summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/old/63108-0.txt
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to 'old/63108-0.txt')
-rw-r--r--old/63108-0.txt3419
1 files changed, 0 insertions, 3419 deletions
diff --git a/old/63108-0.txt b/old/63108-0.txt
deleted file mode 100644
index fb0b18a..0000000
--- a/old/63108-0.txt
+++ /dev/null
@@ -1,3419 +0,0 @@
-The Project Gutenberg EBook of Worauf freuen wir uns jetzt?, by Fritz Müller
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Worauf freuen wir uns jetzt?
- Fröhliche Geschichten
-
-Author: Fritz Müller
-
-Release Date: September 3, 2020 [EBook #63108]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WORAUF FREUEN WIR UNS JETZT? ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1918 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
- Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
- nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten
- bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des
- Texts dadurch nicht beeinträchtigt wird. Fremdsprachliche Zitate
- und Passagen in Dialekt wurden nicht verändert.
-
- Der Zensurstempel auf der Titelseite (‚Z‘ über ‚VII‘ in einem
- Dreieck mit nach unten zeigender Spitze) wurde nicht mit
- übernommen, da dieser ursprünglich nicht Teil des gedruckten
- Originals war.
-
- Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden
- Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- Fettdruck: =Gleichheitszeichen=
- gesperrt: ~Tilden~
- Antiqua: _Unterstriche_
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- Worauf freuen wir uns jetzt?
-
-
-
-
- Worauf
- freuen wir uns jetzt?
-
- Fröhliche Geschichten
-
- von
-
- Fritz Müller
-
- 1918
-
- Verlag von Otto Rippel, Hagen i. W.
-
-
-
-
- _Copyright by Otto Rippel
- Hagen i. W. 1918_
-
-
- Zeilenguß-Maschinensatz und Druck
- von Oscar Brandstetter in Leipzig
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis
-
-
- Seite
-
- Worauf freuen wir uns jetzt? 7
-
- In deinem Alter 13
-
- Der Rauchtisch 20
-
- Der Familienaufsatz 27
-
- Der Hunderter 35
-
- Der Spohrer 39
-
- Glück 45
-
- Das blaue Band 49
-
- Die Rundfrage 63
-
- Das Kugelzimmer 70
-
- Schmuckel 76
-
- Jod 84
-
- Morgan 88
-
- Tag- und Nachtärger 96
-
-
-
-
-Worauf freuen wir uns jetzt?
-
-
-Er kam mit dem Spruch schon auf die Welt. Glitzerig kugelten seine
-Äuglein aus der Wiege in die Zimmerrunde. „Sieht er nicht aus,“ sagte
-jemand, „als wenn er fragte: Worauf freuen wir uns jetzt?“
-
-Das blieb ihm. Das saß zu Häupten seiner Wiege, wenn das Fieber sein
-Körperchen geschüttelt hatte. Das strich ihm die winzigen Fältchen vom
-Gesicht und sagte: „Maxli, worauf freuen wir uns jetzt?“ Das wurde
-mit ihm größer, rutschte auf den Dielen mit herum, wo er sich einen
-Schiefer eingezogen hatte, und wischte ihm die Tränen fort: „Und worauf
-freuen wir uns jetzt, Maxli, he?“
-
-Das klopfte ihm nach den ersten ängstlichen Schulgang vertraulich auf
-die Schulter: „Na, Maxli, worauf freuen wir uns jetzt?“
-
-Das wuchs mit ihm und wich ihm nimmer von der Seite. Das sah ihm
-unausweichlich ins Gesicht, wenn der Ärger aufstieg: „Was ich noch
-sagen wollte, Max, worauf freuen wir uns jetzt?“
-
-Was Wunder also, daß der Spruch ein Teil von ihm ward. Oder er ein
-Teil vom Spruch. In solchen Wiegenbrüderschaften lassen sich die
-Teile nicht mehr sondern, derselbe Herzschlag tickt durchs gleiche
-Blutgeäder: „Wo-rauf-freuen-wir-uns-jetzt?“
-
-Es ist schon richtig: schlicht und bescheiden, wie der Max war, wurde
-er kein Großer, wurde nicht berühmt. Eher schon sein Spruch, den sie
-nach und nach belächelten.
-
-„Hör’ mal, Max,“ sagte einer seiner Freunde, „ein Wahlspruch ist schon
-recht. Aber er muß auch darnach sein. Zum Beispiel: Morgenstund hat
-Gold im Mund. Oder: Erst besinn’s, dann beginn’s. Oder: Rom ist nicht
-an einem Tag erbaut. Siehst du, das sind anerkannte Sprüche.“
-
-„Jawohl,“ sagte Max, „und worauf freuen wir uns jetzt?“
-
-Max sei ja soweit ein guter Kerl, sprach dann dieser Freund herum, aber
-doch beschränkt. Und es solle ihn nicht wundern, wenn er in der Prüfung
-nicht bestehe. Wirklich fiel er durch.
-
-„Junge, Junge,“ klagte Maxens Vater, „wohin soll das führen?“
-
-„Zum Erfolg beim zweiten Male. Vater -- und worauf freuen wir uns
-jetzt?“
-
-Vater seufzte, Mutter strich dem Sohne übers Haar: „Max, nicht wahr,
-von jetzt ab für nichts anderes als zum Studium zu haben sein, willst
-du mir’s versprechen?“
-
-„Ja, Mutter -- und worauf freuen wir uns jetzt?“
-
-Tja, er war nicht zu ändern. „Schade um ihn,“ sagten die gesetzten
-Leute, „er hat eine fixe Idee.“ Und sie behandelten ihn nachsichtig und
-blieben bei der ihren.
-
-Bei einer politischen Versammlung kampelten sich die Gegner, daß es
-im Saale gellte. Dann trat eine kleine Erschöpfungspause ein. Ruhig
-kam aus einer Ecke eine Stimme: „Und worauf freuen wir uns jetzt?“
-Gelächter. Sie bengsten in Max: „Laß dir’s nicht gefallen -- sprich
-doch -- Silentium für -- ha, er spricht wirklich --“
-
-„Meine Herren,“ sagte Max, „ich freue mich, daß Sie sich freuen.“
-Das Gelächter wuchs, trotzdem einer sagte, ihm dünke, das sei das
-Gescheiteste gewesen, was die Versammlung bis jetzt ergeben habe. Aber
-niemand hörte darauf. Sie kampelten sich schon wieder, daß die Haare
-flogen.
-
-Ein Osterausflug ward verregnet. Mißmutig saßen sie in einer
-Bauernstube. Max sah im Kreis herum. „Und worauf freuen wir uns jetzt?“
-sagte er lächelnd und im inneren Taktmaß des draußen plätschernden
-Regens. Darob wurden einige wieder vergnügt. Ernst aber hob ein
-Professor an: „Junger Mann, alles zu seiner Zeit. Gereifte Einsicht
-muß verstehen, daß die Freude nicht am Platz ist, wenn die Gründe zur
-Verdrossenheit derart ausreichend sind, daß --“
-
-„Gewiß,“ sagte Max, „aber worauf freuen wir uns jetzt?“
-
-Darauf machte der Professor in seinem Wörterbuch der Psychologie einen
-neuen Eintrag: Unter Idioten der Freude versteht man...
-
-Das war lieblos. Freundlicher drückten’s seine Freunde aus: „Max ist
-der reinste Freuden-Cato: _Ceterum censeo_...“
-
-„Ja,“ ward ihnen beigepflichtet, „er rennt mit seinem Spruche gegen das
-Carthago alles Mißvergnügens an.“
-
-„Ob sein Grundsatz aber standhält,“ zweifelte ein anderer, „wenn’s bei
-ihm selber um die Wurst geht?“
-
-Er hat standgehalten. Die Bank, die sein Erspartes hatte, fiel. Als
-er’s erfuhr, zuckte er zusammen und ging an seine Arbeit, fest aber
-stumm. „Aha, nun hat es ihm sein Sprüchlein doch verschlagen“, sagte
-einer, der nicht wußte, daß sich ein Spruch auch einwärts wenden läßt.
-
-Nur ein einzig Mal hat auch das Einwärtswenden fast versagt. Das war
-damals, als ihm einer seine Liebste stahl. Da sank sein Gleichmut,
-da hob sich ihm die Hand zum Schlage. Freilich, ohne zuzuschlagen.
-„Nein, nein,“ hat er gemurmelt, „Menschen können einem nicht gestohlen
-werden, sie stehlten sich denn selber.“ Einen Winter lang hat’s ihn
-herumgetrieben, bis er gepreßt und scheu zwar, aber dennoch hörbar
-wieder sagen konnte: „Und worauf freuen wir uns jetzt?“
-
-Nun aber ist ein Spruch, der nie versagt, kein Spruch mehr, sondern
-ein Tyrann. Eines Tags verbeugte sich vor dem erschrocknen Max ein
-Riesenschatten: „Sie gestatten -- bin der Weltkrieg -- und erlaube mir,
-um Ihren Spruch zu bitten.“
-
-„Meinen Spruch?“ stotterte der Max, „was wollen Sie damit?“
-
-Der Weltkrieg machte eine halsabschneidende Bewegung.
-
-Fuhr der Max auf: „Mit welchem Rechte --?“
-
-„Tun Sie doch nicht so -- bedenken Sie, wenn Sie, wie andre, statt des
-Spruchs, sich selbst zum Opfer --“
-
-„Mich magst du nehmen -- was liegt groß an mir -- aber alles liegt an
-meinem Spruch.“
-
-„Dummes Zeug -- zuviel Federlesen mach’ ich schon -- her mit dem
-Spruch!“ Roh griff er Max ins Herz. Aber heimlich war der Spruch daraus
-entwichen, flüsternd: „Verzage nicht, Max, auf Wiedersehn!“ Fort der
-Spruch, ihm nach der Krieg.
-
-Reihum im Lande hat der Spruch sich auf die Flucht begeben, immer hart
-vom Krieg verfolgt und immer guten Muts. Kaum einer, den er nicht
-besucht hat, am liebsten die Verdrossenen und Schmerzgeschlagenen, die
-ihn am wenigsten erwarten. Ich habe ihn an Witwenherzen klopfen seh’n:
-„Mich schickt der Max.“
-
-„Kenn’ ich nicht.“
-
-„Eben darum komm’ ich, von ihm erzählen soll ich, damit auch Ihr auf
-eine kleine Weil’ mich so gut aufnehmt, wie ich’s bei ihm gehabt.“
-
-Da nahmen sie ihn auf. Freilich nur für eine kleine Weile. Aber lang
-genug, um, wenn der Krieg aufs neue angepoltert kam: „Wo ist der
-Flüchtling, daß ich ihm den Hals umdrehe?!“ mit wieder ausgeglich’nem
-Herzen lächelnd zu erwidern: „Bedaure, schon verzogen, wenn Sie ihn
-treffen, bitte ihn von mir zu grüßen.“
-
-Er hat ihn nie erwischt, der Weltkrieg, solang’ er auch schon währt.
-Immer ist er anderswo, als wo er grad’ gemordet werden sollte. Und er
-hat schrecklich viel zu tun. Wenn mich nicht alles täuscht, demnächst
-mehr noch als der Weltkrieg. Und immer größer wird er, immer stärker,
-trotz des Weltkriegs. Wenn ich recht berichtet bin, demnächst größer
-gar und stärker, als der Weltkrieg selbst. Und es geht ein Tuscheln um
-im Land, daß die Jagd sich demnächst umdreht. Daß aus dem Verfolgten
-ein Verfolger wird. Dann aber mag es sein, weil der Spruch um soviel
-flinkre Füße als der Weltkrieg hat, daß dem der Hals herumgedreht wird
-vom „Worauf-freuen-wir-uns-jetzt?“
-
-Noch ist es nicht so weit. Noch hat er ihm den Hals nicht umgedreht.
-Noch hilft er anderen beim Sterben. Vor kurzem seinem eignen alten
-Herrn, dem Max. Ich selber hab’ ihn sterben sehn. Er ging geschwind
-durchs Tal der letzten Schmerzen auf den Kamm, der vom Jenseits
-scheidet. Jetzt stand er droben und überdachte in den Kissen seine
-eingesunkenen Augen: „Und worauf freuen wir uns jetzt?“
-
-
-
-
-In deinem Alter
-
-
-Ich habe eine Statistik über Ermahnungen von Eltern
-an ihre Kinder angelegt. Es gibt Statistiken über
-dreiundzwanzigtausendachthundertfünfundsechzig Dinge, von der
-Gewichtsabnahme bei spiritistischen Sitzungen bis zum Senfverbrauch
-auf den Kopf der Bevölkerung. Warum also nicht auch einmal eine
-Ermahnungsstatistik zwischen Eltern und Kindern?
-
-Zuerst dachte ich, solcher Ermahnungen gäbe es so viele wie Sand am
-Meer. Nämlich, wenn man vom Auftakt ausging. Ich notierte mir:
-
-„Laß das, Hansi...“
-
-„Pfui, Lotte...“
-
-„Schämst dich denn gar nit, Mariele...“
-
-„Nein, jetzt aber so was, Trudi...“
-
-„Fritz, Fritz...“
-
-„Da soll denn doch ein Hageldonnerwetter, Max...“
-
-„Ei ei, Maxeli...“
-
-„Potz Blitz und Karawanken, Junge...“
-
-„Na, warte, Karl...“
-
-„Junge, Junge, Junge...“
-
-Auch die Fortsetzungen waren noch einigermaßen verschieden. Aber der
-Schluß, der Schluß war stets derselbe. Alle, alle liefen sie in einen
-einzigen Schlußsatz aus:
-
-„In deinem Alter habe ich...“
-
-Das heißt, was die Eltern in dem Alter ihrer Kinder hatten, waren,
-taten oder unterließen, ging ja auch wieder scheinbar auseinander,
-aber in Wirklichkeit war’s doch dasselbe. Denn es kam immer auf eine
-unabänderliche Bravheit oder Wohlanständigkeit hinaus, ob sie sagten:
-
-„In deinem Alter habe ich nicht soviel Butter auf das Brot
-bekommen...“, oder
-
-„In deinem Alter habe ich noch gar nicht gewußt, wie ein Theater von
-innen ausschaut...“, oder
-
-„In deinem Alter hatte ich noch keine Ahnung von einem Federhut...“,
-oder
-
-„In deinem Alter ist uns der Schnabel sauber geblieben von...“, oder
-
-„In deinem Alter hätten wir es nicht gewagt, zu...“, oder
-
-„In deinem Alter würden wir uns zu Tode geschämt haben, wenn...“, oder
-
-„In deinem Alter würden wir uns die Finger darnach abgeschleckt haben,
-wenn unsere Eltern...“, oder
-
-„In deinem Alter wären wir kreuzfroh gewesen, wenn...“, oder
-
-„In deinem Alter hätte man uns verwichst, daß wir nicht mehr stehen,
-sitzen oder liegen hätten können, wenn wir uns unterstanden hätten...“
-
-Der letzte Satz hat den erhebendsten Eindruck auf mich gemacht.
-Nämlich, weil die betreffende ungezogene Liesel, an die er mit
-Augenrunzeln und Donnergepolter gerichtet war, darauf erwiderte:
-
-„Ah, Vater, das muß aber fein gewesen sein.“
-
-Der entsetzte Vater brachte mit Mühe und Not ein „Warum?“ heraus.
-
-„Weil, wenn ihr nicht mehr stehen, liegen oder sitzen konntet,“ sagte
-Liesel ernsthaft und ganz in einer Vorstellung versunken, „dann habt
-ihr ja fliegen müssen, Vater.“
-
-Nein, bitte, das war durchaus nicht frech, sondern sachlich. Denn
-Kinder sind in diesen Dingen immer sachlich. Während die Eltern in
-Dingen der Ermahnung ... nun, ich habe neulich bei einem Vater, mit dem
-ich selbst einmal zur Schule ging, merkwürdige Dinge festgestellt.
-
-Da war ich also bei Rechnungsrats eingeladen. Rechnungsrat Übelacker
-ist ein prächtiger Vater zu seinen Kindern. Aber wenn Gäste da sind, so
-ermahnt er sie. Er ermahnt sie unter allen Umständen. Vielleicht glaubt
-er, es gehöre zum guten Ton, oder er sei das seinen Gästen schuldig,
-oder seinen Kindern, oder sich selber, ich hab’s nie herausbekommen
-können. Aber mir hat er immer leid getan, wenn wir schon beim Obst
-angelangt waren und mein Freund, der Rechnungsrat Übelacker, bereits
-anfing, ungemütlich auf seinem Stuhle hin und her zu rutschen, weil bis
-anhin die Kinder noch nicht den geringsten Anlaß zur Ermahnung zu geben
-schienen.
-
-So war’s auch diesmal. Ich konnte es nicht mehr ansehen. Ich nahm mich
-zusammen und schnitt dem regierungsrätlichen Fritzl eine heimliche
-Grimasse über den Tisch hinüber. Natürlich lachte er. Ich verlängerte
-meine Grimasse ins Erstaunte. Natürlich platzte er jetzt fast vor
-Lachen.
-
-Sofort lösten sich des Regierungsrats gespannte Züge wohltätig, als er
-jetzt mahnend an seinen Teller klopfen und verkünden konnte:
-
-„Fritz, das muß ich dir denn doch sagen, in deinem Alter habe ich
-niemals ein so blödsinniges Gelächter aufgeführt -- mach’, daß du
-vor die Türe gehst, damit -- damit du weißt, wie man sich bei Tisch
-anständig beträgt.“
-
-Ich dachte mir, es sei sehr unwahrscheinlich, daß man das anständige
-Benehmen bei Tisch vor der Türe draußen erlernen könne und drückte
-diesen Gedanken in einer dritten heimlichen Grimasse aus, für
-mich privat natürlich. Ebenso natürlich schepperte aber der
-Regierungsratsfritz darüber vor Lachen und ging ein drittel betrübt,
-ein drittel vergnügt und ein drittel ahnungslos vor die Türe.
-
-„Es ist ein Jammer mit den Kindern heutzutage“, sagte Rat Übelacker
-etwas unsicher zu mir.
-
-„O,“ sagte ich, „nicht nur heutzutage, es war zu unserer Zeit nicht
-besser, aber dafür schlimmer.“
-
-„Sooo?“ sagte mein Freund, der Regierungsrat.
-
-„Ja, ich erinnere mich an zwei Buben, die einem Gaste gegenübersaßen,
-der einen kleinen unscheinbaren Haarbüschel auf seiner Nasenspitze
-hatte.“
-
-„Soo?“
-
-„Ja, und so oft das auftragende Mädchen die Türe öffnete, bewegte sich
-dieser kleine Haarbüschel im Zugwind zuerst empört, dann ergebungsvoll
-und schließlich fröhlich.“
-
-„So?“
-
-„Ja, und das machte den beiden Jungen einen solchen Heidenspaß, daß sie
-sich beinahe kugelten vor Lachen.“
-
-„So, am Tisch?“
-
-„Freilich, so daß der Vater schließlich sagen mußte, das sei ja ein
-schandbares Betragen, und als er so jung gewesen sei, habe man Kinder
-mit derartiger Aufführung jämmerlich verhauen, und er solle sofort vor
-die Türe gehen, damit er besseren Anstand lerne, der Heinrich.“
-
-„Der Heinrich?“
-
-„Ja, natürlich, der Heinrich, denn es ging doch nicht gut an, mich als
-eingeladenen Jungen auch vor die Türe zu setzen.“
-
-„Dich? und der andere --?“
-
-„Der andere? aber das warst doch natürlich du, Heinrich.“
-
-„Soso -- hm ja -- soso --“
-
-In diesem Augenblicke schien das anwesende Erziehungsfräulein
-Nasenbluten zu kriegen. Wenigstens ging sie mit dicht angepreßtem
-Taschentuch auch rasch vor die Türe. Und es war mir nur schleierhaft,
-warum sie dabei das ganze Gesicht zudecken mußte.
-
-Gleich darauf schien der Frau Regierungsrat ein Apfelbröckchen in den
-unrechten Schlund gekommen zu sein, so daß sie ein merkwürdig komisches
-Gesicht machen mußte und von ihrem Gemahl einen unbeschreiblichen Blick
-erhielt. Was sie veranlaßte, ebenfalls ein wenig vor die Türe zu gehen.
-
-„Da wir jetzt unter uns sind,“ begann der Regierungsrat unbehaglich,
-„so muß ich dir schon sagen...“ Ich merkte sofort, daß es eine
-umfängliche Predigt werden sollte und sagte:
-
-„Komm, alter Junge, sei nicht tragisch -- dein Sohn ist im übrigen ein
-famoser Kerl.“
-
-„Famoser Kerl, wieso?“
-
-„Ei, er hat kein Wort davon gesagt, daß ich mit meiner
-Gesichterschneiderei an seinem Gepruste schuld war.“
-
-„Du? Nun, da muß ich denn doch sagen -- hm ja, ich meine, ich glaube,
-du hättest diese Geschichte, an die ich mich übrigens gar nicht mehr
-erinnere, nicht gerade jetzt -- und im übrigen vermute ich, daß ich
-damals nicht so entsetzlich geprustet habe, wie mein Fritz vorhin --
-wenn du’s schon erzählen mußtest, dann hättest du doch wenigstens auch
-diesen Unterschied --“
-
-„Aber Heinrich, dann hätte ich ja auch den andern Unterschied --“
-
-„Welchen andern Unterschied, bitte?“
-
-„Nun, ~du~ hast damals, als du vor die Türe gehen mußtest, nicht
-vergessen, darauf aufmerksam zu machen, daß eigentlich das luftbewegte
-Haarbüschelchen auf des Fremden Nase dran schuld war, während dein
-Fritzl heut’ mich nicht verraten hat, sondern erheblich netter war, als
-du in seinem Alter damals --“
-
-„Hem, hast du auch fernerhin die Absicht, alte Freunde derart
-bloßzustellen --?“
-
-„Mit Vergnügen, solange sie nicht zugestehen wollen, daß sie im
-Alter ihrer Söhne ganz genau so frech, so dumm, so nichtsnutzig, so
-unbekümmert und so -- kreuzvergnügt gewesen waren, gottseidank, als
-eben diese Söhne.“
-
-
-
-
-Der Rauchtisch
-
-
-Rauchtische sind eine merkwürdige Erfindung. Ich glaube, Nichtraucher
-haben sie erfunden.
-
-Zu meinem Geburtstage versetzte mir die Mutter meiner Frau mittels
-Eilgut unter Wertangabe einen Rauchtisch. Gut, daß „Rauchtisch“ auf dem
-Frachtbrief stand. Ich hätte ihn sonst für einen Telegraphenapparat mit
-Gestell gehalten. Aber was ich für einen Morseticker ansah, war ein
-Kerzenhalter. Hol’ mich der und jener, wenn die Aschenschale früher
-keine Streifenspule war.
-
-„Fehlt nur noch der Draht“, murmelte ich.
-
-„Pfui,“ sagte meine Frau, „Geld willst du auch noch!“
-
-„Ja,“ bekannte ich, „auch für eine Banknotenpresse könnte man es
-halten.“
-
-„Schäm’ dich, jeder Laie sieht doch, daß --“
-
-„Laie? Ja, das ist es: ein Rauchtisch für Nichtraucher.“
-
-„Mann, Mann, ich werde meiner Mutter schreiben, daß sie selbst kommt
-und --“
-
-Ha, Daumenschraubenmuttern! Ich erschrak. Schweiß brach aus. Ich
-wurde feig. Ich hob drei Finger. Ich verleugnete meinen gesunden
-Rauchverstand. Ich schwor, daß es ein Rauchtisch sei. Ein moderner
-Rauchtisch. Ich schwor, daß nur ein Idiot den Streichholzständer für
-einen Morsedrücker halten könne. Unleugbar sei es allerdings, daß das
-Gestell aus drei Makkaroni in Todeszuckungen bestünde. Aber das sei
-eine geniale Stilidee des Rauchtischarchitekten. Ich schwor, in meinen
-ausschweifendsten Träumen hätte ich mir immer so etwas gewünscht.
-
-„Ist gut,“ sagte meine Frau mißtrauisch, „nun schwöre noch, daß du ihn
-täglich benutzen wirst.“ Was war zu tun? Gott, was schwört der Mensch
-nicht alles, wenn er in Gefahr ist.
-
-Ich benutzte ihn täglich. Zunächst als Handtuchhalter. Damit war er
-zugedeckt, unsichtbar und gnädig.
-
-Aber meine Frau kam hinter die Gnade und das Handtuch, entfernte beides
-und zwang mich, angesichts des Tischchens zu rauchen. Davon wurde mir
-schlecht. Ich tat es den drei Makkaroni gleich und phantasierte. Es kam
-der Arzt.
-
-„Denken Sie, Herr Doktor,“ sagte meine Frau, „das Nikotin ist ihm ins
-Blut gegangen, er hält das da für einen Briefkasten mit Gestell.“
-
-„Unglaublich,“ sagte der Arzt, „eine türkische Gebetsmühle für einen
-Briefkasten zu halten!“
-
-Empört holte meine Frau einen andern Arzt. Ich konnte ihn einen
-Augenblick allein sprechen: „Doktor, seien Sie barmherzig, befreien
-Sie mich von diesem Ding da!“
-
-„Es ist doch ein ganz netter Schirmständer,“ sagte er, „na, wenn Sie
-ihn durchaus nicht haben wollen, könnten Sie ja im Fieber --“
-
-Ich verstand, und schlug im Fieber den Rauchtisch kurz und klein.
-Nach dem Anfall lagen die Makkaronifüße unter meinem Bett. Die
-Rauchtischplatte war hinter den Bücherschrank gekugelt. Die
-Aschenschale hatte sich auf das Gardinenbrett geflüchtet, während
-der Kerzenhalter sich durch das offene Fenster auf den Aschenhaufen
-niederließ.
-
-Ich hielt die Sache für erledigt und genas. Ich wußte nicht, daß eines
-Weibes Liebe die zerrissensten Dinge wieder zusammenleimt: an meinem
-Namenstag stand der reparierte Rauchtisch als Neugeschenk neben meinem
-Bett und grinste verdrehter und hämischer als je.
-
-Freunde rieten mir zu einem Umzug. Bei Umzügen verschwänden oft die
-unglaublichsten Dinge, sagten sie. Also wurde umgezogen. Während meine
-Frau die Möbelträger hin und her schob, rannte ich mit dem Rauchtisch
-auf den Speicher, ließ ihn in die hinterste Ecke verschwinden und
-schmiß Lumpen drauf und Hobelspähne.
-
-Der Möbelwagen war gepackt. Der Kutscher wollte knallen. „Noch nicht“,
-sagte meine Frau und ging zum letztenmal spähend durch die Räume. Ha,
-gewonnen -- leer kam sie zurück.
-
-„Hü!“ will der Kutscher rufen. Springt über die Straße eine Katze mit
-einem gestohlenen Fleischstück. Schreiend hinter ihr eine Köchin. Die
-Katze das Stiegenhaus hinauf, Stock um Stock. Die Köchin ihr nach,
-Stock um Stock. Man hört’s vom Dach herab rumoren. Auf einmal --
-
-Durch das offene Speicherfenster saust elegant die Katze, landet
-unbeschädigt mit dem Fleischstück auf dem Pflaster --
-
-„Mistviech, elendig’s!“ schreit’s herunter. Durch die Dachluke saust,
-gleich elegant geschwungen, das Rauchtischchen. Geschickt fängt es der
-Oberpacker auf: „G’hört das noch dazu, gnä’ Frau?“
-
-Da stand es also auch in der neuen Wohnung und glotzte weiter hämisch.
-Ich gab ihm Püffe über Püffe. Es hielt sie aus und glotzte. Täglich
-warf ich meine Stiefel nach ihm. Es glotzte. Ich arrangierte einen
-kleinen Hausbrand. Das erste, was gerettet wurde, war der Rauchtisch.
-Ich bat meinen Neffen, chemische Experimente mit fressenden Säuren auf
-dem Rauchtisch auszuführen. Die Säuren fraßen alles, nur nicht meinen
-Rauchtisch.
-
-Immerhin, zum Lackieren müsse er, sagte meine Frau. Ich besuchte den
-Lackierer. „Mann,“ sagte ich, „daß das Handwerk jetzt mit Arbeit
-überhäuft ist, weiß ich. Ich könnte es verstehen, wenn das Stück erst
-nach Monaten an die Reihe käme. Ja, ich würde es sogar begreifen, wenn
-es überhaupt nie fertig würde.“
-
-Er sah mich prüfend an. „Nee, mein Lieber,“ sagte er, „Sie fangen mich
-nicht, Sie Handwerkslästerer!“ Am nächsten Tage teilte er telephonisch
-mit, daß der Tisch lackiert sei. Ich war es auch.
-
-„Kathi,“ sagte meine Frau, „holen Sie ihn ab.“
-
-„Kathi,“ sagte ich, sie heimlich auf die Seite nehmend, „wenn Sie ihn
-unterwegs verlieren sollten -- hier sind drei Mark -- Sie verstehen.“
-
-Für drei Mark versteht die Kathi irgend etwas. Heulend kam sie heim.
-„Gnä’ Frau -- huhu -- stehen lassen in der Straßenbahn -- huhu --!“
-
-Meine Frau versteht keinen Spaß. Nicht für drei Pfennig. „Kathi, wenn’s
-nicht mehr zum Vorschein kommt, ziehe ich am Lohn fünf Mark ab --
-marsch, ins Fundbureau!“
-
-Kathi sah mich an. Ich zwinkerte ihr zu, ich käme doppelt auf. Also
-holte sie das Fundstück von der Straßenbahn ab und verlor’s ein
-zweitesmal erheblich gründlicher.
-
-Darauf rückte es meine Frau in die Morgenzeitung: „Wer ein verlorenes
-Rauchtischchen gefunden hat und wiederbringt, erhält zehn Mark.“ Und
-ich in die Abendzeitung: „Wer ein verlorenes Rauchtischchen gefunden
-hat und behält, erhält zehn Mark.“
-
-Zwei Tage später werde ich im Kaffeehaus vom Skat hinausgerufen. Die
-Tändlerin Kreszenz Hasenfratz stemmte die Arme in die Lenden: „Sie also
-sind der verruckte Herr, der wo zehn Mark zahl’n will, wenn ich ihm
-das Tischerl nicht in seine Wohnung trag’...“
-
-Es kam ein unwiederbringlicher Vertrag zustande. Ich halte mich mit Fug
-für rauchtischalpbefreit. Aber am nächsten Ersten steht die Kreszenz
-Hasenfratz wieder mit angestemmten Armen im Kaffeehausgang: „Herr
-Doktor, so wenig Platz wie ich jetzt hab’ für meine Tandelsachen --
-darf ich also wieder um zehn Mark Monatsmiete --“
-
-„Sie -- Sie sind --“
-
-„Regen Sie sich nicht künstlich auf, Herr Doktor, wenn Sie’s nicht
-aufbewahrt hab’n woll’n, kann ich’s ja morgen wieder Ihrer Frau
-Gemahlin --“
-
-Seitdem muß ich den Rauchtischschrecken monatlich beschwören.
-Zehnmarkweise. Als ich das Lösegeld zum siebtenmale in mein
-Kassabüchlein eingetragen hatte, kommt meine Frau ins Zimmer.
-
-„Mann, ich weiß wohl, was du einträgst“, sagt sie erhaben.
-
-„Um Gottes willen --“
-
-„Sei getrost, ich verzeihe dir.“
-
-„Du liebe Frau,“ sag’ ich erfreut, „ich brauch’ es also nicht mehr
-kommen lassen?“
-
-„Im Gegenteil, du kannst es kommen lassen, auf der Stelle.“
-
-Ich sank zusammen. Ich tat geistesabwesend.
-
-„Mann, verstell’ dich nicht -- Kassabüchlein -- monatlich zehn Mark --
-Kreszenz Hasenfratz -- wir wissen alles --“
-
-„Ihr?“ stammele ich, „wer Ihr?“
-
-Geht die Türe auf: „Lieber Schwiegersohn -- meine Tochter schrieb mir
-alles -- wir wissen wohl um deine Jugendsünde -- laß das arme Kind nur
-kommen --“
-
-„Das Kind? Was für ein Kind?“ stotterte ich.
-
-„Dein Kind!“ donnerte sie, „und zum Zeichen, daß wir dir verziehen,
-habe ich dir auch ein neues Rauchtischchen...“
-
-
-
-
-Der Familienaufsatz
-
-
-Montag brachte Hans das Aufsatzthema heim: „Der Krieg, eine Geißel
-der Menschheit.“ „Konzept am Sonnabend abzuliefern“, hatte der Lehrer
-gesagt. „Schreibt diesmal frei, ganz aus euch selbst heraus.“
-
-„Herrgott, ist bis zum Sonnabend lang“, dachte Hans und schlug die
-Geißel in den Wind. In den Wind geschlagene Geißeln knallen irgendwann.
-Beim Hans am Freitag. Es war ein Gewissensknall. Die Familie knallte
-mit. „Der arme Bub,“ sagte die Mutter, „von heut auf morgen einen
-ganzen Aufsatz.“ -- „Gott,“ sagte Vater, „ich habe zu manchem
-verzwickten Geschäftsbrief nicht mal soviel Zeit.“
-
-„Jaja,“ sagte Tante Lotte nachdenklich, „der Aufsatz, eine Geißel der
-Menschheit.“ -- „Na, mit ’m bißchen Grips und ’m Schuß Inspiration
-läuft auch der schwerste Aufsatz“, sagte Onkel Franz. „Setz’ dich nur
-mal dran, Hans.“
-
-Hans setzte sich von Freitag nachmittag 4 Uhr bis 8 Uhr daran: „Der
-Krieg, eine Geißel der Menschheit -- Der Krieg, eine Geißel der
-Menschheit -- Der Krieg, eine Geißel der Menschheit -- Der Krieg, eine
-Geißel der -- Mutter, weißt du keinen schönen Satz?“ -- „Einen schönen
-Satz über den gräßlichen Krieg, Hans?“ -- „Er meint einen stilistisch
-schönen Satz“, sagte Tante Lotte. Und dann klopften Mutter und Tante
-an Onkels Zimmer: „Onkel, der Bub braucht einen schönen Satz.“ -- „Ach
-was, mit ’m bißchen Grips und ’m Schuß Inspiration --“ -- „Schuß? Er
-braucht halt ein wenig Vorschuß, der arme Bub’ -- wenn ich denke: von
-heut auf morgen eine ganze Geißel --“
-
-Das war um 6¼. Um ½7 wälzte Onkel Franz das zwölfte Buch. „Einen
-schönen Satz?“ murmelte er. „Schreib mal diesen Satz auf Seite 63,
-Junge.“ Und folgsam schrieb der Hans in sein Konzeptheft: „Die
-materiellen, intellektuellen und moralischen Konsequenzen eines Krieges
-leuchten wie ungeheure Fanale des Leidens durch die Geschichte.“ --
-„Kannst ihn mal der Tante zeigen, Junge.“
-
-Hans zeigte ihn der Tante. Sie kam sofort herüber: „Ein schöner
-Satz, Onkel Franz, ein wirklich wunderschöner Satz.“ -- „Na, nicht
-so schlimm, mit ’m bißchen Grips und ’n Schuß Inspiration -- und nun
-machst du einfach in dem Stile weiter, Junge.“
-
-Hans machte bis um 7 weiter, ohne mit dem zweiten Satz fertig zu
-werden. „Onkel Franz, bitte noch einen schönen Satz.“ -- „Jetzt kann
-dir mal die Tante helfen, Junge.“ -- „Tante, bitte, noch einen schönen
-Satz.“ Tante Lotte blätterte schon seit einer Viertelstunde in ihren
-alten Albums. „Schreib mal das da“, sagte sie errötend. Und folgsam
-schrieb Hans in sein Konzeptheft: „Der rosenfingrige Eros kämpft
-siegreich gegen dräuende Wolken, morgenrotes Blut fließt in Strömen:
-Krieg überall.“ -- „Kannst ihn mal der Mutter zeigen, Junge“, sagte
-Tante Lotte.
-
-Hans zeigte ihn der Mutter. Gleich kam sie aus der Küche. „Ein
-wundervoller Satz, Tante Lotte“, sagte sie. -- „Jetzt einen Satz von
-dir, Mutter“, bat Hans. -- „Aber Hans, ich mach’ das Abendessen fertig,
-ich kann keine schönen Sätze kochen.“ -- „Aber Mutter, irgendeinen
-Satz wirst du doch --“ Da schlug die Mutter im Kochbuch nach: „Den
-vielleicht, Hans?“ Und folgsam schrieb der Hans in sein Konzeptheft:
-„Die durch den Krieg hervorgerufene Knappheit zwingt auch die
-kriegsfeindliche Hausfrau zur Beschneidung der lukullischen Bedürfnisse
-ihrer Familie.“ Tante Lotte meinte zwar, der Satz sei ein wenig
-nüchtern. „Bis auf ‚lukullisch‘“, sagte Onkel Franz.
-
-Dann kam Vater an die Reihe, der vom Geschäft heimkam. Er machte
-eine Miene, als diktiere er dem Buchhalter: „Im Besitze Ihres sehr
-geehrten...“ Aber dann steckte er die Hände in die Hosentaschen und
-sagte auf und ab gehend:
-
-„Schreib mal, Junge: ‚Die möglichen Kriegsfolgen lassen es rätlich
-erscheinen, die Konjunktur in Rechnung zu stellen und vorher zu
-eskomptieren.‘“
-
-Darauf fiel dem Onkel Franz wieder ein Satz ein. Dann wieder Tante
-Lotte und der Mutter, so daß Hans noch mehrere Male reihum schöne
-Sätze ins Konzeptbuch schreiben konnte. Und eine Stunde nach dem
-Abendessen war es Onkel Franz gelungen, aus einem großen Kriegsbuch
-vom letzten Siebziger Krieg noch einen kunstvoll aufgebauten Schluß
-herauszuklauben. Worauf sich Hans schlafen legte. Nicht ohne daß er es
-noch durch die Tür sagen hörte: „Der arme Bub’: von einem Tage auf den
-andern solchen schweren Aufsatz...“ Damit schlief er befriedigt ein.
-
-Aber im Traum ging’s ihm nicht gut. Er war im Himmel, mitten in einer
-Volksversammlung. Petrus saß am Pult und sagte: „So, und jetzt erzähl’
-mal einer nach dem andern, was er im Krieg erlebt hat.“ Einer trat vor:
-„Mir ist mein Sohn gefallen...“ Es war ein erschütternder Bericht in
-einfachen Worten. „Der nächste“, sagte Petrus. Jemand trat vor: „Ich
-bin gefallen in der Sommeschlacht ...“ Stoßweise, wie das Volk spricht,
-erzählte er die Schrecken seiner Schlacht. „Der nächste“, sagte Petrus.
-Jemand trat vor: „Was ich mir ein Leben lang ersparte, hat der Krieg
-verbrannt...“ Mit einer fernen Stimme erzählte er den Russeneinfall
-seines Dorfes. Noch viele rief der Petrus auf. Sie standen auf und
-sprachen schlicht und setzten sich. Und jedesmal ging dem Hans ein
-Rieseln übers Rückgrat. Das ging vom dritten Wirbel in der Wirbelsäule
-aus. Dort sitzt die Wahrhaftigkeit.
-
-„Hans, was hast du im Kriege erlebt?“ -- „Einen -- einen Aufsatz“,
-stotterte Hans. -- „Lies mal!“ Und Hans schlug sein Konzeptheft auf und
-las: „Die materiellen, intellektuellen und moralischen Konsequenzen des
-Krieges leuchten wie riesige Fanale...“ Und er trommelte alle schönen
-Sätze herunter. Und hinter dem schönen Schlußsatz dachte er stolz: „Was
-sagen Sie nun, Herr Petrus?“
-
-„Paß mal auf, Hans“, sagte Petrus und schob einen Vorhang auf die
-Seite. Der Krieg ward sichtbar. Er war aus Marmor. Schrecklich war er
-anzuschauen in seiner unbändigen Wild- und Nacktheit. „Gib mal dein
-Konzeptheft, Hans.“ Einzeln riß Petrus die Blätter heraus und steckte
-sie mit Nadeln an die Statue. Dort verwandelten sie sich in ein Kleid.
-Und es war aus lauter bunten, zerrissenen Lumpen zusammengesetzt.
-Unsäglich erbärmlich hing das alles unter dem entsetzlich erhabenen
-Gesicht des Krieges herab. Und Hans wurde rot im Traum und schämte sich
-und wachte auf. Schon war es hell.
-
-Er schaute auf die Uhr. 4 Uhr morgens. Schnell in die Kleider. Noch
-schneller an den Arbeitstisch. Her mit dem Heft. Heraus mit den
-Aufsatzseiten. Eine neue Seite angefangen. Ha, wie die Feder flog.
-Nicht einen Augenblick brauchte sie sich zu besinnen. Sie schrieb die
-Volksversammlung von heute nacht, ohne Aufputz, schlicht, in kurzen
-Sätzen, stoßweise, wie das Volk spricht...
-
-Als Hans an diesem Morgen in die Schule ging, kam der Balthasar
-gerannt: „Du, Hans, ich habe keinen Aufsatz, laß mich deinen
-abschreiben!“
-
-„Aber Balthasar, das geht doch nicht.“
-
-„Du bist ein netter Kamerad, na, warte, ich werd’ mir’s merken.“
-
-Hans wurde heiß. Schon öffnete er den Ranzen, schon griff er nach dem
-Heft, auf einmal schoß es ihm warm vom dritten Rückgratswirbel, dem
-Sitze der Wahrhaftigkeit, über das Gesicht.
-
-„Nein, Balthasar“, sagte er fest. Aber da hatte der Balthasar roh
-hineingegriffen und war davongerannt. Eine Handvoll Blätter schwang
-er lachend in der Luft. Laut las er unterm Laufen: „Der Krieg, eine
-Geißel der Menschheit. Die materiellen, intellektuellen und moralischen
-Konsequenzen des Krieges leuchten wie riesige Fanale --“
-
-„Aber Balthasar, das sind ja -- das ist ja --!“
-
-„Kenn’ ich schon -- möchtest mir’s wieder abluchsen -- da wird nichts
-draus -- in der Religionsstund’ schreib’ ich’s ab.“
-
-Und während in den ersten Bänken der Katechismus abgefragt wurde,
-schrieb der Balthasar in der letzten Bank aus Raschelblättern ab und
-ab. Eben war er fertig, als der Aufsatzlehrer eintrat: „Konzepthefte
-einsammeln!“
-
-Eine Woche verging. Hans war recht still. Stiller als die Seinigen zu
-Hause. Alle Augenblicke stellte ihn dort jemand auf der Treppe, im
-Korridor, im Zimmer: „Nun, Hans, ist dein Aufsatz schon zurückgegeben?“
-fragte Mutter. -- „Na, Hans“, sagte Onkel Franz, „und der Aufsatz?“
--- „Hans, hast du deine Eins schon abgekriegt im Aufsatz?“ sagte
-Tante Lotte. -- „Hannes, Hannes,“ sagte am zuversichtlichsten der
-Vater, „diesmal hat er dich wohl übern Schellenkönig gelobt, dein
-Aufsatzlehrer, he?“
-
-„Die Aufsatzhefte werden erst am nächsten Sonnabend zurückgegeben“,
-sagte Hans leise. Fast geduckt ging er weiter. Sie sahen ihm nach:
-
-„Ich weiß nicht, was der Junge hat,“ sagten sie kopfschüttelnd, „wenn
-uns jemand so geholfen hätte mit den schönsten Sätzen, als wir in die
-Schule gingen...“
-
-Da war der Sonnabend da. Und da lag der Stoß Aufsatzhefte am Katheder,
-so hoch, daß des Lehrers Angesicht darüber kaum zu sehen war.
-
-„Zunächst die beste Arbeit,“ sagte der Lehrer, ernst ein Heft in seinen
-Händen wägend, „Hans, das war deine beste Arbeit. Ganz warm ist mir
-dabei geworden. Hört mal...“
-
-Mäuschenstill hörte die Klasse Hansens Aufsatz an. Nur der lange
-Balthasar in der letzten Bank rutschte etwas hin und her.
-
-„Hans, bei dieser Nummer magst du bleiben. Note 1. Wie einem das wohl
-tut, wenn man all den andern aufgeblasenen Sums -- zum Beispiel den
-da -- hört mal: ‚Die materiellen, intellektuellen und moralischen
-Konsequenzen des Krieges leuchten wie riesige Fanale‘ und so weiter
-und so weiter. Sag’ mal, Balthasar, wo hast du dir denn diesen
-abgestandenen Schmarr’n zusammengestohlen?“
-
-„Von -- von -- vom Hans!“
-
-„Na, das ist denn doch! -- Hans kann solches aufgepapptes Zeug
-überhaupt nicht schreiben. Hans, dieser Aufsatz soll von dir sein?“
-
-„Nein, Herr Lehrer.“
-
-Zu Hause sah man es ihm an. Sie umdrängten ihn: „Na, Hans, der Aufsatz
-ist zurück?“ Hans nickte selig. „Und du hast den Vogel abgeschossen,
-Hans?“ Hans nickte seliger. „Na, kein Wunder, lieber Hans -- aber
-danken hättest du uns wenigstens ’n bißchen können...“
-
-Auf dem nächsten Schulweg warnte den Hans ein Kamerad: „Du, nimm dich
-vor dem Balthasar in acht. Er sagt, du hättest ihn mit dem letzten
-Aufsatz schauderhaft hereingelegt. Und er will dich ebenso verhauen.“
-
-Da straffte sich dem Hans etwas im vierten Rückgratswirbel, wo der Mut
-sitzt, gleich hinter der Wahrhaftigkeit: „Soll nur kommen!“
-
-
-
-
-Der Hunderter
-
-
-Ich habe einen sonderbaren Hunderter. Der will nicht aus meiner
-Kasse. So oft ich mich bemühe, ihn zu einem Extrazweck auszugeben, er
-knistert: Nein. Vielleicht kann ihm jemand helfen? Aber dazu muß ich
-seine Geschichte erzählen.
-
-Der Hunderter gehörte früher meiner Tante. Und noch früher der
-Frida. Und noch früher, das weiß ich nicht. Niemand weiß, woher ein
-Hunderter kommt, niemand weiß, wohin er geht. Hunderter sind wie
-Schienenstrangstücke in Untergrundbahnhöfen: Dunkel, kurzes Blitzen,
-wieder Dunkel. Das Blitzen meines Hunderters trug sich so zu: Die Frida
-diente bei meiner Tante. Grundehrlich, stand in ihrem Dienstbuch. Aber
-das steht in vielen. Was in Dienstbüchern steht, ist nicht so wichtig.
-Wichtiger ist, was nicht darin steht. Nicht darin stand, daß sie von
-der stillen Art war. Kein Klappern, kein Geschrei, kaum ein Fragen. Und
-wenn man selber eben fragen wollte: „Frida haben Sie...“ oder „Frida,
-ist schon...“, so war schon immer alles fertig. Leise schwangen ihre
-langen Arme an den breiten Hüften: „Und was jetzt?“ Mit diesem „Und
-was jetzt?“ ging sie durch das Leben.
-
-Meine Tante wußte, was sie an ihr hatte. Aber einmal fehlte ein
-Hunderter. Die Tante hatte ihn in die Schreibtischschublade geschoben,
-als es klingelte. Dabei vergaß sie, den Schlüssel umzudrehen. Dann
-unterschrieb sie auf dem Gang den Einschreibebrief, während die Frida
-den Schreibtisch abstaubte. Erst am Abend erinnerte sich meine Tante an
-den nicht umgedrehten Schlüssel. Der Hunderter war verschwunden.
-
-Drei Tage trug sie’s mit sich ’rum. Das ist länger, als es eine
-Durchschnittshausfrau trägt. Dann ging’s nicht mehr: „Frida, war
-sonst jemand in dem Zimmer, als Sie staubten?“ -- „Nein, gnä’ Frau.“
--- „Frida, aus diesem Kästchen ist ein Hunderter fortgekommen.“ --
-„Jawohl, gnä’ Frau“ -- Fridas Mund. „Und was jetzt?“ Fridas Arme. --
-„Frida, haben Sie den Hunderter genommen?“ -- „Nein, gnä’ Frau,“ Fridas
-Mund. „Und was jetzt?“ Fridas Arme. -- „Frida, den Hunderter kann
-niemand anders genommen haben.“ -- „Jawohl, gnä’ Frau,“ Fridas Mund.
-„Und was jetzt?“ Fridas Arme. „Nur gut, daß Sie’s gestehen, Frida,
-geben Sie ihn her.“ -- „Ich hab’ ihn nicht, gnä’ Frau.“ -- „Also ist er
-schon bei einem Helfershelfer?“
-
-Fridas Arme hörten auf zu schwingen. Jetzt erst hatten sie begriffen.
-Sie weinte. „Gut, ich gebe Ihnen vierundzwanzig Stunden Zeit,“ sagte
-Tante.
-
-Dann am nächsten Tage: „Nun, Frida?“ -- „Ich hab’ ihn nicht, ich
-versteh’s nicht.“ -- „Wär’ mir leid, Frida, wenn ich nach der
-Polizei...“ Die Frida heulte nicht mehr. Der Hunderter war für sie
-erledigt. Nur ihre Arme schwangen: „Und was jetzt?“ -- „Für jetzt
-will ich’s nochmal gut sein lassen, Frida. In acht Tagen ist die
-Osterbeichte. Was Sie mir nicht beichten, können Sie dem Pfarrer sagen.“
-
-Im Beichtstuhl war die Frida fertig. „Und sonst?“ fragte der Pfarrer.
-Die Frida schwieg. „Und der Hunderter, Frida?“ redete der Pfarrer
-gütlich zu. -- „Sehen Sie, Frida, ich mein’s gut mit Ihnen, es
-kommt sonst kein Friede mehr ins Haus, wenn Sie ihr Gewissen nicht
-entlasten.“ -- „Jawohl, Hochwürden.“ -- „Nicht drängen darf ich Sie,
-Sie müssen selber...“
-
-Die Frida war zum zweitenmal im Beichtstuhl fertig und wollte sich
-erheben. „Wie ist es, Frida, wollen Sie mir nicht den Auftrag geben,
-daß es Ihnen Ihre Frau nach und nach vom Lohn abzieht?“ Durch das
-Gitter glaubte er ein Nicken zu erkennen. Aber es waren nur Fridas
-Arme: „Und was jetzt?“ -- „Und jetzt gehen Sie ruhig nach Haus. Ich
-will mich auch persönlich noch für Sie verwenden, daß Sie nicht
-entlassen werden.“
-
-Sie wurde nicht entlassen. Jeden Monat zog ihr die Tante zwei Mark
-am Lohn ab. Und fünfzig Monde sind in vier Jahren glatt vorüber. Vier
-Jahre aber sind nicht allzulang, wenn man mit schlenkernden Armen
-dient: „Und was jetzt?“
-
-Dann starb die Tante. Ich war ihr Erbe. Kurz vor ihrem Ende hat sie
-mir die Geschichte mit Fridas Hunderter vertraut. Wenn sie’s nicht
-getan hätte, ich glaube, wir hätten Frida gebeten, bei uns in Dienst zu
-treten, sie war gar so tüchtig. Aber so... So war’s schon besser, daß
-sie die Arme wo anders schlenkerte, wo man es nicht wußte.
-
-Jahre kamen, Jahre gingen. Arme schlenkerten, wurden müd, und neue Arme
-traten an die Stelle, junge Arme, junge Hände. Solche Hände meines
-jüngsten Sohnes spielten einmal an einer Schreibtischschublade. Es ging
-schwer, er zog und zog... „Jetzt hab ich’s endlich, Vater,“ kam er
-angerannt, „schau, das da war dazwischen.“ Er hielt einen zerknitterten
-Hunderter in der Hand.
-
-Was bin ich gelaufen, was hab’ ich geschrieben -- ich habe sie nicht
-mehr aufgefunden, die Frida. Vielleicht ist sie tot. Vielleicht
-schlenkert sie in einem fernen Dienst die langen Arme: „Und was jetzt?“
-
-Jetzt? Ja, jetzt liegt der Hunderter in meiner Kasse. Es ist ein
-sonderbarer Hunderter. Er will nicht hinaus. So oft ich mich bemühe,
-ihn zu einem Extrazweck hinauszugeben, und wäre es der beste -- mein
-Hunderter knistert: Nein.
-
-Vielleicht kann ihm jemand helfen?
-
-
-
-
-Der Spohrer
-
-
-Als die Schule einen Teil vom Hansi von uns schälte, merkten wir’s erst
-gar nicht. Eines Tages aber schrie es von der Straße: „Miller!“
-
-Mutter rührte ruhig weiter um im Kochtopf. Was ging sie der Miller an?
-
-„Mi--iller!“ schrie es ärger.
-
-Meine Arbeit am Schreibtisch fing ein wenig an zu stocken. ‚Miller?‘
-dachte ich dunkel zwischen zwei Sätzen, ‚der Name kommt mir fast
-bekannt vor -- na, im Grunde: was geht mich ein Miller an?‘ Whupp,
-holte schon die Feder aus zum nächsten Satz.
-
-„Mi--i--i--ille--e--er!“ klirrte jetzt das Fenster neben meinem
-Schreibtisch. Auf damit, den ärgerlichen Kopf hinausgestreckt -- stand
-da ein kleiner, runder Kerl auf der andern Straßenseite, blaurot im
-Gesicht vor lauter Millerrufen und machte eben seine Händchen hohl zu
-einem verstärkten Millergedröhn.
-
-„Willste wohl!“ drohte ich hinab, „was ist denn los?“
-
-„Ich geh zum Schlittenfahr’n -- der Miller soll ’runterkommen mit
-sei’m Schlitt’n!“ brüllte das Kerlchen herauf.
-
-Nein, dieser unverschämte Bengel! Dem sollte ich wohl seinen Boten
-machen, um aus irgendeinem Stockwerk über uns oder unter uns
-irgendeinen Miller --
-
-„Du, Mann,“ sagte hinter meinem Rücken die seltsam bedrängte Stimme
-meiner Frau, die aus der Küche hergekommen war, „du Mann, ich glaube,
-er meint unsern -- unsern Hansi.“
-
-„Unsern -- unsern --?“ stammelte ich verbindungslos.
-
-Der kam plötzlich aus dem Kinderzimmer hereingeschossen.
-
-„Warum habt ihr nicht gesagt, daß mich der Spohrer ruft?!“ sagte er
-gekränkt, holte sich seinen Schlitten und zog mit dem Spohrer ab. Weder
-der Hansi noch der Spohrer warfen einen Blick zurück zum Fenster, wo
-die Mutter noch lange neben dem Vater stand und ihnen nachsah. Nachsah,
-bis der Schlitten und der Hansi und der Spohrer um die letzte Ecke
-bogen.
-
-„Der Miller“, sagte sie langsam und bemühte sich, mich anzulächeln.
-Aber da stürzten ihr die Tränen aus den Augen. Sie fuhr sich an den
-Lenden hinab, als habe sich daran zum erstenmal ein Stück von ihrem
-Hansi abgeblättert.
-
-„Der Spohrer“, gab ich ihr zur Antwort und fuhr mir über die Schläfe,
-als habe sich da was Fremdes angesetzt.
-
-An diesem Morgen hat Mutter noch unzählige bittere Miller in die
-Mittagssuppe eingerührt. An diesem Morgen drängten sich ganze Trupps
-von unverschämten, kugelrunden Spohrern durch die Zeilen meiner Arbeit.
-
-Von da ab wuchs der Spohrer drohend in unsere Familie hinein. Gewisse
-weiche Stellen fingen an sich zu verknorpeln. Der Spohrer selber kam
-nicht mehr. Nur seinen Schatten warf er lang und länger.
-
-„So, und jetzt muß ich zum Spohrer“, erklärte der Hansi immer wieder
-nach dem letzten Mittagessenbissen. Wir hätten’s ihm verbieten können,
-hätten wir uns nicht, hellgesichtig schweigend, eingestanden, daß
-verbotene Liebe üppiger ins Kraut schießt, als erlaubte. So begnügten
-wir uns, den Spohrer still zu hassen. Bis eines Tages Hansi sagte: „Der
-Spohrer ist ein gemeiner Kerl!“ Sofort spürten wir, wie wir dem Spohrer
-gut wurden: Doch ’n ordentlicher Kerl, der uns gab, was uns gehörte.
-Und wir hätten auf ein Haar vergessen, uns beim Hansi zu erkundigen,
-warum der Spohrer plötzlich ein gemeiner Kerl wäre.
-
-„Weil er -- weil er mir seinen Radiergummi nicht geschenkt hat“,
-platzte Hansi heraus.
-
-„Aber Hansi, deshalb ist er doch nicht gemein“, fühlten wir uns
-verpflichtet, für den Spohrer einzutreten.
-
-„Ja, und dann -- und dann ist er auf meine Feder mit dem Fuß
-draufgetreten, der -- der gemeine Kerl!“
-
-„Aber Hansi, das kann Zufall sein und --“
-
-„Und dann -- und dann -- und überhaupt, der Spohrer ist ein gemeiner
-Kerl!“ Der Hansi heulte.
-
-Zu Weihnachten schenkte ihm die Tante Elsa eine besondere Mütze. Nur
-einmal setzte er sie auf. Das zweite Mal weigerte er sich: „Der Spohrer
-lacht mich aus damit“, sagte er.
-
-Der Frühling kam. Das Maifest wurde fällig. Aber es regnete und
-regnete. Der Spohrer sollte mit dem Fuße aufgestampft und gesagt haben:
-„Wenn’s nur grad extra weiterregnen tät!“ Der Hansi war empört. Denn
-nun war es klar, daß an dem Regen nur der Spohrer schuld war, dieser
-ganz gemeine Kerl.
-
-„Der Spohrer hat mir eine ’neing’haut!“ klagte er ein andermal.
-
-„Wirklich, Hansi?“
-
-„Ja -- beinah -- der -- der gemeine Kerl!“
-
-„Beinahe eine ’neingehauen, Hansi?“ beharrte ich, „das sieht fast so
-aus, als ob du ihm schon vorher eine hineinge--“ Aber da war er schon
-aus dem Zimmer, der beinah hineingehauene Hansi.
-
-In der nächsten Woche zögerte er immer bis zur letzten Minute mit dem
-Schulgang.
-
-„Hansi, was hast du?“ forschte die Mutter.
-
-„Der Spohrer paßt mir an der Eck’n auf -- mit’m Stecken -- der -- der
-gemeine Kerl!“
-
-Es wurde immer schlimmer. Unser ganzes Familienleben verspohrerte durch
-den Hansi. Wir lebten in einer fortwährenden Angst dahin, der Spohrer
-hätte -- der Spohrer wäre -- der Spohrer könnte -- der Spohrer würde.
-Nichts Schlimmes gab es auf der Welt, das nicht dem Spohrer zuzutrauen
-gewesen wäre. Der Spohrer lastete auf uns mit Schicksalsschwere.
-Morgens, wenn Hansi erwachte: der Spohrer. Mittags, wenn er von der
-Schule heimkam: der Spohrer. Abends, wenn ihm Mutter am Bettchen seine
-letzte Sorge vor dem Sandmann abnahm: der Spohrer, immer nur der
-Spohrer... Nur ein Trost war da für uns spohrergeschlagene Eltern: von
-dem dunklen Spohrerhintergrunde hob sich hell und strahlend unser Hansi
-ab.
-
-Eines Tages hat man mich wo eingeladen. Es stellt sich mir ein anderer
-Eingeladener vor. „Spohrer“, sagt er und verneigt sich. Mir ist, als
-wenn mich einer mit der Lanze in die Seite stäche.
-
-„Doch nicht ~der~ Spohrer?“ fährt es mir heraus. Und da war es
-wirklich ~dem~ Spohrer sein Vater. Ich hätte es übrigens gleich
-erkennen können, so klein und rundlich, wie er war, dachte ich.
-
-„Ich hätte es übrigens gleich erkennen können, so lang und hager, wie
-Sie sind“, sagte im selben Augenblick der alte Spohrer zu mir.
-
-Und dann erzählte er mir ein langes und ein breites über meinen Hansi.
-„Denken Sie,“ sagte er lächelnd, „mein Söhnchen sagt mir, Ihr Hansi
-behandle ihn ~zu~ schlecht.“
-
-„So, inwiefern denn!?“ sage ich beinahe beleidigt.
-
-„Ja, seinen Bleistift habe er zertreten, sagt er -- dann habe er ihm
-einmal beinah eine ’neingehauen -- und auf dem Schulweg passe er ihm
-auf, der -- der gemeine Kerl!?“ fügte er vergnügt mit der Stimme seines
-Söhnchens bei. Und dann ernster: „Wenn Sie überhaupt jetzt in unsere
-Familie hineinsehen könnten, so hörten Sie nur: Der Miller hat -- der
-Miller ist -- der Miller wird -- mit einem Wort, wir sind vermillert
-auf und ab.“
-
-Wir lachten beide. Und beide stellten wir an diesem Abend lachend
-fest, daß die Krankheit unserer Söhnchen durchaus nicht auf die Schule
-beschränkt sei. Daß auch das Leben von uns Alten dicht durchsetzt von
-Spohrern und von Millern sei.
-
-„Jaja, Herr Spohrer,“ bekannte ich auf dem Heimweg, „solang die Welt
-steht, wird sie auch verspohrert --“
-
-„-- Und vermillert sein,“ fiel er rasch ein, „es gehören immer zwei zu
-einer -- einer stillen Liebe.“
-
-
-
-
-Glück
-
-
-Als ich ein Bub war, ein verstaubter Stadtbub, kriegte Vater einen
-Brief. Er schaute lange auf die Unterschrift: „Der ist von einem alten
-Schulkameraden,“ sagte er, „der Glück gehabt hat -- Herr im Himmel, was
-hat der Glück gehabt -- jetzt ist er Staatsrat und hat einen Parkbesitz
-da draußen vor der Stadt.“ Dann erst las er den Brief. Es war eine
-Einladung auf den nächsten Sonntag.
-
-Aber da gerade hatte Vater Dienst. Und Mutter hatte kein Ausgehkleid,
-das halbwegs staatsratswürdig war. „Und ich?“ sagte ich glitzernd. Da
-sahen sie an mir herab: Ja, mein Anzug wäre noch fast neu, und was das
-Benehmen anbeträfe -- „eben brav sein und bescheiden, wie du’s in der
-Schule sein mußt -- nicht etwa kriechend -- wir sind auch was, wenn wir
-auch kein Staatsrat sind -- du hast da einmal einen Klassenkameraden
-mitgebracht -- Mathias, glaub’ ich -- der trägt den Kopf aufrecht, weiß
-was er will und läßt sich gar nicht extra imponieren -- an dem nimm
-dir ein Beispiel.“
-
-Das war nicht alles. Der Lehren waren noch ein Dutzend mehr. Aber nur
-diese behielt ich. Denn wie ich in den Park des Staatsrats eintrat, war
-auch der Mathias eingeladen. Er stelzte auf mich zu und sagte knapp:
-„Bin hier fast jeden Sonntag -- der Staatsrat ist mein Onkel -- komm.“
-
-Der Staatsrat gab mir die Hand, sagte, es sei schade, daß meine Eltern
-nicht gekommen wären, und nun solle ich vergnügt sein -- „Mathias, nimm
-dich seiner an!“
-
-Das tat er. Er zeigte mir den Park. Da war eine herrliche Schaukel. Ob
-ich schaukeln dürfe? Er zuckte die Mathiasschultern: „Meinethalben,
-wenn dir solche Kinderei noch Spaß macht.“
-
-Sie machte mir über eine halbe Stunde Spaß. Dann kamen wir an einen
-Weiher mit einem entzückenden Boot. Ob ich rudern dürfe? „Meinetwegen,
-wenn dir solche Wasserplantscherei Vergnügen macht“, sagte er mit
-hochgezogenen Mathiasaugenbrauen. Und ich durfte ihn rudern, während er
-gähnte.
-
-Dann war ein zahmes Reh hinter einem Zaun, ein allerliebstes Reh. Ob
-ich’s betrachten dürfe? Er nickte nachlässig mit dem Mathiaskopfe:
-„Meinetwegen, wenn du sonst nichts besseres weißt.“ Und wieder wußte
-ich eine halbe Stunde lang nichts besseres und konnte mich nicht satt
-sehen an den großen Rehaugen und den zarten Bewegungen, während der
-Mathias, mit den Händen in den Hosentaschen, pfeifend um den Zaun ging.
-
-Dann gab es Erdbeeren mit Schlagsahne. Ob er je was besseres
-gegessen hätte, fragte ich begeistert den Mathias. Da riß er langsam
-den Mathiasmund auf und sagte gähnend: „Gott, man kann doch alle
-Schlagsahnen, die man schon verzehrt hat, nicht im Kopfe haben.“
-
-Darauf holte er sich ein dickes Buch und las es, während ich im weichen
-Grase hinter einer blütenüberschneiten Hecke lag und träumte, träumte...
-
-Ich habe es noch lange Jahre später bekannt: das war mein schönster
-Tag. Dann bin ich alt geworden und es versanken nacheinander meine
-Eltern, der Park, der Staatsrat, der Mathias -- nein, den Mathias habe
-ich gestern in einem Wartesaal wiedergetroffen, sehr vornehm, knapp
-vorm Staatsrat, glaube ich. Aber er plauderte sehr gütig mit mir,
-denn bis zu seinem Anschlußzuge hätte sich ihm sonst die Langeweile
-angeschlossen. Als der Gesprächsstoff auszugehen drohte, sagte ich:
-„Weißt du noch, Mathias: der gemeinsame Parknachmittag damals bei
-deinem Onkel, dem Staatsrat --“
-
-„N--ja, erinnere mich dunkel. Aber sprich nur zu, vielleicht daß ich
-mich dann an die Einzelheiten --“
-
-„Ja, da war vor allem die Schaukel -- dann der Weiher mit dem Boot --
-dann hinterm Zaun das Reh -- dann die Erdbeeren mit Schlagsahne --
-schließlich im Grase hinter der Hecke --“
-
-„Ja ja, jetzt weiß ich’s wieder: es war gräßlich, nicht -- ah, eben
-rufen sie den Zug ab -- du entschuldigst --.“
-
-
-
-
-Das blaue Band
-
-
-Wie soll man sich zum blauen Band stellen?
-
-Hm, es kommt darauf an. Es gibt verschiedene blaue Bänder. Da wäre
-zunächst ein blaues Band, das unsere Liebste trug, das unserer
-kinderjungen Liebsten sich um den blonden Haarzopf schleifelte --
-ich weiß noch, wie lustig die seidenblauen Bänderenden in den Wind
-flatterten.
-
-Nein, nicht dieses blaue Band. Ich bitte euch, wer spricht denn heute
-noch von blauen Liebesbändern.
-
-Dann weiß ich noch ein anderes blaues Band, das ist es französisch:
-_Le cordon bleu_, sagen sie hinter den Vogesen und verleihen es
-der Köchin, die am besten kocht.
-
-Das ließe sich schon eher hören, zum mindesten ist es substantieller.
-Aber noch nicht, wie soll ich sagen -- noch nicht aktuell genug. Habt
-ihr denn nie von einem dritten blauen Band gehört, dem blauen Bande,
-das von England ausging, _The blue ribbon_, nach dem ein Hetzen
-ist und Jagen? --
-
-So will ich euch seine Geschichte erzählen, wenn ihr Zeit habt, die
-Geschichte vom blauen Band.
-
-Also dieses blaue Band bekam der Mast auf dem Schiff, das am
-schnellsten durch den Ozean fuhr. _The blue ribbon_ ging von einem
-Schiff zum anderen. Erst waren sie alle englisch, diese Schiffe. Das
-erste war ein Zehnknotenschiff. Zum Lachen -- das haben sie damals
-schnell geheißen. Dann entriß es diesem Schiff ein Dreizehnknoter.
-Darauf mit einem scharfen Sprung ein sechzehnknotiger Ozeanrenner.
-Und beim Siebzehnknotigen, dessen Mast das blaue Band umschlang,
-da war es, daß ein Dichter die Bezeichnung „Windhunde des Meeres“
-prägte. Und reihum weiter wanderte das blaue Band, das vielbegehrte,
-heißumstrittene. Ganze Völker waren an der Jagd beteiligt. Das war eine
-Freude rechts und ein Jammer links, als hinter zwanzig Knoten das blaue
-Band von England über den Kanal nach Deutschland flatterte.
-
-Nun ging erst recht das Jagen an. Herunter glitt das blaue Band vom
-Mast und legte sich beklemmend den Kapitänen auf die Brust: Fahrt zu,
-fahrt zu, heizt die Kessel, bis sie glühen -- das Band, das blaue Band,
-wir müssen’s wieder haben! Was sagt ihr -- der Eisberg? Der Teufel soll
-den Eisberg holen, wenn das blaue Band dahinter schimmert!
-
-Und dann war es, daß das blaue Band pfeilgeschwind durch die
-Schiffsluke hinunterschoß über Treppen und Gestänge, daß es den Heizern
-um die Ohren knallte: Vorwärts, vorwärts, schaufelt ein! Daß es um die
-Kessel schwirrte, bis sie rot vor Zorn erglühten. Daß es im Manometer
-die Dampfdrucksäule schob und zerrte, bis das blaue Band den roten
-Explosionsstrich überdeckte...
-
-Und wenn dann der Kessel barst, und wenn dann der Eisberg einen
-Schiffsleib aufriß, wie man eine Naht auftrennt, so sahen sie den
-Kessel und den Eisberg, nicht das blaue Band.
-
-Und über das vergurgelnde Schiff wehte das blaue Band weiter übern
-Ozean.
-
-Herüber und hinüber flatterte es zwischen den Nationen, ohne Rast und
-Ruh. Und wenn’s des Meeres überdrüssig war, so flog’s aufs Land. So
-tauschte es den Mast mit rauchenden Kaminen: in der Fabrik erstand
-soeben eine neue Schraube, die dem besten Schiffe ein paar neue Knoten
-zulegt; oder es webte blau durchs offene Fenster in ein Erfinderzimmer
-und legte sich um seine hohe Stirne, just im Augenblicke, wo daraus die
-Lösung einer neuen Dampfturbine sprang.
-
-Das blaue Band sah einen langen Weg zurück. Weit um die Erde ging
-der unerbittlich schnurgerade Weg. Meilensteine standen klotzig
-an den Rändern -- fünfundzwanzig Knoten -- sechsundzwanzig Knoten
--- siebenundzwanzig Knoten... Was lag daran, daß da und dort ein
-Meilenstein auch eine Grabinschrift auf seiner anderen Seite trug?
-
-Als ob die Leichensteine nicht an jedem Fortschrittswege stehen müßten!
-
-Und ein Fortschritt war es, als der dreißigknotige Schiffskoloß dem
-blauen Bande seine Reverenz erwies. Als der Fünfunddreißigknotige den
-Golfstrom schnitt, und als das Vierzigknotenschiff mit schwarzem Atem
-den Wendekreis des Krebses heraufkeuchte.
-
-Nun gab’s kein Halten mehr im Rasen. Erfindung auf Erfindung holte sich
-das blaue Band aus den Gehirnen. Wütend, immer wütender peitschte es
-die Meere und die Menschen: fünfzig Knoten, sechzig Knoten, siebzig
-Knoten.
-
-„Und ich gebe eher keine Ruh,“ sagte Mister Hobbledihoi, „als bis mein
-‚Thunderer‘ fünfhundert Kilometer in der Stunde macht.“
-
-Und Mister Hobbledihoi war der Mann, das durchzusetzen. Und eines Tages
-fauchte sein „Thunderer“ wie ein Geschoß übers Meer. Am Bug, das blaue
-Band, es ringelte sich vor Freude und schrieb die Zahl 500 in die
-zerschnittenen Lüfte.
-
-Fünfhundert Kilometer in der Stunde waren überschritten.
-
-„Und ich gebe eher keine Ruhe,“ sagte Brinkmann, der Schiffsmagnat,
-„bis mein ‚Blitzstrahl‘ die drei Nullen mit dem Einser vorne aus den
-Wassern holt.“
-
-Und Herr Brinkmann war der Mann, das wahrzumachen. Ein Heer von
-Ingenieuren hetzte er mit Geld und Ehren. Ein Volk verfieberte er
-zu wütender Begeisterung. Ein Kohlenbergwerk warf er in sein Schiff
-und zwang es zu den tausend Kilometern in der Stunde. Das war in
-einer Nacht, als an Bord die tausend Lichter glänzten. Im Luftschiff
-drüber sahen es die Leute. Und es war ihnen, als blitzte eine riesige
-Sternschnuppe durch den Weltenraum.
-
-Auf der Kommandobrücke stand der Schiffsherr Brinkmann neben
-seinem Kapitän. Der Kapitän las beim Scheine einer Glühlampe den
-Geschwindigkeitsmesser ab und legte salutierend seine Hand an die Mütze.
-
-„Ich gratuliere, Herr Brinkmann,“ sagte er, „der Zeiger hat die Tausend
-überschritten. Darf ich es der Welt verkünden?“
-
-Brinkmann nickte. Es war ein eisernes Nicken.
-
-Und als jetzt der Kapitän auf einen Knopf drückte, zerriß ein
-ungeheurer Pfiff die Lüfte. Der sollte es der Menschheit sagen, daß
-eine Riesentat vollbracht war. Eine Tat, die dieser Eisenmensch auf der
-Brücke in die Welt warf.
-
-Der?
-
-Ein blaues Band kam auf den Schwingen jenes Pfiffes herangeflattert:
-
-„Mir galt der Pfiff,“ raschelte das Band, „ich danke...“ Und dann
-ergriff es von dem Schiff Besitz. Und geruhig sah es, wie im nächsten
-Hafen unter ihm die Kränze und die Sträuße sich zu Bergen häuften, wie
-die Weihereden stiegen, wie die verstolzte Menschheit sich vor Hochmut
-in die Brust warf...
-
-Und noch während dem Gerede drunten schaute das blaue Band am Mast nach
-neuen Siegen aus.
-
-Die kamen. Die stampften gleichmütig über den Schiffskoloß und seinen
-Herrn. Das war an jenem Tage, als Mister Hobbledihoi die bis dahin
-allgewaltige Kohle aus seinem neuen Schiffe „Zeitlos“ warf und die
-elektrischen Ströme, die verschwiegen die Erde umkreisten, zwang,
-seinen „Zeitlos“ um die Erde zu jagen. Das war, als Mister Hobbledihois
-„Zeitlos“ beim Sonnenaufgang von Europa fortschoß gegen Westen.
-Das war, als fünfzehnhundert Kilometer in der Stunde überschritten
-wurden. Das Wasser kochte vorn am Bug, der die Längengrade in sich
-hineinfraß. Das Wasser kochte hinten am Kiel, wo die Schrauben
-wahnsinnig geworden waren. Weit und breit kein kleinstes Fischlein
-in der Wasserwüste -- sie waren vor dem Donnergang des „Zeitlos“ jäh
-geflohen. Die schnellsten Vögel riß der Luftwirbel aus ihrem Reich,
-ihre plattgedrückten Leiber klebten vorn am Buge.
-
-„Mister Hobbledihoi,“ sagte der Kapitän, „Brinkmann ist geschlagen.“
-
-„Ich weiß es und ich ehre ihn, denn ich stehe auf seinen Schultern.“
-
-In diesem Augenblicke kam der König auf die Brücke. Und es war der
-König, welcher sich verneigte vor dem Schiffsherrn und ihm eigenhändig
-ein blaues Band ins Knopfloch seines Rockes schlang. Nein, schlingen
-wollte. Denn ein Windstoß kam und riß es in die Lüfte.
-
-„Wenn wir am Land sind, habe ich ein anderes,“ sagte der König: „nur
-eine Frage hätte ich.“
-
-„Bitte, Majestät.“
-
-„Warum heißen Sie Ihr Schiff denn ‚Zeitlos‘?“
-
-Der Schiffsherr wies stumm nach der noch immer aufgehenden Sonne, die
-seit geraumer Zeit nicht um einen Zoll höher gegangen war am Horizonte.
-
-Der König verstand nicht gleich.
-
-„Das bedeutet?“ wandte er sich fragend an den Kapitän.
-
-„Das bedeutet,“ sagte dieser, „daß unser Schiff sich mit der gleichen
-Geschwindigkeit von Osten nach Westen bewegt, als sich die Erde in der
-umgekehrten Richtung um sich selbst bewegt, Majestät!“
-
-„Und somit,“ ergänzte der Schiffsherr ruhig, „somit kann es auf unserm
-Schiff nicht -- nicht später werden, solange wir nach Westen fahren.“
-
-„Und auf unserm Schiff wird es immer Sonnenaufgang sein“, sagte der
-Kapitän.
-
-Lange schwieg der König. Dann sagte er:
-
-„Ich hatte einen Vorfahren, der von sich sagen konnte, in seinem Reiche
-ginge nie die Sonne unter. Ihr habt sein Reich zusammenschnurren lassen
-auf ein stampfendes Schiff. Auch auf eurem Schiffe geht die Sonne
-nicht mehr unter. Meines Vorfahrens Reich -- und euer Schiff -- meine
-Herren, mich dünkt, wir könnten uns die Hände reichen...“
-
- * * * * *
-
-Hier brach der Erzähler ab.
-
-Der zu seinen Füßen saß und horchte, sagte traumverloren:
-
-„Aber dann würden ja die Menschen auf diesem Schiffe auch nicht --
-nicht älter werden können?“
-
-Der Erzähler lächelte:
-
-Der Ruhm des „Zeitlos“ hallte über die Erde. Die Menschen rissen sich
-um einen Platz in den Kajüten.
-
-„Man altert nicht auf diesem Schiffe“, riefen sie, „die Uhr des Lebens
-kann nicht einen Pendelschlag auf diesem Schiff tun. Auf seinen Planken
-hat die Zeit die Macht verloren, nicht eine Runzel kann sie neu auf
-unserem Gesichte ziehen.“
-
-Um solches zu erlangen, war ihnen nichts zu teuer. Und
-die Schiffswerften der Erde bauten Tag und Nacht an neuen
-„Zeitlos“-Schiffen.
-
-Und in den Häfen drängten sich die Menschen:
-
-Wir wollen zeitlos werden, zeitlos! schrien sie und stürmten auf die
-Schiffe...
-
-Aber da war es, daß eine neue Nachricht die aufgescheuchte Welt
-durchzitterte:
-
-Brinkmann, der Besiegte, hatte sich erhoben. Brinkmann, der Besiegte,
-hatte ein neues Schiff gebaut. Das hieß er „Die Vergangenheit“. Warum
-denn „Die Vergangenheit“? Die Antwort spielte der Telegraph um die Erde:
-
-Das neue Schiff läuft schneller als der „Zeitlos“, also schneller auch
-als sich die Erde um sich selbst bewegt. Mithin...
-
-Die zum ersten Male auf der „Vergangenheit“ fuhren, konnten sich
-vor Staunen gar nicht fassen: eben, bei der Abfahrt, war die Sonne
-im Westen in das Meer gesunken. Los schnellte das Schiff vom alten
-Kontinent, wie vom Himmelsbogen ein Pfeil, den der Allmächtige in den
-Weltenraum hinausschießt. Und, o Wunder, da sah man die untergegangene
-Sonne wieder zurückgehen, wieder aus dem Meere aufwärtstauchen, wieder
-zu einem neuen Nachmittage, nein, einem schon vergangenen Nachmittage
-rückwärtswandern...
-
-Die Menschen auf dem Schiffe wurden nicht älter. Die Menschen auf dem
-Schiffe blieben auch nicht stehen in der Zeit.
-
-„Wir werden jünger -- jünger -- jünger!“ riefen sie in überquellender
-Begeisterung.
-
-„Wir wandern in unsere eigene Vergangenheit hinein!“ schrien sie.
-
-Und so war es.
-
-Die Menschheit, die nicht sterben wollte, flüchtete sich auf das letzte
-Riesenschiff, auf „Die Vergangenheit“. Kaum, daß sie abgestoßen waren
-vom Gestade der Gegenwart, schwenkten sie die Hüte, schwenkten sie die
-Tücher:
-
-„Wir fahren in unser Jugendland, in unser Jugendland zurück!“
-
-Das war ein sonderbares Rückwärtstauchen in die Vergangenheit.
-
-Da hatte man eben zärtlich Abschied genommen von den Seinen, als man
-über die Schiffstreppe heraufstieg. Und gleich darauf durchlebte man
-die Abschiedszärtlichkeit von neuem.
-
-Da hatte man ein großes Glück genossen vor der Reise. Und gleich darauf
-wiederholte sich zwangsläufig alles Glücksgefühl von rückwärts.
-
-„Wie ist mir denn?“ sagten die Passagiere der „Vergangenheit“, „hatte
-ich diesen Gedanken nicht schon früher einmal gefaßt?“
-
-Und die, welche weiße Haare im Vollbart hatten, sahen mit Erstaunen das
-vergangene Schwarz von neuem aus den Spitzen in die Höhe gehen und das
-vertriebene Weiß verkroch sich in die Wurzeln.
-
-Und was das Sonderbarste war! Sie erlebten jetzt die Wirkung vor der
-Ursache.
-
-Eines Jungen Wangen fingen rot zu brennen an. „Uh,“ heulte er, „uh“,
-und hielt sich die Backe. Und danach erst bekam er von seinem Vater
-die Ohrfeige, und wieder danach beging er jenen Streich, für den die
-Ohrfeige vermeint war. Alles war jetzt umgekehrt wie früher.
-
-Erst kam die Sättigung, und wenn man trotzdem aß, so stellte sich der
-Appetit am Schlusse ein. Man gab sich einen Kuß und fragte danach erst,
-ob man sich einen geben dürfte. Man legte sich des Morgens ausgeruht
-ins Bett und schlief sich müd zum Abend vor, stand auf und fing die
-Arbeit an und wurde munter, immer munterer. Man machte die Entdeckung,
-daß man mit einer Arbeit fertig war, und war im Handumdrehen erst am
-Anfang, wo man an dem Federhalter kaute...
-
-Wieder stand Brinkmann neben dem Kapitän auf der Schiffsbrücke.
-
-„Es ist sonderbar,“ sagte der Kapitän, „ich habe darüber nachgedacht
-und finde, daß jetzt die Welt gerade infolge des rasenden Fortschritts
-rückwärts geht.“
-
-„Ich denke, wir treiben hier keine Philosophie, Kapitän“, sagte
-Brinkmann, der Eisenmann.
-
-„Nein,“ sagte der Kapitän, „wir treiben Schnelligkeit, und wir selber
-treiben mitten in der Schnelligkeit, ein wenig hilflos, will mir
-schei--“
-
-Es knitterte vom Mast. Ein Funkspruch wurde überbracht. Brinkmann las.
-
-„Rasch, Kapitän,“ sagte er, „steuern Sie sofort zum Pol. Ich erhalte
-hier eine sonderbare Nachricht von meinem alten Feind, dem Mister
-Hobbledihoi -- ich muß sehen, ob das wahr ist...“
-
-Und dann flog die „Vergangenheit“ zum Pol.
-
-Der war auf einer Insel. Dort hielt die „Vergangenheit“. Brinkmann und
-der Kapitän nahmen ihre Fernrohre an die Augen.
-
-„Sehen Sie ihn, Kapitän?“
-
-„Ja, ich sehe Mister Hobbledihoi haarscharf auf der Erdachse sitzen.“
-
-„Auf einem Stuhle, glaub’ ich?“
-
-„Ja, ein Klavierstuhl, der sich ohne Ende dreht. Wie rasend dreht sich
-der Mensch um die Polachse, warten Sie, von -- von Ost nach West --“
-
-Da tat Brinkmann, der Eisenmann, einen fürchterlichen Fluch.
-
-„Kapitän, Kapitän, nun hat uns dieser dennoch überwunden!“ schrie er.
-
-„Wieso?“
-
-„Zum Teufel, verstehen Sie denn nicht: so oft sich dieser Mensch auf
-dem Klavierstuhl herumgedreht hat, so oft sich seine Beine einmal um
-die Polachse geschlenkert haben, hat er dasselbe getan, dasselbe, was
-wir --“
-
-„Was wir in einer Erdumschiffung taten -- in der Tat, das hat er, und
-bei jeder Drehung wird er in viel, viel kürzerer Zeit um einen Tag
-jünger, als wir es auf unserer ‚Vergangenheit‘ jemals werden können.“
-
-Und dann sahen sie mit ihrem Fernglas, wie der Mann sich auf dem
-Klavierstuhl schneller drehte, immer schneller.
-
-„Weiß Gott,“ schrie Brinkmann, „jetzt ist er gut um dreißig Jahr
-jünger, als ich ihn das letzte Mal sah.“
-
-„Nein, um vierzig“, sagte der Kapitän.
-
-„Ein Junge ist er jetzt, ein Junge!“
-
-„Wahrhaftig, nicht mal mehr ’n Bart.“
-
-„In den Windeln liegt er, in den Windeln!“
-
- * * * * *
-
-„Und jetzt, Kapitän, was sehen Sie jetzt?“
-
-„Jetzt sehe ich gar nichts mehr.“
-
-„Das ist doch nicht möglich -- schauen Sie schärfer!“
-
-„Keine Täuschung -- leer ist der Klavierstuhl, rattekahl leer.“
-
-„Kreuzteufel, wie erklären Sie das, Kapitän?“
-
-„Wie ich mir das erkläre? Ei ganz einfach -- der Mann hat sich durch
-die Schnelligkeit über seine eigene Geburt hinausgelebt -- weg ist er
--- nicht mehr wiederkommen tut er.“
-
-„Aber wenn wir ausstiegen, Kapitän -- wenn wir den Klavierstuhl in der
-anderen Richtung drehten?“
-
-„Was futsch ist, das ist futsch und wird nicht mehr lebendig.“
-
-„Kapitän, drehen Sie um -- wir fahren heim.“
-
-„Mit welcher Geschwindigkeit?“
-
-„Mit -- mit einer -- vernünftigen.“
-
-„Vielleicht fünfzig Kilometer über Erdachsengeschwindigkeit?“
-
-„Zum Teufel mit der Übererdgeschwindigkeit -- wir fahren einfach
-fünfzig Kilometer in der Stunde.“
-
-„Sehr wohl.“
-
-Brinkmann wollte gehen. Da löste sich vom Mast ein blaues Band, ein
-blaues Schleifchen. In zierlichen Spiralen schaukelte es dem Kapitän zu
-Füßen. Der hob es auf.
-
-„Meister,“ rief er Brinkmann nach, „Meister, das blaue Band ist vom
-Mast gefallen -- was soll ich tun damit -- soll ich’s wieder --?“
-
-Der eiserne Brinkmann drehte sich um:
-
-„Das blaue Band“, sagte er langsam. „-- Sie haben ein junges Mädel zu
-Hause, nicht wahr, Herr Kapitän?“
-
-„Ja, allerdings.“
-
-„Dem flechten Sie’s ins Haar, Kapitän...“
-
-
-
-
-Die Rundfrage
-
-
-In der Redaktion war es schwül. Der Verleger hatte angeklingelt:
-täglich der alte Schnee im Blatt, ob das eine Leistung sei -- hopla,
-meine Herren, mal ’nen Bauchaufschwung, Rundfrage oder so was, aber fix
-und or’j’nell, wenn ich bitten darf...
-
-Die Redaktion stützte den Kopf in die Hand: Rundfrage? Als ob die
-andern Blätter nicht schon alles Denk- und Undenkbare rundgefragt
-hätten vom Säugling bis zum Sarg! Hm, ob vielleicht jenseits des
-Säuglings unabgegrastes Rundfragsland sich dehnte? Etwa: „Wie denken
-Sie über vorgeburtliche Erziehung?“
-
-Die Redaktion schlug im Konkurrenzregister nach. Richtig:
-„Aufsehenerregende Umfrage über Vorgeburtserziehung durch die Redaktion
-der ‚Morgenröte‘.“ Diese „Morgenröte“ schnappte aber auch schon alles
-weg!
-
-Dann vielleicht jenseits des Sarges? Etwa: „Wie denken Sie über ein
-Fortleben der Seele nach dem Tode?“ Wenn man nur gleich wüßte, ob man’s
-im Register unter _F_, _S_ oder _T_ zu kontrollieren hatte. Ha, da
-stand es: „Rundfrage über die Unsterblichkeit“, veranstaltet von der
-„Abendröte“, von der „Mittagsröte“, von der „Nachmittagsröte“, von der
-„Five-o’clocks-tea-Vorabend-Röte“. Alles dagewesen --
-
-Ha, da kam ihm ein Gedanke:
-
-„Herr Kollege, was sagen Sie zu der or’j’nellen Idee einer Umfrage über
-‚Wie denken Sie über Umfragen?‘“
-
-„Mensch, lesen Sie denn nicht die Konkurrenz? ‚Umfrage über Umfragen‘,
-letzte Woche veranstaltet von der Vormittagsröte --“
-
-„Na, denen können wir nicht nachklappen. Aber was ganz Apartes: ‚Wie
-denken Sie über Rundfragen über Rundfragen über Rundfragen?‘ -- he,
-Kollege?“
-
-„Sie sollten ein halbes Stündchen an die frische Luft gehn, Kollege. --
-Aber wir wollen mal die Setzerlehrlinge befragen -- die sind nicht so
-ausgekocht.“
-
-Die Setzerlehrlinge machten es wie die Redaktion und stützten ihr
-Haupt in die Hand. -- „Na, Heinrich, haste dir noch nie Gedanken über
-irgendwas Merkwürdiges gemacht?“
-
-„Wenn ick uff’m Randstein langjehe, muß ick’s immer mit de Fieße so
-inrichten, dat ick nich uff ’ne Fuge komme; warum mag det woll so sind?“
-
-Noch am gleichen Tage knatterte die Setzmaschine den Umfragbogen in den
-Schmelztiegel, der sie an die Druckerschwärze weitergab:
-
- Randstein-Fugen-Tritt-Vermeidungs-Umfrage.
-
- I. Haben Sie in Ihrer Jugend vermieden, auf Randsteinfugen zu
- treten?
-
- _a_) wenn ja, 1. warum? 2. mit welchem Erfolg?
-
- _b_) wenn nein, hat sich diese Neigung 1. später eingestellt?
- 2. in welchem Alter? 3. mit welchen Begleiterscheinungen? normal?
- abnorm?
-
-In der Ersten-Frühstücks-Ausgabe der Zweiten-Frühstücks-Röte erschien
-der Umfragbogen. Dann begann der zweite Umfragsauftakt, das Verschicken
-an sämtliche hervorragende Leute an der Hand eines gleichlautenden
-Begleitbriefes:
-
- Hochverehrter Herr und Meister!
-
- Aus der Fülle des uns täglich zuströmenden psychologischen
- Materials hat eine eigenartige Menschheitsfrage immer dringlicher
- ihr Rätselhaupt erhoben, eine Frage, die, so unscheinbar sie
- erscheint, vielleicht in ihrer gründlichen Beantwortung dennoch
- geeignet ist, unabsehbares Licht in dunkle Seelentiefen zu werfen.
- Indem wir Ihnen die restlose Zergliederung dieser Frage in dem
- beiliegenden Fragebogen unterbreiten, sind wir uns bewußt, daß vor
- allem Ihr umfassendes Wissen und durchdringender Geist, verehrter
- Herr und Meister, geeignet erscheint usw.
-
- Wir werden das Ergebnis der Rundfrage systematisch aufarbeiten
- und veröffentlichen, ebenso wie wir nicht verfehlen werden, die
- auf Grund einer Separatumfrage innerhalb des Schoßes unserer
- Redaktion sich ergebende beste Antwort mit einem Freibezug unserer
- „Zweiten-Frühstücks-Röte“ für ein ganzes Jahr auszuzeichnen...
-
-Für die führenden Köpfe des Landes begann eine nachdenkliche Zeit.
-Denn das verstand sich, daß sie ihre laufenden Arbeiten sofort
-zugunsten dieser Umfrage zu unterbrechen hatten. In einem raschen
-Hochschwall begannen alsdann die Umfragantworten einzulaufen. Sie
-wurden zunächst ohne Zusatz in der Reihenfolge ihres Einlaufs in der
-„Zweiten-Frühstücks-Röte“ veröffentlicht.
-
-Professor Schmalzbrunner war der erste, der sich so vernehmen
-ließ: „In umgehender Umfragserledigung und umseitiger Überreichung
-des ausgefüllten Umfragbogens erlaube ich mir, die Redaktion der
-‚Zweiten-Frühstücks-Röte‘ zu der lichtvollen Erfassung des Zeitgeistes
-an der Stirnlocke um so mehr zu beglückwünschen, als ich selbst schon
-lange die Absicht hatte, der nunmehr auch von Ihnen angeschnittenen
-psychologischen Frage eine gründliche Untersuchung angedeihen zu
-lassen, auf welchen Umstand ich Sie bitte, in Ihrem redaktionellen
-Teile aus Gründen des geistigen Erstgeburtsrechts ausdrücklich
-hinzuweisen...“
-
-Geheimrat Nasenschaber schrieb: „Vor Ausfüllung des Umfragbogens
-bitte ich um gefällige Mitteilung, ob sich etwa auch Geheimrat
-Hinthinlang an der Umfrage beteiligen wird, in welchem Falle ich unter
-Berücksichtigung der minderwertigen Qualitäten dieses Herrn leider
-nicht in der Lage wäre, auch nur vorübergehend unter dem gemeinsamen
-geistigen Dache einer Umfrage meine gemessene Zeit zuzubringen.
-Im übrigen habe ich gegen eine öffentliche Notiznahme von meinem
-Vorbehalt, den ich meinem Rufe schuldig bin, nichts einzuwenden usw.“
-
-Professor Doktor Spalthaar teilte mit: „Ich beantrage die Absendung
-eines Vorfragebogens behufs Feststellung des Materials, aus welchem
-besagte Randsteine in jedem einzelnen Falle angefertigt waren, da es
-nicht unwahrscheinlich ist, daß je nach der granitenen, zementenen,
-kalkigen oder kunststeinigen Beschaffenheit derselben die ursächliche
-Festlegung der Fugenvermeidung des schreitenden Fußes, dessen
-Beschuhungsart aus Leder, Holz, Filz oder Stroh, beziehungsweise seine
-Unbeschuhung in Parallelkoinzidenz mit dem Material des Randsteins...“
-
-Sogar General a. D. Festruff, der alte Haudegen, meldete sich, leider
-in einer Form, die der öffentlichen Wiedergabe Beschränkung auferlegte:
-„Warum man beim Gehen auf dem Randstein und so weiter und so weiter.
-Ist mir wurscht. Hochachtungsvoll Festruff, General a. D.“
-
-Die knappste Antwort erfolgte auf die Anfrage an Professor
-Schrankelmaier: „Adressat seit zwanzig Jahren verstorben. Schwienecke,
-Briefträger.“
-
-Als konzentriertes Resultat der Umfrage ergab sich: 31 v. Hundert
-der Befragten erklären das Überschreiten der Randsteinfuge
-als einen körperlichen Zwangsreflex, 27 vom Hundert als eine
-seelische Reizhandlung, während die restlichen 42 vom Hundert einer
-psycho-physischen Mischung den Vorzug gaben. Genaueres ergab sich nicht.
-
-Blieb am Ende noch die offene Frage nach der besten Antwort mit dem
-Freibezug der „Zweiten-Frühstücks-Röte“ als Preis dafür. Im Schoß der
-Redaktion ergab sich keine Einigkeit. Schlug einer einen vor: „Gewiß,
-soweit ganz nett,“ erklärten alle andern, „aber doch nicht or’j’nell
-genug.“ Also erweiterte man den Wettbewerb: auch Nichtbefragte durften
-ihre Meinung sagen.
-
-Wieder gab es eine Unzahl Lösungen. Der Redaktionsschoß lag und hörte,
-nickte und bekannte: „Na ja, aber or’j’nell?“ „Nee, grad so oder doch
-so ähnlich haben wir’s schon irgendwo gelesen.“
-
-Die Zeit verrann. Einer mußte schließlich doch bepreist sein. Man
-war verlegen. Man ließ, wie immer, wenn ein Krach in Aussicht stand
-und im Zusammenhang damit ein Blitzableiter nötig werden konnte, die
-Setzerjungen kommen.
-
-„Na, Jungens, was empfindet ihr beim Überschreiten einer
-Randsteinfuge?“ Die Jungen schwiegen. „Nu, der von euch, der auf die
-Preisaufgabe kam, der wird doch was empfinden?“ -- „Jawoll, Herr
-Doktor.“ -- „Na?“ -- „Nischt, Herr Doktor.“ -- „Nanu?“ -- „Weil ’n
-verninft’jer Mensch prinz’b’jell immer nur direktemang uff die Fuge
-stapft.“
-
-Die Redaktion war baff. Die Redaktion erklärte einstimmig: „Blödsinnig,
-wahnsinnig, blödsinnig, -- aber or’j’nell.“
-
-Und so sprach man dem Umfragsetzerjungen auch den Umfragpreis zu.
-Leider hat er ihn abgelehnt: „Gott behiete mir,“ sagte er, „det langt
-zu, dat ick an dem Mist für det Wurstblatt mitsetze -- nu’ soll ick’t
-ooch noch lesen? Is nich.“
-
-
-
-
-Das Kugelzimmer
-
-
-Der Bomhard war sonst nie, was man ein verrücktes Huhn nennt. Aber da
-erbte er. Massig.
-
-„Kinder,“ sagte er, „ich habe eine Idee.“
-
-„Ah, eine Idee, und die wäre, lieber Bomhard?“ Ideen eines Erben sind
-ja stets beachtenswert.
-
-„Unsere Zimmer sind alle falsch gebaut, ist euch das noch nie
-aufgefallen?“
-
-„Gewiß -- natürlich -- grundfalsch sogar -- das heißt -- zu klein,
-nicht wahr?“
-
-„Nee, zu eckig.“
-
-„Eckig? hm, allerdings, man könnte sie ’n bißchen weniger eckig --
-sozusagen ein wenig rund --“
-
-„Nee, ganz rund, eine Kugel ist das beste.“
-
-Hätte Bomhard nicht geerbt gehabt, „Kugel?“ hätten wir ihm ins Gesicht
-gelacht, „das ist ja zum Kugeln!“ So aber: „Kugel? das ist ja -- ist
-ja sehr interessant. Lieber Bomhard, möchtest du uns diese ebenso
-originelle als -- als -- na ja, du weißt schon -- nicht ein wenig näher
---“
-
-Im Telegrammstil, aber immerhin leutselig, schmiß er die Begründung
-hin: „Erde rund -- Himmelskörper rund -- Köpfe rund -- Stämme rund
-Früchte rund -- alles Vernünftige rund -- man sollte meinen, Menschen
-hätten von Anfang an nur runde Zimmer -- anstatt dessen -- alles eckig
--- toll -- einfach toll --“
-
-„Ja der Tat, wenn man bedenkt, wie oft man sich an Ecken stößt --“
-
-„Nicht nur das -- da ist auch die Ästhetik -- gibt es etwas
-Vollkommeneres als eine Kugel?“
-
-„Es käme drauf an, was in der Kugel drinnen ist“, wagte ich.
-
-„Vier drittel r hoch drei pi ist drin, das weiß ja jeder Schulbub, und
-die Raumausnützung im Verhältnis zur Wandfläche ist zweimal größer als
-beim Würfel, Mensch, was meinst du, wie sich in solchem Kugelzimmer
-atmen läßt!“ Er schnaufte plastisch.
-
-„In einem Zimmer ist nicht nur Luft drin,“ beharrte ich, „da sind auch
-Möbel. Wie willst du an den Kugelwänden ein Bild, einen Schrank, ein
-Bett, ein Nachtkästchen --“
-
-„Blödsinnig einfach!“ sagte Bomhard hitzig, „man baut Kugelbilder,
-Kugelschränke, Kugelbetten, Kugelnachtkästchen, Kugel--“
-
-„Schön, aber den Zimmerboden wenigstens mußt du doch eben und gerade --“
-
-„Fällt mir gar nicht ein, Kugel, alles Kugel --“
-
-„Und wenn diese Möbel nun ins Rutschen kommen?“
-
-„Dummes Zeug, werden angenagelt!“
-
-„Und die Kugelstühle, Kugeltische, Kugelschemel, Kugelkohlenkübel?“
-
-„Werden _dito_ angenagelt!“
-
-Hätte Bomhard nicht geerbt gehabt, weiß Gott, ich hätte mir den Witz,
-daß ein vernageltes Kugelzimmer auf den _dito_ vernagelten
-Besitzer schließen lasse, nicht verkneifen können. So beschränkte
-ich mich auf: „Und die vielen kleinen Sachen, wie Schirme, Stöcke,
-Federhalter, Bleistifte --?“
-
-„-- haben nach dem Gravitationsgesetz dauernd das Bestreben, nach dem
-tiefsten Kugelzimmerpunkt zu rutschen“, sagte er vergnügt.
-
-„Aber ist das nicht -- nicht unpraktisch?“
-
-„Im Gegenteil, eminent praktisch! Bedenkt doch den Ärger, wenn in
-den Würfelzimmern was verloren ging, sagen wir mal, eine Brille,
-eine Haarnadel, ein Notizbuch, ein Schlips, ein Metermaßstab, ein
-Geldschein, ein Pantoffel, ein --“
-
-„Jaja,“ nickten wir in Erinnerung, „elende Sucherei --“
-
-„Na, seht ihr, so was ist in meinem Kugelzimmer ausgeschlossen.
-Mein Kugelzimmer verliert nichts. Mein Kugelzimmer präsentiert von
-selber jede ausgekniffene Brille, jeden verlorenen Bleistift, jeden
-verschlampten Pantoffel im Kugeltiefpunkt der Zimmermitte: bitte,
-bedienen Sie sich.“
-
-„Großartig,“ sagte einer augenzwinkernd, „großartig, bis auf eines.“
-
-„Bitte?“ sagte der Kugelzimmererfinder feindselig.
-
-„Wie willst du mit den von Mutter Natur nun einmal platt konstruierten
-Füßen --“
-
-„Falsch, grundfalsch! von Natur aus hätten wir nur Kugelfüße. Aber
-die seit Jahrtausenden platten Würfelzimmer haben auch die Füße platt
-gedrückt. Meine Kugelzimmer werden sie mit der Zeit schon wieder
-sphärisch biegen. Und bis dahin kann man sich ja mit entsprechend
-konstruierten Kugelstiefeln behelfen.“
-
-„Famos,“ sagte der Zwinkerer, „ganz famos, alle Einwände räumt er
-weg. Seine Kugelzimmer sind theoretisch einwandfrei. Freilich, ob er
-praktisch einen Kugelarchitekten findet, der --“
-
-„Schon gefunden. Hier der Aufriß. Da der Grundriß, bitte.“ Er
-entfaltete Blätter, auf welchen lauter Kreise Kegel schoben. Der
-Zwinkerer schien sie eifrig zu studieren.
-
-„In der Tat -- in der Tat -- schlechterdings vollkommen bis auf -- bis
-auf die Zwickel.“
-
-Bomhard wurde unsicher. „Welche Zwickel?“ stotterte er.
-
-„Nun, diese Hohlräume zwischen den aneinander liegenden Kugelzimmern
-sind doch unnütz, platterdings unnütz.“
-
-Bomhard erbleichte: „Allerdings -- allerdings -- ich werde darüber
-nachdenken -- ich werde sie wegkonstruieren oder sonst eine Lösung --
-eine praktische Lösung...“ Er ging verstört.
-
-„Mensch!“ berannten wir den Zwinkerer, „du hast kein Herz, kein
-Kugelherz. Du hättest ihm mit seinem Kugelwahne ruhig glücklich werden
-lassen sollen, wo er doch die Gelder dazu hat.“
-
-„Seh ich nicht ein, da wir mit unsern Wahngebilden auch nicht glücklich
-werden dürfen.“
-
-„Erlaube mal, wir haben keine Wahngebilde --“
-
-„Allerdings,“ sagte er sarkastisch, „solange wir nicht erben, müssen
-wir sie schlafen lassen, müssen wir sie zurückstopfen, verstecken in
-den Hohl--“ Er brach ab.
-
-„Warum schweigst du?“
-
-„Weil ich sonst die Lösung, die Bomhard sucht, vergeblich suchen wird,
-verraten hätte.“
-
-Recht bekam er. Bomhard fand die Lösung nicht. Er hat eine Unmenge
-vergnüglich lächelnder Architekten mit einer Unmenge Geld versorgt.
-Probekugelzimmer standen auf und rollten durch das Land. Wie sie aber
-standen und die zweite Kugelzimmerzelle an der ersten sich zum Hausbau
-fügen sollte, ließ er sie des Zwickels wegen gleich erschlagen. Er
-selber konstruierte unzählige Kreise auf unzähligen Bögen. Aber die
-Zwickel dazwischen, die nutzlosen Hohlräume grinsten immer spitzer und
-verbogner: „He, und wir? was willst du aus uns machen, he?“
-
-Vergrämt hat er sich angeschickt zu sterben. Der Zwinkernde ist an
-seinem Bett gesessen. „Man hat mir mitgeteilt,“ sagte Bomhard schwach,
-„daß du eine Lösung wüßtest, um die Hohlraumzwickel --“
-
-„Ist noch Geld da?“
-
-„Leider nicht, alles verzwickelt.“
-
-„Gut,“ murmelte der Zwinkerer befriedigt, „dann können anderer Menschen
-Hirnhohlräume nicht mehr vom Erbrest angestopft werden.“ Laut aber
-sagte er: „Die alte Wäsche von den Kugelzimmern hätte man in den
-Zwickeln ganz bequem --“
-
-„Gott,“ stammelte der Sterbende, „daß ich daran nicht gedacht -- wer
-denkt auch, wenn er erbt, an seine alte Wäsche!“ Und sein letztes Wort
-war in Verklärung: „Also doch vollkommen!“
-
-
-
-
-Schmuckel
-
-
-Der Schmuckel war immer ein heller Kopf gewesen. Schon in der Schule
-sagte der Herr Lehrer zu den anderen Schülern: „Den Schmuckel seht
-euch an, so fix wie der im Rechnen sollten alle werden.“ Aber nicht
-nur im Rechnen war es so. So einen deutschen Aufsatz schmiß er aus dem
-Handgelenk ins Heft, daß es nur so schnackelte. Von der Geographie gar
-nicht zu reden, wo die Nebenflüsse links und rechts des Rheins förmlich
-aufeinander schnalzten. Heißt das, wenn der Schmuckel sie aufsagte. Bei
-den andern schob sich zwischen der Kinzig und der Murg ein „Äh“ und
-zwischen der Nahe und der Mosel eine Einsagpause, und zwischen Lahn und
-Wupper gähnten ganze Reihen ausgelassener Nebenflüsse.
-
-Wenn aber der Inspektor kam, vor dem man doch ein bissel glänzen
-wollte, wurde der Schmuckel in der Geometrie aufgerufen. So ein
-Inspektor ist Paraderösser sicherlich gewöhnt. Aber wie der Schmuckel
-in die Arena ritt, wenn der Lehrer scheinheilig sagte:
-
-„Na, jetzt könnte vielleicht der -- der -- Schwiefke -- nein, der
-war schon daran -- nun, sagen wir mal, der Schmuckel noch sein
-Paralleltrapez konstruieren, von dem gegeben ist die Mittellinie, die
-Höhe, ein Winkel im Schnittpunkt der Diagonalen ...“
-
-Der Inspektor müßte nicht der Inspektor gewesen sein, hätte er nicht
-gewußt, daß diese Paralleltrapezgeschichte die allerverschwefelste
-Aufgabe im ganzen Dicknether, Ausgewählte Konstruktionen für
-Mittelschulen war, und -- unter uns -- ~ihn~ wenn der Lehrer
-jetzt aus Versehen, anstatt des Schmuckels an die Tafel gerufen
-hätte, er wäre aufgesessen, glatt aufgesessen, statt anderen
-aufsässig zu sein. Und es brach ihm jetzt wahrhaftig ein gelinder
-Schweiß aus, wenn er daran dachte: wenn jetzt der Schmuckel stecken
-blieb, und wenn ein anderer Schüler auch nicht weiter wußte, und
-wenn der Lehrer auch verdattert würde, und wenn es dann seine
-verdammte Schulinspektorpflicht sein würde, selbst an das verflixte
-Paralleltrapez zu treten: „Aber Herr Kollege, ist ja kinderleicht --
-das macht man so und so und so...“
-
-Unnütze Sorge. Der Schmuckel, der fixe Schmuckel, war schon mitten
-in der Konstruktion und turnte mit der Kreide und dem Zirkel auf dem
-Paralleltrapez herum, daß einem ganz schwindlig wurde -- Winkel rissen
-ihre Mäuler auf -- Parallele spielten Fangeinmandel, ohne sich zu
-kriegen -- Diagonalen kreuzten sich mit Würde, wie die Bandeliere auf
-der Brust eines Napoleonssoldaten -- Kongruenzen führten Menuette auf,
-und Mittellinien schmiß er an die Tafel, ohne Rast und ohne Wenn und
-ohne „Äh“... ja, so einer war der Schmuckel.
-
-„’n verdammt fixer Kerl!“ preßte es dem Inspektor heraus, trotzdem
-ein Schulinspektor „verdammt“ und „fix“ und „Kerl“ eigentlich nicht
-sagen durfte, sondern höchstens „bemerkenswert“ und „anstellig“ und
-„Individuum“.
-
-Nach der Schule hat sich der fixe Schmuckel mit dem Paralleltrapez
-nicht weiter aufgehalten, sondern hat fix eine Stelle bekommen, hat
-fix verdient, hat sich fix verheiratet, war der fixeste Häuseragent
-geworden weit und breit. Es mag ja sein, daß der Schulinspektor
-damals sich noch einen ganz andern Bauchaufschwung als bis zum
-Häuseragenten von dem Musterschüler Schmuckel erwartet hatte. Etwa
-einen Gelehrtenaufschwung, Dichteraufschwung oder so was. Aber
-derartige Aufschwünge erfordern Wenn und Aber, „Ähs“ und lange Pausen
-der Überlegsamkeit zwischen hinein. Womit der fixe Schmuckel sich aber
-wirklich nicht aufhalten konnte, wenn er’s fix zu einem fixen Kerl mit
-einem fixen Bankkonto bringen wollte.
-
-Und das hatte er nun. Sogar eine fixe Frau zu seiner fixen
-Häuseragentur. „Das muß man sagen,“ sagten die Leute, „ein patenter
-Häusermakler ist er, dieser Schmuckel, wahnsinnig patent!“ Denn von
-dreißig Jahren an sagt man nicht mehr fix, sondern patent. Das gehört
-sich so, und außerdem ist es patenter. Patent ist übrigens hinter
-dreißig Jahren jeder Mensch, der etwas auf sich hält. Schmuckel aber
-war unter den patenten Häusermaklern eben auch wieder derjenige, wo --
-mit einem Wort, er war wahnsinnig patent. Man hätte auch „furchtbar
-patent“ oder „rasend patent“ oder „blödsinnig patent“ sagen können.
-Aber das waren andere Häusermakler auch zur Not. Schmuckel allein war
-wahnsinnig patent.
-
-„Wenn du irgendeinem Hausmakler ein Haus zu verkaufen gibst,“ hieß
-es, „was hat der für Bedenklichkeiten und Geschichten. Dagegen der
-Schmuckel -- eins zwei drei, hat’s schon wegverkauft.“
-
-„Ja, und gar wenn du ihn eins kaufen lässest, brauchst du nicht einmal
-bis drei zu zählen -- hat’s schon gekauft für dich, bevor du überhaupt
-noch selber wußtest, daß du ein Haus gewollt hast -- wahnsinnig,
-einfach blödsinnig wahnsinnig, dieser Schmuckel.“ „Blödsinnig
-wahnsinnig“ ist der höchste Orden, der für Fixigkeiten zu verteilen ist.
-
-Nun erkennen Frauen sonst die öffentlichen Eigenschaften ihrer
-Männer selten an. Nicht so Schmuckels Frau, ein stilles, kleines und
-verträumtes Dingchen. Gegen andere sprach sie sich freilich nicht so
-aus. Aber wenn sie sich selber fragte, was sie eigentlich von ihrem
-hin- und hergehetzten fixen Manne habe, so sagte sie sich insgeheim:
-„Wahnsinnig wenig, blödsinnig wahnsinnig wenig.“
-
-Nun aber begab es sich, daß besagter Schmuckel einen Weinkeller hatte.
-Einen wahnsinnig patenten Weinkeller. Was schließlich für einen
-erfolgreichen Häusermakler nicht mehr als recht und billig ist. Vor
-allem billig. Denn Schmuckel kaufte auch seine Weine einfach rasend
-wahnsinnig blödsinnig billig ein.
-
-Und weiterhin begab es sich, daß er sich einmal selbst in den Keller
-begab, um einen solchen rasenden Wein am Spundloch zu probieren --
-nein, um einen solchen Wein am rasenden Spundloch -- nein, es ist zum
-rasend werden: um einen solchen Wein am Spundloch rasend zu probieren.
-
-Als er den Becher untern Hahn hielt und diesen aufgedreht hatte, fiel
-ihm ein solider Holzschlegel gegen die linke Schläfe. Pumm, wurde die
-Stelle seiner vierten Gehirnwindung, wo die patente Fixigkeit zu sitzen
-pflegt, eine Idee auf die Seite gerückt. Es war selbst mikroskopisch
-nicht der Rede wert. Aber es genügte dennoch, um Schmuckels Denkapparat
-nach einer andern Richtung einzuschalten.
-
-Der Wein lief in den Becher, bis er überfloß, während Schmuckel sinnend
-vor dem Spundloch saß und dachte: „-- und wenn ich damals in der Schule
-nicht so fix gewesen wäre... hm ja, es konnte immerhin doch sein... hm
-ja, und wenn ich die Konstruktion mit dem Paralleltrapez auch nicht
-so fix gekonnt hätte... hm ja, und genau genommen, weiß man ja nicht
-einmal, ob alle diese fixen Lehrsätze auch ganz richtig sind... hm
-ja, man braucht nur anzunehmen, daß wir keine körperhaften Menschen,
-sondern -- hm ja -- zweidimensionale Menschen wären, die auf -- hm ja,
-hm ja -- auf Eierschalen lebten... hm ja, so daß der pythagoräische
-Lehrsatz keinen Sinn hätte... hm ja, dann würde auch das Paralleltrapez
-ein Blödsinn...“
-
-Unterdessen lief der Wein und lief und stand schon knöcheltief im
-Keller.
-
-„-- hm ja, und wer weiß, ob ich dann ein fixer Häusermakler geworden
-wäre, der hin und her verkauft und den ganzen Tag nur auf der Hetze
-ist... hm ja, so daß für mein kleines Frauchen eigentlich nichts übrig
-bleibt von mir, als ein bißchen Fixigkeit... hm ja, und wenn wir
-dann auch weniger verdienten... hm ja, ja hm, dafür aber glücklich
-wären -- hm ja, furchtbar glücklich, wahnsinnig glücklich, blödsinnig
-glücklich... nein, ist ja Unsinn, einfach glücklich, das genügte --“
-
-Hier war es, daß der Wein ihm an die Waden reichte, und daß das
-Schmuckelsche Dienstmädchen herunterkam, um nachzuschauen, wo ihr Herr
-solange bliebe: „Aber gnädiger Herr,“ rief sie, „was machen Sie denn
-da?“
-
-„Ich habe darüber nachgedacht, Kathi wenn ich nicht immer so fix
-gewesen wäre... hm ja, es hätte doch sein können... hm ja, und wenn wir
-zweidimensional auf Eierschalen lebten... hm ja, und wenn wir dann
-auch weniger verdienten... hm ja, und wenn ich dann mit meiner Frau
-viel glücklicher wäre... hm ja, Sie verstehen, Kathi --?“
-
-Da wurde die Kathi auch besinnlich, setzte sich auf einen Kellerstuhl
-und sagte langsam: „Hm ja, freilich kann ich Sie verstehn, Herr
-Schmuckel... hm ja, und wenn Sie dann mit Ihrer Frau so glücklich
-wären... hm ja, auf zwei sinidale Eierschalen ... hm ja, hm ja...“
-
-Unterdessen lief der Wein und lief, und er stand ihnen schon bis
-beinahe an die Knie, als die stille, kleine und verträumte Frau
-Schmuckel auch herunterkam, um nachzusehen, was aus ihrem Mann und der
-Kathi geworden wäre: „Aber Kinder,“ rief sie, „was macht Ihr denn da?“
-
-„Wir haben darüber nachgedacht, liebe Frau, wenn ich nicht so fix
-geworden wäre, so wahnsinnig -- so fürchterlich wahnsinnig fix, weißt
-du... hm ja, und wenn wir dann auch weniger verdienten --“
-
-„Hm ja, auf zwei simidale Eierschalen nämlich, gnädige Frau, hm ja“,
-erläuterte die Kathi.
-
-„Hm ja, und wenn wir dann erst glücklich geworden wären, liebe Frau...
-hm ja, einfach glücklich, schlecht und recht...“
-
-Hier war es, daß sich die stille, kleine Frau still zu ihrem Mann
-gesetzt hatte, daß sie langsam ihr gutes Köpfchen zu ihm neigte:
-„Ach ja, lieber Mann, glücklich wenn wir wären... hm ja, wir sind ja
-glücklich... glücklich um und um... und ich wünsche mir nur, daß es
-jetzt so bliebe... hm ja, mein lieber Mann, hm ja...“ Und sie verlebten
-zum ersten Male selige Minuten ungetrübten Glückes.
-
-Unterdessen lief der Wein und lief, und er stand ihnen jetzt schon
-glücklich bis an die Lenden, als auf einmal ein zweiter solider
-Holzschlegel von dem großen Weinfaß herab auf Herrn Schmuckels rechte
-Schläfe fiel. Pumm, wurde die Stelle seiner vierten Gehirnwindung, wo
-die patente Fixigkeit zu sitzen pflegt, wieder eine Idee auf die andere
-Seite gerückt. Es war selbst mikroskopisch nicht der Rede wert. Aber es
-genügte dennoch, um den alten Schmuckel wieder einzuschalten:
-
-„Was ist denn das für eine Schweinerei!“ schrie er aufspringend, „fix,
-den Hahn zu -- fix, Kathi, holen Sie die Feuerwehr -- nein, Kathi,
-bleiben Sie, fix, Frau, fix, die Eimer her und wieder eingefüllt ins
-Faß -- fix, Kinder, fix -- zum Donnerwetter, sag’ ich: fix...!“
-
-
-
-
-Jod
-
-
-Es ist kein Zweifel mehr. Die Wissenschaft hat’s festgestellt:
-
-Das Blut wird von der Schilddrüse stündlich mit ein drittel millionstel
-Gramm Jod gespeist. Ohne dieses Jod wird der Mensch ein Idiot trotz
-aller Schulen, allen guten Willens. Ein Hundertstel Gramm Jod mehr in
-unserm Blut, und wir fliegen dahin mit lockigem Haar, blitzenden Augen,
-überschäumender Lebenslust. Ein Tausendstel Gramm weniger, und mit
-erloschenen Augen schleicht ein Kümmerling zum Grabe.
-
-So die Wissenschaft. Wie das Leben?
-
-Unsere Schulzeugnisse müssen eine neue Spalte kriegen:
-
- Fritz Kugelmaier, Jodgehalt: Befriedigend.
-
- Hans Stoppinger, Jodgehalt: Sehr gut.
-
- Max Steinhofer, Jodgehalt gleich Null. Aufsteigen in die nächste
- Klasse nur bei energischer Nachhilfe in der Jodzufuhr gestattet.
-
-Die Begegnungsformel „Wie geht es Ihnen?“ ist veraltet. „Und wie
-steht’s mit Ihrem Jodinhalt?“ wird es hinfort heißen müssen.
-
-„Sage mir, wieviel Jod du hast, und ich sage dir, wer du bist.“
-
-Ein Beamter hat in einer Stellung ganz versagt. „Kein Wunder,“ wird
-der Personalreferent angefahren, „wie konnten Sie einen Menschen mit
-solchen Jodverhältnissen...!“
-
-Der künftige Adolar erklärt der künftigen Kunigunde seine Liebe.
-„Schön, mein Herr,“ sagt sie, „darf ich um Ihre Hand bitten.“
-
-„Aber,“ stottert er, „eben darum wollte ich Sie bitten -- au!“ Denn
-sie hat mit der Pinzette aus seinem Ringfinger ein Tröpflein Blut
-entnommen, es im Reagenzröhrchen mit Säuren aufgeschüttelt und die
-Stirn gerunzelt: „Mein Herr, Ihr Antrag ehrt mich, aber bei Ihren
-dürftigen Verhältnissen --“
-
-„Ich muß doch bitten, ich habe --“
-
-„-- viel zu wenig Jod, mein Herr -- der nächste, bitte.“
-
-Der Nürnberger Trichter wird das Zeitliche segnen müssen. Eine
-Reichsjodanstalt wird aufgehen. Jodärzte werden von Injektionszelle zu
-Injektionszelle rennen, mit Spritzen:
-
-„Unter uns, Herr Kollege, wie könnten Sie den Mann nach Tabelle
-_B_ mit so wenig Jod injizieren -- der Mann ist Wagenführer und
-muß etwas leisten!“
-
-„Na, wenn Sie schon so kritisch sind, so muß ich Ihnen sagen, Herr
-Kollege, daß es von Ihnen Unsinn war, an den Mann auf Nummer 37 soviel
-Jod zu wenden, wo die Magistratstabelle nur die Hälfte vorsieht.“
-
-Der künftige Friedenskongreß. Verschiedene Regierungen beharren auf
-Erörterung der Schuldfrage. Andere widersprechen. Der Kongreß droht
-schon zu scheitern. Da erhebt sich der Professor Spyribingel: „Meine
-Herren, die exakten Forschungen der Wissenschaft ergaben, daß, wenn
-Napoleon zwei Milligramm Jod weniger im Blut gehabt hätte, er es
-höchstens zum Stadtkommandanten von Ajaccio hätte bringen können. Die
-ganze Geschichte Europas wäre eine andere geworden. Es hätte kein 1914
-gegeben. Ich beantrage die Schlamperei des Impfarztes von Ajaccio für
-schuldig am Ausbruch des Weltkrieges zu erklären...“
-
-Es ~ist~ klar, daß von da ab alle Herrschenden der Erde abzutreten
-haben werden. Herrschen wird von da ab nur mehr seine Wissenschaft, der
-Pinsel -- Jodpinsel selbstverständlich.
-
-So weit wäre alles gut und wissenschaftlich in der Welt geworden. Aber
-eine Besorgnis habe ich doch. Nein, keine Besorgnis, sondern eine
-Angst: gesetzt den Fall, es stürbe einmal Hindenburg -- mög’ es lange
-nach dem Kriege sein -- und gesetzt den Fall, man hätte ihn seziert
--- jetzt noch die Blutprobe -- es erbleichet das Konsilium, und ein
-Raunen geht durchs Haus der Wissenschaft, daß es klingt, als bröckelten
-die Wände: „Um Gottes willen, meine Herren, nicht verlauten lassen, daß
-wir den Weltkrieg mit Null Komma Null Gramm Jod gewonnen haben...“
-
-
-
-
-Morgan
-
-
-Man hat Bücherbretter voll Rezepte geschrieben über „Wie man reich
-wird“. Aber es gibt nur ein Rezept dafür: keine Nerven haben.
-
-Als Morgan anfing, Eisenbahnsysteme und Millionen aufzuschachteln,
-hätte einer seinen Körper mit dem Ultramikroskop durchsuchen dürfen:
-nicht die Spur von Nerven.
-
-Keine Nerven? -- Dummes Zeug, womit hätte er denn da Lust gefühlt und
-wäre aufgezuckt in Schmerzen? -- Ei, mit den Eisenbahnsträngen, die für
-seine Rechnung vom Atlantischen Ozean an den Stillen Ozean liefen.
-
-Diese Stränge zogen ihm die erste Milliarde in den kräftig pulsierenden
-Kassenschrank. Daß Morgan an Stelle eines Herzmuskels einen feuerfesten
-Kassenschrank besaß, darf ich als bekannt voraussetzen. Auch daß dieser
-Schrank so konstruiert war, um gemünztes Blut hineinzulassen, aber
-keins heraus.
-
-Nach der ersten Bahnmilliarde fing es in den Dividendenkanälen zu
-diesem Kassenschrank an, da und dort ein wenig weißlich aufzuglänzen.
-
-„Doch keine Nerven?“ fragte er besorgt den Hausarzt.
-
-„Hm, es kann auch Stahl sein, weißer Stahl von Ihrem neuen Eisentrust,
-Herr Morgan.“
-
-Morgan war beruhigt und häufte jetzt Milliarden, wie er vorher
-Millionen häufte. Nach dem Bahntrust und dem Stahltrust kam der
-Schiffahrtstrust. Das weißliche Geäder trat auf der Auskleidung seiner
-Dividendenblutbahn deutlicher hervor.
-
-„Also doch Nerven?“ rief Morgan und packte seinen Hausarzt am
-Geldbeutel.
-
-„I bewahre, die Kielwasserbahnen Ihrer Schiffe sind es.“
-
-Es waren aber doch die Nerven, die still und zähe mitten durch die
-Aktienmuskelbündel und die Obligationsfettpolster durchgewachsen waren.
-
-Man holte einen Nervenspezialisten.
-
-„Schade,“ sagte der und liquidierte hunderttausend Dollar, „schade, ein
-paar Jahre früher, wenn Sie mich gerufen hätten, würde man sie ziehen
-haben können.“
-
-„Und jetzt?“ fragte Morgan angstvoll.
-
-„Man könnte es mit dem Verwässern der Aktienmuskelbündel und der
-Obligationenfettpolster versuchen“, sagte der Spezialist und
-liquidierte wieder hunderttausend Dollar.
-
-Morgan wässerte und wässerte, wurde aber dadurch nur noch reicher,
-ohne seine Nerven zu verlieren. Ein Heer von Spezialisten kurierte
-dran herum. Natürlich wurden da die Nerven ungebärdig und gereizt.
-Sie bäumten sich und dehnten sich und schnurrten wieder zusammen und
-zupften und rissen ihn an allen Enden.
-
-Nicht mehr zu ertragen war es. Zwischen seinen Milliarden rannte
-er herum. An ihren stahlharten Wänden brach sich sein Gestöhne und
-klatschte mitleidlos auf ihn zurück.
-
-Zerfasert und zersetzt rannte Morgan von den Spezialisten zum Schäfer
-Ast. Der behandelte ihn genau wie alle andern: drei Nackenhaare
-ausgerissen, ins Weiße der Augen gestarrt und abermals drei Nackenhaare
-ausgerissen.
-
-„Es war die höchste Zeit,“ sagte der Schäfer Ast, „denn Sie hatten
-gerade noch sechs Nackenhaare.“ Und dann stellte er die Diagnose:
-
-„Sie leiden an Ihren Milliarden, Herr Morgan“, sagte er.
-
-„Sie meinen an den Nerven?“
-
-„Ihre Nerven sind wie Spargeln aus dem Miste Ihrer Milliarden
-herausgewachsen,“ sagte Schäfer Ast, der sich landwirtschaftlich
-auszudrücken liebte, „schmeißen Sie den Mist hinaus, so hören auch die
-Spargeln auf zu treiben.“
-
-„Sie können mit dem Misten meinetwegen gleich bei mir den Anfang
-machen“, setzte er hinzu und rollte einen leeren Mistkarren herbei.
-
-Mit der lumpigen Million, die da hineinging, war es freilich nicht
-getan. Morgan fing nach allen Seiten auszumisten an. Aber wie er
-auch verschenkte und verschenkte, noch größer war der Zustrom seiner
-Dividenden. Er war zu reich geworden, als daß er sich mit Schenken
-hätte helfen können. Immer unbarmherziger schossen Spargel durch die
-Beete, zappelten die Nerven am Gerüste, so sich Morgan nannte.
-
-Morgan floh aus Kontor und Börse weit hinaus ins Land. Gleich schoß ihm
-ein dünner Kupfernerv nach, der tickte, tickte: der Telegraph.
-
-Morgan floh aufs Meer. Erschöpft lehnte er am Mast und murmelte:
-
-„Gott sei Dank, daß in die Ozeanwüste keine Nervendrähte reichen.“
-
-„Tick -- tick -- tick“, machte es oben am Mast und rann in den
-zuckenden Körper Morgans ein. Es war der Auffangapparat für drahtlose
-Telegraphie.
-
-Morgan floh unerkannt in die telegraphenlosen Sabiner Berge. Das Leben
-eines Hirten wollte er da führen. Aber unter seinen Händen organisierte
-sich sein Schafgewerbe lukrativer, als bei allen anderen Hirten. Daran
-erkannten sie ihn auch da und riefen:
-
-„Du bist Morgan“, und begannen ihn anzubetteln.
-
-Da erkannte er, daß er sich selber nicht entrinnen könne und floh, ein
-zuckendes, zerflackerndes Nervenbündel, in die nächste Stadt. Das war
-Rom.
-
-Seine Leute wollten das erste Hotel für ihn mieten. Aber es war ein
-Kongreß in der Stadt. Alle Gasthöfe waren überfüllt. In zwei Zimmern
-eines kleinen Gasthofes landete der Abgehetzte. Fieberschauer warfen
-ihn ins Bett. Der Hausarzt sah, es ging aufs Ende.
-
-Die Nervenempfindlichkeit hatte derart zugenommen, daß ein umgewendetes
-Blatt in seinem Buche ihn zum Rasen brachte.
-
-Gegenüber klopfte ein Schuster und sang dazu. Morgan schäumte.
-„Aufhören, auf der Stelle!“ ließ er ihm sagen. „In Rom gibt’s gegen
-Klopfen und Singen kein Gesetz“, erwiderte der Schuster und sang und
-klopfte weiter.
-
-Morgan ließ ihm 1000 Dollar bieten. Der Schuster lachte und machte
-Fenster und Laden zu. Aber Morgans Nerven wuchsen durch Ladenritzen und
-durch Glas und hörten den Schuster immer noch.
-
-10000 Dollar bot er ihm, wenn er das Klopfen ließe. Der Schuster lachte
-und hörte auf zu klopfen. Aber noch immer sang er.
-
-„Was verlangst du für deinen verfluchten Gesang?“ ließ Morgan sagen.
-
-„Der Gesang ist mir das teuerste“, antwortete der Schuster und
-verlangte 100000 Dollar.
-
-Als der Schuster so erledigt war, fingen Straßenbuben zu pfeifen an.
-Zwei Abgesandte Morgans stellten sich an beiden Straßenenden auf und
-kauften jedem, der den Mund zu spitzen anfing, jeden Pfiff für schweres
-Geld ab.
-
-Als so die Straße pfiffefrei war, kamen die Zeitungen heraus.
-Brüllend stürzten sich die Zeitungsjungen in die Straße. Wieder blieb
-nichts anderes übrig, als ihnen alle Nummern schon am Straßeneingang
-abzukaufen. Das war nicht so billig als es aussieht. Denn kaum hatten
-die Druckereien erfahren, wer die Nummern kaufte, als sie ihre
-Rotationsmaschinen aufs neue laufen ließen und die herausgeschleuderten
-Zeitungsbündel alle nach der einen Straße schickten. Es begann ein
-Kampf zwischen den Rotationspressen und Morgans Geld. Das Geld blieb
-Sieger.
-
-Schon glaubten Morgans Leute ihren Kampf gewonnen, als es über den
-Zimmern zu dudeln und zu schleifen anfing. Ein Strohflechter feierte
-seine Hochzeit. Braut und Bräutigam hatten ein Jahrzehnt für diesen Tag
-gespart und wollten sich den Tanz, das Essen und die frohe Laune etwas
-kosten lassen.
-
-Morgans Bote kam heraufgestürzt: „Unser Herr ist außer sich. Ich kaufe
-euch eure Hochzeit ab. Was kostet sie?“
-
-Der Strohflechter und die Strohflechterin sahen sich an und lächelten
-glücklich:
-
-„Nein,“ sagten sie, „unser Hochzeitstag ist nicht verkäuflich.“
-
-„Aber bedenkt doch, es ist Morgan, der eure Hochzeit kaufen will.“
-
-„Wir kennen keinen Morgan.“
-
-„Was, den kennt ihr nicht? Er ist der reichste Mann der Welt!“
-
-Da sah der Strohflechter die Strohflechterin zum zweitenmal glückselig
-an: „Der reichste Mann der Welt?“ lächelte er ungläubig, „nein, mein
-Lieber, da irrt ihr euch, beim Blut der heiligen Madonna. Denn der
-reichste Mann der Welt bin heute ich -- hopp, Kinder, einen neuen Tanz!“
-
-„Deine Millionen haben da droben nichts ausrichten können, o Herr“,
-berichteten Morgans Leute ängstlich vor seinem Bett.
-
-Da ergrimmte das zuckende Nervenbündel, raffte sich zum letzten Male
-auf und warf ihnen Armleuchter, Uhren, Stühle, Stiefel an den Kopf. Und
-so gräßlich war er anzuschauen in seiner unglückseligen Tobsucht, daß
-sie sich entsetzten und flohen. Der wimmernde Milliardär lag allein im
-Bett.
-
-Der kleine Laufjunge, der auch die Stiefel im Gasthof reinigte, war zur
-Hochzeit hinaufgeschlichen, stieß die tanzende Braut an und flüsterte
-ihr zu:
-
-„Du, Maria, unter deinen Füßen liegt einer im Sterben...“
-
-Die Musik hatte schon lange ausgesetzt. Kein neuer Tanz konnte
-beginnen. Es fehlte ja die Braut. Wo sie nur blieb.
-
-Unruhig stieg der Strohflechter eine Treppe tiefer. Da war eine Tür.
-Klang hinter ihr nicht ihre Stimme? Vorsichtig klinkte er sie auf:
-
-Ein unsäglich zermürbter Mann lag in den Kissen im Sterben. Die
-Strohflechterin kniete im Hochzeitsstaat am Bett, wie Mütter an
-Kinderbetten knien. Sie gab ihm zu trinken. Sie kühlte ihm mit ihrer
-Hand die verwüstete Stirne. Sie sprach ihm zu, wie man Kindern
-liebreich zuspricht:
-
-„_Povero -- poverino -- poverissimo..._“
-
-Und der sterbende Milliardär stammelte, wie Gehetzte stammeln:
-
-„_Oh, thank you -- thank you -- I’ll get you a million I’ll get you
-more_ -- eine Million sollen Sie haben -- mehr sollen Sie haben --
-_thank you -- oh, I thank you so much..._“
-
-Nun verstand freilich Morgan kein Italienisch, und die Strohflechterin
-verstand kein Englisch. So zerstäubte das Millionenversprechen in der
-Luft des Sterbezimmers.
-
-Übrig blieb von allen Millionen ein gütiges und kostenloses „_Povero
--- poverino -- poverissimo_“ zwischen zwei Hochzeitstänzen
-einer Strohflechterin, und der befreite Dankblick eines zerquälten
-Milliardärs, der in seiner Sterbestunde das einzige ~geschenkt~
-bekam, was er nimmermehr bezahlen hätte können.
-
-
-
-
-Tag- und Nachtärger
-
-
-Da hatte ich mich wieder einmal schandbar geärgert wegen irgendwas.
-
-„Sie sollten sich doch nicht so ärgern am hellichten Tage“, sagte
-jemand.
-
-„Am hellichten Tage?“ sagte ich verwundert und ärgerlich zugleich,
-„wissen Sie vielleicht ein Mittel, um den Ärger aus dem wachen Tag in
-die dunkle Nacht zu schieben?“
-
-„Ich nicht, aber der Doktor Switschbidiwitsch weiß eines.“
-
-Stracks lief ich zum Doktor Switschbidiwitsch.
-
-„Ist es wahr?“ sagte ich, „daß Sie den Tagärger in die schlafende Nacht
-hineinzaubern können?“
-
-„Gewiß kann ich das.“
-
-„Dann bitte ich darum.“
-
-„Hm, von welchem Tagärger werden Sie geplagt?“
-
-„Es kommt hie und da ein Manuskript von einer Redaktion zurück.“
-
-„Sonst nichts?“
-
-„Es regnet stets in meinen Ferien.“
-
-„Sonst nichts?“
-
-„Meine Frau ist manchmal anderer Meinung.“
-
-„Sonst nichts?“
-
-„Und hat dazu noch meistens recht.“
-
-„Hm, das letzte läßt sich hören -- aber ich mache Sie darauf
-aufmerksam, ich kann den Ärger nicht verschwinden lassen -- das kann
-niemand -- nur in den Schlaf abschieben.“
-
-„Im Schlaf ertrage ich den Ärger gern, wenn nur der Tag von Ärger frei
-ist.“
-
-„Und ferner möchte ich bemerken, daß sich der in die Nacht geschobene
-Tagärger zu wandeln pflegt, alle möglichen bizarren Gestalten annimmt.“
-
-„Was liegt daran. Geträumter Ärger kann beschaffen sein wie er mag,
-wenn ich nur den Tag vom wirklichen Ärger frei bekomme.“
-
-„Hm, was den Unterschied von Traum und Wirklichkeit betrifft --“
-
-„Zur Sache, Herr Doktor, ich spüre schon wieder einen Ärger unterwegs.“
-
-„Nun, wie Sie wollen -- switsch -- bi -- di -- witsch -- switsch -- bi
--- di -- witsch -- zwanzig Märker, wenn ich bitten darf.“
-
-Bei „Switschbidiwitsch“ hatte er ein paar magnetische Bewegungen meinen
-Schläfen entlang gemacht, und bei den „zwanzig Märkern“ verwandelte er
-die vertikale Handbewegung in eine horizontale.
-
-„Wie, schon fertig?“ fragte ich, die Börse ziehend.
-
-„Wenn Sie im Laufe der nächsten vierzehn Tage den geringsten Ärger
-empfinden,“ sagte Doktor Switschbidiwitsch ein wenig beleidigt, „zahle
-ich Ihnen vierzig Mark zurück -- freilich, was die Nacht betrifft...“
-
-Doktor Switschbidiwitsch hatte nicht gelogen. Noch am gleichen
-Tage liefen mir soviel Dinge über den Weg, über die ich mich sonst
-totsicher geärgert hätte. Jetzt wunderte ich mich bloß ein wenig.
-Wunderte mich, wenn ich dreimal hintereinander den Straßenbahnanschluß
-verpaßte. Wunderte mich, als ich auf drei unter vier angekommenen
-Briefen schweres Strafporto zu zahlen hatte. Wunderte mich
-stärker, als meine Frau bei drei hintereinander aufgetretenen
-Meinungsverschiedenheiten viermal recht bekam. Und wunderte mich
-schließlich am stärksten darüber, daß ich mich über alle diese Dinge
-lediglich zu wundern vermochte, und keine Spur zu ärgern.
-
-Ich sah schon, die Sache war in Ordnung: ich würde niemals vierzig Mark
-von Doktor Switschbidiwitsch erhalten.
-
-Dann kam die Nacht. Mit der Nacht der Traum. Und mit dem Traum der
-erste prophezeite Traumärger.
-
-In der ersten Nacht träumte mir, ich ginge nach dem Frühstück in
-mein Arbeitszimmer. Da saß schon einer an meinem Schreibtisch. Ein
-wildfremder Mensch. Und schrieb und schrieb.
-
-„Herr,“ tippte ich ihm ärgerlich auf die Schulter, „hier schreibe ich.“
-
-„Wie Sie sehen, ist das eine falsche Behauptung“, sagte der Fremde,
-ruhig weiterschreibend, ohne aufzusehen.
-
-„Herr,“ ärgerte ich mich, „dieses Arbeitszimmer habe ich gemietet.“
-
-„Stimmt.“
-
-„Und bezahlt!“
-
-„Stimmt auch.“
-
-„Also arbeite ich auch darin.“
-
-„Das ‚also‘ stimmt nicht.“
-
-„Herr!“ schrie ich, „es ist mein Schreibtisch, auf dem Sie schreiben!“
-
-„Seien Sie vergnügt, daß einmal was ordentliches drauf geschrieben
-wird“, sagte der Fremde, ohne mit dem Schreiben auch nur einen
-Augenblick anzuhalten.
-
-Ich ärgerte mich schandbar. Aber es war nichts zu machen. Ich kam zu
-keinem Federstrich an diesem Morgen und mußte mich entschließen, in
-aller Frühe an meinen Stammtisch zu pilgern, wo ich meinen Ärger zu
-ersäufen hoffte, aber weiter nichts als einen dicken Kopf davontrug.
-
-Nun wird man freilich sagen, was liegt an einem dicken Nachtkopf, der
-am Tage wieder dünn ist? Was liegt an einem dicken Nachtärger, den man
-beim Morgenkaffee lachend untern Tisch wischt:
-
-„Denk’ mal, liebe Frau, was für komisches Zeug ich heute nacht
-geträumt...“
-
-Aber ganz wohl war mir bei dieser Überlegung nicht, und ich erwartete
-mit einigen Bangen die zweite Nacht.
-
-Darin träumte mir, ich hätte meinen Namen zu schreiben. Der weiße Bogen
-lag schon da. Auch die Feder, die eingetauchte.
-
-„Ein bißchen rasch, wenn ich bitten darf“, sagte der Beamte, dem ich
-meine Namensunterschrift abzugeben hatte.
-
-Ich setzte zu seinem großen F an und stockte schon nach einem Zug: hm,
-setzte man den oberen F-haken nach links an oder nach rechts? Es kam
-mir vor, als hätte ich schon ebensoviele linkshakige als rechtshakige
-F gesehen. Welche waren recht? Meine Feder zitterte und machte
-schließlich einen Haken links und einen Haken rechts. Na, der Haken war
-erledigt, Gott sei Dank. Jetzt den F-Strich durch die Mitte. Wieder
-stockte ich: zum Donner, machte man jetzt noch den F-Strich, oder war
-der nicht laut letzter Ministerialverordnung amtlich abgeschafft? Da
-konnte man sich ja fürchterlich blamieren bei der eigenen Unterschrift.
-Schließlich machte meine Feder einen solch haardünnen F-Strich, daß er
-ebensogut mittels eines schemenhaften Traummeineids abgeleugnet hätte
-werden können. Jetzt der zweite Buchstabe. Ich machte einen i-Strich
-mit weniger Mühe, als ich gefürchtet hatte. Auf einmal spürte ich --
-sehen konnte ich ihn nicht -- den höhnischen Blick des königlichen
-Beamten, der mir beim Schreiben zusah: macht dieser Mensch das i vor
-dem r!
-
-„Entschuldigen Sie!“ sagte ich fahrig und versuchte, das i in ein
-r umzukorrigieren. Das war eine endlose Arbeit. Ich drückte meinen
-Zeigefinger ächzend durch vor Mühsamkeit. Davon bog sich auch der
-Federhalter. Mit einem durchgebogenen Federhalter zu schreiben,
-war erst recht eine Heidenarbeit. Der Schweiß brach mir aus, der
-geschlängelte Federhalter fing zwischen meinen Fingern zu rutschen an.
-Aber schließlich stand das r doch da. Es war freilich das sonderbarste
-r, das ich je geschrieben hatte. Aber immerhin, es war ein r.
-
-Jetzt kommt t und z, dachte ich, und wurde aufs neue unsicher: kam
-zuerst das t, oder kam zuerst das z? Es schien mir im höchsten Grade
-fraglich. Aber da spürte ich wieder den höhnischen Blick im Nacken und
-wußte gerade noch rechtzeitig, daß weder das t noch das z kam, sondern
-das i, das i von vorhin.
-
-Wieder glückte der i-Strich verhältnismäßig rasch. Ach so, fehlte noch
-der Punkt, der I-Punkt. Na, das ist doch das allereinfachste bei der
-ganzen Namensschreiberei, der gotteslästerlichen, dachte ich, und
-machte frischweg einen Punkt. Teufel, war er über’s r gekommen. Ich
-strich ihn durch und machte ihn ein zweites Mal. Donner, jetzt saß er
-überm F. Wieder durchgestrichen und gezielt, wie man auf einen Feind
-zielt, scharf, unerbittlich. Ha, jetzt saß er überm i-Strich. Whupp,
-kollerte er von seiner Höhe und trieb sich wie ein Billardball ruhelos
-zwischen den Grund- und Haarstrichen der drei Buchstaben herum. Ich
-lief ihm nach, ich fing an ihn anzuflehen:
-
-„I-Punkt, lieber i-Punkt, laß dich doch erwischen, laß dich doch ein
-einziges Mal erwischen.“
-
-I-Punkte scheinen auch im Traume nicht ganz unbarmherzig zu sein. Denn
-er ließ sich wirklich erwischen, und ich hielt ihn mit beiden Händen
-über den i-Strich fest. Aber schon fing er wieder zwischen den Händen
-zu surren an. Gleich würde ich ihn nicht mehr halten können... Es war
-ein gräßlicher Traum. Ich wachte ärgerlich und schweißgebadet auf.
-
-Wieder folgte ein glockenheller Tag ohne den geringsten Ärger. Wieder
-kam die Nacht. Ich schob den Schlaf so lang als möglich auf, mit Lesen,
-mit Summen, mit Liedersingen suchte ich mich im Bette wach zu halten.
-Aber da schlief ich doch.
-
-Da packte mich schon einer freundschaftlich-dringend am Ärmel:
-
-„Gut, daß Sie da sind. Der Stelzenmaier ist erkrankt. Sie müssen für
-ihn einspringen.“
-
-„Stelzenmaier? Ich kenne keinen Stelzenmaier“, sagte ich.
-
-„Ist auch nicht nötig. Hauptsache ist, daß Sie gleich seine Rolle
-übernehmen -- sofort wird Ihr Stichwort fallen, machen Sie sich doch
-bereit.“
-
-„Aber ich habe doch noch nie auf dem Theater gespielt.“
-
-„Ausgezeichnet, das gibt Ihrer Rolle die beste Natürlichkeit.“
-
-„Aber ich weiß ja gar nicht, welches Stück und welche Rolle,
-Heiligschockschwerenot...!“
-
-„Das werden Sie alles wissen, wenn Sie vor dem Publikum stehen -- ha,
-Ihr Stichwort -- rasch!“
-
-Da hatten sie mich schon durch die Kulissen hinausgeschoben in ein
-grelles mitleidsloses Licht...
-
-Mitten in dieser Nacht mußte ich einen kalten Umschlag nehmen und wagte
-nicht mehr einzuschlafen. Um das zu erreichen, zog ich den Wecker
-auf, ließ ihn ablaufen, zog ihn wieder auf, immerzu. Aber schon beim
-drittenmal veranlaßte meine Gattin meinen Umzug in das Fremdenzimmer.
-
-Hier erwartete ich den vierten Tag, der wieder seraphinenhaft ganz ohne
-Ärger aufzog. So sehr auch die Erinnerung an die drei Ärgernächte
-versuchte, sich in den Tag als Ärger einzuschleichen, es gelang nicht.
-Lächelnd schob der Tag jeden aufsteigenden Ärger mit der flachen Hand
-gegen Abend zu:
-
-„Dahinein, wenn ich bitten darf, laut Doktor Switschbidiwitsch.“
-
-„Ich weiß schon, was ich die vierte Nacht tue“, dachte ich und
-beschloß, mir sie in irgendeinem Gasthaus um die Ohren zu schlagen. Da
-saß ich still in einer Ecke und kämpfte und kämpfte gegen den Schlaf.
-
-Auf einmal war ich nicht mehr im Gasthaus, sondern im Bahnhof am
-Schwanze einer langen Menschenschlange vor dem Fahrkartenschalter. Wie
-alle andern trippelte ich vor Ungeduld, wann ich endlich an die Reihe
-kommen würde. Wie die andern murmelte ich dann und wann: „Den Teufel
-auch, wenn ich nun den Zug nicht mehr erwische.“
-
-Endlich, nach einer Viertelstunde, bin ich an der Reihe. Ein
-verärgertes Beamtengesicht mit gesträubtem Schnurrbart fährt mich aus
-dem Schalter an:
-
-„Na, wohin, -- so reden Sie doch!“
-
-Heiliger Bimbam, jetzt hatte ich den Namen der Station vergessen.
-
-„Nach -- nach --“, stotterte ich. Die Schweißperlen standen mir auf
-der Stirne. Der Name fiel mir um alles in der Welt nicht ein. Die Leute
-hinter mir drängten ungeduldig:
-
-„Wir kommen nicht mehr mit -- wir kommen nicht mehr mit -- der Mensch
-dort vorne soll doch -- soll doch -- kruzitürkennocheinmal...“
-
-„Nach -- nach“, setzte ich verzweifelt wieder an.
-
-„Nach -- nach -- wohin Sie halt meinen, Herr Sekretär.“
-
-Hinter mir halb Höllengelächter:
-
-„Ein solcher Depp -- habt’s jetzt schon ein solchen Deppen g’sehn...“
-Und halb Wutgeheul:
-
-„Der Kerl ist ein Schuft -- der hat sich nur hineingedrängt, damit wir
-unsern Zug versäumen -- haut ihn!“
-
-Fäuste hoben sich. Ich fiel unter den Tisch vor dem Fahrkartenschalter.
-Jemand hob mich auf und sagte:
-
-„Es tut mir leid, wir schließen jetzt die Wirtschaft -- Sie müssen nach
-Hause gehen.“
-
-Zerschlagen wanderte ich durch die Straßen. Schon dämmerte der Morgen.
-Ich lief schnurstracks zum Doktor Switschbidiwitsch.
-
-„Eigentlich habe ich jetzt keine Sprechstunde,“ sagte er, „aber wenn es
-dringend ist --“
-
-„Es ~ist~ dringend,“ sagte ich, „ich pfeife auf den ärgerlosen Tag
--- der Nachtärger bringt mich um -- ich möchte meinen alten Tagärger
-wieder haben.“
-
-„Das wird nicht so leicht gehen -- es sei denn, daß es mir gelänge, das
-ärgerliche Tageis durch einen besonders dicken Tagärger zu brechen.“
-
-„Tun Sie’s, Herr Doktor, tun Sie es sofort -- ich gehe sonst in der
-nächsten Nacht darauf.“
-
-Er machte wieder ein paar magnetische Striche längs meiner Schläfen,
-diesmal aber nach der umgekehrten Richtung. Dann zupfte er mich am Ohr.
-
-„Na, ärgert Sie das vielleicht?“
-
-„Keine Spur.“
-
-Jetzt gab er mir einen Hirnschnalzer mittels Daumen- und Mittelfinger,
-daß alles krachte.
-
-„Das wird Sie aber ärgern, nicht wahr?“ sagte er.
-
-„Keine Idee“, sagte ich traurig-milde.
-
-„Na, ich sehe schon, bei Ihnen hat sich die Tagesärgerlosigkeit in
-der kurzen Zeit so eingefressen, daß ich es mit dem stärksten Mittel
-probieren muß.“
-
-Abermals machte er mit seinen Händen die vertikalen magnetischen
-Gegenstriche an meinen Schläfen und streckte dann plötzlich beide Hände
-horizontal aus:
-
-„Hundert Mark, wenn ich bitten darf!“ sagte er energisch.
-
-Irgend etwas in meinem Gehirn knackte.
-
-„Das ist denn doch eine Unverfrorenheit!“ brauste ich auf, „hundert
-Mark! wo Sie noch nicht einmal erfolgreich --“
-
-„Gewonnen!“ lachte Doktor Switschbidiwitsch, „das Eis ist gebrochen
--- Sie haben Ihren soliden Tagärger wieder -- gehen Sie nach Hause --
-Sie werden heute nacht vortrefflich traumlos schlafen -- hier ist die
-Quittung über hundert Mark -- Sie müssen es nicht tragisch nehmen --
-eine Heilung von der Heilung ist stets ein wenig teurer, wissen Sie...“
-
-
-
-
-Von =Fritz Müller= erschienen:
-
-
-Bei =Otto Rippel=, Hagen i. W.
-
- =Der Sepp im Krieg.= 8. Tausend.
-
- =Hinter der Front.= 5. Tausend.
-
- =Vergnügliche Geschichten.= 11. Tausend.
-
- =Klassengold.= 5. Tausend.
-
- =Ich dien.= 5. Tausend.
-
-
-Bei =Eugen Salzer=, Heilbronn a. N.
-
- =Das Land ohne Rücken.= 14. Tausend.
-
- =Fröhliche Wissenschaft.= 7. Tausend.
-
-
-Bei =Egon Fleischel & Co.=, Berlin.
-
- =O Frida!= Novellen. 2. Tausend.
-
- =Zweimal ein Bub.= 3. Tausend.
-
- =Die andre Hälfte.= 2. Tausend.
-
- =Kurzehosengeschichten.= 10. Tausend.
-
-
-Bei =Huber & Co.=, Frauenfeld (Schweiz).
-
- =Alltagsgeschichten.= 2. Tausend.
-
-
-Bei =C. F. Amelang=, Leipzig.
-
- =Die eisernen Kameraden.= 2. Tausend.
-
-
-Bei der =Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung=, Hamburg.
-
- =Fröhliches aus dem Kaufmannsleben.= 45. Tausend.
-
- =Fröhliches aus dem Krieg.= 20. Tausend.
-
-
-
-
-Rippels Deutsche Hausbücher
-
-(Umfang und Ausstattung wie vorliegender Band)
-
-Jeder Band gebunden 1.70 M.
-
-Teuerungszuschlag 50 Pf. -- Bisher erschienen:
-
-
- Wie die große Zeit kam. Erlebtes und Empfundenes von Fritz Müller,
- Rich. Voß, L. Schulze-Brück, Auguste Supper, Hans v. Zobeltitz. 5.
- Tausend.
-
-Die bekannten Schriftsteller und Schriftstellerinnen schildern uns in
-diesem Buche, was sie in jenen unvergeßlichen Augusttagen erlebt und
-empfunden und welch herrlicher Geist in Ost und West, in der Stadt und
-auf dem Dorfe das deutsche Volk beseelte.
-
-
- Nach der Schlacht. Ein Kriegsbuch von Helene Christaller, Otto
- Frommel, Hermann Hesse, Paul Natorp, Rich. Nordhausen, Fritz
- Philippi, L. Sternberg, Paul Wüst. 5. Tausend.
-
-.... So ist denn „Nach der Schlacht“ ein sehr lesenswertes,
-inhaltreiches und abgerundetes Werk geworden, keine laute, aber doch
-sehr eindringlich wirkende literarische Gabe.
-
- Kölnische Zeitung.
-
-
- Stille Opfer. Den deutschen Frauen und Jungfrauen in großer Zeit
- von Helene Christaller, Agnes Harder, S. Ch. v. Sell, Auguste
- Supper. 21. bis 23. Tausend.
-
-Den vielen Tausenden, die in dieser Zeit dem Vaterlande ihr stilles
-Opfer darbringen müssen, wird dieses Büchlein eine Herzensstärkung
-sein, das sie in ihrem Schmerze aufrichtet, stark und fähig macht für
-die hehre Aufgabe der Zukunft.
-
-
- Auguste Supper, Vom jungen Krieg. Erzählungen.
-
-„In fesselnder kraftvoller Schilderung bringt A. Supper in ihrem sehr
-geschmackvoll ausgestatteten Bändchen eine gute Auswahl gehaltvoller
-Erzählungen.“
-
- Die schöne Literatur.
-
-
-
-
-Verlag von Otto Rippel, Hagen i. W.
-
-
- Helene Christaller, Wir daheim. Ein Kriegsbuch. 19. Tausend.
-
-„Ich wollte, man könnte es in Tausenden von Exemplaren ins Ausland
-schleudern, besonders auch unter die Neutralen, damit sie aus diesen
-tief empfundenen lebenswarmen Skizzen ein Wirklichkeitsbild gewännen
-von dem kämpfenden Deutschland daheim.“
-
- Christl. Welt.
-
-
- Fritz Müller, Der Sepp im Krieg. Bayerische Geschichten. 8. Tausend.
-
-„Das sind Perlen neudeutscher Erzählungskunst! Die Geschichten, so
-einfach und schlicht sie an sich sind, gehören zu dem Besten, was die
-deutsche Kriegsliteratur bis jetzt hervorgebracht hat. Wir können
-sie mit bestem Gewissen allen denen empfehlen, denen der klare,
-unerschöpfliche Born des deutschen Gemüts und des tiefinnerlichen
-deutschen Volkshumors eine Offenbarung bedeutet.“
-
- Der Reichsbote.
-
-
- Fritz Müller, Hinter der Front. Erzählungen von zuhause. 5. Tausend.
-
-Das sind eigenartige Kriegsgeschichten von daheim, weit hinter der
-Front. Kein Pulverdampf und Kanonendonner wird vernommen und doch
-bringen uns diese tief empfundenen Erzählungen die große Zeit so nahe
-und zeigen uns, welch herrlicher Geist das deutsche Volk beseelt und
-welche Opfer es zu bringen imstande ist.
-
-
- Helene Christaller, Und Marmorbilder stehn und sehn mich an...
- Erzählungen. 6.-7. Taus.
-
-„In dieser neuesten Gabe schenkt uns die beliebte Verfasserin eine
-besonders sorgfältig ausgewählte Sammlung ihrer besten und reifsten
-Erzählungen. Dieses Büchlein ist ein besonders geeignetes Geschenkwerk
-für das deutsche Haus.“
-
-
- Fritz Philippi, Aus meinem Guckkasten. Erzählungen. 3. Tausend.
-
-„Erzählungen aus Krieg und Frieden, die sowohl den Ernst und die Größe
-der Gegenwart widerspiegeln, wie auch den stillen Frieden vergangener
-Tage atmen. Das Büchlein wird dem Verfasser neue Freunde gewinnen,
-zeigt er sich doch in der humoristischen Erzählung ‚Peter Zwickel auf
-dem Lügengaul‘ von einer ganz neuen erfreulichen Seite.“
-
-
-
-
-Verlag von Otto Rippel, Hagen i. W.
-
-
- Helene Christaller, Aus ernster Zeit. Eine Kriegsgabe. 15. Tausend.
-
-Den zahlreichen Freunden der bekannten Verfasserin wird dieses kleine
-hübsche Bändchen eine willkommene Gabe sein, schenkt sie doch aus ihrem
-reichen Schatz die besten Gaben aus dieser großen, ernsten Zeit.
-
-
- Fritz Müller, Klassengold. Schulgeschichten aus dem Krieg. 5.
- Tausend.
-
-„Diese herzerquickenden Erzählungen muten ungemein frisch und
-lebensfroh an, und doch steckt in allen ein tief versonnener Kern.“
-
- Schulrat _Dr._ Mosapp.
-
-
- Max Geißler, Der schwarze Stern im großen Bären. Roman. 5. Tausend.
-
-„... Dem Meister deutscher Erzählerweise ist es vortrefflich gelungen,
-das farbenprächtige orientalische Gewand zu wahren. An ein türkisches
-Muster erinnert auch der Einband des hübsch ausgestatteten Büchleins,
-das einen neuen Baustein zum großen Bau der Weltliteratur bedeutet...“
-
- Die schöne Literatur.
-
-
- Fritz Müller, Vergnügliche Geschichten. 8.-11. Tausend.
-
-
- Otto Frommel, Ein schweres Herz. Erzählungen.
-
-„In diesem feinen, beschaulichen Buche bietet uns Frommel wahre Perlen
-deutscher Erzählungskunst. Tiefer Ernst, sonniger Humor wechseln in
-wohltuender Weise ab.“
-
-
- Horst Wolfram Geißler, Die Rosen der Gismonda. Novelle. 4. u. 5.
- Tausend.
-
-„Eine feine poesievolle Novelle aus der Vergangenheit. Die Lektüre ist
-ein rechter Genuß und eine Erholung.“
-
-
- S. Ch. von Sell, Das Rosenhaus. Erzählung. 8.-10. Tausend.
-
-„Die bekannte Verfasserin bietet ihren Freunden eine besonders feine
-Erzählung. Von dem Sieg der treuen, hingebenden, entsagungsvollen Liebe
-erzählt uns diese ergreifende Geschichte.“
-
-
-
-
-Verlag von Otto Rippel, Hagen i. W.
-
-
- Klara Hofer und Johannes Höffner, Friede im Krieg. Weihnachtliche
- Geschichten.
-
-„Diese prachtvollen Weihnachtsgeschichten, die uns mitten in dieser vom
-Kriegslärm beherrschten Zeit vom Sieg des Friedens erzählen, verdienen
-die weiteste Verbreitung.“
-
-
- Fritz Müller, Ich dien’. Geschichten. 5. Tausend.
-
-„Des Verfassers eigenartige Gabe kommt in diesen echt deutschen,
-gemütvollen Geschichten voll zur Geltung. Dieses Büchlein, wie jede
-einzelne Geschichte, ist ein Zeugnis von dem herrlichen Geist unserer
-Zeit; es erquickt und richtet auf, macht stolz und stark.“
-
-
- Max Geißler, Drei Mann unterm Glassturz. Roman. 5. Tausend.
-
-„Ein kleiner aber feiner Roman aus dem Herzen Deutschlands. Kein
-sensationelles, prickelndes „modernes“ Buch. Ein zarter, erwärmender
-Hauch strahlt von ihm aus und wird dem Verfasser sicher dankbare Leser
-bringen.“
-
-
- E. Müllenhoff, Im Hell-Dunkel. Erzählungen. 7.-9. Tausend.
-
- Marie Diers, Unsere Mutter. Die Geschichte einer Reue. 6.-10.
- Tausend.
-
-„Diese ergreifende Geschichte einer Mutter steht unter dem Leitmotiv:
-‚O lieb, so lang du lieben kannst‘. Für Jung und Alt.“
-
-
- Otto Ernst, Ruhe des Herzens. Ernstes und Heiteres.
-
-
- Rudolf Greinz, Bergheimat. Zwei Erzählungen aus Tirol.
-
-
- Hanns v. Zobeltitz, Nach dem Frieden. Eine Erzählung.
-
-
- Ernst Zahn, Der Gerngroß. Eine Erzählung.
-
-
- Fritz Müller, Worauf freuen wir uns jetzt? Fröhliche Geschichten.
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Worauf freuen wir uns jetzt?, by Fritz Müller
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WORAUF FREUEN WIR UNS JETZT? ***
-
-***** This file should be named 63108-0.txt or 63108-0.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/6/3/1/0/63108/
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net
-
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions
-will be renamed.
-
-Creating the works from public domain print editions means that no
-one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
-(and you!) can copy and distribute it in the United States without
-permission and without paying copyright royalties. Special rules,
-set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
-copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
-protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
-Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
-charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
-do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
-rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
-such as creation of derivative works, reports, performances and
-research. They may be modified and printed and given away--you may do
-practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
-subject to the trademark license, especially commercial
-redistribution.
-
-
-
-*** START: FULL LICENSE ***
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
-Gutenberg-tm License (available with this file or online at
-http://gutenberg.org/license).
-
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
-electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
-all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
-If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
-Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
-terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
-entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
-and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
-works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
-or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
-Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
-collection are in the public domain in the United States. If an
-individual work is in the public domain in the United States and you are
-located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
-copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
-works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
-are removed. Of course, we hope that you will support the Project
-Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
-freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
-this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
-the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
-keeping this work in the same format with its attached full Project
-Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
-a constant state of change. If you are outside the United States, check
-the laws of your country in addition to the terms of this agreement
-before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
-creating derivative works based on this work or any other Project
-Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
-the copyright status of any work in any country outside the United
-States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
-access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
-whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
-phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
-Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
-copied or distributed:
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
-from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
-posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
-and distributed to anyone in the United States without paying any fees
-or charges. If you are redistributing or providing access to a work
-with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
-work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
-through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
-Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
-1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
-terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
-to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
-permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
-word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
-distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
-"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
-posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
-you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
-copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
-request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
-form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
-License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
-that
-
-- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
- owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
- has agreed to donate royalties under this paragraph to the
- Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
- must be paid within 60 days following each date on which you
- prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
- returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
- sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
- address specified in Section 4, "Information about donations to
- the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
-
-- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or
- destroy all copies of the works possessed in a physical medium
- and discontinue all use of and all access to other copies of
- Project Gutenberg-tm works.
-
-- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
- money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days
- of receipt of the work.
-
-- You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
-electronic work or group of works on different terms than are set
-forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
-both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
-Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
-Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
-collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
-works, and the medium on which they may be stored, may contain
-"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
-corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
-property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
-computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
-your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium with
-your written explanation. The person or entity that provided you with
-the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
-refund. If you received the work electronically, the person or entity
-providing it to you may choose to give you a second opportunity to
-receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
-is also defective, you may demand a refund in writing without further
-opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
-WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
-WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
-If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
-law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
-interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
-the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
-provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
-with this agreement, and any volunteers associated with the production,
-promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
-harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
-that arise directly or indirectly from any of the following which you do
-or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
-work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
-Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
-
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of computers
-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
-809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
-page at http://pglaf.org
-
-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To
-SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
-particular state visit http://pglaf.org
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
-To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
-
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
-
-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
-
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
-unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
-keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
-
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
-
- http://www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.