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-The Project Gutenberg EBook of Worauf freuen wir uns jetzt?, by Fritz Müller
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Worauf freuen wir uns jetzt?
- Fröhliche Geschichten
-
-Author: Fritz Müller
-
-Release Date: September 3, 2020 [EBook #63108]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WORAUF FREUEN WIR UNS JETZT? ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net
-
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- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1918 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
- Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
- nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten
- bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des
- Texts dadurch nicht beeinträchtigt wird. Fremdsprachliche Zitate
- und Passagen in Dialekt wurden nicht verändert.
-
- Der Zensurstempel auf der Titelseite (‚Z‘ über ‚VII‘ in einem
- Dreieck mit nach unten zeigender Spitze) wurde nicht mit
- übernommen, da dieser ursprünglich nicht Teil des gedruckten
- Originals war.
-
- Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden
- Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- Fettdruck: =Gleichheitszeichen=
- gesperrt: ~Tilden~
- Antiqua: _Unterstriche_
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- Worauf freuen wir uns jetzt?
-
-
-
-
- Worauf
- freuen wir uns jetzt?
-
- Fröhliche Geschichten
-
- von
-
- Fritz Müller
-
- 1918
-
- Verlag von Otto Rippel, Hagen i. W.
-
-
-
-
- _Copyright by Otto Rippel
- Hagen i. W. 1918_
-
-
- Zeilenguß-Maschinensatz und Druck
- von Oscar Brandstetter in Leipzig
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis
-
-
- Seite
-
- Worauf freuen wir uns jetzt? 7
-
- In deinem Alter 13
-
- Der Rauchtisch 20
-
- Der Familienaufsatz 27
-
- Der Hunderter 35
-
- Der Spohrer 39
-
- Glück 45
-
- Das blaue Band 49
-
- Die Rundfrage 63
-
- Das Kugelzimmer 70
-
- Schmuckel 76
-
- Jod 84
-
- Morgan 88
-
- Tag- und Nachtärger 96
-
-
-
-
-Worauf freuen wir uns jetzt?
-
-
-Er kam mit dem Spruch schon auf die Welt. Glitzerig kugelten seine
-Äuglein aus der Wiege in die Zimmerrunde. „Sieht er nicht aus,“ sagte
-jemand, „als wenn er fragte: Worauf freuen wir uns jetzt?“
-
-Das blieb ihm. Das saß zu Häupten seiner Wiege, wenn das Fieber sein
-Körperchen geschüttelt hatte. Das strich ihm die winzigen Fältchen vom
-Gesicht und sagte: „Maxli, worauf freuen wir uns jetzt?“ Das wurde
-mit ihm größer, rutschte auf den Dielen mit herum, wo er sich einen
-Schiefer eingezogen hatte, und wischte ihm die Tränen fort: „Und worauf
-freuen wir uns jetzt, Maxli, he?“
-
-Das klopfte ihm nach den ersten ängstlichen Schulgang vertraulich auf
-die Schulter: „Na, Maxli, worauf freuen wir uns jetzt?“
-
-Das wuchs mit ihm und wich ihm nimmer von der Seite. Das sah ihm
-unausweichlich ins Gesicht, wenn der Ärger aufstieg: „Was ich noch
-sagen wollte, Max, worauf freuen wir uns jetzt?“
-
-Was Wunder also, daß der Spruch ein Teil von ihm ward. Oder er ein
-Teil vom Spruch. In solchen Wiegenbrüderschaften lassen sich die
-Teile nicht mehr sondern, derselbe Herzschlag tickt durchs gleiche
-Blutgeäder: „Wo-rauf-freuen-wir-uns-jetzt?“
-
-Es ist schon richtig: schlicht und bescheiden, wie der Max war, wurde
-er kein Großer, wurde nicht berühmt. Eher schon sein Spruch, den sie
-nach und nach belächelten.
-
-„Hör’ mal, Max,“ sagte einer seiner Freunde, „ein Wahlspruch ist schon
-recht. Aber er muß auch darnach sein. Zum Beispiel: Morgenstund hat
-Gold im Mund. Oder: Erst besinn’s, dann beginn’s. Oder: Rom ist nicht
-an einem Tag erbaut. Siehst du, das sind anerkannte Sprüche.“
-
-„Jawohl,“ sagte Max, „und worauf freuen wir uns jetzt?“
-
-Max sei ja soweit ein guter Kerl, sprach dann dieser Freund herum, aber
-doch beschränkt. Und es solle ihn nicht wundern, wenn er in der Prüfung
-nicht bestehe. Wirklich fiel er durch.
-
-„Junge, Junge,“ klagte Maxens Vater, „wohin soll das führen?“
-
-„Zum Erfolg beim zweiten Male. Vater -- und worauf freuen wir uns
-jetzt?“
-
-Vater seufzte, Mutter strich dem Sohne übers Haar: „Max, nicht wahr,
-von jetzt ab für nichts anderes als zum Studium zu haben sein, willst
-du mir’s versprechen?“
-
-„Ja, Mutter -- und worauf freuen wir uns jetzt?“
-
-Tja, er war nicht zu ändern. „Schade um ihn,“ sagten die gesetzten
-Leute, „er hat eine fixe Idee.“ Und sie behandelten ihn nachsichtig und
-blieben bei der ihren.
-
-Bei einer politischen Versammlung kampelten sich die Gegner, daß es
-im Saale gellte. Dann trat eine kleine Erschöpfungspause ein. Ruhig
-kam aus einer Ecke eine Stimme: „Und worauf freuen wir uns jetzt?“
-Gelächter. Sie bengsten in Max: „Laß dir’s nicht gefallen -- sprich
-doch -- Silentium für -- ha, er spricht wirklich --“
-
-„Meine Herren,“ sagte Max, „ich freue mich, daß Sie sich freuen.“
-Das Gelächter wuchs, trotzdem einer sagte, ihm dünke, das sei das
-Gescheiteste gewesen, was die Versammlung bis jetzt ergeben habe. Aber
-niemand hörte darauf. Sie kampelten sich schon wieder, daß die Haare
-flogen.
-
-Ein Osterausflug ward verregnet. Mißmutig saßen sie in einer
-Bauernstube. Max sah im Kreis herum. „Und worauf freuen wir uns jetzt?“
-sagte er lächelnd und im inneren Taktmaß des draußen plätschernden
-Regens. Darob wurden einige wieder vergnügt. Ernst aber hob ein
-Professor an: „Junger Mann, alles zu seiner Zeit. Gereifte Einsicht
-muß verstehen, daß die Freude nicht am Platz ist, wenn die Gründe zur
-Verdrossenheit derart ausreichend sind, daß --“
-
-„Gewiß,“ sagte Max, „aber worauf freuen wir uns jetzt?“
-
-Darauf machte der Professor in seinem Wörterbuch der Psychologie einen
-neuen Eintrag: Unter Idioten der Freude versteht man...
-
-Das war lieblos. Freundlicher drückten’s seine Freunde aus: „Max ist
-der reinste Freuden-Cato: _Ceterum censeo_...“
-
-„Ja,“ ward ihnen beigepflichtet, „er rennt mit seinem Spruche gegen das
-Carthago alles Mißvergnügens an.“
-
-„Ob sein Grundsatz aber standhält,“ zweifelte ein anderer, „wenn’s bei
-ihm selber um die Wurst geht?“
-
-Er hat standgehalten. Die Bank, die sein Erspartes hatte, fiel. Als
-er’s erfuhr, zuckte er zusammen und ging an seine Arbeit, fest aber
-stumm. „Aha, nun hat es ihm sein Sprüchlein doch verschlagen“, sagte
-einer, der nicht wußte, daß sich ein Spruch auch einwärts wenden läßt.
-
-Nur ein einzig Mal hat auch das Einwärtswenden fast versagt. Das war
-damals, als ihm einer seine Liebste stahl. Da sank sein Gleichmut,
-da hob sich ihm die Hand zum Schlage. Freilich, ohne zuzuschlagen.
-„Nein, nein,“ hat er gemurmelt, „Menschen können einem nicht gestohlen
-werden, sie stehlten sich denn selber.“ Einen Winter lang hat’s ihn
-herumgetrieben, bis er gepreßt und scheu zwar, aber dennoch hörbar
-wieder sagen konnte: „Und worauf freuen wir uns jetzt?“
-
-Nun aber ist ein Spruch, der nie versagt, kein Spruch mehr, sondern
-ein Tyrann. Eines Tags verbeugte sich vor dem erschrocknen Max ein
-Riesenschatten: „Sie gestatten -- bin der Weltkrieg -- und erlaube mir,
-um Ihren Spruch zu bitten.“
-
-„Meinen Spruch?“ stotterte der Max, „was wollen Sie damit?“
-
-Der Weltkrieg machte eine halsabschneidende Bewegung.
-
-Fuhr der Max auf: „Mit welchem Rechte --?“
-
-„Tun Sie doch nicht so -- bedenken Sie, wenn Sie, wie andre, statt des
-Spruchs, sich selbst zum Opfer --“
-
-„Mich magst du nehmen -- was liegt groß an mir -- aber alles liegt an
-meinem Spruch.“
-
-„Dummes Zeug -- zuviel Federlesen mach’ ich schon -- her mit dem
-Spruch!“ Roh griff er Max ins Herz. Aber heimlich war der Spruch daraus
-entwichen, flüsternd: „Verzage nicht, Max, auf Wiedersehn!“ Fort der
-Spruch, ihm nach der Krieg.
-
-Reihum im Lande hat der Spruch sich auf die Flucht begeben, immer hart
-vom Krieg verfolgt und immer guten Muts. Kaum einer, den er nicht
-besucht hat, am liebsten die Verdrossenen und Schmerzgeschlagenen, die
-ihn am wenigsten erwarten. Ich habe ihn an Witwenherzen klopfen seh’n:
-„Mich schickt der Max.“
-
-„Kenn’ ich nicht.“
-
-„Eben darum komm’ ich, von ihm erzählen soll ich, damit auch Ihr auf
-eine kleine Weil’ mich so gut aufnehmt, wie ich’s bei ihm gehabt.“
-
-Da nahmen sie ihn auf. Freilich nur für eine kleine Weile. Aber lang
-genug, um, wenn der Krieg aufs neue angepoltert kam: „Wo ist der
-Flüchtling, daß ich ihm den Hals umdrehe?!“ mit wieder ausgeglich’nem
-Herzen lächelnd zu erwidern: „Bedaure, schon verzogen, wenn Sie ihn
-treffen, bitte ihn von mir zu grüßen.“
-
-Er hat ihn nie erwischt, der Weltkrieg, solang’ er auch schon währt.
-Immer ist er anderswo, als wo er grad’ gemordet werden sollte. Und er
-hat schrecklich viel zu tun. Wenn mich nicht alles täuscht, demnächst
-mehr noch als der Weltkrieg. Und immer größer wird er, immer stärker,
-trotz des Weltkriegs. Wenn ich recht berichtet bin, demnächst größer
-gar und stärker, als der Weltkrieg selbst. Und es geht ein Tuscheln um
-im Land, daß die Jagd sich demnächst umdreht. Daß aus dem Verfolgten
-ein Verfolger wird. Dann aber mag es sein, weil der Spruch um soviel
-flinkre Füße als der Weltkrieg hat, daß dem der Hals herumgedreht wird
-vom „Worauf-freuen-wir-uns-jetzt?“
-
-Noch ist es nicht so weit. Noch hat er ihm den Hals nicht umgedreht.
-Noch hilft er anderen beim Sterben. Vor kurzem seinem eignen alten
-Herrn, dem Max. Ich selber hab’ ihn sterben sehn. Er ging geschwind
-durchs Tal der letzten Schmerzen auf den Kamm, der vom Jenseits
-scheidet. Jetzt stand er droben und überdachte in den Kissen seine
-eingesunkenen Augen: „Und worauf freuen wir uns jetzt?“
-
-
-
-
-In deinem Alter
-
-
-Ich habe eine Statistik über Ermahnungen von Eltern
-an ihre Kinder angelegt. Es gibt Statistiken über
-dreiundzwanzigtausendachthundertfünfundsechzig Dinge, von der
-Gewichtsabnahme bei spiritistischen Sitzungen bis zum Senfverbrauch
-auf den Kopf der Bevölkerung. Warum also nicht auch einmal eine
-Ermahnungsstatistik zwischen Eltern und Kindern?
-
-Zuerst dachte ich, solcher Ermahnungen gäbe es so viele wie Sand am
-Meer. Nämlich, wenn man vom Auftakt ausging. Ich notierte mir:
-
-„Laß das, Hansi...“
-
-„Pfui, Lotte...“
-
-„Schämst dich denn gar nit, Mariele...“
-
-„Nein, jetzt aber so was, Trudi...“
-
-„Fritz, Fritz...“
-
-„Da soll denn doch ein Hageldonnerwetter, Max...“
-
-„Ei ei, Maxeli...“
-
-„Potz Blitz und Karawanken, Junge...“
-
-„Na, warte, Karl...“
-
-„Junge, Junge, Junge...“
-
-Auch die Fortsetzungen waren noch einigermaßen verschieden. Aber der
-Schluß, der Schluß war stets derselbe. Alle, alle liefen sie in einen
-einzigen Schlußsatz aus:
-
-„In deinem Alter habe ich...“
-
-Das heißt, was die Eltern in dem Alter ihrer Kinder hatten, waren,
-taten oder unterließen, ging ja auch wieder scheinbar auseinander,
-aber in Wirklichkeit war’s doch dasselbe. Denn es kam immer auf eine
-unabänderliche Bravheit oder Wohlanständigkeit hinaus, ob sie sagten:
-
-„In deinem Alter habe ich nicht soviel Butter auf das Brot
-bekommen...“, oder
-
-„In deinem Alter habe ich noch gar nicht gewußt, wie ein Theater von
-innen ausschaut...“, oder
-
-„In deinem Alter hatte ich noch keine Ahnung von einem Federhut...“,
-oder
-
-„In deinem Alter ist uns der Schnabel sauber geblieben von...“, oder
-
-„In deinem Alter hätten wir es nicht gewagt, zu...“, oder
-
-„In deinem Alter würden wir uns zu Tode geschämt haben, wenn...“, oder
-
-„In deinem Alter würden wir uns die Finger darnach abgeschleckt haben,
-wenn unsere Eltern...“, oder
-
-„In deinem Alter wären wir kreuzfroh gewesen, wenn...“, oder
-
-„In deinem Alter hätte man uns verwichst, daß wir nicht mehr stehen,
-sitzen oder liegen hätten können, wenn wir uns unterstanden hätten...“
-
-Der letzte Satz hat den erhebendsten Eindruck auf mich gemacht.
-Nämlich, weil die betreffende ungezogene Liesel, an die er mit
-Augenrunzeln und Donnergepolter gerichtet war, darauf erwiderte:
-
-„Ah, Vater, das muß aber fein gewesen sein.“
-
-Der entsetzte Vater brachte mit Mühe und Not ein „Warum?“ heraus.
-
-„Weil, wenn ihr nicht mehr stehen, liegen oder sitzen konntet,“ sagte
-Liesel ernsthaft und ganz in einer Vorstellung versunken, „dann habt
-ihr ja fliegen müssen, Vater.“
-
-Nein, bitte, das war durchaus nicht frech, sondern sachlich. Denn
-Kinder sind in diesen Dingen immer sachlich. Während die Eltern in
-Dingen der Ermahnung ... nun, ich habe neulich bei einem Vater, mit dem
-ich selbst einmal zur Schule ging, merkwürdige Dinge festgestellt.
-
-Da war ich also bei Rechnungsrats eingeladen. Rechnungsrat Übelacker
-ist ein prächtiger Vater zu seinen Kindern. Aber wenn Gäste da sind, so
-ermahnt er sie. Er ermahnt sie unter allen Umständen. Vielleicht glaubt
-er, es gehöre zum guten Ton, oder er sei das seinen Gästen schuldig,
-oder seinen Kindern, oder sich selber, ich hab’s nie herausbekommen
-können. Aber mir hat er immer leid getan, wenn wir schon beim Obst
-angelangt waren und mein Freund, der Rechnungsrat Übelacker, bereits
-anfing, ungemütlich auf seinem Stuhle hin und her zu rutschen, weil bis
-anhin die Kinder noch nicht den geringsten Anlaß zur Ermahnung zu geben
-schienen.
-
-So war’s auch diesmal. Ich konnte es nicht mehr ansehen. Ich nahm mich
-zusammen und schnitt dem regierungsrätlichen Fritzl eine heimliche
-Grimasse über den Tisch hinüber. Natürlich lachte er. Ich verlängerte
-meine Grimasse ins Erstaunte. Natürlich platzte er jetzt fast vor
-Lachen.
-
-Sofort lösten sich des Regierungsrats gespannte Züge wohltätig, als er
-jetzt mahnend an seinen Teller klopfen und verkünden konnte:
-
-„Fritz, das muß ich dir denn doch sagen, in deinem Alter habe ich
-niemals ein so blödsinniges Gelächter aufgeführt -- mach’, daß du
-vor die Türe gehst, damit -- damit du weißt, wie man sich bei Tisch
-anständig beträgt.“
-
-Ich dachte mir, es sei sehr unwahrscheinlich, daß man das anständige
-Benehmen bei Tisch vor der Türe draußen erlernen könne und drückte
-diesen Gedanken in einer dritten heimlichen Grimasse aus, für
-mich privat natürlich. Ebenso natürlich schepperte aber der
-Regierungsratsfritz darüber vor Lachen und ging ein drittel betrübt,
-ein drittel vergnügt und ein drittel ahnungslos vor die Türe.
-
-„Es ist ein Jammer mit den Kindern heutzutage“, sagte Rat Übelacker
-etwas unsicher zu mir.
-
-„O,“ sagte ich, „nicht nur heutzutage, es war zu unserer Zeit nicht
-besser, aber dafür schlimmer.“
-
-„Sooo?“ sagte mein Freund, der Regierungsrat.
-
-„Ja, ich erinnere mich an zwei Buben, die einem Gaste gegenübersaßen,
-der einen kleinen unscheinbaren Haarbüschel auf seiner Nasenspitze
-hatte.“
-
-„Soo?“
-
-„Ja, und so oft das auftragende Mädchen die Türe öffnete, bewegte sich
-dieser kleine Haarbüschel im Zugwind zuerst empört, dann ergebungsvoll
-und schließlich fröhlich.“
-
-„So?“
-
-„Ja, und das machte den beiden Jungen einen solchen Heidenspaß, daß sie
-sich beinahe kugelten vor Lachen.“
-
-„So, am Tisch?“
-
-„Freilich, so daß der Vater schließlich sagen mußte, das sei ja ein
-schandbares Betragen, und als er so jung gewesen sei, habe man Kinder
-mit derartiger Aufführung jämmerlich verhauen, und er solle sofort vor
-die Türe gehen, damit er besseren Anstand lerne, der Heinrich.“
-
-„Der Heinrich?“
-
-„Ja, natürlich, der Heinrich, denn es ging doch nicht gut an, mich als
-eingeladenen Jungen auch vor die Türe zu setzen.“
-
-„Dich? und der andere --?“
-
-„Der andere? aber das warst doch natürlich du, Heinrich.“
-
-„Soso -- hm ja -- soso --“
-
-In diesem Augenblicke schien das anwesende Erziehungsfräulein
-Nasenbluten zu kriegen. Wenigstens ging sie mit dicht angepreßtem
-Taschentuch auch rasch vor die Türe. Und es war mir nur schleierhaft,
-warum sie dabei das ganze Gesicht zudecken mußte.
-
-Gleich darauf schien der Frau Regierungsrat ein Apfelbröckchen in den
-unrechten Schlund gekommen zu sein, so daß sie ein merkwürdig komisches
-Gesicht machen mußte und von ihrem Gemahl einen unbeschreiblichen Blick
-erhielt. Was sie veranlaßte, ebenfalls ein wenig vor die Türe zu gehen.
-
-„Da wir jetzt unter uns sind,“ begann der Regierungsrat unbehaglich,
-„so muß ich dir schon sagen...“ Ich merkte sofort, daß es eine
-umfängliche Predigt werden sollte und sagte:
-
-„Komm, alter Junge, sei nicht tragisch -- dein Sohn ist im übrigen ein
-famoser Kerl.“
-
-„Famoser Kerl, wieso?“
-
-„Ei, er hat kein Wort davon gesagt, daß ich mit meiner
-Gesichterschneiderei an seinem Gepruste schuld war.“
-
-„Du? Nun, da muß ich denn doch sagen -- hm ja, ich meine, ich glaube,
-du hättest diese Geschichte, an die ich mich übrigens gar nicht mehr
-erinnere, nicht gerade jetzt -- und im übrigen vermute ich, daß ich
-damals nicht so entsetzlich geprustet habe, wie mein Fritz vorhin --
-wenn du’s schon erzählen mußtest, dann hättest du doch wenigstens auch
-diesen Unterschied --“
-
-„Aber Heinrich, dann hätte ich ja auch den andern Unterschied --“
-
-„Welchen andern Unterschied, bitte?“
-
-„Nun, ~du~ hast damals, als du vor die Türe gehen mußtest, nicht
-vergessen, darauf aufmerksam zu machen, daß eigentlich das luftbewegte
-Haarbüschelchen auf des Fremden Nase dran schuld war, während dein
-Fritzl heut’ mich nicht verraten hat, sondern erheblich netter war, als
-du in seinem Alter damals --“
-
-„Hem, hast du auch fernerhin die Absicht, alte Freunde derart
-bloßzustellen --?“
-
-„Mit Vergnügen, solange sie nicht zugestehen wollen, daß sie im
-Alter ihrer Söhne ganz genau so frech, so dumm, so nichtsnutzig, so
-unbekümmert und so -- kreuzvergnügt gewesen waren, gottseidank, als
-eben diese Söhne.“
-
-
-
-
-Der Rauchtisch
-
-
-Rauchtische sind eine merkwürdige Erfindung. Ich glaube, Nichtraucher
-haben sie erfunden.
-
-Zu meinem Geburtstage versetzte mir die Mutter meiner Frau mittels
-Eilgut unter Wertangabe einen Rauchtisch. Gut, daß „Rauchtisch“ auf dem
-Frachtbrief stand. Ich hätte ihn sonst für einen Telegraphenapparat mit
-Gestell gehalten. Aber was ich für einen Morseticker ansah, war ein
-Kerzenhalter. Hol’ mich der und jener, wenn die Aschenschale früher
-keine Streifenspule war.
-
-„Fehlt nur noch der Draht“, murmelte ich.
-
-„Pfui,“ sagte meine Frau, „Geld willst du auch noch!“
-
-„Ja,“ bekannte ich, „auch für eine Banknotenpresse könnte man es
-halten.“
-
-„Schäm’ dich, jeder Laie sieht doch, daß --“
-
-„Laie? Ja, das ist es: ein Rauchtisch für Nichtraucher.“
-
-„Mann, Mann, ich werde meiner Mutter schreiben, daß sie selbst kommt
-und --“
-
-Ha, Daumenschraubenmuttern! Ich erschrak. Schweiß brach aus. Ich
-wurde feig. Ich hob drei Finger. Ich verleugnete meinen gesunden
-Rauchverstand. Ich schwor, daß es ein Rauchtisch sei. Ein moderner
-Rauchtisch. Ich schwor, daß nur ein Idiot den Streichholzständer für
-einen Morsedrücker halten könne. Unleugbar sei es allerdings, daß das
-Gestell aus drei Makkaroni in Todeszuckungen bestünde. Aber das sei
-eine geniale Stilidee des Rauchtischarchitekten. Ich schwor, in meinen
-ausschweifendsten Träumen hätte ich mir immer so etwas gewünscht.
-
-„Ist gut,“ sagte meine Frau mißtrauisch, „nun schwöre noch, daß du ihn
-täglich benutzen wirst.“ Was war zu tun? Gott, was schwört der Mensch
-nicht alles, wenn er in Gefahr ist.
-
-Ich benutzte ihn täglich. Zunächst als Handtuchhalter. Damit war er
-zugedeckt, unsichtbar und gnädig.
-
-Aber meine Frau kam hinter die Gnade und das Handtuch, entfernte beides
-und zwang mich, angesichts des Tischchens zu rauchen. Davon wurde mir
-schlecht. Ich tat es den drei Makkaroni gleich und phantasierte. Es kam
-der Arzt.
-
-„Denken Sie, Herr Doktor,“ sagte meine Frau, „das Nikotin ist ihm ins
-Blut gegangen, er hält das da für einen Briefkasten mit Gestell.“
-
-„Unglaublich,“ sagte der Arzt, „eine türkische Gebetsmühle für einen
-Briefkasten zu halten!“
-
-Empört holte meine Frau einen andern Arzt. Ich konnte ihn einen
-Augenblick allein sprechen: „Doktor, seien Sie barmherzig, befreien
-Sie mich von diesem Ding da!“
-
-„Es ist doch ein ganz netter Schirmständer,“ sagte er, „na, wenn Sie
-ihn durchaus nicht haben wollen, könnten Sie ja im Fieber --“
-
-Ich verstand, und schlug im Fieber den Rauchtisch kurz und klein.
-Nach dem Anfall lagen die Makkaronifüße unter meinem Bett. Die
-Rauchtischplatte war hinter den Bücherschrank gekugelt. Die
-Aschenschale hatte sich auf das Gardinenbrett geflüchtet, während
-der Kerzenhalter sich durch das offene Fenster auf den Aschenhaufen
-niederließ.
-
-Ich hielt die Sache für erledigt und genas. Ich wußte nicht, daß eines
-Weibes Liebe die zerrissensten Dinge wieder zusammenleimt: an meinem
-Namenstag stand der reparierte Rauchtisch als Neugeschenk neben meinem
-Bett und grinste verdrehter und hämischer als je.
-
-Freunde rieten mir zu einem Umzug. Bei Umzügen verschwänden oft die
-unglaublichsten Dinge, sagten sie. Also wurde umgezogen. Während meine
-Frau die Möbelträger hin und her schob, rannte ich mit dem Rauchtisch
-auf den Speicher, ließ ihn in die hinterste Ecke verschwinden und
-schmiß Lumpen drauf und Hobelspähne.
-
-Der Möbelwagen war gepackt. Der Kutscher wollte knallen. „Noch nicht“,
-sagte meine Frau und ging zum letztenmal spähend durch die Räume. Ha,
-gewonnen -- leer kam sie zurück.
-
-„Hü!“ will der Kutscher rufen. Springt über die Straße eine Katze mit
-einem gestohlenen Fleischstück. Schreiend hinter ihr eine Köchin. Die
-Katze das Stiegenhaus hinauf, Stock um Stock. Die Köchin ihr nach,
-Stock um Stock. Man hört’s vom Dach herab rumoren. Auf einmal --
-
-Durch das offene Speicherfenster saust elegant die Katze, landet
-unbeschädigt mit dem Fleischstück auf dem Pflaster --
-
-„Mistviech, elendig’s!“ schreit’s herunter. Durch die Dachluke saust,
-gleich elegant geschwungen, das Rauchtischchen. Geschickt fängt es der
-Oberpacker auf: „G’hört das noch dazu, gnä’ Frau?“
-
-Da stand es also auch in der neuen Wohnung und glotzte weiter hämisch.
-Ich gab ihm Püffe über Püffe. Es hielt sie aus und glotzte. Täglich
-warf ich meine Stiefel nach ihm. Es glotzte. Ich arrangierte einen
-kleinen Hausbrand. Das erste, was gerettet wurde, war der Rauchtisch.
-Ich bat meinen Neffen, chemische Experimente mit fressenden Säuren auf
-dem Rauchtisch auszuführen. Die Säuren fraßen alles, nur nicht meinen
-Rauchtisch.
-
-Immerhin, zum Lackieren müsse er, sagte meine Frau. Ich besuchte den
-Lackierer. „Mann,“ sagte ich, „daß das Handwerk jetzt mit Arbeit
-überhäuft ist, weiß ich. Ich könnte es verstehen, wenn das Stück erst
-nach Monaten an die Reihe käme. Ja, ich würde es sogar begreifen, wenn
-es überhaupt nie fertig würde.“
-
-Er sah mich prüfend an. „Nee, mein Lieber,“ sagte er, „Sie fangen mich
-nicht, Sie Handwerkslästerer!“ Am nächsten Tage teilte er telephonisch
-mit, daß der Tisch lackiert sei. Ich war es auch.
-
-„Kathi,“ sagte meine Frau, „holen Sie ihn ab.“
-
-„Kathi,“ sagte ich, sie heimlich auf die Seite nehmend, „wenn Sie ihn
-unterwegs verlieren sollten -- hier sind drei Mark -- Sie verstehen.“
-
-Für drei Mark versteht die Kathi irgend etwas. Heulend kam sie heim.
-„Gnä’ Frau -- huhu -- stehen lassen in der Straßenbahn -- huhu --!“
-
-Meine Frau versteht keinen Spaß. Nicht für drei Pfennig. „Kathi, wenn’s
-nicht mehr zum Vorschein kommt, ziehe ich am Lohn fünf Mark ab --
-marsch, ins Fundbureau!“
-
-Kathi sah mich an. Ich zwinkerte ihr zu, ich käme doppelt auf. Also
-holte sie das Fundstück von der Straßenbahn ab und verlor’s ein
-zweitesmal erheblich gründlicher.
-
-Darauf rückte es meine Frau in die Morgenzeitung: „Wer ein verlorenes
-Rauchtischchen gefunden hat und wiederbringt, erhält zehn Mark.“ Und
-ich in die Abendzeitung: „Wer ein verlorenes Rauchtischchen gefunden
-hat und behält, erhält zehn Mark.“
-
-Zwei Tage später werde ich im Kaffeehaus vom Skat hinausgerufen. Die
-Tändlerin Kreszenz Hasenfratz stemmte die Arme in die Lenden: „Sie also
-sind der verruckte Herr, der wo zehn Mark zahl’n will, wenn ich ihm
-das Tischerl nicht in seine Wohnung trag’...“
-
-Es kam ein unwiederbringlicher Vertrag zustande. Ich halte mich mit Fug
-für rauchtischalpbefreit. Aber am nächsten Ersten steht die Kreszenz
-Hasenfratz wieder mit angestemmten Armen im Kaffeehausgang: „Herr
-Doktor, so wenig Platz wie ich jetzt hab’ für meine Tandelsachen --
-darf ich also wieder um zehn Mark Monatsmiete --“
-
-„Sie -- Sie sind --“
-
-„Regen Sie sich nicht künstlich auf, Herr Doktor, wenn Sie’s nicht
-aufbewahrt hab’n woll’n, kann ich’s ja morgen wieder Ihrer Frau
-Gemahlin --“
-
-Seitdem muß ich den Rauchtischschrecken monatlich beschwören.
-Zehnmarkweise. Als ich das Lösegeld zum siebtenmale in mein
-Kassabüchlein eingetragen hatte, kommt meine Frau ins Zimmer.
-
-„Mann, ich weiß wohl, was du einträgst“, sagt sie erhaben.
-
-„Um Gottes willen --“
-
-„Sei getrost, ich verzeihe dir.“
-
-„Du liebe Frau,“ sag’ ich erfreut, „ich brauch’ es also nicht mehr
-kommen lassen?“
-
-„Im Gegenteil, du kannst es kommen lassen, auf der Stelle.“
-
-Ich sank zusammen. Ich tat geistesabwesend.
-
-„Mann, verstell’ dich nicht -- Kassabüchlein -- monatlich zehn Mark --
-Kreszenz Hasenfratz -- wir wissen alles --“
-
-„Ihr?“ stammele ich, „wer Ihr?“
-
-Geht die Türe auf: „Lieber Schwiegersohn -- meine Tochter schrieb mir
-alles -- wir wissen wohl um deine Jugendsünde -- laß das arme Kind nur
-kommen --“
-
-„Das Kind? Was für ein Kind?“ stotterte ich.
-
-„Dein Kind!“ donnerte sie, „und zum Zeichen, daß wir dir verziehen,
-habe ich dir auch ein neues Rauchtischchen...“
-
-
-
-
-Der Familienaufsatz
-
-
-Montag brachte Hans das Aufsatzthema heim: „Der Krieg, eine Geißel
-der Menschheit.“ „Konzept am Sonnabend abzuliefern“, hatte der Lehrer
-gesagt. „Schreibt diesmal frei, ganz aus euch selbst heraus.“
-
-„Herrgott, ist bis zum Sonnabend lang“, dachte Hans und schlug die
-Geißel in den Wind. In den Wind geschlagene Geißeln knallen irgendwann.
-Beim Hans am Freitag. Es war ein Gewissensknall. Die Familie knallte
-mit. „Der arme Bub,“ sagte die Mutter, „von heut auf morgen einen
-ganzen Aufsatz.“ -- „Gott,“ sagte Vater, „ich habe zu manchem
-verzwickten Geschäftsbrief nicht mal soviel Zeit.“
-
-„Jaja,“ sagte Tante Lotte nachdenklich, „der Aufsatz, eine Geißel der
-Menschheit.“ -- „Na, mit ’m bißchen Grips und ’m Schuß Inspiration
-läuft auch der schwerste Aufsatz“, sagte Onkel Franz. „Setz’ dich nur
-mal dran, Hans.“
-
-Hans setzte sich von Freitag nachmittag 4 Uhr bis 8 Uhr daran: „Der
-Krieg, eine Geißel der Menschheit -- Der Krieg, eine Geißel der
-Menschheit -- Der Krieg, eine Geißel der Menschheit -- Der Krieg, eine
-Geißel der -- Mutter, weißt du keinen schönen Satz?“ -- „Einen schönen
-Satz über den gräßlichen Krieg, Hans?“ -- „Er meint einen stilistisch
-schönen Satz“, sagte Tante Lotte. Und dann klopften Mutter und Tante
-an Onkels Zimmer: „Onkel, der Bub braucht einen schönen Satz.“ -- „Ach
-was, mit ’m bißchen Grips und ’m Schuß Inspiration --“ -- „Schuß? Er
-braucht halt ein wenig Vorschuß, der arme Bub’ -- wenn ich denke: von
-heut auf morgen eine ganze Geißel --“
-
-Das war um 6¼. Um ½7 wälzte Onkel Franz das zwölfte Buch. „Einen
-schönen Satz?“ murmelte er. „Schreib mal diesen Satz auf Seite 63,
-Junge.“ Und folgsam schrieb der Hans in sein Konzeptheft: „Die
-materiellen, intellektuellen und moralischen Konsequenzen eines Krieges
-leuchten wie ungeheure Fanale des Leidens durch die Geschichte.“ --
-„Kannst ihn mal der Tante zeigen, Junge.“
-
-Hans zeigte ihn der Tante. Sie kam sofort herüber: „Ein schöner
-Satz, Onkel Franz, ein wirklich wunderschöner Satz.“ -- „Na, nicht
-so schlimm, mit ’m bißchen Grips und ’n Schuß Inspiration -- und nun
-machst du einfach in dem Stile weiter, Junge.“
-
-Hans machte bis um 7 weiter, ohne mit dem zweiten Satz fertig zu
-werden. „Onkel Franz, bitte noch einen schönen Satz.“ -- „Jetzt kann
-dir mal die Tante helfen, Junge.“ -- „Tante, bitte, noch einen schönen
-Satz.“ Tante Lotte blätterte schon seit einer Viertelstunde in ihren
-alten Albums. „Schreib mal das da“, sagte sie errötend. Und folgsam
-schrieb Hans in sein Konzeptheft: „Der rosenfingrige Eros kämpft
-siegreich gegen dräuende Wolken, morgenrotes Blut fließt in Strömen:
-Krieg überall.“ -- „Kannst ihn mal der Mutter zeigen, Junge“, sagte
-Tante Lotte.
-
-Hans zeigte ihn der Mutter. Gleich kam sie aus der Küche. „Ein
-wundervoller Satz, Tante Lotte“, sagte sie. -- „Jetzt einen Satz von
-dir, Mutter“, bat Hans. -- „Aber Hans, ich mach’ das Abendessen fertig,
-ich kann keine schönen Sätze kochen.“ -- „Aber Mutter, irgendeinen
-Satz wirst du doch --“ Da schlug die Mutter im Kochbuch nach: „Den
-vielleicht, Hans?“ Und folgsam schrieb der Hans in sein Konzeptheft:
-„Die durch den Krieg hervorgerufene Knappheit zwingt auch die
-kriegsfeindliche Hausfrau zur Beschneidung der lukullischen Bedürfnisse
-ihrer Familie.“ Tante Lotte meinte zwar, der Satz sei ein wenig
-nüchtern. „Bis auf ‚lukullisch‘“, sagte Onkel Franz.
-
-Dann kam Vater an die Reihe, der vom Geschäft heimkam. Er machte
-eine Miene, als diktiere er dem Buchhalter: „Im Besitze Ihres sehr
-geehrten...“ Aber dann steckte er die Hände in die Hosentaschen und
-sagte auf und ab gehend:
-
-„Schreib mal, Junge: ‚Die möglichen Kriegsfolgen lassen es rätlich
-erscheinen, die Konjunktur in Rechnung zu stellen und vorher zu
-eskomptieren.‘“
-
-Darauf fiel dem Onkel Franz wieder ein Satz ein. Dann wieder Tante
-Lotte und der Mutter, so daß Hans noch mehrere Male reihum schöne
-Sätze ins Konzeptbuch schreiben konnte. Und eine Stunde nach dem
-Abendessen war es Onkel Franz gelungen, aus einem großen Kriegsbuch
-vom letzten Siebziger Krieg noch einen kunstvoll aufgebauten Schluß
-herauszuklauben. Worauf sich Hans schlafen legte. Nicht ohne daß er es
-noch durch die Tür sagen hörte: „Der arme Bub’: von einem Tage auf den
-andern solchen schweren Aufsatz...“ Damit schlief er befriedigt ein.
-
-Aber im Traum ging’s ihm nicht gut. Er war im Himmel, mitten in einer
-Volksversammlung. Petrus saß am Pult und sagte: „So, und jetzt erzähl’
-mal einer nach dem andern, was er im Krieg erlebt hat.“ Einer trat vor:
-„Mir ist mein Sohn gefallen...“ Es war ein erschütternder Bericht in
-einfachen Worten. „Der nächste“, sagte Petrus. Jemand trat vor: „Ich
-bin gefallen in der Sommeschlacht ...“ Stoßweise, wie das Volk spricht,
-erzählte er die Schrecken seiner Schlacht. „Der nächste“, sagte Petrus.
-Jemand trat vor: „Was ich mir ein Leben lang ersparte, hat der Krieg
-verbrannt...“ Mit einer fernen Stimme erzählte er den Russeneinfall
-seines Dorfes. Noch viele rief der Petrus auf. Sie standen auf und
-sprachen schlicht und setzten sich. Und jedesmal ging dem Hans ein
-Rieseln übers Rückgrat. Das ging vom dritten Wirbel in der Wirbelsäule
-aus. Dort sitzt die Wahrhaftigkeit.
-
-„Hans, was hast du im Kriege erlebt?“ -- „Einen -- einen Aufsatz“,
-stotterte Hans. -- „Lies mal!“ Und Hans schlug sein Konzeptheft auf und
-las: „Die materiellen, intellektuellen und moralischen Konsequenzen des
-Krieges leuchten wie riesige Fanale...“ Und er trommelte alle schönen
-Sätze herunter. Und hinter dem schönen Schlußsatz dachte er stolz: „Was
-sagen Sie nun, Herr Petrus?“
-
-„Paß mal auf, Hans“, sagte Petrus und schob einen Vorhang auf die
-Seite. Der Krieg ward sichtbar. Er war aus Marmor. Schrecklich war er
-anzuschauen in seiner unbändigen Wild- und Nacktheit. „Gib mal dein
-Konzeptheft, Hans.“ Einzeln riß Petrus die Blätter heraus und steckte
-sie mit Nadeln an die Statue. Dort verwandelten sie sich in ein Kleid.
-Und es war aus lauter bunten, zerrissenen Lumpen zusammengesetzt.
-Unsäglich erbärmlich hing das alles unter dem entsetzlich erhabenen
-Gesicht des Krieges herab. Und Hans wurde rot im Traum und schämte sich
-und wachte auf. Schon war es hell.
-
-Er schaute auf die Uhr. 4 Uhr morgens. Schnell in die Kleider. Noch
-schneller an den Arbeitstisch. Her mit dem Heft. Heraus mit den
-Aufsatzseiten. Eine neue Seite angefangen. Ha, wie die Feder flog.
-Nicht einen Augenblick brauchte sie sich zu besinnen. Sie schrieb die
-Volksversammlung von heute nacht, ohne Aufputz, schlicht, in kurzen
-Sätzen, stoßweise, wie das Volk spricht...
-
-Als Hans an diesem Morgen in die Schule ging, kam der Balthasar
-gerannt: „Du, Hans, ich habe keinen Aufsatz, laß mich deinen
-abschreiben!“
-
-„Aber Balthasar, das geht doch nicht.“
-
-„Du bist ein netter Kamerad, na, warte, ich werd’ mir’s merken.“
-
-Hans wurde heiß. Schon öffnete er den Ranzen, schon griff er nach dem
-Heft, auf einmal schoß es ihm warm vom dritten Rückgratswirbel, dem
-Sitze der Wahrhaftigkeit, über das Gesicht.
-
-„Nein, Balthasar“, sagte er fest. Aber da hatte der Balthasar roh
-hineingegriffen und war davongerannt. Eine Handvoll Blätter schwang
-er lachend in der Luft. Laut las er unterm Laufen: „Der Krieg, eine
-Geißel der Menschheit. Die materiellen, intellektuellen und moralischen
-Konsequenzen des Krieges leuchten wie riesige Fanale --“
-
-„Aber Balthasar, das sind ja -- das ist ja --!“
-
-„Kenn’ ich schon -- möchtest mir’s wieder abluchsen -- da wird nichts
-draus -- in der Religionsstund’ schreib’ ich’s ab.“
-
-Und während in den ersten Bänken der Katechismus abgefragt wurde,
-schrieb der Balthasar in der letzten Bank aus Raschelblättern ab und
-ab. Eben war er fertig, als der Aufsatzlehrer eintrat: „Konzepthefte
-einsammeln!“
-
-Eine Woche verging. Hans war recht still. Stiller als die Seinigen zu
-Hause. Alle Augenblicke stellte ihn dort jemand auf der Treppe, im
-Korridor, im Zimmer: „Nun, Hans, ist dein Aufsatz schon zurückgegeben?“
-fragte Mutter. -- „Na, Hans“, sagte Onkel Franz, „und der Aufsatz?“
--- „Hans, hast du deine Eins schon abgekriegt im Aufsatz?“ sagte
-Tante Lotte. -- „Hannes, Hannes,“ sagte am zuversichtlichsten der
-Vater, „diesmal hat er dich wohl übern Schellenkönig gelobt, dein
-Aufsatzlehrer, he?“
-
-„Die Aufsatzhefte werden erst am nächsten Sonnabend zurückgegeben“,
-sagte Hans leise. Fast geduckt ging er weiter. Sie sahen ihm nach:
-
-„Ich weiß nicht, was der Junge hat,“ sagten sie kopfschüttelnd, „wenn
-uns jemand so geholfen hätte mit den schönsten Sätzen, als wir in die
-Schule gingen...“
-
-Da war der Sonnabend da. Und da lag der Stoß Aufsatzhefte am Katheder,
-so hoch, daß des Lehrers Angesicht darüber kaum zu sehen war.
-
-„Zunächst die beste Arbeit,“ sagte der Lehrer, ernst ein Heft in seinen
-Händen wägend, „Hans, das war deine beste Arbeit. Ganz warm ist mir
-dabei geworden. Hört mal...“
-
-Mäuschenstill hörte die Klasse Hansens Aufsatz an. Nur der lange
-Balthasar in der letzten Bank rutschte etwas hin und her.
-
-„Hans, bei dieser Nummer magst du bleiben. Note 1. Wie einem das wohl
-tut, wenn man all den andern aufgeblasenen Sums -- zum Beispiel den
-da -- hört mal: ‚Die materiellen, intellektuellen und moralischen
-Konsequenzen des Krieges leuchten wie riesige Fanale‘ und so weiter
-und so weiter. Sag’ mal, Balthasar, wo hast du dir denn diesen
-abgestandenen Schmarr’n zusammengestohlen?“
-
-„Von -- von -- vom Hans!“
-
-„Na, das ist denn doch! -- Hans kann solches aufgepapptes Zeug
-überhaupt nicht schreiben. Hans, dieser Aufsatz soll von dir sein?“
-
-„Nein, Herr Lehrer.“
-
-Zu Hause sah man es ihm an. Sie umdrängten ihn: „Na, Hans, der Aufsatz
-ist zurück?“ Hans nickte selig. „Und du hast den Vogel abgeschossen,
-Hans?“ Hans nickte seliger. „Na, kein Wunder, lieber Hans -- aber
-danken hättest du uns wenigstens ’n bißchen können...“
-
-Auf dem nächsten Schulweg warnte den Hans ein Kamerad: „Du, nimm dich
-vor dem Balthasar in acht. Er sagt, du hättest ihn mit dem letzten
-Aufsatz schauderhaft hereingelegt. Und er will dich ebenso verhauen.“
-
-Da straffte sich dem Hans etwas im vierten Rückgratswirbel, wo der Mut
-sitzt, gleich hinter der Wahrhaftigkeit: „Soll nur kommen!“
-
-
-
-
-Der Hunderter
-
-
-Ich habe einen sonderbaren Hunderter. Der will nicht aus meiner
-Kasse. So oft ich mich bemühe, ihn zu einem Extrazweck auszugeben, er
-knistert: Nein. Vielleicht kann ihm jemand helfen? Aber dazu muß ich
-seine Geschichte erzählen.
-
-Der Hunderter gehörte früher meiner Tante. Und noch früher der
-Frida. Und noch früher, das weiß ich nicht. Niemand weiß, woher ein
-Hunderter kommt, niemand weiß, wohin er geht. Hunderter sind wie
-Schienenstrangstücke in Untergrundbahnhöfen: Dunkel, kurzes Blitzen,
-wieder Dunkel. Das Blitzen meines Hunderters trug sich so zu: Die Frida
-diente bei meiner Tante. Grundehrlich, stand in ihrem Dienstbuch. Aber
-das steht in vielen. Was in Dienstbüchern steht, ist nicht so wichtig.
-Wichtiger ist, was nicht darin steht. Nicht darin stand, daß sie von
-der stillen Art war. Kein Klappern, kein Geschrei, kaum ein Fragen. Und
-wenn man selber eben fragen wollte: „Frida haben Sie...“ oder „Frida,
-ist schon...“, so war schon immer alles fertig. Leise schwangen ihre
-langen Arme an den breiten Hüften: „Und was jetzt?“ Mit diesem „Und
-was jetzt?“ ging sie durch das Leben.
-
-Meine Tante wußte, was sie an ihr hatte. Aber einmal fehlte ein
-Hunderter. Die Tante hatte ihn in die Schreibtischschublade geschoben,
-als es klingelte. Dabei vergaß sie, den Schlüssel umzudrehen. Dann
-unterschrieb sie auf dem Gang den Einschreibebrief, während die Frida
-den Schreibtisch abstaubte. Erst am Abend erinnerte sich meine Tante an
-den nicht umgedrehten Schlüssel. Der Hunderter war verschwunden.
-
-Drei Tage trug sie’s mit sich ’rum. Das ist länger, als es eine
-Durchschnittshausfrau trägt. Dann ging’s nicht mehr: „Frida, war
-sonst jemand in dem Zimmer, als Sie staubten?“ -- „Nein, gnä’ Frau.“
--- „Frida, aus diesem Kästchen ist ein Hunderter fortgekommen.“ --
-„Jawohl, gnä’ Frau“ -- Fridas Mund. „Und was jetzt?“ Fridas Arme. --
-„Frida, haben Sie den Hunderter genommen?“ -- „Nein, gnä’ Frau,“ Fridas
-Mund. „Und was jetzt?“ Fridas Arme. -- „Frida, den Hunderter kann
-niemand anders genommen haben.“ -- „Jawohl, gnä’ Frau,“ Fridas Mund.
-„Und was jetzt?“ Fridas Arme. „Nur gut, daß Sie’s gestehen, Frida,
-geben Sie ihn her.“ -- „Ich hab’ ihn nicht, gnä’ Frau.“ -- „Also ist er
-schon bei einem Helfershelfer?“
-
-Fridas Arme hörten auf zu schwingen. Jetzt erst hatten sie begriffen.
-Sie weinte. „Gut, ich gebe Ihnen vierundzwanzig Stunden Zeit,“ sagte
-Tante.
-
-Dann am nächsten Tage: „Nun, Frida?“ -- „Ich hab’ ihn nicht, ich
-versteh’s nicht.“ -- „Wär’ mir leid, Frida, wenn ich nach der
-Polizei...“ Die Frida heulte nicht mehr. Der Hunderter war für sie
-erledigt. Nur ihre Arme schwangen: „Und was jetzt?“ -- „Für jetzt
-will ich’s nochmal gut sein lassen, Frida. In acht Tagen ist die
-Osterbeichte. Was Sie mir nicht beichten, können Sie dem Pfarrer sagen.“
-
-Im Beichtstuhl war die Frida fertig. „Und sonst?“ fragte der Pfarrer.
-Die Frida schwieg. „Und der Hunderter, Frida?“ redete der Pfarrer
-gütlich zu. -- „Sehen Sie, Frida, ich mein’s gut mit Ihnen, es
-kommt sonst kein Friede mehr ins Haus, wenn Sie ihr Gewissen nicht
-entlasten.“ -- „Jawohl, Hochwürden.“ -- „Nicht drängen darf ich Sie,
-Sie müssen selber...“
-
-Die Frida war zum zweitenmal im Beichtstuhl fertig und wollte sich
-erheben. „Wie ist es, Frida, wollen Sie mir nicht den Auftrag geben,
-daß es Ihnen Ihre Frau nach und nach vom Lohn abzieht?“ Durch das
-Gitter glaubte er ein Nicken zu erkennen. Aber es waren nur Fridas
-Arme: „Und was jetzt?“ -- „Und jetzt gehen Sie ruhig nach Haus. Ich
-will mich auch persönlich noch für Sie verwenden, daß Sie nicht
-entlassen werden.“
-
-Sie wurde nicht entlassen. Jeden Monat zog ihr die Tante zwei Mark
-am Lohn ab. Und fünfzig Monde sind in vier Jahren glatt vorüber. Vier
-Jahre aber sind nicht allzulang, wenn man mit schlenkernden Armen
-dient: „Und was jetzt?“
-
-Dann starb die Tante. Ich war ihr Erbe. Kurz vor ihrem Ende hat sie
-mir die Geschichte mit Fridas Hunderter vertraut. Wenn sie’s nicht
-getan hätte, ich glaube, wir hätten Frida gebeten, bei uns in Dienst zu
-treten, sie war gar so tüchtig. Aber so... So war’s schon besser, daß
-sie die Arme wo anders schlenkerte, wo man es nicht wußte.
-
-Jahre kamen, Jahre gingen. Arme schlenkerten, wurden müd, und neue Arme
-traten an die Stelle, junge Arme, junge Hände. Solche Hände meines
-jüngsten Sohnes spielten einmal an einer Schreibtischschublade. Es ging
-schwer, er zog und zog... „Jetzt hab ich’s endlich, Vater,“ kam er
-angerannt, „schau, das da war dazwischen.“ Er hielt einen zerknitterten
-Hunderter in der Hand.
-
-Was bin ich gelaufen, was hab’ ich geschrieben -- ich habe sie nicht
-mehr aufgefunden, die Frida. Vielleicht ist sie tot. Vielleicht
-schlenkert sie in einem fernen Dienst die langen Arme: „Und was jetzt?“
-
-Jetzt? Ja, jetzt liegt der Hunderter in meiner Kasse. Es ist ein
-sonderbarer Hunderter. Er will nicht hinaus. So oft ich mich bemühe,
-ihn zu einem Extrazweck hinauszugeben, und wäre es der beste -- mein
-Hunderter knistert: Nein.
-
-Vielleicht kann ihm jemand helfen?
-
-
-
-
-Der Spohrer
-
-
-Als die Schule einen Teil vom Hansi von uns schälte, merkten wir’s erst
-gar nicht. Eines Tages aber schrie es von der Straße: „Miller!“
-
-Mutter rührte ruhig weiter um im Kochtopf. Was ging sie der Miller an?
-
-„Mi--iller!“ schrie es ärger.
-
-Meine Arbeit am Schreibtisch fing ein wenig an zu stocken. ‚Miller?‘
-dachte ich dunkel zwischen zwei Sätzen, ‚der Name kommt mir fast
-bekannt vor -- na, im Grunde: was geht mich ein Miller an?‘ Whupp,
-holte schon die Feder aus zum nächsten Satz.
-
-„Mi--i--i--ille--e--er!“ klirrte jetzt das Fenster neben meinem
-Schreibtisch. Auf damit, den ärgerlichen Kopf hinausgestreckt -- stand
-da ein kleiner, runder Kerl auf der andern Straßenseite, blaurot im
-Gesicht vor lauter Millerrufen und machte eben seine Händchen hohl zu
-einem verstärkten Millergedröhn.
-
-„Willste wohl!“ drohte ich hinab, „was ist denn los?“
-
-„Ich geh zum Schlittenfahr’n -- der Miller soll ’runterkommen mit
-sei’m Schlitt’n!“ brüllte das Kerlchen herauf.
-
-Nein, dieser unverschämte Bengel! Dem sollte ich wohl seinen Boten
-machen, um aus irgendeinem Stockwerk über uns oder unter uns
-irgendeinen Miller --
-
-„Du, Mann,“ sagte hinter meinem Rücken die seltsam bedrängte Stimme
-meiner Frau, die aus der Küche hergekommen war, „du Mann, ich glaube,
-er meint unsern -- unsern Hansi.“
-
-„Unsern -- unsern --?“ stammelte ich verbindungslos.
-
-Der kam plötzlich aus dem Kinderzimmer hereingeschossen.
-
-„Warum habt ihr nicht gesagt, daß mich der Spohrer ruft?!“ sagte er
-gekränkt, holte sich seinen Schlitten und zog mit dem Spohrer ab. Weder
-der Hansi noch der Spohrer warfen einen Blick zurück zum Fenster, wo
-die Mutter noch lange neben dem Vater stand und ihnen nachsah. Nachsah,
-bis der Schlitten und der Hansi und der Spohrer um die letzte Ecke
-bogen.
-
-„Der Miller“, sagte sie langsam und bemühte sich, mich anzulächeln.
-Aber da stürzten ihr die Tränen aus den Augen. Sie fuhr sich an den
-Lenden hinab, als habe sich daran zum erstenmal ein Stück von ihrem
-Hansi abgeblättert.
-
-„Der Spohrer“, gab ich ihr zur Antwort und fuhr mir über die Schläfe,
-als habe sich da was Fremdes angesetzt.
-
-An diesem Morgen hat Mutter noch unzählige bittere Miller in die
-Mittagssuppe eingerührt. An diesem Morgen drängten sich ganze Trupps
-von unverschämten, kugelrunden Spohrern durch die Zeilen meiner Arbeit.
-
-Von da ab wuchs der Spohrer drohend in unsere Familie hinein. Gewisse
-weiche Stellen fingen an sich zu verknorpeln. Der Spohrer selber kam
-nicht mehr. Nur seinen Schatten warf er lang und länger.
-
-„So, und jetzt muß ich zum Spohrer“, erklärte der Hansi immer wieder
-nach dem letzten Mittagessenbissen. Wir hätten’s ihm verbieten können,
-hätten wir uns nicht, hellgesichtig schweigend, eingestanden, daß
-verbotene Liebe üppiger ins Kraut schießt, als erlaubte. So begnügten
-wir uns, den Spohrer still zu hassen. Bis eines Tages Hansi sagte: „Der
-Spohrer ist ein gemeiner Kerl!“ Sofort spürten wir, wie wir dem Spohrer
-gut wurden: Doch ’n ordentlicher Kerl, der uns gab, was uns gehörte.
-Und wir hätten auf ein Haar vergessen, uns beim Hansi zu erkundigen,
-warum der Spohrer plötzlich ein gemeiner Kerl wäre.
-
-„Weil er -- weil er mir seinen Radiergummi nicht geschenkt hat“,
-platzte Hansi heraus.
-
-„Aber Hansi, deshalb ist er doch nicht gemein“, fühlten wir uns
-verpflichtet, für den Spohrer einzutreten.
-
-„Ja, und dann -- und dann ist er auf meine Feder mit dem Fuß
-draufgetreten, der -- der gemeine Kerl!“
-
-„Aber Hansi, das kann Zufall sein und --“
-
-„Und dann -- und dann -- und überhaupt, der Spohrer ist ein gemeiner
-Kerl!“ Der Hansi heulte.
-
-Zu Weihnachten schenkte ihm die Tante Elsa eine besondere Mütze. Nur
-einmal setzte er sie auf. Das zweite Mal weigerte er sich: „Der Spohrer
-lacht mich aus damit“, sagte er.
-
-Der Frühling kam. Das Maifest wurde fällig. Aber es regnete und
-regnete. Der Spohrer sollte mit dem Fuße aufgestampft und gesagt haben:
-„Wenn’s nur grad extra weiterregnen tät!“ Der Hansi war empört. Denn
-nun war es klar, daß an dem Regen nur der Spohrer schuld war, dieser
-ganz gemeine Kerl.
-
-„Der Spohrer hat mir eine ’neing’haut!“ klagte er ein andermal.
-
-„Wirklich, Hansi?“
-
-„Ja -- beinah -- der -- der gemeine Kerl!“
-
-„Beinahe eine ’neingehauen, Hansi?“ beharrte ich, „das sieht fast so
-aus, als ob du ihm schon vorher eine hineinge--“ Aber da war er schon
-aus dem Zimmer, der beinah hineingehauene Hansi.
-
-In der nächsten Woche zögerte er immer bis zur letzten Minute mit dem
-Schulgang.
-
-„Hansi, was hast du?“ forschte die Mutter.
-
-„Der Spohrer paßt mir an der Eck’n auf -- mit’m Stecken -- der -- der
-gemeine Kerl!“
-
-Es wurde immer schlimmer. Unser ganzes Familienleben verspohrerte durch
-den Hansi. Wir lebten in einer fortwährenden Angst dahin, der Spohrer
-hätte -- der Spohrer wäre -- der Spohrer könnte -- der Spohrer würde.
-Nichts Schlimmes gab es auf der Welt, das nicht dem Spohrer zuzutrauen
-gewesen wäre. Der Spohrer lastete auf uns mit Schicksalsschwere.
-Morgens, wenn Hansi erwachte: der Spohrer. Mittags, wenn er von der
-Schule heimkam: der Spohrer. Abends, wenn ihm Mutter am Bettchen seine
-letzte Sorge vor dem Sandmann abnahm: der Spohrer, immer nur der
-Spohrer... Nur ein Trost war da für uns spohrergeschlagene Eltern: von
-dem dunklen Spohrerhintergrunde hob sich hell und strahlend unser Hansi
-ab.
-
-Eines Tages hat man mich wo eingeladen. Es stellt sich mir ein anderer
-Eingeladener vor. „Spohrer“, sagt er und verneigt sich. Mir ist, als
-wenn mich einer mit der Lanze in die Seite stäche.
-
-„Doch nicht ~der~ Spohrer?“ fährt es mir heraus. Und da war es
-wirklich ~dem~ Spohrer sein Vater. Ich hätte es übrigens gleich
-erkennen können, so klein und rundlich, wie er war, dachte ich.
-
-„Ich hätte es übrigens gleich erkennen können, so lang und hager, wie
-Sie sind“, sagte im selben Augenblick der alte Spohrer zu mir.
-
-Und dann erzählte er mir ein langes und ein breites über meinen Hansi.
-„Denken Sie,“ sagte er lächelnd, „mein Söhnchen sagt mir, Ihr Hansi
-behandle ihn ~zu~ schlecht.“
-
-„So, inwiefern denn!?“ sage ich beinahe beleidigt.
-
-„Ja, seinen Bleistift habe er zertreten, sagt er -- dann habe er ihm
-einmal beinah eine ’neingehauen -- und auf dem Schulweg passe er ihm
-auf, der -- der gemeine Kerl!?“ fügte er vergnügt mit der Stimme seines
-Söhnchens bei. Und dann ernster: „Wenn Sie überhaupt jetzt in unsere
-Familie hineinsehen könnten, so hörten Sie nur: Der Miller hat -- der
-Miller ist -- der Miller wird -- mit einem Wort, wir sind vermillert
-auf und ab.“
-
-Wir lachten beide. Und beide stellten wir an diesem Abend lachend
-fest, daß die Krankheit unserer Söhnchen durchaus nicht auf die Schule
-beschränkt sei. Daß auch das Leben von uns Alten dicht durchsetzt von
-Spohrern und von Millern sei.
-
-„Jaja, Herr Spohrer,“ bekannte ich auf dem Heimweg, „solang die Welt
-steht, wird sie auch verspohrert --“
-
-„-- Und vermillert sein,“ fiel er rasch ein, „es gehören immer zwei zu
-einer -- einer stillen Liebe.“
-
-
-
-
-Glück
-
-
-Als ich ein Bub war, ein verstaubter Stadtbub, kriegte Vater einen
-Brief. Er schaute lange auf die Unterschrift: „Der ist von einem alten
-Schulkameraden,“ sagte er, „der Glück gehabt hat -- Herr im Himmel, was
-hat der Glück gehabt -- jetzt ist er Staatsrat und hat einen Parkbesitz
-da draußen vor der Stadt.“ Dann erst las er den Brief. Es war eine
-Einladung auf den nächsten Sonntag.
-
-Aber da gerade hatte Vater Dienst. Und Mutter hatte kein Ausgehkleid,
-das halbwegs staatsratswürdig war. „Und ich?“ sagte ich glitzernd. Da
-sahen sie an mir herab: Ja, mein Anzug wäre noch fast neu, und was das
-Benehmen anbeträfe -- „eben brav sein und bescheiden, wie du’s in der
-Schule sein mußt -- nicht etwa kriechend -- wir sind auch was, wenn wir
-auch kein Staatsrat sind -- du hast da einmal einen Klassenkameraden
-mitgebracht -- Mathias, glaub’ ich -- der trägt den Kopf aufrecht, weiß
-was er will und läßt sich gar nicht extra imponieren -- an dem nimm
-dir ein Beispiel.“
-
-Das war nicht alles. Der Lehren waren noch ein Dutzend mehr. Aber nur
-diese behielt ich. Denn wie ich in den Park des Staatsrats eintrat, war
-auch der Mathias eingeladen. Er stelzte auf mich zu und sagte knapp:
-„Bin hier fast jeden Sonntag -- der Staatsrat ist mein Onkel -- komm.“
-
-Der Staatsrat gab mir die Hand, sagte, es sei schade, daß meine Eltern
-nicht gekommen wären, und nun solle ich vergnügt sein -- „Mathias, nimm
-dich seiner an!“
-
-Das tat er. Er zeigte mir den Park. Da war eine herrliche Schaukel. Ob
-ich schaukeln dürfe? Er zuckte die Mathiasschultern: „Meinethalben,
-wenn dir solche Kinderei noch Spaß macht.“
-
-Sie machte mir über eine halbe Stunde Spaß. Dann kamen wir an einen
-Weiher mit einem entzückenden Boot. Ob ich rudern dürfe? „Meinetwegen,
-wenn dir solche Wasserplantscherei Vergnügen macht“, sagte er mit
-hochgezogenen Mathiasaugenbrauen. Und ich durfte ihn rudern, während er
-gähnte.
-
-Dann war ein zahmes Reh hinter einem Zaun, ein allerliebstes Reh. Ob
-ich’s betrachten dürfe? Er nickte nachlässig mit dem Mathiaskopfe:
-„Meinetwegen, wenn du sonst nichts besseres weißt.“ Und wieder wußte
-ich eine halbe Stunde lang nichts besseres und konnte mich nicht satt
-sehen an den großen Rehaugen und den zarten Bewegungen, während der
-Mathias, mit den Händen in den Hosentaschen, pfeifend um den Zaun ging.
-
-Dann gab es Erdbeeren mit Schlagsahne. Ob er je was besseres
-gegessen hätte, fragte ich begeistert den Mathias. Da riß er langsam
-den Mathiasmund auf und sagte gähnend: „Gott, man kann doch alle
-Schlagsahnen, die man schon verzehrt hat, nicht im Kopfe haben.“
-
-Darauf holte er sich ein dickes Buch und las es, während ich im weichen
-Grase hinter einer blütenüberschneiten Hecke lag und träumte, träumte...
-
-Ich habe es noch lange Jahre später bekannt: das war mein schönster
-Tag. Dann bin ich alt geworden und es versanken nacheinander meine
-Eltern, der Park, der Staatsrat, der Mathias -- nein, den Mathias habe
-ich gestern in einem Wartesaal wiedergetroffen, sehr vornehm, knapp
-vorm Staatsrat, glaube ich. Aber er plauderte sehr gütig mit mir,
-denn bis zu seinem Anschlußzuge hätte sich ihm sonst die Langeweile
-angeschlossen. Als der Gesprächsstoff auszugehen drohte, sagte ich:
-„Weißt du noch, Mathias: der gemeinsame Parknachmittag damals bei
-deinem Onkel, dem Staatsrat --“
-
-„N--ja, erinnere mich dunkel. Aber sprich nur zu, vielleicht daß ich
-mich dann an die Einzelheiten --“
-
-„Ja, da war vor allem die Schaukel -- dann der Weiher mit dem Boot --
-dann hinterm Zaun das Reh -- dann die Erdbeeren mit Schlagsahne --
-schließlich im Grase hinter der Hecke --“
-
-„Ja ja, jetzt weiß ich’s wieder: es war gräßlich, nicht -- ah, eben
-rufen sie den Zug ab -- du entschuldigst --.“
-
-
-
-
-Das blaue Band
-
-
-Wie soll man sich zum blauen Band stellen?
-
-Hm, es kommt darauf an. Es gibt verschiedene blaue Bänder. Da wäre
-zunächst ein blaues Band, das unsere Liebste trug, das unserer
-kinderjungen Liebsten sich um den blonden Haarzopf schleifelte --
-ich weiß noch, wie lustig die seidenblauen Bänderenden in den Wind
-flatterten.
-
-Nein, nicht dieses blaue Band. Ich bitte euch, wer spricht denn heute
-noch von blauen Liebesbändern.
-
-Dann weiß ich noch ein anderes blaues Band, das ist es französisch:
-_Le cordon bleu_, sagen sie hinter den Vogesen und verleihen es
-der Köchin, die am besten kocht.
-
-Das ließe sich schon eher hören, zum mindesten ist es substantieller.
-Aber noch nicht, wie soll ich sagen -- noch nicht aktuell genug. Habt
-ihr denn nie von einem dritten blauen Band gehört, dem blauen Bande,
-das von England ausging, _The blue ribbon_, nach dem ein Hetzen
-ist und Jagen? --
-
-So will ich euch seine Geschichte erzählen, wenn ihr Zeit habt, die
-Geschichte vom blauen Band.
-
-Also dieses blaue Band bekam der Mast auf dem Schiff, das am
-schnellsten durch den Ozean fuhr. _The blue ribbon_ ging von einem
-Schiff zum anderen. Erst waren sie alle englisch, diese Schiffe. Das
-erste war ein Zehnknotenschiff. Zum Lachen -- das haben sie damals
-schnell geheißen. Dann entriß es diesem Schiff ein Dreizehnknoter.
-Darauf mit einem scharfen Sprung ein sechzehnknotiger Ozeanrenner.
-Und beim Siebzehnknotigen, dessen Mast das blaue Band umschlang,
-da war es, daß ein Dichter die Bezeichnung „Windhunde des Meeres“
-prägte. Und reihum weiter wanderte das blaue Band, das vielbegehrte,
-heißumstrittene. Ganze Völker waren an der Jagd beteiligt. Das war eine
-Freude rechts und ein Jammer links, als hinter zwanzig Knoten das blaue
-Band von England über den Kanal nach Deutschland flatterte.
-
-Nun ging erst recht das Jagen an. Herunter glitt das blaue Band vom
-Mast und legte sich beklemmend den Kapitänen auf die Brust: Fahrt zu,
-fahrt zu, heizt die Kessel, bis sie glühen -- das Band, das blaue Band,
-wir müssen’s wieder haben! Was sagt ihr -- der Eisberg? Der Teufel soll
-den Eisberg holen, wenn das blaue Band dahinter schimmert!
-
-Und dann war es, daß das blaue Band pfeilgeschwind durch die
-Schiffsluke hinunterschoß über Treppen und Gestänge, daß es den Heizern
-um die Ohren knallte: Vorwärts, vorwärts, schaufelt ein! Daß es um die
-Kessel schwirrte, bis sie rot vor Zorn erglühten. Daß es im Manometer
-die Dampfdrucksäule schob und zerrte, bis das blaue Band den roten
-Explosionsstrich überdeckte...
-
-Und wenn dann der Kessel barst, und wenn dann der Eisberg einen
-Schiffsleib aufriß, wie man eine Naht auftrennt, so sahen sie den
-Kessel und den Eisberg, nicht das blaue Band.
-
-Und über das vergurgelnde Schiff wehte das blaue Band weiter übern
-Ozean.
-
-Herüber und hinüber flatterte es zwischen den Nationen, ohne Rast und
-Ruh. Und wenn’s des Meeres überdrüssig war, so flog’s aufs Land. So
-tauschte es den Mast mit rauchenden Kaminen: in der Fabrik erstand
-soeben eine neue Schraube, die dem besten Schiffe ein paar neue Knoten
-zulegt; oder es webte blau durchs offene Fenster in ein Erfinderzimmer
-und legte sich um seine hohe Stirne, just im Augenblicke, wo daraus die
-Lösung einer neuen Dampfturbine sprang.
-
-Das blaue Band sah einen langen Weg zurück. Weit um die Erde ging
-der unerbittlich schnurgerade Weg. Meilensteine standen klotzig
-an den Rändern -- fünfundzwanzig Knoten -- sechsundzwanzig Knoten
--- siebenundzwanzig Knoten... Was lag daran, daß da und dort ein
-Meilenstein auch eine Grabinschrift auf seiner anderen Seite trug?
-
-Als ob die Leichensteine nicht an jedem Fortschrittswege stehen müßten!
-
-Und ein Fortschritt war es, als der dreißigknotige Schiffskoloß dem
-blauen Bande seine Reverenz erwies. Als der Fünfunddreißigknotige den
-Golfstrom schnitt, und als das Vierzigknotenschiff mit schwarzem Atem
-den Wendekreis des Krebses heraufkeuchte.
-
-Nun gab’s kein Halten mehr im Rasen. Erfindung auf Erfindung holte sich
-das blaue Band aus den Gehirnen. Wütend, immer wütender peitschte es
-die Meere und die Menschen: fünfzig Knoten, sechzig Knoten, siebzig
-Knoten.
-
-„Und ich gebe eher keine Ruh,“ sagte Mister Hobbledihoi, „als bis mein
-‚Thunderer‘ fünfhundert Kilometer in der Stunde macht.“
-
-Und Mister Hobbledihoi war der Mann, das durchzusetzen. Und eines Tages
-fauchte sein „Thunderer“ wie ein Geschoß übers Meer. Am Bug, das blaue
-Band, es ringelte sich vor Freude und schrieb die Zahl 500 in die
-zerschnittenen Lüfte.
-
-Fünfhundert Kilometer in der Stunde waren überschritten.
-
-„Und ich gebe eher keine Ruhe,“ sagte Brinkmann, der Schiffsmagnat,
-„bis mein ‚Blitzstrahl‘ die drei Nullen mit dem Einser vorne aus den
-Wassern holt.“
-
-Und Herr Brinkmann war der Mann, das wahrzumachen. Ein Heer von
-Ingenieuren hetzte er mit Geld und Ehren. Ein Volk verfieberte er
-zu wütender Begeisterung. Ein Kohlenbergwerk warf er in sein Schiff
-und zwang es zu den tausend Kilometern in der Stunde. Das war in
-einer Nacht, als an Bord die tausend Lichter glänzten. Im Luftschiff
-drüber sahen es die Leute. Und es war ihnen, als blitzte eine riesige
-Sternschnuppe durch den Weltenraum.
-
-Auf der Kommandobrücke stand der Schiffsherr Brinkmann neben
-seinem Kapitän. Der Kapitän las beim Scheine einer Glühlampe den
-Geschwindigkeitsmesser ab und legte salutierend seine Hand an die Mütze.
-
-„Ich gratuliere, Herr Brinkmann,“ sagte er, „der Zeiger hat die Tausend
-überschritten. Darf ich es der Welt verkünden?“
-
-Brinkmann nickte. Es war ein eisernes Nicken.
-
-Und als jetzt der Kapitän auf einen Knopf drückte, zerriß ein
-ungeheurer Pfiff die Lüfte. Der sollte es der Menschheit sagen, daß
-eine Riesentat vollbracht war. Eine Tat, die dieser Eisenmensch auf der
-Brücke in die Welt warf.
-
-Der?
-
-Ein blaues Band kam auf den Schwingen jenes Pfiffes herangeflattert:
-
-„Mir galt der Pfiff,“ raschelte das Band, „ich danke...“ Und dann
-ergriff es von dem Schiff Besitz. Und geruhig sah es, wie im nächsten
-Hafen unter ihm die Kränze und die Sträuße sich zu Bergen häuften, wie
-die Weihereden stiegen, wie die verstolzte Menschheit sich vor Hochmut
-in die Brust warf...
-
-Und noch während dem Gerede drunten schaute das blaue Band am Mast nach
-neuen Siegen aus.
-
-Die kamen. Die stampften gleichmütig über den Schiffskoloß und seinen
-Herrn. Das war an jenem Tage, als Mister Hobbledihoi die bis dahin
-allgewaltige Kohle aus seinem neuen Schiffe „Zeitlos“ warf und die
-elektrischen Ströme, die verschwiegen die Erde umkreisten, zwang,
-seinen „Zeitlos“ um die Erde zu jagen. Das war, als Mister Hobbledihois
-„Zeitlos“ beim Sonnenaufgang von Europa fortschoß gegen Westen.
-Das war, als fünfzehnhundert Kilometer in der Stunde überschritten
-wurden. Das Wasser kochte vorn am Bug, der die Längengrade in sich
-hineinfraß. Das Wasser kochte hinten am Kiel, wo die Schrauben
-wahnsinnig geworden waren. Weit und breit kein kleinstes Fischlein
-in der Wasserwüste -- sie waren vor dem Donnergang des „Zeitlos“ jäh
-geflohen. Die schnellsten Vögel riß der Luftwirbel aus ihrem Reich,
-ihre plattgedrückten Leiber klebten vorn am Buge.
-
-„Mister Hobbledihoi,“ sagte der Kapitän, „Brinkmann ist geschlagen.“
-
-„Ich weiß es und ich ehre ihn, denn ich stehe auf seinen Schultern.“
-
-In diesem Augenblicke kam der König auf die Brücke. Und es war der
-König, welcher sich verneigte vor dem Schiffsherrn und ihm eigenhändig
-ein blaues Band ins Knopfloch seines Rockes schlang. Nein, schlingen
-wollte. Denn ein Windstoß kam und riß es in die Lüfte.
-
-„Wenn wir am Land sind, habe ich ein anderes,“ sagte der König: „nur
-eine Frage hätte ich.“
-
-„Bitte, Majestät.“
-
-„Warum heißen Sie Ihr Schiff denn ‚Zeitlos‘?“
-
-Der Schiffsherr wies stumm nach der noch immer aufgehenden Sonne, die
-seit geraumer Zeit nicht um einen Zoll höher gegangen war am Horizonte.
-
-Der König verstand nicht gleich.
-
-„Das bedeutet?“ wandte er sich fragend an den Kapitän.
-
-„Das bedeutet,“ sagte dieser, „daß unser Schiff sich mit der gleichen
-Geschwindigkeit von Osten nach Westen bewegt, als sich die Erde in der
-umgekehrten Richtung um sich selbst bewegt, Majestät!“
-
-„Und somit,“ ergänzte der Schiffsherr ruhig, „somit kann es auf unserm
-Schiff nicht -- nicht später werden, solange wir nach Westen fahren.“
-
-„Und auf unserm Schiff wird es immer Sonnenaufgang sein“, sagte der
-Kapitän.
-
-Lange schwieg der König. Dann sagte er:
-
-„Ich hatte einen Vorfahren, der von sich sagen konnte, in seinem Reiche
-ginge nie die Sonne unter. Ihr habt sein Reich zusammenschnurren lassen
-auf ein stampfendes Schiff. Auch auf eurem Schiffe geht die Sonne
-nicht mehr unter. Meines Vorfahrens Reich -- und euer Schiff -- meine
-Herren, mich dünkt, wir könnten uns die Hände reichen...“
-
- * * * * *
-
-Hier brach der Erzähler ab.
-
-Der zu seinen Füßen saß und horchte, sagte traumverloren:
-
-„Aber dann würden ja die Menschen auf diesem Schiffe auch nicht --
-nicht älter werden können?“
-
-Der Erzähler lächelte:
-
-Der Ruhm des „Zeitlos“ hallte über die Erde. Die Menschen rissen sich
-um einen Platz in den Kajüten.
-
-„Man altert nicht auf diesem Schiffe“, riefen sie, „die Uhr des Lebens
-kann nicht einen Pendelschlag auf diesem Schiff tun. Auf seinen Planken
-hat die Zeit die Macht verloren, nicht eine Runzel kann sie neu auf
-unserem Gesichte ziehen.“
-
-Um solches zu erlangen, war ihnen nichts zu teuer. Und
-die Schiffswerften der Erde bauten Tag und Nacht an neuen
-„Zeitlos“-Schiffen.
-
-Und in den Häfen drängten sich die Menschen:
-
-Wir wollen zeitlos werden, zeitlos! schrien sie und stürmten auf die
-Schiffe...
-
-Aber da war es, daß eine neue Nachricht die aufgescheuchte Welt
-durchzitterte:
-
-Brinkmann, der Besiegte, hatte sich erhoben. Brinkmann, der Besiegte,
-hatte ein neues Schiff gebaut. Das hieß er „Die Vergangenheit“. Warum
-denn „Die Vergangenheit“? Die Antwort spielte der Telegraph um die Erde:
-
-Das neue Schiff läuft schneller als der „Zeitlos“, also schneller auch
-als sich die Erde um sich selbst bewegt. Mithin...
-
-Die zum ersten Male auf der „Vergangenheit“ fuhren, konnten sich
-vor Staunen gar nicht fassen: eben, bei der Abfahrt, war die Sonne
-im Westen in das Meer gesunken. Los schnellte das Schiff vom alten
-Kontinent, wie vom Himmelsbogen ein Pfeil, den der Allmächtige in den
-Weltenraum hinausschießt. Und, o Wunder, da sah man die untergegangene
-Sonne wieder zurückgehen, wieder aus dem Meere aufwärtstauchen, wieder
-zu einem neuen Nachmittage, nein, einem schon vergangenen Nachmittage
-rückwärtswandern...
-
-Die Menschen auf dem Schiffe wurden nicht älter. Die Menschen auf dem
-Schiffe blieben auch nicht stehen in der Zeit.
-
-„Wir werden jünger -- jünger -- jünger!“ riefen sie in überquellender
-Begeisterung.
-
-„Wir wandern in unsere eigene Vergangenheit hinein!“ schrien sie.
-
-Und so war es.
-
-Die Menschheit, die nicht sterben wollte, flüchtete sich auf das letzte
-Riesenschiff, auf „Die Vergangenheit“. Kaum, daß sie abgestoßen waren
-vom Gestade der Gegenwart, schwenkten sie die Hüte, schwenkten sie die
-Tücher:
-
-„Wir fahren in unser Jugendland, in unser Jugendland zurück!“
-
-Das war ein sonderbares Rückwärtstauchen in die Vergangenheit.
-
-Da hatte man eben zärtlich Abschied genommen von den Seinen, als man
-über die Schiffstreppe heraufstieg. Und gleich darauf durchlebte man
-die Abschiedszärtlichkeit von neuem.
-
-Da hatte man ein großes Glück genossen vor der Reise. Und gleich darauf
-wiederholte sich zwangsläufig alles Glücksgefühl von rückwärts.
-
-„Wie ist mir denn?“ sagten die Passagiere der „Vergangenheit“, „hatte
-ich diesen Gedanken nicht schon früher einmal gefaßt?“
-
-Und die, welche weiße Haare im Vollbart hatten, sahen mit Erstaunen das
-vergangene Schwarz von neuem aus den Spitzen in die Höhe gehen und das
-vertriebene Weiß verkroch sich in die Wurzeln.
-
-Und was das Sonderbarste war! Sie erlebten jetzt die Wirkung vor der
-Ursache.
-
-Eines Jungen Wangen fingen rot zu brennen an. „Uh,“ heulte er, „uh“,
-und hielt sich die Backe. Und danach erst bekam er von seinem Vater
-die Ohrfeige, und wieder danach beging er jenen Streich, für den die
-Ohrfeige vermeint war. Alles war jetzt umgekehrt wie früher.
-
-Erst kam die Sättigung, und wenn man trotzdem aß, so stellte sich der
-Appetit am Schlusse ein. Man gab sich einen Kuß und fragte danach erst,
-ob man sich einen geben dürfte. Man legte sich des Morgens ausgeruht
-ins Bett und schlief sich müd zum Abend vor, stand auf und fing die
-Arbeit an und wurde munter, immer munterer. Man machte die Entdeckung,
-daß man mit einer Arbeit fertig war, und war im Handumdrehen erst am
-Anfang, wo man an dem Federhalter kaute...
-
-Wieder stand Brinkmann neben dem Kapitän auf der Schiffsbrücke.
-
-„Es ist sonderbar,“ sagte der Kapitän, „ich habe darüber nachgedacht
-und finde, daß jetzt die Welt gerade infolge des rasenden Fortschritts
-rückwärts geht.“
-
-„Ich denke, wir treiben hier keine Philosophie, Kapitän“, sagte
-Brinkmann, der Eisenmann.
-
-„Nein,“ sagte der Kapitän, „wir treiben Schnelligkeit, und wir selber
-treiben mitten in der Schnelligkeit, ein wenig hilflos, will mir
-schei--“
-
-Es knitterte vom Mast. Ein Funkspruch wurde überbracht. Brinkmann las.
-
-„Rasch, Kapitän,“ sagte er, „steuern Sie sofort zum Pol. Ich erhalte
-hier eine sonderbare Nachricht von meinem alten Feind, dem Mister
-Hobbledihoi -- ich muß sehen, ob das wahr ist...“
-
-Und dann flog die „Vergangenheit“ zum Pol.
-
-Der war auf einer Insel. Dort hielt die „Vergangenheit“. Brinkmann und
-der Kapitän nahmen ihre Fernrohre an die Augen.
-
-„Sehen Sie ihn, Kapitän?“
-
-„Ja, ich sehe Mister Hobbledihoi haarscharf auf der Erdachse sitzen.“
-
-„Auf einem Stuhle, glaub’ ich?“
-
-„Ja, ein Klavierstuhl, der sich ohne Ende dreht. Wie rasend dreht sich
-der Mensch um die Polachse, warten Sie, von -- von Ost nach West --“
-
-Da tat Brinkmann, der Eisenmann, einen fürchterlichen Fluch.
-
-„Kapitän, Kapitän, nun hat uns dieser dennoch überwunden!“ schrie er.
-
-„Wieso?“
-
-„Zum Teufel, verstehen Sie denn nicht: so oft sich dieser Mensch auf
-dem Klavierstuhl herumgedreht hat, so oft sich seine Beine einmal um
-die Polachse geschlenkert haben, hat er dasselbe getan, dasselbe, was
-wir --“
-
-„Was wir in einer Erdumschiffung taten -- in der Tat, das hat er, und
-bei jeder Drehung wird er in viel, viel kürzerer Zeit um einen Tag
-jünger, als wir es auf unserer ‚Vergangenheit‘ jemals werden können.“
-
-Und dann sahen sie mit ihrem Fernglas, wie der Mann sich auf dem
-Klavierstuhl schneller drehte, immer schneller.
-
-„Weiß Gott,“ schrie Brinkmann, „jetzt ist er gut um dreißig Jahr
-jünger, als ich ihn das letzte Mal sah.“
-
-„Nein, um vierzig“, sagte der Kapitän.
-
-„Ein Junge ist er jetzt, ein Junge!“
-
-„Wahrhaftig, nicht mal mehr ’n Bart.“
-
-„In den Windeln liegt er, in den Windeln!“
-
- * * * * *
-
-„Und jetzt, Kapitän, was sehen Sie jetzt?“
-
-„Jetzt sehe ich gar nichts mehr.“
-
-„Das ist doch nicht möglich -- schauen Sie schärfer!“
-
-„Keine Täuschung -- leer ist der Klavierstuhl, rattekahl leer.“
-
-„Kreuzteufel, wie erklären Sie das, Kapitän?“
-
-„Wie ich mir das erkläre? Ei ganz einfach -- der Mann hat sich durch
-die Schnelligkeit über seine eigene Geburt hinausgelebt -- weg ist er
--- nicht mehr wiederkommen tut er.“
-
-„Aber wenn wir ausstiegen, Kapitän -- wenn wir den Klavierstuhl in der
-anderen Richtung drehten?“
-
-„Was futsch ist, das ist futsch und wird nicht mehr lebendig.“
-
-„Kapitän, drehen Sie um -- wir fahren heim.“
-
-„Mit welcher Geschwindigkeit?“
-
-„Mit -- mit einer -- vernünftigen.“
-
-„Vielleicht fünfzig Kilometer über Erdachsengeschwindigkeit?“
-
-„Zum Teufel mit der Übererdgeschwindigkeit -- wir fahren einfach
-fünfzig Kilometer in der Stunde.“
-
-„Sehr wohl.“
-
-Brinkmann wollte gehen. Da löste sich vom Mast ein blaues Band, ein
-blaues Schleifchen. In zierlichen Spiralen schaukelte es dem Kapitän zu
-Füßen. Der hob es auf.
-
-„Meister,“ rief er Brinkmann nach, „Meister, das blaue Band ist vom
-Mast gefallen -- was soll ich tun damit -- soll ich’s wieder --?“
-
-Der eiserne Brinkmann drehte sich um:
-
-„Das blaue Band“, sagte er langsam. „-- Sie haben ein junges Mädel zu
-Hause, nicht wahr, Herr Kapitän?“
-
-„Ja, allerdings.“
-
-„Dem flechten Sie’s ins Haar, Kapitän...“
-
-
-
-
-Die Rundfrage
-
-
-In der Redaktion war es schwül. Der Verleger hatte angeklingelt:
-täglich der alte Schnee im Blatt, ob das eine Leistung sei -- hopla,
-meine Herren, mal ’nen Bauchaufschwung, Rundfrage oder so was, aber fix
-und or’j’nell, wenn ich bitten darf...
-
-Die Redaktion stützte den Kopf in die Hand: Rundfrage? Als ob die
-andern Blätter nicht schon alles Denk- und Undenkbare rundgefragt
-hätten vom Säugling bis zum Sarg! Hm, ob vielleicht jenseits des
-Säuglings unabgegrastes Rundfragsland sich dehnte? Etwa: „Wie denken
-Sie über vorgeburtliche Erziehung?“
-
-Die Redaktion schlug im Konkurrenzregister nach. Richtig:
-„Aufsehenerregende Umfrage über Vorgeburtserziehung durch die Redaktion
-der ‚Morgenröte‘.“ Diese „Morgenröte“ schnappte aber auch schon alles
-weg!
-
-Dann vielleicht jenseits des Sarges? Etwa: „Wie denken Sie über ein
-Fortleben der Seele nach dem Tode?“ Wenn man nur gleich wüßte, ob man’s
-im Register unter _F_, _S_ oder _T_ zu kontrollieren hatte. Ha, da
-stand es: „Rundfrage über die Unsterblichkeit“, veranstaltet von der
-„Abendröte“, von der „Mittagsröte“, von der „Nachmittagsröte“, von der
-„Five-o’clocks-tea-Vorabend-Röte“. Alles dagewesen --
-
-Ha, da kam ihm ein Gedanke:
-
-„Herr Kollege, was sagen Sie zu der or’j’nellen Idee einer Umfrage über
-‚Wie denken Sie über Umfragen?‘“
-
-„Mensch, lesen Sie denn nicht die Konkurrenz? ‚Umfrage über Umfragen‘,
-letzte Woche veranstaltet von der Vormittagsröte --“
-
-„Na, denen können wir nicht nachklappen. Aber was ganz Apartes: ‚Wie
-denken Sie über Rundfragen über Rundfragen über Rundfragen?‘ -- he,
-Kollege?“
-
-„Sie sollten ein halbes Stündchen an die frische Luft gehn, Kollege. --
-Aber wir wollen mal die Setzerlehrlinge befragen -- die sind nicht so
-ausgekocht.“
-
-Die Setzerlehrlinge machten es wie die Redaktion und stützten ihr
-Haupt in die Hand. -- „Na, Heinrich, haste dir noch nie Gedanken über
-irgendwas Merkwürdiges gemacht?“
-
-„Wenn ick uff’m Randstein langjehe, muß ick’s immer mit de Fieße so
-inrichten, dat ick nich uff ’ne Fuge komme; warum mag det woll so sind?“
-
-Noch am gleichen Tage knatterte die Setzmaschine den Umfragbogen in den
-Schmelztiegel, der sie an die Druckerschwärze weitergab:
-
- Randstein-Fugen-Tritt-Vermeidungs-Umfrage.
-
- I. Haben Sie in Ihrer Jugend vermieden, auf Randsteinfugen zu
- treten?
-
- _a_) wenn ja, 1. warum? 2. mit welchem Erfolg?
-
- _b_) wenn nein, hat sich diese Neigung 1. später eingestellt?
- 2. in welchem Alter? 3. mit welchen Begleiterscheinungen? normal?
- abnorm?
-
-In der Ersten-Frühstücks-Ausgabe der Zweiten-Frühstücks-Röte erschien
-der Umfragbogen. Dann begann der zweite Umfragsauftakt, das Verschicken
-an sämtliche hervorragende Leute an der Hand eines gleichlautenden
-Begleitbriefes:
-
- Hochverehrter Herr und Meister!
-
- Aus der Fülle des uns täglich zuströmenden psychologischen
- Materials hat eine eigenartige Menschheitsfrage immer dringlicher
- ihr Rätselhaupt erhoben, eine Frage, die, so unscheinbar sie
- erscheint, vielleicht in ihrer gründlichen Beantwortung dennoch
- geeignet ist, unabsehbares Licht in dunkle Seelentiefen zu werfen.
- Indem wir Ihnen die restlose Zergliederung dieser Frage in dem
- beiliegenden Fragebogen unterbreiten, sind wir uns bewußt, daß vor
- allem Ihr umfassendes Wissen und durchdringender Geist, verehrter
- Herr und Meister, geeignet erscheint usw.
-
- Wir werden das Ergebnis der Rundfrage systematisch aufarbeiten
- und veröffentlichen, ebenso wie wir nicht verfehlen werden, die
- auf Grund einer Separatumfrage innerhalb des Schoßes unserer
- Redaktion sich ergebende beste Antwort mit einem Freibezug unserer
- „Zweiten-Frühstücks-Röte“ für ein ganzes Jahr auszuzeichnen...
-
-Für die führenden Köpfe des Landes begann eine nachdenkliche Zeit.
-Denn das verstand sich, daß sie ihre laufenden Arbeiten sofort
-zugunsten dieser Umfrage zu unterbrechen hatten. In einem raschen
-Hochschwall begannen alsdann die Umfragantworten einzulaufen. Sie
-wurden zunächst ohne Zusatz in der Reihenfolge ihres Einlaufs in der
-„Zweiten-Frühstücks-Röte“ veröffentlicht.
-
-Professor Schmalzbrunner war der erste, der sich so vernehmen
-ließ: „In umgehender Umfragserledigung und umseitiger Überreichung
-des ausgefüllten Umfragbogens erlaube ich mir, die Redaktion der
-‚Zweiten-Frühstücks-Röte‘ zu der lichtvollen Erfassung des Zeitgeistes
-an der Stirnlocke um so mehr zu beglückwünschen, als ich selbst schon
-lange die Absicht hatte, der nunmehr auch von Ihnen angeschnittenen
-psychologischen Frage eine gründliche Untersuchung angedeihen zu
-lassen, auf welchen Umstand ich Sie bitte, in Ihrem redaktionellen
-Teile aus Gründen des geistigen Erstgeburtsrechts ausdrücklich
-hinzuweisen...“
-
-Geheimrat Nasenschaber schrieb: „Vor Ausfüllung des Umfragbogens
-bitte ich um gefällige Mitteilung, ob sich etwa auch Geheimrat
-Hinthinlang an der Umfrage beteiligen wird, in welchem Falle ich unter
-Berücksichtigung der minderwertigen Qualitäten dieses Herrn leider
-nicht in der Lage wäre, auch nur vorübergehend unter dem gemeinsamen
-geistigen Dache einer Umfrage meine gemessene Zeit zuzubringen.
-Im übrigen habe ich gegen eine öffentliche Notiznahme von meinem
-Vorbehalt, den ich meinem Rufe schuldig bin, nichts einzuwenden usw.“
-
-Professor Doktor Spalthaar teilte mit: „Ich beantrage die Absendung
-eines Vorfragebogens behufs Feststellung des Materials, aus welchem
-besagte Randsteine in jedem einzelnen Falle angefertigt waren, da es
-nicht unwahrscheinlich ist, daß je nach der granitenen, zementenen,
-kalkigen oder kunststeinigen Beschaffenheit derselben die ursächliche
-Festlegung der Fugenvermeidung des schreitenden Fußes, dessen
-Beschuhungsart aus Leder, Holz, Filz oder Stroh, beziehungsweise seine
-Unbeschuhung in Parallelkoinzidenz mit dem Material des Randsteins...“
-
-Sogar General a. D. Festruff, der alte Haudegen, meldete sich, leider
-in einer Form, die der öffentlichen Wiedergabe Beschränkung auferlegte:
-„Warum man beim Gehen auf dem Randstein und so weiter und so weiter.
-Ist mir wurscht. Hochachtungsvoll Festruff, General a. D.“
-
-Die knappste Antwort erfolgte auf die Anfrage an Professor
-Schrankelmaier: „Adressat seit zwanzig Jahren verstorben. Schwienecke,
-Briefträger.“
-
-Als konzentriertes Resultat der Umfrage ergab sich: 31 v. Hundert
-der Befragten erklären das Überschreiten der Randsteinfuge
-als einen körperlichen Zwangsreflex, 27 vom Hundert als eine
-seelische Reizhandlung, während die restlichen 42 vom Hundert einer
-psycho-physischen Mischung den Vorzug gaben. Genaueres ergab sich nicht.
-
-Blieb am Ende noch die offene Frage nach der besten Antwort mit dem
-Freibezug der „Zweiten-Frühstücks-Röte“ als Preis dafür. Im Schoß der
-Redaktion ergab sich keine Einigkeit. Schlug einer einen vor: „Gewiß,
-soweit ganz nett,“ erklärten alle andern, „aber doch nicht or’j’nell
-genug.“ Also erweiterte man den Wettbewerb: auch Nichtbefragte durften
-ihre Meinung sagen.
-
-Wieder gab es eine Unzahl Lösungen. Der Redaktionsschoß lag und hörte,
-nickte und bekannte: „Na ja, aber or’j’nell?“ „Nee, grad so oder doch
-so ähnlich haben wir’s schon irgendwo gelesen.“
-
-Die Zeit verrann. Einer mußte schließlich doch bepreist sein. Man
-war verlegen. Man ließ, wie immer, wenn ein Krach in Aussicht stand
-und im Zusammenhang damit ein Blitzableiter nötig werden konnte, die
-Setzerjungen kommen.
-
-„Na, Jungens, was empfindet ihr beim Überschreiten einer
-Randsteinfuge?“ Die Jungen schwiegen. „Nu, der von euch, der auf die
-Preisaufgabe kam, der wird doch was empfinden?“ -- „Jawoll, Herr
-Doktor.“ -- „Na?“ -- „Nischt, Herr Doktor.“ -- „Nanu?“ -- „Weil ’n
-verninft’jer Mensch prinz’b’jell immer nur direktemang uff die Fuge
-stapft.“
-
-Die Redaktion war baff. Die Redaktion erklärte einstimmig: „Blödsinnig,
-wahnsinnig, blödsinnig, -- aber or’j’nell.“
-
-Und so sprach man dem Umfragsetzerjungen auch den Umfragpreis zu.
-Leider hat er ihn abgelehnt: „Gott behiete mir,“ sagte er, „det langt
-zu, dat ick an dem Mist für det Wurstblatt mitsetze -- nu’ soll ick’t
-ooch noch lesen? Is nich.“
-
-
-
-
-Das Kugelzimmer
-
-
-Der Bomhard war sonst nie, was man ein verrücktes Huhn nennt. Aber da
-erbte er. Massig.
-
-„Kinder,“ sagte er, „ich habe eine Idee.“
-
-„Ah, eine Idee, und die wäre, lieber Bomhard?“ Ideen eines Erben sind
-ja stets beachtenswert.
-
-„Unsere Zimmer sind alle falsch gebaut, ist euch das noch nie
-aufgefallen?“
-
-„Gewiß -- natürlich -- grundfalsch sogar -- das heißt -- zu klein,
-nicht wahr?“
-
-„Nee, zu eckig.“
-
-„Eckig? hm, allerdings, man könnte sie ’n bißchen weniger eckig --
-sozusagen ein wenig rund --“
-
-„Nee, ganz rund, eine Kugel ist das beste.“
-
-Hätte Bomhard nicht geerbt gehabt, „Kugel?“ hätten wir ihm ins Gesicht
-gelacht, „das ist ja zum Kugeln!“ So aber: „Kugel? das ist ja -- ist
-ja sehr interessant. Lieber Bomhard, möchtest du uns diese ebenso
-originelle als -- als -- na ja, du weißt schon -- nicht ein wenig näher
---“
-
-Im Telegrammstil, aber immerhin leutselig, schmiß er die Begründung
-hin: „Erde rund -- Himmelskörper rund -- Köpfe rund -- Stämme rund
-Früchte rund -- alles Vernünftige rund -- man sollte meinen, Menschen
-hätten von Anfang an nur runde Zimmer -- anstatt dessen -- alles eckig
--- toll -- einfach toll --“
-
-„Ja der Tat, wenn man bedenkt, wie oft man sich an Ecken stößt --“
-
-„Nicht nur das -- da ist auch die Ästhetik -- gibt es etwas
-Vollkommeneres als eine Kugel?“
-
-„Es käme drauf an, was in der Kugel drinnen ist“, wagte ich.
-
-„Vier drittel r hoch drei pi ist drin, das weiß ja jeder Schulbub, und
-die Raumausnützung im Verhältnis zur Wandfläche ist zweimal größer als
-beim Würfel, Mensch, was meinst du, wie sich in solchem Kugelzimmer
-atmen läßt!“ Er schnaufte plastisch.
-
-„In einem Zimmer ist nicht nur Luft drin,“ beharrte ich, „da sind auch
-Möbel. Wie willst du an den Kugelwänden ein Bild, einen Schrank, ein
-Bett, ein Nachtkästchen --“
-
-„Blödsinnig einfach!“ sagte Bomhard hitzig, „man baut Kugelbilder,
-Kugelschränke, Kugelbetten, Kugelnachtkästchen, Kugel--“
-
-„Schön, aber den Zimmerboden wenigstens mußt du doch eben und gerade --“
-
-„Fällt mir gar nicht ein, Kugel, alles Kugel --“
-
-„Und wenn diese Möbel nun ins Rutschen kommen?“
-
-„Dummes Zeug, werden angenagelt!“
-
-„Und die Kugelstühle, Kugeltische, Kugelschemel, Kugelkohlenkübel?“
-
-„Werden _dito_ angenagelt!“
-
-Hätte Bomhard nicht geerbt gehabt, weiß Gott, ich hätte mir den Witz,
-daß ein vernageltes Kugelzimmer auf den _dito_ vernagelten
-Besitzer schließen lasse, nicht verkneifen können. So beschränkte
-ich mich auf: „Und die vielen kleinen Sachen, wie Schirme, Stöcke,
-Federhalter, Bleistifte --?“
-
-„-- haben nach dem Gravitationsgesetz dauernd das Bestreben, nach dem
-tiefsten Kugelzimmerpunkt zu rutschen“, sagte er vergnügt.
-
-„Aber ist das nicht -- nicht unpraktisch?“
-
-„Im Gegenteil, eminent praktisch! Bedenkt doch den Ärger, wenn in
-den Würfelzimmern was verloren ging, sagen wir mal, eine Brille,
-eine Haarnadel, ein Notizbuch, ein Schlips, ein Metermaßstab, ein
-Geldschein, ein Pantoffel, ein --“
-
-„Jaja,“ nickten wir in Erinnerung, „elende Sucherei --“
-
-„Na, seht ihr, so was ist in meinem Kugelzimmer ausgeschlossen.
-Mein Kugelzimmer verliert nichts. Mein Kugelzimmer präsentiert von
-selber jede ausgekniffene Brille, jeden verlorenen Bleistift, jeden
-verschlampten Pantoffel im Kugeltiefpunkt der Zimmermitte: bitte,
-bedienen Sie sich.“
-
-„Großartig,“ sagte einer augenzwinkernd, „großartig, bis auf eines.“
-
-„Bitte?“ sagte der Kugelzimmererfinder feindselig.
-
-„Wie willst du mit den von Mutter Natur nun einmal platt konstruierten
-Füßen --“
-
-„Falsch, grundfalsch! von Natur aus hätten wir nur Kugelfüße. Aber
-die seit Jahrtausenden platten Würfelzimmer haben auch die Füße platt
-gedrückt. Meine Kugelzimmer werden sie mit der Zeit schon wieder
-sphärisch biegen. Und bis dahin kann man sich ja mit entsprechend
-konstruierten Kugelstiefeln behelfen.“
-
-„Famos,“ sagte der Zwinkerer, „ganz famos, alle Einwände räumt er
-weg. Seine Kugelzimmer sind theoretisch einwandfrei. Freilich, ob er
-praktisch einen Kugelarchitekten findet, der --“
-
-„Schon gefunden. Hier der Aufriß. Da der Grundriß, bitte.“ Er
-entfaltete Blätter, auf welchen lauter Kreise Kegel schoben. Der
-Zwinkerer schien sie eifrig zu studieren.
-
-„In der Tat -- in der Tat -- schlechterdings vollkommen bis auf -- bis
-auf die Zwickel.“
-
-Bomhard wurde unsicher. „Welche Zwickel?“ stotterte er.
-
-„Nun, diese Hohlräume zwischen den aneinander liegenden Kugelzimmern
-sind doch unnütz, platterdings unnütz.“
-
-Bomhard erbleichte: „Allerdings -- allerdings -- ich werde darüber
-nachdenken -- ich werde sie wegkonstruieren oder sonst eine Lösung --
-eine praktische Lösung...“ Er ging verstört.
-
-„Mensch!“ berannten wir den Zwinkerer, „du hast kein Herz, kein
-Kugelherz. Du hättest ihm mit seinem Kugelwahne ruhig glücklich werden
-lassen sollen, wo er doch die Gelder dazu hat.“
-
-„Seh ich nicht ein, da wir mit unsern Wahngebilden auch nicht glücklich
-werden dürfen.“
-
-„Erlaube mal, wir haben keine Wahngebilde --“
-
-„Allerdings,“ sagte er sarkastisch, „solange wir nicht erben, müssen
-wir sie schlafen lassen, müssen wir sie zurückstopfen, verstecken in
-den Hohl--“ Er brach ab.
-
-„Warum schweigst du?“
-
-„Weil ich sonst die Lösung, die Bomhard sucht, vergeblich suchen wird,
-verraten hätte.“
-
-Recht bekam er. Bomhard fand die Lösung nicht. Er hat eine Unmenge
-vergnüglich lächelnder Architekten mit einer Unmenge Geld versorgt.
-Probekugelzimmer standen auf und rollten durch das Land. Wie sie aber
-standen und die zweite Kugelzimmerzelle an der ersten sich zum Hausbau
-fügen sollte, ließ er sie des Zwickels wegen gleich erschlagen. Er
-selber konstruierte unzählige Kreise auf unzähligen Bögen. Aber die
-Zwickel dazwischen, die nutzlosen Hohlräume grinsten immer spitzer und
-verbogner: „He, und wir? was willst du aus uns machen, he?“
-
-Vergrämt hat er sich angeschickt zu sterben. Der Zwinkernde ist an
-seinem Bett gesessen. „Man hat mir mitgeteilt,“ sagte Bomhard schwach,
-„daß du eine Lösung wüßtest, um die Hohlraumzwickel --“
-
-„Ist noch Geld da?“
-
-„Leider nicht, alles verzwickelt.“
-
-„Gut,“ murmelte der Zwinkerer befriedigt, „dann können anderer Menschen
-Hirnhohlräume nicht mehr vom Erbrest angestopft werden.“ Laut aber
-sagte er: „Die alte Wäsche von den Kugelzimmern hätte man in den
-Zwickeln ganz bequem --“
-
-„Gott,“ stammelte der Sterbende, „daß ich daran nicht gedacht -- wer
-denkt auch, wenn er erbt, an seine alte Wäsche!“ Und sein letztes Wort
-war in Verklärung: „Also doch vollkommen!“
-
-
-
-
-Schmuckel
-
-
-Der Schmuckel war immer ein heller Kopf gewesen. Schon in der Schule
-sagte der Herr Lehrer zu den anderen Schülern: „Den Schmuckel seht
-euch an, so fix wie der im Rechnen sollten alle werden.“ Aber nicht
-nur im Rechnen war es so. So einen deutschen Aufsatz schmiß er aus dem
-Handgelenk ins Heft, daß es nur so schnackelte. Von der Geographie gar
-nicht zu reden, wo die Nebenflüsse links und rechts des Rheins förmlich
-aufeinander schnalzten. Heißt das, wenn der Schmuckel sie aufsagte. Bei
-den andern schob sich zwischen der Kinzig und der Murg ein „Äh“ und
-zwischen der Nahe und der Mosel eine Einsagpause, und zwischen Lahn und
-Wupper gähnten ganze Reihen ausgelassener Nebenflüsse.
-
-Wenn aber der Inspektor kam, vor dem man doch ein bissel glänzen
-wollte, wurde der Schmuckel in der Geometrie aufgerufen. So ein
-Inspektor ist Paraderösser sicherlich gewöhnt. Aber wie der Schmuckel
-in die Arena ritt, wenn der Lehrer scheinheilig sagte:
-
-„Na, jetzt könnte vielleicht der -- der -- Schwiefke -- nein, der
-war schon daran -- nun, sagen wir mal, der Schmuckel noch sein
-Paralleltrapez konstruieren, von dem gegeben ist die Mittellinie, die
-Höhe, ein Winkel im Schnittpunkt der Diagonalen ...“
-
-Der Inspektor müßte nicht der Inspektor gewesen sein, hätte er nicht
-gewußt, daß diese Paralleltrapezgeschichte die allerverschwefelste
-Aufgabe im ganzen Dicknether, Ausgewählte Konstruktionen für
-Mittelschulen war, und -- unter uns -- ~ihn~ wenn der Lehrer
-jetzt aus Versehen, anstatt des Schmuckels an die Tafel gerufen
-hätte, er wäre aufgesessen, glatt aufgesessen, statt anderen
-aufsässig zu sein. Und es brach ihm jetzt wahrhaftig ein gelinder
-Schweiß aus, wenn er daran dachte: wenn jetzt der Schmuckel stecken
-blieb, und wenn ein anderer Schüler auch nicht weiter wußte, und
-wenn der Lehrer auch verdattert würde, und wenn es dann seine
-verdammte Schulinspektorpflicht sein würde, selbst an das verflixte
-Paralleltrapez zu treten: „Aber Herr Kollege, ist ja kinderleicht --
-das macht man so und so und so...“
-
-Unnütze Sorge. Der Schmuckel, der fixe Schmuckel, war schon mitten
-in der Konstruktion und turnte mit der Kreide und dem Zirkel auf dem
-Paralleltrapez herum, daß einem ganz schwindlig wurde -- Winkel rissen
-ihre Mäuler auf -- Parallele spielten Fangeinmandel, ohne sich zu
-kriegen -- Diagonalen kreuzten sich mit Würde, wie die Bandeliere auf
-der Brust eines Napoleonssoldaten -- Kongruenzen führten Menuette auf,
-und Mittellinien schmiß er an die Tafel, ohne Rast und ohne Wenn und
-ohne „Äh“... ja, so einer war der Schmuckel.
-
-„’n verdammt fixer Kerl!“ preßte es dem Inspektor heraus, trotzdem
-ein Schulinspektor „verdammt“ und „fix“ und „Kerl“ eigentlich nicht
-sagen durfte, sondern höchstens „bemerkenswert“ und „anstellig“ und
-„Individuum“.
-
-Nach der Schule hat sich der fixe Schmuckel mit dem Paralleltrapez
-nicht weiter aufgehalten, sondern hat fix eine Stelle bekommen, hat
-fix verdient, hat sich fix verheiratet, war der fixeste Häuseragent
-geworden weit und breit. Es mag ja sein, daß der Schulinspektor
-damals sich noch einen ganz andern Bauchaufschwung als bis zum
-Häuseragenten von dem Musterschüler Schmuckel erwartet hatte. Etwa
-einen Gelehrtenaufschwung, Dichteraufschwung oder so was. Aber
-derartige Aufschwünge erfordern Wenn und Aber, „Ähs“ und lange Pausen
-der Überlegsamkeit zwischen hinein. Womit der fixe Schmuckel sich aber
-wirklich nicht aufhalten konnte, wenn er’s fix zu einem fixen Kerl mit
-einem fixen Bankkonto bringen wollte.
-
-Und das hatte er nun. Sogar eine fixe Frau zu seiner fixen
-Häuseragentur. „Das muß man sagen,“ sagten die Leute, „ein patenter
-Häusermakler ist er, dieser Schmuckel, wahnsinnig patent!“ Denn von
-dreißig Jahren an sagt man nicht mehr fix, sondern patent. Das gehört
-sich so, und außerdem ist es patenter. Patent ist übrigens hinter
-dreißig Jahren jeder Mensch, der etwas auf sich hält. Schmuckel aber
-war unter den patenten Häusermaklern eben auch wieder derjenige, wo --
-mit einem Wort, er war wahnsinnig patent. Man hätte auch „furchtbar
-patent“ oder „rasend patent“ oder „blödsinnig patent“ sagen können.
-Aber das waren andere Häusermakler auch zur Not. Schmuckel allein war
-wahnsinnig patent.
-
-„Wenn du irgendeinem Hausmakler ein Haus zu verkaufen gibst,“ hieß
-es, „was hat der für Bedenklichkeiten und Geschichten. Dagegen der
-Schmuckel -- eins zwei drei, hat’s schon wegverkauft.“
-
-„Ja, und gar wenn du ihn eins kaufen lässest, brauchst du nicht einmal
-bis drei zu zählen -- hat’s schon gekauft für dich, bevor du überhaupt
-noch selber wußtest, daß du ein Haus gewollt hast -- wahnsinnig,
-einfach blödsinnig wahnsinnig, dieser Schmuckel.“ „Blödsinnig
-wahnsinnig“ ist der höchste Orden, der für Fixigkeiten zu verteilen ist.
-
-Nun erkennen Frauen sonst die öffentlichen Eigenschaften ihrer
-Männer selten an. Nicht so Schmuckels Frau, ein stilles, kleines und
-verträumtes Dingchen. Gegen andere sprach sie sich freilich nicht so
-aus. Aber wenn sie sich selber fragte, was sie eigentlich von ihrem
-hin- und hergehetzten fixen Manne habe, so sagte sie sich insgeheim:
-„Wahnsinnig wenig, blödsinnig wahnsinnig wenig.“
-
-Nun aber begab es sich, daß besagter Schmuckel einen Weinkeller hatte.
-Einen wahnsinnig patenten Weinkeller. Was schließlich für einen
-erfolgreichen Häusermakler nicht mehr als recht und billig ist. Vor
-allem billig. Denn Schmuckel kaufte auch seine Weine einfach rasend
-wahnsinnig blödsinnig billig ein.
-
-Und weiterhin begab es sich, daß er sich einmal selbst in den Keller
-begab, um einen solchen rasenden Wein am Spundloch zu probieren --
-nein, um einen solchen Wein am rasenden Spundloch -- nein, es ist zum
-rasend werden: um einen solchen Wein am Spundloch rasend zu probieren.
-
-Als er den Becher untern Hahn hielt und diesen aufgedreht hatte, fiel
-ihm ein solider Holzschlegel gegen die linke Schläfe. Pumm, wurde die
-Stelle seiner vierten Gehirnwindung, wo die patente Fixigkeit zu sitzen
-pflegt, eine Idee auf die Seite gerückt. Es war selbst mikroskopisch
-nicht der Rede wert. Aber es genügte dennoch, um Schmuckels Denkapparat
-nach einer andern Richtung einzuschalten.
-
-Der Wein lief in den Becher, bis er überfloß, während Schmuckel sinnend
-vor dem Spundloch saß und dachte: „-- und wenn ich damals in der Schule
-nicht so fix gewesen wäre... hm ja, es konnte immerhin doch sein... hm
-ja, und wenn ich die Konstruktion mit dem Paralleltrapez auch nicht
-so fix gekonnt hätte... hm ja, und genau genommen, weiß man ja nicht
-einmal, ob alle diese fixen Lehrsätze auch ganz richtig sind... hm
-ja, man braucht nur anzunehmen, daß wir keine körperhaften Menschen,
-sondern -- hm ja -- zweidimensionale Menschen wären, die auf -- hm ja,
-hm ja -- auf Eierschalen lebten... hm ja, so daß der pythagoräische
-Lehrsatz keinen Sinn hätte... hm ja, dann würde auch das Paralleltrapez
-ein Blödsinn...“
-
-Unterdessen lief der Wein und lief und stand schon knöcheltief im
-Keller.
-
-„-- hm ja, und wer weiß, ob ich dann ein fixer Häusermakler geworden
-wäre, der hin und her verkauft und den ganzen Tag nur auf der Hetze
-ist... hm ja, so daß für mein kleines Frauchen eigentlich nichts übrig
-bleibt von mir, als ein bißchen Fixigkeit... hm ja, und wenn wir
-dann auch weniger verdienten... hm ja, ja hm, dafür aber glücklich
-wären -- hm ja, furchtbar glücklich, wahnsinnig glücklich, blödsinnig
-glücklich... nein, ist ja Unsinn, einfach glücklich, das genügte --“
-
-Hier war es, daß der Wein ihm an die Waden reichte, und daß das
-Schmuckelsche Dienstmädchen herunterkam, um nachzuschauen, wo ihr Herr
-solange bliebe: „Aber gnädiger Herr,“ rief sie, „was machen Sie denn
-da?“
-
-„Ich habe darüber nachgedacht, Kathi wenn ich nicht immer so fix
-gewesen wäre... hm ja, es hätte doch sein können... hm ja, und wenn wir
-zweidimensional auf Eierschalen lebten... hm ja, und wenn wir dann
-auch weniger verdienten... hm ja, und wenn ich dann mit meiner Frau
-viel glücklicher wäre... hm ja, Sie verstehen, Kathi --?“
-
-Da wurde die Kathi auch besinnlich, setzte sich auf einen Kellerstuhl
-und sagte langsam: „Hm ja, freilich kann ich Sie verstehn, Herr
-Schmuckel... hm ja, und wenn Sie dann mit Ihrer Frau so glücklich
-wären... hm ja, auf zwei sinidale Eierschalen ... hm ja, hm ja...“
-
-Unterdessen lief der Wein und lief, und er stand ihnen schon bis
-beinahe an die Knie, als die stille, kleine und verträumte Frau
-Schmuckel auch herunterkam, um nachzusehen, was aus ihrem Mann und der
-Kathi geworden wäre: „Aber Kinder,“ rief sie, „was macht Ihr denn da?“
-
-„Wir haben darüber nachgedacht, liebe Frau, wenn ich nicht so fix
-geworden wäre, so wahnsinnig -- so fürchterlich wahnsinnig fix, weißt
-du... hm ja, und wenn wir dann auch weniger verdienten --“
-
-„Hm ja, auf zwei simidale Eierschalen nämlich, gnädige Frau, hm ja“,
-erläuterte die Kathi.
-
-„Hm ja, und wenn wir dann erst glücklich geworden wären, liebe Frau...
-hm ja, einfach glücklich, schlecht und recht...“
-
-Hier war es, daß sich die stille, kleine Frau still zu ihrem Mann
-gesetzt hatte, daß sie langsam ihr gutes Köpfchen zu ihm neigte:
-„Ach ja, lieber Mann, glücklich wenn wir wären... hm ja, wir sind ja
-glücklich... glücklich um und um... und ich wünsche mir nur, daß es
-jetzt so bliebe... hm ja, mein lieber Mann, hm ja...“ Und sie verlebten
-zum ersten Male selige Minuten ungetrübten Glückes.
-
-Unterdessen lief der Wein und lief, und er stand ihnen jetzt schon
-glücklich bis an die Lenden, als auf einmal ein zweiter solider
-Holzschlegel von dem großen Weinfaß herab auf Herrn Schmuckels rechte
-Schläfe fiel. Pumm, wurde die Stelle seiner vierten Gehirnwindung, wo
-die patente Fixigkeit zu sitzen pflegt, wieder eine Idee auf die andere
-Seite gerückt. Es war selbst mikroskopisch nicht der Rede wert. Aber es
-genügte dennoch, um den alten Schmuckel wieder einzuschalten:
-
-„Was ist denn das für eine Schweinerei!“ schrie er aufspringend, „fix,
-den Hahn zu -- fix, Kathi, holen Sie die Feuerwehr -- nein, Kathi,
-bleiben Sie, fix, Frau, fix, die Eimer her und wieder eingefüllt ins
-Faß -- fix, Kinder, fix -- zum Donnerwetter, sag’ ich: fix...!“
-
-
-
-
-Jod
-
-
-Es ist kein Zweifel mehr. Die Wissenschaft hat’s festgestellt:
-
-Das Blut wird von der Schilddrüse stündlich mit ein drittel millionstel
-Gramm Jod gespeist. Ohne dieses Jod wird der Mensch ein Idiot trotz
-aller Schulen, allen guten Willens. Ein Hundertstel Gramm Jod mehr in
-unserm Blut, und wir fliegen dahin mit lockigem Haar, blitzenden Augen,
-überschäumender Lebenslust. Ein Tausendstel Gramm weniger, und mit
-erloschenen Augen schleicht ein Kümmerling zum Grabe.
-
-So die Wissenschaft. Wie das Leben?
-
-Unsere Schulzeugnisse müssen eine neue Spalte kriegen:
-
- Fritz Kugelmaier, Jodgehalt: Befriedigend.
-
- Hans Stoppinger, Jodgehalt: Sehr gut.
-
- Max Steinhofer, Jodgehalt gleich Null. Aufsteigen in die nächste
- Klasse nur bei energischer Nachhilfe in der Jodzufuhr gestattet.
-
-Die Begegnungsformel „Wie geht es Ihnen?“ ist veraltet. „Und wie
-steht’s mit Ihrem Jodinhalt?“ wird es hinfort heißen müssen.
-
-„Sage mir, wieviel Jod du hast, und ich sage dir, wer du bist.“
-
-Ein Beamter hat in einer Stellung ganz versagt. „Kein Wunder,“ wird
-der Personalreferent angefahren, „wie konnten Sie einen Menschen mit
-solchen Jodverhältnissen...!“
-
-Der künftige Adolar erklärt der künftigen Kunigunde seine Liebe.
-„Schön, mein Herr,“ sagt sie, „darf ich um Ihre Hand bitten.“
-
-„Aber,“ stottert er, „eben darum wollte ich Sie bitten -- au!“ Denn
-sie hat mit der Pinzette aus seinem Ringfinger ein Tröpflein Blut
-entnommen, es im Reagenzröhrchen mit Säuren aufgeschüttelt und die
-Stirn gerunzelt: „Mein Herr, Ihr Antrag ehrt mich, aber bei Ihren
-dürftigen Verhältnissen --“
-
-„Ich muß doch bitten, ich habe --“
-
-„-- viel zu wenig Jod, mein Herr -- der nächste, bitte.“
-
-Der Nürnberger Trichter wird das Zeitliche segnen müssen. Eine
-Reichsjodanstalt wird aufgehen. Jodärzte werden von Injektionszelle zu
-Injektionszelle rennen, mit Spritzen:
-
-„Unter uns, Herr Kollege, wie könnten Sie den Mann nach Tabelle
-_B_ mit so wenig Jod injizieren -- der Mann ist Wagenführer und
-muß etwas leisten!“
-
-„Na, wenn Sie schon so kritisch sind, so muß ich Ihnen sagen, Herr
-Kollege, daß es von Ihnen Unsinn war, an den Mann auf Nummer 37 soviel
-Jod zu wenden, wo die Magistratstabelle nur die Hälfte vorsieht.“
-
-Der künftige Friedenskongreß. Verschiedene Regierungen beharren auf
-Erörterung der Schuldfrage. Andere widersprechen. Der Kongreß droht
-schon zu scheitern. Da erhebt sich der Professor Spyribingel: „Meine
-Herren, die exakten Forschungen der Wissenschaft ergaben, daß, wenn
-Napoleon zwei Milligramm Jod weniger im Blut gehabt hätte, er es
-höchstens zum Stadtkommandanten von Ajaccio hätte bringen können. Die
-ganze Geschichte Europas wäre eine andere geworden. Es hätte kein 1914
-gegeben. Ich beantrage die Schlamperei des Impfarztes von Ajaccio für
-schuldig am Ausbruch des Weltkrieges zu erklären...“
-
-Es ~ist~ klar, daß von da ab alle Herrschenden der Erde abzutreten
-haben werden. Herrschen wird von da ab nur mehr seine Wissenschaft, der
-Pinsel -- Jodpinsel selbstverständlich.
-
-So weit wäre alles gut und wissenschaftlich in der Welt geworden. Aber
-eine Besorgnis habe ich doch. Nein, keine Besorgnis, sondern eine
-Angst: gesetzt den Fall, es stürbe einmal Hindenburg -- mög’ es lange
-nach dem Kriege sein -- und gesetzt den Fall, man hätte ihn seziert
--- jetzt noch die Blutprobe -- es erbleichet das Konsilium, und ein
-Raunen geht durchs Haus der Wissenschaft, daß es klingt, als bröckelten
-die Wände: „Um Gottes willen, meine Herren, nicht verlauten lassen, daß
-wir den Weltkrieg mit Null Komma Null Gramm Jod gewonnen haben...“
-
-
-
-
-Morgan
-
-
-Man hat Bücherbretter voll Rezepte geschrieben über „Wie man reich
-wird“. Aber es gibt nur ein Rezept dafür: keine Nerven haben.
-
-Als Morgan anfing, Eisenbahnsysteme und Millionen aufzuschachteln,
-hätte einer seinen Körper mit dem Ultramikroskop durchsuchen dürfen:
-nicht die Spur von Nerven.
-
-Keine Nerven? -- Dummes Zeug, womit hätte er denn da Lust gefühlt und
-wäre aufgezuckt in Schmerzen? -- Ei, mit den Eisenbahnsträngen, die für
-seine Rechnung vom Atlantischen Ozean an den Stillen Ozean liefen.
-
-Diese Stränge zogen ihm die erste Milliarde in den kräftig pulsierenden
-Kassenschrank. Daß Morgan an Stelle eines Herzmuskels einen feuerfesten
-Kassenschrank besaß, darf ich als bekannt voraussetzen. Auch daß dieser
-Schrank so konstruiert war, um gemünztes Blut hineinzulassen, aber
-keins heraus.
-
-Nach der ersten Bahnmilliarde fing es in den Dividendenkanälen zu
-diesem Kassenschrank an, da und dort ein wenig weißlich aufzuglänzen.
-
-„Doch keine Nerven?“ fragte er besorgt den Hausarzt.
-
-„Hm, es kann auch Stahl sein, weißer Stahl von Ihrem neuen Eisentrust,
-Herr Morgan.“
-
-Morgan war beruhigt und häufte jetzt Milliarden, wie er vorher
-Millionen häufte. Nach dem Bahntrust und dem Stahltrust kam der
-Schiffahrtstrust. Das weißliche Geäder trat auf der Auskleidung seiner
-Dividendenblutbahn deutlicher hervor.
-
-„Also doch Nerven?“ rief Morgan und packte seinen Hausarzt am
-Geldbeutel.
-
-„I bewahre, die Kielwasserbahnen Ihrer Schiffe sind es.“
-
-Es waren aber doch die Nerven, die still und zähe mitten durch die
-Aktienmuskelbündel und die Obligationsfettpolster durchgewachsen waren.
-
-Man holte einen Nervenspezialisten.
-
-„Schade,“ sagte der und liquidierte hunderttausend Dollar, „schade, ein
-paar Jahre früher, wenn Sie mich gerufen hätten, würde man sie ziehen
-haben können.“
-
-„Und jetzt?“ fragte Morgan angstvoll.
-
-„Man könnte es mit dem Verwässern der Aktienmuskelbündel und der
-Obligationenfettpolster versuchen“, sagte der Spezialist und
-liquidierte wieder hunderttausend Dollar.
-
-Morgan wässerte und wässerte, wurde aber dadurch nur noch reicher,
-ohne seine Nerven zu verlieren. Ein Heer von Spezialisten kurierte
-dran herum. Natürlich wurden da die Nerven ungebärdig und gereizt.
-Sie bäumten sich und dehnten sich und schnurrten wieder zusammen und
-zupften und rissen ihn an allen Enden.
-
-Nicht mehr zu ertragen war es. Zwischen seinen Milliarden rannte
-er herum. An ihren stahlharten Wänden brach sich sein Gestöhne und
-klatschte mitleidlos auf ihn zurück.
-
-Zerfasert und zersetzt rannte Morgan von den Spezialisten zum Schäfer
-Ast. Der behandelte ihn genau wie alle andern: drei Nackenhaare
-ausgerissen, ins Weiße der Augen gestarrt und abermals drei Nackenhaare
-ausgerissen.
-
-„Es war die höchste Zeit,“ sagte der Schäfer Ast, „denn Sie hatten
-gerade noch sechs Nackenhaare.“ Und dann stellte er die Diagnose:
-
-„Sie leiden an Ihren Milliarden, Herr Morgan“, sagte er.
-
-„Sie meinen an den Nerven?“
-
-„Ihre Nerven sind wie Spargeln aus dem Miste Ihrer Milliarden
-herausgewachsen,“ sagte Schäfer Ast, der sich landwirtschaftlich
-auszudrücken liebte, „schmeißen Sie den Mist hinaus, so hören auch die
-Spargeln auf zu treiben.“
-
-„Sie können mit dem Misten meinetwegen gleich bei mir den Anfang
-machen“, setzte er hinzu und rollte einen leeren Mistkarren herbei.
-
-Mit der lumpigen Million, die da hineinging, war es freilich nicht
-getan. Morgan fing nach allen Seiten auszumisten an. Aber wie er
-auch verschenkte und verschenkte, noch größer war der Zustrom seiner
-Dividenden. Er war zu reich geworden, als daß er sich mit Schenken
-hätte helfen können. Immer unbarmherziger schossen Spargel durch die
-Beete, zappelten die Nerven am Gerüste, so sich Morgan nannte.
-
-Morgan floh aus Kontor und Börse weit hinaus ins Land. Gleich schoß ihm
-ein dünner Kupfernerv nach, der tickte, tickte: der Telegraph.
-
-Morgan floh aufs Meer. Erschöpft lehnte er am Mast und murmelte:
-
-„Gott sei Dank, daß in die Ozeanwüste keine Nervendrähte reichen.“
-
-„Tick -- tick -- tick“, machte es oben am Mast und rann in den
-zuckenden Körper Morgans ein. Es war der Auffangapparat für drahtlose
-Telegraphie.
-
-Morgan floh unerkannt in die telegraphenlosen Sabiner Berge. Das Leben
-eines Hirten wollte er da führen. Aber unter seinen Händen organisierte
-sich sein Schafgewerbe lukrativer, als bei allen anderen Hirten. Daran
-erkannten sie ihn auch da und riefen:
-
-„Du bist Morgan“, und begannen ihn anzubetteln.
-
-Da erkannte er, daß er sich selber nicht entrinnen könne und floh, ein
-zuckendes, zerflackerndes Nervenbündel, in die nächste Stadt. Das war
-Rom.
-
-Seine Leute wollten das erste Hotel für ihn mieten. Aber es war ein
-Kongreß in der Stadt. Alle Gasthöfe waren überfüllt. In zwei Zimmern
-eines kleinen Gasthofes landete der Abgehetzte. Fieberschauer warfen
-ihn ins Bett. Der Hausarzt sah, es ging aufs Ende.
-
-Die Nervenempfindlichkeit hatte derart zugenommen, daß ein umgewendetes
-Blatt in seinem Buche ihn zum Rasen brachte.
-
-Gegenüber klopfte ein Schuster und sang dazu. Morgan schäumte.
-„Aufhören, auf der Stelle!“ ließ er ihm sagen. „In Rom gibt’s gegen
-Klopfen und Singen kein Gesetz“, erwiderte der Schuster und sang und
-klopfte weiter.
-
-Morgan ließ ihm 1000 Dollar bieten. Der Schuster lachte und machte
-Fenster und Laden zu. Aber Morgans Nerven wuchsen durch Ladenritzen und
-durch Glas und hörten den Schuster immer noch.
-
-10000 Dollar bot er ihm, wenn er das Klopfen ließe. Der Schuster lachte
-und hörte auf zu klopfen. Aber noch immer sang er.
-
-„Was verlangst du für deinen verfluchten Gesang?“ ließ Morgan sagen.
-
-„Der Gesang ist mir das teuerste“, antwortete der Schuster und
-verlangte 100000 Dollar.
-
-Als der Schuster so erledigt war, fingen Straßenbuben zu pfeifen an.
-Zwei Abgesandte Morgans stellten sich an beiden Straßenenden auf und
-kauften jedem, der den Mund zu spitzen anfing, jeden Pfiff für schweres
-Geld ab.
-
-Als so die Straße pfiffefrei war, kamen die Zeitungen heraus.
-Brüllend stürzten sich die Zeitungsjungen in die Straße. Wieder blieb
-nichts anderes übrig, als ihnen alle Nummern schon am Straßeneingang
-abzukaufen. Das war nicht so billig als es aussieht. Denn kaum hatten
-die Druckereien erfahren, wer die Nummern kaufte, als sie ihre
-Rotationsmaschinen aufs neue laufen ließen und die herausgeschleuderten
-Zeitungsbündel alle nach der einen Straße schickten. Es begann ein
-Kampf zwischen den Rotationspressen und Morgans Geld. Das Geld blieb
-Sieger.
-
-Schon glaubten Morgans Leute ihren Kampf gewonnen, als es über den
-Zimmern zu dudeln und zu schleifen anfing. Ein Strohflechter feierte
-seine Hochzeit. Braut und Bräutigam hatten ein Jahrzehnt für diesen Tag
-gespart und wollten sich den Tanz, das Essen und die frohe Laune etwas
-kosten lassen.
-
-Morgans Bote kam heraufgestürzt: „Unser Herr ist außer sich. Ich kaufe
-euch eure Hochzeit ab. Was kostet sie?“
-
-Der Strohflechter und die Strohflechterin sahen sich an und lächelten
-glücklich:
-
-„Nein,“ sagten sie, „unser Hochzeitstag ist nicht verkäuflich.“
-
-„Aber bedenkt doch, es ist Morgan, der eure Hochzeit kaufen will.“
-
-„Wir kennen keinen Morgan.“
-
-„Was, den kennt ihr nicht? Er ist der reichste Mann der Welt!“
-
-Da sah der Strohflechter die Strohflechterin zum zweitenmal glückselig
-an: „Der reichste Mann der Welt?“ lächelte er ungläubig, „nein, mein
-Lieber, da irrt ihr euch, beim Blut der heiligen Madonna. Denn der
-reichste Mann der Welt bin heute ich -- hopp, Kinder, einen neuen Tanz!“
-
-„Deine Millionen haben da droben nichts ausrichten können, o Herr“,
-berichteten Morgans Leute ängstlich vor seinem Bett.
-
-Da ergrimmte das zuckende Nervenbündel, raffte sich zum letzten Male
-auf und warf ihnen Armleuchter, Uhren, Stühle, Stiefel an den Kopf. Und
-so gräßlich war er anzuschauen in seiner unglückseligen Tobsucht, daß
-sie sich entsetzten und flohen. Der wimmernde Milliardär lag allein im
-Bett.
-
-Der kleine Laufjunge, der auch die Stiefel im Gasthof reinigte, war zur
-Hochzeit hinaufgeschlichen, stieß die tanzende Braut an und flüsterte
-ihr zu:
-
-„Du, Maria, unter deinen Füßen liegt einer im Sterben...“
-
-Die Musik hatte schon lange ausgesetzt. Kein neuer Tanz konnte
-beginnen. Es fehlte ja die Braut. Wo sie nur blieb.
-
-Unruhig stieg der Strohflechter eine Treppe tiefer. Da war eine Tür.
-Klang hinter ihr nicht ihre Stimme? Vorsichtig klinkte er sie auf:
-
-Ein unsäglich zermürbter Mann lag in den Kissen im Sterben. Die
-Strohflechterin kniete im Hochzeitsstaat am Bett, wie Mütter an
-Kinderbetten knien. Sie gab ihm zu trinken. Sie kühlte ihm mit ihrer
-Hand die verwüstete Stirne. Sie sprach ihm zu, wie man Kindern
-liebreich zuspricht:
-
-„_Povero -- poverino -- poverissimo..._“
-
-Und der sterbende Milliardär stammelte, wie Gehetzte stammeln:
-
-„_Oh, thank you -- thank you -- I’ll get you a million I’ll get you
-more_ -- eine Million sollen Sie haben -- mehr sollen Sie haben --
-_thank you -- oh, I thank you so much..._“
-
-Nun verstand freilich Morgan kein Italienisch, und die Strohflechterin
-verstand kein Englisch. So zerstäubte das Millionenversprechen in der
-Luft des Sterbezimmers.
-
-Übrig blieb von allen Millionen ein gütiges und kostenloses „_Povero
--- poverino -- poverissimo_“ zwischen zwei Hochzeitstänzen
-einer Strohflechterin, und der befreite Dankblick eines zerquälten
-Milliardärs, der in seiner Sterbestunde das einzige ~geschenkt~
-bekam, was er nimmermehr bezahlen hätte können.
-
-
-
-
-Tag- und Nachtärger
-
-
-Da hatte ich mich wieder einmal schandbar geärgert wegen irgendwas.
-
-„Sie sollten sich doch nicht so ärgern am hellichten Tage“, sagte
-jemand.
-
-„Am hellichten Tage?“ sagte ich verwundert und ärgerlich zugleich,
-„wissen Sie vielleicht ein Mittel, um den Ärger aus dem wachen Tag in
-die dunkle Nacht zu schieben?“
-
-„Ich nicht, aber der Doktor Switschbidiwitsch weiß eines.“
-
-Stracks lief ich zum Doktor Switschbidiwitsch.
-
-„Ist es wahr?“ sagte ich, „daß Sie den Tagärger in die schlafende Nacht
-hineinzaubern können?“
-
-„Gewiß kann ich das.“
-
-„Dann bitte ich darum.“
-
-„Hm, von welchem Tagärger werden Sie geplagt?“
-
-„Es kommt hie und da ein Manuskript von einer Redaktion zurück.“
-
-„Sonst nichts?“
-
-„Es regnet stets in meinen Ferien.“
-
-„Sonst nichts?“
-
-„Meine Frau ist manchmal anderer Meinung.“
-
-„Sonst nichts?“
-
-„Und hat dazu noch meistens recht.“
-
-„Hm, das letzte läßt sich hören -- aber ich mache Sie darauf
-aufmerksam, ich kann den Ärger nicht verschwinden lassen -- das kann
-niemand -- nur in den Schlaf abschieben.“
-
-„Im Schlaf ertrage ich den Ärger gern, wenn nur der Tag von Ärger frei
-ist.“
-
-„Und ferner möchte ich bemerken, daß sich der in die Nacht geschobene
-Tagärger zu wandeln pflegt, alle möglichen bizarren Gestalten annimmt.“
-
-„Was liegt daran. Geträumter Ärger kann beschaffen sein wie er mag,
-wenn ich nur den Tag vom wirklichen Ärger frei bekomme.“
-
-„Hm, was den Unterschied von Traum und Wirklichkeit betrifft --“
-
-„Zur Sache, Herr Doktor, ich spüre schon wieder einen Ärger unterwegs.“
-
-„Nun, wie Sie wollen -- switsch -- bi -- di -- witsch -- switsch -- bi
--- di -- witsch -- zwanzig Märker, wenn ich bitten darf.“
-
-Bei „Switschbidiwitsch“ hatte er ein paar magnetische Bewegungen meinen
-Schläfen entlang gemacht, und bei den „zwanzig Märkern“ verwandelte er
-die vertikale Handbewegung in eine horizontale.
-
-„Wie, schon fertig?“ fragte ich, die Börse ziehend.
-
-„Wenn Sie im Laufe der nächsten vierzehn Tage den geringsten Ärger
-empfinden,“ sagte Doktor Switschbidiwitsch ein wenig beleidigt, „zahle
-ich Ihnen vierzig Mark zurück -- freilich, was die Nacht betrifft...“
-
-Doktor Switschbidiwitsch hatte nicht gelogen. Noch am gleichen
-Tage liefen mir soviel Dinge über den Weg, über die ich mich sonst
-totsicher geärgert hätte. Jetzt wunderte ich mich bloß ein wenig.
-Wunderte mich, wenn ich dreimal hintereinander den Straßenbahnanschluß
-verpaßte. Wunderte mich, als ich auf drei unter vier angekommenen
-Briefen schweres Strafporto zu zahlen hatte. Wunderte mich
-stärker, als meine Frau bei drei hintereinander aufgetretenen
-Meinungsverschiedenheiten viermal recht bekam. Und wunderte mich
-schließlich am stärksten darüber, daß ich mich über alle diese Dinge
-lediglich zu wundern vermochte, und keine Spur zu ärgern.
-
-Ich sah schon, die Sache war in Ordnung: ich würde niemals vierzig Mark
-von Doktor Switschbidiwitsch erhalten.
-
-Dann kam die Nacht. Mit der Nacht der Traum. Und mit dem Traum der
-erste prophezeite Traumärger.
-
-In der ersten Nacht träumte mir, ich ginge nach dem Frühstück in
-mein Arbeitszimmer. Da saß schon einer an meinem Schreibtisch. Ein
-wildfremder Mensch. Und schrieb und schrieb.
-
-„Herr,“ tippte ich ihm ärgerlich auf die Schulter, „hier schreibe ich.“
-
-„Wie Sie sehen, ist das eine falsche Behauptung“, sagte der Fremde,
-ruhig weiterschreibend, ohne aufzusehen.
-
-„Herr,“ ärgerte ich mich, „dieses Arbeitszimmer habe ich gemietet.“
-
-„Stimmt.“
-
-„Und bezahlt!“
-
-„Stimmt auch.“
-
-„Also arbeite ich auch darin.“
-
-„Das ‚also‘ stimmt nicht.“
-
-„Herr!“ schrie ich, „es ist mein Schreibtisch, auf dem Sie schreiben!“
-
-„Seien Sie vergnügt, daß einmal was ordentliches drauf geschrieben
-wird“, sagte der Fremde, ohne mit dem Schreiben auch nur einen
-Augenblick anzuhalten.
-
-Ich ärgerte mich schandbar. Aber es war nichts zu machen. Ich kam zu
-keinem Federstrich an diesem Morgen und mußte mich entschließen, in
-aller Frühe an meinen Stammtisch zu pilgern, wo ich meinen Ärger zu
-ersäufen hoffte, aber weiter nichts als einen dicken Kopf davontrug.
-
-Nun wird man freilich sagen, was liegt an einem dicken Nachtkopf, der
-am Tage wieder dünn ist? Was liegt an einem dicken Nachtärger, den man
-beim Morgenkaffee lachend untern Tisch wischt:
-
-„Denk’ mal, liebe Frau, was für komisches Zeug ich heute nacht
-geträumt...“
-
-Aber ganz wohl war mir bei dieser Überlegung nicht, und ich erwartete
-mit einigen Bangen die zweite Nacht.
-
-Darin träumte mir, ich hätte meinen Namen zu schreiben. Der weiße Bogen
-lag schon da. Auch die Feder, die eingetauchte.
-
-„Ein bißchen rasch, wenn ich bitten darf“, sagte der Beamte, dem ich
-meine Namensunterschrift abzugeben hatte.
-
-Ich setzte zu seinem großen F an und stockte schon nach einem Zug: hm,
-setzte man den oberen F-haken nach links an oder nach rechts? Es kam
-mir vor, als hätte ich schon ebensoviele linkshakige als rechtshakige
-F gesehen. Welche waren recht? Meine Feder zitterte und machte
-schließlich einen Haken links und einen Haken rechts. Na, der Haken war
-erledigt, Gott sei Dank. Jetzt den F-Strich durch die Mitte. Wieder
-stockte ich: zum Donner, machte man jetzt noch den F-Strich, oder war
-der nicht laut letzter Ministerialverordnung amtlich abgeschafft? Da
-konnte man sich ja fürchterlich blamieren bei der eigenen Unterschrift.
-Schließlich machte meine Feder einen solch haardünnen F-Strich, daß er
-ebensogut mittels eines schemenhaften Traummeineids abgeleugnet hätte
-werden können. Jetzt der zweite Buchstabe. Ich machte einen i-Strich
-mit weniger Mühe, als ich gefürchtet hatte. Auf einmal spürte ich --
-sehen konnte ich ihn nicht -- den höhnischen Blick des königlichen
-Beamten, der mir beim Schreiben zusah: macht dieser Mensch das i vor
-dem r!
-
-„Entschuldigen Sie!“ sagte ich fahrig und versuchte, das i in ein
-r umzukorrigieren. Das war eine endlose Arbeit. Ich drückte meinen
-Zeigefinger ächzend durch vor Mühsamkeit. Davon bog sich auch der
-Federhalter. Mit einem durchgebogenen Federhalter zu schreiben,
-war erst recht eine Heidenarbeit. Der Schweiß brach mir aus, der
-geschlängelte Federhalter fing zwischen meinen Fingern zu rutschen an.
-Aber schließlich stand das r doch da. Es war freilich das sonderbarste
-r, das ich je geschrieben hatte. Aber immerhin, es war ein r.
-
-Jetzt kommt t und z, dachte ich, und wurde aufs neue unsicher: kam
-zuerst das t, oder kam zuerst das z? Es schien mir im höchsten Grade
-fraglich. Aber da spürte ich wieder den höhnischen Blick im Nacken und
-wußte gerade noch rechtzeitig, daß weder das t noch das z kam, sondern
-das i, das i von vorhin.
-
-Wieder glückte der i-Strich verhältnismäßig rasch. Ach so, fehlte noch
-der Punkt, der I-Punkt. Na, das ist doch das allereinfachste bei der
-ganzen Namensschreiberei, der gotteslästerlichen, dachte ich, und
-machte frischweg einen Punkt. Teufel, war er über’s r gekommen. Ich
-strich ihn durch und machte ihn ein zweites Mal. Donner, jetzt saß er
-überm F. Wieder durchgestrichen und gezielt, wie man auf einen Feind
-zielt, scharf, unerbittlich. Ha, jetzt saß er überm i-Strich. Whupp,
-kollerte er von seiner Höhe und trieb sich wie ein Billardball ruhelos
-zwischen den Grund- und Haarstrichen der drei Buchstaben herum. Ich
-lief ihm nach, ich fing an ihn anzuflehen:
-
-„I-Punkt, lieber i-Punkt, laß dich doch erwischen, laß dich doch ein
-einziges Mal erwischen.“
-
-I-Punkte scheinen auch im Traume nicht ganz unbarmherzig zu sein. Denn
-er ließ sich wirklich erwischen, und ich hielt ihn mit beiden Händen
-über den i-Strich fest. Aber schon fing er wieder zwischen den Händen
-zu surren an. Gleich würde ich ihn nicht mehr halten können... Es war
-ein gräßlicher Traum. Ich wachte ärgerlich und schweißgebadet auf.
-
-Wieder folgte ein glockenheller Tag ohne den geringsten Ärger. Wieder
-kam die Nacht. Ich schob den Schlaf so lang als möglich auf, mit Lesen,
-mit Summen, mit Liedersingen suchte ich mich im Bette wach zu halten.
-Aber da schlief ich doch.
-
-Da packte mich schon einer freundschaftlich-dringend am Ärmel:
-
-„Gut, daß Sie da sind. Der Stelzenmaier ist erkrankt. Sie müssen für
-ihn einspringen.“
-
-„Stelzenmaier? Ich kenne keinen Stelzenmaier“, sagte ich.
-
-„Ist auch nicht nötig. Hauptsache ist, daß Sie gleich seine Rolle
-übernehmen -- sofort wird Ihr Stichwort fallen, machen Sie sich doch
-bereit.“
-
-„Aber ich habe doch noch nie auf dem Theater gespielt.“
-
-„Ausgezeichnet, das gibt Ihrer Rolle die beste Natürlichkeit.“
-
-„Aber ich weiß ja gar nicht, welches Stück und welche Rolle,
-Heiligschockschwerenot...!“
-
-„Das werden Sie alles wissen, wenn Sie vor dem Publikum stehen -- ha,
-Ihr Stichwort -- rasch!“
-
-Da hatten sie mich schon durch die Kulissen hinausgeschoben in ein
-grelles mitleidsloses Licht...
-
-Mitten in dieser Nacht mußte ich einen kalten Umschlag nehmen und wagte
-nicht mehr einzuschlafen. Um das zu erreichen, zog ich den Wecker
-auf, ließ ihn ablaufen, zog ihn wieder auf, immerzu. Aber schon beim
-drittenmal veranlaßte meine Gattin meinen Umzug in das Fremdenzimmer.
-
-Hier erwartete ich den vierten Tag, der wieder seraphinenhaft ganz ohne
-Ärger aufzog. So sehr auch die Erinnerung an die drei Ärgernächte
-versuchte, sich in den Tag als Ärger einzuschleichen, es gelang nicht.
-Lächelnd schob der Tag jeden aufsteigenden Ärger mit der flachen Hand
-gegen Abend zu:
-
-„Dahinein, wenn ich bitten darf, laut Doktor Switschbidiwitsch.“
-
-„Ich weiß schon, was ich die vierte Nacht tue“, dachte ich und
-beschloß, mir sie in irgendeinem Gasthaus um die Ohren zu schlagen. Da
-saß ich still in einer Ecke und kämpfte und kämpfte gegen den Schlaf.
-
-Auf einmal war ich nicht mehr im Gasthaus, sondern im Bahnhof am
-Schwanze einer langen Menschenschlange vor dem Fahrkartenschalter. Wie
-alle andern trippelte ich vor Ungeduld, wann ich endlich an die Reihe
-kommen würde. Wie die andern murmelte ich dann und wann: „Den Teufel
-auch, wenn ich nun den Zug nicht mehr erwische.“
-
-Endlich, nach einer Viertelstunde, bin ich an der Reihe. Ein
-verärgertes Beamtengesicht mit gesträubtem Schnurrbart fährt mich aus
-dem Schalter an:
-
-„Na, wohin, -- so reden Sie doch!“
-
-Heiliger Bimbam, jetzt hatte ich den Namen der Station vergessen.
-
-„Nach -- nach --“, stotterte ich. Die Schweißperlen standen mir auf
-der Stirne. Der Name fiel mir um alles in der Welt nicht ein. Die Leute
-hinter mir drängten ungeduldig:
-
-„Wir kommen nicht mehr mit -- wir kommen nicht mehr mit -- der Mensch
-dort vorne soll doch -- soll doch -- kruzitürkennocheinmal...“
-
-„Nach -- nach“, setzte ich verzweifelt wieder an.
-
-„Nach -- nach -- wohin Sie halt meinen, Herr Sekretär.“
-
-Hinter mir halb Höllengelächter:
-
-„Ein solcher Depp -- habt’s jetzt schon ein solchen Deppen g’sehn...“
-Und halb Wutgeheul:
-
-„Der Kerl ist ein Schuft -- der hat sich nur hineingedrängt, damit wir
-unsern Zug versäumen -- haut ihn!“
-
-Fäuste hoben sich. Ich fiel unter den Tisch vor dem Fahrkartenschalter.
-Jemand hob mich auf und sagte:
-
-„Es tut mir leid, wir schließen jetzt die Wirtschaft -- Sie müssen nach
-Hause gehen.“
-
-Zerschlagen wanderte ich durch die Straßen. Schon dämmerte der Morgen.
-Ich lief schnurstracks zum Doktor Switschbidiwitsch.
-
-„Eigentlich habe ich jetzt keine Sprechstunde,“ sagte er, „aber wenn es
-dringend ist --“
-
-„Es ~ist~ dringend,“ sagte ich, „ich pfeife auf den ärgerlosen Tag
--- der Nachtärger bringt mich um -- ich möchte meinen alten Tagärger
-wieder haben.“
-
-„Das wird nicht so leicht gehen -- es sei denn, daß es mir gelänge, das
-ärgerliche Tageis durch einen besonders dicken Tagärger zu brechen.“
-
-„Tun Sie’s, Herr Doktor, tun Sie es sofort -- ich gehe sonst in der
-nächsten Nacht darauf.“
-
-Er machte wieder ein paar magnetische Striche längs meiner Schläfen,
-diesmal aber nach der umgekehrten Richtung. Dann zupfte er mich am Ohr.
-
-„Na, ärgert Sie das vielleicht?“
-
-„Keine Spur.“
-
-Jetzt gab er mir einen Hirnschnalzer mittels Daumen- und Mittelfinger,
-daß alles krachte.
-
-„Das wird Sie aber ärgern, nicht wahr?“ sagte er.
-
-„Keine Idee“, sagte ich traurig-milde.
-
-„Na, ich sehe schon, bei Ihnen hat sich die Tagesärgerlosigkeit in
-der kurzen Zeit so eingefressen, daß ich es mit dem stärksten Mittel
-probieren muß.“
-
-Abermals machte er mit seinen Händen die vertikalen magnetischen
-Gegenstriche an meinen Schläfen und streckte dann plötzlich beide Hände
-horizontal aus:
-
-„Hundert Mark, wenn ich bitten darf!“ sagte er energisch.
-
-Irgend etwas in meinem Gehirn knackte.
-
-„Das ist denn doch eine Unverfrorenheit!“ brauste ich auf, „hundert
-Mark! wo Sie noch nicht einmal erfolgreich --“
-
-„Gewonnen!“ lachte Doktor Switschbidiwitsch, „das Eis ist gebrochen
--- Sie haben Ihren soliden Tagärger wieder -- gehen Sie nach Hause --
-Sie werden heute nacht vortrefflich traumlos schlafen -- hier ist die
-Quittung über hundert Mark -- Sie müssen es nicht tragisch nehmen --
-eine Heilung von der Heilung ist stets ein wenig teurer, wissen Sie...“
-
-
-
-
-Von =Fritz Müller= erschienen:
-
-
-Bei =Otto Rippel=, Hagen i. W.
-
- =Der Sepp im Krieg.= 8. Tausend.
-
- =Hinter der Front.= 5. Tausend.
-
- =Vergnügliche Geschichten.= 11. Tausend.
-
- =Klassengold.= 5. Tausend.
-
- =Ich dien.= 5. Tausend.
-
-
-Bei =Eugen Salzer=, Heilbronn a. N.
-
- =Das Land ohne Rücken.= 14. Tausend.
-
- =Fröhliche Wissenschaft.= 7. Tausend.
-
-
-Bei =Egon Fleischel & Co.=, Berlin.
-
- =O Frida!= Novellen. 2. Tausend.
-
- =Zweimal ein Bub.= 3. Tausend.
-
- =Die andre Hälfte.= 2. Tausend.
-
- =Kurzehosengeschichten.= 10. Tausend.
-
-
-Bei =Huber & Co.=, Frauenfeld (Schweiz).
-
- =Alltagsgeschichten.= 2. Tausend.
-
-
-Bei =C. F. Amelang=, Leipzig.
-
- =Die eisernen Kameraden.= 2. Tausend.
-
-
-Bei der =Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung=, Hamburg.
-
- =Fröhliches aus dem Kaufmannsleben.= 45. Tausend.
-
- =Fröhliches aus dem Krieg.= 20. Tausend.
-
-
-
-
-Rippels Deutsche Hausbücher
-
-(Umfang und Ausstattung wie vorliegender Band)
-
-Jeder Band gebunden 1.70 M.
-
-Teuerungszuschlag 50 Pf. -- Bisher erschienen:
-
-
- Wie die große Zeit kam. Erlebtes und Empfundenes von Fritz Müller,
- Rich. Voß, L. Schulze-Brück, Auguste Supper, Hans v. Zobeltitz. 5.
- Tausend.
-
-Die bekannten Schriftsteller und Schriftstellerinnen schildern uns in
-diesem Buche, was sie in jenen unvergeßlichen Augusttagen erlebt und
-empfunden und welch herrlicher Geist in Ost und West, in der Stadt und
-auf dem Dorfe das deutsche Volk beseelte.
-
-
- Nach der Schlacht. Ein Kriegsbuch von Helene Christaller, Otto
- Frommel, Hermann Hesse, Paul Natorp, Rich. Nordhausen, Fritz
- Philippi, L. Sternberg, Paul Wüst. 5. Tausend.
-
-.... So ist denn „Nach der Schlacht“ ein sehr lesenswertes,
-inhaltreiches und abgerundetes Werk geworden, keine laute, aber doch
-sehr eindringlich wirkende literarische Gabe.
-
- Kölnische Zeitung.
-
-
- Stille Opfer. Den deutschen Frauen und Jungfrauen in großer Zeit
- von Helene Christaller, Agnes Harder, S. Ch. v. Sell, Auguste
- Supper. 21. bis 23. Tausend.
-
-Den vielen Tausenden, die in dieser Zeit dem Vaterlande ihr stilles
-Opfer darbringen müssen, wird dieses Büchlein eine Herzensstärkung
-sein, das sie in ihrem Schmerze aufrichtet, stark und fähig macht für
-die hehre Aufgabe der Zukunft.
-
-
- Auguste Supper, Vom jungen Krieg. Erzählungen.
-
-„In fesselnder kraftvoller Schilderung bringt A. Supper in ihrem sehr
-geschmackvoll ausgestatteten Bändchen eine gute Auswahl gehaltvoller
-Erzählungen.“
-
- Die schöne Literatur.
-
-
-
-
-Verlag von Otto Rippel, Hagen i. W.
-
-
- Helene Christaller, Wir daheim. Ein Kriegsbuch. 19. Tausend.
-
-„Ich wollte, man könnte es in Tausenden von Exemplaren ins Ausland
-schleudern, besonders auch unter die Neutralen, damit sie aus diesen
-tief empfundenen lebenswarmen Skizzen ein Wirklichkeitsbild gewännen
-von dem kämpfenden Deutschland daheim.“
-
- Christl. Welt.
-
-
- Fritz Müller, Der Sepp im Krieg. Bayerische Geschichten. 8. Tausend.
-
-„Das sind Perlen neudeutscher Erzählungskunst! Die Geschichten, so
-einfach und schlicht sie an sich sind, gehören zu dem Besten, was die
-deutsche Kriegsliteratur bis jetzt hervorgebracht hat. Wir können
-sie mit bestem Gewissen allen denen empfehlen, denen der klare,
-unerschöpfliche Born des deutschen Gemüts und des tiefinnerlichen
-deutschen Volkshumors eine Offenbarung bedeutet.“
-
- Der Reichsbote.
-
-
- Fritz Müller, Hinter der Front. Erzählungen von zuhause. 5. Tausend.
-
-Das sind eigenartige Kriegsgeschichten von daheim, weit hinter der
-Front. Kein Pulverdampf und Kanonendonner wird vernommen und doch
-bringen uns diese tief empfundenen Erzählungen die große Zeit so nahe
-und zeigen uns, welch herrlicher Geist das deutsche Volk beseelt und
-welche Opfer es zu bringen imstande ist.
-
-
- Helene Christaller, Und Marmorbilder stehn und sehn mich an...
- Erzählungen. 6.-7. Taus.
-
-„In dieser neuesten Gabe schenkt uns die beliebte Verfasserin eine
-besonders sorgfältig ausgewählte Sammlung ihrer besten und reifsten
-Erzählungen. Dieses Büchlein ist ein besonders geeignetes Geschenkwerk
-für das deutsche Haus.“
-
-
- Fritz Philippi, Aus meinem Guckkasten. Erzählungen. 3. Tausend.
-
-„Erzählungen aus Krieg und Frieden, die sowohl den Ernst und die Größe
-der Gegenwart widerspiegeln, wie auch den stillen Frieden vergangener
-Tage atmen. Das Büchlein wird dem Verfasser neue Freunde gewinnen,
-zeigt er sich doch in der humoristischen Erzählung ‚Peter Zwickel auf
-dem Lügengaul‘ von einer ganz neuen erfreulichen Seite.“
-
-
-
-
-Verlag von Otto Rippel, Hagen i. W.
-
-
- Helene Christaller, Aus ernster Zeit. Eine Kriegsgabe. 15. Tausend.
-
-Den zahlreichen Freunden der bekannten Verfasserin wird dieses kleine
-hübsche Bändchen eine willkommene Gabe sein, schenkt sie doch aus ihrem
-reichen Schatz die besten Gaben aus dieser großen, ernsten Zeit.
-
-
- Fritz Müller, Klassengold. Schulgeschichten aus dem Krieg. 5.
- Tausend.
-
-„Diese herzerquickenden Erzählungen muten ungemein frisch und
-lebensfroh an, und doch steckt in allen ein tief versonnener Kern.“
-
- Schulrat _Dr._ Mosapp.
-
-
- Max Geißler, Der schwarze Stern im großen Bären. Roman. 5. Tausend.
-
-„... Dem Meister deutscher Erzählerweise ist es vortrefflich gelungen,
-das farbenprächtige orientalische Gewand zu wahren. An ein türkisches
-Muster erinnert auch der Einband des hübsch ausgestatteten Büchleins,
-das einen neuen Baustein zum großen Bau der Weltliteratur bedeutet...“
-
- Die schöne Literatur.
-
-
- Fritz Müller, Vergnügliche Geschichten. 8.-11. Tausend.
-
-
- Otto Frommel, Ein schweres Herz. Erzählungen.
-
-„In diesem feinen, beschaulichen Buche bietet uns Frommel wahre Perlen
-deutscher Erzählungskunst. Tiefer Ernst, sonniger Humor wechseln in
-wohltuender Weise ab.“
-
-
- Horst Wolfram Geißler, Die Rosen der Gismonda. Novelle. 4. u. 5.
- Tausend.
-
-„Eine feine poesievolle Novelle aus der Vergangenheit. Die Lektüre ist
-ein rechter Genuß und eine Erholung.“
-
-
- S. Ch. von Sell, Das Rosenhaus. Erzählung. 8.-10. Tausend.
-
-„Die bekannte Verfasserin bietet ihren Freunden eine besonders feine
-Erzählung. Von dem Sieg der treuen, hingebenden, entsagungsvollen Liebe
-erzählt uns diese ergreifende Geschichte.“
-
-
-
-
-Verlag von Otto Rippel, Hagen i. W.
-
-
- Klara Hofer und Johannes Höffner, Friede im Krieg. Weihnachtliche
- Geschichten.
-
-„Diese prachtvollen Weihnachtsgeschichten, die uns mitten in dieser vom
-Kriegslärm beherrschten Zeit vom Sieg des Friedens erzählen, verdienen
-die weiteste Verbreitung.“
-
-
- Fritz Müller, Ich dien’. Geschichten. 5. Tausend.
-
-„Des Verfassers eigenartige Gabe kommt in diesen echt deutschen,
-gemütvollen Geschichten voll zur Geltung. Dieses Büchlein, wie jede
-einzelne Geschichte, ist ein Zeugnis von dem herrlichen Geist unserer
-Zeit; es erquickt und richtet auf, macht stolz und stark.“
-
-
- Max Geißler, Drei Mann unterm Glassturz. Roman. 5. Tausend.
-
-„Ein kleiner aber feiner Roman aus dem Herzen Deutschlands. Kein
-sensationelles, prickelndes „modernes“ Buch. Ein zarter, erwärmender
-Hauch strahlt von ihm aus und wird dem Verfasser sicher dankbare Leser
-bringen.“
-
-
- E. Müllenhoff, Im Hell-Dunkel. Erzählungen. 7.-9. Tausend.
-
- Marie Diers, Unsere Mutter. Die Geschichte einer Reue. 6.-10.
- Tausend.
-
-„Diese ergreifende Geschichte einer Mutter steht unter dem Leitmotiv:
-‚O lieb, so lang du lieben kannst‘. Für Jung und Alt.“
-
-
- Otto Ernst, Ruhe des Herzens. Ernstes und Heiteres.
-
-
- Rudolf Greinz, Bergheimat. Zwei Erzählungen aus Tirol.
-
-
- Hanns v. Zobeltitz, Nach dem Frieden. Eine Erzählung.
-
-
- Ernst Zahn, Der Gerngroß. Eine Erzählung.
-
-
- Fritz Müller, Worauf freuen wir uns jetzt? Fröhliche Geschichten.
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Worauf freuen wir uns jetzt?, by Fritz Müller
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WORAUF FREUEN WIR UNS JETZT? ***
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-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
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-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
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-works. See paragraph 1.E below.
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
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-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
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-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
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-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
-809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
-page at http://pglaf.org
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-For additional contact information:
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- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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- Worauf freuen wir uns jetzt?, by Fritz Müller&mdash;A Project Gutenberg eBook
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-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Worauf freuen wir uns jetzt?, by Fritz Müller
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-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Worauf freuen wir uns jetzt?
- Fröhliche Geschichten
-
-Author: Fritz Müller
-
-Release Date: September 3, 2020 [EBook #63108]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WORAUF FREUEN WIR UNS JETZT? ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1918 erschienenen
-Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
-Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche
-und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten
-bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts
-dadurch nicht beeinträchtigt wird. Fremdsprachliche Zitate und Passagen
-in Dialekt wurden nicht verändert.</p>
-
-<p class="p0">Der Zensurstempel auf der Titelseite (‚Z‘ über ‚VII‘
-in einem Dreieck mit nach unten zeigender Spitze) wurde nicht mit
-übernommen, da dieser ursprünglich nicht Teil des gedruckten Originals
-war.</p>
-
-<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; Passagen
-in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden im vorliegenden
-Text kursiv dargestellt. <span class="nohtml">Abhängig von der im
-jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original
-<em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in
-serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt
-erscheinen.</span></p>
-
-</div>
-
-<div class="titelei">
-
-<p class="s2 center padtop5 mbot3 break-before">Worauf freuen wir uns jetzt?</p>
-
-<h1>Worauf<br />
-freuen wir uns jetzt?</h1>
-
-<p class="s3 center">Fröhliche Geschichten</p>
-
-<p class="center">von</p>
-
-<p class="s2 center mbot3"><b>Fritz Müller</b></p>
-
-<p class="s4 center padtop5">1918<br />
-Verlag von Otto Rippel, Hagen i. W.</p>
-
-<p class="center padtop5 break-before"><span class="antiqua">Copyright by Otto Rippel<br />
-Hagen i. W. 1918</span></p>
-
-<p class="s5 center padtop5">Zeilenguß-Maschinensatz und Druck<br />
-von Oscar Brandstetter in Leipzig</p>
-
-</div>
-
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis</h2>
-
-</div>
-
-<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis">
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- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left">Worauf freuen wir uns jetzt?</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right mleft3"><a href="#Worauf_freuen_wir_uns_jetzt">7</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left">In deinem Alter</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right mleft3"><a href="#In_deinem_Alter">13</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left">Der Rauchtisch</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right mleft3"><a href="#Der_Rauchtisch">20</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left">Der Familienaufsatz</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right mleft3"><a href="#Der_Familienaufsatz">27</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left">Der Hunderter</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right mleft3"><a href="#Der_Hunderter">35</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left">Der Spohrer</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right mleft3"><a href="#Der_Spohrer">39</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left">Glück</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right mleft3"><a href="#Glueck">45</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left">Das blaue Band</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right mleft3"><a href="#Das_blaue_Band">49</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left">Die Rundfrage</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right mleft3"><a href="#Die_Rundfrage">63</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left">Das Kugelzimmer</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right mleft3"><a href="#Das_Kugelzimmer">70</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left">Schmuckel</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right mleft3"><a href="#Schmuckel">76</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left">Jod</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right mleft3"><a href="#Jod">84</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left">Morgan</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right mleft3"><a href="#Morgan">88</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left">Tag- und Nachtärger</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right mleft3"><a href="#Tag_und_Nachtaerger">96</a></div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7"></a>[S. 7]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Worauf_freuen_wir_uns_jetzt">Worauf freuen wir uns jetzt?</h2>
-
-</div>
-
-<p>Er kam mit dem Spruch schon auf die Welt. Glitzerig kugelten seine
-Äuglein aus der Wiege in die Zimmerrunde. „Sieht er nicht aus,“ sagte
-jemand, „als wenn er fragte: Worauf freuen wir uns jetzt?“</p>
-
-<p>Das blieb ihm. Das saß zu Häupten seiner Wiege, wenn das Fieber sein
-Körperchen geschüttelt hatte. Das strich ihm die winzigen Fältchen vom
-Gesicht und sagte: „Maxli, worauf freuen wir uns jetzt?“ Das wurde
-mit ihm größer, rutschte auf den Dielen mit herum, wo er sich einen
-Schiefer eingezogen hatte, und wischte ihm die Tränen fort: „Und worauf
-freuen wir uns jetzt, Maxli, he?“</p>
-
-<p>Das klopfte ihm nach den ersten ängstlichen Schulgang vertraulich auf
-die Schulter: „Na, Maxli, worauf freuen wir uns jetzt?“</p>
-
-<p>Das wuchs mit ihm und wich ihm nimmer von der Seite. Das sah ihm
-unausweichlich ins Gesicht, wenn der Ärger aufstieg: „Was ich noch
-sagen wollte, Max, worauf freuen wir uns jetzt?“</p>
-
-<p>Was Wunder also, daß der Spruch ein Teil von ihm ward. Oder er ein
-Teil vom Spruch. In solchen Wiegenbrüderschaften lassen sich die<span class="pagenum"><a id="Seite_8"></a>[S. 8]</span>
-Teile nicht mehr sondern, derselbe Herzschlag tickt durchs gleiche
-Blutgeäder: „Wo-rauf-freuen-wir-uns-jetzt?“</p>
-
-<p>Es ist schon richtig: schlicht und bescheiden, wie der Max war, wurde
-er kein Großer, wurde nicht berühmt. Eher schon sein Spruch, den sie
-nach und nach belächelten.</p>
-
-<p>„Hör’ mal, Max,“ sagte einer seiner Freunde, „ein Wahlspruch ist schon
-recht. Aber er muß auch darnach sein. Zum Beispiel: Morgenstund hat
-Gold im Mund. Oder: Erst besinn’s, dann beginn’s. Oder: Rom ist nicht
-an einem Tag erbaut. Siehst du, das sind anerkannte Sprüche.“</p>
-
-<p>„Jawohl,“ sagte Max, „und worauf freuen wir uns jetzt?“</p>
-
-<p>Max sei ja soweit ein guter Kerl, sprach dann dieser Freund herum, aber
-doch beschränkt. Und es solle ihn nicht wundern, wenn er in der Prüfung
-nicht bestehe. Wirklich fiel er durch.</p>
-
-<p>„Junge, Junge,“ klagte Maxens Vater, „wohin soll das führen?“</p>
-
-<p>„Zum Erfolg beim zweiten Male. Vater &mdash; und worauf freuen wir uns
-jetzt?“</p>
-
-<p>Vater seufzte, Mutter strich dem Sohne übers Haar: „Max, nicht wahr,
-von jetzt ab für nichts anderes als zum Studium zu haben sein, willst
-du mir’s versprechen?“</p>
-
-<p>„Ja, Mutter &mdash; und worauf freuen wir uns jetzt?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_9"></a>[S. 9]</span></p>
-
-<p>Tja, er war nicht zu ändern. „Schade um ihn,“ sagten die gesetzten
-Leute, „er hat eine fixe Idee.“ Und sie behandelten ihn nachsichtig und
-blieben bei der ihren.</p>
-
-<p>Bei einer politischen Versammlung kampelten sich die Gegner, daß es
-im Saale gellte. Dann trat eine kleine Erschöpfungspause ein. Ruhig
-kam aus einer Ecke eine Stimme: „Und worauf freuen wir uns jetzt?“
-Gelächter. Sie bengsten in Max: „Laß dir’s nicht gefallen &mdash; sprich
-doch &mdash; Silentium für &mdash; ha, er spricht wirklich &mdash;“</p>
-
-<p>„Meine Herren,“ sagte Max, „ich freue mich, daß Sie sich freuen.“
-Das Gelächter wuchs, trotzdem einer sagte, ihm dünke, das sei das
-Gescheiteste gewesen, was die Versammlung bis jetzt ergeben habe. Aber
-niemand hörte darauf. Sie kampelten sich schon wieder, daß die Haare
-flogen.</p>
-
-<p>Ein Osterausflug ward verregnet. Mißmutig saßen sie in einer
-Bauernstube. Max sah im Kreis herum. „Und worauf freuen wir uns jetzt?“
-sagte er lächelnd und im inneren Taktmaß des draußen plätschernden
-Regens. Darob wurden einige wieder vergnügt. Ernst aber hob ein
-Professor an: „Junger Mann, alles zu seiner Zeit. Gereifte Einsicht
-muß verstehen, daß die Freude nicht am Platz ist, wenn die Gründe zur
-Verdrossenheit derart ausreichend sind, daß &mdash;“</p>
-
-<p>„Gewiß,“ sagte Max, „aber worauf freuen wir uns jetzt?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_10"></a>[S. 10]</span></p>
-
-<p>Darauf machte der Professor in seinem Wörterbuch der Psychologie einen
-neuen Eintrag: Unter Idioten der Freude versteht man...</p>
-
-<p>Das war lieblos. Freundlicher drückten’s seine Freunde aus: „Max ist
-der reinste Freuden-Cato: <span class="antiqua">Ceterum censeo</span>...“</p>
-
-<p>„Ja,“ ward ihnen beigepflichtet, „er rennt mit seinem Spruche gegen das
-Carthago alles Mißvergnügens an.“</p>
-
-<p>„Ob sein Grundsatz aber standhält,“ zweifelte ein anderer, „wenn’s bei
-ihm selber um die Wurst geht?“</p>
-
-<p>Er hat standgehalten. Die Bank, die sein Erspartes hatte, fiel. Als
-er’s erfuhr, zuckte er zusammen und ging an seine Arbeit, fest aber
-stumm. „Aha, nun hat es ihm sein Sprüchlein doch verschlagen“, sagte
-einer, der nicht wußte, daß sich ein Spruch auch einwärts wenden läßt.</p>
-
-<p>Nur ein einzig Mal hat auch das Einwärtswenden fast versagt. Das war
-damals, als ihm einer seine Liebste stahl. Da sank sein Gleichmut,
-da hob sich ihm die Hand zum Schlage. Freilich, ohne zuzuschlagen.
-„Nein, nein,“ hat er gemurmelt, „Menschen können einem nicht gestohlen
-werden, sie stehlten sich denn selber.“ Einen Winter lang hat’s ihn
-herumgetrieben, bis er gepreßt und scheu zwar, aber dennoch hörbar
-wieder sagen konnte: „Und worauf freuen wir uns jetzt?“</p>
-
-<p>Nun aber ist ein Spruch, der nie versagt, kein Spruch mehr, sondern
-ein Tyrann. Eines Tags<span class="pagenum"><a id="Seite_11"></a>[S. 11]</span> verbeugte sich vor dem erschrocknen Max ein
-Riesenschatten: „Sie gestatten &mdash; bin der Weltkrieg &mdash; und erlaube mir,
-um Ihren Spruch zu bitten.“</p>
-
-<p>„Meinen Spruch?“ stotterte der Max, „was wollen Sie damit?“</p>
-
-<p>Der Weltkrieg machte eine halsabschneidende Bewegung.</p>
-
-<p>Fuhr der Max auf: „Mit welchem Rechte &mdash;?“</p>
-
-<p>„Tun Sie doch nicht so &mdash; bedenken Sie, wenn Sie, wie andre, statt des
-Spruchs, sich selbst zum Opfer &mdash;“</p>
-
-<p>„Mich magst du nehmen &mdash; was liegt groß an mir &mdash; aber alles liegt an
-meinem Spruch.“</p>
-
-<p>„Dummes Zeug &mdash; zuviel Federlesen mach’ ich schon &mdash; her mit dem
-Spruch!“ Roh griff er Max ins Herz. Aber heimlich war der Spruch daraus
-entwichen, flüsternd: „Verzage nicht, Max, auf Wiedersehn!“ Fort der
-Spruch, ihm nach der Krieg.</p>
-
-<p>Reihum im Lande hat der Spruch sich auf die Flucht begeben, immer hart
-vom Krieg verfolgt und immer guten Muts. Kaum einer, den er nicht
-besucht hat, am liebsten die Verdrossenen und Schmerzgeschlagenen, die
-ihn am wenigsten erwarten. Ich habe ihn an Witwenherzen klopfen seh’n:
-„Mich schickt der Max.“</p>
-
-<p>„Kenn’ ich nicht.“</p>
-
-<p>„Eben darum komm’ ich, von ihm erzählen soll ich, damit auch Ihr auf
-eine kleine Weil’ mich so gut aufnehmt, wie ich’s bei ihm gehabt.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_12"></a>[S. 12]</span></p>
-
-<p>Da nahmen sie ihn auf. Freilich nur für eine kleine Weile. Aber lang
-genug, um, wenn der Krieg aufs neue angepoltert kam: „Wo ist der
-Flüchtling, daß ich ihm den Hals umdrehe?!“ mit wieder ausgeglich’nem
-Herzen lächelnd zu erwidern: „Bedaure, schon verzogen, wenn Sie ihn
-treffen, bitte ihn von mir zu grüßen.“</p>
-
-<p>Er hat ihn nie erwischt, der Weltkrieg, solang’ er auch schon währt.
-Immer ist er anderswo, als wo er grad’ gemordet werden sollte. Und er
-hat schrecklich viel zu tun. Wenn mich nicht alles täuscht, demnächst
-mehr noch als der Weltkrieg. Und immer größer wird er, immer stärker,
-trotz des Weltkriegs. Wenn ich recht berichtet bin, demnächst größer
-gar und stärker, als der Weltkrieg selbst. Und es geht ein Tuscheln um
-im Land, daß die Jagd sich demnächst umdreht. Daß aus dem Verfolgten
-ein Verfolger wird. Dann aber mag es sein, weil der Spruch um soviel
-flinkre Füße als der Weltkrieg hat, daß dem der Hals herumgedreht wird
-vom „Worauf-freuen-wir-uns-jetzt?“</p>
-
-<p>Noch ist es nicht so weit. Noch hat er ihm den Hals nicht umgedreht.
-Noch hilft er anderen beim Sterben. Vor kurzem seinem eignen alten
-Herrn, dem Max. Ich selber hab’ ihn sterben sehn. Er ging geschwind
-durchs Tal der letzten Schmerzen auf den Kamm, der vom Jenseits
-scheidet. Jetzt stand er droben und überdachte in den Kissen seine
-eingesunkenen Augen: „Und worauf freuen wir uns jetzt?“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_13"></a>[S. 13]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="In_deinem_Alter">In deinem Alter</h2>
-
-</div>
-
-
-<p>Ich habe eine Statistik über Ermahnungen von Eltern
-an ihre Kinder angelegt. Es gibt Statistiken über
-dreiundzwanzigtausendachthundertfünfundsechzig Dinge, von der
-Gewichtsabnahme bei spiritistischen Sitzungen bis zum Senfverbrauch
-auf den Kopf der Bevölkerung. Warum also nicht auch einmal eine
-Ermahnungsstatistik zwischen Eltern und Kindern?</p>
-
-<p>Zuerst dachte ich, solcher Ermahnungen gäbe es so viele wie Sand am
-Meer. Nämlich, wenn man vom Auftakt ausging. Ich notierte mir:</p>
-
-<p>„Laß das, Hansi...“</p>
-
-<p>„Pfui, Lotte...“</p>
-
-<p>„Schämst dich denn gar nit, Mariele...“</p>
-
-<p>„Nein, jetzt aber so was, Trudi...“</p>
-
-<p>„Fritz, Fritz...“</p>
-
-<p>„Da soll denn doch ein Hageldonnerwetter, Max...“</p>
-
-<p>„Ei ei, Maxeli...“</p>
-
-<p>„Potz Blitz und Karawanken, Junge...“</p>
-
-<p>„Na, warte, Karl...“</p>
-
-<p>„Junge, Junge, Junge...“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_14"></a>[S. 14]</span></p>
-
-<p>Auch die Fortsetzungen waren noch einigermaßen verschieden. Aber der
-Schluß, der Schluß war stets derselbe. Alle, alle liefen sie in einen
-einzigen Schlußsatz aus:</p>
-
-<p>„In deinem Alter habe ich...“</p>
-
-<p>Das heißt, was die Eltern in dem Alter ihrer Kinder hatten, waren,
-taten oder unterließen, ging ja auch wieder scheinbar auseinander,
-aber in Wirklichkeit war’s doch dasselbe. Denn es kam immer auf eine
-unabänderliche Bravheit oder Wohlanständigkeit hinaus, ob sie sagten:</p>
-
-<p>„In deinem Alter habe ich nicht soviel Butter auf das Brot
-bekommen...“, oder</p>
-
-<p>„In deinem Alter habe ich noch gar nicht gewußt, wie ein Theater von
-innen ausschaut...“, oder</p>
-
-<p>„In deinem Alter hatte ich noch keine Ahnung von einem Federhut...“,
-oder</p>
-
-<p>„In deinem Alter ist uns der Schnabel sauber geblieben von...“, oder</p>
-
-<p>„In deinem Alter hätten wir es nicht gewagt, zu...“, oder</p>
-
-<p>„In deinem Alter würden wir uns zu Tode geschämt haben, wenn...“, oder</p>
-
-<p>„In deinem Alter würden wir uns die Finger darnach abgeschleckt haben,
-wenn unsere Eltern...“, oder</p>
-
-<p>„In deinem Alter wären wir kreuzfroh gewesen, wenn...“, oder</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_15"></a>[S. 15]</span></p>
-
-<p>„In deinem Alter hätte man uns verwichst, daß wir nicht mehr stehen,
-sitzen oder liegen hätten können, wenn wir uns unterstanden hätten...“</p>
-
-<p>Der letzte Satz hat den erhebendsten Eindruck auf mich gemacht.
-Nämlich, weil die betreffende ungezogene Liesel, an die er mit
-Augenrunzeln und Donnergepolter gerichtet war, darauf erwiderte:</p>
-
-<p>„Ah, Vater, das muß aber fein gewesen sein.“</p>
-
-<p>Der entsetzte Vater brachte mit Mühe und Not ein „Warum?“ heraus.</p>
-
-<p>„Weil, wenn ihr nicht mehr stehen, liegen oder sitzen konntet,“ sagte
-Liesel ernsthaft und ganz in einer Vorstellung versunken, „dann habt
-ihr ja fliegen müssen, Vater.“</p>
-
-<p>Nein, bitte, das war durchaus nicht frech, sondern sachlich. Denn
-Kinder sind in diesen Dingen immer sachlich. Während die Eltern in
-Dingen der Ermahnung ... nun, ich habe neulich bei einem Vater, mit dem
-ich selbst einmal zur Schule ging, merkwürdige Dinge festgestellt.</p>
-
-<p>Da war ich also bei Rechnungsrats eingeladen. Rechnungsrat Übelacker
-ist ein prächtiger Vater zu seinen Kindern. Aber wenn Gäste da sind, so
-ermahnt er sie. Er ermahnt sie unter allen Umständen. Vielleicht glaubt
-er, es gehöre zum guten Ton, oder er sei das seinen Gästen schuldig,
-oder seinen Kindern, oder sich selber, ich hab’s nie herausbekommen
-können. Aber mir hat er immer leid getan, wenn wir schon beim Obst
-angelangt waren und<span class="pagenum"><a id="Seite_16"></a>[S. 16]</span> mein Freund, der Rechnungsrat Übelacker, bereits
-anfing, ungemütlich auf seinem Stuhle hin und her zu rutschen, weil bis
-anhin die Kinder noch nicht den geringsten Anlaß zur Ermahnung zu geben
-schienen.</p>
-
-<p>So war’s auch diesmal. Ich konnte es nicht mehr ansehen. Ich nahm mich
-zusammen und schnitt dem regierungsrätlichen Fritzl eine heimliche
-Grimasse über den Tisch hinüber. Natürlich lachte er. Ich verlängerte
-meine Grimasse ins Erstaunte. Natürlich platzte er jetzt fast vor
-Lachen.</p>
-
-<p>Sofort lösten sich des Regierungsrats gespannte Züge wohltätig, als er
-jetzt mahnend an seinen Teller klopfen und verkünden konnte:</p>
-
-<p>„Fritz, das muß ich dir denn doch sagen, in deinem Alter habe ich
-niemals ein so blödsinniges Gelächter aufgeführt &mdash; mach’, daß du
-vor die Türe gehst, damit &mdash; damit du weißt, wie man sich bei Tisch
-anständig beträgt.“</p>
-
-<p>Ich dachte mir, es sei sehr unwahrscheinlich, daß man das anständige
-Benehmen bei Tisch vor der Türe draußen erlernen könne und drückte
-diesen Gedanken in einer dritten heimlichen Grimasse aus, für
-mich privat natürlich. Ebenso natürlich schepperte aber der
-Regierungsratsfritz darüber vor Lachen und ging ein drittel betrübt,
-ein drittel vergnügt und ein drittel ahnungslos vor die Türe.</p>
-
-<p>„Es ist ein Jammer mit den Kindern heutzutage“, sagte Rat Übelacker
-etwas unsicher zu mir.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_17"></a>[S. 17]</span></p>
-
-<p>„O,“ sagte ich, „nicht nur heutzutage, es war zu unserer Zeit nicht
-besser, aber dafür schlimmer.“</p>
-
-<p>„Sooo?“ sagte mein Freund, der Regierungsrat.</p>
-
-<p>„Ja, ich erinnere mich an zwei Buben, die einem Gaste gegenübersaßen,
-der einen kleinen unscheinbaren Haarbüschel auf seiner Nasenspitze
-hatte.“</p>
-
-<p>„Soo?“</p>
-
-<p>„Ja, und so oft das auftragende Mädchen die Türe öffnete, bewegte sich
-dieser kleine Haarbüschel im Zugwind zuerst empört, dann ergebungsvoll
-und schließlich fröhlich.“</p>
-
-<p>„So?“</p>
-
-<p>„Ja, und das machte den beiden Jungen einen solchen Heidenspaß, daß sie
-sich beinahe kugelten vor Lachen.“</p>
-
-<p>„So, am Tisch?“</p>
-
-<p>„Freilich, so daß der Vater schließlich sagen mußte, das sei ja ein
-schandbares Betragen, und als er so jung gewesen sei, habe man Kinder
-mit derartiger Aufführung jämmerlich verhauen, und er solle sofort vor
-die Türe gehen, damit er besseren Anstand lerne, der Heinrich.“</p>
-
-<p>„Der Heinrich?“</p>
-
-<p>„Ja, natürlich, der Heinrich, denn es ging doch nicht gut an, mich als
-eingeladenen Jungen auch vor die Türe zu setzen.“</p>
-
-<p>„Dich? und der andere &mdash;?“</p>
-
-<p>„Der andere? aber das warst doch natürlich du, Heinrich.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_18"></a>[S. 18]</span></p>
-
-<p>„Soso &mdash; hm ja &mdash; soso &mdash;“</p>
-
-<p>In diesem Augenblicke schien das anwesende Erziehungsfräulein
-Nasenbluten zu kriegen. Wenigstens ging sie mit dicht angepreßtem
-Taschentuch auch rasch vor die Türe. Und es war mir nur schleierhaft,
-warum sie dabei das ganze Gesicht zudecken mußte.</p>
-
-<p>Gleich darauf schien der Frau Regierungsrat ein Apfelbröckchen in den
-unrechten Schlund gekommen zu sein, so daß sie ein merkwürdig komisches
-Gesicht machen mußte und von ihrem Gemahl einen unbeschreiblichen Blick
-erhielt. Was sie veranlaßte, ebenfalls ein wenig vor die Türe zu gehen.</p>
-
-<p>„Da wir jetzt unter uns sind,“ begann der Regierungsrat unbehaglich,
-„so muß ich dir schon sagen...“ Ich merkte sofort, daß es eine
-umfängliche Predigt werden sollte und sagte:</p>
-
-<p>„Komm, alter Junge, sei nicht tragisch &mdash; dein Sohn ist im übrigen ein
-famoser Kerl.“</p>
-
-<p>„Famoser Kerl, wieso?“</p>
-
-<p>„Ei, er hat kein Wort davon gesagt, daß ich mit meiner
-Gesichterschneiderei an seinem Gepruste schuld war.“</p>
-
-<p>„Du? Nun, da muß ich denn doch sagen &mdash; hm ja, ich meine, ich glaube,
-du hättest diese Geschichte, an die ich mich übrigens gar nicht mehr
-erinnere, nicht gerade jetzt &mdash; und im übrigen vermute ich, daß ich
-damals nicht so entsetzlich geprustet habe, wie mein Fritz vorhin &mdash;
-wenn du’s schon erzählen<span class="pagenum"><a id="Seite_19"></a>[S. 19]</span> mußtest, dann hättest du doch wenigstens auch
-diesen Unterschied &mdash;“</p>
-
-<p>„Aber Heinrich, dann hätte ich ja auch den andern Unterschied &mdash;“</p>
-
-<p>„Welchen andern Unterschied, bitte?“</p>
-
-<p>„Nun, <em class="gesperrt">du</em> hast damals, als du vor die Türe gehen mußtest, nicht
-vergessen, darauf aufmerksam zu machen, daß eigentlich das luftbewegte
-Haarbüschelchen auf des Fremden Nase dran schuld war, während dein
-Fritzl heut’ mich nicht verraten hat, sondern erheblich netter war, als
-du in seinem Alter damals &mdash;“</p>
-
-<p>„Hem, hast du auch fernerhin die Absicht, alte Freunde derart
-bloßzustellen &mdash;?“</p>
-
-<p>„Mit Vergnügen, solange sie nicht zugestehen wollen, daß sie im
-Alter ihrer Söhne ganz genau so frech, so dumm, so nichtsnutzig, so
-unbekümmert und so &mdash; kreuzvergnügt gewesen waren, gottseidank, als
-eben diese Söhne.“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_20"></a>[S. 20]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Der_Rauchtisch">Der Rauchtisch</h2>
-
-</div>
-
-<p>Rauchtische sind eine merkwürdige Erfindung. Ich glaube, Nichtraucher
-haben sie erfunden.</p>
-
-<p>Zu meinem Geburtstage versetzte mir die Mutter meiner Frau mittels
-Eilgut unter Wertangabe einen Rauchtisch. Gut, daß „Rauchtisch“ auf dem
-Frachtbrief stand. Ich hätte ihn sonst für einen Telegraphenapparat mit
-Gestell gehalten. Aber was ich für einen Morseticker ansah, war ein
-Kerzenhalter. Hol’ mich der und jener, wenn die Aschenschale früher
-keine Streifenspule war.</p>
-
-<p>„Fehlt nur noch der Draht“, murmelte ich.</p>
-
-<p>„Pfui,“ sagte meine Frau, „Geld willst du auch noch!“</p>
-
-<p>„Ja,“ bekannte ich, „auch für eine Banknotenpresse könnte man es
-halten.“</p>
-
-<p>„Schäm’ dich, jeder Laie sieht doch, daß &mdash;“</p>
-
-<p>„Laie? Ja, das ist es: ein Rauchtisch für Nichtraucher.“</p>
-
-<p>„Mann, Mann, ich werde meiner Mutter schreiben, daß sie selbst kommt
-und &mdash;“</p>
-
-<p>Ha, Daumenschraubenmuttern! Ich erschrak. Schweiß brach aus. Ich
-wurde feig. Ich hob drei<span class="pagenum"><a id="Seite_21"></a>[S. 21]</span> Finger. Ich verleugnete meinen gesunden
-Rauchverstand. Ich schwor, daß es ein Rauchtisch sei. Ein moderner
-Rauchtisch. Ich schwor, daß nur ein Idiot den Streichholzständer für
-einen Morsedrücker halten könne. Unleugbar sei es allerdings, daß das
-Gestell aus drei Makkaroni in Todeszuckungen bestünde. Aber das sei
-eine geniale Stilidee des Rauchtischarchitekten. Ich schwor, in meinen
-ausschweifendsten Träumen hätte ich mir immer so etwas gewünscht.</p>
-
-<p>„Ist gut,“ sagte meine Frau mißtrauisch, „nun schwöre noch, daß du ihn
-täglich benutzen wirst.“ Was war zu tun? Gott, was schwört der Mensch
-nicht alles, wenn er in Gefahr ist.</p>
-
-<p>Ich benutzte ihn täglich. Zunächst als Handtuchhalter. Damit war er
-zugedeckt, unsichtbar und gnädig.</p>
-
-<p>Aber meine Frau kam hinter die Gnade und das Handtuch, entfernte beides
-und zwang mich, angesichts des Tischchens zu rauchen. Davon wurde mir
-schlecht. Ich tat es den drei Makkaroni gleich und phantasierte. Es kam
-der Arzt.</p>
-
-<p>„Denken Sie, Herr Doktor,“ sagte meine Frau, „das Nikotin ist ihm ins
-Blut gegangen, er hält das da für einen Briefkasten mit Gestell.“</p>
-
-<p>„Unglaublich,“ sagte der Arzt, „eine türkische Gebetsmühle für einen
-Briefkasten zu halten!“</p>
-
-<p>Empört holte meine Frau einen andern Arzt. Ich konnte ihn einen
-Augenblick allein sprechen:<span class="pagenum"><a id="Seite_22"></a>[S. 22]</span> „Doktor, seien Sie barmherzig, befreien
-Sie mich von diesem Ding da!“</p>
-
-<p>„Es ist doch ein ganz netter Schirmständer,“ sagte er, „na, wenn Sie
-ihn durchaus nicht haben wollen, könnten Sie ja im Fieber &mdash;“</p>
-
-<p>Ich verstand, und schlug im Fieber den Rauchtisch kurz und klein.
-Nach dem Anfall lagen die Makkaronifüße unter meinem Bett. Die
-Rauchtischplatte war hinter den Bücherschrank gekugelt. Die
-Aschenschale hatte sich auf das Gardinenbrett geflüchtet, während
-der Kerzenhalter sich durch das offene Fenster auf den Aschenhaufen
-niederließ.</p>
-
-<p>Ich hielt die Sache für erledigt und genas. Ich wußte nicht, daß eines
-Weibes Liebe die zerrissensten Dinge wieder zusammenleimt: an meinem
-Namenstag stand der reparierte Rauchtisch als Neugeschenk neben meinem
-Bett und grinste verdrehter und hämischer als je.</p>
-
-<p>Freunde rieten mir zu einem Umzug. Bei Umzügen verschwänden oft die
-unglaublichsten Dinge, sagten sie. Also wurde umgezogen. Während meine
-Frau die Möbelträger hin und her schob, rannte ich mit dem Rauchtisch
-auf den Speicher, ließ ihn in die hinterste Ecke verschwinden und
-schmiß Lumpen drauf und Hobelspähne.</p>
-
-<p>Der Möbelwagen war gepackt. Der Kutscher wollte knallen. „Noch nicht“,
-sagte meine Frau und ging zum letztenmal spähend durch die Räume. Ha,
-gewonnen &mdash; leer kam sie zurück.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_23"></a>[S. 23]</span></p>
-
-<p>„Hü!“ will der Kutscher rufen. Springt über die Straße eine Katze mit
-einem gestohlenen Fleischstück. Schreiend hinter ihr eine Köchin. Die
-Katze das Stiegenhaus hinauf, Stock um Stock. Die Köchin ihr nach,
-Stock um Stock. Man hört’s vom Dach herab rumoren. Auf einmal &mdash;</p>
-
-<p>Durch das offene Speicherfenster saust elegant die Katze, landet
-unbeschädigt mit dem Fleischstück auf dem Pflaster &mdash;</p>
-
-<p>„Mistviech, elendig’s!“ schreit’s herunter. Durch die Dachluke saust,
-gleich elegant geschwungen, das Rauchtischchen. Geschickt fängt es der
-Oberpacker auf: „G’hört das noch dazu, gnä’ Frau?“</p>
-
-<p>Da stand es also auch in der neuen Wohnung und glotzte weiter hämisch.
-Ich gab ihm Püffe über Püffe. Es hielt sie aus und glotzte. Täglich
-warf ich meine Stiefel nach ihm. Es glotzte. Ich arrangierte einen
-kleinen Hausbrand. Das erste, was gerettet wurde, war der Rauchtisch.
-Ich bat meinen Neffen, chemische Experimente mit fressenden Säuren auf
-dem Rauchtisch auszuführen. Die Säuren fraßen alles, nur nicht meinen
-Rauchtisch.</p>
-
-<p>Immerhin, zum Lackieren müsse er, sagte meine Frau. Ich besuchte den
-Lackierer. „Mann,“ sagte ich, „daß das Handwerk jetzt mit Arbeit
-überhäuft ist, weiß ich. Ich könnte es verstehen, wenn das Stück erst
-nach Monaten an die Reihe käme. Ja, ich würde es sogar begreifen, wenn
-es überhaupt nie fertig würde.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_24"></a>[S. 24]</span></p>
-
-<p>Er sah mich prüfend an. „Nee, mein Lieber,“ sagte er, „Sie fangen mich
-nicht, Sie Handwerkslästerer!“ Am nächsten Tage teilte er telephonisch
-mit, daß der Tisch lackiert sei. Ich war es auch.</p>
-
-<p>„Kathi,“ sagte meine Frau, „holen Sie ihn ab.“</p>
-
-<p>„Kathi,“ sagte ich, sie heimlich auf die Seite nehmend, „wenn Sie ihn
-unterwegs verlieren sollten &mdash; hier sind drei Mark &mdash; Sie verstehen.“</p>
-
-<p>Für drei Mark versteht die Kathi irgend etwas. Heulend kam sie heim.
-„Gnä’ Frau &mdash; huhu &mdash; stehen lassen in der Straßenbahn &mdash; huhu &mdash;!“</p>
-
-<p>Meine Frau versteht keinen Spaß. Nicht für drei Pfennig. „Kathi, wenn’s
-nicht mehr zum Vorschein kommt, ziehe ich am Lohn fünf Mark ab &mdash;
-marsch, ins Fundbureau!“</p>
-
-<p>Kathi sah mich an. Ich zwinkerte ihr zu, ich käme doppelt auf. Also
-holte sie das Fundstück von der Straßenbahn ab und verlor’s ein
-zweitesmal erheblich gründlicher.</p>
-
-<p>Darauf rückte es meine Frau in die Morgenzeitung: „Wer ein verlorenes
-Rauchtischchen gefunden hat und wiederbringt, erhält zehn Mark.“ Und
-ich in die Abendzeitung: „Wer ein verlorenes Rauchtischchen gefunden
-hat und behält, erhält zehn Mark.“</p>
-
-<p>Zwei Tage später werde ich im Kaffeehaus vom Skat hinausgerufen. Die
-Tändlerin Kreszenz Hasenfratz stemmte die Arme in die Lenden: „Sie also
-sind der verruckte Herr, der wo zehn Mark zahl’n<span class="pagenum"><a id="Seite_25"></a>[S. 25]</span> will, wenn ich ihm
-das Tischerl nicht in seine Wohnung trag’...“</p>
-
-<p>Es kam ein unwiederbringlicher Vertrag zustande. Ich halte mich mit Fug
-für rauchtischalpbefreit. Aber am nächsten Ersten steht die Kreszenz
-Hasenfratz wieder mit angestemmten Armen im Kaffeehausgang: „Herr
-Doktor, so wenig Platz wie ich jetzt hab’ für meine Tandelsachen &mdash;
-darf ich also wieder um zehn Mark Monatsmiete &mdash;“</p>
-
-<p>„Sie &mdash; Sie sind &mdash;“</p>
-
-<p>„Regen Sie sich nicht künstlich auf, Herr Doktor, wenn Sie’s nicht
-aufbewahrt hab’n woll’n, kann ich’s ja morgen wieder Ihrer Frau
-Gemahlin &mdash;“</p>
-
-<p>Seitdem muß ich den Rauchtischschrecken monatlich beschwören.
-Zehnmarkweise. Als ich das Lösegeld zum siebtenmale in mein
-Kassabüchlein eingetragen hatte, kommt meine Frau ins Zimmer.</p>
-
-<p>„Mann, ich weiß wohl, was du einträgst“, sagt sie erhaben.</p>
-
-<p>„Um Gottes willen &mdash;“</p>
-
-<p>„Sei getrost, ich verzeihe dir.“</p>
-
-<p>„Du liebe Frau,“ sag’ ich erfreut, „ich brauch’ es also nicht mehr
-kommen lassen?“</p>
-
-<p>„Im Gegenteil, du kannst es kommen lassen, auf der Stelle.“</p>
-
-<p>Ich sank zusammen. Ich tat geistesabwesend.</p>
-
-<p>„Mann, verstell’ dich nicht &mdash; Kassabüchlein &mdash; monatlich zehn Mark &mdash;
-Kreszenz Hasenfratz &mdash; wir wissen alles &mdash;“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_26"></a>[S. 26]</span></p>
-
-<p>„Ihr?“ stammele ich, „wer Ihr?“</p>
-
-<p>Geht die Türe auf: „Lieber Schwiegersohn &mdash; meine Tochter schrieb mir
-alles &mdash; wir wissen wohl um deine Jugendsünde &mdash; laß das arme Kind nur
-kommen &mdash;“</p>
-
-<p>„Das Kind? Was für ein Kind?“ stotterte ich.</p>
-
-<p>„Dein Kind!“ donnerte sie, „und zum Zeichen, daß wir dir verziehen,
-habe ich dir auch ein neues Rauchtischchen...“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27"></a>[S. 27]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Der_Familienaufsatz">Der Familienaufsatz</h2>
-
-</div>
-
-<p>Montag brachte Hans das Aufsatzthema heim: „Der Krieg, eine Geißel
-der Menschheit.“ „Konzept am Sonnabend abzuliefern“, hatte der Lehrer
-gesagt. „Schreibt diesmal frei, ganz aus euch selbst heraus.“</p>
-
-<p>„Herrgott, ist bis zum Sonnabend lang“, dachte Hans und schlug die
-Geißel in den Wind. In den Wind geschlagene Geißeln knallen irgendwann.
-Beim Hans am Freitag. Es war ein Gewissensknall. Die Familie knallte
-mit. „Der arme Bub,“ sagte die Mutter, „von heut auf morgen einen
-ganzen Aufsatz.“ &mdash; „Gott,“ sagte Vater, „ich habe zu manchem
-verzwickten Geschäftsbrief nicht mal soviel Zeit.“</p>
-
-<p>„Jaja,“ sagte Tante Lotte nachdenklich, „der Aufsatz, eine Geißel der
-Menschheit.“ &mdash; „Na, mit ’m bißchen Grips und ’m Schuß Inspiration
-läuft auch der schwerste Aufsatz“, sagte Onkel Franz. „Setz’ dich nur
-mal dran, Hans.“</p>
-
-<p>Hans setzte sich von Freitag nachmittag 4 Uhr bis 8 Uhr daran: „Der
-Krieg, eine Geißel der<span class="pagenum"><a id="Seite_28"></a>[S. 28]</span> Menschheit &mdash; Der Krieg, eine Geißel der
-Menschheit &mdash; Der Krieg, eine Geißel der Menschheit &mdash; Der Krieg, eine
-Geißel der &mdash; Mutter, weißt du keinen schönen Satz?“ &mdash; „Einen schönen
-Satz über den gräßlichen Krieg, Hans?“ &mdash; „Er meint einen stilistisch
-schönen Satz“, sagte Tante Lotte. Und dann klopften Mutter und Tante
-an Onkels Zimmer: „Onkel, der Bub braucht einen schönen Satz.“ &mdash; „Ach
-was, mit ’m bißchen Grips und ’m Schuß Inspiration &mdash;“ &mdash; „Schuß? Er
-braucht halt ein wenig Vorschuß, der arme Bub’ &mdash; wenn ich denke: von
-heut auf morgen eine ganze Geißel &mdash;“</p>
-
-<p>Das war um 6&frac14;. Um &frac12;7 wälzte Onkel Franz das zwölfte Buch.
-„Einen schönen Satz?“ murmelte er. „Schreib mal diesen Satz auf Seite
-63, Junge.“ Und folgsam schrieb der Hans in sein Konzeptheft: „Die
-materiellen, intellektuellen und moralischen Konsequenzen eines Krieges
-leuchten wie ungeheure Fanale des Leidens durch die Geschichte.“ &mdash;
-„Kannst ihn mal der Tante zeigen, Junge.“</p>
-
-<p>Hans zeigte ihn der Tante. Sie kam sofort herüber: „Ein schöner
-Satz, Onkel Franz, ein wirklich wunderschöner Satz.“ &mdash; „Na, nicht
-so schlimm, mit ’m bißchen Grips und ’n Schuß Inspiration &mdash; und nun
-machst du einfach in dem Stile weiter, Junge.“</p>
-
-<p>Hans machte bis um 7 weiter, ohne mit dem zweiten Satz fertig zu
-werden. „Onkel Franz, bitte<span class="pagenum"><a id="Seite_29"></a>[S. 29]</span> noch einen schönen Satz.“ &mdash; „Jetzt kann
-dir mal die Tante helfen, Junge.“ &mdash; „Tante, bitte, noch einen schönen
-Satz.“ Tante Lotte blätterte schon seit einer Viertelstunde in ihren
-alten Albums. „Schreib mal das da“, sagte sie errötend. Und folgsam
-schrieb Hans in sein Konzeptheft: „Der rosenfingrige Eros kämpft
-siegreich gegen dräuende Wolken, morgenrotes Blut fließt in Strömen:
-Krieg überall.“ &mdash; „Kannst ihn mal der Mutter zeigen, Junge“, sagte
-Tante Lotte.</p>
-
-<p>Hans zeigte ihn der Mutter. Gleich kam sie aus der Küche. „Ein
-wundervoller Satz, Tante Lotte“, sagte sie. &mdash; „Jetzt einen Satz von
-dir, Mutter“, bat Hans. &mdash; „Aber Hans, ich mach’ das Abendessen fertig,
-ich kann keine schönen Sätze kochen.“ &mdash; „Aber Mutter, irgendeinen
-Satz wirst du doch &mdash;“ Da schlug die Mutter im Kochbuch nach: „Den
-vielleicht, Hans?“ Und folgsam schrieb der Hans in sein Konzeptheft:
-„Die durch den Krieg hervorgerufene Knappheit zwingt auch die
-kriegsfeindliche Hausfrau zur Beschneidung der lukullischen Bedürfnisse
-ihrer Familie.“ Tante Lotte meinte zwar, der Satz sei ein wenig
-nüchtern. „Bis auf ‚lukullisch‘“, sagte Onkel Franz.</p>
-
-<p>Dann kam Vater an die Reihe, der vom Geschäft heimkam. Er machte
-eine Miene, als diktiere er dem Buchhalter: „Im Besitze Ihres sehr
-geehrten...“ Aber dann steckte er die Hände in die Hosentaschen und
-sagte auf und ab gehend:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_30"></a>[S. 30]</span></p>
-
-<p>„Schreib mal, Junge: ‚Die möglichen Kriegsfolgen lassen es rätlich
-erscheinen, die Konjunktur in Rechnung zu stellen und vorher zu
-eskomptieren.‘“</p>
-
-<p>Darauf fiel dem Onkel Franz wieder ein Satz ein. Dann wieder Tante
-Lotte und der Mutter, so daß Hans noch mehrere Male reihum schöne
-Sätze ins Konzeptbuch schreiben konnte. Und eine Stunde nach dem
-Abendessen war es Onkel Franz gelungen, aus einem großen Kriegsbuch
-vom letzten Siebziger Krieg noch einen kunstvoll aufgebauten Schluß
-herauszuklauben. Worauf sich Hans schlafen legte. Nicht ohne daß er es
-noch durch die Tür sagen hörte: „Der arme Bub’: von einem Tage auf den
-andern solchen schweren Aufsatz...“ Damit schlief er befriedigt ein.</p>
-
-<p>Aber im Traum ging’s ihm nicht gut. Er war im Himmel, mitten in einer
-Volksversammlung. Petrus saß am Pult und sagte: „So, und jetzt erzähl’
-mal einer nach dem andern, was er im Krieg erlebt hat.“ Einer trat vor:
-„Mir ist mein Sohn gefallen...“ Es war ein erschütternder Bericht in
-einfachen Worten. „Der nächste“, sagte Petrus. Jemand trat vor: „Ich
-bin gefallen in der Sommeschlacht ...“ Stoßweise, wie das Volk spricht,
-erzählte er die Schrecken seiner Schlacht. „Der nächste“, sagte Petrus.
-Jemand trat vor: „Was ich mir ein Leben lang ersparte, hat der Krieg
-verbrannt...“ Mit einer fernen Stimme erzählte er den Russeneinfall
-seines Dorfes. Noch viele rief der Petrus<span class="pagenum"><a id="Seite_31"></a>[S. 31]</span> auf. Sie standen auf und
-sprachen schlicht und setzten sich. Und jedesmal ging dem Hans ein
-Rieseln übers Rückgrat. Das ging vom dritten Wirbel in der Wirbelsäule
-aus. Dort sitzt die Wahrhaftigkeit.</p>
-
-<p>„Hans, was hast du im Kriege erlebt?“ &mdash; „Einen &mdash; einen Aufsatz“,
-stotterte Hans. &mdash; „Lies mal!“ Und Hans schlug sein Konzeptheft auf und
-las: „Die materiellen, intellektuellen und moralischen Konsequenzen des
-Krieges leuchten wie riesige Fanale...“ Und er trommelte alle schönen
-Sätze herunter. Und hinter dem schönen Schlußsatz dachte er stolz: „Was
-sagen Sie nun, Herr Petrus?“</p>
-
-<p>„Paß mal auf, Hans“, sagte Petrus und schob einen Vorhang auf die
-Seite. Der Krieg ward sichtbar. Er war aus Marmor. Schrecklich war er
-anzuschauen in seiner unbändigen Wild- und Nacktheit. „Gib mal dein
-Konzeptheft, Hans.“ Einzeln riß Petrus die Blätter heraus und steckte
-sie mit Nadeln an die Statue. Dort verwandelten sie sich in ein Kleid.
-Und es war aus lauter bunten, zerrissenen Lumpen zusammengesetzt.
-Unsäglich erbärmlich hing das alles unter dem entsetzlich erhabenen
-Gesicht des Krieges herab. Und Hans wurde rot im Traum und schämte sich
-und wachte auf. Schon war es hell.</p>
-
-<p>Er schaute auf die Uhr. 4 Uhr morgens. Schnell in die Kleider. Noch
-schneller an den Arbeitstisch. Her mit dem Heft. Heraus mit den
-Aufsatzseiten.<span class="pagenum"><a id="Seite_32"></a>[S. 32]</span> Eine neue Seite angefangen. Ha, wie die Feder flog.
-Nicht einen Augenblick brauchte sie sich zu besinnen. Sie schrieb die
-Volksversammlung von heute nacht, ohne Aufputz, schlicht, in kurzen
-Sätzen, stoßweise, wie das Volk spricht...</p>
-
-<p>Als Hans an diesem Morgen in die Schule ging, kam der Balthasar
-gerannt: „Du, Hans, ich habe keinen Aufsatz, laß mich deinen
-abschreiben!“</p>
-
-<p>„Aber Balthasar, das geht doch nicht.“</p>
-
-<p>„Du bist ein netter Kamerad, na, warte, ich werd’ mir’s merken.“</p>
-
-<p>Hans wurde heiß. Schon öffnete er den Ranzen, schon griff er nach dem
-Heft, auf einmal schoß es ihm warm vom dritten Rückgratswirbel, dem
-Sitze der Wahrhaftigkeit, über das Gesicht.</p>
-
-<p>„Nein, Balthasar“, sagte er fest. Aber da hatte der Balthasar roh
-hineingegriffen und war davongerannt. Eine Handvoll Blätter schwang
-er lachend in der Luft. Laut las er unterm Laufen: „Der Krieg, eine
-Geißel der Menschheit. Die materiellen, intellektuellen und moralischen
-Konsequenzen des Krieges leuchten wie riesige Fanale &mdash;“</p>
-
-<p>„Aber Balthasar, das sind ja &mdash; das ist ja &mdash;!“</p>
-
-<p>„Kenn’ ich schon &mdash; möchtest mir’s wieder abluchsen &mdash; da wird nichts
-draus &mdash; in der Religionsstund’ schreib’ ich’s ab.“</p>
-
-<p>Und während in den ersten Bänken der Katechismus abgefragt wurde,
-schrieb der Balthasar in der letzten Bank aus Raschelblättern ab und
-ab.<span class="pagenum"><a id="Seite_33"></a>[S. 33]</span> Eben war er fertig, als der Aufsatzlehrer eintrat: „Konzepthefte
-einsammeln!“</p>
-
-<p>Eine Woche verging. Hans war recht still. Stiller als die Seinigen zu
-Hause. Alle Augenblicke stellte ihn dort jemand auf der Treppe, im
-Korridor, im Zimmer: „Nun, Hans, ist dein Aufsatz schon zurückgegeben?“
-fragte Mutter. &mdash; „Na, Hans“, sagte Onkel Franz, „und der Aufsatz?“
-&mdash; „Hans, hast du deine Eins schon abgekriegt im Aufsatz?“ sagte
-Tante Lotte. &mdash; „Hannes, Hannes,“ sagte am zuversichtlichsten der
-Vater, „diesmal hat er dich wohl übern Schellenkönig gelobt, dein
-Aufsatzlehrer, he?“</p>
-
-<p>„Die Aufsatzhefte werden erst am nächsten Sonnabend zurückgegeben“,
-sagte Hans leise. Fast geduckt ging er weiter. Sie sahen ihm nach:</p>
-
-<p>„Ich weiß nicht, was der Junge hat,“ sagten sie kopfschüttelnd, „wenn
-uns jemand so geholfen hätte mit den schönsten Sätzen, als wir in die
-Schule gingen...“</p>
-
-<p>Da war der Sonnabend da. Und da lag der Stoß Aufsatzhefte am Katheder,
-so hoch, daß des Lehrers Angesicht darüber kaum zu sehen war.</p>
-
-<p>„Zunächst die beste Arbeit,“ sagte der Lehrer, ernst ein Heft in seinen
-Händen wägend, „Hans, das war deine beste Arbeit. Ganz warm ist mir
-dabei geworden. Hört mal...“</p>
-
-<p>Mäuschenstill hörte die Klasse Hansens Aufsatz<span class="pagenum"><a id="Seite_34"></a>[S. 34]</span> an. Nur der lange
-Balthasar in der letzten Bank rutschte etwas hin und her.</p>
-
-<p>„Hans, bei dieser Nummer magst du bleiben. Note 1. Wie einem das wohl
-tut, wenn man all den andern aufgeblasenen Sums &mdash; zum Beispiel den
-da &mdash; hört mal: ‚Die materiellen, intellektuellen und moralischen
-Konsequenzen des Krieges leuchten wie riesige Fanale‘ und so weiter
-und so weiter. Sag’ mal, Balthasar, wo hast du dir denn diesen
-abgestandenen Schmarr’n zusammengestohlen?“</p>
-
-<p>„Von &mdash; von &mdash; vom Hans!“</p>
-
-<p>„Na, das ist denn doch! &mdash; Hans kann solches aufgepapptes Zeug
-überhaupt nicht schreiben. Hans, dieser Aufsatz soll von dir sein?“</p>
-
-<p>„Nein, Herr Lehrer.“</p>
-
-<p>Zu Hause sah man es ihm an. Sie umdrängten ihn: „Na, Hans, der Aufsatz
-ist zurück?“ Hans nickte selig. „Und du hast den Vogel abgeschossen,
-Hans?“ Hans nickte seliger. „Na, kein Wunder, lieber Hans &mdash; aber
-danken hättest du uns wenigstens ’n bißchen können...“</p>
-
-<p>Auf dem nächsten Schulweg warnte den Hans ein Kamerad: „Du, nimm dich
-vor dem Balthasar in acht. Er sagt, du hättest ihn mit dem letzten
-Aufsatz schauderhaft hereingelegt. Und er will dich ebenso verhauen.“</p>
-
-<p>Da straffte sich dem Hans etwas im vierten Rückgratswirbel, wo der Mut
-sitzt, gleich hinter der Wahrhaftigkeit: „Soll nur kommen!“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_35"></a>[S. 35]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Der_Hunderter">Der Hunderter</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ich habe einen sonderbaren Hunderter. Der will nicht aus meiner
-Kasse. So oft ich mich bemühe, ihn zu einem Extrazweck auszugeben, er
-knistert: Nein. Vielleicht kann ihm jemand helfen? Aber dazu muß ich
-seine Geschichte erzählen.</p>
-
-<p>Der Hunderter gehörte früher meiner Tante. Und noch früher der
-Frida. Und noch früher, das weiß ich nicht. Niemand weiß, woher ein
-Hunderter kommt, niemand weiß, wohin er geht. Hunderter sind wie
-Schienenstrangstücke in Untergrundbahnhöfen: Dunkel, kurzes Blitzen,
-wieder Dunkel. Das Blitzen meines Hunderters trug sich so zu: Die Frida
-diente bei meiner Tante. Grundehrlich, stand in ihrem Dienstbuch. Aber
-das steht in vielen. Was in Dienstbüchern steht, ist nicht so wichtig.
-Wichtiger ist, was nicht darin steht. Nicht darin stand, daß sie von
-der stillen Art war. Kein Klappern, kein Geschrei, kaum ein Fragen. Und
-wenn man selber eben fragen wollte: „Frida haben Sie...“ oder „Frida,
-ist schon...“, so war schon immer alles fertig. Leise schwangen ihre
-langen Arme an den<span class="pagenum"><a id="Seite_36"></a>[S. 36]</span> breiten Hüften: „Und was jetzt?“ Mit diesem „Und
-was jetzt?“ ging sie durch das Leben.</p>
-
-<p>Meine Tante wußte, was sie an ihr hatte. Aber einmal fehlte ein
-Hunderter. Die Tante hatte ihn in die Schreibtischschublade geschoben,
-als es klingelte. Dabei vergaß sie, den Schlüssel umzudrehen. Dann
-unterschrieb sie auf dem Gang den Einschreibebrief, während die Frida
-den Schreibtisch abstaubte. Erst am Abend erinnerte sich meine Tante an
-den nicht umgedrehten Schlüssel. Der Hunderter war verschwunden.</p>
-
-<p>Drei Tage trug sie’s mit sich ’rum. Das ist länger, als es eine
-Durchschnittshausfrau trägt. Dann ging’s nicht mehr: „Frida, war
-sonst jemand in dem Zimmer, als Sie staubten?“ &mdash; „Nein, gnä’ Frau.“
-&mdash; „Frida, aus diesem Kästchen ist ein Hunderter fortgekommen.“ &mdash;
-„Jawohl, gnä’ Frau“ &mdash; Fridas Mund. „Und was jetzt?“ Fridas Arme. &mdash;
-„Frida, haben Sie den Hunderter genommen?“ &mdash; „Nein, gnä’ Frau,“ Fridas
-Mund. „Und was jetzt?“ Fridas Arme. &mdash; „Frida, den Hunderter kann
-niemand anders genommen haben.“ &mdash; „Jawohl, gnä’ Frau,“ Fridas Mund.
-„Und was jetzt?“ Fridas Arme. „Nur gut, daß Sie’s gestehen, Frida,
-geben Sie ihn her.“ &mdash; „Ich hab’ ihn nicht, gnä’ Frau.“ &mdash; „Also ist er
-schon bei einem Helfershelfer?“</p>
-
-<p>Fridas Arme hörten auf zu schwingen. Jetzt erst hatten sie begriffen.
-Sie weinte. „Gut, ich<span class="pagenum"><a id="Seite_37"></a>[S. 37]</span> gebe Ihnen vierundzwanzig Stunden Zeit,“ sagte
-Tante.</p>
-
-<p>Dann am nächsten Tage: „Nun, Frida?“ &mdash; „Ich hab’ ihn nicht, ich
-versteh’s nicht.“ &mdash; „Wär’ mir leid, Frida, wenn ich nach der
-Polizei...“ Die Frida heulte nicht mehr. Der Hunderter war für sie
-erledigt. Nur ihre Arme schwangen: „Und was jetzt?“ &mdash; „Für jetzt
-will ich’s nochmal gut sein lassen, Frida. In acht Tagen ist die
-Osterbeichte. Was Sie mir nicht beichten, können Sie dem Pfarrer sagen.“</p>
-
-<p>Im Beichtstuhl war die Frida fertig. „Und sonst?“ fragte der Pfarrer.
-Die Frida schwieg. „Und der Hunderter, Frida?“ redete der Pfarrer
-gütlich zu. &mdash; „Sehen Sie, Frida, ich mein’s gut mit Ihnen, es
-kommt sonst kein Friede mehr ins Haus, wenn Sie ihr Gewissen nicht
-entlasten.“ &mdash; „Jawohl, Hochwürden.“ &mdash; „Nicht drängen darf ich Sie,
-Sie müssen selber...“</p>
-
-<p>Die Frida war zum zweitenmal im Beichtstuhl fertig und wollte sich
-erheben. „Wie ist es, Frida, wollen Sie mir nicht den Auftrag geben,
-daß es Ihnen Ihre Frau nach und nach vom Lohn abzieht?“ Durch das
-Gitter glaubte er ein Nicken zu erkennen. Aber es waren nur Fridas
-Arme: „Und was jetzt?“ &mdash; „Und jetzt gehen Sie ruhig nach Haus. Ich
-will mich auch persönlich noch für Sie verwenden, daß Sie nicht
-entlassen werden.“</p>
-
-<p>Sie wurde nicht entlassen. Jeden Monat zog ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_38"></a>[S. 38]</span> die Tante zwei Mark
-am Lohn ab. Und fünfzig Monde sind in vier Jahren glatt vorüber. Vier
-Jahre aber sind nicht allzulang, wenn man mit schlenkernden Armen
-dient: „Und was jetzt?“</p>
-
-<p>Dann starb die Tante. Ich war ihr Erbe. Kurz vor ihrem Ende hat sie
-mir die Geschichte mit Fridas Hunderter vertraut. Wenn sie’s nicht
-getan hätte, ich glaube, wir hätten Frida gebeten, bei uns in Dienst zu
-treten, sie war gar so tüchtig. Aber so... So war’s schon besser, daß
-sie die Arme wo anders schlenkerte, wo man es nicht wußte.</p>
-
-<p>Jahre kamen, Jahre gingen. Arme schlenkerten, wurden müd, und neue Arme
-traten an die Stelle, junge Arme, junge Hände. Solche Hände meines
-jüngsten Sohnes spielten einmal an einer Schreibtischschublade. Es ging
-schwer, er zog und zog... „Jetzt hab ich’s endlich, Vater,“ kam er
-angerannt, „schau, das da war dazwischen.“ Er hielt einen zerknitterten
-Hunderter in der Hand.</p>
-
-<p>Was bin ich gelaufen, was hab’ ich geschrieben &mdash; ich habe sie nicht
-mehr aufgefunden, die Frida. Vielleicht ist sie tot. Vielleicht
-schlenkert sie in einem fernen Dienst die langen Arme: „Und was jetzt?“</p>
-
-<p>Jetzt? Ja, jetzt liegt der Hunderter in meiner Kasse. Es ist ein
-sonderbarer Hunderter. Er will nicht hinaus. So oft ich mich bemühe,
-ihn zu einem Extrazweck hinauszugeben, und wäre es der beste &mdash; mein
-Hunderter knistert: Nein.</p>
-
-<p>Vielleicht kann ihm jemand helfen?</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_39"></a>[S. 39]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Der_Spohrer">Der Spohrer</h2>
-
-</div>
-
-<p>Als die Schule einen Teil vom Hansi von uns schälte, merkten wir’s erst
-gar nicht. Eines Tages aber schrie es von der Straße: „Miller!“</p>
-
-<p>Mutter rührte ruhig weiter um im Kochtopf. Was ging sie der Miller an?</p>
-
-<p>„Mi&mdash;iller!“ schrie es ärger.</p>
-
-<p>Meine Arbeit am Schreibtisch fing ein wenig an zu stocken. ‚Miller?‘
-dachte ich dunkel zwischen zwei Sätzen, ‚der Name kommt mir fast
-bekannt vor &mdash; na, im Grunde: was geht mich ein Miller an?‘ Whupp,
-holte schon die Feder aus zum nächsten Satz.</p>
-
-<p>„Mi&mdash;i&mdash;i&mdash;ille&mdash;e&mdash;er!“ klirrte jetzt das Fenster neben meinem
-Schreibtisch. Auf damit, den ärgerlichen Kopf hinausgestreckt &mdash; stand
-da ein kleiner, runder Kerl auf der andern Straßenseite, blaurot im
-Gesicht vor lauter Millerrufen und machte eben seine Händchen hohl zu
-einem verstärkten Millergedröhn.</p>
-
-<p>„Willste wohl!“ drohte ich hinab, „was ist denn los?“</p>
-
-<p>„Ich geh zum Schlittenfahr’n &mdash; der Miller soll<span class="pagenum"><a id="Seite_40"></a>[S. 40]</span> ’runterkommen mit
-sei’m Schlitt’n!“ brüllte das Kerlchen herauf.</p>
-
-<p>Nein, dieser unverschämte Bengel! Dem sollte ich wohl seinen Boten
-machen, um aus irgendeinem Stockwerk über uns oder unter uns
-irgendeinen Miller &mdash;</p>
-
-<p>„Du, Mann,“ sagte hinter meinem Rücken die seltsam bedrängte Stimme
-meiner Frau, die aus der Küche hergekommen war, „du Mann, ich glaube,
-er meint unsern &mdash; unsern Hansi.“</p>
-
-<p>„Unsern &mdash; unsern &mdash;?“ stammelte ich verbindungslos.</p>
-
-<p>Der kam plötzlich aus dem Kinderzimmer hereingeschossen.</p>
-
-<p>„Warum habt ihr nicht gesagt, daß mich der Spohrer ruft?!“ sagte er
-gekränkt, holte sich seinen Schlitten und zog mit dem Spohrer ab. Weder
-der Hansi noch der Spohrer warfen einen Blick zurück zum Fenster, wo
-die Mutter noch lange neben dem Vater stand und ihnen nachsah. Nachsah,
-bis der Schlitten und der Hansi und der Spohrer um die letzte Ecke
-bogen.</p>
-
-<p>„Der Miller“, sagte sie langsam und bemühte sich, mich anzulächeln.
-Aber da stürzten ihr die Tränen aus den Augen. Sie fuhr sich an den
-Lenden hinab, als habe sich daran zum erstenmal ein Stück von ihrem
-Hansi abgeblättert.</p>
-
-<p>„Der Spohrer“, gab ich ihr zur Antwort und<span class="pagenum"><a id="Seite_41"></a>[S. 41]</span> fuhr mir über die Schläfe,
-als habe sich da was Fremdes angesetzt.</p>
-
-<p>An diesem Morgen hat Mutter noch unzählige bittere Miller in die
-Mittagssuppe eingerührt. An diesem Morgen drängten sich ganze Trupps
-von unverschämten, kugelrunden Spohrern durch die Zeilen meiner Arbeit.</p>
-
-<p>Von da ab wuchs der Spohrer drohend in unsere Familie hinein. Gewisse
-weiche Stellen fingen an sich zu verknorpeln. Der Spohrer selber kam
-nicht mehr. Nur seinen Schatten warf er lang und länger.</p>
-
-<p>„So, und jetzt muß ich zum Spohrer“, erklärte der Hansi immer wieder
-nach dem letzten Mittagessenbissen. Wir hätten’s ihm verbieten können,
-hätten wir uns nicht, hellgesichtig schweigend, eingestanden, daß
-verbotene Liebe üppiger ins Kraut schießt, als erlaubte. So begnügten
-wir uns, den Spohrer still zu hassen. Bis eines Tages Hansi sagte: „Der
-Spohrer ist ein gemeiner Kerl!“ Sofort spürten wir, wie wir dem Spohrer
-gut wurden: Doch ’n ordentlicher Kerl, der uns gab, was uns gehörte.
-Und wir hätten auf ein Haar vergessen, uns beim Hansi zu erkundigen,
-warum der Spohrer plötzlich ein gemeiner Kerl wäre.</p>
-
-<p>„Weil er &mdash; weil er mir seinen Radiergummi nicht geschenkt hat“,
-platzte Hansi heraus.</p>
-
-<p>„Aber Hansi, deshalb ist er doch nicht gemein“,<span class="pagenum"><a id="Seite_42"></a>[S. 42]</span> fühlten wir uns
-verpflichtet, für den Spohrer einzutreten.</p>
-
-<p>„Ja, und dann &mdash; und dann ist er auf meine Feder mit dem Fuß
-draufgetreten, der &mdash; der gemeine Kerl!“</p>
-
-<p>„Aber Hansi, das kann Zufall sein und &mdash;“</p>
-
-<p>„Und dann &mdash; und dann &mdash; und überhaupt, der Spohrer ist ein gemeiner
-Kerl!“ Der Hansi heulte.</p>
-
-<p>Zu Weihnachten schenkte ihm die Tante Elsa eine besondere Mütze. Nur
-einmal setzte er sie auf. Das zweite Mal weigerte er sich: „Der Spohrer
-lacht mich aus damit“, sagte er.</p>
-
-<p>Der Frühling kam. Das Maifest wurde fällig. Aber es regnete und
-regnete. Der Spohrer sollte mit dem Fuße aufgestampft und gesagt haben:
-„Wenn’s nur grad extra weiterregnen tät!“ Der Hansi war empört. Denn
-nun war es klar, daß an dem Regen nur der Spohrer schuld war, dieser
-ganz gemeine Kerl.</p>
-
-<p>„Der Spohrer hat mir eine ’neing’haut!“ klagte er ein andermal.</p>
-
-<p>„Wirklich, Hansi?“</p>
-
-<p>„Ja &mdash; beinah &mdash; der &mdash; der gemeine Kerl!“</p>
-
-<p>„Beinahe eine ’neingehauen, Hansi?“ beharrte ich, „das sieht fast so
-aus, als ob du ihm schon vorher eine hineinge&mdash;“ Aber da war er schon
-aus dem Zimmer, der beinah hineingehauene Hansi.</p>
-
-<p>In der nächsten Woche zögerte er immer bis zur letzten Minute mit dem
-Schulgang.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_43"></a>[S. 43]</span></p>
-
-<p>„Hansi, was hast du?“ forschte die Mutter.</p>
-
-<p>„Der Spohrer paßt mir an der Eck’n auf &mdash; mit’m Stecken &mdash; der &mdash; der
-gemeine Kerl!“</p>
-
-<p>Es wurde immer schlimmer. Unser ganzes Familienleben verspohrerte durch
-den Hansi. Wir lebten in einer fortwährenden Angst dahin, der Spohrer
-hätte &mdash; der Spohrer wäre &mdash; der Spohrer könnte &mdash; der Spohrer würde.
-Nichts Schlimmes gab es auf der Welt, das nicht dem Spohrer zuzutrauen
-gewesen wäre. Der Spohrer lastete auf uns mit Schicksalsschwere.
-Morgens, wenn Hansi erwachte: der Spohrer. Mittags, wenn er von der
-Schule heimkam: der Spohrer. Abends, wenn ihm Mutter am Bettchen seine
-letzte Sorge vor dem Sandmann abnahm: der Spohrer, immer nur der
-Spohrer... Nur ein Trost war da für uns spohrergeschlagene Eltern: von
-dem dunklen Spohrerhintergrunde hob sich hell und strahlend unser Hansi
-ab.</p>
-
-<p>Eines Tages hat man mich wo eingeladen. Es stellt sich mir ein anderer
-Eingeladener vor. „Spohrer“, sagt er und verneigt sich. Mir ist, als
-wenn mich einer mit der Lanze in die Seite stäche.</p>
-
-<p>„Doch nicht <em class="gesperrt">der</em> Spohrer?“ fährt es mir heraus. Und da war es
-wirklich <em class="gesperrt">dem</em> Spohrer sein Vater. Ich hätte es übrigens gleich
-erkennen können, so klein und rundlich, wie er war, dachte ich.</p>
-
-<p>„Ich hätte es übrigens gleich erkennen können,<span class="pagenum"><a id="Seite_44"></a>[S. 44]</span> so lang und hager, wie
-Sie sind“, sagte im selben Augenblick der alte Spohrer zu mir.</p>
-
-<p>Und dann erzählte er mir ein langes und ein breites über meinen Hansi.
-„Denken Sie,“ sagte er lächelnd, „mein Söhnchen sagt mir, Ihr Hansi
-behandle ihn <em class="gesperrt">zu</em> schlecht.“</p>
-
-<p>„So, inwiefern denn!?“ sage ich beinahe beleidigt.</p>
-
-<p>„Ja, seinen Bleistift habe er zertreten, sagt er &mdash; dann habe er ihm
-einmal beinah eine ’neingehauen &mdash; und auf dem Schulweg passe er ihm
-auf, der &mdash; der gemeine Kerl!?“ fügte er vergnügt mit der Stimme seines
-Söhnchens bei. Und dann ernster: „Wenn Sie überhaupt jetzt in unsere
-Familie hineinsehen könnten, so hörten Sie nur: Der Miller hat &mdash; der
-Miller ist &mdash; der Miller wird &mdash; mit einem Wort, wir sind vermillert
-auf und ab.“</p>
-
-<p>Wir lachten beide. Und beide stellten wir an diesem Abend lachend
-fest, daß die Krankheit unserer Söhnchen durchaus nicht auf die Schule
-beschränkt sei. Daß auch das Leben von uns Alten dicht durchsetzt von
-Spohrern und von Millern sei.</p>
-
-<p>„Jaja, Herr Spohrer,“ bekannte ich auf dem Heimweg, „solang die Welt
-steht, wird sie auch verspohrert &mdash;“</p>
-
-<p>„&mdash; Und vermillert sein,“ fiel er rasch ein, „es gehören immer zwei zu
-einer &mdash; einer stillen Liebe.“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_45"></a>[S. 45]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Glueck">Glück</h2>
-
-</div>
-
-<p>Als ich ein Bub war, ein verstaubter Stadtbub, kriegte Vater einen
-Brief. Er schaute lange auf die Unterschrift: „Der ist von einem alten
-Schulkameraden,“ sagte er, „der Glück gehabt hat &mdash; Herr im Himmel, was
-hat der Glück gehabt &mdash; jetzt ist er Staatsrat und hat einen Parkbesitz
-da draußen vor der Stadt.“ Dann erst las er den Brief. Es war eine
-Einladung auf den nächsten Sonntag.</p>
-
-<p>Aber da gerade hatte Vater Dienst. Und Mutter hatte kein Ausgehkleid,
-das halbwegs staatsratswürdig war. „Und ich?“ sagte ich glitzernd. Da
-sahen sie an mir herab: Ja, mein Anzug wäre noch fast neu, und was das
-Benehmen anbeträfe &mdash; „eben brav sein und bescheiden, wie du’s in der
-Schule sein mußt &mdash; nicht etwa kriechend &mdash; wir sind auch was, wenn wir
-auch kein Staatsrat sind &mdash; du hast da einmal einen Klassenkameraden
-mitgebracht &mdash; Mathias, glaub’ ich &mdash; der trägt den Kopf aufrecht, weiß
-was er will und läßt sich gar<span class="pagenum"><a id="Seite_46"></a>[S. 46]</span> nicht extra imponieren &mdash; an dem nimm
-dir ein Beispiel.“</p>
-
-<p>Das war nicht alles. Der Lehren waren noch ein Dutzend mehr. Aber nur
-diese behielt ich. Denn wie ich in den Park des Staatsrats eintrat, war
-auch der Mathias eingeladen. Er stelzte auf mich zu und sagte knapp:
-„Bin hier fast jeden Sonntag &mdash; der Staatsrat ist mein Onkel &mdash; komm.“</p>
-
-<p>Der Staatsrat gab mir die Hand, sagte, es sei schade, daß meine Eltern
-nicht gekommen wären, und nun solle ich vergnügt sein &mdash; „Mathias, nimm
-dich seiner an!“</p>
-
-<p>Das tat er. Er zeigte mir den Park. Da war eine herrliche Schaukel. Ob
-ich schaukeln dürfe? Er zuckte die Mathiasschultern: „Meinethalben,
-wenn dir solche Kinderei noch Spaß macht.“</p>
-
-<p>Sie machte mir über eine halbe Stunde Spaß. Dann kamen wir an einen
-Weiher mit einem entzückenden Boot. Ob ich rudern dürfe? „Meinetwegen,
-wenn dir solche Wasserplantscherei Vergnügen macht“, sagte er mit
-hochgezogenen Mathiasaugenbrauen. Und ich durfte ihn rudern, während er
-gähnte.</p>
-
-<p>Dann war ein zahmes Reh hinter einem Zaun, ein allerliebstes Reh. Ob
-ich’s betrachten dürfe? Er nickte nachlässig mit dem Mathiaskopfe:
-„Meinetwegen, wenn du sonst nichts besseres weißt.“ Und wieder wußte
-ich eine halbe Stunde lang<span class="pagenum"><a id="Seite_47"></a>[S. 47]</span> nichts besseres und konnte mich nicht satt
-sehen an den großen Rehaugen und den zarten Bewegungen, während der
-Mathias, mit den Händen in den Hosentaschen, pfeifend um den Zaun ging.</p>
-
-<p>Dann gab es Erdbeeren mit Schlagsahne. Ob er je was besseres
-gegessen hätte, fragte ich begeistert den Mathias. Da riß er langsam
-den Mathiasmund auf und sagte gähnend: „Gott, man kann doch alle
-Schlagsahnen, die man schon verzehrt hat, nicht im Kopfe haben.“</p>
-
-<p>Darauf holte er sich ein dickes Buch und las es, während ich im weichen
-Grase hinter einer blütenüberschneiten Hecke lag und träumte, träumte...</p>
-
-<p>Ich habe es noch lange Jahre später bekannt: das war mein schönster
-Tag. Dann bin ich alt geworden und es versanken nacheinander meine
-Eltern, der Park, der Staatsrat, der Mathias &mdash; nein, den Mathias habe
-ich gestern in einem Wartesaal wiedergetroffen, sehr vornehm, knapp
-vorm Staatsrat, glaube ich. Aber er plauderte sehr gütig mit mir,
-denn bis zu seinem Anschlußzuge hätte sich ihm sonst die Langeweile
-angeschlossen. Als der Gesprächsstoff auszugehen drohte, sagte ich:
-„Weißt du noch, Mathias: der gemeinsame Parknachmittag damals bei
-deinem Onkel, dem Staatsrat &mdash;“</p>
-
-<p>„N&mdash;ja, erinnere mich dunkel. Aber sprich nur zu, vielleicht daß ich
-mich dann an die Einzelheiten &mdash;“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_48"></a>[S. 48]</span></p>
-
-<p>„Ja, da war vor allem die Schaukel &mdash; dann der Weiher mit dem Boot &mdash;
-dann hinterm Zaun das Reh &mdash; dann die Erdbeeren mit Schlagsahne &mdash;
-schließlich im Grase hinter der Hecke &mdash;“</p>
-
-<p>„Ja ja, jetzt weiß ich’s wieder: es war gräßlich, nicht &mdash; ah, eben
-rufen sie den Zug ab &mdash; du entschuldigst &mdash;.“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_49"></a>[S. 49]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Das_blaue_Band">Das blaue Band</h2>
-
-</div>
-
-<p>Wie soll man sich zum blauen Band stellen?</p>
-
-<p>Hm, es kommt darauf an. Es gibt verschiedene blaue Bänder. Da wäre
-zunächst ein blaues Band, das unsere Liebste trug, das unserer
-kinderjungen Liebsten sich um den blonden Haarzopf schleifelte &mdash;
-ich weiß noch, wie lustig die seidenblauen Bänderenden in den Wind
-flatterten.</p>
-
-<p>Nein, nicht dieses blaue Band. Ich bitte euch, wer spricht denn heute
-noch von blauen Liebesbändern.</p>
-
-<p>Dann weiß ich noch ein anderes blaues Band, das ist es französisch:
-<span class="antiqua">Le cordon bleu</span>, sagen sie hinter den Vogesen und verleihen es
-der Köchin, die am besten kocht.</p>
-
-<p>Das ließe sich schon eher hören, zum mindesten ist es substantieller.
-Aber noch nicht, wie soll ich sagen &mdash; noch nicht aktuell genug. Habt
-ihr denn nie von einem dritten blauen Band gehört, dem blauen Bande,
-das von England ausging, <span class="antiqua">The blue ribbon</span>, nach dem ein Hetzen
-ist und Jagen? &mdash;</p>
-
-<p>So will ich euch seine Geschichte erzählen, wenn ihr Zeit habt, die
-Geschichte vom blauen Band.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_50"></a>[S. 50]</span></p>
-
-<p>Also dieses blaue Band bekam der Mast auf dem Schiff, das am
-schnellsten durch den Ozean fuhr. <span class="antiqua">The blue ribbon</span> ging von einem
-Schiff zum anderen. Erst waren sie alle englisch, diese Schiffe. Das
-erste war ein Zehnknotenschiff. Zum Lachen &mdash; das haben sie damals
-schnell geheißen. Dann entriß es diesem Schiff ein Dreizehnknoter.
-Darauf mit einem scharfen Sprung ein sechzehnknotiger Ozeanrenner.
-Und beim Siebzehnknotigen, dessen Mast das blaue Band umschlang,
-da war es, daß ein Dichter die Bezeichnung „Windhunde des Meeres“
-prägte. Und reihum weiter wanderte das blaue Band, das vielbegehrte,
-heißumstrittene. Ganze Völker waren an der Jagd beteiligt. Das war eine
-Freude rechts und ein Jammer links, als hinter zwanzig Knoten das blaue
-Band von England über den Kanal nach Deutschland flatterte.</p>
-
-<p>Nun ging erst recht das Jagen an. Herunter glitt das blaue Band vom
-Mast und legte sich beklemmend den Kapitänen auf die Brust: Fahrt zu,
-fahrt zu, heizt die Kessel, bis sie glühen &mdash; das Band, das blaue Band,
-wir müssen’s wieder haben! Was sagt ihr &mdash; der Eisberg? Der Teufel soll
-den Eisberg holen, wenn das blaue Band dahinter schimmert!</p>
-
-<p>Und dann war es, daß das blaue Band pfeilgeschwind durch die
-Schiffsluke hinunterschoß über Treppen und Gestänge, daß es den Heizern
-um die Ohren knallte: Vorwärts, vorwärts, schaufelt ein!<span class="pagenum"><a id="Seite_51"></a>[S. 51]</span> Daß es um die
-Kessel schwirrte, bis sie rot vor Zorn erglühten. Daß es im Manometer
-die Dampfdrucksäule schob und zerrte, bis das blaue Band den roten
-Explosionsstrich überdeckte...</p>
-
-<p>Und wenn dann der Kessel barst, und wenn dann der Eisberg einen
-Schiffsleib aufriß, wie man eine Naht auftrennt, so sahen sie den
-Kessel und den Eisberg, nicht das blaue Band.</p>
-
-<p>Und über das vergurgelnde Schiff wehte das blaue Band weiter übern
-Ozean.</p>
-
-<p>Herüber und hinüber flatterte es zwischen den Nationen, ohne Rast und
-Ruh. Und wenn’s des Meeres überdrüssig war, so flog’s aufs Land. So
-tauschte es den Mast mit rauchenden Kaminen: in der Fabrik erstand
-soeben eine neue Schraube, die dem besten Schiffe ein paar neue Knoten
-zulegt; oder es webte blau durchs offene Fenster in ein Erfinderzimmer
-und legte sich um seine hohe Stirne, just im Augenblicke, wo daraus die
-Lösung einer neuen Dampfturbine sprang.</p>
-
-<p>Das blaue Band sah einen langen Weg zurück. Weit um die Erde ging
-der unerbittlich schnurgerade Weg. Meilensteine standen klotzig
-an den Rändern &mdash; fünfundzwanzig Knoten &mdash; sechsundzwanzig Knoten
-&mdash; siebenundzwanzig Knoten... Was lag daran, daß da und dort ein
-Meilenstein auch eine Grabinschrift auf seiner anderen Seite trug?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_52"></a>[S. 52]</span></p>
-
-<p>Als ob die Leichensteine nicht an jedem Fortschrittswege stehen müßten!</p>
-
-<p>Und ein Fortschritt war es, als der dreißigknotige Schiffskoloß dem
-blauen Bande seine Reverenz erwies. Als der Fünfunddreißigknotige den
-Golfstrom schnitt, und als das Vierzigknotenschiff mit schwarzem Atem
-den Wendekreis des Krebses heraufkeuchte.</p>
-
-<p>Nun gab’s kein Halten mehr im Rasen. Erfindung auf Erfindung holte sich
-das blaue Band aus den Gehirnen. Wütend, immer wütender peitschte es
-die Meere und die Menschen: fünfzig Knoten, sechzig Knoten, siebzig
-Knoten.</p>
-
-<p>„Und ich gebe eher keine Ruh,“ sagte Mister Hobbledihoi, „als bis mein
-‚Thunderer‘ fünfhundert Kilometer in der Stunde macht.“</p>
-
-<p>Und Mister Hobbledihoi war der Mann, das durchzusetzen. Und eines Tages
-fauchte sein „Thunderer“ wie ein Geschoß übers Meer. Am Bug, das blaue
-Band, es ringelte sich vor Freude und schrieb die Zahl 500 in die
-zerschnittenen Lüfte.</p>
-
-<p>Fünfhundert Kilometer in der Stunde waren überschritten.</p>
-
-<p>„Und ich gebe eher keine Ruhe,“ sagte Brinkmann, der Schiffsmagnat,
-„bis mein ‚Blitzstrahl‘ die drei Nullen mit dem Einser vorne aus den
-Wassern holt.“</p>
-
-<p>Und Herr Brinkmann war der Mann, das wahrzumachen. Ein Heer von
-Ingenieuren hetzte er mit<span class="pagenum"><a id="Seite_53"></a>[S. 53]</span> Geld und Ehren. Ein Volk verfieberte er
-zu wütender Begeisterung. Ein Kohlenbergwerk warf er in sein Schiff
-und zwang es zu den tausend Kilometern in der Stunde. Das war in
-einer Nacht, als an Bord die tausend Lichter glänzten. Im Luftschiff
-drüber sahen es die Leute. Und es war ihnen, als blitzte eine riesige
-Sternschnuppe durch den Weltenraum.</p>
-
-<p>Auf der Kommandobrücke stand der Schiffsherr Brinkmann neben
-seinem Kapitän. Der Kapitän las beim Scheine einer Glühlampe den
-Geschwindigkeitsmesser ab und legte salutierend seine Hand an die Mütze.</p>
-
-<p>„Ich gratuliere, Herr Brinkmann,“ sagte er, „der Zeiger hat die Tausend
-überschritten. Darf ich es der Welt verkünden?“</p>
-
-<p>Brinkmann nickte. Es war ein eisernes Nicken.</p>
-
-<p>Und als jetzt der Kapitän auf einen Knopf drückte, zerriß ein
-ungeheurer Pfiff die Lüfte. Der sollte es der Menschheit sagen, daß
-eine Riesentat vollbracht war. Eine Tat, die dieser Eisenmensch auf der
-Brücke in die Welt warf.</p>
-
-<p>Der?</p>
-
-<p>Ein blaues Band kam auf den Schwingen jenes Pfiffes herangeflattert:</p>
-
-<p>„Mir galt der Pfiff,“ raschelte das Band, „ich danke...“ Und dann
-ergriff es von dem Schiff Besitz. Und geruhig sah es, wie im nächsten
-Hafen unter ihm die Kränze und die Sträuße sich zu<span class="pagenum"><a id="Seite_54"></a>[S. 54]</span> Bergen häuften, wie
-die Weihereden stiegen, wie die verstolzte Menschheit sich vor Hochmut
-in die Brust warf...</p>
-
-<p>Und noch während dem Gerede drunten schaute das blaue Band am Mast nach
-neuen Siegen aus.</p>
-
-<p>Die kamen. Die stampften gleichmütig über den Schiffskoloß und seinen
-Herrn. Das war an jenem Tage, als Mister Hobbledihoi die bis dahin
-allgewaltige Kohle aus seinem neuen Schiffe „Zeitlos“ warf und die
-elektrischen Ströme, die verschwiegen die Erde umkreisten, zwang,
-seinen „Zeitlos“ um die Erde zu jagen. Das war, als Mister Hobbledihois
-„Zeitlos“ beim Sonnenaufgang von Europa fortschoß gegen Westen.
-Das war, als fünfzehnhundert Kilometer in der Stunde überschritten
-wurden. Das Wasser kochte vorn am Bug, der die Längengrade in sich
-hineinfraß. Das Wasser kochte hinten am Kiel, wo die Schrauben
-wahnsinnig geworden waren. Weit und breit kein kleinstes Fischlein
-in der Wasserwüste &mdash; sie waren vor dem Donnergang des „Zeitlos“ jäh
-geflohen. Die schnellsten Vögel riß der Luftwirbel aus ihrem Reich,
-ihre plattgedrückten Leiber klebten vorn am Buge.</p>
-
-<p>„Mister Hobbledihoi,“ sagte der Kapitän, „Brinkmann ist geschlagen.“</p>
-
-<p>„Ich weiß es und ich ehre ihn, denn ich stehe auf seinen Schultern.“</p>
-
-<p>In diesem Augenblicke kam der König auf die<span class="pagenum"><a id="Seite_55"></a>[S. 55]</span> Brücke. Und es war der
-König, welcher sich verneigte vor dem Schiffsherrn und ihm eigenhändig
-ein blaues Band ins Knopfloch seines Rockes schlang. Nein, schlingen
-wollte. Denn ein Windstoß kam und riß es in die Lüfte.</p>
-
-<p>„Wenn wir am Land sind, habe ich ein anderes,“ sagte der König: „nur
-eine Frage hätte ich.“</p>
-
-<p>„Bitte, Majestät.“</p>
-
-<p>„Warum heißen Sie Ihr Schiff denn ‚Zeitlos‘?“</p>
-
-<p>Der Schiffsherr wies stumm nach der noch immer aufgehenden Sonne, die
-seit geraumer Zeit nicht um einen Zoll höher gegangen war am Horizonte.</p>
-
-<p>Der König verstand nicht gleich.</p>
-
-<p>„Das bedeutet?“ wandte er sich fragend an den Kapitän.</p>
-
-<p>„Das bedeutet,“ sagte dieser, „daß unser Schiff sich mit der gleichen
-Geschwindigkeit von Osten nach Westen bewegt, als sich die Erde in der
-umgekehrten Richtung um sich selbst bewegt, Majestät!“</p>
-
-<p>„Und somit,“ ergänzte der Schiffsherr ruhig, „somit kann es auf unserm
-Schiff nicht &mdash; nicht später werden, solange wir nach Westen fahren.“</p>
-
-<p>„Und auf unserm Schiff wird es immer Sonnenaufgang sein“, sagte der
-Kapitän.</p>
-
-<p>Lange schwieg der König. Dann sagte er:</p>
-
-<p>„Ich hatte einen Vorfahren, der von sich sagen konnte, in seinem Reiche
-ginge nie die Sonne unter. Ihr habt sein Reich zusammenschnurren lassen
-auf ein stampfendes Schiff. Auch auf eurem Schiffe<span class="pagenum"><a id="Seite_56"></a>[S. 56]</span> geht die Sonne
-nicht mehr unter. Meines Vorfahrens Reich &mdash; und euer Schiff &mdash; meine
-Herren, mich dünkt, wir könnten uns die Hände reichen...“</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Hier brach der Erzähler ab.</p>
-
-<p>Der zu seinen Füßen saß und horchte, sagte traumverloren:</p>
-
-<p>„Aber dann würden ja die Menschen auf diesem Schiffe auch nicht &mdash;
-nicht älter werden können?“</p>
-
-<p>Der Erzähler lächelte:</p>
-
-<p>Der Ruhm des „Zeitlos“ hallte über die Erde. Die Menschen rissen sich
-um einen Platz in den Kajüten.</p>
-
-<p>„Man altert nicht auf diesem Schiffe“, riefen sie, „die Uhr des Lebens
-kann nicht einen Pendelschlag auf diesem Schiff tun. Auf seinen Planken
-hat die Zeit die Macht verloren, nicht eine Runzel kann sie neu auf
-unserem Gesichte ziehen.“</p>
-
-<p>Um solches zu erlangen, war ihnen nichts zu teuer. Und
-die Schiffswerften der Erde bauten Tag und Nacht an neuen
-„Zeitlos“-Schiffen.</p>
-
-<p>Und in den Häfen drängten sich die Menschen:</p>
-
-<p>Wir wollen zeitlos werden, zeitlos! schrien sie und stürmten auf die
-Schiffe...</p>
-
-<p>Aber da war es, daß eine neue Nachricht die aufgescheuchte Welt
-durchzitterte:</p>
-
-<p>Brinkmann, der Besiegte, hatte sich erhoben. Brinkmann, der Besiegte,
-hatte ein neues Schiff<span class="pagenum"><a id="Seite_57"></a>[S. 57]</span> gebaut. Das hieß er „Die Vergangenheit“. Warum
-denn „Die Vergangenheit“? Die Antwort spielte der Telegraph um die Erde:</p>
-
-<p>Das neue Schiff läuft schneller als der „Zeitlos“, also schneller auch
-als sich die Erde um sich selbst bewegt. Mithin...</p>
-
-<p>Die zum ersten Male auf der „Vergangenheit“ fuhren, konnten sich
-vor Staunen gar nicht fassen: eben, bei der Abfahrt, war die Sonne
-im Westen in das Meer gesunken. Los schnellte das Schiff vom alten
-Kontinent, wie vom Himmelsbogen ein Pfeil, den der Allmächtige in den
-Weltenraum hinausschießt. Und, o Wunder, da sah man die untergegangene
-Sonne wieder zurückgehen, wieder aus dem Meere aufwärtstauchen, wieder
-zu einem neuen Nachmittage, nein, einem schon vergangenen Nachmittage
-rückwärtswandern...</p>
-
-<p>Die Menschen auf dem Schiffe wurden nicht älter. Die Menschen auf dem
-Schiffe blieben auch nicht stehen in der Zeit.</p>
-
-<p>„Wir werden jünger &mdash; jünger &mdash; jünger!“ riefen sie in überquellender
-Begeisterung.</p>
-
-<p>„Wir wandern in unsere eigene Vergangenheit hinein!“ schrien sie.</p>
-
-<p>Und so war es.</p>
-
-<p>Die Menschheit, die nicht sterben wollte, flüchtete sich auf das letzte
-Riesenschiff, auf „Die Vergangenheit“. Kaum, daß sie abgestoßen waren
-vom Ge<span class="pagenum"><a id="Seite_58"></a>[S. 58]</span>stade der Gegenwart, schwenkten sie die Hüte, schwenkten sie die
-Tücher:</p>
-
-<p>„Wir fahren in unser Jugendland, in unser Jugendland zurück!“</p>
-
-<p>Das war ein sonderbares Rückwärtstauchen in die Vergangenheit.</p>
-
-<p>Da hatte man eben zärtlich Abschied genommen von den Seinen, als man
-über die Schiffstreppe heraufstieg. Und gleich darauf durchlebte man
-die Abschiedszärtlichkeit von neuem.</p>
-
-<p>Da hatte man ein großes Glück genossen vor der Reise. Und gleich darauf
-wiederholte sich zwangsläufig alles Glücksgefühl von rückwärts.</p>
-
-<p>„Wie ist mir denn?“ sagten die Passagiere der „Vergangenheit“, „hatte
-ich diesen Gedanken nicht schon früher einmal gefaßt?“</p>
-
-<p>Und die, welche weiße Haare im Vollbart hatten, sahen mit Erstaunen das
-vergangene Schwarz von neuem aus den Spitzen in die Höhe gehen und das
-vertriebene Weiß verkroch sich in die Wurzeln.</p>
-
-<p>Und was das Sonderbarste war! Sie erlebten jetzt die Wirkung vor der
-Ursache.</p>
-
-<p>Eines Jungen Wangen fingen rot zu brennen an. „Uh,“ heulte er, „uh“,
-und hielt sich die Backe. Und danach erst bekam er von seinem Vater
-die Ohrfeige, und wieder danach beging er jenen Streich, für den die
-Ohrfeige vermeint war. Alles war jetzt umgekehrt wie früher.</p>
-
-<p>Erst kam die Sättigung, und wenn man trotzdem<span class="pagenum"><a id="Seite_59"></a>[S. 59]</span> aß, so stellte sich der
-Appetit am Schlusse ein. Man gab sich einen Kuß und fragte danach erst,
-ob man sich einen geben dürfte. Man legte sich des Morgens ausgeruht
-ins Bett und schlief sich müd zum Abend vor, stand auf und fing die
-Arbeit an und wurde munter, immer munterer. Man machte die Entdeckung,
-daß man mit einer Arbeit fertig war, und war im Handumdrehen erst am
-Anfang, wo man an dem Federhalter kaute...</p>
-
-<p>Wieder stand Brinkmann neben dem Kapitän auf der Schiffsbrücke.</p>
-
-<p>„Es ist sonderbar,“ sagte der Kapitän, „ich habe darüber nachgedacht
-und finde, daß jetzt die Welt gerade infolge des rasenden Fortschritts
-rückwärts geht.“</p>
-
-<p>„Ich denke, wir treiben hier keine Philosophie, Kapitän“, sagte
-Brinkmann, der Eisenmann.</p>
-
-<p>„Nein,“ sagte der Kapitän, „wir treiben Schnelligkeit, und wir selber
-treiben mitten in der Schnelligkeit, ein wenig hilflos, will mir
-schei&mdash;“</p>
-
-<p>Es knitterte vom Mast. Ein Funkspruch wurde überbracht. Brinkmann las.</p>
-
-<p>„Rasch, Kapitän,“ sagte er, „steuern Sie sofort zum Pol. Ich erhalte
-hier eine sonderbare Nachricht von meinem alten Feind, dem Mister
-Hobbledihoi &mdash; ich muß sehen, ob das wahr ist...“</p>
-
-<p>Und dann flog die „Vergangenheit“ zum Pol.</p>
-
-<p>Der war auf einer Insel. Dort hielt die „Ver<span class="pagenum"><a id="Seite_60"></a>[S. 60]</span>gangenheit“. Brinkmann und
-der Kapitän nahmen ihre Fernrohre an die Augen.</p>
-
-<p>„Sehen Sie ihn, Kapitän?“</p>
-
-<p>„Ja, ich sehe Mister Hobbledihoi haarscharf auf der Erdachse sitzen.“</p>
-
-<p>„Auf einem Stuhle, glaub’ ich?“</p>
-
-<p>„Ja, ein Klavierstuhl, der sich ohne Ende dreht. Wie rasend dreht sich
-der Mensch um die Polachse, warten Sie, von &mdash; von Ost nach West &mdash;“</p>
-
-<p>Da tat Brinkmann, der Eisenmann, einen fürchterlichen Fluch.</p>
-
-<p>„Kapitän, Kapitän, nun hat uns dieser dennoch überwunden!“ schrie er.</p>
-
-<p>„Wieso?“</p>
-
-<p>„Zum Teufel, verstehen Sie denn nicht: so oft sich dieser Mensch auf
-dem Klavierstuhl herumgedreht hat, so oft sich seine Beine einmal um
-die Polachse geschlenkert haben, hat er dasselbe getan, dasselbe, was
-wir &mdash;“</p>
-
-<p>„Was wir in einer Erdumschiffung taten &mdash; in der Tat, das hat er, und
-bei jeder Drehung wird er in viel, viel kürzerer Zeit um einen Tag
-jünger, als wir es auf unserer ‚Vergangenheit‘ jemals werden können.“</p>
-
-<p>Und dann sahen sie mit ihrem Fernglas, wie der Mann sich auf dem
-Klavierstuhl schneller drehte, immer schneller.</p>
-
-<p>„Weiß Gott,“ schrie Brinkmann, „jetzt ist er gut<span class="pagenum"><a id="Seite_61"></a>[S. 61]</span> um dreißig Jahr
-jünger, als ich ihn das letzte Mal sah.“</p>
-
-<p>„Nein, um vierzig“, sagte der Kapitän.</p>
-
-<p>„Ein Junge ist er jetzt, ein Junge!“</p>
-
-<p>„Wahrhaftig, nicht mal mehr ’n Bart.“</p>
-
-<p>„In den Windeln liegt er, in den Windeln!“</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>„Und jetzt, Kapitän, was sehen Sie jetzt?“</p>
-
-<p>„Jetzt sehe ich gar nichts mehr.“</p>
-
-<p>„Das ist doch nicht möglich &mdash; schauen Sie schärfer!“</p>
-
-<p>„Keine Täuschung &mdash; leer ist der Klavierstuhl, rattekahl leer.“</p>
-
-<p>„Kreuzteufel, wie erklären Sie das, Kapitän?“</p>
-
-<p>„Wie ich mir das erkläre? Ei ganz einfach &mdash; der Mann hat sich durch
-die Schnelligkeit über seine eigene Geburt hinausgelebt &mdash; weg ist er
-&mdash; nicht mehr wiederkommen tut er.“</p>
-
-<p>„Aber wenn wir ausstiegen, Kapitän &mdash; wenn wir den Klavierstuhl in der
-anderen Richtung drehten?“</p>
-
-<p>„Was futsch ist, das ist futsch und wird nicht mehr lebendig.“</p>
-
-<p>„Kapitän, drehen Sie um &mdash; wir fahren heim.“</p>
-
-<p>„Mit welcher Geschwindigkeit?“</p>
-
-<p>„Mit &mdash; mit einer &mdash; vernünftigen.“</p>
-
-<p>„Vielleicht fünfzig Kilometer über Erdachsengeschwindigkeit?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_62"></a>[S. 62]</span></p>
-
-<p>„Zum Teufel mit der Übererdgeschwindigkeit &mdash; wir fahren einfach
-fünfzig Kilometer in der Stunde.“</p>
-
-<p>„Sehr wohl.“</p>
-
-<p>Brinkmann wollte gehen. Da löste sich vom Mast ein blaues Band, ein
-blaues Schleifchen. In zierlichen Spiralen schaukelte es dem Kapitän zu
-Füßen. Der hob es auf.</p>
-
-<p>„Meister,“ rief er Brinkmann nach, „Meister, das blaue Band ist vom
-Mast gefallen &mdash; was soll ich tun damit &mdash; soll ich’s wieder &mdash;?“</p>
-
-<p>Der eiserne Brinkmann drehte sich um:</p>
-
-<p>„Das blaue Band“, sagte er langsam. „&mdash; Sie haben ein junges Mädel zu
-Hause, nicht wahr, Herr Kapitän?“</p>
-
-<p>„Ja, allerdings.“</p>
-
-<p>„Dem flechten Sie’s ins Haar, Kapitän...“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_63"></a>[S. 63]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Die_Rundfrage">Die Rundfrage</h2>
-
-</div>
-
-<p>In der Redaktion war es schwül. Der Verleger hatte angeklingelt:
-täglich der alte Schnee im Blatt, ob das eine Leistung sei &mdash; hopla,
-meine Herren, mal ’nen Bauchaufschwung, Rundfrage oder so was, aber fix
-und or’j’nell, wenn ich bitten darf...</p>
-
-<p>Die Redaktion stützte den Kopf in die Hand: Rundfrage? Als ob die
-andern Blätter nicht schon alles Denk- und Undenkbare rundgefragt
-hätten vom Säugling bis zum Sarg! Hm, ob vielleicht jenseits des
-Säuglings unabgegrastes Rundfragsland sich dehnte? Etwa: „Wie denken
-Sie über vorgeburtliche Erziehung?“</p>
-
-<p>Die Redaktion schlug im Konkurrenzregister nach. Richtig:
-„Aufsehenerregende Umfrage über Vorgeburtserziehung durch die Redaktion
-der ‚Morgenröte‘.“ Diese „Morgenröte“ schnappte aber auch schon alles
-weg!</p>
-
-<p>Dann vielleicht jenseits des Sarges? Etwa: „Wie denken Sie über ein
-Fortleben der Seele nach dem Tode?“ Wenn man nur gleich wüßte, ob man’s
-im Register unter <span class="antiqua">F</span>, <span class="antiqua">S</span> oder <span class="antiqua">T</span> zu kontrollieren
-hatte. Ha, da stand es: „Rundfrage über<span class="pagenum"><a id="Seite_64"></a>[S. 64]</span> die Unsterblichkeit“,
-veranstaltet von der „Abendröte“, von der „Mittagsröte“, von der
-„Nachmittagsröte“, von der „Five-o’clocks-tea-Vorabend-Röte“. Alles
-dagewesen &mdash;</p>
-
-<p>Ha, da kam ihm ein Gedanke:</p>
-
-<p>„Herr Kollege, was sagen Sie zu der or’j’nellen Idee einer Umfrage über
-‚Wie denken Sie über Umfragen?‘“</p>
-
-<p>„Mensch, lesen Sie denn nicht die Konkurrenz? ‚Umfrage über Umfragen‘,
-letzte Woche veranstaltet von der Vormittagsröte &mdash;“</p>
-
-<p>„Na, denen können wir nicht nachklappen. Aber was ganz Apartes: ‚Wie
-denken Sie über Rundfragen über Rundfragen über Rundfragen?‘ &mdash; he,
-Kollege?“</p>
-
-<p>„Sie sollten ein halbes Stündchen an die frische Luft gehn, Kollege. &mdash;
-Aber wir wollen mal die Setzerlehrlinge befragen &mdash; die sind nicht so
-ausgekocht.“</p>
-
-<p>Die Setzerlehrlinge machten es wie die Redaktion und stützten ihr
-Haupt in die Hand. &mdash; „Na, Heinrich, haste dir noch nie Gedanken über
-irgendwas Merkwürdiges gemacht?“</p>
-
-<p>„Wenn ick uff’m Randstein langjehe, muß ick’s immer mit de Fieße so
-inrichten, dat ick nich uff ’ne Fuge komme; warum mag det woll so sind?“</p>
-
-<p>Noch am gleichen Tage knatterte die Setzmaschine den Umfragbogen in den
-Schmelztiegel, der sie an die Druckerschwärze weitergab:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_65"></a>[S. 65]</span></p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>Randstein-Fugen-Tritt-Vermeidungs-Umfrage.</p>
-
-<p>I. Haben Sie in Ihrer Jugend vermieden, auf Randsteinfugen zu
-treten?</p>
-
-<p><span class="antiqua">a</span>) wenn ja, 1. warum? 2. mit welchem Erfolg?</p>
-
-<p><span class="antiqua">b</span>) wenn nein, hat sich diese Neigung 1. später eingestellt?
-2. in welchem Alter? 3. mit welchen Begleiterscheinungen? normal?
-abnorm?</p></div>
-
-<p>In der Ersten-Frühstücks-Ausgabe der Zweiten-Frühstücks-Röte erschien
-der Umfragbogen. Dann begann der zweite Umfragsauftakt, das Verschicken
-an sämtliche hervorragende Leute an der Hand eines gleichlautenden
-Begleitbriefes:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>
-
-Hochverehrter Herr und Meister!<br />
-</p>
-
-<p>Aus der Fülle des uns täglich zuströmenden psychologischen
-Materials hat eine eigenartige Menschheitsfrage immer dringlicher
-ihr Rätselhaupt erhoben, eine Frage, die, so unscheinbar sie
-erscheint, vielleicht in ihrer gründlichen Beantwortung dennoch
-geeignet ist, unabsehbares Licht in dunkle Seelentiefen zu werfen.
-Indem wir Ihnen die restlose Zergliederung dieser Frage in dem
-beiliegenden Fragebogen unterbreiten, sind wir uns bewußt, daß vor
-allem Ihr umfassendes Wissen und durchdringender Geist, verehrter
-Herr und Meister, geeignet erscheint usw.</p>
-
-<p>Wir werden das Ergebnis der Rundfrage systematisch aufarbeiten
-und veröffentlichen, ebenso wie wir nicht verfehlen werden, die
-auf Grund einer Separatumfrage innerhalb des Schoßes unserer
-Re<span class="pagenum"><a id="Seite_66"></a>[S. 66]</span>daktion sich ergebende beste Antwort mit einem Freibezug unserer
-„Zweiten-Frühstücks-Röte“ für ein ganzes Jahr auszuzeichnen...</p></div>
-
-<p>Für die führenden Köpfe des Landes begann eine nachdenkliche Zeit.
-Denn das verstand sich, daß sie ihre laufenden Arbeiten sofort
-zugunsten dieser Umfrage zu unterbrechen hatten. In einem raschen
-Hochschwall begannen alsdann die Umfragantworten einzulaufen. Sie
-wurden zunächst ohne Zusatz in der Reihenfolge ihres Einlaufs in der
-„Zweiten-Frühstücks-Röte“ veröffentlicht.</p>
-
-<p>Professor Schmalzbrunner war der erste, der sich so vernehmen
-ließ: „In umgehender Umfragserledigung und umseitiger Überreichung
-des ausgefüllten Umfragbogens erlaube ich mir, die Redaktion der
-‚Zweiten-Frühstücks-Röte‘ zu der lichtvollen Erfassung des Zeitgeistes
-an der Stirnlocke um so mehr zu beglückwünschen, als ich selbst schon
-lange die Absicht hatte, der nunmehr auch von Ihnen angeschnittenen
-psychologischen Frage eine gründliche Untersuchung angedeihen zu
-lassen, auf welchen Umstand ich Sie bitte, in Ihrem redaktionellen
-Teile aus Gründen des geistigen Erstgeburtsrechts ausdrücklich
-hinzuweisen...“</p>
-
-<p>Geheimrat Nasenschaber schrieb: „Vor Ausfüllung des Umfragbogens
-bitte ich um gefällige Mitteilung, ob sich etwa auch Geheimrat
-Hinthinlang an der Umfrage beteiligen wird, in welchem Falle ich unter
-Berücksichtigung der minderwertigen Qua<span class="pagenum"><a id="Seite_67"></a>[S. 67]</span>litäten dieses Herrn leider
-nicht in der Lage wäre, auch nur vorübergehend unter dem gemeinsamen
-geistigen Dache einer Umfrage meine gemessene Zeit zuzubringen.
-Im übrigen habe ich gegen eine öffentliche Notiznahme von meinem
-Vorbehalt, den ich meinem Rufe schuldig bin, nichts einzuwenden usw.“</p>
-
-<p>Professor Doktor Spalthaar teilte mit: „Ich beantrage die Absendung
-eines Vorfragebogens behufs Feststellung des Materials, aus welchem
-besagte Randsteine in jedem einzelnen Falle angefertigt waren, da es
-nicht unwahrscheinlich ist, daß je nach der granitenen, zementenen,
-kalkigen oder kunststeinigen Beschaffenheit derselben die ursächliche
-Festlegung der Fugenvermeidung des schreitenden Fußes, dessen
-Beschuhungsart aus Leder, Holz, Filz oder Stroh, beziehungsweise seine
-Unbeschuhung in Parallelkoinzidenz mit dem Material des Randsteins...“</p>
-
-<p>Sogar General a. D. Festruff, der alte Haudegen, meldete sich, leider
-in einer Form, die der öffentlichen Wiedergabe Beschränkung auferlegte:
-„Warum man beim Gehen auf dem Randstein und so weiter und so weiter.
-Ist mir wurscht. Hochachtungsvoll Festruff, General a. D.“</p>
-
-<p>Die knappste Antwort erfolgte auf die Anfrage an Professor
-Schrankelmaier: „Adressat seit zwanzig Jahren verstorben. Schwienecke,
-Briefträger.“</p>
-
-<p>Als konzentriertes Resultat der Umfrage ergab sich: 31 v. Hundert
-der Befragten erklären das Überschreiten der Randsteinfuge
-als einen körper<span class="pagenum"><a id="Seite_68"></a>[S. 68]</span>lichen Zwangsreflex, 27 vom Hundert als eine
-seelische Reizhandlung, während die restlichen 42 vom Hundert einer
-psycho-physischen Mischung den Vorzug gaben. Genaueres ergab sich nicht.</p>
-
-<p>Blieb am Ende noch die offene Frage nach der besten Antwort mit dem
-Freibezug der „Zweiten-Frühstücks-Röte“ als Preis dafür. Im Schoß der
-Redaktion ergab sich keine Einigkeit. Schlug einer einen vor: „Gewiß,
-soweit ganz nett,“ erklärten alle andern, „aber doch nicht or’j’nell
-genug.“ Also erweiterte man den Wettbewerb: auch Nichtbefragte durften
-ihre Meinung sagen.</p>
-
-<p>Wieder gab es eine Unzahl Lösungen. Der Redaktionsschoß lag und hörte,
-nickte und bekannte: „Na ja, aber or’j’nell?“ „Nee, grad so oder doch
-so ähnlich haben wir’s schon irgendwo gelesen.“</p>
-
-<p>Die Zeit verrann. Einer mußte schließlich doch bepreist sein. Man
-war verlegen. Man ließ, wie immer, wenn ein Krach in Aussicht stand
-und im Zusammenhang damit ein Blitzableiter nötig werden konnte, die
-Setzerjungen kommen.</p>
-
-<p>„Na, Jungens, was empfindet ihr beim Überschreiten einer
-Randsteinfuge?“ Die Jungen schwiegen. „Nu, der von euch, der auf die
-Preisaufgabe kam, der wird doch was empfinden?“ &mdash; „Jawoll, Herr
-Doktor.“ &mdash; „Na?“ &mdash; „Nischt, Herr Doktor.“ &mdash; „Nanu?“ &mdash; „Weil ’n
-verninft’jer Mensch prinz’b’jell immer nur direktemang uff die Fuge
-stapft.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_69"></a>[S. 69]</span></p>
-
-<p>Die Redaktion war baff. Die Redaktion erklärte einstimmig: „Blödsinnig,
-wahnsinnig, blödsinnig, &mdash; aber or’j’nell.“</p>
-
-<p>Und so sprach man dem Umfragsetzerjungen auch den Umfragpreis zu.
-Leider hat er ihn abgelehnt: „Gott behiete mir,“ sagte er, „det langt
-zu, dat ick an dem Mist für det Wurstblatt mitsetze &mdash; nu’ soll ick’t
-ooch noch lesen? Is nich.“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_70"></a>[S. 70]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Das_Kugelzimmer">Das Kugelzimmer</h2>
-
-</div>
-
-<p>Der Bomhard war sonst nie, was man ein verrücktes Huhn nennt. Aber da
-erbte er. Massig.</p>
-
-<p>„Kinder,“ sagte er, „ich habe eine Idee.“</p>
-
-<p>„Ah, eine Idee, und die wäre, lieber Bomhard?“ Ideen eines Erben sind
-ja stets beachtenswert.</p>
-
-<p>„Unsere Zimmer sind alle falsch gebaut, ist euch das noch nie
-aufgefallen?“</p>
-
-<p>„Gewiß &mdash; natürlich &mdash; grundfalsch sogar &mdash; das heißt &mdash; zu klein,
-nicht wahr?“</p>
-
-<p>„Nee, zu eckig.“</p>
-
-<p>„Eckig? hm, allerdings, man könnte sie ’n bißchen weniger eckig &mdash;
-sozusagen ein wenig rund &mdash;“</p>
-
-<p>„Nee, ganz rund, eine Kugel ist das beste.“</p>
-
-<p>Hätte Bomhard nicht geerbt gehabt, „Kugel?“ hätten wir ihm ins Gesicht
-gelacht, „das ist ja zum Kugeln!“ So aber: „Kugel? das ist ja &mdash; ist
-ja sehr interessant. Lieber Bomhard, möchtest du uns diese ebenso
-originelle als &mdash; als &mdash; na ja, du weißt schon &mdash; nicht ein wenig näher
-&mdash;“</p>
-
-<p>Im Telegrammstil, aber immerhin leutselig, schmiß er die Begründung
-hin: „Erde rund &mdash; Himmelskörper rund &mdash; Köpfe rund &mdash; Stämme rund<span class="pagenum"><a id="Seite_71"></a>[S. 71]</span>
-Früchte rund &mdash; alles Vernünftige rund &mdash; man sollte meinen, Menschen
-hätten von Anfang an nur runde Zimmer &mdash; anstatt dessen &mdash; alles eckig
-&mdash; toll &mdash; einfach toll &mdash;“</p>
-
-<p>„Ja der Tat, wenn man bedenkt, wie oft man sich an Ecken stößt &mdash;“</p>
-
-<p>„Nicht nur das &mdash; da ist auch die Ästhetik &mdash; gibt es etwas
-Vollkommeneres als eine Kugel?“</p>
-
-<p>„Es käme drauf an, was in der Kugel drinnen ist“, wagte ich.</p>
-
-<p>„Vier drittel r hoch drei pi ist drin, das weiß ja jeder Schulbub, und
-die Raumausnützung im Verhältnis zur Wandfläche ist zweimal größer als
-beim Würfel, Mensch, was meinst du, wie sich in solchem Kugelzimmer
-atmen läßt!“ Er schnaufte plastisch.</p>
-
-<p>„In einem Zimmer ist nicht nur Luft drin,“ beharrte ich, „da sind auch
-Möbel. Wie willst du an den Kugelwänden ein Bild, einen Schrank, ein
-Bett, ein Nachtkästchen &mdash;“</p>
-
-<p>„Blödsinnig einfach!“ sagte Bomhard hitzig, „man baut Kugelbilder,
-Kugelschränke, Kugelbetten, Kugelnachtkästchen, Kugel&mdash;“</p>
-
-<p>„Schön, aber den Zimmerboden wenigstens mußt du doch eben und gerade &mdash;“</p>
-
-<p>„Fällt mir gar nicht ein, Kugel, alles Kugel &mdash;“</p>
-
-<p>„Und wenn diese Möbel nun ins Rutschen kommen?“</p>
-
-<p>„Dummes Zeug, werden angenagelt!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_72"></a>[S. 72]</span></p>
-
-<p>„Und die Kugelstühle, Kugeltische, Kugelschemel, Kugelkohlenkübel?“</p>
-
-<p>„Werden <span class="antiqua">dito</span> angenagelt!“</p>
-
-<p>Hätte Bomhard nicht geerbt gehabt, weiß Gott, ich hätte mir den Witz,
-daß ein vernageltes Kugelzimmer auf den <span class="antiqua">dito</span> vernagelten
-Besitzer schließen lasse, nicht verkneifen können. So beschränkte
-ich mich auf: „Und die vielen kleinen Sachen, wie Schirme, Stöcke,
-Federhalter, Bleistifte &mdash;?“</p>
-
-<p>„&mdash; haben nach dem Gravitationsgesetz dauernd das Bestreben, nach dem
-tiefsten Kugelzimmerpunkt zu rutschen“, sagte er vergnügt.</p>
-
-<p>„Aber ist das nicht &mdash; nicht unpraktisch?“</p>
-
-<p>„Im Gegenteil, eminent praktisch! Bedenkt doch den Ärger, wenn in
-den Würfelzimmern was verloren ging, sagen wir mal, eine Brille,
-eine Haarnadel, ein Notizbuch, ein Schlips, ein Metermaßstab, ein
-Geldschein, ein Pantoffel, ein &mdash;“</p>
-
-<p>„Jaja,“ nickten wir in Erinnerung, „elende Sucherei &mdash;“</p>
-
-<p>„Na, seht ihr, so was ist in meinem Kugelzimmer ausgeschlossen.
-Mein Kugelzimmer verliert nichts. Mein Kugelzimmer präsentiert von
-selber jede ausgekniffene Brille, jeden verlorenen Bleistift, jeden
-verschlampten Pantoffel im Kugeltiefpunkt der Zimmermitte: bitte,
-bedienen Sie sich.“</p>
-
-<p>„Großartig,“ sagte einer augenzwinkernd, „großartig, bis auf eines.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_73"></a>[S. 73]</span></p>
-
-<p>„Bitte?“ sagte der Kugelzimmererfinder feindselig.</p>
-
-<p>„Wie willst du mit den von Mutter Natur nun einmal platt konstruierten
-Füßen &mdash;“</p>
-
-<p>„Falsch, grundfalsch! von Natur aus hätten wir nur Kugelfüße. Aber
-die seit Jahrtausenden platten Würfelzimmer haben auch die Füße platt
-gedrückt. Meine Kugelzimmer werden sie mit der Zeit schon wieder
-sphärisch biegen. Und bis dahin kann man sich ja mit entsprechend
-konstruierten Kugelstiefeln behelfen.“</p>
-
-<p>„Famos,“ sagte der Zwinkerer, „ganz famos, alle Einwände räumt er
-weg. Seine Kugelzimmer sind theoretisch einwandfrei. Freilich, ob er
-praktisch einen Kugelarchitekten findet, der &mdash;“</p>
-
-<p>„Schon gefunden. Hier der Aufriß. Da der Grundriß, bitte.“ Er
-entfaltete Blätter, auf welchen lauter Kreise Kegel schoben. Der
-Zwinkerer schien sie eifrig zu studieren.</p>
-
-<p>„In der Tat &mdash; in der Tat &mdash; schlechterdings vollkommen bis auf &mdash; bis
-auf die Zwickel.“</p>
-
-<p>Bomhard wurde unsicher. „Welche Zwickel?“ stotterte er.</p>
-
-<p>„Nun, diese Hohlräume zwischen den aneinander liegenden Kugelzimmern
-sind doch unnütz, platterdings unnütz.“</p>
-
-<p>Bomhard erbleichte: „Allerdings &mdash; allerdings &mdash; ich werde darüber
-nachdenken &mdash; ich werde sie<span class="pagenum"><a id="Seite_74"></a>[S. 74]</span> wegkonstruieren oder sonst eine Lösung &mdash;
-eine praktische Lösung...“ Er ging verstört.</p>
-
-<p>„Mensch!“ berannten wir den Zwinkerer, „du hast kein Herz, kein
-Kugelherz. Du hättest ihm mit seinem Kugelwahne ruhig glücklich werden
-lassen sollen, wo er doch die Gelder dazu hat.“</p>
-
-<p>„Seh ich nicht ein, da wir mit unsern Wahngebilden auch nicht glücklich
-werden dürfen.“</p>
-
-<p>„Erlaube mal, wir haben keine Wahngebilde &mdash;“</p>
-
-<p>„Allerdings,“ sagte er sarkastisch, „solange wir nicht erben, müssen
-wir sie schlafen lassen, müssen wir sie zurückstopfen, verstecken in
-den Hohl&mdash;“ Er brach ab.</p>
-
-<p>„Warum schweigst du?“</p>
-
-<p>„Weil ich sonst die Lösung, die Bomhard sucht, vergeblich suchen wird,
-verraten hätte.“</p>
-
-<p>Recht bekam er. Bomhard fand die Lösung nicht. Er hat eine Unmenge
-vergnüglich lächelnder Architekten mit einer Unmenge Geld versorgt.
-Probekugelzimmer standen auf und rollten durch das Land. Wie sie aber
-standen und die zweite Kugelzimmerzelle an der ersten sich zum Hausbau
-fügen sollte, ließ er sie des Zwickels wegen gleich erschlagen. Er
-selber konstruierte unzählige Kreise auf unzähligen Bögen. Aber die
-Zwickel dazwischen, die nutzlosen Hohlräume grinsten immer spitzer und
-verbogner: „He, und wir? was willst du aus uns machen, he?“</p>
-
-<p>Vergrämt hat er sich angeschickt zu sterben. Der<span class="pagenum"><a id="Seite_75"></a>[S. 75]</span> Zwinkernde ist an
-seinem Bett gesessen. „Man hat mir mitgeteilt,“ sagte Bomhard schwach,
-„daß du eine Lösung wüßtest, um die Hohlraumzwickel &mdash;“</p>
-
-<p>„Ist noch Geld da?“</p>
-
-<p>„Leider nicht, alles verzwickelt.“</p>
-
-<p>„Gut,“ murmelte der Zwinkerer befriedigt, „dann können anderer Menschen
-Hirnhohlräume nicht mehr vom Erbrest angestopft werden.“ Laut aber
-sagte er: „Die alte Wäsche von den Kugelzimmern hätte man in den
-Zwickeln ganz bequem &mdash;“</p>
-
-<p>„Gott,“ stammelte der Sterbende, „daß ich daran nicht gedacht &mdash; wer
-denkt auch, wenn er erbt, an seine alte Wäsche!“ Und sein letztes Wort
-war in Verklärung: „Also doch vollkommen!“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_76"></a>[S. 76]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Schmuckel">Schmuckel</h2>
-
-</div>
-
-<p>Der Schmuckel war immer ein heller Kopf gewesen. Schon in der Schule
-sagte der Herr Lehrer zu den anderen Schülern: „Den Schmuckel seht
-euch an, so fix wie der im Rechnen sollten alle werden.“ Aber nicht
-nur im Rechnen war es so. So einen deutschen Aufsatz schmiß er aus dem
-Handgelenk ins Heft, daß es nur so schnackelte. Von der Geographie gar
-nicht zu reden, wo die Nebenflüsse links und rechts des Rheins förmlich
-aufeinander schnalzten. Heißt das, wenn der Schmuckel sie aufsagte. Bei
-den andern schob sich zwischen der Kinzig und der Murg ein „Äh“ und
-zwischen der Nahe und der Mosel eine Einsagpause, und zwischen Lahn und
-Wupper gähnten ganze Reihen ausgelassener Nebenflüsse.</p>
-
-<p>Wenn aber der Inspektor kam, vor dem man doch ein bissel glänzen
-wollte, wurde der Schmuckel in der Geometrie aufgerufen. So ein
-Inspektor ist Paraderösser sicherlich gewöhnt. Aber wie der Schmuckel
-in die Arena ritt, wenn der Lehrer scheinheilig sagte:</p>
-
-<p>„Na, jetzt könnte vielleicht der &mdash; der &mdash; Schwiefke<span class="pagenum"><a id="Seite_77"></a>[S. 77]</span> &mdash; nein, der
-war schon daran &mdash; nun, sagen wir mal, der Schmuckel noch sein
-Paralleltrapez konstruieren, von dem gegeben ist die Mittellinie, die
-Höhe, ein Winkel im Schnittpunkt der Diagonalen ...“</p>
-
-<p>Der Inspektor müßte nicht der Inspektor gewesen sein, hätte er nicht
-gewußt, daß diese Paralleltrapezgeschichte die allerverschwefelste
-Aufgabe im ganzen Dicknether, Ausgewählte Konstruktionen für
-Mittelschulen war, und &mdash; unter uns &mdash; <em class="gesperrt">ihn</em> wenn der Lehrer
-jetzt aus Versehen, anstatt des Schmuckels an die Tafel gerufen
-hätte, er wäre aufgesessen, glatt aufgesessen, statt anderen
-aufsässig zu sein. Und es brach ihm jetzt wahrhaftig ein gelinder
-Schweiß aus, wenn er daran dachte: wenn jetzt der Schmuckel stecken
-blieb, und wenn ein anderer Schüler auch nicht weiter wußte, und
-wenn der Lehrer auch verdattert würde, und wenn es dann seine
-verdammte Schulinspektorpflicht sein würde, selbst an das verflixte
-Paralleltrapez zu treten: „Aber Herr Kollege, ist ja kinderleicht &mdash;
-das macht man so und so und so...“</p>
-
-<p>Unnütze Sorge. Der Schmuckel, der fixe Schmuckel, war schon mitten
-in der Konstruktion und turnte mit der Kreide und dem Zirkel auf dem
-Paralleltrapez herum, daß einem ganz schwindlig wurde &mdash; Winkel rissen
-ihre Mäuler auf &mdash; Parallele spielten Fangeinmandel, ohne sich zu
-kriegen &mdash; Diagonalen kreuzten sich mit Würde, wie die Bandeliere auf<span class="pagenum"><a id="Seite_78"></a>[S. 78]</span>
-der Brust eines Napoleonssoldaten &mdash; Kongruenzen führten Menuette auf,
-und Mittellinien schmiß er an die Tafel, ohne Rast und ohne Wenn und
-ohne „Äh“... ja, so einer war der Schmuckel.</p>
-
-<p>„’n verdammt fixer Kerl!“ preßte es dem Inspektor heraus, trotzdem
-ein Schulinspektor „verdammt“ und „fix“ und „Kerl“ eigentlich nicht
-sagen durfte, sondern höchstens „bemerkenswert“ und „anstellig“ und
-„Individuum“.</p>
-
-<p>Nach der Schule hat sich der fixe Schmuckel mit dem Paralleltrapez
-nicht weiter aufgehalten, sondern hat fix eine Stelle bekommen, hat
-fix verdient, hat sich fix verheiratet, war der fixeste Häuseragent
-geworden weit und breit. Es mag ja sein, daß der Schulinspektor
-damals sich noch einen ganz andern Bauchaufschwung als bis zum
-Häuseragenten von dem Musterschüler Schmuckel erwartet hatte. Etwa
-einen Gelehrtenaufschwung, Dichteraufschwung oder so was. Aber
-derartige Aufschwünge erfordern Wenn und Aber, „Ähs“ und lange Pausen
-der Überlegsamkeit zwischen hinein. Womit der fixe Schmuckel sich aber
-wirklich nicht aufhalten konnte, wenn er’s fix zu einem fixen Kerl mit
-einem fixen Bankkonto bringen wollte.</p>
-
-<p>Und das hatte er nun. Sogar eine fixe Frau zu seiner fixen
-Häuseragentur. „Das muß man sagen,“ sagten die Leute, „ein patenter
-Häusermakler ist er, dieser Schmuckel, wahnsinnig patent!“ Denn von
-dreißig Jahren an sagt man nicht mehr<span class="pagenum"><a id="Seite_79"></a>[S. 79]</span> fix, sondern patent. Das gehört
-sich so, und außerdem ist es patenter. Patent ist übrigens hinter
-dreißig Jahren jeder Mensch, der etwas auf sich hält. Schmuckel aber
-war unter den patenten Häusermaklern eben auch wieder derjenige, wo &mdash;
-mit einem Wort, er war wahnsinnig patent. Man hätte auch „furchtbar
-patent“ oder „rasend patent“ oder „blödsinnig patent“ sagen können.
-Aber das waren andere Häusermakler auch zur Not. Schmuckel allein war
-wahnsinnig patent.</p>
-
-<p>„Wenn du irgendeinem Hausmakler ein Haus zu verkaufen gibst,“ hieß
-es, „was hat der für Bedenklichkeiten und Geschichten. Dagegen der
-Schmuckel &mdash; eins zwei drei, hat’s schon wegverkauft.“</p>
-
-<p>„Ja, und gar wenn du ihn eins kaufen lässest, brauchst du nicht einmal
-bis drei zu zählen &mdash; hat’s schon gekauft für dich, bevor du überhaupt
-noch selber wußtest, daß du ein Haus gewollt hast &mdash; wahnsinnig,
-einfach blödsinnig wahnsinnig, dieser Schmuckel.“ „Blödsinnig
-wahnsinnig“ ist der höchste Orden, der für Fixigkeiten zu verteilen ist.</p>
-
-<p>Nun erkennen Frauen sonst die öffentlichen Eigenschaften ihrer
-Männer selten an. Nicht so Schmuckels Frau, ein stilles, kleines und
-verträumtes Dingchen. Gegen andere sprach sie sich freilich nicht so
-aus. Aber wenn sie sich selber fragte, was sie eigentlich von ihrem
-hin- und hergehetzten fixen Manne habe, so sagte sie sich insgeheim:
-„Wahnsinnig wenig, blödsinnig wahnsinnig wenig.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_80"></a>[S. 80]</span></p>
-
-<p>Nun aber begab es sich, daß besagter Schmuckel einen Weinkeller hatte.
-Einen wahnsinnig patenten Weinkeller. Was schließlich für einen
-erfolgreichen Häusermakler nicht mehr als recht und billig ist. Vor
-allem billig. Denn Schmuckel kaufte auch seine Weine einfach rasend
-wahnsinnig blödsinnig billig ein.</p>
-
-<p>Und weiterhin begab es sich, daß er sich einmal selbst in den Keller
-begab, um einen solchen rasenden Wein am Spundloch zu probieren &mdash;
-nein, um einen solchen Wein am rasenden Spundloch &mdash; nein, es ist zum
-rasend werden: um einen solchen Wein am Spundloch rasend zu probieren.</p>
-
-<p>Als er den Becher untern Hahn hielt und diesen aufgedreht hatte, fiel
-ihm ein solider Holzschlegel gegen die linke Schläfe. Pumm, wurde die
-Stelle seiner vierten Gehirnwindung, wo die patente Fixigkeit zu sitzen
-pflegt, eine Idee auf die Seite gerückt. Es war selbst mikroskopisch
-nicht der Rede wert. Aber es genügte dennoch, um Schmuckels Denkapparat
-nach einer andern Richtung einzuschalten.</p>
-
-<p>Der Wein lief in den Becher, bis er überfloß, während Schmuckel sinnend
-vor dem Spundloch saß und dachte: „&mdash; und wenn ich damals in der Schule
-nicht so fix gewesen wäre... hm ja, es konnte immerhin doch sein... hm
-ja, und wenn ich die Konstruktion mit dem Paralleltrapez auch nicht
-so fix gekonnt hätte... hm ja, und genau genommen,<span class="pagenum"><a id="Seite_81"></a>[S. 81]</span> weiß man ja nicht
-einmal, ob alle diese fixen Lehrsätze auch ganz richtig sind... hm
-ja, man braucht nur anzunehmen, daß wir keine körperhaften Menschen,
-sondern &mdash; hm ja &mdash; zweidimensionale Menschen wären, die auf &mdash; hm ja,
-hm ja &mdash; auf Eierschalen lebten... hm ja, so daß der pythagoräische
-Lehrsatz keinen Sinn hätte... hm ja, dann würde auch das Paralleltrapez
-ein Blödsinn...“</p>
-
-<p>Unterdessen lief der Wein und lief und stand schon knöcheltief im
-Keller.</p>
-
-<p>„&mdash; hm ja, und wer weiß, ob ich dann ein fixer Häusermakler geworden
-wäre, der hin und her verkauft und den ganzen Tag nur auf der Hetze
-ist... hm ja, so daß für mein kleines Frauchen eigentlich nichts übrig
-bleibt von mir, als ein bißchen Fixigkeit... hm ja, und wenn wir
-dann auch weniger verdienten... hm ja, ja hm, dafür aber glücklich
-wären &mdash; hm ja, furchtbar glücklich, wahnsinnig glücklich, blödsinnig
-glücklich... nein, ist ja Unsinn, einfach glücklich, das genügte &mdash;“</p>
-
-<p>Hier war es, daß der Wein ihm an die Waden reichte, und daß das
-Schmuckelsche Dienstmädchen herunterkam, um nachzuschauen, wo ihr Herr
-solange bliebe: „Aber gnädiger Herr,“ rief sie, „was machen Sie denn
-da?“</p>
-
-<p>„Ich habe darüber nachgedacht, Kathi wenn ich nicht immer so fix
-gewesen wäre... hm ja, es hätte doch sein können... hm ja, und wenn wir
-zweidimensional auf Eierschalen lebten... hm ja, und<span class="pagenum"><a id="Seite_82"></a>[S. 82]</span> wenn wir dann
-auch weniger verdienten... hm ja, und wenn ich dann mit meiner Frau
-viel glücklicher wäre... hm ja, Sie verstehen, Kathi &mdash;?“</p>
-
-<p>Da wurde die Kathi auch besinnlich, setzte sich auf einen Kellerstuhl
-und sagte langsam: „Hm ja, freilich kann ich Sie verstehn, Herr
-Schmuckel... hm ja, und wenn Sie dann mit Ihrer Frau so glücklich
-wären... hm ja, auf zwei sinidale Eierschalen ... hm ja, hm ja...“</p>
-
-<p>Unterdessen lief der Wein und lief, und er stand ihnen schon bis
-beinahe an die Knie, als die stille, kleine und verträumte Frau
-Schmuckel auch herunterkam, um nachzusehen, was aus ihrem Mann und der
-Kathi geworden wäre: „Aber Kinder,“ rief sie, „was macht Ihr denn da?“</p>
-
-<p>„Wir haben darüber nachgedacht, liebe Frau, wenn ich nicht so fix
-geworden wäre, so wahnsinnig &mdash; so fürchterlich wahnsinnig fix, weißt
-du... hm ja, und wenn wir dann auch weniger verdienten &mdash;“</p>
-
-<p>„Hm ja, auf zwei simidale Eierschalen nämlich, gnädige Frau, hm ja“,
-erläuterte die Kathi.</p>
-
-<p>„Hm ja, und wenn wir dann erst glücklich geworden wären, liebe Frau...
-hm ja, einfach glücklich, schlecht und recht...“</p>
-
-<p>Hier war es, daß sich die stille, kleine Frau still zu ihrem Mann
-gesetzt hatte, daß sie langsam ihr gutes Köpfchen zu ihm neigte:
-„Ach ja, lieber Mann, glücklich wenn wir wären... hm ja, wir sind ja
-glücklich... glücklich um und um... und ich wünsche<span class="pagenum"><a id="Seite_83"></a>[S. 83]</span> mir nur, daß es
-jetzt so bliebe... hm ja, mein lieber Mann, hm ja...“ Und sie verlebten
-zum ersten Male selige Minuten ungetrübten Glückes.</p>
-
-<p>Unterdessen lief der Wein und lief, und er stand ihnen jetzt schon
-glücklich bis an die Lenden, als auf einmal ein zweiter solider
-Holzschlegel von dem großen Weinfaß herab auf Herrn Schmuckels rechte
-Schläfe fiel. Pumm, wurde die Stelle seiner vierten Gehirnwindung, wo
-die patente Fixigkeit zu sitzen pflegt, wieder eine Idee auf die andere
-Seite gerückt. Es war selbst mikroskopisch nicht der Rede wert. Aber es
-genügte dennoch, um den alten Schmuckel wieder einzuschalten:</p>
-
-<p>„Was ist denn das für eine Schweinerei!“ schrie er aufspringend, „fix,
-den Hahn zu &mdash; fix, Kathi, holen Sie die Feuerwehr &mdash; nein, Kathi,
-bleiben Sie, fix, Frau, fix, die Eimer her und wieder eingefüllt ins
-Faß &mdash; fix, Kinder, fix &mdash; zum Donnerwetter, sag’ ich: fix...!“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_84"></a>[S. 84]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Jod">Jod</h2>
-
-</div>
-
-<p>Es ist kein Zweifel mehr. Die Wissenschaft hat’s festgestellt:</p>
-
-<p>Das Blut wird von der Schilddrüse stündlich mit ein drittel millionstel
-Gramm Jod gespeist. Ohne dieses Jod wird der Mensch ein Idiot trotz
-aller Schulen, allen guten Willens. Ein Hundertstel Gramm Jod mehr in
-unserm Blut, und wir fliegen dahin mit lockigem Haar, blitzenden Augen,
-überschäumender Lebenslust. Ein Tausendstel Gramm weniger, und mit
-erloschenen Augen schleicht ein Kümmerling zum Grabe.</p>
-
-<p>So die Wissenschaft. Wie das Leben?</p>
-
-<p>Unsere Schulzeugnisse müssen eine neue Spalte kriegen:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>Fritz Kugelmaier, Jodgehalt: Befriedigend.</p>
-
-<p>Hans Stoppinger, Jodgehalt: Sehr gut.</p>
-
-<p>Max Steinhofer, Jodgehalt gleich Null. Aufsteigen in die nächste
-Klasse nur bei energischer Nachhilfe in der Jodzufuhr gestattet.</p></div>
-
-<p>Die Begegnungsformel „Wie geht es Ihnen?<span class="pagenum"><a id="Seite_85"></a>[S. 85]</span>“ ist veraltet. „Und wie
-steht’s mit Ihrem Jodinhalt?“ wird es hinfort heißen müssen.</p>
-
-<p>„Sage mir, wieviel Jod du hast, und ich sage dir, wer du bist.“</p>
-
-<p>Ein Beamter hat in einer Stellung ganz versagt. „Kein Wunder,“ wird
-der Personalreferent angefahren, „wie konnten Sie einen Menschen mit
-solchen Jodverhältnissen...!“</p>
-
-<p>Der künftige Adolar erklärt der künftigen Kunigunde seine Liebe.
-„Schön, mein Herr,“ sagt sie, „darf ich um Ihre Hand bitten.“</p>
-
-<p>„Aber,“ stottert er, „eben darum wollte ich Sie bitten &mdash; au!“ Denn
-sie hat mit der Pinzette aus seinem Ringfinger ein Tröpflein Blut
-entnommen, es im Reagenzröhrchen mit Säuren aufgeschüttelt und die
-Stirn gerunzelt: „Mein Herr, Ihr Antrag ehrt mich, aber bei Ihren
-dürftigen Verhältnissen &mdash;“</p>
-
-<p>„Ich muß doch bitten, ich habe &mdash;“</p>
-
-<p>„&mdash; viel zu wenig Jod, mein Herr &mdash; der nächste, bitte.“</p>
-
-<p>Der Nürnberger Trichter wird das Zeitliche segnen müssen. Eine
-Reichsjodanstalt wird aufgehen. Jodärzte werden von Injektionszelle zu
-Injektionszelle rennen, mit Spritzen:</p>
-
-<p>„Unter uns, Herr Kollege, wie könnten Sie den Mann nach Tabelle
-<span class="antiqua">B</span> mit so wenig Jod injizieren &mdash; der Mann ist Wagenführer und
-muß etwas leisten!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_86"></a>[S. 86]</span></p>
-
-<p>„Na, wenn Sie schon so kritisch sind, so muß ich Ihnen sagen, Herr
-Kollege, daß es von Ihnen Unsinn war, an den Mann auf Nummer 37 soviel
-Jod zu wenden, wo die Magistratstabelle nur die Hälfte vorsieht.“</p>
-
-<p>Der künftige Friedenskongreß. Verschiedene Regierungen beharren auf
-Erörterung der Schuldfrage. Andere widersprechen. Der Kongreß droht
-schon zu scheitern. Da erhebt sich der Professor Spyribingel: „Meine
-Herren, die exakten Forschungen der Wissenschaft ergaben, daß, wenn
-Napoleon zwei Milligramm Jod weniger im Blut gehabt hätte, er es
-höchstens zum Stadtkommandanten von Ajaccio hätte bringen können. Die
-ganze Geschichte Europas wäre eine andere geworden. Es hätte kein 1914
-gegeben. Ich beantrage die Schlamperei des Impfarztes von Ajaccio für
-schuldig am Ausbruch des Weltkrieges zu erklären...“</p>
-
-<p>Es <em class="gesperrt">ist</em> klar, daß von da ab alle Herrschenden der Erde abzutreten
-haben werden. Herrschen wird von da ab nur mehr seine Wissenschaft, der
-Pinsel &mdash; Jodpinsel selbstverständlich.</p>
-
-<p>So weit wäre alles gut und wissenschaftlich in der Welt geworden. Aber
-eine Besorgnis habe ich doch. Nein, keine Besorgnis, sondern eine
-Angst: gesetzt den Fall, es stürbe einmal Hindenburg &mdash; mög’ es lange
-nach dem Kriege sein &mdash; und gesetzt den Fall, man hätte ihn seziert
-&mdash; jetzt noch die Blut<span class="pagenum"><a id="Seite_87"></a>[S. 87]</span>probe &mdash; es erbleichet das Konsilium, und ein
-Raunen geht durchs Haus der Wissenschaft, daß es klingt, als bröckelten
-die Wände: „Um Gottes willen, meine Herren, nicht verlauten lassen, daß
-wir den Weltkrieg mit Null Komma Null Gramm Jod gewonnen haben...“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_88"></a>[S. 88]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Morgan">Morgan</h2>
-
-</div>
-
-<p>Man hat Bücherbretter voll Rezepte geschrieben über „Wie man reich
-wird“. Aber es gibt nur ein Rezept dafür: keine Nerven haben.</p>
-
-<p>Als Morgan anfing, Eisenbahnsysteme und Millionen aufzuschachteln,
-hätte einer seinen Körper mit dem Ultramikroskop durchsuchen dürfen:
-nicht die Spur von Nerven.</p>
-
-<p>Keine Nerven? &mdash; Dummes Zeug, womit hätte er denn da Lust gefühlt und
-wäre aufgezuckt in Schmerzen? &mdash; Ei, mit den Eisenbahnsträngen, die für
-seine Rechnung vom Atlantischen Ozean an den Stillen Ozean liefen.</p>
-
-<p>Diese Stränge zogen ihm die erste Milliarde in den kräftig pulsierenden
-Kassenschrank. Daß Morgan an Stelle eines Herzmuskels einen feuerfesten
-Kassenschrank besaß, darf ich als bekannt voraussetzen. Auch daß dieser
-Schrank so konstruiert war, um gemünztes Blut hineinzulassen, aber
-keins heraus.</p>
-
-<p>Nach der ersten Bahnmilliarde fing es in den Dividendenkanälen zu
-diesem Kassenschrank an, da und dort ein wenig weißlich aufzuglänzen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_89"></a>[S. 89]</span></p>
-
-<p>„Doch keine Nerven?“ fragte er besorgt den Hausarzt.</p>
-
-<p>„Hm, es kann auch Stahl sein, weißer Stahl von Ihrem neuen Eisentrust,
-Herr Morgan.“</p>
-
-<p>Morgan war beruhigt und häufte jetzt Milliarden, wie er vorher
-Millionen häufte. Nach dem Bahntrust und dem Stahltrust kam der
-Schiffahrtstrust. Das weißliche Geäder trat auf der Auskleidung seiner
-Dividendenblutbahn deutlicher hervor.</p>
-
-<p>„Also doch Nerven?“ rief Morgan und packte seinen Hausarzt am
-Geldbeutel.</p>
-
-<p>„I bewahre, die Kielwasserbahnen Ihrer Schiffe sind es.“</p>
-
-<p>Es waren aber doch die Nerven, die still und zähe mitten durch die
-Aktienmuskelbündel und die Obligationsfettpolster durchgewachsen waren.</p>
-
-<p>Man holte einen Nervenspezialisten.</p>
-
-<p>„Schade,“ sagte der und liquidierte hunderttausend Dollar, „schade, ein
-paar Jahre früher, wenn Sie mich gerufen hätten, würde man sie ziehen
-haben können.“</p>
-
-<p>„Und jetzt?“ fragte Morgan angstvoll.</p>
-
-<p>„Man könnte es mit dem Verwässern der Aktienmuskelbündel und der
-Obligationenfettpolster versuchen“, sagte der Spezialist und
-liquidierte wieder hunderttausend Dollar.</p>
-
-<p>Morgan wässerte und wässerte, wurde aber dadurch nur noch reicher,
-ohne seine Nerven zu verlieren. Ein Heer von Spezialisten kurierte
-dran<span class="pagenum"><a id="Seite_90"></a>[S. 90]</span> herum. Natürlich wurden da die Nerven ungebärdig und gereizt.
-Sie bäumten sich und dehnten sich und schnurrten wieder zusammen und
-zupften und rissen ihn an allen Enden.</p>
-
-<p>Nicht mehr zu ertragen war es. Zwischen seinen Milliarden rannte
-er herum. An ihren stahlharten Wänden brach sich sein Gestöhne und
-klatschte mitleidlos auf ihn zurück.</p>
-
-<p>Zerfasert und zersetzt rannte Morgan von den Spezialisten zum Schäfer
-Ast. Der behandelte ihn genau wie alle andern: drei Nackenhaare
-ausgerissen, ins Weiße der Augen gestarrt und abermals drei Nackenhaare
-ausgerissen.</p>
-
-<p>„Es war die höchste Zeit,“ sagte der Schäfer Ast, „denn Sie hatten
-gerade noch sechs Nackenhaare.“ Und dann stellte er die Diagnose:</p>
-
-<p>„Sie leiden an Ihren Milliarden, Herr Morgan“, sagte er.</p>
-
-<p>„Sie meinen an den Nerven?“</p>
-
-<p>„Ihre Nerven sind wie Spargeln aus dem Miste Ihrer Milliarden
-herausgewachsen,“ sagte Schäfer Ast, der sich landwirtschaftlich
-auszudrücken liebte, „schmeißen Sie den Mist hinaus, so hören auch die
-Spargeln auf zu treiben.“</p>
-
-<p>„Sie können mit dem Misten meinetwegen gleich bei mir den Anfang
-machen“, setzte er hinzu und rollte einen leeren Mistkarren herbei.</p>
-
-<p>Mit der lumpigen Million, die da hineinging, war es freilich nicht
-getan. Morgan fing nach allen<span class="pagenum"><a id="Seite_91"></a>[S. 91]</span> Seiten auszumisten an. Aber wie er
-auch verschenkte und verschenkte, noch größer war der Zustrom seiner
-Dividenden. Er war zu reich geworden, als daß er sich mit Schenken
-hätte helfen können. Immer unbarmherziger schossen Spargel durch die
-Beete, zappelten die Nerven am Gerüste, so sich Morgan nannte.</p>
-
-<p>Morgan floh aus Kontor und Börse weit hinaus ins Land. Gleich schoß ihm
-ein dünner Kupfernerv nach, der tickte, tickte: der Telegraph.</p>
-
-<p>Morgan floh aufs Meer. Erschöpft lehnte er am Mast und murmelte:</p>
-
-<p>„Gott sei Dank, daß in die Ozeanwüste keine Nervendrähte reichen.“</p>
-
-<p>„Tick &mdash; tick &mdash; tick“, machte es oben am Mast und rann in den
-zuckenden Körper Morgans ein. Es war der Auffangapparat für drahtlose
-Telegraphie.</p>
-
-<p>Morgan floh unerkannt in die telegraphenlosen Sabiner Berge. Das Leben
-eines Hirten wollte er da führen. Aber unter seinen Händen organisierte
-sich sein Schafgewerbe lukrativer, als bei allen anderen Hirten. Daran
-erkannten sie ihn auch da und riefen:</p>
-
-<p>„Du bist Morgan“, und begannen ihn anzubetteln.</p>
-
-<p>Da erkannte er, daß er sich selber nicht entrinnen könne und floh, ein
-zuckendes, zerflackerndes Nervenbündel, in die nächste Stadt. Das war
-Rom.</p>
-
-<p>Seine Leute wollten das erste Hotel für ihn<span class="pagenum"><a id="Seite_92"></a>[S. 92]</span> mieten. Aber es war ein
-Kongreß in der Stadt. Alle Gasthöfe waren überfüllt. In zwei Zimmern
-eines kleinen Gasthofes landete der Abgehetzte. Fieberschauer warfen
-ihn ins Bett. Der Hausarzt sah, es ging aufs Ende.</p>
-
-<p>Die Nervenempfindlichkeit hatte derart zugenommen, daß ein umgewendetes
-Blatt in seinem Buche ihn zum Rasen brachte.</p>
-
-<p>Gegenüber klopfte ein Schuster und sang dazu. Morgan schäumte.
-„Aufhören, auf der Stelle!“ ließ er ihm sagen. „In Rom gibt’s gegen
-Klopfen und Singen kein Gesetz“, erwiderte der Schuster und sang und
-klopfte weiter.</p>
-
-<p>Morgan ließ ihm 1000 Dollar bieten. Der Schuster lachte und machte
-Fenster und Laden zu. Aber Morgans Nerven wuchsen durch Ladenritzen und
-durch Glas und hörten den Schuster immer noch.</p>
-
-<p>10000 Dollar bot er ihm, wenn er das Klopfen ließe. Der Schuster lachte
-und hörte auf zu klopfen. Aber noch immer sang er.</p>
-
-<p>„Was verlangst du für deinen verfluchten Gesang?“ ließ Morgan sagen.</p>
-
-<p>„Der Gesang ist mir das teuerste“, antwortete der Schuster und
-verlangte 100000 Dollar.</p>
-
-<p>Als der Schuster so erledigt war, fingen Straßenbuben zu pfeifen an.
-Zwei Abgesandte Morgans stellten sich an beiden Straßenenden auf und
-kauften jedem, der den Mund zu spitzen anfing, jeden Pfiff für schweres
-Geld ab.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_93"></a>[S. 93]</span></p>
-
-<p>Als so die Straße pfiffefrei war, kamen die Zeitungen heraus.
-Brüllend stürzten sich die Zeitungsjungen in die Straße. Wieder blieb
-nichts anderes übrig, als ihnen alle Nummern schon am Straßeneingang
-abzukaufen. Das war nicht so billig als es aussieht. Denn kaum hatten
-die Druckereien erfahren, wer die Nummern kaufte, als sie ihre
-Rotationsmaschinen aufs neue laufen ließen und die herausgeschleuderten
-Zeitungsbündel alle nach der einen Straße schickten. Es begann ein
-Kampf zwischen den Rotationspressen und Morgans Geld. Das Geld blieb
-Sieger.</p>
-
-<p>Schon glaubten Morgans Leute ihren Kampf gewonnen, als es über den
-Zimmern zu dudeln und zu schleifen anfing. Ein Strohflechter feierte
-seine Hochzeit. Braut und Bräutigam hatten ein Jahrzehnt für diesen Tag
-gespart und wollten sich den Tanz, das Essen und die frohe Laune etwas
-kosten lassen.</p>
-
-<p>Morgans Bote kam heraufgestürzt: „Unser Herr ist außer sich. Ich kaufe
-euch eure Hochzeit ab. Was kostet sie?“</p>
-
-<p>Der Strohflechter und die Strohflechterin sahen sich an und lächelten
-glücklich:</p>
-
-<p>„Nein,“ sagten sie, „unser Hochzeitstag ist nicht verkäuflich.“</p>
-
-<p>„Aber bedenkt doch, es ist Morgan, der eure Hochzeit kaufen will.“</p>
-
-<p>„Wir kennen keinen Morgan.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_94"></a>[S. 94]</span></p>
-
-<p>„Was, den kennt ihr nicht? Er ist der reichste Mann der Welt!“</p>
-
-<p>Da sah der Strohflechter die Strohflechterin zum zweitenmal glückselig
-an: „Der reichste Mann der Welt?“ lächelte er ungläubig, „nein, mein
-Lieber, da irrt ihr euch, beim Blut der heiligen Madonna. Denn der
-reichste Mann der Welt bin heute ich &mdash; hopp, Kinder, einen neuen Tanz!“</p>
-
-<p>„Deine Millionen haben da droben nichts ausrichten können, o Herr“,
-berichteten Morgans Leute ängstlich vor seinem Bett.</p>
-
-<p>Da ergrimmte das zuckende Nervenbündel, raffte sich zum letzten Male
-auf und warf ihnen Armleuchter, Uhren, Stühle, Stiefel an den Kopf. Und
-so gräßlich war er anzuschauen in seiner unglückseligen Tobsucht, daß
-sie sich entsetzten und flohen. Der wimmernde Milliardär lag allein im
-Bett.</p>
-
-<p>Der kleine Laufjunge, der auch die Stiefel im Gasthof reinigte, war zur
-Hochzeit hinaufgeschlichen, stieß die tanzende Braut an und flüsterte
-ihr zu:</p>
-
-<p>„Du, Maria, unter deinen Füßen liegt einer im Sterben...“</p>
-
-<p>Die Musik hatte schon lange ausgesetzt. Kein neuer Tanz konnte
-beginnen. Es fehlte ja die Braut. Wo sie nur blieb.</p>
-
-<p>Unruhig stieg der Strohflechter eine Treppe tiefer. Da war eine Tür.
-Klang hinter ihr nicht ihre Stimme? Vorsichtig klinkte er sie auf:</p>
-
-<p>Ein unsäglich zermürbter Mann lag in den Kissen<span class="pagenum"><a id="Seite_95"></a>[S. 95]</span> im Sterben. Die
-Strohflechterin kniete im Hochzeitsstaat am Bett, wie Mütter an
-Kinderbetten knien. Sie gab ihm zu trinken. Sie kühlte ihm mit ihrer
-Hand die verwüstete Stirne. Sie sprach ihm zu, wie man Kindern
-liebreich zuspricht:</p>
-
-<p>„<span class="antiqua">Povero &mdash; poverino &mdash; poverissimo...</span>“</p>
-
-<p>Und der sterbende Milliardär stammelte, wie Gehetzte stammeln:</p>
-
-<p>„<span class="antiqua">Oh, thank you &mdash; thank you &mdash; I’ll get you a million I’ll get you
-more</span> &mdash; eine Million sollen Sie haben &mdash; mehr sollen Sie haben &mdash;
-<span class="antiqua">thank you &mdash; oh, I thank you so much...</span>“</p>
-
-<p>Nun verstand freilich Morgan kein Italienisch, und die Strohflechterin
-verstand kein Englisch. So zerstäubte das Millionenversprechen in der
-Luft des Sterbezimmers.</p>
-
-<p>Übrig blieb von allen Millionen ein gütiges und kostenloses „<span class="antiqua">Povero
-&mdash; poverino &mdash; poverissimo</span>“ zwischen zwei Hochzeitstänzen
-einer Strohflechterin, und der befreite Dankblick eines zerquälten
-Milliardärs, der in seiner Sterbestunde das einzige <em class="gesperrt">geschenkt</em>
-bekam, was er nimmermehr bezahlen hätte können.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_96"></a>[S. 96]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Tag_und_Nachtaerger">Tag- und Nachtärger</h2>
-
-</div>
-
-<p>Da hatte ich mich wieder einmal schandbar geärgert wegen irgendwas.</p>
-
-<p>„Sie sollten sich doch nicht so ärgern am hellichten Tage“, sagte
-jemand.</p>
-
-<p>„Am hellichten Tage?“ sagte ich verwundert und ärgerlich zugleich,
-„wissen Sie vielleicht ein Mittel, um den Ärger aus dem wachen Tag in
-die dunkle Nacht zu schieben?“</p>
-
-<p>„Ich nicht, aber der Doktor Switschbidiwitsch weiß eines.“</p>
-
-<p>Stracks lief ich zum Doktor Switschbidiwitsch.</p>
-
-<p>„Ist es wahr?“ sagte ich, „daß Sie den Tagärger in die schlafende Nacht
-hineinzaubern können?“</p>
-
-<p>„Gewiß kann ich das.“</p>
-
-<p>„Dann bitte ich darum.“</p>
-
-<p>„Hm, von welchem Tagärger werden Sie geplagt?“</p>
-
-<p>„Es kommt hie und da ein Manuskript von einer Redaktion zurück.“</p>
-
-<p>„Sonst nichts?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_97"></a>[S. 97]</span></p>
-
-<p>„Es regnet stets in meinen Ferien.“</p>
-
-<p>„Sonst nichts?“</p>
-
-<p>„Meine Frau ist manchmal anderer Meinung.“</p>
-
-<p>„Sonst nichts?“</p>
-
-<p>„Und hat dazu noch meistens recht.“</p>
-
-<p>„Hm, das letzte läßt sich hören &mdash; aber ich mache Sie darauf
-aufmerksam, ich kann den Ärger nicht verschwinden lassen &mdash; das kann
-niemand &mdash; nur in den Schlaf abschieben.“</p>
-
-<p>„Im Schlaf ertrage ich den Ärger gern, wenn nur der Tag von Ärger frei
-ist.“</p>
-
-<p>„Und ferner möchte ich bemerken, daß sich der in die Nacht geschobene
-Tagärger zu wandeln pflegt, alle möglichen bizarren Gestalten annimmt.“</p>
-
-<p>„Was liegt daran. Geträumter Ärger kann beschaffen sein wie er mag,
-wenn ich nur den Tag vom wirklichen Ärger frei bekomme.“</p>
-
-<p>„Hm, was den Unterschied von Traum und Wirklichkeit betrifft &mdash;“</p>
-
-<p>„Zur Sache, Herr Doktor, ich spüre schon wieder einen Ärger unterwegs.“</p>
-
-<p>„Nun, wie Sie wollen &mdash; switsch &mdash; bi &mdash; di &mdash; witsch &mdash; switsch &mdash; bi
-&mdash; di &mdash; witsch &mdash; zwanzig Märker, wenn ich bitten darf.“</p>
-
-<p>Bei „Switschbidiwitsch“ hatte er ein paar magnetische Bewegungen meinen
-Schläfen entlang gemacht, und bei den „zwanzig Märkern“ verwandelte er
-die vertikale Handbewegung in eine horizontale.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_98"></a>[S. 98]</span></p>
-
-<p>„Wie, schon fertig?“ fragte ich, die Börse ziehend.</p>
-
-<p>„Wenn Sie im Laufe der nächsten vierzehn Tage den geringsten Ärger
-empfinden,“ sagte Doktor Switschbidiwitsch ein wenig beleidigt, „zahle
-ich Ihnen vierzig Mark zurück &mdash; freilich, was die Nacht betrifft...“</p>
-
-<p>Doktor Switschbidiwitsch hatte nicht gelogen. Noch am gleichen
-Tage liefen mir soviel Dinge über den Weg, über die ich mich sonst
-totsicher geärgert hätte. Jetzt wunderte ich mich bloß ein wenig.
-Wunderte mich, wenn ich dreimal hintereinander den Straßenbahnanschluß
-verpaßte. Wunderte mich, als ich auf drei unter vier angekommenen
-Briefen schweres Strafporto zu zahlen hatte. Wunderte mich
-stärker, als meine Frau bei drei hintereinander aufgetretenen
-Meinungsverschiedenheiten viermal recht bekam. Und wunderte mich
-schließlich am stärksten darüber, daß ich mich über alle diese Dinge
-lediglich zu wundern vermochte, und keine Spur zu ärgern.</p>
-
-<p>Ich sah schon, die Sache war in Ordnung: ich würde niemals vierzig Mark
-von Doktor Switschbidiwitsch erhalten.</p>
-
-<p>Dann kam die Nacht. Mit der Nacht der Traum. Und mit dem Traum der
-erste prophezeite Traumärger.</p>
-
-<p>In der ersten Nacht träumte mir, ich ginge nach dem Frühstück in
-mein Arbeitszimmer. Da saß<span class="pagenum"><a id="Seite_99"></a>[S. 99]</span> schon einer an meinem Schreibtisch. Ein
-wildfremder Mensch. Und schrieb und schrieb.</p>
-
-<p>„Herr,“ tippte ich ihm ärgerlich auf die Schulter, „hier schreibe ich.“</p>
-
-<p>„Wie Sie sehen, ist das eine falsche Behauptung“, sagte der Fremde,
-ruhig weiterschreibend, ohne aufzusehen.</p>
-
-<p>„Herr,“ ärgerte ich mich, „dieses Arbeitszimmer habe ich gemietet.“</p>
-
-<p>„Stimmt.“</p>
-
-<p>„Und bezahlt!“</p>
-
-<p>„Stimmt auch.“</p>
-
-<p>„Also arbeite ich auch darin.“</p>
-
-<p>„Das ‚also‘ stimmt nicht.“</p>
-
-<p>„Herr!“ schrie ich, „es ist mein Schreibtisch, auf dem Sie schreiben!“</p>
-
-<p>„Seien Sie vergnügt, daß einmal was ordentliches drauf geschrieben
-wird“, sagte der Fremde, ohne mit dem Schreiben auch nur einen
-Augenblick anzuhalten.</p>
-
-<p>Ich ärgerte mich schandbar. Aber es war nichts zu machen. Ich kam zu
-keinem Federstrich an diesem Morgen und mußte mich entschließen, in
-aller Frühe an meinen Stammtisch zu pilgern, wo ich meinen Ärger zu
-ersäufen hoffte, aber weiter nichts als einen dicken Kopf davontrug.</p>
-
-<p>Nun wird man freilich sagen, was liegt an einem<span class="pagenum"><a id="Seite_100"></a>[S. 100]</span> dicken Nachtkopf, der
-am Tage wieder dünn ist? Was liegt an einem dicken Nachtärger, den man
-beim Morgenkaffee lachend untern Tisch wischt:</p>
-
-<p>„Denk’ mal, liebe Frau, was für komisches Zeug ich heute nacht
-geträumt...“</p>
-
-<p>Aber ganz wohl war mir bei dieser Überlegung nicht, und ich erwartete
-mit einigen Bangen die zweite Nacht.</p>
-
-<p>Darin träumte mir, ich hätte meinen Namen zu schreiben. Der weiße Bogen
-lag schon da. Auch die Feder, die eingetauchte.</p>
-
-<p>„Ein bißchen rasch, wenn ich bitten darf“, sagte der Beamte, dem ich
-meine Namensunterschrift abzugeben hatte.</p>
-
-<p>Ich setzte zu seinem großen F an und stockte schon nach einem Zug: hm,
-setzte man den oberen F-haken nach links an oder nach rechts? Es kam
-mir vor, als hätte ich schon ebensoviele linkshakige als rechtshakige
-F gesehen. Welche waren recht? Meine Feder zitterte und machte
-schließlich einen Haken links und einen Haken rechts. Na, der Haken war
-erledigt, Gott sei Dank. Jetzt den F-Strich durch die Mitte. Wieder
-stockte ich: zum Donner, machte man jetzt noch den F-Strich, oder war
-der nicht laut letzter Ministerialverordnung amtlich abgeschafft? Da
-konnte man sich ja fürchterlich blamieren bei der eigenen Unterschrift.
-Schließlich machte meine Feder einen solch haardünnen F-Strich,<span class="pagenum"><a id="Seite_101"></a>[S. 101]</span> daß er
-ebensogut mittels eines schemenhaften Traummeineids abgeleugnet hätte
-werden können. Jetzt der zweite Buchstabe. Ich machte einen i-Strich
-mit weniger Mühe, als ich gefürchtet hatte. Auf einmal spürte ich &mdash;
-sehen konnte ich ihn nicht &mdash; den höhnischen Blick des königlichen
-Beamten, der mir beim Schreiben zusah: macht dieser Mensch das i vor
-dem r!</p>
-
-<p>„Entschuldigen Sie!“ sagte ich fahrig und versuchte, das i in ein
-r umzukorrigieren. Das war eine endlose Arbeit. Ich drückte meinen
-Zeigefinger ächzend durch vor Mühsamkeit. Davon bog sich auch der
-Federhalter. Mit einem durchgebogenen Federhalter zu schreiben,
-war erst recht eine Heidenarbeit. Der Schweiß brach mir aus, der
-geschlängelte Federhalter fing zwischen meinen Fingern zu rutschen an.
-Aber schließlich stand das r doch da. Es war freilich das sonderbarste
-r, das ich je geschrieben hatte. Aber immerhin, es war ein r.</p>
-
-<p>Jetzt kommt t und z, dachte ich, und wurde aufs neue unsicher: kam
-zuerst das t, oder kam zuerst das z? Es schien mir im höchsten Grade
-fraglich. Aber da spürte ich wieder den höhnischen Blick im Nacken und
-wußte gerade noch rechtzeitig, daß weder das t noch das z kam, sondern
-das i, das i von vorhin.</p>
-
-<p>Wieder glückte der i-Strich verhältnismäßig rasch. Ach so, fehlte noch
-der Punkt, der I-Punkt. Na,<span class="pagenum"><a id="Seite_102"></a>[S. 102]</span> das ist doch das allereinfachste bei der
-ganzen Namensschreiberei, der gotteslästerlichen, dachte ich, und
-machte frischweg einen Punkt. Teufel, war er über’s r gekommen. Ich
-strich ihn durch und machte ihn ein zweites Mal. Donner, jetzt saß er
-überm F. Wieder durchgestrichen und gezielt, wie man auf einen Feind
-zielt, scharf, unerbittlich. Ha, jetzt saß er überm i-Strich. Whupp,
-kollerte er von seiner Höhe und trieb sich wie ein Billardball ruhelos
-zwischen den Grund- und Haarstrichen der drei Buchstaben herum. Ich
-lief ihm nach, ich fing an ihn anzuflehen:</p>
-
-<p>„I-Punkt, lieber i-Punkt, laß dich doch erwischen, laß dich doch ein
-einziges Mal erwischen.“</p>
-
-<p>I-Punkte scheinen auch im Traume nicht ganz unbarmherzig zu sein. Denn
-er ließ sich wirklich erwischen, und ich hielt ihn mit beiden Händen
-über den i-Strich fest. Aber schon fing er wieder zwischen den Händen
-zu surren an. Gleich würde ich ihn nicht mehr halten können... Es war
-ein gräßlicher Traum. Ich wachte ärgerlich und schweißgebadet auf.</p>
-
-<p>Wieder folgte ein glockenheller Tag ohne den geringsten Ärger. Wieder
-kam die Nacht. Ich schob den Schlaf so lang als möglich auf, mit Lesen,
-mit Summen, mit Liedersingen suchte ich mich im Bette wach zu halten.
-Aber da schlief ich doch.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_103"></a>[S. 103]</span></p>
-
-<p>Da packte mich schon einer freundschaftlich-dringend am Ärmel:</p>
-
-<p>„Gut, daß Sie da sind. Der Stelzenmaier ist erkrankt. Sie müssen für
-ihn einspringen.“</p>
-
-<p>„Stelzenmaier? Ich kenne keinen Stelzenmaier“, sagte ich.</p>
-
-<p>„Ist auch nicht nötig. Hauptsache ist, daß Sie gleich seine Rolle
-übernehmen &mdash; sofort wird Ihr Stichwort fallen, machen Sie sich doch
-bereit.“</p>
-
-<p>„Aber ich habe doch noch nie auf dem Theater gespielt.“</p>
-
-<p>„Ausgezeichnet, das gibt Ihrer Rolle die beste Natürlichkeit.“</p>
-
-<p>„Aber ich weiß ja gar nicht, welches Stück und welche Rolle,
-Heiligschockschwerenot...!“</p>
-
-<p>„Das werden Sie alles wissen, wenn Sie vor dem Publikum stehen &mdash; ha,
-Ihr Stichwort &mdash; rasch!“</p>
-
-<p>Da hatten sie mich schon durch die Kulissen hinausgeschoben in ein
-grelles mitleidsloses Licht...</p>
-
-<p>Mitten in dieser Nacht mußte ich einen kalten Umschlag nehmen und wagte
-nicht mehr einzuschlafen. Um das zu erreichen, zog ich den Wecker
-auf, ließ ihn ablaufen, zog ihn wieder auf, immerzu. Aber schon beim
-drittenmal veranlaßte meine Gattin meinen Umzug in das Fremdenzimmer.</p>
-
-<p>Hier erwartete ich den vierten Tag, der wieder seraphinenhaft ganz ohne
-Ärger aufzog. So sehr<span class="pagenum"><a id="Seite_104"></a>[S. 104]</span> auch die Erinnerung an die drei Ärgernächte
-versuchte, sich in den Tag als Ärger einzuschleichen, es gelang nicht.
-Lächelnd schob der Tag jeden aufsteigenden Ärger mit der flachen Hand
-gegen Abend zu:</p>
-
-<p>„Dahinein, wenn ich bitten darf, laut Doktor Switschbidiwitsch.“</p>
-
-<p>„Ich weiß schon, was ich die vierte Nacht tue“, dachte ich und
-beschloß, mir sie in irgendeinem Gasthaus um die Ohren zu schlagen. Da
-saß ich still in einer Ecke und kämpfte und kämpfte gegen den Schlaf.</p>
-
-<p>Auf einmal war ich nicht mehr im Gasthaus, sondern im Bahnhof am
-Schwanze einer langen Menschenschlange vor dem Fahrkartenschalter. Wie
-alle andern trippelte ich vor Ungeduld, wann ich endlich an die Reihe
-kommen würde. Wie die andern murmelte ich dann und wann: „Den Teufel
-auch, wenn ich nun den Zug nicht mehr erwische.“</p>
-
-<p>Endlich, nach einer Viertelstunde, bin ich an der Reihe. Ein
-verärgertes Beamtengesicht mit gesträubtem Schnurrbart fährt mich aus
-dem Schalter an:</p>
-
-<p>„Na, wohin, &mdash; so reden Sie doch!“</p>
-
-<p>Heiliger Bimbam, jetzt hatte ich den Namen der Station vergessen.</p>
-
-<p>„Nach &mdash; nach &mdash;“, stotterte ich. Die Schweiß<span class="pagenum"><a id="Seite_105"></a>[S. 105]</span>perlen standen mir auf
-der Stirne. Der Name fiel mir um alles in der Welt nicht ein. Die Leute
-hinter mir drängten ungeduldig:</p>
-
-<p>„Wir kommen nicht mehr mit &mdash; wir kommen nicht mehr mit &mdash; der Mensch
-dort vorne soll doch &mdash; soll doch &mdash; kruzitürkennocheinmal...“</p>
-
-<p>„Nach &mdash; nach“, setzte ich verzweifelt wieder an.</p>
-
-<p>„Nach &mdash; nach &mdash; wohin Sie halt meinen, Herr Sekretär.“</p>
-
-<p>Hinter mir halb Höllengelächter:</p>
-
-<p>„Ein solcher Depp &mdash; habt’s jetzt schon ein solchen Deppen g’sehn...“
-Und halb Wutgeheul:</p>
-
-<p>„Der Kerl ist ein Schuft &mdash; der hat sich nur hineingedrängt, damit wir
-unsern Zug versäumen &mdash; haut ihn!“</p>
-
-<p>Fäuste hoben sich. Ich fiel unter den Tisch vor dem Fahrkartenschalter.
-Jemand hob mich auf und sagte:</p>
-
-<p>„Es tut mir leid, wir schließen jetzt die Wirtschaft &mdash; Sie müssen nach
-Hause gehen.“</p>
-
-<p>Zerschlagen wanderte ich durch die Straßen. Schon dämmerte der Morgen.
-Ich lief schnurstracks zum Doktor Switschbidiwitsch.</p>
-
-<p>„Eigentlich habe ich jetzt keine Sprechstunde,“ sagte er, „aber wenn es
-dringend ist &mdash;“</p>
-
-<p>„Es <em class="gesperrt">ist</em> dringend,“ sagte ich, „ich pfeife auf den ärgerlosen Tag
-&mdash; der Nachtärger bringt mich um &mdash; ich möchte meinen alten Tagärger
-wieder haben.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_106"></a>[S. 106]</span></p>
-
-<p>„Das wird nicht so leicht gehen &mdash; es sei denn, daß es mir gelänge, das
-ärgerliche Tageis durch einen besonders dicken Tagärger zu brechen.“</p>
-
-<p>„Tun Sie’s, Herr Doktor, tun Sie es sofort &mdash; ich gehe sonst in der
-nächsten Nacht darauf.“</p>
-
-<p>Er machte wieder ein paar magnetische Striche längs meiner Schläfen,
-diesmal aber nach der umgekehrten Richtung. Dann zupfte er mich am Ohr.</p>
-
-<p>„Na, ärgert Sie das vielleicht?“</p>
-
-<p>„Keine Spur.“</p>
-
-<p>Jetzt gab er mir einen Hirnschnalzer mittels Daumen- und Mittelfinger,
-daß alles krachte.</p>
-
-<p>„Das wird Sie aber ärgern, nicht wahr?“ sagte er.</p>
-
-<p>„Keine Idee“, sagte ich traurig-milde.</p>
-
-<p>„Na, ich sehe schon, bei Ihnen hat sich die Tagesärgerlosigkeit in
-der kurzen Zeit so eingefressen, daß ich es mit dem stärksten Mittel
-probieren muß.“</p>
-
-<p>Abermals machte er mit seinen Händen die vertikalen magnetischen
-Gegenstriche an meinen Schläfen und streckte dann plötzlich beide Hände
-horizontal aus:</p>
-
-<p>„Hundert Mark, wenn ich bitten darf!“ sagte er energisch.</p>
-
-<p>Irgend etwas in meinem Gehirn knackte.</p>
-
-<p>„Das ist denn doch eine Unverfrorenheit!“ brauste ich auf, „hundert
-Mark! wo Sie noch nicht einmal erfolgreich &mdash;“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_107"></a>[S. 107]</span></p>
-
-<p>„Gewonnen!“ lachte Doktor Switschbidiwitsch, „das Eis ist gebrochen
-&mdash; Sie haben Ihren soliden Tagärger wieder &mdash; gehen Sie nach Hause &mdash;
-Sie werden heute nacht vortrefflich traumlos schlafen &mdash; hier ist die
-Quittung über hundert Mark &mdash; Sie müssen es nicht tragisch nehmen &mdash;
-eine Heilung von der Heilung ist stets ein wenig teurer, wissen Sie...“</p>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="rek">
-
-<div class="chapter mtop3">
-
-<p class="s4 mtop3">Von <b>Fritz Müller</b> erschienen:</p>
-
-</div>
-
-<p class="s4 mtop2">Bei <b>Otto Rippel</b>, Hagen i. W.</p>
-
-<p class="s4 mleft2"><b class="s4">Der Sepp im Krieg.</b> 8. Tausend.</p>
-
-<p class="s4 mleft2"><b class="s4">Hinter der Front.</b> 5. Tausend.</p>
-
-<p class="s4 mleft2"><b class="s4">Vergnügliche Geschichten.</b> 11. Tausend.</p>
-
-<p class="s4 mleft2"><b class="s4">Klassengold.</b> 5. Tausend.</p>
-
-<p class="s4 mleft2"><b class="s4">Ich dien.</b> 5. Tausend.</p>
-
-<p class="s4 mtop2">Bei <b>Eugen Salzer</b>, Heilbronn a. N.</p>
-
-<p class="s4 mleft2"><b class="s4">Das Land ohne Rücken.</b> 14. Tausend.</p>
-
-<p class="s4 mleft2"><b class="s4">Fröhliche Wissenschaft.</b> 7. Tausend.</p>
-
-<p class="s4 mtop2">Bei <b>Egon Fleischel &amp; Co.</b>, Berlin.</p>
-
-<p class="s4 mleft2"><b class="s4">O Frida!</b> Novellen. 2. Tausend.</p>
-
-<p class="s4 mleft2"><b class="s4">Zweimal ein Bub.</b> 3. Tausend.</p>
-
-<p class="s4 mleft2"><b class="s4">Die andre Hälfte.</b> 2. Tausend.</p>
-
-<p class="s4 mleft2"><b class="s4">Kurzehosengeschichten.</b> 10. Tausend.</p>
-
-<p class="s4 mtop2">Bei <b>Huber &amp; Co.</b>, Frauenfeld (Schweiz).</p>
-
-<p class="s4 mleft2"><b class="s4">Alltagsgeschichten.</b> 2. Tausend.</p>
-
-<p class="s4 mtop2">Bei <b>C. F. Amelang</b>, Leipzig.</p>
-
-<p class="s4 mleft2"><b class="s4">Die eisernen Kameraden.</b> 2. Tausend.</p>
-
-<p class="s4 mtop2">Bei der <b>Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung</b>, Hamburg.</p>
-
-<p class="s4 mleft2"><b class="s4">Fröhliches aus dem Kaufmannsleben.</b> 45. Tausend.</p>
-
-<p class="s4 mleft2"><b class="s4">Fröhliches aus dem Krieg.</b> 20. Tausend.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p class="s1 center mtop3">Rippels<br /> Deutsche Hausbücher</p>
-
-</div>
-
-<p class="s4 center">(Umfang und Ausstattung wie vorliegender Band)<br />
-
-Jeder Band gebunden 1.70 M.<br />
-
-Teuerungszuschlag 50 Pf. &mdash; Bisher erschienen:</p>
-
-<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s3">Wie die große Zeit kam.</span> Erlebtes und Empfundenes von Fritz Müller,
-Rich. Voß, L. Schulze-Brück, Auguste Supper, Hans v. Zobeltitz. 5.
-Tausend.</p>
-
-<p class="p0 s5">Die bekannten Schriftsteller und Schriftstellerinnen schildern uns in
-diesem Buche, was sie in jenen unvergeßlichen Augusttagen erlebt und
-empfunden und welch herrlicher Geist in Ost und West, in der Stadt und
-auf dem Dorfe das deutsche Volk beseelte.</p>
-
-<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s3">Nach der Schlacht.</span> Ein Kriegsbuch von Helene Christaller, Otto
-Frommel, Hermann Hesse, Paul Natorp, Rich. Nordhausen, Fritz
-Philippi, L. Sternberg, Paul Wüst. 5. Tausend.</p>
-
-<p class="p0 s5">.... So ist denn „Nach der Schlacht“ ein sehr lesenswertes,
-inhaltreiches und abgerundetes Werk geworden, keine laute, aber doch
-sehr eindringlich wirkende literarische Gabe.</p>
-
-<p class="s5 right mright1">Kölnische Zeitung.</p>
-
-<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s3">Stille Opfer.</span> Den deutschen Frauen und Jungfrauen in großer Zeit
-von Helene Christaller, Agnes Harder, S. Ch. v. Sell, Auguste
-Supper. 21. bis 23. Tausend.</p>
-
-<p class="p0 s5">Den vielen Tausenden, die in dieser Zeit dem Vaterlande ihr stilles
-Opfer darbringen müssen, wird dieses Büchlein eine Herzensstärkung
-sein, das sie in ihrem Schmerze aufrichtet, stark und fähig macht für
-die hehre Aufgabe der Zukunft.</p>
-
-<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Auguste Supper,</span>
-<span class="s3">Vom jungen Krieg.</span> Erzählungen.</p>
-
-<p class="p0 s5">„In fesselnder kraftvoller Schilderung bringt A. Supper in ihrem sehr
-geschmackvoll ausgestatteten Bändchen eine gute Auswahl gehaltvoller
-Erzählungen.“</p>
-
-<p class="s5 right mright1">Die schöne Literatur.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p class="s3 center mtop3"><b class="bbd">&emsp;Verlag von Otto Rippel, Hagen
-i. W. &emsp;</b></p>
-
-</div>
-
-<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Helene Christaller,</span>
-<span class="s3">Wir daheim.</span> Ein Kriegsbuch. 19. Tausend.</p>
-
-<p class="p0 s5">„Ich wollte, man könnte es in Tausenden von Exemplaren ins Ausland
-schleudern, besonders auch unter die Neutralen, damit sie aus diesen
-tief empfundenen lebenswarmen Skizzen ein Wirklichkeitsbild gewännen
-von dem kämpfenden Deutschland daheim.“</p>
-
-<p class="s5 right mright1">Christl. Welt.</p>
-
-<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Fritz Müller,</span>
-<span class="s3">Der Sepp im Krieg.</span> Bayerische Geschichten. 8. Tausend.</p>
-
-<p class="p0 s5">„Das sind Perlen neudeutscher Erzählungskunst! Die Geschichten, so
-einfach und schlicht sie an sich sind, gehören zu dem Besten, was die
-deutsche Kriegsliteratur bis jetzt hervorgebracht hat. Wir können
-sie mit bestem Gewissen allen denen empfehlen, denen der klare,
-unerschöpfliche Born des deutschen Gemüts und des tiefinnerlichen
-deutschen Volkshumors eine Offenbarung bedeutet.“</p>
-
-<p class="s5 right mright1">Der Reichsbote.</p>
-
-<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Fritz Müller,</span>
-<span class="s3">Hinter der Front.</span> Erzählungen von zuhause. 5. Tausend.</p>
-
-<p class="p0 s5">Das sind eigenartige Kriegsgeschichten von daheim, weit hinter der
-Front. Kein Pulverdampf und Kanonendonner wird vernommen und doch
-bringen uns diese tief empfundenen Erzählungen die große Zeit so nahe
-und zeigen uns, welch herrlicher Geist das deutsche Volk beseelt und
-welche Opfer es zu bringen imstande ist.</p>
-
-<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Helene Christaller,</span>
-<span class="s3">Und Marmorbilder stehn und sehn mich an...</span>
-Erzählungen. 6.&ndash;7. Taus.</p>
-
-<p class="p0 s5">„In dieser neuesten Gabe schenkt uns die beliebte Verfasserin eine
-besonders sorgfältig ausgewählte Sammlung ihrer besten und reifsten
-Erzählungen. Dieses Büchlein ist ein besonders geeignetes Geschenkwerk
-für das deutsche Haus.“</p>
-
-<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Fritz Philippi,</span>
-<span class="s3">Aus meinem Guckkasten.</span> Erzählungen. 3. Tausend.</p>
-
-<p class="p0 s5">„Erzählungen aus Krieg und Frieden, die sowohl den Ernst und die Größe
-der Gegenwart widerspiegeln, wie auch den stillen Frieden vergangener
-Tage atmen. Das Büchlein wird dem Verfasser neue Freunde gewinnen,
-zeigt er sich doch in der humoristischen Erzählung ‚Peter Zwickel auf
-dem Lügengaul‘ von einer ganz neuen erfreulichen Seite.“</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p class="s3 center mtop3"><b class="bbd">&emsp;Verlag von Otto Rippel, Hagen
-i. W. &emsp;</b></p>
-
-</div>
-
-<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Helene Christaller,</span>
-<span class="s3">Aus ernster Zeit.</span> Eine Kriegsgabe. 15. Tausend.</p>
-
-<p class="p0 s5">Den zahlreichen Freunden der bekannten Verfasserin wird dieses kleine
-hübsche Bändchen eine willkommene Gabe sein, schenkt sie doch aus ihrem
-reichen Schatz die besten Gaben aus dieser großen, ernsten Zeit.</p>
-
-<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Fritz Müller,</span>
-<span class="s3">Klassengold.</span> Schulgeschichten aus dem Krieg. 5.
-Tausend.</p>
-
-<p class="p0 s5">„Diese herzerquickenden Erzählungen muten ungemein frisch und
-lebensfroh an, und doch steckt in allen ein tief versonnener Kern.“</p>
-
-<p class="s5 right mright1">Schulrat <span class="antiqua">Dr.</span> Mosapp.</p>
-
-<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Max Geißler,</span>
-<span class="s3">Der schwarze Stern im großen Bären.</span> Roman. 5. Tausend.</p>
-
-<p class="p0 s5">„... Dem Meister deutscher Erzählerweise ist es vortrefflich gelungen,
-das farbenprächtige orientalische Gewand zu wahren. An ein türkisches
-Muster erinnert auch der Einband des hübsch ausgestatteten Büchleins,
-das einen neuen Baustein zum großen Bau der Weltliteratur bedeutet...“</p>
-
-<p class="s5 right mright1">Die schöne Literatur.</p>
-
-<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Fritz Müller,</span>
-<span class="s3">Vergnügliche Geschichten.</span> 8.&ndash;11. Tausend.</p>
-
-<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Otto Frommel,</span>
-<span class="s3">Ein schweres Herz.</span> Erzählungen.</p>
-
-<p class="p0 s5">„In diesem feinen, beschaulichen Buche bietet uns Frommel wahre Perlen
-deutscher Erzählungskunst. Tiefer Ernst, sonniger Humor wechseln in
-wohltuender Weise ab.“</p>
-
-<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Horst Wolfram Geißler,</span>
-<span class="s3">Die Rosen der Gismonda.</span> Novelle. 4. u. 5. Tausend.</p>
-
-<p class="p0 s5">„Eine feine poesievolle Novelle aus der Vergangenheit. Die Lektüre ist
-ein rechter Genuß und eine Erholung.“</p>
-
-<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">S. Ch. von Sell,</span>
-<span class="s3">Das Rosenhaus. Erzählung.</span> 8.&ndash;10. Tausend.</p>
-
-<p class="p0 s5">„Die bekannte Verfasserin bietet ihren Freunden eine besonders feine
-Erzählung. Von dem Sieg der treuen, hingebenden, entsagungsvollen Liebe
-erzählt uns diese ergreifende Geschichte.“</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p class="s3 center mtop3"><b class="bbd">&emsp;Verlag von Otto Rippel, Hagen
-i. W. &emsp;</b></p>
-
-</div>
-
-<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Klara Hofer und Johannes Höffner,</span>
-<span class="s3">Friede im Krieg.</span> Weihnachtliche Geschichten.</p>
-
-<p class="p0 s5">„Diese prachtvollen Weihnachtsgeschichten, die uns mitten in dieser vom
-Kriegslärm beherrschten Zeit vom Sieg des Friedens erzählen, verdienen
-die weiteste Verbreitung.“</p>
-
-<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Fritz Müller,</span>
-<span class="s3">Ich dien’.</span> Geschichten. 5. Tausend.</p>
-
-<p class="p0 s5">„Des Verfassers eigenartige Gabe kommt in diesen echt deutschen,
-gemütvollen Geschichten voll zur Geltung. Dieses Büchlein, wie jede
-einzelne Geschichte, ist ein Zeugnis von dem herrlichen Geist unserer
-Zeit; es erquickt und richtet auf, macht stolz und stark.“</p>
-
-<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Max Geißler,</span>
-<span class="s3">Drei Mann unterm Glassturz.</span> Roman. 5. Tausend.</p>
-
-<p class="p0 s5">„Ein kleiner aber feiner Roman aus dem Herzen Deutschlands. Kein
-sensationelles, prickelndes „modernes“ Buch. Ein zarter, erwärmender
-Hauch strahlt von ihm aus und wird dem Verfasser sicher dankbare Leser
-bringen.“</p>
-
-<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">E. Müllenhoff,</span>
-<span class="s3">Im Hell-Dunkel.</span> Erzählungen. 7.&ndash;9. Tausend.</p>
-
-<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Marie Diers,</span>
-<span class="s3">Unsere Mutter.</span> Die Geschichte einer Reue. 6.&ndash;10.
-Tausend.</p>
-
-<p class="p0 s5">„Diese ergreifende Geschichte einer Mutter steht unter dem Leitmotiv:
-‚O lieb, so lang du lieben kannst‘. Für Jung und Alt.“</p>
-
-<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Otto Ernst,</span>
-<span class="s3">Ruhe des Herzens.</span> Ernstes und Heiteres.</p>
-
-<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Rudolf Greinz,</span>
-<span class="s3">Bergheimat.</span> Zwei Erzählungen aus Tirol.</p>
-
-<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Hanns v. Zobeltitz,</span>
-<span class="s3">Nach dem Frieden.</span> Eine Erzählung.</p>
-
-<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Ernst Zahn,</span>
-<span class="s3">Der Gerngroß.</span> Eine Erzählung.</p>
-
-<p class="hang1_5 mtop1"><span class="s4">Fritz Müller,</span>
-<span class="s3">Worauf freuen wir uns jetzt?</span> Fröhliche Geschichten.</p>
-
-</div>
-
-<hr class="full" />
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Worauf freuen wir uns jetzt?, by Fritz Müller
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WORAUF FREUEN WIR UNS JETZT? ***
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
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-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
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-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
-809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
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