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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau - Meine Erlebnisse in drei Erdteilen - -Author: Gunther Plüschow - -Release Date: August 24, 2020 [EBook #63037] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ABENTEUER DES FLIEGERS *** - - - - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive) - - - - - - +------------------------------------------------------------------+ - | Anmerkungen zur Transkription | - | | - | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt, Antiquaschrift | - | als ~Antiqua~. | - | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. | - +------------------------------------------------------------------+ - - -[Illustration: Ullstein - -Kriegsbücher] - - - - -Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau - - - - - Die Abenteuer des - Fliegers von Tsingtau - - Meine Erlebnisse in drei Erdteilen - - von - - Kapitänleutnant - - Gunther Plüschow - - [Illustration: 1916] - - Verlag Ullstein & Co, Berlin - - -Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. - -Amerikanisches Copyright 1916 by Ullstein & Co., Berlin. - - - - -Inhalt - - - Fliegerfreuden und Fliegerleiden 11 - - Herrliche Tage in Tsingtau 28 - - Kriegsalarm -- Meine Taube 37 - - Allerhand Scherze der Japs 61 - - Meine Kriegslist 70 - - Hurra! 79 - - Der letzte Tag 86 - - Im Schlamm des chinesischen Reisfeldes 98 - - Die Fischvergiftung des Mr. McGarvin 108 - - Sie haben mich! 135 - - Hinter Mauern und Stacheldraht 148 - - Die Flucht 188 - - Schwarze Nächte an der Themse 196 - - Ein blinder Passagier 237 - - Der Weg in die Freiheit 239 - - Wieder im Vaterland! 243 - - - - -Fliegerfreuden und Fliegerleiden - - -Es war im August des Jahres Neunzehnhundertunddreizehn, als ich in -meiner Heimatstadt Schwerin anlangte. Mehrere Wochen hatte ich mich in -England aufgehalten, hatte mich vor allen Dingen in London dem Studium -der dortigen reichhaltigen Kunstschätze hingegeben und mich tagelang in -London und seiner Umgebung herumgetrieben. Damals ahnte ich nicht, wie -wertvoll mir diese Streifzüge zwei Jahre später werden sollten. - -Eine gewisse innere Erregung und Unruhe hatte mich schon auf der ganzen -Reise befallen, und als ich in Schwerin ankam, wagte ich nicht, meinem -Onkel, der mich abholte, die Frage, die mir seit Tagen auf der Seele -gebrannt hatte, zu stellen. Denn in diesen Tagen sollten die neuen -Herbstkommandierungen der Marine herauskommen, und für mich handelte es -sich darum, ob mein seit Jahren genährter Wunsch endlich in Erfüllung -gehen sollte. - -Die Frage meines Onkels: „Weißt du, wo du hinkommst?” traf mich wie ein -elektrischer Schlag. - -„Nein.” - -„Na, dann herzlichen Glückwunsch, Marine-Fliegerabteilung!” - -Vor Freude hätte ich am liebsten mitten auf der Straße einen Handstand -gemacht, doch die guten Schweriner Mitbürger wollte ich nicht zu sehr -in Aufruhr versetzen. - -Endlich war also mein Wunsch erfüllt! - -Die letzten Tage des Urlaubs vergingen wie im Fluge, und froh -kehrte ich zur Marineschule zurück, um die letzten Wochen meiner -anderthalbjährigen Tätigkeit als Inspektionsoffizier zu vollenden, und -wohl noch nie habe ich mit größerer Freude meine Koffer gepackt, um -meiner neuen Bestimmung entgegenzufahren. - -Gerade einige Tage vor meiner Abfahrt kam einer meiner Kameraden zu mir -und rief mir zu: - -„Wissen Sie schon das Neueste, wo Sie hinkommen sollen?” - -„Ja, Flieger.” - -„Mensch, Sie ahnen ja noch gar nicht Ihr Glück, Sie kommen ja nach -Tsingtau!” - -Ich war sprachlos und muß ein ziemlich dummes Gesicht gemacht haben. - -„Ja, Tsingtau, und zwar als Flieger! Sie Glückspilz, Sie sollen der -erste Marineflieger in Tsingtau werden!” - -Es war wohl kein Wunder, daß ich dieses nicht glauben wollte, bevor ich -die offizielle Bestätigung erhielt. Es war Wirklichkeit. So viel Dusel -sollte ich tatsächlich haben. - -Drei Monate Wartezeit noch in Kiel, und endlich brach der erste Januar -Neunzehnhundertundvierzehn an, und ich befand mich im geliebten Berlin. - -Und die Unruhe! Gar nicht zu bremsen war ich. Und schon am zweiten -Januar stand ich in Johannisthal und dachte, sofort mit dem -Fliegen anfangen zu können. Aber mir ging es wie wohl den meisten -Flugschülern. Zum ersten Male erfuhr ich den alten Erfahrungssatz der -Fliegerei: Nur die Ruhe kann es machen, wer fliegen will, muß vor allen -Dingen warten lernen! - -Warten, warten und immer wieder warten. Achtzig Prozent der ganzen -Fliegerei besteht nur aus Warten und Sich-klar-Halten. - -Es hatte nämlich Frau Holle gefallen, ihre Daunenkissen auszuschütteln, -und das ganze Flugfeld war unter einer tiefen Schneeschicht begraben. -Fliegen unmöglich. Und wochenlang kam ich jeden Morgen wieder und -dachte: Nun muß doch der Schnee fort sein! Aber enttäuscht kehrte ich -nachmittags wieder nach Hause zurück. - -Im Februar endlich wurde es schön. Und am ersten Februar saß ich -glücklich vorn in meiner Taube, und auf ging es zum ersten Male in die -herrliche kalte Winterluft hinauf. Das Wetter meinte es gut in diesen -Tagen, und unermüdlich wurde Tag für Tag geschult. - -Die Fliegerei lag mir, das hatte ich bald heraus. Und ich war -ganz stolz, als ich schon am dritten Tage allein fliegen durfte. -Zwei Tage war ich gerade allein geflogen, da kam an einem schönen -Sonnabendnachmittag mein unermüdlicher Lehrer Werner Wieting zu mir und -sagte: „Na, wie wär's, Herr Oberleutnant, wollen Sie nicht gleich Ihr -Pilotenexamen machen? Das wäre doch ein netter kleiner Rekord!” - -„Ja, natürlich, ich bin klar!” - -Zehn Minuten später saß ich bereits in der Maschine, und lustig -drehte ich mit meinem Täubchen die vorgeschriebenen Kurven. Es war -eine wahre Lust, sich in der herrlichen Winterluft herumzutummeln. Und -als die letzte Prüfungslandung tadellos geglückt war, und als mein -Lehrer mir stolz zum Glückwunsch die Hand reichte, da war mir so recht -wohl zumute, und ein Gefühl der inneren Befriedigung und des Glücks -beschlich mich. - -Nun war ich also Pilot. Die Schulzeit war vorüber, und frei und allein -konnte ich von jetzt ab täglich eine der großen hundertpferdigen -Maschinen nach Herzenslust fliegen. - -Ein Sonderunternehmen sollte mir damals viel Freude bereiten. -Rumpler hatte einen neuen Eindecker herausgebracht, der besonders -auf gutes Steigen gebaut war. Es galt nun, mit diesem Flugzeug -den Welthöhenrekord zu erringen. Der bekannte Flieger Linnekogel -sollte dieses Flugzeug steuern, und er bat mich, als sein Beobachter -mitzufliegen. Was war selbstverständlicher, als daß ich ja sagte! - -An einem der letzten Tage im Februar starteten wir zum ersten Versuch. -Dicht eingehüllt zum Schutz gegen die große Kälte saßen wir in unserem -Flugzeug, und voll Neid blickten uns viele Menschenaugen nach, als -sich leicht wie eine Libelle schon nach kurzem Anlauf der Vogel -erhob. Mit der Uhr in der Hand beobachtete ich die Höhe, und schon -nach fünfzehn Minuten waren zweitausend Meter erreicht, damals eine -außerordentliche Leistung. Nun ging es aber langsam. Die Luft wurde -sehr unruhig, und wie eine Feder wurden wir durch die heftigen Fallböen -auf und ab geworfen. Nach einer Stunde hatten wir endlich viertausend -Meter erreicht, als mit einem Fauchen und Spucken der Motor anfing -zu streiken und nach wenigen Sekunden mit einem Ruck stehenblieb. In -Spiralen glitten wir mit großer Geschwindigkeit dem Boden zu, und -wenige Minuten später stand das Flugzeug wohlbehalten auf dem Flugplatz. - -Die Kälte war zu groß gewesen, der Motor war einfach eingefroren und -dieses Hindernis nicht bedacht worden. Emsig wurden Verbesserungen -eingebaut. Schon einige Tage später starteten wir zum selben Versuch, -und dieses Mal schienen wir mehr Glück zu haben. - -Ruhig und sicher gewannen wir stetig an Höhe. - -Viertausend Meter, viertausendzweihundert, viertausendfünfhundert -Meter, Gott sei Dank, der Rekord vom letzten Male war gebrochen! Die -Kälte war fast unerträglich, und ich glaube, selbst die dickste Pelle -hätte bei dem scharfen Luftzug nichts geholfen. - -Viertausendachthundert, viertausendneunhundert Meter! Nun fehlten nur -noch vierhundert Meter, dann war das gesteckte Ziel erreicht. Aber -wie verzaubert weigerte sich das Flugzeug, auch nur einen Meter höher -zu klettern. Es half nichts. Der Betriebsstoff ging auf die Neige, -und wiederum setzte der Motor plötzlich aus, diesmal in Höhe von -viertausendneunhundert Metern. - -Ohne einen Tropfen Benzin langten wir wohlbehalten unten an, fast zu -einem Eisklotz erfroren. - -_Alles_ hatten wir nicht erreicht, aber doch einen schönen Erfolg: der -deutsche Höhenrekord war glänzend gewonnen! - -Der Erfolg spornte uns aber dazu an, auch das letzte Ziel zu erreichen. -Und Anfang März endlich war das Wetter wieder so weit, daß ein neuer -Versuch unternommen werden konnte. Noch dicker eingehüllt wie das -letztemal, mit Thermometer versehen, aber ohne Sauerstoffapparat -verließen wir zu einem dritten Versuche den Flugplatz. - -Die ersten Höhen wurden wieder spielend gewonnen. Große Wolken -schwebten am Himmel, die Temperatur war eisig. Als wir durch die -Wolkendecke nach oben in den strahlenden Sonnenschein durchstießen, -hatten wir ein herrliches Erlebnis. Plötzlich sahen wir nämlich vor uns -von der Sonne wunderbar beleuchtet ein Zeppelin-Luftschiff, welches -ebenfalls zu einer Höhenfahrt aufgestiegen war. - -Welch wunderbare Begegnung in über dreitausend Metern Höhe! Weitab von -allem Menschengetriebe, hoch über des Alltags Sorge und Last trafen -sich die beiden Maschinen, die so beredt von Deutschlands Kraft und -Können zeugten. - -Wir umkreisten den großen Bruder einige Male und winkten ihm mit den -Händen ein stummes „Glück ab” zu! - -Dann fing der Ernst für uns wieder an. Und unermüdlich mußten -wir arbeiten, um unser Ziel zu erreichen. Nach einer Stunde -hatten wir viertausendachthundert Meter erreicht, dann kamen -viertausendneunhundert, mein Barograph zeigte bald fünftausend, und -immer noch brummte der Propeller seine gleichmäßige Melodie. Ruhig und -sicher zog Linnekogel seine Kreise. Das Thermometer zeigte bereits -minus siebenunddreißig Grad Celsius, aber wir achteten der Kälte -nicht. Nur die Luft wurde etwas knapp. Ein leises Gefühl der Müdigkeit -beschlich mich, und die Lungen arbeiteten nur noch in ganz kurzen -schnellen Stößen. Jede Bewegung war beschwerlich. Und selbst das -einfache Umdrehen nach dem hinter mir sitzenden Führer war mit großer -Anstrengung verbunden. - -Der Himmel war inzwischen herrlich geworden. Die Wolkenbänke hatten -sich verzogen, und wunderbar klar lag unter uns Berlin und seine -Umgebung. Nur so groß wie eine Handfläche sah die Weltstadt aus -dieser enormen Höhe aus. Ein schwarzer Fleck, in dem man aber klar -und deutlich die Straße Unter den Linden und die daran schließende -Charlottenburger Chaussee verfolgen konnte. - -Von diesem wunderbaren Anblick gänzlich hingerissen, hatte ich längere -Zeit nicht auf Uhr und Barograph acht gegeben, und voll Schrecken -entsann ich mich meiner Pflichtvergessenheit. Zwanzig Minuten waren -etwa vergangen, seitdem ich das letztemal nachgesehen hatte, daß mein -Barograph auf fünftausend Meter stand, und jetzt mußte eigentlich das -Ziel erreicht sein. Aber wie wurde ich enttäuscht, als mein Zeiger -immer noch auf fünftausend stand. Dabei fing Linnekogel an, mir Zeichen -zu machen, den Flugplatz zu suchen, und deutete mit der Hand nach -unten. Nein, das war mir doch zu arg. Ärgerlich drehte ich mich um, -und als Linnekogel dieses nicht sah, versetzte ich ihm einen nicht -gerade sanften Tritt gegen sein Schienbein. Dabei hielt ich ihm meine -gespreizten fünf Finger vor die Nase und deutete mit der Hand nach -oben. Das sollte heißen: Höher, höher, wir sind ja erst fünftausend -Meter! - -Linnekogel lachte nur, er ergriff meine Hand, schüttelte sie kräftig -und zeigte mit der Rechten zweimal fünf. Ich dachte erst, der hat -einen Klaps. Und dies wurde noch bestärkt, als Linnekogel den Motor -abstellte und in einem steilen Gleitfluge (wir waren senkrecht über -Potsdam) in gerader Linie dem Flugplatz Johannisthal zuraste. Nun hieß -es für mich aufpassen, den Flugplatz finden. Und glücklich standen wir -sechzehn Minuten später vor den Rumplerwerken, freudig begrüßt von den -Zuschauern. - -Es war erreicht! Der Welthöhenrekord war mit fünftausendfünfhundert -Metern gebrochen. - -Eine Stunde fünfundvierzig Minuten hatte im ganzen die Fahrt gedauert. -Stolz standen wir unter unseren untengebliebenen Mitmenschen. -Linnekogel hatte doch recht gehabt; mein Barograph war eingefroren, -der Linnekogels, der besser und wärmer eingepackt war, hatte richtig -durchgehalten. - -Die Tage vergingen, und für mich kam die Zeit, wo ich die Heimat -verlassen mußte. - -Meine für Tsingtau neu gebaute Taube näherte sich ihrer Vollendung, -und mit einem ganz seltsamen Gefühl flog ich mein zukünftiges Flugzeug -ein, nachdem es die Abnahmebedingungen bestanden hatte. Mich dünkte es -damals das schönste Flugzeug der Welt! - -Doch mein Ehrgeiz war damit nicht gestillt. Und unbedingt mußte ich vor -meiner Abreise nach dem fernen Osten einen größeren Überlandflug in -Deutschland ausführen. - -Ich hatte Glück. Meine Bitte fand bei Herrn Rumpler Gehör, und er -überließ mir eines seiner Flugzeuge, um mehrere Tage in Deutschland -herumzufliegen. Mein Feldpilotenexamen war schnell gemacht, und -Ende März saß ich an einem Tage früh um sieben Uhr in meiner voll -ausgerüsteten Taube, vor mir als Beobachter mein Freund, der lange -Oberleutnant Strehle von der Kriegsakademie. - -Dieser saß heute zum erstenmal in einem Flugzeug. Aber an diesen Flug -wird er, glaube ich, sein ganzes Leben lang denken. - -Glänzend war der Start. Und stolz zog ich meine Kreise, bis ich in -fünfhundert Meter Höhe in nördlicher Richtung davonflog. Alles klappte -famos. Die Havelseen wurden überquert, Nauen kam in Sicht, als es -plötzlich anfing, diesig zu werden, und keine zehn Minuten später -war das Pech auch schon da. Dichter Nebel umhüllte uns. Vom Boden war -nichts mehr zu sehen. Das war für den ersten Überlandflug, den ich in -meinem Leben machte, eine etwas harte Prüfung. Aber sorglos, wie man -eben nur als junger Flieger ist, dachte ich bei mir: Nur Mut, die Sache -wird schon schief gehen. Und ruhig flog ich in dem dichten Nebel, mich -nach meinem Kompaß richtend, nach Norden zu, denn Hamburg war unser -Ziel. Nach zwei Stunden konnte ich endlich in dreihundert Metern Höhe -den Boden unter mir wieder sehen, und wer beschreibt meine Freude, -als ich einen großen schönen Acker bemerkte. Im stolzen Gleitfluge, -just als ob ich über dem Flugfelde wäre, glitt ich nieder und stand -bald wohlbehalten mitten auf dem Sturzacker. Leute kamen zu Dutzenden -herbei, und groß war meine Freude, als ich erfuhr, daß ich mich auf -gutem mecklenburgischem Boden befand und vor allen Dingen dort, wo wir -uns nach meines Beobachters und meiner Berechnung befinden mußten. -Es war Feiertag, und so hatten wir den guten Leuten ein schönes -Sonntagsvergnügen bereitet. Als es aufklarte, wollten wir weiter. Aber -der weiche Boden hielt die Räder so fest, daß an ein Hochkommen nicht -zu denken war. Unter Freude und Gelächter, unter Hü und Hott und unter -manchem derben Scherzworte, welches wir über uns ergehen lassen mußten, -zogen die willigen Zuschauer den Riesenvogel über den Acker. - -Und nachdem einige Bäume gefällt waren, ging es dann noch über einen -Graben hinüber und auf ein hartes Feld. - -Trotzdem wir starten wollten, ließ man uns erst weg, nachdem wir uns an -vorzüglichem Kaffee und Napfkuchen gestärkt hatten. - -Nach reichlichem Händeschütteln und vielem Hurrageschrei und -Tücherwinken beim Start waren wir wieder oben und zogen nördlichen Kurs -ein. - -Die Freude dauerte nur kurze Zeit. Und schon fünfzehn Minuten später -waren wir wieder in graue Nebelschichten eingehüllt. Nach zwei Stunden -wurde die Sache ungemütlich, denn mit einem Male fing der verdammte -Motor an zu spucken und zu fauchen. Bald machte er dreihundert Touren -zu wenig, bald zweihundert zu viel! - -Ich untersuchte alle meine Apparate und Ventile und bemerkte zu meinem -Schrecken, daß der Benzinvorrat rasend abnahm. So gut es ging, hielt -ich mein Flugzeug fest und glitt auf dreihundert Meter herunter. - -Aber, o Schreck! Der Nebel verzog sich etwas, und wo war ich? Mitten -über der Alster! Und dabei ein aussetzender Motor und nur dreihundert -Meter hoch und keine Ahnung, wo der Flugplatz Fuhlsbüttel lag. Nun -gab's nur eins: Ruhe und Entschlossenheit. Ein Gedanke durchzuckte -mich: Raus aus der Stadt, und keine unschuldigen Menschenleben -gefährden! Auf einen Zettel schrieb ich meinem Beobachter: „Wir müssen -in fünf Minuten gelandet sein, sonst haben wir keinen Betriebsstoff -mehr und gehen baden!” Suchend spähte mein Beobachter nach unten, und -plötzlich zeigte er freudig erregt mit der Hand nach einem unter uns -liegenden Kirchhof. Der gute Kamerad! Er ahnte ja nicht, in welcher -Lage wir uns befanden und welch ein Hohn eigentlich aus seiner -Armbewegung sprach. - -Wir waren bereits zweihundert Meter herunter. Der Motor ruckte -ungleichmäßig, die Benzinuhr zeigte zehn Liter. Ich aber war froh. -Aus der Stadt waren wir glücklich heraus, und wenn auch an eine -glatte Landung in dem Gartengewirr für uns nicht zu denken war, -fremde Menschenleben konnten wir wenigstens nicht mehr gefährden. In -solchen Situationen ist jede Sekunde eine Ewigkeit, und Gedanken und -Überlegungen jagen sich in unheimlicher Geschwindigkeit. Wer da nicht -ruhig bleibt, eisernen Willen zeigt, der ist verloren. Mein Beobachter -fing plötzlich an mit der Hand zu schwenken und nach vorn zu zeigen. -Und ich sehe jetzt noch im Geiste seine strahlenden Augen vor mir, die -mir durch seine Fliegerbrille entgegenleuchteten. - -Vor uns schimmerte, von den Strahlen der untergehenden Sonne durch den -Nebel matt beleuchtet, die Luftschiffhalle von Fuhlsbüttel. - -Hurra! Unser Ziel war erreicht. - -Wer beschreibt meine Freude! Mit dem letzten Liter Benzin machte ich -noch eine Ehrenrunde um den Flugplatz, und nach steilem Gleitfluge -setzte die Taube leicht und sicher auf dem Platze auf. - -In der ersten Freude wäre ich meinem Beobachter am liebsten um den -Hals gefallen. Der gute Kerl hatte ja gar nicht geahnt, in welcher -Gefahr wir uns befunden hatten, und war höchst erstaunt, als ich ihm -davon erzählte. Noch jetzt, wo ich wirklich weiß, was fliegen heißt, -überläuft es mich kalt, wenn ich an diesen ersten Überlandflug denke! -Der Versager war bald festgestellt. Der untere Teil des einen Vergasers -war abgebrochen, und das Benzin floß durch die Bruchstelle ab, so oft -durch die Erschütterungen des Motors der Riß erweitert wurde. Daher -auch das schnelle Fallen des Benzins und der ungleiche Gang des Motors. -Daß kein Vergaserbrand entstand, ist mir heute noch ein Rätsel. - -Nachdem wir drei Tage bei liebsten Freunden in Bremen zugebracht -hatten, kam endlich der neue Vergaser in Hamburg an. Nun wollen wir -weiter. - -Nächstes Ziel: Schwerin in Mecklenburg. - -An einem regnerischen, stürmischen Nachmittage setzte ich mich in meine -vollbeladene Maschine. Ein Zug am Hebel, und mit Vollgas schwirrten wir -los. - -Heutzutage würde ich bei solchem Wetter nur fliegen, wenn es unbedingt -nötig wäre. Damals besaß ich aber die Naivität und vor allen Dingen -die Begeisterung eines jungen Fliegers. Das Glück im Unglück ließ -auch nicht lange auf sich warten. Das schwergeladene Flugzeug wollte -nicht hoch, die Böen warfen es hin und her wie einen Spielball, und -ich wäre gerne umgedreht. Aber daran war bei der geringen Höhe nicht -zu denken. Nun kamen auch schon die ersten Häuser von Hamburg. Darüber -hinwegzukommen unmöglich! Ich war sechzig Meter hoch, unter mir sah -ich ein kleines Feld. Also kurz entschlossen: Gas weg! Landen! Im -selben Augenblick faßte mich eine Fallbö, ich fühlte, wie das Flugzeug -unter mir weggezogen wurde, und da ich dachte: Jetzt zerschellst du -auf dem Boden, gab ich Vollgas und riß das Höhensteuer hoch, um den -Anprall abzuschwächen. Aber im selben Moment fühle ich einen Ruck unter -mir, und die Maschine stellte sich steil auf den Kopf, als wenn eine -unsichtbare Hand das Fahrgestell festgehalten hätte. - -Das Folgende war nur noch ein Werk von Bruchteilen von Sekunden. Ich -riß an meinem Höhensteuer, nahm Gas weg, und schon erhielt ich einen -schweren, harten Stoß. Krampfhaft hielt ich mein Steuerrad fest und -flog mit meinem Kopf hart gegen die Karosserie. - -Totenstille um mich herum. - -Tiefe Finsternis und furchtbares Schweigen. Durch einen Strom beißender -Flüssigkeit, der über mein Gesicht herabfloß, kam ich wieder zu mir. - -Mit den Beinen nach oben, den Körper zusammengepreßt und das Gesicht -gegen meine Brust gedrückt, lag ich still da. Da durchzuckte es mich: - -Du bist ja abgestürzt, das Flugzeug kann jeden Moment anfangen zu -brennen, und du bist mit deinem Beobachter verloren! Tastend suchte -ich in meiner zusammengequetschten Stellung nach dem Zündhebel und war -froh, ihn endlich gefunden und die Zündung ausgeschaltet zu haben. -Dann kam langsam das Bewußtsein der Wirklichkeit zu mir zurück, und -ich dachte an meinen armen Beobachter. Der saß ja vorne, hatte den -ersten Anprall abzuhalten und mußte bereits zerquetscht sein, wenn -die Karosserie den Stoß nicht ausgehalten hatte. Als sich vorn nichts -rührte, fragte ich endlich mit gepreßter Stimme, denn ich war so -zusammengequetscht, daß ich kaum noch Luft bekam: „Strehlchen, leben -Sie noch?” - -Pause, entsetzliche Stille. - -Auf meine zweite Frage vernahm ich dann: - -„Ja! Was ist eigentlich los? Hier ist es so dunkel, ich glaube, es muß -etwas passiert sein.” - -O, wie frohlockte ich da. Ich schrie förmlich vor Vergnügen: -„Strehlchen, Mensch, Sie sind ja am Leben, das ist die Hauptsache! Sind -Ihre Knochen eigentlich noch heil?” Der gute lange Kerl war in dem -kleinen Raum schrecklich zusammengequetscht, und ich hörte nur noch -sein: „Ja, ich weiß nicht, das wird sich hoffentlich später feststellen -lassen.” - -Dann war es wieder still. Das Benzin floß noch aus dem mit -hundertsiebzig Litern gefüllten Tank in Strömen aus, und nach einer -Zeit, die mir die Ewigkeit dünkte, klopfte jemand draußen an, und von -weither erklang eine Stimme: - -„Na, lebt da noch jemand drin?” - -„Und ob,” rief ich, „nun man dalli, sonst ersticken wir hier noch drin!” - -An dem Flugzeugrumpf wurde gehoben. Ich hörte mit Spaten graben, und -endlich drang frische Luft zu uns herein. - -„Halt”, rief Strehle, „anderen Weg anlüften, ihr brecht meinen Arm ab!” - -Die Helfer versuchten es von der anderen Seite, und endlich wurde mir -mein Sitz abgelüftet, und ich lag frei und weich auf einem wunderbar -duftenden Mistbeet. Da kroch auch schon der lange Strehle hervor, und -nicht oft habe ich einem Menschen so glücklich die Hand geschüttelt wie -diesem treuen Begleiter. - -Donnerwetter! Sah das böse aus. Die Maschine vollkommen überschlagen, -ungefähr ein Meter in den weichen Düngerhaufen tief hineingebohrt. Der -Rumpf dreimal gebrochen, die Tragflächen nur noch ein Knäuel von Holz, -Leinwand und Drähten. - -Und diesen Absturz hatten zwei Menschen heil und glücklich überstanden! - -Strehle hatte sich nur das Rückgrat etwas verstaucht und ich mir zwei -Rippen gebrochen. Das war alles. Nie in meinem Leben schimpfe ich -wieder über einen Misthaufen. Möge ihm und seinen Nachfolgern ewiges -Gedeihen beschieden sein! - -Traurig und etwas hinkend legten wir den Rest der Abschiedsreise per -Bahn zurück. - -Aber dann kamen Tage voll Sonnenschein und Licht, voller Wärme und -Glückseligkeit und voller Blumen, wunderbarster Blumen in unerhörtester -Schönheit und Fülle. - -Und dann kam die Pflicht, und die Fahrt begann. - - - - -Herrliche Tage in Tsingtau - - -Tagelang ging's in der Eisenbahn durch Rußlands Steppen und Wüsten -hindurch der Bestimmung, dem fernen Osten, entgegen. - -Endlich Mukden! Peking war bald vorüber ... Tsinanfou! Die ersten -deutschen Laute klangen mir entgegen, dann kamen die letzten zehn -Stunden der Eisenbahnfahrt durch wunderbares blühendes Ackerland voller -Gärten, Felder und Blumen; und endlich lief der Zug langsam auf dem -Hauptbahnhof von Tsingtau ein. - -Tsingtau sah ich nun nach sechs Jahren wieder! - -Nun war ich wieder auf deutschem Grund und Boden, in einer deutschen -Stadt im fernen Osten. - -Meine Kameraden holten mich ab. Unter schnellem Trippel-Trappel zogen -mich die kleinen mongolischen Steppenpferdchen der neuen Heimat zu. - -Zuerst ging es auf den Iltis-Platz, welcher unsere Rennbahn war -und gleichzeitig mein Flugplatz werden sollte. Festlich prangte -der Ort, und ganz Tsingtau war hier versammelt. In der Mitte der -weiten Rasenfläche hatte sich ein ungeheurer Kreis von Zuschauern -gebildet, welche den Fußballplatz umgaben. Heute war Festtag, und ein -großes Fußballwettspiel wurde zwischen den deutschen Matrosen und -ihren englischen Kameraden vom englischen Flaggschiff „Good Hope” -ausgetragen. - -„Good Hope” weilte zu Besuch in Tsingtau. Es wurde ein glänzendes Spiel -und endete 1: 1. - -Wer hätte das damals geahnt! Knapp sechs Monate später traten sich -dieselben Gegner gegenüber, aber dann war es ernstes, furchtbares -Spiel, bei dem es nur Siegen oder Sterben gab. Es war bei der -Seeschlacht von Coronel, in der die deutschen Blaujacken in -siebenundzwanzig Minuten das englische Flaggschiff „Good Hope” in die -furchtbare Tiefe des Stillen Ozeans hinabsandten. - -Heute wußte noch keiner etwas von den kommenden Ereignissen, und -froh bewegt und in bester Kameradschaft vereint nahmen die deutschen -Matrosen ihre englischen Gäste mit nach Hause. Zwei Tage später lief -das englische Geschwader aus, kurz hinterher unser Kreuzergeschwader -unter der Führung des Admirals Grafen von Spee. - -Und lustig flatterten die Flaggen im Winde, die das Signal der beiden -Geschwaderchefs überbrachten, welches lautete: „Leben Sie wohl, auf -Wiedersehen!” - -Wer ahnte es: Bei Coronel sollte es geschehen. - -Gleich nach meiner Ankunft und nachdem die dienstlichen Meldungen -erledigt waren, sah ich mich nach meinem Flugzeug um und hoffte schon -in den nächsten Tagen den erstaunten Tsingtauern meinen Riesenvogel -vorführen zu können. Aber Mahlzeit! Ruhig konnte ich wieder einige -Wochen warten, denn mein Flugzeug schwamm noch quietschfidel um Indien -herum, und der Dampfer wurde erst im Juli erwartet. - -Na, denn nicht, liebe Tante, sagte ich und hatte nunmehr vollauf -Zeit, mich in Tsingtau umzusehen und mir eine Wohnung zu suchen. Eine -entzückende kleine Villa war bei meinem Flugplatze gerade frei, und -schleunigst wurde diese gemietet, und ich bezog dieses entzückende Heim -mit meinem neuen Kameraden Patzig. - -Alles, um mich wirklich glücklich zu fühlen, war vorhanden. Mein -schönes Kommando, das Landkommando der Marine; ich war in Tsingtau, -dem Paradiese auf Erden, meine dienstliche Tätigkeit war die schönste, -die ich mir wünschen konnte, und dabei diese entzückende Villa, hoch -auf einer Anhöhe gelegen mit wunderbarer Aussicht auf den Iltis-Platz -und das weite tiefblaue Meer. Außerdem gehörte ich zur berittenen -Truppe, drei wunderbare Jahre lagen vor mir. Wer sollte glücklicher -und zufriedener sein als ich? Jetzt ging's an die Inneneinrichtung der -Wohnung. Ich hatte eine ganze Anzahl Bilder über Wohnungseinrichtungen -aus der „Kunst”, und mit diesen zog ich zu unserem tüchtigen -Chinesentischler und bestellte danach eine Einrichtung. Es ist geradezu -erstaunlich, mit welcher fabelhaften Geschicklichkeit die Chinesen -alles nachmachen können, und dabei in unglaublich kurzer Zeit und ganz -besonders billig. Als vier Wochen später alles angelangt war, die Möbel -an dem richtigen Platz standen und das Haus von oben bis unten glänzte -und leuchtete, da zogen wir frischgebackenen „Villenbewohner” stolz -und freudig in unser neues Heim. Nichts fehlte. Und besonders war -auch das erforderliche Dienstpersonal vorhanden. Damit der Europäer im -fernen Osten Ansehen vor den Chinesen gewinnt, muß er sich mit viel -chinesischem Dienstpersonal umgeben, und es ist fast eine moralische -Pflicht jedes Europäers, dies zu tun. - -Moritz, der Koch, in seinem schönen blauseidenen Ischang; Fritz, der -Mafu (Pferdeknecht), stets grinsend, dafür aber um das Wohl der Pferde -sehr bedacht; Max, der Gärtner, faul wie die Sünde, und endlich August, -der freche kleine Laufjunge, bildeten das Heer unserer dienstbaren -Geister. - -Dazu kamen „Herr” Dorsch und „Herr” Simon. - -Diese beiden „Herren” waren unsere Burschen, die von der Sitte -des fernen Ostens, daß der Europäer im Beisein der Chinesen nicht -körperlich arbeiten _darf_, redlich Gebrauch machten. - -Ein großer Garten umgab unser Haus, in dem sich auch noch der -Pferdestall mit Wagenremise, Autogarage und Chinesenwohnungen befanden. -Das Wichtigste aber war: mein Hühnerstall. Schon zwei Tage nach meiner -Ankunft hatte ich mir eine Bruthenne gekauft, ihr ein Dutzend Eier -untergelegt, und als wir die Wohnung bezogen, hatte ich bereits sieben -lebendigen Küken das Leben geschenkt. - -Geflügel ist billig in China. Das Huhn kostet zehn Pfennig, eine Ente -oder Gans eine Mark, und so hatte ich auch bald einen Geflügelhof von -fünfzig Tieren zusammen. - -Ja, richtig, ich war ja „Reiter” geworden! Also ein Pferd beschaffen! -Einer der Kameraden hatte einen entzückenden kleinen Fuchs. Wir wurden -handelseinig, und bald darauf stand „Fips” in meinem Stall. „Fips” war -ein entzückendes Tier, gutes Dienstpferd, dabei tadellos für Jagdreiten -und Polospielen. Aber Wamse bekommt er doch, wenn ich ihn mal -wiedersehen sollte; denn während der Belagerung ließ der Lümmel mich -am Tage vor der Einschließung einfach im Stich, als ich ins Vorgelände -geritten war. Da einige Schrapnells in seiner Nähe krepierten, riß er -sich los und lief zum Feinde über. - -Das ganze Leben in Ostasien ist für den Europäer recht eintönig. Wenig -Geselligkeit, keinerlei Theater, keine Musik, nichts von alledem, das -man so ungern vermißt. Die einzige Erholung und der einzige Trost sind -eben, daß man etwas besser lebt wie unter den gleichen Verhältnissen zu -Hause, und der Pferdesport. In Tsingtau blühte letzterer ganz besonders. - -Mit Begeisterung widmete ich mich dem Poloreiten, und nachdem ich mich -einigermaßen an die ungewohnten Schlinger- und Stampfbewegungen meines -Pferdes gewöhnt hatte, ging die Kiste herrlich. - -[Illustration: Der erste Absturz in Tsingtau.] - -Mitte Juli wurde endlich meine Sehnsucht gestillt. „Der” Dampfer war -da und hatte die Flugzeuge mitgebracht. Kaum standen die riesigen -Kisten auf dem Kai, als ich auch schon mit meinen Leuten dabei war und -die armen Vögel, die zum Fluge durch Luft und Sonne geboren waren, aus -ihren dunklen Gefängnissen befreite, in denen sie monatelang gesessen -hatten. Da die Kisten zu schwer waren, mußten die Flugzeuge an Ort -und Stelle ausgepackt werden. Hei! Das Hallo unter den chinesischen -Gaffern. Als alles schön ausgepackt war, wurde der Triumphzug -angeordnet. Erst kamen die beiden Flugzeuge, dann kamen drei Wagen mit -den Tragflächen und dann zwei Wagen mit den Zubehörteilen. Die Pferde -zogen an, und stolz durchfuhren wir Tsingtau und zogen im Triumphe in -die Flughalle auf dem Iltis-Platz ein. - -[Illustration: „August”, der freche Laufjunge.] - -Nun gab es keine Ruhe mehr. Tag und Nacht arbeiteten wir am -Zusammensetzen und Verspannen, und zwei Tage später, ganz in der Frühe, -als noch kein Mensch es ahnte, stand mein Flugzeug klar am Startplatz, -und als die Sonne aufging, gab ich Vollgas und schoß in die wunderbare -reine Seeluft hinaus. - -Den ersten Flug in Tsingtau werde ich nie vergessen. Der Flugplatz war -außerordentlich klein, nur sechshundert Meter lang und zweihundert -Meter breit, voll von Hindernissen und rings umgeben von Hügeln und -Felsen. Wie klein der Platz aber wirklich war und wie ungeheuer schwer -zum Starten und Landen, das sollte ich bald noch zur Genüge erfahren. -Mein Freund Clobuczar, ein früherer österreichischer Fliegeroffizier, -der jetzt auf der „Kaiserin Elisabeth” war, sagte mir mal: „Ein -Flugplatz soll das hier sein? Höchstens ein Kinderspielplatz! In meinem -ganzen Leben habe ich noch nicht gesehen, daß ein Mensch in einem -solchen Platze fliegen soll.” Mir ging's ähnlich so. Und ich würde mir -in Deutschland ein solches Plätzchen höchstens mal als Notlandungsplatz -aussuchen. - -Aber zu machen war nichts. Es war dies der einzige Platz im ganzen -Schutzgebiete, alles andere war wild zerklüftetes Gebirge, durchzogen -von tiefen Ravinen. Doch an diesem wunderbar sonnigen Morgen kümmerte -ich mich nicht darum, und froh bewegt zog ich über Tsingtau meine -Kreise und scheuchte durch das Gebrumm meines Propellers die gänzlich -überraschten Tsingtauer aus ihrem Schlafe. Als ich zum Landen schritt, -wurde mir doch ein bißchen komisch zumute! Donnerwetter, war der Platz -klein! Und unwillkürlich drehte ich immer länger meine Kreise und -verschob immer wieder den kommenden kritischen Moment der Landung. - -Doch ewig oben bleiben konnte ich ja nicht. Und endlich gab ich mir -einen Ruck, nahm Gas weg und stand einen Augenblick später nach -einer tadellosen Ziellandung auf meinem Platz. Nun war ich meiner -Sache sicher. Und den ganzen Morgen bin ich kaum aus meinem Flugzeug -herausgekommen. - -Jetzt gings aber wieder an die Arbeit. Das zweite Flugzeug, auch -eine Rumpler-Taube, welches von meinem Kameraden vom Seebataillon, -Leutnant Müllerskowski, geflogen werden sollte, mußte zusammengebaut -und verspannt werden. Nach zwei Tagen, am einunddreißigsten Juli -Neunzehnhundertvierzehn, nachmittags war alles in Ordnung. - -Müllerskowski stieg in sein Flugzeug, und nachdem ich ihm einige -Erfahrungen, die ich mit diesem Flugplatz nun schon gemacht, mitgegeben -hatte, zog er Vollgas und schwirrte los. - -Das Glück blieb meinem Kameraden nicht hold. - -Sein Flugzeug war eben einige Sekunden in der Luft und befand sich -zirka fünfzig Meter hoch gerade an der kritischen Stelle, wo Flugplatz -und gleichzeitig das Land endet und mit steilen Felsen ins Meer -abfällt, als es sich plötzlich zur Seite neigte und wir mit Schrecken -sehen konnten, wie es in sausender Fahrt mit dem Kopf vorneweg in die -Felsen hineinstürzte. - -So schnell wir es vermochten, liefen wir zur Unfallstelle. Da sah es -bös aus. Das Flugzeug war vollständig zertrümmert, und zwischen diesen -Trümmern lag Müllerskowski. Schwer verletzt brachten wir ihn ins -Lazarett, wo er bis kurz vor Ende der Belagerung liegenbleiben mußte. -Das Flugzeug war vernichtet. - -Inzwischen hatte sich auch in Tsingtau manches zugetragen. Der Juli mit -all seiner Schönheit und Pracht, mit wunderbarstem Sonnenschein und -tiefblauem Himmel war ins Land gezogen. Es ist der schönste Monat für -Tsingtau. - -Das Badeleben stand in vollster Blüte; es waren besonders viele -und nette Fremde, in erster Linie Damen, aus den europäischen und -amerikanischen Niederlassungen Chinas und Japans herbeigeströmt, um -sich an Tsingtaus Schönheit zu erfreuen und in dem „Ostende des fernen -Ostens” das Badeleben zu genießen. - -Es war eine ganz herrliche Stimmung. Auto- und Reitpartien, Polospiel -und Tennis füllten die dienstfreien Stunden aus, und besonders schön -waren abends die Reunions, bei denen Terpsichore voll zu Ehren kam. - -Wie auch in den früheren Jahren waren die Engländerinnen unter den -Gästen am stärksten vertreten, und bald entwickelte sich ein reizender -Verkehr. - -Anfang August sollte ein Polowettspiel stattfinden, zu dem wir als -Gegenspieler den englischen Poloklub in Schanghai eingeladen hatten. - -Da, am dreißigsten Juli, traf wie ein Blitz aus heiterem Himmel der -Befehl der „Sicherung” in Tsingtau ein! - - - - -Kriegsalarm -- Meine Taube - - -Ich weiß es noch wie heute. - -In aller Frühe kam eine Ordonnanz in unsere Villa und überbrachte -Patzig und mir den Befehl, umgehend zum Abteilungskommandeur zu kommen, -es wäre Sicherung befohlen. Wir dachten natürlich, es sei nur eine -Übung, und redlich brummend ob der Störung der Morgenruhe begaben wir -uns an den befohlenen Ort. Hier erhielten wir die Bestätigung der kaum -faßbaren Kunde. Und im Inneren fest daran zweifelnd, daß es Krieg geben -würde, eilten wir auf unsere Gefechtsstationen und begannen mit den -notwendigen Arbeiten. - -Der Befehl: „Drohende Kriegsgefahr!”, der am nächsten Tage eintraf, -brachte endlich Gewißheit. - -Und dann kam der erste August, die Mobilmachung wurde befohlen. Der -zweite August brachte die Kriegserklärung gegen Rußland und der dritte -die gegen Frankreich. - -Diese Tage zu beschreiben, ist kaum möglich. - -Man stelle sich bloß vor: Hier war deutsche Kolonie, deutsche Festung, -der größte Teil der Tsingtauer waren Offiziere und Soldaten. Dabei war -Tsingtau aber in seinem äußeren Gepräge international geworden. Russen, -Franzosen und Engländer befanden sich als Gäste mitten unter uns. Es -war ein Gegeneinanderwogen von Meinungen und Gefühlen, ein Zustand, wie -er wohl kaum wo anders auf der Welt angetroffen werden konnte. - -Die Hauptfrage, ich möchte sagen, die Frage, die uns alle beschäftigte, -war: Gibt es Krieg mit England? - -Nur der, der im fernen Osten gelebt hat, wird ermessen können, was -diese Frage bedeutete. - -Am zweiten August wurde gerade unser Angebot an England bekannt, ich -ritt am selben Tage mit einer englischen Dame spazieren, und es war -nur selbstverständlich, daß dieses Thema unsern Hauptgesprächsstoff -bildete. Die Ansicht meiner Begleiterin deckte sich mit der all ihrer -Freunde und Freundinnen, daß ein Krieg zwischen England und Deutschland -undenkbar wäre, sonst würde auch besonders im fernen Osten das Prestige -der weißen Rasse vorüber sein und der gelbe Japs lachend die Früchte -unserer Zwietracht einheimsen können. - -Auch uns Deutsche beschäftigte selbstverständlich nur dieser eine -Gedanke, und besonders bei uns Seeoffizieren war von nichts anderem -mehr die Rede. Eine Spannung, schlimmer als vor und während der ersten -Mobilmachungstage, beherrschte uns. Und wie eine Erlösung kam für uns -alle am vierten August die Nachricht: - -Der Krieg gegen England ist erklärt! - -Nun waren also in Europa die Würfel gefallen. - -Daß wir uns alle sehr glücklich fühlten, kann ich nicht behaupten. Ganz -im Gegenteil. Immer und immer wieder sagten wir uns: „Nun sitzen wir -hier in dem fernen Tsingtau, zu Hause da sind unsere Brüder, unsere -Kameraden; die Glücklichen dürfen die wunderbaren Tage der Mobilmachung -miterleben, sie dürfen ausziehen gegen eine Welt von Feinden, sie -dürfen unser heiliges geliebtes Vaterland, dürfen Weib und Kind -verteidigen, und wir Armen sitzen hier und können nicht helfen!” - -Schon der Gedanke, wie es in diesen Tagen zu Hause aussähe, konnte -uns rasend machen. Denn das wußten wir: Die Engländer, Russen und -Franzosen, die uns hier draußen an Zahl weit überlegen waren, würden -nicht den Mut finden, uns hier anzugreifen. - -Und doch hatten wir immer wieder den einen Funken von Hoffnung: Sie -kommen doch noch! - -Ach, wie hätten wir die empfangen! - -An Japan dachte selbstverständlich niemand! - -In all der Arbeit der Mobilmachungstage wurden unsere Gäste nicht -vergessen. Sie waren zwar fast alle unsere Feinde, aber sie blieben -unsere Gäste. - -Die Aufregung unter ihnen ist wohl begreiflich. Vor allen Dingen, da -bereits Nachrichten über die geradezu bestialische Behandlung der -Deutschen durch die Engländer in den englischen Kolonien zu uns kamen. - -Daß unser Verkehr mit den Fremden abgebrochen wurde, war -selbstverständlich, aber ebenso selbstverständlich war auch, und das -möchte ich an dieser Stelle ganz besonders den Engländern gegenüber -hervorheben, daß die vielen Angehörigen der feindlichen Staaten mit -einer Rücksicht behandelt wurden, wie es eben nur bei uns „Barbaren” -möglich war. - -Den Fremden wurde bekanntgegeben, daß sie sich nach Belieben weiter -in Tsingtau aufhalten oder aber abfahren könnten, ohne irgendwelchen -Zwang, und daß das Gouvernement rechtzeitig ankündigen würde, wenn alle -Fremden die Kolonie räumen müßten. Verlangt wurde nur, daß keiner das -Stadtgebiet verließe und niemand sich mehr den Befestigungen näherte -oder Spionage triebe. Man halte sich hiergegen das Benehmen unserer -lieben Vettern in Hongkong und in so vielen anderen Orten der Welt vor -Augen! - -Die, die es miterlebt haben, könnten Bände darüber schreiben. - -Ein Trost war für uns: Wir erhielten täglich drahtlose Nachrichten von -Hause! - -Den Jubel und die Freude kann man sich kaum vorstellen, die wir beim -Eintreffen der Nachrichten empfanden. Meist kamen die Telegramme -abends, und wir Offiziere saßen zusammen in unserem kleinen Kasino, -selbstverständlich von nichts anderem als vom Kriege sprechend. Und -wenn die herrlichen Siegesnachrichten eintrafen, dann war ein Jubel -ohnegleichen, aber doch empfanden wir dabei eine ganz unendliche -Traurigkeit, denn: - -Wir konnten nicht dabei sein! - -Dann kam der fünfzehnte August, und wir hielten eine Nachricht von -solcher Ungeheuerlichkeit in der Hand, daß wir an der Wahrheit des -Gelesenen zweifelten. - -Die Ankündigung war folgende: - - _Extrablatt_ - - „Wir betrachten es als äußerst wichtig und notwendig, in der - jetzigen Lage Maßnahmen zu treffen, um die Ursachen aller Störungen - des Friedens im fernen Osten zu beseitigen und die allgemeinen - Interessen zu schützen, die im englisch-japanischen Allianzvertrag - festgelegt sind, mit dem Zweck, festen und dauernden Frieden - in Ostasien zu sichern. Dieser Zweck ist die Grundlage des - Übereinkommens. Die kaiserlich japanische Regierung glaubt, daß es - ihre Pflicht ist, der kaiserlich deutschen Regierung zu raten, die - folgenden Vorschläge anzunehmen: - - Erstens, die deutschen Kriegsschiffe sofort von den japanischen - und chinesischen Gewässern zurückzuziehen, ebenso die bewaffneten - Schiffe aller Art und diejenigen Schiffe, die nicht sofort - zurückgezogen werden können, zu entwaffnen. - - Zweitens, das ganze Pachtgebiet von Kiautschou alsbald, nicht - später als am fünfzehnten September, den kaiserlich japanischen - Behörden ohne Bedingung und ohne Entschädigung zu übergeben, mit - der Aussicht auf evtl. Rückgabe an China. - - Die kaiserlich japanische Regierung kündigt zugleich an, daß, im - Falle sie bis zum dreiundzwanzigsten August Neunzehnhundertvierzehn - keine Antwort von der kaiserlich deutschen Regierung erhalte, - in der sie die unbedingte Annahme der Vorschläge übermittelt, - die japanische Regierung gezwungen sein wird, ihre Maßnahmen zu - treffen, die sie in Anbetracht der Lage für notwendig erachtet.” - -Darunter stand von unserem Gouverneur geschrieben: - -„Es ist selbstverständlich, daß wir niemals darauf eingehen können, -Tsingtau an Japan ohne Schwertstreich auszuliefern. Nach der ganzen -Frivolität der japanischen Forderung kann man sich schon vorher -sagen, welche Antwort allein darauf erfolgen wird. Das aber bedeutet -natürlich, daß wir mit Ablauf der für die Beantwortung gesetzten Frist -auf die Eröffnung der Feindseligkeiten rechnen müssen, und das wird -natürlich ein Kampf bis zum Äußersten sein. - -Angesichts des Ernstes der Lage darf jetzt selbstverständlich mit der -Fortschaffung von Frauen und Kindern keinen Augenblick länger gezögert -werden, das Gouvernement wird deshalb heute, Freitag vormittag, -auch noch einen Dampfer nach Tientsin abgehen lassen, der bereits -für die Aufnahme von rund sechshundert Personen vorbereitet ist. Es -ist dringend zu raten, daß von diesen Gelegenheiten, die Züge der -Schantungbahn verkehren ja auch weiter, nun auch von allen Gebrauch -gemacht wird, die nicht hierbleiben wollen. - -Tsingtau macht klar zum Gefecht!” - -Nun wußten wir, woran wir waren! - -Über die Art und Schwere des Kampfes und über seine Aussichten waren -wir uns klar, aber wohl nie ist freudiger und unermüdlicher gearbeitet -worden. Eine Titanenarbeit wurde in diesen Wochen vollbracht. Und vom -ältesten Offizier bis zum jüngsten fünfzehnjährigen kriegsfreiwilligen -Automobilfahrer setzte jeder sein ganzes Können und sein ganzes -Denken, seine ganze Vaterlandsliebe darein, Tsingtau in den -Verteidigungszustand zu setzen. - -Ich selber hatte bereits besonderes Pech gehabt. Drei Tage nachdem -Müllerskowski abgestürzt war, startete ich bei herrlichstem -Sonnenschein zu meinem ersten großen Erkundungsfluge und kehrte, -nachdem ich das ganze Schutzgebiet und Hunderte von Kilometern darüber -hinaus aufgeklärt hatte, froh der getanen Arbeit, nach Tsingtau zurück. - -Ich war tausendfünfhundert Meter hoch, und die Landung war infolge der -Luftverhältnisse ganz besonders schwierig. Als ich mitten über dem -Platze in ungefähr hundert Metern Höhe noch mal Vollgas gab, um die -letzte Runde zu fliegen und dann gegen den Wind zu landen, sprang der -Motor eine Sekunde lang wieder voll an, fing aber im selben Moment an -zu spucken und versagte ganz. Nur Sekunden brauchte ich, um meine -Apparate nachzusehen, aber die genügten, daß die Maschine bereits so -weit war, daß an ein Landen auf dem Platze nicht mehr zu denken war. - -Auch nach rechts oder links konnte ich nicht abdrehen. Rechts war das -Poloklubhaus und ein tiefer Graben, links das Strandhotel und die -Villen. - -Daß nichts mehr zu machen war, wußte ich, und nur eins dachte ich: -Halte den Motor heil! - -Vor mir war ein kleines Wäldchen, und da hinauf hoffte ich die Maschine -noch setzen zu können. Ich zog das Höhensteuer, aber in der heißen -dünnen Tropenluft sackte die Maschine wie ein Klotz schwer durch. Ich -kam mit dem Kopf gerade noch an Telegraphendrähten klar, dann zog ich -die Knie an und stützte unwillkürlich die Füße nach vorn ab, und schon -gab es einen mächtigen Stoß, ich hörte Krachen und Splittern um mich -herum und flog mit Kopf und Knien recht unsanft gegen den Benzintank. -Dann war es still. - -Und als ich mich, selber heil und gesund, im Kreise umsah, da lag meine -Taube mit der Nase im Straßengraben, streckte das Schwänzchen hoch in -die Luft, und die Flügel und das Fahrgestell bildeten ein Knäuel von -zerbrochenen Holzstreben, Leinwand und Drähten. - -Ach, mein armes Täubchen! Ausgerechnet am dritten Tage der Mobilmachung -ließ es mich im Stich. Mir war ganz unsäglich hoffnungslos zumute. Ohne -jedoch den Mut ganz sinken zu lassen, schaffte ich die Trümmer in den -Schuppen. Ich hatte ja noch Reservepropeller und Reservetragflächen von -Hause mitbekommen. - -Wenn nur der Motor heil geblieben war! Ersatzteile für diesen besaß ich -nicht, und sie wären auch beim besten Willen nicht herbeizuschaffen -gewesen. - -Voller Hoffnung ging ich an die Reservekisten und öffnete zuerst die, -worin die Tragflächen lagen. Aber o Schreck! Ein widerlicher Moderduft -schlug mir entgegen, und Böses ahnend, öffneten wir den inneren -Zinkeinsatz. - -Der Anblick, der sich uns bot, war geradezu fürchterlich. In der Kiste -befand sich nur ein Haufen von moderndem Gerümpel. Die ganze Bespannung -der Tragflächen war verfault. Die einzelnen Rippen und Spanten und die -Holzklötzchen, die vorher tadellos geleimt und bewickelt waren, lagen -regellos durcheinander, und alles war von einer dicken Schimmelschicht -bezogen. - -Ein trauriger Anblick! - -Nun wurde die Propellerkiste geöffnet. Da drinnen sah es ähnlich aus. -Die fünf mitgenommenen Reservepropeller hatten sich ebenfalls in -Wohlgefallen aufgelöst oder sich so stark verzogen, daß sie nicht mehr -zu gebrauchen waren. Wenn zu Hause der Propeller mehr als vier bis fünf -_Millimeter_ an den Spitzen ausschlägt, denkt kein Mensch daran, ihn so -zu fliegen. Meine schlugen bis zu zwanzig _Zentimetern_ aus! Nun war -guter Rat teuer. - -Aber unverzagt ging mein hervorragender Monteur, der -Obermaschinistenmaat Stüben, an die Arbeit, und am selben Nachmittage -saß ich mit Stüben und meinen beiden Heizern Frinks und Scholl und -noch acht Chinesen von der Werfttischlerei an der Arbeit und baute die -vermoderten Flügel wieder zusammen. - -Dann ging ich mit meinem am wenigsten verbogenen Propeller zur Werft, -und hier half mir der treffliche Modelltischler R. aus meiner Not und -ließ unter seiner Anleitung von den Chinesen einen neuen Propeller -bauen. - -Das war geradezu eine Glanzleistung. - -Man stelle sich folgendes vor: - -Sieben Eichenbohlen wurden mit gewöhnlichem Tischlerleim -zusammengeleimt. Dann gingen zwei Chinesen mit Äxten her und schlugen -nach Lehren, die der Modelltischler angefertigt hatte, mit den Äxten -aus dem Bohlenklumpen einen tadellosen Propeller aus. Die Arbeit war, -obwohl mit der Hand ausgeführt, so genau und sorgfältig, wie sie nur -von Chinesen geleistet werden kann. - -Mit diesem Propeller habe ich dann meine sämtlichen Flüge während der -Belagerung von Tsingtau ausgeführt! - -Auch wir im Schuppen waren nicht untätig geblieben. Tag und Nacht -arbeiteten wir mit äußerster Anspannung, und bereits am neunten Tage -nach meinem Absturz stand frühmorgens bei Sonnenaufgang mein Täubchen -an der Startstelle klar zum Probeflug. - -Es ist wohl begreiflich, wenn mir vor diesem Fluge meine Aussichten -nicht im rosigsten Lichte erschienen. - -Meine Tragflächen hatte ich aus einem vermoderten Haufen wieder -zurechtgebaut. Verspannen mußten wir sie, da wir nirgends eine ebene -Fläche hatten, so gut es ging; der Propeller war, wie oben beschrieben, -entstanden und machte über hundert Umdrehungen zu wenig. Dabei waren -die Flugplatzverhältnisse so überaus ungünstig und schwierig, daß -bei jedem Start nur ein sofortiges Gelingen oder ein unweigerliches -Abstürzen in Frage kam. - -An all das durfte ich nicht denken. Es war Krieg, ich war der einzige -Flieger, und meine Aufgabe mußte ich erfüllen. Und ich hatte Glück! - -Alles irgendwie Entbehrliche hatte ich zur Erleichterung aus dem -Flugzeug herausgerissen, und anfangs etwas unwillig meiner Faust -gehorchend erhob sich mein großer Vogel doch in die Luft, und bald -hatte ich ihn wieder vollkommen in meiner Gewalt. Da zog ich denn -wieder froh meine Kreise, und stolz warf ich vor dem Hause unseres -Gouverneurs die Meldung ab: „Flugzeug ist wieder klar!” - -Und dann begannen meine großen Aufklärungsflüge. Das ganze Schutzgebiet -durchkreuzte ich, und weit, weit draußen, Hunderte von Kilometern vom -Schutzgebiet entfernt, überflog ich das weite Land und bewachte die -Anmarschstraßen und flog längs der wild zerklüfteten Küste und schaute -aus, ob nicht irgendwo der Feind sich näherte oder landete. - -Es waren mit die schönsten Flüge meines Lebens. - -Die Luft war so klar und durchsichtig, der Himmel so wunderbar blau -und schön, und die Sonne strahlte mit so inniger Liebe auf das -herrliche Land, auf die wild zerklüfteten hohen Gebirge und auf das -alles einrahmende tief-, tiefblaue Meer herab. Das waren Stunden -hinreißendster, erhabenster Schönheit, die ich überquellenden Herzens -und mit nach Schönheit lechzender Seele genoß. - -Aber die Sorgen blieben nicht aus. Bereits nach dem zweiten -Aufklärungsfluge stellte sich heraus, daß die Leimfugen des Propellers -auseinander gespalten waren, und daß der Propeller nur wie durch ein -Wunder nicht auseinandergerissen war. Nun mußte er abmontiert und -wieder frisch geleimt werden. Dieses Schauspiel hat sich von nun -ab nach jedem Fluge wiederholt. Sobald ich zurück war, wurde „der” -Propeller abgenommen, ich fuhr mit meinem Auto zur Werft, dort wurde er -schnell geleimt, in eine Presse geschraubt, und spät abends holte ich -ihn wieder ab, setzte ihn auf, und dann ging's damit am nächsten Tage -wieder los. - -Und als der Propeller immer wieder aufplatzte, da beklebte ich seine -ganze Eintrittskante mit Bespannungsstoff und Heftpflaster, und da -hielt wenigstens diese Kante einigermaßen! - -In Tsingtau hatte ich auch noch einen zweiten Dienstzweig zu versehen, -und zwar war ich Führer der Fesselballonanlage, meiner „aufgeblasenen” -Konkurrenz. - -Vor meiner Ausreise hatte ich in Berlin einen Luftschifferkursus -durchgemacht, bestehend aus einer Freiballonfahrt und etwas Exerzieren -am Fesselballon nebst Ballonflicken. - -Die gesamte vollständig neue Fesselballonanlage in Tsingtau bestand aus -zwei je tausend Kubikmeter großen Ballons, einem Ballonsack und allem -nötigen Zubehör zum Gaserzeugen und zur Bedienung des Ballons. - -Ein Unteroffizier der Marine, der kurze Zeit bei den Luftschiffern -ebenfalls zur Ausbildung gewesen war, und ich waren die einzigen, -die vom Ballon eine Ahnung hatten. Nachdem wir die ganze neue Anlage -ausgepackt und aufgestellt hatten, gingen wir äußerst gewissenhaft und -vorsichtig ans Füllen des Ballons. Und wie stolz waren wir, als die -erste gelbe Wurst dick und prall, wohlgefesselt dicht über der Erde -lag. Dann knüpfte ich mit meinem Unteroffizier persönlich jede einzelne -Leine an, und bald darauf hing das gelbe Ungetüm leise hin und her -pendelnd am Himmelszelt. Dann wurde es wieder heruntergeholt, und ich -kletterte zum ersten Aufstieg allein in den Korb. Beinahe hätte ich -schon bei diesem Aufstieg meine verzwickte Reise nach Deutschland -antreten können, denn als „Los” kommandiert wurde, hatte das Haltetau -versehentlich reichlich lose gehabt, und mit einem mächtigen Satz -sprang der Ballon senkrecht zirka fünfzig Meter in die Luft und ruckte -dann mit Macht in das Haltekabel ein. Mich durchzuckte dabei der -Gedanke: Jetzt geht er ab! Es gab einen ganz gewaltigen Stoß, und viel -hätte nicht gefehlt, so wäre ich aus meiner Gondel herausgeschleudert -worden. Da das Drahtseil aber ebenfalls ganz neu war, hielt es gottlob, -und ich war um eine Lehre reicher. Dann begann das systematische -Ausbilden und Einexerzieren meiner Mannschaft, und bald funktionierte -der Laden, als wenn wir von Kind auf Luftschiffer gewesen wären. - -Auf den Fesselballon waren vom Gouvernement sehr große Hoffnungen -gesetzt worden. Allgemein versprach man sich durch ihn große Hilfe -beim Beobachten des heranrückenden Feindes und zur Beobachtung der -feindlichen Artillerie. Leider haben sich diese Hoffnungen in keiner -Weise erfüllt, und meine Befürchtungen, die ich in bezug auf den Nutzen -der Ballonanlage gehabt hatte, bewahrheiteten sich in jeder Beziehung. - -Trotzdem ich den Ballon sogar bis auf eintausendzweihundert Meter -gebracht hatte, gelang es uns nicht, von ihm aus hinter die unseren -befestigten Stellungen vorgelagerten Höhenzüge zu sehen und damit -die Bewegung des Feindes und vor allen Dingen die Stellungen seiner -schweren Belagerungsartillerie zu beobachten. - -Das aber war wiederum für die Verteidigung Tsingtaus von -fundamentalster Bedeutung. - -Um dieses und überhaupt die ganze überaus schwierige Lage, in der wir -uns in Tsingtau befanden, einigermaßen verständlich zu machen, muß ich -folgendes vorausschicken: - -Das ganze Schutzgebiet Kiautschou liegt auf einer langgestreckten -Landzunge, auf deren äußerstem, südwestlichem Zipfelchen wiederum -die Stadt Tsingtau liegt. Von drei Seiten vom Meere umschlossen, -wird die Stadt im Nordosten durch die halbkreisförmige Hügelkette -der Moltke-, Bismarck- und Iltisberge, die sich von Meer zu Meer -hinziehen, eingerahmt. In diesen Bergen lagen unsere Hauptbefestigungen -eingenistet, und am nordöstlichen Fußrande dieser Kette lagen die -fünf Infanteriewerke mit dem Hauptdrahthindernis. Dann kam ein -breites Tal, welches zum Teil vom Haipo-Fluß durchzogen wurde, und -daran schlossen sich wiederum halbkreisförmig die ebenfalls von Meer -zu Meer sich hinziehenden, für uns kritischen und uns Verderben -bringenden Hügelketten des Kuschan, des Taschan, der Waldersee-Höhen -und der Prinz-Heinrich-Berge, von denen die Prinz-Heinrich-Berge -eine so wildromantische Form hatten, als wenn sie dem Monde direkt -entnommen wäre. Hinter diesen Höhen schloß sich wiederum ein breites -Tal an, und daran türmten sich die wild zerklüfteten Steinmassen des -Lau-Hou-Schan, des Tung-Liu-Schui und des Lauschan zum Himmel empor. - -Da uns vor allen Dingen daran lag, zu wissen, was geht im Vorgelände -vor, und, als wir vom siebenundzwanzigsten September ab hinter unserem -Drahthindernis vollkommen eingeschlossen waren, zu sehen, _wo_ baut -der Feind seine Belagerungsartillerie auf, da wir ferner in unseren -Hoffnungen, die wir in dieser Beziehung auf den Fesselballon gesetzt -hatten, vollkommen getäuscht wurden, blieben uns zur Erreichung unseres -Zieles nur noch: gelegentliche schneidige Erkundungen und -- -- mein -Flugzeug! - -Unter unermüdlicher Arbeit gingen die Tage des August dahin. Tsingtau -und vor allem das Vorgelände waren kaum wiederzuerkennen. Artillerie -und Verteidigungsstellungen wurden ausgehoben, und was das traurigste -war, die entzückenden Wäldchen, die mit so viel Mühe und Liebe -angepflanzt waren, der Stolz Tsingtaus, mußten zum Freimachen der -Schußfelder unter Beilhieben fallen. Wieviel Kulturarbeit, wieviel -unendliche Mühe und Liebe ist da mit einem Schlage vernichtet worden! - -Der dreiundzwanzigste August, der Tag des Ablaufs des Ultimatums an -Japan, kam heran, und es war wohl selbstverständlich, daß der gelbe Jap -überhaupt keiner Antwort gewürdigt wurde. Die Parole an diesem Tage -lautete: - - „Immer feste druff!” - -Das war uns allen aus dem Herzen gesprochen. - -Ich weiß noch, wie ich am folgenden Morgen von meinem Balkon aus über -das unendliche blaue Meer schaute und in der Entfernung von einigen -Seemeilen mehrere schwarze Schatten bemerkte, die sich langsam hin -und her bewegten. Durch das Doppelglas konnte ich dann Torpedoboote -erkennen. Auch Patzig, der herbeieilte, überzeugte sich davon. Richtig, -heute war ja der Vierundzwanzigste. Nun hatte die Bande die Blockade -gegen uns eröffnet. - -So war es also wirklich wahr, die Japaner wagten es, das Deutsche Reich -anzugreifen! - -Der Kampf eines gelben Kaiserreiches, unterstützt von einem Häuflein -Engländer, gegen ein kriegsstarkes deutsches Regiment hatte begonnen. - -Gleich nach Ablauf des Ultimatums rückte ein Trupp von tausend Mann -ins Vorgelände ab, um dieses und die Anmarschstraßen auf Tsingtau -zu so lange als möglich zu verteidigen. Dieses kleine Häuflein -hat seine Aufgabe hervorragend gelöst. Eine Strecke von dreißig -Kilometern Breite, dann von zehn Kilometern mit gänzlich ungenügender -Artillerieausrüstung war zu verteidigen. Da, wohin zwei Armeekorps -gehört hätten, standen nur tausend Mann. In zähem, unerschrockenem -Kampf, oft nur Patrouillen ganzen feindlichen Bataillonen -gegenüberstehend, wichen sie langsam der zwanzigfachen Übermacht. -Erst am achtundzwanzigsten September wurde die tapfere Schar hinter -das Haupthindernis zurückgedrängt, welches sich nun für uns bis nach -Austoben des Kampfes für immer schloß. - -In den ersten Tagen der Belagerung hielten die leitenden Kreise in -Tsingtau von dem Nutzen meines Flugzeuges, wie von der ganzen Fliegerei -überhaupt, nicht viel. - -Nach allem, was sie bis jetzt von uns hier draußen gesehen hatten, war -dies ja auch nicht weiter zu verwundern. - -Das wurde bald anders! - -An einem der ersten Tage der Belagerung überflog ich wiederum die -Südküste der Schantung-Halbinsel, um nach feindlichen Schiffen und -besonders nach feindlichen Truppenlandungen Ausschau zu halten. Die -Küste war wie ausgestorben, auch nicht das geringste war zu sehen -gewesen. Ganz beruhigt, daß wir von dieser Seite aus sicher waren, flog -ich nach Hause zurück. Nur so nebenbei ging ich an diesem Abend noch -auf das Gouvernement, um einem Kameraden Guten Tag zu sagen. Zufällig -traf ich hier mit dem Chef des Stabes zusammen, der große Eile hatte, -da er eine wichtige Sitzung beim Gouverneur für einen Augenblick -verließ, um sich ein Buch zu holen. - -Im Vorbeigehen rief er mir noch zu: „Na, Plüschow, sind Sie wieder mal -geflogen?” - -„Jawohl”, sagte ich, „ich komme eben zurück. Ich habe mehrere Stunden -lang die Küste nach feindlichen Truppenlandungen abgesucht, habe aber -nichts vom Feinde gesehen.” - -Ich sehe noch heute das überraschte Gesicht unseres Chefs. - -„Was? Die Küste sind Sie abgeflogen, und das sagen Sie erst jetzt? -Wir sitzen seit zwei Stunden und beraten, wie wir die großen -Truppenlandungen in der Dsin-Dsia-Kou-Bucht, die uns heute durch unsere -Kundschafter gemeldet wurden, abwehren können. Und Sie kommen gerade -daher und können so einwandfreie Meldung bringen? Nun aber hinein zum -Gouverneur und Ihre Beobachtung gemeldet!” - -Mit einigen Worten konnte nun die ganze Beratung erledigt werden. Die -Kundschafter-Aussagen waren selbstverständlich erfunden. - -Ich aber war froh; die Ehre und das Ansehen der Fliegerei hatte ich -gerettet! - -Und nun begann für mich die schwerste, aber auch schönste Fliegerzeit. - -Meine Feuertaufe im Flugzeug empfing ich schon bald. Es war in den -ersten Tagen des September, als ich weit, weit draußen das Vorgelände -abgraste und mich in eintausendfünfhundert Metern Höhe so recht des -schönen Sonnenschein-Sonntages erfreute. Unter mir gewahrte ich -plötzlich eine im Anmarsch befindliche größere japanische Truppenmasse, -die mich mit lebhaftem Infanterie- und Maschinengewehrfeuer begrüßte. -Mit zehn Schußlöchern in den Tragflächen kehrte ich stolz nach Hause -zurück. In Zukunft blieb ich aber immer in zweitausend Meter Höhe, -wodurch eventuelle Gewehr- und Maschinengewehrtreffer in meinen Motor -und Propeller wesentlich ungefährlicher wurden. - -Die Feuertaufe an Land ließ auch nicht lange auf sich warten. - -An einem der nächsten Tage fuhr ich mit meinem Auto nach Schatsy-Kou, -wo wir vorgeschobene Posten besaßen. Ohne an Böses zu denken, hielt -ich vor dem Hause an. Zu meinem Erstaunen lagen alle Offiziere und -Mannschaften längs einer nach See zu geschützten Böschung, winkten -lebhaft mit den Armen, was ich selbstverständlich als Begrüßung -auffaßte und durch ebensolches Winken erwiderte. Ich saß noch in meinem -Auto, als ich dicht über meinem Kopfe ein lautes Pfeifen und Zischen -und einen Augenblick darauf bereits ein ohrenbetäubendes Krachen -vernahm. Nur zehn Schritt von uns entfernt war mitten im Mauerwerk des -Hauses die erste Granate krepiert, und ehe ich mich auch nur besinnen -konnte, langten auch schon die folgenden Geschosse an. - -Nun wir aber raus aus dem Auto und die Beine in die Hand genommen und -schnell zu den anderen an die allerdings nur fragliche Deckung gelehnt. -Meine Kameraden bogen sich schier vor Lachen, denn so ernst die -Situation auch war, so ulkig muß der Anblick gewesen sein. - -Nun erfuhren wir auch, was los war. - -Eine japanische Torpedoboots-Flottille lag vor uns und versuchte -durch ihr Geschützfeuer Schatsy-Kou zu zerstören. Zwei volle Stunden -lagen wir, ohne etwas sehen zu können, ohne jede Deckung und ohne -uns rühren zu können, im Granatfeuer. Dann schien die Mittagspause -für den Jap zu kommen, und er stellte das Feuer ein. Als wir die -Schäden des Hauses besichtigten, waren die kleinen Chinesenjungens -schon längst dabei, die Granatsplitter zu sammeln. Und als wir uns -einen Augenblick zu einer Tasse Kaffee hingesetzt hatten, kamen drei -kleine Chinesenstifte freudestrahlend an, in ihren schmutzigen kleinen -Fingern drei Blindgänger haltend, die sie in aller Ruhe vor uns auf den -Tisch warfen. Na, wenn die losgegangen wären, das hätte ein schönes -Schützenfest gegeben! - -Nun mußten wir zurück, und als das Auto in das erste Felsental einbog, -krepierten hinter uns schon wieder die Granaten der neu einsetzenden -Beschießung. - -Einige Zeit darauf mußte ganz Schatsy-Kou mit dem ganzen übrigen -Schutzgebiet geräumt werden, und am achtundzwanzigsten September wurden -wir hinter das Haupthindernis eingeschlossen, und gleichzeitig setzte -von See aus die erste große Beschießung ein. - -Das war eine Ballerei! - -Am frühen Morgen dieses Tages saß ich quietschfidel in meiner -Badewanne, um mich zu einem größeren Fluge zu erfrischen, als plötzlich -ein schier ohrenzerreißender Lärm einsetzte. Da unsere Geschütze -bereits tage- und nächtelang gedonnert hatten, achtete ich nicht weiter -auf den verstärkten Lärm, sondern schob ihn auf das Feuern unserer -Achtundzwanzig-Zentimeter-Haubitzen der Bismarck-Batterie, die, um -Munition zu sparen, bis jetzt geschwiegen hatte, und an deren Fuß meine -Villa lag. - -Ich schickte meinen Burschen noch zu meinem Flugzeug, um nachzusehen, -ob alles klargemacht würde. Aber schon nach einigen Minuten kam -er atemlos und etwas blaß zurück und meldete: „Herr Oberleutnant, -wir müssen schnell die Villa verlassen, wir werden von vier großen -Schiffen beschossen. Eine der schweren Granaten ist eben ganz dicht -beim Flugzeugschuppen krepiert, aber Gott sei Dank ist das Flugzeug -heil geblieben, und niemand ist verletzt. Nur ich habe mir die Finger -verbrannt. Da lag so ein schönes großes Sprengstück, und das wollte ich -doch als Andenken mitnehmen; na, und das war so heiß, aber mitgebracht -habe ich es doch!” Und dabei hob er freudestrahlend ein halb -verbranntes Taschentuch hervor, in dem ein zirka armlanges furchtbares -Sprengstück einer Dreißigeinhalb-Zentimeter-Granate lag. Nun war ich -aber raus aus meinem Bad! Kaum zwei Minuten später stand ich bei meinem -schwer gefährdeten Flugzeug, und mit vereinten Kräften schoben wir den -teuren Vogel in eine andere Ecke des Platzes, wo er hinter einem Abhang -etwas geschützter stand. Dann lief ich auf den Küstenkommandeurstand, -um mir das Schauspiel der Beschießung anzusehen. - -Dieser Kommandeurstand lag auf einem Hügel, von dem man einen geradezu -idealen Überblick über Tsingtau hatte. Von hier aus konnte man jede -einzelne Granate einschlagen sehen, und wenn ich nicht flog, saß ich -während der ganzen nächsten Wochen hier oben in freier Luft, um dem -Kampf zuzusehen. - -Die erste Beschießung von Tsingtau an diesem achtundzwanzigsten -September war besonders eindrucksvoll. - -Das Krachen und Krepieren der Granaten und das Gedröhne -wurden durch die rings herumliegenden Berge bedeutend -verstärkt. Schlag auf Schlag folgten die Einschläge der langen -Dreißigeinhalb-Zentimeter-Schiffsgeschosse, und wir hatten den -Eindruck, daß ganz Tsingtau in einen Trümmerhaufen verwandelt werden -würde. Ein unheimliches Gefühl, an das man sich aber schnell gewöhnt. -Man ist ja doch den einschlagenden Granaten gegenüber vollkommen -machtlos und kann nichts weiter tun als warten, bis alles vorbei ist. - -Man soll nur Glück haben, nicht gerade da zu stehen, wo solch ein -unheimliches Ding niedersaust. - -Wie schmachvoll müssen diese und die folgenden Beschießungen für die -Engländer gewesen sein! - -Die feindlichen Schiffe dampften so weit draußen, daß unsere Geschütze -sie nicht erreichen konnten. Also in vollster Sicherheit. Vorneweg -fuhren drei japanische Schlachtschiffe und als letztes Schiff hinterher -unter japanischem Befehl: das englische Linienschiff „Triumph”. - -Wie stolz sich diese Engländer wohl bei solcher Henkersarbeit -vorgekommen sind! - -Gott sei Dank war der Schaden, den das Bombardement angerichtet -hatte, nicht groß gewesen, und von nun ab sahen wir den kommenden -Beschießungen mit größter Ruhe entgegen. - -Am Abend dieses Tages war ich Zeuge einer besonders traurigen -Begebenheit. - -Unsere Kanonenboote „Cormoran”, „Iltis” und „Luchs” wurden von uns -versenkt, nachdem sie ihre ganze Bewaffnung abgegeben hatten. - -Es war ein ganz trostloser Anblick. - -Die drei Schiffe, hintereinander festgemacht, wurden durch einen -Dampfer in tiefes Wasser geschleppt, dort angezündet, dann gesprengt -und verbrannt. Es sah aus, als ob die drei Schiffe wüßten, daß sie zur -Schlachtbank geführt wurden. So unendlich traurig und hilfesuchend -reckten sie ihre kahlen Masten zum Himmel empor; und unter den Flammen -wanden sich die Schiffsleiber, als wenn sie noch Leben in sich gehabt -hätten, bis endlich die Wogen über ihnen zusammenschlugen und sie von -ihren Leiden befreiten. Wie krampfte sich mir das Seemannsherz zusammen -bei diesem Anblick! Diesen drei folgten „Lauting” und „Taku” und kurz -vor der Übergabe der kleine „Jaguar” und der österreichische Kreuzer -„Kaiserin Elisabeth”, nachdem diese beiden letzteren Schiffe uns -unendliche Dienste geleistet hatten. Die Arbeit dieser beiden Schiffe -füllt ein Ruhmesblatt in der Geschichte von Tsingtaus Kampf und Tod. - - - - -Allerhand Scherze der Japs - - -Die Tätigkeit der japanischen Belagerungsarmee war für uns ein großes -Rätsel. Nach der ersten großen Beschießung dachten wir alle, die -Japaner würden versuchen, die Festung sofort zu stürmen, aber nichts -dergleichen geschah. Wir begriffen den Feind einfach nicht, der mußte -doch wissen, wie schwach wir waren, und daß sie nur ein einziges -Drahthindernis zu überwinden brauchten, um in der Festung zu sein. - -Dann tauchten bei uns die wildesten Gerüchte auf. - -„Die Japaner wagen nicht, uns anzugreifen, die Sache steht in Europa -zu gut für uns!” Dann wieder: „Die Amerikaner schicken uns ihre Flotte -zu Hilfe; die Japaner werden abziehen müssen!” Und dann: „Die Japaner -wollen uns nur aushungern, sie wollen, daß Tsingtau so heil wie möglich -in ihre Hände fällt!” - -Aber alles blieb nur Vermutung. - -Ruhig und systematisch und ohne daß wir sie daran hindern konnten, -landeten die Japaner ihre Truppen, bauten Wege und Eisenbahnen, -schafften die schwersten Belagerungsgeschütze und Munition heran, -gruben sich unseren Hindernissen gegenüber ein und arbeiteten sich -vorwärts gegen unsere Verteidigungslinie. - -Jetzt begann für mich meine Hauptarbeit: das Erkunden der feindlichen -schweren Batterien. - -Und Tag für Tag, wenn das Wetter und _der_ Propeller es erlaubten, -stand ich früh im ersten Morgengrauen bei meinem Flugzeug. - -Und auf ging es, einem ungewissen Schicksal entgegen. Und wenn die -Sonne aufging, dann schwebte ich hoch am blauen Firmament, umkreiste -stundenlang die feindlichen Stellungen und spähte hinab auf das -geliebte Schutzgebiet, in das sich ein frecher Feind einnistete, um uns -Tod und Verderben hinüberzusenden. - -Schwer war meine Arbeit, aber schön, und sie wurde durch den Erfolg -reichlich belohnt. - -Und _daß_ ich Erfolg hatte, das merkte ich am besten aus den -Anstrengungen, welche der Feind machte, um mich herunterzuholen und -mich unschädlich zu machen. - -Wie ich bereits vorher erwähnt habe, war ich jetzt der einzige Flieger -in Tsingtau, „der Vogelmaster von Tsingtau”, wie mich die Chinesen -nannten, und hatte auch nur diese eine Taube zur Verfügung. Nun galt -es aufpassen und nichts kaputt machen, sonst war es vorbei mit der -Fliegerei. - -Ganz außerordentlich wurde das Fliegen erschwert durch den kleinen, -von hohen Bergen wie ein Kessel eng umschlossenen Flugplatz und die -ganz außerordentlich schwierigen Luftverhältnisse. Durch die hohen, -schroffen Gebirge, durch den Wechsel von Land und Wasser und durch die -starke Sonnenbestrahlung war die Turbulenz der Luft ganz ungewöhnlich -stark und die Luftverhältnisse schon morgens um acht Uhr so ungünstig, -wie sie in Deutschland während der heißesten Jahreszeit um die -Mittagsstunden kaum vorkommen. Nur der kann wohl einen Begriff von den -Schwierigkeiten des Fliegens in einem solchen Gelände sich bilden, der -das selbst durchgemacht hat. - -Hinzu kam, daß mein Flugzeug, welches für normale Verhältnisse zu Hause -gebaut war, in dieser dünnen Luft zu schwer war, mein Motor hundert -Umdrehungen zu wenig machte und ich mit einem Propeller flog, der auf -die oben angeführte Weise entstanden war. - -Kein Wunder also, daß ich nicht daran denken konnte, jemals einen -Beobachter mitzunehmen. Alles irgend Entbehrliche riß ich aus meinem -Flugzeug heraus, um es zu erleichtern. Benzin und Öl wurden so -bemessen, daß ich eben auskam, ja oft ließ ich sogar meine Lederjacke -zu Hause, nur um mit dem Flugzeug aus dem Platz herauszukommen. - -Der Start, der war ja das Verhängnisvolle! - -Jeder Start mußte glücken; mißlang er, dann war es um mich und mein -Flugzeug geschehen. - -Der Abflug war wirklich ein jedesmaliger Kampf auf Leben und Tod, und -wie oft hat es nur an einem Haar gehangen, daß das Flugzeug nicht -zerschellte. - -Manchmal, wenn ich nach Süden zu startete, setzten am Ende des Platzes, -ungefähr da, wo das Fort Hu-Tchuen-Huk mit dem Meere zusammenstößt, -enorme Fallböen ein, das Flugzeug fiel direkt unter mir weg, ich -riß es eben noch über die Geschützrohre des Forts frei, dann fiel -das Flugzeug wieder schwer durch, und oft handelte es sich nur um -Handbreiten, daß ich es über dem Meeresspiegel wieder abfing, wo es -sich langsam erholte und zu klettern anfing. - -Der Start nach Norden zu (andere als diese beiden Richtungen kamen -nicht in Frage) war furchtbar, und im ganzen habe ich ihn nach dieser -Richtung hin auch nur sechs- bis siebenmal gemacht; aber an diese Male -denke ich dafür mein Leben lang. - -Im äußersten Südzipfel des Platzes mußte ich dann starten. Und in -einer geraden Linie ging es über den nur wenige hundert Meter langen -Platz hinweg, über meinen Schuppen, über mehrere Villen und über -unseren Kirchhof, der bereits an einem zirka einhundertundfünfzig Meter -hohen schmalen Sattel lag, der von beiden Seiten von den Felsmassen -des Bismarck-Berges und der Iltis-Berge eingeschlossen wurde. Sowie -ich links den Bismarck-Berg hinter mir hatte, kamen die ersten -Seitentäler, und aus diesen setzten scharfe Böen ein, mein Flugzeug -bekam einen mächtigen Stoß und legte sich schwer nach Steuerbord über, -und trotz voller Verwindung konnte ich das Flugzeug nicht wieder -aufrichten. Seitensteuer durfte ich nicht geben, um nicht in die Felsen -hineinzurennen. - -[Illustration: Das Dienstpersonal des Verfassers in Tsingtau.] - -So raste denn mein Flugzeug in dieser Stellung mit der rechten -Flügelspitze nur wenige Zentimeter von den unter mir liegenden -Baumkronen und Felsmassen entfernt durch dieses Höllental hindurch, und -ich konnte nichts weiter tun, als mein Steuer mit eiserner Ruhe führen, -um nicht unten zu zerschellen. Bis ich dann endlich auf der anderen -Seite über dem Wasser der Kiautschou-Bucht schwebte und mein Flugzeug -wieder vernünftig wurde. - -[Illustration: Kapitänleutnant Plüschow.] - -Ich will's gestehen, heiß und kalt hat's mich bei jedem Start -überlaufen, und ordentlich froh war ich, wenn ich ihn hinter mir hatte -und mich höher und höher schraubte, bis ich endlich meine zweitausend -Meter erreicht hatte. Das war allerdings eine Geduldsprobe. Manchmal -kam ich in einer Stunde hinauf. Gewöhnlich aber dauerte es bis zu -einunddreiviertel Stunden. Während dieser ganzen Zeit flog ich weit, -weit draußen über See, um den Schrapnells, die die Japaner nach mir -sandten, zu entgehen. - -Was konnte ich noch lange darüber nachdenken, daß ich ein Landflugzeug -hatte, und daß ich bei der geringsten Motorpanne ertrinken mußte. Es -wäre ja doch dasselbe gewesen, als wenn eine Panne oder womöglich ein -Volltreffer mich über dem Lande erreicht hätte. Im ganzen Schutzgebiet -gab es nur Felsen, Schluchten und außer meinem Flugplatz nicht ein -einziges Plätzchen, wo ich hätte heil landen können. - -Die Gedanken daran kamen mir wohl ab und zu in den ersten Tagen, aber -da sie doch zwecklos waren, gab ich sie wieder auf. - -Während der ganzen Zeit dieses Emporkletterns erfreute ich mich dann an -dem herrlichen Sonnenschein, an dem wunderbaren Anblick der schroffen -Felsenküsten und an dem tiefblauen Meer. Meist sang oder pfiff ich -ein Liedchen, und wenn der Höhenmesser zweitausend Meter zeigte, dann -brummte ich ein Gott sei Dank, und auf dem kürzesten Wege schoß ich der -feindlichen Linie zu und begann meine Beobachtungen. - -Diese führte ich dann folgendermaßen aus: - -Sobald ich über dem Feinde war, drosselte ich den Motor so, daß das -Flugzeug die Höhe von selber hielt. Dann hängte ich meine Karte -vor mich an das Höhensteuer, nahm einen Bleistift mit Notizheft -zur Hand und beobachtete nach unten, zwischen Tragfläche und Rumpf -hindurchsehend, den Feind. Das Höhensteuer ließ ich ganz los, und die -Seite steuerte ich mit den Füßen. - -Eine Stellung umkreiste ich dann so lange, bis ich alles ausgemacht, in -die Karte eingetragen, mir genau aufgeschrieben und eine ganz genaue -Skizze angefertigt hatte. Ich hatte bald eine solche Übung darin, daß -ich oft, ohne überhaupt aufzusehen, einundeinhalb bis zwei Stunden nach -unten beobachtete und alles genau aufschrieb. - -Und wenn mir dann das Genick steif wurde, drehte ich mich um und sah -nach der anderen Seite hinunter. Bis ich dann endlich mit meinen -Aufzeichnungen zufrieden war und ein Blick auf die Benzinuhr mich -belehrte, daß es höchste Zeit sei umzukehren, um noch meinen Platz zu -erreichen. - -Der Rückflug war jedesmal derselbe. In stolzem Bogen umkreiste ich die -Werft und die Stadt, und über meinem Platz angekommen, stellte ich den -Motor ab, und in rasendem Kurven-Gleitflug ging es der Erde zu, und -vier Minuten später stand ich wohlbehalten unten. - -Die Eile war nötig! - -Mein Flugzeug wurde natürlich während der ganzen Stunden, die ich über -den feindlichen Stellungen schwebte, auf das heftigste mit Gewehren -und Maschinengewehren beschossen. Und als das nichts half, kamen die -Schrapnells. Die waren allerdings eklig. - -Und immer wieder neue Überraschungen hatten die Japaner für mich. Als -ich zum Beispiel an einem herrlichen Morgen mit prächtigem blauem -Himmel von einer Aufklärung zurückkam und landen wollte, schwebten -über meinem ganzen Landungsplatz lauter kleine weiße Wölkchen in etwa -dreihundert Meter Höhe, die von oben ganz allerliebst aussahen. - -Aber bald merkte ich, daß die Japaner sich wieder einmal einen -Scherz mit mir erlaubten, denn die Wölkchen waren Sprengwolken von -Zehneinhalb-Zentimeter-Schrapnells. - -Aber was half es -- Zähne zusammen und durch! - -Und vier Minuten später stand meine Maschine aus zweitausend Meter -Höhe im Sturzflug kommend, wohlbehalten auf dem Platz, und so schnell -ich konnte, rollte ich mit ihr in den Schuppen, dessen Dach durch Erde -geschützt war. - -Nun galt es für mich, List anzuwenden. - -Und manchmal, wenn ich noch über den feindlichen Stellungen war, -stellte ich plötzlich den Motor ab und sauste senkrecht auf eine Ecke -meines Platzes zu, so daß die Japaner glaubten, ich sei abgeschossen, -und sie so überrascht wurden, daß ihre Schrapnells über dem Platz erst -ankamen, als ich bereits zum Schuppen rollte. - -Als ich aber immer wiederkam, da verlegten die Japaner zwei ihrer -Zehneinhalb-Zentimeter-Batterien so weit nach hinten und nach der -Seite, daß ihre Schrapnells mich bequem erreichten, während ich die -Stunden über ihren Stellungen kreiste. Das war das Unangenehmste, und -oft wäre mein Schicksal auch beinah besiegelt gewesen, wenn ich nicht -durch eine plötzliche scharfe Wendung das Getroffenwerden vermieden -hätte. - -Die Schrapnells krepierten dann so nahe, daß ich trotz des -Motorengeräusches das häßliche Bellen der Detonation hörte, den -heftigen Luftdruck im Gesicht verspürte und mein Flugzeug so stark -wie eine alte Kuff im Seegang zu rollen anfing, was mich bei meinen -Beobachtungen stark belästigte. - -Ich muß offen sagen, sobald ich jedesmal glatt gelandet war, spürte ich -ein herrliches Gefühl der Freude und der Genugtuung nach vollbrachter, -schwerer Arbeit, ja meist stieß ich vor lauter Freude einen kräftigen -Jauchzer aus. - -Zu denken auch: - -Nur vier Minuten früher war ich zweitausend Meter hoch gewesen, hatte -Stunden höchster Anstrengung und Gefahr hinter mir und rollte nun -trotz Geschoß und Schrapnell auf Gottes schöner Erde und hatte wieder -festen Grund unter den Füßen! - -Sobald ich aufgesetzt hatte, kamen meine vier braven Leute, die des -Schrapnellhagels nicht achteten, herangelaufen und halfen mir die -Maschine bergen. Mit freudigem Gekläff wurden sie umsprungen von meinem -treuen Hund Husdent. - -Und während die vier das Flugzeug zum nächsten Male wieder klar -machten, saß ich längst am Steuer meines Autos, in der Brusttasche -meine Karten und Meldungen, neben mir Husdent, und raste nochmals durch -das Schrapnellfeuer über den Platz und zum Gouvernement, wo bereits auf -meine Meldungen gewartet wurde. - -Ich glaube, man wird meine Freude und meinen Stolz verstehen können, -wenn ich meine Aufzeichnungen auspacken konnte. Hatte ich doch manchmal -an einem Tage fünf bis sechs neue feindliche Batterien entdeckt, und -oft füllten meine Beobachtungen vier Seiten der Berichtsformulare aus. - -Der warme Händedruck des Dankes meines Gouverneurs und des Chefs des -Stabes sagte mir genug. - -Und während ich dann nach Hause fuhr, um zu frühstücken und mich -zu erholen, da donnerten bereits unsere Geschütze und warfen ihren -Eisenhagel in die von mir neu erkundeten Stellungen hinein. - - - - -Meine Kriegslist - - -Wie traurig sah es jetzt in meinem Häuschen aus, so einsam und -verlassen! - -Gleich zu Beginn der Belagerung mußte der gute Patzig -sein Heim aufgeben und als Batteriekommandeur zu seiner -Einundzwanzig-Zentimeter-Batterie eilen. Nur vier Wochen hat er etwas -von seiner schönen Wohnung gehabt, dann saß er in seiner Kasematte -und tat seine Pflicht, bis seine letzte Granate verschossen war und -die Japaner mit ihren Achtundzwanzig-Zentimeter-Haubitzen seine ganze -Batterie zu einem wüsten Trümmerhaufen verwandelten! - -Treulos verließ mich aber, als der erste Schuß fiel, mein Chinesenkoch -Moritz, und eines Abends waren auch Fritz, Max und August spurlos -verschwunden. - -Nach einigen Tagen kam ein neuer Chinesenkoch, Wilhelm genannt, der mir -mit großen Gebärden erzählte: - -„Du, Vogelmaster, ich gute Koch sein, ich nicht weglaufen wie die -schlechte Kerl, die Molitz, iche nicht Angst haben, ich ~plenty~ gut -chau-chau mache.” - -Ich glaubte es, versprach ihm fünf Dollars mehr, und es ging auch ganz -gut, bis eines Tages die ersten feindlichen Granaten in der Nähe meines -Hauses krepierten und Herr Wilhelm ebenso spurlos verduftete wie seine -Vorgänger. - -Nun saß ich mit meinem treuen Burschen Dorsch in dem verwaisten Hause -allein. - -Wir beide waren jetzt die einzigen Bewohner des ganzen Villenviertels -der Iltis-Bucht. - -Angenehm und sicher war der Aufenthalt gerade nicht, denn die Villen -waren an die Hügel gebaut, die unsere Hauptbatterien trugen, und die -feindlichen Granaten, die bei diesen vorbeigingen, trafen mitten in uns -hinein. Wir beide waren aber sehr vorsichtig. Wir zogen nämlich aus dem -oberen Stockwerk aus und richteten uns im Erdgeschoß häuslich ein. Zum -Überfluß stellten wir beide noch unsere Betten so in eine Ecke, daß wir -nicht unmittelbar am Fenster lagen, und das war dann Sicherheit genug. -Gut, daß kein dicker Koffer uns zu einem Versuch herausforderte. - -In der Luft blieb ich nicht lange allein. - -Am Vormittag des fünften September, bei unfreundlichem Wetter, mit -tiefhängenden Wolken, hörten wir plötzlich das Brummen eines Motors, -und ich lief aus dem Hause, um zu sehen, was los sei. Und schon schoß -dicht über unseren Köpfen ein riesiger Doppeldecker aus den Wolken. Ich -war sprachlos. Und wie gebannt schaute ich dem Gespenste nach. Bald -jedoch krachten die ersten Bombenexplosionen, und nun gewahrte ich auch -die großen roten Bälle unter den Tragflächen des Flugzeuges. - -Also ein Japaner! - -Ich muß sagen, mir war eigenartig zumute, als ich den riesigen -feindlichen Kollegen so dicht über meinem Kopfe dahinschweben sah. Das -konnte ja für die Zukunft eine heitere Geschichte werden! - -Für Tsingtau war das Erscheinen des feindlichen Fliegers eine höchst -unangenehme Überraschung. Daß die Japaner auch Flugzeuge mitbringen -würden, das hatte keiner erwartet. - -Im ganzen hatten die Japaner im Laufe der Belagerung acht Flugzeuge, -darunter vier ganz hervorragend große Wasserdoppeldecker, um die ich -die Japse herzlichst beneidete. - -Wie oft habe ich in den nächsten Wochen, wenn die wunderschönen, neuen, -großen Wasserdoppeldecker der Japaner die Stadt umkreisten, sehnsüchtig -nach oben geschaut und mir solch ein Ding herabgewünscht. - -Fliegen taten die Japaner sehr gut, und mit außerordentlichem Schneid, -das muß man ihnen lassen. - -Ein Segen, daß ihr Bombenwerfen nicht ebensogut war, sonst hätte es bös -was für uns abgegeben. - -Die japanischen Fliegerbomben waren stark, neuester Konstruktion und -von ganz bedeutender Sprengwirkung. - -Einen gewaltigen Vorteil hatten die feindlichen Wasserflugzeuge. Sie -konnten weit draußen, gänzlich ungestört durch uns, ohne Rücksicht auf -Windrichtung, in aller Ruhe starten, hatten so viel Anlaufstrecke vor -sich, wie sie nur irgend wünschen konnten, Windrichtung war gänzlich -egal, und wenn sie dann in größter Sicherheit ihre dreitausend Meter -erreicht hatten, kamen sie zu uns herüber, und dann pfiffen sie auf -unsere Schrapnells und unser Maschinengewehrfeuer. - -Eins der Hauptziele der feindlichen Fliegerbomben war mein -Flugzeugschuppen. - -Die Sache wurde für mein Flugzeug bald so ungemütlich, daß ich eines -Tages auszog und beschloß, meine feindlichen Kollegen ganz gründlich -anzuführen. - -Mein richtiger Schuppen lag auf dem Nordende des Platzes, war von oben -wundervoll zu sehen und den Japanern natürlich zur Genüge bekannt. Nun -baute ich in aller Stille genau am entgegengesetzten Ende des Platzes -einen neuen Schuppen, den ich direkt an einen Bergabhang anlehnte und -mit Erde und Gras so bedeckte, daß von oben tatsächlich nicht das -geringste zu sehen war. Dann bauten wir mit vieler List und Tücke aus -Brettern, Segeltuch und Blech ein Scheinflugzeug, welches von oben -gesehen meiner Taube täuschend ähnlich sah. Sowie nun in Zukunft die -feindlichen Flieger kamen, wurde Theater gespielt. - -An einem Tage waren die Tore meines alten Schuppens auf, und davor saß -im schönen grünen Gras, breit und behäbig, mein Simulaker. An einem -anderen Tage waren die Tore geschlossen und nichts zu sehen. Wiederum -an einem Tage saß mein Scheinflugzeug an einer anderen Stelle des -grünen Rasens, wo es sich besonders gut abhob, und so ging es fort. -Nun kamen die feindlichen Flieger und warfen Bomben auf Bomben und -bemühten sich, diesen unschuldigen Vogel zu treffen. Wir dagegen, mit -unserem richtigen Flugzeug, saßen quietschfidel und durch unser Dach -wohlgeschützt am anderen Ende des Platzes und hielten uns den Bauch -vor Lachen, wenn wir sahen, wie die Bomben ihr unschuldiges Opfer -heimsuchten. - -Eines Tages, als wieder besonders viele Bomben gefallen waren, nahm -ich ein schönes Sprengstück einer japanischen Fliegerbombe, befestigte -daran meine Visitenkarte und schrieb darauf: „Den feindlichen Kollegen -besten Gruß! Warum werfen Sie mit so harten Gegenständen? Wie leicht -kann das ins Auge gehen! Und das tut man doch nicht!” - -Diesen Brief nahm ich bei meinem nächsten Fluge mit und warf ihn vor -der japanischen Wasserflugstation nieder. - -Das war aber nur die Ankündigung meines Besuches. - -Im Artilleriedepot hatte nämlich einer der Herren inzwischen -Bomben für mich angefertigt. Ganz großartige Dinger! Große -Zweikilogramm-Blechbüchsen, auf denen schön zu lesen war: Sietas, -Plambeck & Co., bester Java-Kaffee, wurden mit Dynamit, Hufeisennägeln -und Eisenstücken gefüllt. Unten wurde eine Bleispitze angebracht und -oben ein Zünder, der daraus bestand, daß ein spitzer Eisenkern beim -Aufschlagen auf das Zündhütchen einer Gewehrpatrone schlug und dadurch -die ganze Bombe zur Explosion brachte. Etwas unheimlich waren mir ja -diese Dinger, und wie ein rohes Ei faßte ich sie an, und ich war immer -herzlichst froh, wenn ich sie abgeworfen hatte. Viel Schaden haben -sie nicht angerichtet. Einmal habe ich ein Torpedoboot getroffen, -und da ging das Ding nicht los; mehrere Male hätte ich beinahe einen -Transportdampfer erwischt, und einmal habe ich gemäß japanischen -Nachrichten eine Bombe mitten in eine japanische Kolonne geworfen und -damit dreißig Gelbe zum Hades befördert. - -Bei einer Gelegenheit hatte ich mich ganz besonders geärgert, und das -war, als ich eines frühen Morgens das Lager unserer lieben Vettern -erkundet hatte und ihnen zu ihrem Morgenkaffee meinen echt javanischen -Kaffee beisteuern wollte. Die Bombe fiel nach englischen Berichten -auf ihr Küchenzelt, und da dieses stark federte, prallte sie leider -wirkungslos ab. - -Das Vergnügen des Bombenwerfens habe ich mir bald verkniffen. Ich hatte -sowieso schon, wo ich immer allein war, genug zu tun. Die Wirkung -rechtfertigte auch nicht die mit Bombenwerfen verschwendete Zeit. - -Mit meinen feindlichen Fliegerkollegen habe ich mich dann öfters in der -Luft getroffen. Suchen tat ich diese Begegnung nicht, denn ich allein -mit meiner langsam steigenden, schwerfälligen Taube konnte gegen die -großen Doppeldecker, die drei Mann Besatzung an Bord hatten, nichts -ausrichten. Und vor allen Dingen hatte ich die verdammte Pflicht, -aufzuklären und dann das Flugzeug Tsingtaus heil nach Hause zu bringen. - -Einmal war ich in meine Beobachtungen ganz vertieft, als mein Flugzeug -sehr stark anfing zu schlingern und zu stampfen. Ich dachte, es wären -wieder einmal Luftstörungen, die durch die vielen steilen und schroffen -Gebirge hervorgerufen wurden und ja das ganze Fliegen in dieser Gegend -so außerordentlich erschwerten. Ohne also aufzusehen, beobachtete ich -weiter und erfaßte nur mit der einen Hand das Höhensteuer, um das -Flugzeug zur Ruhe zu zwingen. - -Nach meiner Rückkehr wurde mir zu meinem Erstaunen erzählt, daß eins -der feindlichen Flugzeuge dicht über mir weggeflogen wäre, und alles -dachte schon, ich würde von diesem heruntergeschossen werden. - -Das nächstemal paßte ich besser auf. Und als ich einen meiner -feindlichen Landkollegen dicht unter mir erblickte, verfolgte ich ihn -und schoß ihn mit meiner Parabellum-Pistole mit dreißig Schuß herunter. - -Kurze Zeit hinterher wäre es mir fast selbst so ergangen. Ich war nur -eintausendsiebenhundert Meter hoch, und trotz der größten Anstrengung -kam und kam ich nicht höher. Ich war gerade über dem feindlichen -Wasser-Fliegerlager, und einer der großen Doppeldecker startete -soeben. Ich führte nun meine Erkundungen weiter aus und dachte: Na, -der kann ja lange krebsen, bis er so hoch ist wie du! - -Aber schon nach vierzig Minuten, als ich nach links über die -Tragflächen hinwegschaute, da schwebte der Feind nur wenige tausend -Meter entfernt in derselben Höhe wie ich. Donnerwetter, nun hieß es -aufpassen und höher steigen. Aber wie verhext streikte mein Vogel. -Nicht einen Meter gewann ich mehr, und schon nach fünfzehn Minuten war -der andere ein ganzes Stück höher als ich, kam schräg auf mich zu, und -ich merkte seine Absicht, mir den Weg nach Tsingtau abzuschneiden. - -Jetzt ging's um die Wette, wer zuerst ankam und sich zuerst über -Tsingtau befand. - -Ich gewann das Rennen. - -Und als ich über meinem Platz war, da ging's im steilsten Sturzfluge -nieder, und als ich eben auf dem Platze aufsetzte, da krepierten auch -schon die ersten feindlichen Bomben dicht hinter mir. - -Wie wunderbar manchmal so eine Bombe trifft! - -In Tsingtau war strenger Befehl, daß bei Annäherung der feindlichen -Flieger jedermann sofort in Deckung zu gehen hätte, wodurch es -ermöglicht wurde, daß keine Verluste eintraten. Nur einmal ist ein -Unteroffizier verletzt worden und einmal ein Chinese. Und das war -wunderbar genug! Auf meinem Platze arbeiteten ungefähr hundert -Chinesen, und bei Annäherung der Flieger brachten sie sich schleunigst -in Sicherheit. - -Nur so'n brauner Geselle blieb an einem Tage mitten auf dem Platze -mutterseelenallein sitzen und sah sich erstaunt den großen Vogel an. -Bums! ging eine Bombe nieder, und wo krepierte sie? Ausgerechnet einige -Schritte neben diesem armen Teufel, und verletzte ihn schwer. - -Ja, ich sage, man muß nur Pech haben und gerade da stehen, wo Granaten -und ähnlich schwerverdauliche Gegenstände herniederfallen. - - - - -Hurra! - - -Und wie sah es nun inzwischen in Tsingtau aus? Die Beschießung von -See setzte täglich ein, und bald kamen auch die ersten Landbatterien -und halfen mit bei dem höllischen Spiel. Außer in den bombensicheren -Räumen und Kasematten gab es keinen sicheren Platz mehr in ganz -Tsingtau. Die Beschießung wurde heftiger und immer heftiger, -und an manchen Tagen wurden allein von See aus mehrere hundert -Dreißigeinhalb-Zentimeter-Schiffsgranaten in das kleine Tsingtau -hineingeschossen. - -Am vierzehnten Oktober fand eine besonders heftige Beschießung -unseres Seewerkes Hu-Chuin-Huk statt. Weit draußen fuhren die -feindlichen Schiffe, und schon nach der zweiten Salve deckten die -Dreißigeinhalb-Zentimeter-Granaten das kleine Werk. Nun folgte Salve -auf Salve. Das ganze Werk war in Wassersäulen, Flammen und Rauch -eingehüllt, und das Krachen und Dröhnen der krepierenden Granaten ließ -die Erde erbeben. - -Wie immer, so stand ich auch an diesem Morgen auf dem -Küstenkommandeurstand nur rund tausend Meter seitlich von dem -beschossenen Fort ab und erlebte so das grausige Schauspiel aus -nächster Nähe. - -Oft flogen die scharfen, bis über einen Meter langen Sprengstücke der -Granaten pfeifend und surrend und unheimlich zischend über unsere -Köpfe weg, ohne daß wir darauf achteten, da uns der Anblick des -beschossenen Forts zu sehr gefangennahm. Das Gesehene war so gewaltig, -daß es sich nicht beschreiben läßt. - -So etwas kann man nur erleben. - -Wir dachten mit Schmerzen an die tapfere Besatzung und an ihren -sicheren Untergang, aber mitten im tollsten Feuer schoß die eine -alte Vierundzwanzig-Zentimeter-Kanone einen Schuß, und voll Spannung -richteten sich sofort alle unsere Doppelgläser auf die feindlichen -Schiffe. - -Und da plötzlich ein Hurra! So jubelnd und froh entrang es sich unsern -Kehlen, und drüben beim englischen Linienschiff „Triumph” saß unsere -Sprenggranate mitten an Deck. „Triumph” drehte sofort ab und lief mit -äußerster Kraft davon, und als kurze Zeit darauf unsere zweite Granate -ankam, konnte sie nur noch fünfzig Meter hinter seinem Heck ins Wasser -einschlagen. - -„Triumph” dampfte dann nach einigen Signalen, die er mit dem -japanischen Flaggschiff wechselte, ab und ging zur Reparatur nach -Yokohama. - -Die drei japanischen Schiffe setzten ihre Beschießung fort, aber -nunmehr in noch respektvollerer Entfernung, so daß es zwecklos war, mit -unseren alten Kanonen, die längst nicht so weit reichten, zu feuern. - -Mittags um zwölf Uhr hörte die Beschießung endlich auf, nachdem der -Feind sowohl wie wir mit Recht der Überzeugung sein konnten, daß das -Fort zerstört und die Insassen getötet seien. - -Sofort eilte der Stab des Küstenkommandeurs zum Fort Hu-Chuin-Huk, und -auch ich folgte mit meinem Auto. - -Gewärtig eines furchtbaren Anblicks, waren wir bei unserer Ankunft -höchst erstaunt, die gesamte Besatzung froh und vergnügt umherspringen -zu sehen, Sprengstücke sammelnd und die riesigen Krater, die die -feindlichen Granaten in den Boden geschlagen hatten, bewundernd. - -Das war eine Freude! Kein einziger der Leute verletzt, kein Geschütz -beschädigt, kein bombensicherer Raum durchschlagen! - -Der Erfolg der schweren Beschießung war: eine Keksschachtel zerschlagen -und ein Mannschaftshemd, welches zum Trocknen gehangen hatte, zerrissen. - -Und dazu unter anderem Einundfünfzig- bis -Dreißigeinhalb-Zentimeter-Geschosse. - -Durch eine der dünnen Panzerkuppeln war eine schwere Granate glatt -durchgeschlagen und war als Blindgänger friedlich auf den Eisenplatten -neben dem Geschütz liegengeblieben. - -Nun löste sich auch das Rätsel unseres eigenen Schusses: Unsere -Geschütze hatten eigentlich nur eine Reichweite von hundertsechzig -= hundert. Aber da war die Bedienung dabeigegangen und hatte es mit -unendlichen Mühen fertig gebracht, daß das Geschütz einige Sechzehntel -Grade höher gerichtet wurde und dadurch wieder zwei- bis dreihundert -Meter weiter schießen konnte. - -Und, das Geschützrohr in höchster Erhöhung fertig geladen, hatte die -wackere Besatzung und ihr tapferer Batterieführer, Oberleutnant zur -See Haßhagen, trotz des furchtbaren Granatfeuers ruhig am Geschützrohr -ausgeharrt, bis endlich eines der Schiffe in Reichweite kam. - -Und der erste Schuß, der saß gleich! - -Und das schönste war: er traf den Richtigen. - -Schade, daß beim zweiten Schuß der „Triumph” schon so weit weggelaufen -war, sonst hätte ihn schon an diesem Tage sein Schicksal ereilt. - -Aber er entging ihm nicht! - -Und was wir nicht mehr vollbringen konnten, hat einige Monate später -unser Hersing ausgeführt. Im Frühjahr Neunzehnhundertfünfzehn hat er -uns Tsingtauer gerächt, als er mit seinem U-Boot vor den Dardanellen -denselben „Triumph” auf den Meeresboden hinabsandte. - -Wir Tsingtauer wissen ihm dafür Dank! - -Mit den Offizieren und der Besatzung des Forts Hu-Chuin-Huk verband -mich ein besonders inniges Verhältnis. - -Von Rechts wegen gehörte ich überhaupt zu ihnen, denn erstens grenzte -mein Flugplatz an das Fort, und zweitens waren sie jedesmal Zeugen -meiner Starts und vor allen Dingen meiner Bemühungen, von ihren Kanonen -frei zu kommen. Und mehr als einmal standen die Leute klar, um ins -Wasser zu springen und mich zu retten, da sie glaubten, ich stürze mit -dem Flugzeug hinein. - -Und so oft ich Gast des hervorragenden Fortkommandanten, -Kapitänleutnants Kopp, war, malten wir uns in den schönsten Farben -unseren Einzug in Deutschland nach beendetem Kriege aus, und da wurde -selbstverständlich ausgemacht, daß ich mit bei der Besatzung vom Fort -Hu-Chuin-Huk marschierte. - -Am siebzehnten Oktober spät abends stand eine Gruppe von Offizieren in -atemloser Spannung auf dem Küstenkommandeurstand. Wir wenigen hier oben -wußten, worum es sich handle. Das alte Torpedoboot ~S~ 90, Kommandant -Kapitänleutnant Brunner, sollte auslaufen. - -Schon zwei Abende vorher war er zu kühner Nachtfahrt in See gegangen -und hatte dort, von wo aus die japanischen Schiffe uns beschossen, -Minen gestreut. - -Heute sollte er nun seine schwerste und letzte Aufgabe erfüllen: die -Linie der feindlichen Torpedoboots-Zerstörer durchbrechen und eins der -feindlichen Schiffe angreifen. - -Es war eine helle Nacht, und der Mond ging gegen zehn Uhr unter. Nun -sollte das Boot auslaufen. - -Es wurde zehn Uhr, zehn Uhr dreißig, die Spannung wuchs unerträglich. -Nichts von ~S~ 90 war zu sehen. - -Da -- um elf Uhr gewahrten wir einen langen, grauen Schatten, welcher -sich vorsichtig auf dem Wasser unterhalb des Perlgebirges dahinbewegte. -Und bald erkannte auch das scharfe Seemannsauge die Formen des -Torpedobootes. - -„Glückliche Fahrt, ihr wackeren Leute!” - -Unser aller Herzen sandten ihnen die heißesten Wünsche nach. Nun -verschwand das Boot unseren Blicken, und bald kam der gefährliche -Moment, wo es die feindliche Zerstörerlinie durchbrechen würde. - -Gebannt starrten unsere Augen nach dem offenen Meere, jeden Augenblick -das Aufblitzen der Scheinwerfer und das Mündungsfeuer der feindlichen -Geschütze erwartend. - -Alles blieb still. - -Es wurde zwölf Uhr, endlich zwölf Uhr dreißig, ein Alp wich von uns -allen. Die feindlichen Zerstörer hatten nichts gemerkt. Nun mußte aber -das Boot am feindlichen Gros heran sein! - -Die Minuten wurden uns zu Stunden. Keiner wagte zu sprechen. - -Da plötzlich um ein Uhr, ganz fern im Süden, draußen auf weiter See, -eine riesige Feuersäule und dann von allen Seiten tastende, grelle -Finger von Scheinwerfern, und ganz leise kam nach einiger Zeit ein -dumpfes Grollen und Beben zu uns herüber. - -Hurra! Das war ~S~ 90's Arbeit! - -Und schon um ein Uhr dreißig hatten wir folgenden Funkspruch in der -Hand: - -„Habe feindlichen Kreuzer mit drei Torpedos angegriffen, alle Torpedos -getroffen. Kreuzer ist sofort in die Luft geflogen. Ich werde von -feindlichen Zerstörer-Flottillen gejagt, Rückweg nach Tsingtau -abgeschnitten, versuche nach Süden zu entkommen und sprenge, wenn -nötig, das Boot in die Luft. Unterschrift: Brunner.” - -Dieses Telegramm allein dürfte wohl für den Kommandanten, seine -Offiziere und Besatzung genug sprechen. - -Wenige Wochen drauf, ohne vorher daran gedacht zu haben, traf ich -in Nanking die ~S~ 90-Besatzung wieder. Doch das ist eine spätere -Geschichte. - - - - -Der letzte Tag - - -Die Belagerung nahm ihren planmäßigen Fortgang. Immer näher gruben -sich die Japaner an uns heran, immer mehr schwere Geschütze hatten -sie in Stellung gebracht, und mehrere Male hatten größere japanische -Infanteriemassen nächtliche Sturmversuche auf unsere Infanteriewerke -gemacht, wobei sie allerdings gründlich abgeschlagen wurden. Nun wurden -die Infanteriewerke und besonders die davor liegenden Drahtverhaue -unter einem ständigen feindlichen Artilleriefeuer gehalten, und auch -unsere Geschütze schwiegen kaum noch. Leider waren wir gezwungen, mit -der wenigen Munition, die wir besaßen, sparsam umzugehen. - -Die außerordentliche Länge der Belagerung, das dauernde Artilleriefeuer -und die furchtbare Spannung, in der wir lebten, fing allmählich an zu -wirken. - -Auch meine Nerven begannen zu streiken. - -Zum Essen konnte ich mich kaum noch zwingen, und schlafen konnte ich -bald überhaupt nicht mehr. Wenn ich nachts die Augen schloß, dann -hatte ich sofort im Geiste meine Karte vor mir und sah unter mir -das Schutzgebiet liegen, zerrissen von den feindlichen Gräben und -Stellungen. Und dazu brummte mir der Kopf und sausten mir die Ohren von -dem Radau des Propellers, und dazwischen hörte ich immer wieder die -Worte des Chefs des Stabes: - -„Plüschow, denken Sie daran, daß Sie jetzt für Tsingtau wichtiger -sind als das tägliche Brot! Kommen Sie mir ja zurück und halten Sie -das Flugzeug heil! Und dann denken Sie daran, wie wenige Granaten wir -haben, und daß wir sie auf Ihre Beobachtungen hin verschießen. Seien -Sie sich der Verantwortung bewußt!” - -Ja, weiß Gott, das war ich mir! - -Und ich hatte nichts mehr weiter im Kopfe als die feindlichen -Stellungen, und stundenlang überkreuzte ich sie im Geiste immer wieder -und ging mit mir zu Rate, ob ich das, was ich gemeldet, wirklich -gesehen, ob ich mich nicht vielleicht getäuscht hätte, und ob nicht -dadurch die wenigen Granaten, die wir besaßen, durch meine Schuld -nutzlos verschossen wurden. - -Und wenn ich dann mein Hirn stundenlang zermartert hatte, schlief ich -manchmal gegen drei Uhr morgens, an Geist und Körper zerschlagen, ein. -Und kaum, daß ich eingeschlafen war, da kam die Pflicht, und mein -Monteur stand vor mir und meldete mir mein Flugzeug klar. - -Da gab's dann kein Zögern mehr. - -Und bald stand ich an meiner Taube und prüfte alle Teile noch einmal -genau. - -Oft wollten mir dann meine Nerven noch schnell einen Streich spielen, -und auch mein Magen klappte zusammen. - -Aber wenn ich erst auf meinem Führersitz saß, den Gashebel in der Hand -hatte und meinen Leuten mit dem Kopfe ein Lebewohl zugenickt hatte, -dann gab's nur eins für mich: Ruhe und den eisernen Willen, meinen -Auftrag auszuführen. - -Und wenn erst der Start hinter mir und ich glücklich einige hundert -Meter hoch war, dann war alles wieder in schönster Ordnung. - -Eins kam hinzu, was mich besonders niederdrückte: das war die -furchtbare Einsamkeit, das ewige Alleinsein in meinem Flugzeug. Ja, -hätte ich einen Kameraden mit mir gehabt, und wäre es auch nur gewesen, -um ihm ab und zu zunicken zu können, das würde für mich eine wahre -Erleichterung gewesen sein. - -Und wenn ich mehrere Tage des schlechten Wetters oder meines Propellers -wegen nicht hatte fliegen können und wieder über den feindlichen Linien -schwebte, dann hatte sich so furchtbar viel verändert. - -Eine wahre Verzweiflung packte mich dann oft in der Luft. - -Wo sollte ich bei dem vielen Neuen, das es da unten gab, bloß anfangen? -Wie sollte ich mich aus dem Gewirr von Gräben, Zickzacks und Stellungen -herausfinden? Ganz mutlos ließ ich dann die Karte sinken. - -Aber das waren nur Sekunden. - -Dann raffte ich mich zusammen, nahm meinen Bleistift zur Hand und sah -nach unten. Und bald darauf hörte und merkte ich nichts mehr um mich -herum und sah nur noch den Feind und meine Aufzeichnungen. - -Der siebenundzwanzigste Oktober war für uns ein Jubeltag. Da traf von -Seiner Majestät dem Kaiser folgendes Telegramm ein: - -„Mit Mir blickt das gesamte deutsche Volk voll Stolz auf die Helden -von Tsingtau, die getreu den Worten ihres Gouverneurs ihre Pflicht -erfüllen. Seien Sie alle Meines Dankes sich bewußt!” - -Da gab es wohl keinen in Tsingtau, dem das Herz nicht höher schlug. -Unser Oberster Kriegsherr, der zu Hause so schwer zu arbeiten hatte, -vergaß seine getreue kleine Schar hier im fernen Osten nicht. - -Da gelobte sich wohl ein jeder in seinem Innersten nochmals, so zu -kämpfen und seine Pflicht bis zum letzten zu tun, daß sein Kaiser mit -ihm zufrieden sein könnte. - -Bald rückte der einunddreißigste Oktober, der Geburtstag des Mikado, -heran. Durch Kundschafter hatten wir erfahren, daß die Japaner an -diesem Tage Tsingtau bestimmt nehmen wollten. Den Tag zu beschreiben -ist unmöglich. - -Die Japaner hatten bis zu dieser Nacht ihre sämtlichen Landbatterien -fertig gebaut, und in der Frühe um sechs Uhr dieses einunddreißigsten -Oktober Neunzehnhundertvierzehn donnerten auf einmal von Land und See -sämtliche feindlichen Geschütze und warfen ihren furchtbaren Eisenhagel -auf uns herab. - -Als erstes schossen die Japse die Petroleumtanks in Brand, und bei -dem herrlichen blauen Himmel mit vollkommener Windstille stand die -riesige, dicke Qualmsäule wie ein drohendes Rachezeichen aufrecht da. -Die Japaner schossen von Land in erster Linie mit schweren Haubitzen -bis zum Achtundzwanzig-Zentimeter-Kaliber hinauf, und von See krachten -die schwersten Schiffsgeschütze. Das Fauchen und Herabsausen der -Haubitzgeschosse, das Zischen der Flachbahngeschosse, das Aufschlagen -der Granaten und Sprenggranaten und die Detonation beim Krepieren, -dann das Bellen der zerplatzten Schrapnells und das Dröhnen unserer -eigenen schweren Geschütze -- das war ein Lärm, als ob die Hölle selbst -losgelassen wäre. - -Und wie wurden die Werke und all das in der Nähe liegende Gelände -mitgenommen! Ganze Bergkuppen wurden abgetragen, tiefe Krater -ausgestampft. - -Endlich kam der Abend, und die Heftigkeit des feindlichen Feuers ließ -nach. Wir sowohl wie der Feind glaubten bestimmt, daß unsere sämtlichen -Werke niedergekämpft seien, denn sie glichen zum Teil nur noch -Trümmerhaufen. Aber als unsere braven blauen Jungens an ihre Kanonen -eilten, die zum Teil aus Erd- und Steinmassen förmlich herausgegraben -werden mußten, fanden sie fast sämtliche Geschütze noch heil oder nur -gering beschädigt. - -Da fingen plötzlich mitten in der Nacht, als wir hören und sehen -konnten, wie die feindlichen Sturmkolonnen sich sammelten, unsere -sämtlichen Eisenschlünde an zu feuern und überschütteten die -feindlichen Batterien und die heranrückenden Feinde mit ihrem -vernichtenden Feuer. Die Wirkung dieser Beschießung muß für die Japaner -verheerend gewesen sein. - -Es erfolgte kein Sturm, wie beabsichtigt, und am nächsten Tage setzte -das feindliche Artilleriefeuer erst gegen Mittag sehr flau wieder ein. -Allerdings war es noch so kräftig, daß das kleine Fort Hu-Chuin-Huk -allein fünfzig Volltreffer aus schwersten Haubitzen erhielt. - -Die Japaner zogen aus dieser Nacht ihre Lehren. Und acht furchtbare -Tage und Nächte folgten für uns, an denen das feindliche -Artilleriefeuer auch keine Minute mehr stockte. - -Bei diesem furchtbaren Feuer hätte nach menschlicher Berechnung kein -Einziger von uns am Leben bleiben dürfen. Aber wie durch ein Wunder -blieben unsere Menschenverluste gering. Die japanische Artillerie -schoß vorzüglich, was auch nicht überraschte, da ein Teil ihrer -Artillerieoffiziere bei uns in Jüterbog auf Schießschule gewesen war. -Aber ihre Munition war schauderhaft. Und das war unser Glück. - -Trotz des starken Feuers und der schweren Steilfeuergeschütze ist -es ihnen keinmal gelungen, eine Kasematte, einen der bombensicheren -Räume oder ein Infanteriewerk zu durchschlagen. Dieses und eine enorme -Anzahl von Blindgängern war der Grund unserer geringen Verluste. Und -_den_ Nörglern in Deutschland, die ich leider getroffen habe, die -meinten, der geringen Verlustzahl wegen wäre Tsingtau nichts Rechtes -gewesen, möchte ich eines vor Augen halten: Wir hatten nur eine -Verteidigungslinie mit fünf kleinen Infanteriewerken, einer Brustwehr -und einem kümmerlichen, schmalen Drahthindernis. - -Und diese Linie war sechstausend Meter lang und wurde von dreitausend -Mann gehalten. Eine zweite Stellung und eine zweite Linie, und vor -allen Dingen Menschen, die diese hätten besetzen können, gab es nicht -mehr, denn wir waren ja im ganzen nur etwas über viertausend Mann! - -Und als daher nach diesem achttägigen, schwersten Artilleriefeuer das -Drahthindernis weggeblasen war und die Brustwehr weggeschossen, da war -es den dreißigtausend Japanern, denen wir wochenlang standgehalten -hatten, ein leichtes, durchzustoßen und Tsingtau zur Übergabe zu -zwingen. - -In den ersten Tagen des November bereiteten wir uns auf den Endkampf -vor. - -Am ersten November nachts wurde unser treuer Bundesgenosse, der -österreichische Kreuzer „Kaiserin Elisabeth”, nachdem er seine letzte -Granate verschossen hatte, von seiner wackeren Besatzung in die Luft -gesprengt und versenkt. - -Einige Tage darauf folgte ihm unser letztes Schiff: das tapfere kleine -Kanonenboot „Jaguar”. - -Dann folgten unser Dock und unser Riesenkran, und bald darauf war die -Werft ein Trümmerhaufen. - -Unsere Geschütze hatten sich verschossen, einige waren durch das -feindliche Artilleriefeuer vernichtet, die meisten sprengten wir selbst -in die Luft, nachdem sie ihre Pflicht erfüllt hatten. - -Am fünften November Neunzehnhundertvierzehn mußte auch ich ans -Zerstören gehen, und zwar galt es diesmal meinem Doppeldecker. Durch -mühsamste Arbeit hatte ich mit Hilfe des früheren österreichischen -Fliegerleutnants Clobuczar und der Werft einen wundervollen, großen -Wasserdoppeldecker gebaut. Dieser war nun fertig geworden, und ich -wollte ihn jetzt einfliegen und mit ihm meine Erkundungen fortsetzen, -da ich meinen Landflugplatz, der, nur vier- bis fünftausend Meter vom -Feinde entfernt, von diesem dauernd unter Artilleriefeuer gehalten -wurde, nicht mehr benutzen konnte. - -Nun wurde doch nichts mehr aus meinem Doppeldecker. - -All unsere Arbeit und Mühe war leider vergebens gewesen. - -Dann am Nachmittage, da stand ich vor meinem Gouverneur, und er sagte -zu mir: - -„Wir erwarten stündlich den Hauptsturm der Japaner! Sehen Sie zu, -daß es Ihnen gelingt, morgen früh die Festung auf Ihrem Flugzeuge zu -verlassen. Ich fürchte allerdings, der Japaner wird Ihnen keine Zeit -mehr dazu lassen. - -Und nun, Gott befohlen, und kommen Sie gut durch. Und haben Sie Dank -für die Arbeit, die Sie für Tsingtau leisteten!” - -Und damit gab er mir die Hand. - -„Ich melde mich gehorsamst aus der Festung!” - -Damit war ich entlassen. - -Und nun folgte ein kurzes Abschiednehmen von meinen Vorgesetzten und -Kameraden, und ein großer Stoß Privatbriefe wurde mir mitgegeben. - -Dann ging ich zum letzten Male in meine Villa und nahm Abschied von -meinen Räumen, von vielen liebgewordenen Gegenständen, machte meine -Stalltür auf und ließ mein Pferdchen und meine Hühner laufen, und -dann ging's runter zu meinem Flugzeug, um es zu seinem letzten Fluge -klarzumachen. - -Dann saß ich über meine Karte gebeugt, lernte sie fast auswendig und -rechnete und rechnete. - -Und dann ging ich nachts hinauf zum letztenmal zu der Punkt-Kuppe, wo -mein guter Freund, der Oberleutnant zur See Aye, seit Wochen trotz -schwersten Artilleriefeuers bei seiner kleinen Batterie ausharrte, -und von wo aus man einen herrlichen Ausblick über ganz Tsingtau und -das gesamte Vorgelände hatte. Überwältigt von dem Anblick, der sich -hier bot, blieb ich lange Zeit wie gebannt auf der höchsten Felsspitze -sitzen. Unter mir wogte ein züngelndes Heer greller Blitze, die -von den Mündungsfeuern der wütend hämmernden feindlichen Geschütze -herrührten; und wie ein goldenes Band zog sich von Meer zu Meer das -Gewehr- und Maschinengewehrfeuer, welches unsere Leute dort unten im -Tale abgaben. Dicht über meinem Kopfe da war ein Fauchen, Zischen -und Sausen von Tausenden der schwersten Geschosse, welche ganz dicht -über diese Kuppe hinwegfegen mußten, damit sie ihr Ziel noch erreichen -konnten. Hinter mir dröhnten unsere eigenen Haubitzen ihre allerletzten -Grüße herüber, und von ganz weither, vom letzten Südzipfel Tsingtaus, -grollten die Einundzwanzig-Zentimeter des Forts Hsiauniwa ihren ehernen -Schwanengesang. - -Zerwühlt im Innersten meiner Seele kehrte ich zu Aye zurück, und nach -einem herzlichen kameradschaftlichen Abschiede, bei dem er mir zu -meinem kommenden Fluge alles Gute wünschte, drückten wir uns kräftig -die Hand und trennten uns. - -Ich war der letzte Offizier in Tsingtau, der ihm die Hand geschüttelt -hat. Wenige Stunden später fiel er in heldenmütigem Kampfe gegen -dreißigfache japanische Übermacht samt seiner kleinen Schar, als sie -die Geschütze nicht übergeben wollten. - -Ein leuchtendes Beispiel edlen Heldentums. - -Die mir jetzt noch bleibende Zeit blieb ich mit meinen vier braven -Leuten bei meinem Flugzeuge klar stehen, um jeden Augenblick, falls die -Japaner stürmen und durchstoßen würden, meinen Auftrag ausführen zu -können. - -Am sechsten November Neunzehnhundertvierzehn frühmorgens, als der Mond -noch hell schien, stand mein Flugzeug klar am Start, und vergnügt -brummte der Propeller sein Morgenlied. - -Zeit war nicht mehr zu verlieren. Der Platz war dadurch, daß er von -den Japsen unter Granat- und Schrapnellfeuer gehalten wurde, höllisch -ungemütlich geworden. Kurz prüfte ich nochmals meine ganze Maschine, -dann gab's noch einen kräftigen Händedruck meiner vier braven Leute -zum Abschied, und noch einmal streichelte ich den Kopf meines treuen -Hundes, dann gab ich Vollgas, und wie ein Pfeil schoß die Taube in die -Nacht hinaus. - -Da plötzlich, als ich eben dreißig Meter hoch und etwa über der Mitte -des Platzes war, erhielt mein Flugzeug einen furchtbaren Stoß, und nur -mit eiserner Faust konnte ich die Maschine zur Ruhe zwingen und vor -dem Absturz bewahren. Eine feindliche Granate war gerade unter mir -krepiert, und der Luftdruck der Detonation hätte mich beinahe zu Boden -geschleudert. - -Aber gottlob! Außer einem faustgroßen Loch, das ein Granatsplitter in -meine linke Tragfläche gerissen hatte, war kein Schaden angerichtet. - -Nun kamen nur noch die üblichen Schrapnells hinter mir her. Das -waren die letzten Abschiedsgrüße der Japaner und ihrer englischen -Bundesbrüder für mich. - -Als ich hoch genug war, drehte ich noch einmal um. - -Da lag das liebe, kleine Tsingtau, das so viel durchgemacht und so viel -noch auszuhalten hatte, unsere geliebte zweite Heimat, das Paradies auf -Erden! - -Bis in meine einsame Höhe drang das Dröhnen der Geschütze, das Krachen -der Granaten und das Knattern der Gewehre und Maschinengewehre. - -Ein unendliches Meer von aufzuckenden Blitzen ließ deutlich die beiden -Kampflinien erkennen. Das alles waren die Anzeichen des begonnenen -Sturmangriffes und der verzweifelten Gegenwehr. - -Ob wir diesen dritten Sturmangriff auch noch aushalten würden? - -Mit der Hand winkte ich nach unten. Lebwohl, Tsingtau! Lebt wohl, ihr -treuen Kameraden, die ihr dort unten kämpft! - -So unendlich schwer wurde mir dieser Abschied, es würgte mir etwas in -der Kehle, und schnell riß ich mein Flugzeug herum und nahm Kurs auf -Kap Jäschke. - -Und als die Sonne in all ihrer Pracht aufging, schwebte ich schon hoch -oben im blauen Äther und über südlich liegenden wilden Gebirgen. - -Der modernste „Blockadebruch” war mir gelungen! - - - - -Im Schlamm des chinesischen Reisfeldes - - -Hinter dem Perlgebirge lag die feindliche Flotte vor Anker. Da konnte -ich's mir nicht versagen. Ich umkreiste die Schiffe noch einmal. - -Dann ging es weiter und immer weiter mit fast geradem Kurs dem -südlichen China zu, einem unbekannten Lande und einem ungewissen -Schicksal entgegen. Ich kam über zerklüftete, wilde Gebirge, über -Flüsse und weite Ebenen, dann zeitweise über das offene Meer und über -Städte und Dörfer. - -Nach einer handgroßen Karte und meinem Kompaß orientierte ich mich. -Und schon um acht Uhr früh hatte ich die zweihundertfünfzig Kilometer -hinter mir und mich glücklich nach meinem Bestimmungsort Hai-Dschou in -der Kiangsu-Provinz zurechtgefunden. - -Suchend spähte ich in die Tiefe nach einem geeigneten Landungsplatz. -Doch damit sah es bös aus. - -Durch die furchtbaren Regengüsse der letzten Zeit war das Land weit und -breit überschwemmt. Die einzigen trockenen Fleckchen waren mit Häusern -oder chinesischen Grabhügeln bedeckt. Endlich hatte ich ein kleines, -etwa zweihundert Meter langes und zwanzig Meter breites Feld entdeckt, -das aber auf beiden Seiten von tiefen Gräben und hohen Mauern, vorn und -hinten vom Fluß eingeschlossen war. - -Die Landung war verdammt schwer. - -Aber was half es, ewig oben bleiben konnte ich doch nicht. Außerdem -befand ich mich ja mitten in China und nicht in Deutschland und war -froh, überhaupt noch diesen Platz gefunden zu haben. - -Jetzt ging ich hinunter in großen Spiralen, und nach einem steilen -Gleitfluge, bei dem die Maschine infolge der erhitzten Luft schwer -durchsackte, stand ich um acht Uhr fünfundvierzig Minuten früh mitten -auf dem morastigen Reisfeld. - -Der Lehm war aber so weich und zäh, daß mein Fahrgestell glatt versank -und die Räder festgehalten wurden; und mit einem mächtigen Stoß sauste -meine Maschine auf die Nase, sich im letzten Moment beinahe noch -überschlagend. - -Der Propeller flog in Stücke, aber meine Glieder waren trotz des Stoßes -Gott sei Dank heil geblieben. - -Die Ruhe jetzt um mich herum berührte mich ganz eigenartig. Seit Wochen -endlich wieder kein Dröhnen der Geschütze, kein Krachen krepierender -Granaten, kein Fauchen und Bellen zerplatzender Schrapnells. - -Mit dem Schwänzchen hoch in der Luft und dem Schnabel tief im Dreck -stand friedlich und ruhig mein Täubchen im Sonnenschein. - -In weiter Entfernung drängten sich Haufen von Chinesen: Männer, Weiber -und viele, viele Kinder, in angsterfülltem Staunen. - -Sie alle, wie auch alle anderen Chinesen, deren Land ich überflogen -hatte, konnten das Wunder kaum fassen, denn ich war ja der erste -Flieger hier, und alle dachten, der böse Geist käme in eigenster -Person, um nun Unheil zu stiften. - -Als ich gar aus meiner Maschine kletterte und versuchte, einige -Menschen heranzuwinken, war kein Halten mehr. Schreiend und heulend -lief alles davon, die Männer voran, ihre hingefallenen Kinder nach -ihrer Meinung dem Teufel als Opfer zurücklassend. Wirklich, mein -Erscheinen könnte im dunkelsten Afrika keinen größeren Schrecken -hervorgerufen haben. - -Kurz entschlossen lief ich hinter der Horde her und griff mir drei, -vier Chinesen bei ihren Zöpfen und schleppte die Heulenden an mein -Flugzeug heran, um ihnen zu zeigen, daß der große Vogel keinem was täte. - -Nach einiger Zeit half das, und als ich ihnen sogar einige Geldstücke -gab, da meinten sie, es wäre doch wohl ausnahmsweise mal ein guter -Geist angeschwirrt gekommen, und willig halfen sie mir, das Flugzeug -wieder in horizontale Lage zu bringen. Als die anderen das merkten, -da kamen sie gleich in solchen Massen, daß ich mich wunderte, daß die -Maschine nicht zerdrückt wurde. - -Das Staunen der Chinesen! Das Antasten und Befühlen! Das Schnattern und -Lachen! - -Nur wer die Chinesen kennt und weiß, wie kindlich sie sein können, kann -sich vorstellen, in welch köstlicher Situation ich mich befand. - -Umtost von einer Horde Naturkinder saß ich quietschfidel in meinem -Führersitz auf meinem Blechkasten mit den Geheimdokumenten, neben mir -zur Sicherheit die Mauser-Pistole, und wartete der Dinge, die da kommen -sollten. - -Jeder Versuch, mich mit den Chinesen zu verständigen, war aussichtslos. -Die Kerls grinsten fröhlich oder lachten mich einfach aus. - -Aus dieser heiteren Lage befreite mich nach einiger Zeit ein kräftiges: -~„Good morning, Sir!”~ und neben mir stand ein Herr, der sich als ~Dr.~ -Morgan von der Amerikanischen Mission vorstellte. Nach herzlicher -Begrüßung und festem Händedruck klärte ich ~Dr.~ Morgan schnell über -meine Lage auf und bat ihn, besonders da er fließend Chinesisch sprach, -um seine Hilfe. - -Ich merkte bald, daß ich mich in gutem und sicherem Schutz befand. - -Mein riesiger chinesischer Paß, den ich aus Tsingtau mitbekommen -hatte, wurde sofort zum Mandarin geschickt; nach einer Stunde kam ein -Trupp von vierzig Soldaten aus der nur zehn Minuten entfernt gelegenen -Kaserne und wurde zur Bewachung um mein Flugzeug aufgestellt. - -Jetzt nahm ich die Einladung ~Dr.~ Morgans zum Frühstück gern an, und -mit allen Sachen, die nicht niet- und nagelfest waren, zog ich mit ihm -zur Mission. - -Ich wurde hier aufs reizendste aufgenommen und lernte Frau Morgan, -ferner Frau Rice, die Gattin des amerikanischen Missionars, und einen -Herrn G. kennen, die sich alle auf das liebenswürdigste um mich -bemühten. - -Ich saß gerade beim Frühstück, als mir ein chinesischer Offizier -gemeldet wurde, der mir sagte, daß eine Ehrenwache von einer Kompagnie -für mich vor dem Hause aufgezogen wäre, und daß er Befehl hätte von -seinem Mandarin, sich nach meinen Wünschen und meinem Wohlbefinden zu -erkundigen, und endlich, daß der Mandarin selbst in einer halben Stunde -seinen Besuch persönlich bei mir abstatten würde. - -Ich war erfreut über so viel Aufmerksamkeit. - -Bereits nach zehn Minuten kam wiederum Besuch, und diesmal waren es die -Stadtoberhäupter von Hai-Dschou, die mir ihre Grüße überbringen wollten. - -Die Situation war einzig. Ich saß inmitten dieser alten, ehrwürdigen -Chinesen, nachdem vorher unendlich viele tiefe Verbeugungen unter -Gemurmel und Gezisch ausgetauscht waren. Die Unterhaltung wurde bald -recht lebhaft. Als Dolmetscher arbeitete dabei Herr Morgan. - -Und nun ging das Gefrage los: Woher ich käme, wie es in Tsingtau -aussähe, ob es _wirklich_ wahr sei, daß ich durch die Luft gekommen, -wie lange ich gebraucht hätte, und was für ein Zauber es erwirkt -hätte, daß ich fliegen könne. All die vielen Fragen ließen sich kaum -beantworten, und trotzdem der Dolmetscher sich die größte Mühe gab, -viel verstanden haben die guten Söhne des Landes der Mitte nicht. - -[Illustration: Mein chinesischer Paß] - -Ein kleiner Zwischenfall ereignete sich auch. - -Noch während wir bei der Unterhaltung saßen, wurde der Haus_frau_ -ein Besuch angekündigt, und vorbei huschten und trippelten zehn bis -zwölf allerliebste kleine Chinesinnen, in prachtvollste, buntseidene -Höschen und Gewänder gehüllt. Zwei, drei dieser Geschöpfchen blieben -vor Neugier und Schrecken an der offenen Tür des Zimmers, in dem -wir Männer saßen, stehen und guckten mich mit offenen Mäulchen und -großen, erstaunten Augen an. Ein kurzer Zuruf von Frau Morgan ließ -sie erschrocken auseinanderfahren und fortlaufen. Den Grund dieses -eigenartigen Verhaltens erfuhr ich später. Für eine vornehme Chinesin -ist es ein großer gesellschaftlicher Fehltritt, wenn sie durch ihre -Neugier und durch ihren Anblick einen männlichen Gast beleidigt! - -Die drei Sünderinnen erhielten auch eine ernste Strafpredigt. Ich muß -sagen, daß ich über diese Sitte nicht erfreut war, denn gern hätte ich -mir diese allerliebst aufgeputzten Dämchen recht genau angesehen. - -Meine Wirtin erzählte mir auch, wie sie von den Chinesinnen mit Fragen -bestürmt worden wäre. Vor allem wollten diese wissen, was das heute -morgen für ein böser Geist gewesen wäre, der so schreiend und brummend -ihre Stadt bedroht hätte. Als ihnen gesagt wurde, daß darin ein -Mensch gesessen hätte, der aus Tsingtau käme, da lachten sie einfach -und meinten: nein, wenn sie auch dumm wären und die Weißen sie immer -anführten, so dumm wären sie doch nicht, solch einen Unsinn zu glauben! - -Jedenfalls, versicherte mir Frau Morgan, würden sämtliche Fehlgeburten, -Mißernten und Fehlschläge der nächsten zwei Jahre von den -abergläubischen Chinesen dem Erscheinen meines Flugzeuges zugeschrieben -werden, und besonders die Medizinmänner würden die Sache für sich -ausnutzen. - -Gegen elf Uhr vormittags erschien unter großem Tamtam, Getrommle -und Getute der Herr Mandarin in eigenster Person. Außerordentlich -wohlgenährt, den Kopf tadellos rasiert, in prachtvollem seidenen -Gewande schritt er mit großer Würde einher. Die Begrüßung war äußerst -feierlich. Die tiefen, fast bis zur Erde reichenden Verbeugungen -wollten kein Ende nehmen. - -Nachdem der Mandarin sich nach meinem Befinden und nach meinen Wünschen -erkundigt hatte, sicherte er mir in liebenswürdigster Weise seine -vollste Unterstützung zu und verabschiedete sich. - -Sein Heimweg geschah in gleich feierlicher Weise. - -Sobald ich meinen amtlichen Gegenbesuch gemacht hatte und vom Mandarin -zum Abendessen eingeladen worden war, ging ich an das Abmontieren -meines Flugzeuges. - -Doch das war leichter gesagt als getan. Ich selber hatte nur einen -Schraubenschlüssel mit und suchte nun nach Werkzeugen. Ach, ich -befand mich ja in China, in einer Gegend des Landes, wo es noch -genau so aussah wie vor tausend Jahren und Schraubenschlüssel und -Schraubenzieher etwas Unbekanntes waren. - -Endlich entdeckte ich in der Amerikanischen Mission eine Axt und ein -kümmerliches sägenähnliches Ding. - -Damit ging es an die Arbeit, und da ich wenigstens meinen treuen -hundertpferdigen Mercedesmotor vor der Vernichtung retten wollte, hieb -und sägte ich ihn vom Rumpfe ab. Jetzt zeigte sich, was gute deutsche -Arbeit war. Ganze vier Stunden brauchte ich, ehe der Motor abgeschlagen -dalag, so fest war alles gebaut. - -Um den Gesetzen der Neutralität nachzukommen, gab ich den Motor dem -Mandarin zur Aufbewahrung ab. - -Dann kam das Traurigste. - -Da das übrige Flugzeug selbst mit abgenommenen Tragflächen in kein -Stadttor und in keine Straße der Stadt hineinpaßte, mußte ich es dem -Flammentod übergeben. Ich übergoß es mit Benzin, zündete es an, und -sofort ging es in hellen Flammen auf und verbrannte restlos. - -Mir war zumute, als ich meine wackere Taube brennen sah, wie wenn ich -einen lieben, treuen Kameraden verlöre. - - - - -Die Fischvergiftung des Mr. McGarvin - - -Am Abend ging's zum Mandarin. - -Als ich aus meiner Tür trat, strahlte der ganze Hof von Fackeln und -unzähligen großen Lampions. Die Wache war ins Gewehr getreten und -präsentierte, die Trommeln wirbelten, und die Musikanten machten ihre -wohl nur für Chinesenohren angenehm klingende Musik. Ja, der Mandarin -hatte mir sogar seine eigene Sänfte zur Benutzung gesandt. - -Ich werde diesen Abend niemals vergessen. - -Ich saß in meiner mit blauer Seide und Fenstern mit Vorhängen -ausgestatteten Sänfte, die von acht prächtigen Burschen getragen wurde. -Vorneweg, an den Seiten und hinter der Sänfte marschierten Soldaten mit -aufgepflanztem Gewehr und Dutzende von Läufern mit riesigen Lampions. -Sanft wiegte die Sänfte auf und ab bei den kräftigen Schritten der -Träger. Alle zehn Minuten gab der vorderste von ihnen ein Signal durch -lautes Aufklopfen seines Stabes auf die Erde, die Sänfte hielt, die -Träger hoben die Tragstangen auf die andere Schulter, und weiter ging's -im Geschwindschritt. - -Nach vierzig Minuten waren wir vor dem Palast des Mandarins -angelangt. Ohrenbetäubende Musik, Kommandorufe und heller Lampion- -und Fackelschein empfingen mich auch hier. Die mittleren Türen der -riesenhaften Tore flogen vor mir auf, und vor dem letzten Tor kam mir -der Mandarin persönlich zum Empfang entgegen. - -Mehrere hohe Würdenträger und einige Generale waren bereits versammelt, -und nach zeremonieller Begrüßung gab es den üblichen grünen, dünnen -Willkommenstee, bei welcher Gelegenheit ich dem Mandarin zum Zeichen -meines Dankes meine Mauser-Pistole nebst Munition als Geschenk -überreichte. - -Der Mann war sichtlich erfreut, und wohlgemut setzten wir uns zu Tisch. -Eine riesige, runde Tafel, bedeckt mit einigen fünfzig Schüsseln, in -denen die größten chinesischen Leckerbissen schwammen, empfing uns. -Um mich als Gast auszuzeichnen, erhielt ich Messer und Gabel, und -dann ging die Arbeit los. Nur sechsunddreißig Gänge habe ich zählen -können. Und was gab es da alles! Von den zartesten Schwalbennestern -zu den feinsten Haifischflossen, vom Zuckerrohrspitzensalat bis zum -delikatesten Hühnerragout war nichts vergessen. Von allem mußte ich -kosten. Und der Mandarin war unermüdlich mir aufzulegen. Ja, manchmal, -wenn er einen guten Bissen auf seinem Teller hatte, faßte er ihn mit -seinen Fingern und legte ihn mir auf meinen Teller. Zu trinken gab -es Flaschenbier, welches doch schon seinen Weg in die hiesige Gegend -gefunden hatte, dazu Reisschnaps. - -Die schwerste Arbeit hatte wieder Herr Morgan, welcher die lebhafte, -oft der Komik nicht entbehrende Unterhaltung zu verdolmetschen hatte. - -Die Kämpfe um Tsingtau, die Verluste der Japaner und Engländer und die -Fliegerei interessierten die Chinesen am meisten. Das Fragen nahm kein -Ende. - -Äußerst herzlich und dankbar verabschiedete ich mich von meinem -Mandarin, und am nächsten Tage mußte ich auch von meinen -liebenswürdigen Gastgebern Abschied nehmen. - -Als ich im Flugzeug landete, hatte ich nur eine Zahnbürste, ein -Stück Seife und meinen Fliegeranzug, aus Bordjackett mit Schärpe -und Gamaschen bestehend, bei mir. Einen Zivilsportanzug hatte ich -außerdem im Flugzeug mitgenommen. Diesen Anzug legte ich jetzt an. Das -fünfjährige Töchterchen des Missionars schenkte mir dazu ihr altes -abgeschabtes Filzhütchen als Ersatz für meine Sportmütze, die mir ein -Chinese, während ich mein Flugzeug abtakelte, gestohlen hatte, und -gegen Abend wurde ich unter wiederum großen Zeremonien zu der kleinen, -mir vom Mandarin zur Verfügung gestellten Dschunke geführt. - -Meine Begleitung und gleichzeitig Ehrenwache auf der kommenden Fahrt -bestand aus dem chinesischen General Liu, der sich als Piratenbekämpfer -bereits einen Namen geschaffen hatte, aus zwei Offizieren und -fünfundvierzig Mann außer dem Bootspersonal. Zum Umfallen müde nach -all dem Durchgemachten, ging ich in mein kleines Holzkämmerchen, wo -ich zu meiner Überraschung und Freude statt einer Holzpritsche einen -herrlichen Schlafsack mit Decken und Matratze vorfand, den mir die -fürsorgliche Missionarsfrau an Bord gesandt hatte. Ohne diese Sachen -wäre es mir wohl schlecht ergangen in meinem dünnen Sportanzügelchen. -Es herrschte grimmige Kälte, durch große Ritzen und Löcher pfiff der -Wind, und durch die Decke konnte ich den Sternenhimmel sehen. - -Und während meine Gedanken weit nördlich bei meinen tapferen Kameraden -in Tsingtau weilten und sich mit deren und Tsingtaus Schicksal -befaßten, und ich darüber nachdachte und dem gütigen Schicksal dankte, -daß es mir vergönnt gewesen war, durch all die schweren Kämpfe und -Gefahren und all das Erlebte unversehrt durchzukommen, um meine Aufgabe -bis zum letzten Tag zu erfüllen, kam endlich der Schlaf und schloß mich -in seine sicheren Arme. - -Die Fahrt ging nur langsam vorwärts. Die Dschunken wurden von zwei -Kulis mit einer Leine, die oben an der Mastspitze befestigt war, längs -des Ufers stromaufwärts gezogen. Die erste Strecke bis Bampu, die ich -in meinem Flugzeuge in knapp zwanzig Minuten zurückgelegt hätte, wurde -in eineinhalb Tagen bewältigt! Später ging es besser, und besonders -als der Wind günstig wurde und wir segeln konnten. Fünf volle Tage hat -diese Reise gedauert, um von Hai-Dschou bis Nanking zu gelangen. - -Die Fahrt war außerordentlich interessant für mich. Sie führte durch -ein Netz von Flüssen bis zum alten berühmten Kaiserkanal und durch -diesen zum Jangtsekiang bis nach Nanking. Wir durchfuhren eine Gegend, -die wegen des Piratenunwesens berüchtigt war, und passierten Städte, -die niemals ein europäischer Fuß betreten hatte. Am Tage, während die -Dschunke getreidelt werden mußte, ging ich mit meinem General und der -Hälfte der Wache am Ufer nebenher und sah mir besonders eingehend die -äußerst interessanten Städte und darin das von keiner europäischen -Kultur berührte chinesische Gewühl an. Zu hellen Haufen liefen die -chinesischen Männer, Weiber und Kinder aus ihren Häusern, sahen -mich, der ich meist ohne Hut ging, voll Verwunderung an, ja einzelne -berührten mich, um sich davon zu überzeugen, daß ich wirklich ein -Mensch sei. - -Meine hellblonden Haare und blauen Augen schienen ihnen das größte -Rätsel zu sein. - -Meine Spaziergänge und der Aufenthalt auf der Dschunke verliefen -ziemlich schweigsam. Mein liebenswürdiger General war zwar recht gut -europäisch angezogen, aber um die Hosen an den Fußgelenken hatte er -sich doch die typischen chinesischen Bänder gewickelt, und von seinem -Hinterkopf baumelte ein prächtiger langer Zopf, der kokett durch den -Gürtel des Jacketts gesteckt war. Außer Chinesisch verstand der gute -Mann auch nicht ein Wörtchen einer anderen Sprache, und mir ging es so -mit dem Chinesischen. Bei unseren Mahlzeiten, die recht opulent waren, -nur furchtbar nach Zwiebel und Knoblauch schmeckten, saßen wir beide -uns in dem kleinen Dschunkenkämmerlein gegenüber, lachten uns ab und zu -freundlich an, und das war die ganze Unterhaltung. - -Endlich, am elften November, langten wir in Jang-dschou-fou an, und -man kann sich wohl vorstellen, mit welcher Gier ich mich auf die erste -Zeitung stürzte. - -Voll Erregung, endlich etwas über das Schicksal Tsingtaus zu erfahren, -durchflog ich die Seiten der „Shanghai Times”. Da, auf der zweiten -Seite der Name Tsingtau! Aber nein, das war doch gar nicht möglich, so -etwas konnte es doch nicht in der Welt geben! Und voll Ekel und Abscheu -gegen diese gemeine englische Lügenbrut las ich: - - Tsingtaus feige Übergabe. - - Die Festung ohne Schwertstreich genommen. - - Die ganze Besatzung betrunken und plündernd. - -Und dann kam so viel unflätiger Dreck, so viel gemeine Lüge, daß ich -voll Verachtung die Zeitung fortwarf. So etwas wagten die Engländer, -die sich so unrühmlich vor Tsingtau benommen hatten, über unsere -tapferen Verteidiger zu behaupten? - -Ach ich kannte ja die englischen Zeitungen noch nicht! Später habe ich -mich in Schanghai und dann in Amerika bei den amerikanischen Zeitungen -an ganz was anderes gewöhnen müssen; von England ganz zu schweigen. -Nun hatte ich aber wenigstens Gewißheit über Tsingtaus Schicksal, -das unvermeidlich kommen mußte. Auch nicht einen Augenblick zu früh -hatte ich die Festung verlassen, kurze Zeit darauf mußte sie sich der -Übermacht ergeben. - -Am Nachmittage dieses elften November Eintausendneunhundertvierzehn -trafen wir glücklich in Nanking ein. - -Auf dem Bahnhof wurde mir vom Kapitänleutnant Brunner, dem Kommandanten -des Torpedobootes ~S~ 90, und von seinen Offizieren ein herzlicher -Empfang zuteil. - -In Wagen fuhren wir zu dem Gebäude, in dem die Offiziere und -Mannschaften von ~S~ 90 untergebracht waren, und wo zu meinem -allergrößten Erstaunen auch für mich schon eine Koje klar gemacht -war. Auf mein erstauntes Fragen wurde mir dann von meinen Kameraden -mitgeteilt, daß ich ebenfalls interniert werden sollte und alle sich -schon gefreut hätten, den vierten Mann zum Skat zu haben. Erstens -mal spiele ich keine Karten, was ich auch laut zum Ausdruck brachte; -zweitens dachte ich über die Frage der Internierung ganz anders, was -ich aber für mich behielt. - -So zog ich denn mit meinem General Liu zu dem Palast des Gouverneurs -von Nanking. Leider, oder vielmehr zu meinem Glück, war der Herr -Gouverneur nicht zu sprechen. Ein alter chinesischer Arzt empfing mich -sehr freundlich, wünschte mir ein weiteres Wohlergehen, und daß ich -mich in Nanking wohl fühlen möchte. - -Ich dankte ihm für das Wohlergehen, hatte aber meine eigene Ansicht -über das Wohlfühlen! - -Nun verabschiedete ich mich mit meinem General Liu, der sichtlich froh -war, seine Mission erfüllt zu haben, und als ich in meinen Wagen stieg, -da setzte sich ein chinesischer Soldat in vollem Dienstanzug zu mir. - -Auf meine erstaunte Frage, was das zu bedeuten habe, antwortete er mir -in leidlichem Deutsch: Er sei mein „Ehrenposten” und wäre mir zu meinem -_Schutze_ beigegeben, und er würde mich von nun ab auf allen meinen -Wegen begleiten. - -Na, der Tobak war doch ein bißchen zu stark! - -Das war gegen die Verabredung! - -In Hai-Dschou war mir ausdrücklich versichert worden, daß die Fahrt -nach Nanking lediglich eine Formsache wäre und ich dann vollständig -frei sein würde. - -Hier wollte man mich also internieren? - -Da mußte ich schnell handeln, bevor mir einer der Chinesen etwas -über Internieren sagen konnte und mich meiner Freiheit beraubte. Das -unangenehmste war der „Ehren”-Posten, aber Mittel und Wege mußte ich -finden. - -Am Abend dieses Tages waren wir Offiziere alle bei einem deutschen -Bekannten eingeladen. Mein Plan stand fest. Nach einigen gemütlichen -Stunden, während deren ich immer wieder von Tsingtaus letzten Tagen -erzählen mußte, brachen gegen zehn Uhr abends die Offiziere bis auf -meine Wenigkeit auf und gingen, gefolgt von ihren treuen Posten, nach -Hause. Eine halbe Stunde später war es auch für mich die höchste Zeit -zu verschwinden, wenn ich noch entkommen wollte. - -Als mein Gastgeber aus der Haustür heraustrat, wer stand da vor ihm? -_Mein_ gelber Wächter! - -Nun war Holland in Not! Aber kurz entschlossen schickte ich unseren -Boy zu dem Wächter und ließ ihn fragen, was er eigentlich hier wolle, -die Herren wären ja längst weg, er solle nur laufen, um sie noch -einzuholen, sonst würde er womöglich wegen seiner Unaufmerksamkeit -bestraft werden. - -Und während dieser arme Kerl mit hängender Zunge den anderen nachlief, -fuhr ein verschlossener Wagen vor, in dem ich Platz nahm und mit -äußerster Kraft zum Bahnhof fuhr, wo der neueröffnete Expreßzug -bereitstand. Das letzte freie Bett konnte ich gerade noch erhaschen. -Mein Schlafkupee war bereits verschlossen, und auf mein energisches -Klopfen öffnete ein langer Engländer, der wegen der Störung ein -wütendes Gesicht schnitt. Ich behandelte ihn natürlich wie Luft, und -eins, zwei, drei war ich in der oberen Koje, drehte das Licht aus und -tat so, als ob ich mich auszöge. In Wirklichkeit verkroch ich mich -recht tief in meine Decken und Kissen, fest entschlossen, wenn jemand -etwas von mir wolle, nicht aufzuwachen. Nicht einen Augenblick habe ich -während dieser achtstündigen Fahrt geschlafen. - -So oft der ~D~-Zug hielt, kroch es kalt über meinen Rücken, und ich -dachte: Ha, jetzt holen sie dich! Und wenn gar draußen viele Stimmen -laut wurden, dann war ich überzeugt, daß meine letzte ~D~-Zug-Fahrt in -diesem Kriege gekommen wäre. - -Nichts ereignete sich. Den Gebrauch des Telegraphen zu Verhaftungen -schienen die Chinesen Gott sei Dank noch nicht zu kennen, und so lief -planmäßig um sieben Uhr früh der Zug in Schanghai ein. Jetzt kam noch -die gefährliche Klippe der Bahnsperre; sie wurde überwunden. - -Dann kam eine schnelle Fahrt im Rickschah durch den chinesischen -Stadtteil, in dem die chinesischen Behörden noch Gewalt über mich -hatten, und endlich bog mein Wägelchen in die Europäerstadt ein. - -Hurra, ich war frei! - -Nun konnte keiner mehr von mir was wollen. - -Hocherfreut fuhr ich zu einem deutschen Bekannten, der mich in -liebenswürdigster Weise aufnahm. - -Drei volle Wochen blieb ich in dieser Stadt, ehe es mir nach vielen -Mühen gelang, meine Reise fortzusetzen. - -Drei volle Wochen voller Erlebnisse und voller Gefahren des -Gefangenwerdens, voll von Versteckspielen. - -Was war natürlicher, als daß ein Oberleutnant zur See P. nicht bekannt -war und auch der Herr Meyer, der einige Tage da gewohnt hatte, -abgereist war? - -Daß ein Mr. Scott für einige Tage gute Bekannte besuchte, das ging doch -keinen was an. Aber ich mußte nun vorsichtig sein. Besonders, da ich -außerordentlich viel Leute in Schanghai kannte, zum Teil noch Engländer -usw., die noch kurz vor dem Kriege mit mir in Tsingtau zusammen gewesen -waren. - -Vier bis fünf Namen hatte ich abwechselnd und logierte abwechselnd bei -meinen Bekannten. - -Da konnten die Chinesen einmal suchen! - -Das Schwierigste war: wie nach Amerika kommen? Alles hatte ich -versucht, nichts hatte Erfolg. Nur einmal wäre ich beinahe mit einem -_englischen_ Schiff fortgekommen. Das war eine lustige Begebenheit. -Einer meiner Freunde kannte den Reedereibesitzer, einen englischen -Juden, Mr. Penny, sehr gut. Mit diesem Bekannten zog ich eines Tages zu -Herrn Pfennig und versuchte mein Glück. Ich hatte einen einfachen Anzug -angezogen, sah ziemlich verwahrlost aus und machte einen ängstlichen, -verprügelten Eindruck. Mein Freund ließ uns anmelden, und nach einiger -Zeit durften wir vor dem strengen Gesicht des Herrn Pfennig, eines -dicken, fetten Frosches, erscheinen. Die beiden Herren schienen sich -gut zu kennen, und die Begrüßung war dementsprechend. - -Ich blieb ganz bescheiden an der Tür stehen, sah beschämt auf meine -zerrissenen Schuhe und drehte mein Hütchen in der Hand und verstand -_selbstverständlich_ von der ganzen englisch geführten Unterhaltung -kein Wort. - -Mein Freund fing an: - -„Herr Pfennig, ich komme mit einer großen Bitte zu Ihnen, ich habe -hier einen Lausebengel mit mir, dessen Vater ich gut kenne, und der -früher ein guter Geschäftsfreund von mir gewesen ist. Dieser Bengel -nun, der erst siebzehn Jahre alt ist, kniff seinem Vater wegen einer -Mädelgeschichte aus und hat sich als Schiffsjunge herumgetrieben, -bis er hier gänzlich mittellos und sein Unrecht einsehend bei mir -strandete. Ich möchte nun den Jungen, der übrigens Schweizer ist -und kaum ein Wort Englisch versteht, nach Europa zurückschicken -und wollte Sie fragen, ob Sie nicht auf einem Ihrer Dampfer einen -Platz als Küchenjunge frei hätten. Damit ihm ein für allemal seine -Flausen vergehen, wäre ein grober Kapitän ganz angebracht und ebenso -entsprechende Arbeit.” - -Herr Pfennig würdigte mich während dieser Zeit kaum eines Blickes, -nur ab und zu sah er mich verächtlich an, und ich schien unter seinen -Blicken sichtlich zu zerknirschen. „Ja”, sagte er, „für so was habe ich -gerade was. Heute nachmittag fährt der Dampfer ‚Goliath’ direkt von -hier nach San Francisco (jetzt spitzte ich aber die Ohren!), da kann er -mit. Eine Tracht Prügel wird es dann und wann auch setzen, die schadet -ihm aber nichts. Ich lasse Ihnen nachher gleich telephonisch Bescheid -sagen, wann der Dampfer geht. Sechs Wochen Kartoffelschälen werden dem -Jungen wohl gut tun.” - -Wir waren entlassen. - -Draußen kniff ich meinem Freunde so toll in den Arm, daß er vor -Schmerzen aufschrie, und als wir endlich auf der Straße waren, da -hielt ich es nicht mehr aus. Und heraus platzte ich mit einem -Lachen, so herzhaft und froh, daß unwillkürlich die Leute, die an uns -vorbeigingen, mitlachen mußten. Daß ich während der durchgemachten -Szene ruhig bleiben konnte, war ein Wunder. Am Nachmittag erfuhr ich -leider, daß der Dampfer wegen der Flut zwei Stunden früher abgegangen -wäre. Nun war's Essig, und die Arbeit begann von vorn. Dampfer gingen -ja genug, aber das Üble war dabei, daß sie alle über Japan fuhren und -sich dort mehrere Tage aufhielten. - -Das durfte ich nur im äußersten Notfalle wagen. - -Aber das Glück ließ mich nicht im Stich. An einem Tage traf ich -zufällig einen Freund, mit dem ich vor Jahren manch lustige Nacht im -fernen Osten durchgebummelt hatte. Der war gleich bei der Hand. Und -schon nach einigen Tagen hatte er mir die nötigen Papiere besorgt, -und mir genaue Verhaltungsmaßregeln erteilt. Aus einem Mr. Scott, -Meyer oder Brown war plötzlich ein steinreicher vornehmer Engländer -geworden mit dem schönen Namen McGarvin. Dieser Herr war Vertreter von -Singers Nähmaschinen und reiste von Schanghai zu seinen Fabriken nach -Kalifornien. - -Was war natürlicher, als daß Mr. McGarvin den nächsten großen -amerikanischen Postdampfer benutzte! - -An Bord dieses Schiffes gab es nur zwei prachtvolle Luxuskabinen. -In der einen wohnte ein amerikanischer Milliardär, in der anderen -der Oberleutnant zur See Plüschow, o Verzeihung, was sage ich da, -ich meine natürlich der Singer-Nähmaschinen-Fabrikant McGarvin. Eine -Schwierigkeit war noch zu überwinden: das unbemerkte Entkommen aus -Schanghai. - -Da halfen mir wieder meine Bekannten aus. Drei Tage bevor der Dampfer -ging, nahm ich überall offiziell Abschied und verbreitete, daß ich -mich in Schanghai nicht mehr sicher fühlte und nun nach Peking reiste, -um bei der Deutschen Gesandtschaft tätig sein zu können. Tatsächlich -fuhr ich auch in meinem Wagen um elf Uhr abends zum Bahnhof. Daß der -Kutscher allerdings einige Straßen vorher abbog und in scharfem Trab -nach Süden fuhr und aus der Stadt heraus, konnte ich nicht wissen. - -Woher sollte ich auch Schanghai kennen? - -Nach ungefähr zwei Stunden, während deren der Wagen längs des -Wusungflusses gefahren war, hielten wir. Zwei mit Revolvern bewaffnete -Männer traten an den Wagen heran, eine kurze Parole, ein Händedruck, -dann küßte ich voll Ehrerbietung und Dankbarkeit zwei schlanke weiße -Frauenhände, die sich mir aus dem Wageninnern entgegenstreckten, und -fort sauste das Gefährt. Meine beiden Freunde nahmen mich in ihre -Mitte, auch ich zog meinen Revolver, und wortlos stiegen wir in eine -bereitliegende Dschunke. - -Die Nacht war stockfinster, der Wind heulte, und unheimlich gurgelte -das schmutzige dunkle Wasser, welches, von der Ebbe mitgenommen, an -uns vorbeischoß. - -Mit aller Kraftanspannung wriggten vier dunkle Chinesengestalten an -ihren Riemen, und nach etwa einer Stunde hatten wir viele Kilometer -stromabwärts unseren Bestimmungsort am jenseitigen Ufer erreicht. - -Lautlos legten wir an, lautlos verschwand die Dschunke, und ebenso -lautlos schritten wir einem dunklen Gebäude zu, welches inmitten eines -kleinen Gartens in der Nähe von riesigen Fabrikgebäuden lag. - -Der helle Glanz elektrischer Lampen, der uns entgegenstrahlte, nachdem -die Eingangstüren sorgfältig verschlossen waren, blendete grell meine -Augen. - -Bald sah ich aber, daß ich mich in einer gemütlich eingerichteten -Junggesellenwohnung befand. Ein Tisch war gedeckt, und wacker langten -wir den köstlichen Speisen zu. Nun wurde der Kriegsplan ausgeheckt. - -Die Wohnung gehörte den beiden jungen Leuten, die am Tage in der Fabrik -zu tun hatten. Die Bedienung im Hause war selbstverständlich rein -chinesisch, und das war gut. - -Mein Aufenthalt in diesem Hause mußte unter allen Umständen geheim -bleiben, besonders da hier auch noch ein unangenehmer Mann wohnte, der -zur „Entente” gehörte. - -Die Angst der Chinesen vor bösen Geistern und besonders den Aberglauben -vor Verrückten wollten wir ausnutzen. Meine Aufgabe war einfach die: -drei volle Tage den wilden Mann zu spielen. - -Ich erhielt ein Zimmerchen, in das ich eingeschlossen wurde. Der Boy -wurde von seinem Herrn eingehend instruiert und eingeschüchtert, und so -konnte ich sicher sein, daß nichts verraten würde. - -Donnerwetter! Ich habe nicht gedacht, daß es so schwer ist, einen -Verrückten zu simulieren. Drei Tage blieb ich in diesem Zimmer -eingesperrt, tobte herum, und nur ab und zu beruhigte ich mich und saß -stumpfsinnig in meinem Sessel. - -Sobald der Boy, der draußen Wache ging, diese Beruhigung merkte, machte -er vorsichtig die Tür auf und schob noch vorsichtiger sein Tablett, -auf dem Essen stand, hinein und setzte es auf ein daneben stehendes -Tischchen. Und wie der Blitz zog er den Arm wieder zurück, und ich -konnte ordentlich fühlen, mit welcher Erleichterung er den Schlüssel im -Schloß von außen umdrehte. Wenn ich dann manchmal laut herauslachte, -weil ich eben einfach platzte vor Vergnügen, dann glaubte sicher der -brave Gelbe, ein neuer Anfall habe mich gepackt. - -Am Abend des dritten Tages schlug endlich meine Befreiungsstunde. - -Ebenso vorsichtig und geräuschlos wie bei der Ankunft verließen wir -wieder das Haus. - -An der Landungsstelle lag ein großes Dampfboot, ein kurzer herzlicher -Abschied, und stromabwärts ging die Fahrt auf die Wusung-Reede, wo der -riesige Dampfer „Mongolia” lag. - -Es war schlechtes Wetter, starker Seegang, und nicht mal das Fallreep -war gefiert. Nach vielem Rufen und Schreien bemühte sich endlich -jemand, das Fallreep herabzulassen, und mit „_dem_” Koffer in der Hand -bestieg Mr. McGarvin das Schiff. - -Kein Mensch kümmerte sich um mich. Das Deck war nur halb erleuchtet, -und schließlich ging ich an einige Schiffsoffiziere heran und fragte -sie nach meiner Kabine. Ein unwilliges Gebrumm, welches auf deutsch -hieß: Laß mi mei Ruh', antwortete mir. Aber als ich diesen Herren mein -Billett unter die Nase rieb, da änderte sich die Situation mit einem -Schlage. Tiefe Verbeugungen und Entschuldigungen. Ein Pfiff aus der -Batteriepfeife eines Offiziers, und herbei rauschten mehrere Stewards, -voran der weiße Obersteward. Die Deckslampen flammten hell auf. Die -Stewards rissen sich um „den” Koffer, und voll Dienstbeflissenheit -geleitete mich der Obersteward in meine Luxuskabine. Er floß förmlich -über vor Höflichkeit. - -„O, Mr. McGarvin, warum kommen Sie denn heute schon, der Dampfer geht -doch erst übermorgen früh, das ist doch heute mittag in Schanghai -überall bekanntgegeben worden!” Ich machte ein wütendes Gesicht und -tat empört darüber, daß mir als Inhaber einer Luxuskabine das nicht -mitgeteilt worden sei. - -Dann kam mein feister chinesischer Kabinensteward. Die Ruhe und die -Vornehmheit in eigenster Person. Beinahe hätte er mich in Verlegenheit -gebracht. Durch einen seiner Unterboys ließ er meinen Koffer -hereinbringen und fragte im zweifelnden Tone, ob das denn das ganze -Gepäck wäre. - -„Ja”, sagte ich. - -„Oh,” meinte er, „da sind die anderen Gepäckstücke wohl schon im -Gepäckraum?” - -„Aber natürlich, meine schweren Koffer sind bereits gestern verladen -worden, und ich hoffe sehr, daß der Lademeister gut auf meine -wertvollen Strandkoffer achtgeben wird.” - -Ach der gute Chinaxe, wenn der geahnt hätte, daß ich schon stolz war, -diesen einen Koffer zu besitzen, und selbst dieser war bedenklich -leicht! - -Endlich, am fünften Dezember Neunzehnhundertvierzehn, abends setzte -sich der Dampfer „Mongolia” in Bewegung. - -Trotz des schönen Wetters und des guten Essens erkrankte plötzlich am -nächsten Tage Mr. McGarvin. Was es war, konnte er selbst nicht genau -sagen. Wahrscheinlich eine schwere Fischvergiftung, und schleunigst -wurde der Schiffsarzt geholt. Dies war ein glänzender Mann, Sportsmann -durch und durch und für jeden köstlichen Scherz sofort zu haben. -Seine anfangs besorgte Miene nahm schnell einen erstaunten Zug an, -als ihm aus der Koje des vermeintlich Todkranken ein blühendes, braun -verbranntes Gesicht entgegenleuchtete. - -Ich hatte Vertrauen zu ihm, und in kurzen Worten schilderte ich ihm -meine Lage. Selten habe ich ein paar Augen so erfreut aufleuchten sehen -wie die des Arztes, nachdem ich ihm meine Sünden gebeichtet hatte. Ein -schallendes Gelächter und ein kräftiger Händedruck sagten mir, daß ich -an den richtigen Mann gekommen war. Der Steward klopfte an. - -Besorgte Amtsmiene des Arztes, Stöhnen des Patienten. - -Vorsichtig huschte der Steward hinein, und mit leiser, eindringlicher -Stimme sagte ihm der Arzt: „Du, Boy, dieser Master sehr krank sein, gar -nicht stören, vor zehn Tagen Aufstehen unmöglich, das beste Essen, vom -Koch sorgfältig ausgewählt, stets ans Bett bringen, wenn Master Wünsche -hat, mich sofort holen.” - -Bei dieser Rede hatte ich bereits einen Bettzipfel im Mund, und -wenn's länger gedauert hätte, würde ich wohl noch die ganze Bettdecke -verschlungen haben. Ich war wieder mal im Bilde. - -Drei Tage Seefahrt, dann kam der erste der drei gefürchteten -japanischen Häfen. Friedlich lief der Dampfer in Nagasaki ein, -und sofort stürzte sich eine Flut von Zollbeamten, Polizisten und -Kriminalbeamten an Bord. Die Glocke tönte durchs Schiff und der -Ruf: Alle Passagiere und alle Mann antreten zur Musterung! Und nun -ging die Untersuchung und das Gefrage los. Die Passagiere waren im -Salon versammelt. Jeder einzelne wurde namentlich aufgerufen, ganz -gleichgültig ob Mann, Frau oder Kind, wurde von einer Kommission aus -Polizeioffizieren und Kriminalbeamten vernommen, die Papiere genau -revidiert und dann von einem japanischen Arzt genau auf ansteckende -Krankheit untersucht. Vor allen Dingen wollten sie genau wissen, wer -derjenige wäre, der aus Tsingtau käme! Der fünfunddreißigste Name, der -aufgerufen wurde, war McGarvin. Alles sah sich um, keiner hatte diesen -natürlich gesehen. Da trat der Arzt heran, machte ein sehr bedenkliches -Gesicht und flüsterte seinem japanischen Kollegen unter bedauerndem -Achselzucken eine schreckliche Geschichte ins Ohr. - -Eine Viertelstunde darauf hörte ich viele Stimmen vor meiner Kammer, -es wurde ganz vorsichtig die Tür geöffnet, und herein ging der -amerikanische Arzt und schlichen sich zwei japanische Polizeioffiziere -und der japanische Arzt. Fest zusammengerollt und leise stöhnend lag -der arme Fischvergiftete da, nichts war von ihm zu sehen, als etwas vom -Haarschopf. - -Der Amerikaner trat ans Bett und berührte vorsichtig meine Schulter, -was mir scheinbar fürchterliche Schmerzen verursachte. Sofort trat -der Arzt vom Bett zurück und sagte halblaut: ~„Oh, very ill, very.”~ -Die Japaner, welche sich von Anfang an voller Scheu in der wundervoll -eingerichteten Kabine umgesehen hatten, schienen froh zu sein, aus -dieser ihnen ungewohnten Umgebung schnell wieder rauskommen zu können. -Mehrere tiefe Bücklinge, ein zischendes Geräusch durch die Zähne, -welches ihre besondere Ehrerbietung ausdrücken sollte, ein leise -gemurmeltes: ~„Oh, I beg your pardon!”~ und raus war die ganze gelbe -Gefahr. - -Ich glaube, während dieser ganzen Szene und besonders vorher hatte ich -doch etwas Schüttelfrost, der sich aber schnell wieder legte. - -Am Nachmittage riskierte ich doch einen Augenblick aufzustehen, um mir -vom Schiff aus Nagasaki, das ich von früher her kannte, anzusehen. - -[Illustration: Die Landung in Hai-Dschou (China).] - -Der Anblick, der sich mir bot, trieb mich schnell wieder in die Koje. -Der Hafen war mit unzähligen Dampfern besät, welche unter reichstem -Flaggenschmuck zu Anker lagen. Ein außerordentliches Leben herrschte -an Bord dieser Schiffe, überall wurden Truppen, Pferde und Geschütze -ausgeladen, alle Soldaten waren festlich geschmückt, die Häuser der -Stadt verschwanden fast unter Girlanden und Fahnenschmuck, eine -unabsehbare, froh bewegte Menge strömte durch die Straßen und nach -der Festwiese, wo Parade und Truppenschau abgehalten wurde. Nun wußte -ich's. Das waren ja die _Sieger_ von Tsingtau! In ganz Japan wurde -heute die Niederwerfung und Bezwingung des _ganzen Deutschen Reiches_ -gefeiert. In den japanischen Zeitungen, die in Englisch erschienen, -konnte ich an diesem Abend unter anderem lesen, daß es den Engländern, -Franzosen und Russen nicht gelungen sei, Deutschland zu besiegen, -aber _sie_, die Japaner, _sie_ hätten es fertiggebracht und wären damit -jetzt ohne Zweifel das beste und stärkste Heer der ganzen Welt. Doch -genug von diesen Lächerlichkeiten, die Amerikaner und Engländer haben -sich ganz ähnliche Sachen geleistet. - -[Illustration: Verbrennen des Flugzeuges nach der Landung auf -chinesischem Boden - - × Der Verfasser -] - -Noch zweimal legte der Dampfer während dieser Tage in japanischen -Häfen an. Sowohl in Kobe wie in Yokohama spielte sich in meiner Kammer -derselbe Vorgang ab wie in Nagasaki -- Mr. McGarvin blieb krank und --- -- -- unbehelligt. Fünf volle Tage blieben wir im ganzen in Japan. -Aber endlich, nachdem ich acht ganze Tage im Bett gelegen hatte, -ohne daß mir etwas fehlte als eben die Krankheit, verließen wir die -gefährlichen Gewässer, und als die japanische Küste hinter uns am -Horizont verschwand, da soll es auf dem Dampfer einen jungen Mann -gegeben haben, der wie unsinnig vor Freude herumsprang und sein kleines -Hütchen, welches ehemals einem fünfjährigen Mädchen im fernen China -gehört hatte, in der Richtung nach Japan schwenkte und lachend rief: -~„Good bye, Japs, good bye, Japs!”~ - -Unter allerlei Unterhaltungen, wie sie eben an Bord eines so großen -Dampfers gepflogen werden, zogen die Tage dahin. An Bord waren auch -mehrere deutsche Herren, die der Krieg aus ihrer bisherigen Heimat -vertrieben, dann einer meiner Kameraden, der bis jetzt in Schanghai zu -tun gehabt hatte, und ein Kriegskamerad von mir: der amerikanische -Kriegsberichterstatter Mr. Brace, welcher als einziger Ausländer die -ganze Belagerung Tsingtaus mitgemacht hatte. - -Neptun sorgte für Abwechslung. Kurz vor Honolulu bekamen wir einen -starken Taifun auf den Kopf, der zwei Tage andauerte, und bei dem der -Dampfer ernstlich in Gefahr schwebte. - -Als wir in Honolulu bei strahlendem Sonnenschein ankamen, da traute ich -meinen Augen kaum. Da vorne, da wehte ja die deutsche Kriegsflagge! Es -war kein Zweifel. - -Und als wir festgemacht hatten, lag neben uns winzig wie eine Nußschale -der kleine Kreuzer „Geier”, welcher sich, wie wir später erfuhren, von -der Südsee aus in mehrmonatiger Reise bis nach hier durchgeschlagen -hatte und interniert worden war. Welch ein eigentümliches -Zusammentreffen! Liebe Kameraden, von denen ich lange nichts mehr -gehört hatte, traf ich hier mitten im Kriege, fern der Heimat nach -großen Erlebnissen. Da gab's ein Fragen und Erzählen, das wollte kein -Ende nehmen. - -Der „Geier” hatte sich bei Ausbruch des Krieges fern unten in -der Südsee zwischen dem Gewirr der Koralleninseln befunden. Die -Mobilmachung mit Rußland hatte er noch erfahren, dann war seine -Funkentelegraphie entzweigegangen, und er schwamm ohne Nachrichten -im Stillen Ozean herum. Erst vierzehn Tage später erfuhr der „Geier” -etwas vom Kriege mit England und noch später den mit Japan. Da hieß es -aufpassen. Und umstellt und gehetzt von einer Schar von Feinden ist -es dem kleinen Kreuzer gelungen, wochenlang segelnd oder im Schlepp -eines kleinen Dampfers sich die Tausende von Seemeilen bis nach -Honolulu durchzuschlagen. Und als der große japanische Kreuzer, der -bei der Einfahrt von Honolulu auf ihn lauerte, sich an einem Morgen -die Augen rieb, da lag das kleine Nußschälchen schon wohlgeborgen im -Hafen, und stolz wehte die Flagge am Mast, und der gelbe Aff' mußte mit -eingezogenem Schwanze nach Hause laufen. - -Nach der Abfahrt von Honolulu hatte ich noch ein ernstes Hühnchen mit -meinem Kriegskorrespondenten zu rupfen. Dieser brachte mir nämlich -freudestrahlend die „Honolulu Times” und zeigte mir stolz das erste -Blatt, auf dem in riesigen Lettern mein Name, meine Stellung und -meine Herkunft zu lesen waren und darunter ein spaltenlanger Artikel, -der alle Schandtaten aufzählte, die ich in und nach der Belagerung -Tsingtaus vollbracht hatte. - -Also echt amerikanisch; nach dem, was über einen in der Zeitung steht, -wird man erst beurteilt. - -Mir war die Sache äußerst peinlich, denn ich hatte allen Grund zu -befürchten, daß die amerikanischen Behörden mich auf dieses Schreiben -hin in San Francisco festnehmen würden. Doch alle Amerikaner an -Bord beruhigten mich in dieser Beziehung, und meinten, ich würde in -Amerika vollständig unbelästigt herumgehen können, denn, was ich -gemacht hätte, wäre ein ~„good sport”~, dafür hätten die Amerikaner -Sinn. Sogar im Gegenteil, der Amerikaner würde sich kolossal darüber -freuen, und wenn ich vernünftig wäre und von meinen törichten -deutschen Offiziersansichten abließe, dann könnte ich in Amerika ein -ordentliches Stück Geld verdienen. Ich solle mich bloß an eine richtige -Zeitung wenden, und die würde die Sache an der Hand ihrer Reklame -ordentlich inszenieren, und dann könnte ich, möglichst mit Musik -vorneweg, von Stadt zu Stadt ziehen und Vorträge halten und ~plenty -dollars~ einheimsen. Ja, es waren überhaupt Gemütsmenschen, die Herren -Amerikaner. Einer dieser Herren, ein ganz famoser netter Mann, der eine -reizende Tochter mit an Bord hatte, kam eines Tages zu mir, nahm mich -beiseite und sprach im vollsten Ernste: - -„Sehen Sie mal, Mr. McGarvin, Sie gefallen mir, ich habe Interesse an -Ihnen. Was wollen Sie jetzt anfangen? Geld haben Sie wahrscheinlich -nicht, in Amerika kennt Sie niemand, und gute Arbeit findet sich dort -sehr schwer!” - -„Nun, ich will nach Deutschland und will für mein Vaterland kämpfen, -ich bin doch Offizier!” - -Ein mitleidiges Lächeln seinerseits. - -Er: „Aus Amerika herauszukommen, ist ausgeschlossen, und dann, Ihr -Vertrauen und Ihre Begeisterung in Ehren, aber glauben Sie mir, ich -habe gute Verbindungen; in wenigen Monaten wird Deutschland vernichtet -sein, und da wird es dann für Sie keine Arbeit und keine Bleibe mehr -geben. England wird keinem deutschen Offizier erlauben, nach dem Kriege -in Deutschland zu bleiben. Sie alle werden exportiert, das Deutsche -Reich aufgeteilt und der Deutsche Kaiser von seinem eigenen Volke -abgesetzt werden. Also seien Sie doch vernünftig, suchen Sie sich jetzt -schon eine neue Heimat zu gründen, bleiben Sie in Amerika, ich werde -Ihnen gern helfen.” - -Das war mir zu viel. Und eine Antwort habe ich dem Herrn gegeben und -eine Belehrung, was eigentlich ein deutscher Offizier sei, und wie -es wirklich in Deutschland aussähe, daß der gute Mann fast selbst -mit in Begeisterung über Deutschland geriet. Von nun ab war er noch -liebenswürdiger zu mir, und öfters bin ich nachher bei ihm in San -Francisco und New York zu Gast gewesen. - -Am dreißigsten Dezember liefen wir in San Francisco ein. - -Typisch amerikanischer Zustand. - -Dutzende von Zeitungsreportern und Photographen rannten an Deck herum, -kamen in Salons, ja ließen einen nicht mal in den Kabinen zufrieden. -Von mir hatten die Kerls schon Wind bekommen. Von allen Seiten -stürmten diese Herren herbei, von allen Ecken wurde man geknipst, es -war geradezu widerlich. Schließlich wandte ich das einzige Mittel an, -welches hilft: ich wurde grob und schrie: „Ich habe überhaupt nichts zu -sagen, und wenn Sie mich weiter belästigen, hole ich die Polizei!” Mein -Kriegskorrespondent aus Tsingtau hatte mich vorher instruiert, mit -seinen Kollegen so zu verfahren. - -Nur ein windiger gelber Japaner schlich sich wie eine Katze an mich -heran, machte tiefe Verbeugungen, zischte durch die Zähne und sagte -falsch lächelnd, er käme vom Japanischen Konsulat (das auch noch!) und -wolle mich begrüßen und mir Glück wünschen, daß ich so gut aus Tsingtau -herausgekommen wäre. Im übrigen hätte ich ja gar nichts zu befürchten, -ich wäre auf amerikanischem Boden, aber er würde so furchtbar gerne -einen kleinen Bericht seiner Zeitung nach Japan schicken, das würde -seine japanischen Brüder freuen. - -Den gelben Jap ließ ich durch den chinesischen Steward hinausbefördern. - -San Francisco! - - - - -Sie haben mich! - - -San Francisco! - -Diese riesige wunderschöne Stadt! - -Das beste war: ich wurde _nicht_ verhaftet. Keine offizielle -Persönlichkeit kümmerte sich um mich, und ich blieb einige Tage dort -trotz des Entsetzens auf dem Deutschen Konsulat, wo man mich schon -verhaftet sah. Ich habe selten in meinem Leben eine so wahnsinnige, -tolle Nacht erlebt wie die Silvesternacht in San Francisco. - -Alles was mir darüber schon vorher erzählt war, war nichts gegen die -Wirklichkeit. Die ganze Stadt schien wie in ein Tollhaus verwandelt. -Und all die Menschen, rassig bis zum letzten Blutstropfen; schön -und kräftig die Männer, hinreißend die blonden Frauen und Mädchen. -Ich war von meinem Bekannten in eins der schönsten und größten -Vergnügungslokale eingeladen. Unerschwingliche Eintrittspreise und das -Publikum das beste vom besten. In dieser Nacht schien alles erlaubt. - -Und dann die Musik und der Tanz so hinreißend und schön und wild, es -ist „die” Nacht von San Francisco! - -Am zweiten Januar Neunzehnhundertfünfzehn galt's wieder Abschiednehmen, -und zufällig traf ich mit meinem Kameraden und mehreren Deutschen, -mit denen ich auf dem Dampfer zusammengewesen war, in demselben -Eisenbahnwagen wieder zusammen. - -Das wurde eine frohe Fahrt, zumal die Zeitungen gute Nachrichten aus -Deutschland brachten, einige der älteren Herren und Damen direkt zur -Heimat fuhren und wir beiden Offiziere fest daran glaubten, daß auch -wir unserem Ziele nicht mehr fern wären. - -Bei den Grand Canons von Arizona wurde ein Zug überschlagen. Das -mächtige Naturwunder zeigte sich uns in wunderbarster Schönheit. -Dann ging's weiter, tagelang raste der Zug durch die Prärien, -Knabenerinnerungen an den Lederstrumpf und an die Mohikaner tauchten in -uns auf, dann trennten wir uns in Chicago und ich fuhr nach Virginien, -um liebe Freunde zu besuchen und um zu sehen, wie ich die Weiterreise -nach Europa ermöglichen könnte. - -Nach zwei, drei Tagen reiste ich nach New York weiter, um hier mein -Glück zu versuchen. - -Drei volle Wochen mußte ich in New York bleiben, drei volle Wochen, in -denen ich viel von New York und den Menschen dort und von dem dortigen -Leben kennenlernte. - -Drei volle Wochen, während deren ich oft nicht wußte, was vor Wut -anfangen. Das überstieg alles, was ich bis jetzt in dieser Beziehung -erlebt hatte. Kaum ein Bild, kaum eine Zeitung, kaum eine Reklame, -die nicht gegen Deutschland hetzte, die nicht die tapferen deutschen -Kämpfer in den Dreck zogen. - -Der Tipperary-Gesang schien auch in New York zum Nationallied -gestempelt worden zu sein. - -Gab es denn keinen, der diesen Leuten die Augen öffnete, _wollten_ -diese Menschen die Wahrheit nicht hören und nicht sehen? - -Ja, die meisten kannten ja Deutschland überhaupt nicht, wußten kaum, -wo Deutschland lag, und doch urteilten sie so. Da konnte man fühlen, -welche ungeheure Macht die gemeine englische Lügenpresse besaß, und -wie urteilslos und dumm der Amerikaner auf diesen groben Schwindel -hineinfiel. - -Ich habe gewirkt, was in meinen Kräften stand. - -Ich habe geredet und erzählt und zu überzeugen versucht, überall -dieselbe Antwort: „Ja, daß Sie persönlich all diese Greueltaten nicht -tun würden, das glauben wir Ihnen, aber die anderen Deutschen, die -Hunnen und Barbaren, die tun's. Hier steht's ja schwarz auf weiß in den -Times! Da muß es ja wahr sein, denn es ist undenkbar, daß ein so großes -Blatt die Unwahrheit sagt.” Ein großer Trost war mir die rührende Art, -wie ich von meinen Bekannten und deren Freunden aufgenommen wurde, -und ich bin ihnen aufrichtig dankbar dafür. An einem Abend war ich -besonders wütend. Ich war in der Metropolitan Opera gewesen, es wurde -unter anderem ein Akt aus „Hänsel und Gretel” gegeben. Deutsche Musik, -deutsche Worte und deutscher Gesang! - -Mein Herz tat sich auf und quoll über vor wahnsinnig schmerzender -Sehnsucht nach dem geliebten Vaterlande; meine Seele trank in vollen -Zügen das deutsche Lied. Hingerissen, berauscht, trat ich auf die -Straße und wurde jäh in die Wirklichkeit zurückgerufen. - -Auf dem großen Platz vor dem Theater, wie allabendlich, eine riesige -Volksmenge. Drüben an einer kahlen Hauswand leuchtete wie an jedem -Abend in großen Buchstaben der neueste Kriegsbericht auf, der von einem -Kinematographen-Apparat auf die Wand geworfen wurde. - -Natürlich: Rußland hatte wieder mal einen großen Sieg errungen, die -Engländer hatten die deutsche Kronprinzen-Armee vollkommen vernichtet! - -Die Menge johlte vor Freude. - -Dann kamen einige Schlachtenbilder. Erst einige englische und -französische Kriegsschiffe, dann plötzlich der deutsche Kreuzer -„Goeben”. - -Die Menge raste, ein Pfeifen, ein Zischen und Pfui-Rufen, welches kein -Ende nehmen wollte. - -Das waren die _neutralen_, um Menschenrechte und Gerechtigkeit so -besorgten Amerikaner! - -Vergebens waren bis jetzt meine Bemühungen gewesen, nach Europa zu -gelangen. Ich hatte mir die Sache doch einfacher vorgestellt. - -Um ein Haar wäre es mir einmal gelungen. - -Ich hatte eine Heuer auf einem norwegischen Segelschiff gefunden und -sollte sofort meinen Dienst als Matrose antreten. Da mir aber dringend -geraten wurde, diesen Kasten nicht zu benutzen, da mehrere englische -Matrosen an Bord wären, ließ ich die Gelegenheit fahren und suchte -weiter. - -Endlich hatte ich, was ich wollte. - -Durch Zufall lernte ich einen Mann kennen, der ein recht bewegtes Leben -hinter sich hatte. Er hatte sich jahrelang in der Welt herumgetrieben -und lebte nun schon lange in New York. Was er eigentlich tat, habe -ich nie recht herausbekommen. Eines konnte er jedenfalls sehr -geschickt, und das war: alte Pässe frisch aufgarnieren. So waren wir -bald handelseinig. Nach wenigen Stunden hatte ich meinen Reisepaß, -meine Photographie war sauber eingeklebt, alle An- und Abmeldungen -vorschriftsmäßig vorhanden. - -Und so stieg am dreißigsten Januar Neunzehnhundertfünfzehn der -Schweizer Schlossergeselle Ernst Suse an Bord des neutralen -italienischen Dampfers „Duca degli Abruzzi” und verschwand im -Zwischendeck. - -Zwei Stunden später passierten wir die Freiheitsstatue. Fünf Seemeilen -vor dem Hafen von New York lagen zwei englische Kreuzer und bewachten -die Hafeneinfahrt. Ein leuchtendes Beispiel für die Freiheit der Meere! -Die Dampferfahrt war fürchterlich. - -Trotzdem ich als Seeoffizier und alter Torpedobootsfahrer an manchen -Kummer gewöhnt war, so etwas hatte ich mir nicht träumen lassen. - -Das Schiff topplastig und mit so wahnsinnigen Schlinger- und -Stampfbewegungen, daß ich als Fachmann überzeugt war, der Kahn würde -bei mehr aufkommender See kentern. Und die Wanzen! Doch das ist -ein Kapitel für sich. Am dritten Tage unserer Fahrt stand ich eines -Vormittags an Deck und schaute sehnsüchtig nach der ersten Klasse, von -wo zwei allerliebste Gesichtchen über die Reling sahen. Da trat ein -Herr zu ihnen heran, und beinah hätte ich laut seinen Namen gerufen! - -Den kannte ich doch, das war doch -- -- -- -- - -Ja, es war kein Zweifel möglich. Es war mein Kamerad T., der mit mir -aus Schanghai gekommen war. Nun gewahrte er mich auch, nur daß er -mich erst erkannte, nachdem er mit seinen Damen einige recht laute -Bemerkungen über den schmierigen Gesellen (das war ich) dort unten -gemacht hatte. Plötzlich wurde er stumm, seine Augen weiteten sich, -dann glitt ein Lächeln des Verständnisses über seine Züge, er machte -kehrt, und weg war er. - -Am Abend bei vollständiger Dunkelheit hatte ich einen Augenblick -Gelegenheit ihn zu sprechen. Er fuhr als vornehmer Holländer -(selbstverständlich konnte er kein Wort Holländisch sprechen) und -wollte ebenso wie ich nach Neapel und von da nach Hause. - -Aber das beste war doch das: beide waren wir in New York täglich -zusammengewesen, beide wußten wir gegenseitig, daß wir alles versuchen -würden, um nach Hause zu kommen, aber wie es sich jetzt herausstellte, -hatten wir beide unseren entsprechenden Unterstützungsmännern das -Versprechen geben müssen, zu niemandem ein Wörtchen zu sagen, und das -hatten wir beide so gut gehalten. - -Aber der Schlager kam noch: Beide waren wir bei demselben Mann gewesen! - -Einige Tage nach dem Verlassen von New York erkrankte ich plötzlich, -bekam hohes Fieber und mußte mich in die Koje legen. Was es war, wußte -ich selber nicht, wahrscheinlich ein Malariaanfall, und dieser Ansicht -schien auch der italienische Arzt zu sein und gab mir eine blödsinnige -Dosis Chinin. Der Erfolg trat auch sofort ein: ich wurde noch kränker -denn zuvor und hatte mehrere Tage fast vierzig Grad Fieber. Diese -Tage waren unbeschreiblich. In unserem Loch von einer Kammer wohnten -wir zu vieren zusammen. Über mir lag ein Franzose, der mit Schnattern -und Futtern nur aufhörte, wenn er seekrank war. Neben mir lag bleich -und gefaßt ein Schweizer (das war schon verdächtig). Dieser Mann -war so seekrank, daß ich glaubte, er würde Europa niemals lebend -erreichen. Links über mir aber lag ein ganz rabiater Engländer, der -trotz der geschlossenen Bullaugen Tag und Nacht seine Navy Cut-Pfeife -nicht ausgehen ließ, fast immer betrunken war und kaum einen Moment -sein Grölen und sein Schimpfen auf Deutschland unterbrach. Meine -Ruhe kann man sich denken. Außerdem lag meine Koje direkt neben der -Rudermaschine, und dann kam das Schlimmste: die Wanzen! - -Ich habe so etwas nie für möglich gehalten! - -Diese furchtbarsten Plagegeister kamen nicht einzeln, sondern gleich zu -Dutzenden. - -Ach, was war der ganze Radau, der unerträgliche Gestank und die -seekranken Menschen gegen diese Plage! Trotz des furchtbaren -Schwächezustandes, in dem ich mich befand, versuchte ich die braunen -Gesellen zu töten oder zu verjagen. Ich merkte aber nur zu bald, daß -ich gegen sie machtlos war. - -Und dann wurde mir alles gleichgültig. Die Fahrt konnte ja nur noch -einige Tage dauern, dann waren wir im schönen Italien, dann nur noch -kurze Tage der Erholung, und ich wäre in meinem geliebten Vaterlande -gewesen. Mit aller Energie wehrte ich mich gegen meine Krankheit, und -die Gedanken an Deutschland ließen mich so weit genesen, daß ich am -achten Februar, als der Dampfer in Gibraltar einlief, wieder aufstehen -konnte. - -Gibraltar! - -Wie oft war ich an diesem Felsen früher schon vorbeigefahren, wie hatte -ich dem grauen Stein froh bewegt zugewinkt, wenn ich, vom Auslande -zurückkehrend, durch die Meerenge fuhr, der treuen Heimat entgegen! - -Was hatte ich dieses Mal zu erwarten? - -Trotzdem das Anlaufen von Gibraltar nicht auf dem Fahrplan vorgesehen -war, fuhr der Dampfer ohne irgendwelche Aufforderung zur Untersuchung -in den Hafen ein und ankerte dort. So weit also waren die Italiener -schon Sklaven der Engländer geworden! - -Sobald das Schiff still lag, kamen zwei Kriegsschiffsbarkassen -längsseit, denen ein englischer Seeoffizier, einige Polizeibeamte und -mehrere bis an die Zähne bewaffnete englische Matrosen entstiegen. - -Ein Glockensignal wurde durch das Schiff gegeben und der Befehl: -Sämtliche fremden Passagiere, die nicht Italiener und nicht Engländer -sind, auf die Kommandobrücke kommen! Die Stewards gingen herum, suchten -alle Räume und Kammern ab, und wie eine Hammelherde, umringt von -englischen Matrosen und italienischen Stewards, wurden wir auf die -Brücke getrieben. - -So ganz wohl war mir dabei nicht zumute! - -Aber immerhin hatte ich etwas Vertrauen, da ich, wie ich bald -feststellte, der einzige war, der mit einem richtigen Paß mit -Photographie ausgerüstet war. Zu meinem großen Unbehagen stellte ich -fest, daß wir im ganzen fünf Schweizer waren, von denen mir drei immer -schon wegen ihres zurückgezogenen stillen Wesens verdächtig vorgekommen -waren. Nur einen Schweizer, den hatte ich noch nicht gesehen, der sah -aber auch so dreckig und schmierig aus, daß ich vorsichtshalber etwas -zur Seite trat, als er sich neben mich stellte. - -Nach ungefähr einer Stunde, nachdem die Passagiere erster Klasse recht -oberflächlich und sehr höflich untersucht worden waren, kam die Reihe -an uns. - -Sechs arme Sünder standen wir da. Der erste war ein -italienisch-schweizerischer Arbeiter, dem der rechte Arm fehlte, seine -Frau, eine typische Italienerin, warf sich unter Heulen dem Engländer -zu Füßen. Ihren ganzen Anhang aus dem Zwischendeck hatte sie mit -heraufgebracht. Alles heulte, und verächtlich sah der Engländer auf die -Leute herab. Nach kurzem Verhör wurde der Mann entlassen und war frei. - -Nun kamen wir. - -Der größte von uns Schweizern stand am rechten Flügel. Der englische -Offizier trat auf ihn zu und sagte: „Sie sind deutscher Offizier!” - -Natürlich laute Entrüstung und Proteste von dessen Seite. Der Engländer -reagierte gar nicht darauf, und das Unglückswurm mußte beiseite treten. -Wir anderen vier schienen ihm schon echter auszusehen. - -Wir wiesen auf unsere Pässe hin, und jeder von uns gab eine -Mordsgeschichte zum besten. Nach kurzer Zeit sagte er: „Schön, die vier -können gehen, aber den einen nehme ich mit!” - -Mir schlug das Herz vor Freude bis zum Halse. Da kam der Verräter. - -Ein windiges Bürschchen in tadellosem Zivil trat an den Offizier heran -und sagte ihm mit aufgeregter Stimme: „Es ist ausgeschlossen, daß die -vier so ohne weiteres freikommen, ich bin überzeugt, alle vier sind -Deutsche; es müssen unbedingt noch ihre sämtlichen Sachen untersucht -werden.” - -Von unserer Seite lauter Protest, aber es half nichts. Zwar widerwillig -und voller Verachtung gegen diesen Schurken folgte der englische -Offizier doch, und nun begann die Untersuchung in der Kammer. Alles -wurde durchwühlt. Überall schnüffelte der Schurke herum, nichts konnte -er finden, was verdächtig war. Kein Namenszug, nichts. Plötzlich drehte -sich der Kerl um, riß mir die Jacke auf, krempelte mir die Brusttaschen -um und sagte dann triumphierend zu dem Offizier, der neben ihm stand: - -„Sehen Sie, auch hier kein Namenszug und kein Name, das ist ein -Zeichen, daß er ein Deutscher ist, denn er hat alle Monogramme vorher -vernichtet.” - -Ach, hätte ich diesem Hund seine Hirnschale einschlagen können! - -Wie wir bald erfuhren, war dieser Zivilist der Vertreter der Firma Th. -Cook & Brothers in Gibraltar und versah auf den Dampfern Dolmetscher- -und schurkische Spionendienste. Er sprach ein so reines Deutsch, daß er -zweifellos viele Jahre in Deutschland Gastfreundschaft genossen haben -mußte. Wie viele Unglückliche mochte diese Schlange wohl schon ins -Verderben gebracht haben! - -Wiederum wurden wir fünf wie Vieh auf der Brücke zusammengetrieben. -Dann näherte sich auch schon der zweite Judas Ischarioth, welcher von -Cooks Vertreter herbeigeholt war. Dieser zweite war ein Schweizer -Passagier erster Klasse, und auf Veranlassung des Schurken sollte er -uns in Schwyzer Dütsch prüfen. - -Wir versagten alle fünf. - -Kein Protest half. Nichts nützte, daß ich den Leuten die tollsten -Geschichten erzählte, wie: Ich könnte ja überhaupt gar kein Deutsch! -Schon als Kind von drei Jahren hätte ich mit meinen Eltern die Schweiz -verlassen und sei mit ihnen nach Italien gezogen. Dann sei ich nach -Amerika verschlagen worden. - -In gutem Italienisch und Amerikanisch redete ich wie um meinen Kopf. -Beinahe kam ich frei, da zischelte die Schlange wieder, und -- -- -- -aus war es! - -Der englische Offizier ließ sich auf nichts mehr ein, er sagte bloß, es -seien bereits so viel Schweizer durch Gibraltar durchgefahren, so viele -gäbe es in der ganzen Welt nicht. - -Mit einer innerlichen Wut, die mich fast zum Wahnsinn brachte, wurde -ich abgeführt. - -Schnell hatte ich ein paar Habseligkeiten zusammengerafft, ich konnte -einer deutschen Dame noch unbemerkt einen Zettel in die Hand drücken, -den sie auch treulich meinen Verwandten gesandt hat, und mit einem -groben Stoß eines Seemanns flog ich das Fallreep hinunter und in die -Barkasse, in der die vier anderen Unglückswürmer bereits gänzlich -zerknickt saßen. Dann kam der englische Offizier mit seinem Schurken -und fort ging's. - -An der Reling des Dampfers stand der Schweizer Verräter und sah -schadenfroh herab. Da konnte ich nicht mehr an mich halten, ich sprang -auf und drohte ihm mit der Faust und brüllte ihm ein Schimpfwort zu. - -Ein hysterisches Verräterlachen antwortete mir. - -Und ganz vorne von der Steuerbordreling, da grüßten stumm ein paar -traurige deutsche Augen einen letzten Abschiedsgruß zu mir herüber. - -Leb' wohl, du glücklicher Kamerad, grüß' mir die Heimat, die du in -einigen Tagen wiedersehen wirst! - - - - -Hinter Mauern und Stacheldraht - - -Der englische Offizier beruhigte mich: „Seien Sie versichert,” sagte -er mir, „Sie können heute noch in Gibraltar Ihren Schweizer Konsul -sprechen; wenn der die Richtigkeit Ihres Passes bestätigt, dann sind -Sie am selben Tage frei.” - -Was es damit auf sich hatte, erfuhr ich nur zu bald. Die Dampfbarkasse -rauschte dem Lande zu, und bald legte sie am inneren Teil des -Kriegshafens an. - -Zehn Soldaten mit aufgepflanztem Seitengewehr standen an der -Anlegestelle bereit. Einige kurze Befehle, die paar Sachen, die wir -mitgenommen hatten, nahmen wir selbst auf den Buckel, dann mußten wir -uns in zwei Reihen aufstellen, die zehn Soldaten umringten uns, und auf -das Kommando: ~„Quick marsh”~ setzte sich der traurige Zug in Bewegung. - -Alles mit mir und um mich herum geschah wie im Traum. Ich war überhaupt -kaum fähig, einen Gedanken zu fassen, so war ich niedergeschmettert. - -Gefangen! - -War es wirklich wahr? Gab es so etwas überhaupt? - -Es war entsetzlich, unfaßbar! Wie ein Verbrecher wurde man hier entlang -geführt, und wie Verbrecher wurden wir von der Bevölkerung, an der -wir vorbeigehen mußten, angesehen. Die Soldaten trieben uns zur Eile -an. Ich war schwach zum Umsinken, da ich das Fieber noch nicht ganz -überwunden und seit drei Tagen außer Chinin nicht das geringste in den -Magen bekommen hatte. Die Sonne brannte auf die Felswände herab, und -dann der seelische Zustand, die Hoffnungslosigkeit! - -Trostlos! - -Immer höher ging's durch schmale, erhitzte Gassen, bald verschwanden -die Häuser unter uns, steile, nackte Felsen an beiden Seiten. Nach -einer Stunde hatten wir die höchste Spitze des Gibraltar-Felsens -erreicht. Kommandorufe erschollen, Drahthindernisse und eiserne Tore -wurden geöffnet, dumpf schlugen sie wieder ins Schloß, Ketten und -Riegel klirrten. - -Gefangen! - -Nun wurden wir zuerst zur Polizeiwache gebracht und einem Verhör -unterzogen. Ich protestierte energisch und verlangte, umgehend vor -meinen Konsul geführt zu werden, wie mir von dem englischen Offizier -ausdrücklich zugesichert war. Ein bedauerndes Lachen war die Antwort. -Ach, wir waren ja nicht die ersten, die so heraufgebracht waren und -dasselbe Ansinnen gestellt hatten. Wie unendlich viele haben wohl hier -oben gestanden und endgültig ihre Hoffnungen begraben müssen! - -Jetzt begann die körperliche Untersuchung. - -„Hat jemand von den Gefangenen Geld bei sich?” - -Keiner antwortete selbstverständlich. Wir mußten uns ausziehen, -und jedes Kleidungsstück wurde eingehend auf Geld, Doppelgläser, -Photographenapparate und besonders auf Schriftstücke untersucht. Ich -kam als dritter an die Reihe, mein Hemd durfte ich anbehalten. - -„Haben Sie Geld?” - -„Nein!” - -Der Feldwebel tastete an meinem Körper herum, plötzlich klimperte etwas -in der linken Brusttasche meines Hemdes. - -„Was ist das?” - -„Ich weiß nicht!” - -Nun griff er in die Tasche hinein, und was holte er heraus?: ein -wunderschönes Zwanzigdollarstück aus bestem amerikanischem Golde -und außerdem ein kleines Perlmutterknöpfchen, welches mich durch -das Gegenschlagen gegen das Geldstück bei der Untersuchung verraten -hatte. Ich sage ja, das hat man von der Ordnungsliebe! Hätte ich -das Knöpfchen zwei Tage früher fortgeworfen, statt es sorgfältig -aufzubewahren, wäre dies nicht passiert. Der englische Soldat freute -sich, derlei Scherzchen schienen recht oft vorgekommen zu sein. Doch -nun untersuchte er genauer. Und zu meinem Kummer holte er mir auch -aus der anderen Hemdentasche und aus den beiden Hosentaschen noch je -ein schönes Goldstück heraus; und dazu leider auch noch meine kleine -Browningpistole, die mich nun schon so treulich all die Monate lang -begleitet hatte. - -Als ich fertig ausgeplündert war, durfte ich mich wieder anziehen und -zu den anderen Leidensgenossen in den Gefängnishof treten. - -Dann ging's in unsere zukünftigen Quartiere. Etwa fünfzig -zivilgefangene Deutsche empfingen uns mit lautem Hallo. Diese saßen -schon seit Beginn des Krieges hier und hatten ihren Humor scheinbar -vollständig wiedergefunden. Unsere neuen Kameraden luden uns gleich zum -Essen ein, und wie die Wilden stürzten wir auf den von den Gefangenen -selbst hergestellten Brotpudding. - -Dann ging's an die Arbeit. - -Erst mußten wir Kohlen und Wasser schleppen. Wir wurden ungefähr der -Größe nach verteilt, und durch Zufall kam der schmierige Schweizer, vor -dem ich mich auf dem Dampfer schon geekelt hatte, mit mir zusammen. Es -stellte sich heraus, daß er auch Schlosser war, also denselben Beruf -wie ich erwählt hatte. - -Später, wo wir beide dann dauernd zusammen waren, korrigierten wir -etwas unseren Beruf, und zwar waren wir dann nicht mehr Schlosser, -sondern Schloß_herr_. - -Damit übervorteilten wir keinen, und die Sache hatte vor allen Dingen -den Vorteil der Billigkeit, und daß sie sich durch eine einfache -Änderung in der Aussprache bewerkstelligen ließ. - -Vorläufig aber schleppten wir noch Kohlen, und daß die einzelnen Kiepen -nicht zu voll wurden, dafür sorgten wir schon. Wir waren ja auch so -schwächlich! - -Nachdem wir Kohlen und Wasser genügend geschleppt hatten, empfingen -wir unsere dreiteiligen Soldatenmatratzen, hart wie Stein, dazu zwei -wollene Decken. Dann hatten wir für diesen Abend Ruhe. Das erste jetzt -war das Waschen. Ich sehe die Szene heute noch. - -Mein schmieriger Kollege von derselben Fakultät setzte sein -Waschbecken neben das meine und zog in aller Seelenruhe sein Hemd aus. -Donnerwetter, so viel Sauberkeit hatte ich doch nicht erwartet, und ich -musterte ihn kritisch. Tadellos gewachsener Körper und sogar sauber, ja -blitzsauber! Aber Kopf, Hals und Hände, brrr! Mitten im Waschen hörte -ich plötzlich auf. Mein Gesicht wurde immer länger, mein Erstaunen war -groß. Das Waschwasser meines Kollegen war schwarz wie Brühe, aber er? -Das war ja ein ganz anderer, der jetzt neben mir stand. Die vorher -schwarzen und schmierigen Haare leuchteten in hellstem Blond, das -Gesicht war frisch und weiß und zeigte feine Züge, und die Hände waren -schlank und wohlgebaut. Und, war es möglich? Quer über die Backen und -über die Schläfen da zogen sich Schmisse, richtige, echte deutsche -Studentenschmisse hindurch. Das Hallo, und das Gefrage und Erzählen, -das nun folgte. Mein Kollege war ein echter deutscher Student gewesen, -hatte jetzt in Amerika eine schöne Automobilfabrik sich gegründet -und hatte dort drüben alles stehen und liegen gelassen, um als -Reserveoffizier seinem Vaterlande zu helfen. Schnell schlossen wir uns -aneinander an und sind treue, unzertrennliche Freunde geblieben durch -viele Wochen der Gefangenschaft, bis das Schicksal uns leider wieder -trennte. Wir beiden Schloß_herren_ waren aber bald bekannt. - -Abends um zehn Uhr wurde Zapfenstreich geblasen, Licht aus in allen -Räumen. - -Ich hatte meine Schlafstelle an einem Fenster aufgeschlagen, welches -bis dicht auf den Fußboden herunterreichte. Auf der Erde liegend konnte -ich bequem aus dem Fenster heraussehen. - -Der Tag hatte so viel Neues gebracht, jetzt erst kam ich zur Ruhe und -zur Überlegung. - -Die Kaserne, in der wir untergebracht waren, lag hoch oben auf der -höchsten Spitze von Gibraltar, da wo die Felsen steil nach Süden zu ins -Meer herabfallen. - -Durch das Fenster erblickte ich jetzt tief unter mir das wunderbar -blaue Wasser der Meerenge von Gibraltar. - -Drüben, ganz fern am Horizont, grüßte fein und hell die Küste von -Afrika herüber. - -Da unten war die Freiheit, Schiffe fuhren hin und her, auf denen -Menschen lebten, freie, ungebundene Menschen, die fahren konnten, wohin -sie wollten, und -- -- -- nicht wußten, wie wunderbar und kostbar -Freiheit war! - -Es war zum Wahnsinnigwerden! - -Die Gedanken jagten sich, die Ereignisse des Tages zogen im Geiste an -mir vorüber, und wenn ich daran dachte, daß ich jetzt auch dort unten -auf einem der Dampfer schwimmen könnte, dann hätte ich am liebsten -aufbrüllen mögen vor Wut. - -Ach ja, heute war der achte Februar, mein Geburtstag, _den_ Tag hatte -ich mir allerdings anders vorgestellt! - -Wie ein Irrsinniger wälzte ich mich auf meinem Lager herum, und wenn -ich nachsann, wie jetzt alles hätte sein _können_, was ich alles von -diesem Tage erhofft hatte und wie ich mir die Zukunft ausgemalt hatte, -dann packte mich die wilde Verzweiflung, und vor ohnmächtiger Wut -liefen mir die Tränen aus den Augen, ohne daß ich es verhindern konnte. - -Sehnsucht, o du furchtbare Sehnsucht! - -In dieser Nacht war ich nicht der einzige, dem es so ging. - -Aus vier anderen Lagern sahen bleiche Gesichter heraus, weitgeöffnete -Augen starrten zur Decke, und manch unterdrücktes Schluchzen biß -sich in die Decken hinein. Am nächsten Morgen um vier Uhr wurden wir -plötzlich alle geweckt. Die englischen Unteroffiziere gingen die -Räume entlang, und es wurde der Befehl gebrüllt, daß alle deutschen -Gefangenen sich sofort klar zu machen hätten, in zwanzig Minuten -abzumarschieren und mit einem bereits klar liegenden Dampfer nach -England zu fahren. - -Nach England? Das war doch gar nicht möglich, wir waren doch Schweizer, -wir sollten doch heute unseren Konsul sprechen! - -An der stoischen, unerschütterlichen Ruhe der Engländer prallten alle -unsere Versuche ab. Nun schnell alles zusammengerafft, und genau eine -halbe Stunde später marschierten wir sechsundfünfzig Zivilgefangene, -umringt von hundert schwer bewaffneten englischen Soldaten, in den -leuchtenden Morgen hinein und den Felsen von Gibraltar hinab. - -Aber daß unser Stolz nicht gebrochen war, das wollten wir den -Engländern beweisen. Und schmetternd und hell, verstärkt durch die Wut, -die in uns kochte, jubelte „Die Wacht am Rhein” und „O Deutschland hoch -in Ehren” zum Himmel empor. - -Unten lag ein riesiger Transportdampfer, bis an den Rand gefüllt mit -englischen Truppen. Durch die Menge der Abschiedgebenden und der -Abschiednehmenden wurde eine schmale Gasse gebahnt, und im Gänsemarsch -liefen wir Spießruten. Doch das muß ich sagen, es gab niemanden, der -uns belästigte, nicht einen einzigen, der uns etwas zurief. Stumm wurde -uns Platz gemacht, stumm ließ man uns passieren, ja hier und da traf -sogar ein Blick des Bedauerns und des Mitleids diesen traurigen Zug. - -An Bord war vorne in der ersten Abteilung im Ladedeck notdürftig -ein Raum gezimmert worden. Bänke und Tische und Hängematten waren -vorhanden, alles wie an Bord eines Truppentransportschiffes. - -In dem Raum befanden sich zwei Posten mit aufgepflanztem Seitengewehr, -oben am Luk standen ebenfalls zwei Posten, das Luk wurde von außen -dicht gemacht und verschlossen, und drinnen saßen wir in der Falle. Die -Bullaugen unseres Aufenthaltsraumes waren mit eisernen Blenden fest -verschlossen, damit ja keiner von uns heraussehen oder womöglich aus -einem geöffneten Bullauge Lichtsignale geben könnte. Nach kurzer Zeit -schon ging ein leises Zittern durch das Schiff, die Maschinen setzten -sich in Bewegung, und dann fing unser schwimmendes Gefängnis an, sich -sanft und leise zu heben und zu senken. - -Wir waren in freier See. - -Tagelang ging es so weiter. Wir saßen streng bewacht, eingeschlossen -in unserem Raum, einmal am Tage wurden wir hinaufgelassen und -durften für eine Stunde frische Luft schöpfen. Eine recht primitive -Bedürfnisanstalt war auf dem Vordeck aus ein paar Brettern -zusammengeschlagen worden, und wer diese benutzen wollte, mußte sich -beim Posten melden. Zwei Soldaten mit aufgepflanztem Seitengewehr -geleiteten ihn dann und behielten ihn auch die ganze Zeit über im Auge. -Mehr als einer gleichzeitig durfte dazu nicht an Deck erscheinen. Das -Essen war gut, richtige Schiffskost, besonders gut war das Brot, die -Butter und der überaus reichliche, vorzügliche Jam. Die Zeit vertrieben -wir uns, so gut es ging, mit Lesen oder Erzählen, und vor allen -Dingen wurde die Frage unserer Zukunft und das, was uns in England -erwartete, lebhaft erörtert. Die beiden Posten, die ständig unten im -Raum standen, freundeten sich bald mit uns an, und wir haben den armen -Tommies mit unseren Erzählungen, wie es an der Kampffront in Frankreich -aussähe, ganz furchtbare Angst gemacht. - -In der Biscaya bekamen wir sehr schlechtes Wetter. - -_Das_ war ein Zustand! Zu sechsundfünfzig in dem kleinen Raum -eingepfercht, ohne Licht und Luft, und dazu der größte Teil seekrank. -Am schlimmsten seekrank waren aber unsere englischen Posten und die -Soldaten, die uns das Essen brachten. Sie boten ein Bild des Jammers. -Als wir in die Nähe des Englischen Kanals kamen, bemächtigte sich eine -allgemeine Nervosität und Unruhe der englischen Schiffsbesatzung. -Täglich wurde Musterung mit Schwimmwesten abgehalten. Unsere -Erholungsstunden an Deck fielen aus, und die englischen Soldaten hörten -mit ihrem ängstlichen Gefrage nach unseren U-Booten überhaupt nicht -mehr auf. Was haben wir denen die Hölle heiß gemacht! - -Endlich nach zehn Tagen lief der Dampfer in Plymouth ein. Als die -Ankerkette rasselte und wir, sicher vor U-Booten, in dem schützenden -Hafen lagen, konnten wir durch die Schottür sehen, wie die englischen -Soldaten auf die Knie sanken, und hörten, wie sie kirchliche Lob- -und Danklieder sangen zum Dank für die Errettung aus deutscher -U-Boots-Gefahr. - -Gleich nach der Ankunft kam ein Tender längsseit und nahm uns Gefangene -mit selbstverständlich der doppelten Anzahl der Bewachung auf und -brachte uns an Land. - -Auf die Ankunft _so vieler_ Gefangenen schien man nicht vorbereitet zu -sein. Die Engländer waren einfach kopflos. Kein Mensch wußte, was mit -uns geschehen sollte, kein Mensch, der Rat schaffen konnte. - -Endlich wurden wir in einen Zug verladen, ich selber kam allein in ein -Abteil, rechts und links von mir und mir gegenüber je ein Unteroffizier -mit aufgepflanztem Seitengewehr, die den strengen Befehl erhalten -hatten, mich scharf zu bewachen. Der Grund zu dieser besonderen Ehre -war folgender: - -Als ich eingesehen hatte, daß es gänzlich ausgeschlossen war, daß -ich jemals wieder freigelassen würde oder man mich als Schweizer -anerkannte, hatte ich mich auf dem Dampfer ebenso wie die anderen -Gefangenen dem führenden Offizier zu erkennen gegeben und verlangt, daß -ich meinem Range entsprechend behandelt würde. Der englische Offizier -erklärte mir, mich sofort in die erste Klasse aufzunehmen, wenn ich -mein Ehrenwort geben würde, niemals einen Fluchtversuch zu machen -und in diesem Kriege nicht mehr mitzukämpfen. Da ich dieses Ansinnen -selbstverständlich mit Entrüstung ablehnte, wurde ich wieder in den -Laderaum geschickt. Der einzige Erfolg war die strengere Bewachung. - -Abends bei Dunkelheit kamen wir in Portsmouth an. Auf dem Bahnhof -und auch sonst wußte keiner, was mit uns anzufangen. Auch hier -schien alles durch die ungeheuer große Gefangenenzahl (wir waren -sechsundfünfzig Männekens) vollständig den Kopf verloren zu haben. - -Schließlich wurden wir in das Arresthaus (ein etwas besseres Gefängnis) -geschafft. Auch hier große Überraschung und Verwirrung. Das Arresthaus -ist dazu da, betrunkene Soldaten und Matrosen, die nachts auf den -Straßen oder im Lokal aufgesammelt werden, unterzubringen, um sie -ihren Rausch ausschlafen zu lassen und dann am nächsten Tage, nach -Verabfolgung einer gehörigen Tracht Prügel, ihren Kommandos wieder -zuzustellen. Ein alter, widerlicher Gefängniswärter und zwei ebenso -alte, aber gemütliche und biedere Soldaten hatten die Aufsicht. Auf -drei Zimmer wurden wir verteilt. Die Räume waren vollständig leer, eine -elende Gasflamme erhellte sie notdürftig. Die Fenster waren zum großen -Teil zerbrochen, es herrschte eine grimmige Kälte, und die Kamine -hatten selbstverständlich kein Feuer. Den ganzen Tag hatten wir nichts -zu essen bekommen, und hungrig wie die Wölfe hatten wir uns auf die -Abendkost gefreut. - -Abendbrot? Auch nicht vorhanden! - -Da gingen wir denn zu den beiden alten Soldaten, und in kurzer Zeit -hatten wir mit ihnen Freundschaft geschlossen. Ein kleines Trinkgeld -bewirkte Wunder. Die alten Knacker rissen sich fast die Beine für -uns aus. Wir gaben ihnen Geld mit, und schon nach einer halben -Stunde keuchten sie schwer beladen mit Brot, Butter und Aufschnitt -herein. Zwei riesige Töpfe Tee, mit Milch und Zucker gemischt, wurden -aufgesetzt, Holzkohle konnten wir uns selber holen, und bald prasselte -in allen drei Kaminen ein wundervolles Feuer. Die Eßvorräte waren ganz -ausgezeichnet und so reichlich, daß selbst wir Ausgehungerten etwas -übrigließen. - -Unsere gute Laune erreichte ihren Höhepunkt, als die Soldaten uns -einige englische Zeitungen zusteckten. Der geistige Hunger war ja noch -größer gewesen als der körperliche, denn seit Wochen hatten wir nicht -das geringste von dem, was in der Welt vorging, gehört. Wenn auch -in den Zeitungen natürlich _nur_ von englischen, französischen und -russischen Siegen berichtet wurde, so wußten wir doch wenigstens, wo -was los war. - -[Illustration: Der Verfasser (in Zivil) mit dem abgeschlagenen Motor -seines Flugzeuges beim Mandarin von Hai-Dschou] - -Streng verboten war uns auch der Alkohol. Doch auch in England schien -ein Verbot nur zum Übertreten da zu sein. Einer von unseren Posten -war nämlich Mitglied einer in England und Amerika weit verbreiteten -Freimaurerloge, in der zufällig auch mein Freund, der andere -Schloß_herr_, Meister war. Als der Soldat das Freimaurerabzeichen -im Knopfloch meines Freundes erkannte, da war die Freundschaft -besiegelt. Im Erdgeschoß unseres Gefängnisses war eine kleine Kantine, -und einer nach dem anderen von uns wurde von dem guten Logenbruder -heruntergeführt, stärkte sich unten und konnte auch seine Tasche mit -Bierflaschen gefüllt heraufbringen, - -[Illustration: Donington Hall, Leicestershire, England, wo die -gefangenen deutschen Offiziere interniert sind.] - -Das Beste war, daß unsere Posten, die mit aufgepflanztem Gewehr vor -unserer Tür Wache gingen, uns ruhig weggehen ließen und uns sogar -baten, wir möchten ihnen einige Flaschen Bier mit heraufbringen. Um -neun Uhr abends waren unsere Posten bereits so weit, daß wir mit ihnen -zusammen Gewehrgriffe übten, um elf Uhr abends ließ der eine Posten -sogar sein Gewehr fallen und kippte selber mit dem ganzen Kohlenkasten, -auf dessen Rand er sich gesetzt hatte, um. - -Wenn ich damals schon _die_ Erfahrungen besessen hätte, die ich mir -nach fünfmonatiger Gefangenschaft angeeignet hatte, ich wäre da schon -ausgerückt. - -Sowohl in diesem Gefängnis wie auch in allen anderen Lagern, wo wir mit -den englischen Tommies zusammenkamen, war deren erste Bitte, nachdem -wir uns etwas angefreundet hatten, ihnen einen Zettel zu überlassen -mit unserer Adresse und womöglich noch der Adresse von Bekannten in -Deutschland und der Bescheinigung, daß der englische Soldat Soundso -uns gut behandelt hätte. Diese Zettel wurden von ihnen wie Heiligtümer -aufbewahrt, damit sie sie vorzeigen könnten, wenn sie an die Front -kämen und in deutsche Gefangenschaft gerieten. - -Zum Schlafen erhielten wir winzige Zeltstrohsäcke, die so kurz waren, -daß unten die Füße von den Waden ab herausragten, und so schmal, -daß nur ein ganz geschickter Zirkuskünstler mit dem Rücken darauf -balancieren konnte. Dazu gab's zwei wollene Decken. Wie die Bären -haben wir geratzt. Allerdings lagen wir am nächsten Morgen alle neben -den Matratzen. Am nächsten Morgen, es war Sonntag, erschien ein hoher -Armeeoffizier, um uns zu besichtigen. Er fragte nach unseren Wünschen. -Ich berief mich nochmals darauf, daß ich Offizier wäre und als solcher -das Recht hätte, zu verlangen, als kriegsgefangener Offizier behandelt -zu werden. Der Mann war sehr liebenswürdig, versprach mir alles, wenn -wir erst am nächsten Tage an unserem Bestimmungsort angelangt wären, -und -- -- hielt nichts. - -Endlich am Montag wurden wir aus unserem Gefängnis befreit. Wie immer -dicht umringt von unserer Wachmannschaft, marschierten wir zum Hafen, -nahmen auf einem kleinen Dampfer Platz und fuhren auf die Reede hinaus. - -Nach einer einstündigen Fahrt legten wir an einem riesigen Dampfer -an, der als Gefangenenlager diente. Nach einer längeren Verhandlung -mußten wir wieder ablegen, da der Kommandant des Dampfers erklärte, er -wüßte von uns nichts und hätte außerdem keinen Platz. Bei dem nächsten -Dampfer, es war der Cunard-Liner „Andania”, dasselbe Schauspiel. Ob nun -der englische Offizier, der uns führte, ein englischer Major, besser -schimpfen konnte als der Lagerkommandant, oder woran es lag, jedenfalls -gingen wir nach einer halben Stunde an Bord. - -Ein dicker aufgeblasener englischer Armeeleutnant, der die Stellung -des Lagerkommandanten und gleichzeitig Dolmetschers auf diesem Schiff -bekleidete, nahm uns in Empfang. - -Als ich an der Reihe war, gemustert zu werden, brachte ich in -höflichem Tone mein Anliegen vor und verlangte energisch, daß ich den -Bestimmungen gemäß in ein Offizierslager gebracht würde. Die Antwort -dieses Gentleman war unerhört und zeigte seinen gemeinen Charakter -recht deutlich. - -„Sie werde ich ganz besonders schlecht behandeln, ich habe schon von -Ihnen gehört, Sie sind aus Tsingtau ausgekniffen und haben mehrere Male -Ihr Ehrenwort gebrochen; wenn Sie noch einen Ton hier sagen, sperre -ich Sie ein und lasse Sie so lange hungern, bis Sie überhaupt nicht -mehr reden können. Die englischen Offiziere werden in Deutschland so -schlecht behandelt, das sollen Sie jetzt büßen.” - -Das waren mir nette Aussichten. Was sollte ich dagegen machen? - -Auf dem Dampfer waren über tausend Gefangene. Die Unterbringung das -Schamloseste, was ich jemals gesehen. Ohne Licht und Luft saßen die -Leute in den unteren Räumen des Schiffes zusammengepfercht, und die -einzige körperliche Bewegung bestand im Aufundablaufen auf dem schmalen -Vor- und Achterdeck. Als wir in den für uns bestimmten Raum geführt -wurden, packte mich ein wahres Grauen. Ich glaube, ich wäre verrückt -geworden, hätte ich da längere Zeit hausen sollen. Unser englischer -Unteroffizier schien ein vernünftiger Mann zu sein. Ich hatte sogar -das Glück, durch ihn mit meinem Schlosserkameraden eine kleine Kabine -an der Bordwand zu erhaschen, die sogar ein Bullauge besaß. Das Leben -an Bord war höchst eintönig. Morgens um sechs Uhr Wecken und abends um -zehn Uhr Licht aus. Vor- und nachmittags mußten wir je zwei Stunden -an Oberdeck herumstehen, und jeden Mittag war Appell. Die Mahlzeiten -nahmen wir in den riesigen Speisesälen des Dampfers ein. Wir saßen -zu zwölf an einem Tisch, und genau wie alle anderen ging ich meinen -Stubendienst, holte aus der Kombüse das Essen für den ganzen Tisch und -wusch auch das ganze Speisegeschirr mit ab. - -Unser Kommandant hieß übrigens Maxstedt; er war Whiskyreisender von -Zivilberuf und hatte dabei wohl so viel Geld verdient, daß er sich -sein Offizierspatent kaufen konnte. Über eins hatte er sich besonders -geärgert. Gleich nach unserer Ankunft wurden wir gefragt, wer von uns -täglich zwei Mark fünfzig Pfennig bezahlen wolle. Dafür könnten die -Betreffenden in einem Raum für sich allein und etwas Besseres essen und -brauchten ihr Eßgeschirr nicht selbst abzuwaschen. Daß keiner von uns -auf diesen Schwindel hineinfiel, hatte ihn besonders erbost. - -Am zweiten Tage hatte ich meinen englischen Bericht an die englische -Regierung fertig und stieg damit zum Herrn Maxstedt hinauf. Höhnisches -Grinsen seinerseits. „Sie wissen doch, Ihr Gesuch gebe ich weiter, aber -was ich dazu schreibe, das können Sie sich wohl denken. In Deutschland -müssen die englischen Generale wie die Pferde vor dem Pflug hergehen, -_das_ sollen Sie jetzt büßen.” - -Es war vergeblich, ihn von der Torheit seiner Behauptungen zu -überzeugen. Jeden Abend bei der Ronde nach dem Zubettgehen kam er extra -in meine Kammer, drehte das Licht an und sagte: ~„Still here?”~ Zu -kindisch! - -Eines Tages wurde uns fünfzig Zivilgefangenen von Herrn Maxstedt -befohlen, das Deck der ersten Klasse zu scheuern und die dortigen -Bullaugen zu putzen. Unser Streik war selbstverständlich. Als wir bei -unserer Weigerung blieben, wurden wir mit zweimal Mittagessenentbehren -und abends um neun Uhr Zubettgehen bestraft. Dabei war der Maxstedt -so feige, daß er nicht wagte, bei der Musterung an unserer Front -vorbeizugehen und uns die Strafe selbst aufzubrummen. Vielmehr blieb -er in respektvoller Entfernung und sandte nur seinen Unteroffizier als -Herold. - -Maxstedt schäumte. - -„Natürlich”, sagte er, „ist wieder dieser ~flying man~ dran schuld, der -stachelt noch die ganze Besatzung zur Meuterei auf, aber ich werd's ihm -eintränken, ich werde ihn schon vor das Kriegsgericht bringen.” - -Die Sache wurde mir doch zu bunt, ich war vollständig unschuldig und -schrieb Maxstedt einen recht energischen Brief, in dem ich unter -anderem betonte, ich hoffte, er sei nur ~temporary lieutnant~, nicht -aber auch ~temporary gentleman~. Das half! - -Maxstedt behauptete, mit diesem ~flying man~ nichts mehr zu tun haben -zu wollen, und schon am nächsten Tage lag ein Dampfer längsseit und -führte mich mit noch einigen Leidensgenossen von der „Andania” und -seinem gemeinen Gefängniswärter fort. - -Wie wohl war mir da zumute! Mit der Eisenbahn ging es wieder -stundenlang westwärts. Ich natürlich wieder in einem Kupee allein, -diesmal außer den drei Unteroffizieren auch noch von einem Offizier -bewacht. - -Abends langten wir in Dorchester an. - -Hier wehte eine andere Luft, das merkte man gleich. Ein englischer -Kapitän namens Mitchell vom Gefangenenlager trat auf mich zu und fragte -mich höflich, ob ich Offizier sei. - -„Ja!” - -„Dann wundert es mich aber sehr, daß Sie in ein Mannschaftslager -gebracht werden. Bitte verzeihen Sie, daß ich Ihnen keinen Offizier zu -Ihrer Begleitung stelle, ich gebe Ihnen aber meinen ältesten Feldwebel, -wollen Sie dann bitte allein hinter den anderen Gefangenen hergehen.” - -Ich war sprachlos. - -Als wir durch das entzückende, saubere Städtchen hindurchmarschierten, -da erscholl plötzlich hinter uns frisch und hell und klar und mit -Begeisterung geschmettert „Die Wacht am Rhein”, dann schönste -Soldatenlieder und „O Deutschland hoch in Ehren”. Wir wähnten zu -träumen, und als wir uns verwundert umsahen, marschierte hinter uns ein -Trupp von zirka fünfzig strammen deutschen Soldaten, die von dem Lager -zum Bahnhof kommandiert waren, um unser Gepäck abzuholen. - -O wie schwoll einem das Herz! Mitten in Feindesland, trotz Wunden und -Gefangenschaft diese helle Begeisterung, dieser schmetternde Gesang! -Das muß ich den Engländern lassen, sie waren außerordentlich tolerant, -und die Bevölkerung hat sich stets mustergültig betragen. Stumm stand -sie dicht gedrängt zu beiden Seiten der Straße, aus allen Fenstern -schauten blonde Köpfchen hervor, nirgends eine verächtliche Bewegung, -nirgends ein Schimpfwort. Ja zum Teil schien man den alten deutschen -Melodien wie einem Wunder zu lauschen. - -Im Lager erhielten wir Zivilgefangene zu je dreißig eine kleine -Holzbaracke angewiesen, die unseren Schlaf-, Wohn- und Eßraum bildete. -Ein winziger Zeltstrohsack, der direkt auf dem Fußboden lag, und zwei -wollene Decken bildeten unseren Schlafplatz. Mein Kapitän bat mich, mit -dem zur Verfügung Stehenden vorliebzunehmen, da er leider für mich aus -Platzmangel kein Extrazimmer frei hätte. - -Das Lager von Dorchester faßte rund zwei- bis dreitausend Gefangene -und bestand zum Teil aus alten Rennställen und aus Holzbaracken. In -denselben Ställen hatten bereits vor hundert Jahren deutsche Husaren -gelegentlich des Besuchs des Feldmarschalls Vorwärts in England als -Gäste gehaust! - -Die Gefangenen fühlten sich hier sehr wohl, das Essen war gut und -reichlich, die Behandlung einwandfrei, und für sportliche Betätigung -war gut gesorgt. - -Besonders der Kapitän Mitchell und der Major Owen haben sich um das -Wohlergehen unserer Leute verdient gemacht. Beide waren prächtige alte -Soldaten von echtem Schrot und Korn, hatten viele Kriege und Kämpfe -mitgemacht und wußten den Soldaten richtig anzufassen. Diese beiden und -der englische Arzt haben dann auch unseren Leuten eine Musikkapelle, -Turngeräte und Sportspiele geschenkt und, wo sie konnten, den Leuten -Gutes getan. Ein ganz hervorragendes Verdienst hat sich der älteste -deutsche Gefangene, ein Feldwebelleutnant X. aus München, erworben. -Er war Kaufmann von Zivilberuf und sprach fließend Englisch. Ein ganz -hervorragender Mann! Eigentlich war er die Seele des Ganzen, die -richtige Mutter des Lagers. Auch nicht das geringste wurde gemacht, was -er nicht vorher bestimmt hatte. Er war die rechte Hand des englischen -Lagerkommandanten, und ohne ihn wären, glaube ich, die Engländer, die -auch nicht den leisesten Schimmer von Organisationstalent besaßen, -vollends durchgedreht. Es war geradezu erstaunlich, wie dieser -Feldwebelleutnant es verstand, für das Wohlergehen unserer Leute zu -sorgen und zwischen unseren Leuten und den Engländern zu vermitteln. -Allerdings wußten auch die englischen Offiziere sehr gut, was für -eine Stütze sie an ihm hatten. Schon am Tage nach meinem Eintreffen -in Dorchester reichte ich nochmals mein Gesuch um Überführung in ein -Offizierslager ein, denn wie ich vorausgesehen hatte, war mein erstes -Gesuch von Herrn Maxstedt nicht weitergegeben worden. Nach vierzehn -Tagen kam das Gesuch vom Kriegsministerium zurück mit der Anfrage, ob -ich nicht jemand in England namhaft machen könne, der mich kenne. Nun -entschloß ich mich zu dem schweren Schritt, schrieb meinen englischen -Bekannten, und schon nach drei Tagen kam von ihnen die Nachricht -zurück, daß sie mich kennten und mich sehr gern legitimieren würden. -Nun ging das Ganze nochmals an das ~War office~, und geduldig harrte -ich meiner Versetzung. - -Wenn es nach dem alten Spruch gegangen wäre: Mit Geduld und Spucke -fängt man eine Mucke, hätte ich Milliarden dieser Fliegerkollegen -erlegen können. Vorerst blieb ich noch in Dorchester, und als vierzehn -Tage nach unserer Ankunft die übrigen Zivilgefangenen wieder weiter -transportiert wurden, da konnte ich es erwirken, in dem Soldatenlager -Dorchester bleiben zu dürfen. - -Aus meiner Baracke zog ich aber aus und siedelte in ein Stübchen des -Stalles über, in das ich vom Feldwebel N. liebevoll aufgenommen wurde. - -Das Leben in diesem Stübchen war einzig und von bester Kameradschaft -beseelt. Außer aus dem Feldwebel bestanden meine Kameraden aus einem -riesigen bayerischen Infanteristen vom Leibregiment, der den Spitznamen -Schorsch hatte und gleichzeitig unser Koch war, aus einem fixen und -gewandten Husaren-Gefreiten, gebürtigen Lothringer, von Zivilberuf -Schutzmann, und endlich aus zwei prächtigen Gardeschützen, hünenhaft -von Gestalt, echten blonden Friesen. Nach acht Tagen kam noch ein -siebenter Gast hinzu, und zwar war dieser der Fähnrich zur See H., -der als Flugzeugbeobachter mit seinem Flieger von den Engländern in -der Nordsee aufgefischt war, nachdem sie über vierzig Stunden auf dem -wracken Flugzeug herumgetrieben waren. - -Das Verhältnis auf der Stube war geradezu ideal. Die Mannschaften waren -alle bei dem großen Rückzug nach der Marneschlacht gefangengenommen -worden und, wie es bei diesen prächtigen Burschen nicht anders zu -erwarten war, nur schwerverwundet in Feindeshand gefallen. Eine -vornehme Gesinnung, eine Begeisterung und glühende Vaterlandsliebe -besaßen diese Leute, daß mir vor Stolz ordentlich das Herz schwoll. -Besonders nett waren die Abende. Man hätte uns nur sehen sollen, mit -welcher Begeisterung und kindlichen Freude wir abends stundenlang -auf einem selbst konstruierten Brett mit selbst hergestellten -Korkenpferdchen unserem Pferdchenspiel oblagen. - -Und wenn erst das Erzählen anging! - -Alles war mir ja neu, und ich war glücklich, endlich aus bester Quelle -von unseren herrlichen Kämpfen und Siegen etwas zu erfahren. - -Jeden Nachmittag wurden drei- bis vierhundert Gefangene, -selbstverständlich von englischen Soldaten eng umgeben, spazieren -geführt. Sehr oft bin ich mitgegangen. Es ging mitten durch das -reizende Städtchen, dann im großen Bogen durch die schöne Umgebung. -Die ganze Zeit über wurden Soldatenlieder gesungen, beim Hin- und -Rückmarsch durch die Stadt mit besonderer Kraft und Begeisterung „Die -Wacht am Rhein” und „O Deutschland hoch in Ehren”. Man stelle sich bloß -vor, drei- bis vierhundert unserer besten Kerls, unserer Sieger unter -General Kluck! Die englische Bevölkerung benahm sich auch hierbei stets -einwandfrei. In dichten Reihen stand sie an den Seiten der Straßen, -nirgends ein Schimpfwort, nirgends eine Drohung. Eine sehr nette -Episode erzählte mir der Feldwebel: Als der Major Owen und Kapitän -Mitchell neu zum Lager kommandiert waren, wurden sie von ihren Frauen -inständigst gebeten, sich ja nicht ohne Bewachung und ohne schwerste -Bewaffnung unter die deutschen Barbaren zu begeben. Die beiden alten -Soldaten ließen sich jedoch in ihrer Meinung nicht irremachen, kamen -ohne Waffen und wurden -- -- nicht aufgefressen. Nach einiger Zeit -sagten sie zu ihren Frauen: sie sollten doch auch einmal in das Lager -kommen und sich davon überzeugen, daß die deutschen Soldaten nicht -_das_ wären, zu dem sie in englischen Zeitungen gemacht würden, sondern -daß sie wirklich ganz normale Menschen seien. - -Die Damen fielen natürlich zunächst in Ohnmacht. Nach vielem Zureden -aber, und nachdem ihnen versichert war, daß sie von einer starken -Wache umgeben werden würden, wagten sie es, die Dienstzimmer ihrer -Männer zu betreten und von oben aus dem Fenster herab dem Treiben der -deutschen Soldateska zuzusehen. Der Besuch war bekanntgeworden, und -stillschweigend hatte sich unser Männergesangverein unter der Leitung -eines jungen talentierten Musikers unter den Fenstern eingefunden -und fing an, seine schönsten Lieder zu singen. Die Damen sollen vor -Ergriffenheit nicht fähig gewesen sein zu reden, sie traten ans Fenster -und weinten bitterlich vor tiefstem Weh. Von nun ab kamen sie öfters, -und viel Gutes ist durch sie unseren Leuten getan worden. - -Eine andere Geschichte ist auch recht bezeichnend. Ein neuer Oberst -kam ins Lager. Bei seiner ersten Besichtigung war er bis an die -Zähne bewaffnet und hatte vor und hinter sich einen Soldaten mit -aufgepflanztem Bajonett. Als er den Major und den Kapitän vollkommen -unbewaffnet und unbegleitet traf, machte er ihnen wegen ihrer -Unvorsichtigkeit die größten Vorwürfe. - -Er hat sich aber bald gebessert. - -An einem Tage ließ dieser neue Kommandant die beiden anderen Herren -kommen und sagte ihnen voll Entsetzen: „Ja, denken Sie sich, da sind -gestern einige neue Gefangene gekommen, und mir ist gemeldet worden, -sie hätten Läuse! So etwas Schreckliches kann doch nur bei diesen -Deutschen vorkommen.” Darauf drehte sich der Kapitän ganz ruhig zu -dem daneben stehenden Major um und sagte ihm: „Sie, Owen, wissen Sie -noch, wie wir beide das letztemal im Feldzuge so voller Läuse steckten, -daß wir uns nicht rühren konnten?” Der Oberst war sprachlos. Ich muß -allerdings hinzufügen, daß der Oberst zwar Oberst war, aber nie in -seinem Leben irgendwo militärisch zu tun gehabt hatte. Das gibt's auch -nur in England! - -Gegen Ende März hielt ich endlich die erste Nachricht aus der Heimat -in der Hand. Im Juli Neunzehnhundertvierzehn, kurz vor Ausbruch des -Krieges, hatte ich von den Meinen die letzte Nachricht erhalten, die -vom Juni stammte. Nun endlich, nach fast neun Monaten, wieder die -ersten Zeilen. - -Man kann sich vorstellen, wie mir zumute war, als ich den ersten Brief -in der Hand hielt und anfangs zögerte ihn zu öffnen. Alle meine Brüder -und Verwandten waren Offiziere, sie alle standen seit Kriegsbeginn im -Felde; was für Nachrichten brachten mir diese ersten Zeilen? Die eine -Freudennachricht enthielt der kurze Bogen, daß meine Brüder trotz Kampf -und Gefahr am Leben waren. Aber auch eine Trauerbotschaft, die mich -schwer traf, daß mein geliebtes holdes Schwesterlein, mein treuester -Freund und Kamerad, durch die Wirkung des Krieges gestorben war. - -Kriegsschicksal! - -An einem der letzten Tage des März kam endlich der Befehl, daß ich als -Offizier anerkannt worden wäre und in ein Offizierslager übergeführt -werden sollte. Mein Bündelchen und mein Hockeystock waren bald -zusammengepackt, und nach herzlichem Abschied von den braven Kameraden -marschierte ich in meinem besten Päckchen mit dem Major Owen zusammen -zum Tore hinaus und zum Bahnhof. - -Das feine Taktgefühl des alten Haudegens hat mir besonders wohlgetan. -Nach mehrstündiger Fahrt langten wir endlich in Maidenhead in der Nähe -von London an, wo ich von einem neuen englischen Offizier in Empfang -genommen wurde. Und hier, o Wunder, traf ich alte liebe Bekannte -wieder. Fünf blanke runde amerikanische Goldstücke, die seinerzeit -einem Schlossergesellen, später Schloßherrn Ernst Suse abgenommen -waren, wurden meinem neuen Begleiter übergeben, und dieser durfte sie -mir jetzt, da ich ja nun wieder Offizier war, ohne weiteres aushändigen. - -Die Wiedersehensfreude! - -Im Auto ging's jetzt zum Offizierslager Holyport. Die Posten -präsentierten, das Drahthindernis wurde geöffnet, und schon war ich von -einer freudigen Schar von Kameraden umringt. - -Ja, wer hätte das gedacht. - -Sie, die ich fast vor dreiviertel Jahren in Tsingtau zum letzten -Male gesehen hatte, die Sieger von Coronel, die wenigen überlebenden -Tapferen von den Falklandinseln traf ich hier wieder. Die Freude -kann man sich kaum vorstellen. Das Fragen und Erzählen! Kein Ende -wollte es nehmen. Und dann geschah für mich ein Wunder. Ich wurde in -ein Zimmer geführt, und da standen wahrhaftig sechs bis acht Betten, -richtige schöne Betten, weiß und sauber bezogen. Fast acht Wochen war -ich gefangen, nun das erste Bett, das ich zu Gesicht bekam. Kann man -da verstehen, mit welcher Scheu und Andacht ich mich an diesem Abend -hineinlegte? - -In der ersten Zeit kam ich mir wie im Paradiese vor. Besonders da ich -hier endlich wieder als Mensch behandelt wurde. Ich war wieder unter -meinen Kameraden, fand liebe Freunde und viel geistige Anregung. - -Die Behandlung im Lager war gut. Der englische Kommandant ein -verständiger Mann, bemüht, uns das Leben zu erleichtern. - -Das Gebäude selbst war ein altes Kadettenhaus, im ganzen waren hundert -kriegsgefangene Offiziere im Lager, und wir waren auf Stuben bis zu -acht oder zehn Offizieren untergebracht. - -Diese Stuben waren gleichzeitig unser Schlaf- und Aufenthaltsraum. -Außerdem gab es noch eine große Reihe von Messe-, Lese- und -Speiseräumen, in denen wir uns, wenn wir nicht an der frischen Luft -waren, meist aufhielten. Das Essen war echt englisch, also dadurch den -meisten Deutschen wenig zusagend, aber gut und reichlich. Es wurde eher -dadurch verbessert, daß wir am Anfang eigene Meßführung hatten, welche -später leider vom englischen ~War office~ aufgehoben wurde. - -Den ganzen Tag über waren wir ziemlich ungestört. Wir konnten uns im -Gebäude und in einem mäßig großen Garten, der das Haus umgab, frei -bewegen; morgens um zehn Uhr Musterung und abends um zehn Licht aus und -Ronde. - -Dem Stacheldrahthindernis, welches das Ganze umgab und Tag und Nacht -streng bewacht und beleuchtet war, durften wir uns selbstverständlich -nicht nähern, geschweige denn dieses Gehege verlassen. Nur vor- und -nachmittags wurde das Hindernis für uns geöffnet, und wir konnten durch -ein Spalier von englischen Soldaten zu einem zweihundert Meter entfernt -liegenden Sportplatz gehen. Für unseren Sport war mustergültig gesorgt. -Zwei prachtvolle Fußball- und vor allen Dingen Hockeyplätze standen -uns zu unserem ausschließlichen Gebrauch zur Verfügung, und wir haben -da gespielt, daß selbst den Engländern die Augen übergingen. Daß auch -dieser Platz selbstverständlich mit Stacheldraht und Posten umgeben -war, brauche ich wohl nicht zu erwähnen. - -Sehr angenehm war es, daß wöchentlich zweimal ein sehr guter Schneider -und ein Wäschelieferant mit vorzüglicher Wäsche in das Lager kam und es -uns dadurch ermöglicht wurde, uns wieder anständig anzuziehen. - -Als Gehalt bekamen wir monatlich einhundertundzwanzig Mark, wovon -gleich sechzig Mark monatlich für unsere Verpflegung einbehalten -wurden. Die übrigen sechzig Mark konnten wir für uns ausgeben, außerdem -konnte man sich von Hause Geld schicken lassen. Die Post funktionierte -tadellos. Die Briefe von Deutschland kamen im allgemeinen regelmäßig -an und gebrauchten im ganzen sechs bis acht Tage. Pakete gingen -ebensolange. - -Mit unseren eigenen Briefen war es allerdings knapp bestellt. -Wöchentlich durften wir nur zwei kurze vorgeschriebene Zettelchen -schreiben, und wie gerne hätten wir dabei stundenlang unseren Lieben -daheim erzählt! Die Briefpost, die war ja unser ein und alles. Nach -der Briefausgabe berechneten wir die ganze Tageseinteilung, nach den -Briefen richtete sich unser ganzer Seelenzustand, überhaupt hing die -ganze Stimmung im Lager von der Post ab. - -Jeden Morgen wiederholte sich dasselbe Schauspiel. Wenn der -Dolmetscheroffizier mit den Briefen kam, blieb alles stehen und liegen, -alles war vergessen. Von einer lautlosen Menge Harrender war der -englische Offizier umgeben. Jeder hatte in seinem Herzen den heißesten -Wunsch, daß ihm der heutige Tag einen Gruß aus der Heimat, eine Zeile -von lieber Hand geschrieben bringen möge. Und dann die Freude, wenn was -da war, und die Trauer und Niedergeschlagenheit, wenn man mit leeren -Händen abziehen mußte. Im letzteren Falle sagten wir immer: „Wieder -mal ein Tag verloren!” - -Als ich rund zwei Monate später in Deutschland war und von vielen -Seiten gefragt wurde, womit man dem Kriegsgefangenen eine Freude machen -könne, habe ich immer nur gesagt: „Schreibt, schreibt, so viel ihr -könnt; die Briefe sind das, wonach der Gefangene sich am meisten sehnt.” - -Unser Zusammenleben war den Umständen entsprechend ein äußerst -kameradschaftliches. Besonders nett waren die Abende, an denen wir -in Gruppen um die schönen großen Kamine saßen. Mächtige Holzkloben -brannten, und dann hub ein Erzählen an von Schlachten und Siegen, von -Not und Tod und von wilden abenteuerlichen Erlebnissen. Viele gute -Bücher, ein Streichquartett und ein Gesangverein, den wir uns gegründet -hatten, trugen wesentlich zur Unterhaltung bei. - -Auch mancher Ulk wurde getrieben, und wenn man sich endlich wieder -einmal so recht herzhaft ausgeschüttet hatte vor Lachen, dann atmete -man erleichtert auf, und für kurze Zeit wich dann der furchtbare Druck -der Gefangenschaft von uns. - -Unser kameradschaftliches Zusammensein wurde Ende April plötzlich -gestört. - -Eines Abends kam der Befehl, daß fünfzig von uns hundert Offizieren am -nächsten Morgen zu dem Offizierslager in Donington Hall übergeführt -werden sollten. Die Aufregung bei uns war groß, denn keiner wollte weg. -Es half kein Bitten und kein Sträuben, es hieß einfach, Koffer packen -und abmarschieren. Der einzige Seeoffizier, der mit wegkam, war leider -ich, und zwar auf besonderen Befehl des englischen Lagerkommandanten, -da ihm die Nähe Londons für mich zu gefährlich schien. - -Da ich fort kam, schloß sich auch der zweite Flieger von der Armee, -mein treuer Freund Siebel, an. So blieben wir beiden Flieger wenigstens -zusammen. - -Am ersten Mai ging's also los. In Autos zu je fünf wurden wir zum -Bahnhof Maidenhead gefahren, wo zwei Extrawagen für uns bereitstanden. -In den Abteilen blieben wir ungestört für uns allein, die Wagen selbst -wurden aber von Soldaten streng bewacht. - -Stundenlang rollten wir nun durch die Gegend nach Norden zu. Die Menge -auf den Bahnhöfen sah zwar neugierig in unsere Kupeefenster, jedoch -verhielt sie sich vollkommen ruhig. Nur hin und wieder streckte uns -ein altes Weib, wahrscheinlich Suffragette von Zivilberuf, ihre wenig -schöne Zunge aus. Am Nachmittage langten wir endlich auf der Station -Donington Castle, in der Nähe von Derby, an, stiegen aus und mußten in -Gruppenkolonnen auf dem Bahnhof antreten. Umringt von zirka sechzig -bis siebzig Soldaten, marschierten wir auf das Kommando ~„Quick -marsh”~ ab. Außerhalb des Bahnhofs empfing uns eine johlende Menge. -Fast alles Weiber und halbwüchsige Burschen und Kinder, nur wenige -Männer. Den meisten von uns war von Frankreich her dies unwürdige -Benehmen der Bevölkerung reichlich bekannt, in England war es etwas -Neues. Die Weiber und jungen Mädchen, der niedrigen Bevölkerung -angehörend, benahmen sich wie die Wilden. Heulend und pfeifend -liefen sie neben und hinter uns her, ab und zu flog ein Stein oder -Straßenschmutz in unsere Reihen. Aber im großen und ganzen lachten -sich die Demonstrantinnen halbtot dabei und schienen sich bei ihrem -Gejohle köstlich zu amüsieren. Bei der ersten Straßenbiegung kam ein -Automobil hinter uns her gefahren. Am Steuer saß fett und hochnäsig -unser englischer Dolmetscher-Offizier, Mr. Meyer, den wir später noch -zur Genüge kennenlernen sollten. Herr Meyer wollte sich uns so recht -zeigen und schon -- -- -- hatte er einen seiner eigenen Leute, die uns -eskortierten, umgefahren. Ein allgemeines Geschrei und Geschimpfe, kein -Mensch, der irgend etwas veranlaßte. Schließlich sprangen zwei von -uns „Barbaren” hinzu und zogen den unglücklichen Tommy unter dem Auto -hervor. - -Nun richtete sich die ganze Wut der Weiber gegen Herrn Meyer, und -wenn der nicht schleunigst weitergefahren wäre, hätten sie ihn -womöglich noch verprügelt. Daß sie es nicht taten, war ein Jammer. -Der Zwischenfall war bald vergessen, und weiter johlte die Menge. -Immer frecher wurde sie, immer mehr Schmutz wurde auf uns geworfen, -als plötzlich -- ruhig und behäbig, mit gesenkten Köpfen nachdenklich -wiederkäuend vier, fünf Kühe uns entgegenkamen, die an beiden Seiten -bei uns vorbei wollten. Was nun folgte, war so komisch, daß wir alle -samt unseren englischen Tommies stehenblieben und uns vor Lachen bogen. -Kaum daß die bisher so mutigen Weiber die Kühe sahen, fingen sie -auch schon an, furchtbar aufzuschreien, machten kehrt und liefen in -wildester Flucht davon. Rücksichtslos wurden die Schwächeren von den -Stärkeren umgestoßen, und bald lag ein wild strampelndes Knäuel vor -Angst kreischender Weiber zu beiden Seiten der Straße im Graben. - -Von nun ab hatten wir Ruhe, und unbelästigt setzten wir in ziemlichem -Geschwindschritt unseren Weg fort. - -Bei dem ganzen Marsch paßte ich scharf auf die Wege und einzelne -besonders markante Punkte auf. Man konnte ja nie wissen, wozu einem das -mal gut sein würde! - -Die Sonne brannte glühend vom Himmel herab, und in Schweiß gebadet -langten wir nach anderthalb Stunden in unserem neuen Heim Donington -Hall an. - -Hier herrschte Disziplin. - -Die Tore und Drahthindernisse öffneten sich, die ganze Wache stand -unter präsentiertem Gewehr angetreten, der Wachtkommandant und zwei -Leutnants auf dem rechten Flügel mit der Hand an der Mütze. - -Nachdem wir vom englischen Lagerkommandanten empfangen waren, wurden -wir auf unsere Stuben verteilt, und es glückte mir, mit vier anderen -Kameraden, darunter selbstverständlich meinem Freunde Siebel, eine sehr -nette kleine Stube zu erhaschen. - -Auch hier traf ich eine große Anzahl alter Bekannter wieder. Da waren -die Geretteten vom „Blücher”, von Torpedobooten und kleinen Kreuzern -und mehrere Armee- und Marineflieger. - -Donington Hall stellte das Mustergefangenenlager von England vor. -Nach allem, was wir bereits wochenlang in englischen Zeitungen -darüber gelesen hatten, mußte es ein Paradies sein. Täglich fand -man spaltenlange Artikel in den Zeitungen, in denen die Regierung -angegriffen wurde, daß sie die deutschen Gefangenen zu luxuriös -untergebracht habe. Wie immer, so gebärdeten sich die Frauen dabei am -wildesten und hatten sogar die Erzwingung der Räumung Donington Halls -zu einer Frauenfrage Englands gemacht! Selbst das Parlament mußte sich -wiederholt mit diesem Thema beschäftigen. Da sollten Spielsäle sein -und mehrere Billards, das Gebäude wie ein Schloß eingerichtet sein, -ein besonderer Wildpark sollte für die Offiziere gehegt und für die -deutschen Gefangenen sogar Fuchsjagden veranstaltet werden. - -Nichts von alledem war wahr. Wohl war Donington Hall ein großes altes -Schloß, aus dem siebzehnten Jahrhundert stammend, umgeben von einem -prächtigen alten Park, doch waren die Räume vollständig kahl und die -Einrichtung so primitiv und kümmerlich wie nur irgend denkbar. Von -Billard und Spielsälen und Fuchsjagden keine Spur. Aber tadellos sauber -war alles, und dafür sorgte der englische Kommandant mustergültig. Nach -unserer Ankunft waren wir im ganzen rund einhundertzwanzig Offiziere -und wohnten schon dicht gepökelt. Das Lager war aber für vier- bis -fünfhundert Offiziere berechnet worden. Das hätte ja eine feine Sache -gegeben, da jetzt schon die Speiseräume und die Kochgelegenheit, Bade- -und sonstige Einrichtungen nicht langten. - -Besonders angenehm war der schöne Park für uns. - -Unser ganzer Aufenthaltsraum war in zwei Zonen eingeteilt, in die -sogenannte Tag- und in die Nachtgrenze. Diese Gebiete wurden begrenzt -durch mächtige Drahthindernisse, die zum Teil elektrisch geladen waren, -nachts durch mächtige Bogenlampen erhellt und Tag und Nacht durch -Posten scharf bewacht wurden. - -Das Drahthindernis der Nachtgrenze umschloß das Haus und die -davorliegenden Tennis- und Sportplätze; die Taggrenze erstreckte sich -auch noch auf den Park. - -Abends um sechs Uhr war große Musterung, und nachdem alles anwesend -und zur Stelle war, wurde die Taggrenze geschlossen, die sich erst am -nächsten Morgen um acht Uhr wieder öffnete. Das Leben in Donington Hall -war fast das gleiche wie in Holyport, nur daß wir hier durch den Park -sehr viel mehr Bewegungsfreiheit hatten, fast noch mehr Sport trieben, -falls es überhaupt möglich war, und drei sehr gute Tennisplätze -besaßen. Die Verpflegung war auch hier echt englisch und schmeckte sehr -vielen nicht, aber gut und reichlich. Der englische Oberst war recht -vernünftig. Zwar knurrte er oft und war ziemlich kommissig, aber ein -vornehmer, verständiger Mann, tadelloser Soldat vom Scheitel bis zur -Sohle, und das war die Hauptsache. Er hat alles mögliche getan, um uns -das schwere Los zu erleichtern, und hat sich ganz besonders für unsere -Sportspiele interessiert. Und das war gut. - -Ein unangenehmer Vertreter war der englische Dolmetscher, der Leutnant -Meyer (der pampige Autofahrer), ein würdiges Gegenstück zu meinem -Freunde Maxstedt von der „Andania”; ebenfalls nicht nur ~„temporary -lieutnant”~, sondern auch ~„temporary gentleman”~. Er stammte aus -Frankfurt am Main, war vor dem Kriege Schmierendirektor gewesen und -tat nichts, um seinen niederen Charakter zu verbergen. Ich glaube, -der englische Oberst verachtete ihn geradezu; und die englischen -Sergeanten, mit denen wir gelegentlich einige Worte in der Kantine -sprachen, sagten uns wörtlich: sie hofften sehr, daß wir nicht -glaubten, daß alle englischen Offiziere so wären wie dieser Mr. Meyer. - -Eines Abends gegen Ende Juni hatten wir ein köstliches Erlebnis. -Draußen, außerhalb des Stacheldrahtes, war sehr viel Reh- und Damwild -oft in Rudeln bis zu Hunderten zusammen, die zahm wie die Ziegen -herumliefen. - -An diesem Abend nun lief ein allerliebstes kleines Kitzlein, welches -seine Mutter verloren hatte, am Stacheldraht vorbei, und auf unser -Locken und Rufen kroch es geschickt durch das Hindernis hindurch und -gelangte in das Lager. Unsere Freude war groß. Geradezu eine Sensation -für uns. Das Kitzlein wurde umringt und gestreichelt und geliebkost -(die Jäger knurrten), und schließlich wurde es im Triumph auf den Armen -eines Leutnants in die Burschenstube getragen, wo sich einer unserer -Jäger befand, der es großziehen sollte. - -Woher der Meyer davon Wind bekam, weiß ich nicht, jedenfalls ließ -er sich plötzlich den deutschen Lageradjutanten kommen, und mit vor -Schrecken bebender Stimme fragte Meyer: - -„Leutnant S., ist es wahr, es ist ein Tier im Lager?” - -„Ja, ein Tier!” - -„Und ist durch das Stacheldrahthindernis gekommen?” - -„Ja, es ist einfach durchgekrochen.” - -„Oh, das ist ja schrecklich!” meinte Mr. Meyer, und dabei schien ihm -die Stimme zu verlöschen. - -„Ich muß gleich sehen, wo das Loch ist, wo das große Tier -hindurchgekrochen ist, sicher haben die deutschen Offiziere den -Stacheldraht zerschnitten, um zu fliehen; das Tier muß auch sofort -entfernt werden!” - -Und so geschah es. - -Und, es ist kein Scherz, zwanzig Mann der Wache mit aufgepflanztem -Seitengewehr wurden gepfiffen, der eine deutsche Soldat mit dem -unschuldigen winzigen Kitzlein wurde von ihnen in die Mitte genommen, -und auf ~„Quick marsh”~ marschierte der ganze Zug zu dem inneren Tor -des Hindernisses. Dann wurde dieses geöffnet, die zwanzig Mann mit dem -einen deutschen Soldaten und dem Kitzlein traten in den Zwischenraum, -die sogenannte Schleuse, das innere Tor wurde sorgfältigst -abgeschlossen, dann erst das äußere geöffnet, der Soldat mußte das -Kitzlein ins Freie setzen, und dann wurde die ganze Prozession -zurückgemacht. Oh, Mr. Meyer, wie hast du dich blamiert! - -Nun wurde das ganze Hindernis sorgfältigst untersucht, und trotzdem -nicht die geringste Lücke gefunden werden konnte, durch die ein Mensch -hätte kriechen können, wollte Meyer sich tagelang nicht beruhigen. - -Außer der Post bildete täglich der Zeitungsempfang den Hauptmoment des -Tages. Die „Times” und „Morning Post” durften wir uns halten, und wenn -sie auch fast nur von Ententesiegen berichteten, so kannten wir die -Zeitungen bald so gut, daß das, was wir zwischen den Zeilen lasen, uns -ein ungefähr genaues Bild der Sachlage gab. - -Und die Wut in den Zeitungen, als die „Lusitania” sank, und _der_ -Ärger, wenn die Russen, selbstverständlich nur aus strategischen -Gründen, weiter zurückgingen! - -Wir hatten mehrere riesig große, bis ins kleinste genaue Karten der -Kriegsschauplätze angefertigt, und jeden Morgen um elf Uhr waren unsere -„Generalstäbler” bei der Arbeit und steckten die Fähnchen um. Und oft -stand selbst der englische Oberst davor und schüttelte bedenklich den -Kopf. - - - - -Die Flucht - - -Mit der Zeit wurde die Gefangenschaft unerträglich. Keine Briefe von -Hause, nicht die vielen herrlichen Pakete, die mir von lieber Hand -gesandt wurden, halfen mir; auch nicht die treuen Kameraden, nicht das -Hockeyspiel, dem ich mich mit einem derartigen Eifer hingab, daß ich -abends wie tot vor Müdigkeit hinsank. - -Nichts half, alles war vergebens. - -Endlich hatte auch mich, wie so unendlich viele vor mir, schon die -Gefangenenkrankheit gepackt. - -Die Krankheit der furchtbarsten Verzweiflung, der vollständigsten -Hoffnungslosigkeit. - -Trostlos! - -Stundenlang lag ich wie viele andere im Grase und starrte mit weit -geöffneten Augen den blauen Himmel an, und meine ganze Seele sehnte -sich empor zu den weißen Wölkchen dort oben und wanderte mit ihnen nach -der fernen, lieben Heimat. Und wenn gar ein englischer Flieger ruhig -und sicher am blauen Firmament vorbeiflog, dann krampfte sich das Herz -zusammen, und wilde verzweifelte Sehnsucht schüttelte mich. Der Zustand -wurde immer schlimmer, ich wurde gereizt und nervös und unfreundlich -gegen meine Kameraden und kam seelisch und körperlich herunter. Und -dabei konnte ich doch eigentlich noch zufrieden sein, ich hatte -wenigstens was mitmachen können und viel erlebt! Aber so viele andere -waren schon in den ersten Gefechtstagen verwundet in Feindeshand -gefallen, und die unglücklichsten waren die, welche bei Beginn des -Krieges aus Amerika gekommen waren, dort ihr Hab und Gut, ihr alles -hatten stehen und liegen lassen, um ihrem Vaterland zu dienen, um dann -durch den Verrat der Engländer, bevor sie überhaupt die Heimat gesehen -hatten, gefangengenommen zu werden. - -Unsere Stimmung wurde sehr beeinträchtigt dadurch, daß wir keinerlei -Kriegsnachrichten aus Deutschland erhielten. Und wenn wir auch -selbstverständlich den englischen Lügenmeldungen nicht Glauben -schenkten, es hatte mit der Zeit doch gewaltigen Einfluß auf uns, daß -wir wochen- und wochenlang nichts als Gemeinheit gegen Deutschland und -nichts als Niederlagen, Revolution und Hungersnot über Deutschland -lasen. Die Ungewißheit war auch hier das Schrecklichste, und ganz -besonders traf uns die Nachricht von dem gemeinen Verrat Italiens. - -Das Triumphieren in den englischen Zeitungen! - -Schließlich hielt ich es nicht mehr aus. Es mußte etwas geschehen, wenn -ich nicht gänzlich verzweifeln wollte. - -Tag und Nacht hatte ich geplant, gegrübelt und überlegt, wie ich dieser -elenden Gefangenschaft entrinnen könne. Pläne über Pläne hatte ich -entworfen und wieder verwerfen müssen. Mit größter Ruhe und Überlegung -mußte hier ans Werk gegangen werden, falls etwas gelingen sollte. - -Stundenlang ging ich nun an den verschiedenen Seiten der Hindernisse -auf und ab, dabei unauffällig jeden Draht und jeden Pfahl beobachtend. -Stundenlang lag ich im Grase in der Nähe einzelner Stellen, die mir -günstig schienen, tat als ob ich schliefe, beobachtete dabei aber -scharf jeden einzelnen Gegenstand und die Wege und die Gewohnheiten -jedes einzelnen Postens. - -Die Stelle, an der ich über den Stacheldraht wollte, stand bei mir -fest. Nun handelte es sich bloß noch darum, wie weiterkommen, wenn erst -das Hindernis überwunden war. Wir besaßen weder Karte von England, -noch Kompaß oder Fahrplan, noch irgendein Hilfsmittel. Sogar die -genaue Lage von Donington Hall war uns gänzlich unbekannt. Den Weg bis -Donington Castle kannte ich, den hatte ich mir ja auf dem Hinmarsche -gründlich eingeprägt. Durch einen Offizier, der zufällig statt von -Donington Castle von Derby im Auto gefahren war, erfuhr ich, daß -seiner Schätzung nach Derby etwa fünfundzwanzig bis dreißig Kilometer -nördlich von Donington Hall liegen müsse und daß er, bevor das Auto -in das Dorf eingebogen wäre, eine große Brücke passiert hätte. Nun -freundete ich mich mit einem alten biederen englischen Soldaten an, -schenkte ihm gelegentlich auch einige Zigarren und lud ihn ab und zu -zu einem Glase Bier in die Kantine ein. Nachdem wir schon mehrere Male -zusammengesessen hatten, sagte ich ihm, es müsse doch sehr langweilig -sein, dauernd in Donington zu sitzen, ob er denn gar keine Abwechslung -habe. O ja, meinte er, ab und zu führe er Rad, und manchmal führe er -auch damit zum Kientopp nach Derby. - -„Was, Derby?” fragte ich, „das ist ja viel zu weit für Sie, dazu sind -Sie ja viel zu alt!” - -„Ich und zu alt? ~No, Sir!~ Da kennen Sie einen englischen Tommy -schlecht, wenn ich auf meinem Rade sitze, da nehme ich es mit jedem -Jungen auf, und in drei bis vier Stunden habe ich die Strecke nach -Derby schon zurückgelegt.” - -An diesem Tage hatte ich genug erfahren. In der nächsten Woche traf -ich meinen alten Freund wieder. Wir begrüßten uns, und ich drückte ihm -ein paar Zigarren in die Hand, die ich, trotzdem ich Nichtraucher bin, -stets bei mir führte. - -„He, sag mal, Tommy,” fing ich plötzlich an, „da habe ich gestern eine -Wette mit einem Kameraden gemacht. Ich behaupte, Derby liegt nördlich -von uns, mein Kamerad behauptet, es läge südlich. Wenn ich gewinne, -kriegst du einen ordentlichen Topf Bier mit ab.” - -Das Whiskyauge meines Freundes glänzte freudig auf, und er versicherte -mir mit heiligen Eiden, daß ich recht habe, und daß Derby ganz bestimmt -nördlich von Donington Hall läge. - -Nun war ich klar. - -Und mit einem meiner Marinekameraden, dem Oberleutnant zur See Trefftz, -der vorzüglich Englisch sprach und England genau kannte, beschloß ich, -gemeinsame Sache zu machen. - -Der vierte Juli Neunzehnhundertfünfzehn war zu unserer Flucht -festgesetzt, alles dazu einexerziert und klappte, alle Vorbereitungen -waren getroffen. - -Am vierten Juli früh meldeten Trefftz und ich uns krank. - -Bei der Frühmusterung um zehn Uhr wurde beim Aufrufen unserer Namen -„krank” gemeldet, und nach beendeter Musterung kam der wachthabende -Sergeant auf unsere Stuben und fand uns krank in den Betten vor. - -Alles in schönster Ordnung. - -Der Nachmittag und die Entscheidung rückten heran. - -Gegen vier Uhr zog ich mich an, nahm alles, was ich zur Flucht -mitzunehmen nötig erachtet hatte, an mich, aß noch einige dicke -Butterbrotstullen und nahm dann Abschied von meinen Stubenkameraden -und besonders von meinem treuen Freunde Siebel, den ich leider nicht -mitnehmen konnte, da er nicht Seemann war und kein Englisch sprach. - -Draußen war ein heftiges Gewitter im Gange, und wolkenbruchartig -strömte der Regen vom Himmel herab. Die Posten standen naß und -frierend in ihren Schilderhäuschen, und daher fiel es auch keinem auf, -daß trotz des Regens noch zwei Offiziere Lust verspürten, im Park -spazierenzugehen. Im Park befand sich eine von Büschen umgebene Grotte, -von der aus man den ganzen Park und den Stacheldraht übersehen, selbst -aber nicht gesehen werden konnte. - -Hier hinein verkrochen sich Trefftz und ich. - -Ein kurzer Abschied noch von S., der uns mit Gartenstühlen zudeckte, -und wir waren allein. - -Nun konnte nur noch die Vorsehung und unser Glück für uns weitersorgen. - -In atemloser Spannung warteten wir. Die Minuten wurden zu Ewigkeiten, -doch langsam und sicher verstrich eine Stunde nach der anderen. Als die -Turmuhr laut und vernehmlich sechs Uhr schlug, klopfte uns gewaltig -das Herz. Wir hörten, wie zur Musterung geklingelt wurde, das Kommando -„Stillgestanden!”, dann wurde mit lautem Geräusch das Drahthindernis -der Taggrenze geschlossen. Bange Viertelstunden durchlebten wir. Wir -wagten überhaupt nicht zu atmen. Jeden Augenblick erwarteten wir, bei -unseren Namen gerufen zu werden. Es wurde sechs Uhr dreißig, nichts -ereignete sich. Ein Alp wich von unseren Herzen. Gott sei Dank, der -erste Akt war geglückt. Denn nachdem bei der Musterung bei unseren -Namen wiederum „krank” gemeldet war und die Offiziere wegtreten -durften, liefen ein Kamerad für mich und ein anderer Kamerad für -Trefftz so schnell wie möglich hinten ums Gebäude herum und legten -sich in unsere Betten. Und als der Feldwebel kam, konnte er zufrieden -feststellen, daß die beiden Kranken anwesend wären. Da also alles in -Ordnung war, wurde wie an jedem Abend das Nachthindernis geschlossen, -ja sogar die Posten vom Taghindernis eingezogen, und damit waren wir -uns selbst überlassen. Der außerordentliche Regen kam uns sehr zu -statten, denn sonst pflegten die englischen Soldaten abends in unserem -Park herumzutollen, wobei ein Entdecktwerden sehr leicht möglich -gewesen wäre. - -Stunde um Stunde verrann. Stumm lagen wir da, nur ab und zu stießen wir -uns gegenseitig an und nickten uns zu vor Freude, daß bis jetzt alles -so gut geklappt hatte. - -Um zehn Uhr dreißig abends wuchs unsere Erregung aufs äußerste. Die -zweite Probe mußte bestanden werden. Deutlich hörten wir das Signal zum -Schlafengehen, und aus dem geöffneten Fenster meines früheren Zimmers -erscholl kräftig „Die Wacht am Rhein”. Das war das Zeichen für uns, daß -alles auf dem Posten wäre. - -Der wachthabende Offizier mit einem Sergeanten schritt sämtliche -Stuben ab und überzeugte sich, daß keiner fehlte. Durch wochenlange -Beobachtungen hatte ich festgestellt, daß die wachthabenden Offiziere -stets denselben Weg wählten, um nach der Ronde auf dem kürzesten Wege -in ihre Behausungen zu gelangen. So war es auch heute. Die Ronde fing -in dem Zimmer an, wo Trefftz fehlte. Es war selbstverständlich, daß ein -anderer bereits in dessen Bett lag. - -~„All present?”~ - -~„Yes, Sir!”~ - -~„All right, good night, gentlemen!”~ - -Und so ging die Ronde weiter. Kaum war sie um die Ecke gebogen, als -auch schon zwei der anderen Kameraden in entgegengesetzter Richtung -herum und in mein Zimmer liefen, und so war es selbstverständlich, daß -auch hier alles ~„present”~ war. - -Die Aufregung und die gespannteste Erwartung, in der wir uns während -dieser Zeit befanden, kann man sich kaum vorstellen. Im Geiste erlebten -wir ja alles mit, und da es merkwürdig lange still blieb, befürchteten -wir schon, daß alles verloren sei. Mit eiskalten Händen, kaum atmend, -das Gehör bis auf das äußerste angespannt, lagen wir da. - -Endlich um elf Uhr abends erscholl ein lauter Jauchzer. Das war unser -verabredetes Signal, daß alles geglückt war. - - - - -Schwarze Nächte an der Themse - - -Nun blieb um uns alles ruhig. Der Regen hörte Gott sei Dank auf zu -strömen. In vollständige Dunkelheit gehüllt, lag der Park da, und matt -schimmerte das Licht der riesigen Bogenlampen, womit das Nachthindernis -beleuchtet war, zu uns herüber. Dumpf hallte der regelmäßige Tritt -der in ihren Schutzhäuschen auf und ab marschierenden Posten, und -unheimlich klang ihr Zuruf, womit sie sich alle Viertelstunde -gegenseitig anriefen. Um zwölf Uhr nachts war Wachtablösung, die ich -mit gespanntester Aufmerksamkeit verfolgte. Dann kam der wachthabende -Offizier und leuchtete mit einer Lampe das Taghindernis -- also unseres --- ab, und um halb ein Uhr war wieder tiefste Ruhe. - -Nun war der Moment des Handelns gekommen. - -Leise kroch ich aus meinem Versteck wie eine Katze, schlich durch den -Park und zu dem Drahthindernis, um mich zu überzeugen, daß wirklich -keine Posten mehr ständen. Als alles in Ordnung war und ich die Stelle, -über die wir rüber wollten, wiedergefunden hatte, schlich ich zurück -und holte Trefftz ab. Nun machten wir den Weg gemeinsam noch einmal. - -Am Hindernis angekommen, gab ich leise noch einmal die letzten -Verhaltungsmaßregeln und dann Trefftz mein kleines Bündelchen. Als -erster fing ich an zu klettern. Der Zaun war zirka drei Meter hoch -und alle zwanzig Zentimeter von Draht mit unheimlich langen Stacheln -bezogen. - -Bis zirka fünfundsiebzig Zentimeter über dem Boden waren elektrisch -geladene Drähte gesetzt, deren Berühren genügte, um sie zu entladen -und ein Klingelwerk auszulösen, wodurch selbstverständlich das ganze -Lager alarmiert worden wäre. Zum Schutz gegen die Stachel hatten wir -Ledergamaschen an und um die Knie Wickelgamaschen gebunden und trugen -außerdem noch Lederhandschuhe. Doch die Stacheln waren länger und sie -haben ganz fürchterlich gepikst. Aber das hatte den Vorteil, daß wir -nun nicht ausrutschen konnten, um dadurch den elektrischen Draht zu -berühren. Den ersten Zaun überwand ich leicht. Dann gab mir Trefftz -unsere beiden Bündel, und ebenso schnell wie ich überstieg auch er -den Zaun. Nun kam ein zirka zehn Meter breites und ein Meter hohes -schweres Drahthindernis, nach den neuesten Schikanen erbaut. Wie die -Katzen liefen wir beide über dieses hinweg. Dann kam wiederum ein hoher -Stacheldrahtzaun, genau so beschaffen wie der erste und ebenfalls mit -elektrisch geladenen Drähten versehen. Auch hierüber kamen wir beide -glatt, nur daß ich mir an den verflixten Stacheln einen Teil meines -Hosenbodens ausriß, den ich mir erst wieder herunterholen mußte, um ihn -später wieder einzusetzen. Gott sei Dank, das Hindernis war überwunden! - -Stumm drückten Trefftz und ich uns kräftig die Hand und stumm sahen wir -uns an. Was wir durchgemacht hatten, wußten wir beide. - -Nun begann erst die Hauptschwierigkeit. - -Vorsichtig schlichen wir uns in der Dunkelheit weiter, überquerten -einen Bach, erkletterten eine Mauer, sprangen in einen tiefen Graben -und mußten uns dann an dem Wachthaus, welches am Eingang zum Lager lag, -vorbeischleichen. Dann endlich waren wir im Freien! - -Auf der großen Landstraße, die nach Donington Castle führte, liefen -wir ohne Aufenthalt entlang. Nach einer halben Stunde machten wir -halt und entledigten uns der zerfetzten Gamaschen und Handschuhe. -Na, die inneren Handflächen sahen ja fein aus, ganz zu schweigen von -den Fußsohlen und von der Sitzgelegenheit. Noch wochenlang haben die -Andenken an den englischen Stacheldraht gejuckt. - -Jetzt öffneten wir unsere Bündel, zogen unsere grauen Zivilregenmäntel -an, verstauten die übrigen Kleinigkeiten, und untergehakt wanderten wir -frohgemut die Straße weiter, als wenn wir von einem späten Nachtgelage -kämen. Als Donington Castle in Sicht kam, mußten wir uns vorsehen. Und -alles, was wir tun würden, wenn wir jemandem begegnen sollten, hatten -wir verabredet. - -Da, als wir eben in die Dorfstraße einbiegen wollten, kam uns ein -englischer Soldat entgegen. Wie auf Kommando zog mich Trefftz an sich, -und so wie wir es verabredet hatten, markierten wir ein Liebespaar. -Verlangend nach uns hinschauend und mit der Zunge schnalzend ging -der Engländer vorüber. Als er an uns vorbei ging, erkannte ich -ihn mit einem Schlage. Auf seinem Ärmel leuchteten matt die drei -Feldwebelswinkel, und diese dicke, gedrungene, auffallende Figur konnte -nur unserem englischen Lagerfeldwebel gehören. - -Nun schritten wir weiter. Und nachdem das Dorf passiert war, fanden -wir glücklich die angegebene Brücke. Doch hier wurde es kritisch. Drei -große Chausseen führten von hier aus ab, und es war unmöglich, uns ohne -Wegekenntnisse weiterzufinden. Endlich entdeckten wir in der Dunkelheit -einen Wegweiser, etwas äußerst Seltenes in England. Zum Glück war es -ein eiserner. Und als Trefftz hinaufgeklettert war, konnte er durch -Befühlen der erhaben gegossenen Buchstaben das Wort „Derby” lesen. - -In äußerstem Geschwindschritt uns nach dem Polarstern orientierend, -marschierten wir tüchtig darauf los. Sobald uns Leute entgegenkamen -oder Autos, und besonders wenn solche hinter uns her fuhren, -versteckten wir uns im Chausseegraben und warteten ab, bis die -Gefahr vorüber war. Es war doch zu natürlich, daß wir bei jedem Auto -glaubten, es sei unseretwegen unterwegs und uns nachgehetzt worden. -Als wir Hunger verspürten, aßen wir etwas mitgenommenen Schinken -und Schokolade. Aber leider war das eine zu salzig und das andere -so süß, daß ein furchtbarer Durst uns plagte. Dieser wurde bald so -unerträglich, daß wir kaum noch weiter kommen konnten. Dazu kam, daß -wir durch die durchgemachte Aufregung und den anstrengenden Marsch -außerordentlich viel Schweiß verloren hatten. In unserer Not stellten -wir uns dann an den Chausseegraben, und wie die Ziegen leckten wir die -dicken Regentropfen von den Blättern der Büsche ab, bis wir endlich -an einer Stelle eine schmutzige Wasserpfütze fanden, über die wir uns -gierig trinkend warfen. O, das war gut. - -Langsam wurde es hell. Und gegen vier Uhr morgens, als wir die ersten -Gartenhäuser von Derby erreichten, stieg in wundervollster Pracht -blutigrot die riesige Sonnenkugel über den Horizont. Wie gebannt -blieben wir stehen, hingerissen von diesem herrlichen Schauspiel, und -dann schüttelten wir uns die Hände und winkten freudig der Sonne zu. - -O sie, sie kam ja aus Deutschland, direkt aus der Heimat, hatte sich -rotgefärbt beim Durcheilen der blutigen Schlachtfelder und brachte uns -nun die treuesten Grüße unserer Lieben daheim. Ein gutes Omen! - -Nun schlichen wir uns beide in ein kleines Gärtchen, und hier wurde -große Toilette gemacht. Die mitgenommene Kleiderbürste vollbrachte -Wunder. Die Schuhlappen hatten schwere Arbeit, und mein Hosenboden -wurde mit der mitgenommenen Nähnadel geflickt. In Ermangelung von -Rasiercreme benutzten wir unseren Speichel, und dann wurden die -armen Gesichter mit den mitgenommenen Gilette-Apparaten bearbeitet. -Zum Schluß banden wir uns „den” Kragen und „_den_” Schlips um und -überließen Kleiderbürste und Stiefellappen dem Gartenbesitzer. Und -schick fast wie Dandies mit einem koketten Kniff in dem weichen Hut -betraten wir Derby. - -Zu unserem Glück fanden wir bald den Bahnhof, trennten uns unauffällig -und hatten den unerhörten Dusel, daß bereits in einer Viertelstunde ein -Zug nach London ging. Ich löste ein Retourbillett dritter Güte nach -Leicester, und mit einer dicken Zeitung bewaffnet bestieg ich den Zug. -In Leicester stieg ich aus, löste mir ein Billett nach London, und -als ich in das Kupee einstieg, saß zufällig mir gegenüber ein Herr, -ebenfalls im grauen Mantel, den ich irgendwo mal gesehen haben mußte, -von dem ich aber selbstverständlich keine Notiz nahm. Ich glaube, sein -Name fing früher mal mit T. an. - -Gegen Mittag lief endlich der Zug in London ein. - -Als ich durch die Bahnsperre ging und mein Billett abgab, war mir doch -nicht ganz wohl zumute, und so etwas hat meine Hand doch gezittert. -Doch der gestrenge Blick des Kontrolleurs bedeutete weiter nichts, und -einige Minuten darauf war ich im Gewühl der Großstadt verschwunden. - -Wie gut war es jetzt, daß ich vor zwei Jahren in London gewesen war -und es so genau kennengelernt hatte. Das erste, was ich tat, war, -daß ich in vier verschiedene Frühstücksstuben ging und in jeder von -diesen so viel aß und trank, daß es noch eben nicht auffiel. Dann ging -ich an die Themse hinunter, rief mir alle Straßen und Brücken und -Dampferanlegestellen durch persönlichen Augenschein in die Erinnerung -zurück und sah mir besonders an, wo neutrale Dampfer lagen. - -Ich hatte mir die Sache doch einfacher vorgestellt. Ich hatte gehofft, -sofort einen Dampfer finden zu können, doch nun sah ich zu meiner -Besorgnis, daß alle Werften und Ladeplätze und die meisten neutralen -Dampfer ebenfalls streng bewacht mitten auf dem Strome lagen. - -Die ungewohnte Umgebung, die Unsicherheit, in der ich mich in der -ersten Zeit befand, und vor allen Dingen das dauernde Gefühl während -der ersten Tage, daß ich stets glaubte, daß jeder Mensch wissen -müßte, wer ich wäre, und daß jedermann es mir an der Nasenspitze -ablesen könnte, daß ich aus Donington Hall entwichen wäre, taten das -ihre. Dazu kam noch die durchgemachte Aufregung und Überanstrengung -der letzten Nacht und die trostlose Verlassenheit in der riesigen -Feindeshauptstadt. Auch hatte ich mich vergebens bemüht, irgendeine -Zeitung zu erwischen, aus der die Abfahrt von Dampfern ersichtlich -wäre; das war für mich eine besonders herbe Enttäuschung. - -War es da ein Wunder, daß ich ganz entmutigt und müde zum Umsinken um -sieben Uhr abends wie verabredet vor der St. Pauls-Kathedrale stand, -um auf Trefftz zu warten? Bis neun Uhr habe ich gewartet, kein Trefftz -kam. - -Fest überzeugt, daß es Trefftz bereits gelungen wäre, einen günstigen -Dampfer zu fassen, und daß er womöglich London schon verlassen habe, -schleppte ich mich gänzlich deprimiert zum Hydepark. Zu meiner -Enttäuschung war dieser entgegen früherer Gewohnheit geschlossen. Was -sollte ich nun tun, wo sollte ich schlafen? Auf der Straße durfte ich -nicht bleiben, um nicht aufzufallen. Und in eine Herberge durfte ich -erst recht nicht gehen, da ich keinen Paß besaß, den jetzt in England -selbst jeder Engländer besitzen mußte, und ohne den kein Gastwirt bei -schwerster Strafe jemanden aufnehmen durfte. - -In einer elenden Bar, in der ich mich etwas stärken wollte, bekam ich -nur warmen Stout und nur noch eine einzige Rolle Keks. Alles andere war -vertilgt. Und als auch in der Bar Feierabend geboten wurde, saß ich -wieder auf der Straße. Ich bog in eine der vornehmsten Alleen ein, wo -prächtige Paläste von schön gepflegten Vorgärtchen umgeben waren. Ich -konnte mich kaum noch auf den Beinen aufrecht halten, und als die Luft -rein war, sprang ich schnell entschlossen über einen dieser Gartenzäune -und hatte mich kurz darauf in der dichten Buchsbaumhecke, nur einen -Schritt vom Bürgersteig entfernt, verkrochen. Meine Gemütsstimmung läßt -sich nicht beschreiben. Wild hämmerten mir die Pulse, und wild jagten -sich die Gedanken in meinem Hirn. In meinen Gummimantel gehüllt, wie -ein Dieb zusammengekrochen, lag ich in meinem Versteck. - -Wenn man mich jetzt hier fände, in dieser Lage, mich, einen deutschen -Offizier? Wie ein Verbrecher kam ich mir vor. Und im Inneren war ich -fest entschlossen, nie jemand etwas von der unwürdigen Lage, in der ich -mich befand, zu erzählen. Ach, hätte ich _den_ Abend schon gewußt, wo -ich mich zwei Tage später nächtelang herumtrieb, und das dabei sogar -ganz natürlich fand, ich wäre hoffnungsvoller gewesen. - -Als ich ungefähr eine Stunde in meinem Versteck lag, öffnete sich in -meinem Hause die große Flügeltür einer herrlichen Veranda, und mehrere -Damen und Herren in tadelloser Abendtoilette traten heraus, um die -prachtvolle Abendluft zu genießen. Von meinem Versteck aus konnte ich -alles beobachten und jedes Wort verstehen. Nach einiger Zeit wurde -drinnen ein Flügel angeschlagen und bald ertönte ein prachtvoller -Sopran, und wunderschönste, sehnsuchtsvolle Schubertlieder zerwühlten -meine Seele. - -Endlich übermannte mich die gänzliche Erschlaffung, und wie ein Toter -schlief ich ein, in meinen Träumen von schönsten Zukunftsbildern -umschwebt. - -Der gleichmäßige feste Tritt eines Polizisten, der auf der Straße, -nur einen Schritt von mir getrennt, auf und ab ging, und die hell -strahlende Sonne weckten mich am nächsten Morgen auf. Also hatte ich -doch die Zeit verschlafen; nun Vorsicht! Stumpfsinnig pendelte der -Polizist auf und ab, er wollte nicht weichen. Endlich kam das Glück. -Ein allerliebstes Kammerzöfchen öffnete die Türe, und schon war mein -Polizist bei ihr und schäkerte vertraulich mit dem taufrischen Käfer. - -Ohne von beiden gesehen zu werden, war ich mit einem Satz über den Zaun -und auf der Straße. Es war schon sechs Uhr früh und der Hydepark gerade -geöffnet worden. Da noch keine Untergrundbahn fuhr, ging ich in den -Park und legte mich lang auf eine Bank zu mehreren anderen Vagabunden, -die es sich dort bereits bequem gemacht hatten. Dann zog ich den Hut -übers Gesicht, und fest schlief ich bis neun Uhr weiter. - -Frisch gestärkt mit neuem Mut bestieg ich die Untergrundbahn und fuhr -zur Hafengegend. Am „Strand” erweckten riesige gelbe Plakate meine -Aufmerksamkeit. - -Und wer beschreibt mein Staunen, als ich darauf dick und fett gedruckt -las, daß: - -1. Mr. Trefftz bereits am Abend vorher gefangengenommen worden war und, - -2. daß Mr. Plüschow ~„still at large”~ sei, aber, - -3. man ihm bereits auf der Spur wäre. - -Das erste und dritte waren mir neu, das zweite war mir bekannt. - -Schnell kaufte ich mir nun die „Daily Mail”, ließ mich in einer -einfachen Frühstücksstube nieder und las mit großem Interesse folgenden -Steckbrief: - - ~Extra Late War Edition.~ - - ~_Hunt for Escaped German. High-Pitched Voice as a Clue._~ - - ~Scotland Yard last night issued the following amended description - of Gunther _Plüschow_, one of the German prisoners who escaped from - Donington Hall, Leicestershire, on Monday~: - - ~Height 5 ft., 5½ in, weight 135 lb.; complexion fair; hair blond; - eyes blue; and tattoo marks: Chinese dragon on left arm.~ - - ~As already stated in the „Daily Chronicle”, Plüschow's companion, - Trefftz, was recaptured on Monday evening at Millwall Docks. Both - men are Naval Officers. An earlier description stated that Plüschow - is 29 years old. His voice is high-pitched.~ - - ~He is particularly smart and dapper in appearance, has very - good teeth, which he shows somewhat prominently when talking or - smiling, is „very English in manner”, and knows this country well. - He also knows Japan well. He is quick and alert, both mentally and - physically, and speaks French and English fluently and accurately. - He was dressed in a grey lounge suite or grey and yellow mixture - suite.~ - -[Illustration: Der erste Steckbrief] - -Also der arme Trefftz, nun hatten sie ihn doch gekitcht. Mein -Entschluß, was nun zu tun sei, stand bei mir fest, und der Steckbrief -leistete mir dabei vorzügliche Dienste. Zuerst mußte ich meinen grauen -Gummimantel los werden. Ich ging zur „Blackfriars Station” und gab -meinen Mantel dort im Gepäckaufbewahrungsraum ab. Als ich das graue -Ding dem Beamten übergab, fragte dieser mich plötzlich: ~„What's your -name, Sir?”~ (Wie ist Ihr Name?). - -Wie ein Schreck fuhr mir diese Frage in die Glieder, auf diese Frage -war ich nicht gefaßt. Mit zitternden Knien fragte ich: „Meinen?”, im -Inneren natürlich denkend, daß der Mann wüßte, wer ich wäre, und vor -Schrecken sogar deutsch antwortend. - -~„Oh, I see, Mr. Mine, M. I. N. E.”~ und damit übergab er mir das -Zettelchen für Mr. Mine. - -Daß dem Beamten mein Schrecken nicht aufgefallen ist, war ein Wunder, -und mir war etwas übel zumute, als ich durch die beiden wachthabenden -Polizisten am Eingang des Bahnhofes, die mich scharf musterten, -hindurchschritt. - -Bei meiner Flucht hatte ich einen blauen Zivilanzug angezogen, den -ich mir seinerzeit in Schanghai hatte machen lassen, und den schon -in Schanghai Herr Brown und Scott, später der Millionär McGarvin -getragen hatte, der dann an einen gewissen Schlosser, später -Schloß_herr_ Ernst Suse vermacht worden war, dann wieder bessere -Tage erlebte, als ein deutscher Seeoffizier ihn anzog, und nun sein -Dasein auf dem Leibe des Dockarbeiters George Mine beendete. Unter -dem Jackett hatte ich einen blauen Mannschaftssweater, den eine -unserer gefangenen Matrosenordonnanzen in Donington Hall mir geschenkt -hatte. In der Tasche trug ich eine alte zerfranste Sportmütze, ein -Taschenmesser, Taschenspiegel, Rasierapparat, ein Stück Bindfaden und -zwei Taschentücher vorstellen sollende Lappen. Ferner besaß ich das -stolze Vermögen von hundertzwanzig Schilling, die ich mir erspart und -zusammengepumpt hatte. Pässe und Papiere, die jetzt in England selbst -jeder Engländer haben mußte, habe ich niemals besessen. - -Nun ging ich an die Themse zu einer entlegenen Stelle. Mein schöner -weicher Hut flog durch Zufall von der London-Bridge ins Wasser, -Kragen und Schlips folgten an einem anderen Orte nach, ein schöner -vergoldeter Knopf prangte herrlich vorne in der grünen Hemdprise (Marke -Knopfzwang), dann wurden die Haare schwarz und schmierig von einer -Mischung aus Vaseline, Stiefelwichse und Kohlenstaub, die Hände sahen -bald aus, als wenn sie niemals mit Wasser in Berührung gekommen wären, -und zu guter Letzt wälzte ich mich auf einem Kohlenhaufen tüchtig -herum, und schon war der streikende Dockarbeiter G. Mine fertig. - -So konnte man in mir wirklich keinen Offizier vermuten, am -allerwenigsten aber von ~„smart”~ und ~„dapper”~ sprechen. Ich glaube -meine Rolle gut gespielt zu haben, und nachdem ich erst den inneren -Ekel vor meiner Umgebung und soviel Dreck überwunden hatte und mich -erst sicher fühlte, konnte ich wirklich nur als das angesehen werden, -wofür ich mich ausgab: als fauler, dreckiger Dockarbeiter oder -Segelschiffsmatrose. - -[Illustration: Steckbrief, eine Woche nach der Flucht] - -Mit meiner Mütze frech im Genick, vor Schmutz starrend, die Jacke -offen, den blauen Seemannssweater und als einzige Zierde den -Kragenknopf zeigend, mit den Händen in den Taschen, pfeifend und -spuckend und mich überall herumlümmelnd, wie ich es zu tausenden Malen -in allen Hafenstädten der ganzen Welt von den Matrosen gesehen hatte, -trieb ich mich tagelang in London herum, ohne auch jemals nur den -leisesten Verdacht bei irgendeinem Menschen zu erwecken, daß ich etwas -anderes sei, als wonach ich aussah. - -Darauf beruhte überhaupt mein ganzer Plan. - -Die einzigste Möglichkeit, unentdeckt zu bleiben, war _die_, mich _so_ -zu benehmen und _so_ auszusehen, daß ich niemals den leisesten Verdacht -erweckte. Es durfte überhaupt niemals so weit kommen, daß ein Mensch -auf mich aufmerksam wurde, und wenn ein Polizist mich erst gefragt -hätte, wer ich sei, hätte ich nur meinen richtigen Namen angeben -können. Daher war es auch vollkommen unnötig, daß meine Steckbriefe -meine Tätowierung auf dem Arm immer wieder als Schlüssel zur Entdeckung -erwähnten. Wenn es erst so weit kam, dann war längst vorher schon alles -verloren. - -Am zweiten Vormittage hatte ich unerhörtes Glück. - -Ich saß auf dem Verdeck eines Autobusses, hinter mir zwei Kaufleute in -angeregter Unterhaltung. Plötzlich fing ich die Worte auf: „Tilbury, -holländischer Dampfer abfährt”; und nun hörte ich scharf zu. - -Ich mußte mein Herz festhalten, sonst hätte es Freudensprünge gemacht. -Die beiden unvorsichtigen Gentlemen erzählten nichts weniger, als -daß jeden Morgen um sieben Uhr ein holländischer Schnelldampfer nach -Vlissingen führe und jeden Nachmittag der Dampfer vor Tilbury Docks zu -Anker ginge. - -Mit einem Satz war ich raus aus dem „Bus”. - -Schnell zur „Blackfriars Station”, ein Billett gelöst, und eine gute -Stunde später stieg ich bereits in Tilbury aus. Es war Mittagszeit, -die Arbeiter strömten in ihre Stampen. Ich ging zuerst zur Themse -runter und erkundete mein Operationsgebiet und überzeugte mich, -daß mein Dampfer noch nicht da wäre. Da ich Zeit und kräftigen -Hunger hatte, ging ich nach Tilbury zurück und trat in eine der -vielen Speisewirtschaften, wo ich besonders viel Dockarbeiter hatte -hineingehen sehen. In einem großen Saale saßen etwa hundert Arbeiter -an langen Tischen und vertilgten riesige Schüsseln. So wie es die -übrigen taten, ging ich auch an eine Klappe, legte acht Pennies auf den -Tisch und empfing einen großen Teller gehäuft mit Kartoffeln, Gemüse -und einem mächtigen Stück Fleisch. Dann ging ich an die Bar, kaufte -mir ein großes Glas Stout, und in aller Gemütsruhe setzte ich mich zu -den anderen Arbeitern an den Tisch, deren Eßweise und Haltung beim -Essen genau nachahmend, wobei mir das Essen der Erbsen mit dem Messer -besondere Schwierigkeiten verursachte. - -Mitten im besten Stauen wurde ich plötzlich von hinten auf die Schulter -getippt. Eisig durchfuhr es mich durch alle Glieder. Als ich mich -umdrehte, stand der Besitzer da und fragte mich nach meinen Papieren. -Ich dachte natürlich, er meinte meine Ausweise, und schon gab ich alles -verloren. Da ich natürlich nichts vorweisen konnte, mußte ich dem Wirt -folgen, und voll Schrecken gewahrte ich, wie er an den Fernsprecher -ging, um zu telephonieren. Mit einem Blick schielte ich schon nach -der Tür und wollte eben fortlaufen, als der Wirt, der mich durch ein -Glasfenster beobachtete, wieder zu mir trat und mir sagte: „Ja, da Sie -Ihre Papiere vergessen haben, kann ich Ihnen nicht helfen; übrigens wie -heißen Sie und wo kommen Sie her?” - -„Ich bin George Mine und amerikanischer Leichtmatrose auf der -Viermastbark ‚Ohio’, die oben auf Strom liegt. Ich bin eben hier -hereingegangen und habe doch schon mein Essen und mein Bier bezahlt, -meine Papiere habe ich natürlich nicht mit!” - -Dann er: „Dies ist ein geschlossener sozialdemokratischer Verein, hier -dürfen nur Mitglieder essen, das sollten Sie doch wissen, doch wenn Sie -Mitglied werden wollen, stehen Ihnen die Räume stets frei.” - -Natürlich war ich damit einverstanden. Ich zahlte meine drei Schilling -Eintrittsbeitrag, erhielt ein knallrotes Seidenbändchen ins Knopfloch -gebunden und eine Mitgliedskarte, und damit war ich nun jüngstes -Mitglied des sozialdemokratischen Dockarbeitervereins von Tilbury! - -Als wenn nichts geschehen wäre, ging ich wieder an meinen Tisch, trank -mit einem Zug, um mich von dem durchgemachten Schrecken zu erholen, -verließ aber bald den Raum, da mir offengestanden der Appetit vergangen -war und das Essen mir so recht nicht mehr schmecken wollte. - -Nun ging ich ans Flußufer hinunter, legte mich ins Gras, tat, als ob -ich schliefe, und paßte auf wie ein Luchs. - -Dampfer an Dampfer zog an mir vorüber. Meine Erwartung wuchs unendlich. -Um vier Uhr nachmittags lief stolz und majestätisch ein holländischer -Schnelldampfer ein und machte direkt vor meiner Nase an einer Boje -fest. Und erst mein Glück und meine Freude, als ich vorne am Bug in -weißen, leuchtenden Buchstaben den Dampfernamen: - - „_Mecklenburg_” - -las. Das war für mich als Mecklenburger und Schweriner das beste -Vorzeichen. - -Nun fuhr ich mit der Fähre nach Gravesend hinüber, von wo aus ich -den Dampfer unauffälliger beobachten konnte, und bummelte, die Hände -in den Taschen, sorglos ein Liedchen pfeifend, möglichst bummlig und -schlaksig im Seemannsgang am Ufer entlang, in Wirklichkeit aber scharf -beobachtend. - -Mein Plan war folgender: - -Nachts schwimmend die Boje, an der der Dampfer lag, zu erreichen, dann -an der Stahlleine hochklettern, mich an Deck zu schleichen und als -blinder Passagier nach Holland zu fahren. - -Meine Operationsbasis hatte ich bald gefunden. - - * * * * * - -Als ich mich vergewissert hatte, daß ich unbeobachtet war, kletterte -ich in ein Holz- und Gerümpellager, welches bis ans Wasser der Themse -reichte. Unter einigen Brettern lagen mehrere Bündel Heu, und in diese -verkroch ich mich und wartete die Nacht ab. - -Dieses Heubündel ist dann auch für sämtliche übrigen Nächte mein -Aufenthaltsplatz geblieben. - -Gegen zwölf Uhr nachts stieg ich aus meinem Versteck. Am Tage hatte -ich mir alle in der Nähe liegenden Gegenstände, sämtliche für mich -notwendigen Peilungen, genau eingeprägt. Vorsichtig schlich ich über -Haufen von Gerümpel, alte Balken; der Regen rauschte, und in der -pechschwarzen Nacht konnte ich kaum die beiden Kuffs wiederfinden, die -ich am Tage neben dem Holzlager gesehen hatte. - -Auf allen vieren kriechend, immer wieder angespannt lauschend, mit -den Augen versuchend, die Dunkelheit zu durchbohren, näherte ich mich -meinem Ziel. - -Zu meinem Schrecken gewahrte ich, daß die beiden Kuffs, die am -Nachmittage noch im tiefen Wasser gelegen hatten, jetzt fast trocken -lagen. Aber hinten am Heck, da schwabberte Gott sei Dank noch ein -kleines Dinghi im Wasser. - -Kurz entschlossen wollte ich zu dem Boot hinlaufen, aber ehe ich wußte, -was mit mir geschah, gab der Boden unter mir nach, und blitzschnell -versank ich bis an die Hüften in eine zähe, schlüpfrige, übelriechende -Schlammasse. Mit den Armen schlug ich um mich, und gerade konnte ich -mich noch mit der linken Hand an einer Planke festkrallen, die vom Ufer -zu dem Segelschiff hinüberführte. - -Mit äußerster Kraftanstrengung befreite ich mich aus der eklen Masse, -die beinahe ein furchtbares Grab für mich geworden wäre, und gänzlich -erschöpft schleppte ich mich zu meinem Heubündel zurück. - -Als am dritten Morgen meiner Flucht die Sonne aufging, hatte ich den -Lattenzaun bereits wieder übersprungen und lümmelte mich auf einer Bank -der Parkanlagen von Gravesend herum. Pünktlich um sieben Uhr früh warf -meine „Mecklenburg” von der Boje los und rauschte stromabwärts dem -freien Meere zu. - -An diesem ganzen Tage trieb ich mich, wie auch später, in London -herum. Stundenlang stand ich auf den Brücken wie so viele andere -Tagediebe und merkte mir genau die Lage der neutralen Dampfer und vor -allen Dingen den Stand ihrer Ladungsarbeiten, um jederzeit, wenn ich -einen glücklichen Augenblick erhaschen konnte, unbemerkt an Bord zu -schleichen. - -Essen tat ich in allen diesen Tagen in den gewöhnlichsten -Arbeiterstampen von London-East; ich sah so verkommen und dreckig -aus, torkelte oder hinkte oft absichtlich, machte ein blödes, stieres -Gesicht und ging so krumm und schlaksig, daß kein Mensch von mir Notiz -nahm. Ich vermied zu sprechen und merkte mir genau die Aussprache und -die Art und Weise, wie die Arbeiter ihr Essen bestellten. Bald hatte -ich eine solche Sicherheit und Fertigkeit und wurde so frech, daß ich -niemals mehr auf den Gedanken kam, ich könnte entdeckt werden. - -Am Abend war ich wieder in Gravesend. - -Da lag wirklich wieder ein Dampfer, und diesmal war es die „Prinzeß -Juliana”. - -Nun paßte ich besser auf und studierte alles so eingehend und genau, -besonders die Beschaffenheit des Flußufers, daß ich meiner Sache sicher -war. - -Nachts um zwölf Uhr war ich an meinem ausgewählten Platz. Das Ufer war -steinig, und die Ebbe fing eben erst an zu laufen. Leise zog ich meine -Stiefel, Strümpfe und Jacke aus, verstaute meine Strümpfe, meine Uhr, -Rasierapparat usw. in meine Mütze, setzte diese samt dem teuren Inhalt -auf den Kopf und band sie fest. - -Dann versteckte ich Jacke und Stiefel unter einem Stein, zog den -Ledergürtel meiner Hose fest an, und so angezogen wie ich war, kroch -ich leise ins Wasser und schwamm nach der Richtung meines Dampfers -hinaus. - -Die Nacht war regnerisch und dunkel. Bald konnte ich auch nicht mehr -das Ufer erkennen, das ich eben verlassen hatte. Matt konnte ich jetzt -eben die Umrisse eines Ruderbootes vor mir ausmachen, welches verankert -lag. Ich strebte darauf zu, und trotz furchtbarster Anstrengung kam -und kam ich nicht näher. Meine voll Wasser gesogenen Kleider wurden -immer schwerer und drohten mich herabzuziehen; die Kräfte fingen an zu -erlahmen, wie Schatten huschten an mir einige Ruderboote vorüber, die -in Wirklichkeit aber verankert lagen, und an denen ich durch die starke -Strömung vorbeigerissen wurde. Krampfhaft, mit meiner ganzen Energie -schwamm ich weiter und versuchte den Kopf über Wasser zu halten. - -Bald jedoch schwanden mir die Sinne, und als ich wieder zu mir kam, lag -ich hoch und trocken auf glatten, von Seetang überwucherten Steinen. - -Ein gütiges Geschick hatte mich an einige der wenigen steinigen Stellen -des Strandes getrieben, da, wo der Fluß einen scharfen Knick machte; -und durch das bei Ebbe schnell fallende Wasser lag ich nun auf dem -Trockenen. - -Zitternd und bebend vor Kälte und Überanstrengung raffte ich mich auf -und wankte am Ufer entlang, und nach einer Stunde fand ich meine Jacke -und meine Stiefel wieder. Dann kletterte ich über meinen Bretterzaun -und lag zitternd und zähneklappernd auf meinem Strohhaufen. - -[Illustration: Noch ein Steckbrief] - -Der Regen strömte, und ein eiskalter Wind fegte über mich weg. Als -einzige Decke hatte ich meine nasse Jacke und meine beiden Hände, -die ich flach und schützend auf meinen Magen hielt, um diesen -wenigstens in Takt zu halten und dadurch für die nächsten Tage die -nötigen Kräfte zu behalten. Nach zwei Stunden, ohne ein Auge zugetan zu -haben, hielt ich es vor Kälte nicht mehr aus, verließ mein Versteck und -lief herum, um wenigstens etwas warm zu werden. - -Meine nassen Kleider sind erst wieder trocken geworden, als sie mehrere -Tage darauf in Deutschland am Ofen hingen! Tagsüber trieb ich mich -wieder in London herum. Ich besuchte mehrere Kirchen, in denen ich -sicher den Anschein eines frommen Beters erweckt habe, in Wirklichkeit -aber ein Stündchen schlief. - -An diesem Tage wäre ich beinahe ein englischer Soldat geworden. Wie an -allen Tagen stand auf einem der vielen Plätze auf einer errichteten -Tribüne ein Redner und sprach zum Volk. Natürlich Rekrutenfang! - -In den glühendsten Farben, in höchster Ekstase schilderte er der -lauschenden Menge, wie es aussehen würde, wenn die deutschen Soldaten -erst ihren Siegeseinzug durch London hielten. „Die Straßen Londons”, -sagte er, „werden von den Tritten der Barbaren widerhallen. Eure Frauen -werden von den deutschen Soldaten vergewaltigt und mit ihren kotigen -Stiefeln getreten werden. Wollt ihr das, ihr freien Briten?” - -Ein entrüstetes „Nein!” war die Antwort. - -„So gut, dann kommt und -- -- ~join the army now~!” - -Ich erwartete einen allgemeinen Sturmlauf. Der Mann hatte wirklich -packend geredet. Keiner rührte sich. Nicht einer, der sich meldete und -glaubte, daß Kitchener gerade _ihn_ haben wollte. Nun fing der Redner -von vorne an, aber seine flammenden Worte verhallten ungehört. - -In der Zwischenzeit gingen englische Werbeunteroffiziere durch die -Menge. Überall begegneten sie Kopfschütteln, keiner der wackeren Söhne -Albions wollte anbeißen. Plötzlich kam ich an die Reihe. - -Ein baumlanger Sergeant stand vor mir und befühlte prüfend meine -Oberarme. Er schien von seiner Musterung höchst befriedigt zu sein, -denn nun fing er mit allen Mitteln an, mich davon zu überzeugen, daß -der Soldat ausgerechnet in Kitcheners ~army~ das Schönste wäre, was es -auf der Welt gäbe. Ich lehnte ab. - -„Nein”, sagte ich, „es geht nicht, ich bin erst siebzehn Jahre alt.” - -„Oh, das macht nichts, da machen wir einfach eine Achtzehn draus, und -alles ist ~all right~.” - -„Nein, es geht wirklich nicht, ich bin übrigens Amerikaner und habe -auch keine Erlaubnis von meinem Schiffskapitän.” - -Nun holte der lästige Bursche eine Mappe hervor, in der in den -leuchtendsten Farben die englischen Uniformen abgebildet waren. Der -Kerl ließ einfach nicht locker. Um ihn endlich los zu werden, sagte -ich ihm, er möchte mir eins der Heftchen überlassen, ich würde dann -abends mit meinem Steuermann reden und am nächsten Tage würde ich ihm -mitteilen, welche Uniform mir am besten gefiele. - -Daß ich von da ab in großem Bogen um diesen Platz herumging, war wohl -selbstverständlich. - -Nun hatte ich aber allmählich so viel Sicherheit gewonnen, daß -ich trotz meines schmutzigen Päckchens ins Britische Museum ging, -mir einzelne der größten Gemäldegalerien ansah, ja sogar die -Nachmittagsvorstellungen der Varietés besuchte, ohne jemals nach -dem Woher und Wohin gefragt zu sein. In den Varietés waren oft die -allerliebsten blonden Garderobefräuleins besonders freundlich zu mir -und schienen sogar mit dem armen ~„sailor”~, der sich sicherlich in das -feine Varieté verirrt hatte, Mitgefühl zu haben. - -Am ulkigsten war es, wenn ich auf einem Verdecksitz der Autobusse Platz -nahm und die Damen und Dämchen naserümpfend und entrüstet von mir -abrückten und mich nicht selten verachtende Blicke trafen. Wenn _die_ -gewußt hätten, wer neben ihnen saß! Daß ich nicht gerade nach Parfüm -roch, war bei meiner Nachtarbeit und den nassen schlammbeschmutzten -Kleidern kein Wunder. - -Am Abend war ich wieder in meinem Gravesend. In dem kleinen Park, der -direkt ans Themseufer stieß, spielte Militärmusik und mehrere Stunden -saß ich ruhig auf einer Bank direkt am Strand, lauschte den Klängen der -Musik und beobachtete wie ein Luchs. - -Meinen Plan, zum Dampfer hinüberzuschwimmen, hatte ich endgültig -aufgegeben, da ich einsah, daß die Strecke zu weit und die Strömung -viel zu reißend war. - -Jetzt kam es für mich nur noch darauf an, irgendwo unauffällig ein -Ruderboot zu requirieren, um damit zum Dampfer gelangen zu können. - -Vor mir lag gerade ein passendes; doch war dieses an einer Schleuse -festgemacht, die von einem Posten Tag und Nacht bewacht wurde. - -Doch gewagt mußte es werden! - -Nachts um zwölf Uhr bei wiederum stockfinsterer Nacht schlich ich -durch den Park und kroch an die zirka zwei Meter hohe Ufermauer heran. -Ein Sprung über einen Gartenzaun, und schon lag unter mir leise -schaukelnd mein Boot. Atemlos lauschte ich. Der Posten, nur zehn -Schritt entfernt, schlenderte schlaftrunken auf und ab. Meine Stiefel -hatte ich ausgezogen und mit den Schuhlitzen um den Hals gebunden, das -offene Messer zwischen den Zähnen. Leise wie ein Indianer glitt ich an -der Mauer hinunter. Mit den Fußspitzen konnte ich gerade das Dollbord -des Bootes angeln, lautlos glitten meine Hände an dem harten Granit -entlang, und eine Sekunde darauf saß ich zusammengekauert im Boot. -Atemlose Spannung. Mein Posten ging unter seinen hellen Bogenlampen -ungestört auf und ab. Mit meinem Boot lag ich Gott sei Dank im Dunkeln. -Meine durch nächtliche Torpedobootsfahrten geübten Augen sahen jetzt -trotz der schwarzen Nacht fast wie am Tage. Vorsichtig tastete ich die -Riemen ab. Verdammt, sie waren von einer Kette umschlossen. Zum Glück -war diese aber nicht stramm angezogen, und leise zog ich erst den -Bootshaken, dann einen Riemen nach dem anderen aus der Kettenschlinge -heraus. Knirschend durchschnitt nun mein Messer die beiden Taue, mit -denen das Boot an der Mauer festgemacht war, und unhörbar tauchten -meine Riemen in das Wasser ein und trieben das Boot vorwärts. - -Als ich in das Boot gestiegen war, hatte es schon sehr viel Wasser -gehabt. Nun gewahrte ich zu meinem Schrecken, daß das Wasser im Boot -mit großer Geschwindigkeit stieg. Schon überspülte das Wasser die -Ducht, auf der ich saß, immer schwerer und unhandlicher wurde das große -Boot, mit verzweifelter Kraft warf ich mich in meine Riemen. Plötzlich -knirschte der Kiel, und das Boot lag eisern fest. Kein Pullen, kein -Absetzen mit Riemen und Bootshaken half, das Boot blieb unbeweglich, -und rasend schnell fiel das Wasser um das Boot herum, und schon nach -wenigen Minuten saß ich fest und trocken im Schlick, dafür aber zum -Trost das Boot innen bis an den Rand voll Wasser. Ich habe eine so -schnelle Veränderung der Wasserhöhe bei Ebbe und Flut noch nie vorher -in meinem Leben erlebt. Wenn auch die Themse in dieser Beziehung -berüchtigt war, _das_ hatte ich doch nicht für möglich gehalten. - -Ich befand mich wohl in der kritischsten Lage der ganzen Flucht. -Ringsherum war ich umgeben von weichem, stinkendem Schlick, dessen -Bekanntschaft ich zwei Abende vorher beinahe mit dem Leben bezahlt -hatte. Schon der Gedanke daran machte mich schaudern. Nur zweihundert -Meter entfernt ging der Posten auf und ab, und ich selbst befand mich -mit meinem Boot zirka fünf Meter von der zwei Meter hohen granitenen -Ufermauer entfernt. - -Kühl überlegend saß ich auf meiner Ducht. Eins stand fest: die -Engländer durften mich hier nicht finden, denn wie einen tollen Hund -hätten sie mich totgeschlagen. - -Vor dem nächsten Vormittage stieg aber das Wasser nicht wieder. Also -gab's nur eins: alle Energie zusammengerafft, Zähne zusammengebissen -und versucht, den Schlick zu überwinden. Ich zog auch noch meine -Strümpfe aus, krempelte die Hosen so hoch hinauf, als es irgend -ging, dann legte ich die Bootsplanken und die Riemen nebeneinander -auf den quillenden und glucksenden Schlammboden, dann benutzte ich -den Bootshaken als Sprungstange und setzte ihn mit der Spitze auf -eine Planke auf, stellte mich auf das Dollbord des Bootes, dann alle -Kraft zusammengenommen, mit einem mächtigen Satze schwang ich mich im -Stabhochsprung um meinen Bootshaken und ... mit einem lauten Platsch -langte ich nur einen Meter von der Mauer entfernt an und sank bis -weit über die Knie in den zähen Brei, dann aber festen Grund unter -den Füßen spürend. Nun arbeitete ich mich an die Mauer heran, legte -meinen Bootshaken als Kletterstange an, und einige Sekunden darauf war -ich oben und saß mitten auf dem Rasen des kleinen Parkes, in dem ich -einige Stunden vorher der Musik gelauscht hatte. Um mich herum lautlose -Stille. Ein Alp wich mir von der Brust. Niemand, auch der Posten nicht, -hatte etwas gemerkt. - -Mit ziemlichem Mißbehagen betrachtete ich mir meine Beine. Bis über -die Knie klebte eine dicke, stinkende, graue Schicht. Wasser zum -Waschen war nirgends in der Nähe. Aber so konnte ich unmöglich meine -Strümpfe und meine Stiefel wieder anziehen. Mühsam strich ich daher mit -den Fingern die Schlickmasse, so gut es ging ab, und als die kleben -gebliebene Kruste einigermaßen trocken war, gelang es mir, Schuhe und -Strümpfe anzuziehen und die aufgekrempelten Hosen herabzustreifen. - -Der erste Plan war zwar mißglückt, aber immerhin hatte ich dabei so -viel Glück gehabt, daß ich voller Mut einen zweiten Versuch machen -wollte. - -Mit den Händen in den Taschen, einen betrunkenen Matrosen markierend, -torkelte ich der kleinen Brücke, die von meinem Posten bewacht war, zu. -In meiner Betrunkenheit rempelte ich den Posten sanft an, dieser schien -solche Anblicke gewöhnt zu sein, und mit einem gemütlichen: ~„Halloh! -Old Jack, one Whisky too much!”~ klopfte er mir auf die Schulter und -ließ mich passieren. - -Einige hundert Schritte weiter war ich wieder der Alte. Nach kurzem -Suchen fand ich die steinige Uferstelle wieder, an der ich den Abend -vorher den beinahe mißlungenen Schwimmversuch unternommen hatte. - -Es war ungefähr zwei Uhr nachts, und im Nu hatte ich mich ausgezogen, -und sofort sprang ich, diesmal leicht und unbehindert, so wie mich -der liebe Gott geschaffen hatte, ins Wasser. Der Himmel war zum -erstenmal umwölkt, und schwach hoben sich die Umrisse mehrerer zirka -zweihundert Meter vom Ufer entfernt verankerter Ruderboote ab. Das -Wasser phosphoreszierte ganz ungewöhnlich stark; nur in den Tropen -habe ich Ähnliches erlebt. Wie in einem Meer von Gold und Silber -schwamm ich daher. Zu einer anderen Zeit hätte mich dieses Naturwunder -höchst entzückt, jetzt befürchtete ich, daß das helle Aufleuchten -meines nackten weißen Körpers in dem hellen Goldstrom mich verraten -würde. Zuerst ging alles nach Wunsch. Sowie ich aber die links vor mir -liegende schützende Uferecke passiert hatte, faßte mich der Strom, -und nun gab es wieder ein Ringen mit dem Element auf Leben und Tod. -Als meine Kräfte zu ermatten drohten, erreichte ich das erste Boot. -Die letzte Kraft zusammengenommen, und nach einem mächtigen Klimmzug -polterte ich in das Innere des Bootes hinein. Verhängnis! Das Boot -war leer. Kein Riemen, kein Haken, mit dem ich mich hätte vorwärts -bewegen können. Nach kurzer Pause glitt ich wieder ins Wasser hinab und -ließ mich nun von dem Strom gegen das nächste dahinter liegende Boot -treiben. Auch dieses Boot ... leer. Und so ging's noch mit drei anderen -Booten. Bis ich schließlich beim letzten leeren anlangte, und nachdem -ich mich verschnauft hatte, ging es wieder hinein in das glitzernde, -jetzt aber unangenehm kalte Element. Und zwei Stunden, nachdem ich -abgeschwommen war, langte ich wieder bei meinen Kleidern an. - -Da ich vor Kälte wie Espenlaub zitterte, machte es mir besondere -Arbeit, naß wie ich war, in die ebenfalls noch nassen und klebenden -Kleider zu gelangen. - -Eine halbe Stunde darauf lag ich, an meinem Glücksstern zweifelnd, in -meinem Heuhaufen. - -War es mir übelzunehmen, daß ich etwas mutlos wurde? Und vor allen -Dingen gleichgültig? Ja, ich war so herunter, daß ich am nächsten -Morgen nicht die Energie fand, rechtzeitig mein Versteck zu verlassen, -und erst über den Bretterzaun setzte, als schon der Besitzer des -Holzlagers mehrere Male dicht an meinem Versteck vorbeigeschritten -war. Diesen kommenden Tag ging ich zu Fuß von Gravesend nach London -hinauf und von London zu Fuß auf der anderen Themseseite nach Tilbury -hinunter. Alles nur, um ein Boot finden zu können, das ich mir -unbemerkt leihen konnte. Es war ja gar nicht zu glauben, mehrere lagen -da, aber die nur gut bewacht von ihren Besitzern. Mutlos gab ich das -Rennen auf. - -An diesem Abend ging ich in ein Varieté in der festen Absicht, die -zwanzig Schilling, die ich noch besaß, zu verjubeln, dann in einer -Nacht alles auf eine Karte zu setzen und zu versuchen, in die Docks -zu gelangen und mich auf einem neutralen Dampfer zu verstecken. Und -wenn das, wie es Trefftz gegangen war, mißlang, wollte ich mich der -Polizeibehörde stellen. - -Ich stand auf der obersten Galerie des größten Londoner Varietés -und folgte dem Spiele. Eine innere Stimme raunte mir immer zu: -Du gehörst nach Gravesend zur Arbeit, deine Pflicht ist es, die -Schlappheit zu überwinden, sonst bist du kein deutscher Seemann mehr! -Als lebende Bilder gestellt wurden, Szenen aus dem Schützengraben -und Verherrlichungen des zukünftigen Sieges und Friedens, bei -denen selbstverständlich die Deutschen nur fliehend und geschlagen -dargestellt wurden, ja als sogar auf dem Hauptbild Britannia -dargestellt wurde im strahlenden Sonnenglanz, die Siegespalme in der -Hand, mit ihrem rechten Fuß auf einem gefesselt daliegenden feldgrauen -deutschen Soldaten, da packte mich der heilige Zorn, und fluchtartig -trotz Protestes meiner Nachbarn verließ ich das Theater und faßte -gerade noch den letzten Zug nach Tilbury. - -Jetzt war mir wieder wohl zumute. Und ich war in meinem Innern so fest -überzeugt, daß mir heute mein Plan gelingen würde, daß es gar nicht -anders kommen konnte. - -Als ich die ersten Fischerhütten von Gravesend passierte, fand ich -einen kleinen Bootsriemen. Zur Sicherheit nahm ich diesen mit. Mitten -in der Hafenstraße, da, wo in den Kaieinschnitten die Fischkutter -direkt anlegten, schaukelte ein kleines Dinghi. Nur zwanzig Schritt -davon entfernt saßen auf einer Hausbank gemütlich plaudernd die -Besitzer der Fischkutter und des dazugehörigen Dinghis. Da die guten -Seeleute mit ihren Geliebten zärtlich kosten, war von meiner Gegenwart -nichts bemerkt worden. - -Riskant war es, aber: Nur dem Mutigen gehört die Welt, brummte ich -in mein Inneres hinein. Und dank meiner erworbenen Übung, kroch ich -unhörbar in das Boot, ein scharfer Schnitt, und leise glitt die winzige -Nußschale am Fischkutter entlang, auf dessen Achterdeck eine Frau ihr -Kind in den Schlaf wiegte. - -Da keine Dollen im Boot vorhanden waren, setzte ich mich achteraus -und wriggte nun mit aller Kraft vom Ufer fort. Kaum hatte ich -jedoch ein Drittel des Weges zurückgelegt, als mich plötzlich mit -unwiderstehlicher Gewalt die Ebbströmung faßte, mein Boot wie einen -Kreisel herumwirbelte und alle meine Versuche, Kurs zu halten, -vergeblich machte. Jetzt galt's seemännische Geschicklichkeit zeigen. -Mit eiserner Faust brachte ich das Boot in meine Gewalt, und genau -mit dem Strom schwimmend, steuerte ich flußabwärts. Jetzt kam ein -gefährlicher Moment. Eine mächtige, quer über den Fluß reichende und -von Soldaten streng bewachte militärische Pontonbrücke kam mir in den -Weg. Ein Moment kalter Ruhe, schärfster Anspannung, ein Anruf eines -Postens, und unverwandt geradeaus sehend und nur auf meinen Riemen -achtend, schoß der Nachen durch zwei Pontons hindurch. Nur wenige -Sekunden darauf erhielt das Boot einen kräftigen Stoß, und schon war -ich an den Ankerketten eines mächtigen Kohlenleichters gestrandet. Wie -der Blitz hatte ich mein Bootstau um die Ankerkette festgemacht, nur -Bruchteile von Sekunden, in denen das Boot beinahe gekentert wäre. -Jetzt war ich in Sicherheit. Wie rasend schoß das Wasser gurgelnd an -meinen Bootsplanken vorüber, der volle Ebbstrom, verstärkt durch das -Flußgefälle, mußte schon eingesetzt haben. - -Mir blieb jetzt nichts anderes zu tun übrig, als geduldig warten. - -An meiner Steuerbordseite lag mein Dampfer. Ich wollte abwarten, bis -wieder Stauwasser eingetreten war, um dann herüberzuwriggen. Innerlich -frohlockte ich schon vor lauter Übermut, als schnell der nötige Dampfer -kam. Der Morgen fing an zu grauen, immer heller traten die Umrisse der -verankerten Schiffe hervor, endlich ging die Sonne auf, und immer noch -rauschte das Wasser so kräftig an mir vorbei, daß an ein Fortkommen -für mich nicht zu denken war. Die Flucht war sowieso in dieser Nacht -unmöglich. Glücklich aber, daß ich wenigstens das lang gesuchte Boot -besaß, ließ ich mich mit dem letzten schwachen Ebbstrom stromabwärts -gleiten, und nach zirka einer Stunde machte ich an einer alten -zerfallenen Brücke am rechten Themseufer fest. Mein Boot versteckte -ich unter der Brücke, die beiden Riemen nahm ich zur Vorsicht mit an -Land und verstaute sie im hohen Gras. Dann legte ich mich selbst in -die Nähe und beobachtete. Um acht Uhr früh rauschte mein Dampfer stolz -an mir vorüber. Es war die „Mecklenburg”. Nun kam noch eine harte -Geduldsprobe. Sechzehn Stunden blieb ich im Grase liegen, bis abends um -acht Uhr die Befreiungsstunde schlug. - -Da bestieg ich wieder mein Boot. Vorsichtig ließ ich mich durch die -eben einsetzende Flußströmung wieder stromaufwärts treiben und machte -am selben Leichter fest, an dem ich die Nacht vorher gestrandet war. -Querab von mir, nur fünfhundert Meter entfernt, lag die „Prinzeß -Juliana” an ihrer Boje. - -Jetzt hatte ich Zeit, legte mich lang in das Innere meines Bootes und -versuchte vergebens ein Nickerchen zu machen. Der Flutstrom schwoll, -und bald war ich wieder von brausendem Wasser umgeben. - -Nachts um zwölf Uhr wurde es still um mich herum, und als um ein Uhr -das Boot ruhig im Stauwasser schlingerte, warf ich los, setzte mich -achtern dwars in mein Boot und wriggte in größter Gemütsruhe, als wenn -ich mich auf einer Sonntagspartie im Kieler Hafen befände, zum Dampfer. - -Unbemerkt gelangte ich an die Festmacherboje. - -Haushoch türmte sich über mir der scharfe schwarze Vorsteven meines -Dampfers. Ein kräftiger Ruck, und oben war ich auf der Boje. Nun -gab ich meinem treuen Schwan einen tüchtigen Fußtritt, und schnell -wurde der von der eben wieder einsetzenden Ebbströmung stromab -geführt. Mäuschenstill lag ich mehrere Minuten auf der Eisentonne. -Dann kletterte ich, von eiserner Ruhe erfüllt, wie eine Katze an der -mächtigen Stahltrosse zur Klüse empor. Vorsichtig steckte ich den Kopf -über den Wassergang und spähte. - -Die Back war leer. - -Ein kurzes Aufstemmen, und oben war ich. - - - - -Ein blinder Passagier - - -Jetzt kroch ich auf dem Deck entlang zum Ankerspill und versteckte mich -zuerst mal in der Ölwanne unter der Kettentrommel. - -Als alles um mich ruhig blieb, kein Mensch sich zeigte, kletterte ich -aus meinem Versteck, zog meine Stiefel aus und verstaute sie unter -einem Bund Stammwerk in einer Ecke der Back. Auf Strümpfen schlich ich -jetzt zur Rekognoszierung. Als ich von Achterkante Back vorsichtig zum -Ladedeck hinunterschaute, prallte ich plötzlich zurück, und atemlos, -ohne mit der Wimper zu zucken, blieb ich an einen Ventilator angelehnt -stehen. Unten auf dem Ladedeck standen zwei Posten, die scharf nach der -Back heraufsahen. - -Nachdem ich über eine halbe Stunde in meiner halb geduckten Stellung -gestanden hatte und mir die Knie den Dienst versagen wollten, kamen -unten aus dem Mitteldeck zwei Stewardessen, die scheinbar vom -Nachtdienst abgelöst worden waren. Meine beiden Posten ergriffen -die günstige Gelegenheit, waren bald in eine Unterhaltung mit ihnen -vertieft und achteten nicht weiter auf das, was um sie herum vorging. - -Der Morgen fing bereits an zu dämmern, jetzt mußte ich handeln, wenn -nicht noch zu guter Letzt alles verloren sein sollte. - -Ich rutschte an der den beiden Liebespaaren entgegengesetzten Seite -der Back an der Gillung herunter und befand mich auf dem Ladedeck. - -Ohne auch nur eine Sekunde zu zaudern, ging ich leise weiter, -schlich unbemerkt an den beiden Posten vorbei, erreichte glücklich -das Promenadendeck, und dann kletterte ich an den Außenkanten einer -Deckstütze hoch und befand mich kurz darauf an der Außenkante eines -Rettungsbootes. - -Mich mit der einen Hand eisern festhaltend, da zwölf Meter unter mir -das Themsewasser gurgelte, reihte ich mit der anderen Hand und mit -den Zähnen einige Bänzel des Bootsbezuges los, und mit der letzten -Kraftanstrengung kroch ich durch die kleine Lücke und befand mich -wohlgeborgen im Bootsinnern. - -Jetzt holte ich von Innen die gelösten Bänzel wieder an, und kein -Mensch hätte auf den Gedanken kommen können, daß sich ein blinder -Passagier im Rettungsboot befand. - -Nun war es allerdings vorbei mit mir. Die ungeheuerlichen körperlichen -Anstrengungen, die seelischen Aufregungen und nicht zum mindesten der -nagende Hunger bewirkten, daß ich mich der Länge nach auf den Planken -ausstreckte und im selben Moment nicht mehr wußte, was um mich geschah. - - - - -Der Weg in die Freiheit - - -Aus einem totenähnlichen, traumlosen Schlaf wurde ich durch schrilles -Sirenengeheul aufgeweckt. - -Vorsichtig öffnete ich ein Bänzel meines Bezuges, und am liebsten hätte -ich laut Hurra geschrien, denn eben lief der Dampfer in den Hafen von -Vlissingen ein. - -Nun war mir alles gleich. Ich zog mein Messer, und mit einem Schnitt -durchtrennte ich die Bänzel des Bezuges, diesmal aber auf der Seite, wo -das Bootsdeck lag. - -Aufatmend stand ich mitten auf dem Bootsdeck und erwartete nun, jeden -Moment gefangengenommen zu werden. - -Kein Mensch, der sich um mich kümmerte. Die Schiffsbesatzung war beim -Anlegemanöver, die Fremden waren mit ihrem Reisegepäck beschäftigt. - -Nun stieg ich zum Promenadendeck hinunter. Entrüstet wurde ich ob -meines Drecks und meiner zerrissenen blauen Strümpfe, die alles andere -als appetitlich aussahen, von einigen Passagieren angesehen. - -Aber ich muß so glückliche, strahlende Augen gemacht haben, und die -helle Freude leuchtete wohl aus meinem schmutzigen, eingefallenen -Gesicht, daß manch erstaunter Frauenblick mich traf. - -In diesem Aufzug konnte ich nicht weiter rumlaufen. Ich ging auf die -Back, holte mir meine Stiefel herunter (meine besten Hockeystiefel, -englische Liebesgaben), und, trotzdem ich von einem holländischen -Matrosen barsch angeschnauzt wurde, zog ich mir in Seelenruhe meine -Lieblinge an und wanderte zum Fallreep. - -Der Dampfer hatte direkt am Kai festgemacht. - -Die Passagiere verließen das Schiff, von dem Kapitän und den -Schiffsoffizieren Abschied nehmend. Erst hatte ich ernstlich vor, mich -dem Kapitän zu erkennen zu geben, um die holländische Dampferkompanie -nicht zu schädigen. Dann aber gewann die Vorsicht die Oberhand, und -mit den Händen in den Hosentaschen, mich recht lumpig benehmend, -schlingerte ich im Seemannsschritt das Fallreep hinab. - -Kein Mensch nahm von mir Notiz. Ich tat so, als wenn ich zur -Schiffsbesatzung gehörte, und half beim Festmachen der Stahlleinen. - -Dann mischte ich mich unter das Volk, und während die Passagiere einer -scharfen Kontrolle unterzogen wurden, sah ich mich um und entdeckte im -Gitter eine Tür, an der groß „Ausgang verboten” stand. - -Die führte sicher in die Freiheit! - -Im Nu war dieses für mich kinderleichte Hindernis überwunden, und -draußen stand ich. - -Frei! - -Mit meiner ganzen Energie mußte ich mich zusammennehmen, um nicht vor -Freude wie ein Tollhäusler herumzuspringen. Zwei wackere Landsmänner -nahmen mich auf. Glauben wollten sie es allerdings nicht, daß ich -Offizier sei, und vor allen Dingen nicht, daß mir die Flucht aus -England gelungen wäre. - -Hui, sah das Badewasser aus! - -Für drei Personen habe ich an diesem Abend gegessen. - -Nachdem ich mir am nächsten Tage einige Kleinigkeiten eingekauft hatte, -stieg ich mit meinem Arbeitsgewande in den ~D~-Zug nach Deutschland. - -Als sich der Zug eben in Bewegung setzen wollte, tippte mir ein Mann -von hinten auf die Schulter (wie ich diese Begrüßungsart verabscheute!) -und fragte mich: - -„Wo sind Ihre Papiere?” - -„Wer sind Sie überhaupt?” sagte ich. - -„Ich bin Geheimdetektiv.” - -„Das kann jeder sagen.” - -„Jawohl, mein Herr, hier ist meine Marke.” - -Nun wurde mir doch blümerant zumute! - -Ich erklärte dem Herrn äußerst liebenswürdig, daß ich keine Papiere -besäße, übrigens direkt nach Deutschland führe und der holländischen -Regierung keinerlei Unannehmlichkeiten bereiten würde. - -„So”, sagte er, „aus England kommen Sie und haben keine Papiere, na das -war wohl recht schwer?” - -„Ach ja, ziemlich”, meinte ich. - -„Na dann wünsche ich Ihnen weiter glückliche Reise!” - -Wir schüttelten uns die Hand, und schon setzte sich der Zug in -Bewegung. - - - - -Wieder im Vaterland! - - -Auf meinem Sitz konnte ich es nicht lange aushalten. Ich war allein in -meinem Kupee erster Klasse, und von Gedanken und Hoffnungen, die mein -Hirn durchrasten, überwältigt, lief ich wie ein wildes Tier in seinem -Käfig im Abteil auf und ab. - -Endlich, endlich, es schien ja eine Ewigkeit zu sein, fuhr der Zug -langsam über die deutsche Grenze. - -Der schwarz-weiße Pfahl grüßte zu mir herüber, und weit lehnte ich mich -aus dem Fenster heraus, und jubelnd schrie ich zweimal Hurra! - -Das dritte Hurra blieb mir in der Kehle stecken, und überwältigt von -Dankbarkeit, von Freude und Glück schluchzte ich laut auf und konnte es -nicht verhindern, daß mir die Tränen aus den Augen liefen. - -War das Schlappheit? - -Der Zug hielt in Goch, die ersten Feldgrauen, die ich in meinem Leben -sah, standen auf dem Bahnsteig, und unbesorgt sprang ich aus dem Zug. - -Ein harter Griff packte mich am Rockkragen, und ein mächtiger -preußischer Wachtmeister mit grimmigem Blick unter leuchtendem Helm, -hielt mich in seiner stählernen Faust. - -„Ha, da haben wir das Bürschchen!” - -Ich wäre dem braven Feldgrauen am liebsten um den Hals gefallen. Noch -nie habe ich mich in meinem Leben so sicher gefühlt wie in diesem -Augenblick. - -Ich versuchte zu erklären, wer ich sei, ein Lächeln, welches einem -anderen wenig Trostvolles gesagt hätte, war die Antwort. - -Von zwei biederen Landsturmleuten wurde ich am nächsten Morgen nach -Wesel transportiert. - -Auf dem Geschäftszimmer war noch niemand zu sprechen. Kleine Jungens -waren mir nachgelaufen, warfen mit Steinchen und riefen: „Sie haben, -sie haben ihn, einen Spion!” Diese prächtigen Blondköpfe! - -Eine Ordonnanz nahm mich in Empfang. - -„Na setzen Sie sich mal hin, mit solchen Leuten wie Sie machen wir -kurzen Prozeß, wenn erst der Herr Kapitänleutnant F. kommt, dann gibt's -nur ein kurzes Verhör und Sie baumeln!” - -Nach einiger Zeit kam der Gestrenge, natürlich ein Kamerad von mir. -Das Erstaunen und die Freude waren nicht zu beschreiben. Aber erst das -dumme Gesicht meiner liebenswürdigen Ordonnanz! Diese mußte jetzt sogar -laufen und mir Frühstück holen. - -Eine besondere Freude machte mir noch hier in Wesel ein englischer -Steckbrief aus der ‚Daily Mail’ vom zwölften Juli, also aus einer Zeit, -wo ich bereits längst in Sicherheit war, der damit endete, daß ich -wahrscheinlich versuchen würde, mich auf einem neutralen Dampfer als -Matrose anwerben zu lassen, und daß: - - ~his recapture should be but a matter of time!~ - -Nach einer Stunde saß ich, immer noch in meinem Arbeiteranzug, mit -einem Paß in der Tasche im ~D~-Zug nach Berlin und fuhr natürlich -- -- --- erster Klasse. - -Endlich war ich am Ziel! Fast neun Monate hatte ich gebraucht, um mich -von Tsingtau bis nach Deutschland durchzuschlagen. - -Deutschland, o du mein geliebtes Vaterland! Nun war ich da. - -Wunderbar strahlte die Sonne an diesem dreizehnten Juli -Neunzehnhundertundfünfzehn vom Himmel herab, trunkenen Auges nahm ich -die herrlichen Heimatbilder in mich auf. - -In meinem Abteil erster Klasse saß ich alleine und hatte mich zu beiden -Seiten des Fensters breit gemacht und fing an, in Blei meinen Bericht -zu schreiben. - -In Münster stieg eine alte Exzellenz in voller Uniform in mein Abteil. -Höflich stand ich auf, räumte den einen Fensterplatz frei und fragte: -„Darf ich Eurer Exzellenz gehorsamst den einen Fensterplatz einräumen?” -Ein wütender Blick seiner stahlharten Augen, dann entrang sich ein -verächtliches „Brrrr” seiner Kehle, und schwupp schlug er die Türe zu -und ließ mich alleine. - -Sollte Seiner Exzellenz durch Zufall dieses Büchlein in die Hand -fallen, so bitte ich gehorsamst, mir zu verzeihen, daß ich damals -vergaß, in welchem Anzug ich steckte! - -Abends um sieben Uhr lief der Zug im Bahnhof Zoo ein. - -Feucht schimmerten zwei herrliche blaue Augensterne, ein riesiger -Strauß wunderbarster roter Rosen lag in meinem Arm, und vor Glück und -Wiedersehensfreude nicht mächtig ein Wort zu sagen, verließen wir den -Bahnhof. - -Die nächsten Tage durchlebte ich wie im Traum. - -Als ich den Admiralstab betrat, wollte mich natürlich der Portier -zuerst nicht hereinlassen, und auch in den großen Geschäften, wo ich -mir schleunigst Sachen kaufen wollte, da ich von meinem ganzen Hab und -Gut nichts mehr besaß als den Arbeiteranzug, den ich auf dem Leibe -trug, wollten mich natürlich zuerst die Türhüter hinauswerfen. - -Einige Tage hatte ich im Reichsmarineamt zu arbeiten, dann erhielt ich -meines Kaisers Dank. - -Und mit dem Eisernen Kreuz erster Klasse geschmückt fuhr ich stolz zu -den Meinen. - -Nach einigen Wochen Erholung kam dann die größte Belohnung. - -Ich wurde wieder Flieger und durfte mitarbeiten an dem großen Werk von -Deutschlands Kampf und Sieg. - -Und als an der östlichen Kampffront mein allergnädigster Kaiser -und Herr die Seeflugstation besichtigte, die unter meinem Kommando -stand, und mir die Hand drückte und mir persönlich seine kaiserliche -Anerkennung aussprach, da blickte ich ihm fest in die Augen, und -flammend stand in meiner Seele: - - _Mit Gott für Kaiser und Reich!_ - - - - -Ullstein-Kriegsbücher - - -Zeppeline über England - -von *** - -Aus dem Inhalt: - -Sturmfahrt * Im Luftschiffhafen * Auf der Werft * Harte Tage -* Kleinkrieg * Nach England * Ueber London * Von Norfolk bis -Northumberland * Im Kampf mit Fliegern * Invasion * Denket an Baralong. - - -Die Fahrt der Deutschland - -von Kapitän Paul König - -Kapitän König selbst hat dieses Werk über die „Deutschland” verfaßt, -dem seine während der ersten Fahrt aufgezeichneten Beobachtungen -zugrunde liegen. Mit großer Anschaulichkeit, in einer Sprache, in -der noch die ganze Unmittelbarkeit des Erlebnisses nachklingt, gibt -er die Geschichte dieser für alle Zeiten denkwürdigen Tat. Vom Bau -der „Deutschland” erzählt er, von der Ausreise, vom Kampf mit den -Elementen, von der Verfolgung durch die Feinde, von der Ankunft in -Baltimore, von der glücklichen Heimkehr. Eine Seemannsnatur von -prachtvoller Frische spricht aus dieser Schilderung, die überall -gelesen werden wird, wo man froh und dankbar den Namen Paul König nennt. - - -Jeder Band 1 Mark - - -Ullstein-Kriegsbücher - - -Skagerrak! - -Von *** - -Zum ersten Male ist in diesem Buche ein umfassendes, klares und -übersichtliches Bild der gewaltigsten Seeschlacht aller Zeiten -gegeben. Der Verfasser, ein Seeoffizier, dessen Name aus bestimmten -Gründen nicht genannt werden kann, schildert in ungemein packender und -lebendiger Weise den Verlauf des furchtbaren Kampfes. Er führt uns auf -den Kommandoturm, an die Batterien, in die Höllenglut der Heizräume, -und er läßt uns den Jubel der Mannschaft miterleben, wenn das -Sprachrohr immer wieder das Sinken eines feindlichen Schiffes meldet. - - -Als U-Boots-Kommandant gegen England - -von Kapitänleutnant Freiherrn v. Forstner - -Zum ersten Male berichtet hier ein deutscher Unterseebootskommandant -von dem, was unserem schlimmsten Feind Angst und Schrecken einjagt, uns -selbst aber stolz macht auf beispiellos kühne Taten, von den Erfolgen -im Handelskrieg gegen England. Seit im Februar 1915 zur Abwehr des -Aushungerungsplanes die Blockade der englischen Küste erklärt wurde, -ist der Verfasser dieses Buches zu manch erfolgreichem Beutezug -ausgefahren. - - -Jeder Band 1 Mark - - -Ullstein-Kriegsbücher - - -An der Spitze meiner Kompagnie - -von Paul Oskar Höcker - - -Kriegsfahrten eines Johanniters - -von Fedor von Zobeltitz - - -Nach Sibirien mit hunderttausend Deutschen - -von Kurt Aram - - -Reise zur deutschen Front - -von Ludwig Ganghofer - - -Landsturm im Feuer - -von Ernst von Wolzogen - - -Die stählerne Mauer - -von Ludwig Ganghofer - - -Aus einer deutschen Festung im Kriege - -von Heinz Tovote - - -Die Front im Osten - -von Ludwig Ganghofer - - -Die Helden von Tsingtau - -von Otto von Gottberg - - -Jeder Band 1 Mark - - -Ullstein-Kriegsbücher - - -Kreuzerfahrten und ~U~-Bootstaten - -von Otto von Gottberg - - -Meine Kriegsfahrt von Kamerun zur Heimat - -von Emil Zimmermann - - -Der russische Niederbruch - -von Ludwig Ganghofer - - -Das deutsche Volk in schwerer Zeit - -von Rudolf Hans Bartsch - - -Im Auto durch Feindesland - -von Paul Grabein - - -Aus den Urwäldern Paraguays zur Fahne - -von Ernesto Freiherrn Gedult v. Jungenfeld - - -Von New York nach Jerusalem und in die Wüste - -von Th. Preyer - - -Der Krieg im Alpenrot - -von Karl Hans Strobl - - -Wir Marokko-Deutschen in der Gewalt der Franzosen - -von Gustav Fock - - -Jeder Band 1 Mark - - -Wir draußen - -Zwei Jahre Kriegserleben an vier Fronten von Colin Roß - - -Zwei Jahre des Weltkrieges umfassen die Berichte des Oberleutnants -Colin Roß, der an allen Fronten selbst gekämpft hat. Ungeheure -Wirklichkeiten folgen aufeinander und werden zur fernen Erinnerung, zum -blassen Traum. Landschaftsszenen voll Duftes, voll zarter Lieblichkeit -unterbrechen die Bilder der Schlachten. Ein freies, stolzes Menschentum -spricht aus diesen Schilderungen. - - Preis 3,50 Mark broschiert. 4,50 Mark gebunden - - -Drei Straßen des Krieges - -von Dr. Max Osborn - -Auf drei Hauptstraßen des Krieges an der Westfront führt Osborns Werk: -nach dem Artois, Frankreichs „schwarzem Land”, nach der Champagne -und nach Flandern. Fortreißend in ihrer Wucht ist Osborns Sprache, -einer Begeisterung geboren, die jedes Pathos verschmäht. Menschen und -Landschaft -- alles macht sie in persönlicher, dichterischer Formung -lebendig. - - Preis 2 Mark broschiert. 3 Mark gebunden - - -Kernworte des Weltkrieges - -von Rudolf Rotheit - -Rotheits Werk ist ein in glänzender Form abgefaßter, klar geordneter -Büchmann des Weltkrieges. Alle die Schlagworte weist er nach, die -bis zur zweiten Jahreswende des Völkerringens entstanden, die -zuversichtlichen deutschen Worte des Kaisers, des Kanzlers, der -Reichstagsführer, die hämischen oder großspurigen Kundgebungen aus -dem Lager unserer Feinde. Politische Zusammenhänge, die jetzt schon -dem Bewußtsein sich entziehen, werden von Rotheit in dieser Chronik -der Jahre 1914 bis 1916 aufgehellt. Nicht nur den Zeitgenossen, auch -der Nachwelt dient seine aus der unmittelbaren Berufstätigkeit des -Journalisten heraus gebotene Arbeit. - - Preis 1,50 Mark - - -Verlag Ullstein & Co · Berlin - - -[Illustration] - - Ullstein & Co - Berlin SW 68 - - - - - +----------------------------------------------------------------+ - | Anmerkungen zur Transkription | - | | - | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen | - | gebräuchlich waren, wie: | - | | - | Bahnhofes -- Bahnhofs | - | Dolmetscher-Offizier -- Dolmetscheroffizier | - | Iltis-Berge -- Iltisberge | - | Neunzehnhundertundvierzehn -- Neunzehnhundertvierzehn | - | unseren -- unsern | - | | - | Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. | - | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: | - | | - | S. 9 „Mc Garvin” in „McGarvin” geändert. | - | S. 55 „eventuell” in „eventuelle” geändert. | - | S. 139 „toppslastig” in „topplastig” geändert. | - | S. 155 f. „Luck” in „Luk” geändert. | - | S. 204 „an mich” in „an sich” geändert. | - | S. 236 „Elbströmung” in „Ebbströmung” geändert. | - | | - +----------------------------------------------------------------+ - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau, by -Gunther Plüschow - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ABENTEUER DES FLIEGERS *** - -***** This file should be named 63037-0.txt or 63037-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/3/0/3/63037/ - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau - Meine Erlebnisse in drei Erdteilen - -Author: Gunther Plüschow - -Release Date: August 24, 2020 [EBook #63037] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ABENTEUER DES FLIEGERS *** - - - - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive) - - - - - - -</pre> - - -<div class="figcenter" style="width: 360px;"> -<img src="images/illu-001.png" width="360" height="120" alt="Ullstein Kriegsbücher" /> -</div> - - - - -<p class="center pagebreak big160">Die Abenteuer des<br /> -Fliegers von Tsingtau</p> - - - - -<h1 class="pagebreak">Die Abenteuer des<br /> -Fliegers von Tsingtau</h1> - -<p class="center p2">Meine Erlebnisse in drei Erdteilen</p> - -<p class="center">von</p> - -<p class="center">Kapitänleutnant</p> - -<p class="center big120">Gunther Plüschow</p> - -<div class="figcenter" style="width: 62px;"> -<img src="images/illu-005.png" width="62" height="151" alt="Ullstein Signet" /> -<div class="caption">1916</div> -</div> - -<p class="center big120 p4">Verlag Ullstein & Co, Berlin -</p> - - -<p class="center p10 pagebreak"><small>Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.<br /> -Amerikanisches Copyright 1916 by Ullstein & Co., Berlin.</small></p> - - - - -<h2 class="pagebreak">Inhalt</h2> - - - -<div class="center"> -<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary="Inhalt"> -<tr><td align="left">Fliegerfreuden und Fliegerleiden</td><td align="right"><a href="#Seite_11">11</a></td></tr> -<tr><td align="left">Herrliche Tage in Tsingtau</td><td align="right"><a href="#Seite_28">28</a></td></tr> -<tr><td align="left">Kriegsalarm — Meine Taube</td><td align="right"><a href="#Seite_37">37</a></td></tr> -<tr><td align="left">Allerhand Scherze der Japs</td><td align="right"><a href="#Seite_61">61</a></td></tr> -<tr><td align="left">Meine Kriegslist</td><td align="right"><a href="#Seite_70">70</a></td></tr> -<tr><td align="left">Hurra!</td><td align="right"><a href="#Seite_79">79</a></td></tr> -<tr><td align="left">Der letzte Tag</td><td align="right"><a href="#Seite_86">86</a></td></tr> -<tr><td align="left">Im Schlamm des chinesischen Reisfeldes</td><td align="right"><a href="#Seite_98">98</a></td></tr> -<tr><td align="left">Die Fischvergiftung des Mr. McGarvin</td><td align="right"><a href="#Seite_108">108</a></td></tr> -<tr><td align="left">Sie haben mich!</td><td align="right"><a href="#Seite_135">135</a></td></tr> -<tr><td align="left">Hinter Mauern und Stacheldraht</td><td align="right"><a href="#Seite_148">148</a></td></tr> -<tr><td align="left">Die Flucht</td><td align="right"><a href="#Seite_188">188</a></td></tr> -<tr><td align="left">Schwarze Nächte an der Themse</td><td align="right"><a href="#Seite_196">196</a></td></tr> -<tr><td align="left">Ein blinder Passagier</td><td align="right"><a href="#Seite_237">237</a></td></tr> -<tr><td align="left">Der Weg in die Freiheit</td><td align="right"><a href="#Seite_239">239</a></td></tr> -<tr><td align="left">Wieder im Vaterland!</td><td align="right"><a href="#Seite_243">243</a></td></tr> -</table></div> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span></p> - - - - -<h2>Fliegerfreuden und Fliegerleiden</h2> - - -<p>Es war im August des Jahres Neunzehnhundertunddreizehn, -als ich in meiner Heimatstadt -Schwerin anlangte. Mehrere Wochen hatte ich mich -in England aufgehalten, hatte mich vor allen Dingen -in London dem Studium der dortigen reichhaltigen -Kunstschätze hingegeben und mich tagelang -in London und seiner Umgebung herumgetrieben. -Damals ahnte ich nicht, wie wertvoll mir diese -Streifzüge zwei Jahre später werden sollten.</p> - -<p>Eine gewisse innere Erregung und Unruhe -hatte mich schon auf der ganzen Reise befallen, -und als ich in Schwerin ankam, wagte ich nicht, -meinem Onkel, der mich abholte, die Frage, die -mir seit Tagen auf der Seele gebrannt hatte, zu -stellen. Denn in diesen Tagen sollten die neuen -Herbstkommandierungen der Marine herauskommen, -und für mich handelte es sich darum, -ob mein seit Jahren genährter Wunsch endlich in -Erfüllung gehen sollte.</p> - -<p>Die Frage meines Onkels: „Weißt du, wo du -hinkommst?” traf mich wie ein elektrischer Schlag.</p> - -<p>„Nein.”</p> - -<p>„Na, dann herzlichen Glückwunsch, Marine-Fliegerabteilung!”</p> - -<p>Vor Freude hätte ich am liebsten mitten auf -der Straße einen Handstand gemacht, doch die -guten Schweriner Mitbürger wollte ich nicht zu -sehr in Aufruhr versetzen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span> - -Endlich war also mein Wunsch erfüllt!</p> - -<p>Die letzten Tage des Urlaubs vergingen wie -im Fluge, und froh kehrte ich zur Marineschule -zurück, um die letzten Wochen meiner anderthalbjährigen -Tätigkeit als Inspektionsoffizier zu -vollenden, und wohl noch nie habe ich mit größerer -Freude meine Koffer gepackt, um meiner neuen -Bestimmung entgegenzufahren.</p> - -<p>Gerade einige Tage vor meiner Abfahrt kam -einer meiner Kameraden zu mir und rief mir zu:</p> - -<p>„Wissen Sie schon das Neueste, wo Sie hinkommen -sollen?”</p> - -<p>„Ja, Flieger.”</p> - -<p>„Mensch, Sie ahnen ja noch gar nicht Ihr -Glück, Sie kommen ja nach Tsingtau!”</p> - -<p>Ich war sprachlos und muß ein ziemlich dummes -Gesicht gemacht haben.</p> - -<p>„Ja, Tsingtau, und zwar als Flieger! Sie -Glückspilz, Sie sollen der erste Marineflieger in -Tsingtau werden!”</p> - -<p>Es war wohl kein Wunder, daß ich dieses nicht -glauben wollte, bevor ich die offizielle Bestätigung -erhielt. Es war Wirklichkeit. So viel Dusel sollte -ich tatsächlich haben.</p> - -<p>Drei Monate Wartezeit noch in Kiel, und endlich -brach der erste Januar Neunzehnhundertundvierzehn -an, und ich befand mich im geliebten Berlin.</p> - -<p>Und die Unruhe! Gar nicht zu bremsen war ich. -Und schon am zweiten Januar stand ich in Johannisthal -und dachte, sofort mit dem Fliegen -anfangen zu können. Aber mir ging es wie wohl<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span> -den meisten Flugschülern. Zum ersten Male erfuhr -ich den alten Erfahrungssatz der Fliegerei: -Nur die Ruhe kann es machen, wer fliegen will, -muß vor allen Dingen warten lernen!</p> - -<p>Warten, warten und immer wieder warten. -Achtzig Prozent der ganzen Fliegerei besteht nur -aus Warten und Sich-klar-Halten.</p> - -<p>Es hatte nämlich Frau Holle gefallen, ihre -Daunenkissen auszuschütteln, und das ganze Flugfeld -war unter einer tiefen Schneeschicht begraben. -Fliegen unmöglich. Und wochenlang kam -ich jeden Morgen wieder und dachte: Nun muß -doch der Schnee fort sein! Aber enttäuscht kehrte -ich nachmittags wieder nach Hause zurück.</p> - -<p>Im Februar endlich wurde es schön. Und am -ersten Februar saß ich glücklich vorn in meiner -Taube, und auf ging es zum ersten Male in die -herrliche kalte Winterluft hinauf. Das Wetter -meinte es gut in diesen Tagen, und unermüdlich -wurde Tag für Tag geschult.</p> - -<p>Die Fliegerei lag mir, das hatte ich bald heraus. -Und ich war ganz stolz, als ich schon am dritten -Tage allein fliegen durfte. Zwei Tage war ich -gerade allein geflogen, da kam an einem schönen -Sonnabendnachmittag mein unermüdlicher Lehrer -Werner Wieting zu mir und sagte: „Na, wie -wär's, Herr Oberleutnant, wollen Sie nicht gleich -Ihr Pilotenexamen machen? Das wäre doch ein -netter kleiner Rekord!”</p> - -<p>„Ja, natürlich, ich bin klar!”</p> - -<p>Zehn Minuten später saß ich bereits in der<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span> -Maschine, und lustig drehte ich mit meinem Täubchen -die vorgeschriebenen Kurven. Es war eine -wahre Lust, sich in der herrlichen Winterluft -herumzutummeln. Und als die letzte Prüfungslandung -tadellos geglückt war, und als mein -Lehrer mir stolz zum Glückwunsch die Hand reichte, -da war mir so recht wohl zumute, und ein Gefühl -der inneren Befriedigung und des Glücks beschlich -mich.</p> - -<p>Nun war ich also Pilot. Die Schulzeit war -vorüber, und frei und allein konnte ich von jetzt -ab täglich eine der großen hundertpferdigen Maschinen -nach Herzenslust fliegen.</p> - -<p>Ein Sonderunternehmen sollte mir damals -viel Freude bereiten. Rumpler hatte einen neuen -Eindecker herausgebracht, der besonders auf gutes -Steigen gebaut war. Es galt nun, mit diesem -Flugzeug den Welthöhenrekord zu erringen. Der -bekannte Flieger Linnekogel sollte dieses Flugzeug -steuern, und er bat mich, als sein Beobachter -mitzufliegen. Was war selbstverständlicher, als -daß ich ja sagte!</p> - -<p>An einem der letzten Tage im Februar starteten -wir zum ersten Versuch. Dicht eingehüllt zum -Schutz gegen die große Kälte saßen wir in unserem -Flugzeug, und voll Neid blickten uns viele Menschenaugen -nach, als sich leicht wie eine Libelle -schon nach kurzem Anlauf der Vogel erhob. Mit -der Uhr in der Hand beobachtete ich die Höhe, und -schon nach fünfzehn Minuten waren zweitausend -Meter erreicht, damals eine außerordentliche<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span> -Leistung. Nun ging es aber langsam. Die Luft -wurde sehr unruhig, und wie eine Feder wurden -wir durch die heftigen Fallböen auf und ab geworfen. -Nach einer Stunde hatten wir endlich -viertausend Meter erreicht, als mit einem Fauchen -und Spucken der Motor anfing zu streiken -und nach wenigen Sekunden mit einem Ruck -stehenblieb. In Spiralen glitten wir mit großer -Geschwindigkeit dem Boden zu, und wenige Minuten -später stand das Flugzeug wohlbehalten -auf dem Flugplatz.</p> - -<p>Die Kälte war zu groß gewesen, der Motor war -einfach eingefroren und dieses Hindernis nicht -bedacht worden. Emsig wurden Verbesserungen -eingebaut. Schon einige Tage später starteten -wir zum selben Versuch, und dieses Mal schienen -wir mehr Glück zu haben.</p> - -<p>Ruhig und sicher gewannen wir stetig an Höhe.</p> - -<p>Viertausend Meter, viertausendzweihundert, -viertausendfünfhundert Meter, Gott sei Dank, -der Rekord vom letzten Male war gebrochen! Die -Kälte war fast unerträglich, und ich glaube, selbst -die dickste Pelle hätte bei dem scharfen Luftzug -nichts geholfen.</p> - -<p>Viertausendachthundert, viertausendneunhundert -Meter! Nun fehlten nur noch vierhundert -Meter, dann war das gesteckte Ziel erreicht. Aber -wie verzaubert weigerte sich das Flugzeug, auch -nur einen Meter höher zu klettern. Es half -nichts. Der Betriebsstoff ging auf die Neige, -und wiederum setzte der Motor plötzlich aus,<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span> -diesmal in Höhe von viertausendneunhundert -Metern.</p> - -<p>Ohne einen Tropfen Benzin langten wir wohlbehalten -unten an, fast zu einem Eisklotz erfroren.</p> - -<p><em class="gesperrt">Alles</em> hatten wir nicht erreicht, aber doch einen -schönen Erfolg: der deutsche Höhenrekord war -glänzend gewonnen!</p> - -<p>Der Erfolg spornte uns aber dazu an, auch das -letzte Ziel zu erreichen. Und Anfang März endlich -war das Wetter wieder so weit, daß ein neuer Versuch -unternommen werden konnte. Noch dicker -eingehüllt wie das letztemal, mit Thermometer -versehen, aber ohne Sauerstoffapparat verließen -wir zu einem dritten Versuche den Flugplatz.</p> - -<p>Die ersten Höhen wurden wieder spielend gewonnen. -Große Wolken schwebten am Himmel, -die Temperatur war eisig. Als wir durch die -Wolkendecke nach oben in den strahlenden Sonnenschein -durchstießen, hatten wir ein herrliches Erlebnis. -Plötzlich sahen wir nämlich vor uns von -der Sonne wunderbar beleuchtet ein Zeppelin-Luftschiff, -welches ebenfalls zu einer Höhenfahrt -aufgestiegen war.</p> - -<p>Welch wunderbare Begegnung in über dreitausend -Metern Höhe! Weitab von allem Menschengetriebe, -hoch über des Alltags Sorge und -Last trafen sich die beiden Maschinen, die so beredt -von Deutschlands Kraft und Können zeugten.</p> - -<p>Wir umkreisten den großen Bruder einige Male -und winkten ihm mit den Händen ein stummes -„Glück ab” zu!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span> - -Dann fing der Ernst für uns wieder an. Und -unermüdlich mußten wir arbeiten, um unser Ziel -zu erreichen. Nach einer Stunde hatten wir viertausendachthundert -Meter erreicht, dann kamen -viertausendneunhundert, mein Barograph zeigte -bald fünftausend, und immer noch brummte der -Propeller seine gleichmäßige Melodie. Ruhig und -sicher zog Linnekogel seine Kreise. Das Thermometer -zeigte bereits minus siebenunddreißig Grad -Celsius, aber wir achteten der Kälte nicht. Nur -die Luft wurde etwas knapp. Ein leises Gefühl -der Müdigkeit beschlich mich, und die Lungen arbeiteten -nur noch in ganz kurzen schnellen Stößen. -Jede Bewegung war beschwerlich. Und selbst das -einfache Umdrehen nach dem hinter mir sitzenden -Führer war mit großer Anstrengung verbunden.</p> - -<p>Der Himmel war inzwischen herrlich geworden. -Die Wolkenbänke hatten sich verzogen, und wunderbar -klar lag unter uns Berlin und seine Umgebung. -Nur so groß wie eine Handfläche sah -die Weltstadt aus dieser enormen Höhe aus. Ein -schwarzer Fleck, in dem man aber klar und deutlich -die Straße Unter den Linden und die daran -schließende Charlottenburger Chaussee verfolgen -konnte.</p> - -<p>Von diesem wunderbaren Anblick gänzlich hingerissen, -hatte ich längere Zeit nicht auf Uhr und -Barograph acht gegeben, und voll Schrecken entsann -ich mich meiner Pflichtvergessenheit. Zwanzig -Minuten waren etwa vergangen, seitdem ich -das letztemal nachgesehen hatte, daß mein Barograph<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> -auf fünftausend Meter stand, und jetzt -mußte eigentlich das Ziel erreicht sein. Aber wie -wurde ich enttäuscht, als mein Zeiger immer noch -auf fünftausend stand. Dabei fing Linnekogel an, -mir Zeichen zu machen, den Flugplatz zu suchen, -und deutete mit der Hand nach unten. Nein, das -war mir doch zu arg. Ärgerlich drehte ich mich -um, und als Linnekogel dieses nicht sah, versetzte -ich ihm einen nicht gerade sanften Tritt gegen sein -Schienbein. Dabei hielt ich ihm meine gespreizten -fünf Finger vor die Nase und deutete -mit der Hand nach oben. Das sollte heißen: -Höher, höher, wir sind ja erst fünftausend Meter!</p> - -<p>Linnekogel lachte nur, er ergriff meine Hand, -schüttelte sie kräftig und zeigte mit der Rechten -zweimal fünf. Ich dachte erst, der hat einen -Klaps. Und dies wurde noch bestärkt, als Linnekogel -den Motor abstellte und in einem steilen -Gleitfluge (wir waren senkrecht über Potsdam) -in gerader Linie dem Flugplatz Johannisthal zuraste. -Nun hieß es für mich aufpassen, den Flugplatz -finden. Und glücklich standen wir sechzehn -Minuten später vor den Rumplerwerken, freudig -begrüßt von den Zuschauern.</p> - -<p>Es war erreicht! Der Welthöhenrekord war -mit fünftausendfünfhundert Metern gebrochen.</p> - -<p>Eine Stunde fünfundvierzig Minuten hatte im -ganzen die Fahrt gedauert. Stolz standen wir -unter unseren untengebliebenen Mitmenschen. -Linnekogel hatte doch recht gehabt; mein Barograph -war eingefroren, der Linnekogels, der besser<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> -und wärmer eingepackt war, hatte richtig durchgehalten.</p> - -<p>Die Tage vergingen, und für mich kam die -Zeit, wo ich die Heimat verlassen mußte.</p> - -<p>Meine für Tsingtau neu gebaute Taube näherte sich -ihrer Vollendung, und mit einem ganz seltsamen -Gefühl flog ich mein zukünftiges Flugzeug -ein, nachdem es die Abnahmebedingungen bestanden -hatte. Mich dünkte es damals das -schönste Flugzeug der Welt!</p> - -<p>Doch mein Ehrgeiz war damit nicht gestillt. -Und unbedingt mußte ich vor meiner Abreise -nach dem fernen Osten einen größeren Überlandflug -in Deutschland ausführen.</p> - -<p>Ich hatte Glück. Meine Bitte fand bei Herrn -Rumpler Gehör, und er überließ mir eines seiner -Flugzeuge, um mehrere Tage in Deutschland -herumzufliegen. Mein Feldpilotenexamen war -schnell gemacht, und Ende März saß ich an einem -Tage früh um sieben Uhr in meiner voll ausgerüsteten -Taube, vor mir als Beobachter mein -Freund, der lange Oberleutnant Strehle -von der Kriegsakademie.</p> - -<p>Dieser saß heute zum erstenmal in einem Flugzeug. -Aber an diesen Flug wird er, glaube ich, -sein ganzes Leben lang denken.</p> - -<p>Glänzend war der Start. Und stolz zog ich -meine Kreise, bis ich in fünfhundert Meter Höhe -in nördlicher Richtung davonflog. Alles klappte -famos. Die Havelseen wurden überquert, -Nauen kam in Sicht, als es plötzlich anfing, diesig<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span> -zu werden, und keine zehn Minuten später war das -Pech auch schon da. Dichter Nebel umhüllte uns. -Vom Boden war nichts mehr zu sehen. Das war -für den ersten Überlandflug, den ich in meinem -Leben machte, eine etwas harte Prüfung. Aber -sorglos, wie man eben nur als junger Flieger ist, -dachte ich bei mir: Nur Mut, die Sache wird -schon schief gehen. Und ruhig flog ich in dem -dichten Nebel, mich nach meinem Kompaß richtend, -nach Norden zu, denn Hamburg war unser -Ziel. Nach zwei Stunden konnte ich endlich in -dreihundert Metern Höhe den Boden unter mir -wieder sehen, und wer beschreibt meine Freude, -als ich einen großen schönen Acker bemerkte. Im -stolzen Gleitfluge, just als ob ich über dem Flugfelde -wäre, glitt ich nieder und stand bald wohlbehalten -mitten auf dem Sturzacker. Leute kamen -zu Dutzenden herbei, und groß war meine -Freude, als ich erfuhr, daß ich mich auf gutem -mecklenburgischem Boden befand und vor allen -Dingen dort, wo wir uns nach meines Beobachters -und meiner Berechnung befinden mußten. -Es war Feiertag, und so hatten wir den guten -Leuten ein schönes Sonntagsvergnügen bereitet. -Als es aufklarte, wollten wir weiter. Aber der -weiche Boden hielt die Räder so fest, daß an ein -Hochkommen nicht zu denken war. Unter Freude -und Gelächter, unter Hü und Hott und unter -manchem derben Scherzworte, welches wir über -uns ergehen lassen mußten, zogen die willigen -Zuschauer den Riesenvogel über den Acker.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span> - -Und nachdem einige Bäume gefällt waren, -ging es dann noch über einen Graben hinüber -und auf ein hartes Feld.</p> - -<p>Trotzdem wir starten wollten, ließ man uns erst -weg, nachdem wir uns an vorzüglichem Kaffee -und Napfkuchen gestärkt hatten.</p> - -<p>Nach reichlichem Händeschütteln und vielem -Hurrageschrei und Tücherwinken beim Start -waren wir wieder oben und zogen nördlichen -Kurs ein.</p> - -<p>Die Freude dauerte nur kurze Zeit. Und schon -fünfzehn Minuten später waren wir wieder in -graue Nebelschichten eingehüllt. Nach zwei Stunden -wurde die Sache ungemütlich, denn mit einem -Male fing der verdammte Motor an zu spucken -und zu fauchen. Bald machte er dreihundert -Touren zu wenig, bald zweihundert zu viel!</p> - -<p>Ich untersuchte alle meine Apparate und Ventile -und bemerkte zu meinem Schrecken, daß der -Benzinvorrat rasend abnahm. So gut es ging, -hielt ich mein Flugzeug fest und glitt auf dreihundert -Meter herunter.</p> - -<p>Aber, o Schreck! Der Nebel verzog sich etwas, -und wo war ich? Mitten über der Alster! Und -dabei ein aussetzender Motor und nur dreihundert -Meter hoch und keine Ahnung, wo der Flugplatz -Fuhlsbüttel lag. Nun gab's nur eins: -Ruhe und Entschlossenheit. Ein Gedanke durchzuckte -mich: Raus aus der Stadt, und keine unschuldigen -Menschenleben gefährden! Auf einen -Zettel schrieb ich meinem Beobachter: „Wir<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span> -müssen in fünf Minuten gelandet sein, sonst haben -wir keinen Betriebsstoff mehr und gehen -baden!” Suchend spähte mein Beobachter nach -unten, und plötzlich zeigte er freudig erregt mit -der Hand nach einem unter uns liegenden Kirchhof. -Der gute Kamerad! Er ahnte ja nicht, in -welcher Lage wir uns befanden und welch -ein Hohn eigentlich aus seiner Armbewegung -sprach.</p> - -<p>Wir waren bereits zweihundert Meter herunter. -Der Motor ruckte ungleichmäßig, die Benzinuhr -zeigte zehn Liter. Ich aber war froh. Aus der -Stadt waren wir glücklich heraus, und wenn auch -an eine glatte Landung in dem Gartengewirr für -uns nicht zu denken war, fremde Menschenleben -konnten wir wenigstens nicht mehr gefährden. -In solchen Situationen ist jede Sekunde eine -Ewigkeit, und Gedanken und Überlegungen jagen -sich in unheimlicher Geschwindigkeit. Wer da nicht -ruhig bleibt, eisernen Willen zeigt, der ist verloren. -Mein Beobachter fing plötzlich an mit der -Hand zu schwenken und nach vorn zu zeigen. -Und ich sehe jetzt noch im Geiste seine strahlenden -Augen vor mir, die mir durch seine Fliegerbrille -entgegenleuchteten.</p> - -<p>Vor uns schimmerte, von den Strahlen der -untergehenden Sonne durch den Nebel matt beleuchtet, -die Luftschiffhalle von Fuhlsbüttel.</p> - -<p>Hurra! Unser Ziel war erreicht.</p> - -<p>Wer beschreibt meine Freude! Mit dem letzten -Liter Benzin machte ich noch eine Ehrenrunde um<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> -den Flugplatz, und nach steilem Gleitfluge setzte -die Taube leicht und sicher auf dem Platze auf.</p> - -<p>In der ersten Freude wäre ich meinem Beobachter -am liebsten um den Hals gefallen. Der -gute Kerl hatte ja gar nicht geahnt, in welcher Gefahr -wir uns befunden hatten, und war höchst -erstaunt, als ich ihm davon erzählte. Noch jetzt, -wo ich wirklich weiß, was fliegen heißt, überläuft -es mich kalt, wenn ich an diesen ersten Überlandflug -denke! Der Versager war bald festgestellt. -Der untere Teil des einen Vergasers war abgebrochen, -und das Benzin floß durch die Bruchstelle -ab, so oft durch die Erschütterungen des Motors -der Riß erweitert wurde. Daher auch das -schnelle Fallen des Benzins und der ungleiche -Gang des Motors. Daß kein Vergaserbrand -entstand, ist mir heute noch ein Rätsel.</p> - -<p>Nachdem wir drei Tage bei liebsten Freunden -in Bremen zugebracht hatten, kam endlich der -neue Vergaser in Hamburg an. Nun wollen wir -weiter.</p> - -<p>Nächstes Ziel: Schwerin in Mecklenburg.</p> - -<p>An einem regnerischen, stürmischen Nachmittage -setzte ich mich in meine vollbeladene Maschine. -Ein Zug am Hebel, und mit Vollgas -schwirrten wir los.</p> - -<p>Heutzutage würde ich bei solchem Wetter nur -fliegen, wenn es unbedingt nötig wäre. Damals -besaß ich aber die Naivität und vor allen Dingen -die Begeisterung eines jungen Fliegers. Das -Glück im Unglück ließ auch nicht lange auf sich<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span> -warten. Das schwergeladene Flugzeug wollte -nicht hoch, die Böen warfen es hin und her wie -einen Spielball, und ich wäre gerne umgedreht. -Aber daran war bei der geringen Höhe nicht zu -denken. Nun kamen auch schon die ersten Häuser -von Hamburg. Darüber hinwegzukommen unmöglich! -Ich war sechzig Meter hoch, unter mir -sah ich ein kleines Feld. Also kurz entschlossen: -Gas weg! Landen! Im selben Augenblick faßte -mich eine Fallbö, ich fühlte, wie das Flugzeug -unter mir weggezogen wurde, und da ich dachte: -Jetzt zerschellst du auf dem Boden, gab ich Vollgas -und riß das Höhensteuer hoch, um den Anprall -abzuschwächen. Aber im selben Moment -fühle ich einen Ruck unter mir, und die Maschine -stellte sich steil auf den Kopf, als wenn eine unsichtbare -Hand das Fahrgestell festgehalten hätte.</p> - -<p>Das Folgende war nur noch ein Werk von -Bruchteilen von Sekunden. Ich riß an meinem -Höhensteuer, nahm Gas weg, und schon erhielt -ich einen schweren, harten Stoß. Krampfhaft hielt -ich mein Steuerrad fest und flog mit meinem -Kopf hart gegen die Karosserie.</p> - -<p>Totenstille um mich herum.</p> - -<p>Tiefe Finsternis und furchtbares Schweigen. -Durch einen Strom beißender Flüssigkeit, der -über mein Gesicht herabfloß, kam ich wieder zu -mir.</p> - -<p>Mit den Beinen nach oben, den Körper zusammengepreßt -und das Gesicht gegen meine Brust -gedrückt, lag ich still da. Da durchzuckte es mich:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> - -Du bist ja abgestürzt, das Flugzeug kann jeden -Moment anfangen zu brennen, und du bist mit -deinem Beobachter verloren! Tastend suchte ich -in meiner zusammengequetschten Stellung nach -dem Zündhebel und war froh, ihn endlich gefunden -und die Zündung ausgeschaltet zu haben. -Dann kam langsam das Bewußtsein der Wirklichkeit -zu mir zurück, und ich dachte an meinen -armen Beobachter. Der saß ja vorne, hatte den -ersten Anprall abzuhalten und mußte bereits -zerquetscht sein, wenn die Karosserie den Stoß -nicht ausgehalten hatte. Als sich vorn nichts -rührte, fragte ich endlich mit gepreßter Stimme, -denn ich war so zusammengequetscht, daß ich -kaum noch Luft bekam: „Strehlchen, leben Sie -noch?”</p> - -<p>Pause, entsetzliche Stille.</p> - -<p>Auf meine zweite Frage vernahm ich dann:</p> - -<p>„Ja! Was ist eigentlich los? Hier ist es so -dunkel, ich glaube, es muß etwas passiert sein.”</p> - -<p>O, wie frohlockte ich da. Ich schrie förmlich -vor Vergnügen: „Strehlchen, Mensch, Sie sind -ja am Leben, das ist die Hauptsache! Sind Ihre -Knochen eigentlich noch heil?” Der gute lange -Kerl war in dem kleinen Raum schrecklich zusammengequetscht, -und ich hörte nur noch sein: „Ja, -ich weiß nicht, das wird sich hoffentlich später feststellen -lassen.”</p> - -<p>Dann war es wieder still. Das Benzin floß -noch aus dem mit hundertsiebzig Litern gefüllten -Tank in Strömen aus, und nach einer Zeit, die<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span> -mir die Ewigkeit dünkte, klopfte jemand draußen -an, und von weither erklang eine Stimme:</p> - -<p>„Na, lebt da noch jemand drin?”</p> - -<p>„Und ob,” rief ich, „nun man dalli, sonst ersticken -wir hier noch drin!”</p> - -<p>An dem Flugzeugrumpf wurde gehoben. Ich -hörte mit Spaten graben, und endlich drang frische -Luft zu uns herein.</p> - -<p>„Halt”, rief Strehle, „anderen Weg anlüften, -ihr brecht meinen Arm ab!”</p> - -<p>Die Helfer versuchten es von der anderen Seite, -und endlich wurde mir mein Sitz abgelüftet, und -ich lag frei und weich auf einem wunderbar duftenden -Mistbeet. Da kroch auch schon der lange -Strehle hervor, und nicht oft habe ich einem Menschen -so glücklich die Hand geschüttelt wie diesem -treuen Begleiter.</p> - -<p>Donnerwetter! Sah das böse aus. Die Maschine -vollkommen überschlagen, ungefähr ein -Meter in den weichen Düngerhaufen tief hineingebohrt. -Der Rumpf dreimal gebrochen, die -Tragflächen nur noch ein Knäuel von Holz, Leinwand -und Drähten.</p> - -<p>Und diesen Absturz hatten zwei Menschen heil -und glücklich überstanden!</p> - -<p>Strehle hatte sich nur das Rückgrat etwas verstaucht -und ich mir zwei Rippen gebrochen. Das -war alles. Nie in meinem Leben schimpfe ich -wieder über einen Misthaufen. Möge ihm und -seinen Nachfolgern ewiges Gedeihen beschieden -sein!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span> - -Traurig und etwas hinkend legten wir den Rest -der Abschiedsreise per Bahn zurück.</p> - -<p>Aber dann kamen Tage voll Sonnenschein und -Licht, voller Wärme und Glückseligkeit und voller -Blumen, wunderbarster Blumen in unerhörtester -Schönheit und Fülle.</p> - -<p>Und dann kam die Pflicht, und die Fahrt -begann.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span></p> - - - - -<h2>Herrliche Tage in Tsingtau</h2> - - -<p>Tagelang ging's in der Eisenbahn durch Rußlands -Steppen und Wüsten hindurch der Bestimmung, -dem fernen Osten, entgegen.</p> - -<p>Endlich Mukden! Peking war bald vorüber ... -Tsinanfou! Die ersten deutschen Laute klangen mir -entgegen, dann kamen die letzten zehn Stunden -der Eisenbahnfahrt durch wunderbares blühendes -Ackerland voller Gärten, Felder und Blumen; -und endlich lief der Zug langsam auf dem Hauptbahnhof -von Tsingtau ein.</p> - -<p>Tsingtau sah ich nun nach sechs Jahren wieder!</p> - -<p>Nun war ich wieder auf deutschem Grund und -Boden, in einer deutschen Stadt im fernen Osten.</p> - -<p>Meine Kameraden holten mich ab. Unter -schnellem Trippel-Trappel zogen mich die kleinen -mongolischen Steppenpferdchen der neuen Heimat -zu.</p> - -<p>Zuerst ging es auf den Iltis-Platz, welcher -unsere Rennbahn war und gleichzeitig mein Flugplatz -werden sollte. Festlich prangte der Ort, und -ganz Tsingtau war hier versammelt. In der -Mitte der weiten Rasenfläche hatte sich ein ungeheurer -Kreis von Zuschauern gebildet, welche -den Fußballplatz umgaben. Heute war Festtag, -und ein großes Fußballwettspiel wurde zwischen -den deutschen Matrosen und ihren englischen -Kameraden vom englischen Flaggschiff „Good -Hope” ausgetragen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> - -„Good Hope” weilte zu Besuch in Tsingtau. -Es wurde ein glänzendes Spiel und endete 1: 1.</p> - -<p>Wer hätte das damals geahnt! Knapp sechs -Monate später traten sich dieselben Gegner gegenüber, -aber dann war es ernstes, furchtbares Spiel, -bei dem es nur Siegen oder Sterben gab. Es -war bei der Seeschlacht von Coronel, in der die -deutschen Blaujacken in siebenundzwanzig Minuten -das englische Flaggschiff „Good Hope” in die -furchtbare Tiefe des Stillen Ozeans hinabsandten.</p> - -<p>Heute wußte noch keiner etwas von den kommenden -Ereignissen, und froh bewegt und in -bester Kameradschaft vereint nahmen die deutschen -Matrosen ihre englischen Gäste mit nach Hause. -Zwei Tage später lief das englische Geschwader -aus, kurz hinterher unser Kreuzergeschwader unter -der Führung des Admirals Grafen von Spee.</p> - -<p>Und lustig flatterten die Flaggen im Winde, -die das Signal der beiden Geschwaderchefs überbrachten, -welches lautete: „Leben Sie wohl, auf -Wiedersehen!”</p> - -<p>Wer ahnte es: Bei Coronel sollte es geschehen.</p> - -<p>Gleich nach meiner Ankunft und nachdem die -dienstlichen Meldungen erledigt waren, sah ich -mich nach meinem Flugzeug um und hoffte schon -in den nächsten Tagen den erstaunten Tsingtauern -meinen Riesenvogel vorführen zu können. Aber -Mahlzeit! Ruhig konnte ich wieder einige Wochen -warten, denn mein Flugzeug schwamm noch -quietschfidel um Indien herum, und der Dampfer -wurde erst im Juli erwartet.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> - -Na, denn nicht, liebe Tante, sagte ich und -hatte nunmehr vollauf Zeit, mich in Tsingtau -umzusehen und mir eine Wohnung zu suchen. -Eine entzückende kleine Villa war bei meinem -Flugplatze gerade frei, und schleunigst wurde diese -gemietet, und ich bezog dieses entzückende Heim -mit meinem neuen Kameraden Patzig.</p> - -<p>Alles, um mich wirklich glücklich zu fühlen, war -vorhanden. Mein schönes Kommando, das -Landkommando der Marine; ich war in Tsingtau, -dem Paradiese auf Erden, meine dienstliche -Tätigkeit war die schönste, die ich mir wünschen -konnte, und dabei diese entzückende Villa, hoch auf -einer Anhöhe gelegen mit wunderbarer Aussicht -auf den Iltis-Platz und das weite tiefblaue -Meer. Außerdem gehörte ich zur berittenen -Truppe, drei wunderbare Jahre lagen vor mir. -Wer sollte glücklicher und zufriedener sein als ich? -Jetzt ging's an die Inneneinrichtung der Wohnung. -Ich hatte eine ganze Anzahl Bilder über -Wohnungseinrichtungen aus der „Kunst”, und -mit diesen zog ich zu unserem tüchtigen Chinesentischler -und bestellte danach eine Einrichtung. -Es ist geradezu erstaunlich, mit welcher fabelhaften -Geschicklichkeit die Chinesen alles nachmachen -können, und dabei in unglaublich kurzer -Zeit und ganz besonders billig. Als vier Wochen -später alles angelangt war, die Möbel an dem -richtigen Platz standen und das Haus von oben -bis unten glänzte und leuchtete, da zogen wir -frischgebackenen „Villenbewohner” stolz und freudig<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span> -in unser neues Heim. Nichts fehlte. Und -besonders war auch das erforderliche Dienstpersonal -vorhanden. Damit der Europäer im -fernen Osten Ansehen vor den Chinesen gewinnt, -muß er sich mit viel chinesischem Dienstpersonal -umgeben, und es ist fast eine moralische Pflicht -jedes Europäers, dies zu tun.</p> - -<p>Moritz, der Koch, in seinem schönen blauseidenen -Ischang; Fritz, der Mafu (Pferdeknecht), -stets grinsend, dafür aber um das Wohl der -Pferde sehr bedacht; Max, der Gärtner, faul wie -die Sünde, und endlich August, der freche kleine -Laufjunge, bildeten das Heer unserer dienstbaren -Geister.</p> - -<p>Dazu kamen „Herr” Dorsch und „Herr” Simon.</p> - -<p>Diese beiden „Herren” waren unsere Burschen, -die von der Sitte des fernen Ostens, daß der -Europäer im Beisein der Chinesen nicht körperlich -arbeiten <em class="gesperrt">darf</em>, redlich Gebrauch machten.</p> - -<p>Ein großer Garten umgab unser Haus, in dem -sich auch noch der Pferdestall mit Wagenremise, -Autogarage und Chinesenwohnungen befanden. -Das Wichtigste aber war: mein Hühnerstall. -Schon zwei Tage nach meiner Ankunft hatte ich -mir eine Bruthenne gekauft, ihr ein Dutzend Eier -untergelegt, und als wir die Wohnung bezogen, -hatte ich bereits sieben lebendigen Küken das -Leben geschenkt.</p> - -<p>Geflügel ist billig in China. Das Huhn kostet -zehn Pfennig, eine Ente oder Gans eine Mark,<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span> -und so hatte ich auch bald einen Geflügelhof von -fünfzig Tieren zusammen.</p> - -<p>Ja, richtig, ich war ja „Reiter” geworden! -Also ein Pferd beschaffen! Einer der Kameraden -hatte einen entzückenden kleinen Fuchs. Wir -wurden handelseinig, und bald darauf stand -„Fips” in meinem Stall. „Fips” war ein entzückendes -Tier, gutes Dienstpferd, dabei tadellos -für Jagdreiten und Polospielen. Aber Wamse -bekommt er doch, wenn ich ihn mal wiedersehen -sollte; denn während der Belagerung ließ der -Lümmel mich am Tage vor der Einschließung -einfach im Stich, als ich ins Vorgelände geritten -war. Da einige Schrapnells in seiner Nähe krepierten, -riß er sich los und lief zum Feinde über.</p> - -<p>Das ganze Leben in Ostasien ist für den Europäer -recht eintönig. Wenig Geselligkeit, keinerlei -Theater, keine Musik, nichts von alledem, das -man so ungern vermißt. Die einzige Erholung -und der einzige Trost sind eben, daß man etwas -besser lebt wie unter den gleichen Verhältnissen -zu Hause, und der Pferdesport. In Tsingtau -blühte letzterer ganz besonders.</p> - -<p>Mit Begeisterung widmete ich mich dem Poloreiten, -und nachdem ich mich einigermaßen an -die ungewohnten Schlinger- und Stampfbewegungen -meines Pferdes gewöhnt hatte, ging -die Kiste herrlich.</p> - -<div class="figcenter" style="width: 455px;"> -<img class="bordered" src="images/illu-031.jpg" width="455" height="600" alt="" /> -<div class="caption">Der erste Absturz in Tsingtau.</div> -</div> - -<p>Mitte Juli wurde endlich meine Sehnsucht -gestillt. „Der” Dampfer war da und hatte die<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span> -Flugzeuge mitgebracht. Kaum standen die riesigen -Kisten auf dem Kai, als ich auch schon mit meinen -Leuten dabei war und die armen Vögel, die zum -Fluge durch Luft und Sonne geboren waren, aus -ihren dunklen Gefängnissen befreite, in denen -sie monatelang gesessen hatten. Da die Kisten -zu schwer waren, mußten die Flugzeuge an Ort -und Stelle ausgepackt werden. Hei! Das Hallo -unter den chinesischen Gaffern. Als alles schön -ausgepackt war, wurde der Triumphzug angeordnet. -Erst kamen die beiden Flugzeuge, dann kamen -drei Wagen mit den Tragflächen und dann zwei -Wagen mit den Zubehörteilen. Die Pferde zogen -an, und stolz durchfuhren wir Tsingtau und zogen -im Triumphe in die Flughalle auf dem Iltis-Platz -ein.</p> - -<div class="figcenter" style="width: 357px;"> -<img class="bordered" src="images/illu-032.jpg" width="357" height="600" alt="" /> -<div class="caption">„August”, der freche Laufjunge.</div> -</div> - -<p>Nun gab es keine Ruhe mehr. Tag und Nacht -arbeiteten wir am Zusammensetzen und Verspannen, -und zwei Tage später, ganz in der Frühe, -als noch kein Mensch es ahnte, stand mein Flugzeug -klar am Startplatz, und als die Sonne aufging, -gab ich Vollgas und schoß in die wunderbare -reine Seeluft hinaus.</p> - -<p>Den ersten Flug in Tsingtau werde ich nie -vergessen. Der Flugplatz war außerordentlich -klein, nur sechshundert Meter lang und zweihundert -Meter breit, voll von Hindernissen und -rings umgeben von Hügeln und Felsen. Wie -klein der Platz aber wirklich war und wie ungeheuer -schwer zum Starten und Landen, das sollte -ich bald noch zur Genüge erfahren. Mein Freund<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> -Clobuczar, ein früherer österreichischer Fliegeroffizier, -der jetzt auf der „Kaiserin Elisabeth” war, -sagte mir mal: „Ein Flugplatz soll das hier sein? -Höchstens ein Kinderspielplatz! In meinem -ganzen Leben habe ich noch nicht gesehen, daß ein -Mensch in einem solchen Platze fliegen soll.” Mir -ging's ähnlich so. Und ich würde mir in Deutschland -ein solches Plätzchen höchstens mal als Notlandungsplatz -aussuchen.</p> - -<p>Aber zu machen war nichts. Es war dies -der einzige Platz im ganzen Schutzgebiete, alles -andere war wild zerklüftetes Gebirge, durchzogen -von tiefen Ravinen. Doch an diesem wunderbar -sonnigen Morgen kümmerte ich mich nicht -darum, und froh bewegt zog ich über Tsingtau -meine Kreise und scheuchte durch das Gebrumm -meines Propellers die gänzlich überraschten -Tsingtauer aus ihrem Schlafe. Als ich zum -Landen schritt, wurde mir doch ein bißchen komisch -zumute! Donnerwetter, war der Platz klein! -Und unwillkürlich drehte ich immer länger meine -Kreise und verschob immer wieder den kommenden -kritischen Moment der Landung.</p> - -<p>Doch ewig oben bleiben konnte ich ja nicht. Und -endlich gab ich mir einen Ruck, nahm Gas weg -und stand einen Augenblick später nach einer -tadellosen Ziellandung auf meinem Platz. Nun -war ich meiner Sache sicher. Und den ganzen -Morgen bin ich kaum aus meinem Flugzeug -herausgekommen.</p> - -<p>Jetzt gings aber wieder an die Arbeit. Das<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span> -zweite Flugzeug, auch eine Rumpler-Taube, welches -von meinem Kameraden vom Seebataillon, -Leutnant Müllerskowski, geflogen werden sollte, -mußte zusammengebaut und verspannt werden. -Nach zwei Tagen, am einunddreißigsten Juli -Neunzehnhundertvierzehn, nachmittags war alles -in Ordnung.</p> - -<p>Müllerskowski stieg in sein Flugzeug, und -nachdem ich ihm einige Erfahrungen, die ich mit -diesem Flugplatz nun schon gemacht, mitgegeben -hatte, zog er Vollgas und schwirrte los.</p> - -<p>Das Glück blieb meinem Kameraden nicht -hold.</p> - -<p>Sein Flugzeug war eben einige Sekunden in -der Luft und befand sich zirka fünfzig Meter hoch -gerade an der kritischen Stelle, wo Flugplatz und -gleichzeitig das Land endet und mit steilen Felsen -ins Meer abfällt, als es sich plötzlich zur Seite -neigte und wir mit Schrecken sehen konnten, wie -es in sausender Fahrt mit dem Kopf vorneweg -in die Felsen hineinstürzte.</p> - -<p>So schnell wir es vermochten, liefen wir zur -Unfallstelle. Da sah es bös aus. Das Flugzeug -war vollständig zertrümmert, und zwischen diesen -Trümmern lag Müllerskowski. Schwer verletzt -brachten wir ihn ins Lazarett, wo er bis kurz vor -Ende der Belagerung liegenbleiben mußte. Das -Flugzeug war vernichtet.</p> - -<p>Inzwischen hatte sich auch in Tsingtau manches -zugetragen. Der Juli mit all seiner Schönheit -und Pracht, mit wunderbarstem Sonnenschein<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span> -und tiefblauem Himmel war ins Land gezogen. -Es ist der schönste Monat für Tsingtau.</p> - -<p>Das Badeleben stand in vollster Blüte; es -waren besonders viele und nette Fremde, in -erster Linie Damen, aus den europäischen und -amerikanischen Niederlassungen Chinas und Japans -herbeigeströmt, um sich an Tsingtaus -Schönheit zu erfreuen und in dem „Ostende des -fernen Ostens” das Badeleben zu genießen.</p> - -<p>Es war eine ganz herrliche Stimmung. Auto- -und Reitpartien, Polospiel und Tennis füllten -die dienstfreien Stunden aus, und besonders -schön waren abends die Reunions, bei denen -Terpsichore voll zu Ehren kam.</p> - -<p>Wie auch in den früheren Jahren waren die -Engländerinnen unter den Gästen am stärksten -vertreten, und bald entwickelte sich ein reizender -Verkehr.</p> - -<p>Anfang August sollte ein Polowettspiel stattfinden, -zu dem wir als Gegenspieler den englischen -Poloklub in Schanghai eingeladen hatten.</p> - -<p>Da, am dreißigsten Juli, traf wie ein Blitz -aus heiterem Himmel der Befehl der „Sicherung” -in Tsingtau ein!</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span></p> - - - - -<h2>Kriegsalarm — Meine Taube</h2> - - -<p>Ich weiß es noch wie heute.</p> - -<p>In aller Frühe kam eine Ordonnanz in -unsere Villa und überbrachte Patzig und mir den -Befehl, umgehend zum Abteilungskommandeur -zu kommen, es wäre Sicherung befohlen. Wir -dachten natürlich, es sei nur eine Übung, und redlich -brummend ob der Störung der Morgenruhe -begaben wir uns an den befohlenen Ort. Hier -erhielten wir die Bestätigung der kaum faßbaren -Kunde. Und im Inneren fest daran zweifelnd, -daß es Krieg geben würde, eilten wir auf unsere -Gefechtsstationen und begannen mit den notwendigen -Arbeiten.</p> - -<p>Der Befehl: „Drohende Kriegsgefahr!”, der am -nächsten Tage eintraf, brachte endlich Gewißheit.</p> - -<p>Und dann kam der erste August, die Mobilmachung -wurde befohlen. Der zweite August -brachte die Kriegserklärung gegen Rußland und -der dritte die gegen Frankreich.</p> - -<p>Diese Tage zu beschreiben, ist kaum möglich.</p> - -<p>Man stelle sich bloß vor: Hier war deutsche -Kolonie, deutsche Festung, der größte Teil der -Tsingtauer waren Offiziere und Soldaten. Dabei -war Tsingtau aber in seinem äußeren Gepräge -international geworden. Russen, Franzosen und -Engländer befanden sich als Gäste mitten unter -uns. Es war ein Gegeneinanderwogen von Meinungen -und Gefühlen, ein Zustand, wie er wohl<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span> -kaum wo anders auf der Welt angetroffen werden -konnte.</p> - -<p>Die Hauptfrage, ich möchte sagen, die Frage, -die uns alle beschäftigte, war: Gibt es Krieg mit -England?</p> - -<p>Nur der, der im fernen Osten gelebt hat, wird -ermessen können, was diese Frage bedeutete.</p> - -<p>Am zweiten August wurde gerade unser Angebot -an England bekannt, ich ritt am selben Tage -mit einer englischen Dame spazieren, und es -war nur selbstverständlich, daß dieses Thema -unsern Hauptgesprächsstoff bildete. Die Ansicht -meiner Begleiterin deckte sich mit der all ihrer -Freunde und Freundinnen, daß ein Krieg zwischen -England und Deutschland undenkbar wäre, -sonst würde auch besonders im fernen Osten das -Prestige der weißen Rasse vorüber sein und der -gelbe Japs lachend die Früchte unserer Zwietracht -einheimsen können.</p> - -<p>Auch uns Deutsche beschäftigte selbstverständlich -nur dieser eine Gedanke, und besonders bei uns -Seeoffizieren war von nichts anderem mehr die -Rede. Eine Spannung, schlimmer als vor und -während der ersten Mobilmachungstage, beherrschte -uns. Und wie eine Erlösung kam für -uns alle am vierten August die Nachricht:</p> - -<p>Der Krieg gegen England ist erklärt!</p> - -<p>Nun waren also in Europa die Würfel gefallen.</p> - -<p>Daß wir uns alle sehr glücklich fühlten, kann -ich nicht behaupten. Ganz im Gegenteil. Immer<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span> -und immer wieder sagten wir uns: „Nun sitzen -wir hier in dem fernen Tsingtau, zu Hause da -sind unsere Brüder, unsere Kameraden; die -Glücklichen dürfen die wunderbaren Tage der -Mobilmachung miterleben, sie dürfen ausziehen -gegen eine Welt von Feinden, sie dürfen unser -heiliges geliebtes Vaterland, dürfen Weib und -Kind verteidigen, und wir Armen sitzen hier und -können nicht helfen!”</p> - -<p>Schon der Gedanke, wie es in diesen Tagen -zu Hause aussähe, konnte uns rasend machen. -Denn das wußten wir: Die Engländer, Russen -und Franzosen, die uns hier draußen an Zahl -weit überlegen waren, würden nicht den Mut -finden, uns hier anzugreifen.</p> - -<p>Und doch hatten wir immer wieder den einen -Funken von Hoffnung: Sie kommen doch noch!</p> - -<p>Ach, wie hätten wir die empfangen!</p> - -<p>An Japan dachte selbstverständlich niemand!</p> - -<p>In all der Arbeit der Mobilmachungstage -wurden unsere Gäste nicht vergessen. Sie waren -zwar fast alle unsere Feinde, aber sie blieben -unsere Gäste.</p> - -<p>Die Aufregung unter ihnen ist wohl begreiflich. -Vor allen Dingen, da bereits Nachrichten -über die geradezu bestialische Behandlung der -Deutschen durch die Engländer in den englischen -Kolonien zu uns kamen.</p> - -<p>Daß unser Verkehr mit den Fremden abgebrochen -wurde, war selbstverständlich, aber ebenso -selbstverständlich war auch, und das möchte ich<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span> -an dieser Stelle ganz besonders den Engländern -gegenüber hervorheben, daß die vielen Angehörigen -der feindlichen Staaten mit einer Rücksicht -behandelt wurden, wie es eben nur bei uns -„Barbaren” möglich war.</p> - -<p>Den Fremden wurde bekanntgegeben, daß -sie sich nach Belieben weiter in Tsingtau aufhalten -oder aber abfahren könnten, ohne irgendwelchen -Zwang, und daß das Gouvernement -rechtzeitig ankündigen würde, wenn alle Fremden -die Kolonie räumen müßten. Verlangt wurde -nur, daß keiner das Stadtgebiet verließe und -niemand sich mehr den Befestigungen näherte -oder Spionage triebe. Man halte sich hiergegen -das Benehmen unserer lieben Vettern in Hongkong -und in so vielen anderen Orten der Welt vor -Augen!</p> - -<p>Die, die es miterlebt haben, könnten Bände -darüber schreiben.</p> - -<p>Ein Trost war für uns: Wir erhielten täglich -drahtlose Nachrichten von Hause!</p> - -<p>Den Jubel und die Freude kann man sich -kaum vorstellen, die wir beim Eintreffen der Nachrichten -empfanden. Meist kamen die Telegramme -abends, und wir Offiziere saßen zusammen in -unserem kleinen Kasino, selbstverständlich von -nichts anderem als vom Kriege sprechend. Und -wenn die herrlichen Siegesnachrichten eintrafen, -dann war ein Jubel ohnegleichen, aber doch -empfanden wir dabei eine ganz unendliche -Traurigkeit, denn:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span> - -Wir konnten nicht dabei sein!</p> - -<p>Dann kam der fünfzehnte August, und wir -hielten eine Nachricht von solcher Ungeheuerlichkeit -in der Hand, daß wir an der Wahrheit des -Gelesenen zweifelten.</p> - -<p>Die Ankündigung war folgende:</p> - -<p class="center"> -<span class="gesperrt">Extrablatt</span><br /> -</p> - -<blockquote> - -<p>„Wir betrachten es als äußerst wichtig und notwendig, -in der jetzigen Lage Maßnahmen zu -treffen, um die Ursachen aller Störungen des -Friedens im fernen Osten zu beseitigen und die -allgemeinen Interessen zu schützen, die im englisch-japanischen -Allianzvertrag festgelegt sind, -mit dem Zweck, festen und dauernden Frieden in -Ostasien zu sichern. Dieser Zweck ist die Grundlage -des Übereinkommens. Die kaiserlich japanische -Regierung glaubt, daß es ihre Pflicht ist, -der kaiserlich deutschen Regierung zu raten, die -folgenden Vorschläge anzunehmen:</p> - -<p>Erstens, die deutschen Kriegsschiffe sofort von -den japanischen und chinesischen Gewässern zurückzuziehen, -ebenso die bewaffneten Schiffe aller -Art und diejenigen Schiffe, die nicht sofort zurückgezogen -werden können, zu entwaffnen.</p> - -<p>Zweitens, das ganze Pachtgebiet von Kiautschou -alsbald, nicht später als am fünfzehnten -September, den kaiserlich japanischen Behörden -ohne Bedingung und ohne Entschädigung zu -übergeben, mit der Aussicht auf evtl. Rückgabe an -China.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span> - -Die kaiserlich japanische Regierung kündigt -zugleich an, daß, im Falle sie bis zum dreiundzwanzigsten -August Neunzehnhundertvierzehn -keine Antwort von der kaiserlich deutschen Regierung -erhalte, in der sie die unbedingte Annahme -der Vorschläge übermittelt, die japanische -Regierung gezwungen sein wird, ihre Maßnahmen -zu treffen, die sie in Anbetracht der Lage -für notwendig erachtet.”</p></blockquote> - -<p>Darunter stand von unserem Gouverneur geschrieben:</p> - -<p>„Es ist selbstverständlich, daß wir niemals darauf -eingehen können, Tsingtau an Japan ohne -Schwertstreich auszuliefern. Nach der ganzen -Frivolität der japanischen Forderung kann man -sich schon vorher sagen, welche Antwort allein -darauf erfolgen wird. Das aber bedeutet natürlich, -daß wir mit Ablauf der für die Beantwortung -gesetzten Frist auf die Eröffnung der Feindseligkeiten -rechnen müssen, und das wird natürlich ein -Kampf bis zum Äußersten sein.</p> - -<p>Angesichts des Ernstes der Lage darf jetzt -selbstverständlich mit der Fortschaffung von -Frauen und Kindern keinen Augenblick länger -gezögert werden, das Gouvernement wird deshalb -heute, Freitag vormittag, auch noch einen -Dampfer nach Tientsin abgehen lassen, der bereits -für die Aufnahme von rund sechshundert Personen -vorbereitet ist. Es ist dringend zu raten, daß -von diesen Gelegenheiten, die Züge der Schantungbahn -verkehren ja auch weiter, nun auch von<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span> -allen Gebrauch gemacht wird, die nicht hierbleiben -wollen.</p> - -<p>Tsingtau macht klar zum Gefecht!”</p> - -<p>Nun wußten wir, woran wir waren!</p> - -<p>Über die Art und Schwere des Kampfes und -über seine Aussichten waren wir uns klar, aber -wohl nie ist freudiger und unermüdlicher gearbeitet -worden. Eine Titanenarbeit wurde in -diesen Wochen vollbracht. Und vom ältesten -Offizier bis zum jüngsten fünfzehnjährigen kriegsfreiwilligen -Automobilfahrer setzte jeder sein ganzes -Können und sein ganzes Denken, seine ganze -Vaterlandsliebe darein, Tsingtau in den Verteidigungszustand -zu setzen.</p> - -<p>Ich selber hatte bereits besonderes Pech gehabt. -Drei Tage nachdem Müllerskowski abgestürzt -war, startete ich bei herrlichstem Sonnenschein -zu meinem ersten großen Erkundungsfluge und -kehrte, nachdem ich das ganze Schutzgebiet und -Hunderte von Kilometern darüber hinaus aufgeklärt -hatte, froh der getanen Arbeit, nach -Tsingtau zurück.</p> - -<p>Ich war tausendfünfhundert Meter hoch, und -die Landung war infolge der Luftverhältnisse ganz -besonders schwierig. Als ich mitten über dem -Platze in ungefähr hundert Metern Höhe noch mal -Vollgas gab, um die letzte Runde zu fliegen und -dann gegen den Wind zu landen, sprang der -Motor eine Sekunde lang wieder voll an, fing -aber im selben Moment an zu spucken und versagte -ganz. Nur Sekunden brauchte ich, um<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span> -meine Apparate nachzusehen, aber die genügten, -daß die Maschine bereits so weit war, daß an ein -Landen auf dem Platze nicht mehr zu denken war.</p> - -<p>Auch nach rechts oder links konnte ich nicht -abdrehen. Rechts war das Poloklubhaus und -ein tiefer Graben, links das Strandhotel und -die Villen.</p> - -<p>Daß nichts mehr zu machen war, wußte ich, -und nur eins dachte ich: Halte den Motor heil!</p> - -<p>Vor mir war ein kleines Wäldchen, und da -hinauf hoffte ich die Maschine noch setzen zu -können. Ich zog das Höhensteuer, aber in der -heißen dünnen Tropenluft sackte die Maschine -wie ein Klotz schwer durch. Ich kam mit dem -Kopf gerade noch an Telegraphendrähten klar, -dann zog ich die Knie an und stützte unwillkürlich -die Füße nach vorn ab, und schon gab es einen -mächtigen Stoß, ich hörte Krachen und Splittern -um mich herum und flog mit Kopf und Knien -recht unsanft gegen den Benzintank. Dann war -es still.</p> - -<p>Und als ich mich, selber heil und gesund, im -Kreise umsah, da lag meine Taube mit der -Nase im Straßengraben, streckte das Schwänzchen -hoch in die Luft, und die Flügel und das Fahrgestell -bildeten ein Knäuel von zerbrochenen -Holzstreben, Leinwand und Drähten.</p> - -<p>Ach, mein armes Täubchen! Ausgerechnet am -dritten Tage der Mobilmachung ließ es mich im -Stich. Mir war ganz unsäglich hoffnungslos -zumute. Ohne jedoch den Mut ganz sinken zu<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> -lassen, schaffte ich die Trümmer in den Schuppen. -Ich hatte ja noch Reservepropeller und Reservetragflächen -von Hause mitbekommen.</p> - -<p>Wenn nur der Motor heil geblieben war! -Ersatzteile für diesen besaß ich nicht, und sie -wären auch beim besten Willen nicht herbeizuschaffen -gewesen.</p> - -<p>Voller Hoffnung ging ich an die Reservekisten -und öffnete zuerst die, worin die Tragflächen -lagen. Aber o Schreck! Ein widerlicher Moderduft -schlug mir entgegen, und Böses ahnend, -öffneten wir den inneren Zinkeinsatz.</p> - -<p>Der Anblick, der sich uns bot, war geradezu -fürchterlich. In der Kiste befand sich nur ein -Haufen von moderndem Gerümpel. Die ganze -Bespannung der Tragflächen war verfault. Die -einzelnen Rippen und Spanten und die Holzklötzchen, -die vorher tadellos geleimt und bewickelt -waren, lagen regellos durcheinander, und -alles war von einer dicken Schimmelschicht bezogen.</p> - -<p>Ein trauriger Anblick!</p> - -<p>Nun wurde die Propellerkiste geöffnet. Da -drinnen sah es ähnlich aus. Die fünf mitgenommenen -Reservepropeller hatten sich ebenfalls -in Wohlgefallen aufgelöst oder sich so stark verzogen, -daß sie nicht mehr zu gebrauchen waren. -Wenn zu Hause der Propeller mehr als vier bis -fünf <em class="gesperrt">Millimeter</em> an den Spitzen ausschlägt, -denkt kein Mensch daran, ihn so zu fliegen. -Meine schlugen bis zu zwanzig <em class="gesperrt">Zentimetern</em> -aus! Nun war guter Rat teuer.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> - -Aber unverzagt ging mein hervorragender -Monteur, der Obermaschinistenmaat Stüben, an -die Arbeit, und am selben Nachmittage saß ich -mit Stüben und meinen beiden Heizern Frinks -und Scholl und noch acht Chinesen von der Werfttischlerei -an der Arbeit und baute die vermoderten -Flügel wieder zusammen.</p> - -<p>Dann ging ich mit meinem am wenigsten verbogenen -Propeller zur Werft, und hier half mir -der treffliche Modelltischler R. aus meiner Not -und ließ unter seiner Anleitung von den Chinesen -einen neuen Propeller bauen.</p> - -<p>Das war geradezu eine Glanzleistung.</p> - -<p>Man stelle sich folgendes vor:</p> - -<p>Sieben Eichenbohlen wurden mit gewöhnlichem -Tischlerleim zusammengeleimt. Dann -gingen zwei Chinesen mit Äxten her und schlugen -nach Lehren, die der Modelltischler angefertigt -hatte, mit den Äxten aus dem Bohlenklumpen -einen tadellosen Propeller aus. Die Arbeit war, -obwohl mit der Hand ausgeführt, so genau und -sorgfältig, wie sie nur von Chinesen geleistet -werden kann.</p> - -<p>Mit diesem Propeller habe ich dann meine -sämtlichen Flüge während der Belagerung von -Tsingtau ausgeführt!</p> - -<p>Auch wir im Schuppen waren nicht untätig -geblieben. Tag und Nacht arbeiteten wir mit -äußerster Anspannung, und bereits am neunten -Tage nach meinem Absturz stand frühmorgens<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span> -bei Sonnenaufgang mein Täubchen an der -Startstelle klar zum Probeflug.</p> - -<p>Es ist wohl begreiflich, wenn mir vor diesem -Fluge meine Aussichten nicht im rosigsten Lichte -erschienen.</p> - -<p>Meine Tragflächen hatte ich aus einem vermoderten -Haufen wieder zurechtgebaut. Verspannen -mußten wir sie, da wir nirgends eine -ebene Fläche hatten, so gut es ging; der Propeller -war, wie oben beschrieben, entstanden und machte -über hundert Umdrehungen zu wenig. Dabei -waren die Flugplatzverhältnisse so überaus ungünstig -und schwierig, daß bei jedem Start nur -ein sofortiges Gelingen oder ein unweigerliches -Abstürzen in Frage kam.</p> - -<p>An all das durfte ich nicht denken. Es war -Krieg, ich war der einzige Flieger, und meine -Aufgabe mußte ich erfüllen. Und ich hatte Glück!</p> - -<p>Alles irgendwie Entbehrliche hatte ich zur -Erleichterung aus dem Flugzeug herausgerissen, -und anfangs etwas unwillig meiner Faust gehorchend -erhob sich mein großer Vogel doch in -die Luft, und bald hatte ich ihn wieder vollkommen -in meiner Gewalt. Da zog ich denn wieder froh -meine Kreise, und stolz warf ich vor dem Hause -unseres Gouverneurs die Meldung ab: „Flugzeug -ist wieder klar!”</p> - -<p>Und dann begannen meine großen Aufklärungsflüge. -Das ganze Schutzgebiet durchkreuzte -ich, und weit, weit draußen, Hunderte von Kilometern -vom Schutzgebiet entfernt, überflog ich<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span> -das weite Land und bewachte die Anmarschstraßen -und flog längs der wild zerklüfteten Küste -und schaute aus, ob nicht irgendwo der Feind sich -näherte oder landete.</p> - -<p>Es waren mit die schönsten Flüge meines -Lebens.</p> - -<p>Die Luft war so klar und durchsichtig, der -Himmel so wunderbar blau und schön, und die -Sonne strahlte mit so inniger Liebe auf das herrliche -Land, auf die wild zerklüfteten hohen Gebirge -und auf das alles einrahmende tief-, tiefblaue -Meer herab. Das waren Stunden hinreißendster, -erhabenster Schönheit, die ich überquellenden -Herzens und mit nach Schönheit lechzender -Seele genoß.</p> - -<p>Aber die Sorgen blieben nicht aus. Bereits -nach dem zweiten Aufklärungsfluge stellte sich heraus, -daß die Leimfugen des Propellers auseinander -gespalten waren, und daß der Propeller nur -wie durch ein Wunder nicht auseinandergerissen -war. Nun mußte er abmontiert und wieder frisch -geleimt werden. Dieses Schauspiel hat sich von -nun ab nach jedem Fluge wiederholt. Sobald ich -zurück war, wurde „der” Propeller abgenommen, -ich fuhr mit meinem Auto zur Werft, dort wurde -er schnell geleimt, in eine Presse geschraubt, und -spät abends holte ich ihn wieder ab, setzte ihn auf, -und dann ging's damit am nächsten Tage -wieder los.</p> - -<p>Und als der Propeller immer wieder aufplatzte, -da beklebte ich seine ganze Eintrittskante<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span> -mit Bespannungsstoff und Heftpflaster, und da -hielt wenigstens diese Kante einigermaßen!</p> - -<p>In Tsingtau hatte ich auch noch einen zweiten -Dienstzweig zu versehen, und zwar war ich Führer -der Fesselballonanlage, meiner „aufgeblasenen” -Konkurrenz.</p> - -<p>Vor meiner Ausreise hatte ich in Berlin einen -Luftschifferkursus durchgemacht, bestehend aus -einer Freiballonfahrt und etwas Exerzieren am -Fesselballon nebst Ballonflicken.</p> - -<p>Die gesamte vollständig neue Fesselballonanlage -in Tsingtau bestand aus zwei je tausend -Kubikmeter großen Ballons, einem Ballonsack -und allem nötigen Zubehör zum Gaserzeugen -und zur Bedienung des Ballons.</p> - -<p>Ein Unteroffizier der Marine, der kurze Zeit -bei den Luftschiffern ebenfalls zur Ausbildung gewesen -war, und ich waren die einzigen, die vom -Ballon eine Ahnung hatten. Nachdem wir die -ganze neue Anlage ausgepackt und aufgestellt -hatten, gingen wir äußerst gewissenhaft und vorsichtig -ans Füllen des Ballons. Und wie stolz -waren wir, als die erste gelbe Wurst dick und prall, -wohlgefesselt dicht über der Erde lag. Dann -knüpfte ich mit meinem Unteroffizier persönlich -jede einzelne Leine an, und bald darauf hing das -gelbe Ungetüm leise hin und her pendelnd am -Himmelszelt. Dann wurde es wieder heruntergeholt, -und ich kletterte zum ersten Aufstieg allein -in den Korb. Beinahe hätte ich schon bei diesem -Aufstieg meine verzwickte Reise nach Deutschland<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> -antreten können, denn als „Los” kommandiert -wurde, hatte das Haltetau versehentlich reichlich -lose gehabt, und mit einem mächtigen Satz sprang -der Ballon senkrecht zirka fünfzig Meter in die -Luft und ruckte dann mit Macht in das Haltekabel -ein. Mich durchzuckte dabei der Gedanke: -Jetzt geht er ab! Es gab einen ganz gewaltigen -Stoß, und viel hätte nicht gefehlt, so wäre ich aus -meiner Gondel herausgeschleudert worden. Da -das Drahtseil aber ebenfalls ganz neu war, hielt -es gottlob, und ich war um eine Lehre reicher. -Dann begann das systematische Ausbilden und -Einexerzieren meiner Mannschaft, und bald funktionierte -der Laden, als wenn wir von Kind auf -Luftschiffer gewesen wären.</p> - -<p>Auf den Fesselballon waren vom Gouvernement -sehr große Hoffnungen gesetzt worden. Allgemein -versprach man sich durch ihn große -Hilfe beim Beobachten des heranrückenden Feindes -und zur Beobachtung der feindlichen Artillerie. -Leider haben sich diese Hoffnungen in keiner -Weise erfüllt, und meine Befürchtungen, die ich -in bezug auf den Nutzen der Ballonanlage gehabt -hatte, bewahrheiteten sich in jeder Beziehung.</p> - -<p>Trotzdem ich den Ballon sogar bis auf eintausendzweihundert -Meter gebracht hatte, gelang -es uns nicht, von ihm aus hinter die unseren -befestigten Stellungen vorgelagerten Höhenzüge -zu sehen und damit die Bewegung des Feindes -und vor allen Dingen die Stellungen seiner -schweren Belagerungsartillerie zu beobachten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span> - -Das aber war wiederum für die Verteidigung -Tsingtaus von fundamentalster Bedeutung.</p> - -<p>Um dieses und überhaupt die ganze überaus -schwierige Lage, in der wir uns in Tsingtau befanden, -einigermaßen verständlich zu machen, muß -ich folgendes vorausschicken:</p> - -<p>Das ganze Schutzgebiet Kiautschou liegt auf -einer langgestreckten Landzunge, auf deren äußerstem, -südwestlichem Zipfelchen wiederum die -Stadt Tsingtau liegt. Von drei Seiten vom -Meere umschlossen, wird die Stadt im Nordosten -durch die halbkreisförmige Hügelkette der -Moltke-, Bismarck- und Iltisberge, die sich von -Meer zu Meer hinziehen, eingerahmt. In diesen -Bergen lagen unsere Hauptbefestigungen eingenistet, -und am nordöstlichen Fußrande dieser -Kette lagen die fünf Infanteriewerke mit dem -Hauptdrahthindernis. Dann kam ein breites -Tal, welches zum Teil vom Haipo-Fluß durchzogen -wurde, und daran schlossen sich wiederum -halbkreisförmig die ebenfalls von Meer zu Meer -sich hinziehenden, für uns kritischen und uns Verderben -bringenden Hügelketten des Kuschan, des -Taschan, der Waldersee-Höhen und der Prinz-Heinrich-Berge, -von denen die Prinz-Heinrich-Berge -eine so wildromantische Form hatten, als -wenn sie dem Monde direkt entnommen wäre. -Hinter diesen Höhen schloß sich wiederum ein -breites Tal an, und daran türmten sich die wild -zerklüfteten Steinmassen des Lau-Hou-Schan,<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> -des Tung-Liu-Schui und des Lauschan zum -Himmel empor.</p> - -<p>Da uns vor allen Dingen daran lag, zu wissen, -was geht im Vorgelände vor, und, als wir vom -siebenundzwanzigsten September ab hinter unserem -Drahthindernis vollkommen eingeschlossen -waren, zu sehen, <em class="gesperrt">wo</em> baut der Feind seine Belagerungsartillerie -auf, da wir ferner in unseren -Hoffnungen, die wir in dieser Beziehung auf den -Fesselballon gesetzt hatten, vollkommen getäuscht -wurden, blieben uns zur Erreichung unseres Zieles -nur noch: gelegentliche schneidige Erkundungen -und — — mein Flugzeug!</p> - -<p>Unter unermüdlicher Arbeit gingen die Tage -des August dahin. Tsingtau und vor allem das -Vorgelände waren kaum wiederzuerkennen. Artillerie -und Verteidigungsstellungen wurden ausgehoben, -und was das traurigste war, die entzückenden -Wäldchen, die mit so viel Mühe und -Liebe angepflanzt waren, der Stolz Tsingtaus, -mußten zum Freimachen der Schußfelder unter -Beilhieben fallen. Wieviel Kulturarbeit, wieviel -unendliche Mühe und Liebe ist da mit einem -Schlage vernichtet worden!</p> - -<p>Der dreiundzwanzigste August, der Tag des -Ablaufs des Ultimatums an Japan, kam heran, -und es war wohl selbstverständlich, daß der gelbe -Jap überhaupt keiner Antwort gewürdigt wurde. -Die Parole an diesem Tage lautete:</p> - -<p class="center"> -„Immer feste druff!”<br /> -</p> - -<p>Das war uns allen aus dem Herzen gesprochen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span> - -Ich weiß noch, wie ich am folgenden Morgen -von meinem Balkon aus über das unendliche -blaue Meer schaute und in der Entfernung von -einigen Seemeilen mehrere schwarze Schatten bemerkte, -die sich langsam hin und her bewegten. -Durch das Doppelglas konnte ich dann Torpedoboote -erkennen. Auch Patzig, der herbeieilte, -überzeugte sich davon. Richtig, heute war ja der -Vierundzwanzigste. Nun hatte die Bande die -Blockade gegen uns eröffnet.</p> - -<p>So war es also wirklich wahr, die Japaner -wagten es, das Deutsche Reich anzugreifen!</p> - -<p>Der Kampf eines gelben Kaiserreiches, unterstützt -von einem Häuflein Engländer, gegen -ein kriegsstarkes deutsches Regiment hatte begonnen.</p> - -<p>Gleich nach Ablauf des Ultimatums rückte ein -Trupp von tausend Mann ins Vorgelände ab, -um dieses und die Anmarschstraßen auf Tsingtau -zu so lange als möglich zu verteidigen. Dieses -kleine Häuflein hat seine Aufgabe hervorragend -gelöst. Eine Strecke von dreißig Kilometern -Breite, dann von zehn Kilometern mit gänzlich -ungenügender Artillerieausrüstung war zu verteidigen. -Da, wohin zwei Armeekorps gehört -hätten, standen nur tausend Mann. In zähem, -unerschrockenem Kampf, oft nur Patrouillen -ganzen feindlichen Bataillonen gegenüberstehend, -wichen sie langsam der zwanzigfachen Übermacht. -Erst am achtundzwanzigsten September wurde die -tapfere Schar hinter das Haupthindernis zurückgedrängt,<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> -welches sich nun für uns bis nach -Austoben des Kampfes für immer schloß.</p> - -<p>In den ersten Tagen der Belagerung hielten -die leitenden Kreise in Tsingtau von dem Nutzen -meines Flugzeuges, wie von der ganzen Fliegerei -überhaupt, nicht viel.</p> - -<p>Nach allem, was sie bis jetzt von uns hier -draußen gesehen hatten, war dies ja auch nicht -weiter zu verwundern.</p> - -<p>Das wurde bald anders!</p> - -<p>An einem der ersten Tage der Belagerung überflog -ich wiederum die Südküste der Schantung-Halbinsel, -um nach feindlichen Schiffen und besonders -nach feindlichen Truppenlandungen Ausschau -zu halten. Die Küste war wie ausgestorben, -auch nicht das geringste war zu sehen gewesen. -Ganz beruhigt, daß wir von dieser Seite aus -sicher waren, flog ich nach Hause zurück. Nur so -nebenbei ging ich an diesem Abend noch auf das -Gouvernement, um einem Kameraden Guten -Tag zu sagen. Zufällig traf ich hier mit dem -Chef des Stabes zusammen, der große Eile hatte, -da er eine wichtige Sitzung beim Gouverneur für -einen Augenblick verließ, um sich ein Buch zu -holen.</p> - -<p>Im Vorbeigehen rief er mir noch zu: „Na, -Plüschow, sind Sie wieder mal geflogen?”</p> - -<p>„Jawohl”, sagte ich, „ich komme eben zurück. -Ich habe mehrere Stunden lang die Küste nach -feindlichen Truppenlandungen abgesucht, habe -aber nichts vom Feinde gesehen.”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span> - -Ich sehe noch heute das überraschte Gesicht unseres -Chefs.</p> - -<p>„Was? Die Küste sind Sie abgeflogen, und das -sagen Sie erst jetzt? Wir sitzen seit zwei Stunden -und beraten, wie wir die großen Truppenlandungen -in der Dsin-Dsia-Kou-Bucht, die uns -heute durch unsere Kundschafter gemeldet wurden, -abwehren können. Und Sie kommen gerade daher -und können so einwandfreie Meldung bringen? -Nun aber hinein zum Gouverneur und Ihre -Beobachtung gemeldet!”</p> - -<p>Mit einigen Worten konnte nun die ganze Beratung -erledigt werden. Die Kundschafter-Aussagen -waren selbstverständlich erfunden.</p> - -<p>Ich aber war froh; die Ehre und das Ansehen -der Fliegerei hatte ich gerettet!</p> - -<p>Und nun begann für mich die schwerste, aber -auch schönste Fliegerzeit.</p> - -<p>Meine Feuertaufe im Flugzeug empfing ich -schon bald. Es war in den ersten Tagen des September, -als ich weit, weit draußen das Vorgelände -abgraste und mich in eintausendfünfhundert -Metern Höhe so recht des schönen Sonnenschein-Sonntages -erfreute. Unter mir gewahrte ich -plötzlich eine im Anmarsch befindliche größere -japanische Truppenmasse, die mich mit lebhaftem -Infanterie- und Maschinengewehrfeuer begrüßte. -Mit zehn Schußlöchern in den Tragflächen kehrte -ich stolz nach Hause zurück. In Zukunft blieb ich -aber immer in zweitausend Meter Höhe, wodurch -eventuelle Gewehr- und Maschinengewehrtreffer in<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span> -meinen Motor und Propeller wesentlich ungefährlicher -wurden.</p> - -<p>Die Feuertaufe an Land ließ auch nicht lange -auf sich warten.</p> - -<p>An einem der nächsten Tage fuhr ich mit meinem -Auto nach Schatsy-Kou, wo wir vorgeschobene -Posten besaßen. Ohne an Böses zu denken, hielt -ich vor dem Hause an. Zu meinem Erstaunen -lagen alle Offiziere und Mannschaften längs einer -nach See zu geschützten Böschung, winkten lebhaft -mit den Armen, was ich selbstverständlich als Begrüßung -auffaßte und durch ebensolches Winken -erwiderte. Ich saß noch in meinem Auto, als ich -dicht über meinem Kopfe ein lautes Pfeifen und -Zischen und einen Augenblick darauf bereits ein -ohrenbetäubendes Krachen vernahm. Nur zehn -Schritt von uns entfernt war mitten im Mauerwerk -des Hauses die erste Granate krepiert, und -ehe ich mich auch nur besinnen konnte, langten -auch schon die folgenden Geschosse an.</p> - -<p>Nun wir aber raus aus dem Auto und die -Beine in die Hand genommen und schnell zu den -anderen an die allerdings nur fragliche Deckung -gelehnt. Meine Kameraden bogen sich schier vor -Lachen, denn so ernst die Situation auch war, -so ulkig muß der Anblick gewesen sein.</p> - -<p>Nun erfuhren wir auch, was los war.</p> - -<p>Eine japanische Torpedoboots-Flottille lag vor -uns und versuchte durch ihr Geschützfeuer Schatsy-Kou -zu zerstören. Zwei volle Stunden lagen wir, -ohne etwas sehen zu können, ohne jede Deckung<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span> -und ohne uns rühren zu können, im Granatfeuer. -Dann schien die Mittagspause für den Jap -zu kommen, und er stellte das Feuer ein. Als wir -die Schäden des Hauses besichtigten, waren die -kleinen Chinesenjungens schon längst dabei, die -Granatsplitter zu sammeln. Und als wir uns -einen Augenblick zu einer Tasse Kaffee hingesetzt -hatten, kamen drei kleine Chinesenstifte freudestrahlend -an, in ihren schmutzigen kleinen Fingern -drei Blindgänger haltend, die sie in aller Ruhe vor -uns auf den Tisch warfen. Na, wenn die losgegangen -wären, das hätte ein schönes Schützenfest -gegeben!</p> - -<p>Nun mußten wir zurück, und als das Auto in -das erste Felsental einbog, krepierten hinter uns -schon wieder die Granaten der neu einsetzenden -Beschießung.</p> - -<p>Einige Zeit darauf mußte ganz Schatsy-Kou -mit dem ganzen übrigen Schutzgebiet geräumt -werden, und am achtundzwanzigsten September -wurden wir hinter das Haupthindernis eingeschlossen, -und gleichzeitig setzte von See aus die -erste große Beschießung ein.</p> - -<p>Das war eine Ballerei!</p> - -<p>Am frühen Morgen dieses Tages saß ich -quietschfidel in meiner Badewanne, um mich zu -einem größeren Fluge zu erfrischen, als plötzlich -ein schier ohrenzerreißender Lärm einsetzte. Da -unsere Geschütze bereits tage- und nächtelang -gedonnert hatten, achtete ich nicht weiter auf den -verstärkten Lärm, sondern schob ihn auf das<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span> -Feuern unserer Achtundzwanzig-Zentimeter-Haubitzen -der Bismarck-Batterie, die, um Munition -zu sparen, bis jetzt geschwiegen hatte, und an deren -Fuß meine Villa lag.</p> - -<p>Ich schickte meinen Burschen noch zu meinem -Flugzeug, um nachzusehen, ob alles klargemacht -würde. Aber schon nach einigen Minuten kam -er atemlos und etwas blaß zurück und meldete: -„Herr Oberleutnant, wir müssen schnell die Villa -verlassen, wir werden von vier großen Schiffen -beschossen. Eine der schweren Granaten ist eben -ganz dicht beim Flugzeugschuppen krepiert, aber -Gott sei Dank ist das Flugzeug heil geblieben, und -niemand ist verletzt. Nur ich habe mir die Finger -verbrannt. Da lag so ein schönes großes Sprengstück, -und das wollte ich doch als Andenken mitnehmen; -na, und das war so heiß, aber mitgebracht -habe ich es doch!” Und dabei hob er -freudestrahlend ein halb verbranntes Taschentuch -hervor, in dem ein zirka armlanges furchtbares -Sprengstück einer Dreißigeinhalb-Zentimeter-Granate -lag. Nun war ich aber raus aus -meinem Bad! Kaum zwei Minuten später stand -ich bei meinem schwer gefährdeten Flugzeug, und -mit vereinten Kräften schoben wir den teuren -Vogel in eine andere Ecke des Platzes, wo er hinter -einem Abhang etwas geschützter stand. Dann lief -ich auf den Küstenkommandeurstand, um mir -das Schauspiel der Beschießung anzusehen.</p> - -<p>Dieser Kommandeurstand lag auf einem Hügel, -von dem man einen geradezu idealen Überblick<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span> -über Tsingtau hatte. Von hier aus konnte -man jede einzelne Granate einschlagen sehen, -und wenn ich nicht flog, saß ich während der ganzen -nächsten Wochen hier oben in freier Luft, um -dem Kampf zuzusehen.</p> - -<p>Die erste Beschießung von Tsingtau an diesem -achtundzwanzigsten September war besonders -eindrucksvoll.</p> - -<p>Das Krachen und Krepieren der Granaten und -das Gedröhne wurden durch die rings herumliegenden -Berge bedeutend verstärkt. Schlag -auf Schlag folgten die Einschläge der langen -Dreißigeinhalb-Zentimeter-Schiffsgeschosse, und -wir hatten den Eindruck, daß ganz Tsingtau in einen -Trümmerhaufen verwandelt werden würde. Ein -unheimliches Gefühl, an das man sich aber schnell -gewöhnt. Man ist ja doch den einschlagenden Granaten -gegenüber vollkommen machtlos und kann -nichts weiter tun als warten, bis alles vorbei ist.</p> - -<p>Man soll nur Glück haben, nicht gerade da zu -stehen, wo solch ein unheimliches Ding niedersaust.</p> - -<p>Wie schmachvoll müssen diese und die folgenden -Beschießungen für die Engländer gewesen sein!</p> - -<p>Die feindlichen Schiffe dampften so weit draußen, -daß unsere Geschütze sie nicht erreichen konnten. -Also in vollster Sicherheit. Vorneweg fuhren -drei japanische Schlachtschiffe und als letztes -Schiff hinterher unter japanischem Befehl: das -englische Linienschiff „Triumph”.</p> - -<p>Wie stolz sich diese Engländer wohl bei solcher -Henkersarbeit vorgekommen sind!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span> - -Gott sei Dank war der Schaden, den das Bombardement -angerichtet hatte, nicht groß gewesen, -und von nun ab sahen wir den kommenden Beschießungen -mit größter Ruhe entgegen.</p> - -<p>Am Abend dieses Tages war ich Zeuge einer -besonders traurigen Begebenheit.</p> - -<p>Unsere Kanonenboote „Cormoran”, „Iltis” -und „Luchs” wurden von uns versenkt, nachdem -sie ihre ganze Bewaffnung abgegeben hatten.</p> - -<p>Es war ein ganz trostloser Anblick.</p> - -<p>Die drei Schiffe, hintereinander festgemacht, -wurden durch einen Dampfer in tiefes Wasser -geschleppt, dort angezündet, dann gesprengt und -verbrannt. Es sah aus, als ob die drei Schiffe -wüßten, daß sie zur Schlachtbank geführt wurden. -So unendlich traurig und hilfesuchend -reckten sie ihre kahlen Masten zum Himmel empor; -und unter den Flammen wanden sich die -Schiffsleiber, als wenn sie noch Leben in sich gehabt -hätten, bis endlich die Wogen über ihnen -zusammenschlugen und sie von ihren Leiden befreiten. -Wie krampfte sich mir das Seemannsherz -zusammen bei diesem Anblick! Diesen drei -folgten „Lauting” und „Taku” und kurz vor der -Übergabe der kleine „Jaguar” und der österreichische -Kreuzer „Kaiserin Elisabeth”, nachdem -diese beiden letzteren Schiffe uns unendliche -Dienste geleistet hatten. Die Arbeit dieser beiden -Schiffe füllt ein Ruhmesblatt in der Geschichte -von Tsingtaus Kampf und Tod.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span></p> - - - - -<h2>Allerhand Scherze der Japs</h2> - - -<p>Die Tätigkeit der japanischen Belagerungsarmee -war für uns ein großes Rätsel. Nach -der ersten großen Beschießung dachten wir alle, -die Japaner würden versuchen, die Festung sofort -zu stürmen, aber nichts dergleichen geschah. -Wir begriffen den Feind einfach nicht, der mußte -doch wissen, wie schwach wir waren, und daß sie -nur ein einziges Drahthindernis zu überwinden -brauchten, um in der Festung zu sein.</p> - -<p>Dann tauchten bei uns die wildesten Gerüchte -auf.</p> - -<p>„Die Japaner wagen nicht, uns anzugreifen, -die Sache steht in Europa zu gut für uns!” Dann -wieder: „Die Amerikaner schicken uns ihre Flotte -zu Hilfe; die Japaner werden abziehen müssen!” -Und dann: „Die Japaner wollen uns nur aushungern, -sie wollen, daß Tsingtau so heil wie -möglich in ihre Hände fällt!”</p> - -<p>Aber alles blieb nur Vermutung.</p> - -<p>Ruhig und systematisch und ohne daß wir sie -daran hindern konnten, landeten die Japaner -ihre Truppen, bauten Wege und Eisenbahnen, -schafften die schwersten Belagerungsgeschütze und -Munition heran, gruben sich unseren Hindernissen -gegenüber ein und arbeiteten sich vorwärts gegen -unsere Verteidigungslinie.</p> - -<p>Jetzt begann für mich meine Hauptarbeit: -das Erkunden der feindlichen schweren Batterien.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span> - -Und Tag für Tag, wenn das Wetter und <em class="gesperrt">der</em> -Propeller es erlaubten, stand ich früh im -ersten Morgengrauen bei meinem Flugzeug.</p> - -<p>Und auf ging es, einem ungewissen Schicksal -entgegen. Und wenn die Sonne aufging, dann -schwebte ich hoch am blauen Firmament, umkreiste -stundenlang die feindlichen Stellungen und spähte -hinab auf das geliebte Schutzgebiet, in das sich -ein frecher Feind einnistete, um uns Tod und -Verderben hinüberzusenden.</p> - -<p>Schwer war meine Arbeit, aber schön, und sie -wurde durch den Erfolg reichlich belohnt.</p> - -<p>Und <em class="gesperrt">daß</em> ich Erfolg hatte, das merkte ich am -besten aus den Anstrengungen, welche der Feind -machte, um mich herunterzuholen und mich unschädlich -zu machen.</p> - -<p>Wie ich bereits vorher erwähnt habe, war ich -jetzt der einzige Flieger in Tsingtau, „der Vogelmaster -von Tsingtau”, wie mich die Chinesen -nannten, und hatte auch nur diese eine Taube -zur Verfügung. Nun galt es aufpassen und -nichts kaputt machen, sonst war es vorbei mit der -Fliegerei.</p> - -<p>Ganz außerordentlich wurde das Fliegen erschwert -durch den kleinen, von hohen Bergen wie -ein Kessel eng umschlossenen Flugplatz und die -ganz außerordentlich schwierigen Luftverhältnisse. -Durch die hohen, schroffen Gebirge, durch -den Wechsel von Land und Wasser und durch die -starke Sonnenbestrahlung war die Turbulenz der -Luft ganz ungewöhnlich stark und die Luftverhältnisse<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span> -schon morgens um acht Uhr so ungünstig, -wie sie in Deutschland während der heißesten -Jahreszeit um die Mittagsstunden kaum vorkommen. -Nur der kann wohl einen Begriff von -den Schwierigkeiten des Fliegens in einem solchen -Gelände sich bilden, der das selbst durchgemacht hat.</p> - -<p>Hinzu kam, daß mein Flugzeug, welches für -normale Verhältnisse zu Hause gebaut war, in -dieser dünnen Luft zu schwer war, mein Motor -hundert Umdrehungen zu wenig machte und ich -mit einem Propeller flog, der auf die oben angeführte -Weise entstanden war.</p> - -<p>Kein Wunder also, daß ich nicht daran denken -konnte, jemals einen Beobachter mitzunehmen. -Alles irgend Entbehrliche riß ich aus meinem -Flugzeug heraus, um es zu erleichtern. Benzin -und Öl wurden so bemessen, daß ich eben auskam, -ja oft ließ ich sogar meine Lederjacke zu Hause, -nur um mit dem Flugzeug aus dem Platz herauszukommen.</p> - -<p>Der Start, der war ja das Verhängnisvolle!</p> - -<p>Jeder Start mußte glücken; mißlang er, dann -war es um mich und mein Flugzeug geschehen.</p> - -<p>Der Abflug war wirklich ein jedesmaliger -Kampf auf Leben und Tod, und wie oft hat es -nur an einem Haar gehangen, daß das Flugzeug -nicht zerschellte.</p> - -<p>Manchmal, wenn ich nach Süden zu startete, -setzten am Ende des Platzes, ungefähr da, wo das -Fort Hu-Tchuen-Huk mit dem Meere zusammenstößt, -enorme Fallböen ein, das Flugzeug fiel<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span> -direkt unter mir weg, ich riß es eben noch über -die Geschützrohre des Forts frei, dann fiel das -Flugzeug wieder schwer durch, und oft handelte es -sich nur um Handbreiten, daß ich es über dem -Meeresspiegel wieder abfing, wo es sich langsam -erholte und zu klettern anfing.</p> - -<p>Der Start nach Norden zu (andere als diese -beiden Richtungen kamen nicht in Frage) war -furchtbar, und im ganzen habe ich ihn nach dieser -Richtung hin auch nur sechs- bis siebenmal gemacht; -aber an diese Male denke ich dafür mein -Leben lang.</p> - -<p>Im äußersten Südzipfel des Platzes mußte ich dann -starten. Und in einer geraden Linie ging es -über den nur wenige hundert Meter langen -Platz hinweg, über meinen Schuppen, über mehrere -Villen und über unseren Kirchhof, der bereits -an einem zirka einhundertundfünfzig Meter hohen -schmalen Sattel lag, der von beiden Seiten von den -Felsmassen des Bismarck-Berges und der Iltis-Berge -eingeschlossen wurde. Sowie ich links den -Bismarck-Berg hinter mir hatte, kamen die ersten -Seitentäler, und aus diesen setzten scharfe Böen -ein, mein Flugzeug bekam einen mächtigen Stoß -und legte sich schwer nach Steuerbord über, und -trotz voller Verwindung konnte ich das Flugzeug -nicht wieder aufrichten. Seitensteuer durfte -ich nicht geben, um nicht in die Felsen hineinzurennen.</p> - -<div class="figcenter" style="width: 600px;"> -<img class="bordered" src="images/illu-065.jpg" width="600" height="385" alt="" /> -<div class="caption">Das Dienstpersonal des Verfassers in Tsingtau.</div> -</div> - -<p>So raste denn mein Flugzeug in dieser Stellung -mit der rechten Flügelspitze nur wenige Zentimeter<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span> -von den unter mir liegenden Baumkronen -und Felsmassen entfernt durch dieses Höllental -hindurch, und ich konnte nichts weiter tun, als -mein Steuer mit eiserner Ruhe führen, um -nicht unten zu zerschellen. Bis ich dann endlich -auf der anderen Seite über dem Wasser der -Kiautschou-Bucht schwebte und mein Flugzeug -wieder vernünftig wurde.</p> - -<div class="figcenter" style="width: 341px;"> -<img class="bordered" src="images/illu-066.jpg" width="341" height="599" alt="" /> -<div class="caption">Kapitänleutnant Plüschow.</div> -</div> - -<p>Ich will's gestehen, heiß und kalt hat's mich -bei jedem Start überlaufen, und ordentlich froh -war ich, wenn ich ihn hinter mir hatte und mich -höher und höher schraubte, bis ich endlich meine -zweitausend Meter erreicht hatte. Das war allerdings -eine Geduldsprobe. Manchmal kam ich -in einer Stunde hinauf. Gewöhnlich aber dauerte -es bis zu einunddreiviertel Stunden. Während -dieser ganzen Zeit flog ich weit, weit draußen -über See, um den Schrapnells, die die Japaner -nach mir sandten, zu entgehen.</p> - -<p>Was konnte ich noch lange darüber nachdenken, -daß ich ein Landflugzeug hatte, und daß ich -bei der geringsten Motorpanne ertrinken mußte. -Es wäre ja doch dasselbe gewesen, als wenn eine -Panne oder womöglich ein Volltreffer mich über -dem Lande erreicht hätte. Im ganzen Schutzgebiet -gab es nur Felsen, Schluchten und außer -meinem Flugplatz nicht ein einziges Plätzchen, -wo ich hätte heil landen können.</p> - -<p>Die Gedanken daran kamen mir wohl ab und -zu in den ersten Tagen, aber da sie doch zwecklos -waren, gab ich sie wieder auf.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span> - -Während der ganzen Zeit dieses Emporkletterns -erfreute ich mich dann an dem herrlichen Sonnenschein, -an dem wunderbaren Anblick der schroffen -Felsenküsten und an dem tiefblauen Meer. Meist -sang oder pfiff ich ein Liedchen, und wenn der -Höhenmesser zweitausend Meter zeigte, dann -brummte ich ein Gott sei Dank, und auf dem -kürzesten Wege schoß ich der feindlichen Linie zu -und begann meine Beobachtungen.</p> - -<p>Diese führte ich dann folgendermaßen aus:</p> - -<p>Sobald ich über dem Feinde war, drosselte ich -den Motor so, daß das Flugzeug die Höhe von -selber hielt. Dann hängte ich meine Karte vor mich -an das Höhensteuer, nahm einen Bleistift mit -Notizheft zur Hand und beobachtete nach unten, -zwischen Tragfläche und Rumpf hindurchsehend, -den Feind. Das Höhensteuer ließ ich ganz los, -und die Seite steuerte ich mit den Füßen.</p> - -<p>Eine Stellung umkreiste ich dann so lange, bis -ich alles ausgemacht, in die Karte eingetragen, -mir genau aufgeschrieben und eine ganz genaue -Skizze angefertigt hatte. Ich hatte bald eine solche -Übung darin, daß ich oft, ohne überhaupt aufzusehen, -einundeinhalb bis zwei Stunden nach -unten beobachtete und alles genau aufschrieb.</p> - -<p>Und wenn mir dann das Genick steif wurde, -drehte ich mich um und sah nach der anderen -Seite hinunter. Bis ich dann endlich mit meinen -Aufzeichnungen zufrieden war und ein Blick auf -die Benzinuhr mich belehrte, daß es höchste Zeit -sei umzukehren, um noch meinen Platz zu erreichen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span> - -Der Rückflug war jedesmal derselbe. In stolzem -Bogen umkreiste ich die Werft und die Stadt, -und über meinem Platz angekommen, stellte ich den -Motor ab, und in rasendem Kurven-Gleitflug -ging es der Erde zu, und vier Minuten später stand -ich wohlbehalten unten.</p> - -<p>Die Eile war nötig!</p> - -<p>Mein Flugzeug wurde natürlich während der -ganzen Stunden, die ich über den feindlichen -Stellungen schwebte, auf das heftigste mit Gewehren -und Maschinengewehren beschossen. Und -als das nichts half, kamen die Schrapnells. Die -waren allerdings eklig.</p> - -<p>Und immer wieder neue Überraschungen hatten -die Japaner für mich. Als ich zum Beispiel an einem -herrlichen Morgen mit prächtigem blauem Himmel -von einer Aufklärung zurückkam und landen -wollte, schwebten über meinem ganzen Landungsplatz -lauter kleine weiße Wölkchen in etwa dreihundert -Meter Höhe, die von oben ganz allerliebst -aussahen.</p> - -<p>Aber bald merkte ich, daß die Japaner sich wieder -einmal einen Scherz mit mir erlaubten, denn -die Wölkchen waren Sprengwolken von Zehneinhalb-Zentimeter-Schrapnells.</p> - -<p>Aber was half es — Zähne zusammen und durch!</p> - -<p>Und vier Minuten später stand meine Maschine -aus zweitausend Meter Höhe im Sturzflug -kommend, wohlbehalten auf dem Platz, und so -schnell ich konnte, rollte ich mit ihr in den Schuppen, -dessen Dach durch Erde geschützt war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> - -Nun galt es für mich, List anzuwenden.</p> - -<p>Und manchmal, wenn ich noch über den feindlichen -Stellungen war, stellte ich plötzlich den Motor -ab und sauste senkrecht auf eine Ecke meines -Platzes zu, so daß die Japaner glaubten, ich sei -abgeschossen, und sie so überrascht wurden, daß -ihre Schrapnells über dem Platz erst ankamen, -als ich bereits zum Schuppen rollte.</p> - -<p>Als ich aber immer wiederkam, da verlegten die -Japaner zwei ihrer Zehneinhalb-Zentimeter-Batterien -so weit nach hinten und nach der Seite, daß -ihre Schrapnells mich bequem erreichten, während -ich die Stunden über ihren Stellungen kreiste. -Das war das Unangenehmste, und oft wäre mein -Schicksal auch beinah besiegelt gewesen, wenn ich -nicht durch eine plötzliche scharfe Wendung das -Getroffenwerden vermieden hätte.</p> - -<p>Die Schrapnells krepierten dann so nahe, daß -ich trotz des Motorengeräusches das häßliche Bellen -der Detonation hörte, den heftigen Luftdruck im -Gesicht verspürte und mein Flugzeug so stark wie -eine alte Kuff im Seegang zu rollen anfing, was -mich bei meinen Beobachtungen stark belästigte.</p> - -<p>Ich muß offen sagen, sobald ich jedesmal glatt -gelandet war, spürte ich ein herrliches Gefühl der -Freude und der Genugtuung nach vollbrachter, -schwerer Arbeit, ja meist stieß ich vor lauter Freude -einen kräftigen Jauchzer aus.</p> - -<p>Zu denken auch:</p> - -<p>Nur vier Minuten früher war ich zweitausend Meter -hoch gewesen, hatte Stunden höchster Anstrengung<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span> -und Gefahr hinter mir und rollte nun trotz -Geschoß und Schrapnell auf Gottes schöner Erde -und hatte wieder festen Grund unter den Füßen!</p> - -<p>Sobald ich aufgesetzt hatte, kamen meine vier -braven Leute, die des Schrapnellhagels nicht achteten, -herangelaufen und halfen mir die Maschine -bergen. Mit freudigem Gekläff wurden sie umsprungen -von meinem treuen Hund Husdent.</p> - -<p>Und während die vier das Flugzeug zum nächsten -Male wieder klar machten, saß ich längst am -Steuer meines Autos, in der Brusttasche meine -Karten und Meldungen, neben mir Husdent, -und raste nochmals durch das Schrapnellfeuer -über den Platz und zum Gouvernement, wo -bereits auf meine Meldungen gewartet wurde.</p> - -<p>Ich glaube, man wird meine Freude und -meinen Stolz verstehen können, wenn ich meine -Aufzeichnungen auspacken konnte. Hatte ich doch -manchmal an einem Tage fünf bis sechs neue -feindliche Batterien entdeckt, und oft füllten meine -Beobachtungen vier Seiten der Berichtsformulare -aus.</p> - -<p>Der warme Händedruck des Dankes meines -Gouverneurs und des Chefs des Stabes sagte -mir genug.</p> - -<p>Und während ich dann nach Hause fuhr, um -zu frühstücken und mich zu erholen, da donnerten -bereits unsere Geschütze und warfen ihren Eisenhagel -in die von mir neu erkundeten Stellungen -hinein.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span></p> - - - - -<h2>Meine Kriegslist</h2> - - -<p>Wie traurig sah es jetzt in meinem Häuschen -aus, so einsam und verlassen!</p> - -<p>Gleich zu Beginn der Belagerung mußte der -gute Patzig sein Heim aufgeben und als Batteriekommandeur -zu seiner Einundzwanzig-Zentimeter-Batterie -eilen. Nur vier Wochen hat er -etwas von seiner schönen Wohnung gehabt, dann -saß er in seiner Kasematte und tat seine Pflicht, -bis seine letzte Granate verschossen war und die -Japaner mit ihren Achtundzwanzig-Zentimeter-Haubitzen -seine ganze Batterie zu einem wüsten -Trümmerhaufen verwandelten!</p> - -<p>Treulos verließ mich aber, als der erste Schuß -fiel, mein Chinesenkoch Moritz, und eines Abends -waren auch Fritz, Max und August spurlos verschwunden.</p> - -<p>Nach einigen Tagen kam ein neuer Chinesenkoch, -Wilhelm genannt, der mir mit großen Gebärden -erzählte:</p> - -<p>„Du, Vogelmaster, ich gute Koch sein, ich nicht -weglaufen wie die schlechte Kerl, die Molitz, iche -nicht Angst haben, ich <span class="antiqua">plenty</span> gut chau-chau -mache.”</p> - -<p>Ich glaubte es, versprach ihm fünf Dollars mehr, -und es ging auch ganz gut, bis eines Tages die -ersten feindlichen Granaten in der Nähe meines -Hauses krepierten und Herr Wilhelm ebenso spurlos -verduftete wie seine Vorgänger.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span> - -Nun saß ich mit meinem treuen Burschen -Dorsch in dem verwaisten Hause allein.</p> - -<p>Wir beide waren jetzt die einzigen Bewohner -des ganzen Villenviertels der Iltis-Bucht.</p> - -<p>Angenehm und sicher war der Aufenthalt gerade -nicht, denn die Villen waren an die Hügel gebaut, -die unsere Hauptbatterien trugen, und die -feindlichen Granaten, die bei diesen vorbeigingen, -trafen mitten in uns hinein. Wir beide -waren aber sehr vorsichtig. Wir zogen nämlich -aus dem oberen Stockwerk aus und richteten uns -im Erdgeschoß häuslich ein. Zum Überfluß stellten -wir beide noch unsere Betten so in eine Ecke, -daß wir nicht unmittelbar am Fenster lagen, und -das war dann Sicherheit genug. Gut, daß kein -dicker Koffer uns zu einem Versuch herausforderte.</p> - -<p>In der Luft blieb ich nicht lange allein.</p> - -<p>Am Vormittag des fünften September, bei unfreundlichem -Wetter, mit tiefhängenden Wolken, -hörten wir plötzlich das Brummen eines Motors, -und ich lief aus dem Hause, um zu sehen, was -los sei. Und schon schoß dicht über unseren -Köpfen ein riesiger Doppeldecker aus den Wolken. -Ich war sprachlos. Und wie gebannt schaute ich -dem Gespenste nach. Bald jedoch krachten die -ersten Bombenexplosionen, und nun gewahrte ich -auch die großen roten Bälle unter den Tragflächen -des Flugzeuges.</p> - -<p>Also ein Japaner!</p> - -<p>Ich muß sagen, mir war eigenartig zumute,<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span> -als ich den riesigen feindlichen Kollegen so dicht -über meinem Kopfe dahinschweben sah. Das -konnte ja für die Zukunft eine heitere Geschichte -werden!</p> - -<p>Für Tsingtau war das Erscheinen des feindlichen -Fliegers eine höchst unangenehme Überraschung. -Daß die Japaner auch Flugzeuge mitbringen -würden, das hatte keiner erwartet.</p> - -<p>Im ganzen hatten die Japaner im Laufe der -Belagerung acht Flugzeuge, darunter vier ganz -hervorragend große Wasserdoppeldecker, um die -ich die Japse herzlichst beneidete.</p> - -<p>Wie oft habe ich in den nächsten Wochen, wenn -die wunderschönen, neuen, großen Wasserdoppeldecker -der Japaner die Stadt umkreisten, sehnsüchtig -nach oben geschaut und mir solch ein Ding -herabgewünscht.</p> - -<p>Fliegen taten die Japaner sehr gut, und mit -außerordentlichem Schneid, das muß man ihnen -lassen.</p> - -<p>Ein Segen, daß ihr Bombenwerfen nicht ebensogut -war, sonst hätte es bös was für uns abgegeben.</p> - -<p>Die japanischen Fliegerbomben waren stark, -neuester Konstruktion und von ganz bedeutender -Sprengwirkung.</p> - -<p>Einen gewaltigen Vorteil hatten die feindlichen -Wasserflugzeuge. Sie konnten weit draußen, gänzlich -ungestört durch uns, ohne Rücksicht auf Windrichtung, -in aller Ruhe starten, hatten so viel Anlaufstrecke -vor sich, wie sie nur irgend wünschen<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span> -konnten, Windrichtung war gänzlich egal, und -wenn sie dann in größter Sicherheit ihre dreitausend -Meter erreicht hatten, kamen sie zu uns -herüber, und dann pfiffen sie auf unsere Schrapnells -und unser Maschinengewehrfeuer.</p> - -<p>Eins der Hauptziele der feindlichen Fliegerbomben -war mein Flugzeugschuppen.</p> - -<p>Die Sache wurde für mein Flugzeug bald so -ungemütlich, daß ich eines Tages auszog und -beschloß, meine feindlichen Kollegen ganz gründlich -anzuführen.</p> - -<p>Mein richtiger Schuppen lag auf dem Nordende -des Platzes, war von oben wundervoll zu -sehen und den Japanern natürlich zur Genüge -bekannt. Nun baute ich in aller Stille genau am -entgegengesetzten Ende des Platzes einen neuen -Schuppen, den ich direkt an einen Bergabhang -anlehnte und mit Erde und Gras so bedeckte, daß -von oben tatsächlich nicht das geringste zu sehen -war. Dann bauten wir mit vieler List und Tücke -aus Brettern, Segeltuch und Blech ein Scheinflugzeug, -welches von oben gesehen meiner Taube -täuschend ähnlich sah. Sowie nun in Zukunft die -feindlichen Flieger kamen, wurde Theater gespielt.</p> - -<p>An einem Tage waren die Tore meines alten -Schuppens auf, und davor saß im schönen grünen -Gras, breit und behäbig, mein Simulaker. An -einem anderen Tage waren die Tore geschlossen -und nichts zu sehen. Wiederum an einem Tage -saß mein Scheinflugzeug an einer anderen Stelle<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span> -des grünen Rasens, wo es sich besonders gut abhob, -und so ging es fort. Nun kamen die feindlichen -Flieger und warfen Bomben auf Bomben -und bemühten sich, diesen unschuldigen Vogel zu -treffen. Wir dagegen, mit unserem richtigen -Flugzeug, saßen quietschfidel und durch unser -Dach wohlgeschützt am anderen Ende des Platzes -und hielten uns den Bauch vor Lachen, wenn wir -sahen, wie die Bomben ihr unschuldiges Opfer -heimsuchten.</p> - -<p>Eines Tages, als wieder besonders viele Bomben -gefallen waren, nahm ich ein schönes Sprengstück -einer japanischen Fliegerbombe, befestigte -daran meine Visitenkarte und schrieb darauf: -„Den feindlichen Kollegen besten Gruß! Warum -werfen Sie mit so harten Gegenständen? Wie -leicht kann das ins Auge gehen! Und das tut -man doch nicht!”</p> - -<p>Diesen Brief nahm ich bei meinem nächsten -Fluge mit und warf ihn vor der japanischen -Wasserflugstation nieder.</p> - -<p>Das war aber nur die Ankündigung meines -Besuches.</p> - -<p>Im Artilleriedepot hatte nämlich einer der -Herren inzwischen Bomben für mich angefertigt. -Ganz großartige Dinger! Große Zweikilogramm-Blechbüchsen, -auf denen schön zu lesen war: Sietas, -Plambeck & Co., bester Java-Kaffee, wurden -mit Dynamit, Hufeisennägeln und Eisenstücken -gefüllt. Unten wurde eine Bleispitze angebracht -und oben ein Zünder, der daraus bestand, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span> -ein spitzer Eisenkern beim Aufschlagen auf das -Zündhütchen einer Gewehrpatrone schlug und -dadurch die ganze Bombe zur Explosion brachte. -Etwas unheimlich waren mir ja diese Dinger, -und wie ein rohes Ei faßte ich sie an, und ich war -immer herzlichst froh, wenn ich sie abgeworfen -hatte. Viel Schaden haben sie nicht angerichtet. -Einmal habe ich ein Torpedoboot getroffen, und -da ging das Ding nicht los; mehrere Male hätte -ich beinahe einen Transportdampfer erwischt, -und einmal habe ich gemäß japanischen Nachrichten -eine Bombe mitten in eine japanische -Kolonne geworfen und damit dreißig Gelbe zum -Hades befördert.</p> - -<p>Bei einer Gelegenheit hatte ich mich ganz besonders -geärgert, und das war, als ich eines -frühen Morgens das Lager unserer lieben Vettern -erkundet hatte und ihnen zu ihrem Morgenkaffee -meinen echt javanischen Kaffee beisteuern -wollte. Die Bombe fiel nach englischen Berichten -auf ihr Küchenzelt, und da dieses stark federte, -prallte sie leider wirkungslos ab.</p> - -<p>Das Vergnügen des Bombenwerfens habe -ich mir bald verkniffen. Ich hatte sowieso schon, -wo ich immer allein war, genug zu tun. Die -Wirkung rechtfertigte auch nicht die mit Bombenwerfen -verschwendete Zeit.</p> - -<p>Mit meinen feindlichen Fliegerkollegen habe -ich mich dann öfters in der Luft getroffen. Suchen -tat ich diese Begegnung nicht, denn ich -allein mit meiner langsam steigenden, schwerfälligen<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span> -Taube konnte gegen die großen Doppeldecker, -die drei Mann Besatzung an Bord hatten, -nichts ausrichten. Und vor allen Dingen hatte ich -die verdammte Pflicht, aufzuklären und dann das -Flugzeug Tsingtaus heil nach Hause zu bringen.</p> - -<p>Einmal war ich in meine Beobachtungen ganz -vertieft, als mein Flugzeug sehr stark anfing zu -schlingern und zu stampfen. Ich dachte, es wären -wieder einmal Luftstörungen, die durch die -vielen steilen und schroffen Gebirge hervorgerufen -wurden und ja das ganze Fliegen in -dieser Gegend so außerordentlich erschwerten. -Ohne also aufzusehen, beobachtete ich weiter -und erfaßte nur mit der einen Hand das Höhensteuer, -um das Flugzeug zur Ruhe zu zwingen.</p> - -<p>Nach meiner Rückkehr wurde mir zu meinem -Erstaunen erzählt, daß eins der feindlichen Flugzeuge -dicht über mir weggeflogen wäre, und alles -dachte schon, ich würde von diesem heruntergeschossen -werden.</p> - -<p>Das nächstemal paßte ich besser auf. Und als -ich einen meiner feindlichen Landkollegen dicht -unter mir erblickte, verfolgte ich ihn und schoß ihn -mit meiner Parabellum-Pistole mit dreißig Schuß -herunter.</p> - -<p>Kurze Zeit hinterher wäre es mir fast selbst so -ergangen. Ich war nur eintausendsiebenhundert -Meter hoch, und trotz der größten Anstrengung -kam und kam ich nicht höher. Ich war gerade -über dem feindlichen Wasser-Fliegerlager, und -einer der großen Doppeldecker startete soeben.<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span> -Ich führte nun meine Erkundungen weiter aus -und dachte: Na, der kann ja lange krebsen, bis -er so hoch ist wie du!</p> - -<p>Aber schon nach vierzig Minuten, als ich nach -links über die Tragflächen hinwegschaute, da -schwebte der Feind nur wenige tausend Meter entfernt -in derselben Höhe wie ich. Donnerwetter, -nun hieß es aufpassen und höher steigen. Aber -wie verhext streikte mein Vogel. Nicht einen Meter -gewann ich mehr, und schon nach fünfzehn Minuten -war der andere ein ganzes Stück höher als -ich, kam schräg auf mich zu, und ich merkte seine -Absicht, mir den Weg nach Tsingtau abzuschneiden.</p> - -<p>Jetzt ging's um die Wette, wer zuerst ankam -und sich zuerst über Tsingtau befand.</p> - -<p>Ich gewann das Rennen.</p> - -<p>Und als ich über meinem Platz war, da ging's -im steilsten Sturzfluge nieder, und als ich eben auf -dem Platze aufsetzte, da krepierten auch schon die -ersten feindlichen Bomben dicht hinter mir.</p> - -<p>Wie wunderbar manchmal so eine Bombe trifft!</p> - -<p>In Tsingtau war strenger Befehl, daß bei -Annäherung der feindlichen Flieger jedermann sofort -in Deckung zu gehen hätte, wodurch es ermöglicht -wurde, daß keine Verluste eintraten. Nur -einmal ist ein Unteroffizier verletzt worden und -einmal ein Chinese. Und das war wunderbar -genug! Auf meinem Platze arbeiteten ungefähr -hundert Chinesen, und bei Annäherung der -Flieger brachten sie sich schleunigst in Sicherheit.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span> - -Nur so'n brauner Geselle blieb an einem -Tage mitten auf dem Platze mutterseelenallein -sitzen und sah sich erstaunt den großen Vogel an. -Bums! ging eine Bombe nieder, und wo krepierte -sie? Ausgerechnet einige Schritte neben -diesem armen Teufel, und verletzte ihn schwer.</p> - -<p>Ja, ich sage, man muß nur Pech haben und -gerade da stehen, wo Granaten und ähnlich schwerverdauliche -Gegenstände herniederfallen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span></p> - - - - -<h2>Hurra!</h2> - - -<p>Und wie sah es nun inzwischen in Tsingtau aus? -Die Beschießung von See setzte täglich ein, -und bald kamen auch die ersten Landbatterien -und halfen mit bei dem höllischen Spiel. Außer -in den bombensicheren Räumen und Kasematten -gab es keinen sicheren Platz mehr in ganz Tsingtau. -Die Beschießung wurde heftiger und immer -heftiger, und an manchen Tagen wurden allein -von See aus mehrere hundert Dreißigeinhalb-Zentimeter-Schiffsgranaten -in das kleine Tsingtau -hineingeschossen.</p> - -<p>Am vierzehnten Oktober fand eine besonders heftige -Beschießung unseres Seewerkes Hu-Chuin-Huk -statt. Weit draußen fuhren die feindlichen Schiffe, -und schon nach der zweiten Salve deckten die -Dreißigeinhalb-Zentimeter-Granaten das kleine -Werk. Nun folgte Salve auf Salve. Das ganze -Werk war in Wassersäulen, Flammen und Rauch -eingehüllt, und das Krachen und Dröhnen der -krepierenden Granaten ließ die Erde erbeben.</p> - -<p>Wie immer, so stand ich auch an diesem Morgen -auf dem Küstenkommandeurstand nur rund tausend -Meter seitlich von dem beschossenen Fort ab -und erlebte so das grausige Schauspiel aus nächster -Nähe.</p> - -<p>Oft flogen die scharfen, bis über einen Meter -langen Sprengstücke der Granaten pfeifend und -surrend und unheimlich zischend über unsere Köpfe<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span> -weg, ohne daß wir darauf achteten, da uns der -Anblick des beschossenen Forts zu sehr gefangennahm. -Das Gesehene war so gewaltig, daß es -sich nicht beschreiben läßt.</p> - -<p>So etwas kann man nur erleben.</p> - -<p>Wir dachten mit Schmerzen an die tapfere Besatzung -und an ihren sicheren Untergang, aber -mitten im tollsten Feuer schoß die eine alte Vierundzwanzig-Zentimeter-Kanone -einen Schuß, -und voll Spannung richteten sich sofort alle unsere -Doppelgläser auf die feindlichen Schiffe.</p> - -<p>Und da plötzlich ein Hurra! So jubelnd und -froh entrang es sich unsern Kehlen, und drüben -beim englischen Linienschiff „Triumph” saß unsere -Sprenggranate mitten an Deck. „Triumph” -drehte sofort ab und lief mit äußerster Kraft davon, -und als kurze Zeit darauf unsere zweite -Granate ankam, konnte sie nur noch fünfzig -Meter hinter seinem Heck ins Wasser einschlagen.</p> - -<p>„Triumph” dampfte dann nach einigen Signalen, -die er mit dem japanischen Flaggschiff -wechselte, ab und ging zur Reparatur nach -Yokohama.</p> - -<p>Die drei japanischen Schiffe setzten ihre Beschießung -fort, aber nunmehr in noch respektvollerer -Entfernung, so daß es zwecklos war, mit -unseren alten Kanonen, die längst nicht so weit -reichten, zu feuern.</p> - -<p>Mittags um zwölf Uhr hörte die Beschießung -endlich auf, nachdem der Feind sowohl wie wir<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span> -mit Recht der Überzeugung sein konnten, daß das -Fort zerstört und die Insassen getötet seien.</p> - -<p>Sofort eilte der Stab des Küstenkommandeurs -zum Fort Hu-Chuin-Huk, und auch ich folgte -mit meinem Auto.</p> - -<p>Gewärtig eines furchtbaren Anblicks, waren wir -bei unserer Ankunft höchst erstaunt, die gesamte -Besatzung froh und vergnügt umherspringen zu -sehen, Sprengstücke sammelnd und die riesigen -Krater, die die feindlichen Granaten in den Boden -geschlagen hatten, bewundernd.</p> - -<p>Das war eine Freude! Kein einziger der Leute -verletzt, kein Geschütz beschädigt, kein bombensicherer -Raum durchschlagen!</p> - -<p>Der Erfolg der schweren Beschießung war: eine -Keksschachtel zerschlagen und ein Mannschaftshemd, -welches zum Trocknen gehangen hatte, zerrissen.</p> - -<p>Und dazu unter anderem Einundfünfzig- bis -Dreißigeinhalb-Zentimeter-Geschosse.</p> - -<p>Durch eine der dünnen Panzerkuppeln war -eine schwere Granate glatt durchgeschlagen und -war als Blindgänger friedlich auf den Eisenplatten -neben dem Geschütz liegengeblieben.</p> - -<p>Nun löste sich auch das Rätsel unseres eigenen -Schusses: Unsere Geschütze hatten eigentlich nur -eine Reichweite von hundertsechzig = hundert. -Aber da war die Bedienung dabeigegangen und -hatte es mit unendlichen Mühen fertig gebracht, -daß das Geschütz einige Sechzehntel Grade höher -gerichtet wurde und dadurch wieder zwei- bis dreihundert -Meter weiter schießen konnte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span> - -Und, das Geschützrohr in höchster Erhöhung -fertig geladen, hatte die wackere Besatzung und -ihr tapferer Batterieführer, Oberleutnant zur See -Haßhagen, trotz des furchtbaren Granatfeuers -ruhig am Geschützrohr ausgeharrt, bis endlich -eines der Schiffe in Reichweite kam.</p> - -<p>Und der erste Schuß, der saß gleich!</p> - -<p>Und das schönste war: er traf den Richtigen.</p> - -<p>Schade, daß beim zweiten Schuß der „Triumph” -schon so weit weggelaufen war, sonst hätte ihn -schon an diesem Tage sein Schicksal ereilt.</p> - -<p>Aber er entging ihm nicht!</p> - -<p>Und was wir nicht mehr vollbringen konnten, -hat einige Monate später unser Hersing ausgeführt. -Im Frühjahr Neunzehnhundertfünfzehn -hat er uns Tsingtauer gerächt, als er mit seinem -U-Boot vor den Dardanellen denselben „Triumph” -auf den Meeresboden hinabsandte.</p> - -<p>Wir Tsingtauer wissen ihm dafür Dank!</p> - -<p>Mit den Offizieren und der Besatzung des -Forts Hu-Chuin-Huk verband mich ein besonders -inniges Verhältnis.</p> - -<p>Von Rechts wegen gehörte ich überhaupt zu -ihnen, denn erstens grenzte mein Flugplatz an -das Fort, und zweitens waren sie jedesmal -Zeugen meiner Starts und vor allen Dingen -meiner Bemühungen, von ihren Kanonen frei -zu kommen. Und mehr als einmal standen die -Leute klar, um ins Wasser zu springen und mich -zu retten, da sie glaubten, ich stürze mit dem -Flugzeug hinein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span> - -Und so oft ich Gast des hervorragenden Fortkommandanten, -Kapitänleutnants Kopp, war, -malten wir uns in den schönsten Farben unseren -Einzug in Deutschland nach beendetem Kriege -aus, und da wurde selbstverständlich ausgemacht, -daß ich mit bei der Besatzung vom Fort Hu-Chuin-Huk -marschierte.</p> - -<p>Am siebzehnten Oktober spät abends stand eine -Gruppe von Offizieren in atemloser Spannung -auf dem Küstenkommandeurstand. Wir wenigen -hier oben wußten, worum es sich handle. Das -alte Torpedoboot <span class="antiqua">S</span> 90, Kommandant Kapitänleutnant -Brunner, sollte auslaufen.</p> - -<p>Schon zwei Abende vorher war er zu kühner -Nachtfahrt in See gegangen und hatte dort, von -wo aus die japanischen Schiffe uns beschossen, -Minen gestreut.</p> - -<p>Heute sollte er nun seine schwerste und letzte -Aufgabe erfüllen: die Linie der feindlichen Torpedoboots-Zerstörer -durchbrechen und eins der -feindlichen Schiffe angreifen.</p> - -<p>Es war eine helle Nacht, und der Mond ging gegen -zehn Uhr unter. Nun sollte das Boot auslaufen.</p> - -<p>Es wurde zehn Uhr, zehn Uhr dreißig, die -Spannung wuchs unerträglich. Nichts von <span class="antiqua">S</span> 90 -war zu sehen.</p> - -<p>Da — um elf Uhr gewahrten wir einen langen, -grauen Schatten, welcher sich vorsichtig auf dem -Wasser unterhalb des Perlgebirges dahinbewegte. -Und bald erkannte auch das scharfe Seemannsauge -die Formen des Torpedobootes.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span> - -„Glückliche Fahrt, ihr wackeren Leute!”</p> - -<p>Unser aller Herzen sandten ihnen die heißesten -Wünsche nach. Nun verschwand das Boot unseren -Blicken, und bald kam der gefährliche Moment, -wo es die feindliche Zerstörerlinie durchbrechen -würde.</p> - -<p>Gebannt starrten unsere Augen nach dem -offenen Meere, jeden Augenblick das Aufblitzen -der Scheinwerfer und das Mündungsfeuer der -feindlichen Geschütze erwartend.</p> - -<p>Alles blieb still.</p> - -<p>Es wurde zwölf Uhr, endlich zwölf Uhr dreißig, -ein Alp wich von uns allen. Die feindlichen Zerstörer -hatten nichts gemerkt. Nun mußte aber -das Boot am feindlichen Gros heran sein!</p> - -<p>Die Minuten wurden uns zu Stunden. Keiner -wagte zu sprechen.</p> - -<p>Da plötzlich um ein Uhr, ganz fern im Süden, -draußen auf weiter See, eine riesige Feuersäule -und dann von allen Seiten tastende, grelle Finger -von Scheinwerfern, und ganz leise kam nach -einiger Zeit ein dumpfes Grollen und Beben zu -uns herüber.</p> - -<p>Hurra! Das war <span class="antiqua">S</span> 90's Arbeit!</p> - -<p>Und schon um ein Uhr dreißig hatten wir -folgenden Funkspruch in der Hand:</p> - -<p>„Habe feindlichen Kreuzer mit drei Torpedos -angegriffen, alle Torpedos getroffen. Kreuzer -ist sofort in die Luft geflogen. Ich werde von -feindlichen Zerstörer-Flottillen gejagt, Rückweg -nach Tsingtau abgeschnitten, versuche nach Süden<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span> -zu entkommen und sprenge, wenn nötig, das -Boot in die Luft. Unterschrift: Brunner.”</p> - -<p>Dieses Telegramm allein dürfte wohl für den -Kommandanten, seine Offiziere und Besatzung -genug sprechen.</p> - -<p>Wenige Wochen drauf, ohne vorher daran gedacht -zu haben, traf ich in Nanking die <span class="antiqua">S</span> 90-Besatzung -wieder. Doch das ist eine spätere Geschichte.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span></p> - - - - -<h2>Der letzte Tag</h2> - - -<p>Die Belagerung nahm ihren planmäßigen -Fortgang. Immer näher gruben sich die -Japaner an uns heran, immer mehr schwere -Geschütze hatten sie in Stellung gebracht, und -mehrere Male hatten größere japanische Infanteriemassen -nächtliche Sturmversuche auf -unsere Infanteriewerke gemacht, wobei sie allerdings -gründlich abgeschlagen wurden. Nun wurden -die Infanteriewerke und besonders die davor -liegenden Drahtverhaue unter einem ständigen -feindlichen Artilleriefeuer gehalten, und auch -unsere Geschütze schwiegen kaum noch. Leider -waren wir gezwungen, mit der wenigen Munition, -die wir besaßen, sparsam umzugehen.</p> - -<p>Die außerordentliche Länge der Belagerung, das -dauernde Artilleriefeuer und die furchtbare Spannung, -in der wir lebten, fing allmählich an zu wirken.</p> - -<p>Auch meine Nerven begannen zu streiken.</p> - -<p>Zum Essen konnte ich mich kaum noch zwingen, -und schlafen konnte ich bald überhaupt nicht mehr. -Wenn ich nachts die Augen schloß, dann hatte -ich sofort im Geiste meine Karte vor mir und -sah unter mir das Schutzgebiet liegen, zerrissen -von den feindlichen Gräben und Stellungen. -Und dazu brummte mir der Kopf und sausten -mir die Ohren von dem Radau des Propellers, -und dazwischen hörte ich immer wieder die Worte -des Chefs des Stabes:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> - -„Plüschow, denken Sie daran, daß Sie jetzt -für Tsingtau wichtiger sind als das tägliche Brot! -Kommen Sie mir ja zurück und halten Sie das -Flugzeug heil! Und dann denken Sie daran, -wie wenige Granaten wir haben, und daß wir -sie auf Ihre Beobachtungen hin verschießen. -Seien Sie sich der Verantwortung bewußt!”</p> - -<p>Ja, weiß Gott, das war ich mir!</p> - -<p>Und ich hatte nichts mehr weiter im Kopfe -als die feindlichen Stellungen, und stundenlang -überkreuzte ich sie im Geiste immer wieder und -ging mit mir zu Rate, ob ich das, was ich gemeldet, -wirklich gesehen, ob ich mich nicht vielleicht -getäuscht hätte, und ob nicht dadurch die -wenigen Granaten, die wir besaßen, durch meine -Schuld nutzlos verschossen wurden.</p> - -<p>Und wenn ich dann mein Hirn stundenlang -zermartert hatte, schlief ich manchmal gegen drei -Uhr morgens, an Geist und Körper zerschlagen, -ein. Und kaum, daß ich eingeschlafen war, da -kam die Pflicht, und mein Monteur stand vor -mir und meldete mir mein Flugzeug klar.</p> - -<p>Da gab's dann kein Zögern mehr.</p> - -<p>Und bald stand ich an meiner Taube und -prüfte alle Teile noch einmal genau.</p> - -<p>Oft wollten mir dann meine Nerven noch -schnell einen Streich spielen, und auch mein Magen -klappte zusammen.</p> - -<p>Aber wenn ich erst auf meinem Führersitz saß, -den Gashebel in der Hand hatte und meinen -Leuten mit dem Kopfe ein Lebewohl zugenickt<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> -hatte, dann gab's nur eins für mich: Ruhe und -den eisernen Willen, meinen Auftrag auszuführen.</p> - -<p>Und wenn erst der Start hinter mir und ich -glücklich einige hundert Meter hoch war, dann -war alles wieder in schönster Ordnung.</p> - -<p>Eins kam hinzu, was mich besonders niederdrückte: -das war die furchtbare Einsamkeit, das -ewige Alleinsein in meinem Flugzeug. Ja, hätte -ich einen Kameraden mit mir gehabt, und wäre -es auch nur gewesen, um ihm ab und zu zunicken -zu können, das würde für mich eine wahre Erleichterung -gewesen sein.</p> - -<p>Und wenn ich mehrere Tage des schlechten -Wetters oder meines Propellers wegen nicht -hatte fliegen können und wieder über den feindlichen -Linien schwebte, dann hatte sich so furchtbar -viel verändert.</p> - -<p>Eine wahre Verzweiflung packte mich dann oft -in der Luft.</p> - -<p>Wo sollte ich bei dem vielen Neuen, das es da -unten gab, bloß anfangen? Wie sollte ich mich -aus dem Gewirr von Gräben, Zickzacks und -Stellungen herausfinden? Ganz mutlos ließ ich -dann die Karte sinken.</p> - -<p>Aber das waren nur Sekunden.</p> - -<p>Dann raffte ich mich zusammen, nahm -meinen Bleistift zur Hand und sah nach unten. -Und bald darauf hörte und merkte ich nichts -mehr um mich herum und sah nur noch den -Feind und meine Aufzeichnungen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span> - -Der siebenundzwanzigste Oktober war für uns -ein Jubeltag. Da traf von Seiner Majestät -dem Kaiser folgendes Telegramm ein:</p> - -<p>„Mit Mir blickt das gesamte deutsche Volk -voll Stolz auf die Helden von Tsingtau, die -getreu den Worten ihres Gouverneurs ihre -Pflicht erfüllen. Seien Sie alle Meines Dankes -sich bewußt!”</p> - -<p>Da gab es wohl keinen in Tsingtau, dem das -Herz nicht höher schlug. Unser Oberster Kriegsherr, -der zu Hause so schwer zu arbeiten hatte, -vergaß seine getreue kleine Schar hier im fernen -Osten nicht.</p> - -<p>Da gelobte sich wohl ein jeder in seinem -Innersten nochmals, so zu kämpfen und seine -Pflicht bis zum letzten zu tun, daß sein Kaiser -mit ihm zufrieden sein könnte.</p> - -<p>Bald rückte der einunddreißigste Oktober, der -Geburtstag des Mikado, heran. Durch Kundschafter -hatten wir erfahren, daß die Japaner an -diesem Tage Tsingtau bestimmt nehmen wollten. -Den Tag zu beschreiben ist unmöglich.</p> - -<p>Die Japaner hatten bis zu dieser Nacht ihre -sämtlichen Landbatterien fertig gebaut, und in -der Frühe um sechs Uhr dieses einunddreißigsten -Oktober Neunzehnhundertvierzehn donnerten auf -einmal von Land und See sämtliche feindlichen -Geschütze und warfen ihren furchtbaren Eisenhagel -auf uns herab.</p> - -<p>Als erstes schossen die Japse die Petroleumtanks -in Brand, und bei dem herrlichen blauen<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> -Himmel mit vollkommener Windstille stand die -riesige, dicke Qualmsäule wie ein drohendes -Rachezeichen aufrecht da. Die Japaner schossen -von Land in erster Linie mit schweren Haubitzen -bis zum Achtundzwanzig-Zentimeter-Kaliber hinauf, -und von See krachten die schwersten Schiffsgeschütze. -Das Fauchen und Herabsausen der -Haubitzgeschosse, das Zischen der Flachbahngeschosse, -das Aufschlagen der Granaten und -Sprenggranaten und die Detonation beim Krepieren, -dann das Bellen der zerplatzten Schrapnells -und das Dröhnen unserer eigenen schweren -Geschütze — das war ein Lärm, als ob die Hölle -selbst losgelassen wäre.</p> - -<p>Und wie wurden die Werke und all das in -der Nähe liegende Gelände mitgenommen! -Ganze Bergkuppen wurden abgetragen, tiefe -Krater ausgestampft.</p> - -<p>Endlich kam der Abend, und die Heftigkeit des -feindlichen Feuers ließ nach. Wir sowohl wie der -Feind glaubten bestimmt, daß unsere sämtlichen -Werke niedergekämpft seien, denn sie glichen zum -Teil nur noch Trümmerhaufen. Aber als unsere -braven blauen Jungens an ihre Kanonen eilten, -die zum Teil aus Erd- und Steinmassen förmlich -herausgegraben werden mußten, fanden sie fast -sämtliche Geschütze noch heil oder nur gering beschädigt.</p> - -<p>Da fingen plötzlich mitten in der Nacht, als wir -hören und sehen konnten, wie die feindlichen Sturmkolonnen -sich sammelten, unsere sämtlichen Eisenschlünde<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span> -an zu feuern und überschütteten die -feindlichen Batterien und die heranrückenden -Feinde mit ihrem vernichtenden Feuer. Die Wirkung -dieser Beschießung muß für die Japaner verheerend -gewesen sein.</p> - -<p>Es erfolgte kein Sturm, wie beabsichtigt, und am -nächsten Tage setzte das feindliche Artilleriefeuer -erst gegen Mittag sehr flau wieder ein. Allerdings -war es noch so kräftig, daß das kleine Fort Hu-Chuin-Huk -allein fünfzig Volltreffer aus schwersten -Haubitzen erhielt.</p> - -<p>Die Japaner zogen aus dieser Nacht ihre -Lehren. Und acht furchtbare Tage und Nächte -folgten für uns, an denen das feindliche Artilleriefeuer -auch keine Minute mehr stockte.</p> - -<p>Bei diesem furchtbaren Feuer hätte nach -menschlicher Berechnung kein Einziger von uns -am Leben bleiben dürfen. Aber wie durch ein -Wunder blieben unsere Menschenverluste gering. -Die japanische Artillerie schoß vorzüglich, was -auch nicht überraschte, da ein Teil ihrer Artillerieoffiziere -bei uns in Jüterbog auf Schießschule gewesen -war. Aber ihre Munition war schauderhaft. -Und das war unser Glück.</p> - -<p>Trotz des starken Feuers und der schweren Steilfeuergeschütze -ist es ihnen keinmal gelungen, eine -Kasematte, einen der bombensicheren Räume -oder ein Infanteriewerk zu durchschlagen. Dieses -und eine enorme Anzahl von Blindgängern war -der Grund unserer geringen Verluste. Und <em class="gesperrt">den</em> -Nörglern in Deutschland, die ich leider getroffen<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span> -habe, die meinten, der geringen Verlustzahl wegen -wäre Tsingtau nichts Rechtes gewesen, -möchte ich eines vor Augen halten: Wir hatten -nur eine Verteidigungslinie mit fünf kleinen Infanteriewerken, -einer Brustwehr und einem -kümmerlichen, schmalen Drahthindernis.</p> - -<p>Und diese Linie war sechstausend Meter lang und -wurde von dreitausend Mann gehalten. Eine zweite -Stellung und eine zweite Linie, und vor allen -Dingen Menschen, die diese hätten besetzen können, -gab es nicht mehr, denn wir waren ja im ganzen -nur etwas über viertausend Mann!</p> - -<p>Und als daher nach diesem achttägigen, -schwersten Artilleriefeuer das Drahthindernis -weggeblasen war und die Brustwehr weggeschossen, -da war es den dreißigtausend Japanern, -denen wir wochenlang standgehalten hatten, ein -leichtes, durchzustoßen und Tsingtau zur Übergabe -zu zwingen.</p> - -<p>In den ersten Tagen des November bereiteten -wir uns auf den Endkampf vor.</p> - -<p>Am ersten November nachts wurde unser treuer -Bundesgenosse, der österreichische Kreuzer „Kaiserin -Elisabeth”, nachdem er seine letzte Granate -verschossen hatte, von seiner wackeren Besatzung -in die Luft gesprengt und versenkt.</p> - -<p>Einige Tage darauf folgte ihm unser letztes -Schiff: das tapfere kleine Kanonenboot „Jaguar”.</p> - -<p>Dann folgten unser Dock und unser Riesenkran, -und bald darauf war die Werft ein Trümmerhaufen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span> - -Unsere Geschütze hatten sich verschossen, einige -waren durch das feindliche Artilleriefeuer vernichtet, -die meisten sprengten wir selbst in die -Luft, nachdem sie ihre Pflicht erfüllt hatten.</p> - -<p>Am fünften November Neunzehnhundertvierzehn -mußte auch ich ans Zerstören gehen, und -zwar galt es diesmal meinem Doppeldecker. -Durch mühsamste Arbeit hatte ich mit Hilfe des -früheren österreichischen Fliegerleutnants Clobuczar -und der Werft einen wundervollen, großen -Wasserdoppeldecker gebaut. Dieser war nun fertig -geworden, und ich wollte ihn jetzt einfliegen und -mit ihm meine Erkundungen fortsetzen, da ich -meinen Landflugplatz, der, nur vier- bis fünftausend -Meter vom Feinde entfernt, von diesem -dauernd unter Artilleriefeuer gehalten wurde, -nicht mehr benutzen konnte.</p> - -<p>Nun wurde doch nichts mehr aus meinem -Doppeldecker.</p> - -<p>All unsere Arbeit und Mühe war leider vergebens -gewesen.</p> - -<p>Dann am Nachmittage, da stand ich vor -meinem Gouverneur, und er sagte zu mir:</p> - -<p>„Wir erwarten stündlich den Hauptsturm der -Japaner! Sehen Sie zu, daß es Ihnen gelingt, -morgen früh die Festung auf Ihrem Flugzeuge -zu verlassen. Ich fürchte allerdings, der Japaner -wird Ihnen keine Zeit mehr dazu lassen.</p> - -<p>Und nun, Gott befohlen, und kommen Sie -gut durch. Und haben Sie Dank für die Arbeit, -die Sie für Tsingtau leisteten!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span> - -Und damit gab er mir die Hand.</p> - -<p>„Ich melde mich gehorsamst aus der Festung!”</p> - -<p>Damit war ich entlassen.</p> - -<p>Und nun folgte ein kurzes Abschiednehmen von -meinen Vorgesetzten und Kameraden, und ein -großer Stoß Privatbriefe wurde mir mitgegeben.</p> - -<p>Dann ging ich zum letzten Male in meine Villa -und nahm Abschied von meinen Räumen, von -vielen liebgewordenen Gegenständen, machte -meine Stalltür auf und ließ mein Pferdchen und -meine Hühner laufen, und dann ging's runter zu -meinem Flugzeug, um es zu seinem letzten Fluge -klarzumachen.</p> - -<p>Dann saß ich über meine Karte gebeugt, lernte -sie fast auswendig und rechnete und rechnete.</p> - -<p>Und dann ging ich nachts hinauf zum letztenmal -zu der Punkt-Kuppe, wo mein guter Freund, -der Oberleutnant zur See Aye, seit Wochen trotz -schwersten Artilleriefeuers bei seiner kleinen Batterie -ausharrte, und von wo aus man einen herrlichen -Ausblick über ganz Tsingtau und das gesamte -Vorgelände hatte. Überwältigt von dem -Anblick, der sich hier bot, blieb ich lange Zeit wie -gebannt auf der höchsten Felsspitze sitzen. Unter -mir wogte ein züngelndes Heer greller Blitze, -die von den Mündungsfeuern der wütend hämmernden -feindlichen Geschütze herrührten; und -wie ein goldenes Band zog sich von Meer zu -Meer das Gewehr- und Maschinengewehrfeuer, -welches unsere Leute dort unten im Tale abgaben. -Dicht über meinem Kopfe da war ein<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span> -Fauchen, Zischen und Sausen von Tausenden -der schwersten Geschosse, welche ganz dicht über -diese Kuppe hinwegfegen mußten, damit sie ihr -Ziel noch erreichen konnten. Hinter mir dröhnten -unsere eigenen Haubitzen ihre allerletzten Grüße -herüber, und von ganz weither, vom letzten Südzipfel -Tsingtaus, grollten die Einundzwanzig-Zentimeter -des Forts Hsiauniwa ihren ehernen -Schwanengesang.</p> - -<p>Zerwühlt im Innersten meiner Seele kehrte ich -zu Aye zurück, und nach einem herzlichen kameradschaftlichen -Abschiede, bei dem er mir zu meinem -kommenden Fluge alles Gute wünschte, drückten -wir uns kräftig die Hand und trennten uns.</p> - -<p>Ich war der letzte Offizier in Tsingtau, der ihm -die Hand geschüttelt hat. Wenige Stunden später -fiel er in heldenmütigem Kampfe gegen dreißigfache -japanische Übermacht samt seiner kleinen -Schar, als sie die Geschütze nicht übergeben -wollten.</p> - -<p>Ein leuchtendes Beispiel edlen Heldentums.</p> - -<p>Die mir jetzt noch bleibende Zeit blieb ich mit -meinen vier braven Leuten bei meinem Flugzeuge -klar stehen, um jeden Augenblick, falls die -Japaner stürmen und durchstoßen würden, meinen -Auftrag ausführen zu können.</p> - -<p>Am sechsten November Neunzehnhundertvierzehn -frühmorgens, als der Mond noch hell schien, stand -mein Flugzeug klar am Start, und vergnügt -brummte der Propeller sein Morgenlied.</p> - -<p>Zeit war nicht mehr zu verlieren. Der Platz<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span> -war dadurch, daß er von den Japsen unter -Granat- und Schrapnellfeuer gehalten wurde, -höllisch ungemütlich geworden. Kurz prüfte ich -nochmals meine ganze Maschine, dann gab's noch -einen kräftigen Händedruck meiner vier braven -Leute zum Abschied, und noch einmal streichelte -ich den Kopf meines treuen Hundes, dann gab -ich Vollgas, und wie ein Pfeil schoß die Taube -in die Nacht hinaus.</p> - -<p>Da plötzlich, als ich eben dreißig Meter hoch -und etwa über der Mitte des Platzes war, erhielt -mein Flugzeug einen furchtbaren Stoß, und -nur mit eiserner Faust konnte ich die Maschine -zur Ruhe zwingen und vor dem Absturz bewahren. -Eine feindliche Granate war gerade -unter mir krepiert, und der Luftdruck der Detonation -hätte mich beinahe zu Boden geschleudert.</p> - -<p>Aber gottlob! Außer einem faustgroßen Loch, -das ein Granatsplitter in meine linke Tragfläche -gerissen hatte, war kein Schaden angerichtet.</p> - -<p>Nun kamen nur noch die üblichen Schrapnells -hinter mir her. Das waren die letzten Abschiedsgrüße -der Japaner und ihrer englischen Bundesbrüder -für mich.</p> - -<p>Als ich hoch genug war, drehte ich noch einmal -um.</p> - -<p>Da lag das liebe, kleine Tsingtau, das so viel -durchgemacht und so viel noch auszuhalten hatte, -unsere geliebte zweite Heimat, das Paradies auf -Erden!</p> - -<p>Bis in meine einsame Höhe drang das Dröhnen<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span> -der Geschütze, das Krachen der Granaten und das -Knattern der Gewehre und Maschinengewehre.</p> - -<p>Ein unendliches Meer von aufzuckenden Blitzen -ließ deutlich die beiden Kampflinien erkennen. -Das alles waren die Anzeichen des begonnenen -Sturmangriffes und der verzweifelten Gegenwehr.</p> - -<p>Ob wir diesen dritten Sturmangriff auch noch -aushalten würden?</p> - -<p>Mit der Hand winkte ich nach unten. Lebwohl, -Tsingtau! Lebt wohl, ihr treuen Kameraden, die -ihr dort unten kämpft!</p> - -<p>So unendlich schwer wurde mir dieser Abschied, -es würgte mir etwas in der Kehle, und schnell riß -ich mein Flugzeug herum und nahm Kurs auf -Kap Jäschke.</p> - -<p>Und als die Sonne in all ihrer Pracht aufging, -schwebte ich schon hoch oben im blauen -Äther und über südlich liegenden wilden Gebirgen.</p> - -<p>Der modernste „Blockadebruch” war mir gelungen!</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span></p> - - - - -<h2>Im Schlamm des chinesischen -Reisfeldes</h2> - - -<p>Hinter dem Perlgebirge lag die feindliche -Flotte vor Anker. Da konnte ich's mir nicht -versagen. Ich umkreiste die Schiffe noch einmal.</p> - -<p>Dann ging es weiter und immer weiter mit -fast geradem Kurs dem südlichen China zu, einem -unbekannten Lande und einem ungewissen Schicksal -entgegen. Ich kam über zerklüftete, wilde Gebirge, -über Flüsse und weite Ebenen, dann zeitweise -über das offene Meer und über Städte und -Dörfer.</p> - -<p>Nach einer handgroßen Karte und meinem -Kompaß orientierte ich mich. Und schon um acht -Uhr früh hatte ich die zweihundertfünfzig Kilometer -hinter mir und mich glücklich nach meinem -Bestimmungsort Hai-Dschou in der Kiangsu-Provinz -zurechtgefunden.</p> - -<p>Suchend spähte ich in die Tiefe nach einem geeigneten -Landungsplatz. Doch damit sah es bös aus.</p> - -<p>Durch die furchtbaren Regengüsse der letzten -Zeit war das Land weit und breit überschwemmt. -Die einzigen trockenen Fleckchen waren mit Häusern -oder chinesischen Grabhügeln bedeckt. Endlich -hatte ich ein kleines, etwa zweihundert Meter -langes und zwanzig Meter breites Feld entdeckt, -das aber auf beiden Seiten von tiefen Gräben -und hohen Mauern, vorn und hinten vom Fluß -eingeschlossen war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span> - -Die Landung war verdammt schwer.</p> - -<p>Aber was half es, ewig oben bleiben konnte -ich doch nicht. Außerdem befand ich mich ja mitten -in China und nicht in Deutschland und war froh, -überhaupt noch diesen Platz gefunden zu haben.</p> - -<p>Jetzt ging ich hinunter in großen Spiralen, und -nach einem steilen Gleitfluge, bei dem die Maschine -infolge der erhitzten Luft schwer durchsackte, -stand ich um acht Uhr fünfundvierzig Minuten -früh mitten auf dem morastigen Reisfeld.</p> - -<p>Der Lehm war aber so weich und zäh, daß mein -Fahrgestell glatt versank und die Räder festgehalten -wurden; und mit einem mächtigen Stoß -sauste meine Maschine auf die Nase, sich im letzten -Moment beinahe noch überschlagend.</p> - -<p>Der Propeller flog in Stücke, aber meine Glieder -waren trotz des Stoßes Gott sei Dank heil -geblieben.</p> - -<p>Die Ruhe jetzt um mich herum berührte mich -ganz eigenartig. Seit Wochen endlich wieder kein -Dröhnen der Geschütze, kein Krachen krepierender -Granaten, kein Fauchen und Bellen zerplatzender -Schrapnells.</p> - -<p>Mit dem Schwänzchen hoch in der Luft und -dem Schnabel tief im Dreck stand friedlich und -ruhig mein Täubchen im Sonnenschein.</p> - -<p>In weiter Entfernung drängten sich Haufen -von Chinesen: Männer, Weiber und viele, viele -Kinder, in angsterfülltem Staunen.</p> - -<p>Sie alle, wie auch alle anderen Chinesen, deren -Land ich überflogen hatte, konnten das Wunder<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span> -kaum fassen, denn ich war ja der erste Flieger hier, -und alle dachten, der böse Geist käme in eigenster -Person, um nun Unheil zu stiften.</p> - -<p>Als ich gar aus meiner Maschine kletterte und -versuchte, einige Menschen heranzuwinken, war -kein Halten mehr. Schreiend und heulend lief -alles davon, die Männer voran, ihre hingefallenen -Kinder nach ihrer Meinung dem Teufel als -Opfer zurücklassend. Wirklich, mein Erscheinen -könnte im dunkelsten Afrika keinen größeren -Schrecken hervorgerufen haben.</p> - -<p>Kurz entschlossen lief ich hinter der Horde her -und griff mir drei, vier Chinesen bei ihren Zöpfen -und schleppte die Heulenden an mein Flugzeug -heran, um ihnen zu zeigen, daß der große Vogel -keinem was täte.</p> - -<p>Nach einiger Zeit half das, und als ich ihnen -sogar einige Geldstücke gab, da meinten sie, es -wäre doch wohl ausnahmsweise mal ein guter -Geist angeschwirrt gekommen, und willig halfen -sie mir, das Flugzeug wieder in horizontale Lage -zu bringen. Als die anderen das merkten, da -kamen sie gleich in solchen Massen, daß ich mich -wunderte, daß die Maschine nicht zerdrückt wurde.</p> - -<p>Das Staunen der Chinesen! Das Antasten -und Befühlen! Das Schnattern und Lachen!</p> - -<p>Nur wer die Chinesen kennt und weiß, wie -kindlich sie sein können, kann sich vorstellen, in -welch köstlicher Situation ich mich befand.</p> - -<p>Umtost von einer Horde Naturkinder saß ich -quietschfidel in meinem Führersitz auf meinem<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span> -Blechkasten mit den Geheimdokumenten, neben -mir zur Sicherheit die Mauser-Pistole, und wartete -der Dinge, die da kommen sollten.</p> - -<p>Jeder Versuch, mich mit den Chinesen zu verständigen, -war aussichtslos. Die Kerls grinsten -fröhlich oder lachten mich einfach aus.</p> - -<p>Aus dieser heiteren Lage befreite mich nach -einiger Zeit ein kräftiges: <span class="antiqua">„Good morning, Sir!”</span> -und neben mir stand ein Herr, der sich als -<span class="antiqua">Dr.</span> Morgan von der Amerikanischen Mission -vorstellte. Nach herzlicher Begrüßung und festem -Händedruck klärte ich <span class="antiqua">Dr.</span> Morgan schnell über -meine Lage auf und bat ihn, besonders da er -fließend Chinesisch sprach, um seine Hilfe.</p> - -<p>Ich merkte bald, daß ich mich in gutem und -sicherem Schutz befand.</p> - -<p>Mein riesiger chinesischer Paß, den ich aus -Tsingtau mitbekommen hatte, wurde sofort zum -Mandarin geschickt; nach einer Stunde kam ein -Trupp von vierzig Soldaten aus der nur zehn -Minuten entfernt gelegenen Kaserne und wurde -zur Bewachung um mein Flugzeug aufgestellt.</p> - -<p>Jetzt nahm ich die Einladung <span class="antiqua">Dr.</span> Morgans -zum Frühstück gern an, und mit allen Sachen, -die nicht niet- und nagelfest waren, zog ich mit -ihm zur Mission.</p> - -<p>Ich wurde hier aufs reizendste aufgenommen -und lernte Frau Morgan, ferner Frau Rice, -die Gattin des amerikanischen Missionars, und -einen Herrn G. kennen, die sich alle auf das -liebenswürdigste um mich bemühten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span> - -Ich saß gerade beim Frühstück, als mir ein -chinesischer Offizier gemeldet wurde, der mir sagte, -daß eine Ehrenwache von einer Kompagnie für -mich vor dem Hause aufgezogen wäre, und daß -er Befehl hätte von seinem Mandarin, sich nach -meinen Wünschen und meinem Wohlbefinden zu -erkundigen, und endlich, daß der Mandarin selbst -in einer halben Stunde seinen Besuch persönlich -bei mir abstatten würde.</p> - -<p>Ich war erfreut über so viel Aufmerksamkeit.</p> - -<p>Bereits nach zehn Minuten kam wiederum Besuch, -und diesmal waren es die Stadtoberhäupter -von Hai-Dschou, die mir ihre Grüße überbringen -wollten.</p> - -<p>Die Situation war einzig. Ich saß inmitten -dieser alten, ehrwürdigen Chinesen, nachdem vorher -unendlich viele tiefe Verbeugungen unter Gemurmel -und Gezisch ausgetauscht waren. Die -Unterhaltung wurde bald recht lebhaft. Als Dolmetscher -arbeitete dabei Herr Morgan.</p> - -<p>Und nun ging das Gefrage los: Woher ich -käme, wie es in Tsingtau aussähe, ob es <em class="gesperrt">wirklich</em> -wahr sei, daß ich durch die Luft gekommen, -wie lange ich gebraucht hätte, und was für ein -Zauber es erwirkt hätte, daß ich fliegen könne. -All die vielen Fragen ließen sich kaum beantworten, -und trotzdem der Dolmetscher sich die -größte Mühe gab, viel verstanden haben die guten -Söhne des Landes der Mitte nicht.</p> - -<div class="figcenter" style="width: 416px;"> -<img src="images/illu-105.png" width="416" height="600" alt="" /> -<div class="caption">Mein chinesischer Paß</div> -</div> - -<p>Ein kleiner Zwischenfall ereignete sich auch.</p> - -<p>Noch während wir bei der Unterhaltung saßen,<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span> -wurde der Haus<em class="gesperrt">frau</em> ein Besuch angekündigt, und -vorbei huschten und trippelten zehn bis zwölf -allerliebste kleine Chinesinnen, in prachtvollste, -buntseidene Höschen und Gewänder gehüllt. -Zwei, drei dieser Geschöpfchen blieben vor Neugier -und Schrecken an der offenen Tür des -Zimmers, in dem wir Männer saßen, stehen und -guckten mich mit offenen Mäulchen und großen, -erstaunten Augen an. Ein kurzer Zuruf von Frau -Morgan ließ sie erschrocken auseinanderfahren -und fortlaufen. Den Grund dieses eigenartigen -Verhaltens erfuhr ich später. Für eine vornehme -Chinesin ist es ein großer gesellschaftlicher Fehltritt, -wenn sie durch ihre Neugier und durch ihren -Anblick einen männlichen Gast beleidigt!</p> - -<p>Die drei Sünderinnen erhielten auch eine ernste -Strafpredigt. Ich muß sagen, daß ich über diese -Sitte nicht erfreut war, denn gern hätte ich mir -diese allerliebst aufgeputzten Dämchen recht genau -angesehen.</p> - -<p>Meine Wirtin erzählte mir auch, wie sie von -den Chinesinnen mit Fragen bestürmt worden -wäre. Vor allem wollten diese wissen, was das -heute morgen für ein böser Geist gewesen wäre, -der so schreiend und brummend ihre Stadt bedroht -hätte. Als ihnen gesagt wurde, daß darin -ein Mensch gesessen hätte, der aus Tsingtau käme, -da lachten sie einfach und meinten: nein, wenn -sie auch dumm wären und die Weißen sie immer -anführten, so dumm wären sie doch nicht, solch -einen Unsinn zu glauben!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span> - -Jedenfalls, versicherte mir Frau Morgan, -würden sämtliche Fehlgeburten, Mißernten und -Fehlschläge der nächsten zwei Jahre von den abergläubischen -Chinesen dem Erscheinen meines Flugzeuges -zugeschrieben werden, und besonders die -Medizinmänner würden die Sache für sich ausnutzen.</p> - -<p>Gegen elf Uhr vormittags erschien unter -großem Tamtam, Getrommle und Getute der -Herr Mandarin in eigenster Person. Außerordentlich -wohlgenährt, den Kopf tadellos rasiert, -in prachtvollem seidenen Gewande schritt er mit -großer Würde einher. Die Begrüßung war -äußerst feierlich. Die tiefen, fast bis zur Erde -reichenden Verbeugungen wollten kein Ende -nehmen.</p> - -<p>Nachdem der Mandarin sich nach meinem Befinden -und nach meinen Wünschen erkundigt -hatte, sicherte er mir in liebenswürdigster Weise -seine vollste Unterstützung zu und verabschiedete -sich.</p> - -<p>Sein Heimweg geschah in gleich feierlicher -Weise.</p> - -<p>Sobald ich meinen amtlichen Gegenbesuch gemacht -hatte und vom Mandarin zum Abendessen -eingeladen worden war, ging ich an das Abmontieren -meines Flugzeuges.</p> - -<p>Doch das war leichter gesagt als getan. Ich -selber hatte nur einen Schraubenschlüssel mit und -suchte nun nach Werkzeugen. Ach, ich befand mich -ja in China, in einer Gegend des Landes, wo es<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> -noch genau so aussah wie vor tausend Jahren -und Schraubenschlüssel und Schraubenzieher etwas -Unbekanntes waren.</p> - -<p>Endlich entdeckte ich in der Amerikanischen Mission -eine Axt und ein kümmerliches sägenähnliches -Ding.</p> - -<p>Damit ging es an die Arbeit, und da ich -wenigstens meinen treuen hundertpferdigen Mercedesmotor -vor der Vernichtung retten wollte, -hieb und sägte ich ihn vom Rumpfe ab. Jetzt -zeigte sich, was gute deutsche Arbeit war. Ganze -vier Stunden brauchte ich, ehe der Motor abgeschlagen -dalag, so fest war alles gebaut.</p> - -<p>Um den Gesetzen der Neutralität nachzukommen, -gab ich den Motor dem Mandarin zur -Aufbewahrung ab.</p> - -<p>Dann kam das Traurigste.</p> - -<p>Da das übrige Flugzeug selbst mit abgenommenen -Tragflächen in kein Stadttor und in keine -Straße der Stadt hineinpaßte, mußte ich es dem -Flammentod übergeben. Ich übergoß es mit -Benzin, zündete es an, und sofort ging es in -hellen Flammen auf und verbrannte restlos.</p> - -<p>Mir war zumute, als ich meine wackere Taube -brennen sah, wie wenn ich einen lieben, treuen -Kameraden verlöre.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span></p> - - - - -<h2>Die Fischvergiftung -des Mr. McGarvin</h2> - - -<p>Am Abend ging's zum Mandarin.</p> - -<p>Als ich aus meiner Tür trat, strahlte der ganze -Hof von Fackeln und unzähligen großen Lampions. -Die Wache war ins Gewehr getreten und -präsentierte, die Trommeln wirbelten, und die -Musikanten machten ihre wohl nur für Chinesenohren -angenehm klingende Musik. Ja, der Mandarin -hatte mir sogar seine eigene Sänfte zur Benutzung -gesandt.</p> - -<p>Ich werde diesen Abend niemals vergessen.</p> - -<p>Ich saß in meiner mit blauer Seide und Fenstern -mit Vorhängen ausgestatteten Sänfte, die -von acht prächtigen Burschen getragen wurde. -Vorneweg, an den Seiten und hinter der Sänfte -marschierten Soldaten mit aufgepflanztem Gewehr -und Dutzende von Läufern mit riesigen -Lampions. Sanft wiegte die Sänfte auf und ab -bei den kräftigen Schritten der Träger. Alle zehn -Minuten gab der vorderste von ihnen ein Signal -durch lautes Aufklopfen seines Stabes auf die -Erde, die Sänfte hielt, die Träger hoben die -Tragstangen auf die andere Schulter, und weiter -ging's im Geschwindschritt.</p> - -<p>Nach vierzig Minuten waren wir vor dem Palast -des Mandarins angelangt. Ohrenbetäubende -Musik, Kommandorufe und heller Lampion- und -Fackelschein empfingen mich auch hier. Die mittleren<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span> -Türen der riesenhaften Tore flogen vor mir -auf, und vor dem letzten Tor kam mir der Mandarin -persönlich zum Empfang entgegen.</p> - -<p>Mehrere hohe Würdenträger und einige Generale -waren bereits versammelt, und nach zeremonieller -Begrüßung gab es den üblichen grünen, dünnen -Willkommenstee, bei welcher Gelegenheit ich dem -Mandarin zum Zeichen meines Dankes meine Mauser-Pistole -nebst Munition als Geschenk überreichte.</p> - -<p>Der Mann war sichtlich erfreut, und wohlgemut -setzten wir uns zu Tisch. Eine riesige, runde -Tafel, bedeckt mit einigen fünfzig Schüsseln, in -denen die größten chinesischen Leckerbissen schwammen, -empfing uns. Um mich als Gast auszuzeichnen, -erhielt ich Messer und Gabel, und dann -ging die Arbeit los. Nur sechsunddreißig Gänge -habe ich zählen können. Und was gab es da -alles! Von den zartesten Schwalbennestern zu -den feinsten Haifischflossen, vom Zuckerrohrspitzensalat -bis zum delikatesten Hühnerragout -war nichts vergessen. Von allem mußte ich kosten. -Und der Mandarin war unermüdlich mir aufzulegen. -Ja, manchmal, wenn er einen guten Bissen -auf seinem Teller hatte, faßte er ihn mit seinen -Fingern und legte ihn mir auf meinen Teller. -Zu trinken gab es Flaschenbier, welches doch schon -seinen Weg in die hiesige Gegend gefunden hatte, -dazu Reisschnaps.</p> - -<p>Die schwerste Arbeit hatte wieder Herr Morgan, -welcher die lebhafte, oft der Komik nicht entbehrende -Unterhaltung zu verdolmetschen hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span> - -Die Kämpfe um Tsingtau, die Verluste der Japaner -und Engländer und die Fliegerei interessierten -die Chinesen am meisten. Das Fragen -nahm kein Ende.</p> - -<p>Äußerst herzlich und dankbar verabschiedete ich -mich von meinem Mandarin, und am nächsten -Tage mußte ich auch von meinen liebenswürdigen -Gastgebern Abschied nehmen.</p> - -<p>Als ich im Flugzeug landete, hatte ich nur eine -Zahnbürste, ein Stück Seife und meinen Fliegeranzug, -aus Bordjackett mit Schärpe und Gamaschen -bestehend, bei mir. Einen Zivilsportanzug -hatte ich außerdem im Flugzeug mitgenommen. -Diesen Anzug legte ich jetzt an. Das -fünfjährige Töchterchen des Missionars schenkte -mir dazu ihr altes abgeschabtes Filzhütchen als -Ersatz für meine Sportmütze, die mir ein Chinese, -während ich mein Flugzeug abtakelte, gestohlen -hatte, und gegen Abend wurde ich unter -wiederum großen Zeremonien zu der kleinen, mir -vom Mandarin zur Verfügung gestellten Dschunke -geführt.</p> - -<p>Meine Begleitung und gleichzeitig Ehrenwache -auf der kommenden Fahrt bestand aus dem -chinesischen General Liu, der sich als Piratenbekämpfer -bereits einen Namen geschaffen hatte, -aus zwei Offizieren und fünfundvierzig Mann -außer dem Bootspersonal. Zum Umfallen müde -nach all dem Durchgemachten, ging ich in mein -kleines Holzkämmerchen, wo ich zu meiner Überraschung -und Freude statt einer Holzpritsche einen<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span> -herrlichen Schlafsack mit Decken und Matratze -vorfand, den mir die fürsorgliche Missionarsfrau -an Bord gesandt hatte. Ohne diese Sachen wäre -es mir wohl schlecht ergangen in meinem dünnen -Sportanzügelchen. Es herrschte grimmige Kälte, -durch große Ritzen und Löcher pfiff der Wind, und -durch die Decke konnte ich den Sternenhimmel -sehen.</p> - -<p>Und während meine Gedanken weit nördlich -bei meinen tapferen Kameraden in Tsingtau -weilten und sich mit deren und Tsingtaus Schicksal -befaßten, und ich darüber nachdachte und dem -gütigen Schicksal dankte, daß es mir vergönnt -gewesen war, durch all die schweren Kämpfe und -Gefahren und all das Erlebte unversehrt durchzukommen, -um meine Aufgabe bis zum letzten -Tag zu erfüllen, kam endlich der Schlaf und -schloß mich in seine sicheren Arme.</p> - -<p>Die Fahrt ging nur langsam vorwärts. Die -Dschunken wurden von zwei Kulis mit einer Leine, -die oben an der Mastspitze befestigt war, längs des -Ufers stromaufwärts gezogen. Die erste Strecke -bis Bampu, die ich in meinem Flugzeuge in knapp -zwanzig Minuten zurückgelegt hätte, wurde in -eineinhalb Tagen bewältigt! Später ging es -besser, und besonders als der Wind günstig wurde -und wir segeln konnten. Fünf volle Tage hat -diese Reise gedauert, um von Hai-Dschou bis -Nanking zu gelangen.</p> - -<p>Die Fahrt war außerordentlich interessant für -mich. Sie führte durch ein Netz von Flüssen bis<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span> -zum alten berühmten Kaiserkanal und durch -diesen zum Jangtsekiang bis nach Nanking. Wir -durchfuhren eine Gegend, die wegen des Piratenunwesens -berüchtigt war, und passierten Städte, -die niemals ein europäischer Fuß betreten hatte. -Am Tage, während die Dschunke getreidelt werden -mußte, ging ich mit meinem General und der -Hälfte der Wache am Ufer nebenher und sah mir -besonders eingehend die äußerst interessanten -Städte und darin das von keiner europäischen -Kultur berührte chinesische Gewühl an. Zu hellen -Haufen liefen die chinesischen Männer, Weiber -und Kinder aus ihren Häusern, sahen mich, der -ich meist ohne Hut ging, voll Verwunderung an, -ja einzelne berührten mich, um sich davon zu -überzeugen, daß ich wirklich ein Mensch sei.</p> - -<p>Meine hellblonden Haare und blauen Augen -schienen ihnen das größte Rätsel zu sein.</p> - -<p>Meine Spaziergänge und der Aufenthalt auf -der Dschunke verliefen ziemlich schweigsam. Mein -liebenswürdiger General war zwar recht gut -europäisch angezogen, aber um die Hosen an den -Fußgelenken hatte er sich doch die typischen chinesischen -Bänder gewickelt, und von seinem Hinterkopf -baumelte ein prächtiger langer Zopf, der -kokett durch den Gürtel des Jacketts gesteckt war. -Außer Chinesisch verstand der gute Mann auch -nicht ein Wörtchen einer anderen Sprache, und -mir ging es so mit dem Chinesischen. Bei unseren -Mahlzeiten, die recht opulent waren, nur furchtbar -nach Zwiebel und Knoblauch schmeckten, saßen<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span> -wir beide uns in dem kleinen Dschunkenkämmerlein -gegenüber, lachten uns ab und zu freundlich -an, und das war die ganze Unterhaltung.</p> - -<p>Endlich, am elften November, langten wir in -Jang-dschou-fou an, und man kann sich wohl vorstellen, -mit welcher Gier ich mich auf die erste -Zeitung stürzte.</p> - -<p>Voll Erregung, endlich etwas über das Schicksal -Tsingtaus zu erfahren, durchflog ich die Seiten -der „Shanghai Times”. Da, auf der zweiten -Seite der Name Tsingtau! Aber nein, das war -doch gar nicht möglich, so etwas konnte es doch -nicht in der Welt geben! Und voll Ekel und Abscheu -gegen diese gemeine englische Lügenbrut las ich:</p> - -<p class="center"> -Tsingtaus feige Übergabe.<br /> -</p> - -<blockquote> - -<p>Die Festung ohne Schwertstreich genommen.</p> - -<p>Die ganze Besatzung betrunken und plündernd.</p></blockquote> - -<p>Und dann kam so viel unflätiger Dreck, so viel gemeine -Lüge, daß ich voll Verachtung die Zeitung -fortwarf. So etwas wagten die Engländer, die -sich so unrühmlich vor Tsingtau benommen hatten, -über unsere tapferen Verteidiger zu behaupten?</p> - -<p>Ach ich kannte ja die englischen Zeitungen noch -nicht! Später habe ich mich in Schanghai und -dann in Amerika bei den amerikanischen Zeitungen -an ganz was anderes gewöhnen müssen; von -England ganz zu schweigen. Nun hatte ich aber -wenigstens Gewißheit über Tsingtaus Schicksal, -das unvermeidlich kommen mußte. Auch nicht -einen Augenblick zu früh hatte ich die Festung<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span> -verlassen, kurze Zeit darauf mußte sie sich der -Übermacht ergeben.</p> - -<p>Am Nachmittage dieses elften November Eintausendneunhundertvierzehn -trafen wir glücklich -in Nanking ein.</p> - -<p>Auf dem Bahnhof wurde mir vom Kapitänleutnant -Brunner, dem Kommandanten des -Torpedobootes <span class="antiqua">S</span> 90, und von seinen Offizieren -ein herzlicher Empfang zuteil.</p> - -<p>In Wagen fuhren wir zu dem Gebäude, in dem -die Offiziere und Mannschaften von <span class="antiqua">S</span> 90 untergebracht -waren, und wo zu meinem allergrößten -Erstaunen auch für mich schon eine Koje klar gemacht -war. Auf mein erstauntes Fragen wurde -mir dann von meinen Kameraden mitgeteilt, -daß ich ebenfalls interniert werden sollte und -alle sich schon gefreut hätten, den vierten Mann -zum Skat zu haben. Erstens mal spiele ich keine -Karten, was ich auch laut zum Ausdruck -brachte; zweitens dachte ich über die Frage der -Internierung ganz anders, was ich aber für mich -behielt.</p> - -<p>So zog ich denn mit meinem General Liu zu -dem Palast des Gouverneurs von Nanking. Leider, -oder vielmehr zu meinem Glück, war der Herr -Gouverneur nicht zu sprechen. Ein alter chinesischer -Arzt empfing mich sehr freundlich, wünschte -mir ein weiteres Wohlergehen, und daß ich mich in -Nanking wohl fühlen möchte.</p> - -<p>Ich dankte ihm für das Wohlergehen, hatte -aber meine eigene Ansicht über das Wohlfühlen!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span> - -Nun verabschiedete ich mich mit meinem General -Liu, der sichtlich froh war, seine Mission erfüllt -zu haben, und als ich in meinen Wagen stieg, -da setzte sich ein chinesischer Soldat in vollem -Dienstanzug zu mir.</p> - -<p>Auf meine erstaunte Frage, was das zu bedeuten -habe, antwortete er mir in leidlichem -Deutsch: Er sei mein „Ehrenposten” und wäre -mir zu meinem <em class="gesperrt">Schutze</em> beigegeben, und er -würde mich von nun ab auf allen meinen Wegen -begleiten.</p> - -<p>Na, der Tobak war doch ein bißchen zu stark!</p> - -<p>Das war gegen die Verabredung!</p> - -<p>In Hai-Dschou war mir ausdrücklich versichert -worden, daß die Fahrt nach Nanking lediglich -eine Formsache wäre und ich dann vollständig -frei sein würde.</p> - -<p>Hier wollte man mich also internieren?</p> - -<p>Da mußte ich schnell handeln, bevor mir einer -der Chinesen etwas über Internieren sagen konnte -und mich meiner Freiheit beraubte. Das unangenehmste -war der „Ehren”-Posten, aber Mittel -und Wege mußte ich finden.</p> - -<p>Am Abend dieses Tages waren wir Offiziere -alle bei einem deutschen Bekannten eingeladen. -Mein Plan stand fest. Nach einigen gemütlichen -Stunden, während deren ich immer wieder von -Tsingtaus letzten Tagen erzählen mußte, brachen -gegen zehn Uhr abends die Offiziere bis auf meine -Wenigkeit auf und gingen, gefolgt von ihren -treuen Posten, nach Hause. Eine halbe Stunde<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> -später war es auch für mich die höchste Zeit -zu verschwinden, wenn ich noch entkommen -wollte.</p> - -<p>Als mein Gastgeber aus der Haustür heraustrat, -wer stand da vor ihm? <em class="gesperrt">Mein</em> gelber Wächter!</p> - -<p>Nun war Holland in Not! Aber kurz entschlossen -schickte ich unseren Boy zu dem Wächter und -ließ ihn fragen, was er eigentlich hier wolle, die -Herren wären ja längst weg, er solle nur laufen, -um sie noch einzuholen, sonst würde er womöglich -wegen seiner Unaufmerksamkeit bestraft werden.</p> - -<p>Und während dieser arme Kerl mit hängender -Zunge den anderen nachlief, fuhr ein verschlossener -Wagen vor, in dem ich Platz nahm und mit -äußerster Kraft zum Bahnhof fuhr, wo der neueröffnete -Expreßzug bereitstand. Das letzte freie -Bett konnte ich gerade noch erhaschen. Mein -Schlafkupee war bereits verschlossen, und auf -mein energisches Klopfen öffnete ein langer Engländer, -der wegen der Störung ein wütendes -Gesicht schnitt. Ich behandelte ihn natürlich wie -Luft, und eins, zwei, drei war ich in der oberen -Koje, drehte das Licht aus und tat so, als ob ich -mich auszöge. In Wirklichkeit verkroch ich mich -recht tief in meine Decken und Kissen, fest entschlossen, -wenn jemand etwas von mir wolle, nicht -aufzuwachen. Nicht einen Augenblick habe ich -während dieser achtstündigen Fahrt geschlafen.</p> - -<p>So oft der <span class="antiqua">D</span>-Zug hielt, kroch es kalt über -meinen Rücken, und ich dachte: Ha, jetzt holen sie -dich! Und wenn gar draußen viele Stimmen laut<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span> -wurden, dann war ich überzeugt, daß meine letzte -<span class="antiqua">D</span>-Zug-Fahrt in diesem Kriege gekommen wäre.</p> - -<p>Nichts ereignete sich. Den Gebrauch des Telegraphen -zu Verhaftungen schienen die Chinesen -Gott sei Dank noch nicht zu kennen, und so lief -planmäßig um sieben Uhr früh der Zug in Schanghai -ein. Jetzt kam noch die gefährliche Klippe der -Bahnsperre; sie wurde überwunden.</p> - -<p>Dann kam eine schnelle Fahrt im Rickschah -durch den chinesischen Stadtteil, in dem die chinesischen -Behörden noch Gewalt über mich hatten, -und endlich bog mein Wägelchen in die Europäerstadt -ein.</p> - -<p>Hurra, ich war frei!</p> - -<p>Nun konnte keiner mehr von mir was wollen.</p> - -<p>Hocherfreut fuhr ich zu einem deutschen Bekannten, -der mich in liebenswürdigster Weise aufnahm.</p> - -<p>Drei volle Wochen blieb ich in dieser Stadt, ehe -es mir nach vielen Mühen gelang, meine Reise -fortzusetzen.</p> - -<p>Drei volle Wochen voller Erlebnisse und voller -Gefahren des Gefangenwerdens, voll von Versteckspielen.</p> - -<p>Was war natürlicher, als daß ein Oberleutnant -zur See P. nicht bekannt war und auch der Herr -Meyer, der einige Tage da gewohnt hatte, abgereist -war?</p> - -<p>Daß ein Mr. Scott für einige Tage gute Bekannte -besuchte, das ging doch keinen was an. -Aber ich mußte nun vorsichtig sein. Besonders,<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span> -da ich außerordentlich viel Leute in Schanghai -kannte, zum Teil noch Engländer usw., die noch -kurz vor dem Kriege mit mir in Tsingtau zusammen -gewesen waren.</p> - -<p>Vier bis fünf Namen hatte ich abwechselnd -und logierte abwechselnd bei meinen Bekannten.</p> - -<p>Da konnten die Chinesen einmal suchen!</p> - -<p>Das Schwierigste war: wie nach Amerika kommen? -Alles hatte ich versucht, nichts hatte Erfolg. -Nur einmal wäre ich beinahe mit einem -<em class="gesperrt">englischen</em> Schiff fortgekommen. Das war eine -lustige Begebenheit. Einer meiner Freunde kannte -den Reedereibesitzer, einen englischen Juden, Mr. -Penny, sehr gut. Mit diesem Bekannten zog ich -eines Tages zu Herrn Pfennig und versuchte mein -Glück. Ich hatte einen einfachen Anzug angezogen, -sah ziemlich verwahrlost aus und machte -einen ängstlichen, verprügelten Eindruck. Mein -Freund ließ uns anmelden, und nach einiger Zeit -durften wir vor dem strengen Gesicht des Herrn -Pfennig, eines dicken, fetten Frosches, erscheinen. -Die beiden Herren schienen sich gut zu kennen, und -die Begrüßung war dementsprechend.</p> - -<p>Ich blieb ganz bescheiden an der Tür stehen, -sah beschämt auf meine zerrissenen Schuhe und -drehte mein Hütchen in der Hand und verstand -<em class="gesperrt">selbstverständlich</em> von der ganzen englisch geführten -Unterhaltung kein Wort.</p> - -<p>Mein Freund fing an:</p> - -<p>„Herr Pfennig, ich komme mit einer großen -Bitte zu Ihnen, ich habe hier einen Lausebengel<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span> -mit mir, dessen Vater ich gut kenne, und der früher -ein guter Geschäftsfreund von mir gewesen ist. -Dieser Bengel nun, der erst siebzehn Jahre alt ist, -kniff seinem Vater wegen einer Mädelgeschichte -aus und hat sich als Schiffsjunge herumgetrieben, -bis er hier gänzlich mittellos und sein Unrecht -einsehend bei mir strandete. Ich möchte nun den -Jungen, der übrigens Schweizer ist und kaum -ein Wort Englisch versteht, nach Europa zurückschicken -und wollte Sie fragen, ob Sie nicht auf -einem Ihrer Dampfer einen Platz als Küchenjunge -frei hätten. Damit ihm ein für allemal -seine Flausen vergehen, wäre ein grober Kapitän -ganz angebracht und ebenso entsprechende Arbeit.”</p> - -<p>Herr Pfennig würdigte mich während dieser -Zeit kaum eines Blickes, nur ab und zu sah er -mich verächtlich an, und ich schien unter seinen -Blicken sichtlich zu zerknirschen. „Ja”, sagte er, „für -so was habe ich gerade was. Heute nachmittag -fährt der Dampfer ‚Goliath’ direkt von hier nach -San Francisco (jetzt spitzte ich aber die Ohren!), -da kann er mit. Eine Tracht Prügel wird es dann -und wann auch setzen, die schadet ihm aber nichts. -Ich lasse Ihnen nachher gleich telephonisch Bescheid -sagen, wann der Dampfer geht. Sechs -Wochen Kartoffelschälen werden dem Jungen -wohl gut tun.”</p> - -<p>Wir waren entlassen.</p> - -<p>Draußen kniff ich meinem Freunde so toll in -den Arm, daß er vor Schmerzen aufschrie, und -als wir endlich auf der Straße waren, da hielt ich<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span> -es nicht mehr aus. Und heraus platzte ich mit -einem Lachen, so herzhaft und froh, daß unwillkürlich -die Leute, die an uns vorbeigingen, mitlachen -mußten. Daß ich während der durchgemachten -Szene ruhig bleiben konnte, war ein -Wunder. Am Nachmittag erfuhr ich leider, daß -der Dampfer wegen der Flut zwei Stunden früher -abgegangen wäre. Nun war's Essig, und die -Arbeit begann von vorn. Dampfer gingen ja -genug, aber das Üble war dabei, daß sie alle über -Japan fuhren und sich dort mehrere Tage aufhielten.</p> - -<p>Das durfte ich nur im äußersten Notfalle -wagen.</p> - -<p>Aber das Glück ließ mich nicht im Stich. An -einem Tage traf ich zufällig einen Freund, mit -dem ich vor Jahren manch lustige Nacht im fernen -Osten durchgebummelt hatte. Der war gleich bei -der Hand. Und schon nach einigen Tagen hatte er -mir die nötigen Papiere besorgt, und mir genaue -Verhaltungsmaßregeln erteilt. Aus einem Mr. -Scott, Meyer oder Brown war plötzlich ein steinreicher -vornehmer Engländer geworden mit dem -schönen Namen McGarvin. Dieser Herr war -Vertreter von Singers Nähmaschinen und reiste -von Schanghai zu seinen Fabriken nach Kalifornien.</p> - -<p>Was war natürlicher, als daß Mr. McGarvin -den nächsten großen amerikanischen Postdampfer -benutzte!</p> - -<p>An Bord dieses Schiffes gab es nur zwei -prachtvolle Luxuskabinen. In der einen wohnte<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span> -ein amerikanischer Milliardär, in der anderen der -Oberleutnant zur See Plüschow, o Verzeihung, was -sage ich da, ich meine natürlich der Singer-Nähmaschinen-Fabrikant -McGarvin. Eine Schwierigkeit -war noch zu überwinden: das unbemerkte -Entkommen aus Schanghai.</p> - -<p>Da halfen mir wieder meine Bekannten aus. -Drei Tage bevor der Dampfer ging, nahm ich -überall offiziell Abschied und verbreitete, daß ich -mich in Schanghai nicht mehr sicher fühlte und -nun nach Peking reiste, um bei der Deutschen Gesandtschaft -tätig sein zu können. Tatsächlich fuhr -ich auch in meinem Wagen um elf Uhr abends -zum Bahnhof. Daß der Kutscher allerdings -einige Straßen vorher abbog und in scharfem -Trab nach Süden fuhr und aus der Stadt heraus, -konnte ich nicht wissen.</p> - -<p>Woher sollte ich auch Schanghai kennen?</p> - -<p>Nach ungefähr zwei Stunden, während deren -der Wagen längs des Wusungflusses gefahren -war, hielten wir. Zwei mit Revolvern bewaffnete -Männer traten an den Wagen heran, eine kurze -Parole, ein Händedruck, dann küßte ich voll Ehrerbietung -und Dankbarkeit zwei schlanke weiße -Frauenhände, die sich mir aus dem Wageninnern -entgegenstreckten, und fort sauste das Gefährt. -Meine beiden Freunde nahmen mich in ihre Mitte, -auch ich zog meinen Revolver, und wortlos stiegen -wir in eine bereitliegende Dschunke.</p> - -<p>Die Nacht war stockfinster, der Wind heulte, und -unheimlich gurgelte das schmutzige dunkle Wasser,<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span> -welches, von der Ebbe mitgenommen, an uns vorbeischoß.</p> - -<p>Mit aller Kraftanspannung wriggten vier -dunkle Chinesengestalten an ihren Riemen, und -nach etwa einer Stunde hatten wir viele Kilometer -stromabwärts unseren Bestimmungsort -am jenseitigen Ufer erreicht.</p> - -<p>Lautlos legten wir an, lautlos verschwand die -Dschunke, und ebenso lautlos schritten wir einem -dunklen Gebäude zu, welches inmitten eines kleinen -Gartens in der Nähe von riesigen Fabrikgebäuden -lag.</p> - -<p>Der helle Glanz elektrischer Lampen, der uns -entgegenstrahlte, nachdem die Eingangstüren -sorgfältig verschlossen waren, blendete grell meine -Augen.</p> - -<p>Bald sah ich aber, daß ich mich in einer gemütlich -eingerichteten Junggesellenwohnung befand. -Ein Tisch war gedeckt, und wacker langten wir den -köstlichen Speisen zu. Nun wurde der Kriegsplan -ausgeheckt.</p> - -<p>Die Wohnung gehörte den beiden jungen Leuten, -die am Tage in der Fabrik zu tun hatten. -Die Bedienung im Hause war selbstverständlich -rein chinesisch, und das war gut.</p> - -<p>Mein Aufenthalt in diesem Hause mußte unter -allen Umständen geheim bleiben, besonders da -hier auch noch ein unangenehmer Mann wohnte, -der zur „Entente” gehörte.</p> - -<p>Die Angst der Chinesen vor bösen Geistern -und besonders den Aberglauben vor Verrückten<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span> -wollten wir ausnutzen. Meine Aufgabe war einfach -die: drei volle Tage den wilden Mann zu -spielen.</p> - -<p>Ich erhielt ein Zimmerchen, in das ich eingeschlossen -wurde. Der Boy wurde von seinem -Herrn eingehend instruiert und eingeschüchtert, -und so konnte ich sicher sein, daß nichts verraten -würde.</p> - -<p>Donnerwetter! Ich habe nicht gedacht, daß es -so schwer ist, einen Verrückten zu simulieren. Drei -Tage blieb ich in diesem Zimmer eingesperrt, tobte -herum, und nur ab und zu beruhigte ich mich und -saß stumpfsinnig in meinem Sessel.</p> - -<p>Sobald der Boy, der draußen Wache ging, -diese Beruhigung merkte, machte er vorsichtig die -Tür auf und schob noch vorsichtiger sein Tablett, -auf dem Essen stand, hinein und setzte es auf ein -daneben stehendes Tischchen. Und wie der Blitz -zog er den Arm wieder zurück, und ich konnte -ordentlich fühlen, mit welcher Erleichterung er den -Schlüssel im Schloß von außen umdrehte. Wenn -ich dann manchmal laut herauslachte, weil ich -eben einfach platzte vor Vergnügen, dann glaubte -sicher der brave Gelbe, ein neuer Anfall habe mich -gepackt.</p> - -<p>Am Abend des dritten Tages schlug endlich -meine Befreiungsstunde.</p> - -<p>Ebenso vorsichtig und geräuschlos wie bei der -Ankunft verließen wir wieder das Haus.</p> - -<p>An der Landungsstelle lag ein großes Dampfboot, -ein kurzer herzlicher Abschied, und stromabwärts<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span> -ging die Fahrt auf die Wusung-Reede, wo -der riesige Dampfer „Mongolia” lag.</p> - -<p>Es war schlechtes Wetter, starker Seegang, und -nicht mal das Fallreep war gefiert. Nach vielem -Rufen und Schreien bemühte sich endlich jemand, -das Fallreep herabzulassen, und mit „<em class="gesperrt">dem</em>” Koffer -in der Hand bestieg Mr. McGarvin das -Schiff.</p> - -<p>Kein Mensch kümmerte sich um mich. Das Deck -war nur halb erleuchtet, und schließlich ging ich an -einige Schiffsoffiziere heran und fragte sie nach -meiner Kabine. Ein unwilliges Gebrumm, welches -auf deutsch hieß: Laß mi mei Ruh', antwortete -mir. Aber als ich diesen Herren mein -Billett unter die Nase rieb, da änderte sich die -Situation mit einem Schlage. Tiefe Verbeugungen -und Entschuldigungen. Ein Pfiff aus der -Batteriepfeife eines Offiziers, und herbei rauschten -mehrere Stewards, voran der weiße Obersteward. -Die Deckslampen flammten hell auf. Die Stewards -rissen sich um „den” Koffer, und voll Dienstbeflissenheit -geleitete mich der Obersteward in -meine Luxuskabine. Er floß förmlich über vor -Höflichkeit.</p> - -<p>„O, Mr. McGarvin, warum kommen Sie -denn heute schon, der Dampfer geht doch erst übermorgen -früh, das ist doch heute mittag in Schanghai -überall bekanntgegeben worden!” Ich machte -ein wütendes Gesicht und tat empört darüber, daß -mir als Inhaber einer Luxuskabine das nicht mitgeteilt -worden sei.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span> - -Dann kam mein feister chinesischer Kabinensteward. -Die Ruhe und die Vornehmheit in -eigenster Person. Beinahe hätte er mich in Verlegenheit -gebracht. Durch einen seiner Unterboys -ließ er meinen Koffer hereinbringen und fragte -im zweifelnden Tone, ob das denn das ganze Gepäck -wäre.</p> - -<p>„Ja”, sagte ich.</p> - -<p>„Oh,” meinte er, „da sind die anderen Gepäckstücke -wohl schon im Gepäckraum?”</p> - -<p>„Aber natürlich, meine schweren Koffer sind -bereits gestern verladen worden, und ich hoffe sehr, -daß der Lademeister gut auf meine wertvollen -Strandkoffer achtgeben wird.”</p> - -<p>Ach der gute Chinaxe, wenn der geahnt hätte, -daß ich schon stolz war, diesen einen Koffer zu besitzen, -und selbst dieser war bedenklich leicht!</p> - -<p>Endlich, am fünften Dezember Neunzehnhundertvierzehn, -abends setzte sich der Dampfer -„Mongolia” in Bewegung.</p> - -<p>Trotz des schönen Wetters und des guten Essens -erkrankte plötzlich am nächsten Tage Mr. McGarvin. -Was es war, konnte er selbst nicht genau -sagen. Wahrscheinlich eine schwere Fischvergiftung, -und schleunigst wurde der Schiffsarzt geholt. Dies -war ein glänzender Mann, Sportsmann durch -und durch und für jeden köstlichen Scherz sofort -zu haben. Seine anfangs besorgte Miene nahm -schnell einen erstaunten Zug an, als ihm aus der -Koje des vermeintlich Todkranken ein blühendes, -braun verbranntes Gesicht entgegenleuchtete.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> - -Ich hatte Vertrauen zu ihm, und in kurzen Worten -schilderte ich ihm meine Lage. Selten habe -ich ein paar Augen so erfreut aufleuchten sehen -wie die des Arztes, nachdem ich ihm meine Sünden -gebeichtet hatte. Ein schallendes Gelächter -und ein kräftiger Händedruck sagten mir, daß ich -an den richtigen Mann gekommen war. Der -Steward klopfte an.</p> - -<p>Besorgte Amtsmiene des Arztes, Stöhnen des -Patienten.</p> - -<p>Vorsichtig huschte der Steward hinein, und mit -leiser, eindringlicher Stimme sagte ihm der Arzt: -„Du, Boy, dieser Master sehr krank sein, gar nicht -stören, vor zehn Tagen Aufstehen unmöglich, das -beste Essen, vom Koch sorgfältig ausgewählt, stets -ans Bett bringen, wenn Master Wünsche hat, -mich sofort holen.”</p> - -<p>Bei dieser Rede hatte ich bereits einen Bettzipfel -im Mund, und wenn's länger gedauert -hätte, würde ich wohl noch die ganze Bettdecke -verschlungen haben. Ich war wieder mal im -Bilde.</p> - -<p>Drei Tage Seefahrt, dann kam der erste der -drei gefürchteten japanischen Häfen. Friedlich -lief der Dampfer in Nagasaki ein, und sofort -stürzte sich eine Flut von Zollbeamten, Polizisten -und Kriminalbeamten an Bord. Die Glocke -tönte durchs Schiff und der Ruf: Alle Passagiere -und alle Mann antreten zur Musterung! Und -nun ging die Untersuchung und das Gefrage los. -Die Passagiere waren im Salon versammelt.<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span> -Jeder einzelne wurde namentlich aufgerufen, -ganz gleichgültig ob Mann, Frau oder Kind, -wurde von einer Kommission aus Polizeioffizieren -und Kriminalbeamten vernommen, die -Papiere genau revidiert und dann von einem -japanischen Arzt genau auf ansteckende Krankheit -untersucht. Vor allen Dingen wollten sie -genau wissen, wer derjenige wäre, der aus Tsingtau -käme! Der fünfunddreißigste Name, der -aufgerufen wurde, war McGarvin. Alles sah -sich um, keiner hatte diesen natürlich gesehen. Da -trat der Arzt heran, machte ein sehr bedenkliches -Gesicht und flüsterte seinem japanischen Kollegen -unter bedauerndem Achselzucken eine schreckliche -Geschichte ins Ohr.</p> - -<p>Eine Viertelstunde darauf hörte ich viele Stimmen -vor meiner Kammer, es wurde ganz vorsichtig -die Tür geöffnet, und herein ging der -amerikanische Arzt und schlichen sich zwei japanische -Polizeioffiziere und der japanische Arzt. -Fest zusammengerollt und leise stöhnend lag der -arme Fischvergiftete da, nichts war von ihm zu -sehen, als etwas vom Haarschopf.</p> - -<p>Der Amerikaner trat ans Bett und berührte -vorsichtig meine Schulter, was mir scheinbar -fürchterliche Schmerzen verursachte. Sofort trat -der Arzt vom Bett zurück und sagte halblaut: <span class="antiqua">„Oh, -very ill, very.”</span> Die Japaner, welche sich von -Anfang an voller Scheu in der wundervoll eingerichteten -Kabine umgesehen hatten, schienen -froh zu sein, aus dieser ihnen ungewohnten Umgebung<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span> -schnell wieder rauskommen zu können. -Mehrere tiefe Bücklinge, ein zischendes Geräusch -durch die Zähne, welches ihre besondere Ehrerbietung -ausdrücken sollte, ein leise gemurmeltes: -<span class="antiqua">„Oh, I beg your pardon!”</span> und raus war die -ganze gelbe Gefahr.</p> - -<p>Ich glaube, während dieser ganzen Szene und -besonders vorher hatte ich doch etwas Schüttelfrost, -der sich aber schnell wieder legte.</p> - -<p>Am Nachmittage riskierte ich doch einen Augenblick -aufzustehen, um mir vom Schiff aus Nagasaki, -das ich von früher her kannte, anzusehen.</p> - -<div class="figcenter" style="width: 600px;"> -<img class="bordered" src="images/illu-131.jpg" width="600" height="276" alt="" /> -<div class="caption">Die Landung in Hai-Dschou (China).</div> -</div> - -<p>Der Anblick, der sich mir bot, trieb mich schnell -wieder in die Koje. Der Hafen war mit unzähligen -Dampfern besät, welche unter reichstem Flaggenschmuck -zu Anker lagen. Ein außerordentliches -Leben herrschte an Bord dieser Schiffe, -überall wurden Truppen, Pferde und Geschütze -ausgeladen, alle Soldaten waren festlich geschmückt, -die Häuser der Stadt verschwanden fast -unter Girlanden und Fahnenschmuck, eine unabsehbare, -froh bewegte Menge strömte durch die -Straßen und nach der Festwiese, wo Parade und -Truppenschau abgehalten wurde. Nun wußte -ich's. Das waren ja die <em class="gesperrt">Sieger</em> von Tsingtau! -In ganz Japan wurde heute die Niederwerfung -und Bezwingung des <em class="gesperrt">ganzen Deutschen Reiches</em> -gefeiert. In den japanischen Zeitungen, die -in Englisch erschienen, konnte ich an diesem Abend -unter anderem lesen, daß es den Engländern, Franzosen -und Russen nicht gelungen sei, Deutschland zu<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span> -besiegen, aber <em class="gesperrt">sie</em>, die Japaner, <em class="gesperrt">sie</em> hätten es -fertiggebracht und wären damit jetzt ohne Zweifel -das beste und stärkste Heer der ganzen Welt. -Doch genug von diesen Lächerlichkeiten, die Amerikaner -und Engländer haben sich ganz ähnliche -Sachen geleistet.</p> - -<div class="figcenter" style="width: 600px;"> -<img class="bordered" src="images/illu-132.jpg" width="600" height="389" alt="" /> -<div class="caption">Verbrennen des Flugzeuges nach der Landung auf -chinesischem Boden<br /> - -<p> -× Der Verfasser -</p> -</div> -</div> - -<p>Noch zweimal legte der Dampfer während dieser -Tage in japanischen Häfen an. Sowohl in -Kobe wie in Yokohama spielte sich in meiner -Kammer derselbe Vorgang ab wie in Nagasaki — -Mr. McGarvin blieb krank und — — — unbehelligt. -Fünf volle Tage blieben wir im ganzen -in Japan. Aber endlich, nachdem ich acht ganze -Tage im Bett gelegen hatte, ohne daß mir etwas -fehlte als eben die Krankheit, verließen wir die -gefährlichen Gewässer, und als die japanische -Küste hinter uns am Horizont verschwand, da -soll es auf dem Dampfer einen jungen Mann -gegeben haben, der wie unsinnig vor Freude -herumsprang und sein kleines Hütchen, welches -ehemals einem fünfjährigen Mädchen im fernen -China gehört hatte, in der Richtung nach Japan -schwenkte und lachend rief: <span class="antiqua">„Good bye, Japs, -good bye, Japs!”</span></p> - -<p>Unter allerlei Unterhaltungen, wie sie eben an -Bord eines so großen Dampfers gepflogen werden, -zogen die Tage dahin. An Bord waren auch -mehrere deutsche Herren, die der Krieg aus ihrer -bisherigen Heimat vertrieben, dann einer meiner -Kameraden, der bis jetzt in Schanghai zu tun gehabt -hatte, und ein Kriegskamerad von mir: der<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span> -amerikanische Kriegsberichterstatter Mr. Brace, -welcher als einziger Ausländer die ganze Belagerung -Tsingtaus mitgemacht hatte.</p> - -<p>Neptun sorgte für Abwechslung. Kurz vor -Honolulu bekamen wir einen starken Taifun auf -den Kopf, der zwei Tage andauerte, und bei dem -der Dampfer ernstlich in Gefahr schwebte.</p> - -<p>Als wir in Honolulu bei strahlendem Sonnenschein -ankamen, da traute ich meinen Augen -kaum. Da vorne, da wehte ja die deutsche Kriegsflagge! -Es war kein Zweifel.</p> - -<p>Und als wir festgemacht hatten, lag neben uns -winzig wie eine Nußschale der kleine Kreuzer -„Geier”, welcher sich, wie wir später erfuhren, -von der Südsee aus in mehrmonatiger Reise bis -nach hier durchgeschlagen hatte und interniert -worden war. Welch ein eigentümliches Zusammentreffen! -Liebe Kameraden, von denen ich -lange nichts mehr gehört hatte, traf ich hier mitten -im Kriege, fern der Heimat nach großen Erlebnissen. -Da gab's ein Fragen und Erzählen, -das wollte kein Ende nehmen.</p> - -<p>Der „Geier” hatte sich bei Ausbruch des Krieges -fern unten in der Südsee zwischen dem Gewirr -der Koralleninseln befunden. Die Mobilmachung -mit Rußland hatte er noch erfahren, dann war -seine Funkentelegraphie entzweigegangen, und er -schwamm ohne Nachrichten im Stillen Ozean -herum. Erst vierzehn Tage später erfuhr der -„Geier” etwas vom Kriege mit England und noch -später den mit Japan. Da hieß es aufpassen.<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span> -Und umstellt und gehetzt von einer Schar von -Feinden ist es dem kleinen Kreuzer gelungen, -wochenlang segelnd oder im Schlepp eines kleinen -Dampfers sich die Tausende von Seemeilen bis -nach Honolulu durchzuschlagen. Und als der -große japanische Kreuzer, der bei der Einfahrt von -Honolulu auf ihn lauerte, sich an einem Morgen -die Augen rieb, da lag das kleine Nußschälchen -schon wohlgeborgen im Hafen, und stolz wehte -die Flagge am Mast, und der gelbe Aff' mußte -mit eingezogenem Schwanze nach Hause laufen.</p> - -<p>Nach der Abfahrt von Honolulu hatte ich noch -ein ernstes Hühnchen mit meinem Kriegskorrespondenten -zu rupfen. Dieser brachte mir nämlich -freudestrahlend die „Honolulu Times” und zeigte -mir stolz das erste Blatt, auf dem in riesigen Lettern -mein Name, meine Stellung und meine -Herkunft zu lesen waren und darunter ein spaltenlanger -Artikel, der alle Schandtaten aufzählte, die -ich in und nach der Belagerung Tsingtaus vollbracht -hatte.</p> - -<p>Also echt amerikanisch; nach dem, was über -einen in der Zeitung steht, wird man erst beurteilt.</p> - -<p>Mir war die Sache äußerst peinlich, denn ich -hatte allen Grund zu befürchten, daß die amerikanischen -Behörden mich auf dieses Schreiben -hin in San Francisco festnehmen würden. Doch -alle Amerikaner an Bord beruhigten mich in -dieser Beziehung, und meinten, ich würde in -Amerika vollständig unbelästigt herumgehen können, -denn, was ich gemacht hätte, wäre ein <span class="antiqua">„good<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span> -sport”</span>, dafür hätten die Amerikaner Sinn. Sogar -im Gegenteil, der Amerikaner würde sich -kolossal darüber freuen, und wenn ich vernünftig -wäre und von meinen törichten deutschen Offiziersansichten -abließe, dann könnte ich in Amerika -ein ordentliches Stück Geld verdienen. Ich solle -mich bloß an eine richtige Zeitung wenden, und -die würde die Sache an der Hand ihrer Reklame -ordentlich inszenieren, und dann könnte ich, möglichst -mit Musik vorneweg, von Stadt zu Stadt -ziehen und Vorträge halten und <span class="antiqua">plenty dollars</span> -einheimsen. Ja, es waren überhaupt Gemütsmenschen, -die Herren Amerikaner. Einer dieser -Herren, ein ganz famoser netter Mann, der eine -reizende Tochter mit an Bord hatte, kam eines -Tages zu mir, nahm mich beiseite und sprach im -vollsten Ernste:</p> - -<p>„Sehen Sie mal, Mr. McGarvin, Sie gefallen -mir, ich habe Interesse an Ihnen. Was -wollen Sie jetzt anfangen? Geld haben Sie wahrscheinlich -nicht, in Amerika kennt Sie niemand, -und gute Arbeit findet sich dort sehr schwer!”</p> - -<p>„Nun, ich will nach Deutschland und will für -mein Vaterland kämpfen, ich bin doch Offizier!”</p> - -<p>Ein mitleidiges Lächeln seinerseits.</p> - -<p>Er: „Aus Amerika herauszukommen, ist ausgeschlossen, -und dann, Ihr Vertrauen und Ihre -Begeisterung in Ehren, aber glauben Sie mir, -ich habe gute Verbindungen; in wenigen Monaten -wird Deutschland vernichtet sein, und da wird -es dann für Sie keine Arbeit und keine Bleibe<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span> -mehr geben. England wird keinem deutschen -Offizier erlauben, nach dem Kriege in Deutschland -zu bleiben. Sie alle werden exportiert, das -Deutsche Reich aufgeteilt und der Deutsche Kaiser -von seinem eigenen Volke abgesetzt werden. Also -seien Sie doch vernünftig, suchen Sie sich jetzt -schon eine neue Heimat zu gründen, bleiben Sie -in Amerika, ich werde Ihnen gern helfen.”</p> - -<p>Das war mir zu viel. Und eine Antwort habe -ich dem Herrn gegeben und eine Belehrung, was -eigentlich ein deutscher Offizier sei, und wie es -wirklich in Deutschland aussähe, daß der gute -Mann fast selbst mit in Begeisterung über Deutschland -geriet. Von nun ab war er noch liebenswürdiger -zu mir, und öfters bin ich nachher bei -ihm in San Francisco und New York zu Gast -gewesen.</p> - -<p>Am dreißigsten Dezember liefen wir in San -Francisco ein.</p> - -<p>Typisch amerikanischer Zustand.</p> - -<p>Dutzende von Zeitungsreportern und Photographen -rannten an Deck herum, kamen in Salons, -ja ließen einen nicht mal in den Kabinen -zufrieden. Von mir hatten die Kerls schon Wind -bekommen. Von allen Seiten stürmten diese -Herren herbei, von allen Ecken wurde man geknipst, -es war geradezu widerlich. Schließlich -wandte ich das einzige Mittel an, welches hilft: -ich wurde grob und schrie: „Ich habe überhaupt -nichts zu sagen, und wenn Sie mich weiter belästigen, -hole ich die Polizei!” Mein Kriegskorrespondent<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span> -aus Tsingtau hatte mich vorher instruiert, -mit seinen Kollegen so zu verfahren.</p> - -<p>Nur ein windiger gelber Japaner schlich sich wie -eine Katze an mich heran, machte tiefe Verbeugungen, -zischte durch die Zähne und sagte falsch -lächelnd, er käme vom Japanischen Konsulat (das -auch noch!) und wolle mich begrüßen und mir -Glück wünschen, daß ich so gut aus Tsingtau -herausgekommen wäre. Im übrigen hätte ich -ja gar nichts zu befürchten, ich wäre auf amerikanischem -Boden, aber er würde so furchtbar -gerne einen kleinen Bericht seiner Zeitung nach -Japan schicken, das würde seine japanischen Brüder -freuen.</p> - -<p>Den gelben Jap ließ ich durch den chinesischen -Steward hinausbefördern.</p> - -<p>San Francisco!</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span></p> - - - - -<h2>Sie haben mich!</h2> - - -<p>San Francisco!</p> - -<p>Diese riesige wunderschöne Stadt!</p> - -<p>Das beste war: ich wurde <em class="gesperrt">nicht</em> verhaftet. -Keine offizielle Persönlichkeit kümmerte sich um -mich, und ich blieb einige Tage dort trotz des -Entsetzens auf dem Deutschen Konsulat, wo man -mich schon verhaftet sah. Ich habe selten in -meinem Leben eine so wahnsinnige, tolle Nacht -erlebt wie die Silvesternacht in San Francisco.</p> - -<p>Alles was mir darüber schon vorher erzählt war, -war nichts gegen die Wirklichkeit. Die ganze Stadt -schien wie in ein Tollhaus verwandelt. Und all die -Menschen, rassig bis zum letzten Blutstropfen; -schön und kräftig die Männer, hinreißend die -blonden Frauen und Mädchen. Ich war von -meinem Bekannten in eins der schönsten und größten -Vergnügungslokale eingeladen. Unerschwingliche -Eintrittspreise und das Publikum das beste -vom besten. In dieser Nacht schien alles erlaubt.</p> - -<p>Und dann die Musik und der Tanz so hinreißend -und schön und wild, es ist „die” Nacht von -San Francisco!</p> - -<p>Am zweiten Januar Neunzehnhundertfünfzehn -galt's wieder Abschiednehmen, und zufällig traf -ich mit meinem Kameraden und mehreren Deutschen, -mit denen ich auf dem Dampfer zusammengewesen -war, in demselben Eisenbahnwagen -wieder zusammen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span> - -Das wurde eine frohe Fahrt, zumal die Zeitungen -gute Nachrichten aus Deutschland brachten, -einige der älteren Herren und Damen direkt -zur Heimat fuhren und wir beiden Offiziere fest -daran glaubten, daß auch wir unserem Ziele -nicht mehr fern wären.</p> - -<p>Bei den Grand Canons von Arizona wurde -ein Zug überschlagen. Das mächtige Naturwunder -zeigte sich uns in wunderbarster Schönheit. -Dann ging's weiter, tagelang raste der Zug -durch die Prärien, Knabenerinnerungen an den -Lederstrumpf und an die Mohikaner tauchten in -uns auf, dann trennten wir uns in Chicago -und ich fuhr nach Virginien, um liebe Freunde -zu besuchen und um zu sehen, wie ich die Weiterreise -nach Europa ermöglichen könnte.</p> - -<p>Nach zwei, drei Tagen reiste ich nach New York -weiter, um hier mein Glück zu versuchen.</p> - -<p>Drei volle Wochen mußte ich in New York -bleiben, drei volle Wochen, in denen ich viel von -New York und den Menschen dort und von dem -dortigen Leben kennenlernte.</p> - -<p>Drei volle Wochen, während deren ich oft nicht -wußte, was vor Wut anfangen. Das überstieg -alles, was ich bis jetzt in dieser Beziehung erlebt -hatte. Kaum ein Bild, kaum eine Zeitung, kaum -eine Reklame, die nicht gegen Deutschland hetzte, -die nicht die tapferen deutschen Kämpfer in den -Dreck zogen.</p> - -<p>Der Tipperary-Gesang schien auch in New York -zum Nationallied gestempelt worden zu sein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span> - -Gab es denn keinen, der diesen Leuten die -Augen öffnete, <em class="gesperrt">wollten</em> diese Menschen die -Wahrheit nicht hören und nicht sehen?</p> - -<p>Ja, die meisten kannten ja Deutschland überhaupt -nicht, wußten kaum, wo Deutschland lag, -und doch urteilten sie so. Da konnte man fühlen, -welche ungeheure Macht die gemeine englische -Lügenpresse besaß, und wie urteilslos und dumm -der Amerikaner auf diesen groben Schwindel -hineinfiel.</p> - -<p>Ich habe gewirkt, was in meinen Kräften stand.</p> - -<p>Ich habe geredet und erzählt und zu überzeugen -versucht, überall dieselbe Antwort: „Ja, daß Sie -persönlich all diese Greueltaten nicht tun würden, -das glauben wir Ihnen, aber die anderen Deutschen, -die Hunnen und Barbaren, die tun's. -Hier steht's ja schwarz auf weiß in den Times! -Da muß es ja wahr sein, denn es ist undenkbar, -daß ein so großes Blatt die Unwahrheit sagt.” -Ein großer Trost war mir die rührende Art, -wie ich von meinen Bekannten und deren Freunden -aufgenommen wurde, und ich bin ihnen aufrichtig -dankbar dafür. An einem Abend war ich -besonders wütend. Ich war in der Metropolitan -Opera gewesen, es wurde unter anderem ein Akt -aus „Hänsel und Gretel” gegeben. Deutsche -Musik, deutsche Worte und deutscher Gesang!</p> - -<p>Mein Herz tat sich auf und quoll über vor -wahnsinnig schmerzender Sehnsucht nach dem -geliebten Vaterlande; meine Seele trank in vollen -Zügen das deutsche Lied. Hingerissen, berauscht,<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span> -trat ich auf die Straße und wurde jäh in die -Wirklichkeit zurückgerufen.</p> - -<p>Auf dem großen Platz vor dem Theater, wie -allabendlich, eine riesige Volksmenge. Drüben -an einer kahlen Hauswand leuchtete wie an jedem -Abend in großen Buchstaben der neueste Kriegsbericht -auf, der von einem Kinematographen-Apparat -auf die Wand geworfen wurde.</p> - -<p>Natürlich: Rußland hatte wieder mal einen -großen Sieg errungen, die Engländer hatten die -deutsche Kronprinzen-Armee vollkommen vernichtet!</p> - -<p>Die Menge johlte vor Freude.</p> - -<p>Dann kamen einige Schlachtenbilder. Erst -einige englische und französische Kriegsschiffe, -dann plötzlich der deutsche Kreuzer „Goeben”.</p> - -<p>Die Menge raste, ein Pfeifen, ein Zischen und -Pfui-Rufen, welches kein Ende nehmen wollte.</p> - -<p>Das waren die <em class="gesperrt">neutralen</em>, um Menschenrechte -und Gerechtigkeit so besorgten Amerikaner!</p> - -<p>Vergebens waren bis jetzt meine Bemühungen -gewesen, nach Europa zu gelangen. Ich hatte mir -die Sache doch einfacher vorgestellt.</p> - -<p>Um ein Haar wäre es mir einmal gelungen.</p> - -<p>Ich hatte eine Heuer auf einem norwegischen -Segelschiff gefunden und sollte sofort meinen -Dienst als Matrose antreten. Da mir aber -dringend geraten wurde, diesen Kasten nicht zu -benutzen, da mehrere englische Matrosen an Bord -wären, ließ ich die Gelegenheit fahren und suchte -weiter.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span> - -Endlich hatte ich, was ich wollte.</p> - -<p>Durch Zufall lernte ich einen Mann kennen, -der ein recht bewegtes Leben hinter sich hatte. -Er hatte sich jahrelang in der Welt herumgetrieben -und lebte nun schon lange in New -York. Was er eigentlich tat, habe ich nie recht -herausbekommen. Eines konnte er jedenfalls -sehr geschickt, und das war: alte Pässe frisch aufgarnieren. -So waren wir bald handelseinig. -Nach wenigen Stunden hatte ich meinen Reisepaß, -meine Photographie war sauber eingeklebt, -alle An- und Abmeldungen vorschriftsmäßig -vorhanden.</p> - -<p>Und so stieg am dreißigsten Januar Neunzehnhundertfünfzehn -der Schweizer Schlossergeselle -Ernst Suse an Bord des neutralen italienischen -Dampfers „Duca degli Abruzzi” und verschwand -im Zwischendeck.</p> - -<p>Zwei Stunden später passierten wir die Freiheitsstatue. -Fünf Seemeilen vor dem Hafen -von New York lagen zwei englische Kreuzer und -bewachten die Hafeneinfahrt. Ein leuchtendes -Beispiel für die Freiheit der Meere! Die Dampferfahrt -war fürchterlich.</p> - -<p>Trotzdem ich als Seeoffizier und alter Torpedobootsfahrer -an manchen Kummer gewöhnt war, -so etwas hatte ich mir nicht träumen lassen.</p> - -<p>Das Schiff topplastig und mit so wahnsinnigen -Schlinger- und Stampfbewegungen, -daß ich als Fachmann überzeugt war, der Kahn -würde bei mehr aufkommender See kentern.<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span> -Und die Wanzen! Doch das ist ein Kapitel für -sich. Am dritten Tage unserer Fahrt stand ich -eines Vormittags an Deck und schaute sehnsüchtig -nach der ersten Klasse, von wo zwei allerliebste -Gesichtchen über die Reling sahen. Da -trat ein Herr zu ihnen heran, und beinah hätte -ich laut seinen Namen gerufen!</p> - -<p>Den kannte ich doch, das war doch — — — —</p> - -<p>Ja, es war kein Zweifel möglich. Es war mein -Kamerad T., der mit mir aus Schanghai gekommen -war. Nun gewahrte er mich auch, nur -daß er mich erst erkannte, nachdem er mit seinen -Damen einige recht laute Bemerkungen über den -schmierigen Gesellen (das war ich) dort unten -gemacht hatte. Plötzlich wurde er stumm, seine -Augen weiteten sich, dann glitt ein Lächeln des -Verständnisses über seine Züge, er machte kehrt, -und weg war er.</p> - -<p>Am Abend bei vollständiger Dunkelheit hatte -ich einen Augenblick Gelegenheit ihn zu sprechen. -Er fuhr als vornehmer Holländer (selbstverständlich -konnte er kein Wort Holländisch sprechen) und -wollte ebenso wie ich nach Neapel und von da nach -Hause.</p> - -<p>Aber das beste war doch das: beide waren wir -in New York täglich zusammengewesen, beide -wußten wir gegenseitig, daß wir alles versuchen -würden, um nach Hause zu kommen, aber wie es -sich jetzt herausstellte, hatten wir beide unseren -entsprechenden Unterstützungsmännern das Versprechen -geben müssen, zu niemandem ein Wörtchen<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span> -zu sagen, und das hatten wir beide so gut -gehalten.</p> - -<p>Aber der Schlager kam noch: Beide waren -wir bei demselben Mann gewesen!</p> - -<p>Einige Tage nach dem Verlassen von New -York erkrankte ich plötzlich, bekam hohes Fieber -und mußte mich in die Koje legen. Was es war, -wußte ich selber nicht, wahrscheinlich ein Malariaanfall, -und dieser Ansicht schien auch der italienische -Arzt zu sein und gab mir eine blödsinnige Dosis -Chinin. Der Erfolg trat auch sofort ein: ich -wurde noch kränker denn zuvor und hatte mehrere -Tage fast vierzig Grad Fieber. Diese Tage waren -unbeschreiblich. In unserem Loch von einer -Kammer wohnten wir zu vieren zusammen. -Über mir lag ein Franzose, der mit Schnattern -und Futtern nur aufhörte, wenn er seekrank war. -Neben mir lag bleich und gefaßt ein Schweizer -(das war schon verdächtig). Dieser Mann war so -seekrank, daß ich glaubte, er würde Europa niemals -lebend erreichen. Links über mir aber lag -ein ganz rabiater Engländer, der trotz der geschlossenen -Bullaugen Tag und Nacht seine Navy -Cut-Pfeife nicht ausgehen ließ, fast immer betrunken -war und kaum einen Moment sein Grölen -und sein Schimpfen auf Deutschland unterbrach. -Meine Ruhe kann man sich denken. -Außerdem lag meine Koje direkt neben der Rudermaschine, -und dann kam das Schlimmste: die -Wanzen!</p> - -<p>Ich habe so etwas nie für möglich gehalten!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span> - -Diese furchtbarsten Plagegeister kamen nicht -einzeln, sondern gleich zu Dutzenden.</p> - -<p>Ach, was war der ganze Radau, der unerträgliche -Gestank und die seekranken Menschen gegen -diese Plage! Trotz des furchtbaren Schwächezustandes, -in dem ich mich befand, versuchte ich -die braunen Gesellen zu töten oder zu verjagen. -Ich merkte aber nur zu bald, daß ich gegen sie -machtlos war.</p> - -<p>Und dann wurde mir alles gleichgültig. Die -Fahrt konnte ja nur noch einige Tage dauern, -dann waren wir im schönen Italien, dann nur -noch kurze Tage der Erholung, und ich wäre in -meinem geliebten Vaterlande gewesen. Mit aller -Energie wehrte ich mich gegen meine Krankheit, und -die Gedanken an Deutschland ließen mich so weit -genesen, daß ich am achten Februar, als der Dampfer -in Gibraltar einlief, wieder aufstehen konnte.</p> - -<p>Gibraltar!</p> - -<p>Wie oft war ich an diesem Felsen früher schon -vorbeigefahren, wie hatte ich dem grauen Stein -froh bewegt zugewinkt, wenn ich, vom Auslande -zurückkehrend, durch die Meerenge fuhr, der -treuen Heimat entgegen!</p> - -<p>Was hatte ich dieses Mal zu erwarten?</p> - -<p>Trotzdem das Anlaufen von Gibraltar nicht -auf dem Fahrplan vorgesehen war, fuhr der -Dampfer ohne irgendwelche Aufforderung zur -Untersuchung in den Hafen ein und ankerte dort. -So weit also waren die Italiener schon Sklaven -der Engländer geworden!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span> - -Sobald das Schiff still lag, kamen zwei Kriegsschiffsbarkassen -längsseit, denen ein englischer -Seeoffizier, einige Polizeibeamte und mehrere -bis an die Zähne bewaffnete englische Matrosen -entstiegen.</p> - -<p>Ein Glockensignal wurde durch das Schiff gegeben -und der Befehl: Sämtliche fremden Passagiere, -die nicht Italiener und nicht Engländer sind, -auf die Kommandobrücke kommen! Die Stewards -gingen herum, suchten alle Räume und -Kammern ab, und wie eine Hammelherde, umringt -von englischen Matrosen und italienischen -Stewards, wurden wir auf die Brücke getrieben.</p> - -<p>So ganz wohl war mir dabei nicht zumute!</p> - -<p>Aber immerhin hatte ich etwas Vertrauen, -da ich, wie ich bald feststellte, der einzige war, -der mit einem richtigen Paß mit Photographie -ausgerüstet war. Zu meinem großen Unbehagen -stellte ich fest, daß wir im ganzen fünf Schweizer -waren, von denen mir drei immer schon wegen -ihres zurückgezogenen stillen Wesens verdächtig -vorgekommen waren. Nur einen Schweizer, den -hatte ich noch nicht gesehen, der sah aber auch so -dreckig und schmierig aus, daß ich vorsichtshalber -etwas zur Seite trat, als er sich neben mich stellte.</p> - -<p>Nach ungefähr einer Stunde, nachdem die -Passagiere erster Klasse recht oberflächlich und sehr -höflich untersucht worden waren, kam die Reihe -an uns.</p> - -<p>Sechs arme Sünder standen wir da. Der erste<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span> -war ein italienisch-schweizerischer Arbeiter, dem der -rechte Arm fehlte, seine Frau, eine typische Italienerin, -warf sich unter Heulen dem Engländer -zu Füßen. Ihren ganzen Anhang aus dem -Zwischendeck hatte sie mit heraufgebracht. Alles -heulte, und verächtlich sah der Engländer auf -die Leute herab. Nach kurzem Verhör wurde -der Mann entlassen und war frei.</p> - -<p>Nun kamen wir.</p> - -<p>Der größte von uns Schweizern stand am -rechten Flügel. Der englische Offizier trat auf ihn -zu und sagte: „Sie sind deutscher Offizier!”</p> - -<p>Natürlich laute Entrüstung und Proteste von -dessen Seite. Der Engländer reagierte gar nicht -darauf, und das Unglückswurm mußte beiseite -treten. Wir anderen vier schienen ihm schon echter -auszusehen.</p> - -<p>Wir wiesen auf unsere Pässe hin, und jeder von -uns gab eine Mordsgeschichte zum besten. Nach -kurzer Zeit sagte er: „Schön, die vier können -gehen, aber den einen nehme ich mit!”</p> - -<p>Mir schlug das Herz vor Freude bis zum Halse. -Da kam der Verräter.</p> - -<p>Ein windiges Bürschchen in tadellosem Zivil -trat an den Offizier heran und sagte ihm mit aufgeregter -Stimme: „Es ist ausgeschlossen, daß -die vier so ohne weiteres freikommen, ich bin überzeugt, -alle vier sind Deutsche; es müssen unbedingt -noch ihre sämtlichen Sachen untersucht -werden.”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span> - -Von unserer Seite lauter Protest, aber es half -nichts. Zwar widerwillig und voller Verachtung -gegen diesen Schurken folgte der englische Offizier -doch, und nun begann die Untersuchung in der -Kammer. Alles wurde durchwühlt. Überall -schnüffelte der Schurke herum, nichts konnte er -finden, was verdächtig war. Kein Namenszug, -nichts. Plötzlich drehte sich der Kerl um, riß mir -die Jacke auf, krempelte mir die Brusttaschen um -und sagte dann triumphierend zu dem Offizier, -der neben ihm stand:</p> - -<p>„Sehen Sie, auch hier kein Namenszug und -kein Name, das ist ein Zeichen, daß er ein -Deutscher ist, denn er hat alle Monogramme vorher -vernichtet.”</p> - -<p>Ach, hätte ich diesem Hund seine Hirnschale -einschlagen können!</p> - -<p>Wie wir bald erfuhren, war dieser Zivilist der -Vertreter der Firma Th. Cook & Brothers in -Gibraltar und versah auf den Dampfern Dolmetscher- -und schurkische Spionendienste. Er -sprach ein so reines Deutsch, daß er zweifellos viele -Jahre in Deutschland Gastfreundschaft genossen -haben mußte. Wie viele Unglückliche mochte diese -Schlange wohl schon ins Verderben gebracht -haben!</p> - -<p>Wiederum wurden wir fünf wie Vieh auf der -Brücke zusammengetrieben. Dann näherte sich -auch schon der zweite Judas Ischarioth, welcher -von Cooks Vertreter herbeigeholt war. Dieser -zweite war ein Schweizer Passagier erster Klasse,<span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span> -und auf Veranlassung des Schurken sollte er uns -in Schwyzer Dütsch prüfen.</p> - -<p>Wir versagten alle fünf.</p> - -<p>Kein Protest half. Nichts nützte, daß ich den -Leuten die tollsten Geschichten erzählte, wie: Ich -könnte ja überhaupt gar kein Deutsch! Schon als -Kind von drei Jahren hätte ich mit meinen Eltern -die Schweiz verlassen und sei mit ihnen nach -Italien gezogen. Dann sei ich nach Amerika -verschlagen worden.</p> - -<p>In gutem Italienisch und Amerikanisch redete -ich wie um meinen Kopf. Beinahe kam ich frei, -da zischelte die Schlange wieder, und — — — -aus war es!</p> - -<p>Der englische Offizier ließ sich auf nichts mehr -ein, er sagte bloß, es seien bereits so viel Schweizer -durch Gibraltar durchgefahren, so viele gäbe es in -der ganzen Welt nicht.</p> - -<p>Mit einer innerlichen Wut, die mich fast zum -Wahnsinn brachte, wurde ich abgeführt.</p> - -<p>Schnell hatte ich ein paar Habseligkeiten zusammengerafft, -ich konnte einer deutschen Dame -noch unbemerkt einen Zettel in die Hand drücken, -den sie auch treulich meinen Verwandten gesandt -hat, und mit einem groben Stoß eines Seemanns -flog ich das Fallreep hinunter und in die -Barkasse, in der die vier anderen Unglückswürmer -bereits gänzlich zerknickt saßen. Dann kam der englische -Offizier mit seinem Schurken und fort ging's.</p> - -<p>An der Reling des Dampfers stand der<span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span> -Schweizer Verräter und sah schadenfroh herab. -Da konnte ich nicht mehr an mich halten, ich -sprang auf und drohte ihm mit der Faust und -brüllte ihm ein Schimpfwort zu.</p> - -<p>Ein hysterisches Verräterlachen antwortete mir.</p> - -<p>Und ganz vorne von der Steuerbordreling, -da grüßten stumm ein paar traurige deutsche -Augen einen letzten Abschiedsgruß zu mir herüber.</p> - -<p>Leb' wohl, du glücklicher Kamerad, grüß' mir -die Heimat, die du in einigen Tagen wiedersehen -wirst!</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span></p> - - - - -<h2>Hinter Mauern und Stacheldraht</h2> - - -<p>Der englische Offizier beruhigte mich: „Seien -Sie versichert,” sagte er mir, „Sie können -heute noch in Gibraltar Ihren Schweizer Konsul -sprechen; wenn der die Richtigkeit Ihres Passes -bestätigt, dann sind Sie am selben Tage frei.”</p> - -<p>Was es damit auf sich hatte, erfuhr ich nur zu -bald. Die Dampfbarkasse rauschte dem Lande zu, -und bald legte sie am inneren Teil des Kriegshafens -an.</p> - -<p>Zehn Soldaten mit aufgepflanztem Seitengewehr -standen an der Anlegestelle bereit. Einige -kurze Befehle, die paar Sachen, die wir mitgenommen -hatten, nahmen wir selbst auf den -Buckel, dann mußten wir uns in zwei Reihen aufstellen, -die zehn Soldaten umringten uns, und -auf das Kommando: <span class="antiqua">„Quick marsh”</span> setzte sich -der traurige Zug in Bewegung.</p> - -<p>Alles mit mir und um mich herum geschah wie -im Traum. Ich war überhaupt kaum fähig, einen -Gedanken zu fassen, so war ich niedergeschmettert.</p> - -<p>Gefangen!</p> - -<p>War es wirklich wahr? Gab es so etwas -überhaupt?</p> - -<p>Es war entsetzlich, unfaßbar! Wie ein Verbrecher -wurde man hier entlang geführt, und wie -Verbrecher wurden wir von der Bevölkerung, an -der wir vorbeigehen mußten, angesehen. Die -Soldaten trieben uns zur Eile an. Ich war<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span> -schwach zum Umsinken, da ich das Fieber noch -nicht ganz überwunden und seit drei Tagen außer -Chinin nicht das geringste in den Magen bekommen -hatte. Die Sonne brannte auf die -Felswände herab, und dann der seelische Zustand, -die Hoffnungslosigkeit!</p> - -<p>Trostlos!</p> - -<p>Immer höher ging's durch schmale, erhitzte -Gassen, bald verschwanden die Häuser unter uns, -steile, nackte Felsen an beiden Seiten. Nach einer -Stunde hatten wir die höchste Spitze des Gibraltar-Felsens -erreicht. Kommandorufe erschollen, -Drahthindernisse und eiserne Tore wurden geöffnet, -dumpf schlugen sie wieder ins Schloß, -Ketten und Riegel klirrten.</p> - -<p>Gefangen!</p> - -<p>Nun wurden wir zuerst zur Polizeiwache gebracht -und einem Verhör unterzogen. Ich protestierte -energisch und verlangte, umgehend vor -meinen Konsul geführt zu werden, wie mir von -dem englischen Offizier ausdrücklich zugesichert war. -Ein bedauerndes Lachen war die Antwort. Ach, -wir waren ja nicht die ersten, die so heraufgebracht -waren und dasselbe Ansinnen gestellt -hatten. Wie unendlich viele haben wohl hier -oben gestanden und endgültig ihre Hoffnungen -begraben müssen!</p> - -<p>Jetzt begann die körperliche Untersuchung.</p> - -<p>„Hat jemand von den Gefangenen Geld bei -sich?”</p> - -<p>Keiner antwortete selbstverständlich. Wir mußten<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span> -uns ausziehen, und jedes Kleidungsstück wurde -eingehend auf Geld, Doppelgläser, Photographenapparate -und besonders auf Schriftstücke untersucht. -Ich kam als dritter an die Reihe, mein -Hemd durfte ich anbehalten.</p> - -<p>„Haben Sie Geld?”</p> - -<p>„Nein!”</p> - -<p>Der Feldwebel tastete an meinem Körper -herum, plötzlich klimperte etwas in der linken -Brusttasche meines Hemdes.</p> - -<p>„Was ist das?”</p> - -<p>„Ich weiß nicht!”</p> - -<p>Nun griff er in die Tasche hinein, und was holte -er heraus?: ein wunderschönes Zwanzigdollarstück -aus bestem amerikanischem Golde und außerdem -ein kleines Perlmutterknöpfchen, welches -mich durch das Gegenschlagen gegen das Geldstück -bei der Untersuchung verraten hatte. Ich sage ja, -das hat man von der Ordnungsliebe! Hätte ich -das Knöpfchen zwei Tage früher fortgeworfen, -statt es sorgfältig aufzubewahren, wäre dies nicht -passiert. Der englische Soldat freute sich, derlei -Scherzchen schienen recht oft vorgekommen zu -sein. Doch nun untersuchte er genauer. Und zu -meinem Kummer holte er mir auch aus der -anderen Hemdentasche und aus den beiden -Hosentaschen noch je ein schönes Goldstück -heraus; und dazu leider auch noch meine kleine -Browningpistole, die mich nun schon so treulich -all die Monate lang begleitet hatte.</p> - -<p>Als ich fertig ausgeplündert war, durfte ich<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span> -mich wieder anziehen und zu den anderen Leidensgenossen -in den Gefängnishof treten.</p> - -<p>Dann ging's in unsere zukünftigen Quartiere. -Etwa fünfzig zivilgefangene Deutsche empfingen -uns mit lautem Hallo. Diese saßen schon seit -Beginn des Krieges hier und hatten ihren Humor -scheinbar vollständig wiedergefunden. Unsere -neuen Kameraden luden uns gleich zum Essen -ein, und wie die Wilden stürzten wir auf den von -den Gefangenen selbst hergestellten Brotpudding.</p> - -<p>Dann ging's an die Arbeit.</p> - -<p>Erst mußten wir Kohlen und Wasser schleppen. -Wir wurden ungefähr der Größe nach verteilt, -und durch Zufall kam der schmierige Schweizer, -vor dem ich mich auf dem Dampfer schon geekelt -hatte, mit mir zusammen. Es stellte sich heraus, -daß er auch Schlosser war, also denselben Beruf -wie ich erwählt hatte.</p> - -<p>Später, wo wir beide dann dauernd zusammen -waren, korrigierten wir etwas unseren Beruf, und -zwar waren wir dann nicht mehr Schlosser, -sondern Schloß<em class="gesperrt">herr</em>.</p> - -<p>Damit übervorteilten wir keinen, und die Sache -hatte vor allen Dingen den Vorteil der Billigkeit, -und daß sie sich durch eine einfache Änderung -in der Aussprache bewerkstelligen ließ.</p> - -<p>Vorläufig aber schleppten wir noch Kohlen, -und daß die einzelnen Kiepen nicht zu voll wurden, -dafür sorgten wir schon. Wir waren ja auch so -schwächlich!</p> - -<p>Nachdem wir Kohlen und Wasser genügend<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span> -geschleppt hatten, empfingen wir unsere dreiteiligen -Soldatenmatratzen, hart wie Stein, -dazu zwei wollene Decken. Dann hatten wir für -diesen Abend Ruhe. Das erste jetzt war das -Waschen. Ich sehe die Szene heute noch.</p> - -<p>Mein schmieriger Kollege von derselben Fakultät -setzte sein Waschbecken neben das meine und -zog in aller Seelenruhe sein Hemd aus. Donnerwetter, -so viel Sauberkeit hatte ich doch nicht erwartet, -und ich musterte ihn kritisch. Tadellos -gewachsener Körper und sogar sauber, ja blitzsauber! -Aber Kopf, Hals und Hände, brrr! -Mitten im Waschen hörte ich plötzlich auf. Mein -Gesicht wurde immer länger, mein Erstaunen war -groß. Das Waschwasser meines Kollegen war -schwarz wie Brühe, aber er? Das war ja ein -ganz anderer, der jetzt neben mir stand. Die vorher -schwarzen und schmierigen Haare leuchteten -in hellstem Blond, das Gesicht war frisch und -weiß und zeigte feine Züge, und die Hände waren -schlank und wohlgebaut. Und, war es möglich? -Quer über die Backen und über die Schläfen da -zogen sich Schmisse, richtige, echte deutsche Studentenschmisse -hindurch. Das Hallo, und das -Gefrage und Erzählen, das nun folgte. Mein -Kollege war ein echter deutscher Student gewesen, -hatte jetzt in Amerika eine schöne Automobilfabrik -sich gegründet und hatte dort drüben alles -stehen und liegen gelassen, um als Reserveoffizier -seinem Vaterlande zu helfen. Schnell -schlossen wir uns aneinander an und sind treue,<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span> -unzertrennliche Freunde geblieben durch viele -Wochen der Gefangenschaft, bis das Schicksal -uns leider wieder trennte. Wir beiden Schloß<em class="gesperrt">herren</em> -waren aber bald bekannt.</p> - -<p>Abends um zehn Uhr wurde Zapfenstreich geblasen, -Licht aus in allen Räumen.</p> - -<p>Ich hatte meine Schlafstelle an einem Fenster -aufgeschlagen, welches bis dicht auf den Fußboden -herunterreichte. Auf der Erde liegend -konnte ich bequem aus dem Fenster heraussehen.</p> - -<p>Der Tag hatte so viel Neues gebracht, jetzt erst -kam ich zur Ruhe und zur Überlegung.</p> - -<p>Die Kaserne, in der wir untergebracht waren, -lag hoch oben auf der höchsten Spitze von Gibraltar, -da wo die Felsen steil nach Süden zu ins -Meer herabfallen.</p> - -<p>Durch das Fenster erblickte ich jetzt tief unter -mir das wunderbar blaue Wasser der Meerenge -von Gibraltar.</p> - -<p>Drüben, ganz fern am Horizont, grüßte fein -und hell die Küste von Afrika herüber.</p> - -<p>Da unten war die Freiheit, Schiffe fuhren hin -und her, auf denen Menschen lebten, freie, ungebundene -Menschen, die fahren konnten, wohin -sie wollten, und — — — nicht wußten, wie -wunderbar und kostbar Freiheit war!</p> - -<p>Es war zum Wahnsinnigwerden!</p> - -<p>Die Gedanken jagten sich, die Ereignisse des -Tages zogen im Geiste an mir vorüber, und wenn -ich daran dachte, daß ich jetzt auch dort unten auf<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span> -einem der Dampfer schwimmen könnte, dann -hätte ich am liebsten aufbrüllen mögen vor Wut.</p> - -<p>Ach ja, heute war der achte Februar, mein -Geburtstag, <em class="gesperrt">den</em> Tag hatte ich mir allerdings -anders vorgestellt!</p> - -<p>Wie ein Irrsinniger wälzte ich mich auf meinem -Lager herum, und wenn ich nachsann, wie jetzt -alles hätte sein <em class="gesperrt">können</em>, was ich alles von diesem -Tage erhofft hatte und wie ich mir die Zukunft -ausgemalt hatte, dann packte mich die wilde -Verzweiflung, und vor ohnmächtiger Wut liefen -mir die Tränen aus den Augen, ohne daß ich es -verhindern konnte.</p> - -<p>Sehnsucht, o du furchtbare Sehnsucht!</p> - -<p>In dieser Nacht war ich nicht der einzige, dem es -so ging.</p> - -<p>Aus vier anderen Lagern sahen bleiche Gesichter -heraus, weitgeöffnete Augen starrten zur Decke, -und manch unterdrücktes Schluchzen biß sich in die -Decken hinein. Am nächsten Morgen um vier -Uhr wurden wir plötzlich alle geweckt. Die englischen -Unteroffiziere gingen die Räume entlang, -und es wurde der Befehl gebrüllt, daß alle deutschen -Gefangenen sich sofort klar zu machen hätten, -in zwanzig Minuten abzumarschieren und mit -einem bereits klar liegenden Dampfer nach England -zu fahren.</p> - -<p>Nach England? Das war doch gar nicht möglich, -wir waren doch Schweizer, wir sollten doch heute -unseren Konsul sprechen!</p> - -<p>An der stoischen, unerschütterlichen Ruhe der<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span> -Engländer prallten alle unsere Versuche ab. -Nun schnell alles zusammengerafft, und genau -eine halbe Stunde später marschierten wir sechsundfünfzig -Zivilgefangene, umringt von hundert -schwer bewaffneten englischen Soldaten, in den -leuchtenden Morgen hinein und den Felsen von -Gibraltar hinab.</p> - -<p>Aber daß unser Stolz nicht gebrochen war, -das wollten wir den Engländern beweisen. Und -schmetternd und hell, verstärkt durch die Wut, die -in uns kochte, jubelte „Die Wacht am Rhein” -und „O Deutschland hoch in Ehren” zum Himmel -empor.</p> - -<p>Unten lag ein riesiger Transportdampfer, bis -an den Rand gefüllt mit englischen Truppen. -Durch die Menge der Abschiedgebenden und der -Abschiednehmenden wurde eine schmale Gasse gebahnt, -und im Gänsemarsch liefen wir Spießruten. -Doch das muß ich sagen, es gab niemanden, der -uns belästigte, nicht einen einzigen, der uns etwas -zurief. Stumm wurde uns Platz gemacht, stumm -ließ man uns passieren, ja hier und da traf sogar -ein Blick des Bedauerns und des Mitleids diesen -traurigen Zug.</p> - -<p>An Bord war vorne in der ersten Abteilung -im Ladedeck notdürftig ein Raum gezimmert worden. -Bänke und Tische und Hängematten waren -vorhanden, alles wie an Bord eines Truppentransportschiffes.</p> - -<p>In dem Raum befanden sich zwei Posten mit -aufgepflanztem Seitengewehr, oben am Luk<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span> -standen ebenfalls zwei Posten, das Luk wurde -von außen dicht gemacht und verschlossen, und -drinnen saßen wir in der Falle. Die Bullaugen -unseres Aufenthaltsraumes waren mit eisernen -Blenden fest verschlossen, damit ja keiner von uns -heraussehen oder womöglich aus einem geöffneten -Bullauge Lichtsignale geben könnte. Nach kurzer -Zeit schon ging ein leises Zittern durch das Schiff, -die Maschinen setzten sich in Bewegung, und dann -fing unser schwimmendes Gefängnis an, sich sanft -und leise zu heben und zu senken.</p> - -<p>Wir waren in freier See.</p> - -<p>Tagelang ging es so weiter. Wir saßen streng -bewacht, eingeschlossen in unserem Raum, einmal -am Tage wurden wir hinaufgelassen und -durften für eine Stunde frische Luft schöpfen. -Eine recht primitive Bedürfnisanstalt war auf -dem Vordeck aus ein paar Brettern zusammengeschlagen -worden, und wer diese benutzen wollte, -mußte sich beim Posten melden. Zwei Soldaten -mit aufgepflanztem Seitengewehr geleiteten ihn -dann und behielten ihn auch die ganze Zeit über -im Auge. Mehr als einer gleichzeitig durfte dazu -nicht an Deck erscheinen. Das Essen war gut, -richtige Schiffskost, besonders gut war das Brot, -die Butter und der überaus reichliche, vorzügliche -Jam. Die Zeit vertrieben wir uns, so gut es ging, -mit Lesen oder Erzählen, und vor allen Dingen -wurde die Frage unserer Zukunft und das, was -uns in England erwartete, lebhaft erörtert. -Die beiden Posten, die ständig unten im Raum<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span> -standen, freundeten sich bald mit uns an, und -wir haben den armen Tommies mit unseren Erzählungen, -wie es an der Kampffront in Frankreich -aussähe, ganz furchtbare Angst gemacht.</p> - -<p>In der Biscaya bekamen wir sehr schlechtes -Wetter.</p> - -<p><em class="gesperrt">Das</em> war ein Zustand! Zu sechsundfünfzig in -dem kleinen Raum eingepfercht, ohne Licht und -Luft, und dazu der größte Teil seekrank. Am -schlimmsten seekrank waren aber unsere englischen -Posten und die Soldaten, die uns das Essen -brachten. Sie boten ein Bild des Jammers. Als -wir in die Nähe des Englischen Kanals kamen, bemächtigte -sich eine allgemeine Nervosität und Unruhe -der englischen Schiffsbesatzung. Täglich -wurde Musterung mit Schwimmwesten abgehalten. -Unsere Erholungsstunden an Deck fielen -aus, und die englischen Soldaten hörten mit -ihrem ängstlichen Gefrage nach unseren U-Booten -überhaupt nicht mehr auf. Was haben wir denen -die Hölle heiß gemacht!</p> - -<p>Endlich nach zehn Tagen lief der Dampfer in -Plymouth ein. Als die Ankerkette rasselte und -wir, sicher vor U-Booten, in dem schützenden Hafen -lagen, konnten wir durch die Schottür sehen, wie -die englischen Soldaten auf die Knie sanken, und -hörten, wie sie kirchliche Lob- und Danklieder -sangen zum Dank für die Errettung aus deutscher -U-Boots-Gefahr.</p> - -<p>Gleich nach der Ankunft kam ein Tender -längsseit und nahm uns Gefangene mit selbstverständlich<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span> -der doppelten Anzahl der Bewachung -auf und brachte uns an Land.</p> - -<p>Auf die Ankunft <em class="gesperrt">so vieler</em> Gefangenen schien -man nicht vorbereitet zu sein. Die Engländer -waren einfach kopflos. Kein Mensch wußte, was -mit uns geschehen sollte, kein Mensch, der Rat -schaffen konnte.</p> - -<p>Endlich wurden wir in einen Zug verladen, -ich selber kam allein in ein Abteil, rechts und links -von mir und mir gegenüber je ein Unteroffizier -mit aufgepflanztem Seitengewehr, die den strengen -Befehl erhalten hatten, mich scharf zu bewachen. -Der Grund zu dieser besonderen Ehre -war folgender:</p> - -<p>Als ich eingesehen hatte, daß es gänzlich ausgeschlossen -war, daß ich jemals wieder freigelassen -würde oder man mich als Schweizer anerkannte, -hatte ich mich auf dem Dampfer ebenso wie die -anderen Gefangenen dem führenden Offizier -zu erkennen gegeben und verlangt, daß ich meinem -Range entsprechend behandelt würde. Der englische -Offizier erklärte mir, mich sofort in die erste -Klasse aufzunehmen, wenn ich mein Ehrenwort -geben würde, niemals einen Fluchtversuch zu -machen und in diesem Kriege nicht mehr mitzukämpfen. -Da ich dieses Ansinnen selbstverständlich -mit Entrüstung ablehnte, wurde ich wieder in -den Laderaum geschickt. Der einzige Erfolg war -die strengere Bewachung.</p> - -<p>Abends bei Dunkelheit kamen wir in Portsmouth -an. Auf dem Bahnhof und auch sonst wußte<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span> -keiner, was mit uns anzufangen. Auch hier schien -alles durch die ungeheuer große Gefangenenzahl -(wir waren sechsundfünfzig Männekens) vollständig -den Kopf verloren zu haben.</p> - -<p>Schließlich wurden wir in das Arresthaus (ein -etwas besseres Gefängnis) geschafft. Auch hier -große Überraschung und Verwirrung. Das -Arresthaus ist dazu da, betrunkene Soldaten und -Matrosen, die nachts auf den Straßen oder im -Lokal aufgesammelt werden, unterzubringen, um -sie ihren Rausch ausschlafen zu lassen und dann -am nächsten Tage, nach Verabfolgung einer gehörigen -Tracht Prügel, ihren Kommandos wieder -zuzustellen. Ein alter, widerlicher Gefängniswärter -und zwei ebenso alte, aber gemütliche und -biedere Soldaten hatten die Aufsicht. Auf drei -Zimmer wurden wir verteilt. Die Räume waren -vollständig leer, eine elende Gasflamme erhellte -sie notdürftig. Die Fenster waren zum großen -Teil zerbrochen, es herrschte eine grimmige Kälte, -und die Kamine hatten selbstverständlich kein -Feuer. Den ganzen Tag hatten wir nichts zu -essen bekommen, und hungrig wie die Wölfe -hatten wir uns auf die Abendkost gefreut.</p> - -<p>Abendbrot? Auch nicht vorhanden!</p> - -<p>Da gingen wir denn zu den beiden alten Soldaten, -und in kurzer Zeit hatten wir mit ihnen -Freundschaft geschlossen. Ein kleines Trinkgeld -bewirkte Wunder. Die alten Knacker rissen sich -fast die Beine für uns aus. Wir gaben ihnen -Geld mit, und schon nach einer halben Stunde<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span> -keuchten sie schwer beladen mit Brot, Butter und -Aufschnitt herein. Zwei riesige Töpfe Tee, mit -Milch und Zucker gemischt, wurden aufgesetzt, Holzkohle -konnten wir uns selber holen, und bald -prasselte in allen drei Kaminen ein wundervolles -Feuer. Die Eßvorräte waren ganz ausgezeichnet -und so reichlich, daß selbst wir Ausgehungerten -etwas übrigließen.</p> - -<p>Unsere gute Laune erreichte ihren Höhepunkt, -als die Soldaten uns einige englische Zeitungen -zusteckten. Der geistige Hunger war ja noch größer -gewesen als der körperliche, denn seit Wochen -hatten wir nicht das geringste von dem, was in -der Welt vorging, gehört. Wenn auch in den -Zeitungen natürlich <em class="gesperrt">nur</em> von englischen, französischen -und russischen Siegen berichtet wurde, -so wußten wir doch wenigstens, wo was los war.</p> - -<div class="figcenter" style="width: 600px;"> -<img class="bordered" src="images/illu-165.jpg" width="600" height="416" alt="" /> -<div class="caption">Der Verfasser (in Zivil) mit dem abgeschlagenen Motor seines -Flugzeuges beim Mandarin von Hai-Dschou</div> -</div> - -<p>Streng verboten war uns auch der Alkohol. -Doch auch in England schien ein Verbot nur zum -Übertreten da zu sein. Einer von unseren Posten -war nämlich Mitglied einer in England und Amerika -weit verbreiteten Freimaurerloge, in der zufällig -auch mein Freund, der andere Schloß<em class="gesperrt">herr</em>, -Meister war. Als der Soldat das Freimaurerabzeichen -im Knopfloch meines Freundes erkannte, -da war die Freundschaft besiegelt. Im -Erdgeschoß unseres Gefängnisses war eine kleine -Kantine, und einer nach dem anderen von uns -wurde von dem guten Logenbruder heruntergeführt, -stärkte sich unten und konnte auch seine -Tasche mit Bierflaschen gefüllt heraufbringen,</p> - -<div class="figcenter" style="width: 600px;"> -<img class="bordered" src="images/illu-166.jpg" width="600" height="372" alt="" /> -<div class="caption">Donington Hall, Leicestershire, England, wo die gefangenen deutschen Offiziere interniert sind.</div> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span> - -Das Beste war, daß unsere Posten, die mit -aufgepflanztem Gewehr vor unserer Tür Wache -gingen, uns ruhig weggehen ließen und uns -sogar baten, wir möchten ihnen einige Flaschen -Bier mit heraufbringen. Um neun Uhr abends -waren unsere Posten bereits so weit, daß wir -mit ihnen zusammen Gewehrgriffe übten, um -elf Uhr abends ließ der eine Posten sogar sein -Gewehr fallen und kippte selber mit dem ganzen -Kohlenkasten, auf dessen Rand er sich gesetzt -hatte, um.</p> - -<p>Wenn ich damals schon <em class="gesperrt">die</em> Erfahrungen besessen -hätte, die ich mir nach fünfmonatiger Gefangenschaft -angeeignet hatte, ich wäre da schon -ausgerückt.</p> - -<p>Sowohl in diesem Gefängnis wie auch in allen -anderen Lagern, wo wir mit den englischen Tommies -zusammenkamen, war deren erste Bitte, -nachdem wir uns etwas angefreundet hatten, -ihnen einen Zettel zu überlassen mit unserer -Adresse und womöglich noch der Adresse von Bekannten -in Deutschland und der Bescheinigung, -daß der englische Soldat Soundso uns gut behandelt -hätte. Diese Zettel wurden von ihnen -wie Heiligtümer aufbewahrt, damit sie sie vorzeigen -könnten, wenn sie an die Front kämen -und in deutsche Gefangenschaft gerieten.</p> - -<p>Zum Schlafen erhielten wir winzige Zeltstrohsäcke, -die so kurz waren, daß unten die Füße -von den Waden ab herausragten, und so schmal, -daß nur ein ganz geschickter Zirkuskünstler mit dem<span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span> -Rücken darauf balancieren konnte. Dazu gab's -zwei wollene Decken. Wie die Bären haben wir -geratzt. Allerdings lagen wir am nächsten Morgen -alle neben den Matratzen. Am nächsten Morgen, -es war Sonntag, erschien ein hoher Armeeoffizier, -um uns zu besichtigen. Er fragte nach unseren -Wünschen. Ich berief mich nochmals darauf, -daß ich Offizier wäre und als solcher das Recht -hätte, zu verlangen, als kriegsgefangener Offizier -behandelt zu werden. Der Mann war sehr liebenswürdig, -versprach mir alles, wenn wir erst am -nächsten Tage an unserem Bestimmungsort angelangt -wären, und — — hielt nichts.</p> - -<p>Endlich am Montag wurden wir aus unserem -Gefängnis befreit. Wie immer dicht umringt -von unserer Wachmannschaft, marschierten -wir zum Hafen, nahmen auf einem kleinen -Dampfer Platz und fuhren auf die Reede hinaus.</p> - -<p>Nach einer einstündigen Fahrt legten wir an -einem riesigen Dampfer an, der als Gefangenenlager -diente. Nach einer längeren Verhandlung -mußten wir wieder ablegen, da der Kommandant -des Dampfers erklärte, er wüßte von uns -nichts und hätte außerdem keinen Platz. Bei dem -nächsten Dampfer, es war der Cunard-Liner -„Andania”, dasselbe Schauspiel. Ob nun der -englische Offizier, der uns führte, ein englischer -Major, besser schimpfen konnte als der Lagerkommandant, -oder woran es lag, jedenfalls gingen -wir nach einer halben Stunde an Bord.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span> - -Ein dicker aufgeblasener englischer Armeeleutnant, -der die Stellung des Lagerkommandanten -und gleichzeitig Dolmetschers auf diesem -Schiff bekleidete, nahm uns in Empfang.</p> - -<p>Als ich an der Reihe war, gemustert zu werden, -brachte ich in höflichem Tone mein Anliegen vor -und verlangte energisch, daß ich den Bestimmungen -gemäß in ein Offizierslager gebracht würde. Die -Antwort dieses Gentleman war unerhört und -zeigte seinen gemeinen Charakter recht deutlich.</p> - -<p>„Sie werde ich ganz besonders schlecht behandeln, -ich habe schon von Ihnen gehört, Sie sind -aus Tsingtau ausgekniffen und haben mehrere -Male Ihr Ehrenwort gebrochen; wenn Sie noch -einen Ton hier sagen, sperre ich Sie ein und lasse -Sie so lange hungern, bis Sie überhaupt nicht -mehr reden können. Die englischen Offiziere werden -in Deutschland so schlecht behandelt, das -sollen Sie jetzt büßen.”</p> - -<p>Das waren mir nette Aussichten. Was sollte -ich dagegen machen?</p> - -<p>Auf dem Dampfer waren über tausend Gefangene. -Die Unterbringung das Schamloseste, -was ich jemals gesehen. Ohne Licht und Luft -saßen die Leute in den unteren Räumen des -Schiffes zusammengepfercht, und die einzige -körperliche Bewegung bestand im Aufundablaufen -auf dem schmalen Vor- und Achterdeck. -Als wir in den für uns bestimmten Raum geführt -wurden, packte mich ein wahres Grauen. -Ich glaube, ich wäre verrückt geworden, hätte ich<span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span> -da längere Zeit hausen sollen. Unser englischer -Unteroffizier schien ein vernünftiger Mann zu -sein. Ich hatte sogar das Glück, durch ihn mit -meinem Schlosserkameraden eine kleine Kabine -an der Bordwand zu erhaschen, die sogar ein Bullauge -besaß. Das Leben an Bord war höchst eintönig. -Morgens um sechs Uhr Wecken und abends -um zehn Uhr Licht aus. Vor- und nachmittags -mußten wir je zwei Stunden an Oberdeck herumstehen, -und jeden Mittag war Appell. Die Mahlzeiten -nahmen wir in den riesigen Speisesälen -des Dampfers ein. Wir saßen zu zwölf an einem -Tisch, und genau wie alle anderen ging ich meinen -Stubendienst, holte aus der Kombüse das Essen -für den ganzen Tisch und wusch auch das ganze -Speisegeschirr mit ab.</p> - -<p>Unser Kommandant hieß übrigens Maxstedt; -er war Whiskyreisender von Zivilberuf und hatte -dabei wohl so viel Geld verdient, daß er sich sein -Offizierspatent kaufen konnte. Über eins hatte -er sich besonders geärgert. Gleich nach unserer -Ankunft wurden wir gefragt, wer von uns täglich -zwei Mark fünfzig Pfennig bezahlen wolle. Dafür -könnten die Betreffenden in einem Raum -für sich allein und etwas Besseres essen und brauchten -ihr Eßgeschirr nicht selbst abzuwaschen. -Daß keiner von uns auf diesen Schwindel hineinfiel, -hatte ihn besonders erbost.</p> - -<p>Am zweiten Tage hatte ich meinen englischen -Bericht an die englische Regierung fertig und stieg -damit zum Herrn Maxstedt hinauf. Höhnisches<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span> -Grinsen seinerseits. „Sie wissen doch, Ihr Gesuch -gebe ich weiter, aber was ich dazu schreibe, -das können Sie sich wohl denken. In Deutschland -müssen die englischen Generale wie die Pferde -vor dem Pflug hergehen, <em class="gesperrt">das</em> sollen Sie jetzt büßen.”</p> - -<p>Es war vergeblich, ihn von der Torheit seiner -Behauptungen zu überzeugen. Jeden Abend -bei der Ronde nach dem Zubettgehen kam er -extra in meine Kammer, drehte das Licht an und -sagte: <span class="antiqua">„Still here?”</span> Zu kindisch!</p> - -<p>Eines Tages wurde uns fünfzig Zivilgefangenen -von Herrn Maxstedt befohlen, das Deck -der ersten Klasse zu scheuern und die dortigen -Bullaugen zu putzen. Unser Streik war selbstverständlich. -Als wir bei unserer Weigerung -blieben, wurden wir mit zweimal Mittagessenentbehren -und abends um neun Uhr Zubettgehen -bestraft. Dabei war der Maxstedt so feige, -daß er nicht wagte, bei der Musterung an unserer -Front vorbeizugehen und uns die Strafe -selbst aufzubrummen. Vielmehr blieb er in -respektvoller Entfernung und sandte nur seinen -Unteroffizier als Herold.</p> - -<p>Maxstedt schäumte.</p> - -<p>„Natürlich”, sagte er, „ist wieder dieser <span class="antiqua">flying -man</span> dran schuld, der stachelt noch die ganze Besatzung -zur Meuterei auf, aber ich werd's ihm -eintränken, ich werde ihn schon vor das Kriegsgericht -bringen.”</p> - -<p>Die Sache wurde mir doch zu bunt, ich war vollständig -unschuldig und schrieb Maxstedt einen recht<span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span> -energischen Brief, in dem ich unter anderem betonte, -ich hoffte, er sei nur <span class="antiqua">temporary lieutnant</span>, -nicht aber auch <span class="antiqua">temporary gentleman</span>. Das half!</p> - -<p>Maxstedt behauptete, mit diesem <span class="antiqua">flying man</span> -nichts mehr zu tun haben zu wollen, und schon am -nächsten Tage lag ein Dampfer längsseit und -führte mich mit noch einigen Leidensgenossen von -der „Andania” und seinem gemeinen Gefängniswärter -fort.</p> - -<p>Wie wohl war mir da zumute! Mit der Eisenbahn -ging es wieder stundenlang westwärts. -Ich natürlich wieder in einem Kupee allein, -diesmal außer den drei Unteroffizieren auch noch -von einem Offizier bewacht.</p> - -<p>Abends langten wir in Dorchester an.</p> - -<p>Hier wehte eine andere Luft, das merkte man -gleich. Ein englischer Kapitän namens Mitchell -vom Gefangenenlager trat auf mich zu und fragte -mich höflich, ob ich Offizier sei.</p> - -<p>„Ja!”</p> - -<p>„Dann wundert es mich aber sehr, daß Sie in -ein Mannschaftslager gebracht werden. Bitte -verzeihen Sie, daß ich Ihnen keinen Offizier zu -Ihrer Begleitung stelle, ich gebe Ihnen aber meinen -ältesten Feldwebel, wollen Sie dann bitte -allein hinter den anderen Gefangenen hergehen.”</p> - -<p>Ich war sprachlos.</p> - -<p>Als wir durch das entzückende, saubere Städtchen -hindurchmarschierten, da erscholl plötzlich -hinter uns frisch und hell und klar und mit Begeisterung -geschmettert „Die Wacht am Rhein”,<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span> -dann schönste Soldatenlieder und „O Deutschland -hoch in Ehren”. Wir wähnten zu träumen, und -als wir uns verwundert umsahen, marschierte hinter -uns ein Trupp von zirka fünfzig strammen deutschen -Soldaten, die von dem Lager zum Bahnhof -kommandiert waren, um unser Gepäck abzuholen.</p> - -<p>O wie schwoll einem das Herz! Mitten in -Feindesland, trotz Wunden und Gefangenschaft -diese helle Begeisterung, dieser schmetternde Gesang! -Das muß ich den Engländern lassen, sie -waren außerordentlich tolerant, und die Bevölkerung -hat sich stets mustergültig betragen. Stumm -stand sie dicht gedrängt zu beiden Seiten der -Straße, aus allen Fenstern schauten blonde -Köpfchen hervor, nirgends eine verächtliche Bewegung, -nirgends ein Schimpfwort. Ja zum -Teil schien man den alten deutschen Melodien -wie einem Wunder zu lauschen.</p> - -<p>Im Lager erhielten wir Zivilgefangene zu je -dreißig eine kleine Holzbaracke angewiesen, die -unseren Schlaf-, Wohn- und Eßraum bildete. -Ein winziger Zeltstrohsack, der direkt auf dem -Fußboden lag, und zwei wollene Decken bildeten -unseren Schlafplatz. Mein Kapitän bat mich, -mit dem zur Verfügung Stehenden vorliebzunehmen, -da er leider für mich aus Platzmangel -kein Extrazimmer frei hätte.</p> - -<p>Das Lager von Dorchester faßte rund zwei- bis -dreitausend Gefangene und bestand zum Teil -aus alten Rennställen und aus Holzbaracken. -In denselben Ställen hatten bereits vor hundert<span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span> -Jahren deutsche Husaren gelegentlich des Besuchs -des Feldmarschalls Vorwärts in England -als Gäste gehaust!</p> - -<p>Die Gefangenen fühlten sich hier sehr wohl, das -Essen war gut und reichlich, die Behandlung einwandfrei, -und für sportliche Betätigung war gut -gesorgt.</p> - -<p>Besonders der Kapitän Mitchell und der -Major Owen haben sich um das Wohlergehen -unserer Leute verdient gemacht. Beide waren -prächtige alte Soldaten von echtem Schrot und -Korn, hatten viele Kriege und Kämpfe mitgemacht -und wußten den Soldaten richtig anzufassen. -Diese beiden und der englische Arzt -haben dann auch unseren Leuten eine Musikkapelle, -Turngeräte und Sportspiele geschenkt -und, wo sie konnten, den Leuten Gutes getan. -Ein ganz hervorragendes Verdienst hat sich der -älteste deutsche Gefangene, ein Feldwebelleutnant -X. aus München, erworben. Er war Kaufmann -von Zivilberuf und sprach fließend Englisch. Ein -ganz hervorragender Mann! Eigentlich war -er die Seele des Ganzen, die richtige Mutter des -Lagers. Auch nicht das geringste wurde gemacht, -was er nicht vorher bestimmt hatte. Er -war die rechte Hand des englischen Lagerkommandanten, -und ohne ihn wären, glaube ich, die Engländer, -die auch nicht den leisesten Schimmer von -Organisationstalent besaßen, vollends durchgedreht. -Es war geradezu erstaunlich, wie dieser -Feldwebelleutnant es verstand, für das Wohlergehen<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span> -unserer Leute zu sorgen und zwischen -unseren Leuten und den Engländern zu vermitteln. -Allerdings wußten auch die englischen -Offiziere sehr gut, was für eine Stütze sie an ihm -hatten. Schon am Tage nach meinem Eintreffen -in Dorchester reichte ich nochmals mein Gesuch -um Überführung in ein Offizierslager ein, denn -wie ich vorausgesehen hatte, war mein erstes Gesuch -von Herrn Maxstedt nicht weitergegeben -worden. Nach vierzehn Tagen kam das Gesuch -vom Kriegsministerium zurück mit der Anfrage, -ob ich nicht jemand in England namhaft machen -könne, der mich kenne. Nun entschloß ich mich -zu dem schweren Schritt, schrieb meinen englischen -Bekannten, und schon nach drei Tagen kam -von ihnen die Nachricht zurück, daß sie mich kennten -und mich sehr gern legitimieren würden. -Nun ging das Ganze nochmals an das <span class="antiqua">War office</span>, -und geduldig harrte ich meiner Versetzung.</p> - -<p>Wenn es nach dem alten Spruch gegangen -wäre: Mit Geduld und Spucke fängt man eine -Mucke, hätte ich Milliarden dieser Fliegerkollegen -erlegen können. Vorerst blieb ich noch in Dorchester, -und als vierzehn Tage nach unserer Ankunft -die übrigen Zivilgefangenen wieder weiter -transportiert wurden, da konnte ich es erwirken, -in dem Soldatenlager Dorchester bleiben zu -dürfen.</p> - -<p>Aus meiner Baracke zog ich aber aus und siedelte -in ein Stübchen des Stalles über, in das ich -vom Feldwebel N. liebevoll aufgenommen wurde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span> - -Das Leben in diesem Stübchen war einzig und -von bester Kameradschaft beseelt. Außer aus dem -Feldwebel bestanden meine Kameraden aus -einem riesigen bayerischen Infanteristen vom -Leibregiment, der den Spitznamen Schorsch -hatte und gleichzeitig unser Koch war, aus einem -fixen und gewandten Husaren-Gefreiten, gebürtigen -Lothringer, von Zivilberuf Schutzmann, -und endlich aus zwei prächtigen Gardeschützen, -hünenhaft von Gestalt, echten blonden Friesen. -Nach acht Tagen kam noch ein siebenter Gast -hinzu, und zwar war dieser der Fähnrich zur -See H., der als Flugzeugbeobachter mit seinem -Flieger von den Engländern in der Nordsee aufgefischt -war, nachdem sie über vierzig Stunden -auf dem wracken Flugzeug herumgetrieben waren.</p> - -<p>Das Verhältnis auf der Stube war geradezu -ideal. Die Mannschaften waren alle bei dem -großen Rückzug nach der Marneschlacht gefangengenommen -worden und, wie es bei diesen prächtigen -Burschen nicht anders zu erwarten war, nur -schwerverwundet in Feindeshand gefallen. Eine -vornehme Gesinnung, eine Begeisterung und -glühende Vaterlandsliebe besaßen diese Leute, -daß mir vor Stolz ordentlich das Herz schwoll. -Besonders nett waren die Abende. Man hätte -uns nur sehen sollen, mit welcher Begeisterung -und kindlichen Freude wir abends stundenlang -auf einem selbst konstruierten Brett mit selbst -hergestellten Korkenpferdchen unserem Pferdchenspiel -oblagen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span> - -Und wenn erst das Erzählen anging!</p> - -<p>Alles war mir ja neu, und ich war glücklich, -endlich aus bester Quelle von unseren herrlichen -Kämpfen und Siegen etwas zu erfahren.</p> - -<p>Jeden Nachmittag wurden drei- bis vierhundert -Gefangene, selbstverständlich von englischen Soldaten -eng umgeben, spazieren geführt. Sehr oft -bin ich mitgegangen. Es ging mitten durch das -reizende Städtchen, dann im großen Bogen durch -die schöne Umgebung. Die ganze Zeit über wurden -Soldatenlieder gesungen, beim Hin- und -Rückmarsch durch die Stadt mit besonderer Kraft -und Begeisterung „Die Wacht am Rhein” und -„O Deutschland hoch in Ehren”. Man stelle sich bloß -vor, drei- bis vierhundert unserer besten Kerls, -unserer Sieger unter General Kluck! Die englische -Bevölkerung benahm sich auch hierbei stets -einwandfrei. In dichten Reihen stand sie an den -Seiten der Straßen, nirgends ein Schimpfwort, -nirgends eine Drohung. Eine sehr nette Episode -erzählte mir der Feldwebel: Als der Major Owen -und Kapitän Mitchell neu zum Lager kommandiert -waren, wurden sie von ihren Frauen inständigst -gebeten, sich ja nicht ohne Bewachung und ohne -schwerste Bewaffnung unter die deutschen Barbaren -zu begeben. Die beiden alten Soldaten -ließen sich jedoch in ihrer Meinung nicht irremachen, -kamen ohne Waffen und wurden — — -nicht aufgefressen. Nach einiger Zeit sagten sie -zu ihren Frauen: sie sollten doch auch einmal in -das Lager kommen und sich davon überzeugen,<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span> -daß die deutschen Soldaten nicht <em class="gesperrt">das</em> wären, zu -dem sie in englischen Zeitungen gemacht würden, -sondern daß sie wirklich ganz normale Menschen -seien.</p> - -<p>Die Damen fielen natürlich zunächst in Ohnmacht. -Nach vielem Zureden aber, und nachdem -ihnen versichert war, daß sie von einer starken -Wache umgeben werden würden, wagten sie es, -die Dienstzimmer ihrer Männer zu betreten und -von oben aus dem Fenster herab dem Treiben -der deutschen Soldateska zuzusehen. Der Besuch -war bekanntgeworden, und stillschweigend hatte -sich unser Männergesangverein unter der Leitung -eines jungen talentierten Musikers unter den -Fenstern eingefunden und fing an, seine schönsten -Lieder zu singen. Die Damen sollen vor Ergriffenheit -nicht fähig gewesen sein zu reden, sie traten -ans Fenster und weinten bitterlich vor tiefstem -Weh. Von nun ab kamen sie öfters, und viel -Gutes ist durch sie unseren Leuten getan worden.</p> - -<p>Eine andere Geschichte ist auch recht bezeichnend. -Ein neuer Oberst kam ins Lager. Bei seiner ersten -Besichtigung war er bis an die Zähne bewaffnet -und hatte vor und hinter sich einen Soldaten mit -aufgepflanztem Bajonett. Als er den Major und -den Kapitän vollkommen unbewaffnet und unbegleitet -traf, machte er ihnen wegen ihrer Unvorsichtigkeit -die größten Vorwürfe.</p> - -<p>Er hat sich aber bald gebessert.</p> - -<p>An einem Tage ließ dieser neue Kommandant -die beiden anderen Herren kommen und sagte<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span> -ihnen voll Entsetzen: „Ja, denken Sie sich, da sind -gestern einige neue Gefangene gekommen, und -mir ist gemeldet worden, sie hätten Läuse! So -etwas Schreckliches kann doch nur bei diesen -Deutschen vorkommen.” Darauf drehte sich der -Kapitän ganz ruhig zu dem daneben stehenden -Major um und sagte ihm: „Sie, Owen, wissen Sie -noch, wie wir beide das letztemal im Feldzuge so -voller Läuse steckten, daß wir uns nicht rühren -konnten?” Der Oberst war sprachlos. Ich muß -allerdings hinzufügen, daß der Oberst zwar Oberst -war, aber nie in seinem Leben irgendwo militärisch -zu tun gehabt hatte. Das gibt's auch nur in -England!</p> - -<p>Gegen Ende März hielt ich endlich die erste -Nachricht aus der Heimat in der Hand. Im -Juli Neunzehnhundertvierzehn, kurz vor Ausbruch -des Krieges, hatte ich von den Meinen die -letzte Nachricht erhalten, die vom Juni stammte. -Nun endlich, nach fast neun Monaten, wieder die -ersten Zeilen.</p> - -<p>Man kann sich vorstellen, wie mir zumute war, -als ich den ersten Brief in der Hand hielt und anfangs -zögerte ihn zu öffnen. Alle meine Brüder -und Verwandten waren Offiziere, sie alle standen -seit Kriegsbeginn im Felde; was für Nachrichten -brachten mir diese ersten Zeilen? Die eine Freudennachricht -enthielt der kurze Bogen, daß meine -Brüder trotz Kampf und Gefahr am Leben waren. -Aber auch eine Trauerbotschaft, die mich schwer -traf, daß mein geliebtes holdes Schwesterlein,<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span> -mein treuester Freund und Kamerad, durch die -Wirkung des Krieges gestorben war.</p> - -<p>Kriegsschicksal!</p> - -<p>An einem der letzten Tage des März kam endlich -der Befehl, daß ich als Offizier anerkannt worden -wäre und in ein Offizierslager übergeführt werden -sollte. Mein Bündelchen und mein Hockeystock -waren bald zusammengepackt, und nach herzlichem -Abschied von den braven Kameraden marschierte -ich in meinem besten Päckchen mit dem Major -Owen zusammen zum Tore hinaus und zum -Bahnhof.</p> - -<p>Das feine Taktgefühl des alten Haudegens -hat mir besonders wohlgetan. Nach mehrstündiger -Fahrt langten wir endlich in Maidenhead in der -Nähe von London an, wo ich von einem neuen englischen -Offizier in Empfang genommen wurde. -Und hier, o Wunder, traf ich alte liebe Bekannte -wieder. Fünf blanke runde amerikanische Goldstücke, -die seinerzeit einem Schlossergesellen, später -Schloßherrn Ernst Suse abgenommen waren, -wurden meinem neuen Begleiter übergeben, -und dieser durfte sie mir jetzt, da ich ja nun wieder -Offizier war, ohne weiteres aushändigen.</p> - -<p>Die Wiedersehensfreude!</p> - -<p>Im Auto ging's jetzt zum Offizierslager Holyport. -Die Posten präsentierten, das Drahthindernis -wurde geöffnet, und schon war ich von -einer freudigen Schar von Kameraden umringt.</p> - -<p>Ja, wer hätte das gedacht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span> - -Sie, die ich fast vor dreiviertel Jahren in -Tsingtau zum letzten Male gesehen hatte, die -Sieger von Coronel, die wenigen überlebenden -Tapferen von den Falklandinseln traf ich hier -wieder. Die Freude kann man sich kaum vorstellen. -Das Fragen und Erzählen! Kein Ende -wollte es nehmen. Und dann geschah für mich -ein Wunder. Ich wurde in ein Zimmer geführt, -und da standen wahrhaftig sechs bis acht Betten, -richtige schöne Betten, weiß und sauber bezogen. -Fast acht Wochen war ich gefangen, nun das erste -Bett, das ich zu Gesicht bekam. Kann man da -verstehen, mit welcher Scheu und Andacht ich -mich an diesem Abend hineinlegte?</p> - -<p>In der ersten Zeit kam ich mir wie im Paradiese -vor. Besonders da ich hier endlich wieder als -Mensch behandelt wurde. Ich war wieder unter -meinen Kameraden, fand liebe Freunde und viel -geistige Anregung.</p> - -<p>Die Behandlung im Lager war gut. Der englische -Kommandant ein verständiger Mann, bemüht, -uns das Leben zu erleichtern.</p> - -<p>Das Gebäude selbst war ein altes Kadettenhaus, -im ganzen waren hundert kriegsgefangene -Offiziere im Lager, und wir waren auf Stuben -bis zu acht oder zehn Offizieren untergebracht.</p> - -<p>Diese Stuben waren gleichzeitig unser Schlaf- -und Aufenthaltsraum. Außerdem gab es noch -eine große Reihe von Messe-, Lese- und Speiseräumen, -in denen wir uns, wenn wir nicht an der -frischen Luft waren, meist aufhielten. Das Essen<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span> -war echt englisch, also dadurch den meisten Deutschen -wenig zusagend, aber gut und reichlich. Es -wurde eher dadurch verbessert, daß wir am Anfang -eigene Meßführung hatten, welche später leider -vom englischen <span class="antiqua">War office</span> aufgehoben wurde.</p> - -<p>Den ganzen Tag über waren wir ziemlich ungestört. -Wir konnten uns im Gebäude und in -einem mäßig großen Garten, der das Haus umgab, -frei bewegen; morgens um zehn Uhr Musterung -und abends um zehn Licht aus und Ronde.</p> - -<p>Dem Stacheldrahthindernis, welches das Ganze -umgab und Tag und Nacht streng bewacht und -beleuchtet war, durften wir uns selbstverständlich -nicht nähern, geschweige denn dieses Gehege verlassen. -Nur vor- und nachmittags wurde das -Hindernis für uns geöffnet, und wir konnten -durch ein Spalier von englischen Soldaten zu -einem zweihundert Meter entfernt liegenden -Sportplatz gehen. Für unseren Sport war mustergültig -gesorgt. Zwei prachtvolle Fußball- und vor -allen Dingen Hockeyplätze standen uns zu unserem -ausschließlichen Gebrauch zur Verfügung, und wir -haben da gespielt, daß selbst den Engländern die -Augen übergingen. Daß auch dieser Platz selbstverständlich -mit Stacheldraht und Posten umgeben -war, brauche ich wohl nicht zu erwähnen.</p> - -<p>Sehr angenehm war es, daß wöchentlich zweimal -ein sehr guter Schneider und ein Wäschelieferant -mit vorzüglicher Wäsche in das Lager -kam und es uns dadurch ermöglicht wurde, uns -wieder anständig anzuziehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span> - -Als Gehalt bekamen wir monatlich einhundertundzwanzig -Mark, wovon gleich sechzig Mark -monatlich für unsere Verpflegung einbehalten -wurden. Die übrigen sechzig Mark konnten wir für -uns ausgeben, außerdem konnte man sich von -Hause Geld schicken lassen. Die Post funktionierte -tadellos. Die Briefe von Deutschland kamen im -allgemeinen regelmäßig an und gebrauchten im -ganzen sechs bis acht Tage. Pakete gingen ebensolange.</p> - -<p>Mit unseren eigenen Briefen war es allerdings -knapp bestellt. Wöchentlich durften wir nur zwei -kurze vorgeschriebene Zettelchen schreiben, und -wie gerne hätten wir dabei stundenlang unseren -Lieben daheim erzählt! Die Briefpost, die war ja -unser ein und alles. Nach der Briefausgabe berechneten -wir die ganze Tageseinteilung, nach -den Briefen richtete sich unser ganzer Seelenzustand, -überhaupt hing die ganze Stimmung -im Lager von der Post ab.</p> - -<p>Jeden Morgen wiederholte sich dasselbe Schauspiel. -Wenn der Dolmetscheroffizier mit den -Briefen kam, blieb alles stehen und liegen, alles -war vergessen. Von einer lautlosen Menge Harrender -war der englische Offizier umgeben. -Jeder hatte in seinem Herzen den heißesten Wunsch, -daß ihm der heutige Tag einen Gruß aus der -Heimat, eine Zeile von lieber Hand geschrieben -bringen möge. Und dann die Freude, wenn was -da war, und die Trauer und Niedergeschlagenheit, -wenn man mit leeren Händen abziehen mußte.<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span> -Im letzteren Falle sagten wir immer: „Wieder -mal ein Tag verloren!”</p> - -<p>Als ich rund zwei Monate später in Deutschland -war und von vielen Seiten gefragt wurde, -womit man dem Kriegsgefangenen eine Freude machen -könne, habe ich immer nur gesagt: „Schreibt, -schreibt, so viel ihr könnt; die Briefe sind das, wonach -der Gefangene sich am meisten sehnt.”</p> - -<p>Unser Zusammenleben war den Umständen entsprechend -ein äußerst kameradschaftliches. Besonders -nett waren die Abende, an denen wir in -Gruppen um die schönen großen Kamine saßen. -Mächtige Holzkloben brannten, und dann hub -ein Erzählen an von Schlachten und Siegen, -von Not und Tod und von wilden abenteuerlichen -Erlebnissen. Viele gute Bücher, ein Streichquartett -und ein Gesangverein, den wir uns gegründet -hatten, trugen wesentlich zur Unterhaltung bei.</p> - -<p>Auch mancher Ulk wurde getrieben, und wenn -man sich endlich wieder einmal so recht herzhaft -ausgeschüttet hatte vor Lachen, dann atmete man -erleichtert auf, und für kurze Zeit wich dann der -furchtbare Druck der Gefangenschaft von uns.</p> - -<p>Unser kameradschaftliches Zusammensein wurde -Ende April plötzlich gestört.</p> - -<p>Eines Abends kam der Befehl, daß fünfzig -von uns hundert Offizieren am nächsten Morgen -zu dem Offizierslager in Donington Hall übergeführt -werden sollten. Die Aufregung bei uns -war groß, denn keiner wollte weg. Es half kein -Bitten und kein Sträuben, es hieß einfach, Koffer<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span> -packen und abmarschieren. Der einzige Seeoffizier, -der mit wegkam, war leider ich, und zwar -auf besonderen Befehl des englischen Lagerkommandanten, -da ihm die Nähe Londons für -mich zu gefährlich schien.</p> - -<p>Da ich fort kam, schloß sich auch der zweite Flieger -von der Armee, mein treuer Freund Siebel, -an. So blieben wir beiden Flieger wenigstens -zusammen.</p> - -<p>Am ersten Mai ging's also los. In Autos zu -je fünf wurden wir zum Bahnhof Maidenhead -gefahren, wo zwei Extrawagen für uns bereitstanden. -In den Abteilen blieben wir ungestört -für uns allein, die Wagen selbst wurden aber von -Soldaten streng bewacht.</p> - -<p>Stundenlang rollten wir nun durch die Gegend -nach Norden zu. Die Menge auf den Bahnhöfen -sah zwar neugierig in unsere Kupeefenster, -jedoch verhielt sie sich vollkommen ruhig. -Nur hin und wieder streckte uns ein altes Weib, -wahrscheinlich Suffragette von Zivilberuf, ihre -wenig schöne Zunge aus. Am Nachmittage langten -wir endlich auf der Station Donington -Castle, in der Nähe von Derby, an, stiegen aus -und mußten in Gruppenkolonnen auf dem Bahnhof -antreten. Umringt von zirka sechzig bis siebzig -Soldaten, marschierten wir auf das Kommando -<span class="antiqua">„Quick marsh”</span> ab. Außerhalb des Bahnhofs empfing -uns eine johlende Menge. Fast alles Weiber -und halbwüchsige Burschen und Kinder, nur wenige -Männer. Den meisten von uns war von Frankreich<span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span> -her dies unwürdige Benehmen der Bevölkerung -reichlich bekannt, in England war es etwas -Neues. Die Weiber und jungen Mädchen, der -niedrigen Bevölkerung angehörend, benahmen -sich wie die Wilden. Heulend und pfeifend liefen -sie neben und hinter uns her, ab und zu flog ein -Stein oder Straßenschmutz in unsere Reihen. -Aber im großen und ganzen lachten sich die -Demonstrantinnen halbtot dabei und schienen sich -bei ihrem Gejohle köstlich zu amüsieren. Bei der -ersten Straßenbiegung kam ein Automobil hinter -uns her gefahren. Am Steuer saß fett und hochnäsig -unser englischer Dolmetscher-Offizier, Mr. -Meyer, den wir später noch zur Genüge kennenlernen -sollten. Herr Meyer wollte sich uns so recht -zeigen und schon — — — hatte er einen seiner -eigenen Leute, die uns eskortierten, umgefahren. -Ein allgemeines Geschrei und Geschimpfe, kein -Mensch, der irgend etwas veranlaßte. Schließlich -sprangen zwei von uns „Barbaren” hinzu und -zogen den unglücklichen Tommy unter dem -Auto hervor.</p> - -<p>Nun richtete sich die ganze Wut der Weiber -gegen Herrn Meyer, und wenn der nicht schleunigst -weitergefahren wäre, hätten sie ihn womöglich -noch verprügelt. Daß sie es nicht taten, war ein -Jammer. Der Zwischenfall war bald vergessen, -und weiter johlte die Menge. Immer frecher -wurde sie, immer mehr Schmutz wurde auf uns -geworfen, als plötzlich — ruhig und behäbig, mit -gesenkten Köpfen nachdenklich wiederkäuend vier,<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span> -fünf Kühe uns entgegenkamen, die an beiden -Seiten bei uns vorbei wollten. Was nun folgte, -war so komisch, daß wir alle samt unseren englischen -Tommies stehenblieben und uns vor -Lachen bogen. Kaum daß die bisher so mutigen -Weiber die Kühe sahen, fingen sie auch schon -an, furchtbar aufzuschreien, machten kehrt und -liefen in wildester Flucht davon. Rücksichtslos -wurden die Schwächeren von den Stärkeren umgestoßen, -und bald lag ein wild strampelndes -Knäuel vor Angst kreischender Weiber zu beiden -Seiten der Straße im Graben.</p> - -<p>Von nun ab hatten wir Ruhe, und unbelästigt -setzten wir in ziemlichem Geschwindschritt unseren -Weg fort.</p> - -<p>Bei dem ganzen Marsch paßte ich scharf auf -die Wege und einzelne besonders markante -Punkte auf. Man konnte ja nie wissen, wozu -einem das mal gut sein würde!</p> - -<p>Die Sonne brannte glühend vom Himmel -herab, und in Schweiß gebadet langten wir nach -anderthalb Stunden in unserem neuen Heim -Donington Hall an.</p> - -<p>Hier herrschte Disziplin.</p> - -<p>Die Tore und Drahthindernisse öffneten sich, -die ganze Wache stand unter präsentiertem Gewehr -angetreten, der Wachtkommandant und zwei -Leutnants auf dem rechten Flügel mit der Hand -an der Mütze.</p> - -<p>Nachdem wir vom englischen Lagerkommandanten -empfangen waren, wurden wir auf unsere<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span> -Stuben verteilt, und es glückte mir, mit vier anderen -Kameraden, darunter selbstverständlich meinem -Freunde Siebel, eine sehr nette kleine Stube -zu erhaschen.</p> - -<p>Auch hier traf ich eine große Anzahl alter Bekannter -wieder. Da waren die Geretteten vom -„Blücher”, von Torpedobooten und kleinen -Kreuzern und mehrere Armee- und Marineflieger.</p> - -<p>Donington Hall stellte das Mustergefangenenlager -von England vor. Nach allem, was wir -bereits wochenlang in englischen Zeitungen darüber -gelesen hatten, mußte es ein Paradies sein. -Täglich fand man spaltenlange Artikel in den -Zeitungen, in denen die Regierung angegriffen -wurde, daß sie die deutschen Gefangenen zu -luxuriös untergebracht habe. Wie immer, so -gebärdeten sich die Frauen dabei am wildesten -und hatten sogar die Erzwingung der Räumung -Donington Halls zu einer Frauenfrage Englands -gemacht! Selbst das Parlament mußte sich -wiederholt mit diesem Thema beschäftigen. Da -sollten Spielsäle sein und mehrere Billards, das -Gebäude wie ein Schloß eingerichtet sein, ein -besonderer Wildpark sollte für die Offiziere gehegt -und für die deutschen Gefangenen sogar Fuchsjagden -veranstaltet werden.</p> - -<p>Nichts von alledem war wahr. Wohl war -Donington Hall ein großes altes Schloß, aus -dem siebzehnten Jahrhundert stammend, umgeben -von einem prächtigen alten Park, doch waren die -Räume vollständig kahl und die Einrichtung so<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span> -primitiv und kümmerlich wie nur irgend denkbar. -Von Billard und Spielsälen und Fuchsjagden -keine Spur. Aber tadellos sauber war alles, und -dafür sorgte der englische Kommandant mustergültig. -Nach unserer Ankunft waren wir im ganzen -rund einhundertzwanzig Offiziere und wohnten -schon dicht gepökelt. Das Lager war aber für vier- -bis fünfhundert Offiziere berechnet worden. Das -hätte ja eine feine Sache gegeben, da jetzt schon -die Speiseräume und die Kochgelegenheit, Bade- -und sonstige Einrichtungen nicht langten.</p> - -<p>Besonders angenehm war der schöne Park für -uns.</p> - -<p>Unser ganzer Aufenthaltsraum war in zwei -Zonen eingeteilt, in die sogenannte Tag- und in -die Nachtgrenze. Diese Gebiete wurden begrenzt -durch mächtige Drahthindernisse, die zum Teil -elektrisch geladen waren, nachts durch mächtige -Bogenlampen erhellt und Tag und Nacht durch -Posten scharf bewacht wurden.</p> - -<p>Das Drahthindernis der Nachtgrenze umschloß -das Haus und die davorliegenden Tennis- und -Sportplätze; die Taggrenze erstreckte sich auch noch -auf den Park.</p> - -<p>Abends um sechs Uhr war große Musterung, -und nachdem alles anwesend und zur Stelle war, -wurde die Taggrenze geschlossen, die sich erst am -nächsten Morgen um acht Uhr wieder öffnete. -Das Leben in Donington Hall war fast das -gleiche wie in Holyport, nur daß wir hier durch -den Park sehr viel mehr Bewegungsfreiheit<span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span> -hatten, fast noch mehr Sport trieben, falls es -überhaupt möglich war, und drei sehr gute -Tennisplätze besaßen. Die Verpflegung war auch -hier echt englisch und schmeckte sehr vielen nicht, -aber gut und reichlich. Der englische Oberst war -recht vernünftig. Zwar knurrte er oft und war -ziemlich kommissig, aber ein vornehmer, verständiger -Mann, tadelloser Soldat vom Scheitel bis -zur Sohle, und das war die Hauptsache. Er hat -alles mögliche getan, um uns das schwere Los -zu erleichtern, und hat sich ganz besonders -für unsere Sportspiele interessiert. Und das -war gut.</p> - -<p>Ein unangenehmer Vertreter war der englische -Dolmetscher, der Leutnant Meyer (der pampige -Autofahrer), ein würdiges Gegenstück zu meinem -Freunde Maxstedt von der „Andania”; ebenfalls -nicht nur <span class="antiqua">„temporary lieutnant”</span>, sondern auch -<span class="antiqua">„temporary gentleman”</span>. Er stammte aus Frankfurt -am Main, war vor dem Kriege Schmierendirektor -gewesen und tat nichts, um seinen niederen -Charakter zu verbergen. Ich glaube, der -englische Oberst verachtete ihn geradezu; und die -englischen Sergeanten, mit denen wir gelegentlich -einige Worte in der Kantine sprachen, sagten -uns wörtlich: sie hofften sehr, daß wir nicht -glaubten, daß alle englischen Offiziere so wären -wie dieser Mr. Meyer.</p> - -<p>Eines Abends gegen Ende Juni hatten wir ein -köstliches Erlebnis. Draußen, außerhalb des -Stacheldrahtes, war sehr viel Reh- und Damwild<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span> -oft in Rudeln bis zu Hunderten zusammen, die -zahm wie die Ziegen herumliefen.</p> - -<p>An diesem Abend nun lief ein allerliebstes -kleines Kitzlein, welches seine Mutter verloren -hatte, am Stacheldraht vorbei, und auf unser -Locken und Rufen kroch es geschickt durch das -Hindernis hindurch und gelangte in das Lager. -Unsere Freude war groß. Geradezu eine Sensation -für uns. Das Kitzlein wurde umringt und -gestreichelt und geliebkost (die Jäger knurrten), -und schließlich wurde es im Triumph auf den -Armen eines Leutnants in die Burschenstube -getragen, wo sich einer unserer Jäger befand, -der es großziehen sollte.</p> - -<p>Woher der Meyer davon Wind bekam, weiß -ich nicht, jedenfalls ließ er sich plötzlich den -deutschen Lageradjutanten kommen, und mit vor -Schrecken bebender Stimme fragte Meyer:</p> - -<p>„Leutnant S., ist es wahr, es ist ein Tier im -Lager?”</p> - -<p>„Ja, ein Tier!”</p> - -<p>„Und ist durch das Stacheldrahthindernis -gekommen?”</p> - -<p>„Ja, es ist einfach durchgekrochen.”</p> - -<p>„Oh, das ist ja schrecklich!” meinte Mr. Meyer, -und dabei schien ihm die Stimme zu verlöschen.</p> - -<p>„Ich muß gleich sehen, wo das Loch ist, wo -das große Tier hindurchgekrochen ist, sicher haben -die deutschen Offiziere den Stacheldraht zerschnitten, -um zu fliehen; das Tier muß auch -sofort entfernt werden!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span> - -Und so geschah es.</p> - -<p>Und, es ist kein Scherz, zwanzig Mann der -Wache mit aufgepflanztem Seitengewehr wurden -gepfiffen, der eine deutsche Soldat mit dem unschuldigen -winzigen Kitzlein wurde von ihnen in -die Mitte genommen, und auf <span class="antiqua">„Quick marsh”</span> -marschierte der ganze Zug zu dem inneren Tor -des Hindernisses. Dann wurde dieses geöffnet, -die zwanzig Mann mit dem einen deutschen Soldaten -und dem Kitzlein traten in den Zwischenraum, -die sogenannte Schleuse, das innere Tor -wurde sorgfältigst abgeschlossen, dann erst das -äußere geöffnet, der Soldat mußte das Kitzlein -ins Freie setzen, und dann wurde die ganze Prozession -zurückgemacht. Oh, Mr. Meyer, wie hast -du dich blamiert!</p> - -<p>Nun wurde das ganze Hindernis sorgfältigst -untersucht, und trotzdem nicht die geringste Lücke -gefunden werden konnte, durch die ein Mensch -hätte kriechen können, wollte Meyer sich tagelang -nicht beruhigen.</p> - -<p>Außer der Post bildete täglich der Zeitungsempfang -den Hauptmoment des Tages. Die -„Times” und „Morning Post” durften wir uns -halten, und wenn sie auch fast nur von Ententesiegen -berichteten, so kannten wir die Zeitungen -bald so gut, daß das, was wir zwischen den -Zeilen lasen, uns ein ungefähr genaues Bild der -Sachlage gab.</p> - -<p>Und die Wut in den Zeitungen, als die „Lusitania” -sank, und <em class="gesperrt">der</em> Ärger, wenn die Russen,<span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span> -selbstverständlich nur aus strategischen Gründen, -weiter zurückgingen!</p> - -<p>Wir hatten mehrere riesig große, bis ins kleinste -genaue Karten der Kriegsschauplätze angefertigt, -und jeden Morgen um elf Uhr waren unsere -„Generalstäbler” bei der Arbeit und steckten die -Fähnchen um. Und oft stand selbst der englische -Oberst davor und schüttelte bedenklich den Kopf.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span></p> - - - - -<h2>Die Flucht</h2> - - -<p>Mit der Zeit wurde die Gefangenschaft unerträglich. -Keine Briefe von Hause, nicht die -vielen herrlichen Pakete, die mir von lieber Hand -gesandt wurden, halfen mir; auch nicht die treuen -Kameraden, nicht das Hockeyspiel, dem ich mich -mit einem derartigen Eifer hingab, daß ich abends -wie tot vor Müdigkeit hinsank.</p> - -<p>Nichts half, alles war vergebens.</p> - -<p>Endlich hatte auch mich, wie so unendlich viele -vor mir, schon die Gefangenenkrankheit gepackt.</p> - -<p>Die Krankheit der furchtbarsten Verzweiflung, -der vollständigsten Hoffnungslosigkeit.</p> - -<p>Trostlos!</p> - -<p>Stundenlang lag ich wie viele andere im Grase -und starrte mit weit geöffneten Augen den blauen -Himmel an, und meine ganze Seele sehnte sich -empor zu den weißen Wölkchen dort oben und -wanderte mit ihnen nach der fernen, lieben -Heimat. Und wenn gar ein englischer Flieger -ruhig und sicher am blauen Firmament vorbeiflog, -dann krampfte sich das Herz zusammen, und -wilde verzweifelte Sehnsucht schüttelte mich. Der -Zustand wurde immer schlimmer, ich wurde gereizt -und nervös und unfreundlich gegen meine Kameraden -und kam seelisch und körperlich herunter. -Und dabei konnte ich doch eigentlich noch zufrieden -sein, ich hatte wenigstens was mitmachen können -und viel erlebt! Aber so viele andere waren schon<span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span> -in den ersten Gefechtstagen verwundet in Feindeshand -gefallen, und die unglücklichsten waren die, -welche bei Beginn des Krieges aus Amerika gekommen -waren, dort ihr Hab und Gut, ihr alles -hatten stehen und liegen lassen, um ihrem Vaterland -zu dienen, um dann durch den Verrat der -Engländer, bevor sie überhaupt die Heimat gesehen -hatten, gefangengenommen zu werden.</p> - -<p>Unsere Stimmung wurde sehr beeinträchtigt -dadurch, daß wir keinerlei Kriegsnachrichten aus -Deutschland erhielten. Und wenn wir auch selbstverständlich -den englischen Lügenmeldungen nicht -Glauben schenkten, es hatte mit der Zeit doch -gewaltigen Einfluß auf uns, daß wir wochen- und -wochenlang nichts als Gemeinheit gegen Deutschland -und nichts als Niederlagen, Revolution und -Hungersnot über Deutschland lasen. Die Ungewißheit -war auch hier das Schrecklichste, und -ganz besonders traf uns die Nachricht von dem -gemeinen Verrat Italiens.</p> - -<p>Das Triumphieren in den englischen Zeitungen!</p> - -<p>Schließlich hielt ich es nicht mehr aus. Es -mußte etwas geschehen, wenn ich nicht gänzlich -verzweifeln wollte.</p> - -<p>Tag und Nacht hatte ich geplant, gegrübelt und -überlegt, wie ich dieser elenden Gefangenschaft -entrinnen könne. Pläne über Pläne hatte ich entworfen -und wieder verwerfen müssen. Mit -größter Ruhe und Überlegung mußte hier ans -Werk gegangen werden, falls etwas gelingen -sollte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span> - -Stundenlang ging ich nun an den verschiedenen -Seiten der Hindernisse auf und ab, dabei unauffällig -jeden Draht und jeden Pfahl beobachtend. -Stundenlang lag ich im Grase in der Nähe einzelner -Stellen, die mir günstig schienen, tat als -ob ich schliefe, beobachtete dabei aber scharf jeden -einzelnen Gegenstand und die Wege und die Gewohnheiten -jedes einzelnen Postens.</p> - -<p>Die Stelle, an der ich über den Stacheldraht -wollte, stand bei mir fest. Nun handelte es sich -bloß noch darum, wie weiterkommen, wenn erst -das Hindernis überwunden war. Wir besaßen -weder Karte von England, noch Kompaß oder -Fahrplan, noch irgendein Hilfsmittel. Sogar -die genaue Lage von Donington Hall war uns -gänzlich unbekannt. Den Weg bis Donington -Castle kannte ich, den hatte ich mir ja auf dem -Hinmarsche gründlich eingeprägt. Durch einen -Offizier, der zufällig statt von Donington Castle -von Derby im Auto gefahren war, erfuhr ich, -daß seiner Schätzung nach Derby etwa fünfundzwanzig -bis dreißig Kilometer nördlich von Donington -Hall liegen müsse und daß er, bevor -das Auto in das Dorf eingebogen wäre, eine -große Brücke passiert hätte. Nun freundete ich -mich mit einem alten biederen englischen Soldaten -an, schenkte ihm gelegentlich auch einige -Zigarren und lud ihn ab und zu zu einem Glase -Bier in die Kantine ein. Nachdem wir schon -mehrere Male zusammengesessen hatten, sagte ich -ihm, es müsse doch sehr langweilig sein, dauernd<span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span> -in Donington zu sitzen, ob er denn gar keine -Abwechslung habe. O ja, meinte er, ab und zu -führe er Rad, und manchmal führe er auch damit -zum Kientopp nach Derby.</p> - -<p>„Was, Derby?” fragte ich, „das ist ja viel zu -weit für Sie, dazu sind Sie ja viel zu alt!”</p> - -<p>„Ich und zu alt? <span class="antiqua">No, Sir!</span> Da kennen Sie einen -englischen Tommy schlecht, wenn ich auf meinem -Rade sitze, da nehme ich es mit jedem Jungen -auf, und in drei bis vier Stunden habe ich die -Strecke nach Derby schon zurückgelegt.”</p> - -<p>An diesem Tage hatte ich genug erfahren. In -der nächsten Woche traf ich meinen alten Freund -wieder. Wir begrüßten uns, und ich drückte ihm -ein paar Zigarren in die Hand, die ich, trotzdem -ich Nichtraucher bin, stets bei mir führte.</p> - -<p>„He, sag mal, Tommy,” fing ich plötzlich an, -„da habe ich gestern eine Wette mit einem Kameraden -gemacht. Ich behaupte, Derby liegt nördlich -von uns, mein Kamerad behauptet, es läge -südlich. Wenn ich gewinne, kriegst du einen -ordentlichen Topf Bier mit ab.”</p> - -<p>Das Whiskyauge meines Freundes glänzte -freudig auf, und er versicherte mir mit heiligen -Eiden, daß ich recht habe, und daß Derby ganz -bestimmt nördlich von Donington Hall läge.</p> - -<p>Nun war ich klar.</p> - -<p>Und mit einem meiner Marinekameraden, dem -Oberleutnant zur See Trefftz, der vorzüglich Englisch -sprach und England genau kannte, beschloß -ich, gemeinsame Sache zu machen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span> - -Der vierte Juli Neunzehnhundertfünfzehn war -zu unserer Flucht festgesetzt, alles dazu einexerziert -und klappte, alle Vorbereitungen waren getroffen.</p> - -<p>Am vierten Juli früh meldeten Trefftz und ich -uns krank.</p> - -<p>Bei der Frühmusterung um zehn Uhr wurde -beim Aufrufen unserer Namen „krank” gemeldet, -und nach beendeter Musterung kam der wachthabende -Sergeant auf unsere Stuben und fand -uns krank in den Betten vor.</p> - -<p>Alles in schönster Ordnung.</p> - -<p>Der Nachmittag und die Entscheidung rückten -heran.</p> - -<p>Gegen vier Uhr zog ich mich an, nahm alles, -was ich zur Flucht mitzunehmen nötig erachtet -hatte, an mich, aß noch einige dicke Butterbrotstullen -und nahm dann Abschied von meinen -Stubenkameraden und besonders von meinem -treuen Freunde Siebel, den ich leider nicht mitnehmen -konnte, da er nicht Seemann war und -kein Englisch sprach.</p> - -<p>Draußen war ein heftiges Gewitter im Gange, -und wolkenbruchartig strömte der Regen vom -Himmel herab. Die Posten standen naß und -frierend in ihren Schilderhäuschen, und daher -fiel es auch keinem auf, daß trotz des Regens -noch zwei Offiziere Lust verspürten, im Park -spazierenzugehen. Im Park befand sich eine -von Büschen umgebene Grotte, von der aus man -den ganzen Park und den Stacheldraht übersehen, -selbst aber nicht gesehen werden konnte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span> - -Hier hinein verkrochen sich Trefftz und ich.</p> - -<p>Ein kurzer Abschied noch von S., der uns mit -Gartenstühlen zudeckte, und wir waren allein.</p> - -<p>Nun konnte nur noch die Vorsehung und unser -Glück für uns weitersorgen.</p> - -<p>In atemloser Spannung warteten wir. Die -Minuten wurden zu Ewigkeiten, doch langsam -und sicher verstrich eine Stunde nach der anderen. -Als die Turmuhr laut und vernehmlich sechs Uhr -schlug, klopfte uns gewaltig das Herz. Wir hörten, -wie zur Musterung geklingelt wurde, das Kommando -„Stillgestanden!”, dann wurde mit lautem -Geräusch das Drahthindernis der Taggrenze geschlossen. -Bange Viertelstunden durchlebten wir. -Wir wagten überhaupt nicht zu atmen. Jeden -Augenblick erwarteten wir, bei unseren Namen -gerufen zu werden. Es wurde sechs Uhr dreißig, -nichts ereignete sich. Ein Alp wich von unseren -Herzen. Gott sei Dank, der erste Akt war geglückt. -Denn nachdem bei der Musterung bei unseren -Namen wiederum „krank” gemeldet war und die -Offiziere wegtreten durften, liefen ein Kamerad für -mich und ein anderer Kamerad für Trefftz so -schnell wie möglich hinten ums Gebäude herum -und legten sich in unsere Betten. Und als der -Feldwebel kam, konnte er zufrieden feststellen, daß -die beiden Kranken anwesend wären. Da also -alles in Ordnung war, wurde wie an jedem -Abend das Nachthindernis geschlossen, ja sogar -die Posten vom Taghindernis eingezogen, und -damit waren wir uns selbst überlassen. Der<span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span> -außerordentliche Regen kam uns sehr zu statten, -denn sonst pflegten die englischen Soldaten abends -in unserem Park herumzutollen, wobei ein Entdecktwerden -sehr leicht möglich gewesen wäre.</p> - -<p>Stunde um Stunde verrann. Stumm lagen -wir da, nur ab und zu stießen wir uns gegenseitig -an und nickten uns zu vor Freude, daß bis jetzt -alles so gut geklappt hatte.</p> - -<p>Um zehn Uhr dreißig abends wuchs unsere -Erregung aufs äußerste. Die zweite Probe mußte -bestanden werden. Deutlich hörten wir das Signal -zum Schlafengehen, und aus dem geöffneten -Fenster meines früheren Zimmers erscholl kräftig -„Die Wacht am Rhein”. Das war das Zeichen -für uns, daß alles auf dem Posten wäre.</p> - -<p>Der wachthabende Offizier mit einem Sergeanten -schritt sämtliche Stuben ab und überzeugte -sich, daß keiner fehlte. Durch wochenlange -Beobachtungen hatte ich festgestellt, daß die wachthabenden -Offiziere stets denselben Weg wählten, -um nach der Ronde auf dem kürzesten Wege in -ihre Behausungen zu gelangen. So war es auch -heute. Die Ronde fing in dem Zimmer an, wo -Trefftz fehlte. Es war selbstverständlich, daß ein -anderer bereits in dessen Bett lag.</p> - -<p><span class="antiqua">„All present?”</span></p> - -<p><span class="antiqua">„Yes, Sir!”</span></p> - -<p><span class="antiqua">„All right, good night, gentlemen!”</span></p> - -<p>Und so ging die Ronde weiter. Kaum war sie -um die Ecke gebogen, als auch schon zwei der -anderen Kameraden in entgegengesetzter Richtung<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span> -herum und in mein Zimmer liefen, und so war -es selbstverständlich, daß auch hier alles <span class="antiqua">„present”</span> -war.</p> - -<p>Die Aufregung und die gespannteste Erwartung, -in der wir uns während dieser Zeit befanden, -kann man sich kaum vorstellen. Im -Geiste erlebten wir ja alles mit, und da es merkwürdig -lange still blieb, befürchteten wir schon, -daß alles verloren sei. Mit eiskalten Händen, -kaum atmend, das Gehör bis auf das äußerste -angespannt, lagen wir da.</p> - -<p>Endlich um elf Uhr abends erscholl ein lauter -Jauchzer. Das war unser verabredetes Signal, -daß alles geglückt war.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span></p> - - - - -<h2>Schwarze Nächte an der Themse</h2> - - -<p>Nun blieb um uns alles ruhig. Der Regen -hörte Gott sei Dank auf zu strömen. In -vollständige Dunkelheit gehüllt, lag der Park da, -und matt schimmerte das Licht der riesigen Bogenlampen, -womit das Nachthindernis beleuchtet -war, zu uns herüber. Dumpf hallte der regelmäßige -Tritt der in ihren Schutzhäuschen auf -und ab marschierenden Posten, und unheimlich -klang ihr Zuruf, womit sie sich alle Viertelstunde -gegenseitig anriefen. Um zwölf Uhr nachts war -Wachtablösung, die ich mit gespanntester Aufmerksamkeit -verfolgte. Dann kam der wachthabende -Offizier und leuchtete mit einer Lampe -das Taghindernis — also unseres — ab, und um -halb ein Uhr war wieder tiefste Ruhe.</p> - -<p>Nun war der Moment des Handelns gekommen.</p> - -<p>Leise kroch ich aus meinem Versteck wie eine -Katze, schlich durch den Park und zu dem Drahthindernis, -um mich zu überzeugen, daß wirklich -keine Posten mehr ständen. Als alles in Ordnung -war und ich die Stelle, über die wir rüber wollten, -wiedergefunden hatte, schlich ich zurück und -holte Trefftz ab. Nun machten wir den Weg gemeinsam -noch einmal.</p> - -<p>Am Hindernis angekommen, gab ich leise noch -einmal die letzten Verhaltungsmaßregeln und -dann Trefftz mein kleines Bündelchen. Als erster<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span> -fing ich an zu klettern. Der Zaun war zirka -drei Meter hoch und alle zwanzig Zentimeter -von Draht mit unheimlich langen Stacheln -bezogen.</p> - -<p>Bis zirka fünfundsiebzig Zentimeter über dem -Boden waren elektrisch geladene Drähte gesetzt, -deren Berühren genügte, um sie zu entladen -und ein Klingelwerk auszulösen, wodurch selbstverständlich -das ganze Lager alarmiert worden -wäre. Zum Schutz gegen die Stachel hatten wir -Ledergamaschen an und um die Knie Wickelgamaschen -gebunden und trugen außerdem noch -Lederhandschuhe. Doch die Stacheln waren länger -und sie haben ganz fürchterlich gepikst. Aber das -hatte den Vorteil, daß wir nun nicht ausrutschen -konnten, um dadurch den elektrischen Draht zu -berühren. Den ersten Zaun überwand ich leicht. -Dann gab mir Trefftz unsere beiden Bündel, und -ebenso schnell wie ich überstieg auch er den Zaun. -Nun kam ein zirka zehn Meter breites und ein -Meter hohes schweres Drahthindernis, nach den -neuesten Schikanen erbaut. Wie die Katzen liefen -wir beide über dieses hinweg. Dann kam wiederum -ein hoher Stacheldrahtzaun, genau so beschaffen -wie der erste und ebenfalls mit elektrisch -geladenen Drähten versehen. Auch hierüber kamen -wir beide glatt, nur daß ich mir an den verflixten -Stacheln einen Teil meines Hosenbodens -ausriß, den ich mir erst wieder herunterholen -mußte, um ihn später wieder einzusetzen. Gott -sei Dank, das Hindernis war überwunden!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span> - -Stumm drückten Trefftz und ich uns kräftig die -Hand und stumm sahen wir uns an. Was wir -durchgemacht hatten, wußten wir beide.</p> - -<p>Nun begann erst die Hauptschwierigkeit.</p> - -<p>Vorsichtig schlichen wir uns in der Dunkelheit -weiter, überquerten einen Bach, erkletterten eine -Mauer, sprangen in einen tiefen Graben und -mußten uns dann an dem Wachthaus, welches -am Eingang zum Lager lag, vorbeischleichen. -Dann endlich waren wir im Freien!</p> - -<p>Auf der großen Landstraße, die nach Donington -Castle führte, liefen wir ohne Aufenthalt entlang. -Nach einer halben Stunde machten wir halt und -entledigten uns der zerfetzten Gamaschen und -Handschuhe. Na, die inneren Handflächen sahen -ja fein aus, ganz zu schweigen von den Fußsohlen -und von der Sitzgelegenheit. Noch wochenlang -haben die Andenken an den englischen Stacheldraht -gejuckt.</p> - -<p>Jetzt öffneten wir unsere Bündel, zogen unsere -grauen Zivilregenmäntel an, verstauten die übrigen -Kleinigkeiten, und untergehakt wanderten wir frohgemut -die Straße weiter, als wenn wir von einem -späten Nachtgelage kämen. Als Donington Castle -in Sicht kam, mußten wir uns vorsehen. Und -alles, was wir tun würden, wenn wir jemandem -begegnen sollten, hatten wir verabredet.</p> - -<p>Da, als wir eben in die Dorfstraße einbiegen -wollten, kam uns ein englischer Soldat entgegen. -Wie auf Kommando zog mich Trefftz an sich, -und so wie wir es verabredet hatten, markierten<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span> -wir ein Liebespaar. Verlangend nach uns hinschauend -und mit der Zunge schnalzend ging der -Engländer vorüber. Als er an uns vorbei ging, -erkannte ich ihn mit einem Schlage. Auf seinem -Ärmel leuchteten matt die drei Feldwebelswinkel, -und diese dicke, gedrungene, auffallende Figur -konnte nur unserem englischen Lagerfeldwebel gehören.</p> - -<p>Nun schritten wir weiter. Und nachdem -das Dorf passiert war, fanden wir glücklich die -angegebene Brücke. Doch hier wurde es kritisch. -Drei große Chausseen führten von hier aus ab, -und es war unmöglich, uns ohne Wegekenntnisse -weiterzufinden. Endlich entdeckten wir in der -Dunkelheit einen Wegweiser, etwas äußerst Seltenes -in England. Zum Glück war es ein eiserner. -Und als Trefftz hinaufgeklettert war, konnte er -durch Befühlen der erhaben gegossenen Buchstaben -das Wort „Derby” lesen.</p> - -<p>In äußerstem Geschwindschritt uns nach dem -Polarstern orientierend, marschierten wir tüchtig -darauf los. Sobald uns Leute entgegenkamen -oder Autos, und besonders wenn solche hinter uns -her fuhren, versteckten wir uns im Chausseegraben -und warteten ab, bis die Gefahr vorüber -war. Es war doch zu natürlich, daß wir bei jedem -Auto glaubten, es sei unseretwegen unterwegs -und uns nachgehetzt worden. Als wir Hunger -verspürten, aßen wir etwas mitgenommenen -Schinken und Schokolade. Aber leider war das -eine zu salzig und das andere so süß, daß ein<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span> -furchtbarer Durst uns plagte. Dieser wurde bald -so unerträglich, daß wir kaum noch weiter kommen -konnten. Dazu kam, daß wir durch die durchgemachte -Aufregung und den anstrengenden -Marsch außerordentlich viel Schweiß verloren -hatten. In unserer Not stellten wir uns dann -an den Chausseegraben, und wie die Ziegen leckten -wir die dicken Regentropfen von den Blättern der -Büsche ab, bis wir endlich an einer Stelle eine -schmutzige Wasserpfütze fanden, über die wir uns -gierig trinkend warfen. O, das war gut.</p> - -<p>Langsam wurde es hell. Und gegen vier Uhr -morgens, als wir die ersten Gartenhäuser von -Derby erreichten, stieg in wundervollster Pracht -blutigrot die riesige Sonnenkugel über den Horizont. -Wie gebannt blieben wir stehen, hingerissen -von diesem herrlichen Schauspiel, und dann -schüttelten wir uns die Hände und winkten freudig -der Sonne zu.</p> - -<p>O sie, sie kam ja aus Deutschland, direkt aus -der Heimat, hatte sich rotgefärbt beim Durcheilen -der blutigen Schlachtfelder und brachte uns nun -die treuesten Grüße unserer Lieben daheim. Ein -gutes Omen!</p> - -<p>Nun schlichen wir uns beide in ein kleines -Gärtchen, und hier wurde große Toilette gemacht. -Die mitgenommene Kleiderbürste vollbrachte -Wunder. Die Schuhlappen hatten schwere Arbeit, -und mein Hosenboden wurde mit der mitgenommenen -Nähnadel geflickt. In Ermangelung -von Rasiercreme benutzten wir unseren<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span> -Speichel, und dann wurden die armen Gesichter -mit den mitgenommenen Gilette-Apparaten bearbeitet. -Zum Schluß banden wir uns „den” -Kragen und „<em class="gesperrt">den</em>” Schlips um und überließen -Kleiderbürste und Stiefellappen dem Gartenbesitzer. -Und schick fast wie Dandies mit einem koketten -Kniff in dem weichen Hut betraten wir -Derby.</p> - -<p>Zu unserem Glück fanden wir bald den Bahnhof, -trennten uns unauffällig und hatten den -unerhörten Dusel, daß bereits in einer Viertelstunde -ein Zug nach London ging. Ich löste ein -Retourbillett dritter Güte nach Leicester, und mit -einer dicken Zeitung bewaffnet bestieg ich den Zug. -In Leicester stieg ich aus, löste mir ein Billett nach -London, und als ich in das Kupee einstieg, saß -zufällig mir gegenüber ein Herr, ebenfalls im -grauen Mantel, den ich irgendwo mal gesehen -haben mußte, von dem ich aber selbstverständlich -keine Notiz nahm. Ich glaube, sein Name fing -früher mal mit T. an.</p> - -<p>Gegen Mittag lief endlich der Zug in London -ein.</p> - -<p>Als ich durch die Bahnsperre ging und mein -Billett abgab, war mir doch nicht ganz wohl zumute, -und so etwas hat meine Hand doch gezittert. -Doch der gestrenge Blick des Kontrolleurs -bedeutete weiter nichts, und einige Minuten darauf -war ich im Gewühl der Großstadt verschwunden.</p> - -<p>Wie gut war es jetzt, daß ich vor zwei Jahren -in London gewesen war und es so genau<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span> -kennengelernt hatte. Das erste, was ich tat, war, -daß ich in vier verschiedene Frühstücksstuben ging -und in jeder von diesen so viel aß und trank, daß -es noch eben nicht auffiel. Dann ging ich an die -Themse hinunter, rief mir alle Straßen und -Brücken und Dampferanlegestellen durch persönlichen -Augenschein in die Erinnerung zurück und -sah mir besonders an, wo neutrale Dampfer lagen.</p> - -<p>Ich hatte mir die Sache doch einfacher vorgestellt. -Ich hatte gehofft, sofort einen Dampfer -finden zu können, doch nun sah ich zu meiner Besorgnis, -daß alle Werften und Ladeplätze und die -meisten neutralen Dampfer ebenfalls streng bewacht -mitten auf dem Strome lagen.</p> - -<p>Die ungewohnte Umgebung, die Unsicherheit, -in der ich mich in der ersten Zeit befand, und vor -allen Dingen das dauernde Gefühl während der -ersten Tage, daß ich stets glaubte, daß jeder -Mensch wissen müßte, wer ich wäre, und daß -jedermann es mir an der Nasenspitze ablesen -könnte, daß ich aus Donington Hall entwichen -wäre, taten das ihre. Dazu kam noch die durchgemachte -Aufregung und Überanstrengung der -letzten Nacht und die trostlose Verlassenheit in der -riesigen Feindeshauptstadt. Auch hatte ich mich -vergebens bemüht, irgendeine Zeitung zu erwischen, -aus der die Abfahrt von Dampfern ersichtlich -wäre; das war für mich eine besonders -herbe Enttäuschung.</p> - -<p>War es da ein Wunder, daß ich ganz entmutigt -und müde zum Umsinken um sieben Uhr abends<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span> -wie verabredet vor der St. Pauls-Kathedrale -stand, um auf Trefftz zu warten? Bis neun Uhr -habe ich gewartet, kein Trefftz kam.</p> - -<p>Fest überzeugt, daß es Trefftz bereits gelungen -wäre, einen günstigen Dampfer zu fassen, und daß -er womöglich London schon verlassen habe, -schleppte ich mich gänzlich deprimiert zum Hydepark. -Zu meiner Enttäuschung war dieser entgegen -früherer Gewohnheit geschlossen. Was sollte -ich nun tun, wo sollte ich schlafen? Auf der -Straße durfte ich nicht bleiben, um nicht aufzufallen. -Und in eine Herberge durfte ich erst recht -nicht gehen, da ich keinen Paß besaß, den jetzt in -England selbst jeder Engländer besitzen mußte, -und ohne den kein Gastwirt bei schwerster Strafe -jemanden aufnehmen durfte.</p> - -<p>In einer elenden Bar, in der ich mich etwas -stärken wollte, bekam ich nur warmen Stout und -nur noch eine einzige Rolle Keks. Alles andere -war vertilgt. Und als auch in der Bar Feierabend -geboten wurde, saß ich wieder auf der -Straße. Ich bog in eine der vornehmsten Alleen -ein, wo prächtige Paläste von schön gepflegten -Vorgärtchen umgeben waren. Ich konnte mich -kaum noch auf den Beinen aufrecht halten, und -als die Luft rein war, sprang ich schnell entschlossen -über einen dieser Gartenzäune und hatte -mich kurz darauf in der dichten Buchsbaumhecke, -nur einen Schritt vom Bürgersteig entfernt, verkrochen. -Meine Gemütsstimmung läßt sich nicht -beschreiben. Wild hämmerten mir die Pulse, und<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span> -wild jagten sich die Gedanken in meinem Hirn. -In meinen Gummimantel gehüllt, wie ein Dieb -zusammengekrochen, lag ich in meinem Versteck.</p> - -<p>Wenn man mich jetzt hier fände, in dieser Lage, -mich, einen deutschen Offizier? Wie ein Verbrecher -kam ich mir vor. Und im Inneren war ich -fest entschlossen, nie jemand etwas von der unwürdigen -Lage, in der ich mich befand, zu erzählen. -Ach, hätte ich <em class="gesperrt">den</em> Abend schon gewußt, wo ich -mich zwei Tage später nächtelang herumtrieb, und -das dabei sogar ganz natürlich fand, ich wäre hoffnungsvoller -gewesen.</p> - -<p>Als ich ungefähr eine Stunde in meinem Versteck -lag, öffnete sich in meinem Hause die große -Flügeltür einer herrlichen Veranda, und mehrere -Damen und Herren in tadelloser Abendtoilette -traten heraus, um die prachtvolle Abendluft zu -genießen. Von meinem Versteck aus konnte ich -alles beobachten und jedes Wort verstehen. Nach -einiger Zeit wurde drinnen ein Flügel angeschlagen -und bald ertönte ein prachtvoller Sopran, und -wunderschönste, sehnsuchtsvolle Schubertlieder zerwühlten -meine Seele.</p> - -<p>Endlich übermannte mich die gänzliche Erschlaffung, -und wie ein Toter schlief ich ein, in -meinen Träumen von schönsten Zukunftsbildern -umschwebt.</p> - -<p>Der gleichmäßige feste Tritt eines Polizisten, -der auf der Straße, nur einen Schritt von mir getrennt, -auf und ab ging, und die hell strahlende -Sonne weckten mich am nächsten Morgen auf.<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span> -Also hatte ich doch die Zeit verschlafen; nun Vorsicht! -Stumpfsinnig pendelte der Polizist auf und -ab, er wollte nicht weichen. Endlich kam das -Glück. Ein allerliebstes Kammerzöfchen öffnete -die Türe, und schon war mein Polizist bei ihr und -schäkerte vertraulich mit dem taufrischen Käfer.</p> - -<p>Ohne von beiden gesehen zu werden, war ich -mit einem Satz über den Zaun und auf der Straße. -Es war schon sechs Uhr früh und der Hydepark -gerade geöffnet worden. Da noch keine Untergrundbahn -fuhr, ging ich in den Park und legte -mich lang auf eine Bank zu mehreren anderen -Vagabunden, die es sich dort bereits bequem -gemacht hatten. Dann zog ich den Hut übers -Gesicht, und fest schlief ich bis neun Uhr weiter.</p> - -<p>Frisch gestärkt mit neuem Mut bestieg ich die -Untergrundbahn und fuhr zur Hafengegend. Am -„Strand” erweckten riesige gelbe Plakate meine -Aufmerksamkeit.</p> - -<p>Und wer beschreibt mein Staunen, als ich -darauf dick und fett gedruckt las, daß:</p> - -<p>1. Mr. Trefftz bereits am Abend vorher gefangengenommen -worden war und,</p> - -<p>2. daß Mr. Plüschow <span class="antiqua">„still at large”</span> sei, aber,</p> - -<p>3. man ihm bereits auf der Spur wäre.</p> - -<p>Das erste und dritte waren mir neu, das zweite -war mir bekannt.</p> - -<p>Schnell kaufte ich mir nun die „Daily Mail”, -ließ mich in einer einfachen Frühstücksstube nieder -und las mit großem Interesse folgenden Steckbrief:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span></p> - -<blockquote> -<p class="center"> -<span class="antiqua">Extra Late War Edition.</span><br /> -</p> - -<p class="center"><span class="antiqua"><span class="gesperrt">Hunt for Escaped German. High-Pitched -Voice as a Clue.</span></span></p> - -<p><span class="antiqua">Scotland Yard last night issued the following -amended description of Gunther <em class="gesperrt">Plüschow</em>, -one of the German prisoners who escaped from -Donington Hall, Leicestershire, on Monday</span>:</p> - -<p><span class="antiqua">Height 5 ft., 5½ in, weight 135 lb.; complexion -fair; hair blond; eyes blue; and tattoo -marks: Chinese dragon on left arm.</span></p> - -<p><span class="antiqua">As already stated in the „Daily Chronicle”, -Plüschow's companion, Trefftz, was recaptured -on Monday evening at Millwall Docks. Both -men are Naval Officers. An earlier description -stated that Plüschow is 29 years old. His voice -is high-pitched.</span></p> - -<p><span class="antiqua">He is particularly smart and dapper in appearance, -has very good teeth, which he shows -somewhat prominently when talking or smiling, -is „very English in manner”, and knows -this country well. He also knows Japan well. -He is quick and alert, both mentally and physically, -and speaks French and English fluently -and accurately. He was dressed in a grey lounge -suite or grey and yellow mixture suite.</span></p></blockquote> - -<div class="figcenter" style="width: 244px;"> -<img src="images/illu-213.png" width="244" height="598" alt="" /> -<div class="caption">Der erste Steckbrief</div> -</div> - -<p>Also der arme Trefftz, nun hatten sie ihn doch -gekitcht. Mein Entschluß, was nun zu tun sei, -stand bei mir fest, und der Steckbrief leistete mir -dabei vorzügliche Dienste. Zuerst mußte ich meinen -grauen Gummimantel los werden. Ich ging<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span> -zur „Blackfriars Station” und gab meinen Mantel -dort im Gepäckaufbewahrungsraum ab. Als -ich das graue Ding dem Beamten übergab, fragte -dieser mich plötzlich: <span class="antiqua">„What's your name, Sir?”</span> -(Wie ist Ihr Name?).</p> - -<p>Wie ein Schreck fuhr mir diese Frage in die -Glieder, auf diese Frage war ich nicht gefaßt. -Mit zitternden Knien fragte ich: „Meinen?”, im -Inneren natürlich denkend, daß der Mann wüßte, -wer ich wäre, und vor Schrecken sogar deutsch -antwortend.</p> - -<p><span class="antiqua">„Oh, I see, Mr. Mine, M. I. N. E.”</span> und damit -übergab er mir das Zettelchen für Mr. Mine.</p> - -<p>Daß dem Beamten mein Schrecken nicht aufgefallen -ist, war ein Wunder, und mir war etwas -übel zumute, als ich durch die beiden wachthabenden -Polizisten am Eingang des Bahnhofes, die -mich scharf musterten, hindurchschritt.</p> - -<p>Bei meiner Flucht hatte ich einen blauen Zivilanzug -angezogen, den ich mir seinerzeit in -Schanghai hatte machen lassen, und den schon in -Schanghai Herr Brown und Scott, später der -Millionär McGarvin getragen hatte, der dann an -einen gewissen Schlosser, später Schloß<em class="gesperrt">herr</em> Ernst -Suse vermacht worden war, dann wieder bessere -Tage erlebte, als ein deutscher Seeoffizier ihn anzog, -und nun sein Dasein auf dem Leibe des Dockarbeiters -George Mine beendete. Unter dem -Jackett hatte ich einen blauen Mannschaftssweater, -den eine unserer gefangenen Matrosenordonnanzen -in Donington Hall mir geschenkt hatte. In der<span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span> -Tasche trug ich eine alte zerfranste Sportmütze, -ein Taschenmesser, Taschenspiegel, Rasierapparat, -ein Stück Bindfaden und zwei Taschentücher vorstellen -sollende Lappen. Ferner besaß ich das -stolze Vermögen von hundertzwanzig Schilling, -die ich mir erspart und zusammengepumpt hatte. -Pässe und Papiere, die jetzt in England selbst jeder -Engländer haben mußte, habe ich niemals besessen.</p> - -<p>Nun ging ich an die Themse zu einer entlegenen -Stelle. Mein schöner weicher Hut flog durch Zufall -von der London-Bridge ins Wasser, Kragen -und Schlips folgten an einem anderen Orte nach, -ein schöner vergoldeter Knopf prangte herrlich -vorne in der grünen Hemdprise (Marke Knopfzwang), -dann wurden die Haare schwarz und -schmierig von einer Mischung aus Vaseline, Stiefelwichse -und Kohlenstaub, die Hände sahen bald -aus, als wenn sie niemals mit Wasser in Berührung -gekommen wären, und zu guter Letzt -wälzte ich mich auf einem Kohlenhaufen tüchtig -herum, und schon war der streikende Dockarbeiter -G. Mine fertig.</p> - -<p>So konnte man in mir wirklich keinen Offizier -vermuten, am allerwenigsten aber von <span class="antiqua">„smart”</span> -und <span class="antiqua">„dapper”</span> sprechen. Ich glaube meine Rolle -gut gespielt zu haben, und nachdem ich erst den -inneren Ekel vor meiner Umgebung und soviel -Dreck überwunden hatte und mich erst sicher fühlte, -konnte ich wirklich nur als das angesehen werden, -wofür ich mich ausgab: als fauler, dreckiger Dockarbeiter -oder Segelschiffsmatrose.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span></p> - -<div class="figcenter" style="width: 518px;"> -<img src="images/illu-217.png" width="518" height="600" alt="" /> -<div class="caption">Steckbrief, eine Woche nach der Flucht</div> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span> - -Mit meiner Mütze frech im Genick, vor Schmutz -starrend, die Jacke offen, den blauen Seemannssweater -und als einzige Zierde den Kragenknopf -zeigend, mit den Händen in den Taschen, pfeifend -und spuckend und mich überall herumlümmelnd, -wie ich es zu tausenden Malen in allen -Hafenstädten der ganzen Welt von den Matrosen -gesehen hatte, trieb ich mich tagelang in London -herum, ohne auch jemals nur den leisesten -Verdacht bei irgendeinem Menschen zu erwecken, -daß ich etwas anderes sei, als wonach ich aussah.</p> - -<p>Darauf beruhte überhaupt mein ganzer Plan.</p> - -<p>Die einzigste Möglichkeit, unentdeckt zu bleiben, -war <em class="gesperrt">die</em>, mich <em class="gesperrt">so</em> zu benehmen und <em class="gesperrt">so</em> auszusehen, -daß ich niemals den leisesten Verdacht erweckte. -Es durfte überhaupt niemals so weit kommen, -daß ein Mensch auf mich aufmerksam wurde, und -wenn ein Polizist mich erst gefragt hätte, wer ich -sei, hätte ich nur meinen richtigen Namen angeben -können. Daher war es auch vollkommen -unnötig, daß meine Steckbriefe meine Tätowierung -auf dem Arm immer wieder als Schlüssel -zur Entdeckung erwähnten. Wenn es erst so weit -kam, dann war längst vorher schon alles verloren.</p> - -<p>Am zweiten Vormittage hatte ich unerhörtes -Glück.</p> - -<p>Ich saß auf dem Verdeck eines Autobusses, hinter -mir zwei Kaufleute in angeregter Unterhaltung. -Plötzlich fing ich die Worte auf: „Tilbury, -holländischer Dampfer abfährt”; und nun hörte -ich scharf zu.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span> - -Ich mußte mein Herz festhalten, sonst hätte es -Freudensprünge gemacht. Die beiden unvorsichtigen -Gentlemen erzählten nichts weniger, als -daß jeden Morgen um sieben Uhr ein holländischer -Schnelldampfer nach Vlissingen führe und -jeden Nachmittag der Dampfer vor Tilbury -Docks zu Anker ginge.</p> - -<p>Mit einem Satz war ich raus aus dem „Bus”.</p> - -<p>Schnell zur „Blackfriars Station”, ein Billett -gelöst, und eine gute Stunde später stieg ich bereits -in Tilbury aus. Es war Mittagszeit, die -Arbeiter strömten in ihre Stampen. Ich ging -zuerst zur Themse runter und erkundete mein -Operationsgebiet und überzeugte mich, daß mein -Dampfer noch nicht da wäre. Da ich Zeit und -kräftigen Hunger hatte, ging ich nach Tilbury -zurück und trat in eine der vielen Speisewirtschaften, -wo ich besonders viel Dockarbeiter hatte -hineingehen sehen. In einem großen Saale -saßen etwa hundert Arbeiter an langen Tischen -und vertilgten riesige Schüsseln. So wie es die -übrigen taten, ging ich auch an eine Klappe, legte -acht Pennies auf den Tisch und empfing einen -großen Teller gehäuft mit Kartoffeln, Gemüse -und einem mächtigen Stück Fleisch. Dann ging -ich an die Bar, kaufte mir ein großes Glas Stout, -und in aller Gemütsruhe setzte ich mich zu den -anderen Arbeitern an den Tisch, deren Eßweise -und Haltung beim Essen genau nachahmend, -wobei mir das Essen der Erbsen mit dem Messer -besondere Schwierigkeiten verursachte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span> - -Mitten im besten Stauen wurde ich plötzlich -von hinten auf die Schulter getippt. Eisig durchfuhr -es mich durch alle Glieder. Als ich mich umdrehte, -stand der Besitzer da und fragte mich nach -meinen Papieren. Ich dachte natürlich, er meinte -meine Ausweise, und schon gab ich alles verloren. -Da ich natürlich nichts vorweisen konnte, mußte -ich dem Wirt folgen, und voll Schrecken gewahrte -ich, wie er an den Fernsprecher ging, um zu telephonieren. -Mit einem Blick schielte ich schon nach -der Tür und wollte eben fortlaufen, als der Wirt, -der mich durch ein Glasfenster beobachtete, wieder -zu mir trat und mir sagte: „Ja, da Sie Ihre -Papiere vergessen haben, kann ich Ihnen nicht -helfen; übrigens wie heißen Sie und wo kommen -Sie her?”</p> - -<p>„Ich bin George Mine und amerikanischer -Leichtmatrose auf der Viermastbark ‚Ohio’, die -oben auf Strom liegt. Ich bin eben hier hereingegangen -und habe doch schon mein Essen und -mein Bier bezahlt, meine Papiere habe ich natürlich -nicht mit!”</p> - -<p>Dann er: „Dies ist ein geschlossener sozialdemokratischer -Verein, hier dürfen nur Mitglieder -essen, das sollten Sie doch wissen, doch wenn -Sie Mitglied werden wollen, stehen Ihnen die -Räume stets frei.”</p> - -<p>Natürlich war ich damit einverstanden. Ich -zahlte meine drei Schilling Eintrittsbeitrag, erhielt -ein knallrotes Seidenbändchen ins Knopfloch -gebunden und eine Mitgliedskarte, und damit<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span> -war ich nun jüngstes Mitglied des sozialdemokratischen -Dockarbeitervereins von Tilbury!</p> - -<p>Als wenn nichts geschehen wäre, ging ich wieder -an meinen Tisch, trank mit einem Zug, um mich -von dem durchgemachten Schrecken zu erholen, -verließ aber bald den Raum, da mir offengestanden -der Appetit vergangen war und das -Essen mir so recht nicht mehr schmecken wollte.</p> - -<p>Nun ging ich ans Flußufer hinunter, legte -mich ins Gras, tat, als ob ich schliefe, und paßte -auf wie ein Luchs.</p> - -<p>Dampfer an Dampfer zog an mir vorüber. -Meine Erwartung wuchs unendlich. Um vier -Uhr nachmittags lief stolz und majestätisch ein -holländischer Schnelldampfer ein und machte direkt -vor meiner Nase an einer Boje fest. Und erst -mein Glück und meine Freude, als ich vorne am -Bug in weißen, leuchtenden Buchstaben den -Dampfernamen:</p> - -<p class="center"> -„<span class="gesperrt">Mecklenburg</span>”<br /> -</p> - -<p>las. Das war für mich als Mecklenburger und -Schweriner das beste Vorzeichen.</p> - -<p>Nun fuhr ich mit der Fähre nach Gravesend -hinüber, von wo aus ich den Dampfer unauffälliger -beobachten konnte, und bummelte, die -Hände in den Taschen, sorglos ein Liedchen pfeifend, -möglichst bummlig und schlaksig im Seemannsgang -am Ufer entlang, in Wirklichkeit aber -scharf beobachtend.</p> - -<p>Mein Plan war folgender:</p> - -<p>Nachts schwimmend die Boje, an der der<span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span> -Dampfer lag, zu erreichen, dann an der Stahlleine -hochklettern, mich an Deck zu schleichen und -als blinder Passagier nach Holland zu fahren.</p> - -<p>Meine Operationsbasis hatte ich bald gefunden.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Als ich mich vergewissert hatte, daß ich unbeobachtet -war, kletterte ich in ein Holz- und -Gerümpellager, welches bis ans Wasser der -Themse reichte. Unter einigen Brettern lagen -mehrere Bündel Heu, und in diese verkroch ich -mich und wartete die Nacht ab.</p> - -<p>Dieses Heubündel ist dann auch für sämtliche -übrigen Nächte mein Aufenthaltsplatz geblieben.</p> - -<p>Gegen zwölf Uhr nachts stieg ich aus meinem -Versteck. Am Tage hatte ich mir alle in der Nähe -liegenden Gegenstände, sämtliche für mich notwendigen -Peilungen, genau eingeprägt. Vorsichtig -schlich ich über Haufen von Gerümpel, -alte Balken; der Regen rauschte, und in der pechschwarzen -Nacht konnte ich kaum die beiden Kuffs -wiederfinden, die ich am Tage neben dem Holzlager -gesehen hatte.</p> - -<p>Auf allen vieren kriechend, immer wieder angespannt -lauschend, mit den Augen versuchend, die -Dunkelheit zu durchbohren, näherte ich mich meinem -Ziel.</p> - -<p>Zu meinem Schrecken gewahrte ich, daß die -beiden Kuffs, die am Nachmittage noch im tiefen -Wasser gelegen hatten, jetzt fast trocken lagen. -Aber hinten am Heck, da schwabberte Gott sei -Dank noch ein kleines Dinghi im Wasser.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span> - -Kurz entschlossen wollte ich zu dem Boot hinlaufen, -aber ehe ich wußte, was mit mir geschah, -gab der Boden unter mir nach, und blitzschnell -versank ich bis an die Hüften in eine zähe, schlüpfrige, -übelriechende Schlammasse. Mit den -Armen schlug ich um mich, und gerade konnte ich -mich noch mit der linken Hand an einer Planke -festkrallen, die vom Ufer zu dem Segelschiff -hinüberführte.</p> - -<p>Mit äußerster Kraftanstrengung befreite ich -mich aus der eklen Masse, die beinahe ein furchtbares -Grab für mich geworden wäre, und gänzlich -erschöpft schleppte ich mich zu meinem Heubündel -zurück.</p> - -<p>Als am dritten Morgen meiner Flucht die -Sonne aufging, hatte ich den Lattenzaun bereits -wieder übersprungen und lümmelte mich auf -einer Bank der Parkanlagen von Gravesend -herum. Pünktlich um sieben Uhr früh warf meine -„Mecklenburg” von der Boje los und rauschte -stromabwärts dem freien Meere zu.</p> - -<p>An diesem ganzen Tage trieb ich mich, wie auch -später, in London herum. Stundenlang stand ich -auf den Brücken wie so viele andere Tagediebe -und merkte mir genau die Lage der neutralen -Dampfer und vor allen Dingen den Stand ihrer -Ladungsarbeiten, um jederzeit, wenn ich einen -glücklichen Augenblick erhaschen konnte, unbemerkt -an Bord zu schleichen.</p> - -<p>Essen tat ich in allen diesen Tagen in den gewöhnlichsten -Arbeiterstampen von London-East;<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span> -ich sah so verkommen und dreckig aus, torkelte -oder hinkte oft absichtlich, machte ein blödes, -stieres Gesicht und ging so krumm und schlaksig, -daß kein Mensch von mir Notiz nahm. Ich vermied -zu sprechen und merkte mir genau die Aussprache -und die Art und Weise, wie die Arbeiter -ihr Essen bestellten. Bald hatte ich eine solche -Sicherheit und Fertigkeit und wurde so frech, -daß ich niemals mehr auf den Gedanken kam, -ich könnte entdeckt werden.</p> - -<p>Am Abend war ich wieder in Gravesend.</p> - -<p>Da lag wirklich wieder ein Dampfer, und diesmal -war es die „Prinzeß Juliana”.</p> - -<p>Nun paßte ich besser auf und studierte alles so -eingehend und genau, besonders die Beschaffenheit -des Flußufers, daß ich meiner Sache sicher war.</p> - -<p>Nachts um zwölf Uhr war ich an meinem ausgewählten -Platz. Das Ufer war steinig, und die -Ebbe fing eben erst an zu laufen. Leise zog ich -meine Stiefel, Strümpfe und Jacke aus, verstaute -meine Strümpfe, meine Uhr, Rasierapparat -usw. in meine Mütze, setzte diese samt -dem teuren Inhalt auf den Kopf und band sie fest.</p> - -<p>Dann versteckte ich Jacke und Stiefel unter -einem Stein, zog den Ledergürtel meiner Hose -fest an, und so angezogen wie ich war, kroch ich -leise ins Wasser und schwamm nach der Richtung -meines Dampfers hinaus.</p> - -<p>Die Nacht war regnerisch und dunkel. Bald -konnte ich auch nicht mehr das Ufer erkennen, -das ich eben verlassen hatte. Matt konnte ich jetzt<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span> -eben die Umrisse eines Ruderbootes vor mir ausmachen, -welches verankert lag. Ich strebte darauf -zu, und trotz furchtbarster Anstrengung kam und -kam ich nicht näher. Meine voll Wasser gesogenen -Kleider wurden immer schwerer und -drohten mich herabzuziehen; die Kräfte fingen -an zu erlahmen, wie Schatten huschten an mir -einige Ruderboote vorüber, die in Wirklichkeit -aber verankert lagen, und an denen ich durch die -starke Strömung vorbeigerissen wurde. Krampfhaft, -mit meiner ganzen Energie schwamm ich -weiter und versuchte den Kopf über Wasser zu -halten.</p> - -<p>Bald jedoch schwanden mir die Sinne, und als -ich wieder zu mir kam, lag ich hoch und trocken auf -glatten, von Seetang überwucherten Steinen.</p> - -<p>Ein gütiges Geschick hatte mich an einige der -wenigen steinigen Stellen des Strandes getrieben, -da, wo der Fluß einen scharfen Knick machte; -und durch das bei Ebbe schnell fallende Wasser -lag ich nun auf dem Trockenen.</p> - -<p>Zitternd und bebend vor Kälte und Überanstrengung -raffte ich mich auf und wankte am -Ufer entlang, und nach einer Stunde fand ich -meine Jacke und meine Stiefel wieder. Dann -kletterte ich über meinen Bretterzaun und lag -zitternd und zähneklappernd auf meinem Strohhaufen.</p> - -<div class="figcenter" style="width: 375px;"> -<img src="images/illu-227.png" width="375" height="600" alt="" /> -<div class="caption">Noch ein Steckbrief</div> -</div> - -<p>Der Regen strömte, und ein eiskalter Wind -fegte über mich weg. Als einzige Decke hatte ich -meine nasse Jacke und meine beiden Hände,<span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[S. 223]</a></span> -die ich flach und schützend auf meinen Magen hielt, -um diesen wenigstens in Takt zu halten und dadurch -für die nächsten Tage die nötigen Kräfte zu -behalten. Nach zwei Stunden, ohne ein Auge -zugetan zu haben, hielt ich es vor Kälte nicht mehr -aus, verließ mein Versteck und lief herum, um -wenigstens etwas warm zu werden.</p> - -<p>Meine nassen Kleider sind erst wieder trocken -geworden, als sie mehrere Tage darauf in Deutschland -am Ofen hingen! Tagsüber trieb ich mich -wieder in London herum. Ich besuchte mehrere -Kirchen, in denen ich sicher den Anschein eines -frommen Beters erweckt habe, in Wirklichkeit aber -ein Stündchen schlief.</p> - -<p>An diesem Tage wäre ich beinahe ein englischer -Soldat geworden. Wie an allen Tagen stand auf -einem der vielen Plätze auf einer errichteten Tribüne -ein Redner und sprach zum Volk. Natürlich -Rekrutenfang!</p> - -<p>In den glühendsten Farben, in höchster Ekstase -schilderte er der lauschenden Menge, wie es aussehen -würde, wenn die deutschen Soldaten erst -ihren Siegeseinzug durch London hielten. „Die -Straßen Londons”, sagte er, „werden von den -Tritten der Barbaren widerhallen. Eure Frauen -werden von den deutschen Soldaten vergewaltigt -und mit ihren kotigen Stiefeln getreten werden. -Wollt ihr das, ihr freien Briten?”</p> - -<p>Ein entrüstetes „Nein!” war die Antwort.</p> - -<p>„So gut, dann kommt und — — <span class="antiqua">join the -army now</span>!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[S. 224]</a></span> - -Ich erwartete einen allgemeinen Sturmlauf. -Der Mann hatte wirklich packend geredet. Keiner -rührte sich. Nicht einer, der sich meldete und -glaubte, daß Kitchener gerade <em class="gesperrt">ihn</em> haben wollte. -Nun fing der Redner von vorne an, aber seine -flammenden Worte verhallten ungehört.</p> - -<p>In der Zwischenzeit gingen englische Werbeunteroffiziere -durch die Menge. Überall begegneten -sie Kopfschütteln, keiner der wackeren Söhne -Albions wollte anbeißen. Plötzlich kam ich an die -Reihe.</p> - -<p>Ein baumlanger Sergeant stand vor mir und -befühlte prüfend meine Oberarme. Er schien -von seiner Musterung höchst befriedigt zu sein, -denn nun fing er mit allen Mitteln an, mich -davon zu überzeugen, daß der Soldat ausgerechnet -in Kitcheners <span class="antiqua">army</span> das Schönste wäre, -was es auf der Welt gäbe. Ich lehnte ab.</p> - -<p>„Nein”, sagte ich, „es geht nicht, ich bin erst -siebzehn Jahre alt.”</p> - -<p>„Oh, das macht nichts, da machen wir einfach -eine Achtzehn draus, und alles ist <span class="antiqua">all right</span>.”</p> - -<p>„Nein, es geht wirklich nicht, ich bin übrigens -Amerikaner und habe auch keine Erlaubnis von -meinem Schiffskapitän.”</p> - -<p>Nun holte der lästige Bursche eine Mappe -hervor, in der in den leuchtendsten Farben die -englischen Uniformen abgebildet waren. Der Kerl -ließ einfach nicht locker. Um ihn endlich los zu -werden, sagte ich ihm, er möchte mir eins der -Heftchen überlassen, ich würde dann abends mit<span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225">[S. 225]</a></span> -meinem Steuermann reden und am nächsten -Tage würde ich ihm mitteilen, welche Uniform -mir am besten gefiele.</p> - -<p>Daß ich von da ab in großem Bogen um diesen -Platz herumging, war wohl selbstverständlich.</p> - -<p>Nun hatte ich aber allmählich so viel Sicherheit -gewonnen, daß ich trotz meines schmutzigen -Päckchens ins Britische Museum ging, mir einzelne -der größten Gemäldegalerien ansah, ja -sogar die Nachmittagsvorstellungen der Varietés -besuchte, ohne jemals nach dem Woher und Wohin -gefragt zu sein. In den Varietés waren oft die -allerliebsten blonden Garderobefräuleins besonders -freundlich zu mir und schienen sogar mit -dem armen <span class="antiqua">„sailor”</span>, der sich sicherlich in das feine -Varieté verirrt hatte, Mitgefühl zu haben.</p> - -<p>Am ulkigsten war es, wenn ich auf einem Verdecksitz -der Autobusse Platz nahm und die Damen -und Dämchen naserümpfend und entrüstet von -mir abrückten und mich nicht selten verachtende -Blicke trafen. Wenn <em class="gesperrt">die</em> gewußt hätten, wer -neben ihnen saß! Daß ich nicht gerade nach -Parfüm roch, war bei meiner Nachtarbeit und -den nassen schlammbeschmutzten Kleidern kein -Wunder.</p> - -<p>Am Abend war ich wieder in meinem Gravesend. -In dem kleinen Park, der direkt ans Themseufer -stieß, spielte Militärmusik und mehrere -Stunden saß ich ruhig auf einer Bank direkt am -Strand, lauschte den Klängen der Musik und -beobachtete wie ein Luchs.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_226" id="Seite_226">[S. 226]</a></span> - -Meinen Plan, zum Dampfer hinüberzuschwimmen, -hatte ich endgültig aufgegeben, da ich einsah, -daß die Strecke zu weit und die Strömung viel -zu reißend war.</p> - -<p>Jetzt kam es für mich nur noch darauf an, -irgendwo unauffällig ein Ruderboot zu requirieren, -um damit zum Dampfer gelangen zu -können.</p> - -<p>Vor mir lag gerade ein passendes; doch war -dieses an einer Schleuse festgemacht, die von -einem Posten Tag und Nacht bewacht wurde.</p> - -<p>Doch gewagt mußte es werden!</p> - -<p>Nachts um zwölf Uhr bei wiederum stockfinsterer -Nacht schlich ich durch den Park und kroch -an die zirka zwei Meter hohe Ufermauer heran. -Ein Sprung über einen Gartenzaun, und schon -lag unter mir leise schaukelnd mein Boot. Atemlos -lauschte ich. Der Posten, nur zehn Schritt -entfernt, schlenderte schlaftrunken auf und ab. -Meine Stiefel hatte ich ausgezogen und mit den -Schuhlitzen um den Hals gebunden, das offene -Messer zwischen den Zähnen. Leise wie ein Indianer -glitt ich an der Mauer hinunter. Mit den -Fußspitzen konnte ich gerade das Dollbord des -Bootes angeln, lautlos glitten meine Hände an -dem harten Granit entlang, und eine Sekunde -darauf saß ich zusammengekauert im Boot. -Atemlose Spannung. Mein Posten ging unter -seinen hellen Bogenlampen ungestört auf und ab. -Mit meinem Boot lag ich Gott sei Dank im -Dunkeln. Meine durch nächtliche Torpedobootsfahrten<span class="pagenum"><a name="Seite_227" id="Seite_227">[S. 227]</a></span> -geübten Augen sahen jetzt trotz der -schwarzen Nacht fast wie am Tage. Vorsichtig -tastete ich die Riemen ab. Verdammt, sie waren -von einer Kette umschlossen. Zum Glück war -diese aber nicht stramm angezogen, und leise zog -ich erst den Bootshaken, dann einen Riemen nach -dem anderen aus der Kettenschlinge heraus. Knirschend -durchschnitt nun mein Messer die beiden Taue, -mit denen das Boot an der Mauer festgemacht -war, und unhörbar tauchten meine Riemen in -das Wasser ein und trieben das Boot vorwärts.</p> - -<p>Als ich in das Boot gestiegen war, hatte es -schon sehr viel Wasser gehabt. Nun gewahrte ich -zu meinem Schrecken, daß das Wasser im Boot -mit großer Geschwindigkeit stieg. Schon überspülte -das Wasser die Ducht, auf der ich saß, -immer schwerer und unhandlicher wurde das -große Boot, mit verzweifelter Kraft warf ich mich -in meine Riemen. Plötzlich knirschte der Kiel, und -das Boot lag eisern fest. Kein Pullen, kein Absetzen -mit Riemen und Bootshaken half, das Boot -blieb unbeweglich, und rasend schnell fiel das -Wasser um das Boot herum, und schon nach -wenigen Minuten saß ich fest und trocken im -Schlick, dafür aber zum Trost das Boot innen bis -an den Rand voll Wasser. Ich habe eine so -schnelle Veränderung der Wasserhöhe bei Ebbe -und Flut noch nie vorher in meinem Leben -erlebt. Wenn auch die Themse in dieser Beziehung -berüchtigt war, <em class="gesperrt">das</em> hatte ich doch nicht -für möglich gehalten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">[S. 228]</a></span> - -Ich befand mich wohl in der kritischsten Lage -der ganzen Flucht. Ringsherum war ich umgeben -von weichem, stinkendem Schlick, dessen -Bekanntschaft ich zwei Abende vorher beinahe mit -dem Leben bezahlt hatte. Schon der Gedanke -daran machte mich schaudern. Nur zweihundert -Meter entfernt ging der Posten auf und ab, und -ich selbst befand mich mit meinem Boot zirka -fünf Meter von der zwei Meter hohen granitenen -Ufermauer entfernt.</p> - -<p>Kühl überlegend saß ich auf meiner Ducht. -Eins stand fest: die Engländer durften mich hier -nicht finden, denn wie einen tollen Hund hätten -sie mich totgeschlagen.</p> - -<p>Vor dem nächsten Vormittage stieg aber das -Wasser nicht wieder. Also gab's nur eins: alle -Energie zusammengerafft, Zähne zusammengebissen -und versucht, den Schlick zu überwinden. -Ich zog auch noch meine Strümpfe aus, krempelte -die Hosen so hoch hinauf, als es irgend ging, dann -legte ich die Bootsplanken und die Riemen -nebeneinander auf den quillenden und glucksenden -Schlammboden, dann benutzte ich den Bootshaken -als Sprungstange und setzte ihn mit der -Spitze auf eine Planke auf, stellte mich auf das -Dollbord des Bootes, dann alle Kraft zusammengenommen, -mit einem mächtigen Satze schwang -ich mich im Stabhochsprung um meinen Bootshaken -und ... mit einem lauten Platsch langte -ich nur einen Meter von der Mauer entfernt an -und sank bis weit über die Knie in den zähen Brei,<span class="pagenum"><a name="Seite_229" id="Seite_229">[S. 229]</a></span> -dann aber festen Grund unter den Füßen spürend. -Nun arbeitete ich mich an die Mauer heran, legte -meinen Bootshaken als Kletterstange an, und -einige Sekunden darauf war ich oben und saß -mitten auf dem Rasen des kleinen Parkes, in -dem ich einige Stunden vorher der Musik gelauscht -hatte. Um mich herum lautlose Stille. -Ein Alp wich mir von der Brust. Niemand, auch -der Posten nicht, hatte etwas gemerkt.</p> - -<p>Mit ziemlichem Mißbehagen betrachtete ich mir -meine Beine. Bis über die Knie klebte eine dicke, -stinkende, graue Schicht. Wasser zum Waschen -war nirgends in der Nähe. Aber so konnte ich -unmöglich meine Strümpfe und meine Stiefel -wieder anziehen. Mühsam strich ich daher mit den -Fingern die Schlickmasse, so gut es ging ab, und -als die kleben gebliebene Kruste einigermaßen -trocken war, gelang es mir, Schuhe und Strümpfe -anzuziehen und die aufgekrempelten Hosen herabzustreifen.</p> - -<p>Der erste Plan war zwar mißglückt, aber -immerhin hatte ich dabei so viel Glück gehabt, daß -ich voller Mut einen zweiten Versuch machen -wollte.</p> - -<p>Mit den Händen in den Taschen, einen betrunkenen -Matrosen markierend, torkelte ich der -kleinen Brücke, die von meinem Posten bewacht -war, zu. In meiner Betrunkenheit rempelte ich -den Posten sanft an, dieser schien solche Anblicke -gewöhnt zu sein, und mit einem gemütlichen: -<span class="antiqua">„Halloh! Old Jack, one Whisky too much!<span class="pagenum"><a name="Seite_230" id="Seite_230">[S. 230]</a></span>”</span> -klopfte er mir auf die Schulter und ließ mich -passieren.</p> - -<p>Einige hundert Schritte weiter war ich wieder -der Alte. Nach kurzem Suchen fand ich die -steinige Uferstelle wieder, an der ich den Abend -vorher den beinahe mißlungenen Schwimmversuch -unternommen hatte.</p> - -<p>Es war ungefähr zwei Uhr nachts, und im -Nu hatte ich mich ausgezogen, und sofort sprang -ich, diesmal leicht und unbehindert, so wie mich -der liebe Gott geschaffen hatte, ins Wasser. Der -Himmel war zum erstenmal umwölkt, und -schwach hoben sich die Umrisse mehrerer zirka -zweihundert Meter vom Ufer entfernt verankerter -Ruderboote ab. Das Wasser phosphoreszierte -ganz ungewöhnlich stark; nur in den Tropen habe -ich Ähnliches erlebt. Wie in einem Meer von -Gold und Silber schwamm ich daher. Zu einer -anderen Zeit hätte mich dieses Naturwunder höchst -entzückt, jetzt befürchtete ich, daß das helle Aufleuchten -meines nackten weißen Körpers in dem -hellen Goldstrom mich verraten würde. Zuerst -ging alles nach Wunsch. Sowie ich aber die links -vor mir liegende schützende Uferecke passiert hatte, -faßte mich der Strom, und nun gab es wieder ein -Ringen mit dem Element auf Leben und Tod. -Als meine Kräfte zu ermatten drohten, erreichte -ich das erste Boot. Die letzte Kraft zusammengenommen, -und nach einem mächtigen Klimmzug -polterte ich in das Innere des Bootes hinein. -Verhängnis! Das Boot war leer. Kein Riemen,<span class="pagenum"><a name="Seite_231" id="Seite_231">[S. 231]</a></span> -kein Haken, mit dem ich mich hätte vorwärts bewegen -können. Nach kurzer Pause glitt ich wieder -ins Wasser hinab und ließ mich nun von dem -Strom gegen das nächste dahinter liegende Boot -treiben. Auch dieses Boot ... leer. Und so ging's -noch mit drei anderen Booten. Bis ich schließlich -beim letzten leeren anlangte, und nachdem ich mich -verschnauft hatte, ging es wieder hinein in das -glitzernde, jetzt aber unangenehm kalte Element. -Und zwei Stunden, nachdem ich abgeschwommen -war, langte ich wieder bei meinen Kleidern an.</p> - -<p>Da ich vor Kälte wie Espenlaub zitterte, machte -es mir besondere Arbeit, naß wie ich war, in die -ebenfalls noch nassen und klebenden Kleider zu -gelangen.</p> - -<p>Eine halbe Stunde darauf lag ich, an meinem -Glücksstern zweifelnd, in meinem Heuhaufen.</p> - -<p>War es mir übelzunehmen, daß ich etwas -mutlos wurde? Und vor allen Dingen gleichgültig? -Ja, ich war so herunter, daß ich am -nächsten Morgen nicht die Energie fand, rechtzeitig -mein Versteck zu verlassen, und erst über den -Bretterzaun setzte, als schon der Besitzer des Holzlagers -mehrere Male dicht an meinem Versteck -vorbeigeschritten war. Diesen kommenden Tag -ging ich zu Fuß von Gravesend nach London -hinauf und von London zu Fuß auf der anderen -Themseseite nach Tilbury hinunter. Alles nur, -um ein Boot finden zu können, das ich mir unbemerkt -leihen konnte. Es war ja gar nicht zu -glauben, mehrere lagen da, aber die nur gut<span class="pagenum"><a name="Seite_232" id="Seite_232">[S. 232]</a></span> -bewacht von ihren Besitzern. Mutlos gab ich -das Rennen auf.</p> - -<p>An diesem Abend ging ich in ein Varieté -in der festen Absicht, die zwanzig Schilling, die -ich noch besaß, zu verjubeln, dann in einer Nacht -alles auf eine Karte zu setzen und zu versuchen, -in die Docks zu gelangen und mich auf einem -neutralen Dampfer zu verstecken. Und wenn das, -wie es Trefftz gegangen war, mißlang, wollte ich -mich der Polizeibehörde stellen.</p> - -<p>Ich stand auf der obersten Galerie des größten -Londoner Varietés und folgte dem Spiele. Eine -innere Stimme raunte mir immer zu: Du gehörst -nach Gravesend zur Arbeit, deine Pflicht ist es, -die Schlappheit zu überwinden, sonst bist du kein -deutscher Seemann mehr! Als lebende Bilder -gestellt wurden, Szenen aus dem Schützengraben -und Verherrlichungen des zukünftigen Sieges -und Friedens, bei denen selbstverständlich die -Deutschen nur fliehend und geschlagen dargestellt -wurden, ja als sogar auf dem Hauptbild Britannia -dargestellt wurde im strahlenden Sonnenglanz, -die Siegespalme in der Hand, mit ihrem -rechten Fuß auf einem gefesselt daliegenden -feldgrauen deutschen Soldaten, da packte mich -der heilige Zorn, und fluchtartig trotz Protestes -meiner Nachbarn verließ ich das Theater -und faßte gerade noch den letzten Zug nach -Tilbury.</p> - -<p>Jetzt war mir wieder wohl zumute. Und ich -war in meinem Innern so fest überzeugt, daß mir<span class="pagenum"><a name="Seite_233" id="Seite_233">[S. 233]</a></span> -heute mein Plan gelingen würde, daß es gar nicht -anders kommen konnte.</p> - -<p>Als ich die ersten Fischerhütten von Gravesend -passierte, fand ich einen kleinen Bootsriemen. Zur -Sicherheit nahm ich diesen mit. Mitten in der -Hafenstraße, da, wo in den Kaieinschnitten die -Fischkutter direkt anlegten, schaukelte ein kleines -Dinghi. Nur zwanzig Schritt davon entfernt -saßen auf einer Hausbank gemütlich plaudernd -die Besitzer der Fischkutter und des dazugehörigen -Dinghis. Da die guten Seeleute mit ihren Geliebten -zärtlich kosten, war von meiner Gegenwart -nichts bemerkt worden.</p> - -<p>Riskant war es, aber: Nur dem Mutigen gehört -die Welt, brummte ich in mein Inneres hinein. -Und dank meiner erworbenen Übung, kroch ich -unhörbar in das Boot, ein scharfer Schnitt, und -leise glitt die winzige Nußschale am Fischkutter -entlang, auf dessen Achterdeck eine Frau ihr Kind -in den Schlaf wiegte.</p> - -<p>Da keine Dollen im Boot vorhanden waren, -setzte ich mich achteraus und wriggte nun mit aller -Kraft vom Ufer fort. Kaum hatte ich jedoch ein -Drittel des Weges zurückgelegt, als mich plötzlich -mit unwiderstehlicher Gewalt die Ebbströmung -faßte, mein Boot wie einen Kreisel herumwirbelte -und alle meine Versuche, Kurs zu halten, vergeblich -machte. Jetzt galt's seemännische Geschicklichkeit -zeigen. Mit eiserner Faust brachte ich -das Boot in meine Gewalt, und genau mit dem -Strom schwimmend, steuerte ich flußabwärts.<span class="pagenum"><a name="Seite_234" id="Seite_234">[S. 234]</a></span> -Jetzt kam ein gefährlicher Moment. Eine mächtige, -quer über den Fluß reichende und von Soldaten -streng bewachte militärische Pontonbrücke kam -mir in den Weg. Ein Moment kalter Ruhe, -schärfster Anspannung, ein Anruf eines Postens, -und unverwandt geradeaus sehend und nur auf -meinen Riemen achtend, schoß der Nachen durch -zwei Pontons hindurch. Nur wenige Sekunden -darauf erhielt das Boot einen kräftigen Stoß, -und schon war ich an den Ankerketten eines -mächtigen Kohlenleichters gestrandet. Wie der -Blitz hatte ich mein Bootstau um die Ankerkette -festgemacht, nur Bruchteile von Sekunden, -in denen das Boot beinahe gekentert wäre. Jetzt -war ich in Sicherheit. Wie rasend schoß das -Wasser gurgelnd an meinen Bootsplanken vorüber, -der volle Ebbstrom, verstärkt durch das -Flußgefälle, mußte schon eingesetzt haben.</p> - -<p>Mir blieb jetzt nichts anderes zu tun übrig, -als geduldig warten.</p> - -<p>An meiner Steuerbordseite lag mein Dampfer. -Ich wollte abwarten, bis wieder Stauwasser eingetreten -war, um dann herüberzuwriggen. Innerlich -frohlockte ich schon vor lauter Übermut, als -schnell der nötige Dampfer kam. Der Morgen -fing an zu grauen, immer heller traten die Umrisse -der verankerten Schiffe hervor, endlich ging -die Sonne auf, und immer noch rauschte das -Wasser so kräftig an mir vorbei, daß an ein Fortkommen -für mich nicht zu denken war. Die -Flucht war sowieso in dieser Nacht unmöglich.<span class="pagenum"><a name="Seite_235" id="Seite_235">[S. 235]</a></span> -Glücklich aber, daß ich wenigstens das lang gesuchte -Boot besaß, ließ ich mich mit dem letzten -schwachen Ebbstrom stromabwärts gleiten, und -nach zirka einer Stunde machte ich an einer alten -zerfallenen Brücke am rechten Themseufer fest. -Mein Boot versteckte ich unter der Brücke, die -beiden Riemen nahm ich zur Vorsicht mit an -Land und verstaute sie im hohen Gras. Dann -legte ich mich selbst in die Nähe und beobachtete. -Um acht Uhr früh rauschte mein Dampfer -stolz an mir vorüber. Es war die „Mecklenburg”. -Nun kam noch eine harte Geduldsprobe. Sechzehn -Stunden blieb ich im Grase liegen, bis abends -um acht Uhr die Befreiungsstunde schlug.</p> - -<p>Da bestieg ich wieder mein Boot. Vorsichtig -ließ ich mich durch die eben einsetzende Flußströmung -wieder stromaufwärts treiben und -machte am selben Leichter fest, an dem ich die Nacht -vorher gestrandet war. Querab von mir, nur -fünfhundert Meter entfernt, lag die „Prinzeß -Juliana” an ihrer Boje.</p> - -<p>Jetzt hatte ich Zeit, legte mich lang in das -Innere meines Bootes und versuchte vergebens -ein Nickerchen zu machen. Der Flutstrom schwoll, -und bald war ich wieder von brausendem Wasser -umgeben.</p> - -<p>Nachts um zwölf Uhr wurde es still um mich -herum, und als um ein Uhr das Boot ruhig im -Stauwasser schlingerte, warf ich los, setzte mich -achtern dwars in mein Boot und wriggte in -größter Gemütsruhe, als wenn ich mich auf einer<span class="pagenum"><a name="Seite_236" id="Seite_236">[S. 236]</a></span> -Sonntagspartie im Kieler Hafen befände, zum -Dampfer.</p> - -<p>Unbemerkt gelangte ich an die Festmacherboje.</p> - -<p>Haushoch türmte sich über mir der scharfe -schwarze Vorsteven meines Dampfers. Ein kräftiger -Ruck, und oben war ich auf der Boje. Nun -gab ich meinem treuen Schwan einen tüchtigen -Fußtritt, und schnell wurde der von der eben wieder -einsetzenden Ebbströmung stromab geführt. -Mäuschenstill lag ich mehrere Minuten auf der -Eisentonne. Dann kletterte ich, von eiserner Ruhe -erfüllt, wie eine Katze an der mächtigen Stahltrosse -zur Klüse empor. Vorsichtig steckte ich den -Kopf über den Wassergang und spähte.</p> - -<p>Die Back war leer.</p> - -<p>Ein kurzes Aufstemmen, und oben war ich.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_237" id="Seite_237">[S. 237]</a></span></p> - - - - -<h2>Ein blinder Passagier</h2> - - -<p>Jetzt kroch ich auf dem Deck entlang zum -Ankerspill und versteckte mich zuerst mal in -der Ölwanne unter der Kettentrommel.</p> - -<p>Als alles um mich ruhig blieb, kein Mensch -sich zeigte, kletterte ich aus meinem Versteck, -zog meine Stiefel aus und verstaute sie unter -einem Bund Stammwerk in einer Ecke der -Back. Auf Strümpfen schlich ich jetzt zur Rekognoszierung. -Als ich von Achterkante Back vorsichtig -zum Ladedeck hinunterschaute, prallte ich -plötzlich zurück, und atemlos, ohne mit der Wimper -zu zucken, blieb ich an einen Ventilator angelehnt -stehen. Unten auf dem Ladedeck standen zwei -Posten, die scharf nach der Back heraufsahen.</p> - -<p>Nachdem ich über eine halbe Stunde in meiner -halb geduckten Stellung gestanden hatte und mir -die Knie den Dienst versagen wollten, kamen -unten aus dem Mitteldeck zwei Stewardessen, -die scheinbar vom Nachtdienst abgelöst worden -waren. Meine beiden Posten ergriffen die günstige -Gelegenheit, waren bald in eine Unterhaltung -mit ihnen vertieft und achteten nicht -weiter auf das, was um sie herum vorging.</p> - -<p>Der Morgen fing bereits an zu dämmern, jetzt -mußte ich handeln, wenn nicht noch zu guter Letzt -alles verloren sein sollte.</p> - -<p>Ich rutschte an der den beiden Liebespaaren<span class="pagenum"><a name="Seite_238" id="Seite_238">[S. 238]</a></span> -entgegengesetzten Seite der Back an der Gillung -herunter und befand mich auf dem Ladedeck.</p> - -<p>Ohne auch nur eine Sekunde zu zaudern, ging -ich leise weiter, schlich unbemerkt an den beiden -Posten vorbei, erreichte glücklich das Promenadendeck, -und dann kletterte ich an den Außenkanten -einer Deckstütze hoch und befand mich kurz darauf -an der Außenkante eines Rettungsbootes.</p> - -<p>Mich mit der einen Hand eisern festhaltend, da -zwölf Meter unter mir das Themsewasser gurgelte, -reihte ich mit der anderen Hand und mit -den Zähnen einige Bänzel des Bootsbezuges -los, und mit der letzten Kraftanstrengung kroch -ich durch die kleine Lücke und befand mich wohlgeborgen -im Bootsinnern.</p> - -<p>Jetzt holte ich von Innen die gelösten Bänzel -wieder an, und kein Mensch hätte auf den Gedanken -kommen können, daß sich ein blinder Passagier -im Rettungsboot befand.</p> - -<p>Nun war es allerdings vorbei mit mir. Die -ungeheuerlichen körperlichen Anstrengungen, die -seelischen Aufregungen und nicht zum mindesten -der nagende Hunger bewirkten, daß ich mich der -Länge nach auf den Planken ausstreckte und im -selben Moment nicht mehr wußte, was um mich -geschah.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_239" id="Seite_239">[S. 239]</a></span></p> - - - - -<h2>Der Weg in die Freiheit</h2> - - -<p>Aus einem totenähnlichen, traumlosen Schlaf -wurde ich durch schrilles Sirenengeheul -aufgeweckt.</p> - -<p>Vorsichtig öffnete ich ein Bänzel meines Bezuges, -und am liebsten hätte ich laut Hurra geschrien, -denn eben lief der Dampfer in den Hafen -von Vlissingen ein.</p> - -<p>Nun war mir alles gleich. Ich zog mein Messer, -und mit einem Schnitt durchtrennte ich die Bänzel -des Bezuges, diesmal aber auf der Seite, wo das -Bootsdeck lag.</p> - -<p>Aufatmend stand ich mitten auf dem Bootsdeck -und erwartete nun, jeden Moment gefangengenommen -zu werden.</p> - -<p>Kein Mensch, der sich um mich kümmerte. Die -Schiffsbesatzung war beim Anlegemanöver, die -Fremden waren mit ihrem Reisegepäck beschäftigt.</p> - -<p>Nun stieg ich zum Promenadendeck hinunter. -Entrüstet wurde ich ob meines Drecks und meiner -zerrissenen blauen Strümpfe, die alles andere -als appetitlich aussahen, von einigen Passagieren -angesehen.</p> - -<p>Aber ich muß so glückliche, strahlende Augen -gemacht haben, und die helle Freude leuchtete<span class="pagenum"><a name="Seite_240" id="Seite_240">[S. 240]</a></span> -wohl aus meinem schmutzigen, eingefallenen Gesicht, -daß manch erstaunter Frauenblick mich -traf.</p> - -<p>In diesem Aufzug konnte ich nicht weiter rumlaufen. -Ich ging auf die Back, holte mir meine -Stiefel herunter (meine besten Hockeystiefel, englische -Liebesgaben), und, trotzdem ich von einem -holländischen Matrosen barsch angeschnauzt wurde, -zog ich mir in Seelenruhe meine Lieblinge an und -wanderte zum Fallreep.</p> - -<p>Der Dampfer hatte direkt am Kai festgemacht.</p> - -<p>Die Passagiere verließen das Schiff, von dem -Kapitän und den Schiffsoffizieren Abschied -nehmend. Erst hatte ich ernstlich vor, mich dem -Kapitän zu erkennen zu geben, um die holländische -Dampferkompanie nicht zu schädigen. -Dann aber gewann die Vorsicht die Oberhand, -und mit den Händen in den Hosentaschen, mich -recht lumpig benehmend, schlingerte ich im -Seemannsschritt das Fallreep hinab.</p> - -<p>Kein Mensch nahm von mir Notiz. Ich tat so, -als wenn ich zur Schiffsbesatzung gehörte, und half -beim Festmachen der Stahlleinen.</p> - -<p>Dann mischte ich mich unter das Volk, und -während die Passagiere einer scharfen Kontrolle -unterzogen wurden, sah ich mich um und entdeckte -im Gitter eine Tür, an der groß „Ausgang -verboten” stand.</p> - -<p>Die führte sicher in die Freiheit!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_241" id="Seite_241">[S. 241]</a></span> - -Im Nu war dieses für mich kinderleichte -Hindernis überwunden, und draußen stand ich.</p> - -<p>Frei!</p> - -<p>Mit meiner ganzen Energie mußte ich mich zusammennehmen, -um nicht vor Freude wie ein -Tollhäusler herumzuspringen. Zwei wackere -Landsmänner nahmen mich auf. Glauben wollten -sie es allerdings nicht, daß ich Offizier sei, -und vor allen Dingen nicht, daß mir die Flucht -aus England gelungen wäre.</p> - -<p>Hui, sah das Badewasser aus!</p> - -<p>Für drei Personen habe ich an diesem Abend -gegessen.</p> - -<p>Nachdem ich mir am nächsten Tage einige -Kleinigkeiten eingekauft hatte, stieg ich mit meinem -Arbeitsgewande in den <span class="antiqua">D</span>-Zug nach Deutschland.</p> - -<p>Als sich der Zug eben in Bewegung setzen wollte, -tippte mir ein Mann von hinten auf die Schulter -(wie ich diese Begrüßungsart verabscheute!) und -fragte mich:</p> - -<p>„Wo sind Ihre Papiere?”</p> - -<p>„Wer sind Sie überhaupt?” sagte ich.</p> - -<p>„Ich bin Geheimdetektiv.”</p> - -<p>„Das kann jeder sagen.”</p> - -<p>„Jawohl, mein Herr, hier ist meine Marke.”</p> - -<p>Nun wurde mir doch blümerant zumute!</p> - -<p>Ich erklärte dem Herrn äußerst liebenswürdig,<span class="pagenum"><a name="Seite_242" id="Seite_242">[S. 242]</a></span> -daß ich keine Papiere besäße, übrigens direkt nach -Deutschland führe und der holländischen Regierung -keinerlei Unannehmlichkeiten bereiten -würde.</p> - -<p>„So”, sagte er, „aus England kommen Sie -und haben keine Papiere, na das war wohl recht -schwer?”</p> - -<p>„Ach ja, ziemlich”, meinte ich.</p> - -<p>„Na dann wünsche ich Ihnen weiter glückliche -Reise!”</p> - -<p>Wir schüttelten uns die Hand, und schon setzte -sich der Zug in Bewegung.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_243" id="Seite_243">[S. 243]</a></span></p> - - - - -<h2>Wieder im Vaterland!</h2> - - -<p>Auf meinem Sitz konnte ich es nicht lange aushalten. -Ich war allein in meinem Kupee erster -Klasse, und von Gedanken und Hoffnungen, die -mein Hirn durchrasten, überwältigt, lief ich wie -ein wildes Tier in seinem Käfig im Abteil auf -und ab.</p> - -<p>Endlich, endlich, es schien ja eine Ewigkeit zu -sein, fuhr der Zug langsam über die deutsche -Grenze.</p> - -<p>Der schwarz-weiße Pfahl grüßte zu mir herüber, -und weit lehnte ich mich aus dem -Fenster heraus, und jubelnd schrie ich zweimal -Hurra!</p> - -<p>Das dritte Hurra blieb mir in der Kehle stecken, -und überwältigt von Dankbarkeit, von Freude und -Glück schluchzte ich laut auf und konnte es nicht -verhindern, daß mir die Tränen aus den Augen -liefen.</p> - -<p>War das Schlappheit?</p> - -<p>Der Zug hielt in Goch, die ersten Feldgrauen, -die ich in meinem Leben sah, standen auf dem -Bahnsteig, und unbesorgt sprang ich aus dem -Zug.</p> - -<p>Ein harter Griff packte mich am Rockkragen, und -ein mächtiger preußischer Wachtmeister mit grimmigem<span class="pagenum"><a name="Seite_244" id="Seite_244">[S. 244]</a></span> -Blick unter leuchtendem Helm, hielt mich -in seiner stählernen Faust.</p> - -<p>„Ha, da haben wir das Bürschchen!”</p> - -<p>Ich wäre dem braven Feldgrauen am liebsten -um den Hals gefallen. Noch nie habe ich mich in -meinem Leben so sicher gefühlt wie in diesem -Augenblick.</p> - -<p>Ich versuchte zu erklären, wer ich sei, ein Lächeln, -welches einem anderen wenig Trostvolles -gesagt hätte, war die Antwort.</p> - -<p>Von zwei biederen Landsturmleuten wurde -ich am nächsten Morgen nach Wesel transportiert.</p> - -<p>Auf dem Geschäftszimmer war noch niemand -zu sprechen. Kleine Jungens waren mir nachgelaufen, -warfen mit Steinchen und riefen: „Sie haben, -sie haben ihn, einen Spion!” Diese prächtigen -Blondköpfe!</p> - -<p>Eine Ordonnanz nahm mich in Empfang.</p> - -<p>„Na setzen Sie sich mal hin, mit solchen Leuten -wie Sie machen wir kurzen Prozeß, wenn -erst der Herr Kapitänleutnant F. kommt, dann -gibt's nur ein kurzes Verhör und Sie -baumeln!”</p> - -<p>Nach einiger Zeit kam der Gestrenge, natürlich -ein Kamerad von mir. Das Erstaunen und die -Freude waren nicht zu beschreiben. Aber erst das -dumme Gesicht meiner liebenswürdigen Ordonnanz! -Diese mußte jetzt sogar laufen und mir -Frühstück holen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_245" id="Seite_245">[S. 245]</a></span> - -Eine besondere Freude machte mir noch hier in -Wesel ein englischer Steckbrief aus der ‚Daily -Mail’ vom zwölften Juli, also aus einer Zeit, wo ich -bereits längst in Sicherheit war, der damit endete, -daß ich wahrscheinlich versuchen würde, mich -auf einem neutralen Dampfer als Matrose anwerben -zu lassen, und daß:</p> - -<blockquote> - -<p><span class="antiqua">his recapture should be but -a matter of time!</span></p></blockquote> - -<p>Nach einer Stunde saß ich, immer noch in -meinem Arbeiteranzug, mit einem Paß in der -Tasche im <span class="antiqua">D</span>-Zug nach Berlin und fuhr natürlich -— — — erster Klasse.</p> - -<p>Endlich war ich am Ziel! Fast neun Monate -hatte ich gebraucht, um mich von Tsingtau bis -nach Deutschland durchzuschlagen.</p> - -<p>Deutschland, o du mein geliebtes Vaterland! -Nun war ich da.</p> - -<p>Wunderbar strahlte die Sonne an diesem dreizehnten -Juli Neunzehnhundertundfünfzehn vom Himmel -herab, trunkenen Auges nahm ich die -herrlichen Heimatbilder in mich auf.</p> - -<p>In meinem Abteil erster Klasse saß ich alleine -und hatte mich zu beiden Seiten des Fensters -breit gemacht und fing an, in Blei meinen Bericht -zu schreiben.</p> - -<p>In Münster stieg eine alte Exzellenz in voller -Uniform in mein Abteil. Höflich stand ich auf, -räumte den einen Fensterplatz frei und fragte:<span class="pagenum"><a name="Seite_246" id="Seite_246">[S. 246]</a></span> -„Darf ich Eurer Exzellenz gehorsamst den einen -Fensterplatz einräumen?” Ein wütender Blick -seiner stahlharten Augen, dann entrang sich ein -verächtliches „Brrrr” seiner Kehle, und schwupp -schlug er die Türe zu und ließ mich alleine.</p> - -<p>Sollte Seiner Exzellenz durch Zufall dieses -Büchlein in die Hand fallen, so bitte ich gehorsamst, -mir zu verzeihen, daß ich damals vergaß, -in welchem Anzug ich steckte!</p> - -<p>Abends um sieben Uhr lief der Zug im Bahnhof -Zoo ein.</p> - -<p>Feucht schimmerten zwei herrliche blaue Augensterne, -ein riesiger Strauß wunderbarster roter -Rosen lag in meinem Arm, und vor Glück und -Wiedersehensfreude nicht mächtig ein Wort zu -sagen, verließen wir den Bahnhof.</p> - -<p>Die nächsten Tage durchlebte ich wie im -Traum.</p> - -<p>Als ich den Admiralstab betrat, wollte mich natürlich -der Portier zuerst nicht hereinlassen, und -auch in den großen Geschäften, wo ich mir schleunigst -Sachen kaufen wollte, da ich von meinem -ganzen Hab und Gut nichts mehr besaß als den -Arbeiteranzug, den ich auf dem Leibe trug, -wollten mich natürlich zuerst die Türhüter hinauswerfen.</p> - -<p>Einige Tage hatte ich im Reichsmarineamt zu -arbeiten, dann erhielt ich meines Kaisers Dank.</p> - -<p>Und mit dem Eisernen Kreuz erster Klasse geschmückt -fuhr ich stolz zu den Meinen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_247" id="Seite_247">[S. 247]</a></span> - -Nach einigen Wochen Erholung kam dann die -größte Belohnung.</p> - -<p>Ich wurde wieder Flieger und durfte mitarbeiten -an dem großen Werk von Deutschlands -Kampf und Sieg.</p> - -<p>Und als an der östlichen Kampffront mein -allergnädigster Kaiser und Herr die Seeflugstation -besichtigte, die unter meinem Kommando -stand, und mir die Hand drückte und mir persönlich -seine kaiserliche Anerkennung aussprach, da -blickte ich ihm fest in die Augen, und flammend -stand in meiner Seele:</p> - -<p class="center"> -<em class="gesperrt">Mit Gott für Kaiser und Reich!</em><br /> -</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_249" id="Seite_249">[S. 249]</a></span></p> - - - - -<h2 title="Werbung">Ullstein-Kriegsbücher</h2> - - -<p class="center big160">Zeppeline über England</p> - -<p class="center">von ***</p> - -<p class="center">Aus dem Inhalt:</p> - -<p class="noindent">Sturmfahrt * Im Luftschiffhafen * Auf der -Werft * Harte Tage * Kleinkrieg * Nach England -* Ueber London * Von Norfolk -bis Northumberland * Im Kampf mit -Fliegern * Invasion * Denket an Baralong.</p> - - -<p class="center big160">Die Fahrt der Deutschland</p> - -<p class="center">von Kapitän Paul König</p> - -<p class="noindent">Kapitän König selbst hat dieses Werk über die -„Deutschland” verfaßt, dem seine während der -ersten Fahrt aufgezeichneten Beobachtungen zugrunde -liegen. Mit großer Anschaulichkeit, in -einer Sprache, in der noch die ganze Unmittelbarkeit -des Erlebnisses nachklingt, gibt er die Geschichte -dieser für alle Zeiten denkwürdigen Tat. Vom Bau -der „Deutschland” erzählt er, von der Ausreise, vom -Kampf mit den Elementen, von der Verfolgung -durch die Feinde, von der Ankunft in Baltimore, -von der glücklichen Heimkehr. Eine Seemannsnatur -von prachtvoller Frische spricht aus dieser Schilderung, -die überall gelesen werden wird, wo man -froh und dankbar den Namen Paul König nennt.</p> - - -<p class="center big160">Jeder Band 1 Mark</p> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_250" id="Seite_250">[S. 250]</a></span></p> - - -<p class="center big160 pagebreak">Ullstein-Kriegsbücher</p> - - -<p class="center big160">Skagerrak!</p> - -<p class="center">Von ***</p> - -<p class="noindent">Zum ersten Male ist in diesem Buche ein umfassendes, -klares und übersichtliches Bild der -gewaltigsten Seeschlacht aller Zeiten gegeben. -Der Verfasser, ein Seeoffizier, dessen Name aus -bestimmten Gründen nicht genannt werden kann, -schildert in ungemein packender und lebendiger -Weise den Verlauf des furchtbaren Kampfes. Er -führt uns auf den Kommandoturm, an die Batterien, -in die Höllenglut der Heizräume, und er -läßt uns den Jubel der Mannschaft miterleben, -wenn das Sprachrohr immer wieder -das Sinken eines feindlichen Schiffes meldet.</p> - - -<p class="center big160">Als U-Boots-Kommandant -gegen England</p> - -<p class="center">von Kapitänleutnant Freiherrn v. Forstner</p> - -<p class="noindent">Zum ersten Male berichtet hier ein deutscher -Unterseebootskommandant von dem, was unserem -schlimmsten Feind Angst und Schrecken -einjagt, uns selbst aber stolz macht auf beispiellos -kühne Taten, von den Erfolgen im -Handelskrieg gegen England. Seit im Februar -1915 zur Abwehr des Aushungerungsplanes -die Blockade der englischen Küste erklärt -wurde, ist der Verfasser dieses Buches zu -manch erfolgreichem Beutezug ausgefahren.</p> - - -<p class="center big160">Jeder Band 1 Mark</p> - -<p class="center"><span class="pagenum"><a name="Seite_251" id="Seite_251">[S. 251]</a></span></p> - - -<p class="center big160 pagebreak">Ullstein-Kriegsbücher</p> - - -<p class="center p1">An der Spitze meiner Kompagnie</p> - -<p class="center">von Paul Oskar Höcker</p> - - -<p class="center p1">Kriegsfahrten eines Johanniters</p> - -<p class="center">von Fedor von Zobeltitz</p> - - -<p class="center p1">Nach Sibirien -mit hunderttausend Deutschen</p> - -<p class="center">von Kurt Aram</p> - - -<p class="center p1">Reise zur deutschen Front</p> - -<p class="center">von Ludwig Ganghofer</p> - - -<p class="center p1">Landsturm im Feuer</p> - -<p class="center">von Ernst von Wolzogen</p> - - -<p class="center p1">Die stählerne Mauer</p> - -<p class="center">von Ludwig Ganghofer</p> - - -<p class="center p1">Aus einer -deutschen Festung im Kriege</p> - -<p class="center">von Heinz Tovote</p> - - -<p class="center p1">Die Front im Osten</p> - -<p class="center">von Ludwig Ganghofer</p> - - -<p class="center p1">Die Helden von Tsingtau</p> - -<p class="center">von Otto von Gottberg</p> - - -<p class="center big160 p1">Jeder Band 1 Mark</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_252" id="Seite_252">[S. 252]</a></span></p> - - -<p class="center big160 pagebreak">Ullstein-Kriegsbücher</p> - - -<p class="center p1">Kreuzerfahrten und <span class="antiqua">U</span>-Bootstaten</p> - -<p class="center">von Otto von Gottberg</p> - - -<p class="center p1">Meine Kriegsfahrt von Kamerun -zur Heimat</p> - -<p class="center">von Emil Zimmermann</p> - - -<p class="center p1">Der russische Niederbruch</p> - -<p class="center">von Ludwig Ganghofer</p> - - -<p class="center p1">Das deutsche Volk in schwerer Zeit</p> - -<p class="center">von Rudolf Hans Bartsch</p> - - -<p class="center p1">Im Auto durch Feindesland</p> - -<p class="center">von Paul Grabein</p> - - -<p class="center p1">Aus den Urwäldern Paraguays -zur Fahne</p> - -<p class="center">von Ernesto Freiherrn Gedult v. Jungenfeld</p> - - -<p class="center p1">Von New York nach Jerusalem -und in die Wüste</p> - -<p class="center">von Th. Preyer</p> - - -<p class="center p1">Der Krieg im Alpenrot</p> - -<p class="center">von Karl Hans Strobl</p> - - -<p class="center p1">Wir Marokko-Deutschen -in der Gewalt der Franzosen</p> - -<p class="center">von Gustav Fock</p> - - -<p class="center p1 big160">Jeder Band 1 Mark</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_253" id="Seite_253">[S. 253]</a></span></p> - - -<p class="center big160 pagebreak">Wir draußen</p> - -<p class="center">Zwei Jahre Kriegserleben an vier Fronten -von Colin Roß</p> - - -<p class="noindent">Zwei Jahre des Weltkrieges umfassen die Berichte des -Oberleutnants Colin Roß, der an allen Fronten selbst -gekämpft hat. Ungeheure Wirklichkeiten folgen aufeinander -und werden zur fernen Erinnerung, zum blassen -Traum. Landschaftsszenen voll Duftes, voll zarter Lieblichkeit -unterbrechen die Bilder der Schlachten. Ein freies, -stolzes Menschentum spricht aus diesen Schilderungen.</p> - -<p class="center"> -Preis 3,50 Mark broschiert. 4,50 Mark gebunden<br /> -</p> - - -<p class="center big160">Drei Straßen des Krieges</p> - -<p class="center">von Dr. Max Osborn</p> - -<p class="noindent">Auf drei Hauptstraßen des Krieges an der Westfront -führt Osborns Werk: nach dem Artois, Frankreichs -„schwarzem Land”, nach der Champagne und nach -Flandern. Fortreißend in ihrer Wucht ist Osborns -Sprache, einer Begeisterung geboren, die jedes -Pathos verschmäht. Menschen und Landschaft — alles -macht sie in persönlicher, dichterischer Formung lebendig.</p> - -<p class="center"> -Preis 2 Mark broschiert. 3 Mark gebunden<br /> -</p> - - -<p class="center big160">Kernworte des Weltkrieges</p> - -<p class="center">von Rudolf Rotheit</p> - -<p class="noindent">Rotheits Werk ist ein in glänzender Form abgefaßter, -klar geordneter Büchmann des Weltkrieges. Alle die -Schlagworte weist er nach, die bis zur zweiten -Jahreswende des Völkerringens entstanden, die zuversichtlichen -deutschen Worte des Kaisers, des Kanzlers, -der Reichstagsführer, die hämischen oder großspurigen -Kundgebungen aus dem Lager unserer -Feinde. Politische Zusammenhänge, die jetzt schon -dem Bewußtsein sich entziehen, werden von Rotheit -in dieser Chronik der Jahre 1914 bis 1916 aufgehellt. -Nicht nur den Zeitgenossen, auch der Nachwelt -dient seine aus der unmittelbaren Berufstätigkeit -des Journalisten heraus gebotene Arbeit.</p> - -<p class="center"> -Preis 1,50 Mark<br /> -</p> - - -<p class="center big160">Verlag Ullstein & Co · Berlin</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_254" id="Seite_254">[S. 254]</a></span></p> - - -<div class="figcenter" style="width: 62px;"> -<img src="images/illu-005.png" width="62" height="151" alt="Ullstein Signet" /> -</div> - -<p class="center"> -Ullstein & Co<br /> -Berlin SW 68<br /> -</p> - - - - -<div class="transnote pagebreak p4"> -<h2>Anmerkungen zur Transkription</h2> - -Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen -gebräuchlich waren, wie: - -<ul class="index"> -<li>Bahnhofes -- Bahnhofs</li> -<li>Dolmetscher-Offizier -- Dolmetscheroffizier</li> -<li>Iltis-Berge -- Iltisberge</li> -<li>Neunzehnhundertundvierzehn -- Neunzehnhundertvierzehn</li> -<li>unseren -- unsern</li> -</ul> - - -Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. -Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: - -<ul class="index"> -<li>S. 9 „Mc Garvin” in „McGarvin” geändert.</li> -<li>S. 55 „eventuell” in „eventuelle” geändert.</li> -<li>S. 139 „toppslastig” in „topplastig” geändert.</li> -<li>S. 155 f. „Luck” in „Luk” geändert.</li> -<li>S. 204 „an mich” in „an sich” geändert.</li> -<li>S. 236 „Elbströmung” in „Ebbströmung” geändert.</li> -</ul> - - -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau, by -Gunther Plüschow - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ABENTEUER DES FLIEGERS *** - -***** This file should be named 63037-h.htm or 63037-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/3/0/3/63037/ - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org - - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. 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