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-The Project Gutenberg EBook of Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau, by
-Gunther Plüschow
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau
- Meine Erlebnisse in drei Erdteilen
-
-Author: Gunther Plüschow
-
-Release Date: August 24, 2020 [EBook #63037]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ABENTEUER DES FLIEGERS ***
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-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was
-produced from images generously made available by The
-Internet Archive)
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- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt, Antiquaschrift |
- | als ~Antiqua~. |
- | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. |
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-[Illustration: Ullstein
-
-Kriegsbücher]
-
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-
-Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau
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-
- Die Abenteuer des
- Fliegers von Tsingtau
-
- Meine Erlebnisse in drei Erdteilen
-
- von
-
- Kapitänleutnant
-
- Gunther Plüschow
-
- [Illustration: 1916]
-
- Verlag Ullstein & Co, Berlin
-
-
-Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
-
-Amerikanisches Copyright 1916 by Ullstein & Co., Berlin.
-
-
-
-
-Inhalt
-
-
- Fliegerfreuden und Fliegerleiden 11
-
- Herrliche Tage in Tsingtau 28
-
- Kriegsalarm -- Meine Taube 37
-
- Allerhand Scherze der Japs 61
-
- Meine Kriegslist 70
-
- Hurra! 79
-
- Der letzte Tag 86
-
- Im Schlamm des chinesischen Reisfeldes 98
-
- Die Fischvergiftung des Mr. McGarvin 108
-
- Sie haben mich! 135
-
- Hinter Mauern und Stacheldraht 148
-
- Die Flucht 188
-
- Schwarze Nächte an der Themse 196
-
- Ein blinder Passagier 237
-
- Der Weg in die Freiheit 239
-
- Wieder im Vaterland! 243
-
-
-
-
-Fliegerfreuden und Fliegerleiden
-
-
-Es war im August des Jahres Neunzehnhundertunddreizehn, als ich in
-meiner Heimatstadt Schwerin anlangte. Mehrere Wochen hatte ich mich in
-England aufgehalten, hatte mich vor allen Dingen in London dem Studium
-der dortigen reichhaltigen Kunstschätze hingegeben und mich tagelang in
-London und seiner Umgebung herumgetrieben. Damals ahnte ich nicht, wie
-wertvoll mir diese Streifzüge zwei Jahre später werden sollten.
-
-Eine gewisse innere Erregung und Unruhe hatte mich schon auf der ganzen
-Reise befallen, und als ich in Schwerin ankam, wagte ich nicht, meinem
-Onkel, der mich abholte, die Frage, die mir seit Tagen auf der Seele
-gebrannt hatte, zu stellen. Denn in diesen Tagen sollten die neuen
-Herbstkommandierungen der Marine herauskommen, und für mich handelte es
-sich darum, ob mein seit Jahren genährter Wunsch endlich in Erfüllung
-gehen sollte.
-
-Die Frage meines Onkels: „Weißt du, wo du hinkommst?” traf mich wie ein
-elektrischer Schlag.
-
-„Nein.”
-
-„Na, dann herzlichen Glückwunsch, Marine-Fliegerabteilung!”
-
-Vor Freude hätte ich am liebsten mitten auf der Straße einen Handstand
-gemacht, doch die guten Schweriner Mitbürger wollte ich nicht zu sehr
-in Aufruhr versetzen.
-
-Endlich war also mein Wunsch erfüllt!
-
-Die letzten Tage des Urlaubs vergingen wie im Fluge, und froh
-kehrte ich zur Marineschule zurück, um die letzten Wochen meiner
-anderthalbjährigen Tätigkeit als Inspektionsoffizier zu vollenden, und
-wohl noch nie habe ich mit größerer Freude meine Koffer gepackt, um
-meiner neuen Bestimmung entgegenzufahren.
-
-Gerade einige Tage vor meiner Abfahrt kam einer meiner Kameraden zu mir
-und rief mir zu:
-
-„Wissen Sie schon das Neueste, wo Sie hinkommen sollen?”
-
-„Ja, Flieger.”
-
-„Mensch, Sie ahnen ja noch gar nicht Ihr Glück, Sie kommen ja nach
-Tsingtau!”
-
-Ich war sprachlos und muß ein ziemlich dummes Gesicht gemacht haben.
-
-„Ja, Tsingtau, und zwar als Flieger! Sie Glückspilz, Sie sollen der
-erste Marineflieger in Tsingtau werden!”
-
-Es war wohl kein Wunder, daß ich dieses nicht glauben wollte, bevor ich
-die offizielle Bestätigung erhielt. Es war Wirklichkeit. So viel Dusel
-sollte ich tatsächlich haben.
-
-Drei Monate Wartezeit noch in Kiel, und endlich brach der erste Januar
-Neunzehnhundertundvierzehn an, und ich befand mich im geliebten Berlin.
-
-Und die Unruhe! Gar nicht zu bremsen war ich. Und schon am zweiten
-Januar stand ich in Johannisthal und dachte, sofort mit dem
-Fliegen anfangen zu können. Aber mir ging es wie wohl den meisten
-Flugschülern. Zum ersten Male erfuhr ich den alten Erfahrungssatz der
-Fliegerei: Nur die Ruhe kann es machen, wer fliegen will, muß vor allen
-Dingen warten lernen!
-
-Warten, warten und immer wieder warten. Achtzig Prozent der ganzen
-Fliegerei besteht nur aus Warten und Sich-klar-Halten.
-
-Es hatte nämlich Frau Holle gefallen, ihre Daunenkissen auszuschütteln,
-und das ganze Flugfeld war unter einer tiefen Schneeschicht begraben.
-Fliegen unmöglich. Und wochenlang kam ich jeden Morgen wieder und
-dachte: Nun muß doch der Schnee fort sein! Aber enttäuscht kehrte ich
-nachmittags wieder nach Hause zurück.
-
-Im Februar endlich wurde es schön. Und am ersten Februar saß ich
-glücklich vorn in meiner Taube, und auf ging es zum ersten Male in die
-herrliche kalte Winterluft hinauf. Das Wetter meinte es gut in diesen
-Tagen, und unermüdlich wurde Tag für Tag geschult.
-
-Die Fliegerei lag mir, das hatte ich bald heraus. Und ich war
-ganz stolz, als ich schon am dritten Tage allein fliegen durfte.
-Zwei Tage war ich gerade allein geflogen, da kam an einem schönen
-Sonnabendnachmittag mein unermüdlicher Lehrer Werner Wieting zu mir und
-sagte: „Na, wie wär's, Herr Oberleutnant, wollen Sie nicht gleich Ihr
-Pilotenexamen machen? Das wäre doch ein netter kleiner Rekord!”
-
-„Ja, natürlich, ich bin klar!”
-
-Zehn Minuten später saß ich bereits in der Maschine, und lustig
-drehte ich mit meinem Täubchen die vorgeschriebenen Kurven. Es war
-eine wahre Lust, sich in der herrlichen Winterluft herumzutummeln. Und
-als die letzte Prüfungslandung tadellos geglückt war, und als mein
-Lehrer mir stolz zum Glückwunsch die Hand reichte, da war mir so recht
-wohl zumute, und ein Gefühl der inneren Befriedigung und des Glücks
-beschlich mich.
-
-Nun war ich also Pilot. Die Schulzeit war vorüber, und frei und allein
-konnte ich von jetzt ab täglich eine der großen hundertpferdigen
-Maschinen nach Herzenslust fliegen.
-
-Ein Sonderunternehmen sollte mir damals viel Freude bereiten.
-Rumpler hatte einen neuen Eindecker herausgebracht, der besonders
-auf gutes Steigen gebaut war. Es galt nun, mit diesem Flugzeug
-den Welthöhenrekord zu erringen. Der bekannte Flieger Linnekogel
-sollte dieses Flugzeug steuern, und er bat mich, als sein Beobachter
-mitzufliegen. Was war selbstverständlicher, als daß ich ja sagte!
-
-An einem der letzten Tage im Februar starteten wir zum ersten Versuch.
-Dicht eingehüllt zum Schutz gegen die große Kälte saßen wir in unserem
-Flugzeug, und voll Neid blickten uns viele Menschenaugen nach, als
-sich leicht wie eine Libelle schon nach kurzem Anlauf der Vogel
-erhob. Mit der Uhr in der Hand beobachtete ich die Höhe, und schon
-nach fünfzehn Minuten waren zweitausend Meter erreicht, damals eine
-außerordentliche Leistung. Nun ging es aber langsam. Die Luft wurde
-sehr unruhig, und wie eine Feder wurden wir durch die heftigen Fallböen
-auf und ab geworfen. Nach einer Stunde hatten wir endlich viertausend
-Meter erreicht, als mit einem Fauchen und Spucken der Motor anfing
-zu streiken und nach wenigen Sekunden mit einem Ruck stehenblieb. In
-Spiralen glitten wir mit großer Geschwindigkeit dem Boden zu, und
-wenige Minuten später stand das Flugzeug wohlbehalten auf dem Flugplatz.
-
-Die Kälte war zu groß gewesen, der Motor war einfach eingefroren und
-dieses Hindernis nicht bedacht worden. Emsig wurden Verbesserungen
-eingebaut. Schon einige Tage später starteten wir zum selben Versuch,
-und dieses Mal schienen wir mehr Glück zu haben.
-
-Ruhig und sicher gewannen wir stetig an Höhe.
-
-Viertausend Meter, viertausendzweihundert, viertausendfünfhundert
-Meter, Gott sei Dank, der Rekord vom letzten Male war gebrochen! Die
-Kälte war fast unerträglich, und ich glaube, selbst die dickste Pelle
-hätte bei dem scharfen Luftzug nichts geholfen.
-
-Viertausendachthundert, viertausendneunhundert Meter! Nun fehlten nur
-noch vierhundert Meter, dann war das gesteckte Ziel erreicht. Aber
-wie verzaubert weigerte sich das Flugzeug, auch nur einen Meter höher
-zu klettern. Es half nichts. Der Betriebsstoff ging auf die Neige,
-und wiederum setzte der Motor plötzlich aus, diesmal in Höhe von
-viertausendneunhundert Metern.
-
-Ohne einen Tropfen Benzin langten wir wohlbehalten unten an, fast zu
-einem Eisklotz erfroren.
-
-_Alles_ hatten wir nicht erreicht, aber doch einen schönen Erfolg: der
-deutsche Höhenrekord war glänzend gewonnen!
-
-Der Erfolg spornte uns aber dazu an, auch das letzte Ziel zu erreichen.
-Und Anfang März endlich war das Wetter wieder so weit, daß ein neuer
-Versuch unternommen werden konnte. Noch dicker eingehüllt wie das
-letztemal, mit Thermometer versehen, aber ohne Sauerstoffapparat
-verließen wir zu einem dritten Versuche den Flugplatz.
-
-Die ersten Höhen wurden wieder spielend gewonnen. Große Wolken
-schwebten am Himmel, die Temperatur war eisig. Als wir durch die
-Wolkendecke nach oben in den strahlenden Sonnenschein durchstießen,
-hatten wir ein herrliches Erlebnis. Plötzlich sahen wir nämlich vor uns
-von der Sonne wunderbar beleuchtet ein Zeppelin-Luftschiff, welches
-ebenfalls zu einer Höhenfahrt aufgestiegen war.
-
-Welch wunderbare Begegnung in über dreitausend Metern Höhe! Weitab von
-allem Menschengetriebe, hoch über des Alltags Sorge und Last trafen
-sich die beiden Maschinen, die so beredt von Deutschlands Kraft und
-Können zeugten.
-
-Wir umkreisten den großen Bruder einige Male und winkten ihm mit den
-Händen ein stummes „Glück ab” zu!
-
-Dann fing der Ernst für uns wieder an. Und unermüdlich mußten
-wir arbeiten, um unser Ziel zu erreichen. Nach einer Stunde
-hatten wir viertausendachthundert Meter erreicht, dann kamen
-viertausendneunhundert, mein Barograph zeigte bald fünftausend, und
-immer noch brummte der Propeller seine gleichmäßige Melodie. Ruhig und
-sicher zog Linnekogel seine Kreise. Das Thermometer zeigte bereits
-minus siebenunddreißig Grad Celsius, aber wir achteten der Kälte
-nicht. Nur die Luft wurde etwas knapp. Ein leises Gefühl der Müdigkeit
-beschlich mich, und die Lungen arbeiteten nur noch in ganz kurzen
-schnellen Stößen. Jede Bewegung war beschwerlich. Und selbst das
-einfache Umdrehen nach dem hinter mir sitzenden Führer war mit großer
-Anstrengung verbunden.
-
-Der Himmel war inzwischen herrlich geworden. Die Wolkenbänke hatten
-sich verzogen, und wunderbar klar lag unter uns Berlin und seine
-Umgebung. Nur so groß wie eine Handfläche sah die Weltstadt aus
-dieser enormen Höhe aus. Ein schwarzer Fleck, in dem man aber klar
-und deutlich die Straße Unter den Linden und die daran schließende
-Charlottenburger Chaussee verfolgen konnte.
-
-Von diesem wunderbaren Anblick gänzlich hingerissen, hatte ich längere
-Zeit nicht auf Uhr und Barograph acht gegeben, und voll Schrecken
-entsann ich mich meiner Pflichtvergessenheit. Zwanzig Minuten waren
-etwa vergangen, seitdem ich das letztemal nachgesehen hatte, daß mein
-Barograph auf fünftausend Meter stand, und jetzt mußte eigentlich das
-Ziel erreicht sein. Aber wie wurde ich enttäuscht, als mein Zeiger
-immer noch auf fünftausend stand. Dabei fing Linnekogel an, mir Zeichen
-zu machen, den Flugplatz zu suchen, und deutete mit der Hand nach
-unten. Nein, das war mir doch zu arg. Ärgerlich drehte ich mich um,
-und als Linnekogel dieses nicht sah, versetzte ich ihm einen nicht
-gerade sanften Tritt gegen sein Schienbein. Dabei hielt ich ihm meine
-gespreizten fünf Finger vor die Nase und deutete mit der Hand nach
-oben. Das sollte heißen: Höher, höher, wir sind ja erst fünftausend
-Meter!
-
-Linnekogel lachte nur, er ergriff meine Hand, schüttelte sie kräftig
-und zeigte mit der Rechten zweimal fünf. Ich dachte erst, der hat
-einen Klaps. Und dies wurde noch bestärkt, als Linnekogel den Motor
-abstellte und in einem steilen Gleitfluge (wir waren senkrecht über
-Potsdam) in gerader Linie dem Flugplatz Johannisthal zuraste. Nun hieß
-es für mich aufpassen, den Flugplatz finden. Und glücklich standen wir
-sechzehn Minuten später vor den Rumplerwerken, freudig begrüßt von den
-Zuschauern.
-
-Es war erreicht! Der Welthöhenrekord war mit fünftausendfünfhundert
-Metern gebrochen.
-
-Eine Stunde fünfundvierzig Minuten hatte im ganzen die Fahrt gedauert.
-Stolz standen wir unter unseren untengebliebenen Mitmenschen.
-Linnekogel hatte doch recht gehabt; mein Barograph war eingefroren,
-der Linnekogels, der besser und wärmer eingepackt war, hatte richtig
-durchgehalten.
-
-Die Tage vergingen, und für mich kam die Zeit, wo ich die Heimat
-verlassen mußte.
-
-Meine für Tsingtau neu gebaute Taube näherte sich ihrer Vollendung,
-und mit einem ganz seltsamen Gefühl flog ich mein zukünftiges Flugzeug
-ein, nachdem es die Abnahmebedingungen bestanden hatte. Mich dünkte es
-damals das schönste Flugzeug der Welt!
-
-Doch mein Ehrgeiz war damit nicht gestillt. Und unbedingt mußte ich vor
-meiner Abreise nach dem fernen Osten einen größeren Überlandflug in
-Deutschland ausführen.
-
-Ich hatte Glück. Meine Bitte fand bei Herrn Rumpler Gehör, und er
-überließ mir eines seiner Flugzeuge, um mehrere Tage in Deutschland
-herumzufliegen. Mein Feldpilotenexamen war schnell gemacht, und
-Ende März saß ich an einem Tage früh um sieben Uhr in meiner voll
-ausgerüsteten Taube, vor mir als Beobachter mein Freund, der lange
-Oberleutnant Strehle von der Kriegsakademie.
-
-Dieser saß heute zum erstenmal in einem Flugzeug. Aber an diesen Flug
-wird er, glaube ich, sein ganzes Leben lang denken.
-
-Glänzend war der Start. Und stolz zog ich meine Kreise, bis ich in
-fünfhundert Meter Höhe in nördlicher Richtung davonflog. Alles klappte
-famos. Die Havelseen wurden überquert, Nauen kam in Sicht, als es
-plötzlich anfing, diesig zu werden, und keine zehn Minuten später
-war das Pech auch schon da. Dichter Nebel umhüllte uns. Vom Boden war
-nichts mehr zu sehen. Das war für den ersten Überlandflug, den ich in
-meinem Leben machte, eine etwas harte Prüfung. Aber sorglos, wie man
-eben nur als junger Flieger ist, dachte ich bei mir: Nur Mut, die Sache
-wird schon schief gehen. Und ruhig flog ich in dem dichten Nebel, mich
-nach meinem Kompaß richtend, nach Norden zu, denn Hamburg war unser
-Ziel. Nach zwei Stunden konnte ich endlich in dreihundert Metern Höhe
-den Boden unter mir wieder sehen, und wer beschreibt meine Freude,
-als ich einen großen schönen Acker bemerkte. Im stolzen Gleitfluge,
-just als ob ich über dem Flugfelde wäre, glitt ich nieder und stand
-bald wohlbehalten mitten auf dem Sturzacker. Leute kamen zu Dutzenden
-herbei, und groß war meine Freude, als ich erfuhr, daß ich mich auf
-gutem mecklenburgischem Boden befand und vor allen Dingen dort, wo wir
-uns nach meines Beobachters und meiner Berechnung befinden mußten.
-Es war Feiertag, und so hatten wir den guten Leuten ein schönes
-Sonntagsvergnügen bereitet. Als es aufklarte, wollten wir weiter. Aber
-der weiche Boden hielt die Räder so fest, daß an ein Hochkommen nicht
-zu denken war. Unter Freude und Gelächter, unter Hü und Hott und unter
-manchem derben Scherzworte, welches wir über uns ergehen lassen mußten,
-zogen die willigen Zuschauer den Riesenvogel über den Acker.
-
-Und nachdem einige Bäume gefällt waren, ging es dann noch über einen
-Graben hinüber und auf ein hartes Feld.
-
-Trotzdem wir starten wollten, ließ man uns erst weg, nachdem wir uns an
-vorzüglichem Kaffee und Napfkuchen gestärkt hatten.
-
-Nach reichlichem Händeschütteln und vielem Hurrageschrei und
-Tücherwinken beim Start waren wir wieder oben und zogen nördlichen Kurs
-ein.
-
-Die Freude dauerte nur kurze Zeit. Und schon fünfzehn Minuten später
-waren wir wieder in graue Nebelschichten eingehüllt. Nach zwei Stunden
-wurde die Sache ungemütlich, denn mit einem Male fing der verdammte
-Motor an zu spucken und zu fauchen. Bald machte er dreihundert Touren
-zu wenig, bald zweihundert zu viel!
-
-Ich untersuchte alle meine Apparate und Ventile und bemerkte zu meinem
-Schrecken, daß der Benzinvorrat rasend abnahm. So gut es ging, hielt
-ich mein Flugzeug fest und glitt auf dreihundert Meter herunter.
-
-Aber, o Schreck! Der Nebel verzog sich etwas, und wo war ich? Mitten
-über der Alster! Und dabei ein aussetzender Motor und nur dreihundert
-Meter hoch und keine Ahnung, wo der Flugplatz Fuhlsbüttel lag. Nun
-gab's nur eins: Ruhe und Entschlossenheit. Ein Gedanke durchzuckte
-mich: Raus aus der Stadt, und keine unschuldigen Menschenleben
-gefährden! Auf einen Zettel schrieb ich meinem Beobachter: „Wir müssen
-in fünf Minuten gelandet sein, sonst haben wir keinen Betriebsstoff
-mehr und gehen baden!” Suchend spähte mein Beobachter nach unten, und
-plötzlich zeigte er freudig erregt mit der Hand nach einem unter uns
-liegenden Kirchhof. Der gute Kamerad! Er ahnte ja nicht, in welcher
-Lage wir uns befanden und welch ein Hohn eigentlich aus seiner
-Armbewegung sprach.
-
-Wir waren bereits zweihundert Meter herunter. Der Motor ruckte
-ungleichmäßig, die Benzinuhr zeigte zehn Liter. Ich aber war froh.
-Aus der Stadt waren wir glücklich heraus, und wenn auch an eine
-glatte Landung in dem Gartengewirr für uns nicht zu denken war,
-fremde Menschenleben konnten wir wenigstens nicht mehr gefährden. In
-solchen Situationen ist jede Sekunde eine Ewigkeit, und Gedanken und
-Überlegungen jagen sich in unheimlicher Geschwindigkeit. Wer da nicht
-ruhig bleibt, eisernen Willen zeigt, der ist verloren. Mein Beobachter
-fing plötzlich an mit der Hand zu schwenken und nach vorn zu zeigen.
-Und ich sehe jetzt noch im Geiste seine strahlenden Augen vor mir, die
-mir durch seine Fliegerbrille entgegenleuchteten.
-
-Vor uns schimmerte, von den Strahlen der untergehenden Sonne durch den
-Nebel matt beleuchtet, die Luftschiffhalle von Fuhlsbüttel.
-
-Hurra! Unser Ziel war erreicht.
-
-Wer beschreibt meine Freude! Mit dem letzten Liter Benzin machte ich
-noch eine Ehrenrunde um den Flugplatz, und nach steilem Gleitfluge
-setzte die Taube leicht und sicher auf dem Platze auf.
-
-In der ersten Freude wäre ich meinem Beobachter am liebsten um den
-Hals gefallen. Der gute Kerl hatte ja gar nicht geahnt, in welcher
-Gefahr wir uns befunden hatten, und war höchst erstaunt, als ich ihm
-davon erzählte. Noch jetzt, wo ich wirklich weiß, was fliegen heißt,
-überläuft es mich kalt, wenn ich an diesen ersten Überlandflug denke!
-Der Versager war bald festgestellt. Der untere Teil des einen Vergasers
-war abgebrochen, und das Benzin floß durch die Bruchstelle ab, so oft
-durch die Erschütterungen des Motors der Riß erweitert wurde. Daher
-auch das schnelle Fallen des Benzins und der ungleiche Gang des Motors.
-Daß kein Vergaserbrand entstand, ist mir heute noch ein Rätsel.
-
-Nachdem wir drei Tage bei liebsten Freunden in Bremen zugebracht
-hatten, kam endlich der neue Vergaser in Hamburg an. Nun wollen wir
-weiter.
-
-Nächstes Ziel: Schwerin in Mecklenburg.
-
-An einem regnerischen, stürmischen Nachmittage setzte ich mich in meine
-vollbeladene Maschine. Ein Zug am Hebel, und mit Vollgas schwirrten wir
-los.
-
-Heutzutage würde ich bei solchem Wetter nur fliegen, wenn es unbedingt
-nötig wäre. Damals besaß ich aber die Naivität und vor allen Dingen
-die Begeisterung eines jungen Fliegers. Das Glück im Unglück ließ
-auch nicht lange auf sich warten. Das schwergeladene Flugzeug wollte
-nicht hoch, die Böen warfen es hin und her wie einen Spielball, und
-ich wäre gerne umgedreht. Aber daran war bei der geringen Höhe nicht
-zu denken. Nun kamen auch schon die ersten Häuser von Hamburg. Darüber
-hinwegzukommen unmöglich! Ich war sechzig Meter hoch, unter mir sah
-ich ein kleines Feld. Also kurz entschlossen: Gas weg! Landen! Im
-selben Augenblick faßte mich eine Fallbö, ich fühlte, wie das Flugzeug
-unter mir weggezogen wurde, und da ich dachte: Jetzt zerschellst du
-auf dem Boden, gab ich Vollgas und riß das Höhensteuer hoch, um den
-Anprall abzuschwächen. Aber im selben Moment fühle ich einen Ruck unter
-mir, und die Maschine stellte sich steil auf den Kopf, als wenn eine
-unsichtbare Hand das Fahrgestell festgehalten hätte.
-
-Das Folgende war nur noch ein Werk von Bruchteilen von Sekunden. Ich
-riß an meinem Höhensteuer, nahm Gas weg, und schon erhielt ich einen
-schweren, harten Stoß. Krampfhaft hielt ich mein Steuerrad fest und
-flog mit meinem Kopf hart gegen die Karosserie.
-
-Totenstille um mich herum.
-
-Tiefe Finsternis und furchtbares Schweigen. Durch einen Strom beißender
-Flüssigkeit, der über mein Gesicht herabfloß, kam ich wieder zu mir.
-
-Mit den Beinen nach oben, den Körper zusammengepreßt und das Gesicht
-gegen meine Brust gedrückt, lag ich still da. Da durchzuckte es mich:
-
-Du bist ja abgestürzt, das Flugzeug kann jeden Moment anfangen zu
-brennen, und du bist mit deinem Beobachter verloren! Tastend suchte
-ich in meiner zusammengequetschten Stellung nach dem Zündhebel und war
-froh, ihn endlich gefunden und die Zündung ausgeschaltet zu haben.
-Dann kam langsam das Bewußtsein der Wirklichkeit zu mir zurück, und
-ich dachte an meinen armen Beobachter. Der saß ja vorne, hatte den
-ersten Anprall abzuhalten und mußte bereits zerquetscht sein, wenn
-die Karosserie den Stoß nicht ausgehalten hatte. Als sich vorn nichts
-rührte, fragte ich endlich mit gepreßter Stimme, denn ich war so
-zusammengequetscht, daß ich kaum noch Luft bekam: „Strehlchen, leben
-Sie noch?”
-
-Pause, entsetzliche Stille.
-
-Auf meine zweite Frage vernahm ich dann:
-
-„Ja! Was ist eigentlich los? Hier ist es so dunkel, ich glaube, es muß
-etwas passiert sein.”
-
-O, wie frohlockte ich da. Ich schrie förmlich vor Vergnügen:
-„Strehlchen, Mensch, Sie sind ja am Leben, das ist die Hauptsache! Sind
-Ihre Knochen eigentlich noch heil?” Der gute lange Kerl war in dem
-kleinen Raum schrecklich zusammengequetscht, und ich hörte nur noch
-sein: „Ja, ich weiß nicht, das wird sich hoffentlich später feststellen
-lassen.”
-
-Dann war es wieder still. Das Benzin floß noch aus dem mit
-hundertsiebzig Litern gefüllten Tank in Strömen aus, und nach einer
-Zeit, die mir die Ewigkeit dünkte, klopfte jemand draußen an, und von
-weither erklang eine Stimme:
-
-„Na, lebt da noch jemand drin?”
-
-„Und ob,” rief ich, „nun man dalli, sonst ersticken wir hier noch drin!”
-
-An dem Flugzeugrumpf wurde gehoben. Ich hörte mit Spaten graben, und
-endlich drang frische Luft zu uns herein.
-
-„Halt”, rief Strehle, „anderen Weg anlüften, ihr brecht meinen Arm ab!”
-
-Die Helfer versuchten es von der anderen Seite, und endlich wurde mir
-mein Sitz abgelüftet, und ich lag frei und weich auf einem wunderbar
-duftenden Mistbeet. Da kroch auch schon der lange Strehle hervor, und
-nicht oft habe ich einem Menschen so glücklich die Hand geschüttelt wie
-diesem treuen Begleiter.
-
-Donnerwetter! Sah das böse aus. Die Maschine vollkommen überschlagen,
-ungefähr ein Meter in den weichen Düngerhaufen tief hineingebohrt. Der
-Rumpf dreimal gebrochen, die Tragflächen nur noch ein Knäuel von Holz,
-Leinwand und Drähten.
-
-Und diesen Absturz hatten zwei Menschen heil und glücklich überstanden!
-
-Strehle hatte sich nur das Rückgrat etwas verstaucht und ich mir zwei
-Rippen gebrochen. Das war alles. Nie in meinem Leben schimpfe ich
-wieder über einen Misthaufen. Möge ihm und seinen Nachfolgern ewiges
-Gedeihen beschieden sein!
-
-Traurig und etwas hinkend legten wir den Rest der Abschiedsreise per
-Bahn zurück.
-
-Aber dann kamen Tage voll Sonnenschein und Licht, voller Wärme und
-Glückseligkeit und voller Blumen, wunderbarster Blumen in unerhörtester
-Schönheit und Fülle.
-
-Und dann kam die Pflicht, und die Fahrt begann.
-
-
-
-
-Herrliche Tage in Tsingtau
-
-
-Tagelang ging's in der Eisenbahn durch Rußlands Steppen und Wüsten
-hindurch der Bestimmung, dem fernen Osten, entgegen.
-
-Endlich Mukden! Peking war bald vorüber ... Tsinanfou! Die ersten
-deutschen Laute klangen mir entgegen, dann kamen die letzten zehn
-Stunden der Eisenbahnfahrt durch wunderbares blühendes Ackerland voller
-Gärten, Felder und Blumen; und endlich lief der Zug langsam auf dem
-Hauptbahnhof von Tsingtau ein.
-
-Tsingtau sah ich nun nach sechs Jahren wieder!
-
-Nun war ich wieder auf deutschem Grund und Boden, in einer deutschen
-Stadt im fernen Osten.
-
-Meine Kameraden holten mich ab. Unter schnellem Trippel-Trappel zogen
-mich die kleinen mongolischen Steppenpferdchen der neuen Heimat zu.
-
-Zuerst ging es auf den Iltis-Platz, welcher unsere Rennbahn war
-und gleichzeitig mein Flugplatz werden sollte. Festlich prangte
-der Ort, und ganz Tsingtau war hier versammelt. In der Mitte der
-weiten Rasenfläche hatte sich ein ungeheurer Kreis von Zuschauern
-gebildet, welche den Fußballplatz umgaben. Heute war Festtag, und ein
-großes Fußballwettspiel wurde zwischen den deutschen Matrosen und
-ihren englischen Kameraden vom englischen Flaggschiff „Good Hope”
-ausgetragen.
-
-„Good Hope” weilte zu Besuch in Tsingtau. Es wurde ein glänzendes Spiel
-und endete 1: 1.
-
-Wer hätte das damals geahnt! Knapp sechs Monate später traten sich
-dieselben Gegner gegenüber, aber dann war es ernstes, furchtbares
-Spiel, bei dem es nur Siegen oder Sterben gab. Es war bei der
-Seeschlacht von Coronel, in der die deutschen Blaujacken in
-siebenundzwanzig Minuten das englische Flaggschiff „Good Hope” in die
-furchtbare Tiefe des Stillen Ozeans hinabsandten.
-
-Heute wußte noch keiner etwas von den kommenden Ereignissen, und
-froh bewegt und in bester Kameradschaft vereint nahmen die deutschen
-Matrosen ihre englischen Gäste mit nach Hause. Zwei Tage später lief
-das englische Geschwader aus, kurz hinterher unser Kreuzergeschwader
-unter der Führung des Admirals Grafen von Spee.
-
-Und lustig flatterten die Flaggen im Winde, die das Signal der beiden
-Geschwaderchefs überbrachten, welches lautete: „Leben Sie wohl, auf
-Wiedersehen!”
-
-Wer ahnte es: Bei Coronel sollte es geschehen.
-
-Gleich nach meiner Ankunft und nachdem die dienstlichen Meldungen
-erledigt waren, sah ich mich nach meinem Flugzeug um und hoffte schon
-in den nächsten Tagen den erstaunten Tsingtauern meinen Riesenvogel
-vorführen zu können. Aber Mahlzeit! Ruhig konnte ich wieder einige
-Wochen warten, denn mein Flugzeug schwamm noch quietschfidel um Indien
-herum, und der Dampfer wurde erst im Juli erwartet.
-
-Na, denn nicht, liebe Tante, sagte ich und hatte nunmehr vollauf
-Zeit, mich in Tsingtau umzusehen und mir eine Wohnung zu suchen. Eine
-entzückende kleine Villa war bei meinem Flugplatze gerade frei, und
-schleunigst wurde diese gemietet, und ich bezog dieses entzückende Heim
-mit meinem neuen Kameraden Patzig.
-
-Alles, um mich wirklich glücklich zu fühlen, war vorhanden. Mein
-schönes Kommando, das Landkommando der Marine; ich war in Tsingtau,
-dem Paradiese auf Erden, meine dienstliche Tätigkeit war die schönste,
-die ich mir wünschen konnte, und dabei diese entzückende Villa, hoch
-auf einer Anhöhe gelegen mit wunderbarer Aussicht auf den Iltis-Platz
-und das weite tiefblaue Meer. Außerdem gehörte ich zur berittenen
-Truppe, drei wunderbare Jahre lagen vor mir. Wer sollte glücklicher
-und zufriedener sein als ich? Jetzt ging's an die Inneneinrichtung der
-Wohnung. Ich hatte eine ganze Anzahl Bilder über Wohnungseinrichtungen
-aus der „Kunst”, und mit diesen zog ich zu unserem tüchtigen
-Chinesentischler und bestellte danach eine Einrichtung. Es ist geradezu
-erstaunlich, mit welcher fabelhaften Geschicklichkeit die Chinesen
-alles nachmachen können, und dabei in unglaublich kurzer Zeit und ganz
-besonders billig. Als vier Wochen später alles angelangt war, die Möbel
-an dem richtigen Platz standen und das Haus von oben bis unten glänzte
-und leuchtete, da zogen wir frischgebackenen „Villenbewohner” stolz
-und freudig in unser neues Heim. Nichts fehlte. Und besonders war
-auch das erforderliche Dienstpersonal vorhanden. Damit der Europäer im
-fernen Osten Ansehen vor den Chinesen gewinnt, muß er sich mit viel
-chinesischem Dienstpersonal umgeben, und es ist fast eine moralische
-Pflicht jedes Europäers, dies zu tun.
-
-Moritz, der Koch, in seinem schönen blauseidenen Ischang; Fritz, der
-Mafu (Pferdeknecht), stets grinsend, dafür aber um das Wohl der Pferde
-sehr bedacht; Max, der Gärtner, faul wie die Sünde, und endlich August,
-der freche kleine Laufjunge, bildeten das Heer unserer dienstbaren
-Geister.
-
-Dazu kamen „Herr” Dorsch und „Herr” Simon.
-
-Diese beiden „Herren” waren unsere Burschen, die von der Sitte
-des fernen Ostens, daß der Europäer im Beisein der Chinesen nicht
-körperlich arbeiten _darf_, redlich Gebrauch machten.
-
-Ein großer Garten umgab unser Haus, in dem sich auch noch der
-Pferdestall mit Wagenremise, Autogarage und Chinesenwohnungen befanden.
-Das Wichtigste aber war: mein Hühnerstall. Schon zwei Tage nach meiner
-Ankunft hatte ich mir eine Bruthenne gekauft, ihr ein Dutzend Eier
-untergelegt, und als wir die Wohnung bezogen, hatte ich bereits sieben
-lebendigen Küken das Leben geschenkt.
-
-Geflügel ist billig in China. Das Huhn kostet zehn Pfennig, eine Ente
-oder Gans eine Mark, und so hatte ich auch bald einen Geflügelhof von
-fünfzig Tieren zusammen.
-
-Ja, richtig, ich war ja „Reiter” geworden! Also ein Pferd beschaffen!
-Einer der Kameraden hatte einen entzückenden kleinen Fuchs. Wir wurden
-handelseinig, und bald darauf stand „Fips” in meinem Stall. „Fips” war
-ein entzückendes Tier, gutes Dienstpferd, dabei tadellos für Jagdreiten
-und Polospielen. Aber Wamse bekommt er doch, wenn ich ihn mal
-wiedersehen sollte; denn während der Belagerung ließ der Lümmel mich
-am Tage vor der Einschließung einfach im Stich, als ich ins Vorgelände
-geritten war. Da einige Schrapnells in seiner Nähe krepierten, riß er
-sich los und lief zum Feinde über.
-
-Das ganze Leben in Ostasien ist für den Europäer recht eintönig. Wenig
-Geselligkeit, keinerlei Theater, keine Musik, nichts von alledem, das
-man so ungern vermißt. Die einzige Erholung und der einzige Trost sind
-eben, daß man etwas besser lebt wie unter den gleichen Verhältnissen zu
-Hause, und der Pferdesport. In Tsingtau blühte letzterer ganz besonders.
-
-Mit Begeisterung widmete ich mich dem Poloreiten, und nachdem ich mich
-einigermaßen an die ungewohnten Schlinger- und Stampfbewegungen meines
-Pferdes gewöhnt hatte, ging die Kiste herrlich.
-
-[Illustration: Der erste Absturz in Tsingtau.]
-
-Mitte Juli wurde endlich meine Sehnsucht gestillt. „Der” Dampfer war
-da und hatte die Flugzeuge mitgebracht. Kaum standen die riesigen
-Kisten auf dem Kai, als ich auch schon mit meinen Leuten dabei war und
-die armen Vögel, die zum Fluge durch Luft und Sonne geboren waren, aus
-ihren dunklen Gefängnissen befreite, in denen sie monatelang gesessen
-hatten. Da die Kisten zu schwer waren, mußten die Flugzeuge an Ort
-und Stelle ausgepackt werden. Hei! Das Hallo unter den chinesischen
-Gaffern. Als alles schön ausgepackt war, wurde der Triumphzug
-angeordnet. Erst kamen die beiden Flugzeuge, dann kamen drei Wagen mit
-den Tragflächen und dann zwei Wagen mit den Zubehörteilen. Die Pferde
-zogen an, und stolz durchfuhren wir Tsingtau und zogen im Triumphe in
-die Flughalle auf dem Iltis-Platz ein.
-
-[Illustration: „August”, der freche Laufjunge.]
-
-Nun gab es keine Ruhe mehr. Tag und Nacht arbeiteten wir am
-Zusammensetzen und Verspannen, und zwei Tage später, ganz in der Frühe,
-als noch kein Mensch es ahnte, stand mein Flugzeug klar am Startplatz,
-und als die Sonne aufging, gab ich Vollgas und schoß in die wunderbare
-reine Seeluft hinaus.
-
-Den ersten Flug in Tsingtau werde ich nie vergessen. Der Flugplatz war
-außerordentlich klein, nur sechshundert Meter lang und zweihundert
-Meter breit, voll von Hindernissen und rings umgeben von Hügeln und
-Felsen. Wie klein der Platz aber wirklich war und wie ungeheuer schwer
-zum Starten und Landen, das sollte ich bald noch zur Genüge erfahren.
-Mein Freund Clobuczar, ein früherer österreichischer Fliegeroffizier,
-der jetzt auf der „Kaiserin Elisabeth” war, sagte mir mal: „Ein
-Flugplatz soll das hier sein? Höchstens ein Kinderspielplatz! In meinem
-ganzen Leben habe ich noch nicht gesehen, daß ein Mensch in einem
-solchen Platze fliegen soll.” Mir ging's ähnlich so. Und ich würde mir
-in Deutschland ein solches Plätzchen höchstens mal als Notlandungsplatz
-aussuchen.
-
-Aber zu machen war nichts. Es war dies der einzige Platz im ganzen
-Schutzgebiete, alles andere war wild zerklüftetes Gebirge, durchzogen
-von tiefen Ravinen. Doch an diesem wunderbar sonnigen Morgen kümmerte
-ich mich nicht darum, und froh bewegt zog ich über Tsingtau meine
-Kreise und scheuchte durch das Gebrumm meines Propellers die gänzlich
-überraschten Tsingtauer aus ihrem Schlafe. Als ich zum Landen schritt,
-wurde mir doch ein bißchen komisch zumute! Donnerwetter, war der Platz
-klein! Und unwillkürlich drehte ich immer länger meine Kreise und
-verschob immer wieder den kommenden kritischen Moment der Landung.
-
-Doch ewig oben bleiben konnte ich ja nicht. Und endlich gab ich mir
-einen Ruck, nahm Gas weg und stand einen Augenblick später nach
-einer tadellosen Ziellandung auf meinem Platz. Nun war ich meiner
-Sache sicher. Und den ganzen Morgen bin ich kaum aus meinem Flugzeug
-herausgekommen.
-
-Jetzt gings aber wieder an die Arbeit. Das zweite Flugzeug, auch
-eine Rumpler-Taube, welches von meinem Kameraden vom Seebataillon,
-Leutnant Müllerskowski, geflogen werden sollte, mußte zusammengebaut
-und verspannt werden. Nach zwei Tagen, am einunddreißigsten Juli
-Neunzehnhundertvierzehn, nachmittags war alles in Ordnung.
-
-Müllerskowski stieg in sein Flugzeug, und nachdem ich ihm einige
-Erfahrungen, die ich mit diesem Flugplatz nun schon gemacht, mitgegeben
-hatte, zog er Vollgas und schwirrte los.
-
-Das Glück blieb meinem Kameraden nicht hold.
-
-Sein Flugzeug war eben einige Sekunden in der Luft und befand sich
-zirka fünfzig Meter hoch gerade an der kritischen Stelle, wo Flugplatz
-und gleichzeitig das Land endet und mit steilen Felsen ins Meer
-abfällt, als es sich plötzlich zur Seite neigte und wir mit Schrecken
-sehen konnten, wie es in sausender Fahrt mit dem Kopf vorneweg in die
-Felsen hineinstürzte.
-
-So schnell wir es vermochten, liefen wir zur Unfallstelle. Da sah es
-bös aus. Das Flugzeug war vollständig zertrümmert, und zwischen diesen
-Trümmern lag Müllerskowski. Schwer verletzt brachten wir ihn ins
-Lazarett, wo er bis kurz vor Ende der Belagerung liegenbleiben mußte.
-Das Flugzeug war vernichtet.
-
-Inzwischen hatte sich auch in Tsingtau manches zugetragen. Der Juli mit
-all seiner Schönheit und Pracht, mit wunderbarstem Sonnenschein und
-tiefblauem Himmel war ins Land gezogen. Es ist der schönste Monat für
-Tsingtau.
-
-Das Badeleben stand in vollster Blüte; es waren besonders viele
-und nette Fremde, in erster Linie Damen, aus den europäischen und
-amerikanischen Niederlassungen Chinas und Japans herbeigeströmt, um
-sich an Tsingtaus Schönheit zu erfreuen und in dem „Ostende des fernen
-Ostens” das Badeleben zu genießen.
-
-Es war eine ganz herrliche Stimmung. Auto- und Reitpartien, Polospiel
-und Tennis füllten die dienstfreien Stunden aus, und besonders schön
-waren abends die Reunions, bei denen Terpsichore voll zu Ehren kam.
-
-Wie auch in den früheren Jahren waren die Engländerinnen unter den
-Gästen am stärksten vertreten, und bald entwickelte sich ein reizender
-Verkehr.
-
-Anfang August sollte ein Polowettspiel stattfinden, zu dem wir als
-Gegenspieler den englischen Poloklub in Schanghai eingeladen hatten.
-
-Da, am dreißigsten Juli, traf wie ein Blitz aus heiterem Himmel der
-Befehl der „Sicherung” in Tsingtau ein!
-
-
-
-
-Kriegsalarm -- Meine Taube
-
-
-Ich weiß es noch wie heute.
-
-In aller Frühe kam eine Ordonnanz in unsere Villa und überbrachte
-Patzig und mir den Befehl, umgehend zum Abteilungskommandeur zu kommen,
-es wäre Sicherung befohlen. Wir dachten natürlich, es sei nur eine
-Übung, und redlich brummend ob der Störung der Morgenruhe begaben wir
-uns an den befohlenen Ort. Hier erhielten wir die Bestätigung der kaum
-faßbaren Kunde. Und im Inneren fest daran zweifelnd, daß es Krieg geben
-würde, eilten wir auf unsere Gefechtsstationen und begannen mit den
-notwendigen Arbeiten.
-
-Der Befehl: „Drohende Kriegsgefahr!”, der am nächsten Tage eintraf,
-brachte endlich Gewißheit.
-
-Und dann kam der erste August, die Mobilmachung wurde befohlen. Der
-zweite August brachte die Kriegserklärung gegen Rußland und der dritte
-die gegen Frankreich.
-
-Diese Tage zu beschreiben, ist kaum möglich.
-
-Man stelle sich bloß vor: Hier war deutsche Kolonie, deutsche Festung,
-der größte Teil der Tsingtauer waren Offiziere und Soldaten. Dabei war
-Tsingtau aber in seinem äußeren Gepräge international geworden. Russen,
-Franzosen und Engländer befanden sich als Gäste mitten unter uns. Es
-war ein Gegeneinanderwogen von Meinungen und Gefühlen, ein Zustand, wie
-er wohl kaum wo anders auf der Welt angetroffen werden konnte.
-
-Die Hauptfrage, ich möchte sagen, die Frage, die uns alle beschäftigte,
-war: Gibt es Krieg mit England?
-
-Nur der, der im fernen Osten gelebt hat, wird ermessen können, was
-diese Frage bedeutete.
-
-Am zweiten August wurde gerade unser Angebot an England bekannt, ich
-ritt am selben Tage mit einer englischen Dame spazieren, und es war
-nur selbstverständlich, daß dieses Thema unsern Hauptgesprächsstoff
-bildete. Die Ansicht meiner Begleiterin deckte sich mit der all ihrer
-Freunde und Freundinnen, daß ein Krieg zwischen England und Deutschland
-undenkbar wäre, sonst würde auch besonders im fernen Osten das Prestige
-der weißen Rasse vorüber sein und der gelbe Japs lachend die Früchte
-unserer Zwietracht einheimsen können.
-
-Auch uns Deutsche beschäftigte selbstverständlich nur dieser eine
-Gedanke, und besonders bei uns Seeoffizieren war von nichts anderem
-mehr die Rede. Eine Spannung, schlimmer als vor und während der ersten
-Mobilmachungstage, beherrschte uns. Und wie eine Erlösung kam für uns
-alle am vierten August die Nachricht:
-
-Der Krieg gegen England ist erklärt!
-
-Nun waren also in Europa die Würfel gefallen.
-
-Daß wir uns alle sehr glücklich fühlten, kann ich nicht behaupten. Ganz
-im Gegenteil. Immer und immer wieder sagten wir uns: „Nun sitzen wir
-hier in dem fernen Tsingtau, zu Hause da sind unsere Brüder, unsere
-Kameraden; die Glücklichen dürfen die wunderbaren Tage der Mobilmachung
-miterleben, sie dürfen ausziehen gegen eine Welt von Feinden, sie
-dürfen unser heiliges geliebtes Vaterland, dürfen Weib und Kind
-verteidigen, und wir Armen sitzen hier und können nicht helfen!”
-
-Schon der Gedanke, wie es in diesen Tagen zu Hause aussähe, konnte
-uns rasend machen. Denn das wußten wir: Die Engländer, Russen und
-Franzosen, die uns hier draußen an Zahl weit überlegen waren, würden
-nicht den Mut finden, uns hier anzugreifen.
-
-Und doch hatten wir immer wieder den einen Funken von Hoffnung: Sie
-kommen doch noch!
-
-Ach, wie hätten wir die empfangen!
-
-An Japan dachte selbstverständlich niemand!
-
-In all der Arbeit der Mobilmachungstage wurden unsere Gäste nicht
-vergessen. Sie waren zwar fast alle unsere Feinde, aber sie blieben
-unsere Gäste.
-
-Die Aufregung unter ihnen ist wohl begreiflich. Vor allen Dingen, da
-bereits Nachrichten über die geradezu bestialische Behandlung der
-Deutschen durch die Engländer in den englischen Kolonien zu uns kamen.
-
-Daß unser Verkehr mit den Fremden abgebrochen wurde, war
-selbstverständlich, aber ebenso selbstverständlich war auch, und das
-möchte ich an dieser Stelle ganz besonders den Engländern gegenüber
-hervorheben, daß die vielen Angehörigen der feindlichen Staaten mit
-einer Rücksicht behandelt wurden, wie es eben nur bei uns „Barbaren”
-möglich war.
-
-Den Fremden wurde bekanntgegeben, daß sie sich nach Belieben weiter
-in Tsingtau aufhalten oder aber abfahren könnten, ohne irgendwelchen
-Zwang, und daß das Gouvernement rechtzeitig ankündigen würde, wenn alle
-Fremden die Kolonie räumen müßten. Verlangt wurde nur, daß keiner das
-Stadtgebiet verließe und niemand sich mehr den Befestigungen näherte
-oder Spionage triebe. Man halte sich hiergegen das Benehmen unserer
-lieben Vettern in Hongkong und in so vielen anderen Orten der Welt vor
-Augen!
-
-Die, die es miterlebt haben, könnten Bände darüber schreiben.
-
-Ein Trost war für uns: Wir erhielten täglich drahtlose Nachrichten von
-Hause!
-
-Den Jubel und die Freude kann man sich kaum vorstellen, die wir beim
-Eintreffen der Nachrichten empfanden. Meist kamen die Telegramme
-abends, und wir Offiziere saßen zusammen in unserem kleinen Kasino,
-selbstverständlich von nichts anderem als vom Kriege sprechend. Und
-wenn die herrlichen Siegesnachrichten eintrafen, dann war ein Jubel
-ohnegleichen, aber doch empfanden wir dabei eine ganz unendliche
-Traurigkeit, denn:
-
-Wir konnten nicht dabei sein!
-
-Dann kam der fünfzehnte August, und wir hielten eine Nachricht von
-solcher Ungeheuerlichkeit in der Hand, daß wir an der Wahrheit des
-Gelesenen zweifelten.
-
-Die Ankündigung war folgende:
-
- _Extrablatt_
-
- „Wir betrachten es als äußerst wichtig und notwendig, in der
- jetzigen Lage Maßnahmen zu treffen, um die Ursachen aller Störungen
- des Friedens im fernen Osten zu beseitigen und die allgemeinen
- Interessen zu schützen, die im englisch-japanischen Allianzvertrag
- festgelegt sind, mit dem Zweck, festen und dauernden Frieden
- in Ostasien zu sichern. Dieser Zweck ist die Grundlage des
- Übereinkommens. Die kaiserlich japanische Regierung glaubt, daß es
- ihre Pflicht ist, der kaiserlich deutschen Regierung zu raten, die
- folgenden Vorschläge anzunehmen:
-
- Erstens, die deutschen Kriegsschiffe sofort von den japanischen
- und chinesischen Gewässern zurückzuziehen, ebenso die bewaffneten
- Schiffe aller Art und diejenigen Schiffe, die nicht sofort
- zurückgezogen werden können, zu entwaffnen.
-
- Zweitens, das ganze Pachtgebiet von Kiautschou alsbald, nicht
- später als am fünfzehnten September, den kaiserlich japanischen
- Behörden ohne Bedingung und ohne Entschädigung zu übergeben, mit
- der Aussicht auf evtl. Rückgabe an China.
-
- Die kaiserlich japanische Regierung kündigt zugleich an, daß, im
- Falle sie bis zum dreiundzwanzigsten August Neunzehnhundertvierzehn
- keine Antwort von der kaiserlich deutschen Regierung erhalte,
- in der sie die unbedingte Annahme der Vorschläge übermittelt,
- die japanische Regierung gezwungen sein wird, ihre Maßnahmen zu
- treffen, die sie in Anbetracht der Lage für notwendig erachtet.”
-
-Darunter stand von unserem Gouverneur geschrieben:
-
-„Es ist selbstverständlich, daß wir niemals darauf eingehen können,
-Tsingtau an Japan ohne Schwertstreich auszuliefern. Nach der ganzen
-Frivolität der japanischen Forderung kann man sich schon vorher
-sagen, welche Antwort allein darauf erfolgen wird. Das aber bedeutet
-natürlich, daß wir mit Ablauf der für die Beantwortung gesetzten Frist
-auf die Eröffnung der Feindseligkeiten rechnen müssen, und das wird
-natürlich ein Kampf bis zum Äußersten sein.
-
-Angesichts des Ernstes der Lage darf jetzt selbstverständlich mit der
-Fortschaffung von Frauen und Kindern keinen Augenblick länger gezögert
-werden, das Gouvernement wird deshalb heute, Freitag vormittag,
-auch noch einen Dampfer nach Tientsin abgehen lassen, der bereits
-für die Aufnahme von rund sechshundert Personen vorbereitet ist. Es
-ist dringend zu raten, daß von diesen Gelegenheiten, die Züge der
-Schantungbahn verkehren ja auch weiter, nun auch von allen Gebrauch
-gemacht wird, die nicht hierbleiben wollen.
-
-Tsingtau macht klar zum Gefecht!”
-
-Nun wußten wir, woran wir waren!
-
-Über die Art und Schwere des Kampfes und über seine Aussichten waren
-wir uns klar, aber wohl nie ist freudiger und unermüdlicher gearbeitet
-worden. Eine Titanenarbeit wurde in diesen Wochen vollbracht. Und vom
-ältesten Offizier bis zum jüngsten fünfzehnjährigen kriegsfreiwilligen
-Automobilfahrer setzte jeder sein ganzes Können und sein ganzes
-Denken, seine ganze Vaterlandsliebe darein, Tsingtau in den
-Verteidigungszustand zu setzen.
-
-Ich selber hatte bereits besonderes Pech gehabt. Drei Tage nachdem
-Müllerskowski abgestürzt war, startete ich bei herrlichstem
-Sonnenschein zu meinem ersten großen Erkundungsfluge und kehrte,
-nachdem ich das ganze Schutzgebiet und Hunderte von Kilometern darüber
-hinaus aufgeklärt hatte, froh der getanen Arbeit, nach Tsingtau zurück.
-
-Ich war tausendfünfhundert Meter hoch, und die Landung war infolge der
-Luftverhältnisse ganz besonders schwierig. Als ich mitten über dem
-Platze in ungefähr hundert Metern Höhe noch mal Vollgas gab, um die
-letzte Runde zu fliegen und dann gegen den Wind zu landen, sprang der
-Motor eine Sekunde lang wieder voll an, fing aber im selben Moment an
-zu spucken und versagte ganz. Nur Sekunden brauchte ich, um meine
-Apparate nachzusehen, aber die genügten, daß die Maschine bereits so
-weit war, daß an ein Landen auf dem Platze nicht mehr zu denken war.
-
-Auch nach rechts oder links konnte ich nicht abdrehen. Rechts war das
-Poloklubhaus und ein tiefer Graben, links das Strandhotel und die
-Villen.
-
-Daß nichts mehr zu machen war, wußte ich, und nur eins dachte ich:
-Halte den Motor heil!
-
-Vor mir war ein kleines Wäldchen, und da hinauf hoffte ich die Maschine
-noch setzen zu können. Ich zog das Höhensteuer, aber in der heißen
-dünnen Tropenluft sackte die Maschine wie ein Klotz schwer durch. Ich
-kam mit dem Kopf gerade noch an Telegraphendrähten klar, dann zog ich
-die Knie an und stützte unwillkürlich die Füße nach vorn ab, und schon
-gab es einen mächtigen Stoß, ich hörte Krachen und Splittern um mich
-herum und flog mit Kopf und Knien recht unsanft gegen den Benzintank.
-Dann war es still.
-
-Und als ich mich, selber heil und gesund, im Kreise umsah, da lag meine
-Taube mit der Nase im Straßengraben, streckte das Schwänzchen hoch in
-die Luft, und die Flügel und das Fahrgestell bildeten ein Knäuel von
-zerbrochenen Holzstreben, Leinwand und Drähten.
-
-Ach, mein armes Täubchen! Ausgerechnet am dritten Tage der Mobilmachung
-ließ es mich im Stich. Mir war ganz unsäglich hoffnungslos zumute. Ohne
-jedoch den Mut ganz sinken zu lassen, schaffte ich die Trümmer in den
-Schuppen. Ich hatte ja noch Reservepropeller und Reservetragflächen von
-Hause mitbekommen.
-
-Wenn nur der Motor heil geblieben war! Ersatzteile für diesen besaß ich
-nicht, und sie wären auch beim besten Willen nicht herbeizuschaffen
-gewesen.
-
-Voller Hoffnung ging ich an die Reservekisten und öffnete zuerst die,
-worin die Tragflächen lagen. Aber o Schreck! Ein widerlicher Moderduft
-schlug mir entgegen, und Böses ahnend, öffneten wir den inneren
-Zinkeinsatz.
-
-Der Anblick, der sich uns bot, war geradezu fürchterlich. In der Kiste
-befand sich nur ein Haufen von moderndem Gerümpel. Die ganze Bespannung
-der Tragflächen war verfault. Die einzelnen Rippen und Spanten und die
-Holzklötzchen, die vorher tadellos geleimt und bewickelt waren, lagen
-regellos durcheinander, und alles war von einer dicken Schimmelschicht
-bezogen.
-
-Ein trauriger Anblick!
-
-Nun wurde die Propellerkiste geöffnet. Da drinnen sah es ähnlich aus.
-Die fünf mitgenommenen Reservepropeller hatten sich ebenfalls in
-Wohlgefallen aufgelöst oder sich so stark verzogen, daß sie nicht mehr
-zu gebrauchen waren. Wenn zu Hause der Propeller mehr als vier bis fünf
-_Millimeter_ an den Spitzen ausschlägt, denkt kein Mensch daran, ihn so
-zu fliegen. Meine schlugen bis zu zwanzig _Zentimetern_ aus! Nun war
-guter Rat teuer.
-
-Aber unverzagt ging mein hervorragender Monteur, der
-Obermaschinistenmaat Stüben, an die Arbeit, und am selben Nachmittage
-saß ich mit Stüben und meinen beiden Heizern Frinks und Scholl und
-noch acht Chinesen von der Werfttischlerei an der Arbeit und baute die
-vermoderten Flügel wieder zusammen.
-
-Dann ging ich mit meinem am wenigsten verbogenen Propeller zur Werft,
-und hier half mir der treffliche Modelltischler R. aus meiner Not und
-ließ unter seiner Anleitung von den Chinesen einen neuen Propeller
-bauen.
-
-Das war geradezu eine Glanzleistung.
-
-Man stelle sich folgendes vor:
-
-Sieben Eichenbohlen wurden mit gewöhnlichem Tischlerleim
-zusammengeleimt. Dann gingen zwei Chinesen mit Äxten her und schlugen
-nach Lehren, die der Modelltischler angefertigt hatte, mit den Äxten
-aus dem Bohlenklumpen einen tadellosen Propeller aus. Die Arbeit war,
-obwohl mit der Hand ausgeführt, so genau und sorgfältig, wie sie nur
-von Chinesen geleistet werden kann.
-
-Mit diesem Propeller habe ich dann meine sämtlichen Flüge während der
-Belagerung von Tsingtau ausgeführt!
-
-Auch wir im Schuppen waren nicht untätig geblieben. Tag und Nacht
-arbeiteten wir mit äußerster Anspannung, und bereits am neunten Tage
-nach meinem Absturz stand frühmorgens bei Sonnenaufgang mein Täubchen
-an der Startstelle klar zum Probeflug.
-
-Es ist wohl begreiflich, wenn mir vor diesem Fluge meine Aussichten
-nicht im rosigsten Lichte erschienen.
-
-Meine Tragflächen hatte ich aus einem vermoderten Haufen wieder
-zurechtgebaut. Verspannen mußten wir sie, da wir nirgends eine ebene
-Fläche hatten, so gut es ging; der Propeller war, wie oben beschrieben,
-entstanden und machte über hundert Umdrehungen zu wenig. Dabei waren
-die Flugplatzverhältnisse so überaus ungünstig und schwierig, daß
-bei jedem Start nur ein sofortiges Gelingen oder ein unweigerliches
-Abstürzen in Frage kam.
-
-An all das durfte ich nicht denken. Es war Krieg, ich war der einzige
-Flieger, und meine Aufgabe mußte ich erfüllen. Und ich hatte Glück!
-
-Alles irgendwie Entbehrliche hatte ich zur Erleichterung aus dem
-Flugzeug herausgerissen, und anfangs etwas unwillig meiner Faust
-gehorchend erhob sich mein großer Vogel doch in die Luft, und bald
-hatte ich ihn wieder vollkommen in meiner Gewalt. Da zog ich denn
-wieder froh meine Kreise, und stolz warf ich vor dem Hause unseres
-Gouverneurs die Meldung ab: „Flugzeug ist wieder klar!”
-
-Und dann begannen meine großen Aufklärungsflüge. Das ganze Schutzgebiet
-durchkreuzte ich, und weit, weit draußen, Hunderte von Kilometern vom
-Schutzgebiet entfernt, überflog ich das weite Land und bewachte die
-Anmarschstraßen und flog längs der wild zerklüfteten Küste und schaute
-aus, ob nicht irgendwo der Feind sich näherte oder landete.
-
-Es waren mit die schönsten Flüge meines Lebens.
-
-Die Luft war so klar und durchsichtig, der Himmel so wunderbar blau
-und schön, und die Sonne strahlte mit so inniger Liebe auf das
-herrliche Land, auf die wild zerklüfteten hohen Gebirge und auf das
-alles einrahmende tief-, tiefblaue Meer herab. Das waren Stunden
-hinreißendster, erhabenster Schönheit, die ich überquellenden Herzens
-und mit nach Schönheit lechzender Seele genoß.
-
-Aber die Sorgen blieben nicht aus. Bereits nach dem zweiten
-Aufklärungsfluge stellte sich heraus, daß die Leimfugen des Propellers
-auseinander gespalten waren, und daß der Propeller nur wie durch ein
-Wunder nicht auseinandergerissen war. Nun mußte er abmontiert und
-wieder frisch geleimt werden. Dieses Schauspiel hat sich von nun
-ab nach jedem Fluge wiederholt. Sobald ich zurück war, wurde „der”
-Propeller abgenommen, ich fuhr mit meinem Auto zur Werft, dort wurde er
-schnell geleimt, in eine Presse geschraubt, und spät abends holte ich
-ihn wieder ab, setzte ihn auf, und dann ging's damit am nächsten Tage
-wieder los.
-
-Und als der Propeller immer wieder aufplatzte, da beklebte ich seine
-ganze Eintrittskante mit Bespannungsstoff und Heftpflaster, und da
-hielt wenigstens diese Kante einigermaßen!
-
-In Tsingtau hatte ich auch noch einen zweiten Dienstzweig zu versehen,
-und zwar war ich Führer der Fesselballonanlage, meiner „aufgeblasenen”
-Konkurrenz.
-
-Vor meiner Ausreise hatte ich in Berlin einen Luftschifferkursus
-durchgemacht, bestehend aus einer Freiballonfahrt und etwas Exerzieren
-am Fesselballon nebst Ballonflicken.
-
-Die gesamte vollständig neue Fesselballonanlage in Tsingtau bestand aus
-zwei je tausend Kubikmeter großen Ballons, einem Ballonsack und allem
-nötigen Zubehör zum Gaserzeugen und zur Bedienung des Ballons.
-
-Ein Unteroffizier der Marine, der kurze Zeit bei den Luftschiffern
-ebenfalls zur Ausbildung gewesen war, und ich waren die einzigen,
-die vom Ballon eine Ahnung hatten. Nachdem wir die ganze neue Anlage
-ausgepackt und aufgestellt hatten, gingen wir äußerst gewissenhaft und
-vorsichtig ans Füllen des Ballons. Und wie stolz waren wir, als die
-erste gelbe Wurst dick und prall, wohlgefesselt dicht über der Erde
-lag. Dann knüpfte ich mit meinem Unteroffizier persönlich jede einzelne
-Leine an, und bald darauf hing das gelbe Ungetüm leise hin und her
-pendelnd am Himmelszelt. Dann wurde es wieder heruntergeholt, und ich
-kletterte zum ersten Aufstieg allein in den Korb. Beinahe hätte ich
-schon bei diesem Aufstieg meine verzwickte Reise nach Deutschland
-antreten können, denn als „Los” kommandiert wurde, hatte das Haltetau
-versehentlich reichlich lose gehabt, und mit einem mächtigen Satz
-sprang der Ballon senkrecht zirka fünfzig Meter in die Luft und ruckte
-dann mit Macht in das Haltekabel ein. Mich durchzuckte dabei der
-Gedanke: Jetzt geht er ab! Es gab einen ganz gewaltigen Stoß, und viel
-hätte nicht gefehlt, so wäre ich aus meiner Gondel herausgeschleudert
-worden. Da das Drahtseil aber ebenfalls ganz neu war, hielt es gottlob,
-und ich war um eine Lehre reicher. Dann begann das systematische
-Ausbilden und Einexerzieren meiner Mannschaft, und bald funktionierte
-der Laden, als wenn wir von Kind auf Luftschiffer gewesen wären.
-
-Auf den Fesselballon waren vom Gouvernement sehr große Hoffnungen
-gesetzt worden. Allgemein versprach man sich durch ihn große Hilfe
-beim Beobachten des heranrückenden Feindes und zur Beobachtung der
-feindlichen Artillerie. Leider haben sich diese Hoffnungen in keiner
-Weise erfüllt, und meine Befürchtungen, die ich in bezug auf den Nutzen
-der Ballonanlage gehabt hatte, bewahrheiteten sich in jeder Beziehung.
-
-Trotzdem ich den Ballon sogar bis auf eintausendzweihundert Meter
-gebracht hatte, gelang es uns nicht, von ihm aus hinter die unseren
-befestigten Stellungen vorgelagerten Höhenzüge zu sehen und damit
-die Bewegung des Feindes und vor allen Dingen die Stellungen seiner
-schweren Belagerungsartillerie zu beobachten.
-
-Das aber war wiederum für die Verteidigung Tsingtaus von
-fundamentalster Bedeutung.
-
-Um dieses und überhaupt die ganze überaus schwierige Lage, in der wir
-uns in Tsingtau befanden, einigermaßen verständlich zu machen, muß ich
-folgendes vorausschicken:
-
-Das ganze Schutzgebiet Kiautschou liegt auf einer langgestreckten
-Landzunge, auf deren äußerstem, südwestlichem Zipfelchen wiederum
-die Stadt Tsingtau liegt. Von drei Seiten vom Meere umschlossen,
-wird die Stadt im Nordosten durch die halbkreisförmige Hügelkette
-der Moltke-, Bismarck- und Iltisberge, die sich von Meer zu Meer
-hinziehen, eingerahmt. In diesen Bergen lagen unsere Hauptbefestigungen
-eingenistet, und am nordöstlichen Fußrande dieser Kette lagen die
-fünf Infanteriewerke mit dem Hauptdrahthindernis. Dann kam ein
-breites Tal, welches zum Teil vom Haipo-Fluß durchzogen wurde, und
-daran schlossen sich wiederum halbkreisförmig die ebenfalls von Meer
-zu Meer sich hinziehenden, für uns kritischen und uns Verderben
-bringenden Hügelketten des Kuschan, des Taschan, der Waldersee-Höhen
-und der Prinz-Heinrich-Berge, von denen die Prinz-Heinrich-Berge
-eine so wildromantische Form hatten, als wenn sie dem Monde direkt
-entnommen wäre. Hinter diesen Höhen schloß sich wiederum ein breites
-Tal an, und daran türmten sich die wild zerklüfteten Steinmassen des
-Lau-Hou-Schan, des Tung-Liu-Schui und des Lauschan zum Himmel empor.
-
-Da uns vor allen Dingen daran lag, zu wissen, was geht im Vorgelände
-vor, und, als wir vom siebenundzwanzigsten September ab hinter unserem
-Drahthindernis vollkommen eingeschlossen waren, zu sehen, _wo_ baut
-der Feind seine Belagerungsartillerie auf, da wir ferner in unseren
-Hoffnungen, die wir in dieser Beziehung auf den Fesselballon gesetzt
-hatten, vollkommen getäuscht wurden, blieben uns zur Erreichung unseres
-Zieles nur noch: gelegentliche schneidige Erkundungen und -- -- mein
-Flugzeug!
-
-Unter unermüdlicher Arbeit gingen die Tage des August dahin. Tsingtau
-und vor allem das Vorgelände waren kaum wiederzuerkennen. Artillerie
-und Verteidigungsstellungen wurden ausgehoben, und was das traurigste
-war, die entzückenden Wäldchen, die mit so viel Mühe und Liebe
-angepflanzt waren, der Stolz Tsingtaus, mußten zum Freimachen der
-Schußfelder unter Beilhieben fallen. Wieviel Kulturarbeit, wieviel
-unendliche Mühe und Liebe ist da mit einem Schlage vernichtet worden!
-
-Der dreiundzwanzigste August, der Tag des Ablaufs des Ultimatums an
-Japan, kam heran, und es war wohl selbstverständlich, daß der gelbe Jap
-überhaupt keiner Antwort gewürdigt wurde. Die Parole an diesem Tage
-lautete:
-
- „Immer feste druff!”
-
-Das war uns allen aus dem Herzen gesprochen.
-
-Ich weiß noch, wie ich am folgenden Morgen von meinem Balkon aus über
-das unendliche blaue Meer schaute und in der Entfernung von einigen
-Seemeilen mehrere schwarze Schatten bemerkte, die sich langsam hin
-und her bewegten. Durch das Doppelglas konnte ich dann Torpedoboote
-erkennen. Auch Patzig, der herbeieilte, überzeugte sich davon. Richtig,
-heute war ja der Vierundzwanzigste. Nun hatte die Bande die Blockade
-gegen uns eröffnet.
-
-So war es also wirklich wahr, die Japaner wagten es, das Deutsche Reich
-anzugreifen!
-
-Der Kampf eines gelben Kaiserreiches, unterstützt von einem Häuflein
-Engländer, gegen ein kriegsstarkes deutsches Regiment hatte begonnen.
-
-Gleich nach Ablauf des Ultimatums rückte ein Trupp von tausend Mann
-ins Vorgelände ab, um dieses und die Anmarschstraßen auf Tsingtau
-zu so lange als möglich zu verteidigen. Dieses kleine Häuflein
-hat seine Aufgabe hervorragend gelöst. Eine Strecke von dreißig
-Kilometern Breite, dann von zehn Kilometern mit gänzlich ungenügender
-Artillerieausrüstung war zu verteidigen. Da, wohin zwei Armeekorps
-gehört hätten, standen nur tausend Mann. In zähem, unerschrockenem
-Kampf, oft nur Patrouillen ganzen feindlichen Bataillonen
-gegenüberstehend, wichen sie langsam der zwanzigfachen Übermacht.
-Erst am achtundzwanzigsten September wurde die tapfere Schar hinter
-das Haupthindernis zurückgedrängt, welches sich nun für uns bis nach
-Austoben des Kampfes für immer schloß.
-
-In den ersten Tagen der Belagerung hielten die leitenden Kreise in
-Tsingtau von dem Nutzen meines Flugzeuges, wie von der ganzen Fliegerei
-überhaupt, nicht viel.
-
-Nach allem, was sie bis jetzt von uns hier draußen gesehen hatten, war
-dies ja auch nicht weiter zu verwundern.
-
-Das wurde bald anders!
-
-An einem der ersten Tage der Belagerung überflog ich wiederum die
-Südküste der Schantung-Halbinsel, um nach feindlichen Schiffen und
-besonders nach feindlichen Truppenlandungen Ausschau zu halten. Die
-Küste war wie ausgestorben, auch nicht das geringste war zu sehen
-gewesen. Ganz beruhigt, daß wir von dieser Seite aus sicher waren, flog
-ich nach Hause zurück. Nur so nebenbei ging ich an diesem Abend noch
-auf das Gouvernement, um einem Kameraden Guten Tag zu sagen. Zufällig
-traf ich hier mit dem Chef des Stabes zusammen, der große Eile hatte,
-da er eine wichtige Sitzung beim Gouverneur für einen Augenblick
-verließ, um sich ein Buch zu holen.
-
-Im Vorbeigehen rief er mir noch zu: „Na, Plüschow, sind Sie wieder mal
-geflogen?”
-
-„Jawohl”, sagte ich, „ich komme eben zurück. Ich habe mehrere Stunden
-lang die Küste nach feindlichen Truppenlandungen abgesucht, habe aber
-nichts vom Feinde gesehen.”
-
-Ich sehe noch heute das überraschte Gesicht unseres Chefs.
-
-„Was? Die Küste sind Sie abgeflogen, und das sagen Sie erst jetzt?
-Wir sitzen seit zwei Stunden und beraten, wie wir die großen
-Truppenlandungen in der Dsin-Dsia-Kou-Bucht, die uns heute durch unsere
-Kundschafter gemeldet wurden, abwehren können. Und Sie kommen gerade
-daher und können so einwandfreie Meldung bringen? Nun aber hinein zum
-Gouverneur und Ihre Beobachtung gemeldet!”
-
-Mit einigen Worten konnte nun die ganze Beratung erledigt werden. Die
-Kundschafter-Aussagen waren selbstverständlich erfunden.
-
-Ich aber war froh; die Ehre und das Ansehen der Fliegerei hatte ich
-gerettet!
-
-Und nun begann für mich die schwerste, aber auch schönste Fliegerzeit.
-
-Meine Feuertaufe im Flugzeug empfing ich schon bald. Es war in den
-ersten Tagen des September, als ich weit, weit draußen das Vorgelände
-abgraste und mich in eintausendfünfhundert Metern Höhe so recht des
-schönen Sonnenschein-Sonntages erfreute. Unter mir gewahrte ich
-plötzlich eine im Anmarsch befindliche größere japanische Truppenmasse,
-die mich mit lebhaftem Infanterie- und Maschinengewehrfeuer begrüßte.
-Mit zehn Schußlöchern in den Tragflächen kehrte ich stolz nach Hause
-zurück. In Zukunft blieb ich aber immer in zweitausend Meter Höhe,
-wodurch eventuelle Gewehr- und Maschinengewehrtreffer in meinen Motor
-und Propeller wesentlich ungefährlicher wurden.
-
-Die Feuertaufe an Land ließ auch nicht lange auf sich warten.
-
-An einem der nächsten Tage fuhr ich mit meinem Auto nach Schatsy-Kou,
-wo wir vorgeschobene Posten besaßen. Ohne an Böses zu denken, hielt
-ich vor dem Hause an. Zu meinem Erstaunen lagen alle Offiziere und
-Mannschaften längs einer nach See zu geschützten Böschung, winkten
-lebhaft mit den Armen, was ich selbstverständlich als Begrüßung
-auffaßte und durch ebensolches Winken erwiderte. Ich saß noch in meinem
-Auto, als ich dicht über meinem Kopfe ein lautes Pfeifen und Zischen
-und einen Augenblick darauf bereits ein ohrenbetäubendes Krachen
-vernahm. Nur zehn Schritt von uns entfernt war mitten im Mauerwerk des
-Hauses die erste Granate krepiert, und ehe ich mich auch nur besinnen
-konnte, langten auch schon die folgenden Geschosse an.
-
-Nun wir aber raus aus dem Auto und die Beine in die Hand genommen und
-schnell zu den anderen an die allerdings nur fragliche Deckung gelehnt.
-Meine Kameraden bogen sich schier vor Lachen, denn so ernst die
-Situation auch war, so ulkig muß der Anblick gewesen sein.
-
-Nun erfuhren wir auch, was los war.
-
-Eine japanische Torpedoboots-Flottille lag vor uns und versuchte
-durch ihr Geschützfeuer Schatsy-Kou zu zerstören. Zwei volle Stunden
-lagen wir, ohne etwas sehen zu können, ohne jede Deckung und ohne
-uns rühren zu können, im Granatfeuer. Dann schien die Mittagspause
-für den Jap zu kommen, und er stellte das Feuer ein. Als wir die
-Schäden des Hauses besichtigten, waren die kleinen Chinesenjungens
-schon längst dabei, die Granatsplitter zu sammeln. Und als wir uns
-einen Augenblick zu einer Tasse Kaffee hingesetzt hatten, kamen drei
-kleine Chinesenstifte freudestrahlend an, in ihren schmutzigen kleinen
-Fingern drei Blindgänger haltend, die sie in aller Ruhe vor uns auf den
-Tisch warfen. Na, wenn die losgegangen wären, das hätte ein schönes
-Schützenfest gegeben!
-
-Nun mußten wir zurück, und als das Auto in das erste Felsental einbog,
-krepierten hinter uns schon wieder die Granaten der neu einsetzenden
-Beschießung.
-
-Einige Zeit darauf mußte ganz Schatsy-Kou mit dem ganzen übrigen
-Schutzgebiet geräumt werden, und am achtundzwanzigsten September wurden
-wir hinter das Haupthindernis eingeschlossen, und gleichzeitig setzte
-von See aus die erste große Beschießung ein.
-
-Das war eine Ballerei!
-
-Am frühen Morgen dieses Tages saß ich quietschfidel in meiner
-Badewanne, um mich zu einem größeren Fluge zu erfrischen, als plötzlich
-ein schier ohrenzerreißender Lärm einsetzte. Da unsere Geschütze
-bereits tage- und nächtelang gedonnert hatten, achtete ich nicht weiter
-auf den verstärkten Lärm, sondern schob ihn auf das Feuern unserer
-Achtundzwanzig-Zentimeter-Haubitzen der Bismarck-Batterie, die, um
-Munition zu sparen, bis jetzt geschwiegen hatte, und an deren Fuß meine
-Villa lag.
-
-Ich schickte meinen Burschen noch zu meinem Flugzeug, um nachzusehen,
-ob alles klargemacht würde. Aber schon nach einigen Minuten kam
-er atemlos und etwas blaß zurück und meldete: „Herr Oberleutnant,
-wir müssen schnell die Villa verlassen, wir werden von vier großen
-Schiffen beschossen. Eine der schweren Granaten ist eben ganz dicht
-beim Flugzeugschuppen krepiert, aber Gott sei Dank ist das Flugzeug
-heil geblieben, und niemand ist verletzt. Nur ich habe mir die Finger
-verbrannt. Da lag so ein schönes großes Sprengstück, und das wollte ich
-doch als Andenken mitnehmen; na, und das war so heiß, aber mitgebracht
-habe ich es doch!” Und dabei hob er freudestrahlend ein halb
-verbranntes Taschentuch hervor, in dem ein zirka armlanges furchtbares
-Sprengstück einer Dreißigeinhalb-Zentimeter-Granate lag. Nun war ich
-aber raus aus meinem Bad! Kaum zwei Minuten später stand ich bei meinem
-schwer gefährdeten Flugzeug, und mit vereinten Kräften schoben wir den
-teuren Vogel in eine andere Ecke des Platzes, wo er hinter einem Abhang
-etwas geschützter stand. Dann lief ich auf den Küstenkommandeurstand,
-um mir das Schauspiel der Beschießung anzusehen.
-
-Dieser Kommandeurstand lag auf einem Hügel, von dem man einen geradezu
-idealen Überblick über Tsingtau hatte. Von hier aus konnte man jede
-einzelne Granate einschlagen sehen, und wenn ich nicht flog, saß ich
-während der ganzen nächsten Wochen hier oben in freier Luft, um dem
-Kampf zuzusehen.
-
-Die erste Beschießung von Tsingtau an diesem achtundzwanzigsten
-September war besonders eindrucksvoll.
-
-Das Krachen und Krepieren der Granaten und das Gedröhne
-wurden durch die rings herumliegenden Berge bedeutend
-verstärkt. Schlag auf Schlag folgten die Einschläge der langen
-Dreißigeinhalb-Zentimeter-Schiffsgeschosse, und wir hatten den
-Eindruck, daß ganz Tsingtau in einen Trümmerhaufen verwandelt werden
-würde. Ein unheimliches Gefühl, an das man sich aber schnell gewöhnt.
-Man ist ja doch den einschlagenden Granaten gegenüber vollkommen
-machtlos und kann nichts weiter tun als warten, bis alles vorbei ist.
-
-Man soll nur Glück haben, nicht gerade da zu stehen, wo solch ein
-unheimliches Ding niedersaust.
-
-Wie schmachvoll müssen diese und die folgenden Beschießungen für die
-Engländer gewesen sein!
-
-Die feindlichen Schiffe dampften so weit draußen, daß unsere Geschütze
-sie nicht erreichen konnten. Also in vollster Sicherheit. Vorneweg
-fuhren drei japanische Schlachtschiffe und als letztes Schiff hinterher
-unter japanischem Befehl: das englische Linienschiff „Triumph”.
-
-Wie stolz sich diese Engländer wohl bei solcher Henkersarbeit
-vorgekommen sind!
-
-Gott sei Dank war der Schaden, den das Bombardement angerichtet
-hatte, nicht groß gewesen, und von nun ab sahen wir den kommenden
-Beschießungen mit größter Ruhe entgegen.
-
-Am Abend dieses Tages war ich Zeuge einer besonders traurigen
-Begebenheit.
-
-Unsere Kanonenboote „Cormoran”, „Iltis” und „Luchs” wurden von uns
-versenkt, nachdem sie ihre ganze Bewaffnung abgegeben hatten.
-
-Es war ein ganz trostloser Anblick.
-
-Die drei Schiffe, hintereinander festgemacht, wurden durch einen
-Dampfer in tiefes Wasser geschleppt, dort angezündet, dann gesprengt
-und verbrannt. Es sah aus, als ob die drei Schiffe wüßten, daß sie zur
-Schlachtbank geführt wurden. So unendlich traurig und hilfesuchend
-reckten sie ihre kahlen Masten zum Himmel empor; und unter den Flammen
-wanden sich die Schiffsleiber, als wenn sie noch Leben in sich gehabt
-hätten, bis endlich die Wogen über ihnen zusammenschlugen und sie von
-ihren Leiden befreiten. Wie krampfte sich mir das Seemannsherz zusammen
-bei diesem Anblick! Diesen drei folgten „Lauting” und „Taku” und kurz
-vor der Übergabe der kleine „Jaguar” und der österreichische Kreuzer
-„Kaiserin Elisabeth”, nachdem diese beiden letzteren Schiffe uns
-unendliche Dienste geleistet hatten. Die Arbeit dieser beiden Schiffe
-füllt ein Ruhmesblatt in der Geschichte von Tsingtaus Kampf und Tod.
-
-
-
-
-Allerhand Scherze der Japs
-
-
-Die Tätigkeit der japanischen Belagerungsarmee war für uns ein großes
-Rätsel. Nach der ersten großen Beschießung dachten wir alle, die
-Japaner würden versuchen, die Festung sofort zu stürmen, aber nichts
-dergleichen geschah. Wir begriffen den Feind einfach nicht, der mußte
-doch wissen, wie schwach wir waren, und daß sie nur ein einziges
-Drahthindernis zu überwinden brauchten, um in der Festung zu sein.
-
-Dann tauchten bei uns die wildesten Gerüchte auf.
-
-„Die Japaner wagen nicht, uns anzugreifen, die Sache steht in Europa
-zu gut für uns!” Dann wieder: „Die Amerikaner schicken uns ihre Flotte
-zu Hilfe; die Japaner werden abziehen müssen!” Und dann: „Die Japaner
-wollen uns nur aushungern, sie wollen, daß Tsingtau so heil wie möglich
-in ihre Hände fällt!”
-
-Aber alles blieb nur Vermutung.
-
-Ruhig und systematisch und ohne daß wir sie daran hindern konnten,
-landeten die Japaner ihre Truppen, bauten Wege und Eisenbahnen,
-schafften die schwersten Belagerungsgeschütze und Munition heran,
-gruben sich unseren Hindernissen gegenüber ein und arbeiteten sich
-vorwärts gegen unsere Verteidigungslinie.
-
-Jetzt begann für mich meine Hauptarbeit: das Erkunden der feindlichen
-schweren Batterien.
-
-Und Tag für Tag, wenn das Wetter und _der_ Propeller es erlaubten,
-stand ich früh im ersten Morgengrauen bei meinem Flugzeug.
-
-Und auf ging es, einem ungewissen Schicksal entgegen. Und wenn die
-Sonne aufging, dann schwebte ich hoch am blauen Firmament, umkreiste
-stundenlang die feindlichen Stellungen und spähte hinab auf das
-geliebte Schutzgebiet, in das sich ein frecher Feind einnistete, um uns
-Tod und Verderben hinüberzusenden.
-
-Schwer war meine Arbeit, aber schön, und sie wurde durch den Erfolg
-reichlich belohnt.
-
-Und _daß_ ich Erfolg hatte, das merkte ich am besten aus den
-Anstrengungen, welche der Feind machte, um mich herunterzuholen und
-mich unschädlich zu machen.
-
-Wie ich bereits vorher erwähnt habe, war ich jetzt der einzige Flieger
-in Tsingtau, „der Vogelmaster von Tsingtau”, wie mich die Chinesen
-nannten, und hatte auch nur diese eine Taube zur Verfügung. Nun galt
-es aufpassen und nichts kaputt machen, sonst war es vorbei mit der
-Fliegerei.
-
-Ganz außerordentlich wurde das Fliegen erschwert durch den kleinen,
-von hohen Bergen wie ein Kessel eng umschlossenen Flugplatz und die
-ganz außerordentlich schwierigen Luftverhältnisse. Durch die hohen,
-schroffen Gebirge, durch den Wechsel von Land und Wasser und durch die
-starke Sonnenbestrahlung war die Turbulenz der Luft ganz ungewöhnlich
-stark und die Luftverhältnisse schon morgens um acht Uhr so ungünstig,
-wie sie in Deutschland während der heißesten Jahreszeit um die
-Mittagsstunden kaum vorkommen. Nur der kann wohl einen Begriff von den
-Schwierigkeiten des Fliegens in einem solchen Gelände sich bilden, der
-das selbst durchgemacht hat.
-
-Hinzu kam, daß mein Flugzeug, welches für normale Verhältnisse zu Hause
-gebaut war, in dieser dünnen Luft zu schwer war, mein Motor hundert
-Umdrehungen zu wenig machte und ich mit einem Propeller flog, der auf
-die oben angeführte Weise entstanden war.
-
-Kein Wunder also, daß ich nicht daran denken konnte, jemals einen
-Beobachter mitzunehmen. Alles irgend Entbehrliche riß ich aus meinem
-Flugzeug heraus, um es zu erleichtern. Benzin und Öl wurden so
-bemessen, daß ich eben auskam, ja oft ließ ich sogar meine Lederjacke
-zu Hause, nur um mit dem Flugzeug aus dem Platz herauszukommen.
-
-Der Start, der war ja das Verhängnisvolle!
-
-Jeder Start mußte glücken; mißlang er, dann war es um mich und mein
-Flugzeug geschehen.
-
-Der Abflug war wirklich ein jedesmaliger Kampf auf Leben und Tod, und
-wie oft hat es nur an einem Haar gehangen, daß das Flugzeug nicht
-zerschellte.
-
-Manchmal, wenn ich nach Süden zu startete, setzten am Ende des Platzes,
-ungefähr da, wo das Fort Hu-Tchuen-Huk mit dem Meere zusammenstößt,
-enorme Fallböen ein, das Flugzeug fiel direkt unter mir weg, ich
-riß es eben noch über die Geschützrohre des Forts frei, dann fiel
-das Flugzeug wieder schwer durch, und oft handelte es sich nur um
-Handbreiten, daß ich es über dem Meeresspiegel wieder abfing, wo es
-sich langsam erholte und zu klettern anfing.
-
-Der Start nach Norden zu (andere als diese beiden Richtungen kamen
-nicht in Frage) war furchtbar, und im ganzen habe ich ihn nach dieser
-Richtung hin auch nur sechs- bis siebenmal gemacht; aber an diese Male
-denke ich dafür mein Leben lang.
-
-Im äußersten Südzipfel des Platzes mußte ich dann starten. Und in
-einer geraden Linie ging es über den nur wenige hundert Meter langen
-Platz hinweg, über meinen Schuppen, über mehrere Villen und über
-unseren Kirchhof, der bereits an einem zirka einhundertundfünfzig Meter
-hohen schmalen Sattel lag, der von beiden Seiten von den Felsmassen
-des Bismarck-Berges und der Iltis-Berge eingeschlossen wurde. Sowie
-ich links den Bismarck-Berg hinter mir hatte, kamen die ersten
-Seitentäler, und aus diesen setzten scharfe Böen ein, mein Flugzeug
-bekam einen mächtigen Stoß und legte sich schwer nach Steuerbord über,
-und trotz voller Verwindung konnte ich das Flugzeug nicht wieder
-aufrichten. Seitensteuer durfte ich nicht geben, um nicht in die Felsen
-hineinzurennen.
-
-[Illustration: Das Dienstpersonal des Verfassers in Tsingtau.]
-
-So raste denn mein Flugzeug in dieser Stellung mit der rechten
-Flügelspitze nur wenige Zentimeter von den unter mir liegenden
-Baumkronen und Felsmassen entfernt durch dieses Höllental hindurch, und
-ich konnte nichts weiter tun, als mein Steuer mit eiserner Ruhe führen,
-um nicht unten zu zerschellen. Bis ich dann endlich auf der anderen
-Seite über dem Wasser der Kiautschou-Bucht schwebte und mein Flugzeug
-wieder vernünftig wurde.
-
-[Illustration: Kapitänleutnant Plüschow.]
-
-Ich will's gestehen, heiß und kalt hat's mich bei jedem Start
-überlaufen, und ordentlich froh war ich, wenn ich ihn hinter mir hatte
-und mich höher und höher schraubte, bis ich endlich meine zweitausend
-Meter erreicht hatte. Das war allerdings eine Geduldsprobe. Manchmal
-kam ich in einer Stunde hinauf. Gewöhnlich aber dauerte es bis zu
-einunddreiviertel Stunden. Während dieser ganzen Zeit flog ich weit,
-weit draußen über See, um den Schrapnells, die die Japaner nach mir
-sandten, zu entgehen.
-
-Was konnte ich noch lange darüber nachdenken, daß ich ein Landflugzeug
-hatte, und daß ich bei der geringsten Motorpanne ertrinken mußte. Es
-wäre ja doch dasselbe gewesen, als wenn eine Panne oder womöglich ein
-Volltreffer mich über dem Lande erreicht hätte. Im ganzen Schutzgebiet
-gab es nur Felsen, Schluchten und außer meinem Flugplatz nicht ein
-einziges Plätzchen, wo ich hätte heil landen können.
-
-Die Gedanken daran kamen mir wohl ab und zu in den ersten Tagen, aber
-da sie doch zwecklos waren, gab ich sie wieder auf.
-
-Während der ganzen Zeit dieses Emporkletterns erfreute ich mich dann an
-dem herrlichen Sonnenschein, an dem wunderbaren Anblick der schroffen
-Felsenküsten und an dem tiefblauen Meer. Meist sang oder pfiff ich
-ein Liedchen, und wenn der Höhenmesser zweitausend Meter zeigte, dann
-brummte ich ein Gott sei Dank, und auf dem kürzesten Wege schoß ich der
-feindlichen Linie zu und begann meine Beobachtungen.
-
-Diese führte ich dann folgendermaßen aus:
-
-Sobald ich über dem Feinde war, drosselte ich den Motor so, daß das
-Flugzeug die Höhe von selber hielt. Dann hängte ich meine Karte
-vor mich an das Höhensteuer, nahm einen Bleistift mit Notizheft
-zur Hand und beobachtete nach unten, zwischen Tragfläche und Rumpf
-hindurchsehend, den Feind. Das Höhensteuer ließ ich ganz los, und die
-Seite steuerte ich mit den Füßen.
-
-Eine Stellung umkreiste ich dann so lange, bis ich alles ausgemacht, in
-die Karte eingetragen, mir genau aufgeschrieben und eine ganz genaue
-Skizze angefertigt hatte. Ich hatte bald eine solche Übung darin, daß
-ich oft, ohne überhaupt aufzusehen, einundeinhalb bis zwei Stunden nach
-unten beobachtete und alles genau aufschrieb.
-
-Und wenn mir dann das Genick steif wurde, drehte ich mich um und sah
-nach der anderen Seite hinunter. Bis ich dann endlich mit meinen
-Aufzeichnungen zufrieden war und ein Blick auf die Benzinuhr mich
-belehrte, daß es höchste Zeit sei umzukehren, um noch meinen Platz zu
-erreichen.
-
-Der Rückflug war jedesmal derselbe. In stolzem Bogen umkreiste ich die
-Werft und die Stadt, und über meinem Platz angekommen, stellte ich den
-Motor ab, und in rasendem Kurven-Gleitflug ging es der Erde zu, und
-vier Minuten später stand ich wohlbehalten unten.
-
-Die Eile war nötig!
-
-Mein Flugzeug wurde natürlich während der ganzen Stunden, die ich über
-den feindlichen Stellungen schwebte, auf das heftigste mit Gewehren
-und Maschinengewehren beschossen. Und als das nichts half, kamen die
-Schrapnells. Die waren allerdings eklig.
-
-Und immer wieder neue Überraschungen hatten die Japaner für mich. Als
-ich zum Beispiel an einem herrlichen Morgen mit prächtigem blauem
-Himmel von einer Aufklärung zurückkam und landen wollte, schwebten
-über meinem ganzen Landungsplatz lauter kleine weiße Wölkchen in etwa
-dreihundert Meter Höhe, die von oben ganz allerliebst aussahen.
-
-Aber bald merkte ich, daß die Japaner sich wieder einmal einen
-Scherz mit mir erlaubten, denn die Wölkchen waren Sprengwolken von
-Zehneinhalb-Zentimeter-Schrapnells.
-
-Aber was half es -- Zähne zusammen und durch!
-
-Und vier Minuten später stand meine Maschine aus zweitausend Meter
-Höhe im Sturzflug kommend, wohlbehalten auf dem Platz, und so schnell
-ich konnte, rollte ich mit ihr in den Schuppen, dessen Dach durch Erde
-geschützt war.
-
-Nun galt es für mich, List anzuwenden.
-
-Und manchmal, wenn ich noch über den feindlichen Stellungen war,
-stellte ich plötzlich den Motor ab und sauste senkrecht auf eine Ecke
-meines Platzes zu, so daß die Japaner glaubten, ich sei abgeschossen,
-und sie so überrascht wurden, daß ihre Schrapnells über dem Platz erst
-ankamen, als ich bereits zum Schuppen rollte.
-
-Als ich aber immer wiederkam, da verlegten die Japaner zwei ihrer
-Zehneinhalb-Zentimeter-Batterien so weit nach hinten und nach der
-Seite, daß ihre Schrapnells mich bequem erreichten, während ich die
-Stunden über ihren Stellungen kreiste. Das war das Unangenehmste, und
-oft wäre mein Schicksal auch beinah besiegelt gewesen, wenn ich nicht
-durch eine plötzliche scharfe Wendung das Getroffenwerden vermieden
-hätte.
-
-Die Schrapnells krepierten dann so nahe, daß ich trotz des
-Motorengeräusches das häßliche Bellen der Detonation hörte, den
-heftigen Luftdruck im Gesicht verspürte und mein Flugzeug so stark
-wie eine alte Kuff im Seegang zu rollen anfing, was mich bei meinen
-Beobachtungen stark belästigte.
-
-Ich muß offen sagen, sobald ich jedesmal glatt gelandet war, spürte ich
-ein herrliches Gefühl der Freude und der Genugtuung nach vollbrachter,
-schwerer Arbeit, ja meist stieß ich vor lauter Freude einen kräftigen
-Jauchzer aus.
-
-Zu denken auch:
-
-Nur vier Minuten früher war ich zweitausend Meter hoch gewesen, hatte
-Stunden höchster Anstrengung und Gefahr hinter mir und rollte nun
-trotz Geschoß und Schrapnell auf Gottes schöner Erde und hatte wieder
-festen Grund unter den Füßen!
-
-Sobald ich aufgesetzt hatte, kamen meine vier braven Leute, die des
-Schrapnellhagels nicht achteten, herangelaufen und halfen mir die
-Maschine bergen. Mit freudigem Gekläff wurden sie umsprungen von meinem
-treuen Hund Husdent.
-
-Und während die vier das Flugzeug zum nächsten Male wieder klar
-machten, saß ich längst am Steuer meines Autos, in der Brusttasche
-meine Karten und Meldungen, neben mir Husdent, und raste nochmals durch
-das Schrapnellfeuer über den Platz und zum Gouvernement, wo bereits auf
-meine Meldungen gewartet wurde.
-
-Ich glaube, man wird meine Freude und meinen Stolz verstehen können,
-wenn ich meine Aufzeichnungen auspacken konnte. Hatte ich doch manchmal
-an einem Tage fünf bis sechs neue feindliche Batterien entdeckt, und
-oft füllten meine Beobachtungen vier Seiten der Berichtsformulare aus.
-
-Der warme Händedruck des Dankes meines Gouverneurs und des Chefs des
-Stabes sagte mir genug.
-
-Und während ich dann nach Hause fuhr, um zu frühstücken und mich
-zu erholen, da donnerten bereits unsere Geschütze und warfen ihren
-Eisenhagel in die von mir neu erkundeten Stellungen hinein.
-
-
-
-
-Meine Kriegslist
-
-
-Wie traurig sah es jetzt in meinem Häuschen aus, so einsam und
-verlassen!
-
-Gleich zu Beginn der Belagerung mußte der gute Patzig
-sein Heim aufgeben und als Batteriekommandeur zu seiner
-Einundzwanzig-Zentimeter-Batterie eilen. Nur vier Wochen hat er etwas
-von seiner schönen Wohnung gehabt, dann saß er in seiner Kasematte
-und tat seine Pflicht, bis seine letzte Granate verschossen war und
-die Japaner mit ihren Achtundzwanzig-Zentimeter-Haubitzen seine ganze
-Batterie zu einem wüsten Trümmerhaufen verwandelten!
-
-Treulos verließ mich aber, als der erste Schuß fiel, mein Chinesenkoch
-Moritz, und eines Abends waren auch Fritz, Max und August spurlos
-verschwunden.
-
-Nach einigen Tagen kam ein neuer Chinesenkoch, Wilhelm genannt, der mir
-mit großen Gebärden erzählte:
-
-„Du, Vogelmaster, ich gute Koch sein, ich nicht weglaufen wie die
-schlechte Kerl, die Molitz, iche nicht Angst haben, ich ~plenty~ gut
-chau-chau mache.”
-
-Ich glaubte es, versprach ihm fünf Dollars mehr, und es ging auch ganz
-gut, bis eines Tages die ersten feindlichen Granaten in der Nähe meines
-Hauses krepierten und Herr Wilhelm ebenso spurlos verduftete wie seine
-Vorgänger.
-
-Nun saß ich mit meinem treuen Burschen Dorsch in dem verwaisten Hause
-allein.
-
-Wir beide waren jetzt die einzigen Bewohner des ganzen Villenviertels
-der Iltis-Bucht.
-
-Angenehm und sicher war der Aufenthalt gerade nicht, denn die Villen
-waren an die Hügel gebaut, die unsere Hauptbatterien trugen, und die
-feindlichen Granaten, die bei diesen vorbeigingen, trafen mitten in uns
-hinein. Wir beide waren aber sehr vorsichtig. Wir zogen nämlich aus dem
-oberen Stockwerk aus und richteten uns im Erdgeschoß häuslich ein. Zum
-Überfluß stellten wir beide noch unsere Betten so in eine Ecke, daß wir
-nicht unmittelbar am Fenster lagen, und das war dann Sicherheit genug.
-Gut, daß kein dicker Koffer uns zu einem Versuch herausforderte.
-
-In der Luft blieb ich nicht lange allein.
-
-Am Vormittag des fünften September, bei unfreundlichem Wetter, mit
-tiefhängenden Wolken, hörten wir plötzlich das Brummen eines Motors,
-und ich lief aus dem Hause, um zu sehen, was los sei. Und schon schoß
-dicht über unseren Köpfen ein riesiger Doppeldecker aus den Wolken. Ich
-war sprachlos. Und wie gebannt schaute ich dem Gespenste nach. Bald
-jedoch krachten die ersten Bombenexplosionen, und nun gewahrte ich auch
-die großen roten Bälle unter den Tragflächen des Flugzeuges.
-
-Also ein Japaner!
-
-Ich muß sagen, mir war eigenartig zumute, als ich den riesigen
-feindlichen Kollegen so dicht über meinem Kopfe dahinschweben sah. Das
-konnte ja für die Zukunft eine heitere Geschichte werden!
-
-Für Tsingtau war das Erscheinen des feindlichen Fliegers eine höchst
-unangenehme Überraschung. Daß die Japaner auch Flugzeuge mitbringen
-würden, das hatte keiner erwartet.
-
-Im ganzen hatten die Japaner im Laufe der Belagerung acht Flugzeuge,
-darunter vier ganz hervorragend große Wasserdoppeldecker, um die ich
-die Japse herzlichst beneidete.
-
-Wie oft habe ich in den nächsten Wochen, wenn die wunderschönen, neuen,
-großen Wasserdoppeldecker der Japaner die Stadt umkreisten, sehnsüchtig
-nach oben geschaut und mir solch ein Ding herabgewünscht.
-
-Fliegen taten die Japaner sehr gut, und mit außerordentlichem Schneid,
-das muß man ihnen lassen.
-
-Ein Segen, daß ihr Bombenwerfen nicht ebensogut war, sonst hätte es bös
-was für uns abgegeben.
-
-Die japanischen Fliegerbomben waren stark, neuester Konstruktion und
-von ganz bedeutender Sprengwirkung.
-
-Einen gewaltigen Vorteil hatten die feindlichen Wasserflugzeuge. Sie
-konnten weit draußen, gänzlich ungestört durch uns, ohne Rücksicht auf
-Windrichtung, in aller Ruhe starten, hatten so viel Anlaufstrecke vor
-sich, wie sie nur irgend wünschen konnten, Windrichtung war gänzlich
-egal, und wenn sie dann in größter Sicherheit ihre dreitausend Meter
-erreicht hatten, kamen sie zu uns herüber, und dann pfiffen sie auf
-unsere Schrapnells und unser Maschinengewehrfeuer.
-
-Eins der Hauptziele der feindlichen Fliegerbomben war mein
-Flugzeugschuppen.
-
-Die Sache wurde für mein Flugzeug bald so ungemütlich, daß ich eines
-Tages auszog und beschloß, meine feindlichen Kollegen ganz gründlich
-anzuführen.
-
-Mein richtiger Schuppen lag auf dem Nordende des Platzes, war von oben
-wundervoll zu sehen und den Japanern natürlich zur Genüge bekannt. Nun
-baute ich in aller Stille genau am entgegengesetzten Ende des Platzes
-einen neuen Schuppen, den ich direkt an einen Bergabhang anlehnte und
-mit Erde und Gras so bedeckte, daß von oben tatsächlich nicht das
-geringste zu sehen war. Dann bauten wir mit vieler List und Tücke aus
-Brettern, Segeltuch und Blech ein Scheinflugzeug, welches von oben
-gesehen meiner Taube täuschend ähnlich sah. Sowie nun in Zukunft die
-feindlichen Flieger kamen, wurde Theater gespielt.
-
-An einem Tage waren die Tore meines alten Schuppens auf, und davor saß
-im schönen grünen Gras, breit und behäbig, mein Simulaker. An einem
-anderen Tage waren die Tore geschlossen und nichts zu sehen. Wiederum
-an einem Tage saß mein Scheinflugzeug an einer anderen Stelle des
-grünen Rasens, wo es sich besonders gut abhob, und so ging es fort.
-Nun kamen die feindlichen Flieger und warfen Bomben auf Bomben und
-bemühten sich, diesen unschuldigen Vogel zu treffen. Wir dagegen, mit
-unserem richtigen Flugzeug, saßen quietschfidel und durch unser Dach
-wohlgeschützt am anderen Ende des Platzes und hielten uns den Bauch
-vor Lachen, wenn wir sahen, wie die Bomben ihr unschuldiges Opfer
-heimsuchten.
-
-Eines Tages, als wieder besonders viele Bomben gefallen waren, nahm
-ich ein schönes Sprengstück einer japanischen Fliegerbombe, befestigte
-daran meine Visitenkarte und schrieb darauf: „Den feindlichen Kollegen
-besten Gruß! Warum werfen Sie mit so harten Gegenständen? Wie leicht
-kann das ins Auge gehen! Und das tut man doch nicht!”
-
-Diesen Brief nahm ich bei meinem nächsten Fluge mit und warf ihn vor
-der japanischen Wasserflugstation nieder.
-
-Das war aber nur die Ankündigung meines Besuches.
-
-Im Artilleriedepot hatte nämlich einer der Herren inzwischen
-Bomben für mich angefertigt. Ganz großartige Dinger! Große
-Zweikilogramm-Blechbüchsen, auf denen schön zu lesen war: Sietas,
-Plambeck & Co., bester Java-Kaffee, wurden mit Dynamit, Hufeisennägeln
-und Eisenstücken gefüllt. Unten wurde eine Bleispitze angebracht und
-oben ein Zünder, der daraus bestand, daß ein spitzer Eisenkern beim
-Aufschlagen auf das Zündhütchen einer Gewehrpatrone schlug und dadurch
-die ganze Bombe zur Explosion brachte. Etwas unheimlich waren mir ja
-diese Dinger, und wie ein rohes Ei faßte ich sie an, und ich war immer
-herzlichst froh, wenn ich sie abgeworfen hatte. Viel Schaden haben
-sie nicht angerichtet. Einmal habe ich ein Torpedoboot getroffen,
-und da ging das Ding nicht los; mehrere Male hätte ich beinahe einen
-Transportdampfer erwischt, und einmal habe ich gemäß japanischen
-Nachrichten eine Bombe mitten in eine japanische Kolonne geworfen und
-damit dreißig Gelbe zum Hades befördert.
-
-Bei einer Gelegenheit hatte ich mich ganz besonders geärgert, und das
-war, als ich eines frühen Morgens das Lager unserer lieben Vettern
-erkundet hatte und ihnen zu ihrem Morgenkaffee meinen echt javanischen
-Kaffee beisteuern wollte. Die Bombe fiel nach englischen Berichten
-auf ihr Küchenzelt, und da dieses stark federte, prallte sie leider
-wirkungslos ab.
-
-Das Vergnügen des Bombenwerfens habe ich mir bald verkniffen. Ich hatte
-sowieso schon, wo ich immer allein war, genug zu tun. Die Wirkung
-rechtfertigte auch nicht die mit Bombenwerfen verschwendete Zeit.
-
-Mit meinen feindlichen Fliegerkollegen habe ich mich dann öfters in der
-Luft getroffen. Suchen tat ich diese Begegnung nicht, denn ich allein
-mit meiner langsam steigenden, schwerfälligen Taube konnte gegen die
-großen Doppeldecker, die drei Mann Besatzung an Bord hatten, nichts
-ausrichten. Und vor allen Dingen hatte ich die verdammte Pflicht,
-aufzuklären und dann das Flugzeug Tsingtaus heil nach Hause zu bringen.
-
-Einmal war ich in meine Beobachtungen ganz vertieft, als mein Flugzeug
-sehr stark anfing zu schlingern und zu stampfen. Ich dachte, es wären
-wieder einmal Luftstörungen, die durch die vielen steilen und schroffen
-Gebirge hervorgerufen wurden und ja das ganze Fliegen in dieser Gegend
-so außerordentlich erschwerten. Ohne also aufzusehen, beobachtete ich
-weiter und erfaßte nur mit der einen Hand das Höhensteuer, um das
-Flugzeug zur Ruhe zu zwingen.
-
-Nach meiner Rückkehr wurde mir zu meinem Erstaunen erzählt, daß eins
-der feindlichen Flugzeuge dicht über mir weggeflogen wäre, und alles
-dachte schon, ich würde von diesem heruntergeschossen werden.
-
-Das nächstemal paßte ich besser auf. Und als ich einen meiner
-feindlichen Landkollegen dicht unter mir erblickte, verfolgte ich ihn
-und schoß ihn mit meiner Parabellum-Pistole mit dreißig Schuß herunter.
-
-Kurze Zeit hinterher wäre es mir fast selbst so ergangen. Ich war nur
-eintausendsiebenhundert Meter hoch, und trotz der größten Anstrengung
-kam und kam ich nicht höher. Ich war gerade über dem feindlichen
-Wasser-Fliegerlager, und einer der großen Doppeldecker startete
-soeben. Ich führte nun meine Erkundungen weiter aus und dachte: Na,
-der kann ja lange krebsen, bis er so hoch ist wie du!
-
-Aber schon nach vierzig Minuten, als ich nach links über die
-Tragflächen hinwegschaute, da schwebte der Feind nur wenige tausend
-Meter entfernt in derselben Höhe wie ich. Donnerwetter, nun hieß es
-aufpassen und höher steigen. Aber wie verhext streikte mein Vogel.
-Nicht einen Meter gewann ich mehr, und schon nach fünfzehn Minuten war
-der andere ein ganzes Stück höher als ich, kam schräg auf mich zu, und
-ich merkte seine Absicht, mir den Weg nach Tsingtau abzuschneiden.
-
-Jetzt ging's um die Wette, wer zuerst ankam und sich zuerst über
-Tsingtau befand.
-
-Ich gewann das Rennen.
-
-Und als ich über meinem Platz war, da ging's im steilsten Sturzfluge
-nieder, und als ich eben auf dem Platze aufsetzte, da krepierten auch
-schon die ersten feindlichen Bomben dicht hinter mir.
-
-Wie wunderbar manchmal so eine Bombe trifft!
-
-In Tsingtau war strenger Befehl, daß bei Annäherung der feindlichen
-Flieger jedermann sofort in Deckung zu gehen hätte, wodurch es
-ermöglicht wurde, daß keine Verluste eintraten. Nur einmal ist ein
-Unteroffizier verletzt worden und einmal ein Chinese. Und das war
-wunderbar genug! Auf meinem Platze arbeiteten ungefähr hundert
-Chinesen, und bei Annäherung der Flieger brachten sie sich schleunigst
-in Sicherheit.
-
-Nur so'n brauner Geselle blieb an einem Tage mitten auf dem Platze
-mutterseelenallein sitzen und sah sich erstaunt den großen Vogel an.
-Bums! ging eine Bombe nieder, und wo krepierte sie? Ausgerechnet einige
-Schritte neben diesem armen Teufel, und verletzte ihn schwer.
-
-Ja, ich sage, man muß nur Pech haben und gerade da stehen, wo Granaten
-und ähnlich schwerverdauliche Gegenstände herniederfallen.
-
-
-
-
-Hurra!
-
-
-Und wie sah es nun inzwischen in Tsingtau aus? Die Beschießung von
-See setzte täglich ein, und bald kamen auch die ersten Landbatterien
-und halfen mit bei dem höllischen Spiel. Außer in den bombensicheren
-Räumen und Kasematten gab es keinen sicheren Platz mehr in ganz
-Tsingtau. Die Beschießung wurde heftiger und immer heftiger,
-und an manchen Tagen wurden allein von See aus mehrere hundert
-Dreißigeinhalb-Zentimeter-Schiffsgranaten in das kleine Tsingtau
-hineingeschossen.
-
-Am vierzehnten Oktober fand eine besonders heftige Beschießung
-unseres Seewerkes Hu-Chuin-Huk statt. Weit draußen fuhren die
-feindlichen Schiffe, und schon nach der zweiten Salve deckten die
-Dreißigeinhalb-Zentimeter-Granaten das kleine Werk. Nun folgte Salve
-auf Salve. Das ganze Werk war in Wassersäulen, Flammen und Rauch
-eingehüllt, und das Krachen und Dröhnen der krepierenden Granaten ließ
-die Erde erbeben.
-
-Wie immer, so stand ich auch an diesem Morgen auf dem
-Küstenkommandeurstand nur rund tausend Meter seitlich von dem
-beschossenen Fort ab und erlebte so das grausige Schauspiel aus
-nächster Nähe.
-
-Oft flogen die scharfen, bis über einen Meter langen Sprengstücke der
-Granaten pfeifend und surrend und unheimlich zischend über unsere
-Köpfe weg, ohne daß wir darauf achteten, da uns der Anblick des
-beschossenen Forts zu sehr gefangennahm. Das Gesehene war so gewaltig,
-daß es sich nicht beschreiben läßt.
-
-So etwas kann man nur erleben.
-
-Wir dachten mit Schmerzen an die tapfere Besatzung und an ihren
-sicheren Untergang, aber mitten im tollsten Feuer schoß die eine
-alte Vierundzwanzig-Zentimeter-Kanone einen Schuß, und voll Spannung
-richteten sich sofort alle unsere Doppelgläser auf die feindlichen
-Schiffe.
-
-Und da plötzlich ein Hurra! So jubelnd und froh entrang es sich unsern
-Kehlen, und drüben beim englischen Linienschiff „Triumph” saß unsere
-Sprenggranate mitten an Deck. „Triumph” drehte sofort ab und lief mit
-äußerster Kraft davon, und als kurze Zeit darauf unsere zweite Granate
-ankam, konnte sie nur noch fünfzig Meter hinter seinem Heck ins Wasser
-einschlagen.
-
-„Triumph” dampfte dann nach einigen Signalen, die er mit dem
-japanischen Flaggschiff wechselte, ab und ging zur Reparatur nach
-Yokohama.
-
-Die drei japanischen Schiffe setzten ihre Beschießung fort, aber
-nunmehr in noch respektvollerer Entfernung, so daß es zwecklos war, mit
-unseren alten Kanonen, die längst nicht so weit reichten, zu feuern.
-
-Mittags um zwölf Uhr hörte die Beschießung endlich auf, nachdem der
-Feind sowohl wie wir mit Recht der Überzeugung sein konnten, daß das
-Fort zerstört und die Insassen getötet seien.
-
-Sofort eilte der Stab des Küstenkommandeurs zum Fort Hu-Chuin-Huk, und
-auch ich folgte mit meinem Auto.
-
-Gewärtig eines furchtbaren Anblicks, waren wir bei unserer Ankunft
-höchst erstaunt, die gesamte Besatzung froh und vergnügt umherspringen
-zu sehen, Sprengstücke sammelnd und die riesigen Krater, die die
-feindlichen Granaten in den Boden geschlagen hatten, bewundernd.
-
-Das war eine Freude! Kein einziger der Leute verletzt, kein Geschütz
-beschädigt, kein bombensicherer Raum durchschlagen!
-
-Der Erfolg der schweren Beschießung war: eine Keksschachtel zerschlagen
-und ein Mannschaftshemd, welches zum Trocknen gehangen hatte, zerrissen.
-
-Und dazu unter anderem Einundfünfzig- bis
-Dreißigeinhalb-Zentimeter-Geschosse.
-
-Durch eine der dünnen Panzerkuppeln war eine schwere Granate glatt
-durchgeschlagen und war als Blindgänger friedlich auf den Eisenplatten
-neben dem Geschütz liegengeblieben.
-
-Nun löste sich auch das Rätsel unseres eigenen Schusses: Unsere
-Geschütze hatten eigentlich nur eine Reichweite von hundertsechzig
-= hundert. Aber da war die Bedienung dabeigegangen und hatte es mit
-unendlichen Mühen fertig gebracht, daß das Geschütz einige Sechzehntel
-Grade höher gerichtet wurde und dadurch wieder zwei- bis dreihundert
-Meter weiter schießen konnte.
-
-Und, das Geschützrohr in höchster Erhöhung fertig geladen, hatte die
-wackere Besatzung und ihr tapferer Batterieführer, Oberleutnant zur
-See Haßhagen, trotz des furchtbaren Granatfeuers ruhig am Geschützrohr
-ausgeharrt, bis endlich eines der Schiffe in Reichweite kam.
-
-Und der erste Schuß, der saß gleich!
-
-Und das schönste war: er traf den Richtigen.
-
-Schade, daß beim zweiten Schuß der „Triumph” schon so weit weggelaufen
-war, sonst hätte ihn schon an diesem Tage sein Schicksal ereilt.
-
-Aber er entging ihm nicht!
-
-Und was wir nicht mehr vollbringen konnten, hat einige Monate später
-unser Hersing ausgeführt. Im Frühjahr Neunzehnhundertfünfzehn hat er
-uns Tsingtauer gerächt, als er mit seinem U-Boot vor den Dardanellen
-denselben „Triumph” auf den Meeresboden hinabsandte.
-
-Wir Tsingtauer wissen ihm dafür Dank!
-
-Mit den Offizieren und der Besatzung des Forts Hu-Chuin-Huk verband
-mich ein besonders inniges Verhältnis.
-
-Von Rechts wegen gehörte ich überhaupt zu ihnen, denn erstens grenzte
-mein Flugplatz an das Fort, und zweitens waren sie jedesmal Zeugen
-meiner Starts und vor allen Dingen meiner Bemühungen, von ihren Kanonen
-frei zu kommen. Und mehr als einmal standen die Leute klar, um ins
-Wasser zu springen und mich zu retten, da sie glaubten, ich stürze mit
-dem Flugzeug hinein.
-
-Und so oft ich Gast des hervorragenden Fortkommandanten,
-Kapitänleutnants Kopp, war, malten wir uns in den schönsten Farben
-unseren Einzug in Deutschland nach beendetem Kriege aus, und da wurde
-selbstverständlich ausgemacht, daß ich mit bei der Besatzung vom Fort
-Hu-Chuin-Huk marschierte.
-
-Am siebzehnten Oktober spät abends stand eine Gruppe von Offizieren in
-atemloser Spannung auf dem Küstenkommandeurstand. Wir wenigen hier oben
-wußten, worum es sich handle. Das alte Torpedoboot ~S~ 90, Kommandant
-Kapitänleutnant Brunner, sollte auslaufen.
-
-Schon zwei Abende vorher war er zu kühner Nachtfahrt in See gegangen
-und hatte dort, von wo aus die japanischen Schiffe uns beschossen,
-Minen gestreut.
-
-Heute sollte er nun seine schwerste und letzte Aufgabe erfüllen: die
-Linie der feindlichen Torpedoboots-Zerstörer durchbrechen und eins der
-feindlichen Schiffe angreifen.
-
-Es war eine helle Nacht, und der Mond ging gegen zehn Uhr unter. Nun
-sollte das Boot auslaufen.
-
-Es wurde zehn Uhr, zehn Uhr dreißig, die Spannung wuchs unerträglich.
-Nichts von ~S~ 90 war zu sehen.
-
-Da -- um elf Uhr gewahrten wir einen langen, grauen Schatten, welcher
-sich vorsichtig auf dem Wasser unterhalb des Perlgebirges dahinbewegte.
-Und bald erkannte auch das scharfe Seemannsauge die Formen des
-Torpedobootes.
-
-„Glückliche Fahrt, ihr wackeren Leute!”
-
-Unser aller Herzen sandten ihnen die heißesten Wünsche nach. Nun
-verschwand das Boot unseren Blicken, und bald kam der gefährliche
-Moment, wo es die feindliche Zerstörerlinie durchbrechen würde.
-
-Gebannt starrten unsere Augen nach dem offenen Meere, jeden Augenblick
-das Aufblitzen der Scheinwerfer und das Mündungsfeuer der feindlichen
-Geschütze erwartend.
-
-Alles blieb still.
-
-Es wurde zwölf Uhr, endlich zwölf Uhr dreißig, ein Alp wich von uns
-allen. Die feindlichen Zerstörer hatten nichts gemerkt. Nun mußte aber
-das Boot am feindlichen Gros heran sein!
-
-Die Minuten wurden uns zu Stunden. Keiner wagte zu sprechen.
-
-Da plötzlich um ein Uhr, ganz fern im Süden, draußen auf weiter See,
-eine riesige Feuersäule und dann von allen Seiten tastende, grelle
-Finger von Scheinwerfern, und ganz leise kam nach einiger Zeit ein
-dumpfes Grollen und Beben zu uns herüber.
-
-Hurra! Das war ~S~ 90's Arbeit!
-
-Und schon um ein Uhr dreißig hatten wir folgenden Funkspruch in der
-Hand:
-
-„Habe feindlichen Kreuzer mit drei Torpedos angegriffen, alle Torpedos
-getroffen. Kreuzer ist sofort in die Luft geflogen. Ich werde von
-feindlichen Zerstörer-Flottillen gejagt, Rückweg nach Tsingtau
-abgeschnitten, versuche nach Süden zu entkommen und sprenge, wenn
-nötig, das Boot in die Luft. Unterschrift: Brunner.”
-
-Dieses Telegramm allein dürfte wohl für den Kommandanten, seine
-Offiziere und Besatzung genug sprechen.
-
-Wenige Wochen drauf, ohne vorher daran gedacht zu haben, traf ich
-in Nanking die ~S~ 90-Besatzung wieder. Doch das ist eine spätere
-Geschichte.
-
-
-
-
-Der letzte Tag
-
-
-Die Belagerung nahm ihren planmäßigen Fortgang. Immer näher gruben
-sich die Japaner an uns heran, immer mehr schwere Geschütze hatten
-sie in Stellung gebracht, und mehrere Male hatten größere japanische
-Infanteriemassen nächtliche Sturmversuche auf unsere Infanteriewerke
-gemacht, wobei sie allerdings gründlich abgeschlagen wurden. Nun wurden
-die Infanteriewerke und besonders die davor liegenden Drahtverhaue
-unter einem ständigen feindlichen Artilleriefeuer gehalten, und auch
-unsere Geschütze schwiegen kaum noch. Leider waren wir gezwungen, mit
-der wenigen Munition, die wir besaßen, sparsam umzugehen.
-
-Die außerordentliche Länge der Belagerung, das dauernde Artilleriefeuer
-und die furchtbare Spannung, in der wir lebten, fing allmählich an zu
-wirken.
-
-Auch meine Nerven begannen zu streiken.
-
-Zum Essen konnte ich mich kaum noch zwingen, und schlafen konnte ich
-bald überhaupt nicht mehr. Wenn ich nachts die Augen schloß, dann
-hatte ich sofort im Geiste meine Karte vor mir und sah unter mir
-das Schutzgebiet liegen, zerrissen von den feindlichen Gräben und
-Stellungen. Und dazu brummte mir der Kopf und sausten mir die Ohren von
-dem Radau des Propellers, und dazwischen hörte ich immer wieder die
-Worte des Chefs des Stabes:
-
-„Plüschow, denken Sie daran, daß Sie jetzt für Tsingtau wichtiger
-sind als das tägliche Brot! Kommen Sie mir ja zurück und halten Sie
-das Flugzeug heil! Und dann denken Sie daran, wie wenige Granaten wir
-haben, und daß wir sie auf Ihre Beobachtungen hin verschießen. Seien
-Sie sich der Verantwortung bewußt!”
-
-Ja, weiß Gott, das war ich mir!
-
-Und ich hatte nichts mehr weiter im Kopfe als die feindlichen
-Stellungen, und stundenlang überkreuzte ich sie im Geiste immer wieder
-und ging mit mir zu Rate, ob ich das, was ich gemeldet, wirklich
-gesehen, ob ich mich nicht vielleicht getäuscht hätte, und ob nicht
-dadurch die wenigen Granaten, die wir besaßen, durch meine Schuld
-nutzlos verschossen wurden.
-
-Und wenn ich dann mein Hirn stundenlang zermartert hatte, schlief ich
-manchmal gegen drei Uhr morgens, an Geist und Körper zerschlagen, ein.
-Und kaum, daß ich eingeschlafen war, da kam die Pflicht, und mein
-Monteur stand vor mir und meldete mir mein Flugzeug klar.
-
-Da gab's dann kein Zögern mehr.
-
-Und bald stand ich an meiner Taube und prüfte alle Teile noch einmal
-genau.
-
-Oft wollten mir dann meine Nerven noch schnell einen Streich spielen,
-und auch mein Magen klappte zusammen.
-
-Aber wenn ich erst auf meinem Führersitz saß, den Gashebel in der Hand
-hatte und meinen Leuten mit dem Kopfe ein Lebewohl zugenickt hatte,
-dann gab's nur eins für mich: Ruhe und den eisernen Willen, meinen
-Auftrag auszuführen.
-
-Und wenn erst der Start hinter mir und ich glücklich einige hundert
-Meter hoch war, dann war alles wieder in schönster Ordnung.
-
-Eins kam hinzu, was mich besonders niederdrückte: das war die
-furchtbare Einsamkeit, das ewige Alleinsein in meinem Flugzeug. Ja,
-hätte ich einen Kameraden mit mir gehabt, und wäre es auch nur gewesen,
-um ihm ab und zu zunicken zu können, das würde für mich eine wahre
-Erleichterung gewesen sein.
-
-Und wenn ich mehrere Tage des schlechten Wetters oder meines Propellers
-wegen nicht hatte fliegen können und wieder über den feindlichen Linien
-schwebte, dann hatte sich so furchtbar viel verändert.
-
-Eine wahre Verzweiflung packte mich dann oft in der Luft.
-
-Wo sollte ich bei dem vielen Neuen, das es da unten gab, bloß anfangen?
-Wie sollte ich mich aus dem Gewirr von Gräben, Zickzacks und Stellungen
-herausfinden? Ganz mutlos ließ ich dann die Karte sinken.
-
-Aber das waren nur Sekunden.
-
-Dann raffte ich mich zusammen, nahm meinen Bleistift zur Hand und sah
-nach unten. Und bald darauf hörte und merkte ich nichts mehr um mich
-herum und sah nur noch den Feind und meine Aufzeichnungen.
-
-Der siebenundzwanzigste Oktober war für uns ein Jubeltag. Da traf von
-Seiner Majestät dem Kaiser folgendes Telegramm ein:
-
-„Mit Mir blickt das gesamte deutsche Volk voll Stolz auf die Helden
-von Tsingtau, die getreu den Worten ihres Gouverneurs ihre Pflicht
-erfüllen. Seien Sie alle Meines Dankes sich bewußt!”
-
-Da gab es wohl keinen in Tsingtau, dem das Herz nicht höher schlug.
-Unser Oberster Kriegsherr, der zu Hause so schwer zu arbeiten hatte,
-vergaß seine getreue kleine Schar hier im fernen Osten nicht.
-
-Da gelobte sich wohl ein jeder in seinem Innersten nochmals, so zu
-kämpfen und seine Pflicht bis zum letzten zu tun, daß sein Kaiser mit
-ihm zufrieden sein könnte.
-
-Bald rückte der einunddreißigste Oktober, der Geburtstag des Mikado,
-heran. Durch Kundschafter hatten wir erfahren, daß die Japaner an
-diesem Tage Tsingtau bestimmt nehmen wollten. Den Tag zu beschreiben
-ist unmöglich.
-
-Die Japaner hatten bis zu dieser Nacht ihre sämtlichen Landbatterien
-fertig gebaut, und in der Frühe um sechs Uhr dieses einunddreißigsten
-Oktober Neunzehnhundertvierzehn donnerten auf einmal von Land und See
-sämtliche feindlichen Geschütze und warfen ihren furchtbaren Eisenhagel
-auf uns herab.
-
-Als erstes schossen die Japse die Petroleumtanks in Brand, und bei
-dem herrlichen blauen Himmel mit vollkommener Windstille stand die
-riesige, dicke Qualmsäule wie ein drohendes Rachezeichen aufrecht da.
-Die Japaner schossen von Land in erster Linie mit schweren Haubitzen
-bis zum Achtundzwanzig-Zentimeter-Kaliber hinauf, und von See krachten
-die schwersten Schiffsgeschütze. Das Fauchen und Herabsausen der
-Haubitzgeschosse, das Zischen der Flachbahngeschosse, das Aufschlagen
-der Granaten und Sprenggranaten und die Detonation beim Krepieren,
-dann das Bellen der zerplatzten Schrapnells und das Dröhnen unserer
-eigenen schweren Geschütze -- das war ein Lärm, als ob die Hölle selbst
-losgelassen wäre.
-
-Und wie wurden die Werke und all das in der Nähe liegende Gelände
-mitgenommen! Ganze Bergkuppen wurden abgetragen, tiefe Krater
-ausgestampft.
-
-Endlich kam der Abend, und die Heftigkeit des feindlichen Feuers ließ
-nach. Wir sowohl wie der Feind glaubten bestimmt, daß unsere sämtlichen
-Werke niedergekämpft seien, denn sie glichen zum Teil nur noch
-Trümmerhaufen. Aber als unsere braven blauen Jungens an ihre Kanonen
-eilten, die zum Teil aus Erd- und Steinmassen förmlich herausgegraben
-werden mußten, fanden sie fast sämtliche Geschütze noch heil oder nur
-gering beschädigt.
-
-Da fingen plötzlich mitten in der Nacht, als wir hören und sehen
-konnten, wie die feindlichen Sturmkolonnen sich sammelten, unsere
-sämtlichen Eisenschlünde an zu feuern und überschütteten die
-feindlichen Batterien und die heranrückenden Feinde mit ihrem
-vernichtenden Feuer. Die Wirkung dieser Beschießung muß für die Japaner
-verheerend gewesen sein.
-
-Es erfolgte kein Sturm, wie beabsichtigt, und am nächsten Tage setzte
-das feindliche Artilleriefeuer erst gegen Mittag sehr flau wieder ein.
-Allerdings war es noch so kräftig, daß das kleine Fort Hu-Chuin-Huk
-allein fünfzig Volltreffer aus schwersten Haubitzen erhielt.
-
-Die Japaner zogen aus dieser Nacht ihre Lehren. Und acht furchtbare
-Tage und Nächte folgten für uns, an denen das feindliche
-Artilleriefeuer auch keine Minute mehr stockte.
-
-Bei diesem furchtbaren Feuer hätte nach menschlicher Berechnung kein
-Einziger von uns am Leben bleiben dürfen. Aber wie durch ein Wunder
-blieben unsere Menschenverluste gering. Die japanische Artillerie
-schoß vorzüglich, was auch nicht überraschte, da ein Teil ihrer
-Artillerieoffiziere bei uns in Jüterbog auf Schießschule gewesen war.
-Aber ihre Munition war schauderhaft. Und das war unser Glück.
-
-Trotz des starken Feuers und der schweren Steilfeuergeschütze ist
-es ihnen keinmal gelungen, eine Kasematte, einen der bombensicheren
-Räume oder ein Infanteriewerk zu durchschlagen. Dieses und eine enorme
-Anzahl von Blindgängern war der Grund unserer geringen Verluste. Und
-_den_ Nörglern in Deutschland, die ich leider getroffen habe, die
-meinten, der geringen Verlustzahl wegen wäre Tsingtau nichts Rechtes
-gewesen, möchte ich eines vor Augen halten: Wir hatten nur eine
-Verteidigungslinie mit fünf kleinen Infanteriewerken, einer Brustwehr
-und einem kümmerlichen, schmalen Drahthindernis.
-
-Und diese Linie war sechstausend Meter lang und wurde von dreitausend
-Mann gehalten. Eine zweite Stellung und eine zweite Linie, und vor
-allen Dingen Menschen, die diese hätten besetzen können, gab es nicht
-mehr, denn wir waren ja im ganzen nur etwas über viertausend Mann!
-
-Und als daher nach diesem achttägigen, schwersten Artilleriefeuer das
-Drahthindernis weggeblasen war und die Brustwehr weggeschossen, da war
-es den dreißigtausend Japanern, denen wir wochenlang standgehalten
-hatten, ein leichtes, durchzustoßen und Tsingtau zur Übergabe zu
-zwingen.
-
-In den ersten Tagen des November bereiteten wir uns auf den Endkampf
-vor.
-
-Am ersten November nachts wurde unser treuer Bundesgenosse, der
-österreichische Kreuzer „Kaiserin Elisabeth”, nachdem er seine letzte
-Granate verschossen hatte, von seiner wackeren Besatzung in die Luft
-gesprengt und versenkt.
-
-Einige Tage darauf folgte ihm unser letztes Schiff: das tapfere kleine
-Kanonenboot „Jaguar”.
-
-Dann folgten unser Dock und unser Riesenkran, und bald darauf war die
-Werft ein Trümmerhaufen.
-
-Unsere Geschütze hatten sich verschossen, einige waren durch das
-feindliche Artilleriefeuer vernichtet, die meisten sprengten wir selbst
-in die Luft, nachdem sie ihre Pflicht erfüllt hatten.
-
-Am fünften November Neunzehnhundertvierzehn mußte auch ich ans
-Zerstören gehen, und zwar galt es diesmal meinem Doppeldecker. Durch
-mühsamste Arbeit hatte ich mit Hilfe des früheren österreichischen
-Fliegerleutnants Clobuczar und der Werft einen wundervollen, großen
-Wasserdoppeldecker gebaut. Dieser war nun fertig geworden, und ich
-wollte ihn jetzt einfliegen und mit ihm meine Erkundungen fortsetzen,
-da ich meinen Landflugplatz, der, nur vier- bis fünftausend Meter vom
-Feinde entfernt, von diesem dauernd unter Artilleriefeuer gehalten
-wurde, nicht mehr benutzen konnte.
-
-Nun wurde doch nichts mehr aus meinem Doppeldecker.
-
-All unsere Arbeit und Mühe war leider vergebens gewesen.
-
-Dann am Nachmittage, da stand ich vor meinem Gouverneur, und er sagte
-zu mir:
-
-„Wir erwarten stündlich den Hauptsturm der Japaner! Sehen Sie zu,
-daß es Ihnen gelingt, morgen früh die Festung auf Ihrem Flugzeuge zu
-verlassen. Ich fürchte allerdings, der Japaner wird Ihnen keine Zeit
-mehr dazu lassen.
-
-Und nun, Gott befohlen, und kommen Sie gut durch. Und haben Sie Dank
-für die Arbeit, die Sie für Tsingtau leisteten!”
-
-Und damit gab er mir die Hand.
-
-„Ich melde mich gehorsamst aus der Festung!”
-
-Damit war ich entlassen.
-
-Und nun folgte ein kurzes Abschiednehmen von meinen Vorgesetzten und
-Kameraden, und ein großer Stoß Privatbriefe wurde mir mitgegeben.
-
-Dann ging ich zum letzten Male in meine Villa und nahm Abschied von
-meinen Räumen, von vielen liebgewordenen Gegenständen, machte meine
-Stalltür auf und ließ mein Pferdchen und meine Hühner laufen, und
-dann ging's runter zu meinem Flugzeug, um es zu seinem letzten Fluge
-klarzumachen.
-
-Dann saß ich über meine Karte gebeugt, lernte sie fast auswendig und
-rechnete und rechnete.
-
-Und dann ging ich nachts hinauf zum letztenmal zu der Punkt-Kuppe, wo
-mein guter Freund, der Oberleutnant zur See Aye, seit Wochen trotz
-schwersten Artilleriefeuers bei seiner kleinen Batterie ausharrte,
-und von wo aus man einen herrlichen Ausblick über ganz Tsingtau und
-das gesamte Vorgelände hatte. Überwältigt von dem Anblick, der sich
-hier bot, blieb ich lange Zeit wie gebannt auf der höchsten Felsspitze
-sitzen. Unter mir wogte ein züngelndes Heer greller Blitze, die
-von den Mündungsfeuern der wütend hämmernden feindlichen Geschütze
-herrührten; und wie ein goldenes Band zog sich von Meer zu Meer das
-Gewehr- und Maschinengewehrfeuer, welches unsere Leute dort unten im
-Tale abgaben. Dicht über meinem Kopfe da war ein Fauchen, Zischen
-und Sausen von Tausenden der schwersten Geschosse, welche ganz dicht
-über diese Kuppe hinwegfegen mußten, damit sie ihr Ziel noch erreichen
-konnten. Hinter mir dröhnten unsere eigenen Haubitzen ihre allerletzten
-Grüße herüber, und von ganz weither, vom letzten Südzipfel Tsingtaus,
-grollten die Einundzwanzig-Zentimeter des Forts Hsiauniwa ihren ehernen
-Schwanengesang.
-
-Zerwühlt im Innersten meiner Seele kehrte ich zu Aye zurück, und nach
-einem herzlichen kameradschaftlichen Abschiede, bei dem er mir zu
-meinem kommenden Fluge alles Gute wünschte, drückten wir uns kräftig
-die Hand und trennten uns.
-
-Ich war der letzte Offizier in Tsingtau, der ihm die Hand geschüttelt
-hat. Wenige Stunden später fiel er in heldenmütigem Kampfe gegen
-dreißigfache japanische Übermacht samt seiner kleinen Schar, als sie
-die Geschütze nicht übergeben wollten.
-
-Ein leuchtendes Beispiel edlen Heldentums.
-
-Die mir jetzt noch bleibende Zeit blieb ich mit meinen vier braven
-Leuten bei meinem Flugzeuge klar stehen, um jeden Augenblick, falls die
-Japaner stürmen und durchstoßen würden, meinen Auftrag ausführen zu
-können.
-
-Am sechsten November Neunzehnhundertvierzehn frühmorgens, als der Mond
-noch hell schien, stand mein Flugzeug klar am Start, und vergnügt
-brummte der Propeller sein Morgenlied.
-
-Zeit war nicht mehr zu verlieren. Der Platz war dadurch, daß er von
-den Japsen unter Granat- und Schrapnellfeuer gehalten wurde, höllisch
-ungemütlich geworden. Kurz prüfte ich nochmals meine ganze Maschine,
-dann gab's noch einen kräftigen Händedruck meiner vier braven Leute
-zum Abschied, und noch einmal streichelte ich den Kopf meines treuen
-Hundes, dann gab ich Vollgas, und wie ein Pfeil schoß die Taube in die
-Nacht hinaus.
-
-Da plötzlich, als ich eben dreißig Meter hoch und etwa über der Mitte
-des Platzes war, erhielt mein Flugzeug einen furchtbaren Stoß, und nur
-mit eiserner Faust konnte ich die Maschine zur Ruhe zwingen und vor
-dem Absturz bewahren. Eine feindliche Granate war gerade unter mir
-krepiert, und der Luftdruck der Detonation hätte mich beinahe zu Boden
-geschleudert.
-
-Aber gottlob! Außer einem faustgroßen Loch, das ein Granatsplitter in
-meine linke Tragfläche gerissen hatte, war kein Schaden angerichtet.
-
-Nun kamen nur noch die üblichen Schrapnells hinter mir her. Das
-waren die letzten Abschiedsgrüße der Japaner und ihrer englischen
-Bundesbrüder für mich.
-
-Als ich hoch genug war, drehte ich noch einmal um.
-
-Da lag das liebe, kleine Tsingtau, das so viel durchgemacht und so viel
-noch auszuhalten hatte, unsere geliebte zweite Heimat, das Paradies auf
-Erden!
-
-Bis in meine einsame Höhe drang das Dröhnen der Geschütze, das Krachen
-der Granaten und das Knattern der Gewehre und Maschinengewehre.
-
-Ein unendliches Meer von aufzuckenden Blitzen ließ deutlich die beiden
-Kampflinien erkennen. Das alles waren die Anzeichen des begonnenen
-Sturmangriffes und der verzweifelten Gegenwehr.
-
-Ob wir diesen dritten Sturmangriff auch noch aushalten würden?
-
-Mit der Hand winkte ich nach unten. Lebwohl, Tsingtau! Lebt wohl, ihr
-treuen Kameraden, die ihr dort unten kämpft!
-
-So unendlich schwer wurde mir dieser Abschied, es würgte mir etwas in
-der Kehle, und schnell riß ich mein Flugzeug herum und nahm Kurs auf
-Kap Jäschke.
-
-Und als die Sonne in all ihrer Pracht aufging, schwebte ich schon hoch
-oben im blauen Äther und über südlich liegenden wilden Gebirgen.
-
-Der modernste „Blockadebruch” war mir gelungen!
-
-
-
-
-Im Schlamm des chinesischen Reisfeldes
-
-
-Hinter dem Perlgebirge lag die feindliche Flotte vor Anker. Da konnte
-ich's mir nicht versagen. Ich umkreiste die Schiffe noch einmal.
-
-Dann ging es weiter und immer weiter mit fast geradem Kurs dem
-südlichen China zu, einem unbekannten Lande und einem ungewissen
-Schicksal entgegen. Ich kam über zerklüftete, wilde Gebirge, über
-Flüsse und weite Ebenen, dann zeitweise über das offene Meer und über
-Städte und Dörfer.
-
-Nach einer handgroßen Karte und meinem Kompaß orientierte ich mich.
-Und schon um acht Uhr früh hatte ich die zweihundertfünfzig Kilometer
-hinter mir und mich glücklich nach meinem Bestimmungsort Hai-Dschou in
-der Kiangsu-Provinz zurechtgefunden.
-
-Suchend spähte ich in die Tiefe nach einem geeigneten Landungsplatz.
-Doch damit sah es bös aus.
-
-Durch die furchtbaren Regengüsse der letzten Zeit war das Land weit und
-breit überschwemmt. Die einzigen trockenen Fleckchen waren mit Häusern
-oder chinesischen Grabhügeln bedeckt. Endlich hatte ich ein kleines,
-etwa zweihundert Meter langes und zwanzig Meter breites Feld entdeckt,
-das aber auf beiden Seiten von tiefen Gräben und hohen Mauern, vorn und
-hinten vom Fluß eingeschlossen war.
-
-Die Landung war verdammt schwer.
-
-Aber was half es, ewig oben bleiben konnte ich doch nicht. Außerdem
-befand ich mich ja mitten in China und nicht in Deutschland und war
-froh, überhaupt noch diesen Platz gefunden zu haben.
-
-Jetzt ging ich hinunter in großen Spiralen, und nach einem steilen
-Gleitfluge, bei dem die Maschine infolge der erhitzten Luft schwer
-durchsackte, stand ich um acht Uhr fünfundvierzig Minuten früh mitten
-auf dem morastigen Reisfeld.
-
-Der Lehm war aber so weich und zäh, daß mein Fahrgestell glatt versank
-und die Räder festgehalten wurden; und mit einem mächtigen Stoß sauste
-meine Maschine auf die Nase, sich im letzten Moment beinahe noch
-überschlagend.
-
-Der Propeller flog in Stücke, aber meine Glieder waren trotz des Stoßes
-Gott sei Dank heil geblieben.
-
-Die Ruhe jetzt um mich herum berührte mich ganz eigenartig. Seit Wochen
-endlich wieder kein Dröhnen der Geschütze, kein Krachen krepierender
-Granaten, kein Fauchen und Bellen zerplatzender Schrapnells.
-
-Mit dem Schwänzchen hoch in der Luft und dem Schnabel tief im Dreck
-stand friedlich und ruhig mein Täubchen im Sonnenschein.
-
-In weiter Entfernung drängten sich Haufen von Chinesen: Männer, Weiber
-und viele, viele Kinder, in angsterfülltem Staunen.
-
-Sie alle, wie auch alle anderen Chinesen, deren Land ich überflogen
-hatte, konnten das Wunder kaum fassen, denn ich war ja der erste
-Flieger hier, und alle dachten, der böse Geist käme in eigenster
-Person, um nun Unheil zu stiften.
-
-Als ich gar aus meiner Maschine kletterte und versuchte, einige
-Menschen heranzuwinken, war kein Halten mehr. Schreiend und heulend
-lief alles davon, die Männer voran, ihre hingefallenen Kinder nach
-ihrer Meinung dem Teufel als Opfer zurücklassend. Wirklich, mein
-Erscheinen könnte im dunkelsten Afrika keinen größeren Schrecken
-hervorgerufen haben.
-
-Kurz entschlossen lief ich hinter der Horde her und griff mir drei,
-vier Chinesen bei ihren Zöpfen und schleppte die Heulenden an mein
-Flugzeug heran, um ihnen zu zeigen, daß der große Vogel keinem was täte.
-
-Nach einiger Zeit half das, und als ich ihnen sogar einige Geldstücke
-gab, da meinten sie, es wäre doch wohl ausnahmsweise mal ein guter
-Geist angeschwirrt gekommen, und willig halfen sie mir, das Flugzeug
-wieder in horizontale Lage zu bringen. Als die anderen das merkten,
-da kamen sie gleich in solchen Massen, daß ich mich wunderte, daß die
-Maschine nicht zerdrückt wurde.
-
-Das Staunen der Chinesen! Das Antasten und Befühlen! Das Schnattern und
-Lachen!
-
-Nur wer die Chinesen kennt und weiß, wie kindlich sie sein können, kann
-sich vorstellen, in welch köstlicher Situation ich mich befand.
-
-Umtost von einer Horde Naturkinder saß ich quietschfidel in meinem
-Führersitz auf meinem Blechkasten mit den Geheimdokumenten, neben mir
-zur Sicherheit die Mauser-Pistole, und wartete der Dinge, die da kommen
-sollten.
-
-Jeder Versuch, mich mit den Chinesen zu verständigen, war aussichtslos.
-Die Kerls grinsten fröhlich oder lachten mich einfach aus.
-
-Aus dieser heiteren Lage befreite mich nach einiger Zeit ein kräftiges:
-~„Good morning, Sir!”~ und neben mir stand ein Herr, der sich als ~Dr.~
-Morgan von der Amerikanischen Mission vorstellte. Nach herzlicher
-Begrüßung und festem Händedruck klärte ich ~Dr.~ Morgan schnell über
-meine Lage auf und bat ihn, besonders da er fließend Chinesisch sprach,
-um seine Hilfe.
-
-Ich merkte bald, daß ich mich in gutem und sicherem Schutz befand.
-
-Mein riesiger chinesischer Paß, den ich aus Tsingtau mitbekommen
-hatte, wurde sofort zum Mandarin geschickt; nach einer Stunde kam ein
-Trupp von vierzig Soldaten aus der nur zehn Minuten entfernt gelegenen
-Kaserne und wurde zur Bewachung um mein Flugzeug aufgestellt.
-
-Jetzt nahm ich die Einladung ~Dr.~ Morgans zum Frühstück gern an, und
-mit allen Sachen, die nicht niet- und nagelfest waren, zog ich mit ihm
-zur Mission.
-
-Ich wurde hier aufs reizendste aufgenommen und lernte Frau Morgan,
-ferner Frau Rice, die Gattin des amerikanischen Missionars, und einen
-Herrn G. kennen, die sich alle auf das liebenswürdigste um mich
-bemühten.
-
-Ich saß gerade beim Frühstück, als mir ein chinesischer Offizier
-gemeldet wurde, der mir sagte, daß eine Ehrenwache von einer Kompagnie
-für mich vor dem Hause aufgezogen wäre, und daß er Befehl hätte von
-seinem Mandarin, sich nach meinen Wünschen und meinem Wohlbefinden zu
-erkundigen, und endlich, daß der Mandarin selbst in einer halben Stunde
-seinen Besuch persönlich bei mir abstatten würde.
-
-Ich war erfreut über so viel Aufmerksamkeit.
-
-Bereits nach zehn Minuten kam wiederum Besuch, und diesmal waren es die
-Stadtoberhäupter von Hai-Dschou, die mir ihre Grüße überbringen wollten.
-
-Die Situation war einzig. Ich saß inmitten dieser alten, ehrwürdigen
-Chinesen, nachdem vorher unendlich viele tiefe Verbeugungen unter
-Gemurmel und Gezisch ausgetauscht waren. Die Unterhaltung wurde bald
-recht lebhaft. Als Dolmetscher arbeitete dabei Herr Morgan.
-
-Und nun ging das Gefrage los: Woher ich käme, wie es in Tsingtau
-aussähe, ob es _wirklich_ wahr sei, daß ich durch die Luft gekommen,
-wie lange ich gebraucht hätte, und was für ein Zauber es erwirkt
-hätte, daß ich fliegen könne. All die vielen Fragen ließen sich kaum
-beantworten, und trotzdem der Dolmetscher sich die größte Mühe gab,
-viel verstanden haben die guten Söhne des Landes der Mitte nicht.
-
-[Illustration: Mein chinesischer Paß]
-
-Ein kleiner Zwischenfall ereignete sich auch.
-
-Noch während wir bei der Unterhaltung saßen, wurde der Haus_frau_
-ein Besuch angekündigt, und vorbei huschten und trippelten zehn bis
-zwölf allerliebste kleine Chinesinnen, in prachtvollste, buntseidene
-Höschen und Gewänder gehüllt. Zwei, drei dieser Geschöpfchen blieben
-vor Neugier und Schrecken an der offenen Tür des Zimmers, in dem
-wir Männer saßen, stehen und guckten mich mit offenen Mäulchen und
-großen, erstaunten Augen an. Ein kurzer Zuruf von Frau Morgan ließ
-sie erschrocken auseinanderfahren und fortlaufen. Den Grund dieses
-eigenartigen Verhaltens erfuhr ich später. Für eine vornehme Chinesin
-ist es ein großer gesellschaftlicher Fehltritt, wenn sie durch ihre
-Neugier und durch ihren Anblick einen männlichen Gast beleidigt!
-
-Die drei Sünderinnen erhielten auch eine ernste Strafpredigt. Ich muß
-sagen, daß ich über diese Sitte nicht erfreut war, denn gern hätte ich
-mir diese allerliebst aufgeputzten Dämchen recht genau angesehen.
-
-Meine Wirtin erzählte mir auch, wie sie von den Chinesinnen mit Fragen
-bestürmt worden wäre. Vor allem wollten diese wissen, was das heute
-morgen für ein böser Geist gewesen wäre, der so schreiend und brummend
-ihre Stadt bedroht hätte. Als ihnen gesagt wurde, daß darin ein
-Mensch gesessen hätte, der aus Tsingtau käme, da lachten sie einfach
-und meinten: nein, wenn sie auch dumm wären und die Weißen sie immer
-anführten, so dumm wären sie doch nicht, solch einen Unsinn zu glauben!
-
-Jedenfalls, versicherte mir Frau Morgan, würden sämtliche Fehlgeburten,
-Mißernten und Fehlschläge der nächsten zwei Jahre von den
-abergläubischen Chinesen dem Erscheinen meines Flugzeuges zugeschrieben
-werden, und besonders die Medizinmänner würden die Sache für sich
-ausnutzen.
-
-Gegen elf Uhr vormittags erschien unter großem Tamtam, Getrommle
-und Getute der Herr Mandarin in eigenster Person. Außerordentlich
-wohlgenährt, den Kopf tadellos rasiert, in prachtvollem seidenen
-Gewande schritt er mit großer Würde einher. Die Begrüßung war äußerst
-feierlich. Die tiefen, fast bis zur Erde reichenden Verbeugungen
-wollten kein Ende nehmen.
-
-Nachdem der Mandarin sich nach meinem Befinden und nach meinen Wünschen
-erkundigt hatte, sicherte er mir in liebenswürdigster Weise seine
-vollste Unterstützung zu und verabschiedete sich.
-
-Sein Heimweg geschah in gleich feierlicher Weise.
-
-Sobald ich meinen amtlichen Gegenbesuch gemacht hatte und vom Mandarin
-zum Abendessen eingeladen worden war, ging ich an das Abmontieren
-meines Flugzeuges.
-
-Doch das war leichter gesagt als getan. Ich selber hatte nur einen
-Schraubenschlüssel mit und suchte nun nach Werkzeugen. Ach, ich
-befand mich ja in China, in einer Gegend des Landes, wo es noch
-genau so aussah wie vor tausend Jahren und Schraubenschlüssel und
-Schraubenzieher etwas Unbekanntes waren.
-
-Endlich entdeckte ich in der Amerikanischen Mission eine Axt und ein
-kümmerliches sägenähnliches Ding.
-
-Damit ging es an die Arbeit, und da ich wenigstens meinen treuen
-hundertpferdigen Mercedesmotor vor der Vernichtung retten wollte, hieb
-und sägte ich ihn vom Rumpfe ab. Jetzt zeigte sich, was gute deutsche
-Arbeit war. Ganze vier Stunden brauchte ich, ehe der Motor abgeschlagen
-dalag, so fest war alles gebaut.
-
-Um den Gesetzen der Neutralität nachzukommen, gab ich den Motor dem
-Mandarin zur Aufbewahrung ab.
-
-Dann kam das Traurigste.
-
-Da das übrige Flugzeug selbst mit abgenommenen Tragflächen in kein
-Stadttor und in keine Straße der Stadt hineinpaßte, mußte ich es dem
-Flammentod übergeben. Ich übergoß es mit Benzin, zündete es an, und
-sofort ging es in hellen Flammen auf und verbrannte restlos.
-
-Mir war zumute, als ich meine wackere Taube brennen sah, wie wenn ich
-einen lieben, treuen Kameraden verlöre.
-
-
-
-
-Die Fischvergiftung des Mr. McGarvin
-
-
-Am Abend ging's zum Mandarin.
-
-Als ich aus meiner Tür trat, strahlte der ganze Hof von Fackeln und
-unzähligen großen Lampions. Die Wache war ins Gewehr getreten und
-präsentierte, die Trommeln wirbelten, und die Musikanten machten ihre
-wohl nur für Chinesenohren angenehm klingende Musik. Ja, der Mandarin
-hatte mir sogar seine eigene Sänfte zur Benutzung gesandt.
-
-Ich werde diesen Abend niemals vergessen.
-
-Ich saß in meiner mit blauer Seide und Fenstern mit Vorhängen
-ausgestatteten Sänfte, die von acht prächtigen Burschen getragen wurde.
-Vorneweg, an den Seiten und hinter der Sänfte marschierten Soldaten mit
-aufgepflanztem Gewehr und Dutzende von Läufern mit riesigen Lampions.
-Sanft wiegte die Sänfte auf und ab bei den kräftigen Schritten der
-Träger. Alle zehn Minuten gab der vorderste von ihnen ein Signal durch
-lautes Aufklopfen seines Stabes auf die Erde, die Sänfte hielt, die
-Träger hoben die Tragstangen auf die andere Schulter, und weiter ging's
-im Geschwindschritt.
-
-Nach vierzig Minuten waren wir vor dem Palast des Mandarins
-angelangt. Ohrenbetäubende Musik, Kommandorufe und heller Lampion-
-und Fackelschein empfingen mich auch hier. Die mittleren Türen der
-riesenhaften Tore flogen vor mir auf, und vor dem letzten Tor kam mir
-der Mandarin persönlich zum Empfang entgegen.
-
-Mehrere hohe Würdenträger und einige Generale waren bereits versammelt,
-und nach zeremonieller Begrüßung gab es den üblichen grünen, dünnen
-Willkommenstee, bei welcher Gelegenheit ich dem Mandarin zum Zeichen
-meines Dankes meine Mauser-Pistole nebst Munition als Geschenk
-überreichte.
-
-Der Mann war sichtlich erfreut, und wohlgemut setzten wir uns zu Tisch.
-Eine riesige, runde Tafel, bedeckt mit einigen fünfzig Schüsseln, in
-denen die größten chinesischen Leckerbissen schwammen, empfing uns.
-Um mich als Gast auszuzeichnen, erhielt ich Messer und Gabel, und
-dann ging die Arbeit los. Nur sechsunddreißig Gänge habe ich zählen
-können. Und was gab es da alles! Von den zartesten Schwalbennestern
-zu den feinsten Haifischflossen, vom Zuckerrohrspitzensalat bis zum
-delikatesten Hühnerragout war nichts vergessen. Von allem mußte ich
-kosten. Und der Mandarin war unermüdlich mir aufzulegen. Ja, manchmal,
-wenn er einen guten Bissen auf seinem Teller hatte, faßte er ihn mit
-seinen Fingern und legte ihn mir auf meinen Teller. Zu trinken gab
-es Flaschenbier, welches doch schon seinen Weg in die hiesige Gegend
-gefunden hatte, dazu Reisschnaps.
-
-Die schwerste Arbeit hatte wieder Herr Morgan, welcher die lebhafte,
-oft der Komik nicht entbehrende Unterhaltung zu verdolmetschen hatte.
-
-Die Kämpfe um Tsingtau, die Verluste der Japaner und Engländer und die
-Fliegerei interessierten die Chinesen am meisten. Das Fragen nahm kein
-Ende.
-
-Äußerst herzlich und dankbar verabschiedete ich mich von meinem
-Mandarin, und am nächsten Tage mußte ich auch von meinen
-liebenswürdigen Gastgebern Abschied nehmen.
-
-Als ich im Flugzeug landete, hatte ich nur eine Zahnbürste, ein
-Stück Seife und meinen Fliegeranzug, aus Bordjackett mit Schärpe
-und Gamaschen bestehend, bei mir. Einen Zivilsportanzug hatte ich
-außerdem im Flugzeug mitgenommen. Diesen Anzug legte ich jetzt an. Das
-fünfjährige Töchterchen des Missionars schenkte mir dazu ihr altes
-abgeschabtes Filzhütchen als Ersatz für meine Sportmütze, die mir ein
-Chinese, während ich mein Flugzeug abtakelte, gestohlen hatte, und
-gegen Abend wurde ich unter wiederum großen Zeremonien zu der kleinen,
-mir vom Mandarin zur Verfügung gestellten Dschunke geführt.
-
-Meine Begleitung und gleichzeitig Ehrenwache auf der kommenden Fahrt
-bestand aus dem chinesischen General Liu, der sich als Piratenbekämpfer
-bereits einen Namen geschaffen hatte, aus zwei Offizieren und
-fünfundvierzig Mann außer dem Bootspersonal. Zum Umfallen müde nach
-all dem Durchgemachten, ging ich in mein kleines Holzkämmerchen, wo
-ich zu meiner Überraschung und Freude statt einer Holzpritsche einen
-herrlichen Schlafsack mit Decken und Matratze vorfand, den mir die
-fürsorgliche Missionarsfrau an Bord gesandt hatte. Ohne diese Sachen
-wäre es mir wohl schlecht ergangen in meinem dünnen Sportanzügelchen.
-Es herrschte grimmige Kälte, durch große Ritzen und Löcher pfiff der
-Wind, und durch die Decke konnte ich den Sternenhimmel sehen.
-
-Und während meine Gedanken weit nördlich bei meinen tapferen Kameraden
-in Tsingtau weilten und sich mit deren und Tsingtaus Schicksal
-befaßten, und ich darüber nachdachte und dem gütigen Schicksal dankte,
-daß es mir vergönnt gewesen war, durch all die schweren Kämpfe und
-Gefahren und all das Erlebte unversehrt durchzukommen, um meine Aufgabe
-bis zum letzten Tag zu erfüllen, kam endlich der Schlaf und schloß mich
-in seine sicheren Arme.
-
-Die Fahrt ging nur langsam vorwärts. Die Dschunken wurden von zwei
-Kulis mit einer Leine, die oben an der Mastspitze befestigt war, längs
-des Ufers stromaufwärts gezogen. Die erste Strecke bis Bampu, die ich
-in meinem Flugzeuge in knapp zwanzig Minuten zurückgelegt hätte, wurde
-in eineinhalb Tagen bewältigt! Später ging es besser, und besonders
-als der Wind günstig wurde und wir segeln konnten. Fünf volle Tage hat
-diese Reise gedauert, um von Hai-Dschou bis Nanking zu gelangen.
-
-Die Fahrt war außerordentlich interessant für mich. Sie führte durch
-ein Netz von Flüssen bis zum alten berühmten Kaiserkanal und durch
-diesen zum Jangtsekiang bis nach Nanking. Wir durchfuhren eine Gegend,
-die wegen des Piratenunwesens berüchtigt war, und passierten Städte,
-die niemals ein europäischer Fuß betreten hatte. Am Tage, während die
-Dschunke getreidelt werden mußte, ging ich mit meinem General und der
-Hälfte der Wache am Ufer nebenher und sah mir besonders eingehend die
-äußerst interessanten Städte und darin das von keiner europäischen
-Kultur berührte chinesische Gewühl an. Zu hellen Haufen liefen die
-chinesischen Männer, Weiber und Kinder aus ihren Häusern, sahen
-mich, der ich meist ohne Hut ging, voll Verwunderung an, ja einzelne
-berührten mich, um sich davon zu überzeugen, daß ich wirklich ein
-Mensch sei.
-
-Meine hellblonden Haare und blauen Augen schienen ihnen das größte
-Rätsel zu sein.
-
-Meine Spaziergänge und der Aufenthalt auf der Dschunke verliefen
-ziemlich schweigsam. Mein liebenswürdiger General war zwar recht gut
-europäisch angezogen, aber um die Hosen an den Fußgelenken hatte er
-sich doch die typischen chinesischen Bänder gewickelt, und von seinem
-Hinterkopf baumelte ein prächtiger langer Zopf, der kokett durch den
-Gürtel des Jacketts gesteckt war. Außer Chinesisch verstand der gute
-Mann auch nicht ein Wörtchen einer anderen Sprache, und mir ging es so
-mit dem Chinesischen. Bei unseren Mahlzeiten, die recht opulent waren,
-nur furchtbar nach Zwiebel und Knoblauch schmeckten, saßen wir beide
-uns in dem kleinen Dschunkenkämmerlein gegenüber, lachten uns ab und zu
-freundlich an, und das war die ganze Unterhaltung.
-
-Endlich, am elften November, langten wir in Jang-dschou-fou an, und
-man kann sich wohl vorstellen, mit welcher Gier ich mich auf die erste
-Zeitung stürzte.
-
-Voll Erregung, endlich etwas über das Schicksal Tsingtaus zu erfahren,
-durchflog ich die Seiten der „Shanghai Times”. Da, auf der zweiten
-Seite der Name Tsingtau! Aber nein, das war doch gar nicht möglich, so
-etwas konnte es doch nicht in der Welt geben! Und voll Ekel und Abscheu
-gegen diese gemeine englische Lügenbrut las ich:
-
- Tsingtaus feige Übergabe.
-
- Die Festung ohne Schwertstreich genommen.
-
- Die ganze Besatzung betrunken und plündernd.
-
-Und dann kam so viel unflätiger Dreck, so viel gemeine Lüge, daß ich
-voll Verachtung die Zeitung fortwarf. So etwas wagten die Engländer,
-die sich so unrühmlich vor Tsingtau benommen hatten, über unsere
-tapferen Verteidiger zu behaupten?
-
-Ach ich kannte ja die englischen Zeitungen noch nicht! Später habe ich
-mich in Schanghai und dann in Amerika bei den amerikanischen Zeitungen
-an ganz was anderes gewöhnen müssen; von England ganz zu schweigen.
-Nun hatte ich aber wenigstens Gewißheit über Tsingtaus Schicksal,
-das unvermeidlich kommen mußte. Auch nicht einen Augenblick zu früh
-hatte ich die Festung verlassen, kurze Zeit darauf mußte sie sich der
-Übermacht ergeben.
-
-Am Nachmittage dieses elften November Eintausendneunhundertvierzehn
-trafen wir glücklich in Nanking ein.
-
-Auf dem Bahnhof wurde mir vom Kapitänleutnant Brunner, dem Kommandanten
-des Torpedobootes ~S~ 90, und von seinen Offizieren ein herzlicher
-Empfang zuteil.
-
-In Wagen fuhren wir zu dem Gebäude, in dem die Offiziere und
-Mannschaften von ~S~ 90 untergebracht waren, und wo zu meinem
-allergrößten Erstaunen auch für mich schon eine Koje klar gemacht
-war. Auf mein erstauntes Fragen wurde mir dann von meinen Kameraden
-mitgeteilt, daß ich ebenfalls interniert werden sollte und alle sich
-schon gefreut hätten, den vierten Mann zum Skat zu haben. Erstens
-mal spiele ich keine Karten, was ich auch laut zum Ausdruck brachte;
-zweitens dachte ich über die Frage der Internierung ganz anders, was
-ich aber für mich behielt.
-
-So zog ich denn mit meinem General Liu zu dem Palast des Gouverneurs
-von Nanking. Leider, oder vielmehr zu meinem Glück, war der Herr
-Gouverneur nicht zu sprechen. Ein alter chinesischer Arzt empfing mich
-sehr freundlich, wünschte mir ein weiteres Wohlergehen, und daß ich
-mich in Nanking wohl fühlen möchte.
-
-Ich dankte ihm für das Wohlergehen, hatte aber meine eigene Ansicht
-über das Wohlfühlen!
-
-Nun verabschiedete ich mich mit meinem General Liu, der sichtlich froh
-war, seine Mission erfüllt zu haben, und als ich in meinen Wagen stieg,
-da setzte sich ein chinesischer Soldat in vollem Dienstanzug zu mir.
-
-Auf meine erstaunte Frage, was das zu bedeuten habe, antwortete er mir
-in leidlichem Deutsch: Er sei mein „Ehrenposten” und wäre mir zu meinem
-_Schutze_ beigegeben, und er würde mich von nun ab auf allen meinen
-Wegen begleiten.
-
-Na, der Tobak war doch ein bißchen zu stark!
-
-Das war gegen die Verabredung!
-
-In Hai-Dschou war mir ausdrücklich versichert worden, daß die Fahrt
-nach Nanking lediglich eine Formsache wäre und ich dann vollständig
-frei sein würde.
-
-Hier wollte man mich also internieren?
-
-Da mußte ich schnell handeln, bevor mir einer der Chinesen etwas
-über Internieren sagen konnte und mich meiner Freiheit beraubte. Das
-unangenehmste war der „Ehren”-Posten, aber Mittel und Wege mußte ich
-finden.
-
-Am Abend dieses Tages waren wir Offiziere alle bei einem deutschen
-Bekannten eingeladen. Mein Plan stand fest. Nach einigen gemütlichen
-Stunden, während deren ich immer wieder von Tsingtaus letzten Tagen
-erzählen mußte, brachen gegen zehn Uhr abends die Offiziere bis auf
-meine Wenigkeit auf und gingen, gefolgt von ihren treuen Posten, nach
-Hause. Eine halbe Stunde später war es auch für mich die höchste Zeit
-zu verschwinden, wenn ich noch entkommen wollte.
-
-Als mein Gastgeber aus der Haustür heraustrat, wer stand da vor ihm?
-_Mein_ gelber Wächter!
-
-Nun war Holland in Not! Aber kurz entschlossen schickte ich unseren
-Boy zu dem Wächter und ließ ihn fragen, was er eigentlich hier wolle,
-die Herren wären ja längst weg, er solle nur laufen, um sie noch
-einzuholen, sonst würde er womöglich wegen seiner Unaufmerksamkeit
-bestraft werden.
-
-Und während dieser arme Kerl mit hängender Zunge den anderen nachlief,
-fuhr ein verschlossener Wagen vor, in dem ich Platz nahm und mit
-äußerster Kraft zum Bahnhof fuhr, wo der neueröffnete Expreßzug
-bereitstand. Das letzte freie Bett konnte ich gerade noch erhaschen.
-Mein Schlafkupee war bereits verschlossen, und auf mein energisches
-Klopfen öffnete ein langer Engländer, der wegen der Störung ein
-wütendes Gesicht schnitt. Ich behandelte ihn natürlich wie Luft, und
-eins, zwei, drei war ich in der oberen Koje, drehte das Licht aus und
-tat so, als ob ich mich auszöge. In Wirklichkeit verkroch ich mich
-recht tief in meine Decken und Kissen, fest entschlossen, wenn jemand
-etwas von mir wolle, nicht aufzuwachen. Nicht einen Augenblick habe ich
-während dieser achtstündigen Fahrt geschlafen.
-
-So oft der ~D~-Zug hielt, kroch es kalt über meinen Rücken, und ich
-dachte: Ha, jetzt holen sie dich! Und wenn gar draußen viele Stimmen
-laut wurden, dann war ich überzeugt, daß meine letzte ~D~-Zug-Fahrt in
-diesem Kriege gekommen wäre.
-
-Nichts ereignete sich. Den Gebrauch des Telegraphen zu Verhaftungen
-schienen die Chinesen Gott sei Dank noch nicht zu kennen, und so lief
-planmäßig um sieben Uhr früh der Zug in Schanghai ein. Jetzt kam noch
-die gefährliche Klippe der Bahnsperre; sie wurde überwunden.
-
-Dann kam eine schnelle Fahrt im Rickschah durch den chinesischen
-Stadtteil, in dem die chinesischen Behörden noch Gewalt über mich
-hatten, und endlich bog mein Wägelchen in die Europäerstadt ein.
-
-Hurra, ich war frei!
-
-Nun konnte keiner mehr von mir was wollen.
-
-Hocherfreut fuhr ich zu einem deutschen Bekannten, der mich in
-liebenswürdigster Weise aufnahm.
-
-Drei volle Wochen blieb ich in dieser Stadt, ehe es mir nach vielen
-Mühen gelang, meine Reise fortzusetzen.
-
-Drei volle Wochen voller Erlebnisse und voller Gefahren des
-Gefangenwerdens, voll von Versteckspielen.
-
-Was war natürlicher, als daß ein Oberleutnant zur See P. nicht bekannt
-war und auch der Herr Meyer, der einige Tage da gewohnt hatte,
-abgereist war?
-
-Daß ein Mr. Scott für einige Tage gute Bekannte besuchte, das ging doch
-keinen was an. Aber ich mußte nun vorsichtig sein. Besonders, da ich
-außerordentlich viel Leute in Schanghai kannte, zum Teil noch Engländer
-usw., die noch kurz vor dem Kriege mit mir in Tsingtau zusammen gewesen
-waren.
-
-Vier bis fünf Namen hatte ich abwechselnd und logierte abwechselnd bei
-meinen Bekannten.
-
-Da konnten die Chinesen einmal suchen!
-
-Das Schwierigste war: wie nach Amerika kommen? Alles hatte ich
-versucht, nichts hatte Erfolg. Nur einmal wäre ich beinahe mit einem
-_englischen_ Schiff fortgekommen. Das war eine lustige Begebenheit.
-Einer meiner Freunde kannte den Reedereibesitzer, einen englischen
-Juden, Mr. Penny, sehr gut. Mit diesem Bekannten zog ich eines Tages zu
-Herrn Pfennig und versuchte mein Glück. Ich hatte einen einfachen Anzug
-angezogen, sah ziemlich verwahrlost aus und machte einen ängstlichen,
-verprügelten Eindruck. Mein Freund ließ uns anmelden, und nach einiger
-Zeit durften wir vor dem strengen Gesicht des Herrn Pfennig, eines
-dicken, fetten Frosches, erscheinen. Die beiden Herren schienen sich
-gut zu kennen, und die Begrüßung war dementsprechend.
-
-Ich blieb ganz bescheiden an der Tür stehen, sah beschämt auf meine
-zerrissenen Schuhe und drehte mein Hütchen in der Hand und verstand
-_selbstverständlich_ von der ganzen englisch geführten Unterhaltung
-kein Wort.
-
-Mein Freund fing an:
-
-„Herr Pfennig, ich komme mit einer großen Bitte zu Ihnen, ich habe
-hier einen Lausebengel mit mir, dessen Vater ich gut kenne, und der
-früher ein guter Geschäftsfreund von mir gewesen ist. Dieser Bengel
-nun, der erst siebzehn Jahre alt ist, kniff seinem Vater wegen einer
-Mädelgeschichte aus und hat sich als Schiffsjunge herumgetrieben,
-bis er hier gänzlich mittellos und sein Unrecht einsehend bei mir
-strandete. Ich möchte nun den Jungen, der übrigens Schweizer ist
-und kaum ein Wort Englisch versteht, nach Europa zurückschicken
-und wollte Sie fragen, ob Sie nicht auf einem Ihrer Dampfer einen
-Platz als Küchenjunge frei hätten. Damit ihm ein für allemal seine
-Flausen vergehen, wäre ein grober Kapitän ganz angebracht und ebenso
-entsprechende Arbeit.”
-
-Herr Pfennig würdigte mich während dieser Zeit kaum eines Blickes,
-nur ab und zu sah er mich verächtlich an, und ich schien unter seinen
-Blicken sichtlich zu zerknirschen. „Ja”, sagte er, „für so was habe ich
-gerade was. Heute nachmittag fährt der Dampfer ‚Goliath’ direkt von
-hier nach San Francisco (jetzt spitzte ich aber die Ohren!), da kann er
-mit. Eine Tracht Prügel wird es dann und wann auch setzen, die schadet
-ihm aber nichts. Ich lasse Ihnen nachher gleich telephonisch Bescheid
-sagen, wann der Dampfer geht. Sechs Wochen Kartoffelschälen werden dem
-Jungen wohl gut tun.”
-
-Wir waren entlassen.
-
-Draußen kniff ich meinem Freunde so toll in den Arm, daß er vor
-Schmerzen aufschrie, und als wir endlich auf der Straße waren, da
-hielt ich es nicht mehr aus. Und heraus platzte ich mit einem
-Lachen, so herzhaft und froh, daß unwillkürlich die Leute, die an uns
-vorbeigingen, mitlachen mußten. Daß ich während der durchgemachten
-Szene ruhig bleiben konnte, war ein Wunder. Am Nachmittag erfuhr ich
-leider, daß der Dampfer wegen der Flut zwei Stunden früher abgegangen
-wäre. Nun war's Essig, und die Arbeit begann von vorn. Dampfer gingen
-ja genug, aber das Üble war dabei, daß sie alle über Japan fuhren und
-sich dort mehrere Tage aufhielten.
-
-Das durfte ich nur im äußersten Notfalle wagen.
-
-Aber das Glück ließ mich nicht im Stich. An einem Tage traf ich
-zufällig einen Freund, mit dem ich vor Jahren manch lustige Nacht im
-fernen Osten durchgebummelt hatte. Der war gleich bei der Hand. Und
-schon nach einigen Tagen hatte er mir die nötigen Papiere besorgt,
-und mir genaue Verhaltungsmaßregeln erteilt. Aus einem Mr. Scott,
-Meyer oder Brown war plötzlich ein steinreicher vornehmer Engländer
-geworden mit dem schönen Namen McGarvin. Dieser Herr war Vertreter von
-Singers Nähmaschinen und reiste von Schanghai zu seinen Fabriken nach
-Kalifornien.
-
-Was war natürlicher, als daß Mr. McGarvin den nächsten großen
-amerikanischen Postdampfer benutzte!
-
-An Bord dieses Schiffes gab es nur zwei prachtvolle Luxuskabinen.
-In der einen wohnte ein amerikanischer Milliardär, in der anderen
-der Oberleutnant zur See Plüschow, o Verzeihung, was sage ich da,
-ich meine natürlich der Singer-Nähmaschinen-Fabrikant McGarvin. Eine
-Schwierigkeit war noch zu überwinden: das unbemerkte Entkommen aus
-Schanghai.
-
-Da halfen mir wieder meine Bekannten aus. Drei Tage bevor der Dampfer
-ging, nahm ich überall offiziell Abschied und verbreitete, daß ich
-mich in Schanghai nicht mehr sicher fühlte und nun nach Peking reiste,
-um bei der Deutschen Gesandtschaft tätig sein zu können. Tatsächlich
-fuhr ich auch in meinem Wagen um elf Uhr abends zum Bahnhof. Daß der
-Kutscher allerdings einige Straßen vorher abbog und in scharfem Trab
-nach Süden fuhr und aus der Stadt heraus, konnte ich nicht wissen.
-
-Woher sollte ich auch Schanghai kennen?
-
-Nach ungefähr zwei Stunden, während deren der Wagen längs des
-Wusungflusses gefahren war, hielten wir. Zwei mit Revolvern bewaffnete
-Männer traten an den Wagen heran, eine kurze Parole, ein Händedruck,
-dann küßte ich voll Ehrerbietung und Dankbarkeit zwei schlanke weiße
-Frauenhände, die sich mir aus dem Wageninnern entgegenstreckten, und
-fort sauste das Gefährt. Meine beiden Freunde nahmen mich in ihre
-Mitte, auch ich zog meinen Revolver, und wortlos stiegen wir in eine
-bereitliegende Dschunke.
-
-Die Nacht war stockfinster, der Wind heulte, und unheimlich gurgelte
-das schmutzige dunkle Wasser, welches, von der Ebbe mitgenommen, an
-uns vorbeischoß.
-
-Mit aller Kraftanspannung wriggten vier dunkle Chinesengestalten an
-ihren Riemen, und nach etwa einer Stunde hatten wir viele Kilometer
-stromabwärts unseren Bestimmungsort am jenseitigen Ufer erreicht.
-
-Lautlos legten wir an, lautlos verschwand die Dschunke, und ebenso
-lautlos schritten wir einem dunklen Gebäude zu, welches inmitten eines
-kleinen Gartens in der Nähe von riesigen Fabrikgebäuden lag.
-
-Der helle Glanz elektrischer Lampen, der uns entgegenstrahlte, nachdem
-die Eingangstüren sorgfältig verschlossen waren, blendete grell meine
-Augen.
-
-Bald sah ich aber, daß ich mich in einer gemütlich eingerichteten
-Junggesellenwohnung befand. Ein Tisch war gedeckt, und wacker langten
-wir den köstlichen Speisen zu. Nun wurde der Kriegsplan ausgeheckt.
-
-Die Wohnung gehörte den beiden jungen Leuten, die am Tage in der Fabrik
-zu tun hatten. Die Bedienung im Hause war selbstverständlich rein
-chinesisch, und das war gut.
-
-Mein Aufenthalt in diesem Hause mußte unter allen Umständen geheim
-bleiben, besonders da hier auch noch ein unangenehmer Mann wohnte, der
-zur „Entente” gehörte.
-
-Die Angst der Chinesen vor bösen Geistern und besonders den Aberglauben
-vor Verrückten wollten wir ausnutzen. Meine Aufgabe war einfach die:
-drei volle Tage den wilden Mann zu spielen.
-
-Ich erhielt ein Zimmerchen, in das ich eingeschlossen wurde. Der Boy
-wurde von seinem Herrn eingehend instruiert und eingeschüchtert, und so
-konnte ich sicher sein, daß nichts verraten würde.
-
-Donnerwetter! Ich habe nicht gedacht, daß es so schwer ist, einen
-Verrückten zu simulieren. Drei Tage blieb ich in diesem Zimmer
-eingesperrt, tobte herum, und nur ab und zu beruhigte ich mich und saß
-stumpfsinnig in meinem Sessel.
-
-Sobald der Boy, der draußen Wache ging, diese Beruhigung merkte, machte
-er vorsichtig die Tür auf und schob noch vorsichtiger sein Tablett,
-auf dem Essen stand, hinein und setzte es auf ein daneben stehendes
-Tischchen. Und wie der Blitz zog er den Arm wieder zurück, und ich
-konnte ordentlich fühlen, mit welcher Erleichterung er den Schlüssel im
-Schloß von außen umdrehte. Wenn ich dann manchmal laut herauslachte,
-weil ich eben einfach platzte vor Vergnügen, dann glaubte sicher der
-brave Gelbe, ein neuer Anfall habe mich gepackt.
-
-Am Abend des dritten Tages schlug endlich meine Befreiungsstunde.
-
-Ebenso vorsichtig und geräuschlos wie bei der Ankunft verließen wir
-wieder das Haus.
-
-An der Landungsstelle lag ein großes Dampfboot, ein kurzer herzlicher
-Abschied, und stromabwärts ging die Fahrt auf die Wusung-Reede, wo der
-riesige Dampfer „Mongolia” lag.
-
-Es war schlechtes Wetter, starker Seegang, und nicht mal das Fallreep
-war gefiert. Nach vielem Rufen und Schreien bemühte sich endlich
-jemand, das Fallreep herabzulassen, und mit „_dem_” Koffer in der Hand
-bestieg Mr. McGarvin das Schiff.
-
-Kein Mensch kümmerte sich um mich. Das Deck war nur halb erleuchtet,
-und schließlich ging ich an einige Schiffsoffiziere heran und fragte
-sie nach meiner Kabine. Ein unwilliges Gebrumm, welches auf deutsch
-hieß: Laß mi mei Ruh', antwortete mir. Aber als ich diesen Herren mein
-Billett unter die Nase rieb, da änderte sich die Situation mit einem
-Schlage. Tiefe Verbeugungen und Entschuldigungen. Ein Pfiff aus der
-Batteriepfeife eines Offiziers, und herbei rauschten mehrere Stewards,
-voran der weiße Obersteward. Die Deckslampen flammten hell auf. Die
-Stewards rissen sich um „den” Koffer, und voll Dienstbeflissenheit
-geleitete mich der Obersteward in meine Luxuskabine. Er floß förmlich
-über vor Höflichkeit.
-
-„O, Mr. McGarvin, warum kommen Sie denn heute schon, der Dampfer geht
-doch erst übermorgen früh, das ist doch heute mittag in Schanghai
-überall bekanntgegeben worden!” Ich machte ein wütendes Gesicht und
-tat empört darüber, daß mir als Inhaber einer Luxuskabine das nicht
-mitgeteilt worden sei.
-
-Dann kam mein feister chinesischer Kabinensteward. Die Ruhe und die
-Vornehmheit in eigenster Person. Beinahe hätte er mich in Verlegenheit
-gebracht. Durch einen seiner Unterboys ließ er meinen Koffer
-hereinbringen und fragte im zweifelnden Tone, ob das denn das ganze
-Gepäck wäre.
-
-„Ja”, sagte ich.
-
-„Oh,” meinte er, „da sind die anderen Gepäckstücke wohl schon im
-Gepäckraum?”
-
-„Aber natürlich, meine schweren Koffer sind bereits gestern verladen
-worden, und ich hoffe sehr, daß der Lademeister gut auf meine
-wertvollen Strandkoffer achtgeben wird.”
-
-Ach der gute Chinaxe, wenn der geahnt hätte, daß ich schon stolz war,
-diesen einen Koffer zu besitzen, und selbst dieser war bedenklich
-leicht!
-
-Endlich, am fünften Dezember Neunzehnhundertvierzehn, abends setzte
-sich der Dampfer „Mongolia” in Bewegung.
-
-Trotz des schönen Wetters und des guten Essens erkrankte plötzlich am
-nächsten Tage Mr. McGarvin. Was es war, konnte er selbst nicht genau
-sagen. Wahrscheinlich eine schwere Fischvergiftung, und schleunigst
-wurde der Schiffsarzt geholt. Dies war ein glänzender Mann, Sportsmann
-durch und durch und für jeden köstlichen Scherz sofort zu haben.
-Seine anfangs besorgte Miene nahm schnell einen erstaunten Zug an,
-als ihm aus der Koje des vermeintlich Todkranken ein blühendes, braun
-verbranntes Gesicht entgegenleuchtete.
-
-Ich hatte Vertrauen zu ihm, und in kurzen Worten schilderte ich ihm
-meine Lage. Selten habe ich ein paar Augen so erfreut aufleuchten sehen
-wie die des Arztes, nachdem ich ihm meine Sünden gebeichtet hatte. Ein
-schallendes Gelächter und ein kräftiger Händedruck sagten mir, daß ich
-an den richtigen Mann gekommen war. Der Steward klopfte an.
-
-Besorgte Amtsmiene des Arztes, Stöhnen des Patienten.
-
-Vorsichtig huschte der Steward hinein, und mit leiser, eindringlicher
-Stimme sagte ihm der Arzt: „Du, Boy, dieser Master sehr krank sein, gar
-nicht stören, vor zehn Tagen Aufstehen unmöglich, das beste Essen, vom
-Koch sorgfältig ausgewählt, stets ans Bett bringen, wenn Master Wünsche
-hat, mich sofort holen.”
-
-Bei dieser Rede hatte ich bereits einen Bettzipfel im Mund, und
-wenn's länger gedauert hätte, würde ich wohl noch die ganze Bettdecke
-verschlungen haben. Ich war wieder mal im Bilde.
-
-Drei Tage Seefahrt, dann kam der erste der drei gefürchteten
-japanischen Häfen. Friedlich lief der Dampfer in Nagasaki ein,
-und sofort stürzte sich eine Flut von Zollbeamten, Polizisten und
-Kriminalbeamten an Bord. Die Glocke tönte durchs Schiff und der
-Ruf: Alle Passagiere und alle Mann antreten zur Musterung! Und nun
-ging die Untersuchung und das Gefrage los. Die Passagiere waren im
-Salon versammelt. Jeder einzelne wurde namentlich aufgerufen, ganz
-gleichgültig ob Mann, Frau oder Kind, wurde von einer Kommission aus
-Polizeioffizieren und Kriminalbeamten vernommen, die Papiere genau
-revidiert und dann von einem japanischen Arzt genau auf ansteckende
-Krankheit untersucht. Vor allen Dingen wollten sie genau wissen, wer
-derjenige wäre, der aus Tsingtau käme! Der fünfunddreißigste Name, der
-aufgerufen wurde, war McGarvin. Alles sah sich um, keiner hatte diesen
-natürlich gesehen. Da trat der Arzt heran, machte ein sehr bedenkliches
-Gesicht und flüsterte seinem japanischen Kollegen unter bedauerndem
-Achselzucken eine schreckliche Geschichte ins Ohr.
-
-Eine Viertelstunde darauf hörte ich viele Stimmen vor meiner Kammer,
-es wurde ganz vorsichtig die Tür geöffnet, und herein ging der
-amerikanische Arzt und schlichen sich zwei japanische Polizeioffiziere
-und der japanische Arzt. Fest zusammengerollt und leise stöhnend lag
-der arme Fischvergiftete da, nichts war von ihm zu sehen, als etwas vom
-Haarschopf.
-
-Der Amerikaner trat ans Bett und berührte vorsichtig meine Schulter,
-was mir scheinbar fürchterliche Schmerzen verursachte. Sofort trat
-der Arzt vom Bett zurück und sagte halblaut: ~„Oh, very ill, very.”~
-Die Japaner, welche sich von Anfang an voller Scheu in der wundervoll
-eingerichteten Kabine umgesehen hatten, schienen froh zu sein, aus
-dieser ihnen ungewohnten Umgebung schnell wieder rauskommen zu können.
-Mehrere tiefe Bücklinge, ein zischendes Geräusch durch die Zähne,
-welches ihre besondere Ehrerbietung ausdrücken sollte, ein leise
-gemurmeltes: ~„Oh, I beg your pardon!”~ und raus war die ganze gelbe
-Gefahr.
-
-Ich glaube, während dieser ganzen Szene und besonders vorher hatte ich
-doch etwas Schüttelfrost, der sich aber schnell wieder legte.
-
-Am Nachmittage riskierte ich doch einen Augenblick aufzustehen, um mir
-vom Schiff aus Nagasaki, das ich von früher her kannte, anzusehen.
-
-[Illustration: Die Landung in Hai-Dschou (China).]
-
-Der Anblick, der sich mir bot, trieb mich schnell wieder in die Koje.
-Der Hafen war mit unzähligen Dampfern besät, welche unter reichstem
-Flaggenschmuck zu Anker lagen. Ein außerordentliches Leben herrschte
-an Bord dieser Schiffe, überall wurden Truppen, Pferde und Geschütze
-ausgeladen, alle Soldaten waren festlich geschmückt, die Häuser der
-Stadt verschwanden fast unter Girlanden und Fahnenschmuck, eine
-unabsehbare, froh bewegte Menge strömte durch die Straßen und nach
-der Festwiese, wo Parade und Truppenschau abgehalten wurde. Nun wußte
-ich's. Das waren ja die _Sieger_ von Tsingtau! In ganz Japan wurde
-heute die Niederwerfung und Bezwingung des _ganzen Deutschen Reiches_
-gefeiert. In den japanischen Zeitungen, die in Englisch erschienen,
-konnte ich an diesem Abend unter anderem lesen, daß es den Engländern,
-Franzosen und Russen nicht gelungen sei, Deutschland zu besiegen,
-aber _sie_, die Japaner, _sie_ hätten es fertiggebracht und wären damit
-jetzt ohne Zweifel das beste und stärkste Heer der ganzen Welt. Doch
-genug von diesen Lächerlichkeiten, die Amerikaner und Engländer haben
-sich ganz ähnliche Sachen geleistet.
-
-[Illustration: Verbrennen des Flugzeuges nach der Landung auf
-chinesischem Boden
-
- × Der Verfasser
-]
-
-Noch zweimal legte der Dampfer während dieser Tage in japanischen
-Häfen an. Sowohl in Kobe wie in Yokohama spielte sich in meiner Kammer
-derselbe Vorgang ab wie in Nagasaki -- Mr. McGarvin blieb krank und
--- -- -- unbehelligt. Fünf volle Tage blieben wir im ganzen in Japan.
-Aber endlich, nachdem ich acht ganze Tage im Bett gelegen hatte,
-ohne daß mir etwas fehlte als eben die Krankheit, verließen wir die
-gefährlichen Gewässer, und als die japanische Küste hinter uns am
-Horizont verschwand, da soll es auf dem Dampfer einen jungen Mann
-gegeben haben, der wie unsinnig vor Freude herumsprang und sein kleines
-Hütchen, welches ehemals einem fünfjährigen Mädchen im fernen China
-gehört hatte, in der Richtung nach Japan schwenkte und lachend rief:
-~„Good bye, Japs, good bye, Japs!”~
-
-Unter allerlei Unterhaltungen, wie sie eben an Bord eines so großen
-Dampfers gepflogen werden, zogen die Tage dahin. An Bord waren auch
-mehrere deutsche Herren, die der Krieg aus ihrer bisherigen Heimat
-vertrieben, dann einer meiner Kameraden, der bis jetzt in Schanghai zu
-tun gehabt hatte, und ein Kriegskamerad von mir: der amerikanische
-Kriegsberichterstatter Mr. Brace, welcher als einziger Ausländer die
-ganze Belagerung Tsingtaus mitgemacht hatte.
-
-Neptun sorgte für Abwechslung. Kurz vor Honolulu bekamen wir einen
-starken Taifun auf den Kopf, der zwei Tage andauerte, und bei dem der
-Dampfer ernstlich in Gefahr schwebte.
-
-Als wir in Honolulu bei strahlendem Sonnenschein ankamen, da traute ich
-meinen Augen kaum. Da vorne, da wehte ja die deutsche Kriegsflagge! Es
-war kein Zweifel.
-
-Und als wir festgemacht hatten, lag neben uns winzig wie eine Nußschale
-der kleine Kreuzer „Geier”, welcher sich, wie wir später erfuhren, von
-der Südsee aus in mehrmonatiger Reise bis nach hier durchgeschlagen
-hatte und interniert worden war. Welch ein eigentümliches
-Zusammentreffen! Liebe Kameraden, von denen ich lange nichts mehr
-gehört hatte, traf ich hier mitten im Kriege, fern der Heimat nach
-großen Erlebnissen. Da gab's ein Fragen und Erzählen, das wollte kein
-Ende nehmen.
-
-Der „Geier” hatte sich bei Ausbruch des Krieges fern unten in
-der Südsee zwischen dem Gewirr der Koralleninseln befunden. Die
-Mobilmachung mit Rußland hatte er noch erfahren, dann war seine
-Funkentelegraphie entzweigegangen, und er schwamm ohne Nachrichten
-im Stillen Ozean herum. Erst vierzehn Tage später erfuhr der „Geier”
-etwas vom Kriege mit England und noch später den mit Japan. Da hieß es
-aufpassen. Und umstellt und gehetzt von einer Schar von Feinden ist
-es dem kleinen Kreuzer gelungen, wochenlang segelnd oder im Schlepp
-eines kleinen Dampfers sich die Tausende von Seemeilen bis nach
-Honolulu durchzuschlagen. Und als der große japanische Kreuzer, der
-bei der Einfahrt von Honolulu auf ihn lauerte, sich an einem Morgen
-die Augen rieb, da lag das kleine Nußschälchen schon wohlgeborgen im
-Hafen, und stolz wehte die Flagge am Mast, und der gelbe Aff' mußte mit
-eingezogenem Schwanze nach Hause laufen.
-
-Nach der Abfahrt von Honolulu hatte ich noch ein ernstes Hühnchen mit
-meinem Kriegskorrespondenten zu rupfen. Dieser brachte mir nämlich
-freudestrahlend die „Honolulu Times” und zeigte mir stolz das erste
-Blatt, auf dem in riesigen Lettern mein Name, meine Stellung und
-meine Herkunft zu lesen waren und darunter ein spaltenlanger Artikel,
-der alle Schandtaten aufzählte, die ich in und nach der Belagerung
-Tsingtaus vollbracht hatte.
-
-Also echt amerikanisch; nach dem, was über einen in der Zeitung steht,
-wird man erst beurteilt.
-
-Mir war die Sache äußerst peinlich, denn ich hatte allen Grund zu
-befürchten, daß die amerikanischen Behörden mich auf dieses Schreiben
-hin in San Francisco festnehmen würden. Doch alle Amerikaner an
-Bord beruhigten mich in dieser Beziehung, und meinten, ich würde in
-Amerika vollständig unbelästigt herumgehen können, denn, was ich
-gemacht hätte, wäre ein ~„good sport”~, dafür hätten die Amerikaner
-Sinn. Sogar im Gegenteil, der Amerikaner würde sich kolossal darüber
-freuen, und wenn ich vernünftig wäre und von meinen törichten
-deutschen Offiziersansichten abließe, dann könnte ich in Amerika ein
-ordentliches Stück Geld verdienen. Ich solle mich bloß an eine richtige
-Zeitung wenden, und die würde die Sache an der Hand ihrer Reklame
-ordentlich inszenieren, und dann könnte ich, möglichst mit Musik
-vorneweg, von Stadt zu Stadt ziehen und Vorträge halten und ~plenty
-dollars~ einheimsen. Ja, es waren überhaupt Gemütsmenschen, die Herren
-Amerikaner. Einer dieser Herren, ein ganz famoser netter Mann, der eine
-reizende Tochter mit an Bord hatte, kam eines Tages zu mir, nahm mich
-beiseite und sprach im vollsten Ernste:
-
-„Sehen Sie mal, Mr. McGarvin, Sie gefallen mir, ich habe Interesse an
-Ihnen. Was wollen Sie jetzt anfangen? Geld haben Sie wahrscheinlich
-nicht, in Amerika kennt Sie niemand, und gute Arbeit findet sich dort
-sehr schwer!”
-
-„Nun, ich will nach Deutschland und will für mein Vaterland kämpfen,
-ich bin doch Offizier!”
-
-Ein mitleidiges Lächeln seinerseits.
-
-Er: „Aus Amerika herauszukommen, ist ausgeschlossen, und dann, Ihr
-Vertrauen und Ihre Begeisterung in Ehren, aber glauben Sie mir, ich
-habe gute Verbindungen; in wenigen Monaten wird Deutschland vernichtet
-sein, und da wird es dann für Sie keine Arbeit und keine Bleibe mehr
-geben. England wird keinem deutschen Offizier erlauben, nach dem Kriege
-in Deutschland zu bleiben. Sie alle werden exportiert, das Deutsche
-Reich aufgeteilt und der Deutsche Kaiser von seinem eigenen Volke
-abgesetzt werden. Also seien Sie doch vernünftig, suchen Sie sich jetzt
-schon eine neue Heimat zu gründen, bleiben Sie in Amerika, ich werde
-Ihnen gern helfen.”
-
-Das war mir zu viel. Und eine Antwort habe ich dem Herrn gegeben und
-eine Belehrung, was eigentlich ein deutscher Offizier sei, und wie
-es wirklich in Deutschland aussähe, daß der gute Mann fast selbst
-mit in Begeisterung über Deutschland geriet. Von nun ab war er noch
-liebenswürdiger zu mir, und öfters bin ich nachher bei ihm in San
-Francisco und New York zu Gast gewesen.
-
-Am dreißigsten Dezember liefen wir in San Francisco ein.
-
-Typisch amerikanischer Zustand.
-
-Dutzende von Zeitungsreportern und Photographen rannten an Deck herum,
-kamen in Salons, ja ließen einen nicht mal in den Kabinen zufrieden.
-Von mir hatten die Kerls schon Wind bekommen. Von allen Seiten
-stürmten diese Herren herbei, von allen Ecken wurde man geknipst, es
-war geradezu widerlich. Schließlich wandte ich das einzige Mittel an,
-welches hilft: ich wurde grob und schrie: „Ich habe überhaupt nichts zu
-sagen, und wenn Sie mich weiter belästigen, hole ich die Polizei!” Mein
-Kriegskorrespondent aus Tsingtau hatte mich vorher instruiert, mit
-seinen Kollegen so zu verfahren.
-
-Nur ein windiger gelber Japaner schlich sich wie eine Katze an mich
-heran, machte tiefe Verbeugungen, zischte durch die Zähne und sagte
-falsch lächelnd, er käme vom Japanischen Konsulat (das auch noch!) und
-wolle mich begrüßen und mir Glück wünschen, daß ich so gut aus Tsingtau
-herausgekommen wäre. Im übrigen hätte ich ja gar nichts zu befürchten,
-ich wäre auf amerikanischem Boden, aber er würde so furchtbar gerne
-einen kleinen Bericht seiner Zeitung nach Japan schicken, das würde
-seine japanischen Brüder freuen.
-
-Den gelben Jap ließ ich durch den chinesischen Steward hinausbefördern.
-
-San Francisco!
-
-
-
-
-Sie haben mich!
-
-
-San Francisco!
-
-Diese riesige wunderschöne Stadt!
-
-Das beste war: ich wurde _nicht_ verhaftet. Keine offizielle
-Persönlichkeit kümmerte sich um mich, und ich blieb einige Tage dort
-trotz des Entsetzens auf dem Deutschen Konsulat, wo man mich schon
-verhaftet sah. Ich habe selten in meinem Leben eine so wahnsinnige,
-tolle Nacht erlebt wie die Silvesternacht in San Francisco.
-
-Alles was mir darüber schon vorher erzählt war, war nichts gegen die
-Wirklichkeit. Die ganze Stadt schien wie in ein Tollhaus verwandelt.
-Und all die Menschen, rassig bis zum letzten Blutstropfen; schön
-und kräftig die Männer, hinreißend die blonden Frauen und Mädchen.
-Ich war von meinem Bekannten in eins der schönsten und größten
-Vergnügungslokale eingeladen. Unerschwingliche Eintrittspreise und das
-Publikum das beste vom besten. In dieser Nacht schien alles erlaubt.
-
-Und dann die Musik und der Tanz so hinreißend und schön und wild, es
-ist „die” Nacht von San Francisco!
-
-Am zweiten Januar Neunzehnhundertfünfzehn galt's wieder Abschiednehmen,
-und zufällig traf ich mit meinem Kameraden und mehreren Deutschen,
-mit denen ich auf dem Dampfer zusammengewesen war, in demselben
-Eisenbahnwagen wieder zusammen.
-
-Das wurde eine frohe Fahrt, zumal die Zeitungen gute Nachrichten aus
-Deutschland brachten, einige der älteren Herren und Damen direkt zur
-Heimat fuhren und wir beiden Offiziere fest daran glaubten, daß auch
-wir unserem Ziele nicht mehr fern wären.
-
-Bei den Grand Canons von Arizona wurde ein Zug überschlagen. Das
-mächtige Naturwunder zeigte sich uns in wunderbarster Schönheit.
-Dann ging's weiter, tagelang raste der Zug durch die Prärien,
-Knabenerinnerungen an den Lederstrumpf und an die Mohikaner tauchten in
-uns auf, dann trennten wir uns in Chicago und ich fuhr nach Virginien,
-um liebe Freunde zu besuchen und um zu sehen, wie ich die Weiterreise
-nach Europa ermöglichen könnte.
-
-Nach zwei, drei Tagen reiste ich nach New York weiter, um hier mein
-Glück zu versuchen.
-
-Drei volle Wochen mußte ich in New York bleiben, drei volle Wochen, in
-denen ich viel von New York und den Menschen dort und von dem dortigen
-Leben kennenlernte.
-
-Drei volle Wochen, während deren ich oft nicht wußte, was vor Wut
-anfangen. Das überstieg alles, was ich bis jetzt in dieser Beziehung
-erlebt hatte. Kaum ein Bild, kaum eine Zeitung, kaum eine Reklame,
-die nicht gegen Deutschland hetzte, die nicht die tapferen deutschen
-Kämpfer in den Dreck zogen.
-
-Der Tipperary-Gesang schien auch in New York zum Nationallied
-gestempelt worden zu sein.
-
-Gab es denn keinen, der diesen Leuten die Augen öffnete, _wollten_
-diese Menschen die Wahrheit nicht hören und nicht sehen?
-
-Ja, die meisten kannten ja Deutschland überhaupt nicht, wußten kaum,
-wo Deutschland lag, und doch urteilten sie so. Da konnte man fühlen,
-welche ungeheure Macht die gemeine englische Lügenpresse besaß, und
-wie urteilslos und dumm der Amerikaner auf diesen groben Schwindel
-hineinfiel.
-
-Ich habe gewirkt, was in meinen Kräften stand.
-
-Ich habe geredet und erzählt und zu überzeugen versucht, überall
-dieselbe Antwort: „Ja, daß Sie persönlich all diese Greueltaten nicht
-tun würden, das glauben wir Ihnen, aber die anderen Deutschen, die
-Hunnen und Barbaren, die tun's. Hier steht's ja schwarz auf weiß in den
-Times! Da muß es ja wahr sein, denn es ist undenkbar, daß ein so großes
-Blatt die Unwahrheit sagt.” Ein großer Trost war mir die rührende Art,
-wie ich von meinen Bekannten und deren Freunden aufgenommen wurde,
-und ich bin ihnen aufrichtig dankbar dafür. An einem Abend war ich
-besonders wütend. Ich war in der Metropolitan Opera gewesen, es wurde
-unter anderem ein Akt aus „Hänsel und Gretel” gegeben. Deutsche Musik,
-deutsche Worte und deutscher Gesang!
-
-Mein Herz tat sich auf und quoll über vor wahnsinnig schmerzender
-Sehnsucht nach dem geliebten Vaterlande; meine Seele trank in vollen
-Zügen das deutsche Lied. Hingerissen, berauscht, trat ich auf die
-Straße und wurde jäh in die Wirklichkeit zurückgerufen.
-
-Auf dem großen Platz vor dem Theater, wie allabendlich, eine riesige
-Volksmenge. Drüben an einer kahlen Hauswand leuchtete wie an jedem
-Abend in großen Buchstaben der neueste Kriegsbericht auf, der von einem
-Kinematographen-Apparat auf die Wand geworfen wurde.
-
-Natürlich: Rußland hatte wieder mal einen großen Sieg errungen, die
-Engländer hatten die deutsche Kronprinzen-Armee vollkommen vernichtet!
-
-Die Menge johlte vor Freude.
-
-Dann kamen einige Schlachtenbilder. Erst einige englische und
-französische Kriegsschiffe, dann plötzlich der deutsche Kreuzer
-„Goeben”.
-
-Die Menge raste, ein Pfeifen, ein Zischen und Pfui-Rufen, welches kein
-Ende nehmen wollte.
-
-Das waren die _neutralen_, um Menschenrechte und Gerechtigkeit so
-besorgten Amerikaner!
-
-Vergebens waren bis jetzt meine Bemühungen gewesen, nach Europa zu
-gelangen. Ich hatte mir die Sache doch einfacher vorgestellt.
-
-Um ein Haar wäre es mir einmal gelungen.
-
-Ich hatte eine Heuer auf einem norwegischen Segelschiff gefunden und
-sollte sofort meinen Dienst als Matrose antreten. Da mir aber dringend
-geraten wurde, diesen Kasten nicht zu benutzen, da mehrere englische
-Matrosen an Bord wären, ließ ich die Gelegenheit fahren und suchte
-weiter.
-
-Endlich hatte ich, was ich wollte.
-
-Durch Zufall lernte ich einen Mann kennen, der ein recht bewegtes Leben
-hinter sich hatte. Er hatte sich jahrelang in der Welt herumgetrieben
-und lebte nun schon lange in New York. Was er eigentlich tat, habe
-ich nie recht herausbekommen. Eines konnte er jedenfalls sehr
-geschickt, und das war: alte Pässe frisch aufgarnieren. So waren wir
-bald handelseinig. Nach wenigen Stunden hatte ich meinen Reisepaß,
-meine Photographie war sauber eingeklebt, alle An- und Abmeldungen
-vorschriftsmäßig vorhanden.
-
-Und so stieg am dreißigsten Januar Neunzehnhundertfünfzehn der
-Schweizer Schlossergeselle Ernst Suse an Bord des neutralen
-italienischen Dampfers „Duca degli Abruzzi” und verschwand im
-Zwischendeck.
-
-Zwei Stunden später passierten wir die Freiheitsstatue. Fünf Seemeilen
-vor dem Hafen von New York lagen zwei englische Kreuzer und bewachten
-die Hafeneinfahrt. Ein leuchtendes Beispiel für die Freiheit der Meere!
-Die Dampferfahrt war fürchterlich.
-
-Trotzdem ich als Seeoffizier und alter Torpedobootsfahrer an manchen
-Kummer gewöhnt war, so etwas hatte ich mir nicht träumen lassen.
-
-Das Schiff topplastig und mit so wahnsinnigen Schlinger- und
-Stampfbewegungen, daß ich als Fachmann überzeugt war, der Kahn würde
-bei mehr aufkommender See kentern. Und die Wanzen! Doch das ist
-ein Kapitel für sich. Am dritten Tage unserer Fahrt stand ich eines
-Vormittags an Deck und schaute sehnsüchtig nach der ersten Klasse, von
-wo zwei allerliebste Gesichtchen über die Reling sahen. Da trat ein
-Herr zu ihnen heran, und beinah hätte ich laut seinen Namen gerufen!
-
-Den kannte ich doch, das war doch -- -- -- --
-
-Ja, es war kein Zweifel möglich. Es war mein Kamerad T., der mit mir
-aus Schanghai gekommen war. Nun gewahrte er mich auch, nur daß er
-mich erst erkannte, nachdem er mit seinen Damen einige recht laute
-Bemerkungen über den schmierigen Gesellen (das war ich) dort unten
-gemacht hatte. Plötzlich wurde er stumm, seine Augen weiteten sich,
-dann glitt ein Lächeln des Verständnisses über seine Züge, er machte
-kehrt, und weg war er.
-
-Am Abend bei vollständiger Dunkelheit hatte ich einen Augenblick
-Gelegenheit ihn zu sprechen. Er fuhr als vornehmer Holländer
-(selbstverständlich konnte er kein Wort Holländisch sprechen) und
-wollte ebenso wie ich nach Neapel und von da nach Hause.
-
-Aber das beste war doch das: beide waren wir in New York täglich
-zusammengewesen, beide wußten wir gegenseitig, daß wir alles versuchen
-würden, um nach Hause zu kommen, aber wie es sich jetzt herausstellte,
-hatten wir beide unseren entsprechenden Unterstützungsmännern das
-Versprechen geben müssen, zu niemandem ein Wörtchen zu sagen, und das
-hatten wir beide so gut gehalten.
-
-Aber der Schlager kam noch: Beide waren wir bei demselben Mann gewesen!
-
-Einige Tage nach dem Verlassen von New York erkrankte ich plötzlich,
-bekam hohes Fieber und mußte mich in die Koje legen. Was es war, wußte
-ich selber nicht, wahrscheinlich ein Malariaanfall, und dieser Ansicht
-schien auch der italienische Arzt zu sein und gab mir eine blödsinnige
-Dosis Chinin. Der Erfolg trat auch sofort ein: ich wurde noch kränker
-denn zuvor und hatte mehrere Tage fast vierzig Grad Fieber. Diese
-Tage waren unbeschreiblich. In unserem Loch von einer Kammer wohnten
-wir zu vieren zusammen. Über mir lag ein Franzose, der mit Schnattern
-und Futtern nur aufhörte, wenn er seekrank war. Neben mir lag bleich
-und gefaßt ein Schweizer (das war schon verdächtig). Dieser Mann
-war so seekrank, daß ich glaubte, er würde Europa niemals lebend
-erreichen. Links über mir aber lag ein ganz rabiater Engländer, der
-trotz der geschlossenen Bullaugen Tag und Nacht seine Navy Cut-Pfeife
-nicht ausgehen ließ, fast immer betrunken war und kaum einen Moment
-sein Grölen und sein Schimpfen auf Deutschland unterbrach. Meine
-Ruhe kann man sich denken. Außerdem lag meine Koje direkt neben der
-Rudermaschine, und dann kam das Schlimmste: die Wanzen!
-
-Ich habe so etwas nie für möglich gehalten!
-
-Diese furchtbarsten Plagegeister kamen nicht einzeln, sondern gleich zu
-Dutzenden.
-
-Ach, was war der ganze Radau, der unerträgliche Gestank und die
-seekranken Menschen gegen diese Plage! Trotz des furchtbaren
-Schwächezustandes, in dem ich mich befand, versuchte ich die braunen
-Gesellen zu töten oder zu verjagen. Ich merkte aber nur zu bald, daß
-ich gegen sie machtlos war.
-
-Und dann wurde mir alles gleichgültig. Die Fahrt konnte ja nur noch
-einige Tage dauern, dann waren wir im schönen Italien, dann nur noch
-kurze Tage der Erholung, und ich wäre in meinem geliebten Vaterlande
-gewesen. Mit aller Energie wehrte ich mich gegen meine Krankheit, und
-die Gedanken an Deutschland ließen mich so weit genesen, daß ich am
-achten Februar, als der Dampfer in Gibraltar einlief, wieder aufstehen
-konnte.
-
-Gibraltar!
-
-Wie oft war ich an diesem Felsen früher schon vorbeigefahren, wie hatte
-ich dem grauen Stein froh bewegt zugewinkt, wenn ich, vom Auslande
-zurückkehrend, durch die Meerenge fuhr, der treuen Heimat entgegen!
-
-Was hatte ich dieses Mal zu erwarten?
-
-Trotzdem das Anlaufen von Gibraltar nicht auf dem Fahrplan vorgesehen
-war, fuhr der Dampfer ohne irgendwelche Aufforderung zur Untersuchung
-in den Hafen ein und ankerte dort. So weit also waren die Italiener
-schon Sklaven der Engländer geworden!
-
-Sobald das Schiff still lag, kamen zwei Kriegsschiffsbarkassen
-längsseit, denen ein englischer Seeoffizier, einige Polizeibeamte und
-mehrere bis an die Zähne bewaffnete englische Matrosen entstiegen.
-
-Ein Glockensignal wurde durch das Schiff gegeben und der Befehl:
-Sämtliche fremden Passagiere, die nicht Italiener und nicht Engländer
-sind, auf die Kommandobrücke kommen! Die Stewards gingen herum, suchten
-alle Räume und Kammern ab, und wie eine Hammelherde, umringt von
-englischen Matrosen und italienischen Stewards, wurden wir auf die
-Brücke getrieben.
-
-So ganz wohl war mir dabei nicht zumute!
-
-Aber immerhin hatte ich etwas Vertrauen, da ich, wie ich bald
-feststellte, der einzige war, der mit einem richtigen Paß mit
-Photographie ausgerüstet war. Zu meinem großen Unbehagen stellte ich
-fest, daß wir im ganzen fünf Schweizer waren, von denen mir drei immer
-schon wegen ihres zurückgezogenen stillen Wesens verdächtig vorgekommen
-waren. Nur einen Schweizer, den hatte ich noch nicht gesehen, der sah
-aber auch so dreckig und schmierig aus, daß ich vorsichtshalber etwas
-zur Seite trat, als er sich neben mich stellte.
-
-Nach ungefähr einer Stunde, nachdem die Passagiere erster Klasse recht
-oberflächlich und sehr höflich untersucht worden waren, kam die Reihe
-an uns.
-
-Sechs arme Sünder standen wir da. Der erste war ein
-italienisch-schweizerischer Arbeiter, dem der rechte Arm fehlte, seine
-Frau, eine typische Italienerin, warf sich unter Heulen dem Engländer
-zu Füßen. Ihren ganzen Anhang aus dem Zwischendeck hatte sie mit
-heraufgebracht. Alles heulte, und verächtlich sah der Engländer auf die
-Leute herab. Nach kurzem Verhör wurde der Mann entlassen und war frei.
-
-Nun kamen wir.
-
-Der größte von uns Schweizern stand am rechten Flügel. Der englische
-Offizier trat auf ihn zu und sagte: „Sie sind deutscher Offizier!”
-
-Natürlich laute Entrüstung und Proteste von dessen Seite. Der Engländer
-reagierte gar nicht darauf, und das Unglückswurm mußte beiseite treten.
-Wir anderen vier schienen ihm schon echter auszusehen.
-
-Wir wiesen auf unsere Pässe hin, und jeder von uns gab eine
-Mordsgeschichte zum besten. Nach kurzer Zeit sagte er: „Schön, die vier
-können gehen, aber den einen nehme ich mit!”
-
-Mir schlug das Herz vor Freude bis zum Halse. Da kam der Verräter.
-
-Ein windiges Bürschchen in tadellosem Zivil trat an den Offizier heran
-und sagte ihm mit aufgeregter Stimme: „Es ist ausgeschlossen, daß die
-vier so ohne weiteres freikommen, ich bin überzeugt, alle vier sind
-Deutsche; es müssen unbedingt noch ihre sämtlichen Sachen untersucht
-werden.”
-
-Von unserer Seite lauter Protest, aber es half nichts. Zwar widerwillig
-und voller Verachtung gegen diesen Schurken folgte der englische
-Offizier doch, und nun begann die Untersuchung in der Kammer. Alles
-wurde durchwühlt. Überall schnüffelte der Schurke herum, nichts konnte
-er finden, was verdächtig war. Kein Namenszug, nichts. Plötzlich drehte
-sich der Kerl um, riß mir die Jacke auf, krempelte mir die Brusttaschen
-um und sagte dann triumphierend zu dem Offizier, der neben ihm stand:
-
-„Sehen Sie, auch hier kein Namenszug und kein Name, das ist ein
-Zeichen, daß er ein Deutscher ist, denn er hat alle Monogramme vorher
-vernichtet.”
-
-Ach, hätte ich diesem Hund seine Hirnschale einschlagen können!
-
-Wie wir bald erfuhren, war dieser Zivilist der Vertreter der Firma Th.
-Cook & Brothers in Gibraltar und versah auf den Dampfern Dolmetscher-
-und schurkische Spionendienste. Er sprach ein so reines Deutsch, daß er
-zweifellos viele Jahre in Deutschland Gastfreundschaft genossen haben
-mußte. Wie viele Unglückliche mochte diese Schlange wohl schon ins
-Verderben gebracht haben!
-
-Wiederum wurden wir fünf wie Vieh auf der Brücke zusammengetrieben.
-Dann näherte sich auch schon der zweite Judas Ischarioth, welcher von
-Cooks Vertreter herbeigeholt war. Dieser zweite war ein Schweizer
-Passagier erster Klasse, und auf Veranlassung des Schurken sollte er
-uns in Schwyzer Dütsch prüfen.
-
-Wir versagten alle fünf.
-
-Kein Protest half. Nichts nützte, daß ich den Leuten die tollsten
-Geschichten erzählte, wie: Ich könnte ja überhaupt gar kein Deutsch!
-Schon als Kind von drei Jahren hätte ich mit meinen Eltern die Schweiz
-verlassen und sei mit ihnen nach Italien gezogen. Dann sei ich nach
-Amerika verschlagen worden.
-
-In gutem Italienisch und Amerikanisch redete ich wie um meinen Kopf.
-Beinahe kam ich frei, da zischelte die Schlange wieder, und -- -- --
-aus war es!
-
-Der englische Offizier ließ sich auf nichts mehr ein, er sagte bloß, es
-seien bereits so viel Schweizer durch Gibraltar durchgefahren, so viele
-gäbe es in der ganzen Welt nicht.
-
-Mit einer innerlichen Wut, die mich fast zum Wahnsinn brachte, wurde
-ich abgeführt.
-
-Schnell hatte ich ein paar Habseligkeiten zusammengerafft, ich konnte
-einer deutschen Dame noch unbemerkt einen Zettel in die Hand drücken,
-den sie auch treulich meinen Verwandten gesandt hat, und mit einem
-groben Stoß eines Seemanns flog ich das Fallreep hinunter und in die
-Barkasse, in der die vier anderen Unglückswürmer bereits gänzlich
-zerknickt saßen. Dann kam der englische Offizier mit seinem Schurken
-und fort ging's.
-
-An der Reling des Dampfers stand der Schweizer Verräter und sah
-schadenfroh herab. Da konnte ich nicht mehr an mich halten, ich sprang
-auf und drohte ihm mit der Faust und brüllte ihm ein Schimpfwort zu.
-
-Ein hysterisches Verräterlachen antwortete mir.
-
-Und ganz vorne von der Steuerbordreling, da grüßten stumm ein paar
-traurige deutsche Augen einen letzten Abschiedsgruß zu mir herüber.
-
-Leb' wohl, du glücklicher Kamerad, grüß' mir die Heimat, die du in
-einigen Tagen wiedersehen wirst!
-
-
-
-
-Hinter Mauern und Stacheldraht
-
-
-Der englische Offizier beruhigte mich: „Seien Sie versichert,” sagte
-er mir, „Sie können heute noch in Gibraltar Ihren Schweizer Konsul
-sprechen; wenn der die Richtigkeit Ihres Passes bestätigt, dann sind
-Sie am selben Tage frei.”
-
-Was es damit auf sich hatte, erfuhr ich nur zu bald. Die Dampfbarkasse
-rauschte dem Lande zu, und bald legte sie am inneren Teil des
-Kriegshafens an.
-
-Zehn Soldaten mit aufgepflanztem Seitengewehr standen an der
-Anlegestelle bereit. Einige kurze Befehle, die paar Sachen, die wir
-mitgenommen hatten, nahmen wir selbst auf den Buckel, dann mußten wir
-uns in zwei Reihen aufstellen, die zehn Soldaten umringten uns, und auf
-das Kommando: ~„Quick marsh”~ setzte sich der traurige Zug in Bewegung.
-
-Alles mit mir und um mich herum geschah wie im Traum. Ich war überhaupt
-kaum fähig, einen Gedanken zu fassen, so war ich niedergeschmettert.
-
-Gefangen!
-
-War es wirklich wahr? Gab es so etwas überhaupt?
-
-Es war entsetzlich, unfaßbar! Wie ein Verbrecher wurde man hier entlang
-geführt, und wie Verbrecher wurden wir von der Bevölkerung, an der
-wir vorbeigehen mußten, angesehen. Die Soldaten trieben uns zur Eile
-an. Ich war schwach zum Umsinken, da ich das Fieber noch nicht ganz
-überwunden und seit drei Tagen außer Chinin nicht das geringste in den
-Magen bekommen hatte. Die Sonne brannte auf die Felswände herab, und
-dann der seelische Zustand, die Hoffnungslosigkeit!
-
-Trostlos!
-
-Immer höher ging's durch schmale, erhitzte Gassen, bald verschwanden
-die Häuser unter uns, steile, nackte Felsen an beiden Seiten. Nach
-einer Stunde hatten wir die höchste Spitze des Gibraltar-Felsens
-erreicht. Kommandorufe erschollen, Drahthindernisse und eiserne Tore
-wurden geöffnet, dumpf schlugen sie wieder ins Schloß, Ketten und
-Riegel klirrten.
-
-Gefangen!
-
-Nun wurden wir zuerst zur Polizeiwache gebracht und einem Verhör
-unterzogen. Ich protestierte energisch und verlangte, umgehend vor
-meinen Konsul geführt zu werden, wie mir von dem englischen Offizier
-ausdrücklich zugesichert war. Ein bedauerndes Lachen war die Antwort.
-Ach, wir waren ja nicht die ersten, die so heraufgebracht waren und
-dasselbe Ansinnen gestellt hatten. Wie unendlich viele haben wohl hier
-oben gestanden und endgültig ihre Hoffnungen begraben müssen!
-
-Jetzt begann die körperliche Untersuchung.
-
-„Hat jemand von den Gefangenen Geld bei sich?”
-
-Keiner antwortete selbstverständlich. Wir mußten uns ausziehen,
-und jedes Kleidungsstück wurde eingehend auf Geld, Doppelgläser,
-Photographenapparate und besonders auf Schriftstücke untersucht. Ich
-kam als dritter an die Reihe, mein Hemd durfte ich anbehalten.
-
-„Haben Sie Geld?”
-
-„Nein!”
-
-Der Feldwebel tastete an meinem Körper herum, plötzlich klimperte etwas
-in der linken Brusttasche meines Hemdes.
-
-„Was ist das?”
-
-„Ich weiß nicht!”
-
-Nun griff er in die Tasche hinein, und was holte er heraus?: ein
-wunderschönes Zwanzigdollarstück aus bestem amerikanischem Golde
-und außerdem ein kleines Perlmutterknöpfchen, welches mich durch
-das Gegenschlagen gegen das Geldstück bei der Untersuchung verraten
-hatte. Ich sage ja, das hat man von der Ordnungsliebe! Hätte ich
-das Knöpfchen zwei Tage früher fortgeworfen, statt es sorgfältig
-aufzubewahren, wäre dies nicht passiert. Der englische Soldat freute
-sich, derlei Scherzchen schienen recht oft vorgekommen zu sein. Doch
-nun untersuchte er genauer. Und zu meinem Kummer holte er mir auch
-aus der anderen Hemdentasche und aus den beiden Hosentaschen noch je
-ein schönes Goldstück heraus; und dazu leider auch noch meine kleine
-Browningpistole, die mich nun schon so treulich all die Monate lang
-begleitet hatte.
-
-Als ich fertig ausgeplündert war, durfte ich mich wieder anziehen und
-zu den anderen Leidensgenossen in den Gefängnishof treten.
-
-Dann ging's in unsere zukünftigen Quartiere. Etwa fünfzig
-zivilgefangene Deutsche empfingen uns mit lautem Hallo. Diese saßen
-schon seit Beginn des Krieges hier und hatten ihren Humor scheinbar
-vollständig wiedergefunden. Unsere neuen Kameraden luden uns gleich zum
-Essen ein, und wie die Wilden stürzten wir auf den von den Gefangenen
-selbst hergestellten Brotpudding.
-
-Dann ging's an die Arbeit.
-
-Erst mußten wir Kohlen und Wasser schleppen. Wir wurden ungefähr der
-Größe nach verteilt, und durch Zufall kam der schmierige Schweizer, vor
-dem ich mich auf dem Dampfer schon geekelt hatte, mit mir zusammen. Es
-stellte sich heraus, daß er auch Schlosser war, also denselben Beruf
-wie ich erwählt hatte.
-
-Später, wo wir beide dann dauernd zusammen waren, korrigierten wir
-etwas unseren Beruf, und zwar waren wir dann nicht mehr Schlosser,
-sondern Schloß_herr_.
-
-Damit übervorteilten wir keinen, und die Sache hatte vor allen Dingen
-den Vorteil der Billigkeit, und daß sie sich durch eine einfache
-Änderung in der Aussprache bewerkstelligen ließ.
-
-Vorläufig aber schleppten wir noch Kohlen, und daß die einzelnen Kiepen
-nicht zu voll wurden, dafür sorgten wir schon. Wir waren ja auch so
-schwächlich!
-
-Nachdem wir Kohlen und Wasser genügend geschleppt hatten, empfingen
-wir unsere dreiteiligen Soldatenmatratzen, hart wie Stein, dazu zwei
-wollene Decken. Dann hatten wir für diesen Abend Ruhe. Das erste jetzt
-war das Waschen. Ich sehe die Szene heute noch.
-
-Mein schmieriger Kollege von derselben Fakultät setzte sein
-Waschbecken neben das meine und zog in aller Seelenruhe sein Hemd aus.
-Donnerwetter, so viel Sauberkeit hatte ich doch nicht erwartet, und ich
-musterte ihn kritisch. Tadellos gewachsener Körper und sogar sauber, ja
-blitzsauber! Aber Kopf, Hals und Hände, brrr! Mitten im Waschen hörte
-ich plötzlich auf. Mein Gesicht wurde immer länger, mein Erstaunen war
-groß. Das Waschwasser meines Kollegen war schwarz wie Brühe, aber er?
-Das war ja ein ganz anderer, der jetzt neben mir stand. Die vorher
-schwarzen und schmierigen Haare leuchteten in hellstem Blond, das
-Gesicht war frisch und weiß und zeigte feine Züge, und die Hände waren
-schlank und wohlgebaut. Und, war es möglich? Quer über die Backen und
-über die Schläfen da zogen sich Schmisse, richtige, echte deutsche
-Studentenschmisse hindurch. Das Hallo, und das Gefrage und Erzählen,
-das nun folgte. Mein Kollege war ein echter deutscher Student gewesen,
-hatte jetzt in Amerika eine schöne Automobilfabrik sich gegründet
-und hatte dort drüben alles stehen und liegen gelassen, um als
-Reserveoffizier seinem Vaterlande zu helfen. Schnell schlossen wir uns
-aneinander an und sind treue, unzertrennliche Freunde geblieben durch
-viele Wochen der Gefangenschaft, bis das Schicksal uns leider wieder
-trennte. Wir beiden Schloß_herren_ waren aber bald bekannt.
-
-Abends um zehn Uhr wurde Zapfenstreich geblasen, Licht aus in allen
-Räumen.
-
-Ich hatte meine Schlafstelle an einem Fenster aufgeschlagen, welches
-bis dicht auf den Fußboden herunterreichte. Auf der Erde liegend konnte
-ich bequem aus dem Fenster heraussehen.
-
-Der Tag hatte so viel Neues gebracht, jetzt erst kam ich zur Ruhe und
-zur Überlegung.
-
-Die Kaserne, in der wir untergebracht waren, lag hoch oben auf der
-höchsten Spitze von Gibraltar, da wo die Felsen steil nach Süden zu ins
-Meer herabfallen.
-
-Durch das Fenster erblickte ich jetzt tief unter mir das wunderbar
-blaue Wasser der Meerenge von Gibraltar.
-
-Drüben, ganz fern am Horizont, grüßte fein und hell die Küste von
-Afrika herüber.
-
-Da unten war die Freiheit, Schiffe fuhren hin und her, auf denen
-Menschen lebten, freie, ungebundene Menschen, die fahren konnten, wohin
-sie wollten, und -- -- -- nicht wußten, wie wunderbar und kostbar
-Freiheit war!
-
-Es war zum Wahnsinnigwerden!
-
-Die Gedanken jagten sich, die Ereignisse des Tages zogen im Geiste an
-mir vorüber, und wenn ich daran dachte, daß ich jetzt auch dort unten
-auf einem der Dampfer schwimmen könnte, dann hätte ich am liebsten
-aufbrüllen mögen vor Wut.
-
-Ach ja, heute war der achte Februar, mein Geburtstag, _den_ Tag hatte
-ich mir allerdings anders vorgestellt!
-
-Wie ein Irrsinniger wälzte ich mich auf meinem Lager herum, und wenn
-ich nachsann, wie jetzt alles hätte sein _können_, was ich alles von
-diesem Tage erhofft hatte und wie ich mir die Zukunft ausgemalt hatte,
-dann packte mich die wilde Verzweiflung, und vor ohnmächtiger Wut
-liefen mir die Tränen aus den Augen, ohne daß ich es verhindern konnte.
-
-Sehnsucht, o du furchtbare Sehnsucht!
-
-In dieser Nacht war ich nicht der einzige, dem es so ging.
-
-Aus vier anderen Lagern sahen bleiche Gesichter heraus, weitgeöffnete
-Augen starrten zur Decke, und manch unterdrücktes Schluchzen biß
-sich in die Decken hinein. Am nächsten Morgen um vier Uhr wurden wir
-plötzlich alle geweckt. Die englischen Unteroffiziere gingen die
-Räume entlang, und es wurde der Befehl gebrüllt, daß alle deutschen
-Gefangenen sich sofort klar zu machen hätten, in zwanzig Minuten
-abzumarschieren und mit einem bereits klar liegenden Dampfer nach
-England zu fahren.
-
-Nach England? Das war doch gar nicht möglich, wir waren doch Schweizer,
-wir sollten doch heute unseren Konsul sprechen!
-
-An der stoischen, unerschütterlichen Ruhe der Engländer prallten alle
-unsere Versuche ab. Nun schnell alles zusammengerafft, und genau eine
-halbe Stunde später marschierten wir sechsundfünfzig Zivilgefangene,
-umringt von hundert schwer bewaffneten englischen Soldaten, in den
-leuchtenden Morgen hinein und den Felsen von Gibraltar hinab.
-
-Aber daß unser Stolz nicht gebrochen war, das wollten wir den
-Engländern beweisen. Und schmetternd und hell, verstärkt durch die Wut,
-die in uns kochte, jubelte „Die Wacht am Rhein” und „O Deutschland hoch
-in Ehren” zum Himmel empor.
-
-Unten lag ein riesiger Transportdampfer, bis an den Rand gefüllt mit
-englischen Truppen. Durch die Menge der Abschiedgebenden und der
-Abschiednehmenden wurde eine schmale Gasse gebahnt, und im Gänsemarsch
-liefen wir Spießruten. Doch das muß ich sagen, es gab niemanden, der
-uns belästigte, nicht einen einzigen, der uns etwas zurief. Stumm wurde
-uns Platz gemacht, stumm ließ man uns passieren, ja hier und da traf
-sogar ein Blick des Bedauerns und des Mitleids diesen traurigen Zug.
-
-An Bord war vorne in der ersten Abteilung im Ladedeck notdürftig
-ein Raum gezimmert worden. Bänke und Tische und Hängematten waren
-vorhanden, alles wie an Bord eines Truppentransportschiffes.
-
-In dem Raum befanden sich zwei Posten mit aufgepflanztem Seitengewehr,
-oben am Luk standen ebenfalls zwei Posten, das Luk wurde von außen
-dicht gemacht und verschlossen, und drinnen saßen wir in der Falle. Die
-Bullaugen unseres Aufenthaltsraumes waren mit eisernen Blenden fest
-verschlossen, damit ja keiner von uns heraussehen oder womöglich aus
-einem geöffneten Bullauge Lichtsignale geben könnte. Nach kurzer Zeit
-schon ging ein leises Zittern durch das Schiff, die Maschinen setzten
-sich in Bewegung, und dann fing unser schwimmendes Gefängnis an, sich
-sanft und leise zu heben und zu senken.
-
-Wir waren in freier See.
-
-Tagelang ging es so weiter. Wir saßen streng bewacht, eingeschlossen
-in unserem Raum, einmal am Tage wurden wir hinaufgelassen und
-durften für eine Stunde frische Luft schöpfen. Eine recht primitive
-Bedürfnisanstalt war auf dem Vordeck aus ein paar Brettern
-zusammengeschlagen worden, und wer diese benutzen wollte, mußte sich
-beim Posten melden. Zwei Soldaten mit aufgepflanztem Seitengewehr
-geleiteten ihn dann und behielten ihn auch die ganze Zeit über im Auge.
-Mehr als einer gleichzeitig durfte dazu nicht an Deck erscheinen. Das
-Essen war gut, richtige Schiffskost, besonders gut war das Brot, die
-Butter und der überaus reichliche, vorzügliche Jam. Die Zeit vertrieben
-wir uns, so gut es ging, mit Lesen oder Erzählen, und vor allen
-Dingen wurde die Frage unserer Zukunft und das, was uns in England
-erwartete, lebhaft erörtert. Die beiden Posten, die ständig unten im
-Raum standen, freundeten sich bald mit uns an, und wir haben den armen
-Tommies mit unseren Erzählungen, wie es an der Kampffront in Frankreich
-aussähe, ganz furchtbare Angst gemacht.
-
-In der Biscaya bekamen wir sehr schlechtes Wetter.
-
-_Das_ war ein Zustand! Zu sechsundfünfzig in dem kleinen Raum
-eingepfercht, ohne Licht und Luft, und dazu der größte Teil seekrank.
-Am schlimmsten seekrank waren aber unsere englischen Posten und die
-Soldaten, die uns das Essen brachten. Sie boten ein Bild des Jammers.
-Als wir in die Nähe des Englischen Kanals kamen, bemächtigte sich eine
-allgemeine Nervosität und Unruhe der englischen Schiffsbesatzung.
-Täglich wurde Musterung mit Schwimmwesten abgehalten. Unsere
-Erholungsstunden an Deck fielen aus, und die englischen Soldaten hörten
-mit ihrem ängstlichen Gefrage nach unseren U-Booten überhaupt nicht
-mehr auf. Was haben wir denen die Hölle heiß gemacht!
-
-Endlich nach zehn Tagen lief der Dampfer in Plymouth ein. Als die
-Ankerkette rasselte und wir, sicher vor U-Booten, in dem schützenden
-Hafen lagen, konnten wir durch die Schottür sehen, wie die englischen
-Soldaten auf die Knie sanken, und hörten, wie sie kirchliche Lob-
-und Danklieder sangen zum Dank für die Errettung aus deutscher
-U-Boots-Gefahr.
-
-Gleich nach der Ankunft kam ein Tender längsseit und nahm uns Gefangene
-mit selbstverständlich der doppelten Anzahl der Bewachung auf und
-brachte uns an Land.
-
-Auf die Ankunft _so vieler_ Gefangenen schien man nicht vorbereitet zu
-sein. Die Engländer waren einfach kopflos. Kein Mensch wußte, was mit
-uns geschehen sollte, kein Mensch, der Rat schaffen konnte.
-
-Endlich wurden wir in einen Zug verladen, ich selber kam allein in ein
-Abteil, rechts und links von mir und mir gegenüber je ein Unteroffizier
-mit aufgepflanztem Seitengewehr, die den strengen Befehl erhalten
-hatten, mich scharf zu bewachen. Der Grund zu dieser besonderen Ehre
-war folgender:
-
-Als ich eingesehen hatte, daß es gänzlich ausgeschlossen war, daß
-ich jemals wieder freigelassen würde oder man mich als Schweizer
-anerkannte, hatte ich mich auf dem Dampfer ebenso wie die anderen
-Gefangenen dem führenden Offizier zu erkennen gegeben und verlangt, daß
-ich meinem Range entsprechend behandelt würde. Der englische Offizier
-erklärte mir, mich sofort in die erste Klasse aufzunehmen, wenn ich
-mein Ehrenwort geben würde, niemals einen Fluchtversuch zu machen
-und in diesem Kriege nicht mehr mitzukämpfen. Da ich dieses Ansinnen
-selbstverständlich mit Entrüstung ablehnte, wurde ich wieder in den
-Laderaum geschickt. Der einzige Erfolg war die strengere Bewachung.
-
-Abends bei Dunkelheit kamen wir in Portsmouth an. Auf dem Bahnhof
-und auch sonst wußte keiner, was mit uns anzufangen. Auch hier
-schien alles durch die ungeheuer große Gefangenenzahl (wir waren
-sechsundfünfzig Männekens) vollständig den Kopf verloren zu haben.
-
-Schließlich wurden wir in das Arresthaus (ein etwas besseres Gefängnis)
-geschafft. Auch hier große Überraschung und Verwirrung. Das Arresthaus
-ist dazu da, betrunkene Soldaten und Matrosen, die nachts auf den
-Straßen oder im Lokal aufgesammelt werden, unterzubringen, um sie
-ihren Rausch ausschlafen zu lassen und dann am nächsten Tage, nach
-Verabfolgung einer gehörigen Tracht Prügel, ihren Kommandos wieder
-zuzustellen. Ein alter, widerlicher Gefängniswärter und zwei ebenso
-alte, aber gemütliche und biedere Soldaten hatten die Aufsicht. Auf
-drei Zimmer wurden wir verteilt. Die Räume waren vollständig leer, eine
-elende Gasflamme erhellte sie notdürftig. Die Fenster waren zum großen
-Teil zerbrochen, es herrschte eine grimmige Kälte, und die Kamine
-hatten selbstverständlich kein Feuer. Den ganzen Tag hatten wir nichts
-zu essen bekommen, und hungrig wie die Wölfe hatten wir uns auf die
-Abendkost gefreut.
-
-Abendbrot? Auch nicht vorhanden!
-
-Da gingen wir denn zu den beiden alten Soldaten, und in kurzer Zeit
-hatten wir mit ihnen Freundschaft geschlossen. Ein kleines Trinkgeld
-bewirkte Wunder. Die alten Knacker rissen sich fast die Beine für
-uns aus. Wir gaben ihnen Geld mit, und schon nach einer halben
-Stunde keuchten sie schwer beladen mit Brot, Butter und Aufschnitt
-herein. Zwei riesige Töpfe Tee, mit Milch und Zucker gemischt, wurden
-aufgesetzt, Holzkohle konnten wir uns selber holen, und bald prasselte
-in allen drei Kaminen ein wundervolles Feuer. Die Eßvorräte waren ganz
-ausgezeichnet und so reichlich, daß selbst wir Ausgehungerten etwas
-übrigließen.
-
-Unsere gute Laune erreichte ihren Höhepunkt, als die Soldaten uns
-einige englische Zeitungen zusteckten. Der geistige Hunger war ja noch
-größer gewesen als der körperliche, denn seit Wochen hatten wir nicht
-das geringste von dem, was in der Welt vorging, gehört. Wenn auch
-in den Zeitungen natürlich _nur_ von englischen, französischen und
-russischen Siegen berichtet wurde, so wußten wir doch wenigstens, wo
-was los war.
-
-[Illustration: Der Verfasser (in Zivil) mit dem abgeschlagenen Motor
-seines Flugzeuges beim Mandarin von Hai-Dschou]
-
-Streng verboten war uns auch der Alkohol. Doch auch in England schien
-ein Verbot nur zum Übertreten da zu sein. Einer von unseren Posten
-war nämlich Mitglied einer in England und Amerika weit verbreiteten
-Freimaurerloge, in der zufällig auch mein Freund, der andere
-Schloß_herr_, Meister war. Als der Soldat das Freimaurerabzeichen
-im Knopfloch meines Freundes erkannte, da war die Freundschaft
-besiegelt. Im Erdgeschoß unseres Gefängnisses war eine kleine Kantine,
-und einer nach dem anderen von uns wurde von dem guten Logenbruder
-heruntergeführt, stärkte sich unten und konnte auch seine Tasche mit
-Bierflaschen gefüllt heraufbringen,
-
-[Illustration: Donington Hall, Leicestershire, England, wo die
-gefangenen deutschen Offiziere interniert sind.]
-
-Das Beste war, daß unsere Posten, die mit aufgepflanztem Gewehr vor
-unserer Tür Wache gingen, uns ruhig weggehen ließen und uns sogar
-baten, wir möchten ihnen einige Flaschen Bier mit heraufbringen. Um
-neun Uhr abends waren unsere Posten bereits so weit, daß wir mit ihnen
-zusammen Gewehrgriffe übten, um elf Uhr abends ließ der eine Posten
-sogar sein Gewehr fallen und kippte selber mit dem ganzen Kohlenkasten,
-auf dessen Rand er sich gesetzt hatte, um.
-
-Wenn ich damals schon _die_ Erfahrungen besessen hätte, die ich mir
-nach fünfmonatiger Gefangenschaft angeeignet hatte, ich wäre da schon
-ausgerückt.
-
-Sowohl in diesem Gefängnis wie auch in allen anderen Lagern, wo wir mit
-den englischen Tommies zusammenkamen, war deren erste Bitte, nachdem
-wir uns etwas angefreundet hatten, ihnen einen Zettel zu überlassen
-mit unserer Adresse und womöglich noch der Adresse von Bekannten in
-Deutschland und der Bescheinigung, daß der englische Soldat Soundso
-uns gut behandelt hätte. Diese Zettel wurden von ihnen wie Heiligtümer
-aufbewahrt, damit sie sie vorzeigen könnten, wenn sie an die Front
-kämen und in deutsche Gefangenschaft gerieten.
-
-Zum Schlafen erhielten wir winzige Zeltstrohsäcke, die so kurz waren,
-daß unten die Füße von den Waden ab herausragten, und so schmal,
-daß nur ein ganz geschickter Zirkuskünstler mit dem Rücken darauf
-balancieren konnte. Dazu gab's zwei wollene Decken. Wie die Bären
-haben wir geratzt. Allerdings lagen wir am nächsten Morgen alle neben
-den Matratzen. Am nächsten Morgen, es war Sonntag, erschien ein hoher
-Armeeoffizier, um uns zu besichtigen. Er fragte nach unseren Wünschen.
-Ich berief mich nochmals darauf, daß ich Offizier wäre und als solcher
-das Recht hätte, zu verlangen, als kriegsgefangener Offizier behandelt
-zu werden. Der Mann war sehr liebenswürdig, versprach mir alles, wenn
-wir erst am nächsten Tage an unserem Bestimmungsort angelangt wären,
-und -- -- hielt nichts.
-
-Endlich am Montag wurden wir aus unserem Gefängnis befreit. Wie immer
-dicht umringt von unserer Wachmannschaft, marschierten wir zum Hafen,
-nahmen auf einem kleinen Dampfer Platz und fuhren auf die Reede hinaus.
-
-Nach einer einstündigen Fahrt legten wir an einem riesigen Dampfer
-an, der als Gefangenenlager diente. Nach einer längeren Verhandlung
-mußten wir wieder ablegen, da der Kommandant des Dampfers erklärte, er
-wüßte von uns nichts und hätte außerdem keinen Platz. Bei dem nächsten
-Dampfer, es war der Cunard-Liner „Andania”, dasselbe Schauspiel. Ob nun
-der englische Offizier, der uns führte, ein englischer Major, besser
-schimpfen konnte als der Lagerkommandant, oder woran es lag, jedenfalls
-gingen wir nach einer halben Stunde an Bord.
-
-Ein dicker aufgeblasener englischer Armeeleutnant, der die Stellung
-des Lagerkommandanten und gleichzeitig Dolmetschers auf diesem Schiff
-bekleidete, nahm uns in Empfang.
-
-Als ich an der Reihe war, gemustert zu werden, brachte ich in
-höflichem Tone mein Anliegen vor und verlangte energisch, daß ich den
-Bestimmungen gemäß in ein Offizierslager gebracht würde. Die Antwort
-dieses Gentleman war unerhört und zeigte seinen gemeinen Charakter
-recht deutlich.
-
-„Sie werde ich ganz besonders schlecht behandeln, ich habe schon von
-Ihnen gehört, Sie sind aus Tsingtau ausgekniffen und haben mehrere Male
-Ihr Ehrenwort gebrochen; wenn Sie noch einen Ton hier sagen, sperre
-ich Sie ein und lasse Sie so lange hungern, bis Sie überhaupt nicht
-mehr reden können. Die englischen Offiziere werden in Deutschland so
-schlecht behandelt, das sollen Sie jetzt büßen.”
-
-Das waren mir nette Aussichten. Was sollte ich dagegen machen?
-
-Auf dem Dampfer waren über tausend Gefangene. Die Unterbringung das
-Schamloseste, was ich jemals gesehen. Ohne Licht und Luft saßen die
-Leute in den unteren Räumen des Schiffes zusammengepfercht, und die
-einzige körperliche Bewegung bestand im Aufundablaufen auf dem schmalen
-Vor- und Achterdeck. Als wir in den für uns bestimmten Raum geführt
-wurden, packte mich ein wahres Grauen. Ich glaube, ich wäre verrückt
-geworden, hätte ich da längere Zeit hausen sollen. Unser englischer
-Unteroffizier schien ein vernünftiger Mann zu sein. Ich hatte sogar
-das Glück, durch ihn mit meinem Schlosserkameraden eine kleine Kabine
-an der Bordwand zu erhaschen, die sogar ein Bullauge besaß. Das Leben
-an Bord war höchst eintönig. Morgens um sechs Uhr Wecken und abends um
-zehn Uhr Licht aus. Vor- und nachmittags mußten wir je zwei Stunden
-an Oberdeck herumstehen, und jeden Mittag war Appell. Die Mahlzeiten
-nahmen wir in den riesigen Speisesälen des Dampfers ein. Wir saßen
-zu zwölf an einem Tisch, und genau wie alle anderen ging ich meinen
-Stubendienst, holte aus der Kombüse das Essen für den ganzen Tisch und
-wusch auch das ganze Speisegeschirr mit ab.
-
-Unser Kommandant hieß übrigens Maxstedt; er war Whiskyreisender von
-Zivilberuf und hatte dabei wohl so viel Geld verdient, daß er sich
-sein Offizierspatent kaufen konnte. Über eins hatte er sich besonders
-geärgert. Gleich nach unserer Ankunft wurden wir gefragt, wer von uns
-täglich zwei Mark fünfzig Pfennig bezahlen wolle. Dafür könnten die
-Betreffenden in einem Raum für sich allein und etwas Besseres essen und
-brauchten ihr Eßgeschirr nicht selbst abzuwaschen. Daß keiner von uns
-auf diesen Schwindel hineinfiel, hatte ihn besonders erbost.
-
-Am zweiten Tage hatte ich meinen englischen Bericht an die englische
-Regierung fertig und stieg damit zum Herrn Maxstedt hinauf. Höhnisches
-Grinsen seinerseits. „Sie wissen doch, Ihr Gesuch gebe ich weiter, aber
-was ich dazu schreibe, das können Sie sich wohl denken. In Deutschland
-müssen die englischen Generale wie die Pferde vor dem Pflug hergehen,
-_das_ sollen Sie jetzt büßen.”
-
-Es war vergeblich, ihn von der Torheit seiner Behauptungen zu
-überzeugen. Jeden Abend bei der Ronde nach dem Zubettgehen kam er extra
-in meine Kammer, drehte das Licht an und sagte: ~„Still here?”~ Zu
-kindisch!
-
-Eines Tages wurde uns fünfzig Zivilgefangenen von Herrn Maxstedt
-befohlen, das Deck der ersten Klasse zu scheuern und die dortigen
-Bullaugen zu putzen. Unser Streik war selbstverständlich. Als wir bei
-unserer Weigerung blieben, wurden wir mit zweimal Mittagessenentbehren
-und abends um neun Uhr Zubettgehen bestraft. Dabei war der Maxstedt
-so feige, daß er nicht wagte, bei der Musterung an unserer Front
-vorbeizugehen und uns die Strafe selbst aufzubrummen. Vielmehr blieb
-er in respektvoller Entfernung und sandte nur seinen Unteroffizier als
-Herold.
-
-Maxstedt schäumte.
-
-„Natürlich”, sagte er, „ist wieder dieser ~flying man~ dran schuld, der
-stachelt noch die ganze Besatzung zur Meuterei auf, aber ich werd's ihm
-eintränken, ich werde ihn schon vor das Kriegsgericht bringen.”
-
-Die Sache wurde mir doch zu bunt, ich war vollständig unschuldig und
-schrieb Maxstedt einen recht energischen Brief, in dem ich unter
-anderem betonte, ich hoffte, er sei nur ~temporary lieutnant~, nicht
-aber auch ~temporary gentleman~. Das half!
-
-Maxstedt behauptete, mit diesem ~flying man~ nichts mehr zu tun haben
-zu wollen, und schon am nächsten Tage lag ein Dampfer längsseit und
-führte mich mit noch einigen Leidensgenossen von der „Andania” und
-seinem gemeinen Gefängniswärter fort.
-
-Wie wohl war mir da zumute! Mit der Eisenbahn ging es wieder
-stundenlang westwärts. Ich natürlich wieder in einem Kupee allein,
-diesmal außer den drei Unteroffizieren auch noch von einem Offizier
-bewacht.
-
-Abends langten wir in Dorchester an.
-
-Hier wehte eine andere Luft, das merkte man gleich. Ein englischer
-Kapitän namens Mitchell vom Gefangenenlager trat auf mich zu und fragte
-mich höflich, ob ich Offizier sei.
-
-„Ja!”
-
-„Dann wundert es mich aber sehr, daß Sie in ein Mannschaftslager
-gebracht werden. Bitte verzeihen Sie, daß ich Ihnen keinen Offizier zu
-Ihrer Begleitung stelle, ich gebe Ihnen aber meinen ältesten Feldwebel,
-wollen Sie dann bitte allein hinter den anderen Gefangenen hergehen.”
-
-Ich war sprachlos.
-
-Als wir durch das entzückende, saubere Städtchen hindurchmarschierten,
-da erscholl plötzlich hinter uns frisch und hell und klar und mit
-Begeisterung geschmettert „Die Wacht am Rhein”, dann schönste
-Soldatenlieder und „O Deutschland hoch in Ehren”. Wir wähnten zu
-träumen, und als wir uns verwundert umsahen, marschierte hinter uns ein
-Trupp von zirka fünfzig strammen deutschen Soldaten, die von dem Lager
-zum Bahnhof kommandiert waren, um unser Gepäck abzuholen.
-
-O wie schwoll einem das Herz! Mitten in Feindesland, trotz Wunden und
-Gefangenschaft diese helle Begeisterung, dieser schmetternde Gesang!
-Das muß ich den Engländern lassen, sie waren außerordentlich tolerant,
-und die Bevölkerung hat sich stets mustergültig betragen. Stumm stand
-sie dicht gedrängt zu beiden Seiten der Straße, aus allen Fenstern
-schauten blonde Köpfchen hervor, nirgends eine verächtliche Bewegung,
-nirgends ein Schimpfwort. Ja zum Teil schien man den alten deutschen
-Melodien wie einem Wunder zu lauschen.
-
-Im Lager erhielten wir Zivilgefangene zu je dreißig eine kleine
-Holzbaracke angewiesen, die unseren Schlaf-, Wohn- und Eßraum bildete.
-Ein winziger Zeltstrohsack, der direkt auf dem Fußboden lag, und zwei
-wollene Decken bildeten unseren Schlafplatz. Mein Kapitän bat mich, mit
-dem zur Verfügung Stehenden vorliebzunehmen, da er leider für mich aus
-Platzmangel kein Extrazimmer frei hätte.
-
-Das Lager von Dorchester faßte rund zwei- bis dreitausend Gefangene
-und bestand zum Teil aus alten Rennställen und aus Holzbaracken. In
-denselben Ställen hatten bereits vor hundert Jahren deutsche Husaren
-gelegentlich des Besuchs des Feldmarschalls Vorwärts in England als
-Gäste gehaust!
-
-Die Gefangenen fühlten sich hier sehr wohl, das Essen war gut und
-reichlich, die Behandlung einwandfrei, und für sportliche Betätigung
-war gut gesorgt.
-
-Besonders der Kapitän Mitchell und der Major Owen haben sich um das
-Wohlergehen unserer Leute verdient gemacht. Beide waren prächtige alte
-Soldaten von echtem Schrot und Korn, hatten viele Kriege und Kämpfe
-mitgemacht und wußten den Soldaten richtig anzufassen. Diese beiden und
-der englische Arzt haben dann auch unseren Leuten eine Musikkapelle,
-Turngeräte und Sportspiele geschenkt und, wo sie konnten, den Leuten
-Gutes getan. Ein ganz hervorragendes Verdienst hat sich der älteste
-deutsche Gefangene, ein Feldwebelleutnant X. aus München, erworben.
-Er war Kaufmann von Zivilberuf und sprach fließend Englisch. Ein ganz
-hervorragender Mann! Eigentlich war er die Seele des Ganzen, die
-richtige Mutter des Lagers. Auch nicht das geringste wurde gemacht, was
-er nicht vorher bestimmt hatte. Er war die rechte Hand des englischen
-Lagerkommandanten, und ohne ihn wären, glaube ich, die Engländer, die
-auch nicht den leisesten Schimmer von Organisationstalent besaßen,
-vollends durchgedreht. Es war geradezu erstaunlich, wie dieser
-Feldwebelleutnant es verstand, für das Wohlergehen unserer Leute zu
-sorgen und zwischen unseren Leuten und den Engländern zu vermitteln.
-Allerdings wußten auch die englischen Offiziere sehr gut, was für
-eine Stütze sie an ihm hatten. Schon am Tage nach meinem Eintreffen
-in Dorchester reichte ich nochmals mein Gesuch um Überführung in ein
-Offizierslager ein, denn wie ich vorausgesehen hatte, war mein erstes
-Gesuch von Herrn Maxstedt nicht weitergegeben worden. Nach vierzehn
-Tagen kam das Gesuch vom Kriegsministerium zurück mit der Anfrage, ob
-ich nicht jemand in England namhaft machen könne, der mich kenne. Nun
-entschloß ich mich zu dem schweren Schritt, schrieb meinen englischen
-Bekannten, und schon nach drei Tagen kam von ihnen die Nachricht
-zurück, daß sie mich kennten und mich sehr gern legitimieren würden.
-Nun ging das Ganze nochmals an das ~War office~, und geduldig harrte
-ich meiner Versetzung.
-
-Wenn es nach dem alten Spruch gegangen wäre: Mit Geduld und Spucke
-fängt man eine Mucke, hätte ich Milliarden dieser Fliegerkollegen
-erlegen können. Vorerst blieb ich noch in Dorchester, und als vierzehn
-Tage nach unserer Ankunft die übrigen Zivilgefangenen wieder weiter
-transportiert wurden, da konnte ich es erwirken, in dem Soldatenlager
-Dorchester bleiben zu dürfen.
-
-Aus meiner Baracke zog ich aber aus und siedelte in ein Stübchen des
-Stalles über, in das ich vom Feldwebel N. liebevoll aufgenommen wurde.
-
-Das Leben in diesem Stübchen war einzig und von bester Kameradschaft
-beseelt. Außer aus dem Feldwebel bestanden meine Kameraden aus einem
-riesigen bayerischen Infanteristen vom Leibregiment, der den Spitznamen
-Schorsch hatte und gleichzeitig unser Koch war, aus einem fixen und
-gewandten Husaren-Gefreiten, gebürtigen Lothringer, von Zivilberuf
-Schutzmann, und endlich aus zwei prächtigen Gardeschützen, hünenhaft
-von Gestalt, echten blonden Friesen. Nach acht Tagen kam noch ein
-siebenter Gast hinzu, und zwar war dieser der Fähnrich zur See H.,
-der als Flugzeugbeobachter mit seinem Flieger von den Engländern in
-der Nordsee aufgefischt war, nachdem sie über vierzig Stunden auf dem
-wracken Flugzeug herumgetrieben waren.
-
-Das Verhältnis auf der Stube war geradezu ideal. Die Mannschaften waren
-alle bei dem großen Rückzug nach der Marneschlacht gefangengenommen
-worden und, wie es bei diesen prächtigen Burschen nicht anders zu
-erwarten war, nur schwerverwundet in Feindeshand gefallen. Eine
-vornehme Gesinnung, eine Begeisterung und glühende Vaterlandsliebe
-besaßen diese Leute, daß mir vor Stolz ordentlich das Herz schwoll.
-Besonders nett waren die Abende. Man hätte uns nur sehen sollen, mit
-welcher Begeisterung und kindlichen Freude wir abends stundenlang
-auf einem selbst konstruierten Brett mit selbst hergestellten
-Korkenpferdchen unserem Pferdchenspiel oblagen.
-
-Und wenn erst das Erzählen anging!
-
-Alles war mir ja neu, und ich war glücklich, endlich aus bester Quelle
-von unseren herrlichen Kämpfen und Siegen etwas zu erfahren.
-
-Jeden Nachmittag wurden drei- bis vierhundert Gefangene,
-selbstverständlich von englischen Soldaten eng umgeben, spazieren
-geführt. Sehr oft bin ich mitgegangen. Es ging mitten durch das
-reizende Städtchen, dann im großen Bogen durch die schöne Umgebung.
-Die ganze Zeit über wurden Soldatenlieder gesungen, beim Hin- und
-Rückmarsch durch die Stadt mit besonderer Kraft und Begeisterung „Die
-Wacht am Rhein” und „O Deutschland hoch in Ehren”. Man stelle sich bloß
-vor, drei- bis vierhundert unserer besten Kerls, unserer Sieger unter
-General Kluck! Die englische Bevölkerung benahm sich auch hierbei stets
-einwandfrei. In dichten Reihen stand sie an den Seiten der Straßen,
-nirgends ein Schimpfwort, nirgends eine Drohung. Eine sehr nette
-Episode erzählte mir der Feldwebel: Als der Major Owen und Kapitän
-Mitchell neu zum Lager kommandiert waren, wurden sie von ihren Frauen
-inständigst gebeten, sich ja nicht ohne Bewachung und ohne schwerste
-Bewaffnung unter die deutschen Barbaren zu begeben. Die beiden alten
-Soldaten ließen sich jedoch in ihrer Meinung nicht irremachen, kamen
-ohne Waffen und wurden -- -- nicht aufgefressen. Nach einiger Zeit
-sagten sie zu ihren Frauen: sie sollten doch auch einmal in das Lager
-kommen und sich davon überzeugen, daß die deutschen Soldaten nicht
-_das_ wären, zu dem sie in englischen Zeitungen gemacht würden, sondern
-daß sie wirklich ganz normale Menschen seien.
-
-Die Damen fielen natürlich zunächst in Ohnmacht. Nach vielem Zureden
-aber, und nachdem ihnen versichert war, daß sie von einer starken
-Wache umgeben werden würden, wagten sie es, die Dienstzimmer ihrer
-Männer zu betreten und von oben aus dem Fenster herab dem Treiben der
-deutschen Soldateska zuzusehen. Der Besuch war bekanntgeworden, und
-stillschweigend hatte sich unser Männergesangverein unter der Leitung
-eines jungen talentierten Musikers unter den Fenstern eingefunden
-und fing an, seine schönsten Lieder zu singen. Die Damen sollen vor
-Ergriffenheit nicht fähig gewesen sein zu reden, sie traten ans Fenster
-und weinten bitterlich vor tiefstem Weh. Von nun ab kamen sie öfters,
-und viel Gutes ist durch sie unseren Leuten getan worden.
-
-Eine andere Geschichte ist auch recht bezeichnend. Ein neuer Oberst
-kam ins Lager. Bei seiner ersten Besichtigung war er bis an die
-Zähne bewaffnet und hatte vor und hinter sich einen Soldaten mit
-aufgepflanztem Bajonett. Als er den Major und den Kapitän vollkommen
-unbewaffnet und unbegleitet traf, machte er ihnen wegen ihrer
-Unvorsichtigkeit die größten Vorwürfe.
-
-Er hat sich aber bald gebessert.
-
-An einem Tage ließ dieser neue Kommandant die beiden anderen Herren
-kommen und sagte ihnen voll Entsetzen: „Ja, denken Sie sich, da sind
-gestern einige neue Gefangene gekommen, und mir ist gemeldet worden,
-sie hätten Läuse! So etwas Schreckliches kann doch nur bei diesen
-Deutschen vorkommen.” Darauf drehte sich der Kapitän ganz ruhig zu
-dem daneben stehenden Major um und sagte ihm: „Sie, Owen, wissen Sie
-noch, wie wir beide das letztemal im Feldzuge so voller Läuse steckten,
-daß wir uns nicht rühren konnten?” Der Oberst war sprachlos. Ich muß
-allerdings hinzufügen, daß der Oberst zwar Oberst war, aber nie in
-seinem Leben irgendwo militärisch zu tun gehabt hatte. Das gibt's auch
-nur in England!
-
-Gegen Ende März hielt ich endlich die erste Nachricht aus der Heimat
-in der Hand. Im Juli Neunzehnhundertvierzehn, kurz vor Ausbruch des
-Krieges, hatte ich von den Meinen die letzte Nachricht erhalten, die
-vom Juni stammte. Nun endlich, nach fast neun Monaten, wieder die
-ersten Zeilen.
-
-Man kann sich vorstellen, wie mir zumute war, als ich den ersten Brief
-in der Hand hielt und anfangs zögerte ihn zu öffnen. Alle meine Brüder
-und Verwandten waren Offiziere, sie alle standen seit Kriegsbeginn im
-Felde; was für Nachrichten brachten mir diese ersten Zeilen? Die eine
-Freudennachricht enthielt der kurze Bogen, daß meine Brüder trotz Kampf
-und Gefahr am Leben waren. Aber auch eine Trauerbotschaft, die mich
-schwer traf, daß mein geliebtes holdes Schwesterlein, mein treuester
-Freund und Kamerad, durch die Wirkung des Krieges gestorben war.
-
-Kriegsschicksal!
-
-An einem der letzten Tage des März kam endlich der Befehl, daß ich als
-Offizier anerkannt worden wäre und in ein Offizierslager übergeführt
-werden sollte. Mein Bündelchen und mein Hockeystock waren bald
-zusammengepackt, und nach herzlichem Abschied von den braven Kameraden
-marschierte ich in meinem besten Päckchen mit dem Major Owen zusammen
-zum Tore hinaus und zum Bahnhof.
-
-Das feine Taktgefühl des alten Haudegens hat mir besonders wohlgetan.
-Nach mehrstündiger Fahrt langten wir endlich in Maidenhead in der Nähe
-von London an, wo ich von einem neuen englischen Offizier in Empfang
-genommen wurde. Und hier, o Wunder, traf ich alte liebe Bekannte
-wieder. Fünf blanke runde amerikanische Goldstücke, die seinerzeit
-einem Schlossergesellen, später Schloßherrn Ernst Suse abgenommen
-waren, wurden meinem neuen Begleiter übergeben, und dieser durfte sie
-mir jetzt, da ich ja nun wieder Offizier war, ohne weiteres aushändigen.
-
-Die Wiedersehensfreude!
-
-Im Auto ging's jetzt zum Offizierslager Holyport. Die Posten
-präsentierten, das Drahthindernis wurde geöffnet, und schon war ich von
-einer freudigen Schar von Kameraden umringt.
-
-Ja, wer hätte das gedacht.
-
-Sie, die ich fast vor dreiviertel Jahren in Tsingtau zum letzten
-Male gesehen hatte, die Sieger von Coronel, die wenigen überlebenden
-Tapferen von den Falklandinseln traf ich hier wieder. Die Freude
-kann man sich kaum vorstellen. Das Fragen und Erzählen! Kein Ende
-wollte es nehmen. Und dann geschah für mich ein Wunder. Ich wurde in
-ein Zimmer geführt, und da standen wahrhaftig sechs bis acht Betten,
-richtige schöne Betten, weiß und sauber bezogen. Fast acht Wochen war
-ich gefangen, nun das erste Bett, das ich zu Gesicht bekam. Kann man
-da verstehen, mit welcher Scheu und Andacht ich mich an diesem Abend
-hineinlegte?
-
-In der ersten Zeit kam ich mir wie im Paradiese vor. Besonders da ich
-hier endlich wieder als Mensch behandelt wurde. Ich war wieder unter
-meinen Kameraden, fand liebe Freunde und viel geistige Anregung.
-
-Die Behandlung im Lager war gut. Der englische Kommandant ein
-verständiger Mann, bemüht, uns das Leben zu erleichtern.
-
-Das Gebäude selbst war ein altes Kadettenhaus, im ganzen waren hundert
-kriegsgefangene Offiziere im Lager, und wir waren auf Stuben bis zu
-acht oder zehn Offizieren untergebracht.
-
-Diese Stuben waren gleichzeitig unser Schlaf- und Aufenthaltsraum.
-Außerdem gab es noch eine große Reihe von Messe-, Lese- und
-Speiseräumen, in denen wir uns, wenn wir nicht an der frischen Luft
-waren, meist aufhielten. Das Essen war echt englisch, also dadurch den
-meisten Deutschen wenig zusagend, aber gut und reichlich. Es wurde eher
-dadurch verbessert, daß wir am Anfang eigene Meßführung hatten, welche
-später leider vom englischen ~War office~ aufgehoben wurde.
-
-Den ganzen Tag über waren wir ziemlich ungestört. Wir konnten uns im
-Gebäude und in einem mäßig großen Garten, der das Haus umgab, frei
-bewegen; morgens um zehn Uhr Musterung und abends um zehn Licht aus und
-Ronde.
-
-Dem Stacheldrahthindernis, welches das Ganze umgab und Tag und Nacht
-streng bewacht und beleuchtet war, durften wir uns selbstverständlich
-nicht nähern, geschweige denn dieses Gehege verlassen. Nur vor- und
-nachmittags wurde das Hindernis für uns geöffnet, und wir konnten durch
-ein Spalier von englischen Soldaten zu einem zweihundert Meter entfernt
-liegenden Sportplatz gehen. Für unseren Sport war mustergültig gesorgt.
-Zwei prachtvolle Fußball- und vor allen Dingen Hockeyplätze standen
-uns zu unserem ausschließlichen Gebrauch zur Verfügung, und wir haben
-da gespielt, daß selbst den Engländern die Augen übergingen. Daß auch
-dieser Platz selbstverständlich mit Stacheldraht und Posten umgeben
-war, brauche ich wohl nicht zu erwähnen.
-
-Sehr angenehm war es, daß wöchentlich zweimal ein sehr guter Schneider
-und ein Wäschelieferant mit vorzüglicher Wäsche in das Lager kam und es
-uns dadurch ermöglicht wurde, uns wieder anständig anzuziehen.
-
-Als Gehalt bekamen wir monatlich einhundertundzwanzig Mark, wovon
-gleich sechzig Mark monatlich für unsere Verpflegung einbehalten
-wurden. Die übrigen sechzig Mark konnten wir für uns ausgeben, außerdem
-konnte man sich von Hause Geld schicken lassen. Die Post funktionierte
-tadellos. Die Briefe von Deutschland kamen im allgemeinen regelmäßig
-an und gebrauchten im ganzen sechs bis acht Tage. Pakete gingen
-ebensolange.
-
-Mit unseren eigenen Briefen war es allerdings knapp bestellt.
-Wöchentlich durften wir nur zwei kurze vorgeschriebene Zettelchen
-schreiben, und wie gerne hätten wir dabei stundenlang unseren Lieben
-daheim erzählt! Die Briefpost, die war ja unser ein und alles. Nach
-der Briefausgabe berechneten wir die ganze Tageseinteilung, nach den
-Briefen richtete sich unser ganzer Seelenzustand, überhaupt hing die
-ganze Stimmung im Lager von der Post ab.
-
-Jeden Morgen wiederholte sich dasselbe Schauspiel. Wenn der
-Dolmetscheroffizier mit den Briefen kam, blieb alles stehen und liegen,
-alles war vergessen. Von einer lautlosen Menge Harrender war der
-englische Offizier umgeben. Jeder hatte in seinem Herzen den heißesten
-Wunsch, daß ihm der heutige Tag einen Gruß aus der Heimat, eine Zeile
-von lieber Hand geschrieben bringen möge. Und dann die Freude, wenn was
-da war, und die Trauer und Niedergeschlagenheit, wenn man mit leeren
-Händen abziehen mußte. Im letzteren Falle sagten wir immer: „Wieder
-mal ein Tag verloren!”
-
-Als ich rund zwei Monate später in Deutschland war und von vielen
-Seiten gefragt wurde, womit man dem Kriegsgefangenen eine Freude machen
-könne, habe ich immer nur gesagt: „Schreibt, schreibt, so viel ihr
-könnt; die Briefe sind das, wonach der Gefangene sich am meisten sehnt.”
-
-Unser Zusammenleben war den Umständen entsprechend ein äußerst
-kameradschaftliches. Besonders nett waren die Abende, an denen wir
-in Gruppen um die schönen großen Kamine saßen. Mächtige Holzkloben
-brannten, und dann hub ein Erzählen an von Schlachten und Siegen, von
-Not und Tod und von wilden abenteuerlichen Erlebnissen. Viele gute
-Bücher, ein Streichquartett und ein Gesangverein, den wir uns gegründet
-hatten, trugen wesentlich zur Unterhaltung bei.
-
-Auch mancher Ulk wurde getrieben, und wenn man sich endlich wieder
-einmal so recht herzhaft ausgeschüttet hatte vor Lachen, dann atmete
-man erleichtert auf, und für kurze Zeit wich dann der furchtbare Druck
-der Gefangenschaft von uns.
-
-Unser kameradschaftliches Zusammensein wurde Ende April plötzlich
-gestört.
-
-Eines Abends kam der Befehl, daß fünfzig von uns hundert Offizieren am
-nächsten Morgen zu dem Offizierslager in Donington Hall übergeführt
-werden sollten. Die Aufregung bei uns war groß, denn keiner wollte weg.
-Es half kein Bitten und kein Sträuben, es hieß einfach, Koffer packen
-und abmarschieren. Der einzige Seeoffizier, der mit wegkam, war leider
-ich, und zwar auf besonderen Befehl des englischen Lagerkommandanten,
-da ihm die Nähe Londons für mich zu gefährlich schien.
-
-Da ich fort kam, schloß sich auch der zweite Flieger von der Armee,
-mein treuer Freund Siebel, an. So blieben wir beiden Flieger wenigstens
-zusammen.
-
-Am ersten Mai ging's also los. In Autos zu je fünf wurden wir zum
-Bahnhof Maidenhead gefahren, wo zwei Extrawagen für uns bereitstanden.
-In den Abteilen blieben wir ungestört für uns allein, die Wagen selbst
-wurden aber von Soldaten streng bewacht.
-
-Stundenlang rollten wir nun durch die Gegend nach Norden zu. Die Menge
-auf den Bahnhöfen sah zwar neugierig in unsere Kupeefenster, jedoch
-verhielt sie sich vollkommen ruhig. Nur hin und wieder streckte uns
-ein altes Weib, wahrscheinlich Suffragette von Zivilberuf, ihre wenig
-schöne Zunge aus. Am Nachmittage langten wir endlich auf der Station
-Donington Castle, in der Nähe von Derby, an, stiegen aus und mußten in
-Gruppenkolonnen auf dem Bahnhof antreten. Umringt von zirka sechzig
-bis siebzig Soldaten, marschierten wir auf das Kommando ~„Quick
-marsh”~ ab. Außerhalb des Bahnhofs empfing uns eine johlende Menge.
-Fast alles Weiber und halbwüchsige Burschen und Kinder, nur wenige
-Männer. Den meisten von uns war von Frankreich her dies unwürdige
-Benehmen der Bevölkerung reichlich bekannt, in England war es etwas
-Neues. Die Weiber und jungen Mädchen, der niedrigen Bevölkerung
-angehörend, benahmen sich wie die Wilden. Heulend und pfeifend
-liefen sie neben und hinter uns her, ab und zu flog ein Stein oder
-Straßenschmutz in unsere Reihen. Aber im großen und ganzen lachten
-sich die Demonstrantinnen halbtot dabei und schienen sich bei ihrem
-Gejohle köstlich zu amüsieren. Bei der ersten Straßenbiegung kam ein
-Automobil hinter uns her gefahren. Am Steuer saß fett und hochnäsig
-unser englischer Dolmetscher-Offizier, Mr. Meyer, den wir später noch
-zur Genüge kennenlernen sollten. Herr Meyer wollte sich uns so recht
-zeigen und schon -- -- -- hatte er einen seiner eigenen Leute, die uns
-eskortierten, umgefahren. Ein allgemeines Geschrei und Geschimpfe, kein
-Mensch, der irgend etwas veranlaßte. Schließlich sprangen zwei von
-uns „Barbaren” hinzu und zogen den unglücklichen Tommy unter dem Auto
-hervor.
-
-Nun richtete sich die ganze Wut der Weiber gegen Herrn Meyer, und
-wenn der nicht schleunigst weitergefahren wäre, hätten sie ihn
-womöglich noch verprügelt. Daß sie es nicht taten, war ein Jammer.
-Der Zwischenfall war bald vergessen, und weiter johlte die Menge.
-Immer frecher wurde sie, immer mehr Schmutz wurde auf uns geworfen,
-als plötzlich -- ruhig und behäbig, mit gesenkten Köpfen nachdenklich
-wiederkäuend vier, fünf Kühe uns entgegenkamen, die an beiden Seiten
-bei uns vorbei wollten. Was nun folgte, war so komisch, daß wir alle
-samt unseren englischen Tommies stehenblieben und uns vor Lachen bogen.
-Kaum daß die bisher so mutigen Weiber die Kühe sahen, fingen sie
-auch schon an, furchtbar aufzuschreien, machten kehrt und liefen in
-wildester Flucht davon. Rücksichtslos wurden die Schwächeren von den
-Stärkeren umgestoßen, und bald lag ein wild strampelndes Knäuel vor
-Angst kreischender Weiber zu beiden Seiten der Straße im Graben.
-
-Von nun ab hatten wir Ruhe, und unbelästigt setzten wir in ziemlichem
-Geschwindschritt unseren Weg fort.
-
-Bei dem ganzen Marsch paßte ich scharf auf die Wege und einzelne
-besonders markante Punkte auf. Man konnte ja nie wissen, wozu einem das
-mal gut sein würde!
-
-Die Sonne brannte glühend vom Himmel herab, und in Schweiß gebadet
-langten wir nach anderthalb Stunden in unserem neuen Heim Donington
-Hall an.
-
-Hier herrschte Disziplin.
-
-Die Tore und Drahthindernisse öffneten sich, die ganze Wache stand
-unter präsentiertem Gewehr angetreten, der Wachtkommandant und zwei
-Leutnants auf dem rechten Flügel mit der Hand an der Mütze.
-
-Nachdem wir vom englischen Lagerkommandanten empfangen waren, wurden
-wir auf unsere Stuben verteilt, und es glückte mir, mit vier anderen
-Kameraden, darunter selbstverständlich meinem Freunde Siebel, eine sehr
-nette kleine Stube zu erhaschen.
-
-Auch hier traf ich eine große Anzahl alter Bekannter wieder. Da waren
-die Geretteten vom „Blücher”, von Torpedobooten und kleinen Kreuzern
-und mehrere Armee- und Marineflieger.
-
-Donington Hall stellte das Mustergefangenenlager von England vor.
-Nach allem, was wir bereits wochenlang in englischen Zeitungen
-darüber gelesen hatten, mußte es ein Paradies sein. Täglich fand
-man spaltenlange Artikel in den Zeitungen, in denen die Regierung
-angegriffen wurde, daß sie die deutschen Gefangenen zu luxuriös
-untergebracht habe. Wie immer, so gebärdeten sich die Frauen dabei am
-wildesten und hatten sogar die Erzwingung der Räumung Donington Halls
-zu einer Frauenfrage Englands gemacht! Selbst das Parlament mußte sich
-wiederholt mit diesem Thema beschäftigen. Da sollten Spielsäle sein
-und mehrere Billards, das Gebäude wie ein Schloß eingerichtet sein,
-ein besonderer Wildpark sollte für die Offiziere gehegt und für die
-deutschen Gefangenen sogar Fuchsjagden veranstaltet werden.
-
-Nichts von alledem war wahr. Wohl war Donington Hall ein großes altes
-Schloß, aus dem siebzehnten Jahrhundert stammend, umgeben von einem
-prächtigen alten Park, doch waren die Räume vollständig kahl und die
-Einrichtung so primitiv und kümmerlich wie nur irgend denkbar. Von
-Billard und Spielsälen und Fuchsjagden keine Spur. Aber tadellos sauber
-war alles, und dafür sorgte der englische Kommandant mustergültig. Nach
-unserer Ankunft waren wir im ganzen rund einhundertzwanzig Offiziere
-und wohnten schon dicht gepökelt. Das Lager war aber für vier- bis
-fünfhundert Offiziere berechnet worden. Das hätte ja eine feine Sache
-gegeben, da jetzt schon die Speiseräume und die Kochgelegenheit, Bade-
-und sonstige Einrichtungen nicht langten.
-
-Besonders angenehm war der schöne Park für uns.
-
-Unser ganzer Aufenthaltsraum war in zwei Zonen eingeteilt, in die
-sogenannte Tag- und in die Nachtgrenze. Diese Gebiete wurden begrenzt
-durch mächtige Drahthindernisse, die zum Teil elektrisch geladen waren,
-nachts durch mächtige Bogenlampen erhellt und Tag und Nacht durch
-Posten scharf bewacht wurden.
-
-Das Drahthindernis der Nachtgrenze umschloß das Haus und die
-davorliegenden Tennis- und Sportplätze; die Taggrenze erstreckte sich
-auch noch auf den Park.
-
-Abends um sechs Uhr war große Musterung, und nachdem alles anwesend
-und zur Stelle war, wurde die Taggrenze geschlossen, die sich erst am
-nächsten Morgen um acht Uhr wieder öffnete. Das Leben in Donington Hall
-war fast das gleiche wie in Holyport, nur daß wir hier durch den Park
-sehr viel mehr Bewegungsfreiheit hatten, fast noch mehr Sport trieben,
-falls es überhaupt möglich war, und drei sehr gute Tennisplätze
-besaßen. Die Verpflegung war auch hier echt englisch und schmeckte sehr
-vielen nicht, aber gut und reichlich. Der englische Oberst war recht
-vernünftig. Zwar knurrte er oft und war ziemlich kommissig, aber ein
-vornehmer, verständiger Mann, tadelloser Soldat vom Scheitel bis zur
-Sohle, und das war die Hauptsache. Er hat alles mögliche getan, um uns
-das schwere Los zu erleichtern, und hat sich ganz besonders für unsere
-Sportspiele interessiert. Und das war gut.
-
-Ein unangenehmer Vertreter war der englische Dolmetscher, der Leutnant
-Meyer (der pampige Autofahrer), ein würdiges Gegenstück zu meinem
-Freunde Maxstedt von der „Andania”; ebenfalls nicht nur ~„temporary
-lieutnant”~, sondern auch ~„temporary gentleman”~. Er stammte aus
-Frankfurt am Main, war vor dem Kriege Schmierendirektor gewesen und
-tat nichts, um seinen niederen Charakter zu verbergen. Ich glaube,
-der englische Oberst verachtete ihn geradezu; und die englischen
-Sergeanten, mit denen wir gelegentlich einige Worte in der Kantine
-sprachen, sagten uns wörtlich: sie hofften sehr, daß wir nicht
-glaubten, daß alle englischen Offiziere so wären wie dieser Mr. Meyer.
-
-Eines Abends gegen Ende Juni hatten wir ein köstliches Erlebnis.
-Draußen, außerhalb des Stacheldrahtes, war sehr viel Reh- und Damwild
-oft in Rudeln bis zu Hunderten zusammen, die zahm wie die Ziegen
-herumliefen.
-
-An diesem Abend nun lief ein allerliebstes kleines Kitzlein, welches
-seine Mutter verloren hatte, am Stacheldraht vorbei, und auf unser
-Locken und Rufen kroch es geschickt durch das Hindernis hindurch und
-gelangte in das Lager. Unsere Freude war groß. Geradezu eine Sensation
-für uns. Das Kitzlein wurde umringt und gestreichelt und geliebkost
-(die Jäger knurrten), und schließlich wurde es im Triumph auf den Armen
-eines Leutnants in die Burschenstube getragen, wo sich einer unserer
-Jäger befand, der es großziehen sollte.
-
-Woher der Meyer davon Wind bekam, weiß ich nicht, jedenfalls ließ
-er sich plötzlich den deutschen Lageradjutanten kommen, und mit vor
-Schrecken bebender Stimme fragte Meyer:
-
-„Leutnant S., ist es wahr, es ist ein Tier im Lager?”
-
-„Ja, ein Tier!”
-
-„Und ist durch das Stacheldrahthindernis gekommen?”
-
-„Ja, es ist einfach durchgekrochen.”
-
-„Oh, das ist ja schrecklich!” meinte Mr. Meyer, und dabei schien ihm
-die Stimme zu verlöschen.
-
-„Ich muß gleich sehen, wo das Loch ist, wo das große Tier
-hindurchgekrochen ist, sicher haben die deutschen Offiziere den
-Stacheldraht zerschnitten, um zu fliehen; das Tier muß auch sofort
-entfernt werden!”
-
-Und so geschah es.
-
-Und, es ist kein Scherz, zwanzig Mann der Wache mit aufgepflanztem
-Seitengewehr wurden gepfiffen, der eine deutsche Soldat mit dem
-unschuldigen winzigen Kitzlein wurde von ihnen in die Mitte genommen,
-und auf ~„Quick marsh”~ marschierte der ganze Zug zu dem inneren Tor
-des Hindernisses. Dann wurde dieses geöffnet, die zwanzig Mann mit dem
-einen deutschen Soldaten und dem Kitzlein traten in den Zwischenraum,
-die sogenannte Schleuse, das innere Tor wurde sorgfältigst
-abgeschlossen, dann erst das äußere geöffnet, der Soldat mußte das
-Kitzlein ins Freie setzen, und dann wurde die ganze Prozession
-zurückgemacht. Oh, Mr. Meyer, wie hast du dich blamiert!
-
-Nun wurde das ganze Hindernis sorgfältigst untersucht, und trotzdem
-nicht die geringste Lücke gefunden werden konnte, durch die ein Mensch
-hätte kriechen können, wollte Meyer sich tagelang nicht beruhigen.
-
-Außer der Post bildete täglich der Zeitungsempfang den Hauptmoment des
-Tages. Die „Times” und „Morning Post” durften wir uns halten, und wenn
-sie auch fast nur von Ententesiegen berichteten, so kannten wir die
-Zeitungen bald so gut, daß das, was wir zwischen den Zeilen lasen, uns
-ein ungefähr genaues Bild der Sachlage gab.
-
-Und die Wut in den Zeitungen, als die „Lusitania” sank, und _der_
-Ärger, wenn die Russen, selbstverständlich nur aus strategischen
-Gründen, weiter zurückgingen!
-
-Wir hatten mehrere riesig große, bis ins kleinste genaue Karten der
-Kriegsschauplätze angefertigt, und jeden Morgen um elf Uhr waren unsere
-„Generalstäbler” bei der Arbeit und steckten die Fähnchen um. Und oft
-stand selbst der englische Oberst davor und schüttelte bedenklich den
-Kopf.
-
-
-
-
-Die Flucht
-
-
-Mit der Zeit wurde die Gefangenschaft unerträglich. Keine Briefe von
-Hause, nicht die vielen herrlichen Pakete, die mir von lieber Hand
-gesandt wurden, halfen mir; auch nicht die treuen Kameraden, nicht das
-Hockeyspiel, dem ich mich mit einem derartigen Eifer hingab, daß ich
-abends wie tot vor Müdigkeit hinsank.
-
-Nichts half, alles war vergebens.
-
-Endlich hatte auch mich, wie so unendlich viele vor mir, schon die
-Gefangenenkrankheit gepackt.
-
-Die Krankheit der furchtbarsten Verzweiflung, der vollständigsten
-Hoffnungslosigkeit.
-
-Trostlos!
-
-Stundenlang lag ich wie viele andere im Grase und starrte mit weit
-geöffneten Augen den blauen Himmel an, und meine ganze Seele sehnte
-sich empor zu den weißen Wölkchen dort oben und wanderte mit ihnen nach
-der fernen, lieben Heimat. Und wenn gar ein englischer Flieger ruhig
-und sicher am blauen Firmament vorbeiflog, dann krampfte sich das Herz
-zusammen, und wilde verzweifelte Sehnsucht schüttelte mich. Der Zustand
-wurde immer schlimmer, ich wurde gereizt und nervös und unfreundlich
-gegen meine Kameraden und kam seelisch und körperlich herunter. Und
-dabei konnte ich doch eigentlich noch zufrieden sein, ich hatte
-wenigstens was mitmachen können und viel erlebt! Aber so viele andere
-waren schon in den ersten Gefechtstagen verwundet in Feindeshand
-gefallen, und die unglücklichsten waren die, welche bei Beginn des
-Krieges aus Amerika gekommen waren, dort ihr Hab und Gut, ihr alles
-hatten stehen und liegen lassen, um ihrem Vaterland zu dienen, um dann
-durch den Verrat der Engländer, bevor sie überhaupt die Heimat gesehen
-hatten, gefangengenommen zu werden.
-
-Unsere Stimmung wurde sehr beeinträchtigt dadurch, daß wir keinerlei
-Kriegsnachrichten aus Deutschland erhielten. Und wenn wir auch
-selbstverständlich den englischen Lügenmeldungen nicht Glauben
-schenkten, es hatte mit der Zeit doch gewaltigen Einfluß auf uns, daß
-wir wochen- und wochenlang nichts als Gemeinheit gegen Deutschland und
-nichts als Niederlagen, Revolution und Hungersnot über Deutschland
-lasen. Die Ungewißheit war auch hier das Schrecklichste, und ganz
-besonders traf uns die Nachricht von dem gemeinen Verrat Italiens.
-
-Das Triumphieren in den englischen Zeitungen!
-
-Schließlich hielt ich es nicht mehr aus. Es mußte etwas geschehen, wenn
-ich nicht gänzlich verzweifeln wollte.
-
-Tag und Nacht hatte ich geplant, gegrübelt und überlegt, wie ich dieser
-elenden Gefangenschaft entrinnen könne. Pläne über Pläne hatte ich
-entworfen und wieder verwerfen müssen. Mit größter Ruhe und Überlegung
-mußte hier ans Werk gegangen werden, falls etwas gelingen sollte.
-
-Stundenlang ging ich nun an den verschiedenen Seiten der Hindernisse
-auf und ab, dabei unauffällig jeden Draht und jeden Pfahl beobachtend.
-Stundenlang lag ich im Grase in der Nähe einzelner Stellen, die mir
-günstig schienen, tat als ob ich schliefe, beobachtete dabei aber
-scharf jeden einzelnen Gegenstand und die Wege und die Gewohnheiten
-jedes einzelnen Postens.
-
-Die Stelle, an der ich über den Stacheldraht wollte, stand bei mir
-fest. Nun handelte es sich bloß noch darum, wie weiterkommen, wenn erst
-das Hindernis überwunden war. Wir besaßen weder Karte von England,
-noch Kompaß oder Fahrplan, noch irgendein Hilfsmittel. Sogar die
-genaue Lage von Donington Hall war uns gänzlich unbekannt. Den Weg bis
-Donington Castle kannte ich, den hatte ich mir ja auf dem Hinmarsche
-gründlich eingeprägt. Durch einen Offizier, der zufällig statt von
-Donington Castle von Derby im Auto gefahren war, erfuhr ich, daß
-seiner Schätzung nach Derby etwa fünfundzwanzig bis dreißig Kilometer
-nördlich von Donington Hall liegen müsse und daß er, bevor das Auto
-in das Dorf eingebogen wäre, eine große Brücke passiert hätte. Nun
-freundete ich mich mit einem alten biederen englischen Soldaten an,
-schenkte ihm gelegentlich auch einige Zigarren und lud ihn ab und zu
-zu einem Glase Bier in die Kantine ein. Nachdem wir schon mehrere Male
-zusammengesessen hatten, sagte ich ihm, es müsse doch sehr langweilig
-sein, dauernd in Donington zu sitzen, ob er denn gar keine Abwechslung
-habe. O ja, meinte er, ab und zu führe er Rad, und manchmal führe er
-auch damit zum Kientopp nach Derby.
-
-„Was, Derby?” fragte ich, „das ist ja viel zu weit für Sie, dazu sind
-Sie ja viel zu alt!”
-
-„Ich und zu alt? ~No, Sir!~ Da kennen Sie einen englischen Tommy
-schlecht, wenn ich auf meinem Rade sitze, da nehme ich es mit jedem
-Jungen auf, und in drei bis vier Stunden habe ich die Strecke nach
-Derby schon zurückgelegt.”
-
-An diesem Tage hatte ich genug erfahren. In der nächsten Woche traf
-ich meinen alten Freund wieder. Wir begrüßten uns, und ich drückte ihm
-ein paar Zigarren in die Hand, die ich, trotzdem ich Nichtraucher bin,
-stets bei mir führte.
-
-„He, sag mal, Tommy,” fing ich plötzlich an, „da habe ich gestern eine
-Wette mit einem Kameraden gemacht. Ich behaupte, Derby liegt nördlich
-von uns, mein Kamerad behauptet, es läge südlich. Wenn ich gewinne,
-kriegst du einen ordentlichen Topf Bier mit ab.”
-
-Das Whiskyauge meines Freundes glänzte freudig auf, und er versicherte
-mir mit heiligen Eiden, daß ich recht habe, und daß Derby ganz bestimmt
-nördlich von Donington Hall läge.
-
-Nun war ich klar.
-
-Und mit einem meiner Marinekameraden, dem Oberleutnant zur See Trefftz,
-der vorzüglich Englisch sprach und England genau kannte, beschloß ich,
-gemeinsame Sache zu machen.
-
-Der vierte Juli Neunzehnhundertfünfzehn war zu unserer Flucht
-festgesetzt, alles dazu einexerziert und klappte, alle Vorbereitungen
-waren getroffen.
-
-Am vierten Juli früh meldeten Trefftz und ich uns krank.
-
-Bei der Frühmusterung um zehn Uhr wurde beim Aufrufen unserer Namen
-„krank” gemeldet, und nach beendeter Musterung kam der wachthabende
-Sergeant auf unsere Stuben und fand uns krank in den Betten vor.
-
-Alles in schönster Ordnung.
-
-Der Nachmittag und die Entscheidung rückten heran.
-
-Gegen vier Uhr zog ich mich an, nahm alles, was ich zur Flucht
-mitzunehmen nötig erachtet hatte, an mich, aß noch einige dicke
-Butterbrotstullen und nahm dann Abschied von meinen Stubenkameraden
-und besonders von meinem treuen Freunde Siebel, den ich leider nicht
-mitnehmen konnte, da er nicht Seemann war und kein Englisch sprach.
-
-Draußen war ein heftiges Gewitter im Gange, und wolkenbruchartig
-strömte der Regen vom Himmel herab. Die Posten standen naß und
-frierend in ihren Schilderhäuschen, und daher fiel es auch keinem auf,
-daß trotz des Regens noch zwei Offiziere Lust verspürten, im Park
-spazierenzugehen. Im Park befand sich eine von Büschen umgebene Grotte,
-von der aus man den ganzen Park und den Stacheldraht übersehen, selbst
-aber nicht gesehen werden konnte.
-
-Hier hinein verkrochen sich Trefftz und ich.
-
-Ein kurzer Abschied noch von S., der uns mit Gartenstühlen zudeckte,
-und wir waren allein.
-
-Nun konnte nur noch die Vorsehung und unser Glück für uns weitersorgen.
-
-In atemloser Spannung warteten wir. Die Minuten wurden zu Ewigkeiten,
-doch langsam und sicher verstrich eine Stunde nach der anderen. Als die
-Turmuhr laut und vernehmlich sechs Uhr schlug, klopfte uns gewaltig
-das Herz. Wir hörten, wie zur Musterung geklingelt wurde, das Kommando
-„Stillgestanden!”, dann wurde mit lautem Geräusch das Drahthindernis
-der Taggrenze geschlossen. Bange Viertelstunden durchlebten wir. Wir
-wagten überhaupt nicht zu atmen. Jeden Augenblick erwarteten wir, bei
-unseren Namen gerufen zu werden. Es wurde sechs Uhr dreißig, nichts
-ereignete sich. Ein Alp wich von unseren Herzen. Gott sei Dank, der
-erste Akt war geglückt. Denn nachdem bei der Musterung bei unseren
-Namen wiederum „krank” gemeldet war und die Offiziere wegtreten
-durften, liefen ein Kamerad für mich und ein anderer Kamerad für
-Trefftz so schnell wie möglich hinten ums Gebäude herum und legten
-sich in unsere Betten. Und als der Feldwebel kam, konnte er zufrieden
-feststellen, daß die beiden Kranken anwesend wären. Da also alles in
-Ordnung war, wurde wie an jedem Abend das Nachthindernis geschlossen,
-ja sogar die Posten vom Taghindernis eingezogen, und damit waren wir
-uns selbst überlassen. Der außerordentliche Regen kam uns sehr zu
-statten, denn sonst pflegten die englischen Soldaten abends in unserem
-Park herumzutollen, wobei ein Entdecktwerden sehr leicht möglich
-gewesen wäre.
-
-Stunde um Stunde verrann. Stumm lagen wir da, nur ab und zu stießen wir
-uns gegenseitig an und nickten uns zu vor Freude, daß bis jetzt alles
-so gut geklappt hatte.
-
-Um zehn Uhr dreißig abends wuchs unsere Erregung aufs äußerste. Die
-zweite Probe mußte bestanden werden. Deutlich hörten wir das Signal zum
-Schlafengehen, und aus dem geöffneten Fenster meines früheren Zimmers
-erscholl kräftig „Die Wacht am Rhein”. Das war das Zeichen für uns, daß
-alles auf dem Posten wäre.
-
-Der wachthabende Offizier mit einem Sergeanten schritt sämtliche
-Stuben ab und überzeugte sich, daß keiner fehlte. Durch wochenlange
-Beobachtungen hatte ich festgestellt, daß die wachthabenden Offiziere
-stets denselben Weg wählten, um nach der Ronde auf dem kürzesten Wege
-in ihre Behausungen zu gelangen. So war es auch heute. Die Ronde fing
-in dem Zimmer an, wo Trefftz fehlte. Es war selbstverständlich, daß ein
-anderer bereits in dessen Bett lag.
-
-~„All present?”~
-
-~„Yes, Sir!”~
-
-~„All right, good night, gentlemen!”~
-
-Und so ging die Ronde weiter. Kaum war sie um die Ecke gebogen, als
-auch schon zwei der anderen Kameraden in entgegengesetzter Richtung
-herum und in mein Zimmer liefen, und so war es selbstverständlich, daß
-auch hier alles ~„present”~ war.
-
-Die Aufregung und die gespannteste Erwartung, in der wir uns während
-dieser Zeit befanden, kann man sich kaum vorstellen. Im Geiste erlebten
-wir ja alles mit, und da es merkwürdig lange still blieb, befürchteten
-wir schon, daß alles verloren sei. Mit eiskalten Händen, kaum atmend,
-das Gehör bis auf das äußerste angespannt, lagen wir da.
-
-Endlich um elf Uhr abends erscholl ein lauter Jauchzer. Das war unser
-verabredetes Signal, daß alles geglückt war.
-
-
-
-
-Schwarze Nächte an der Themse
-
-
-Nun blieb um uns alles ruhig. Der Regen hörte Gott sei Dank auf zu
-strömen. In vollständige Dunkelheit gehüllt, lag der Park da, und matt
-schimmerte das Licht der riesigen Bogenlampen, womit das Nachthindernis
-beleuchtet war, zu uns herüber. Dumpf hallte der regelmäßige Tritt
-der in ihren Schutzhäuschen auf und ab marschierenden Posten, und
-unheimlich klang ihr Zuruf, womit sie sich alle Viertelstunde
-gegenseitig anriefen. Um zwölf Uhr nachts war Wachtablösung, die ich
-mit gespanntester Aufmerksamkeit verfolgte. Dann kam der wachthabende
-Offizier und leuchtete mit einer Lampe das Taghindernis -- also unseres
--- ab, und um halb ein Uhr war wieder tiefste Ruhe.
-
-Nun war der Moment des Handelns gekommen.
-
-Leise kroch ich aus meinem Versteck wie eine Katze, schlich durch den
-Park und zu dem Drahthindernis, um mich zu überzeugen, daß wirklich
-keine Posten mehr ständen. Als alles in Ordnung war und ich die Stelle,
-über die wir rüber wollten, wiedergefunden hatte, schlich ich zurück
-und holte Trefftz ab. Nun machten wir den Weg gemeinsam noch einmal.
-
-Am Hindernis angekommen, gab ich leise noch einmal die letzten
-Verhaltungsmaßregeln und dann Trefftz mein kleines Bündelchen. Als
-erster fing ich an zu klettern. Der Zaun war zirka drei Meter hoch
-und alle zwanzig Zentimeter von Draht mit unheimlich langen Stacheln
-bezogen.
-
-Bis zirka fünfundsiebzig Zentimeter über dem Boden waren elektrisch
-geladene Drähte gesetzt, deren Berühren genügte, um sie zu entladen
-und ein Klingelwerk auszulösen, wodurch selbstverständlich das ganze
-Lager alarmiert worden wäre. Zum Schutz gegen die Stachel hatten wir
-Ledergamaschen an und um die Knie Wickelgamaschen gebunden und trugen
-außerdem noch Lederhandschuhe. Doch die Stacheln waren länger und sie
-haben ganz fürchterlich gepikst. Aber das hatte den Vorteil, daß wir
-nun nicht ausrutschen konnten, um dadurch den elektrischen Draht zu
-berühren. Den ersten Zaun überwand ich leicht. Dann gab mir Trefftz
-unsere beiden Bündel, und ebenso schnell wie ich überstieg auch er
-den Zaun. Nun kam ein zirka zehn Meter breites und ein Meter hohes
-schweres Drahthindernis, nach den neuesten Schikanen erbaut. Wie die
-Katzen liefen wir beide über dieses hinweg. Dann kam wiederum ein hoher
-Stacheldrahtzaun, genau so beschaffen wie der erste und ebenfalls mit
-elektrisch geladenen Drähten versehen. Auch hierüber kamen wir beide
-glatt, nur daß ich mir an den verflixten Stacheln einen Teil meines
-Hosenbodens ausriß, den ich mir erst wieder herunterholen mußte, um ihn
-später wieder einzusetzen. Gott sei Dank, das Hindernis war überwunden!
-
-Stumm drückten Trefftz und ich uns kräftig die Hand und stumm sahen wir
-uns an. Was wir durchgemacht hatten, wußten wir beide.
-
-Nun begann erst die Hauptschwierigkeit.
-
-Vorsichtig schlichen wir uns in der Dunkelheit weiter, überquerten
-einen Bach, erkletterten eine Mauer, sprangen in einen tiefen Graben
-und mußten uns dann an dem Wachthaus, welches am Eingang zum Lager lag,
-vorbeischleichen. Dann endlich waren wir im Freien!
-
-Auf der großen Landstraße, die nach Donington Castle führte, liefen
-wir ohne Aufenthalt entlang. Nach einer halben Stunde machten wir
-halt und entledigten uns der zerfetzten Gamaschen und Handschuhe.
-Na, die inneren Handflächen sahen ja fein aus, ganz zu schweigen von
-den Fußsohlen und von der Sitzgelegenheit. Noch wochenlang haben die
-Andenken an den englischen Stacheldraht gejuckt.
-
-Jetzt öffneten wir unsere Bündel, zogen unsere grauen Zivilregenmäntel
-an, verstauten die übrigen Kleinigkeiten, und untergehakt wanderten wir
-frohgemut die Straße weiter, als wenn wir von einem späten Nachtgelage
-kämen. Als Donington Castle in Sicht kam, mußten wir uns vorsehen. Und
-alles, was wir tun würden, wenn wir jemandem begegnen sollten, hatten
-wir verabredet.
-
-Da, als wir eben in die Dorfstraße einbiegen wollten, kam uns ein
-englischer Soldat entgegen. Wie auf Kommando zog mich Trefftz an sich,
-und so wie wir es verabredet hatten, markierten wir ein Liebespaar.
-Verlangend nach uns hinschauend und mit der Zunge schnalzend ging
-der Engländer vorüber. Als er an uns vorbei ging, erkannte ich
-ihn mit einem Schlage. Auf seinem Ärmel leuchteten matt die drei
-Feldwebelswinkel, und diese dicke, gedrungene, auffallende Figur konnte
-nur unserem englischen Lagerfeldwebel gehören.
-
-Nun schritten wir weiter. Und nachdem das Dorf passiert war, fanden
-wir glücklich die angegebene Brücke. Doch hier wurde es kritisch. Drei
-große Chausseen führten von hier aus ab, und es war unmöglich, uns ohne
-Wegekenntnisse weiterzufinden. Endlich entdeckten wir in der Dunkelheit
-einen Wegweiser, etwas äußerst Seltenes in England. Zum Glück war es
-ein eiserner. Und als Trefftz hinaufgeklettert war, konnte er durch
-Befühlen der erhaben gegossenen Buchstaben das Wort „Derby” lesen.
-
-In äußerstem Geschwindschritt uns nach dem Polarstern orientierend,
-marschierten wir tüchtig darauf los. Sobald uns Leute entgegenkamen
-oder Autos, und besonders wenn solche hinter uns her fuhren,
-versteckten wir uns im Chausseegraben und warteten ab, bis die
-Gefahr vorüber war. Es war doch zu natürlich, daß wir bei jedem Auto
-glaubten, es sei unseretwegen unterwegs und uns nachgehetzt worden.
-Als wir Hunger verspürten, aßen wir etwas mitgenommenen Schinken
-und Schokolade. Aber leider war das eine zu salzig und das andere
-so süß, daß ein furchtbarer Durst uns plagte. Dieser wurde bald so
-unerträglich, daß wir kaum noch weiter kommen konnten. Dazu kam, daß
-wir durch die durchgemachte Aufregung und den anstrengenden Marsch
-außerordentlich viel Schweiß verloren hatten. In unserer Not stellten
-wir uns dann an den Chausseegraben, und wie die Ziegen leckten wir die
-dicken Regentropfen von den Blättern der Büsche ab, bis wir endlich
-an einer Stelle eine schmutzige Wasserpfütze fanden, über die wir uns
-gierig trinkend warfen. O, das war gut.
-
-Langsam wurde es hell. Und gegen vier Uhr morgens, als wir die ersten
-Gartenhäuser von Derby erreichten, stieg in wundervollster Pracht
-blutigrot die riesige Sonnenkugel über den Horizont. Wie gebannt
-blieben wir stehen, hingerissen von diesem herrlichen Schauspiel, und
-dann schüttelten wir uns die Hände und winkten freudig der Sonne zu.
-
-O sie, sie kam ja aus Deutschland, direkt aus der Heimat, hatte sich
-rotgefärbt beim Durcheilen der blutigen Schlachtfelder und brachte uns
-nun die treuesten Grüße unserer Lieben daheim. Ein gutes Omen!
-
-Nun schlichen wir uns beide in ein kleines Gärtchen, und hier wurde
-große Toilette gemacht. Die mitgenommene Kleiderbürste vollbrachte
-Wunder. Die Schuhlappen hatten schwere Arbeit, und mein Hosenboden
-wurde mit der mitgenommenen Nähnadel geflickt. In Ermangelung von
-Rasiercreme benutzten wir unseren Speichel, und dann wurden die
-armen Gesichter mit den mitgenommenen Gilette-Apparaten bearbeitet.
-Zum Schluß banden wir uns „den” Kragen und „_den_” Schlips um und
-überließen Kleiderbürste und Stiefellappen dem Gartenbesitzer. Und
-schick fast wie Dandies mit einem koketten Kniff in dem weichen Hut
-betraten wir Derby.
-
-Zu unserem Glück fanden wir bald den Bahnhof, trennten uns unauffällig
-und hatten den unerhörten Dusel, daß bereits in einer Viertelstunde ein
-Zug nach London ging. Ich löste ein Retourbillett dritter Güte nach
-Leicester, und mit einer dicken Zeitung bewaffnet bestieg ich den Zug.
-In Leicester stieg ich aus, löste mir ein Billett nach London, und
-als ich in das Kupee einstieg, saß zufällig mir gegenüber ein Herr,
-ebenfalls im grauen Mantel, den ich irgendwo mal gesehen haben mußte,
-von dem ich aber selbstverständlich keine Notiz nahm. Ich glaube, sein
-Name fing früher mal mit T. an.
-
-Gegen Mittag lief endlich der Zug in London ein.
-
-Als ich durch die Bahnsperre ging und mein Billett abgab, war mir doch
-nicht ganz wohl zumute, und so etwas hat meine Hand doch gezittert.
-Doch der gestrenge Blick des Kontrolleurs bedeutete weiter nichts, und
-einige Minuten darauf war ich im Gewühl der Großstadt verschwunden.
-
-Wie gut war es jetzt, daß ich vor zwei Jahren in London gewesen war
-und es so genau kennengelernt hatte. Das erste, was ich tat, war,
-daß ich in vier verschiedene Frühstücksstuben ging und in jeder von
-diesen so viel aß und trank, daß es noch eben nicht auffiel. Dann ging
-ich an die Themse hinunter, rief mir alle Straßen und Brücken und
-Dampferanlegestellen durch persönlichen Augenschein in die Erinnerung
-zurück und sah mir besonders an, wo neutrale Dampfer lagen.
-
-Ich hatte mir die Sache doch einfacher vorgestellt. Ich hatte gehofft,
-sofort einen Dampfer finden zu können, doch nun sah ich zu meiner
-Besorgnis, daß alle Werften und Ladeplätze und die meisten neutralen
-Dampfer ebenfalls streng bewacht mitten auf dem Strome lagen.
-
-Die ungewohnte Umgebung, die Unsicherheit, in der ich mich in der
-ersten Zeit befand, und vor allen Dingen das dauernde Gefühl während
-der ersten Tage, daß ich stets glaubte, daß jeder Mensch wissen
-müßte, wer ich wäre, und daß jedermann es mir an der Nasenspitze
-ablesen könnte, daß ich aus Donington Hall entwichen wäre, taten das
-ihre. Dazu kam noch die durchgemachte Aufregung und Überanstrengung
-der letzten Nacht und die trostlose Verlassenheit in der riesigen
-Feindeshauptstadt. Auch hatte ich mich vergebens bemüht, irgendeine
-Zeitung zu erwischen, aus der die Abfahrt von Dampfern ersichtlich
-wäre; das war für mich eine besonders herbe Enttäuschung.
-
-War es da ein Wunder, daß ich ganz entmutigt und müde zum Umsinken um
-sieben Uhr abends wie verabredet vor der St. Pauls-Kathedrale stand,
-um auf Trefftz zu warten? Bis neun Uhr habe ich gewartet, kein Trefftz
-kam.
-
-Fest überzeugt, daß es Trefftz bereits gelungen wäre, einen günstigen
-Dampfer zu fassen, und daß er womöglich London schon verlassen habe,
-schleppte ich mich gänzlich deprimiert zum Hydepark. Zu meiner
-Enttäuschung war dieser entgegen früherer Gewohnheit geschlossen. Was
-sollte ich nun tun, wo sollte ich schlafen? Auf der Straße durfte ich
-nicht bleiben, um nicht aufzufallen. Und in eine Herberge durfte ich
-erst recht nicht gehen, da ich keinen Paß besaß, den jetzt in England
-selbst jeder Engländer besitzen mußte, und ohne den kein Gastwirt bei
-schwerster Strafe jemanden aufnehmen durfte.
-
-In einer elenden Bar, in der ich mich etwas stärken wollte, bekam ich
-nur warmen Stout und nur noch eine einzige Rolle Keks. Alles andere war
-vertilgt. Und als auch in der Bar Feierabend geboten wurde, saß ich
-wieder auf der Straße. Ich bog in eine der vornehmsten Alleen ein, wo
-prächtige Paläste von schön gepflegten Vorgärtchen umgeben waren. Ich
-konnte mich kaum noch auf den Beinen aufrecht halten, und als die Luft
-rein war, sprang ich schnell entschlossen über einen dieser Gartenzäune
-und hatte mich kurz darauf in der dichten Buchsbaumhecke, nur einen
-Schritt vom Bürgersteig entfernt, verkrochen. Meine Gemütsstimmung läßt
-sich nicht beschreiben. Wild hämmerten mir die Pulse, und wild jagten
-sich die Gedanken in meinem Hirn. In meinen Gummimantel gehüllt, wie
-ein Dieb zusammengekrochen, lag ich in meinem Versteck.
-
-Wenn man mich jetzt hier fände, in dieser Lage, mich, einen deutschen
-Offizier? Wie ein Verbrecher kam ich mir vor. Und im Inneren war ich
-fest entschlossen, nie jemand etwas von der unwürdigen Lage, in der ich
-mich befand, zu erzählen. Ach, hätte ich _den_ Abend schon gewußt, wo
-ich mich zwei Tage später nächtelang herumtrieb, und das dabei sogar
-ganz natürlich fand, ich wäre hoffnungsvoller gewesen.
-
-Als ich ungefähr eine Stunde in meinem Versteck lag, öffnete sich in
-meinem Hause die große Flügeltür einer herrlichen Veranda, und mehrere
-Damen und Herren in tadelloser Abendtoilette traten heraus, um die
-prachtvolle Abendluft zu genießen. Von meinem Versteck aus konnte ich
-alles beobachten und jedes Wort verstehen. Nach einiger Zeit wurde
-drinnen ein Flügel angeschlagen und bald ertönte ein prachtvoller
-Sopran, und wunderschönste, sehnsuchtsvolle Schubertlieder zerwühlten
-meine Seele.
-
-Endlich übermannte mich die gänzliche Erschlaffung, und wie ein Toter
-schlief ich ein, in meinen Träumen von schönsten Zukunftsbildern
-umschwebt.
-
-Der gleichmäßige feste Tritt eines Polizisten, der auf der Straße,
-nur einen Schritt von mir getrennt, auf und ab ging, und die hell
-strahlende Sonne weckten mich am nächsten Morgen auf. Also hatte ich
-doch die Zeit verschlafen; nun Vorsicht! Stumpfsinnig pendelte der
-Polizist auf und ab, er wollte nicht weichen. Endlich kam das Glück.
-Ein allerliebstes Kammerzöfchen öffnete die Türe, und schon war mein
-Polizist bei ihr und schäkerte vertraulich mit dem taufrischen Käfer.
-
-Ohne von beiden gesehen zu werden, war ich mit einem Satz über den Zaun
-und auf der Straße. Es war schon sechs Uhr früh und der Hydepark gerade
-geöffnet worden. Da noch keine Untergrundbahn fuhr, ging ich in den
-Park und legte mich lang auf eine Bank zu mehreren anderen Vagabunden,
-die es sich dort bereits bequem gemacht hatten. Dann zog ich den Hut
-übers Gesicht, und fest schlief ich bis neun Uhr weiter.
-
-Frisch gestärkt mit neuem Mut bestieg ich die Untergrundbahn und fuhr
-zur Hafengegend. Am „Strand” erweckten riesige gelbe Plakate meine
-Aufmerksamkeit.
-
-Und wer beschreibt mein Staunen, als ich darauf dick und fett gedruckt
-las, daß:
-
-1. Mr. Trefftz bereits am Abend vorher gefangengenommen worden war und,
-
-2. daß Mr. Plüschow ~„still at large”~ sei, aber,
-
-3. man ihm bereits auf der Spur wäre.
-
-Das erste und dritte waren mir neu, das zweite war mir bekannt.
-
-Schnell kaufte ich mir nun die „Daily Mail”, ließ mich in einer
-einfachen Frühstücksstube nieder und las mit großem Interesse folgenden
-Steckbrief:
-
- ~Extra Late War Edition.~
-
- ~_Hunt for Escaped German. High-Pitched Voice as a Clue._~
-
- ~Scotland Yard last night issued the following amended description
- of Gunther _Plüschow_, one of the German prisoners who escaped from
- Donington Hall, Leicestershire, on Monday~:
-
- ~Height 5 ft., 5½ in, weight 135 lb.; complexion fair; hair blond;
- eyes blue; and tattoo marks: Chinese dragon on left arm.~
-
- ~As already stated in the „Daily Chronicle”, Plüschow's companion,
- Trefftz, was recaptured on Monday evening at Millwall Docks. Both
- men are Naval Officers. An earlier description stated that Plüschow
- is 29 years old. His voice is high-pitched.~
-
- ~He is particularly smart and dapper in appearance, has very
- good teeth, which he shows somewhat prominently when talking or
- smiling, is „very English in manner”, and knows this country well.
- He also knows Japan well. He is quick and alert, both mentally and
- physically, and speaks French and English fluently and accurately.
- He was dressed in a grey lounge suite or grey and yellow mixture
- suite.~
-
-[Illustration: Der erste Steckbrief]
-
-Also der arme Trefftz, nun hatten sie ihn doch gekitcht. Mein
-Entschluß, was nun zu tun sei, stand bei mir fest, und der Steckbrief
-leistete mir dabei vorzügliche Dienste. Zuerst mußte ich meinen grauen
-Gummimantel los werden. Ich ging zur „Blackfriars Station” und gab
-meinen Mantel dort im Gepäckaufbewahrungsraum ab. Als ich das graue
-Ding dem Beamten übergab, fragte dieser mich plötzlich: ~„What's your
-name, Sir?”~ (Wie ist Ihr Name?).
-
-Wie ein Schreck fuhr mir diese Frage in die Glieder, auf diese Frage
-war ich nicht gefaßt. Mit zitternden Knien fragte ich: „Meinen?”, im
-Inneren natürlich denkend, daß der Mann wüßte, wer ich wäre, und vor
-Schrecken sogar deutsch antwortend.
-
-~„Oh, I see, Mr. Mine, M. I. N. E.”~ und damit übergab er mir das
-Zettelchen für Mr. Mine.
-
-Daß dem Beamten mein Schrecken nicht aufgefallen ist, war ein Wunder,
-und mir war etwas übel zumute, als ich durch die beiden wachthabenden
-Polizisten am Eingang des Bahnhofes, die mich scharf musterten,
-hindurchschritt.
-
-Bei meiner Flucht hatte ich einen blauen Zivilanzug angezogen, den
-ich mir seinerzeit in Schanghai hatte machen lassen, und den schon
-in Schanghai Herr Brown und Scott, später der Millionär McGarvin
-getragen hatte, der dann an einen gewissen Schlosser, später
-Schloß_herr_ Ernst Suse vermacht worden war, dann wieder bessere
-Tage erlebte, als ein deutscher Seeoffizier ihn anzog, und nun sein
-Dasein auf dem Leibe des Dockarbeiters George Mine beendete. Unter
-dem Jackett hatte ich einen blauen Mannschaftssweater, den eine
-unserer gefangenen Matrosenordonnanzen in Donington Hall mir geschenkt
-hatte. In der Tasche trug ich eine alte zerfranste Sportmütze, ein
-Taschenmesser, Taschenspiegel, Rasierapparat, ein Stück Bindfaden und
-zwei Taschentücher vorstellen sollende Lappen. Ferner besaß ich das
-stolze Vermögen von hundertzwanzig Schilling, die ich mir erspart und
-zusammengepumpt hatte. Pässe und Papiere, die jetzt in England selbst
-jeder Engländer haben mußte, habe ich niemals besessen.
-
-Nun ging ich an die Themse zu einer entlegenen Stelle. Mein schöner
-weicher Hut flog durch Zufall von der London-Bridge ins Wasser,
-Kragen und Schlips folgten an einem anderen Orte nach, ein schöner
-vergoldeter Knopf prangte herrlich vorne in der grünen Hemdprise (Marke
-Knopfzwang), dann wurden die Haare schwarz und schmierig von einer
-Mischung aus Vaseline, Stiefelwichse und Kohlenstaub, die Hände sahen
-bald aus, als wenn sie niemals mit Wasser in Berührung gekommen wären,
-und zu guter Letzt wälzte ich mich auf einem Kohlenhaufen tüchtig
-herum, und schon war der streikende Dockarbeiter G. Mine fertig.
-
-So konnte man in mir wirklich keinen Offizier vermuten, am
-allerwenigsten aber von ~„smart”~ und ~„dapper”~ sprechen. Ich glaube
-meine Rolle gut gespielt zu haben, und nachdem ich erst den inneren
-Ekel vor meiner Umgebung und soviel Dreck überwunden hatte und mich
-erst sicher fühlte, konnte ich wirklich nur als das angesehen werden,
-wofür ich mich ausgab: als fauler, dreckiger Dockarbeiter oder
-Segelschiffsmatrose.
-
-[Illustration: Steckbrief, eine Woche nach der Flucht]
-
-Mit meiner Mütze frech im Genick, vor Schmutz starrend, die Jacke
-offen, den blauen Seemannssweater und als einzige Zierde den
-Kragenknopf zeigend, mit den Händen in den Taschen, pfeifend und
-spuckend und mich überall herumlümmelnd, wie ich es zu tausenden Malen
-in allen Hafenstädten der ganzen Welt von den Matrosen gesehen hatte,
-trieb ich mich tagelang in London herum, ohne auch jemals nur den
-leisesten Verdacht bei irgendeinem Menschen zu erwecken, daß ich etwas
-anderes sei, als wonach ich aussah.
-
-Darauf beruhte überhaupt mein ganzer Plan.
-
-Die einzigste Möglichkeit, unentdeckt zu bleiben, war _die_, mich _so_
-zu benehmen und _so_ auszusehen, daß ich niemals den leisesten Verdacht
-erweckte. Es durfte überhaupt niemals so weit kommen, daß ein Mensch
-auf mich aufmerksam wurde, und wenn ein Polizist mich erst gefragt
-hätte, wer ich sei, hätte ich nur meinen richtigen Namen angeben
-können. Daher war es auch vollkommen unnötig, daß meine Steckbriefe
-meine Tätowierung auf dem Arm immer wieder als Schlüssel zur Entdeckung
-erwähnten. Wenn es erst so weit kam, dann war längst vorher schon alles
-verloren.
-
-Am zweiten Vormittage hatte ich unerhörtes Glück.
-
-Ich saß auf dem Verdeck eines Autobusses, hinter mir zwei Kaufleute in
-angeregter Unterhaltung. Plötzlich fing ich die Worte auf: „Tilbury,
-holländischer Dampfer abfährt”; und nun hörte ich scharf zu.
-
-Ich mußte mein Herz festhalten, sonst hätte es Freudensprünge gemacht.
-Die beiden unvorsichtigen Gentlemen erzählten nichts weniger, als
-daß jeden Morgen um sieben Uhr ein holländischer Schnelldampfer nach
-Vlissingen führe und jeden Nachmittag der Dampfer vor Tilbury Docks zu
-Anker ginge.
-
-Mit einem Satz war ich raus aus dem „Bus”.
-
-Schnell zur „Blackfriars Station”, ein Billett gelöst, und eine gute
-Stunde später stieg ich bereits in Tilbury aus. Es war Mittagszeit,
-die Arbeiter strömten in ihre Stampen. Ich ging zuerst zur Themse
-runter und erkundete mein Operationsgebiet und überzeugte mich,
-daß mein Dampfer noch nicht da wäre. Da ich Zeit und kräftigen
-Hunger hatte, ging ich nach Tilbury zurück und trat in eine der
-vielen Speisewirtschaften, wo ich besonders viel Dockarbeiter hatte
-hineingehen sehen. In einem großen Saale saßen etwa hundert Arbeiter
-an langen Tischen und vertilgten riesige Schüsseln. So wie es die
-übrigen taten, ging ich auch an eine Klappe, legte acht Pennies auf den
-Tisch und empfing einen großen Teller gehäuft mit Kartoffeln, Gemüse
-und einem mächtigen Stück Fleisch. Dann ging ich an die Bar, kaufte
-mir ein großes Glas Stout, und in aller Gemütsruhe setzte ich mich zu
-den anderen Arbeitern an den Tisch, deren Eßweise und Haltung beim
-Essen genau nachahmend, wobei mir das Essen der Erbsen mit dem Messer
-besondere Schwierigkeiten verursachte.
-
-Mitten im besten Stauen wurde ich plötzlich von hinten auf die Schulter
-getippt. Eisig durchfuhr es mich durch alle Glieder. Als ich mich
-umdrehte, stand der Besitzer da und fragte mich nach meinen Papieren.
-Ich dachte natürlich, er meinte meine Ausweise, und schon gab ich alles
-verloren. Da ich natürlich nichts vorweisen konnte, mußte ich dem Wirt
-folgen, und voll Schrecken gewahrte ich, wie er an den Fernsprecher
-ging, um zu telephonieren. Mit einem Blick schielte ich schon nach
-der Tür und wollte eben fortlaufen, als der Wirt, der mich durch ein
-Glasfenster beobachtete, wieder zu mir trat und mir sagte: „Ja, da Sie
-Ihre Papiere vergessen haben, kann ich Ihnen nicht helfen; übrigens wie
-heißen Sie und wo kommen Sie her?”
-
-„Ich bin George Mine und amerikanischer Leichtmatrose auf der
-Viermastbark ‚Ohio’, die oben auf Strom liegt. Ich bin eben hier
-hereingegangen und habe doch schon mein Essen und mein Bier bezahlt,
-meine Papiere habe ich natürlich nicht mit!”
-
-Dann er: „Dies ist ein geschlossener sozialdemokratischer Verein, hier
-dürfen nur Mitglieder essen, das sollten Sie doch wissen, doch wenn Sie
-Mitglied werden wollen, stehen Ihnen die Räume stets frei.”
-
-Natürlich war ich damit einverstanden. Ich zahlte meine drei Schilling
-Eintrittsbeitrag, erhielt ein knallrotes Seidenbändchen ins Knopfloch
-gebunden und eine Mitgliedskarte, und damit war ich nun jüngstes
-Mitglied des sozialdemokratischen Dockarbeitervereins von Tilbury!
-
-Als wenn nichts geschehen wäre, ging ich wieder an meinen Tisch, trank
-mit einem Zug, um mich von dem durchgemachten Schrecken zu erholen,
-verließ aber bald den Raum, da mir offengestanden der Appetit vergangen
-war und das Essen mir so recht nicht mehr schmecken wollte.
-
-Nun ging ich ans Flußufer hinunter, legte mich ins Gras, tat, als ob
-ich schliefe, und paßte auf wie ein Luchs.
-
-Dampfer an Dampfer zog an mir vorüber. Meine Erwartung wuchs unendlich.
-Um vier Uhr nachmittags lief stolz und majestätisch ein holländischer
-Schnelldampfer ein und machte direkt vor meiner Nase an einer Boje
-fest. Und erst mein Glück und meine Freude, als ich vorne am Bug in
-weißen, leuchtenden Buchstaben den Dampfernamen:
-
- „_Mecklenburg_”
-
-las. Das war für mich als Mecklenburger und Schweriner das beste
-Vorzeichen.
-
-Nun fuhr ich mit der Fähre nach Gravesend hinüber, von wo aus ich
-den Dampfer unauffälliger beobachten konnte, und bummelte, die Hände
-in den Taschen, sorglos ein Liedchen pfeifend, möglichst bummlig und
-schlaksig im Seemannsgang am Ufer entlang, in Wirklichkeit aber scharf
-beobachtend.
-
-Mein Plan war folgender:
-
-Nachts schwimmend die Boje, an der der Dampfer lag, zu erreichen, dann
-an der Stahlleine hochklettern, mich an Deck zu schleichen und als
-blinder Passagier nach Holland zu fahren.
-
-Meine Operationsbasis hatte ich bald gefunden.
-
- * * * * *
-
-Als ich mich vergewissert hatte, daß ich unbeobachtet war, kletterte
-ich in ein Holz- und Gerümpellager, welches bis ans Wasser der Themse
-reichte. Unter einigen Brettern lagen mehrere Bündel Heu, und in diese
-verkroch ich mich und wartete die Nacht ab.
-
-Dieses Heubündel ist dann auch für sämtliche übrigen Nächte mein
-Aufenthaltsplatz geblieben.
-
-Gegen zwölf Uhr nachts stieg ich aus meinem Versteck. Am Tage hatte
-ich mir alle in der Nähe liegenden Gegenstände, sämtliche für mich
-notwendigen Peilungen, genau eingeprägt. Vorsichtig schlich ich über
-Haufen von Gerümpel, alte Balken; der Regen rauschte, und in der
-pechschwarzen Nacht konnte ich kaum die beiden Kuffs wiederfinden, die
-ich am Tage neben dem Holzlager gesehen hatte.
-
-Auf allen vieren kriechend, immer wieder angespannt lauschend, mit
-den Augen versuchend, die Dunkelheit zu durchbohren, näherte ich mich
-meinem Ziel.
-
-Zu meinem Schrecken gewahrte ich, daß die beiden Kuffs, die am
-Nachmittage noch im tiefen Wasser gelegen hatten, jetzt fast trocken
-lagen. Aber hinten am Heck, da schwabberte Gott sei Dank noch ein
-kleines Dinghi im Wasser.
-
-Kurz entschlossen wollte ich zu dem Boot hinlaufen, aber ehe ich wußte,
-was mit mir geschah, gab der Boden unter mir nach, und blitzschnell
-versank ich bis an die Hüften in eine zähe, schlüpfrige, übelriechende
-Schlammasse. Mit den Armen schlug ich um mich, und gerade konnte ich
-mich noch mit der linken Hand an einer Planke festkrallen, die vom Ufer
-zu dem Segelschiff hinüberführte.
-
-Mit äußerster Kraftanstrengung befreite ich mich aus der eklen Masse,
-die beinahe ein furchtbares Grab für mich geworden wäre, und gänzlich
-erschöpft schleppte ich mich zu meinem Heubündel zurück.
-
-Als am dritten Morgen meiner Flucht die Sonne aufging, hatte ich den
-Lattenzaun bereits wieder übersprungen und lümmelte mich auf einer Bank
-der Parkanlagen von Gravesend herum. Pünktlich um sieben Uhr früh warf
-meine „Mecklenburg” von der Boje los und rauschte stromabwärts dem
-freien Meere zu.
-
-An diesem ganzen Tage trieb ich mich, wie auch später, in London
-herum. Stundenlang stand ich auf den Brücken wie so viele andere
-Tagediebe und merkte mir genau die Lage der neutralen Dampfer und vor
-allen Dingen den Stand ihrer Ladungsarbeiten, um jederzeit, wenn ich
-einen glücklichen Augenblick erhaschen konnte, unbemerkt an Bord zu
-schleichen.
-
-Essen tat ich in allen diesen Tagen in den gewöhnlichsten
-Arbeiterstampen von London-East; ich sah so verkommen und dreckig
-aus, torkelte oder hinkte oft absichtlich, machte ein blödes, stieres
-Gesicht und ging so krumm und schlaksig, daß kein Mensch von mir Notiz
-nahm. Ich vermied zu sprechen und merkte mir genau die Aussprache und
-die Art und Weise, wie die Arbeiter ihr Essen bestellten. Bald hatte
-ich eine solche Sicherheit und Fertigkeit und wurde so frech, daß ich
-niemals mehr auf den Gedanken kam, ich könnte entdeckt werden.
-
-Am Abend war ich wieder in Gravesend.
-
-Da lag wirklich wieder ein Dampfer, und diesmal war es die „Prinzeß
-Juliana”.
-
-Nun paßte ich besser auf und studierte alles so eingehend und genau,
-besonders die Beschaffenheit des Flußufers, daß ich meiner Sache sicher
-war.
-
-Nachts um zwölf Uhr war ich an meinem ausgewählten Platz. Das Ufer war
-steinig, und die Ebbe fing eben erst an zu laufen. Leise zog ich meine
-Stiefel, Strümpfe und Jacke aus, verstaute meine Strümpfe, meine Uhr,
-Rasierapparat usw. in meine Mütze, setzte diese samt dem teuren Inhalt
-auf den Kopf und band sie fest.
-
-Dann versteckte ich Jacke und Stiefel unter einem Stein, zog den
-Ledergürtel meiner Hose fest an, und so angezogen wie ich war, kroch
-ich leise ins Wasser und schwamm nach der Richtung meines Dampfers
-hinaus.
-
-Die Nacht war regnerisch und dunkel. Bald konnte ich auch nicht mehr
-das Ufer erkennen, das ich eben verlassen hatte. Matt konnte ich jetzt
-eben die Umrisse eines Ruderbootes vor mir ausmachen, welches verankert
-lag. Ich strebte darauf zu, und trotz furchtbarster Anstrengung kam
-und kam ich nicht näher. Meine voll Wasser gesogenen Kleider wurden
-immer schwerer und drohten mich herabzuziehen; die Kräfte fingen an zu
-erlahmen, wie Schatten huschten an mir einige Ruderboote vorüber, die
-in Wirklichkeit aber verankert lagen, und an denen ich durch die starke
-Strömung vorbeigerissen wurde. Krampfhaft, mit meiner ganzen Energie
-schwamm ich weiter und versuchte den Kopf über Wasser zu halten.
-
-Bald jedoch schwanden mir die Sinne, und als ich wieder zu mir kam, lag
-ich hoch und trocken auf glatten, von Seetang überwucherten Steinen.
-
-Ein gütiges Geschick hatte mich an einige der wenigen steinigen Stellen
-des Strandes getrieben, da, wo der Fluß einen scharfen Knick machte;
-und durch das bei Ebbe schnell fallende Wasser lag ich nun auf dem
-Trockenen.
-
-Zitternd und bebend vor Kälte und Überanstrengung raffte ich mich auf
-und wankte am Ufer entlang, und nach einer Stunde fand ich meine Jacke
-und meine Stiefel wieder. Dann kletterte ich über meinen Bretterzaun
-und lag zitternd und zähneklappernd auf meinem Strohhaufen.
-
-[Illustration: Noch ein Steckbrief]
-
-Der Regen strömte, und ein eiskalter Wind fegte über mich weg. Als
-einzige Decke hatte ich meine nasse Jacke und meine beiden Hände,
-die ich flach und schützend auf meinen Magen hielt, um diesen
-wenigstens in Takt zu halten und dadurch für die nächsten Tage die
-nötigen Kräfte zu behalten. Nach zwei Stunden, ohne ein Auge zugetan zu
-haben, hielt ich es vor Kälte nicht mehr aus, verließ mein Versteck und
-lief herum, um wenigstens etwas warm zu werden.
-
-Meine nassen Kleider sind erst wieder trocken geworden, als sie mehrere
-Tage darauf in Deutschland am Ofen hingen! Tagsüber trieb ich mich
-wieder in London herum. Ich besuchte mehrere Kirchen, in denen ich
-sicher den Anschein eines frommen Beters erweckt habe, in Wirklichkeit
-aber ein Stündchen schlief.
-
-An diesem Tage wäre ich beinahe ein englischer Soldat geworden. Wie an
-allen Tagen stand auf einem der vielen Plätze auf einer errichteten
-Tribüne ein Redner und sprach zum Volk. Natürlich Rekrutenfang!
-
-In den glühendsten Farben, in höchster Ekstase schilderte er der
-lauschenden Menge, wie es aussehen würde, wenn die deutschen Soldaten
-erst ihren Siegeseinzug durch London hielten. „Die Straßen Londons”,
-sagte er, „werden von den Tritten der Barbaren widerhallen. Eure Frauen
-werden von den deutschen Soldaten vergewaltigt und mit ihren kotigen
-Stiefeln getreten werden. Wollt ihr das, ihr freien Briten?”
-
-Ein entrüstetes „Nein!” war die Antwort.
-
-„So gut, dann kommt und -- -- ~join the army now~!”
-
-Ich erwartete einen allgemeinen Sturmlauf. Der Mann hatte wirklich
-packend geredet. Keiner rührte sich. Nicht einer, der sich meldete und
-glaubte, daß Kitchener gerade _ihn_ haben wollte. Nun fing der Redner
-von vorne an, aber seine flammenden Worte verhallten ungehört.
-
-In der Zwischenzeit gingen englische Werbeunteroffiziere durch die
-Menge. Überall begegneten sie Kopfschütteln, keiner der wackeren Söhne
-Albions wollte anbeißen. Plötzlich kam ich an die Reihe.
-
-Ein baumlanger Sergeant stand vor mir und befühlte prüfend meine
-Oberarme. Er schien von seiner Musterung höchst befriedigt zu sein,
-denn nun fing er mit allen Mitteln an, mich davon zu überzeugen, daß
-der Soldat ausgerechnet in Kitcheners ~army~ das Schönste wäre, was es
-auf der Welt gäbe. Ich lehnte ab.
-
-„Nein”, sagte ich, „es geht nicht, ich bin erst siebzehn Jahre alt.”
-
-„Oh, das macht nichts, da machen wir einfach eine Achtzehn draus, und
-alles ist ~all right~.”
-
-„Nein, es geht wirklich nicht, ich bin übrigens Amerikaner und habe
-auch keine Erlaubnis von meinem Schiffskapitän.”
-
-Nun holte der lästige Bursche eine Mappe hervor, in der in den
-leuchtendsten Farben die englischen Uniformen abgebildet waren. Der
-Kerl ließ einfach nicht locker. Um ihn endlich los zu werden, sagte
-ich ihm, er möchte mir eins der Heftchen überlassen, ich würde dann
-abends mit meinem Steuermann reden und am nächsten Tage würde ich ihm
-mitteilen, welche Uniform mir am besten gefiele.
-
-Daß ich von da ab in großem Bogen um diesen Platz herumging, war wohl
-selbstverständlich.
-
-Nun hatte ich aber allmählich so viel Sicherheit gewonnen, daß
-ich trotz meines schmutzigen Päckchens ins Britische Museum ging,
-mir einzelne der größten Gemäldegalerien ansah, ja sogar die
-Nachmittagsvorstellungen der Varietés besuchte, ohne jemals nach
-dem Woher und Wohin gefragt zu sein. In den Varietés waren oft die
-allerliebsten blonden Garderobefräuleins besonders freundlich zu mir
-und schienen sogar mit dem armen ~„sailor”~, der sich sicherlich in das
-feine Varieté verirrt hatte, Mitgefühl zu haben.
-
-Am ulkigsten war es, wenn ich auf einem Verdecksitz der Autobusse Platz
-nahm und die Damen und Dämchen naserümpfend und entrüstet von mir
-abrückten und mich nicht selten verachtende Blicke trafen. Wenn _die_
-gewußt hätten, wer neben ihnen saß! Daß ich nicht gerade nach Parfüm
-roch, war bei meiner Nachtarbeit und den nassen schlammbeschmutzten
-Kleidern kein Wunder.
-
-Am Abend war ich wieder in meinem Gravesend. In dem kleinen Park, der
-direkt ans Themseufer stieß, spielte Militärmusik und mehrere Stunden
-saß ich ruhig auf einer Bank direkt am Strand, lauschte den Klängen der
-Musik und beobachtete wie ein Luchs.
-
-Meinen Plan, zum Dampfer hinüberzuschwimmen, hatte ich endgültig
-aufgegeben, da ich einsah, daß die Strecke zu weit und die Strömung
-viel zu reißend war.
-
-Jetzt kam es für mich nur noch darauf an, irgendwo unauffällig ein
-Ruderboot zu requirieren, um damit zum Dampfer gelangen zu können.
-
-Vor mir lag gerade ein passendes; doch war dieses an einer Schleuse
-festgemacht, die von einem Posten Tag und Nacht bewacht wurde.
-
-Doch gewagt mußte es werden!
-
-Nachts um zwölf Uhr bei wiederum stockfinsterer Nacht schlich ich
-durch den Park und kroch an die zirka zwei Meter hohe Ufermauer heran.
-Ein Sprung über einen Gartenzaun, und schon lag unter mir leise
-schaukelnd mein Boot. Atemlos lauschte ich. Der Posten, nur zehn
-Schritt entfernt, schlenderte schlaftrunken auf und ab. Meine Stiefel
-hatte ich ausgezogen und mit den Schuhlitzen um den Hals gebunden, das
-offene Messer zwischen den Zähnen. Leise wie ein Indianer glitt ich an
-der Mauer hinunter. Mit den Fußspitzen konnte ich gerade das Dollbord
-des Bootes angeln, lautlos glitten meine Hände an dem harten Granit
-entlang, und eine Sekunde darauf saß ich zusammengekauert im Boot.
-Atemlose Spannung. Mein Posten ging unter seinen hellen Bogenlampen
-ungestört auf und ab. Mit meinem Boot lag ich Gott sei Dank im Dunkeln.
-Meine durch nächtliche Torpedobootsfahrten geübten Augen sahen jetzt
-trotz der schwarzen Nacht fast wie am Tage. Vorsichtig tastete ich die
-Riemen ab. Verdammt, sie waren von einer Kette umschlossen. Zum Glück
-war diese aber nicht stramm angezogen, und leise zog ich erst den
-Bootshaken, dann einen Riemen nach dem anderen aus der Kettenschlinge
-heraus. Knirschend durchschnitt nun mein Messer die beiden Taue, mit
-denen das Boot an der Mauer festgemacht war, und unhörbar tauchten
-meine Riemen in das Wasser ein und trieben das Boot vorwärts.
-
-Als ich in das Boot gestiegen war, hatte es schon sehr viel Wasser
-gehabt. Nun gewahrte ich zu meinem Schrecken, daß das Wasser im Boot
-mit großer Geschwindigkeit stieg. Schon überspülte das Wasser die
-Ducht, auf der ich saß, immer schwerer und unhandlicher wurde das große
-Boot, mit verzweifelter Kraft warf ich mich in meine Riemen. Plötzlich
-knirschte der Kiel, und das Boot lag eisern fest. Kein Pullen, kein
-Absetzen mit Riemen und Bootshaken half, das Boot blieb unbeweglich,
-und rasend schnell fiel das Wasser um das Boot herum, und schon nach
-wenigen Minuten saß ich fest und trocken im Schlick, dafür aber zum
-Trost das Boot innen bis an den Rand voll Wasser. Ich habe eine so
-schnelle Veränderung der Wasserhöhe bei Ebbe und Flut noch nie vorher
-in meinem Leben erlebt. Wenn auch die Themse in dieser Beziehung
-berüchtigt war, _das_ hatte ich doch nicht für möglich gehalten.
-
-Ich befand mich wohl in der kritischsten Lage der ganzen Flucht.
-Ringsherum war ich umgeben von weichem, stinkendem Schlick, dessen
-Bekanntschaft ich zwei Abende vorher beinahe mit dem Leben bezahlt
-hatte. Schon der Gedanke daran machte mich schaudern. Nur zweihundert
-Meter entfernt ging der Posten auf und ab, und ich selbst befand mich
-mit meinem Boot zirka fünf Meter von der zwei Meter hohen granitenen
-Ufermauer entfernt.
-
-Kühl überlegend saß ich auf meiner Ducht. Eins stand fest: die
-Engländer durften mich hier nicht finden, denn wie einen tollen Hund
-hätten sie mich totgeschlagen.
-
-Vor dem nächsten Vormittage stieg aber das Wasser nicht wieder. Also
-gab's nur eins: alle Energie zusammengerafft, Zähne zusammengebissen
-und versucht, den Schlick zu überwinden. Ich zog auch noch meine
-Strümpfe aus, krempelte die Hosen so hoch hinauf, als es irgend
-ging, dann legte ich die Bootsplanken und die Riemen nebeneinander
-auf den quillenden und glucksenden Schlammboden, dann benutzte ich
-den Bootshaken als Sprungstange und setzte ihn mit der Spitze auf
-eine Planke auf, stellte mich auf das Dollbord des Bootes, dann alle
-Kraft zusammengenommen, mit einem mächtigen Satze schwang ich mich im
-Stabhochsprung um meinen Bootshaken und ... mit einem lauten Platsch
-langte ich nur einen Meter von der Mauer entfernt an und sank bis
-weit über die Knie in den zähen Brei, dann aber festen Grund unter
-den Füßen spürend. Nun arbeitete ich mich an die Mauer heran, legte
-meinen Bootshaken als Kletterstange an, und einige Sekunden darauf war
-ich oben und saß mitten auf dem Rasen des kleinen Parkes, in dem ich
-einige Stunden vorher der Musik gelauscht hatte. Um mich herum lautlose
-Stille. Ein Alp wich mir von der Brust. Niemand, auch der Posten nicht,
-hatte etwas gemerkt.
-
-Mit ziemlichem Mißbehagen betrachtete ich mir meine Beine. Bis über
-die Knie klebte eine dicke, stinkende, graue Schicht. Wasser zum
-Waschen war nirgends in der Nähe. Aber so konnte ich unmöglich meine
-Strümpfe und meine Stiefel wieder anziehen. Mühsam strich ich daher mit
-den Fingern die Schlickmasse, so gut es ging ab, und als die kleben
-gebliebene Kruste einigermaßen trocken war, gelang es mir, Schuhe und
-Strümpfe anzuziehen und die aufgekrempelten Hosen herabzustreifen.
-
-Der erste Plan war zwar mißglückt, aber immerhin hatte ich dabei so
-viel Glück gehabt, daß ich voller Mut einen zweiten Versuch machen
-wollte.
-
-Mit den Händen in den Taschen, einen betrunkenen Matrosen markierend,
-torkelte ich der kleinen Brücke, die von meinem Posten bewacht war, zu.
-In meiner Betrunkenheit rempelte ich den Posten sanft an, dieser schien
-solche Anblicke gewöhnt zu sein, und mit einem gemütlichen: ~„Halloh!
-Old Jack, one Whisky too much!”~ klopfte er mir auf die Schulter und
-ließ mich passieren.
-
-Einige hundert Schritte weiter war ich wieder der Alte. Nach kurzem
-Suchen fand ich die steinige Uferstelle wieder, an der ich den Abend
-vorher den beinahe mißlungenen Schwimmversuch unternommen hatte.
-
-Es war ungefähr zwei Uhr nachts, und im Nu hatte ich mich ausgezogen,
-und sofort sprang ich, diesmal leicht und unbehindert, so wie mich
-der liebe Gott geschaffen hatte, ins Wasser. Der Himmel war zum
-erstenmal umwölkt, und schwach hoben sich die Umrisse mehrerer zirka
-zweihundert Meter vom Ufer entfernt verankerter Ruderboote ab. Das
-Wasser phosphoreszierte ganz ungewöhnlich stark; nur in den Tropen
-habe ich Ähnliches erlebt. Wie in einem Meer von Gold und Silber
-schwamm ich daher. Zu einer anderen Zeit hätte mich dieses Naturwunder
-höchst entzückt, jetzt befürchtete ich, daß das helle Aufleuchten
-meines nackten weißen Körpers in dem hellen Goldstrom mich verraten
-würde. Zuerst ging alles nach Wunsch. Sowie ich aber die links vor mir
-liegende schützende Uferecke passiert hatte, faßte mich der Strom,
-und nun gab es wieder ein Ringen mit dem Element auf Leben und Tod.
-Als meine Kräfte zu ermatten drohten, erreichte ich das erste Boot.
-Die letzte Kraft zusammengenommen, und nach einem mächtigen Klimmzug
-polterte ich in das Innere des Bootes hinein. Verhängnis! Das Boot
-war leer. Kein Riemen, kein Haken, mit dem ich mich hätte vorwärts
-bewegen können. Nach kurzer Pause glitt ich wieder ins Wasser hinab und
-ließ mich nun von dem Strom gegen das nächste dahinter liegende Boot
-treiben. Auch dieses Boot ... leer. Und so ging's noch mit drei anderen
-Booten. Bis ich schließlich beim letzten leeren anlangte, und nachdem
-ich mich verschnauft hatte, ging es wieder hinein in das glitzernde,
-jetzt aber unangenehm kalte Element. Und zwei Stunden, nachdem ich
-abgeschwommen war, langte ich wieder bei meinen Kleidern an.
-
-Da ich vor Kälte wie Espenlaub zitterte, machte es mir besondere
-Arbeit, naß wie ich war, in die ebenfalls noch nassen und klebenden
-Kleider zu gelangen.
-
-Eine halbe Stunde darauf lag ich, an meinem Glücksstern zweifelnd, in
-meinem Heuhaufen.
-
-War es mir übelzunehmen, daß ich etwas mutlos wurde? Und vor allen
-Dingen gleichgültig? Ja, ich war so herunter, daß ich am nächsten
-Morgen nicht die Energie fand, rechtzeitig mein Versteck zu verlassen,
-und erst über den Bretterzaun setzte, als schon der Besitzer des
-Holzlagers mehrere Male dicht an meinem Versteck vorbeigeschritten
-war. Diesen kommenden Tag ging ich zu Fuß von Gravesend nach London
-hinauf und von London zu Fuß auf der anderen Themseseite nach Tilbury
-hinunter. Alles nur, um ein Boot finden zu können, das ich mir
-unbemerkt leihen konnte. Es war ja gar nicht zu glauben, mehrere lagen
-da, aber die nur gut bewacht von ihren Besitzern. Mutlos gab ich das
-Rennen auf.
-
-An diesem Abend ging ich in ein Varieté in der festen Absicht, die
-zwanzig Schilling, die ich noch besaß, zu verjubeln, dann in einer
-Nacht alles auf eine Karte zu setzen und zu versuchen, in die Docks
-zu gelangen und mich auf einem neutralen Dampfer zu verstecken. Und
-wenn das, wie es Trefftz gegangen war, mißlang, wollte ich mich der
-Polizeibehörde stellen.
-
-Ich stand auf der obersten Galerie des größten Londoner Varietés
-und folgte dem Spiele. Eine innere Stimme raunte mir immer zu:
-Du gehörst nach Gravesend zur Arbeit, deine Pflicht ist es, die
-Schlappheit zu überwinden, sonst bist du kein deutscher Seemann mehr!
-Als lebende Bilder gestellt wurden, Szenen aus dem Schützengraben
-und Verherrlichungen des zukünftigen Sieges und Friedens, bei
-denen selbstverständlich die Deutschen nur fliehend und geschlagen
-dargestellt wurden, ja als sogar auf dem Hauptbild Britannia
-dargestellt wurde im strahlenden Sonnenglanz, die Siegespalme in der
-Hand, mit ihrem rechten Fuß auf einem gefesselt daliegenden feldgrauen
-deutschen Soldaten, da packte mich der heilige Zorn, und fluchtartig
-trotz Protestes meiner Nachbarn verließ ich das Theater und faßte
-gerade noch den letzten Zug nach Tilbury.
-
-Jetzt war mir wieder wohl zumute. Und ich war in meinem Innern so fest
-überzeugt, daß mir heute mein Plan gelingen würde, daß es gar nicht
-anders kommen konnte.
-
-Als ich die ersten Fischerhütten von Gravesend passierte, fand ich
-einen kleinen Bootsriemen. Zur Sicherheit nahm ich diesen mit. Mitten
-in der Hafenstraße, da, wo in den Kaieinschnitten die Fischkutter
-direkt anlegten, schaukelte ein kleines Dinghi. Nur zwanzig Schritt
-davon entfernt saßen auf einer Hausbank gemütlich plaudernd die
-Besitzer der Fischkutter und des dazugehörigen Dinghis. Da die guten
-Seeleute mit ihren Geliebten zärtlich kosten, war von meiner Gegenwart
-nichts bemerkt worden.
-
-Riskant war es, aber: Nur dem Mutigen gehört die Welt, brummte ich
-in mein Inneres hinein. Und dank meiner erworbenen Übung, kroch ich
-unhörbar in das Boot, ein scharfer Schnitt, und leise glitt die winzige
-Nußschale am Fischkutter entlang, auf dessen Achterdeck eine Frau ihr
-Kind in den Schlaf wiegte.
-
-Da keine Dollen im Boot vorhanden waren, setzte ich mich achteraus
-und wriggte nun mit aller Kraft vom Ufer fort. Kaum hatte ich
-jedoch ein Drittel des Weges zurückgelegt, als mich plötzlich mit
-unwiderstehlicher Gewalt die Ebbströmung faßte, mein Boot wie einen
-Kreisel herumwirbelte und alle meine Versuche, Kurs zu halten,
-vergeblich machte. Jetzt galt's seemännische Geschicklichkeit zeigen.
-Mit eiserner Faust brachte ich das Boot in meine Gewalt, und genau
-mit dem Strom schwimmend, steuerte ich flußabwärts. Jetzt kam ein
-gefährlicher Moment. Eine mächtige, quer über den Fluß reichende und
-von Soldaten streng bewachte militärische Pontonbrücke kam mir in den
-Weg. Ein Moment kalter Ruhe, schärfster Anspannung, ein Anruf eines
-Postens, und unverwandt geradeaus sehend und nur auf meinen Riemen
-achtend, schoß der Nachen durch zwei Pontons hindurch. Nur wenige
-Sekunden darauf erhielt das Boot einen kräftigen Stoß, und schon war
-ich an den Ankerketten eines mächtigen Kohlenleichters gestrandet. Wie
-der Blitz hatte ich mein Bootstau um die Ankerkette festgemacht, nur
-Bruchteile von Sekunden, in denen das Boot beinahe gekentert wäre.
-Jetzt war ich in Sicherheit. Wie rasend schoß das Wasser gurgelnd an
-meinen Bootsplanken vorüber, der volle Ebbstrom, verstärkt durch das
-Flußgefälle, mußte schon eingesetzt haben.
-
-Mir blieb jetzt nichts anderes zu tun übrig, als geduldig warten.
-
-An meiner Steuerbordseite lag mein Dampfer. Ich wollte abwarten, bis
-wieder Stauwasser eingetreten war, um dann herüberzuwriggen. Innerlich
-frohlockte ich schon vor lauter Übermut, als schnell der nötige Dampfer
-kam. Der Morgen fing an zu grauen, immer heller traten die Umrisse der
-verankerten Schiffe hervor, endlich ging die Sonne auf, und immer noch
-rauschte das Wasser so kräftig an mir vorbei, daß an ein Fortkommen
-für mich nicht zu denken war. Die Flucht war sowieso in dieser Nacht
-unmöglich. Glücklich aber, daß ich wenigstens das lang gesuchte Boot
-besaß, ließ ich mich mit dem letzten schwachen Ebbstrom stromabwärts
-gleiten, und nach zirka einer Stunde machte ich an einer alten
-zerfallenen Brücke am rechten Themseufer fest. Mein Boot versteckte
-ich unter der Brücke, die beiden Riemen nahm ich zur Vorsicht mit an
-Land und verstaute sie im hohen Gras. Dann legte ich mich selbst in
-die Nähe und beobachtete. Um acht Uhr früh rauschte mein Dampfer stolz
-an mir vorüber. Es war die „Mecklenburg”. Nun kam noch eine harte
-Geduldsprobe. Sechzehn Stunden blieb ich im Grase liegen, bis abends um
-acht Uhr die Befreiungsstunde schlug.
-
-Da bestieg ich wieder mein Boot. Vorsichtig ließ ich mich durch die
-eben einsetzende Flußströmung wieder stromaufwärts treiben und machte
-am selben Leichter fest, an dem ich die Nacht vorher gestrandet war.
-Querab von mir, nur fünfhundert Meter entfernt, lag die „Prinzeß
-Juliana” an ihrer Boje.
-
-Jetzt hatte ich Zeit, legte mich lang in das Innere meines Bootes und
-versuchte vergebens ein Nickerchen zu machen. Der Flutstrom schwoll,
-und bald war ich wieder von brausendem Wasser umgeben.
-
-Nachts um zwölf Uhr wurde es still um mich herum, und als um ein Uhr
-das Boot ruhig im Stauwasser schlingerte, warf ich los, setzte mich
-achtern dwars in mein Boot und wriggte in größter Gemütsruhe, als wenn
-ich mich auf einer Sonntagspartie im Kieler Hafen befände, zum Dampfer.
-
-Unbemerkt gelangte ich an die Festmacherboje.
-
-Haushoch türmte sich über mir der scharfe schwarze Vorsteven meines
-Dampfers. Ein kräftiger Ruck, und oben war ich auf der Boje. Nun
-gab ich meinem treuen Schwan einen tüchtigen Fußtritt, und schnell
-wurde der von der eben wieder einsetzenden Ebbströmung stromab
-geführt. Mäuschenstill lag ich mehrere Minuten auf der Eisentonne.
-Dann kletterte ich, von eiserner Ruhe erfüllt, wie eine Katze an der
-mächtigen Stahltrosse zur Klüse empor. Vorsichtig steckte ich den Kopf
-über den Wassergang und spähte.
-
-Die Back war leer.
-
-Ein kurzes Aufstemmen, und oben war ich.
-
-
-
-
-Ein blinder Passagier
-
-
-Jetzt kroch ich auf dem Deck entlang zum Ankerspill und versteckte mich
-zuerst mal in der Ölwanne unter der Kettentrommel.
-
-Als alles um mich ruhig blieb, kein Mensch sich zeigte, kletterte ich
-aus meinem Versteck, zog meine Stiefel aus und verstaute sie unter
-einem Bund Stammwerk in einer Ecke der Back. Auf Strümpfen schlich ich
-jetzt zur Rekognoszierung. Als ich von Achterkante Back vorsichtig zum
-Ladedeck hinunterschaute, prallte ich plötzlich zurück, und atemlos,
-ohne mit der Wimper zu zucken, blieb ich an einen Ventilator angelehnt
-stehen. Unten auf dem Ladedeck standen zwei Posten, die scharf nach der
-Back heraufsahen.
-
-Nachdem ich über eine halbe Stunde in meiner halb geduckten Stellung
-gestanden hatte und mir die Knie den Dienst versagen wollten, kamen
-unten aus dem Mitteldeck zwei Stewardessen, die scheinbar vom
-Nachtdienst abgelöst worden waren. Meine beiden Posten ergriffen
-die günstige Gelegenheit, waren bald in eine Unterhaltung mit ihnen
-vertieft und achteten nicht weiter auf das, was um sie herum vorging.
-
-Der Morgen fing bereits an zu dämmern, jetzt mußte ich handeln, wenn
-nicht noch zu guter Letzt alles verloren sein sollte.
-
-Ich rutschte an der den beiden Liebespaaren entgegengesetzten Seite
-der Back an der Gillung herunter und befand mich auf dem Ladedeck.
-
-Ohne auch nur eine Sekunde zu zaudern, ging ich leise weiter,
-schlich unbemerkt an den beiden Posten vorbei, erreichte glücklich
-das Promenadendeck, und dann kletterte ich an den Außenkanten einer
-Deckstütze hoch und befand mich kurz darauf an der Außenkante eines
-Rettungsbootes.
-
-Mich mit der einen Hand eisern festhaltend, da zwölf Meter unter mir
-das Themsewasser gurgelte, reihte ich mit der anderen Hand und mit
-den Zähnen einige Bänzel des Bootsbezuges los, und mit der letzten
-Kraftanstrengung kroch ich durch die kleine Lücke und befand mich
-wohlgeborgen im Bootsinnern.
-
-Jetzt holte ich von Innen die gelösten Bänzel wieder an, und kein
-Mensch hätte auf den Gedanken kommen können, daß sich ein blinder
-Passagier im Rettungsboot befand.
-
-Nun war es allerdings vorbei mit mir. Die ungeheuerlichen körperlichen
-Anstrengungen, die seelischen Aufregungen und nicht zum mindesten der
-nagende Hunger bewirkten, daß ich mich der Länge nach auf den Planken
-ausstreckte und im selben Moment nicht mehr wußte, was um mich geschah.
-
-
-
-
-Der Weg in die Freiheit
-
-
-Aus einem totenähnlichen, traumlosen Schlaf wurde ich durch schrilles
-Sirenengeheul aufgeweckt.
-
-Vorsichtig öffnete ich ein Bänzel meines Bezuges, und am liebsten hätte
-ich laut Hurra geschrien, denn eben lief der Dampfer in den Hafen von
-Vlissingen ein.
-
-Nun war mir alles gleich. Ich zog mein Messer, und mit einem Schnitt
-durchtrennte ich die Bänzel des Bezuges, diesmal aber auf der Seite, wo
-das Bootsdeck lag.
-
-Aufatmend stand ich mitten auf dem Bootsdeck und erwartete nun, jeden
-Moment gefangengenommen zu werden.
-
-Kein Mensch, der sich um mich kümmerte. Die Schiffsbesatzung war beim
-Anlegemanöver, die Fremden waren mit ihrem Reisegepäck beschäftigt.
-
-Nun stieg ich zum Promenadendeck hinunter. Entrüstet wurde ich ob
-meines Drecks und meiner zerrissenen blauen Strümpfe, die alles andere
-als appetitlich aussahen, von einigen Passagieren angesehen.
-
-Aber ich muß so glückliche, strahlende Augen gemacht haben, und die
-helle Freude leuchtete wohl aus meinem schmutzigen, eingefallenen
-Gesicht, daß manch erstaunter Frauenblick mich traf.
-
-In diesem Aufzug konnte ich nicht weiter rumlaufen. Ich ging auf die
-Back, holte mir meine Stiefel herunter (meine besten Hockeystiefel,
-englische Liebesgaben), und, trotzdem ich von einem holländischen
-Matrosen barsch angeschnauzt wurde, zog ich mir in Seelenruhe meine
-Lieblinge an und wanderte zum Fallreep.
-
-Der Dampfer hatte direkt am Kai festgemacht.
-
-Die Passagiere verließen das Schiff, von dem Kapitän und den
-Schiffsoffizieren Abschied nehmend. Erst hatte ich ernstlich vor, mich
-dem Kapitän zu erkennen zu geben, um die holländische Dampferkompanie
-nicht zu schädigen. Dann aber gewann die Vorsicht die Oberhand, und
-mit den Händen in den Hosentaschen, mich recht lumpig benehmend,
-schlingerte ich im Seemannsschritt das Fallreep hinab.
-
-Kein Mensch nahm von mir Notiz. Ich tat so, als wenn ich zur
-Schiffsbesatzung gehörte, und half beim Festmachen der Stahlleinen.
-
-Dann mischte ich mich unter das Volk, und während die Passagiere einer
-scharfen Kontrolle unterzogen wurden, sah ich mich um und entdeckte im
-Gitter eine Tür, an der groß „Ausgang verboten” stand.
-
-Die führte sicher in die Freiheit!
-
-Im Nu war dieses für mich kinderleichte Hindernis überwunden, und
-draußen stand ich.
-
-Frei!
-
-Mit meiner ganzen Energie mußte ich mich zusammennehmen, um nicht vor
-Freude wie ein Tollhäusler herumzuspringen. Zwei wackere Landsmänner
-nahmen mich auf. Glauben wollten sie es allerdings nicht, daß ich
-Offizier sei, und vor allen Dingen nicht, daß mir die Flucht aus
-England gelungen wäre.
-
-Hui, sah das Badewasser aus!
-
-Für drei Personen habe ich an diesem Abend gegessen.
-
-Nachdem ich mir am nächsten Tage einige Kleinigkeiten eingekauft hatte,
-stieg ich mit meinem Arbeitsgewande in den ~D~-Zug nach Deutschland.
-
-Als sich der Zug eben in Bewegung setzen wollte, tippte mir ein Mann
-von hinten auf die Schulter (wie ich diese Begrüßungsart verabscheute!)
-und fragte mich:
-
-„Wo sind Ihre Papiere?”
-
-„Wer sind Sie überhaupt?” sagte ich.
-
-„Ich bin Geheimdetektiv.”
-
-„Das kann jeder sagen.”
-
-„Jawohl, mein Herr, hier ist meine Marke.”
-
-Nun wurde mir doch blümerant zumute!
-
-Ich erklärte dem Herrn äußerst liebenswürdig, daß ich keine Papiere
-besäße, übrigens direkt nach Deutschland führe und der holländischen
-Regierung keinerlei Unannehmlichkeiten bereiten würde.
-
-„So”, sagte er, „aus England kommen Sie und haben keine Papiere, na das
-war wohl recht schwer?”
-
-„Ach ja, ziemlich”, meinte ich.
-
-„Na dann wünsche ich Ihnen weiter glückliche Reise!”
-
-Wir schüttelten uns die Hand, und schon setzte sich der Zug in
-Bewegung.
-
-
-
-
-Wieder im Vaterland!
-
-
-Auf meinem Sitz konnte ich es nicht lange aushalten. Ich war allein in
-meinem Kupee erster Klasse, und von Gedanken und Hoffnungen, die mein
-Hirn durchrasten, überwältigt, lief ich wie ein wildes Tier in seinem
-Käfig im Abteil auf und ab.
-
-Endlich, endlich, es schien ja eine Ewigkeit zu sein, fuhr der Zug
-langsam über die deutsche Grenze.
-
-Der schwarz-weiße Pfahl grüßte zu mir herüber, und weit lehnte ich mich
-aus dem Fenster heraus, und jubelnd schrie ich zweimal Hurra!
-
-Das dritte Hurra blieb mir in der Kehle stecken, und überwältigt von
-Dankbarkeit, von Freude und Glück schluchzte ich laut auf und konnte es
-nicht verhindern, daß mir die Tränen aus den Augen liefen.
-
-War das Schlappheit?
-
-Der Zug hielt in Goch, die ersten Feldgrauen, die ich in meinem Leben
-sah, standen auf dem Bahnsteig, und unbesorgt sprang ich aus dem Zug.
-
-Ein harter Griff packte mich am Rockkragen, und ein mächtiger
-preußischer Wachtmeister mit grimmigem Blick unter leuchtendem Helm,
-hielt mich in seiner stählernen Faust.
-
-„Ha, da haben wir das Bürschchen!”
-
-Ich wäre dem braven Feldgrauen am liebsten um den Hals gefallen. Noch
-nie habe ich mich in meinem Leben so sicher gefühlt wie in diesem
-Augenblick.
-
-Ich versuchte zu erklären, wer ich sei, ein Lächeln, welches einem
-anderen wenig Trostvolles gesagt hätte, war die Antwort.
-
-Von zwei biederen Landsturmleuten wurde ich am nächsten Morgen nach
-Wesel transportiert.
-
-Auf dem Geschäftszimmer war noch niemand zu sprechen. Kleine Jungens
-waren mir nachgelaufen, warfen mit Steinchen und riefen: „Sie haben,
-sie haben ihn, einen Spion!” Diese prächtigen Blondköpfe!
-
-Eine Ordonnanz nahm mich in Empfang.
-
-„Na setzen Sie sich mal hin, mit solchen Leuten wie Sie machen wir
-kurzen Prozeß, wenn erst der Herr Kapitänleutnant F. kommt, dann gibt's
-nur ein kurzes Verhör und Sie baumeln!”
-
-Nach einiger Zeit kam der Gestrenge, natürlich ein Kamerad von mir.
-Das Erstaunen und die Freude waren nicht zu beschreiben. Aber erst das
-dumme Gesicht meiner liebenswürdigen Ordonnanz! Diese mußte jetzt sogar
-laufen und mir Frühstück holen.
-
-Eine besondere Freude machte mir noch hier in Wesel ein englischer
-Steckbrief aus der ‚Daily Mail’ vom zwölften Juli, also aus einer Zeit,
-wo ich bereits längst in Sicherheit war, der damit endete, daß ich
-wahrscheinlich versuchen würde, mich auf einem neutralen Dampfer als
-Matrose anwerben zu lassen, und daß:
-
- ~his recapture should be but a matter of time!~
-
-Nach einer Stunde saß ich, immer noch in meinem Arbeiteranzug, mit
-einem Paß in der Tasche im ~D~-Zug nach Berlin und fuhr natürlich -- --
--- erster Klasse.
-
-Endlich war ich am Ziel! Fast neun Monate hatte ich gebraucht, um mich
-von Tsingtau bis nach Deutschland durchzuschlagen.
-
-Deutschland, o du mein geliebtes Vaterland! Nun war ich da.
-
-Wunderbar strahlte die Sonne an diesem dreizehnten Juli
-Neunzehnhundertundfünfzehn vom Himmel herab, trunkenen Auges nahm ich
-die herrlichen Heimatbilder in mich auf.
-
-In meinem Abteil erster Klasse saß ich alleine und hatte mich zu beiden
-Seiten des Fensters breit gemacht und fing an, in Blei meinen Bericht
-zu schreiben.
-
-In Münster stieg eine alte Exzellenz in voller Uniform in mein Abteil.
-Höflich stand ich auf, räumte den einen Fensterplatz frei und fragte:
-„Darf ich Eurer Exzellenz gehorsamst den einen Fensterplatz einräumen?”
-Ein wütender Blick seiner stahlharten Augen, dann entrang sich ein
-verächtliches „Brrrr” seiner Kehle, und schwupp schlug er die Türe zu
-und ließ mich alleine.
-
-Sollte Seiner Exzellenz durch Zufall dieses Büchlein in die Hand
-fallen, so bitte ich gehorsamst, mir zu verzeihen, daß ich damals
-vergaß, in welchem Anzug ich steckte!
-
-Abends um sieben Uhr lief der Zug im Bahnhof Zoo ein.
-
-Feucht schimmerten zwei herrliche blaue Augensterne, ein riesiger
-Strauß wunderbarster roter Rosen lag in meinem Arm, und vor Glück und
-Wiedersehensfreude nicht mächtig ein Wort zu sagen, verließen wir den
-Bahnhof.
-
-Die nächsten Tage durchlebte ich wie im Traum.
-
-Als ich den Admiralstab betrat, wollte mich natürlich der Portier
-zuerst nicht hereinlassen, und auch in den großen Geschäften, wo ich
-mir schleunigst Sachen kaufen wollte, da ich von meinem ganzen Hab und
-Gut nichts mehr besaß als den Arbeiteranzug, den ich auf dem Leibe
-trug, wollten mich natürlich zuerst die Türhüter hinauswerfen.
-
-Einige Tage hatte ich im Reichsmarineamt zu arbeiten, dann erhielt ich
-meines Kaisers Dank.
-
-Und mit dem Eisernen Kreuz erster Klasse geschmückt fuhr ich stolz zu
-den Meinen.
-
-Nach einigen Wochen Erholung kam dann die größte Belohnung.
-
-Ich wurde wieder Flieger und durfte mitarbeiten an dem großen Werk von
-Deutschlands Kampf und Sieg.
-
-Und als an der östlichen Kampffront mein allergnädigster Kaiser
-und Herr die Seeflugstation besichtigte, die unter meinem Kommando
-stand, und mir die Hand drückte und mir persönlich seine kaiserliche
-Anerkennung aussprach, da blickte ich ihm fest in die Augen, und
-flammend stand in meiner Seele:
-
- _Mit Gott für Kaiser und Reich!_
-
-
-
-
-Ullstein-Kriegsbücher
-
-
-Zeppeline über England
-
-von ***
-
-Aus dem Inhalt:
-
-Sturmfahrt * Im Luftschiffhafen * Auf der Werft * Harte Tage
-* Kleinkrieg * Nach England * Ueber London * Von Norfolk bis
-Northumberland * Im Kampf mit Fliegern * Invasion * Denket an Baralong.
-
-
-Die Fahrt der Deutschland
-
-von Kapitän Paul König
-
-Kapitän König selbst hat dieses Werk über die „Deutschland” verfaßt,
-dem seine während der ersten Fahrt aufgezeichneten Beobachtungen
-zugrunde liegen. Mit großer Anschaulichkeit, in einer Sprache, in
-der noch die ganze Unmittelbarkeit des Erlebnisses nachklingt, gibt
-er die Geschichte dieser für alle Zeiten denkwürdigen Tat. Vom Bau
-der „Deutschland” erzählt er, von der Ausreise, vom Kampf mit den
-Elementen, von der Verfolgung durch die Feinde, von der Ankunft in
-Baltimore, von der glücklichen Heimkehr. Eine Seemannsnatur von
-prachtvoller Frische spricht aus dieser Schilderung, die überall
-gelesen werden wird, wo man froh und dankbar den Namen Paul König nennt.
-
-
-Jeder Band 1 Mark
-
-
-Ullstein-Kriegsbücher
-
-
-Skagerrak!
-
-Von ***
-
-Zum ersten Male ist in diesem Buche ein umfassendes, klares und
-übersichtliches Bild der gewaltigsten Seeschlacht aller Zeiten
-gegeben. Der Verfasser, ein Seeoffizier, dessen Name aus bestimmten
-Gründen nicht genannt werden kann, schildert in ungemein packender und
-lebendiger Weise den Verlauf des furchtbaren Kampfes. Er führt uns auf
-den Kommandoturm, an die Batterien, in die Höllenglut der Heizräume,
-und er läßt uns den Jubel der Mannschaft miterleben, wenn das
-Sprachrohr immer wieder das Sinken eines feindlichen Schiffes meldet.
-
-
-Als U-Boots-Kommandant gegen England
-
-von Kapitänleutnant Freiherrn v. Forstner
-
-Zum ersten Male berichtet hier ein deutscher Unterseebootskommandant
-von dem, was unserem schlimmsten Feind Angst und Schrecken einjagt, uns
-selbst aber stolz macht auf beispiellos kühne Taten, von den Erfolgen
-im Handelskrieg gegen England. Seit im Februar 1915 zur Abwehr des
-Aushungerungsplanes die Blockade der englischen Küste erklärt wurde,
-ist der Verfasser dieses Buches zu manch erfolgreichem Beutezug
-ausgefahren.
-
-
-Jeder Band 1 Mark
-
-
-Ullstein-Kriegsbücher
-
-
-An der Spitze meiner Kompagnie
-
-von Paul Oskar Höcker
-
-
-Kriegsfahrten eines Johanniters
-
-von Fedor von Zobeltitz
-
-
-Nach Sibirien mit hunderttausend Deutschen
-
-von Kurt Aram
-
-
-Reise zur deutschen Front
-
-von Ludwig Ganghofer
-
-
-Landsturm im Feuer
-
-von Ernst von Wolzogen
-
-
-Die stählerne Mauer
-
-von Ludwig Ganghofer
-
-
-Aus einer deutschen Festung im Kriege
-
-von Heinz Tovote
-
-
-Die Front im Osten
-
-von Ludwig Ganghofer
-
-
-Die Helden von Tsingtau
-
-von Otto von Gottberg
-
-
-Jeder Band 1 Mark
-
-
-Ullstein-Kriegsbücher
-
-
-Kreuzerfahrten und ~U~-Bootstaten
-
-von Otto von Gottberg
-
-
-Meine Kriegsfahrt von Kamerun zur Heimat
-
-von Emil Zimmermann
-
-
-Der russische Niederbruch
-
-von Ludwig Ganghofer
-
-
-Das deutsche Volk in schwerer Zeit
-
-von Rudolf Hans Bartsch
-
-
-Im Auto durch Feindesland
-
-von Paul Grabein
-
-
-Aus den Urwäldern Paraguays zur Fahne
-
-von Ernesto Freiherrn Gedult v. Jungenfeld
-
-
-Von New York nach Jerusalem und in die Wüste
-
-von Th. Preyer
-
-
-Der Krieg im Alpenrot
-
-von Karl Hans Strobl
-
-
-Wir Marokko-Deutschen in der Gewalt der Franzosen
-
-von Gustav Fock
-
-
-Jeder Band 1 Mark
-
-
-Wir draußen
-
-Zwei Jahre Kriegserleben an vier Fronten von Colin Roß
-
-
-Zwei Jahre des Weltkrieges umfassen die Berichte des Oberleutnants
-Colin Roß, der an allen Fronten selbst gekämpft hat. Ungeheure
-Wirklichkeiten folgen aufeinander und werden zur fernen Erinnerung, zum
-blassen Traum. Landschaftsszenen voll Duftes, voll zarter Lieblichkeit
-unterbrechen die Bilder der Schlachten. Ein freies, stolzes Menschentum
-spricht aus diesen Schilderungen.
-
- Preis 3,50 Mark broschiert. 4,50 Mark gebunden
-
-
-Drei Straßen des Krieges
-
-von Dr. Max Osborn
-
-Auf drei Hauptstraßen des Krieges an der Westfront führt Osborns Werk:
-nach dem Artois, Frankreichs „schwarzem Land”, nach der Champagne
-und nach Flandern. Fortreißend in ihrer Wucht ist Osborns Sprache,
-einer Begeisterung geboren, die jedes Pathos verschmäht. Menschen und
-Landschaft -- alles macht sie in persönlicher, dichterischer Formung
-lebendig.
-
- Preis 2 Mark broschiert. 3 Mark gebunden
-
-
-Kernworte des Weltkrieges
-
-von Rudolf Rotheit
-
-Rotheits Werk ist ein in glänzender Form abgefaßter, klar geordneter
-Büchmann des Weltkrieges. Alle die Schlagworte weist er nach, die
-bis zur zweiten Jahreswende des Völkerringens entstanden, die
-zuversichtlichen deutschen Worte des Kaisers, des Kanzlers, der
-Reichstagsführer, die hämischen oder großspurigen Kundgebungen aus
-dem Lager unserer Feinde. Politische Zusammenhänge, die jetzt schon
-dem Bewußtsein sich entziehen, werden von Rotheit in dieser Chronik
-der Jahre 1914 bis 1916 aufgehellt. Nicht nur den Zeitgenossen, auch
-der Nachwelt dient seine aus der unmittelbaren Berufstätigkeit des
-Journalisten heraus gebotene Arbeit.
-
- Preis 1,50 Mark
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-Verlag Ullstein & Co · Berlin
-
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-[Illustration]
-
- Ullstein & Co
- Berlin SW 68
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- +----------------------------------------------------------------+
- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen |
- | gebräuchlich waren, wie: |
- | |
- | Bahnhofes -- Bahnhofs |
- | Dolmetscher-Offizier -- Dolmetscheroffizier |
- | Iltis-Berge -- Iltisberge |
- | Neunzehnhundertundvierzehn -- Neunzehnhundertvierzehn |
- | unseren -- unsern |
- | |
- | Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. |
- | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: |
- | |
- | S. 9 „Mc Garvin” in „McGarvin” geändert. |
- | S. 55 „eventuell” in „eventuelle” geändert. |
- | S. 139 „toppslastig” in „topplastig” geändert. |
- | S. 155 f. „Luck” in „Luk” geändert. |
- | S. 204 „an mich” in „an sich” geändert. |
- | S. 236 „Elbströmung” in „Ebbströmung” geändert. |
- | |
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-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau, by
-Gunther Plüschow
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ABENTEUER DES FLIEGERS ***
-
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