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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Worauf freuen wir uns jetzt? - Fröhliche Geschichten - -Author: Fritz Müller - -Release Date: September 3, 2020 [EBook #63108] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WORAUF FREUEN WIR UNS JETZT? *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - - - - - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der 1918 erschienenen Buchausgabe - so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische - Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute - nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten - bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des - Texts dadurch nicht beeinträchtigt wird. Fremdsprachliche Zitate - und Passagen in Dialekt wurden nicht verändert. - - Der Zensurstempel auf der Titelseite (‚Z‘ über ‚VII‘ in einem - Dreieck mit nach unten zeigender Spitze) wurde nicht mit - übernommen, da dieser ursprünglich nicht Teil des gedruckten - Originals war. - - Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden - Sonderzeichen gekennzeichnet: - - Fettdruck: =Gleichheitszeichen= - gesperrt: ~Tilden~ - Antiqua: _Unterstriche_ - - #################################################################### - - - - - Worauf freuen wir uns jetzt? - - - - - Worauf - freuen wir uns jetzt? - - Fröhliche Geschichten - - von - - Fritz Müller - - 1918 - - Verlag von Otto Rippel, Hagen i. W. - - - - - _Copyright by Otto Rippel - Hagen i. W. 1918_ - - - Zeilenguß-Maschinensatz und Druck - von Oscar Brandstetter in Leipzig - - - - -Inhaltsverzeichnis - - - Seite - - Worauf freuen wir uns jetzt? 7 - - In deinem Alter 13 - - Der Rauchtisch 20 - - Der Familienaufsatz 27 - - Der Hunderter 35 - - Der Spohrer 39 - - Glück 45 - - Das blaue Band 49 - - Die Rundfrage 63 - - Das Kugelzimmer 70 - - Schmuckel 76 - - Jod 84 - - Morgan 88 - - Tag- und Nachtärger 96 - - - - -Worauf freuen wir uns jetzt? - - -Er kam mit dem Spruch schon auf die Welt. Glitzerig kugelten seine -Äuglein aus der Wiege in die Zimmerrunde. „Sieht er nicht aus,“ sagte -jemand, „als wenn er fragte: Worauf freuen wir uns jetzt?“ - -Das blieb ihm. Das saß zu Häupten seiner Wiege, wenn das Fieber sein -Körperchen geschüttelt hatte. Das strich ihm die winzigen Fältchen vom -Gesicht und sagte: „Maxli, worauf freuen wir uns jetzt?“ Das wurde -mit ihm größer, rutschte auf den Dielen mit herum, wo er sich einen -Schiefer eingezogen hatte, und wischte ihm die Tränen fort: „Und worauf -freuen wir uns jetzt, Maxli, he?“ - -Das klopfte ihm nach den ersten ängstlichen Schulgang vertraulich auf -die Schulter: „Na, Maxli, worauf freuen wir uns jetzt?“ - -Das wuchs mit ihm und wich ihm nimmer von der Seite. Das sah ihm -unausweichlich ins Gesicht, wenn der Ärger aufstieg: „Was ich noch -sagen wollte, Max, worauf freuen wir uns jetzt?“ - -Was Wunder also, daß der Spruch ein Teil von ihm ward. Oder er ein -Teil vom Spruch. In solchen Wiegenbrüderschaften lassen sich die -Teile nicht mehr sondern, derselbe Herzschlag tickt durchs gleiche -Blutgeäder: „Wo-rauf-freuen-wir-uns-jetzt?“ - -Es ist schon richtig: schlicht und bescheiden, wie der Max war, wurde -er kein Großer, wurde nicht berühmt. Eher schon sein Spruch, den sie -nach und nach belächelten. - -„Hör’ mal, Max,“ sagte einer seiner Freunde, „ein Wahlspruch ist schon -recht. Aber er muß auch darnach sein. Zum Beispiel: Morgenstund hat -Gold im Mund. Oder: Erst besinn’s, dann beginn’s. Oder: Rom ist nicht -an einem Tag erbaut. Siehst du, das sind anerkannte Sprüche.“ - -„Jawohl,“ sagte Max, „und worauf freuen wir uns jetzt?“ - -Max sei ja soweit ein guter Kerl, sprach dann dieser Freund herum, aber -doch beschränkt. Und es solle ihn nicht wundern, wenn er in der Prüfung -nicht bestehe. Wirklich fiel er durch. - -„Junge, Junge,“ klagte Maxens Vater, „wohin soll das führen?“ - -„Zum Erfolg beim zweiten Male. Vater -- und worauf freuen wir uns -jetzt?“ - -Vater seufzte, Mutter strich dem Sohne übers Haar: „Max, nicht wahr, -von jetzt ab für nichts anderes als zum Studium zu haben sein, willst -du mir’s versprechen?“ - -„Ja, Mutter -- und worauf freuen wir uns jetzt?“ - -Tja, er war nicht zu ändern. „Schade um ihn,“ sagten die gesetzten -Leute, „er hat eine fixe Idee.“ Und sie behandelten ihn nachsichtig und -blieben bei der ihren. - -Bei einer politischen Versammlung kampelten sich die Gegner, daß es -im Saale gellte. Dann trat eine kleine Erschöpfungspause ein. Ruhig -kam aus einer Ecke eine Stimme: „Und worauf freuen wir uns jetzt?“ -Gelächter. Sie bengsten in Max: „Laß dir’s nicht gefallen -- sprich -doch -- Silentium für -- ha, er spricht wirklich --“ - -„Meine Herren,“ sagte Max, „ich freue mich, daß Sie sich freuen.“ -Das Gelächter wuchs, trotzdem einer sagte, ihm dünke, das sei das -Gescheiteste gewesen, was die Versammlung bis jetzt ergeben habe. Aber -niemand hörte darauf. Sie kampelten sich schon wieder, daß die Haare -flogen. - -Ein Osterausflug ward verregnet. Mißmutig saßen sie in einer -Bauernstube. Max sah im Kreis herum. „Und worauf freuen wir uns jetzt?“ -sagte er lächelnd und im inneren Taktmaß des draußen plätschernden -Regens. Darob wurden einige wieder vergnügt. Ernst aber hob ein -Professor an: „Junger Mann, alles zu seiner Zeit. Gereifte Einsicht -muß verstehen, daß die Freude nicht am Platz ist, wenn die Gründe zur -Verdrossenheit derart ausreichend sind, daß --“ - -„Gewiß,“ sagte Max, „aber worauf freuen wir uns jetzt?“ - -Darauf machte der Professor in seinem Wörterbuch der Psychologie einen -neuen Eintrag: Unter Idioten der Freude versteht man... - -Das war lieblos. Freundlicher drückten’s seine Freunde aus: „Max ist -der reinste Freuden-Cato: _Ceterum censeo_...“ - -„Ja,“ ward ihnen beigepflichtet, „er rennt mit seinem Spruche gegen das -Carthago alles Mißvergnügens an.“ - -„Ob sein Grundsatz aber standhält,“ zweifelte ein anderer, „wenn’s bei -ihm selber um die Wurst geht?“ - -Er hat standgehalten. Die Bank, die sein Erspartes hatte, fiel. Als -er’s erfuhr, zuckte er zusammen und ging an seine Arbeit, fest aber -stumm. „Aha, nun hat es ihm sein Sprüchlein doch verschlagen“, sagte -einer, der nicht wußte, daß sich ein Spruch auch einwärts wenden läßt. - -Nur ein einzig Mal hat auch das Einwärtswenden fast versagt. Das war -damals, als ihm einer seine Liebste stahl. Da sank sein Gleichmut, -da hob sich ihm die Hand zum Schlage. Freilich, ohne zuzuschlagen. -„Nein, nein,“ hat er gemurmelt, „Menschen können einem nicht gestohlen -werden, sie stehlten sich denn selber.“ Einen Winter lang hat’s ihn -herumgetrieben, bis er gepreßt und scheu zwar, aber dennoch hörbar -wieder sagen konnte: „Und worauf freuen wir uns jetzt?“ - -Nun aber ist ein Spruch, der nie versagt, kein Spruch mehr, sondern -ein Tyrann. Eines Tags verbeugte sich vor dem erschrocknen Max ein -Riesenschatten: „Sie gestatten -- bin der Weltkrieg -- und erlaube mir, -um Ihren Spruch zu bitten.“ - -„Meinen Spruch?“ stotterte der Max, „was wollen Sie damit?“ - -Der Weltkrieg machte eine halsabschneidende Bewegung. - -Fuhr der Max auf: „Mit welchem Rechte --?“ - -„Tun Sie doch nicht so -- bedenken Sie, wenn Sie, wie andre, statt des -Spruchs, sich selbst zum Opfer --“ - -„Mich magst du nehmen -- was liegt groß an mir -- aber alles liegt an -meinem Spruch.“ - -„Dummes Zeug -- zuviel Federlesen mach’ ich schon -- her mit dem -Spruch!“ Roh griff er Max ins Herz. Aber heimlich war der Spruch daraus -entwichen, flüsternd: „Verzage nicht, Max, auf Wiedersehn!“ Fort der -Spruch, ihm nach der Krieg. - -Reihum im Lande hat der Spruch sich auf die Flucht begeben, immer hart -vom Krieg verfolgt und immer guten Muts. Kaum einer, den er nicht -besucht hat, am liebsten die Verdrossenen und Schmerzgeschlagenen, die -ihn am wenigsten erwarten. Ich habe ihn an Witwenherzen klopfen seh’n: -„Mich schickt der Max.“ - -„Kenn’ ich nicht.“ - -„Eben darum komm’ ich, von ihm erzählen soll ich, damit auch Ihr auf -eine kleine Weil’ mich so gut aufnehmt, wie ich’s bei ihm gehabt.“ - -Da nahmen sie ihn auf. Freilich nur für eine kleine Weile. Aber lang -genug, um, wenn der Krieg aufs neue angepoltert kam: „Wo ist der -Flüchtling, daß ich ihm den Hals umdrehe?!“ mit wieder ausgeglich’nem -Herzen lächelnd zu erwidern: „Bedaure, schon verzogen, wenn Sie ihn -treffen, bitte ihn von mir zu grüßen.“ - -Er hat ihn nie erwischt, der Weltkrieg, solang’ er auch schon währt. -Immer ist er anderswo, als wo er grad’ gemordet werden sollte. Und er -hat schrecklich viel zu tun. Wenn mich nicht alles täuscht, demnächst -mehr noch als der Weltkrieg. Und immer größer wird er, immer stärker, -trotz des Weltkriegs. Wenn ich recht berichtet bin, demnächst größer -gar und stärker, als der Weltkrieg selbst. Und es geht ein Tuscheln um -im Land, daß die Jagd sich demnächst umdreht. Daß aus dem Verfolgten -ein Verfolger wird. Dann aber mag es sein, weil der Spruch um soviel -flinkre Füße als der Weltkrieg hat, daß dem der Hals herumgedreht wird -vom „Worauf-freuen-wir-uns-jetzt?“ - -Noch ist es nicht so weit. Noch hat er ihm den Hals nicht umgedreht. -Noch hilft er anderen beim Sterben. Vor kurzem seinem eignen alten -Herrn, dem Max. Ich selber hab’ ihn sterben sehn. Er ging geschwind -durchs Tal der letzten Schmerzen auf den Kamm, der vom Jenseits -scheidet. Jetzt stand er droben und überdachte in den Kissen seine -eingesunkenen Augen: „Und worauf freuen wir uns jetzt?“ - - - - -In deinem Alter - - -Ich habe eine Statistik über Ermahnungen von Eltern -an ihre Kinder angelegt. Es gibt Statistiken über -dreiundzwanzigtausendachthundertfünfundsechzig Dinge, von der -Gewichtsabnahme bei spiritistischen Sitzungen bis zum Senfverbrauch -auf den Kopf der Bevölkerung. Warum also nicht auch einmal eine -Ermahnungsstatistik zwischen Eltern und Kindern? - -Zuerst dachte ich, solcher Ermahnungen gäbe es so viele wie Sand am -Meer. Nämlich, wenn man vom Auftakt ausging. Ich notierte mir: - -„Laß das, Hansi...“ - -„Pfui, Lotte...“ - -„Schämst dich denn gar nit, Mariele...“ - -„Nein, jetzt aber so was, Trudi...“ - -„Fritz, Fritz...“ - -„Da soll denn doch ein Hageldonnerwetter, Max...“ - -„Ei ei, Maxeli...“ - -„Potz Blitz und Karawanken, Junge...“ - -„Na, warte, Karl...“ - -„Junge, Junge, Junge...“ - -Auch die Fortsetzungen waren noch einigermaßen verschieden. Aber der -Schluß, der Schluß war stets derselbe. Alle, alle liefen sie in einen -einzigen Schlußsatz aus: - -„In deinem Alter habe ich...“ - -Das heißt, was die Eltern in dem Alter ihrer Kinder hatten, waren, -taten oder unterließen, ging ja auch wieder scheinbar auseinander, -aber in Wirklichkeit war’s doch dasselbe. Denn es kam immer auf eine -unabänderliche Bravheit oder Wohlanständigkeit hinaus, ob sie sagten: - -„In deinem Alter habe ich nicht soviel Butter auf das Brot -bekommen...“, oder - -„In deinem Alter habe ich noch gar nicht gewußt, wie ein Theater von -innen ausschaut...“, oder - -„In deinem Alter hatte ich noch keine Ahnung von einem Federhut...“, -oder - -„In deinem Alter ist uns der Schnabel sauber geblieben von...“, oder - -„In deinem Alter hätten wir es nicht gewagt, zu...“, oder - -„In deinem Alter würden wir uns zu Tode geschämt haben, wenn...“, oder - -„In deinem Alter würden wir uns die Finger darnach abgeschleckt haben, -wenn unsere Eltern...“, oder - -„In deinem Alter wären wir kreuzfroh gewesen, wenn...“, oder - -„In deinem Alter hätte man uns verwichst, daß wir nicht mehr stehen, -sitzen oder liegen hätten können, wenn wir uns unterstanden hätten...“ - -Der letzte Satz hat den erhebendsten Eindruck auf mich gemacht. -Nämlich, weil die betreffende ungezogene Liesel, an die er mit -Augenrunzeln und Donnergepolter gerichtet war, darauf erwiderte: - -„Ah, Vater, das muß aber fein gewesen sein.“ - -Der entsetzte Vater brachte mit Mühe und Not ein „Warum?“ heraus. - -„Weil, wenn ihr nicht mehr stehen, liegen oder sitzen konntet,“ sagte -Liesel ernsthaft und ganz in einer Vorstellung versunken, „dann habt -ihr ja fliegen müssen, Vater.“ - -Nein, bitte, das war durchaus nicht frech, sondern sachlich. Denn -Kinder sind in diesen Dingen immer sachlich. Während die Eltern in -Dingen der Ermahnung ... nun, ich habe neulich bei einem Vater, mit dem -ich selbst einmal zur Schule ging, merkwürdige Dinge festgestellt. - -Da war ich also bei Rechnungsrats eingeladen. Rechnungsrat Übelacker -ist ein prächtiger Vater zu seinen Kindern. Aber wenn Gäste da sind, so -ermahnt er sie. Er ermahnt sie unter allen Umständen. Vielleicht glaubt -er, es gehöre zum guten Ton, oder er sei das seinen Gästen schuldig, -oder seinen Kindern, oder sich selber, ich hab’s nie herausbekommen -können. Aber mir hat er immer leid getan, wenn wir schon beim Obst -angelangt waren und mein Freund, der Rechnungsrat Übelacker, bereits -anfing, ungemütlich auf seinem Stuhle hin und her zu rutschen, weil bis -anhin die Kinder noch nicht den geringsten Anlaß zur Ermahnung zu geben -schienen. - -So war’s auch diesmal. Ich konnte es nicht mehr ansehen. Ich nahm mich -zusammen und schnitt dem regierungsrätlichen Fritzl eine heimliche -Grimasse über den Tisch hinüber. Natürlich lachte er. Ich verlängerte -meine Grimasse ins Erstaunte. Natürlich platzte er jetzt fast vor -Lachen. - -Sofort lösten sich des Regierungsrats gespannte Züge wohltätig, als er -jetzt mahnend an seinen Teller klopfen und verkünden konnte: - -„Fritz, das muß ich dir denn doch sagen, in deinem Alter habe ich -niemals ein so blödsinniges Gelächter aufgeführt -- mach’, daß du -vor die Türe gehst, damit -- damit du weißt, wie man sich bei Tisch -anständig beträgt.“ - -Ich dachte mir, es sei sehr unwahrscheinlich, daß man das anständige -Benehmen bei Tisch vor der Türe draußen erlernen könne und drückte -diesen Gedanken in einer dritten heimlichen Grimasse aus, für -mich privat natürlich. Ebenso natürlich schepperte aber der -Regierungsratsfritz darüber vor Lachen und ging ein drittel betrübt, -ein drittel vergnügt und ein drittel ahnungslos vor die Türe. - -„Es ist ein Jammer mit den Kindern heutzutage“, sagte Rat Übelacker -etwas unsicher zu mir. - -„O,“ sagte ich, „nicht nur heutzutage, es war zu unserer Zeit nicht -besser, aber dafür schlimmer.“ - -„Sooo?“ sagte mein Freund, der Regierungsrat. - -„Ja, ich erinnere mich an zwei Buben, die einem Gaste gegenübersaßen, -der einen kleinen unscheinbaren Haarbüschel auf seiner Nasenspitze -hatte.“ - -„Soo?“ - -„Ja, und so oft das auftragende Mädchen die Türe öffnete, bewegte sich -dieser kleine Haarbüschel im Zugwind zuerst empört, dann ergebungsvoll -und schließlich fröhlich.“ - -„So?“ - -„Ja, und das machte den beiden Jungen einen solchen Heidenspaß, daß sie -sich beinahe kugelten vor Lachen.“ - -„So, am Tisch?“ - -„Freilich, so daß der Vater schließlich sagen mußte, das sei ja ein -schandbares Betragen, und als er so jung gewesen sei, habe man Kinder -mit derartiger Aufführung jämmerlich verhauen, und er solle sofort vor -die Türe gehen, damit er besseren Anstand lerne, der Heinrich.“ - -„Der Heinrich?“ - -„Ja, natürlich, der Heinrich, denn es ging doch nicht gut an, mich als -eingeladenen Jungen auch vor die Türe zu setzen.“ - -„Dich? und der andere --?“ - -„Der andere? aber das warst doch natürlich du, Heinrich.“ - -„Soso -- hm ja -- soso --“ - -In diesem Augenblicke schien das anwesende Erziehungsfräulein -Nasenbluten zu kriegen. Wenigstens ging sie mit dicht angepreßtem -Taschentuch auch rasch vor die Türe. Und es war mir nur schleierhaft, -warum sie dabei das ganze Gesicht zudecken mußte. - -Gleich darauf schien der Frau Regierungsrat ein Apfelbröckchen in den -unrechten Schlund gekommen zu sein, so daß sie ein merkwürdig komisches -Gesicht machen mußte und von ihrem Gemahl einen unbeschreiblichen Blick -erhielt. Was sie veranlaßte, ebenfalls ein wenig vor die Türe zu gehen. - -„Da wir jetzt unter uns sind,“ begann der Regierungsrat unbehaglich, -„so muß ich dir schon sagen...“ Ich merkte sofort, daß es eine -umfängliche Predigt werden sollte und sagte: - -„Komm, alter Junge, sei nicht tragisch -- dein Sohn ist im übrigen ein -famoser Kerl.“ - -„Famoser Kerl, wieso?“ - -„Ei, er hat kein Wort davon gesagt, daß ich mit meiner -Gesichterschneiderei an seinem Gepruste schuld war.“ - -„Du? Nun, da muß ich denn doch sagen -- hm ja, ich meine, ich glaube, -du hättest diese Geschichte, an die ich mich übrigens gar nicht mehr -erinnere, nicht gerade jetzt -- und im übrigen vermute ich, daß ich -damals nicht so entsetzlich geprustet habe, wie mein Fritz vorhin -- -wenn du’s schon erzählen mußtest, dann hättest du doch wenigstens auch -diesen Unterschied --“ - -„Aber Heinrich, dann hätte ich ja auch den andern Unterschied --“ - -„Welchen andern Unterschied, bitte?“ - -„Nun, ~du~ hast damals, als du vor die Türe gehen mußtest, nicht -vergessen, darauf aufmerksam zu machen, daß eigentlich das luftbewegte -Haarbüschelchen auf des Fremden Nase dran schuld war, während dein -Fritzl heut’ mich nicht verraten hat, sondern erheblich netter war, als -du in seinem Alter damals --“ - -„Hem, hast du auch fernerhin die Absicht, alte Freunde derart -bloßzustellen --?“ - -„Mit Vergnügen, solange sie nicht zugestehen wollen, daß sie im -Alter ihrer Söhne ganz genau so frech, so dumm, so nichtsnutzig, so -unbekümmert und so -- kreuzvergnügt gewesen waren, gottseidank, als -eben diese Söhne.“ - - - - -Der Rauchtisch - - -Rauchtische sind eine merkwürdige Erfindung. Ich glaube, Nichtraucher -haben sie erfunden. - -Zu meinem Geburtstage versetzte mir die Mutter meiner Frau mittels -Eilgut unter Wertangabe einen Rauchtisch. Gut, daß „Rauchtisch“ auf dem -Frachtbrief stand. Ich hätte ihn sonst für einen Telegraphenapparat mit -Gestell gehalten. Aber was ich für einen Morseticker ansah, war ein -Kerzenhalter. Hol’ mich der und jener, wenn die Aschenschale früher -keine Streifenspule war. - -„Fehlt nur noch der Draht“, murmelte ich. - -„Pfui,“ sagte meine Frau, „Geld willst du auch noch!“ - -„Ja,“ bekannte ich, „auch für eine Banknotenpresse könnte man es -halten.“ - -„Schäm’ dich, jeder Laie sieht doch, daß --“ - -„Laie? Ja, das ist es: ein Rauchtisch für Nichtraucher.“ - -„Mann, Mann, ich werde meiner Mutter schreiben, daß sie selbst kommt -und --“ - -Ha, Daumenschraubenmuttern! Ich erschrak. Schweiß brach aus. Ich -wurde feig. Ich hob drei Finger. Ich verleugnete meinen gesunden -Rauchverstand. Ich schwor, daß es ein Rauchtisch sei. Ein moderner -Rauchtisch. Ich schwor, daß nur ein Idiot den Streichholzständer für -einen Morsedrücker halten könne. Unleugbar sei es allerdings, daß das -Gestell aus drei Makkaroni in Todeszuckungen bestünde. Aber das sei -eine geniale Stilidee des Rauchtischarchitekten. Ich schwor, in meinen -ausschweifendsten Träumen hätte ich mir immer so etwas gewünscht. - -„Ist gut,“ sagte meine Frau mißtrauisch, „nun schwöre noch, daß du ihn -täglich benutzen wirst.“ Was war zu tun? Gott, was schwört der Mensch -nicht alles, wenn er in Gefahr ist. - -Ich benutzte ihn täglich. Zunächst als Handtuchhalter. Damit war er -zugedeckt, unsichtbar und gnädig. - -Aber meine Frau kam hinter die Gnade und das Handtuch, entfernte beides -und zwang mich, angesichts des Tischchens zu rauchen. Davon wurde mir -schlecht. Ich tat es den drei Makkaroni gleich und phantasierte. Es kam -der Arzt. - -„Denken Sie, Herr Doktor,“ sagte meine Frau, „das Nikotin ist ihm ins -Blut gegangen, er hält das da für einen Briefkasten mit Gestell.“ - -„Unglaublich,“ sagte der Arzt, „eine türkische Gebetsmühle für einen -Briefkasten zu halten!“ - -Empört holte meine Frau einen andern Arzt. Ich konnte ihn einen -Augenblick allein sprechen: „Doktor, seien Sie barmherzig, befreien -Sie mich von diesem Ding da!“ - -„Es ist doch ein ganz netter Schirmständer,“ sagte er, „na, wenn Sie -ihn durchaus nicht haben wollen, könnten Sie ja im Fieber --“ - -Ich verstand, und schlug im Fieber den Rauchtisch kurz und klein. -Nach dem Anfall lagen die Makkaronifüße unter meinem Bett. Die -Rauchtischplatte war hinter den Bücherschrank gekugelt. Die -Aschenschale hatte sich auf das Gardinenbrett geflüchtet, während -der Kerzenhalter sich durch das offene Fenster auf den Aschenhaufen -niederließ. - -Ich hielt die Sache für erledigt und genas. Ich wußte nicht, daß eines -Weibes Liebe die zerrissensten Dinge wieder zusammenleimt: an meinem -Namenstag stand der reparierte Rauchtisch als Neugeschenk neben meinem -Bett und grinste verdrehter und hämischer als je. - -Freunde rieten mir zu einem Umzug. Bei Umzügen verschwänden oft die -unglaublichsten Dinge, sagten sie. Also wurde umgezogen. Während meine -Frau die Möbelträger hin und her schob, rannte ich mit dem Rauchtisch -auf den Speicher, ließ ihn in die hinterste Ecke verschwinden und -schmiß Lumpen drauf und Hobelspähne. - -Der Möbelwagen war gepackt. Der Kutscher wollte knallen. „Noch nicht“, -sagte meine Frau und ging zum letztenmal spähend durch die Räume. Ha, -gewonnen -- leer kam sie zurück. - -„Hü!“ will der Kutscher rufen. Springt über die Straße eine Katze mit -einem gestohlenen Fleischstück. Schreiend hinter ihr eine Köchin. Die -Katze das Stiegenhaus hinauf, Stock um Stock. Die Köchin ihr nach, -Stock um Stock. Man hört’s vom Dach herab rumoren. Auf einmal -- - -Durch das offene Speicherfenster saust elegant die Katze, landet -unbeschädigt mit dem Fleischstück auf dem Pflaster -- - -„Mistviech, elendig’s!“ schreit’s herunter. Durch die Dachluke saust, -gleich elegant geschwungen, das Rauchtischchen. Geschickt fängt es der -Oberpacker auf: „G’hört das noch dazu, gnä’ Frau?“ - -Da stand es also auch in der neuen Wohnung und glotzte weiter hämisch. -Ich gab ihm Püffe über Püffe. Es hielt sie aus und glotzte. Täglich -warf ich meine Stiefel nach ihm. Es glotzte. Ich arrangierte einen -kleinen Hausbrand. Das erste, was gerettet wurde, war der Rauchtisch. -Ich bat meinen Neffen, chemische Experimente mit fressenden Säuren auf -dem Rauchtisch auszuführen. Die Säuren fraßen alles, nur nicht meinen -Rauchtisch. - -Immerhin, zum Lackieren müsse er, sagte meine Frau. Ich besuchte den -Lackierer. „Mann,“ sagte ich, „daß das Handwerk jetzt mit Arbeit -überhäuft ist, weiß ich. Ich könnte es verstehen, wenn das Stück erst -nach Monaten an die Reihe käme. Ja, ich würde es sogar begreifen, wenn -es überhaupt nie fertig würde.“ - -Er sah mich prüfend an. „Nee, mein Lieber,“ sagte er, „Sie fangen mich -nicht, Sie Handwerkslästerer!“ Am nächsten Tage teilte er telephonisch -mit, daß der Tisch lackiert sei. Ich war es auch. - -„Kathi,“ sagte meine Frau, „holen Sie ihn ab.“ - -„Kathi,“ sagte ich, sie heimlich auf die Seite nehmend, „wenn Sie ihn -unterwegs verlieren sollten -- hier sind drei Mark -- Sie verstehen.“ - -Für drei Mark versteht die Kathi irgend etwas. Heulend kam sie heim. -„Gnä’ Frau -- huhu -- stehen lassen in der Straßenbahn -- huhu --!“ - -Meine Frau versteht keinen Spaß. Nicht für drei Pfennig. „Kathi, wenn’s -nicht mehr zum Vorschein kommt, ziehe ich am Lohn fünf Mark ab -- -marsch, ins Fundbureau!“ - -Kathi sah mich an. Ich zwinkerte ihr zu, ich käme doppelt auf. Also -holte sie das Fundstück von der Straßenbahn ab und verlor’s ein -zweitesmal erheblich gründlicher. - -Darauf rückte es meine Frau in die Morgenzeitung: „Wer ein verlorenes -Rauchtischchen gefunden hat und wiederbringt, erhält zehn Mark.“ Und -ich in die Abendzeitung: „Wer ein verlorenes Rauchtischchen gefunden -hat und behält, erhält zehn Mark.“ - -Zwei Tage später werde ich im Kaffeehaus vom Skat hinausgerufen. Die -Tändlerin Kreszenz Hasenfratz stemmte die Arme in die Lenden: „Sie also -sind der verruckte Herr, der wo zehn Mark zahl’n will, wenn ich ihm -das Tischerl nicht in seine Wohnung trag’...“ - -Es kam ein unwiederbringlicher Vertrag zustande. Ich halte mich mit Fug -für rauchtischalpbefreit. Aber am nächsten Ersten steht die Kreszenz -Hasenfratz wieder mit angestemmten Armen im Kaffeehausgang: „Herr -Doktor, so wenig Platz wie ich jetzt hab’ für meine Tandelsachen -- -darf ich also wieder um zehn Mark Monatsmiete --“ - -„Sie -- Sie sind --“ - -„Regen Sie sich nicht künstlich auf, Herr Doktor, wenn Sie’s nicht -aufbewahrt hab’n woll’n, kann ich’s ja morgen wieder Ihrer Frau -Gemahlin --“ - -Seitdem muß ich den Rauchtischschrecken monatlich beschwören. -Zehnmarkweise. Als ich das Lösegeld zum siebtenmale in mein -Kassabüchlein eingetragen hatte, kommt meine Frau ins Zimmer. - -„Mann, ich weiß wohl, was du einträgst“, sagt sie erhaben. - -„Um Gottes willen --“ - -„Sei getrost, ich verzeihe dir.“ - -„Du liebe Frau,“ sag’ ich erfreut, „ich brauch’ es also nicht mehr -kommen lassen?“ - -„Im Gegenteil, du kannst es kommen lassen, auf der Stelle.“ - -Ich sank zusammen. Ich tat geistesabwesend. - -„Mann, verstell’ dich nicht -- Kassabüchlein -- monatlich zehn Mark -- -Kreszenz Hasenfratz -- wir wissen alles --“ - -„Ihr?“ stammele ich, „wer Ihr?“ - -Geht die Türe auf: „Lieber Schwiegersohn -- meine Tochter schrieb mir -alles -- wir wissen wohl um deine Jugendsünde -- laß das arme Kind nur -kommen --“ - -„Das Kind? Was für ein Kind?“ stotterte ich. - -„Dein Kind!“ donnerte sie, „und zum Zeichen, daß wir dir verziehen, -habe ich dir auch ein neues Rauchtischchen...“ - - - - -Der Familienaufsatz - - -Montag brachte Hans das Aufsatzthema heim: „Der Krieg, eine Geißel -der Menschheit.“ „Konzept am Sonnabend abzuliefern“, hatte der Lehrer -gesagt. „Schreibt diesmal frei, ganz aus euch selbst heraus.“ - -„Herrgott, ist bis zum Sonnabend lang“, dachte Hans und schlug die -Geißel in den Wind. In den Wind geschlagene Geißeln knallen irgendwann. -Beim Hans am Freitag. Es war ein Gewissensknall. Die Familie knallte -mit. „Der arme Bub,“ sagte die Mutter, „von heut auf morgen einen -ganzen Aufsatz.“ -- „Gott,“ sagte Vater, „ich habe zu manchem -verzwickten Geschäftsbrief nicht mal soviel Zeit.“ - -„Jaja,“ sagte Tante Lotte nachdenklich, „der Aufsatz, eine Geißel der -Menschheit.“ -- „Na, mit ’m bißchen Grips und ’m Schuß Inspiration -läuft auch der schwerste Aufsatz“, sagte Onkel Franz. „Setz’ dich nur -mal dran, Hans.“ - -Hans setzte sich von Freitag nachmittag 4 Uhr bis 8 Uhr daran: „Der -Krieg, eine Geißel der Menschheit -- Der Krieg, eine Geißel der -Menschheit -- Der Krieg, eine Geißel der Menschheit -- Der Krieg, eine -Geißel der -- Mutter, weißt du keinen schönen Satz?“ -- „Einen schönen -Satz über den gräßlichen Krieg, Hans?“ -- „Er meint einen stilistisch -schönen Satz“, sagte Tante Lotte. Und dann klopften Mutter und Tante -an Onkels Zimmer: „Onkel, der Bub braucht einen schönen Satz.“ -- „Ach -was, mit ’m bißchen Grips und ’m Schuß Inspiration --“ -- „Schuß? Er -braucht halt ein wenig Vorschuß, der arme Bub’ -- wenn ich denke: von -heut auf morgen eine ganze Geißel --“ - -Das war um 6¼. Um ½7 wälzte Onkel Franz das zwölfte Buch. „Einen -schönen Satz?“ murmelte er. „Schreib mal diesen Satz auf Seite 63, -Junge.“ Und folgsam schrieb der Hans in sein Konzeptheft: „Die -materiellen, intellektuellen und moralischen Konsequenzen eines Krieges -leuchten wie ungeheure Fanale des Leidens durch die Geschichte.“ -- -„Kannst ihn mal der Tante zeigen, Junge.“ - -Hans zeigte ihn der Tante. Sie kam sofort herüber: „Ein schöner -Satz, Onkel Franz, ein wirklich wunderschöner Satz.“ -- „Na, nicht -so schlimm, mit ’m bißchen Grips und ’n Schuß Inspiration -- und nun -machst du einfach in dem Stile weiter, Junge.“ - -Hans machte bis um 7 weiter, ohne mit dem zweiten Satz fertig zu -werden. „Onkel Franz, bitte noch einen schönen Satz.“ -- „Jetzt kann -dir mal die Tante helfen, Junge.“ -- „Tante, bitte, noch einen schönen -Satz.“ Tante Lotte blätterte schon seit einer Viertelstunde in ihren -alten Albums. „Schreib mal das da“, sagte sie errötend. Und folgsam -schrieb Hans in sein Konzeptheft: „Der rosenfingrige Eros kämpft -siegreich gegen dräuende Wolken, morgenrotes Blut fließt in Strömen: -Krieg überall.“ -- „Kannst ihn mal der Mutter zeigen, Junge“, sagte -Tante Lotte. - -Hans zeigte ihn der Mutter. Gleich kam sie aus der Küche. „Ein -wundervoller Satz, Tante Lotte“, sagte sie. -- „Jetzt einen Satz von -dir, Mutter“, bat Hans. -- „Aber Hans, ich mach’ das Abendessen fertig, -ich kann keine schönen Sätze kochen.“ -- „Aber Mutter, irgendeinen -Satz wirst du doch --“ Da schlug die Mutter im Kochbuch nach: „Den -vielleicht, Hans?“ Und folgsam schrieb der Hans in sein Konzeptheft: -„Die durch den Krieg hervorgerufene Knappheit zwingt auch die -kriegsfeindliche Hausfrau zur Beschneidung der lukullischen Bedürfnisse -ihrer Familie.“ Tante Lotte meinte zwar, der Satz sei ein wenig -nüchtern. „Bis auf ‚lukullisch‘“, sagte Onkel Franz. - -Dann kam Vater an die Reihe, der vom Geschäft heimkam. Er machte -eine Miene, als diktiere er dem Buchhalter: „Im Besitze Ihres sehr -geehrten...“ Aber dann steckte er die Hände in die Hosentaschen und -sagte auf und ab gehend: - -„Schreib mal, Junge: ‚Die möglichen Kriegsfolgen lassen es rätlich -erscheinen, die Konjunktur in Rechnung zu stellen und vorher zu -eskomptieren.‘“ - -Darauf fiel dem Onkel Franz wieder ein Satz ein. Dann wieder Tante -Lotte und der Mutter, so daß Hans noch mehrere Male reihum schöne -Sätze ins Konzeptbuch schreiben konnte. Und eine Stunde nach dem -Abendessen war es Onkel Franz gelungen, aus einem großen Kriegsbuch -vom letzten Siebziger Krieg noch einen kunstvoll aufgebauten Schluß -herauszuklauben. Worauf sich Hans schlafen legte. Nicht ohne daß er es -noch durch die Tür sagen hörte: „Der arme Bub’: von einem Tage auf den -andern solchen schweren Aufsatz...“ Damit schlief er befriedigt ein. - -Aber im Traum ging’s ihm nicht gut. Er war im Himmel, mitten in einer -Volksversammlung. Petrus saß am Pult und sagte: „So, und jetzt erzähl’ -mal einer nach dem andern, was er im Krieg erlebt hat.“ Einer trat vor: -„Mir ist mein Sohn gefallen...“ Es war ein erschütternder Bericht in -einfachen Worten. „Der nächste“, sagte Petrus. Jemand trat vor: „Ich -bin gefallen in der Sommeschlacht ...“ Stoßweise, wie das Volk spricht, -erzählte er die Schrecken seiner Schlacht. „Der nächste“, sagte Petrus. -Jemand trat vor: „Was ich mir ein Leben lang ersparte, hat der Krieg -verbrannt...“ Mit einer fernen Stimme erzählte er den Russeneinfall -seines Dorfes. Noch viele rief der Petrus auf. Sie standen auf und -sprachen schlicht und setzten sich. Und jedesmal ging dem Hans ein -Rieseln übers Rückgrat. Das ging vom dritten Wirbel in der Wirbelsäule -aus. Dort sitzt die Wahrhaftigkeit. - -„Hans, was hast du im Kriege erlebt?“ -- „Einen -- einen Aufsatz“, -stotterte Hans. -- „Lies mal!“ Und Hans schlug sein Konzeptheft auf und -las: „Die materiellen, intellektuellen und moralischen Konsequenzen des -Krieges leuchten wie riesige Fanale...“ Und er trommelte alle schönen -Sätze herunter. Und hinter dem schönen Schlußsatz dachte er stolz: „Was -sagen Sie nun, Herr Petrus?“ - -„Paß mal auf, Hans“, sagte Petrus und schob einen Vorhang auf die -Seite. Der Krieg ward sichtbar. Er war aus Marmor. Schrecklich war er -anzuschauen in seiner unbändigen Wild- und Nacktheit. „Gib mal dein -Konzeptheft, Hans.“ Einzeln riß Petrus die Blätter heraus und steckte -sie mit Nadeln an die Statue. Dort verwandelten sie sich in ein Kleid. -Und es war aus lauter bunten, zerrissenen Lumpen zusammengesetzt. -Unsäglich erbärmlich hing das alles unter dem entsetzlich erhabenen -Gesicht des Krieges herab. Und Hans wurde rot im Traum und schämte sich -und wachte auf. Schon war es hell. - -Er schaute auf die Uhr. 4 Uhr morgens. Schnell in die Kleider. Noch -schneller an den Arbeitstisch. Her mit dem Heft. Heraus mit den -Aufsatzseiten. Eine neue Seite angefangen. Ha, wie die Feder flog. -Nicht einen Augenblick brauchte sie sich zu besinnen. Sie schrieb die -Volksversammlung von heute nacht, ohne Aufputz, schlicht, in kurzen -Sätzen, stoßweise, wie das Volk spricht... - -Als Hans an diesem Morgen in die Schule ging, kam der Balthasar -gerannt: „Du, Hans, ich habe keinen Aufsatz, laß mich deinen -abschreiben!“ - -„Aber Balthasar, das geht doch nicht.“ - -„Du bist ein netter Kamerad, na, warte, ich werd’ mir’s merken.“ - -Hans wurde heiß. Schon öffnete er den Ranzen, schon griff er nach dem -Heft, auf einmal schoß es ihm warm vom dritten Rückgratswirbel, dem -Sitze der Wahrhaftigkeit, über das Gesicht. - -„Nein, Balthasar“, sagte er fest. Aber da hatte der Balthasar roh -hineingegriffen und war davongerannt. Eine Handvoll Blätter schwang -er lachend in der Luft. Laut las er unterm Laufen: „Der Krieg, eine -Geißel der Menschheit. Die materiellen, intellektuellen und moralischen -Konsequenzen des Krieges leuchten wie riesige Fanale --“ - -„Aber Balthasar, das sind ja -- das ist ja --!“ - -„Kenn’ ich schon -- möchtest mir’s wieder abluchsen -- da wird nichts -draus -- in der Religionsstund’ schreib’ ich’s ab.“ - -Und während in den ersten Bänken der Katechismus abgefragt wurde, -schrieb der Balthasar in der letzten Bank aus Raschelblättern ab und -ab. Eben war er fertig, als der Aufsatzlehrer eintrat: „Konzepthefte -einsammeln!“ - -Eine Woche verging. Hans war recht still. Stiller als die Seinigen zu -Hause. Alle Augenblicke stellte ihn dort jemand auf der Treppe, im -Korridor, im Zimmer: „Nun, Hans, ist dein Aufsatz schon zurückgegeben?“ -fragte Mutter. -- „Na, Hans“, sagte Onkel Franz, „und der Aufsatz?“ --- „Hans, hast du deine Eins schon abgekriegt im Aufsatz?“ sagte -Tante Lotte. -- „Hannes, Hannes,“ sagte am zuversichtlichsten der -Vater, „diesmal hat er dich wohl übern Schellenkönig gelobt, dein -Aufsatzlehrer, he?“ - -„Die Aufsatzhefte werden erst am nächsten Sonnabend zurückgegeben“, -sagte Hans leise. Fast geduckt ging er weiter. Sie sahen ihm nach: - -„Ich weiß nicht, was der Junge hat,“ sagten sie kopfschüttelnd, „wenn -uns jemand so geholfen hätte mit den schönsten Sätzen, als wir in die -Schule gingen...“ - -Da war der Sonnabend da. Und da lag der Stoß Aufsatzhefte am Katheder, -so hoch, daß des Lehrers Angesicht darüber kaum zu sehen war. - -„Zunächst die beste Arbeit,“ sagte der Lehrer, ernst ein Heft in seinen -Händen wägend, „Hans, das war deine beste Arbeit. Ganz warm ist mir -dabei geworden. Hört mal...“ - -Mäuschenstill hörte die Klasse Hansens Aufsatz an. Nur der lange -Balthasar in der letzten Bank rutschte etwas hin und her. - -„Hans, bei dieser Nummer magst du bleiben. Note 1. Wie einem das wohl -tut, wenn man all den andern aufgeblasenen Sums -- zum Beispiel den -da -- hört mal: ‚Die materiellen, intellektuellen und moralischen -Konsequenzen des Krieges leuchten wie riesige Fanale‘ und so weiter -und so weiter. Sag’ mal, Balthasar, wo hast du dir denn diesen -abgestandenen Schmarr’n zusammengestohlen?“ - -„Von -- von -- vom Hans!“ - -„Na, das ist denn doch! -- Hans kann solches aufgepapptes Zeug -überhaupt nicht schreiben. Hans, dieser Aufsatz soll von dir sein?“ - -„Nein, Herr Lehrer.“ - -Zu Hause sah man es ihm an. Sie umdrängten ihn: „Na, Hans, der Aufsatz -ist zurück?“ Hans nickte selig. „Und du hast den Vogel abgeschossen, -Hans?“ Hans nickte seliger. „Na, kein Wunder, lieber Hans -- aber -danken hättest du uns wenigstens ’n bißchen können...“ - -Auf dem nächsten Schulweg warnte den Hans ein Kamerad: „Du, nimm dich -vor dem Balthasar in acht. Er sagt, du hättest ihn mit dem letzten -Aufsatz schauderhaft hereingelegt. Und er will dich ebenso verhauen.“ - -Da straffte sich dem Hans etwas im vierten Rückgratswirbel, wo der Mut -sitzt, gleich hinter der Wahrhaftigkeit: „Soll nur kommen!“ - - - - -Der Hunderter - - -Ich habe einen sonderbaren Hunderter. Der will nicht aus meiner -Kasse. So oft ich mich bemühe, ihn zu einem Extrazweck auszugeben, er -knistert: Nein. Vielleicht kann ihm jemand helfen? Aber dazu muß ich -seine Geschichte erzählen. - -Der Hunderter gehörte früher meiner Tante. Und noch früher der -Frida. Und noch früher, das weiß ich nicht. Niemand weiß, woher ein -Hunderter kommt, niemand weiß, wohin er geht. Hunderter sind wie -Schienenstrangstücke in Untergrundbahnhöfen: Dunkel, kurzes Blitzen, -wieder Dunkel. Das Blitzen meines Hunderters trug sich so zu: Die Frida -diente bei meiner Tante. Grundehrlich, stand in ihrem Dienstbuch. Aber -das steht in vielen. Was in Dienstbüchern steht, ist nicht so wichtig. -Wichtiger ist, was nicht darin steht. Nicht darin stand, daß sie von -der stillen Art war. Kein Klappern, kein Geschrei, kaum ein Fragen. Und -wenn man selber eben fragen wollte: „Frida haben Sie...“ oder „Frida, -ist schon...“, so war schon immer alles fertig. Leise schwangen ihre -langen Arme an den breiten Hüften: „Und was jetzt?“ Mit diesem „Und -was jetzt?“ ging sie durch das Leben. - -Meine Tante wußte, was sie an ihr hatte. Aber einmal fehlte ein -Hunderter. Die Tante hatte ihn in die Schreibtischschublade geschoben, -als es klingelte. Dabei vergaß sie, den Schlüssel umzudrehen. Dann -unterschrieb sie auf dem Gang den Einschreibebrief, während die Frida -den Schreibtisch abstaubte. Erst am Abend erinnerte sich meine Tante an -den nicht umgedrehten Schlüssel. Der Hunderter war verschwunden. - -Drei Tage trug sie’s mit sich ’rum. Das ist länger, als es eine -Durchschnittshausfrau trägt. Dann ging’s nicht mehr: „Frida, war -sonst jemand in dem Zimmer, als Sie staubten?“ -- „Nein, gnä’ Frau.“ --- „Frida, aus diesem Kästchen ist ein Hunderter fortgekommen.“ -- -„Jawohl, gnä’ Frau“ -- Fridas Mund. „Und was jetzt?“ Fridas Arme. -- -„Frida, haben Sie den Hunderter genommen?“ -- „Nein, gnä’ Frau,“ Fridas -Mund. „Und was jetzt?“ Fridas Arme. -- „Frida, den Hunderter kann -niemand anders genommen haben.“ -- „Jawohl, gnä’ Frau,“ Fridas Mund. -„Und was jetzt?“ Fridas Arme. „Nur gut, daß Sie’s gestehen, Frida, -geben Sie ihn her.“ -- „Ich hab’ ihn nicht, gnä’ Frau.“ -- „Also ist er -schon bei einem Helfershelfer?“ - -Fridas Arme hörten auf zu schwingen. Jetzt erst hatten sie begriffen. -Sie weinte. „Gut, ich gebe Ihnen vierundzwanzig Stunden Zeit,“ sagte -Tante. - -Dann am nächsten Tage: „Nun, Frida?“ -- „Ich hab’ ihn nicht, ich -versteh’s nicht.“ -- „Wär’ mir leid, Frida, wenn ich nach der -Polizei...“ Die Frida heulte nicht mehr. Der Hunderter war für sie -erledigt. Nur ihre Arme schwangen: „Und was jetzt?“ -- „Für jetzt -will ich’s nochmal gut sein lassen, Frida. In acht Tagen ist die -Osterbeichte. Was Sie mir nicht beichten, können Sie dem Pfarrer sagen.“ - -Im Beichtstuhl war die Frida fertig. „Und sonst?“ fragte der Pfarrer. -Die Frida schwieg. „Und der Hunderter, Frida?“ redete der Pfarrer -gütlich zu. -- „Sehen Sie, Frida, ich mein’s gut mit Ihnen, es -kommt sonst kein Friede mehr ins Haus, wenn Sie ihr Gewissen nicht -entlasten.“ -- „Jawohl, Hochwürden.“ -- „Nicht drängen darf ich Sie, -Sie müssen selber...“ - -Die Frida war zum zweitenmal im Beichtstuhl fertig und wollte sich -erheben. „Wie ist es, Frida, wollen Sie mir nicht den Auftrag geben, -daß es Ihnen Ihre Frau nach und nach vom Lohn abzieht?“ Durch das -Gitter glaubte er ein Nicken zu erkennen. Aber es waren nur Fridas -Arme: „Und was jetzt?“ -- „Und jetzt gehen Sie ruhig nach Haus. Ich -will mich auch persönlich noch für Sie verwenden, daß Sie nicht -entlassen werden.“ - -Sie wurde nicht entlassen. Jeden Monat zog ihr die Tante zwei Mark -am Lohn ab. Und fünfzig Monde sind in vier Jahren glatt vorüber. Vier -Jahre aber sind nicht allzulang, wenn man mit schlenkernden Armen -dient: „Und was jetzt?“ - -Dann starb die Tante. Ich war ihr Erbe. Kurz vor ihrem Ende hat sie -mir die Geschichte mit Fridas Hunderter vertraut. Wenn sie’s nicht -getan hätte, ich glaube, wir hätten Frida gebeten, bei uns in Dienst zu -treten, sie war gar so tüchtig. Aber so... So war’s schon besser, daß -sie die Arme wo anders schlenkerte, wo man es nicht wußte. - -Jahre kamen, Jahre gingen. Arme schlenkerten, wurden müd, und neue Arme -traten an die Stelle, junge Arme, junge Hände. Solche Hände meines -jüngsten Sohnes spielten einmal an einer Schreibtischschublade. Es ging -schwer, er zog und zog... „Jetzt hab ich’s endlich, Vater,“ kam er -angerannt, „schau, das da war dazwischen.“ Er hielt einen zerknitterten -Hunderter in der Hand. - -Was bin ich gelaufen, was hab’ ich geschrieben -- ich habe sie nicht -mehr aufgefunden, die Frida. Vielleicht ist sie tot. Vielleicht -schlenkert sie in einem fernen Dienst die langen Arme: „Und was jetzt?“ - -Jetzt? Ja, jetzt liegt der Hunderter in meiner Kasse. Es ist ein -sonderbarer Hunderter. Er will nicht hinaus. So oft ich mich bemühe, -ihn zu einem Extrazweck hinauszugeben, und wäre es der beste -- mein -Hunderter knistert: Nein. - -Vielleicht kann ihm jemand helfen? - - - - -Der Spohrer - - -Als die Schule einen Teil vom Hansi von uns schälte, merkten wir’s erst -gar nicht. Eines Tages aber schrie es von der Straße: „Miller!“ - -Mutter rührte ruhig weiter um im Kochtopf. Was ging sie der Miller an? - -„Mi--iller!“ schrie es ärger. - -Meine Arbeit am Schreibtisch fing ein wenig an zu stocken. ‚Miller?‘ -dachte ich dunkel zwischen zwei Sätzen, ‚der Name kommt mir fast -bekannt vor -- na, im Grunde: was geht mich ein Miller an?‘ Whupp, -holte schon die Feder aus zum nächsten Satz. - -„Mi--i--i--ille--e--er!“ klirrte jetzt das Fenster neben meinem -Schreibtisch. Auf damit, den ärgerlichen Kopf hinausgestreckt -- stand -da ein kleiner, runder Kerl auf der andern Straßenseite, blaurot im -Gesicht vor lauter Millerrufen und machte eben seine Händchen hohl zu -einem verstärkten Millergedröhn. - -„Willste wohl!“ drohte ich hinab, „was ist denn los?“ - -„Ich geh zum Schlittenfahr’n -- der Miller soll ’runterkommen mit -sei’m Schlitt’n!“ brüllte das Kerlchen herauf. - -Nein, dieser unverschämte Bengel! Dem sollte ich wohl seinen Boten -machen, um aus irgendeinem Stockwerk über uns oder unter uns -irgendeinen Miller -- - -„Du, Mann,“ sagte hinter meinem Rücken die seltsam bedrängte Stimme -meiner Frau, die aus der Küche hergekommen war, „du Mann, ich glaube, -er meint unsern -- unsern Hansi.“ - -„Unsern -- unsern --?“ stammelte ich verbindungslos. - -Der kam plötzlich aus dem Kinderzimmer hereingeschossen. - -„Warum habt ihr nicht gesagt, daß mich der Spohrer ruft?!“ sagte er -gekränkt, holte sich seinen Schlitten und zog mit dem Spohrer ab. Weder -der Hansi noch der Spohrer warfen einen Blick zurück zum Fenster, wo -die Mutter noch lange neben dem Vater stand und ihnen nachsah. Nachsah, -bis der Schlitten und der Hansi und der Spohrer um die letzte Ecke -bogen. - -„Der Miller“, sagte sie langsam und bemühte sich, mich anzulächeln. -Aber da stürzten ihr die Tränen aus den Augen. Sie fuhr sich an den -Lenden hinab, als habe sich daran zum erstenmal ein Stück von ihrem -Hansi abgeblättert. - -„Der Spohrer“, gab ich ihr zur Antwort und fuhr mir über die Schläfe, -als habe sich da was Fremdes angesetzt. - -An diesem Morgen hat Mutter noch unzählige bittere Miller in die -Mittagssuppe eingerührt. An diesem Morgen drängten sich ganze Trupps -von unverschämten, kugelrunden Spohrern durch die Zeilen meiner Arbeit. - -Von da ab wuchs der Spohrer drohend in unsere Familie hinein. Gewisse -weiche Stellen fingen an sich zu verknorpeln. Der Spohrer selber kam -nicht mehr. Nur seinen Schatten warf er lang und länger. - -„So, und jetzt muß ich zum Spohrer“, erklärte der Hansi immer wieder -nach dem letzten Mittagessenbissen. Wir hätten’s ihm verbieten können, -hätten wir uns nicht, hellgesichtig schweigend, eingestanden, daß -verbotene Liebe üppiger ins Kraut schießt, als erlaubte. So begnügten -wir uns, den Spohrer still zu hassen. Bis eines Tages Hansi sagte: „Der -Spohrer ist ein gemeiner Kerl!“ Sofort spürten wir, wie wir dem Spohrer -gut wurden: Doch ’n ordentlicher Kerl, der uns gab, was uns gehörte. -Und wir hätten auf ein Haar vergessen, uns beim Hansi zu erkundigen, -warum der Spohrer plötzlich ein gemeiner Kerl wäre. - -„Weil er -- weil er mir seinen Radiergummi nicht geschenkt hat“, -platzte Hansi heraus. - -„Aber Hansi, deshalb ist er doch nicht gemein“, fühlten wir uns -verpflichtet, für den Spohrer einzutreten. - -„Ja, und dann -- und dann ist er auf meine Feder mit dem Fuß -draufgetreten, der -- der gemeine Kerl!“ - -„Aber Hansi, das kann Zufall sein und --“ - -„Und dann -- und dann -- und überhaupt, der Spohrer ist ein gemeiner -Kerl!“ Der Hansi heulte. - -Zu Weihnachten schenkte ihm die Tante Elsa eine besondere Mütze. Nur -einmal setzte er sie auf. Das zweite Mal weigerte er sich: „Der Spohrer -lacht mich aus damit“, sagte er. - -Der Frühling kam. Das Maifest wurde fällig. Aber es regnete und -regnete. Der Spohrer sollte mit dem Fuße aufgestampft und gesagt haben: -„Wenn’s nur grad extra weiterregnen tät!“ Der Hansi war empört. Denn -nun war es klar, daß an dem Regen nur der Spohrer schuld war, dieser -ganz gemeine Kerl. - -„Der Spohrer hat mir eine ’neing’haut!“ klagte er ein andermal. - -„Wirklich, Hansi?“ - -„Ja -- beinah -- der -- der gemeine Kerl!“ - -„Beinahe eine ’neingehauen, Hansi?“ beharrte ich, „das sieht fast so -aus, als ob du ihm schon vorher eine hineinge--“ Aber da war er schon -aus dem Zimmer, der beinah hineingehauene Hansi. - -In der nächsten Woche zögerte er immer bis zur letzten Minute mit dem -Schulgang. - -„Hansi, was hast du?“ forschte die Mutter. - -„Der Spohrer paßt mir an der Eck’n auf -- mit’m Stecken -- der -- der -gemeine Kerl!“ - -Es wurde immer schlimmer. Unser ganzes Familienleben verspohrerte durch -den Hansi. Wir lebten in einer fortwährenden Angst dahin, der Spohrer -hätte -- der Spohrer wäre -- der Spohrer könnte -- der Spohrer würde. -Nichts Schlimmes gab es auf der Welt, das nicht dem Spohrer zuzutrauen -gewesen wäre. Der Spohrer lastete auf uns mit Schicksalsschwere. -Morgens, wenn Hansi erwachte: der Spohrer. Mittags, wenn er von der -Schule heimkam: der Spohrer. Abends, wenn ihm Mutter am Bettchen seine -letzte Sorge vor dem Sandmann abnahm: der Spohrer, immer nur der -Spohrer... Nur ein Trost war da für uns spohrergeschlagene Eltern: von -dem dunklen Spohrerhintergrunde hob sich hell und strahlend unser Hansi -ab. - -Eines Tages hat man mich wo eingeladen. Es stellt sich mir ein anderer -Eingeladener vor. „Spohrer“, sagt er und verneigt sich. Mir ist, als -wenn mich einer mit der Lanze in die Seite stäche. - -„Doch nicht ~der~ Spohrer?“ fährt es mir heraus. Und da war es -wirklich ~dem~ Spohrer sein Vater. Ich hätte es übrigens gleich -erkennen können, so klein und rundlich, wie er war, dachte ich. - -„Ich hätte es übrigens gleich erkennen können, so lang und hager, wie -Sie sind“, sagte im selben Augenblick der alte Spohrer zu mir. - -Und dann erzählte er mir ein langes und ein breites über meinen Hansi. -„Denken Sie,“ sagte er lächelnd, „mein Söhnchen sagt mir, Ihr Hansi -behandle ihn ~zu~ schlecht.“ - -„So, inwiefern denn!?“ sage ich beinahe beleidigt. - -„Ja, seinen Bleistift habe er zertreten, sagt er -- dann habe er ihm -einmal beinah eine ’neingehauen -- und auf dem Schulweg passe er ihm -auf, der -- der gemeine Kerl!?“ fügte er vergnügt mit der Stimme seines -Söhnchens bei. Und dann ernster: „Wenn Sie überhaupt jetzt in unsere -Familie hineinsehen könnten, so hörten Sie nur: Der Miller hat -- der -Miller ist -- der Miller wird -- mit einem Wort, wir sind vermillert -auf und ab.“ - -Wir lachten beide. Und beide stellten wir an diesem Abend lachend -fest, daß die Krankheit unserer Söhnchen durchaus nicht auf die Schule -beschränkt sei. Daß auch das Leben von uns Alten dicht durchsetzt von -Spohrern und von Millern sei. - -„Jaja, Herr Spohrer,“ bekannte ich auf dem Heimweg, „solang die Welt -steht, wird sie auch verspohrert --“ - -„-- Und vermillert sein,“ fiel er rasch ein, „es gehören immer zwei zu -einer -- einer stillen Liebe.“ - - - - -Glück - - -Als ich ein Bub war, ein verstaubter Stadtbub, kriegte Vater einen -Brief. Er schaute lange auf die Unterschrift: „Der ist von einem alten -Schulkameraden,“ sagte er, „der Glück gehabt hat -- Herr im Himmel, was -hat der Glück gehabt -- jetzt ist er Staatsrat und hat einen Parkbesitz -da draußen vor der Stadt.“ Dann erst las er den Brief. Es war eine -Einladung auf den nächsten Sonntag. - -Aber da gerade hatte Vater Dienst. Und Mutter hatte kein Ausgehkleid, -das halbwegs staatsratswürdig war. „Und ich?“ sagte ich glitzernd. Da -sahen sie an mir herab: Ja, mein Anzug wäre noch fast neu, und was das -Benehmen anbeträfe -- „eben brav sein und bescheiden, wie du’s in der -Schule sein mußt -- nicht etwa kriechend -- wir sind auch was, wenn wir -auch kein Staatsrat sind -- du hast da einmal einen Klassenkameraden -mitgebracht -- Mathias, glaub’ ich -- der trägt den Kopf aufrecht, weiß -was er will und läßt sich gar nicht extra imponieren -- an dem nimm -dir ein Beispiel.“ - -Das war nicht alles. Der Lehren waren noch ein Dutzend mehr. Aber nur -diese behielt ich. Denn wie ich in den Park des Staatsrats eintrat, war -auch der Mathias eingeladen. Er stelzte auf mich zu und sagte knapp: -„Bin hier fast jeden Sonntag -- der Staatsrat ist mein Onkel -- komm.“ - -Der Staatsrat gab mir die Hand, sagte, es sei schade, daß meine Eltern -nicht gekommen wären, und nun solle ich vergnügt sein -- „Mathias, nimm -dich seiner an!“ - -Das tat er. Er zeigte mir den Park. Da war eine herrliche Schaukel. Ob -ich schaukeln dürfe? Er zuckte die Mathiasschultern: „Meinethalben, -wenn dir solche Kinderei noch Spaß macht.“ - -Sie machte mir über eine halbe Stunde Spaß. Dann kamen wir an einen -Weiher mit einem entzückenden Boot. Ob ich rudern dürfe? „Meinetwegen, -wenn dir solche Wasserplantscherei Vergnügen macht“, sagte er mit -hochgezogenen Mathiasaugenbrauen. Und ich durfte ihn rudern, während er -gähnte. - -Dann war ein zahmes Reh hinter einem Zaun, ein allerliebstes Reh. Ob -ich’s betrachten dürfe? Er nickte nachlässig mit dem Mathiaskopfe: -„Meinetwegen, wenn du sonst nichts besseres weißt.“ Und wieder wußte -ich eine halbe Stunde lang nichts besseres und konnte mich nicht satt -sehen an den großen Rehaugen und den zarten Bewegungen, während der -Mathias, mit den Händen in den Hosentaschen, pfeifend um den Zaun ging. - -Dann gab es Erdbeeren mit Schlagsahne. Ob er je was besseres -gegessen hätte, fragte ich begeistert den Mathias. Da riß er langsam -den Mathiasmund auf und sagte gähnend: „Gott, man kann doch alle -Schlagsahnen, die man schon verzehrt hat, nicht im Kopfe haben.“ - -Darauf holte er sich ein dickes Buch und las es, während ich im weichen -Grase hinter einer blütenüberschneiten Hecke lag und träumte, träumte... - -Ich habe es noch lange Jahre später bekannt: das war mein schönster -Tag. Dann bin ich alt geworden und es versanken nacheinander meine -Eltern, der Park, der Staatsrat, der Mathias -- nein, den Mathias habe -ich gestern in einem Wartesaal wiedergetroffen, sehr vornehm, knapp -vorm Staatsrat, glaube ich. Aber er plauderte sehr gütig mit mir, -denn bis zu seinem Anschlußzuge hätte sich ihm sonst die Langeweile -angeschlossen. Als der Gesprächsstoff auszugehen drohte, sagte ich: -„Weißt du noch, Mathias: der gemeinsame Parknachmittag damals bei -deinem Onkel, dem Staatsrat --“ - -„N--ja, erinnere mich dunkel. Aber sprich nur zu, vielleicht daß ich -mich dann an die Einzelheiten --“ - -„Ja, da war vor allem die Schaukel -- dann der Weiher mit dem Boot -- -dann hinterm Zaun das Reh -- dann die Erdbeeren mit Schlagsahne -- -schließlich im Grase hinter der Hecke --“ - -„Ja ja, jetzt weiß ich’s wieder: es war gräßlich, nicht -- ah, eben -rufen sie den Zug ab -- du entschuldigst --.“ - - - - -Das blaue Band - - -Wie soll man sich zum blauen Band stellen? - -Hm, es kommt darauf an. Es gibt verschiedene blaue Bänder. Da wäre -zunächst ein blaues Band, das unsere Liebste trug, das unserer -kinderjungen Liebsten sich um den blonden Haarzopf schleifelte -- -ich weiß noch, wie lustig die seidenblauen Bänderenden in den Wind -flatterten. - -Nein, nicht dieses blaue Band. Ich bitte euch, wer spricht denn heute -noch von blauen Liebesbändern. - -Dann weiß ich noch ein anderes blaues Band, das ist es französisch: -_Le cordon bleu_, sagen sie hinter den Vogesen und verleihen es -der Köchin, die am besten kocht. - -Das ließe sich schon eher hören, zum mindesten ist es substantieller. -Aber noch nicht, wie soll ich sagen -- noch nicht aktuell genug. Habt -ihr denn nie von einem dritten blauen Band gehört, dem blauen Bande, -das von England ausging, _The blue ribbon_, nach dem ein Hetzen -ist und Jagen? -- - -So will ich euch seine Geschichte erzählen, wenn ihr Zeit habt, die -Geschichte vom blauen Band. - -Also dieses blaue Band bekam der Mast auf dem Schiff, das am -schnellsten durch den Ozean fuhr. _The blue ribbon_ ging von einem -Schiff zum anderen. Erst waren sie alle englisch, diese Schiffe. Das -erste war ein Zehnknotenschiff. Zum Lachen -- das haben sie damals -schnell geheißen. Dann entriß es diesem Schiff ein Dreizehnknoter. -Darauf mit einem scharfen Sprung ein sechzehnknotiger Ozeanrenner. -Und beim Siebzehnknotigen, dessen Mast das blaue Band umschlang, -da war es, daß ein Dichter die Bezeichnung „Windhunde des Meeres“ -prägte. Und reihum weiter wanderte das blaue Band, das vielbegehrte, -heißumstrittene. Ganze Völker waren an der Jagd beteiligt. Das war eine -Freude rechts und ein Jammer links, als hinter zwanzig Knoten das blaue -Band von England über den Kanal nach Deutschland flatterte. - -Nun ging erst recht das Jagen an. Herunter glitt das blaue Band vom -Mast und legte sich beklemmend den Kapitänen auf die Brust: Fahrt zu, -fahrt zu, heizt die Kessel, bis sie glühen -- das Band, das blaue Band, -wir müssen’s wieder haben! Was sagt ihr -- der Eisberg? Der Teufel soll -den Eisberg holen, wenn das blaue Band dahinter schimmert! - -Und dann war es, daß das blaue Band pfeilgeschwind durch die -Schiffsluke hinunterschoß über Treppen und Gestänge, daß es den Heizern -um die Ohren knallte: Vorwärts, vorwärts, schaufelt ein! Daß es um die -Kessel schwirrte, bis sie rot vor Zorn erglühten. Daß es im Manometer -die Dampfdrucksäule schob und zerrte, bis das blaue Band den roten -Explosionsstrich überdeckte... - -Und wenn dann der Kessel barst, und wenn dann der Eisberg einen -Schiffsleib aufriß, wie man eine Naht auftrennt, so sahen sie den -Kessel und den Eisberg, nicht das blaue Band. - -Und über das vergurgelnde Schiff wehte das blaue Band weiter übern -Ozean. - -Herüber und hinüber flatterte es zwischen den Nationen, ohne Rast und -Ruh. Und wenn’s des Meeres überdrüssig war, so flog’s aufs Land. So -tauschte es den Mast mit rauchenden Kaminen: in der Fabrik erstand -soeben eine neue Schraube, die dem besten Schiffe ein paar neue Knoten -zulegt; oder es webte blau durchs offene Fenster in ein Erfinderzimmer -und legte sich um seine hohe Stirne, just im Augenblicke, wo daraus die -Lösung einer neuen Dampfturbine sprang. - -Das blaue Band sah einen langen Weg zurück. Weit um die Erde ging -der unerbittlich schnurgerade Weg. Meilensteine standen klotzig -an den Rändern -- fünfundzwanzig Knoten -- sechsundzwanzig Knoten --- siebenundzwanzig Knoten... Was lag daran, daß da und dort ein -Meilenstein auch eine Grabinschrift auf seiner anderen Seite trug? - -Als ob die Leichensteine nicht an jedem Fortschrittswege stehen müßten! - -Und ein Fortschritt war es, als der dreißigknotige Schiffskoloß dem -blauen Bande seine Reverenz erwies. Als der Fünfunddreißigknotige den -Golfstrom schnitt, und als das Vierzigknotenschiff mit schwarzem Atem -den Wendekreis des Krebses heraufkeuchte. - -Nun gab’s kein Halten mehr im Rasen. Erfindung auf Erfindung holte sich -das blaue Band aus den Gehirnen. Wütend, immer wütender peitschte es -die Meere und die Menschen: fünfzig Knoten, sechzig Knoten, siebzig -Knoten. - -„Und ich gebe eher keine Ruh,“ sagte Mister Hobbledihoi, „als bis mein -‚Thunderer‘ fünfhundert Kilometer in der Stunde macht.“ - -Und Mister Hobbledihoi war der Mann, das durchzusetzen. Und eines Tages -fauchte sein „Thunderer“ wie ein Geschoß übers Meer. Am Bug, das blaue -Band, es ringelte sich vor Freude und schrieb die Zahl 500 in die -zerschnittenen Lüfte. - -Fünfhundert Kilometer in der Stunde waren überschritten. - -„Und ich gebe eher keine Ruhe,“ sagte Brinkmann, der Schiffsmagnat, -„bis mein ‚Blitzstrahl‘ die drei Nullen mit dem Einser vorne aus den -Wassern holt.“ - -Und Herr Brinkmann war der Mann, das wahrzumachen. Ein Heer von -Ingenieuren hetzte er mit Geld und Ehren. Ein Volk verfieberte er -zu wütender Begeisterung. Ein Kohlenbergwerk warf er in sein Schiff -und zwang es zu den tausend Kilometern in der Stunde. Das war in -einer Nacht, als an Bord die tausend Lichter glänzten. Im Luftschiff -drüber sahen es die Leute. Und es war ihnen, als blitzte eine riesige -Sternschnuppe durch den Weltenraum. - -Auf der Kommandobrücke stand der Schiffsherr Brinkmann neben -seinem Kapitän. Der Kapitän las beim Scheine einer Glühlampe den -Geschwindigkeitsmesser ab und legte salutierend seine Hand an die Mütze. - -„Ich gratuliere, Herr Brinkmann,“ sagte er, „der Zeiger hat die Tausend -überschritten. Darf ich es der Welt verkünden?“ - -Brinkmann nickte. Es war ein eisernes Nicken. - -Und als jetzt der Kapitän auf einen Knopf drückte, zerriß ein -ungeheurer Pfiff die Lüfte. Der sollte es der Menschheit sagen, daß -eine Riesentat vollbracht war. Eine Tat, die dieser Eisenmensch auf der -Brücke in die Welt warf. - -Der? - -Ein blaues Band kam auf den Schwingen jenes Pfiffes herangeflattert: - -„Mir galt der Pfiff,“ raschelte das Band, „ich danke...“ Und dann -ergriff es von dem Schiff Besitz. Und geruhig sah es, wie im nächsten -Hafen unter ihm die Kränze und die Sträuße sich zu Bergen häuften, wie -die Weihereden stiegen, wie die verstolzte Menschheit sich vor Hochmut -in die Brust warf... - -Und noch während dem Gerede drunten schaute das blaue Band am Mast nach -neuen Siegen aus. - -Die kamen. Die stampften gleichmütig über den Schiffskoloß und seinen -Herrn. Das war an jenem Tage, als Mister Hobbledihoi die bis dahin -allgewaltige Kohle aus seinem neuen Schiffe „Zeitlos“ warf und die -elektrischen Ströme, die verschwiegen die Erde umkreisten, zwang, -seinen „Zeitlos“ um die Erde zu jagen. Das war, als Mister Hobbledihois -„Zeitlos“ beim Sonnenaufgang von Europa fortschoß gegen Westen. -Das war, als fünfzehnhundert Kilometer in der Stunde überschritten -wurden. Das Wasser kochte vorn am Bug, der die Längengrade in sich -hineinfraß. Das Wasser kochte hinten am Kiel, wo die Schrauben -wahnsinnig geworden waren. Weit und breit kein kleinstes Fischlein -in der Wasserwüste -- sie waren vor dem Donnergang des „Zeitlos“ jäh -geflohen. Die schnellsten Vögel riß der Luftwirbel aus ihrem Reich, -ihre plattgedrückten Leiber klebten vorn am Buge. - -„Mister Hobbledihoi,“ sagte der Kapitän, „Brinkmann ist geschlagen.“ - -„Ich weiß es und ich ehre ihn, denn ich stehe auf seinen Schultern.“ - -In diesem Augenblicke kam der König auf die Brücke. Und es war der -König, welcher sich verneigte vor dem Schiffsherrn und ihm eigenhändig -ein blaues Band ins Knopfloch seines Rockes schlang. Nein, schlingen -wollte. Denn ein Windstoß kam und riß es in die Lüfte. - -„Wenn wir am Land sind, habe ich ein anderes,“ sagte der König: „nur -eine Frage hätte ich.“ - -„Bitte, Majestät.“ - -„Warum heißen Sie Ihr Schiff denn ‚Zeitlos‘?“ - -Der Schiffsherr wies stumm nach der noch immer aufgehenden Sonne, die -seit geraumer Zeit nicht um einen Zoll höher gegangen war am Horizonte. - -Der König verstand nicht gleich. - -„Das bedeutet?“ wandte er sich fragend an den Kapitän. - -„Das bedeutet,“ sagte dieser, „daß unser Schiff sich mit der gleichen -Geschwindigkeit von Osten nach Westen bewegt, als sich die Erde in der -umgekehrten Richtung um sich selbst bewegt, Majestät!“ - -„Und somit,“ ergänzte der Schiffsherr ruhig, „somit kann es auf unserm -Schiff nicht -- nicht später werden, solange wir nach Westen fahren.“ - -„Und auf unserm Schiff wird es immer Sonnenaufgang sein“, sagte der -Kapitän. - -Lange schwieg der König. Dann sagte er: - -„Ich hatte einen Vorfahren, der von sich sagen konnte, in seinem Reiche -ginge nie die Sonne unter. Ihr habt sein Reich zusammenschnurren lassen -auf ein stampfendes Schiff. Auch auf eurem Schiffe geht die Sonne -nicht mehr unter. Meines Vorfahrens Reich -- und euer Schiff -- meine -Herren, mich dünkt, wir könnten uns die Hände reichen...“ - - * * * * * - -Hier brach der Erzähler ab. - -Der zu seinen Füßen saß und horchte, sagte traumverloren: - -„Aber dann würden ja die Menschen auf diesem Schiffe auch nicht -- -nicht älter werden können?“ - -Der Erzähler lächelte: - -Der Ruhm des „Zeitlos“ hallte über die Erde. Die Menschen rissen sich -um einen Platz in den Kajüten. - -„Man altert nicht auf diesem Schiffe“, riefen sie, „die Uhr des Lebens -kann nicht einen Pendelschlag auf diesem Schiff tun. Auf seinen Planken -hat die Zeit die Macht verloren, nicht eine Runzel kann sie neu auf -unserem Gesichte ziehen.“ - -Um solches zu erlangen, war ihnen nichts zu teuer. Und -die Schiffswerften der Erde bauten Tag und Nacht an neuen -„Zeitlos“-Schiffen. - -Und in den Häfen drängten sich die Menschen: - -Wir wollen zeitlos werden, zeitlos! schrien sie und stürmten auf die -Schiffe... - -Aber da war es, daß eine neue Nachricht die aufgescheuchte Welt -durchzitterte: - -Brinkmann, der Besiegte, hatte sich erhoben. Brinkmann, der Besiegte, -hatte ein neues Schiff gebaut. Das hieß er „Die Vergangenheit“. Warum -denn „Die Vergangenheit“? Die Antwort spielte der Telegraph um die Erde: - -Das neue Schiff läuft schneller als der „Zeitlos“, also schneller auch -als sich die Erde um sich selbst bewegt. Mithin... - -Die zum ersten Male auf der „Vergangenheit“ fuhren, konnten sich -vor Staunen gar nicht fassen: eben, bei der Abfahrt, war die Sonne -im Westen in das Meer gesunken. Los schnellte das Schiff vom alten -Kontinent, wie vom Himmelsbogen ein Pfeil, den der Allmächtige in den -Weltenraum hinausschießt. Und, o Wunder, da sah man die untergegangene -Sonne wieder zurückgehen, wieder aus dem Meere aufwärtstauchen, wieder -zu einem neuen Nachmittage, nein, einem schon vergangenen Nachmittage -rückwärtswandern... - -Die Menschen auf dem Schiffe wurden nicht älter. Die Menschen auf dem -Schiffe blieben auch nicht stehen in der Zeit. - -„Wir werden jünger -- jünger -- jünger!“ riefen sie in überquellender -Begeisterung. - -„Wir wandern in unsere eigene Vergangenheit hinein!“ schrien sie. - -Und so war es. - -Die Menschheit, die nicht sterben wollte, flüchtete sich auf das letzte -Riesenschiff, auf „Die Vergangenheit“. Kaum, daß sie abgestoßen waren -vom Gestade der Gegenwart, schwenkten sie die Hüte, schwenkten sie die -Tücher: - -„Wir fahren in unser Jugendland, in unser Jugendland zurück!“ - -Das war ein sonderbares Rückwärtstauchen in die Vergangenheit. - -Da hatte man eben zärtlich Abschied genommen von den Seinen, als man -über die Schiffstreppe heraufstieg. Und gleich darauf durchlebte man -die Abschiedszärtlichkeit von neuem. - -Da hatte man ein großes Glück genossen vor der Reise. Und gleich darauf -wiederholte sich zwangsläufig alles Glücksgefühl von rückwärts. - -„Wie ist mir denn?“ sagten die Passagiere der „Vergangenheit“, „hatte -ich diesen Gedanken nicht schon früher einmal gefaßt?“ - -Und die, welche weiße Haare im Vollbart hatten, sahen mit Erstaunen das -vergangene Schwarz von neuem aus den Spitzen in die Höhe gehen und das -vertriebene Weiß verkroch sich in die Wurzeln. - -Und was das Sonderbarste war! Sie erlebten jetzt die Wirkung vor der -Ursache. - -Eines Jungen Wangen fingen rot zu brennen an. „Uh,“ heulte er, „uh“, -und hielt sich die Backe. Und danach erst bekam er von seinem Vater -die Ohrfeige, und wieder danach beging er jenen Streich, für den die -Ohrfeige vermeint war. Alles war jetzt umgekehrt wie früher. - -Erst kam die Sättigung, und wenn man trotzdem aß, so stellte sich der -Appetit am Schlusse ein. Man gab sich einen Kuß und fragte danach erst, -ob man sich einen geben dürfte. Man legte sich des Morgens ausgeruht -ins Bett und schlief sich müd zum Abend vor, stand auf und fing die -Arbeit an und wurde munter, immer munterer. Man machte die Entdeckung, -daß man mit einer Arbeit fertig war, und war im Handumdrehen erst am -Anfang, wo man an dem Federhalter kaute... - -Wieder stand Brinkmann neben dem Kapitän auf der Schiffsbrücke. - -„Es ist sonderbar,“ sagte der Kapitän, „ich habe darüber nachgedacht -und finde, daß jetzt die Welt gerade infolge des rasenden Fortschritts -rückwärts geht.“ - -„Ich denke, wir treiben hier keine Philosophie, Kapitän“, sagte -Brinkmann, der Eisenmann. - -„Nein,“ sagte der Kapitän, „wir treiben Schnelligkeit, und wir selber -treiben mitten in der Schnelligkeit, ein wenig hilflos, will mir -schei--“ - -Es knitterte vom Mast. Ein Funkspruch wurde überbracht. Brinkmann las. - -„Rasch, Kapitän,“ sagte er, „steuern Sie sofort zum Pol. Ich erhalte -hier eine sonderbare Nachricht von meinem alten Feind, dem Mister -Hobbledihoi -- ich muß sehen, ob das wahr ist...“ - -Und dann flog die „Vergangenheit“ zum Pol. - -Der war auf einer Insel. Dort hielt die „Vergangenheit“. Brinkmann und -der Kapitän nahmen ihre Fernrohre an die Augen. - -„Sehen Sie ihn, Kapitän?“ - -„Ja, ich sehe Mister Hobbledihoi haarscharf auf der Erdachse sitzen.“ - -„Auf einem Stuhle, glaub’ ich?“ - -„Ja, ein Klavierstuhl, der sich ohne Ende dreht. Wie rasend dreht sich -der Mensch um die Polachse, warten Sie, von -- von Ost nach West --“ - -Da tat Brinkmann, der Eisenmann, einen fürchterlichen Fluch. - -„Kapitän, Kapitän, nun hat uns dieser dennoch überwunden!“ schrie er. - -„Wieso?“ - -„Zum Teufel, verstehen Sie denn nicht: so oft sich dieser Mensch auf -dem Klavierstuhl herumgedreht hat, so oft sich seine Beine einmal um -die Polachse geschlenkert haben, hat er dasselbe getan, dasselbe, was -wir --“ - -„Was wir in einer Erdumschiffung taten -- in der Tat, das hat er, und -bei jeder Drehung wird er in viel, viel kürzerer Zeit um einen Tag -jünger, als wir es auf unserer ‚Vergangenheit‘ jemals werden können.“ - -Und dann sahen sie mit ihrem Fernglas, wie der Mann sich auf dem -Klavierstuhl schneller drehte, immer schneller. - -„Weiß Gott,“ schrie Brinkmann, „jetzt ist er gut um dreißig Jahr -jünger, als ich ihn das letzte Mal sah.“ - -„Nein, um vierzig“, sagte der Kapitän. - -„Ein Junge ist er jetzt, ein Junge!“ - -„Wahrhaftig, nicht mal mehr ’n Bart.“ - -„In den Windeln liegt er, in den Windeln!“ - - * * * * * - -„Und jetzt, Kapitän, was sehen Sie jetzt?“ - -„Jetzt sehe ich gar nichts mehr.“ - -„Das ist doch nicht möglich -- schauen Sie schärfer!“ - -„Keine Täuschung -- leer ist der Klavierstuhl, rattekahl leer.“ - -„Kreuzteufel, wie erklären Sie das, Kapitän?“ - -„Wie ich mir das erkläre? Ei ganz einfach -- der Mann hat sich durch -die Schnelligkeit über seine eigene Geburt hinausgelebt -- weg ist er --- nicht mehr wiederkommen tut er.“ - -„Aber wenn wir ausstiegen, Kapitän -- wenn wir den Klavierstuhl in der -anderen Richtung drehten?“ - -„Was futsch ist, das ist futsch und wird nicht mehr lebendig.“ - -„Kapitän, drehen Sie um -- wir fahren heim.“ - -„Mit welcher Geschwindigkeit?“ - -„Mit -- mit einer -- vernünftigen.“ - -„Vielleicht fünfzig Kilometer über Erdachsengeschwindigkeit?“ - -„Zum Teufel mit der Übererdgeschwindigkeit -- wir fahren einfach -fünfzig Kilometer in der Stunde.“ - -„Sehr wohl.“ - -Brinkmann wollte gehen. Da löste sich vom Mast ein blaues Band, ein -blaues Schleifchen. In zierlichen Spiralen schaukelte es dem Kapitän zu -Füßen. Der hob es auf. - -„Meister,“ rief er Brinkmann nach, „Meister, das blaue Band ist vom -Mast gefallen -- was soll ich tun damit -- soll ich’s wieder --?“ - -Der eiserne Brinkmann drehte sich um: - -„Das blaue Band“, sagte er langsam. „-- Sie haben ein junges Mädel zu -Hause, nicht wahr, Herr Kapitän?“ - -„Ja, allerdings.“ - -„Dem flechten Sie’s ins Haar, Kapitän...“ - - - - -Die Rundfrage - - -In der Redaktion war es schwül. Der Verleger hatte angeklingelt: -täglich der alte Schnee im Blatt, ob das eine Leistung sei -- hopla, -meine Herren, mal ’nen Bauchaufschwung, Rundfrage oder so was, aber fix -und or’j’nell, wenn ich bitten darf... - -Die Redaktion stützte den Kopf in die Hand: Rundfrage? Als ob die -andern Blätter nicht schon alles Denk- und Undenkbare rundgefragt -hätten vom Säugling bis zum Sarg! Hm, ob vielleicht jenseits des -Säuglings unabgegrastes Rundfragsland sich dehnte? Etwa: „Wie denken -Sie über vorgeburtliche Erziehung?“ - -Die Redaktion schlug im Konkurrenzregister nach. Richtig: -„Aufsehenerregende Umfrage über Vorgeburtserziehung durch die Redaktion -der ‚Morgenröte‘.“ Diese „Morgenröte“ schnappte aber auch schon alles -weg! - -Dann vielleicht jenseits des Sarges? Etwa: „Wie denken Sie über ein -Fortleben der Seele nach dem Tode?“ Wenn man nur gleich wüßte, ob man’s -im Register unter _F_, _S_ oder _T_ zu kontrollieren hatte. Ha, da -stand es: „Rundfrage über die Unsterblichkeit“, veranstaltet von der -„Abendröte“, von der „Mittagsröte“, von der „Nachmittagsröte“, von der -„Five-o’clocks-tea-Vorabend-Röte“. Alles dagewesen -- - -Ha, da kam ihm ein Gedanke: - -„Herr Kollege, was sagen Sie zu der or’j’nellen Idee einer Umfrage über -‚Wie denken Sie über Umfragen?‘“ - -„Mensch, lesen Sie denn nicht die Konkurrenz? ‚Umfrage über Umfragen‘, -letzte Woche veranstaltet von der Vormittagsröte --“ - -„Na, denen können wir nicht nachklappen. Aber was ganz Apartes: ‚Wie -denken Sie über Rundfragen über Rundfragen über Rundfragen?‘ -- he, -Kollege?“ - -„Sie sollten ein halbes Stündchen an die frische Luft gehn, Kollege. -- -Aber wir wollen mal die Setzerlehrlinge befragen -- die sind nicht so -ausgekocht.“ - -Die Setzerlehrlinge machten es wie die Redaktion und stützten ihr -Haupt in die Hand. -- „Na, Heinrich, haste dir noch nie Gedanken über -irgendwas Merkwürdiges gemacht?“ - -„Wenn ick uff’m Randstein langjehe, muß ick’s immer mit de Fieße so -inrichten, dat ick nich uff ’ne Fuge komme; warum mag det woll so sind?“ - -Noch am gleichen Tage knatterte die Setzmaschine den Umfragbogen in den -Schmelztiegel, der sie an die Druckerschwärze weitergab: - - Randstein-Fugen-Tritt-Vermeidungs-Umfrage. - - I. Haben Sie in Ihrer Jugend vermieden, auf Randsteinfugen zu - treten? - - _a_) wenn ja, 1. warum? 2. mit welchem Erfolg? - - _b_) wenn nein, hat sich diese Neigung 1. später eingestellt? - 2. in welchem Alter? 3. mit welchen Begleiterscheinungen? normal? - abnorm? - -In der Ersten-Frühstücks-Ausgabe der Zweiten-Frühstücks-Röte erschien -der Umfragbogen. Dann begann der zweite Umfragsauftakt, das Verschicken -an sämtliche hervorragende Leute an der Hand eines gleichlautenden -Begleitbriefes: - - Hochverehrter Herr und Meister! - - Aus der Fülle des uns täglich zuströmenden psychologischen - Materials hat eine eigenartige Menschheitsfrage immer dringlicher - ihr Rätselhaupt erhoben, eine Frage, die, so unscheinbar sie - erscheint, vielleicht in ihrer gründlichen Beantwortung dennoch - geeignet ist, unabsehbares Licht in dunkle Seelentiefen zu werfen. - Indem wir Ihnen die restlose Zergliederung dieser Frage in dem - beiliegenden Fragebogen unterbreiten, sind wir uns bewußt, daß vor - allem Ihr umfassendes Wissen und durchdringender Geist, verehrter - Herr und Meister, geeignet erscheint usw. - - Wir werden das Ergebnis der Rundfrage systematisch aufarbeiten - und veröffentlichen, ebenso wie wir nicht verfehlen werden, die - auf Grund einer Separatumfrage innerhalb des Schoßes unserer - Redaktion sich ergebende beste Antwort mit einem Freibezug unserer - „Zweiten-Frühstücks-Röte“ für ein ganzes Jahr auszuzeichnen... - -Für die führenden Köpfe des Landes begann eine nachdenkliche Zeit. -Denn das verstand sich, daß sie ihre laufenden Arbeiten sofort -zugunsten dieser Umfrage zu unterbrechen hatten. In einem raschen -Hochschwall begannen alsdann die Umfragantworten einzulaufen. Sie -wurden zunächst ohne Zusatz in der Reihenfolge ihres Einlaufs in der -„Zweiten-Frühstücks-Röte“ veröffentlicht. - -Professor Schmalzbrunner war der erste, der sich so vernehmen -ließ: „In umgehender Umfragserledigung und umseitiger Überreichung -des ausgefüllten Umfragbogens erlaube ich mir, die Redaktion der -‚Zweiten-Frühstücks-Röte‘ zu der lichtvollen Erfassung des Zeitgeistes -an der Stirnlocke um so mehr zu beglückwünschen, als ich selbst schon -lange die Absicht hatte, der nunmehr auch von Ihnen angeschnittenen -psychologischen Frage eine gründliche Untersuchung angedeihen zu -lassen, auf welchen Umstand ich Sie bitte, in Ihrem redaktionellen -Teile aus Gründen des geistigen Erstgeburtsrechts ausdrücklich -hinzuweisen...“ - -Geheimrat Nasenschaber schrieb: „Vor Ausfüllung des Umfragbogens -bitte ich um gefällige Mitteilung, ob sich etwa auch Geheimrat -Hinthinlang an der Umfrage beteiligen wird, in welchem Falle ich unter -Berücksichtigung der minderwertigen Qualitäten dieses Herrn leider -nicht in der Lage wäre, auch nur vorübergehend unter dem gemeinsamen -geistigen Dache einer Umfrage meine gemessene Zeit zuzubringen. -Im übrigen habe ich gegen eine öffentliche Notiznahme von meinem -Vorbehalt, den ich meinem Rufe schuldig bin, nichts einzuwenden usw.“ - -Professor Doktor Spalthaar teilte mit: „Ich beantrage die Absendung -eines Vorfragebogens behufs Feststellung des Materials, aus welchem -besagte Randsteine in jedem einzelnen Falle angefertigt waren, da es -nicht unwahrscheinlich ist, daß je nach der granitenen, zementenen, -kalkigen oder kunststeinigen Beschaffenheit derselben die ursächliche -Festlegung der Fugenvermeidung des schreitenden Fußes, dessen -Beschuhungsart aus Leder, Holz, Filz oder Stroh, beziehungsweise seine -Unbeschuhung in Parallelkoinzidenz mit dem Material des Randsteins...“ - -Sogar General a. D. Festruff, der alte Haudegen, meldete sich, leider -in einer Form, die der öffentlichen Wiedergabe Beschränkung auferlegte: -„Warum man beim Gehen auf dem Randstein und so weiter und so weiter. -Ist mir wurscht. Hochachtungsvoll Festruff, General a. D.“ - -Die knappste Antwort erfolgte auf die Anfrage an Professor -Schrankelmaier: „Adressat seit zwanzig Jahren verstorben. Schwienecke, -Briefträger.“ - -Als konzentriertes Resultat der Umfrage ergab sich: 31 v. Hundert -der Befragten erklären das Überschreiten der Randsteinfuge -als einen körperlichen Zwangsreflex, 27 vom Hundert als eine -seelische Reizhandlung, während die restlichen 42 vom Hundert einer -psycho-physischen Mischung den Vorzug gaben. Genaueres ergab sich nicht. - -Blieb am Ende noch die offene Frage nach der besten Antwort mit dem -Freibezug der „Zweiten-Frühstücks-Röte“ als Preis dafür. Im Schoß der -Redaktion ergab sich keine Einigkeit. Schlug einer einen vor: „Gewiß, -soweit ganz nett,“ erklärten alle andern, „aber doch nicht or’j’nell -genug.“ Also erweiterte man den Wettbewerb: auch Nichtbefragte durften -ihre Meinung sagen. - -Wieder gab es eine Unzahl Lösungen. Der Redaktionsschoß lag und hörte, -nickte und bekannte: „Na ja, aber or’j’nell?“ „Nee, grad so oder doch -so ähnlich haben wir’s schon irgendwo gelesen.“ - -Die Zeit verrann. Einer mußte schließlich doch bepreist sein. Man -war verlegen. Man ließ, wie immer, wenn ein Krach in Aussicht stand -und im Zusammenhang damit ein Blitzableiter nötig werden konnte, die -Setzerjungen kommen. - -„Na, Jungens, was empfindet ihr beim Überschreiten einer -Randsteinfuge?“ Die Jungen schwiegen. „Nu, der von euch, der auf die -Preisaufgabe kam, der wird doch was empfinden?“ -- „Jawoll, Herr -Doktor.“ -- „Na?“ -- „Nischt, Herr Doktor.“ -- „Nanu?“ -- „Weil ’n -verninft’jer Mensch prinz’b’jell immer nur direktemang uff die Fuge -stapft.“ - -Die Redaktion war baff. Die Redaktion erklärte einstimmig: „Blödsinnig, -wahnsinnig, blödsinnig, -- aber or’j’nell.“ - -Und so sprach man dem Umfragsetzerjungen auch den Umfragpreis zu. -Leider hat er ihn abgelehnt: „Gott behiete mir,“ sagte er, „det langt -zu, dat ick an dem Mist für det Wurstblatt mitsetze -- nu’ soll ick’t -ooch noch lesen? Is nich.“ - - - - -Das Kugelzimmer - - -Der Bomhard war sonst nie, was man ein verrücktes Huhn nennt. Aber da -erbte er. Massig. - -„Kinder,“ sagte er, „ich habe eine Idee.“ - -„Ah, eine Idee, und die wäre, lieber Bomhard?“ Ideen eines Erben sind -ja stets beachtenswert. - -„Unsere Zimmer sind alle falsch gebaut, ist euch das noch nie -aufgefallen?“ - -„Gewiß -- natürlich -- grundfalsch sogar -- das heißt -- zu klein, -nicht wahr?“ - -„Nee, zu eckig.“ - -„Eckig? hm, allerdings, man könnte sie ’n bißchen weniger eckig -- -sozusagen ein wenig rund --“ - -„Nee, ganz rund, eine Kugel ist das beste.“ - -Hätte Bomhard nicht geerbt gehabt, „Kugel?“ hätten wir ihm ins Gesicht -gelacht, „das ist ja zum Kugeln!“ So aber: „Kugel? das ist ja -- ist -ja sehr interessant. Lieber Bomhard, möchtest du uns diese ebenso -originelle als -- als -- na ja, du weißt schon -- nicht ein wenig näher ---“ - -Im Telegrammstil, aber immerhin leutselig, schmiß er die Begründung -hin: „Erde rund -- Himmelskörper rund -- Köpfe rund -- Stämme rund -Früchte rund -- alles Vernünftige rund -- man sollte meinen, Menschen -hätten von Anfang an nur runde Zimmer -- anstatt dessen -- alles eckig --- toll -- einfach toll --“ - -„Ja der Tat, wenn man bedenkt, wie oft man sich an Ecken stößt --“ - -„Nicht nur das -- da ist auch die Ästhetik -- gibt es etwas -Vollkommeneres als eine Kugel?“ - -„Es käme drauf an, was in der Kugel drinnen ist“, wagte ich. - -„Vier drittel r hoch drei pi ist drin, das weiß ja jeder Schulbub, und -die Raumausnützung im Verhältnis zur Wandfläche ist zweimal größer als -beim Würfel, Mensch, was meinst du, wie sich in solchem Kugelzimmer -atmen läßt!“ Er schnaufte plastisch. - -„In einem Zimmer ist nicht nur Luft drin,“ beharrte ich, „da sind auch -Möbel. Wie willst du an den Kugelwänden ein Bild, einen Schrank, ein -Bett, ein Nachtkästchen --“ - -„Blödsinnig einfach!“ sagte Bomhard hitzig, „man baut Kugelbilder, -Kugelschränke, Kugelbetten, Kugelnachtkästchen, Kugel--“ - -„Schön, aber den Zimmerboden wenigstens mußt du doch eben und gerade --“ - -„Fällt mir gar nicht ein, Kugel, alles Kugel --“ - -„Und wenn diese Möbel nun ins Rutschen kommen?“ - -„Dummes Zeug, werden angenagelt!“ - -„Und die Kugelstühle, Kugeltische, Kugelschemel, Kugelkohlenkübel?“ - -„Werden _dito_ angenagelt!“ - -Hätte Bomhard nicht geerbt gehabt, weiß Gott, ich hätte mir den Witz, -daß ein vernageltes Kugelzimmer auf den _dito_ vernagelten -Besitzer schließen lasse, nicht verkneifen können. So beschränkte -ich mich auf: „Und die vielen kleinen Sachen, wie Schirme, Stöcke, -Federhalter, Bleistifte --?“ - -„-- haben nach dem Gravitationsgesetz dauernd das Bestreben, nach dem -tiefsten Kugelzimmerpunkt zu rutschen“, sagte er vergnügt. - -„Aber ist das nicht -- nicht unpraktisch?“ - -„Im Gegenteil, eminent praktisch! Bedenkt doch den Ärger, wenn in -den Würfelzimmern was verloren ging, sagen wir mal, eine Brille, -eine Haarnadel, ein Notizbuch, ein Schlips, ein Metermaßstab, ein -Geldschein, ein Pantoffel, ein --“ - -„Jaja,“ nickten wir in Erinnerung, „elende Sucherei --“ - -„Na, seht ihr, so was ist in meinem Kugelzimmer ausgeschlossen. -Mein Kugelzimmer verliert nichts. Mein Kugelzimmer präsentiert von -selber jede ausgekniffene Brille, jeden verlorenen Bleistift, jeden -verschlampten Pantoffel im Kugeltiefpunkt der Zimmermitte: bitte, -bedienen Sie sich.“ - -„Großartig,“ sagte einer augenzwinkernd, „großartig, bis auf eines.“ - -„Bitte?“ sagte der Kugelzimmererfinder feindselig. - -„Wie willst du mit den von Mutter Natur nun einmal platt konstruierten -Füßen --“ - -„Falsch, grundfalsch! von Natur aus hätten wir nur Kugelfüße. Aber -die seit Jahrtausenden platten Würfelzimmer haben auch die Füße platt -gedrückt. Meine Kugelzimmer werden sie mit der Zeit schon wieder -sphärisch biegen. Und bis dahin kann man sich ja mit entsprechend -konstruierten Kugelstiefeln behelfen.“ - -„Famos,“ sagte der Zwinkerer, „ganz famos, alle Einwände räumt er -weg. Seine Kugelzimmer sind theoretisch einwandfrei. Freilich, ob er -praktisch einen Kugelarchitekten findet, der --“ - -„Schon gefunden. Hier der Aufriß. Da der Grundriß, bitte.“ Er -entfaltete Blätter, auf welchen lauter Kreise Kegel schoben. Der -Zwinkerer schien sie eifrig zu studieren. - -„In der Tat -- in der Tat -- schlechterdings vollkommen bis auf -- bis -auf die Zwickel.“ - -Bomhard wurde unsicher. „Welche Zwickel?“ stotterte er. - -„Nun, diese Hohlräume zwischen den aneinander liegenden Kugelzimmern -sind doch unnütz, platterdings unnütz.“ - -Bomhard erbleichte: „Allerdings -- allerdings -- ich werde darüber -nachdenken -- ich werde sie wegkonstruieren oder sonst eine Lösung -- -eine praktische Lösung...“ Er ging verstört. - -„Mensch!“ berannten wir den Zwinkerer, „du hast kein Herz, kein -Kugelherz. Du hättest ihm mit seinem Kugelwahne ruhig glücklich werden -lassen sollen, wo er doch die Gelder dazu hat.“ - -„Seh ich nicht ein, da wir mit unsern Wahngebilden auch nicht glücklich -werden dürfen.“ - -„Erlaube mal, wir haben keine Wahngebilde --“ - -„Allerdings,“ sagte er sarkastisch, „solange wir nicht erben, müssen -wir sie schlafen lassen, müssen wir sie zurückstopfen, verstecken in -den Hohl--“ Er brach ab. - -„Warum schweigst du?“ - -„Weil ich sonst die Lösung, die Bomhard sucht, vergeblich suchen wird, -verraten hätte.“ - -Recht bekam er. Bomhard fand die Lösung nicht. Er hat eine Unmenge -vergnüglich lächelnder Architekten mit einer Unmenge Geld versorgt. -Probekugelzimmer standen auf und rollten durch das Land. Wie sie aber -standen und die zweite Kugelzimmerzelle an der ersten sich zum Hausbau -fügen sollte, ließ er sie des Zwickels wegen gleich erschlagen. Er -selber konstruierte unzählige Kreise auf unzähligen Bögen. Aber die -Zwickel dazwischen, die nutzlosen Hohlräume grinsten immer spitzer und -verbogner: „He, und wir? was willst du aus uns machen, he?“ - -Vergrämt hat er sich angeschickt zu sterben. Der Zwinkernde ist an -seinem Bett gesessen. „Man hat mir mitgeteilt,“ sagte Bomhard schwach, -„daß du eine Lösung wüßtest, um die Hohlraumzwickel --“ - -„Ist noch Geld da?“ - -„Leider nicht, alles verzwickelt.“ - -„Gut,“ murmelte der Zwinkerer befriedigt, „dann können anderer Menschen -Hirnhohlräume nicht mehr vom Erbrest angestopft werden.“ Laut aber -sagte er: „Die alte Wäsche von den Kugelzimmern hätte man in den -Zwickeln ganz bequem --“ - -„Gott,“ stammelte der Sterbende, „daß ich daran nicht gedacht -- wer -denkt auch, wenn er erbt, an seine alte Wäsche!“ Und sein letztes Wort -war in Verklärung: „Also doch vollkommen!“ - - - - -Schmuckel - - -Der Schmuckel war immer ein heller Kopf gewesen. Schon in der Schule -sagte der Herr Lehrer zu den anderen Schülern: „Den Schmuckel seht -euch an, so fix wie der im Rechnen sollten alle werden.“ Aber nicht -nur im Rechnen war es so. So einen deutschen Aufsatz schmiß er aus dem -Handgelenk ins Heft, daß es nur so schnackelte. Von der Geographie gar -nicht zu reden, wo die Nebenflüsse links und rechts des Rheins förmlich -aufeinander schnalzten. Heißt das, wenn der Schmuckel sie aufsagte. Bei -den andern schob sich zwischen der Kinzig und der Murg ein „Äh“ und -zwischen der Nahe und der Mosel eine Einsagpause, und zwischen Lahn und -Wupper gähnten ganze Reihen ausgelassener Nebenflüsse. - -Wenn aber der Inspektor kam, vor dem man doch ein bissel glänzen -wollte, wurde der Schmuckel in der Geometrie aufgerufen. So ein -Inspektor ist Paraderösser sicherlich gewöhnt. Aber wie der Schmuckel -in die Arena ritt, wenn der Lehrer scheinheilig sagte: - -„Na, jetzt könnte vielleicht der -- der -- Schwiefke -- nein, der -war schon daran -- nun, sagen wir mal, der Schmuckel noch sein -Paralleltrapez konstruieren, von dem gegeben ist die Mittellinie, die -Höhe, ein Winkel im Schnittpunkt der Diagonalen ...“ - -Der Inspektor müßte nicht der Inspektor gewesen sein, hätte er nicht -gewußt, daß diese Paralleltrapezgeschichte die allerverschwefelste -Aufgabe im ganzen Dicknether, Ausgewählte Konstruktionen für -Mittelschulen war, und -- unter uns -- ~ihn~ wenn der Lehrer -jetzt aus Versehen, anstatt des Schmuckels an die Tafel gerufen -hätte, er wäre aufgesessen, glatt aufgesessen, statt anderen -aufsässig zu sein. Und es brach ihm jetzt wahrhaftig ein gelinder -Schweiß aus, wenn er daran dachte: wenn jetzt der Schmuckel stecken -blieb, und wenn ein anderer Schüler auch nicht weiter wußte, und -wenn der Lehrer auch verdattert würde, und wenn es dann seine -verdammte Schulinspektorpflicht sein würde, selbst an das verflixte -Paralleltrapez zu treten: „Aber Herr Kollege, ist ja kinderleicht -- -das macht man so und so und so...“ - -Unnütze Sorge. Der Schmuckel, der fixe Schmuckel, war schon mitten -in der Konstruktion und turnte mit der Kreide und dem Zirkel auf dem -Paralleltrapez herum, daß einem ganz schwindlig wurde -- Winkel rissen -ihre Mäuler auf -- Parallele spielten Fangeinmandel, ohne sich zu -kriegen -- Diagonalen kreuzten sich mit Würde, wie die Bandeliere auf -der Brust eines Napoleonssoldaten -- Kongruenzen führten Menuette auf, -und Mittellinien schmiß er an die Tafel, ohne Rast und ohne Wenn und -ohne „Äh“... ja, so einer war der Schmuckel. - -„’n verdammt fixer Kerl!“ preßte es dem Inspektor heraus, trotzdem -ein Schulinspektor „verdammt“ und „fix“ und „Kerl“ eigentlich nicht -sagen durfte, sondern höchstens „bemerkenswert“ und „anstellig“ und -„Individuum“. - -Nach der Schule hat sich der fixe Schmuckel mit dem Paralleltrapez -nicht weiter aufgehalten, sondern hat fix eine Stelle bekommen, hat -fix verdient, hat sich fix verheiratet, war der fixeste Häuseragent -geworden weit und breit. Es mag ja sein, daß der Schulinspektor -damals sich noch einen ganz andern Bauchaufschwung als bis zum -Häuseragenten von dem Musterschüler Schmuckel erwartet hatte. Etwa -einen Gelehrtenaufschwung, Dichteraufschwung oder so was. Aber -derartige Aufschwünge erfordern Wenn und Aber, „Ähs“ und lange Pausen -der Überlegsamkeit zwischen hinein. Womit der fixe Schmuckel sich aber -wirklich nicht aufhalten konnte, wenn er’s fix zu einem fixen Kerl mit -einem fixen Bankkonto bringen wollte. - -Und das hatte er nun. Sogar eine fixe Frau zu seiner fixen -Häuseragentur. „Das muß man sagen,“ sagten die Leute, „ein patenter -Häusermakler ist er, dieser Schmuckel, wahnsinnig patent!“ Denn von -dreißig Jahren an sagt man nicht mehr fix, sondern patent. Das gehört -sich so, und außerdem ist es patenter. Patent ist übrigens hinter -dreißig Jahren jeder Mensch, der etwas auf sich hält. Schmuckel aber -war unter den patenten Häusermaklern eben auch wieder derjenige, wo -- -mit einem Wort, er war wahnsinnig patent. Man hätte auch „furchtbar -patent“ oder „rasend patent“ oder „blödsinnig patent“ sagen können. -Aber das waren andere Häusermakler auch zur Not. Schmuckel allein war -wahnsinnig patent. - -„Wenn du irgendeinem Hausmakler ein Haus zu verkaufen gibst,“ hieß -es, „was hat der für Bedenklichkeiten und Geschichten. Dagegen der -Schmuckel -- eins zwei drei, hat’s schon wegverkauft.“ - -„Ja, und gar wenn du ihn eins kaufen lässest, brauchst du nicht einmal -bis drei zu zählen -- hat’s schon gekauft für dich, bevor du überhaupt -noch selber wußtest, daß du ein Haus gewollt hast -- wahnsinnig, -einfach blödsinnig wahnsinnig, dieser Schmuckel.“ „Blödsinnig -wahnsinnig“ ist der höchste Orden, der für Fixigkeiten zu verteilen ist. - -Nun erkennen Frauen sonst die öffentlichen Eigenschaften ihrer -Männer selten an. Nicht so Schmuckels Frau, ein stilles, kleines und -verträumtes Dingchen. Gegen andere sprach sie sich freilich nicht so -aus. Aber wenn sie sich selber fragte, was sie eigentlich von ihrem -hin- und hergehetzten fixen Manne habe, so sagte sie sich insgeheim: -„Wahnsinnig wenig, blödsinnig wahnsinnig wenig.“ - -Nun aber begab es sich, daß besagter Schmuckel einen Weinkeller hatte. -Einen wahnsinnig patenten Weinkeller. Was schließlich für einen -erfolgreichen Häusermakler nicht mehr als recht und billig ist. Vor -allem billig. Denn Schmuckel kaufte auch seine Weine einfach rasend -wahnsinnig blödsinnig billig ein. - -Und weiterhin begab es sich, daß er sich einmal selbst in den Keller -begab, um einen solchen rasenden Wein am Spundloch zu probieren -- -nein, um einen solchen Wein am rasenden Spundloch -- nein, es ist zum -rasend werden: um einen solchen Wein am Spundloch rasend zu probieren. - -Als er den Becher untern Hahn hielt und diesen aufgedreht hatte, fiel -ihm ein solider Holzschlegel gegen die linke Schläfe. Pumm, wurde die -Stelle seiner vierten Gehirnwindung, wo die patente Fixigkeit zu sitzen -pflegt, eine Idee auf die Seite gerückt. Es war selbst mikroskopisch -nicht der Rede wert. Aber es genügte dennoch, um Schmuckels Denkapparat -nach einer andern Richtung einzuschalten. - -Der Wein lief in den Becher, bis er überfloß, während Schmuckel sinnend -vor dem Spundloch saß und dachte: „-- und wenn ich damals in der Schule -nicht so fix gewesen wäre... hm ja, es konnte immerhin doch sein... hm -ja, und wenn ich die Konstruktion mit dem Paralleltrapez auch nicht -so fix gekonnt hätte... hm ja, und genau genommen, weiß man ja nicht -einmal, ob alle diese fixen Lehrsätze auch ganz richtig sind... hm -ja, man braucht nur anzunehmen, daß wir keine körperhaften Menschen, -sondern -- hm ja -- zweidimensionale Menschen wären, die auf -- hm ja, -hm ja -- auf Eierschalen lebten... hm ja, so daß der pythagoräische -Lehrsatz keinen Sinn hätte... hm ja, dann würde auch das Paralleltrapez -ein Blödsinn...“ - -Unterdessen lief der Wein und lief und stand schon knöcheltief im -Keller. - -„-- hm ja, und wer weiß, ob ich dann ein fixer Häusermakler geworden -wäre, der hin und her verkauft und den ganzen Tag nur auf der Hetze -ist... hm ja, so daß für mein kleines Frauchen eigentlich nichts übrig -bleibt von mir, als ein bißchen Fixigkeit... hm ja, und wenn wir -dann auch weniger verdienten... hm ja, ja hm, dafür aber glücklich -wären -- hm ja, furchtbar glücklich, wahnsinnig glücklich, blödsinnig -glücklich... nein, ist ja Unsinn, einfach glücklich, das genügte --“ - -Hier war es, daß der Wein ihm an die Waden reichte, und daß das -Schmuckelsche Dienstmädchen herunterkam, um nachzuschauen, wo ihr Herr -solange bliebe: „Aber gnädiger Herr,“ rief sie, „was machen Sie denn -da?“ - -„Ich habe darüber nachgedacht, Kathi wenn ich nicht immer so fix -gewesen wäre... hm ja, es hätte doch sein können... hm ja, und wenn wir -zweidimensional auf Eierschalen lebten... hm ja, und wenn wir dann -auch weniger verdienten... hm ja, und wenn ich dann mit meiner Frau -viel glücklicher wäre... hm ja, Sie verstehen, Kathi --?“ - -Da wurde die Kathi auch besinnlich, setzte sich auf einen Kellerstuhl -und sagte langsam: „Hm ja, freilich kann ich Sie verstehn, Herr -Schmuckel... hm ja, und wenn Sie dann mit Ihrer Frau so glücklich -wären... hm ja, auf zwei sinidale Eierschalen ... hm ja, hm ja...“ - -Unterdessen lief der Wein und lief, und er stand ihnen schon bis -beinahe an die Knie, als die stille, kleine und verträumte Frau -Schmuckel auch herunterkam, um nachzusehen, was aus ihrem Mann und der -Kathi geworden wäre: „Aber Kinder,“ rief sie, „was macht Ihr denn da?“ - -„Wir haben darüber nachgedacht, liebe Frau, wenn ich nicht so fix -geworden wäre, so wahnsinnig -- so fürchterlich wahnsinnig fix, weißt -du... hm ja, und wenn wir dann auch weniger verdienten --“ - -„Hm ja, auf zwei simidale Eierschalen nämlich, gnädige Frau, hm ja“, -erläuterte die Kathi. - -„Hm ja, und wenn wir dann erst glücklich geworden wären, liebe Frau... -hm ja, einfach glücklich, schlecht und recht...“ - -Hier war es, daß sich die stille, kleine Frau still zu ihrem Mann -gesetzt hatte, daß sie langsam ihr gutes Köpfchen zu ihm neigte: -„Ach ja, lieber Mann, glücklich wenn wir wären... hm ja, wir sind ja -glücklich... glücklich um und um... und ich wünsche mir nur, daß es -jetzt so bliebe... hm ja, mein lieber Mann, hm ja...“ Und sie verlebten -zum ersten Male selige Minuten ungetrübten Glückes. - -Unterdessen lief der Wein und lief, und er stand ihnen jetzt schon -glücklich bis an die Lenden, als auf einmal ein zweiter solider -Holzschlegel von dem großen Weinfaß herab auf Herrn Schmuckels rechte -Schläfe fiel. Pumm, wurde die Stelle seiner vierten Gehirnwindung, wo -die patente Fixigkeit zu sitzen pflegt, wieder eine Idee auf die andere -Seite gerückt. Es war selbst mikroskopisch nicht der Rede wert. Aber es -genügte dennoch, um den alten Schmuckel wieder einzuschalten: - -„Was ist denn das für eine Schweinerei!“ schrie er aufspringend, „fix, -den Hahn zu -- fix, Kathi, holen Sie die Feuerwehr -- nein, Kathi, -bleiben Sie, fix, Frau, fix, die Eimer her und wieder eingefüllt ins -Faß -- fix, Kinder, fix -- zum Donnerwetter, sag’ ich: fix...!“ - - - - -Jod - - -Es ist kein Zweifel mehr. Die Wissenschaft hat’s festgestellt: - -Das Blut wird von der Schilddrüse stündlich mit ein drittel millionstel -Gramm Jod gespeist. Ohne dieses Jod wird der Mensch ein Idiot trotz -aller Schulen, allen guten Willens. Ein Hundertstel Gramm Jod mehr in -unserm Blut, und wir fliegen dahin mit lockigem Haar, blitzenden Augen, -überschäumender Lebenslust. Ein Tausendstel Gramm weniger, und mit -erloschenen Augen schleicht ein Kümmerling zum Grabe. - -So die Wissenschaft. Wie das Leben? - -Unsere Schulzeugnisse müssen eine neue Spalte kriegen: - - Fritz Kugelmaier, Jodgehalt: Befriedigend. - - Hans Stoppinger, Jodgehalt: Sehr gut. - - Max Steinhofer, Jodgehalt gleich Null. Aufsteigen in die nächste - Klasse nur bei energischer Nachhilfe in der Jodzufuhr gestattet. - -Die Begegnungsformel „Wie geht es Ihnen?“ ist veraltet. „Und wie -steht’s mit Ihrem Jodinhalt?“ wird es hinfort heißen müssen. - -„Sage mir, wieviel Jod du hast, und ich sage dir, wer du bist.“ - -Ein Beamter hat in einer Stellung ganz versagt. „Kein Wunder,“ wird -der Personalreferent angefahren, „wie konnten Sie einen Menschen mit -solchen Jodverhältnissen...!“ - -Der künftige Adolar erklärt der künftigen Kunigunde seine Liebe. -„Schön, mein Herr,“ sagt sie, „darf ich um Ihre Hand bitten.“ - -„Aber,“ stottert er, „eben darum wollte ich Sie bitten -- au!“ Denn -sie hat mit der Pinzette aus seinem Ringfinger ein Tröpflein Blut -entnommen, es im Reagenzröhrchen mit Säuren aufgeschüttelt und die -Stirn gerunzelt: „Mein Herr, Ihr Antrag ehrt mich, aber bei Ihren -dürftigen Verhältnissen --“ - -„Ich muß doch bitten, ich habe --“ - -„-- viel zu wenig Jod, mein Herr -- der nächste, bitte.“ - -Der Nürnberger Trichter wird das Zeitliche segnen müssen. Eine -Reichsjodanstalt wird aufgehen. Jodärzte werden von Injektionszelle zu -Injektionszelle rennen, mit Spritzen: - -„Unter uns, Herr Kollege, wie könnten Sie den Mann nach Tabelle -_B_ mit so wenig Jod injizieren -- der Mann ist Wagenführer und -muß etwas leisten!“ - -„Na, wenn Sie schon so kritisch sind, so muß ich Ihnen sagen, Herr -Kollege, daß es von Ihnen Unsinn war, an den Mann auf Nummer 37 soviel -Jod zu wenden, wo die Magistratstabelle nur die Hälfte vorsieht.“ - -Der künftige Friedenskongreß. Verschiedene Regierungen beharren auf -Erörterung der Schuldfrage. Andere widersprechen. Der Kongreß droht -schon zu scheitern. Da erhebt sich der Professor Spyribingel: „Meine -Herren, die exakten Forschungen der Wissenschaft ergaben, daß, wenn -Napoleon zwei Milligramm Jod weniger im Blut gehabt hätte, er es -höchstens zum Stadtkommandanten von Ajaccio hätte bringen können. Die -ganze Geschichte Europas wäre eine andere geworden. Es hätte kein 1914 -gegeben. Ich beantrage die Schlamperei des Impfarztes von Ajaccio für -schuldig am Ausbruch des Weltkrieges zu erklären...“ - -Es ~ist~ klar, daß von da ab alle Herrschenden der Erde abzutreten -haben werden. Herrschen wird von da ab nur mehr seine Wissenschaft, der -Pinsel -- Jodpinsel selbstverständlich. - -So weit wäre alles gut und wissenschaftlich in der Welt geworden. Aber -eine Besorgnis habe ich doch. Nein, keine Besorgnis, sondern eine -Angst: gesetzt den Fall, es stürbe einmal Hindenburg -- mög’ es lange -nach dem Kriege sein -- und gesetzt den Fall, man hätte ihn seziert --- jetzt noch die Blutprobe -- es erbleichet das Konsilium, und ein -Raunen geht durchs Haus der Wissenschaft, daß es klingt, als bröckelten -die Wände: „Um Gottes willen, meine Herren, nicht verlauten lassen, daß -wir den Weltkrieg mit Null Komma Null Gramm Jod gewonnen haben...“ - - - - -Morgan - - -Man hat Bücherbretter voll Rezepte geschrieben über „Wie man reich -wird“. Aber es gibt nur ein Rezept dafür: keine Nerven haben. - -Als Morgan anfing, Eisenbahnsysteme und Millionen aufzuschachteln, -hätte einer seinen Körper mit dem Ultramikroskop durchsuchen dürfen: -nicht die Spur von Nerven. - -Keine Nerven? -- Dummes Zeug, womit hätte er denn da Lust gefühlt und -wäre aufgezuckt in Schmerzen? -- Ei, mit den Eisenbahnsträngen, die für -seine Rechnung vom Atlantischen Ozean an den Stillen Ozean liefen. - -Diese Stränge zogen ihm die erste Milliarde in den kräftig pulsierenden -Kassenschrank. Daß Morgan an Stelle eines Herzmuskels einen feuerfesten -Kassenschrank besaß, darf ich als bekannt voraussetzen. Auch daß dieser -Schrank so konstruiert war, um gemünztes Blut hineinzulassen, aber -keins heraus. - -Nach der ersten Bahnmilliarde fing es in den Dividendenkanälen zu -diesem Kassenschrank an, da und dort ein wenig weißlich aufzuglänzen. - -„Doch keine Nerven?“ fragte er besorgt den Hausarzt. - -„Hm, es kann auch Stahl sein, weißer Stahl von Ihrem neuen Eisentrust, -Herr Morgan.“ - -Morgan war beruhigt und häufte jetzt Milliarden, wie er vorher -Millionen häufte. Nach dem Bahntrust und dem Stahltrust kam der -Schiffahrtstrust. Das weißliche Geäder trat auf der Auskleidung seiner -Dividendenblutbahn deutlicher hervor. - -„Also doch Nerven?“ rief Morgan und packte seinen Hausarzt am -Geldbeutel. - -„I bewahre, die Kielwasserbahnen Ihrer Schiffe sind es.“ - -Es waren aber doch die Nerven, die still und zähe mitten durch die -Aktienmuskelbündel und die Obligationsfettpolster durchgewachsen waren. - -Man holte einen Nervenspezialisten. - -„Schade,“ sagte der und liquidierte hunderttausend Dollar, „schade, ein -paar Jahre früher, wenn Sie mich gerufen hätten, würde man sie ziehen -haben können.“ - -„Und jetzt?“ fragte Morgan angstvoll. - -„Man könnte es mit dem Verwässern der Aktienmuskelbündel und der -Obligationenfettpolster versuchen“, sagte der Spezialist und -liquidierte wieder hunderttausend Dollar. - -Morgan wässerte und wässerte, wurde aber dadurch nur noch reicher, -ohne seine Nerven zu verlieren. Ein Heer von Spezialisten kurierte -dran herum. Natürlich wurden da die Nerven ungebärdig und gereizt. -Sie bäumten sich und dehnten sich und schnurrten wieder zusammen und -zupften und rissen ihn an allen Enden. - -Nicht mehr zu ertragen war es. Zwischen seinen Milliarden rannte -er herum. An ihren stahlharten Wänden brach sich sein Gestöhne und -klatschte mitleidlos auf ihn zurück. - -Zerfasert und zersetzt rannte Morgan von den Spezialisten zum Schäfer -Ast. Der behandelte ihn genau wie alle andern: drei Nackenhaare -ausgerissen, ins Weiße der Augen gestarrt und abermals drei Nackenhaare -ausgerissen. - -„Es war die höchste Zeit,“ sagte der Schäfer Ast, „denn Sie hatten -gerade noch sechs Nackenhaare.“ Und dann stellte er die Diagnose: - -„Sie leiden an Ihren Milliarden, Herr Morgan“, sagte er. - -„Sie meinen an den Nerven?“ - -„Ihre Nerven sind wie Spargeln aus dem Miste Ihrer Milliarden -herausgewachsen,“ sagte Schäfer Ast, der sich landwirtschaftlich -auszudrücken liebte, „schmeißen Sie den Mist hinaus, so hören auch die -Spargeln auf zu treiben.“ - -„Sie können mit dem Misten meinetwegen gleich bei mir den Anfang -machen“, setzte er hinzu und rollte einen leeren Mistkarren herbei. - -Mit der lumpigen Million, die da hineinging, war es freilich nicht -getan. Morgan fing nach allen Seiten auszumisten an. Aber wie er -auch verschenkte und verschenkte, noch größer war der Zustrom seiner -Dividenden. Er war zu reich geworden, als daß er sich mit Schenken -hätte helfen können. Immer unbarmherziger schossen Spargel durch die -Beete, zappelten die Nerven am Gerüste, so sich Morgan nannte. - -Morgan floh aus Kontor und Börse weit hinaus ins Land. Gleich schoß ihm -ein dünner Kupfernerv nach, der tickte, tickte: der Telegraph. - -Morgan floh aufs Meer. Erschöpft lehnte er am Mast und murmelte: - -„Gott sei Dank, daß in die Ozeanwüste keine Nervendrähte reichen.“ - -„Tick -- tick -- tick“, machte es oben am Mast und rann in den -zuckenden Körper Morgans ein. Es war der Auffangapparat für drahtlose -Telegraphie. - -Morgan floh unerkannt in die telegraphenlosen Sabiner Berge. Das Leben -eines Hirten wollte er da führen. Aber unter seinen Händen organisierte -sich sein Schafgewerbe lukrativer, als bei allen anderen Hirten. Daran -erkannten sie ihn auch da und riefen: - -„Du bist Morgan“, und begannen ihn anzubetteln. - -Da erkannte er, daß er sich selber nicht entrinnen könne und floh, ein -zuckendes, zerflackerndes Nervenbündel, in die nächste Stadt. Das war -Rom. - -Seine Leute wollten das erste Hotel für ihn mieten. Aber es war ein -Kongreß in der Stadt. Alle Gasthöfe waren überfüllt. In zwei Zimmern -eines kleinen Gasthofes landete der Abgehetzte. Fieberschauer warfen -ihn ins Bett. Der Hausarzt sah, es ging aufs Ende. - -Die Nervenempfindlichkeit hatte derart zugenommen, daß ein umgewendetes -Blatt in seinem Buche ihn zum Rasen brachte. - -Gegenüber klopfte ein Schuster und sang dazu. Morgan schäumte. -„Aufhören, auf der Stelle!“ ließ er ihm sagen. „In Rom gibt’s gegen -Klopfen und Singen kein Gesetz“, erwiderte der Schuster und sang und -klopfte weiter. - -Morgan ließ ihm 1000 Dollar bieten. Der Schuster lachte und machte -Fenster und Laden zu. Aber Morgans Nerven wuchsen durch Ladenritzen und -durch Glas und hörten den Schuster immer noch. - -10000 Dollar bot er ihm, wenn er das Klopfen ließe. Der Schuster lachte -und hörte auf zu klopfen. Aber noch immer sang er. - -„Was verlangst du für deinen verfluchten Gesang?“ ließ Morgan sagen. - -„Der Gesang ist mir das teuerste“, antwortete der Schuster und -verlangte 100000 Dollar. - -Als der Schuster so erledigt war, fingen Straßenbuben zu pfeifen an. -Zwei Abgesandte Morgans stellten sich an beiden Straßenenden auf und -kauften jedem, der den Mund zu spitzen anfing, jeden Pfiff für schweres -Geld ab. - -Als so die Straße pfiffefrei war, kamen die Zeitungen heraus. -Brüllend stürzten sich die Zeitungsjungen in die Straße. Wieder blieb -nichts anderes übrig, als ihnen alle Nummern schon am Straßeneingang -abzukaufen. Das war nicht so billig als es aussieht. Denn kaum hatten -die Druckereien erfahren, wer die Nummern kaufte, als sie ihre -Rotationsmaschinen aufs neue laufen ließen und die herausgeschleuderten -Zeitungsbündel alle nach der einen Straße schickten. Es begann ein -Kampf zwischen den Rotationspressen und Morgans Geld. Das Geld blieb -Sieger. - -Schon glaubten Morgans Leute ihren Kampf gewonnen, als es über den -Zimmern zu dudeln und zu schleifen anfing. Ein Strohflechter feierte -seine Hochzeit. Braut und Bräutigam hatten ein Jahrzehnt für diesen Tag -gespart und wollten sich den Tanz, das Essen und die frohe Laune etwas -kosten lassen. - -Morgans Bote kam heraufgestürzt: „Unser Herr ist außer sich. Ich kaufe -euch eure Hochzeit ab. Was kostet sie?“ - -Der Strohflechter und die Strohflechterin sahen sich an und lächelten -glücklich: - -„Nein,“ sagten sie, „unser Hochzeitstag ist nicht verkäuflich.“ - -„Aber bedenkt doch, es ist Morgan, der eure Hochzeit kaufen will.“ - -„Wir kennen keinen Morgan.“ - -„Was, den kennt ihr nicht? Er ist der reichste Mann der Welt!“ - -Da sah der Strohflechter die Strohflechterin zum zweitenmal glückselig -an: „Der reichste Mann der Welt?“ lächelte er ungläubig, „nein, mein -Lieber, da irrt ihr euch, beim Blut der heiligen Madonna. Denn der -reichste Mann der Welt bin heute ich -- hopp, Kinder, einen neuen Tanz!“ - -„Deine Millionen haben da droben nichts ausrichten können, o Herr“, -berichteten Morgans Leute ängstlich vor seinem Bett. - -Da ergrimmte das zuckende Nervenbündel, raffte sich zum letzten Male -auf und warf ihnen Armleuchter, Uhren, Stühle, Stiefel an den Kopf. Und -so gräßlich war er anzuschauen in seiner unglückseligen Tobsucht, daß -sie sich entsetzten und flohen. Der wimmernde Milliardär lag allein im -Bett. - -Der kleine Laufjunge, der auch die Stiefel im Gasthof reinigte, war zur -Hochzeit hinaufgeschlichen, stieß die tanzende Braut an und flüsterte -ihr zu: - -„Du, Maria, unter deinen Füßen liegt einer im Sterben...“ - -Die Musik hatte schon lange ausgesetzt. Kein neuer Tanz konnte -beginnen. Es fehlte ja die Braut. Wo sie nur blieb. - -Unruhig stieg der Strohflechter eine Treppe tiefer. Da war eine Tür. -Klang hinter ihr nicht ihre Stimme? Vorsichtig klinkte er sie auf: - -Ein unsäglich zermürbter Mann lag in den Kissen im Sterben. Die -Strohflechterin kniete im Hochzeitsstaat am Bett, wie Mütter an -Kinderbetten knien. Sie gab ihm zu trinken. Sie kühlte ihm mit ihrer -Hand die verwüstete Stirne. Sie sprach ihm zu, wie man Kindern -liebreich zuspricht: - -„_Povero -- poverino -- poverissimo..._“ - -Und der sterbende Milliardär stammelte, wie Gehetzte stammeln: - -„_Oh, thank you -- thank you -- I’ll get you a million I’ll get you -more_ -- eine Million sollen Sie haben -- mehr sollen Sie haben -- -_thank you -- oh, I thank you so much..._“ - -Nun verstand freilich Morgan kein Italienisch, und die Strohflechterin -verstand kein Englisch. So zerstäubte das Millionenversprechen in der -Luft des Sterbezimmers. - -Übrig blieb von allen Millionen ein gütiges und kostenloses „_Povero --- poverino -- poverissimo_“ zwischen zwei Hochzeitstänzen -einer Strohflechterin, und der befreite Dankblick eines zerquälten -Milliardärs, der in seiner Sterbestunde das einzige ~geschenkt~ -bekam, was er nimmermehr bezahlen hätte können. - - - - -Tag- und Nachtärger - - -Da hatte ich mich wieder einmal schandbar geärgert wegen irgendwas. - -„Sie sollten sich doch nicht so ärgern am hellichten Tage“, sagte -jemand. - -„Am hellichten Tage?“ sagte ich verwundert und ärgerlich zugleich, -„wissen Sie vielleicht ein Mittel, um den Ärger aus dem wachen Tag in -die dunkle Nacht zu schieben?“ - -„Ich nicht, aber der Doktor Switschbidiwitsch weiß eines.“ - -Stracks lief ich zum Doktor Switschbidiwitsch. - -„Ist es wahr?“ sagte ich, „daß Sie den Tagärger in die schlafende Nacht -hineinzaubern können?“ - -„Gewiß kann ich das.“ - -„Dann bitte ich darum.“ - -„Hm, von welchem Tagärger werden Sie geplagt?“ - -„Es kommt hie und da ein Manuskript von einer Redaktion zurück.“ - -„Sonst nichts?“ - -„Es regnet stets in meinen Ferien.“ - -„Sonst nichts?“ - -„Meine Frau ist manchmal anderer Meinung.“ - -„Sonst nichts?“ - -„Und hat dazu noch meistens recht.“ - -„Hm, das letzte läßt sich hören -- aber ich mache Sie darauf -aufmerksam, ich kann den Ärger nicht verschwinden lassen -- das kann -niemand -- nur in den Schlaf abschieben.“ - -„Im Schlaf ertrage ich den Ärger gern, wenn nur der Tag von Ärger frei -ist.“ - -„Und ferner möchte ich bemerken, daß sich der in die Nacht geschobene -Tagärger zu wandeln pflegt, alle möglichen bizarren Gestalten annimmt.“ - -„Was liegt daran. Geträumter Ärger kann beschaffen sein wie er mag, -wenn ich nur den Tag vom wirklichen Ärger frei bekomme.“ - -„Hm, was den Unterschied von Traum und Wirklichkeit betrifft --“ - -„Zur Sache, Herr Doktor, ich spüre schon wieder einen Ärger unterwegs.“ - -„Nun, wie Sie wollen -- switsch -- bi -- di -- witsch -- switsch -- bi --- di -- witsch -- zwanzig Märker, wenn ich bitten darf.“ - -Bei „Switschbidiwitsch“ hatte er ein paar magnetische Bewegungen meinen -Schläfen entlang gemacht, und bei den „zwanzig Märkern“ verwandelte er -die vertikale Handbewegung in eine horizontale. - -„Wie, schon fertig?“ fragte ich, die Börse ziehend. - -„Wenn Sie im Laufe der nächsten vierzehn Tage den geringsten Ärger -empfinden,“ sagte Doktor Switschbidiwitsch ein wenig beleidigt, „zahle -ich Ihnen vierzig Mark zurück -- freilich, was die Nacht betrifft...“ - -Doktor Switschbidiwitsch hatte nicht gelogen. Noch am gleichen -Tage liefen mir soviel Dinge über den Weg, über die ich mich sonst -totsicher geärgert hätte. Jetzt wunderte ich mich bloß ein wenig. -Wunderte mich, wenn ich dreimal hintereinander den Straßenbahnanschluß -verpaßte. Wunderte mich, als ich auf drei unter vier angekommenen -Briefen schweres Strafporto zu zahlen hatte. Wunderte mich -stärker, als meine Frau bei drei hintereinander aufgetretenen -Meinungsverschiedenheiten viermal recht bekam. Und wunderte mich -schließlich am stärksten darüber, daß ich mich über alle diese Dinge -lediglich zu wundern vermochte, und keine Spur zu ärgern. - -Ich sah schon, die Sache war in Ordnung: ich würde niemals vierzig Mark -von Doktor Switschbidiwitsch erhalten. - -Dann kam die Nacht. Mit der Nacht der Traum. Und mit dem Traum der -erste prophezeite Traumärger. - -In der ersten Nacht träumte mir, ich ginge nach dem Frühstück in -mein Arbeitszimmer. Da saß schon einer an meinem Schreibtisch. Ein -wildfremder Mensch. Und schrieb und schrieb. - -„Herr,“ tippte ich ihm ärgerlich auf die Schulter, „hier schreibe ich.“ - -„Wie Sie sehen, ist das eine falsche Behauptung“, sagte der Fremde, -ruhig weiterschreibend, ohne aufzusehen. - -„Herr,“ ärgerte ich mich, „dieses Arbeitszimmer habe ich gemietet.“ - -„Stimmt.“ - -„Und bezahlt!“ - -„Stimmt auch.“ - -„Also arbeite ich auch darin.“ - -„Das ‚also‘ stimmt nicht.“ - -„Herr!“ schrie ich, „es ist mein Schreibtisch, auf dem Sie schreiben!“ - -„Seien Sie vergnügt, daß einmal was ordentliches drauf geschrieben -wird“, sagte der Fremde, ohne mit dem Schreiben auch nur einen -Augenblick anzuhalten. - -Ich ärgerte mich schandbar. Aber es war nichts zu machen. Ich kam zu -keinem Federstrich an diesem Morgen und mußte mich entschließen, in -aller Frühe an meinen Stammtisch zu pilgern, wo ich meinen Ärger zu -ersäufen hoffte, aber weiter nichts als einen dicken Kopf davontrug. - -Nun wird man freilich sagen, was liegt an einem dicken Nachtkopf, der -am Tage wieder dünn ist? Was liegt an einem dicken Nachtärger, den man -beim Morgenkaffee lachend untern Tisch wischt: - -„Denk’ mal, liebe Frau, was für komisches Zeug ich heute nacht -geträumt...“ - -Aber ganz wohl war mir bei dieser Überlegung nicht, und ich erwartete -mit einigen Bangen die zweite Nacht. - -Darin träumte mir, ich hätte meinen Namen zu schreiben. Der weiße Bogen -lag schon da. Auch die Feder, die eingetauchte. - -„Ein bißchen rasch, wenn ich bitten darf“, sagte der Beamte, dem ich -meine Namensunterschrift abzugeben hatte. - -Ich setzte zu seinem großen F an und stockte schon nach einem Zug: hm, -setzte man den oberen F-haken nach links an oder nach rechts? Es kam -mir vor, als hätte ich schon ebensoviele linkshakige als rechtshakige -F gesehen. Welche waren recht? Meine Feder zitterte und machte -schließlich einen Haken links und einen Haken rechts. Na, der Haken war -erledigt, Gott sei Dank. Jetzt den F-Strich durch die Mitte. Wieder -stockte ich: zum Donner, machte man jetzt noch den F-Strich, oder war -der nicht laut letzter Ministerialverordnung amtlich abgeschafft? Da -konnte man sich ja fürchterlich blamieren bei der eigenen Unterschrift. -Schließlich machte meine Feder einen solch haardünnen F-Strich, daß er -ebensogut mittels eines schemenhaften Traummeineids abgeleugnet hätte -werden können. Jetzt der zweite Buchstabe. Ich machte einen i-Strich -mit weniger Mühe, als ich gefürchtet hatte. Auf einmal spürte ich -- -sehen konnte ich ihn nicht -- den höhnischen Blick des königlichen -Beamten, der mir beim Schreiben zusah: macht dieser Mensch das i vor -dem r! - -„Entschuldigen Sie!“ sagte ich fahrig und versuchte, das i in ein -r umzukorrigieren. Das war eine endlose Arbeit. Ich drückte meinen -Zeigefinger ächzend durch vor Mühsamkeit. Davon bog sich auch der -Federhalter. Mit einem durchgebogenen Federhalter zu schreiben, -war erst recht eine Heidenarbeit. Der Schweiß brach mir aus, der -geschlängelte Federhalter fing zwischen meinen Fingern zu rutschen an. -Aber schließlich stand das r doch da. Es war freilich das sonderbarste -r, das ich je geschrieben hatte. Aber immerhin, es war ein r. - -Jetzt kommt t und z, dachte ich, und wurde aufs neue unsicher: kam -zuerst das t, oder kam zuerst das z? Es schien mir im höchsten Grade -fraglich. Aber da spürte ich wieder den höhnischen Blick im Nacken und -wußte gerade noch rechtzeitig, daß weder das t noch das z kam, sondern -das i, das i von vorhin. - -Wieder glückte der i-Strich verhältnismäßig rasch. Ach so, fehlte noch -der Punkt, der I-Punkt. Na, das ist doch das allereinfachste bei der -ganzen Namensschreiberei, der gotteslästerlichen, dachte ich, und -machte frischweg einen Punkt. Teufel, war er über’s r gekommen. Ich -strich ihn durch und machte ihn ein zweites Mal. Donner, jetzt saß er -überm F. Wieder durchgestrichen und gezielt, wie man auf einen Feind -zielt, scharf, unerbittlich. Ha, jetzt saß er überm i-Strich. Whupp, -kollerte er von seiner Höhe und trieb sich wie ein Billardball ruhelos -zwischen den Grund- und Haarstrichen der drei Buchstaben herum. Ich -lief ihm nach, ich fing an ihn anzuflehen: - -„I-Punkt, lieber i-Punkt, laß dich doch erwischen, laß dich doch ein -einziges Mal erwischen.“ - -I-Punkte scheinen auch im Traume nicht ganz unbarmherzig zu sein. Denn -er ließ sich wirklich erwischen, und ich hielt ihn mit beiden Händen -über den i-Strich fest. Aber schon fing er wieder zwischen den Händen -zu surren an. Gleich würde ich ihn nicht mehr halten können... Es war -ein gräßlicher Traum. Ich wachte ärgerlich und schweißgebadet auf. - -Wieder folgte ein glockenheller Tag ohne den geringsten Ärger. Wieder -kam die Nacht. Ich schob den Schlaf so lang als möglich auf, mit Lesen, -mit Summen, mit Liedersingen suchte ich mich im Bette wach zu halten. -Aber da schlief ich doch. - -Da packte mich schon einer freundschaftlich-dringend am Ärmel: - -„Gut, daß Sie da sind. Der Stelzenmaier ist erkrankt. Sie müssen für -ihn einspringen.“ - -„Stelzenmaier? Ich kenne keinen Stelzenmaier“, sagte ich. - -„Ist auch nicht nötig. Hauptsache ist, daß Sie gleich seine Rolle -übernehmen -- sofort wird Ihr Stichwort fallen, machen Sie sich doch -bereit.“ - -„Aber ich habe doch noch nie auf dem Theater gespielt.“ - -„Ausgezeichnet, das gibt Ihrer Rolle die beste Natürlichkeit.“ - -„Aber ich weiß ja gar nicht, welches Stück und welche Rolle, -Heiligschockschwerenot...!“ - -„Das werden Sie alles wissen, wenn Sie vor dem Publikum stehen -- ha, -Ihr Stichwort -- rasch!“ - -Da hatten sie mich schon durch die Kulissen hinausgeschoben in ein -grelles mitleidsloses Licht... - -Mitten in dieser Nacht mußte ich einen kalten Umschlag nehmen und wagte -nicht mehr einzuschlafen. Um das zu erreichen, zog ich den Wecker -auf, ließ ihn ablaufen, zog ihn wieder auf, immerzu. Aber schon beim -drittenmal veranlaßte meine Gattin meinen Umzug in das Fremdenzimmer. - -Hier erwartete ich den vierten Tag, der wieder seraphinenhaft ganz ohne -Ärger aufzog. So sehr auch die Erinnerung an die drei Ärgernächte -versuchte, sich in den Tag als Ärger einzuschleichen, es gelang nicht. -Lächelnd schob der Tag jeden aufsteigenden Ärger mit der flachen Hand -gegen Abend zu: - -„Dahinein, wenn ich bitten darf, laut Doktor Switschbidiwitsch.“ - -„Ich weiß schon, was ich die vierte Nacht tue“, dachte ich und -beschloß, mir sie in irgendeinem Gasthaus um die Ohren zu schlagen. Da -saß ich still in einer Ecke und kämpfte und kämpfte gegen den Schlaf. - -Auf einmal war ich nicht mehr im Gasthaus, sondern im Bahnhof am -Schwanze einer langen Menschenschlange vor dem Fahrkartenschalter. Wie -alle andern trippelte ich vor Ungeduld, wann ich endlich an die Reihe -kommen würde. Wie die andern murmelte ich dann und wann: „Den Teufel -auch, wenn ich nun den Zug nicht mehr erwische.“ - -Endlich, nach einer Viertelstunde, bin ich an der Reihe. Ein -verärgertes Beamtengesicht mit gesträubtem Schnurrbart fährt mich aus -dem Schalter an: - -„Na, wohin, -- so reden Sie doch!“ - -Heiliger Bimbam, jetzt hatte ich den Namen der Station vergessen. - -„Nach -- nach --“, stotterte ich. Die Schweißperlen standen mir auf -der Stirne. Der Name fiel mir um alles in der Welt nicht ein. Die Leute -hinter mir drängten ungeduldig: - -„Wir kommen nicht mehr mit -- wir kommen nicht mehr mit -- der Mensch -dort vorne soll doch -- soll doch -- kruzitürkennocheinmal...“ - -„Nach -- nach“, setzte ich verzweifelt wieder an. - -„Nach -- nach -- wohin Sie halt meinen, Herr Sekretär.“ - -Hinter mir halb Höllengelächter: - -„Ein solcher Depp -- habt’s jetzt schon ein solchen Deppen g’sehn...“ -Und halb Wutgeheul: - -„Der Kerl ist ein Schuft -- der hat sich nur hineingedrängt, damit wir -unsern Zug versäumen -- haut ihn!“ - -Fäuste hoben sich. Ich fiel unter den Tisch vor dem Fahrkartenschalter. -Jemand hob mich auf und sagte: - -„Es tut mir leid, wir schließen jetzt die Wirtschaft -- Sie müssen nach -Hause gehen.“ - -Zerschlagen wanderte ich durch die Straßen. Schon dämmerte der Morgen. -Ich lief schnurstracks zum Doktor Switschbidiwitsch. - -„Eigentlich habe ich jetzt keine Sprechstunde,“ sagte er, „aber wenn es -dringend ist --“ - -„Es ~ist~ dringend,“ sagte ich, „ich pfeife auf den ärgerlosen Tag --- der Nachtärger bringt mich um -- ich möchte meinen alten Tagärger -wieder haben.“ - -„Das wird nicht so leicht gehen -- es sei denn, daß es mir gelänge, das -ärgerliche Tageis durch einen besonders dicken Tagärger zu brechen.“ - -„Tun Sie’s, Herr Doktor, tun Sie es sofort -- ich gehe sonst in der -nächsten Nacht darauf.“ - -Er machte wieder ein paar magnetische Striche längs meiner Schläfen, -diesmal aber nach der umgekehrten Richtung. Dann zupfte er mich am Ohr. - -„Na, ärgert Sie das vielleicht?“ - -„Keine Spur.“ - -Jetzt gab er mir einen Hirnschnalzer mittels Daumen- und Mittelfinger, -daß alles krachte. - -„Das wird Sie aber ärgern, nicht wahr?“ sagte er. - -„Keine Idee“, sagte ich traurig-milde. - -„Na, ich sehe schon, bei Ihnen hat sich die Tagesärgerlosigkeit in -der kurzen Zeit so eingefressen, daß ich es mit dem stärksten Mittel -probieren muß.“ - -Abermals machte er mit seinen Händen die vertikalen magnetischen -Gegenstriche an meinen Schläfen und streckte dann plötzlich beide Hände -horizontal aus: - -„Hundert Mark, wenn ich bitten darf!“ sagte er energisch. - -Irgend etwas in meinem Gehirn knackte. - -„Das ist denn doch eine Unverfrorenheit!“ brauste ich auf, „hundert -Mark! wo Sie noch nicht einmal erfolgreich --“ - -„Gewonnen!“ lachte Doktor Switschbidiwitsch, „das Eis ist gebrochen --- Sie haben Ihren soliden Tagärger wieder -- gehen Sie nach Hause -- -Sie werden heute nacht vortrefflich traumlos schlafen -- hier ist die -Quittung über hundert Mark -- Sie müssen es nicht tragisch nehmen -- -eine Heilung von der Heilung ist stets ein wenig teurer, wissen Sie...“ - - - - -Von =Fritz Müller= erschienen: - - -Bei =Otto Rippel=, Hagen i. W. - - =Der Sepp im Krieg.= 8. Tausend. - - =Hinter der Front.= 5. Tausend. - - =Vergnügliche Geschichten.= 11. Tausend. - - =Klassengold.= 5. Tausend. - - =Ich dien.= 5. Tausend. - - -Bei =Eugen Salzer=, Heilbronn a. N. - - =Das Land ohne Rücken.= 14. Tausend. - - =Fröhliche Wissenschaft.= 7. Tausend. - - -Bei =Egon Fleischel & Co.=, Berlin. - - =O Frida!= Novellen. 2. Tausend. - - =Zweimal ein Bub.= 3. Tausend. - - =Die andre Hälfte.= 2. Tausend. - - =Kurzehosengeschichten.= 10. Tausend. - - -Bei =Huber & Co.=, Frauenfeld (Schweiz). - - =Alltagsgeschichten.= 2. Tausend. - - -Bei =C. F. Amelang=, Leipzig. - - =Die eisernen Kameraden.= 2. Tausend. - - -Bei der =Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung=, Hamburg. - - =Fröhliches aus dem Kaufmannsleben.= 45. Tausend. - - =Fröhliches aus dem Krieg.= 20. Tausend. - - - - -Rippels Deutsche Hausbücher - -(Umfang und Ausstattung wie vorliegender Band) - -Jeder Band gebunden 1.70 M. - -Teuerungszuschlag 50 Pf. -- Bisher erschienen: - - - Wie die große Zeit kam. Erlebtes und Empfundenes von Fritz Müller, - Rich. Voß, L. Schulze-Brück, Auguste Supper, Hans v. Zobeltitz. 5. - Tausend. - -Die bekannten Schriftsteller und Schriftstellerinnen schildern uns in -diesem Buche, was sie in jenen unvergeßlichen Augusttagen erlebt und -empfunden und welch herrlicher Geist in Ost und West, in der Stadt und -auf dem Dorfe das deutsche Volk beseelte. - - - Nach der Schlacht. Ein Kriegsbuch von Helene Christaller, Otto - Frommel, Hermann Hesse, Paul Natorp, Rich. Nordhausen, Fritz - Philippi, L. Sternberg, Paul Wüst. 5. Tausend. - -.... So ist denn „Nach der Schlacht“ ein sehr lesenswertes, -inhaltreiches und abgerundetes Werk geworden, keine laute, aber doch -sehr eindringlich wirkende literarische Gabe. - - Kölnische Zeitung. - - - Stille Opfer. Den deutschen Frauen und Jungfrauen in großer Zeit - von Helene Christaller, Agnes Harder, S. Ch. v. Sell, Auguste - Supper. 21. bis 23. Tausend. - -Den vielen Tausenden, die in dieser Zeit dem Vaterlande ihr stilles -Opfer darbringen müssen, wird dieses Büchlein eine Herzensstärkung -sein, das sie in ihrem Schmerze aufrichtet, stark und fähig macht für -die hehre Aufgabe der Zukunft. - - - Auguste Supper, Vom jungen Krieg. Erzählungen. - -„In fesselnder kraftvoller Schilderung bringt A. Supper in ihrem sehr -geschmackvoll ausgestatteten Bändchen eine gute Auswahl gehaltvoller -Erzählungen.“ - - Die schöne Literatur. - - - - -Verlag von Otto Rippel, Hagen i. W. - - - Helene Christaller, Wir daheim. Ein Kriegsbuch. 19. Tausend. - -„Ich wollte, man könnte es in Tausenden von Exemplaren ins Ausland -schleudern, besonders auch unter die Neutralen, damit sie aus diesen -tief empfundenen lebenswarmen Skizzen ein Wirklichkeitsbild gewännen -von dem kämpfenden Deutschland daheim.“ - - Christl. Welt. - - - Fritz Müller, Der Sepp im Krieg. Bayerische Geschichten. 8. Tausend. - -„Das sind Perlen neudeutscher Erzählungskunst! Die Geschichten, so -einfach und schlicht sie an sich sind, gehören zu dem Besten, was die -deutsche Kriegsliteratur bis jetzt hervorgebracht hat. Wir können -sie mit bestem Gewissen allen denen empfehlen, denen der klare, -unerschöpfliche Born des deutschen Gemüts und des tiefinnerlichen -deutschen Volkshumors eine Offenbarung bedeutet.“ - - Der Reichsbote. - - - Fritz Müller, Hinter der Front. Erzählungen von zuhause. 5. Tausend. - -Das sind eigenartige Kriegsgeschichten von daheim, weit hinter der -Front. Kein Pulverdampf und Kanonendonner wird vernommen und doch -bringen uns diese tief empfundenen Erzählungen die große Zeit so nahe -und zeigen uns, welch herrlicher Geist das deutsche Volk beseelt und -welche Opfer es zu bringen imstande ist. - - - Helene Christaller, Und Marmorbilder stehn und sehn mich an... - Erzählungen. 6.-7. Taus. - -„In dieser neuesten Gabe schenkt uns die beliebte Verfasserin eine -besonders sorgfältig ausgewählte Sammlung ihrer besten und reifsten -Erzählungen. Dieses Büchlein ist ein besonders geeignetes Geschenkwerk -für das deutsche Haus.“ - - - Fritz Philippi, Aus meinem Guckkasten. Erzählungen. 3. Tausend. - -„Erzählungen aus Krieg und Frieden, die sowohl den Ernst und die Größe -der Gegenwart widerspiegeln, wie auch den stillen Frieden vergangener -Tage atmen. Das Büchlein wird dem Verfasser neue Freunde gewinnen, -zeigt er sich doch in der humoristischen Erzählung ‚Peter Zwickel auf -dem Lügengaul‘ von einer ganz neuen erfreulichen Seite.“ - - - - -Verlag von Otto Rippel, Hagen i. W. - - - Helene Christaller, Aus ernster Zeit. Eine Kriegsgabe. 15. Tausend. - -Den zahlreichen Freunden der bekannten Verfasserin wird dieses kleine -hübsche Bändchen eine willkommene Gabe sein, schenkt sie doch aus ihrem -reichen Schatz die besten Gaben aus dieser großen, ernsten Zeit. - - - Fritz Müller, Klassengold. Schulgeschichten aus dem Krieg. 5. - Tausend. - -„Diese herzerquickenden Erzählungen muten ungemein frisch und -lebensfroh an, und doch steckt in allen ein tief versonnener Kern.“ - - Schulrat _Dr._ Mosapp. - - - Max Geißler, Der schwarze Stern im großen Bären. Roman. 5. Tausend. - -„... Dem Meister deutscher Erzählerweise ist es vortrefflich gelungen, -das farbenprächtige orientalische Gewand zu wahren. An ein türkisches -Muster erinnert auch der Einband des hübsch ausgestatteten Büchleins, -das einen neuen Baustein zum großen Bau der Weltliteratur bedeutet...“ - - Die schöne Literatur. - - - Fritz Müller, Vergnügliche Geschichten. 8.-11. Tausend. - - - Otto Frommel, Ein schweres Herz. Erzählungen. - -„In diesem feinen, beschaulichen Buche bietet uns Frommel wahre Perlen -deutscher Erzählungskunst. Tiefer Ernst, sonniger Humor wechseln in -wohltuender Weise ab.“ - - - Horst Wolfram Geißler, Die Rosen der Gismonda. Novelle. 4. u. 5. - Tausend. - -„Eine feine poesievolle Novelle aus der Vergangenheit. Die Lektüre ist -ein rechter Genuß und eine Erholung.“ - - - S. Ch. von Sell, Das Rosenhaus. Erzählung. 8.-10. Tausend. - -„Die bekannte Verfasserin bietet ihren Freunden eine besonders feine -Erzählung. Von dem Sieg der treuen, hingebenden, entsagungsvollen Liebe -erzählt uns diese ergreifende Geschichte.“ - - - - -Verlag von Otto Rippel, Hagen i. W. - - - Klara Hofer und Johannes Höffner, Friede im Krieg. Weihnachtliche - Geschichten. - -„Diese prachtvollen Weihnachtsgeschichten, die uns mitten in dieser vom -Kriegslärm beherrschten Zeit vom Sieg des Friedens erzählen, verdienen -die weiteste Verbreitung.“ - - - Fritz Müller, Ich dien’. Geschichten. 5. Tausend. - -„Des Verfassers eigenartige Gabe kommt in diesen echt deutschen, -gemütvollen Geschichten voll zur Geltung. Dieses Büchlein, wie jede -einzelne Geschichte, ist ein Zeugnis von dem herrlichen Geist unserer -Zeit; es erquickt und richtet auf, macht stolz und stark.“ - - - Max Geißler, Drei Mann unterm Glassturz. Roman. 5. Tausend. - -„Ein kleiner aber feiner Roman aus dem Herzen Deutschlands. Kein -sensationelles, prickelndes „modernes“ Buch. Ein zarter, erwärmender -Hauch strahlt von ihm aus und wird dem Verfasser sicher dankbare Leser -bringen.“ - - - E. Müllenhoff, Im Hell-Dunkel. Erzählungen. 7.-9. Tausend. - - Marie Diers, Unsere Mutter. Die Geschichte einer Reue. 6.-10. - Tausend. - -„Diese ergreifende Geschichte einer Mutter steht unter dem Leitmotiv: -‚O lieb, so lang du lieben kannst‘. Für Jung und Alt.“ - - - Otto Ernst, Ruhe des Herzens. Ernstes und Heiteres. - - - Rudolf Greinz, Bergheimat. Zwei Erzählungen aus Tirol. - - - Hanns v. Zobeltitz, Nach dem Frieden. Eine Erzählung. - - - Ernst Zahn, Der Gerngroß. Eine Erzählung. - - - Fritz Müller, Worauf freuen wir uns jetzt? Fröhliche Geschichten. - - - - - -End of Project Gutenberg's Worauf freuen wir uns jetzt?, by Fritz Müller - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WORAUF FREUEN WIR UNS JETZT? *** - -***** This file should be named 63108-0.txt or 63108-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/3/1/0/63108/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Worauf freuen wir uns jetzt? - Fröhliche Geschichten - -Author: Fritz Müller - -Release Date: September 3, 2020 [EBook #63108] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WORAUF FREUEN WIR UNS JETZT? *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> - -<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1918 erschienenen -Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. -Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche -und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten -bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts -dadurch nicht beeinträchtigt wird. Fremdsprachliche Zitate und Passagen -in Dialekt wurden nicht verändert.</p> - -<p class="p0">Der Zensurstempel auf der Titelseite (‚Z‘ über ‚VII‘ -in einem Dreieck mit nach unten zeigender Spitze) wurde nicht mit -übernommen, da dieser ursprünglich nicht Teil des gedruckten Originals -war.</p> - -<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; Passagen -in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden im vorliegenden -Text kursiv dargestellt. <span class="nohtml">Abhängig von der im -jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original -<em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in -serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt -erscheinen.</span></p> - -</div> - -<div class="titelei"> - -<p class="s2 center padtop5 mbot3 break-before">Worauf freuen wir uns jetzt?</p> - -<h1>Worauf<br /> -freuen wir uns jetzt?</h1> - -<p class="s3 center">Fröhliche Geschichten</p> - -<p class="center">von</p> - -<p class="s2 center mbot3"><b>Fritz Müller</b></p> - -<p class="s4 center padtop5">1918<br /> -Verlag von Otto Rippel, Hagen i. W.</p> - -<p class="center padtop5 break-before"><span class="antiqua">Copyright by Otto Rippel<br /> -Hagen i. W. 1918</span></p> - -<p class="s5 center padtop5">Zeilenguß-Maschinensatz und Druck<br /> -von Oscar Brandstetter in Leipzig</p> - -</div> - - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis</h2> - -</div> - -<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis"> - <tr> - <td class="s5 vat"> - <div class="left"> </div> - </td> - <td class="s5 vat"> - <div class="right mleft3">Seite</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="left">Worauf freuen wir uns jetzt?</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right mleft3"><a href="#Worauf_freuen_wir_uns_jetzt">7</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="left">In deinem Alter</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right mleft3"><a href="#In_deinem_Alter">13</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="left">Der Rauchtisch</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right mleft3"><a href="#Der_Rauchtisch">20</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="left">Der Familienaufsatz</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right mleft3"><a href="#Der_Familienaufsatz">27</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="left">Der Hunderter</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right mleft3"><a href="#Der_Hunderter">35</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="left">Der Spohrer</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right mleft3"><a href="#Der_Spohrer">39</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="left">Glück</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right mleft3"><a href="#Glueck">45</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="left">Das blaue Band</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right mleft3"><a href="#Das_blaue_Band">49</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="left">Die Rundfrage</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right mleft3"><a href="#Die_Rundfrage">63</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="left">Das Kugelzimmer</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right mleft3"><a href="#Das_Kugelzimmer">70</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="left">Schmuckel</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right mleft3"><a href="#Schmuckel">76</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="left">Jod</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right mleft3"><a href="#Jod">84</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="left">Morgan</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right mleft3"><a href="#Morgan">88</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="left">Tag- und Nachtärger</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right mleft3"><a href="#Tag_und_Nachtaerger">96</a></div> - </td> - </tr> -</table> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7"></a>[S. 7]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Worauf_freuen_wir_uns_jetzt">Worauf freuen wir uns jetzt?</h2> - -</div> - -<p>Er kam mit dem Spruch schon auf die Welt. Glitzerig kugelten seine -Äuglein aus der Wiege in die Zimmerrunde. „Sieht er nicht aus,“ sagte -jemand, „als wenn er fragte: Worauf freuen wir uns jetzt?“</p> - -<p>Das blieb ihm. Das saß zu Häupten seiner Wiege, wenn das Fieber sein -Körperchen geschüttelt hatte. Das strich ihm die winzigen Fältchen vom -Gesicht und sagte: „Maxli, worauf freuen wir uns jetzt?“ Das wurde -mit ihm größer, rutschte auf den Dielen mit herum, wo er sich einen -Schiefer eingezogen hatte, und wischte ihm die Tränen fort: „Und worauf -freuen wir uns jetzt, Maxli, he?“</p> - -<p>Das klopfte ihm nach den ersten ängstlichen Schulgang vertraulich auf -die Schulter: „Na, Maxli, worauf freuen wir uns jetzt?“</p> - -<p>Das wuchs mit ihm und wich ihm nimmer von der Seite. Das sah ihm -unausweichlich ins Gesicht, wenn der Ärger aufstieg: „Was ich noch -sagen wollte, Max, worauf freuen wir uns jetzt?“</p> - -<p>Was Wunder also, daß der Spruch ein Teil von ihm ward. Oder er ein -Teil vom Spruch. In solchen Wiegenbrüderschaften lassen sich die<span class="pagenum"><a id="Seite_8"></a>[S. 8]</span> -Teile nicht mehr sondern, derselbe Herzschlag tickt durchs gleiche -Blutgeäder: „Wo-rauf-freuen-wir-uns-jetzt?“</p> - -<p>Es ist schon richtig: schlicht und bescheiden, wie der Max war, wurde -er kein Großer, wurde nicht berühmt. Eher schon sein Spruch, den sie -nach und nach belächelten.</p> - -<p>„Hör’ mal, Max,“ sagte einer seiner Freunde, „ein Wahlspruch ist schon -recht. Aber er muß auch darnach sein. Zum Beispiel: Morgenstund hat -Gold im Mund. Oder: Erst besinn’s, dann beginn’s. Oder: Rom ist nicht -an einem Tag erbaut. Siehst du, das sind anerkannte Sprüche.“</p> - -<p>„Jawohl,“ sagte Max, „und worauf freuen wir uns jetzt?“</p> - -<p>Max sei ja soweit ein guter Kerl, sprach dann dieser Freund herum, aber -doch beschränkt. Und es solle ihn nicht wundern, wenn er in der Prüfung -nicht bestehe. Wirklich fiel er durch.</p> - -<p>„Junge, Junge,“ klagte Maxens Vater, „wohin soll das führen?“</p> - -<p>„Zum Erfolg beim zweiten Male. Vater — und worauf freuen wir uns -jetzt?“</p> - -<p>Vater seufzte, Mutter strich dem Sohne übers Haar: „Max, nicht wahr, -von jetzt ab für nichts anderes als zum Studium zu haben sein, willst -du mir’s versprechen?“</p> - -<p>„Ja, Mutter — und worauf freuen wir uns jetzt?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_9"></a>[S. 9]</span></p> - -<p>Tja, er war nicht zu ändern. „Schade um ihn,“ sagten die gesetzten -Leute, „er hat eine fixe Idee.“ Und sie behandelten ihn nachsichtig und -blieben bei der ihren.</p> - -<p>Bei einer politischen Versammlung kampelten sich die Gegner, daß es -im Saale gellte. Dann trat eine kleine Erschöpfungspause ein. Ruhig -kam aus einer Ecke eine Stimme: „Und worauf freuen wir uns jetzt?“ -Gelächter. Sie bengsten in Max: „Laß dir’s nicht gefallen — sprich -doch — Silentium für — ha, er spricht wirklich —“</p> - -<p>„Meine Herren,“ sagte Max, „ich freue mich, daß Sie sich freuen.“ -Das Gelächter wuchs, trotzdem einer sagte, ihm dünke, das sei das -Gescheiteste gewesen, was die Versammlung bis jetzt ergeben habe. Aber -niemand hörte darauf. Sie kampelten sich schon wieder, daß die Haare -flogen.</p> - -<p>Ein Osterausflug ward verregnet. Mißmutig saßen sie in einer -Bauernstube. Max sah im Kreis herum. „Und worauf freuen wir uns jetzt?“ -sagte er lächelnd und im inneren Taktmaß des draußen plätschernden -Regens. Darob wurden einige wieder vergnügt. Ernst aber hob ein -Professor an: „Junger Mann, alles zu seiner Zeit. Gereifte Einsicht -muß verstehen, daß die Freude nicht am Platz ist, wenn die Gründe zur -Verdrossenheit derart ausreichend sind, daß —“</p> - -<p>„Gewiß,“ sagte Max, „aber worauf freuen wir uns jetzt?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_10"></a>[S. 10]</span></p> - -<p>Darauf machte der Professor in seinem Wörterbuch der Psychologie einen -neuen Eintrag: Unter Idioten der Freude versteht man...</p> - -<p>Das war lieblos. Freundlicher drückten’s seine Freunde aus: „Max ist -der reinste Freuden-Cato: <span class="antiqua">Ceterum censeo</span>...“</p> - -<p>„Ja,“ ward ihnen beigepflichtet, „er rennt mit seinem Spruche gegen das -Carthago alles Mißvergnügens an.“</p> - -<p>„Ob sein Grundsatz aber standhält,“ zweifelte ein anderer, „wenn’s bei -ihm selber um die Wurst geht?“</p> - -<p>Er hat standgehalten. Die Bank, die sein Erspartes hatte, fiel. Als -er’s erfuhr, zuckte er zusammen und ging an seine Arbeit, fest aber -stumm. „Aha, nun hat es ihm sein Sprüchlein doch verschlagen“, sagte -einer, der nicht wußte, daß sich ein Spruch auch einwärts wenden läßt.</p> - -<p>Nur ein einzig Mal hat auch das Einwärtswenden fast versagt. Das war -damals, als ihm einer seine Liebste stahl. Da sank sein Gleichmut, -da hob sich ihm die Hand zum Schlage. Freilich, ohne zuzuschlagen. -„Nein, nein,“ hat er gemurmelt, „Menschen können einem nicht gestohlen -werden, sie stehlten sich denn selber.“ Einen Winter lang hat’s ihn -herumgetrieben, bis er gepreßt und scheu zwar, aber dennoch hörbar -wieder sagen konnte: „Und worauf freuen wir uns jetzt?“</p> - -<p>Nun aber ist ein Spruch, der nie versagt, kein Spruch mehr, sondern -ein Tyrann. Eines Tags<span class="pagenum"><a id="Seite_11"></a>[S. 11]</span> verbeugte sich vor dem erschrocknen Max ein -Riesenschatten: „Sie gestatten — bin der Weltkrieg — und erlaube mir, -um Ihren Spruch zu bitten.“</p> - -<p>„Meinen Spruch?“ stotterte der Max, „was wollen Sie damit?“</p> - -<p>Der Weltkrieg machte eine halsabschneidende Bewegung.</p> - -<p>Fuhr der Max auf: „Mit welchem Rechte —?“</p> - -<p>„Tun Sie doch nicht so — bedenken Sie, wenn Sie, wie andre, statt des -Spruchs, sich selbst zum Opfer —“</p> - -<p>„Mich magst du nehmen — was liegt groß an mir — aber alles liegt an -meinem Spruch.“</p> - -<p>„Dummes Zeug — zuviel Federlesen mach’ ich schon — her mit dem -Spruch!“ Roh griff er Max ins Herz. Aber heimlich war der Spruch daraus -entwichen, flüsternd: „Verzage nicht, Max, auf Wiedersehn!“ Fort der -Spruch, ihm nach der Krieg.</p> - -<p>Reihum im Lande hat der Spruch sich auf die Flucht begeben, immer hart -vom Krieg verfolgt und immer guten Muts. Kaum einer, den er nicht -besucht hat, am liebsten die Verdrossenen und Schmerzgeschlagenen, die -ihn am wenigsten erwarten. Ich habe ihn an Witwenherzen klopfen seh’n: -„Mich schickt der Max.“</p> - -<p>„Kenn’ ich nicht.“</p> - -<p>„Eben darum komm’ ich, von ihm erzählen soll ich, damit auch Ihr auf -eine kleine Weil’ mich so gut aufnehmt, wie ich’s bei ihm gehabt.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_12"></a>[S. 12]</span></p> - -<p>Da nahmen sie ihn auf. Freilich nur für eine kleine Weile. Aber lang -genug, um, wenn der Krieg aufs neue angepoltert kam: „Wo ist der -Flüchtling, daß ich ihm den Hals umdrehe?!“ mit wieder ausgeglich’nem -Herzen lächelnd zu erwidern: „Bedaure, schon verzogen, wenn Sie ihn -treffen, bitte ihn von mir zu grüßen.“</p> - -<p>Er hat ihn nie erwischt, der Weltkrieg, solang’ er auch schon währt. -Immer ist er anderswo, als wo er grad’ gemordet werden sollte. Und er -hat schrecklich viel zu tun. Wenn mich nicht alles täuscht, demnächst -mehr noch als der Weltkrieg. Und immer größer wird er, immer stärker, -trotz des Weltkriegs. Wenn ich recht berichtet bin, demnächst größer -gar und stärker, als der Weltkrieg selbst. Und es geht ein Tuscheln um -im Land, daß die Jagd sich demnächst umdreht. Daß aus dem Verfolgten -ein Verfolger wird. Dann aber mag es sein, weil der Spruch um soviel -flinkre Füße als der Weltkrieg hat, daß dem der Hals herumgedreht wird -vom „Worauf-freuen-wir-uns-jetzt?“</p> - -<p>Noch ist es nicht so weit. Noch hat er ihm den Hals nicht umgedreht. -Noch hilft er anderen beim Sterben. Vor kurzem seinem eignen alten -Herrn, dem Max. Ich selber hab’ ihn sterben sehn. Er ging geschwind -durchs Tal der letzten Schmerzen auf den Kamm, der vom Jenseits -scheidet. Jetzt stand er droben und überdachte in den Kissen seine -eingesunkenen Augen: „Und worauf freuen wir uns jetzt?“</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_13"></a>[S. 13]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="In_deinem_Alter">In deinem Alter</h2> - -</div> - - -<p>Ich habe eine Statistik über Ermahnungen von Eltern -an ihre Kinder angelegt. Es gibt Statistiken über -dreiundzwanzigtausendachthundertfünfundsechzig Dinge, von der -Gewichtsabnahme bei spiritistischen Sitzungen bis zum Senfverbrauch -auf den Kopf der Bevölkerung. Warum also nicht auch einmal eine -Ermahnungsstatistik zwischen Eltern und Kindern?</p> - -<p>Zuerst dachte ich, solcher Ermahnungen gäbe es so viele wie Sand am -Meer. Nämlich, wenn man vom Auftakt ausging. Ich notierte mir:</p> - -<p>„Laß das, Hansi...“</p> - -<p>„Pfui, Lotte...“</p> - -<p>„Schämst dich denn gar nit, Mariele...“</p> - -<p>„Nein, jetzt aber so was, Trudi...“</p> - -<p>„Fritz, Fritz...“</p> - -<p>„Da soll denn doch ein Hageldonnerwetter, Max...“</p> - -<p>„Ei ei, Maxeli...“</p> - -<p>„Potz Blitz und Karawanken, Junge...“</p> - -<p>„Na, warte, Karl...“</p> - -<p>„Junge, Junge, Junge...“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_14"></a>[S. 14]</span></p> - -<p>Auch die Fortsetzungen waren noch einigermaßen verschieden. Aber der -Schluß, der Schluß war stets derselbe. Alle, alle liefen sie in einen -einzigen Schlußsatz aus:</p> - -<p>„In deinem Alter habe ich...“</p> - -<p>Das heißt, was die Eltern in dem Alter ihrer Kinder hatten, waren, -taten oder unterließen, ging ja auch wieder scheinbar auseinander, -aber in Wirklichkeit war’s doch dasselbe. Denn es kam immer auf eine -unabänderliche Bravheit oder Wohlanständigkeit hinaus, ob sie sagten:</p> - -<p>„In deinem Alter habe ich nicht soviel Butter auf das Brot -bekommen...“, oder</p> - -<p>„In deinem Alter habe ich noch gar nicht gewußt, wie ein Theater von -innen ausschaut...“, oder</p> - -<p>„In deinem Alter hatte ich noch keine Ahnung von einem Federhut...“, -oder</p> - -<p>„In deinem Alter ist uns der Schnabel sauber geblieben von...“, oder</p> - -<p>„In deinem Alter hätten wir es nicht gewagt, zu...“, oder</p> - -<p>„In deinem Alter würden wir uns zu Tode geschämt haben, wenn...“, oder</p> - -<p>„In deinem Alter würden wir uns die Finger darnach abgeschleckt haben, -wenn unsere Eltern...“, oder</p> - -<p>„In deinem Alter wären wir kreuzfroh gewesen, wenn...“, oder</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_15"></a>[S. 15]</span></p> - -<p>„In deinem Alter hätte man uns verwichst, daß wir nicht mehr stehen, -sitzen oder liegen hätten können, wenn wir uns unterstanden hätten...“</p> - -<p>Der letzte Satz hat den erhebendsten Eindruck auf mich gemacht. -Nämlich, weil die betreffende ungezogene Liesel, an die er mit -Augenrunzeln und Donnergepolter gerichtet war, darauf erwiderte:</p> - -<p>„Ah, Vater, das muß aber fein gewesen sein.“</p> - -<p>Der entsetzte Vater brachte mit Mühe und Not ein „Warum?“ heraus.</p> - -<p>„Weil, wenn ihr nicht mehr stehen, liegen oder sitzen konntet,“ sagte -Liesel ernsthaft und ganz in einer Vorstellung versunken, „dann habt -ihr ja fliegen müssen, Vater.“</p> - -<p>Nein, bitte, das war durchaus nicht frech, sondern sachlich. Denn -Kinder sind in diesen Dingen immer sachlich. Während die Eltern in -Dingen der Ermahnung ... nun, ich habe neulich bei einem Vater, mit dem -ich selbst einmal zur Schule ging, merkwürdige Dinge festgestellt.</p> - -<p>Da war ich also bei Rechnungsrats eingeladen. Rechnungsrat Übelacker -ist ein prächtiger Vater zu seinen Kindern. Aber wenn Gäste da sind, so -ermahnt er sie. Er ermahnt sie unter allen Umständen. Vielleicht glaubt -er, es gehöre zum guten Ton, oder er sei das seinen Gästen schuldig, -oder seinen Kindern, oder sich selber, ich hab’s nie herausbekommen -können. Aber mir hat er immer leid getan, wenn wir schon beim Obst -angelangt waren und<span class="pagenum"><a id="Seite_16"></a>[S. 16]</span> mein Freund, der Rechnungsrat Übelacker, bereits -anfing, ungemütlich auf seinem Stuhle hin und her zu rutschen, weil bis -anhin die Kinder noch nicht den geringsten Anlaß zur Ermahnung zu geben -schienen.</p> - -<p>So war’s auch diesmal. Ich konnte es nicht mehr ansehen. Ich nahm mich -zusammen und schnitt dem regierungsrätlichen Fritzl eine heimliche -Grimasse über den Tisch hinüber. Natürlich lachte er. Ich verlängerte -meine Grimasse ins Erstaunte. Natürlich platzte er jetzt fast vor -Lachen.</p> - -<p>Sofort lösten sich des Regierungsrats gespannte Züge wohltätig, als er -jetzt mahnend an seinen Teller klopfen und verkünden konnte:</p> - -<p>„Fritz, das muß ich dir denn doch sagen, in deinem Alter habe ich -niemals ein so blödsinniges Gelächter aufgeführt — mach’, daß du -vor die Türe gehst, damit — damit du weißt, wie man sich bei Tisch -anständig beträgt.“</p> - -<p>Ich dachte mir, es sei sehr unwahrscheinlich, daß man das anständige -Benehmen bei Tisch vor der Türe draußen erlernen könne und drückte -diesen Gedanken in einer dritten heimlichen Grimasse aus, für -mich privat natürlich. Ebenso natürlich schepperte aber der -Regierungsratsfritz darüber vor Lachen und ging ein drittel betrübt, -ein drittel vergnügt und ein drittel ahnungslos vor die Türe.</p> - -<p>„Es ist ein Jammer mit den Kindern heutzutage“, sagte Rat Übelacker -etwas unsicher zu mir.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_17"></a>[S. 17]</span></p> - -<p>„O,“ sagte ich, „nicht nur heutzutage, es war zu unserer Zeit nicht -besser, aber dafür schlimmer.“</p> - -<p>„Sooo?“ sagte mein Freund, der Regierungsrat.</p> - -<p>„Ja, ich erinnere mich an zwei Buben, die einem Gaste gegenübersaßen, -der einen kleinen unscheinbaren Haarbüschel auf seiner Nasenspitze -hatte.“</p> - -<p>„Soo?“</p> - -<p>„Ja, und so oft das auftragende Mädchen die Türe öffnete, bewegte sich -dieser kleine Haarbüschel im Zugwind zuerst empört, dann ergebungsvoll -und schließlich fröhlich.“</p> - -<p>„So?“</p> - -<p>„Ja, und das machte den beiden Jungen einen solchen Heidenspaß, daß sie -sich beinahe kugelten vor Lachen.“</p> - -<p>„So, am Tisch?“</p> - -<p>„Freilich, so daß der Vater schließlich sagen mußte, das sei ja ein -schandbares Betragen, und als er so jung gewesen sei, habe man Kinder -mit derartiger Aufführung jämmerlich verhauen, und er solle sofort vor -die Türe gehen, damit er besseren Anstand lerne, der Heinrich.“</p> - -<p>„Der Heinrich?“</p> - -<p>„Ja, natürlich, der Heinrich, denn es ging doch nicht gut an, mich als -eingeladenen Jungen auch vor die Türe zu setzen.“</p> - -<p>„Dich? und der andere —?“</p> - -<p>„Der andere? aber das warst doch natürlich du, Heinrich.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_18"></a>[S. 18]</span></p> - -<p>„Soso — hm ja — soso —“</p> - -<p>In diesem Augenblicke schien das anwesende Erziehungsfräulein -Nasenbluten zu kriegen. Wenigstens ging sie mit dicht angepreßtem -Taschentuch auch rasch vor die Türe. Und es war mir nur schleierhaft, -warum sie dabei das ganze Gesicht zudecken mußte.</p> - -<p>Gleich darauf schien der Frau Regierungsrat ein Apfelbröckchen in den -unrechten Schlund gekommen zu sein, so daß sie ein merkwürdig komisches -Gesicht machen mußte und von ihrem Gemahl einen unbeschreiblichen Blick -erhielt. Was sie veranlaßte, ebenfalls ein wenig vor die Türe zu gehen.</p> - -<p>„Da wir jetzt unter uns sind,“ begann der Regierungsrat unbehaglich, -„so muß ich dir schon sagen...“ Ich merkte sofort, daß es eine -umfängliche Predigt werden sollte und sagte:</p> - -<p>„Komm, alter Junge, sei nicht tragisch — dein Sohn ist im übrigen ein -famoser Kerl.“</p> - -<p>„Famoser Kerl, wieso?“</p> - -<p>„Ei, er hat kein Wort davon gesagt, daß ich mit meiner -Gesichterschneiderei an seinem Gepruste schuld war.“</p> - -<p>„Du? Nun, da muß ich denn doch sagen — hm ja, ich meine, ich glaube, -du hättest diese Geschichte, an die ich mich übrigens gar nicht mehr -erinnere, nicht gerade jetzt — und im übrigen vermute ich, daß ich -damals nicht so entsetzlich geprustet habe, wie mein Fritz vorhin — -wenn du’s schon erzählen<span class="pagenum"><a id="Seite_19"></a>[S. 19]</span> mußtest, dann hättest du doch wenigstens auch -diesen Unterschied —“</p> - -<p>„Aber Heinrich, dann hätte ich ja auch den andern Unterschied —“</p> - -<p>„Welchen andern Unterschied, bitte?“</p> - -<p>„Nun, <em class="gesperrt">du</em> hast damals, als du vor die Türe gehen mußtest, nicht -vergessen, darauf aufmerksam zu machen, daß eigentlich das luftbewegte -Haarbüschelchen auf des Fremden Nase dran schuld war, während dein -Fritzl heut’ mich nicht verraten hat, sondern erheblich netter war, als -du in seinem Alter damals —“</p> - -<p>„Hem, hast du auch fernerhin die Absicht, alte Freunde derart -bloßzustellen —?“</p> - -<p>„Mit Vergnügen, solange sie nicht zugestehen wollen, daß sie im -Alter ihrer Söhne ganz genau so frech, so dumm, so nichtsnutzig, so -unbekümmert und so — kreuzvergnügt gewesen waren, gottseidank, als -eben diese Söhne.“</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_20"></a>[S. 20]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Der_Rauchtisch">Der Rauchtisch</h2> - -</div> - -<p>Rauchtische sind eine merkwürdige Erfindung. Ich glaube, Nichtraucher -haben sie erfunden.</p> - -<p>Zu meinem Geburtstage versetzte mir die Mutter meiner Frau mittels -Eilgut unter Wertangabe einen Rauchtisch. Gut, daß „Rauchtisch“ auf dem -Frachtbrief stand. Ich hätte ihn sonst für einen Telegraphenapparat mit -Gestell gehalten. Aber was ich für einen Morseticker ansah, war ein -Kerzenhalter. Hol’ mich der und jener, wenn die Aschenschale früher -keine Streifenspule war.</p> - -<p>„Fehlt nur noch der Draht“, murmelte ich.</p> - -<p>„Pfui,“ sagte meine Frau, „Geld willst du auch noch!“</p> - -<p>„Ja,“ bekannte ich, „auch für eine Banknotenpresse könnte man es -halten.“</p> - -<p>„Schäm’ dich, jeder Laie sieht doch, daß —“</p> - -<p>„Laie? Ja, das ist es: ein Rauchtisch für Nichtraucher.“</p> - -<p>„Mann, Mann, ich werde meiner Mutter schreiben, daß sie selbst kommt -und —“</p> - -<p>Ha, Daumenschraubenmuttern! Ich erschrak. Schweiß brach aus. Ich -wurde feig. Ich hob drei<span class="pagenum"><a id="Seite_21"></a>[S. 21]</span> Finger. Ich verleugnete meinen gesunden -Rauchverstand. Ich schwor, daß es ein Rauchtisch sei. Ein moderner -Rauchtisch. Ich schwor, daß nur ein Idiot den Streichholzständer für -einen Morsedrücker halten könne. Unleugbar sei es allerdings, daß das -Gestell aus drei Makkaroni in Todeszuckungen bestünde. Aber das sei -eine geniale Stilidee des Rauchtischarchitekten. Ich schwor, in meinen -ausschweifendsten Träumen hätte ich mir immer so etwas gewünscht.</p> - -<p>„Ist gut,“ sagte meine Frau mißtrauisch, „nun schwöre noch, daß du ihn -täglich benutzen wirst.“ Was war zu tun? Gott, was schwört der Mensch -nicht alles, wenn er in Gefahr ist.</p> - -<p>Ich benutzte ihn täglich. Zunächst als Handtuchhalter. Damit war er -zugedeckt, unsichtbar und gnädig.</p> - -<p>Aber meine Frau kam hinter die Gnade und das Handtuch, entfernte beides -und zwang mich, angesichts des Tischchens zu rauchen. Davon wurde mir -schlecht. Ich tat es den drei Makkaroni gleich und phantasierte. Es kam -der Arzt.</p> - -<p>„Denken Sie, Herr Doktor,“ sagte meine Frau, „das Nikotin ist ihm ins -Blut gegangen, er hält das da für einen Briefkasten mit Gestell.“</p> - -<p>„Unglaublich,“ sagte der Arzt, „eine türkische Gebetsmühle für einen -Briefkasten zu halten!“</p> - -<p>Empört holte meine Frau einen andern Arzt. Ich konnte ihn einen -Augenblick allein sprechen:<span class="pagenum"><a id="Seite_22"></a>[S. 22]</span> „Doktor, seien Sie barmherzig, befreien -Sie mich von diesem Ding da!“</p> - -<p>„Es ist doch ein ganz netter Schirmständer,“ sagte er, „na, wenn Sie -ihn durchaus nicht haben wollen, könnten Sie ja im Fieber —“</p> - -<p>Ich verstand, und schlug im Fieber den Rauchtisch kurz und klein. -Nach dem Anfall lagen die Makkaronifüße unter meinem Bett. Die -Rauchtischplatte war hinter den Bücherschrank gekugelt. Die -Aschenschale hatte sich auf das Gardinenbrett geflüchtet, während -der Kerzenhalter sich durch das offene Fenster auf den Aschenhaufen -niederließ.</p> - -<p>Ich hielt die Sache für erledigt und genas. Ich wußte nicht, daß eines -Weibes Liebe die zerrissensten Dinge wieder zusammenleimt: an meinem -Namenstag stand der reparierte Rauchtisch als Neugeschenk neben meinem -Bett und grinste verdrehter und hämischer als je.</p> - -<p>Freunde rieten mir zu einem Umzug. Bei Umzügen verschwänden oft die -unglaublichsten Dinge, sagten sie. Also wurde umgezogen. Während meine -Frau die Möbelträger hin und her schob, rannte ich mit dem Rauchtisch -auf den Speicher, ließ ihn in die hinterste Ecke verschwinden und -schmiß Lumpen drauf und Hobelspähne.</p> - -<p>Der Möbelwagen war gepackt. Der Kutscher wollte knallen. „Noch nicht“, -sagte meine Frau und ging zum letztenmal spähend durch die Räume. Ha, -gewonnen — leer kam sie zurück.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_23"></a>[S. 23]</span></p> - -<p>„Hü!“ will der Kutscher rufen. Springt über die Straße eine Katze mit -einem gestohlenen Fleischstück. Schreiend hinter ihr eine Köchin. Die -Katze das Stiegenhaus hinauf, Stock um Stock. Die Köchin ihr nach, -Stock um Stock. Man hört’s vom Dach herab rumoren. Auf einmal —</p> - -<p>Durch das offene Speicherfenster saust elegant die Katze, landet -unbeschädigt mit dem Fleischstück auf dem Pflaster —</p> - -<p>„Mistviech, elendig’s!“ schreit’s herunter. Durch die Dachluke saust, -gleich elegant geschwungen, das Rauchtischchen. Geschickt fängt es der -Oberpacker auf: „G’hört das noch dazu, gnä’ Frau?“</p> - -<p>Da stand es also auch in der neuen Wohnung und glotzte weiter hämisch. -Ich gab ihm Püffe über Püffe. Es hielt sie aus und glotzte. Täglich -warf ich meine Stiefel nach ihm. Es glotzte. Ich arrangierte einen -kleinen Hausbrand. Das erste, was gerettet wurde, war der Rauchtisch. -Ich bat meinen Neffen, chemische Experimente mit fressenden Säuren auf -dem Rauchtisch auszuführen. Die Säuren fraßen alles, nur nicht meinen -Rauchtisch.</p> - -<p>Immerhin, zum Lackieren müsse er, sagte meine Frau. Ich besuchte den -Lackierer. „Mann,“ sagte ich, „daß das Handwerk jetzt mit Arbeit -überhäuft ist, weiß ich. Ich könnte es verstehen, wenn das Stück erst -nach Monaten an die Reihe käme. Ja, ich würde es sogar begreifen, wenn -es überhaupt nie fertig würde.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_24"></a>[S. 24]</span></p> - -<p>Er sah mich prüfend an. „Nee, mein Lieber,“ sagte er, „Sie fangen mich -nicht, Sie Handwerkslästerer!“ Am nächsten Tage teilte er telephonisch -mit, daß der Tisch lackiert sei. Ich war es auch.</p> - -<p>„Kathi,“ sagte meine Frau, „holen Sie ihn ab.“</p> - -<p>„Kathi,“ sagte ich, sie heimlich auf die Seite nehmend, „wenn Sie ihn -unterwegs verlieren sollten — hier sind drei Mark — Sie verstehen.“</p> - -<p>Für drei Mark versteht die Kathi irgend etwas. Heulend kam sie heim. -„Gnä’ Frau — huhu — stehen lassen in der Straßenbahn — huhu —!“</p> - -<p>Meine Frau versteht keinen Spaß. Nicht für drei Pfennig. „Kathi, wenn’s -nicht mehr zum Vorschein kommt, ziehe ich am Lohn fünf Mark ab — -marsch, ins Fundbureau!“</p> - -<p>Kathi sah mich an. Ich zwinkerte ihr zu, ich käme doppelt auf. Also -holte sie das Fundstück von der Straßenbahn ab und verlor’s ein -zweitesmal erheblich gründlicher.</p> - -<p>Darauf rückte es meine Frau in die Morgenzeitung: „Wer ein verlorenes -Rauchtischchen gefunden hat und wiederbringt, erhält zehn Mark.“ Und -ich in die Abendzeitung: „Wer ein verlorenes Rauchtischchen gefunden -hat und behält, erhält zehn Mark.“</p> - -<p>Zwei Tage später werde ich im Kaffeehaus vom Skat hinausgerufen. Die -Tändlerin Kreszenz Hasenfratz stemmte die Arme in die Lenden: „Sie also -sind der verruckte Herr, der wo zehn Mark zahl’n<span class="pagenum"><a id="Seite_25"></a>[S. 25]</span> will, wenn ich ihm -das Tischerl nicht in seine Wohnung trag’...“</p> - -<p>Es kam ein unwiederbringlicher Vertrag zustande. Ich halte mich mit Fug -für rauchtischalpbefreit. Aber am nächsten Ersten steht die Kreszenz -Hasenfratz wieder mit angestemmten Armen im Kaffeehausgang: „Herr -Doktor, so wenig Platz wie ich jetzt hab’ für meine Tandelsachen — -darf ich also wieder um zehn Mark Monatsmiete —“</p> - -<p>„Sie — Sie sind —“</p> - -<p>„Regen Sie sich nicht künstlich auf, Herr Doktor, wenn Sie’s nicht -aufbewahrt hab’n woll’n, kann ich’s ja morgen wieder Ihrer Frau -Gemahlin —“</p> - -<p>Seitdem muß ich den Rauchtischschrecken monatlich beschwören. -Zehnmarkweise. Als ich das Lösegeld zum siebtenmale in mein -Kassabüchlein eingetragen hatte, kommt meine Frau ins Zimmer.</p> - -<p>„Mann, ich weiß wohl, was du einträgst“, sagt sie erhaben.</p> - -<p>„Um Gottes willen —“</p> - -<p>„Sei getrost, ich verzeihe dir.“</p> - -<p>„Du liebe Frau,“ sag’ ich erfreut, „ich brauch’ es also nicht mehr -kommen lassen?“</p> - -<p>„Im Gegenteil, du kannst es kommen lassen, auf der Stelle.“</p> - -<p>Ich sank zusammen. Ich tat geistesabwesend.</p> - -<p>„Mann, verstell’ dich nicht — Kassabüchlein — monatlich zehn Mark — -Kreszenz Hasenfratz — wir wissen alles —“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_26"></a>[S. 26]</span></p> - -<p>„Ihr?“ stammele ich, „wer Ihr?“</p> - -<p>Geht die Türe auf: „Lieber Schwiegersohn — meine Tochter schrieb mir -alles — wir wissen wohl um deine Jugendsünde — laß das arme Kind nur -kommen —“</p> - -<p>„Das Kind? Was für ein Kind?“ stotterte ich.</p> - -<p>„Dein Kind!“ donnerte sie, „und zum Zeichen, daß wir dir verziehen, -habe ich dir auch ein neues Rauchtischchen...“</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27"></a>[S. 27]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Der_Familienaufsatz">Der Familienaufsatz</h2> - -</div> - -<p>Montag brachte Hans das Aufsatzthema heim: „Der Krieg, eine Geißel -der Menschheit.“ „Konzept am Sonnabend abzuliefern“, hatte der Lehrer -gesagt. „Schreibt diesmal frei, ganz aus euch selbst heraus.“</p> - -<p>„Herrgott, ist bis zum Sonnabend lang“, dachte Hans und schlug die -Geißel in den Wind. In den Wind geschlagene Geißeln knallen irgendwann. -Beim Hans am Freitag. Es war ein Gewissensknall. Die Familie knallte -mit. „Der arme Bub,“ sagte die Mutter, „von heut auf morgen einen -ganzen Aufsatz.“ — „Gott,“ sagte Vater, „ich habe zu manchem -verzwickten Geschäftsbrief nicht mal soviel Zeit.“</p> - -<p>„Jaja,“ sagte Tante Lotte nachdenklich, „der Aufsatz, eine Geißel der -Menschheit.“ — „Na, mit ’m bißchen Grips und ’m Schuß Inspiration -läuft auch der schwerste Aufsatz“, sagte Onkel Franz. „Setz’ dich nur -mal dran, Hans.“</p> - -<p>Hans setzte sich von Freitag nachmittag 4 Uhr bis 8 Uhr daran: „Der -Krieg, eine Geißel der<span class="pagenum"><a id="Seite_28"></a>[S. 28]</span> Menschheit — Der Krieg, eine Geißel der -Menschheit — Der Krieg, eine Geißel der Menschheit — Der Krieg, eine -Geißel der — Mutter, weißt du keinen schönen Satz?“ — „Einen schönen -Satz über den gräßlichen Krieg, Hans?“ — „Er meint einen stilistisch -schönen Satz“, sagte Tante Lotte. Und dann klopften Mutter und Tante -an Onkels Zimmer: „Onkel, der Bub braucht einen schönen Satz.“ — „Ach -was, mit ’m bißchen Grips und ’m Schuß Inspiration —“ — „Schuß? Er -braucht halt ein wenig Vorschuß, der arme Bub’ — wenn ich denke: von -heut auf morgen eine ganze Geißel —“</p> - -<p>Das war um 6¼. Um ½7 wälzte Onkel Franz das zwölfte Buch. -„Einen schönen Satz?“ murmelte er. „Schreib mal diesen Satz auf Seite -63, Junge.“ Und folgsam schrieb der Hans in sein Konzeptheft: „Die -materiellen, intellektuellen und moralischen Konsequenzen eines Krieges -leuchten wie ungeheure Fanale des Leidens durch die Geschichte.“ — -„Kannst ihn mal der Tante zeigen, Junge.“</p> - -<p>Hans zeigte ihn der Tante. Sie kam sofort herüber: „Ein schöner -Satz, Onkel Franz, ein wirklich wunderschöner Satz.“ — „Na, nicht -so schlimm, mit ’m bißchen Grips und ’n Schuß Inspiration — und nun -machst du einfach in dem Stile weiter, Junge.“</p> - -<p>Hans machte bis um 7 weiter, ohne mit dem zweiten Satz fertig zu -werden. „Onkel Franz, bitte<span class="pagenum"><a id="Seite_29"></a>[S. 29]</span> noch einen schönen Satz.“ — „Jetzt kann -dir mal die Tante helfen, Junge.“ — „Tante, bitte, noch einen schönen -Satz.“ Tante Lotte blätterte schon seit einer Viertelstunde in ihren -alten Albums. „Schreib mal das da“, sagte sie errötend. Und folgsam -schrieb Hans in sein Konzeptheft: „Der rosenfingrige Eros kämpft -siegreich gegen dräuende Wolken, morgenrotes Blut fließt in Strömen: -Krieg überall.“ — „Kannst ihn mal der Mutter zeigen, Junge“, sagte -Tante Lotte.</p> - -<p>Hans zeigte ihn der Mutter. Gleich kam sie aus der Küche. „Ein -wundervoller Satz, Tante Lotte“, sagte sie. — „Jetzt einen Satz von -dir, Mutter“, bat Hans. — „Aber Hans, ich mach’ das Abendessen fertig, -ich kann keine schönen Sätze kochen.“ — „Aber Mutter, irgendeinen -Satz wirst du doch —“ Da schlug die Mutter im Kochbuch nach: „Den -vielleicht, Hans?“ Und folgsam schrieb der Hans in sein Konzeptheft: -„Die durch den Krieg hervorgerufene Knappheit zwingt auch die -kriegsfeindliche Hausfrau zur Beschneidung der lukullischen Bedürfnisse -ihrer Familie.“ Tante Lotte meinte zwar, der Satz sei ein wenig -nüchtern. „Bis auf ‚lukullisch‘“, sagte Onkel Franz.</p> - -<p>Dann kam Vater an die Reihe, der vom Geschäft heimkam. Er machte -eine Miene, als diktiere er dem Buchhalter: „Im Besitze Ihres sehr -geehrten...“ Aber dann steckte er die Hände in die Hosentaschen und -sagte auf und ab gehend:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_30"></a>[S. 30]</span></p> - -<p>„Schreib mal, Junge: ‚Die möglichen Kriegsfolgen lassen es rätlich -erscheinen, die Konjunktur in Rechnung zu stellen und vorher zu -eskomptieren.‘“</p> - -<p>Darauf fiel dem Onkel Franz wieder ein Satz ein. Dann wieder Tante -Lotte und der Mutter, so daß Hans noch mehrere Male reihum schöne -Sätze ins Konzeptbuch schreiben konnte. Und eine Stunde nach dem -Abendessen war es Onkel Franz gelungen, aus einem großen Kriegsbuch -vom letzten Siebziger Krieg noch einen kunstvoll aufgebauten Schluß -herauszuklauben. Worauf sich Hans schlafen legte. Nicht ohne daß er es -noch durch die Tür sagen hörte: „Der arme Bub’: von einem Tage auf den -andern solchen schweren Aufsatz...“ Damit schlief er befriedigt ein.</p> - -<p>Aber im Traum ging’s ihm nicht gut. Er war im Himmel, mitten in einer -Volksversammlung. Petrus saß am Pult und sagte: „So, und jetzt erzähl’ -mal einer nach dem andern, was er im Krieg erlebt hat.“ Einer trat vor: -„Mir ist mein Sohn gefallen...“ Es war ein erschütternder Bericht in -einfachen Worten. „Der nächste“, sagte Petrus. Jemand trat vor: „Ich -bin gefallen in der Sommeschlacht ...“ Stoßweise, wie das Volk spricht, -erzählte er die Schrecken seiner Schlacht. „Der nächste“, sagte Petrus. -Jemand trat vor: „Was ich mir ein Leben lang ersparte, hat der Krieg -verbrannt...“ Mit einer fernen Stimme erzählte er den Russeneinfall -seines Dorfes. Noch viele rief der Petrus<span class="pagenum"><a id="Seite_31"></a>[S. 31]</span> auf. Sie standen auf und -sprachen schlicht und setzten sich. Und jedesmal ging dem Hans ein -Rieseln übers Rückgrat. Das ging vom dritten Wirbel in der Wirbelsäule -aus. Dort sitzt die Wahrhaftigkeit.</p> - -<p>„Hans, was hast du im Kriege erlebt?“ — „Einen — einen Aufsatz“, -stotterte Hans. — „Lies mal!“ Und Hans schlug sein Konzeptheft auf und -las: „Die materiellen, intellektuellen und moralischen Konsequenzen des -Krieges leuchten wie riesige Fanale...“ Und er trommelte alle schönen -Sätze herunter. Und hinter dem schönen Schlußsatz dachte er stolz: „Was -sagen Sie nun, Herr Petrus?“</p> - -<p>„Paß mal auf, Hans“, sagte Petrus und schob einen Vorhang auf die -Seite. Der Krieg ward sichtbar. Er war aus Marmor. Schrecklich war er -anzuschauen in seiner unbändigen Wild- und Nacktheit. „Gib mal dein -Konzeptheft, Hans.“ Einzeln riß Petrus die Blätter heraus und steckte -sie mit Nadeln an die Statue. Dort verwandelten sie sich in ein Kleid. -Und es war aus lauter bunten, zerrissenen Lumpen zusammengesetzt. -Unsäglich erbärmlich hing das alles unter dem entsetzlich erhabenen -Gesicht des Krieges herab. Und Hans wurde rot im Traum und schämte sich -und wachte auf. Schon war es hell.</p> - -<p>Er schaute auf die Uhr. 4 Uhr morgens. Schnell in die Kleider. Noch -schneller an den Arbeitstisch. Her mit dem Heft. Heraus mit den -Aufsatzseiten.<span class="pagenum"><a id="Seite_32"></a>[S. 32]</span> Eine neue Seite angefangen. Ha, wie die Feder flog. -Nicht einen Augenblick brauchte sie sich zu besinnen. Sie schrieb die -Volksversammlung von heute nacht, ohne Aufputz, schlicht, in kurzen -Sätzen, stoßweise, wie das Volk spricht...</p> - -<p>Als Hans an diesem Morgen in die Schule ging, kam der Balthasar -gerannt: „Du, Hans, ich habe keinen Aufsatz, laß mich deinen -abschreiben!“</p> - -<p>„Aber Balthasar, das geht doch nicht.“</p> - -<p>„Du bist ein netter Kamerad, na, warte, ich werd’ mir’s merken.“</p> - -<p>Hans wurde heiß. Schon öffnete er den Ranzen, schon griff er nach dem -Heft, auf einmal schoß es ihm warm vom dritten Rückgratswirbel, dem -Sitze der Wahrhaftigkeit, über das Gesicht.</p> - -<p>„Nein, Balthasar“, sagte er fest. Aber da hatte der Balthasar roh -hineingegriffen und war davongerannt. Eine Handvoll Blätter schwang -er lachend in der Luft. Laut las er unterm Laufen: „Der Krieg, eine -Geißel der Menschheit. Die materiellen, intellektuellen und moralischen -Konsequenzen des Krieges leuchten wie riesige Fanale —“</p> - -<p>„Aber Balthasar, das sind ja — das ist ja —!“</p> - -<p>„Kenn’ ich schon — möchtest mir’s wieder abluchsen — da wird nichts -draus — in der Religionsstund’ schreib’ ich’s ab.“</p> - -<p>Und während in den ersten Bänken der Katechismus abgefragt wurde, -schrieb der Balthasar in der letzten Bank aus Raschelblättern ab und -ab.<span class="pagenum"><a id="Seite_33"></a>[S. 33]</span> Eben war er fertig, als der Aufsatzlehrer eintrat: „Konzepthefte -einsammeln!“</p> - -<p>Eine Woche verging. Hans war recht still. Stiller als die Seinigen zu -Hause. Alle Augenblicke stellte ihn dort jemand auf der Treppe, im -Korridor, im Zimmer: „Nun, Hans, ist dein Aufsatz schon zurückgegeben?“ -fragte Mutter. — „Na, Hans“, sagte Onkel Franz, „und der Aufsatz?“ -— „Hans, hast du deine Eins schon abgekriegt im Aufsatz?“ sagte -Tante Lotte. — „Hannes, Hannes,“ sagte am zuversichtlichsten der -Vater, „diesmal hat er dich wohl übern Schellenkönig gelobt, dein -Aufsatzlehrer, he?“</p> - -<p>„Die Aufsatzhefte werden erst am nächsten Sonnabend zurückgegeben“, -sagte Hans leise. Fast geduckt ging er weiter. Sie sahen ihm nach:</p> - -<p>„Ich weiß nicht, was der Junge hat,“ sagten sie kopfschüttelnd, „wenn -uns jemand so geholfen hätte mit den schönsten Sätzen, als wir in die -Schule gingen...“</p> - -<p>Da war der Sonnabend da. Und da lag der Stoß Aufsatzhefte am Katheder, -so hoch, daß des Lehrers Angesicht darüber kaum zu sehen war.</p> - -<p>„Zunächst die beste Arbeit,“ sagte der Lehrer, ernst ein Heft in seinen -Händen wägend, „Hans, das war deine beste Arbeit. Ganz warm ist mir -dabei geworden. Hört mal...“</p> - -<p>Mäuschenstill hörte die Klasse Hansens Aufsatz<span class="pagenum"><a id="Seite_34"></a>[S. 34]</span> an. Nur der lange -Balthasar in der letzten Bank rutschte etwas hin und her.</p> - -<p>„Hans, bei dieser Nummer magst du bleiben. Note 1. Wie einem das wohl -tut, wenn man all den andern aufgeblasenen Sums — zum Beispiel den -da — hört mal: ‚Die materiellen, intellektuellen und moralischen -Konsequenzen des Krieges leuchten wie riesige Fanale‘ und so weiter -und so weiter. Sag’ mal, Balthasar, wo hast du dir denn diesen -abgestandenen Schmarr’n zusammengestohlen?“</p> - -<p>„Von — von — vom Hans!“</p> - -<p>„Na, das ist denn doch! — Hans kann solches aufgepapptes Zeug -überhaupt nicht schreiben. Hans, dieser Aufsatz soll von dir sein?“</p> - -<p>„Nein, Herr Lehrer.“</p> - -<p>Zu Hause sah man es ihm an. Sie umdrängten ihn: „Na, Hans, der Aufsatz -ist zurück?“ Hans nickte selig. „Und du hast den Vogel abgeschossen, -Hans?“ Hans nickte seliger. „Na, kein Wunder, lieber Hans — aber -danken hättest du uns wenigstens ’n bißchen können...“</p> - -<p>Auf dem nächsten Schulweg warnte den Hans ein Kamerad: „Du, nimm dich -vor dem Balthasar in acht. Er sagt, du hättest ihn mit dem letzten -Aufsatz schauderhaft hereingelegt. Und er will dich ebenso verhauen.“</p> - -<p>Da straffte sich dem Hans etwas im vierten Rückgratswirbel, wo der Mut -sitzt, gleich hinter der Wahrhaftigkeit: „Soll nur kommen!“</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_35"></a>[S. 35]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Der_Hunderter">Der Hunderter</h2> - -</div> - -<p>Ich habe einen sonderbaren Hunderter. Der will nicht aus meiner -Kasse. So oft ich mich bemühe, ihn zu einem Extrazweck auszugeben, er -knistert: Nein. Vielleicht kann ihm jemand helfen? Aber dazu muß ich -seine Geschichte erzählen.</p> - -<p>Der Hunderter gehörte früher meiner Tante. Und noch früher der -Frida. Und noch früher, das weiß ich nicht. Niemand weiß, woher ein -Hunderter kommt, niemand weiß, wohin er geht. Hunderter sind wie -Schienenstrangstücke in Untergrundbahnhöfen: Dunkel, kurzes Blitzen, -wieder Dunkel. Das Blitzen meines Hunderters trug sich so zu: Die Frida -diente bei meiner Tante. Grundehrlich, stand in ihrem Dienstbuch. Aber -das steht in vielen. Was in Dienstbüchern steht, ist nicht so wichtig. -Wichtiger ist, was nicht darin steht. Nicht darin stand, daß sie von -der stillen Art war. Kein Klappern, kein Geschrei, kaum ein Fragen. Und -wenn man selber eben fragen wollte: „Frida haben Sie...“ oder „Frida, -ist schon...“, so war schon immer alles fertig. Leise schwangen ihre -langen Arme an den<span class="pagenum"><a id="Seite_36"></a>[S. 36]</span> breiten Hüften: „Und was jetzt?“ Mit diesem „Und -was jetzt?“ ging sie durch das Leben.</p> - -<p>Meine Tante wußte, was sie an ihr hatte. Aber einmal fehlte ein -Hunderter. Die Tante hatte ihn in die Schreibtischschublade geschoben, -als es klingelte. Dabei vergaß sie, den Schlüssel umzudrehen. Dann -unterschrieb sie auf dem Gang den Einschreibebrief, während die Frida -den Schreibtisch abstaubte. Erst am Abend erinnerte sich meine Tante an -den nicht umgedrehten Schlüssel. Der Hunderter war verschwunden.</p> - -<p>Drei Tage trug sie’s mit sich ’rum. Das ist länger, als es eine -Durchschnittshausfrau trägt. Dann ging’s nicht mehr: „Frida, war -sonst jemand in dem Zimmer, als Sie staubten?“ — „Nein, gnä’ Frau.“ -— „Frida, aus diesem Kästchen ist ein Hunderter fortgekommen.“ — -„Jawohl, gnä’ Frau“ — Fridas Mund. „Und was jetzt?“ Fridas Arme. — -„Frida, haben Sie den Hunderter genommen?“ — „Nein, gnä’ Frau,“ Fridas -Mund. „Und was jetzt?“ Fridas Arme. — „Frida, den Hunderter kann -niemand anders genommen haben.“ — „Jawohl, gnä’ Frau,“ Fridas Mund. -„Und was jetzt?“ Fridas Arme. „Nur gut, daß Sie’s gestehen, Frida, -geben Sie ihn her.“ — „Ich hab’ ihn nicht, gnä’ Frau.“ — „Also ist er -schon bei einem Helfershelfer?“</p> - -<p>Fridas Arme hörten auf zu schwingen. Jetzt erst hatten sie begriffen. -Sie weinte. „Gut, ich<span class="pagenum"><a id="Seite_37"></a>[S. 37]</span> gebe Ihnen vierundzwanzig Stunden Zeit,“ sagte -Tante.</p> - -<p>Dann am nächsten Tage: „Nun, Frida?“ — „Ich hab’ ihn nicht, ich -versteh’s nicht.“ — „Wär’ mir leid, Frida, wenn ich nach der -Polizei...“ Die Frida heulte nicht mehr. Der Hunderter war für sie -erledigt. Nur ihre Arme schwangen: „Und was jetzt?“ — „Für jetzt -will ich’s nochmal gut sein lassen, Frida. In acht Tagen ist die -Osterbeichte. Was Sie mir nicht beichten, können Sie dem Pfarrer sagen.“</p> - -<p>Im Beichtstuhl war die Frida fertig. „Und sonst?“ fragte der Pfarrer. -Die Frida schwieg. „Und der Hunderter, Frida?“ redete der Pfarrer -gütlich zu. — „Sehen Sie, Frida, ich mein’s gut mit Ihnen, es -kommt sonst kein Friede mehr ins Haus, wenn Sie ihr Gewissen nicht -entlasten.“ — „Jawohl, Hochwürden.“ — „Nicht drängen darf ich Sie, -Sie müssen selber...“</p> - -<p>Die Frida war zum zweitenmal im Beichtstuhl fertig und wollte sich -erheben. „Wie ist es, Frida, wollen Sie mir nicht den Auftrag geben, -daß es Ihnen Ihre Frau nach und nach vom Lohn abzieht?“ Durch das -Gitter glaubte er ein Nicken zu erkennen. Aber es waren nur Fridas -Arme: „Und was jetzt?“ — „Und jetzt gehen Sie ruhig nach Haus. Ich -will mich auch persönlich noch für Sie verwenden, daß Sie nicht -entlassen werden.“</p> - -<p>Sie wurde nicht entlassen. Jeden Monat zog ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_38"></a>[S. 38]</span> die Tante zwei Mark -am Lohn ab. Und fünfzig Monde sind in vier Jahren glatt vorüber. Vier -Jahre aber sind nicht allzulang, wenn man mit schlenkernden Armen -dient: „Und was jetzt?“</p> - -<p>Dann starb die Tante. Ich war ihr Erbe. Kurz vor ihrem Ende hat sie -mir die Geschichte mit Fridas Hunderter vertraut. Wenn sie’s nicht -getan hätte, ich glaube, wir hätten Frida gebeten, bei uns in Dienst zu -treten, sie war gar so tüchtig. Aber so... So war’s schon besser, daß -sie die Arme wo anders schlenkerte, wo man es nicht wußte.</p> - -<p>Jahre kamen, Jahre gingen. Arme schlenkerten, wurden müd, und neue Arme -traten an die Stelle, junge Arme, junge Hände. Solche Hände meines -jüngsten Sohnes spielten einmal an einer Schreibtischschublade. Es ging -schwer, er zog und zog... „Jetzt hab ich’s endlich, Vater,“ kam er -angerannt, „schau, das da war dazwischen.“ Er hielt einen zerknitterten -Hunderter in der Hand.</p> - -<p>Was bin ich gelaufen, was hab’ ich geschrieben — ich habe sie nicht -mehr aufgefunden, die Frida. Vielleicht ist sie tot. Vielleicht -schlenkert sie in einem fernen Dienst die langen Arme: „Und was jetzt?“</p> - -<p>Jetzt? Ja, jetzt liegt der Hunderter in meiner Kasse. Es ist ein -sonderbarer Hunderter. Er will nicht hinaus. So oft ich mich bemühe, -ihn zu einem Extrazweck hinauszugeben, und wäre es der beste — mein -Hunderter knistert: Nein.</p> - -<p>Vielleicht kann ihm jemand helfen?</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_39"></a>[S. 39]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Der_Spohrer">Der Spohrer</h2> - -</div> - -<p>Als die Schule einen Teil vom Hansi von uns schälte, merkten wir’s erst -gar nicht. Eines Tages aber schrie es von der Straße: „Miller!“</p> - -<p>Mutter rührte ruhig weiter um im Kochtopf. Was ging sie der Miller an?</p> - -<p>„Mi—iller!“ schrie es ärger.</p> - -<p>Meine Arbeit am Schreibtisch fing ein wenig an zu stocken. ‚Miller?‘ -dachte ich dunkel zwischen zwei Sätzen, ‚der Name kommt mir fast -bekannt vor — na, im Grunde: was geht mich ein Miller an?‘ Whupp, -holte schon die Feder aus zum nächsten Satz.</p> - -<p>„Mi—i—i—ille—e—er!“ klirrte jetzt das Fenster neben meinem -Schreibtisch. Auf damit, den ärgerlichen Kopf hinausgestreckt — stand -da ein kleiner, runder Kerl auf der andern Straßenseite, blaurot im -Gesicht vor lauter Millerrufen und machte eben seine Händchen hohl zu -einem verstärkten Millergedröhn.</p> - -<p>„Willste wohl!“ drohte ich hinab, „was ist denn los?“</p> - -<p>„Ich geh zum Schlittenfahr’n — der Miller soll<span class="pagenum"><a id="Seite_40"></a>[S. 40]</span> ’runterkommen mit -sei’m Schlitt’n!“ brüllte das Kerlchen herauf.</p> - -<p>Nein, dieser unverschämte Bengel! Dem sollte ich wohl seinen Boten -machen, um aus irgendeinem Stockwerk über uns oder unter uns -irgendeinen Miller —</p> - -<p>„Du, Mann,“ sagte hinter meinem Rücken die seltsam bedrängte Stimme -meiner Frau, die aus der Küche hergekommen war, „du Mann, ich glaube, -er meint unsern — unsern Hansi.“</p> - -<p>„Unsern — unsern —?“ stammelte ich verbindungslos.</p> - -<p>Der kam plötzlich aus dem Kinderzimmer hereingeschossen.</p> - -<p>„Warum habt ihr nicht gesagt, daß mich der Spohrer ruft?!“ sagte er -gekränkt, holte sich seinen Schlitten und zog mit dem Spohrer ab. Weder -der Hansi noch der Spohrer warfen einen Blick zurück zum Fenster, wo -die Mutter noch lange neben dem Vater stand und ihnen nachsah. Nachsah, -bis der Schlitten und der Hansi und der Spohrer um die letzte Ecke -bogen.</p> - -<p>„Der Miller“, sagte sie langsam und bemühte sich, mich anzulächeln. -Aber da stürzten ihr die Tränen aus den Augen. Sie fuhr sich an den -Lenden hinab, als habe sich daran zum erstenmal ein Stück von ihrem -Hansi abgeblättert.</p> - -<p>„Der Spohrer“, gab ich ihr zur Antwort und<span class="pagenum"><a id="Seite_41"></a>[S. 41]</span> fuhr mir über die Schläfe, -als habe sich da was Fremdes angesetzt.</p> - -<p>An diesem Morgen hat Mutter noch unzählige bittere Miller in die -Mittagssuppe eingerührt. An diesem Morgen drängten sich ganze Trupps -von unverschämten, kugelrunden Spohrern durch die Zeilen meiner Arbeit.</p> - -<p>Von da ab wuchs der Spohrer drohend in unsere Familie hinein. Gewisse -weiche Stellen fingen an sich zu verknorpeln. Der Spohrer selber kam -nicht mehr. Nur seinen Schatten warf er lang und länger.</p> - -<p>„So, und jetzt muß ich zum Spohrer“, erklärte der Hansi immer wieder -nach dem letzten Mittagessenbissen. Wir hätten’s ihm verbieten können, -hätten wir uns nicht, hellgesichtig schweigend, eingestanden, daß -verbotene Liebe üppiger ins Kraut schießt, als erlaubte. So begnügten -wir uns, den Spohrer still zu hassen. Bis eines Tages Hansi sagte: „Der -Spohrer ist ein gemeiner Kerl!“ Sofort spürten wir, wie wir dem Spohrer -gut wurden: Doch ’n ordentlicher Kerl, der uns gab, was uns gehörte. -Und wir hätten auf ein Haar vergessen, uns beim Hansi zu erkundigen, -warum der Spohrer plötzlich ein gemeiner Kerl wäre.</p> - -<p>„Weil er — weil er mir seinen Radiergummi nicht geschenkt hat“, -platzte Hansi heraus.</p> - -<p>„Aber Hansi, deshalb ist er doch nicht gemein“,<span class="pagenum"><a id="Seite_42"></a>[S. 42]</span> fühlten wir uns -verpflichtet, für den Spohrer einzutreten.</p> - -<p>„Ja, und dann — und dann ist er auf meine Feder mit dem Fuß -draufgetreten, der — der gemeine Kerl!“</p> - -<p>„Aber Hansi, das kann Zufall sein und —“</p> - -<p>„Und dann — und dann — und überhaupt, der Spohrer ist ein gemeiner -Kerl!“ Der Hansi heulte.</p> - -<p>Zu Weihnachten schenkte ihm die Tante Elsa eine besondere Mütze. Nur -einmal setzte er sie auf. Das zweite Mal weigerte er sich: „Der Spohrer -lacht mich aus damit“, sagte er.</p> - -<p>Der Frühling kam. Das Maifest wurde fällig. Aber es regnete und -regnete. Der Spohrer sollte mit dem Fuße aufgestampft und gesagt haben: -„Wenn’s nur grad extra weiterregnen tät!“ Der Hansi war empört. Denn -nun war es klar, daß an dem Regen nur der Spohrer schuld war, dieser -ganz gemeine Kerl.</p> - -<p>„Der Spohrer hat mir eine ’neing’haut!“ klagte er ein andermal.</p> - -<p>„Wirklich, Hansi?“</p> - -<p>„Ja — beinah — der — der gemeine Kerl!“</p> - -<p>„Beinahe eine ’neingehauen, Hansi?“ beharrte ich, „das sieht fast so -aus, als ob du ihm schon vorher eine hineinge—“ Aber da war er schon -aus dem Zimmer, der beinah hineingehauene Hansi.</p> - -<p>In der nächsten Woche zögerte er immer bis zur letzten Minute mit dem -Schulgang.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_43"></a>[S. 43]</span></p> - -<p>„Hansi, was hast du?“ forschte die Mutter.</p> - -<p>„Der Spohrer paßt mir an der Eck’n auf — mit’m Stecken — der — der -gemeine Kerl!“</p> - -<p>Es wurde immer schlimmer. Unser ganzes Familienleben verspohrerte durch -den Hansi. Wir lebten in einer fortwährenden Angst dahin, der Spohrer -hätte — der Spohrer wäre — der Spohrer könnte — der Spohrer würde. -Nichts Schlimmes gab es auf der Welt, das nicht dem Spohrer zuzutrauen -gewesen wäre. Der Spohrer lastete auf uns mit Schicksalsschwere. -Morgens, wenn Hansi erwachte: der Spohrer. Mittags, wenn er von der -Schule heimkam: der Spohrer. Abends, wenn ihm Mutter am Bettchen seine -letzte Sorge vor dem Sandmann abnahm: der Spohrer, immer nur der -Spohrer... Nur ein Trost war da für uns spohrergeschlagene Eltern: von -dem dunklen Spohrerhintergrunde hob sich hell und strahlend unser Hansi -ab.</p> - -<p>Eines Tages hat man mich wo eingeladen. Es stellt sich mir ein anderer -Eingeladener vor. „Spohrer“, sagt er und verneigt sich. Mir ist, als -wenn mich einer mit der Lanze in die Seite stäche.</p> - -<p>„Doch nicht <em class="gesperrt">der</em> Spohrer?“ fährt es mir heraus. Und da war es -wirklich <em class="gesperrt">dem</em> Spohrer sein Vater. Ich hätte es übrigens gleich -erkennen können, so klein und rundlich, wie er war, dachte ich.</p> - -<p>„Ich hätte es übrigens gleich erkennen können,<span class="pagenum"><a id="Seite_44"></a>[S. 44]</span> so lang und hager, wie -Sie sind“, sagte im selben Augenblick der alte Spohrer zu mir.</p> - -<p>Und dann erzählte er mir ein langes und ein breites über meinen Hansi. -„Denken Sie,“ sagte er lächelnd, „mein Söhnchen sagt mir, Ihr Hansi -behandle ihn <em class="gesperrt">zu</em> schlecht.“</p> - -<p>„So, inwiefern denn!?“ sage ich beinahe beleidigt.</p> - -<p>„Ja, seinen Bleistift habe er zertreten, sagt er — dann habe er ihm -einmal beinah eine ’neingehauen — und auf dem Schulweg passe er ihm -auf, der — der gemeine Kerl!?“ fügte er vergnügt mit der Stimme seines -Söhnchens bei. Und dann ernster: „Wenn Sie überhaupt jetzt in unsere -Familie hineinsehen könnten, so hörten Sie nur: Der Miller hat — der -Miller ist — der Miller wird — mit einem Wort, wir sind vermillert -auf und ab.“</p> - -<p>Wir lachten beide. Und beide stellten wir an diesem Abend lachend -fest, daß die Krankheit unserer Söhnchen durchaus nicht auf die Schule -beschränkt sei. Daß auch das Leben von uns Alten dicht durchsetzt von -Spohrern und von Millern sei.</p> - -<p>„Jaja, Herr Spohrer,“ bekannte ich auf dem Heimweg, „solang die Welt -steht, wird sie auch verspohrert —“</p> - -<p>„— Und vermillert sein,“ fiel er rasch ein, „es gehören immer zwei zu -einer — einer stillen Liebe.“</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_45"></a>[S. 45]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Glueck">Glück</h2> - -</div> - -<p>Als ich ein Bub war, ein verstaubter Stadtbub, kriegte Vater einen -Brief. Er schaute lange auf die Unterschrift: „Der ist von einem alten -Schulkameraden,“ sagte er, „der Glück gehabt hat — Herr im Himmel, was -hat der Glück gehabt — jetzt ist er Staatsrat und hat einen Parkbesitz -da draußen vor der Stadt.“ Dann erst las er den Brief. Es war eine -Einladung auf den nächsten Sonntag.</p> - -<p>Aber da gerade hatte Vater Dienst. Und Mutter hatte kein Ausgehkleid, -das halbwegs staatsratswürdig war. „Und ich?“ sagte ich glitzernd. Da -sahen sie an mir herab: Ja, mein Anzug wäre noch fast neu, und was das -Benehmen anbeträfe — „eben brav sein und bescheiden, wie du’s in der -Schule sein mußt — nicht etwa kriechend — wir sind auch was, wenn wir -auch kein Staatsrat sind — du hast da einmal einen Klassenkameraden -mitgebracht — Mathias, glaub’ ich — der trägt den Kopf aufrecht, weiß -was er will und läßt sich gar<span class="pagenum"><a id="Seite_46"></a>[S. 46]</span> nicht extra imponieren — an dem nimm -dir ein Beispiel.“</p> - -<p>Das war nicht alles. Der Lehren waren noch ein Dutzend mehr. Aber nur -diese behielt ich. Denn wie ich in den Park des Staatsrats eintrat, war -auch der Mathias eingeladen. Er stelzte auf mich zu und sagte knapp: -„Bin hier fast jeden Sonntag — der Staatsrat ist mein Onkel — komm.“</p> - -<p>Der Staatsrat gab mir die Hand, sagte, es sei schade, daß meine Eltern -nicht gekommen wären, und nun solle ich vergnügt sein — „Mathias, nimm -dich seiner an!“</p> - -<p>Das tat er. Er zeigte mir den Park. Da war eine herrliche Schaukel. Ob -ich schaukeln dürfe? Er zuckte die Mathiasschultern: „Meinethalben, -wenn dir solche Kinderei noch Spaß macht.“</p> - -<p>Sie machte mir über eine halbe Stunde Spaß. Dann kamen wir an einen -Weiher mit einem entzückenden Boot. Ob ich rudern dürfe? „Meinetwegen, -wenn dir solche Wasserplantscherei Vergnügen macht“, sagte er mit -hochgezogenen Mathiasaugenbrauen. Und ich durfte ihn rudern, während er -gähnte.</p> - -<p>Dann war ein zahmes Reh hinter einem Zaun, ein allerliebstes Reh. Ob -ich’s betrachten dürfe? Er nickte nachlässig mit dem Mathiaskopfe: -„Meinetwegen, wenn du sonst nichts besseres weißt.“ Und wieder wußte -ich eine halbe Stunde lang<span class="pagenum"><a id="Seite_47"></a>[S. 47]</span> nichts besseres und konnte mich nicht satt -sehen an den großen Rehaugen und den zarten Bewegungen, während der -Mathias, mit den Händen in den Hosentaschen, pfeifend um den Zaun ging.</p> - -<p>Dann gab es Erdbeeren mit Schlagsahne. Ob er je was besseres -gegessen hätte, fragte ich begeistert den Mathias. Da riß er langsam -den Mathiasmund auf und sagte gähnend: „Gott, man kann doch alle -Schlagsahnen, die man schon verzehrt hat, nicht im Kopfe haben.“</p> - -<p>Darauf holte er sich ein dickes Buch und las es, während ich im weichen -Grase hinter einer blütenüberschneiten Hecke lag und träumte, träumte...</p> - -<p>Ich habe es noch lange Jahre später bekannt: das war mein schönster -Tag. Dann bin ich alt geworden und es versanken nacheinander meine -Eltern, der Park, der Staatsrat, der Mathias — nein, den Mathias habe -ich gestern in einem Wartesaal wiedergetroffen, sehr vornehm, knapp -vorm Staatsrat, glaube ich. Aber er plauderte sehr gütig mit mir, -denn bis zu seinem Anschlußzuge hätte sich ihm sonst die Langeweile -angeschlossen. Als der Gesprächsstoff auszugehen drohte, sagte ich: -„Weißt du noch, Mathias: der gemeinsame Parknachmittag damals bei -deinem Onkel, dem Staatsrat —“</p> - -<p>„N—ja, erinnere mich dunkel. Aber sprich nur zu, vielleicht daß ich -mich dann an die Einzelheiten —“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_48"></a>[S. 48]</span></p> - -<p>„Ja, da war vor allem die Schaukel — dann der Weiher mit dem Boot — -dann hinterm Zaun das Reh — dann die Erdbeeren mit Schlagsahne — -schließlich im Grase hinter der Hecke —“</p> - -<p>„Ja ja, jetzt weiß ich’s wieder: es war gräßlich, nicht — ah, eben -rufen sie den Zug ab — du entschuldigst —.“</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_49"></a>[S. 49]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Das_blaue_Band">Das blaue Band</h2> - -</div> - -<p>Wie soll man sich zum blauen Band stellen?</p> - -<p>Hm, es kommt darauf an. Es gibt verschiedene blaue Bänder. Da wäre -zunächst ein blaues Band, das unsere Liebste trug, das unserer -kinderjungen Liebsten sich um den blonden Haarzopf schleifelte — -ich weiß noch, wie lustig die seidenblauen Bänderenden in den Wind -flatterten.</p> - -<p>Nein, nicht dieses blaue Band. Ich bitte euch, wer spricht denn heute -noch von blauen Liebesbändern.</p> - -<p>Dann weiß ich noch ein anderes blaues Band, das ist es französisch: -<span class="antiqua">Le cordon bleu</span>, sagen sie hinter den Vogesen und verleihen es -der Köchin, die am besten kocht.</p> - -<p>Das ließe sich schon eher hören, zum mindesten ist es substantieller. -Aber noch nicht, wie soll ich sagen — noch nicht aktuell genug. Habt -ihr denn nie von einem dritten blauen Band gehört, dem blauen Bande, -das von England ausging, <span class="antiqua">The blue ribbon</span>, nach dem ein Hetzen -ist und Jagen? —</p> - -<p>So will ich euch seine Geschichte erzählen, wenn ihr Zeit habt, die -Geschichte vom blauen Band.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_50"></a>[S. 50]</span></p> - -<p>Also dieses blaue Band bekam der Mast auf dem Schiff, das am -schnellsten durch den Ozean fuhr. <span class="antiqua">The blue ribbon</span> ging von einem -Schiff zum anderen. Erst waren sie alle englisch, diese Schiffe. Das -erste war ein Zehnknotenschiff. Zum Lachen — das haben sie damals -schnell geheißen. Dann entriß es diesem Schiff ein Dreizehnknoter. -Darauf mit einem scharfen Sprung ein sechzehnknotiger Ozeanrenner. -Und beim Siebzehnknotigen, dessen Mast das blaue Band umschlang, -da war es, daß ein Dichter die Bezeichnung „Windhunde des Meeres“ -prägte. Und reihum weiter wanderte das blaue Band, das vielbegehrte, -heißumstrittene. Ganze Völker waren an der Jagd beteiligt. Das war eine -Freude rechts und ein Jammer links, als hinter zwanzig Knoten das blaue -Band von England über den Kanal nach Deutschland flatterte.</p> - -<p>Nun ging erst recht das Jagen an. Herunter glitt das blaue Band vom -Mast und legte sich beklemmend den Kapitänen auf die Brust: Fahrt zu, -fahrt zu, heizt die Kessel, bis sie glühen — das Band, das blaue Band, -wir müssen’s wieder haben! Was sagt ihr — der Eisberg? Der Teufel soll -den Eisberg holen, wenn das blaue Band dahinter schimmert!</p> - -<p>Und dann war es, daß das blaue Band pfeilgeschwind durch die -Schiffsluke hinunterschoß über Treppen und Gestänge, daß es den Heizern -um die Ohren knallte: Vorwärts, vorwärts, schaufelt ein!<span class="pagenum"><a id="Seite_51"></a>[S. 51]</span> Daß es um die -Kessel schwirrte, bis sie rot vor Zorn erglühten. Daß es im Manometer -die Dampfdrucksäule schob und zerrte, bis das blaue Band den roten -Explosionsstrich überdeckte...</p> - -<p>Und wenn dann der Kessel barst, und wenn dann der Eisberg einen -Schiffsleib aufriß, wie man eine Naht auftrennt, so sahen sie den -Kessel und den Eisberg, nicht das blaue Band.</p> - -<p>Und über das vergurgelnde Schiff wehte das blaue Band weiter übern -Ozean.</p> - -<p>Herüber und hinüber flatterte es zwischen den Nationen, ohne Rast und -Ruh. Und wenn’s des Meeres überdrüssig war, so flog’s aufs Land. So -tauschte es den Mast mit rauchenden Kaminen: in der Fabrik erstand -soeben eine neue Schraube, die dem besten Schiffe ein paar neue Knoten -zulegt; oder es webte blau durchs offene Fenster in ein Erfinderzimmer -und legte sich um seine hohe Stirne, just im Augenblicke, wo daraus die -Lösung einer neuen Dampfturbine sprang.</p> - -<p>Das blaue Band sah einen langen Weg zurück. Weit um die Erde ging -der unerbittlich schnurgerade Weg. Meilensteine standen klotzig -an den Rändern — fünfundzwanzig Knoten — sechsundzwanzig Knoten -— siebenundzwanzig Knoten... Was lag daran, daß da und dort ein -Meilenstein auch eine Grabinschrift auf seiner anderen Seite trug?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_52"></a>[S. 52]</span></p> - -<p>Als ob die Leichensteine nicht an jedem Fortschrittswege stehen müßten!</p> - -<p>Und ein Fortschritt war es, als der dreißigknotige Schiffskoloß dem -blauen Bande seine Reverenz erwies. Als der Fünfunddreißigknotige den -Golfstrom schnitt, und als das Vierzigknotenschiff mit schwarzem Atem -den Wendekreis des Krebses heraufkeuchte.</p> - -<p>Nun gab’s kein Halten mehr im Rasen. Erfindung auf Erfindung holte sich -das blaue Band aus den Gehirnen. Wütend, immer wütender peitschte es -die Meere und die Menschen: fünfzig Knoten, sechzig Knoten, siebzig -Knoten.</p> - -<p>„Und ich gebe eher keine Ruh,“ sagte Mister Hobbledihoi, „als bis mein -‚Thunderer‘ fünfhundert Kilometer in der Stunde macht.“</p> - -<p>Und Mister Hobbledihoi war der Mann, das durchzusetzen. Und eines Tages -fauchte sein „Thunderer“ wie ein Geschoß übers Meer. Am Bug, das blaue -Band, es ringelte sich vor Freude und schrieb die Zahl 500 in die -zerschnittenen Lüfte.</p> - -<p>Fünfhundert Kilometer in der Stunde waren überschritten.</p> - -<p>„Und ich gebe eher keine Ruhe,“ sagte Brinkmann, der Schiffsmagnat, -„bis mein ‚Blitzstrahl‘ die drei Nullen mit dem Einser vorne aus den -Wassern holt.“</p> - -<p>Und Herr Brinkmann war der Mann, das wahrzumachen. Ein Heer von -Ingenieuren hetzte er mit<span class="pagenum"><a id="Seite_53"></a>[S. 53]</span> Geld und Ehren. Ein Volk verfieberte er -zu wütender Begeisterung. Ein Kohlenbergwerk warf er in sein Schiff -und zwang es zu den tausend Kilometern in der Stunde. Das war in -einer Nacht, als an Bord die tausend Lichter glänzten. Im Luftschiff -drüber sahen es die Leute. Und es war ihnen, als blitzte eine riesige -Sternschnuppe durch den Weltenraum.</p> - -<p>Auf der Kommandobrücke stand der Schiffsherr Brinkmann neben -seinem Kapitän. Der Kapitän las beim Scheine einer Glühlampe den -Geschwindigkeitsmesser ab und legte salutierend seine Hand an die Mütze.</p> - -<p>„Ich gratuliere, Herr Brinkmann,“ sagte er, „der Zeiger hat die Tausend -überschritten. Darf ich es der Welt verkünden?“</p> - -<p>Brinkmann nickte. Es war ein eisernes Nicken.</p> - -<p>Und als jetzt der Kapitän auf einen Knopf drückte, zerriß ein -ungeheurer Pfiff die Lüfte. Der sollte es der Menschheit sagen, daß -eine Riesentat vollbracht war. Eine Tat, die dieser Eisenmensch auf der -Brücke in die Welt warf.</p> - -<p>Der?</p> - -<p>Ein blaues Band kam auf den Schwingen jenes Pfiffes herangeflattert:</p> - -<p>„Mir galt der Pfiff,“ raschelte das Band, „ich danke...“ Und dann -ergriff es von dem Schiff Besitz. Und geruhig sah es, wie im nächsten -Hafen unter ihm die Kränze und die Sträuße sich zu<span class="pagenum"><a id="Seite_54"></a>[S. 54]</span> Bergen häuften, wie -die Weihereden stiegen, wie die verstolzte Menschheit sich vor Hochmut -in die Brust warf...</p> - -<p>Und noch während dem Gerede drunten schaute das blaue Band am Mast nach -neuen Siegen aus.</p> - -<p>Die kamen. Die stampften gleichmütig über den Schiffskoloß und seinen -Herrn. Das war an jenem Tage, als Mister Hobbledihoi die bis dahin -allgewaltige Kohle aus seinem neuen Schiffe „Zeitlos“ warf und die -elektrischen Ströme, die verschwiegen die Erde umkreisten, zwang, -seinen „Zeitlos“ um die Erde zu jagen. Das war, als Mister Hobbledihois -„Zeitlos“ beim Sonnenaufgang von Europa fortschoß gegen Westen. -Das war, als fünfzehnhundert Kilometer in der Stunde überschritten -wurden. Das Wasser kochte vorn am Bug, der die Längengrade in sich -hineinfraß. Das Wasser kochte hinten am Kiel, wo die Schrauben -wahnsinnig geworden waren. Weit und breit kein kleinstes Fischlein -in der Wasserwüste — sie waren vor dem Donnergang des „Zeitlos“ jäh -geflohen. Die schnellsten Vögel riß der Luftwirbel aus ihrem Reich, -ihre plattgedrückten Leiber klebten vorn am Buge.</p> - -<p>„Mister Hobbledihoi,“ sagte der Kapitän, „Brinkmann ist geschlagen.“</p> - -<p>„Ich weiß es und ich ehre ihn, denn ich stehe auf seinen Schultern.“</p> - -<p>In diesem Augenblicke kam der König auf die<span class="pagenum"><a id="Seite_55"></a>[S. 55]</span> Brücke. Und es war der -König, welcher sich verneigte vor dem Schiffsherrn und ihm eigenhändig -ein blaues Band ins Knopfloch seines Rockes schlang. Nein, schlingen -wollte. Denn ein Windstoß kam und riß es in die Lüfte.</p> - -<p>„Wenn wir am Land sind, habe ich ein anderes,“ sagte der König: „nur -eine Frage hätte ich.“</p> - -<p>„Bitte, Majestät.“</p> - -<p>„Warum heißen Sie Ihr Schiff denn ‚Zeitlos‘?“</p> - -<p>Der Schiffsherr wies stumm nach der noch immer aufgehenden Sonne, die -seit geraumer Zeit nicht um einen Zoll höher gegangen war am Horizonte.</p> - -<p>Der König verstand nicht gleich.</p> - -<p>„Das bedeutet?“ wandte er sich fragend an den Kapitän.</p> - -<p>„Das bedeutet,“ sagte dieser, „daß unser Schiff sich mit der gleichen -Geschwindigkeit von Osten nach Westen bewegt, als sich die Erde in der -umgekehrten Richtung um sich selbst bewegt, Majestät!“</p> - -<p>„Und somit,“ ergänzte der Schiffsherr ruhig, „somit kann es auf unserm -Schiff nicht — nicht später werden, solange wir nach Westen fahren.“</p> - -<p>„Und auf unserm Schiff wird es immer Sonnenaufgang sein“, sagte der -Kapitän.</p> - -<p>Lange schwieg der König. Dann sagte er:</p> - -<p>„Ich hatte einen Vorfahren, der von sich sagen konnte, in seinem Reiche -ginge nie die Sonne unter. Ihr habt sein Reich zusammenschnurren lassen -auf ein stampfendes Schiff. Auch auf eurem Schiffe<span class="pagenum"><a id="Seite_56"></a>[S. 56]</span> geht die Sonne -nicht mehr unter. Meines Vorfahrens Reich — und euer Schiff — meine -Herren, mich dünkt, wir könnten uns die Hände reichen...“</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Hier brach der Erzähler ab.</p> - -<p>Der zu seinen Füßen saß und horchte, sagte traumverloren:</p> - -<p>„Aber dann würden ja die Menschen auf diesem Schiffe auch nicht — -nicht älter werden können?“</p> - -<p>Der Erzähler lächelte:</p> - -<p>Der Ruhm des „Zeitlos“ hallte über die Erde. Die Menschen rissen sich -um einen Platz in den Kajüten.</p> - -<p>„Man altert nicht auf diesem Schiffe“, riefen sie, „die Uhr des Lebens -kann nicht einen Pendelschlag auf diesem Schiff tun. Auf seinen Planken -hat die Zeit die Macht verloren, nicht eine Runzel kann sie neu auf -unserem Gesichte ziehen.“</p> - -<p>Um solches zu erlangen, war ihnen nichts zu teuer. Und -die Schiffswerften der Erde bauten Tag und Nacht an neuen -„Zeitlos“-Schiffen.</p> - -<p>Und in den Häfen drängten sich die Menschen:</p> - -<p>Wir wollen zeitlos werden, zeitlos! schrien sie und stürmten auf die -Schiffe...</p> - -<p>Aber da war es, daß eine neue Nachricht die aufgescheuchte Welt -durchzitterte:</p> - -<p>Brinkmann, der Besiegte, hatte sich erhoben. Brinkmann, der Besiegte, -hatte ein neues Schiff<span class="pagenum"><a id="Seite_57"></a>[S. 57]</span> gebaut. Das hieß er „Die Vergangenheit“. Warum -denn „Die Vergangenheit“? Die Antwort spielte der Telegraph um die Erde:</p> - -<p>Das neue Schiff läuft schneller als der „Zeitlos“, also schneller auch -als sich die Erde um sich selbst bewegt. Mithin...</p> - -<p>Die zum ersten Male auf der „Vergangenheit“ fuhren, konnten sich -vor Staunen gar nicht fassen: eben, bei der Abfahrt, war die Sonne -im Westen in das Meer gesunken. Los schnellte das Schiff vom alten -Kontinent, wie vom Himmelsbogen ein Pfeil, den der Allmächtige in den -Weltenraum hinausschießt. Und, o Wunder, da sah man die untergegangene -Sonne wieder zurückgehen, wieder aus dem Meere aufwärtstauchen, wieder -zu einem neuen Nachmittage, nein, einem schon vergangenen Nachmittage -rückwärtswandern...</p> - -<p>Die Menschen auf dem Schiffe wurden nicht älter. Die Menschen auf dem -Schiffe blieben auch nicht stehen in der Zeit.</p> - -<p>„Wir werden jünger — jünger — jünger!“ riefen sie in überquellender -Begeisterung.</p> - -<p>„Wir wandern in unsere eigene Vergangenheit hinein!“ schrien sie.</p> - -<p>Und so war es.</p> - -<p>Die Menschheit, die nicht sterben wollte, flüchtete sich auf das letzte -Riesenschiff, auf „Die Vergangenheit“. Kaum, daß sie abgestoßen waren -vom Ge<span class="pagenum"><a id="Seite_58"></a>[S. 58]</span>stade der Gegenwart, schwenkten sie die Hüte, schwenkten sie die -Tücher:</p> - -<p>„Wir fahren in unser Jugendland, in unser Jugendland zurück!“</p> - -<p>Das war ein sonderbares Rückwärtstauchen in die Vergangenheit.</p> - -<p>Da hatte man eben zärtlich Abschied genommen von den Seinen, als man -über die Schiffstreppe heraufstieg. Und gleich darauf durchlebte man -die Abschiedszärtlichkeit von neuem.</p> - -<p>Da hatte man ein großes Glück genossen vor der Reise. Und gleich darauf -wiederholte sich zwangsläufig alles Glücksgefühl von rückwärts.</p> - -<p>„Wie ist mir denn?“ sagten die Passagiere der „Vergangenheit“, „hatte -ich diesen Gedanken nicht schon früher einmal gefaßt?“</p> - -<p>Und die, welche weiße Haare im Vollbart hatten, sahen mit Erstaunen das -vergangene Schwarz von neuem aus den Spitzen in die Höhe gehen und das -vertriebene Weiß verkroch sich in die Wurzeln.</p> - -<p>Und was das Sonderbarste war! Sie erlebten jetzt die Wirkung vor der -Ursache.</p> - -<p>Eines Jungen Wangen fingen rot zu brennen an. „Uh,“ heulte er, „uh“, -und hielt sich die Backe. Und danach erst bekam er von seinem Vater -die Ohrfeige, und wieder danach beging er jenen Streich, für den die -Ohrfeige vermeint war. Alles war jetzt umgekehrt wie früher.</p> - -<p>Erst kam die Sättigung, und wenn man trotzdem<span class="pagenum"><a id="Seite_59"></a>[S. 59]</span> aß, so stellte sich der -Appetit am Schlusse ein. Man gab sich einen Kuß und fragte danach erst, -ob man sich einen geben dürfte. Man legte sich des Morgens ausgeruht -ins Bett und schlief sich müd zum Abend vor, stand auf und fing die -Arbeit an und wurde munter, immer munterer. Man machte die Entdeckung, -daß man mit einer Arbeit fertig war, und war im Handumdrehen erst am -Anfang, wo man an dem Federhalter kaute...</p> - -<p>Wieder stand Brinkmann neben dem Kapitän auf der Schiffsbrücke.</p> - -<p>„Es ist sonderbar,“ sagte der Kapitän, „ich habe darüber nachgedacht -und finde, daß jetzt die Welt gerade infolge des rasenden Fortschritts -rückwärts geht.“</p> - -<p>„Ich denke, wir treiben hier keine Philosophie, Kapitän“, sagte -Brinkmann, der Eisenmann.</p> - -<p>„Nein,“ sagte der Kapitän, „wir treiben Schnelligkeit, und wir selber -treiben mitten in der Schnelligkeit, ein wenig hilflos, will mir -schei—“</p> - -<p>Es knitterte vom Mast. Ein Funkspruch wurde überbracht. Brinkmann las.</p> - -<p>„Rasch, Kapitän,“ sagte er, „steuern Sie sofort zum Pol. Ich erhalte -hier eine sonderbare Nachricht von meinem alten Feind, dem Mister -Hobbledihoi — ich muß sehen, ob das wahr ist...“</p> - -<p>Und dann flog die „Vergangenheit“ zum Pol.</p> - -<p>Der war auf einer Insel. Dort hielt die „Ver<span class="pagenum"><a id="Seite_60"></a>[S. 60]</span>gangenheit“. Brinkmann und -der Kapitän nahmen ihre Fernrohre an die Augen.</p> - -<p>„Sehen Sie ihn, Kapitän?“</p> - -<p>„Ja, ich sehe Mister Hobbledihoi haarscharf auf der Erdachse sitzen.“</p> - -<p>„Auf einem Stuhle, glaub’ ich?“</p> - -<p>„Ja, ein Klavierstuhl, der sich ohne Ende dreht. Wie rasend dreht sich -der Mensch um die Polachse, warten Sie, von — von Ost nach West —“</p> - -<p>Da tat Brinkmann, der Eisenmann, einen fürchterlichen Fluch.</p> - -<p>„Kapitän, Kapitän, nun hat uns dieser dennoch überwunden!“ schrie er.</p> - -<p>„Wieso?“</p> - -<p>„Zum Teufel, verstehen Sie denn nicht: so oft sich dieser Mensch auf -dem Klavierstuhl herumgedreht hat, so oft sich seine Beine einmal um -die Polachse geschlenkert haben, hat er dasselbe getan, dasselbe, was -wir —“</p> - -<p>„Was wir in einer Erdumschiffung taten — in der Tat, das hat er, und -bei jeder Drehung wird er in viel, viel kürzerer Zeit um einen Tag -jünger, als wir es auf unserer ‚Vergangenheit‘ jemals werden können.“</p> - -<p>Und dann sahen sie mit ihrem Fernglas, wie der Mann sich auf dem -Klavierstuhl schneller drehte, immer schneller.</p> - -<p>„Weiß Gott,“ schrie Brinkmann, „jetzt ist er gut<span class="pagenum"><a id="Seite_61"></a>[S. 61]</span> um dreißig Jahr -jünger, als ich ihn das letzte Mal sah.“</p> - -<p>„Nein, um vierzig“, sagte der Kapitän.</p> - -<p>„Ein Junge ist er jetzt, ein Junge!“</p> - -<p>„Wahrhaftig, nicht mal mehr ’n Bart.“</p> - -<p>„In den Windeln liegt er, in den Windeln!“</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>„Und jetzt, Kapitän, was sehen Sie jetzt?“</p> - -<p>„Jetzt sehe ich gar nichts mehr.“</p> - -<p>„Das ist doch nicht möglich — schauen Sie schärfer!“</p> - -<p>„Keine Täuschung — leer ist der Klavierstuhl, rattekahl leer.“</p> - -<p>„Kreuzteufel, wie erklären Sie das, Kapitän?“</p> - -<p>„Wie ich mir das erkläre? Ei ganz einfach — der Mann hat sich durch -die Schnelligkeit über seine eigene Geburt hinausgelebt — weg ist er -— nicht mehr wiederkommen tut er.“</p> - -<p>„Aber wenn wir ausstiegen, Kapitän — wenn wir den Klavierstuhl in der -anderen Richtung drehten?“</p> - -<p>„Was futsch ist, das ist futsch und wird nicht mehr lebendig.“</p> - -<p>„Kapitän, drehen Sie um — wir fahren heim.“</p> - -<p>„Mit welcher Geschwindigkeit?“</p> - -<p>„Mit — mit einer — vernünftigen.“</p> - -<p>„Vielleicht fünfzig Kilometer über Erdachsengeschwindigkeit?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_62"></a>[S. 62]</span></p> - -<p>„Zum Teufel mit der Übererdgeschwindigkeit — wir fahren einfach -fünfzig Kilometer in der Stunde.“</p> - -<p>„Sehr wohl.“</p> - -<p>Brinkmann wollte gehen. Da löste sich vom Mast ein blaues Band, ein -blaues Schleifchen. In zierlichen Spiralen schaukelte es dem Kapitän zu -Füßen. Der hob es auf.</p> - -<p>„Meister,“ rief er Brinkmann nach, „Meister, das blaue Band ist vom -Mast gefallen — was soll ich tun damit — soll ich’s wieder —?“</p> - -<p>Der eiserne Brinkmann drehte sich um:</p> - -<p>„Das blaue Band“, sagte er langsam. „— Sie haben ein junges Mädel zu -Hause, nicht wahr, Herr Kapitän?“</p> - -<p>„Ja, allerdings.“</p> - -<p>„Dem flechten Sie’s ins Haar, Kapitän...“</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_63"></a>[S. 63]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Die_Rundfrage">Die Rundfrage</h2> - -</div> - -<p>In der Redaktion war es schwül. Der Verleger hatte angeklingelt: -täglich der alte Schnee im Blatt, ob das eine Leistung sei — hopla, -meine Herren, mal ’nen Bauchaufschwung, Rundfrage oder so was, aber fix -und or’j’nell, wenn ich bitten darf...</p> - -<p>Die Redaktion stützte den Kopf in die Hand: Rundfrage? Als ob die -andern Blätter nicht schon alles Denk- und Undenkbare rundgefragt -hätten vom Säugling bis zum Sarg! Hm, ob vielleicht jenseits des -Säuglings unabgegrastes Rundfragsland sich dehnte? Etwa: „Wie denken -Sie über vorgeburtliche Erziehung?“</p> - -<p>Die Redaktion schlug im Konkurrenzregister nach. Richtig: -„Aufsehenerregende Umfrage über Vorgeburtserziehung durch die Redaktion -der ‚Morgenröte‘.“ Diese „Morgenröte“ schnappte aber auch schon alles -weg!</p> - -<p>Dann vielleicht jenseits des Sarges? Etwa: „Wie denken Sie über ein -Fortleben der Seele nach dem Tode?“ Wenn man nur gleich wüßte, ob man’s -im Register unter <span class="antiqua">F</span>, <span class="antiqua">S</span> oder <span class="antiqua">T</span> zu kontrollieren -hatte. Ha, da stand es: „Rundfrage über<span class="pagenum"><a id="Seite_64"></a>[S. 64]</span> die Unsterblichkeit“, -veranstaltet von der „Abendröte“, von der „Mittagsröte“, von der -„Nachmittagsröte“, von der „Five-o’clocks-tea-Vorabend-Röte“. Alles -dagewesen —</p> - -<p>Ha, da kam ihm ein Gedanke:</p> - -<p>„Herr Kollege, was sagen Sie zu der or’j’nellen Idee einer Umfrage über -‚Wie denken Sie über Umfragen?‘“</p> - -<p>„Mensch, lesen Sie denn nicht die Konkurrenz? ‚Umfrage über Umfragen‘, -letzte Woche veranstaltet von der Vormittagsröte —“</p> - -<p>„Na, denen können wir nicht nachklappen. Aber was ganz Apartes: ‚Wie -denken Sie über Rundfragen über Rundfragen über Rundfragen?‘ — he, -Kollege?“</p> - -<p>„Sie sollten ein halbes Stündchen an die frische Luft gehn, Kollege. — -Aber wir wollen mal die Setzerlehrlinge befragen — die sind nicht so -ausgekocht.“</p> - -<p>Die Setzerlehrlinge machten es wie die Redaktion und stützten ihr -Haupt in die Hand. — „Na, Heinrich, haste dir noch nie Gedanken über -irgendwas Merkwürdiges gemacht?“</p> - -<p>„Wenn ick uff’m Randstein langjehe, muß ick’s immer mit de Fieße so -inrichten, dat ick nich uff ’ne Fuge komme; warum mag det woll so sind?“</p> - -<p>Noch am gleichen Tage knatterte die Setzmaschine den Umfragbogen in den -Schmelztiegel, der sie an die Druckerschwärze weitergab:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_65"></a>[S. 65]</span></p> - -<div class="blockquot"> - -<p>Randstein-Fugen-Tritt-Vermeidungs-Umfrage.</p> - -<p>I. Haben Sie in Ihrer Jugend vermieden, auf Randsteinfugen zu -treten?</p> - -<p><span class="antiqua">a</span>) wenn ja, 1. warum? 2. mit welchem Erfolg?</p> - -<p><span class="antiqua">b</span>) wenn nein, hat sich diese Neigung 1. später eingestellt? -2. in welchem Alter? 3. mit welchen Begleiterscheinungen? normal? -abnorm?</p></div> - -<p>In der Ersten-Frühstücks-Ausgabe der Zweiten-Frühstücks-Röte erschien -der Umfragbogen. Dann begann der zweite Umfragsauftakt, das Verschicken -an sämtliche hervorragende Leute an der Hand eines gleichlautenden -Begleitbriefes:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p> - -Hochverehrter Herr und Meister!<br /> -</p> - -<p>Aus der Fülle des uns täglich zuströmenden psychologischen -Materials hat eine eigenartige Menschheitsfrage immer dringlicher -ihr Rätselhaupt erhoben, eine Frage, die, so unscheinbar sie -erscheint, vielleicht in ihrer gründlichen Beantwortung dennoch -geeignet ist, unabsehbares Licht in dunkle Seelentiefen zu werfen. -Indem wir Ihnen die restlose Zergliederung dieser Frage in dem -beiliegenden Fragebogen unterbreiten, sind wir uns bewußt, daß vor -allem Ihr umfassendes Wissen und durchdringender Geist, verehrter -Herr und Meister, geeignet erscheint usw.</p> - -<p>Wir werden das Ergebnis der Rundfrage systematisch aufarbeiten -und veröffentlichen, ebenso wie wir nicht verfehlen werden, die -auf Grund einer Separatumfrage innerhalb des Schoßes unserer -Re<span class="pagenum"><a id="Seite_66"></a>[S. 66]</span>daktion sich ergebende beste Antwort mit einem Freibezug unserer -„Zweiten-Frühstücks-Röte“ für ein ganzes Jahr auszuzeichnen...</p></div> - -<p>Für die führenden Köpfe des Landes begann eine nachdenkliche Zeit. -Denn das verstand sich, daß sie ihre laufenden Arbeiten sofort -zugunsten dieser Umfrage zu unterbrechen hatten. In einem raschen -Hochschwall begannen alsdann die Umfragantworten einzulaufen. Sie -wurden zunächst ohne Zusatz in der Reihenfolge ihres Einlaufs in der -„Zweiten-Frühstücks-Röte“ veröffentlicht.</p> - -<p>Professor Schmalzbrunner war der erste, der sich so vernehmen -ließ: „In umgehender Umfragserledigung und umseitiger Überreichung -des ausgefüllten Umfragbogens erlaube ich mir, die Redaktion der -‚Zweiten-Frühstücks-Röte‘ zu der lichtvollen Erfassung des Zeitgeistes -an der Stirnlocke um so mehr zu beglückwünschen, als ich selbst schon -lange die Absicht hatte, der nunmehr auch von Ihnen angeschnittenen -psychologischen Frage eine gründliche Untersuchung angedeihen zu -lassen, auf welchen Umstand ich Sie bitte, in Ihrem redaktionellen -Teile aus Gründen des geistigen Erstgeburtsrechts ausdrücklich -hinzuweisen...“</p> - -<p>Geheimrat Nasenschaber schrieb: „Vor Ausfüllung des Umfragbogens -bitte ich um gefällige Mitteilung, ob sich etwa auch Geheimrat -Hinthinlang an der Umfrage beteiligen wird, in welchem Falle ich unter -Berücksichtigung der minderwertigen Qua<span class="pagenum"><a id="Seite_67"></a>[S. 67]</span>litäten dieses Herrn leider -nicht in der Lage wäre, auch nur vorübergehend unter dem gemeinsamen -geistigen Dache einer Umfrage meine gemessene Zeit zuzubringen. -Im übrigen habe ich gegen eine öffentliche Notiznahme von meinem -Vorbehalt, den ich meinem Rufe schuldig bin, nichts einzuwenden usw.“</p> - -<p>Professor Doktor Spalthaar teilte mit: „Ich beantrage die Absendung -eines Vorfragebogens behufs Feststellung des Materials, aus welchem -besagte Randsteine in jedem einzelnen Falle angefertigt waren, da es -nicht unwahrscheinlich ist, daß je nach der granitenen, zementenen, -kalkigen oder kunststeinigen Beschaffenheit derselben die ursächliche -Festlegung der Fugenvermeidung des schreitenden Fußes, dessen -Beschuhungsart aus Leder, Holz, Filz oder Stroh, beziehungsweise seine -Unbeschuhung in Parallelkoinzidenz mit dem Material des Randsteins...“</p> - -<p>Sogar General a. D. Festruff, der alte Haudegen, meldete sich, leider -in einer Form, die der öffentlichen Wiedergabe Beschränkung auferlegte: -„Warum man beim Gehen auf dem Randstein und so weiter und so weiter. -Ist mir wurscht. Hochachtungsvoll Festruff, General a. D.“</p> - -<p>Die knappste Antwort erfolgte auf die Anfrage an Professor -Schrankelmaier: „Adressat seit zwanzig Jahren verstorben. Schwienecke, -Briefträger.“</p> - -<p>Als konzentriertes Resultat der Umfrage ergab sich: 31 v. Hundert -der Befragten erklären das Überschreiten der Randsteinfuge -als einen körper<span class="pagenum"><a id="Seite_68"></a>[S. 68]</span>lichen Zwangsreflex, 27 vom Hundert als eine -seelische Reizhandlung, während die restlichen 42 vom Hundert einer -psycho-physischen Mischung den Vorzug gaben. Genaueres ergab sich nicht.</p> - -<p>Blieb am Ende noch die offene Frage nach der besten Antwort mit dem -Freibezug der „Zweiten-Frühstücks-Röte“ als Preis dafür. Im Schoß der -Redaktion ergab sich keine Einigkeit. Schlug einer einen vor: „Gewiß, -soweit ganz nett,“ erklärten alle andern, „aber doch nicht or’j’nell -genug.“ Also erweiterte man den Wettbewerb: auch Nichtbefragte durften -ihre Meinung sagen.</p> - -<p>Wieder gab es eine Unzahl Lösungen. Der Redaktionsschoß lag und hörte, -nickte und bekannte: „Na ja, aber or’j’nell?“ „Nee, grad so oder doch -so ähnlich haben wir’s schon irgendwo gelesen.“</p> - -<p>Die Zeit verrann. Einer mußte schließlich doch bepreist sein. Man -war verlegen. Man ließ, wie immer, wenn ein Krach in Aussicht stand -und im Zusammenhang damit ein Blitzableiter nötig werden konnte, die -Setzerjungen kommen.</p> - -<p>„Na, Jungens, was empfindet ihr beim Überschreiten einer -Randsteinfuge?“ Die Jungen schwiegen. „Nu, der von euch, der auf die -Preisaufgabe kam, der wird doch was empfinden?“ — „Jawoll, Herr -Doktor.“ — „Na?“ — „Nischt, Herr Doktor.“ — „Nanu?“ — „Weil ’n -verninft’jer Mensch prinz’b’jell immer nur direktemang uff die Fuge -stapft.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_69"></a>[S. 69]</span></p> - -<p>Die Redaktion war baff. Die Redaktion erklärte einstimmig: „Blödsinnig, -wahnsinnig, blödsinnig, — aber or’j’nell.“</p> - -<p>Und so sprach man dem Umfragsetzerjungen auch den Umfragpreis zu. -Leider hat er ihn abgelehnt: „Gott behiete mir,“ sagte er, „det langt -zu, dat ick an dem Mist für det Wurstblatt mitsetze — nu’ soll ick’t -ooch noch lesen? Is nich.“</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_70"></a>[S. 70]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Das_Kugelzimmer">Das Kugelzimmer</h2> - -</div> - -<p>Der Bomhard war sonst nie, was man ein verrücktes Huhn nennt. Aber da -erbte er. Massig.</p> - -<p>„Kinder,“ sagte er, „ich habe eine Idee.“</p> - -<p>„Ah, eine Idee, und die wäre, lieber Bomhard?“ Ideen eines Erben sind -ja stets beachtenswert.</p> - -<p>„Unsere Zimmer sind alle falsch gebaut, ist euch das noch nie -aufgefallen?“</p> - -<p>„Gewiß — natürlich — grundfalsch sogar — das heißt — zu klein, -nicht wahr?“</p> - -<p>„Nee, zu eckig.“</p> - -<p>„Eckig? hm, allerdings, man könnte sie ’n bißchen weniger eckig — -sozusagen ein wenig rund —“</p> - -<p>„Nee, ganz rund, eine Kugel ist das beste.“</p> - -<p>Hätte Bomhard nicht geerbt gehabt, „Kugel?“ hätten wir ihm ins Gesicht -gelacht, „das ist ja zum Kugeln!“ So aber: „Kugel? das ist ja — ist -ja sehr interessant. Lieber Bomhard, möchtest du uns diese ebenso -originelle als — als — na ja, du weißt schon — nicht ein wenig näher -—“</p> - -<p>Im Telegrammstil, aber immerhin leutselig, schmiß er die Begründung -hin: „Erde rund — Himmelskörper rund — Köpfe rund — Stämme rund<span class="pagenum"><a id="Seite_71"></a>[S. 71]</span> -Früchte rund — alles Vernünftige rund — man sollte meinen, Menschen -hätten von Anfang an nur runde Zimmer — anstatt dessen — alles eckig -— toll — einfach toll —“</p> - -<p>„Ja der Tat, wenn man bedenkt, wie oft man sich an Ecken stößt —“</p> - -<p>„Nicht nur das — da ist auch die Ästhetik — gibt es etwas -Vollkommeneres als eine Kugel?“</p> - -<p>„Es käme drauf an, was in der Kugel drinnen ist“, wagte ich.</p> - -<p>„Vier drittel r hoch drei pi ist drin, das weiß ja jeder Schulbub, und -die Raumausnützung im Verhältnis zur Wandfläche ist zweimal größer als -beim Würfel, Mensch, was meinst du, wie sich in solchem Kugelzimmer -atmen läßt!“ Er schnaufte plastisch.</p> - -<p>„In einem Zimmer ist nicht nur Luft drin,“ beharrte ich, „da sind auch -Möbel. Wie willst du an den Kugelwänden ein Bild, einen Schrank, ein -Bett, ein Nachtkästchen —“</p> - -<p>„Blödsinnig einfach!“ sagte Bomhard hitzig, „man baut Kugelbilder, -Kugelschränke, Kugelbetten, Kugelnachtkästchen, Kugel—“</p> - -<p>„Schön, aber den Zimmerboden wenigstens mußt du doch eben und gerade —“</p> - -<p>„Fällt mir gar nicht ein, Kugel, alles Kugel —“</p> - -<p>„Und wenn diese Möbel nun ins Rutschen kommen?“</p> - -<p>„Dummes Zeug, werden angenagelt!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_72"></a>[S. 72]</span></p> - -<p>„Und die Kugelstühle, Kugeltische, Kugelschemel, Kugelkohlenkübel?“</p> - -<p>„Werden <span class="antiqua">dito</span> angenagelt!“</p> - -<p>Hätte Bomhard nicht geerbt gehabt, weiß Gott, ich hätte mir den Witz, -daß ein vernageltes Kugelzimmer auf den <span class="antiqua">dito</span> vernagelten -Besitzer schließen lasse, nicht verkneifen können. So beschränkte -ich mich auf: „Und die vielen kleinen Sachen, wie Schirme, Stöcke, -Federhalter, Bleistifte —?“</p> - -<p>„— haben nach dem Gravitationsgesetz dauernd das Bestreben, nach dem -tiefsten Kugelzimmerpunkt zu rutschen“, sagte er vergnügt.</p> - -<p>„Aber ist das nicht — nicht unpraktisch?“</p> - -<p>„Im Gegenteil, eminent praktisch! Bedenkt doch den Ärger, wenn in -den Würfelzimmern was verloren ging, sagen wir mal, eine Brille, -eine Haarnadel, ein Notizbuch, ein Schlips, ein Metermaßstab, ein -Geldschein, ein Pantoffel, ein —“</p> - -<p>„Jaja,“ nickten wir in Erinnerung, „elende Sucherei —“</p> - -<p>„Na, seht ihr, so was ist in meinem Kugelzimmer ausgeschlossen. -Mein Kugelzimmer verliert nichts. Mein Kugelzimmer präsentiert von -selber jede ausgekniffene Brille, jeden verlorenen Bleistift, jeden -verschlampten Pantoffel im Kugeltiefpunkt der Zimmermitte: bitte, -bedienen Sie sich.“</p> - -<p>„Großartig,“ sagte einer augenzwinkernd, „großartig, bis auf eines.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_73"></a>[S. 73]</span></p> - -<p>„Bitte?“ sagte der Kugelzimmererfinder feindselig.</p> - -<p>„Wie willst du mit den von Mutter Natur nun einmal platt konstruierten -Füßen —“</p> - -<p>„Falsch, grundfalsch! von Natur aus hätten wir nur Kugelfüße. Aber -die seit Jahrtausenden platten Würfelzimmer haben auch die Füße platt -gedrückt. Meine Kugelzimmer werden sie mit der Zeit schon wieder -sphärisch biegen. Und bis dahin kann man sich ja mit entsprechend -konstruierten Kugelstiefeln behelfen.“</p> - -<p>„Famos,“ sagte der Zwinkerer, „ganz famos, alle Einwände räumt er -weg. Seine Kugelzimmer sind theoretisch einwandfrei. Freilich, ob er -praktisch einen Kugelarchitekten findet, der —“</p> - -<p>„Schon gefunden. Hier der Aufriß. Da der Grundriß, bitte.“ Er -entfaltete Blätter, auf welchen lauter Kreise Kegel schoben. Der -Zwinkerer schien sie eifrig zu studieren.</p> - -<p>„In der Tat — in der Tat — schlechterdings vollkommen bis auf — bis -auf die Zwickel.“</p> - -<p>Bomhard wurde unsicher. „Welche Zwickel?“ stotterte er.</p> - -<p>„Nun, diese Hohlräume zwischen den aneinander liegenden Kugelzimmern -sind doch unnütz, platterdings unnütz.“</p> - -<p>Bomhard erbleichte: „Allerdings — allerdings — ich werde darüber -nachdenken — ich werde sie<span class="pagenum"><a id="Seite_74"></a>[S. 74]</span> wegkonstruieren oder sonst eine Lösung — -eine praktische Lösung...“ Er ging verstört.</p> - -<p>„Mensch!“ berannten wir den Zwinkerer, „du hast kein Herz, kein -Kugelherz. Du hättest ihm mit seinem Kugelwahne ruhig glücklich werden -lassen sollen, wo er doch die Gelder dazu hat.“</p> - -<p>„Seh ich nicht ein, da wir mit unsern Wahngebilden auch nicht glücklich -werden dürfen.“</p> - -<p>„Erlaube mal, wir haben keine Wahngebilde —“</p> - -<p>„Allerdings,“ sagte er sarkastisch, „solange wir nicht erben, müssen -wir sie schlafen lassen, müssen wir sie zurückstopfen, verstecken in -den Hohl—“ Er brach ab.</p> - -<p>„Warum schweigst du?“</p> - -<p>„Weil ich sonst die Lösung, die Bomhard sucht, vergeblich suchen wird, -verraten hätte.“</p> - -<p>Recht bekam er. Bomhard fand die Lösung nicht. Er hat eine Unmenge -vergnüglich lächelnder Architekten mit einer Unmenge Geld versorgt. -Probekugelzimmer standen auf und rollten durch das Land. Wie sie aber -standen und die zweite Kugelzimmerzelle an der ersten sich zum Hausbau -fügen sollte, ließ er sie des Zwickels wegen gleich erschlagen. Er -selber konstruierte unzählige Kreise auf unzähligen Bögen. Aber die -Zwickel dazwischen, die nutzlosen Hohlräume grinsten immer spitzer und -verbogner: „He, und wir? was willst du aus uns machen, he?“</p> - -<p>Vergrämt hat er sich angeschickt zu sterben. Der<span class="pagenum"><a id="Seite_75"></a>[S. 75]</span> Zwinkernde ist an -seinem Bett gesessen. „Man hat mir mitgeteilt,“ sagte Bomhard schwach, -„daß du eine Lösung wüßtest, um die Hohlraumzwickel —“</p> - -<p>„Ist noch Geld da?“</p> - -<p>„Leider nicht, alles verzwickelt.“</p> - -<p>„Gut,“ murmelte der Zwinkerer befriedigt, „dann können anderer Menschen -Hirnhohlräume nicht mehr vom Erbrest angestopft werden.“ Laut aber -sagte er: „Die alte Wäsche von den Kugelzimmern hätte man in den -Zwickeln ganz bequem —“</p> - -<p>„Gott,“ stammelte der Sterbende, „daß ich daran nicht gedacht — wer -denkt auch, wenn er erbt, an seine alte Wäsche!“ Und sein letztes Wort -war in Verklärung: „Also doch vollkommen!“</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_76"></a>[S. 76]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Schmuckel">Schmuckel</h2> - -</div> - -<p>Der Schmuckel war immer ein heller Kopf gewesen. Schon in der Schule -sagte der Herr Lehrer zu den anderen Schülern: „Den Schmuckel seht -euch an, so fix wie der im Rechnen sollten alle werden.“ Aber nicht -nur im Rechnen war es so. So einen deutschen Aufsatz schmiß er aus dem -Handgelenk ins Heft, daß es nur so schnackelte. Von der Geographie gar -nicht zu reden, wo die Nebenflüsse links und rechts des Rheins förmlich -aufeinander schnalzten. Heißt das, wenn der Schmuckel sie aufsagte. Bei -den andern schob sich zwischen der Kinzig und der Murg ein „Äh“ und -zwischen der Nahe und der Mosel eine Einsagpause, und zwischen Lahn und -Wupper gähnten ganze Reihen ausgelassener Nebenflüsse.</p> - -<p>Wenn aber der Inspektor kam, vor dem man doch ein bissel glänzen -wollte, wurde der Schmuckel in der Geometrie aufgerufen. So ein -Inspektor ist Paraderösser sicherlich gewöhnt. Aber wie der Schmuckel -in die Arena ritt, wenn der Lehrer scheinheilig sagte:</p> - -<p>„Na, jetzt könnte vielleicht der — der — Schwiefke<span class="pagenum"><a id="Seite_77"></a>[S. 77]</span> — nein, der -war schon daran — nun, sagen wir mal, der Schmuckel noch sein -Paralleltrapez konstruieren, von dem gegeben ist die Mittellinie, die -Höhe, ein Winkel im Schnittpunkt der Diagonalen ...“</p> - -<p>Der Inspektor müßte nicht der Inspektor gewesen sein, hätte er nicht -gewußt, daß diese Paralleltrapezgeschichte die allerverschwefelste -Aufgabe im ganzen Dicknether, Ausgewählte Konstruktionen für -Mittelschulen war, und — unter uns — <em class="gesperrt">ihn</em> wenn der Lehrer -jetzt aus Versehen, anstatt des Schmuckels an die Tafel gerufen -hätte, er wäre aufgesessen, glatt aufgesessen, statt anderen -aufsässig zu sein. Und es brach ihm jetzt wahrhaftig ein gelinder -Schweiß aus, wenn er daran dachte: wenn jetzt der Schmuckel stecken -blieb, und wenn ein anderer Schüler auch nicht weiter wußte, und -wenn der Lehrer auch verdattert würde, und wenn es dann seine -verdammte Schulinspektorpflicht sein würde, selbst an das verflixte -Paralleltrapez zu treten: „Aber Herr Kollege, ist ja kinderleicht — -das macht man so und so und so...“</p> - -<p>Unnütze Sorge. Der Schmuckel, der fixe Schmuckel, war schon mitten -in der Konstruktion und turnte mit der Kreide und dem Zirkel auf dem -Paralleltrapez herum, daß einem ganz schwindlig wurde — Winkel rissen -ihre Mäuler auf — Parallele spielten Fangeinmandel, ohne sich zu -kriegen — Diagonalen kreuzten sich mit Würde, wie die Bandeliere auf<span class="pagenum"><a id="Seite_78"></a>[S. 78]</span> -der Brust eines Napoleonssoldaten — Kongruenzen führten Menuette auf, -und Mittellinien schmiß er an die Tafel, ohne Rast und ohne Wenn und -ohne „Äh“... ja, so einer war der Schmuckel.</p> - -<p>„’n verdammt fixer Kerl!“ preßte es dem Inspektor heraus, trotzdem -ein Schulinspektor „verdammt“ und „fix“ und „Kerl“ eigentlich nicht -sagen durfte, sondern höchstens „bemerkenswert“ und „anstellig“ und -„Individuum“.</p> - -<p>Nach der Schule hat sich der fixe Schmuckel mit dem Paralleltrapez -nicht weiter aufgehalten, sondern hat fix eine Stelle bekommen, hat -fix verdient, hat sich fix verheiratet, war der fixeste Häuseragent -geworden weit und breit. Es mag ja sein, daß der Schulinspektor -damals sich noch einen ganz andern Bauchaufschwung als bis zum -Häuseragenten von dem Musterschüler Schmuckel erwartet hatte. Etwa -einen Gelehrtenaufschwung, Dichteraufschwung oder so was. Aber -derartige Aufschwünge erfordern Wenn und Aber, „Ähs“ und lange Pausen -der Überlegsamkeit zwischen hinein. Womit der fixe Schmuckel sich aber -wirklich nicht aufhalten konnte, wenn er’s fix zu einem fixen Kerl mit -einem fixen Bankkonto bringen wollte.</p> - -<p>Und das hatte er nun. Sogar eine fixe Frau zu seiner fixen -Häuseragentur. „Das muß man sagen,“ sagten die Leute, „ein patenter -Häusermakler ist er, dieser Schmuckel, wahnsinnig patent!“ Denn von -dreißig Jahren an sagt man nicht mehr<span class="pagenum"><a id="Seite_79"></a>[S. 79]</span> fix, sondern patent. Das gehört -sich so, und außerdem ist es patenter. Patent ist übrigens hinter -dreißig Jahren jeder Mensch, der etwas auf sich hält. Schmuckel aber -war unter den patenten Häusermaklern eben auch wieder derjenige, wo — -mit einem Wort, er war wahnsinnig patent. Man hätte auch „furchtbar -patent“ oder „rasend patent“ oder „blödsinnig patent“ sagen können. -Aber das waren andere Häusermakler auch zur Not. Schmuckel allein war -wahnsinnig patent.</p> - -<p>„Wenn du irgendeinem Hausmakler ein Haus zu verkaufen gibst,“ hieß -es, „was hat der für Bedenklichkeiten und Geschichten. Dagegen der -Schmuckel — eins zwei drei, hat’s schon wegverkauft.“</p> - -<p>„Ja, und gar wenn du ihn eins kaufen lässest, brauchst du nicht einmal -bis drei zu zählen — hat’s schon gekauft für dich, bevor du überhaupt -noch selber wußtest, daß du ein Haus gewollt hast — wahnsinnig, -einfach blödsinnig wahnsinnig, dieser Schmuckel.“ „Blödsinnig -wahnsinnig“ ist der höchste Orden, der für Fixigkeiten zu verteilen ist.</p> - -<p>Nun erkennen Frauen sonst die öffentlichen Eigenschaften ihrer -Männer selten an. Nicht so Schmuckels Frau, ein stilles, kleines und -verträumtes Dingchen. Gegen andere sprach sie sich freilich nicht so -aus. Aber wenn sie sich selber fragte, was sie eigentlich von ihrem -hin- und hergehetzten fixen Manne habe, so sagte sie sich insgeheim: -„Wahnsinnig wenig, blödsinnig wahnsinnig wenig.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_80"></a>[S. 80]</span></p> - -<p>Nun aber begab es sich, daß besagter Schmuckel einen Weinkeller hatte. -Einen wahnsinnig patenten Weinkeller. Was schließlich für einen -erfolgreichen Häusermakler nicht mehr als recht und billig ist. Vor -allem billig. Denn Schmuckel kaufte auch seine Weine einfach rasend -wahnsinnig blödsinnig billig ein.</p> - -<p>Und weiterhin begab es sich, daß er sich einmal selbst in den Keller -begab, um einen solchen rasenden Wein am Spundloch zu probieren — -nein, um einen solchen Wein am rasenden Spundloch — nein, es ist zum -rasend werden: um einen solchen Wein am Spundloch rasend zu probieren.</p> - -<p>Als er den Becher untern Hahn hielt und diesen aufgedreht hatte, fiel -ihm ein solider Holzschlegel gegen die linke Schläfe. Pumm, wurde die -Stelle seiner vierten Gehirnwindung, wo die patente Fixigkeit zu sitzen -pflegt, eine Idee auf die Seite gerückt. Es war selbst mikroskopisch -nicht der Rede wert. Aber es genügte dennoch, um Schmuckels Denkapparat -nach einer andern Richtung einzuschalten.</p> - -<p>Der Wein lief in den Becher, bis er überfloß, während Schmuckel sinnend -vor dem Spundloch saß und dachte: „— und wenn ich damals in der Schule -nicht so fix gewesen wäre... hm ja, es konnte immerhin doch sein... hm -ja, und wenn ich die Konstruktion mit dem Paralleltrapez auch nicht -so fix gekonnt hätte... hm ja, und genau genommen,<span class="pagenum"><a id="Seite_81"></a>[S. 81]</span> weiß man ja nicht -einmal, ob alle diese fixen Lehrsätze auch ganz richtig sind... hm -ja, man braucht nur anzunehmen, daß wir keine körperhaften Menschen, -sondern — hm ja — zweidimensionale Menschen wären, die auf — hm ja, -hm ja — auf Eierschalen lebten... hm ja, so daß der pythagoräische -Lehrsatz keinen Sinn hätte... hm ja, dann würde auch das Paralleltrapez -ein Blödsinn...“</p> - -<p>Unterdessen lief der Wein und lief und stand schon knöcheltief im -Keller.</p> - -<p>„— hm ja, und wer weiß, ob ich dann ein fixer Häusermakler geworden -wäre, der hin und her verkauft und den ganzen Tag nur auf der Hetze -ist... hm ja, so daß für mein kleines Frauchen eigentlich nichts übrig -bleibt von mir, als ein bißchen Fixigkeit... hm ja, und wenn wir -dann auch weniger verdienten... hm ja, ja hm, dafür aber glücklich -wären — hm ja, furchtbar glücklich, wahnsinnig glücklich, blödsinnig -glücklich... nein, ist ja Unsinn, einfach glücklich, das genügte —“</p> - -<p>Hier war es, daß der Wein ihm an die Waden reichte, und daß das -Schmuckelsche Dienstmädchen herunterkam, um nachzuschauen, wo ihr Herr -solange bliebe: „Aber gnädiger Herr,“ rief sie, „was machen Sie denn -da?“</p> - -<p>„Ich habe darüber nachgedacht, Kathi wenn ich nicht immer so fix -gewesen wäre... hm ja, es hätte doch sein können... hm ja, und wenn wir -zweidimensional auf Eierschalen lebten... hm ja, und<span class="pagenum"><a id="Seite_82"></a>[S. 82]</span> wenn wir dann -auch weniger verdienten... hm ja, und wenn ich dann mit meiner Frau -viel glücklicher wäre... hm ja, Sie verstehen, Kathi —?“</p> - -<p>Da wurde die Kathi auch besinnlich, setzte sich auf einen Kellerstuhl -und sagte langsam: „Hm ja, freilich kann ich Sie verstehn, Herr -Schmuckel... hm ja, und wenn Sie dann mit Ihrer Frau so glücklich -wären... hm ja, auf zwei sinidale Eierschalen ... hm ja, hm ja...“</p> - -<p>Unterdessen lief der Wein und lief, und er stand ihnen schon bis -beinahe an die Knie, als die stille, kleine und verträumte Frau -Schmuckel auch herunterkam, um nachzusehen, was aus ihrem Mann und der -Kathi geworden wäre: „Aber Kinder,“ rief sie, „was macht Ihr denn da?“</p> - -<p>„Wir haben darüber nachgedacht, liebe Frau, wenn ich nicht so fix -geworden wäre, so wahnsinnig — so fürchterlich wahnsinnig fix, weißt -du... hm ja, und wenn wir dann auch weniger verdienten —“</p> - -<p>„Hm ja, auf zwei simidale Eierschalen nämlich, gnädige Frau, hm ja“, -erläuterte die Kathi.</p> - -<p>„Hm ja, und wenn wir dann erst glücklich geworden wären, liebe Frau... -hm ja, einfach glücklich, schlecht und recht...“</p> - -<p>Hier war es, daß sich die stille, kleine Frau still zu ihrem Mann -gesetzt hatte, daß sie langsam ihr gutes Köpfchen zu ihm neigte: -„Ach ja, lieber Mann, glücklich wenn wir wären... hm ja, wir sind ja -glücklich... glücklich um und um... und ich wünsche<span class="pagenum"><a id="Seite_83"></a>[S. 83]</span> mir nur, daß es -jetzt so bliebe... hm ja, mein lieber Mann, hm ja...“ Und sie verlebten -zum ersten Male selige Minuten ungetrübten Glückes.</p> - -<p>Unterdessen lief der Wein und lief, und er stand ihnen jetzt schon -glücklich bis an die Lenden, als auf einmal ein zweiter solider -Holzschlegel von dem großen Weinfaß herab auf Herrn Schmuckels rechte -Schläfe fiel. Pumm, wurde die Stelle seiner vierten Gehirnwindung, wo -die patente Fixigkeit zu sitzen pflegt, wieder eine Idee auf die andere -Seite gerückt. Es war selbst mikroskopisch nicht der Rede wert. Aber es -genügte dennoch, um den alten Schmuckel wieder einzuschalten:</p> - -<p>„Was ist denn das für eine Schweinerei!“ schrie er aufspringend, „fix, -den Hahn zu — fix, Kathi, holen Sie die Feuerwehr — nein, Kathi, -bleiben Sie, fix, Frau, fix, die Eimer her und wieder eingefüllt ins -Faß — fix, Kinder, fix — zum Donnerwetter, sag’ ich: fix...!“</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_84"></a>[S. 84]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Jod">Jod</h2> - -</div> - -<p>Es ist kein Zweifel mehr. Die Wissenschaft hat’s festgestellt:</p> - -<p>Das Blut wird von der Schilddrüse stündlich mit ein drittel millionstel -Gramm Jod gespeist. Ohne dieses Jod wird der Mensch ein Idiot trotz -aller Schulen, allen guten Willens. Ein Hundertstel Gramm Jod mehr in -unserm Blut, und wir fliegen dahin mit lockigem Haar, blitzenden Augen, -überschäumender Lebenslust. Ein Tausendstel Gramm weniger, und mit -erloschenen Augen schleicht ein Kümmerling zum Grabe.</p> - -<p>So die Wissenschaft. Wie das Leben?</p> - -<p>Unsere Schulzeugnisse müssen eine neue Spalte kriegen:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>Fritz Kugelmaier, Jodgehalt: Befriedigend.</p> - -<p>Hans Stoppinger, Jodgehalt: Sehr gut.</p> - -<p>Max Steinhofer, Jodgehalt gleich Null. Aufsteigen in die nächste -Klasse nur bei energischer Nachhilfe in der Jodzufuhr gestattet.</p></div> - -<p>Die Begegnungsformel „Wie geht es Ihnen?<span class="pagenum"><a id="Seite_85"></a>[S. 85]</span>“ ist veraltet. „Und wie -steht’s mit Ihrem Jodinhalt?“ wird es hinfort heißen müssen.</p> - -<p>„Sage mir, wieviel Jod du hast, und ich sage dir, wer du bist.“</p> - -<p>Ein Beamter hat in einer Stellung ganz versagt. „Kein Wunder,“ wird -der Personalreferent angefahren, „wie konnten Sie einen Menschen mit -solchen Jodverhältnissen...!“</p> - -<p>Der künftige Adolar erklärt der künftigen Kunigunde seine Liebe. -„Schön, mein Herr,“ sagt sie, „darf ich um Ihre Hand bitten.“</p> - -<p>„Aber,“ stottert er, „eben darum wollte ich Sie bitten — au!“ Denn -sie hat mit der Pinzette aus seinem Ringfinger ein Tröpflein Blut -entnommen, es im Reagenzröhrchen mit Säuren aufgeschüttelt und die -Stirn gerunzelt: „Mein Herr, Ihr Antrag ehrt mich, aber bei Ihren -dürftigen Verhältnissen —“</p> - -<p>„Ich muß doch bitten, ich habe —“</p> - -<p>„— viel zu wenig Jod, mein Herr — der nächste, bitte.“</p> - -<p>Der Nürnberger Trichter wird das Zeitliche segnen müssen. Eine -Reichsjodanstalt wird aufgehen. Jodärzte werden von Injektionszelle zu -Injektionszelle rennen, mit Spritzen:</p> - -<p>„Unter uns, Herr Kollege, wie könnten Sie den Mann nach Tabelle -<span class="antiqua">B</span> mit so wenig Jod injizieren — der Mann ist Wagenführer und -muß etwas leisten!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_86"></a>[S. 86]</span></p> - -<p>„Na, wenn Sie schon so kritisch sind, so muß ich Ihnen sagen, Herr -Kollege, daß es von Ihnen Unsinn war, an den Mann auf Nummer 37 soviel -Jod zu wenden, wo die Magistratstabelle nur die Hälfte vorsieht.“</p> - -<p>Der künftige Friedenskongreß. Verschiedene Regierungen beharren auf -Erörterung der Schuldfrage. Andere widersprechen. Der Kongreß droht -schon zu scheitern. Da erhebt sich der Professor Spyribingel: „Meine -Herren, die exakten Forschungen der Wissenschaft ergaben, daß, wenn -Napoleon zwei Milligramm Jod weniger im Blut gehabt hätte, er es -höchstens zum Stadtkommandanten von Ajaccio hätte bringen können. Die -ganze Geschichte Europas wäre eine andere geworden. Es hätte kein 1914 -gegeben. Ich beantrage die Schlamperei des Impfarztes von Ajaccio für -schuldig am Ausbruch des Weltkrieges zu erklären...“</p> - -<p>Es <em class="gesperrt">ist</em> klar, daß von da ab alle Herrschenden der Erde abzutreten -haben werden. Herrschen wird von da ab nur mehr seine Wissenschaft, der -Pinsel — Jodpinsel selbstverständlich.</p> - -<p>So weit wäre alles gut und wissenschaftlich in der Welt geworden. Aber -eine Besorgnis habe ich doch. Nein, keine Besorgnis, sondern eine -Angst: gesetzt den Fall, es stürbe einmal Hindenburg — mög’ es lange -nach dem Kriege sein — und gesetzt den Fall, man hätte ihn seziert -— jetzt noch die Blut<span class="pagenum"><a id="Seite_87"></a>[S. 87]</span>probe — es erbleichet das Konsilium, und ein -Raunen geht durchs Haus der Wissenschaft, daß es klingt, als bröckelten -die Wände: „Um Gottes willen, meine Herren, nicht verlauten lassen, daß -wir den Weltkrieg mit Null Komma Null Gramm Jod gewonnen haben...“</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_88"></a>[S. 88]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Morgan">Morgan</h2> - -</div> - -<p>Man hat Bücherbretter voll Rezepte geschrieben über „Wie man reich -wird“. Aber es gibt nur ein Rezept dafür: keine Nerven haben.</p> - -<p>Als Morgan anfing, Eisenbahnsysteme und Millionen aufzuschachteln, -hätte einer seinen Körper mit dem Ultramikroskop durchsuchen dürfen: -nicht die Spur von Nerven.</p> - -<p>Keine Nerven? — Dummes Zeug, womit hätte er denn da Lust gefühlt und -wäre aufgezuckt in Schmerzen? — Ei, mit den Eisenbahnsträngen, die für -seine Rechnung vom Atlantischen Ozean an den Stillen Ozean liefen.</p> - -<p>Diese Stränge zogen ihm die erste Milliarde in den kräftig pulsierenden -Kassenschrank. Daß Morgan an Stelle eines Herzmuskels einen feuerfesten -Kassenschrank besaß, darf ich als bekannt voraussetzen. Auch daß dieser -Schrank so konstruiert war, um gemünztes Blut hineinzulassen, aber -keins heraus.</p> - -<p>Nach der ersten Bahnmilliarde fing es in den Dividendenkanälen zu -diesem Kassenschrank an, da und dort ein wenig weißlich aufzuglänzen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_89"></a>[S. 89]</span></p> - -<p>„Doch keine Nerven?“ fragte er besorgt den Hausarzt.</p> - -<p>„Hm, es kann auch Stahl sein, weißer Stahl von Ihrem neuen Eisentrust, -Herr Morgan.“</p> - -<p>Morgan war beruhigt und häufte jetzt Milliarden, wie er vorher -Millionen häufte. Nach dem Bahntrust und dem Stahltrust kam der -Schiffahrtstrust. Das weißliche Geäder trat auf der Auskleidung seiner -Dividendenblutbahn deutlicher hervor.</p> - -<p>„Also doch Nerven?“ rief Morgan und packte seinen Hausarzt am -Geldbeutel.</p> - -<p>„I bewahre, die Kielwasserbahnen Ihrer Schiffe sind es.“</p> - -<p>Es waren aber doch die Nerven, die still und zähe mitten durch die -Aktienmuskelbündel und die Obligationsfettpolster durchgewachsen waren.</p> - -<p>Man holte einen Nervenspezialisten.</p> - -<p>„Schade,“ sagte der und liquidierte hunderttausend Dollar, „schade, ein -paar Jahre früher, wenn Sie mich gerufen hätten, würde man sie ziehen -haben können.“</p> - -<p>„Und jetzt?“ fragte Morgan angstvoll.</p> - -<p>„Man könnte es mit dem Verwässern der Aktienmuskelbündel und der -Obligationenfettpolster versuchen“, sagte der Spezialist und -liquidierte wieder hunderttausend Dollar.</p> - -<p>Morgan wässerte und wässerte, wurde aber dadurch nur noch reicher, -ohne seine Nerven zu verlieren. Ein Heer von Spezialisten kurierte -dran<span class="pagenum"><a id="Seite_90"></a>[S. 90]</span> herum. Natürlich wurden da die Nerven ungebärdig und gereizt. -Sie bäumten sich und dehnten sich und schnurrten wieder zusammen und -zupften und rissen ihn an allen Enden.</p> - -<p>Nicht mehr zu ertragen war es. Zwischen seinen Milliarden rannte -er herum. An ihren stahlharten Wänden brach sich sein Gestöhne und -klatschte mitleidlos auf ihn zurück.</p> - -<p>Zerfasert und zersetzt rannte Morgan von den Spezialisten zum Schäfer -Ast. Der behandelte ihn genau wie alle andern: drei Nackenhaare -ausgerissen, ins Weiße der Augen gestarrt und abermals drei Nackenhaare -ausgerissen.</p> - -<p>„Es war die höchste Zeit,“ sagte der Schäfer Ast, „denn Sie hatten -gerade noch sechs Nackenhaare.“ Und dann stellte er die Diagnose:</p> - -<p>„Sie leiden an Ihren Milliarden, Herr Morgan“, sagte er.</p> - -<p>„Sie meinen an den Nerven?“</p> - -<p>„Ihre Nerven sind wie Spargeln aus dem Miste Ihrer Milliarden -herausgewachsen,“ sagte Schäfer Ast, der sich landwirtschaftlich -auszudrücken liebte, „schmeißen Sie den Mist hinaus, so hören auch die -Spargeln auf zu treiben.“</p> - -<p>„Sie können mit dem Misten meinetwegen gleich bei mir den Anfang -machen“, setzte er hinzu und rollte einen leeren Mistkarren herbei.</p> - -<p>Mit der lumpigen Million, die da hineinging, war es freilich nicht -getan. Morgan fing nach allen<span class="pagenum"><a id="Seite_91"></a>[S. 91]</span> Seiten auszumisten an. Aber wie er -auch verschenkte und verschenkte, noch größer war der Zustrom seiner -Dividenden. Er war zu reich geworden, als daß er sich mit Schenken -hätte helfen können. Immer unbarmherziger schossen Spargel durch die -Beete, zappelten die Nerven am Gerüste, so sich Morgan nannte.</p> - -<p>Morgan floh aus Kontor und Börse weit hinaus ins Land. Gleich schoß ihm -ein dünner Kupfernerv nach, der tickte, tickte: der Telegraph.</p> - -<p>Morgan floh aufs Meer. Erschöpft lehnte er am Mast und murmelte:</p> - -<p>„Gott sei Dank, daß in die Ozeanwüste keine Nervendrähte reichen.“</p> - -<p>„Tick — tick — tick“, machte es oben am Mast und rann in den -zuckenden Körper Morgans ein. Es war der Auffangapparat für drahtlose -Telegraphie.</p> - -<p>Morgan floh unerkannt in die telegraphenlosen Sabiner Berge. Das Leben -eines Hirten wollte er da führen. Aber unter seinen Händen organisierte -sich sein Schafgewerbe lukrativer, als bei allen anderen Hirten. Daran -erkannten sie ihn auch da und riefen:</p> - -<p>„Du bist Morgan“, und begannen ihn anzubetteln.</p> - -<p>Da erkannte er, daß er sich selber nicht entrinnen könne und floh, ein -zuckendes, zerflackerndes Nervenbündel, in die nächste Stadt. Das war -Rom.</p> - -<p>Seine Leute wollten das erste Hotel für ihn<span class="pagenum"><a id="Seite_92"></a>[S. 92]</span> mieten. Aber es war ein -Kongreß in der Stadt. Alle Gasthöfe waren überfüllt. In zwei Zimmern -eines kleinen Gasthofes landete der Abgehetzte. Fieberschauer warfen -ihn ins Bett. Der Hausarzt sah, es ging aufs Ende.</p> - -<p>Die Nervenempfindlichkeit hatte derart zugenommen, daß ein umgewendetes -Blatt in seinem Buche ihn zum Rasen brachte.</p> - -<p>Gegenüber klopfte ein Schuster und sang dazu. Morgan schäumte. -„Aufhören, auf der Stelle!“ ließ er ihm sagen. „In Rom gibt’s gegen -Klopfen und Singen kein Gesetz“, erwiderte der Schuster und sang und -klopfte weiter.</p> - -<p>Morgan ließ ihm 1000 Dollar bieten. Der Schuster lachte und machte -Fenster und Laden zu. Aber Morgans Nerven wuchsen durch Ladenritzen und -durch Glas und hörten den Schuster immer noch.</p> - -<p>10000 Dollar bot er ihm, wenn er das Klopfen ließe. Der Schuster lachte -und hörte auf zu klopfen. Aber noch immer sang er.</p> - -<p>„Was verlangst du für deinen verfluchten Gesang?“ ließ Morgan sagen.</p> - -<p>„Der Gesang ist mir das teuerste“, antwortete der Schuster und -verlangte 100000 Dollar.</p> - -<p>Als der Schuster so erledigt war, fingen Straßenbuben zu pfeifen an. -Zwei Abgesandte Morgans stellten sich an beiden Straßenenden auf und -kauften jedem, der den Mund zu spitzen anfing, jeden Pfiff für schweres -Geld ab.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_93"></a>[S. 93]</span></p> - -<p>Als so die Straße pfiffefrei war, kamen die Zeitungen heraus. -Brüllend stürzten sich die Zeitungsjungen in die Straße. Wieder blieb -nichts anderes übrig, als ihnen alle Nummern schon am Straßeneingang -abzukaufen. Das war nicht so billig als es aussieht. Denn kaum hatten -die Druckereien erfahren, wer die Nummern kaufte, als sie ihre -Rotationsmaschinen aufs neue laufen ließen und die herausgeschleuderten -Zeitungsbündel alle nach der einen Straße schickten. Es begann ein -Kampf zwischen den Rotationspressen und Morgans Geld. Das Geld blieb -Sieger.</p> - -<p>Schon glaubten Morgans Leute ihren Kampf gewonnen, als es über den -Zimmern zu dudeln und zu schleifen anfing. Ein Strohflechter feierte -seine Hochzeit. Braut und Bräutigam hatten ein Jahrzehnt für diesen Tag -gespart und wollten sich den Tanz, das Essen und die frohe Laune etwas -kosten lassen.</p> - -<p>Morgans Bote kam heraufgestürzt: „Unser Herr ist außer sich. Ich kaufe -euch eure Hochzeit ab. Was kostet sie?“</p> - -<p>Der Strohflechter und die Strohflechterin sahen sich an und lächelten -glücklich:</p> - -<p>„Nein,“ sagten sie, „unser Hochzeitstag ist nicht verkäuflich.“</p> - -<p>„Aber bedenkt doch, es ist Morgan, der eure Hochzeit kaufen will.“</p> - -<p>„Wir kennen keinen Morgan.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_94"></a>[S. 94]</span></p> - -<p>„Was, den kennt ihr nicht? Er ist der reichste Mann der Welt!“</p> - -<p>Da sah der Strohflechter die Strohflechterin zum zweitenmal glückselig -an: „Der reichste Mann der Welt?“ lächelte er ungläubig, „nein, mein -Lieber, da irrt ihr euch, beim Blut der heiligen Madonna. Denn der -reichste Mann der Welt bin heute ich — hopp, Kinder, einen neuen Tanz!“</p> - -<p>„Deine Millionen haben da droben nichts ausrichten können, o Herr“, -berichteten Morgans Leute ängstlich vor seinem Bett.</p> - -<p>Da ergrimmte das zuckende Nervenbündel, raffte sich zum letzten Male -auf und warf ihnen Armleuchter, Uhren, Stühle, Stiefel an den Kopf. Und -so gräßlich war er anzuschauen in seiner unglückseligen Tobsucht, daß -sie sich entsetzten und flohen. Der wimmernde Milliardär lag allein im -Bett.</p> - -<p>Der kleine Laufjunge, der auch die Stiefel im Gasthof reinigte, war zur -Hochzeit hinaufgeschlichen, stieß die tanzende Braut an und flüsterte -ihr zu:</p> - -<p>„Du, Maria, unter deinen Füßen liegt einer im Sterben...“</p> - -<p>Die Musik hatte schon lange ausgesetzt. Kein neuer Tanz konnte -beginnen. Es fehlte ja die Braut. Wo sie nur blieb.</p> - -<p>Unruhig stieg der Strohflechter eine Treppe tiefer. Da war eine Tür. -Klang hinter ihr nicht ihre Stimme? Vorsichtig klinkte er sie auf:</p> - -<p>Ein unsäglich zermürbter Mann lag in den Kissen<span class="pagenum"><a id="Seite_95"></a>[S. 95]</span> im Sterben. Die -Strohflechterin kniete im Hochzeitsstaat am Bett, wie Mütter an -Kinderbetten knien. Sie gab ihm zu trinken. Sie kühlte ihm mit ihrer -Hand die verwüstete Stirne. Sie sprach ihm zu, wie man Kindern -liebreich zuspricht:</p> - -<p>„<span class="antiqua">Povero — poverino — poverissimo...</span>“</p> - -<p>Und der sterbende Milliardär stammelte, wie Gehetzte stammeln:</p> - -<p>„<span class="antiqua">Oh, thank you — thank you — I’ll get you a million I’ll get you -more</span> — eine Million sollen Sie haben — mehr sollen Sie haben — -<span class="antiqua">thank you — oh, I thank you so much...</span>“</p> - -<p>Nun verstand freilich Morgan kein Italienisch, und die Strohflechterin -verstand kein Englisch. So zerstäubte das Millionenversprechen in der -Luft des Sterbezimmers.</p> - -<p>Übrig blieb von allen Millionen ein gütiges und kostenloses „<span class="antiqua">Povero -— poverino — poverissimo</span>“ zwischen zwei Hochzeitstänzen -einer Strohflechterin, und der befreite Dankblick eines zerquälten -Milliardärs, der in seiner Sterbestunde das einzige <em class="gesperrt">geschenkt</em> -bekam, was er nimmermehr bezahlen hätte können.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_96"></a>[S. 96]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Tag_und_Nachtaerger">Tag- und Nachtärger</h2> - -</div> - -<p>Da hatte ich mich wieder einmal schandbar geärgert wegen irgendwas.</p> - -<p>„Sie sollten sich doch nicht so ärgern am hellichten Tage“, sagte -jemand.</p> - -<p>„Am hellichten Tage?“ sagte ich verwundert und ärgerlich zugleich, -„wissen Sie vielleicht ein Mittel, um den Ärger aus dem wachen Tag in -die dunkle Nacht zu schieben?“</p> - -<p>„Ich nicht, aber der Doktor Switschbidiwitsch weiß eines.“</p> - -<p>Stracks lief ich zum Doktor Switschbidiwitsch.</p> - -<p>„Ist es wahr?“ sagte ich, „daß Sie den Tagärger in die schlafende Nacht -hineinzaubern können?“</p> - -<p>„Gewiß kann ich das.“</p> - -<p>„Dann bitte ich darum.“</p> - -<p>„Hm, von welchem Tagärger werden Sie geplagt?“</p> - -<p>„Es kommt hie und da ein Manuskript von einer Redaktion zurück.“</p> - -<p>„Sonst nichts?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_97"></a>[S. 97]</span></p> - -<p>„Es regnet stets in meinen Ferien.“</p> - -<p>„Sonst nichts?“</p> - -<p>„Meine Frau ist manchmal anderer Meinung.“</p> - -<p>„Sonst nichts?“</p> - -<p>„Und hat dazu noch meistens recht.“</p> - -<p>„Hm, das letzte läßt sich hören — aber ich mache Sie darauf -aufmerksam, ich kann den Ärger nicht verschwinden lassen — das kann -niemand — nur in den Schlaf abschieben.“</p> - -<p>„Im Schlaf ertrage ich den Ärger gern, wenn nur der Tag von Ärger frei -ist.“</p> - -<p>„Und ferner möchte ich bemerken, daß sich der in die Nacht geschobene -Tagärger zu wandeln pflegt, alle möglichen bizarren Gestalten annimmt.“</p> - -<p>„Was liegt daran. Geträumter Ärger kann beschaffen sein wie er mag, -wenn ich nur den Tag vom wirklichen Ärger frei bekomme.“</p> - -<p>„Hm, was den Unterschied von Traum und Wirklichkeit betrifft —“</p> - -<p>„Zur Sache, Herr Doktor, ich spüre schon wieder einen Ärger unterwegs.“</p> - -<p>„Nun, wie Sie wollen — switsch — bi — di — witsch — switsch — bi -— di — witsch — zwanzig Märker, wenn ich bitten darf.“</p> - -<p>Bei „Switschbidiwitsch“ hatte er ein paar magnetische Bewegungen meinen -Schläfen entlang gemacht, und bei den „zwanzig Märkern“ verwandelte er -die vertikale Handbewegung in eine horizontale.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_98"></a>[S. 98]</span></p> - -<p>„Wie, schon fertig?“ fragte ich, die Börse ziehend.</p> - -<p>„Wenn Sie im Laufe der nächsten vierzehn Tage den geringsten Ärger -empfinden,“ sagte Doktor Switschbidiwitsch ein wenig beleidigt, „zahle -ich Ihnen vierzig Mark zurück — freilich, was die Nacht betrifft...“</p> - -<p>Doktor Switschbidiwitsch hatte nicht gelogen. Noch am gleichen -Tage liefen mir soviel Dinge über den Weg, über die ich mich sonst -totsicher geärgert hätte. Jetzt wunderte ich mich bloß ein wenig. -Wunderte mich, wenn ich dreimal hintereinander den Straßenbahnanschluß -verpaßte. Wunderte mich, als ich auf drei unter vier angekommenen -Briefen schweres Strafporto zu zahlen hatte. Wunderte mich -stärker, als meine Frau bei drei hintereinander aufgetretenen -Meinungsverschiedenheiten viermal recht bekam. Und wunderte mich -schließlich am stärksten darüber, daß ich mich über alle diese Dinge -lediglich zu wundern vermochte, und keine Spur zu ärgern.</p> - -<p>Ich sah schon, die Sache war in Ordnung: ich würde niemals vierzig Mark -von Doktor Switschbidiwitsch erhalten.</p> - -<p>Dann kam die Nacht. Mit der Nacht der Traum. Und mit dem Traum der -erste prophezeite Traumärger.</p> - -<p>In der ersten Nacht träumte mir, ich ginge nach dem Frühstück in -mein Arbeitszimmer. Da saß<span class="pagenum"><a id="Seite_99"></a>[S. 99]</span> schon einer an meinem Schreibtisch. Ein -wildfremder Mensch. Und schrieb und schrieb.</p> - -<p>„Herr,“ tippte ich ihm ärgerlich auf die Schulter, „hier schreibe ich.“</p> - -<p>„Wie Sie sehen, ist das eine falsche Behauptung“, sagte der Fremde, -ruhig weiterschreibend, ohne aufzusehen.</p> - -<p>„Herr,“ ärgerte ich mich, „dieses Arbeitszimmer habe ich gemietet.“</p> - -<p>„Stimmt.“</p> - -<p>„Und bezahlt!“</p> - -<p>„Stimmt auch.“</p> - -<p>„Also arbeite ich auch darin.“</p> - -<p>„Das ‚also‘ stimmt nicht.“</p> - -<p>„Herr!“ schrie ich, „es ist mein Schreibtisch, auf dem Sie schreiben!“</p> - -<p>„Seien Sie vergnügt, daß einmal was ordentliches drauf geschrieben -wird“, sagte der Fremde, ohne mit dem Schreiben auch nur einen -Augenblick anzuhalten.</p> - -<p>Ich ärgerte mich schandbar. Aber es war nichts zu machen. Ich kam zu -keinem Federstrich an diesem Morgen und mußte mich entschließen, in -aller Frühe an meinen Stammtisch zu pilgern, wo ich meinen Ärger zu -ersäufen hoffte, aber weiter nichts als einen dicken Kopf davontrug.</p> - -<p>Nun wird man freilich sagen, was liegt an einem<span class="pagenum"><a id="Seite_100"></a>[S. 100]</span> dicken Nachtkopf, der -am Tage wieder dünn ist? Was liegt an einem dicken Nachtärger, den man -beim Morgenkaffee lachend untern Tisch wischt:</p> - -<p>„Denk’ mal, liebe Frau, was für komisches Zeug ich heute nacht -geträumt...“</p> - -<p>Aber ganz wohl war mir bei dieser Überlegung nicht, und ich erwartete -mit einigen Bangen die zweite Nacht.</p> - -<p>Darin träumte mir, ich hätte meinen Namen zu schreiben. Der weiße Bogen -lag schon da. Auch die Feder, die eingetauchte.</p> - -<p>„Ein bißchen rasch, wenn ich bitten darf“, sagte der Beamte, dem ich -meine Namensunterschrift abzugeben hatte.</p> - -<p>Ich setzte zu seinem großen F an und stockte schon nach einem Zug: hm, -setzte man den oberen F-haken nach links an oder nach rechts? Es kam -mir vor, als hätte ich schon ebensoviele linkshakige als rechtshakige -F gesehen. Welche waren recht? Meine Feder zitterte und machte -schließlich einen Haken links und einen Haken rechts. Na, der Haken war -erledigt, Gott sei Dank. Jetzt den F-Strich durch die Mitte. Wieder -stockte ich: zum Donner, machte man jetzt noch den F-Strich, oder war -der nicht laut letzter Ministerialverordnung amtlich abgeschafft? Da -konnte man sich ja fürchterlich blamieren bei der eigenen Unterschrift. -Schließlich machte meine Feder einen solch haardünnen F-Strich,<span class="pagenum"><a id="Seite_101"></a>[S. 101]</span> daß er -ebensogut mittels eines schemenhaften Traummeineids abgeleugnet hätte -werden können. Jetzt der zweite Buchstabe. Ich machte einen i-Strich -mit weniger Mühe, als ich gefürchtet hatte. Auf einmal spürte ich — -sehen konnte ich ihn nicht — den höhnischen Blick des königlichen -Beamten, der mir beim Schreiben zusah: macht dieser Mensch das i vor -dem r!</p> - -<p>„Entschuldigen Sie!“ sagte ich fahrig und versuchte, das i in ein -r umzukorrigieren. Das war eine endlose Arbeit. Ich drückte meinen -Zeigefinger ächzend durch vor Mühsamkeit. Davon bog sich auch der -Federhalter. Mit einem durchgebogenen Federhalter zu schreiben, -war erst recht eine Heidenarbeit. Der Schweiß brach mir aus, der -geschlängelte Federhalter fing zwischen meinen Fingern zu rutschen an. -Aber schließlich stand das r doch da. Es war freilich das sonderbarste -r, das ich je geschrieben hatte. Aber immerhin, es war ein r.</p> - -<p>Jetzt kommt t und z, dachte ich, und wurde aufs neue unsicher: kam -zuerst das t, oder kam zuerst das z? Es schien mir im höchsten Grade -fraglich. Aber da spürte ich wieder den höhnischen Blick im Nacken und -wußte gerade noch rechtzeitig, daß weder das t noch das z kam, sondern -das i, das i von vorhin.</p> - -<p>Wieder glückte der i-Strich verhältnismäßig rasch. Ach so, fehlte noch -der Punkt, der I-Punkt. Na,<span class="pagenum"><a id="Seite_102"></a>[S. 102]</span> das ist doch das allereinfachste bei der -ganzen Namensschreiberei, der gotteslästerlichen, dachte ich, und -machte frischweg einen Punkt. Teufel, war er über’s r gekommen. Ich -strich ihn durch und machte ihn ein zweites Mal. Donner, jetzt saß er -überm F. Wieder durchgestrichen und gezielt, wie man auf einen Feind -zielt, scharf, unerbittlich. Ha, jetzt saß er überm i-Strich. Whupp, -kollerte er von seiner Höhe und trieb sich wie ein Billardball ruhelos -zwischen den Grund- und Haarstrichen der drei Buchstaben herum. Ich -lief ihm nach, ich fing an ihn anzuflehen:</p> - -<p>„I-Punkt, lieber i-Punkt, laß dich doch erwischen, laß dich doch ein -einziges Mal erwischen.“</p> - -<p>I-Punkte scheinen auch im Traume nicht ganz unbarmherzig zu sein. Denn -er ließ sich wirklich erwischen, und ich hielt ihn mit beiden Händen -über den i-Strich fest. Aber schon fing er wieder zwischen den Händen -zu surren an. Gleich würde ich ihn nicht mehr halten können... Es war -ein gräßlicher Traum. Ich wachte ärgerlich und schweißgebadet auf.</p> - -<p>Wieder folgte ein glockenheller Tag ohne den geringsten Ärger. Wieder -kam die Nacht. Ich schob den Schlaf so lang als möglich auf, mit Lesen, -mit Summen, mit Liedersingen suchte ich mich im Bette wach zu halten. -Aber da schlief ich doch.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_103"></a>[S. 103]</span></p> - -<p>Da packte mich schon einer freundschaftlich-dringend am Ärmel:</p> - -<p>„Gut, daß Sie da sind. Der Stelzenmaier ist erkrankt. Sie müssen für -ihn einspringen.“</p> - -<p>„Stelzenmaier? Ich kenne keinen Stelzenmaier“, sagte ich.</p> - -<p>„Ist auch nicht nötig. Hauptsache ist, daß Sie gleich seine Rolle -übernehmen — sofort wird Ihr Stichwort fallen, machen Sie sich doch -bereit.“</p> - -<p>„Aber ich habe doch noch nie auf dem Theater gespielt.“</p> - -<p>„Ausgezeichnet, das gibt Ihrer Rolle die beste Natürlichkeit.“</p> - -<p>„Aber ich weiß ja gar nicht, welches Stück und welche Rolle, -Heiligschockschwerenot...!“</p> - -<p>„Das werden Sie alles wissen, wenn Sie vor dem Publikum stehen — ha, -Ihr Stichwort — rasch!“</p> - -<p>Da hatten sie mich schon durch die Kulissen hinausgeschoben in ein -grelles mitleidsloses Licht...</p> - -<p>Mitten in dieser Nacht mußte ich einen kalten Umschlag nehmen und wagte -nicht mehr einzuschlafen. Um das zu erreichen, zog ich den Wecker -auf, ließ ihn ablaufen, zog ihn wieder auf, immerzu. Aber schon beim -drittenmal veranlaßte meine Gattin meinen Umzug in das Fremdenzimmer.</p> - -<p>Hier erwartete ich den vierten Tag, der wieder seraphinenhaft ganz ohne -Ärger aufzog. So sehr<span class="pagenum"><a id="Seite_104"></a>[S. 104]</span> auch die Erinnerung an die drei Ärgernächte -versuchte, sich in den Tag als Ärger einzuschleichen, es gelang nicht. -Lächelnd schob der Tag jeden aufsteigenden Ärger mit der flachen Hand -gegen Abend zu:</p> - -<p>„Dahinein, wenn ich bitten darf, laut Doktor Switschbidiwitsch.“</p> - -<p>„Ich weiß schon, was ich die vierte Nacht tue“, dachte ich und -beschloß, mir sie in irgendeinem Gasthaus um die Ohren zu schlagen. Da -saß ich still in einer Ecke und kämpfte und kämpfte gegen den Schlaf.</p> - -<p>Auf einmal war ich nicht mehr im Gasthaus, sondern im Bahnhof am -Schwanze einer langen Menschenschlange vor dem Fahrkartenschalter. Wie -alle andern trippelte ich vor Ungeduld, wann ich endlich an die Reihe -kommen würde. Wie die andern murmelte ich dann und wann: „Den Teufel -auch, wenn ich nun den Zug nicht mehr erwische.“</p> - -<p>Endlich, nach einer Viertelstunde, bin ich an der Reihe. Ein -verärgertes Beamtengesicht mit gesträubtem Schnurrbart fährt mich aus -dem Schalter an:</p> - -<p>„Na, wohin, — so reden Sie doch!“</p> - -<p>Heiliger Bimbam, jetzt hatte ich den Namen der Station vergessen.</p> - -<p>„Nach — nach —“, stotterte ich. Die Schweiß<span class="pagenum"><a id="Seite_105"></a>[S. 105]</span>perlen standen mir auf -der Stirne. Der Name fiel mir um alles in der Welt nicht ein. Die Leute -hinter mir drängten ungeduldig:</p> - -<p>„Wir kommen nicht mehr mit — wir kommen nicht mehr mit — der Mensch -dort vorne soll doch — soll doch — kruzitürkennocheinmal...“</p> - -<p>„Nach — nach“, setzte ich verzweifelt wieder an.</p> - -<p>„Nach — nach — wohin Sie halt meinen, Herr Sekretär.“</p> - -<p>Hinter mir halb Höllengelächter:</p> - -<p>„Ein solcher Depp — habt’s jetzt schon ein solchen Deppen g’sehn...“ -Und halb Wutgeheul:</p> - -<p>„Der Kerl ist ein Schuft — der hat sich nur hineingedrängt, damit wir -unsern Zug versäumen — haut ihn!“</p> - -<p>Fäuste hoben sich. Ich fiel unter den Tisch vor dem Fahrkartenschalter. -Jemand hob mich auf und sagte:</p> - -<p>„Es tut mir leid, wir schließen jetzt die Wirtschaft — Sie müssen nach -Hause gehen.“</p> - -<p>Zerschlagen wanderte ich durch die Straßen. Schon dämmerte der Morgen. -Ich lief schnurstracks zum Doktor Switschbidiwitsch.</p> - -<p>„Eigentlich habe ich jetzt keine Sprechstunde,“ sagte er, „aber wenn es -dringend ist —“</p> - -<p>„Es <em class="gesperrt">ist</em> dringend,“ sagte ich, „ich pfeife auf den ärgerlosen Tag -— der Nachtärger bringt mich um — ich möchte meinen alten Tagärger -wieder haben.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_106"></a>[S. 106]</span></p> - -<p>„Das wird nicht so leicht gehen — es sei denn, daß es mir gelänge, das -ärgerliche Tageis durch einen besonders dicken Tagärger zu brechen.“</p> - -<p>„Tun Sie’s, Herr Doktor, tun Sie es sofort — ich gehe sonst in der -nächsten Nacht darauf.“</p> - -<p>Er machte wieder ein paar magnetische Striche längs meiner Schläfen, -diesmal aber nach der umgekehrten Richtung. Dann zupfte er mich am Ohr.</p> - -<p>„Na, ärgert Sie das vielleicht?“</p> - -<p>„Keine Spur.“</p> - -<p>Jetzt gab er mir einen Hirnschnalzer mittels Daumen- und Mittelfinger, -daß alles krachte.</p> - -<p>„Das wird Sie aber ärgern, nicht wahr?“ sagte er.</p> - -<p>„Keine Idee“, sagte ich traurig-milde.</p> - -<p>„Na, ich sehe schon, bei Ihnen hat sich die Tagesärgerlosigkeit in -der kurzen Zeit so eingefressen, daß ich es mit dem stärksten Mittel -probieren muß.“</p> - -<p>Abermals machte er mit seinen Händen die vertikalen magnetischen -Gegenstriche an meinen Schläfen und streckte dann plötzlich beide Hände -horizontal aus:</p> - -<p>„Hundert Mark, wenn ich bitten darf!“ sagte er energisch.</p> - -<p>Irgend etwas in meinem Gehirn knackte.</p> - -<p>„Das ist denn doch eine Unverfrorenheit!“ brauste ich auf, „hundert -Mark! wo Sie noch nicht einmal erfolgreich —“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_107"></a>[S. 107]</span></p> - -<p>„Gewonnen!“ lachte Doktor Switschbidiwitsch, „das Eis ist gebrochen -— Sie haben Ihren soliden Tagärger wieder — gehen Sie nach Hause — -Sie werden heute nacht vortrefflich traumlos schlafen — hier ist die -Quittung über hundert Mark — Sie müssen es nicht tragisch nehmen — -eine Heilung von der Heilung ist stets ein wenig teurer, wissen Sie...“</p> - -<hr class="full" /> - -<div class="rek"> - -<div class="chapter mtop3"> - -<p class="s4 mtop3">Von <b>Fritz Müller</b> erschienen:</p> - -</div> - -<p class="s4 mtop2">Bei <b>Otto Rippel</b>, Hagen i. W.</p> - -<p class="s4 mleft2"><b class="s4">Der Sepp im Krieg.</b> 8. Tausend.</p> - -<p class="s4 mleft2"><b class="s4">Hinter der Front.</b> 5. Tausend.</p> - -<p class="s4 mleft2"><b class="s4">Vergnügliche Geschichten.</b> 11. Tausend.</p> - -<p class="s4 mleft2"><b class="s4">Klassengold.</b> 5. Tausend.</p> - -<p class="s4 mleft2"><b class="s4">Ich dien.</b> 5. Tausend.</p> - -<p class="s4 mtop2">Bei <b>Eugen Salzer</b>, Heilbronn a. N.</p> - -<p class="s4 mleft2"><b class="s4">Das Land ohne Rücken.</b> 14. Tausend.</p> - -<p class="s4 mleft2"><b class="s4">Fröhliche Wissenschaft.</b> 7. Tausend.</p> - -<p class="s4 mtop2">Bei <b>Egon Fleischel & Co.</b>, Berlin.</p> - -<p class="s4 mleft2"><b class="s4">O Frida!</b> Novellen. 2. Tausend.</p> - -<p class="s4 mleft2"><b class="s4">Zweimal ein Bub.</b> 3. Tausend.</p> - -<p class="s4 mleft2"><b class="s4">Die andre Hälfte.</b> 2. Tausend.</p> - -<p class="s4 mleft2"><b class="s4">Kurzehosengeschichten.</b> 10. Tausend.</p> - -<p class="s4 mtop2">Bei <b>Huber & Co.</b>, Frauenfeld (Schweiz).</p> - -<p class="s4 mleft2"><b class="s4">Alltagsgeschichten.</b> 2. Tausend.</p> - -<p class="s4 mtop2">Bei <b>C. F. Amelang</b>, Leipzig.</p> - -<p class="s4 mleft2"><b class="s4">Die eisernen Kameraden.</b> 2. Tausend.</p> - -<p class="s4 mtop2">Bei der <b>Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung</b>, Hamburg.</p> - -<p class="s4 mleft2"><b class="s4">Fröhliches aus dem Kaufmannsleben.</b> 45. Tausend.</p> - -<p class="s4 mleft2"><b class="s4">Fröhliches aus dem Krieg.</b> 20. Tausend.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p class="s1 center mtop3">Rippels<br /> Deutsche Hausbücher</p> - -</div> - -<p class="s4 center">(Umfang und Ausstattung wie vorliegender Band)<br /> - -Jeder Band gebunden 1.70 M.<br /> - -Teuerungszuschlag 50 Pf. — Bisher erschienen:</p> - -<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s3">Wie die große Zeit kam.</span> Erlebtes und Empfundenes von Fritz Müller, -Rich. Voß, L. Schulze-Brück, Auguste Supper, Hans v. Zobeltitz. 5. -Tausend.</p> - -<p class="p0 s5">Die bekannten Schriftsteller und Schriftstellerinnen schildern uns in -diesem Buche, was sie in jenen unvergeßlichen Augusttagen erlebt und -empfunden und welch herrlicher Geist in Ost und West, in der Stadt und -auf dem Dorfe das deutsche Volk beseelte.</p> - -<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s3">Nach der Schlacht.</span> Ein Kriegsbuch von Helene Christaller, Otto -Frommel, Hermann Hesse, Paul Natorp, Rich. Nordhausen, Fritz -Philippi, L. Sternberg, Paul Wüst. 5. Tausend.</p> - -<p class="p0 s5">.... So ist denn „Nach der Schlacht“ ein sehr lesenswertes, -inhaltreiches und abgerundetes Werk geworden, keine laute, aber doch -sehr eindringlich wirkende literarische Gabe.</p> - -<p class="s5 right mright1">Kölnische Zeitung.</p> - -<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s3">Stille Opfer.</span> Den deutschen Frauen und Jungfrauen in großer Zeit -von Helene Christaller, Agnes Harder, S. Ch. v. Sell, Auguste -Supper. 21. bis 23. Tausend.</p> - -<p class="p0 s5">Den vielen Tausenden, die in dieser Zeit dem Vaterlande ihr stilles -Opfer darbringen müssen, wird dieses Büchlein eine Herzensstärkung -sein, das sie in ihrem Schmerze aufrichtet, stark und fähig macht für -die hehre Aufgabe der Zukunft.</p> - -<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Auguste Supper,</span> -<span class="s3">Vom jungen Krieg.</span> Erzählungen.</p> - -<p class="p0 s5">„In fesselnder kraftvoller Schilderung bringt A. Supper in ihrem sehr -geschmackvoll ausgestatteten Bändchen eine gute Auswahl gehaltvoller -Erzählungen.“</p> - -<p class="s5 right mright1">Die schöne Literatur.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p class="s3 center mtop3"><b class="bbd"> Verlag von Otto Rippel, Hagen -i. W.  </b></p> - -</div> - -<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Helene Christaller,</span> -<span class="s3">Wir daheim.</span> Ein Kriegsbuch. 19. Tausend.</p> - -<p class="p0 s5">„Ich wollte, man könnte es in Tausenden von Exemplaren ins Ausland -schleudern, besonders auch unter die Neutralen, damit sie aus diesen -tief empfundenen lebenswarmen Skizzen ein Wirklichkeitsbild gewännen -von dem kämpfenden Deutschland daheim.“</p> - -<p class="s5 right mright1">Christl. Welt.</p> - -<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Fritz Müller,</span> -<span class="s3">Der Sepp im Krieg.</span> Bayerische Geschichten. 8. Tausend.</p> - -<p class="p0 s5">„Das sind Perlen neudeutscher Erzählungskunst! Die Geschichten, so -einfach und schlicht sie an sich sind, gehören zu dem Besten, was die -deutsche Kriegsliteratur bis jetzt hervorgebracht hat. Wir können -sie mit bestem Gewissen allen denen empfehlen, denen der klare, -unerschöpfliche Born des deutschen Gemüts und des tiefinnerlichen -deutschen Volkshumors eine Offenbarung bedeutet.“</p> - -<p class="s5 right mright1">Der Reichsbote.</p> - -<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Fritz Müller,</span> -<span class="s3">Hinter der Front.</span> Erzählungen von zuhause. 5. Tausend.</p> - -<p class="p0 s5">Das sind eigenartige Kriegsgeschichten von daheim, weit hinter der -Front. Kein Pulverdampf und Kanonendonner wird vernommen und doch -bringen uns diese tief empfundenen Erzählungen die große Zeit so nahe -und zeigen uns, welch herrlicher Geist das deutsche Volk beseelt und -welche Opfer es zu bringen imstande ist.</p> - -<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Helene Christaller,</span> -<span class="s3">Und Marmorbilder stehn und sehn mich an...</span> -Erzählungen. 6.–7. Taus.</p> - -<p class="p0 s5">„In dieser neuesten Gabe schenkt uns die beliebte Verfasserin eine -besonders sorgfältig ausgewählte Sammlung ihrer besten und reifsten -Erzählungen. Dieses Büchlein ist ein besonders geeignetes Geschenkwerk -für das deutsche Haus.“</p> - -<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Fritz Philippi,</span> -<span class="s3">Aus meinem Guckkasten.</span> Erzählungen. 3. Tausend.</p> - -<p class="p0 s5">„Erzählungen aus Krieg und Frieden, die sowohl den Ernst und die Größe -der Gegenwart widerspiegeln, wie auch den stillen Frieden vergangener -Tage atmen. Das Büchlein wird dem Verfasser neue Freunde gewinnen, -zeigt er sich doch in der humoristischen Erzählung ‚Peter Zwickel auf -dem Lügengaul‘ von einer ganz neuen erfreulichen Seite.“</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p class="s3 center mtop3"><b class="bbd"> Verlag von Otto Rippel, Hagen -i. W.  </b></p> - -</div> - -<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Helene Christaller,</span> -<span class="s3">Aus ernster Zeit.</span> Eine Kriegsgabe. 15. Tausend.</p> - -<p class="p0 s5">Den zahlreichen Freunden der bekannten Verfasserin wird dieses kleine -hübsche Bändchen eine willkommene Gabe sein, schenkt sie doch aus ihrem -reichen Schatz die besten Gaben aus dieser großen, ernsten Zeit.</p> - -<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Fritz Müller,</span> -<span class="s3">Klassengold.</span> Schulgeschichten aus dem Krieg. 5. -Tausend.</p> - -<p class="p0 s5">„Diese herzerquickenden Erzählungen muten ungemein frisch und -lebensfroh an, und doch steckt in allen ein tief versonnener Kern.“</p> - -<p class="s5 right mright1">Schulrat <span class="antiqua">Dr.</span> Mosapp.</p> - -<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Max Geißler,</span> -<span class="s3">Der schwarze Stern im großen Bären.</span> Roman. 5. Tausend.</p> - -<p class="p0 s5">„... Dem Meister deutscher Erzählerweise ist es vortrefflich gelungen, -das farbenprächtige orientalische Gewand zu wahren. An ein türkisches -Muster erinnert auch der Einband des hübsch ausgestatteten Büchleins, -das einen neuen Baustein zum großen Bau der Weltliteratur bedeutet...“</p> - -<p class="s5 right mright1">Die schöne Literatur.</p> - -<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Fritz Müller,</span> -<span class="s3">Vergnügliche Geschichten.</span> 8.–11. Tausend.</p> - -<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Otto Frommel,</span> -<span class="s3">Ein schweres Herz.</span> Erzählungen.</p> - -<p class="p0 s5">„In diesem feinen, beschaulichen Buche bietet uns Frommel wahre Perlen -deutscher Erzählungskunst. Tiefer Ernst, sonniger Humor wechseln in -wohltuender Weise ab.“</p> - -<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Horst Wolfram Geißler,</span> -<span class="s3">Die Rosen der Gismonda.</span> Novelle. 4. u. 5. Tausend.</p> - -<p class="p0 s5">„Eine feine poesievolle Novelle aus der Vergangenheit. Die Lektüre ist -ein rechter Genuß und eine Erholung.“</p> - -<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">S. Ch. von Sell,</span> -<span class="s3">Das Rosenhaus. Erzählung.</span> 8.–10. Tausend.</p> - -<p class="p0 s5">„Die bekannte Verfasserin bietet ihren Freunden eine besonders feine -Erzählung. Von dem Sieg der treuen, hingebenden, entsagungsvollen Liebe -erzählt uns diese ergreifende Geschichte.“</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p class="s3 center mtop3"><b class="bbd"> Verlag von Otto Rippel, Hagen -i. W.  </b></p> - -</div> - -<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Klara Hofer und Johannes Höffner,</span> -<span class="s3">Friede im Krieg.</span> Weihnachtliche Geschichten.</p> - -<p class="p0 s5">„Diese prachtvollen Weihnachtsgeschichten, die uns mitten in dieser vom -Kriegslärm beherrschten Zeit vom Sieg des Friedens erzählen, verdienen -die weiteste Verbreitung.“</p> - -<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Fritz Müller,</span> -<span class="s3">Ich dien’.</span> Geschichten. 5. Tausend.</p> - -<p class="p0 s5">„Des Verfassers eigenartige Gabe kommt in diesen echt deutschen, -gemütvollen Geschichten voll zur Geltung. Dieses Büchlein, wie jede -einzelne Geschichte, ist ein Zeugnis von dem herrlichen Geist unserer -Zeit; es erquickt und richtet auf, macht stolz und stark.“</p> - -<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Max Geißler,</span> -<span class="s3">Drei Mann unterm Glassturz.</span> Roman. 5. Tausend.</p> - -<p class="p0 s5">„Ein kleiner aber feiner Roman aus dem Herzen Deutschlands. Kein -sensationelles, prickelndes „modernes“ Buch. Ein zarter, erwärmender -Hauch strahlt von ihm aus und wird dem Verfasser sicher dankbare Leser -bringen.“</p> - -<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">E. Müllenhoff,</span> -<span class="s3">Im Hell-Dunkel.</span> Erzählungen. 7.–9. Tausend.</p> - -<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Marie Diers,</span> -<span class="s3">Unsere Mutter.</span> Die Geschichte einer Reue. 6.–10. -Tausend.</p> - -<p class="p0 s5">„Diese ergreifende Geschichte einer Mutter steht unter dem Leitmotiv: -‚O lieb, so lang du lieben kannst‘. Für Jung und Alt.“</p> - -<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Otto Ernst,</span> -<span class="s3">Ruhe des Herzens.</span> Ernstes und Heiteres.</p> - -<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Rudolf Greinz,</span> -<span class="s3">Bergheimat.</span> Zwei Erzählungen aus Tirol.</p> - -<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Hanns v. Zobeltitz,</span> -<span class="s3">Nach dem Frieden.</span> Eine Erzählung.</p> - -<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Ernst Zahn,</span> -<span class="s3">Der Gerngroß.</span> Eine Erzählung.</p> - -<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Fritz Müller,</span> -<span class="s3">Worauf freuen wir uns jetzt?</span> Fröhliche Geschichten.</p> - -</div> - -<hr class="full" /> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of Project Gutenberg's Worauf freuen wir uns jetzt?, by Fritz Müller - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WORAUF FREUEN WIR UNS JETZT? *** - -***** This file should be named 63108-h.htm or 63108-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/3/1/0/63108/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License (available with this file or online at -http://gutenberg.org/license). - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement -and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic -works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" -or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project -Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the -collection are in the public domain in the United States. If an -individual work is in the public domain in the United States and you are -located in the United States, we do not claim a right to prevent you from -copying, distributing, performing, displaying or creating derivative -works based on the work as long as all references to Project Gutenberg -are removed. 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It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at -http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at -809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email -business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact -information can be found at the Foundation's web site and official -page at http://pglaf.org - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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