reinhardt -augenblicklich bedeutete. - -Bartelmes kannte auch Yse Bernhart. - -Christiane sah ihn überrascht an. - -»Ich traf Fräulein Bernhart erst vor kurzem in Weimar.« - -»Dann hat sie gewiß auch von mir gesprochen.« - -Christiane sah starr in die flimmrigen schwarzen Augen des Mannes. - -»Ihren Namen nannte sie allerdings, Fräulein Doktor,« erwiderte er -langsam, während sein Blick etwas nach unten strich -- und Christiane -begriff jäh: der wußte mehr von ihr, als sie geahnt hatte. Der hatte -sie schon gekannt, ehe er hierher kam! Er wußte, aus welcher Flut sie -gestiegen, wie ihre Entwicklung war -- grade aus dieser Verbindung heraus! - -Sie fühlte sich ihm gegenüber plötzlich rätselhaft ärmer, als ob sie -ihm gebeichtet hätte. Etwas zwischen ihnen war verschoben. Nicht, daß Yse -etwas verraten hätte, aber ihre Freundschaft sagte dem Psychologen schon -genug! Und Bartelmes war ein Frauenpsychologe, wollte es wenigstens sein, -und so fühlte sie sich ihm gegenüber plötzlich nicht mehr als das ruhig, -straffe Fräulein Doktor, die moderne Herrscherin, sondern -- - -Rief noch immer etwas in ihr nach dem verbotenen Gestade -- --? - -Ihr Blick irrte zu Ludwig. Er stand nicht weit entfernt von ihr. - -Er war nie weit entfernt von ihr. - -Sie sahen sich an. - -In dem Augenblick wurde ihr Bartelmes von einer Dame weggewinkt. Es ging -wohl um den Frauenverein, in dem der Doktor Kunstvorträge halten sollte, -vielleicht aber auch um andere Dinge, denn sie wären im Alter zu einer -Partie grade recht gewesen. - -Er schien aber nicht daran zu denken. - -Sie merkte, daß er während aller Liebenswürdigkeiten, die auf ihn -einkamen und die er weltmännisch und mit dem kleinen Künstlerhauch -erwiderte, doch immer wieder zu ihr schaute. - -Sie kannte den Blick. - -Es war etwas von dem darin, den Ludwig für sie hatte. Den schon mancher -Mann für sie gehabt hatte: das eigentümlich überlegende Sinnen, das -innere Festgehaltensein. - -Ludwig! Ludwig! - -Nachher brachte Bartelmes sie nach Hause. - -Es war Tauweiche in der Luft. Noch lag alles voll Schnee. So viel Schnee -hatte man in den Jahren hier nicht mehr gehabt. Schnee auf Schnee lag im -Walde. Wälle, die vorm Feind geschützt hätten, waren um die Felder und -Dörfer geschichtet. Schnee um Schnee war in der Welt. Aber ein flüchtiger -Tauwind zog darüber. - -Sie begann unwillkürlich wieder von Yse. - -»Ich sah sie lange nicht. Sie schreibt mir auch nicht mehr.« - -»Dafür liest man, was sie für alle schreibt,« sagte er. - -»Das lassen Sie also gelten?« fragte sie. »Das, was _sie_ schafft?« - -»Was sie schafft, ja. Denn es ist etwas Gegebenes, die Aussprache einer -inneren Kultur. Ich freute mich herzlich, wenn ich unter meinen Mädchen -ein solches Fünklein entdecken könnte -- blasen und blasen würde ich -- -aber leider glimmen solche Feuer in Markburg nicht auf!« - -Christiane fragte plötzlich nach seiner Schwester. - -Er sagte langsam: »Fräulein Doktor Dorreyter, Sie werden sich wohl -darüber klar sein, was für einen Weg sie gemacht hat. Vor Ihnen will ich -das nicht verhehlen. Es hängt etwas daran, ehe eine arme Offizierstochter -eine bekannte Bühnenkünstlerin wird.« - -Sie nickte schwer. - -»Aber meine Schwester ist echtes Künstlerblut,« setzte er hinzu, »und -es hat keinen Ballast für sie bedeutet.« - -»Und Sie, Herr Doktor?« fragte Christiane plötzlich, »wie stellen Sie -sich als Bruder dazu?« - -»Daß sie diesen Weg machen mußte,« sagte er leichthin. »Vielleicht -ist in späterer Zeit auch der Bühnenberuf eine Versorgung für untadelige -höhere Töchter und mit allerhand Besen gesäubert. Aber ich -- möchte es -nicht hoffen. Ich -- glaub's nicht. Dickicht muß sein. Grade hier. Unkraut -muß sein. Grade hier.« - -Er bog sich ihr zu. - -»Nicht wahr, das sind nette Anschauungen? Aber ich bringe sie nicht in das -Reutterschloß.« - -Er sah blinzelnd nach dem Haus, das jetzt inmitten der weißen Nacht -sichtbar wurde. - -Sie wußte gar nicht, was er da zu schauen hatte, legte die Hand auf den -Knopf und klingelte. - -Jetzt tauchte die Hausmeisterin mit ihrem Laternchen auf. - -»Ich danke Ihnen, Herr Doktor,« sagte Christiane kühl und reichte ihm -die Hand. - -»Auf Wiedersehen, Frau ... Äbtissin,« sprach er langsam mit einem -Lächeln, das sich in seinem Bart verkroch. - - * * * * * - -Am anderen Tag begegnete er ihr ganz unbefangen und fragte sie, ob sie -nicht einmal ihren Garten öffnen wollte. Er würde seine Mädel gern -mal hineinführen, so lange noch Schnee sei. Jetzt könnten sie ja keinen -Schaden anrichten. - -Ihr war es noch nicht eingefallen, den fremden Kindern ihr einsames -Geheimnis preiszugeben, noch viel weniger den Kollegen und Kolleginnen. Der -Garten war auch jetzt ein Märchen. Sie schaute von ihren Fenstern aus oft -hinein, und nur ihre Fußspuren gingen einsam durch den Schnee. Der Garten -war ihr Schönstes. - -Aber sie sah keinen Grund nein zu sagen. Denn in ihrem Amt durfte sie -eigentlich gar nichts für sich allein haben. Alles mußte dem Zwecke -dienen, dem sie sich einmal gelobt hatte. - -Sie stand am Fenster und gewahrte, daß der Doktor zuerst allein -hineinging. Er schaute auf ihre Fußspuren und verfolgte sie langsam bis -zum Tempel mit dem blauen Griechenbild. Auf einmal hatte sie das Gefühl: -es ist ihm gar nicht um das Schneeballen der Kinder -- er will nur wieder -spähen. Er hat ein halbes Bild von dir und will neue Züge haben. Er sucht -sie sich. - -Sie sah, wie er ging und ihre Spuren verdarb. - -Sie sah, wie er durch ihren weißen Schneegarten ging. - -Auf einmal fühlte sie das Widrigste an ihm, das eine Frau an einem Mann -empfinden kann. - -Sie trat zurück. Ihre schwarze Gewandschleppe rauschte. - -Dann hörte sie Kinderlärm. - -Jetzt flog es da unten hin und her. Ball auf Ball. Der Doktor warf seine -Bälle immer den hübschesten Mädchen zu. Die wußten das und warteten -darauf. Sie lachten. - -Christiane dachte jäh: im Grunde wird Bartelmes mit diesen Mädchen gut -fertig. - -Bestand da irgend eine geheimnisvolle Wirkung, ein heimliches Gegenspiel -- -Funke und Funke -- --? - -Oder war er wirklich auf diesem Gebiete besonders begabt? - -Ihr fehlte die große Begeisterung, die in dem Werk an den verwöhnten -Kindern eben wirklich ein Werk sah. Heimlich hatte es schon oft in -ihr gerissen: wärst du doch dort geblieben, wo du warst, wo du junge -Kämpferinnen vor dir hattest, Wesen wie du, die ihren Sinn gespannt -auf alle Dinge des Wissens richteten und ihren Lebensgehalt vom Wissen -erwarteten --! Das Nutzlose ihres Schaffens stieg vor ihr auf. - -Die hier sind anders. Sie sind vom anderen Ufer. Sie sehen kühl und -lächelnd auf dich und denken: du bist alt. Sie sehen dein Kleid und -denken: hu, so möchte ich nicht sein. - -Sie schauen nach dem, was du nie besaßest, und sie werden es besitzen. -Alle, alle werden es besitzen. - -Neid kam in ihr auf, Neid auf diese jungen, werdenden, schönen, -leichtbeschwingten Dinger. - -Sie vermochte ihnen nichts Dunkles anzudenken, und sie sollten es auch -nicht verstehen. Sie sollten den Weg gehen, den dieser Mann, dessen Nerven -in einem starken, sinnlichen Weibesverstehen zuckten, ihnen anweisen -würde. - -Sie selber konnte hier nicht anwenden, was sie eigentlich war, nicht -werden, die sie war. - -Vielleicht nie und nirgends. - -Sie war in einer Sackgasse verrannt. - -Ihre besten Gaben, ihr Geist, ihre Klugheit, ihre Sehnsucht, ihre uralte -Kultur -- das alles war knapp eingespannt und kläglich halb ausgenützt. -Das andere verfiel. - -Torheit war es, zu glauben, daß ein Beruf eine jede Frau höher -brächte ... dazu durfte man nicht Vollblut sein. Er entwickelte eine -brave, nüchterne, praktische, manchmal sogar trostlose Seite, aber ein -geistiges Wachsen brachte er nicht. Die ersehnte Hochkultur brachte er -nicht. - -Sie hätte eine dieser Frauen werden können, wie sie Bartelmes suchte, -einer der vornehmen, neuen Geister, die alte und neue Kultur, Traditionen -und Erworbenes in sich vereinten -- war es nicht das, was sie Jahre und -Jahre hindurch mit verbotenen Wünschen heimlich ersehnt hatte? - -Mit Ludwig hätte sie reiten, an seiner Seite mit an seinem Werk bauen, -das ganze Leben der Nation in seiner Entwicklung, in seinen Kämpfen und -Bedrohungen mit erleben wollen -- sie wäre eine kostbare Teilhaberin -geworden! - -Wohin er auch gelangt wäre, immer hätte sie unübersehbar an seiner Seite -gestanden, keine Nichtstuerin, kein Weibchen, sondern mit weiten Flügeln -hinaufstrebend zu dem Hochbild der neuen Frau. - -Sie fühlte sich plötzlich umspannt, beunruhigt, in alte Qualen gestürzt. - -In ihr spähte es ja immer noch. Es war, als ob ihre ganze Seele dem Leben -gegenüber jetzt atemlos auf dem Lauscherposten stünde, ehe sie sich -enttäuscht für immer abwandte und in Niederungen verkroch. - -Sie vergaß ihre Grenzen und ihre Würde. - -Sie starrte zu den jungen Dingern hinab, und ihre Hände zuckten, wie ihr -Herz. - - * * * * * - -Um zwölf Uhr -- das Glockenspiel der Agnetenkirche summte durch die -weiche, dicke Luft -- guckte Mai Friedlein aus dem Tor des Reutterschlosses -sehr bestürzt in das Gewimmel. Schon wieder so viel Schnee, und sie hatte -keinen Schirm. Schon wieder so viel Nässe, und sie hatte ihren guten Hut -auf. - -Da kam es von rechts und von links. - -Sie wußte gar nicht, wohin sie zuerst schauen sollte, und war von dem -Übermaß unerwarteter Ritterlichkeit förmlich entzückt. Das war hier -doch sonst nicht Sitte! Sicher hatte Dreher Bartelmes beobachtet, sein -Vorhaben erraten und kam nun von der anderen Seite gleichfalls mit seinem -Schirm und einem galanten Spruch. - -Sie warf den Kopf zurück und sah noch viel schöner als gewöhnlich aus. - -»Wie soll ich mich da entscheiden?« sagte sie lachend, »am besten ist -es wohl, ich nehme einen Schirm, und die Herren gehen zusammen unter dem -anderen.« - -»Ihr Hut muß sehr geschützt werden,« meinte Dreher, der im Herzen -wieder erwog, wieviel solch ein Hut kostete. Er hätte den Vorstoß nicht -gewagt, sondern hätte sie seelenruhig im Schnee gehen lassen und wäre -höchstens zärtlich hinterhergestapft -- wenn er nicht noch rechtzeitig -den anderen gewahrt hätte. Nein, dem gönnte er sie nicht! Dem Bartelmes -nicht! - -Sie hatte einen Schirm angenommen, und zwar, vielleicht zufällig, den des -Doktors. - -Nun liefen die beiden Herren neben ihr her, einer rechts, einer links. - -Jeder im Schnee. - -Mai beobachtete das mit großer Schärfe und fand, daß die breiten Flocken -dem Doktor besser standen, als Dreher, dem sie lächerlich an der Nase -vorbeitrudelten. Auf Bartelmes blieb der Schnee förmlich zärtlich liegen -und zerfloß dann schnell, wie von einer ungeheuren Wärme aufgezehrt. - -Wenn man nur wüßte, was für Gedanken er hatte! - -Sie mahnte sich selber: Vorsicht! Vorsicht! - -Die Erinnerung an den Assessor kam wieder. - -Noch immer war kein sicherer Bewerber aufgetaucht. Die Mutter war noch -nicht wieder in die Stadt gekommen. - -Dreher redete wenig, horchte aber aufmerksam auf den anderen. Der erzählte -vom Theater (das für Mai auch keine ganz angenehme Erinnerung war) und vom -Rodeln, das er für seine flotten Schülerinnen eingeführt hatte. Ein Wall -im Stadtpark war dafür hergerichtet worden. - -Er hatte auch Winterwanderungen aufgebracht. - -Nun bot Bartelmes sich Mai zum Führer an: »Wenn Sie einmal den Versuch -machen wollen, so bin ich gern bereit, Sie zu unterstützen.« - -Sie merkte, was für ein Gesicht Dreher zog, und bedachte sich. - -»Ich werde es mir überlegen.« - -»Zu unserm Rodeln müssen Sie aber kommen,« redete Bartelmes zu. »Heute -nachmittag sind wir im Stadtpark, meine Mädel und ich.« - -Der Stadtpark verursachte ihr auch keine angenehmen Erinnerungen. - -»Kommen Sie doch, Fräulein Friedlein,« bettelte er. - -Sie besann sich rasch. Wenn sie recht spät kam, war das Rodeln beendet, -und dann hatte sie noch den Heimweg mit dem Doktor. Sie konnten sich einmal -sprechen. Wann war das sonst möglich? Im Reutterschloß war man doch -umspäht und beobachtet. Er war doch schließlich -- -- vielleicht -- zu -rechnen. Der langweilige Dreher entschloß sich doch nie. - -Sie blieb stehen, denn sie war am Stieglitzberg. Eben wollte sie zusagend -antworten, in Gegenwart Drehers antworten, und sie wußte, was das für den -bedeutet hätte. Denn der haßte das Rodeln, erstens, weil man sich dabei -erkälten konnte, und dann, weil es unnötige Anstrengung war. - -Da sah sie in Bartelmes Augen. - -Mai Friedlein war mit der Zeit klug geworden. Sie hatte ihre Erfahrungen -und eine gewisse sehr feine, treffsichere Männerpsychologie. - -Lächelnd und sehr unbefangen sagte sie: »Nein, Herr Doktor, es tut mir -sehr leid -- ich rodle, offengestanden, nicht sehr gern. Sie verzeihen -also, wenn ich -- fehle.« - -Und damit gab sie dem alten Junggesellen, dem Dreher, die Hand. Instinktiv -sehr fest. Und er antwortete mit einem Druck, der ein Kompliment war, eine -große Anerkennung. Eine Sorge war von ihm genommen. - -Sie war doch nicht zu -- schön. - -Die Herren sprachen nicht viel untereinander, als sie zu Tisch gingen. - - * * * * * - -Ludwig brachte Christiane ein Buch, von dem sie gesprochen hatten, und -fragte, ob sie zum Abend zu ihnen kommen könnte. Es sei aber niemand -weiter da. - -»Heute abend geht es nicht,« antwortete sie, das Buch leicht in der Hand -drehend, »heute fahre ich nach der Oper. Götterdämmerung.« - -»Siegfrieds Tod,« sagte er mit leichter Ironie, die sie nicht verstand. - -»Ja, Ludwig, es ist mir hier manchmal zu eng,« sprach sie, aufstehend und -ein paar unruhige Schritte durchs Zimmer machend, »ich muß etwas anderes -haben, wenigstens einen Ton von Ungewöhnlichkeit. Es ist ja nur kurz,« -fügte sie hinzu, »sieh, so musikalisch bin ich nicht, daß ich Wagner -vollkommen verstünde. Ich habe nur _gelernt_, ihn zu verstehen. Das ist -nicht viel. Im Anfang werde ich kalt sein. Ich werde die Pappen und die -Leinwand der Dekorationen am deutlichsten sehen und die koketten Arme der -Sängerinnen. Dann werde ich anfangen zu hören und für eine Weile im -Strudel untertauchen. Aber wenn es aus ist, Ludwig, dann ist es auch -für mich aus,« setzte sie traurig hinzu, »ich nehme nichts mit. Keinen -Rausch, keinen Traum, keine Erhebung. Davon bin ich ausgeschlossen.« - -»Aber warum suchst du dir nicht eine Sprache aus, die du ganz verstehst?« -fragte er. - -»Ich sage dir ja, ich suche das Ungewöhnliche,« antwortete sie. - -Er sah sie schärfer an. - -»Christiane, ist es dir zu -- schwer?« fragte er halblaut, »dann -- -wirf's doch hin. Wirf die Sache hin. Such dir Größeres. Sieh, ich sprach -damals nicht dagegen, als du kommen solltest, weil ich« -- er stockte eine -Sekunde -- »weil ich dich wieder nahe haben wollte. Weil ich dachte, wir -könnten uns auch so etwas sein. Du mir und ich -- dir.« - -»Was können wir uns sein, wenn unser Feuer so hinter dem Berge brennt,« -erwiderte sie leise. - -Er schrak zusammen. - -»Dafür brennt aber kein anderes, näheres,« sagte er langsam, in sich -versunken. - -Sie schwiegen beide. - -Als er aufschaute, kam ihm ihr Gesicht wieder verwandelt vor. - -Sie blickte in ihren Garten hinaus. Der war voll Schnee. Aber viele Spuren -führten bis zu dem blauen Griechenbild. - -»Komm morgen zu uns,« sagte er, »komm jeden Tag. Wenn du _kannst_,« -fügte er halblaut hinzu. - -»Ich dachte, damals sei das Schwerste für mich,« sprach sie langsam, -»damals am Morgen auf der Bahn. Weißt du -- als du die Türe hinter mir -schlossest. Aber jetzt -- ich bin doch schon so weit -- aber jetzt --« -sie fuhr plötzlich zusammen. »Ludwig, was sage ich dir,« rief sie, »was -fällt mir ein? An solche Dinge dürfen wir nicht rühren.« - -Sie sah wieder nach ihrem Garten. - -»Solche Spuren sind ganz fein, und mehr darf nicht sein. Sei ruhig, -Ludwig, ich will dir keine neue Last aufladen. Ich möchte nur, daß du --- fortgingst. Das quält mich mit, daß ich dich hier weiß und daß du -so --« - -Er sah sie an. - -»Sprich nicht weiter,« bat er. - -Sie schauten sich an. - -»Bitte, komm morgen,« sagte er dann, »komm, Christiane.« - -Er ging. -- -- -- -- - -Christiane fuhr in die ›Götterdämmerung‹. Unterwegs, während der -kurzen Eisenbahnfahrt, sah sie erst, wieviel Schnee in der Welt war. Schnee -um Schnee. - -Aber in der großen Stadt war er weg, oder wenigstens unkenntlich. In der -Vorhalle des Opernhauses mußte sie plötzlich an den Wald denken, und -jetzt wußte sie: ich werde ihn gleich sehen. Oder etwas Ähnliches. - -Und es kam so, wie sie gesagt hatte: erst saß sie fremd, ja, sie lächelte -sogar flüchtig, dann aber warf sie ihre Seele in die Musik hinein, sehr -spät, denn die anderen, die ihre Gläser vor die Augen und die Textbücher -auf dem Schoß hielten, hatten das vermutlich längst getan. - -Der Gesang der Rheintöchter berührte sie besonders. Dieses Klingen, -dachte sie. Meine Stimme hat in meinem ganzen Leben nicht so geklungen. Wie -das perlt. - -Ich kann mir denken, daß Frauen, die so singen können, ein ganz anderes -Leben führen, als eine -- Schulmeisterin. - -Nachher dachte sie an Doktor Bartelmes Schwester. Eine Tochter aus gutem -Hause -- nein, so ganz gut war es wohl nicht. Sie hatte es von Ludwig -gehört. Ein wenig Schmutz war ihr wohl schon in der Seele angehangen, als -sie auf die Bretter kam, und ihre Seele war jedenfalls ebenso bereit für -den Schmutz wie für die Kunst. - -In Christiane wehrte es sich auf einmal gegen alle heuchlerische -Bühnenkunst, und sie sehnte sich nach der reinen Kunst der Bücher und der -Bilder. - -Wenn ich dergleichen getan hätte, dachte sie. - -Das ist auch ein Lebenpacken, vielleicht sogar ein -- Sichanwenden. - -Dann reckte sie sich. - -Dazu hätte ich nie gepaßt. Ich, eine Dorreyter -- nein. Nie. Zum Reiten -über die Heide hätte ich gepaßt. Zu Ludwig. Zu keinem anderen, als zu -Ludwig und zu seinem Werk. - -Aber wenn ich diesen Stempel nicht empfangen hätte -- wäre ich dann nicht -vielleicht -- -- nein, was denke ich, keiner wird anders, als er ist. -Ich bin die Urenkelin der Frau von Rhane und habe heißes Blut. Aber -- -hochmütiges. Sehr hochmütiges. - -Zu Ludwig hätte ich gepaßt. Aber Sünde hätten wir nicht tun können. Er -nicht und ich nicht. - -Dazu ist unser Blut zu stolz. Wir lassen unser Feuer hinter dem Berge -niederbrennen. - -Ja, niederbrennen. - -Ich bin aufgeregt, dachte sie, als sie aus dem Theater kam und nach dem -Bahnhof fuhr. - -Es war der letzte Nachtzug nach Markburg. - -Und morgen früh -- -- was war mit ihr? Sie war ja ganz aus dem -Geleise -- --? Hastig stieg sie ein und lehnte sich zurück. Allein sein, -allein fahren, fahren, irgendwohin. - -In ihrem Blut bebte der schwere Rausch der Musik. -- - -Sie stutzte. Da sah sie einen: Bartelmes. Und er erkannte sie im selben -Augenblick. Nach einem kurzen Zaudern sprang er zu ihr in den Wagen und -begrüßte sie. - -»Waren Sie auch in der Oper?« fragte sie unwillkürlich. - -»Ja, ja,« sagte er. »Ging aber vor Schluß weg und war noch mit Freunden -zusammen. Literatur.« Er lachte vor sich hin, und auf einmal dachte sie -wieder an seine Schwester. - -»Ich möchte Ihr Fräulein Schwester wohl einmal sehen,« sagte sie. - -Er fuhr vor. »Meine Schwester?« - -Dabei sah er sie an. Das Licht im Abteil war blau gedämpft, ganz genau -konnten sie einander nicht erkennen. Aus dem Nebencoupé tönten lebhafte -Stimmen. Da fuhren auch welche aus der Oper nach Markburg oder in ein -anderes Nest. - -»Ach, meine Schwester,« sagte er. »Ich versichere Sie, die braucht keine -Hilfe und keinen Rat. Sie sollten Sie sehen: klein ist sie nur, aber ein -stahlfestes, geschmeidiges Tierchen und -- ach, ich glaube, ich habe -wohl ein Bild von ihr da.« Er griff seine Brieftasche heraus und suchte -zwischen anderen Photographieen. - -Jetzt hielt er ihr eine hin und riß am Lampenschleier. - -»Hier, bitte, gnäd -- -- Fräulein Doktor --« - -Hatte er ganz vergessen, wer sie war? - -Jetzt war nur das kleine Bild zwischen ihnen. - -Ein keckes Persönchen. Sie wußte sofort, es war so, wie sie gedacht -hatte: an der war nichts Reines und Bewahrtes, die war durch alle Feuer -gegangen. - -»Aber nun --« er steckte das Bildchen ein -- »darf ich erfahren, wie -Ihnen der Siegfried gefallen hat --?« - -»Ein dicker Sänger,« sagte sie. - -Er fuhr zurück. - -»Erbarm sich -- -- Pardon, gnädiges Fräulein -- Sie scheinen überhaupt -keine Musikkennerin zu sein und auch wohl keine Bühnenillusion gelten zu -lassen?« - -»Musik verstehe ich nicht,« sagte sie, »und die Bühne -- mir scheint es -nicht, daß das Kunst ist -- -- Kunst ist meiner Ansicht nach -- vornehmer. -Kunst war es, als es _wurde_.« - -»Vornehm, ja, vornehm,« höhnte er. Es versank fast im Rattern des Zuges. - -»Ja, allerdings. In den Klöstern gab es auch nur das Buch und die Musik, -die den frommen Frauen die Zeit vertrieben. Aber eine andere Musik. Ach, -kleine Spiele gab es auch, fromme Spiele.« - -Er lachte. Irgend etwas an ihm schien verwandelt, und in ihr begann es -heimlich gierig zu spähen: kam sie jetzt auf den eigentlichen Kern des -Doktor Bartelmes? - -»Ich dachte, Sie kämen vom Siegfried anders zurück,« sagte er nun, und -sie zuckte: »Wußten Sie denn --? Daß ich --« - -»Ach, ich glaube, ich war in der Telephonzelle, als die Hausmeisterin Ihr -Billett bestellte,« sagte er gleichmütig. Jetzt war er wieder korrekter. -»Ich bin aber oft hier,« setzte er noch hinzu. - -Sie saß regungslos. - -Das hieß ja fast, es könnte auch möglich gewesen sein, daß er um -ihretwillen hierhergefahren wäre! Sie hätte fast gelacht. Und zugleich -schraubte sich ihr ganzer Hochmut herauf: wer war er denn? Was erlaubte -sich dieser Mann? - -Er hatte wohl gemerkt, was in ihr vorging. Seine Stimme veränderte sich -vollkommen. Kühl holte er ein Schulthema heran, ein extra langweiliges. - -Sie hörte kaum zu. Ihre Blicke hingen sich mechanisch an die -schwarzspiegelnden Scheiben -- da merkte sie, daß er auch dahin guckte. Er -suchte ihr Bild heimlich aufzufangen. - -Und plötzlich kam über sie, was noch keine Gestalt angenommen hatte, aber -schon dagewesen war. Sie dachte wieder an ihren weißen Garten, durch den -er gegangen war. Irgend etwas in ihr neigte sich ihm zu: sie waren einander -im Geistigen wohl ebenbürtiger, als er dachte, und wenn ein Feuer sein -sollte, so konnte es diesseits brennen, offen, ganz offen -- -- -- - -Ludwig! - -An wie vielen war sie in den Jahren schon vorbeigegangen! - -Und jetzt sollte es so kommen? - -Hier vor seinen Augen? - -Eine Stimme sagte ihr: früher hattest du noch Hoffnungen und mehr -Idealismus. Früher war Ludwig noch groß vor dir, und etwas in dir fand -keinen Größeren. - -Jetzt ist deine Seele in einem atemlosen Harren über ihn hinausgeflackert. - -Hier ist einer, der dich zwar noch nicht kennt, aber doch über -dich nachdenkt, der Macht über dich gewinnen will. Nicht einer der -Gleichgültigen und Dutzendleute -- nein, eine Basis wäre wohl da, auf der -ihr euch treffen könntet -- er würde dir geben, was du verlangst -- -- -und du ihm, was er -- braucht -- -- -- - -Sie zuckte. - -Was war das? - -Wie verirrte sie sich in solche tollen Dinge? - -Morgen, ach morgen -- -- -- - -Sie strich über die Scheiben, die nun angelaufen waren, und brachte den -Kopf ganz nahe. Auf einmal sah sie die vorbeistreifenden Schneefelder, und -plötzlich überkam sie eine ganz lichte Empfindung, als glitten weiße -Büsche an den Rainen entlang, als seien blütenhelle Bäumchen da, als sei -ein ganz zarter, heimlicher Frühling draußen. Eine Frühlingsnacht. - -Und sie dachte: Wieviel hast du versäumt. Mit Büchern und mit fremden -Leuten. Mit Tränen hast du es versäumt. Mit Sehnsucht. Nach einem fernen -großen Jugendfeuer hast du hingestarrt und dabei jeden deiner neuen -Frühlingstage übersehen. - -Und bald kommt der Herbst. Dann wird dir die Rechnung präsentiert. Dann --- was dann kommt, ist bitterer als Sehnsucht, ist die ganze Qual des -Unerlebten, ist die Erkenntnis, daß du leben _konntest_ und hast es nicht -getan. Und hast es nicht getan. - -Sie saß regungslos. - -Und drüben saß der Mann. - -Sie sprachen nicht mehr. - -Er begleitete sie auch nicht nach ihrem Hause, denn Christiane winkte sich -rasch eine Droschke heran und fuhr dem Reutterschloß zu. - - * * * * * - -Am anderen Abend kam sie zu Cöldts. - -Sie blieb erst eine Sekunde vor dem Hause stehen und besah es sonderbar -genau, und als sie nachher Ludwig gegenüberstand, schaute sie ihm auch -sonderbar ins Auge. - -Er kam an dem Abend zeitiger aus seinem Zimmer als sonst. Immer, wenn -Christiane da war, tat er es, aber heute war es noch zeitiger. Und dann bat -er sie, sie solle zu seinen Büchern kommen. - -Hardi folgte und beobachtete Hanni, die ein Schulbuch vor hatte. Sie -schaute auch zu Christiane, die mit Ludwig zusammen Neuausgaben alter -Bücher besah. - -Und es überkam sie auf einmal: was tue ich denn hier? Wer bin ich denn -hier? Was für ein Recht habe ich hier --? - -Sie fühlte wieder den Schnee draußen. - -Christiane aber sah, Ludwigs Auge vermeidend, die Neudrucke an und dachte: -Ja, es sind Kostbarkeiten, für ihn wenigstens. Stille Kostbarkeiten, wie -er sie so gern hat, wie er sie an sich genommen hat, statt seines Werkes, -statt seiner eigenen Ideen, statt jeder Tat, zusammen mit meiner Liebe. - -Alles stille Kostbarkeiten. - -Aber später? Wie werden wir das später ansehen? - -Ludwig, man bleibt nicht zusammen, wenn man sich immer ferne ist. Eine -Lücke bleibt -- es bricht. Ludwig, zwischen uns ist eine Lücke, und wir -spüren sie jetzt -- beide. - -Beide spüren wir sie jetzt. - -Ich habe ja keine anderen Erinnerungen, als an die Ritte über die Ebene -und an die Stunde, in der du die Tür leise hinter mir schlossest. - -Soll ich hinter der Tür stehen bleiben? - -Frau von Cöldt merkte, wie wenig geredet wurde. Die beiden sahen -aufmerksam auf die Bücher und kaum auf einander. - -Eine Stille zog durch den Raum und wurde schwer. - -Es war gut, daß unvermutet noch jemand kam: eine der Vereinsdamen. Sie -wollte einiges mit Hardi besprechen und tat es auch, und dann ging sie mit -Christiane zusammen fort. Andere Begleitung war nicht nötig. - -Sie wohnten nicht weit voneinander. - -Hardi Cöldt sah ihren Mann nachher flüchtig an. - -Irgend ein Triumph schwoll in ihr, ein ungewisser roher Hohn, vor dem sie -selbst erschrak. - -Sie sagte nichts. - - * * * * * - -Das Jubiläum der Reutterschule rückte näher. - -Fünfzig Jahre war es her, seit Fräulein Sophie Reutter sich in ihrem -Hause aufgehängt hatte. Von dem Tage datierte die neue Zeit, wie die -Blätter schrieben. Natürlich erwähnten sie den Selbstmord der alten Dame -nicht, sondern priesen nur ihren sozialen Weitblick, der der Regierung die -Mittel zur Entwicklung der Anstalt an die Hand gegeben hatte. - -Die Haberkorn gab ihr Jubiläumsbuch heraus. Wochenlang hatten ihr die -Kanarienvögel bei den Korrekturen helfen müssen. Jetzt lag es beim -Buchhändler in der Rädelgasse im Schaufenster, gleich neben den Schriften -des Doktor Bartelmes. - -Und der hatte auch darin abgefärbt. Wenn man genau zusah, so kehrten -seine Wendungen wieder, und seine Schlager waren unbewußt angenommene -Geleitsworte geworden. Das System Bartelmes feierte hier einen Triumph. - -Es kamen viele Gästeanmeldungen. Christiane staunte, wie weit die -Provinzschule ihre Zöglinge ausgeworfen hatte. Die meisten hatten Mann und -Kinder, waren Regierungsrätinnen und Professorsfrauen, Offiziersgattinnen -und große Damen. Einige wenige hatten sich selber Brot schaffen -müssen, das waren Lehrerinnen. Alle waren der Zucht und Pflege des -Reuttersschlosses entsprechend geraten -- die Ungeratenen meldeten sich -erst nicht. - -Am Vormittag des Festtages fand der offizielle Aktus statt, für den Abend -aber waren künstlerische Aufführungen der Schülerinnen geplant, über -denen Doktor Bartelmes wachte. - -Christiane zog sich von diesen Vorbereitungen zurück, der Doktor hatte sie -darum gebeten, es sollte eine Überraschung für sie sein. - -Lange vor Ostern wurde schon geprobt. Die Gedanken der Kinder waren -von nichts anderem mehr erfüllt, und den Auserwählten, den schönsten -Mädchen, wurde von den anderen neidisch nachgeguckt. - -Christiane verlor ihre stillen Nachmittage und Abende, an denen keiner in -dem Hause war, als sie und die alte Hausmeisterin und etwa der Geist des -aufgehängten Fräuleins -- wenn der Lust dazu hatte. Sie atmete nicht mehr -die schwere, herrschaftliche Ruhe, die noch von der Besitzerin her stammte, -gleichsam aus der Sekunde, in der sie ihren letzten Atemzug getan hatte, -diese Ruhe, die alles wegstrich, was gerauscht und gerüttelt hatte. - -Vom frühen Nachmittag an gingen Türen, wanderten Mädchenschritte, -erscholl Mädchenlachen, ertönte das Klavier. Mai Friedlein hatte -Seele für das, was sie zu spielen hatte. Es begann mit Mozarts zartem -Frühlingslied: ›Ein Veilchen auf der Wiese stand --‹ und kettete einen -leichten Rhythmus an den anderen. - -Es war dann, als ob lichte Wolken zogen, der Rasen grünte, und die Amseln -schrieen. - -Und es kam so: während man so sang und spielte und probte, zerfiel der -Schnee, und es wurde viel schneller Frühling, als man es nach diesem -sibirischen Winter erwartet hatte. Viel schneller zog es blau hinter den -Bäumen auf, liefen die Wasser ab und pfiffen die Amseln vom Giebel des -Griechentempels. - -Und dann kam der Tag. - -Morgens, beim Ankleiden, dachte Christiane: ich kann begreifen, daß Sophie -Reutter an einem solchen Tage Schluß machte. Der treibt ja dazu. Der -Frühling hat tausend Fäuste gegen den, der ihm widerstrebt. Seinen -ungeheuren blauen Schild deckt er über alles, was nicht mit ihm leben -kann. - -Wie das funkelt. - -Herein in den Saal oder -- heraus! - -Sie erschauerte: was denke ich? - -Der Garten war ganz trocken, ganz grün, voller Sonne. Die Linden waren -noch hochmütig kahl, aber lebendig waren sie auch. Alles, alles war -lebendig. - -Das Griechenbild verschwand fast dahinter. - -Christiane dachte: mit einem Siebenmeilensprung bin ich über die -Felder des Lebens hinweggekommen, auf denen die Frauen am längsten und -zärtlichsten stehen und auf denen sie ihre Blumen pflücken. Weit, weit -unter mir hat es unsicher geleuchtet. Ich dachte nicht daran. Ich durfte -nicht. - -Ist jetzt ein Wind gekommen, der mich -- zurückträgt? - -Auf einmal fiel ihr ein, daß sie am Abend auch Ludwig sehen würde. Gewiß -würde er kommen. Aber mit Hardi. Sie lachte vor sich hin. Mit Hardi! Mit -seiner Frau! - -Draußen auf den Gängen trappelte es schon -- Herrgott, sie kamen! In dem -Augenblick empfand sie jäh, wie eisig einsam sie in tiefster Seele doch -war. - -Nun vollzog sich die offizielle Jubiläumsfeier unter der Teilnahme -des Präsidenten und vieler Stadtspitzen. Orden wurden allerdings nicht -verteilt. Der einzige, der dafür reif gewesen wäre, Professor Diermann, -war nicht mehr da. - -Christiane mußte auch wieder reden. - -Ein bißchen verborgener Spott über die ganze Kleinstädterei, über das -gesamte menschliche Narrenspiel war in ihr. Sie sprach anders, als sonst, -leichter, gleichgültiger. Verschiedene Gesichter hoben sich und staunten -zu ihr herauf, die Jong, der Zeichenlehrer, sogar der Präsident. - -Komödie, Komödie, dachte sie. - -Auf der anderen Seite fuhr Lächeln über ironische Mienen. - -Sie merkte es nicht. - -Draußen vor den Fenstern glitten Wolken wie weiße Vögel. Siegfrieds Tod -stand wieder vor ihr auf, der ganze schwere, tönende, verlangende Rausch -der Musik. - -Jetzt sangen sie. Sie erschrak. - -›Der dich mit Adlersflügeln -- -- --‹ - -Bestürzt blickte sie in Doktor Bartelmes Augen. -- - -Am Abend war das Fest. Blumen durchzogen das ganze Haus, lauter -Frühlingsblumen. - -Christiane kam in die Menge herein, wie ein Gast. - -Ludwig, den sie traf, befragte sie, wer alles geleitet hätte. Sie war -schon eine Zeitlang nicht mehr bei Cöldts gewesen. - -»Ja, Bartelmes,« sagte sie, über ihn wegschauend. Ihre Augen flimmerten. - -Er trat zurück. - -Dann merkte sie, daß auch wohl die Haberkorn an der Sache beteiligt war. -Sie lief wenigstens aufgeregt hin und her und flüsterte da und dort einem -Mädchen etwas zu, erklärte diesem oder jenem etwas. Der Zeichenlehrer -zeigte irgendwelche Skizzen herum. Mai probierte das Instrument, wobei -die Jong gleichmütig wissend zusah, und die Kanarienvögel nahmen alles -ringsum mit wissenschaftlicher Neugier auf, obgleich nicht zu erwarten -war, daß man in ihren künftigen Wirkungskreisen auf dem oder jenem Dorfe -gleich etwas der Art von ihnen erwarten würde. Immerhin hatten sie auch -ein kleines, verborgenes Gelächter über Bartelmes, dem sie den Spitznamen -›die schwere Zigarre‹ gegeben hatten, denn an eine solche erinnerte er -sie. Er war lang, dunkel, steif und doch gut anzubrennen. - -Die Wehrendorf kam in ihrem schwarzen Kleidchen still herein und winkte -sich ein paar Kinder heran, eins davon war bucklig. - -Bartelmes trat zu Christiane heran. - -»Jetzt dürfen wir beginnen, nicht wahr?« - -Das Klavier schlug an, und nun kamen sie. - -Wie ein Frühlingszug glitt es heran, nichts von Drill und Tanzstunde, -von frühreifer Koketterie, in keinem Auge etwas Dreistes, überall -Mädchenschritte, Mädchenblicke, zarte Hingabe -- -- ›Ein Veilchen auf -der Wiese stand --‹ - -Gewiß waren die Kleider raffiniert ausgesucht, die Kränze geschickt -aufgesetzt, gewiß war alles genau überlegt und herausgespielt, und doch -schien es, als hätte er die Kindesseele ganz rein heraufgeholt, als hätte -er diese Herzen zu feiner Kunst geöffnet. - -So lieblich hatte Christiane diese Mädchen noch nie gesehen. So schön -noch nicht. -- - -In ihr schrie es. Der Neid kam auf. Die glühende Sehnsucht nach dieser -Jugend und diesem Sein. - -Und auf einmal überkam sie eine Erinnerung: ein wenig ähnlich war der -Plan doch gewesen, den Diermann und die Haberkorn damals aufgesetzt -hatten, als sie glaubten, daß ihr Interregnum noch fortdauern könnte. Nur -künstlerischer war er gestaltet. Deshalb war die Oberlehrerin so eifrig -dabei, deshalb waren fast alle so voller Feuer und Flamme gewesen -- etwas -Altes von ihnen, ihr eigener Wille hatte sich da durchgedrückt. - -Und es war schön -- schön -- -- -- - -Bartelmes konnte viel. Er war ein Künstler. - -Auf einmal fiel ihr Sophie Reutter wieder ein. So viel auch ihrer -Wohltätigkeit gedacht worden war -- ihr dunkles Bild war nicht aufgerufen -worden. - -Sollte sie es jetzt tun? - -Irgend etwas trieb Christiane plötzlich an, diesen Kindern in ihrem -werdenden Frauenglanz auch den Frauensturz, das ernste Schicksal zu zeigen! - -Eine Jugend lebte von ihr, Jugenden hatten schon von ihr gelebt, aber ihr -wirkliches Los und Leiden kümmerte keinen. - -Sie wollte vortreten, Schweres auf den Lippen -- da kam Bartelmes auf sie -zu. - -»Fräulein Doktor -- -- Verzeihung --.« Er war gar nicht Erzieher, -sondern nur ein triumphierender Mann. Er sah zu den Mädchen und sah zu -ihr. »Wie dunkel sehen Sie aus, Fräulein Doktor.« Seine Worte waren -Kompliment, seine Augen glänzten. - -Es überstrich sie. - -»Ich wollte sprechen,« sagte sie. - -»Wovon?« - -»Von der Frau, die hinter uns steht. Von der -- Gescheiterten.« - -Er verzog den Mund. - -»Ist denn heute ein Tag für Gespenster? Heute? Heute? Verzeihung, aber --- -- ja, gewiß -- --« Er trat zurück, sein Ton war kühl. »Wenn Sie -glauben --« - -»Nein, nein, ich will doch lieber nicht.« Sie hatte sich besonnen. Heut -war ein Frühlingstag gewesen, und für alle Jugend hier im Saal würde es -doch Frühling bleiben, trotz allem, was etwa gesagt wurde. Darin läßt -keine Seele sich etwas aufreden. - -»Nein, ich will nicht,« sagte sie. - -In seinen Augen flimmerte es noch immer. - -»Der Abend sollte ein ganz helles Geschenk für Sie sein,« sprach er -leise, fast ein wenig heiser. - -Er blieb neben ihr stehen. - -Die Gäste drangen auf sie ein. Alle ehemaligen Schülerinnen, die -Professorsfrauen und Offiziersgattinnen. Alle sprachen sie vom verstorbenen -lieben Herrn Direktor und von Diermann. - -Bartelmes war für sie jetzt der Herrscher. Er hatte ja alles geleitet. Er -antwortete allen. Christiane schwieg betäubt. - -Sie wußte, daß sie ihm heute die Herrschaft übergeben hatte. -- -- - -Mai Friedlein hatte sich trotz ihrer Mitwirkung und manch heimlicher -Komplimente, die ihr vom Doktor zugekommen waren, doch geschickt von ihm -zurückgehalten. Sie war mit ihren Plänen so gut fertig, daß es nur noch -fehlte, daß sie gelangen. Sie spielte nicht mehr auf das Wunder hinaus. -Ihr Wurf war viel kürzer geworden. - -Ja, sie war schön. Wie schön, das wußte sie nur allein. - -Aber wenn einer nach ihr gegriffen hatte, so fand es sich immer, daß er -schmutzige Hände hatte oder nichts in den Taschen. - -Nun war einer mit sauberen Händen da. Aber er war ein bißchen gewöhnlich -und hatte schlechte Manieren. Ihr Herz zog sich vor ihm bitter zusammen, -aber es blieb ihr kein anderer Weg, als der zu ihm, und es gehörte noch -viel Klugheit dazu. - -Auch sie empfand die Schönheit der Mädchen. Die der Werdenden. Die über -sie hinwegwuchsen. - -Wenn sie an dem Abend noch nicht an ihr Ziel kam, so war es, weil ihr -helles Kleid Dreher Bedenken machte. So etwas kostete viel Geld. - -Die Jong kam zur Wehrendorf. - -»Dörfchen,« sagte sie. - -Ada hielt ihren Kopf gesenkt. - -Mühsam hatte sie ihr Schiff ein halbes Jahr gesteuert. Ostern hatte sie -einen Teil der Fracht abgeben können, aber grade die guten, strebsamen -Kinder. Die anderen waren geblieben. Auch die kleine Cöldt. - -Nun wiegelte die in ihrer lautlos höhnischen Art die anderen auf, und es -waren weniger gute darunter, als vorher. Es war diesmal kein besonderer -Jahrgang. Und Adas Nerven waren sehr herunter. Sie schlief kaum mehr vor -Husten. Mit dem Essen mußte sie auch furchtbar sparen. - -Sie äße außerhalb, sagte sie Frau Dorreyter manchmal. Immer konnte sie -doch nicht auf deren Kosten leben. - -Die Jong schien etwas gemerkt zu haben und ließ sie an heimatlichen Kisten -teilnehmen. Mehlmännchen brachte ihr Marmelade und Knusperchen. - -Aber trotzdem -- -- -- - -»Hören Sie mal, Dörfchen, wenn Sie nicht mehr können, dann ruhen Sie -sich lieber aus,« sagte die Jong. - -»Wo denn?« - -Die Wehrendorf schaute den Kindern zu. Ihre Augen strahlten -selbstvergessen. - -»Ich will Ihnen mal was sagen. Mein Bruder ist Pastor in der Lausitz. -Ältere Leute schon, haben weder Kind noch Kegel. Die brauchen jemand für -sich. Wenn Sie dahin gingen -- schlecht würden Sie es nicht haben. Da -könnten Sie sich ausruhen, meine ich.« - -Die Wehrendorf gab keine Antwort. -- -- - -Ludwig sah sein Kind an, das eben vor ihm stand. Es trug auch das helle -Tanzkleid und den Kranz im Haar. Und doch wirkte es nicht elfenhaft wie die -anderen, sondern eher wie ein Waldschrat. - -Hardi war schon müde. Das grade Dasitzen konnte sie nicht gut aushalten. -Und nun war es doch wohl endlich aus. - -Sie befragte Frau Landesrat Colb deswegen. Die Damen rückten zusammen und -flüsterten wieder vom Verein. Sie wollten einen Frühlingsbasar halten. - -»Das könnte aber erst sein, wenn ich zurückkomme,« sagte Hardi, »ich -wäre doch gern dabei. Und dann bin ich auch frisch.« - -»Ach ja, gnädige Frau gehen ja nach Bad Wiesental -- so bald schon -- wie -hübsch.« - -»Der Arzt hat es geraten. Im vorigen Jahr war ich um diese Zeit auch da. -Es war nett. Nur ein paar Familien und die schöne Gegend --« - -»Ihr Herr Gemahl geht auch mit?« - -»Er bringt mich nur hin. Nein, er hat ja keinen Urlaub. Und das Kind muß -doch auch in die Schule. Das Fräulein ist ja so zuverlässig --« - -»Wie reizend,« sagte Frau Colb. »Da besuche ich Sie einmal, und wir -können dann wegen des Basars überlegen. Zu spät dürfte es nicht werden, -denn --« - -»Dann ist es nicht mehr Frühling.« Hardi lachte sonderbar. »Ja, sicher, -sicher --« - -Sie spähte nach Christiane aus. Neben der stand noch immer der große -dunkle Mensch. - -Wie hatten die Herren vor ihnen vorhin gesagt? - -»Der hat jetzt die Macht im Reutterschloß. _Sie_ hat -- umgesattelt.« - -Ludwig hatte es doch auch gehört. - -Sie faßte ihn am Arm. - -»Komm, wir gehen.« - -Sie gingen Arm in Arm aus dem Saale. - -Keiner sprach. - - * * * * * - -Nun kam schon Bad Wiesental hinter den Bäumen herauf. Kein großes Bad, -aber sehr lieblich. Es gab Eisenquellen dort. Hardi war voriges Jahr sehr -frisch wiedergekommen. - -Bäume, Büsche, Gärten, Wiesenflächen -- wie schön war alles. Ganz hell -alle Bäume und Sträucher, mit Blättchen fast nur erst wie befiedert -- -aber viel Blüten. Lauter Blüten, weiße und rosige und da und dort auch -gelbgoldene, strähnig hängend. Ein wahrhaftiges Märchen. - -Hardi dachte daran. - -Sie hatte nicht viel Süßes im Leben gehabt. Aber sie hatte es auch nicht -gebraucht. Sie war ihrer Mutter Tochter. - -Es hatte wohl noch mancher ihren Weg gekreuzt, besonders dort oben in der -Ostmark. Wenn sie unverheiratet gewesen wäre, noch die arme Dorreyter -- -dann hätte sich keiner dieser Herren um sie gekümmert. Aber so neigten -sie sich ihr verhohlen spähend zu. Sie spürten ein Unglück an ihr und -suchten sie auf ihre Art zu trösten. Noch jetzt blitzte dann und wann auf -ihrem Wege ein solcher Glühfunken auf. - -Sie kümmerte sich nicht darum. - -Sie hätte zu Hause bleiben und ein altes Fräulein werden müssen; sie -hätte nichts vermißt. - -Aber sie war's nicht geworden. - -Jetzt hatten sie das Dorf erreicht. Die Häuser waren sanft an den Berg -gelehnt, der sie schützte. Gärten kränzten sich um sie. Einige schlichen -den Berg hinauf, so weit sie konnten. Ganz oben auf dem Gipfel waren -Kirschenplantagen, die standen wie weißes Gewölk. - -Weiber liefen vorbei, schon barfüßig, schmunzelten hinauf und sprachen -von guter Ernte. - -Wie konnte man an Ernte denken, an dicke, rote Kirschen, wenn das zarte -Gewölk da oben stand? - -Mit einem leisen Gelächter sagte Hardi es ihrem Mann. - -Der horchte verwundert hin, denn dergleichen war er an ihr nicht gewohnt. -Auch hatte sie während der Fahrt kein Wort geredet. - -Er dachte sich nichts bei dem Frühlingstag. Er erfüllte nur seine -Pflicht, wenn er seine leidende Frau hierher brachte, wo sie gut aufgehoben -war und sich fern von ihm vorzüglich erholte. - -Zu Hause lag ein Stoß Akten, an dem wollte er morgen, über Sonntag, -arbeiten. - -Hardi hielt sich fast ungewohnt straff, und nun kamen sie an das Häuschen, -in dem das Quartier wieder bestellt und bereitet war. - -Hardi lief in die Zimmer und guckte sich um: vor den vorderen Fenstern -standen weißblühende Dornbüsche, förmlich dick und trotzig taten sie -im Übermut. Sie wollten blühen. Und vor der Hinterstube blühte, schräg -ansteigend, der Berg. - -Sie faßte den Mann am Arm. - -»Sieh, Ludwig, wie schön --!« - -»Du kannst es ja recht genießen,« sagte er. - -Sie hatte die rote Gardine etwas zurückgeschoben und sah hinaus. -Plötzlich wandte sie sich um und blickte in sein fahles Gesicht. - -Und auf einmal kam es wieder über sie: Ich hätte ja längst gehen -müssen. - -Das war meine Sünde, daß ich nicht gegangen bin. - -Was war ich denn bei ihm? Nicht einmal sein Haus habe ich ihm geführt. -Nicht einmal sein Kind habe ich ihm erzogen. Mit Spielereien habe ich mich -satt gemacht, mit fremder Not ein wenig getändelt, und sein Werk habe ich -ihm genommen. - -Sünde war alles. - -Ich habe es gespürt. Lange, lange schon. - -Die Eisdecke unter mir hat schon immer gezittert. - -Aber was nun -- was nun --? - -Das andere Glück kann ich ihm nicht schaffen. Wenn ich sein Haus verließe -und mich frei machte, würde ich noch mehr von seiner Laufbahn gefährden, -als ich schon gefährdet habe, noch mehr wegreißen und nichts dafür -geben. Denn das Feuer, nach dem er noch immer geschaut hat und das ich ihm -gleichmütig und spöttisch ließ, ist ja längst für ihn erloschen. - -Ich kann ihm nichts geben, wenn ich -- gehe. - -Es umwirbelte sie. Wie durch einen Schleier sah sie die weißen Bäume auf -dem Berg. Wie eine feierliche Prozession stiegen sie höher und höher. -Weiß, alles weiß. - -Die rote Gardine wehte. - -Ludwig schritt noch einmal prüfend durch die beiden Zimmer. Er rief die -Wirtin und sprach mit ihr, um sicher zu gehen, daß für Hardi alles gut -besorgt werden würde. - -Dann kam er zurück, gab ihr die Hand und warf dabei einen Blick auf die -alte Bauernuhr an der Wand. - -»Ich muß zum Zug, Hardi. Hier scheint alles in Ordnung. Solltest du etwas -vermissen, so telephoniere sofort, hörst du? Aber voriges Jahr hat es dir -doch so gut gefallen.« - -»Ja, es hat mir gut gefallen,« erwiderte sie, ohne den Blick aufzuheben. - -»Ludwig,« sagte sie. - -Er stutzte flüchtig. - -Nun küßte er sie. »Lebwohl, Hardi.« - -Sie blieb stehen und horchte seinem Schritt nach, er ging langsam. Sie -horchte noch immer: jetzt war er draußen. Der Sand knirschte. - -Auf einmal lief sie nach dem Vorderzimmer und spähte aus dem Fenster. - -Da war er. - -Er wandte sich, glaubte wohl, daß sie noch etwas zu sagen vergessen hatte, -und sah ihr fragend ins Auge. - -Seine Wimpern zuckten. - -»Bleib noch ein wenig,« bat sie mit blassen Lippen. - -»Es ist der letzte Zug,« sprach er. - -»Bleib,« sagte sie. - - * * * * * - -Und nun begann eine seltsame Zeit. - -Ludwig Cöldt kehrte wieder an den Anfang zurück. - -Er war wieder bei seiner Frau. - -Das Ursprüngliche knüpfte sich wieder an, das alte Recht und die alte -Liebe. Er fand sich wieder an die Zeit heran, wo er das liebe Mädchen mit -den melancholisch schmachtenden Augen auf den Markburger Straßen gesehen -hatte und sofort rätselhaft gepackt gewesen war, daß kein Überlegen, -kein Bremsen geholfen hatte -- er mußte sie haben, keine Bessere, keine -Schönere, die nur -- die! - -Daß sie sich nicht gleich ergab, daß sie auch als Braut immer etwas -Scheues, Beklommenes behielt, war ihm ein Reiz mehr gewesen -- je mehr -Wälle, desto mehr Sieg, je mehr Trutz, desto mehr Süßigkeiten. - -Und dann -- -- -- - -Da war ein breiter Graben. Aber über den waren sie jetzt hinweg. - -Sie vergaßen Markburg mit allem, was daran hing, die Gesellschaft, die -um sie war, sein Amt, sogar ihr Kind. Sie durchlebten in diesen zarten -Frühlingswochen etwas, was sie noch nie erlebt hatten, so groß war es. -Ein sonderbarer Ballast war dabei, aber er machte es noch größer. - -Christiane Dorreyter war aus Ludwigs Leben verschwunden. Sie war ihm -das Fremde geworden, das unsichere Feuer, die Versuchung. Hier war die -Ehrlichkeit, die innerste Verknüpfung, die reinste, beste Verbindung --- hier war das Weib und nicht die Verirrung. Hier brannte das schönste -Feuer, und drüben war nur ein trüber Hauch -- hier war die Ehe und dort -die Sünde. - -Hardi war schuld an dieser Verirrung, aber sie sühnte jetzt, gab ihm -alles, und er verstand sie und sich. - -In jeder freien Zeit war er in Wiesental. Er hatte sich ein Pferd -angeschafft; fast an jedem Tag konnte man ihn hinüberreiten sehen. - -Hardi dachte nicht mehr an ihren Verein, auch nicht an die Mutter, nicht -an den Basar, den die Damen veranstalteten. Einmal war eine von ihnen -dagewesen, hatte aber nichts ausgerichtet und die gute Cöldt recht -sonderbar gefunden. - -Wenn Hardi auch nicht zur Leidenschaft fand, nie ein brausendes Wasser -wurde, weil die Dinge in ihrer Seele kein Gefäll bekamen, so gab sie sich -doch in Ludwig hinein und hatte keinen anderen Gedanken mehr. Es war kein -Zu-ihm-finden, keine späte Liebe, aber eine späte Ehe. - -Etwas trug sie -- sie verstand es nicht ganz -- etwas schob sie, das hatte -Macht aus jener Wintermorgenstunde, als sie den Schnee über ihr warmes -Leben herfallen spürte, Schnee um Schnee. Sie fühlte sich getrieben und -dachte nicht zurück, höchstens wie an fremde Länder. - -Sie freute sich über sein Glück. Denn er war jung geworden und lachte -viel. - - * * * * * - -Der Frühling flammte. Sein Schild war noch glühender, sein Ruf noch -lauter geworden. - -Christiane sah ihren einsamen Garten in Blüte kommen. Sie hatte nicht -gedacht, daß der Garten der unglücklichen Sophie Reutter auch blühen -konnte. Als sie ihn im Vorjahre fand, hatte ihr nur dunkles Laubwerk -entgegengeduftet, steife, ernste Bäume. Jetzt zeigte es sich, daß -Kleineres versteckt gewesen war, das sich nun bunt heraustat und alle Feuer -spielen ließ: Goldregen und Dornsträucher, Quitten und weißer Flieder. -Und gleich neben dem Tempel standen zwei riesige Kastanienbäume, die -blühten über und über rot. - -Der Garten war kein Klostergarten mehr. Bis in die Nacht hinein duftete -er, ja, die ganze Nacht hindurch. Durch die offenen Fenster kamen seine -Duftwellen, und von weiter her kamen andere, von den Wiesen, auf denen -die freie Blüte stand, vom Walde, in dem die wilden Kirschbäume wie -Frühlingsfackeln brannten. - -Und der Himmel war stahlblau, und die Abende goldschwer veratmend, sich -immer mehr dehnend, kein Ende nehmend. Immer noch Abend, immer noch ein -Glühen, immer noch ein Rot hinter dem Walde! - -Die Kinder brachten Christiane Sträuße aus ihrer Eltern Gärten. Sie -gaben auch der Haberkorn welche, aber nicht mehr, als die Höflichkeit es -erforderte, auch der Seifert und der Jong, sogar dem Mehlmännchen, aber am -meisten bekam sie der Doktor Bartelmes. Mit Blumen beladen ging er mittags -weg, er zeigte sie recht -- auch Christiane sah es. Die meisten waren von -Betty von Kramer, von der schönen Ersten mit dem ägyptisch geschnittenen -Gesicht. - -Wenn er einmal gar zu viel hatte, so schenkte er den Damen davon, einmal -hatte er der Mehlmann einen großen Busch roter Tulpen verehrt (sie fragte -nachher wieder die anderen, ob man nichts dabei ›gefunden‹ hätte?) und -der Haberkorn einen Strauß Vergißmeinnicht, den die verdutzt anguckte, -wobei wieder das merkwürdige, unbestimmbare Männerlächeln um seinen Mund -zuckte. - -Einmal kam er mit einem Busch weißer Narzissen auf Christiane zu, in -seinen Augen flirrte etwas -- sie fuhr hochmütig zurück: wollte er die -ihr etwa schenken? - -Nein, er zeigte sie ihr nur und sagte: »Sehen Sie, die Mädel bringen -mir doch wenigstens nichts Geschmackloses mehr. Sie wissen, alles, was mir -nicht gefällt, lasse ich unbarmherzig liegen, und dem will sich doch keine -aussetzen! Die sind übrigens von Betty. Die sind schön.« - -Ein leiser, aufreizender Hohn schien in seinen Worten mitzuklingen. - -Gleich darauf wurde seine Miene wieder schmeichelnder, weicher, und -er fragte halblaut: »Kann ich Ihren Garten jetzt wieder einmal sehen, -Fräulein Doktor?« - -Jäh sah sie ihm in die Augen. - -Er erwiderte den Blick. Die Narzissen in seinen Händen sanken etwas. - -Kühl gab sie ihm die Erlaubnis und ging davon. Oben in ihrem Zimmer trat -sie nicht ans Fenster -- sie wollte nicht sehen, wie er zwischen -ihren Bäumen herumschlich bis zum Griechentempel, über dem die rote -Kastanienblüte stand. Er kannte zu viel von ihr und würde noch mehr -erraten, wenn er jetzt durch ihren Garten ging. - -Nun hörte sie seinen Schritt. - -Sie stand von ihrem Platze auf, warf einen trüben Blick auf die ›eiserne -Wehr‹ und schritt leise zum Fenster -- -- sie mußte ihn doch noch -- -sehen -- -- -- - -Und plötzlich dachte sie wieder: er ist mir ja ganz fremd. Ich kenne -ihn nicht. Nein, alles, was er tut und will, kenne ich nicht, weil es aus -anderem Gesichtspunkt und von einem ganz anderen, mir dunklen Leben her -geschieht -- -- -- - -Und doch fühlte sie die unheimliche, treibende Macht in sich. - -Zu Cöldts kam sie jetzt nicht mehr. Sie wußte von der Mutter, daß Hardi -in Wiesental war und Ludwig oft hinüberritt. Oft hörte sie sein Pferd am -Hause vorbeitraben, hörte den Hufschlag und dachte dumpf: hier hält er -nicht mehr an. - -Nein. - -Jeder suchte das Seine. - -Auch jetzt war sie nachmittags oft nicht mehr allein im Reutterschloß. -Doktor Bartelmes hatte sich die Erlaubnis erbeten, auf dem Harmonium in der -Aula zu üben. Nun hörte sie das oft. Es war nicht laut. Es drang nur wie -Summen durch die dicken Wände, drang zu ihr, und sie horchte danach, und -ihr Herz strebte davon los und kam nicht frei, sondern verwirrte sich noch -mehr daran. In einer fremden Sprache kann man dem viel sagen, der sie nicht -versteht: er hängt daran und rätselt daran, und ein wenig Rausch ist -dabei. -- - -An anderen Tagen war er wieder mit seinen Mädchen auf Wanderungen -unterwegs. Immer waren die Schönsten um ihn herum, besonders Betty von -Kramer. - -Es waren schon Mütter zu Christiane gekommen und hatten gesagt, der Herr -sei wohl zu modern für Markburg. Die Mädel hätten ja keinen Sinn mehr -für etwas anderes, außer ihrem Doktor, eitler könnten sie nicht mehr -werden, als sie geworden seien, und Neid und Eifersucht wären an der -Tagesordnung. - -Christiane merkte: ich kann es nicht mehr so lassen. Ich darf es nicht. Ich -lade Schuld auf mich. - -Schattenhaft stieg das Bild der Schwester des Doktor Bartelmes vor ihr auf. - -Da kam er zu ihr wegen des Johannisfestes. - -»Johannisfest?« sprach sie tonlos. - -»Ja,« meinte er unbefangen, »ich glaubte es Ihnen schon gesagt zu haben, -daß wir feiern wollen --« - -»Nein.« - -»Es soll wieder ein Fest nach echter Reutterschulart werden.« - -»Nach Reutterschulart?« fragte sie. - -»Ja. So sagt man doch jetzt in der Stadt.« - -So sagte man in der Stadt? - -»Also nach Ihrer Art?« sprach sie langsam. - -»Ein Waldfest,« entgegnete er, ohne auf ihre Frage einzugehen, »ein -Feuer draußen am Hünengrab im Obrawald. Ein Reigen. Ein paar Lieder und -Tänze.« - -»Und die anderen Kollegen?« fragte sie. - -Er zuckte die Achseln. »Ich weiß darüber nicht Bescheid.« Ein scharfes -Licht war in den dunklen Augen. - -Sie wußte: die anderen waren allmählich von ihm abgerückt. Sie billigten -seine Art nicht mehr. Ihre Begeisterung war abgekühlt. Jeder stöhnte, -wenn er in der Klasse des Doktor Bartelmes zu unterrichten hatte. Sogar die -Haberkorn. - -Christiane sah vor sich hin. - -»Ich möchte es nicht gern, Herr Doktor,« sagte sie. - -Er sah sie groß an. - -»_Sie_ möchten es nicht?« wiederholte er. - -Er sagte gar nichts weiter. - -Sie war gezwungen zu sprechen. - -»Der Platz ist sehr entlegen. Sind Sie sich der Verantwortung bewußt, -Herr Doktor? Glauben Sie, daß es leicht sein wird, die vom Feuer, vom Tanz -und Gesang aufgeregte Schar wieder durch den dunklen Wald heimwärts zu -bringen?« - -Er lachte. »Wenn es weiter nichts ist, Fräulein Doktor! _Ich_ bringe sie -schon heim. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf.« - -»Die Eltern der Kinder sehen in diesen Wanderungen und Festen eine gewisse --- Übertreibung,« sagte sie. - -Er verzog den Mund. - -»Markburg,« sagte er trocken. »Aber Sie gnädiges Fräulein -- Sie -- -- -sind doch nicht so kleinbürgerlich!« Er lachte. - -Sie schwieg. -- - -Ich gehe nicht nach dem Walde, dachte sie. Mögen sie ihr Spiel für sich -allein haben. In ihr nagte es: Du durftest nicht. Sie hörte die Worte der -besorgten Mütter, daneben aber klang noch etwas anderes -- eine Melodie! - -Sie kümmerte sich nicht um die Vorbereitungen, hörte aber von der -Haberkorn, daß die Mädchen des Doktor Bartelmes kaum noch zu regieren -seien, so vergnügt seien sie. Es machte ihr jetzt eine besondere Freude, -Christiane etwas über Bartelmes zuzutragen. Lauernd flogen ihre Blicke -über sie hin. - -Christiane verzog keine Miene. - -Heute nachmittag will ich mal wieder zur Mutter, dachte sie, und mich nach -der Wehrendorf umschauen. Hier läuft sie mir immer aus dem Wege, und ich --- denke nicht an sie. - -Ehe sie aber so weit kam, erhielt sie Botschaft vom Präsidenten, daß er -sie zu sprechen wünsche. - -Das gesamte Patronat war versammelt. - -Die Herren schienen kühl. - -Der Präsident sagte, daß die Richtung, die in der Reutterschule -neuerdings unerwarteterweise verfolgt würde, in den beteiligten Kreisen -gar nicht angesprochen hätte und daß man Fräulein Doktor Dorreyter -dringend ersuchte, von diesem veränderten Kurse abzusehen. Der Kernpunkt -sei ja wohl nicht sie, sondern der neue Oberlehrer, in dessen Wahl man sich -anscheinend etwas vergriffen hätte und der auch anscheinend über seine -Grenzen hinaus zu dominieren versuche. Man setze aber in Fräulein Doktor -Dorreyter volles Vertrauen, daß sie das Schiff in _ihrem_ Sinne steuere, -den sie ja in ihrer energischen Antrittsrede, wenn man sich richtig -erinnere, deutlich kundgegeben habe. Es seien auch Beschwerden über die -Lehrerin Wehrendorf eingelaufen, die damals nur auf besondere Verwendung -des Fräulein Doktor und einiger Damen angenommen worden sei und die -anscheinend nicht in den Schulbetrieb gehöre. - -Christiane konnte auf diese feinironischen Ausführungen ihres Chefs nicht -antworten, denn der Präsident fuhr gleich darauf anscheinend gelassen -fort, indem er sich einige Aktenstücke reichen ließ: Man hätte -sich, nachdem das Stiftungskapital neuerdings zu einer bestimmten Höhe -angewachsen sei, in der letzten Patronatssitzung entschlossen, die -wiederholt ausgesprochenen Wünsche der Leiterin zu erfüllen, die -fehlenden Klassen aufzusetzen und ein Seminar anzufügen, wodurch -wohl vielen jungen Mädchen eine willkommene Gelegenheit zur Aus- oder -wenigstens zur Weiterbildung gegeben sei. - -Christiane schaute betäubt auf. - -Damit hatte sie ja gesiegt -- -- gesiegt -- -- -- - -»Wir wären sehr dankbar, wenn wir Ihre Entwürfe und Pläne schon in -kurzer Zeit erhalten könnten, Fräulein Doktor,« fügte der Präsident -noch hinzu. - -Christiane machte sich zu Hause sofort an die Arbeit, suchte alte Pläne, -Ministerialerlasse und Verordnungen heraus, verglich, entwarf, überlegte, -zeichnete auf, und darüber wurde es Abend. - -Sie fuhr plötzlich hoch und sah es rot über dem Walde stehen. - -Das ist der Johannisabend, fiel ihr auf einmal ein. - -Sie schob ihre Papiere zurück und sah starr in das ferne Glühen hinaus. -Ein feiner Dunst kam aus dem Walde und schlich herein. - -Sie schaute in ihren Garten -- der war schwarz. - -Eine wahnsinnige Angst überkam sie. Der Sommer gleitet vorbei. Alle -ansteigenden Zeiten sind vorbei. Mein Leben tritt in das Dunkle ein. Hier -sind die Pläne, die Ministerialerlasse, die Prüfungsordnungen -- haha -- -das ist mein -- -- das ist mein -- -- - -Sie warf noch einen Blick zur ›eisernen Wehr‹ empor, dann nahm sie -ihren Hut und ging. - -Wie leicht kann ich schreiten, dachte sie, als sie in den lichten Staub der -Straße trat. Wie -- jung -- - -Vom Sonnenrot sah sie hier nichts. Der Wald stand dunkelnd. Eine verwischt -blaue Stimmung war zwischen den Straßenbäumen. Die Kinder kletterten -darauf herum, rissen Lindenblüten los und warfen sie herab. - -Sie eilte. Nun war sie im Walde. Fahrtgeleise gingen tief hindurch -- ach, -es war die Allee, auf der sie damals gegangen war, als das Gewitter kam, -vor einem Jahre -- -- - -Sie schritt rasch und empfand: Johannisabend. - -Hinter allen Büschen schien es zu leben, tiefer, als bei jenem -Taggewitter, heimlicher, als in den hellsten Stunden, seltsamer, als an -anderen Abenden. Sie fühlte: hier ist Leben über Leben um mich. Sie sah -an den Tannen empor, sah, wie die silbergrauen glatten Stämme der Buchen -grünumflimmert zur Höhe stiegen und oben ihr Laub ausbreiteten, sie sah -Bäume, die über und über grün waren, bei denen die Äste schleppend auf -den Boden hingen, so voller Sommer waren sie. Und dann sah sie noch etwas. -Mitten unter den Waldbäumen stand eine Linde, über und über blühend. -Hoch stieg sie empor, höher, als die Buchen und Tannen, und oben blühte -sie ganz allein, über allem Laub. Diese Blüten konnte keiner pflücken. -Das Abendlicht überglänzte sie. An die konnte keiner heran. - -Sie ging weiter. - -Auf einmal scholl es hinter ihr. Sie horchte: Klippklapp, Klippklapp. - -Sie blieb stehen. - -Da kam es sacht näher. Ein Reiter. - -Sie wandte das Gesicht. Das Herz schlug ihr hoch auf, sie wußte, wer das -war. Er wandte sich ihr flüchtig zu, eine halbe Sekunde schauten sie sich -in die Augen. Es war Ludwig. - -Klippklapp, klippklapp, trabte das Pferd. - -Weit hinten auf der Schneise verschwand es. Er war vorbeigeritten. - -Sie wußte, wohin er ritt. - -Langsam ging sie weiter, es dunkelte. - -Und nun kam es wie Gesang näher -- sie horchte gierig. Es war kein -Hufschlag. Es war Gesang. - -Das Lied kam ihr sonderbar vor. Sie, die so viele Kinderlieder gehört -hatte, horchte wie verzaubert auf dieses Lied. - -Es kam ihr vor, als hätte sie es noch nie vernommen, aber als müßte -sie es vernehmen, eben jetzt zu dieser Stunde. Auf einmal verstand sie die -Sprache der Melodie. - -Sie blieb stehen, ihr Herz versagte. - -Und nun kam der Zug aus dem Walde heraus. - -Mitten zwischen den Stämmen kamen sie hervor -- o, es sah schön aus! Es -war, als ob die Elfen dieses Johannisabends kettengleich vorüberzögen im -Reigentanz. - -Sie sangen noch immer, und immer noch mehr kamen aus dem Walde, helle, -singende Gestalten. - -Das war keine Ausgelassenheit. - -Jäh packte es sie: das war Feier. - -Er hatte es wieder fertig gebracht. Er hatte ein kleines Kunstwerk -geschaffen, hatte in diesen verwöhnten oberflächlichen Dingern das -Verständnis für Weihe, für die Schönheit des Waldes und für den -sonderbaren schwülen Zauber dieses Abends geöffnet. Er konnte das, denn -er war ein Künstler. - -Nun kam er. - -Ein paar große Mädel waren dicht um ihn und glitten jetzt fort. Betty war -dabei und wandte noch das Gesicht nach dem Fräulein Doktor. - -Er sah Christiane an: »Nun? Ist es nicht schön?« - -Sie schwieg. - -Er blieb etwas mit ihr zurück. Die Schar zog vor ihnen. Sie sang noch -immer. Leise, ganz zart. Es verschwamm jetzt fast. Es ging sanft in diesem -sanften Abend unter, der seine wilden Farben jetzt eingezogen hatte. - -Sie schaute zurück. - -Wo war das Rot? - -Sie sah auf die Straße. - -Wo war der Reiter? - -Bartelmes stand vor ihr. Seine Blicke überglitten sie, er sprach kein -Wort. - -Wie ein seidenweicher Schleier überrann sie das Gefühl: ich bin doch -schön. Ich bin vielleicht noch nie so schön gewesen, wie jetzt -- in -meiner Reife. - -Verwirrt horchte sie. Kein Hufschlag mehr. - -Ihre Seele schrie auf, schrie nach Feuern hin, nach Flammen, nach einer -einzigen schönen Glut, nach einem Glück, wie sie es noch nie besessen -hatte. Sie wollte nicht immer Muster sein, Tugend, Vorbild, sie wollte -Flamme sein, Schönheit, Genuß -- sie wollte geben, was noch keiner -besessen hatte und was alle gaben. Sie wollte mit Kränzen in feinen -Melodien schreiten und purpurn untergehen, wie der Abend untergeht. Sie -wollte dem Leben nahe sein, ganz nahe, sie wollte Leben sein. - -Seine Miene blieb unbeweglich. - -Und eben deshalb sah sie ihn schärfer an, als sie es sonst in ihrer -Erregung getan hätte. - -Er hielt stand. Es war vielleicht in seinem Willen, daß die Maske jetzt -fiel, die er doch für jeden Kundigen nur lose vorgehabt hatte, denn -er gedachte nicht weiter zu gehen und sich keinerlei Schwierigkeiten zu -machen. - -In den Augen blieb sein Lächeln. - -Verwirrt grübelte sie, wo sie es schon gewahrt hatte: wenn er mit der -Haberkorn sprach, auch mit der Seifert oder mit der Mehlmann -- alle -belächelte er so aus einer gewissen Mannesüberlegenheit heraus, und nun -hatte er das Lächeln, das Blinzeln auch für sie -- --? - -Sie begriff noch nicht. -- Auch -- für -- sie -- --? - -Und dann kam ihr Gewißheit. Ihre hellsichtige Menschenbeobachtung fand -sich wieder ein, vielleicht noch nie so scharf, wie in dieser Sekunde. Sie -durchschaute sein Spiel, das auf ihre innere Demütigung auslief und auf -das äußere Vorzeigen: seht, ich habe die Herrin unter mir. Ich bin der -Herr. Die haben sie angestaunt, wie ein neues Wunder, die sind argwöhnisch -vor ihr geflohen, ein Narr ist sogar vor Schrecken gestorben -- ich aber -habe festgestellt, daß es unter den Frauen nichts Neues gibt und niemals -etwas Neues geben wird. Es gibt gar keine modernen Frauen. Wenn sie es -können, so begehren sie immer nur den Kranz, den der Mann ihnen aufsetzt, -und ihr Wille, ihre Pläne sind rasch zu biegen ... an jedem Platz! - -Sie erkannte noch mehr: Er war ihr gegenüber nie in Unruhe geraten, -vermißte nichts und begehrte nichts. Seine Sinne waren unbeteiligt, denn -er hatte ein anderes Weib um sich, von dem ihm die scharfe Erkenntnis -jedenfalls mit geflossen war -- -- -- - -Er wollte nun doch näher an sie heran. - -Sie sah ihn mit funkelnden Augen an. - -»Sie haben ja eine Geliebte,« sagte sie hart. - -Er schnellte etwas zurück. - -Dann besann er sich. - -Der wissende Hohn in seinen Augen wurde stärker. - -»Ja. Ich habe Ihnen sogar schon ihr Bild gezeigt, Fräulein Doktor -Dorreyter -- eine junge Bühnenkünstlerin.« - -Er lachte ein wenig. Sein Fuß rührte im Staub. - -»Ich wollte Ihnen damals das Bild meiner Schwester zeigen -- sie schauen -sich übrigens ähnlich -- da griff ich zufällig das andere.« - -Sie gab keine Antwort. - -Rasch schritt sie an ihm vorbei. - -Die Kinder vorn sangen wieder. - -Christiane sah, daß der Wald zu Ende war. Da kam schon die Stadt. Sie war -so voller Lichter, wie sie nur sein konnte. - -Christiane wandte sich und schaute noch einmal nach dem Walde zurück. - -Das Feuer war erloschen. - - * * * * * - -Am nächsten Tage ereignete sich das Unglück. - -Einige der Patronatsherren kamen in die Klasse der kleinen Wehrendorf. Sie -hatten es noch mehr auf den Doktor Bartelmes abgesehen, dessen beargwöhnte -Methode sie sich näher begucken wollten, aber die Hilfslehrerin stand mit -auf dem Programm. - -Ada wußte sofort Bescheid. - -Christiane hatte ihr schon einen Wink gegeben: nimm dich zusammen! Aber was -heißt ›Sich zusammennehmen‹, wenn die Nerven und alle Hoffnung ohnehin -zu Ende sind. Wenn sie nicht so an der Arbeit gehangen hätte, wenn sie ihr -nicht das Wichtigste, die schwere Hauptsache ihres Lebens gewesen wäre, -dann wäre sie leichter über die Klippe hinweggekommen. - -So aber gab sie sofort das Spiel verloren, als keine Ruhe unter den Kleinen -wurde und Hanni Cöldt ganz offen in ihre Worte hineinlachte. - -Die Herren sahen Ada fragend an. - -Die aber stürzte an ihnen vorüber zur Tür hinaus. - -Die Gäste wußten nicht, wie ihnen geschah. Deshalb warteten sie noch ein -paar Minuten. - -Aber auf einmal fingen ein paar der Kleinen heftig an zu weinen. Und eine -drehte sich zu Hanni Cöldt um und schrie: »Du! Du!« - -Und plötzlich sah der Geheimrat Meckebier die fliehende Gestalt drüben am -Walde. - -»Herrgott,« sagte er und faßte den anderen am Arm. - -Nun eilten sie zu Christiane und schlugen Lärm. - -Die Jong wurde gerufen und sagte: »Ich habe es kommen gesehen. Sie aß und -schlief nicht mehr. Gestern gab ich ihr noch einen Brief von meinem Onkel -und redete ihr flehentlich zu: sie solle kommen und wenn es nur für ein -Ausruhen war -- man wollte sie dort pflegen. Aber sie wollte nicht.« - --- Als Ada im Walde war, fing sie an zu denken. - -Von neuem kam die Gewißheit über sie: es war aus. Man behielt sie nicht -mehr an der Reutterschule. Da konnte Christiane es so gut meinen, wie sie -wollte -- man behielt sie nicht mehr. - -Und ohne die Kinder konnte sie doch nicht leben. So viel sie sie in ihrer -süßen Dummheit auch gequält hatten, sie hatten sie doch auch lieb -gehabt. O ja, die meisten hatten sie doch lieb gehabt. Und nun konnte sie -es nicht vertragen, daß eine andere an ihre Stelle kam -- das konnte sie -ihr nicht gönnen! Nicht einmal die kleine Cöldt konnte sie ihr gönnen! -Der ganze schwere Kampf -- wie war er schön -- wie war er schön. - -Sie blieb wieder stehen. Unbewußt war sie richtig gelaufen, denn ihre -Phantasie hatte den Weg schon Tag und Nacht gemacht. - -Da war der Krähenteich. - -Mit zitternden Gliedern, halb besinnungslos, glitt sie nieder und ins -Wasser hinein. Schnell. Schnell. - -Es war grade die Stelle, an der Herr von Wratislawski Mai die Rosen -überreicht hatte. - - * * * * * - -Vierundzwanzig Stunden später waren die Reutterschülerinnen und das -ganze Kollegium zur Gedächtnisfeier für die Tote in der Aula versammelt. -Diesmal sprach Christiane schwer und fest. - -Die Herren und Damen spähten argwöhnisch zu ihr empor. Alle wußten, -daß der schöne Doktor Bartelmes bei der gestrigen Revision recht schlecht -abgeschnitten hatte. Er hatte es sich aber nicht weiter anfechten lassen, -sondern auf der Stelle gekündigt. Was bedeutete ihm Markburg! Er hatte -übrigens wieder ein neues ästhetisches Buch geschrieben, das kam zum -Herbst heraus und würde seinen Ruhm verstärken. Aber hier --! Ironisch -blinzelte er zu Christiane hin und strich den Bart. - -Diesmal fand sie kein Beschönigen mehr. Vor allen Mädchen rief sie das -Frauenschicksal auf, das vor ihnen hingeglitten war, ohne daß einer es nur -recht erfaßt hätte. Desto mehr aber war seit gestern geflüstert worden. -An verborgener Niedrigkeit brachten auch diese planmäßig zur Schönheit -erzogenen Mädchen genug auf. - -Nun aber hörten sie die Wahrheit. - -Christiane sprach von den Frauen, in deren Leben kein anderes Feuer brennt, -als das, das sie sich selber anzünden. Ada Wehrendorf hatte nie nach -fremden Feuern gespäht, hatte nie eine Gnade, ein Glück erwartet, als aus -ihrer Arbeit allein. Sie hatte so an der gehangen, daß sie ihren Verlust -nicht überwinden konnte. Es hatte ihr Ruhe gewinkt, Pflege, ein Schutz. -Sie hatte aber ohne ihr Werk nicht leben mögen. Nicht an irgend einer -Sehnsucht war sie gestorben, sondern an dem Verlust ihres Schaffens. Sie -hatte ihre Arbeit lieb gehabt. - -Christiane riß die Kinder an sich heran -- wie glühender Draht brannte -es wieder in ihrer Rede auf -- die Wehrendorf war einstmals eine von ihnen -gewesen, eine der verwöhntesten -- und wie mancher konnte es gehen wie -ihr. - -Sie spürte auf einmal: an diesem Leben hing auch Kampf, war nicht nur -ästhetisches Genießen -- das Blatt wandte sich für viele -- und manche -Seelen waren unter ihnen, die einen Schutz brauchten. - -Sie fühlte auf einmal: auch sie hing an ihrer Arbeit. Wenn sie gescheitert -wäre, wenn es ihr irgendwie gegangen wäre, wie der Wehrendorf -- -- sie -atmete heimlich auf -- der häßliche Sturz war nahe gewesen -- -- dann -hätte sie auch nicht mehr leben können. Ihr Werk hätte sie nicht -zerbrochen und besudelt aus der Hand legen können. Sie fühlte auf einmal -Fäden, die sie mit ihm verbanden, mit diesem allen hier, so fest, wie -mit keinem anderen, weil Kampf daran hing, letzter Aufruhr, weil hier die -Krisis gekommen war. - -Sie starrte auf die Mädchenköpfe, und ihre Seele rang sich ganz fest an -das Werk heran. - -Man empfand wieder die alte Christiane Dorreyter, die im Übermaß ihrer -schweren Kraft und ihres harten Erkennens ihre Leitsätze gegeben hatte. - -Alle wußten, daß ihre Worte ein Vernichten des System Bartelmes -bedeuteten und des Schiefen, das für die Leiterin daran gehangen hatte. -Man konnte nichts mehr reden. - -Leise gingen die Mädchen dann aus dem Saal -- so leise waren sie selten -gegangen. - -Die Herren und Damen redeten nachher noch über die kleine Wehrendorf. -Natürlich hätte ihr jeder beigestanden, wenn er es gewußt hätte. - -Christiane sprach noch mit der Jong. Da kam ein Bote und gab ihr ein -Telegramm. - -Sie brach es auf und las: ›Hardi soeben verschieden.‹ - - * * * * * - -Es war zwei Tage später. - -An Christianens Tür pochte es. - -Es war das Brautpaar Dreher-Friedlein. - -Sie gratulierte den beiden. Ihr Gesicht war ganz ruhig. - -Der Oberlehrer sah an ihr herab, schrak ein bißchen auf, und es begann ihm -zu dämmern, daß der Besuch jetzt zu dieser Stunde eine Taktlosigkeit sei. -Aber im Übermaß seiner Freude hatte er an nichts anderes gedacht. - -»Ich habe sie mir erobert,« sagte er mit bedächtigem Triumph, »seit dem -Unglück hatte ich doch Angst bekommen, die Schule zehrt unheimlich an den -Frauennerven -- ich sah Mai im Traum wirklich auch am Krähenteich --« - -Mai zuckte bei dem Wort zusammen. - -»Ja, ich hänge sehr an meiner Arbeit,« sagte sie. - -Er guckte sie von der Seite an. »Jetzt weiß ich freilich, daß du mich -lieb hast, denn sonst würdest du sie wegen mir nicht aufgeben --! Das ist -das Gute an den modernen Frauen,« wandte er sich an das Fräulein Doktor, -»sie heiraten nur noch aus -- Liebe.« - -»Ja,« sagte Mai, »wir haben uns ja schon immer so gut verstanden.« - -Dann zupfte sie ihn am Arm -- die Mutter käme gleich. Ihr Telegramm war -schon da. - -Beim Abschied fragte sie noch, ob sie auf der Stelle austreten könne --- das für ein Vierteljahr im voraus empfangene Gehalt wolle sie gern -zurückzahlen --! - -Christiane wies sie an das Patronat. - -Dann war sie wieder allein. - -Sie ging ans Fenster und starrte einen Augenblick in ihren Garten. Der war -ganz still. - -Dann trat sie in ihr Schlafzimmer und machte sich zurecht. Sie mußte nach -Wiesental. Heute wurde Hardi begraben. Sie kam dort auf den Kirchhof. Das -hatte sie gewollt. - -Sie war an den Folgen einer Frühgeburt gestorben. - -Unten fuhr der Wagen vor. - -Leise trug er sie über den weißen Waldweg, den sie noch vor ein paar -Tagen abends gewandert war. - -Die Sonne schien mittsommerhell. Es wurde heiß. Der Wald stand -verschlafen. Einmal wandte sich Christiane: ein Duft streifte sie. Da sah -sie die einsam blühende Linde. - -Nun war sie in Wiesental. Mit der Bahn, mit dem Wagen, mit dem Auto kam die -Trauergesellschaft. - -Christiane trat in das kleine Haus. Der Sarg war schon geschlossen. - -Sie hätte auch nicht danach verlangt, Hardi noch einmal zu sehen. - -Sie ging nicht zu Ludwig hin, und er bemerkte sie auch weiter nicht. Leise -war er um die Mutter beschäftigt, und Christiane erkannte wieder, was sie -schon vorgestern gesehen hatte, als sie hinkam: die hatte alles verloren, -ihr Bestes und Ähnlichstes. Vorgestern hatte sie Ludwig noch verwünscht -und verflucht. Jetzt schien sie ruhiger. - -Der Gottesacker lag hoch oben auf der anderen Seite des Berges, klein, -freundlich, aber ohne viel Baumbestand. Die Kirschbäume reichten bis dicht -heran. - -Der Sarg versank. - -Der erste Geistliche der Stadt hielt die Trauerrede, die erste Gesellschaft -der Stadt wischte sich die Augen. - -Ludwig starrte vor sich hin. Er hatte die schluchzende Mutter am Arm. -Hinter ihm standen ein paar Rhanes, die grade auf ihrem Gut gewesen waren. -Sie waren in Uniform, und Christiane mußte flüchtig an den längst -verschollenen Potsdamer Tag denken. - -Ludwig hatte noch immer kein Wort mit ihr gesprochen, hatte sie kaum -gesehen. - -Nachher mußte sie sich verabschieden. Die Mutter ließ sich kaum sprechen. -Sie sah die älteste Tochter finster an, in ihren verstörten Zügen sprang -unbewußt ein harter Wunsch auf: wärst du es -- doch -- wärst du's! Sie -war wieder die, die sie in schweren Zeiten gewesen war. - -Ludwig trat dann mit Christiane in das Hinterzimmer mit den roten Gardinen. - -Sie sah einen ganz anderen Mann als den, den sie damals nach zehn Jahren -wiedergesehen hatte, so hatten ihn die zehn Wochen verwandelt. Und sie -hatte es gewußt und erwartet. Sie fühlte, in den zehn Wochen lagen für -ihn Erinnerungen, an die ihre ganze ehemalige Liebe nicht reichte, in denen -sie für immer untergegangen war. - -Das große, halb unbewußte Opfer der zarten Frau hatte alles fremde Feuer -für immer gelöscht und verzehrt. - -»Du gehst nun fort?« fragte sie. - -»Ja, ich habe Urlaub,« sagte er monoton. »Hanni geht mit.« - -Sie entdeckte im Hintergrunde auf einmal das Kind, etwas scheu, beklommen. -Über den rohen Egoismus dieses verwöhnten Geschöpfes schien es doch mit -einiger Wucht gefahren zu sein. - -Er nahm die Kleine in die Höhe und legte sein Gesicht an das ihre. -»Du --« murmelte er. - -Christiane merkte, daß er Hardis Kind wieder liebte. - -Nebenan weinte die Mutter. - -Draußen verging der Sommertag. - -Christiane trat mit Ludwig vors Haus. Er hatte Hanni jetzt an der Hand. - -»Du wirst nun bald für immer von Markburg weggehn?« fragte sie. - -»Ja,« sagte er. - -Sie wußte genug. - -Er ging nach dem Osten zurück. Von Zeit zu Zeit würde er nach Wiesental -zu Hardis Grab kommen und zur Mutter, aber sie würde ihn nicht mehr -wiedersehen. - -Mochte sein künftiges Schaffen nun so oder so ausschlagen -- es gab ihm -Halt und war seine Erlösung. Er würde über Hardis Opfer hinweg wieder -lebendig werden. - -Christiane dachte ihm nicht mehr so weit nach, ihre Gedanken kehrten vor -den riesigen slawischen Feldern um -- sie gab ihm die Hand, küßte Hanni -und stieg in den Wagen. - -Er fuhr auf und sah sie noch einmal an. - -Sie winkte ihm leise zu. - -Das war ihr Abschied. -- -- -- - -Spät abends kam sie in ihr Haus -- drei Stunden war sie durch den Wald -gefahren. - -Sie machte Licht und sah gewohnheitsgemäß auf ihren Schreibtisch. Da -lagen Briefe, Drucksachen, Kondolenzkarten und amtliche Schreiben. Da lagen -ihre Entwürfe. - -Ach ja, ihre Entwürfe. - -Ihr Atem strich einen Augenblick schwer. Es war, als wollte sie etwas -niederreißen. Als stürmte ein schweres Wasser gegen sie an. - -Sie ging ans Fenster. - -Da lag ihr einsamer Garten. Er war dunkel, nur der Duft strich herauf. Es -war kein Frühlingsduft, er erinnerte sie an den Wald, an den der einsamen, -goldblühenden Linde, deren Blüten keiner pflückte. - -Ihr Herz schlug hart und stark. - -Und dann überkam es sie auf einmal wie mit festen Händen: es war die -Einsamkeit, das eiserne Geborgensein in sich. - -Das war das beste, was ihr gehörte, und ihr höchstes Lebensgeschenk. -Tief in ihr lag unendliches Blühen, lagen unendliche Strecken unbetretenen -Landes, eisige Einsamkeiten. - -Die gehörten ihr. Nur ihr allein. - -Sie ging hin und her. - -Dann machte sie Licht, sah auf das Bild und holte ihre Arbeit vor. - -Schauer überrannen sie und verrannen. - -Sie holte tief Atem. - -»Der Abend allein ist das Beste.« - - -Buchdruckerei Roitzsch, Albert Schulze, Roitzsch. - - - - - Im Verlage von Carl Reißner erschien von - - Juliane Karwath - - - Die drei Thedenbrinks - - Ein Kleinstadtroman - - - Katharyna Holerbeck - - Roman - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. - -Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=. - -Der Schmutztitel wurde entfernt. Eine Seite mit Verlagswerbung wurde vom -Buchanfang an das Buchende verschoben. - -Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden -Ausnahmen, - - Seite 28: - "." eingefügt - (Sie schauerte und träumte.) - - Seite 30: - "Ueberall" geändert in "Überall" - (Überall Augenkranke.) - - Seite 35: - "Schrit" geändert in "Schritt" - (Da endlich ein Schritt auf der Treppe) - - Seite 43: - "." eingefügt - (Der Abend allein -- -- dachte Christiane.) ] - - - - - - - -End of Project Gutenberg's Das Feuer hinter dem Berge, by Juliane Karwath - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS FEUER HINTER DEM BERGE *** - -***** This file should be named 63312-0.txt or 63312-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/3/3/1/63312/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net (This book was produced from images -made available by the HathiTrust Digital Library.) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Das Feuer hinter dem Berge - Roman - -Author: Juliane Karwath - -Release Date: September 27, 2020 [EBook #63312] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS FEUER HINTER DEM BERGE *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net (This book was produced from images -made available by the HathiTrust Digital Library.) - - - - - - -</pre> - - - -<h1><span class="fss">Das</span><br /> -Feuer hinter dem Berge</h1> - - -<p class="ce lh2 mt2"><span class="fsl">Roman</span><br /> -von<br /> -<span class="fsxl ge">Juliane Karwath</span></p> - - -<p class="ce mt2"><img src="images/emblem.jpg" alt="" /></p> - - -<p class="ce mt2 lh1"><span class="ge">Egon Fleischel & Co.<br /> -Berlin</span><br /> -1913</p> - - -<p class="ce mt2 fss lh1"><span class="ge">Alle Rechte vorbehalten</span><br /> -<i>Copyright 1913 by Egon Fleischel & Co. Berlin</i></p> - - - - -<p class="pb mt4"><a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a> -Christiane und Hardi Dorreyter waren nicht die -Kinder innig zusammenströmender Gattenliebe. Ihre -Mutter, ein herzlich armes, sehr schönes, aber unbegehrtes -Fräulein hatte den viel älteren Hauptmann in dem -Glauben genommen, daß für ihr Zähnezusammenbeißen -das Gute schon nachkommen werde. Aber es geschah ihr, -daß sie ohne Liebe zu tragen hatte, was der Liebe selber -oft recht schwer fällt. Der Mann verwickelte sich infolge -zögernden Avancements in allerhand Querulantengeschichten, -die zwar noch einigermaßen beigelegt wurden, -ihm aber den Abschied einbrachten. Es ging in ein recht -enges und armes Leben, das Mutter und Kindern schlecht -bekam: der Frau, weil sie dem Manne, mit dem sie sich -betrogen hatte, noch immer Weib sein mußte, und den -Kindern, weil sie an allem ziemlich unverhüllt mitzutragen -hatten, denn die Mutter gab ihnen in ihrer Verlassenheit -ihre Not sehr zeitig preis.</p> - -<p>Die Mädchen lernten Abneigung und Mißtrauen -gegen den Mann.</p> - -<p>Die lagen ihnen schon im Blute, die Stunde, die sie -geschaffen, hatte sie ihnen tief eingetränkt.</p> - -<p>Sie blühten nicht recht auf. Zwar hatten sie den -einen oder anderen Zug der Rhanes, welcher blaublütigen -Familie ihre Mutter entstammte, aber ihre Gestalten -blieben gestreckt, lang, flach, herb wie Schattenfrüchte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_002" title="2"> </a> -Der Hauptmann starb. Frau Dorreyter, die ihre -Leute bisher nur durch Unterstützung der Rhanes sattbekommen -hatte, erhielt von diesen als endgültige Abfindung -ein kleines Kapital. Die Rhanes kauften zu der -Zeit, einer günstigen Heirat wegen, zwei Rittergüter und -gründeten ein Majorat. Frau Dorreyter stürzte sich -über die paar Groschen, selig, ihre Mädchen ausbilden -zu können. Sie war durch und durch Frauenrechtlerin, -ohne viel mit Büchern oder aufrührerischen Personen -zusammengekommen zu sein.</p> - -<p>Sie lernte mit den Kindern. Die fühlten, wie gierig -die Mutter zu trinken versuchte und wie sie innerlich -erzitterte, wenn sie ihre Kraftlosigkeit erkannte, und -stemmten sich tüchtig an, um wenigstens selber zu glänzen -und ihr dadurch Grund zum Stolz zu geben.</p> - -<p>Die leise hervortretenden Rätsel des jungen Weibwerdens -blieben den Kindern gleichgültig. Sie grübelten -nicht.</p> - -<p>Sie sehnten sich nach keiner Süßigkeit.</p> - -<p>Frühzeitig kamen sie in das Seminar der Provinz.</p> - -<p>Die Vorsteherin war ein derbmännliches Frauenwesen, -das Unerhörtes leisten wollte. Mit einer rücksichtslosen -Energie schaltete sie alles Schwache aus. Die -Lehrerinnen, die sich verlobten, mußten sofort weg, die -Schülerinnen, die irgendwie versagten, wurden sofort -entfernt. Muster sollte alles sein, Auslese.</p> - -<p>Fräulein Schmöckler war nicht beliebt. Ihrem -Schritt ging der Schrecken voraus, die reifen Lehrer erröteten -vor ihren eisernen, oft rücksichtslos vor allen -<a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a> -Schülerinnen gegebenen Tadelworten und bebten gleich -ihren Kolleginnen, wenn sie ins Bureau befohlen wurden.</p> - -<p>Christiane erwarb sich rasch ziemliches Wohlwollen, -Hardi aber bekam sofort ›Halbheit‹ vorgeworfen, das -Schlimmste, was Fräulein Schmöckler vorwerfen konnte, -ohne daß sich aber entdecken ließ, wohin Hardis andere -Geisteshälfte neigte. Die Rhanesche Familienkrankheit, -die Bleichsucht, waltete über der Kleinen.</p> - -<p>Christiane kam ihr rasch voraus in die Oberstufe, -wo sie mit Ada Wehrendorf zusammentraf, die aus ihrer -Heimat stammte. Der Vater, ein Justizrat, war rasch -gestorben, und für das völlig verwaiste und vermögenslose -Ding mußte bald ein Lebensunterhalt gefunden -werden, zumal sie dünn wie eine Spindel und ohne jedes -Temperament war. Beim Abschlußexamen kam sie mit -einer knappen Drei heraus, während sich die glänzendste -der Schülerinnen, der Fräulein Schmöckler keinerlei -Halbheit hatte vorwerfen können, noch an demselben -Tage öffentlich verlobte und somit ihre ganze Weisheit -und eine ihr von der Vorsteherin schon bereitgehaltene -Stelle glattweg preisgab.</p> - -<p>Hardi kam Christiane verweint entgegen, denn die -Schmöckler hatte ihr an dem Tage bedeuten lassen, daß -sie für ihren Teil am besten täte, die aussichtslose Sache -zu lassen. So reisten beide Dorreyters mit Sack und -Pack nach Hause, und die Mutter verriet in ihrem Entsetzen -über das Unglück der geliebten Jüngsten keinerlei -Freude über Christianens Sieg.</p> - -<p>Die merkte nichts davon, denn Fräulein Schmöckler -hatte ihr die von der Braut ausgeschlagene Stelle in -<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a> -einem vornehmen Töchterinstitut der Schweiz verschafft, -und der Himmel hing ihr voller Geigen. Sie packte von -neuem, und mitten im Kramen fielen ihr auf einmal -Briefblätter entgegen, die die Mutter bewahrte, und sie -las neugierig darüber hin.</p> - -<p>Auf einmal wurde sie aufmerksam und winkte die -in ihre Melancholie versunkene Hardi herbei.</p> - -<p>In diesen Blättern lasen sie zum ersten Mal von der -Liebe.</p> - -<p>In den Tagebuchblättern und Briefen der Urgroßmutter, -die dem schlesischen Adel entstammte, glomm -eine ehebrecherische Sünde. Die Frau des Hofstallmeisters -von Rhane hatte es mit einem Prinzen gehalten, -der, wie sie, nachher recht tugendhaft und brav geworden -war, aber mit einem Schuß nervöser Geistigkeit, -und kein Glück in der Politik gehabt hatte. In den -Blättern waren Glut, Zärtlichkeit und französische Verse. -Dazwischen lagen später geschriebene Mutterbriefe an -den Sohn im Kadettenhaus, das Fürstenpatenkind.</p> - -<p>Es war auf einmal begreiflich, warum die jetzigen -Rhanes sich plötzlich im Glanz und mit Majoraten aufgetan -hatten: sie waren von ihrem Bluteinschuß getrieben.</p> - -<p>Die Mädchen schauten sich an.</p> - -<p>Über Hardis kleines, verweintes Gesicht flirrte es.</p> - -<p>»Da sind wir – ja – auch – – –«</p> - -<p>Die Mutter kam. »Was habt ihr da? Die Briefe? -Ach, die Briefe –« Einen Augenblick hatte sie gestutzt. -Dann nahm sie sie verächtlich zusammen: »Schmutzkram. -Der kann fort.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a> -Christiane bat: »Gib sie mir.«</p> - -<p>Sie packte sie in ihren Lehrerinnenkoffer.</p> - -<p>Mit ihr reiste die kleine Wehrendorf, die an dieselbe -Anstalt kam, aber des minderen Zeugnisses wegen ›<i>au -pair</i>‹.</p> - -<p>Das Schweizer Institut war ein Erziehungskasten -von oben bis unten. Die Leiterin war sehr fett und behäbig. -An Zöglingen waren ungefähr achtzig da, darunter -viele Bräute. Es wurden Wissenschaften getrieben, -gekocht, genäht, geputzt, gestickt, gemalt, gebrannt, -Tennis und Golf gespielt und getanzt. Es gab Unterricht -in Sprachen, Musik, Gesang, Gymnastik, Rezitation -und Körperpflege. Man hatte in einem Jahr ausgelernt -oder in einem halben. Es gab auch Vierteljahrs- -und Monatskurse, ganz nach Wunsch, und immer hatte -man ausgelernt. Eine Auslese fand nicht statt, nur eine -Trennung nach Rang und Stand und Geld. Man -unterschied einen Flügel der Aristokratinnen, unter denen -auch eine junge Freiin von Rhane war, eine Abteilung -der Ausländerinnen und noch viele andere Gruppen bis -zu den reichen Fabrikanten- und Handwerkertöchtern. -Die Zimmer, die den besichtigenden Eltern gern gezeigt -wurden, waren blank und hell, wie Ziervogelkäfige.</p> - -<p>Christiane aber bewohnte mit drei Kolleginnen ein -enges Kabinett im Hintergebäude, in dem zwei alte -Holzbetten der Quere nach nebeneinander und zwei an -der Wand standen. Dazwischen war nicht viel Raum. -Im Flur befand sich ein wurmzerfressener Kleiderschrank, -in dem die vier Lehrerinnen ihr Eigentum aufbewahren -konnten, und unter dem schmalen Zimmerfenster war -<a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a> -eine Bank etabliert, unter der das Schuhwerk stand, -während man die Oberfläche ganz gut als Tisch benutzen -konnte.</p> - -<p>Die Lehrerinnen durften nur dunkle, hochgeschlossene -Kleider und glattgestrichene Haare tragen.</p> - -<p>Christianens Bettnachbarin war eine nicht mehr -junge Holsteinerin, die beiden anderen eine Engländerin -mit einem dunklen warmen Schmeichelgesicht und eine -magere Französin, die etwas von einer Ziege an sich -hatte. Diese beiden trieben bei guter Laune Spaß, nannten -sich die ›Babies‹ und stellten sich an, als ob Christiane -und die Blonde Vater und Mutter seien und das Ganze -eine warme Familienstube. Die Holsteinerin sagte nie -ein Wort dazu. Einmal erwachte Christiane von etwas -Merkwürdigem, horchte in die ferne Mondnacht hinaus -und merkte auf einmal, daß ihr ganzes Lager zitterte. -Neben ihr lag die Holsteinerin in einem furchtbaren, -rüttelnden, lautlosen Weinen.</p> - -<p>Am Morgen wagte Christiane die andere kaum anzusehen, -aber die hatte keine Ahnung von der Beobachtung, -sondern tat ihre Pflicht in derselben verschlossenen -Art wie zuvor.</p> - -<p>Die arme Wehrendorf hieß bald nur das ›Sneewittchen‹.</p> - -<p>Die junge <i>au pair</i>-Lehrerin mußte nämlich aus -Platzmangel in einem gläsernen Erker schlafen, der -an ein Zimmer der Pensionärinnen grenzte und nur -Raum für das Bett und eine Waschkiste bot. In -der Tiefe lag der See, und die Schwalben strichen ganz -nahe an den nur mit dünnen Gardinchen verkleideten -<a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a> -Scheiben vorbei. Es gab viel Gekicher unter den verwöhnten -jungen Damen, wenn die Lehrerin in ihr Glaskästchen -ging, und die Wehrendorf trug es stumm und -ergeben wie das Pechkind im Märchen.</p> - -<p>Die dicke Leiterin konnte mit dem großen Unternehmen -allein nicht fertig werden, sondern hatte als -Stab ein paar ältere Lehrerinnen um sich, unter denen -besonders ein zähes, dürres Fräulein Beierlein hervorragte, -die sich mit der Ausbildung der ›Neuen‹ beschäftigte.</p> - -<p>Die konnten ihre mühsam erworbene Schulweisheit -getrost in den Koffer packen. In diesem Erziehungskasten -ging es nur darum, sich die Zufriedenheit der Zöglinge -und deren Eltern zu verschaffen – wehe der Lehrerin, -über die eine junge Dame sich beklagt hätte! Und -dreimal wehe der, um deretwillen eine Pensionärin verloren -gegangen wäre! Die achtzig wurden behütet wie -Gold – das war Geschäft!</p> - -<p>Die Miß und die Französin standen in einem bewährten -Freundschaftsverhältnis mit der Beierlein und -hatten die Organisation dieses vortrefflichen Institutes -vollkommen begriffen. Christiane und die Wehrendorf -aber hörten alle Augenblicke den windschnellen Schritt -der Vorgesetzten hinter sich und wurden mit nadelscharfen -Blicken aufgespießt und von spitzigen Worten ins -Herz getroffen.</p> - -<p>Was der Mann am Weib verschulden kann, reicht -in aller Welt nicht an das, was eine Frau der andern -anzutun vermag, besonders, wenn die eine alt, die andere -jung, die eine übergeordnet und die andere untergeben ist!</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a> -Die beiden kamen aus den Unterrichts- und Aufsichtsstunden -nicht heraus. Der Dienst währte von morgens -sechs Uhr bis abends um zehn Uhr. Die Wehrendorf -mußte auch Zimmer putzen, die jüngeren Zöglinge -baden und kämmen und der dicken Vorsteherin bei der -Toilette helfen. Freistunden gab es nicht. Ausgänge -auch nicht. Mit den Zöglingen gingen immer nur die -älteren Lehrerinnen.</p> - -<p>Christiane kam kaum in den Garten, erblickte Wald -und See und Berge nur von den Fenstern und Terrassen -aus und hatte von der neuen Welt nur ganz verwischte -Vorstellungen. Sie hörte die Pfiffe der Züge, mit denen -sie in den Tunnel glitten, das Geläut, mit dem sie wieder -herauskamen, die Signale der Dampfer und die -Stimmen der Touristen.</p> - -<p>Oft wurden junge Mädchen von ihren Anverwandten -abgeholt und kamen abends froh erregt wieder. Blumen -wurden bei jeder Gelegenheit hereingeschleppt und -die Pensionszimmer malerisch damit geschmückt. Es gab -große Ausflüge, sanfte Besteigungen und Dampferpartien, -an denen die beiden jungen Lehrerinnen aber -nicht teilnehmen durften. Eine Freude blieb der -armen Wehrendorf: sie mußte jeden Sonntagabend die -an diesem Tag laut offizieller Erlaubnis geschriebenen -Briefe der Zöglinge nach der weiter unten im Ort befindlichen -Poststation bringen. Mit Stößen von legitimen -Liebesbriefen zog das arme, häßliche Sneewittchen -los und genoß die kurze Freiheit.</p> - -<p>– – Christianens Nerven begannen zu versagen. -Ihr grauste vor dem Lärm, dem Geschnatter, dem mechanischen -<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a> -Unterricht, den unaufhörlichen Aufsichtsstunden, -dem Aufpassen der Beierlein und dem nächtlichen Zusammensein -mit den Kolleginnen. Ergab sich am Tage -einmal ein passender Moment, so stürzte sie nach oben -in ihr Zimmer, in dem um die Zeit niemand war, verriegelte -die Tür und starrte aufatmend um sich: allein! -Allein! Ihre Blicke wanderten. Scheu horchte sie nach -außen und atmete von neuem auf: allein – allein –!</p> - -<p>Leise schlich sie an ihr Kommodenfach. Doppelt verschlossen -lag da ihr bißchen Eigenes: ihre Zeugnisse, die -Briefe der Mutter und die Tagebücher der Frau von -Rhane! Wie gut, daß sie vor der Abreise noch die Mappe -gekauft hatte – jetzt hatte sie doch ein Fleckchen für -sich!</p> - -<p>Allein – allein – – – –</p> - -<p>Da rief es schon draußen, da trippelte es und klopfte -an die Tür: »Fräulein Dorreyter! Fräulein Dorreyter!« -Christiane fuhr, öffnend, zurück – das Fräulein von -Rhane! Jäh sah sie, was sie noch nicht gesehen hatte: das -Jugendgesicht der Mutter, die Rhanesche Schönheit.</p> - -<p>»Fräulein Beierlein läßt bitten,« sagte die junge -Aristokratin in dem wenig respektvollen Tone, den die -Pensionärinnen für die Unterlehrerinnen hatten.</p> - -<p>– – Christiane konnte nicht schlafen. Nacht für -Nacht ging das stumme Weinen der Nachbarin. -Christiane wollte manchmal rufen, fragen, die anderen -wecken, aber sie wagte es doch nicht: es war für die Verzweifelte -die einzige Stunde, in der sie allein zu sein -glaubte – allein!</p> - -<p>Stundenlang zitterte das Bett. Stundenlang liefen -<a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a> -Christianens krause Gedanken zur Mutter zurück und -zu der Frau von Rhane. Sie sah die blonde Familienschönheit -und wieder die Frau von Rhane.</p> - -<p>Blau schien die Mondnacht. Ein ungewisses Raunen -scholl: der See. Ein Flimmern stand fern: die -Berge.</p> - -<p>Die Französin schnarchte mit spitz gehobener Nase, -die Miß hatte ihr Haar stramm geflochten und den abgebundenen -Zopf an den Bettpfosten gehängt. Das Lager -der Holsteinerin hob sich in schweren, krampfhaften -Stößen – –</p> - -<p>Christiane dachte an die Frau von Rhane.</p> - -<p>Eines Morgens sagte die Wehrendorf: »Du, deine -Schwester wird ja heiraten –!«</p> - -<p>Christiane starrte sie an. »Hardi!« Sie hob die -Hand zur Stirn. »Hardi!«</p> - -<p>»Ja, ja,« sagte Ada hinterhältig.</p> - -<p>Christiane dachte nach. Die Mutter hatte angefangen, -Hardi gewaltig mit Eiern und Peptonen zu füttern, -denn zum Herbst sollte sie auf ein anderes Seminar.</p> - -<p>Christiane schrieb eine scherzhaft vorsichtige Anfrage. -Sie wußte, es war Unsinn. Wen sollte Hardi kennen -bei dem Leben, das sie führten. Wen? Wen?</p> - -<p>Die Antwort kam, und die Mutter entschuldigte sich -und Hardi. Es war auch gradezu romanhaft. Auf der -Straße hatte ein Herr von der Regierung Hardi gesehen -und verfolgt, dann war korrekte Bekanntschaft daraus geworden. -Er hatte Besuch gemacht. Sie mußten ihn -einladen. Die Mutter knüpfte beunruhigte und bestürzte -Bemerkungen daran.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a> -Nach drei Wochen kam die Anzeige: Hardi Dorreyter -und Ludwig von Cöldt, und die Mutter schrieb hoffnungsvoller. -Die Verhältnisse seien ja gut. Es sei wohl -das beste für Hardi. Zum Herbst wäre Cöldt nach Posen -versetzt und wolle vorher heiraten. Er sei sehr verliebt.</p> - -<p>Christiane dachte an die Peptone.</p> - -<p>Sie schrieb an die Schwester und bekam einen kleinen, -halb verlegenen und halb triumphierenden Brief. -Fräulein Schmöckler hatte die Anzeige bekommen!</p> - -<p>Christiane konnte an der Hochzeitsfeier nicht teilnehmen, -denn sie bekam keinen Urlaub, auch das Reisegeld -hätte gefehlt. Sie sandte ein Telegramm und durfte -es selbst zur Post bringen.</p> - -<p>Sie ging an roten Ranken vorbei und sah blaues -Wasser und unwahrscheinlich weißes Getürm in der -Höhe. Eine gebogene Straße lief in die Ferne hinein.</p> - -<p>Nachher mußte sie Schrankrevision halten, fand sehr -viel Schokolade und ein Dutzend illegitime Liebesbriefe.</p> - -<p>Die Depesche war längst in der Hochzeitsgesellschaft.</p> - -<p>Im Winter gab es Tanzstunden, Faschingfeste, Theateraufführungen -und Schlittenfahrten. Die Wehrendorf -erfror sich in ihrem Glaskäfig die Zehen und wurde -in einem Badezimmer einquartiert. Sie hieß jetzt ›die -Seejungfrau‹.</p> - -<p>Christiane erhielt Botschaft aus Posen. Die Mutter -war zu Weihnachten dort.</p> - -<p>Nebelzeiten begannen. Die Schlafkammer war lichtlos. -Es regnete.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a> -Eines Morgens war das Bett der Holsteinerin leer. -Ihre Sachen hingen da. Sie war fort.</p> - -<p>Der Aufruhr wurde im Keim erdrückt. Keiner -durfte eine Frage stellen. In das Bett kam schon nach -wenigen Tagen eine Belgierin, die sehr schnarchte und -aussah, als ob sie sich nicht ganz sauber wüsche.</p> - -<p>Christiane lag noch immer häufig wach. Sie hörte -den Tropfenfall und sah die Verschwundene auf nackten -Füßen durch den Tauschnee eilen. Wohin? Wohin? -Zu wem?</p> - -<p>Sie stand und horchte. Der Föhn heulte. Die Fenster -zitterten.</p> - -<p>Leise öffnete sie einen Flügel. Schwül schoß es ihr -entgegen: drüben war der See. Sie sah ferne Straßen. -Wohin? Wohin? Zu wem?</p> - -<p>Ihr Herz zitterte.</p> - -<p>Am Sonntagabend war es klar. Die Wehrendorf -erschrak, als Christiane auf einmal an ihrer Seite stand: -»Ich gehe mit dir zur Post!«</p> - -<p>Der Wind pfiff. Aus dem geschuppten Wasser sahen -entfremdete Sternbilder.</p> - -<p>»Hier war es sicher – hier,« flüsterte die Wehrendorf, -scheu auf das Ufer deutend.</p> - -<p>Christiane lachte und eilte weiter.</p> - -<p>»Wohin willst du?« rief Ada ihr nach.</p> - -<p>Es ging bergauf, der Wind kam bergab. Wuchtig -und warm schlugen seine großen Flügel, wuchtig schlugen -sie auf die brausenden Wasser, wuchtig fuhren sie an -Christianens warmen Mädchenleib. Die Sterne zitterten.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a> -Ada Wehrendorf rief aus der Ferne.</p> - -<p>Christiane aber ging, wie sie in ihrem Leben noch -nicht gegangen war. Sie ging auf der Erde, deren freie -Krume sie noch nie so unter ihren Schuhen gespürt hatte, -in der Luft, die noch nie so rein in ihren Lungen gewesen -war. Sie fühlte im Sturm die Gletscher, über die er -gefahren, die Wälder, durch die er gestürzt war, die -Wasser, von denen er getrunken hatte. Sie fühlte den -freien, dunklen Duft der Welt.</p> - -<p>Allein!</p> - -<p>Beim Nachhausekommen erhielt sie ihre Kündigung.</p> - -<p class="ce mt1 mb1">* * *</p> - -<p>Als Christiane der Mutter davon schrieb, kam ein -erlöster Brief: »Geh nach Posen. Hardi hat Heimweh. -Geh nach Posen.«</p> - -<p>Christiane reiste.</p> - -<p>Die Polen feierten eben Ostern. Die Stadt inmitten -der Wälle war voll gedrängtem Glockengeläut. -Man betete und aß, aß und betete.</p> - -<p>Herr von Cöldt holte Christiane vom Bahnhof.</p> - -<p>»Hardi geht es nicht gut,« sagte er.</p> - -<p>Sie begriff erst in diesem Augenblick, in welch -ernstes Ehekapitel man sie hereingeholt hatte.</p> - -<p>Hardi lag im Schlafzimmer. Sie war viel hübscher, -als Christiane sie in Erinnerung hatte, ihr Profil zeigte -eine pikante Mischung von Soubrettenhaftem und Sentimentalem. -Sie warf dem Mann einen schnippisch koketten -Vorwurf zu, der ihn zum Gehen zwang, und fing -<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a> -hinter ihm ein fürchterliches Weinen an. Christiane entdeckte -jetzt, auf sie niederschauend, die Veränderung der -Gestalt.</p> - -<p>Hardi fuhr auf. »Bitte gib mir das Morphium.«</p> - -<p>»Morphium nimmst du?« fragte Christiane, an die -Mutter denkend.</p> - -<p>Hardi warf einen Blick ringsum. »Schon lange.«</p> - -<p>»Warum?« fragte Christiane herzlich, sich über sie -neigend, »leidest du an Schlaflosigkeit? Oder was ist -dir eigentlich?«</p> - -<p>»Was mir ist!« Hardi lachte nervös auf. »Siehst -du denn nicht, was mir ist – haha – –«</p> - -<p>»Wie sprichst du nur,« sagte Christiane, »wenn das -dein Mann hört –!«</p> - -<p>»Das sage ich ihm immer.« Hardi warf sich herum. -»Das sage ich ihm. Und noch mehr: er ist schuld.«</p> - -<p>Christiane blickte auf sie nieder.</p> - -<p>Ihr Herz schlug, leise rann es an sie heran.</p> - -<p>»Er hat dich doch lieb,« sprach sie.</p> - -<p>Hardi starrte sie gläsern an. »Ja–aa lieb,« sagte -sie. Dann deutete sie ringsum. »Hier bleibst du. Mein -Mann schläft hinten. Wir bleiben zusammen.«</p> - -<p>»Warum hast du ihn denn genommen?« fragte -Christiane.</p> - -<p>»Weil mir bange war. Weil die Schmöckler mich -herausgejagt hatte. Was blieb mir sonst übrig? Stundenlang -haben wir überlegt, die Mutter und ich. Es -war ja wegen der Mathematik. Das war ja der Haken -bei mir. Damit wäre ich nicht durchgekommen ...«</p> - -<p>»Das hättest du immerhin noch versuchen können. -<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a> -Deshalb –« Christiane sah sie an, »deshalb – – – -Du mußt ihn doch – – du mußt ihn doch lieb gehabt -haben!«</p> - -<p>»Ja–aa. Lieb – ja. Aber nicht so. Nicht so.« -Hardi zog die Schultern ein. »Wenn ich gewußt hätte! -– – Das hab ich nicht gewußt. Das hat mir niemand -gesagt. Sonst wäre ich lieber – –« sie sah mit irren -Blicken um sich.</p> - -<p>Christianens Backen brannten.</p> - -<p>Vor den Fenstern war weites, flaches Land. Unten -auf dem Wall ging ein Infanterieposten.</p> - -<p>»Du wirst dich noch daran gewöhnen,« sagte sie leise, -»es war der Übergang. Wenn du erst weiter bist –«</p> - -<p>»Davor graut mir ja,« rief Hardi. »Deshalb schlaf -ich schon nicht mehr. Ich bin ja so schwach. Die Mutter -hat Angst, ich komm nicht durch. Jetzt tut ihr's leid.«</p> - -<p>»Die Mutter hat dich mit ihren schwarzen Gedanken -angesteckt.«</p> - -<p>Hardi schauderte. »Damals hatte ich Angst vor dem -Examen. Ach – tausendmal lieber würd ich jetzt ins -Examen gehen, als das durchmachen, was mir nun bevorsteht!«</p> - -<p>»Du bist hysterisch,« sagte Christiane scharf.</p> - -<p>»Ich bin wie die Mutter. Der ist es auch so gegangen. -Sie hat keine Kinder haben wollen. Sie hat nie -Frau sein wollen. Ich auch nicht.«</p> - -<p>»Das hättest du wirklich vorher bedenken müssen. -Aber ich glaube, du lachst noch einmal darüber.«</p> - -<p>»Jetzt lache ich nicht,« sagte Hardi. »Jetzt bin ich -krank.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a> -Ludwig kam herein. Er und Christiane sahen sich -an. Sie fühlte, daß seine Hoffnung bei ihr stand.</p> - -<p class="ce mt1 mb1">* * *</p> - -<p>Es war noch das alte Posen mit dem dumpfen -Gassengedräng, den mächtigen Wällen und den polnischen -Dörfern dicht vor den Toren.</p> - -<p>Es war urfremdes Land.</p> - -<p>Fremd war das kleine, dunkle Volk, die vielen Kirchen -und Kleriker, die langen Leichenzüge und der geniale -Schmutz. Von der Warthe her kroch der Typhus, von -den Dörfern her die Granulose.</p> - -<p>Was deutsch war, saß lose obenauf, ging und kam -und hatte wenig Freude an der gewagten Existenz.</p> - -<p>Nach dem internationalen Gewäsch in der Schweiz -war Christianens Blick für einfachere Konflikte offen. -Sie hatte Freude an der ungeheuren Spannung, die zu -ihr herüberwehte.</p> - -<p>Ludwig von Cöldts Chef gehörte noch zur alten -Schule, die mit den Polen tafelte. Um ihn herum aber -raunte es. Eine deutsche Zeitung, die bisher in politisch -gleichgültigem Fahrwasser geplätschert war, hatte sich auf -einmal rätselhaft einer anderen Richtung verschrieben -und schoß Pfeil auf Pfeil auf den ziemlich wehrlosen -alten Herrn. Im polnischen Lager summte Unruhe auf, -der heimliche Konflikt wurde bloß. Der Deutsche wehrte -sich plötzlich gegen seine geduldete Existenz in diesem -Lande, das von seinen Kräften fraß und stark wurde. -Der Pole verteidigte seinen uralten Boden.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a> -Der Kampf war da.</p> - -<p>Den Anfang dieser Zeit erlebte Christiane Dorreyter -in Posen.</p> - -<p>Der Frühling wußte nicht viel zu zünden. Auf den -Feldern hob sich ein riesiges, eintöniges Grün empor, die -wilden, niedrigen Glacisbäume blühten. Die Warthe -trieb gelbe Flut aus Rußland.</p> - -<p>Christiane begriff, daß es schwer und seltsam war, -hier zu leben. Sie kam nicht zum Klaren, ob Cöldts -Versetzung eine zufällige war. Jedenfalls war er mit -dem Mut der alten Kolonisten hergekommen, und sein -Junkerblut drängte zum Kampf.</p> - -<p>In Christiane war noch etwas von der freiheitlichen -Abendstunde in den Bergen. Sie spürte den Osten wie -einen fremden, starken Trank, mit dem sie fertig zu werden -versuchte.</p> - -<p>Sie schalt über Hardis Gleichgültigkeit. Ludwig -gegenüber war sie erst unfrei, ihre Gedanken fielen ihn -oft hinterrücks niedrig an. Dann wurde sie ruhiger und -fast etwas beschämt.</p> - -<p>Seine Art machte sich geltend.</p> - -<p>Er besorgte ihr ein Pferd, und in freien Stunden -ritt sie mit ihm bald junkerhaft durch die warmen, -dampfenden Glaciswälder oder in die Felder hinaus, -über denen die Windmühlen gingen.</p> - -<p>Anfangs dachte Christiane noch an ihre bisherige -Existenz, dann versank das.</p> - -<p>Sie war aus einem Traum ins Wahre gekommen -oder knüpfte an etwas an, das früher gewesen war.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a> -In diesem flachen, unendlichen Lande war sie schon -einmal gewesen, die Zügel in der Faust.</p> - -<p>Über diese Straßen war sie schon einmal herrinnenhaft -geritten, den Gesellen neben sich.</p> - -<p>Es war ein Traum, der aus dem unendlichen Frühling -dieser slawischen Unendlichkeit stieg. Es war doch -Frühling.</p> - -<p>Ludwig suchte sich auch literarisch zu informieren und -brachte eine Menge polnischer Literatur an; Krasinski -und sogar Kraszewski, vor allem aber Mikiewicz und -Sienkiewicz.</p> - -<p>Christiane las immer in einer gewissen Distanz, mit -scharfem, jungem Denken und mit dem überlegenen Gefühl -ihres reinen Germanentums, das dem slawischen -Bruder das Leben und die Kultur im Herzensgrunde absprach.</p> - -<p>Hardi beteiligte sich an diesen Erörterungen immer -nur zeitweilig. Wenn sie wieder an ihren Zustand dachte, -sanken ihr die Flügel, und sie saß wie eine Verurteilte.</p> - -<p>Ludwig erzählte auf einem der Ritte von seinem -Vorfahren, der mit Heinrich von Plauen gezogen war. -Darauf begann Christiane von der Frau von Rhane zu -sprechen, und er wurde aufmerksam und bat um die -Blätter. Hardi hatte nichts davon erzählt.</p> - -<p>Christiane wußte: sie war äußerlich keine Rhane, -ihr fehlte die blonde, reinblütige Schönheit, wie sie im -Grunde auch Hardi fehlte. Nur ihre Hände waren rhanisch. -Ihre Hände waren die der Frau von Rhane.</p> - -<p>Traumhaft ritt sie durch die maiheißen Straßen, die -<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a> -Mühlen gingen. Ihr Körper bog sich nach dem Rhythmus -des Tieres, die Rhaneschen Hände regierten es.</p> - -<p>Ihr Blut war das der Frau von Rhane.</p> - -<p>Traumhaft sah sie in die maiblaue Ferne. Glühend, -wie ein fallender Stern schoß es ihr durch die Seele. -Wohin? Wohin? Zu wem?</p> - -<p>»Ein Schicksal,« sprach Ludwig neben ihr.</p> - -<p>Sie fuhr herum und sah ihn an.</p> - -<p>»Unsere Mutter sagt: ›Schmutz‹.«</p> - -<p>Er verzog den Mund und sagte: »Wir wollen zu den -Mühlen.«</p> - -<p>Sie trabten schneller, der Staub war wie lange -Fahnen hinter ihnen. Mitten im Geklapper hörten sie -Lerchenlaut. Sie trabten. In Christiane war der -Rhythmus der Leonorenballade, ihr Blut sauste. Sie -sah nichts mehr. Sie jagten.</p> - -<p>Am Abend war ein Gast da.</p> - -<p>Cöldts lebten sehr zurückgezogen, da Hardi sich gegen -jeden Verkehr gesträubt und die gutmütig und neugierig -teilnahmsvollen Kollegenfrauen beinahe brüskiert hatte. -Sie hatte die Bilder ihrer Heimat um sich und unterhielt -sich mit ihnen und schrieb heimwehkranke Briefe an -die Mutter.</p> - -<p>»Kraneis ist ein guter Kenner der slawischen Literatur,« -sagte Ludwig.</p> - -<p>Der Doktor war sein Studienfreund und als -Assistent an der damals noch herzlich unfertigen Bibliothek -tätig. Seine Stellung war auch unfertig. Er erwog -immer die Aussichten, die sich ihm in dem sich nun langsam -kultivierenden Posen eröffnen konnten, und schrieb -<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a> -zwischendurch Bewerbungsschreiben an alle Orte, in denen -man einen Bibliotheksleiter suchte. So war sein Sinn -auf jeden Fall zerspalten, und wenn er einmal fanatisch -begeistert über die Kultivierung des Ostlandes sprach und -nicht genug Opfer an deutschem Blut und deutscher Kraft -erwarten konnte, wenn er sich in slawische Verhältnisse -nachfühlend hineingrub, die östliche Seele ergründete, -Polnisch lernte und Mikiewicz zitierte, so war er ein -paar Tage später ganz und gar westlich gesinnt und redete -mit Ausdauer und einem wahrhaft deutsch biederen -Beamtentum von Elberfeld oder Mainz.</p> - -<p>Christiane begann dieser Mensch zu interessieren und -zu amüsieren. Sie getraute sich aber Ludwig gegenüber -nicht viel darüber zu sagen, weil sie nicht wußte, -wie weit dieses Freundschaftsverhältnis in die Tiefe -ging.</p> - -<p>Eines Tages suchte sie Bücher aus Ludwigs Bibliothek -zusammen, weil Kraneis kommen sollte, und brachte -neben Mereschkowski einen – Reiseführer durch Mainz, -der ihr zufällig in die Hand geraten war. Ludwig sah -ihn betroffen an – dann begriff er. Sie leise anblickend, -sagte er mit einem feinen Lächeln:</p> - -<p>»Weißt du auch, Christiane, warum dieser Kraneis -jetzt so unheimlich westdeutsch wird? An Mainz knüpfen -sich jetzt seine größten Hoffnungen.«</p> - -<p>Sie schaute ihn an. »Er will sich dort eine feste Zukunft -gründen, denke ich.«</p> - -<p>»Und zwar recht fest. Bürgerlich fest. Haus und -Herd.«</p> - -<p>Jetzt stutzte sie. Dann hatte auch sie begriffen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a> -Als Kraneis dann erschien, bekam er den Führer -durch Mainz nicht zu sehen.</p> - -<p>Er sprach aber nur von dieser Stadt. Ein dortiger -Freund hatte ihm unter der Hand Nachricht gegeben, -daß seine Sache sehr günstig stünde.</p> - -<p>Christiane fragte nach diesem Freunde, und seine -Miene wurde etwas verlegen.</p> - -<p>»Er ist in der Stadtverwaltung. Freilich nichts -Besonderes. Hat sich so durchdrücken müssen.« Er zögerte -eine Sekunde. »Wir waren Nachbarskinder in Neustadt.«</p> - -<p>Christiane sah den jungen Mann an. Handwerkerssohn, -dachte sie. Nicht, daß sie ihn deshalb verachtet -hätte, aber irgend etwas an ihm störte sie. Vielleicht die -Hände, die Bewegungen überhaupt. Oder die Sprache. -Wahrscheinlich die Sprache.</p> - -<p>In Mainz hatte auch die Frau von Rhane einige -Zeit gelebt, nach ihrem Glanz als Witwe. Ihr Mann -war bei einem Schlaganfall vom Pferd gestürzt und gestorben. -Die Witwe hatte Bittbrief auf Bittbrief um -eine Gnadenpension geschrieben. Dann war sie gestorben. -Ohne Gnadenpension.</p> - -<p>Irgend ein Gedanke zog in Christiane empor und -hatte Farbe und Macht aus der kurz verstrichenen Vergangenheit. -Sie sah auf einmal wieder das stickige Lehrerinnenzimmer -in der Pension, hörte das Herantraben -der Beierlein und das nächtliche Schluchzen der Holsteinerin.</p> - -<p>Warum nicht in Mainz leben, als Frau Stadtbibliothekar? -Reiten kann man doch nicht immer.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a> -Sie war an dem Abend zerstreut. Hardi war ausnahmsweise -dabei und wollte, von diesen Dingen gänzlich -unberührt, etwas über Mereschkowski wissen. Die Übersetzung -der Verse war von einem Kollegen Kraneis', -einem Balten besorgt worden.</p> - -<p>Kraneis schien auch nicht bei der Sache. Was ging -ihn dieser hoffnungslose Russe an, was die fremde Flut, -die mit dumpfem Brausen draußen dicht vor den Toren -stand und weithin über Steppen und Steppen reichte? -Er war weit weg, im goldenen Mainz.</p> - -<p>Hardi zitterte. Das Fleckchen, auf dem ihr bißchen -Leben verstört hockte, erbebte. Sie begann plötzlich laut -zu schluchzen. Kraneis hielt erschrocken inne. Ludwig -eilte zu ihr hin. Sie stieß ihn zurück. Aufweinend lief -sie aus dem Zimmer.</p> - -<p>Christiane ging ihr nach. Hardi wollte ihr Morphium -haben. Die Schwester griff schon danach, aber -auf einmal sank ihre Hand nieder, wie gedrückt. Wie -sollte das werden? Was für Kraft bekam Ludwigs -Kind? Was für Willen, was für Blut? Mit Giften -wurde sein Organismus getränkt, noch ehe er ganz entwickelt -war.</p> - -<p>»Du sollst nicht,« sagte sie mit eiserner Energie. -»Du darfst nicht. Ich gebe dir's nicht. Ich gebe dir's -nicht.«</p> - -<p>Sie setzte sich zu Hardi aufs Bett und hielt den Arm -unter ihren Kopf, leise redete sie ihr zu. Die junge Frau -weinte.</p> - -<p>»Ich gebe dir's nicht.«</p> - -<p>Hardi schrie, sie bettelte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a> -»Nein, nein,« sagte Christiane. Sie machte sich frei. -»Du sollst Kraft haben! Du mußt!«</p> - -<p>Scharf sah sie auf die Schwester hernieder. Hätte -sie ihr nur von ihrem Willen abgeben können, von ihrem -starken, entschlossenen Blut!</p> - -<p>»Du mußt Kraft haben aus dir allein. Du darfst -dich nicht einlullen. Durchhalten sollst du.«</p> - -<p>Hardi wimmerte.</p> - -<p>»Gib. Gib.«</p> - -<p>Sie schluchzte.</p> - -<p>Da kam Ludwig.</p> - -<p>Christiane sagte ihm kurz Bescheid.</p> - -<p>Er sah zu seiner Frau hin. Ohne Christiane anzublicken -gab er ihr das Morphium. Dann ging er zur Tür -hinaus.</p> - -<p class="ce mt1 mb1">* * *</p> - -<p>Am nächsten Tage sprach Christiane mit dem Arzt.</p> - -<p>Der sah sie ernst an.</p> - -<p>»Die gnädige Frau ist sehr krank.«</p> - -<p>»Krank –«</p> - -<p>»Sehr krank,« sagte er mit dem scharfen ›R‹ der altansässigen -Deutschen. »Sie fühlt vollkommen das Richtige. -Ihr Organismus ist für die Ehe nicht geschaffen, wenigstens -war sie viel zu jung. Es wird einen bösen Kampf -geben.«</p> - -<p>»Weiß mein Schwager – –«</p> - -<p>Der Arzt zuckte die Achseln.</p> - -<p>Wie geschlagen blieb Christiane zurück. Die ganze -<a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a> -schöne Einrichtung der Wohnung, die Ludwig bezahlt -hatte, schien ihr wie die Dekoration eines Totenhauses. -Die kleine Hardi hatte ihre Examenscheu und das bißchen -Frauenglanz mit dem Schwersten zu bezahlen. Ihr -inneres und äußeres Wehren war der wahrhaftige und -unbewußte Ausdruck der ahnenden Kreatur.</p> - -<p>Sie ging zur Schwester und begriff nicht. Alles in -ihr lehnte sich dagegen auf, in einem bißchen Wärme so -dahinzuschwinden. Sie dachte wiederum an die Frau -von Rhane.</p> - -<p>Es blieb ihr wohl übrig, Ludwig vorzubereiten. An -dem Tage hatte sie grade versprochen, ihn vom Amt abzuholen.</p> - -<p>Das Regierungsgebäude lag mitten in der Altstadt -an einem schmutzigen Markt und dicht bei einer riesigen -dunklen Kirche. Weiber mit groben Tüchern um den -Kopf kamen langsam und geduckt daher, Glocken läuteten. -Sie sah durch ein Portal in das flimmernde Dunkel -hinein: dort hinten war der Stern, an den sich das dumpf -elende Volk hier hielt. Sie sann: konnte das auch über -einen kommen? Kam nach aller Jugend oder – mitten -in der Jugend – eine Stunde, in der man Hilfe brauchte -– solche Hilfe?</p> - -<p>Da fiel ihr Hardi ein. Die hatte – Morphium.</p> - -<p>»Wollen wir noch tiefer in die Polackei?« fragte -Ludwig, der ihr eben durch die enge Gasse entgegenkam, -»oder ins – Freie?«</p> - -<p>»Lieber ins Freie,« sprach sie hastig.</p> - -<p>Sie waren auch dort in der Polackei. Rings um die -Stadt zogen sich, dicht an die Wälle gedrückt, zahllose polnische -<a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a> -Kirchhöfe. Wild war das Gesträuch drinnen gewachsen, -wild lagen die Gräber, von den Leichensteinen -sahen fremde Worte und Zeichen. Alte Weiblein zogen -herum und schienen den Tod zu suchen, Kinder schlichen -diebisch um die Blumen, da und dort kam eine ganze -Familie an, um ein Grab zu begießen. Der Faulbaum -duftete über den Zaun.</p> - -<p>Es war keine Gegend, um von dem zu reden, was -Christiane zu sagen hatte. Aber – wo war eine andere? -Ihr kam es plötzlich vor, als müsse ganz Posen Ludwig -wie ein Grab erscheinen, in dem alles Seine versunken -war. Dabei fiel ihr auf, daß er selten mehr eine direkte -Frage nach Hardi tat. Man merkte ihm kaum mehr die -Besorgnis des Ehemanns an, der seine Frau in solcher -Lage weiß. Kaum, daß er auf eine Erkundigung einging. -War er schon – fertig? Was war alles vorgegangen?</p> - -<p>Herrgott, dachte Christiane, wie gut könnte das sein. -Warum muß gerade hier die Tragödie beginnen?</p> - -<p>Er sprach über die augenblickliche politische Lage. -Des alten Herrn Stellung war zweifellos erschüttert, -selbst wenn dem frechen Blatt der Mund gestopft wurde. -Die Zeitung mußte es büßen und die Exzellenz auch. -Und dann – kam der neue Kurs.</p> - -<p>»Du bist hier glücklich?« fragte sie, die eben noch -gegrübelt hatte.</p> - -<p>»So lange ich Arbeit habe, ja.«</p> - -<p>Wie sie dir paßt, dachte sie. Mit einem Schablonenwerk -bist du nicht zufrieden. Man läßt dir hier anscheinend -Raum und wird dir vielleicht noch mehr lassen. -<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a> -Sie war schon längst überzeugt, daß er zu den Junkern -gehörte, die noch Führer sein konnten, nicht nur Namensträger -und Konnexionennützer. Er stammte aus einer -altpreußischen Familie, sein Vater war als Intendanturrat -in Danzig gestorben. Sie dachte: das hier wird ihm -eine gute Lehrzeit sein. Seine Waffen können sich nicht -besser schärfen, als hier im Kriege – selbst wenn der neue -Kurs doch schließlich wieder im Sande verlaufen sollte. -Selbst wenn er eine Weile Zickzack mitmachen muß, wird -doch sein Gewicht einmal so stark geworden sein, daß er -an irgend einer Stelle den Zickzack – biegt.</p> - -<p>Sie erhoffte Großes von ihm.</p> - -<p>Beide waren sie von jenem weltfremden alten Blut, -das das moderne Protzentum, den Wettbewerb, die brutale -Menschenausnützung, den Kapitalismus verachtete. -Ihm war es noch undenkbar, anders als vom Staate -Geld anzunehmen, jemand anderem als dem Staate -überhaupt zu dienen. Er gehörte zu jenem stillen, armen -Junkertum, das heute wie ein schmaler, alter, verrosteter -Degen im Winkel liegt.</p> - -<p>Auf einmal fiel ihr Hardi wieder ein, Hardi, seine -Frau, die vielleicht sterben mußte.</p> - -<p>Sie stockte mitten im Satz.</p> - -<p>»Was ist dir?« fragte er.</p> - -<p>Drüben hinter dem blühenden Dorn, der schwer niederhing, -stand ein einsamer Mann an einem frischen -Grab.</p> - -<p>Sie zuckte.</p> - -<p>Er folgte ihrem Blick.</p> - -<p>»Wie häßlich ist das hier,« sagte sie nervös.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a> -Wie kann ich in ihn eindringen, dachte sie plötzlich. -Er muß selber fühlen, was vorgehen wird. Ich kann ja -doch gar nicht an ihre Ehe heranreichen.</p> - -<p>Sie kam sich in ihrer Absicht unzart vor.</p> - -<p>Er wandte die Augen langsam vom Kirchhof weg -und nahm das frühere Thema wieder auf.</p> - -<p>Warum konnte ich nichts sagen? fragte sich Christiane, -als sie abends in ihrer Stube saß. Ein Gedichtband aus -Ludwigs Bibliothek war hingelegt. Beim Blättern schlug -ein Gedicht von Agnes Miegel auf. Es hieß »Heinrich -von Plauen. Lochstedt 1429«. Anfang und Schluß blieben -ihr besonders im Gedächtnis.</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">Grau und schlaff</td></tr> - <tr><td class="tdl">Dehnt sich das Haff.</td></tr> - <tr><td class="tdl">An der Straße von Bischoffshausen</td></tr> - <tr><td class="tdl">Müssen noch Linden in Blüte stehn,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ich spüre den Duft in wanderndem Wehn</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und höre heimlich ein Bienenbrausen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Das leise Rauschen der brandenden See.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Nie rastendes Weh,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Immerwogendes Leid, dessen salzige Fluten</td></tr> - <tr><td class="tdl">Bis zur Seele mir stiegen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Nun lege auch du</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wie das Meer da draußen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Dich endlich zur Ruh.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Mit diesem Sommer wirst du verbluten,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Herz, das nie gelernt zu entsagen.</td></tr> - <tr><td class="tdl">. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .</td></tr> - <tr><td class="tdl">. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ich will hinab nach dem Hofe sehn.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Daß ich so frei darf gehn</td></tr> - <tr><td class="tdl"><a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a>Ist mir noch immer wie ein Traum.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Früher merkte ich's kaum,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wenn ich Stunden und Stunden im Sattel gesessen.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ich glaube, ich habe das Reiten vergessen.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Meine Glieder sind steif, die Stiege ist steil.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Es dauert eine gute Weil,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Eh' die Hand den Riegel zurückgeschoben. – – –</td></tr> - <tr><td class="tdl">Heiß und schwül war es droben.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Hier unten ist's kühl und abendstill.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Aus den Ställen kommt der Kühe Gebrüll.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wie Gold ist die Luft,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Purpurn im Abendduft</td></tr> - <tr><td class="tdl">Über dem flutenden Tief</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ragt die Feste.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die immer leise rief,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die See, schläft ein,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Der Abend allein ist das Beste.</td></tr> -</table> - -<p>Sie schauerte und träumte. Ihre Augen spähten in -die Nacht über den Wällen. Ihre Sinne suchten die Zukunft -zu durchdringen und fanden plötzlich nichts mehr, -keine Hoffnung, keine Aussicht, nichts mehr, nichts – – -Der Abend allein, dachte sie – – –</p> - -<p>Am nächsten Tage kamen Bücher für sie vom Doktor -Kraneis. Nichts Slawisches. Alle diese Bücher waren -rein germanisch und kümmerten sich nicht um östliche -Konflikte. Kein Sturm schlug hinein, nur hier und da -eine zarte Welle Lyrik.</p> - -<p>Er hat einen ganz guten Geschmack, überlegte Christiane -und bedachte dabei, daß seine Seele durch das ihr -entgegenfahrende Glück wohl weicher und konfliktloser -gestimmt sei, als sonst. Man merkte, er verlangte nach -<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a> -dem deutschen Herd und deutschen Süßigkeiten. Alle -diese Bücher waren eine Liebeserklärung.</p> - -<p>Sie sprach zu keinem davon, wurde etwas stiller und -ging jetzt mehr für sich. Die Briefe der Mutter beantwortete -sie in flach beruhigendem Tone, denn der Arzt -wollte sie jetzt durchaus nicht hier haben. Damals hatte -sie Hardi durch ihre Art noch aufgeregter gemacht.</p> - -<p>Christiane traf Kraneis manchmal auf dem Wilhelmsplatz, -in dessen Nähe die Bibliothek lag, sie gingen -wohl ein paar Straßen lang miteinander, und sie spähte -ihn verhohlen in Schärfe aus, fand nichts, das sie von -ihm wegschob, aber auch nichts, das sie zu ihm trieb. -Ob Ludwig – weiß? dachte sie immer. Ob man ihm -gesagt hat –?</p> - -<p>Hardi wurde immer reizbarer, hinfälliger, hoffnungsloser, -und immer mehr nahm sie Morphium. Sie -wußte jetzt aber von Kraneis' Absichten, und ihr Blick -schlug manchmal wie eine Flamme über die Schwester -hin, voll Geringschätzung und voll von verzweifelter Warnung.</p> - -<p>Eines Tages fragte Kraneis, ob Christiane ihn nach -dem Dom hinaus begleiten wolle. Sie ging mit ihm. -Es war in der Zeit der Fronleichnamsprozessionen. Das -holprige Pflaster der Straßen war mit geschnittenem -Gras überstreut, die schmutzigen Hauswände mit Teppichen -und Kränzen verhängt, an jeder Ecke war ein Altar. -Am heiligen Nepomuk auf dem Markt flimmerten Kerzen, -vom Rathausturm herab bliesen Musikanten, Volk -an Volk war in den Gassen, bunt, voll Putz.</p> - -<p>Vorsichtig drängten sich die beiden hindurch. Da -<a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a> -waren die Bamberkas*) mit den weit starrenden, steifen, -kniekurzen Röcken, die sommersprossigen kleinen Polinnen -mit den Korallenkettchen um den Hals und den weiten -schwarzen Jacken, die stieräugigen, halbbetrunkenen -Bauern und Knechte aus der Umgegend. Dazwischen -viele Kinder und so manche mit verbundenen Augen -oder blauen Brillen, mit geschwollenen, tränenden Lidern. -Überall Augenkranke.</p> - -<p class="ci fss">*) Polonisierte Bambergerinnen.</p> - -<p>Doktor Kraneis erzählte von einem Städtchen in der -Umgegend, das er vor wenigen Tagen besucht hatte. Den -Hut hatten sie ihm vom Kopf geschlagen, als die Prozession -um die Marktecke kam. Und den ›Himmel‹, unter -dem der polnische Propst mit dem Allerheiligsten schritt, -trugen der Bürgermeister, der Kämmerer, ein Gutsbesitzer -und ein junger Doktor. Der war ein Deutscher.</p> - -<p>»Nein! Nein,« stieß Kraneis hervor. Und dann -sprach er mit heiserer, feierlicher Stimme von dem goldenen -Mainz.</p> - -<p>Er hatte es.</p> - -<p>Sie gingen rasch über die schmale, schmutzige Brücke, -unter der das lehmgelbe Warthewasser trieb. Heute zog -kein Flößer, kein Schiffer. Der Strom war leer. Aber -weiter oben, wo die Ufer dämmerten, würden sie zum -Sonnenwendstag eine nächtliche Johannisfeier veranstalten, -Schiffe und Kähne würden sich zusammenrudeln, -die rotweißen Fähnchen würden wehen, die Buntfeuer -lohen und das ›<i>Jeszcze Polska</i>‹ über die Wasser klingen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a> -Ein paar junge Kleriker wanderten ihnen auf der -Brücke entgegen, keinen Blick auf sie verwendend. Jetzt -wurden die Straßen ganz eng, grabentief die Rinnsteine, -hüttengleich die Häuser. Das Glockengeläut des Domes -schwoll ihnen entgegen, die zwei kurzen Türme stachen -in die Luft, ein paar Bäume grünten. An der Seite lag -hinter hoher Mauer das erzbischöfliche Palais, in dem -damals noch der kluge Stablewski hauste. Nach ein paar -engen Gassen und düsteren Plätzen kam auf einmal freieres -Land, ein grüner Wall, ein Tor, Wachsoldaten. Endlich -Felder, Gärten, Land.</p> - -<p>Christiane blieb stehen. Das war kein deutsches -Land. Nicht mit der kühnsten Phantasie konnte man sich -vorstellen, daß das deutsches Land sei: diese endlosen -Felder. Hinter ihnen stand die finstere Silhouette des -Domes, ein ferner Goldschein schwamm am Himmel: -fremdes Abendrot. Fremdes Land – fremdes Abendrot. -Vor ihnen, aus dem stahlblauen Osten wälzte es -sich ihnen mit lautloser, zäher Wucht entgegen – die -Fremde, die unendliche Ebene, die Steppe.</p> - -<p>Man tat gut, wenn man floh.</p> - -<p>Sie sagte es Kraneis, und er begann wieder bebend -von Mainz.</p> - -<p>Den Rhein würde sie nun also sehen. An seinem -Ufer, über seine Brücken würde sie mit diesem Manne -gehen, Arm in Arm und mit dem Bewußtsein und der -Erinnerung enger Gemeinschaft. Sie blickte ihn an. Er -sah doch nicht schlecht aus. Die Figur war gut. Sein -Dialekt ließ sich abgewöhnen, oder vielleicht sprachen sie -dort alle so.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a> -Sie war dabei ›ja‹ zu sagen. Nicht feierlich, auf -ein bestimmtes Wort, sondern im Nachgeben, im Eingehen, -indem sie zuließ, daß er sie immer fester damit -verflocht. Mainz – da konnte sie das Grab der Frau -von Rhane suchen, vielleicht gab es auch noch das Haus, -in dem sie gewohnt hatte.</p> - -<p>Der neugebackene Bibliothekar streckte die Hand -aus.</p> - -<p>»Sehen Sie doch, wieviel Zwetschen dort angesetzt -haben,« rief er selig, in einen der erbärmlichen Bauerngärten -deutend, »so viele –!«</p> - -<p>Seine ganze Herkunft klang aus diesem Wort. Man -sah auf einmal das pfälzische Kleinbürgerhaus, aus dem -er hervorgegangen war. Man fühlte das Milieu, dem er -entstiegen war – es klebte ihm ja an! Wie er an den -Zäunen entlangging, mit der Schulterhaltung seiner -Ahnen, die Lasten getragen hatten, und immer noch nach -den Zwetschen spähte, erkannte sie jäh, wieviel an ihm -lose saß, wieviel er im Augenblick nur übergetan hatte, -um ihr zu gefallen, wieviel Brücken er zu ihr hinüber -gebaut hatte – die er dann sämtlich abreißen würde, -wenn sie drüben bei ihm war – in Mainz.</p> - -<p>Sie erkannte auf einmal, daß er in allem, was er vielleicht -noch erreichte, in seinem ganzen Leben doch Kleinbürger -bleiben würde, und wußte auf einmal eisern und -unumstößlich: nein, nein, nein.</p> - -<p>Es waren nicht Hardis zitternde Warnungen – – -die nicht. Nicht die Ehe scheute sie, sondern die Ehe mit -ihm. Sie würden sich nie verstehen.</p> - -<p>Er betrachtete in glücklicher Jugenderinnerung noch -<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a> -immer die Pflaumen und sah wahrscheinlich im Geiste -selber welche in seinem Gärtchen am Rhein, in dem er -abends in der Laube womöglich in Hemdsärmeln saß.</p> - -<p>Sie wußte immer sicherer: sie konnte, konnte nicht, und -hörte mit kaltem, arglistigem Herzen auf seine Worte.</p> - -<p>Endlich schien er ihr verändertes Wesen zu erkennen -und zu begreifen, daß er sich etwas verdorben habe. Er -fand es aber nicht, sondern suchte im Gegenteil das -ganze Bauerndörfchen nach dem Glück im Winkel ab und -wurde dabei immer ratloser, bis ihn schließlich der Trotz -überkam. Er war doch jetzt der Stadtbibliothekar von -Mainz, ein wichtiger Herr, um den man sich reißen würde -– was machte ihm die arme Lehrerin aus, die sich sperrte. -Wenn's ihr eben nicht paßte, na, dann nicht, dachte er -zweifellos.</p> - -<p>Sie las hellsichtig in ihm.</p> - -<p>Bald nahmen sie kalten Abschied.</p> - -<p>Als Christiane in die Wallstraße kam, traf sie Ludwig -schon im Eßzimmer ihrer wartend. Hardi schlief bereits.</p> - -<p>Er sah sie in jäher, eigentümlicher Prüfung an.</p> - -<p>»Der Abend allein ist das Beste,« sagte er dann -langsam.</p> - -<p>Sie zuckte zusammen.</p> - -<p>Irgend eine Welle schlug von ihm zu ihr, sie spürte -sie in jedem Nerv, im Innersten erschüttert. Auf einmal -sah sie die verflossene Stunde klarer – – Kraneis – o, -Gott!</p> - -<p>Ihr Herz schlug.</p> - -<p>Sie saßen unter der verschleierten Lampe schweigend -bei Tische, und Christianens Blick huschte immer -<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a> -wieder verstohlen zu Ludwigs festen Zügen. Ihre Gedanken -wirrten hin und her, höhnten über Kraneis -und zitterten zu Ludwig und hingen sich an ihn und -wurden zart, weich, vergötternd. Verächtlich glitten sie -zu Hardi hin, und alles Mitleid wandte sich zu – ihm.</p> - -<p>Sie trennten sich bald.</p> - -<p>Christiane fiel es nachher ein, daß sie Ludwig heute -wohl am ehesten hätte vorbereiten können. Aber sie -konnte nicht mehr.</p> - -<p>Mochte alles – Schicksal seinen – Gang gehen.</p> - -<p>Sie saß noch lange verstört in ihrem Zimmer, dann -ging sie zu Hardi schlafen. Weit rückte sie von der -Schwester ab, weit, ganz weit.</p> - -<p>Sie hätte in dieser Nacht nicht denken mögen. Aber -sie dachte viel.</p> - -<p class="ce mt1 mb1">* * *</p> - -<p>Ganz unverhofft kam dann Hardis Stunde. Mitten -im Juli, als alle Linden blühten. Christiane war bei -ihr und schickte zu Ludwig aufs Amt.</p> - -<p>Die Wohnung war voll Aufruhr, und dazwischen -klang das trostlose Wimmern der Schwester, die keinen -wilden Widerstand mehr aufbringen konnte. Sie war -in der ganzen Zeit schon hundertfach im voraus gestorben. -Nur in den Augen stand das ohnmächtige, haßvolle -Widerstreben.</p> - -<p>Der Mutter wurde telegraphiert.</p> - -<p>Ludwig kam und kam nicht. War er beim Präsidenten? -Hatte er irgend eine Konferenz? Sie wartete. -<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a> -Sie schaute aus dem Fenster. Auf jeden Wagen hörte sie. -Immer noch kam er nicht.</p> - -<p>Die Zeit verstrich. Die Lage wurde immer unheimlicher, -und der Abend kam. Das fremde Rot brannte -über der Ebene hinter den Wällen.</p> - -<p>Da endlich ein Schritt auf der Treppe – Ludwig. -»Ich konnte nicht eher,« murmelte er mit abgewandten -Augen auf dem Flur. »Die Exzellenz – –« Seine -Miene war bedeckt. Jetzt schien er sich auf einmal zu -besinnen – er hörte auch. Seine Stirne wurde weiß.</p> - -<p>»Hardi,« sagte er, wie in sich suchend, verstört.</p> - -<p>Er blickte zu Boden.</p> - -<p>In der Sekunde erkannte Christiane, daß er von -Hardis verzweifelter Lage schon lange wußte.</p> - -<hr class="dash" /> - -<p>Das Kind war tot, aber die junge Frau wurde gerettet.</p> - -<p>Ludwig kam zu Christiane, die fiebernd, auf jeden -Laut horchend, in ihrem Zimmer saß. Der Sommermorgen -dämmerte, der weite, unendliche Sommermorgen des -slawischen Landes. Lerchen sangen drüben. Fern drehten -sich die Flügel der Mühlen. Weite, gelbe Felder -leuchteten.</p> - -<p>Ludwig sagte es.</p> - -<p>Sie schauten sich an.</p> - -<p>Und jetzt, da die Wellen verebbten, die das Haus -erfüllt hatten, jetzt, da die Fluten der Unruhe, der ungeheuren -Verwirrung und verstörten Erwartung aus -ihren Herzen strömten – jetzt sahen sie erst, was sündig -<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a> -hoffend, sündig begehrend, heimlich darunter gelebt -hatte.</p> - -<p>Beide sahen es in dieser Morgenstunde.</p> - -<p class="ce mt1 mb1">* * *</p> - -<p>Zwei Tage später reiste Christiane ab.</p> - -<p>Die Mutter war gekommen und wollte einstweilen -bleiben. Mutter und Tochter waren sich genug.</p> - -<p>Ludwig brachte Christiane zur Bahn. Es war der -Berliner Frühzug, der von Alexandrowo kommt, russischen -Staub an den Rädern trägt und voll unruhigen -Slawentums steckt. Juden, Polen, Russen, fast alles Geschäftsleute. -Dazwischen ein paar Uniformen, Offiziere -aus den großen östlichen Garnisonen, und einige Agrarier. -Da und dort eine versprengte Familie mit Kindern, -hilflos und stumpf in ein neues Leben hineinfahrend.</p> - -<p>Das Abteil, in das Christiane stieg, war wie alle anderen -schon sehr gefüllt. Ludwig stand draußen. Sie -konnten sich ansehen. Dann und wann rannte jemand -dazwischen, der verschmutzte Schaffner, ein Kellner, der -Zeitungsmensch, Reisende, die noch aufgeregt nach leeren -Abteilen spähten. Dann schauten sie sich wieder an.</p> - -<p>Immer unruhiger wurden die Menschen, immer -schneller liefen sie. Vom Anfang des Zuges her kam ein -sonderbares Geräusch immer näher. Schlag auf Schlag. -Immer näher. Jetzt kam der Schaffner heran. Schlag -auf Schlag.</p> - -<p>Nun wurde ihre Türe gefaßt.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a> -An dem Mann vorbei streckten sich ihre Hände einander -entgegen. Fest preßten sie sich, eisenfest. Stark -sah Auge in Auge, alles bekennend, rückhaltslos.</p> - -<p>Der Schaffner war weitergegangen. Jetzt kam der -Ruf, der Pfiff.</p> - -<p>Ludwig faßte die Tür und drückte sie mit leiser Hand -zu.</p> - -<p>Dann verschwand der Bahnhof.</p> - -<p>Christiane sah in die weiten Felder hinaus, in die -ungeheure gelbe Ebene, und ein wildes Verlangen faßte -sie: hierbleiben, an seiner Seite um dieses fremde Land, -diese riesigen Weiten ringen, kämpfen; kämpfen – mit -ihm! Sie hätte jeden Zoll des rasend wegfliegenden -Bodens festhalten mögen – diesen fremden, starken, feindlichen, -geliebten Boden!</p> - -<p>Bleiben, bleiben wollte sie! Über diese Ebene mit -ihm sausen, Pferd an Pferd, an diesen roten Abenden -bei ihm sitzen, bleiben, bleiben wollte sie – – –!</p> - -<p>Dann sank sie zusammen. Über ihr im Netz zitterte -ihr Lehrerinnenkoffer. Dicht an sie heran drängte sich -kleinbürgerliches, verschwitztes Volk – ach, zu dem gehörte -sie ja! Vorbei der Junkertraum, fort die schmalen -Zügel, die sie in der Faust gehalten hatte, fort das urheimlich -traute Beisammensein!</p> - -<p>Gelbe Felder, grüne Felder. Dann und wann eine -kleine Station. Dann wieder die unendliche Weite, die -der Zug noch immer nicht durchmessen hatte und die doch -schon eine andere war. Weite an Weite, immer verschwindend -und sich von neuem aufschließend, Land an -Land, Osten, noch immer Osten.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a> -Die Frauen im Abteil hatten es sich bequem gemacht. -Die junge Polin in der Ecke hatte den Hut abgenommen, -den Kragen geöffnet und nestelte eben am -Korsett. Die verängstigte Mutter mit den vier kleinen -schwarzen Russen holte Kissen und Decken aus dem -Netz und breitete sie über die Polster. Die Kinder -kauerten, schliefen, tranken Milch, rannten, trieben es -wie zu Hause. Eine furchtbare Luft war in dem engen -Raum.</p> - -<p>Christiane bog sich vor: daß sie es nur nicht vergaß -– jetzt mußte sie umsteigen. Ludwig hatte es ihr auf -der Fahrt zum Bahnhof auseinandergesetzt; die Verbindung -war nicht gut. Sie fuhr nach Dresden.</p> - -<p>Ein Ruck, ein sirrendes Verschwirren der Luft – -Christiane stieg aus, und wie Fächeln streifte sie der -reine Felderatem. Sie kam in einen anderen Zug, und -nun war es allmählich nicht mehr Osten. Sie fuhren -durch einen Zipfel märkischen Landes mit kleinen Fabrikstädten, -kamen durchs Wendische und dann nach Dobrilugk. -Wieder mußte sie umsteigen, und der neue Zug -verschwand mit schnurrenden Rädern in der Ferne. -Christiane aber fuhr in einem anderen, in dem es nur -noch die deutsche Sprache und ein begrenztes Provinzlertum -gab, nach Dresden hinein.</p> - -<p>Sie war ruhiger geworden. Wie ein dumpfer -Schleier lag es über ihr. Der Osten verwischte sich, -wurde zum Märchen, zu einem fremden Lied. Ihre -Existenz wurde ihr haarscharf deutlich.</p> - -<p>Christiane mußte sich nun so bald als möglich eine -neue Stelle suchen. Da ihre Papiere von der Schweizer -<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a> -Pension her mit einer mißbilligenden Note behaftet waren, -würde es nicht ganz leicht sein.</p> - -<p>Sie fuhr nach dem Lehrerinnenheim, einem alten -Bau in enger Stadtgasse. Erst wurde sie vom Portier, -dann von der Oberin gemustert. Sie stand vor ihr und -sah dabei traumhaft fern eine weiße Landstraße und darüber -hin zwei sausende Pferde, hörte etwas von großer -Überfüllung und wurde dann in ein winziges Erdgeschoßzimmerchen -geführt, es war billig, wie alles dort. Aber -wenigstens war sie allein darin. Ein hartes, uraltes -Bett, ein Liegestuhl, ein kleiner Tisch, ein Schrank. An -der Wand die Hausordnung. Es roch nach Fremde.</p> - -<p>Dann ertönte eine Glocke. Sie fing unten im Erdgeschoß -zu leben an und stieg gleichsam die Treppen empor, -jeden Winkel mit Klingen ausfüllend. Auf einmal -war nichts mehr als Glockenläuten im ganzen Haus, -Türengehen und Schreiten. Christiane ging nach oben. -Auf den Gängen waren Türen und an jeder ein Name. -Hinter jeder wohnte der zitternde Rest eines Lebens. -Manchmal stach ein besonders schön gestickter Klingelzug -hervor oder ein zärtlich bemaltes Täschchen für die Besuchstafel.</p> - -<p>Da waren die emeritierten Lehrerinnen. Etwas Eiliges -war an ihnen, eine große Spannung beherrschte sie. -Flure und Treppen waren jetzt voll gebeugter Frauen. -Es gab gute Gesichter darunter, liebe Frauengesichter, -die fein zu Großmüttern gepaßt hätten, und scharfe, spitze, -denen man ein glückloses Altjungferntum ansah, gleichgültige -Gesichter, die man schon tausendmal gesehen -hatte, und einige voll Rasse und geprägtem Adelszug.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a> -Der leise Strom glitt an Christiane vorbei wie das -Leben selber. Nicht das Leben, das im Tragischen oder -Lichten vollkommen ausgleicht und Farbe auf Farbe gewissenhaft -setzt wie ein guter, braver Maler, sondern wie -der große Künstler, der im Überreichtum seines Schaffens -seine Werke nicht alle beenden kann, der oft nur Fragmente -schafft, Proben, Übergänge und dabei allerlei wegwirft, -das eines Besseren wert gewesen wäre.</p> - -<p>Sie waren alle den Bächlein gleich, die durch das -Land rinnen, still, schmal, da einen grünen Streif finden, -dort eine Weile unter hängenden Blüten treiben, aber -spurlos im Größeren aufgehen ohne ein Mühlrad gejagt -oder ein Schifflein getragen zu haben.</p> - -<p>Mit Spannung schauten sie auf ihren Platz und -grüßten einander, die Köpfe mit den schwarzen Spitzenhäubchen -höflich neigend und nach der Oberin schauend, -vor der die Suppenschüssel stand. Die eine oder die andere -hatte aus Gesundheitsrücksichten ein Gläschen Wein -neben ihrem Gedeck, ein Tellerchen war daraufgelegt, damit -der Duft nicht verflog.</p> - -<p>Erst sprach die Oberin das Gebet, dann gingen die -Teller ringsum, die Köpfe neigten sich darüber, das Essen -begann, nur da und dort von mildem Gespräch unterbrochen.</p> - -<p>Christiane horchte und verstand nicht viel. Da war -eine von einer früheren, längst verheirateten Schülerin -besucht worden, dort hatte eine einen Brief bekommen, -dort huschte auch wohl ein kleiner Streit mit geduckten -Flügeln.</p> - -<p>An Christianens Tisch ging es lebhafter zu. Sie saß -<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a> -auf der Jugendseite, unter den Lehrerinnen, die sich gleich -ihr nur vorübergehend im Heim aufhielten, meist Ferienvolk. -Viele Sprachen wirbelten über den Tisch. Die Ungarin -schwatzte von der Operette, die beiden Norwegerinnen -redeten vom grünen Gewölbe, die Engländerin fragte -ihre Nachbarin mit zähen Blicken nach allen Sehenswürdigkeiten -aus. Eintrittskarten gingen von Hand zu -Hand, Pläne wurden gemacht, da hatte eine einen Kniff -heraus, wie eine Sache billiger zu bekommen war, und -rief's triumphierend über den Tisch. Eine unendliche -Vergnügungsgier beherrschte die meisten. Das ganze -Jahr hatten sie für ihre Ferien gespart!</p> - -<p>Christiane bemerkte dann noch andere darunter, die -stiller waren und mehr vor sich hinguckten, das waren -solche, die keine Stelle hatten. Schöne, stolze, frische Gesichter -darunter, noch mit allen Jugendillusionen, mit -romantischen Erwartungen und heißer Fernsehnsucht, -mürbe, schwache, ausgemergelte Erscheinungen und solche -mit großer Vortrefflichkeit im ganzen Wesen, glattgescheitelten -Haaren und dem Klemmer – die richtigen -Lehrerinnen.</p> - -<p>Christiane machte sich mit keiner bekannt.</p> - -<p>Nach Tisch ging sie durch die Stadt. Die Straßen -glühten, und doch waren sie nicht schläfrig; man sah viel -Fremde. Christiane entdeckte manches Schöne, manche -Rasseerscheinung, aber auch viel Talmi, viel lächerliches -Provinzlertum in Warenhäusern aufgeputzt, und die braven -Dresdner selber, diesen Typen nicht ungleich. Sie -sah die Talmikultur in den Läden und an den Bauten -und begriff nicht, wie man die schöne Linie so mißhandeln, -<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a> -zerbrechen, vergewaltigen konnte. Wieder schweiften -ihre Gedanken nach dem Osten zurück: dort war noch -ein Boden, auf dem zu schaffen war, eine königliche -Fläche, die tragen und leuchten konnte.</p> - -<p>Sie kam an die Elbufer. Die fernen Hügel schwammen -in blauem Duft. Der Strom strich sommerlich -schwach, die Wagen und Bahnen polterten über die weißen -Brücken.</p> - -<p>Christiane stieg in einen Dampfer und fuhr nach -Pillnitz.</p> - -<p>Das Boot war voll. Auch hier Fremde, einige -rassig, elegant, voll hochmütig überlegener Kultur, still -sich zurückhaltend, daneben die Familienrudel mit den -unruhigen Kindern. Da und dort ein Künstlerkopf, ein -Künstlerschauen, aber überragend die Masse, der ewig -plappernde Durchschnitt. Der Dampfer fuhr unter den -weißen Brücken mit den gelben und roten Bahnen hindurch, -und nun sah man die Villenvororte, die weißen -Häuschen an den Bergen, die Schlösser der großen Herren -und der Künstler, die Protzenbauten der Reichgewordenen -und die Massenrestaurants. An den Badeanstalten flatterten -die Wimpel.</p> - -<p>Hügel um Hügel glitt vorbei. Der Strom bekam -ein wenig Weite und Einsamkeit. Dann leuchtete das -grüne Dach des Schlosses zu Pillnitz. Christiane ging -an ihm vorüber durch den Park in den Wald. Der Weg -wurde einsam. Sie ging lange, bis sie an eine Mühle -kam, die jetzt Wirtschaft war. Dort rastete sie. Es war -still, ganz still.</p> - -<p>Als sie wieder aus dem Walde an den Strom kam, -<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a> -sah sie, daß der Himmel sich umzogen hatte. Von den -fernen Bergzügen merkte man nichts mehr, ein grauer -Dunst kroch bergauf. Auf dem Dampfer sammelten sich -schon die Leute. Das Wasser war grau.</p> - -<p>Im Abenddämmer tauchte die Silhouette Dresdens -wieder auf. In dem Fenster einer Kunsthandlung in der -Prager Straße gewahrte Christiane plötzlich die ›eiserne -Wehr‹ von Angelo Jank. Sie starrte das Bild an. Dann -ging sie in den Laden und kaufte es.</p> - -<p>So kam sie wieder in ihr Heim, wo sie es zusammengerollt -in ihren Koffer legte. Draußen dröhnte schon -wieder die Glocke, wieder zogen sie draußen nach dem -Eßsaal. Der Abendtisch war leerer, nur die Alten und -die Stellesuchenden waren da, die Ausflüglerinnen fehlten.</p> - -<p>Christiane ging nachher wieder in ihr Zimmer. Sie -holte die ›eiserne Wehr‹ aus dem Koffer und besah das -dunkle Bild von neuem. Draußen trommelte der Regen, -die schmale Gasse war überspült. Tapp, tapp, tapp – die -Leute rannten. Es wurde finster. Das Bild verschwamm, -das Zimmer verschwamm.</p> - -<p>Der Abend allein – – dachte Christiane.</p> - -<p>Sie warf sich plötzlich auf ihr Bett nieder und -schluchzte.</p> - -<p>Nach einer Weile wurde sie ruhiger und hob den -Kopf.</p> - -<p>Sie war wohl nicht die einzige hier im Hause, die -so weinte.</p> - -<p class="ce mt1 mb1">* * *</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a> -Nach ein paar Tagen hatte sie eine Stelle bei einem -Forstmeister dahinten in Sachsen. Christiane war es lieber, -in die Familie zu kommen, statt in eine Pension, -und sie erhoffte bei diesen Leuten etwas Kultur und auch -ein wenig Leben für sich allein.</p> - -<p>So fuhr sie nach Silberfähre.</p> - -<p>Der Tag war verregnet. Das Bergland senkte sich -nach Westen zu in so eigentümlicher Weise, daß es ihr -vorkam, als ob der schwarze Zug mit seiner Menschenladung -waghalsig am Rande der Erde dahinführe. -Dünner und feiner wurde der Regen, noch ein Wirbel, -ein flatterndes Ausfliegen der Tropfen, dann sank der -Schleier, und darüber zog ein roter Himmel glühend auf, -nahe, ganz nahe, nur eine lose, blaue Wolkenwand -schwamm von unten herauf schwer vor ihm, wie die dampfende -Sehnsucht der Menschen.</p> - -<p>Neben Christiane schob sich eine Hand vor: »Entschuldigen -Sie, das Fenster zittert echal so – darf ich -mal –«</p> - -<p>Und die Scheibe wurde gerückt.</p> - -<p>»So,« klang die Stimme weiter, »fahren Sie auch -bis Chemnitz?«</p> - -<p>»Ich fahre noch weiter.«</p> - -<p>»I gor, i gor – –«</p> - -<p>– – Das Feuer stand noch drüben. Wie hundert -goldene Fackeln lohte es vor dem armen Land. Wie ein -rosenrotes sicheres Geheimnis stand es am anderen Ufer, -von den dunklen bebenden Wünschen der Menschen zitternd -umdünstet. Wie ein offenes Tor stand es da und -hundert und hundert Schritte waren nur noch bis zu ihm.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a> -Der Zug aber sprang jetzt wie ein Tier, das die -Peitsche fühlt. Ein Klirren ging durch ihn, ein Ruck -traf Rad um Rad – und Rad um Rad wandte sich gehorsam.</p> - -<p>– – Das Feuer war nicht mehr da.</p> - -<p>Nur ein schmaler verblichener Schein stand fern, wie -von einer Tür, die zugeschlagen wird.</p> - -<p>Berg um Berg war da, blau umhüllt, von Nebeln -umgangen, die sich ihre Nachtplätze suchten, Tal um Tal -war da, von Schatten gefüllt, von Häusern, aus denen -die Wünsche wie Rauch aufstiegen, Wünsche, die keinen -Weg mehr hatten.</p> - -<p>Das Feuer war nicht mehr da. – –</p> - -<p>Der Hauch des fremden Gebirges umfing Christiane -beim Aussteigen. Ein Wasser rauschte. Die Gassen liefen -bald rechts, bald links, immer wieder vom Berg abgefangen. -Gradeaus aber erhob sich auf einem Kegel die -alte böhmische Burg Silberfähre. Mitleidslos hoch stieg -der Weg zu ihr hinan, die kleinen Häuser verschwanden, -das Wasser entlief weit unten, die Weite war nahe, der -Himmel bog sich heran.</p> - -<p>Nun war Christiane in einem Schloß.</p> - -<p>Die Frau Forstmeister aber trug eine Küchenschürze, -und drinnen über dem Feuer schmorten die Quarkkeilchen. -Die Tochter kam aus dem Garten, ein schlacksiges, dreizehnjähriges -Ding, von dem man noch nicht wußte, ob es -hübsch oder häßlich werden würde. Es waren noch zwei -ältere Töchter da, die sich nach der einen und der anderen -Richtung längst entschieden hatten. Anna war schön, -mit fuchsigem Haar und dem lebendigen, dunkel spiegelnden -<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a> -Blick des Waldtieres, Hella ein Kind des Schattens, -klein, mit einem Zwergengesicht und einer Wichtelstimme. -Anna war verlobt, Hella war schon über dreißig Jahre.</p> - -<p>Die Lehrerin wurde nicht sehr angestrengt. Viele -Vorgängerinnen hatten in Nora ein so queres und sonderbares -Wissen angehäuft, daß es Jahre und Jahre gebraucht -hätte, um es zu entwirren. Nora sollte aber in -ein oder zwei Jahren schon in eine Pension.</p> - -<p>Christiane wanderte viel in den einsamen Wäldern -des Erzgebirges. Manchmal traf sie unterwegs den -Forstmeister, einen kleinen, blonden, stumpfnäsigen -Herrn, der sich noch immer darüber wunderte, daß man -ihn im Münchner Hofbräuhause, ohne daß er noch ein -Wort gesprochen, als Sachsen erkannt hatte! Manchmal -mußte sie auch der Frau Forstmeister bei den Quarkkeilchen -oder den grünen Klößen helfen und hatte dabei -Gelegenheit, über nord- und mitteldeutsche Lebensführung -Beobachtungen anzustellen.</p> - -<p>Fremde Menschen sah sie fast gar nicht. Einmal -tauchte Annas Verlobter, ein Gerichtsassessor aus Bautzen, -auf. Ein jähes Feuer schoß aus seinen Augen zu Christiane -hin, sie spürte seine heimliche Jagdlust und wich ihm -aus. Bald danach hatte das Paar Hochzeit und verschwand -vom Schauplatz.</p> - -<p>Der ältesten Tochter kam Christiane nicht nahe. Die -Zwergin saß bei gutem Wetter im Schloßgarten und bei -schlechtem im Zimmer und klöppelte. Manchmal besuchte -sie die armen Spitzenklöpplerinnen im Dorf. Sonst -sprach sie fast gar nicht.</p> - -<p>Die Frau Forstmeister empfing jeden vierten Mittwoch -<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a> -ein Kaffeekränzchen auf dem Schlosse. Dann mußte -Christiane den dicken Fabrikantenfrauen die Mantillen -abnehmen und ihnen den Kuchen präsentieren. Sie -musterten die Erzieherin voll Neugier und Herablassung -und hatten keine Ahnung, wie stark sie beobachtet wurden.</p> - -<p>Bei solchen Gelegenheiten schossen Christianens Gedanken -immer nach Posen hin, obwohl sie viel ruhiger -geworden war.</p> - -<p>Sie konnte wieder objektiver an Hardi denken. In -ihrem Herzen war eine Spur Mitleid mit der blutjungen -Frau, die kinderzart und ahnungslos, von einer heißen -Hand in die allertiefsten Geheimnisse verstrickt worden -war. Immer wieder sah sie das junge Gesicht mit dem -eigentümlich pikant sentimentalen, hilflosen Ausdruck.</p> - -<p>Jetzt mußte Hardi reifer geworden sein und das -tiefe Glück ihres Lebens erkannt haben.</p> - -<p>Sie schrieb Christiane nicht. Ludwig sandte manchmal -ein paar knappe Zeilen, die sie unterzeichnete.</p> - -<p>Christiane brauchte nichts von ihm zu wissen – sie -las von ihm. Seine Name tauchte immer öfter in den -Zeitungsspalten auf, er hatte ein Buch über die Ostmark -geschrieben, das sowohl von der einen, wie von der anderen -Seite Angriffe erfuhr, obwohl von keinem übersehen -wurde, daß da ein kommender Mann sprach. Der -Nationalitätenkampf war längst aufgebraust, die Deutschen -erwacht. Jetzt tafelte kein hoher Regierungsbeamter -mehr mit den Polen.</p> - -<p>Christiane lebte in diesem Kampf: sie verlor nicht -einen Moment davon. Mitten in den sächsischen Wäldern -<a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a> -und Bergschluchten, wo die Forellenwasser rauschten, -dachte sie an die Völkertragödie des Ostens und an Ludwig -von Cöldt.</p> - -<p>Es ist schön, wenn der Liebste ein großes Werk hat, -schön, wenn man seinen Namen in den Blättern lesen -kann. Man weiß immer von ihm. Er ist immer nahe. -Er lebt.</p> - -<p>An einem glühenden Herbstnachmittag des zweiten -Jahres fuhr Christiane nach Johann-Georgenstadt an die -böhmische Grenze, hörte wieder scharfe, fremde Laute statt -des braven Sächsisch und warf einen Blick in eine Welt, -die eine Spur Ähnlichkeit mit der besaß, die sie im Osten -verlassen hatte.</p> - -<p>An den abendblauen Bergen, den glühenden Vogelbeerstraßen -und den klirrenden Emaillierwerken vorbei -fuhr sie zurück und fand zu Hause einen Brief der Mutter, -in dem gesagt war, daß Christiane Tante geworden sei. -Hardi hatte ein Kind.</p> - -<p class="ce mt1 mb1">* * *</p> - -<p>Zu Ostern zog die Forstmeisterstochter in eine Pension -– Christiane hatte wenigstens erreicht, daß es kein -›Erziehungskasten‹ war – und sie selbst ging als Lehrerin -in eine Privattöchterschule von Fräulein Gusti Schellenbaum -zu Crivenwalde in Mecklenburg. Fräulein Gusti -war bucklig. Sie hakte Christiane schon am Bahnhof ein -und erklärte, daß sie vom Rhein stammte, nicht etwa von -hier aus dem steifen Norden. Übrigens sagte sie ›s–teif‹ -und teilte der Lehrerin mit, daß sie auch so s–prechen -<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a> -müßte, sonst hätten die Kinder keinen Res–pekt vor ihr. -Man müßte das lernen.</p> - -<p>Sie kamen an der Schule vorbei, die den unteren -Teil eines hübschen Hauses einnahm. Oben wohnte Professor -Thiele, das erfuhr Christiane auch. Das Fräulein -nickte zu ihm empor. Sie gingen über den Spielhof, der -von großen Linden umstanden war und ein paar dürftige -Recks und Stangen und eine vergessene Puppe zeigte, -und dann durch eine Hintertür ins Haus. Alle mußten -durch die Hintertür, das Portal vorn war verschlossen. -Warum wußte Fräulein Gusti auch nicht. Sie hatte es -so von ihrer Vorgängerin übernommen. Die lebte noch -am Orte und zwar als die Gemahlin des Tierarztes. -Mit fünfundvierzig Jahren hatte sie sich den Tierarzt gekapert -– zufällig, weil ihr Kanarienvogel krank geworden -war – und zusammen waren sie über hundert -Jahre alt. Es war eine junge Ehe.</p> - -<p>In Crivenwalde sah man dem Paar nach, wenn es -auf der Straße erschien. Man sah überhaupt den Leuten -nach.</p> - -<p>Fräulein Guste s–prach eine Weile darüber, dann -brachte sie ihrer neuen Lehrerin Kaffee. Sie hatte übrigens -keinen Kanarienvogel, sondern nur Lachtauben. -Und die waren gesund. Und wenn sie etwa krank würden, -so würde sie doch keinen Tierarzt in Anspruch nehmen. -Fräulein Gusti zog die Nase kraus. Sie schien an -dem krankgewordenen Kanarienvogel ihrer Vorgängerin -etwas zu finden.</p> - -<p>Nun kam sie auf den Professor Thiele zu sprechen. -Das Haus gehörte ihm, und er hatte es der Schule gestiftet. -<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a> -Sonst müßten sie noch in der kleinen Bude -drinnen am Neumarkt hausen. Schrecklich soll es -dort gewesen sein! Ja, also der Professor hatte sein -Testament zugunsten der Schule gemacht, und die genoß -schon bei seinen Lebzeiten davon. Er hatte sich -ausbedungen, daß er in dem Hause wohnen bleiben -und manchmal mit den Kindern sprechen durfte. In -der Pause kam er immer herunter und verteilte Äpfel -oder Bananen oder Schokolade. Die ganz kleinen -Mädchen hielten ihn für den lieben Gott. Er war -neunzig Jahre.</p> - -<p>An der Schule waren noch zwei Lehrerinnen tätig, -die Schwestern Dittmer. Nachher wollten sie die neue -Kollegin begrüßen. Fräulein Dorreyter solle bei ihrem -Anblick nicht erschrecken – sie seien ein bißchen lang. -Die Kinder nannten sie die ›Erzengel‹.</p> - -<p>Übrigens herrschte ein recht gemütliches Leben an der -Schule.</p> - -<p>Ob Fräulein Dorreyter – Frauenrechtlerin sei?</p> - -<p>Christiane sah kritisch auf die Bücher und Broschüren, -die das Fräulein sofort heranschleppte. Sie mußte sie -mitnehmen. Die Vorsteherin tat es nicht anders. Und -morgen fing die Schule an.</p> - -<p>Christiane ging ins Hotel ›Friedrich Franz‹, dort -wußte man schon von ihrem Eintreffen. Der Geschäftsführer -hatte ihr bereits ein recht freundliches ruhiges -Zimmer reserviert – die Damen von der Schule wären -ja immer recht nervös. Er stellte sich als Berliner vor. -Vorn nach der Straße wohnten die Reisenden. Crivenwalde -betrieb einen Handel mit Bratheringen und Sprotten. -<a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a> -Sie merkte es bald, denn die Stube war gleich voll -von dem Duft einer nahen Räucherei.</p> - -<p>Christiane spähte über einen Garten mit Tischen und -Stühlen hinweg und sah hinter allerhand Bürgerhäusern, -Schuppen und Speichern einen schmalen, grauen -Streifen.</p> - -<p>Sie erschrak etwas.</p> - -<p>Die See.</p> - -<p>Bald nachher kamen die Schwestern Dittmer. Sie -traten unter die Tür wie Grenadiere des alten Fritz. -Übrigens waren sie keine Mecklenburgerinnen, wie sie -gleich erzählten, sondern stammten aus Osnabrück. Es -schien das Eigentümlichste der Crivenwalder zu sein, daß -sich keiner als Eingeborener bekennen wollte.</p> - -<p>Die Fräulein wiederholten in Geschwindigkeit die -Verhältnisse der Schule nicht anders, als die Leiterin sie -schon geschildert hatte, und glitten dann auf die Stadt -Crivenwalde über, die sie mit allen ihren Bewohnern -genau zu kennen schienen, denn sie waren schon über fünfzehn -Jahre am Orte. Übrigens s–prachen sie auch. Sie -waren zusammen hergekommen und waren Zwillingsschwestern; -man konnte sie kaum von einander unterscheiden. -Allerdings hatte die eine eine etwas schiefe -Backe.</p> - -<p>Am nächsten Tage wurde Christiane im Beisein der -beiden Erzengel, des alten Professors, den die Kleinen -für den lieben Gott hielten, und eines dicken Lehrers vom -Gymnasium, der auch Stunden an der Töchterschule gab, -von Fräulein Gusti in ihr Amt eingeführt. Der dicke -Lehrer stellte sich hernach als Hannoveraner vor.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a> -Nachmittags ging sie dann auf die Wohnungssuche -und fand ein kleines Zimmer bei einer Apothekersfrau, -die zwei Kinder hatte, von denen das eine in Fräulein -Gustis Schule ging und vom Herrn Professor immer die -allergrößten Bananen bekam. Das liebliche, stille Kind -nahm Christiane für die Wohnung ein.</p> - -<p>Sie bezog das Zimmer. Übrigens war die Frau -Apotheker eine Husumerin, und ihr Mann hatte gar -keine Apotheke, sondern eine Drogenhandlung, und mit -der war er grade im Bankerott. Es herrschte ein sonderbar -verwirrtes Wesen im Hause, das einesteils von -dem gescheiterten Mann, andererseits aber von der Frau -auszugehen schien, die allen Dingen hilflos gegenüber -stand, wie vom Himmel gefallen.</p> - -<p>Als Christiane am ersten Morgen in die Schule -gehen wollte, stürzte ihr Frau Thomsen mit verstörter -Miene nach: »Ach, verzeihen Sie, Fräulein – in der -Eile hab ich ganz und gar auf den Kaffee vergessen ...«</p> - -<p>»Kaffee haben Sie mir gebracht –« sagte Christiane, -auf die Tasse deutend, die noch ziemlich gefüllt auf -dem Tische stand.</p> - -<p>»Ja, ja. Ich hab ihn ja gekocht, aber dabei ... -den Kaffee hineinzutun vergessen ... Sehen Sie ... -hier ...« Sie deutete dabei auf ein braunes Pulver in -einer Untertasse.</p> - -<p>»Jetzt trinken Sie ihn nur, Frau Thomsen,« sagte -Christiane und ging.</p> - -<p>Als die Wirtin in der Folgezeit nicht nur das Kaffeepulver, -sondern auch sonst allerlei vergaß, als das Mittagessen -immer öfter ausblieb oder vollkommen ungenießbar -<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a> -war, als die Wirtin ihre Mieterin immer bedrohlicher -anzuborgen begann und Christiane längst -ihr Zimmer selbst rein hielt – sonst hätte sie es nie -rein bekommen – mußte sie sich zum Ausziehen entschließen.</p> - -<p>Sie zog mehr zum Hafen hinunter, was schon längst -ihr Wunsch gewesen war, und die ›Erzengel‹ hatten ihr -die neue Wirtin empfohlen. Sie sollte Witwe sein, es -stellte sich aber bald heraus, daß sie nur von ihrem Manne -getrennt und in beständiger Furcht lebte, er könnte wiederkommen -und ihr einen Schaden zufügen. Deshalb -verriegelte sie ihre Wohnung sehr sorgfältig, und man -mußte ein ganzes Schlüsselsystem anwenden, um hineinzukommen. -Vor dem Schlafengehen machte sie regelmäßig -eine Runde durch sämtliche Räume, guckte in die -Schränke und leuchtete auch unter Christianens Bett, in -der Befürchtung, der geschiedene Mann könnte eines Tages -schließlich darunter sein. Sie schneiderte, und man -hörte den ganzen Tag das sonderbar ängstliche und ärmliche -Geräusch der Nähmaschine.</p> - -<p>Aber sonst war das Zimmer ganz nett. Die Terrakottabüsten -waren samt ihren Zimmersäulen hinausbefördert -worden, ebenso das, was Frau Claß ›Bilder‹ -nannte. An der grauen Wand hing einzig die ›eiserne -Wehr‹ in ihrer düsteren Wucht. Am Fenster stand -Christianens Schreibtisch, und durch die Scheiben sah man -hinter beschnittenen Lindenbäumen den grellen Streifen -weißen Sandes und dahinter die bald graue, bald blaue -See.</p> - -<p>In der Schule ging es recht gemütlich zu. Fräulein -<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a> -Gusti war ebenso beliebt, wie die ›Erzengel‹, und wenn -der dicke Lehrer bei seinen Gymnasiasten schärfere Saiten -aufzog, – was übrigens zu bezweifeln war – so wandelte -er sich in der Schule von Fräulein Schellenbaum so friedlich -um, daß er ganz genau hineinpaßte. Nachmittags -um vier gab es immer ein Kaffeestündchen in Fräulein -Gustis Zimmer, und wenn der Oberlehrer dabei war, -mußte er immer von seinem Jungen erzählen, mit dem -ihn seine Gemahlin vor einem halben Jahr beschenkt -hatte. Waren die Damen aber unter sich, so holte Fräulein -Gusti ihre frauenrechtlerischen Bücher und Hefte -heraus, und die ›Erzengel‹ sahen ebenso kritisch darauf -wie Christiane und ließen das Fräulein reden. Brachte -man das Gespräch aber auf die Vorgängerin, die jetzt -Frau Tierarzt war, so wurde Fräulein Gusti spitz.</p> - -<p>Die ›Erzengel‹ machten ihrem Namen alle Ehre und -standen Christiane in allen Dingen wirklich wie ein paar -langgeflügelte Himmelsboten zur Seite. In der freien -Zeit machten sie weite Fußmärsche in die Umgegend, die -wohl auch weit und flach, aber immer mit Möwen überflogen -und mit dem nie weichenden, leise überdunsteten -Streifen See im Hintergrunde nie mit jener östlichen zu -verwechseln war. Auf den Wiesen weidete das schwarzbunte -Vieh, das Getreide stand niedriger, der Wald war -dürftig, wie zerblasen. Immer ging der Wind, und immer -roch es nach Fischen im Rauch.</p> - -<p>Sie segelten und schwammen auch, besuchten die -Badeorte der Umgegend und machten in den Ferien gemeinsame -größere Reisen nach Dänemark, Schweden und -Norwegen, für das die ›Erzengel‹ so schwärmten, obwohl -<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a> -sie aus Osnabrück waren. Sie konnten nicht ohne Wasser -sein.</p> - -<p>Einmal gerieten sie auf der Rückreise – sie fuhren -über Malmö-Lübeck – in eine Horde Engländer, die -den Kontinent bereiste, alles Lehrer und Lehrerinnen, die -eifrig bemüht waren, sich in der fremden Sprache zu -üben. Ein großer, sehr rotblonder Dozent aus Nottingham -hatte sich von Anfang an Christiane, die seine Tischnachbarin -war, zur Partnerin ausersehen, und sie tauschten -allerlei Rede und Gegenrede in der pikanten, spähenden, -argwöhnisch höflichen Art, wie sie schon damals -zwischen Vertretern der beiden Nationen zu herrschen -pflegte. Als alles Neue erschöpft war und Christiane -merkte, daß sie und der Engländer der Zielpunkt von -allerhand Blicken wurden, die namentlich von seinen -Landsmänninnen ausgingen, und als sogar die ›Erzengel‹ -gutmütige Bemerkungen machten, zog sie sich rasch zurück. -Es war möglich, daß Mr. Wyche, wie nachher erzählt -wurde, auf dieser Seefahrt ein ganz ernstliches Interesse -für die junge Deutsche gefaßt hatte, aber sie konnte es -nicht zurückgeben. Von allem anderen abgesehen, hätte -sie es undenkbar gefunden, ins Ausland zu gehen und -mit einem fremden Volk zu leben, wo das eigene Land -so voller Probleme und Arbeitsmöglichkeiten steckte.</p> - -<p>Die ›Erzengel‹ begriffen sie nicht, und Christiane gab -sich auch nicht die Mühe, sie aufzuklären, wie sie den braven -Geschöpfen innerlich auch ganz fern stand.</p> - -<p>Spät abends ging sie gewöhnlich allein am Strand -spazieren, dort hinaus, wohin die Crivenwalder nicht -mehr kamen. Sie sah die zart verdämmernde Opalfarbe -<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a> -der abendlichen See, spürte den fernen Duft der Linden, -die hier so sehr spät blühten, und in ihrer Seele stieg es -auf wie Wasser – – – – –</p> - -<p>»Du hast es gut,« schrieb die Mutter, »viel besser, -als Hardi, die sich in Posen noch immer nicht eingewöhnt -hat und sich in Heimweh verzehrt. Du hast keine Sorgen – – –«</p> - -<p>Nein, sie hatte keine Sorgen. Sie hatte – alles. – –</p> - -<p class="ce mt1 mb1">* * *</p> - -<p>Im Herbst danach kam wieder ein Brief von Ludwig. -Christianens Blicke flogen jäh darüber hin und suchten -hungrig im voraus den heimlichen Gruß, das heimliche -Gedenken, ehe sie alles Tatsächliche erfaßten. Und dann -wurde ihr das klar.</p> - -<p>Ludwig war in acht Tagen in Berlin, grade zurzeit -ihrer Herbstferien. Ob sie ihre Reise zur Mutter nicht -über Berlin richten und mit ihm dort zusammentreffen -wollte?</p> - -<p>Christiane hatte gar nicht zur Mutter fahren wollen, -denn die vermißte sie kaum. Deren Sinn stand allein -nach Hardi und war durch der Jüngsten Schicksal vollkommen -ausgefüllt. Zudem hatte sie jetzt eine kleine Pension -gegründet und dadurch eine neue Art Lebensinhalt.</p> - -<p>Christiane interessierte sich nicht dafür. Ihr kam -es überhaupt vor, als ob sie mit ihren Wünschen, mit -ihrem ganzen Wesen längst heimlich weit über die letzten -Inseln der Menschen hinausgetrieben sei. Jetzt – jetzt -erkannte sie es – –</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a> -Wann begannen doch die Ferien? Wie lange fuhr -man von Crivenwalde nach Berlin? Lehrter Bahnhof – –? -Am Lehrter Bahnhof würden sie sich -treffen!</p> - -<p>Die ›Erzengel‹ wunderten sich redlich über die Kollegin, -die sie in ihrer biederen Herzensharmlosigkeit zu -kennen glaubten und die auf einmal so anders war. Am -letzten Abend veranstaltete Fräulein Gusti noch ein -frauenrechtlerisches Kränzchen, dem ein dicke Hamburgerin -beiwohnte, die auf dem Gebiet irgendwelche Bedeutung -hatte. Sie begrüßte die drei Damen mit großer -Kollegialität und begann gleich mit ihren Ausführungen, -dann und wann einen Schluck Tee mit Rum nehmend. -Die ›Erzengel‹ guckten ihrem Wesen kritisch zu, -und Christiane sagte auch nichts.</p> - -<p>Fräulein Gusti ereiferte und ereiferte sich, die Hefte -flatterten förmlich unter ihren Händen, sie suchte die Diskussion -immer mehr anzufeuern – ihr Traum war: ein -Frauenrechtsverein hier in Crivenwalde, der gewesenen -Leiterin und jetzigen Frau Tierarzt erst recht zum -Trotz! – Die ›Erzengel‹ tauten auf. Es war im Grunde -nichts, nach dem Unterricht immer nur spazieren zu gehen -oder zu baden, in den Schulpausen dem alten Professor -zuzusehen oder vom Oberlehrer Müller zu hören, wie sich -sein Sprößling weiter entwickelte. Es war am Ende -am besten, Frauenrechtlerin zu werden und sich für allerlei -fernliegende Dinge zu interessieren, wenngleich irgend -etwas in ihrem Herzen entschieden ›Nein‹ sagte und die -dicke Hamburgerin deutlich verlachte.</p> - -<p>Aber sie sagten ›Ja‹, schon der Vorsteherin zuliebe, -<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a> -und wunderten sich auf dem Nachhausewege über Christiane, -die noch immer schwieg.</p> - -<p>Die verabschiedete sich eilig, lief in ihre Stube und -ging an den Koffer – war nun schon alles darin? War -nichts vergessen? Sie trat ans Fenster und sah mit gläsernem -Blick hinaus – – draußen stand die See und -hatte noch einen Schein wie aus den hohen, grauen Sommernächten, -die Christiane im Norden erlebt hatte. Die -Sterne flimmerten.</p> - -<p>Der Morgen war sonnenhell, alle Wiesen grünten, -wie im Frühling, und alle Stoppelfelder leuchteten, als -ob das blonde Korn noch auf ihnen stünde. Knick auf -Knick schloß sich daran, wie Kranz auf Kranz. Die Wasser -der Seen blinkten blau auf und verschwanden wieder, der -Buchenwald flimmerte in sommergrüner, unzerstörter -Glut. Wald auf Wald, See auf See. Wie schön war -diese Gegend doch!</p> - -<p>Christiane starrte aus den Coupéfenstern wie im -Traum. Sie fühlte immer deutlicher, daß sie über die letzten -festen Länder und Inseln der Menschen weit hinausgetrieben -wurde.</p> - -<p>Station auf Station. Jetzt Schnellzugssausen. Der -sonnige reine Morgen und die blauen Seen waren weit. -Nauen, Spandau. Straßenbahnen und Soldaten, Glashallen, -Vorortbahnhöfe. Endlich die schwarze Höhle der -Lehrter Einfahrtshalle. Auf dem Bahnsteig war auf -einmal ein Strudel entlassener, mit bunten Bändern behängter -Matrosen, die Christiane gar nicht im Zuge gewahrt -hatte.</p> - -<p>Sie trennte sich instinktiv von der Menge, fühlte sich -<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a> -plötzlich verwirrt und verloren und in eine Fremde -gerissen, hinter der Fräulein Gusti, die ›Erzengel‹ und -ganz Crivenwalde wie freundliche Schatten standen, und -sah dann auf einmal – Ludwig.</p> - -<p>Da war er! Nur einer wie er!</p> - -<p>Sie sah ihn an. Sie gaben sich fest die Hände.</p> - -<p>Ihr Herz war stark und entschlossen.</p> - -<p>Leicht schritt sie neben ihm her, und jetzt war Crivenwalde -weit weg. Alles war weit weg. Auch Hardi und -die ›eiserne Wehr‹.</p> - -<p>»Du fährst zur Mutter?« fragte er.</p> - -<p>Sie schrak auf. Ihr Blick flog in den hellen Großstadttag -hinaus. Sie sah bunte Farben, Linien, Lichter, -Menschen und – ihn.</p> - -<p>»Ja, ja,« sagte sie.</p> - -<p>Als sie im Wagen saßen, erzählte er, daß er Konferenzen -in seinem Ministerium hätte. Er nannte die Namen -der beteiligten Herren – alles Ostmarkenleute.</p> - -<p>»Du gehörst schon ganz und gar zu ihnen,« sprach sie.</p> - -<p>Er nahm das gleichgültig hin, denn es war in Wahrheit -so.</p> - -<p>Sein Gesicht war schärfer und länger geworden, das -Junkertum prägte sich härter aus. Ob er noch ritt?</p> - -<p>Sie traten in ein Restaurant. Sein Blick flog unwillkürlich -nach den Mittagszeitungen, die eben kamen. -Sie lachte und ließ sie bringen – sie kannte ihn. Jeder -hatte ein Blatt, und darüberweg tauschten sie kurze erregte -Bemerkungen. Ihm schien es gar nicht aufzufallen, -wie sehr sie noch mitten darin war. Es war eine Situation, -die auf der Spitze stand.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a> -»Du müßtest in den Reichstag,« sagte sie.</p> - -<p>Er zuckte die Achseln. In der Stadt Posen war nicht -die geringste Aussicht für einen deutschen Kandidaten, und -er fühlte sich auch so besser am Platze und das Heft stärker -in der Hand.</p> - -<p>Eine polnische Gesellschaft betrat den Raum, ein -Herr, zwei Damen, diese klein, biegsam, mit wundervoller -Eleganz gekleidet, an der aber noch etwas war, -was man eben durchaus als polnisch erkannte. Ludwig -sah kurz hin, und dann blickte er Christiane an – ihre -Augen tauchten ineinander wie gezogen, eine Maske fiel, -ein Vorhang sank, eine ganze Zeit, Jahre und Jahre verschwanden -für einen Augenblick.</p> - -<p>Er faltete ein Zeitungsblatt eng zusammen, immer -kleiner wurde der Streifen. Er sah vor sich hin.</p> - -<p>Dann begann er von der kleinen Hanni zu erzählen. -Immer noch schaute er vor sich hin. In die Stimme kam -neben dem Bewußten und Gewollten eine kleine Erregtheit, -und plötzlich mußte sie an den Oberlehrer Müller in -Crivenwalde denken, wenn der von seinem Jungen -sprach.</p> - -<p>Sie redete plötzlich dazwischen, scharf, kurz, fragend, -immer mehr verstrickte sie ihn ins Erzählen, alles wollte -sie wissen ... jetzt wußte sie. Ihr Gesicht wurde feindlicher, -ihre Miene kälter, ihr Herz erstarb – warum war -es nicht mehr wie damals an jenem Morgen? Warum -war in ihr einfaches und naturgewaltiges Erkennen jetzt -so viel anderes gekommen – – –?</p> - -<p>Warum hatte er sie überhaupt sehen wollen und -grade dieses Wiedersehen herbeigeführt? Er hätte sie -<a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a> -ja auch nach Posen einladen können, sie wäre zu ihm und -Hardi gekommen und hätte mit der kleinen Hanni gespielt. -Geritten wären sie nicht mehr miteinander!</p> - -<p>Sie saß in sich verbittert und schrak erst auf, als er -Abschied nahm – er mußte jetzt in die Wilhelmstraße.</p> - -<p>Sie gingen die paar Schritte nebeneinander, dann -nannte sie ihm das Hotel, in dem er sie abholen konnte. -Es war eines der ersten, Geld hatte sie ja. Hier in Berlin -wollte sie einmal wieder Herrin sein, nicht die Schulmeisterin. -Das sagte sie Ludwig freilich nicht, und es -schien ihm auch nicht aufzufallen.</p> - -<p>Als er fort war, wanderte sie durch die Straßen, -ohne mehr zu sehen als die Menschen und unter den -Menschen die Kinder. Die kleinen, die zweijährigen. -Sie sah so viel Süßes an ihnen, daß ihr Herz auf einmal -weich wurde und anfing zu verstehen. Sollte er das -Liebliche nicht schätzen, das er besaß – wegen des einen, -das er nicht besitzen konnte? Er war ein Mann. Eine -Frau kann in der Liebe eher leben wie ein Hungerkünstler -unter Glas – der Mann wird niemals hungern. Er -sucht sich von allen Seiten zusammen, was ihn satt macht. -Und es fällt ihm auch immer zu.</p> - -<p>Ludwig war es auch zugefallen. Und wer weiß – -es war ihm vielleicht – noch mehr – zugefallen. Was -wußte sie denn – – –?</p> - -<p>Sie ging zitternd und immer verwirrter und eifersüchtiger, -und rasend peinigten sie jetzt die einsamen -Abende an der See und so manches andere, sogar die -Sache mit Kraneis und dem englischen Dozenten. – – –</p> - -<p>Hochmütig und verbittert saß sie dann im Hotel, und -<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a> -das Rauschen und Sausen der Straße hinter der Glasscheibe -quälte sie wie etwas Feindliches, und feindlich war -sie selber.</p> - -<p>Und Ludwig kam.</p> - -<p>Er sah auf einmal jünger und lebendiger aus. Man -merkte, daß irgend etwas für ihn erledigt, daß eine Last -abgeworfen war. Und jetzt sprach er offen darüber. Neben -ihr an dem kleinen Tisch saß er und sprach, und sie -wußte, daß er zu keinem Menschen weder im Amt noch -zu Hause davon sprechen würde wie zu ihr und daß er -danach gehungert hatte, wieder so mit ihr zu sprechen. -Daß er sie gerufen hatte, weil er sie brauchte und weil -sie ihn verstand.</p> - -<p>Die alte Stunde spann sich wieder an, aber es kam -nichts Unreines hinein, und ihr Schiff wendete langsam -und fuhr an den letzten äußersten Inseln und Bollwerken -vorbei wieder auf die Küste der Menschen zu, nach dem -Lande, das alle bewohnten und in dem noch ein eisernes -Recht galt.</p> - -<p>Nachher waren sie noch draußen in Potsdam, eine -Stadt für ihn. Christiane sah im Adreßbuch nach und -fand, daß einige Rhanes hier wohnten, Abkömmlinge -wie sie. Sie schaute den Reitern nach, wie sie dahingaloppierten, -und den jüngeren Offizieren in die sonnenverbrannten -Gesichter – war einer von ihrem Blut -dabei?</p> - -<p>Dabei erzählte sie Ludwig von ihrem Leben in Crivenwalde -und wußte dabei schon, daß es hinter ihr lag -und daß der heutige Tag, das endliche Sichwiederkreuzen -ihrer Leben eine starke Wendung gebracht hatte. Mit -<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a> -dem Nachtschnellzug fuhr sie zur Mutter, um die für -ihre Pläne zu gewinnen und im voraus alles glatt zu -wissen.</p> - -<p class="ce mt1 mb1">* * *</p> - -<p>Und nun fing für Christiane Dorreyter eine schwere -und sonderbare Zeit an. Die ›Erzengel‹ wunderten sich -nicht wenig über sie, die plötzlich so merkwürdige Neigungen -zeigte, und Fräulein Gusti streckte noch einmal -erwartungsvoll die frauenrechtlerische Hand aus, ohne -daß sie ergriffen wurde. Aber es war offenbar, daß Fräulein -Dorreyter sich für das Studium vorbereitete und -zunächst das Abiturientenexamen abzulegen gedachte.</p> - -<p>Dem Oberlehrer Müller war dabei eine ziemlich bedeutende -Rolle zugedacht, und er füllte sie auch aus und -holte auch andere Kollegen vom Crivenwalder Gymnasium -für die Fächer heran, die er nicht beherrschte. Und -langsam kam das Lernen in Gang.</p> - -<p>Auf den Straßen zeigte man sich Christiane. Die -Herren grüßten respektvoll und doch mit einem verborgen -prüfenden und etwas mitleidigen Schauen. Die -Gattinnen spähten zu ihr hin, wie Kinder, die sich hinter -einer Hecke vorm Gewittersturm gedeckt haben, nach -nassen Leuten gucken. Von auswärts erhielt Christiane -allerhand Briefe, Zirkulare und Agitationspapiere, und -sogar die dicke Hamburgerin schrieb ihr – es war klar, -daß man jetzt in ihr die größte Stütze der Frauensache in -Crivenwalde erwartete, die noch weit über Fräulein -Gusti ging. Sie sollte sogar einen Vortrag halten.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a> -Lächelnd schob Christiane alles beiseite. Warum die -Leute nur so taten? Sie erstrebte doch nichts anderes, -als eine Tat für sich, die Crivenwalder ging die gar -nichts an und die Frauenrechtlerinnen der ganzen Welt -auch nichts. Sie suchte doch nichts anderes, als ein Leben, -das dem Geliebten gleichwertig war, wollte nicht -in der Enge, in der Kleinstadt, im kleinen Lehrerinnendasein -verstauben, während er am Werke war -– sie wollte adlig Blut in adligem starkem Tun zeigen, -wie er.</p> - -<p>Sie wollte Mensch sein, wie er, und – schaffen.</p> - -<p>Kraus war der Weg und oft verkehrt! O, dieses -einsame Lernen an den eisern eingezäunten Erziehungsgärten -der Männer vorüber. Sie guckte den Crivenwalder -Schulbuben neidisch nach und war doch wiederum froh -darüber, daß man sie nicht in diesen Zwangsweg des -Durchschnittslernens pressen konnte! Sie kam in Freundschaft -mit einem Primaner, einem Neffen des Herrn -Müller, der sie erst argwöhnisch in der Anstalt Schellenbaum -besuchte und dann ein guter Kamerad, ein unverzagter -Mitreißer, ein bißchen Freund und ein ganz klein -wenig Verehrer wurde.</p> - -<p>Fort damit! Er verschwand bald wieder aus ihrem -Leben!</p> - -<p>Und so kam nach guten zwei Jahren, nach durchwachten -Nächten und mancher hoffnungslosen Stunde der -Morgen, an dem sie das Crivenwalder Gymnasium zum -›Mündlichen‹ betrat. Am Abend vorher schaute sie zufällig -durchs Fenster auf die See, und plötzlich war ihr -eingefallen, daß sie schon lange nicht mehr spät abends -<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a> -am Strand unter Lindenduft gewandelt war – sie hatte -es ganz vergessen.</p> - -<p>Außer ihr machte noch ein junger Volksschullehrer -und ein junger Drogenhändler (Theissen und Wolters in -Crivenwalde) das Examen. Sie guckten sich an, wie -Tiere, die in denselben Käfig gelassen worden und sich -gegenseitig keinen Vorteil zu gönnen gesinnt sind, und -auf die schwarzen Examenherren wie auf die Bändiger -mit der Peitsche.</p> - -<p>Sie schnappten jede Frage, die ihnen hingeworfen -wurde, mit einer Gier auf, wie sie die durchs Durchschnittlernen -Gegangenen nicht kennen.</p> - -<p>Die Herren wurden aber befriedigt.</p> - -<p>Alle drei bestanden. Der Drogenhändler und der -Volksschullehrer kneipten die Nacht durch, Christiane aber -packte um dieselbe Zeit ihre Sachen und verließ beim -grauenden Morgen Crivenwalde. Schnee und Eis fiel, es -stürmte und graupelte. So häßlich war die Stadt schon -lange nicht mehr gewesen. Die ›Erzengel‹ standen mit -roten Nasenspitzen auf dem Bahnsteig.</p> - -<p>Christiane wußte, daß sie das alles nie mehr wiedersehen -würde.</p> - -<p class="ce mt1 mb1">* * *</p> - -<p>Nun kam Berlin. Christiane wohnte bei einer Majorin -am Lützowplatz, die mit Jean Paul verwandt zu -sein behauptete und kein Dienstmädchen behalten konnte. -Christiane amüsierte sich darüber und suchte mit den Dingen -fertig zu werden, wie es eben ging. Nie und nimmer -<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a> -wäre sie in eine Massenpension gezogen und mit -einem halben Hundert gleichgültiger Menschen täglich -zusammen gewesen. Auch hier in der großen Stadt bewahrte -sie ihr aristokratisches Prinzip auf Kosten ihres -Menschenstudiums.</p> - -<p>Von der Mutter vernahm sie zu dieser Zeit, daß Ludwig -nach Danzig versetzt worden sei. Sie weilte eben bei -Cöldts, um den Umzug in die Wege zu leiten, Hardi, die -arme Frau, war ja so schwach.</p> - -<p>Seit jenem Zusammensein war die Verbindung mit -Ludwig äußerlich geringer geworden, er schrieb seltener -und nie von sich und seinen politischen Ideen. Sie hörte -eigentlich nur noch durch die Mutter von ihm.</p> - -<p>Jetzt ging sie durch die Berliner Straßen mit dem -Gefühl wieder freigewordener Kräfte und Gedanken. -Leise kamen die Stimmungen wieder wie an jenen Abenden -an der See, sie schaute auch die ›eiserne Wehr‹ wieder an -und dachte von neuem an jene Verse. – Warum war -Ludwig versetzt? War Danzig wirklich ein Fortschritt, -eine neue Seite seines Werkes? Brauchte man ihn dort, -wie man ihn in Posen gebraucht hatte? Die Mutter verriet -nichts darüber und wußte es auch wohl nicht. Oder -war diese Versetzung eine – Unterbrechung? Von einer -Änderung des Ostmarkenkurses war nichts bekannt.</p> - -<p>Sie grübelte und fühlte wieder Leichtsinn, Sehnsucht -und Temperament. Und – Einsamkeit.</p> - -<p>Schließlich lernte sie von den wenigen Damen, die -zu jener Zeit Vorlesungen hörten, Yse Bernhart genauer -kennen.</p> - -<p>Eigentlich hatte sich Christiane anfangs an Käthe -<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a> -Arndt angeschlossen, die dasselbe Ziel wie sie verfolgte -und die Tochter eines Universitätsprofessors und bekannten -Frauenrechtlers war. Er hatte viel zugunsten der -kämpfenden Frauen geschrieben, Angriffe zurückgeschlagen -und war mit allen bedeutenden Führerinnen freundschaftlich -liiert. Seine sechs Töchter hatten sämtlich Examen -gemacht und waren im Lehramt. Nur eine einzige -war mißraten und hatte geheiratet. Käthes Ziel bestand -im Oberlehrerinnenexamen, mit dem sie ihre Schwestern -auf der ganzen Linie schlagen konnte, und sie wütete so -in die Arbeit hinein, daß sie trotz ihrer Jugend schon -Nervenmittel nehmen mußte.</p> - -<p>Durch Käthe kam Christiane mit Yse Bernhart zusammen, -die mit ihr in der gleichen Pension wohnte. -Yse hatte keinerlei Examina hinter sich, und daß sie als -Gasthörerin zugelassen worden war, verdankte sie nur -der Empfehlung eines bedeutenden Literarhistorikers, -der ihre Bücher gelesen hatte. Sie war klein, schmächtig -und sehr still.</p> - -<p>In ihrem Zimmer hing als einziger Schmuck -Thomas ›Sehnsucht‹, der nackte Mensch, der vor dem Abgrund -steht und die Arme nach den weit über ihn wegfliegenden -Wundervögeln streckt.</p> - -<p>Das Bild sagte Christiane viel. Etwas Verwandtes -berührte sie.</p> - -<p>Yse stammte aus einer kleinen westpreußischen Stadt, -in der ihr Vater Pastor war.</p> - -<p>Es war kein Dilettantismus in ihr. Nie hatte sie -das Leben gesucht, um es zu finden, um etwas zu ›erleben‹, -es war zu ihr gekommen, lag von den Vätern her in -<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a> -sonderbarer Mischung in ihr drin, es hatte sie getroffen -und damit zum Schaffen fertig gemacht. Keine Spur -von Bohème war an ihr, sie rauchte weder Zigaretten, -noch trug sie Eigenkleider, noch verriet sie irgend welche -Hinneigung zur freien Liebe. Ein paar bedeutende Menschen -in Berlin kannten und schätzten sie, luden sie ein und -empfanden, wer sie war.</p> - -<p>Kam sie aber wieder in den Kreis der heimatlichen -Kleinstadt zurück, so ahnte kein Mensch mehr etwas von -ihr, und sie brauchte die Leute dort auch nicht. Aber sie -schuf.</p> - -<p>Ihre Geschichten gaben Bilder aus dem Osten, die -große Fläche, die endlosen Getreidebreiten, die Weichsel -und Warthe, das Leben in der Stadt Posen, in der -Wallischei und auf dem ›Städtchen‹, in der Dominsel, -der ganze Nationalkonflikt tauchten auf und waren bis -zum letzten beobachtet. Die ganze Wucht des Weltgeschehens -stand hinter den Bildern.</p> - -<p>Es dauerte eine Weile, ehe es zu einigen Wärmegraden -zwischen ihr und Christiane kam, denn in ihr lag -die harte Zurückhaltung der Einsamen und das ganze -Mißtrauen der Frau gegen die Frau. Dann aber stieg -das Thermometer langsam bis zu einem guten Punkt, -bis zu jener naturgezogenen Eisgrenze, die ein Geheimnis -um jeden Menschen wahrt.</p> - -<p>Beide liebten sie die gleiche Heimat und die gleiche -Freiheit. Sie verachteten Berlin, trotz allem, was es -ihnen gab, als fürchterliche Beengung des Lebens, als -offenbare Unkultur. Was als architektonische Schönheit -galt, kam ihnen arm und zwangvoll vor, was an -<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a> -Kunst da war, hatte etwas mühsam Eingefangenes. Sie -bedauerten die Menschen, die ihr Leben in der Großstadt -zubringen mußten und ihre Ansprüche danach zumaßen, -die Kinder, die nie ans volle Licht kamen, die Herzen, -die nie einen Sommer erlebten.</p> - -<p>Sie tasteten an die Welträtsel.</p> - -<p>Alle Naturwissenschaft hatte Christiane schon von -früh an gefesselt, und förmlich gierig horchte sie jetzt auf, -wenn da und dort ein neuer Vers vom Weltenlied entdeckt -schien. Sie grübelte selbständig daran herum und -suchte nach neuen Gesetzen und fand doch immer nur die -alten, weil sie in ihrer Zeit befangen war wie alle und -das gleiche eiserne Netz auch über sie gespannt war. Dabei -fühlte sie, daß im Ganzen für sie immer nur ein -Stück Handwerk herauskam, ein bedingtes und begrenztes -Frauenschauen, und daß sie nach dem allen nicht so -unruhig und verwirrt und durstig geforscht hätte, wenn -ihr Leben in eine andere Bahn hätte einlenken können. -Sie suchte dort die Harmonie, die in ihr nicht war, eine -Lösung, die sie einbezog und ihr Leben gültig machte, und -fand sie nie und nirgends. Sie stand außer den Dingen. -Dem ewigen, immer wieder ausholenden Kreise der -Schöpfung war sie entrückt, sie war weder klein, noch -groß, sie war übrig.</p> - -<p>Yse kannte nur ein Gesetz für Mann und Frau und -wollte es nicht gelten lassen, daß die Frau innerlich verwuchs -und verdarb, wenn sie nicht gleich anderen Halmen -in die Erntekammer kam. Sie kannte und sah in -allem und jedem Entwickeln und Reifen und fand überall -einen Sinn. Trotzdem sie die Dinge unverhüllt schaute, -<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a> -fühlte sie doch Harmonie im Weltgeschehen und das Dasein -als ein Glück. Was an Rätseln ringsum starrte, -was vor Not schrie, was verdarb, was Torso war, Übergang, -Abriß, Sinnlosigkeit, Brutalität – alles das zog -sie in ihre Kunst hinein, und da paßte es, rundete es sich -und leuchtete fackelgleich und purpurn in die Weltfinsternisse.</p> - -<p>Als Christiane eines Tages zu ihr kam, stand sie -vor einem Papier am Tisch. Darinnen lagen Bücher – -es waren sämtlich die gleichen, die gleiche Farbe, derselbe -Schnitt, derselbe Band. Es war Yses neues Buch.</p> - -<p>Sie hob es hoch und sagte ernst und doch voll seltsamen -Zaubers, mit einem Verrat, der über die Eisgrenze -glühend hinwegschoß: »Gott ist das Werk –!«</p> - -<p>Christiane fuhr zurück.</p> - -<p>Jetzt wußte sie es.</p> - -<p>Zwischen ihnen war ein großer, nie zu überbrückender -Unterschied.</p> - -<p>Beide liebten sie das gleiche Land, aber Christiane -liebte dort einen Mann, und Yse liebte dort ihr Werk.</p> - -<p>Yses Leben wäre unter allem, was sie getroffen oder -getragen hätte, immer wieder auf die eine gleiche Lösung, -hinausgekommen, aber das ihre hatte sich erst eine suchen -müssen.</p> - -<p>Für Yse war alles Erleben die Saat zum Schaffen, -und für Christiane gab es nur das nackte Erleben allein, -und sie war darauf angewiesen.</p> - -<p>Zum ersten Mal merkte sie, wie erlösend Kunst sein -kann. Bisher hatte sie kaum darüber nachgedacht, ja, sie -hatte sie in ihren exakten Studien fast ein wenig verachtet. -<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a> -Ihr schien es, als ob die Menschheit seit Jahrtausenden -darin im gleichen Trott liefe und aus dem -Haufen immer die gleichen Lieder kämen.</p> - -<p>Aber die Kunst kam dem Weltschaffen am nächsten, -und auch eine Frau konnte darin seliger werden als im -reinsten Madonnenglück. Das Höchste und Primitivste -war in seiner Wirkung gleich.</p> - -<p>Was aber für die Frau dazwischen lag, war dürres -Land, ein Weg mit verstreuten Halmen, die nicht zur -Ernte kommen. Christiane mußte an eine kleine bucklige -Studentin denken, die neulich mit ihrer krächzenden -Stimme gesagt hatte, der große Überschuß an Weiblichkeit -sei etwas Naturgewolltes, der Vorbote großer, sonderbarer -Umwälzungen in der Menschheitsentwicklung -und vor allen Dingen für die Gegenwart ein ungeheurer -Auftrieb, der die Frauen mit einem Schlage aus den -Niederungen der Jahrtausende stieße, ob sie wollten oder -nicht.</p> - -<p>Christiane dachte: Ja, so mag es sein. Denn wenn -ich könnte, wie ich wollte, ich legte die Bücher hin. Ich -stiege aufs Pferd und ritte mit meinem Liebsten und -würde dann alles wissen – – – – – –</p> - -<p>Sie starrte in ihrer Stube um sich, sah nach der -›eisernen Wehr‹ und biß die Zähne zusammen.</p> - -<p>Aber es nützte nichts. Sie weinte wie sie, damals -im Lehrerinnenheim unter dem Glockengeklingel und den -schleichenden Schritten der Alten geweint hatte.</p> - -<p class="ce mt1 mb1">* * *</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a> -Es kamen noch andere Zeiten für Christiane Dorreyter, -wo ihre Arbeit sie schärfer nahm und ihr keine -Minute mehr zum Grübeln ließ. Wo sie froh war, wenn -sie überhaupt ein paar Stunden zum Ausschlafen fand, -und ihr Ehrgeiz ihr wieder zuflüsterte: ›Den andern -voran!‹ Es ist notwendig für ein Gelingen, daß andere -dabei sind, die das gleiche Ziel verfolgen, nie kommt man -schneller weiter, als wenn ein Sichmessen dabei ist, ein -Sieg im Siege!</p> - -<p>Das Rhanesche Kapital, das die Mutter seufzend geopfert -hatte, ging zu Ende. Christiane mußte Stunden -geben und durch allerhand Aufsätze und Artikel etwas -dazu verdienen. Langsam kam ein stärkeres Interesse -für fachpädagogische Dinge über sie, und sie fand auch -schließlich eine Meinung. Und dann ein Wissen und -schließlich die Überlegenheit. Man wurde schon auf sie -aufmerksam, als sie noch auf der Universität war, und sie -bekam noch vor dem Examen allerhand Anerbietungen, -denn man riß sich damals in den Städten um die ersten -jungen Oberlehrerinnen. Sie konnte wählen und suchte -einen großen Platz, eine berühmt schöne Stadt mit alter -Kultur, in der sie Gelegenheit zur Weiterbildung fand -und auch ein wenig Raum, um etwas zu sagen.</p> - -<p>In den Jahren schrieb sie ein paar Bücher über -Mädchenerziehung, die viel beachtet wurden und auch bei -der langsam einsetzenden preußischen Schulreform nicht -ganz ohne Einfluß blieben. Sie besuchte Kongresse und -Versammlungen und war gewohnt, auf das Podium zu -treten und zu einer respektvoll harrenden, meist weiblich -pädagogischen Versammlung zu sprechen. Den führenden -<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a> -Persönlichkeiten der Frauenbewegung trat sie näher und -beobachtete mancherlei.</p> - -<p>Viele Menschen gingen an ihr vorüber, wenige waren -farblos und Dutzendware, und wenigen gegenüber blieb -ihr Wesen stumm. Aber ihr Blut regte sich nicht, und -wenn einer mehr begehrte, als nur Geistiges, so wandte -sie sich von ihm ab. Sie schuf sich eine eigene feine Kultur -und war darin glücklich.</p> - -<p>Langsam sah sie alle Dinge ruhiger und reifer an -und dachte kaum mehr an Ludwig von Cöldt. Was ging -ein Mann sie an, der ihrer Schwester Ehegatte war und -nicht mehr nach ihr fragte. Und von dem man nichts mehr -– hörte.</p> - -<p>Seit einiger Zeit war Ludwig auf seinen Wunsch -nach Markburg, wo die Mutter noch immer lebte, zurückversetzt -worden und damit von seinem Ostmarkenwerk, -vielleicht auch von allem anderen größeren Werk für immer -geschieden. Damit schien seine Karriere abgeschnitten. -Sein Name war aus der Polenpolitik gelöscht.</p> - -<p>Von Yse hörte Christiane noch dann und wann -etwas. Sie war mit der Zeit berühmt geworden, schrieb -aber nicht gern Briefe.</p> - -<p>Die Mutter war jetzt stolz auf Christiane und verriet -immer mehr Sehnsucht nach ihr. Jahr um Jahr -hatte es ihr keine Unruhe gemacht, die Tochter draußen -zu wissen, jetzt wo Christiane einen Namen hatte, wo -Bücher von ihr in den Schaufenstern lagen, empfand sie -immer größeres Verlangen nach ihr. Und eines Tages -machte sie den Vorschlag, daß Christiane sich doch um die -Direktorstelle an der Sophie-Reutterschule daheim in -<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a> -Markburg bewerben solle, die vor kurzem erledigt war -und nach allem Hörensagen von dem Patronat mit einer -weiblichen Kraft besetzt werden sollte.</p> - -<p>Diese Schule hatte Christiane selbst ein paar Jahre -hindurch besucht. Sie war etwas vor der Stadt in einem -alten Herrschaftshause untergebracht, das im Volksmund -das ›Reutterschloß‹ hieß. Die einstige Besitzerin, ein vereinsamtes -Weib, hatte sich aufgehängt, und in ihrem -Testament stiftete sie die Anstalt, die immer nur von den -Töchtern der besten Familien besucht wurde und in ihrem -Gepräge etwas hatte, das viel mehr an sehr alte Zeiten -als an moderne Mädchenerziehung mahnte. Die Reutterschülerinnen -wurden zu sehr vornehmen Haustöchtern und -verwöhnten Damen erzogen, für den Sturm war keine -gehärtet, und an Konflikte wurde überhaupt nicht gedacht, -was für Markburg vielleicht auch nicht nötig war.</p> - -<p>Damals. Jetzt – –? Christiane fand sich dabei, -wie sie auf einmal nachgrübelte und im ›Reutterschloß‹ -Ordnung machte und ein neues Wesen schuf. Sie – als -Reformatorin in ihrer Heimatstadt, unter allem Bekannten, -dicht vor Ludwigs Augen –! Sie als Schulmeisterin -vor Ludwigs Augen!</p> - -<p>Alles in ihr sträubte sich. Es war ihr, als müßte sie -mit dem, was sie sich in der ganzen schweren Zeit erworben -hatte, vor ihm verlieren, als müßte sie vor ihm immer -noch als die scheinen, neben der er damals geritten -war.</p> - -<p>Ach, die Ostmark war für ihn und sie vorbei, und beider -Wege waren aus den Dickichten herausgebogen, ins -Bürgerliche und Normale hinein. Als Mitglied der Regierung -<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a> -hatte er sogar ein wenig Einfluß auf die -Reutterschule, was die Mutter in ihrem Vorschlag bereits -in Betracht gezogen hatte, ja, sie baute darauf, daß -Christiane die Stelle unbedingt sicher sei!</p> - -<p>Aber Christiane bewarb sich nicht. Sie brachte nicht -all ihr Erlittenes vor seine Augen und richtete sich vor -ihm und Hardi in einem schmalen Leben ein! Unverzüglich -schrieb sie der Mutter ab.</p> - -<p>Deren Briefe hielten aber die Bitte immer noch aufrecht, -Tag um Tag und Woche um Woche.</p> - -<p>Und es war doch wie ein Stein in Christianens Leben -gefallen, in dem die Wellen nun unruhig zogen und -zitterten. Sie sah ihre Existenz an und fand plötzlich -nicht, daß sie immer so bleiben konnte. Ja, sie merkte, -daß sie unbewußt doch immer auf ein Später hin gelebt -hatte, auf etwas, das noch kommen <em class="ge">mußte</em>. Und -vielleicht fand sich nie wieder so etwas wie diese freie -Stelle, an der sie herrschen und alles wahrmachen konnte, -wovon sie in ihren Büchern geschrieben hatte. Sie konnte -fort. Und vielleicht wollte sie auch fort. Nichts hielt sie. -Ihr Leben glich einem Zelt, das wieder abgebrochen werden -konnte, trotz all der Bäume und Blumen, die darum -gewachsen waren. Sie konnte fort.</p> - -<p>Es kam hinzu, daß die Stelle an der Reutterschule -andauernd unbesetzt blieb, weil sich die Meinungen in der -Stadt gespalten hatten und sogar das Kollegium und -zwar sowohl der männliche, wie der weibliche Teil heftig -gegen die geplante weibliche Oberleitung aufbegehrt -hatte. Die Zeitungen beschäftigten sich bereits mit der -Angelegenheit.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a> -Da lag der Kampf. Das war kein Dutzendwerk, -keine schnurrende Spule, das war ein Leben voll Überraschungen, -voll Tat, voller Widerstände und voller Schaffen. -Das war ein Schaffen, das sich lohnte.</p> - -<p>Es kam noch mehr hinzu, Kleines, Kleinliches, Unbehaglichkeiten -in Christianens jetziger Stellung, die ihr -nur darum so unerträglich schienen, weil sie jetzt das -Bessere dicht daneben sah.</p> - -<p>Und in einer Stunde und Stimmung, die sie später -kaum begriff, in der ein unerklärlicher treibender Zwang -war, schrieb sie an das Patronat der Reutterschule und -bewarb sich, hinter sich die ganze Unterstützung ihrer -Schulreformbücher.</p> - -<p>So kam sie eines Tages als neuernannte Leiterin -der Sophie-Reutterschule nach Markburg zurück und wunderte -sich dort selbst über ihren Sieg.</p> - -<p>Vielleicht war es mit maßgebend gewesen, daß man -die Dienstwohnung verkleinern und ihr weniger Gehalt -zu zahlen brauchte, als einem männlichen Leiter.</p> - -<p class="ce mt1 mb1">* * *</p> - -<p>Der Vorsitzende des Patronats, der Regierungspräsident, -hatte die Begrüßungsrede für Doktor Christiane -Dorreyter beendet.</p> - -<p>Jetzt kam sie aus der Schar, die sie schwarz und feierlich -umringt hatte, auf die Rednerbühne der Aula und -begann langsam und mit klarer Stimme zu sprechen, -rechts vor sich die unbeweglichen Gesichter der Kollegen -und Kolleginnen, links die Schar der Gäste aus der -<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a> -Stadt und die Patronatsmitglieder. Ludwig von Cöldt -war auch gekommen.</p> - -<p>Sie sprach in diesen ungewissen Wall hinein, in dem -sie keine Wirkung erkannte und nur die ungeheure Spannung -ahnte, mit der auf ihre erste Äußerung gewartet -worden war. Sie gab im ganzen und großlinig ein -Programm, aus dem deutlich zu entnehmen war, daß -neuer Wind hindurchgefegt war und nichts Verstaubtes -geduldet werden sollte. Dann wandte sie sich an das Kollegium, -das sie an Pflicht, Treue und Können scharf zu -sich heranriß, und fühlte, daß es in ihrer kühlen Rede angefangen -hatte zu glühen, wie ein Draht zu glühen anfängt, -und empfand dieses schnelle, rote Hellwerden -herrinnenhaft bis zum knappen, festen Schluß in sich, worauf -sie mit einer leichten Verneigung abtrat.</p> - -<p>Der Vorsitzende schüttelte ihr die Hand.</p> - -<p>Nun löste sich aus dem noch immer regungslosen -Kreis der Kollegenschaft ein Fräulein und ging ruckweis -mit gesenktem Kopf auf den Rednerplatz zu. Sie war -rund, ohne stark zu sein, klein, aber ohne Zierlichkeit, es -war, als ob die Natur etwas Nettes aus ihr hätte schaffen -wollen und es dann beim plumpen Rohwerk hatte -bewenden lassen. Sie war rothaarig, klein und häßlich, -aber die Natur hatte ihr eine scharfe Weiberwaffe gegeben, -die sich in den gallig schrägen Linien um den geschwätzig -aufgebogenen Mund auch äußerlich kundtat. -Fräulein Haberkorn warf alle Schulgemeinplätze mit -autoritativer Lehrerinnensicherheit hin, rührte Frömmeleien -und spitze Süßigkeiten hinein und gedachte mit -viel Sentimentalität des verstorbenen Herrn Direktors, -<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a> -worauf sie die neue Leiterin im Namen des Lehrerinnenkollegiums -begrüßte.</p> - -<p>Die Köpfe hoben sich, die Gesichter wurden klarer. -Man war wieder auf festem Boden und verstand.</p> - -<p>Jetzt trat Professor Diermann vor. Er war alt, -etwas vernachlässigt, und hatte einen Begasbart und -scheue Augen. Er versprach sich mehrmals, stotterte und -eilte dann mit Energie seinem Ziele, dem Hoch auf den -Landesherrn, zu.</p> - -<p>Danach sang der Schülerinnenchor der Anstalt sechsstimmig -einen Choral. Die Mädchenstimmen waren -übermäßig hoch, aber sehr rein.</p> - -<p>Christiane Dorreyter hatte in ihrem Leben schon -viele Choräle bei ähnlicher Veranlassung gehört, und -sicherlich hatte sie auch dabei gesessen, wie die meisten hier: -korrekt, zerstreut und gleichgültig. Jetzt aber stieg aus dem -heimlichen Aufruhr ihrer Seele ein Brausen; Erinnerungen -erhoben sich wie schwergeflügelte, dunkle -Vögel. Alle Einsamkeiten und alle Not zitterten wieder -in ihrer Seele, alles Mühselige und Götterlose ihres -Lebens hob sein Haupt. Jahre und Jahre waren schwer -wieder da. ›Der dich auf Adlersflügeln sicher geleitet –‹</p> - -<p>Sie fühlte auf einmal Adlergewalt in ihrem Leben.</p> - -<p>Die Feier löste sich auf. Christiane mußte die Gäste -auf einem Rundgang durch das alte Haus begleiten. Es -war äußerlich von sehr reiner, strenger Form, innerlich -aber herrschten manchmal Schatten und Dunkelheit. Das -Haus hatte sich noch nicht ganz seinem Zweck gemäß geformt, -überall sah das Ursprüngliche heraus, die Herrschaftlichkeit. -Es paßt zu mir, dachte Christiane.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a> -Die Damen der Patronatsmitglieder, Frau Geheimrat -Meckebier, Frau Landesrat Colb und Frau Kommerzienrat -Reimann trappten mit rauschenden Kleidern -eifrig voraus, um die Spuren der Neuen aufzufinden, -denn sie kannten das Haus von vielen Kränzchentagen -bei der Gattin des früheren Direktors.</p> - -<p>Ganz oben im Zeichensaal waren Blätter ausgelegt, -und hier tat die Oberlehrerin, Fräulein Haberkorn, sich -groß: »Alles seit Ostern gemacht, im letzten Vierteljahr!« -Denn so lange war die Direktorstelle unbesetzt geblieben. -Der Kommerzienrat Reimann fragte Christiane mit -schlecht verdecktem Mißtrauen, ob sie sich diese Methode -auch zu beherrschen getraue, und sie sagte ihm kühl, klar -und nicht gerade behutsam, daß man ›draußen‹ schon -eine Weile anders arbeite, worauf er schnell von ihrer -Seite verschwand.</p> - -<p>Neugierig spähten die kleinstädtischen Frauen zu -ihr hin. So eine Toilette trug keine der hiesigen Damen. -Wie kam die dazu? Wollte die das immer so machen? -Als sie das Rednerpult bestieg, war das Rauschen durch -den ganzen Saal gegangen, und alle hatten sie angeblickt.</p> - -<p>Gott, wer war sie denn! Man kannte doch die Verhältnisse -und hatte von den Männern her ihre Papiere -in der Hand gehabt. Es gab kein anderes Fräulein Doktor -in der Stadt, aber man legte weiter kein Gewicht -darauf.</p> - -<p>Im Amtszimmer standen mehr Bücher, als beim -guten alten Herrn. Auf dem Schreibtisch lagen Stöße -von Plänen, Heften und Entwürfen, mit denen sich die -<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a> -Neue wohl wichtig machen wollte! Fräulein Haberkorn, -die der Tochter der Frau Meckebier Privatstunde gab, -hatte schon davon erzählt. Der Buchhändler in der -Rädelgasse hatte die Bücher des Fräulein Doktor besorgt -und ausgestellt. Natürlich kaufte sie kein Mensch.</p> - -<p>Die Frau Landesrat und die Kommerzienrätin -flüsterten. Sie schoben sich würdevoll vor und sprachen -für die arme Wehrendorf. Ja, sie hatten doch einen -modernen Frauenverein, und die gute Frau von Cöldt -hatte sie gebeten, ein Wort für die Wehrendorf einzulegen, -die endlich eine feste Stelle haben mußte. Sie war -so sehr darauf angewiesen, und deshalb war es ja Menschenpflicht – –</p> - -<p>Menschenpflicht, dachte Christiane Dorreyter.</p> - -<p>Sie wußte genau, daß diese Damen, die einen modernen -Frauenverein hatten, sie im Herzensgrunde verachteten. -Sie und die arme Wehrendorf.</p> - -<p>Sie antwortete mit leichter Ironie. Die Patronatsdamen -wanderten weiter und ließen nicht einen Winkel -undurchspäht.</p> - -<p>Dann wurde es endlich stiller. Türen dröhnten, die -Stimme der Haberkorn scholl noch einmal echokräftig -heraus. Die Damen verabschiedeten sich, nachdem sie die -kleine Wehrendorf dem Fräulein Doktor noch einmal -dringend ans Herz gelegt hatten.</p> - -<p>Es war still.</p> - -<p>Da kam Ludwig von Cöldt. Christiane hörte seinen -Schritt schon von weitem.</p> - -<p>Sie sahen sich an.</p> - -<p>Er gab ihr die Hand, dann schaute er lange auf die -<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a> -›eiserne Wehr‹ über dem Arbeitstisch. Sein Blick glitt -in ihr Gesicht. Sie hob die Augen, und eine Sekunde -standen sie und verstanden sich wieder im Geringsten, ohne -Wort.</p> - -<p>»Du gibst mir Relief,« sagte sie dann mit leichter -Ironie. »Wenn die Vorstandsdamen gnädig zu mir gewesen -sind, so verdanke ich das der Tatsache, daß ich einen -Schwager hier habe. Ich bin höchstens dreimal auf -meinen Doktor, mindestens dreißigmal aber auf den Regierungsrat -von Cöldt angeredet worden.«</p> - -<p>Seine Wimpern zuckten. Er sah eine Sekunde vor -sich hin.</p> - -<p>»Du wirst dir deinen Platz schon schaffen,« sprach er -dann.</p> - -<p>»O ja,« sagte sie, »das werde ich.«</p> - -<p>Sein Gesicht behielt den gleichen geschlossenen, etwas -resignierten Ernst. Sie sah, daß er sich sehr verändert -hatte.</p> - -<p>Sekundenlang durchrann sie eine furchtbare Machtlosigkeit, -sekundenlang brauste ihr Wille wieder räuberisch -zum Stehlen und Genießen hin.</p> - -<p>Tief unten war sie in aller ihrer Würde.</p> - -<p>Ihre Hände zitterten. Ihre Blicke streiften das Bild. -Sie biß die Zähne zusammen. Eiserne Wehr, dachte sie, -eiserne – Wehr – – –</p> - -<p>Er sah auf die Bücher, die sie in strengen Reihen -umgaben. Durch sein Gehirn liefen blitzartig die Vorstellungen -von den Lebenserkenntnissen, die sie sich errungen -hatte.</p> - -<p>»Du bist Naturwissenschaftlerin,« sagte er.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a> -Ihre düsteren grauen Augen wurden langsam heller.</p> - -<p>»Meiner innersten Meinung nach, ja,« sprach sie. -»Ich kann dir aber noch einige andere Dinge vorzeigen,« -setzte sie ironisch hinzu.</p> - -<p>Er zuckte nur die Achseln. Wieder fuhr sein Blick -durch den Raum. Halb unbewußt suchte er darin nach -Zeichen aus den zehn fremden Jahren.</p> - -<p>Seine Ruhe fing an ihre Flügel zu lockern.</p> - -<p>Er begann nach diesem und jenem zu fragen. Ihm -gegenübersitzend, etwas in sich versonnen, wich sie aus. -»Das läßt sich so schnell nicht hersagen, Ludwig. Es war -alles sehr kraus. Ich war immer – Outsider.«</p> - -<p>Sein Blick brannte, ohne daß er's wußte, eifersüchtig -auf.</p> - -<p>»Outsider,« murmelte er.</p> - -<p>Er sann vor sich hin.</p> - -<p>Zehn Jahre.</p> - -<p>Christiane blickte nach der ›eisernen Wehr‹. Es -zitterte leise in ihr.</p> - -<p>Plötzlich bog er sich ihr zu.</p> - -<p>»Ich möchte dir mein Mädel bringen, Christiane.«</p> - -<p>Sie fuhr zurück.</p> - -<p>»Mein Mädel,« sagte er mit etwas flimmernden Augen, -»unsere kleine Hanni – –«</p> - -<p>Ihre Lippen zwangen sich. »Wie alt ist sie doch –?«</p> - -<p>»Neun Jahre.«</p> - -<p>Sein Auge hing an ihr.</p> - -<p>»Du sahst sie noch niemals?«</p> - -<p>»Noch niemals,« sagte sie. Sie dachte wieder: Als -ich fort war – – – –</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a> -Jetzt fühlte sie die – zehn Jahre.</p> - -<p>»Sie ist groß,« sagte er, langsam vor sich hin erzählend, -während die Veränderung seines Gesichtes blieb, -»und sehr kräftig. Nur geistig schreitet sie nicht recht -fort. Aber das Fräulein hat nichts getaugt, ihm ist gekündigt.«</p> - -<p>Christiane fragte: »Wie heißt sie?«</p> - -<p>»Das Fräulein? Die kleine Wehrendorf.«</p> - -<p>Sie nickte.</p> - -<p>Dabei wurde es freier in ihr. Sie richtete sich auf.</p> - -<p>»Das Fräulein werde ich mir mal angucken, Ludwig.«</p> - -<p>»Wie du willst,« sagte er gleichgültig, »es ist aber -nicht viel an ihr dran. Ein Weibtorso. Nirgends beschenkt.«</p> - -<p>Sie kannte Ludwig. Ein feines Lächeln verzog ihren -Mund.</p> - -<p>Das reizte ihn.</p> - -<p>»Wann kommst du zu uns? Wir erwarteten dich -schon gestern.«</p> - -<p>»Vorgestern kam ich an. Da war ich in Frankfurt -eben fertig. Ich komme aus einer Arbeit in die andere, -Ludwig.«</p> - -<p>»Ja, ja. Aber wir –«</p> - -<p>Sie sah ihn an.</p> - -<p>In seinen Augen wurde ein verschollenes Geflimmer -wach. Er wurde wieder jünger.</p> - -<p>»Aber – ich –« sagte er.</p> - -<p>»Ich komme, Ludwig. Vielleicht heute abend noch. -Wie geht es Hardi? Sie schrieb so selten.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a> -»Dir schrieb sie selten,« sagte er.</p> - -<p>Sie schaute ihn mit großen Augen an.</p> - -<p>Dabei schlich wieder eine heiße, heimliche Welle von -einem zum anderen. Sie wurden still.</p> - -<p>Über ihnen hing in strenger Wacht die ›eiserne -Wehr‹.</p> - -<p>»Ich komme heute abend zu euch,« sagte sie.</p> - -<p>Sie gaben sich die Hand und empfanden wieder den -uralten Einklang ihres Blutes und die geistige Zusammengehörigkeit.</p> - -<p>»Ich komme, Ludwig.«</p> - -<p class="ce mt1 mb1">* * *</p> - -<p>Als Christiane allein war, warf sie den Kopf zurück. -War sie unwissentlich an einen alten Strudel geraten? -War es <em class="ge">das</em> gewesen, was sie heimlich zurückgeleitet -hatte, nichts als – das –? Waren noch unerhörte Möglichkeiten, -unerhörtes Begehren in ihr, wollte sie noch -immer ein – Abenteuer –?</p> - -<p>Sie sah wieder die gelben Felder der maiheißen -Straßen, die Mühlen, hörte das Traben der Pferde und -ritt wieder neben ihm wie einst.</p> - -<p>Nein, das war vorbei. – – –</p> - -<p>Am späten Nachmittag ging sie fort. Vor dem Hause -warf sie noch einen Blick zurück. Wie gut es aussah, gar -nicht schulmäßig!</p> - -<p>Dann kam sie in die Stadt. Seit hundert und mehr -Jahren war kein bedeutender Künstler in ihr gewesen, -was an guten Bauwerken da war, hatte ein graues Alter -<a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a> -und war teilweis im Abbruch. Was neu war, war handwerkerlich, -was eben wurde, war es noch mehr. Ziemlich -im ältesten Teil der Stadt lag das ehemalige Cistercienserkloster, -das nun Regierungsgebäude und mit der -Geschichte der Stadt und der Provinz eng verknüpft war. -Viele preußische Könige hatten darin geweilt, von Friedrich -dem Großen erzählte man sich ganze Legenden, und -Blücher sollte sich an seinen Steinstufen den Säbel gewetzt -haben. Vor hundert Jahren war der Klostergraben mit -Gefallenen bis zum Rand gefüllt gewesen.</p> - -<p>Bald hinter dem Kloster begannen die Anlagen, die -in den Stadtpark ausliefen. Hier waren die Kindermädchen -mit den Babies, hier passierten die Damen, -wenn sie von ihren Kränzchen kamen, hier trieben die -Backfische und Jünglinge ihren grünen Flirt. Es gab -auch abgelegenere Gegenden darin, Winkel, in denen geküßt -wurde. Ein paar Sportplätze begrenzten den Park, -der gute Baumbestände und die Schönheit solcher kleinstädtischer -Anlagen hatte.</p> - -<p>Christiane eilte rasch hindurch. Schon als Kind -hatte sie ihn nicht gemocht, wie alles, was Massenfreude -war.</p> - -<p>Draußen hinter dem Krähenteich, an dem sich die -Pensionäre der Stadt mit Angeln zu unterhalten pflegten, -begann der Wald.</p> - -<p>Die Markburger machten sich nichts aus ihm. Sie -hatten ihre Vereine und Kaffeekränzchen. Nur ein paar -schulmeisterliche Naturheilapostel oder ein paar Brunnentrinker -kannten seine Wege. Übrigens war er nicht -mehr städtisches Gebiet, sondern gehörte den – Rhanes. -<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a> -Weiter oben, hinter dem Forsthaus, konnte man das -Schloß bei klarem Wetter wie ein blasses Schattenbild -am Himmel sehen.</p> - -<p>Christiane schaute auf die Stadt zurück. Eine rechte -Heimat war sie ihr nicht, denn als Soldatentochter war -sie kreuz und quer durch Deutschland gezogen und hatte -überall ein Stücklein Kindererinnerung gelassen.</p> - -<p>Bald kam der Weg, den Christiane besonders liebte. -Als eine schmale, leicht steigende Allee zog er sich, von -starken Tannen eingefaßt, dahin, und hinter ihm stand -der Wald mit Eichen und Buchen. Der Boden war mit -roten, vorjährigen Blättern überstreut. Das Laub war -noch voll und unversehrt, aber schon über manche Sommerglut -hinaus.</p> - -<p>Christiane blieb stehen. Ein Rollen zog durch die -Wipfel – das war Donner. Das frühe Dämmern eines -Waldgewitters senkte sich, die Schwüle verstärkte sich – -dicht über den Wipfeln schien es zu stehen! Da zuckte es -– wieder ein Zucken, wieder ein Donner – es war da!</p> - -<p>Christianens Herz jauchzte auf. Traumhaft starrte -sie in das schöne Waldabenteuer, das ihr allein gehörte. -Kein Mensch, keine Stimme, kein Knistern. Kein Vogel -rührte sich. Und doch war das Leben nie stärker, leidenschaftlicher -und jauchzender, als wenn es so flammte und -schlug! Wie die Feuer zogen und zuckten, da um den Wipfel -einer Riesenbuche tanzten, dort an den Stämmen hinabliefen, -da einen fernen Grund bläulich erhellten – wie sie -sich unerbittlich kreuzten wie Degen und fauchend über -dem Wald zusammenschlugen – das war schön! Irgend -etwas in Christianens Seele war dabei, tat mit.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a> -Ein paar große Tropfen sprangen durch die Äste -und verrollten im Staub. Es donnerte wieder, aber schon -ferner, es lohte von neuem, aber schon schwächer. Es -wurde still. Die Vögel rührten sich wieder, huschten durch -das Unterholz, rannten über den Weg. Irgend ein Gelächter -scholl durch den Wald. An den Blättern blitzten -die Tropfen, darüber kam die Sonne heraus.</p> - -<p>Als Christiane aus dem Walde trat, lag schon sanfte -Abendruhe über den Feldern. Ein Bahnzug fuhr sacht -dahin, die Streckenlichter blinkten. Das Sonnenrot verging.</p> - -<p>Sie fand die Villenkolonie und Ludwigs Haus.</p> - -<p>Ein kleiner Garten mit vielen dichten Büschen zog -sich rings herum, man mußte in ihn hinein und kam von -rückwärts ins Haus. Christiane wurde in ein großes -Zimmer geführt und erkannte den Salon aus Posen -wieder. Nichts war daran verändert.</p> - -<p>Jetzt kam Ludwig schon.</p> - -<p>»Hardi – –?« fragte sie.</p> - -<p>»Sie läßt noch um einen Augenblick Geduld bitten,« -erwiderte er, »bis jetzt hat sie gelegen. Jedes Gewitter -quält sie furchtbar. – Bitte, hier.«</p> - -<p>Er führte sie in sein Zimmer.</p> - -<p>Sie sah mit jäher Aufmerksamkeit umher, entdeckte -ein schönes Stück Kopenhagner, einen Liebermann an -der Wand, gewahrte die Papiere und Akten auf dem -Schreibtisch und dann Bücher – ja – Bücher!</p> - -<p>Rasch trat sie vor die Eichenschränke und sah die -Reihen auf und ab. Er stand hinter ihr. Plötzlich gewahrte -sie das alte Bändchen Mereschkowski und spähte -<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a> -aus, ob ihr nicht da und dort wieder sein eigener Name -entgegenspringen würde. Aber sie sah ihn nicht. Ihr -Blick glitt schließlich unruhig ab.</p> - -<p>Er hatte die Tür zum Gang geöffnet.</p> - -<p>»Hanni!«</p> - -<p>Jetzt kam sein Kind und knickste scheu.</p> - -<p>Christiane merkte, daß es in ihr weniger die Verwandte, -als die Erzieherin sah. Hanni war weder dem -Vater noch der Mutter ähnlich, sondern mußte ihren -Typ wohl von irgend welchen längst verschollenen Vorfahren -geliehen haben. Es war kein angenehmer Typ. -Das spröde, blonde Haar hing strähnig um das schmale, -feste, unkindlich herbe Gesicht, der Blick der Augen war -eng und kalt, und ebenso eng und kalt fielen die spärlichen -Antworten; der Widerstand der kleinen Schultern, -auf die Christiane ihre Hand gelegt hatte, war unmerklich -eisenstark.</p> - -<p>Christiane sah betroffen auf und gewahrte, daß Ludwig -sich abwandte. Er sah nach seinen Büchern hin.</p> - -<p>Jetzt pochte das Mädchen und meldete, daß die gnädige -Frau zu sprechen sei.</p> - -<p>Ludwig führte Christiane die Treppe hinab zu Hardi. -Dieses Zimmer kannte sie noch nicht. Die Möbel waren -weich und hell und mit Rücksicht auf viel Liegen und viel -Bequemlichkeit aufgestellt. Ein Rollstuhl fehlte nicht. -Alles war wie im Krankenzimmer. Keine Blume, kein -Buch.</p> - -<p>Hardi lag in einem dünnen, lilafarbenen Gewand -auf dem Ruhebett und hob sich nur schwach, mit zwinkernden -Lidern.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a> -»Du – –« sagte sie.</p> - -<p>Ihr kleines Gesicht zeigte noch immer die merkwürdige -Mischung von Pikantem und Sentimentalem. Sie -sah gut aus, großäugig, fast schmachtend, und doch war -etwas von leisem Welken an ihr, vom frühen Vergehen -der blassen, gelblichen Resedablüten, wenn sie geschnitten -sind. Sie maß die Schwester eine Weile und ließ dann -davon ab. Ihre Augen irrten zu Ludwig hin, senkten -sich aber gleich wieder.</p> - -<p>»Daß du dich hergewagt hast,« sagte sie halblaut, -wie erstaunt.</p> - -<p>»Weshalb –?«</p> - -<p>»Weil doch ein Gewitter war.«</p> - -<p>»Ich war dabei im Walde.«</p> - -<p>Hardi zuckte und warf wieder einen Blick auf ihren -Mann. Scheu zog sie ihn wieder weg, lachte kurz auf -und sagte: »Na .. ja – du ... Wenn ich wie du -wäre, könnt ich's vielleicht auch .... Aber ich bin's -nicht! – – Christiane, weißt du noch, wie wir früher -drüben am Krähenteich die Angler ärgerten? Ja, das -waren schöne Zeiten. Dann kam ich zur Schmöckler –«</p> - -<p>Ihr Gesicht bekam einen finsteren Ausdruck. Die -Nähe ihres Mannes schien sie zu bedrücken.</p> - -<p>Er stand schweigend auf und ging.</p> - -<p>Sie horchte ihm eine Weile nach. Dann legte sie -den Kopf auf die Kissen. Ihre Haltung wurde allmählich -entspannter, gelöster. Nur im Gesicht zuckte noch die -Unruhe.</p> - -<p>»Ja, das waren schöne Zeiten ... Auch bei der -Schmöckler noch ... anfangs. Und dann, als die Mutter -<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a> -mich so verwöhnte. Wie gut hab ich's da gehabt. Und -da – da mußte ich das tun –« sie richtete sich wieder -auf und sah nach Christiane hin. »Was weißt du davon,« -sagte sie verächtlich, »was ich gelitten habe!«</p> - -<p>»Gelitten,« sagte Christiane leise.</p> - -<p>»Ja, ja! – – Und dann erst. Dann – als ich – -allein war.«</p> - -<p>Sie sah Christiane finster an.</p> - -<p>»Als ich allein war!«</p> - -<p>Christiane schwieg.</p> - -<p>Es war eine Pause.</p> - -<p>Hardi atmete rasch. Qualvoll vernahm Christiane -diesen raschelnden, schlürfenden Atem.</p> - -<p>Sie ist doch wirklich krank, dachte sie.</p> - -<p>»Als du abgereist warst,« begann die junge Frau -langsam wieder, »vorher hatte ich ihn nicht haben wollen -– jetzt hatte ich ihn nicht mehr. Und zurück konnte ich -doch nicht. Ich hab daran gedacht. Ich hab mir den -Kopf zergrübelt. Brief auf Briefe hab ich der Mutter -geschrieben – die hat sie dann alle verbrennen müssen. -Aber zurück konnte ich doch nicht. Ich war doch einmal -bei ihm. Er hatte doch nun einmal meine Jugend bekommen. -Und da – –« ihre Stimme wurde ganz -heiser, »da – gab ich ihm das Kind. Ja, das tat ich aus -freiem Willen. Ich gab es ihm. Und damit habe ich -ihm den Rest meines Lebens gegeben – seitdem wird es -nichts mehr mit mir. Kuren über Kuren habe ich gebraucht, -bei so viel Ärzten sind wir gewesen – es hat -alles nichts mehr genützt. Zuletzt mußte er sich von -Posen weg versetzen lassen. Aber auch in Danzig konnte -<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a> -ich die Luft nicht vertragen, es ging und ging nicht – -da mußte ich hierher. Zur Mutter. Hier geht es wenigstens ...«</p> - -<p>Christiane schaute sie an.</p> - -<p>»Und – er –?«</p> - -<p>»Wer?«</p> - -<p>»Ludwig.«</p> - -<p>Hardi lachte kurz auf.</p> - -<p>»Was denn –? Es geht ihm hier ganz gut. Es -gibt genug andere, die sich in der häßlichen Polakei die -Zähne ausbeißen können. Und auf etwas anderes kommt -es doch nicht heraus. – 's ist doch kein Ziel dabei. Die -Polen verteidigen nur ihr Recht und ihre Heimat. Das -tut jeder Mensch, ich auch. Höre Christiane ... störe -mich nicht darin – – rege mich nicht auf ... du weißt ... -du weißt doch genug ...«</p> - -<p>Sie brach in Schluchzen aus.</p> - -<p>»Laß mich doch nur. Ich will Ruhe haben ... bloß -Ruhe haben, nichts weiter. Was verstehst du denn davon ... -Ich bin ganz verbraucht.«</p> - -<p>Das Mädchen trat ein und gab ihr wieder Morphium.</p> - -<p>Hardi weinte noch eine Weile, dann wurde sie stiller. -Zuletzt sah sie versöhnt zu Christiane auf.</p> - -<p>»Es war das Gewitter,« sagte sie.</p> - -<p>Das Mädchen brachte sie zu Bett, Hardi schlief ganz -allein.</p> - -<p>Christiane nahm kurzen hastigen Abschied von Ludwig.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a> -Als sie durch den Garten ging, hörte sie das stuckernde, -ungelenke Klavierspiel des Kindes.</p> - -<p class="ce mt1 mb1">* * *</p> - -<p>Heute waren die Damen der Sophie-Reutterschule -fast alle eine Viertelstunde eher gekommen.</p> - -<p>Eben trat die Oberlehrerin, Fräulein Haberkorn, in -das Lehrerinnenzimmer, und die Unterhaltung verstummte -im Augenblick.</p> - -<p>Das Fräulein war das gewohnt. Es kannte seine -Kolleginnen, wie die es kannten.</p> - -<p>Sie konnte sie alle nicht leiden, aber am wenigsten -die, die gut aussahen. Halb toll konnte es sie innerlich -machen, wenn eine eine besonders schöne Bluse oder -hübsche Schleife angesteckt hatte. Dann suchte und suchte -sie unbewußt, bis sie eine Gelegenheit gefunden hatte, -um sie zu ärgern. Sie hatte schon junge Damen aus der -Schule herausgebracht, weil sie ihre Erscheinung nicht -vertrug. Beim alten Direktor war sie neben Professor -Diermann allmächtig gewesen.</p> - -<p>Die klugen jungen Lehrerinnen verfehlten daher -nicht, sie auch in bezug auf Toilettesachen um ihren Rat -zu fragen. Dann wurde sie am ehesten mit einem neuen -Kleide versöhnt.</p> - -<p>Fräulein Haberkorn war mutterlos aufgewachsen, -vom Vater früh ins Seminar gesteckt worden und -hatte dann das Wanderleben gehabt, das viele Lehrerinnen -durchmachen. Aber niemals war ihr etwas Freundliches -begegnet. Kein bißchen Liebe war über sie hingegangen, -<a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a> -keiner hatte sie gestreichelt, keiner geküßt, keinem -Menschen war sie zum Leben nötig gewesen. Sie -war in der Welt übrig.</p> - -<p>Ihr ganzer Ehrgeiz hatte sich auf ihre Laufbahn gerichtet, -und sie war schließlich, ohne besondere Examina, -so weit nach oben gekommen, wie sie es in der kleinen -Stadt konnte. Und nun übte sie einen ständigen Druck -auf die aus, die nach ihrer Meinung mehr hatten, -als sie.</p> - -<p>Es gab welche, die sich nichts aus ihrer Ungnade -machten.</p> - -<p>Da war die blonde Mai Friedlein.</p> - -<p>Sie kam erst nach der Oberlehrerin mit einem leisen -Rauschen und der ganzen köstlichen Frische ihrer -rosenroten Schönheit herein. Es hieß, sie sei schon dreißig -Jahre, aber genau konnte man es nicht nachrechnen.</p> - -<p>Ihr hatte man es nicht an der Wiege gesungen, daß -sie Schulmeisterin werden würde. Es kam erst mit dem -Krach. Ihr Vater war Direktor einer großen schlesischen -Aktiengesellschaft gewesen – jetzt lag er schwerkrank -in einem kleinen Nest in der Nähe und hatte eine -Agentur. Mai war damals verlobt gewesen. Ihr Bräutigam -war aber mit dem Krach verstrickt und ging nach -Amerika. Von dort schickte er noch ein paar Gedichte. -Sonst nichts mehr.</p> - -<p>Mai hoffte noch immer auf eine gute Partie.</p> - -<p>Die Lehrerin Dorette Jong war ihre vertraute -Freundin und Beschützerin und eine zähe Gegnerin der -Haberkorn. Sie war dünn und ein bißchen verbräunt, -so daß man den Eindruck hatte, als ob sie an einem -<a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a> -langen und sehr heißen Sommertag draußen vergessen -worden sei. Indessen wirkte sie nicht unangenehm. Um -ihre dunklen Finkenaugen hockten Lachfältchen.</p> - -<p>Ihre Nachbarin Fräulein Seifert war sehr dick und -groß, aber von einer unangenehmen, klebrigen Art. Sie -war sehr musterhaft und vortrefflich, und ihre besondere -Eigenheit war, daß sie niemals fror oder schwitzte. Diese -physiologische Merkwürdigkeit pflegte sie den jungen Anfängerinnen -und den Schülerinnen fortwährend zur Nachahmung -zu empfehlen.</p> - -<p>Jetzt huschten ihre schlauen Blicke ihrer Freundin -Haberkorn entgegen, gespannt, was die als Morgengruß -sagen würde. Die Laune der Oberlehrerin war immer -zunächst davon abhängig, wie sie in der Nacht geschlafen -hatte, heute aber fegte wohl noch etwas anderes darein, -denn es war der erste Amtstag des Fräulein Doktors.</p> - -<p>Sie wußte genau, weshalb alle sie so anguckten, und -lächelte süß.</p> - -<p>Huldreich nickte sie zwei kleinen Praktikantinnen -entgegen, die sich bescheiden in der Ecke hielten, aber doch -aufmerksam und heimlich quietschvergnügt beobachteten. -Sie hießen ›die Kanarienvögel‹.</p> - -<p>»Wie frisch Sie aussehen! – – Ja, ja – die Jugend –!«</p> - -<p>Die beiden Vögel hatten alte Waschblusen an.</p> - -<p>Das war nun bei Mai Friedlein nicht der Fall.</p> - -<p>Das Rauschen hatte die Haberkorn schon lange gepeinigt. -Jetzt drehte sie sich zu ihr um und sagte mit -einem Lächeln:</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a> -»Ach, ich dachte wirklich, es käme ein Engel vom -Himmel herabgeschwebt.«</p> - -<p>»Es ist vielleicht auch einer,« meinte die Jong -trocken.</p> - -<p>Mai warf ihr einen Blick voll ergebener Selbstironie -zu, der ihr sehr gut stand, und sagte nichts. Ihr -war keine Schlagfertigkeit gegeben, wenigstens Damen -gegenüber nicht. Da stand die Jong immer mit gesträubten -Federn vor ihr.</p> - -<p>Die Haberkorn lachte glucksend.</p> - -<p>»Ganz recht! Ganz recht! Wie der sich nur bloß in -unser dunkles Reutterschloß verirren konnte!«</p> - -<p>»Er hat vielleicht nur keinen Ausweg gefunden,« -sagte die Jong.</p> - -<p>Fräulein Haberkorn lachte von neuem, von den -Kanarienvögeln scheu beobachtet.</p> - -<p>»Hahaha – das kann ich ja nicht wissen. Aber -wenn es so sein sollte – suchen Sie nur tüchtig, Fräulein -Mai – – ich würde Ihnen herzlich gern dabei helfen – –!«</p> - -<p>»Danke, das tu ich schon,« sprach die Jong.</p> - -<p>»Wie aufopferungsvoll.«</p> - -<p>»Sie haben uns doch gestern alle Lehrerinnentugenden -so schön vorgehalten,« meinte die Jong.</p> - -<p>Alle wußten, daß die Haberkorn keine Reden halten -konnte. Es war ihre schwache Seite. Sie mußte vorher -immer ein Brausepulver nehmen.</p> - -<p>Die Oberlehrerin begann nervös zu werden.</p> - -<p>»Was haben die Herren denn dazu gesagt?« fragte -sie.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a> -»Die waren alle begeistert,« antwortete eine aufrichtige -Stimme aus der Ecke.</p> - -<p>Das war Mielchen Mehlmann. Ein etwa fünfzigjähriges -Fräulein mit einem Apfelgesicht, das sich offenkundig -bemühte, sehr damenhaft auszusehen. Heute trug -sie einen mächtigen schwarzen Spitzenkragen über einem -neuen Kleide.</p> - -<p>Das gewahrten die anderen plötzlich.</p> - -<p>»Sie haben sich ja so fein gemacht, Mehlmännchen?« -sagte die Jong gutmütig.</p> - -<p>Mai lächelte ein wenig. Das gute Fräulein ließ -doch bei der Beckern im Probsteigäßchen arbeiten, und die -machte doch alle Taillen schief! Mai Friedlein sah am -schärfsten Toiletten und Männer.</p> - -<p>Über die anderen Gesichter flackerte es beunruhigt. -Wenn es auch nur die Mehlmann, die Gesang- und -Handarbeitslehrerin war – besser als die anderen durfte -sie sich nicht tragen!</p> - -<p>Sie wurde noch einmal beguckt.</p> - -<p>»Warum denn nur?« sagte die Haberkorn in merkwürdig -schwingendem Tone. Ihre Blicke schillerten wie -die der Katzen.</p> - -<p>Die gute, ehrliche Mehlmann konnte nicht lügen.</p> - -<p>»Nu, wo unser Fräulein Doktor so fein geht,« sagte -sie.</p> - -<p>Jetzt hatte sie es in doppelter Weise verdorben. Die -Seifert sagte mit ihrer ganzen Vortrefflichkeit:</p> - -<p>»Liebes Fräulein Mehlmann, auch außer dem Unterricht -müssen wir uns einer guten Aussprache befleißigen!«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a> -Die Haberkorn nickte geringschätzig: »Ja, ja, die -Provinzialismen.«</p> - -<p>Fräulein Mehlmann stammte aus dem benachbarten -Neukirch. Sie war so gut wie vom Lande.</p> - -<p>»Nu, ich meine –« sie verbesserte sich jetzt rasch. -»Ich dachte, wenn unser Fräulein Doktor so fein aussieht, -müssen wir auch was übriges tun. Ich mochte ihr -in der alten braunen Bluse nicht mehr begegnen.«</p> - -<p>»Hm,« machte die Seifert.</p> - -<p>Ein Schweigen ging durch die Runde. Die beiden -kleinen Vögel wagten kaum zu atmen.</p> - -<p>Da sprang die Türe auf. Es war aber der Professor -Diermann, der immer zwei Minuten vor Anfang -kam. Neugierig lugten seine Augen voraus, dann kam -er näher.</p> - -<p>»Morjen, morjen.« Er griente die Damen an.</p> - -<p>Zwischen ihm und den Kolleginnen galt unsichtbar -auch der Satz aus der Bibel: ›Ich will Feindschaft setzen -zwischen dir und dem Weibe –‹, wie er in allen Berufen -herrscht, in denen es auf eine ernstliche Konkurrenz -hinausgeht.</p> - -<p>Professor Diermann verachtete die Kolleginnen, zunächst -weil er ein geborener Markburger war, die alle -arbeitenden Frauen geringschätzten, dann als Akademiker -gegenüber geringwertiger Frauenbildung, dann wegen -noch anderer Dinge. Er machte aus seiner Richtung -nicht immer ein Hehl, in seinem Alter glaubte er Ritterlichkeit -nicht mehr nötig zu haben und – die Damen -brauchten ja nicht in die Schule zu kommen, wenn sie -Ritterlichkeit beanspruchten.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a> -Er hatte vier Töchter, die eifrig Tennis spielten und -sich dadurch noch Männer zu erobern hofften. Wenn nun -nicht so viel Damen an der Schule gewesen wären, so -wären eben Männer hingekommen, und damit auch wohl -der eine oder der andere Heiratskandidat. Denn der -einzige Unverheiratete im Reutterschloß, der behäbige -Oberlehrer Dreher, war wohl nicht mehr zu rechnen. –</p> - -<p>In der Beziehung hatte Diermann Sorgen. Wie -schwer fiel es ihm nicht, die Kleider für die vier herbeizuschaffen! -Er mußte auf seine alten Tage noch Pensionäre -halten, und wenn sie ihn zur Ruhe setzten – was -dann? Er hörte von Tag zu Tag schwerer. Ja, das -knappe Gehalt für einen Familienvater! Und hier diese -sogenannten Kolleginnen bezogen für sich allein so viel -Geld! Wozu brauchten sie es denn? Doch nur für -Putz!</p> - -<p>Er richtete einen bösen Blick auf Mai.</p> - -<p>Sie übte keine Wirkung auf ihn aus, lächelte aber -so freundlich, wie sie gewohnt war, Männer anzulächeln. -Einmal fiel es doch hoffentlich auf den richtigen Boden, -wenn es auch auf keinen Fall der Professor Diermann -sein sollte!</p> - -<p>»Gut geschlafen?« fragte er bissig die Oberlehrerin. -»Ja, in unseren Jahren – –«</p> - -<p>Er freute sich, daß er ihr einen Stich versetzt hatte. -Sie gab ihn rasch zurück, indem sie ganz leise antwortete: -»Haben Sie unser Fräulein Doktor schon gesehen?«</p> - -<p>Ihr wichtiges Gesicht machte ihn unruhig – was -hatte sie gesagt? Er hatte nichts verstanden, obwohl er -<a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a> -ihr das beste Ohr hingehalten hatte. Rasch schaute er -ringsum.</p> - -<p>Da rief ihm die Haberkorn laut entgegen: »Das – -Fräulein Doktor –!«</p> - -<p>Hastig fuhr er zurück und starrte zur Tür – da -stand aber nur Mehlmännchen, die in ihre Klasse wollte.</p> - -<p>»Hm,« sagte er nur. Sein Blick wurde eine Sekunde -höhnisch. Nach einigem Irren traf er sich mit dem der -Oberlehrerin.</p> - -<p>Jetzt läutete es.</p> - -<p>Die Glocke, ein rostiges Werk, hing unten im Erdgeschoß, -durchgellte aber alle Räume wie ein Feuersignal.</p> - -<p>Sie eilten alle hinaus. Der Professor warf dabei -noch einen unzufriedenen Blick auf Mai. Keine von seinen -Töchtern war so hübsch!</p> - -<p>Ei – da stand ja das Fräulein Doktor!</p> - -<p>Der Alte hatte es noch nie so eilig gehabt. Er riß -sich in allen Knochen zusammen und bedachte nicht, daß -er es vor einem männlichen Chef wahrscheinlich ebenso -getan hätte, so lange ihm noch an seinem Amt gelegen -war.</p> - -<p>Aber Christiane sah doch, wie es um ihn stand. Ein -ganzes Schulmeisterleben zog an ihr vorüber: ein bißchen -zahme Jugend, dann Schaffen, Sorgen, Schaffen. -Gleichmaß. Schritt auf Schritt. Und auf einmal die -Senkung des Weges, das hilflose Verfallen ins Alter -hinein. Die Pensionierung.</p> - -<p>Ja, geschah es einem anderen anders? Geschah es -ihr einmal anders? Ihre Wimpern zuckten scheu. An -<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a> -alles Anfangen schloß sich ein Aufhören. An jeden Sieg, -wie er auch aussah, wie heiß er war, wie mühsam errungen, -schloß sich die Stunde, in der die Waffen abgegeben -werden mußten. Alle Waffen und aller Schmuck.</p> - -<p>Sie wandte sich.</p> - -<p>Da stand jemand.</p> - -<p>»Sie wünschen mich zu sprechen?«</p> - -<p>Da erkannte sie erst die kleine Wehrendorf.</p> - -<p>Ein Schreck lief ihr durchs Herz.</p> - -<p>»Du –« sagte sie.</p> - -<p>Es war noch immer das alte Pechkind, über das die -jungen Damen im Erziehungskasten so gelacht hatten. -Es mußten noch manche andere über das Mädchen gelacht -haben, so arm stand es da, so scheu, so still. Das -Gesicht, das nie hübsch gewesen war, war jetzt alt, sehr, -sehr alt, verblichen und geschrumpft.</p> - -<p>Schweigsam folgte sie Christiane in das Arbeitszimmer, -matt sah sie zur ›eisernen Wehr‹ auf, hastig drehten -ihre Finger den Briefumschlag, den sie mitgebracht hatte. -Sie wagte sich kaum zu setzen.</p> - -<p>»Du möchtest hier am Reutterschloß unterrichten?«</p> - -<p>»Die Damen haben mir den Rat gegeben,« flüsterte -die Wehrendorf, »ich sollte ... ich weiß ja nicht ...«</p> - -<p>Christiane griff nach den Papieren.</p> - -<p>»Zuletzt erzogst du meine kleine Nichte – –?«</p> - -<p>»Ein Jahr,« antwortete die Wehrendorf. Sie vermied -jede direkte Ansprache, denn sie wußte nicht, ob sie -das Fräulein Doktor noch so anreden durfte, wie die sie. -»Ich habe schon viele Stellungen gehabt.«</p> - -<p>»Wo warst du überall?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a> -»Damals aus der Schweiz ging ich nach der Lüneburger -Heide. Dann –« Ada suchte in ihrem Gedächtnis. -»Dann ging ich nach dem Rhein. Nach Mainz.«</p> - -<p>»Nach Mainz,« sagte Christiane.</p> - -<p>»Da hab ich es sehr gut gehabt. Ich wär so gern geblieben, -die Leute haben mich auch gemocht. Und die -Kinder erst – Schön war's –! Aber da wurde ich krank.« -Ihre Blicke flirrten.</p> - -<p>»Was fehlte dir?«</p> - -<p>»Die Nerven,« murmelte Ada, »und ein bißchen an -der Lunge. Erschöpfung. Danach wurde ich Erzieherin -in einer Anstalt für verwahrloste Mädchen.« Sie schauderte -ein wenig. »Das war schwer. Sehr schwer. Da -ging ich –« sie ließ plötzlich die Hände sinken, »ach, ich -weiß es nicht mehr auswendig, es war so viel. Ich hab -kein Glück gehabt. Ich hab kein Glück gehabt.«</p> - -<p>In ihren Augen brannte eine verzehrende Angst.</p> - -<p>»Und ich habe doch immer so gern gearbeitet,« sagte -sie. Christiane schlug die Papiere auseinander. Vor -allem suchte sie das Zeugnis heraus, das Ludwig geschrieben -hatte. Es sagte gar nichts. Er hat ihr nicht -den Weg verlegen wollen, dachte sie und durchblätterte -die anderen Bogen – so hatten die übrigen auch gedacht! -Doch – da auf dem einen stand: ›Körperlich sehr wenig -geeignet.‹</p> - -<p>Sie sah das schmächtige Mädchen wieder an.</p> - -<p>»Hast du niemals an einen anderen Beruf gedacht?«</p> - -<p>»Umsatteln?« fragte die Wehrendorf erschrocken, -»das kann ich ja gar nicht! Wie denn? Was denn? Ich -<a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a> -mag doch nichts anderes – ich passe zu nichts anderem -– die Kinder immer um mich zu haben – o, das ist -schön! Ich mag die Kinder so gern! Es war mir so -schrecklich, daß ich immer wieder aussetzen mußte!«</p> - -<p>Sie senkte das Gesicht.</p> - -<p>Christiane überlegte. An der Schule war noch die -Stelle des Akademikers unbesetzt, der abgegangen war, -als ihre Ernennung bekannt wurde. An Herren waren -außer dem Professor nur der kleine Oberlehrer Doktor -Korn, der Junggeselle Dreher und der blonde Zeichenlehrer -da, von dem es hieß, daß er ein verunglückter -Künstler sei. Alle Kräfte waren sehr überlastet. Man -konnte die Wehrendorf vielleicht versuchsweise eintreten -lassen. Aber Christiane wußte zugleich, daß sie damit -eine Verantwortung übernahm.</p> - -<p>Sie legte die Papiere zusammen. »Ich kann dir -jetzt noch keinen Bescheid geben. Morgen sollst du wissen, -ob du Aussichten hast.«</p> - -<p>Die Wehrendorf stand auf.</p> - -<p>»Wo wohnst du?«</p> - -<p>»Im christlichen Hospiz.«</p> - -<p>Das Mädchen verneigte sich. Christiane drückte ihr -die Hand. Ada ging zur Tür.</p> - -<p>Da sah Christiane etwas Merkwürdiges. Es war -nur eine Schulterneigung, eine einzige, geringe Haltungsveränderung. -Aber sie sagte: bis morgen ertrage -ich es nicht mehr. Es kommt auch nichts. Es wird auch -nichts. – – – Es soll zu Ende sein.</p> - -<p>Sie eilte ihr nach.</p> - -<p>Es rief in ihr: hilf ihr! Hilf einer Schiffbrüchigen, -<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a> -einer der ärmsten unter den Frauen, einer, der nach -Schaffen hungert und der es nicht gegeben wird. Gib -ihr einen sanften Platz, einen Anfang – dann wird sie -sich schon hineinfinden. Sie bringt alle Liebe mit. -Nimm es auf dich, auch einmal gegen deine Pflicht zu -handeln.</p> - -<p>»Da,« sagte sie zu Ada, »bring deine Papiere dem -Patronat. Dem Präsidenten. Ich will heute noch selber -mit ihm sprechen. Dann wird es. Hörst du? Es wird.«</p> - -<p>Die Wehrendorf sagte gar nichts. Sie sah sie nur -mit erloschenen Augen an.</p> - -<p>»Und geh zu meiner Mutter. Am Stieglitzberg 2. -Du wirst schon finden. Sage, ich schickte dich. Nimm -deine Sachen mit, sie wird dir einstweilen ein Unterkommen -geben. Ja, ja, ich meine es im Ernst. Es wird -schon werden, fasse nur wieder Mut. Wir werden dir -schon helfen. Du kannst vielleicht immer da wohnen -bleiben, das heißt, wenn es dir späterhin gefällt –«</p> - -<p>»Es wird mir – schon gefallen,« sprach die Wehrendorf.</p> - -<p>Sie faßte nach Christianens Hand.</p> - -<p>Es war der dumpfe Blick eines geretteten Tieres.</p> - -<p>Sie ging – – –</p> - -<p>Nachher winkte Christiane sich das Fräulein Jong -heran, in dessen Abteilung die kleine Hanni Cöldt heute -eingetreten war, und befragte sie wegen ihrer Nichte.</p> - -<p>Die Finkenaugen des Fräuleins kniffen sich ein bißchen.</p> - -<p>Sie zauderte eine Sekunde.</p> - -<p>Dann sprach sie offen: »Es scheint ein sonderbares -<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a> -Kind zu sein. Sehr hart, sehr einsam. Und sehr zurück -und sehr gleichgültig im Lernen. Na, wir wollen abwarten.«</p> - -<p>Nachmittags ging Christiane zum Präsidenten. Der -empfing sie sofort. Er trug einen uralten Namen, der -an Landsknechtslieder und verbrannte Städte erinnerte, -und irgend etwas war an ihm, das ihr nicht unsympathisch -war. Überhaupt hatte sie in ihrer ganzen bisherigen -Laufbahn selten einen Widerstand auf männlicher -Seite gefunden, ihre bittersten Gegner waren immer -nur die Frauen gewesen.</p> - -<p>»Ich hoffe, daß gnädiges Fräulein – pardon, Fräulein -Doktor, sich in Markburg eingewöhnen werden. Wir -reiten Schnitzeljagden, haben einen Kunstverein und -einen Regierungsball –«</p> - -<p>»Die Markburger Kunst werde ich mir ansehen,« -antwortete sie, »die Schnitzeljagden sind für mich vorbei.«</p> - -<p>Rasch kam sie auf ihr Thema.</p> - -<p>Der Präsident erhob keinen Widerstand.</p> - -<p>Er war ein Fünfziger. Seine Frau, eine Wandlenburg, -war eine Zeitlang Christianens Schulkameradin -gewesen und vor einigen Jahren verstorben. Die Söhne -besuchten die Ritterakademie.</p> - -<p>Seine schwarzen Augen maßen sie aufmerksam.</p> - -<p>Sie sprachen von mancherlei und kamen wieder auf -die Reutterschule zurück. »Der gute Diermann wird schon -recht alt,« sagte der Präsident.</p> - -<p>»Ich fürchte, es wird nicht mehr lange mit ihm -gehen,« erwiderte Christiane, »sein Gehör ist nur noch -sehr schwach.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a> -»Hm,« machte der Präsident. »Wir müssen nun -allerdings bedenken, daß wir erst kürzlich einen sehr tüchtigen -Mitarbeiter an der Anstalt verloren haben – deshalb -bleibt uns nichts anderes übrig, als das noch Vorhandene -so gut wie möglich festzuhalten.«</p> - -<p>Sie begann lebhaft von ihrem Plan, der Ausgestaltung -der Reutterschule, aber er streckte die schmale weiße -Hand ein wenig aus: »Zunächst wollen wir Sie noch gar -nicht mit solchen Dingen behelligen, Fräulein Doktor,« -sagte er liebenswürdig.</p> - -<p>Zum ersten Mal spürte sie an diesem verbindlichen -Weltmann eine Spur Mißtrauen. Wir haben dir ja den -Willen getan, aber – aber – – –</p> - -<p>Sie lächelte in sich hinein. Was dachte er? Woher -kam das auf einmal? War das die Kleinstadt? Sie -lächelte wieder.</p> - -<p>Wißt ihr denn nicht, daß meine Hände eisenstark -sind und eisenstark sein müssen? Denn was hätte ich -sonst, wenn ich mein Werk losließe –?</p> - -<p>Ich will schaffen!</p> - -<p class="ce mt1 mb1">* * *</p> - -<p>Sie ging nach dem Stieglitzberg. Die Straße lag -am Stadtpark und hatte die Aussicht ins Grüne. Grade -gegenüber dem Hause Nummer zwei war die große Fontäne, -der Stolz der Stadt. Sie sprang, wenn es viel -Wasser gab. Das Haus war einer der in Markburg -üblichen stuckreichen Maurermeisterbauten und nicht mehr -ganz neu.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a> -Im ersten Stock war das Türschild: ›Verw. Frau -Hauptmann Dorreyter, geb. Freiin von Rhane.‹</p> - -<p>Die Mutter hatte es in den ersten Zeiten anfertigen -lassen, als die Pension noch nicht so gut ging. Um einen -Anziehungspunkt zu haben, nicht, um etwas Besonderes -vorzustellen. Denn sie war nie etwas Besonderes gewesen, -auch in ihrer Jugend nicht. Es hatte nicht in -ihr gelegen, so schön sie auch gewesen war. Das große -Feuer des Blutes, das wilde Begehren ans Leben, jedes -Wagen hatte ihr gefehlt. Das sich zum Glück selber Berufenkönnen. -Wie es Hardi fehlte. Darum waren alle -goldenen Äpfel, die das Schicksal ihr etwa hätte reichen -können, an ihr vorbei in den Staub gerollt. Darum war -sie Frau Dorreyter geworden und hatte alle Not gekostet. -Jetzt ging die Pension recht gut. Die Tischwäsche -mit der Krone aber war längst verschlissen und -durch solche aus dem Warenhause ersetzt. Aus der ›weißen -Woche‹.</p> - -<p>Christiane hatte manchmal gedacht: wie gut ist es, -daß ich niemals ein Kind haben werde. Ich könnte es -nicht ertragen, wenn es anders würde als ich. Wenn -es – zurücktauchte.</p> - -<p>Jetzt aber hatte sie an Hanni Cöldt gesehen, daß es -noch viel wunderlichere und sonderbarere Dinge gibt -als ein einfaches Zurückgleiten der Generationen.</p> - -<p>Die Mutter öffnete selbst. Sie hatte ein Staubtuch -in der Hand. In einem der Zimmer, dessen Inhaberin -grade nicht da war, wurde Reinmachen abgehalten. -Frau Dorreyter hatte Christiane vor vier Tagen -bei der Ankunft begrüßt und ihr dann ein wenig beim -<a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a> -Einzug ins Reutterschloß geholfen, hierauf war sie gleich -wieder in ihre Pension zurückgeeilt, denn die gab zu -tun.</p> - -<p>»Warst du bei Hardi?« fragte sie gleich eifrig. »Wie -fandst du sie?«</p> - -<p>»Nervös, wie immer.«</p> - -<p>»Sie ist sehr krank. Hättest du sie nur gesehen, wie -ich sie gesehen habe! Die ganze Heirat war eine Torheit. -Wäre sie nur bei mir! Nur die allergrößte Schonung -kann ihr Leben erhalten –!«</p> - -<p>Christiane zuckte die Achseln.</p> - -<p>Frau Dorreyter öffnete die Tür zu ihrem Wohnzimmer, -das zugleich allgemeines Eßzimmer war. Sie -schlief auch darin. Abends wurde das Sofa für sie zurechtgemacht, -und sie lag darauf besser, als in irgend -einem Bett. Sie war es gewohnt. Früh, ganz zeitig, -stand sie auf.</p> - -<p>Jetzt war alles tadellos aufgeräumt. Auf dem -Büfett lagen die aneinandergereihten Serviettenröllchen -der Damen neben einem blanken Nickelkaffeegeschirr.</p> - -<p>Auf dem Tisch stand noch eine Kanne mit dem Wärmer.</p> - -<p>»Das ist für die Friedlein und die Kanarienvögel. -Die sind ausgegangen. Ich glaube –« ihr Gesicht wurde -besorgt, »die Friedlein hat wieder eine ... Aussicht.«</p> - -<p>Christiane lächelte. »Gönn's ihr doch!«</p> - -<p>»Aber sie hat es doch so gut! Das schöne Gehalt – -keine Sorgen – wenn ich es nur so gehabt hätte!«</p> - -<p>»Dann will sie es eben – schlechter haben,« sagte -Christiane.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a> -»Du lachst! Ich habe es der Mai neulich ernstlich -vorgestellt. Etwas Besseres als ihre Freiheit hat sie doch -nicht. Sie hat es sich angehört und ist dann gegangen -und hat sich einen neuen Hut gekauft!«</p> - -<p>Christiane zog die Mutter auf das Sofa. »Hör zu: -Du bekommst heute einen Gast! Schreib ihn auf meine -Rechnung, denn nehmen mußt du ihn!«</p> - -<p>»Um Gottes willen – wen denn?«</p> - -<p>»Die Wehrendorf.«</p> - -<p>»Ach herrje, ich kann sie doch nicht in die Speisekammer -stecken. Es ist wirklich kein Raum mehr frei.«</p> - -<p>»Es geht doch,« beharrte Christiane, »sie braucht jemand -wie dich –«</p> - -<p>Frau Dorreyters herbes Gesicht erhellte sich. In -der Arbeit in der Pension hatte sie endlich die Befriedigung -ihres Lebens gefunden. Soweit Hardi ihr Interesse -nicht in Anspruch nahm, gehörte es den Berufsdamen.</p> - -<p>»Wie lange ist sie doch von Cöldts fort?« fragte -Christiane.</p> - -<p>»Vor den Ferien war es. Also seit fünf Wochen.«</p> - -<p>»Und seitdem hat sie im Hospiz gelebt. Vermutlich -hat sie kaum noch Geld.«</p> - -<p>»So sah sie aus. Ich hab sie manchmal drüben im -Stadtpark gesehen und dachte immerzu: die geht noch in -den Teich. Darum hab ich Hardi gebeten, daß sie noch -irgendwie für sie sorgt.«</p> - -<p>»Die Vereinsdamen sprachen mir von ihr.«</p> - -<p>»Ja, ja. Unter den Mitgliedern mag vielleicht noch -die eine oder andere sein, die ihre Eltern gekannt hat. – -<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a> -Weißt du, ich will sie bei der Jong einquartieren und -aufs Sofa betten. Die erlaubt das gern. Wir wollen -mal zu ihr gehen, was meinst du?«</p> - -<p>»Wer wohnt denn alles bei dir?« fragte Christiane.</p> - -<p>»Außer dem Fräulein Seifert alle Damen vom -Reutterschloß. Ich komme mit ihnen aus.«</p> - -<p>Auf dem Flur, auf dem die Mangel und ein paar -Fahrräder standen, flüsterte die Mutter plötzlich: »Du, -wir klopfen besser erst bei der Haberkorn. Denn wenn -du zur Jong gehst und nicht erst zu ihr, so nimmt sie das -übel.«</p> - -<p>»Wie furchtbar.« Christiane lachte.</p> - -<p>Aber in dem Augenblick geschah es doch anders.</p> - -<p>Fräulein Mehlmann öffnete ihre Tür, noch den roten -Schein eines ausgedehnten Nachmittagsschläfchens auf -den Wangen und erstrahlte in Seligkeit und Respekt, als -sie Christiane gewahrte.</p> - -<p>»Ach, Fräulein Doktor, ne – ne« – sie unterbrach -sich hastig – »ich wollte nur sagen, das freut mich -aber – jetzt müssen Sie doch bei mir eintreten, nur auf -ein Augenblickchen, ein einziges Augenblickchen –!«</p> - -<p>Sie kam hinter den beiden in das große Zimmer -zurück und zuckte erschrocken: »Wirst du wohl! Verzeihen -Sie nur – da ist wieder das dumme Tier, der Kater, -hereingekommen –«</p> - -<p>Auf dem gepolsterten grünbezogenen Ohrenstuhl -richtete sich ein riesiges schwarzes Katzentier auf und -sprang mit einem Satz auf den Blumenteppich.</p> - -<p>»Marsch – marsch – fort –.« Fräulein Mehlmann -jagte ihn aufgeregt aus der Tür.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a> -»Sie haben hier Ihre eigenen Sachen?« fragte -Christiane, die sich umgesehen hatte.</p> - -<p>»Ja, ja, die von zu Hause. Ich habe nur die leeren -Stuben gemietet. Ich könnte ja auch allein wohnen, -aber dann ist mir zu bange. Hier hat man doch immer -eine Ansprache, wenn man sie haben will ...« Sie blickte -Christiane glücklich an.</p> - -<p>»Vor zwanzig Jahren sind Sie noch meine Schülerin -gewesen ... wissen Sie noch ...?«</p> - -<p>»Ich weiß es noch,« lächelte Christiane.</p> - -<p>»Ne, daß es nu so gekommen ist ...! Aber gestickt -haben Sie immer fein. Immer die besten Kanten!«</p> - -<p>»Ich kann's nicht mehr,« sagte Christiane.</p> - -<p>Das Fräulein riß die Augen auf. »Gar nicht? Ach, -Sie scherzen, Fräulein Doktor ...«</p> - -<p>»Durchaus nicht, Fräulein Mehlmann.«</p> - -<p>Die Handarbeitslehrerin wußte nicht, was sie sagen -sollte. Sie schnüffelte ängstlich. »Ach, ich weiß nicht ... -riecht es hier nicht ein bißchen nach Katzen? Es ist -ein Schabernack mit dem Tier. Es kommt immer über -den Balkon zu mir.«</p> - -<p>»Wem gehört es denn?«</p> - -<p>»Dem Fräulein Jong,« sagte die Mutter. »Aber -eigentlich wird er von allen Damen gleich verwöhnt. Nur -Mai gibt ihm manchmal einen Schub.«</p> - -<p>Fräulein Mehlmann stand verlegen auf. »Ach, ich -weiß schon, was das schwarze Vieh bei mir so anzieht ...«</p> - -<p>Wichtig öffnete sie einen gelben Kirschbaumschrank, -in dem man Kleider vermutete.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a> -Darinnen lagen aber auf sauber gezacktem Papier -Schinken und Würste, Kuchen und Plätzchen, Tütchen und -Schachteln, Obst- und Marmeladebüchsen.</p> - -<p>Fräulein Mehlmann griff hastig etwas heraus, roch -daran, zog die Nase kraus und murmelte: »Das muß -bald gegessen werden ...«</p> - -<p>Dann wandte sie sich an Christiane:</p> - -<p>»Sie sehen, das ist meine Speisekammer. Ich muß -das haben und hab' mir deshalb auch den großen Ofen -setzen lassen. Wenn ich aus der Schule komme, probiere -ich mal das, mal dies – ich will ja der ausgezeichneten -Küche der Frau Hauptmann durchaus nicht zunahe treten, -aber am besten schmeckt halt, was man sich selber gekocht -hat ... Ich kann nicht anders: Ich muß wenigstens -dann und wann wirtschaften! Möchten Sie nicht -meine selbstgebackenen Knusperchen probieren, Fräulein -Doktor –?«</p> - -<p>»Und hier« – mit einem Ruck griff sie ganz tief -in den Schrank – »hier ist noch etwas Besseres ... ein -Likörchen! Selbstgemacht, ja, natürlich! Noch nach dem -Rezept von zu Hause! Ein Schlückchen ... ja ...? Was, -Sie danken, Fräulein Doktor? Gar nichts wollen Sie -annehmen? Ein Schlückchen doch wenigstens ... die anderen -Damen nehmen es so gern – Wenn Sie nur hören -könnten, wie die es immer loben ... Na, denn ein andermal ... -andermal, gewiß, nicht wahr – –?«</p> - -<p>Christiane beruhigte sie und stand auf.</p> - -<p>Wie war das hier so warm und familienhaft!</p> - -<p>»Wirklich kein Likörchen?« bettelte das Fräulein -noch einmal.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a> -Sie mußte zusehen, daß die Damen ohne Stärkung -gingen.</p> - -<p>Draußen flüsterte die Mutter: »Nun schnell zur -Haberkorn – die hat doch schon sicher was gemerkt.«</p> - -<p>Als die Tür aufging, fiel Christianens Blick sofort -wieder auf den Kater. Er stand mit fröhlich gehobenem -Schwanz inmitten eines blanken, kahlen Fußbodens und -leckte sich die Lippen.</p> - -<p>Die Oberlehrerin schien doch etwas zusammenzufahren.</p> - -<p>»Ach,« sagte sie ärgerlich, »verzeihen Sie nur, das -Tier hat sich hierher verirrt – ich pflege es sonst nicht. -Mir bleibt keine Zeit dazu.« Sie deutete auf ihren -Schreibtisch. »Gegenwärtig bin ich mit einer Geschichte -der Sophie-Reutterschule beschäftigt ... fürs Jubiläum -im nächsten Jahr.« Sie ging an die Tür und jagte den -Kater hinaus.</p> - -<p>»Marsch, marsch – –«</p> - -<p>Das Tier quietschte leise auf.</p> - -<p>»Ja, also das fünfzigjährige Jubiläum,« sprach sie -zurückkehrend, während sie Christiane ins Gesicht sah -und jeden Zug in ihm und jede Falte ihres Kleides -studierte, »wir werden doch eine große Feier veranstalten -müssen. Mit Herrn Professor Diermann habe ich -neulich schon über das Programm gesprochen. – Ich -meine – – vor den Ferien,« setzte sie rasch hinzu.</p> - -<p>Christiane sagte nicht viel.</p> - -<p>Sie las in den Augen das wehrhafte Unterlegensein, -die echte Frauenfeindschaft.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a> -Der Raum war der beste der ganzen Etage, denn die -Fenster gingen nach dem Springbrunnen hinaus, und -der grüne Rasen schien herein. Christiane erkannte die -wertvollsten Sachen ihrer Mutter, die noch Rhaneschen -Stempel trugen, aber sie waren nüchtern gestellt und -hatten durch viele Nippsachen, Bilder und scharfgelbe -Gardinen einen kleinbürgerlichen Anstrich erhalten.</p> - -<p>Keine Phantasie, dachte Christiane, kulturlos, ganz -kulturlos.</p> - -<p>Gleich nebenan war das Zimmer des Fräulein -Dorette Jong, das letzte auf dieser Seite der Etage. Ein -bescheidener Raum mit geringeren, verbrauchteren Möbeln, -aber mit einer Unmenge von Blumen und Büchern. -Nicht nur das Handwerkszeug, sondern eigene Bücher, -gelesen, gekannt, zärtlich gestellt, Reihe an Reihe. Rechts -ein Bord, links ein Bord und über dem Sofa noch ein -vollgepacktes Brettchen, an ganz dünnen Drahtfäden hängend. -Es sah ängstlich aus.</p> - -<p>Die Lehrerin hatte den Kater im Arm.</p> - -<p>»Er ist bange,« sagte sie nach unbefangener Begrüßung, -»was hat er denn erlebt? Wie seine Augen -ausschauen, wie seltsam der unbekümmerte Raubtierausdruck -mit einem Schrecken, ich möchte fast sagen, mit -einer seelischen Enttäuschung kämpft –«</p> - -<p>Frau Dorreyter lachte. »Verwöhnen Sie das Tier -nur nicht gar zu sehr! Was haben Sie davon!«</p> - -<p>»Es ist uns gleich,« sprach Fräulein Jong ruhig.</p> - -<p>Sie hob es ein wenig hoch. Es war fast wie eine -zärtliche kundige Mutterbewegung, aber es glänzte auch -etwas Selbstironie in den Finkenaugen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a> -»Ich bin halt nicht so modern,« sagte sie.</p> - -<p>»Vielleicht sind wir das alle nicht,« sprach Christiane.</p> - -<p>»Aber es gibt solche, die schon als alte Jungfern auf -die Welt kommen,« erwiderte die Jong. »Ich gehör dazu. -Als kleines Mädel hab ich mich immer nur gewundert, -daß ich jung bin. Als ich dann unversehens ins -dreißigste Jahr rückte, dacht ich: nun hast du's ja. Nun -kannst du dir ruhig deine Katze anschaffen und die Blumen ...« -Sie deutete zum Fenster. »Frau Hauptmann -schilt wohl immer über den vielen Kram beim Reinemachen, -aber ich bringe sie doch nicht weg.«</p> - -<p>Christiane sagte ruhig: »Es ist doch nicht Ihr Einziges.«</p> - -<p>Die Jong guckte jäh.</p> - -<p>»Ach, die Bücher,« sprach sie langsam, »ja, deswegen -bin ich mein ganzes Leben gefoppt worden. Aber sie sind -doch nun mal meine Leidenschaft, und ich muß immer -welche haben, und morgens in der Schule denk ich schon -immer daran, was für ein Glück mich zu Hause wieder -erwartet.« Sie sah vor sich hin.</p> - -<p>»Wenn die anderen Sie nicht mit ihren vielen Wünschen -stören,« sagte Frau Dorreyter, »die Mai oder Ihre -anderen Schützlinge.«</p> - -<p>»Das gehört dazu,« erwiderte die Jong.</p> - -<p>Frau Dorreyter hielt es jetzt für an der Zeit, mit -ihrer Bitte herauszurücken, und das Fräulein war gleich -dabei.</p> - -<p>»Gewiß behalt ich sie. Das stört mich gar nicht. -Hier auf dem Sofa kann sie schlafen. Nur die Bücher -<a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a> -muß ich vom Bord nehmen, sonst fallen sie ihr schließlich -noch auf den Kopf.« Sie lachte.</p> - -<p>Da klingelte es an der Korridortür.</p> - -<p>»Das wird sie sein,« sprach Frau Dorreyter.</p> - -<p>Klein und ängstlich trat die Wehrendorf ein. Die -Kartons, die ihre Habe enthielten, hatte sie draußen auf -dem Flur gelassen.</p> - -<p>Sie war sehr verlegen.</p> - -<p>»Immer Courage,« sagte die Jong, »vor mir brauchen -Sie sich nicht zu genieren, wir sind ja Kolleginnen, -da hilft doch mal eine der anderen. Und später rücken -Sie hier ganz in unseren hohen Kreis ein – in den der -Damen vom Reutterschloß!«</p> - -<p>»Wenn es nur würde,« sprach die Wehrendorf.</p> - -<p>»Es wird schon. Nur immer Mut. Es stört Sie doch -nicht, daß Sie noch keine eigene Stube haben?«</p> - -<p>Ada hob nur die Schultern. Leise sagte sie: »Ich -hätte dort im Hospiz morgen ... nicht mehr wohnen -können.«</p> - -<p>»Sie armes Tier. Na, das ist keine Beleidigung, -mir sind die Tiere so gut wie die Menschen. Kommen -Sie, wir wollen auspacken!«</p> - -<p>Frau Dorreyter eilte hinaus, um Kaffee zu holen, -und Christiane folgte ihr.</p> - -<p>Auf dem Gang begegneten ihr Mai Friedlein und -die Kanarienvögel, die eben heimkamen. Die prangende -Schönheit Mais bestürzte sie wieder wie beim ersten Anblick -– die gehörte nicht vor Schulbänke, sondern in seidene -Kleider und in heiße Hände, zu Liebe und Verlangen! -Das war die Eva aller Zeiten.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a> -Während des Gesprächs wurde ihr Urteil kühler – -viel Temperament und Intelligenz schien nicht vorhanden. -Flüchtig sah sie in Mais Zimmer, einen überputzten, -hellen Mädchenraum mit dem Geruch von Parfüm -und gebrannten Haaren.</p> - -<p>Die Kanarienvögel hausten dagegen in einem engen -Hofkämmerchen, dessen einziger Schmuck ein großes Plakat -über den Betten war: ›Mensch, ärgere dich nicht!‹ Auf -dem Tisch stand eine Schachtel Schokolade.</p> - -<p>Als Christiane nachher heimging, hatte sie neben -dem Eindruck ihres seltsam verwandelten und belebten -Jugendheims das Gefühl, ihre Mitarbeiterinnen an dem -Nachmittag ganz gut kennen gelernt zu haben.</p> - -<p class="ce mt1 mb1">* * *</p> - -<p>Es war nach einem Abendessen beim Regierungsrat -von Cöldt.</p> - -<p>Der Kreis war nur klein, denn große Gesellschaften -gaben Cöldts nicht, nur das Allernotwendigste, denn die -Hausfrau war zu leidend.</p> - -<p>Übrigens sah sie an dem Abend sehr gut aus, oder -sah sie abends immer besser aus? Es war viel Reiz an -ihr, etwas gradezu sentimental Schmachtendes. Und -doch wußte man in der Stadt, daß sie nicht schmachtete, -oben und unten wußte man's; oben durch ihre Frauenvereinsdamen, -unten durch die Dienstboten. Schon manches -hübsche Mädel, das im Hause gewesen war, hatte -dem schlanken Hausherrn mitleidig und verlangend nachgeguckt.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a> -Er hatte jetzt eine merkwürdig stille, verschlossene -Art, und grade die widerstrebte Christiane plötzlich an -ihm. Absichtlich, um ihn aufzuscheuchen, um zu forschen, -brachte sie die Rede auf die Ostmark.</p> - -<p>Sie saßen im Salon. Herren und Damen waren -nach Tische nicht getrennt worden, aber es hatte sich in -dem großen Raume von selbst eine gewisse Schiebung -vollzogen: links mehr das männliche, rechts fast nur das -weibliche Element. Christiane saß bei den Herren.</p> - -<p>Der Präsident war auch anwesend.</p> - -<p>Sonst fiel ihr nur der Assessor Wratislaw von -Wratislawski auf, trotz seines Namens ein Deutscher, -von großer Rassenhäßlichkeit. Er hatte einen Doggenkopf, -der durch die Korpsstudentenspuren und das Lebemannsdasein -fast gefährlich ausdrucksvoll geworden war. -Seine Sprechweise störte; er redete so zart meckernd, daß -man unwillkürlich glaubte, er hätte noch eine andere in -der Tasche, wie etwa ein zweites Paar Handschuhe. Seine -Blicke waren heimlich über Christiane hingeschossen, aber -sie war nicht nach seinem Geschmack. Er sollte allerhand -Verhältnisse in Bürgerkreisen haben.</p> - -<p>Der Assessor, der auch im Posenschen bekannt war, -horchte bei Christianens Worten auf und meinte, die -Sache ginge jetzt ja gut voran. Er sei vor einiger Zeit -mal wieder durch Posen gekommen und hätte nur immer -gestaunt, wie sich alles verwandelt habe. Überall neue -Häuser und Großstadtstraßen! Alles ganz preußisch!</p> - -<p>Ludwig sah auf.</p> - -<p>»Ein paar gute Bauten mögen hinzugekommen sein, -aber in der Hauptsache sind es doch Mietskasernen. Wälle -<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a> -und Bäume sind fort, dafür steht ein kleiner Ring -Deutschtum mitten im Polnischen.«</p> - -<p>Sie schaute ihn an.</p> - -<p>»Es ist also noch nichts gewonnen?«</p> - -<p>»Nichts,« sagte er.</p> - -<p>Sie sann und sah wieder die Wälle und Bäume, die -wilden Kirchhöfe. Sie sah das Sonnengold hinter dem -Dom stehen und sah die unendliche Ebene.</p> - -<p>Die Bäume und Wälle hatte man entfernt. Aber -die polnische Ebene war geblieben.</p> - -<p>Sie blickte Ludwig wieder an und wartete auf eine -Äußerung, die ihr verriet, daß er mit der Sache noch -immer nicht ganz fertig war, sondern daß seine Gedanken -noch immer darum spielten, daß seine Hände heimlich -nach dem alten Werk griffen.</p> - -<p>Aber er sagte nichts mehr.</p> - -<p>Sein Blick glitt zerstreut durch den Raum, um sich -sofort voll verbindlicher Aufmerksamkeit auf den Präsidenten -zu richten.</p> - -<p>Auch die übrigen sprachen längst von etwas Anderem.</p> - -<p>Christiane merkte, daß sie nicht mehr in diesen Kreis -paßte.</p> - -<p>Sie sprach nur flüchtig mit, aber ihre Blicke glitten -umher, und alles in ihr spannte sich in hellsichtiger Menschenbeobachtung.</p> - -<p>Sie erkannte wieder, wie gering die Schicht Bildung -auch bei den Menschen ist, die sich doch zu den Oberen -zählen. Mit welch eng begrenztem geistigem Weidegebiet -sich die meisten begnügen, wie unendlich bescheiden -in dieser Richtung die sonst so Unbescheidenen sind.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a> -Sie empfand wieder, daß geistige Kultur in der -Gegenwart etwas ganz Seltenes ist, die nur eine mäßige -Zahl besitzt, während Tausende in dumpfem Jammer -vergeblich danach tasten und die große Mehrheit ganz -gut ohne sie fertig wird.</p> - -<p>Ironisch horchte sie auf Flugergebnisse, die eben berichtet -wurden, und dachte: ja, das ist etwas, das auch -vom engsten Weideplatz aus begriffen wird. Aber daß -es noch anderes gibt, immer gegeben hat, daß unendliche -Massen geistigen Schaffens längst vorhanden sind, das -wissen und brauchen die Vielen weder für ihr Leben noch -für ihren Tod.</p> - -<p>Daß grade Ludwig trotz seiner Erziehung in seinem -Denken nicht einseitig war, sondern alle Dinge und Gedanken -des Lebens suchend und blitzend umfaßte, daß -man bei ihm nie an die sperrende Hürde kam, hatte sie -früher, wenn auch anfangs mehr unbewußt, am meisten -gepackt. Er war ein Aristokrat der Kultur.</p> - -<p>Jetzt konnte er nicht anders geworden sein und war -es auch nicht. Aber nach außen war es verkapselt, auch -ihr gegenüber, so daß sie wieder und wieder ins Irren -kam – – Nach dem Schaffen hin war er verkapselt, -stummer regloser, gleichgültiger, und nach der Kleinstadt -hin hatte er sich geöffnet – –</p> - -<p>Er war glatt geworden, sehr glatt.</p> - -<p>Die Unterhaltung mit dem Chef plätscherte – Jagd -oder wovon redeten sie sonst? Sie mußten ausgezeichnet -harmonieren. Christiane erschien der Herr mit dem uralten -Namen plötzlich als ein rechter Spießer.</p> - -<p>Der Assessor von Wratislawski stand leise auf und -<a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a> -pirschte sich sacht nach der weiblichen Seite hinüber, wo -die Unterhaltung kürzeren Wellenschlag hatte. Die Frau -Geheimrat Meckebier hörte man aus allem heraus.</p> - -<p>Christianens Gedanken strömten unwillkürlich zu -ihrer Arbeit hin, was ihr sonst in geistvollem Kreise selten -geschah. Im Gegenteil konnte sie sie oft kräftig vergessen.</p> - -<p>»Ach, Fräulein Doktor, wie macht sich meine -Jüngste?« Frau Colb rauschte zu ihr heran, der Titel -wollte nicht so recht über ihre Zunge; sie quetschte ihn. -»Es freut uns sehr, daß Sie hier sind, wir rechnen ganz -besonders auf gute Mitarbeiterschaft.« Sie setzte sich -neben sie. »Das war Ihnen doch wohl eine kleine Überraschung, -daß in der Heimat inzwischen auch moderne -Frauen entstanden waren –? Ich nehme an, daß Sie -von unserem Verein gehört haben. Meine Nichte, die -jetzt zu Besuch ist, war von unseren Arbeiten ganz entzückt.«</p> - -<p>»Kann ich erfahren, was Sie schon erreicht haben, -gnädige Frau?«</p> - -<p>»Nun – das warme Frühstück für die Schulkinder, -dann eine Flickstube. Und jetzt sind wir dabei, dafür zu -sorgen, daß alle bedürftigen Wöchnerinnen wenigstens -acht Tage lang eine warme Suppe bekommen. Wir -lassen auch Vorträge halten, und ich bin eben dabei, unsern -Herrn von Wratislawski zu gewinnen – er soll -uns über die Reichsverfassung belehren.«</p> - -<p>Christiane hob den Kopf. »Sie nennen sich moderne -Frauen?«</p> - -<p>»Allerdings. Unser Verein bekennt sich zu fortschrittlichen -<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a> -Grundsätzen. Wir wollen die Leistungsfähigkeit -der Frau auf allen Gebieten heben. Mit dem alten -Kram räumen wir auf. Alle unsere Mitglieder sind -tapfer dabei. Unsere gute Frau von Cöldt opfert sich -förmlich, trotz ihrer schwachen Gesundheit.«</p> - -<p>Christiane sah nach der Schwester, die in eifriger -Unterhaltung mit der Kommerzienrätin saß, wobei ihre -Lider wie immer in süß unbewußtem Schmachten niedergeschlagen -waren.</p> - -<p>So, tat sie das?</p> - -<p>»Ich könnte Ihrem Verein ein sehr dankbares Werk -weisen, gnädige Frau,« sagte Christiane langsam, »haben -Sie wohl einmal der Frauen in der Stadt gedacht, -die da – arbeiten? Die also praktische oder – ich -will lieber sagen – unbewußte Frauenrechtlerinnen -sind –?«</p> - -<p>»Wie meinen Sie, Fräulein ... Doktor?«</p> - -<p>»Nicht die Unterschicht, sondern die gebildeten Mädchen, -die hier ihr Brot verdienen.«</p> - -<p>»Ja, aber ... ich verstehe noch nicht ...«</p> - -<p>»Ich meine, daß sich zwischen Ihnen, den fortschrittlich -gesinnten Frauen, und diesen jungen Mädchen, die der -Fortschritt gepackt hat, vielleicht eine Brücke schlagen -ließe. Es wird so manche hier sein, der das einsame -Geldverdienen noch schwer fällt, so manche aus gutem -Haus, die in der fremden Luft und in den fremden Gefahren -zittert und einen guten Anhalt ersehnt. Ich -glaube, da sind viele, die zwar in ihrer Arbeit froh sind, -aber sich in den Freistunden vor Einsamkeit verzehren, -weil sie von ihrer Familie versprengt und im Herzen -<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a> -wählerisch sind, denen könnten die modernen Markburger -Damen ein wenig helfen –«</p> - -<p>Frau Colbs befremdeter Blick schoß nach links und -nach rechts zu ihren Freundinnen. Eine kleine Stille -trat ein. Sogar der Assessor hörte zu. Hardi sah Christiane -merkwürdig spöttisch an.</p> - -<p>»Ich sehe da ein schönes Arbeitsgebiet für Ihren -Verein,« sprach Christiane, »allerdings keine – Wohltätigkeit.«</p> - -<p>»Aber diese jungen Mädchen gehören doch nicht zu -uns,« sagte Frau Colb.</p> - -<p>»Sie <em class="ge">arbeiten</em>,« antwortete Christiane, indem -sie die Dame fest anblickte.</p> - -<p>»Ja eben deshalb ... solche Elemente ...« Frau -Colb biß sich auf die Lippen, denn ihr fiel ein, daß die -Sprecherin ja auch dazu gehörte, wenngleich sie die -Schwägerin des Herrn von Cöldt war.</p> - -<p>Ratlos sah sie sich um.</p> - -<p>»Unter meinen Lehrerinnen sind einige, die, wie ich -genau weiß, sehr einsam sind,« fuhr Christiane ruhig -fort, »denn der Verkehr untereinander ist auf die Dauer -doch recht einseitig.«</p> - -<p>»Es steht ja nichts im Wege, daß die Damen sich an -unserem Wirken beteiligen.«</p> - -<p>»Verzeihen Sie, gnädige Frau – ich glaube nicht, -daß es sie nach ihrem strengen Schaffen noch nach – -Wöchnerinnenpflege zieht,« entgegnete Christiane ironisch, -»aber eine Heimat brauchten sie, Anschluß, etwas -Geselligkeit und Freude – Erholung –! Grade da -müßten sich Ihre Interessen über alle herkömmliche -<a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a> -Wohltätigkeit hinweg berühren,« fuhr sie fort, »die Mütterlichkeit -der modernen lebenserfahrenen Frau gegenüber -den einsamen Schwestern, von denen ein volles Werk -verlangt wird.«</p> - -<p>Frau Justizrat räusperte sich und schickte ein unsicheres -Lächeln voll Hochmut ringsum.</p> - -<p>»Man merkt, daß Sie hier doch recht ... fremd geworden -sind, Fräulein Doktor,« sprach sie, und diesmal -kam der Titel scharf heraus, fast zugespitzt und verächtlich -hingetan, »wir Damen der Gesellschaft haben da so -vielerlei Rücksichten zu nehmen, dergleichen geht nicht so -leicht, nicht wahr, meine liebe Frau von Cöldt? Auch -würde uns die Zeit dazu wirklich fehlen ...«</p> - -<p>Sie wandte sich rasch dem Assessor zu und begann ihn -von neuem wegen der Reichsverfassung zu bearbeiten.</p> - -<p class="ce mt1 mb1">* * *</p> - -<p>Als Christiane an dem Abend in Mantel und Tuch -ziemlich als die Letzte aus dem Cöldtschen Hause trat, -kam ihr Ludwig nach.</p> - -<p>»Verzeih,« sagte er, »der Präsident hielt mich eben -noch fest –«</p> - -<p>»Du willst mich begleiten?« Ihre Augen kniffen -sich lustig, »Ludwig, glaubst du nicht, daß ich unter ähnlichen -Umständen schon oft allein gegangen bin?«</p> - -<p>Er sagte nichts.</p> - -<p>»Genau so, wie die jungen Mädchen, die die Markburger -modernen Frauen verachten.« Sie lachte.</p> - -<p>Er entgegnete noch immer nichts. Sein Blick fuhr -<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a> -am Hause empor. Eben erhellte sich Hardis Schlafzimmer.</p> - -<p>Sie gingen an den dunklen Gärten der Villenstraße -entlang. Man roch den Rasen, die Sträucher, die Erde -und, ach, von drüben her den Wald. Man sah ihn nicht. -Aber man fühlte die Stämme mit ihren ungeheuren -Massen von luftgierigen Blättern oder Nadeln, die -Eichen, die Tannen, die Buchen und versprengten Linden -und fühlte ihren tiefen Herbst.</p> - -<p>Christiane dachte jetzt nicht an die törichte Süßigkeit -des Vergangenen. Ihr Sinn wühlte sich in die andere -Seite ihres Lebens zurück, in das Schaffen, Grübeln -und einsame Leisten, in Gedanken an die vielen, die -ebenso wirkend ihren Weg gekreuzt hatten, an so manches -Mädchen, so manche Frau aus der Höhe, gleichfalls getrieben -vom Muß oder vom Entschluß. Sie sah die -Zeiten voll eiserner Aufsichgestelltheit, voll Konzentration, -voll hoch emporflackernder Zweifel, voll geistiger -Belebtheit, die durchlesenen oder durchlernten Nächte, -ganz nahe am starken Wissen der Menschheit, die Stunden -in der Schule, in denen immer und immer Energie -da sein mußte, in denen stets die Kritik neben dem Schaffen -stand und kein Nachlassen sehen durfte, und verglich damit -die Existenzen dieser kleinstädtisch gehegten und -gepflegten, in ihren Sippenerlebnissen aufgehenden -Frauen, an die ganz von fern ein neuer Wind gestrichen -war und die die fremde Sache in gänzlichem Unverständnis -zu einer Art Kränzchensport und sanftem Zeitvertreib -machten – ach, da gab es keinen Vergleich – –!</p> - -<p>Sie ging rasch und federnd. Alles in ihr war -<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a> -Frische und Bejahen des Lebens, so wie es für sie -war!</p> - -<p>Er schritt müde, gebeugt.</p> - -<p>An nichts rühren, dachte sie. Leise, leise gehen – -wir wandern aneinander vorbei.</p> - -<p>Ich will es auch. Ich brauche ihn nicht mehr. Etwas -in mir klingt nicht mehr. Es mußte alles so sein. Aber -– ich brauche ihn nicht mehr.</p> - -<p>Jetzt waren sie am Gartengitter des Reutterschlosses -und schauten beide an dem Hause empor, dessen feste, -schöne Linien sich abzeichneten, vom Waldduft umweht.</p> - -<p>»Wie wundervoll, daß ich hier wenigstens <em class="ge">das</em> -habe,« sagte sie lebhaft, »eine Welt abseits aller Spießer! -Ludwig, wie stolz bin ich auf mein Heim, auf alles selber -Erworbene – immer wieder schaue und staune ich – es -ist so schön!«</p> - -<p>»Ja, das ist dein Reich,« sagte er langsam.</p> - -<p>Er küßte ihr die Hand und ging.</p> - -<p>Die Hausmannsfrau leuchtete Christiane in ihre -Wohnung hinauf. Das Licht fiel grade auf die ›eiserne -Wehr‹.</p> - -<p>Ein leiser Schauer überrann sie. Aber sie lächelte -noch immer. –</p> - -<p>Cöldt ging durch die Allee wieder zurück. Er atmete -den Wald.</p> - -<p>Weiter oben am Bahnübergang sah er noch einmal -nach dem Reutterschloß zurück.</p> - -<p>Auch von dort glühten ihm zwei helle Fenster entgegen, -wie vorhin von Hardis Zimmer.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a> -Ein schweres Begehren schwoll in ihm auf, das -Mannesbegehren überhaupt und das Begehren nach -Christiane.</p> - -<p>In den Wochen nach ihrer damaligen Abreise, als -nur die spröde, jüngferlich feindliche Frau um ihn war, -hatte er sich entschlossen sich freizumachen, trotz allem, was -daran hing. Von Tag zu Tag wurde sein Wille fester. -Und dann wollte er mit Hardi davon sprechen.</p> - -<p>Es war Abend, rot stand es über den Wällen, im -Zimmer brannte noch kein Licht. Da fing er an zu -reden. Er ging dabei auf und ab – sie richtete sich -empor und sah nach ihm. Sie kam zu ihm. Er merkte, -daß sie ihn gar nicht verstand. Sie schluchzte. Sie legte -die Arme um ihn. So hatte sie es nie getan. So – -nicht.</p> - -<p>Sie war seine Frau.</p> - -<p>Und dann kamen wieder die Stunden, in denen sie -mit ihrem furchtbaren Leiden kämpfte. Und die Wochen, -in denen es nicht besser werden wollte und Arzt auf Arzt -ins Haus kam und die Krankenluft durch alle Zimmer -drang. Aber er war getrost: er hatte ja das Kind.</p> - -<p>In der Zeit war Christiane für ihn verschwunden.</p> - -<p>Geduldig ließ er Hardi von Bad zu Bad reisen, begleitete -sie zu verschiedenen Kuren, geduldig nahm er es -hin, daß sie immer und immer schonungsbedürftig blieb -– es war ja noch Licht da, eine rührende Kostbarkeit, ihr -Liebesopfer.</p> - -<p>Bis ihm allmählich der Charakter des Kindes klar -wurde, bis die Züge sich unerbittlich zusammenfügten, -bis das Erkennen überhaupt über ihn kam und er alles -<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a> -– begriff. Das Kind gehörte ihm im Herzen nicht, so -wenig wie die Mutter im Herzen aufrichtig sein gewesen -war; es verriet in seiner Art allen inneren Widerstand, -alle Starrheit, alles feindliche Muß; es liebte keinen.</p> - -<p>Und nun ging das Leben weiter. Wie ein Gewicht -hing sich Hardi an ihn, nahm ihm sein liebstes Werk, -und die Leute fanden es ehemännisch korrekt, daß er es -gab. Er kehrte in die Stadt zurück, in der keine besondere -Leistung ihn erwartete, aber die kranke Frau hatte -hier einen harmlosen Zeitvertreib in ihrem Verein, ein -flaches Sichbeschäftigen mit dem Kind und den Haushaltsdingen -und fühlte sich im Grunde ganz behaglich.</p> - -<p>Sie verlangte nichts weiter, als Rücksicht, Rücksicht.</p> - -<p>Und er?</p> - -<p>Er war in der ganzen Zeit nie vom Wege abgewichen.</p> - -<p>Jetzt kam er an sein Haus zurück und sah, daß Hardis -Zimmer schon dunkel war.</p> - -<p>Im Eßzimmer räumten noch die Mädchen und das -Fräulein. Sonst war alles still.</p> - -<p>Er ging in sein Zimmer und machte Licht. Er wollte -noch ein Buch holen und griff einen bekannten Band.</p> - -<p>Der Abend – allein – dachte er bitter.</p> - -<p class="ce mt1 mb1">* * *</p> - -<p>Gesenkten Kopfes und sehr hurtig ging die kleine -Wehrendorf nach dem Reutterschloß. Ein wenig stolz -war sie schon, aber das Bangen ließ sie nicht los.</p> - -<p>Ihre Gesundheit war so sehr schwach. Der Husten -<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a> -blieb und blieb und störte nachts die Jong, obwohl die -es nicht wahr haben wollte.</p> - -<p>Das kam von den vielen heimatlosen Jahren. Nach -den verschiedenen Stellungen gab es immer nur ein -angstvolles Intermezzo in irgend einem Heim oder -Hospiz, ein unruhiges Zählen des Geldes – wie lange -reichte es noch? Ihre Aussichten wurden immer ungünstiger. -Sie wußte, wenn sie diesmal nicht festwurzelte, -anderswo kam sie nicht mehr an, dann war sie -zu alt. Und neuen Kampf, neues Sicheinrichten hielt -ihr Körper auch nicht mehr aus.</p> - -<p>Christiane hatte ihr eine junge und kleine Klasse gegeben. -Nein, da war es nicht schwer. Diese achtjährigen -Dinger waren so sanft und niedlich, das Herz wurde ihr -immer wärmer bei ihnen – irgend etwas stieg aus ihrer -Seele herauf, das klammerte sich gierig an sie. Abends -konnte sie schweigsam sitzen und an die eine oder die andere -denken, jedes Lächeln, jedes reine Wort, jeden lieblichen -Kinderblick vergegenwärtigte sie sich dann – von -oben bis unten war sie in Wärme gehüllt.</p> - -<p>Sie schaute auf. Da kam Fräulein Friedlein. Wie -leicht die ging, und wie schön sie aussah. Da kam ja auch -ein Herr, der sie grüßte, ein großer, schwarzer – häßlich -war er – aber sie schienen sich doch wohl ganz gut -leiden zu können –?</p> - -<p>Er blieb sogar stehen und sah ihr nach.</p> - -<p>Ach, nun nahte die Schlimmste – die Haberkorn. -Tausend verquälte Lebensstunden erschienen vor Ada, -wenn sie die Oberlehrerin sah. Die gibt es vielmals auf -der Welt, dachte sie.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a> -Aber die Haberkorn guckte jetzt nur nach der Friedlein, -ihr Gesicht war scharf.</p> - -<p>Wahrscheinlich hatte sie den überaus höflichen Gruß -des Herrn auch gesehen.</p> - -<p>Ada war dergleichen sehr gleichgültig, sie hatte keinen -Sinn für Liebesgeschichten. Nie war ihr der unerhörte -Gedanke gekommen, daß sich jemand für sie interessieren, -daß einer sie hätte heiraten können! Ihre -Wünsche und kühnsten Träume hatten sich nie so weit -verstiegen.</p> - -<p>Ihr ganzes Lebensideal war – die Arbeit, die Kinder, -ein gutes, sicheres Schaffen! Und dann noch etwas -– ein eigenes Zimmer zu besitzen. Einmal im eigenen -Raume ungestört zu sein, Tag und Nacht, eigene Sachen -um sich zu haben. Sie dachte an das Wohnen im Glaserker, -im Badezimmer – in ihrem Erzieherinnenleben -hatte sie noch manches andere Derartige kennen gelernt – -oder sie hatte bei den Zöglingen schlafen müssen, wie in -der Villa Cöldt.</p> - -<p>Wenn sie angestellt würde! An der Schule bleiben -könnte – dann vielleicht! Jetzt betrug ihr Gehalt als -Hilfslehrerin nur sechzig Mark, mehr hatte das Patronat -für sie nicht bewilligen wollen, und dann war in der -Pension auch kein anderes Zimmer frei.</p> - -<p>Scheu bewundernd sah sie am Reutterschloß empor -– wie schön war es, hier zu wohnen – so zu sein, wie -Christiane. Fräulein Doktor – sie sagte es lautlos vor -sich hin, es schien ihr unerhört und sehr groß, daß eine -Frau so weit kommen konnte!</p> - -<p>Im Schulhaus senkte sie den Kopf wieder. Wie die -<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a> -Großen nur guckten. Jetzt lachten sie – sicher über sie -– über ihre verschossene Bluse. Ach ja, darüber hatte -schon manche gelacht.</p> - -<p>Als sie in die Klasse trat, wurde ihr wieder tröstlich -zumute. All die braunen und blauen Augen, die sich -auf sie richteten, all die Locken und Zöpfchen, die jetzt -mit in Bewegung kamen – die ganze Schar drängte auf -sie zu und gab ihr die Pfötchen.</p> - -<p>Eben wollte sie mit ihnen beten, ein Kindergebet, -das sie so gläubig sprechen konnte, als ob sie selbst ein -Kind sei – da ging die Türe auf. Die Vorsteherin, und -hinter ihr – erbarm sich der Himmel – die kleine -Cöldt! Sie sah schon die grünschillernden, kalten, höhnischen -Augen – ja, das war sie.</p> - -<p>»Hier ist deine ehemalige Schülerin,« sagte Christiane, -»sie soll jetzt hier sein, denn für die höhere Klasse -ist sie noch nicht reif genug.« Ein jäher Zweifelblick -brach aus ihren Augen. Dann fügte sie aber hinzu: -»Das Pensum hier wird sie sicher schaffen.«</p> - -<p>Ada konnte nichts weiter sagen.</p> - -<p>Die Leiterin ging.</p> - -<p>Ada setzte Hanni Cöldt weit nach hinten. Sie mochte -sie nicht so nahe haben. Dabei kam ihr aber wieder Besorgnis -– dort war sie ja kaum zu beobachten! Und -Hanni – Hanni Cöldt! Ein Schauder überlief sie, wenn -sie an das vergangene Jahr dachte – davon hatte niemand -etwas gewußt, und es war auch ganz lautlos geschehen -– dieses hartherzige, erbarmungslose Quälen. -So konnte nur die kleine Cöldt quälen! Ada sah die -grünlichen, engen, klaren Augen vor sich – die hatte kein -<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a> -Herz. Kein Fünkchen Liebe. Überhaupt keine Seele. -Die war hart in sich.</p> - -<p>Sie begann ihren Unterricht. Die Augen der kleinen -Mädchen taten sich groß auf – so schön hatten sie -die Geschichte noch nie gehört! Ada wunderte sich selbst, -wie leicht es ging, wie die Worte ihr so glatt und farbig -kamen – wenn sie es immer so machte, auch wenn der -Schulrat kam, dann wurde sie angestellt. Ihr Herz wurde -leicht.</p> - -<p>Da – auf einmal – ein Kichern. Es verflog. Sie -sprach weiter, wollte es nicht gehört haben, es gab so -leicht Unannehmlichkeiten – da, schon wieder. Sie -guckte. Die eiskalten Augen der kleinen Cöldt begegneten -ihr.</p> - -<p>»Hanni,« sagte sie.</p> - -<p>Nach einer Weile ertönte wieder das Lachen. Jetzt -merkte sie, daß alle Kinder unruhig waren, sie hörten -kaum auf ihre Erzählung. Irgend etwas war ihnen -zugeflüstert worden und machte die Runde – ein Wort -über sie.</p> - -<p>Ada starrte in die verwandelten Gesichter, sie fragte -– keine Antwort. Die Cöldt sah sie mit spöttischer -Ruhe an.</p> - -<p>In der Pause überlegte die Wehrendorf verstört: -sollte sie es Christiane sagen? Sie bitten: nimm das -Kind wieder fort? Aber das war ein Eingeständnis -ihrer Machtlosigkeit. Und sie wußte auch, daß Christiane -ihr das Kind auch nicht wieder gebracht haben würde, -wenn ein anderer Ausweg möglich gewesen wäre.</p> - -<p>Hoffentlich würde sie sich selbst darum kümmern. –</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a> -Die Haberkorn flüsterte mit der Seifert. Frau Geheimrat -Meckebier habe neulich eine Andeutung über das -Fräulein Doktor gemacht – keine sehr wohlwollende –! -Zwar hatte sie sich nicht näher geäußert, aber es war doch -zu verstehen: die Dorreyter mußte bei den Patronatsdamen -irgendwo angestoßen haben! Na, wenn man sie -auch schon sah – dieser Hochmut! Dieses steile, kühle -Wesen! Die guckte ja über alle hinweg!</p> - -<p>Die Herren, der Junggeselle Dreher und Doktor -Korn, kümmerten sich nicht weiter um solche Dinge, nachdem -sie erkannt hatten, daß das Fräulein Doktor ihnen -durchaus in vornehmer Weise Freiheit ließ. Korn erzählte -manchmal ein paar listige Beobachtungen der -Kolleginnen seiner Frau zu Hause. Sie waren sehr glückliche -Leute, die lange aufeinander gewartet hatten, und -waren mit ihrem Los zufrieden.</p> - -<p>Der Zeichenlehrer aber war von Christiane ganz entzückt.</p> - -<p>Mit großer Zartheit war er von ihr auf einen -neuen Weg geleitet worden, auf dem er etwas aus seiner -melancholischen Kleinstadtlethargie aufwachte.</p> - -<p>Jetzt merkte er auf einmal, daß sich hier im verachteten -Amt auch etwas wie eine feine Kunst bot, neben -der seine bisherigen eigenen, gänzlich erfolglosen künstlerischen -Versuche kläglich verblichen.</p> - -<p>Oberlehrer Dreher beobachtete Christiane von seinem -phlegmatischen Junggesellenstandpunkt aus.</p> - -<p>Dieses viel beredete und beguckte Fräulein Doktor -Dorreyter – eigentlich eine ganz interessante Erscheinung! -Er sah ihr manchmal sinnend nach, schattenhaft -<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a> -stieg ein ungewohnter Begriff vor ihm auf: große -Dame.</p> - -<p>Die paßte kaum hierher.</p> - -<p>Seine Kollegen vom Stammtisch im ›Deutschen -Kaiser‹ begannen ihn zu necken – er suchte ja eine Frau! -Wenigstens war er schon seit langem weder mit seiner -Wirtin, noch mit seinem Essen zufrieden. Ob er denn -da nicht vielleicht den Versuch machen wollte – es böte -sich ihm doch die beste Gelegenheit – Brr – er erschrak -förmlich, wenn er's hörte!</p> - -<p>Die Friedlein dagegen, die blonde Mai – eben -huschte sie wieder in seiner Nähe vorbei – schön war sie, -und mehr als einmal hatte er sich schon in sie verliebt. -Aber entschließen konnte er sich nicht – ihre Toiletten -kosteten sichtlich recht viel Geld und – sie war ihm eigentlich -zu schön. –</p> - -<p>Christiane traf Professor Diermann auf dem Korridor. -Sein Hut glitt lässig vom Kopfe, seine Augen -blickten sie gehässig an – sie hielt ihn fest und sprach mit -ihm.</p> - -<p>Er verbarg seine Aufregung – er hatte nichts verstanden! -Diese dunkle Stimme war so schwer zu vernehmen. -Er hatte auf ihre Lippen geguckt, aber es war -ihm keine Klarheit geworden.</p> - -<p>Nun ging er zu seinen Schülerinnen. Für heute -hätte ich eigentlich schon genug, dachte er.</p> - -<p>Es war sehr heiß. Die Sonne brannte sommertagswarm -über den Oktoberfeldern. Er fühlte sich sehr -schlecht. Als er in den Physiksaal trat, empfand er wieder: -ich kann heute nicht. Er winkte dem jungen Mädchen -<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a> -ab, das ihm bei den Apparaten behilflich sein wollte, -und stellte sich ans offene Fenster. Hier war Schattenseite. -Aus dem Garten stieg ein herbstlicher Würzduft -herauf. Ah – was war das nur, das ihm die Lungen so -zusammenschnürte – was war das – –?</p> - -<p>Hinter ihm hatten die Mädchen sacht zu zischeln begonnen, -jetzt schwatzten sie ungeniert. Sie redeten über -seinen Kopf weg – er verstand ja doch nichts!</p> - -<p>Er hörte auch nichts. Der Schweiß kroch auf seine -Stirn – was war denn das – – –</p> - -<p>Er bog sich vor, um noch mehr von der frischen Luft -zu spüren, aber von draußen aus dem blauen Tag schien -eine sonderbare Dunkelheit zu ihm zu kommen – was – -was – – ah – jetzt war es wieder weg!</p> - -<p>Er wandte sich – da sah er das Fräulein Doktor -mitten im Saal. Sie redete mit den jungen Mädchen.</p> - -<p>»Ich hatte Sie eigentlich sprechen wollen, Herr Professor,« -sagte sie nun, auf ihn zutretend, »Sie wissen –«</p> - -<p>Nein, er wußte nichts. Er hatte ja nichts verstanden. -Der Ärger durchlohte ihn.</p> - -<p>»Sie scheinen krank, Herr Professor,« sagte sie nun, -»ich bin gern bereit, Sie zu vertreten – –«</p> - -<p>Er starrte sie an – ihm schien Klarheit zu kommen.</p> - -<p>Er sah auch die betroffenen Gesichter der Mädchen.</p> - -<p>»Nein, nein, danke,« murmelte er, »sehr liebenswürdig -– mir ist wohl. Ganz wohl.«</p> - -<p>Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, sein Herz -raste. Jäh huschte sein Blick zum Fenster.</p> - -<p>»Mir ist ganz wohl.«</p> - -<p>Krank sein kann man wohl, wenn man jung ist. -<a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a> -Wenn nichts in Gefahr ist. Aber jetzt – jetzt – zwei -Jahre mußte es noch gehen – die letzte Gehaltszulage -mußte er noch haben! Zwei Jahre noch!</p> - -<p>In seinen Augen stand die Angst. Seine Hände -zitterten, als er nach den Apparaten griff. Er hatte -keine Ahnung, was heute eigentlich durchgenommen werden -sollte ... jetzt winkte er Betty von Kramer und -befragte sie leise – nun wußte er's.</p> - -<p>Er griff nach dem Reagenzglase, das ihm Betty -reichte. Ganz deutlich sah er eine bräunliche Lösung -darin und wollte es nehmen, aber dicht vor seinen Fingern -fiel es zu Boden und zerschellte.</p> - -<p>»Herr Professor, ich bitte Sie herzlich – ruhen Sie -sich heute lieber aus.«</p> - -<p>Er fuhr herum.</p> - -<p>Da stand sie ja noch.</p> - -<p>Sein Fuß trat in die Splitter.</p> - -<p>Wahnsinnige Verwirrung erfüllte ihn. Was war -das denn? Was wollte sie? Warum ließ sie ihn nicht in -Ruhe? Die sollte fort – fort – –</p> - -<p>Die – die – – –</p> - -<p>Er stotterte etwas. Oder schrie er etwas?</p> - -<p>Die Schar der Mädchen fuhr mit einem entsetzten -Rauschen auf. Das hörte er noch. Zugleich verlosch der -blaue Tag für ihn. Die Dunkelheit, die heimlich draußen -gelauert hatte, brach herein und riß ihn zu Boden.</p> - -<p>Man brachte ihn besinnungslos nach Hause.</p> - -<p class="ce mt1 mb1">* * *</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a> -Christiane schrieb an Käthe Arndt und fragte, ob sie -nicht Lust hätte, zu ihr zu kommen. Es sei Platz an der -Reutterschule.</p> - -<p>Der Arzt hatte Christiane verraten, daß der Professor -nicht mehr in sein Amt zurückkehren würde.</p> - -<p>Warum denke ich an die Arndt? fragte sich Christiane.</p> - -<p>Brauche ich jemand von – früher?</p> - -<p>Langsam stiegen die alten Zeiten vor ihr auf, in -denen sie doch Kameradinnen um sich gehabt hatte.</p> - -<p>Jetzt – – wie das von allen Seiten an sie stieß. -Viel Feind, viel Ehr – ja, ja! Viel Widerstand, viel -Sieg! – – Aber es zehrte an den Nerven.</p> - -<p>Der Vorgang mit dem Professor war in der ganzen -Stadt aufgebauscht und verzerrt worden. Einer hatte -immer mehr gewußt als der andere, sogar die jungen -Mädchen, die den Vorgang überhaupt nicht recht begriffen -hatten, zischelten. Für alle Unbeteiligten stand -es fest, daß der alte Herr nur infolge irgend einer aufregenden -Auseinandersetzung mit Christiane krank geworden -war. Sogar die Frau und die Töchter waren -zu ihr gekommen und hatten erkunden wollen, was -eigentlich vorgefallen sei.</p> - -<p>Christiane hatte dem Patronat berichtet und auch -mit dem Präsidenten gesprochen, sie mußten ihr natürlich -glauben, aber ein Rest blieb doch – wie war das mit -dem alten, verdienten Herrn nur so schnell gekommen! -Nun waren ihre Pläne erst recht hintenan gestellt.</p> - -<p>Unter den Mitarbeitern war eine gewisse Scheu entstanden. -So gut es ging, wichen sie Christiane aus. Nur -<a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a> -die Jong, Doktor Korn und der junge Zeichenlehrer -nicht, und allenfalls die Friedlein, die ganz andere Gedanken -hatte.</p> - -<p>Ja, was kümmerte sich Christiane um dergleichen? -War das nicht die Kleinstadt, die schon abfärbte?</p> - -<p>Was gingen sie die guten Leute an, die auf der -Straße hinter ihr her zischelten und die Köpfe wendeten ... -die Spießbürger! – –</p> - -<p>Jetzt läutete es draußen.</p> - -<p>Sie ging selbst hinaus, denn sie wußte, es war Hanni -Cöldt, die sie sich zum Nachmittag eingeladen hatte. Das -Fräulein brachte sie und ging gleich wieder.</p> - -<p>Das kleine Mädchen kam sicher herein und besah -Christianens Zimmer. Die Bücher, die Möbel, die Bilder. -Alles etwas von weitem, ohne das ernsthafte Interesse -näher zu treten, alles mit dem gleichen kühlen -und verborgen spöttischen Blick.</p> - -<p>Erst mußte sie mit der Tante Kaffee trinken. Dann -– was tat man mit diesem Kind? Christiane hatte sich -Bücher herausgesucht, mit dem unwillkürlichen Trieb -des Kulturmenschen strebte sie danach, des Kindes Verhältnis -zum Gedruckten festzustellen. Hanni sah über -Blätter und Bilder, über Geschichten und Märchen.</p> - -<p>»Märchen –!« Ein geringschätziges Lächeln flog über -ihr klares, kaltes Gesicht.</p> - -<p>»Die magst du nicht? Hat dir keiner welche erzählt?«</p> - -<p>»O, ja, die verschiedenen Fräuleins. Wenn ich nicht -still war, bekam ich immer ein Märchen zu hören.«</p> - -<p>»Und das gefiel dir nicht?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a> -»Nein. Sie sind ja doch nicht wahr.«</p> - -<p>»Woraus schließt du das?«</p> - -<p>»Weil ich nichts davon sehe. Nirgends. Nirgends. -Und dann hat sie mir jeder anders erzählt. Und doch -waren es immer dieselben.«</p> - -<p>»Ich würde sie dir auch wieder anders erzählen,« -sagte Christiane, »und siehst du, grade deshalb sind die -Märchen wahr.«</p> - -<p>»Weil jeder sie anders sagt?« Hanni verzog den -schmalen Mund.</p> - -<p>»Wenn du mit deinen Gefährtinnen im Wald spazieren -gehst, dann sieht jede von euch dort etwas anderes. -Die vielleicht die dicken Pilze zwischen dem welken Laub, -die andere die Kröte am Weg, die dritte den Holunderbusch, -die vierte vielleicht ein rotes Reh. Und wenn sie -nachher vom Wald erzählen, dann denkst du an die Pilze, -die andere an den Holunderbusch und die letzte an das -rote Reh. Sieh, so ist das auch mit den Märchen. Gesehen -hat sie jeder schon einmal, aber er hat nicht alles -davon behalten, und so erzählt er immer nur weiter, was -er daran am liebsten hat, denn das ist in seinem Herzen -– – und dann ist es auch wahr –«</p> - -<p>Hanni schien nicht ganz davon überzeugt.</p> - -<p>»Sie sind doch erlogen,« sagte sie.</p> - -<p>»Du, wir wollen einmal in den Garten.«</p> - -<p>»In den Schulgarten?«</p> - -<p>»Nein, in meinen. In den Schloßgarten.«</p> - -<p>Das Kind horchte auf.</p> - -<p>Sie gingen die Treppe hinunter und durch die Hintertür -hinaus. Jetzt schloß Christiane eine eiserne Pforte -<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a> -auf, an der schon manches Kind in den Jahren sehnsüchtig -und neugierig gestanden hatte. Dahinter rauschte -es. Da waren grüne Wipfel.</p> - -<p>Christiane dachte flüchtig daran, daß sie als junges -Ding auch einmal vor der verschlossenen Pforte gestanden -hatte.</p> - -<p>Nun war ihr das, was dahinter war, längst vertraut. -Schöne, alte Bäume, die mit ihren Ästen am -Boden schleiften, Rasenflächen, hinten ein Tempelchen -aus Birkenstämmen – uralt. An der Seite störten ein -paar Obstbäume, die der vorige Direktor gepflanzt hatte, -längs der Wand hatte er Bienenstöcke gehabt und daneben -Kohl gepflanzt. Jetzt waren diese Spuren, so -gut es ging, vertilgt. Hoch und grau standen die Mauern -um das Parkstückchen.</p> - -<p>Mein Klostergarten, dachte Christiane.</p> - -<p>Sie führte das Kind zum Tempelchen. An die -Innenwand war mit ziemlich grellen und anscheinend -unvergänglichen Farben das blaue Griechenmeer gemalt, -auf dem Odysseus segelte.</p> - -<p>Hanni guckte.</p> - -<p>»Ist das auch ein Märchen?« fragte sie.</p> - -<p>Christiane erzählte. Sie dachte, vielleicht wirkt das -Starke besser auf das Kind. Seine Phantasie muß -vielleicht kräftiger geschüttelt werden.</p> - -<p>Sie erzählte das Abenteuer mit Polyphem.</p> - -<p>Als sie sich wandte, merkte sie, daß Hanni ein Bündelchen -Handarbeit hervorgezogen hatte.</p> - -<p>»Ich will was tun,« sagte sie.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a> -Christiane erinnerte sich. Ja, Fräulein Mehlmann -hatte ihre Nichte sehr gelobt. Von allen Lehrkräften, -die sich um den dürftigen Geist bemüht hatten, war einzig -Fräulein Mehlmann zufriedengestellt.</p> - -<p>Und Hanni saß auch jetzt vor dem blauen Griechenmeer, -von Vögeln umzwitschert, von Bäumen umrauscht, -von einer Sehnsucht umworben, die ihr Herz suchte, und -häkelte mit kühler Aufmerksamkeit Stäbchen um Stäbchen.</p> - -<p class="ce mt1 mb1">* * *</p> - -<p>Mai Friedlein ging in den Stadtpark. Es war in -der Mittagsstunde, als die Bürger zu Tisch waren. Auch -in der Pension Dorreyter saßen sie jetzt beim Essen, aber -die Jong war eingeweiht und entschuldigte Mai. Sie -wußte von der Sache, hatte auch tüchtig gewarnt.</p> - -<p>Mais Herz klopfte. Sie wußte selber, um was es -ging.</p> - -<p>Ein Rendezvous – nein, das überließ sie den Ladenmädchen -und Kontorfräulein. Sie ging nur eben am -Krähenteich entlang, weil – der Assessor von Wratislawski -um dieselbe Zeit dort gehen wollte.</p> - -<p>Er hatte sie auf der Straße gesehen. Dann war im -Theater einmal die Gelegenheit zu einer Gefälligkeit gewesen. -Er hatte sie aber nicht begleiten dürfen. Von -da an kreuzte er fast täglich ihren Schulweg, kein Tag -verging ohne seinen respektvollen Gruß, Woche für Woche -strich so hin, Winter und Frühjahr und Sommer, und -nun war es Herbst.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a> -Jetzt mußte die Entscheidung kommen, das hatte -Mai gefühlt. Ihr ganzes Herz hatte sich an die unerhörte -Aussicht gehängt – wenn es doch würde – der -Triumph – das Glück!</p> - -<p>Er hatte ihr also ein Briefchen gesandt und darin -ehrerbietig um eine Zusammenkunft gebeten, zugleich beklagend, -daß ihm kein anderer Weg zu einer Aussprache -mit ihr bliebe.</p> - -<p>Ach ja, das war es.</p> - -<p>Mai war überzeugt, daß sie bei ihrer Schönheit -längst verheiratet sein würde, wenn nur ein korrekter -Anknüpfungspunkt dagewesen wäre, eine Gelegenheit, -bei der sie mit Herren hätte sprechen können. Aber so -hatte jede ihrer Herzensgeschichten etwas vom Wagnis.</p> - -<p>Sie pflegte aber als gute Tochter ihrer Mutter sofort -Nachricht zu geben, wenn sich wieder etwas angebandelt -hatte, und die kam dann sogleich mit dem nächsten -Zuge an, um den Schwiegersohn zu besehen und die -Angelegenheit ins Korrekte zu bringen. Leider war das -bis jetzt noch nie geglückt.</p> - -<p>Einmal da, einmal dort ein Aufblinken, eine Hoffnung -und immer wieder – nichts.</p> - -<p>Und jetzt – dies. Mai wußte, der Assessor war -reich. Der konnte sich den Luxus leisten, das schönste -Mädchen von Markburg zu seiner Frau zu machen. Und -wenn er sich versetzen ließ – nach dem Westen oder nach -Kiel – dann wußte dort kein Mensch, daß sie Lehrerin -gewesen war. Und keiner, der die junge Frau von -Wratislawski sah, würde von selber auf den Gedanken -kommen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a> -Mais feines Marquisengesicht rötete sich ein wenig -– sie sah ihn schon dort am Teich. Er hatte es eilig. -Seine große Dogge, die ihm so ungeheuer ähnlich sah, -war mit.</p> - -<p>Unbefangen kam er auf sie zu. »Ich bin außerordentlich -glücklich, mein gnädiges Fräulein – –«</p> - -<p>Sah sie an.</p> - -<p>Sie gingen auf und ab. Immer an der Seite des -Teiches, an der die Büsche die Aussicht nach beiden Seiten -sperrten. Durch das Gezweig der Hängeweiden hörten -sie nur das Geraschel und Geplätscher der Wasservögel, -das Gequarr der bunten Enten. Rauschend flog -mal da, mal dort ein Tier auf.</p> - -<p>Auf dem Wege lagen Kastanienhüllen und Blätter. -Wie rote Hände schwebten da und dort Blätter heran. -Der Himmel war hoch und blau.</p> - -<p>Herr von Wratislawski wußte das sehr hübsch auszudrücken. -Und Mai war dafür empfänglich, denn sie -war sehr poetisch. Alle ihre verflossenen Verehrer hatten -ihr ein künstlerisches Andenken hinterlassen dürfen, ihre -Stube war voll von solchen zart elegischen Erinnerungen.</p> - -<p>Jetzt war sie lebendig. Herren gegenüber kam sie -gut aus sich heraus.</p> - -<p>Ja, der blaue Himmel, die roten Blätter, der ferne -Wald – sogar die leeren Kastanienschalen waren poetisch. -Raschelnd fuhr ihr Fuß durch die Blätter.</p> - -<p>Goldspuren zögen hinter ihr her, behauptete Herr -von Wratislawski.</p> - -<p>Seine Augen waren ganz rund. Seine Hand im prallen -Glacé streifte die ihre. Er kam näher an sie heran.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a> -Sie standen nun vor der offenen Fläche des Teiches. -Der Himmel spiegelte sich im Wasser wie in Glas. Die -Bäume umrahmten das blaue Bild. Das Wassergevögel -hatte sich jetzt ziemlich auf die Schwaneninsel in der Mitte -zurückgezogen, nur ein paar Entchen schwammen noch -wie grüne Klümpchen in glitzernden Streifen da und dort.</p> - -<p>Es war ganz und gar einsam.</p> - -<p>Er kam noch näher an sie heran.</p> - -<p>Lieblicher sei ihm noch kein Mai vorgekommen, als -der an diesem Herbsttage, behauptete er. Wenn sie nur -wüßte, wie er auf diese zarte Stunde geharrt hätte! -Aber es sei ja so unendlich schwer gewesen – – und sie -so kühl – –</p> - -<p>»Ja, ja,« sagte sie elegisch. Sie hielt es für angebracht, -auch einmal wieder streng zu sein.</p> - -<p>Aber er hörte nicht darauf.</p> - -<p>Jetzt sei ja das Eis gebrochen.</p> - -<p>Und deshalb müßte sie heute Rosen haben, drüben -in der Stadtgärtnerei am anderen Ufer müßte es noch -welche geben. Ob sie mitkommen wolle? Der Weg sei -nur kurz und sehr schön – –</p> - -<p>Sie ging mit ihm, unbefangen, sehr damenhaft. -Der Hund raschelte hinter ihnen her. Sie dachte, daß -wohl die Stellung der behüteten Haustöchter angenehmer, -aber doch weniger poetisch sei, als die eines einsamen, -sich selbst das Brot verdienenden Mädchens, dem -endlich das Glück lächele. Sie sah ja, wie verliebt er war.</p> - -<p>Und nun waren sie an der Gärtnerei. Sie wartete -draußen. Nach ein paar Minuten kam er wieder, -einen Strauß Rosen in der Hand, wie sie ihn schon lange -<a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a> -nicht mehr beisammen gesehen hatte, rote, purpurrote, -weiße und zartgelbe.</p> - -<p>»Der letzte Sommer,« sagte er, »dem ewigen Lenz.«</p> - -<p>Es war sehr poetisch.</p> - -<p>Sie drückte das Gesicht in die Blumen, schon, weil -sie wußte, wie gut es ihr stand. Mehrfach war sie so -photographiert worden.</p> - -<p>Es war still. Die Hecke deckte sie wieder. Da -flüsterte er: »Mai, liebliche Mai – nun kommen wir -nicht mehr auseinander, nicht wahr –?«</p> - -<p>Sie hielt das Gesicht noch immer in den Rosen.</p> - -<p>»Mai –« bettelte er.</p> - -<p>Sie murmelte zag: »So kann ich Sie nicht mehr -treffen,« und horchte scharf auf das, was er sagen -würde.</p> - -<p>»Nein,« sprach er, »so – nicht.«</p> - -<p>Er schien nachzusinnen.</p> - -<p>»Aber es gäbe doch noch vielleicht einen Weg für -uns beide –«</p> - -<p>Ihr Herz schlug hart auf. Blitzschnell durchmaß ihr -Hirn noch einmal alle Hindernisse ihrer Verlobungen – -hier war keiner vorhanden! Der Assessor war ganz unabhängig.</p> - -<p>Er machte ein paar Schritte und sah sie nicht an.</p> - -<p>»Fräulein Mai,« sagte er in resigniertem Tone, -»man weiß ja, wie die guten Markburger sind. Deshalb -erlaube ich mir vorzuschlagen – – jetzt kommt der -Winter, und ich bin oft in der Provinzialhauptstadt in -der Oper – Musiknarr, der ich nun einmal bin – da -möchte ich also gehorsamst vorschlagen – begegnen wir -<a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a> -uns – dort. Bitte, bitte, denken Sie einmal darüber -nach. Da fiele so manches fort, das uns hier beengen -würde. Zusammen können wir da so viel Poesie genießen, -wie wir wollen – – auch der Winter und die -Großstadt sind poetisch ...« Er bückte sich plötzlich und -faßte mit seinem Handschuh ein Zweiglein harter, weißer -Beeren. »Wie zart das ist, nicht wahr?« fragte er fast -flötend, »so entzückend zart – liebes Fräulein Mai – -Herzkönigin –«</p> - -<p>Er stockte.</p> - -<p>Sie warf ihm die Rosen vor die Füße. Rote, purpurrote, -weiße, gelbe Rosen.</p> - -<p>»Nein, danke sehr, Herr von Wratislawski.«</p> - -<p>Sie wandte sich um und ging.</p> - -<p>Ging sehr rasch und sehr anmutig und sehr stolz. -Sie wußte, daß man das alles merkte, wußte, daß er ihr -verdutzt nachstarrte, und noch ging ihr Blut in gewaltiger -Erwartung: kam er jetzt nicht doch –? Stürzte er ihr -nicht voller Reue nach – –?</p> - -<p>Sie ging und ging. Die Blätter raschelten rechts -und raschelten links. Es waren lauter Goldstreifen.</p> - -<p>Aber er kam nicht. Er holte sie nicht ein. –</p> - -<p>Wütend trat sie aus dem Park heraus.</p> - -<p>Es war ja nicht das erste Mal. Schlingen um -Schlingen waren ihr in den Jahren um die Füße geworfen -worden – sie hatte sich in keiner verfangen.</p> - -<p>Nur weil sie arbeitete und ihr Brot selber verdiente, -glaubte man in dieser Stadt, wo die Töchter ihr Leben -nur mit Tennisspielen und ›Kränzchen‹ ausfüllten, sie -müßte zu haben sein!</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a> -Der Schuft!</p> - -<p>Zitternd kam sie die Stiege herauf und horchte vor -der Korridortür – kamen sie nicht etwa eben aus dem -Eßzimmer?</p> - -<p>Nein, es war still. Sie ging an der Wäschemangel -und den Fahrrädern vorbei und öffnete leise die Tür zu -ihrem Zimmer – ach herrje, da war ja die Mutter mit -den beiden Schwestern. Sie hatte im Augenblick vergessen, -daß sie ihr gleich von der neuen Aussicht geschrieben -hatte, nun war die wieder gleich gekommen. Und -Paula und Eva waren mit.</p> - -<p>Paula war Wochenpflegerin und hatte wohl grade -einen freien Tag, und Eva suchte eben wieder eine Stellung -als Hausdame. Beide hatten sie die gleichen zartrosa -Marquisengesichter, das helle, schöne, wie gepuderte -Haar – nur ihre Gestalten waren nicht so prächtig entwickelt, -nicht so germanienhaft, wie die Mais, und nicht -so elegant. Frau Friedlein sah man an, daß sie die -– Mutter dieser köstlichen Mädchen war – sie hätte gar -nicht anders aussehen können. Und fein hatte sie sich -gemacht, ein seidenes Kleid aus dem Schrank genommen -– es war noch nicht bezahlt. Aber sie hatte sich vor -dem reichen Schwiegersohn doch ins rechte Licht setzen -wollen.</p> - -<p>Unterwegs hatten sie schon hin und her überlegt: -wenn Mai jetzt so eine gute Partie machte, konnte eine -der beiden anderen immer abwechselnd zu ihr auf Besuch -kommen, und dadurch war es sehr leicht möglich, daß sich -auch vornehme Partieen für die fanden, so daß die Familie -allmählich in ihr altes Milieu zurückdrang.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a> -Die Mutter fragte Mai gleich: »<em class="ge">Wie</em> heißt er?« -denn sie hatte den Namen vergessen.</p> - -<p>Die Schwestern spitzten die Ohren, doch Paula, die -Wochenpflegerin, die etwas psychologische Beobachtungsgabe -und ziemlich viel Pessimismus besaß, merkte gleich, -daß etwas nicht in Ordnung war.</p> - -<p>Und nun fuhr es Mai auch gleich heraus: »Es ist -nichts, ich habe mich in ihm getäuscht, er hat nur – nur -– anbändeln wollen – –«</p> - -<p>Die Mutter klappte den schönen Mund zu. Eva -sagte: »Na ja,« denn sie hatte auch ihre Erfahrungen.</p> - -<p>Paula meinte gleichmütig: »Mai muß doch noch -mehr Verehrer haben,« aber die Mutter sprach eifrig: -»Erzähle nur – vielleicht läßt sich noch etwas machen –«</p> - -<p>»Da läßt sich nichts machen,« seufzte Mai, fuhr sich -über die Stirn und begann zu berichten: »Der Schuft – -der Schuft – so hat er's angefangen –«</p> - -<p>»Du warst allerdings sehr unvorsichtig,« sagte Frau -Friedlein vorwurfsvoll, »wenn dich jemand mit ihm am -Teich gesehen hat, ist die Sache sehr schlimm –«</p> - -<p>»Aber was sollte ich anders tun,« rief Mai, »an -welche Weise kann ich sonst einen Mann kennen lernen. -Ach, und an dem Teich war es so wunder – wunderschön. -Das blaue Wasser und der blaue Himmel und -das rote Laub. Und selbst die zerplatzten Kastanien hat -er schön gefunden. Ach,« sie weinte plötzlich auf, »wir -haben uns doch so gut verstanden –!«</p> - -<p>Die Mutter nahm sie in den Arm an ihre volle Brust -und tröstete sie.</p> - -<p>»Mein armes Kind, ja, ich glaub's, es ist schwer für -<a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a> -dich. Für deine Schwestern auch. Für uns alle. Eva -hat ihre Stelle in Stettin doch auch verloren, der Amtsrichter -hat sich wieder verheiratet, und sie glaubte doch – -Wie oft kommt das vor. Und Paula hat jetzt eine Frau -bis zu Tode gepflegt. Nachher ließ sie sich überreden, -bei dem Kind zu bleiben. Es war so verlassen. Sie -hatte es gern. Es war ein so hübsches Kind, nicht wahr, -Paula? Und um des Kindes willen hätte sie auch den -Vater in Kauf genommen. Aber da ist er vorgestern -über alle Berge. Über alle Berge, sage ich. Mit der -ganzen Kasse des Chefs. Nur das Kind hat er zurückgelassen. -Das hat Paula nun in Gemeindepflege geben -müssen. Sie hat sehr geweint.«</p> - -<p>Mai sah die Schwester an, und die nickte ihr zu. -Auch Eva nickte. Ja, sie wußten Bescheid.</p> - -<p>Draußen klirrte es. Was war denn –? Ach – -Kaffeekränzchen bei der Mehlmann! Da gab es kein -Ausschlagen.</p> - -<p>»Ihr müßt auch dabei sein,« sagte Mai zu der Mutter, -und die wehrte sich nicht weiter, denn nach der Fahrt -und der Aufregung hatte sie Durst bekommen.</p> - -<p>Gleich darauf klopfte auch die Handarbeitslehrerin, -begrüßte die Damen Friedlein zierlich und bat, sie möchten -doch an ihrem Kränzchen teilnehmen. Es sei alles -reichlich da.</p> - -<p>Das war es. Der runde Tisch sah noch einmal so -wichtig aus mit der weißen Decke, den vielen Tassen, -Untertassen und Tellerchen, den Sahnennäpfchen, Zuckerdosen, -den Marmeladenbüchsen, den Kuchenbergen, Waffelhäufchen -und der großen Weinbeertorte in der Mitte. -<a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a> -Die war vom Konditor, ebenso die Schlagsahne. Alles -andere dagegen hatte Fräulein Mehlmann selbst verfertigt.</p> - -<p>Frau Friedlein bog sich in kluger Liebenswürdigkeit -vor und bewunderte die glasklaren Früchte und die -Marmelade – ja, die war gut geraten! Eben war die -Einmachezeit vorbei. Frühmorgens, ehe sie in die Schule -ging, hatte Fräulein Mehlmann auf dem Markte eingekauft, -und wer nachmittags etwa zu ihr kam, erhielt -unversehens ein Messer in die eine Hand gedrückt und in -die andere eine Gurke – jetzt hieß es helfen! Da nahm -das Fräulein keine Rücksicht!</p> - -<p>Frau Friedlein mußte auf dem Sofa Platz nehmen. -Neben ihr saß Fräulein Seifert, ein Platz war noch -frei, denn die Oberlehrerin hatte der kleinen Meckebier -Stunde zu geben und kam erst später. Frau Dorreyter -hatte sich mit einem Ecksitz begnügt, sie mußte auch oft -hin und her laufen, denn das kleine Dienstmädchen war -so stutzig. Trotzdem fühlte sie sich sehr behaglich und sah -mit Blicken voll Genugtuung auf ihre Damen. Der -Kater wußte schon Bescheid, er bettelte bald bei der, bald -bei jener und bekam überall etwas.</p> - -<p>Die Jong hatte Mais Miene erkannt. An der -Weinbeertorte vorbei flüsterte sie ihr zu: »Und stürzt der -Himmel ein, kommt doch eine Lerche davon!« was die -schöne Mai zu einem Dankesblick veranlaßte, obwohl sie -das Zitat im Augenblick nicht unterzubringen wußte, so -poetisch sie sonst war.</p> - -<p>Die kleine Wehrendorf saß still dabei.</p> - -<p>Es war ein schweres Leben für sie. Wenn nur der -<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a> -Husten besser und das erste Jahr vorbei wäre. Dann -– dann – wieder kam Ada der ungeheure Traum von -der eigenen Stube.</p> - -<p>Wie sollte die aussehen? Ein weiches Liegesofa, ein -Arbeitstisch, ein paar Stühle, ein Schrank und ein richtiges -Bett. Ihrer Eltern Sachen waren damals alle -verkauft worden.</p> - -<p>Sie schrak zusammen – ach, nun hatte sie übersehen, -daß Fräulein Seifert die Sahne gereicht haben -wollte. Nie fand sie im Verkehr das Richtige. Das war, -weil sie schon so weit ab vom Leben gewesen war, wochenlang -hatte sie einer an der Hand gehabt – sie wußte -über die Höflichkeit bei Kaffeekränzchen nur noch geringen -Bescheid.</p> - -<p>Die Damen aßen und tranken, immer wieder wurde -eingeschenkt, immer wieder herumgereicht, der Sahnenberg -senkte sich, die Kuchenteller leerten sich, die Torte -wurde ganz schmal – es schmeckte allen sehr gut.</p> - -<p>Nun waren sie satt.</p> - -<p>Die Mehlmann fragte noch ein-, zweimal herum. -Sie hielt Fräulein Seifert die Tortenplatte noch einmal -hin – die dankte. Sie bot sie Frau Friedlein an – die -dankte auch. Sie fragte noch einmal vorsichtshalber -ringsum – alle dankten.</p> - -<p>Da räumte sie mit Hausfrauenzärtlichkeit ab. Sie -sperrte ihren Schrank auf – man sah noch allerhand -gute Sachen darinnen stehen – und packte alles sorgfältig -hinein – für Fräulein Haberkorn wurde etwas -besonders aufgehoben. Sie schloß wieder zu, nahm den -Tischbesen und die kleine Schaufel und kehrte Krümelchen -<a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a> -um Krümelchen vom Tisch. Jetzt sah man die Decke -– ein schönes Muster – und darüber gelegt den feinen -Läufer – die Damen besahen ihn sich genau. Die Seifert -fragte, wo man die Vorlage bekommen könnte, aus -Markburg sei die doch nicht.</p> - -<p>Sie sprachen über Handarbeiten, danach über Kleider, -jede schilderte die Art und Weise ihrer Schneiderin.</p> - -<p>Mai starrte mit melancholischen Blicken gradeaus: -nun mußte sie sich doch zum Winter das gelbe Kleid -machen lassen, das ihr gar nicht stand. Den Stoff hatte -sie von einer Tante bekommen. Sie hatte gedacht, als -Braut – ach, wo waren die Träume wieder hin!</p> - -<p>Fräulein Mehlmann kam heran und trug Gläschen -auf Gläschen. Feierlich stellte sie sie vor eine jede hin, -und jede guckte darauf. Sie wußten, was nun kam: die -Likörchen. Plötzlich stutzte das Fräulein und zählte verdutzt, -guckte in ihren Schrank und zählte von neuem – -ja, die Gläser reichten nicht!</p> - -<p>»Ich hole Ihnen gleich welche,« rief Frau Dorreyter, -»aber ich habe nur Weingläser.«</p> - -<p>»O, Weingläser,« entsetzten sich die Damen lachend.</p> - -<p>»Meine Likörchen sind nicht gefährlich,« beteuerte -Fräulein Mehlmann eifrig, »aber wir können ja auch -Eierbecher nehmen –« Sie griff in den Schrank.</p> - -<p>Die Seifert machte eine kritische Miene – nein, -Frau Dorreyter sprang schon nach den Wirtschaftsräumen.</p> - -<p>Jetzt kam sie und zählte mit den Augen: hatte sie -sich noch vergriffen? Nein, es reichte.</p> - -<p>Es waren gewöhnliche, schlecht geschliffene Gläser -<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a> -aus dem Warenhause, nur ein einziges war dabei, das -war anders. Es stammte noch aus dem knappen Brautschatz -der Freiin von Rhane.</p> - -<p>Die merkte es gar nicht. Ahnungslos stellte sie es -hin. Es kam grade zu der kleinen Wehrendorf.</p> - -<p>Fräulein Mehlmann ging mit der klebrigen Flasche -ringsum und schenkte ein. Die Weingläser goß sie auch -voll, so sehr die betreffenden Damen sich auch dagegen -sträubten.</p> - -<p>»Aber ich bitte Sie, ein Likörchen –«</p> - -<p>Dann stießen alle an.</p> - -<p>»Worauf?« rief die Jong. Ihre Finkenaugen lachten -gemütlich.</p> - -<p>»Worauf?« fragte die Seifert säuerlich.</p> - -<p>Sie wußten es gar nicht. Aber die Gläser klangen.</p> - -<p>Das der kleinen Wehrendorf tönte sonderbar auf. -Sie horchte verwundert. Sie stieß mit Paula Friedlein -an, da klang es wieder. Wieder und wieder klang es -ganz zart, ganz silbern. Die anderen merkten es nicht. -Aber Ada saß ganz erschrocken vor dem Wunder.</p> - -<p>In ihr zerschlagenes Herz kam ein kleiner Traum.</p> - -<p>Es war der einzige ihres Lebens.</p> - -<p>Der kam von dem feinen, singenden Kristall.</p> - -<p>Frau Friedlein schrak plötzlich auf. »Wo hast du -denn die ... Rosen gelassen?« flüsterte sie der Tochter zu.</p> - -<p>Die fuhr herum, ihre Augen glänzten schon wieder. -Die Mutter sah sie an und wünschte heiß, jetzt möchte -einer die Tochter sehen, ein ganz Reicher, einer ohne -Schulden, ein solider Mann.</p> - -<p>»Die ... Rosen ... ich hab sie ihm ja doch hingeworfen -<a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a> -– du weißt doch,« murmelte sie, nur der Mutter -verständlich.</p> - -<p>»Dann müssen sie noch dort liegen –«</p> - -<p>»Was muß dort liegen?« flüsterte Paula von der -anderen Seite.</p> - -<p>Die Mutter erklärte ihr's verstohlen.</p> - -<p>»Die sind längst fort. Die haben andere genommen,« -meinte Mai, die in dem Gesicht ihrer Schwester -und dem der Mutter schon etwas aufsteigen sah.</p> - -<p>»<em class="ge">Wo</em> liegen sie?« flüsterte Frau Friedlein.</p> - -<p>»Ich hab dir's ja gesagt. An dem kleinen Heckenweg -hinter der Gärtnerei.«</p> - -<p>»Da kommen selten Leute hin. Das ist ein ganz -einsamer Platz. Die Rosen liegen sicher noch da – –« -Sie flüsterte mit den Töchtern.</p> - -<p>Nach einer Weile stand Paula auf und verschwand -unauffällig.</p> - -<p>Frau Friedlein erhob sich auch und setzte sich ans -Klavier. Es war ein altes Stück, Fräulein Mehlmann -hatte es geerbt. Aber sie spielte gut. Perlend flogen -die Töne auf – alle horchten – das klang schön –! Es -war aus dem ›Zigeunerbaron‹: »Wer hat uns getraut –« -Jetzt sangen alle mit: »Die Liebe, die Liebe ist eine Himmelsmacht –«</p> - -<p>Auf einmal war Paula wieder da. Sie schlich in -die heitere Gruppe und hatte die Hände voll Rosen: -rote, purpurrote, weiße, gelbe Rosen. Sie waren noch -ganz frisch.</p> - -<p>Die Kanarienvögel schrieen verwundert auf: »Im -Oktober so schöne Rosen? Woher kommen die –?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a> -Paula blinzelte Mai zu, die eine regungslose Miene -machte. Dann begann sie zu verteilen, der einen eine -weiße, der anderen eine rote Rose und so fort. Alle bekamen -eine, sogar die Wehrendorf, und für Fräulein -Haberkorn wurde eine aufgehoben und in ein Gläschen -gestellt.</p> - -<p>Fräulein Mehlmann goß noch einmal ein, und nun -sangen alle wieder, von Rosen umduftet: »Die Liebe, -die Liebe ist eine Himmelsmacht – –«</p> - -<p>Auch Mai sang mit.</p> - -<p>Jetzt ging die Tür auf. Es war ungefähr so wie -im Märchen, wo sich die verregnete, vergnügte Musikantengesellschaft -unter den großen Pilz gestellt hat und wo -unverhofft die böse Besitzerin, die große Kröte, erscheint.</p> - -<p>Es kam Fräulein Haberkorn.</p> - -<p>Alle überboten sich in Liebenswürdigkeit, die Wehrendorf -raffte sich sogar auf und rückte ihr einen Stuhl -zurecht, es war nur leider verkehrt. Die Oberlehrerin -nahm stirnrunzelnd auf dem Sofa Platz, bekam ihren -Kaffee frischgewärmt, ihre Torte, ihre Knusperchen, ihre -Sahne und ihre Rose. Darüberweg besah sie sich die -Kleider der Anwesenden. Die Kanarienvögel bekamen -gleich ein paar versteckte Lehren, weil sie augenscheinlich -zu munter geworden waren.</p> - -<p>Fräulein Haberkorn mußte die Luft dieses vergnügten -Kränzchens erst eine Weile einatmen, um eingewöhnt -zu werden; sie hatte auch noch nicht genug Kaffee -getrunken. Vom Likör gar nicht zu reden.</p> - -<p>Fräulein Mehlmann erzählte eifrig mit lauter -<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a> -Stimme von ihren letzten Einmachetagen. Sie hatte -sich mit Tomaten beschäftigt. Es war das erste Mal.</p> - -<p>Im nächsten Jahr wollte sie sich einen Einkochapparat -anschaffen, dann konnte sie noch mehr fertig -bringen!</p> - -<p>Endlich merkte sie, durch das Schweigen der anderen -aufmerksam gemacht, daß Fräulein Haberkorn von Meckebiers -erzählen wollte.</p> - -<p>»Frau Geheimrat war <em class="ge">sehr</em> liebenswürdig,« begann -sie nun, ihren Kuchen in den Kaffee tunkend, »die -kleine Lydia ist aber auch so begabt. Ich habe heute gesagt, -sie brauchte eigentlich gar keine Privatstunde, da -meinte die Frau Geheimrat, ›ja, das ist wohl möglich. -Aber wir, mein Mann und ich, ziehen es doch vor, eine -so bewährte Lehrkraft noch weiter um unser Kind zu -haben.‹ Das war doch nett, nicht wahr?«</p> - -<p>»Sehr nett,« bestätigten alle ringsum.</p> - -<p>Fräulein Haberkorn tunkte den Kuchen wieder ein. -Jetzt sah sie auf. Ihre Blicke flogen funkelnd über alle. -Frau Dorreyter war hinausgegangen.</p> - -<p>»Ja, und was ich noch weiß,« sagte sie.</p> - -<p>»Was wissen Sie?!«</p> - -<p>Alle waren hochgespannt.</p> - -<p>Fräulein Haberkorn wählte sich noch ein Stück -Torte.</p> - -<p>»Sehr schön ist die,« lobte sie, »haben Sie die auch -selber gebacken, liebe Mehlmann?«</p> - -<p>»Nein,« erwiderte die verlegen.</p> - -<p>Fräulein Haberkorn wußte es auch so.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a> -Fräulein Mehlmann brachte, um ihre Ehre wieder -herzustellen, jetzt ihr Likörchen an und goß ein.</p> - -<p>Die anderen warteten atemlos. Was war das für -eine Neuigkeit? Von Meckebiers brachte die Haberkorn -oft wichtige Schulneuigkeiten, die sie dort erlistet hatte.</p> - -<p>Die Oberlehrerin trank prüfend. Fräulein Mehlmanns -Blick hing an dem ihren. Sie nickte ihr gönnerhaft -zu. »Ganz gut, wirklich.«</p> - -<p>»Ja, also, ich habe nun erfahren, wer unserm lieben -verstorbenen Kollegen Diermann im Amt nachfolgen -wird,« begann sie endlich.</p> - -<p>»Ach!« Die Neugier flackerte noch höher.</p> - -<p>Die Mehlmann war ungeschickt und sagte: »Nu, das -wird doch das Fräulein Doktor Arndt sein, die neulich -bei unserer Vorsteherin war. Die schienen doch gut -Freund.«</p> - -<p>»Nein,« sprach die Haberkorn triumphierend, »das -wird die nicht. Man hat mit vielen Opfern einen Oberlehrer -gewonnen. Einen <em class="ge">Mann</em>!«</p> - -<p>Sie sagte das so stolz, als ob sie selber einer sei.</p> - -<p>»Wer denn? Wer denn? Ist er hier bekannt?« -Die Fragen wirbelten ringsum.</p> - -<p>Die Haberkorn zuckte die Achseln.</p> - -<p>»Das weiß ich nicht. Auch den Namen weiß ich -nicht. Aber wir werden ja sehen.« Sie merkte, daß -Frau Dorreyter wieder eintrat.</p> - -<p>Die anderen schwiegen.</p> - -<p>Sie tranken ihre Likörchen aus. Dann ging das -Kränzchen unter vielen begeisterten, immer wiederholten -Danksagungen auseinander. Gruppenweise, wie sie grade -<a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a> -zueinander stimmten, wanderten die Damen ab. Mai -begleitete ihre Familie zum Bahnhof. Sie ging dann -durch die Nebenstraßen zurück, um dem Assessor nicht -etwa noch einmal zu begegnen. Ihre Rose, die sie hatte -nehmen müssen, schenkte sie der Wehrendorf.</p> - -<p>Die ging mit zwei roten Blumen und einem kleinen, -zart klingenden Traum im Herzen in das Zimmer -der Jong. Die Lehrerin hatte schon Adas Betten, die -tagsüber in einer Lade verwahrt wurden, auf das Sofa -geworfen und räumte bereits das darüberhängende, zu -stark belastete Bücherbrett ab.</p> - -<p>Ada half ihr eilig und legte die Bücher beiseite.</p> - -<p>Es waren ein paar alte Lexika, ein Dictionnaire, -ein paar Reclamheftchen und ein Band Fulda: ›Die -Hochzeitsreise nach Rom‹.</p> - -<p>Dann ging Ada schlafen.</p> - -<p class="ce mt1 mb1">* * *</p> - -<p>Frau von Cöldt saß in ihrem bequemen Liegestuhl -am Fenster ihres Zimmers. Eine sacht behagliche Stimmung -erfüllte sie, ohne daß sie ganz genau darum wußte. -Der Haushalt war in den Händen des Fräuleins gut -aufgehoben, auch Hanni war unter Aufsicht.</p> - -<p>Frau von Cöldt überdachte die gestrige Vereinssitzung -bei Frau Colb und wühlte wichtig in ein paar -Drucksachen, die eben gekommen waren – Vereinsangelegenheiten. -O, sehr interessant! Ob man die Wöchnerinnenpflege -noch weiter ausdehnte?</p> - -<p>Sie sann lange darüber nach.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a> -Dann fiel ihr Ludwig ein. Er war heute schon früh -nach dem Walde gegangen. Es war ein Wintertag, dick -lag der Schnee draußen, der Himmel war förmlich finster -gegen alles Weiß.</p> - -<p>Merkwürdiges Sonntagsvergnügen, dachte sie. Aber -an Wochentagen machte er es oft ebenso. Eine Unruhe -war in ihm.</p> - -<p>Er war schon eine Weile fort.</p> - -<p>Sie dachte ein paar Sekunden darüber nach, dann -vertiefte sie sich weiter in ihre Vereinsangelegenheiten. -Nur nicht grübeln – mit ihren Nerven war es dann -sofort vorbei. Ein Sturz und alles war wieder beim -alten. Hardi hatte manchmal das Gefühl, als ob sie auf -einer ganz dünnen Eisdecke lebte. Nur sich nicht rühren, -sonst brach sie ein.</p> - -<p>Aber das Leben auf diesem schwachen, einsamen -Fleck gefiel ihr.</p> - -<p>»Sie haben einen sehr guten Ehemann,« sagten -ihr die Damen, obwohl sie auf ihre eigenen auch nichts -kommen ließen, so vertraut waren sie miteinander -nicht.</p> - -<p>Ja gewiß. Er mußte sich nur mehr Bewegung -machen. Reiten oder Brunnen trinken. Sie hatte ihm -selber gesagt, er solle sich wieder ein Pferd anschaffen, -aber er hatte nicht gewollt.</p> - -<p>Da lief er im Walde herum.</p> - -<p>Mochte er.</p> - -<p>Wieder spürte Frau von Cöldt die ganz dünne Eisdecke, -auf der ihr Leben aufgebaut war – sie spürte, daß -sie zitterte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a> -Nur Ruhe –! Sie verkroch sich innerlich. Der -Verein – das war ja genug.</p> - -<p>Jetzt fing ein starker Schnee draußen an.</p> - -<p>Sie ließ ihre Hefte wieder sinken und starrte hinaus, -eine ganz sonderbare Stimmung überkam sie, etwas -von einer ungeheuren, ratlosen Angst, wie aus Kindermärchen. -Als brächte ihr der Schnee draußen ein Verschütten -und Vergehen, ein Verschwinden vor Frühlingsanfang. -Als fiele dieser Schnee langsam über ihr Leben -hin, das doch so wohlgewahrt hinter den Scheiben saß. -Wo war sie übers Jahr – –?</p> - -<p>O, was war denn das – was war denn das – –?</p> - -<p>Sie starrte wieder hinaus.</p> - -<p>Wie das fiel. Auf Dach, Straße und Haus. Wie -das in den Wald fiel und über alle weiten Felder. -Schnee auf Schnee.</p> - -<p>Sie reckte sich. Es war doch schon Januar. Das -Schlimmste war doch schon vorbei. Noch vier, acht -Wochen, und die Amseln pfiffen wieder. Noch vier, acht -Wochen, und der Winter war vorbei.</p> - -<p>Warum fürchtete sie sich?</p> - -<p>Sie saß doch so warm.</p> - -<p>Da kam Ludwig ja wieder. Er sah ganz weiß aus. -Sie ging selbst auf den Flur und rief ihn an.</p> - -<p>»Wie siehst du aus,« sagte sie.</p> - -<p>Er blickte sie aus dunklen Augen an und antwortete -nicht.</p> - -<p>Sein Gesicht war gelb. Er wurde alt.</p> - -<p>Sie ging in ihr Zimmer zurück und dachte weiter: -<a class="pagenum" id="page_160" title="160"> </a> -wie alt war er denn schon? Er war ja nicht mehr ganz -jung gewesen, als er sie heiratete.</p> - -<p>Ja, und was hatte er gehabt?</p> - -<p>Sie fühlte wieder, wie die Eisdecke erbebte, mein -Gott, er hatte doch seinen Beruf. Es ging ihm gut. Er -stand glänzend beim Präsidenten, sie wußte es, aus den -Reden und dem Wesen der anderen hatte sie es gemerkt. -Und sie kannte ihn ja doch. Er war die altpreußische -Gewissenhaftigkeit selber. – – Und sein Herz hing ja -doch nicht mehr an ihr. Sie hatte es in der Sekunde -erkannt, in der sie damals wieder zu ihm gekommen -war. Vorher glaubte sie sein verändertes Wesen nur auf -die Enttäuschung zurückführen zu müssen, auf die feige -und mutlose Art, die sie ihm gegenüber gezeigt hatte – -aber dann spürte sie: es war etwas anderes, sein Sinn -war bei etwas anderem – er machte sich nichts mehr -aus ihr.</p> - -<p>Und bald hatte sie Klarheit gehabt.</p> - -<p>Wie er auf jeden Brief Christianens paßte, wie er -es so gern übernahm, ihr zu antworten, wie sorgfältig -und ruhig er schrieb, und doch war etwas darin – sie -überlas die Zeilen – ja, sein Herz war darin!</p> - -<p>Beim zweiten Mal war sie viel tapferer, obwohl ihr -Zustand bewies, daß ihr Schrecken einen guten Grund -gehabt hatte, und zugleich fühlte sie sich wie von einer -Last erleichtert – sie hatte ihm ihre Gesundheit geopfert, -sie hatte genug getan!</p> - -<p>Nun konnte <em class="ge">sie</em> fordern!</p> - -<p>Und er gab ihr alles, was sie wünschte, und alles war -gut, bis das Kind größer wurde.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a> -Da sahen sie beide, wie sonderbar Hanni in ihre -Ehe hineinpaßte, und wußten, daß sie sich nicht geliebt -hatten.</p> - -<p>Nun also – was wollte er noch?</p> - -<p>Christiane konnte er ja niemals haben, das stand -weder in seinem, noch in ihrem Katechismus, solche Dinge -taten sie nicht.</p> - -<p>Die Gartentür klirrte – es kam wohl Besuch. -Sonntagsvisiten. Mochte Ludwig annehmen, wenn er -Lust hatte, sie ließ sich von Fremden niemals sprechen, -wenn es nicht in Vereinsangelegenheiten war.</p> - -<p>Flüchtig horchte sie. Unten gingen Türen. –</p> - -<p>Ludwig hatte die Karte verwundert besehen: Richard -Bartelmes, <i>Dr. phil.</i></p> - -<p>Ach so, das war wohl der neue Oberlehrer an der -Reutterschule? Was wollte der bei ihm? Nahm's wohl -sehr gewissenhaft, klapperte alle Honoratioren ab. Na, -den wollte er sich ansehen.</p> - -<p>Es war ja schon im voraus genug über ihn erzählt -worden. Man sollte ihn an gewisser Stelle förmlich gebeten -haben, anzunehmen. Er war ein Licht. So eine -besonders moderne Sorte Reformlehrer. Schriftstellerte -über allerhand Ästhetisches und hatte die neuesten Ideen, -die es gab. Kunst in der Schule! Es hieß, er sei aus der -westdeutschen Stadt nur privater Verhältnisse wegen -weggegangen. Einzig diesem Grunde verdankte Markburg -das Glück seiner Zusage.</p> - -<p>Jetzt kam der Reformoberlehrer.</p> - -<p>Was er sagte, war gewandt. Ludwig entdeckte auf -den ersten Blick weder eine Teutonische Wucht, noch eine -<a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a> -Spießbürgerlichkeit. Der Mann sah ganz weltmännisch -aus.</p> - -<p>»Sie werden sich an meinen Namen wohl nicht mehr -erinnern, Herr Regierungsrat,« sagte er verbindlich, ihm -mit den etwas runden dunklen Augen im Gesicht forschend.</p> - -<p>»Ihren Namen hat man in der letzten Zeit hier oft -im Blatt gelesen,« erwiderte Ludwig.</p> - -<p>»Es war aber auch einmal eine Erinnerung für Sie -damit verbunden – wenn ich nicht sehr irre. – Ich bin -ein geborener Westpreuße, mein Vater war zuletzt in -Thorn Major vom Platz.«</p> - -<p>»Der alte Bartelmes,« fuhr Ludwig ein wenig vor -– bis jetzt hatte er eine kühle Gleichgültigkeit gezeigt, -fast mehr, als korrekt war – Christianens wegen! Er -wußte doch, daß dieser Mann ihr als Stein in den Weg -geschoben war, daß seine, grade seine Berufung etwas -wie ein verstecktes Mißtrauensvotum war – im Reutterschloß -sollte die Persönlichkeit eines bedeutenden Mannes -wieder mit ins Gewicht fallen!</p> - -<p>Man hatte deshalb keinen ganz Jungen gewählt.</p> - -<p>Bartelmes war nicht sehr viel jünger als er selbst.</p> - -<p>»Ja, Major Bartelmes kannte ich,« fuhr er nun -ruhiger fort, auf seine Hände schauend, »aber an seine -Familie erinnere ich mich nicht mehr.«</p> - -<p>»Das ist leicht erklärlich. Mein Bruder und ich -waren damals im Kadettenhaus und kamen nicht oft nach -Hause. Freilich haben wir es in der militärischen Zwangsjacke -nicht sehr lange ausgehalten.« Er lächelte und fuhr -leicht über seinen sehr gepflegten, kurzen dunklen Vollbart. -<a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a> -»Leider sind wir alle etwas aus der Art geschlagen. -Mein Bruder ist Musiker, meine Schwester -Schauspielerin.«</p> - -<p>Es war, als ob er das dem Herrn Regierungsrat -mit besonderem Wohlgefallen sagte.</p> - -<p>»In der Tat? Ganz künstlerisch! Herr Major -Bartelmes –«</p> - -<p>»War es nicht,« ergänzte der Doktor mit einer etwas -sonderbaren Stimmfärbung.</p> - -<p>Cöldt entsann sich. Der Major hatte getrunken. -Und hatte dann unklarer Dinge wegen weggemußt.</p> - -<p>Also die Kinder dieses Trinkers waren Künstler geworden, -und der Herr Doktor war vermutlich Abstinenzler.</p> - -<p>Er sah ihn mit leiser Ironie an.</p> - -<p>Etwas stieg in ihm auf, das wehrte sich riesenstark -gegen den Menschen. Er horchte in sich hinein: wie kam -er zu solch vorweltlichen Haßgefühlen?</p> - -<p>Ach, ein Grund war wohl da: Christiane.</p> - -<p>Sie soll es aufgeben, dachte er plötzlich, sie soll die -Sache einfach hinwerfen. Sie ist doch kein Mensch, dem -man mißtrauen darf.</p> - -<p>Und plötzlich kam es erlösend über ihn: sie wird sich -nicht ducken lassen.</p> - -<p>Jetzt wurde er freundlicher. Befragte den Herrn -nach seinem Studiengang und seinen Werken.</p> - -<p>Der antwortete zurückhaltend.</p> - -<p>Also immerhin ein Offizierssohn, vermutlich doch -wohl noch in einigem wesensverwandt. Wahrscheinlich -wollte er in der Gesellschaft verkehren? Ob er keine Frau -hatte? Es schien doch nicht.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a> -Und plötzlich überkam Cöldt wieder ein neues Gefühl: -die Eifersucht.</p> - -<p>Er sah, daß Richard Bartelmes gut gewachsen war, -sich gut hielt und ein regelmäßiges, gesundes Gesicht -hatte, nicht junggesellenhaft zerknittert. Der hat gelebt, -erkannte er plötzlich. Ein Mucker ist der Herr Doktor -nicht, trotz seiner Reformen.</p> - -<p>Bartelmes verabschiedete sich. –</p> - -<p>Um zwei Uhr erschien Christiane mit ihrer Mutter, -wie sonntäglich üblich, zu Tische und blieb hernach bis -zum Abend.</p> - -<p>Ludwig erzählte von dem Besuch.</p> - -<p>»Er war bei mir,« sagte Christiane ohne Aufregung, -aber mit einem seltsam konzentrierten Blick, »allzu gewaltig -können seine Reformideen nicht sein, da er beim -Provinzialschulkollegium so in Gunst steht.«</p> - -<p>»Und du wirst ihm wohl nicht mehr Einfluß gönnen, -als ihm gebührt?«</p> - -<p>Sie sah ihn ruhig an.</p> - -<p>»Er bekommt den Raum, der ihm gehört. Nicht -einen Zoll mehr.«</p> - -<p>Er merkte, daß ihr Gesicht in seinen Linien schärfer -und härter geworden war.</p> - -<p>Sie begaben sich in Ludwigs Zimmer, die Mutter -blieb bei Hardi im Salon. Dort redeten sie vom Verein. -Hanni saß gleichmütig und kaltblütig dabei und -häkelte.</p> - -<p>Frau Dorreyter hatte nie eine Ahnung von dem -gehabt, was Christiane und Ludwig verbunden hatte. -Hardi hatte niemals etwas angedeutet und verriet auch -<a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a> -jetzt nichts, obwohl sie den beiden merkwürdig nachgeschaut -hatte.</p> - -<p>Christiane ging drinnen an einen Tisch, auf dem -neue Bücher lagen. »Hier,« sagte Ludwig und hielt ihr -einen Band hin.</p> - -<p>Es war ein neues Buch von Mereschkowski über -Tolstoi und Dostojewski.</p> - -<p>Sie las, in einen der tiefen Ledersessel gedrückt. Er -saß ihr gegenüber und las und rauchte. Sie liebte den -feinen Zigarrenrauch sehr, wenngleich sie selbst nie -rauchte. Dann und wann hielten sie inne und sprachen -ein wenig, oder sie ließen nur ihre Bücher sinken und -sahen sich kurz in die Augen.</p> - -<p>Es war etwas von einem alten Rausch dabei.</p> - -<p>Als Christiane und ihre Mutter gegangen waren, -trat Ludwig wieder in sein Zimmer zurück und zog die -Schiebetür leise zu. Hardi war noch im Salon mit -Hanni beschäftigt und hörte das sachte Vorfallen des -Holzes.</p> - -<p>Der Zigarrenrauch war ein wenig eingedrungen und -durchwebte die Luft des Salons. Hardi erhob sich, -machte ein paar Schritte und vertrieb den Rauch mit der -Hand. Sie ging näher an die verschlossene Tür heran, -und es war, als ob sie horchte oder etwas überlegte. -Dann aber wandte sie sich, nahm ihr Kind an die Hand -und ging mit ihm die Stiege hinab in ihr eigenes -Zimmer.</p> - -<p class="ce mt1 mb1">* * *</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a> -In der Reutterschule war doch einiges anders geworden.</p> - -<p>Christiane beobachtete es aber von einem stillen -gleichmütigen Lauscherposten aus.</p> - -<p>Doktor Bartelmes hatte den Ton im Kollegium verändert. -Er war der Haberkorn so liebenswürdig entgegengetreten, -daß sie ihre kratzbürstige Art wider Willen -vergaß; sie kam in seiner Gegenwart einfach nicht -dazu. Er war anders als ihr Freund, der Professor -Diermann, dem noch ganz und gar die alte Zeit in den -Gliedern gesteckt hatte, und auch anders, als die übrigen -Herren, die den Damen mit wenigen Ausnahmen doch -am liebsten aus dem Wege gingen. Bartelmes nahm die -Haberkorn so wichtig, wie sie sich selber vorkam, und -wenn ein heimliches Blinzeln und Flirren manchmal -dabei in seinen Augen war, so merkte sie das nicht.</p> - -<p>Auch mit den anderen wußte er fertig zu werden. -Nicht nur, daß er das gute Mehlmännchen allerorten -neckte und von ihr schon einmal eine Büchse köstlicher -Marmelade geschenkt bekommen hatte (sie erkundigte sich -nachher bei sämtlichen Damen, ob man auch nichts ›dabei -gefunden‹ hätte), sich von Fräulein Jong Fußtouren -sagen ließ, den jungen Praktikantinnen und Mai mit -viel Ritterlichkeit gegenübertrat, das physiologische Phänomen -der Seifert und ihre sonstige Vortrefflichkeit genügend -anerkannte – auch mit den Kollegen wußte er -sich zu stellen, und mit dem Zeichenlehrer sah man ihn -sogar oft. Nur die kleine Wehrendorf beachtete er nicht, -aber die hatte ja immer Pech.</p> - -<p>Man begriff manchmal nicht mehr recht, wie man -<a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a> -sich innerlich so schroff vom anderen getrennt und nur -bei feierlichen Gelegenheiten offiziell zusammengefunden -hatte –, man war ja gleich und beim gleichen Werk eingespannt.</p> - -<p>Bartelmes widersprach seinen Büchern nicht. Er -hatte noch Idealismus.</p> - -<p>Die Haberkorn wurde auch idealistisch. Bisher hatte -ihre Stimmung sich immer nach ihren Nerven gerichtet -oder je nachdem sie geschlafen hatte – jetzt kam sie alle -Morgen strahlend frisch, und ihr zweites Wort war immer -›Die Kindesseele –‹. Sie schwärmte jetzt nicht nur -für die geheimrätliche Meckebier, sondern auch für alle -anderen Zöglinge, ihr Herz wurde butterweich – es war -doch ein schöner, edler Beruf!</p> - -<p>Sie fühlte sich glücklich.</p> - -<p>Auch den anderen ging es ähnlich, und Christiane -mußte sich sagen: er hatte es gemacht, nicht sie. Obwohl -sie mit gutem Willen, mit Gerechtigkeit und Liebenswürdigkeit -begonnen hatte – er hatte es gemacht, nicht -sie.</p> - -<p>Sie wußte, woran es lag. Es war etwas Uraltes, -das in diesen älteren und jüngeren Mädchen unbewußt -lebendig wurde. Es war auch ein heimlicher wissender -Trotz gegen sie dabei. Sie wollten das Tun dieses herangerufenen -Fremden doppelt wiegen.</p> - -<p>Christiane beobachtete ihn mit kühler Zurückhaltung, -fand, daß er anscheinend eine gute unterrichtliche Begabung -und vor allem ein gewisses, verschleiertes Künstlertum -besaß, von dem freilich nicht zu ersehen war, wie -weit es reichte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_168" title="168"> </a> -Er hatte Christianens Pläne, von denen sie ihm gesprochen -hatte, mit großer Entschiedenheit abgelehnt.</p> - -<p>Ein Seminar, eine harte, nüchterne Beruflichkeit, -ja nur ein Hineinmischen solcher Dinge hier an der vornehmen -Schule war für ihn ein Unding. Man sollte -froh sein, daß diese moderne Unumgänglichkeit hier noch -umgangen werden konnte! Diese Mädchen stammten -sämtlich aus solchen Verhältnissen, daß man sie zu echten -Frauen erziehen konnte, zu der modernen Weibpersönlichkeit, -die die Frauenbewegung niemals zu schaffen vermochte.</p> - -<p>Kultur, ja, die brauchten diese jungen Markburgerinnen -herzlich notwendig, Schönheit, die mußte man -ihnen geben. Man sollte sie das reine Genießen lehren, -die schöne Haltung, das ganze Begreifen der Gegenwart, -aber man sollte sie nicht mit häßlichen Klammern verzerren.</p> - -<p>Christiane kannte sein Buch ›Die unerreichbare Frau‹, -das nach einem neuen, noch unbekannten Frauentypus -rang, während er die ›Karrenschieberinnen‹, wie er sie -nannte, als ewig kulturlos beiseite warf. Er wollte -hohe, starke Geister, volle Teilhaberinnen am modernen -Leben, aber keine Frauen mit Examen, mit dem Sinn -an ein enges Fach gebunden, mit den Gedanken an Geldverdienen. -Er knüpfte an die großen Frauen des achtzehnten -Jahrhunderts an und rief ein hohes Idealbild -auf.</p> - -<p>Warum sattelte er nicht um und ritt mit seinen Gedanken -ganz in die bunten Felder der Phantasie?</p> - -<p>Denn er war ein Phantast.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a> -Sie begriff nicht, wie die Frauen ringsum sich so -für ihn begeistern konnten – er lehnte sie ja alle ab. -Er verachtete sie innerlich grausam, obwohl er ihnen -äußerlich zu Hilfe kam; diese Hilfe war verkappter -Spott.</p> - -<p>Christiane fühlte: er sah sie auch nicht anders. Sein -Schauen war ihr gegenüber wenigstens geteilt. Halb -ließ er sie gelten, halb lehnte er sie auch ab.</p> - -<p>Ihre Schriften ignorierte er vollständig.</p> - -<p class="ce mt1 mb1">* * *</p> - -<p>Christiane begegnete dem Doktor Bartelmes eines -Abends bei Cöldts. Er machte eine sehr gute Figur, und -plötzlich horchte sie überrascht: er suchte wahrhaftig Geist -in die Unterhaltung zu bringen! Mit zweien, dreien -hatte er ein interessanteres Thema angefangen – jetzt -horchten schon mehrere darauf.</p> - -<p>Er kam aus geistig reger Stadt, kannte viele Großstädte -und Künstler. Es war nicht die geringste Prahlerei -an der Art, in der er das vorbrachte, es kam ganz -zufällig.</p> - -<p>Er war vorzeiten Gast im literarischen Kreise zu -Schreiberhau gewesen, kannte Reicke und Bölsche – für -Bölsche interessierten sich sogar die Markburger jungen -Damen, der war ja populär! Er hatte etwas von der -merkwürdigen Friedrichshagner Zeit kennen gelernt, war -in München und in Bayreuth bekannt und hatte in -Weimar Beziehungen. Vieles war durch seinen Bruder -gekommen, der aber ein etwas schwankendes und unklares -<a class="pagenum" id="page_170" title="170"> </a> -Genie zu sein schien und einmal eine preußische -Wachtparade im Stil des alten Fritz, ein andermal eine -Oper komponierte und jetzt an einer modernen Operette -war. Die Schwester war in Dresden und bei der Dumont -engagiert gewesen und sollte jetzt zu Reinhardt -kommen.</p> - -<p>Es schien doch Leute in Markburg zu geben, die da -wußten, was Reinhardt augenblicklich bedeutete.</p> - -<p>Bartelmes kannte auch Yse Bernhart.</p> - -<p>Christiane sah ihn überrascht an.</p> - -<p>»Ich traf Fräulein Bernhart erst vor kurzem in -Weimar.«</p> - -<p>»Dann hat sie gewiß auch von mir gesprochen.«</p> - -<p>Christiane sah starr in die flimmrigen schwarzen -Augen des Mannes.</p> - -<p>»Ihren Namen nannte sie allerdings, Fräulein -Doktor,« erwiderte er langsam, während sein Blick etwas -nach unten strich – und Christiane begriff jäh: der -wußte mehr von ihr, als sie geahnt hatte. Der hatte sie -schon gekannt, ehe er hierher kam! Er wußte, aus welcher -Flut sie gestiegen, wie ihre Entwicklung war – -grade aus dieser Verbindung heraus!</p> - -<p>Sie fühlte sich ihm gegenüber plötzlich rätselhaft -ärmer, als ob sie ihm gebeichtet hätte. Etwas zwischen -ihnen war verschoben. Nicht, daß Yse etwas verraten -hätte, aber ihre Freundschaft sagte dem Psychologen -schon genug! Und Bartelmes war ein Frauenpsychologe, -wollte es wenigstens sein, und so fühlte sie sich ihm -gegenüber plötzlich nicht mehr als das ruhig, straffe -Fräulein Doktor, die moderne Herrscherin, sondern –</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a> -Rief noch immer etwas in ihr nach dem verbotenen -Gestade – –?</p> - -<p>Ihr Blick irrte zu Ludwig. Er stand nicht weit entfernt -von ihr.</p> - -<p>Er war nie weit entfernt von ihr.</p> - -<p>Sie sahen sich an.</p> - -<p>In dem Augenblick wurde ihr Bartelmes von einer -Dame weggewinkt. Es ging wohl um den Frauenverein, -in dem der Doktor Kunstvorträge halten sollte, vielleicht -aber auch um andere Dinge, denn sie wären im -Alter zu einer Partie grade recht gewesen.</p> - -<p>Er schien aber nicht daran zu denken.</p> - -<p>Sie merkte, daß er während aller Liebenswürdigkeiten, -die auf ihn einkamen und die er weltmännisch -und mit dem kleinen Künstlerhauch erwiderte, doch immer -wieder zu ihr schaute.</p> - -<p>Sie kannte den Blick.</p> - -<p>Es war etwas von dem darin, den Ludwig für sie -hatte. Den schon mancher Mann für sie gehabt hatte: -das eigentümlich überlegende Sinnen, das innere Festgehaltensein.</p> - -<p>Ludwig! Ludwig!</p> - -<p>Nachher brachte Bartelmes sie nach Hause.</p> - -<p>Es war Tauweiche in der Luft. Noch lag alles voll -Schnee. So viel Schnee hatte man in den Jahren hier -nicht mehr gehabt. Schnee auf Schnee lag im Walde. -Wälle, die vorm Feind geschützt hätten, waren um die -Felder und Dörfer geschichtet. Schnee um Schnee war -in der Welt. Aber ein flüchtiger Tauwind zog darüber.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_172" title="172"> </a> -Sie begann unwillkürlich wieder von Yse.</p> - -<p>»Ich sah sie lange nicht. Sie schreibt mir auch nicht -mehr.«</p> - -<p>»Dafür liest man, was sie für alle schreibt,« sagte er.</p> - -<p>»Das lassen Sie also gelten?« fragte sie. »Das, -was <em class="ge">sie</em> schafft?«</p> - -<p>»Was sie schafft, ja. Denn es ist etwas Gegebenes, -die Aussprache einer inneren Kultur. Ich freute mich -herzlich, wenn ich unter meinen Mädchen ein solches -Fünklein entdecken könnte – blasen und blasen würde -ich – aber leider glimmen solche Feuer in Markburg -nicht auf!«</p> - -<p>Christiane fragte plötzlich nach seiner Schwester.</p> - -<p>Er sagte langsam: »Fräulein Doktor Dorreyter, -Sie werden sich wohl darüber klar sein, was für einen -Weg sie gemacht hat. Vor Ihnen will ich das nicht verhehlen. -Es hängt etwas daran, ehe eine arme Offizierstochter -eine bekannte Bühnenkünstlerin wird.«</p> - -<p>Sie nickte schwer.</p> - -<p>»Aber meine Schwester ist echtes Künstlerblut,« -setzte er hinzu, »und es hat keinen Ballast für sie bedeutet.«</p> - -<p>»Und Sie, Herr Doktor?« fragte Christiane plötzlich, -»wie stellen Sie sich als Bruder dazu?«</p> - -<p>»Daß sie diesen Weg machen mußte,« sagte er leichthin. -»Vielleicht ist in späterer Zeit auch der Bühnenberuf -eine Versorgung für untadelige höhere Töchter -und mit allerhand Besen gesäubert. Aber ich – möchte -es nicht hoffen. Ich – glaub's nicht. Dickicht muß sein. -Grade hier. Unkraut muß sein. Grade hier.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a> -Er bog sich ihr zu.</p> - -<p>»Nicht wahr, das sind nette Anschauungen? Aber -ich bringe sie nicht in das Reutterschloß.«</p> - -<p>Er sah blinzelnd nach dem Haus, das jetzt inmitten -der weißen Nacht sichtbar wurde.</p> - -<p>Sie wußte gar nicht, was er da zu schauen hatte, -legte die Hand auf den Knopf und klingelte.</p> - -<p>Jetzt tauchte die Hausmeisterin mit ihrem Laternchen -auf.</p> - -<p>»Ich danke Ihnen, Herr Doktor,« sagte Christiane -kühl und reichte ihm die Hand.</p> - -<p>»Auf Wiedersehen, Frau ... Äbtissin,« sprach er -langsam mit einem Lächeln, das sich in seinem Bart -verkroch.</p> - -<p class="ce mt1 mb1">* * *</p> - -<p>Am anderen Tag begegnete er ihr ganz unbefangen -und fragte sie, ob sie nicht einmal ihren Garten öffnen -wollte. Er würde seine Mädel gern mal hineinführen, -so lange noch Schnee sei. Jetzt könnten sie ja keinen -Schaden anrichten.</p> - -<p>Ihr war es noch nicht eingefallen, den fremden -Kindern ihr einsames Geheimnis preiszugeben, noch viel -weniger den Kollegen und Kolleginnen. Der Garten -war auch jetzt ein Märchen. Sie schaute von ihren Fenstern -aus oft hinein, und nur ihre Fußspuren gingen einsam -durch den Schnee. Der Garten war ihr Schönstes.</p> - -<p>Aber sie sah keinen Grund nein zu sagen. Denn in -ihrem Amt durfte sie eigentlich gar nichts für sich allein -<a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a> -haben. Alles mußte dem Zwecke dienen, dem sie sich einmal -gelobt hatte.</p> - -<p>Sie stand am Fenster und gewahrte, daß der Doktor -zuerst allein hineinging. Er schaute auf ihre Fußspuren -und verfolgte sie langsam bis zum Tempel mit -dem blauen Griechenbild. Auf einmal hatte sie das Gefühl: -es ist ihm gar nicht um das Schneeballen der -Kinder – er will nur wieder spähen. Er hat ein halbes -Bild von dir und will neue Züge haben. Er sucht sie -sich.</p> - -<p>Sie sah, wie er ging und ihre Spuren verdarb.</p> - -<p>Sie sah, wie er durch ihren weißen Schneegarten -ging.</p> - -<p>Auf einmal fühlte sie das Widrigste an ihm, das -eine Frau an einem Mann empfinden kann.</p> - -<p>Sie trat zurück. Ihre schwarze Gewandschleppe -rauschte.</p> - -<p>Dann hörte sie Kinderlärm.</p> - -<p>Jetzt flog es da unten hin und her. Ball auf Ball. -Der Doktor warf seine Bälle immer den hübschesten -Mädchen zu. Die wußten das und warteten darauf. -Sie lachten.</p> - -<p>Christiane dachte jäh: im Grunde wird Bartelmes -mit diesen Mädchen gut fertig.</p> - -<p>Bestand da irgend eine geheimnisvolle Wirkung, ein -heimliches Gegenspiel – Funke und Funke – –?</p> - -<p>Oder war er wirklich auf diesem Gebiete besonders -begabt?</p> - -<p>Ihr fehlte die große Begeisterung, die in dem Werk -an den verwöhnten Kindern eben wirklich ein Werk sah. -<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a> -Heimlich hatte es schon oft in ihr gerissen: wärst du -doch dort geblieben, wo du warst, wo du junge Kämpferinnen -vor dir hattest, Wesen wie du, die ihren Sinn gespannt -auf alle Dinge des Wissens richteten und ihren -Lebensgehalt vom Wissen erwarteten –! Das Nutzlose -ihres Schaffens stieg vor ihr auf.</p> - -<p>Die hier sind anders. Sie sind vom anderen Ufer. -Sie sehen kühl und lächelnd auf dich und denken: du bist -alt. Sie sehen dein Kleid und denken: hu, so möchte ich -nicht sein.</p> - -<p>Sie schauen nach dem, was du nie besaßest, und sie werden -es besitzen. Alle, alle werden es besitzen.</p> - -<p>Neid kam in ihr auf, Neid auf diese jungen, werdenden, -schönen, leichtbeschwingten Dinger.</p> - -<p>Sie vermochte ihnen nichts Dunkles anzudenken, -und sie sollten es auch nicht verstehen. Sie sollten den -Weg gehen, den dieser Mann, dessen Nerven in einem -starken, sinnlichen Weibesverstehen zuckten, ihnen anweisen -würde.</p> - -<p>Sie selber konnte hier nicht anwenden, was sie -eigentlich war, nicht werden, die sie war.</p> - -<p>Vielleicht nie und nirgends.</p> - -<p>Sie war in einer Sackgasse verrannt.</p> - -<p>Ihre besten Gaben, ihr Geist, ihre Klugheit, ihre -Sehnsucht, ihre uralte Kultur – das alles war knapp -eingespannt und kläglich halb ausgenützt. Das andere -verfiel.</p> - -<p>Torheit war es, zu glauben, daß ein Beruf eine jede -Frau höher brächte ... dazu durfte man nicht Vollblut -sein. Er entwickelte eine brave, nüchterne, praktische, -<a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a> -manchmal sogar trostlose Seite, aber ein geistiges Wachsen -brachte er nicht. Die ersehnte Hochkultur brachte er -nicht.</p> - -<p>Sie hätte eine dieser Frauen werden können, wie sie -Bartelmes suchte, einer der vornehmen, neuen Geister, -die alte und neue Kultur, Traditionen und Erworbenes -in sich vereinten – war es nicht das, was sie Jahre -und Jahre hindurch mit verbotenen Wünschen heimlich -ersehnt hatte?</p> - -<p>Mit Ludwig hätte sie reiten, an seiner Seite mit an -seinem Werk bauen, das ganze Leben der Nation in -seiner Entwicklung, in seinen Kämpfen und Bedrohungen -mit erleben wollen – sie wäre eine kostbare Teilhaberin -geworden!</p> - -<p>Wohin er auch gelangt wäre, immer hätte sie unübersehbar -an seiner Seite gestanden, keine Nichtstuerin, -kein Weibchen, sondern mit weiten Flügeln hinaufstrebend -zu dem Hochbild der neuen Frau.</p> - -<p>Sie fühlte sich plötzlich umspannt, beunruhigt, in -alte Qualen gestürzt.</p> - -<p>In ihr spähte es ja immer noch. Es war, als ob -ihre ganze Seele dem Leben gegenüber jetzt atemlos auf -dem Lauscherposten stünde, ehe sie sich enttäuscht für immer -abwandte und in Niederungen verkroch.</p> - -<p>Sie vergaß ihre Grenzen und ihre Würde.</p> - -<p>Sie starrte zu den jungen Dingern hinab, und ihre -Hände zuckten, wie ihr Herz.</p> - -<p class="ce mt1 mb1">* * *</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_177" title="177"> </a> -Um zwölf Uhr – das Glockenspiel der Agnetenkirche -summte durch die weiche, dicke Luft – guckte Mai -Friedlein aus dem Tor des Reutterschlosses sehr bestürzt -in das Gewimmel. Schon wieder so viel Schnee, und sie -hatte keinen Schirm. Schon wieder so viel Nässe, und sie -hatte ihren guten Hut auf.</p> - -<p>Da kam es von rechts und von links.</p> - -<p>Sie wußte gar nicht, wohin sie zuerst schauen sollte, -und war von dem Übermaß unerwarteter Ritterlichkeit -förmlich entzückt. Das war hier doch sonst nicht Sitte! -Sicher hatte Dreher Bartelmes beobachtet, sein Vorhaben -erraten und kam nun von der anderen Seite -gleichfalls mit seinem Schirm und einem galanten -Spruch.</p> - -<p>Sie warf den Kopf zurück und sah noch viel schöner -als gewöhnlich aus.</p> - -<p>»Wie soll ich mich da entscheiden?« sagte sie lachend, -»am besten ist es wohl, ich nehme einen Schirm, und die -Herren gehen zusammen unter dem anderen.«</p> - -<p>»Ihr Hut muß sehr geschützt werden,« meinte Dreher, -der im Herzen wieder erwog, wieviel solch ein Hut -kostete. Er hätte den Vorstoß nicht gewagt, sondern -hätte sie seelenruhig im Schnee gehen lassen und wäre -höchstens zärtlich hinterhergestapft – wenn er nicht noch -rechtzeitig den anderen gewahrt hätte. Nein, dem gönnte -er sie nicht! Dem Bartelmes nicht!</p> - -<p>Sie hatte einen Schirm angenommen, und zwar, -vielleicht zufällig, den des Doktors.</p> - -<p>Nun liefen die beiden Herren neben ihr her, einer -rechts, einer links.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_178" title="178"> </a> -Jeder im Schnee.</p> - -<p>Mai beobachtete das mit großer Schärfe und fand, -daß die breiten Flocken dem Doktor besser standen, als -Dreher, dem sie lächerlich an der Nase vorbeitrudelten. -Auf Bartelmes blieb der Schnee förmlich zärtlich liegen -und zerfloß dann schnell, wie von einer ungeheuren -Wärme aufgezehrt.</p> - -<p>Wenn man nur wüßte, was für Gedanken er -hatte!</p> - -<p>Sie mahnte sich selber: Vorsicht! Vorsicht!</p> - -<p>Die Erinnerung an den Assessor kam wieder.</p> - -<p>Noch immer war kein sicherer Bewerber aufgetaucht. -Die Mutter war noch nicht wieder in die Stadt gekommen.</p> - -<p>Dreher redete wenig, horchte aber aufmerksam auf -den anderen. Der erzählte vom Theater (das für Mai -auch keine ganz angenehme Erinnerung war) und vom -Rodeln, das er für seine flotten Schülerinnen eingeführt -hatte. Ein Wall im Stadtpark war dafür hergerichtet -worden.</p> - -<p>Er hatte auch Winterwanderungen aufgebracht.</p> - -<p>Nun bot Bartelmes sich Mai zum Führer an: »Wenn -Sie einmal den Versuch machen wollen, so bin ich gern -bereit, Sie zu unterstützen.«</p> - -<p>Sie merkte, was für ein Gesicht Dreher zog, und bedachte -sich.</p> - -<p>»Ich werde es mir überlegen.«</p> - -<p>»Zu unserm Rodeln müssen Sie aber kommen,« -redete Bartelmes zu. »Heute nachmittag sind wir im -Stadtpark, meine Mädel und ich.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_179" title="179"> </a> -Der Stadtpark verursachte ihr auch keine angenehmen -Erinnerungen.</p> - -<p>»Kommen Sie doch, Fräulein Friedlein,« bettelte er.</p> - -<p>Sie besann sich rasch. Wenn sie recht spät kam, war -das Rodeln beendet, und dann hatte sie noch den Heimweg -mit dem Doktor. Sie konnten sich einmal sprechen. -Wann war das sonst möglich? Im Reutterschloß war -man doch umspäht und beobachtet. Er war doch schließlich -– – vielleicht – zu rechnen. Der langweilige -Dreher entschloß sich doch nie.</p> - -<p>Sie blieb stehen, denn sie war am Stieglitzberg. -Eben wollte sie zusagend antworten, in Gegenwart -Drehers antworten, und sie wußte, was das für den bedeutet -hätte. Denn der haßte das Rodeln, erstens, weil -man sich dabei erkälten konnte, und dann, weil es unnötige -Anstrengung war.</p> - -<p>Da sah sie in Bartelmes Augen.</p> - -<p>Mai Friedlein war mit der Zeit klug geworden. -Sie hatte ihre Erfahrungen und eine gewisse sehr feine, -treffsichere Männerpsychologie.</p> - -<p>Lächelnd und sehr unbefangen sagte sie: »Nein, Herr -Doktor, es tut mir sehr leid – ich rodle, offengestanden, -nicht sehr gern. Sie verzeihen also, wenn ich – -fehle.«</p> - -<p>Und damit gab sie dem alten Junggesellen, dem -Dreher, die Hand. Instinktiv sehr fest. Und er antwortete -mit einem Druck, der ein Kompliment war, eine -große Anerkennung. Eine Sorge war von ihm genommen.</p> - -<p>Sie war doch nicht zu – schön.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_180" title="180"> </a> -Die Herren sprachen nicht viel untereinander, als sie -zu Tisch gingen.</p> - -<p class="ce mt1 mb1">* * *</p> - -<p>Ludwig brachte Christiane ein Buch, von dem sie gesprochen -hatten, und fragte, ob sie zum Abend zu ihnen -kommen könnte. Es sei aber niemand weiter da.</p> - -<p>»Heute abend geht es nicht,« antwortete sie, das -Buch leicht in der Hand drehend, »heute fahre ich nach -der Oper. Götterdämmerung.«</p> - -<p>»Siegfrieds Tod,« sagte er mit leichter Ironie, die -sie nicht verstand.</p> - -<p>»Ja, Ludwig, es ist mir hier manchmal zu eng,« -sprach sie, aufstehend und ein paar unruhige Schritte -durchs Zimmer machend, »ich muß etwas anderes haben, -wenigstens einen Ton von Ungewöhnlichkeit. Es ist ja -nur kurz,« fügte sie hinzu, »sieh, so musikalisch bin ich -nicht, daß ich Wagner vollkommen verstünde. Ich habe -nur <em class="ge">gelernt</em>, ihn zu verstehen. Das ist nicht viel. -Im Anfang werde ich kalt sein. Ich werde die Pappen -und die Leinwand der Dekorationen am deutlichsten sehen -und die koketten Arme der Sängerinnen. Dann werde -ich anfangen zu hören und für eine Weile im Strudel -untertauchen. Aber wenn es aus ist, Ludwig, dann ist -es auch für mich aus,« setzte sie traurig hinzu, »ich nehme -nichts mit. Keinen Rausch, keinen Traum, keine Erhebung. -Davon bin ich ausgeschlossen.«</p> - -<p>»Aber warum suchst du dir nicht eine Sprache aus, -die du ganz verstehst?« fragte er.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_181" title="181"> </a> -»Ich sage dir ja, ich suche das Ungewöhnliche,« antwortete -sie.</p> - -<p>Er sah sie schärfer an.</p> - -<p>»Christiane, ist es dir zu – schwer?« fragte er halblaut, -»dann – wirf's doch hin. Wirf die Sache hin. -Such dir Größeres. Sieh, ich sprach damals nicht dagegen, -als du kommen solltest, weil ich« – er stockte eine -Sekunde – »weil ich dich wieder nahe haben wollte. Weil -ich dachte, wir könnten uns auch so etwas sein. Du mir -und ich – dir.«</p> - -<p>»Was können wir uns sein, wenn unser Feuer so -hinter dem Berge brennt,« erwiderte sie leise.</p> - -<p>Er schrak zusammen.</p> - -<p>»Dafür brennt aber kein anderes, näheres,« sagte -er langsam, in sich versunken.</p> - -<p>Sie schwiegen beide.</p> - -<p>Als er aufschaute, kam ihm ihr Gesicht wieder verwandelt -vor.</p> - -<p>Sie blickte in ihren Garten hinaus. Der war voll -Schnee. Aber viele Spuren führten bis zu dem blauen -Griechenbild.</p> - -<p>»Komm morgen zu uns,« sagte er, »komm jeden -Tag. Wenn du <em class="ge">kannst</em>,« fügte er halblaut hinzu.</p> - -<p>»Ich dachte, damals sei das Schwerste für mich,« -sprach sie langsam, »damals am Morgen auf der Bahn. -Weißt du – als du die Türe hinter mir schlossest. Aber -jetzt – ich bin doch schon so weit – aber jetzt –« sie fuhr -plötzlich zusammen. »Ludwig, was sage ich dir,« rief sie, -»was fällt mir ein? An solche Dinge dürfen wir nicht -rühren.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_182" title="182"> </a> -Sie sah wieder nach ihrem Garten.</p> - -<p>»Solche Spuren sind ganz fein, und mehr darf nicht -sein. Sei ruhig, Ludwig, ich will dir keine neue Last -aufladen. Ich möchte nur, daß du – fortgingst. Das -quält mich mit, daß ich dich hier weiß und daß du -so –«</p> - -<p>Er sah sie an.</p> - -<p>»Sprich nicht weiter,« bat er.</p> - -<p>Sie schauten sich an.</p> - -<p>»Bitte, komm morgen,« sagte er dann, »komm, Christiane.«</p> - -<p>Er ging. – – – –</p> - -<p>Christiane fuhr in die ›Götterdämmerung‹. Unterwegs, -während der kurzen Eisenbahnfahrt, sah sie erst, -wieviel Schnee in der Welt war. Schnee um Schnee.</p> - -<p>Aber in der großen Stadt war er weg, oder wenigstens -unkenntlich. In der Vorhalle des Opernhauses -mußte sie plötzlich an den Wald denken, und jetzt wußte -sie: ich werde ihn gleich sehen. Oder etwas Ähnliches.</p> - -<p>Und es kam so, wie sie gesagt hatte: erst saß sie -fremd, ja, sie lächelte sogar flüchtig, dann aber warf sie -ihre Seele in die Musik hinein, sehr spät, denn die anderen, -die ihre Gläser vor die Augen und die Textbücher -auf dem Schoß hielten, hatten das vermutlich -längst getan.</p> - -<p>Der Gesang der Rheintöchter berührte sie besonders. -Dieses Klingen, dachte sie. Meine Stimme hat in meinem -ganzen Leben nicht so geklungen. Wie das perlt.</p> - -<p>Ich kann mir denken, daß Frauen, die so singen -<a class="pagenum" id="page_183" title="183"> </a> -können, ein ganz anderes Leben führen, als eine – -Schulmeisterin.</p> - -<p>Nachher dachte sie an Doktor Bartelmes Schwester. -Eine Tochter aus gutem Hause – nein, so ganz gut war -es wohl nicht. Sie hatte es von Ludwig gehört. Ein -wenig Schmutz war ihr wohl schon in der Seele angehangen, -als sie auf die Bretter kam, und ihre Seele war -jedenfalls ebenso bereit für den Schmutz wie für die -Kunst.</p> - -<p>In Christiane wehrte es sich auf einmal gegen alle -heuchlerische Bühnenkunst, und sie sehnte sich nach der -reinen Kunst der Bücher und der Bilder.</p> - -<p>Wenn ich dergleichen getan hätte, dachte sie.</p> - -<p>Das ist auch ein Lebenpacken, vielleicht sogar ein – -Sichanwenden.</p> - -<p>Dann reckte sie sich.</p> - -<p>Dazu hätte ich nie gepaßt. Ich, eine Dorreyter – -nein. Nie. Zum Reiten über die Heide hätte ich gepaßt. -Zu Ludwig. Zu keinem anderen, als zu Ludwig -und zu seinem Werk.</p> - -<p>Aber wenn ich diesen Stempel nicht empfangen -hätte – wäre ich dann nicht vielleicht – – nein, was -denke ich, keiner wird anders, als er ist. Ich bin die Urenkelin -der Frau von Rhane und habe heißes Blut. Aber -– hochmütiges. Sehr hochmütiges.</p> - -<p>Zu Ludwig hätte ich gepaßt. Aber Sünde hätten -wir nicht tun können. Er nicht und ich nicht.</p> - -<p>Dazu ist unser Blut zu stolz. Wir lassen unser -Feuer hinter dem Berge niederbrennen.</p> - -<p>Ja, niederbrennen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_184" title="184"> </a> -Ich bin aufgeregt, dachte sie, als sie aus dem Theater -kam und nach dem Bahnhof fuhr.</p> - -<p>Es war der letzte Nachtzug nach Markburg.</p> - -<p>Und morgen früh – – was war mit ihr? Sie war -ja ganz aus dem Geleise – –? Hastig stieg sie ein und -lehnte sich zurück. Allein sein, allein fahren, fahren, -irgendwohin.</p> - -<p>In ihrem Blut bebte der schwere Rausch der Musik. –</p> - -<p>Sie stutzte. Da sah sie einen: Bartelmes. Und -er erkannte sie im selben Augenblick. Nach einem kurzen -Zaudern sprang er zu ihr in den Wagen und begrüßte -sie.</p> - -<p>»Waren Sie auch in der Oper?« fragte sie unwillkürlich.</p> - -<p>»Ja, ja,« sagte er. »Ging aber vor Schluß weg -und war noch mit Freunden zusammen. Literatur.« -Er lachte vor sich hin, und auf einmal dachte sie wieder -an seine Schwester.</p> - -<p>»Ich möchte Ihr Fräulein Schwester wohl einmal -sehen,« sagte sie.</p> - -<p>Er fuhr vor. »Meine Schwester?«</p> - -<p>Dabei sah er sie an. Das Licht im Abteil war blau -gedämpft, ganz genau konnten sie einander nicht erkennen. -Aus dem Nebencoupé tönten lebhafte Stimmen. -Da fuhren auch welche aus der Oper nach Markburg -oder in ein anderes Nest.</p> - -<p>»Ach, meine Schwester,« sagte er. »Ich versichere -Sie, die braucht keine Hilfe und keinen Rat. Sie sollten -Sie sehen: klein ist sie nur, aber ein stahlfestes, geschmeidiges -Tierchen und – ach, ich glaube, ich habe -<a class="pagenum" id="page_185" title="185"> </a> -wohl ein Bild von ihr da.« Er griff seine Brieftasche -heraus und suchte zwischen anderen Photographieen.</p> - -<p>Jetzt hielt er ihr eine hin und riß am Lampenschleier.</p> - -<p>»Hier, bitte, gnäd – – Fräulein Doktor –«</p> - -<p>Hatte er ganz vergessen, wer sie war?</p> - -<p>Jetzt war nur das kleine Bild zwischen ihnen.</p> - -<p>Ein keckes Persönchen. Sie wußte sofort, es war so, -wie sie gedacht hatte: an der war nichts Reines und Bewahrtes, -die war durch alle Feuer gegangen.</p> - -<p>»Aber nun –« er steckte das Bildchen ein – »darf ich -erfahren, wie Ihnen der Siegfried gefallen hat –?«</p> - -<p>»Ein dicker Sänger,« sagte sie.</p> - -<p>Er fuhr zurück.</p> - -<p>»Erbarm sich – – Pardon, gnädiges Fräulein – -Sie scheinen überhaupt keine Musikkennerin zu sein und -auch wohl keine Bühnenillusion gelten zu lassen?«</p> - -<p>»Musik verstehe ich nicht,« sagte sie, »und die Bühne -– mir scheint es nicht, daß das Kunst ist – – Kunst ist -meiner Ansicht nach – vornehmer. Kunst war es, als es -<em class="ge">wurde</em>.«</p> - -<p>»Vornehm, ja, vornehm,« höhnte er. Es versank -fast im Rattern des Zuges.</p> - -<p>»Ja, allerdings. In den Klöstern gab es auch nur -das Buch und die Musik, die den frommen Frauen die -Zeit vertrieben. Aber eine andere Musik. Ach, kleine -Spiele gab es auch, fromme Spiele.«</p> - -<p>Er lachte. Irgend etwas an ihm schien verwandelt, -und in ihr begann es heimlich gierig zu spähen: kam sie -jetzt auf den eigentlichen Kern des Doktor Bartelmes?</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_186" title="186"> </a> -»Ich dachte, Sie kämen vom Siegfried anders zurück,« -sagte er nun, und sie zuckte: »Wußten Sie denn –? -Daß ich –«</p> - -<p>»Ach, ich glaube, ich war in der Telephonzelle, als -die Hausmeisterin Ihr Billett bestellte,« sagte er gleichmütig. -Jetzt war er wieder korrekter. »Ich bin aber -oft hier,« setzte er noch hinzu.</p> - -<p>Sie saß regungslos.</p> - -<p>Das hieß ja fast, es könnte auch möglich gewesen -sein, daß er um ihretwillen hierhergefahren wäre! Sie -hätte fast gelacht. Und zugleich schraubte sich ihr ganzer -Hochmut herauf: wer war er denn? Was erlaubte -sich dieser Mann?</p> - -<p>Er hatte wohl gemerkt, was in ihr vorging. Seine -Stimme veränderte sich vollkommen. Kühl holte er ein -Schulthema heran, ein extra langweiliges.</p> - -<p>Sie hörte kaum zu. Ihre Blicke hingen sich mechanisch -an die schwarzspiegelnden Scheiben – da merkte -sie, daß er auch dahin guckte. Er suchte ihr Bild heimlich -aufzufangen.</p> - -<p>Und plötzlich kam über sie, was noch keine Gestalt -angenommen hatte, aber schon dagewesen war. Sie -dachte wieder an ihren weißen Garten, durch den er gegangen -war. Irgend etwas in ihr neigte sich ihm zu: -sie waren einander im Geistigen wohl ebenbürtiger, als -er dachte, und wenn ein Feuer sein sollte, so konnte es -diesseits brennen, offen, ganz offen – – –</p> - -<p>Ludwig!</p> - -<p>An wie vielen war sie in den Jahren schon vorbeigegangen!</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_187" title="187"> </a> -Und jetzt sollte es so kommen?</p> - -<p>Hier vor seinen Augen?</p> - -<p>Eine Stimme sagte ihr: früher hattest du noch Hoffnungen -und mehr Idealismus. Früher war Ludwig noch -groß vor dir, und etwas in dir fand keinen Größeren.</p> - -<p>Jetzt ist deine Seele in einem atemlosen Harren -über ihn hinausgeflackert.</p> - -<p>Hier ist einer, der dich zwar noch nicht kennt, aber -doch über dich nachdenkt, der Macht über dich gewinnen -will. Nicht einer der Gleichgültigen und Dutzendleute -– nein, eine Basis wäre wohl da, auf der ihr euch treffen -könntet – er würde dir geben, was du verlangst – – -und du ihm, was er – braucht – – –</p> - -<p>Sie zuckte.</p> - -<p>Was war das?</p> - -<p>Wie verirrte sie sich in solche tollen Dinge?</p> - -<p>Morgen, ach morgen – – –</p> - -<p>Sie strich über die Scheiben, die nun angelaufen -waren, und brachte den Kopf ganz nahe. Auf einmal sah -sie die vorbeistreifenden Schneefelder, und plötzlich überkam -sie eine ganz lichte Empfindung, als glitten weiße -Büsche an den Rainen entlang, als seien blütenhelle -Bäumchen da, als sei ein ganz zarter, heimlicher Frühling -draußen. Eine Frühlingsnacht.</p> - -<p>Und sie dachte: Wieviel hast du versäumt. Mit -Büchern und mit fremden Leuten. Mit Tränen hast du -es versäumt. Mit Sehnsucht. Nach einem fernen großen -Jugendfeuer hast du hingestarrt und dabei jeden deiner -neuen Frühlingstage übersehen.</p> - -<p>Und bald kommt der Herbst. Dann wird dir die -<a class="pagenum" id="page_188" title="188"> </a> -Rechnung präsentiert. Dann – was dann kommt, ist -bitterer als Sehnsucht, ist die ganze Qual des Unerlebten, -ist die Erkenntnis, daß du leben <em class="ge">konntest</em> und -hast es nicht getan. Und hast es nicht getan.</p> - -<p>Sie saß regungslos.</p> - -<p>Und drüben saß der Mann.</p> - -<p>Sie sprachen nicht mehr.</p> - -<p>Er begleitete sie auch nicht nach ihrem Hause, denn -Christiane winkte sich rasch eine Droschke heran und fuhr -dem Reutterschloß zu.</p> - -<p class="ce mt1 mb1">* * *</p> - -<p>Am anderen Abend kam sie zu Cöldts.</p> - -<p>Sie blieb erst eine Sekunde vor dem Hause stehen -und besah es sonderbar genau, und als sie nachher Ludwig -gegenüberstand, schaute sie ihm auch sonderbar ins -Auge.</p> - -<p>Er kam an dem Abend zeitiger aus seinem Zimmer -als sonst. Immer, wenn Christiane da war, tat er es, -aber heute war es noch zeitiger. Und dann bat er sie, -sie solle zu seinen Büchern kommen.</p> - -<p>Hardi folgte und beobachtete Hanni, die ein Schulbuch -vor hatte. Sie schaute auch zu Christiane, die mit -Ludwig zusammen Neuausgaben alter Bücher besah.</p> - -<p>Und es überkam sie auf einmal: was tue ich denn -hier? Wer bin ich denn hier? Was für ein Recht habe ich -hier –?</p> - -<p>Sie fühlte wieder den Schnee draußen.</p> - -<p>Christiane aber sah, Ludwigs Auge vermeidend, die -<a class="pagenum" id="page_189" title="189"> </a> -Neudrucke an und dachte: Ja, es sind Kostbarkeiten, für -ihn wenigstens. Stille Kostbarkeiten, wie er sie so gern -hat, wie er sie an sich genommen hat, statt seines Werkes, -statt seiner eigenen Ideen, statt jeder Tat, zusammen -mit meiner Liebe.</p> - -<p>Alles stille Kostbarkeiten.</p> - -<p>Aber später? Wie werden wir das später ansehen?</p> - -<p>Ludwig, man bleibt nicht zusammen, wenn man sich -immer ferne ist. Eine Lücke bleibt – es bricht. Ludwig, -zwischen uns ist eine Lücke, und wir spüren sie jetzt -– beide.</p> - -<p>Beide spüren wir sie jetzt.</p> - -<p>Ich habe ja keine anderen Erinnerungen, als an die -Ritte über die Ebene und an die Stunde, in der du die -Tür leise hinter mir schlossest.</p> - -<p>Soll ich hinter der Tür stehen bleiben?</p> - -<p>Frau von Cöldt merkte, wie wenig geredet wurde. -Die beiden sahen aufmerksam auf die Bücher und kaum -auf einander.</p> - -<p>Eine Stille zog durch den Raum und wurde schwer.</p> - -<p>Es war gut, daß unvermutet noch jemand kam: -eine der Vereinsdamen. Sie wollte einiges mit Hardi -besprechen und tat es auch, und dann ging sie mit -Christiane zusammen fort. Andere Begleitung war -nicht nötig.</p> - -<p>Sie wohnten nicht weit voneinander.</p> - -<p>Hardi Cöldt sah ihren Mann nachher flüchtig -an.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_190" title="190"> </a> -Irgend ein Triumph schwoll in ihr, ein ungewisser -roher Hohn, vor dem sie selbst erschrak.</p> - -<p>Sie sagte nichts.</p> - -<p class="ce mt1 mb1">* * *</p> - -<p>Das Jubiläum der Reutterschule rückte näher.</p> - -<p>Fünfzig Jahre war es her, seit Fräulein Sophie -Reutter sich in ihrem Hause aufgehängt hatte. Von -dem Tage datierte die neue Zeit, wie die Blätter schrieben. -Natürlich erwähnten sie den Selbstmord der alten -Dame nicht, sondern priesen nur ihren sozialen Weitblick, -der der Regierung die Mittel zur Entwicklung der -Anstalt an die Hand gegeben hatte.</p> - -<p>Die Haberkorn gab ihr Jubiläumsbuch heraus. -Wochenlang hatten ihr die Kanarienvögel bei den Korrekturen -helfen müssen. Jetzt lag es beim Buchhändler -in der Rädelgasse im Schaufenster, gleich neben den -Schriften des Doktor Bartelmes.</p> - -<p>Und der hatte auch darin abgefärbt. Wenn man -genau zusah, so kehrten seine Wendungen wieder, und -seine Schlager waren unbewußt angenommene Geleitsworte -geworden. Das System Bartelmes feierte hier -einen Triumph.</p> - -<p>Es kamen viele Gästeanmeldungen. Christiane -staunte, wie weit die Provinzschule ihre Zöglinge ausgeworfen -hatte. Die meisten hatten Mann und Kinder, -waren Regierungsrätinnen und Professorsfrauen, Offiziersgattinnen -und große Damen. Einige wenige hatten -sich selber Brot schaffen müssen, das waren Lehrerinnen. -<a class="pagenum" id="page_191" title="191"> </a> -Alle waren der Zucht und Pflege des Reuttersschlosses -entsprechend geraten – die Ungeratenen meldeten -sich erst nicht.</p> - -<p>Am Vormittag des Festtages fand der offizielle -Aktus statt, für den Abend aber waren künstlerische Aufführungen -der Schülerinnen geplant, über denen Doktor -Bartelmes wachte.</p> - -<p>Christiane zog sich von diesen Vorbereitungen zurück, -der Doktor hatte sie darum gebeten, es sollte eine -Überraschung für sie sein.</p> - -<p>Lange vor Ostern wurde schon geprobt. Die Gedanken -der Kinder waren von nichts anderem mehr erfüllt, -und den Auserwählten, den schönsten Mädchen, -wurde von den anderen neidisch nachgeguckt.</p> - -<p>Christiane verlor ihre stillen Nachmittage und -Abende, an denen keiner in dem Hause war, als sie und -die alte Hausmeisterin und etwa der Geist des aufgehängten -Fräuleins – wenn der Lust dazu hatte. Sie atmete -nicht mehr die schwere, herrschaftliche Ruhe, die noch -von der Besitzerin her stammte, gleichsam aus der Sekunde, -in der sie ihren letzten Atemzug getan hatte, diese Ruhe, -die alles wegstrich, was gerauscht und gerüttelt hatte.</p> - -<p>Vom frühen Nachmittag an gingen Türen, wanderten -Mädchenschritte, erscholl Mädchenlachen, ertönte das -Klavier. Mai Friedlein hatte Seele für das, was sie zu -spielen hatte. Es begann mit Mozarts zartem Frühlingslied: -›Ein Veilchen auf der Wiese stand –‹ und -kettete einen leichten Rhythmus an den anderen.</p> - -<p>Es war dann, als ob lichte Wolken zogen, der Rasen -grünte, und die Amseln schrieen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_192" title="192"> </a> -Und es kam so: während man so sang und spielte -und probte, zerfiel der Schnee, und es wurde viel schneller -Frühling, als man es nach diesem sibirischen Winter -erwartet hatte. Viel schneller zog es blau hinter den -Bäumen auf, liefen die Wasser ab und pfiffen die Amseln -vom Giebel des Griechentempels.</p> - -<p>Und dann kam der Tag.</p> - -<p>Morgens, beim Ankleiden, dachte Christiane: ich -kann begreifen, daß Sophie Reutter an einem solchen -Tage Schluß machte. Der treibt ja dazu. Der Frühling -hat tausend Fäuste gegen den, der ihm widerstrebt. -Seinen ungeheuren blauen Schild deckt er über alles, -was nicht mit ihm leben kann.</p> - -<p>Wie das funkelt.</p> - -<p>Herein in den Saal oder – heraus!</p> - -<p>Sie erschauerte: was denke ich?</p> - -<p>Der Garten war ganz trocken, ganz grün, voller -Sonne. Die Linden waren noch hochmütig kahl, aber -lebendig waren sie auch. Alles, alles war lebendig.</p> - -<p>Das Griechenbild verschwand fast dahinter.</p> - -<p>Christiane dachte: mit einem Siebenmeilensprung -bin ich über die Felder des Lebens hinweggekommen, -auf denen die Frauen am längsten und zärtlichsten stehen -und auf denen sie ihre Blumen pflücken. Weit, weit -unter mir hat es unsicher geleuchtet. Ich dachte nicht -daran. Ich durfte nicht.</p> - -<p>Ist jetzt ein Wind gekommen, der mich – zurückträgt?</p> - -<p>Auf einmal fiel ihr ein, daß sie am Abend auch -Ludwig sehen würde. Gewiß würde er kommen. Aber -<a class="pagenum" id="page_193" title="193"> </a> -mit Hardi. Sie lachte vor sich hin. Mit Hardi! Mit -seiner Frau!</p> - -<p>Draußen auf den Gängen trappelte es schon – -Herrgott, sie kamen! In dem Augenblick empfand sie -jäh, wie eisig einsam sie in tiefster Seele doch war.</p> - -<p>Nun vollzog sich die offizielle Jubiläumsfeier unter -der Teilnahme des Präsidenten und vieler Stadtspitzen. -Orden wurden allerdings nicht verteilt. Der einzige, -der dafür reif gewesen wäre, Professor Diermann, war -nicht mehr da.</p> - -<p>Christiane mußte auch wieder reden.</p> - -<p>Ein bißchen verborgener Spott über die ganze Kleinstädterei, -über das gesamte menschliche Narrenspiel war -in ihr. Sie sprach anders, als sonst, leichter, gleichgültiger. -Verschiedene Gesichter hoben sich und staunten zu -ihr herauf, die Jong, der Zeichenlehrer, sogar der Präsident.</p> - -<p>Komödie, Komödie, dachte sie.</p> - -<p>Auf der anderen Seite fuhr Lächeln über ironische -Mienen.</p> - -<p>Sie merkte es nicht.</p> - -<p>Draußen vor den Fenstern glitten Wolken wie weiße -Vögel. Siegfrieds Tod stand wieder vor ihr auf, der -ganze schwere, tönende, verlangende Rausch der Musik.</p> - -<p>Jetzt sangen sie. Sie erschrak.</p> - -<p>›Der dich mit Adlersflügeln – – –‹</p> - -<p>Bestürzt blickte sie in Doktor Bartelmes Augen. –</p> - -<p>Am Abend war das Fest. Blumen durchzogen das -ganze Haus, lauter Frühlingsblumen.</p> - -<p>Christiane kam in die Menge herein, wie ein Gast.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_194" title="194"> </a> -Ludwig, den sie traf, befragte sie, wer alles geleitet -hätte. Sie war schon eine Zeitlang nicht mehr bei Cöldts -gewesen.</p> - -<p>»Ja, Bartelmes,« sagte sie, über ihn wegschauend. -Ihre Augen flimmerten.</p> - -<p>Er trat zurück.</p> - -<p>Dann merkte sie, daß auch wohl die Haberkorn an -der Sache beteiligt war. Sie lief wenigstens aufgeregt -hin und her und flüsterte da und dort einem Mädchen -etwas zu, erklärte diesem oder jenem etwas. Der Zeichenlehrer -zeigte irgendwelche Skizzen herum. Mai probierte -das Instrument, wobei die Jong gleichmütig -wissend zusah, und die Kanarienvögel nahmen alles -ringsum mit wissenschaftlicher Neugier auf, obgleich -nicht zu erwarten war, daß man in ihren künftigen Wirkungskreisen -auf dem oder jenem Dorfe gleich etwas der -Art von ihnen erwarten würde. Immerhin hatten sie -auch ein kleines, verborgenes Gelächter über Bartelmes, -dem sie den Spitznamen ›die schwere Zigarre‹ gegeben -hatten, denn an eine solche erinnerte er sie. Er war lang, -dunkel, steif und doch gut anzubrennen.</p> - -<p>Die Wehrendorf kam in ihrem schwarzen Kleidchen -still herein und winkte sich ein paar Kinder heran, eins -davon war bucklig.</p> - -<p>Bartelmes trat zu Christiane heran.</p> - -<p>»Jetzt dürfen wir beginnen, nicht wahr?«</p> - -<p>Das Klavier schlug an, und nun kamen sie.</p> - -<p>Wie ein Frühlingszug glitt es heran, nichts von -Drill und Tanzstunde, von frühreifer Koketterie, in keinem -Auge etwas Dreistes, überall Mädchenschritte, Mädchenblicke, -<a class="pagenum" id="page_195" title="195"> </a> -zarte Hingabe – – ›Ein Veilchen auf der -Wiese stand –‹</p> - -<p>Gewiß waren die Kleider raffiniert ausgesucht, die -Kränze geschickt aufgesetzt, gewiß war alles genau überlegt -und herausgespielt, und doch schien es, als hätte er -die Kindesseele ganz rein heraufgeholt, als hätte er diese -Herzen zu feiner Kunst geöffnet.</p> - -<p>So lieblich hatte Christiane diese Mädchen noch nie -gesehen. So schön noch nicht. –</p> - -<p>In ihr schrie es. Der Neid kam auf. Die glühende -Sehnsucht nach dieser Jugend und diesem Sein.</p> - -<p>Und auf einmal überkam sie eine Erinnerung: ein -wenig ähnlich war der Plan doch gewesen, den Diermann -und die Haberkorn damals aufgesetzt hatten, als sie -glaubten, daß ihr Interregnum noch fortdauern könnte. -Nur künstlerischer war er gestaltet. Deshalb war die -Oberlehrerin so eifrig dabei, deshalb waren fast alle so -voller Feuer und Flamme gewesen – etwas Altes -von ihnen, ihr eigener Wille hatte sich da durchgedrückt.</p> - -<p>Und es war schön – schön – – –</p> - -<p>Bartelmes konnte viel. Er war ein Künstler.</p> - -<p>Auf einmal fiel ihr Sophie Reutter wieder ein. So -viel auch ihrer Wohltätigkeit gedacht worden war – ihr -dunkles Bild war nicht aufgerufen worden.</p> - -<p>Sollte sie es jetzt tun?</p> - -<p>Irgend etwas trieb Christiane plötzlich an, diesen -Kindern in ihrem werdenden Frauenglanz auch den -Frauensturz, das ernste Schicksal zu zeigen!</p> - -<p>Eine Jugend lebte von ihr, Jugenden hatten schon -<a class="pagenum" id="page_196" title="196"> </a> -von ihr gelebt, aber ihr wirkliches Los und Leiden kümmerte -keinen.</p> - -<p>Sie wollte vortreten, Schweres auf den Lippen – -da kam Bartelmes auf sie zu.</p> - -<p>»Fräulein Doktor – – Verzeihung –.« Er war gar -nicht Erzieher, sondern nur ein triumphierender Mann. -Er sah zu den Mädchen und sah zu ihr. »Wie dunkel -sehen Sie aus, Fräulein Doktor.« Seine Worte waren -Kompliment, seine Augen glänzten.</p> - -<p>Es überstrich sie.</p> - -<p>»Ich wollte sprechen,« sagte sie.</p> - -<p>»Wovon?«</p> - -<p>»Von der Frau, die hinter uns steht. Von der – -Gescheiterten.«</p> - -<p>Er verzog den Mund.</p> - -<p>»Ist denn heute ein Tag für Gespenster? Heute? -Heute? Verzeihung, aber – – ja, gewiß – –« Er -trat zurück, sein Ton war kühl. »Wenn Sie glauben –«</p> - -<p>»Nein, nein, ich will doch lieber nicht.« Sie hatte -sich besonnen. Heut war ein Frühlingstag gewesen, und -für alle Jugend hier im Saal würde es doch Frühling -bleiben, trotz allem, was etwa gesagt wurde. Darin -läßt keine Seele sich etwas aufreden.</p> - -<p>»Nein, ich will nicht,« sagte sie.</p> - -<p>In seinen Augen flimmerte es noch immer.</p> - -<p>»Der Abend sollte ein ganz helles Geschenk für Sie -sein,« sprach er leise, fast ein wenig heiser.</p> - -<p>Er blieb neben ihr stehen.</p> - -<p>Die Gäste drangen auf sie ein. Alle ehemaligen -Schülerinnen, die Professorsfrauen und Offiziersgattinnen. -<a class="pagenum" id="page_197" title="197"> </a> -Alle sprachen sie vom verstorbenen lieben Herrn -Direktor und von Diermann.</p> - -<p>Bartelmes war für sie jetzt der Herrscher. Er hatte -ja alles geleitet. Er antwortete allen. Christiane schwieg -betäubt.</p> - -<p>Sie wußte, daß sie ihm heute die Herrschaft übergeben -hatte. – –</p> - -<p>Mai Friedlein hatte sich trotz ihrer Mitwirkung und -manch heimlicher Komplimente, die ihr vom Doktor zugekommen -waren, doch geschickt von ihm zurückgehalten. -Sie war mit ihren Plänen so gut fertig, daß es nur -noch fehlte, daß sie gelangen. Sie spielte nicht mehr auf -das Wunder hinaus. Ihr Wurf war viel kürzer geworden.</p> - -<p>Ja, sie war schön. Wie schön, das wußte sie nur -allein.</p> - -<p>Aber wenn einer nach ihr gegriffen hatte, so fand es -sich immer, daß er schmutzige Hände hatte oder nichts in -den Taschen.</p> - -<p>Nun war einer mit sauberen Händen da. Aber er -war ein bißchen gewöhnlich und hatte schlechte Manieren. -Ihr Herz zog sich vor ihm bitter zusammen, aber es -blieb ihr kein anderer Weg, als der zu ihm, und es gehörte -noch viel Klugheit dazu.</p> - -<p>Auch sie empfand die Schönheit der Mädchen. Die -der Werdenden. Die über sie hinwegwuchsen.</p> - -<p>Wenn sie an dem Abend noch nicht an ihr Ziel kam, -so war es, weil ihr helles Kleid Dreher Bedenken machte. -So etwas kostete viel Geld.</p> - -<p>Die Jong kam zur Wehrendorf.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_198" title="198"> </a> -»Dörfchen,« sagte sie.</p> - -<p>Ada hielt ihren Kopf gesenkt.</p> - -<p>Mühsam hatte sie ihr Schiff ein halbes Jahr gesteuert. -Ostern hatte sie einen Teil der Fracht abgeben -können, aber grade die guten, strebsamen Kinder. Die -anderen waren geblieben. Auch die kleine Cöldt.</p> - -<p>Nun wiegelte die in ihrer lautlos höhnischen Art -die anderen auf, und es waren weniger gute darunter, -als vorher. Es war diesmal kein besonderer Jahrgang. -Und Adas Nerven waren sehr herunter. Sie schlief kaum -mehr vor Husten. Mit dem Essen mußte sie auch furchtbar -sparen.</p> - -<p>Sie äße außerhalb, sagte sie Frau Dorreyter manchmal. -Immer konnte sie doch nicht auf deren Kosten -leben.</p> - -<p>Die Jong schien etwas gemerkt zu haben und ließ -sie an heimatlichen Kisten teilnehmen. Mehlmännchen -brachte ihr Marmelade und Knusperchen.</p> - -<p>Aber trotzdem – – –</p> - -<p>»Hören Sie mal, Dörfchen, wenn Sie nicht mehr -können, dann ruhen Sie sich lieber aus,« sagte die Jong.</p> - -<p>»Wo denn?«</p> - -<p>Die Wehrendorf schaute den Kindern zu. Ihre -Augen strahlten selbstvergessen.</p> - -<p>»Ich will Ihnen mal was sagen. Mein Bruder ist -Pastor in der Lausitz. Ältere Leute schon, haben weder -Kind noch Kegel. Die brauchen jemand für sich. Wenn -Sie dahin gingen – schlecht würden Sie es nicht haben. -Da könnten Sie sich ausruhen, meine ich.«</p> - -<p>Die Wehrendorf gab keine Antwort. – –</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_199" title="199"> </a> -Ludwig sah sein Kind an, das eben vor ihm stand. -Es trug auch das helle Tanzkleid und den Kranz im -Haar. Und doch wirkte es nicht elfenhaft wie die anderen, -sondern eher wie ein Waldschrat.</p> - -<p>Hardi war schon müde. Das grade Dasitzen konnte -sie nicht gut aushalten. Und nun war es doch wohl endlich -aus.</p> - -<p>Sie befragte Frau Landesrat Colb deswegen. Die -Damen rückten zusammen und flüsterten wieder vom -Verein. Sie wollten einen Frühlingsbasar halten.</p> - -<p>»Das könnte aber erst sein, wenn ich zurückkomme,« -sagte Hardi, »ich wäre doch gern dabei. Und dann bin -ich auch frisch.«</p> - -<p>»Ach ja, gnädige Frau gehen ja nach Bad Wiesental -– so bald schon – wie hübsch.«</p> - -<p>»Der Arzt hat es geraten. Im vorigen Jahr war -ich um diese Zeit auch da. Es war nett. Nur ein paar -Familien und die schöne Gegend –«</p> - -<p>»Ihr Herr Gemahl geht auch mit?«</p> - -<p>»Er bringt mich nur hin. Nein, er hat ja keinen -Urlaub. Und das Kind muß doch auch in die Schule. -Das Fräulein ist ja so zuverlässig –«</p> - -<p>»Wie reizend,« sagte Frau Colb. »Da besuche ich -Sie einmal, und wir können dann wegen des Basars -überlegen. Zu spät dürfte es nicht werden, denn –«</p> - -<p>»Dann ist es nicht mehr Frühling.« Hardi lachte -sonderbar. »Ja, sicher, sicher –«</p> - -<p>Sie spähte nach Christiane aus. Neben der stand -noch immer der große dunkle Mensch.</p> - -<p>Wie hatten die Herren vor ihnen vorhin gesagt?</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_200" title="200"> </a> -»Der hat jetzt die Macht im Reutterschloß. <em class="ge">Sie</em> -hat – umgesattelt.«</p> - -<p>Ludwig hatte es doch auch gehört.</p> - -<p>Sie faßte ihn am Arm.</p> - -<p>»Komm, wir gehen.«</p> - -<p>Sie gingen Arm in Arm aus dem Saale.</p> - -<p>Keiner sprach.</p> - -<p class="ce mt1 mb1">* * *</p> - -<p>Nun kam schon Bad Wiesental hinter den Bäumen -herauf. Kein großes Bad, aber sehr lieblich. Es gab -Eisenquellen dort. Hardi war voriges Jahr sehr frisch -wiedergekommen.</p> - -<p>Bäume, Büsche, Gärten, Wiesenflächen – wie schön -war alles. Ganz hell alle Bäume und Sträucher, mit -Blättchen fast nur erst wie befiedert – aber viel Blüten. -Lauter Blüten, weiße und rosige und da und dort auch -gelbgoldene, strähnig hängend. Ein wahrhaftiges Märchen.</p> - -<p>Hardi dachte daran.</p> - -<p>Sie hatte nicht viel Süßes im Leben gehabt. Aber -sie hatte es auch nicht gebraucht. Sie war ihrer Mutter -Tochter.</p> - -<p>Es hatte wohl noch mancher ihren Weg gekreuzt, besonders -dort oben in der Ostmark. Wenn sie unverheiratet -gewesen wäre, noch die arme Dorreyter – dann -hätte sich keiner dieser Herren um sie gekümmert. Aber -so neigten sie sich ihr verhohlen spähend zu. Sie spürten -ein Unglück an ihr und suchten sie auf ihre Art zu trösten. -<a class="pagenum" id="page_201" title="201"> </a> -Noch jetzt blitzte dann und wann auf ihrem Wege ein -solcher Glühfunken auf.</p> - -<p>Sie kümmerte sich nicht darum.</p> - -<p>Sie hätte zu Hause bleiben und ein altes Fräulein -werden müssen; sie hätte nichts vermißt.</p> - -<p>Aber sie war's nicht geworden.</p> - -<p>Jetzt hatten sie das Dorf erreicht. Die Häuser -waren sanft an den Berg gelehnt, der sie schützte. Gärten -kränzten sich um sie. Einige schlichen den Berg hinauf, -so weit sie konnten. Ganz oben auf dem Gipfel -waren Kirschenplantagen, die standen wie weißes Gewölk.</p> - -<p>Weiber liefen vorbei, schon barfüßig, schmunzelten -hinauf und sprachen von guter Ernte.</p> - -<p>Wie konnte man an Ernte denken, an dicke, rote -Kirschen, wenn das zarte Gewölk da oben stand?</p> - -<p>Mit einem leisen Gelächter sagte Hardi es ihrem -Mann.</p> - -<p>Der horchte verwundert hin, denn dergleichen war -er an ihr nicht gewohnt. Auch hatte sie während der -Fahrt kein Wort geredet.</p> - -<p>Er dachte sich nichts bei dem Frühlingstag. Er erfüllte -nur seine Pflicht, wenn er seine leidende Frau hierher -brachte, wo sie gut aufgehoben war und sich fern von -ihm vorzüglich erholte.</p> - -<p>Zu Hause lag ein Stoß Akten, an dem wollte er -morgen, über Sonntag, arbeiten.</p> - -<p>Hardi hielt sich fast ungewohnt straff, und nun kamen -sie an das Häuschen, in dem das Quartier wieder bestellt -und bereitet war.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_202" title="202"> </a> -Hardi lief in die Zimmer und guckte sich um: vor -den vorderen Fenstern standen weißblühende Dornbüsche, -förmlich dick und trotzig taten sie im Übermut. Sie -wollten blühen. Und vor der Hinterstube blühte, schräg -ansteigend, der Berg.</p> - -<p>Sie faßte den Mann am Arm.</p> - -<p>»Sieh, Ludwig, wie schön –!«</p> - -<p>»Du kannst es ja recht genießen,« sagte er.</p> - -<p>Sie hatte die rote Gardine etwas zurückgeschoben -und sah hinaus. Plötzlich wandte sie sich um und blickte -in sein fahles Gesicht.</p> - -<p>Und auf einmal kam es wieder über sie: Ich hätte -ja längst gehen müssen.</p> - -<p>Das war meine Sünde, daß ich nicht gegangen bin.</p> - -<p>Was war ich denn bei ihm? Nicht einmal sein Haus -habe ich ihm geführt. Nicht einmal sein Kind habe ich -ihm erzogen. Mit Spielereien habe ich mich satt gemacht, -mit fremder Not ein wenig getändelt, und sein -Werk habe ich ihm genommen.</p> - -<p>Sünde war alles.</p> - -<p>Ich habe es gespürt. Lange, lange schon.</p> - -<p>Die Eisdecke unter mir hat schon immer gezittert.</p> - -<p>Aber was nun – was nun –?</p> - -<p>Das andere Glück kann ich ihm nicht schaffen. Wenn -ich sein Haus verließe und mich frei machte, würde ich -noch mehr von seiner Laufbahn gefährden, als ich schon -gefährdet habe, noch mehr wegreißen und nichts dafür -geben. Denn das Feuer, nach dem er noch immer geschaut -hat und das ich ihm gleichmütig und spöttisch ließ, -ist ja längst für ihn erloschen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_203" title="203"> </a> -Ich kann ihm nichts geben, wenn ich – gehe.</p> - -<p>Es umwirbelte sie. Wie durch einen Schleier sah -sie die weißen Bäume auf dem Berg. Wie eine feierliche -Prozession stiegen sie höher und höher. Weiß, alles -weiß.</p> - -<p>Die rote Gardine wehte.</p> - -<p>Ludwig schritt noch einmal prüfend durch die beiden -Zimmer. Er rief die Wirtin und sprach mit ihr, um -sicher zu gehen, daß für Hardi alles gut besorgt werden -würde.</p> - -<p>Dann kam er zurück, gab ihr die Hand und warf -dabei einen Blick auf die alte Bauernuhr an der -Wand.</p> - -<p>»Ich muß zum Zug, Hardi. Hier scheint alles in -Ordnung. Solltest du etwas vermissen, so telephoniere -sofort, hörst du? Aber voriges Jahr hat es dir doch so -gut gefallen.«</p> - -<p>»Ja, es hat mir gut gefallen,« erwiderte sie, ohne -den Blick aufzuheben.</p> - -<p>»Ludwig,« sagte sie.</p> - -<p>Er stutzte flüchtig.</p> - -<p>Nun küßte er sie. »Lebwohl, Hardi.«</p> - -<p>Sie blieb stehen und horchte seinem Schritt nach, er -ging langsam. Sie horchte noch immer: jetzt war er -draußen. Der Sand knirschte.</p> - -<p>Auf einmal lief sie nach dem Vorderzimmer und -spähte aus dem Fenster.</p> - -<p>Da war er.</p> - -<p>Er wandte sich, glaubte wohl, daß sie noch etwas zu -sagen vergessen hatte, und sah ihr fragend ins Auge.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_204" title="204"> </a> -Seine Wimpern zuckten.</p> - -<p>»Bleib noch ein wenig,« bat sie mit blassen Lippen.</p> - -<p>»Es ist der letzte Zug,« sprach er.</p> - -<p>»Bleib,« sagte sie.</p> - -<p class="ce mt1 mb1">* * *</p> - -<p>Und nun begann eine seltsame Zeit.</p> - -<p>Ludwig Cöldt kehrte wieder an den Anfang zurück.</p> - -<p>Er war wieder bei seiner Frau.</p> - -<p>Das Ursprüngliche knüpfte sich wieder an, das alte -Recht und die alte Liebe. Er fand sich wieder an die -Zeit heran, wo er das liebe Mädchen mit den melancholisch -schmachtenden Augen auf den Markburger Straßen -gesehen hatte und sofort rätselhaft gepackt gewesen war, -daß kein Überlegen, kein Bremsen geholfen hatte – er -mußte sie haben, keine Bessere, keine Schönere, die nur -– die!</p> - -<p>Daß sie sich nicht gleich ergab, daß sie auch als Braut -immer etwas Scheues, Beklommenes behielt, war ihm -ein Reiz mehr gewesen – je mehr Wälle, desto mehr -Sieg, je mehr Trutz, desto mehr Süßigkeiten.</p> - -<p>Und dann – – –</p> - -<p>Da war ein breiter Graben. Aber über den waren -sie jetzt hinweg.</p> - -<p>Sie vergaßen Markburg mit allem, was daran hing, -die Gesellschaft, die um sie war, sein Amt, sogar ihr -Kind. Sie durchlebten in diesen zarten Frühlingswochen -etwas, was sie noch nie erlebt hatten, so groß -<a class="pagenum" id="page_205" title="205"> </a> -war es. Ein sonderbarer Ballast war dabei, aber er -machte es noch größer.</p> - -<p>Christiane Dorreyter war aus Ludwigs Leben verschwunden. -Sie war ihm das Fremde geworden, das -unsichere Feuer, die Versuchung. Hier war die Ehrlichkeit, -die innerste Verknüpfung, die reinste, beste Verbindung -– hier war das Weib und nicht die Verirrung. -Hier brannte das schönste Feuer, und drüben war nur -ein trüber Hauch – hier war die Ehe und dort die -Sünde.</p> - -<p>Hardi war schuld an dieser Verirrung, aber sie -sühnte jetzt, gab ihm alles, und er verstand sie und -sich.</p> - -<p>In jeder freien Zeit war er in Wiesental. Er hatte -sich ein Pferd angeschafft; fast an jedem Tag konnte man -ihn hinüberreiten sehen.</p> - -<p>Hardi dachte nicht mehr an ihren Verein, auch nicht -an die Mutter, nicht an den Basar, den die Damen veranstalteten. -Einmal war eine von ihnen dagewesen, -hatte aber nichts ausgerichtet und die gute Cöldt recht -sonderbar gefunden.</p> - -<p>Wenn Hardi auch nicht zur Leidenschaft fand, nie -ein brausendes Wasser wurde, weil die Dinge in ihrer -Seele kein Gefäll bekamen, so gab sie sich doch in Ludwig -hinein und hatte keinen anderen Gedanken mehr. Es -war kein Zu-ihm-finden, keine späte Liebe, aber eine -späte Ehe.</p> - -<p>Etwas trug sie – sie verstand es nicht ganz – -etwas schob sie, das hatte Macht aus jener Wintermorgenstunde, -als sie den Schnee über ihr warmes Leben -<a class="pagenum" id="page_206" title="206"> </a> -herfallen spürte, Schnee um Schnee. Sie fühlte sich -getrieben und dachte nicht zurück, höchstens wie an fremde -Länder.</p> - -<p>Sie freute sich über sein Glück. Denn er war jung -geworden und lachte viel.</p> - -<p class="ce mt1 mb1">* * *</p> - -<p>Der Frühling flammte. Sein Schild war noch -glühender, sein Ruf noch lauter geworden.</p> - -<p>Christiane sah ihren einsamen Garten in Blüte -kommen. Sie hatte nicht gedacht, daß der Garten der -unglücklichen Sophie Reutter auch blühen konnte. Als -sie ihn im Vorjahre fand, hatte ihr nur dunkles Laubwerk -entgegengeduftet, steife, ernste Bäume. Jetzt zeigte -es sich, daß Kleineres versteckt gewesen war, das sich -nun bunt heraustat und alle Feuer spielen ließ: Goldregen -und Dornsträucher, Quitten und weißer Flieder. -Und gleich neben dem Tempel standen zwei riesige -Kastanienbäume, die blühten über und über rot.</p> - -<p>Der Garten war kein Klostergarten mehr. Bis in -die Nacht hinein duftete er, ja, die ganze Nacht hindurch. -Durch die offenen Fenster kamen seine Duftwellen, und -von weiter her kamen andere, von den Wiesen, auf denen -die freie Blüte stand, vom Walde, in dem die wilden -Kirschbäume wie Frühlingsfackeln brannten.</p> - -<p>Und der Himmel war stahlblau, und die Abende -goldschwer veratmend, sich immer mehr dehnend, kein -Ende nehmend. Immer noch Abend, immer noch ein -Glühen, immer noch ein Rot hinter dem Walde!</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_207" title="207"> </a> -Die Kinder brachten Christiane Sträuße aus ihrer -Eltern Gärten. Sie gaben auch der Haberkorn welche, -aber nicht mehr, als die Höflichkeit es erforderte, auch -der Seifert und der Jong, sogar dem Mehlmännchen, -aber am meisten bekam sie der Doktor Bartelmes. Mit -Blumen beladen ging er mittags weg, er zeigte sie recht -– auch Christiane sah es. Die meisten waren von Betty -von Kramer, von der schönen Ersten mit dem ägyptisch -geschnittenen Gesicht.</p> - -<p>Wenn er einmal gar zu viel hatte, so schenkte er -den Damen davon, einmal hatte er der Mehlmann -einen großen Busch roter Tulpen verehrt (sie fragte nachher -wieder die anderen, ob man nichts dabei ›gefunden‹ -hätte?) und der Haberkorn einen Strauß Vergißmeinnicht, -den die verdutzt anguckte, wobei wieder das -merkwürdige, unbestimmbare Männerlächeln um seinen -Mund zuckte.</p> - -<p>Einmal kam er mit einem Busch weißer Narzissen -auf Christiane zu, in seinen Augen flirrte etwas – sie -fuhr hochmütig zurück: wollte er die ihr etwa schenken?</p> - -<p>Nein, er zeigte sie ihr nur und sagte: »Sehen Sie, -die Mädel bringen mir doch wenigstens nichts Geschmackloses -mehr. Sie wissen, alles, was mir nicht gefällt, -lasse ich unbarmherzig liegen, und dem will sich -doch keine aussetzen! Die sind übrigens von Betty. Die -sind schön.«</p> - -<p>Ein leiser, aufreizender Hohn schien in seinen Worten -mitzuklingen.</p> - -<p>Gleich darauf wurde seine Miene wieder schmeichelnder, -<a class="pagenum" id="page_208" title="208"> </a> -weicher, und er fragte halblaut: »Kann ich Ihren -Garten jetzt wieder einmal sehen, Fräulein Doktor?«</p> - -<p>Jäh sah sie ihm in die Augen.</p> - -<p>Er erwiderte den Blick. Die Narzissen in seinen -Händen sanken etwas.</p> - -<p>Kühl gab sie ihm die Erlaubnis und ging davon. -Oben in ihrem Zimmer trat sie nicht ans Fenster – -sie wollte nicht sehen, wie er zwischen ihren Bäumen -herumschlich bis zum Griechentempel, über dem die rote -Kastanienblüte stand. Er kannte zu viel von ihr und -würde noch mehr erraten, wenn er jetzt durch ihren Garten -ging.</p> - -<p>Nun hörte sie seinen Schritt.</p> - -<p>Sie stand von ihrem Platze auf, warf einen trüben -Blick auf die ›eiserne Wehr‹ und schritt leise zum Fenster -– – sie mußte ihn doch noch – sehen – – –</p> - -<p>Und plötzlich dachte sie wieder: er ist mir ja ganz -fremd. Ich kenne ihn nicht. Nein, alles, was er tut und -will, kenne ich nicht, weil es aus anderem Gesichtspunkt -und von einem ganz anderen, mir dunklen Leben her -geschieht – – –</p> - -<p>Und doch fühlte sie die unheimliche, treibende Macht -in sich.</p> - -<p>Zu Cöldts kam sie jetzt nicht mehr. Sie wußte von -der Mutter, daß Hardi in Wiesental war und Ludwig -oft hinüberritt. Oft hörte sie sein Pferd am Hause vorbeitraben, -hörte den Hufschlag und dachte dumpf: hier -hält er nicht mehr an.</p> - -<p>Nein.</p> - -<p>Jeder suchte das Seine.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_209" title="209"> </a> -Auch jetzt war sie nachmittags oft nicht mehr allein -im Reutterschloß. Doktor Bartelmes hatte sich die Erlaubnis -erbeten, auf dem Harmonium in der Aula zu -üben. Nun hörte sie das oft. Es war nicht laut. Es -drang nur wie Summen durch die dicken Wände, drang -zu ihr, und sie horchte danach, und ihr Herz strebte davon -los und kam nicht frei, sondern verwirrte sich noch -mehr daran. In einer fremden Sprache kann man dem -viel sagen, der sie nicht versteht: er hängt daran und -rätselt daran, und ein wenig Rausch ist dabei. –</p> - -<p>An anderen Tagen war er wieder mit seinen Mädchen -auf Wanderungen unterwegs. Immer waren die -Schönsten um ihn herum, besonders Betty von Kramer.</p> - -<p>Es waren schon Mütter zu Christiane gekommen -und hatten gesagt, der Herr sei wohl zu modern für -Markburg. Die Mädel hätten ja keinen Sinn mehr -für etwas anderes, außer ihrem Doktor, eitler könnten -sie nicht mehr werden, als sie geworden seien, und Neid -und Eifersucht wären an der Tagesordnung.</p> - -<p>Christiane merkte: ich kann es nicht mehr so lassen. -Ich darf es nicht. Ich lade Schuld auf mich.</p> - -<p>Schattenhaft stieg das Bild der Schwester des Doktor -Bartelmes vor ihr auf.</p> - -<p>Da kam er zu ihr wegen des Johannisfestes.</p> - -<p>»Johannisfest?« sprach sie tonlos.</p> - -<p>»Ja,« meinte er unbefangen, »ich glaubte es Ihnen -schon gesagt zu haben, daß wir feiern wollen –«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Es soll wieder ein Fest nach echter Reutterschulart -werden.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_210" title="210"> </a> -»Nach Reutterschulart?« fragte sie.</p> - -<p>»Ja. So sagt man doch jetzt in der Stadt.«</p> - -<p>So sagte man in der Stadt?</p> - -<p>»Also nach Ihrer Art?« sprach sie langsam.</p> - -<p>»Ein Waldfest,« entgegnete er, ohne auf ihre Frage -einzugehen, »ein Feuer draußen am Hünengrab im -Obrawald. Ein Reigen. Ein paar Lieder und Tänze.«</p> - -<p>»Und die anderen Kollegen?« fragte sie.</p> - -<p>Er zuckte die Achseln. »Ich weiß darüber nicht Bescheid.« -Ein scharfes Licht war in den dunklen Augen.</p> - -<p>Sie wußte: die anderen waren allmählich von ihm -abgerückt. Sie billigten seine Art nicht mehr. Ihre -Begeisterung war abgekühlt. Jeder stöhnte, wenn er in -der Klasse des Doktor Bartelmes zu unterrichten hatte. -Sogar die Haberkorn.</p> - -<p>Christiane sah vor sich hin.</p> - -<p>»Ich möchte es nicht gern, Herr Doktor,« sagte sie.</p> - -<p>Er sah sie groß an.</p> - -<p>»<em class="ge">Sie</em> möchten es nicht?« wiederholte er.</p> - -<p>Er sagte gar nichts weiter.</p> - -<p>Sie war gezwungen zu sprechen.</p> - -<p>»Der Platz ist sehr entlegen. Sind Sie sich der Verantwortung -bewußt, Herr Doktor? Glauben Sie, daß -es leicht sein wird, die vom Feuer, vom Tanz und Gesang -aufgeregte Schar wieder durch den dunklen Wald -heimwärts zu bringen?«</p> - -<p>Er lachte. »Wenn es weiter nichts ist, Fräulein -Doktor! <em class="ge">Ich</em> bringe sie schon heim. Ich gebe Ihnen -mein Wort darauf.«</p> - -<p>»Die Eltern der Kinder sehen in diesen Wanderungen -<a class="pagenum" id="page_211" title="211"> </a> -und Festen eine gewisse – Übertreibung,« sagte -sie.</p> - -<p>Er verzog den Mund.</p> - -<p>»Markburg,« sagte er trocken. »Aber Sie gnädiges -Fräulein – Sie – – sind doch nicht so kleinbürgerlich!« -Er lachte.</p> - -<p>Sie schwieg. –</p> - -<p>Ich gehe nicht nach dem Walde, dachte sie. Mögen -sie ihr Spiel für sich allein haben. In ihr nagte es: -Du durftest nicht. Sie hörte die Worte der besorgten -Mütter, daneben aber klang noch etwas anderes – eine -Melodie!</p> - -<p>Sie kümmerte sich nicht um die Vorbereitungen, -hörte aber von der Haberkorn, daß die Mädchen des Doktor -Bartelmes kaum noch zu regieren seien, so vergnügt -seien sie. Es machte ihr jetzt eine besondere Freude, -Christiane etwas über Bartelmes zuzutragen. Lauernd -flogen ihre Blicke über sie hin.</p> - -<p>Christiane verzog keine Miene.</p> - -<p>Heute nachmittag will ich mal wieder zur Mutter, -dachte sie, und mich nach der Wehrendorf umschauen. -Hier läuft sie mir immer aus dem Wege, und ich – -denke nicht an sie.</p> - -<p>Ehe sie aber so weit kam, erhielt sie Botschaft vom -Präsidenten, daß er sie zu sprechen wünsche.</p> - -<p>Das gesamte Patronat war versammelt.</p> - -<p>Die Herren schienen kühl.</p> - -<p>Der Präsident sagte, daß die Richtung, die in der -Reutterschule neuerdings unerwarteterweise verfolgt -würde, in den beteiligten Kreisen gar nicht angesprochen -<a class="pagenum" id="page_212" title="212"> </a> -hätte und daß man Fräulein Doktor Dorreyter dringend -ersuchte, von diesem veränderten Kurse abzusehen. Der -Kernpunkt sei ja wohl nicht sie, sondern der neue Oberlehrer, -in dessen Wahl man sich anscheinend etwas vergriffen -hätte und der auch anscheinend über seine Grenzen -hinaus zu dominieren versuche. Man setze aber in -Fräulein Doktor Dorreyter volles Vertrauen, daß sie -das Schiff in <em class="ge">ihrem</em> Sinne steuere, den sie ja in ihrer -energischen Antrittsrede, wenn man sich richtig erinnere, -deutlich kundgegeben habe. Es seien auch Beschwerden -über die Lehrerin Wehrendorf eingelaufen, die damals -nur auf besondere Verwendung des Fräulein Doktor -und einiger Damen angenommen worden sei und die -anscheinend nicht in den Schulbetrieb gehöre.</p> - -<p>Christiane konnte auf diese feinironischen Ausführungen -ihres Chefs nicht antworten, denn der Präsident -fuhr gleich darauf anscheinend gelassen fort, indem er -sich einige Aktenstücke reichen ließ: Man hätte sich, nachdem -das Stiftungskapital neuerdings zu einer bestimmten -Höhe angewachsen sei, in der letzten Patronatssitzung -entschlossen, die wiederholt ausgesprochenen -Wünsche der Leiterin zu erfüllen, die fehlenden Klassen -aufzusetzen und ein Seminar anzufügen, wodurch wohl -vielen jungen Mädchen eine willkommene Gelegenheit -zur Aus- oder wenigstens zur Weiterbildung gegeben sei.</p> - -<p>Christiane schaute betäubt auf.</p> - -<p>Damit hatte sie ja gesiegt – – gesiegt – – –</p> - -<p>»Wir wären sehr dankbar, wenn wir Ihre Entwürfe -und Pläne schon in kurzer Zeit erhalten könnten, -Fräulein Doktor,« fügte der Präsident noch hinzu.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_213" title="213"> </a> -Christiane machte sich zu Hause sofort an die Arbeit, -suchte alte Pläne, Ministerialerlasse und Verordnungen -heraus, verglich, entwarf, überlegte, zeichnete -auf, und darüber wurde es Abend.</p> - -<p>Sie fuhr plötzlich hoch und sah es rot über dem -Walde stehen.</p> - -<p>Das ist der Johannisabend, fiel ihr auf einmal -ein.</p> - -<p>Sie schob ihre Papiere zurück und sah starr in das -ferne Glühen hinaus. Ein feiner Dunst kam aus dem -Walde und schlich herein.</p> - -<p>Sie schaute in ihren Garten – der war schwarz.</p> - -<p>Eine wahnsinnige Angst überkam sie. Der Sommer -gleitet vorbei. Alle ansteigenden Zeiten sind vorbei. -Mein Leben tritt in das Dunkle ein. Hier sind die -Pläne, die Ministerialerlasse, die Prüfungsordnungen -– haha – das ist mein – – das ist mein – –</p> - -<p>Sie warf noch einen Blick zur ›eisernen Wehr‹ empor, -dann nahm sie ihren Hut und ging.</p> - -<p>Wie leicht kann ich schreiten, dachte sie, als sie in -den lichten Staub der Straße trat. Wie – jung –</p> - -<p>Vom Sonnenrot sah sie hier nichts. Der Wald -stand dunkelnd. Eine verwischt blaue Stimmung war -zwischen den Straßenbäumen. Die Kinder kletterten -darauf herum, rissen Lindenblüten los und warfen sie -herab.</p> - -<p>Sie eilte. Nun war sie im Walde. Fahrtgeleise -gingen tief hindurch – ach, es war die Allee, auf der -sie damals gegangen war, als das Gewitter kam, vor -einem Jahre – –</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_214" title="214"> </a> -Sie schritt rasch und empfand: Johannisabend.</p> - -<p>Hinter allen Büschen schien es zu leben, tiefer, als -bei jenem Taggewitter, heimlicher, als in den hellsten -Stunden, seltsamer, als an anderen Abenden. Sie -fühlte: hier ist Leben über Leben um mich. Sie sah an -den Tannen empor, sah, wie die silbergrauen glatten -Stämme der Buchen grünumflimmert zur Höhe stiegen -und oben ihr Laub ausbreiteten, sie sah Bäume, die über -und über grün waren, bei denen die Äste schleppend auf -den Boden hingen, so voller Sommer waren sie. Und -dann sah sie noch etwas. Mitten unter den Waldbäumen -stand eine Linde, über und über blühend. Hoch -stieg sie empor, höher, als die Buchen und Tannen, und -oben blühte sie ganz allein, über allem Laub. Diese -Blüten konnte keiner pflücken. Das Abendlicht überglänzte -sie. An die konnte keiner heran.</p> - -<p>Sie ging weiter.</p> - -<p>Auf einmal scholl es hinter ihr. Sie horchte: Klippklapp, -Klippklapp.</p> - -<p>Sie blieb stehen.</p> - -<p>Da kam es sacht näher. Ein Reiter.</p> - -<p>Sie wandte das Gesicht. Das Herz schlug ihr hoch -auf, sie wußte, wer das war. Er wandte sich ihr flüchtig -zu, eine halbe Sekunde schauten sie sich in die Augen. -Es war Ludwig.</p> - -<p>Klippklapp, klippklapp, trabte das Pferd.</p> - -<p>Weit hinten auf der Schneise verschwand es. Er -war vorbeigeritten.</p> - -<p>Sie wußte, wohin er ritt.</p> - -<p>Langsam ging sie weiter, es dunkelte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_215" title="215"> </a> -Und nun kam es wie Gesang näher – sie horchte -gierig. Es war kein Hufschlag. Es war Gesang.</p> - -<p>Das Lied kam ihr sonderbar vor. Sie, die so viele -Kinderlieder gehört hatte, horchte wie verzaubert auf -dieses Lied.</p> - -<p>Es kam ihr vor, als hätte sie es noch nie vernommen, -aber als müßte sie es vernehmen, eben jetzt zu -dieser Stunde. Auf einmal verstand sie die Sprache der -Melodie.</p> - -<p>Sie blieb stehen, ihr Herz versagte.</p> - -<p>Und nun kam der Zug aus dem Walde heraus.</p> - -<p>Mitten zwischen den Stämmen kamen sie hervor – -o, es sah schön aus! Es war, als ob die Elfen dieses -Johannisabends kettengleich vorüberzögen im Reigentanz.</p> - -<p>Sie sangen noch immer, und immer noch mehr kamen -aus dem Walde, helle, singende Gestalten.</p> - -<p>Das war keine Ausgelassenheit.</p> - -<p>Jäh packte es sie: das war Feier.</p> - -<p>Er hatte es wieder fertig gebracht. Er hatte ein -kleines Kunstwerk geschaffen, hatte in diesen verwöhnten -oberflächlichen Dingern das Verständnis für Weihe, -für die Schönheit des Waldes und für den sonderbaren -schwülen Zauber dieses Abends geöffnet. Er konnte das, -denn er war ein Künstler.</p> - -<p>Nun kam er.</p> - -<p>Ein paar große Mädel waren dicht um ihn und -glitten jetzt fort. Betty war dabei und wandte noch das -Gesicht nach dem Fräulein Doktor.</p> - -<p>Er sah Christiane an: »Nun? Ist es nicht schön?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_216" title="216"> </a> -Sie schwieg.</p> - -<p>Er blieb etwas mit ihr zurück. Die Schar zog vor -ihnen. Sie sang noch immer. Leise, ganz zart. Es -verschwamm jetzt fast. Es ging sanft in diesem sanften -Abend unter, der seine wilden Farben jetzt eingezogen -hatte.</p> - -<p>Sie schaute zurück.</p> - -<p>Wo war das Rot?</p> - -<p>Sie sah auf die Straße.</p> - -<p>Wo war der Reiter?</p> - -<p>Bartelmes stand vor ihr. Seine Blicke überglitten -sie, er sprach kein Wort.</p> - -<p>Wie ein seidenweicher Schleier überrann sie das Gefühl: -ich bin doch schön. Ich bin vielleicht noch nie so -schön gewesen, wie jetzt – in meiner Reife.</p> - -<p>Verwirrt horchte sie. Kein Hufschlag mehr.</p> - -<p>Ihre Seele schrie auf, schrie nach Feuern hin, nach -Flammen, nach einer einzigen schönen Glut, nach einem -Glück, wie sie es noch nie besessen hatte. Sie wollte -nicht immer Muster sein, Tugend, Vorbild, sie wollte -Flamme sein, Schönheit, Genuß – sie wollte geben, was -noch keiner besessen hatte und was alle gaben. Sie -wollte mit Kränzen in feinen Melodien schreiten und -purpurn untergehen, wie der Abend untergeht. Sie -wollte dem Leben nahe sein, ganz nahe, sie wollte Leben -sein.</p> - -<p>Seine Miene blieb unbeweglich.</p> - -<p>Und eben deshalb sah sie ihn schärfer an, als sie es -sonst in ihrer Erregung getan hätte.</p> - -<p>Er hielt stand. Es war vielleicht in seinem Willen, -<a class="pagenum" id="page_217" title="217"> </a> -daß die Maske jetzt fiel, die er doch für jeden Kundigen -nur lose vorgehabt hatte, denn er gedachte nicht -weiter zu gehen und sich keinerlei Schwierigkeiten zu -machen.</p> - -<p>In den Augen blieb sein Lächeln.</p> - -<p>Verwirrt grübelte sie, wo sie es schon gewahrt hatte: -wenn er mit der Haberkorn sprach, auch mit der Seifert -oder mit der Mehlmann – alle belächelte er so aus einer -gewissen Mannesüberlegenheit heraus, und nun hatte er -das Lächeln, das Blinzeln auch für sie – –?</p> - -<p>Sie begriff noch nicht. – Auch – für – sie – –?</p> - -<p>Und dann kam ihr Gewißheit. Ihre hellsichtige -Menschenbeobachtung fand sich wieder ein, vielleicht noch -nie so scharf, wie in dieser Sekunde. Sie durchschaute -sein Spiel, das auf ihre innere Demütigung auslief und -auf das äußere Vorzeigen: seht, ich habe die Herrin -unter mir. Ich bin der Herr. Die haben sie angestaunt, -wie ein neues Wunder, die sind argwöhnisch vor ihr geflohen, -ein Narr ist sogar vor Schrecken gestorben – ich -aber habe festgestellt, daß es unter den Frauen nichts -Neues gibt und niemals etwas Neues geben wird. Es -gibt gar keine modernen Frauen. Wenn sie es können, -so begehren sie immer nur den Kranz, den der Mann -ihnen aufsetzt, und ihr Wille, ihre Pläne sind rasch zu -biegen ... an jedem Platz!</p> - -<p>Sie erkannte noch mehr: Er war ihr gegenüber nie -in Unruhe geraten, vermißte nichts und begehrte nichts. -Seine Sinne waren unbeteiligt, denn er hatte ein anderes -Weib um sich, von dem ihm die scharfe Erkenntnis -jedenfalls mit geflossen war – – –</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_218" title="218"> </a> -Er wollte nun doch näher an sie heran.</p> - -<p>Sie sah ihn mit funkelnden Augen an.</p> - -<p>»Sie haben ja eine Geliebte,« sagte sie hart.</p> - -<p>Er schnellte etwas zurück.</p> - -<p>Dann besann er sich.</p> - -<p>Der wissende Hohn in seinen Augen wurde stärker.</p> - -<p>»Ja. Ich habe Ihnen sogar schon ihr Bild gezeigt, -Fräulein Doktor Dorreyter – eine junge Bühnenkünstlerin.«</p> - -<p>Er lachte ein wenig. Sein Fuß rührte im Staub.</p> - -<p>»Ich wollte Ihnen damals das Bild meiner Schwester -zeigen – sie schauen sich übrigens ähnlich – da griff -ich zufällig das andere.«</p> - -<p>Sie gab keine Antwort.</p> - -<p>Rasch schritt sie an ihm vorbei.</p> - -<p>Die Kinder vorn sangen wieder.</p> - -<p>Christiane sah, daß der Wald zu Ende war. Da -kam schon die Stadt. Sie war so voller Lichter, wie sie -nur sein konnte.</p> - -<p>Christiane wandte sich und schaute noch einmal nach -dem Walde zurück.</p> - -<p>Das Feuer war erloschen.</p> - -<p class="ce mt1 mb1">* * *</p> - -<p>Am nächsten Tage ereignete sich das Unglück.</p> - -<p>Einige der Patronatsherren kamen in die Klasse der -kleinen Wehrendorf. Sie hatten es noch mehr auf den -Doktor Bartelmes abgesehen, dessen beargwöhnte Methode -<a class="pagenum" id="page_219" title="219"> </a> -sie sich näher begucken wollten, aber die Hilfslehrerin -stand mit auf dem Programm.</p> - -<p>Ada wußte sofort Bescheid.</p> - -<p>Christiane hatte ihr schon einen Wink gegeben: -nimm dich zusammen! Aber was heißt ›Sich zusammennehmen‹, -wenn die Nerven und alle Hoffnung ohnehin -zu Ende sind. Wenn sie nicht so an der Arbeit gehangen -hätte, wenn sie ihr nicht das Wichtigste, die schwere -Hauptsache ihres Lebens gewesen wäre, dann wäre sie -leichter über die Klippe hinweggekommen.</p> - -<p>So aber gab sie sofort das Spiel verloren, als keine -Ruhe unter den Kleinen wurde und Hanni Cöldt ganz -offen in ihre Worte hineinlachte.</p> - -<p>Die Herren sahen Ada fragend an.</p> - -<p>Die aber stürzte an ihnen vorüber zur Tür hinaus.</p> - -<p>Die Gäste wußten nicht, wie ihnen geschah. Deshalb -warteten sie noch ein paar Minuten.</p> - -<p>Aber auf einmal fingen ein paar der Kleinen heftig -an zu weinen. Und eine drehte sich zu Hanni Cöldt um -und schrie: »Du! Du!«</p> - -<p>Und plötzlich sah der Geheimrat Meckebier die fliehende -Gestalt drüben am Walde.</p> - -<p>»Herrgott,« sagte er und faßte den anderen am -Arm.</p> - -<p>Nun eilten sie zu Christiane und schlugen Lärm.</p> - -<p>Die Jong wurde gerufen und sagte: »Ich habe es -kommen gesehen. Sie aß und schlief nicht mehr. Gestern -gab ich ihr noch einen Brief von meinem Onkel und -redete ihr flehentlich zu: sie solle kommen und wenn es -<a class="pagenum" id="page_220" title="220"> </a> -nur für ein Ausruhen war – man wollte sie dort pflegen. -Aber sie wollte nicht.«</p> - -<p>– Als Ada im Walde war, fing sie an zu denken.</p> - -<p>Von neuem kam die Gewißheit über sie: es war aus. -Man behielt sie nicht mehr an der Reutterschule. Da -konnte Christiane es so gut meinen, wie sie wollte – -man behielt sie nicht mehr.</p> - -<p>Und ohne die Kinder konnte sie doch nicht leben. So -viel sie sie in ihrer süßen Dummheit auch gequält hatten, -sie hatten sie doch auch lieb gehabt. O ja, die meisten -hatten sie doch lieb gehabt. Und nun konnte sie es nicht -vertragen, daß eine andere an ihre Stelle kam – das -konnte sie ihr nicht gönnen! Nicht einmal die kleine -Cöldt konnte sie ihr gönnen! Der ganze schwere Kampf -– wie war er schön – wie war er schön.</p> - -<p>Sie blieb wieder stehen. Unbewußt war sie richtig -gelaufen, denn ihre Phantasie hatte den Weg schon Tag -und Nacht gemacht.</p> - -<p>Da war der Krähenteich.</p> - -<p>Mit zitternden Gliedern, halb besinnungslos, glitt -sie nieder und ins Wasser hinein. Schnell. Schnell.</p> - -<p>Es war grade die Stelle, an der Herr von Wratislawski -Mai die Rosen überreicht hatte.</p> - -<p class="ce mt1 mb1">* * *</p> - -<p>Vierundzwanzig Stunden später waren die Reutterschülerinnen -und das ganze Kollegium zur Gedächtnisfeier -für die Tote in der Aula versammelt. Diesmal -sprach Christiane schwer und fest.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_221" title="221"> </a> -Die Herren und Damen spähten argwöhnisch zu ihr -empor. Alle wußten, daß der schöne Doktor Bartelmes -bei der gestrigen Revision recht schlecht abgeschnitten -hatte. Er hatte es sich aber nicht weiter anfechten -lassen, sondern auf der Stelle gekündigt. Was bedeutete -ihm Markburg! Er hatte übrigens wieder ein -neues ästhetisches Buch geschrieben, das kam zum Herbst -heraus und würde seinen Ruhm verstärken. Aber -hier –! Ironisch blinzelte er zu Christiane hin und -strich den Bart.</p> - -<p>Diesmal fand sie kein Beschönigen mehr. Vor allen -Mädchen rief sie das Frauenschicksal auf, das vor ihnen -hingeglitten war, ohne daß einer es nur recht erfaßt -hätte. Desto mehr aber war seit gestern geflüstert worden. -An verborgener Niedrigkeit brachten auch diese -planmäßig zur Schönheit erzogenen Mädchen genug -auf.</p> - -<p>Nun aber hörten sie die Wahrheit.</p> - -<p>Christiane sprach von den Frauen, in deren Leben -kein anderes Feuer brennt, als das, das sie sich selber -anzünden. Ada Wehrendorf hatte nie nach fremden -Feuern gespäht, hatte nie eine Gnade, ein Glück erwartet, -als aus ihrer Arbeit allein. Sie hatte so an der gehangen, -daß sie ihren Verlust nicht überwinden konnte. -Es hatte ihr Ruhe gewinkt, Pflege, ein Schutz. Sie -hatte aber ohne ihr Werk nicht leben mögen. Nicht an -irgend einer Sehnsucht war sie gestorben, sondern an -dem Verlust ihres Schaffens. Sie hatte ihre Arbeit lieb -gehabt.</p> - -<p>Christiane riß die Kinder an sich heran – wie -<a class="pagenum" id="page_222" title="222"> </a> -glühender Draht brannte es wieder in ihrer Rede auf -– die Wehrendorf war einstmals eine von ihnen gewesen, -eine der verwöhntesten – und wie mancher konnte -es gehen wie ihr.</p> - -<p>Sie spürte auf einmal: an diesem Leben hing auch -Kampf, war nicht nur ästhetisches Genießen – das Blatt -wandte sich für viele – und manche Seelen waren unter -ihnen, die einen Schutz brauchten.</p> - -<p>Sie fühlte auf einmal: auch sie hing an ihrer Arbeit. -Wenn sie gescheitert wäre, wenn es ihr irgendwie -gegangen wäre, wie der Wehrendorf – – sie atmete -heimlich auf – der häßliche Sturz war nahe gewesen -– – dann hätte sie auch nicht mehr leben können. Ihr -Werk hätte sie nicht zerbrochen und besudelt aus der -Hand legen können. Sie fühlte auf einmal Fäden, die -sie mit ihm verbanden, mit diesem allen hier, so fest, wie -mit keinem anderen, weil Kampf daran hing, letzter Aufruhr, -weil hier die Krisis gekommen war.</p> - -<p>Sie starrte auf die Mädchenköpfe, und ihre Seele -rang sich ganz fest an das Werk heran.</p> - -<p>Man empfand wieder die alte Christiane Dorreyter, -die im Übermaß ihrer schweren Kraft und ihres harten -Erkennens ihre Leitsätze gegeben hatte.</p> - -<p>Alle wußten, daß ihre Worte ein Vernichten des -System Bartelmes bedeuteten und des Schiefen, das für -die Leiterin daran gehangen hatte. Man konnte nichts -mehr reden.</p> - -<p>Leise gingen die Mädchen dann aus dem Saal – so -leise waren sie selten gegangen.</p> - -<p>Die Herren und Damen redeten nachher noch über -<a class="pagenum" id="page_223" title="223"> </a> -die kleine Wehrendorf. Natürlich hätte ihr jeder beigestanden, -wenn er es gewußt hätte.</p> - -<p>Christiane sprach noch mit der Jong. Da kam ein -Bote und gab ihr ein Telegramm.</p> - -<p>Sie brach es auf und las: ›Hardi soeben verschieden.‹</p> - -<p class="ce mt1 mb1">* * *</p> - -<p>Es war zwei Tage später.</p> - -<p>An Christianens Tür pochte es.</p> - -<p>Es war das Brautpaar Dreher-Friedlein.</p> - -<p>Sie gratulierte den beiden. Ihr Gesicht war ganz -ruhig.</p> - -<p>Der Oberlehrer sah an ihr herab, schrak ein bißchen -auf, und es begann ihm zu dämmern, daß der Besuch -jetzt zu dieser Stunde eine Taktlosigkeit sei. Aber -im Übermaß seiner Freude hatte er an nichts anderes -gedacht.</p> - -<p>»Ich habe sie mir erobert,« sagte er mit bedächtigem -Triumph, »seit dem Unglück hatte ich doch Angst bekommen, -die Schule zehrt unheimlich an den Frauennerven -– ich sah Mai im Traum wirklich auch am Krähenteich –«</p> - -<p>Mai zuckte bei dem Wort zusammen.</p> - -<p>»Ja, ich hänge sehr an meiner Arbeit,« sagte sie.</p> - -<p>Er guckte sie von der Seite an. »Jetzt weiß ich freilich, -daß du mich lieb hast, denn sonst würdest du sie -wegen mir nicht aufgeben –! Das ist das Gute an den -modernen Frauen,« wandte er sich an das Fräulein Doktor, -»sie heiraten nur noch aus – Liebe.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_224" title="224"> </a> -»Ja,« sagte Mai, »wir haben uns ja schon immer so -gut verstanden.«</p> - -<p>Dann zupfte sie ihn am Arm – die Mutter käme -gleich. Ihr Telegramm war schon da.</p> - -<p>Beim Abschied fragte sie noch, ob sie auf der Stelle -austreten könne – das für ein Vierteljahr im voraus -empfangene Gehalt wolle sie gern zurückzahlen –!</p> - -<p>Christiane wies sie an das Patronat.</p> - -<p>Dann war sie wieder allein.</p> - -<p>Sie ging ans Fenster und starrte einen Augenblick -in ihren Garten. Der war ganz still.</p> - -<p>Dann trat sie in ihr Schlafzimmer und machte sich -zurecht. Sie mußte nach Wiesental. Heute wurde Hardi -begraben. Sie kam dort auf den Kirchhof. Das hatte -sie gewollt.</p> - -<p>Sie war an den Folgen einer Frühgeburt gestorben.</p> - -<p>Unten fuhr der Wagen vor.</p> - -<p>Leise trug er sie über den weißen Waldweg, den sie -noch vor ein paar Tagen abends gewandert war.</p> - -<p>Die Sonne schien mittsommerhell. Es wurde heiß. -Der Wald stand verschlafen. Einmal wandte sich Christiane: -ein Duft streifte sie. Da sah sie die einsam -blühende Linde.</p> - -<p>Nun war sie in Wiesental. Mit der Bahn, mit dem -Wagen, mit dem Auto kam die Trauergesellschaft.</p> - -<p>Christiane trat in das kleine Haus. Der Sarg war -schon geschlossen.</p> - -<p>Sie hätte auch nicht danach verlangt, Hardi noch -einmal zu sehen.</p> - -<p>Sie ging nicht zu Ludwig hin, und er bemerkte sie -<a class="pagenum" id="page_225" title="225"> </a> -auch weiter nicht. Leise war er um die Mutter beschäftigt, -und Christiane erkannte wieder, was sie schon vorgestern -gesehen hatte, als sie hinkam: die hatte alles -verloren, ihr Bestes und Ähnlichstes. Vorgestern hatte -sie Ludwig noch verwünscht und verflucht. Jetzt schien -sie ruhiger.</p> - -<p>Der Gottesacker lag hoch oben auf der anderen Seite -des Berges, klein, freundlich, aber ohne viel Baumbestand. -Die Kirschbäume reichten bis dicht heran.</p> - -<p>Der Sarg versank.</p> - -<p>Der erste Geistliche der Stadt hielt die Trauerrede, -die erste Gesellschaft der Stadt wischte sich die -Augen.</p> - -<p>Ludwig starrte vor sich hin. Er hatte die schluchzende -Mutter am Arm. Hinter ihm standen ein paar -Rhanes, die grade auf ihrem Gut gewesen waren. Sie -waren in Uniform, und Christiane mußte flüchtig an den -längst verschollenen Potsdamer Tag denken.</p> - -<p>Ludwig hatte noch immer kein Wort mit ihr gesprochen, -hatte sie kaum gesehen.</p> - -<p>Nachher mußte sie sich verabschieden. Die Mutter -ließ sich kaum sprechen. Sie sah die älteste Tochter -finster an, in ihren verstörten Zügen sprang unbewußt -ein harter Wunsch auf: wärst du es – doch – wärst -du's! Sie war wieder die, die sie in schweren Zeiten gewesen -war.</p> - -<p>Ludwig trat dann mit Christiane in das Hinterzimmer -mit den roten Gardinen.</p> - -<p>Sie sah einen ganz anderen Mann als den, den sie -damals nach zehn Jahren wiedergesehen hatte, so hatten -<a class="pagenum" id="page_226" title="226"> </a> -ihn die zehn Wochen verwandelt. Und sie hatte es -gewußt und erwartet. Sie fühlte, in den zehn Wochen -lagen für ihn Erinnerungen, an die ihre ganze ehemalige -Liebe nicht reichte, in denen sie für immer untergegangen -war.</p> - -<p>Das große, halb unbewußte Opfer der zarten Frau -hatte alles fremde Feuer für immer gelöscht und verzehrt.</p> - -<p>»Du gehst nun fort?« fragte sie.</p> - -<p>»Ja, ich habe Urlaub,« sagte er monoton. »Hanni -geht mit.«</p> - -<p>Sie entdeckte im Hintergrunde auf einmal das Kind, -etwas scheu, beklommen. Über den rohen Egoismus dieses -verwöhnten Geschöpfes schien es doch mit einiger -Wucht gefahren zu sein.</p> - -<p>Er nahm die Kleine in die Höhe und legte sein Gesicht -an das ihre. »Du –« murmelte er.</p> - -<p>Christiane merkte, daß er Hardis Kind wieder -liebte.</p> - -<p>Nebenan weinte die Mutter.</p> - -<p>Draußen verging der Sommertag.</p> - -<p>Christiane trat mit Ludwig vors Haus. Er hatte -Hanni jetzt an der Hand.</p> - -<p>»Du wirst nun bald für immer von Markburg weggehn?« -fragte sie.</p> - -<p>»Ja,« sagte er.</p> - -<p>Sie wußte genug.</p> - -<p>Er ging nach dem Osten zurück. Von Zeit zu Zeit -würde er nach Wiesental zu Hardis Grab kommen und -zur Mutter, aber sie würde ihn nicht mehr wiedersehen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_227" title="227"> </a> -Mochte sein künftiges Schaffen nun so oder so ausschlagen -– es gab ihm Halt und war seine Erlösung. -Er würde über Hardis Opfer hinweg wieder lebendig -werden.</p> - -<p>Christiane dachte ihm nicht mehr so weit nach, ihre -Gedanken kehrten vor den riesigen slawischen Feldern -um – sie gab ihm die Hand, küßte Hanni und stieg in -den Wagen.</p> - -<p>Er fuhr auf und sah sie noch einmal an.</p> - -<p>Sie winkte ihm leise zu.</p> - -<p>Das war ihr Abschied. – – –</p> - -<p>Spät abends kam sie in ihr Haus – drei Stunden -war sie durch den Wald gefahren.</p> - -<p>Sie machte Licht und sah gewohnheitsgemäß auf -ihren Schreibtisch. Da lagen Briefe, Drucksachen, Kondolenzkarten -und amtliche Schreiben. Da lagen ihre Entwürfe.</p> - -<p>Ach ja, ihre Entwürfe.</p> - -<p>Ihr Atem strich einen Augenblick schwer. Es war, -als wollte sie etwas niederreißen. Als stürmte ein -schweres Wasser gegen sie an.</p> - -<p>Sie ging ans Fenster.</p> - -<p>Da lag ihr einsamer Garten. Er war dunkel, nur -der Duft strich herauf. Es war kein Frühlingsduft, er -erinnerte sie an den Wald, an den der einsamen, goldblühenden -Linde, deren Blüten keiner pflückte.</p> - -<p>Ihr Herz schlug hart und stark.</p> - -<p>Und dann überkam es sie auf einmal wie mit festen -Händen: es war die Einsamkeit, das eiserne Geborgensein -in sich.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_228" title="228"> </a> -Das war das beste, was ihr gehörte, und ihr höchstes -Lebensgeschenk. Tief in ihr lag unendliches Blühen, -lagen unendliche Strecken unbetretenen Landes, eisige -Einsamkeiten.</p> - -<p>Die gehörten ihr. Nur ihr allein.</p> - -<p>Sie ging hin und her.</p> - -<p>Dann machte sie Licht, sah auf das Bild und holte -ihre Arbeit vor.</p> - -<p>Schauer überrannen sie und verrannen.</p> - -<p>Sie holte tief Atem.</p> - -<p>»Der Abend allein ist das Beste.«</p> - - -<p class="fsxs ce mt4">Buchdruckerei Roitzsch, Albert Schulze, Roitzsch.</p> - - - - -<p class="pb mt4 ce lh2">Im Verlage von Carl Reißner erschien von<br /> -<span class="fsxl">Juliane Karwath</span></p> - -<p class="ce lh1"><span class="fsl">Die drei Thedenbrinks</span><br /> -Ein Kleinstadtroman</p> - -<p class="ce lh1"><span class="fsl">Katharyna Holerbeck</span><br /> -Roman</p> - -<hr /> - - - - -<h2>Hinweise zur Transkription</h2> - - -<p class="in0">Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.</p> - -<p class="in0">Darstellung abweichender Schriftarten: -<span class="ge">gesperrt</span>, <i>Antiqua</i>.</p> - -<p class="in0">Der Schmutztitel wurde entfernt. Eine Seite mit Verlagswerbung -wurde vom Buchanfang an das Buchende verschoben.</p> - -<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, -mit folgenden Ausnahmen,</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_028">28</a>:<br /> -"." eingefügt<br /> -(Sie schauerte und träumte.)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_030">30</a>:<br /> -"Ueberall" geändert in "Überall"<br /> -(Überall Augenkranke.)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_035">35</a>:<br /> -"Schrit" geändert in "Schritt"<br /> -(Da endlich ein Schritt auf der Treppe)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_043">43</a>:<br /> -"." eingefügt<br /> -(Der Abend allein – – dachte Christiane.)</p> - -<hr /> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of Project Gutenberg's Das Feuer hinter dem Berge, by Juliane Karwath - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS FEUER HINTER DEM BERGE *** - -***** This file should be named 63312-h.htm or 63312-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/3/3/1/63312/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net (This book was produced from images -made available by the HathiTrust Digital Library.) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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