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-The Project Gutenberg EBook of Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau, by
-Gunther Plüschow
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau
- Meine Erlebnisse in drei Erdteilen
-
-Author: Gunther Plüschow
-
-Release Date: August 24, 2020 [EBook #63037]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ABENTEUER DES FLIEGERS ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was
-produced from images generously made available by The
-Internet Archive)
-
-
-
-
-
- +------------------------------------------------------------------+
- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt, Antiquaschrift |
- | als ~Antiqua~. |
- | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. |
- +------------------------------------------------------------------+
-
-
-[Illustration: Ullstein
-
-Kriegsbücher]
-
-
-
-
-Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau
-
-
-
-
- Die Abenteuer des
- Fliegers von Tsingtau
-
- Meine Erlebnisse in drei Erdteilen
-
- von
-
- Kapitänleutnant
-
- Gunther Plüschow
-
- [Illustration: 1916]
-
- Verlag Ullstein & Co, Berlin
-
-
-Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
-
-Amerikanisches Copyright 1916 by Ullstein & Co., Berlin.
-
-
-
-
-Inhalt
-
-
- Fliegerfreuden und Fliegerleiden 11
-
- Herrliche Tage in Tsingtau 28
-
- Kriegsalarm -- Meine Taube 37
-
- Allerhand Scherze der Japs 61
-
- Meine Kriegslist 70
-
- Hurra! 79
-
- Der letzte Tag 86
-
- Im Schlamm des chinesischen Reisfeldes 98
-
- Die Fischvergiftung des Mr. McGarvin 108
-
- Sie haben mich! 135
-
- Hinter Mauern und Stacheldraht 148
-
- Die Flucht 188
-
- Schwarze Nächte an der Themse 196
-
- Ein blinder Passagier 237
-
- Der Weg in die Freiheit 239
-
- Wieder im Vaterland! 243
-
-
-
-
-Fliegerfreuden und Fliegerleiden
-
-
-Es war im August des Jahres Neunzehnhundertunddreizehn, als ich in
-meiner Heimatstadt Schwerin anlangte. Mehrere Wochen hatte ich mich in
-England aufgehalten, hatte mich vor allen Dingen in London dem Studium
-der dortigen reichhaltigen Kunstschätze hingegeben und mich tagelang in
-London und seiner Umgebung herumgetrieben. Damals ahnte ich nicht, wie
-wertvoll mir diese Streifzüge zwei Jahre später werden sollten.
-
-Eine gewisse innere Erregung und Unruhe hatte mich schon auf der ganzen
-Reise befallen, und als ich in Schwerin ankam, wagte ich nicht, meinem
-Onkel, der mich abholte, die Frage, die mir seit Tagen auf der Seele
-gebrannt hatte, zu stellen. Denn in diesen Tagen sollten die neuen
-Herbstkommandierungen der Marine herauskommen, und für mich handelte es
-sich darum, ob mein seit Jahren genährter Wunsch endlich in Erfüllung
-gehen sollte.
-
-Die Frage meines Onkels: „Weißt du, wo du hinkommst?” traf mich wie ein
-elektrischer Schlag.
-
-„Nein.”
-
-„Na, dann herzlichen Glückwunsch, Marine-Fliegerabteilung!”
-
-Vor Freude hätte ich am liebsten mitten auf der Straße einen Handstand
-gemacht, doch die guten Schweriner Mitbürger wollte ich nicht zu sehr
-in Aufruhr versetzen.
-
-Endlich war also mein Wunsch erfüllt!
-
-Die letzten Tage des Urlaubs vergingen wie im Fluge, und froh
-kehrte ich zur Marineschule zurück, um die letzten Wochen meiner
-anderthalbjährigen Tätigkeit als Inspektionsoffizier zu vollenden, und
-wohl noch nie habe ich mit größerer Freude meine Koffer gepackt, um
-meiner neuen Bestimmung entgegenzufahren.
-
-Gerade einige Tage vor meiner Abfahrt kam einer meiner Kameraden zu mir
-und rief mir zu:
-
-„Wissen Sie schon das Neueste, wo Sie hinkommen sollen?”
-
-„Ja, Flieger.”
-
-„Mensch, Sie ahnen ja noch gar nicht Ihr Glück, Sie kommen ja nach
-Tsingtau!”
-
-Ich war sprachlos und muß ein ziemlich dummes Gesicht gemacht haben.
-
-„Ja, Tsingtau, und zwar als Flieger! Sie Glückspilz, Sie sollen der
-erste Marineflieger in Tsingtau werden!”
-
-Es war wohl kein Wunder, daß ich dieses nicht glauben wollte, bevor ich
-die offizielle Bestätigung erhielt. Es war Wirklichkeit. So viel Dusel
-sollte ich tatsächlich haben.
-
-Drei Monate Wartezeit noch in Kiel, und endlich brach der erste Januar
-Neunzehnhundertundvierzehn an, und ich befand mich im geliebten Berlin.
-
-Und die Unruhe! Gar nicht zu bremsen war ich. Und schon am zweiten
-Januar stand ich in Johannisthal und dachte, sofort mit dem
-Fliegen anfangen zu können. Aber mir ging es wie wohl den meisten
-Flugschülern. Zum ersten Male erfuhr ich den alten Erfahrungssatz der
-Fliegerei: Nur die Ruhe kann es machen, wer fliegen will, muß vor allen
-Dingen warten lernen!
-
-Warten, warten und immer wieder warten. Achtzig Prozent der ganzen
-Fliegerei besteht nur aus Warten und Sich-klar-Halten.
-
-Es hatte nämlich Frau Holle gefallen, ihre Daunenkissen auszuschütteln,
-und das ganze Flugfeld war unter einer tiefen Schneeschicht begraben.
-Fliegen unmöglich. Und wochenlang kam ich jeden Morgen wieder und
-dachte: Nun muß doch der Schnee fort sein! Aber enttäuscht kehrte ich
-nachmittags wieder nach Hause zurück.
-
-Im Februar endlich wurde es schön. Und am ersten Februar saß ich
-glücklich vorn in meiner Taube, und auf ging es zum ersten Male in die
-herrliche kalte Winterluft hinauf. Das Wetter meinte es gut in diesen
-Tagen, und unermüdlich wurde Tag für Tag geschult.
-
-Die Fliegerei lag mir, das hatte ich bald heraus. Und ich war
-ganz stolz, als ich schon am dritten Tage allein fliegen durfte.
-Zwei Tage war ich gerade allein geflogen, da kam an einem schönen
-Sonnabendnachmittag mein unermüdlicher Lehrer Werner Wieting zu mir und
-sagte: „Na, wie wär's, Herr Oberleutnant, wollen Sie nicht gleich Ihr
-Pilotenexamen machen? Das wäre doch ein netter kleiner Rekord!”
-
-„Ja, natürlich, ich bin klar!”
-
-Zehn Minuten später saß ich bereits in der Maschine, und lustig
-drehte ich mit meinem Täubchen die vorgeschriebenen Kurven. Es war
-eine wahre Lust, sich in der herrlichen Winterluft herumzutummeln. Und
-als die letzte Prüfungslandung tadellos geglückt war, und als mein
-Lehrer mir stolz zum Glückwunsch die Hand reichte, da war mir so recht
-wohl zumute, und ein Gefühl der inneren Befriedigung und des Glücks
-beschlich mich.
-
-Nun war ich also Pilot. Die Schulzeit war vorüber, und frei und allein
-konnte ich von jetzt ab täglich eine der großen hundertpferdigen
-Maschinen nach Herzenslust fliegen.
-
-Ein Sonderunternehmen sollte mir damals viel Freude bereiten.
-Rumpler hatte einen neuen Eindecker herausgebracht, der besonders
-auf gutes Steigen gebaut war. Es galt nun, mit diesem Flugzeug
-den Welthöhenrekord zu erringen. Der bekannte Flieger Linnekogel
-sollte dieses Flugzeug steuern, und er bat mich, als sein Beobachter
-mitzufliegen. Was war selbstverständlicher, als daß ich ja sagte!
-
-An einem der letzten Tage im Februar starteten wir zum ersten Versuch.
-Dicht eingehüllt zum Schutz gegen die große Kälte saßen wir in unserem
-Flugzeug, und voll Neid blickten uns viele Menschenaugen nach, als
-sich leicht wie eine Libelle schon nach kurzem Anlauf der Vogel
-erhob. Mit der Uhr in der Hand beobachtete ich die Höhe, und schon
-nach fünfzehn Minuten waren zweitausend Meter erreicht, damals eine
-außerordentliche Leistung. Nun ging es aber langsam. Die Luft wurde
-sehr unruhig, und wie eine Feder wurden wir durch die heftigen Fallböen
-auf und ab geworfen. Nach einer Stunde hatten wir endlich viertausend
-Meter erreicht, als mit einem Fauchen und Spucken der Motor anfing
-zu streiken und nach wenigen Sekunden mit einem Ruck stehenblieb. In
-Spiralen glitten wir mit großer Geschwindigkeit dem Boden zu, und
-wenige Minuten später stand das Flugzeug wohlbehalten auf dem Flugplatz.
-
-Die Kälte war zu groß gewesen, der Motor war einfach eingefroren und
-dieses Hindernis nicht bedacht worden. Emsig wurden Verbesserungen
-eingebaut. Schon einige Tage später starteten wir zum selben Versuch,
-und dieses Mal schienen wir mehr Glück zu haben.
-
-Ruhig und sicher gewannen wir stetig an Höhe.
-
-Viertausend Meter, viertausendzweihundert, viertausendfünfhundert
-Meter, Gott sei Dank, der Rekord vom letzten Male war gebrochen! Die
-Kälte war fast unerträglich, und ich glaube, selbst die dickste Pelle
-hätte bei dem scharfen Luftzug nichts geholfen.
-
-Viertausendachthundert, viertausendneunhundert Meter! Nun fehlten nur
-noch vierhundert Meter, dann war das gesteckte Ziel erreicht. Aber
-wie verzaubert weigerte sich das Flugzeug, auch nur einen Meter höher
-zu klettern. Es half nichts. Der Betriebsstoff ging auf die Neige,
-und wiederum setzte der Motor plötzlich aus, diesmal in Höhe von
-viertausendneunhundert Metern.
-
-Ohne einen Tropfen Benzin langten wir wohlbehalten unten an, fast zu
-einem Eisklotz erfroren.
-
-_Alles_ hatten wir nicht erreicht, aber doch einen schönen Erfolg: der
-deutsche Höhenrekord war glänzend gewonnen!
-
-Der Erfolg spornte uns aber dazu an, auch das letzte Ziel zu erreichen.
-Und Anfang März endlich war das Wetter wieder so weit, daß ein neuer
-Versuch unternommen werden konnte. Noch dicker eingehüllt wie das
-letztemal, mit Thermometer versehen, aber ohne Sauerstoffapparat
-verließen wir zu einem dritten Versuche den Flugplatz.
-
-Die ersten Höhen wurden wieder spielend gewonnen. Große Wolken
-schwebten am Himmel, die Temperatur war eisig. Als wir durch die
-Wolkendecke nach oben in den strahlenden Sonnenschein durchstießen,
-hatten wir ein herrliches Erlebnis. Plötzlich sahen wir nämlich vor uns
-von der Sonne wunderbar beleuchtet ein Zeppelin-Luftschiff, welches
-ebenfalls zu einer Höhenfahrt aufgestiegen war.
-
-Welch wunderbare Begegnung in über dreitausend Metern Höhe! Weitab von
-allem Menschengetriebe, hoch über des Alltags Sorge und Last trafen
-sich die beiden Maschinen, die so beredt von Deutschlands Kraft und
-Können zeugten.
-
-Wir umkreisten den großen Bruder einige Male und winkten ihm mit den
-Händen ein stummes „Glück ab” zu!
-
-Dann fing der Ernst für uns wieder an. Und unermüdlich mußten
-wir arbeiten, um unser Ziel zu erreichen. Nach einer Stunde
-hatten wir viertausendachthundert Meter erreicht, dann kamen
-viertausendneunhundert, mein Barograph zeigte bald fünftausend, und
-immer noch brummte der Propeller seine gleichmäßige Melodie. Ruhig und
-sicher zog Linnekogel seine Kreise. Das Thermometer zeigte bereits
-minus siebenunddreißig Grad Celsius, aber wir achteten der Kälte
-nicht. Nur die Luft wurde etwas knapp. Ein leises Gefühl der Müdigkeit
-beschlich mich, und die Lungen arbeiteten nur noch in ganz kurzen
-schnellen Stößen. Jede Bewegung war beschwerlich. Und selbst das
-einfache Umdrehen nach dem hinter mir sitzenden Führer war mit großer
-Anstrengung verbunden.
-
-Der Himmel war inzwischen herrlich geworden. Die Wolkenbänke hatten
-sich verzogen, und wunderbar klar lag unter uns Berlin und seine
-Umgebung. Nur so groß wie eine Handfläche sah die Weltstadt aus
-dieser enormen Höhe aus. Ein schwarzer Fleck, in dem man aber klar
-und deutlich die Straße Unter den Linden und die daran schließende
-Charlottenburger Chaussee verfolgen konnte.
-
-Von diesem wunderbaren Anblick gänzlich hingerissen, hatte ich längere
-Zeit nicht auf Uhr und Barograph acht gegeben, und voll Schrecken
-entsann ich mich meiner Pflichtvergessenheit. Zwanzig Minuten waren
-etwa vergangen, seitdem ich das letztemal nachgesehen hatte, daß mein
-Barograph auf fünftausend Meter stand, und jetzt mußte eigentlich das
-Ziel erreicht sein. Aber wie wurde ich enttäuscht, als mein Zeiger
-immer noch auf fünftausend stand. Dabei fing Linnekogel an, mir Zeichen
-zu machen, den Flugplatz zu suchen, und deutete mit der Hand nach
-unten. Nein, das war mir doch zu arg. Ärgerlich drehte ich mich um,
-und als Linnekogel dieses nicht sah, versetzte ich ihm einen nicht
-gerade sanften Tritt gegen sein Schienbein. Dabei hielt ich ihm meine
-gespreizten fünf Finger vor die Nase und deutete mit der Hand nach
-oben. Das sollte heißen: Höher, höher, wir sind ja erst fünftausend
-Meter!
-
-Linnekogel lachte nur, er ergriff meine Hand, schüttelte sie kräftig
-und zeigte mit der Rechten zweimal fünf. Ich dachte erst, der hat
-einen Klaps. Und dies wurde noch bestärkt, als Linnekogel den Motor
-abstellte und in einem steilen Gleitfluge (wir waren senkrecht über
-Potsdam) in gerader Linie dem Flugplatz Johannisthal zuraste. Nun hieß
-es für mich aufpassen, den Flugplatz finden. Und glücklich standen wir
-sechzehn Minuten später vor den Rumplerwerken, freudig begrüßt von den
-Zuschauern.
-
-Es war erreicht! Der Welthöhenrekord war mit fünftausendfünfhundert
-Metern gebrochen.
-
-Eine Stunde fünfundvierzig Minuten hatte im ganzen die Fahrt gedauert.
-Stolz standen wir unter unseren untengebliebenen Mitmenschen.
-Linnekogel hatte doch recht gehabt; mein Barograph war eingefroren,
-der Linnekogels, der besser und wärmer eingepackt war, hatte richtig
-durchgehalten.
-
-Die Tage vergingen, und für mich kam die Zeit, wo ich die Heimat
-verlassen mußte.
-
-Meine für Tsingtau neu gebaute Taube näherte sich ihrer Vollendung,
-und mit einem ganz seltsamen Gefühl flog ich mein zukünftiges Flugzeug
-ein, nachdem es die Abnahmebedingungen bestanden hatte. Mich dünkte es
-damals das schönste Flugzeug der Welt!
-
-Doch mein Ehrgeiz war damit nicht gestillt. Und unbedingt mußte ich vor
-meiner Abreise nach dem fernen Osten einen größeren Überlandflug in
-Deutschland ausführen.
-
-Ich hatte Glück. Meine Bitte fand bei Herrn Rumpler Gehör, und er
-überließ mir eines seiner Flugzeuge, um mehrere Tage in Deutschland
-herumzufliegen. Mein Feldpilotenexamen war schnell gemacht, und
-Ende März saß ich an einem Tage früh um sieben Uhr in meiner voll
-ausgerüsteten Taube, vor mir als Beobachter mein Freund, der lange
-Oberleutnant Strehle von der Kriegsakademie.
-
-Dieser saß heute zum erstenmal in einem Flugzeug. Aber an diesen Flug
-wird er, glaube ich, sein ganzes Leben lang denken.
-
-Glänzend war der Start. Und stolz zog ich meine Kreise, bis ich in
-fünfhundert Meter Höhe in nördlicher Richtung davonflog. Alles klappte
-famos. Die Havelseen wurden überquert, Nauen kam in Sicht, als es
-plötzlich anfing, diesig zu werden, und keine zehn Minuten später
-war das Pech auch schon da. Dichter Nebel umhüllte uns. Vom Boden war
-nichts mehr zu sehen. Das war für den ersten Überlandflug, den ich in
-meinem Leben machte, eine etwas harte Prüfung. Aber sorglos, wie man
-eben nur als junger Flieger ist, dachte ich bei mir: Nur Mut, die Sache
-wird schon schief gehen. Und ruhig flog ich in dem dichten Nebel, mich
-nach meinem Kompaß richtend, nach Norden zu, denn Hamburg war unser
-Ziel. Nach zwei Stunden konnte ich endlich in dreihundert Metern Höhe
-den Boden unter mir wieder sehen, und wer beschreibt meine Freude,
-als ich einen großen schönen Acker bemerkte. Im stolzen Gleitfluge,
-just als ob ich über dem Flugfelde wäre, glitt ich nieder und stand
-bald wohlbehalten mitten auf dem Sturzacker. Leute kamen zu Dutzenden
-herbei, und groß war meine Freude, als ich erfuhr, daß ich mich auf
-gutem mecklenburgischem Boden befand und vor allen Dingen dort, wo wir
-uns nach meines Beobachters und meiner Berechnung befinden mußten.
-Es war Feiertag, und so hatten wir den guten Leuten ein schönes
-Sonntagsvergnügen bereitet. Als es aufklarte, wollten wir weiter. Aber
-der weiche Boden hielt die Räder so fest, daß an ein Hochkommen nicht
-zu denken war. Unter Freude und Gelächter, unter Hü und Hott und unter
-manchem derben Scherzworte, welches wir über uns ergehen lassen mußten,
-zogen die willigen Zuschauer den Riesenvogel über den Acker.
-
-Und nachdem einige Bäume gefällt waren, ging es dann noch über einen
-Graben hinüber und auf ein hartes Feld.
-
-Trotzdem wir starten wollten, ließ man uns erst weg, nachdem wir uns an
-vorzüglichem Kaffee und Napfkuchen gestärkt hatten.
-
-Nach reichlichem Händeschütteln und vielem Hurrageschrei und
-Tücherwinken beim Start waren wir wieder oben und zogen nördlichen Kurs
-ein.
-
-Die Freude dauerte nur kurze Zeit. Und schon fünfzehn Minuten später
-waren wir wieder in graue Nebelschichten eingehüllt. Nach zwei Stunden
-wurde die Sache ungemütlich, denn mit einem Male fing der verdammte
-Motor an zu spucken und zu fauchen. Bald machte er dreihundert Touren
-zu wenig, bald zweihundert zu viel!
-
-Ich untersuchte alle meine Apparate und Ventile und bemerkte zu meinem
-Schrecken, daß der Benzinvorrat rasend abnahm. So gut es ging, hielt
-ich mein Flugzeug fest und glitt auf dreihundert Meter herunter.
-
-Aber, o Schreck! Der Nebel verzog sich etwas, und wo war ich? Mitten
-über der Alster! Und dabei ein aussetzender Motor und nur dreihundert
-Meter hoch und keine Ahnung, wo der Flugplatz Fuhlsbüttel lag. Nun
-gab's nur eins: Ruhe und Entschlossenheit. Ein Gedanke durchzuckte
-mich: Raus aus der Stadt, und keine unschuldigen Menschenleben
-gefährden! Auf einen Zettel schrieb ich meinem Beobachter: „Wir müssen
-in fünf Minuten gelandet sein, sonst haben wir keinen Betriebsstoff
-mehr und gehen baden!” Suchend spähte mein Beobachter nach unten, und
-plötzlich zeigte er freudig erregt mit der Hand nach einem unter uns
-liegenden Kirchhof. Der gute Kamerad! Er ahnte ja nicht, in welcher
-Lage wir uns befanden und welch ein Hohn eigentlich aus seiner
-Armbewegung sprach.
-
-Wir waren bereits zweihundert Meter herunter. Der Motor ruckte
-ungleichmäßig, die Benzinuhr zeigte zehn Liter. Ich aber war froh.
-Aus der Stadt waren wir glücklich heraus, und wenn auch an eine
-glatte Landung in dem Gartengewirr für uns nicht zu denken war,
-fremde Menschenleben konnten wir wenigstens nicht mehr gefährden. In
-solchen Situationen ist jede Sekunde eine Ewigkeit, und Gedanken und
-Überlegungen jagen sich in unheimlicher Geschwindigkeit. Wer da nicht
-ruhig bleibt, eisernen Willen zeigt, der ist verloren. Mein Beobachter
-fing plötzlich an mit der Hand zu schwenken und nach vorn zu zeigen.
-Und ich sehe jetzt noch im Geiste seine strahlenden Augen vor mir, die
-mir durch seine Fliegerbrille entgegenleuchteten.
-
-Vor uns schimmerte, von den Strahlen der untergehenden Sonne durch den
-Nebel matt beleuchtet, die Luftschiffhalle von Fuhlsbüttel.
-
-Hurra! Unser Ziel war erreicht.
-
-Wer beschreibt meine Freude! Mit dem letzten Liter Benzin machte ich
-noch eine Ehrenrunde um den Flugplatz, und nach steilem Gleitfluge
-setzte die Taube leicht und sicher auf dem Platze auf.
-
-In der ersten Freude wäre ich meinem Beobachter am liebsten um den
-Hals gefallen. Der gute Kerl hatte ja gar nicht geahnt, in welcher
-Gefahr wir uns befunden hatten, und war höchst erstaunt, als ich ihm
-davon erzählte. Noch jetzt, wo ich wirklich weiß, was fliegen heißt,
-überläuft es mich kalt, wenn ich an diesen ersten Überlandflug denke!
-Der Versager war bald festgestellt. Der untere Teil des einen Vergasers
-war abgebrochen, und das Benzin floß durch die Bruchstelle ab, so oft
-durch die Erschütterungen des Motors der Riß erweitert wurde. Daher
-auch das schnelle Fallen des Benzins und der ungleiche Gang des Motors.
-Daß kein Vergaserbrand entstand, ist mir heute noch ein Rätsel.
-
-Nachdem wir drei Tage bei liebsten Freunden in Bremen zugebracht
-hatten, kam endlich der neue Vergaser in Hamburg an. Nun wollen wir
-weiter.
-
-Nächstes Ziel: Schwerin in Mecklenburg.
-
-An einem regnerischen, stürmischen Nachmittage setzte ich mich in meine
-vollbeladene Maschine. Ein Zug am Hebel, und mit Vollgas schwirrten wir
-los.
-
-Heutzutage würde ich bei solchem Wetter nur fliegen, wenn es unbedingt
-nötig wäre. Damals besaß ich aber die Naivität und vor allen Dingen
-die Begeisterung eines jungen Fliegers. Das Glück im Unglück ließ
-auch nicht lange auf sich warten. Das schwergeladene Flugzeug wollte
-nicht hoch, die Böen warfen es hin und her wie einen Spielball, und
-ich wäre gerne umgedreht. Aber daran war bei der geringen Höhe nicht
-zu denken. Nun kamen auch schon die ersten Häuser von Hamburg. Darüber
-hinwegzukommen unmöglich! Ich war sechzig Meter hoch, unter mir sah
-ich ein kleines Feld. Also kurz entschlossen: Gas weg! Landen! Im
-selben Augenblick faßte mich eine Fallbö, ich fühlte, wie das Flugzeug
-unter mir weggezogen wurde, und da ich dachte: Jetzt zerschellst du
-auf dem Boden, gab ich Vollgas und riß das Höhensteuer hoch, um den
-Anprall abzuschwächen. Aber im selben Moment fühle ich einen Ruck unter
-mir, und die Maschine stellte sich steil auf den Kopf, als wenn eine
-unsichtbare Hand das Fahrgestell festgehalten hätte.
-
-Das Folgende war nur noch ein Werk von Bruchteilen von Sekunden. Ich
-riß an meinem Höhensteuer, nahm Gas weg, und schon erhielt ich einen
-schweren, harten Stoß. Krampfhaft hielt ich mein Steuerrad fest und
-flog mit meinem Kopf hart gegen die Karosserie.
-
-Totenstille um mich herum.
-
-Tiefe Finsternis und furchtbares Schweigen. Durch einen Strom beißender
-Flüssigkeit, der über mein Gesicht herabfloß, kam ich wieder zu mir.
-
-Mit den Beinen nach oben, den Körper zusammengepreßt und das Gesicht
-gegen meine Brust gedrückt, lag ich still da. Da durchzuckte es mich:
-
-Du bist ja abgestürzt, das Flugzeug kann jeden Moment anfangen zu
-brennen, und du bist mit deinem Beobachter verloren! Tastend suchte
-ich in meiner zusammengequetschten Stellung nach dem Zündhebel und war
-froh, ihn endlich gefunden und die Zündung ausgeschaltet zu haben.
-Dann kam langsam das Bewußtsein der Wirklichkeit zu mir zurück, und
-ich dachte an meinen armen Beobachter. Der saß ja vorne, hatte den
-ersten Anprall abzuhalten und mußte bereits zerquetscht sein, wenn
-die Karosserie den Stoß nicht ausgehalten hatte. Als sich vorn nichts
-rührte, fragte ich endlich mit gepreßter Stimme, denn ich war so
-zusammengequetscht, daß ich kaum noch Luft bekam: „Strehlchen, leben
-Sie noch?”
-
-Pause, entsetzliche Stille.
-
-Auf meine zweite Frage vernahm ich dann:
-
-„Ja! Was ist eigentlich los? Hier ist es so dunkel, ich glaube, es muß
-etwas passiert sein.”
-
-O, wie frohlockte ich da. Ich schrie förmlich vor Vergnügen:
-„Strehlchen, Mensch, Sie sind ja am Leben, das ist die Hauptsache! Sind
-Ihre Knochen eigentlich noch heil?” Der gute lange Kerl war in dem
-kleinen Raum schrecklich zusammengequetscht, und ich hörte nur noch
-sein: „Ja, ich weiß nicht, das wird sich hoffentlich später feststellen
-lassen.”
-
-Dann war es wieder still. Das Benzin floß noch aus dem mit
-hundertsiebzig Litern gefüllten Tank in Strömen aus, und nach einer
-Zeit, die mir die Ewigkeit dünkte, klopfte jemand draußen an, und von
-weither erklang eine Stimme:
-
-„Na, lebt da noch jemand drin?”
-
-„Und ob,” rief ich, „nun man dalli, sonst ersticken wir hier noch drin!”
-
-An dem Flugzeugrumpf wurde gehoben. Ich hörte mit Spaten graben, und
-endlich drang frische Luft zu uns herein.
-
-„Halt”, rief Strehle, „anderen Weg anlüften, ihr brecht meinen Arm ab!”
-
-Die Helfer versuchten es von der anderen Seite, und endlich wurde mir
-mein Sitz abgelüftet, und ich lag frei und weich auf einem wunderbar
-duftenden Mistbeet. Da kroch auch schon der lange Strehle hervor, und
-nicht oft habe ich einem Menschen so glücklich die Hand geschüttelt wie
-diesem treuen Begleiter.
-
-Donnerwetter! Sah das böse aus. Die Maschine vollkommen überschlagen,
-ungefähr ein Meter in den weichen Düngerhaufen tief hineingebohrt. Der
-Rumpf dreimal gebrochen, die Tragflächen nur noch ein Knäuel von Holz,
-Leinwand und Drähten.
-
-Und diesen Absturz hatten zwei Menschen heil und glücklich überstanden!
-
-Strehle hatte sich nur das Rückgrat etwas verstaucht und ich mir zwei
-Rippen gebrochen. Das war alles. Nie in meinem Leben schimpfe ich
-wieder über einen Misthaufen. Möge ihm und seinen Nachfolgern ewiges
-Gedeihen beschieden sein!
-
-Traurig und etwas hinkend legten wir den Rest der Abschiedsreise per
-Bahn zurück.
-
-Aber dann kamen Tage voll Sonnenschein und Licht, voller Wärme und
-Glückseligkeit und voller Blumen, wunderbarster Blumen in unerhörtester
-Schönheit und Fülle.
-
-Und dann kam die Pflicht, und die Fahrt begann.
-
-
-
-
-Herrliche Tage in Tsingtau
-
-
-Tagelang ging's in der Eisenbahn durch Rußlands Steppen und Wüsten
-hindurch der Bestimmung, dem fernen Osten, entgegen.
-
-Endlich Mukden! Peking war bald vorüber ... Tsinanfou! Die ersten
-deutschen Laute klangen mir entgegen, dann kamen die letzten zehn
-Stunden der Eisenbahnfahrt durch wunderbares blühendes Ackerland voller
-Gärten, Felder und Blumen; und endlich lief der Zug langsam auf dem
-Hauptbahnhof von Tsingtau ein.
-
-Tsingtau sah ich nun nach sechs Jahren wieder!
-
-Nun war ich wieder auf deutschem Grund und Boden, in einer deutschen
-Stadt im fernen Osten.
-
-Meine Kameraden holten mich ab. Unter schnellem Trippel-Trappel zogen
-mich die kleinen mongolischen Steppenpferdchen der neuen Heimat zu.
-
-Zuerst ging es auf den Iltis-Platz, welcher unsere Rennbahn war
-und gleichzeitig mein Flugplatz werden sollte. Festlich prangte
-der Ort, und ganz Tsingtau war hier versammelt. In der Mitte der
-weiten Rasenfläche hatte sich ein ungeheurer Kreis von Zuschauern
-gebildet, welche den Fußballplatz umgaben. Heute war Festtag, und ein
-großes Fußballwettspiel wurde zwischen den deutschen Matrosen und
-ihren englischen Kameraden vom englischen Flaggschiff „Good Hope”
-ausgetragen.
-
-„Good Hope” weilte zu Besuch in Tsingtau. Es wurde ein glänzendes Spiel
-und endete 1: 1.
-
-Wer hätte das damals geahnt! Knapp sechs Monate später traten sich
-dieselben Gegner gegenüber, aber dann war es ernstes, furchtbares
-Spiel, bei dem es nur Siegen oder Sterben gab. Es war bei der
-Seeschlacht von Coronel, in der die deutschen Blaujacken in
-siebenundzwanzig Minuten das englische Flaggschiff „Good Hope” in die
-furchtbare Tiefe des Stillen Ozeans hinabsandten.
-
-Heute wußte noch keiner etwas von den kommenden Ereignissen, und
-froh bewegt und in bester Kameradschaft vereint nahmen die deutschen
-Matrosen ihre englischen Gäste mit nach Hause. Zwei Tage später lief
-das englische Geschwader aus, kurz hinterher unser Kreuzergeschwader
-unter der Führung des Admirals Grafen von Spee.
-
-Und lustig flatterten die Flaggen im Winde, die das Signal der beiden
-Geschwaderchefs überbrachten, welches lautete: „Leben Sie wohl, auf
-Wiedersehen!”
-
-Wer ahnte es: Bei Coronel sollte es geschehen.
-
-Gleich nach meiner Ankunft und nachdem die dienstlichen Meldungen
-erledigt waren, sah ich mich nach meinem Flugzeug um und hoffte schon
-in den nächsten Tagen den erstaunten Tsingtauern meinen Riesenvogel
-vorführen zu können. Aber Mahlzeit! Ruhig konnte ich wieder einige
-Wochen warten, denn mein Flugzeug schwamm noch quietschfidel um Indien
-herum, und der Dampfer wurde erst im Juli erwartet.
-
-Na, denn nicht, liebe Tante, sagte ich und hatte nunmehr vollauf
-Zeit, mich in Tsingtau umzusehen und mir eine Wohnung zu suchen. Eine
-entzückende kleine Villa war bei meinem Flugplatze gerade frei, und
-schleunigst wurde diese gemietet, und ich bezog dieses entzückende Heim
-mit meinem neuen Kameraden Patzig.
-
-Alles, um mich wirklich glücklich zu fühlen, war vorhanden. Mein
-schönes Kommando, das Landkommando der Marine; ich war in Tsingtau,
-dem Paradiese auf Erden, meine dienstliche Tätigkeit war die schönste,
-die ich mir wünschen konnte, und dabei diese entzückende Villa, hoch
-auf einer Anhöhe gelegen mit wunderbarer Aussicht auf den Iltis-Platz
-und das weite tiefblaue Meer. Außerdem gehörte ich zur berittenen
-Truppe, drei wunderbare Jahre lagen vor mir. Wer sollte glücklicher
-und zufriedener sein als ich? Jetzt ging's an die Inneneinrichtung der
-Wohnung. Ich hatte eine ganze Anzahl Bilder über Wohnungseinrichtungen
-aus der „Kunst”, und mit diesen zog ich zu unserem tüchtigen
-Chinesentischler und bestellte danach eine Einrichtung. Es ist geradezu
-erstaunlich, mit welcher fabelhaften Geschicklichkeit die Chinesen
-alles nachmachen können, und dabei in unglaublich kurzer Zeit und ganz
-besonders billig. Als vier Wochen später alles angelangt war, die Möbel
-an dem richtigen Platz standen und das Haus von oben bis unten glänzte
-und leuchtete, da zogen wir frischgebackenen „Villenbewohner” stolz
-und freudig in unser neues Heim. Nichts fehlte. Und besonders war
-auch das erforderliche Dienstpersonal vorhanden. Damit der Europäer im
-fernen Osten Ansehen vor den Chinesen gewinnt, muß er sich mit viel
-chinesischem Dienstpersonal umgeben, und es ist fast eine moralische
-Pflicht jedes Europäers, dies zu tun.
-
-Moritz, der Koch, in seinem schönen blauseidenen Ischang; Fritz, der
-Mafu (Pferdeknecht), stets grinsend, dafür aber um das Wohl der Pferde
-sehr bedacht; Max, der Gärtner, faul wie die Sünde, und endlich August,
-der freche kleine Laufjunge, bildeten das Heer unserer dienstbaren
-Geister.
-
-Dazu kamen „Herr” Dorsch und „Herr” Simon.
-
-Diese beiden „Herren” waren unsere Burschen, die von der Sitte
-des fernen Ostens, daß der Europäer im Beisein der Chinesen nicht
-körperlich arbeiten _darf_, redlich Gebrauch machten.
-
-Ein großer Garten umgab unser Haus, in dem sich auch noch der
-Pferdestall mit Wagenremise, Autogarage und Chinesenwohnungen befanden.
-Das Wichtigste aber war: mein Hühnerstall. Schon zwei Tage nach meiner
-Ankunft hatte ich mir eine Bruthenne gekauft, ihr ein Dutzend Eier
-untergelegt, und als wir die Wohnung bezogen, hatte ich bereits sieben
-lebendigen Küken das Leben geschenkt.
-
-Geflügel ist billig in China. Das Huhn kostet zehn Pfennig, eine Ente
-oder Gans eine Mark, und so hatte ich auch bald einen Geflügelhof von
-fünfzig Tieren zusammen.
-
-Ja, richtig, ich war ja „Reiter” geworden! Also ein Pferd beschaffen!
-Einer der Kameraden hatte einen entzückenden kleinen Fuchs. Wir wurden
-handelseinig, und bald darauf stand „Fips” in meinem Stall. „Fips” war
-ein entzückendes Tier, gutes Dienstpferd, dabei tadellos für Jagdreiten
-und Polospielen. Aber Wamse bekommt er doch, wenn ich ihn mal
-wiedersehen sollte; denn während der Belagerung ließ der Lümmel mich
-am Tage vor der Einschließung einfach im Stich, als ich ins Vorgelände
-geritten war. Da einige Schrapnells in seiner Nähe krepierten, riß er
-sich los und lief zum Feinde über.
-
-Das ganze Leben in Ostasien ist für den Europäer recht eintönig. Wenig
-Geselligkeit, keinerlei Theater, keine Musik, nichts von alledem, das
-man so ungern vermißt. Die einzige Erholung und der einzige Trost sind
-eben, daß man etwas besser lebt wie unter den gleichen Verhältnissen zu
-Hause, und der Pferdesport. In Tsingtau blühte letzterer ganz besonders.
-
-Mit Begeisterung widmete ich mich dem Poloreiten, und nachdem ich mich
-einigermaßen an die ungewohnten Schlinger- und Stampfbewegungen meines
-Pferdes gewöhnt hatte, ging die Kiste herrlich.
-
-[Illustration: Der erste Absturz in Tsingtau.]
-
-Mitte Juli wurde endlich meine Sehnsucht gestillt. „Der” Dampfer war
-da und hatte die Flugzeuge mitgebracht. Kaum standen die riesigen
-Kisten auf dem Kai, als ich auch schon mit meinen Leuten dabei war und
-die armen Vögel, die zum Fluge durch Luft und Sonne geboren waren, aus
-ihren dunklen Gefängnissen befreite, in denen sie monatelang gesessen
-hatten. Da die Kisten zu schwer waren, mußten die Flugzeuge an Ort
-und Stelle ausgepackt werden. Hei! Das Hallo unter den chinesischen
-Gaffern. Als alles schön ausgepackt war, wurde der Triumphzug
-angeordnet. Erst kamen die beiden Flugzeuge, dann kamen drei Wagen mit
-den Tragflächen und dann zwei Wagen mit den Zubehörteilen. Die Pferde
-zogen an, und stolz durchfuhren wir Tsingtau und zogen im Triumphe in
-die Flughalle auf dem Iltis-Platz ein.
-
-[Illustration: „August”, der freche Laufjunge.]
-
-Nun gab es keine Ruhe mehr. Tag und Nacht arbeiteten wir am
-Zusammensetzen und Verspannen, und zwei Tage später, ganz in der Frühe,
-als noch kein Mensch es ahnte, stand mein Flugzeug klar am Startplatz,
-und als die Sonne aufging, gab ich Vollgas und schoß in die wunderbare
-reine Seeluft hinaus.
-
-Den ersten Flug in Tsingtau werde ich nie vergessen. Der Flugplatz war
-außerordentlich klein, nur sechshundert Meter lang und zweihundert
-Meter breit, voll von Hindernissen und rings umgeben von Hügeln und
-Felsen. Wie klein der Platz aber wirklich war und wie ungeheuer schwer
-zum Starten und Landen, das sollte ich bald noch zur Genüge erfahren.
-Mein Freund Clobuczar, ein früherer österreichischer Fliegeroffizier,
-der jetzt auf der „Kaiserin Elisabeth” war, sagte mir mal: „Ein
-Flugplatz soll das hier sein? Höchstens ein Kinderspielplatz! In meinem
-ganzen Leben habe ich noch nicht gesehen, daß ein Mensch in einem
-solchen Platze fliegen soll.” Mir ging's ähnlich so. Und ich würde mir
-in Deutschland ein solches Plätzchen höchstens mal als Notlandungsplatz
-aussuchen.
-
-Aber zu machen war nichts. Es war dies der einzige Platz im ganzen
-Schutzgebiete, alles andere war wild zerklüftetes Gebirge, durchzogen
-von tiefen Ravinen. Doch an diesem wunderbar sonnigen Morgen kümmerte
-ich mich nicht darum, und froh bewegt zog ich über Tsingtau meine
-Kreise und scheuchte durch das Gebrumm meines Propellers die gänzlich
-überraschten Tsingtauer aus ihrem Schlafe. Als ich zum Landen schritt,
-wurde mir doch ein bißchen komisch zumute! Donnerwetter, war der Platz
-klein! Und unwillkürlich drehte ich immer länger meine Kreise und
-verschob immer wieder den kommenden kritischen Moment der Landung.
-
-Doch ewig oben bleiben konnte ich ja nicht. Und endlich gab ich mir
-einen Ruck, nahm Gas weg und stand einen Augenblick später nach
-einer tadellosen Ziellandung auf meinem Platz. Nun war ich meiner
-Sache sicher. Und den ganzen Morgen bin ich kaum aus meinem Flugzeug
-herausgekommen.
-
-Jetzt gings aber wieder an die Arbeit. Das zweite Flugzeug, auch
-eine Rumpler-Taube, welches von meinem Kameraden vom Seebataillon,
-Leutnant Müllerskowski, geflogen werden sollte, mußte zusammengebaut
-und verspannt werden. Nach zwei Tagen, am einunddreißigsten Juli
-Neunzehnhundertvierzehn, nachmittags war alles in Ordnung.
-
-Müllerskowski stieg in sein Flugzeug, und nachdem ich ihm einige
-Erfahrungen, die ich mit diesem Flugplatz nun schon gemacht, mitgegeben
-hatte, zog er Vollgas und schwirrte los.
-
-Das Glück blieb meinem Kameraden nicht hold.
-
-Sein Flugzeug war eben einige Sekunden in der Luft und befand sich
-zirka fünfzig Meter hoch gerade an der kritischen Stelle, wo Flugplatz
-und gleichzeitig das Land endet und mit steilen Felsen ins Meer
-abfällt, als es sich plötzlich zur Seite neigte und wir mit Schrecken
-sehen konnten, wie es in sausender Fahrt mit dem Kopf vorneweg in die
-Felsen hineinstürzte.
-
-So schnell wir es vermochten, liefen wir zur Unfallstelle. Da sah es
-bös aus. Das Flugzeug war vollständig zertrümmert, und zwischen diesen
-Trümmern lag Müllerskowski. Schwer verletzt brachten wir ihn ins
-Lazarett, wo er bis kurz vor Ende der Belagerung liegenbleiben mußte.
-Das Flugzeug war vernichtet.
-
-Inzwischen hatte sich auch in Tsingtau manches zugetragen. Der Juli mit
-all seiner Schönheit und Pracht, mit wunderbarstem Sonnenschein und
-tiefblauem Himmel war ins Land gezogen. Es ist der schönste Monat für
-Tsingtau.
-
-Das Badeleben stand in vollster Blüte; es waren besonders viele
-und nette Fremde, in erster Linie Damen, aus den europäischen und
-amerikanischen Niederlassungen Chinas und Japans herbeigeströmt, um
-sich an Tsingtaus Schönheit zu erfreuen und in dem „Ostende des fernen
-Ostens” das Badeleben zu genießen.
-
-Es war eine ganz herrliche Stimmung. Auto- und Reitpartien, Polospiel
-und Tennis füllten die dienstfreien Stunden aus, und besonders schön
-waren abends die Reunions, bei denen Terpsichore voll zu Ehren kam.
-
-Wie auch in den früheren Jahren waren die Engländerinnen unter den
-Gästen am stärksten vertreten, und bald entwickelte sich ein reizender
-Verkehr.
-
-Anfang August sollte ein Polowettspiel stattfinden, zu dem wir als
-Gegenspieler den englischen Poloklub in Schanghai eingeladen hatten.
-
-Da, am dreißigsten Juli, traf wie ein Blitz aus heiterem Himmel der
-Befehl der „Sicherung” in Tsingtau ein!
-
-
-
-
-Kriegsalarm -- Meine Taube
-
-
-Ich weiß es noch wie heute.
-
-In aller Frühe kam eine Ordonnanz in unsere Villa und überbrachte
-Patzig und mir den Befehl, umgehend zum Abteilungskommandeur zu kommen,
-es wäre Sicherung befohlen. Wir dachten natürlich, es sei nur eine
-Übung, und redlich brummend ob der Störung der Morgenruhe begaben wir
-uns an den befohlenen Ort. Hier erhielten wir die Bestätigung der kaum
-faßbaren Kunde. Und im Inneren fest daran zweifelnd, daß es Krieg geben
-würde, eilten wir auf unsere Gefechtsstationen und begannen mit den
-notwendigen Arbeiten.
-
-Der Befehl: „Drohende Kriegsgefahr!”, der am nächsten Tage eintraf,
-brachte endlich Gewißheit.
-
-Und dann kam der erste August, die Mobilmachung wurde befohlen. Der
-zweite August brachte die Kriegserklärung gegen Rußland und der dritte
-die gegen Frankreich.
-
-Diese Tage zu beschreiben, ist kaum möglich.
-
-Man stelle sich bloß vor: Hier war deutsche Kolonie, deutsche Festung,
-der größte Teil der Tsingtauer waren Offiziere und Soldaten. Dabei war
-Tsingtau aber in seinem äußeren Gepräge international geworden. Russen,
-Franzosen und Engländer befanden sich als Gäste mitten unter uns. Es
-war ein Gegeneinanderwogen von Meinungen und Gefühlen, ein Zustand, wie
-er wohl kaum wo anders auf der Welt angetroffen werden konnte.
-
-Die Hauptfrage, ich möchte sagen, die Frage, die uns alle beschäftigte,
-war: Gibt es Krieg mit England?
-
-Nur der, der im fernen Osten gelebt hat, wird ermessen können, was
-diese Frage bedeutete.
-
-Am zweiten August wurde gerade unser Angebot an England bekannt, ich
-ritt am selben Tage mit einer englischen Dame spazieren, und es war
-nur selbstverständlich, daß dieses Thema unsern Hauptgesprächsstoff
-bildete. Die Ansicht meiner Begleiterin deckte sich mit der all ihrer
-Freunde und Freundinnen, daß ein Krieg zwischen England und Deutschland
-undenkbar wäre, sonst würde auch besonders im fernen Osten das Prestige
-der weißen Rasse vorüber sein und der gelbe Japs lachend die Früchte
-unserer Zwietracht einheimsen können.
-
-Auch uns Deutsche beschäftigte selbstverständlich nur dieser eine
-Gedanke, und besonders bei uns Seeoffizieren war von nichts anderem
-mehr die Rede. Eine Spannung, schlimmer als vor und während der ersten
-Mobilmachungstage, beherrschte uns. Und wie eine Erlösung kam für uns
-alle am vierten August die Nachricht:
-
-Der Krieg gegen England ist erklärt!
-
-Nun waren also in Europa die Würfel gefallen.
-
-Daß wir uns alle sehr glücklich fühlten, kann ich nicht behaupten. Ganz
-im Gegenteil. Immer und immer wieder sagten wir uns: „Nun sitzen wir
-hier in dem fernen Tsingtau, zu Hause da sind unsere Brüder, unsere
-Kameraden; die Glücklichen dürfen die wunderbaren Tage der Mobilmachung
-miterleben, sie dürfen ausziehen gegen eine Welt von Feinden, sie
-dürfen unser heiliges geliebtes Vaterland, dürfen Weib und Kind
-verteidigen, und wir Armen sitzen hier und können nicht helfen!”
-
-Schon der Gedanke, wie es in diesen Tagen zu Hause aussähe, konnte
-uns rasend machen. Denn das wußten wir: Die Engländer, Russen und
-Franzosen, die uns hier draußen an Zahl weit überlegen waren, würden
-nicht den Mut finden, uns hier anzugreifen.
-
-Und doch hatten wir immer wieder den einen Funken von Hoffnung: Sie
-kommen doch noch!
-
-Ach, wie hätten wir die empfangen!
-
-An Japan dachte selbstverständlich niemand!
-
-In all der Arbeit der Mobilmachungstage wurden unsere Gäste nicht
-vergessen. Sie waren zwar fast alle unsere Feinde, aber sie blieben
-unsere Gäste.
-
-Die Aufregung unter ihnen ist wohl begreiflich. Vor allen Dingen, da
-bereits Nachrichten über die geradezu bestialische Behandlung der
-Deutschen durch die Engländer in den englischen Kolonien zu uns kamen.
-
-Daß unser Verkehr mit den Fremden abgebrochen wurde, war
-selbstverständlich, aber ebenso selbstverständlich war auch, und das
-möchte ich an dieser Stelle ganz besonders den Engländern gegenüber
-hervorheben, daß die vielen Angehörigen der feindlichen Staaten mit
-einer Rücksicht behandelt wurden, wie es eben nur bei uns „Barbaren”
-möglich war.
-
-Den Fremden wurde bekanntgegeben, daß sie sich nach Belieben weiter
-in Tsingtau aufhalten oder aber abfahren könnten, ohne irgendwelchen
-Zwang, und daß das Gouvernement rechtzeitig ankündigen würde, wenn alle
-Fremden die Kolonie räumen müßten. Verlangt wurde nur, daß keiner das
-Stadtgebiet verließe und niemand sich mehr den Befestigungen näherte
-oder Spionage triebe. Man halte sich hiergegen das Benehmen unserer
-lieben Vettern in Hongkong und in so vielen anderen Orten der Welt vor
-Augen!
-
-Die, die es miterlebt haben, könnten Bände darüber schreiben.
-
-Ein Trost war für uns: Wir erhielten täglich drahtlose Nachrichten von
-Hause!
-
-Den Jubel und die Freude kann man sich kaum vorstellen, die wir beim
-Eintreffen der Nachrichten empfanden. Meist kamen die Telegramme
-abends, und wir Offiziere saßen zusammen in unserem kleinen Kasino,
-selbstverständlich von nichts anderem als vom Kriege sprechend. Und
-wenn die herrlichen Siegesnachrichten eintrafen, dann war ein Jubel
-ohnegleichen, aber doch empfanden wir dabei eine ganz unendliche
-Traurigkeit, denn:
-
-Wir konnten nicht dabei sein!
-
-Dann kam der fünfzehnte August, und wir hielten eine Nachricht von
-solcher Ungeheuerlichkeit in der Hand, daß wir an der Wahrheit des
-Gelesenen zweifelten.
-
-Die Ankündigung war folgende:
-
- _Extrablatt_
-
- „Wir betrachten es als äußerst wichtig und notwendig, in der
- jetzigen Lage Maßnahmen zu treffen, um die Ursachen aller Störungen
- des Friedens im fernen Osten zu beseitigen und die allgemeinen
- Interessen zu schützen, die im englisch-japanischen Allianzvertrag
- festgelegt sind, mit dem Zweck, festen und dauernden Frieden
- in Ostasien zu sichern. Dieser Zweck ist die Grundlage des
- Übereinkommens. Die kaiserlich japanische Regierung glaubt, daß es
- ihre Pflicht ist, der kaiserlich deutschen Regierung zu raten, die
- folgenden Vorschläge anzunehmen:
-
- Erstens, die deutschen Kriegsschiffe sofort von den japanischen
- und chinesischen Gewässern zurückzuziehen, ebenso die bewaffneten
- Schiffe aller Art und diejenigen Schiffe, die nicht sofort
- zurückgezogen werden können, zu entwaffnen.
-
- Zweitens, das ganze Pachtgebiet von Kiautschou alsbald, nicht
- später als am fünfzehnten September, den kaiserlich japanischen
- Behörden ohne Bedingung und ohne Entschädigung zu übergeben, mit
- der Aussicht auf evtl. Rückgabe an China.
-
- Die kaiserlich japanische Regierung kündigt zugleich an, daß, im
- Falle sie bis zum dreiundzwanzigsten August Neunzehnhundertvierzehn
- keine Antwort von der kaiserlich deutschen Regierung erhalte,
- in der sie die unbedingte Annahme der Vorschläge übermittelt,
- die japanische Regierung gezwungen sein wird, ihre Maßnahmen zu
- treffen, die sie in Anbetracht der Lage für notwendig erachtet.”
-
-Darunter stand von unserem Gouverneur geschrieben:
-
-„Es ist selbstverständlich, daß wir niemals darauf eingehen können,
-Tsingtau an Japan ohne Schwertstreich auszuliefern. Nach der ganzen
-Frivolität der japanischen Forderung kann man sich schon vorher
-sagen, welche Antwort allein darauf erfolgen wird. Das aber bedeutet
-natürlich, daß wir mit Ablauf der für die Beantwortung gesetzten Frist
-auf die Eröffnung der Feindseligkeiten rechnen müssen, und das wird
-natürlich ein Kampf bis zum Äußersten sein.
-
-Angesichts des Ernstes der Lage darf jetzt selbstverständlich mit der
-Fortschaffung von Frauen und Kindern keinen Augenblick länger gezögert
-werden, das Gouvernement wird deshalb heute, Freitag vormittag,
-auch noch einen Dampfer nach Tientsin abgehen lassen, der bereits
-für die Aufnahme von rund sechshundert Personen vorbereitet ist. Es
-ist dringend zu raten, daß von diesen Gelegenheiten, die Züge der
-Schantungbahn verkehren ja auch weiter, nun auch von allen Gebrauch
-gemacht wird, die nicht hierbleiben wollen.
-
-Tsingtau macht klar zum Gefecht!”
-
-Nun wußten wir, woran wir waren!
-
-Über die Art und Schwere des Kampfes und über seine Aussichten waren
-wir uns klar, aber wohl nie ist freudiger und unermüdlicher gearbeitet
-worden. Eine Titanenarbeit wurde in diesen Wochen vollbracht. Und vom
-ältesten Offizier bis zum jüngsten fünfzehnjährigen kriegsfreiwilligen
-Automobilfahrer setzte jeder sein ganzes Können und sein ganzes
-Denken, seine ganze Vaterlandsliebe darein, Tsingtau in den
-Verteidigungszustand zu setzen.
-
-Ich selber hatte bereits besonderes Pech gehabt. Drei Tage nachdem
-Müllerskowski abgestürzt war, startete ich bei herrlichstem
-Sonnenschein zu meinem ersten großen Erkundungsfluge und kehrte,
-nachdem ich das ganze Schutzgebiet und Hunderte von Kilometern darüber
-hinaus aufgeklärt hatte, froh der getanen Arbeit, nach Tsingtau zurück.
-
-Ich war tausendfünfhundert Meter hoch, und die Landung war infolge der
-Luftverhältnisse ganz besonders schwierig. Als ich mitten über dem
-Platze in ungefähr hundert Metern Höhe noch mal Vollgas gab, um die
-letzte Runde zu fliegen und dann gegen den Wind zu landen, sprang der
-Motor eine Sekunde lang wieder voll an, fing aber im selben Moment an
-zu spucken und versagte ganz. Nur Sekunden brauchte ich, um meine
-Apparate nachzusehen, aber die genügten, daß die Maschine bereits so
-weit war, daß an ein Landen auf dem Platze nicht mehr zu denken war.
-
-Auch nach rechts oder links konnte ich nicht abdrehen. Rechts war das
-Poloklubhaus und ein tiefer Graben, links das Strandhotel und die
-Villen.
-
-Daß nichts mehr zu machen war, wußte ich, und nur eins dachte ich:
-Halte den Motor heil!
-
-Vor mir war ein kleines Wäldchen, und da hinauf hoffte ich die Maschine
-noch setzen zu können. Ich zog das Höhensteuer, aber in der heißen
-dünnen Tropenluft sackte die Maschine wie ein Klotz schwer durch. Ich
-kam mit dem Kopf gerade noch an Telegraphendrähten klar, dann zog ich
-die Knie an und stützte unwillkürlich die Füße nach vorn ab, und schon
-gab es einen mächtigen Stoß, ich hörte Krachen und Splittern um mich
-herum und flog mit Kopf und Knien recht unsanft gegen den Benzintank.
-Dann war es still.
-
-Und als ich mich, selber heil und gesund, im Kreise umsah, da lag meine
-Taube mit der Nase im Straßengraben, streckte das Schwänzchen hoch in
-die Luft, und die Flügel und das Fahrgestell bildeten ein Knäuel von
-zerbrochenen Holzstreben, Leinwand und Drähten.
-
-Ach, mein armes Täubchen! Ausgerechnet am dritten Tage der Mobilmachung
-ließ es mich im Stich. Mir war ganz unsäglich hoffnungslos zumute. Ohne
-jedoch den Mut ganz sinken zu lassen, schaffte ich die Trümmer in den
-Schuppen. Ich hatte ja noch Reservepropeller und Reservetragflächen von
-Hause mitbekommen.
-
-Wenn nur der Motor heil geblieben war! Ersatzteile für diesen besaß ich
-nicht, und sie wären auch beim besten Willen nicht herbeizuschaffen
-gewesen.
-
-Voller Hoffnung ging ich an die Reservekisten und öffnete zuerst die,
-worin die Tragflächen lagen. Aber o Schreck! Ein widerlicher Moderduft
-schlug mir entgegen, und Böses ahnend, öffneten wir den inneren
-Zinkeinsatz.
-
-Der Anblick, der sich uns bot, war geradezu fürchterlich. In der Kiste
-befand sich nur ein Haufen von moderndem Gerümpel. Die ganze Bespannung
-der Tragflächen war verfault. Die einzelnen Rippen und Spanten und die
-Holzklötzchen, die vorher tadellos geleimt und bewickelt waren, lagen
-regellos durcheinander, und alles war von einer dicken Schimmelschicht
-bezogen.
-
-Ein trauriger Anblick!
-
-Nun wurde die Propellerkiste geöffnet. Da drinnen sah es ähnlich aus.
-Die fünf mitgenommenen Reservepropeller hatten sich ebenfalls in
-Wohlgefallen aufgelöst oder sich so stark verzogen, daß sie nicht mehr
-zu gebrauchen waren. Wenn zu Hause der Propeller mehr als vier bis fünf
-_Millimeter_ an den Spitzen ausschlägt, denkt kein Mensch daran, ihn so
-zu fliegen. Meine schlugen bis zu zwanzig _Zentimetern_ aus! Nun war
-guter Rat teuer.
-
-Aber unverzagt ging mein hervorragender Monteur, der
-Obermaschinistenmaat Stüben, an die Arbeit, und am selben Nachmittage
-saß ich mit Stüben und meinen beiden Heizern Frinks und Scholl und
-noch acht Chinesen von der Werfttischlerei an der Arbeit und baute die
-vermoderten Flügel wieder zusammen.
-
-Dann ging ich mit meinem am wenigsten verbogenen Propeller zur Werft,
-und hier half mir der treffliche Modelltischler R. aus meiner Not und
-ließ unter seiner Anleitung von den Chinesen einen neuen Propeller
-bauen.
-
-Das war geradezu eine Glanzleistung.
-
-Man stelle sich folgendes vor:
-
-Sieben Eichenbohlen wurden mit gewöhnlichem Tischlerleim
-zusammengeleimt. Dann gingen zwei Chinesen mit Äxten her und schlugen
-nach Lehren, die der Modelltischler angefertigt hatte, mit den Äxten
-aus dem Bohlenklumpen einen tadellosen Propeller aus. Die Arbeit war,
-obwohl mit der Hand ausgeführt, so genau und sorgfältig, wie sie nur
-von Chinesen geleistet werden kann.
-
-Mit diesem Propeller habe ich dann meine sämtlichen Flüge während der
-Belagerung von Tsingtau ausgeführt!
-
-Auch wir im Schuppen waren nicht untätig geblieben. Tag und Nacht
-arbeiteten wir mit äußerster Anspannung, und bereits am neunten Tage
-nach meinem Absturz stand frühmorgens bei Sonnenaufgang mein Täubchen
-an der Startstelle klar zum Probeflug.
-
-Es ist wohl begreiflich, wenn mir vor diesem Fluge meine Aussichten
-nicht im rosigsten Lichte erschienen.
-
-Meine Tragflächen hatte ich aus einem vermoderten Haufen wieder
-zurechtgebaut. Verspannen mußten wir sie, da wir nirgends eine ebene
-Fläche hatten, so gut es ging; der Propeller war, wie oben beschrieben,
-entstanden und machte über hundert Umdrehungen zu wenig. Dabei waren
-die Flugplatzverhältnisse so überaus ungünstig und schwierig, daß
-bei jedem Start nur ein sofortiges Gelingen oder ein unweigerliches
-Abstürzen in Frage kam.
-
-An all das durfte ich nicht denken. Es war Krieg, ich war der einzige
-Flieger, und meine Aufgabe mußte ich erfüllen. Und ich hatte Glück!
-
-Alles irgendwie Entbehrliche hatte ich zur Erleichterung aus dem
-Flugzeug herausgerissen, und anfangs etwas unwillig meiner Faust
-gehorchend erhob sich mein großer Vogel doch in die Luft, und bald
-hatte ich ihn wieder vollkommen in meiner Gewalt. Da zog ich denn
-wieder froh meine Kreise, und stolz warf ich vor dem Hause unseres
-Gouverneurs die Meldung ab: „Flugzeug ist wieder klar!”
-
-Und dann begannen meine großen Aufklärungsflüge. Das ganze Schutzgebiet
-durchkreuzte ich, und weit, weit draußen, Hunderte von Kilometern vom
-Schutzgebiet entfernt, überflog ich das weite Land und bewachte die
-Anmarschstraßen und flog längs der wild zerklüfteten Küste und schaute
-aus, ob nicht irgendwo der Feind sich näherte oder landete.
-
-Es waren mit die schönsten Flüge meines Lebens.
-
-Die Luft war so klar und durchsichtig, der Himmel so wunderbar blau
-und schön, und die Sonne strahlte mit so inniger Liebe auf das
-herrliche Land, auf die wild zerklüfteten hohen Gebirge und auf das
-alles einrahmende tief-, tiefblaue Meer herab. Das waren Stunden
-hinreißendster, erhabenster Schönheit, die ich überquellenden Herzens
-und mit nach Schönheit lechzender Seele genoß.
-
-Aber die Sorgen blieben nicht aus. Bereits nach dem zweiten
-Aufklärungsfluge stellte sich heraus, daß die Leimfugen des Propellers
-auseinander gespalten waren, und daß der Propeller nur wie durch ein
-Wunder nicht auseinandergerissen war. Nun mußte er abmontiert und
-wieder frisch geleimt werden. Dieses Schauspiel hat sich von nun
-ab nach jedem Fluge wiederholt. Sobald ich zurück war, wurde „der”
-Propeller abgenommen, ich fuhr mit meinem Auto zur Werft, dort wurde er
-schnell geleimt, in eine Presse geschraubt, und spät abends holte ich
-ihn wieder ab, setzte ihn auf, und dann ging's damit am nächsten Tage
-wieder los.
-
-Und als der Propeller immer wieder aufplatzte, da beklebte ich seine
-ganze Eintrittskante mit Bespannungsstoff und Heftpflaster, und da
-hielt wenigstens diese Kante einigermaßen!
-
-In Tsingtau hatte ich auch noch einen zweiten Dienstzweig zu versehen,
-und zwar war ich Führer der Fesselballonanlage, meiner „aufgeblasenen”
-Konkurrenz.
-
-Vor meiner Ausreise hatte ich in Berlin einen Luftschifferkursus
-durchgemacht, bestehend aus einer Freiballonfahrt und etwas Exerzieren
-am Fesselballon nebst Ballonflicken.
-
-Die gesamte vollständig neue Fesselballonanlage in Tsingtau bestand aus
-zwei je tausend Kubikmeter großen Ballons, einem Ballonsack und allem
-nötigen Zubehör zum Gaserzeugen und zur Bedienung des Ballons.
-
-Ein Unteroffizier der Marine, der kurze Zeit bei den Luftschiffern
-ebenfalls zur Ausbildung gewesen war, und ich waren die einzigen,
-die vom Ballon eine Ahnung hatten. Nachdem wir die ganze neue Anlage
-ausgepackt und aufgestellt hatten, gingen wir äußerst gewissenhaft und
-vorsichtig ans Füllen des Ballons. Und wie stolz waren wir, als die
-erste gelbe Wurst dick und prall, wohlgefesselt dicht über der Erde
-lag. Dann knüpfte ich mit meinem Unteroffizier persönlich jede einzelne
-Leine an, und bald darauf hing das gelbe Ungetüm leise hin und her
-pendelnd am Himmelszelt. Dann wurde es wieder heruntergeholt, und ich
-kletterte zum ersten Aufstieg allein in den Korb. Beinahe hätte ich
-schon bei diesem Aufstieg meine verzwickte Reise nach Deutschland
-antreten können, denn als „Los” kommandiert wurde, hatte das Haltetau
-versehentlich reichlich lose gehabt, und mit einem mächtigen Satz
-sprang der Ballon senkrecht zirka fünfzig Meter in die Luft und ruckte
-dann mit Macht in das Haltekabel ein. Mich durchzuckte dabei der
-Gedanke: Jetzt geht er ab! Es gab einen ganz gewaltigen Stoß, und viel
-hätte nicht gefehlt, so wäre ich aus meiner Gondel herausgeschleudert
-worden. Da das Drahtseil aber ebenfalls ganz neu war, hielt es gottlob,
-und ich war um eine Lehre reicher. Dann begann das systematische
-Ausbilden und Einexerzieren meiner Mannschaft, und bald funktionierte
-der Laden, als wenn wir von Kind auf Luftschiffer gewesen wären.
-
-Auf den Fesselballon waren vom Gouvernement sehr große Hoffnungen
-gesetzt worden. Allgemein versprach man sich durch ihn große Hilfe
-beim Beobachten des heranrückenden Feindes und zur Beobachtung der
-feindlichen Artillerie. Leider haben sich diese Hoffnungen in keiner
-Weise erfüllt, und meine Befürchtungen, die ich in bezug auf den Nutzen
-der Ballonanlage gehabt hatte, bewahrheiteten sich in jeder Beziehung.
-
-Trotzdem ich den Ballon sogar bis auf eintausendzweihundert Meter
-gebracht hatte, gelang es uns nicht, von ihm aus hinter die unseren
-befestigten Stellungen vorgelagerten Höhenzüge zu sehen und damit
-die Bewegung des Feindes und vor allen Dingen die Stellungen seiner
-schweren Belagerungsartillerie zu beobachten.
-
-Das aber war wiederum für die Verteidigung Tsingtaus von
-fundamentalster Bedeutung.
-
-Um dieses und überhaupt die ganze überaus schwierige Lage, in der wir
-uns in Tsingtau befanden, einigermaßen verständlich zu machen, muß ich
-folgendes vorausschicken:
-
-Das ganze Schutzgebiet Kiautschou liegt auf einer langgestreckten
-Landzunge, auf deren äußerstem, südwestlichem Zipfelchen wiederum
-die Stadt Tsingtau liegt. Von drei Seiten vom Meere umschlossen,
-wird die Stadt im Nordosten durch die halbkreisförmige Hügelkette
-der Moltke-, Bismarck- und Iltisberge, die sich von Meer zu Meer
-hinziehen, eingerahmt. In diesen Bergen lagen unsere Hauptbefestigungen
-eingenistet, und am nordöstlichen Fußrande dieser Kette lagen die
-fünf Infanteriewerke mit dem Hauptdrahthindernis. Dann kam ein
-breites Tal, welches zum Teil vom Haipo-Fluß durchzogen wurde, und
-daran schlossen sich wiederum halbkreisförmig die ebenfalls von Meer
-zu Meer sich hinziehenden, für uns kritischen und uns Verderben
-bringenden Hügelketten des Kuschan, des Taschan, der Waldersee-Höhen
-und der Prinz-Heinrich-Berge, von denen die Prinz-Heinrich-Berge
-eine so wildromantische Form hatten, als wenn sie dem Monde direkt
-entnommen wäre. Hinter diesen Höhen schloß sich wiederum ein breites
-Tal an, und daran türmten sich die wild zerklüfteten Steinmassen des
-Lau-Hou-Schan, des Tung-Liu-Schui und des Lauschan zum Himmel empor.
-
-Da uns vor allen Dingen daran lag, zu wissen, was geht im Vorgelände
-vor, und, als wir vom siebenundzwanzigsten September ab hinter unserem
-Drahthindernis vollkommen eingeschlossen waren, zu sehen, _wo_ baut
-der Feind seine Belagerungsartillerie auf, da wir ferner in unseren
-Hoffnungen, die wir in dieser Beziehung auf den Fesselballon gesetzt
-hatten, vollkommen getäuscht wurden, blieben uns zur Erreichung unseres
-Zieles nur noch: gelegentliche schneidige Erkundungen und -- -- mein
-Flugzeug!
-
-Unter unermüdlicher Arbeit gingen die Tage des August dahin. Tsingtau
-und vor allem das Vorgelände waren kaum wiederzuerkennen. Artillerie
-und Verteidigungsstellungen wurden ausgehoben, und was das traurigste
-war, die entzückenden Wäldchen, die mit so viel Mühe und Liebe
-angepflanzt waren, der Stolz Tsingtaus, mußten zum Freimachen der
-Schußfelder unter Beilhieben fallen. Wieviel Kulturarbeit, wieviel
-unendliche Mühe und Liebe ist da mit einem Schlage vernichtet worden!
-
-Der dreiundzwanzigste August, der Tag des Ablaufs des Ultimatums an
-Japan, kam heran, und es war wohl selbstverständlich, daß der gelbe Jap
-überhaupt keiner Antwort gewürdigt wurde. Die Parole an diesem Tage
-lautete:
-
- „Immer feste druff!”
-
-Das war uns allen aus dem Herzen gesprochen.
-
-Ich weiß noch, wie ich am folgenden Morgen von meinem Balkon aus über
-das unendliche blaue Meer schaute und in der Entfernung von einigen
-Seemeilen mehrere schwarze Schatten bemerkte, die sich langsam hin
-und her bewegten. Durch das Doppelglas konnte ich dann Torpedoboote
-erkennen. Auch Patzig, der herbeieilte, überzeugte sich davon. Richtig,
-heute war ja der Vierundzwanzigste. Nun hatte die Bande die Blockade
-gegen uns eröffnet.
-
-So war es also wirklich wahr, die Japaner wagten es, das Deutsche Reich
-anzugreifen!
-
-Der Kampf eines gelben Kaiserreiches, unterstützt von einem Häuflein
-Engländer, gegen ein kriegsstarkes deutsches Regiment hatte begonnen.
-
-Gleich nach Ablauf des Ultimatums rückte ein Trupp von tausend Mann
-ins Vorgelände ab, um dieses und die Anmarschstraßen auf Tsingtau
-zu so lange als möglich zu verteidigen. Dieses kleine Häuflein
-hat seine Aufgabe hervorragend gelöst. Eine Strecke von dreißig
-Kilometern Breite, dann von zehn Kilometern mit gänzlich ungenügender
-Artillerieausrüstung war zu verteidigen. Da, wohin zwei Armeekorps
-gehört hätten, standen nur tausend Mann. In zähem, unerschrockenem
-Kampf, oft nur Patrouillen ganzen feindlichen Bataillonen
-gegenüberstehend, wichen sie langsam der zwanzigfachen Übermacht.
-Erst am achtundzwanzigsten September wurde die tapfere Schar hinter
-das Haupthindernis zurückgedrängt, welches sich nun für uns bis nach
-Austoben des Kampfes für immer schloß.
-
-In den ersten Tagen der Belagerung hielten die leitenden Kreise in
-Tsingtau von dem Nutzen meines Flugzeuges, wie von der ganzen Fliegerei
-überhaupt, nicht viel.
-
-Nach allem, was sie bis jetzt von uns hier draußen gesehen hatten, war
-dies ja auch nicht weiter zu verwundern.
-
-Das wurde bald anders!
-
-An einem der ersten Tage der Belagerung überflog ich wiederum die
-Südküste der Schantung-Halbinsel, um nach feindlichen Schiffen und
-besonders nach feindlichen Truppenlandungen Ausschau zu halten. Die
-Küste war wie ausgestorben, auch nicht das geringste war zu sehen
-gewesen. Ganz beruhigt, daß wir von dieser Seite aus sicher waren, flog
-ich nach Hause zurück. Nur so nebenbei ging ich an diesem Abend noch
-auf das Gouvernement, um einem Kameraden Guten Tag zu sagen. Zufällig
-traf ich hier mit dem Chef des Stabes zusammen, der große Eile hatte,
-da er eine wichtige Sitzung beim Gouverneur für einen Augenblick
-verließ, um sich ein Buch zu holen.
-
-Im Vorbeigehen rief er mir noch zu: „Na, Plüschow, sind Sie wieder mal
-geflogen?”
-
-„Jawohl”, sagte ich, „ich komme eben zurück. Ich habe mehrere Stunden
-lang die Küste nach feindlichen Truppenlandungen abgesucht, habe aber
-nichts vom Feinde gesehen.”
-
-Ich sehe noch heute das überraschte Gesicht unseres Chefs.
-
-„Was? Die Küste sind Sie abgeflogen, und das sagen Sie erst jetzt?
-Wir sitzen seit zwei Stunden und beraten, wie wir die großen
-Truppenlandungen in der Dsin-Dsia-Kou-Bucht, die uns heute durch unsere
-Kundschafter gemeldet wurden, abwehren können. Und Sie kommen gerade
-daher und können so einwandfreie Meldung bringen? Nun aber hinein zum
-Gouverneur und Ihre Beobachtung gemeldet!”
-
-Mit einigen Worten konnte nun die ganze Beratung erledigt werden. Die
-Kundschafter-Aussagen waren selbstverständlich erfunden.
-
-Ich aber war froh; die Ehre und das Ansehen der Fliegerei hatte ich
-gerettet!
-
-Und nun begann für mich die schwerste, aber auch schönste Fliegerzeit.
-
-Meine Feuertaufe im Flugzeug empfing ich schon bald. Es war in den
-ersten Tagen des September, als ich weit, weit draußen das Vorgelände
-abgraste und mich in eintausendfünfhundert Metern Höhe so recht des
-schönen Sonnenschein-Sonntages erfreute. Unter mir gewahrte ich
-plötzlich eine im Anmarsch befindliche größere japanische Truppenmasse,
-die mich mit lebhaftem Infanterie- und Maschinengewehrfeuer begrüßte.
-Mit zehn Schußlöchern in den Tragflächen kehrte ich stolz nach Hause
-zurück. In Zukunft blieb ich aber immer in zweitausend Meter Höhe,
-wodurch eventuelle Gewehr- und Maschinengewehrtreffer in meinen Motor
-und Propeller wesentlich ungefährlicher wurden.
-
-Die Feuertaufe an Land ließ auch nicht lange auf sich warten.
-
-An einem der nächsten Tage fuhr ich mit meinem Auto nach Schatsy-Kou,
-wo wir vorgeschobene Posten besaßen. Ohne an Böses zu denken, hielt
-ich vor dem Hause an. Zu meinem Erstaunen lagen alle Offiziere und
-Mannschaften längs einer nach See zu geschützten Böschung, winkten
-lebhaft mit den Armen, was ich selbstverständlich als Begrüßung
-auffaßte und durch ebensolches Winken erwiderte. Ich saß noch in meinem
-Auto, als ich dicht über meinem Kopfe ein lautes Pfeifen und Zischen
-und einen Augenblick darauf bereits ein ohrenbetäubendes Krachen
-vernahm. Nur zehn Schritt von uns entfernt war mitten im Mauerwerk des
-Hauses die erste Granate krepiert, und ehe ich mich auch nur besinnen
-konnte, langten auch schon die folgenden Geschosse an.
-
-Nun wir aber raus aus dem Auto und die Beine in die Hand genommen und
-schnell zu den anderen an die allerdings nur fragliche Deckung gelehnt.
-Meine Kameraden bogen sich schier vor Lachen, denn so ernst die
-Situation auch war, so ulkig muß der Anblick gewesen sein.
-
-Nun erfuhren wir auch, was los war.
-
-Eine japanische Torpedoboots-Flottille lag vor uns und versuchte
-durch ihr Geschützfeuer Schatsy-Kou zu zerstören. Zwei volle Stunden
-lagen wir, ohne etwas sehen zu können, ohne jede Deckung und ohne
-uns rühren zu können, im Granatfeuer. Dann schien die Mittagspause
-für den Jap zu kommen, und er stellte das Feuer ein. Als wir die
-Schäden des Hauses besichtigten, waren die kleinen Chinesenjungens
-schon längst dabei, die Granatsplitter zu sammeln. Und als wir uns
-einen Augenblick zu einer Tasse Kaffee hingesetzt hatten, kamen drei
-kleine Chinesenstifte freudestrahlend an, in ihren schmutzigen kleinen
-Fingern drei Blindgänger haltend, die sie in aller Ruhe vor uns auf den
-Tisch warfen. Na, wenn die losgegangen wären, das hätte ein schönes
-Schützenfest gegeben!
-
-Nun mußten wir zurück, und als das Auto in das erste Felsental einbog,
-krepierten hinter uns schon wieder die Granaten der neu einsetzenden
-Beschießung.
-
-Einige Zeit darauf mußte ganz Schatsy-Kou mit dem ganzen übrigen
-Schutzgebiet geräumt werden, und am achtundzwanzigsten September wurden
-wir hinter das Haupthindernis eingeschlossen, und gleichzeitig setzte
-von See aus die erste große Beschießung ein.
-
-Das war eine Ballerei!
-
-Am frühen Morgen dieses Tages saß ich quietschfidel in meiner
-Badewanne, um mich zu einem größeren Fluge zu erfrischen, als plötzlich
-ein schier ohrenzerreißender Lärm einsetzte. Da unsere Geschütze
-bereits tage- und nächtelang gedonnert hatten, achtete ich nicht weiter
-auf den verstärkten Lärm, sondern schob ihn auf das Feuern unserer
-Achtundzwanzig-Zentimeter-Haubitzen der Bismarck-Batterie, die, um
-Munition zu sparen, bis jetzt geschwiegen hatte, und an deren Fuß meine
-Villa lag.
-
-Ich schickte meinen Burschen noch zu meinem Flugzeug, um nachzusehen,
-ob alles klargemacht würde. Aber schon nach einigen Minuten kam
-er atemlos und etwas blaß zurück und meldete: „Herr Oberleutnant,
-wir müssen schnell die Villa verlassen, wir werden von vier großen
-Schiffen beschossen. Eine der schweren Granaten ist eben ganz dicht
-beim Flugzeugschuppen krepiert, aber Gott sei Dank ist das Flugzeug
-heil geblieben, und niemand ist verletzt. Nur ich habe mir die Finger
-verbrannt. Da lag so ein schönes großes Sprengstück, und das wollte ich
-doch als Andenken mitnehmen; na, und das war so heiß, aber mitgebracht
-habe ich es doch!” Und dabei hob er freudestrahlend ein halb
-verbranntes Taschentuch hervor, in dem ein zirka armlanges furchtbares
-Sprengstück einer Dreißigeinhalb-Zentimeter-Granate lag. Nun war ich
-aber raus aus meinem Bad! Kaum zwei Minuten später stand ich bei meinem
-schwer gefährdeten Flugzeug, und mit vereinten Kräften schoben wir den
-teuren Vogel in eine andere Ecke des Platzes, wo er hinter einem Abhang
-etwas geschützter stand. Dann lief ich auf den Küstenkommandeurstand,
-um mir das Schauspiel der Beschießung anzusehen.
-
-Dieser Kommandeurstand lag auf einem Hügel, von dem man einen geradezu
-idealen Überblick über Tsingtau hatte. Von hier aus konnte man jede
-einzelne Granate einschlagen sehen, und wenn ich nicht flog, saß ich
-während der ganzen nächsten Wochen hier oben in freier Luft, um dem
-Kampf zuzusehen.
-
-Die erste Beschießung von Tsingtau an diesem achtundzwanzigsten
-September war besonders eindrucksvoll.
-
-Das Krachen und Krepieren der Granaten und das Gedröhne
-wurden durch die rings herumliegenden Berge bedeutend
-verstärkt. Schlag auf Schlag folgten die Einschläge der langen
-Dreißigeinhalb-Zentimeter-Schiffsgeschosse, und wir hatten den
-Eindruck, daß ganz Tsingtau in einen Trümmerhaufen verwandelt werden
-würde. Ein unheimliches Gefühl, an das man sich aber schnell gewöhnt.
-Man ist ja doch den einschlagenden Granaten gegenüber vollkommen
-machtlos und kann nichts weiter tun als warten, bis alles vorbei ist.
-
-Man soll nur Glück haben, nicht gerade da zu stehen, wo solch ein
-unheimliches Ding niedersaust.
-
-Wie schmachvoll müssen diese und die folgenden Beschießungen für die
-Engländer gewesen sein!
-
-Die feindlichen Schiffe dampften so weit draußen, daß unsere Geschütze
-sie nicht erreichen konnten. Also in vollster Sicherheit. Vorneweg
-fuhren drei japanische Schlachtschiffe und als letztes Schiff hinterher
-unter japanischem Befehl: das englische Linienschiff „Triumph”.
-
-Wie stolz sich diese Engländer wohl bei solcher Henkersarbeit
-vorgekommen sind!
-
-Gott sei Dank war der Schaden, den das Bombardement angerichtet
-hatte, nicht groß gewesen, und von nun ab sahen wir den kommenden
-Beschießungen mit größter Ruhe entgegen.
-
-Am Abend dieses Tages war ich Zeuge einer besonders traurigen
-Begebenheit.
-
-Unsere Kanonenboote „Cormoran”, „Iltis” und „Luchs” wurden von uns
-versenkt, nachdem sie ihre ganze Bewaffnung abgegeben hatten.
-
-Es war ein ganz trostloser Anblick.
-
-Die drei Schiffe, hintereinander festgemacht, wurden durch einen
-Dampfer in tiefes Wasser geschleppt, dort angezündet, dann gesprengt
-und verbrannt. Es sah aus, als ob die drei Schiffe wüßten, daß sie zur
-Schlachtbank geführt wurden. So unendlich traurig und hilfesuchend
-reckten sie ihre kahlen Masten zum Himmel empor; und unter den Flammen
-wanden sich die Schiffsleiber, als wenn sie noch Leben in sich gehabt
-hätten, bis endlich die Wogen über ihnen zusammenschlugen und sie von
-ihren Leiden befreiten. Wie krampfte sich mir das Seemannsherz zusammen
-bei diesem Anblick! Diesen drei folgten „Lauting” und „Taku” und kurz
-vor der Übergabe der kleine „Jaguar” und der österreichische Kreuzer
-„Kaiserin Elisabeth”, nachdem diese beiden letzteren Schiffe uns
-unendliche Dienste geleistet hatten. Die Arbeit dieser beiden Schiffe
-füllt ein Ruhmesblatt in der Geschichte von Tsingtaus Kampf und Tod.
-
-
-
-
-Allerhand Scherze der Japs
-
-
-Die Tätigkeit der japanischen Belagerungsarmee war für uns ein großes
-Rätsel. Nach der ersten großen Beschießung dachten wir alle, die
-Japaner würden versuchen, die Festung sofort zu stürmen, aber nichts
-dergleichen geschah. Wir begriffen den Feind einfach nicht, der mußte
-doch wissen, wie schwach wir waren, und daß sie nur ein einziges
-Drahthindernis zu überwinden brauchten, um in der Festung zu sein.
-
-Dann tauchten bei uns die wildesten Gerüchte auf.
-
-„Die Japaner wagen nicht, uns anzugreifen, die Sache steht in Europa
-zu gut für uns!” Dann wieder: „Die Amerikaner schicken uns ihre Flotte
-zu Hilfe; die Japaner werden abziehen müssen!” Und dann: „Die Japaner
-wollen uns nur aushungern, sie wollen, daß Tsingtau so heil wie möglich
-in ihre Hände fällt!”
-
-Aber alles blieb nur Vermutung.
-
-Ruhig und systematisch und ohne daß wir sie daran hindern konnten,
-landeten die Japaner ihre Truppen, bauten Wege und Eisenbahnen,
-schafften die schwersten Belagerungsgeschütze und Munition heran,
-gruben sich unseren Hindernissen gegenüber ein und arbeiteten sich
-vorwärts gegen unsere Verteidigungslinie.
-
-Jetzt begann für mich meine Hauptarbeit: das Erkunden der feindlichen
-schweren Batterien.
-
-Und Tag für Tag, wenn das Wetter und _der_ Propeller es erlaubten,
-stand ich früh im ersten Morgengrauen bei meinem Flugzeug.
-
-Und auf ging es, einem ungewissen Schicksal entgegen. Und wenn die
-Sonne aufging, dann schwebte ich hoch am blauen Firmament, umkreiste
-stundenlang die feindlichen Stellungen und spähte hinab auf das
-geliebte Schutzgebiet, in das sich ein frecher Feind einnistete, um uns
-Tod und Verderben hinüberzusenden.
-
-Schwer war meine Arbeit, aber schön, und sie wurde durch den Erfolg
-reichlich belohnt.
-
-Und _daß_ ich Erfolg hatte, das merkte ich am besten aus den
-Anstrengungen, welche der Feind machte, um mich herunterzuholen und
-mich unschädlich zu machen.
-
-Wie ich bereits vorher erwähnt habe, war ich jetzt der einzige Flieger
-in Tsingtau, „der Vogelmaster von Tsingtau”, wie mich die Chinesen
-nannten, und hatte auch nur diese eine Taube zur Verfügung. Nun galt
-es aufpassen und nichts kaputt machen, sonst war es vorbei mit der
-Fliegerei.
-
-Ganz außerordentlich wurde das Fliegen erschwert durch den kleinen,
-von hohen Bergen wie ein Kessel eng umschlossenen Flugplatz und die
-ganz außerordentlich schwierigen Luftverhältnisse. Durch die hohen,
-schroffen Gebirge, durch den Wechsel von Land und Wasser und durch die
-starke Sonnenbestrahlung war die Turbulenz der Luft ganz ungewöhnlich
-stark und die Luftverhältnisse schon morgens um acht Uhr so ungünstig,
-wie sie in Deutschland während der heißesten Jahreszeit um die
-Mittagsstunden kaum vorkommen. Nur der kann wohl einen Begriff von den
-Schwierigkeiten des Fliegens in einem solchen Gelände sich bilden, der
-das selbst durchgemacht hat.
-
-Hinzu kam, daß mein Flugzeug, welches für normale Verhältnisse zu Hause
-gebaut war, in dieser dünnen Luft zu schwer war, mein Motor hundert
-Umdrehungen zu wenig machte und ich mit einem Propeller flog, der auf
-die oben angeführte Weise entstanden war.
-
-Kein Wunder also, daß ich nicht daran denken konnte, jemals einen
-Beobachter mitzunehmen. Alles irgend Entbehrliche riß ich aus meinem
-Flugzeug heraus, um es zu erleichtern. Benzin und Öl wurden so
-bemessen, daß ich eben auskam, ja oft ließ ich sogar meine Lederjacke
-zu Hause, nur um mit dem Flugzeug aus dem Platz herauszukommen.
-
-Der Start, der war ja das Verhängnisvolle!
-
-Jeder Start mußte glücken; mißlang er, dann war es um mich und mein
-Flugzeug geschehen.
-
-Der Abflug war wirklich ein jedesmaliger Kampf auf Leben und Tod, und
-wie oft hat es nur an einem Haar gehangen, daß das Flugzeug nicht
-zerschellte.
-
-Manchmal, wenn ich nach Süden zu startete, setzten am Ende des Platzes,
-ungefähr da, wo das Fort Hu-Tchuen-Huk mit dem Meere zusammenstößt,
-enorme Fallböen ein, das Flugzeug fiel direkt unter mir weg, ich
-riß es eben noch über die Geschützrohre des Forts frei, dann fiel
-das Flugzeug wieder schwer durch, und oft handelte es sich nur um
-Handbreiten, daß ich es über dem Meeresspiegel wieder abfing, wo es
-sich langsam erholte und zu klettern anfing.
-
-Der Start nach Norden zu (andere als diese beiden Richtungen kamen
-nicht in Frage) war furchtbar, und im ganzen habe ich ihn nach dieser
-Richtung hin auch nur sechs- bis siebenmal gemacht; aber an diese Male
-denke ich dafür mein Leben lang.
-
-Im äußersten Südzipfel des Platzes mußte ich dann starten. Und in
-einer geraden Linie ging es über den nur wenige hundert Meter langen
-Platz hinweg, über meinen Schuppen, über mehrere Villen und über
-unseren Kirchhof, der bereits an einem zirka einhundertundfünfzig Meter
-hohen schmalen Sattel lag, der von beiden Seiten von den Felsmassen
-des Bismarck-Berges und der Iltis-Berge eingeschlossen wurde. Sowie
-ich links den Bismarck-Berg hinter mir hatte, kamen die ersten
-Seitentäler, und aus diesen setzten scharfe Böen ein, mein Flugzeug
-bekam einen mächtigen Stoß und legte sich schwer nach Steuerbord über,
-und trotz voller Verwindung konnte ich das Flugzeug nicht wieder
-aufrichten. Seitensteuer durfte ich nicht geben, um nicht in die Felsen
-hineinzurennen.
-
-[Illustration: Das Dienstpersonal des Verfassers in Tsingtau.]
-
-So raste denn mein Flugzeug in dieser Stellung mit der rechten
-Flügelspitze nur wenige Zentimeter von den unter mir liegenden
-Baumkronen und Felsmassen entfernt durch dieses Höllental hindurch, und
-ich konnte nichts weiter tun, als mein Steuer mit eiserner Ruhe führen,
-um nicht unten zu zerschellen. Bis ich dann endlich auf der anderen
-Seite über dem Wasser der Kiautschou-Bucht schwebte und mein Flugzeug
-wieder vernünftig wurde.
-
-[Illustration: Kapitänleutnant Plüschow.]
-
-Ich will's gestehen, heiß und kalt hat's mich bei jedem Start
-überlaufen, und ordentlich froh war ich, wenn ich ihn hinter mir hatte
-und mich höher und höher schraubte, bis ich endlich meine zweitausend
-Meter erreicht hatte. Das war allerdings eine Geduldsprobe. Manchmal
-kam ich in einer Stunde hinauf. Gewöhnlich aber dauerte es bis zu
-einunddreiviertel Stunden. Während dieser ganzen Zeit flog ich weit,
-weit draußen über See, um den Schrapnells, die die Japaner nach mir
-sandten, zu entgehen.
-
-Was konnte ich noch lange darüber nachdenken, daß ich ein Landflugzeug
-hatte, und daß ich bei der geringsten Motorpanne ertrinken mußte. Es
-wäre ja doch dasselbe gewesen, als wenn eine Panne oder womöglich ein
-Volltreffer mich über dem Lande erreicht hätte. Im ganzen Schutzgebiet
-gab es nur Felsen, Schluchten und außer meinem Flugplatz nicht ein
-einziges Plätzchen, wo ich hätte heil landen können.
-
-Die Gedanken daran kamen mir wohl ab und zu in den ersten Tagen, aber
-da sie doch zwecklos waren, gab ich sie wieder auf.
-
-Während der ganzen Zeit dieses Emporkletterns erfreute ich mich dann an
-dem herrlichen Sonnenschein, an dem wunderbaren Anblick der schroffen
-Felsenküsten und an dem tiefblauen Meer. Meist sang oder pfiff ich
-ein Liedchen, und wenn der Höhenmesser zweitausend Meter zeigte, dann
-brummte ich ein Gott sei Dank, und auf dem kürzesten Wege schoß ich der
-feindlichen Linie zu und begann meine Beobachtungen.
-
-Diese führte ich dann folgendermaßen aus:
-
-Sobald ich über dem Feinde war, drosselte ich den Motor so, daß das
-Flugzeug die Höhe von selber hielt. Dann hängte ich meine Karte
-vor mich an das Höhensteuer, nahm einen Bleistift mit Notizheft
-zur Hand und beobachtete nach unten, zwischen Tragfläche und Rumpf
-hindurchsehend, den Feind. Das Höhensteuer ließ ich ganz los, und die
-Seite steuerte ich mit den Füßen.
-
-Eine Stellung umkreiste ich dann so lange, bis ich alles ausgemacht, in
-die Karte eingetragen, mir genau aufgeschrieben und eine ganz genaue
-Skizze angefertigt hatte. Ich hatte bald eine solche Übung darin, daß
-ich oft, ohne überhaupt aufzusehen, einundeinhalb bis zwei Stunden nach
-unten beobachtete und alles genau aufschrieb.
-
-Und wenn mir dann das Genick steif wurde, drehte ich mich um und sah
-nach der anderen Seite hinunter. Bis ich dann endlich mit meinen
-Aufzeichnungen zufrieden war und ein Blick auf die Benzinuhr mich
-belehrte, daß es höchste Zeit sei umzukehren, um noch meinen Platz zu
-erreichen.
-
-Der Rückflug war jedesmal derselbe. In stolzem Bogen umkreiste ich die
-Werft und die Stadt, und über meinem Platz angekommen, stellte ich den
-Motor ab, und in rasendem Kurven-Gleitflug ging es der Erde zu, und
-vier Minuten später stand ich wohlbehalten unten.
-
-Die Eile war nötig!
-
-Mein Flugzeug wurde natürlich während der ganzen Stunden, die ich über
-den feindlichen Stellungen schwebte, auf das heftigste mit Gewehren
-und Maschinengewehren beschossen. Und als das nichts half, kamen die
-Schrapnells. Die waren allerdings eklig.
-
-Und immer wieder neue Überraschungen hatten die Japaner für mich. Als
-ich zum Beispiel an einem herrlichen Morgen mit prächtigem blauem
-Himmel von einer Aufklärung zurückkam und landen wollte, schwebten
-über meinem ganzen Landungsplatz lauter kleine weiße Wölkchen in etwa
-dreihundert Meter Höhe, die von oben ganz allerliebst aussahen.
-
-Aber bald merkte ich, daß die Japaner sich wieder einmal einen
-Scherz mit mir erlaubten, denn die Wölkchen waren Sprengwolken von
-Zehneinhalb-Zentimeter-Schrapnells.
-
-Aber was half es -- Zähne zusammen und durch!
-
-Und vier Minuten später stand meine Maschine aus zweitausend Meter
-Höhe im Sturzflug kommend, wohlbehalten auf dem Platz, und so schnell
-ich konnte, rollte ich mit ihr in den Schuppen, dessen Dach durch Erde
-geschützt war.
-
-Nun galt es für mich, List anzuwenden.
-
-Und manchmal, wenn ich noch über den feindlichen Stellungen war,
-stellte ich plötzlich den Motor ab und sauste senkrecht auf eine Ecke
-meines Platzes zu, so daß die Japaner glaubten, ich sei abgeschossen,
-und sie so überrascht wurden, daß ihre Schrapnells über dem Platz erst
-ankamen, als ich bereits zum Schuppen rollte.
-
-Als ich aber immer wiederkam, da verlegten die Japaner zwei ihrer
-Zehneinhalb-Zentimeter-Batterien so weit nach hinten und nach der
-Seite, daß ihre Schrapnells mich bequem erreichten, während ich die
-Stunden über ihren Stellungen kreiste. Das war das Unangenehmste, und
-oft wäre mein Schicksal auch beinah besiegelt gewesen, wenn ich nicht
-durch eine plötzliche scharfe Wendung das Getroffenwerden vermieden
-hätte.
-
-Die Schrapnells krepierten dann so nahe, daß ich trotz des
-Motorengeräusches das häßliche Bellen der Detonation hörte, den
-heftigen Luftdruck im Gesicht verspürte und mein Flugzeug so stark
-wie eine alte Kuff im Seegang zu rollen anfing, was mich bei meinen
-Beobachtungen stark belästigte.
-
-Ich muß offen sagen, sobald ich jedesmal glatt gelandet war, spürte ich
-ein herrliches Gefühl der Freude und der Genugtuung nach vollbrachter,
-schwerer Arbeit, ja meist stieß ich vor lauter Freude einen kräftigen
-Jauchzer aus.
-
-Zu denken auch:
-
-Nur vier Minuten früher war ich zweitausend Meter hoch gewesen, hatte
-Stunden höchster Anstrengung und Gefahr hinter mir und rollte nun
-trotz Geschoß und Schrapnell auf Gottes schöner Erde und hatte wieder
-festen Grund unter den Füßen!
-
-Sobald ich aufgesetzt hatte, kamen meine vier braven Leute, die des
-Schrapnellhagels nicht achteten, herangelaufen und halfen mir die
-Maschine bergen. Mit freudigem Gekläff wurden sie umsprungen von meinem
-treuen Hund Husdent.
-
-Und während die vier das Flugzeug zum nächsten Male wieder klar
-machten, saß ich längst am Steuer meines Autos, in der Brusttasche
-meine Karten und Meldungen, neben mir Husdent, und raste nochmals durch
-das Schrapnellfeuer über den Platz und zum Gouvernement, wo bereits auf
-meine Meldungen gewartet wurde.
-
-Ich glaube, man wird meine Freude und meinen Stolz verstehen können,
-wenn ich meine Aufzeichnungen auspacken konnte. Hatte ich doch manchmal
-an einem Tage fünf bis sechs neue feindliche Batterien entdeckt, und
-oft füllten meine Beobachtungen vier Seiten der Berichtsformulare aus.
-
-Der warme Händedruck des Dankes meines Gouverneurs und des Chefs des
-Stabes sagte mir genug.
-
-Und während ich dann nach Hause fuhr, um zu frühstücken und mich
-zu erholen, da donnerten bereits unsere Geschütze und warfen ihren
-Eisenhagel in die von mir neu erkundeten Stellungen hinein.
-
-
-
-
-Meine Kriegslist
-
-
-Wie traurig sah es jetzt in meinem Häuschen aus, so einsam und
-verlassen!
-
-Gleich zu Beginn der Belagerung mußte der gute Patzig
-sein Heim aufgeben und als Batteriekommandeur zu seiner
-Einundzwanzig-Zentimeter-Batterie eilen. Nur vier Wochen hat er etwas
-von seiner schönen Wohnung gehabt, dann saß er in seiner Kasematte
-und tat seine Pflicht, bis seine letzte Granate verschossen war und
-die Japaner mit ihren Achtundzwanzig-Zentimeter-Haubitzen seine ganze
-Batterie zu einem wüsten Trümmerhaufen verwandelten!
-
-Treulos verließ mich aber, als der erste Schuß fiel, mein Chinesenkoch
-Moritz, und eines Abends waren auch Fritz, Max und August spurlos
-verschwunden.
-
-Nach einigen Tagen kam ein neuer Chinesenkoch, Wilhelm genannt, der mir
-mit großen Gebärden erzählte:
-
-„Du, Vogelmaster, ich gute Koch sein, ich nicht weglaufen wie die
-schlechte Kerl, die Molitz, iche nicht Angst haben, ich ~plenty~ gut
-chau-chau mache.”
-
-Ich glaubte es, versprach ihm fünf Dollars mehr, und es ging auch ganz
-gut, bis eines Tages die ersten feindlichen Granaten in der Nähe meines
-Hauses krepierten und Herr Wilhelm ebenso spurlos verduftete wie seine
-Vorgänger.
-
-Nun saß ich mit meinem treuen Burschen Dorsch in dem verwaisten Hause
-allein.
-
-Wir beide waren jetzt die einzigen Bewohner des ganzen Villenviertels
-der Iltis-Bucht.
-
-Angenehm und sicher war der Aufenthalt gerade nicht, denn die Villen
-waren an die Hügel gebaut, die unsere Hauptbatterien trugen, und die
-feindlichen Granaten, die bei diesen vorbeigingen, trafen mitten in uns
-hinein. Wir beide waren aber sehr vorsichtig. Wir zogen nämlich aus dem
-oberen Stockwerk aus und richteten uns im Erdgeschoß häuslich ein. Zum
-Überfluß stellten wir beide noch unsere Betten so in eine Ecke, daß wir
-nicht unmittelbar am Fenster lagen, und das war dann Sicherheit genug.
-Gut, daß kein dicker Koffer uns zu einem Versuch herausforderte.
-
-In der Luft blieb ich nicht lange allein.
-
-Am Vormittag des fünften September, bei unfreundlichem Wetter, mit
-tiefhängenden Wolken, hörten wir plötzlich das Brummen eines Motors,
-und ich lief aus dem Hause, um zu sehen, was los sei. Und schon schoß
-dicht über unseren Köpfen ein riesiger Doppeldecker aus den Wolken. Ich
-war sprachlos. Und wie gebannt schaute ich dem Gespenste nach. Bald
-jedoch krachten die ersten Bombenexplosionen, und nun gewahrte ich auch
-die großen roten Bälle unter den Tragflächen des Flugzeuges.
-
-Also ein Japaner!
-
-Ich muß sagen, mir war eigenartig zumute, als ich den riesigen
-feindlichen Kollegen so dicht über meinem Kopfe dahinschweben sah. Das
-konnte ja für die Zukunft eine heitere Geschichte werden!
-
-Für Tsingtau war das Erscheinen des feindlichen Fliegers eine höchst
-unangenehme Überraschung. Daß die Japaner auch Flugzeuge mitbringen
-würden, das hatte keiner erwartet.
-
-Im ganzen hatten die Japaner im Laufe der Belagerung acht Flugzeuge,
-darunter vier ganz hervorragend große Wasserdoppeldecker, um die ich
-die Japse herzlichst beneidete.
-
-Wie oft habe ich in den nächsten Wochen, wenn die wunderschönen, neuen,
-großen Wasserdoppeldecker der Japaner die Stadt umkreisten, sehnsüchtig
-nach oben geschaut und mir solch ein Ding herabgewünscht.
-
-Fliegen taten die Japaner sehr gut, und mit außerordentlichem Schneid,
-das muß man ihnen lassen.
-
-Ein Segen, daß ihr Bombenwerfen nicht ebensogut war, sonst hätte es bös
-was für uns abgegeben.
-
-Die japanischen Fliegerbomben waren stark, neuester Konstruktion und
-von ganz bedeutender Sprengwirkung.
-
-Einen gewaltigen Vorteil hatten die feindlichen Wasserflugzeuge. Sie
-konnten weit draußen, gänzlich ungestört durch uns, ohne Rücksicht auf
-Windrichtung, in aller Ruhe starten, hatten so viel Anlaufstrecke vor
-sich, wie sie nur irgend wünschen konnten, Windrichtung war gänzlich
-egal, und wenn sie dann in größter Sicherheit ihre dreitausend Meter
-erreicht hatten, kamen sie zu uns herüber, und dann pfiffen sie auf
-unsere Schrapnells und unser Maschinengewehrfeuer.
-
-Eins der Hauptziele der feindlichen Fliegerbomben war mein
-Flugzeugschuppen.
-
-Die Sache wurde für mein Flugzeug bald so ungemütlich, daß ich eines
-Tages auszog und beschloß, meine feindlichen Kollegen ganz gründlich
-anzuführen.
-
-Mein richtiger Schuppen lag auf dem Nordende des Platzes, war von oben
-wundervoll zu sehen und den Japanern natürlich zur Genüge bekannt. Nun
-baute ich in aller Stille genau am entgegengesetzten Ende des Platzes
-einen neuen Schuppen, den ich direkt an einen Bergabhang anlehnte und
-mit Erde und Gras so bedeckte, daß von oben tatsächlich nicht das
-geringste zu sehen war. Dann bauten wir mit vieler List und Tücke aus
-Brettern, Segeltuch und Blech ein Scheinflugzeug, welches von oben
-gesehen meiner Taube täuschend ähnlich sah. Sowie nun in Zukunft die
-feindlichen Flieger kamen, wurde Theater gespielt.
-
-An einem Tage waren die Tore meines alten Schuppens auf, und davor saß
-im schönen grünen Gras, breit und behäbig, mein Simulaker. An einem
-anderen Tage waren die Tore geschlossen und nichts zu sehen. Wiederum
-an einem Tage saß mein Scheinflugzeug an einer anderen Stelle des
-grünen Rasens, wo es sich besonders gut abhob, und so ging es fort.
-Nun kamen die feindlichen Flieger und warfen Bomben auf Bomben und
-bemühten sich, diesen unschuldigen Vogel zu treffen. Wir dagegen, mit
-unserem richtigen Flugzeug, saßen quietschfidel und durch unser Dach
-wohlgeschützt am anderen Ende des Platzes und hielten uns den Bauch
-vor Lachen, wenn wir sahen, wie die Bomben ihr unschuldiges Opfer
-heimsuchten.
-
-Eines Tages, als wieder besonders viele Bomben gefallen waren, nahm
-ich ein schönes Sprengstück einer japanischen Fliegerbombe, befestigte
-daran meine Visitenkarte und schrieb darauf: „Den feindlichen Kollegen
-besten Gruß! Warum werfen Sie mit so harten Gegenständen? Wie leicht
-kann das ins Auge gehen! Und das tut man doch nicht!”
-
-Diesen Brief nahm ich bei meinem nächsten Fluge mit und warf ihn vor
-der japanischen Wasserflugstation nieder.
-
-Das war aber nur die Ankündigung meines Besuches.
-
-Im Artilleriedepot hatte nämlich einer der Herren inzwischen
-Bomben für mich angefertigt. Ganz großartige Dinger! Große
-Zweikilogramm-Blechbüchsen, auf denen schön zu lesen war: Sietas,
-Plambeck & Co., bester Java-Kaffee, wurden mit Dynamit, Hufeisennägeln
-und Eisenstücken gefüllt. Unten wurde eine Bleispitze angebracht und
-oben ein Zünder, der daraus bestand, daß ein spitzer Eisenkern beim
-Aufschlagen auf das Zündhütchen einer Gewehrpatrone schlug und dadurch
-die ganze Bombe zur Explosion brachte. Etwas unheimlich waren mir ja
-diese Dinger, und wie ein rohes Ei faßte ich sie an, und ich war immer
-herzlichst froh, wenn ich sie abgeworfen hatte. Viel Schaden haben
-sie nicht angerichtet. Einmal habe ich ein Torpedoboot getroffen,
-und da ging das Ding nicht los; mehrere Male hätte ich beinahe einen
-Transportdampfer erwischt, und einmal habe ich gemäß japanischen
-Nachrichten eine Bombe mitten in eine japanische Kolonne geworfen und
-damit dreißig Gelbe zum Hades befördert.
-
-Bei einer Gelegenheit hatte ich mich ganz besonders geärgert, und das
-war, als ich eines frühen Morgens das Lager unserer lieben Vettern
-erkundet hatte und ihnen zu ihrem Morgenkaffee meinen echt javanischen
-Kaffee beisteuern wollte. Die Bombe fiel nach englischen Berichten
-auf ihr Küchenzelt, und da dieses stark federte, prallte sie leider
-wirkungslos ab.
-
-Das Vergnügen des Bombenwerfens habe ich mir bald verkniffen. Ich hatte
-sowieso schon, wo ich immer allein war, genug zu tun. Die Wirkung
-rechtfertigte auch nicht die mit Bombenwerfen verschwendete Zeit.
-
-Mit meinen feindlichen Fliegerkollegen habe ich mich dann öfters in der
-Luft getroffen. Suchen tat ich diese Begegnung nicht, denn ich allein
-mit meiner langsam steigenden, schwerfälligen Taube konnte gegen die
-großen Doppeldecker, die drei Mann Besatzung an Bord hatten, nichts
-ausrichten. Und vor allen Dingen hatte ich die verdammte Pflicht,
-aufzuklären und dann das Flugzeug Tsingtaus heil nach Hause zu bringen.
-
-Einmal war ich in meine Beobachtungen ganz vertieft, als mein Flugzeug
-sehr stark anfing zu schlingern und zu stampfen. Ich dachte, es wären
-wieder einmal Luftstörungen, die durch die vielen steilen und schroffen
-Gebirge hervorgerufen wurden und ja das ganze Fliegen in dieser Gegend
-so außerordentlich erschwerten. Ohne also aufzusehen, beobachtete ich
-weiter und erfaßte nur mit der einen Hand das Höhensteuer, um das
-Flugzeug zur Ruhe zu zwingen.
-
-Nach meiner Rückkehr wurde mir zu meinem Erstaunen erzählt, daß eins
-der feindlichen Flugzeuge dicht über mir weggeflogen wäre, und alles
-dachte schon, ich würde von diesem heruntergeschossen werden.
-
-Das nächstemal paßte ich besser auf. Und als ich einen meiner
-feindlichen Landkollegen dicht unter mir erblickte, verfolgte ich ihn
-und schoß ihn mit meiner Parabellum-Pistole mit dreißig Schuß herunter.
-
-Kurze Zeit hinterher wäre es mir fast selbst so ergangen. Ich war nur
-eintausendsiebenhundert Meter hoch, und trotz der größten Anstrengung
-kam und kam ich nicht höher. Ich war gerade über dem feindlichen
-Wasser-Fliegerlager, und einer der großen Doppeldecker startete
-soeben. Ich führte nun meine Erkundungen weiter aus und dachte: Na,
-der kann ja lange krebsen, bis er so hoch ist wie du!
-
-Aber schon nach vierzig Minuten, als ich nach links über die
-Tragflächen hinwegschaute, da schwebte der Feind nur wenige tausend
-Meter entfernt in derselben Höhe wie ich. Donnerwetter, nun hieß es
-aufpassen und höher steigen. Aber wie verhext streikte mein Vogel.
-Nicht einen Meter gewann ich mehr, und schon nach fünfzehn Minuten war
-der andere ein ganzes Stück höher als ich, kam schräg auf mich zu, und
-ich merkte seine Absicht, mir den Weg nach Tsingtau abzuschneiden.
-
-Jetzt ging's um die Wette, wer zuerst ankam und sich zuerst über
-Tsingtau befand.
-
-Ich gewann das Rennen.
-
-Und als ich über meinem Platz war, da ging's im steilsten Sturzfluge
-nieder, und als ich eben auf dem Platze aufsetzte, da krepierten auch
-schon die ersten feindlichen Bomben dicht hinter mir.
-
-Wie wunderbar manchmal so eine Bombe trifft!
-
-In Tsingtau war strenger Befehl, daß bei Annäherung der feindlichen
-Flieger jedermann sofort in Deckung zu gehen hätte, wodurch es
-ermöglicht wurde, daß keine Verluste eintraten. Nur einmal ist ein
-Unteroffizier verletzt worden und einmal ein Chinese. Und das war
-wunderbar genug! Auf meinem Platze arbeiteten ungefähr hundert
-Chinesen, und bei Annäherung der Flieger brachten sie sich schleunigst
-in Sicherheit.
-
-Nur so'n brauner Geselle blieb an einem Tage mitten auf dem Platze
-mutterseelenallein sitzen und sah sich erstaunt den großen Vogel an.
-Bums! ging eine Bombe nieder, und wo krepierte sie? Ausgerechnet einige
-Schritte neben diesem armen Teufel, und verletzte ihn schwer.
-
-Ja, ich sage, man muß nur Pech haben und gerade da stehen, wo Granaten
-und ähnlich schwerverdauliche Gegenstände herniederfallen.
-
-
-
-
-Hurra!
-
-
-Und wie sah es nun inzwischen in Tsingtau aus? Die Beschießung von
-See setzte täglich ein, und bald kamen auch die ersten Landbatterien
-und halfen mit bei dem höllischen Spiel. Außer in den bombensicheren
-Räumen und Kasematten gab es keinen sicheren Platz mehr in ganz
-Tsingtau. Die Beschießung wurde heftiger und immer heftiger,
-und an manchen Tagen wurden allein von See aus mehrere hundert
-Dreißigeinhalb-Zentimeter-Schiffsgranaten in das kleine Tsingtau
-hineingeschossen.
-
-Am vierzehnten Oktober fand eine besonders heftige Beschießung
-unseres Seewerkes Hu-Chuin-Huk statt. Weit draußen fuhren die
-feindlichen Schiffe, und schon nach der zweiten Salve deckten die
-Dreißigeinhalb-Zentimeter-Granaten das kleine Werk. Nun folgte Salve
-auf Salve. Das ganze Werk war in Wassersäulen, Flammen und Rauch
-eingehüllt, und das Krachen und Dröhnen der krepierenden Granaten ließ
-die Erde erbeben.
-
-Wie immer, so stand ich auch an diesem Morgen auf dem
-Küstenkommandeurstand nur rund tausend Meter seitlich von dem
-beschossenen Fort ab und erlebte so das grausige Schauspiel aus
-nächster Nähe.
-
-Oft flogen die scharfen, bis über einen Meter langen Sprengstücke der
-Granaten pfeifend und surrend und unheimlich zischend über unsere
-Köpfe weg, ohne daß wir darauf achteten, da uns der Anblick des
-beschossenen Forts zu sehr gefangennahm. Das Gesehene war so gewaltig,
-daß es sich nicht beschreiben läßt.
-
-So etwas kann man nur erleben.
-
-Wir dachten mit Schmerzen an die tapfere Besatzung und an ihren
-sicheren Untergang, aber mitten im tollsten Feuer schoß die eine
-alte Vierundzwanzig-Zentimeter-Kanone einen Schuß, und voll Spannung
-richteten sich sofort alle unsere Doppelgläser auf die feindlichen
-Schiffe.
-
-Und da plötzlich ein Hurra! So jubelnd und froh entrang es sich unsern
-Kehlen, und drüben beim englischen Linienschiff „Triumph” saß unsere
-Sprenggranate mitten an Deck. „Triumph” drehte sofort ab und lief mit
-äußerster Kraft davon, und als kurze Zeit darauf unsere zweite Granate
-ankam, konnte sie nur noch fünfzig Meter hinter seinem Heck ins Wasser
-einschlagen.
-
-„Triumph” dampfte dann nach einigen Signalen, die er mit dem
-japanischen Flaggschiff wechselte, ab und ging zur Reparatur nach
-Yokohama.
-
-Die drei japanischen Schiffe setzten ihre Beschießung fort, aber
-nunmehr in noch respektvollerer Entfernung, so daß es zwecklos war, mit
-unseren alten Kanonen, die längst nicht so weit reichten, zu feuern.
-
-Mittags um zwölf Uhr hörte die Beschießung endlich auf, nachdem der
-Feind sowohl wie wir mit Recht der Überzeugung sein konnten, daß das
-Fort zerstört und die Insassen getötet seien.
-
-Sofort eilte der Stab des Küstenkommandeurs zum Fort Hu-Chuin-Huk, und
-auch ich folgte mit meinem Auto.
-
-Gewärtig eines furchtbaren Anblicks, waren wir bei unserer Ankunft
-höchst erstaunt, die gesamte Besatzung froh und vergnügt umherspringen
-zu sehen, Sprengstücke sammelnd und die riesigen Krater, die die
-feindlichen Granaten in den Boden geschlagen hatten, bewundernd.
-
-Das war eine Freude! Kein einziger der Leute verletzt, kein Geschütz
-beschädigt, kein bombensicherer Raum durchschlagen!
-
-Der Erfolg der schweren Beschießung war: eine Keksschachtel zerschlagen
-und ein Mannschaftshemd, welches zum Trocknen gehangen hatte, zerrissen.
-
-Und dazu unter anderem Einundfünfzig- bis
-Dreißigeinhalb-Zentimeter-Geschosse.
-
-Durch eine der dünnen Panzerkuppeln war eine schwere Granate glatt
-durchgeschlagen und war als Blindgänger friedlich auf den Eisenplatten
-neben dem Geschütz liegengeblieben.
-
-Nun löste sich auch das Rätsel unseres eigenen Schusses: Unsere
-Geschütze hatten eigentlich nur eine Reichweite von hundertsechzig
-= hundert. Aber da war die Bedienung dabeigegangen und hatte es mit
-unendlichen Mühen fertig gebracht, daß das Geschütz einige Sechzehntel
-Grade höher gerichtet wurde und dadurch wieder zwei- bis dreihundert
-Meter weiter schießen konnte.
-
-Und, das Geschützrohr in höchster Erhöhung fertig geladen, hatte die
-wackere Besatzung und ihr tapferer Batterieführer, Oberleutnant zur
-See Haßhagen, trotz des furchtbaren Granatfeuers ruhig am Geschützrohr
-ausgeharrt, bis endlich eines der Schiffe in Reichweite kam.
-
-Und der erste Schuß, der saß gleich!
-
-Und das schönste war: er traf den Richtigen.
-
-Schade, daß beim zweiten Schuß der „Triumph” schon so weit weggelaufen
-war, sonst hätte ihn schon an diesem Tage sein Schicksal ereilt.
-
-Aber er entging ihm nicht!
-
-Und was wir nicht mehr vollbringen konnten, hat einige Monate später
-unser Hersing ausgeführt. Im Frühjahr Neunzehnhundertfünfzehn hat er
-uns Tsingtauer gerächt, als er mit seinem U-Boot vor den Dardanellen
-denselben „Triumph” auf den Meeresboden hinabsandte.
-
-Wir Tsingtauer wissen ihm dafür Dank!
-
-Mit den Offizieren und der Besatzung des Forts Hu-Chuin-Huk verband
-mich ein besonders inniges Verhältnis.
-
-Von Rechts wegen gehörte ich überhaupt zu ihnen, denn erstens grenzte
-mein Flugplatz an das Fort, und zweitens waren sie jedesmal Zeugen
-meiner Starts und vor allen Dingen meiner Bemühungen, von ihren Kanonen
-frei zu kommen. Und mehr als einmal standen die Leute klar, um ins
-Wasser zu springen und mich zu retten, da sie glaubten, ich stürze mit
-dem Flugzeug hinein.
-
-Und so oft ich Gast des hervorragenden Fortkommandanten,
-Kapitänleutnants Kopp, war, malten wir uns in den schönsten Farben
-unseren Einzug in Deutschland nach beendetem Kriege aus, und da wurde
-selbstverständlich ausgemacht, daß ich mit bei der Besatzung vom Fort
-Hu-Chuin-Huk marschierte.
-
-Am siebzehnten Oktober spät abends stand eine Gruppe von Offizieren in
-atemloser Spannung auf dem Küstenkommandeurstand. Wir wenigen hier oben
-wußten, worum es sich handle. Das alte Torpedoboot ~S~ 90, Kommandant
-Kapitänleutnant Brunner, sollte auslaufen.
-
-Schon zwei Abende vorher war er zu kühner Nachtfahrt in See gegangen
-und hatte dort, von wo aus die japanischen Schiffe uns beschossen,
-Minen gestreut.
-
-Heute sollte er nun seine schwerste und letzte Aufgabe erfüllen: die
-Linie der feindlichen Torpedoboots-Zerstörer durchbrechen und eins der
-feindlichen Schiffe angreifen.
-
-Es war eine helle Nacht, und der Mond ging gegen zehn Uhr unter. Nun
-sollte das Boot auslaufen.
-
-Es wurde zehn Uhr, zehn Uhr dreißig, die Spannung wuchs unerträglich.
-Nichts von ~S~ 90 war zu sehen.
-
-Da -- um elf Uhr gewahrten wir einen langen, grauen Schatten, welcher
-sich vorsichtig auf dem Wasser unterhalb des Perlgebirges dahinbewegte.
-Und bald erkannte auch das scharfe Seemannsauge die Formen des
-Torpedobootes.
-
-„Glückliche Fahrt, ihr wackeren Leute!”
-
-Unser aller Herzen sandten ihnen die heißesten Wünsche nach. Nun
-verschwand das Boot unseren Blicken, und bald kam der gefährliche
-Moment, wo es die feindliche Zerstörerlinie durchbrechen würde.
-
-Gebannt starrten unsere Augen nach dem offenen Meere, jeden Augenblick
-das Aufblitzen der Scheinwerfer und das Mündungsfeuer der feindlichen
-Geschütze erwartend.
-
-Alles blieb still.
-
-Es wurde zwölf Uhr, endlich zwölf Uhr dreißig, ein Alp wich von uns
-allen. Die feindlichen Zerstörer hatten nichts gemerkt. Nun mußte aber
-das Boot am feindlichen Gros heran sein!
-
-Die Minuten wurden uns zu Stunden. Keiner wagte zu sprechen.
-
-Da plötzlich um ein Uhr, ganz fern im Süden, draußen auf weiter See,
-eine riesige Feuersäule und dann von allen Seiten tastende, grelle
-Finger von Scheinwerfern, und ganz leise kam nach einiger Zeit ein
-dumpfes Grollen und Beben zu uns herüber.
-
-Hurra! Das war ~S~ 90's Arbeit!
-
-Und schon um ein Uhr dreißig hatten wir folgenden Funkspruch in der
-Hand:
-
-„Habe feindlichen Kreuzer mit drei Torpedos angegriffen, alle Torpedos
-getroffen. Kreuzer ist sofort in die Luft geflogen. Ich werde von
-feindlichen Zerstörer-Flottillen gejagt, Rückweg nach Tsingtau
-abgeschnitten, versuche nach Süden zu entkommen und sprenge, wenn
-nötig, das Boot in die Luft. Unterschrift: Brunner.”
-
-Dieses Telegramm allein dürfte wohl für den Kommandanten, seine
-Offiziere und Besatzung genug sprechen.
-
-Wenige Wochen drauf, ohne vorher daran gedacht zu haben, traf ich
-in Nanking die ~S~ 90-Besatzung wieder. Doch das ist eine spätere
-Geschichte.
-
-
-
-
-Der letzte Tag
-
-
-Die Belagerung nahm ihren planmäßigen Fortgang. Immer näher gruben
-sich die Japaner an uns heran, immer mehr schwere Geschütze hatten
-sie in Stellung gebracht, und mehrere Male hatten größere japanische
-Infanteriemassen nächtliche Sturmversuche auf unsere Infanteriewerke
-gemacht, wobei sie allerdings gründlich abgeschlagen wurden. Nun wurden
-die Infanteriewerke und besonders die davor liegenden Drahtverhaue
-unter einem ständigen feindlichen Artilleriefeuer gehalten, und auch
-unsere Geschütze schwiegen kaum noch. Leider waren wir gezwungen, mit
-der wenigen Munition, die wir besaßen, sparsam umzugehen.
-
-Die außerordentliche Länge der Belagerung, das dauernde Artilleriefeuer
-und die furchtbare Spannung, in der wir lebten, fing allmählich an zu
-wirken.
-
-Auch meine Nerven begannen zu streiken.
-
-Zum Essen konnte ich mich kaum noch zwingen, und schlafen konnte ich
-bald überhaupt nicht mehr. Wenn ich nachts die Augen schloß, dann
-hatte ich sofort im Geiste meine Karte vor mir und sah unter mir
-das Schutzgebiet liegen, zerrissen von den feindlichen Gräben und
-Stellungen. Und dazu brummte mir der Kopf und sausten mir die Ohren von
-dem Radau des Propellers, und dazwischen hörte ich immer wieder die
-Worte des Chefs des Stabes:
-
-„Plüschow, denken Sie daran, daß Sie jetzt für Tsingtau wichtiger
-sind als das tägliche Brot! Kommen Sie mir ja zurück und halten Sie
-das Flugzeug heil! Und dann denken Sie daran, wie wenige Granaten wir
-haben, und daß wir sie auf Ihre Beobachtungen hin verschießen. Seien
-Sie sich der Verantwortung bewußt!”
-
-Ja, weiß Gott, das war ich mir!
-
-Und ich hatte nichts mehr weiter im Kopfe als die feindlichen
-Stellungen, und stundenlang überkreuzte ich sie im Geiste immer wieder
-und ging mit mir zu Rate, ob ich das, was ich gemeldet, wirklich
-gesehen, ob ich mich nicht vielleicht getäuscht hätte, und ob nicht
-dadurch die wenigen Granaten, die wir besaßen, durch meine Schuld
-nutzlos verschossen wurden.
-
-Und wenn ich dann mein Hirn stundenlang zermartert hatte, schlief ich
-manchmal gegen drei Uhr morgens, an Geist und Körper zerschlagen, ein.
-Und kaum, daß ich eingeschlafen war, da kam die Pflicht, und mein
-Monteur stand vor mir und meldete mir mein Flugzeug klar.
-
-Da gab's dann kein Zögern mehr.
-
-Und bald stand ich an meiner Taube und prüfte alle Teile noch einmal
-genau.
-
-Oft wollten mir dann meine Nerven noch schnell einen Streich spielen,
-und auch mein Magen klappte zusammen.
-
-Aber wenn ich erst auf meinem Führersitz saß, den Gashebel in der Hand
-hatte und meinen Leuten mit dem Kopfe ein Lebewohl zugenickt hatte,
-dann gab's nur eins für mich: Ruhe und den eisernen Willen, meinen
-Auftrag auszuführen.
-
-Und wenn erst der Start hinter mir und ich glücklich einige hundert
-Meter hoch war, dann war alles wieder in schönster Ordnung.
-
-Eins kam hinzu, was mich besonders niederdrückte: das war die
-furchtbare Einsamkeit, das ewige Alleinsein in meinem Flugzeug. Ja,
-hätte ich einen Kameraden mit mir gehabt, und wäre es auch nur gewesen,
-um ihm ab und zu zunicken zu können, das würde für mich eine wahre
-Erleichterung gewesen sein.
-
-Und wenn ich mehrere Tage des schlechten Wetters oder meines Propellers
-wegen nicht hatte fliegen können und wieder über den feindlichen Linien
-schwebte, dann hatte sich so furchtbar viel verändert.
-
-Eine wahre Verzweiflung packte mich dann oft in der Luft.
-
-Wo sollte ich bei dem vielen Neuen, das es da unten gab, bloß anfangen?
-Wie sollte ich mich aus dem Gewirr von Gräben, Zickzacks und Stellungen
-herausfinden? Ganz mutlos ließ ich dann die Karte sinken.
-
-Aber das waren nur Sekunden.
-
-Dann raffte ich mich zusammen, nahm meinen Bleistift zur Hand und sah
-nach unten. Und bald darauf hörte und merkte ich nichts mehr um mich
-herum und sah nur noch den Feind und meine Aufzeichnungen.
-
-Der siebenundzwanzigste Oktober war für uns ein Jubeltag. Da traf von
-Seiner Majestät dem Kaiser folgendes Telegramm ein:
-
-„Mit Mir blickt das gesamte deutsche Volk voll Stolz auf die Helden
-von Tsingtau, die getreu den Worten ihres Gouverneurs ihre Pflicht
-erfüllen. Seien Sie alle Meines Dankes sich bewußt!”
-
-Da gab es wohl keinen in Tsingtau, dem das Herz nicht höher schlug.
-Unser Oberster Kriegsherr, der zu Hause so schwer zu arbeiten hatte,
-vergaß seine getreue kleine Schar hier im fernen Osten nicht.
-
-Da gelobte sich wohl ein jeder in seinem Innersten nochmals, so zu
-kämpfen und seine Pflicht bis zum letzten zu tun, daß sein Kaiser mit
-ihm zufrieden sein könnte.
-
-Bald rückte der einunddreißigste Oktober, der Geburtstag des Mikado,
-heran. Durch Kundschafter hatten wir erfahren, daß die Japaner an
-diesem Tage Tsingtau bestimmt nehmen wollten. Den Tag zu beschreiben
-ist unmöglich.
-
-Die Japaner hatten bis zu dieser Nacht ihre sämtlichen Landbatterien
-fertig gebaut, und in der Frühe um sechs Uhr dieses einunddreißigsten
-Oktober Neunzehnhundertvierzehn donnerten auf einmal von Land und See
-sämtliche feindlichen Geschütze und warfen ihren furchtbaren Eisenhagel
-auf uns herab.
-
-Als erstes schossen die Japse die Petroleumtanks in Brand, und bei
-dem herrlichen blauen Himmel mit vollkommener Windstille stand die
-riesige, dicke Qualmsäule wie ein drohendes Rachezeichen aufrecht da.
-Die Japaner schossen von Land in erster Linie mit schweren Haubitzen
-bis zum Achtundzwanzig-Zentimeter-Kaliber hinauf, und von See krachten
-die schwersten Schiffsgeschütze. Das Fauchen und Herabsausen der
-Haubitzgeschosse, das Zischen der Flachbahngeschosse, das Aufschlagen
-der Granaten und Sprenggranaten und die Detonation beim Krepieren,
-dann das Bellen der zerplatzten Schrapnells und das Dröhnen unserer
-eigenen schweren Geschütze -- das war ein Lärm, als ob die Hölle selbst
-losgelassen wäre.
-
-Und wie wurden die Werke und all das in der Nähe liegende Gelände
-mitgenommen! Ganze Bergkuppen wurden abgetragen, tiefe Krater
-ausgestampft.
-
-Endlich kam der Abend, und die Heftigkeit des feindlichen Feuers ließ
-nach. Wir sowohl wie der Feind glaubten bestimmt, daß unsere sämtlichen
-Werke niedergekämpft seien, denn sie glichen zum Teil nur noch
-Trümmerhaufen. Aber als unsere braven blauen Jungens an ihre Kanonen
-eilten, die zum Teil aus Erd- und Steinmassen förmlich herausgegraben
-werden mußten, fanden sie fast sämtliche Geschütze noch heil oder nur
-gering beschädigt.
-
-Da fingen plötzlich mitten in der Nacht, als wir hören und sehen
-konnten, wie die feindlichen Sturmkolonnen sich sammelten, unsere
-sämtlichen Eisenschlünde an zu feuern und überschütteten die
-feindlichen Batterien und die heranrückenden Feinde mit ihrem
-vernichtenden Feuer. Die Wirkung dieser Beschießung muß für die Japaner
-verheerend gewesen sein.
-
-Es erfolgte kein Sturm, wie beabsichtigt, und am nächsten Tage setzte
-das feindliche Artilleriefeuer erst gegen Mittag sehr flau wieder ein.
-Allerdings war es noch so kräftig, daß das kleine Fort Hu-Chuin-Huk
-allein fünfzig Volltreffer aus schwersten Haubitzen erhielt.
-
-Die Japaner zogen aus dieser Nacht ihre Lehren. Und acht furchtbare
-Tage und Nächte folgten für uns, an denen das feindliche
-Artilleriefeuer auch keine Minute mehr stockte.
-
-Bei diesem furchtbaren Feuer hätte nach menschlicher Berechnung kein
-Einziger von uns am Leben bleiben dürfen. Aber wie durch ein Wunder
-blieben unsere Menschenverluste gering. Die japanische Artillerie
-schoß vorzüglich, was auch nicht überraschte, da ein Teil ihrer
-Artillerieoffiziere bei uns in Jüterbog auf Schießschule gewesen war.
-Aber ihre Munition war schauderhaft. Und das war unser Glück.
-
-Trotz des starken Feuers und der schweren Steilfeuergeschütze ist
-es ihnen keinmal gelungen, eine Kasematte, einen der bombensicheren
-Räume oder ein Infanteriewerk zu durchschlagen. Dieses und eine enorme
-Anzahl von Blindgängern war der Grund unserer geringen Verluste. Und
-_den_ Nörglern in Deutschland, die ich leider getroffen habe, die
-meinten, der geringen Verlustzahl wegen wäre Tsingtau nichts Rechtes
-gewesen, möchte ich eines vor Augen halten: Wir hatten nur eine
-Verteidigungslinie mit fünf kleinen Infanteriewerken, einer Brustwehr
-und einem kümmerlichen, schmalen Drahthindernis.
-
-Und diese Linie war sechstausend Meter lang und wurde von dreitausend
-Mann gehalten. Eine zweite Stellung und eine zweite Linie, und vor
-allen Dingen Menschen, die diese hätten besetzen können, gab es nicht
-mehr, denn wir waren ja im ganzen nur etwas über viertausend Mann!
-
-Und als daher nach diesem achttägigen, schwersten Artilleriefeuer das
-Drahthindernis weggeblasen war und die Brustwehr weggeschossen, da war
-es den dreißigtausend Japanern, denen wir wochenlang standgehalten
-hatten, ein leichtes, durchzustoßen und Tsingtau zur Übergabe zu
-zwingen.
-
-In den ersten Tagen des November bereiteten wir uns auf den Endkampf
-vor.
-
-Am ersten November nachts wurde unser treuer Bundesgenosse, der
-österreichische Kreuzer „Kaiserin Elisabeth”, nachdem er seine letzte
-Granate verschossen hatte, von seiner wackeren Besatzung in die Luft
-gesprengt und versenkt.
-
-Einige Tage darauf folgte ihm unser letztes Schiff: das tapfere kleine
-Kanonenboot „Jaguar”.
-
-Dann folgten unser Dock und unser Riesenkran, und bald darauf war die
-Werft ein Trümmerhaufen.
-
-Unsere Geschütze hatten sich verschossen, einige waren durch das
-feindliche Artilleriefeuer vernichtet, die meisten sprengten wir selbst
-in die Luft, nachdem sie ihre Pflicht erfüllt hatten.
-
-Am fünften November Neunzehnhundertvierzehn mußte auch ich ans
-Zerstören gehen, und zwar galt es diesmal meinem Doppeldecker. Durch
-mühsamste Arbeit hatte ich mit Hilfe des früheren österreichischen
-Fliegerleutnants Clobuczar und der Werft einen wundervollen, großen
-Wasserdoppeldecker gebaut. Dieser war nun fertig geworden, und ich
-wollte ihn jetzt einfliegen und mit ihm meine Erkundungen fortsetzen,
-da ich meinen Landflugplatz, der, nur vier- bis fünftausend Meter vom
-Feinde entfernt, von diesem dauernd unter Artilleriefeuer gehalten
-wurde, nicht mehr benutzen konnte.
-
-Nun wurde doch nichts mehr aus meinem Doppeldecker.
-
-All unsere Arbeit und Mühe war leider vergebens gewesen.
-
-Dann am Nachmittage, da stand ich vor meinem Gouverneur, und er sagte
-zu mir:
-
-„Wir erwarten stündlich den Hauptsturm der Japaner! Sehen Sie zu,
-daß es Ihnen gelingt, morgen früh die Festung auf Ihrem Flugzeuge zu
-verlassen. Ich fürchte allerdings, der Japaner wird Ihnen keine Zeit
-mehr dazu lassen.
-
-Und nun, Gott befohlen, und kommen Sie gut durch. Und haben Sie Dank
-für die Arbeit, die Sie für Tsingtau leisteten!”
-
-Und damit gab er mir die Hand.
-
-„Ich melde mich gehorsamst aus der Festung!”
-
-Damit war ich entlassen.
-
-Und nun folgte ein kurzes Abschiednehmen von meinen Vorgesetzten und
-Kameraden, und ein großer Stoß Privatbriefe wurde mir mitgegeben.
-
-Dann ging ich zum letzten Male in meine Villa und nahm Abschied von
-meinen Räumen, von vielen liebgewordenen Gegenständen, machte meine
-Stalltür auf und ließ mein Pferdchen und meine Hühner laufen, und
-dann ging's runter zu meinem Flugzeug, um es zu seinem letzten Fluge
-klarzumachen.
-
-Dann saß ich über meine Karte gebeugt, lernte sie fast auswendig und
-rechnete und rechnete.
-
-Und dann ging ich nachts hinauf zum letztenmal zu der Punkt-Kuppe, wo
-mein guter Freund, der Oberleutnant zur See Aye, seit Wochen trotz
-schwersten Artilleriefeuers bei seiner kleinen Batterie ausharrte,
-und von wo aus man einen herrlichen Ausblick über ganz Tsingtau und
-das gesamte Vorgelände hatte. Überwältigt von dem Anblick, der sich
-hier bot, blieb ich lange Zeit wie gebannt auf der höchsten Felsspitze
-sitzen. Unter mir wogte ein züngelndes Heer greller Blitze, die
-von den Mündungsfeuern der wütend hämmernden feindlichen Geschütze
-herrührten; und wie ein goldenes Band zog sich von Meer zu Meer das
-Gewehr- und Maschinengewehrfeuer, welches unsere Leute dort unten im
-Tale abgaben. Dicht über meinem Kopfe da war ein Fauchen, Zischen
-und Sausen von Tausenden der schwersten Geschosse, welche ganz dicht
-über diese Kuppe hinwegfegen mußten, damit sie ihr Ziel noch erreichen
-konnten. Hinter mir dröhnten unsere eigenen Haubitzen ihre allerletzten
-Grüße herüber, und von ganz weither, vom letzten Südzipfel Tsingtaus,
-grollten die Einundzwanzig-Zentimeter des Forts Hsiauniwa ihren ehernen
-Schwanengesang.
-
-Zerwühlt im Innersten meiner Seele kehrte ich zu Aye zurück, und nach
-einem herzlichen kameradschaftlichen Abschiede, bei dem er mir zu
-meinem kommenden Fluge alles Gute wünschte, drückten wir uns kräftig
-die Hand und trennten uns.
-
-Ich war der letzte Offizier in Tsingtau, der ihm die Hand geschüttelt
-hat. Wenige Stunden später fiel er in heldenmütigem Kampfe gegen
-dreißigfache japanische Übermacht samt seiner kleinen Schar, als sie
-die Geschütze nicht übergeben wollten.
-
-Ein leuchtendes Beispiel edlen Heldentums.
-
-Die mir jetzt noch bleibende Zeit blieb ich mit meinen vier braven
-Leuten bei meinem Flugzeuge klar stehen, um jeden Augenblick, falls die
-Japaner stürmen und durchstoßen würden, meinen Auftrag ausführen zu
-können.
-
-Am sechsten November Neunzehnhundertvierzehn frühmorgens, als der Mond
-noch hell schien, stand mein Flugzeug klar am Start, und vergnügt
-brummte der Propeller sein Morgenlied.
-
-Zeit war nicht mehr zu verlieren. Der Platz war dadurch, daß er von
-den Japsen unter Granat- und Schrapnellfeuer gehalten wurde, höllisch
-ungemütlich geworden. Kurz prüfte ich nochmals meine ganze Maschine,
-dann gab's noch einen kräftigen Händedruck meiner vier braven Leute
-zum Abschied, und noch einmal streichelte ich den Kopf meines treuen
-Hundes, dann gab ich Vollgas, und wie ein Pfeil schoß die Taube in die
-Nacht hinaus.
-
-Da plötzlich, als ich eben dreißig Meter hoch und etwa über der Mitte
-des Platzes war, erhielt mein Flugzeug einen furchtbaren Stoß, und nur
-mit eiserner Faust konnte ich die Maschine zur Ruhe zwingen und vor
-dem Absturz bewahren. Eine feindliche Granate war gerade unter mir
-krepiert, und der Luftdruck der Detonation hätte mich beinahe zu Boden
-geschleudert.
-
-Aber gottlob! Außer einem faustgroßen Loch, das ein Granatsplitter in
-meine linke Tragfläche gerissen hatte, war kein Schaden angerichtet.
-
-Nun kamen nur noch die üblichen Schrapnells hinter mir her. Das
-waren die letzten Abschiedsgrüße der Japaner und ihrer englischen
-Bundesbrüder für mich.
-
-Als ich hoch genug war, drehte ich noch einmal um.
-
-Da lag das liebe, kleine Tsingtau, das so viel durchgemacht und so viel
-noch auszuhalten hatte, unsere geliebte zweite Heimat, das Paradies auf
-Erden!
-
-Bis in meine einsame Höhe drang das Dröhnen der Geschütze, das Krachen
-der Granaten und das Knattern der Gewehre und Maschinengewehre.
-
-Ein unendliches Meer von aufzuckenden Blitzen ließ deutlich die beiden
-Kampflinien erkennen. Das alles waren die Anzeichen des begonnenen
-Sturmangriffes und der verzweifelten Gegenwehr.
-
-Ob wir diesen dritten Sturmangriff auch noch aushalten würden?
-
-Mit der Hand winkte ich nach unten. Lebwohl, Tsingtau! Lebt wohl, ihr
-treuen Kameraden, die ihr dort unten kämpft!
-
-So unendlich schwer wurde mir dieser Abschied, es würgte mir etwas in
-der Kehle, und schnell riß ich mein Flugzeug herum und nahm Kurs auf
-Kap Jäschke.
-
-Und als die Sonne in all ihrer Pracht aufging, schwebte ich schon hoch
-oben im blauen Äther und über südlich liegenden wilden Gebirgen.
-
-Der modernste „Blockadebruch” war mir gelungen!
-
-
-
-
-Im Schlamm des chinesischen Reisfeldes
-
-
-Hinter dem Perlgebirge lag die feindliche Flotte vor Anker. Da konnte
-ich's mir nicht versagen. Ich umkreiste die Schiffe noch einmal.
-
-Dann ging es weiter und immer weiter mit fast geradem Kurs dem
-südlichen China zu, einem unbekannten Lande und einem ungewissen
-Schicksal entgegen. Ich kam über zerklüftete, wilde Gebirge, über
-Flüsse und weite Ebenen, dann zeitweise über das offene Meer und über
-Städte und Dörfer.
-
-Nach einer handgroßen Karte und meinem Kompaß orientierte ich mich.
-Und schon um acht Uhr früh hatte ich die zweihundertfünfzig Kilometer
-hinter mir und mich glücklich nach meinem Bestimmungsort Hai-Dschou in
-der Kiangsu-Provinz zurechtgefunden.
-
-Suchend spähte ich in die Tiefe nach einem geeigneten Landungsplatz.
-Doch damit sah es bös aus.
-
-Durch die furchtbaren Regengüsse der letzten Zeit war das Land weit und
-breit überschwemmt. Die einzigen trockenen Fleckchen waren mit Häusern
-oder chinesischen Grabhügeln bedeckt. Endlich hatte ich ein kleines,
-etwa zweihundert Meter langes und zwanzig Meter breites Feld entdeckt,
-das aber auf beiden Seiten von tiefen Gräben und hohen Mauern, vorn und
-hinten vom Fluß eingeschlossen war.
-
-Die Landung war verdammt schwer.
-
-Aber was half es, ewig oben bleiben konnte ich doch nicht. Außerdem
-befand ich mich ja mitten in China und nicht in Deutschland und war
-froh, überhaupt noch diesen Platz gefunden zu haben.
-
-Jetzt ging ich hinunter in großen Spiralen, und nach einem steilen
-Gleitfluge, bei dem die Maschine infolge der erhitzten Luft schwer
-durchsackte, stand ich um acht Uhr fünfundvierzig Minuten früh mitten
-auf dem morastigen Reisfeld.
-
-Der Lehm war aber so weich und zäh, daß mein Fahrgestell glatt versank
-und die Räder festgehalten wurden; und mit einem mächtigen Stoß sauste
-meine Maschine auf die Nase, sich im letzten Moment beinahe noch
-überschlagend.
-
-Der Propeller flog in Stücke, aber meine Glieder waren trotz des Stoßes
-Gott sei Dank heil geblieben.
-
-Die Ruhe jetzt um mich herum berührte mich ganz eigenartig. Seit Wochen
-endlich wieder kein Dröhnen der Geschütze, kein Krachen krepierender
-Granaten, kein Fauchen und Bellen zerplatzender Schrapnells.
-
-Mit dem Schwänzchen hoch in der Luft und dem Schnabel tief im Dreck
-stand friedlich und ruhig mein Täubchen im Sonnenschein.
-
-In weiter Entfernung drängten sich Haufen von Chinesen: Männer, Weiber
-und viele, viele Kinder, in angsterfülltem Staunen.
-
-Sie alle, wie auch alle anderen Chinesen, deren Land ich überflogen
-hatte, konnten das Wunder kaum fassen, denn ich war ja der erste
-Flieger hier, und alle dachten, der böse Geist käme in eigenster
-Person, um nun Unheil zu stiften.
-
-Als ich gar aus meiner Maschine kletterte und versuchte, einige
-Menschen heranzuwinken, war kein Halten mehr. Schreiend und heulend
-lief alles davon, die Männer voran, ihre hingefallenen Kinder nach
-ihrer Meinung dem Teufel als Opfer zurücklassend. Wirklich, mein
-Erscheinen könnte im dunkelsten Afrika keinen größeren Schrecken
-hervorgerufen haben.
-
-Kurz entschlossen lief ich hinter der Horde her und griff mir drei,
-vier Chinesen bei ihren Zöpfen und schleppte die Heulenden an mein
-Flugzeug heran, um ihnen zu zeigen, daß der große Vogel keinem was täte.
-
-Nach einiger Zeit half das, und als ich ihnen sogar einige Geldstücke
-gab, da meinten sie, es wäre doch wohl ausnahmsweise mal ein guter
-Geist angeschwirrt gekommen, und willig halfen sie mir, das Flugzeug
-wieder in horizontale Lage zu bringen. Als die anderen das merkten,
-da kamen sie gleich in solchen Massen, daß ich mich wunderte, daß die
-Maschine nicht zerdrückt wurde.
-
-Das Staunen der Chinesen! Das Antasten und Befühlen! Das Schnattern und
-Lachen!
-
-Nur wer die Chinesen kennt und weiß, wie kindlich sie sein können, kann
-sich vorstellen, in welch köstlicher Situation ich mich befand.
-
-Umtost von einer Horde Naturkinder saß ich quietschfidel in meinem
-Führersitz auf meinem Blechkasten mit den Geheimdokumenten, neben mir
-zur Sicherheit die Mauser-Pistole, und wartete der Dinge, die da kommen
-sollten.
-
-Jeder Versuch, mich mit den Chinesen zu verständigen, war aussichtslos.
-Die Kerls grinsten fröhlich oder lachten mich einfach aus.
-
-Aus dieser heiteren Lage befreite mich nach einiger Zeit ein kräftiges:
-~„Good morning, Sir!”~ und neben mir stand ein Herr, der sich als ~Dr.~
-Morgan von der Amerikanischen Mission vorstellte. Nach herzlicher
-Begrüßung und festem Händedruck klärte ich ~Dr.~ Morgan schnell über
-meine Lage auf und bat ihn, besonders da er fließend Chinesisch sprach,
-um seine Hilfe.
-
-Ich merkte bald, daß ich mich in gutem und sicherem Schutz befand.
-
-Mein riesiger chinesischer Paß, den ich aus Tsingtau mitbekommen
-hatte, wurde sofort zum Mandarin geschickt; nach einer Stunde kam ein
-Trupp von vierzig Soldaten aus der nur zehn Minuten entfernt gelegenen
-Kaserne und wurde zur Bewachung um mein Flugzeug aufgestellt.
-
-Jetzt nahm ich die Einladung ~Dr.~ Morgans zum Frühstück gern an, und
-mit allen Sachen, die nicht niet- und nagelfest waren, zog ich mit ihm
-zur Mission.
-
-Ich wurde hier aufs reizendste aufgenommen und lernte Frau Morgan,
-ferner Frau Rice, die Gattin des amerikanischen Missionars, und einen
-Herrn G. kennen, die sich alle auf das liebenswürdigste um mich
-bemühten.
-
-Ich saß gerade beim Frühstück, als mir ein chinesischer Offizier
-gemeldet wurde, der mir sagte, daß eine Ehrenwache von einer Kompagnie
-für mich vor dem Hause aufgezogen wäre, und daß er Befehl hätte von
-seinem Mandarin, sich nach meinen Wünschen und meinem Wohlbefinden zu
-erkundigen, und endlich, daß der Mandarin selbst in einer halben Stunde
-seinen Besuch persönlich bei mir abstatten würde.
-
-Ich war erfreut über so viel Aufmerksamkeit.
-
-Bereits nach zehn Minuten kam wiederum Besuch, und diesmal waren es die
-Stadtoberhäupter von Hai-Dschou, die mir ihre Grüße überbringen wollten.
-
-Die Situation war einzig. Ich saß inmitten dieser alten, ehrwürdigen
-Chinesen, nachdem vorher unendlich viele tiefe Verbeugungen unter
-Gemurmel und Gezisch ausgetauscht waren. Die Unterhaltung wurde bald
-recht lebhaft. Als Dolmetscher arbeitete dabei Herr Morgan.
-
-Und nun ging das Gefrage los: Woher ich käme, wie es in Tsingtau
-aussähe, ob es _wirklich_ wahr sei, daß ich durch die Luft gekommen,
-wie lange ich gebraucht hätte, und was für ein Zauber es erwirkt
-hätte, daß ich fliegen könne. All die vielen Fragen ließen sich kaum
-beantworten, und trotzdem der Dolmetscher sich die größte Mühe gab,
-viel verstanden haben die guten Söhne des Landes der Mitte nicht.
-
-[Illustration: Mein chinesischer Paß]
-
-Ein kleiner Zwischenfall ereignete sich auch.
-
-Noch während wir bei der Unterhaltung saßen, wurde der Haus_frau_
-ein Besuch angekündigt, und vorbei huschten und trippelten zehn bis
-zwölf allerliebste kleine Chinesinnen, in prachtvollste, buntseidene
-Höschen und Gewänder gehüllt. Zwei, drei dieser Geschöpfchen blieben
-vor Neugier und Schrecken an der offenen Tür des Zimmers, in dem
-wir Männer saßen, stehen und guckten mich mit offenen Mäulchen und
-großen, erstaunten Augen an. Ein kurzer Zuruf von Frau Morgan ließ
-sie erschrocken auseinanderfahren und fortlaufen. Den Grund dieses
-eigenartigen Verhaltens erfuhr ich später. Für eine vornehme Chinesin
-ist es ein großer gesellschaftlicher Fehltritt, wenn sie durch ihre
-Neugier und durch ihren Anblick einen männlichen Gast beleidigt!
-
-Die drei Sünderinnen erhielten auch eine ernste Strafpredigt. Ich muß
-sagen, daß ich über diese Sitte nicht erfreut war, denn gern hätte ich
-mir diese allerliebst aufgeputzten Dämchen recht genau angesehen.
-
-Meine Wirtin erzählte mir auch, wie sie von den Chinesinnen mit Fragen
-bestürmt worden wäre. Vor allem wollten diese wissen, was das heute
-morgen für ein böser Geist gewesen wäre, der so schreiend und brummend
-ihre Stadt bedroht hätte. Als ihnen gesagt wurde, daß darin ein
-Mensch gesessen hätte, der aus Tsingtau käme, da lachten sie einfach
-und meinten: nein, wenn sie auch dumm wären und die Weißen sie immer
-anführten, so dumm wären sie doch nicht, solch einen Unsinn zu glauben!
-
-Jedenfalls, versicherte mir Frau Morgan, würden sämtliche Fehlgeburten,
-Mißernten und Fehlschläge der nächsten zwei Jahre von den
-abergläubischen Chinesen dem Erscheinen meines Flugzeuges zugeschrieben
-werden, und besonders die Medizinmänner würden die Sache für sich
-ausnutzen.
-
-Gegen elf Uhr vormittags erschien unter großem Tamtam, Getrommle
-und Getute der Herr Mandarin in eigenster Person. Außerordentlich
-wohlgenährt, den Kopf tadellos rasiert, in prachtvollem seidenen
-Gewande schritt er mit großer Würde einher. Die Begrüßung war äußerst
-feierlich. Die tiefen, fast bis zur Erde reichenden Verbeugungen
-wollten kein Ende nehmen.
-
-Nachdem der Mandarin sich nach meinem Befinden und nach meinen Wünschen
-erkundigt hatte, sicherte er mir in liebenswürdigster Weise seine
-vollste Unterstützung zu und verabschiedete sich.
-
-Sein Heimweg geschah in gleich feierlicher Weise.
-
-Sobald ich meinen amtlichen Gegenbesuch gemacht hatte und vom Mandarin
-zum Abendessen eingeladen worden war, ging ich an das Abmontieren
-meines Flugzeuges.
-
-Doch das war leichter gesagt als getan. Ich selber hatte nur einen
-Schraubenschlüssel mit und suchte nun nach Werkzeugen. Ach, ich
-befand mich ja in China, in einer Gegend des Landes, wo es noch
-genau so aussah wie vor tausend Jahren und Schraubenschlüssel und
-Schraubenzieher etwas Unbekanntes waren.
-
-Endlich entdeckte ich in der Amerikanischen Mission eine Axt und ein
-kümmerliches sägenähnliches Ding.
-
-Damit ging es an die Arbeit, und da ich wenigstens meinen treuen
-hundertpferdigen Mercedesmotor vor der Vernichtung retten wollte, hieb
-und sägte ich ihn vom Rumpfe ab. Jetzt zeigte sich, was gute deutsche
-Arbeit war. Ganze vier Stunden brauchte ich, ehe der Motor abgeschlagen
-dalag, so fest war alles gebaut.
-
-Um den Gesetzen der Neutralität nachzukommen, gab ich den Motor dem
-Mandarin zur Aufbewahrung ab.
-
-Dann kam das Traurigste.
-
-Da das übrige Flugzeug selbst mit abgenommenen Tragflächen in kein
-Stadttor und in keine Straße der Stadt hineinpaßte, mußte ich es dem
-Flammentod übergeben. Ich übergoß es mit Benzin, zündete es an, und
-sofort ging es in hellen Flammen auf und verbrannte restlos.
-
-Mir war zumute, als ich meine wackere Taube brennen sah, wie wenn ich
-einen lieben, treuen Kameraden verlöre.
-
-
-
-
-Die Fischvergiftung des Mr. McGarvin
-
-
-Am Abend ging's zum Mandarin.
-
-Als ich aus meiner Tür trat, strahlte der ganze Hof von Fackeln und
-unzähligen großen Lampions. Die Wache war ins Gewehr getreten und
-präsentierte, die Trommeln wirbelten, und die Musikanten machten ihre
-wohl nur für Chinesenohren angenehm klingende Musik. Ja, der Mandarin
-hatte mir sogar seine eigene Sänfte zur Benutzung gesandt.
-
-Ich werde diesen Abend niemals vergessen.
-
-Ich saß in meiner mit blauer Seide und Fenstern mit Vorhängen
-ausgestatteten Sänfte, die von acht prächtigen Burschen getragen wurde.
-Vorneweg, an den Seiten und hinter der Sänfte marschierten Soldaten mit
-aufgepflanztem Gewehr und Dutzende von Läufern mit riesigen Lampions.
-Sanft wiegte die Sänfte auf und ab bei den kräftigen Schritten der
-Träger. Alle zehn Minuten gab der vorderste von ihnen ein Signal durch
-lautes Aufklopfen seines Stabes auf die Erde, die Sänfte hielt, die
-Träger hoben die Tragstangen auf die andere Schulter, und weiter ging's
-im Geschwindschritt.
-
-Nach vierzig Minuten waren wir vor dem Palast des Mandarins
-angelangt. Ohrenbetäubende Musik, Kommandorufe und heller Lampion-
-und Fackelschein empfingen mich auch hier. Die mittleren Türen der
-riesenhaften Tore flogen vor mir auf, und vor dem letzten Tor kam mir
-der Mandarin persönlich zum Empfang entgegen.
-
-Mehrere hohe Würdenträger und einige Generale waren bereits versammelt,
-und nach zeremonieller Begrüßung gab es den üblichen grünen, dünnen
-Willkommenstee, bei welcher Gelegenheit ich dem Mandarin zum Zeichen
-meines Dankes meine Mauser-Pistole nebst Munition als Geschenk
-überreichte.
-
-Der Mann war sichtlich erfreut, und wohlgemut setzten wir uns zu Tisch.
-Eine riesige, runde Tafel, bedeckt mit einigen fünfzig Schüsseln, in
-denen die größten chinesischen Leckerbissen schwammen, empfing uns.
-Um mich als Gast auszuzeichnen, erhielt ich Messer und Gabel, und
-dann ging die Arbeit los. Nur sechsunddreißig Gänge habe ich zählen
-können. Und was gab es da alles! Von den zartesten Schwalbennestern
-zu den feinsten Haifischflossen, vom Zuckerrohrspitzensalat bis zum
-delikatesten Hühnerragout war nichts vergessen. Von allem mußte ich
-kosten. Und der Mandarin war unermüdlich mir aufzulegen. Ja, manchmal,
-wenn er einen guten Bissen auf seinem Teller hatte, faßte er ihn mit
-seinen Fingern und legte ihn mir auf meinen Teller. Zu trinken gab
-es Flaschenbier, welches doch schon seinen Weg in die hiesige Gegend
-gefunden hatte, dazu Reisschnaps.
-
-Die schwerste Arbeit hatte wieder Herr Morgan, welcher die lebhafte,
-oft der Komik nicht entbehrende Unterhaltung zu verdolmetschen hatte.
-
-Die Kämpfe um Tsingtau, die Verluste der Japaner und Engländer und die
-Fliegerei interessierten die Chinesen am meisten. Das Fragen nahm kein
-Ende.
-
-Äußerst herzlich und dankbar verabschiedete ich mich von meinem
-Mandarin, und am nächsten Tage mußte ich auch von meinen
-liebenswürdigen Gastgebern Abschied nehmen.
-
-Als ich im Flugzeug landete, hatte ich nur eine Zahnbürste, ein
-Stück Seife und meinen Fliegeranzug, aus Bordjackett mit Schärpe
-und Gamaschen bestehend, bei mir. Einen Zivilsportanzug hatte ich
-außerdem im Flugzeug mitgenommen. Diesen Anzug legte ich jetzt an. Das
-fünfjährige Töchterchen des Missionars schenkte mir dazu ihr altes
-abgeschabtes Filzhütchen als Ersatz für meine Sportmütze, die mir ein
-Chinese, während ich mein Flugzeug abtakelte, gestohlen hatte, und
-gegen Abend wurde ich unter wiederum großen Zeremonien zu der kleinen,
-mir vom Mandarin zur Verfügung gestellten Dschunke geführt.
-
-Meine Begleitung und gleichzeitig Ehrenwache auf der kommenden Fahrt
-bestand aus dem chinesischen General Liu, der sich als Piratenbekämpfer
-bereits einen Namen geschaffen hatte, aus zwei Offizieren und
-fünfundvierzig Mann außer dem Bootspersonal. Zum Umfallen müde nach
-all dem Durchgemachten, ging ich in mein kleines Holzkämmerchen, wo
-ich zu meiner Überraschung und Freude statt einer Holzpritsche einen
-herrlichen Schlafsack mit Decken und Matratze vorfand, den mir die
-fürsorgliche Missionarsfrau an Bord gesandt hatte. Ohne diese Sachen
-wäre es mir wohl schlecht ergangen in meinem dünnen Sportanzügelchen.
-Es herrschte grimmige Kälte, durch große Ritzen und Löcher pfiff der
-Wind, und durch die Decke konnte ich den Sternenhimmel sehen.
-
-Und während meine Gedanken weit nördlich bei meinen tapferen Kameraden
-in Tsingtau weilten und sich mit deren und Tsingtaus Schicksal
-befaßten, und ich darüber nachdachte und dem gütigen Schicksal dankte,
-daß es mir vergönnt gewesen war, durch all die schweren Kämpfe und
-Gefahren und all das Erlebte unversehrt durchzukommen, um meine Aufgabe
-bis zum letzten Tag zu erfüllen, kam endlich der Schlaf und schloß mich
-in seine sicheren Arme.
-
-Die Fahrt ging nur langsam vorwärts. Die Dschunken wurden von zwei
-Kulis mit einer Leine, die oben an der Mastspitze befestigt war, längs
-des Ufers stromaufwärts gezogen. Die erste Strecke bis Bampu, die ich
-in meinem Flugzeuge in knapp zwanzig Minuten zurückgelegt hätte, wurde
-in eineinhalb Tagen bewältigt! Später ging es besser, und besonders
-als der Wind günstig wurde und wir segeln konnten. Fünf volle Tage hat
-diese Reise gedauert, um von Hai-Dschou bis Nanking zu gelangen.
-
-Die Fahrt war außerordentlich interessant für mich. Sie führte durch
-ein Netz von Flüssen bis zum alten berühmten Kaiserkanal und durch
-diesen zum Jangtsekiang bis nach Nanking. Wir durchfuhren eine Gegend,
-die wegen des Piratenunwesens berüchtigt war, und passierten Städte,
-die niemals ein europäischer Fuß betreten hatte. Am Tage, während die
-Dschunke getreidelt werden mußte, ging ich mit meinem General und der
-Hälfte der Wache am Ufer nebenher und sah mir besonders eingehend die
-äußerst interessanten Städte und darin das von keiner europäischen
-Kultur berührte chinesische Gewühl an. Zu hellen Haufen liefen die
-chinesischen Männer, Weiber und Kinder aus ihren Häusern, sahen
-mich, der ich meist ohne Hut ging, voll Verwunderung an, ja einzelne
-berührten mich, um sich davon zu überzeugen, daß ich wirklich ein
-Mensch sei.
-
-Meine hellblonden Haare und blauen Augen schienen ihnen das größte
-Rätsel zu sein.
-
-Meine Spaziergänge und der Aufenthalt auf der Dschunke verliefen
-ziemlich schweigsam. Mein liebenswürdiger General war zwar recht gut
-europäisch angezogen, aber um die Hosen an den Fußgelenken hatte er
-sich doch die typischen chinesischen Bänder gewickelt, und von seinem
-Hinterkopf baumelte ein prächtiger langer Zopf, der kokett durch den
-Gürtel des Jacketts gesteckt war. Außer Chinesisch verstand der gute
-Mann auch nicht ein Wörtchen einer anderen Sprache, und mir ging es so
-mit dem Chinesischen. Bei unseren Mahlzeiten, die recht opulent waren,
-nur furchtbar nach Zwiebel und Knoblauch schmeckten, saßen wir beide
-uns in dem kleinen Dschunkenkämmerlein gegenüber, lachten uns ab und zu
-freundlich an, und das war die ganze Unterhaltung.
-
-Endlich, am elften November, langten wir in Jang-dschou-fou an, und
-man kann sich wohl vorstellen, mit welcher Gier ich mich auf die erste
-Zeitung stürzte.
-
-Voll Erregung, endlich etwas über das Schicksal Tsingtaus zu erfahren,
-durchflog ich die Seiten der „Shanghai Times”. Da, auf der zweiten
-Seite der Name Tsingtau! Aber nein, das war doch gar nicht möglich, so
-etwas konnte es doch nicht in der Welt geben! Und voll Ekel und Abscheu
-gegen diese gemeine englische Lügenbrut las ich:
-
- Tsingtaus feige Übergabe.
-
- Die Festung ohne Schwertstreich genommen.
-
- Die ganze Besatzung betrunken und plündernd.
-
-Und dann kam so viel unflätiger Dreck, so viel gemeine Lüge, daß ich
-voll Verachtung die Zeitung fortwarf. So etwas wagten die Engländer,
-die sich so unrühmlich vor Tsingtau benommen hatten, über unsere
-tapferen Verteidiger zu behaupten?
-
-Ach ich kannte ja die englischen Zeitungen noch nicht! Später habe ich
-mich in Schanghai und dann in Amerika bei den amerikanischen Zeitungen
-an ganz was anderes gewöhnen müssen; von England ganz zu schweigen.
-Nun hatte ich aber wenigstens Gewißheit über Tsingtaus Schicksal,
-das unvermeidlich kommen mußte. Auch nicht einen Augenblick zu früh
-hatte ich die Festung verlassen, kurze Zeit darauf mußte sie sich der
-Übermacht ergeben.
-
-Am Nachmittage dieses elften November Eintausendneunhundertvierzehn
-trafen wir glücklich in Nanking ein.
-
-Auf dem Bahnhof wurde mir vom Kapitänleutnant Brunner, dem Kommandanten
-des Torpedobootes ~S~ 90, und von seinen Offizieren ein herzlicher
-Empfang zuteil.
-
-In Wagen fuhren wir zu dem Gebäude, in dem die Offiziere und
-Mannschaften von ~S~ 90 untergebracht waren, und wo zu meinem
-allergrößten Erstaunen auch für mich schon eine Koje klar gemacht
-war. Auf mein erstauntes Fragen wurde mir dann von meinen Kameraden
-mitgeteilt, daß ich ebenfalls interniert werden sollte und alle sich
-schon gefreut hätten, den vierten Mann zum Skat zu haben. Erstens
-mal spiele ich keine Karten, was ich auch laut zum Ausdruck brachte;
-zweitens dachte ich über die Frage der Internierung ganz anders, was
-ich aber für mich behielt.
-
-So zog ich denn mit meinem General Liu zu dem Palast des Gouverneurs
-von Nanking. Leider, oder vielmehr zu meinem Glück, war der Herr
-Gouverneur nicht zu sprechen. Ein alter chinesischer Arzt empfing mich
-sehr freundlich, wünschte mir ein weiteres Wohlergehen, und daß ich
-mich in Nanking wohl fühlen möchte.
-
-Ich dankte ihm für das Wohlergehen, hatte aber meine eigene Ansicht
-über das Wohlfühlen!
-
-Nun verabschiedete ich mich mit meinem General Liu, der sichtlich froh
-war, seine Mission erfüllt zu haben, und als ich in meinen Wagen stieg,
-da setzte sich ein chinesischer Soldat in vollem Dienstanzug zu mir.
-
-Auf meine erstaunte Frage, was das zu bedeuten habe, antwortete er mir
-in leidlichem Deutsch: Er sei mein „Ehrenposten” und wäre mir zu meinem
-_Schutze_ beigegeben, und er würde mich von nun ab auf allen meinen
-Wegen begleiten.
-
-Na, der Tobak war doch ein bißchen zu stark!
-
-Das war gegen die Verabredung!
-
-In Hai-Dschou war mir ausdrücklich versichert worden, daß die Fahrt
-nach Nanking lediglich eine Formsache wäre und ich dann vollständig
-frei sein würde.
-
-Hier wollte man mich also internieren?
-
-Da mußte ich schnell handeln, bevor mir einer der Chinesen etwas
-über Internieren sagen konnte und mich meiner Freiheit beraubte. Das
-unangenehmste war der „Ehren”-Posten, aber Mittel und Wege mußte ich
-finden.
-
-Am Abend dieses Tages waren wir Offiziere alle bei einem deutschen
-Bekannten eingeladen. Mein Plan stand fest. Nach einigen gemütlichen
-Stunden, während deren ich immer wieder von Tsingtaus letzten Tagen
-erzählen mußte, brachen gegen zehn Uhr abends die Offiziere bis auf
-meine Wenigkeit auf und gingen, gefolgt von ihren treuen Posten, nach
-Hause. Eine halbe Stunde später war es auch für mich die höchste Zeit
-zu verschwinden, wenn ich noch entkommen wollte.
-
-Als mein Gastgeber aus der Haustür heraustrat, wer stand da vor ihm?
-_Mein_ gelber Wächter!
-
-Nun war Holland in Not! Aber kurz entschlossen schickte ich unseren
-Boy zu dem Wächter und ließ ihn fragen, was er eigentlich hier wolle,
-die Herren wären ja längst weg, er solle nur laufen, um sie noch
-einzuholen, sonst würde er womöglich wegen seiner Unaufmerksamkeit
-bestraft werden.
-
-Und während dieser arme Kerl mit hängender Zunge den anderen nachlief,
-fuhr ein verschlossener Wagen vor, in dem ich Platz nahm und mit
-äußerster Kraft zum Bahnhof fuhr, wo der neueröffnete Expreßzug
-bereitstand. Das letzte freie Bett konnte ich gerade noch erhaschen.
-Mein Schlafkupee war bereits verschlossen, und auf mein energisches
-Klopfen öffnete ein langer Engländer, der wegen der Störung ein
-wütendes Gesicht schnitt. Ich behandelte ihn natürlich wie Luft, und
-eins, zwei, drei war ich in der oberen Koje, drehte das Licht aus und
-tat so, als ob ich mich auszöge. In Wirklichkeit verkroch ich mich
-recht tief in meine Decken und Kissen, fest entschlossen, wenn jemand
-etwas von mir wolle, nicht aufzuwachen. Nicht einen Augenblick habe ich
-während dieser achtstündigen Fahrt geschlafen.
-
-So oft der ~D~-Zug hielt, kroch es kalt über meinen Rücken, und ich
-dachte: Ha, jetzt holen sie dich! Und wenn gar draußen viele Stimmen
-laut wurden, dann war ich überzeugt, daß meine letzte ~D~-Zug-Fahrt in
-diesem Kriege gekommen wäre.
-
-Nichts ereignete sich. Den Gebrauch des Telegraphen zu Verhaftungen
-schienen die Chinesen Gott sei Dank noch nicht zu kennen, und so lief
-planmäßig um sieben Uhr früh der Zug in Schanghai ein. Jetzt kam noch
-die gefährliche Klippe der Bahnsperre; sie wurde überwunden.
-
-Dann kam eine schnelle Fahrt im Rickschah durch den chinesischen
-Stadtteil, in dem die chinesischen Behörden noch Gewalt über mich
-hatten, und endlich bog mein Wägelchen in die Europäerstadt ein.
-
-Hurra, ich war frei!
-
-Nun konnte keiner mehr von mir was wollen.
-
-Hocherfreut fuhr ich zu einem deutschen Bekannten, der mich in
-liebenswürdigster Weise aufnahm.
-
-Drei volle Wochen blieb ich in dieser Stadt, ehe es mir nach vielen
-Mühen gelang, meine Reise fortzusetzen.
-
-Drei volle Wochen voller Erlebnisse und voller Gefahren des
-Gefangenwerdens, voll von Versteckspielen.
-
-Was war natürlicher, als daß ein Oberleutnant zur See P. nicht bekannt
-war und auch der Herr Meyer, der einige Tage da gewohnt hatte,
-abgereist war?
-
-Daß ein Mr. Scott für einige Tage gute Bekannte besuchte, das ging doch
-keinen was an. Aber ich mußte nun vorsichtig sein. Besonders, da ich
-außerordentlich viel Leute in Schanghai kannte, zum Teil noch Engländer
-usw., die noch kurz vor dem Kriege mit mir in Tsingtau zusammen gewesen
-waren.
-
-Vier bis fünf Namen hatte ich abwechselnd und logierte abwechselnd bei
-meinen Bekannten.
-
-Da konnten die Chinesen einmal suchen!
-
-Das Schwierigste war: wie nach Amerika kommen? Alles hatte ich
-versucht, nichts hatte Erfolg. Nur einmal wäre ich beinahe mit einem
-_englischen_ Schiff fortgekommen. Das war eine lustige Begebenheit.
-Einer meiner Freunde kannte den Reedereibesitzer, einen englischen
-Juden, Mr. Penny, sehr gut. Mit diesem Bekannten zog ich eines Tages zu
-Herrn Pfennig und versuchte mein Glück. Ich hatte einen einfachen Anzug
-angezogen, sah ziemlich verwahrlost aus und machte einen ängstlichen,
-verprügelten Eindruck. Mein Freund ließ uns anmelden, und nach einiger
-Zeit durften wir vor dem strengen Gesicht des Herrn Pfennig, eines
-dicken, fetten Frosches, erscheinen. Die beiden Herren schienen sich
-gut zu kennen, und die Begrüßung war dementsprechend.
-
-Ich blieb ganz bescheiden an der Tür stehen, sah beschämt auf meine
-zerrissenen Schuhe und drehte mein Hütchen in der Hand und verstand
-_selbstverständlich_ von der ganzen englisch geführten Unterhaltung
-kein Wort.
-
-Mein Freund fing an:
-
-„Herr Pfennig, ich komme mit einer großen Bitte zu Ihnen, ich habe
-hier einen Lausebengel mit mir, dessen Vater ich gut kenne, und der
-früher ein guter Geschäftsfreund von mir gewesen ist. Dieser Bengel
-nun, der erst siebzehn Jahre alt ist, kniff seinem Vater wegen einer
-Mädelgeschichte aus und hat sich als Schiffsjunge herumgetrieben,
-bis er hier gänzlich mittellos und sein Unrecht einsehend bei mir
-strandete. Ich möchte nun den Jungen, der übrigens Schweizer ist
-und kaum ein Wort Englisch versteht, nach Europa zurückschicken
-und wollte Sie fragen, ob Sie nicht auf einem Ihrer Dampfer einen
-Platz als Küchenjunge frei hätten. Damit ihm ein für allemal seine
-Flausen vergehen, wäre ein grober Kapitän ganz angebracht und ebenso
-entsprechende Arbeit.”
-
-Herr Pfennig würdigte mich während dieser Zeit kaum eines Blickes,
-nur ab und zu sah er mich verächtlich an, und ich schien unter seinen
-Blicken sichtlich zu zerknirschen. „Ja”, sagte er, „für so was habe ich
-gerade was. Heute nachmittag fährt der Dampfer ‚Goliath’ direkt von
-hier nach San Francisco (jetzt spitzte ich aber die Ohren!), da kann er
-mit. Eine Tracht Prügel wird es dann und wann auch setzen, die schadet
-ihm aber nichts. Ich lasse Ihnen nachher gleich telephonisch Bescheid
-sagen, wann der Dampfer geht. Sechs Wochen Kartoffelschälen werden dem
-Jungen wohl gut tun.”
-
-Wir waren entlassen.
-
-Draußen kniff ich meinem Freunde so toll in den Arm, daß er vor
-Schmerzen aufschrie, und als wir endlich auf der Straße waren, da
-hielt ich es nicht mehr aus. Und heraus platzte ich mit einem
-Lachen, so herzhaft und froh, daß unwillkürlich die Leute, die an uns
-vorbeigingen, mitlachen mußten. Daß ich während der durchgemachten
-Szene ruhig bleiben konnte, war ein Wunder. Am Nachmittag erfuhr ich
-leider, daß der Dampfer wegen der Flut zwei Stunden früher abgegangen
-wäre. Nun war's Essig, und die Arbeit begann von vorn. Dampfer gingen
-ja genug, aber das Üble war dabei, daß sie alle über Japan fuhren und
-sich dort mehrere Tage aufhielten.
-
-Das durfte ich nur im äußersten Notfalle wagen.
-
-Aber das Glück ließ mich nicht im Stich. An einem Tage traf ich
-zufällig einen Freund, mit dem ich vor Jahren manch lustige Nacht im
-fernen Osten durchgebummelt hatte. Der war gleich bei der Hand. Und
-schon nach einigen Tagen hatte er mir die nötigen Papiere besorgt,
-und mir genaue Verhaltungsmaßregeln erteilt. Aus einem Mr. Scott,
-Meyer oder Brown war plötzlich ein steinreicher vornehmer Engländer
-geworden mit dem schönen Namen McGarvin. Dieser Herr war Vertreter von
-Singers Nähmaschinen und reiste von Schanghai zu seinen Fabriken nach
-Kalifornien.
-
-Was war natürlicher, als daß Mr. McGarvin den nächsten großen
-amerikanischen Postdampfer benutzte!
-
-An Bord dieses Schiffes gab es nur zwei prachtvolle Luxuskabinen.
-In der einen wohnte ein amerikanischer Milliardär, in der anderen
-der Oberleutnant zur See Plüschow, o Verzeihung, was sage ich da,
-ich meine natürlich der Singer-Nähmaschinen-Fabrikant McGarvin. Eine
-Schwierigkeit war noch zu überwinden: das unbemerkte Entkommen aus
-Schanghai.
-
-Da halfen mir wieder meine Bekannten aus. Drei Tage bevor der Dampfer
-ging, nahm ich überall offiziell Abschied und verbreitete, daß ich
-mich in Schanghai nicht mehr sicher fühlte und nun nach Peking reiste,
-um bei der Deutschen Gesandtschaft tätig sein zu können. Tatsächlich
-fuhr ich auch in meinem Wagen um elf Uhr abends zum Bahnhof. Daß der
-Kutscher allerdings einige Straßen vorher abbog und in scharfem Trab
-nach Süden fuhr und aus der Stadt heraus, konnte ich nicht wissen.
-
-Woher sollte ich auch Schanghai kennen?
-
-Nach ungefähr zwei Stunden, während deren der Wagen längs des
-Wusungflusses gefahren war, hielten wir. Zwei mit Revolvern bewaffnete
-Männer traten an den Wagen heran, eine kurze Parole, ein Händedruck,
-dann küßte ich voll Ehrerbietung und Dankbarkeit zwei schlanke weiße
-Frauenhände, die sich mir aus dem Wageninnern entgegenstreckten, und
-fort sauste das Gefährt. Meine beiden Freunde nahmen mich in ihre
-Mitte, auch ich zog meinen Revolver, und wortlos stiegen wir in eine
-bereitliegende Dschunke.
-
-Die Nacht war stockfinster, der Wind heulte, und unheimlich gurgelte
-das schmutzige dunkle Wasser, welches, von der Ebbe mitgenommen, an
-uns vorbeischoß.
-
-Mit aller Kraftanspannung wriggten vier dunkle Chinesengestalten an
-ihren Riemen, und nach etwa einer Stunde hatten wir viele Kilometer
-stromabwärts unseren Bestimmungsort am jenseitigen Ufer erreicht.
-
-Lautlos legten wir an, lautlos verschwand die Dschunke, und ebenso
-lautlos schritten wir einem dunklen Gebäude zu, welches inmitten eines
-kleinen Gartens in der Nähe von riesigen Fabrikgebäuden lag.
-
-Der helle Glanz elektrischer Lampen, der uns entgegenstrahlte, nachdem
-die Eingangstüren sorgfältig verschlossen waren, blendete grell meine
-Augen.
-
-Bald sah ich aber, daß ich mich in einer gemütlich eingerichteten
-Junggesellenwohnung befand. Ein Tisch war gedeckt, und wacker langten
-wir den köstlichen Speisen zu. Nun wurde der Kriegsplan ausgeheckt.
-
-Die Wohnung gehörte den beiden jungen Leuten, die am Tage in der Fabrik
-zu tun hatten. Die Bedienung im Hause war selbstverständlich rein
-chinesisch, und das war gut.
-
-Mein Aufenthalt in diesem Hause mußte unter allen Umständen geheim
-bleiben, besonders da hier auch noch ein unangenehmer Mann wohnte, der
-zur „Entente” gehörte.
-
-Die Angst der Chinesen vor bösen Geistern und besonders den Aberglauben
-vor Verrückten wollten wir ausnutzen. Meine Aufgabe war einfach die:
-drei volle Tage den wilden Mann zu spielen.
-
-Ich erhielt ein Zimmerchen, in das ich eingeschlossen wurde. Der Boy
-wurde von seinem Herrn eingehend instruiert und eingeschüchtert, und so
-konnte ich sicher sein, daß nichts verraten würde.
-
-Donnerwetter! Ich habe nicht gedacht, daß es so schwer ist, einen
-Verrückten zu simulieren. Drei Tage blieb ich in diesem Zimmer
-eingesperrt, tobte herum, und nur ab und zu beruhigte ich mich und saß
-stumpfsinnig in meinem Sessel.
-
-Sobald der Boy, der draußen Wache ging, diese Beruhigung merkte, machte
-er vorsichtig die Tür auf und schob noch vorsichtiger sein Tablett,
-auf dem Essen stand, hinein und setzte es auf ein daneben stehendes
-Tischchen. Und wie der Blitz zog er den Arm wieder zurück, und ich
-konnte ordentlich fühlen, mit welcher Erleichterung er den Schlüssel im
-Schloß von außen umdrehte. Wenn ich dann manchmal laut herauslachte,
-weil ich eben einfach platzte vor Vergnügen, dann glaubte sicher der
-brave Gelbe, ein neuer Anfall habe mich gepackt.
-
-Am Abend des dritten Tages schlug endlich meine Befreiungsstunde.
-
-Ebenso vorsichtig und geräuschlos wie bei der Ankunft verließen wir
-wieder das Haus.
-
-An der Landungsstelle lag ein großes Dampfboot, ein kurzer herzlicher
-Abschied, und stromabwärts ging die Fahrt auf die Wusung-Reede, wo der
-riesige Dampfer „Mongolia” lag.
-
-Es war schlechtes Wetter, starker Seegang, und nicht mal das Fallreep
-war gefiert. Nach vielem Rufen und Schreien bemühte sich endlich
-jemand, das Fallreep herabzulassen, und mit „_dem_” Koffer in der Hand
-bestieg Mr. McGarvin das Schiff.
-
-Kein Mensch kümmerte sich um mich. Das Deck war nur halb erleuchtet,
-und schließlich ging ich an einige Schiffsoffiziere heran und fragte
-sie nach meiner Kabine. Ein unwilliges Gebrumm, welches auf deutsch
-hieß: Laß mi mei Ruh', antwortete mir. Aber als ich diesen Herren mein
-Billett unter die Nase rieb, da änderte sich die Situation mit einem
-Schlage. Tiefe Verbeugungen und Entschuldigungen. Ein Pfiff aus der
-Batteriepfeife eines Offiziers, und herbei rauschten mehrere Stewards,
-voran der weiße Obersteward. Die Deckslampen flammten hell auf. Die
-Stewards rissen sich um „den” Koffer, und voll Dienstbeflissenheit
-geleitete mich der Obersteward in meine Luxuskabine. Er floß förmlich
-über vor Höflichkeit.
-
-„O, Mr. McGarvin, warum kommen Sie denn heute schon, der Dampfer geht
-doch erst übermorgen früh, das ist doch heute mittag in Schanghai
-überall bekanntgegeben worden!” Ich machte ein wütendes Gesicht und
-tat empört darüber, daß mir als Inhaber einer Luxuskabine das nicht
-mitgeteilt worden sei.
-
-Dann kam mein feister chinesischer Kabinensteward. Die Ruhe und die
-Vornehmheit in eigenster Person. Beinahe hätte er mich in Verlegenheit
-gebracht. Durch einen seiner Unterboys ließ er meinen Koffer
-hereinbringen und fragte im zweifelnden Tone, ob das denn das ganze
-Gepäck wäre.
-
-„Ja”, sagte ich.
-
-„Oh,” meinte er, „da sind die anderen Gepäckstücke wohl schon im
-Gepäckraum?”
-
-„Aber natürlich, meine schweren Koffer sind bereits gestern verladen
-worden, und ich hoffe sehr, daß der Lademeister gut auf meine
-wertvollen Strandkoffer achtgeben wird.”
-
-Ach der gute Chinaxe, wenn der geahnt hätte, daß ich schon stolz war,
-diesen einen Koffer zu besitzen, und selbst dieser war bedenklich
-leicht!
-
-Endlich, am fünften Dezember Neunzehnhundertvierzehn, abends setzte
-sich der Dampfer „Mongolia” in Bewegung.
-
-Trotz des schönen Wetters und des guten Essens erkrankte plötzlich am
-nächsten Tage Mr. McGarvin. Was es war, konnte er selbst nicht genau
-sagen. Wahrscheinlich eine schwere Fischvergiftung, und schleunigst
-wurde der Schiffsarzt geholt. Dies war ein glänzender Mann, Sportsmann
-durch und durch und für jeden köstlichen Scherz sofort zu haben.
-Seine anfangs besorgte Miene nahm schnell einen erstaunten Zug an,
-als ihm aus der Koje des vermeintlich Todkranken ein blühendes, braun
-verbranntes Gesicht entgegenleuchtete.
-
-Ich hatte Vertrauen zu ihm, und in kurzen Worten schilderte ich ihm
-meine Lage. Selten habe ich ein paar Augen so erfreut aufleuchten sehen
-wie die des Arztes, nachdem ich ihm meine Sünden gebeichtet hatte. Ein
-schallendes Gelächter und ein kräftiger Händedruck sagten mir, daß ich
-an den richtigen Mann gekommen war. Der Steward klopfte an.
-
-Besorgte Amtsmiene des Arztes, Stöhnen des Patienten.
-
-Vorsichtig huschte der Steward hinein, und mit leiser, eindringlicher
-Stimme sagte ihm der Arzt: „Du, Boy, dieser Master sehr krank sein, gar
-nicht stören, vor zehn Tagen Aufstehen unmöglich, das beste Essen, vom
-Koch sorgfältig ausgewählt, stets ans Bett bringen, wenn Master Wünsche
-hat, mich sofort holen.”
-
-Bei dieser Rede hatte ich bereits einen Bettzipfel im Mund, und
-wenn's länger gedauert hätte, würde ich wohl noch die ganze Bettdecke
-verschlungen haben. Ich war wieder mal im Bilde.
-
-Drei Tage Seefahrt, dann kam der erste der drei gefürchteten
-japanischen Häfen. Friedlich lief der Dampfer in Nagasaki ein,
-und sofort stürzte sich eine Flut von Zollbeamten, Polizisten und
-Kriminalbeamten an Bord. Die Glocke tönte durchs Schiff und der
-Ruf: Alle Passagiere und alle Mann antreten zur Musterung! Und nun
-ging die Untersuchung und das Gefrage los. Die Passagiere waren im
-Salon versammelt. Jeder einzelne wurde namentlich aufgerufen, ganz
-gleichgültig ob Mann, Frau oder Kind, wurde von einer Kommission aus
-Polizeioffizieren und Kriminalbeamten vernommen, die Papiere genau
-revidiert und dann von einem japanischen Arzt genau auf ansteckende
-Krankheit untersucht. Vor allen Dingen wollten sie genau wissen, wer
-derjenige wäre, der aus Tsingtau käme! Der fünfunddreißigste Name, der
-aufgerufen wurde, war McGarvin. Alles sah sich um, keiner hatte diesen
-natürlich gesehen. Da trat der Arzt heran, machte ein sehr bedenkliches
-Gesicht und flüsterte seinem japanischen Kollegen unter bedauerndem
-Achselzucken eine schreckliche Geschichte ins Ohr.
-
-Eine Viertelstunde darauf hörte ich viele Stimmen vor meiner Kammer,
-es wurde ganz vorsichtig die Tür geöffnet, und herein ging der
-amerikanische Arzt und schlichen sich zwei japanische Polizeioffiziere
-und der japanische Arzt. Fest zusammengerollt und leise stöhnend lag
-der arme Fischvergiftete da, nichts war von ihm zu sehen, als etwas vom
-Haarschopf.
-
-Der Amerikaner trat ans Bett und berührte vorsichtig meine Schulter,
-was mir scheinbar fürchterliche Schmerzen verursachte. Sofort trat
-der Arzt vom Bett zurück und sagte halblaut: ~„Oh, very ill, very.”~
-Die Japaner, welche sich von Anfang an voller Scheu in der wundervoll
-eingerichteten Kabine umgesehen hatten, schienen froh zu sein, aus
-dieser ihnen ungewohnten Umgebung schnell wieder rauskommen zu können.
-Mehrere tiefe Bücklinge, ein zischendes Geräusch durch die Zähne,
-welches ihre besondere Ehrerbietung ausdrücken sollte, ein leise
-gemurmeltes: ~„Oh, I beg your pardon!”~ und raus war die ganze gelbe
-Gefahr.
-
-Ich glaube, während dieser ganzen Szene und besonders vorher hatte ich
-doch etwas Schüttelfrost, der sich aber schnell wieder legte.
-
-Am Nachmittage riskierte ich doch einen Augenblick aufzustehen, um mir
-vom Schiff aus Nagasaki, das ich von früher her kannte, anzusehen.
-
-[Illustration: Die Landung in Hai-Dschou (China).]
-
-Der Anblick, der sich mir bot, trieb mich schnell wieder in die Koje.
-Der Hafen war mit unzähligen Dampfern besät, welche unter reichstem
-Flaggenschmuck zu Anker lagen. Ein außerordentliches Leben herrschte
-an Bord dieser Schiffe, überall wurden Truppen, Pferde und Geschütze
-ausgeladen, alle Soldaten waren festlich geschmückt, die Häuser der
-Stadt verschwanden fast unter Girlanden und Fahnenschmuck, eine
-unabsehbare, froh bewegte Menge strömte durch die Straßen und nach
-der Festwiese, wo Parade und Truppenschau abgehalten wurde. Nun wußte
-ich's. Das waren ja die _Sieger_ von Tsingtau! In ganz Japan wurde
-heute die Niederwerfung und Bezwingung des _ganzen Deutschen Reiches_
-gefeiert. In den japanischen Zeitungen, die in Englisch erschienen,
-konnte ich an diesem Abend unter anderem lesen, daß es den Engländern,
-Franzosen und Russen nicht gelungen sei, Deutschland zu besiegen,
-aber _sie_, die Japaner, _sie_ hätten es fertiggebracht und wären damit
-jetzt ohne Zweifel das beste und stärkste Heer der ganzen Welt. Doch
-genug von diesen Lächerlichkeiten, die Amerikaner und Engländer haben
-sich ganz ähnliche Sachen geleistet.
-
-[Illustration: Verbrennen des Flugzeuges nach der Landung auf
-chinesischem Boden
-
- × Der Verfasser
-]
-
-Noch zweimal legte der Dampfer während dieser Tage in japanischen
-Häfen an. Sowohl in Kobe wie in Yokohama spielte sich in meiner Kammer
-derselbe Vorgang ab wie in Nagasaki -- Mr. McGarvin blieb krank und
--- -- -- unbehelligt. Fünf volle Tage blieben wir im ganzen in Japan.
-Aber endlich, nachdem ich acht ganze Tage im Bett gelegen hatte,
-ohne daß mir etwas fehlte als eben die Krankheit, verließen wir die
-gefährlichen Gewässer, und als die japanische Küste hinter uns am
-Horizont verschwand, da soll es auf dem Dampfer einen jungen Mann
-gegeben haben, der wie unsinnig vor Freude herumsprang und sein kleines
-Hütchen, welches ehemals einem fünfjährigen Mädchen im fernen China
-gehört hatte, in der Richtung nach Japan schwenkte und lachend rief:
-~„Good bye, Japs, good bye, Japs!”~
-
-Unter allerlei Unterhaltungen, wie sie eben an Bord eines so großen
-Dampfers gepflogen werden, zogen die Tage dahin. An Bord waren auch
-mehrere deutsche Herren, die der Krieg aus ihrer bisherigen Heimat
-vertrieben, dann einer meiner Kameraden, der bis jetzt in Schanghai zu
-tun gehabt hatte, und ein Kriegskamerad von mir: der amerikanische
-Kriegsberichterstatter Mr. Brace, welcher als einziger Ausländer die
-ganze Belagerung Tsingtaus mitgemacht hatte.
-
-Neptun sorgte für Abwechslung. Kurz vor Honolulu bekamen wir einen
-starken Taifun auf den Kopf, der zwei Tage andauerte, und bei dem der
-Dampfer ernstlich in Gefahr schwebte.
-
-Als wir in Honolulu bei strahlendem Sonnenschein ankamen, da traute ich
-meinen Augen kaum. Da vorne, da wehte ja die deutsche Kriegsflagge! Es
-war kein Zweifel.
-
-Und als wir festgemacht hatten, lag neben uns winzig wie eine Nußschale
-der kleine Kreuzer „Geier”, welcher sich, wie wir später erfuhren, von
-der Südsee aus in mehrmonatiger Reise bis nach hier durchgeschlagen
-hatte und interniert worden war. Welch ein eigentümliches
-Zusammentreffen! Liebe Kameraden, von denen ich lange nichts mehr
-gehört hatte, traf ich hier mitten im Kriege, fern der Heimat nach
-großen Erlebnissen. Da gab's ein Fragen und Erzählen, das wollte kein
-Ende nehmen.
-
-Der „Geier” hatte sich bei Ausbruch des Krieges fern unten in
-der Südsee zwischen dem Gewirr der Koralleninseln befunden. Die
-Mobilmachung mit Rußland hatte er noch erfahren, dann war seine
-Funkentelegraphie entzweigegangen, und er schwamm ohne Nachrichten
-im Stillen Ozean herum. Erst vierzehn Tage später erfuhr der „Geier”
-etwas vom Kriege mit England und noch später den mit Japan. Da hieß es
-aufpassen. Und umstellt und gehetzt von einer Schar von Feinden ist
-es dem kleinen Kreuzer gelungen, wochenlang segelnd oder im Schlepp
-eines kleinen Dampfers sich die Tausende von Seemeilen bis nach
-Honolulu durchzuschlagen. Und als der große japanische Kreuzer, der
-bei der Einfahrt von Honolulu auf ihn lauerte, sich an einem Morgen
-die Augen rieb, da lag das kleine Nußschälchen schon wohlgeborgen im
-Hafen, und stolz wehte die Flagge am Mast, und der gelbe Aff' mußte mit
-eingezogenem Schwanze nach Hause laufen.
-
-Nach der Abfahrt von Honolulu hatte ich noch ein ernstes Hühnchen mit
-meinem Kriegskorrespondenten zu rupfen. Dieser brachte mir nämlich
-freudestrahlend die „Honolulu Times” und zeigte mir stolz das erste
-Blatt, auf dem in riesigen Lettern mein Name, meine Stellung und
-meine Herkunft zu lesen waren und darunter ein spaltenlanger Artikel,
-der alle Schandtaten aufzählte, die ich in und nach der Belagerung
-Tsingtaus vollbracht hatte.
-
-Also echt amerikanisch; nach dem, was über einen in der Zeitung steht,
-wird man erst beurteilt.
-
-Mir war die Sache äußerst peinlich, denn ich hatte allen Grund zu
-befürchten, daß die amerikanischen Behörden mich auf dieses Schreiben
-hin in San Francisco festnehmen würden. Doch alle Amerikaner an
-Bord beruhigten mich in dieser Beziehung, und meinten, ich würde in
-Amerika vollständig unbelästigt herumgehen können, denn, was ich
-gemacht hätte, wäre ein ~„good sport”~, dafür hätten die Amerikaner
-Sinn. Sogar im Gegenteil, der Amerikaner würde sich kolossal darüber
-freuen, und wenn ich vernünftig wäre und von meinen törichten
-deutschen Offiziersansichten abließe, dann könnte ich in Amerika ein
-ordentliches Stück Geld verdienen. Ich solle mich bloß an eine richtige
-Zeitung wenden, und die würde die Sache an der Hand ihrer Reklame
-ordentlich inszenieren, und dann könnte ich, möglichst mit Musik
-vorneweg, von Stadt zu Stadt ziehen und Vorträge halten und ~plenty
-dollars~ einheimsen. Ja, es waren überhaupt Gemütsmenschen, die Herren
-Amerikaner. Einer dieser Herren, ein ganz famoser netter Mann, der eine
-reizende Tochter mit an Bord hatte, kam eines Tages zu mir, nahm mich
-beiseite und sprach im vollsten Ernste:
-
-„Sehen Sie mal, Mr. McGarvin, Sie gefallen mir, ich habe Interesse an
-Ihnen. Was wollen Sie jetzt anfangen? Geld haben Sie wahrscheinlich
-nicht, in Amerika kennt Sie niemand, und gute Arbeit findet sich dort
-sehr schwer!”
-
-„Nun, ich will nach Deutschland und will für mein Vaterland kämpfen,
-ich bin doch Offizier!”
-
-Ein mitleidiges Lächeln seinerseits.
-
-Er: „Aus Amerika herauszukommen, ist ausgeschlossen, und dann, Ihr
-Vertrauen und Ihre Begeisterung in Ehren, aber glauben Sie mir, ich
-habe gute Verbindungen; in wenigen Monaten wird Deutschland vernichtet
-sein, und da wird es dann für Sie keine Arbeit und keine Bleibe mehr
-geben. England wird keinem deutschen Offizier erlauben, nach dem Kriege
-in Deutschland zu bleiben. Sie alle werden exportiert, das Deutsche
-Reich aufgeteilt und der Deutsche Kaiser von seinem eigenen Volke
-abgesetzt werden. Also seien Sie doch vernünftig, suchen Sie sich jetzt
-schon eine neue Heimat zu gründen, bleiben Sie in Amerika, ich werde
-Ihnen gern helfen.”
-
-Das war mir zu viel. Und eine Antwort habe ich dem Herrn gegeben und
-eine Belehrung, was eigentlich ein deutscher Offizier sei, und wie
-es wirklich in Deutschland aussähe, daß der gute Mann fast selbst
-mit in Begeisterung über Deutschland geriet. Von nun ab war er noch
-liebenswürdiger zu mir, und öfters bin ich nachher bei ihm in San
-Francisco und New York zu Gast gewesen.
-
-Am dreißigsten Dezember liefen wir in San Francisco ein.
-
-Typisch amerikanischer Zustand.
-
-Dutzende von Zeitungsreportern und Photographen rannten an Deck herum,
-kamen in Salons, ja ließen einen nicht mal in den Kabinen zufrieden.
-Von mir hatten die Kerls schon Wind bekommen. Von allen Seiten
-stürmten diese Herren herbei, von allen Ecken wurde man geknipst, es
-war geradezu widerlich. Schließlich wandte ich das einzige Mittel an,
-welches hilft: ich wurde grob und schrie: „Ich habe überhaupt nichts zu
-sagen, und wenn Sie mich weiter belästigen, hole ich die Polizei!” Mein
-Kriegskorrespondent aus Tsingtau hatte mich vorher instruiert, mit
-seinen Kollegen so zu verfahren.
-
-Nur ein windiger gelber Japaner schlich sich wie eine Katze an mich
-heran, machte tiefe Verbeugungen, zischte durch die Zähne und sagte
-falsch lächelnd, er käme vom Japanischen Konsulat (das auch noch!) und
-wolle mich begrüßen und mir Glück wünschen, daß ich so gut aus Tsingtau
-herausgekommen wäre. Im übrigen hätte ich ja gar nichts zu befürchten,
-ich wäre auf amerikanischem Boden, aber er würde so furchtbar gerne
-einen kleinen Bericht seiner Zeitung nach Japan schicken, das würde
-seine japanischen Brüder freuen.
-
-Den gelben Jap ließ ich durch den chinesischen Steward hinausbefördern.
-
-San Francisco!
-
-
-
-
-Sie haben mich!
-
-
-San Francisco!
-
-Diese riesige wunderschöne Stadt!
-
-Das beste war: ich wurde _nicht_ verhaftet. Keine offizielle
-Persönlichkeit kümmerte sich um mich, und ich blieb einige Tage dort
-trotz des Entsetzens auf dem Deutschen Konsulat, wo man mich schon
-verhaftet sah. Ich habe selten in meinem Leben eine so wahnsinnige,
-tolle Nacht erlebt wie die Silvesternacht in San Francisco.
-
-Alles was mir darüber schon vorher erzählt war, war nichts gegen die
-Wirklichkeit. Die ganze Stadt schien wie in ein Tollhaus verwandelt.
-Und all die Menschen, rassig bis zum letzten Blutstropfen; schön
-und kräftig die Männer, hinreißend die blonden Frauen und Mädchen.
-Ich war von meinem Bekannten in eins der schönsten und größten
-Vergnügungslokale eingeladen. Unerschwingliche Eintrittspreise und das
-Publikum das beste vom besten. In dieser Nacht schien alles erlaubt.
-
-Und dann die Musik und der Tanz so hinreißend und schön und wild, es
-ist „die” Nacht von San Francisco!
-
-Am zweiten Januar Neunzehnhundertfünfzehn galt's wieder Abschiednehmen,
-und zufällig traf ich mit meinem Kameraden und mehreren Deutschen,
-mit denen ich auf dem Dampfer zusammengewesen war, in demselben
-Eisenbahnwagen wieder zusammen.
-
-Das wurde eine frohe Fahrt, zumal die Zeitungen gute Nachrichten aus
-Deutschland brachten, einige der älteren Herren und Damen direkt zur
-Heimat fuhren und wir beiden Offiziere fest daran glaubten, daß auch
-wir unserem Ziele nicht mehr fern wären.
-
-Bei den Grand Canons von Arizona wurde ein Zug überschlagen. Das
-mächtige Naturwunder zeigte sich uns in wunderbarster Schönheit.
-Dann ging's weiter, tagelang raste der Zug durch die Prärien,
-Knabenerinnerungen an den Lederstrumpf und an die Mohikaner tauchten in
-uns auf, dann trennten wir uns in Chicago und ich fuhr nach Virginien,
-um liebe Freunde zu besuchen und um zu sehen, wie ich die Weiterreise
-nach Europa ermöglichen könnte.
-
-Nach zwei, drei Tagen reiste ich nach New York weiter, um hier mein
-Glück zu versuchen.
-
-Drei volle Wochen mußte ich in New York bleiben, drei volle Wochen, in
-denen ich viel von New York und den Menschen dort und von dem dortigen
-Leben kennenlernte.
-
-Drei volle Wochen, während deren ich oft nicht wußte, was vor Wut
-anfangen. Das überstieg alles, was ich bis jetzt in dieser Beziehung
-erlebt hatte. Kaum ein Bild, kaum eine Zeitung, kaum eine Reklame,
-die nicht gegen Deutschland hetzte, die nicht die tapferen deutschen
-Kämpfer in den Dreck zogen.
-
-Der Tipperary-Gesang schien auch in New York zum Nationallied
-gestempelt worden zu sein.
-
-Gab es denn keinen, der diesen Leuten die Augen öffnete, _wollten_
-diese Menschen die Wahrheit nicht hören und nicht sehen?
-
-Ja, die meisten kannten ja Deutschland überhaupt nicht, wußten kaum,
-wo Deutschland lag, und doch urteilten sie so. Da konnte man fühlen,
-welche ungeheure Macht die gemeine englische Lügenpresse besaß, und
-wie urteilslos und dumm der Amerikaner auf diesen groben Schwindel
-hineinfiel.
-
-Ich habe gewirkt, was in meinen Kräften stand.
-
-Ich habe geredet und erzählt und zu überzeugen versucht, überall
-dieselbe Antwort: „Ja, daß Sie persönlich all diese Greueltaten nicht
-tun würden, das glauben wir Ihnen, aber die anderen Deutschen, die
-Hunnen und Barbaren, die tun's. Hier steht's ja schwarz auf weiß in den
-Times! Da muß es ja wahr sein, denn es ist undenkbar, daß ein so großes
-Blatt die Unwahrheit sagt.” Ein großer Trost war mir die rührende Art,
-wie ich von meinen Bekannten und deren Freunden aufgenommen wurde,
-und ich bin ihnen aufrichtig dankbar dafür. An einem Abend war ich
-besonders wütend. Ich war in der Metropolitan Opera gewesen, es wurde
-unter anderem ein Akt aus „Hänsel und Gretel” gegeben. Deutsche Musik,
-deutsche Worte und deutscher Gesang!
-
-Mein Herz tat sich auf und quoll über vor wahnsinnig schmerzender
-Sehnsucht nach dem geliebten Vaterlande; meine Seele trank in vollen
-Zügen das deutsche Lied. Hingerissen, berauscht, trat ich auf die
-Straße und wurde jäh in die Wirklichkeit zurückgerufen.
-
-Auf dem großen Platz vor dem Theater, wie allabendlich, eine riesige
-Volksmenge. Drüben an einer kahlen Hauswand leuchtete wie an jedem
-Abend in großen Buchstaben der neueste Kriegsbericht auf, der von einem
-Kinematographen-Apparat auf die Wand geworfen wurde.
-
-Natürlich: Rußland hatte wieder mal einen großen Sieg errungen, die
-Engländer hatten die deutsche Kronprinzen-Armee vollkommen vernichtet!
-
-Die Menge johlte vor Freude.
-
-Dann kamen einige Schlachtenbilder. Erst einige englische und
-französische Kriegsschiffe, dann plötzlich der deutsche Kreuzer
-„Goeben”.
-
-Die Menge raste, ein Pfeifen, ein Zischen und Pfui-Rufen, welches kein
-Ende nehmen wollte.
-
-Das waren die _neutralen_, um Menschenrechte und Gerechtigkeit so
-besorgten Amerikaner!
-
-Vergebens waren bis jetzt meine Bemühungen gewesen, nach Europa zu
-gelangen. Ich hatte mir die Sache doch einfacher vorgestellt.
-
-Um ein Haar wäre es mir einmal gelungen.
-
-Ich hatte eine Heuer auf einem norwegischen Segelschiff gefunden und
-sollte sofort meinen Dienst als Matrose antreten. Da mir aber dringend
-geraten wurde, diesen Kasten nicht zu benutzen, da mehrere englische
-Matrosen an Bord wären, ließ ich die Gelegenheit fahren und suchte
-weiter.
-
-Endlich hatte ich, was ich wollte.
-
-Durch Zufall lernte ich einen Mann kennen, der ein recht bewegtes Leben
-hinter sich hatte. Er hatte sich jahrelang in der Welt herumgetrieben
-und lebte nun schon lange in New York. Was er eigentlich tat, habe
-ich nie recht herausbekommen. Eines konnte er jedenfalls sehr
-geschickt, und das war: alte Pässe frisch aufgarnieren. So waren wir
-bald handelseinig. Nach wenigen Stunden hatte ich meinen Reisepaß,
-meine Photographie war sauber eingeklebt, alle An- und Abmeldungen
-vorschriftsmäßig vorhanden.
-
-Und so stieg am dreißigsten Januar Neunzehnhundertfünfzehn der
-Schweizer Schlossergeselle Ernst Suse an Bord des neutralen
-italienischen Dampfers „Duca degli Abruzzi” und verschwand im
-Zwischendeck.
-
-Zwei Stunden später passierten wir die Freiheitsstatue. Fünf Seemeilen
-vor dem Hafen von New York lagen zwei englische Kreuzer und bewachten
-die Hafeneinfahrt. Ein leuchtendes Beispiel für die Freiheit der Meere!
-Die Dampferfahrt war fürchterlich.
-
-Trotzdem ich als Seeoffizier und alter Torpedobootsfahrer an manchen
-Kummer gewöhnt war, so etwas hatte ich mir nicht träumen lassen.
-
-Das Schiff topplastig und mit so wahnsinnigen Schlinger- und
-Stampfbewegungen, daß ich als Fachmann überzeugt war, der Kahn würde
-bei mehr aufkommender See kentern. Und die Wanzen! Doch das ist
-ein Kapitel für sich. Am dritten Tage unserer Fahrt stand ich eines
-Vormittags an Deck und schaute sehnsüchtig nach der ersten Klasse, von
-wo zwei allerliebste Gesichtchen über die Reling sahen. Da trat ein
-Herr zu ihnen heran, und beinah hätte ich laut seinen Namen gerufen!
-
-Den kannte ich doch, das war doch -- -- -- --
-
-Ja, es war kein Zweifel möglich. Es war mein Kamerad T., der mit mir
-aus Schanghai gekommen war. Nun gewahrte er mich auch, nur daß er
-mich erst erkannte, nachdem er mit seinen Damen einige recht laute
-Bemerkungen über den schmierigen Gesellen (das war ich) dort unten
-gemacht hatte. Plötzlich wurde er stumm, seine Augen weiteten sich,
-dann glitt ein Lächeln des Verständnisses über seine Züge, er machte
-kehrt, und weg war er.
-
-Am Abend bei vollständiger Dunkelheit hatte ich einen Augenblick
-Gelegenheit ihn zu sprechen. Er fuhr als vornehmer Holländer
-(selbstverständlich konnte er kein Wort Holländisch sprechen) und
-wollte ebenso wie ich nach Neapel und von da nach Hause.
-
-Aber das beste war doch das: beide waren wir in New York täglich
-zusammengewesen, beide wußten wir gegenseitig, daß wir alles versuchen
-würden, um nach Hause zu kommen, aber wie es sich jetzt herausstellte,
-hatten wir beide unseren entsprechenden Unterstützungsmännern das
-Versprechen geben müssen, zu niemandem ein Wörtchen zu sagen, und das
-hatten wir beide so gut gehalten.
-
-Aber der Schlager kam noch: Beide waren wir bei demselben Mann gewesen!
-
-Einige Tage nach dem Verlassen von New York erkrankte ich plötzlich,
-bekam hohes Fieber und mußte mich in die Koje legen. Was es war, wußte
-ich selber nicht, wahrscheinlich ein Malariaanfall, und dieser Ansicht
-schien auch der italienische Arzt zu sein und gab mir eine blödsinnige
-Dosis Chinin. Der Erfolg trat auch sofort ein: ich wurde noch kränker
-denn zuvor und hatte mehrere Tage fast vierzig Grad Fieber. Diese
-Tage waren unbeschreiblich. In unserem Loch von einer Kammer wohnten
-wir zu vieren zusammen. Über mir lag ein Franzose, der mit Schnattern
-und Futtern nur aufhörte, wenn er seekrank war. Neben mir lag bleich
-und gefaßt ein Schweizer (das war schon verdächtig). Dieser Mann
-war so seekrank, daß ich glaubte, er würde Europa niemals lebend
-erreichen. Links über mir aber lag ein ganz rabiater Engländer, der
-trotz der geschlossenen Bullaugen Tag und Nacht seine Navy Cut-Pfeife
-nicht ausgehen ließ, fast immer betrunken war und kaum einen Moment
-sein Grölen und sein Schimpfen auf Deutschland unterbrach. Meine
-Ruhe kann man sich denken. Außerdem lag meine Koje direkt neben der
-Rudermaschine, und dann kam das Schlimmste: die Wanzen!
-
-Ich habe so etwas nie für möglich gehalten!
-
-Diese furchtbarsten Plagegeister kamen nicht einzeln, sondern gleich zu
-Dutzenden.
-
-Ach, was war der ganze Radau, der unerträgliche Gestank und die
-seekranken Menschen gegen diese Plage! Trotz des furchtbaren
-Schwächezustandes, in dem ich mich befand, versuchte ich die braunen
-Gesellen zu töten oder zu verjagen. Ich merkte aber nur zu bald, daß
-ich gegen sie machtlos war.
-
-Und dann wurde mir alles gleichgültig. Die Fahrt konnte ja nur noch
-einige Tage dauern, dann waren wir im schönen Italien, dann nur noch
-kurze Tage der Erholung, und ich wäre in meinem geliebten Vaterlande
-gewesen. Mit aller Energie wehrte ich mich gegen meine Krankheit, und
-die Gedanken an Deutschland ließen mich so weit genesen, daß ich am
-achten Februar, als der Dampfer in Gibraltar einlief, wieder aufstehen
-konnte.
-
-Gibraltar!
-
-Wie oft war ich an diesem Felsen früher schon vorbeigefahren, wie hatte
-ich dem grauen Stein froh bewegt zugewinkt, wenn ich, vom Auslande
-zurückkehrend, durch die Meerenge fuhr, der treuen Heimat entgegen!
-
-Was hatte ich dieses Mal zu erwarten?
-
-Trotzdem das Anlaufen von Gibraltar nicht auf dem Fahrplan vorgesehen
-war, fuhr der Dampfer ohne irgendwelche Aufforderung zur Untersuchung
-in den Hafen ein und ankerte dort. So weit also waren die Italiener
-schon Sklaven der Engländer geworden!
-
-Sobald das Schiff still lag, kamen zwei Kriegsschiffsbarkassen
-längsseit, denen ein englischer Seeoffizier, einige Polizeibeamte und
-mehrere bis an die Zähne bewaffnete englische Matrosen entstiegen.
-
-Ein Glockensignal wurde durch das Schiff gegeben und der Befehl:
-Sämtliche fremden Passagiere, die nicht Italiener und nicht Engländer
-sind, auf die Kommandobrücke kommen! Die Stewards gingen herum, suchten
-alle Räume und Kammern ab, und wie eine Hammelherde, umringt von
-englischen Matrosen und italienischen Stewards, wurden wir auf die
-Brücke getrieben.
-
-So ganz wohl war mir dabei nicht zumute!
-
-Aber immerhin hatte ich etwas Vertrauen, da ich, wie ich bald
-feststellte, der einzige war, der mit einem richtigen Paß mit
-Photographie ausgerüstet war. Zu meinem großen Unbehagen stellte ich
-fest, daß wir im ganzen fünf Schweizer waren, von denen mir drei immer
-schon wegen ihres zurückgezogenen stillen Wesens verdächtig vorgekommen
-waren. Nur einen Schweizer, den hatte ich noch nicht gesehen, der sah
-aber auch so dreckig und schmierig aus, daß ich vorsichtshalber etwas
-zur Seite trat, als er sich neben mich stellte.
-
-Nach ungefähr einer Stunde, nachdem die Passagiere erster Klasse recht
-oberflächlich und sehr höflich untersucht worden waren, kam die Reihe
-an uns.
-
-Sechs arme Sünder standen wir da. Der erste war ein
-italienisch-schweizerischer Arbeiter, dem der rechte Arm fehlte, seine
-Frau, eine typische Italienerin, warf sich unter Heulen dem Engländer
-zu Füßen. Ihren ganzen Anhang aus dem Zwischendeck hatte sie mit
-heraufgebracht. Alles heulte, und verächtlich sah der Engländer auf die
-Leute herab. Nach kurzem Verhör wurde der Mann entlassen und war frei.
-
-Nun kamen wir.
-
-Der größte von uns Schweizern stand am rechten Flügel. Der englische
-Offizier trat auf ihn zu und sagte: „Sie sind deutscher Offizier!”
-
-Natürlich laute Entrüstung und Proteste von dessen Seite. Der Engländer
-reagierte gar nicht darauf, und das Unglückswurm mußte beiseite treten.
-Wir anderen vier schienen ihm schon echter auszusehen.
-
-Wir wiesen auf unsere Pässe hin, und jeder von uns gab eine
-Mordsgeschichte zum besten. Nach kurzer Zeit sagte er: „Schön, die vier
-können gehen, aber den einen nehme ich mit!”
-
-Mir schlug das Herz vor Freude bis zum Halse. Da kam der Verräter.
-
-Ein windiges Bürschchen in tadellosem Zivil trat an den Offizier heran
-und sagte ihm mit aufgeregter Stimme: „Es ist ausgeschlossen, daß die
-vier so ohne weiteres freikommen, ich bin überzeugt, alle vier sind
-Deutsche; es müssen unbedingt noch ihre sämtlichen Sachen untersucht
-werden.”
-
-Von unserer Seite lauter Protest, aber es half nichts. Zwar widerwillig
-und voller Verachtung gegen diesen Schurken folgte der englische
-Offizier doch, und nun begann die Untersuchung in der Kammer. Alles
-wurde durchwühlt. Überall schnüffelte der Schurke herum, nichts konnte
-er finden, was verdächtig war. Kein Namenszug, nichts. Plötzlich drehte
-sich der Kerl um, riß mir die Jacke auf, krempelte mir die Brusttaschen
-um und sagte dann triumphierend zu dem Offizier, der neben ihm stand:
-
-„Sehen Sie, auch hier kein Namenszug und kein Name, das ist ein
-Zeichen, daß er ein Deutscher ist, denn er hat alle Monogramme vorher
-vernichtet.”
-
-Ach, hätte ich diesem Hund seine Hirnschale einschlagen können!
-
-Wie wir bald erfuhren, war dieser Zivilist der Vertreter der Firma Th.
-Cook & Brothers in Gibraltar und versah auf den Dampfern Dolmetscher-
-und schurkische Spionendienste. Er sprach ein so reines Deutsch, daß er
-zweifellos viele Jahre in Deutschland Gastfreundschaft genossen haben
-mußte. Wie viele Unglückliche mochte diese Schlange wohl schon ins
-Verderben gebracht haben!
-
-Wiederum wurden wir fünf wie Vieh auf der Brücke zusammengetrieben.
-Dann näherte sich auch schon der zweite Judas Ischarioth, welcher von
-Cooks Vertreter herbeigeholt war. Dieser zweite war ein Schweizer
-Passagier erster Klasse, und auf Veranlassung des Schurken sollte er
-uns in Schwyzer Dütsch prüfen.
-
-Wir versagten alle fünf.
-
-Kein Protest half. Nichts nützte, daß ich den Leuten die tollsten
-Geschichten erzählte, wie: Ich könnte ja überhaupt gar kein Deutsch!
-Schon als Kind von drei Jahren hätte ich mit meinen Eltern die Schweiz
-verlassen und sei mit ihnen nach Italien gezogen. Dann sei ich nach
-Amerika verschlagen worden.
-
-In gutem Italienisch und Amerikanisch redete ich wie um meinen Kopf.
-Beinahe kam ich frei, da zischelte die Schlange wieder, und -- -- --
-aus war es!
-
-Der englische Offizier ließ sich auf nichts mehr ein, er sagte bloß, es
-seien bereits so viel Schweizer durch Gibraltar durchgefahren, so viele
-gäbe es in der ganzen Welt nicht.
-
-Mit einer innerlichen Wut, die mich fast zum Wahnsinn brachte, wurde
-ich abgeführt.
-
-Schnell hatte ich ein paar Habseligkeiten zusammengerafft, ich konnte
-einer deutschen Dame noch unbemerkt einen Zettel in die Hand drücken,
-den sie auch treulich meinen Verwandten gesandt hat, und mit einem
-groben Stoß eines Seemanns flog ich das Fallreep hinunter und in die
-Barkasse, in der die vier anderen Unglückswürmer bereits gänzlich
-zerknickt saßen. Dann kam der englische Offizier mit seinem Schurken
-und fort ging's.
-
-An der Reling des Dampfers stand der Schweizer Verräter und sah
-schadenfroh herab. Da konnte ich nicht mehr an mich halten, ich sprang
-auf und drohte ihm mit der Faust und brüllte ihm ein Schimpfwort zu.
-
-Ein hysterisches Verräterlachen antwortete mir.
-
-Und ganz vorne von der Steuerbordreling, da grüßten stumm ein paar
-traurige deutsche Augen einen letzten Abschiedsgruß zu mir herüber.
-
-Leb' wohl, du glücklicher Kamerad, grüß' mir die Heimat, die du in
-einigen Tagen wiedersehen wirst!
-
-
-
-
-Hinter Mauern und Stacheldraht
-
-
-Der englische Offizier beruhigte mich: „Seien Sie versichert,” sagte
-er mir, „Sie können heute noch in Gibraltar Ihren Schweizer Konsul
-sprechen; wenn der die Richtigkeit Ihres Passes bestätigt, dann sind
-Sie am selben Tage frei.”
-
-Was es damit auf sich hatte, erfuhr ich nur zu bald. Die Dampfbarkasse
-rauschte dem Lande zu, und bald legte sie am inneren Teil des
-Kriegshafens an.
-
-Zehn Soldaten mit aufgepflanztem Seitengewehr standen an der
-Anlegestelle bereit. Einige kurze Befehle, die paar Sachen, die wir
-mitgenommen hatten, nahmen wir selbst auf den Buckel, dann mußten wir
-uns in zwei Reihen aufstellen, die zehn Soldaten umringten uns, und auf
-das Kommando: ~„Quick marsh”~ setzte sich der traurige Zug in Bewegung.
-
-Alles mit mir und um mich herum geschah wie im Traum. Ich war überhaupt
-kaum fähig, einen Gedanken zu fassen, so war ich niedergeschmettert.
-
-Gefangen!
-
-War es wirklich wahr? Gab es so etwas überhaupt?
-
-Es war entsetzlich, unfaßbar! Wie ein Verbrecher wurde man hier entlang
-geführt, und wie Verbrecher wurden wir von der Bevölkerung, an der
-wir vorbeigehen mußten, angesehen. Die Soldaten trieben uns zur Eile
-an. Ich war schwach zum Umsinken, da ich das Fieber noch nicht ganz
-überwunden und seit drei Tagen außer Chinin nicht das geringste in den
-Magen bekommen hatte. Die Sonne brannte auf die Felswände herab, und
-dann der seelische Zustand, die Hoffnungslosigkeit!
-
-Trostlos!
-
-Immer höher ging's durch schmale, erhitzte Gassen, bald verschwanden
-die Häuser unter uns, steile, nackte Felsen an beiden Seiten. Nach
-einer Stunde hatten wir die höchste Spitze des Gibraltar-Felsens
-erreicht. Kommandorufe erschollen, Drahthindernisse und eiserne Tore
-wurden geöffnet, dumpf schlugen sie wieder ins Schloß, Ketten und
-Riegel klirrten.
-
-Gefangen!
-
-Nun wurden wir zuerst zur Polizeiwache gebracht und einem Verhör
-unterzogen. Ich protestierte energisch und verlangte, umgehend vor
-meinen Konsul geführt zu werden, wie mir von dem englischen Offizier
-ausdrücklich zugesichert war. Ein bedauerndes Lachen war die Antwort.
-Ach, wir waren ja nicht die ersten, die so heraufgebracht waren und
-dasselbe Ansinnen gestellt hatten. Wie unendlich viele haben wohl hier
-oben gestanden und endgültig ihre Hoffnungen begraben müssen!
-
-Jetzt begann die körperliche Untersuchung.
-
-„Hat jemand von den Gefangenen Geld bei sich?”
-
-Keiner antwortete selbstverständlich. Wir mußten uns ausziehen,
-und jedes Kleidungsstück wurde eingehend auf Geld, Doppelgläser,
-Photographenapparate und besonders auf Schriftstücke untersucht. Ich
-kam als dritter an die Reihe, mein Hemd durfte ich anbehalten.
-
-„Haben Sie Geld?”
-
-„Nein!”
-
-Der Feldwebel tastete an meinem Körper herum, plötzlich klimperte etwas
-in der linken Brusttasche meines Hemdes.
-
-„Was ist das?”
-
-„Ich weiß nicht!”
-
-Nun griff er in die Tasche hinein, und was holte er heraus?: ein
-wunderschönes Zwanzigdollarstück aus bestem amerikanischem Golde
-und außerdem ein kleines Perlmutterknöpfchen, welches mich durch
-das Gegenschlagen gegen das Geldstück bei der Untersuchung verraten
-hatte. Ich sage ja, das hat man von der Ordnungsliebe! Hätte ich
-das Knöpfchen zwei Tage früher fortgeworfen, statt es sorgfältig
-aufzubewahren, wäre dies nicht passiert. Der englische Soldat freute
-sich, derlei Scherzchen schienen recht oft vorgekommen zu sein. Doch
-nun untersuchte er genauer. Und zu meinem Kummer holte er mir auch
-aus der anderen Hemdentasche und aus den beiden Hosentaschen noch je
-ein schönes Goldstück heraus; und dazu leider auch noch meine kleine
-Browningpistole, die mich nun schon so treulich all die Monate lang
-begleitet hatte.
-
-Als ich fertig ausgeplündert war, durfte ich mich wieder anziehen und
-zu den anderen Leidensgenossen in den Gefängnishof treten.
-
-Dann ging's in unsere zukünftigen Quartiere. Etwa fünfzig
-zivilgefangene Deutsche empfingen uns mit lautem Hallo. Diese saßen
-schon seit Beginn des Krieges hier und hatten ihren Humor scheinbar
-vollständig wiedergefunden. Unsere neuen Kameraden luden uns gleich zum
-Essen ein, und wie die Wilden stürzten wir auf den von den Gefangenen
-selbst hergestellten Brotpudding.
-
-Dann ging's an die Arbeit.
-
-Erst mußten wir Kohlen und Wasser schleppen. Wir wurden ungefähr der
-Größe nach verteilt, und durch Zufall kam der schmierige Schweizer, vor
-dem ich mich auf dem Dampfer schon geekelt hatte, mit mir zusammen. Es
-stellte sich heraus, daß er auch Schlosser war, also denselben Beruf
-wie ich erwählt hatte.
-
-Später, wo wir beide dann dauernd zusammen waren, korrigierten wir
-etwas unseren Beruf, und zwar waren wir dann nicht mehr Schlosser,
-sondern Schloß_herr_.
-
-Damit übervorteilten wir keinen, und die Sache hatte vor allen Dingen
-den Vorteil der Billigkeit, und daß sie sich durch eine einfache
-Änderung in der Aussprache bewerkstelligen ließ.
-
-Vorläufig aber schleppten wir noch Kohlen, und daß die einzelnen Kiepen
-nicht zu voll wurden, dafür sorgten wir schon. Wir waren ja auch so
-schwächlich!
-
-Nachdem wir Kohlen und Wasser genügend geschleppt hatten, empfingen
-wir unsere dreiteiligen Soldatenmatratzen, hart wie Stein, dazu zwei
-wollene Decken. Dann hatten wir für diesen Abend Ruhe. Das erste jetzt
-war das Waschen. Ich sehe die Szene heute noch.
-
-Mein schmieriger Kollege von derselben Fakultät setzte sein
-Waschbecken neben das meine und zog in aller Seelenruhe sein Hemd aus.
-Donnerwetter, so viel Sauberkeit hatte ich doch nicht erwartet, und ich
-musterte ihn kritisch. Tadellos gewachsener Körper und sogar sauber, ja
-blitzsauber! Aber Kopf, Hals und Hände, brrr! Mitten im Waschen hörte
-ich plötzlich auf. Mein Gesicht wurde immer länger, mein Erstaunen war
-groß. Das Waschwasser meines Kollegen war schwarz wie Brühe, aber er?
-Das war ja ein ganz anderer, der jetzt neben mir stand. Die vorher
-schwarzen und schmierigen Haare leuchteten in hellstem Blond, das
-Gesicht war frisch und weiß und zeigte feine Züge, und die Hände waren
-schlank und wohlgebaut. Und, war es möglich? Quer über die Backen und
-über die Schläfen da zogen sich Schmisse, richtige, echte deutsche
-Studentenschmisse hindurch. Das Hallo, und das Gefrage und Erzählen,
-das nun folgte. Mein Kollege war ein echter deutscher Student gewesen,
-hatte jetzt in Amerika eine schöne Automobilfabrik sich gegründet
-und hatte dort drüben alles stehen und liegen gelassen, um als
-Reserveoffizier seinem Vaterlande zu helfen. Schnell schlossen wir uns
-aneinander an und sind treue, unzertrennliche Freunde geblieben durch
-viele Wochen der Gefangenschaft, bis das Schicksal uns leider wieder
-trennte. Wir beiden Schloß_herren_ waren aber bald bekannt.
-
-Abends um zehn Uhr wurde Zapfenstreich geblasen, Licht aus in allen
-Räumen.
-
-Ich hatte meine Schlafstelle an einem Fenster aufgeschlagen, welches
-bis dicht auf den Fußboden herunterreichte. Auf der Erde liegend konnte
-ich bequem aus dem Fenster heraussehen.
-
-Der Tag hatte so viel Neues gebracht, jetzt erst kam ich zur Ruhe und
-zur Überlegung.
-
-Die Kaserne, in der wir untergebracht waren, lag hoch oben auf der
-höchsten Spitze von Gibraltar, da wo die Felsen steil nach Süden zu ins
-Meer herabfallen.
-
-Durch das Fenster erblickte ich jetzt tief unter mir das wunderbar
-blaue Wasser der Meerenge von Gibraltar.
-
-Drüben, ganz fern am Horizont, grüßte fein und hell die Küste von
-Afrika herüber.
-
-Da unten war die Freiheit, Schiffe fuhren hin und her, auf denen
-Menschen lebten, freie, ungebundene Menschen, die fahren konnten, wohin
-sie wollten, und -- -- -- nicht wußten, wie wunderbar und kostbar
-Freiheit war!
-
-Es war zum Wahnsinnigwerden!
-
-Die Gedanken jagten sich, die Ereignisse des Tages zogen im Geiste an
-mir vorüber, und wenn ich daran dachte, daß ich jetzt auch dort unten
-auf einem der Dampfer schwimmen könnte, dann hätte ich am liebsten
-aufbrüllen mögen vor Wut.
-
-Ach ja, heute war der achte Februar, mein Geburtstag, _den_ Tag hatte
-ich mir allerdings anders vorgestellt!
-
-Wie ein Irrsinniger wälzte ich mich auf meinem Lager herum, und wenn
-ich nachsann, wie jetzt alles hätte sein _können_, was ich alles von
-diesem Tage erhofft hatte und wie ich mir die Zukunft ausgemalt hatte,
-dann packte mich die wilde Verzweiflung, und vor ohnmächtiger Wut
-liefen mir die Tränen aus den Augen, ohne daß ich es verhindern konnte.
-
-Sehnsucht, o du furchtbare Sehnsucht!
-
-In dieser Nacht war ich nicht der einzige, dem es so ging.
-
-Aus vier anderen Lagern sahen bleiche Gesichter heraus, weitgeöffnete
-Augen starrten zur Decke, und manch unterdrücktes Schluchzen biß
-sich in die Decken hinein. Am nächsten Morgen um vier Uhr wurden wir
-plötzlich alle geweckt. Die englischen Unteroffiziere gingen die
-Räume entlang, und es wurde der Befehl gebrüllt, daß alle deutschen
-Gefangenen sich sofort klar zu machen hätten, in zwanzig Minuten
-abzumarschieren und mit einem bereits klar liegenden Dampfer nach
-England zu fahren.
-
-Nach England? Das war doch gar nicht möglich, wir waren doch Schweizer,
-wir sollten doch heute unseren Konsul sprechen!
-
-An der stoischen, unerschütterlichen Ruhe der Engländer prallten alle
-unsere Versuche ab. Nun schnell alles zusammengerafft, und genau eine
-halbe Stunde später marschierten wir sechsundfünfzig Zivilgefangene,
-umringt von hundert schwer bewaffneten englischen Soldaten, in den
-leuchtenden Morgen hinein und den Felsen von Gibraltar hinab.
-
-Aber daß unser Stolz nicht gebrochen war, das wollten wir den
-Engländern beweisen. Und schmetternd und hell, verstärkt durch die Wut,
-die in uns kochte, jubelte „Die Wacht am Rhein” und „O Deutschland hoch
-in Ehren” zum Himmel empor.
-
-Unten lag ein riesiger Transportdampfer, bis an den Rand gefüllt mit
-englischen Truppen. Durch die Menge der Abschiedgebenden und der
-Abschiednehmenden wurde eine schmale Gasse gebahnt, und im Gänsemarsch
-liefen wir Spießruten. Doch das muß ich sagen, es gab niemanden, der
-uns belästigte, nicht einen einzigen, der uns etwas zurief. Stumm wurde
-uns Platz gemacht, stumm ließ man uns passieren, ja hier und da traf
-sogar ein Blick des Bedauerns und des Mitleids diesen traurigen Zug.
-
-An Bord war vorne in der ersten Abteilung im Ladedeck notdürftig
-ein Raum gezimmert worden. Bänke und Tische und Hängematten waren
-vorhanden, alles wie an Bord eines Truppentransportschiffes.
-
-In dem Raum befanden sich zwei Posten mit aufgepflanztem Seitengewehr,
-oben am Luk standen ebenfalls zwei Posten, das Luk wurde von außen
-dicht gemacht und verschlossen, und drinnen saßen wir in der Falle. Die
-Bullaugen unseres Aufenthaltsraumes waren mit eisernen Blenden fest
-verschlossen, damit ja keiner von uns heraussehen oder womöglich aus
-einem geöffneten Bullauge Lichtsignale geben könnte. Nach kurzer Zeit
-schon ging ein leises Zittern durch das Schiff, die Maschinen setzten
-sich in Bewegung, und dann fing unser schwimmendes Gefängnis an, sich
-sanft und leise zu heben und zu senken.
-
-Wir waren in freier See.
-
-Tagelang ging es so weiter. Wir saßen streng bewacht, eingeschlossen
-in unserem Raum, einmal am Tage wurden wir hinaufgelassen und
-durften für eine Stunde frische Luft schöpfen. Eine recht primitive
-Bedürfnisanstalt war auf dem Vordeck aus ein paar Brettern
-zusammengeschlagen worden, und wer diese benutzen wollte, mußte sich
-beim Posten melden. Zwei Soldaten mit aufgepflanztem Seitengewehr
-geleiteten ihn dann und behielten ihn auch die ganze Zeit über im Auge.
-Mehr als einer gleichzeitig durfte dazu nicht an Deck erscheinen. Das
-Essen war gut, richtige Schiffskost, besonders gut war das Brot, die
-Butter und der überaus reichliche, vorzügliche Jam. Die Zeit vertrieben
-wir uns, so gut es ging, mit Lesen oder Erzählen, und vor allen
-Dingen wurde die Frage unserer Zukunft und das, was uns in England
-erwartete, lebhaft erörtert. Die beiden Posten, die ständig unten im
-Raum standen, freundeten sich bald mit uns an, und wir haben den armen
-Tommies mit unseren Erzählungen, wie es an der Kampffront in Frankreich
-aussähe, ganz furchtbare Angst gemacht.
-
-In der Biscaya bekamen wir sehr schlechtes Wetter.
-
-_Das_ war ein Zustand! Zu sechsundfünfzig in dem kleinen Raum
-eingepfercht, ohne Licht und Luft, und dazu der größte Teil seekrank.
-Am schlimmsten seekrank waren aber unsere englischen Posten und die
-Soldaten, die uns das Essen brachten. Sie boten ein Bild des Jammers.
-Als wir in die Nähe des Englischen Kanals kamen, bemächtigte sich eine
-allgemeine Nervosität und Unruhe der englischen Schiffsbesatzung.
-Täglich wurde Musterung mit Schwimmwesten abgehalten. Unsere
-Erholungsstunden an Deck fielen aus, und die englischen Soldaten hörten
-mit ihrem ängstlichen Gefrage nach unseren U-Booten überhaupt nicht
-mehr auf. Was haben wir denen die Hölle heiß gemacht!
-
-Endlich nach zehn Tagen lief der Dampfer in Plymouth ein. Als die
-Ankerkette rasselte und wir, sicher vor U-Booten, in dem schützenden
-Hafen lagen, konnten wir durch die Schottür sehen, wie die englischen
-Soldaten auf die Knie sanken, und hörten, wie sie kirchliche Lob-
-und Danklieder sangen zum Dank für die Errettung aus deutscher
-U-Boots-Gefahr.
-
-Gleich nach der Ankunft kam ein Tender längsseit und nahm uns Gefangene
-mit selbstverständlich der doppelten Anzahl der Bewachung auf und
-brachte uns an Land.
-
-Auf die Ankunft _so vieler_ Gefangenen schien man nicht vorbereitet zu
-sein. Die Engländer waren einfach kopflos. Kein Mensch wußte, was mit
-uns geschehen sollte, kein Mensch, der Rat schaffen konnte.
-
-Endlich wurden wir in einen Zug verladen, ich selber kam allein in ein
-Abteil, rechts und links von mir und mir gegenüber je ein Unteroffizier
-mit aufgepflanztem Seitengewehr, die den strengen Befehl erhalten
-hatten, mich scharf zu bewachen. Der Grund zu dieser besonderen Ehre
-war folgender:
-
-Als ich eingesehen hatte, daß es gänzlich ausgeschlossen war, daß
-ich jemals wieder freigelassen würde oder man mich als Schweizer
-anerkannte, hatte ich mich auf dem Dampfer ebenso wie die anderen
-Gefangenen dem führenden Offizier zu erkennen gegeben und verlangt, daß
-ich meinem Range entsprechend behandelt würde. Der englische Offizier
-erklärte mir, mich sofort in die erste Klasse aufzunehmen, wenn ich
-mein Ehrenwort geben würde, niemals einen Fluchtversuch zu machen
-und in diesem Kriege nicht mehr mitzukämpfen. Da ich dieses Ansinnen
-selbstverständlich mit Entrüstung ablehnte, wurde ich wieder in den
-Laderaum geschickt. Der einzige Erfolg war die strengere Bewachung.
-
-Abends bei Dunkelheit kamen wir in Portsmouth an. Auf dem Bahnhof
-und auch sonst wußte keiner, was mit uns anzufangen. Auch hier
-schien alles durch die ungeheuer große Gefangenenzahl (wir waren
-sechsundfünfzig Männekens) vollständig den Kopf verloren zu haben.
-
-Schließlich wurden wir in das Arresthaus (ein etwas besseres Gefängnis)
-geschafft. Auch hier große Überraschung und Verwirrung. Das Arresthaus
-ist dazu da, betrunkene Soldaten und Matrosen, die nachts auf den
-Straßen oder im Lokal aufgesammelt werden, unterzubringen, um sie
-ihren Rausch ausschlafen zu lassen und dann am nächsten Tage, nach
-Verabfolgung einer gehörigen Tracht Prügel, ihren Kommandos wieder
-zuzustellen. Ein alter, widerlicher Gefängniswärter und zwei ebenso
-alte, aber gemütliche und biedere Soldaten hatten die Aufsicht. Auf
-drei Zimmer wurden wir verteilt. Die Räume waren vollständig leer, eine
-elende Gasflamme erhellte sie notdürftig. Die Fenster waren zum großen
-Teil zerbrochen, es herrschte eine grimmige Kälte, und die Kamine
-hatten selbstverständlich kein Feuer. Den ganzen Tag hatten wir nichts
-zu essen bekommen, und hungrig wie die Wölfe hatten wir uns auf die
-Abendkost gefreut.
-
-Abendbrot? Auch nicht vorhanden!
-
-Da gingen wir denn zu den beiden alten Soldaten, und in kurzer Zeit
-hatten wir mit ihnen Freundschaft geschlossen. Ein kleines Trinkgeld
-bewirkte Wunder. Die alten Knacker rissen sich fast die Beine für
-uns aus. Wir gaben ihnen Geld mit, und schon nach einer halben
-Stunde keuchten sie schwer beladen mit Brot, Butter und Aufschnitt
-herein. Zwei riesige Töpfe Tee, mit Milch und Zucker gemischt, wurden
-aufgesetzt, Holzkohle konnten wir uns selber holen, und bald prasselte
-in allen drei Kaminen ein wundervolles Feuer. Die Eßvorräte waren ganz
-ausgezeichnet und so reichlich, daß selbst wir Ausgehungerten etwas
-übrigließen.
-
-Unsere gute Laune erreichte ihren Höhepunkt, als die Soldaten uns
-einige englische Zeitungen zusteckten. Der geistige Hunger war ja noch
-größer gewesen als der körperliche, denn seit Wochen hatten wir nicht
-das geringste von dem, was in der Welt vorging, gehört. Wenn auch
-in den Zeitungen natürlich _nur_ von englischen, französischen und
-russischen Siegen berichtet wurde, so wußten wir doch wenigstens, wo
-was los war.
-
-[Illustration: Der Verfasser (in Zivil) mit dem abgeschlagenen Motor
-seines Flugzeuges beim Mandarin von Hai-Dschou]
-
-Streng verboten war uns auch der Alkohol. Doch auch in England schien
-ein Verbot nur zum Übertreten da zu sein. Einer von unseren Posten
-war nämlich Mitglied einer in England und Amerika weit verbreiteten
-Freimaurerloge, in der zufällig auch mein Freund, der andere
-Schloß_herr_, Meister war. Als der Soldat das Freimaurerabzeichen
-im Knopfloch meines Freundes erkannte, da war die Freundschaft
-besiegelt. Im Erdgeschoß unseres Gefängnisses war eine kleine Kantine,
-und einer nach dem anderen von uns wurde von dem guten Logenbruder
-heruntergeführt, stärkte sich unten und konnte auch seine Tasche mit
-Bierflaschen gefüllt heraufbringen,
-
-[Illustration: Donington Hall, Leicestershire, England, wo die
-gefangenen deutschen Offiziere interniert sind.]
-
-Das Beste war, daß unsere Posten, die mit aufgepflanztem Gewehr vor
-unserer Tür Wache gingen, uns ruhig weggehen ließen und uns sogar
-baten, wir möchten ihnen einige Flaschen Bier mit heraufbringen. Um
-neun Uhr abends waren unsere Posten bereits so weit, daß wir mit ihnen
-zusammen Gewehrgriffe übten, um elf Uhr abends ließ der eine Posten
-sogar sein Gewehr fallen und kippte selber mit dem ganzen Kohlenkasten,
-auf dessen Rand er sich gesetzt hatte, um.
-
-Wenn ich damals schon _die_ Erfahrungen besessen hätte, die ich mir
-nach fünfmonatiger Gefangenschaft angeeignet hatte, ich wäre da schon
-ausgerückt.
-
-Sowohl in diesem Gefängnis wie auch in allen anderen Lagern, wo wir mit
-den englischen Tommies zusammenkamen, war deren erste Bitte, nachdem
-wir uns etwas angefreundet hatten, ihnen einen Zettel zu überlassen
-mit unserer Adresse und womöglich noch der Adresse von Bekannten in
-Deutschland und der Bescheinigung, daß der englische Soldat Soundso
-uns gut behandelt hätte. Diese Zettel wurden von ihnen wie Heiligtümer
-aufbewahrt, damit sie sie vorzeigen könnten, wenn sie an die Front
-kämen und in deutsche Gefangenschaft gerieten.
-
-Zum Schlafen erhielten wir winzige Zeltstrohsäcke, die so kurz waren,
-daß unten die Füße von den Waden ab herausragten, und so schmal,
-daß nur ein ganz geschickter Zirkuskünstler mit dem Rücken darauf
-balancieren konnte. Dazu gab's zwei wollene Decken. Wie die Bären
-haben wir geratzt. Allerdings lagen wir am nächsten Morgen alle neben
-den Matratzen. Am nächsten Morgen, es war Sonntag, erschien ein hoher
-Armeeoffizier, um uns zu besichtigen. Er fragte nach unseren Wünschen.
-Ich berief mich nochmals darauf, daß ich Offizier wäre und als solcher
-das Recht hätte, zu verlangen, als kriegsgefangener Offizier behandelt
-zu werden. Der Mann war sehr liebenswürdig, versprach mir alles, wenn
-wir erst am nächsten Tage an unserem Bestimmungsort angelangt wären,
-und -- -- hielt nichts.
-
-Endlich am Montag wurden wir aus unserem Gefängnis befreit. Wie immer
-dicht umringt von unserer Wachmannschaft, marschierten wir zum Hafen,
-nahmen auf einem kleinen Dampfer Platz und fuhren auf die Reede hinaus.
-
-Nach einer einstündigen Fahrt legten wir an einem riesigen Dampfer
-an, der als Gefangenenlager diente. Nach einer längeren Verhandlung
-mußten wir wieder ablegen, da der Kommandant des Dampfers erklärte, er
-wüßte von uns nichts und hätte außerdem keinen Platz. Bei dem nächsten
-Dampfer, es war der Cunard-Liner „Andania”, dasselbe Schauspiel. Ob nun
-der englische Offizier, der uns führte, ein englischer Major, besser
-schimpfen konnte als der Lagerkommandant, oder woran es lag, jedenfalls
-gingen wir nach einer halben Stunde an Bord.
-
-Ein dicker aufgeblasener englischer Armeeleutnant, der die Stellung
-des Lagerkommandanten und gleichzeitig Dolmetschers auf diesem Schiff
-bekleidete, nahm uns in Empfang.
-
-Als ich an der Reihe war, gemustert zu werden, brachte ich in
-höflichem Tone mein Anliegen vor und verlangte energisch, daß ich den
-Bestimmungen gemäß in ein Offizierslager gebracht würde. Die Antwort
-dieses Gentleman war unerhört und zeigte seinen gemeinen Charakter
-recht deutlich.
-
-„Sie werde ich ganz besonders schlecht behandeln, ich habe schon von
-Ihnen gehört, Sie sind aus Tsingtau ausgekniffen und haben mehrere Male
-Ihr Ehrenwort gebrochen; wenn Sie noch einen Ton hier sagen, sperre
-ich Sie ein und lasse Sie so lange hungern, bis Sie überhaupt nicht
-mehr reden können. Die englischen Offiziere werden in Deutschland so
-schlecht behandelt, das sollen Sie jetzt büßen.”
-
-Das waren mir nette Aussichten. Was sollte ich dagegen machen?
-
-Auf dem Dampfer waren über tausend Gefangene. Die Unterbringung das
-Schamloseste, was ich jemals gesehen. Ohne Licht und Luft saßen die
-Leute in den unteren Räumen des Schiffes zusammengepfercht, und die
-einzige körperliche Bewegung bestand im Aufundablaufen auf dem schmalen
-Vor- und Achterdeck. Als wir in den für uns bestimmten Raum geführt
-wurden, packte mich ein wahres Grauen. Ich glaube, ich wäre verrückt
-geworden, hätte ich da längere Zeit hausen sollen. Unser englischer
-Unteroffizier schien ein vernünftiger Mann zu sein. Ich hatte sogar
-das Glück, durch ihn mit meinem Schlosserkameraden eine kleine Kabine
-an der Bordwand zu erhaschen, die sogar ein Bullauge besaß. Das Leben
-an Bord war höchst eintönig. Morgens um sechs Uhr Wecken und abends um
-zehn Uhr Licht aus. Vor- und nachmittags mußten wir je zwei Stunden
-an Oberdeck herumstehen, und jeden Mittag war Appell. Die Mahlzeiten
-nahmen wir in den riesigen Speisesälen des Dampfers ein. Wir saßen
-zu zwölf an einem Tisch, und genau wie alle anderen ging ich meinen
-Stubendienst, holte aus der Kombüse das Essen für den ganzen Tisch und
-wusch auch das ganze Speisegeschirr mit ab.
-
-Unser Kommandant hieß übrigens Maxstedt; er war Whiskyreisender von
-Zivilberuf und hatte dabei wohl so viel Geld verdient, daß er sich
-sein Offizierspatent kaufen konnte. Über eins hatte er sich besonders
-geärgert. Gleich nach unserer Ankunft wurden wir gefragt, wer von uns
-täglich zwei Mark fünfzig Pfennig bezahlen wolle. Dafür könnten die
-Betreffenden in einem Raum für sich allein und etwas Besseres essen und
-brauchten ihr Eßgeschirr nicht selbst abzuwaschen. Daß keiner von uns
-auf diesen Schwindel hineinfiel, hatte ihn besonders erbost.
-
-Am zweiten Tage hatte ich meinen englischen Bericht an die englische
-Regierung fertig und stieg damit zum Herrn Maxstedt hinauf. Höhnisches
-Grinsen seinerseits. „Sie wissen doch, Ihr Gesuch gebe ich weiter, aber
-was ich dazu schreibe, das können Sie sich wohl denken. In Deutschland
-müssen die englischen Generale wie die Pferde vor dem Pflug hergehen,
-_das_ sollen Sie jetzt büßen.”
-
-Es war vergeblich, ihn von der Torheit seiner Behauptungen zu
-überzeugen. Jeden Abend bei der Ronde nach dem Zubettgehen kam er extra
-in meine Kammer, drehte das Licht an und sagte: ~„Still here?”~ Zu
-kindisch!
-
-Eines Tages wurde uns fünfzig Zivilgefangenen von Herrn Maxstedt
-befohlen, das Deck der ersten Klasse zu scheuern und die dortigen
-Bullaugen zu putzen. Unser Streik war selbstverständlich. Als wir bei
-unserer Weigerung blieben, wurden wir mit zweimal Mittagessenentbehren
-und abends um neun Uhr Zubettgehen bestraft. Dabei war der Maxstedt
-so feige, daß er nicht wagte, bei der Musterung an unserer Front
-vorbeizugehen und uns die Strafe selbst aufzubrummen. Vielmehr blieb
-er in respektvoller Entfernung und sandte nur seinen Unteroffizier als
-Herold.
-
-Maxstedt schäumte.
-
-„Natürlich”, sagte er, „ist wieder dieser ~flying man~ dran schuld, der
-stachelt noch die ganze Besatzung zur Meuterei auf, aber ich werd's ihm
-eintränken, ich werde ihn schon vor das Kriegsgericht bringen.”
-
-Die Sache wurde mir doch zu bunt, ich war vollständig unschuldig und
-schrieb Maxstedt einen recht energischen Brief, in dem ich unter
-anderem betonte, ich hoffte, er sei nur ~temporary lieutnant~, nicht
-aber auch ~temporary gentleman~. Das half!
-
-Maxstedt behauptete, mit diesem ~flying man~ nichts mehr zu tun haben
-zu wollen, und schon am nächsten Tage lag ein Dampfer längsseit und
-führte mich mit noch einigen Leidensgenossen von der „Andania” und
-seinem gemeinen Gefängniswärter fort.
-
-Wie wohl war mir da zumute! Mit der Eisenbahn ging es wieder
-stundenlang westwärts. Ich natürlich wieder in einem Kupee allein,
-diesmal außer den drei Unteroffizieren auch noch von einem Offizier
-bewacht.
-
-Abends langten wir in Dorchester an.
-
-Hier wehte eine andere Luft, das merkte man gleich. Ein englischer
-Kapitän namens Mitchell vom Gefangenenlager trat auf mich zu und fragte
-mich höflich, ob ich Offizier sei.
-
-„Ja!”
-
-„Dann wundert es mich aber sehr, daß Sie in ein Mannschaftslager
-gebracht werden. Bitte verzeihen Sie, daß ich Ihnen keinen Offizier zu
-Ihrer Begleitung stelle, ich gebe Ihnen aber meinen ältesten Feldwebel,
-wollen Sie dann bitte allein hinter den anderen Gefangenen hergehen.”
-
-Ich war sprachlos.
-
-Als wir durch das entzückende, saubere Städtchen hindurchmarschierten,
-da erscholl plötzlich hinter uns frisch und hell und klar und mit
-Begeisterung geschmettert „Die Wacht am Rhein”, dann schönste
-Soldatenlieder und „O Deutschland hoch in Ehren”. Wir wähnten zu
-träumen, und als wir uns verwundert umsahen, marschierte hinter uns ein
-Trupp von zirka fünfzig strammen deutschen Soldaten, die von dem Lager
-zum Bahnhof kommandiert waren, um unser Gepäck abzuholen.
-
-O wie schwoll einem das Herz! Mitten in Feindesland, trotz Wunden und
-Gefangenschaft diese helle Begeisterung, dieser schmetternde Gesang!
-Das muß ich den Engländern lassen, sie waren außerordentlich tolerant,
-und die Bevölkerung hat sich stets mustergültig betragen. Stumm stand
-sie dicht gedrängt zu beiden Seiten der Straße, aus allen Fenstern
-schauten blonde Köpfchen hervor, nirgends eine verächtliche Bewegung,
-nirgends ein Schimpfwort. Ja zum Teil schien man den alten deutschen
-Melodien wie einem Wunder zu lauschen.
-
-Im Lager erhielten wir Zivilgefangene zu je dreißig eine kleine
-Holzbaracke angewiesen, die unseren Schlaf-, Wohn- und Eßraum bildete.
-Ein winziger Zeltstrohsack, der direkt auf dem Fußboden lag, und zwei
-wollene Decken bildeten unseren Schlafplatz. Mein Kapitän bat mich, mit
-dem zur Verfügung Stehenden vorliebzunehmen, da er leider für mich aus
-Platzmangel kein Extrazimmer frei hätte.
-
-Das Lager von Dorchester faßte rund zwei- bis dreitausend Gefangene
-und bestand zum Teil aus alten Rennställen und aus Holzbaracken. In
-denselben Ställen hatten bereits vor hundert Jahren deutsche Husaren
-gelegentlich des Besuchs des Feldmarschalls Vorwärts in England als
-Gäste gehaust!
-
-Die Gefangenen fühlten sich hier sehr wohl, das Essen war gut und
-reichlich, die Behandlung einwandfrei, und für sportliche Betätigung
-war gut gesorgt.
-
-Besonders der Kapitän Mitchell und der Major Owen haben sich um das
-Wohlergehen unserer Leute verdient gemacht. Beide waren prächtige alte
-Soldaten von echtem Schrot und Korn, hatten viele Kriege und Kämpfe
-mitgemacht und wußten den Soldaten richtig anzufassen. Diese beiden und
-der englische Arzt haben dann auch unseren Leuten eine Musikkapelle,
-Turngeräte und Sportspiele geschenkt und, wo sie konnten, den Leuten
-Gutes getan. Ein ganz hervorragendes Verdienst hat sich der älteste
-deutsche Gefangene, ein Feldwebelleutnant X. aus München, erworben.
-Er war Kaufmann von Zivilberuf und sprach fließend Englisch. Ein ganz
-hervorragender Mann! Eigentlich war er die Seele des Ganzen, die
-richtige Mutter des Lagers. Auch nicht das geringste wurde gemacht, was
-er nicht vorher bestimmt hatte. Er war die rechte Hand des englischen
-Lagerkommandanten, und ohne ihn wären, glaube ich, die Engländer, die
-auch nicht den leisesten Schimmer von Organisationstalent besaßen,
-vollends durchgedreht. Es war geradezu erstaunlich, wie dieser
-Feldwebelleutnant es verstand, für das Wohlergehen unserer Leute zu
-sorgen und zwischen unseren Leuten und den Engländern zu vermitteln.
-Allerdings wußten auch die englischen Offiziere sehr gut, was für
-eine Stütze sie an ihm hatten. Schon am Tage nach meinem Eintreffen
-in Dorchester reichte ich nochmals mein Gesuch um Überführung in ein
-Offizierslager ein, denn wie ich vorausgesehen hatte, war mein erstes
-Gesuch von Herrn Maxstedt nicht weitergegeben worden. Nach vierzehn
-Tagen kam das Gesuch vom Kriegsministerium zurück mit der Anfrage, ob
-ich nicht jemand in England namhaft machen könne, der mich kenne. Nun
-entschloß ich mich zu dem schweren Schritt, schrieb meinen englischen
-Bekannten, und schon nach drei Tagen kam von ihnen die Nachricht
-zurück, daß sie mich kennten und mich sehr gern legitimieren würden.
-Nun ging das Ganze nochmals an das ~War office~, und geduldig harrte
-ich meiner Versetzung.
-
-Wenn es nach dem alten Spruch gegangen wäre: Mit Geduld und Spucke
-fängt man eine Mucke, hätte ich Milliarden dieser Fliegerkollegen
-erlegen können. Vorerst blieb ich noch in Dorchester, und als vierzehn
-Tage nach unserer Ankunft die übrigen Zivilgefangenen wieder weiter
-transportiert wurden, da konnte ich es erwirken, in dem Soldatenlager
-Dorchester bleiben zu dürfen.
-
-Aus meiner Baracke zog ich aber aus und siedelte in ein Stübchen des
-Stalles über, in das ich vom Feldwebel N. liebevoll aufgenommen wurde.
-
-Das Leben in diesem Stübchen war einzig und von bester Kameradschaft
-beseelt. Außer aus dem Feldwebel bestanden meine Kameraden aus einem
-riesigen bayerischen Infanteristen vom Leibregiment, der den Spitznamen
-Schorsch hatte und gleichzeitig unser Koch war, aus einem fixen und
-gewandten Husaren-Gefreiten, gebürtigen Lothringer, von Zivilberuf
-Schutzmann, und endlich aus zwei prächtigen Gardeschützen, hünenhaft
-von Gestalt, echten blonden Friesen. Nach acht Tagen kam noch ein
-siebenter Gast hinzu, und zwar war dieser der Fähnrich zur See H.,
-der als Flugzeugbeobachter mit seinem Flieger von den Engländern in
-der Nordsee aufgefischt war, nachdem sie über vierzig Stunden auf dem
-wracken Flugzeug herumgetrieben waren.
-
-Das Verhältnis auf der Stube war geradezu ideal. Die Mannschaften waren
-alle bei dem großen Rückzug nach der Marneschlacht gefangengenommen
-worden und, wie es bei diesen prächtigen Burschen nicht anders zu
-erwarten war, nur schwerverwundet in Feindeshand gefallen. Eine
-vornehme Gesinnung, eine Begeisterung und glühende Vaterlandsliebe
-besaßen diese Leute, daß mir vor Stolz ordentlich das Herz schwoll.
-Besonders nett waren die Abende. Man hätte uns nur sehen sollen, mit
-welcher Begeisterung und kindlichen Freude wir abends stundenlang
-auf einem selbst konstruierten Brett mit selbst hergestellten
-Korkenpferdchen unserem Pferdchenspiel oblagen.
-
-Und wenn erst das Erzählen anging!
-
-Alles war mir ja neu, und ich war glücklich, endlich aus bester Quelle
-von unseren herrlichen Kämpfen und Siegen etwas zu erfahren.
-
-Jeden Nachmittag wurden drei- bis vierhundert Gefangene,
-selbstverständlich von englischen Soldaten eng umgeben, spazieren
-geführt. Sehr oft bin ich mitgegangen. Es ging mitten durch das
-reizende Städtchen, dann im großen Bogen durch die schöne Umgebung.
-Die ganze Zeit über wurden Soldatenlieder gesungen, beim Hin- und
-Rückmarsch durch die Stadt mit besonderer Kraft und Begeisterung „Die
-Wacht am Rhein” und „O Deutschland hoch in Ehren”. Man stelle sich bloß
-vor, drei- bis vierhundert unserer besten Kerls, unserer Sieger unter
-General Kluck! Die englische Bevölkerung benahm sich auch hierbei stets
-einwandfrei. In dichten Reihen stand sie an den Seiten der Straßen,
-nirgends ein Schimpfwort, nirgends eine Drohung. Eine sehr nette
-Episode erzählte mir der Feldwebel: Als der Major Owen und Kapitän
-Mitchell neu zum Lager kommandiert waren, wurden sie von ihren Frauen
-inständigst gebeten, sich ja nicht ohne Bewachung und ohne schwerste
-Bewaffnung unter die deutschen Barbaren zu begeben. Die beiden alten
-Soldaten ließen sich jedoch in ihrer Meinung nicht irremachen, kamen
-ohne Waffen und wurden -- -- nicht aufgefressen. Nach einiger Zeit
-sagten sie zu ihren Frauen: sie sollten doch auch einmal in das Lager
-kommen und sich davon überzeugen, daß die deutschen Soldaten nicht
-_das_ wären, zu dem sie in englischen Zeitungen gemacht würden, sondern
-daß sie wirklich ganz normale Menschen seien.
-
-Die Damen fielen natürlich zunächst in Ohnmacht. Nach vielem Zureden
-aber, und nachdem ihnen versichert war, daß sie von einer starken
-Wache umgeben werden würden, wagten sie es, die Dienstzimmer ihrer
-Männer zu betreten und von oben aus dem Fenster herab dem Treiben der
-deutschen Soldateska zuzusehen. Der Besuch war bekanntgeworden, und
-stillschweigend hatte sich unser Männergesangverein unter der Leitung
-eines jungen talentierten Musikers unter den Fenstern eingefunden
-und fing an, seine schönsten Lieder zu singen. Die Damen sollen vor
-Ergriffenheit nicht fähig gewesen sein zu reden, sie traten ans Fenster
-und weinten bitterlich vor tiefstem Weh. Von nun ab kamen sie öfters,
-und viel Gutes ist durch sie unseren Leuten getan worden.
-
-Eine andere Geschichte ist auch recht bezeichnend. Ein neuer Oberst
-kam ins Lager. Bei seiner ersten Besichtigung war er bis an die
-Zähne bewaffnet und hatte vor und hinter sich einen Soldaten mit
-aufgepflanztem Bajonett. Als er den Major und den Kapitän vollkommen
-unbewaffnet und unbegleitet traf, machte er ihnen wegen ihrer
-Unvorsichtigkeit die größten Vorwürfe.
-
-Er hat sich aber bald gebessert.
-
-An einem Tage ließ dieser neue Kommandant die beiden anderen Herren
-kommen und sagte ihnen voll Entsetzen: „Ja, denken Sie sich, da sind
-gestern einige neue Gefangene gekommen, und mir ist gemeldet worden,
-sie hätten Läuse! So etwas Schreckliches kann doch nur bei diesen
-Deutschen vorkommen.” Darauf drehte sich der Kapitän ganz ruhig zu
-dem daneben stehenden Major um und sagte ihm: „Sie, Owen, wissen Sie
-noch, wie wir beide das letztemal im Feldzuge so voller Läuse steckten,
-daß wir uns nicht rühren konnten?” Der Oberst war sprachlos. Ich muß
-allerdings hinzufügen, daß der Oberst zwar Oberst war, aber nie in
-seinem Leben irgendwo militärisch zu tun gehabt hatte. Das gibt's auch
-nur in England!
-
-Gegen Ende März hielt ich endlich die erste Nachricht aus der Heimat
-in der Hand. Im Juli Neunzehnhundertvierzehn, kurz vor Ausbruch des
-Krieges, hatte ich von den Meinen die letzte Nachricht erhalten, die
-vom Juni stammte. Nun endlich, nach fast neun Monaten, wieder die
-ersten Zeilen.
-
-Man kann sich vorstellen, wie mir zumute war, als ich den ersten Brief
-in der Hand hielt und anfangs zögerte ihn zu öffnen. Alle meine Brüder
-und Verwandten waren Offiziere, sie alle standen seit Kriegsbeginn im
-Felde; was für Nachrichten brachten mir diese ersten Zeilen? Die eine
-Freudennachricht enthielt der kurze Bogen, daß meine Brüder trotz Kampf
-und Gefahr am Leben waren. Aber auch eine Trauerbotschaft, die mich
-schwer traf, daß mein geliebtes holdes Schwesterlein, mein treuester
-Freund und Kamerad, durch die Wirkung des Krieges gestorben war.
-
-Kriegsschicksal!
-
-An einem der letzten Tage des März kam endlich der Befehl, daß ich als
-Offizier anerkannt worden wäre und in ein Offizierslager übergeführt
-werden sollte. Mein Bündelchen und mein Hockeystock waren bald
-zusammengepackt, und nach herzlichem Abschied von den braven Kameraden
-marschierte ich in meinem besten Päckchen mit dem Major Owen zusammen
-zum Tore hinaus und zum Bahnhof.
-
-Das feine Taktgefühl des alten Haudegens hat mir besonders wohlgetan.
-Nach mehrstündiger Fahrt langten wir endlich in Maidenhead in der Nähe
-von London an, wo ich von einem neuen englischen Offizier in Empfang
-genommen wurde. Und hier, o Wunder, traf ich alte liebe Bekannte
-wieder. Fünf blanke runde amerikanische Goldstücke, die seinerzeit
-einem Schlossergesellen, später Schloßherrn Ernst Suse abgenommen
-waren, wurden meinem neuen Begleiter übergeben, und dieser durfte sie
-mir jetzt, da ich ja nun wieder Offizier war, ohne weiteres aushändigen.
-
-Die Wiedersehensfreude!
-
-Im Auto ging's jetzt zum Offizierslager Holyport. Die Posten
-präsentierten, das Drahthindernis wurde geöffnet, und schon war ich von
-einer freudigen Schar von Kameraden umringt.
-
-Ja, wer hätte das gedacht.
-
-Sie, die ich fast vor dreiviertel Jahren in Tsingtau zum letzten
-Male gesehen hatte, die Sieger von Coronel, die wenigen überlebenden
-Tapferen von den Falklandinseln traf ich hier wieder. Die Freude
-kann man sich kaum vorstellen. Das Fragen und Erzählen! Kein Ende
-wollte es nehmen. Und dann geschah für mich ein Wunder. Ich wurde in
-ein Zimmer geführt, und da standen wahrhaftig sechs bis acht Betten,
-richtige schöne Betten, weiß und sauber bezogen. Fast acht Wochen war
-ich gefangen, nun das erste Bett, das ich zu Gesicht bekam. Kann man
-da verstehen, mit welcher Scheu und Andacht ich mich an diesem Abend
-hineinlegte?
-
-In der ersten Zeit kam ich mir wie im Paradiese vor. Besonders da ich
-hier endlich wieder als Mensch behandelt wurde. Ich war wieder unter
-meinen Kameraden, fand liebe Freunde und viel geistige Anregung.
-
-Die Behandlung im Lager war gut. Der englische Kommandant ein
-verständiger Mann, bemüht, uns das Leben zu erleichtern.
-
-Das Gebäude selbst war ein altes Kadettenhaus, im ganzen waren hundert
-kriegsgefangene Offiziere im Lager, und wir waren auf Stuben bis zu
-acht oder zehn Offizieren untergebracht.
-
-Diese Stuben waren gleichzeitig unser Schlaf- und Aufenthaltsraum.
-Außerdem gab es noch eine große Reihe von Messe-, Lese- und
-Speiseräumen, in denen wir uns, wenn wir nicht an der frischen Luft
-waren, meist aufhielten. Das Essen war echt englisch, also dadurch den
-meisten Deutschen wenig zusagend, aber gut und reichlich. Es wurde eher
-dadurch verbessert, daß wir am Anfang eigene Meßführung hatten, welche
-später leider vom englischen ~War office~ aufgehoben wurde.
-
-Den ganzen Tag über waren wir ziemlich ungestört. Wir konnten uns im
-Gebäude und in einem mäßig großen Garten, der das Haus umgab, frei
-bewegen; morgens um zehn Uhr Musterung und abends um zehn Licht aus und
-Ronde.
-
-Dem Stacheldrahthindernis, welches das Ganze umgab und Tag und Nacht
-streng bewacht und beleuchtet war, durften wir uns selbstverständlich
-nicht nähern, geschweige denn dieses Gehege verlassen. Nur vor- und
-nachmittags wurde das Hindernis für uns geöffnet, und wir konnten durch
-ein Spalier von englischen Soldaten zu einem zweihundert Meter entfernt
-liegenden Sportplatz gehen. Für unseren Sport war mustergültig gesorgt.
-Zwei prachtvolle Fußball- und vor allen Dingen Hockeyplätze standen
-uns zu unserem ausschließlichen Gebrauch zur Verfügung, und wir haben
-da gespielt, daß selbst den Engländern die Augen übergingen. Daß auch
-dieser Platz selbstverständlich mit Stacheldraht und Posten umgeben
-war, brauche ich wohl nicht zu erwähnen.
-
-Sehr angenehm war es, daß wöchentlich zweimal ein sehr guter Schneider
-und ein Wäschelieferant mit vorzüglicher Wäsche in das Lager kam und es
-uns dadurch ermöglicht wurde, uns wieder anständig anzuziehen.
-
-Als Gehalt bekamen wir monatlich einhundertundzwanzig Mark, wovon
-gleich sechzig Mark monatlich für unsere Verpflegung einbehalten
-wurden. Die übrigen sechzig Mark konnten wir für uns ausgeben, außerdem
-konnte man sich von Hause Geld schicken lassen. Die Post funktionierte
-tadellos. Die Briefe von Deutschland kamen im allgemeinen regelmäßig
-an und gebrauchten im ganzen sechs bis acht Tage. Pakete gingen
-ebensolange.
-
-Mit unseren eigenen Briefen war es allerdings knapp bestellt.
-Wöchentlich durften wir nur zwei kurze vorgeschriebene Zettelchen
-schreiben, und wie gerne hätten wir dabei stundenlang unseren Lieben
-daheim erzählt! Die Briefpost, die war ja unser ein und alles. Nach
-der Briefausgabe berechneten wir die ganze Tageseinteilung, nach den
-Briefen richtete sich unser ganzer Seelenzustand, überhaupt hing die
-ganze Stimmung im Lager von der Post ab.
-
-Jeden Morgen wiederholte sich dasselbe Schauspiel. Wenn der
-Dolmetscheroffizier mit den Briefen kam, blieb alles stehen und liegen,
-alles war vergessen. Von einer lautlosen Menge Harrender war der
-englische Offizier umgeben. Jeder hatte in seinem Herzen den heißesten
-Wunsch, daß ihm der heutige Tag einen Gruß aus der Heimat, eine Zeile
-von lieber Hand geschrieben bringen möge. Und dann die Freude, wenn was
-da war, und die Trauer und Niedergeschlagenheit, wenn man mit leeren
-Händen abziehen mußte. Im letzteren Falle sagten wir immer: „Wieder
-mal ein Tag verloren!”
-
-Als ich rund zwei Monate später in Deutschland war und von vielen
-Seiten gefragt wurde, womit man dem Kriegsgefangenen eine Freude machen
-könne, habe ich immer nur gesagt: „Schreibt, schreibt, so viel ihr
-könnt; die Briefe sind das, wonach der Gefangene sich am meisten sehnt.”
-
-Unser Zusammenleben war den Umständen entsprechend ein äußerst
-kameradschaftliches. Besonders nett waren die Abende, an denen wir
-in Gruppen um die schönen großen Kamine saßen. Mächtige Holzkloben
-brannten, und dann hub ein Erzählen an von Schlachten und Siegen, von
-Not und Tod und von wilden abenteuerlichen Erlebnissen. Viele gute
-Bücher, ein Streichquartett und ein Gesangverein, den wir uns gegründet
-hatten, trugen wesentlich zur Unterhaltung bei.
-
-Auch mancher Ulk wurde getrieben, und wenn man sich endlich wieder
-einmal so recht herzhaft ausgeschüttet hatte vor Lachen, dann atmete
-man erleichtert auf, und für kurze Zeit wich dann der furchtbare Druck
-der Gefangenschaft von uns.
-
-Unser kameradschaftliches Zusammensein wurde Ende April plötzlich
-gestört.
-
-Eines Abends kam der Befehl, daß fünfzig von uns hundert Offizieren am
-nächsten Morgen zu dem Offizierslager in Donington Hall übergeführt
-werden sollten. Die Aufregung bei uns war groß, denn keiner wollte weg.
-Es half kein Bitten und kein Sträuben, es hieß einfach, Koffer packen
-und abmarschieren. Der einzige Seeoffizier, der mit wegkam, war leider
-ich, und zwar auf besonderen Befehl des englischen Lagerkommandanten,
-da ihm die Nähe Londons für mich zu gefährlich schien.
-
-Da ich fort kam, schloß sich auch der zweite Flieger von der Armee,
-mein treuer Freund Siebel, an. So blieben wir beiden Flieger wenigstens
-zusammen.
-
-Am ersten Mai ging's also los. In Autos zu je fünf wurden wir zum
-Bahnhof Maidenhead gefahren, wo zwei Extrawagen für uns bereitstanden.
-In den Abteilen blieben wir ungestört für uns allein, die Wagen selbst
-wurden aber von Soldaten streng bewacht.
-
-Stundenlang rollten wir nun durch die Gegend nach Norden zu. Die Menge
-auf den Bahnhöfen sah zwar neugierig in unsere Kupeefenster, jedoch
-verhielt sie sich vollkommen ruhig. Nur hin und wieder streckte uns
-ein altes Weib, wahrscheinlich Suffragette von Zivilberuf, ihre wenig
-schöne Zunge aus. Am Nachmittage langten wir endlich auf der Station
-Donington Castle, in der Nähe von Derby, an, stiegen aus und mußten in
-Gruppenkolonnen auf dem Bahnhof antreten. Umringt von zirka sechzig
-bis siebzig Soldaten, marschierten wir auf das Kommando ~„Quick
-marsh”~ ab. Außerhalb des Bahnhofs empfing uns eine johlende Menge.
-Fast alles Weiber und halbwüchsige Burschen und Kinder, nur wenige
-Männer. Den meisten von uns war von Frankreich her dies unwürdige
-Benehmen der Bevölkerung reichlich bekannt, in England war es etwas
-Neues. Die Weiber und jungen Mädchen, der niedrigen Bevölkerung
-angehörend, benahmen sich wie die Wilden. Heulend und pfeifend
-liefen sie neben und hinter uns her, ab und zu flog ein Stein oder
-Straßenschmutz in unsere Reihen. Aber im großen und ganzen lachten
-sich die Demonstrantinnen halbtot dabei und schienen sich bei ihrem
-Gejohle köstlich zu amüsieren. Bei der ersten Straßenbiegung kam ein
-Automobil hinter uns her gefahren. Am Steuer saß fett und hochnäsig
-unser englischer Dolmetscher-Offizier, Mr. Meyer, den wir später noch
-zur Genüge kennenlernen sollten. Herr Meyer wollte sich uns so recht
-zeigen und schon -- -- -- hatte er einen seiner eigenen Leute, die uns
-eskortierten, umgefahren. Ein allgemeines Geschrei und Geschimpfe, kein
-Mensch, der irgend etwas veranlaßte. Schließlich sprangen zwei von
-uns „Barbaren” hinzu und zogen den unglücklichen Tommy unter dem Auto
-hervor.
-
-Nun richtete sich die ganze Wut der Weiber gegen Herrn Meyer, und
-wenn der nicht schleunigst weitergefahren wäre, hätten sie ihn
-womöglich noch verprügelt. Daß sie es nicht taten, war ein Jammer.
-Der Zwischenfall war bald vergessen, und weiter johlte die Menge.
-Immer frecher wurde sie, immer mehr Schmutz wurde auf uns geworfen,
-als plötzlich -- ruhig und behäbig, mit gesenkten Köpfen nachdenklich
-wiederkäuend vier, fünf Kühe uns entgegenkamen, die an beiden Seiten
-bei uns vorbei wollten. Was nun folgte, war so komisch, daß wir alle
-samt unseren englischen Tommies stehenblieben und uns vor Lachen bogen.
-Kaum daß die bisher so mutigen Weiber die Kühe sahen, fingen sie
-auch schon an, furchtbar aufzuschreien, machten kehrt und liefen in
-wildester Flucht davon. Rücksichtslos wurden die Schwächeren von den
-Stärkeren umgestoßen, und bald lag ein wild strampelndes Knäuel vor
-Angst kreischender Weiber zu beiden Seiten der Straße im Graben.
-
-Von nun ab hatten wir Ruhe, und unbelästigt setzten wir in ziemlichem
-Geschwindschritt unseren Weg fort.
-
-Bei dem ganzen Marsch paßte ich scharf auf die Wege und einzelne
-besonders markante Punkte auf. Man konnte ja nie wissen, wozu einem das
-mal gut sein würde!
-
-Die Sonne brannte glühend vom Himmel herab, und in Schweiß gebadet
-langten wir nach anderthalb Stunden in unserem neuen Heim Donington
-Hall an.
-
-Hier herrschte Disziplin.
-
-Die Tore und Drahthindernisse öffneten sich, die ganze Wache stand
-unter präsentiertem Gewehr angetreten, der Wachtkommandant und zwei
-Leutnants auf dem rechten Flügel mit der Hand an der Mütze.
-
-Nachdem wir vom englischen Lagerkommandanten empfangen waren, wurden
-wir auf unsere Stuben verteilt, und es glückte mir, mit vier anderen
-Kameraden, darunter selbstverständlich meinem Freunde Siebel, eine sehr
-nette kleine Stube zu erhaschen.
-
-Auch hier traf ich eine große Anzahl alter Bekannter wieder. Da waren
-die Geretteten vom „Blücher”, von Torpedobooten und kleinen Kreuzern
-und mehrere Armee- und Marineflieger.
-
-Donington Hall stellte das Mustergefangenenlager von England vor.
-Nach allem, was wir bereits wochenlang in englischen Zeitungen
-darüber gelesen hatten, mußte es ein Paradies sein. Täglich fand
-man spaltenlange Artikel in den Zeitungen, in denen die Regierung
-angegriffen wurde, daß sie die deutschen Gefangenen zu luxuriös
-untergebracht habe. Wie immer, so gebärdeten sich die Frauen dabei am
-wildesten und hatten sogar die Erzwingung der Räumung Donington Halls
-zu einer Frauenfrage Englands gemacht! Selbst das Parlament mußte sich
-wiederholt mit diesem Thema beschäftigen. Da sollten Spielsäle sein
-und mehrere Billards, das Gebäude wie ein Schloß eingerichtet sein,
-ein besonderer Wildpark sollte für die Offiziere gehegt und für die
-deutschen Gefangenen sogar Fuchsjagden veranstaltet werden.
-
-Nichts von alledem war wahr. Wohl war Donington Hall ein großes altes
-Schloß, aus dem siebzehnten Jahrhundert stammend, umgeben von einem
-prächtigen alten Park, doch waren die Räume vollständig kahl und die
-Einrichtung so primitiv und kümmerlich wie nur irgend denkbar. Von
-Billard und Spielsälen und Fuchsjagden keine Spur. Aber tadellos sauber
-war alles, und dafür sorgte der englische Kommandant mustergültig. Nach
-unserer Ankunft waren wir im ganzen rund einhundertzwanzig Offiziere
-und wohnten schon dicht gepökelt. Das Lager war aber für vier- bis
-fünfhundert Offiziere berechnet worden. Das hätte ja eine feine Sache
-gegeben, da jetzt schon die Speiseräume und die Kochgelegenheit, Bade-
-und sonstige Einrichtungen nicht langten.
-
-Besonders angenehm war der schöne Park für uns.
-
-Unser ganzer Aufenthaltsraum war in zwei Zonen eingeteilt, in die
-sogenannte Tag- und in die Nachtgrenze. Diese Gebiete wurden begrenzt
-durch mächtige Drahthindernisse, die zum Teil elektrisch geladen waren,
-nachts durch mächtige Bogenlampen erhellt und Tag und Nacht durch
-Posten scharf bewacht wurden.
-
-Das Drahthindernis der Nachtgrenze umschloß das Haus und die
-davorliegenden Tennis- und Sportplätze; die Taggrenze erstreckte sich
-auch noch auf den Park.
-
-Abends um sechs Uhr war große Musterung, und nachdem alles anwesend
-und zur Stelle war, wurde die Taggrenze geschlossen, die sich erst am
-nächsten Morgen um acht Uhr wieder öffnete. Das Leben in Donington Hall
-war fast das gleiche wie in Holyport, nur daß wir hier durch den Park
-sehr viel mehr Bewegungsfreiheit hatten, fast noch mehr Sport trieben,
-falls es überhaupt möglich war, und drei sehr gute Tennisplätze
-besaßen. Die Verpflegung war auch hier echt englisch und schmeckte sehr
-vielen nicht, aber gut und reichlich. Der englische Oberst war recht
-vernünftig. Zwar knurrte er oft und war ziemlich kommissig, aber ein
-vornehmer, verständiger Mann, tadelloser Soldat vom Scheitel bis zur
-Sohle, und das war die Hauptsache. Er hat alles mögliche getan, um uns
-das schwere Los zu erleichtern, und hat sich ganz besonders für unsere
-Sportspiele interessiert. Und das war gut.
-
-Ein unangenehmer Vertreter war der englische Dolmetscher, der Leutnant
-Meyer (der pampige Autofahrer), ein würdiges Gegenstück zu meinem
-Freunde Maxstedt von der „Andania”; ebenfalls nicht nur ~„temporary
-lieutnant”~, sondern auch ~„temporary gentleman”~. Er stammte aus
-Frankfurt am Main, war vor dem Kriege Schmierendirektor gewesen und
-tat nichts, um seinen niederen Charakter zu verbergen. Ich glaube,
-der englische Oberst verachtete ihn geradezu; und die englischen
-Sergeanten, mit denen wir gelegentlich einige Worte in der Kantine
-sprachen, sagten uns wörtlich: sie hofften sehr, daß wir nicht
-glaubten, daß alle englischen Offiziere so wären wie dieser Mr. Meyer.
-
-Eines Abends gegen Ende Juni hatten wir ein köstliches Erlebnis.
-Draußen, außerhalb des Stacheldrahtes, war sehr viel Reh- und Damwild
-oft in Rudeln bis zu Hunderten zusammen, die zahm wie die Ziegen
-herumliefen.
-
-An diesem Abend nun lief ein allerliebstes kleines Kitzlein, welches
-seine Mutter verloren hatte, am Stacheldraht vorbei, und auf unser
-Locken und Rufen kroch es geschickt durch das Hindernis hindurch und
-gelangte in das Lager. Unsere Freude war groß. Geradezu eine Sensation
-für uns. Das Kitzlein wurde umringt und gestreichelt und geliebkost
-(die Jäger knurrten), und schließlich wurde es im Triumph auf den Armen
-eines Leutnants in die Burschenstube getragen, wo sich einer unserer
-Jäger befand, der es großziehen sollte.
-
-Woher der Meyer davon Wind bekam, weiß ich nicht, jedenfalls ließ
-er sich plötzlich den deutschen Lageradjutanten kommen, und mit vor
-Schrecken bebender Stimme fragte Meyer:
-
-„Leutnant S., ist es wahr, es ist ein Tier im Lager?”
-
-„Ja, ein Tier!”
-
-„Und ist durch das Stacheldrahthindernis gekommen?”
-
-„Ja, es ist einfach durchgekrochen.”
-
-„Oh, das ist ja schrecklich!” meinte Mr. Meyer, und dabei schien ihm
-die Stimme zu verlöschen.
-
-„Ich muß gleich sehen, wo das Loch ist, wo das große Tier
-hindurchgekrochen ist, sicher haben die deutschen Offiziere den
-Stacheldraht zerschnitten, um zu fliehen; das Tier muß auch sofort
-entfernt werden!”
-
-Und so geschah es.
-
-Und, es ist kein Scherz, zwanzig Mann der Wache mit aufgepflanztem
-Seitengewehr wurden gepfiffen, der eine deutsche Soldat mit dem
-unschuldigen winzigen Kitzlein wurde von ihnen in die Mitte genommen,
-und auf ~„Quick marsh”~ marschierte der ganze Zug zu dem inneren Tor
-des Hindernisses. Dann wurde dieses geöffnet, die zwanzig Mann mit dem
-einen deutschen Soldaten und dem Kitzlein traten in den Zwischenraum,
-die sogenannte Schleuse, das innere Tor wurde sorgfältigst
-abgeschlossen, dann erst das äußere geöffnet, der Soldat mußte das
-Kitzlein ins Freie setzen, und dann wurde die ganze Prozession
-zurückgemacht. Oh, Mr. Meyer, wie hast du dich blamiert!
-
-Nun wurde das ganze Hindernis sorgfältigst untersucht, und trotzdem
-nicht die geringste Lücke gefunden werden konnte, durch die ein Mensch
-hätte kriechen können, wollte Meyer sich tagelang nicht beruhigen.
-
-Außer der Post bildete täglich der Zeitungsempfang den Hauptmoment des
-Tages. Die „Times” und „Morning Post” durften wir uns halten, und wenn
-sie auch fast nur von Ententesiegen berichteten, so kannten wir die
-Zeitungen bald so gut, daß das, was wir zwischen den Zeilen lasen, uns
-ein ungefähr genaues Bild der Sachlage gab.
-
-Und die Wut in den Zeitungen, als die „Lusitania” sank, und _der_
-Ärger, wenn die Russen, selbstverständlich nur aus strategischen
-Gründen, weiter zurückgingen!
-
-Wir hatten mehrere riesig große, bis ins kleinste genaue Karten der
-Kriegsschauplätze angefertigt, und jeden Morgen um elf Uhr waren unsere
-„Generalstäbler” bei der Arbeit und steckten die Fähnchen um. Und oft
-stand selbst der englische Oberst davor und schüttelte bedenklich den
-Kopf.
-
-
-
-
-Die Flucht
-
-
-Mit der Zeit wurde die Gefangenschaft unerträglich. Keine Briefe von
-Hause, nicht die vielen herrlichen Pakete, die mir von lieber Hand
-gesandt wurden, halfen mir; auch nicht die treuen Kameraden, nicht das
-Hockeyspiel, dem ich mich mit einem derartigen Eifer hingab, daß ich
-abends wie tot vor Müdigkeit hinsank.
-
-Nichts half, alles war vergebens.
-
-Endlich hatte auch mich, wie so unendlich viele vor mir, schon die
-Gefangenenkrankheit gepackt.
-
-Die Krankheit der furchtbarsten Verzweiflung, der vollständigsten
-Hoffnungslosigkeit.
-
-Trostlos!
-
-Stundenlang lag ich wie viele andere im Grase und starrte mit weit
-geöffneten Augen den blauen Himmel an, und meine ganze Seele sehnte
-sich empor zu den weißen Wölkchen dort oben und wanderte mit ihnen nach
-der fernen, lieben Heimat. Und wenn gar ein englischer Flieger ruhig
-und sicher am blauen Firmament vorbeiflog, dann krampfte sich das Herz
-zusammen, und wilde verzweifelte Sehnsucht schüttelte mich. Der Zustand
-wurde immer schlimmer, ich wurde gereizt und nervös und unfreundlich
-gegen meine Kameraden und kam seelisch und körperlich herunter. Und
-dabei konnte ich doch eigentlich noch zufrieden sein, ich hatte
-wenigstens was mitmachen können und viel erlebt! Aber so viele andere
-waren schon in den ersten Gefechtstagen verwundet in Feindeshand
-gefallen, und die unglücklichsten waren die, welche bei Beginn des
-Krieges aus Amerika gekommen waren, dort ihr Hab und Gut, ihr alles
-hatten stehen und liegen lassen, um ihrem Vaterland zu dienen, um dann
-durch den Verrat der Engländer, bevor sie überhaupt die Heimat gesehen
-hatten, gefangengenommen zu werden.
-
-Unsere Stimmung wurde sehr beeinträchtigt dadurch, daß wir keinerlei
-Kriegsnachrichten aus Deutschland erhielten. Und wenn wir auch
-selbstverständlich den englischen Lügenmeldungen nicht Glauben
-schenkten, es hatte mit der Zeit doch gewaltigen Einfluß auf uns, daß
-wir wochen- und wochenlang nichts als Gemeinheit gegen Deutschland und
-nichts als Niederlagen, Revolution und Hungersnot über Deutschland
-lasen. Die Ungewißheit war auch hier das Schrecklichste, und ganz
-besonders traf uns die Nachricht von dem gemeinen Verrat Italiens.
-
-Das Triumphieren in den englischen Zeitungen!
-
-Schließlich hielt ich es nicht mehr aus. Es mußte etwas geschehen, wenn
-ich nicht gänzlich verzweifeln wollte.
-
-Tag und Nacht hatte ich geplant, gegrübelt und überlegt, wie ich dieser
-elenden Gefangenschaft entrinnen könne. Pläne über Pläne hatte ich
-entworfen und wieder verwerfen müssen. Mit größter Ruhe und Überlegung
-mußte hier ans Werk gegangen werden, falls etwas gelingen sollte.
-
-Stundenlang ging ich nun an den verschiedenen Seiten der Hindernisse
-auf und ab, dabei unauffällig jeden Draht und jeden Pfahl beobachtend.
-Stundenlang lag ich im Grase in der Nähe einzelner Stellen, die mir
-günstig schienen, tat als ob ich schliefe, beobachtete dabei aber
-scharf jeden einzelnen Gegenstand und die Wege und die Gewohnheiten
-jedes einzelnen Postens.
-
-Die Stelle, an der ich über den Stacheldraht wollte, stand bei mir
-fest. Nun handelte es sich bloß noch darum, wie weiterkommen, wenn erst
-das Hindernis überwunden war. Wir besaßen weder Karte von England,
-noch Kompaß oder Fahrplan, noch irgendein Hilfsmittel. Sogar die
-genaue Lage von Donington Hall war uns gänzlich unbekannt. Den Weg bis
-Donington Castle kannte ich, den hatte ich mir ja auf dem Hinmarsche
-gründlich eingeprägt. Durch einen Offizier, der zufällig statt von
-Donington Castle von Derby im Auto gefahren war, erfuhr ich, daß
-seiner Schätzung nach Derby etwa fünfundzwanzig bis dreißig Kilometer
-nördlich von Donington Hall liegen müsse und daß er, bevor das Auto
-in das Dorf eingebogen wäre, eine große Brücke passiert hätte. Nun
-freundete ich mich mit einem alten biederen englischen Soldaten an,
-schenkte ihm gelegentlich auch einige Zigarren und lud ihn ab und zu
-zu einem Glase Bier in die Kantine ein. Nachdem wir schon mehrere Male
-zusammengesessen hatten, sagte ich ihm, es müsse doch sehr langweilig
-sein, dauernd in Donington zu sitzen, ob er denn gar keine Abwechslung
-habe. O ja, meinte er, ab und zu führe er Rad, und manchmal führe er
-auch damit zum Kientopp nach Derby.
-
-„Was, Derby?” fragte ich, „das ist ja viel zu weit für Sie, dazu sind
-Sie ja viel zu alt!”
-
-„Ich und zu alt? ~No, Sir!~ Da kennen Sie einen englischen Tommy
-schlecht, wenn ich auf meinem Rade sitze, da nehme ich es mit jedem
-Jungen auf, und in drei bis vier Stunden habe ich die Strecke nach
-Derby schon zurückgelegt.”
-
-An diesem Tage hatte ich genug erfahren. In der nächsten Woche traf
-ich meinen alten Freund wieder. Wir begrüßten uns, und ich drückte ihm
-ein paar Zigarren in die Hand, die ich, trotzdem ich Nichtraucher bin,
-stets bei mir führte.
-
-„He, sag mal, Tommy,” fing ich plötzlich an, „da habe ich gestern eine
-Wette mit einem Kameraden gemacht. Ich behaupte, Derby liegt nördlich
-von uns, mein Kamerad behauptet, es läge südlich. Wenn ich gewinne,
-kriegst du einen ordentlichen Topf Bier mit ab.”
-
-Das Whiskyauge meines Freundes glänzte freudig auf, und er versicherte
-mir mit heiligen Eiden, daß ich recht habe, und daß Derby ganz bestimmt
-nördlich von Donington Hall läge.
-
-Nun war ich klar.
-
-Und mit einem meiner Marinekameraden, dem Oberleutnant zur See Trefftz,
-der vorzüglich Englisch sprach und England genau kannte, beschloß ich,
-gemeinsame Sache zu machen.
-
-Der vierte Juli Neunzehnhundertfünfzehn war zu unserer Flucht
-festgesetzt, alles dazu einexerziert und klappte, alle Vorbereitungen
-waren getroffen.
-
-Am vierten Juli früh meldeten Trefftz und ich uns krank.
-
-Bei der Frühmusterung um zehn Uhr wurde beim Aufrufen unserer Namen
-„krank” gemeldet, und nach beendeter Musterung kam der wachthabende
-Sergeant auf unsere Stuben und fand uns krank in den Betten vor.
-
-Alles in schönster Ordnung.
-
-Der Nachmittag und die Entscheidung rückten heran.
-
-Gegen vier Uhr zog ich mich an, nahm alles, was ich zur Flucht
-mitzunehmen nötig erachtet hatte, an mich, aß noch einige dicke
-Butterbrotstullen und nahm dann Abschied von meinen Stubenkameraden
-und besonders von meinem treuen Freunde Siebel, den ich leider nicht
-mitnehmen konnte, da er nicht Seemann war und kein Englisch sprach.
-
-Draußen war ein heftiges Gewitter im Gange, und wolkenbruchartig
-strömte der Regen vom Himmel herab. Die Posten standen naß und
-frierend in ihren Schilderhäuschen, und daher fiel es auch keinem auf,
-daß trotz des Regens noch zwei Offiziere Lust verspürten, im Park
-spazierenzugehen. Im Park befand sich eine von Büschen umgebene Grotte,
-von der aus man den ganzen Park und den Stacheldraht übersehen, selbst
-aber nicht gesehen werden konnte.
-
-Hier hinein verkrochen sich Trefftz und ich.
-
-Ein kurzer Abschied noch von S., der uns mit Gartenstühlen zudeckte,
-und wir waren allein.
-
-Nun konnte nur noch die Vorsehung und unser Glück für uns weitersorgen.
-
-In atemloser Spannung warteten wir. Die Minuten wurden zu Ewigkeiten,
-doch langsam und sicher verstrich eine Stunde nach der anderen. Als die
-Turmuhr laut und vernehmlich sechs Uhr schlug, klopfte uns gewaltig
-das Herz. Wir hörten, wie zur Musterung geklingelt wurde, das Kommando
-„Stillgestanden!”, dann wurde mit lautem Geräusch das Drahthindernis
-der Taggrenze geschlossen. Bange Viertelstunden durchlebten wir. Wir
-wagten überhaupt nicht zu atmen. Jeden Augenblick erwarteten wir, bei
-unseren Namen gerufen zu werden. Es wurde sechs Uhr dreißig, nichts
-ereignete sich. Ein Alp wich von unseren Herzen. Gott sei Dank, der
-erste Akt war geglückt. Denn nachdem bei der Musterung bei unseren
-Namen wiederum „krank” gemeldet war und die Offiziere wegtreten
-durften, liefen ein Kamerad für mich und ein anderer Kamerad für
-Trefftz so schnell wie möglich hinten ums Gebäude herum und legten
-sich in unsere Betten. Und als der Feldwebel kam, konnte er zufrieden
-feststellen, daß die beiden Kranken anwesend wären. Da also alles in
-Ordnung war, wurde wie an jedem Abend das Nachthindernis geschlossen,
-ja sogar die Posten vom Taghindernis eingezogen, und damit waren wir
-uns selbst überlassen. Der außerordentliche Regen kam uns sehr zu
-statten, denn sonst pflegten die englischen Soldaten abends in unserem
-Park herumzutollen, wobei ein Entdecktwerden sehr leicht möglich
-gewesen wäre.
-
-Stunde um Stunde verrann. Stumm lagen wir da, nur ab und zu stießen wir
-uns gegenseitig an und nickten uns zu vor Freude, daß bis jetzt alles
-so gut geklappt hatte.
-
-Um zehn Uhr dreißig abends wuchs unsere Erregung aufs äußerste. Die
-zweite Probe mußte bestanden werden. Deutlich hörten wir das Signal zum
-Schlafengehen, und aus dem geöffneten Fenster meines früheren Zimmers
-erscholl kräftig „Die Wacht am Rhein”. Das war das Zeichen für uns, daß
-alles auf dem Posten wäre.
-
-Der wachthabende Offizier mit einem Sergeanten schritt sämtliche
-Stuben ab und überzeugte sich, daß keiner fehlte. Durch wochenlange
-Beobachtungen hatte ich festgestellt, daß die wachthabenden Offiziere
-stets denselben Weg wählten, um nach der Ronde auf dem kürzesten Wege
-in ihre Behausungen zu gelangen. So war es auch heute. Die Ronde fing
-in dem Zimmer an, wo Trefftz fehlte. Es war selbstverständlich, daß ein
-anderer bereits in dessen Bett lag.
-
-~„All present?”~
-
-~„Yes, Sir!”~
-
-~„All right, good night, gentlemen!”~
-
-Und so ging die Ronde weiter. Kaum war sie um die Ecke gebogen, als
-auch schon zwei der anderen Kameraden in entgegengesetzter Richtung
-herum und in mein Zimmer liefen, und so war es selbstverständlich, daß
-auch hier alles ~„present”~ war.
-
-Die Aufregung und die gespannteste Erwartung, in der wir uns während
-dieser Zeit befanden, kann man sich kaum vorstellen. Im Geiste erlebten
-wir ja alles mit, und da es merkwürdig lange still blieb, befürchteten
-wir schon, daß alles verloren sei. Mit eiskalten Händen, kaum atmend,
-das Gehör bis auf das äußerste angespannt, lagen wir da.
-
-Endlich um elf Uhr abends erscholl ein lauter Jauchzer. Das war unser
-verabredetes Signal, daß alles geglückt war.
-
-
-
-
-Schwarze Nächte an der Themse
-
-
-Nun blieb um uns alles ruhig. Der Regen hörte Gott sei Dank auf zu
-strömen. In vollständige Dunkelheit gehüllt, lag der Park da, und matt
-schimmerte das Licht der riesigen Bogenlampen, womit das Nachthindernis
-beleuchtet war, zu uns herüber. Dumpf hallte der regelmäßige Tritt
-der in ihren Schutzhäuschen auf und ab marschierenden Posten, und
-unheimlich klang ihr Zuruf, womit sie sich alle Viertelstunde
-gegenseitig anriefen. Um zwölf Uhr nachts war Wachtablösung, die ich
-mit gespanntester Aufmerksamkeit verfolgte. Dann kam der wachthabende
-Offizier und leuchtete mit einer Lampe das Taghindernis -- also unseres
--- ab, und um halb ein Uhr war wieder tiefste Ruhe.
-
-Nun war der Moment des Handelns gekommen.
-
-Leise kroch ich aus meinem Versteck wie eine Katze, schlich durch den
-Park und zu dem Drahthindernis, um mich zu überzeugen, daß wirklich
-keine Posten mehr ständen. Als alles in Ordnung war und ich die Stelle,
-über die wir rüber wollten, wiedergefunden hatte, schlich ich zurück
-und holte Trefftz ab. Nun machten wir den Weg gemeinsam noch einmal.
-
-Am Hindernis angekommen, gab ich leise noch einmal die letzten
-Verhaltungsmaßregeln und dann Trefftz mein kleines Bündelchen. Als
-erster fing ich an zu klettern. Der Zaun war zirka drei Meter hoch
-und alle zwanzig Zentimeter von Draht mit unheimlich langen Stacheln
-bezogen.
-
-Bis zirka fünfundsiebzig Zentimeter über dem Boden waren elektrisch
-geladene Drähte gesetzt, deren Berühren genügte, um sie zu entladen
-und ein Klingelwerk auszulösen, wodurch selbstverständlich das ganze
-Lager alarmiert worden wäre. Zum Schutz gegen die Stachel hatten wir
-Ledergamaschen an und um die Knie Wickelgamaschen gebunden und trugen
-außerdem noch Lederhandschuhe. Doch die Stacheln waren länger und sie
-haben ganz fürchterlich gepikst. Aber das hatte den Vorteil, daß wir
-nun nicht ausrutschen konnten, um dadurch den elektrischen Draht zu
-berühren. Den ersten Zaun überwand ich leicht. Dann gab mir Trefftz
-unsere beiden Bündel, und ebenso schnell wie ich überstieg auch er
-den Zaun. Nun kam ein zirka zehn Meter breites und ein Meter hohes
-schweres Drahthindernis, nach den neuesten Schikanen erbaut. Wie die
-Katzen liefen wir beide über dieses hinweg. Dann kam wiederum ein hoher
-Stacheldrahtzaun, genau so beschaffen wie der erste und ebenfalls mit
-elektrisch geladenen Drähten versehen. Auch hierüber kamen wir beide
-glatt, nur daß ich mir an den verflixten Stacheln einen Teil meines
-Hosenbodens ausriß, den ich mir erst wieder herunterholen mußte, um ihn
-später wieder einzusetzen. Gott sei Dank, das Hindernis war überwunden!
-
-Stumm drückten Trefftz und ich uns kräftig die Hand und stumm sahen wir
-uns an. Was wir durchgemacht hatten, wußten wir beide.
-
-Nun begann erst die Hauptschwierigkeit.
-
-Vorsichtig schlichen wir uns in der Dunkelheit weiter, überquerten
-einen Bach, erkletterten eine Mauer, sprangen in einen tiefen Graben
-und mußten uns dann an dem Wachthaus, welches am Eingang zum Lager lag,
-vorbeischleichen. Dann endlich waren wir im Freien!
-
-Auf der großen Landstraße, die nach Donington Castle führte, liefen
-wir ohne Aufenthalt entlang. Nach einer halben Stunde machten wir
-halt und entledigten uns der zerfetzten Gamaschen und Handschuhe.
-Na, die inneren Handflächen sahen ja fein aus, ganz zu schweigen von
-den Fußsohlen und von der Sitzgelegenheit. Noch wochenlang haben die
-Andenken an den englischen Stacheldraht gejuckt.
-
-Jetzt öffneten wir unsere Bündel, zogen unsere grauen Zivilregenmäntel
-an, verstauten die übrigen Kleinigkeiten, und untergehakt wanderten wir
-frohgemut die Straße weiter, als wenn wir von einem späten Nachtgelage
-kämen. Als Donington Castle in Sicht kam, mußten wir uns vorsehen. Und
-alles, was wir tun würden, wenn wir jemandem begegnen sollten, hatten
-wir verabredet.
-
-Da, als wir eben in die Dorfstraße einbiegen wollten, kam uns ein
-englischer Soldat entgegen. Wie auf Kommando zog mich Trefftz an sich,
-und so wie wir es verabredet hatten, markierten wir ein Liebespaar.
-Verlangend nach uns hinschauend und mit der Zunge schnalzend ging
-der Engländer vorüber. Als er an uns vorbei ging, erkannte ich
-ihn mit einem Schlage. Auf seinem Ärmel leuchteten matt die drei
-Feldwebelswinkel, und diese dicke, gedrungene, auffallende Figur konnte
-nur unserem englischen Lagerfeldwebel gehören.
-
-Nun schritten wir weiter. Und nachdem das Dorf passiert war, fanden
-wir glücklich die angegebene Brücke. Doch hier wurde es kritisch. Drei
-große Chausseen führten von hier aus ab, und es war unmöglich, uns ohne
-Wegekenntnisse weiterzufinden. Endlich entdeckten wir in der Dunkelheit
-einen Wegweiser, etwas äußerst Seltenes in England. Zum Glück war es
-ein eiserner. Und als Trefftz hinaufgeklettert war, konnte er durch
-Befühlen der erhaben gegossenen Buchstaben das Wort „Derby” lesen.
-
-In äußerstem Geschwindschritt uns nach dem Polarstern orientierend,
-marschierten wir tüchtig darauf los. Sobald uns Leute entgegenkamen
-oder Autos, und besonders wenn solche hinter uns her fuhren,
-versteckten wir uns im Chausseegraben und warteten ab, bis die
-Gefahr vorüber war. Es war doch zu natürlich, daß wir bei jedem Auto
-glaubten, es sei unseretwegen unterwegs und uns nachgehetzt worden.
-Als wir Hunger verspürten, aßen wir etwas mitgenommenen Schinken
-und Schokolade. Aber leider war das eine zu salzig und das andere
-so süß, daß ein furchtbarer Durst uns plagte. Dieser wurde bald so
-unerträglich, daß wir kaum noch weiter kommen konnten. Dazu kam, daß
-wir durch die durchgemachte Aufregung und den anstrengenden Marsch
-außerordentlich viel Schweiß verloren hatten. In unserer Not stellten
-wir uns dann an den Chausseegraben, und wie die Ziegen leckten wir die
-dicken Regentropfen von den Blättern der Büsche ab, bis wir endlich
-an einer Stelle eine schmutzige Wasserpfütze fanden, über die wir uns
-gierig trinkend warfen. O, das war gut.
-
-Langsam wurde es hell. Und gegen vier Uhr morgens, als wir die ersten
-Gartenhäuser von Derby erreichten, stieg in wundervollster Pracht
-blutigrot die riesige Sonnenkugel über den Horizont. Wie gebannt
-blieben wir stehen, hingerissen von diesem herrlichen Schauspiel, und
-dann schüttelten wir uns die Hände und winkten freudig der Sonne zu.
-
-O sie, sie kam ja aus Deutschland, direkt aus der Heimat, hatte sich
-rotgefärbt beim Durcheilen der blutigen Schlachtfelder und brachte uns
-nun die treuesten Grüße unserer Lieben daheim. Ein gutes Omen!
-
-Nun schlichen wir uns beide in ein kleines Gärtchen, und hier wurde
-große Toilette gemacht. Die mitgenommene Kleiderbürste vollbrachte
-Wunder. Die Schuhlappen hatten schwere Arbeit, und mein Hosenboden
-wurde mit der mitgenommenen Nähnadel geflickt. In Ermangelung von
-Rasiercreme benutzten wir unseren Speichel, und dann wurden die
-armen Gesichter mit den mitgenommenen Gilette-Apparaten bearbeitet.
-Zum Schluß banden wir uns „den” Kragen und „_den_” Schlips um und
-überließen Kleiderbürste und Stiefellappen dem Gartenbesitzer. Und
-schick fast wie Dandies mit einem koketten Kniff in dem weichen Hut
-betraten wir Derby.
-
-Zu unserem Glück fanden wir bald den Bahnhof, trennten uns unauffällig
-und hatten den unerhörten Dusel, daß bereits in einer Viertelstunde ein
-Zug nach London ging. Ich löste ein Retourbillett dritter Güte nach
-Leicester, und mit einer dicken Zeitung bewaffnet bestieg ich den Zug.
-In Leicester stieg ich aus, löste mir ein Billett nach London, und
-als ich in das Kupee einstieg, saß zufällig mir gegenüber ein Herr,
-ebenfalls im grauen Mantel, den ich irgendwo mal gesehen haben mußte,
-von dem ich aber selbstverständlich keine Notiz nahm. Ich glaube, sein
-Name fing früher mal mit T. an.
-
-Gegen Mittag lief endlich der Zug in London ein.
-
-Als ich durch die Bahnsperre ging und mein Billett abgab, war mir doch
-nicht ganz wohl zumute, und so etwas hat meine Hand doch gezittert.
-Doch der gestrenge Blick des Kontrolleurs bedeutete weiter nichts, und
-einige Minuten darauf war ich im Gewühl der Großstadt verschwunden.
-
-Wie gut war es jetzt, daß ich vor zwei Jahren in London gewesen war
-und es so genau kennengelernt hatte. Das erste, was ich tat, war,
-daß ich in vier verschiedene Frühstücksstuben ging und in jeder von
-diesen so viel aß und trank, daß es noch eben nicht auffiel. Dann ging
-ich an die Themse hinunter, rief mir alle Straßen und Brücken und
-Dampferanlegestellen durch persönlichen Augenschein in die Erinnerung
-zurück und sah mir besonders an, wo neutrale Dampfer lagen.
-
-Ich hatte mir die Sache doch einfacher vorgestellt. Ich hatte gehofft,
-sofort einen Dampfer finden zu können, doch nun sah ich zu meiner
-Besorgnis, daß alle Werften und Ladeplätze und die meisten neutralen
-Dampfer ebenfalls streng bewacht mitten auf dem Strome lagen.
-
-Die ungewohnte Umgebung, die Unsicherheit, in der ich mich in der
-ersten Zeit befand, und vor allen Dingen das dauernde Gefühl während
-der ersten Tage, daß ich stets glaubte, daß jeder Mensch wissen
-müßte, wer ich wäre, und daß jedermann es mir an der Nasenspitze
-ablesen könnte, daß ich aus Donington Hall entwichen wäre, taten das
-ihre. Dazu kam noch die durchgemachte Aufregung und Überanstrengung
-der letzten Nacht und die trostlose Verlassenheit in der riesigen
-Feindeshauptstadt. Auch hatte ich mich vergebens bemüht, irgendeine
-Zeitung zu erwischen, aus der die Abfahrt von Dampfern ersichtlich
-wäre; das war für mich eine besonders herbe Enttäuschung.
-
-War es da ein Wunder, daß ich ganz entmutigt und müde zum Umsinken um
-sieben Uhr abends wie verabredet vor der St. Pauls-Kathedrale stand,
-um auf Trefftz zu warten? Bis neun Uhr habe ich gewartet, kein Trefftz
-kam.
-
-Fest überzeugt, daß es Trefftz bereits gelungen wäre, einen günstigen
-Dampfer zu fassen, und daß er womöglich London schon verlassen habe,
-schleppte ich mich gänzlich deprimiert zum Hydepark. Zu meiner
-Enttäuschung war dieser entgegen früherer Gewohnheit geschlossen. Was
-sollte ich nun tun, wo sollte ich schlafen? Auf der Straße durfte ich
-nicht bleiben, um nicht aufzufallen. Und in eine Herberge durfte ich
-erst recht nicht gehen, da ich keinen Paß besaß, den jetzt in England
-selbst jeder Engländer besitzen mußte, und ohne den kein Gastwirt bei
-schwerster Strafe jemanden aufnehmen durfte.
-
-In einer elenden Bar, in der ich mich etwas stärken wollte, bekam ich
-nur warmen Stout und nur noch eine einzige Rolle Keks. Alles andere war
-vertilgt. Und als auch in der Bar Feierabend geboten wurde, saß ich
-wieder auf der Straße. Ich bog in eine der vornehmsten Alleen ein, wo
-prächtige Paläste von schön gepflegten Vorgärtchen umgeben waren. Ich
-konnte mich kaum noch auf den Beinen aufrecht halten, und als die Luft
-rein war, sprang ich schnell entschlossen über einen dieser Gartenzäune
-und hatte mich kurz darauf in der dichten Buchsbaumhecke, nur einen
-Schritt vom Bürgersteig entfernt, verkrochen. Meine Gemütsstimmung läßt
-sich nicht beschreiben. Wild hämmerten mir die Pulse, und wild jagten
-sich die Gedanken in meinem Hirn. In meinen Gummimantel gehüllt, wie
-ein Dieb zusammengekrochen, lag ich in meinem Versteck.
-
-Wenn man mich jetzt hier fände, in dieser Lage, mich, einen deutschen
-Offizier? Wie ein Verbrecher kam ich mir vor. Und im Inneren war ich
-fest entschlossen, nie jemand etwas von der unwürdigen Lage, in der ich
-mich befand, zu erzählen. Ach, hätte ich _den_ Abend schon gewußt, wo
-ich mich zwei Tage später nächtelang herumtrieb, und das dabei sogar
-ganz natürlich fand, ich wäre hoffnungsvoller gewesen.
-
-Als ich ungefähr eine Stunde in meinem Versteck lag, öffnete sich in
-meinem Hause die große Flügeltür einer herrlichen Veranda, und mehrere
-Damen und Herren in tadelloser Abendtoilette traten heraus, um die
-prachtvolle Abendluft zu genießen. Von meinem Versteck aus konnte ich
-alles beobachten und jedes Wort verstehen. Nach einiger Zeit wurde
-drinnen ein Flügel angeschlagen und bald ertönte ein prachtvoller
-Sopran, und wunderschönste, sehnsuchtsvolle Schubertlieder zerwühlten
-meine Seele.
-
-Endlich übermannte mich die gänzliche Erschlaffung, und wie ein Toter
-schlief ich ein, in meinen Träumen von schönsten Zukunftsbildern
-umschwebt.
-
-Der gleichmäßige feste Tritt eines Polizisten, der auf der Straße,
-nur einen Schritt von mir getrennt, auf und ab ging, und die hell
-strahlende Sonne weckten mich am nächsten Morgen auf. Also hatte ich
-doch die Zeit verschlafen; nun Vorsicht! Stumpfsinnig pendelte der
-Polizist auf und ab, er wollte nicht weichen. Endlich kam das Glück.
-Ein allerliebstes Kammerzöfchen öffnete die Türe, und schon war mein
-Polizist bei ihr und schäkerte vertraulich mit dem taufrischen Käfer.
-
-Ohne von beiden gesehen zu werden, war ich mit einem Satz über den Zaun
-und auf der Straße. Es war schon sechs Uhr früh und der Hydepark gerade
-geöffnet worden. Da noch keine Untergrundbahn fuhr, ging ich in den
-Park und legte mich lang auf eine Bank zu mehreren anderen Vagabunden,
-die es sich dort bereits bequem gemacht hatten. Dann zog ich den Hut
-übers Gesicht, und fest schlief ich bis neun Uhr weiter.
-
-Frisch gestärkt mit neuem Mut bestieg ich die Untergrundbahn und fuhr
-zur Hafengegend. Am „Strand” erweckten riesige gelbe Plakate meine
-Aufmerksamkeit.
-
-Und wer beschreibt mein Staunen, als ich darauf dick und fett gedruckt
-las, daß:
-
-1. Mr. Trefftz bereits am Abend vorher gefangengenommen worden war und,
-
-2. daß Mr. Plüschow ~„still at large”~ sei, aber,
-
-3. man ihm bereits auf der Spur wäre.
-
-Das erste und dritte waren mir neu, das zweite war mir bekannt.
-
-Schnell kaufte ich mir nun die „Daily Mail”, ließ mich in einer
-einfachen Frühstücksstube nieder und las mit großem Interesse folgenden
-Steckbrief:
-
- ~Extra Late War Edition.~
-
- ~_Hunt for Escaped German. High-Pitched Voice as a Clue._~
-
- ~Scotland Yard last night issued the following amended description
- of Gunther _Plüschow_, one of the German prisoners who escaped from
- Donington Hall, Leicestershire, on Monday~:
-
- ~Height 5 ft., 5½ in, weight 135 lb.; complexion fair; hair blond;
- eyes blue; and tattoo marks: Chinese dragon on left arm.~
-
- ~As already stated in the „Daily Chronicle”, Plüschow's companion,
- Trefftz, was recaptured on Monday evening at Millwall Docks. Both
- men are Naval Officers. An earlier description stated that Plüschow
- is 29 years old. His voice is high-pitched.~
-
- ~He is particularly smart and dapper in appearance, has very
- good teeth, which he shows somewhat prominently when talking or
- smiling, is „very English in manner”, and knows this country well.
- He also knows Japan well. He is quick and alert, both mentally and
- physically, and speaks French and English fluently and accurately.
- He was dressed in a grey lounge suite or grey and yellow mixture
- suite.~
-
-[Illustration: Der erste Steckbrief]
-
-Also der arme Trefftz, nun hatten sie ihn doch gekitcht. Mein
-Entschluß, was nun zu tun sei, stand bei mir fest, und der Steckbrief
-leistete mir dabei vorzügliche Dienste. Zuerst mußte ich meinen grauen
-Gummimantel los werden. Ich ging zur „Blackfriars Station” und gab
-meinen Mantel dort im Gepäckaufbewahrungsraum ab. Als ich das graue
-Ding dem Beamten übergab, fragte dieser mich plötzlich: ~„What's your
-name, Sir?”~ (Wie ist Ihr Name?).
-
-Wie ein Schreck fuhr mir diese Frage in die Glieder, auf diese Frage
-war ich nicht gefaßt. Mit zitternden Knien fragte ich: „Meinen?”, im
-Inneren natürlich denkend, daß der Mann wüßte, wer ich wäre, und vor
-Schrecken sogar deutsch antwortend.
-
-~„Oh, I see, Mr. Mine, M. I. N. E.”~ und damit übergab er mir das
-Zettelchen für Mr. Mine.
-
-Daß dem Beamten mein Schrecken nicht aufgefallen ist, war ein Wunder,
-und mir war etwas übel zumute, als ich durch die beiden wachthabenden
-Polizisten am Eingang des Bahnhofes, die mich scharf musterten,
-hindurchschritt.
-
-Bei meiner Flucht hatte ich einen blauen Zivilanzug angezogen, den
-ich mir seinerzeit in Schanghai hatte machen lassen, und den schon
-in Schanghai Herr Brown und Scott, später der Millionär McGarvin
-getragen hatte, der dann an einen gewissen Schlosser, später
-Schloß_herr_ Ernst Suse vermacht worden war, dann wieder bessere
-Tage erlebte, als ein deutscher Seeoffizier ihn anzog, und nun sein
-Dasein auf dem Leibe des Dockarbeiters George Mine beendete. Unter
-dem Jackett hatte ich einen blauen Mannschaftssweater, den eine
-unserer gefangenen Matrosenordonnanzen in Donington Hall mir geschenkt
-hatte. In der Tasche trug ich eine alte zerfranste Sportmütze, ein
-Taschenmesser, Taschenspiegel, Rasierapparat, ein Stück Bindfaden und
-zwei Taschentücher vorstellen sollende Lappen. Ferner besaß ich das
-stolze Vermögen von hundertzwanzig Schilling, die ich mir erspart und
-zusammengepumpt hatte. Pässe und Papiere, die jetzt in England selbst
-jeder Engländer haben mußte, habe ich niemals besessen.
-
-Nun ging ich an die Themse zu einer entlegenen Stelle. Mein schöner
-weicher Hut flog durch Zufall von der London-Bridge ins Wasser,
-Kragen und Schlips folgten an einem anderen Orte nach, ein schöner
-vergoldeter Knopf prangte herrlich vorne in der grünen Hemdprise (Marke
-Knopfzwang), dann wurden die Haare schwarz und schmierig von einer
-Mischung aus Vaseline, Stiefelwichse und Kohlenstaub, die Hände sahen
-bald aus, als wenn sie niemals mit Wasser in Berührung gekommen wären,
-und zu guter Letzt wälzte ich mich auf einem Kohlenhaufen tüchtig
-herum, und schon war der streikende Dockarbeiter G. Mine fertig.
-
-So konnte man in mir wirklich keinen Offizier vermuten, am
-allerwenigsten aber von ~„smart”~ und ~„dapper”~ sprechen. Ich glaube
-meine Rolle gut gespielt zu haben, und nachdem ich erst den inneren
-Ekel vor meiner Umgebung und soviel Dreck überwunden hatte und mich
-erst sicher fühlte, konnte ich wirklich nur als das angesehen werden,
-wofür ich mich ausgab: als fauler, dreckiger Dockarbeiter oder
-Segelschiffsmatrose.
-
-[Illustration: Steckbrief, eine Woche nach der Flucht]
-
-Mit meiner Mütze frech im Genick, vor Schmutz starrend, die Jacke
-offen, den blauen Seemannssweater und als einzige Zierde den
-Kragenknopf zeigend, mit den Händen in den Taschen, pfeifend und
-spuckend und mich überall herumlümmelnd, wie ich es zu tausenden Malen
-in allen Hafenstädten der ganzen Welt von den Matrosen gesehen hatte,
-trieb ich mich tagelang in London herum, ohne auch jemals nur den
-leisesten Verdacht bei irgendeinem Menschen zu erwecken, daß ich etwas
-anderes sei, als wonach ich aussah.
-
-Darauf beruhte überhaupt mein ganzer Plan.
-
-Die einzigste Möglichkeit, unentdeckt zu bleiben, war _die_, mich _so_
-zu benehmen und _so_ auszusehen, daß ich niemals den leisesten Verdacht
-erweckte. Es durfte überhaupt niemals so weit kommen, daß ein Mensch
-auf mich aufmerksam wurde, und wenn ein Polizist mich erst gefragt
-hätte, wer ich sei, hätte ich nur meinen richtigen Namen angeben
-können. Daher war es auch vollkommen unnötig, daß meine Steckbriefe
-meine Tätowierung auf dem Arm immer wieder als Schlüssel zur Entdeckung
-erwähnten. Wenn es erst so weit kam, dann war längst vorher schon alles
-verloren.
-
-Am zweiten Vormittage hatte ich unerhörtes Glück.
-
-Ich saß auf dem Verdeck eines Autobusses, hinter mir zwei Kaufleute in
-angeregter Unterhaltung. Plötzlich fing ich die Worte auf: „Tilbury,
-holländischer Dampfer abfährt”; und nun hörte ich scharf zu.
-
-Ich mußte mein Herz festhalten, sonst hätte es Freudensprünge gemacht.
-Die beiden unvorsichtigen Gentlemen erzählten nichts weniger, als
-daß jeden Morgen um sieben Uhr ein holländischer Schnelldampfer nach
-Vlissingen führe und jeden Nachmittag der Dampfer vor Tilbury Docks zu
-Anker ginge.
-
-Mit einem Satz war ich raus aus dem „Bus”.
-
-Schnell zur „Blackfriars Station”, ein Billett gelöst, und eine gute
-Stunde später stieg ich bereits in Tilbury aus. Es war Mittagszeit,
-die Arbeiter strömten in ihre Stampen. Ich ging zuerst zur Themse
-runter und erkundete mein Operationsgebiet und überzeugte mich,
-daß mein Dampfer noch nicht da wäre. Da ich Zeit und kräftigen
-Hunger hatte, ging ich nach Tilbury zurück und trat in eine der
-vielen Speisewirtschaften, wo ich besonders viel Dockarbeiter hatte
-hineingehen sehen. In einem großen Saale saßen etwa hundert Arbeiter
-an langen Tischen und vertilgten riesige Schüsseln. So wie es die
-übrigen taten, ging ich auch an eine Klappe, legte acht Pennies auf den
-Tisch und empfing einen großen Teller gehäuft mit Kartoffeln, Gemüse
-und einem mächtigen Stück Fleisch. Dann ging ich an die Bar, kaufte
-mir ein großes Glas Stout, und in aller Gemütsruhe setzte ich mich zu
-den anderen Arbeitern an den Tisch, deren Eßweise und Haltung beim
-Essen genau nachahmend, wobei mir das Essen der Erbsen mit dem Messer
-besondere Schwierigkeiten verursachte.
-
-Mitten im besten Stauen wurde ich plötzlich von hinten auf die Schulter
-getippt. Eisig durchfuhr es mich durch alle Glieder. Als ich mich
-umdrehte, stand der Besitzer da und fragte mich nach meinen Papieren.
-Ich dachte natürlich, er meinte meine Ausweise, und schon gab ich alles
-verloren. Da ich natürlich nichts vorweisen konnte, mußte ich dem Wirt
-folgen, und voll Schrecken gewahrte ich, wie er an den Fernsprecher
-ging, um zu telephonieren. Mit einem Blick schielte ich schon nach
-der Tür und wollte eben fortlaufen, als der Wirt, der mich durch ein
-Glasfenster beobachtete, wieder zu mir trat und mir sagte: „Ja, da Sie
-Ihre Papiere vergessen haben, kann ich Ihnen nicht helfen; übrigens wie
-heißen Sie und wo kommen Sie her?”
-
-„Ich bin George Mine und amerikanischer Leichtmatrose auf der
-Viermastbark ‚Ohio’, die oben auf Strom liegt. Ich bin eben hier
-hereingegangen und habe doch schon mein Essen und mein Bier bezahlt,
-meine Papiere habe ich natürlich nicht mit!”
-
-Dann er: „Dies ist ein geschlossener sozialdemokratischer Verein, hier
-dürfen nur Mitglieder essen, das sollten Sie doch wissen, doch wenn Sie
-Mitglied werden wollen, stehen Ihnen die Räume stets frei.”
-
-Natürlich war ich damit einverstanden. Ich zahlte meine drei Schilling
-Eintrittsbeitrag, erhielt ein knallrotes Seidenbändchen ins Knopfloch
-gebunden und eine Mitgliedskarte, und damit war ich nun jüngstes
-Mitglied des sozialdemokratischen Dockarbeitervereins von Tilbury!
-
-Als wenn nichts geschehen wäre, ging ich wieder an meinen Tisch, trank
-mit einem Zug, um mich von dem durchgemachten Schrecken zu erholen,
-verließ aber bald den Raum, da mir offengestanden der Appetit vergangen
-war und das Essen mir so recht nicht mehr schmecken wollte.
-
-Nun ging ich ans Flußufer hinunter, legte mich ins Gras, tat, als ob
-ich schliefe, und paßte auf wie ein Luchs.
-
-Dampfer an Dampfer zog an mir vorüber. Meine Erwartung wuchs unendlich.
-Um vier Uhr nachmittags lief stolz und majestätisch ein holländischer
-Schnelldampfer ein und machte direkt vor meiner Nase an einer Boje
-fest. Und erst mein Glück und meine Freude, als ich vorne am Bug in
-weißen, leuchtenden Buchstaben den Dampfernamen:
-
- „_Mecklenburg_”
-
-las. Das war für mich als Mecklenburger und Schweriner das beste
-Vorzeichen.
-
-Nun fuhr ich mit der Fähre nach Gravesend hinüber, von wo aus ich
-den Dampfer unauffälliger beobachten konnte, und bummelte, die Hände
-in den Taschen, sorglos ein Liedchen pfeifend, möglichst bummlig und
-schlaksig im Seemannsgang am Ufer entlang, in Wirklichkeit aber scharf
-beobachtend.
-
-Mein Plan war folgender:
-
-Nachts schwimmend die Boje, an der der Dampfer lag, zu erreichen, dann
-an der Stahlleine hochklettern, mich an Deck zu schleichen und als
-blinder Passagier nach Holland zu fahren.
-
-Meine Operationsbasis hatte ich bald gefunden.
-
- * * * * *
-
-Als ich mich vergewissert hatte, daß ich unbeobachtet war, kletterte
-ich in ein Holz- und Gerümpellager, welches bis ans Wasser der Themse
-reichte. Unter einigen Brettern lagen mehrere Bündel Heu, und in diese
-verkroch ich mich und wartete die Nacht ab.
-
-Dieses Heubündel ist dann auch für sämtliche übrigen Nächte mein
-Aufenthaltsplatz geblieben.
-
-Gegen zwölf Uhr nachts stieg ich aus meinem Versteck. Am Tage hatte
-ich mir alle in der Nähe liegenden Gegenstände, sämtliche für mich
-notwendigen Peilungen, genau eingeprägt. Vorsichtig schlich ich über
-Haufen von Gerümpel, alte Balken; der Regen rauschte, und in der
-pechschwarzen Nacht konnte ich kaum die beiden Kuffs wiederfinden, die
-ich am Tage neben dem Holzlager gesehen hatte.
-
-Auf allen vieren kriechend, immer wieder angespannt lauschend, mit
-den Augen versuchend, die Dunkelheit zu durchbohren, näherte ich mich
-meinem Ziel.
-
-Zu meinem Schrecken gewahrte ich, daß die beiden Kuffs, die am
-Nachmittage noch im tiefen Wasser gelegen hatten, jetzt fast trocken
-lagen. Aber hinten am Heck, da schwabberte Gott sei Dank noch ein
-kleines Dinghi im Wasser.
-
-Kurz entschlossen wollte ich zu dem Boot hinlaufen, aber ehe ich wußte,
-was mit mir geschah, gab der Boden unter mir nach, und blitzschnell
-versank ich bis an die Hüften in eine zähe, schlüpfrige, übelriechende
-Schlammasse. Mit den Armen schlug ich um mich, und gerade konnte ich
-mich noch mit der linken Hand an einer Planke festkrallen, die vom Ufer
-zu dem Segelschiff hinüberführte.
-
-Mit äußerster Kraftanstrengung befreite ich mich aus der eklen Masse,
-die beinahe ein furchtbares Grab für mich geworden wäre, und gänzlich
-erschöpft schleppte ich mich zu meinem Heubündel zurück.
-
-Als am dritten Morgen meiner Flucht die Sonne aufging, hatte ich den
-Lattenzaun bereits wieder übersprungen und lümmelte mich auf einer Bank
-der Parkanlagen von Gravesend herum. Pünktlich um sieben Uhr früh warf
-meine „Mecklenburg” von der Boje los und rauschte stromabwärts dem
-freien Meere zu.
-
-An diesem ganzen Tage trieb ich mich, wie auch später, in London
-herum. Stundenlang stand ich auf den Brücken wie so viele andere
-Tagediebe und merkte mir genau die Lage der neutralen Dampfer und vor
-allen Dingen den Stand ihrer Ladungsarbeiten, um jederzeit, wenn ich
-einen glücklichen Augenblick erhaschen konnte, unbemerkt an Bord zu
-schleichen.
-
-Essen tat ich in allen diesen Tagen in den gewöhnlichsten
-Arbeiterstampen von London-East; ich sah so verkommen und dreckig
-aus, torkelte oder hinkte oft absichtlich, machte ein blödes, stieres
-Gesicht und ging so krumm und schlaksig, daß kein Mensch von mir Notiz
-nahm. Ich vermied zu sprechen und merkte mir genau die Aussprache und
-die Art und Weise, wie die Arbeiter ihr Essen bestellten. Bald hatte
-ich eine solche Sicherheit und Fertigkeit und wurde so frech, daß ich
-niemals mehr auf den Gedanken kam, ich könnte entdeckt werden.
-
-Am Abend war ich wieder in Gravesend.
-
-Da lag wirklich wieder ein Dampfer, und diesmal war es die „Prinzeß
-Juliana”.
-
-Nun paßte ich besser auf und studierte alles so eingehend und genau,
-besonders die Beschaffenheit des Flußufers, daß ich meiner Sache sicher
-war.
-
-Nachts um zwölf Uhr war ich an meinem ausgewählten Platz. Das Ufer war
-steinig, und die Ebbe fing eben erst an zu laufen. Leise zog ich meine
-Stiefel, Strümpfe und Jacke aus, verstaute meine Strümpfe, meine Uhr,
-Rasierapparat usw. in meine Mütze, setzte diese samt dem teuren Inhalt
-auf den Kopf und band sie fest.
-
-Dann versteckte ich Jacke und Stiefel unter einem Stein, zog den
-Ledergürtel meiner Hose fest an, und so angezogen wie ich war, kroch
-ich leise ins Wasser und schwamm nach der Richtung meines Dampfers
-hinaus.
-
-Die Nacht war regnerisch und dunkel. Bald konnte ich auch nicht mehr
-das Ufer erkennen, das ich eben verlassen hatte. Matt konnte ich jetzt
-eben die Umrisse eines Ruderbootes vor mir ausmachen, welches verankert
-lag. Ich strebte darauf zu, und trotz furchtbarster Anstrengung kam
-und kam ich nicht näher. Meine voll Wasser gesogenen Kleider wurden
-immer schwerer und drohten mich herabzuziehen; die Kräfte fingen an zu
-erlahmen, wie Schatten huschten an mir einige Ruderboote vorüber, die
-in Wirklichkeit aber verankert lagen, und an denen ich durch die starke
-Strömung vorbeigerissen wurde. Krampfhaft, mit meiner ganzen Energie
-schwamm ich weiter und versuchte den Kopf über Wasser zu halten.
-
-Bald jedoch schwanden mir die Sinne, und als ich wieder zu mir kam, lag
-ich hoch und trocken auf glatten, von Seetang überwucherten Steinen.
-
-Ein gütiges Geschick hatte mich an einige der wenigen steinigen Stellen
-des Strandes getrieben, da, wo der Fluß einen scharfen Knick machte;
-und durch das bei Ebbe schnell fallende Wasser lag ich nun auf dem
-Trockenen.
-
-Zitternd und bebend vor Kälte und Überanstrengung raffte ich mich auf
-und wankte am Ufer entlang, und nach einer Stunde fand ich meine Jacke
-und meine Stiefel wieder. Dann kletterte ich über meinen Bretterzaun
-und lag zitternd und zähneklappernd auf meinem Strohhaufen.
-
-[Illustration: Noch ein Steckbrief]
-
-Der Regen strömte, und ein eiskalter Wind fegte über mich weg. Als
-einzige Decke hatte ich meine nasse Jacke und meine beiden Hände,
-die ich flach und schützend auf meinen Magen hielt, um diesen
-wenigstens in Takt zu halten und dadurch für die nächsten Tage die
-nötigen Kräfte zu behalten. Nach zwei Stunden, ohne ein Auge zugetan zu
-haben, hielt ich es vor Kälte nicht mehr aus, verließ mein Versteck und
-lief herum, um wenigstens etwas warm zu werden.
-
-Meine nassen Kleider sind erst wieder trocken geworden, als sie mehrere
-Tage darauf in Deutschland am Ofen hingen! Tagsüber trieb ich mich
-wieder in London herum. Ich besuchte mehrere Kirchen, in denen ich
-sicher den Anschein eines frommen Beters erweckt habe, in Wirklichkeit
-aber ein Stündchen schlief.
-
-An diesem Tage wäre ich beinahe ein englischer Soldat geworden. Wie an
-allen Tagen stand auf einem der vielen Plätze auf einer errichteten
-Tribüne ein Redner und sprach zum Volk. Natürlich Rekrutenfang!
-
-In den glühendsten Farben, in höchster Ekstase schilderte er der
-lauschenden Menge, wie es aussehen würde, wenn die deutschen Soldaten
-erst ihren Siegeseinzug durch London hielten. „Die Straßen Londons”,
-sagte er, „werden von den Tritten der Barbaren widerhallen. Eure Frauen
-werden von den deutschen Soldaten vergewaltigt und mit ihren kotigen
-Stiefeln getreten werden. Wollt ihr das, ihr freien Briten?”
-
-Ein entrüstetes „Nein!” war die Antwort.
-
-„So gut, dann kommt und -- -- ~join the army now~!”
-
-Ich erwartete einen allgemeinen Sturmlauf. Der Mann hatte wirklich
-packend geredet. Keiner rührte sich. Nicht einer, der sich meldete und
-glaubte, daß Kitchener gerade _ihn_ haben wollte. Nun fing der Redner
-von vorne an, aber seine flammenden Worte verhallten ungehört.
-
-In der Zwischenzeit gingen englische Werbeunteroffiziere durch die
-Menge. Überall begegneten sie Kopfschütteln, keiner der wackeren Söhne
-Albions wollte anbeißen. Plötzlich kam ich an die Reihe.
-
-Ein baumlanger Sergeant stand vor mir und befühlte prüfend meine
-Oberarme. Er schien von seiner Musterung höchst befriedigt zu sein,
-denn nun fing er mit allen Mitteln an, mich davon zu überzeugen, daß
-der Soldat ausgerechnet in Kitcheners ~army~ das Schönste wäre, was es
-auf der Welt gäbe. Ich lehnte ab.
-
-„Nein”, sagte ich, „es geht nicht, ich bin erst siebzehn Jahre alt.”
-
-„Oh, das macht nichts, da machen wir einfach eine Achtzehn draus, und
-alles ist ~all right~.”
-
-„Nein, es geht wirklich nicht, ich bin übrigens Amerikaner und habe
-auch keine Erlaubnis von meinem Schiffskapitän.”
-
-Nun holte der lästige Bursche eine Mappe hervor, in der in den
-leuchtendsten Farben die englischen Uniformen abgebildet waren. Der
-Kerl ließ einfach nicht locker. Um ihn endlich los zu werden, sagte
-ich ihm, er möchte mir eins der Heftchen überlassen, ich würde dann
-abends mit meinem Steuermann reden und am nächsten Tage würde ich ihm
-mitteilen, welche Uniform mir am besten gefiele.
-
-Daß ich von da ab in großem Bogen um diesen Platz herumging, war wohl
-selbstverständlich.
-
-Nun hatte ich aber allmählich so viel Sicherheit gewonnen, daß
-ich trotz meines schmutzigen Päckchens ins Britische Museum ging,
-mir einzelne der größten Gemäldegalerien ansah, ja sogar die
-Nachmittagsvorstellungen der Varietés besuchte, ohne jemals nach
-dem Woher und Wohin gefragt zu sein. In den Varietés waren oft die
-allerliebsten blonden Garderobefräuleins besonders freundlich zu mir
-und schienen sogar mit dem armen ~„sailor”~, der sich sicherlich in das
-feine Varieté verirrt hatte, Mitgefühl zu haben.
-
-Am ulkigsten war es, wenn ich auf einem Verdecksitz der Autobusse Platz
-nahm und die Damen und Dämchen naserümpfend und entrüstet von mir
-abrückten und mich nicht selten verachtende Blicke trafen. Wenn _die_
-gewußt hätten, wer neben ihnen saß! Daß ich nicht gerade nach Parfüm
-roch, war bei meiner Nachtarbeit und den nassen schlammbeschmutzten
-Kleidern kein Wunder.
-
-Am Abend war ich wieder in meinem Gravesend. In dem kleinen Park, der
-direkt ans Themseufer stieß, spielte Militärmusik und mehrere Stunden
-saß ich ruhig auf einer Bank direkt am Strand, lauschte den Klängen der
-Musik und beobachtete wie ein Luchs.
-
-Meinen Plan, zum Dampfer hinüberzuschwimmen, hatte ich endgültig
-aufgegeben, da ich einsah, daß die Strecke zu weit und die Strömung
-viel zu reißend war.
-
-Jetzt kam es für mich nur noch darauf an, irgendwo unauffällig ein
-Ruderboot zu requirieren, um damit zum Dampfer gelangen zu können.
-
-Vor mir lag gerade ein passendes; doch war dieses an einer Schleuse
-festgemacht, die von einem Posten Tag und Nacht bewacht wurde.
-
-Doch gewagt mußte es werden!
-
-Nachts um zwölf Uhr bei wiederum stockfinsterer Nacht schlich ich
-durch den Park und kroch an die zirka zwei Meter hohe Ufermauer heran.
-Ein Sprung über einen Gartenzaun, und schon lag unter mir leise
-schaukelnd mein Boot. Atemlos lauschte ich. Der Posten, nur zehn
-Schritt entfernt, schlenderte schlaftrunken auf und ab. Meine Stiefel
-hatte ich ausgezogen und mit den Schuhlitzen um den Hals gebunden, das
-offene Messer zwischen den Zähnen. Leise wie ein Indianer glitt ich an
-der Mauer hinunter. Mit den Fußspitzen konnte ich gerade das Dollbord
-des Bootes angeln, lautlos glitten meine Hände an dem harten Granit
-entlang, und eine Sekunde darauf saß ich zusammengekauert im Boot.
-Atemlose Spannung. Mein Posten ging unter seinen hellen Bogenlampen
-ungestört auf und ab. Mit meinem Boot lag ich Gott sei Dank im Dunkeln.
-Meine durch nächtliche Torpedobootsfahrten geübten Augen sahen jetzt
-trotz der schwarzen Nacht fast wie am Tage. Vorsichtig tastete ich die
-Riemen ab. Verdammt, sie waren von einer Kette umschlossen. Zum Glück
-war diese aber nicht stramm angezogen, und leise zog ich erst den
-Bootshaken, dann einen Riemen nach dem anderen aus der Kettenschlinge
-heraus. Knirschend durchschnitt nun mein Messer die beiden Taue, mit
-denen das Boot an der Mauer festgemacht war, und unhörbar tauchten
-meine Riemen in das Wasser ein und trieben das Boot vorwärts.
-
-Als ich in das Boot gestiegen war, hatte es schon sehr viel Wasser
-gehabt. Nun gewahrte ich zu meinem Schrecken, daß das Wasser im Boot
-mit großer Geschwindigkeit stieg. Schon überspülte das Wasser die
-Ducht, auf der ich saß, immer schwerer und unhandlicher wurde das große
-Boot, mit verzweifelter Kraft warf ich mich in meine Riemen. Plötzlich
-knirschte der Kiel, und das Boot lag eisern fest. Kein Pullen, kein
-Absetzen mit Riemen und Bootshaken half, das Boot blieb unbeweglich,
-und rasend schnell fiel das Wasser um das Boot herum, und schon nach
-wenigen Minuten saß ich fest und trocken im Schlick, dafür aber zum
-Trost das Boot innen bis an den Rand voll Wasser. Ich habe eine so
-schnelle Veränderung der Wasserhöhe bei Ebbe und Flut noch nie vorher
-in meinem Leben erlebt. Wenn auch die Themse in dieser Beziehung
-berüchtigt war, _das_ hatte ich doch nicht für möglich gehalten.
-
-Ich befand mich wohl in der kritischsten Lage der ganzen Flucht.
-Ringsherum war ich umgeben von weichem, stinkendem Schlick, dessen
-Bekanntschaft ich zwei Abende vorher beinahe mit dem Leben bezahlt
-hatte. Schon der Gedanke daran machte mich schaudern. Nur zweihundert
-Meter entfernt ging der Posten auf und ab, und ich selbst befand mich
-mit meinem Boot zirka fünf Meter von der zwei Meter hohen granitenen
-Ufermauer entfernt.
-
-Kühl überlegend saß ich auf meiner Ducht. Eins stand fest: die
-Engländer durften mich hier nicht finden, denn wie einen tollen Hund
-hätten sie mich totgeschlagen.
-
-Vor dem nächsten Vormittage stieg aber das Wasser nicht wieder. Also
-gab's nur eins: alle Energie zusammengerafft, Zähne zusammengebissen
-und versucht, den Schlick zu überwinden. Ich zog auch noch meine
-Strümpfe aus, krempelte die Hosen so hoch hinauf, als es irgend
-ging, dann legte ich die Bootsplanken und die Riemen nebeneinander
-auf den quillenden und glucksenden Schlammboden, dann benutzte ich
-den Bootshaken als Sprungstange und setzte ihn mit der Spitze auf
-eine Planke auf, stellte mich auf das Dollbord des Bootes, dann alle
-Kraft zusammengenommen, mit einem mächtigen Satze schwang ich mich im
-Stabhochsprung um meinen Bootshaken und ... mit einem lauten Platsch
-langte ich nur einen Meter von der Mauer entfernt an und sank bis
-weit über die Knie in den zähen Brei, dann aber festen Grund unter
-den Füßen spürend. Nun arbeitete ich mich an die Mauer heran, legte
-meinen Bootshaken als Kletterstange an, und einige Sekunden darauf war
-ich oben und saß mitten auf dem Rasen des kleinen Parkes, in dem ich
-einige Stunden vorher der Musik gelauscht hatte. Um mich herum lautlose
-Stille. Ein Alp wich mir von der Brust. Niemand, auch der Posten nicht,
-hatte etwas gemerkt.
-
-Mit ziemlichem Mißbehagen betrachtete ich mir meine Beine. Bis über
-die Knie klebte eine dicke, stinkende, graue Schicht. Wasser zum
-Waschen war nirgends in der Nähe. Aber so konnte ich unmöglich meine
-Strümpfe und meine Stiefel wieder anziehen. Mühsam strich ich daher mit
-den Fingern die Schlickmasse, so gut es ging ab, und als die kleben
-gebliebene Kruste einigermaßen trocken war, gelang es mir, Schuhe und
-Strümpfe anzuziehen und die aufgekrempelten Hosen herabzustreifen.
-
-Der erste Plan war zwar mißglückt, aber immerhin hatte ich dabei so
-viel Glück gehabt, daß ich voller Mut einen zweiten Versuch machen
-wollte.
-
-Mit den Händen in den Taschen, einen betrunkenen Matrosen markierend,
-torkelte ich der kleinen Brücke, die von meinem Posten bewacht war, zu.
-In meiner Betrunkenheit rempelte ich den Posten sanft an, dieser schien
-solche Anblicke gewöhnt zu sein, und mit einem gemütlichen: ~„Halloh!
-Old Jack, one Whisky too much!”~ klopfte er mir auf die Schulter und
-ließ mich passieren.
-
-Einige hundert Schritte weiter war ich wieder der Alte. Nach kurzem
-Suchen fand ich die steinige Uferstelle wieder, an der ich den Abend
-vorher den beinahe mißlungenen Schwimmversuch unternommen hatte.
-
-Es war ungefähr zwei Uhr nachts, und im Nu hatte ich mich ausgezogen,
-und sofort sprang ich, diesmal leicht und unbehindert, so wie mich
-der liebe Gott geschaffen hatte, ins Wasser. Der Himmel war zum
-erstenmal umwölkt, und schwach hoben sich die Umrisse mehrerer zirka
-zweihundert Meter vom Ufer entfernt verankerter Ruderboote ab. Das
-Wasser phosphoreszierte ganz ungewöhnlich stark; nur in den Tropen
-habe ich Ähnliches erlebt. Wie in einem Meer von Gold und Silber
-schwamm ich daher. Zu einer anderen Zeit hätte mich dieses Naturwunder
-höchst entzückt, jetzt befürchtete ich, daß das helle Aufleuchten
-meines nackten weißen Körpers in dem hellen Goldstrom mich verraten
-würde. Zuerst ging alles nach Wunsch. Sowie ich aber die links vor mir
-liegende schützende Uferecke passiert hatte, faßte mich der Strom,
-und nun gab es wieder ein Ringen mit dem Element auf Leben und Tod.
-Als meine Kräfte zu ermatten drohten, erreichte ich das erste Boot.
-Die letzte Kraft zusammengenommen, und nach einem mächtigen Klimmzug
-polterte ich in das Innere des Bootes hinein. Verhängnis! Das Boot
-war leer. Kein Riemen, kein Haken, mit dem ich mich hätte vorwärts
-bewegen können. Nach kurzer Pause glitt ich wieder ins Wasser hinab und
-ließ mich nun von dem Strom gegen das nächste dahinter liegende Boot
-treiben. Auch dieses Boot ... leer. Und so ging's noch mit drei anderen
-Booten. Bis ich schließlich beim letzten leeren anlangte, und nachdem
-ich mich verschnauft hatte, ging es wieder hinein in das glitzernde,
-jetzt aber unangenehm kalte Element. Und zwei Stunden, nachdem ich
-abgeschwommen war, langte ich wieder bei meinen Kleidern an.
-
-Da ich vor Kälte wie Espenlaub zitterte, machte es mir besondere
-Arbeit, naß wie ich war, in die ebenfalls noch nassen und klebenden
-Kleider zu gelangen.
-
-Eine halbe Stunde darauf lag ich, an meinem Glücksstern zweifelnd, in
-meinem Heuhaufen.
-
-War es mir übelzunehmen, daß ich etwas mutlos wurde? Und vor allen
-Dingen gleichgültig? Ja, ich war so herunter, daß ich am nächsten
-Morgen nicht die Energie fand, rechtzeitig mein Versteck zu verlassen,
-und erst über den Bretterzaun setzte, als schon der Besitzer des
-Holzlagers mehrere Male dicht an meinem Versteck vorbeigeschritten
-war. Diesen kommenden Tag ging ich zu Fuß von Gravesend nach London
-hinauf und von London zu Fuß auf der anderen Themseseite nach Tilbury
-hinunter. Alles nur, um ein Boot finden zu können, das ich mir
-unbemerkt leihen konnte. Es war ja gar nicht zu glauben, mehrere lagen
-da, aber die nur gut bewacht von ihren Besitzern. Mutlos gab ich das
-Rennen auf.
-
-An diesem Abend ging ich in ein Varieté in der festen Absicht, die
-zwanzig Schilling, die ich noch besaß, zu verjubeln, dann in einer
-Nacht alles auf eine Karte zu setzen und zu versuchen, in die Docks
-zu gelangen und mich auf einem neutralen Dampfer zu verstecken. Und
-wenn das, wie es Trefftz gegangen war, mißlang, wollte ich mich der
-Polizeibehörde stellen.
-
-Ich stand auf der obersten Galerie des größten Londoner Varietés
-und folgte dem Spiele. Eine innere Stimme raunte mir immer zu:
-Du gehörst nach Gravesend zur Arbeit, deine Pflicht ist es, die
-Schlappheit zu überwinden, sonst bist du kein deutscher Seemann mehr!
-Als lebende Bilder gestellt wurden, Szenen aus dem Schützengraben
-und Verherrlichungen des zukünftigen Sieges und Friedens, bei
-denen selbstverständlich die Deutschen nur fliehend und geschlagen
-dargestellt wurden, ja als sogar auf dem Hauptbild Britannia
-dargestellt wurde im strahlenden Sonnenglanz, die Siegespalme in der
-Hand, mit ihrem rechten Fuß auf einem gefesselt daliegenden feldgrauen
-deutschen Soldaten, da packte mich der heilige Zorn, und fluchtartig
-trotz Protestes meiner Nachbarn verließ ich das Theater und faßte
-gerade noch den letzten Zug nach Tilbury.
-
-Jetzt war mir wieder wohl zumute. Und ich war in meinem Innern so fest
-überzeugt, daß mir heute mein Plan gelingen würde, daß es gar nicht
-anders kommen konnte.
-
-Als ich die ersten Fischerhütten von Gravesend passierte, fand ich
-einen kleinen Bootsriemen. Zur Sicherheit nahm ich diesen mit. Mitten
-in der Hafenstraße, da, wo in den Kaieinschnitten die Fischkutter
-direkt anlegten, schaukelte ein kleines Dinghi. Nur zwanzig Schritt
-davon entfernt saßen auf einer Hausbank gemütlich plaudernd die
-Besitzer der Fischkutter und des dazugehörigen Dinghis. Da die guten
-Seeleute mit ihren Geliebten zärtlich kosten, war von meiner Gegenwart
-nichts bemerkt worden.
-
-Riskant war es, aber: Nur dem Mutigen gehört die Welt, brummte ich
-in mein Inneres hinein. Und dank meiner erworbenen Übung, kroch ich
-unhörbar in das Boot, ein scharfer Schnitt, und leise glitt die winzige
-Nußschale am Fischkutter entlang, auf dessen Achterdeck eine Frau ihr
-Kind in den Schlaf wiegte.
-
-Da keine Dollen im Boot vorhanden waren, setzte ich mich achteraus
-und wriggte nun mit aller Kraft vom Ufer fort. Kaum hatte ich
-jedoch ein Drittel des Weges zurückgelegt, als mich plötzlich mit
-unwiderstehlicher Gewalt die Ebbströmung faßte, mein Boot wie einen
-Kreisel herumwirbelte und alle meine Versuche, Kurs zu halten,
-vergeblich machte. Jetzt galt's seemännische Geschicklichkeit zeigen.
-Mit eiserner Faust brachte ich das Boot in meine Gewalt, und genau
-mit dem Strom schwimmend, steuerte ich flußabwärts. Jetzt kam ein
-gefährlicher Moment. Eine mächtige, quer über den Fluß reichende und
-von Soldaten streng bewachte militärische Pontonbrücke kam mir in den
-Weg. Ein Moment kalter Ruhe, schärfster Anspannung, ein Anruf eines
-Postens, und unverwandt geradeaus sehend und nur auf meinen Riemen
-achtend, schoß der Nachen durch zwei Pontons hindurch. Nur wenige
-Sekunden darauf erhielt das Boot einen kräftigen Stoß, und schon war
-ich an den Ankerketten eines mächtigen Kohlenleichters gestrandet. Wie
-der Blitz hatte ich mein Bootstau um die Ankerkette festgemacht, nur
-Bruchteile von Sekunden, in denen das Boot beinahe gekentert wäre.
-Jetzt war ich in Sicherheit. Wie rasend schoß das Wasser gurgelnd an
-meinen Bootsplanken vorüber, der volle Ebbstrom, verstärkt durch das
-Flußgefälle, mußte schon eingesetzt haben.
-
-Mir blieb jetzt nichts anderes zu tun übrig, als geduldig warten.
-
-An meiner Steuerbordseite lag mein Dampfer. Ich wollte abwarten, bis
-wieder Stauwasser eingetreten war, um dann herüberzuwriggen. Innerlich
-frohlockte ich schon vor lauter Übermut, als schnell der nötige Dampfer
-kam. Der Morgen fing an zu grauen, immer heller traten die Umrisse der
-verankerten Schiffe hervor, endlich ging die Sonne auf, und immer noch
-rauschte das Wasser so kräftig an mir vorbei, daß an ein Fortkommen
-für mich nicht zu denken war. Die Flucht war sowieso in dieser Nacht
-unmöglich. Glücklich aber, daß ich wenigstens das lang gesuchte Boot
-besaß, ließ ich mich mit dem letzten schwachen Ebbstrom stromabwärts
-gleiten, und nach zirka einer Stunde machte ich an einer alten
-zerfallenen Brücke am rechten Themseufer fest. Mein Boot versteckte
-ich unter der Brücke, die beiden Riemen nahm ich zur Vorsicht mit an
-Land und verstaute sie im hohen Gras. Dann legte ich mich selbst in
-die Nähe und beobachtete. Um acht Uhr früh rauschte mein Dampfer stolz
-an mir vorüber. Es war die „Mecklenburg”. Nun kam noch eine harte
-Geduldsprobe. Sechzehn Stunden blieb ich im Grase liegen, bis abends um
-acht Uhr die Befreiungsstunde schlug.
-
-Da bestieg ich wieder mein Boot. Vorsichtig ließ ich mich durch die
-eben einsetzende Flußströmung wieder stromaufwärts treiben und machte
-am selben Leichter fest, an dem ich die Nacht vorher gestrandet war.
-Querab von mir, nur fünfhundert Meter entfernt, lag die „Prinzeß
-Juliana” an ihrer Boje.
-
-Jetzt hatte ich Zeit, legte mich lang in das Innere meines Bootes und
-versuchte vergebens ein Nickerchen zu machen. Der Flutstrom schwoll,
-und bald war ich wieder von brausendem Wasser umgeben.
-
-Nachts um zwölf Uhr wurde es still um mich herum, und als um ein Uhr
-das Boot ruhig im Stauwasser schlingerte, warf ich los, setzte mich
-achtern dwars in mein Boot und wriggte in größter Gemütsruhe, als wenn
-ich mich auf einer Sonntagspartie im Kieler Hafen befände, zum Dampfer.
-
-Unbemerkt gelangte ich an die Festmacherboje.
-
-Haushoch türmte sich über mir der scharfe schwarze Vorsteven meines
-Dampfers. Ein kräftiger Ruck, und oben war ich auf der Boje. Nun
-gab ich meinem treuen Schwan einen tüchtigen Fußtritt, und schnell
-wurde der von der eben wieder einsetzenden Ebbströmung stromab
-geführt. Mäuschenstill lag ich mehrere Minuten auf der Eisentonne.
-Dann kletterte ich, von eiserner Ruhe erfüllt, wie eine Katze an der
-mächtigen Stahltrosse zur Klüse empor. Vorsichtig steckte ich den Kopf
-über den Wassergang und spähte.
-
-Die Back war leer.
-
-Ein kurzes Aufstemmen, und oben war ich.
-
-
-
-
-Ein blinder Passagier
-
-
-Jetzt kroch ich auf dem Deck entlang zum Ankerspill und versteckte mich
-zuerst mal in der Ölwanne unter der Kettentrommel.
-
-Als alles um mich ruhig blieb, kein Mensch sich zeigte, kletterte ich
-aus meinem Versteck, zog meine Stiefel aus und verstaute sie unter
-einem Bund Stammwerk in einer Ecke der Back. Auf Strümpfen schlich ich
-jetzt zur Rekognoszierung. Als ich von Achterkante Back vorsichtig zum
-Ladedeck hinunterschaute, prallte ich plötzlich zurück, und atemlos,
-ohne mit der Wimper zu zucken, blieb ich an einen Ventilator angelehnt
-stehen. Unten auf dem Ladedeck standen zwei Posten, die scharf nach der
-Back heraufsahen.
-
-Nachdem ich über eine halbe Stunde in meiner halb geduckten Stellung
-gestanden hatte und mir die Knie den Dienst versagen wollten, kamen
-unten aus dem Mitteldeck zwei Stewardessen, die scheinbar vom
-Nachtdienst abgelöst worden waren. Meine beiden Posten ergriffen
-die günstige Gelegenheit, waren bald in eine Unterhaltung mit ihnen
-vertieft und achteten nicht weiter auf das, was um sie herum vorging.
-
-Der Morgen fing bereits an zu dämmern, jetzt mußte ich handeln, wenn
-nicht noch zu guter Letzt alles verloren sein sollte.
-
-Ich rutschte an der den beiden Liebespaaren entgegengesetzten Seite
-der Back an der Gillung herunter und befand mich auf dem Ladedeck.
-
-Ohne auch nur eine Sekunde zu zaudern, ging ich leise weiter,
-schlich unbemerkt an den beiden Posten vorbei, erreichte glücklich
-das Promenadendeck, und dann kletterte ich an den Außenkanten einer
-Deckstütze hoch und befand mich kurz darauf an der Außenkante eines
-Rettungsbootes.
-
-Mich mit der einen Hand eisern festhaltend, da zwölf Meter unter mir
-das Themsewasser gurgelte, reihte ich mit der anderen Hand und mit
-den Zähnen einige Bänzel des Bootsbezuges los, und mit der letzten
-Kraftanstrengung kroch ich durch die kleine Lücke und befand mich
-wohlgeborgen im Bootsinnern.
-
-Jetzt holte ich von Innen die gelösten Bänzel wieder an, und kein
-Mensch hätte auf den Gedanken kommen können, daß sich ein blinder
-Passagier im Rettungsboot befand.
-
-Nun war es allerdings vorbei mit mir. Die ungeheuerlichen körperlichen
-Anstrengungen, die seelischen Aufregungen und nicht zum mindesten der
-nagende Hunger bewirkten, daß ich mich der Länge nach auf den Planken
-ausstreckte und im selben Moment nicht mehr wußte, was um mich geschah.
-
-
-
-
-Der Weg in die Freiheit
-
-
-Aus einem totenähnlichen, traumlosen Schlaf wurde ich durch schrilles
-Sirenengeheul aufgeweckt.
-
-Vorsichtig öffnete ich ein Bänzel meines Bezuges, und am liebsten hätte
-ich laut Hurra geschrien, denn eben lief der Dampfer in den Hafen von
-Vlissingen ein.
-
-Nun war mir alles gleich. Ich zog mein Messer, und mit einem Schnitt
-durchtrennte ich die Bänzel des Bezuges, diesmal aber auf der Seite, wo
-das Bootsdeck lag.
-
-Aufatmend stand ich mitten auf dem Bootsdeck und erwartete nun, jeden
-Moment gefangengenommen zu werden.
-
-Kein Mensch, der sich um mich kümmerte. Die Schiffsbesatzung war beim
-Anlegemanöver, die Fremden waren mit ihrem Reisegepäck beschäftigt.
-
-Nun stieg ich zum Promenadendeck hinunter. Entrüstet wurde ich ob
-meines Drecks und meiner zerrissenen blauen Strümpfe, die alles andere
-als appetitlich aussahen, von einigen Passagieren angesehen.
-
-Aber ich muß so glückliche, strahlende Augen gemacht haben, und die
-helle Freude leuchtete wohl aus meinem schmutzigen, eingefallenen
-Gesicht, daß manch erstaunter Frauenblick mich traf.
-
-In diesem Aufzug konnte ich nicht weiter rumlaufen. Ich ging auf die
-Back, holte mir meine Stiefel herunter (meine besten Hockeystiefel,
-englische Liebesgaben), und, trotzdem ich von einem holländischen
-Matrosen barsch angeschnauzt wurde, zog ich mir in Seelenruhe meine
-Lieblinge an und wanderte zum Fallreep.
-
-Der Dampfer hatte direkt am Kai festgemacht.
-
-Die Passagiere verließen das Schiff, von dem Kapitän und den
-Schiffsoffizieren Abschied nehmend. Erst hatte ich ernstlich vor, mich
-dem Kapitän zu erkennen zu geben, um die holländische Dampferkompanie
-nicht zu schädigen. Dann aber gewann die Vorsicht die Oberhand, und
-mit den Händen in den Hosentaschen, mich recht lumpig benehmend,
-schlingerte ich im Seemannsschritt das Fallreep hinab.
-
-Kein Mensch nahm von mir Notiz. Ich tat so, als wenn ich zur
-Schiffsbesatzung gehörte, und half beim Festmachen der Stahlleinen.
-
-Dann mischte ich mich unter das Volk, und während die Passagiere einer
-scharfen Kontrolle unterzogen wurden, sah ich mich um und entdeckte im
-Gitter eine Tür, an der groß „Ausgang verboten” stand.
-
-Die führte sicher in die Freiheit!
-
-Im Nu war dieses für mich kinderleichte Hindernis überwunden, und
-draußen stand ich.
-
-Frei!
-
-Mit meiner ganzen Energie mußte ich mich zusammennehmen, um nicht vor
-Freude wie ein Tollhäusler herumzuspringen. Zwei wackere Landsmänner
-nahmen mich auf. Glauben wollten sie es allerdings nicht, daß ich
-Offizier sei, und vor allen Dingen nicht, daß mir die Flucht aus
-England gelungen wäre.
-
-Hui, sah das Badewasser aus!
-
-Für drei Personen habe ich an diesem Abend gegessen.
-
-Nachdem ich mir am nächsten Tage einige Kleinigkeiten eingekauft hatte,
-stieg ich mit meinem Arbeitsgewande in den ~D~-Zug nach Deutschland.
-
-Als sich der Zug eben in Bewegung setzen wollte, tippte mir ein Mann
-von hinten auf die Schulter (wie ich diese Begrüßungsart verabscheute!)
-und fragte mich:
-
-„Wo sind Ihre Papiere?”
-
-„Wer sind Sie überhaupt?” sagte ich.
-
-„Ich bin Geheimdetektiv.”
-
-„Das kann jeder sagen.”
-
-„Jawohl, mein Herr, hier ist meine Marke.”
-
-Nun wurde mir doch blümerant zumute!
-
-Ich erklärte dem Herrn äußerst liebenswürdig, daß ich keine Papiere
-besäße, übrigens direkt nach Deutschland führe und der holländischen
-Regierung keinerlei Unannehmlichkeiten bereiten würde.
-
-„So”, sagte er, „aus England kommen Sie und haben keine Papiere, na das
-war wohl recht schwer?”
-
-„Ach ja, ziemlich”, meinte ich.
-
-„Na dann wünsche ich Ihnen weiter glückliche Reise!”
-
-Wir schüttelten uns die Hand, und schon setzte sich der Zug in
-Bewegung.
-
-
-
-
-Wieder im Vaterland!
-
-
-Auf meinem Sitz konnte ich es nicht lange aushalten. Ich war allein in
-meinem Kupee erster Klasse, und von Gedanken und Hoffnungen, die mein
-Hirn durchrasten, überwältigt, lief ich wie ein wildes Tier in seinem
-Käfig im Abteil auf und ab.
-
-Endlich, endlich, es schien ja eine Ewigkeit zu sein, fuhr der Zug
-langsam über die deutsche Grenze.
-
-Der schwarz-weiße Pfahl grüßte zu mir herüber, und weit lehnte ich mich
-aus dem Fenster heraus, und jubelnd schrie ich zweimal Hurra!
-
-Das dritte Hurra blieb mir in der Kehle stecken, und überwältigt von
-Dankbarkeit, von Freude und Glück schluchzte ich laut auf und konnte es
-nicht verhindern, daß mir die Tränen aus den Augen liefen.
-
-War das Schlappheit?
-
-Der Zug hielt in Goch, die ersten Feldgrauen, die ich in meinem Leben
-sah, standen auf dem Bahnsteig, und unbesorgt sprang ich aus dem Zug.
-
-Ein harter Griff packte mich am Rockkragen, und ein mächtiger
-preußischer Wachtmeister mit grimmigem Blick unter leuchtendem Helm,
-hielt mich in seiner stählernen Faust.
-
-„Ha, da haben wir das Bürschchen!”
-
-Ich wäre dem braven Feldgrauen am liebsten um den Hals gefallen. Noch
-nie habe ich mich in meinem Leben so sicher gefühlt wie in diesem
-Augenblick.
-
-Ich versuchte zu erklären, wer ich sei, ein Lächeln, welches einem
-anderen wenig Trostvolles gesagt hätte, war die Antwort.
-
-Von zwei biederen Landsturmleuten wurde ich am nächsten Morgen nach
-Wesel transportiert.
-
-Auf dem Geschäftszimmer war noch niemand zu sprechen. Kleine Jungens
-waren mir nachgelaufen, warfen mit Steinchen und riefen: „Sie haben,
-sie haben ihn, einen Spion!” Diese prächtigen Blondköpfe!
-
-Eine Ordonnanz nahm mich in Empfang.
-
-„Na setzen Sie sich mal hin, mit solchen Leuten wie Sie machen wir
-kurzen Prozeß, wenn erst der Herr Kapitänleutnant F. kommt, dann gibt's
-nur ein kurzes Verhör und Sie baumeln!”
-
-Nach einiger Zeit kam der Gestrenge, natürlich ein Kamerad von mir.
-Das Erstaunen und die Freude waren nicht zu beschreiben. Aber erst das
-dumme Gesicht meiner liebenswürdigen Ordonnanz! Diese mußte jetzt sogar
-laufen und mir Frühstück holen.
-
-Eine besondere Freude machte mir noch hier in Wesel ein englischer
-Steckbrief aus der ‚Daily Mail’ vom zwölften Juli, also aus einer Zeit,
-wo ich bereits längst in Sicherheit war, der damit endete, daß ich
-wahrscheinlich versuchen würde, mich auf einem neutralen Dampfer als
-Matrose anwerben zu lassen, und daß:
-
- ~his recapture should be but a matter of time!~
-
-Nach einer Stunde saß ich, immer noch in meinem Arbeiteranzug, mit
-einem Paß in der Tasche im ~D~-Zug nach Berlin und fuhr natürlich -- --
--- erster Klasse.
-
-Endlich war ich am Ziel! Fast neun Monate hatte ich gebraucht, um mich
-von Tsingtau bis nach Deutschland durchzuschlagen.
-
-Deutschland, o du mein geliebtes Vaterland! Nun war ich da.
-
-Wunderbar strahlte die Sonne an diesem dreizehnten Juli
-Neunzehnhundertundfünfzehn vom Himmel herab, trunkenen Auges nahm ich
-die herrlichen Heimatbilder in mich auf.
-
-In meinem Abteil erster Klasse saß ich alleine und hatte mich zu beiden
-Seiten des Fensters breit gemacht und fing an, in Blei meinen Bericht
-zu schreiben.
-
-In Münster stieg eine alte Exzellenz in voller Uniform in mein Abteil.
-Höflich stand ich auf, räumte den einen Fensterplatz frei und fragte:
-„Darf ich Eurer Exzellenz gehorsamst den einen Fensterplatz einräumen?”
-Ein wütender Blick seiner stahlharten Augen, dann entrang sich ein
-verächtliches „Brrrr” seiner Kehle, und schwupp schlug er die Türe zu
-und ließ mich alleine.
-
-Sollte Seiner Exzellenz durch Zufall dieses Büchlein in die Hand
-fallen, so bitte ich gehorsamst, mir zu verzeihen, daß ich damals
-vergaß, in welchem Anzug ich steckte!
-
-Abends um sieben Uhr lief der Zug im Bahnhof Zoo ein.
-
-Feucht schimmerten zwei herrliche blaue Augensterne, ein riesiger
-Strauß wunderbarster roter Rosen lag in meinem Arm, und vor Glück und
-Wiedersehensfreude nicht mächtig ein Wort zu sagen, verließen wir den
-Bahnhof.
-
-Die nächsten Tage durchlebte ich wie im Traum.
-
-Als ich den Admiralstab betrat, wollte mich natürlich der Portier
-zuerst nicht hereinlassen, und auch in den großen Geschäften, wo ich
-mir schleunigst Sachen kaufen wollte, da ich von meinem ganzen Hab und
-Gut nichts mehr besaß als den Arbeiteranzug, den ich auf dem Leibe
-trug, wollten mich natürlich zuerst die Türhüter hinauswerfen.
-
-Einige Tage hatte ich im Reichsmarineamt zu arbeiten, dann erhielt ich
-meines Kaisers Dank.
-
-Und mit dem Eisernen Kreuz erster Klasse geschmückt fuhr ich stolz zu
-den Meinen.
-
-Nach einigen Wochen Erholung kam dann die größte Belohnung.
-
-Ich wurde wieder Flieger und durfte mitarbeiten an dem großen Werk von
-Deutschlands Kampf und Sieg.
-
-Und als an der östlichen Kampffront mein allergnädigster Kaiser
-und Herr die Seeflugstation besichtigte, die unter meinem Kommando
-stand, und mir die Hand drückte und mir persönlich seine kaiserliche
-Anerkennung aussprach, da blickte ich ihm fest in die Augen, und
-flammend stand in meiner Seele:
-
- _Mit Gott für Kaiser und Reich!_
-
-
-
-
-Ullstein-Kriegsbücher
-
-
-Zeppeline über England
-
-von ***
-
-Aus dem Inhalt:
-
-Sturmfahrt * Im Luftschiffhafen * Auf der Werft * Harte Tage
-* Kleinkrieg * Nach England * Ueber London * Von Norfolk bis
-Northumberland * Im Kampf mit Fliegern * Invasion * Denket an Baralong.
-
-
-Die Fahrt der Deutschland
-
-von Kapitän Paul König
-
-Kapitän König selbst hat dieses Werk über die „Deutschland” verfaßt,
-dem seine während der ersten Fahrt aufgezeichneten Beobachtungen
-zugrunde liegen. Mit großer Anschaulichkeit, in einer Sprache, in
-der noch die ganze Unmittelbarkeit des Erlebnisses nachklingt, gibt
-er die Geschichte dieser für alle Zeiten denkwürdigen Tat. Vom Bau
-der „Deutschland” erzählt er, von der Ausreise, vom Kampf mit den
-Elementen, von der Verfolgung durch die Feinde, von der Ankunft in
-Baltimore, von der glücklichen Heimkehr. Eine Seemannsnatur von
-prachtvoller Frische spricht aus dieser Schilderung, die überall
-gelesen werden wird, wo man froh und dankbar den Namen Paul König nennt.
-
-
-Jeder Band 1 Mark
-
-
-Ullstein-Kriegsbücher
-
-
-Skagerrak!
-
-Von ***
-
-Zum ersten Male ist in diesem Buche ein umfassendes, klares und
-übersichtliches Bild der gewaltigsten Seeschlacht aller Zeiten
-gegeben. Der Verfasser, ein Seeoffizier, dessen Name aus bestimmten
-Gründen nicht genannt werden kann, schildert in ungemein packender und
-lebendiger Weise den Verlauf des furchtbaren Kampfes. Er führt uns auf
-den Kommandoturm, an die Batterien, in die Höllenglut der Heizräume,
-und er läßt uns den Jubel der Mannschaft miterleben, wenn das
-Sprachrohr immer wieder das Sinken eines feindlichen Schiffes meldet.
-
-
-Als U-Boots-Kommandant gegen England
-
-von Kapitänleutnant Freiherrn v. Forstner
-
-Zum ersten Male berichtet hier ein deutscher Unterseebootskommandant
-von dem, was unserem schlimmsten Feind Angst und Schrecken einjagt, uns
-selbst aber stolz macht auf beispiellos kühne Taten, von den Erfolgen
-im Handelskrieg gegen England. Seit im Februar 1915 zur Abwehr des
-Aushungerungsplanes die Blockade der englischen Küste erklärt wurde,
-ist der Verfasser dieses Buches zu manch erfolgreichem Beutezug
-ausgefahren.
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-Jeder Band 1 Mark
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-Ullstein-Kriegsbücher
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-An der Spitze meiner Kompagnie
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-von Paul Oskar Höcker
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-Kriegsfahrten eines Johanniters
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-von Fedor von Zobeltitz
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-Nach Sibirien mit hunderttausend Deutschen
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-von Kurt Aram
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-Reise zur deutschen Front
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-von Ludwig Ganghofer
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-Landsturm im Feuer
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-von Ernst von Wolzogen
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-Die stählerne Mauer
-
-von Ludwig Ganghofer
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-Aus einer deutschen Festung im Kriege
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-von Heinz Tovote
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-Die Front im Osten
-
-von Ludwig Ganghofer
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-Die Helden von Tsingtau
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-von Otto von Gottberg
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-Jeder Band 1 Mark
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-Ullstein-Kriegsbücher
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-Kreuzerfahrten und ~U~-Bootstaten
-
-von Otto von Gottberg
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-Meine Kriegsfahrt von Kamerun zur Heimat
-
-von Emil Zimmermann
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-
-Der russische Niederbruch
-
-von Ludwig Ganghofer
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-
-Das deutsche Volk in schwerer Zeit
-
-von Rudolf Hans Bartsch
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-Im Auto durch Feindesland
-
-von Paul Grabein
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-Aus den Urwäldern Paraguays zur Fahne
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-von Ernesto Freiherrn Gedult v. Jungenfeld
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-Von New York nach Jerusalem und in die Wüste
-
-von Th. Preyer
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-Der Krieg im Alpenrot
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-von Karl Hans Strobl
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-Wir Marokko-Deutschen in der Gewalt der Franzosen
-
-von Gustav Fock
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-
-Jeder Band 1 Mark
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-Wir draußen
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-Zwei Jahre Kriegserleben an vier Fronten von Colin Roß
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-Zwei Jahre des Weltkrieges umfassen die Berichte des Oberleutnants
-Colin Roß, der an allen Fronten selbst gekämpft hat. Ungeheure
-Wirklichkeiten folgen aufeinander und werden zur fernen Erinnerung, zum
-blassen Traum. Landschaftsszenen voll Duftes, voll zarter Lieblichkeit
-unterbrechen die Bilder der Schlachten. Ein freies, stolzes Menschentum
-spricht aus diesen Schilderungen.
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- Preis 3,50 Mark broschiert. 4,50 Mark gebunden
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-Drei Straßen des Krieges
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-von Dr. Max Osborn
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-Auf drei Hauptstraßen des Krieges an der Westfront führt Osborns Werk:
-nach dem Artois, Frankreichs „schwarzem Land”, nach der Champagne
-und nach Flandern. Fortreißend in ihrer Wucht ist Osborns Sprache,
-einer Begeisterung geboren, die jedes Pathos verschmäht. Menschen und
-Landschaft -- alles macht sie in persönlicher, dichterischer Formung
-lebendig.
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- Preis 2 Mark broschiert. 3 Mark gebunden
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-Kernworte des Weltkrieges
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-von Rudolf Rotheit
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-Rotheits Werk ist ein in glänzender Form abgefaßter, klar geordneter
-Büchmann des Weltkrieges. Alle die Schlagworte weist er nach, die
-bis zur zweiten Jahreswende des Völkerringens entstanden, die
-zuversichtlichen deutschen Worte des Kaisers, des Kanzlers, der
-Reichstagsführer, die hämischen oder großspurigen Kundgebungen aus
-dem Lager unserer Feinde. Politische Zusammenhänge, die jetzt schon
-dem Bewußtsein sich entziehen, werden von Rotheit in dieser Chronik
-der Jahre 1914 bis 1916 aufgehellt. Nicht nur den Zeitgenossen, auch
-der Nachwelt dient seine aus der unmittelbaren Berufstätigkeit des
-Journalisten heraus gebotene Arbeit.
-
- Preis 1,50 Mark
-
-
-Verlag Ullstein & Co · Berlin
-
-
-[Illustration]
-
- Ullstein & Co
- Berlin SW 68
-
-
-
-
- +----------------------------------------------------------------+
- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen |
- | gebräuchlich waren, wie: |
- | |
- | Bahnhofes -- Bahnhofs |
- | Dolmetscher-Offizier -- Dolmetscheroffizier |
- | Iltis-Berge -- Iltisberge |
- | Neunzehnhundertundvierzehn -- Neunzehnhundertvierzehn |
- | unseren -- unsern |
- | |
- | Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. |
- | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: |
- | |
- | S. 9 „Mc Garvin” in „McGarvin” geändert. |
- | S. 55 „eventuell” in „eventuelle” geändert. |
- | S. 139 „toppslastig” in „topplastig” geändert. |
- | S. 155 f. „Luck” in „Luk” geändert. |
- | S. 204 „an mich” in „an sich” geändert. |
- | S. 236 „Elbströmung” in „Ebbströmung” geändert. |
- | |
- +----------------------------------------------------------------+
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau, by
-Gunther Plüschow
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ABENTEUER DES FLIEGERS ***
-
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-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
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-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
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-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
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-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
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- The Project Gutenberg eBook of Die Abenteuer des
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-The Project Gutenberg EBook of Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau, by
-Gunther Plüschow
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-Title: Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau
- Meine Erlebnisse in drei Erdteilen
-
-Author: Gunther Plüschow
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-Release Date: August 24, 2020 [EBook #63037]
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-Language: German
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-Character set encoding: UTF-8
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-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ABENTEUER DES FLIEGERS ***
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-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was
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-Internet Archive)
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-</pre>
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-<div class="figcenter" style="width: 360px;">
-<img src="images/illu-001.png" width="360" height="120" alt="Ullstein Kriegsbücher" />
-</div>
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-<p class="center pagebreak big160">Die Abenteuer des<br />
-Fliegers von Tsingtau</p>
-
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-
-<h1 class="pagebreak">Die Abenteuer des<br />
-Fliegers von Tsingtau</h1>
-
-<p class="center p2">Meine Erlebnisse in drei Erdteilen</p>
-
-<p class="center">von</p>
-
-<p class="center">Kapitänleutnant</p>
-
-<p class="center big120">Gunther Plüschow</p>
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-<div class="figcenter" style="width: 62px;">
-<img src="images/illu-005.png" width="62" height="151" alt="Ullstein Signet" />
-<div class="caption">1916</div>
-</div>
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-<p class="center big120 p4">Verlag Ullstein &amp; Co, Berlin
-</p>
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-<p class="center p10 pagebreak"><small>Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.<br />
-Amerikanisches Copyright 1916 by Ullstein &amp; Co., Berlin.</small></p>
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-<h2 class="pagebreak">Inhalt</h2>
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-
-<div class="center">
-<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary="Inhalt">
-<tr><td align="left">Fliegerfreuden und Fliegerleiden</td><td align="right"><a href="#Seite_11">11</a></td></tr>
-<tr><td align="left">Herrliche Tage in Tsingtau</td><td align="right"><a href="#Seite_28">28</a></td></tr>
-<tr><td align="left">Kriegsalarm &mdash; Meine Taube</td><td align="right"><a href="#Seite_37">37</a></td></tr>
-<tr><td align="left">Allerhand Scherze der Japs</td><td align="right"><a href="#Seite_61">61</a></td></tr>
-<tr><td align="left">Meine Kriegslist</td><td align="right"><a href="#Seite_70">70</a></td></tr>
-<tr><td align="left">Hurra!</td><td align="right"><a href="#Seite_79">79</a></td></tr>
-<tr><td align="left">Der letzte Tag</td><td align="right"><a href="#Seite_86">86</a></td></tr>
-<tr><td align="left">Im Schlamm des chinesischen Reisfeldes</td><td align="right"><a href="#Seite_98">98</a></td></tr>
-<tr><td align="left">Die Fischvergiftung des Mr. McGarvin</td><td align="right"><a href="#Seite_108">108</a></td></tr>
-<tr><td align="left">Sie haben mich!</td><td align="right"><a href="#Seite_135">135</a></td></tr>
-<tr><td align="left">Hinter Mauern und Stacheldraht</td><td align="right"><a href="#Seite_148">148</a></td></tr>
-<tr><td align="left">Die Flucht</td><td align="right"><a href="#Seite_188">188</a></td></tr>
-<tr><td align="left">Schwarze Nächte an der Themse</td><td align="right"><a href="#Seite_196">196</a></td></tr>
-<tr><td align="left">Ein blinder Passagier</td><td align="right"><a href="#Seite_237">237</a></td></tr>
-<tr><td align="left">Der Weg in die Freiheit</td><td align="right"><a href="#Seite_239">239</a></td></tr>
-<tr><td align="left">Wieder im Vaterland!</td><td align="right"><a href="#Seite_243">243</a></td></tr>
-</table></div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>Fliegerfreuden und Fliegerleiden</h2>
-
-
-<p>Es war im August des Jahres Neunzehnhundertunddreizehn,
-als ich in meiner Heimatstadt
-Schwerin anlangte. Mehrere Wochen hatte ich mich
-in England aufgehalten, hatte mich vor allen Dingen
-in London dem Studium der dortigen reichhaltigen
-Kunstschätze hingegeben und mich tagelang
-in London und seiner Umgebung herumgetrieben.
-Damals ahnte ich nicht, wie wertvoll mir diese
-Streifzüge zwei Jahre später werden sollten.</p>
-
-<p>Eine gewisse innere Erregung und Unruhe
-hatte mich schon auf der ganzen Reise befallen,
-und als ich in Schwerin ankam, wagte ich nicht,
-meinem Onkel, der mich abholte, die Frage, die
-mir seit Tagen auf der Seele gebrannt hatte, zu
-stellen. Denn in diesen Tagen sollten die neuen
-Herbstkommandierungen der Marine herauskommen,
-und für mich handelte es sich darum,
-ob mein seit Jahren genährter Wunsch endlich in
-Erfüllung gehen sollte.</p>
-
-<p>Die Frage meines Onkels: „Weißt du, wo du
-hinkommst?” traf mich wie ein elektrischer Schlag.</p>
-
-<p>„Nein.”</p>
-
-<p>„Na, dann herzlichen Glückwunsch, Marine-Fliegerabteilung!”</p>
-
-<p>Vor Freude hätte ich am liebsten mitten auf
-der Straße einen Handstand gemacht, doch die
-guten Schweriner Mitbürger wollte ich nicht zu
-sehr in Aufruhr versetzen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span>
-
-Endlich war also mein Wunsch erfüllt!</p>
-
-<p>Die letzten Tage des Urlaubs vergingen wie
-im Fluge, und froh kehrte ich zur Marineschule
-zurück, um die letzten Wochen meiner anderthalbjährigen
-Tätigkeit als Inspektionsoffizier zu
-vollenden, und wohl noch nie habe ich mit größerer
-Freude meine Koffer gepackt, um meiner neuen
-Bestimmung entgegenzufahren.</p>
-
-<p>Gerade einige Tage vor meiner Abfahrt kam
-einer meiner Kameraden zu mir und rief mir zu:</p>
-
-<p>„Wissen Sie schon das Neueste, wo Sie hinkommen
-sollen?”</p>
-
-<p>„Ja, Flieger.”</p>
-
-<p>„Mensch, Sie ahnen ja noch gar nicht Ihr
-Glück, Sie kommen ja nach Tsingtau!”</p>
-
-<p>Ich war sprachlos und muß ein ziemlich dummes
-Gesicht gemacht haben.</p>
-
-<p>„Ja, Tsingtau, und zwar als Flieger! Sie
-Glückspilz, Sie sollen der erste Marineflieger in
-Tsingtau werden!”</p>
-
-<p>Es war wohl kein Wunder, daß ich dieses nicht
-glauben wollte, bevor ich die offizielle Bestätigung
-erhielt. Es war Wirklichkeit. So viel Dusel sollte
-ich tatsächlich haben.</p>
-
-<p>Drei Monate Wartezeit noch in Kiel, und endlich
-brach der erste Januar Neunzehnhundertundvierzehn
-an, und ich befand mich im geliebten Berlin.</p>
-
-<p>Und die Unruhe! Gar nicht zu bremsen war ich.
-Und schon am zweiten Januar stand ich in Johannisthal
-und dachte, sofort mit dem Fliegen
-anfangen zu können. Aber mir ging es wie wohl<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span>
-den meisten Flugschülern. Zum ersten Male erfuhr
-ich den alten Erfahrungssatz der Fliegerei:
-Nur die Ruhe kann es machen, wer fliegen will,
-muß vor allen Dingen warten lernen!</p>
-
-<p>Warten, warten und immer wieder warten.
-Achtzig Prozent der ganzen Fliegerei besteht nur
-aus Warten und Sich-klar-Halten.</p>
-
-<p>Es hatte nämlich Frau Holle gefallen, ihre
-Daunenkissen auszuschütteln, und das ganze Flugfeld
-war unter einer tiefen Schneeschicht begraben.
-Fliegen unmöglich. Und wochenlang kam
-ich jeden Morgen wieder und dachte: Nun muß
-doch der Schnee fort sein! Aber enttäuscht kehrte
-ich nachmittags wieder nach Hause zurück.</p>
-
-<p>Im Februar endlich wurde es schön. Und am
-ersten Februar saß ich glücklich vorn in meiner
-Taube, und auf ging es zum ersten Male in die
-herrliche kalte Winterluft hinauf. Das Wetter
-meinte es gut in diesen Tagen, und unermüdlich
-wurde Tag für Tag geschult.</p>
-
-<p>Die Fliegerei lag mir, das hatte ich bald heraus.
-Und ich war ganz stolz, als ich schon am dritten
-Tage allein fliegen durfte. Zwei Tage war ich
-gerade allein geflogen, da kam an einem schönen
-Sonnabendnachmittag mein unermüdlicher Lehrer
-Werner Wieting zu mir und sagte: „Na, wie
-wär's, Herr Oberleutnant, wollen Sie nicht gleich
-Ihr Pilotenexamen machen? Das wäre doch ein
-netter kleiner Rekord!”</p>
-
-<p>„Ja, natürlich, ich bin klar!”</p>
-
-<p>Zehn Minuten später saß ich bereits in der<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span>
-Maschine, und lustig drehte ich mit meinem Täubchen
-die vorgeschriebenen Kurven. Es war eine
-wahre Lust, sich in der herrlichen Winterluft
-herumzutummeln. Und als die letzte Prüfungslandung
-tadellos geglückt war, und als mein
-Lehrer mir stolz zum Glückwunsch die Hand reichte,
-da war mir so recht wohl zumute, und ein Gefühl
-der inneren Befriedigung und des Glücks beschlich
-mich.</p>
-
-<p>Nun war ich also Pilot. Die Schulzeit war
-vorüber, und frei und allein konnte ich von jetzt
-ab täglich eine der großen hundertpferdigen Maschinen
-nach Herzenslust fliegen.</p>
-
-<p>Ein Sonderunternehmen sollte mir damals
-viel Freude bereiten. Rumpler hatte einen neuen
-Eindecker herausgebracht, der besonders auf gutes
-Steigen gebaut war. Es galt nun, mit diesem
-Flugzeug den Welthöhenrekord zu erringen. Der
-bekannte Flieger Linnekogel sollte dieses Flugzeug
-steuern, und er bat mich, als sein Beobachter
-mitzufliegen. Was war selbstverständlicher, als
-daß ich ja sagte!</p>
-
-<p>An einem der letzten Tage im Februar starteten
-wir zum ersten Versuch. Dicht eingehüllt zum
-Schutz gegen die große Kälte saßen wir in unserem
-Flugzeug, und voll Neid blickten uns viele Menschenaugen
-nach, als sich leicht wie eine Libelle
-schon nach kurzem Anlauf der Vogel erhob. Mit
-der Uhr in der Hand beobachtete ich die Höhe, und
-schon nach fünfzehn Minuten waren zweitausend
-Meter erreicht, damals eine außerordentliche<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span>
-Leistung. Nun ging es aber langsam. Die Luft
-wurde sehr unruhig, und wie eine Feder wurden
-wir durch die heftigen Fallböen auf und ab geworfen.
-Nach einer Stunde hatten wir endlich
-viertausend Meter erreicht, als mit einem Fauchen
-und Spucken der Motor anfing zu streiken
-und nach wenigen Sekunden mit einem Ruck
-stehenblieb. In Spiralen glitten wir mit großer
-Geschwindigkeit dem Boden zu, und wenige Minuten
-später stand das Flugzeug wohlbehalten
-auf dem Flugplatz.</p>
-
-<p>Die Kälte war zu groß gewesen, der Motor war
-einfach eingefroren und dieses Hindernis nicht
-bedacht worden. Emsig wurden Verbesserungen
-eingebaut. Schon einige Tage später starteten
-wir zum selben Versuch, und dieses Mal schienen
-wir mehr Glück zu haben.</p>
-
-<p>Ruhig und sicher gewannen wir stetig an Höhe.</p>
-
-<p>Viertausend Meter, viertausendzweihundert,
-viertausendfünfhundert Meter, Gott sei Dank,
-der Rekord vom letzten Male war gebrochen! Die
-Kälte war fast unerträglich, und ich glaube, selbst
-die dickste Pelle hätte bei dem scharfen Luftzug
-nichts geholfen.</p>
-
-<p>Viertausendachthundert, viertausendneunhundert
-Meter! Nun fehlten nur noch vierhundert
-Meter, dann war das gesteckte Ziel erreicht. Aber
-wie verzaubert weigerte sich das Flugzeug, auch
-nur einen Meter höher zu klettern. Es half
-nichts. Der Betriebsstoff ging auf die Neige,
-und wiederum setzte der Motor plötzlich aus,<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span>
-diesmal in Höhe von viertausendneunhundert
-Metern.</p>
-
-<p>Ohne einen Tropfen Benzin langten wir wohlbehalten
-unten an, fast zu einem Eisklotz erfroren.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Alles</em> hatten wir nicht erreicht, aber doch einen
-schönen Erfolg: der deutsche Höhenrekord war
-glänzend gewonnen!</p>
-
-<p>Der Erfolg spornte uns aber dazu an, auch das
-letzte Ziel zu erreichen. Und Anfang März endlich
-war das Wetter wieder so weit, daß ein neuer Versuch
-unternommen werden konnte. Noch dicker
-eingehüllt wie das letztemal, mit Thermometer
-versehen, aber ohne Sauerstoffapparat verließen
-wir zu einem dritten Versuche den Flugplatz.</p>
-
-<p>Die ersten Höhen wurden wieder spielend gewonnen.
-Große Wolken schwebten am Himmel,
-die Temperatur war eisig. Als wir durch die
-Wolkendecke nach oben in den strahlenden Sonnenschein
-durchstießen, hatten wir ein herrliches Erlebnis.
-Plötzlich sahen wir nämlich vor uns von
-der Sonne wunderbar beleuchtet ein Zeppelin-Luftschiff,
-welches ebenfalls zu einer Höhenfahrt
-aufgestiegen war.</p>
-
-<p>Welch wunderbare Begegnung in über dreitausend
-Metern Höhe! Weitab von allem Menschengetriebe,
-hoch über des Alltags Sorge und
-Last trafen sich die beiden Maschinen, die so beredt
-von Deutschlands Kraft und Können zeugten.</p>
-
-<p>Wir umkreisten den großen Bruder einige Male
-und winkten ihm mit den Händen ein stummes
-„Glück ab” zu!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span>
-
-Dann fing der Ernst für uns wieder an. Und
-unermüdlich mußten wir arbeiten, um unser Ziel
-zu erreichen. Nach einer Stunde hatten wir viertausendachthundert
-Meter erreicht, dann kamen
-viertausendneunhundert, mein Barograph zeigte
-bald fünftausend, und immer noch brummte der
-Propeller seine gleichmäßige Melodie. Ruhig und
-sicher zog Linnekogel seine Kreise. Das Thermometer
-zeigte bereits minus siebenunddreißig Grad
-Celsius, aber wir achteten der Kälte nicht. Nur
-die Luft wurde etwas knapp. Ein leises Gefühl
-der Müdigkeit beschlich mich, und die Lungen arbeiteten
-nur noch in ganz kurzen schnellen Stößen.
-Jede Bewegung war beschwerlich. Und selbst das
-einfache Umdrehen nach dem hinter mir sitzenden
-Führer war mit großer Anstrengung verbunden.</p>
-
-<p>Der Himmel war inzwischen herrlich geworden.
-Die Wolkenbänke hatten sich verzogen, und wunderbar
-klar lag unter uns Berlin und seine Umgebung.
-Nur so groß wie eine Handfläche sah
-die Weltstadt aus dieser enormen Höhe aus. Ein
-schwarzer Fleck, in dem man aber klar und deutlich
-die Straße Unter den Linden und die daran
-schließende Charlottenburger Chaussee verfolgen
-konnte.</p>
-
-<p>Von diesem wunderbaren Anblick gänzlich hingerissen,
-hatte ich längere Zeit nicht auf Uhr und
-Barograph acht gegeben, und voll Schrecken entsann
-ich mich meiner Pflichtvergessenheit. Zwanzig
-Minuten waren etwa vergangen, seitdem ich
-das letztemal nachgesehen hatte, daß mein Barograph<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span>
-auf fünftausend Meter stand, und jetzt
-mußte eigentlich das Ziel erreicht sein. Aber wie
-wurde ich enttäuscht, als mein Zeiger immer noch
-auf fünftausend stand. Dabei fing Linnekogel an,
-mir Zeichen zu machen, den Flugplatz zu suchen,
-und deutete mit der Hand nach unten. Nein, das
-war mir doch zu arg. Ärgerlich drehte ich mich
-um, und als Linnekogel dieses nicht sah, versetzte
-ich ihm einen nicht gerade sanften Tritt gegen sein
-Schienbein. Dabei hielt ich ihm meine gespreizten
-fünf Finger vor die Nase und deutete
-mit der Hand nach oben. Das sollte heißen:
-Höher, höher, wir sind ja erst fünftausend Meter!</p>
-
-<p>Linnekogel lachte nur, er ergriff meine Hand,
-schüttelte sie kräftig und zeigte mit der Rechten
-zweimal fünf. Ich dachte erst, der hat einen
-Klaps. Und dies wurde noch bestärkt, als Linnekogel
-den Motor abstellte und in einem steilen
-Gleitfluge (wir waren senkrecht über Potsdam)
-in gerader Linie dem Flugplatz Johannisthal zuraste.
-Nun hieß es für mich aufpassen, den Flugplatz
-finden. Und glücklich standen wir sechzehn
-Minuten später vor den Rumplerwerken, freudig
-begrüßt von den Zuschauern.</p>
-
-<p>Es war erreicht! Der Welthöhenrekord war
-mit fünftausendfünfhundert Metern gebrochen.</p>
-
-<p>Eine Stunde fünfundvierzig Minuten hatte im
-ganzen die Fahrt gedauert. Stolz standen wir
-unter unseren untengebliebenen Mitmenschen.
-Linnekogel hatte doch recht gehabt; mein Barograph
-war eingefroren, der Linnekogels, der besser<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span>
-und wärmer eingepackt war, hatte richtig durchgehalten.</p>
-
-<p>Die Tage vergingen, und für mich kam die
-Zeit, wo ich die Heimat verlassen mußte.</p>
-
-<p>Meine für Tsingtau neu gebaute Taube näherte sich
-ihrer Vollendung, und mit einem ganz seltsamen
-Gefühl flog ich mein zukünftiges Flugzeug
-ein, nachdem es die Abnahmebedingungen bestanden
-hatte. Mich dünkte es damals das
-schönste Flugzeug der Welt!</p>
-
-<p>Doch mein Ehrgeiz war damit nicht gestillt.
-Und unbedingt mußte ich vor meiner Abreise
-nach dem fernen Osten einen größeren Überlandflug
-in Deutschland ausführen.</p>
-
-<p>Ich hatte Glück. Meine Bitte fand bei Herrn
-Rumpler Gehör, und er überließ mir eines seiner
-Flugzeuge, um mehrere Tage in Deutschland
-herumzufliegen. Mein Feldpilotenexamen war
-schnell gemacht, und Ende März saß ich an einem
-Tage früh um sieben Uhr in meiner voll ausgerüsteten
-Taube, vor mir als Beobachter mein
-Freund, der lange Oberleutnant Strehle
-von der Kriegsakademie.</p>
-
-<p>Dieser saß heute zum erstenmal in einem Flugzeug.
-Aber an diesen Flug wird er, glaube ich,
-sein ganzes Leben lang denken.</p>
-
-<p>Glänzend war der Start. Und stolz zog ich
-meine Kreise, bis ich in fünfhundert Meter Höhe
-in nördlicher Richtung davonflog. Alles klappte
-famos. Die Havelseen wurden überquert,
-Nauen kam in Sicht, als es plötzlich anfing, diesig<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span>
-zu werden, und keine zehn Minuten später war das
-Pech auch schon da. Dichter Nebel umhüllte uns.
-Vom Boden war nichts mehr zu sehen. Das war
-für den ersten Überlandflug, den ich in meinem
-Leben machte, eine etwas harte Prüfung. Aber
-sorglos, wie man eben nur als junger Flieger ist,
-dachte ich bei mir: Nur Mut, die Sache wird
-schon schief gehen. Und ruhig flog ich in dem
-dichten Nebel, mich nach meinem Kompaß richtend,
-nach Norden zu, denn Hamburg war unser
-Ziel. Nach zwei Stunden konnte ich endlich in
-dreihundert Metern Höhe den Boden unter mir
-wieder sehen, und wer beschreibt meine Freude,
-als ich einen großen schönen Acker bemerkte. Im
-stolzen Gleitfluge, just als ob ich über dem Flugfelde
-wäre, glitt ich nieder und stand bald wohlbehalten
-mitten auf dem Sturzacker. Leute kamen
-zu Dutzenden herbei, und groß war meine
-Freude, als ich erfuhr, daß ich mich auf gutem
-mecklenburgischem Boden befand und vor allen
-Dingen dort, wo wir uns nach meines Beobachters
-und meiner Berechnung befinden mußten.
-Es war Feiertag, und so hatten wir den guten
-Leuten ein schönes Sonntagsvergnügen bereitet.
-Als es aufklarte, wollten wir weiter. Aber der
-weiche Boden hielt die Räder so fest, daß an ein
-Hochkommen nicht zu denken war. Unter Freude
-und Gelächter, unter Hü und Hott und unter
-manchem derben Scherzworte, welches wir über
-uns ergehen lassen mußten, zogen die willigen
-Zuschauer den Riesenvogel über den Acker.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span>
-
-Und nachdem einige Bäume gefällt waren,
-ging es dann noch über einen Graben hinüber
-und auf ein hartes Feld.</p>
-
-<p>Trotzdem wir starten wollten, ließ man uns erst
-weg, nachdem wir uns an vorzüglichem Kaffee
-und Napfkuchen gestärkt hatten.</p>
-
-<p>Nach reichlichem Händeschütteln und vielem
-Hurrageschrei und Tücherwinken beim Start
-waren wir wieder oben und zogen nördlichen
-Kurs ein.</p>
-
-<p>Die Freude dauerte nur kurze Zeit. Und schon
-fünfzehn Minuten später waren wir wieder in
-graue Nebelschichten eingehüllt. Nach zwei Stunden
-wurde die Sache ungemütlich, denn mit einem
-Male fing der verdammte Motor an zu spucken
-und zu fauchen. Bald machte er dreihundert
-Touren zu wenig, bald zweihundert zu viel!</p>
-
-<p>Ich untersuchte alle meine Apparate und Ventile
-und bemerkte zu meinem Schrecken, daß der
-Benzinvorrat rasend abnahm. So gut es ging,
-hielt ich mein Flugzeug fest und glitt auf dreihundert
-Meter herunter.</p>
-
-<p>Aber, o Schreck! Der Nebel verzog sich etwas,
-und wo war ich? Mitten über der Alster! Und
-dabei ein aussetzender Motor und nur dreihundert
-Meter hoch und keine Ahnung, wo der Flugplatz
-Fuhlsbüttel lag. Nun gab's nur eins:
-Ruhe und Entschlossenheit. Ein Gedanke durchzuckte
-mich: Raus aus der Stadt, und keine unschuldigen
-Menschenleben gefährden! Auf einen
-Zettel schrieb ich meinem Beobachter: „Wir<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span>
-müssen in fünf Minuten gelandet sein, sonst haben
-wir keinen Betriebsstoff mehr und gehen
-baden!” Suchend spähte mein Beobachter nach
-unten, und plötzlich zeigte er freudig erregt mit
-der Hand nach einem unter uns liegenden Kirchhof.
-Der gute Kamerad! Er ahnte ja nicht, in
-welcher Lage wir uns befanden und welch
-ein Hohn eigentlich aus seiner Armbewegung
-sprach.</p>
-
-<p>Wir waren bereits zweihundert Meter herunter.
-Der Motor ruckte ungleichmäßig, die Benzinuhr
-zeigte zehn Liter. Ich aber war froh. Aus der
-Stadt waren wir glücklich heraus, und wenn auch
-an eine glatte Landung in dem Gartengewirr für
-uns nicht zu denken war, fremde Menschenleben
-konnten wir wenigstens nicht mehr gefährden.
-In solchen Situationen ist jede Sekunde eine
-Ewigkeit, und Gedanken und Überlegungen jagen
-sich in unheimlicher Geschwindigkeit. Wer da nicht
-ruhig bleibt, eisernen Willen zeigt, der ist verloren.
-Mein Beobachter fing plötzlich an mit der
-Hand zu schwenken und nach vorn zu zeigen.
-Und ich sehe jetzt noch im Geiste seine strahlenden
-Augen vor mir, die mir durch seine Fliegerbrille
-entgegenleuchteten.</p>
-
-<p>Vor uns schimmerte, von den Strahlen der
-untergehenden Sonne durch den Nebel matt beleuchtet,
-die Luftschiffhalle von Fuhlsbüttel.</p>
-
-<p>Hurra! Unser Ziel war erreicht.</p>
-
-<p>Wer beschreibt meine Freude! Mit dem letzten
-Liter Benzin machte ich noch eine Ehrenrunde um<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span>
-den Flugplatz, und nach steilem Gleitfluge setzte
-die Taube leicht und sicher auf dem Platze auf.</p>
-
-<p>In der ersten Freude wäre ich meinem Beobachter
-am liebsten um den Hals gefallen. Der
-gute Kerl hatte ja gar nicht geahnt, in welcher Gefahr
-wir uns befunden hatten, und war höchst
-erstaunt, als ich ihm davon erzählte. Noch jetzt,
-wo ich wirklich weiß, was fliegen heißt, überläuft
-es mich kalt, wenn ich an diesen ersten Überlandflug
-denke! Der Versager war bald festgestellt.
-Der untere Teil des einen Vergasers war abgebrochen,
-und das Benzin floß durch die Bruchstelle
-ab, so oft durch die Erschütterungen des Motors
-der Riß erweitert wurde. Daher auch das
-schnelle Fallen des Benzins und der ungleiche
-Gang des Motors. Daß kein Vergaserbrand
-entstand, ist mir heute noch ein Rätsel.</p>
-
-<p>Nachdem wir drei Tage bei liebsten Freunden
-in Bremen zugebracht hatten, kam endlich der
-neue Vergaser in Hamburg an. Nun wollen wir
-weiter.</p>
-
-<p>Nächstes Ziel: Schwerin in Mecklenburg.</p>
-
-<p>An einem regnerischen, stürmischen Nachmittage
-setzte ich mich in meine vollbeladene Maschine.
-Ein Zug am Hebel, und mit Vollgas
-schwirrten wir los.</p>
-
-<p>Heutzutage würde ich bei solchem Wetter nur
-fliegen, wenn es unbedingt nötig wäre. Damals
-besaß ich aber die Naivität und vor allen Dingen
-die Begeisterung eines jungen Fliegers. Das
-Glück im Unglück ließ auch nicht lange auf sich<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span>
-warten. Das schwergeladene Flugzeug wollte
-nicht hoch, die Böen warfen es hin und her wie
-einen Spielball, und ich wäre gerne umgedreht.
-Aber daran war bei der geringen Höhe nicht zu
-denken. Nun kamen auch schon die ersten Häuser
-von Hamburg. Darüber hinwegzukommen unmöglich!
-Ich war sechzig Meter hoch, unter mir
-sah ich ein kleines Feld. Also kurz entschlossen:
-Gas weg! Landen! Im selben Augenblick faßte
-mich eine Fallbö, ich fühlte, wie das Flugzeug
-unter mir weggezogen wurde, und da ich dachte:
-Jetzt zerschellst du auf dem Boden, gab ich Vollgas
-und riß das Höhensteuer hoch, um den Anprall
-abzuschwächen. Aber im selben Moment
-fühle ich einen Ruck unter mir, und die Maschine
-stellte sich steil auf den Kopf, als wenn eine unsichtbare
-Hand das Fahrgestell festgehalten hätte.</p>
-
-<p>Das Folgende war nur noch ein Werk von
-Bruchteilen von Sekunden. Ich riß an meinem
-Höhensteuer, nahm Gas weg, und schon erhielt
-ich einen schweren, harten Stoß. Krampfhaft hielt
-ich mein Steuerrad fest und flog mit meinem
-Kopf hart gegen die Karosserie.</p>
-
-<p>Totenstille um mich herum.</p>
-
-<p>Tiefe Finsternis und furchtbares Schweigen.
-Durch einen Strom beißender Flüssigkeit, der
-über mein Gesicht herabfloß, kam ich wieder zu
-mir.</p>
-
-<p>Mit den Beinen nach oben, den Körper zusammengepreßt
-und das Gesicht gegen meine Brust
-gedrückt, lag ich still da. Da durchzuckte es mich:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span>
-
-Du bist ja abgestürzt, das Flugzeug kann jeden
-Moment anfangen zu brennen, und du bist mit
-deinem Beobachter verloren! Tastend suchte ich
-in meiner zusammengequetschten Stellung nach
-dem Zündhebel und war froh, ihn endlich gefunden
-und die Zündung ausgeschaltet zu haben.
-Dann kam langsam das Bewußtsein der Wirklichkeit
-zu mir zurück, und ich dachte an meinen
-armen Beobachter. Der saß ja vorne, hatte den
-ersten Anprall abzuhalten und mußte bereits
-zerquetscht sein, wenn die Karosserie den Stoß
-nicht ausgehalten hatte. Als sich vorn nichts
-rührte, fragte ich endlich mit gepreßter Stimme,
-denn ich war so zusammengequetscht, daß ich
-kaum noch Luft bekam: „Strehlchen, leben Sie
-noch?”</p>
-
-<p>Pause, entsetzliche Stille.</p>
-
-<p>Auf meine zweite Frage vernahm ich dann:</p>
-
-<p>„Ja! Was ist eigentlich los? Hier ist es so
-dunkel, ich glaube, es muß etwas passiert sein.”</p>
-
-<p>O, wie frohlockte ich da. Ich schrie förmlich
-vor Vergnügen: „Strehlchen, Mensch, Sie sind
-ja am Leben, das ist die Hauptsache! Sind Ihre
-Knochen eigentlich noch heil?” Der gute lange
-Kerl war in dem kleinen Raum schrecklich zusammengequetscht,
-und ich hörte nur noch sein: „Ja,
-ich weiß nicht, das wird sich hoffentlich später feststellen
-lassen.”</p>
-
-<p>Dann war es wieder still. Das Benzin floß
-noch aus dem mit hundertsiebzig Litern gefüllten
-Tank in Strömen aus, und nach einer Zeit, die<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span>
-mir die Ewigkeit dünkte, klopfte jemand draußen
-an, und von weither erklang eine Stimme:</p>
-
-<p>„Na, lebt da noch jemand drin?”</p>
-
-<p>„Und ob,” rief ich, „nun man dalli, sonst ersticken
-wir hier noch drin!”</p>
-
-<p>An dem Flugzeugrumpf wurde gehoben. Ich
-hörte mit Spaten graben, und endlich drang frische
-Luft zu uns herein.</p>
-
-<p>„Halt”, rief Strehle, „anderen Weg anlüften,
-ihr brecht meinen Arm ab!”</p>
-
-<p>Die Helfer versuchten es von der anderen Seite,
-und endlich wurde mir mein Sitz abgelüftet, und
-ich lag frei und weich auf einem wunderbar duftenden
-Mistbeet. Da kroch auch schon der lange
-Strehle hervor, und nicht oft habe ich einem Menschen
-so glücklich die Hand geschüttelt wie diesem
-treuen Begleiter.</p>
-
-<p>Donnerwetter! Sah das böse aus. Die Maschine
-vollkommen überschlagen, ungefähr ein
-Meter in den weichen Düngerhaufen tief hineingebohrt.
-Der Rumpf dreimal gebrochen, die
-Tragflächen nur noch ein Knäuel von Holz, Leinwand
-und Drähten.</p>
-
-<p>Und diesen Absturz hatten zwei Menschen heil
-und glücklich überstanden!</p>
-
-<p>Strehle hatte sich nur das Rückgrat etwas verstaucht
-und ich mir zwei Rippen gebrochen. Das
-war alles. Nie in meinem Leben schimpfe ich
-wieder über einen Misthaufen. Möge ihm und
-seinen Nachfolgern ewiges Gedeihen beschieden
-sein!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span>
-
-Traurig und etwas hinkend legten wir den Rest
-der Abschiedsreise per Bahn zurück.</p>
-
-<p>Aber dann kamen Tage voll Sonnenschein und
-Licht, voller Wärme und Glückseligkeit und voller
-Blumen, wunderbarster Blumen in unerhörtester
-Schönheit und Fülle.</p>
-
-<p>Und dann kam die Pflicht, und die Fahrt
-begann.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>Herrliche Tage in Tsingtau</h2>
-
-
-<p>Tagelang ging's in der Eisenbahn durch Rußlands
-Steppen und Wüsten hindurch der Bestimmung,
-dem fernen Osten, entgegen.</p>
-
-<p>Endlich Mukden! Peking war bald vorüber ...
-Tsinanfou! Die ersten deutschen Laute klangen mir
-entgegen, dann kamen die letzten zehn Stunden
-der Eisenbahnfahrt durch wunderbares blühendes
-Ackerland voller Gärten, Felder und Blumen;
-und endlich lief der Zug langsam auf dem Hauptbahnhof
-von Tsingtau ein.</p>
-
-<p>Tsingtau sah ich nun nach sechs Jahren wieder!</p>
-
-<p>Nun war ich wieder auf deutschem Grund und
-Boden, in einer deutschen Stadt im fernen Osten.</p>
-
-<p>Meine Kameraden holten mich ab. Unter
-schnellem Trippel-Trappel zogen mich die kleinen
-mongolischen Steppenpferdchen der neuen Heimat
-zu.</p>
-
-<p>Zuerst ging es auf den Iltis-Platz, welcher
-unsere Rennbahn war und gleichzeitig mein Flugplatz
-werden sollte. Festlich prangte der Ort, und
-ganz Tsingtau war hier versammelt. In der
-Mitte der weiten Rasenfläche hatte sich ein ungeheurer
-Kreis von Zuschauern gebildet, welche
-den Fußballplatz umgaben. Heute war Festtag,
-und ein großes Fußballwettspiel wurde zwischen
-den deutschen Matrosen und ihren englischen
-Kameraden vom englischen Flaggschiff „Good
-Hope” ausgetragen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span>
-
-„Good Hope” weilte zu Besuch in Tsingtau.
-Es wurde ein glänzendes Spiel und endete 1: 1.</p>
-
-<p>Wer hätte das damals geahnt! Knapp sechs
-Monate später traten sich dieselben Gegner gegenüber,
-aber dann war es ernstes, furchtbares Spiel,
-bei dem es nur Siegen oder Sterben gab. Es
-war bei der Seeschlacht von Coronel, in der die
-deutschen Blaujacken in siebenundzwanzig Minuten
-das englische Flaggschiff „Good Hope” in die
-furchtbare Tiefe des Stillen Ozeans hinabsandten.</p>
-
-<p>Heute wußte noch keiner etwas von den kommenden
-Ereignissen, und froh bewegt und in
-bester Kameradschaft vereint nahmen die deutschen
-Matrosen ihre englischen Gäste mit nach Hause.
-Zwei Tage später lief das englische Geschwader
-aus, kurz hinterher unser Kreuzergeschwader unter
-der Führung des Admirals Grafen von Spee.</p>
-
-<p>Und lustig flatterten die Flaggen im Winde,
-die das Signal der beiden Geschwaderchefs überbrachten,
-welches lautete: „Leben Sie wohl, auf
-Wiedersehen!”</p>
-
-<p>Wer ahnte es: Bei Coronel sollte es geschehen.</p>
-
-<p>Gleich nach meiner Ankunft und nachdem die
-dienstlichen Meldungen erledigt waren, sah ich
-mich nach meinem Flugzeug um und hoffte schon
-in den nächsten Tagen den erstaunten Tsingtauern
-meinen Riesenvogel vorführen zu können. Aber
-Mahlzeit! Ruhig konnte ich wieder einige Wochen
-warten, denn mein Flugzeug schwamm noch
-quietschfidel um Indien herum, und der Dampfer
-wurde erst im Juli erwartet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span>
-
-Na, denn nicht, liebe Tante, sagte ich und
-hatte nunmehr vollauf Zeit, mich in Tsingtau
-umzusehen und mir eine Wohnung zu suchen.
-Eine entzückende kleine Villa war bei meinem
-Flugplatze gerade frei, und schleunigst wurde diese
-gemietet, und ich bezog dieses entzückende Heim
-mit meinem neuen Kameraden Patzig.</p>
-
-<p>Alles, um mich wirklich glücklich zu fühlen, war
-vorhanden. Mein schönes Kommando, das
-Landkommando der Marine; ich war in Tsingtau,
-dem Paradiese auf Erden, meine dienstliche
-Tätigkeit war die schönste, die ich mir wünschen
-konnte, und dabei diese entzückende Villa, hoch auf
-einer Anhöhe gelegen mit wunderbarer Aussicht
-auf den Iltis-Platz und das weite tiefblaue
-Meer. Außerdem gehörte ich zur berittenen
-Truppe, drei wunderbare Jahre lagen vor mir.
-Wer sollte glücklicher und zufriedener sein als ich?
-Jetzt ging's an die Inneneinrichtung der Wohnung.
-Ich hatte eine ganze Anzahl Bilder über
-Wohnungseinrichtungen aus der „Kunst”, und
-mit diesen zog ich zu unserem tüchtigen Chinesentischler
-und bestellte danach eine Einrichtung.
-Es ist geradezu erstaunlich, mit welcher fabelhaften
-Geschicklichkeit die Chinesen alles nachmachen
-können, und dabei in unglaublich kurzer
-Zeit und ganz besonders billig. Als vier Wochen
-später alles angelangt war, die Möbel an dem
-richtigen Platz standen und das Haus von oben
-bis unten glänzte und leuchtete, da zogen wir
-frischgebackenen „Villenbewohner” stolz und freudig<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span>
-in unser neues Heim. Nichts fehlte. Und
-besonders war auch das erforderliche Dienstpersonal
-vorhanden. Damit der Europäer im
-fernen Osten Ansehen vor den Chinesen gewinnt,
-muß er sich mit viel chinesischem Dienstpersonal
-umgeben, und es ist fast eine moralische Pflicht
-jedes Europäers, dies zu tun.</p>
-
-<p>Moritz, der Koch, in seinem schönen blauseidenen
-Ischang; Fritz, der Mafu (Pferdeknecht),
-stets grinsend, dafür aber um das Wohl der
-Pferde sehr bedacht; Max, der Gärtner, faul wie
-die Sünde, und endlich August, der freche kleine
-Laufjunge, bildeten das Heer unserer dienstbaren
-Geister.</p>
-
-<p>Dazu kamen „Herr” Dorsch und „Herr” Simon.</p>
-
-<p>Diese beiden „Herren” waren unsere Burschen,
-die von der Sitte des fernen Ostens, daß der
-Europäer im Beisein der Chinesen nicht körperlich
-arbeiten <em class="gesperrt">darf</em>, redlich Gebrauch machten.</p>
-
-<p>Ein großer Garten umgab unser Haus, in dem
-sich auch noch der Pferdestall mit Wagenremise,
-Autogarage und Chinesenwohnungen befanden.
-Das Wichtigste aber war: mein Hühnerstall.
-Schon zwei Tage nach meiner Ankunft hatte ich
-mir eine Bruthenne gekauft, ihr ein Dutzend Eier
-untergelegt, und als wir die Wohnung bezogen,
-hatte ich bereits sieben lebendigen Küken das
-Leben geschenkt.</p>
-
-<p>Geflügel ist billig in China. Das Huhn kostet
-zehn Pfennig, eine Ente oder Gans eine Mark,<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span>
-und so hatte ich auch bald einen Geflügelhof von
-fünfzig Tieren zusammen.</p>
-
-<p>Ja, richtig, ich war ja „Reiter” geworden!
-Also ein Pferd beschaffen! Einer der Kameraden
-hatte einen entzückenden kleinen Fuchs. Wir
-wurden handelseinig, und bald darauf stand
-„Fips” in meinem Stall. „Fips” war ein entzückendes
-Tier, gutes Dienstpferd, dabei tadellos
-für Jagdreiten und Polospielen. Aber Wamse
-bekommt er doch, wenn ich ihn mal wiedersehen
-sollte; denn während der Belagerung ließ der
-Lümmel mich am Tage vor der Einschließung
-einfach im Stich, als ich ins Vorgelände geritten
-war. Da einige Schrapnells in seiner Nähe krepierten,
-riß er sich los und lief zum Feinde über.</p>
-
-<p>Das ganze Leben in Ostasien ist für den Europäer
-recht eintönig. Wenig Geselligkeit, keinerlei
-Theater, keine Musik, nichts von alledem, das
-man so ungern vermißt. Die einzige Erholung
-und der einzige Trost sind eben, daß man etwas
-besser lebt wie unter den gleichen Verhältnissen
-zu Hause, und der Pferdesport. In Tsingtau
-blühte letzterer ganz besonders.</p>
-
-<p>Mit Begeisterung widmete ich mich dem Poloreiten,
-und nachdem ich mich einigermaßen an
-die ungewohnten Schlinger- und Stampfbewegungen
-meines Pferdes gewöhnt hatte, ging
-die Kiste herrlich.</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 455px;">
-<img class="bordered" src="images/illu-031.jpg" width="455" height="600" alt="" />
-<div class="caption">Der erste Absturz in Tsingtau.</div>
-</div>
-
-<p>Mitte Juli wurde endlich meine Sehnsucht
-gestillt. „Der” Dampfer war da und hatte die<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span>
-Flugzeuge mitgebracht. Kaum standen die riesigen
-Kisten auf dem Kai, als ich auch schon mit meinen
-Leuten dabei war und die armen Vögel, die zum
-Fluge durch Luft und Sonne geboren waren, aus
-ihren dunklen Gefängnissen befreite, in denen
-sie monatelang gesessen hatten. Da die Kisten
-zu schwer waren, mußten die Flugzeuge an Ort
-und Stelle ausgepackt werden. Hei! Das Hallo
-unter den chinesischen Gaffern. Als alles schön
-ausgepackt war, wurde der Triumphzug angeordnet.
-Erst kamen die beiden Flugzeuge, dann kamen
-drei Wagen mit den Tragflächen und dann zwei
-Wagen mit den Zubehörteilen. Die Pferde zogen
-an, und stolz durchfuhren wir Tsingtau und zogen
-im Triumphe in die Flughalle auf dem Iltis-Platz
-ein.</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 357px;">
-<img class="bordered" src="images/illu-032.jpg" width="357" height="600" alt="" />
-<div class="caption">„August”, der freche Laufjunge.</div>
-</div>
-
-<p>Nun gab es keine Ruhe mehr. Tag und Nacht
-arbeiteten wir am Zusammensetzen und Verspannen,
-und zwei Tage später, ganz in der Frühe,
-als noch kein Mensch es ahnte, stand mein Flugzeug
-klar am Startplatz, und als die Sonne aufging,
-gab ich Vollgas und schoß in die wunderbare
-reine Seeluft hinaus.</p>
-
-<p>Den ersten Flug in Tsingtau werde ich nie
-vergessen. Der Flugplatz war außerordentlich
-klein, nur sechshundert Meter lang und zweihundert
-Meter breit, voll von Hindernissen und
-rings umgeben von Hügeln und Felsen. Wie
-klein der Platz aber wirklich war und wie ungeheuer
-schwer zum Starten und Landen, das sollte
-ich bald noch zur Genüge erfahren. Mein Freund<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span>
-Clobuczar, ein früherer österreichischer Fliegeroffizier,
-der jetzt auf der „Kaiserin Elisabeth” war,
-sagte mir mal: „Ein Flugplatz soll das hier sein?
-Höchstens ein Kinderspielplatz! In meinem
-ganzen Leben habe ich noch nicht gesehen, daß ein
-Mensch in einem solchen Platze fliegen soll.” Mir
-ging's ähnlich so. Und ich würde mir in Deutschland
-ein solches Plätzchen höchstens mal als Notlandungsplatz
-aussuchen.</p>
-
-<p>Aber zu machen war nichts. Es war dies
-der einzige Platz im ganzen Schutzgebiete, alles
-andere war wild zerklüftetes Gebirge, durchzogen
-von tiefen Ravinen. Doch an diesem wunderbar
-sonnigen Morgen kümmerte ich mich nicht
-darum, und froh bewegt zog ich über Tsingtau
-meine Kreise und scheuchte durch das Gebrumm
-meines Propellers die gänzlich überraschten
-Tsingtauer aus ihrem Schlafe. Als ich zum
-Landen schritt, wurde mir doch ein bißchen komisch
-zumute! Donnerwetter, war der Platz klein!
-Und unwillkürlich drehte ich immer länger meine
-Kreise und verschob immer wieder den kommenden
-kritischen Moment der Landung.</p>
-
-<p>Doch ewig oben bleiben konnte ich ja nicht. Und
-endlich gab ich mir einen Ruck, nahm Gas weg
-und stand einen Augenblick später nach einer
-tadellosen Ziellandung auf meinem Platz. Nun
-war ich meiner Sache sicher. Und den ganzen
-Morgen bin ich kaum aus meinem Flugzeug
-herausgekommen.</p>
-
-<p>Jetzt gings aber wieder an die Arbeit. Das<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span>
-zweite Flugzeug, auch eine Rumpler-Taube, welches
-von meinem Kameraden vom Seebataillon,
-Leutnant Müllerskowski, geflogen werden sollte,
-mußte zusammengebaut und verspannt werden.
-Nach zwei Tagen, am einunddreißigsten Juli
-Neunzehnhundertvierzehn, nachmittags war alles
-in Ordnung.</p>
-
-<p>Müllerskowski stieg in sein Flugzeug, und
-nachdem ich ihm einige Erfahrungen, die ich mit
-diesem Flugplatz nun schon gemacht, mitgegeben
-hatte, zog er Vollgas und schwirrte los.</p>
-
-<p>Das Glück blieb meinem Kameraden nicht
-hold.</p>
-
-<p>Sein Flugzeug war eben einige Sekunden in
-der Luft und befand sich zirka fünfzig Meter hoch
-gerade an der kritischen Stelle, wo Flugplatz und
-gleichzeitig das Land endet und mit steilen Felsen
-ins Meer abfällt, als es sich plötzlich zur Seite
-neigte und wir mit Schrecken sehen konnten, wie
-es in sausender Fahrt mit dem Kopf vorneweg
-in die Felsen hineinstürzte.</p>
-
-<p>So schnell wir es vermochten, liefen wir zur
-Unfallstelle. Da sah es bös aus. Das Flugzeug
-war vollständig zertrümmert, und zwischen diesen
-Trümmern lag Müllerskowski. Schwer verletzt
-brachten wir ihn ins Lazarett, wo er bis kurz vor
-Ende der Belagerung liegenbleiben mußte. Das
-Flugzeug war vernichtet.</p>
-
-<p>Inzwischen hatte sich auch in Tsingtau manches
-zugetragen. Der Juli mit all seiner Schönheit
-und Pracht, mit wunderbarstem Sonnenschein<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span>
-und tiefblauem Himmel war ins Land gezogen.
-Es ist der schönste Monat für Tsingtau.</p>
-
-<p>Das Badeleben stand in vollster Blüte; es
-waren besonders viele und nette Fremde, in
-erster Linie Damen, aus den europäischen und
-amerikanischen Niederlassungen Chinas und Japans
-herbeigeströmt, um sich an Tsingtaus
-Schönheit zu erfreuen und in dem „Ostende des
-fernen Ostens” das Badeleben zu genießen.</p>
-
-<p>Es war eine ganz herrliche Stimmung. Auto-
-und Reitpartien, Polospiel und Tennis füllten
-die dienstfreien Stunden aus, und besonders
-schön waren abends die Reunions, bei denen
-Terpsichore voll zu Ehren kam.</p>
-
-<p>Wie auch in den früheren Jahren waren die
-Engländerinnen unter den Gästen am stärksten
-vertreten, und bald entwickelte sich ein reizender
-Verkehr.</p>
-
-<p>Anfang August sollte ein Polowettspiel stattfinden,
-zu dem wir als Gegenspieler den englischen
-Poloklub in Schanghai eingeladen hatten.</p>
-
-<p>Da, am dreißigsten Juli, traf wie ein Blitz
-aus heiterem Himmel der Befehl der „Sicherung”
-in Tsingtau ein!</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>Kriegsalarm &mdash; Meine Taube</h2>
-
-
-<p>Ich weiß es noch wie heute.</p>
-
-<p>In aller Frühe kam eine Ordonnanz in
-unsere Villa und überbrachte Patzig und mir den
-Befehl, umgehend zum Abteilungskommandeur
-zu kommen, es wäre Sicherung befohlen. Wir
-dachten natürlich, es sei nur eine Übung, und redlich
-brummend ob der Störung der Morgenruhe
-begaben wir uns an den befohlenen Ort. Hier
-erhielten wir die Bestätigung der kaum faßbaren
-Kunde. Und im Inneren fest daran zweifelnd,
-daß es Krieg geben würde, eilten wir auf unsere
-Gefechtsstationen und begannen mit den notwendigen
-Arbeiten.</p>
-
-<p>Der Befehl: „Drohende Kriegsgefahr!”, der am
-nächsten Tage eintraf, brachte endlich Gewißheit.</p>
-
-<p>Und dann kam der erste August, die Mobilmachung
-wurde befohlen. Der zweite August
-brachte die Kriegserklärung gegen Rußland und
-der dritte die gegen Frankreich.</p>
-
-<p>Diese Tage zu beschreiben, ist kaum möglich.</p>
-
-<p>Man stelle sich bloß vor: Hier war deutsche
-Kolonie, deutsche Festung, der größte Teil der
-Tsingtauer waren Offiziere und Soldaten. Dabei
-war Tsingtau aber in seinem äußeren Gepräge
-international geworden. Russen, Franzosen und
-Engländer befanden sich als Gäste mitten unter
-uns. Es war ein Gegeneinanderwogen von Meinungen
-und Gefühlen, ein Zustand, wie er wohl<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span>
-kaum wo anders auf der Welt angetroffen werden
-konnte.</p>
-
-<p>Die Hauptfrage, ich möchte sagen, die Frage,
-die uns alle beschäftigte, war: Gibt es Krieg mit
-England?</p>
-
-<p>Nur der, der im fernen Osten gelebt hat, wird
-ermessen können, was diese Frage bedeutete.</p>
-
-<p>Am zweiten August wurde gerade unser Angebot
-an England bekannt, ich ritt am selben Tage
-mit einer englischen Dame spazieren, und es
-war nur selbstverständlich, daß dieses Thema
-unsern Hauptgesprächsstoff bildete. Die Ansicht
-meiner Begleiterin deckte sich mit der all ihrer
-Freunde und Freundinnen, daß ein Krieg zwischen
-England und Deutschland undenkbar wäre,
-sonst würde auch besonders im fernen Osten das
-Prestige der weißen Rasse vorüber sein und der
-gelbe Japs lachend die Früchte unserer Zwietracht
-einheimsen können.</p>
-
-<p>Auch uns Deutsche beschäftigte selbstverständlich
-nur dieser eine Gedanke, und besonders bei uns
-Seeoffizieren war von nichts anderem mehr die
-Rede. Eine Spannung, schlimmer als vor und
-während der ersten Mobilmachungstage, beherrschte
-uns. Und wie eine Erlösung kam für
-uns alle am vierten August die Nachricht:</p>
-
-<p>Der Krieg gegen England ist erklärt!</p>
-
-<p>Nun waren also in Europa die Würfel gefallen.</p>
-
-<p>Daß wir uns alle sehr glücklich fühlten, kann
-ich nicht behaupten. Ganz im Gegenteil. Immer<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span>
-und immer wieder sagten wir uns: „Nun sitzen
-wir hier in dem fernen Tsingtau, zu Hause da
-sind unsere Brüder, unsere Kameraden; die
-Glücklichen dürfen die wunderbaren Tage der
-Mobilmachung miterleben, sie dürfen ausziehen
-gegen eine Welt von Feinden, sie dürfen unser
-heiliges geliebtes Vaterland, dürfen Weib und
-Kind verteidigen, und wir Armen sitzen hier und
-können nicht helfen!”</p>
-
-<p>Schon der Gedanke, wie es in diesen Tagen
-zu Hause aussähe, konnte uns rasend machen.
-Denn das wußten wir: Die Engländer, Russen
-und Franzosen, die uns hier draußen an Zahl
-weit überlegen waren, würden nicht den Mut
-finden, uns hier anzugreifen.</p>
-
-<p>Und doch hatten wir immer wieder den einen
-Funken von Hoffnung: Sie kommen doch noch!</p>
-
-<p>Ach, wie hätten wir die empfangen!</p>
-
-<p>An Japan dachte selbstverständlich niemand!</p>
-
-<p>In all der Arbeit der Mobilmachungstage
-wurden unsere Gäste nicht vergessen. Sie waren
-zwar fast alle unsere Feinde, aber sie blieben
-unsere Gäste.</p>
-
-<p>Die Aufregung unter ihnen ist wohl begreiflich.
-Vor allen Dingen, da bereits Nachrichten
-über die geradezu bestialische Behandlung der
-Deutschen durch die Engländer in den englischen
-Kolonien zu uns kamen.</p>
-
-<p>Daß unser Verkehr mit den Fremden abgebrochen
-wurde, war selbstverständlich, aber ebenso
-selbstverständlich war auch, und das möchte ich<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span>
-an dieser Stelle ganz besonders den Engländern
-gegenüber hervorheben, daß die vielen Angehörigen
-der feindlichen Staaten mit einer Rücksicht
-behandelt wurden, wie es eben nur bei uns
-„Barbaren” möglich war.</p>
-
-<p>Den Fremden wurde bekanntgegeben, daß
-sie sich nach Belieben weiter in Tsingtau aufhalten
-oder aber abfahren könnten, ohne irgendwelchen
-Zwang, und daß das Gouvernement
-rechtzeitig ankündigen würde, wenn alle Fremden
-die Kolonie räumen müßten. Verlangt wurde
-nur, daß keiner das Stadtgebiet verließe und
-niemand sich mehr den Befestigungen näherte
-oder Spionage triebe. Man halte sich hiergegen
-das Benehmen unserer lieben Vettern in Hongkong
-und in so vielen anderen Orten der Welt vor
-Augen!</p>
-
-<p>Die, die es miterlebt haben, könnten Bände
-darüber schreiben.</p>
-
-<p>Ein Trost war für uns: Wir erhielten täglich
-drahtlose Nachrichten von Hause!</p>
-
-<p>Den Jubel und die Freude kann man sich
-kaum vorstellen, die wir beim Eintreffen der Nachrichten
-empfanden. Meist kamen die Telegramme
-abends, und wir Offiziere saßen zusammen in
-unserem kleinen Kasino, selbstverständlich von
-nichts anderem als vom Kriege sprechend. Und
-wenn die herrlichen Siegesnachrichten eintrafen,
-dann war ein Jubel ohnegleichen, aber doch
-empfanden wir dabei eine ganz unendliche
-Traurigkeit, denn:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span>
-
-Wir konnten nicht dabei sein!</p>
-
-<p>Dann kam der fünfzehnte August, und wir
-hielten eine Nachricht von solcher Ungeheuerlichkeit
-in der Hand, daß wir an der Wahrheit des
-Gelesenen zweifelten.</p>
-
-<p>Die Ankündigung war folgende:</p>
-
-<p class="center">
-<span class="gesperrt">Extrablatt</span><br />
-</p>
-
-<blockquote>
-
-<p>„Wir betrachten es als äußerst wichtig und notwendig,
-in der jetzigen Lage Maßnahmen zu
-treffen, um die Ursachen aller Störungen des
-Friedens im fernen Osten zu beseitigen und die
-allgemeinen Interessen zu schützen, die im englisch-japanischen
-Allianzvertrag festgelegt sind,
-mit dem Zweck, festen und dauernden Frieden in
-Ostasien zu sichern. Dieser Zweck ist die Grundlage
-des Übereinkommens. Die kaiserlich japanische
-Regierung glaubt, daß es ihre Pflicht ist,
-der kaiserlich deutschen Regierung zu raten, die
-folgenden Vorschläge anzunehmen:</p>
-
-<p>Erstens, die deutschen Kriegsschiffe sofort von
-den japanischen und chinesischen Gewässern zurückzuziehen,
-ebenso die bewaffneten Schiffe aller
-Art und diejenigen Schiffe, die nicht sofort zurückgezogen
-werden können, zu entwaffnen.</p>
-
-<p>Zweitens, das ganze Pachtgebiet von Kiautschou
-alsbald, nicht später als am fünfzehnten
-September, den kaiserlich japanischen Behörden
-ohne Bedingung und ohne Entschädigung zu
-übergeben, mit der Aussicht auf evtl. Rückgabe an
-China.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span>
-
-Die kaiserlich japanische Regierung kündigt
-zugleich an, daß, im Falle sie bis zum dreiundzwanzigsten
-August Neunzehnhundertvierzehn
-keine Antwort von der kaiserlich deutschen Regierung
-erhalte, in der sie die unbedingte Annahme
-der Vorschläge übermittelt, die japanische
-Regierung gezwungen sein wird, ihre Maßnahmen
-zu treffen, die sie in Anbetracht der Lage
-für notwendig erachtet.”</p></blockquote>
-
-<p>Darunter stand von unserem Gouverneur geschrieben:</p>
-
-<p>„Es ist selbstverständlich, daß wir niemals darauf
-eingehen können, Tsingtau an Japan ohne
-Schwertstreich auszuliefern. Nach der ganzen
-Frivolität der japanischen Forderung kann man
-sich schon vorher sagen, welche Antwort allein
-darauf erfolgen wird. Das aber bedeutet natürlich,
-daß wir mit Ablauf der für die Beantwortung
-gesetzten Frist auf die Eröffnung der Feindseligkeiten
-rechnen müssen, und das wird natürlich ein
-Kampf bis zum Äußersten sein.</p>
-
-<p>Angesichts des Ernstes der Lage darf jetzt
-selbstverständlich mit der Fortschaffung von
-Frauen und Kindern keinen Augenblick länger
-gezögert werden, das Gouvernement wird deshalb
-heute, Freitag vormittag, auch noch einen
-Dampfer nach Tientsin abgehen lassen, der bereits
-für die Aufnahme von rund sechshundert Personen
-vorbereitet ist. Es ist dringend zu raten, daß
-von diesen Gelegenheiten, die Züge der Schantungbahn
-verkehren ja auch weiter, nun auch von<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span>
-allen Gebrauch gemacht wird, die nicht hierbleiben
-wollen.</p>
-
-<p>Tsingtau macht klar zum Gefecht!”</p>
-
-<p>Nun wußten wir, woran wir waren!</p>
-
-<p>Über die Art und Schwere des Kampfes und
-über seine Aussichten waren wir uns klar, aber
-wohl nie ist freudiger und unermüdlicher gearbeitet
-worden. Eine Titanenarbeit wurde in
-diesen Wochen vollbracht. Und vom ältesten
-Offizier bis zum jüngsten fünfzehnjährigen kriegsfreiwilligen
-Automobilfahrer setzte jeder sein ganzes
-Können und sein ganzes Denken, seine ganze
-Vaterlandsliebe darein, Tsingtau in den Verteidigungszustand
-zu setzen.</p>
-
-<p>Ich selber hatte bereits besonderes Pech gehabt.
-Drei Tage nachdem Müllerskowski abgestürzt
-war, startete ich bei herrlichstem Sonnenschein
-zu meinem ersten großen Erkundungsfluge und
-kehrte, nachdem ich das ganze Schutzgebiet und
-Hunderte von Kilometern darüber hinaus aufgeklärt
-hatte, froh der getanen Arbeit, nach
-Tsingtau zurück.</p>
-
-<p>Ich war tausendfünfhundert Meter hoch, und
-die Landung war infolge der Luftverhältnisse ganz
-besonders schwierig. Als ich mitten über dem
-Platze in ungefähr hundert Metern Höhe noch mal
-Vollgas gab, um die letzte Runde zu fliegen und
-dann gegen den Wind zu landen, sprang der
-Motor eine Sekunde lang wieder voll an, fing
-aber im selben Moment an zu spucken und versagte
-ganz. Nur Sekunden brauchte ich, um<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span>
-meine Apparate nachzusehen, aber die genügten,
-daß die Maschine bereits so weit war, daß an ein
-Landen auf dem Platze nicht mehr zu denken war.</p>
-
-<p>Auch nach rechts oder links konnte ich nicht
-abdrehen. Rechts war das Poloklubhaus und
-ein tiefer Graben, links das Strandhotel und
-die Villen.</p>
-
-<p>Daß nichts mehr zu machen war, wußte ich,
-und nur eins dachte ich: Halte den Motor heil!</p>
-
-<p>Vor mir war ein kleines Wäldchen, und da
-hinauf hoffte ich die Maschine noch setzen zu
-können. Ich zog das Höhensteuer, aber in der
-heißen dünnen Tropenluft sackte die Maschine
-wie ein Klotz schwer durch. Ich kam mit dem
-Kopf gerade noch an Telegraphendrähten klar,
-dann zog ich die Knie an und stützte unwillkürlich
-die Füße nach vorn ab, und schon gab es einen
-mächtigen Stoß, ich hörte Krachen und Splittern
-um mich herum und flog mit Kopf und Knien
-recht unsanft gegen den Benzintank. Dann war
-es still.</p>
-
-<p>Und als ich mich, selber heil und gesund, im
-Kreise umsah, da lag meine Taube mit der
-Nase im Straßengraben, streckte das Schwänzchen
-hoch in die Luft, und die Flügel und das Fahrgestell
-bildeten ein Knäuel von zerbrochenen
-Holzstreben, Leinwand und Drähten.</p>
-
-<p>Ach, mein armes Täubchen! Ausgerechnet am
-dritten Tage der Mobilmachung ließ es mich im
-Stich. Mir war ganz unsäglich hoffnungslos
-zumute. Ohne jedoch den Mut ganz sinken zu<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span>
-lassen, schaffte ich die Trümmer in den Schuppen.
-Ich hatte ja noch Reservepropeller und Reservetragflächen
-von Hause mitbekommen.</p>
-
-<p>Wenn nur der Motor heil geblieben war!
-Ersatzteile für diesen besaß ich nicht, und sie
-wären auch beim besten Willen nicht herbeizuschaffen
-gewesen.</p>
-
-<p>Voller Hoffnung ging ich an die Reservekisten
-und öffnete zuerst die, worin die Tragflächen
-lagen. Aber o Schreck! Ein widerlicher Moderduft
-schlug mir entgegen, und Böses ahnend,
-öffneten wir den inneren Zinkeinsatz.</p>
-
-<p>Der Anblick, der sich uns bot, war geradezu
-fürchterlich. In der Kiste befand sich nur ein
-Haufen von moderndem Gerümpel. Die ganze
-Bespannung der Tragflächen war verfault. Die
-einzelnen Rippen und Spanten und die Holzklötzchen,
-die vorher tadellos geleimt und bewickelt
-waren, lagen regellos durcheinander, und
-alles war von einer dicken Schimmelschicht bezogen.</p>
-
-<p>Ein trauriger Anblick!</p>
-
-<p>Nun wurde die Propellerkiste geöffnet. Da
-drinnen sah es ähnlich aus. Die fünf mitgenommenen
-Reservepropeller hatten sich ebenfalls
-in Wohlgefallen aufgelöst oder sich so stark verzogen,
-daß sie nicht mehr zu gebrauchen waren.
-Wenn zu Hause der Propeller mehr als vier bis
-fünf <em class="gesperrt">Millimeter</em> an den Spitzen ausschlägt,
-denkt kein Mensch daran, ihn so zu fliegen.
-Meine schlugen bis zu zwanzig <em class="gesperrt">Zentimetern</em>
-aus! Nun war guter Rat teuer.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span>
-
-Aber unverzagt ging mein hervorragender
-Monteur, der Obermaschinistenmaat Stüben, an
-die Arbeit, und am selben Nachmittage saß ich
-mit Stüben und meinen beiden Heizern Frinks
-und Scholl und noch acht Chinesen von der Werfttischlerei
-an der Arbeit und baute die vermoderten
-Flügel wieder zusammen.</p>
-
-<p>Dann ging ich mit meinem am wenigsten verbogenen
-Propeller zur Werft, und hier half mir
-der treffliche Modelltischler R. aus meiner Not
-und ließ unter seiner Anleitung von den Chinesen
-einen neuen Propeller bauen.</p>
-
-<p>Das war geradezu eine Glanzleistung.</p>
-
-<p>Man stelle sich folgendes vor:</p>
-
-<p>Sieben Eichenbohlen wurden mit gewöhnlichem
-Tischlerleim zusammengeleimt. Dann
-gingen zwei Chinesen mit Äxten her und schlugen
-nach Lehren, die der Modelltischler angefertigt
-hatte, mit den Äxten aus dem Bohlenklumpen
-einen tadellosen Propeller aus. Die Arbeit war,
-obwohl mit der Hand ausgeführt, so genau und
-sorgfältig, wie sie nur von Chinesen geleistet
-werden kann.</p>
-
-<p>Mit diesem Propeller habe ich dann meine
-sämtlichen Flüge während der Belagerung von
-Tsingtau ausgeführt!</p>
-
-<p>Auch wir im Schuppen waren nicht untätig
-geblieben. Tag und Nacht arbeiteten wir mit
-äußerster Anspannung, und bereits am neunten
-Tage nach meinem Absturz stand frühmorgens<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span>
-bei Sonnenaufgang mein Täubchen an der
-Startstelle klar zum Probeflug.</p>
-
-<p>Es ist wohl begreiflich, wenn mir vor diesem
-Fluge meine Aussichten nicht im rosigsten Lichte
-erschienen.</p>
-
-<p>Meine Tragflächen hatte ich aus einem vermoderten
-Haufen wieder zurechtgebaut. Verspannen
-mußten wir sie, da wir nirgends eine
-ebene Fläche hatten, so gut es ging; der Propeller
-war, wie oben beschrieben, entstanden und machte
-über hundert Umdrehungen zu wenig. Dabei
-waren die Flugplatzverhältnisse so überaus ungünstig
-und schwierig, daß bei jedem Start nur
-ein sofortiges Gelingen oder ein unweigerliches
-Abstürzen in Frage kam.</p>
-
-<p>An all das durfte ich nicht denken. Es war
-Krieg, ich war der einzige Flieger, und meine
-Aufgabe mußte ich erfüllen. Und ich hatte Glück!</p>
-
-<p>Alles irgendwie Entbehrliche hatte ich zur
-Erleichterung aus dem Flugzeug herausgerissen,
-und anfangs etwas unwillig meiner Faust gehorchend
-erhob sich mein großer Vogel doch in
-die Luft, und bald hatte ich ihn wieder vollkommen
-in meiner Gewalt. Da zog ich denn wieder froh
-meine Kreise, und stolz warf ich vor dem Hause
-unseres Gouverneurs die Meldung ab: „Flugzeug
-ist wieder klar!”</p>
-
-<p>Und dann begannen meine großen Aufklärungsflüge.
-Das ganze Schutzgebiet durchkreuzte
-ich, und weit, weit draußen, Hunderte von Kilometern
-vom Schutzgebiet entfernt, überflog ich<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span>
-das weite Land und bewachte die Anmarschstraßen
-und flog längs der wild zerklüfteten Küste
-und schaute aus, ob nicht irgendwo der Feind sich
-näherte oder landete.</p>
-
-<p>Es waren mit die schönsten Flüge meines
-Lebens.</p>
-
-<p>Die Luft war so klar und durchsichtig, der
-Himmel so wunderbar blau und schön, und die
-Sonne strahlte mit so inniger Liebe auf das herrliche
-Land, auf die wild zerklüfteten hohen Gebirge
-und auf das alles einrahmende tief-, tiefblaue
-Meer herab. Das waren Stunden hinreißendster,
-erhabenster Schönheit, die ich überquellenden
-Herzens und mit nach Schönheit lechzender
-Seele genoß.</p>
-
-<p>Aber die Sorgen blieben nicht aus. Bereits
-nach dem zweiten Aufklärungsfluge stellte sich heraus,
-daß die Leimfugen des Propellers auseinander
-gespalten waren, und daß der Propeller nur
-wie durch ein Wunder nicht auseinandergerissen
-war. Nun mußte er abmontiert und wieder frisch
-geleimt werden. Dieses Schauspiel hat sich von
-nun ab nach jedem Fluge wiederholt. Sobald ich
-zurück war, wurde „der” Propeller abgenommen,
-ich fuhr mit meinem Auto zur Werft, dort wurde
-er schnell geleimt, in eine Presse geschraubt, und
-spät abends holte ich ihn wieder ab, setzte ihn auf,
-und dann ging's damit am nächsten Tage
-wieder los.</p>
-
-<p>Und als der Propeller immer wieder aufplatzte,
-da beklebte ich seine ganze Eintrittskante<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span>
-mit Bespannungsstoff und Heftpflaster, und da
-hielt wenigstens diese Kante einigermaßen!</p>
-
-<p>In Tsingtau hatte ich auch noch einen zweiten
-Dienstzweig zu versehen, und zwar war ich Führer
-der Fesselballonanlage, meiner „aufgeblasenen”
-Konkurrenz.</p>
-
-<p>Vor meiner Ausreise hatte ich in Berlin einen
-Luftschifferkursus durchgemacht, bestehend aus
-einer Freiballonfahrt und etwas Exerzieren am
-Fesselballon nebst Ballonflicken.</p>
-
-<p>Die gesamte vollständig neue Fesselballonanlage
-in Tsingtau bestand aus zwei je tausend
-Kubikmeter großen Ballons, einem Ballonsack
-und allem nötigen Zubehör zum Gaserzeugen
-und zur Bedienung des Ballons.</p>
-
-<p>Ein Unteroffizier der Marine, der kurze Zeit
-bei den Luftschiffern ebenfalls zur Ausbildung gewesen
-war, und ich waren die einzigen, die vom
-Ballon eine Ahnung hatten. Nachdem wir die
-ganze neue Anlage ausgepackt und aufgestellt
-hatten, gingen wir äußerst gewissenhaft und vorsichtig
-ans Füllen des Ballons. Und wie stolz
-waren wir, als die erste gelbe Wurst dick und prall,
-wohlgefesselt dicht über der Erde lag. Dann
-knüpfte ich mit meinem Unteroffizier persönlich
-jede einzelne Leine an, und bald darauf hing das
-gelbe Ungetüm leise hin und her pendelnd am
-Himmelszelt. Dann wurde es wieder heruntergeholt,
-und ich kletterte zum ersten Aufstieg allein
-in den Korb. Beinahe hätte ich schon bei diesem
-Aufstieg meine verzwickte Reise nach Deutschland<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span>
-antreten können, denn als „Los” kommandiert
-wurde, hatte das Haltetau versehentlich reichlich
-lose gehabt, und mit einem mächtigen Satz sprang
-der Ballon senkrecht zirka fünfzig Meter in die
-Luft und ruckte dann mit Macht in das Haltekabel
-ein. Mich durchzuckte dabei der Gedanke:
-Jetzt geht er ab! Es gab einen ganz gewaltigen
-Stoß, und viel hätte nicht gefehlt, so wäre ich aus
-meiner Gondel herausgeschleudert worden. Da
-das Drahtseil aber ebenfalls ganz neu war, hielt
-es gottlob, und ich war um eine Lehre reicher.
-Dann begann das systematische Ausbilden und
-Einexerzieren meiner Mannschaft, und bald funktionierte
-der Laden, als wenn wir von Kind auf
-Luftschiffer gewesen wären.</p>
-
-<p>Auf den Fesselballon waren vom Gouvernement
-sehr große Hoffnungen gesetzt worden. Allgemein
-versprach man sich durch ihn große
-Hilfe beim Beobachten des heranrückenden Feindes
-und zur Beobachtung der feindlichen Artillerie.
-Leider haben sich diese Hoffnungen in keiner
-Weise erfüllt, und meine Befürchtungen, die ich
-in bezug auf den Nutzen der Ballonanlage gehabt
-hatte, bewahrheiteten sich in jeder Beziehung.</p>
-
-<p>Trotzdem ich den Ballon sogar bis auf eintausendzweihundert
-Meter gebracht hatte, gelang
-es uns nicht, von ihm aus hinter die unseren
-befestigten Stellungen vorgelagerten Höhenzüge
-zu sehen und damit die Bewegung des Feindes
-und vor allen Dingen die Stellungen seiner
-schweren Belagerungsartillerie zu beobachten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span>
-
-Das aber war wiederum für die Verteidigung
-Tsingtaus von fundamentalster Bedeutung.</p>
-
-<p>Um dieses und überhaupt die ganze überaus
-schwierige Lage, in der wir uns in Tsingtau befanden,
-einigermaßen verständlich zu machen, muß
-ich folgendes vorausschicken:</p>
-
-<p>Das ganze Schutzgebiet Kiautschou liegt auf
-einer langgestreckten Landzunge, auf deren äußerstem,
-südwestlichem Zipfelchen wiederum die
-Stadt Tsingtau liegt. Von drei Seiten vom
-Meere umschlossen, wird die Stadt im Nordosten
-durch die halbkreisförmige Hügelkette der
-Moltke-, Bismarck- und Iltisberge, die sich von
-Meer zu Meer hinziehen, eingerahmt. In diesen
-Bergen lagen unsere Hauptbefestigungen eingenistet,
-und am nordöstlichen Fußrande dieser
-Kette lagen die fünf Infanteriewerke mit dem
-Hauptdrahthindernis. Dann kam ein breites
-Tal, welches zum Teil vom Haipo-Fluß durchzogen
-wurde, und daran schlossen sich wiederum
-halbkreisförmig die ebenfalls von Meer zu Meer
-sich hinziehenden, für uns kritischen und uns Verderben
-bringenden Hügelketten des Kuschan, des
-Taschan, der Waldersee-Höhen und der Prinz-Heinrich-Berge,
-von denen die Prinz-Heinrich-Berge
-eine so wildromantische Form hatten, als
-wenn sie dem Monde direkt entnommen wäre.
-Hinter diesen Höhen schloß sich wiederum ein
-breites Tal an, und daran türmten sich die wild
-zerklüfteten Steinmassen des Lau-Hou-Schan,<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span>
-des Tung-Liu-Schui und des Lauschan zum
-Himmel empor.</p>
-
-<p>Da uns vor allen Dingen daran lag, zu wissen,
-was geht im Vorgelände vor, und, als wir vom
-siebenundzwanzigsten September ab hinter unserem
-Drahthindernis vollkommen eingeschlossen
-waren, zu sehen, <em class="gesperrt">wo</em> baut der Feind seine Belagerungsartillerie
-auf, da wir ferner in unseren
-Hoffnungen, die wir in dieser Beziehung auf den
-Fesselballon gesetzt hatten, vollkommen getäuscht
-wurden, blieben uns zur Erreichung unseres Zieles
-nur noch: gelegentliche schneidige Erkundungen
-und &mdash; &mdash; mein Flugzeug!</p>
-
-<p>Unter unermüdlicher Arbeit gingen die Tage
-des August dahin. Tsingtau und vor allem das
-Vorgelände waren kaum wiederzuerkennen. Artillerie
-und Verteidigungsstellungen wurden ausgehoben,
-und was das traurigste war, die entzückenden
-Wäldchen, die mit so viel Mühe und
-Liebe angepflanzt waren, der Stolz Tsingtaus,
-mußten zum Freimachen der Schußfelder unter
-Beilhieben fallen. Wieviel Kulturarbeit, wieviel
-unendliche Mühe und Liebe ist da mit einem
-Schlage vernichtet worden!</p>
-
-<p>Der dreiundzwanzigste August, der Tag des
-Ablaufs des Ultimatums an Japan, kam heran,
-und es war wohl selbstverständlich, daß der gelbe
-Jap überhaupt keiner Antwort gewürdigt wurde.
-Die Parole an diesem Tage lautete:</p>
-
-<p class="center">
-„Immer feste druff!”<br />
-</p>
-
-<p>Das war uns allen aus dem Herzen gesprochen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span>
-
-Ich weiß noch, wie ich am folgenden Morgen
-von meinem Balkon aus über das unendliche
-blaue Meer schaute und in der Entfernung von
-einigen Seemeilen mehrere schwarze Schatten bemerkte,
-die sich langsam hin und her bewegten.
-Durch das Doppelglas konnte ich dann Torpedoboote
-erkennen. Auch Patzig, der herbeieilte,
-überzeugte sich davon. Richtig, heute war ja der
-Vierundzwanzigste. Nun hatte die Bande die
-Blockade gegen uns eröffnet.</p>
-
-<p>So war es also wirklich wahr, die Japaner
-wagten es, das Deutsche Reich anzugreifen!</p>
-
-<p>Der Kampf eines gelben Kaiserreiches, unterstützt
-von einem Häuflein Engländer, gegen
-ein kriegsstarkes deutsches Regiment hatte begonnen.</p>
-
-<p>Gleich nach Ablauf des Ultimatums rückte ein
-Trupp von tausend Mann ins Vorgelände ab,
-um dieses und die Anmarschstraßen auf Tsingtau
-zu so lange als möglich zu verteidigen. Dieses
-kleine Häuflein hat seine Aufgabe hervorragend
-gelöst. Eine Strecke von dreißig Kilometern
-Breite, dann von zehn Kilometern mit gänzlich
-ungenügender Artillerieausrüstung war zu verteidigen.
-Da, wohin zwei Armeekorps gehört
-hätten, standen nur tausend Mann. In zähem,
-unerschrockenem Kampf, oft nur Patrouillen
-ganzen feindlichen Bataillonen gegenüberstehend,
-wichen sie langsam der zwanzigfachen Übermacht.
-Erst am achtundzwanzigsten September wurde die
-tapfere Schar hinter das Haupthindernis zurückgedrängt,<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span>
-welches sich nun für uns bis nach
-Austoben des Kampfes für immer schloß.</p>
-
-<p>In den ersten Tagen der Belagerung hielten
-die leitenden Kreise in Tsingtau von dem Nutzen
-meines Flugzeuges, wie von der ganzen Fliegerei
-überhaupt, nicht viel.</p>
-
-<p>Nach allem, was sie bis jetzt von uns hier
-draußen gesehen hatten, war dies ja auch nicht
-weiter zu verwundern.</p>
-
-<p>Das wurde bald anders!</p>
-
-<p>An einem der ersten Tage der Belagerung überflog
-ich wiederum die Südküste der Schantung-Halbinsel,
-um nach feindlichen Schiffen und besonders
-nach feindlichen Truppenlandungen Ausschau
-zu halten. Die Küste war wie ausgestorben,
-auch nicht das geringste war zu sehen gewesen.
-Ganz beruhigt, daß wir von dieser Seite aus
-sicher waren, flog ich nach Hause zurück. Nur so
-nebenbei ging ich an diesem Abend noch auf das
-Gouvernement, um einem Kameraden Guten
-Tag zu sagen. Zufällig traf ich hier mit dem
-Chef des Stabes zusammen, der große Eile hatte,
-da er eine wichtige Sitzung beim Gouverneur für
-einen Augenblick verließ, um sich ein Buch zu
-holen.</p>
-
-<p>Im Vorbeigehen rief er mir noch zu: „Na,
-Plüschow, sind Sie wieder mal geflogen?”</p>
-
-<p>„Jawohl”, sagte ich, „ich komme eben zurück.
-Ich habe mehrere Stunden lang die Küste nach
-feindlichen Truppenlandungen abgesucht, habe
-aber nichts vom Feinde gesehen.”</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span>
-
-Ich sehe noch heute das überraschte Gesicht unseres
-Chefs.</p>
-
-<p>„Was? Die Küste sind Sie abgeflogen, und das
-sagen Sie erst jetzt? Wir sitzen seit zwei Stunden
-und beraten, wie wir die großen Truppenlandungen
-in der Dsin-Dsia-Kou-Bucht, die uns
-heute durch unsere Kundschafter gemeldet wurden,
-abwehren können. Und Sie kommen gerade daher
-und können so einwandfreie Meldung bringen?
-Nun aber hinein zum Gouverneur und Ihre
-Beobachtung gemeldet!”</p>
-
-<p>Mit einigen Worten konnte nun die ganze Beratung
-erledigt werden. Die Kundschafter-Aussagen
-waren selbstverständlich erfunden.</p>
-
-<p>Ich aber war froh; die Ehre und das Ansehen
-der Fliegerei hatte ich gerettet!</p>
-
-<p>Und nun begann für mich die schwerste, aber
-auch schönste Fliegerzeit.</p>
-
-<p>Meine Feuertaufe im Flugzeug empfing ich
-schon bald. Es war in den ersten Tagen des September,
-als ich weit, weit draußen das Vorgelände
-abgraste und mich in eintausendfünfhundert
-Metern Höhe so recht des schönen Sonnenschein-Sonntages
-erfreute. Unter mir gewahrte ich
-plötzlich eine im Anmarsch befindliche größere
-japanische Truppenmasse, die mich mit lebhaftem
-Infanterie- und Maschinengewehrfeuer begrüßte.
-Mit zehn Schußlöchern in den Tragflächen kehrte
-ich stolz nach Hause zurück. In Zukunft blieb ich
-aber immer in zweitausend Meter Höhe, wodurch
-eventuelle Gewehr- und Maschinengewehrtreffer in<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span>
-meinen Motor und Propeller wesentlich ungefährlicher
-wurden.</p>
-
-<p>Die Feuertaufe an Land ließ auch nicht lange
-auf sich warten.</p>
-
-<p>An einem der nächsten Tage fuhr ich mit meinem
-Auto nach Schatsy-Kou, wo wir vorgeschobene
-Posten besaßen. Ohne an Böses zu denken, hielt
-ich vor dem Hause an. Zu meinem Erstaunen
-lagen alle Offiziere und Mannschaften längs einer
-nach See zu geschützten Böschung, winkten lebhaft
-mit den Armen, was ich selbstverständlich als Begrüßung
-auffaßte und durch ebensolches Winken
-erwiderte. Ich saß noch in meinem Auto, als ich
-dicht über meinem Kopfe ein lautes Pfeifen und
-Zischen und einen Augenblick darauf bereits ein
-ohrenbetäubendes Krachen vernahm. Nur zehn
-Schritt von uns entfernt war mitten im Mauerwerk
-des Hauses die erste Granate krepiert, und
-ehe ich mich auch nur besinnen konnte, langten
-auch schon die folgenden Geschosse an.</p>
-
-<p>Nun wir aber raus aus dem Auto und die
-Beine in die Hand genommen und schnell zu den
-anderen an die allerdings nur fragliche Deckung
-gelehnt. Meine Kameraden bogen sich schier vor
-Lachen, denn so ernst die Situation auch war,
-so ulkig muß der Anblick gewesen sein.</p>
-
-<p>Nun erfuhren wir auch, was los war.</p>
-
-<p>Eine japanische Torpedoboots-Flottille lag vor
-uns und versuchte durch ihr Geschützfeuer Schatsy-Kou
-zu zerstören. Zwei volle Stunden lagen wir,
-ohne etwas sehen zu können, ohne jede Deckung<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span>
-und ohne uns rühren zu können, im Granatfeuer.
-Dann schien die Mittagspause für den Jap
-zu kommen, und er stellte das Feuer ein. Als wir
-die Schäden des Hauses besichtigten, waren die
-kleinen Chinesenjungens schon längst dabei, die
-Granatsplitter zu sammeln. Und als wir uns
-einen Augenblick zu einer Tasse Kaffee hingesetzt
-hatten, kamen drei kleine Chinesenstifte freudestrahlend
-an, in ihren schmutzigen kleinen Fingern
-drei Blindgänger haltend, die sie in aller Ruhe vor
-uns auf den Tisch warfen. Na, wenn die losgegangen
-wären, das hätte ein schönes Schützenfest
-gegeben!</p>
-
-<p>Nun mußten wir zurück, und als das Auto in
-das erste Felsental einbog, krepierten hinter uns
-schon wieder die Granaten der neu einsetzenden
-Beschießung.</p>
-
-<p>Einige Zeit darauf mußte ganz Schatsy-Kou
-mit dem ganzen übrigen Schutzgebiet geräumt
-werden, und am achtundzwanzigsten September
-wurden wir hinter das Haupthindernis eingeschlossen,
-und gleichzeitig setzte von See aus die
-erste große Beschießung ein.</p>
-
-<p>Das war eine Ballerei!</p>
-
-<p>Am frühen Morgen dieses Tages saß ich
-quietschfidel in meiner Badewanne, um mich zu
-einem größeren Fluge zu erfrischen, als plötzlich
-ein schier ohrenzerreißender Lärm einsetzte. Da
-unsere Geschütze bereits tage- und nächtelang
-gedonnert hatten, achtete ich nicht weiter auf den
-verstärkten Lärm, sondern schob ihn auf das<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span>
-Feuern unserer Achtundzwanzig-Zentimeter-Haubitzen
-der Bismarck-Batterie, die, um Munition
-zu sparen, bis jetzt geschwiegen hatte, und an deren
-Fuß meine Villa lag.</p>
-
-<p>Ich schickte meinen Burschen noch zu meinem
-Flugzeug, um nachzusehen, ob alles klargemacht
-würde. Aber schon nach einigen Minuten kam
-er atemlos und etwas blaß zurück und meldete:
-„Herr Oberleutnant, wir müssen schnell die Villa
-verlassen, wir werden von vier großen Schiffen
-beschossen. Eine der schweren Granaten ist eben
-ganz dicht beim Flugzeugschuppen krepiert, aber
-Gott sei Dank ist das Flugzeug heil geblieben, und
-niemand ist verletzt. Nur ich habe mir die Finger
-verbrannt. Da lag so ein schönes großes Sprengstück,
-und das wollte ich doch als Andenken mitnehmen;
-na, und das war so heiß, aber mitgebracht
-habe ich es doch!” Und dabei hob er
-freudestrahlend ein halb verbranntes Taschentuch
-hervor, in dem ein zirka armlanges furchtbares
-Sprengstück einer Dreißigeinhalb-Zentimeter-Granate
-lag. Nun war ich aber raus aus
-meinem Bad! Kaum zwei Minuten später stand
-ich bei meinem schwer gefährdeten Flugzeug, und
-mit vereinten Kräften schoben wir den teuren
-Vogel in eine andere Ecke des Platzes, wo er hinter
-einem Abhang etwas geschützter stand. Dann lief
-ich auf den Küstenkommandeurstand, um mir
-das Schauspiel der Beschießung anzusehen.</p>
-
-<p>Dieser Kommandeurstand lag auf einem Hügel,
-von dem man einen geradezu idealen Überblick<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span>
-über Tsingtau hatte. Von hier aus konnte
-man jede einzelne Granate einschlagen sehen,
-und wenn ich nicht flog, saß ich während der ganzen
-nächsten Wochen hier oben in freier Luft, um
-dem Kampf zuzusehen.</p>
-
-<p>Die erste Beschießung von Tsingtau an diesem
-achtundzwanzigsten September war besonders
-eindrucksvoll.</p>
-
-<p>Das Krachen und Krepieren der Granaten und
-das Gedröhne wurden durch die rings herumliegenden
-Berge bedeutend verstärkt. Schlag
-auf Schlag folgten die Einschläge der langen
-Dreißigeinhalb-Zentimeter-Schiffsgeschosse, und
-wir hatten den Eindruck, daß ganz Tsingtau in einen
-Trümmerhaufen verwandelt werden würde. Ein
-unheimliches Gefühl, an das man sich aber schnell
-gewöhnt. Man ist ja doch den einschlagenden Granaten
-gegenüber vollkommen machtlos und kann
-nichts weiter tun als warten, bis alles vorbei ist.</p>
-
-<p>Man soll nur Glück haben, nicht gerade da zu
-stehen, wo solch ein unheimliches Ding niedersaust.</p>
-
-<p>Wie schmachvoll müssen diese und die folgenden
-Beschießungen für die Engländer gewesen sein!</p>
-
-<p>Die feindlichen Schiffe dampften so weit draußen,
-daß unsere Geschütze sie nicht erreichen konnten.
-Also in vollster Sicherheit. Vorneweg fuhren
-drei japanische Schlachtschiffe und als letztes
-Schiff hinterher unter japanischem Befehl: das
-englische Linienschiff „Triumph”.</p>
-
-<p>Wie stolz sich diese Engländer wohl bei solcher
-Henkersarbeit vorgekommen sind!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span>
-
-Gott sei Dank war der Schaden, den das Bombardement
-angerichtet hatte, nicht groß gewesen,
-und von nun ab sahen wir den kommenden Beschießungen
-mit größter Ruhe entgegen.</p>
-
-<p>Am Abend dieses Tages war ich Zeuge einer
-besonders traurigen Begebenheit.</p>
-
-<p>Unsere Kanonenboote „Cormoran”, „Iltis”
-und „Luchs” wurden von uns versenkt, nachdem
-sie ihre ganze Bewaffnung abgegeben hatten.</p>
-
-<p>Es war ein ganz trostloser Anblick.</p>
-
-<p>Die drei Schiffe, hintereinander festgemacht,
-wurden durch einen Dampfer in tiefes Wasser
-geschleppt, dort angezündet, dann gesprengt und
-verbrannt. Es sah aus, als ob die drei Schiffe
-wüßten, daß sie zur Schlachtbank geführt wurden.
-So unendlich traurig und hilfesuchend
-reckten sie ihre kahlen Masten zum Himmel empor;
-und unter den Flammen wanden sich die
-Schiffsleiber, als wenn sie noch Leben in sich gehabt
-hätten, bis endlich die Wogen über ihnen
-zusammenschlugen und sie von ihren Leiden befreiten.
-Wie krampfte sich mir das Seemannsherz
-zusammen bei diesem Anblick! Diesen drei
-folgten „Lauting” und „Taku” und kurz vor der
-Übergabe der kleine „Jaguar” und der österreichische
-Kreuzer „Kaiserin Elisabeth”, nachdem
-diese beiden letzteren Schiffe uns unendliche
-Dienste geleistet hatten. Die Arbeit dieser beiden
-Schiffe füllt ein Ruhmesblatt in der Geschichte
-von Tsingtaus Kampf und Tod.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>Allerhand Scherze der Japs</h2>
-
-
-<p>Die Tätigkeit der japanischen Belagerungsarmee
-war für uns ein großes Rätsel. Nach
-der ersten großen Beschießung dachten wir alle,
-die Japaner würden versuchen, die Festung sofort
-zu stürmen, aber nichts dergleichen geschah.
-Wir begriffen den Feind einfach nicht, der mußte
-doch wissen, wie schwach wir waren, und daß sie
-nur ein einziges Drahthindernis zu überwinden
-brauchten, um in der Festung zu sein.</p>
-
-<p>Dann tauchten bei uns die wildesten Gerüchte
-auf.</p>
-
-<p>„Die Japaner wagen nicht, uns anzugreifen,
-die Sache steht in Europa zu gut für uns!” Dann
-wieder: „Die Amerikaner schicken uns ihre Flotte
-zu Hilfe; die Japaner werden abziehen müssen!”
-Und dann: „Die Japaner wollen uns nur aushungern,
-sie wollen, daß Tsingtau so heil wie
-möglich in ihre Hände fällt!”</p>
-
-<p>Aber alles blieb nur Vermutung.</p>
-
-<p>Ruhig und systematisch und ohne daß wir sie
-daran hindern konnten, landeten die Japaner
-ihre Truppen, bauten Wege und Eisenbahnen,
-schafften die schwersten Belagerungsgeschütze und
-Munition heran, gruben sich unseren Hindernissen
-gegenüber ein und arbeiteten sich vorwärts gegen
-unsere Verteidigungslinie.</p>
-
-<p>Jetzt begann für mich meine Hauptarbeit:
-das Erkunden der feindlichen schweren Batterien.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span>
-
-Und Tag für Tag, wenn das Wetter und <em class="gesperrt">der</em>
-Propeller es erlaubten, stand ich früh im
-ersten Morgengrauen bei meinem Flugzeug.</p>
-
-<p>Und auf ging es, einem ungewissen Schicksal
-entgegen. Und wenn die Sonne aufging, dann
-schwebte ich hoch am blauen Firmament, umkreiste
-stundenlang die feindlichen Stellungen und spähte
-hinab auf das geliebte Schutzgebiet, in das sich
-ein frecher Feind einnistete, um uns Tod und
-Verderben hinüberzusenden.</p>
-
-<p>Schwer war meine Arbeit, aber schön, und sie
-wurde durch den Erfolg reichlich belohnt.</p>
-
-<p>Und <em class="gesperrt">daß</em> ich Erfolg hatte, das merkte ich am
-besten aus den Anstrengungen, welche der Feind
-machte, um mich herunterzuholen und mich unschädlich
-zu machen.</p>
-
-<p>Wie ich bereits vorher erwähnt habe, war ich
-jetzt der einzige Flieger in Tsingtau, „der Vogelmaster
-von Tsingtau”, wie mich die Chinesen
-nannten, und hatte auch nur diese eine Taube
-zur Verfügung. Nun galt es aufpassen und
-nichts kaputt machen, sonst war es vorbei mit der
-Fliegerei.</p>
-
-<p>Ganz außerordentlich wurde das Fliegen erschwert
-durch den kleinen, von hohen Bergen wie
-ein Kessel eng umschlossenen Flugplatz und die
-ganz außerordentlich schwierigen Luftverhältnisse.
-Durch die hohen, schroffen Gebirge, durch
-den Wechsel von Land und Wasser und durch die
-starke Sonnenbestrahlung war die Turbulenz der
-Luft ganz ungewöhnlich stark und die Luftverhältnisse<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span>
-schon morgens um acht Uhr so ungünstig,
-wie sie in Deutschland während der heißesten
-Jahreszeit um die Mittagsstunden kaum vorkommen.
-Nur der kann wohl einen Begriff von
-den Schwierigkeiten des Fliegens in einem solchen
-Gelände sich bilden, der das selbst durchgemacht hat.</p>
-
-<p>Hinzu kam, daß mein Flugzeug, welches für
-normale Verhältnisse zu Hause gebaut war, in
-dieser dünnen Luft zu schwer war, mein Motor
-hundert Umdrehungen zu wenig machte und ich
-mit einem Propeller flog, der auf die oben angeführte
-Weise entstanden war.</p>
-
-<p>Kein Wunder also, daß ich nicht daran denken
-konnte, jemals einen Beobachter mitzunehmen.
-Alles irgend Entbehrliche riß ich aus meinem
-Flugzeug heraus, um es zu erleichtern. Benzin
-und Öl wurden so bemessen, daß ich eben auskam,
-ja oft ließ ich sogar meine Lederjacke zu Hause,
-nur um mit dem Flugzeug aus dem Platz herauszukommen.</p>
-
-<p>Der Start, der war ja das Verhängnisvolle!</p>
-
-<p>Jeder Start mußte glücken; mißlang er, dann
-war es um mich und mein Flugzeug geschehen.</p>
-
-<p>Der Abflug war wirklich ein jedesmaliger
-Kampf auf Leben und Tod, und wie oft hat es
-nur an einem Haar gehangen, daß das Flugzeug
-nicht zerschellte.</p>
-
-<p>Manchmal, wenn ich nach Süden zu startete,
-setzten am Ende des Platzes, ungefähr da, wo das
-Fort Hu-Tchuen-Huk mit dem Meere zusammenstößt,
-enorme Fallböen ein, das Flugzeug fiel<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span>
-direkt unter mir weg, ich riß es eben noch über
-die Geschützrohre des Forts frei, dann fiel das
-Flugzeug wieder schwer durch, und oft handelte es
-sich nur um Handbreiten, daß ich es über dem
-Meeresspiegel wieder abfing, wo es sich langsam
-erholte und zu klettern anfing.</p>
-
-<p>Der Start nach Norden zu (andere als diese
-beiden Richtungen kamen nicht in Frage) war
-furchtbar, und im ganzen habe ich ihn nach dieser
-Richtung hin auch nur sechs- bis siebenmal gemacht;
-aber an diese Male denke ich dafür mein
-Leben lang.</p>
-
-<p>Im äußersten Südzipfel des Platzes mußte ich dann
-starten. Und in einer geraden Linie ging es
-über den nur wenige hundert Meter langen
-Platz hinweg, über meinen Schuppen, über mehrere
-Villen und über unseren Kirchhof, der bereits
-an einem zirka einhundertundfünfzig Meter hohen
-schmalen Sattel lag, der von beiden Seiten von den
-Felsmassen des Bismarck-Berges und der Iltis-Berge
-eingeschlossen wurde. Sowie ich links den
-Bismarck-Berg hinter mir hatte, kamen die ersten
-Seitentäler, und aus diesen setzten scharfe Böen
-ein, mein Flugzeug bekam einen mächtigen Stoß
-und legte sich schwer nach Steuerbord über, und
-trotz voller Verwindung konnte ich das Flugzeug
-nicht wieder aufrichten. Seitensteuer durfte
-ich nicht geben, um nicht in die Felsen hineinzurennen.</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 600px;">
-<img class="bordered" src="images/illu-065.jpg" width="600" height="385" alt="" />
-<div class="caption">Das Dienstpersonal des Verfassers in Tsingtau.</div>
-</div>
-
-<p>So raste denn mein Flugzeug in dieser Stellung
-mit der rechten Flügelspitze nur wenige Zentimeter<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span>
-von den unter mir liegenden Baumkronen
-und Felsmassen entfernt durch dieses Höllental
-hindurch, und ich konnte nichts weiter tun, als
-mein Steuer mit eiserner Ruhe führen, um
-nicht unten zu zerschellen. Bis ich dann endlich
-auf der anderen Seite über dem Wasser der
-Kiautschou-Bucht schwebte und mein Flugzeug
-wieder vernünftig wurde.</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 341px;">
-<img class="bordered" src="images/illu-066.jpg" width="341" height="599" alt="" />
-<div class="caption">Kapitänleutnant Plüschow.</div>
-</div>
-
-<p>Ich will's gestehen, heiß und kalt hat's mich
-bei jedem Start überlaufen, und ordentlich froh
-war ich, wenn ich ihn hinter mir hatte und mich
-höher und höher schraubte, bis ich endlich meine
-zweitausend Meter erreicht hatte. Das war allerdings
-eine Geduldsprobe. Manchmal kam ich
-in einer Stunde hinauf. Gewöhnlich aber dauerte
-es bis zu einunddreiviertel Stunden. Während
-dieser ganzen Zeit flog ich weit, weit draußen
-über See, um den Schrapnells, die die Japaner
-nach mir sandten, zu entgehen.</p>
-
-<p>Was konnte ich noch lange darüber nachdenken,
-daß ich ein Landflugzeug hatte, und daß ich
-bei der geringsten Motorpanne ertrinken mußte.
-Es wäre ja doch dasselbe gewesen, als wenn eine
-Panne oder womöglich ein Volltreffer mich über
-dem Lande erreicht hätte. Im ganzen Schutzgebiet
-gab es nur Felsen, Schluchten und außer
-meinem Flugplatz nicht ein einziges Plätzchen,
-wo ich hätte heil landen können.</p>
-
-<p>Die Gedanken daran kamen mir wohl ab und
-zu in den ersten Tagen, aber da sie doch zwecklos
-waren, gab ich sie wieder auf.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span>
-
-Während der ganzen Zeit dieses Emporkletterns
-erfreute ich mich dann an dem herrlichen Sonnenschein,
-an dem wunderbaren Anblick der schroffen
-Felsenküsten und an dem tiefblauen Meer. Meist
-sang oder pfiff ich ein Liedchen, und wenn der
-Höhenmesser zweitausend Meter zeigte, dann
-brummte ich ein Gott sei Dank, und auf dem
-kürzesten Wege schoß ich der feindlichen Linie zu
-und begann meine Beobachtungen.</p>
-
-<p>Diese führte ich dann folgendermaßen aus:</p>
-
-<p>Sobald ich über dem Feinde war, drosselte ich
-den Motor so, daß das Flugzeug die Höhe von
-selber hielt. Dann hängte ich meine Karte vor mich
-an das Höhensteuer, nahm einen Bleistift mit
-Notizheft zur Hand und beobachtete nach unten,
-zwischen Tragfläche und Rumpf hindurchsehend,
-den Feind. Das Höhensteuer ließ ich ganz los,
-und die Seite steuerte ich mit den Füßen.</p>
-
-<p>Eine Stellung umkreiste ich dann so lange, bis
-ich alles ausgemacht, in die Karte eingetragen,
-mir genau aufgeschrieben und eine ganz genaue
-Skizze angefertigt hatte. Ich hatte bald eine solche
-Übung darin, daß ich oft, ohne überhaupt aufzusehen,
-einundeinhalb bis zwei Stunden nach
-unten beobachtete und alles genau aufschrieb.</p>
-
-<p>Und wenn mir dann das Genick steif wurde,
-drehte ich mich um und sah nach der anderen
-Seite hinunter. Bis ich dann endlich mit meinen
-Aufzeichnungen zufrieden war und ein Blick auf
-die Benzinuhr mich belehrte, daß es höchste Zeit
-sei umzukehren, um noch meinen Platz zu erreichen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span>
-
-Der Rückflug war jedesmal derselbe. In stolzem
-Bogen umkreiste ich die Werft und die Stadt,
-und über meinem Platz angekommen, stellte ich den
-Motor ab, und in rasendem Kurven-Gleitflug
-ging es der Erde zu, und vier Minuten später stand
-ich wohlbehalten unten.</p>
-
-<p>Die Eile war nötig!</p>
-
-<p>Mein Flugzeug wurde natürlich während der
-ganzen Stunden, die ich über den feindlichen
-Stellungen schwebte, auf das heftigste mit Gewehren
-und Maschinengewehren beschossen. Und
-als das nichts half, kamen die Schrapnells. Die
-waren allerdings eklig.</p>
-
-<p>Und immer wieder neue Überraschungen hatten
-die Japaner für mich. Als ich zum Beispiel an einem
-herrlichen Morgen mit prächtigem blauem Himmel
-von einer Aufklärung zurückkam und landen
-wollte, schwebten über meinem ganzen Landungsplatz
-lauter kleine weiße Wölkchen in etwa dreihundert
-Meter Höhe, die von oben ganz allerliebst
-aussahen.</p>
-
-<p>Aber bald merkte ich, daß die Japaner sich wieder
-einmal einen Scherz mit mir erlaubten, denn
-die Wölkchen waren Sprengwolken von Zehneinhalb-Zentimeter-Schrapnells.</p>
-
-<p>Aber was half es &mdash; Zähne zusammen und durch!</p>
-
-<p>Und vier Minuten später stand meine Maschine
-aus zweitausend Meter Höhe im Sturzflug
-kommend, wohlbehalten auf dem Platz, und so
-schnell ich konnte, rollte ich mit ihr in den Schuppen,
-dessen Dach durch Erde geschützt war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span>
-
-Nun galt es für mich, List anzuwenden.</p>
-
-<p>Und manchmal, wenn ich noch über den feindlichen
-Stellungen war, stellte ich plötzlich den Motor
-ab und sauste senkrecht auf eine Ecke meines
-Platzes zu, so daß die Japaner glaubten, ich sei
-abgeschossen, und sie so überrascht wurden, daß
-ihre Schrapnells über dem Platz erst ankamen,
-als ich bereits zum Schuppen rollte.</p>
-
-<p>Als ich aber immer wiederkam, da verlegten die
-Japaner zwei ihrer Zehneinhalb-Zentimeter-Batterien
-so weit nach hinten und nach der Seite, daß
-ihre Schrapnells mich bequem erreichten, während
-ich die Stunden über ihren Stellungen kreiste.
-Das war das Unangenehmste, und oft wäre mein
-Schicksal auch beinah besiegelt gewesen, wenn ich
-nicht durch eine plötzliche scharfe Wendung das
-Getroffenwerden vermieden hätte.</p>
-
-<p>Die Schrapnells krepierten dann so nahe, daß
-ich trotz des Motorengeräusches das häßliche Bellen
-der Detonation hörte, den heftigen Luftdruck im
-Gesicht verspürte und mein Flugzeug so stark wie
-eine alte Kuff im Seegang zu rollen anfing, was
-mich bei meinen Beobachtungen stark belästigte.</p>
-
-<p>Ich muß offen sagen, sobald ich jedesmal glatt
-gelandet war, spürte ich ein herrliches Gefühl der
-Freude und der Genugtuung nach vollbrachter,
-schwerer Arbeit, ja meist stieß ich vor lauter Freude
-einen kräftigen Jauchzer aus.</p>
-
-<p>Zu denken auch:</p>
-
-<p>Nur vier Minuten früher war ich zweitausend Meter
-hoch gewesen, hatte Stunden höchster Anstrengung<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span>
-und Gefahr hinter mir und rollte nun trotz
-Geschoß und Schrapnell auf Gottes schöner Erde
-und hatte wieder festen Grund unter den Füßen!</p>
-
-<p>Sobald ich aufgesetzt hatte, kamen meine vier
-braven Leute, die des Schrapnellhagels nicht achteten,
-herangelaufen und halfen mir die Maschine
-bergen. Mit freudigem Gekläff wurden sie umsprungen
-von meinem treuen Hund Husdent.</p>
-
-<p>Und während die vier das Flugzeug zum nächsten
-Male wieder klar machten, saß ich längst am
-Steuer meines Autos, in der Brusttasche meine
-Karten und Meldungen, neben mir Husdent,
-und raste nochmals durch das Schrapnellfeuer
-über den Platz und zum Gouvernement, wo
-bereits auf meine Meldungen gewartet wurde.</p>
-
-<p>Ich glaube, man wird meine Freude und
-meinen Stolz verstehen können, wenn ich meine
-Aufzeichnungen auspacken konnte. Hatte ich doch
-manchmal an einem Tage fünf bis sechs neue
-feindliche Batterien entdeckt, und oft füllten meine
-Beobachtungen vier Seiten der Berichtsformulare
-aus.</p>
-
-<p>Der warme Händedruck des Dankes meines
-Gouverneurs und des Chefs des Stabes sagte
-mir genug.</p>
-
-<p>Und während ich dann nach Hause fuhr, um
-zu frühstücken und mich zu erholen, da donnerten
-bereits unsere Geschütze und warfen ihren Eisenhagel
-in die von mir neu erkundeten Stellungen
-hinein.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>Meine Kriegslist</h2>
-
-
-<p>Wie traurig sah es jetzt in meinem Häuschen
-aus, so einsam und verlassen!</p>
-
-<p>Gleich zu Beginn der Belagerung mußte der
-gute Patzig sein Heim aufgeben und als Batteriekommandeur
-zu seiner Einundzwanzig-Zentimeter-Batterie
-eilen. Nur vier Wochen hat er
-etwas von seiner schönen Wohnung gehabt, dann
-saß er in seiner Kasematte und tat seine Pflicht,
-bis seine letzte Granate verschossen war und die
-Japaner mit ihren Achtundzwanzig-Zentimeter-Haubitzen
-seine ganze Batterie zu einem wüsten
-Trümmerhaufen verwandelten!</p>
-
-<p>Treulos verließ mich aber, als der erste Schuß
-fiel, mein Chinesenkoch Moritz, und eines Abends
-waren auch Fritz, Max und August spurlos verschwunden.</p>
-
-<p>Nach einigen Tagen kam ein neuer Chinesenkoch,
-Wilhelm genannt, der mir mit großen Gebärden
-erzählte:</p>
-
-<p>„Du, Vogelmaster, ich gute Koch sein, ich nicht
-weglaufen wie die schlechte Kerl, die Molitz, iche
-nicht Angst haben, ich <span class="antiqua">plenty</span> gut chau-chau
-mache.”</p>
-
-<p>Ich glaubte es, versprach ihm fünf Dollars mehr,
-und es ging auch ganz gut, bis eines Tages die
-ersten feindlichen Granaten in der Nähe meines
-Hauses krepierten und Herr Wilhelm ebenso spurlos
-verduftete wie seine Vorgänger.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span>
-
-Nun saß ich mit meinem treuen Burschen
-Dorsch in dem verwaisten Hause allein.</p>
-
-<p>Wir beide waren jetzt die einzigen Bewohner
-des ganzen Villenviertels der Iltis-Bucht.</p>
-
-<p>Angenehm und sicher war der Aufenthalt gerade
-nicht, denn die Villen waren an die Hügel gebaut,
-die unsere Hauptbatterien trugen, und die
-feindlichen Granaten, die bei diesen vorbeigingen,
-trafen mitten in uns hinein. Wir beide
-waren aber sehr vorsichtig. Wir zogen nämlich
-aus dem oberen Stockwerk aus und richteten uns
-im Erdgeschoß häuslich ein. Zum Überfluß stellten
-wir beide noch unsere Betten so in eine Ecke,
-daß wir nicht unmittelbar am Fenster lagen, und
-das war dann Sicherheit genug. Gut, daß kein
-dicker Koffer uns zu einem Versuch herausforderte.</p>
-
-<p>In der Luft blieb ich nicht lange allein.</p>
-
-<p>Am Vormittag des fünften September, bei unfreundlichem
-Wetter, mit tiefhängenden Wolken,
-hörten wir plötzlich das Brummen eines Motors,
-und ich lief aus dem Hause, um zu sehen, was
-los sei. Und schon schoß dicht über unseren
-Köpfen ein riesiger Doppeldecker aus den Wolken.
-Ich war sprachlos. Und wie gebannt schaute ich
-dem Gespenste nach. Bald jedoch krachten die
-ersten Bombenexplosionen, und nun gewahrte ich
-auch die großen roten Bälle unter den Tragflächen
-des Flugzeuges.</p>
-
-<p>Also ein Japaner!</p>
-
-<p>Ich muß sagen, mir war eigenartig zumute,<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span>
-als ich den riesigen feindlichen Kollegen so dicht
-über meinem Kopfe dahinschweben sah. Das
-konnte ja für die Zukunft eine heitere Geschichte
-werden!</p>
-
-<p>Für Tsingtau war das Erscheinen des feindlichen
-Fliegers eine höchst unangenehme Überraschung.
-Daß die Japaner auch Flugzeuge mitbringen
-würden, das hatte keiner erwartet.</p>
-
-<p>Im ganzen hatten die Japaner im Laufe der
-Belagerung acht Flugzeuge, darunter vier ganz
-hervorragend große Wasserdoppeldecker, um die
-ich die Japse herzlichst beneidete.</p>
-
-<p>Wie oft habe ich in den nächsten Wochen, wenn
-die wunderschönen, neuen, großen Wasserdoppeldecker
-der Japaner die Stadt umkreisten, sehnsüchtig
-nach oben geschaut und mir solch ein Ding
-herabgewünscht.</p>
-
-<p>Fliegen taten die Japaner sehr gut, und mit
-außerordentlichem Schneid, das muß man ihnen
-lassen.</p>
-
-<p>Ein Segen, daß ihr Bombenwerfen nicht ebensogut
-war, sonst hätte es bös was für uns abgegeben.</p>
-
-<p>Die japanischen Fliegerbomben waren stark,
-neuester Konstruktion und von ganz bedeutender
-Sprengwirkung.</p>
-
-<p>Einen gewaltigen Vorteil hatten die feindlichen
-Wasserflugzeuge. Sie konnten weit draußen, gänzlich
-ungestört durch uns, ohne Rücksicht auf Windrichtung,
-in aller Ruhe starten, hatten so viel Anlaufstrecke
-vor sich, wie sie nur irgend wünschen<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span>
-konnten, Windrichtung war gänzlich egal, und
-wenn sie dann in größter Sicherheit ihre dreitausend
-Meter erreicht hatten, kamen sie zu uns
-herüber, und dann pfiffen sie auf unsere Schrapnells
-und unser Maschinengewehrfeuer.</p>
-
-<p>Eins der Hauptziele der feindlichen Fliegerbomben
-war mein Flugzeugschuppen.</p>
-
-<p>Die Sache wurde für mein Flugzeug bald so
-ungemütlich, daß ich eines Tages auszog und
-beschloß, meine feindlichen Kollegen ganz gründlich
-anzuführen.</p>
-
-<p>Mein richtiger Schuppen lag auf dem Nordende
-des Platzes, war von oben wundervoll zu
-sehen und den Japanern natürlich zur Genüge
-bekannt. Nun baute ich in aller Stille genau am
-entgegengesetzten Ende des Platzes einen neuen
-Schuppen, den ich direkt an einen Bergabhang
-anlehnte und mit Erde und Gras so bedeckte, daß
-von oben tatsächlich nicht das geringste zu sehen
-war. Dann bauten wir mit vieler List und Tücke
-aus Brettern, Segeltuch und Blech ein Scheinflugzeug,
-welches von oben gesehen meiner Taube
-täuschend ähnlich sah. Sowie nun in Zukunft die
-feindlichen Flieger kamen, wurde Theater gespielt.</p>
-
-<p>An einem Tage waren die Tore meines alten
-Schuppens auf, und davor saß im schönen grünen
-Gras, breit und behäbig, mein Simulaker. An
-einem anderen Tage waren die Tore geschlossen
-und nichts zu sehen. Wiederum an einem Tage
-saß mein Scheinflugzeug an einer anderen Stelle<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span>
-des grünen Rasens, wo es sich besonders gut abhob,
-und so ging es fort. Nun kamen die feindlichen
-Flieger und warfen Bomben auf Bomben
-und bemühten sich, diesen unschuldigen Vogel zu
-treffen. Wir dagegen, mit unserem richtigen
-Flugzeug, saßen quietschfidel und durch unser
-Dach wohlgeschützt am anderen Ende des Platzes
-und hielten uns den Bauch vor Lachen, wenn wir
-sahen, wie die Bomben ihr unschuldiges Opfer
-heimsuchten.</p>
-
-<p>Eines Tages, als wieder besonders viele Bomben
-gefallen waren, nahm ich ein schönes Sprengstück
-einer japanischen Fliegerbombe, befestigte
-daran meine Visitenkarte und schrieb darauf:
-„Den feindlichen Kollegen besten Gruß! Warum
-werfen Sie mit so harten Gegenständen? Wie
-leicht kann das ins Auge gehen! Und das tut
-man doch nicht!”</p>
-
-<p>Diesen Brief nahm ich bei meinem nächsten
-Fluge mit und warf ihn vor der japanischen
-Wasserflugstation nieder.</p>
-
-<p>Das war aber nur die Ankündigung meines
-Besuches.</p>
-
-<p>Im Artilleriedepot hatte nämlich einer der
-Herren inzwischen Bomben für mich angefertigt.
-Ganz großartige Dinger! Große Zweikilogramm-Blechbüchsen,
-auf denen schön zu lesen war: Sietas,
-Plambeck &amp; Co., bester Java-Kaffee, wurden
-mit Dynamit, Hufeisennägeln und Eisenstücken
-gefüllt. Unten wurde eine Bleispitze angebracht
-und oben ein Zünder, der daraus bestand, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span>
-ein spitzer Eisenkern beim Aufschlagen auf das
-Zündhütchen einer Gewehrpatrone schlug und
-dadurch die ganze Bombe zur Explosion brachte.
-Etwas unheimlich waren mir ja diese Dinger,
-und wie ein rohes Ei faßte ich sie an, und ich war
-immer herzlichst froh, wenn ich sie abgeworfen
-hatte. Viel Schaden haben sie nicht angerichtet.
-Einmal habe ich ein Torpedoboot getroffen, und
-da ging das Ding nicht los; mehrere Male hätte
-ich beinahe einen Transportdampfer erwischt,
-und einmal habe ich gemäß japanischen Nachrichten
-eine Bombe mitten in eine japanische
-Kolonne geworfen und damit dreißig Gelbe zum
-Hades befördert.</p>
-
-<p>Bei einer Gelegenheit hatte ich mich ganz besonders
-geärgert, und das war, als ich eines
-frühen Morgens das Lager unserer lieben Vettern
-erkundet hatte und ihnen zu ihrem Morgenkaffee
-meinen echt javanischen Kaffee beisteuern
-wollte. Die Bombe fiel nach englischen Berichten
-auf ihr Küchenzelt, und da dieses stark federte,
-prallte sie leider wirkungslos ab.</p>
-
-<p>Das Vergnügen des Bombenwerfens habe
-ich mir bald verkniffen. Ich hatte sowieso schon,
-wo ich immer allein war, genug zu tun. Die
-Wirkung rechtfertigte auch nicht die mit Bombenwerfen
-verschwendete Zeit.</p>
-
-<p>Mit meinen feindlichen Fliegerkollegen habe
-ich mich dann öfters in der Luft getroffen. Suchen
-tat ich diese Begegnung nicht, denn ich
-allein mit meiner langsam steigenden, schwerfälligen<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span>
-Taube konnte gegen die großen Doppeldecker,
-die drei Mann Besatzung an Bord hatten,
-nichts ausrichten. Und vor allen Dingen hatte ich
-die verdammte Pflicht, aufzuklären und dann das
-Flugzeug Tsingtaus heil nach Hause zu bringen.</p>
-
-<p>Einmal war ich in meine Beobachtungen ganz
-vertieft, als mein Flugzeug sehr stark anfing zu
-schlingern und zu stampfen. Ich dachte, es wären
-wieder einmal Luftstörungen, die durch die
-vielen steilen und schroffen Gebirge hervorgerufen
-wurden und ja das ganze Fliegen in
-dieser Gegend so außerordentlich erschwerten.
-Ohne also aufzusehen, beobachtete ich weiter
-und erfaßte nur mit der einen Hand das Höhensteuer,
-um das Flugzeug zur Ruhe zu zwingen.</p>
-
-<p>Nach meiner Rückkehr wurde mir zu meinem
-Erstaunen erzählt, daß eins der feindlichen Flugzeuge
-dicht über mir weggeflogen wäre, und alles
-dachte schon, ich würde von diesem heruntergeschossen
-werden.</p>
-
-<p>Das nächstemal paßte ich besser auf. Und als
-ich einen meiner feindlichen Landkollegen dicht
-unter mir erblickte, verfolgte ich ihn und schoß ihn
-mit meiner Parabellum-Pistole mit dreißig Schuß
-herunter.</p>
-
-<p>Kurze Zeit hinterher wäre es mir fast selbst so
-ergangen. Ich war nur eintausendsiebenhundert
-Meter hoch, und trotz der größten Anstrengung
-kam und kam ich nicht höher. Ich war gerade
-über dem feindlichen Wasser-Fliegerlager, und
-einer der großen Doppeldecker startete soeben.<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span>
-Ich führte nun meine Erkundungen weiter aus
-und dachte: Na, der kann ja lange krebsen, bis
-er so hoch ist wie du!</p>
-
-<p>Aber schon nach vierzig Minuten, als ich nach
-links über die Tragflächen hinwegschaute, da
-schwebte der Feind nur wenige tausend Meter entfernt
-in derselben Höhe wie ich. Donnerwetter,
-nun hieß es aufpassen und höher steigen. Aber
-wie verhext streikte mein Vogel. Nicht einen Meter
-gewann ich mehr, und schon nach fünfzehn Minuten
-war der andere ein ganzes Stück höher als
-ich, kam schräg auf mich zu, und ich merkte seine
-Absicht, mir den Weg nach Tsingtau abzuschneiden.</p>
-
-<p>Jetzt ging's um die Wette, wer zuerst ankam
-und sich zuerst über Tsingtau befand.</p>
-
-<p>Ich gewann das Rennen.</p>
-
-<p>Und als ich über meinem Platz war, da ging's
-im steilsten Sturzfluge nieder, und als ich eben auf
-dem Platze aufsetzte, da krepierten auch schon die
-ersten feindlichen Bomben dicht hinter mir.</p>
-
-<p>Wie wunderbar manchmal so eine Bombe trifft!</p>
-
-<p>In Tsingtau war strenger Befehl, daß bei
-Annäherung der feindlichen Flieger jedermann sofort
-in Deckung zu gehen hätte, wodurch es ermöglicht
-wurde, daß keine Verluste eintraten. Nur
-einmal ist ein Unteroffizier verletzt worden und
-einmal ein Chinese. Und das war wunderbar
-genug! Auf meinem Platze arbeiteten ungefähr
-hundert Chinesen, und bei Annäherung der
-Flieger brachten sie sich schleunigst in Sicherheit.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span>
-
-Nur so'n brauner Geselle blieb an einem
-Tage mitten auf dem Platze mutterseelenallein
-sitzen und sah sich erstaunt den großen Vogel an.
-Bums! ging eine Bombe nieder, und wo krepierte
-sie? Ausgerechnet einige Schritte neben
-diesem armen Teufel, und verletzte ihn schwer.</p>
-
-<p>Ja, ich sage, man muß nur Pech haben und
-gerade da stehen, wo Granaten und ähnlich schwerverdauliche
-Gegenstände herniederfallen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>Hurra!</h2>
-
-
-<p>Und wie sah es nun inzwischen in Tsingtau aus?
-Die Beschießung von See setzte täglich ein,
-und bald kamen auch die ersten Landbatterien
-und halfen mit bei dem höllischen Spiel. Außer
-in den bombensicheren Räumen und Kasematten
-gab es keinen sicheren Platz mehr in ganz Tsingtau.
-Die Beschießung wurde heftiger und immer
-heftiger, und an manchen Tagen wurden allein
-von See aus mehrere hundert Dreißigeinhalb-Zentimeter-Schiffsgranaten
-in das kleine Tsingtau
-hineingeschossen.</p>
-
-<p>Am vierzehnten Oktober fand eine besonders heftige
-Beschießung unseres Seewerkes Hu-Chuin-Huk
-statt. Weit draußen fuhren die feindlichen Schiffe,
-und schon nach der zweiten Salve deckten die
-Dreißigeinhalb-Zentimeter-Granaten das kleine
-Werk. Nun folgte Salve auf Salve. Das ganze
-Werk war in Wassersäulen, Flammen und Rauch
-eingehüllt, und das Krachen und Dröhnen der
-krepierenden Granaten ließ die Erde erbeben.</p>
-
-<p>Wie immer, so stand ich auch an diesem Morgen
-auf dem Küstenkommandeurstand nur rund tausend
-Meter seitlich von dem beschossenen Fort ab
-und erlebte so das grausige Schauspiel aus nächster
-Nähe.</p>
-
-<p>Oft flogen die scharfen, bis über einen Meter
-langen Sprengstücke der Granaten pfeifend und
-surrend und unheimlich zischend über unsere Köpfe<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span>
-weg, ohne daß wir darauf achteten, da uns der
-Anblick des beschossenen Forts zu sehr gefangennahm.
-Das Gesehene war so gewaltig, daß es
-sich nicht beschreiben läßt.</p>
-
-<p>So etwas kann man nur erleben.</p>
-
-<p>Wir dachten mit Schmerzen an die tapfere Besatzung
-und an ihren sicheren Untergang, aber
-mitten im tollsten Feuer schoß die eine alte Vierundzwanzig-Zentimeter-Kanone
-einen Schuß,
-und voll Spannung richteten sich sofort alle unsere
-Doppelgläser auf die feindlichen Schiffe.</p>
-
-<p>Und da plötzlich ein Hurra! So jubelnd und
-froh entrang es sich unsern Kehlen, und drüben
-beim englischen Linienschiff „Triumph” saß unsere
-Sprenggranate mitten an Deck. „Triumph”
-drehte sofort ab und lief mit äußerster Kraft davon,
-und als kurze Zeit darauf unsere zweite
-Granate ankam, konnte sie nur noch fünfzig
-Meter hinter seinem Heck ins Wasser einschlagen.</p>
-
-<p>„Triumph” dampfte dann nach einigen Signalen,
-die er mit dem japanischen Flaggschiff
-wechselte, ab und ging zur Reparatur nach
-Yokohama.</p>
-
-<p>Die drei japanischen Schiffe setzten ihre Beschießung
-fort, aber nunmehr in noch respektvollerer
-Entfernung, so daß es zwecklos war, mit
-unseren alten Kanonen, die längst nicht so weit
-reichten, zu feuern.</p>
-
-<p>Mittags um zwölf Uhr hörte die Beschießung
-endlich auf, nachdem der Feind sowohl wie wir<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span>
-mit Recht der Überzeugung sein konnten, daß das
-Fort zerstört und die Insassen getötet seien.</p>
-
-<p>Sofort eilte der Stab des Küstenkommandeurs
-zum Fort Hu-Chuin-Huk, und auch ich folgte
-mit meinem Auto.</p>
-
-<p>Gewärtig eines furchtbaren Anblicks, waren wir
-bei unserer Ankunft höchst erstaunt, die gesamte
-Besatzung froh und vergnügt umherspringen zu
-sehen, Sprengstücke sammelnd und die riesigen
-Krater, die die feindlichen Granaten in den Boden
-geschlagen hatten, bewundernd.</p>
-
-<p>Das war eine Freude! Kein einziger der Leute
-verletzt, kein Geschütz beschädigt, kein bombensicherer
-Raum durchschlagen!</p>
-
-<p>Der Erfolg der schweren Beschießung war: eine
-Keksschachtel zerschlagen und ein Mannschaftshemd,
-welches zum Trocknen gehangen hatte, zerrissen.</p>
-
-<p>Und dazu unter anderem Einundfünfzig- bis
-Dreißigeinhalb-Zentimeter-Geschosse.</p>
-
-<p>Durch eine der dünnen Panzerkuppeln war
-eine schwere Granate glatt durchgeschlagen und
-war als Blindgänger friedlich auf den Eisenplatten
-neben dem Geschütz liegengeblieben.</p>
-
-<p>Nun löste sich auch das Rätsel unseres eigenen
-Schusses: Unsere Geschütze hatten eigentlich nur
-eine Reichweite von hundertsechzig = hundert.
-Aber da war die Bedienung dabeigegangen und
-hatte es mit unendlichen Mühen fertig gebracht,
-daß das Geschütz einige Sechzehntel Grade höher
-gerichtet wurde und dadurch wieder zwei- bis dreihundert
-Meter weiter schießen konnte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span>
-
-Und, das Geschützrohr in höchster Erhöhung
-fertig geladen, hatte die wackere Besatzung und
-ihr tapferer Batterieführer, Oberleutnant zur See
-Haßhagen, trotz des furchtbaren Granatfeuers
-ruhig am Geschützrohr ausgeharrt, bis endlich
-eines der Schiffe in Reichweite kam.</p>
-
-<p>Und der erste Schuß, der saß gleich!</p>
-
-<p>Und das schönste war: er traf den Richtigen.</p>
-
-<p>Schade, daß beim zweiten Schuß der „Triumph”
-schon so weit weggelaufen war, sonst hätte ihn
-schon an diesem Tage sein Schicksal ereilt.</p>
-
-<p>Aber er entging ihm nicht!</p>
-
-<p>Und was wir nicht mehr vollbringen konnten,
-hat einige Monate später unser Hersing ausgeführt.
-Im Frühjahr Neunzehnhundertfünfzehn
-hat er uns Tsingtauer gerächt, als er mit seinem
-U-Boot vor den Dardanellen denselben „Triumph”
-auf den Meeresboden hinabsandte.</p>
-
-<p>Wir Tsingtauer wissen ihm dafür Dank!</p>
-
-<p>Mit den Offizieren und der Besatzung des
-Forts Hu-Chuin-Huk verband mich ein besonders
-inniges Verhältnis.</p>
-
-<p>Von Rechts wegen gehörte ich überhaupt zu
-ihnen, denn erstens grenzte mein Flugplatz an
-das Fort, und zweitens waren sie jedesmal
-Zeugen meiner Starts und vor allen Dingen
-meiner Bemühungen, von ihren Kanonen frei
-zu kommen. Und mehr als einmal standen die
-Leute klar, um ins Wasser zu springen und mich
-zu retten, da sie glaubten, ich stürze mit dem
-Flugzeug hinein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span>
-
-Und so oft ich Gast des hervorragenden Fortkommandanten,
-Kapitänleutnants Kopp, war,
-malten wir uns in den schönsten Farben unseren
-Einzug in Deutschland nach beendetem Kriege
-aus, und da wurde selbstverständlich ausgemacht,
-daß ich mit bei der Besatzung vom Fort Hu-Chuin-Huk
-marschierte.</p>
-
-<p>Am siebzehnten Oktober spät abends stand eine
-Gruppe von Offizieren in atemloser Spannung
-auf dem Küstenkommandeurstand. Wir wenigen
-hier oben wußten, worum es sich handle. Das
-alte Torpedoboot <span class="antiqua">S</span> 90, Kommandant Kapitänleutnant
-Brunner, sollte auslaufen.</p>
-
-<p>Schon zwei Abende vorher war er zu kühner
-Nachtfahrt in See gegangen und hatte dort, von
-wo aus die japanischen Schiffe uns beschossen,
-Minen gestreut.</p>
-
-<p>Heute sollte er nun seine schwerste und letzte
-Aufgabe erfüllen: die Linie der feindlichen Torpedoboots-Zerstörer
-durchbrechen und eins der
-feindlichen Schiffe angreifen.</p>
-
-<p>Es war eine helle Nacht, und der Mond ging gegen
-zehn Uhr unter. Nun sollte das Boot auslaufen.</p>
-
-<p>Es wurde zehn Uhr, zehn Uhr dreißig, die
-Spannung wuchs unerträglich. Nichts von <span class="antiqua">S</span> 90
-war zu sehen.</p>
-
-<p>Da &mdash; um elf Uhr gewahrten wir einen langen,
-grauen Schatten, welcher sich vorsichtig auf dem
-Wasser unterhalb des Perlgebirges dahinbewegte.
-Und bald erkannte auch das scharfe Seemannsauge
-die Formen des Torpedobootes.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span>
-
-„Glückliche Fahrt, ihr wackeren Leute!”</p>
-
-<p>Unser aller Herzen sandten ihnen die heißesten
-Wünsche nach. Nun verschwand das Boot unseren
-Blicken, und bald kam der gefährliche Moment,
-wo es die feindliche Zerstörerlinie durchbrechen
-würde.</p>
-
-<p>Gebannt starrten unsere Augen nach dem
-offenen Meere, jeden Augenblick das Aufblitzen
-der Scheinwerfer und das Mündungsfeuer der
-feindlichen Geschütze erwartend.</p>
-
-<p>Alles blieb still.</p>
-
-<p>Es wurde zwölf Uhr, endlich zwölf Uhr dreißig,
-ein Alp wich von uns allen. Die feindlichen Zerstörer
-hatten nichts gemerkt. Nun mußte aber
-das Boot am feindlichen Gros heran sein!</p>
-
-<p>Die Minuten wurden uns zu Stunden. Keiner
-wagte zu sprechen.</p>
-
-<p>Da plötzlich um ein Uhr, ganz fern im Süden,
-draußen auf weiter See, eine riesige Feuersäule
-und dann von allen Seiten tastende, grelle Finger
-von Scheinwerfern, und ganz leise kam nach
-einiger Zeit ein dumpfes Grollen und Beben zu
-uns herüber.</p>
-
-<p>Hurra! Das war <span class="antiqua">S</span> 90's Arbeit!</p>
-
-<p>Und schon um ein Uhr dreißig hatten wir
-folgenden Funkspruch in der Hand:</p>
-
-<p>„Habe feindlichen Kreuzer mit drei Torpedos
-angegriffen, alle Torpedos getroffen. Kreuzer
-ist sofort in die Luft geflogen. Ich werde von
-feindlichen Zerstörer-Flottillen gejagt, Rückweg
-nach Tsingtau abgeschnitten, versuche nach Süden<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span>
-zu entkommen und sprenge, wenn nötig, das
-Boot in die Luft. Unterschrift: Brunner.”</p>
-
-<p>Dieses Telegramm allein dürfte wohl für den
-Kommandanten, seine Offiziere und Besatzung
-genug sprechen.</p>
-
-<p>Wenige Wochen drauf, ohne vorher daran gedacht
-zu haben, traf ich in Nanking die <span class="antiqua">S</span> 90-Besatzung
-wieder. Doch das ist eine spätere Geschichte.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>Der letzte Tag</h2>
-
-
-<p>Die Belagerung nahm ihren planmäßigen
-Fortgang. Immer näher gruben sich die
-Japaner an uns heran, immer mehr schwere
-Geschütze hatten sie in Stellung gebracht, und
-mehrere Male hatten größere japanische Infanteriemassen
-nächtliche Sturmversuche auf
-unsere Infanteriewerke gemacht, wobei sie allerdings
-gründlich abgeschlagen wurden. Nun wurden
-die Infanteriewerke und besonders die davor
-liegenden Drahtverhaue unter einem ständigen
-feindlichen Artilleriefeuer gehalten, und auch
-unsere Geschütze schwiegen kaum noch. Leider
-waren wir gezwungen, mit der wenigen Munition,
-die wir besaßen, sparsam umzugehen.</p>
-
-<p>Die außerordentliche Länge der Belagerung, das
-dauernde Artilleriefeuer und die furchtbare Spannung,
-in der wir lebten, fing allmählich an zu wirken.</p>
-
-<p>Auch meine Nerven begannen zu streiken.</p>
-
-<p>Zum Essen konnte ich mich kaum noch zwingen,
-und schlafen konnte ich bald überhaupt nicht mehr.
-Wenn ich nachts die Augen schloß, dann hatte
-ich sofort im Geiste meine Karte vor mir und
-sah unter mir das Schutzgebiet liegen, zerrissen
-von den feindlichen Gräben und Stellungen.
-Und dazu brummte mir der Kopf und sausten
-mir die Ohren von dem Radau des Propellers,
-und dazwischen hörte ich immer wieder die Worte
-des Chefs des Stabes:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span>
-
-„Plüschow, denken Sie daran, daß Sie jetzt
-für Tsingtau wichtiger sind als das tägliche Brot!
-Kommen Sie mir ja zurück und halten Sie das
-Flugzeug heil! Und dann denken Sie daran,
-wie wenige Granaten wir haben, und daß wir
-sie auf Ihre Beobachtungen hin verschießen.
-Seien Sie sich der Verantwortung bewußt!”</p>
-
-<p>Ja, weiß Gott, das war ich mir!</p>
-
-<p>Und ich hatte nichts mehr weiter im Kopfe
-als die feindlichen Stellungen, und stundenlang
-überkreuzte ich sie im Geiste immer wieder und
-ging mit mir zu Rate, ob ich das, was ich gemeldet,
-wirklich gesehen, ob ich mich nicht vielleicht
-getäuscht hätte, und ob nicht dadurch die
-wenigen Granaten, die wir besaßen, durch meine
-Schuld nutzlos verschossen wurden.</p>
-
-<p>Und wenn ich dann mein Hirn stundenlang
-zermartert hatte, schlief ich manchmal gegen drei
-Uhr morgens, an Geist und Körper zerschlagen,
-ein. Und kaum, daß ich eingeschlafen war, da
-kam die Pflicht, und mein Monteur stand vor
-mir und meldete mir mein Flugzeug klar.</p>
-
-<p>Da gab's dann kein Zögern mehr.</p>
-
-<p>Und bald stand ich an meiner Taube und
-prüfte alle Teile noch einmal genau.</p>
-
-<p>Oft wollten mir dann meine Nerven noch
-schnell einen Streich spielen, und auch mein Magen
-klappte zusammen.</p>
-
-<p>Aber wenn ich erst auf meinem Führersitz saß,
-den Gashebel in der Hand hatte und meinen
-Leuten mit dem Kopfe ein Lebewohl zugenickt<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span>
-hatte, dann gab's nur eins für mich: Ruhe und
-den eisernen Willen, meinen Auftrag auszuführen.</p>
-
-<p>Und wenn erst der Start hinter mir und ich
-glücklich einige hundert Meter hoch war, dann
-war alles wieder in schönster Ordnung.</p>
-
-<p>Eins kam hinzu, was mich besonders niederdrückte:
-das war die furchtbare Einsamkeit, das
-ewige Alleinsein in meinem Flugzeug. Ja, hätte
-ich einen Kameraden mit mir gehabt, und wäre
-es auch nur gewesen, um ihm ab und zu zunicken
-zu können, das würde für mich eine wahre Erleichterung
-gewesen sein.</p>
-
-<p>Und wenn ich mehrere Tage des schlechten
-Wetters oder meines Propellers wegen nicht
-hatte fliegen können und wieder über den feindlichen
-Linien schwebte, dann hatte sich so furchtbar
-viel verändert.</p>
-
-<p>Eine wahre Verzweiflung packte mich dann oft
-in der Luft.</p>
-
-<p>Wo sollte ich bei dem vielen Neuen, das es da
-unten gab, bloß anfangen? Wie sollte ich mich
-aus dem Gewirr von Gräben, Zickzacks und
-Stellungen herausfinden? Ganz mutlos ließ ich
-dann die Karte sinken.</p>
-
-<p>Aber das waren nur Sekunden.</p>
-
-<p>Dann raffte ich mich zusammen, nahm
-meinen Bleistift zur Hand und sah nach unten.
-Und bald darauf hörte und merkte ich nichts
-mehr um mich herum und sah nur noch den
-Feind und meine Aufzeichnungen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span>
-
-Der siebenundzwanzigste Oktober war für uns
-ein Jubeltag. Da traf von Seiner Majestät
-dem Kaiser folgendes Telegramm ein:</p>
-
-<p>„Mit Mir blickt das gesamte deutsche Volk
-voll Stolz auf die Helden von Tsingtau, die
-getreu den Worten ihres Gouverneurs ihre
-Pflicht erfüllen. Seien Sie alle Meines Dankes
-sich bewußt!”</p>
-
-<p>Da gab es wohl keinen in Tsingtau, dem das
-Herz nicht höher schlug. Unser Oberster Kriegsherr,
-der zu Hause so schwer zu arbeiten hatte,
-vergaß seine getreue kleine Schar hier im fernen
-Osten nicht.</p>
-
-<p>Da gelobte sich wohl ein jeder in seinem
-Innersten nochmals, so zu kämpfen und seine
-Pflicht bis zum letzten zu tun, daß sein Kaiser
-mit ihm zufrieden sein könnte.</p>
-
-<p>Bald rückte der einunddreißigste Oktober, der
-Geburtstag des Mikado, heran. Durch Kundschafter
-hatten wir erfahren, daß die Japaner an
-diesem Tage Tsingtau bestimmt nehmen wollten.
-Den Tag zu beschreiben ist unmöglich.</p>
-
-<p>Die Japaner hatten bis zu dieser Nacht ihre
-sämtlichen Landbatterien fertig gebaut, und in
-der Frühe um sechs Uhr dieses einunddreißigsten
-Oktober Neunzehnhundertvierzehn donnerten auf
-einmal von Land und See sämtliche feindlichen
-Geschütze und warfen ihren furchtbaren Eisenhagel
-auf uns herab.</p>
-
-<p>Als erstes schossen die Japse die Petroleumtanks
-in Brand, und bei dem herrlichen blauen<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span>
-Himmel mit vollkommener Windstille stand die
-riesige, dicke Qualmsäule wie ein drohendes
-Rachezeichen aufrecht da. Die Japaner schossen
-von Land in erster Linie mit schweren Haubitzen
-bis zum Achtundzwanzig-Zentimeter-Kaliber hinauf,
-und von See krachten die schwersten Schiffsgeschütze.
-Das Fauchen und Herabsausen der
-Haubitzgeschosse, das Zischen der Flachbahngeschosse,
-das Aufschlagen der Granaten und
-Sprenggranaten und die Detonation beim Krepieren,
-dann das Bellen der zerplatzten Schrapnells
-und das Dröhnen unserer eigenen schweren
-Geschütze &mdash; das war ein Lärm, als ob die Hölle
-selbst losgelassen wäre.</p>
-
-<p>Und wie wurden die Werke und all das in
-der Nähe liegende Gelände mitgenommen!
-Ganze Bergkuppen wurden abgetragen, tiefe
-Krater ausgestampft.</p>
-
-<p>Endlich kam der Abend, und die Heftigkeit des
-feindlichen Feuers ließ nach. Wir sowohl wie der
-Feind glaubten bestimmt, daß unsere sämtlichen
-Werke niedergekämpft seien, denn sie glichen zum
-Teil nur noch Trümmerhaufen. Aber als unsere
-braven blauen Jungens an ihre Kanonen eilten,
-die zum Teil aus Erd- und Steinmassen förmlich
-herausgegraben werden mußten, fanden sie fast
-sämtliche Geschütze noch heil oder nur gering beschädigt.</p>
-
-<p>Da fingen plötzlich mitten in der Nacht, als wir
-hören und sehen konnten, wie die feindlichen Sturmkolonnen
-sich sammelten, unsere sämtlichen Eisenschlünde<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span>
-an zu feuern und überschütteten die
-feindlichen Batterien und die heranrückenden
-Feinde mit ihrem vernichtenden Feuer. Die Wirkung
-dieser Beschießung muß für die Japaner verheerend
-gewesen sein.</p>
-
-<p>Es erfolgte kein Sturm, wie beabsichtigt, und am
-nächsten Tage setzte das feindliche Artilleriefeuer
-erst gegen Mittag sehr flau wieder ein. Allerdings
-war es noch so kräftig, daß das kleine Fort Hu-Chuin-Huk
-allein fünfzig Volltreffer aus schwersten
-Haubitzen erhielt.</p>
-
-<p>Die Japaner zogen aus dieser Nacht ihre
-Lehren. Und acht furchtbare Tage und Nächte
-folgten für uns, an denen das feindliche Artilleriefeuer
-auch keine Minute mehr stockte.</p>
-
-<p>Bei diesem furchtbaren Feuer hätte nach
-menschlicher Berechnung kein Einziger von uns
-am Leben bleiben dürfen. Aber wie durch ein
-Wunder blieben unsere Menschenverluste gering.
-Die japanische Artillerie schoß vorzüglich, was
-auch nicht überraschte, da ein Teil ihrer Artillerieoffiziere
-bei uns in Jüterbog auf Schießschule gewesen
-war. Aber ihre Munition war schauderhaft.
-Und das war unser Glück.</p>
-
-<p>Trotz des starken Feuers und der schweren Steilfeuergeschütze
-ist es ihnen keinmal gelungen, eine
-Kasematte, einen der bombensicheren Räume
-oder ein Infanteriewerk zu durchschlagen. Dieses
-und eine enorme Anzahl von Blindgängern war
-der Grund unserer geringen Verluste. Und <em class="gesperrt">den</em>
-Nörglern in Deutschland, die ich leider getroffen<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span>
-habe, die meinten, der geringen Verlustzahl wegen
-wäre Tsingtau nichts Rechtes gewesen,
-möchte ich eines vor Augen halten: Wir hatten
-nur eine Verteidigungslinie mit fünf kleinen Infanteriewerken,
-einer Brustwehr und einem
-kümmerlichen, schmalen Drahthindernis.</p>
-
-<p>Und diese Linie war sechstausend Meter lang und
-wurde von dreitausend Mann gehalten. Eine zweite
-Stellung und eine zweite Linie, und vor allen
-Dingen Menschen, die diese hätten besetzen können,
-gab es nicht mehr, denn wir waren ja im ganzen
-nur etwas über viertausend Mann!</p>
-
-<p>Und als daher nach diesem achttägigen,
-schwersten Artilleriefeuer das Drahthindernis
-weggeblasen war und die Brustwehr weggeschossen,
-da war es den dreißigtausend Japanern,
-denen wir wochenlang standgehalten hatten, ein
-leichtes, durchzustoßen und Tsingtau zur Übergabe
-zu zwingen.</p>
-
-<p>In den ersten Tagen des November bereiteten
-wir uns auf den Endkampf vor.</p>
-
-<p>Am ersten November nachts wurde unser treuer
-Bundesgenosse, der österreichische Kreuzer „Kaiserin
-Elisabeth”, nachdem er seine letzte Granate
-verschossen hatte, von seiner wackeren Besatzung
-in die Luft gesprengt und versenkt.</p>
-
-<p>Einige Tage darauf folgte ihm unser letztes
-Schiff: das tapfere kleine Kanonenboot „Jaguar”.</p>
-
-<p>Dann folgten unser Dock und unser Riesenkran,
-und bald darauf war die Werft ein Trümmerhaufen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span>
-
-Unsere Geschütze hatten sich verschossen, einige
-waren durch das feindliche Artilleriefeuer vernichtet,
-die meisten sprengten wir selbst in die
-Luft, nachdem sie ihre Pflicht erfüllt hatten.</p>
-
-<p>Am fünften November Neunzehnhundertvierzehn
-mußte auch ich ans Zerstören gehen, und
-zwar galt es diesmal meinem Doppeldecker.
-Durch mühsamste Arbeit hatte ich mit Hilfe des
-früheren österreichischen Fliegerleutnants Clobuczar
-und der Werft einen wundervollen, großen
-Wasserdoppeldecker gebaut. Dieser war nun fertig
-geworden, und ich wollte ihn jetzt einfliegen und
-mit ihm meine Erkundungen fortsetzen, da ich
-meinen Landflugplatz, der, nur vier- bis fünftausend
-Meter vom Feinde entfernt, von diesem
-dauernd unter Artilleriefeuer gehalten wurde,
-nicht mehr benutzen konnte.</p>
-
-<p>Nun wurde doch nichts mehr aus meinem
-Doppeldecker.</p>
-
-<p>All unsere Arbeit und Mühe war leider vergebens
-gewesen.</p>
-
-<p>Dann am Nachmittage, da stand ich vor
-meinem Gouverneur, und er sagte zu mir:</p>
-
-<p>„Wir erwarten stündlich den Hauptsturm der
-Japaner! Sehen Sie zu, daß es Ihnen gelingt,
-morgen früh die Festung auf Ihrem Flugzeuge
-zu verlassen. Ich fürchte allerdings, der Japaner
-wird Ihnen keine Zeit mehr dazu lassen.</p>
-
-<p>Und nun, Gott befohlen, und kommen Sie
-gut durch. Und haben Sie Dank für die Arbeit,
-die Sie für Tsingtau leisteten!”</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span>
-
-Und damit gab er mir die Hand.</p>
-
-<p>„Ich melde mich gehorsamst aus der Festung!”</p>
-
-<p>Damit war ich entlassen.</p>
-
-<p>Und nun folgte ein kurzes Abschiednehmen von
-meinen Vorgesetzten und Kameraden, und ein
-großer Stoß Privatbriefe wurde mir mitgegeben.</p>
-
-<p>Dann ging ich zum letzten Male in meine Villa
-und nahm Abschied von meinen Räumen, von
-vielen liebgewordenen Gegenständen, machte
-meine Stalltür auf und ließ mein Pferdchen und
-meine Hühner laufen, und dann ging's runter zu
-meinem Flugzeug, um es zu seinem letzten Fluge
-klarzumachen.</p>
-
-<p>Dann saß ich über meine Karte gebeugt, lernte
-sie fast auswendig und rechnete und rechnete.</p>
-
-<p>Und dann ging ich nachts hinauf zum letztenmal
-zu der Punkt-Kuppe, wo mein guter Freund,
-der Oberleutnant zur See Aye, seit Wochen trotz
-schwersten Artilleriefeuers bei seiner kleinen Batterie
-ausharrte, und von wo aus man einen herrlichen
-Ausblick über ganz Tsingtau und das gesamte
-Vorgelände hatte. Überwältigt von dem
-Anblick, der sich hier bot, blieb ich lange Zeit wie
-gebannt auf der höchsten Felsspitze sitzen. Unter
-mir wogte ein züngelndes Heer greller Blitze,
-die von den Mündungsfeuern der wütend hämmernden
-feindlichen Geschütze herrührten; und
-wie ein goldenes Band zog sich von Meer zu
-Meer das Gewehr- und Maschinengewehrfeuer,
-welches unsere Leute dort unten im Tale abgaben.
-Dicht über meinem Kopfe da war ein<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span>
-Fauchen, Zischen und Sausen von Tausenden
-der schwersten Geschosse, welche ganz dicht über
-diese Kuppe hinwegfegen mußten, damit sie ihr
-Ziel noch erreichen konnten. Hinter mir dröhnten
-unsere eigenen Haubitzen ihre allerletzten Grüße
-herüber, und von ganz weither, vom letzten Südzipfel
-Tsingtaus, grollten die Einundzwanzig-Zentimeter
-des Forts Hsiauniwa ihren ehernen
-Schwanengesang.</p>
-
-<p>Zerwühlt im Innersten meiner Seele kehrte ich
-zu Aye zurück, und nach einem herzlichen kameradschaftlichen
-Abschiede, bei dem er mir zu meinem
-kommenden Fluge alles Gute wünschte, drückten
-wir uns kräftig die Hand und trennten uns.</p>
-
-<p>Ich war der letzte Offizier in Tsingtau, der ihm
-die Hand geschüttelt hat. Wenige Stunden später
-fiel er in heldenmütigem Kampfe gegen dreißigfache
-japanische Übermacht samt seiner kleinen
-Schar, als sie die Geschütze nicht übergeben
-wollten.</p>
-
-<p>Ein leuchtendes Beispiel edlen Heldentums.</p>
-
-<p>Die mir jetzt noch bleibende Zeit blieb ich mit
-meinen vier braven Leuten bei meinem Flugzeuge
-klar stehen, um jeden Augenblick, falls die
-Japaner stürmen und durchstoßen würden, meinen
-Auftrag ausführen zu können.</p>
-
-<p>Am sechsten November Neunzehnhundertvierzehn
-frühmorgens, als der Mond noch hell schien, stand
-mein Flugzeug klar am Start, und vergnügt
-brummte der Propeller sein Morgenlied.</p>
-
-<p>Zeit war nicht mehr zu verlieren. Der Platz<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span>
-war dadurch, daß er von den Japsen unter
-Granat- und Schrapnellfeuer gehalten wurde,
-höllisch ungemütlich geworden. Kurz prüfte ich
-nochmals meine ganze Maschine, dann gab's noch
-einen kräftigen Händedruck meiner vier braven
-Leute zum Abschied, und noch einmal streichelte
-ich den Kopf meines treuen Hundes, dann gab
-ich Vollgas, und wie ein Pfeil schoß die Taube
-in die Nacht hinaus.</p>
-
-<p>Da plötzlich, als ich eben dreißig Meter hoch
-und etwa über der Mitte des Platzes war, erhielt
-mein Flugzeug einen furchtbaren Stoß, und
-nur mit eiserner Faust konnte ich die Maschine
-zur Ruhe zwingen und vor dem Absturz bewahren.
-Eine feindliche Granate war gerade
-unter mir krepiert, und der Luftdruck der Detonation
-hätte mich beinahe zu Boden geschleudert.</p>
-
-<p>Aber gottlob! Außer einem faustgroßen Loch,
-das ein Granatsplitter in meine linke Tragfläche
-gerissen hatte, war kein Schaden angerichtet.</p>
-
-<p>Nun kamen nur noch die üblichen Schrapnells
-hinter mir her. Das waren die letzten Abschiedsgrüße
-der Japaner und ihrer englischen Bundesbrüder
-für mich.</p>
-
-<p>Als ich hoch genug war, drehte ich noch einmal
-um.</p>
-
-<p>Da lag das liebe, kleine Tsingtau, das so viel
-durchgemacht und so viel noch auszuhalten hatte,
-unsere geliebte zweite Heimat, das Paradies auf
-Erden!</p>
-
-<p>Bis in meine einsame Höhe drang das Dröhnen<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span>
-der Geschütze, das Krachen der Granaten und das
-Knattern der Gewehre und Maschinengewehre.</p>
-
-<p>Ein unendliches Meer von aufzuckenden Blitzen
-ließ deutlich die beiden Kampflinien erkennen.
-Das alles waren die Anzeichen des begonnenen
-Sturmangriffes und der verzweifelten Gegenwehr.</p>
-
-<p>Ob wir diesen dritten Sturmangriff auch noch
-aushalten würden?</p>
-
-<p>Mit der Hand winkte ich nach unten. Lebwohl,
-Tsingtau! Lebt wohl, ihr treuen Kameraden, die
-ihr dort unten kämpft!</p>
-
-<p>So unendlich schwer wurde mir dieser Abschied,
-es würgte mir etwas in der Kehle, und schnell riß
-ich mein Flugzeug herum und nahm Kurs auf
-Kap Jäschke.</p>
-
-<p>Und als die Sonne in all ihrer Pracht aufging,
-schwebte ich schon hoch oben im blauen
-Äther und über südlich liegenden wilden Gebirgen.</p>
-
-<p>Der modernste „Blockadebruch” war mir gelungen!</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>Im Schlamm des chinesischen
-Reisfeldes</h2>
-
-
-<p>Hinter dem Perlgebirge lag die feindliche
-Flotte vor Anker. Da konnte ich's mir nicht
-versagen. Ich umkreiste die Schiffe noch einmal.</p>
-
-<p>Dann ging es weiter und immer weiter mit
-fast geradem Kurs dem südlichen China zu, einem
-unbekannten Lande und einem ungewissen Schicksal
-entgegen. Ich kam über zerklüftete, wilde Gebirge,
-über Flüsse und weite Ebenen, dann zeitweise
-über das offene Meer und über Städte und
-Dörfer.</p>
-
-<p>Nach einer handgroßen Karte und meinem
-Kompaß orientierte ich mich. Und schon um acht
-Uhr früh hatte ich die zweihundertfünfzig Kilometer
-hinter mir und mich glücklich nach meinem
-Bestimmungsort Hai-Dschou in der Kiangsu-Provinz
-zurechtgefunden.</p>
-
-<p>Suchend spähte ich in die Tiefe nach einem geeigneten
-Landungsplatz. Doch damit sah es bös aus.</p>
-
-<p>Durch die furchtbaren Regengüsse der letzten
-Zeit war das Land weit und breit überschwemmt.
-Die einzigen trockenen Fleckchen waren mit Häusern
-oder chinesischen Grabhügeln bedeckt. Endlich
-hatte ich ein kleines, etwa zweihundert Meter
-langes und zwanzig Meter breites Feld entdeckt,
-das aber auf beiden Seiten von tiefen Gräben
-und hohen Mauern, vorn und hinten vom Fluß
-eingeschlossen war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span>
-
-Die Landung war verdammt schwer.</p>
-
-<p>Aber was half es, ewig oben bleiben konnte
-ich doch nicht. Außerdem befand ich mich ja mitten
-in China und nicht in Deutschland und war froh,
-überhaupt noch diesen Platz gefunden zu haben.</p>
-
-<p>Jetzt ging ich hinunter in großen Spiralen, und
-nach einem steilen Gleitfluge, bei dem die Maschine
-infolge der erhitzten Luft schwer durchsackte,
-stand ich um acht Uhr fünfundvierzig Minuten
-früh mitten auf dem morastigen Reisfeld.</p>
-
-<p>Der Lehm war aber so weich und zäh, daß mein
-Fahrgestell glatt versank und die Räder festgehalten
-wurden; und mit einem mächtigen Stoß
-sauste meine Maschine auf die Nase, sich im letzten
-Moment beinahe noch überschlagend.</p>
-
-<p>Der Propeller flog in Stücke, aber meine Glieder
-waren trotz des Stoßes Gott sei Dank heil
-geblieben.</p>
-
-<p>Die Ruhe jetzt um mich herum berührte mich
-ganz eigenartig. Seit Wochen endlich wieder kein
-Dröhnen der Geschütze, kein Krachen krepierender
-Granaten, kein Fauchen und Bellen zerplatzender
-Schrapnells.</p>
-
-<p>Mit dem Schwänzchen hoch in der Luft und
-dem Schnabel tief im Dreck stand friedlich und
-ruhig mein Täubchen im Sonnenschein.</p>
-
-<p>In weiter Entfernung drängten sich Haufen
-von Chinesen: Männer, Weiber und viele, viele
-Kinder, in angsterfülltem Staunen.</p>
-
-<p>Sie alle, wie auch alle anderen Chinesen, deren
-Land ich überflogen hatte, konnten das Wunder<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span>
-kaum fassen, denn ich war ja der erste Flieger hier,
-und alle dachten, der böse Geist käme in eigenster
-Person, um nun Unheil zu stiften.</p>
-
-<p>Als ich gar aus meiner Maschine kletterte und
-versuchte, einige Menschen heranzuwinken, war
-kein Halten mehr. Schreiend und heulend lief
-alles davon, die Männer voran, ihre hingefallenen
-Kinder nach ihrer Meinung dem Teufel als
-Opfer zurücklassend. Wirklich, mein Erscheinen
-könnte im dunkelsten Afrika keinen größeren
-Schrecken hervorgerufen haben.</p>
-
-<p>Kurz entschlossen lief ich hinter der Horde her
-und griff mir drei, vier Chinesen bei ihren Zöpfen
-und schleppte die Heulenden an mein Flugzeug
-heran, um ihnen zu zeigen, daß der große Vogel
-keinem was täte.</p>
-
-<p>Nach einiger Zeit half das, und als ich ihnen
-sogar einige Geldstücke gab, da meinten sie, es
-wäre doch wohl ausnahmsweise mal ein guter
-Geist angeschwirrt gekommen, und willig halfen
-sie mir, das Flugzeug wieder in horizontale Lage
-zu bringen. Als die anderen das merkten, da
-kamen sie gleich in solchen Massen, daß ich mich
-wunderte, daß die Maschine nicht zerdrückt wurde.</p>
-
-<p>Das Staunen der Chinesen! Das Antasten
-und Befühlen! Das Schnattern und Lachen!</p>
-
-<p>Nur wer die Chinesen kennt und weiß, wie
-kindlich sie sein können, kann sich vorstellen, in
-welch köstlicher Situation ich mich befand.</p>
-
-<p>Umtost von einer Horde Naturkinder saß ich
-quietschfidel in meinem Führersitz auf meinem<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span>
-Blechkasten mit den Geheimdokumenten, neben
-mir zur Sicherheit die Mauser-Pistole, und wartete
-der Dinge, die da kommen sollten.</p>
-
-<p>Jeder Versuch, mich mit den Chinesen zu verständigen,
-war aussichtslos. Die Kerls grinsten
-fröhlich oder lachten mich einfach aus.</p>
-
-<p>Aus dieser heiteren Lage befreite mich nach
-einiger Zeit ein kräftiges: <span class="antiqua">„Good morning, Sir!”</span>
-und neben mir stand ein Herr, der sich als
-<span class="antiqua">Dr.</span> Morgan von der Amerikanischen Mission
-vorstellte. Nach herzlicher Begrüßung und festem
-Händedruck klärte ich <span class="antiqua">Dr.</span> Morgan schnell über
-meine Lage auf und bat ihn, besonders da er
-fließend Chinesisch sprach, um seine Hilfe.</p>
-
-<p>Ich merkte bald, daß ich mich in gutem und
-sicherem Schutz befand.</p>
-
-<p>Mein riesiger chinesischer Paß, den ich aus
-Tsingtau mitbekommen hatte, wurde sofort zum
-Mandarin geschickt; nach einer Stunde kam ein
-Trupp von vierzig Soldaten aus der nur zehn
-Minuten entfernt gelegenen Kaserne und wurde
-zur Bewachung um mein Flugzeug aufgestellt.</p>
-
-<p>Jetzt nahm ich die Einladung <span class="antiqua">Dr.</span> Morgans
-zum Frühstück gern an, und mit allen Sachen,
-die nicht niet- und nagelfest waren, zog ich mit
-ihm zur Mission.</p>
-
-<p>Ich wurde hier aufs reizendste aufgenommen
-und lernte Frau Morgan, ferner Frau Rice,
-die Gattin des amerikanischen Missionars, und
-einen Herrn G. kennen, die sich alle auf das
-liebenswürdigste um mich bemühten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span>
-
-Ich saß gerade beim Frühstück, als mir ein
-chinesischer Offizier gemeldet wurde, der mir sagte,
-daß eine Ehrenwache von einer Kompagnie für
-mich vor dem Hause aufgezogen wäre, und daß
-er Befehl hätte von seinem Mandarin, sich nach
-meinen Wünschen und meinem Wohlbefinden zu
-erkundigen, und endlich, daß der Mandarin selbst
-in einer halben Stunde seinen Besuch persönlich
-bei mir abstatten würde.</p>
-
-<p>Ich war erfreut über so viel Aufmerksamkeit.</p>
-
-<p>Bereits nach zehn Minuten kam wiederum Besuch,
-und diesmal waren es die Stadtoberhäupter
-von Hai-Dschou, die mir ihre Grüße überbringen
-wollten.</p>
-
-<p>Die Situation war einzig. Ich saß inmitten
-dieser alten, ehrwürdigen Chinesen, nachdem vorher
-unendlich viele tiefe Verbeugungen unter Gemurmel
-und Gezisch ausgetauscht waren. Die
-Unterhaltung wurde bald recht lebhaft. Als Dolmetscher
-arbeitete dabei Herr Morgan.</p>
-
-<p>Und nun ging das Gefrage los: Woher ich
-käme, wie es in Tsingtau aussähe, ob es <em class="gesperrt">wirklich</em>
-wahr sei, daß ich durch die Luft gekommen,
-wie lange ich gebraucht hätte, und was für ein
-Zauber es erwirkt hätte, daß ich fliegen könne.
-All die vielen Fragen ließen sich kaum beantworten,
-und trotzdem der Dolmetscher sich die
-größte Mühe gab, viel verstanden haben die guten
-Söhne des Landes der Mitte nicht.</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 416px;">
-<img src="images/illu-105.png" width="416" height="600" alt="" />
-<div class="caption">Mein chinesischer Paß</div>
-</div>
-
-<p>Ein kleiner Zwischenfall ereignete sich auch.</p>
-
-<p>Noch während wir bei der Unterhaltung saßen,<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span>
-wurde der Haus<em class="gesperrt">frau</em> ein Besuch angekündigt, und
-vorbei huschten und trippelten zehn bis zwölf
-allerliebste kleine Chinesinnen, in prachtvollste,
-buntseidene Höschen und Gewänder gehüllt.
-Zwei, drei dieser Geschöpfchen blieben vor Neugier
-und Schrecken an der offenen Tür des
-Zimmers, in dem wir Männer saßen, stehen und
-guckten mich mit offenen Mäulchen und großen,
-erstaunten Augen an. Ein kurzer Zuruf von Frau
-Morgan ließ sie erschrocken auseinanderfahren
-und fortlaufen. Den Grund dieses eigenartigen
-Verhaltens erfuhr ich später. Für eine vornehme
-Chinesin ist es ein großer gesellschaftlicher Fehltritt,
-wenn sie durch ihre Neugier und durch ihren
-Anblick einen männlichen Gast beleidigt!</p>
-
-<p>Die drei Sünderinnen erhielten auch eine ernste
-Strafpredigt. Ich muß sagen, daß ich über diese
-Sitte nicht erfreut war, denn gern hätte ich mir
-diese allerliebst aufgeputzten Dämchen recht genau
-angesehen.</p>
-
-<p>Meine Wirtin erzählte mir auch, wie sie von
-den Chinesinnen mit Fragen bestürmt worden
-wäre. Vor allem wollten diese wissen, was das
-heute morgen für ein böser Geist gewesen wäre,
-der so schreiend und brummend ihre Stadt bedroht
-hätte. Als ihnen gesagt wurde, daß darin
-ein Mensch gesessen hätte, der aus Tsingtau käme,
-da lachten sie einfach und meinten: nein, wenn
-sie auch dumm wären und die Weißen sie immer
-anführten, so dumm wären sie doch nicht, solch
-einen Unsinn zu glauben!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span>
-
-Jedenfalls, versicherte mir Frau Morgan,
-würden sämtliche Fehlgeburten, Mißernten und
-Fehlschläge der nächsten zwei Jahre von den abergläubischen
-Chinesen dem Erscheinen meines Flugzeuges
-zugeschrieben werden, und besonders die
-Medizinmänner würden die Sache für sich ausnutzen.</p>
-
-<p>Gegen elf Uhr vormittags erschien unter
-großem Tamtam, Getrommle und Getute der
-Herr Mandarin in eigenster Person. Außerordentlich
-wohlgenährt, den Kopf tadellos rasiert,
-in prachtvollem seidenen Gewande schritt er mit
-großer Würde einher. Die Begrüßung war
-äußerst feierlich. Die tiefen, fast bis zur Erde
-reichenden Verbeugungen wollten kein Ende
-nehmen.</p>
-
-<p>Nachdem der Mandarin sich nach meinem Befinden
-und nach meinen Wünschen erkundigt
-hatte, sicherte er mir in liebenswürdigster Weise
-seine vollste Unterstützung zu und verabschiedete
-sich.</p>
-
-<p>Sein Heimweg geschah in gleich feierlicher
-Weise.</p>
-
-<p>Sobald ich meinen amtlichen Gegenbesuch gemacht
-hatte und vom Mandarin zum Abendessen
-eingeladen worden war, ging ich an das Abmontieren
-meines Flugzeuges.</p>
-
-<p>Doch das war leichter gesagt als getan. Ich
-selber hatte nur einen Schraubenschlüssel mit und
-suchte nun nach Werkzeugen. Ach, ich befand mich
-ja in China, in einer Gegend des Landes, wo es<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span>
-noch genau so aussah wie vor tausend Jahren
-und Schraubenschlüssel und Schraubenzieher etwas
-Unbekanntes waren.</p>
-
-<p>Endlich entdeckte ich in der Amerikanischen Mission
-eine Axt und ein kümmerliches sägenähnliches
-Ding.</p>
-
-<p>Damit ging es an die Arbeit, und da ich
-wenigstens meinen treuen hundertpferdigen Mercedesmotor
-vor der Vernichtung retten wollte,
-hieb und sägte ich ihn vom Rumpfe ab. Jetzt
-zeigte sich, was gute deutsche Arbeit war. Ganze
-vier Stunden brauchte ich, ehe der Motor abgeschlagen
-dalag, so fest war alles gebaut.</p>
-
-<p>Um den Gesetzen der Neutralität nachzukommen,
-gab ich den Motor dem Mandarin zur
-Aufbewahrung ab.</p>
-
-<p>Dann kam das Traurigste.</p>
-
-<p>Da das übrige Flugzeug selbst mit abgenommenen
-Tragflächen in kein Stadttor und in keine
-Straße der Stadt hineinpaßte, mußte ich es dem
-Flammentod übergeben. Ich übergoß es mit
-Benzin, zündete es an, und sofort ging es in
-hellen Flammen auf und verbrannte restlos.</p>
-
-<p>Mir war zumute, als ich meine wackere Taube
-brennen sah, wie wenn ich einen lieben, treuen
-Kameraden verlöre.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>Die Fischvergiftung
-des Mr. McGarvin</h2>
-
-
-<p>Am Abend ging's zum Mandarin.</p>
-
-<p>Als ich aus meiner Tür trat, strahlte der ganze
-Hof von Fackeln und unzähligen großen Lampions.
-Die Wache war ins Gewehr getreten und
-präsentierte, die Trommeln wirbelten, und die
-Musikanten machten ihre wohl nur für Chinesenohren
-angenehm klingende Musik. Ja, der Mandarin
-hatte mir sogar seine eigene Sänfte zur Benutzung
-gesandt.</p>
-
-<p>Ich werde diesen Abend niemals vergessen.</p>
-
-<p>Ich saß in meiner mit blauer Seide und Fenstern
-mit Vorhängen ausgestatteten Sänfte, die
-von acht prächtigen Burschen getragen wurde.
-Vorneweg, an den Seiten und hinter der Sänfte
-marschierten Soldaten mit aufgepflanztem Gewehr
-und Dutzende von Läufern mit riesigen
-Lampions. Sanft wiegte die Sänfte auf und ab
-bei den kräftigen Schritten der Träger. Alle zehn
-Minuten gab der vorderste von ihnen ein Signal
-durch lautes Aufklopfen seines Stabes auf die
-Erde, die Sänfte hielt, die Träger hoben die
-Tragstangen auf die andere Schulter, und weiter
-ging's im Geschwindschritt.</p>
-
-<p>Nach vierzig Minuten waren wir vor dem Palast
-des Mandarins angelangt. Ohrenbetäubende
-Musik, Kommandorufe und heller Lampion- und
-Fackelschein empfingen mich auch hier. Die mittleren<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span>
-Türen der riesenhaften Tore flogen vor mir
-auf, und vor dem letzten Tor kam mir der Mandarin
-persönlich zum Empfang entgegen.</p>
-
-<p>Mehrere hohe Würdenträger und einige Generale
-waren bereits versammelt, und nach zeremonieller
-Begrüßung gab es den üblichen grünen, dünnen
-Willkommenstee, bei welcher Gelegenheit ich dem
-Mandarin zum Zeichen meines Dankes meine Mauser-Pistole
-nebst Munition als Geschenk überreichte.</p>
-
-<p>Der Mann war sichtlich erfreut, und wohlgemut
-setzten wir uns zu Tisch. Eine riesige, runde
-Tafel, bedeckt mit einigen fünfzig Schüsseln, in
-denen die größten chinesischen Leckerbissen schwammen,
-empfing uns. Um mich als Gast auszuzeichnen,
-erhielt ich Messer und Gabel, und dann
-ging die Arbeit los. Nur sechsunddreißig Gänge
-habe ich zählen können. Und was gab es da
-alles! Von den zartesten Schwalbennestern zu
-den feinsten Haifischflossen, vom Zuckerrohrspitzensalat
-bis zum delikatesten Hühnerragout
-war nichts vergessen. Von allem mußte ich kosten.
-Und der Mandarin war unermüdlich mir aufzulegen.
-Ja, manchmal, wenn er einen guten Bissen
-auf seinem Teller hatte, faßte er ihn mit seinen
-Fingern und legte ihn mir auf meinen Teller.
-Zu trinken gab es Flaschenbier, welches doch schon
-seinen Weg in die hiesige Gegend gefunden hatte,
-dazu Reisschnaps.</p>
-
-<p>Die schwerste Arbeit hatte wieder Herr Morgan,
-welcher die lebhafte, oft der Komik nicht entbehrende
-Unterhaltung zu verdolmetschen hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span>
-
-Die Kämpfe um Tsingtau, die Verluste der Japaner
-und Engländer und die Fliegerei interessierten
-die Chinesen am meisten. Das Fragen
-nahm kein Ende.</p>
-
-<p>Äußerst herzlich und dankbar verabschiedete ich
-mich von meinem Mandarin, und am nächsten
-Tage mußte ich auch von meinen liebenswürdigen
-Gastgebern Abschied nehmen.</p>
-
-<p>Als ich im Flugzeug landete, hatte ich nur eine
-Zahnbürste, ein Stück Seife und meinen Fliegeranzug,
-aus Bordjackett mit Schärpe und Gamaschen
-bestehend, bei mir. Einen Zivilsportanzug
-hatte ich außerdem im Flugzeug mitgenommen.
-Diesen Anzug legte ich jetzt an. Das
-fünfjährige Töchterchen des Missionars schenkte
-mir dazu ihr altes abgeschabtes Filzhütchen als
-Ersatz für meine Sportmütze, die mir ein Chinese,
-während ich mein Flugzeug abtakelte, gestohlen
-hatte, und gegen Abend wurde ich unter
-wiederum großen Zeremonien zu der kleinen, mir
-vom Mandarin zur Verfügung gestellten Dschunke
-geführt.</p>
-
-<p>Meine Begleitung und gleichzeitig Ehrenwache
-auf der kommenden Fahrt bestand aus dem
-chinesischen General Liu, der sich als Piratenbekämpfer
-bereits einen Namen geschaffen hatte,
-aus zwei Offizieren und fünfundvierzig Mann
-außer dem Bootspersonal. Zum Umfallen müde
-nach all dem Durchgemachten, ging ich in mein
-kleines Holzkämmerchen, wo ich zu meiner Überraschung
-und Freude statt einer Holzpritsche einen<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span>
-herrlichen Schlafsack mit Decken und Matratze
-vorfand, den mir die fürsorgliche Missionarsfrau
-an Bord gesandt hatte. Ohne diese Sachen wäre
-es mir wohl schlecht ergangen in meinem dünnen
-Sportanzügelchen. Es herrschte grimmige Kälte,
-durch große Ritzen und Löcher pfiff der Wind, und
-durch die Decke konnte ich den Sternenhimmel
-sehen.</p>
-
-<p>Und während meine Gedanken weit nördlich
-bei meinen tapferen Kameraden in Tsingtau
-weilten und sich mit deren und Tsingtaus Schicksal
-befaßten, und ich darüber nachdachte und dem
-gütigen Schicksal dankte, daß es mir vergönnt
-gewesen war, durch all die schweren Kämpfe und
-Gefahren und all das Erlebte unversehrt durchzukommen,
-um meine Aufgabe bis zum letzten
-Tag zu erfüllen, kam endlich der Schlaf und
-schloß mich in seine sicheren Arme.</p>
-
-<p>Die Fahrt ging nur langsam vorwärts. Die
-Dschunken wurden von zwei Kulis mit einer Leine,
-die oben an der Mastspitze befestigt war, längs des
-Ufers stromaufwärts gezogen. Die erste Strecke
-bis Bampu, die ich in meinem Flugzeuge in knapp
-zwanzig Minuten zurückgelegt hätte, wurde in
-eineinhalb Tagen bewältigt! Später ging es
-besser, und besonders als der Wind günstig wurde
-und wir segeln konnten. Fünf volle Tage hat
-diese Reise gedauert, um von Hai-Dschou bis
-Nanking zu gelangen.</p>
-
-<p>Die Fahrt war außerordentlich interessant für
-mich. Sie führte durch ein Netz von Flüssen bis<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span>
-zum alten berühmten Kaiserkanal und durch
-diesen zum Jangtsekiang bis nach Nanking. Wir
-durchfuhren eine Gegend, die wegen des Piratenunwesens
-berüchtigt war, und passierten Städte,
-die niemals ein europäischer Fuß betreten hatte.
-Am Tage, während die Dschunke getreidelt werden
-mußte, ging ich mit meinem General und der
-Hälfte der Wache am Ufer nebenher und sah mir
-besonders eingehend die äußerst interessanten
-Städte und darin das von keiner europäischen
-Kultur berührte chinesische Gewühl an. Zu hellen
-Haufen liefen die chinesischen Männer, Weiber
-und Kinder aus ihren Häusern, sahen mich, der
-ich meist ohne Hut ging, voll Verwunderung an,
-ja einzelne berührten mich, um sich davon zu
-überzeugen, daß ich wirklich ein Mensch sei.</p>
-
-<p>Meine hellblonden Haare und blauen Augen
-schienen ihnen das größte Rätsel zu sein.</p>
-
-<p>Meine Spaziergänge und der Aufenthalt auf
-der Dschunke verliefen ziemlich schweigsam. Mein
-liebenswürdiger General war zwar recht gut
-europäisch angezogen, aber um die Hosen an den
-Fußgelenken hatte er sich doch die typischen chinesischen
-Bänder gewickelt, und von seinem Hinterkopf
-baumelte ein prächtiger langer Zopf, der
-kokett durch den Gürtel des Jacketts gesteckt war.
-Außer Chinesisch verstand der gute Mann auch
-nicht ein Wörtchen einer anderen Sprache, und
-mir ging es so mit dem Chinesischen. Bei unseren
-Mahlzeiten, die recht opulent waren, nur furchtbar
-nach Zwiebel und Knoblauch schmeckten, saßen<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span>
-wir beide uns in dem kleinen Dschunkenkämmerlein
-gegenüber, lachten uns ab und zu freundlich
-an, und das war die ganze Unterhaltung.</p>
-
-<p>Endlich, am elften November, langten wir in
-Jang-dschou-fou an, und man kann sich wohl vorstellen,
-mit welcher Gier ich mich auf die erste
-Zeitung stürzte.</p>
-
-<p>Voll Erregung, endlich etwas über das Schicksal
-Tsingtaus zu erfahren, durchflog ich die Seiten
-der „Shanghai Times”. Da, auf der zweiten
-Seite der Name Tsingtau! Aber nein, das war
-doch gar nicht möglich, so etwas konnte es doch
-nicht in der Welt geben! Und voll Ekel und Abscheu
-gegen diese gemeine englische Lügenbrut las ich:</p>
-
-<p class="center">
-Tsingtaus feige Übergabe.<br />
-</p>
-
-<blockquote>
-
-<p>Die Festung ohne Schwertstreich genommen.</p>
-
-<p>Die ganze Besatzung betrunken und plündernd.</p></blockquote>
-
-<p>Und dann kam so viel unflätiger Dreck, so viel gemeine
-Lüge, daß ich voll Verachtung die Zeitung
-fortwarf. So etwas wagten die Engländer, die
-sich so unrühmlich vor Tsingtau benommen hatten,
-über unsere tapferen Verteidiger zu behaupten?</p>
-
-<p>Ach ich kannte ja die englischen Zeitungen noch
-nicht! Später habe ich mich in Schanghai und
-dann in Amerika bei den amerikanischen Zeitungen
-an ganz was anderes gewöhnen müssen; von
-England ganz zu schweigen. Nun hatte ich aber
-wenigstens Gewißheit über Tsingtaus Schicksal,
-das unvermeidlich kommen mußte. Auch nicht
-einen Augenblick zu früh hatte ich die Festung<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span>
-verlassen, kurze Zeit darauf mußte sie sich der
-Übermacht ergeben.</p>
-
-<p>Am Nachmittage dieses elften November Eintausendneunhundertvierzehn
-trafen wir glücklich
-in Nanking ein.</p>
-
-<p>Auf dem Bahnhof wurde mir vom Kapitänleutnant
-Brunner, dem Kommandanten des
-Torpedobootes <span class="antiqua">S</span> 90, und von seinen Offizieren
-ein herzlicher Empfang zuteil.</p>
-
-<p>In Wagen fuhren wir zu dem Gebäude, in dem
-die Offiziere und Mannschaften von <span class="antiqua">S</span> 90 untergebracht
-waren, und wo zu meinem allergrößten
-Erstaunen auch für mich schon eine Koje klar gemacht
-war. Auf mein erstauntes Fragen wurde
-mir dann von meinen Kameraden mitgeteilt,
-daß ich ebenfalls interniert werden sollte und
-alle sich schon gefreut hätten, den vierten Mann
-zum Skat zu haben. Erstens mal spiele ich keine
-Karten, was ich auch laut zum Ausdruck
-brachte; zweitens dachte ich über die Frage der
-Internierung ganz anders, was ich aber für mich
-behielt.</p>
-
-<p>So zog ich denn mit meinem General Liu zu
-dem Palast des Gouverneurs von Nanking. Leider,
-oder vielmehr zu meinem Glück, war der Herr
-Gouverneur nicht zu sprechen. Ein alter chinesischer
-Arzt empfing mich sehr freundlich, wünschte
-mir ein weiteres Wohlergehen, und daß ich mich in
-Nanking wohl fühlen möchte.</p>
-
-<p>Ich dankte ihm für das Wohlergehen, hatte
-aber meine eigene Ansicht über das Wohlfühlen!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span>
-
-Nun verabschiedete ich mich mit meinem General
-Liu, der sichtlich froh war, seine Mission erfüllt
-zu haben, und als ich in meinen Wagen stieg,
-da setzte sich ein chinesischer Soldat in vollem
-Dienstanzug zu mir.</p>
-
-<p>Auf meine erstaunte Frage, was das zu bedeuten
-habe, antwortete er mir in leidlichem
-Deutsch: Er sei mein „Ehrenposten” und wäre
-mir zu meinem <em class="gesperrt">Schutze</em> beigegeben, und er
-würde mich von nun ab auf allen meinen Wegen
-begleiten.</p>
-
-<p>Na, der Tobak war doch ein bißchen zu stark!</p>
-
-<p>Das war gegen die Verabredung!</p>
-
-<p>In Hai-Dschou war mir ausdrücklich versichert
-worden, daß die Fahrt nach Nanking lediglich
-eine Formsache wäre und ich dann vollständig
-frei sein würde.</p>
-
-<p>Hier wollte man mich also internieren?</p>
-
-<p>Da mußte ich schnell handeln, bevor mir einer
-der Chinesen etwas über Internieren sagen konnte
-und mich meiner Freiheit beraubte. Das unangenehmste
-war der „Ehren”-Posten, aber Mittel
-und Wege mußte ich finden.</p>
-
-<p>Am Abend dieses Tages waren wir Offiziere
-alle bei einem deutschen Bekannten eingeladen.
-Mein Plan stand fest. Nach einigen gemütlichen
-Stunden, während deren ich immer wieder von
-Tsingtaus letzten Tagen erzählen mußte, brachen
-gegen zehn Uhr abends die Offiziere bis auf meine
-Wenigkeit auf und gingen, gefolgt von ihren
-treuen Posten, nach Hause. Eine halbe Stunde<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span>
-später war es auch für mich die höchste Zeit
-zu verschwinden, wenn ich noch entkommen
-wollte.</p>
-
-<p>Als mein Gastgeber aus der Haustür heraustrat,
-wer stand da vor ihm? <em class="gesperrt">Mein</em> gelber Wächter!</p>
-
-<p>Nun war Holland in Not! Aber kurz entschlossen
-schickte ich unseren Boy zu dem Wächter und
-ließ ihn fragen, was er eigentlich hier wolle, die
-Herren wären ja längst weg, er solle nur laufen,
-um sie noch einzuholen, sonst würde er womöglich
-wegen seiner Unaufmerksamkeit bestraft werden.</p>
-
-<p>Und während dieser arme Kerl mit hängender
-Zunge den anderen nachlief, fuhr ein verschlossener
-Wagen vor, in dem ich Platz nahm und mit
-äußerster Kraft zum Bahnhof fuhr, wo der neueröffnete
-Expreßzug bereitstand. Das letzte freie
-Bett konnte ich gerade noch erhaschen. Mein
-Schlafkupee war bereits verschlossen, und auf
-mein energisches Klopfen öffnete ein langer Engländer,
-der wegen der Störung ein wütendes
-Gesicht schnitt. Ich behandelte ihn natürlich wie
-Luft, und eins, zwei, drei war ich in der oberen
-Koje, drehte das Licht aus und tat so, als ob ich
-mich auszöge. In Wirklichkeit verkroch ich mich
-recht tief in meine Decken und Kissen, fest entschlossen,
-wenn jemand etwas von mir wolle, nicht
-aufzuwachen. Nicht einen Augenblick habe ich
-während dieser achtstündigen Fahrt geschlafen.</p>
-
-<p>So oft der <span class="antiqua">D</span>-Zug hielt, kroch es kalt über
-meinen Rücken, und ich dachte: Ha, jetzt holen sie
-dich! Und wenn gar draußen viele Stimmen laut<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span>
-wurden, dann war ich überzeugt, daß meine letzte
-<span class="antiqua">D</span>-Zug-Fahrt in diesem Kriege gekommen wäre.</p>
-
-<p>Nichts ereignete sich. Den Gebrauch des Telegraphen
-zu Verhaftungen schienen die Chinesen
-Gott sei Dank noch nicht zu kennen, und so lief
-planmäßig um sieben Uhr früh der Zug in Schanghai
-ein. Jetzt kam noch die gefährliche Klippe der
-Bahnsperre; sie wurde überwunden.</p>
-
-<p>Dann kam eine schnelle Fahrt im Rickschah
-durch den chinesischen Stadtteil, in dem die chinesischen
-Behörden noch Gewalt über mich hatten,
-und endlich bog mein Wägelchen in die Europäerstadt
-ein.</p>
-
-<p>Hurra, ich war frei!</p>
-
-<p>Nun konnte keiner mehr von mir was wollen.</p>
-
-<p>Hocherfreut fuhr ich zu einem deutschen Bekannten,
-der mich in liebenswürdigster Weise aufnahm.</p>
-
-<p>Drei volle Wochen blieb ich in dieser Stadt, ehe
-es mir nach vielen Mühen gelang, meine Reise
-fortzusetzen.</p>
-
-<p>Drei volle Wochen voller Erlebnisse und voller
-Gefahren des Gefangenwerdens, voll von Versteckspielen.</p>
-
-<p>Was war natürlicher, als daß ein Oberleutnant
-zur See P. nicht bekannt war und auch der Herr
-Meyer, der einige Tage da gewohnt hatte, abgereist
-war?</p>
-
-<p>Daß ein Mr. Scott für einige Tage gute Bekannte
-besuchte, das ging doch keinen was an.
-Aber ich mußte nun vorsichtig sein. Besonders,<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span>
-da ich außerordentlich viel Leute in Schanghai
-kannte, zum Teil noch Engländer usw., die noch
-kurz vor dem Kriege mit mir in Tsingtau zusammen
-gewesen waren.</p>
-
-<p>Vier bis fünf Namen hatte ich abwechselnd
-und logierte abwechselnd bei meinen Bekannten.</p>
-
-<p>Da konnten die Chinesen einmal suchen!</p>
-
-<p>Das Schwierigste war: wie nach Amerika kommen?
-Alles hatte ich versucht, nichts hatte Erfolg.
-Nur einmal wäre ich beinahe mit einem
-<em class="gesperrt">englischen</em> Schiff fortgekommen. Das war eine
-lustige Begebenheit. Einer meiner Freunde kannte
-den Reedereibesitzer, einen englischen Juden, Mr.
-Penny, sehr gut. Mit diesem Bekannten zog ich
-eines Tages zu Herrn Pfennig und versuchte mein
-Glück. Ich hatte einen einfachen Anzug angezogen,
-sah ziemlich verwahrlost aus und machte
-einen ängstlichen, verprügelten Eindruck. Mein
-Freund ließ uns anmelden, und nach einiger Zeit
-durften wir vor dem strengen Gesicht des Herrn
-Pfennig, eines dicken, fetten Frosches, erscheinen.
-Die beiden Herren schienen sich gut zu kennen, und
-die Begrüßung war dementsprechend.</p>
-
-<p>Ich blieb ganz bescheiden an der Tür stehen,
-sah beschämt auf meine zerrissenen Schuhe und
-drehte mein Hütchen in der Hand und verstand
-<em class="gesperrt">selbstverständlich</em> von der ganzen englisch geführten
-Unterhaltung kein Wort.</p>
-
-<p>Mein Freund fing an:</p>
-
-<p>„Herr Pfennig, ich komme mit einer großen
-Bitte zu Ihnen, ich habe hier einen Lausebengel<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span>
-mit mir, dessen Vater ich gut kenne, und der früher
-ein guter Geschäftsfreund von mir gewesen ist.
-Dieser Bengel nun, der erst siebzehn Jahre alt ist,
-kniff seinem Vater wegen einer Mädelgeschichte
-aus und hat sich als Schiffsjunge herumgetrieben,
-bis er hier gänzlich mittellos und sein Unrecht
-einsehend bei mir strandete. Ich möchte nun den
-Jungen, der übrigens Schweizer ist und kaum
-ein Wort Englisch versteht, nach Europa zurückschicken
-und wollte Sie fragen, ob Sie nicht auf
-einem Ihrer Dampfer einen Platz als Küchenjunge
-frei hätten. Damit ihm ein für allemal
-seine Flausen vergehen, wäre ein grober Kapitän
-ganz angebracht und ebenso entsprechende Arbeit.”</p>
-
-<p>Herr Pfennig würdigte mich während dieser
-Zeit kaum eines Blickes, nur ab und zu sah er
-mich verächtlich an, und ich schien unter seinen
-Blicken sichtlich zu zerknirschen. „Ja”, sagte er, „für
-so was habe ich gerade was. Heute nachmittag
-fährt der Dampfer ‚Goliath’ direkt von hier nach
-San Francisco (jetzt spitzte ich aber die Ohren!),
-da kann er mit. Eine Tracht Prügel wird es dann
-und wann auch setzen, die schadet ihm aber nichts.
-Ich lasse Ihnen nachher gleich telephonisch Bescheid
-sagen, wann der Dampfer geht. Sechs
-Wochen Kartoffelschälen werden dem Jungen
-wohl gut tun.”</p>
-
-<p>Wir waren entlassen.</p>
-
-<p>Draußen kniff ich meinem Freunde so toll in
-den Arm, daß er vor Schmerzen aufschrie, und
-als wir endlich auf der Straße waren, da hielt ich<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span>
-es nicht mehr aus. Und heraus platzte ich mit
-einem Lachen, so herzhaft und froh, daß unwillkürlich
-die Leute, die an uns vorbeigingen, mitlachen
-mußten. Daß ich während der durchgemachten
-Szene ruhig bleiben konnte, war ein
-Wunder. Am Nachmittag erfuhr ich leider, daß
-der Dampfer wegen der Flut zwei Stunden früher
-abgegangen wäre. Nun war's Essig, und die
-Arbeit begann von vorn. Dampfer gingen ja
-genug, aber das Üble war dabei, daß sie alle über
-Japan fuhren und sich dort mehrere Tage aufhielten.</p>
-
-<p>Das durfte ich nur im äußersten Notfalle
-wagen.</p>
-
-<p>Aber das Glück ließ mich nicht im Stich. An
-einem Tage traf ich zufällig einen Freund, mit
-dem ich vor Jahren manch lustige Nacht im fernen
-Osten durchgebummelt hatte. Der war gleich bei
-der Hand. Und schon nach einigen Tagen hatte er
-mir die nötigen Papiere besorgt, und mir genaue
-Verhaltungsmaßregeln erteilt. Aus einem Mr.
-Scott, Meyer oder Brown war plötzlich ein steinreicher
-vornehmer Engländer geworden mit dem
-schönen Namen McGarvin. Dieser Herr war
-Vertreter von Singers Nähmaschinen und reiste
-von Schanghai zu seinen Fabriken nach Kalifornien.</p>
-
-<p>Was war natürlicher, als daß Mr. McGarvin
-den nächsten großen amerikanischen Postdampfer
-benutzte!</p>
-
-<p>An Bord dieses Schiffes gab es nur zwei
-prachtvolle Luxuskabinen. In der einen wohnte<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span>
-ein amerikanischer Milliardär, in der anderen der
-Oberleutnant zur See Plüschow, o Verzeihung, was
-sage ich da, ich meine natürlich der Singer-Nähmaschinen-Fabrikant
-McGarvin. Eine Schwierigkeit
-war noch zu überwinden: das unbemerkte
-Entkommen aus Schanghai.</p>
-
-<p>Da halfen mir wieder meine Bekannten aus.
-Drei Tage bevor der Dampfer ging, nahm ich
-überall offiziell Abschied und verbreitete, daß ich
-mich in Schanghai nicht mehr sicher fühlte und
-nun nach Peking reiste, um bei der Deutschen Gesandtschaft
-tätig sein zu können. Tatsächlich fuhr
-ich auch in meinem Wagen um elf Uhr abends
-zum Bahnhof. Daß der Kutscher allerdings
-einige Straßen vorher abbog und in scharfem
-Trab nach Süden fuhr und aus der Stadt heraus,
-konnte ich nicht wissen.</p>
-
-<p>Woher sollte ich auch Schanghai kennen?</p>
-
-<p>Nach ungefähr zwei Stunden, während deren
-der Wagen längs des Wusungflusses gefahren
-war, hielten wir. Zwei mit Revolvern bewaffnete
-Männer traten an den Wagen heran, eine kurze
-Parole, ein Händedruck, dann küßte ich voll Ehrerbietung
-und Dankbarkeit zwei schlanke weiße
-Frauenhände, die sich mir aus dem Wageninnern
-entgegenstreckten, und fort sauste das Gefährt.
-Meine beiden Freunde nahmen mich in ihre Mitte,
-auch ich zog meinen Revolver, und wortlos stiegen
-wir in eine bereitliegende Dschunke.</p>
-
-<p>Die Nacht war stockfinster, der Wind heulte, und
-unheimlich gurgelte das schmutzige dunkle Wasser,<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span>
-welches, von der Ebbe mitgenommen, an uns vorbeischoß.</p>
-
-<p>Mit aller Kraftanspannung wriggten vier
-dunkle Chinesengestalten an ihren Riemen, und
-nach etwa einer Stunde hatten wir viele Kilometer
-stromabwärts unseren Bestimmungsort
-am jenseitigen Ufer erreicht.</p>
-
-<p>Lautlos legten wir an, lautlos verschwand die
-Dschunke, und ebenso lautlos schritten wir einem
-dunklen Gebäude zu, welches inmitten eines kleinen
-Gartens in der Nähe von riesigen Fabrikgebäuden
-lag.</p>
-
-<p>Der helle Glanz elektrischer Lampen, der uns
-entgegenstrahlte, nachdem die Eingangstüren
-sorgfältig verschlossen waren, blendete grell meine
-Augen.</p>
-
-<p>Bald sah ich aber, daß ich mich in einer gemütlich
-eingerichteten Junggesellenwohnung befand.
-Ein Tisch war gedeckt, und wacker langten wir den
-köstlichen Speisen zu. Nun wurde der Kriegsplan
-ausgeheckt.</p>
-
-<p>Die Wohnung gehörte den beiden jungen Leuten,
-die am Tage in der Fabrik zu tun hatten.
-Die Bedienung im Hause war selbstverständlich
-rein chinesisch, und das war gut.</p>
-
-<p>Mein Aufenthalt in diesem Hause mußte unter
-allen Umständen geheim bleiben, besonders da
-hier auch noch ein unangenehmer Mann wohnte,
-der zur „Entente” gehörte.</p>
-
-<p>Die Angst der Chinesen vor bösen Geistern
-und besonders den Aberglauben vor Verrückten<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span>
-wollten wir ausnutzen. Meine Aufgabe war einfach
-die: drei volle Tage den wilden Mann zu
-spielen.</p>
-
-<p>Ich erhielt ein Zimmerchen, in das ich eingeschlossen
-wurde. Der Boy wurde von seinem
-Herrn eingehend instruiert und eingeschüchtert,
-und so konnte ich sicher sein, daß nichts verraten
-würde.</p>
-
-<p>Donnerwetter! Ich habe nicht gedacht, daß es
-so schwer ist, einen Verrückten zu simulieren. Drei
-Tage blieb ich in diesem Zimmer eingesperrt, tobte
-herum, und nur ab und zu beruhigte ich mich und
-saß stumpfsinnig in meinem Sessel.</p>
-
-<p>Sobald der Boy, der draußen Wache ging,
-diese Beruhigung merkte, machte er vorsichtig die
-Tür auf und schob noch vorsichtiger sein Tablett,
-auf dem Essen stand, hinein und setzte es auf ein
-daneben stehendes Tischchen. Und wie der Blitz
-zog er den Arm wieder zurück, und ich konnte
-ordentlich fühlen, mit welcher Erleichterung er den
-Schlüssel im Schloß von außen umdrehte. Wenn
-ich dann manchmal laut herauslachte, weil ich
-eben einfach platzte vor Vergnügen, dann glaubte
-sicher der brave Gelbe, ein neuer Anfall habe mich
-gepackt.</p>
-
-<p>Am Abend des dritten Tages schlug endlich
-meine Befreiungsstunde.</p>
-
-<p>Ebenso vorsichtig und geräuschlos wie bei der
-Ankunft verließen wir wieder das Haus.</p>
-
-<p>An der Landungsstelle lag ein großes Dampfboot,
-ein kurzer herzlicher Abschied, und stromabwärts<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span>
-ging die Fahrt auf die Wusung-Reede, wo
-der riesige Dampfer „Mongolia” lag.</p>
-
-<p>Es war schlechtes Wetter, starker Seegang, und
-nicht mal das Fallreep war gefiert. Nach vielem
-Rufen und Schreien bemühte sich endlich jemand,
-das Fallreep herabzulassen, und mit „<em class="gesperrt">dem</em>” Koffer
-in der Hand bestieg Mr. McGarvin das
-Schiff.</p>
-
-<p>Kein Mensch kümmerte sich um mich. Das Deck
-war nur halb erleuchtet, und schließlich ging ich an
-einige Schiffsoffiziere heran und fragte sie nach
-meiner Kabine. Ein unwilliges Gebrumm, welches
-auf deutsch hieß: Laß mi mei Ruh', antwortete
-mir. Aber als ich diesen Herren mein
-Billett unter die Nase rieb, da änderte sich die
-Situation mit einem Schlage. Tiefe Verbeugungen
-und Entschuldigungen. Ein Pfiff aus der
-Batteriepfeife eines Offiziers, und herbei rauschten
-mehrere Stewards, voran der weiße Obersteward.
-Die Deckslampen flammten hell auf. Die Stewards
-rissen sich um „den” Koffer, und voll Dienstbeflissenheit
-geleitete mich der Obersteward in
-meine Luxuskabine. Er floß förmlich über vor
-Höflichkeit.</p>
-
-<p>„O, Mr. McGarvin, warum kommen Sie
-denn heute schon, der Dampfer geht doch erst übermorgen
-früh, das ist doch heute mittag in Schanghai
-überall bekanntgegeben worden!” Ich machte
-ein wütendes Gesicht und tat empört darüber, daß
-mir als Inhaber einer Luxuskabine das nicht mitgeteilt
-worden sei.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span>
-
-Dann kam mein feister chinesischer Kabinensteward.
-Die Ruhe und die Vornehmheit in
-eigenster Person. Beinahe hätte er mich in Verlegenheit
-gebracht. Durch einen seiner Unterboys
-ließ er meinen Koffer hereinbringen und fragte
-im zweifelnden Tone, ob das denn das ganze Gepäck
-wäre.</p>
-
-<p>„Ja”, sagte ich.</p>
-
-<p>„Oh,” meinte er, „da sind die anderen Gepäckstücke
-wohl schon im Gepäckraum?”</p>
-
-<p>„Aber natürlich, meine schweren Koffer sind
-bereits gestern verladen worden, und ich hoffe sehr,
-daß der Lademeister gut auf meine wertvollen
-Strandkoffer achtgeben wird.”</p>
-
-<p>Ach der gute Chinaxe, wenn der geahnt hätte,
-daß ich schon stolz war, diesen einen Koffer zu besitzen,
-und selbst dieser war bedenklich leicht!</p>
-
-<p>Endlich, am fünften Dezember Neunzehnhundertvierzehn,
-abends setzte sich der Dampfer
-„Mongolia” in Bewegung.</p>
-
-<p>Trotz des schönen Wetters und des guten Essens
-erkrankte plötzlich am nächsten Tage Mr. McGarvin.
-Was es war, konnte er selbst nicht genau
-sagen. Wahrscheinlich eine schwere Fischvergiftung,
-und schleunigst wurde der Schiffsarzt geholt. Dies
-war ein glänzender Mann, Sportsmann durch
-und durch und für jeden köstlichen Scherz sofort
-zu haben. Seine anfangs besorgte Miene nahm
-schnell einen erstaunten Zug an, als ihm aus der
-Koje des vermeintlich Todkranken ein blühendes,
-braun verbranntes Gesicht entgegenleuchtete.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span>
-
-Ich hatte Vertrauen zu ihm, und in kurzen Worten
-schilderte ich ihm meine Lage. Selten habe
-ich ein paar Augen so erfreut aufleuchten sehen
-wie die des Arztes, nachdem ich ihm meine Sünden
-gebeichtet hatte. Ein schallendes Gelächter
-und ein kräftiger Händedruck sagten mir, daß ich
-an den richtigen Mann gekommen war. Der
-Steward klopfte an.</p>
-
-<p>Besorgte Amtsmiene des Arztes, Stöhnen des
-Patienten.</p>
-
-<p>Vorsichtig huschte der Steward hinein, und mit
-leiser, eindringlicher Stimme sagte ihm der Arzt:
-„Du, Boy, dieser Master sehr krank sein, gar nicht
-stören, vor zehn Tagen Aufstehen unmöglich, das
-beste Essen, vom Koch sorgfältig ausgewählt, stets
-ans Bett bringen, wenn Master Wünsche hat,
-mich sofort holen.”</p>
-
-<p>Bei dieser Rede hatte ich bereits einen Bettzipfel
-im Mund, und wenn's länger gedauert
-hätte, würde ich wohl noch die ganze Bettdecke
-verschlungen haben. Ich war wieder mal im
-Bilde.</p>
-
-<p>Drei Tage Seefahrt, dann kam der erste der
-drei gefürchteten japanischen Häfen. Friedlich
-lief der Dampfer in Nagasaki ein, und sofort
-stürzte sich eine Flut von Zollbeamten, Polizisten
-und Kriminalbeamten an Bord. Die Glocke
-tönte durchs Schiff und der Ruf: Alle Passagiere
-und alle Mann antreten zur Musterung! Und
-nun ging die Untersuchung und das Gefrage los.
-Die Passagiere waren im Salon versammelt.<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span>
-Jeder einzelne wurde namentlich aufgerufen,
-ganz gleichgültig ob Mann, Frau oder Kind,
-wurde von einer Kommission aus Polizeioffizieren
-und Kriminalbeamten vernommen, die
-Papiere genau revidiert und dann von einem
-japanischen Arzt genau auf ansteckende Krankheit
-untersucht. Vor allen Dingen wollten sie
-genau wissen, wer derjenige wäre, der aus Tsingtau
-käme! Der fünfunddreißigste Name, der
-aufgerufen wurde, war McGarvin. Alles sah
-sich um, keiner hatte diesen natürlich gesehen. Da
-trat der Arzt heran, machte ein sehr bedenkliches
-Gesicht und flüsterte seinem japanischen Kollegen
-unter bedauerndem Achselzucken eine schreckliche
-Geschichte ins Ohr.</p>
-
-<p>Eine Viertelstunde darauf hörte ich viele Stimmen
-vor meiner Kammer, es wurde ganz vorsichtig
-die Tür geöffnet, und herein ging der
-amerikanische Arzt und schlichen sich zwei japanische
-Polizeioffiziere und der japanische Arzt.
-Fest zusammengerollt und leise stöhnend lag der
-arme Fischvergiftete da, nichts war von ihm zu
-sehen, als etwas vom Haarschopf.</p>
-
-<p>Der Amerikaner trat ans Bett und berührte
-vorsichtig meine Schulter, was mir scheinbar
-fürchterliche Schmerzen verursachte. Sofort trat
-der Arzt vom Bett zurück und sagte halblaut: <span class="antiqua">„Oh,
-very ill, very.”</span> Die Japaner, welche sich von
-Anfang an voller Scheu in der wundervoll eingerichteten
-Kabine umgesehen hatten, schienen
-froh zu sein, aus dieser ihnen ungewohnten Umgebung<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span>
-schnell wieder rauskommen zu können.
-Mehrere tiefe Bücklinge, ein zischendes Geräusch
-durch die Zähne, welches ihre besondere Ehrerbietung
-ausdrücken sollte, ein leise gemurmeltes:
-<span class="antiqua">„Oh, I beg your pardon!”</span> und raus war die
-ganze gelbe Gefahr.</p>
-
-<p>Ich glaube, während dieser ganzen Szene und
-besonders vorher hatte ich doch etwas Schüttelfrost,
-der sich aber schnell wieder legte.</p>
-
-<p>Am Nachmittage riskierte ich doch einen Augenblick
-aufzustehen, um mir vom Schiff aus Nagasaki,
-das ich von früher her kannte, anzusehen.</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 600px;">
-<img class="bordered" src="images/illu-131.jpg" width="600" height="276" alt="" />
-<div class="caption">Die Landung in Hai-Dschou (China).</div>
-</div>
-
-<p>Der Anblick, der sich mir bot, trieb mich schnell
-wieder in die Koje. Der Hafen war mit unzähligen
-Dampfern besät, welche unter reichstem Flaggenschmuck
-zu Anker lagen. Ein außerordentliches
-Leben herrschte an Bord dieser Schiffe,
-überall wurden Truppen, Pferde und Geschütze
-ausgeladen, alle Soldaten waren festlich geschmückt,
-die Häuser der Stadt verschwanden fast
-unter Girlanden und Fahnenschmuck, eine unabsehbare,
-froh bewegte Menge strömte durch die
-Straßen und nach der Festwiese, wo Parade und
-Truppenschau abgehalten wurde. Nun wußte
-ich's. Das waren ja die <em class="gesperrt">Sieger</em> von Tsingtau!
-In ganz Japan wurde heute die Niederwerfung
-und Bezwingung des <em class="gesperrt">ganzen Deutschen Reiches</em>
-gefeiert. In den japanischen Zeitungen, die
-in Englisch erschienen, konnte ich an diesem Abend
-unter anderem lesen, daß es den Engländern, Franzosen
-und Russen nicht gelungen sei, Deutschland zu<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span>
-besiegen, aber <em class="gesperrt">sie</em>, die Japaner, <em class="gesperrt">sie</em> hätten es
-fertiggebracht und wären damit jetzt ohne Zweifel
-das beste und stärkste Heer der ganzen Welt.
-Doch genug von diesen Lächerlichkeiten, die Amerikaner
-und Engländer haben sich ganz ähnliche
-Sachen geleistet.</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 600px;">
-<img class="bordered" src="images/illu-132.jpg" width="600" height="389" alt="" />
-<div class="caption">Verbrennen des Flugzeuges nach der Landung auf
-chinesischem Boden<br />
-
-<p>
-× Der Verfasser
-</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>Noch zweimal legte der Dampfer während dieser
-Tage in japanischen Häfen an. Sowohl in
-Kobe wie in Yokohama spielte sich in meiner
-Kammer derselbe Vorgang ab wie in Nagasaki &mdash;
-Mr. McGarvin blieb krank und &mdash; &mdash; &mdash; unbehelligt.
-Fünf volle Tage blieben wir im ganzen
-in Japan. Aber endlich, nachdem ich acht ganze
-Tage im Bett gelegen hatte, ohne daß mir etwas
-fehlte als eben die Krankheit, verließen wir die
-gefährlichen Gewässer, und als die japanische
-Küste hinter uns am Horizont verschwand, da
-soll es auf dem Dampfer einen jungen Mann
-gegeben haben, der wie unsinnig vor Freude
-herumsprang und sein kleines Hütchen, welches
-ehemals einem fünfjährigen Mädchen im fernen
-China gehört hatte, in der Richtung nach Japan
-schwenkte und lachend rief: <span class="antiqua">„Good bye, Japs,
-good bye, Japs!”</span></p>
-
-<p>Unter allerlei Unterhaltungen, wie sie eben an
-Bord eines so großen Dampfers gepflogen werden,
-zogen die Tage dahin. An Bord waren auch
-mehrere deutsche Herren, die der Krieg aus ihrer
-bisherigen Heimat vertrieben, dann einer meiner
-Kameraden, der bis jetzt in Schanghai zu tun gehabt
-hatte, und ein Kriegskamerad von mir: der<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span>
-amerikanische Kriegsberichterstatter Mr. Brace,
-welcher als einziger Ausländer die ganze Belagerung
-Tsingtaus mitgemacht hatte.</p>
-
-<p>Neptun sorgte für Abwechslung. Kurz vor
-Honolulu bekamen wir einen starken Taifun auf
-den Kopf, der zwei Tage andauerte, und bei dem
-der Dampfer ernstlich in Gefahr schwebte.</p>
-
-<p>Als wir in Honolulu bei strahlendem Sonnenschein
-ankamen, da traute ich meinen Augen
-kaum. Da vorne, da wehte ja die deutsche Kriegsflagge!
-Es war kein Zweifel.</p>
-
-<p>Und als wir festgemacht hatten, lag neben uns
-winzig wie eine Nußschale der kleine Kreuzer
-„Geier”, welcher sich, wie wir später erfuhren,
-von der Südsee aus in mehrmonatiger Reise bis
-nach hier durchgeschlagen hatte und interniert
-worden war. Welch ein eigentümliches Zusammentreffen!
-Liebe Kameraden, von denen ich
-lange nichts mehr gehört hatte, traf ich hier mitten
-im Kriege, fern der Heimat nach großen Erlebnissen.
-Da gab's ein Fragen und Erzählen,
-das wollte kein Ende nehmen.</p>
-
-<p>Der „Geier” hatte sich bei Ausbruch des Krieges
-fern unten in der Südsee zwischen dem Gewirr
-der Koralleninseln befunden. Die Mobilmachung
-mit Rußland hatte er noch erfahren, dann war
-seine Funkentelegraphie entzweigegangen, und er
-schwamm ohne Nachrichten im Stillen Ozean
-herum. Erst vierzehn Tage später erfuhr der
-„Geier” etwas vom Kriege mit England und noch
-später den mit Japan. Da hieß es aufpassen.<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span>
-Und umstellt und gehetzt von einer Schar von
-Feinden ist es dem kleinen Kreuzer gelungen,
-wochenlang segelnd oder im Schlepp eines kleinen
-Dampfers sich die Tausende von Seemeilen bis
-nach Honolulu durchzuschlagen. Und als der
-große japanische Kreuzer, der bei der Einfahrt von
-Honolulu auf ihn lauerte, sich an einem Morgen
-die Augen rieb, da lag das kleine Nußschälchen
-schon wohlgeborgen im Hafen, und stolz wehte
-die Flagge am Mast, und der gelbe Aff' mußte
-mit eingezogenem Schwanze nach Hause laufen.</p>
-
-<p>Nach der Abfahrt von Honolulu hatte ich noch
-ein ernstes Hühnchen mit meinem Kriegskorrespondenten
-zu rupfen. Dieser brachte mir nämlich
-freudestrahlend die „Honolulu Times” und zeigte
-mir stolz das erste Blatt, auf dem in riesigen Lettern
-mein Name, meine Stellung und meine
-Herkunft zu lesen waren und darunter ein spaltenlanger
-Artikel, der alle Schandtaten aufzählte, die
-ich in und nach der Belagerung Tsingtaus vollbracht
-hatte.</p>
-
-<p>Also echt amerikanisch; nach dem, was über
-einen in der Zeitung steht, wird man erst beurteilt.</p>
-
-<p>Mir war die Sache äußerst peinlich, denn ich
-hatte allen Grund zu befürchten, daß die amerikanischen
-Behörden mich auf dieses Schreiben
-hin in San Francisco festnehmen würden. Doch
-alle Amerikaner an Bord beruhigten mich in
-dieser Beziehung, und meinten, ich würde in
-Amerika vollständig unbelästigt herumgehen können,
-denn, was ich gemacht hätte, wäre ein <span class="antiqua">„good<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span>
-sport”</span>, dafür hätten die Amerikaner Sinn. Sogar
-im Gegenteil, der Amerikaner würde sich
-kolossal darüber freuen, und wenn ich vernünftig
-wäre und von meinen törichten deutschen Offiziersansichten
-abließe, dann könnte ich in Amerika
-ein ordentliches Stück Geld verdienen. Ich solle
-mich bloß an eine richtige Zeitung wenden, und
-die würde die Sache an der Hand ihrer Reklame
-ordentlich inszenieren, und dann könnte ich, möglichst
-mit Musik vorneweg, von Stadt zu Stadt
-ziehen und Vorträge halten und <span class="antiqua">plenty dollars</span>
-einheimsen. Ja, es waren überhaupt Gemütsmenschen,
-die Herren Amerikaner. Einer dieser
-Herren, ein ganz famoser netter Mann, der eine
-reizende Tochter mit an Bord hatte, kam eines
-Tages zu mir, nahm mich beiseite und sprach im
-vollsten Ernste:</p>
-
-<p>„Sehen Sie mal, Mr. McGarvin, Sie gefallen
-mir, ich habe Interesse an Ihnen. Was
-wollen Sie jetzt anfangen? Geld haben Sie wahrscheinlich
-nicht, in Amerika kennt Sie niemand,
-und gute Arbeit findet sich dort sehr schwer!”</p>
-
-<p>„Nun, ich will nach Deutschland und will für
-mein Vaterland kämpfen, ich bin doch Offizier!”</p>
-
-<p>Ein mitleidiges Lächeln seinerseits.</p>
-
-<p>Er: „Aus Amerika herauszukommen, ist ausgeschlossen,
-und dann, Ihr Vertrauen und Ihre
-Begeisterung in Ehren, aber glauben Sie mir,
-ich habe gute Verbindungen; in wenigen Monaten
-wird Deutschland vernichtet sein, und da wird
-es dann für Sie keine Arbeit und keine Bleibe<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span>
-mehr geben. England wird keinem deutschen
-Offizier erlauben, nach dem Kriege in Deutschland
-zu bleiben. Sie alle werden exportiert, das
-Deutsche Reich aufgeteilt und der Deutsche Kaiser
-von seinem eigenen Volke abgesetzt werden. Also
-seien Sie doch vernünftig, suchen Sie sich jetzt
-schon eine neue Heimat zu gründen, bleiben Sie
-in Amerika, ich werde Ihnen gern helfen.”</p>
-
-<p>Das war mir zu viel. Und eine Antwort habe
-ich dem Herrn gegeben und eine Belehrung, was
-eigentlich ein deutscher Offizier sei, und wie es
-wirklich in Deutschland aussähe, daß der gute
-Mann fast selbst mit in Begeisterung über Deutschland
-geriet. Von nun ab war er noch liebenswürdiger
-zu mir, und öfters bin ich nachher bei
-ihm in San Francisco und New York zu Gast
-gewesen.</p>
-
-<p>Am dreißigsten Dezember liefen wir in San
-Francisco ein.</p>
-
-<p>Typisch amerikanischer Zustand.</p>
-
-<p>Dutzende von Zeitungsreportern und Photographen
-rannten an Deck herum, kamen in Salons,
-ja ließen einen nicht mal in den Kabinen
-zufrieden. Von mir hatten die Kerls schon Wind
-bekommen. Von allen Seiten stürmten diese
-Herren herbei, von allen Ecken wurde man geknipst,
-es war geradezu widerlich. Schließlich
-wandte ich das einzige Mittel an, welches hilft:
-ich wurde grob und schrie: „Ich habe überhaupt
-nichts zu sagen, und wenn Sie mich weiter belästigen,
-hole ich die Polizei!” Mein Kriegskorrespondent<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span>
-aus Tsingtau hatte mich vorher instruiert,
-mit seinen Kollegen so zu verfahren.</p>
-
-<p>Nur ein windiger gelber Japaner schlich sich wie
-eine Katze an mich heran, machte tiefe Verbeugungen,
-zischte durch die Zähne und sagte falsch
-lächelnd, er käme vom Japanischen Konsulat (das
-auch noch!) und wolle mich begrüßen und mir
-Glück wünschen, daß ich so gut aus Tsingtau
-herausgekommen wäre. Im übrigen hätte ich
-ja gar nichts zu befürchten, ich wäre auf amerikanischem
-Boden, aber er würde so furchtbar
-gerne einen kleinen Bericht seiner Zeitung nach
-Japan schicken, das würde seine japanischen Brüder
-freuen.</p>
-
-<p>Den gelben Jap ließ ich durch den chinesischen
-Steward hinausbefördern.</p>
-
-<p>San Francisco!</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>Sie haben mich!</h2>
-
-
-<p>San Francisco!</p>
-
-<p>Diese riesige wunderschöne Stadt!</p>
-
-<p>Das beste war: ich wurde <em class="gesperrt">nicht</em> verhaftet.
-Keine offizielle Persönlichkeit kümmerte sich um
-mich, und ich blieb einige Tage dort trotz des
-Entsetzens auf dem Deutschen Konsulat, wo man
-mich schon verhaftet sah. Ich habe selten in
-meinem Leben eine so wahnsinnige, tolle Nacht
-erlebt wie die Silvesternacht in San Francisco.</p>
-
-<p>Alles was mir darüber schon vorher erzählt war,
-war nichts gegen die Wirklichkeit. Die ganze Stadt
-schien wie in ein Tollhaus verwandelt. Und all die
-Menschen, rassig bis zum letzten Blutstropfen;
-schön und kräftig die Männer, hinreißend die
-blonden Frauen und Mädchen. Ich war von
-meinem Bekannten in eins der schönsten und größten
-Vergnügungslokale eingeladen. Unerschwingliche
-Eintrittspreise und das Publikum das beste
-vom besten. In dieser Nacht schien alles erlaubt.</p>
-
-<p>Und dann die Musik und der Tanz so hinreißend
-und schön und wild, es ist „die” Nacht von
-San Francisco!</p>
-
-<p>Am zweiten Januar Neunzehnhundertfünfzehn
-galt's wieder Abschiednehmen, und zufällig traf
-ich mit meinem Kameraden und mehreren Deutschen,
-mit denen ich auf dem Dampfer zusammengewesen
-war, in demselben Eisenbahnwagen
-wieder zusammen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span>
-
-Das wurde eine frohe Fahrt, zumal die Zeitungen
-gute Nachrichten aus Deutschland brachten,
-einige der älteren Herren und Damen direkt
-zur Heimat fuhren und wir beiden Offiziere fest
-daran glaubten, daß auch wir unserem Ziele
-nicht mehr fern wären.</p>
-
-<p>Bei den Grand Canons von Arizona wurde
-ein Zug überschlagen. Das mächtige Naturwunder
-zeigte sich uns in wunderbarster Schönheit.
-Dann ging's weiter, tagelang raste der Zug
-durch die Prärien, Knabenerinnerungen an den
-Lederstrumpf und an die Mohikaner tauchten in
-uns auf, dann trennten wir uns in Chicago
-und ich fuhr nach Virginien, um liebe Freunde
-zu besuchen und um zu sehen, wie ich die Weiterreise
-nach Europa ermöglichen könnte.</p>
-
-<p>Nach zwei, drei Tagen reiste ich nach New York
-weiter, um hier mein Glück zu versuchen.</p>
-
-<p>Drei volle Wochen mußte ich in New York
-bleiben, drei volle Wochen, in denen ich viel von
-New York und den Menschen dort und von dem
-dortigen Leben kennenlernte.</p>
-
-<p>Drei volle Wochen, während deren ich oft nicht
-wußte, was vor Wut anfangen. Das überstieg
-alles, was ich bis jetzt in dieser Beziehung erlebt
-hatte. Kaum ein Bild, kaum eine Zeitung, kaum
-eine Reklame, die nicht gegen Deutschland hetzte,
-die nicht die tapferen deutschen Kämpfer in den
-Dreck zogen.</p>
-
-<p>Der Tipperary-Gesang schien auch in New York
-zum Nationallied gestempelt worden zu sein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span>
-
-Gab es denn keinen, der diesen Leuten die
-Augen öffnete, <em class="gesperrt">wollten</em> diese Menschen die
-Wahrheit nicht hören und nicht sehen?</p>
-
-<p>Ja, die meisten kannten ja Deutschland überhaupt
-nicht, wußten kaum, wo Deutschland lag,
-und doch urteilten sie so. Da konnte man fühlen,
-welche ungeheure Macht die gemeine englische
-Lügenpresse besaß, und wie urteilslos und dumm
-der Amerikaner auf diesen groben Schwindel
-hineinfiel.</p>
-
-<p>Ich habe gewirkt, was in meinen Kräften stand.</p>
-
-<p>Ich habe geredet und erzählt und zu überzeugen
-versucht, überall dieselbe Antwort: „Ja, daß Sie
-persönlich all diese Greueltaten nicht tun würden,
-das glauben wir Ihnen, aber die anderen Deutschen,
-die Hunnen und Barbaren, die tun's.
-Hier steht's ja schwarz auf weiß in den Times!
-Da muß es ja wahr sein, denn es ist undenkbar,
-daß ein so großes Blatt die Unwahrheit sagt.”
-Ein großer Trost war mir die rührende Art,
-wie ich von meinen Bekannten und deren Freunden
-aufgenommen wurde, und ich bin ihnen aufrichtig
-dankbar dafür. An einem Abend war ich
-besonders wütend. Ich war in der Metropolitan
-Opera gewesen, es wurde unter anderem ein Akt
-aus „Hänsel und Gretel” gegeben. Deutsche
-Musik, deutsche Worte und deutscher Gesang!</p>
-
-<p>Mein Herz tat sich auf und quoll über vor
-wahnsinnig schmerzender Sehnsucht nach dem
-geliebten Vaterlande; meine Seele trank in vollen
-Zügen das deutsche Lied. Hingerissen, berauscht,<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span>
-trat ich auf die Straße und wurde jäh in die
-Wirklichkeit zurückgerufen.</p>
-
-<p>Auf dem großen Platz vor dem Theater, wie
-allabendlich, eine riesige Volksmenge. Drüben
-an einer kahlen Hauswand leuchtete wie an jedem
-Abend in großen Buchstaben der neueste Kriegsbericht
-auf, der von einem Kinematographen-Apparat
-auf die Wand geworfen wurde.</p>
-
-<p>Natürlich: Rußland hatte wieder mal einen
-großen Sieg errungen, die Engländer hatten die
-deutsche Kronprinzen-Armee vollkommen vernichtet!</p>
-
-<p>Die Menge johlte vor Freude.</p>
-
-<p>Dann kamen einige Schlachtenbilder. Erst
-einige englische und französische Kriegsschiffe,
-dann plötzlich der deutsche Kreuzer „Goeben”.</p>
-
-<p>Die Menge raste, ein Pfeifen, ein Zischen und
-Pfui-Rufen, welches kein Ende nehmen wollte.</p>
-
-<p>Das waren die <em class="gesperrt">neutralen</em>, um Menschenrechte
-und Gerechtigkeit so besorgten Amerikaner!</p>
-
-<p>Vergebens waren bis jetzt meine Bemühungen
-gewesen, nach Europa zu gelangen. Ich hatte mir
-die Sache doch einfacher vorgestellt.</p>
-
-<p>Um ein Haar wäre es mir einmal gelungen.</p>
-
-<p>Ich hatte eine Heuer auf einem norwegischen
-Segelschiff gefunden und sollte sofort meinen
-Dienst als Matrose antreten. Da mir aber
-dringend geraten wurde, diesen Kasten nicht zu
-benutzen, da mehrere englische Matrosen an Bord
-wären, ließ ich die Gelegenheit fahren und suchte
-weiter.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span>
-
-Endlich hatte ich, was ich wollte.</p>
-
-<p>Durch Zufall lernte ich einen Mann kennen,
-der ein recht bewegtes Leben hinter sich hatte.
-Er hatte sich jahrelang in der Welt herumgetrieben
-und lebte nun schon lange in New
-York. Was er eigentlich tat, habe ich nie recht
-herausbekommen. Eines konnte er jedenfalls
-sehr geschickt, und das war: alte Pässe frisch aufgarnieren.
-So waren wir bald handelseinig.
-Nach wenigen Stunden hatte ich meinen Reisepaß,
-meine Photographie war sauber eingeklebt,
-alle An- und Abmeldungen vorschriftsmäßig
-vorhanden.</p>
-
-<p>Und so stieg am dreißigsten Januar Neunzehnhundertfünfzehn
-der Schweizer Schlossergeselle
-Ernst Suse an Bord des neutralen italienischen
-Dampfers „Duca degli Abruzzi” und verschwand
-im Zwischendeck.</p>
-
-<p>Zwei Stunden später passierten wir die Freiheitsstatue.
-Fünf Seemeilen vor dem Hafen
-von New York lagen zwei englische Kreuzer und
-bewachten die Hafeneinfahrt. Ein leuchtendes
-Beispiel für die Freiheit der Meere! Die Dampferfahrt
-war fürchterlich.</p>
-
-<p>Trotzdem ich als Seeoffizier und alter Torpedobootsfahrer
-an manchen Kummer gewöhnt war,
-so etwas hatte ich mir nicht träumen lassen.</p>
-
-<p>Das Schiff topplastig und mit so wahnsinnigen
-Schlinger- und Stampfbewegungen,
-daß ich als Fachmann überzeugt war, der Kahn
-würde bei mehr aufkommender See kentern.<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span>
-Und die Wanzen! Doch das ist ein Kapitel für
-sich. Am dritten Tage unserer Fahrt stand ich
-eines Vormittags an Deck und schaute sehnsüchtig
-nach der ersten Klasse, von wo zwei allerliebste
-Gesichtchen über die Reling sahen. Da
-trat ein Herr zu ihnen heran, und beinah hätte
-ich laut seinen Namen gerufen!</p>
-
-<p>Den kannte ich doch, das war doch &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Ja, es war kein Zweifel möglich. Es war mein
-Kamerad T., der mit mir aus Schanghai gekommen
-war. Nun gewahrte er mich auch, nur
-daß er mich erst erkannte, nachdem er mit seinen
-Damen einige recht laute Bemerkungen über den
-schmierigen Gesellen (das war ich) dort unten
-gemacht hatte. Plötzlich wurde er stumm, seine
-Augen weiteten sich, dann glitt ein Lächeln des
-Verständnisses über seine Züge, er machte kehrt,
-und weg war er.</p>
-
-<p>Am Abend bei vollständiger Dunkelheit hatte
-ich einen Augenblick Gelegenheit ihn zu sprechen.
-Er fuhr als vornehmer Holländer (selbstverständlich
-konnte er kein Wort Holländisch sprechen) und
-wollte ebenso wie ich nach Neapel und von da nach
-Hause.</p>
-
-<p>Aber das beste war doch das: beide waren wir
-in New York täglich zusammengewesen, beide
-wußten wir gegenseitig, daß wir alles versuchen
-würden, um nach Hause zu kommen, aber wie es
-sich jetzt herausstellte, hatten wir beide unseren
-entsprechenden Unterstützungsmännern das Versprechen
-geben müssen, zu niemandem ein Wörtchen<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span>
-zu sagen, und das hatten wir beide so gut
-gehalten.</p>
-
-<p>Aber der Schlager kam noch: Beide waren
-wir bei demselben Mann gewesen!</p>
-
-<p>Einige Tage nach dem Verlassen von New
-York erkrankte ich plötzlich, bekam hohes Fieber
-und mußte mich in die Koje legen. Was es war,
-wußte ich selber nicht, wahrscheinlich ein Malariaanfall,
-und dieser Ansicht schien auch der italienische
-Arzt zu sein und gab mir eine blödsinnige Dosis
-Chinin. Der Erfolg trat auch sofort ein: ich
-wurde noch kränker denn zuvor und hatte mehrere
-Tage fast vierzig Grad Fieber. Diese Tage waren
-unbeschreiblich. In unserem Loch von einer
-Kammer wohnten wir zu vieren zusammen.
-Über mir lag ein Franzose, der mit Schnattern
-und Futtern nur aufhörte, wenn er seekrank war.
-Neben mir lag bleich und gefaßt ein Schweizer
-(das war schon verdächtig). Dieser Mann war so
-seekrank, daß ich glaubte, er würde Europa niemals
-lebend erreichen. Links über mir aber lag
-ein ganz rabiater Engländer, der trotz der geschlossenen
-Bullaugen Tag und Nacht seine Navy
-Cut-Pfeife nicht ausgehen ließ, fast immer betrunken
-war und kaum einen Moment sein Grölen
-und sein Schimpfen auf Deutschland unterbrach.
-Meine Ruhe kann man sich denken.
-Außerdem lag meine Koje direkt neben der Rudermaschine,
-und dann kam das Schlimmste: die
-Wanzen!</p>
-
-<p>Ich habe so etwas nie für möglich gehalten!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span>
-
-Diese furchtbarsten Plagegeister kamen nicht
-einzeln, sondern gleich zu Dutzenden.</p>
-
-<p>Ach, was war der ganze Radau, der unerträgliche
-Gestank und die seekranken Menschen gegen
-diese Plage! Trotz des furchtbaren Schwächezustandes,
-in dem ich mich befand, versuchte ich
-die braunen Gesellen zu töten oder zu verjagen.
-Ich merkte aber nur zu bald, daß ich gegen sie
-machtlos war.</p>
-
-<p>Und dann wurde mir alles gleichgültig. Die
-Fahrt konnte ja nur noch einige Tage dauern,
-dann waren wir im schönen Italien, dann nur
-noch kurze Tage der Erholung, und ich wäre in
-meinem geliebten Vaterlande gewesen. Mit aller
-Energie wehrte ich mich gegen meine Krankheit, und
-die Gedanken an Deutschland ließen mich so weit
-genesen, daß ich am achten Februar, als der Dampfer
-in Gibraltar einlief, wieder aufstehen konnte.</p>
-
-<p>Gibraltar!</p>
-
-<p>Wie oft war ich an diesem Felsen früher schon
-vorbeigefahren, wie hatte ich dem grauen Stein
-froh bewegt zugewinkt, wenn ich, vom Auslande
-zurückkehrend, durch die Meerenge fuhr, der
-treuen Heimat entgegen!</p>
-
-<p>Was hatte ich dieses Mal zu erwarten?</p>
-
-<p>Trotzdem das Anlaufen von Gibraltar nicht
-auf dem Fahrplan vorgesehen war, fuhr der
-Dampfer ohne irgendwelche Aufforderung zur
-Untersuchung in den Hafen ein und ankerte dort.
-So weit also waren die Italiener schon Sklaven
-der Engländer geworden!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span>
-
-Sobald das Schiff still lag, kamen zwei Kriegsschiffsbarkassen
-längsseit, denen ein englischer
-Seeoffizier, einige Polizeibeamte und mehrere
-bis an die Zähne bewaffnete englische Matrosen
-entstiegen.</p>
-
-<p>Ein Glockensignal wurde durch das Schiff gegeben
-und der Befehl: Sämtliche fremden Passagiere,
-die nicht Italiener und nicht Engländer sind,
-auf die Kommandobrücke kommen! Die Stewards
-gingen herum, suchten alle Räume und
-Kammern ab, und wie eine Hammelherde, umringt
-von englischen Matrosen und italienischen
-Stewards, wurden wir auf die Brücke getrieben.</p>
-
-<p>So ganz wohl war mir dabei nicht zumute!</p>
-
-<p>Aber immerhin hatte ich etwas Vertrauen,
-da ich, wie ich bald feststellte, der einzige war,
-der mit einem richtigen Paß mit Photographie
-ausgerüstet war. Zu meinem großen Unbehagen
-stellte ich fest, daß wir im ganzen fünf Schweizer
-waren, von denen mir drei immer schon wegen
-ihres zurückgezogenen stillen Wesens verdächtig
-vorgekommen waren. Nur einen Schweizer, den
-hatte ich noch nicht gesehen, der sah aber auch so
-dreckig und schmierig aus, daß ich vorsichtshalber
-etwas zur Seite trat, als er sich neben mich stellte.</p>
-
-<p>Nach ungefähr einer Stunde, nachdem die
-Passagiere erster Klasse recht oberflächlich und sehr
-höflich untersucht worden waren, kam die Reihe
-an uns.</p>
-
-<p>Sechs arme Sünder standen wir da. Der erste<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span>
-war ein italienisch-schweizerischer Arbeiter, dem der
-rechte Arm fehlte, seine Frau, eine typische Italienerin,
-warf sich unter Heulen dem Engländer
-zu Füßen. Ihren ganzen Anhang aus dem
-Zwischendeck hatte sie mit heraufgebracht. Alles
-heulte, und verächtlich sah der Engländer auf
-die Leute herab. Nach kurzem Verhör wurde
-der Mann entlassen und war frei.</p>
-
-<p>Nun kamen wir.</p>
-
-<p>Der größte von uns Schweizern stand am
-rechten Flügel. Der englische Offizier trat auf ihn
-zu und sagte: „Sie sind deutscher Offizier!”</p>
-
-<p>Natürlich laute Entrüstung und Proteste von
-dessen Seite. Der Engländer reagierte gar nicht
-darauf, und das Unglückswurm mußte beiseite
-treten. Wir anderen vier schienen ihm schon echter
-auszusehen.</p>
-
-<p>Wir wiesen auf unsere Pässe hin, und jeder von
-uns gab eine Mordsgeschichte zum besten. Nach
-kurzer Zeit sagte er: „Schön, die vier können
-gehen, aber den einen nehme ich mit!”</p>
-
-<p>Mir schlug das Herz vor Freude bis zum Halse.
-Da kam der Verräter.</p>
-
-<p>Ein windiges Bürschchen in tadellosem Zivil
-trat an den Offizier heran und sagte ihm mit aufgeregter
-Stimme: „Es ist ausgeschlossen, daß
-die vier so ohne weiteres freikommen, ich bin überzeugt,
-alle vier sind Deutsche; es müssen unbedingt
-noch ihre sämtlichen Sachen untersucht
-werden.”</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span>
-
-Von unserer Seite lauter Protest, aber es half
-nichts. Zwar widerwillig und voller Verachtung
-gegen diesen Schurken folgte der englische Offizier
-doch, und nun begann die Untersuchung in der
-Kammer. Alles wurde durchwühlt. Überall
-schnüffelte der Schurke herum, nichts konnte er
-finden, was verdächtig war. Kein Namenszug,
-nichts. Plötzlich drehte sich der Kerl um, riß mir
-die Jacke auf, krempelte mir die Brusttaschen um
-und sagte dann triumphierend zu dem Offizier,
-der neben ihm stand:</p>
-
-<p>„Sehen Sie, auch hier kein Namenszug und
-kein Name, das ist ein Zeichen, daß er ein
-Deutscher ist, denn er hat alle Monogramme vorher
-vernichtet.”</p>
-
-<p>Ach, hätte ich diesem Hund seine Hirnschale
-einschlagen können!</p>
-
-<p>Wie wir bald erfuhren, war dieser Zivilist der
-Vertreter der Firma Th. Cook &amp; Brothers in
-Gibraltar und versah auf den Dampfern Dolmetscher-
-und schurkische Spionendienste. Er
-sprach ein so reines Deutsch, daß er zweifellos viele
-Jahre in Deutschland Gastfreundschaft genossen
-haben mußte. Wie viele Unglückliche mochte diese
-Schlange wohl schon ins Verderben gebracht
-haben!</p>
-
-<p>Wiederum wurden wir fünf wie Vieh auf der
-Brücke zusammengetrieben. Dann näherte sich
-auch schon der zweite Judas Ischarioth, welcher
-von Cooks Vertreter herbeigeholt war. Dieser
-zweite war ein Schweizer Passagier erster Klasse,<span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span>
-und auf Veranlassung des Schurken sollte er uns
-in Schwyzer Dütsch prüfen.</p>
-
-<p>Wir versagten alle fünf.</p>
-
-<p>Kein Protest half. Nichts nützte, daß ich den
-Leuten die tollsten Geschichten erzählte, wie: Ich
-könnte ja überhaupt gar kein Deutsch! Schon als
-Kind von drei Jahren hätte ich mit meinen Eltern
-die Schweiz verlassen und sei mit ihnen nach
-Italien gezogen. Dann sei ich nach Amerika
-verschlagen worden.</p>
-
-<p>In gutem Italienisch und Amerikanisch redete
-ich wie um meinen Kopf. Beinahe kam ich frei,
-da zischelte die Schlange wieder, und &mdash; &mdash; &mdash;
-aus war es!</p>
-
-<p>Der englische Offizier ließ sich auf nichts mehr
-ein, er sagte bloß, es seien bereits so viel Schweizer
-durch Gibraltar durchgefahren, so viele gäbe es in
-der ganzen Welt nicht.</p>
-
-<p>Mit einer innerlichen Wut, die mich fast zum
-Wahnsinn brachte, wurde ich abgeführt.</p>
-
-<p>Schnell hatte ich ein paar Habseligkeiten zusammengerafft,
-ich konnte einer deutschen Dame
-noch unbemerkt einen Zettel in die Hand drücken,
-den sie auch treulich meinen Verwandten gesandt
-hat, und mit einem groben Stoß eines Seemanns
-flog ich das Fallreep hinunter und in die
-Barkasse, in der die vier anderen Unglückswürmer
-bereits gänzlich zerknickt saßen. Dann kam der englische
-Offizier mit seinem Schurken und fort ging's.</p>
-
-<p>An der Reling des Dampfers stand der<span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span>
-Schweizer Verräter und sah schadenfroh herab.
-Da konnte ich nicht mehr an mich halten, ich
-sprang auf und drohte ihm mit der Faust und
-brüllte ihm ein Schimpfwort zu.</p>
-
-<p>Ein hysterisches Verräterlachen antwortete mir.</p>
-
-<p>Und ganz vorne von der Steuerbordreling,
-da grüßten stumm ein paar traurige deutsche
-Augen einen letzten Abschiedsgruß zu mir herüber.</p>
-
-<p>Leb' wohl, du glücklicher Kamerad, grüß' mir
-die Heimat, die du in einigen Tagen wiedersehen
-wirst!</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>Hinter Mauern und Stacheldraht</h2>
-
-
-<p>Der englische Offizier beruhigte mich: „Seien
-Sie versichert,” sagte er mir, „Sie können
-heute noch in Gibraltar Ihren Schweizer Konsul
-sprechen; wenn der die Richtigkeit Ihres Passes
-bestätigt, dann sind Sie am selben Tage frei.”</p>
-
-<p>Was es damit auf sich hatte, erfuhr ich nur zu
-bald. Die Dampfbarkasse rauschte dem Lande zu,
-und bald legte sie am inneren Teil des Kriegshafens
-an.</p>
-
-<p>Zehn Soldaten mit aufgepflanztem Seitengewehr
-standen an der Anlegestelle bereit. Einige
-kurze Befehle, die paar Sachen, die wir mitgenommen
-hatten, nahmen wir selbst auf den
-Buckel, dann mußten wir uns in zwei Reihen aufstellen,
-die zehn Soldaten umringten uns, und
-auf das Kommando: <span class="antiqua">„Quick marsh”</span> setzte sich
-der traurige Zug in Bewegung.</p>
-
-<p>Alles mit mir und um mich herum geschah wie
-im Traum. Ich war überhaupt kaum fähig, einen
-Gedanken zu fassen, so war ich niedergeschmettert.</p>
-
-<p>Gefangen!</p>
-
-<p>War es wirklich wahr? Gab es so etwas
-überhaupt?</p>
-
-<p>Es war entsetzlich, unfaßbar! Wie ein Verbrecher
-wurde man hier entlang geführt, und wie
-Verbrecher wurden wir von der Bevölkerung, an
-der wir vorbeigehen mußten, angesehen. Die
-Soldaten trieben uns zur Eile an. Ich war<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span>
-schwach zum Umsinken, da ich das Fieber noch
-nicht ganz überwunden und seit drei Tagen außer
-Chinin nicht das geringste in den Magen bekommen
-hatte. Die Sonne brannte auf die
-Felswände herab, und dann der seelische Zustand,
-die Hoffnungslosigkeit!</p>
-
-<p>Trostlos!</p>
-
-<p>Immer höher ging's durch schmale, erhitzte
-Gassen, bald verschwanden die Häuser unter uns,
-steile, nackte Felsen an beiden Seiten. Nach einer
-Stunde hatten wir die höchste Spitze des Gibraltar-Felsens
-erreicht. Kommandorufe erschollen,
-Drahthindernisse und eiserne Tore wurden geöffnet,
-dumpf schlugen sie wieder ins Schloß,
-Ketten und Riegel klirrten.</p>
-
-<p>Gefangen!</p>
-
-<p>Nun wurden wir zuerst zur Polizeiwache gebracht
-und einem Verhör unterzogen. Ich protestierte
-energisch und verlangte, umgehend vor
-meinen Konsul geführt zu werden, wie mir von
-dem englischen Offizier ausdrücklich zugesichert war.
-Ein bedauerndes Lachen war die Antwort. Ach,
-wir waren ja nicht die ersten, die so heraufgebracht
-waren und dasselbe Ansinnen gestellt
-hatten. Wie unendlich viele haben wohl hier
-oben gestanden und endgültig ihre Hoffnungen
-begraben müssen!</p>
-
-<p>Jetzt begann die körperliche Untersuchung.</p>
-
-<p>„Hat jemand von den Gefangenen Geld bei
-sich?”</p>
-
-<p>Keiner antwortete selbstverständlich. Wir mußten<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span>
-uns ausziehen, und jedes Kleidungsstück wurde
-eingehend auf Geld, Doppelgläser, Photographenapparate
-und besonders auf Schriftstücke untersucht.
-Ich kam als dritter an die Reihe, mein
-Hemd durfte ich anbehalten.</p>
-
-<p>„Haben Sie Geld?”</p>
-
-<p>„Nein!”</p>
-
-<p>Der Feldwebel tastete an meinem Körper
-herum, plötzlich klimperte etwas in der linken
-Brusttasche meines Hemdes.</p>
-
-<p>„Was ist das?”</p>
-
-<p>„Ich weiß nicht!”</p>
-
-<p>Nun griff er in die Tasche hinein, und was holte
-er heraus?: ein wunderschönes Zwanzigdollarstück
-aus bestem amerikanischem Golde und außerdem
-ein kleines Perlmutterknöpfchen, welches
-mich durch das Gegenschlagen gegen das Geldstück
-bei der Untersuchung verraten hatte. Ich sage ja,
-das hat man von der Ordnungsliebe! Hätte ich
-das Knöpfchen zwei Tage früher fortgeworfen,
-statt es sorgfältig aufzubewahren, wäre dies nicht
-passiert. Der englische Soldat freute sich, derlei
-Scherzchen schienen recht oft vorgekommen zu
-sein. Doch nun untersuchte er genauer. Und zu
-meinem Kummer holte er mir auch aus der
-anderen Hemdentasche und aus den beiden
-Hosentaschen noch je ein schönes Goldstück
-heraus; und dazu leider auch noch meine kleine
-Browningpistole, die mich nun schon so treulich
-all die Monate lang begleitet hatte.</p>
-
-<p>Als ich fertig ausgeplündert war, durfte ich<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span>
-mich wieder anziehen und zu den anderen Leidensgenossen
-in den Gefängnishof treten.</p>
-
-<p>Dann ging's in unsere zukünftigen Quartiere.
-Etwa fünfzig zivilgefangene Deutsche empfingen
-uns mit lautem Hallo. Diese saßen schon seit
-Beginn des Krieges hier und hatten ihren Humor
-scheinbar vollständig wiedergefunden. Unsere
-neuen Kameraden luden uns gleich zum Essen
-ein, und wie die Wilden stürzten wir auf den von
-den Gefangenen selbst hergestellten Brotpudding.</p>
-
-<p>Dann ging's an die Arbeit.</p>
-
-<p>Erst mußten wir Kohlen und Wasser schleppen.
-Wir wurden ungefähr der Größe nach verteilt,
-und durch Zufall kam der schmierige Schweizer,
-vor dem ich mich auf dem Dampfer schon geekelt
-hatte, mit mir zusammen. Es stellte sich heraus,
-daß er auch Schlosser war, also denselben Beruf
-wie ich erwählt hatte.</p>
-
-<p>Später, wo wir beide dann dauernd zusammen
-waren, korrigierten wir etwas unseren Beruf, und
-zwar waren wir dann nicht mehr Schlosser,
-sondern Schloß<em class="gesperrt">herr</em>.</p>
-
-<p>Damit übervorteilten wir keinen, und die Sache
-hatte vor allen Dingen den Vorteil der Billigkeit,
-und daß sie sich durch eine einfache Änderung
-in der Aussprache bewerkstelligen ließ.</p>
-
-<p>Vorläufig aber schleppten wir noch Kohlen,
-und daß die einzelnen Kiepen nicht zu voll wurden,
-dafür sorgten wir schon. Wir waren ja auch so
-schwächlich!</p>
-
-<p>Nachdem wir Kohlen und Wasser genügend<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span>
-geschleppt hatten, empfingen wir unsere dreiteiligen
-Soldatenmatratzen, hart wie Stein,
-dazu zwei wollene Decken. Dann hatten wir für
-diesen Abend Ruhe. Das erste jetzt war das
-Waschen. Ich sehe die Szene heute noch.</p>
-
-<p>Mein schmieriger Kollege von derselben Fakultät
-setzte sein Waschbecken neben das meine und
-zog in aller Seelenruhe sein Hemd aus. Donnerwetter,
-so viel Sauberkeit hatte ich doch nicht erwartet,
-und ich musterte ihn kritisch. Tadellos
-gewachsener Körper und sogar sauber, ja blitzsauber!
-Aber Kopf, Hals und Hände, brrr!
-Mitten im Waschen hörte ich plötzlich auf. Mein
-Gesicht wurde immer länger, mein Erstaunen war
-groß. Das Waschwasser meines Kollegen war
-schwarz wie Brühe, aber er? Das war ja ein
-ganz anderer, der jetzt neben mir stand. Die vorher
-schwarzen und schmierigen Haare leuchteten
-in hellstem Blond, das Gesicht war frisch und
-weiß und zeigte feine Züge, und die Hände waren
-schlank und wohlgebaut. Und, war es möglich?
-Quer über die Backen und über die Schläfen da
-zogen sich Schmisse, richtige, echte deutsche Studentenschmisse
-hindurch. Das Hallo, und das
-Gefrage und Erzählen, das nun folgte. Mein
-Kollege war ein echter deutscher Student gewesen,
-hatte jetzt in Amerika eine schöne Automobilfabrik
-sich gegründet und hatte dort drüben alles
-stehen und liegen gelassen, um als Reserveoffizier
-seinem Vaterlande zu helfen. Schnell
-schlossen wir uns aneinander an und sind treue,<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span>
-unzertrennliche Freunde geblieben durch viele
-Wochen der Gefangenschaft, bis das Schicksal
-uns leider wieder trennte. Wir beiden Schloß<em class="gesperrt">herren</em>
-waren aber bald bekannt.</p>
-
-<p>Abends um zehn Uhr wurde Zapfenstreich geblasen,
-Licht aus in allen Räumen.</p>
-
-<p>Ich hatte meine Schlafstelle an einem Fenster
-aufgeschlagen, welches bis dicht auf den Fußboden
-herunterreichte. Auf der Erde liegend
-konnte ich bequem aus dem Fenster heraussehen.</p>
-
-<p>Der Tag hatte so viel Neues gebracht, jetzt erst
-kam ich zur Ruhe und zur Überlegung.</p>
-
-<p>Die Kaserne, in der wir untergebracht waren,
-lag hoch oben auf der höchsten Spitze von Gibraltar,
-da wo die Felsen steil nach Süden zu ins
-Meer herabfallen.</p>
-
-<p>Durch das Fenster erblickte ich jetzt tief unter
-mir das wunderbar blaue Wasser der Meerenge
-von Gibraltar.</p>
-
-<p>Drüben, ganz fern am Horizont, grüßte fein
-und hell die Küste von Afrika herüber.</p>
-
-<p>Da unten war die Freiheit, Schiffe fuhren hin
-und her, auf denen Menschen lebten, freie, ungebundene
-Menschen, die fahren konnten, wohin
-sie wollten, und &mdash; &mdash; &mdash; nicht wußten, wie
-wunderbar und kostbar Freiheit war!</p>
-
-<p>Es war zum Wahnsinnigwerden!</p>
-
-<p>Die Gedanken jagten sich, die Ereignisse des
-Tages zogen im Geiste an mir vorüber, und wenn
-ich daran dachte, daß ich jetzt auch dort unten auf<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span>
-einem der Dampfer schwimmen könnte, dann
-hätte ich am liebsten aufbrüllen mögen vor Wut.</p>
-
-<p>Ach ja, heute war der achte Februar, mein
-Geburtstag, <em class="gesperrt">den</em> Tag hatte ich mir allerdings
-anders vorgestellt!</p>
-
-<p>Wie ein Irrsinniger wälzte ich mich auf meinem
-Lager herum, und wenn ich nachsann, wie jetzt
-alles hätte sein <em class="gesperrt">können</em>, was ich alles von diesem
-Tage erhofft hatte und wie ich mir die Zukunft
-ausgemalt hatte, dann packte mich die wilde
-Verzweiflung, und vor ohnmächtiger Wut liefen
-mir die Tränen aus den Augen, ohne daß ich es
-verhindern konnte.</p>
-
-<p>Sehnsucht, o du furchtbare Sehnsucht!</p>
-
-<p>In dieser Nacht war ich nicht der einzige, dem es
-so ging.</p>
-
-<p>Aus vier anderen Lagern sahen bleiche Gesichter
-heraus, weitgeöffnete Augen starrten zur Decke,
-und manch unterdrücktes Schluchzen biß sich in die
-Decken hinein. Am nächsten Morgen um vier
-Uhr wurden wir plötzlich alle geweckt. Die englischen
-Unteroffiziere gingen die Räume entlang,
-und es wurde der Befehl gebrüllt, daß alle deutschen
-Gefangenen sich sofort klar zu machen hätten,
-in zwanzig Minuten abzumarschieren und mit
-einem bereits klar liegenden Dampfer nach England
-zu fahren.</p>
-
-<p>Nach England? Das war doch gar nicht möglich,
-wir waren doch Schweizer, wir sollten doch heute
-unseren Konsul sprechen!</p>
-
-<p>An der stoischen, unerschütterlichen Ruhe der<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span>
-Engländer prallten alle unsere Versuche ab.
-Nun schnell alles zusammengerafft, und genau
-eine halbe Stunde später marschierten wir sechsundfünfzig
-Zivilgefangene, umringt von hundert
-schwer bewaffneten englischen Soldaten, in den
-leuchtenden Morgen hinein und den Felsen von
-Gibraltar hinab.</p>
-
-<p>Aber daß unser Stolz nicht gebrochen war,
-das wollten wir den Engländern beweisen. Und
-schmetternd und hell, verstärkt durch die Wut, die
-in uns kochte, jubelte „Die Wacht am Rhein”
-und „O Deutschland hoch in Ehren” zum Himmel
-empor.</p>
-
-<p>Unten lag ein riesiger Transportdampfer, bis
-an den Rand gefüllt mit englischen Truppen.
-Durch die Menge der Abschiedgebenden und der
-Abschiednehmenden wurde eine schmale Gasse gebahnt,
-und im Gänsemarsch liefen wir Spießruten.
-Doch das muß ich sagen, es gab niemanden, der
-uns belästigte, nicht einen einzigen, der uns etwas
-zurief. Stumm wurde uns Platz gemacht, stumm
-ließ man uns passieren, ja hier und da traf sogar
-ein Blick des Bedauerns und des Mitleids diesen
-traurigen Zug.</p>
-
-<p>An Bord war vorne in der ersten Abteilung
-im Ladedeck notdürftig ein Raum gezimmert worden.
-Bänke und Tische und Hängematten waren
-vorhanden, alles wie an Bord eines Truppentransportschiffes.</p>
-
-<p>In dem Raum befanden sich zwei Posten mit
-aufgepflanztem Seitengewehr, oben am Luk<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span>
-standen ebenfalls zwei Posten, das Luk wurde
-von außen dicht gemacht und verschlossen, und
-drinnen saßen wir in der Falle. Die Bullaugen
-unseres Aufenthaltsraumes waren mit eisernen
-Blenden fest verschlossen, damit ja keiner von uns
-heraussehen oder womöglich aus einem geöffneten
-Bullauge Lichtsignale geben könnte. Nach kurzer
-Zeit schon ging ein leises Zittern durch das Schiff,
-die Maschinen setzten sich in Bewegung, und dann
-fing unser schwimmendes Gefängnis an, sich sanft
-und leise zu heben und zu senken.</p>
-
-<p>Wir waren in freier See.</p>
-
-<p>Tagelang ging es so weiter. Wir saßen streng
-bewacht, eingeschlossen in unserem Raum, einmal
-am Tage wurden wir hinaufgelassen und
-durften für eine Stunde frische Luft schöpfen.
-Eine recht primitive Bedürfnisanstalt war auf
-dem Vordeck aus ein paar Brettern zusammengeschlagen
-worden, und wer diese benutzen wollte,
-mußte sich beim Posten melden. Zwei Soldaten
-mit aufgepflanztem Seitengewehr geleiteten ihn
-dann und behielten ihn auch die ganze Zeit über
-im Auge. Mehr als einer gleichzeitig durfte dazu
-nicht an Deck erscheinen. Das Essen war gut,
-richtige Schiffskost, besonders gut war das Brot,
-die Butter und der überaus reichliche, vorzügliche
-Jam. Die Zeit vertrieben wir uns, so gut es ging,
-mit Lesen oder Erzählen, und vor allen Dingen
-wurde die Frage unserer Zukunft und das, was
-uns in England erwartete, lebhaft erörtert.
-Die beiden Posten, die ständig unten im Raum<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span>
-standen, freundeten sich bald mit uns an, und
-wir haben den armen Tommies mit unseren Erzählungen,
-wie es an der Kampffront in Frankreich
-aussähe, ganz furchtbare Angst gemacht.</p>
-
-<p>In der Biscaya bekamen wir sehr schlechtes
-Wetter.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Das</em> war ein Zustand! Zu sechsundfünfzig in
-dem kleinen Raum eingepfercht, ohne Licht und
-Luft, und dazu der größte Teil seekrank. Am
-schlimmsten seekrank waren aber unsere englischen
-Posten und die Soldaten, die uns das Essen
-brachten. Sie boten ein Bild des Jammers. Als
-wir in die Nähe des Englischen Kanals kamen, bemächtigte
-sich eine allgemeine Nervosität und Unruhe
-der englischen Schiffsbesatzung. Täglich
-wurde Musterung mit Schwimmwesten abgehalten.
-Unsere Erholungsstunden an Deck fielen
-aus, und die englischen Soldaten hörten mit
-ihrem ängstlichen Gefrage nach unseren U-Booten
-überhaupt nicht mehr auf. Was haben wir denen
-die Hölle heiß gemacht!</p>
-
-<p>Endlich nach zehn Tagen lief der Dampfer in
-Plymouth ein. Als die Ankerkette rasselte und
-wir, sicher vor U-Booten, in dem schützenden Hafen
-lagen, konnten wir durch die Schottür sehen, wie
-die englischen Soldaten auf die Knie sanken, und
-hörten, wie sie kirchliche Lob- und Danklieder
-sangen zum Dank für die Errettung aus deutscher
-U-Boots-Gefahr.</p>
-
-<p>Gleich nach der Ankunft kam ein Tender
-längsseit und nahm uns Gefangene mit selbstverständlich<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span>
-der doppelten Anzahl der Bewachung
-auf und brachte uns an Land.</p>
-
-<p>Auf die Ankunft <em class="gesperrt">so vieler</em> Gefangenen schien
-man nicht vorbereitet zu sein. Die Engländer
-waren einfach kopflos. Kein Mensch wußte, was
-mit uns geschehen sollte, kein Mensch, der Rat
-schaffen konnte.</p>
-
-<p>Endlich wurden wir in einen Zug verladen,
-ich selber kam allein in ein Abteil, rechts und links
-von mir und mir gegenüber je ein Unteroffizier
-mit aufgepflanztem Seitengewehr, die den strengen
-Befehl erhalten hatten, mich scharf zu bewachen.
-Der Grund zu dieser besonderen Ehre
-war folgender:</p>
-
-<p>Als ich eingesehen hatte, daß es gänzlich ausgeschlossen
-war, daß ich jemals wieder freigelassen
-würde oder man mich als Schweizer anerkannte,
-hatte ich mich auf dem Dampfer ebenso wie die
-anderen Gefangenen dem führenden Offizier
-zu erkennen gegeben und verlangt, daß ich meinem
-Range entsprechend behandelt würde. Der englische
-Offizier erklärte mir, mich sofort in die erste
-Klasse aufzunehmen, wenn ich mein Ehrenwort
-geben würde, niemals einen Fluchtversuch zu
-machen und in diesem Kriege nicht mehr mitzukämpfen.
-Da ich dieses Ansinnen selbstverständlich
-mit Entrüstung ablehnte, wurde ich wieder in
-den Laderaum geschickt. Der einzige Erfolg war
-die strengere Bewachung.</p>
-
-<p>Abends bei Dunkelheit kamen wir in Portsmouth
-an. Auf dem Bahnhof und auch sonst wußte<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span>
-keiner, was mit uns anzufangen. Auch hier schien
-alles durch die ungeheuer große Gefangenenzahl
-(wir waren sechsundfünfzig Männekens) vollständig
-den Kopf verloren zu haben.</p>
-
-<p>Schließlich wurden wir in das Arresthaus (ein
-etwas besseres Gefängnis) geschafft. Auch hier
-große Überraschung und Verwirrung. Das
-Arresthaus ist dazu da, betrunkene Soldaten und
-Matrosen, die nachts auf den Straßen oder im
-Lokal aufgesammelt werden, unterzubringen, um
-sie ihren Rausch ausschlafen zu lassen und dann
-am nächsten Tage, nach Verabfolgung einer gehörigen
-Tracht Prügel, ihren Kommandos wieder
-zuzustellen. Ein alter, widerlicher Gefängniswärter
-und zwei ebenso alte, aber gemütliche und
-biedere Soldaten hatten die Aufsicht. Auf drei
-Zimmer wurden wir verteilt. Die Räume waren
-vollständig leer, eine elende Gasflamme erhellte
-sie notdürftig. Die Fenster waren zum großen
-Teil zerbrochen, es herrschte eine grimmige Kälte,
-und die Kamine hatten selbstverständlich kein
-Feuer. Den ganzen Tag hatten wir nichts zu
-essen bekommen, und hungrig wie die Wölfe
-hatten wir uns auf die Abendkost gefreut.</p>
-
-<p>Abendbrot? Auch nicht vorhanden!</p>
-
-<p>Da gingen wir denn zu den beiden alten Soldaten,
-und in kurzer Zeit hatten wir mit ihnen
-Freundschaft geschlossen. Ein kleines Trinkgeld
-bewirkte Wunder. Die alten Knacker rissen sich
-fast die Beine für uns aus. Wir gaben ihnen
-Geld mit, und schon nach einer halben Stunde<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span>
-keuchten sie schwer beladen mit Brot, Butter und
-Aufschnitt herein. Zwei riesige Töpfe Tee, mit
-Milch und Zucker gemischt, wurden aufgesetzt, Holzkohle
-konnten wir uns selber holen, und bald
-prasselte in allen drei Kaminen ein wundervolles
-Feuer. Die Eßvorräte waren ganz ausgezeichnet
-und so reichlich, daß selbst wir Ausgehungerten
-etwas übrigließen.</p>
-
-<p>Unsere gute Laune erreichte ihren Höhepunkt,
-als die Soldaten uns einige englische Zeitungen
-zusteckten. Der geistige Hunger war ja noch größer
-gewesen als der körperliche, denn seit Wochen
-hatten wir nicht das geringste von dem, was in
-der Welt vorging, gehört. Wenn auch in den
-Zeitungen natürlich <em class="gesperrt">nur</em> von englischen, französischen
-und russischen Siegen berichtet wurde,
-so wußten wir doch wenigstens, wo was los war.</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 600px;">
-<img class="bordered" src="images/illu-165.jpg" width="600" height="416" alt="" />
-<div class="caption">Der Verfasser (in Zivil) mit dem abgeschlagenen Motor seines
-Flugzeuges beim Mandarin von Hai-Dschou</div>
-</div>
-
-<p>Streng verboten war uns auch der Alkohol.
-Doch auch in England schien ein Verbot nur zum
-Übertreten da zu sein. Einer von unseren Posten
-war nämlich Mitglied einer in England und Amerika
-weit verbreiteten Freimaurerloge, in der zufällig
-auch mein Freund, der andere Schloß<em class="gesperrt">herr</em>,
-Meister war. Als der Soldat das Freimaurerabzeichen
-im Knopfloch meines Freundes erkannte,
-da war die Freundschaft besiegelt. Im
-Erdgeschoß unseres Gefängnisses war eine kleine
-Kantine, und einer nach dem anderen von uns
-wurde von dem guten Logenbruder heruntergeführt,
-stärkte sich unten und konnte auch seine
-Tasche mit Bierflaschen gefüllt heraufbringen,</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 600px;">
-<img class="bordered" src="images/illu-166.jpg" width="600" height="372" alt="" />
-<div class="caption">Donington Hall, Leicestershire, England, wo die gefangenen deutschen Offiziere interniert sind.</div>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span>
-
-Das Beste war, daß unsere Posten, die mit
-aufgepflanztem Gewehr vor unserer Tür Wache
-gingen, uns ruhig weggehen ließen und uns
-sogar baten, wir möchten ihnen einige Flaschen
-Bier mit heraufbringen. Um neun Uhr abends
-waren unsere Posten bereits so weit, daß wir
-mit ihnen zusammen Gewehrgriffe übten, um
-elf Uhr abends ließ der eine Posten sogar sein
-Gewehr fallen und kippte selber mit dem ganzen
-Kohlenkasten, auf dessen Rand er sich gesetzt
-hatte, um.</p>
-
-<p>Wenn ich damals schon <em class="gesperrt">die</em> Erfahrungen besessen
-hätte, die ich mir nach fünfmonatiger Gefangenschaft
-angeeignet hatte, ich wäre da schon
-ausgerückt.</p>
-
-<p>Sowohl in diesem Gefängnis wie auch in allen
-anderen Lagern, wo wir mit den englischen Tommies
-zusammenkamen, war deren erste Bitte,
-nachdem wir uns etwas angefreundet hatten,
-ihnen einen Zettel zu überlassen mit unserer
-Adresse und womöglich noch der Adresse von Bekannten
-in Deutschland und der Bescheinigung,
-daß der englische Soldat Soundso uns gut behandelt
-hätte. Diese Zettel wurden von ihnen
-wie Heiligtümer aufbewahrt, damit sie sie vorzeigen
-könnten, wenn sie an die Front kämen
-und in deutsche Gefangenschaft gerieten.</p>
-
-<p>Zum Schlafen erhielten wir winzige Zeltstrohsäcke,
-die so kurz waren, daß unten die Füße
-von den Waden ab herausragten, und so schmal,
-daß nur ein ganz geschickter Zirkuskünstler mit dem<span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span>
-Rücken darauf balancieren konnte. Dazu gab's
-zwei wollene Decken. Wie die Bären haben wir
-geratzt. Allerdings lagen wir am nächsten Morgen
-alle neben den Matratzen. Am nächsten Morgen,
-es war Sonntag, erschien ein hoher Armeeoffizier,
-um uns zu besichtigen. Er fragte nach unseren
-Wünschen. Ich berief mich nochmals darauf,
-daß ich Offizier wäre und als solcher das Recht
-hätte, zu verlangen, als kriegsgefangener Offizier
-behandelt zu werden. Der Mann war sehr liebenswürdig,
-versprach mir alles, wenn wir erst am
-nächsten Tage an unserem Bestimmungsort angelangt
-wären, und &mdash; &mdash; hielt nichts.</p>
-
-<p>Endlich am Montag wurden wir aus unserem
-Gefängnis befreit. Wie immer dicht umringt
-von unserer Wachmannschaft, marschierten
-wir zum Hafen, nahmen auf einem kleinen
-Dampfer Platz und fuhren auf die Reede hinaus.</p>
-
-<p>Nach einer einstündigen Fahrt legten wir an
-einem riesigen Dampfer an, der als Gefangenenlager
-diente. Nach einer längeren Verhandlung
-mußten wir wieder ablegen, da der Kommandant
-des Dampfers erklärte, er wüßte von uns
-nichts und hätte außerdem keinen Platz. Bei dem
-nächsten Dampfer, es war der Cunard-Liner
-„Andania”, dasselbe Schauspiel. Ob nun der
-englische Offizier, der uns führte, ein englischer
-Major, besser schimpfen konnte als der Lagerkommandant,
-oder woran es lag, jedenfalls gingen
-wir nach einer halben Stunde an Bord.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span>
-
-Ein dicker aufgeblasener englischer Armeeleutnant,
-der die Stellung des Lagerkommandanten
-und gleichzeitig Dolmetschers auf diesem
-Schiff bekleidete, nahm uns in Empfang.</p>
-
-<p>Als ich an der Reihe war, gemustert zu werden,
-brachte ich in höflichem Tone mein Anliegen vor
-und verlangte energisch, daß ich den Bestimmungen
-gemäß in ein Offizierslager gebracht würde. Die
-Antwort dieses Gentleman war unerhört und
-zeigte seinen gemeinen Charakter recht deutlich.</p>
-
-<p>„Sie werde ich ganz besonders schlecht behandeln,
-ich habe schon von Ihnen gehört, Sie sind
-aus Tsingtau ausgekniffen und haben mehrere
-Male Ihr Ehrenwort gebrochen; wenn Sie noch
-einen Ton hier sagen, sperre ich Sie ein und lasse
-Sie so lange hungern, bis Sie überhaupt nicht
-mehr reden können. Die englischen Offiziere werden
-in Deutschland so schlecht behandelt, das
-sollen Sie jetzt büßen.”</p>
-
-<p>Das waren mir nette Aussichten. Was sollte
-ich dagegen machen?</p>
-
-<p>Auf dem Dampfer waren über tausend Gefangene.
-Die Unterbringung das Schamloseste,
-was ich jemals gesehen. Ohne Licht und Luft
-saßen die Leute in den unteren Räumen des
-Schiffes zusammengepfercht, und die einzige
-körperliche Bewegung bestand im Aufundablaufen
-auf dem schmalen Vor- und Achterdeck.
-Als wir in den für uns bestimmten Raum geführt
-wurden, packte mich ein wahres Grauen.
-Ich glaube, ich wäre verrückt geworden, hätte ich<span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span>
-da längere Zeit hausen sollen. Unser englischer
-Unteroffizier schien ein vernünftiger Mann zu
-sein. Ich hatte sogar das Glück, durch ihn mit
-meinem Schlosserkameraden eine kleine Kabine
-an der Bordwand zu erhaschen, die sogar ein Bullauge
-besaß. Das Leben an Bord war höchst eintönig.
-Morgens um sechs Uhr Wecken und abends
-um zehn Uhr Licht aus. Vor- und nachmittags
-mußten wir je zwei Stunden an Oberdeck herumstehen,
-und jeden Mittag war Appell. Die Mahlzeiten
-nahmen wir in den riesigen Speisesälen
-des Dampfers ein. Wir saßen zu zwölf an einem
-Tisch, und genau wie alle anderen ging ich meinen
-Stubendienst, holte aus der Kombüse das Essen
-für den ganzen Tisch und wusch auch das ganze
-Speisegeschirr mit ab.</p>
-
-<p>Unser Kommandant hieß übrigens Maxstedt;
-er war Whiskyreisender von Zivilberuf und hatte
-dabei wohl so viel Geld verdient, daß er sich sein
-Offizierspatent kaufen konnte. Über eins hatte
-er sich besonders geärgert. Gleich nach unserer
-Ankunft wurden wir gefragt, wer von uns täglich
-zwei Mark fünfzig Pfennig bezahlen wolle. Dafür
-könnten die Betreffenden in einem Raum
-für sich allein und etwas Besseres essen und brauchten
-ihr Eßgeschirr nicht selbst abzuwaschen.
-Daß keiner von uns auf diesen Schwindel hineinfiel,
-hatte ihn besonders erbost.</p>
-
-<p>Am zweiten Tage hatte ich meinen englischen
-Bericht an die englische Regierung fertig und stieg
-damit zum Herrn Maxstedt hinauf. Höhnisches<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span>
-Grinsen seinerseits. „Sie wissen doch, Ihr Gesuch
-gebe ich weiter, aber was ich dazu schreibe,
-das können Sie sich wohl denken. In Deutschland
-müssen die englischen Generale wie die Pferde
-vor dem Pflug hergehen, <em class="gesperrt">das</em> sollen Sie jetzt büßen.”</p>
-
-<p>Es war vergeblich, ihn von der Torheit seiner
-Behauptungen zu überzeugen. Jeden Abend
-bei der Ronde nach dem Zubettgehen kam er
-extra in meine Kammer, drehte das Licht an und
-sagte: <span class="antiqua">„Still here?”</span> Zu kindisch!</p>
-
-<p>Eines Tages wurde uns fünfzig Zivilgefangenen
-von Herrn Maxstedt befohlen, das Deck
-der ersten Klasse zu scheuern und die dortigen
-Bullaugen zu putzen. Unser Streik war selbstverständlich.
-Als wir bei unserer Weigerung
-blieben, wurden wir mit zweimal Mittagessenentbehren
-und abends um neun Uhr Zubettgehen
-bestraft. Dabei war der Maxstedt so feige,
-daß er nicht wagte, bei der Musterung an unserer
-Front vorbeizugehen und uns die Strafe
-selbst aufzubrummen. Vielmehr blieb er in
-respektvoller Entfernung und sandte nur seinen
-Unteroffizier als Herold.</p>
-
-<p>Maxstedt schäumte.</p>
-
-<p>„Natürlich”, sagte er, „ist wieder dieser <span class="antiqua">flying
-man</span> dran schuld, der stachelt noch die ganze Besatzung
-zur Meuterei auf, aber ich werd's ihm
-eintränken, ich werde ihn schon vor das Kriegsgericht
-bringen.”</p>
-
-<p>Die Sache wurde mir doch zu bunt, ich war vollständig
-unschuldig und schrieb Maxstedt einen recht<span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span>
-energischen Brief, in dem ich unter anderem betonte,
-ich hoffte, er sei nur <span class="antiqua">temporary lieutnant</span>,
-nicht aber auch <span class="antiqua">temporary gentleman</span>. Das half!</p>
-
-<p>Maxstedt behauptete, mit diesem <span class="antiqua">flying man</span>
-nichts mehr zu tun haben zu wollen, und schon am
-nächsten Tage lag ein Dampfer längsseit und
-führte mich mit noch einigen Leidensgenossen von
-der „Andania” und seinem gemeinen Gefängniswärter
-fort.</p>
-
-<p>Wie wohl war mir da zumute! Mit der Eisenbahn
-ging es wieder stundenlang westwärts.
-Ich natürlich wieder in einem Kupee allein,
-diesmal außer den drei Unteroffizieren auch noch
-von einem Offizier bewacht.</p>
-
-<p>Abends langten wir in Dorchester an.</p>
-
-<p>Hier wehte eine andere Luft, das merkte man
-gleich. Ein englischer Kapitän namens Mitchell
-vom Gefangenenlager trat auf mich zu und fragte
-mich höflich, ob ich Offizier sei.</p>
-
-<p>„Ja!”</p>
-
-<p>„Dann wundert es mich aber sehr, daß Sie in
-ein Mannschaftslager gebracht werden. Bitte
-verzeihen Sie, daß ich Ihnen keinen Offizier zu
-Ihrer Begleitung stelle, ich gebe Ihnen aber meinen
-ältesten Feldwebel, wollen Sie dann bitte
-allein hinter den anderen Gefangenen hergehen.”</p>
-
-<p>Ich war sprachlos.</p>
-
-<p>Als wir durch das entzückende, saubere Städtchen
-hindurchmarschierten, da erscholl plötzlich
-hinter uns frisch und hell und klar und mit Begeisterung
-geschmettert „Die Wacht am Rhein”,<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span>
-dann schönste Soldatenlieder und „O Deutschland
-hoch in Ehren”. Wir wähnten zu träumen, und
-als wir uns verwundert umsahen, marschierte hinter
-uns ein Trupp von zirka fünfzig strammen deutschen
-Soldaten, die von dem Lager zum Bahnhof
-kommandiert waren, um unser Gepäck abzuholen.</p>
-
-<p>O wie schwoll einem das Herz! Mitten in
-Feindesland, trotz Wunden und Gefangenschaft
-diese helle Begeisterung, dieser schmetternde Gesang!
-Das muß ich den Engländern lassen, sie
-waren außerordentlich tolerant, und die Bevölkerung
-hat sich stets mustergültig betragen. Stumm
-stand sie dicht gedrängt zu beiden Seiten der
-Straße, aus allen Fenstern schauten blonde
-Köpfchen hervor, nirgends eine verächtliche Bewegung,
-nirgends ein Schimpfwort. Ja zum
-Teil schien man den alten deutschen Melodien
-wie einem Wunder zu lauschen.</p>
-
-<p>Im Lager erhielten wir Zivilgefangene zu je
-dreißig eine kleine Holzbaracke angewiesen, die
-unseren Schlaf-, Wohn- und Eßraum bildete.
-Ein winziger Zeltstrohsack, der direkt auf dem
-Fußboden lag, und zwei wollene Decken bildeten
-unseren Schlafplatz. Mein Kapitän bat mich,
-mit dem zur Verfügung Stehenden vorliebzunehmen,
-da er leider für mich aus Platzmangel
-kein Extrazimmer frei hätte.</p>
-
-<p>Das Lager von Dorchester faßte rund zwei- bis
-dreitausend Gefangene und bestand zum Teil
-aus alten Rennställen und aus Holzbaracken.
-In denselben Ställen hatten bereits vor hundert<span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span>
-Jahren deutsche Husaren gelegentlich des Besuchs
-des Feldmarschalls Vorwärts in England
-als Gäste gehaust!</p>
-
-<p>Die Gefangenen fühlten sich hier sehr wohl, das
-Essen war gut und reichlich, die Behandlung einwandfrei,
-und für sportliche Betätigung war gut
-gesorgt.</p>
-
-<p>Besonders der Kapitän Mitchell und der
-Major Owen haben sich um das Wohlergehen
-unserer Leute verdient gemacht. Beide waren
-prächtige alte Soldaten von echtem Schrot und
-Korn, hatten viele Kriege und Kämpfe mitgemacht
-und wußten den Soldaten richtig anzufassen.
-Diese beiden und der englische Arzt
-haben dann auch unseren Leuten eine Musikkapelle,
-Turngeräte und Sportspiele geschenkt
-und, wo sie konnten, den Leuten Gutes getan.
-Ein ganz hervorragendes Verdienst hat sich der
-älteste deutsche Gefangene, ein Feldwebelleutnant
-X. aus München, erworben. Er war Kaufmann
-von Zivilberuf und sprach fließend Englisch. Ein
-ganz hervorragender Mann! Eigentlich war
-er die Seele des Ganzen, die richtige Mutter des
-Lagers. Auch nicht das geringste wurde gemacht,
-was er nicht vorher bestimmt hatte. Er
-war die rechte Hand des englischen Lagerkommandanten,
-und ohne ihn wären, glaube ich, die Engländer,
-die auch nicht den leisesten Schimmer von
-Organisationstalent besaßen, vollends durchgedreht.
-Es war geradezu erstaunlich, wie dieser
-Feldwebelleutnant es verstand, für das Wohlergehen<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span>
-unserer Leute zu sorgen und zwischen
-unseren Leuten und den Engländern zu vermitteln.
-Allerdings wußten auch die englischen
-Offiziere sehr gut, was für eine Stütze sie an ihm
-hatten. Schon am Tage nach meinem Eintreffen
-in Dorchester reichte ich nochmals mein Gesuch
-um Überführung in ein Offizierslager ein, denn
-wie ich vorausgesehen hatte, war mein erstes Gesuch
-von Herrn Maxstedt nicht weitergegeben
-worden. Nach vierzehn Tagen kam das Gesuch
-vom Kriegsministerium zurück mit der Anfrage,
-ob ich nicht jemand in England namhaft machen
-könne, der mich kenne. Nun entschloß ich mich
-zu dem schweren Schritt, schrieb meinen englischen
-Bekannten, und schon nach drei Tagen kam
-von ihnen die Nachricht zurück, daß sie mich kennten
-und mich sehr gern legitimieren würden.
-Nun ging das Ganze nochmals an das <span class="antiqua">War office</span>,
-und geduldig harrte ich meiner Versetzung.</p>
-
-<p>Wenn es nach dem alten Spruch gegangen
-wäre: Mit Geduld und Spucke fängt man eine
-Mucke, hätte ich Milliarden dieser Fliegerkollegen
-erlegen können. Vorerst blieb ich noch in Dorchester,
-und als vierzehn Tage nach unserer Ankunft
-die übrigen Zivilgefangenen wieder weiter
-transportiert wurden, da konnte ich es erwirken,
-in dem Soldatenlager Dorchester bleiben zu
-dürfen.</p>
-
-<p>Aus meiner Baracke zog ich aber aus und siedelte
-in ein Stübchen des Stalles über, in das ich
-vom Feldwebel N. liebevoll aufgenommen wurde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span>
-
-Das Leben in diesem Stübchen war einzig und
-von bester Kameradschaft beseelt. Außer aus dem
-Feldwebel bestanden meine Kameraden aus
-einem riesigen bayerischen Infanteristen vom
-Leibregiment, der den Spitznamen Schorsch
-hatte und gleichzeitig unser Koch war, aus einem
-fixen und gewandten Husaren-Gefreiten, gebürtigen
-Lothringer, von Zivilberuf Schutzmann,
-und endlich aus zwei prächtigen Gardeschützen,
-hünenhaft von Gestalt, echten blonden Friesen.
-Nach acht Tagen kam noch ein siebenter Gast
-hinzu, und zwar war dieser der Fähnrich zur
-See H., der als Flugzeugbeobachter mit seinem
-Flieger von den Engländern in der Nordsee aufgefischt
-war, nachdem sie über vierzig Stunden
-auf dem wracken Flugzeug herumgetrieben waren.</p>
-
-<p>Das Verhältnis auf der Stube war geradezu
-ideal. Die Mannschaften waren alle bei dem
-großen Rückzug nach der Marneschlacht gefangengenommen
-worden und, wie es bei diesen prächtigen
-Burschen nicht anders zu erwarten war, nur
-schwerverwundet in Feindeshand gefallen. Eine
-vornehme Gesinnung, eine Begeisterung und
-glühende Vaterlandsliebe besaßen diese Leute,
-daß mir vor Stolz ordentlich das Herz schwoll.
-Besonders nett waren die Abende. Man hätte
-uns nur sehen sollen, mit welcher Begeisterung
-und kindlichen Freude wir abends stundenlang
-auf einem selbst konstruierten Brett mit selbst
-hergestellten Korkenpferdchen unserem Pferdchenspiel
-oblagen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span>
-
-Und wenn erst das Erzählen anging!</p>
-
-<p>Alles war mir ja neu, und ich war glücklich,
-endlich aus bester Quelle von unseren herrlichen
-Kämpfen und Siegen etwas zu erfahren.</p>
-
-<p>Jeden Nachmittag wurden drei- bis vierhundert
-Gefangene, selbstverständlich von englischen Soldaten
-eng umgeben, spazieren geführt. Sehr oft
-bin ich mitgegangen. Es ging mitten durch das
-reizende Städtchen, dann im großen Bogen durch
-die schöne Umgebung. Die ganze Zeit über wurden
-Soldatenlieder gesungen, beim Hin- und
-Rückmarsch durch die Stadt mit besonderer Kraft
-und Begeisterung „Die Wacht am Rhein” und
-„O Deutschland hoch in Ehren”. Man stelle sich bloß
-vor, drei- bis vierhundert unserer besten Kerls,
-unserer Sieger unter General Kluck! Die englische
-Bevölkerung benahm sich auch hierbei stets
-einwandfrei. In dichten Reihen stand sie an den
-Seiten der Straßen, nirgends ein Schimpfwort,
-nirgends eine Drohung. Eine sehr nette Episode
-erzählte mir der Feldwebel: Als der Major Owen
-und Kapitän Mitchell neu zum Lager kommandiert
-waren, wurden sie von ihren Frauen inständigst
-gebeten, sich ja nicht ohne Bewachung und ohne
-schwerste Bewaffnung unter die deutschen Barbaren
-zu begeben. Die beiden alten Soldaten
-ließen sich jedoch in ihrer Meinung nicht irremachen,
-kamen ohne Waffen und wurden &mdash; &mdash;
-nicht aufgefressen. Nach einiger Zeit sagten sie
-zu ihren Frauen: sie sollten doch auch einmal in
-das Lager kommen und sich davon überzeugen,<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span>
-daß die deutschen Soldaten nicht <em class="gesperrt">das</em> wären, zu
-dem sie in englischen Zeitungen gemacht würden,
-sondern daß sie wirklich ganz normale Menschen
-seien.</p>
-
-<p>Die Damen fielen natürlich zunächst in Ohnmacht.
-Nach vielem Zureden aber, und nachdem
-ihnen versichert war, daß sie von einer starken
-Wache umgeben werden würden, wagten sie es,
-die Dienstzimmer ihrer Männer zu betreten und
-von oben aus dem Fenster herab dem Treiben
-der deutschen Soldateska zuzusehen. Der Besuch
-war bekanntgeworden, und stillschweigend hatte
-sich unser Männergesangverein unter der Leitung
-eines jungen talentierten Musikers unter den
-Fenstern eingefunden und fing an, seine schönsten
-Lieder zu singen. Die Damen sollen vor Ergriffenheit
-nicht fähig gewesen sein zu reden, sie traten
-ans Fenster und weinten bitterlich vor tiefstem
-Weh. Von nun ab kamen sie öfters, und viel
-Gutes ist durch sie unseren Leuten getan worden.</p>
-
-<p>Eine andere Geschichte ist auch recht bezeichnend.
-Ein neuer Oberst kam ins Lager. Bei seiner ersten
-Besichtigung war er bis an die Zähne bewaffnet
-und hatte vor und hinter sich einen Soldaten mit
-aufgepflanztem Bajonett. Als er den Major und
-den Kapitän vollkommen unbewaffnet und unbegleitet
-traf, machte er ihnen wegen ihrer Unvorsichtigkeit
-die größten Vorwürfe.</p>
-
-<p>Er hat sich aber bald gebessert.</p>
-
-<p>An einem Tage ließ dieser neue Kommandant
-die beiden anderen Herren kommen und sagte<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span>
-ihnen voll Entsetzen: „Ja, denken Sie sich, da sind
-gestern einige neue Gefangene gekommen, und
-mir ist gemeldet worden, sie hätten Läuse! So
-etwas Schreckliches kann doch nur bei diesen
-Deutschen vorkommen.” Darauf drehte sich der
-Kapitän ganz ruhig zu dem daneben stehenden
-Major um und sagte ihm: „Sie, Owen, wissen Sie
-noch, wie wir beide das letztemal im Feldzuge so
-voller Läuse steckten, daß wir uns nicht rühren
-konnten?” Der Oberst war sprachlos. Ich muß
-allerdings hinzufügen, daß der Oberst zwar Oberst
-war, aber nie in seinem Leben irgendwo militärisch
-zu tun gehabt hatte. Das gibt's auch nur in
-England!</p>
-
-<p>Gegen Ende März hielt ich endlich die erste
-Nachricht aus der Heimat in der Hand. Im
-Juli Neunzehnhundertvierzehn, kurz vor Ausbruch
-des Krieges, hatte ich von den Meinen die
-letzte Nachricht erhalten, die vom Juni stammte.
-Nun endlich, nach fast neun Monaten, wieder die
-ersten Zeilen.</p>
-
-<p>Man kann sich vorstellen, wie mir zumute war,
-als ich den ersten Brief in der Hand hielt und anfangs
-zögerte ihn zu öffnen. Alle meine Brüder
-und Verwandten waren Offiziere, sie alle standen
-seit Kriegsbeginn im Felde; was für Nachrichten
-brachten mir diese ersten Zeilen? Die eine Freudennachricht
-enthielt der kurze Bogen, daß meine
-Brüder trotz Kampf und Gefahr am Leben waren.
-Aber auch eine Trauerbotschaft, die mich schwer
-traf, daß mein geliebtes holdes Schwesterlein,<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span>
-mein treuester Freund und Kamerad, durch die
-Wirkung des Krieges gestorben war.</p>
-
-<p>Kriegsschicksal!</p>
-
-<p>An einem der letzten Tage des März kam endlich
-der Befehl, daß ich als Offizier anerkannt worden
-wäre und in ein Offizierslager übergeführt werden
-sollte. Mein Bündelchen und mein Hockeystock
-waren bald zusammengepackt, und nach herzlichem
-Abschied von den braven Kameraden marschierte
-ich in meinem besten Päckchen mit dem Major
-Owen zusammen zum Tore hinaus und zum
-Bahnhof.</p>
-
-<p>Das feine Taktgefühl des alten Haudegens
-hat mir besonders wohlgetan. Nach mehrstündiger
-Fahrt langten wir endlich in Maidenhead in der
-Nähe von London an, wo ich von einem neuen englischen
-Offizier in Empfang genommen wurde.
-Und hier, o Wunder, traf ich alte liebe Bekannte
-wieder. Fünf blanke runde amerikanische Goldstücke,
-die seinerzeit einem Schlossergesellen, später
-Schloßherrn Ernst Suse abgenommen waren,
-wurden meinem neuen Begleiter übergeben,
-und dieser durfte sie mir jetzt, da ich ja nun wieder
-Offizier war, ohne weiteres aushändigen.</p>
-
-<p>Die Wiedersehensfreude!</p>
-
-<p>Im Auto ging's jetzt zum Offizierslager Holyport.
-Die Posten präsentierten, das Drahthindernis
-wurde geöffnet, und schon war ich von
-einer freudigen Schar von Kameraden umringt.</p>
-
-<p>Ja, wer hätte das gedacht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span>
-
-Sie, die ich fast vor dreiviertel Jahren in
-Tsingtau zum letzten Male gesehen hatte, die
-Sieger von Coronel, die wenigen überlebenden
-Tapferen von den Falklandinseln traf ich hier
-wieder. Die Freude kann man sich kaum vorstellen.
-Das Fragen und Erzählen! Kein Ende
-wollte es nehmen. Und dann geschah für mich
-ein Wunder. Ich wurde in ein Zimmer geführt,
-und da standen wahrhaftig sechs bis acht Betten,
-richtige schöne Betten, weiß und sauber bezogen.
-Fast acht Wochen war ich gefangen, nun das erste
-Bett, das ich zu Gesicht bekam. Kann man da
-verstehen, mit welcher Scheu und Andacht ich
-mich an diesem Abend hineinlegte?</p>
-
-<p>In der ersten Zeit kam ich mir wie im Paradiese
-vor. Besonders da ich hier endlich wieder als
-Mensch behandelt wurde. Ich war wieder unter
-meinen Kameraden, fand liebe Freunde und viel
-geistige Anregung.</p>
-
-<p>Die Behandlung im Lager war gut. Der englische
-Kommandant ein verständiger Mann, bemüht,
-uns das Leben zu erleichtern.</p>
-
-<p>Das Gebäude selbst war ein altes Kadettenhaus,
-im ganzen waren hundert kriegsgefangene
-Offiziere im Lager, und wir waren auf Stuben
-bis zu acht oder zehn Offizieren untergebracht.</p>
-
-<p>Diese Stuben waren gleichzeitig unser Schlaf-
-und Aufenthaltsraum. Außerdem gab es noch
-eine große Reihe von Messe-, Lese- und Speiseräumen,
-in denen wir uns, wenn wir nicht an der
-frischen Luft waren, meist aufhielten. Das Essen<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span>
-war echt englisch, also dadurch den meisten Deutschen
-wenig zusagend, aber gut und reichlich. Es
-wurde eher dadurch verbessert, daß wir am Anfang
-eigene Meßführung hatten, welche später leider
-vom englischen <span class="antiqua">War office</span> aufgehoben wurde.</p>
-
-<p>Den ganzen Tag über waren wir ziemlich ungestört.
-Wir konnten uns im Gebäude und in
-einem mäßig großen Garten, der das Haus umgab,
-frei bewegen; morgens um zehn Uhr Musterung
-und abends um zehn Licht aus und Ronde.</p>
-
-<p>Dem Stacheldrahthindernis, welches das Ganze
-umgab und Tag und Nacht streng bewacht und
-beleuchtet war, durften wir uns selbstverständlich
-nicht nähern, geschweige denn dieses Gehege verlassen.
-Nur vor- und nachmittags wurde das
-Hindernis für uns geöffnet, und wir konnten
-durch ein Spalier von englischen Soldaten zu
-einem zweihundert Meter entfernt liegenden
-Sportplatz gehen. Für unseren Sport war mustergültig
-gesorgt. Zwei prachtvolle Fußball- und vor
-allen Dingen Hockeyplätze standen uns zu unserem
-ausschließlichen Gebrauch zur Verfügung, und wir
-haben da gespielt, daß selbst den Engländern die
-Augen übergingen. Daß auch dieser Platz selbstverständlich
-mit Stacheldraht und Posten umgeben
-war, brauche ich wohl nicht zu erwähnen.</p>
-
-<p>Sehr angenehm war es, daß wöchentlich zweimal
-ein sehr guter Schneider und ein Wäschelieferant
-mit vorzüglicher Wäsche in das Lager
-kam und es uns dadurch ermöglicht wurde, uns
-wieder anständig anzuziehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span>
-
-Als Gehalt bekamen wir monatlich einhundertundzwanzig
-Mark, wovon gleich sechzig Mark
-monatlich für unsere Verpflegung einbehalten
-wurden. Die übrigen sechzig Mark konnten wir für
-uns ausgeben, außerdem konnte man sich von
-Hause Geld schicken lassen. Die Post funktionierte
-tadellos. Die Briefe von Deutschland kamen im
-allgemeinen regelmäßig an und gebrauchten im
-ganzen sechs bis acht Tage. Pakete gingen ebensolange.</p>
-
-<p>Mit unseren eigenen Briefen war es allerdings
-knapp bestellt. Wöchentlich durften wir nur zwei
-kurze vorgeschriebene Zettelchen schreiben, und
-wie gerne hätten wir dabei stundenlang unseren
-Lieben daheim erzählt! Die Briefpost, die war ja
-unser ein und alles. Nach der Briefausgabe berechneten
-wir die ganze Tageseinteilung, nach
-den Briefen richtete sich unser ganzer Seelenzustand,
-überhaupt hing die ganze Stimmung
-im Lager von der Post ab.</p>
-
-<p>Jeden Morgen wiederholte sich dasselbe Schauspiel.
-Wenn der Dolmetscheroffizier mit den
-Briefen kam, blieb alles stehen und liegen, alles
-war vergessen. Von einer lautlosen Menge Harrender
-war der englische Offizier umgeben.
-Jeder hatte in seinem Herzen den heißesten Wunsch,
-daß ihm der heutige Tag einen Gruß aus der
-Heimat, eine Zeile von lieber Hand geschrieben
-bringen möge. Und dann die Freude, wenn was
-da war, und die Trauer und Niedergeschlagenheit,
-wenn man mit leeren Händen abziehen mußte.<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span>
-Im letzteren Falle sagten wir immer: „Wieder
-mal ein Tag verloren!”</p>
-
-<p>Als ich rund zwei Monate später in Deutschland
-war und von vielen Seiten gefragt wurde,
-womit man dem Kriegsgefangenen eine Freude machen
-könne, habe ich immer nur gesagt: „Schreibt,
-schreibt, so viel ihr könnt; die Briefe sind das, wonach
-der Gefangene sich am meisten sehnt.”</p>
-
-<p>Unser Zusammenleben war den Umständen entsprechend
-ein äußerst kameradschaftliches. Besonders
-nett waren die Abende, an denen wir in
-Gruppen um die schönen großen Kamine saßen.
-Mächtige Holzkloben brannten, und dann hub
-ein Erzählen an von Schlachten und Siegen,
-von Not und Tod und von wilden abenteuerlichen
-Erlebnissen. Viele gute Bücher, ein Streichquartett
-und ein Gesangverein, den wir uns gegründet
-hatten, trugen wesentlich zur Unterhaltung bei.</p>
-
-<p>Auch mancher Ulk wurde getrieben, und wenn
-man sich endlich wieder einmal so recht herzhaft
-ausgeschüttet hatte vor Lachen, dann atmete man
-erleichtert auf, und für kurze Zeit wich dann der
-furchtbare Druck der Gefangenschaft von uns.</p>
-
-<p>Unser kameradschaftliches Zusammensein wurde
-Ende April plötzlich gestört.</p>
-
-<p>Eines Abends kam der Befehl, daß fünfzig
-von uns hundert Offizieren am nächsten Morgen
-zu dem Offizierslager in Donington Hall übergeführt
-werden sollten. Die Aufregung bei uns
-war groß, denn keiner wollte weg. Es half kein
-Bitten und kein Sträuben, es hieß einfach, Koffer<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span>
-packen und abmarschieren. Der einzige Seeoffizier,
-der mit wegkam, war leider ich, und zwar
-auf besonderen Befehl des englischen Lagerkommandanten,
-da ihm die Nähe Londons für
-mich zu gefährlich schien.</p>
-
-<p>Da ich fort kam, schloß sich auch der zweite Flieger
-von der Armee, mein treuer Freund Siebel,
-an. So blieben wir beiden Flieger wenigstens
-zusammen.</p>
-
-<p>Am ersten Mai ging's also los. In Autos zu
-je fünf wurden wir zum Bahnhof Maidenhead
-gefahren, wo zwei Extrawagen für uns bereitstanden.
-In den Abteilen blieben wir ungestört
-für uns allein, die Wagen selbst wurden aber von
-Soldaten streng bewacht.</p>
-
-<p>Stundenlang rollten wir nun durch die Gegend
-nach Norden zu. Die Menge auf den Bahnhöfen
-sah zwar neugierig in unsere Kupeefenster,
-jedoch verhielt sie sich vollkommen ruhig.
-Nur hin und wieder streckte uns ein altes Weib,
-wahrscheinlich Suffragette von Zivilberuf, ihre
-wenig schöne Zunge aus. Am Nachmittage langten
-wir endlich auf der Station Donington
-Castle, in der Nähe von Derby, an, stiegen aus
-und mußten in Gruppenkolonnen auf dem Bahnhof
-antreten. Umringt von zirka sechzig bis siebzig
-Soldaten, marschierten wir auf das Kommando
-<span class="antiqua">„Quick marsh”</span> ab. Außerhalb des Bahnhofs empfing
-uns eine johlende Menge. Fast alles Weiber
-und halbwüchsige Burschen und Kinder, nur wenige
-Männer. Den meisten von uns war von Frankreich<span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span>
-her dies unwürdige Benehmen der Bevölkerung
-reichlich bekannt, in England war es etwas
-Neues. Die Weiber und jungen Mädchen, der
-niedrigen Bevölkerung angehörend, benahmen
-sich wie die Wilden. Heulend und pfeifend liefen
-sie neben und hinter uns her, ab und zu flog ein
-Stein oder Straßenschmutz in unsere Reihen.
-Aber im großen und ganzen lachten sich die
-Demonstrantinnen halbtot dabei und schienen sich
-bei ihrem Gejohle köstlich zu amüsieren. Bei der
-ersten Straßenbiegung kam ein Automobil hinter
-uns her gefahren. Am Steuer saß fett und hochnäsig
-unser englischer Dolmetscher-Offizier, Mr.
-Meyer, den wir später noch zur Genüge kennenlernen
-sollten. Herr Meyer wollte sich uns so recht
-zeigen und schon &mdash; &mdash; &mdash; hatte er einen seiner
-eigenen Leute, die uns eskortierten, umgefahren.
-Ein allgemeines Geschrei und Geschimpfe, kein
-Mensch, der irgend etwas veranlaßte. Schließlich
-sprangen zwei von uns „Barbaren” hinzu und
-zogen den unglücklichen Tommy unter dem
-Auto hervor.</p>
-
-<p>Nun richtete sich die ganze Wut der Weiber
-gegen Herrn Meyer, und wenn der nicht schleunigst
-weitergefahren wäre, hätten sie ihn womöglich
-noch verprügelt. Daß sie es nicht taten, war ein
-Jammer. Der Zwischenfall war bald vergessen,
-und weiter johlte die Menge. Immer frecher
-wurde sie, immer mehr Schmutz wurde auf uns
-geworfen, als plötzlich &mdash; ruhig und behäbig, mit
-gesenkten Köpfen nachdenklich wiederkäuend vier,<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span>
-fünf Kühe uns entgegenkamen, die an beiden
-Seiten bei uns vorbei wollten. Was nun folgte,
-war so komisch, daß wir alle samt unseren englischen
-Tommies stehenblieben und uns vor
-Lachen bogen. Kaum daß die bisher so mutigen
-Weiber die Kühe sahen, fingen sie auch schon
-an, furchtbar aufzuschreien, machten kehrt und
-liefen in wildester Flucht davon. Rücksichtslos
-wurden die Schwächeren von den Stärkeren umgestoßen,
-und bald lag ein wild strampelndes
-Knäuel vor Angst kreischender Weiber zu beiden
-Seiten der Straße im Graben.</p>
-
-<p>Von nun ab hatten wir Ruhe, und unbelästigt
-setzten wir in ziemlichem Geschwindschritt unseren
-Weg fort.</p>
-
-<p>Bei dem ganzen Marsch paßte ich scharf auf
-die Wege und einzelne besonders markante
-Punkte auf. Man konnte ja nie wissen, wozu
-einem das mal gut sein würde!</p>
-
-<p>Die Sonne brannte glühend vom Himmel
-herab, und in Schweiß gebadet langten wir nach
-anderthalb Stunden in unserem neuen Heim
-Donington Hall an.</p>
-
-<p>Hier herrschte Disziplin.</p>
-
-<p>Die Tore und Drahthindernisse öffneten sich,
-die ganze Wache stand unter präsentiertem Gewehr
-angetreten, der Wachtkommandant und zwei
-Leutnants auf dem rechten Flügel mit der Hand
-an der Mütze.</p>
-
-<p>Nachdem wir vom englischen Lagerkommandanten
-empfangen waren, wurden wir auf unsere<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span>
-Stuben verteilt, und es glückte mir, mit vier anderen
-Kameraden, darunter selbstverständlich meinem
-Freunde Siebel, eine sehr nette kleine Stube
-zu erhaschen.</p>
-
-<p>Auch hier traf ich eine große Anzahl alter Bekannter
-wieder. Da waren die Geretteten vom
-„Blücher”, von Torpedobooten und kleinen
-Kreuzern und mehrere Armee- und Marineflieger.</p>
-
-<p>Donington Hall stellte das Mustergefangenenlager
-von England vor. Nach allem, was wir
-bereits wochenlang in englischen Zeitungen darüber
-gelesen hatten, mußte es ein Paradies sein.
-Täglich fand man spaltenlange Artikel in den
-Zeitungen, in denen die Regierung angegriffen
-wurde, daß sie die deutschen Gefangenen zu
-luxuriös untergebracht habe. Wie immer, so
-gebärdeten sich die Frauen dabei am wildesten
-und hatten sogar die Erzwingung der Räumung
-Donington Halls zu einer Frauenfrage Englands
-gemacht! Selbst das Parlament mußte sich
-wiederholt mit diesem Thema beschäftigen. Da
-sollten Spielsäle sein und mehrere Billards, das
-Gebäude wie ein Schloß eingerichtet sein, ein
-besonderer Wildpark sollte für die Offiziere gehegt
-und für die deutschen Gefangenen sogar Fuchsjagden
-veranstaltet werden.</p>
-
-<p>Nichts von alledem war wahr. Wohl war
-Donington Hall ein großes altes Schloß, aus
-dem siebzehnten Jahrhundert stammend, umgeben
-von einem prächtigen alten Park, doch waren die
-Räume vollständig kahl und die Einrichtung so<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span>
-primitiv und kümmerlich wie nur irgend denkbar.
-Von Billard und Spielsälen und Fuchsjagden
-keine Spur. Aber tadellos sauber war alles, und
-dafür sorgte der englische Kommandant mustergültig.
-Nach unserer Ankunft waren wir im ganzen
-rund einhundertzwanzig Offiziere und wohnten
-schon dicht gepökelt. Das Lager war aber für vier-
-bis fünfhundert Offiziere berechnet worden. Das
-hätte ja eine feine Sache gegeben, da jetzt schon
-die Speiseräume und die Kochgelegenheit, Bade-
-und sonstige Einrichtungen nicht langten.</p>
-
-<p>Besonders angenehm war der schöne Park für
-uns.</p>
-
-<p>Unser ganzer Aufenthaltsraum war in zwei
-Zonen eingeteilt, in die sogenannte Tag- und in
-die Nachtgrenze. Diese Gebiete wurden begrenzt
-durch mächtige Drahthindernisse, die zum Teil
-elektrisch geladen waren, nachts durch mächtige
-Bogenlampen erhellt und Tag und Nacht durch
-Posten scharf bewacht wurden.</p>
-
-<p>Das Drahthindernis der Nachtgrenze umschloß
-das Haus und die davorliegenden Tennis- und
-Sportplätze; die Taggrenze erstreckte sich auch noch
-auf den Park.</p>
-
-<p>Abends um sechs Uhr war große Musterung,
-und nachdem alles anwesend und zur Stelle war,
-wurde die Taggrenze geschlossen, die sich erst am
-nächsten Morgen um acht Uhr wieder öffnete.
-Das Leben in Donington Hall war fast das
-gleiche wie in Holyport, nur daß wir hier durch
-den Park sehr viel mehr Bewegungsfreiheit<span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span>
-hatten, fast noch mehr Sport trieben, falls es
-überhaupt möglich war, und drei sehr gute
-Tennisplätze besaßen. Die Verpflegung war auch
-hier echt englisch und schmeckte sehr vielen nicht,
-aber gut und reichlich. Der englische Oberst war
-recht vernünftig. Zwar knurrte er oft und war
-ziemlich kommissig, aber ein vornehmer, verständiger
-Mann, tadelloser Soldat vom Scheitel bis
-zur Sohle, und das war die Hauptsache. Er hat
-alles mögliche getan, um uns das schwere Los
-zu erleichtern, und hat sich ganz besonders
-für unsere Sportspiele interessiert. Und das
-war gut.</p>
-
-<p>Ein unangenehmer Vertreter war der englische
-Dolmetscher, der Leutnant Meyer (der pampige
-Autofahrer), ein würdiges Gegenstück zu meinem
-Freunde Maxstedt von der „Andania”; ebenfalls
-nicht nur <span class="antiqua">„temporary lieutnant”</span>, sondern auch
-<span class="antiqua">„temporary gentleman”</span>. Er stammte aus Frankfurt
-am Main, war vor dem Kriege Schmierendirektor
-gewesen und tat nichts, um seinen niederen
-Charakter zu verbergen. Ich glaube, der
-englische Oberst verachtete ihn geradezu; und die
-englischen Sergeanten, mit denen wir gelegentlich
-einige Worte in der Kantine sprachen, sagten
-uns wörtlich: sie hofften sehr, daß wir nicht
-glaubten, daß alle englischen Offiziere so wären
-wie dieser Mr. Meyer.</p>
-
-<p>Eines Abends gegen Ende Juni hatten wir ein
-köstliches Erlebnis. Draußen, außerhalb des
-Stacheldrahtes, war sehr viel Reh- und Damwild<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span>
-oft in Rudeln bis zu Hunderten zusammen, die
-zahm wie die Ziegen herumliefen.</p>
-
-<p>An diesem Abend nun lief ein allerliebstes
-kleines Kitzlein, welches seine Mutter verloren
-hatte, am Stacheldraht vorbei, und auf unser
-Locken und Rufen kroch es geschickt durch das
-Hindernis hindurch und gelangte in das Lager.
-Unsere Freude war groß. Geradezu eine Sensation
-für uns. Das Kitzlein wurde umringt und
-gestreichelt und geliebkost (die Jäger knurrten),
-und schließlich wurde es im Triumph auf den
-Armen eines Leutnants in die Burschenstube
-getragen, wo sich einer unserer Jäger befand,
-der es großziehen sollte.</p>
-
-<p>Woher der Meyer davon Wind bekam, weiß
-ich nicht, jedenfalls ließ er sich plötzlich den
-deutschen Lageradjutanten kommen, und mit vor
-Schrecken bebender Stimme fragte Meyer:</p>
-
-<p>„Leutnant S., ist es wahr, es ist ein Tier im
-Lager?”</p>
-
-<p>„Ja, ein Tier!”</p>
-
-<p>„Und ist durch das Stacheldrahthindernis
-gekommen?”</p>
-
-<p>„Ja, es ist einfach durchgekrochen.”</p>
-
-<p>„Oh, das ist ja schrecklich!” meinte Mr. Meyer,
-und dabei schien ihm die Stimme zu verlöschen.</p>
-
-<p>„Ich muß gleich sehen, wo das Loch ist, wo
-das große Tier hindurchgekrochen ist, sicher haben
-die deutschen Offiziere den Stacheldraht zerschnitten,
-um zu fliehen; das Tier muß auch
-sofort entfernt werden!”</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span>
-
-Und so geschah es.</p>
-
-<p>Und, es ist kein Scherz, zwanzig Mann der
-Wache mit aufgepflanztem Seitengewehr wurden
-gepfiffen, der eine deutsche Soldat mit dem unschuldigen
-winzigen Kitzlein wurde von ihnen in
-die Mitte genommen, und auf <span class="antiqua">„Quick marsh”</span>
-marschierte der ganze Zug zu dem inneren Tor
-des Hindernisses. Dann wurde dieses geöffnet,
-die zwanzig Mann mit dem einen deutschen Soldaten
-und dem Kitzlein traten in den Zwischenraum,
-die sogenannte Schleuse, das innere Tor
-wurde sorgfältigst abgeschlossen, dann erst das
-äußere geöffnet, der Soldat mußte das Kitzlein
-ins Freie setzen, und dann wurde die ganze Prozession
-zurückgemacht. Oh, Mr. Meyer, wie hast
-du dich blamiert!</p>
-
-<p>Nun wurde das ganze Hindernis sorgfältigst
-untersucht, und trotzdem nicht die geringste Lücke
-gefunden werden konnte, durch die ein Mensch
-hätte kriechen können, wollte Meyer sich tagelang
-nicht beruhigen.</p>
-
-<p>Außer der Post bildete täglich der Zeitungsempfang
-den Hauptmoment des Tages. Die
-„Times” und „Morning Post” durften wir uns
-halten, und wenn sie auch fast nur von Ententesiegen
-berichteten, so kannten wir die Zeitungen
-bald so gut, daß das, was wir zwischen den
-Zeilen lasen, uns ein ungefähr genaues Bild der
-Sachlage gab.</p>
-
-<p>Und die Wut in den Zeitungen, als die „Lusitania”
-sank, und <em class="gesperrt">der</em> Ärger, wenn die Russen,<span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span>
-selbstverständlich nur aus strategischen Gründen,
-weiter zurückgingen!</p>
-
-<p>Wir hatten mehrere riesig große, bis ins kleinste
-genaue Karten der Kriegsschauplätze angefertigt,
-und jeden Morgen um elf Uhr waren unsere
-„Generalstäbler” bei der Arbeit und steckten die
-Fähnchen um. Und oft stand selbst der englische
-Oberst davor und schüttelte bedenklich den Kopf.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>Die Flucht</h2>
-
-
-<p>Mit der Zeit wurde die Gefangenschaft unerträglich.
-Keine Briefe von Hause, nicht die
-vielen herrlichen Pakete, die mir von lieber Hand
-gesandt wurden, halfen mir; auch nicht die treuen
-Kameraden, nicht das Hockeyspiel, dem ich mich
-mit einem derartigen Eifer hingab, daß ich abends
-wie tot vor Müdigkeit hinsank.</p>
-
-<p>Nichts half, alles war vergebens.</p>
-
-<p>Endlich hatte auch mich, wie so unendlich viele
-vor mir, schon die Gefangenenkrankheit gepackt.</p>
-
-<p>Die Krankheit der furchtbarsten Verzweiflung,
-der vollständigsten Hoffnungslosigkeit.</p>
-
-<p>Trostlos!</p>
-
-<p>Stundenlang lag ich wie viele andere im Grase
-und starrte mit weit geöffneten Augen den blauen
-Himmel an, und meine ganze Seele sehnte sich
-empor zu den weißen Wölkchen dort oben und
-wanderte mit ihnen nach der fernen, lieben
-Heimat. Und wenn gar ein englischer Flieger
-ruhig und sicher am blauen Firmament vorbeiflog,
-dann krampfte sich das Herz zusammen, und
-wilde verzweifelte Sehnsucht schüttelte mich. Der
-Zustand wurde immer schlimmer, ich wurde gereizt
-und nervös und unfreundlich gegen meine Kameraden
-und kam seelisch und körperlich herunter.
-Und dabei konnte ich doch eigentlich noch zufrieden
-sein, ich hatte wenigstens was mitmachen können
-und viel erlebt! Aber so viele andere waren schon<span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span>
-in den ersten Gefechtstagen verwundet in Feindeshand
-gefallen, und die unglücklichsten waren die,
-welche bei Beginn des Krieges aus Amerika gekommen
-waren, dort ihr Hab und Gut, ihr alles
-hatten stehen und liegen lassen, um ihrem Vaterland
-zu dienen, um dann durch den Verrat der
-Engländer, bevor sie überhaupt die Heimat gesehen
-hatten, gefangengenommen zu werden.</p>
-
-<p>Unsere Stimmung wurde sehr beeinträchtigt
-dadurch, daß wir keinerlei Kriegsnachrichten aus
-Deutschland erhielten. Und wenn wir auch selbstverständlich
-den englischen Lügenmeldungen nicht
-Glauben schenkten, es hatte mit der Zeit doch
-gewaltigen Einfluß auf uns, daß wir wochen- und
-wochenlang nichts als Gemeinheit gegen Deutschland
-und nichts als Niederlagen, Revolution und
-Hungersnot über Deutschland lasen. Die Ungewißheit
-war auch hier das Schrecklichste, und
-ganz besonders traf uns die Nachricht von dem
-gemeinen Verrat Italiens.</p>
-
-<p>Das Triumphieren in den englischen Zeitungen!</p>
-
-<p>Schließlich hielt ich es nicht mehr aus. Es
-mußte etwas geschehen, wenn ich nicht gänzlich
-verzweifeln wollte.</p>
-
-<p>Tag und Nacht hatte ich geplant, gegrübelt und
-überlegt, wie ich dieser elenden Gefangenschaft
-entrinnen könne. Pläne über Pläne hatte ich entworfen
-und wieder verwerfen müssen. Mit
-größter Ruhe und Überlegung mußte hier ans
-Werk gegangen werden, falls etwas gelingen
-sollte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span>
-
-Stundenlang ging ich nun an den verschiedenen
-Seiten der Hindernisse auf und ab, dabei unauffällig
-jeden Draht und jeden Pfahl beobachtend.
-Stundenlang lag ich im Grase in der Nähe einzelner
-Stellen, die mir günstig schienen, tat als
-ob ich schliefe, beobachtete dabei aber scharf jeden
-einzelnen Gegenstand und die Wege und die Gewohnheiten
-jedes einzelnen Postens.</p>
-
-<p>Die Stelle, an der ich über den Stacheldraht
-wollte, stand bei mir fest. Nun handelte es sich
-bloß noch darum, wie weiterkommen, wenn erst
-das Hindernis überwunden war. Wir besaßen
-weder Karte von England, noch Kompaß oder
-Fahrplan, noch irgendein Hilfsmittel. Sogar
-die genaue Lage von Donington Hall war uns
-gänzlich unbekannt. Den Weg bis Donington
-Castle kannte ich, den hatte ich mir ja auf dem
-Hinmarsche gründlich eingeprägt. Durch einen
-Offizier, der zufällig statt von Donington Castle
-von Derby im Auto gefahren war, erfuhr ich,
-daß seiner Schätzung nach Derby etwa fünfundzwanzig
-bis dreißig Kilometer nördlich von Donington
-Hall liegen müsse und daß er, bevor
-das Auto in das Dorf eingebogen wäre, eine
-große Brücke passiert hätte. Nun freundete ich
-mich mit einem alten biederen englischen Soldaten
-an, schenkte ihm gelegentlich auch einige
-Zigarren und lud ihn ab und zu zu einem Glase
-Bier in die Kantine ein. Nachdem wir schon
-mehrere Male zusammengesessen hatten, sagte ich
-ihm, es müsse doch sehr langweilig sein, dauernd<span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span>
-in Donington zu sitzen, ob er denn gar keine
-Abwechslung habe. O ja, meinte er, ab und zu
-führe er Rad, und manchmal führe er auch damit
-zum Kientopp nach Derby.</p>
-
-<p>„Was, Derby?” fragte ich, „das ist ja viel zu
-weit für Sie, dazu sind Sie ja viel zu alt!”</p>
-
-<p>„Ich und zu alt? <span class="antiqua">No, Sir!</span> Da kennen Sie einen
-englischen Tommy schlecht, wenn ich auf meinem
-Rade sitze, da nehme ich es mit jedem Jungen
-auf, und in drei bis vier Stunden habe ich die
-Strecke nach Derby schon zurückgelegt.”</p>
-
-<p>An diesem Tage hatte ich genug erfahren. In
-der nächsten Woche traf ich meinen alten Freund
-wieder. Wir begrüßten uns, und ich drückte ihm
-ein paar Zigarren in die Hand, die ich, trotzdem
-ich Nichtraucher bin, stets bei mir führte.</p>
-
-<p>„He, sag mal, Tommy,” fing ich plötzlich an,
-„da habe ich gestern eine Wette mit einem Kameraden
-gemacht. Ich behaupte, Derby liegt nördlich
-von uns, mein Kamerad behauptet, es läge
-südlich. Wenn ich gewinne, kriegst du einen
-ordentlichen Topf Bier mit ab.”</p>
-
-<p>Das Whiskyauge meines Freundes glänzte
-freudig auf, und er versicherte mir mit heiligen
-Eiden, daß ich recht habe, und daß Derby ganz
-bestimmt nördlich von Donington Hall läge.</p>
-
-<p>Nun war ich klar.</p>
-
-<p>Und mit einem meiner Marinekameraden, dem
-Oberleutnant zur See Trefftz, der vorzüglich Englisch
-sprach und England genau kannte, beschloß
-ich, gemeinsame Sache zu machen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span>
-
-Der vierte Juli Neunzehnhundertfünfzehn war
-zu unserer Flucht festgesetzt, alles dazu einexerziert
-und klappte, alle Vorbereitungen waren getroffen.</p>
-
-<p>Am vierten Juli früh meldeten Trefftz und ich
-uns krank.</p>
-
-<p>Bei der Frühmusterung um zehn Uhr wurde
-beim Aufrufen unserer Namen „krank” gemeldet,
-und nach beendeter Musterung kam der wachthabende
-Sergeant auf unsere Stuben und fand
-uns krank in den Betten vor.</p>
-
-<p>Alles in schönster Ordnung.</p>
-
-<p>Der Nachmittag und die Entscheidung rückten
-heran.</p>
-
-<p>Gegen vier Uhr zog ich mich an, nahm alles,
-was ich zur Flucht mitzunehmen nötig erachtet
-hatte, an mich, aß noch einige dicke Butterbrotstullen
-und nahm dann Abschied von meinen
-Stubenkameraden und besonders von meinem
-treuen Freunde Siebel, den ich leider nicht mitnehmen
-konnte, da er nicht Seemann war und
-kein Englisch sprach.</p>
-
-<p>Draußen war ein heftiges Gewitter im Gange,
-und wolkenbruchartig strömte der Regen vom
-Himmel herab. Die Posten standen naß und
-frierend in ihren Schilderhäuschen, und daher
-fiel es auch keinem auf, daß trotz des Regens
-noch zwei Offiziere Lust verspürten, im Park
-spazierenzugehen. Im Park befand sich eine
-von Büschen umgebene Grotte, von der aus man
-den ganzen Park und den Stacheldraht übersehen,
-selbst aber nicht gesehen werden konnte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span>
-
-Hier hinein verkrochen sich Trefftz und ich.</p>
-
-<p>Ein kurzer Abschied noch von S., der uns mit
-Gartenstühlen zudeckte, und wir waren allein.</p>
-
-<p>Nun konnte nur noch die Vorsehung und unser
-Glück für uns weitersorgen.</p>
-
-<p>In atemloser Spannung warteten wir. Die
-Minuten wurden zu Ewigkeiten, doch langsam
-und sicher verstrich eine Stunde nach der anderen.
-Als die Turmuhr laut und vernehmlich sechs Uhr
-schlug, klopfte uns gewaltig das Herz. Wir hörten,
-wie zur Musterung geklingelt wurde, das Kommando
-„Stillgestanden!”, dann wurde mit lautem
-Geräusch das Drahthindernis der Taggrenze geschlossen.
-Bange Viertelstunden durchlebten wir.
-Wir wagten überhaupt nicht zu atmen. Jeden
-Augenblick erwarteten wir, bei unseren Namen
-gerufen zu werden. Es wurde sechs Uhr dreißig,
-nichts ereignete sich. Ein Alp wich von unseren
-Herzen. Gott sei Dank, der erste Akt war geglückt.
-Denn nachdem bei der Musterung bei unseren
-Namen wiederum „krank” gemeldet war und die
-Offiziere wegtreten durften, liefen ein Kamerad für
-mich und ein anderer Kamerad für Trefftz so
-schnell wie möglich hinten ums Gebäude herum
-und legten sich in unsere Betten. Und als der
-Feldwebel kam, konnte er zufrieden feststellen, daß
-die beiden Kranken anwesend wären. Da also
-alles in Ordnung war, wurde wie an jedem
-Abend das Nachthindernis geschlossen, ja sogar
-die Posten vom Taghindernis eingezogen, und
-damit waren wir uns selbst überlassen. Der<span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span>
-außerordentliche Regen kam uns sehr zu statten,
-denn sonst pflegten die englischen Soldaten abends
-in unserem Park herumzutollen, wobei ein Entdecktwerden
-sehr leicht möglich gewesen wäre.</p>
-
-<p>Stunde um Stunde verrann. Stumm lagen
-wir da, nur ab und zu stießen wir uns gegenseitig
-an und nickten uns zu vor Freude, daß bis jetzt
-alles so gut geklappt hatte.</p>
-
-<p>Um zehn Uhr dreißig abends wuchs unsere
-Erregung aufs äußerste. Die zweite Probe mußte
-bestanden werden. Deutlich hörten wir das Signal
-zum Schlafengehen, und aus dem geöffneten
-Fenster meines früheren Zimmers erscholl kräftig
-„Die Wacht am Rhein”. Das war das Zeichen
-für uns, daß alles auf dem Posten wäre.</p>
-
-<p>Der wachthabende Offizier mit einem Sergeanten
-schritt sämtliche Stuben ab und überzeugte
-sich, daß keiner fehlte. Durch wochenlange
-Beobachtungen hatte ich festgestellt, daß die wachthabenden
-Offiziere stets denselben Weg wählten,
-um nach der Ronde auf dem kürzesten Wege in
-ihre Behausungen zu gelangen. So war es auch
-heute. Die Ronde fing in dem Zimmer an, wo
-Trefftz fehlte. Es war selbstverständlich, daß ein
-anderer bereits in dessen Bett lag.</p>
-
-<p><span class="antiqua">„All present?”</span></p>
-
-<p><span class="antiqua">„Yes, Sir!”</span></p>
-
-<p><span class="antiqua">„All right, good night, gentlemen!”</span></p>
-
-<p>Und so ging die Ronde weiter. Kaum war sie
-um die Ecke gebogen, als auch schon zwei der
-anderen Kameraden in entgegengesetzter Richtung<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span>
-herum und in mein Zimmer liefen, und so war
-es selbstverständlich, daß auch hier alles <span class="antiqua">„present”</span>
-war.</p>
-
-<p>Die Aufregung und die gespannteste Erwartung,
-in der wir uns während dieser Zeit befanden,
-kann man sich kaum vorstellen. Im
-Geiste erlebten wir ja alles mit, und da es merkwürdig
-lange still blieb, befürchteten wir schon,
-daß alles verloren sei. Mit eiskalten Händen,
-kaum atmend, das Gehör bis auf das äußerste
-angespannt, lagen wir da.</p>
-
-<p>Endlich um elf Uhr abends erscholl ein lauter
-Jauchzer. Das war unser verabredetes Signal,
-daß alles geglückt war.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>Schwarze Nächte an der Themse</h2>
-
-
-<p>Nun blieb um uns alles ruhig. Der Regen
-hörte Gott sei Dank auf zu strömen. In
-vollständige Dunkelheit gehüllt, lag der Park da,
-und matt schimmerte das Licht der riesigen Bogenlampen,
-womit das Nachthindernis beleuchtet
-war, zu uns herüber. Dumpf hallte der regelmäßige
-Tritt der in ihren Schutzhäuschen auf
-und ab marschierenden Posten, und unheimlich
-klang ihr Zuruf, womit sie sich alle Viertelstunde
-gegenseitig anriefen. Um zwölf Uhr nachts war
-Wachtablösung, die ich mit gespanntester Aufmerksamkeit
-verfolgte. Dann kam der wachthabende
-Offizier und leuchtete mit einer Lampe
-das Taghindernis &mdash; also unseres &mdash; ab, und um
-halb ein Uhr war wieder tiefste Ruhe.</p>
-
-<p>Nun war der Moment des Handelns gekommen.</p>
-
-<p>Leise kroch ich aus meinem Versteck wie eine
-Katze, schlich durch den Park und zu dem Drahthindernis,
-um mich zu überzeugen, daß wirklich
-keine Posten mehr ständen. Als alles in Ordnung
-war und ich die Stelle, über die wir rüber wollten,
-wiedergefunden hatte, schlich ich zurück und
-holte Trefftz ab. Nun machten wir den Weg gemeinsam
-noch einmal.</p>
-
-<p>Am Hindernis angekommen, gab ich leise noch
-einmal die letzten Verhaltungsmaßregeln und
-dann Trefftz mein kleines Bündelchen. Als erster<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span>
-fing ich an zu klettern. Der Zaun war zirka
-drei Meter hoch und alle zwanzig Zentimeter
-von Draht mit unheimlich langen Stacheln
-bezogen.</p>
-
-<p>Bis zirka fünfundsiebzig Zentimeter über dem
-Boden waren elektrisch geladene Drähte gesetzt,
-deren Berühren genügte, um sie zu entladen
-und ein Klingelwerk auszulösen, wodurch selbstverständlich
-das ganze Lager alarmiert worden
-wäre. Zum Schutz gegen die Stachel hatten wir
-Ledergamaschen an und um die Knie Wickelgamaschen
-gebunden und trugen außerdem noch
-Lederhandschuhe. Doch die Stacheln waren länger
-und sie haben ganz fürchterlich gepikst. Aber das
-hatte den Vorteil, daß wir nun nicht ausrutschen
-konnten, um dadurch den elektrischen Draht zu
-berühren. Den ersten Zaun überwand ich leicht.
-Dann gab mir Trefftz unsere beiden Bündel, und
-ebenso schnell wie ich überstieg auch er den Zaun.
-Nun kam ein zirka zehn Meter breites und ein
-Meter hohes schweres Drahthindernis, nach den
-neuesten Schikanen erbaut. Wie die Katzen liefen
-wir beide über dieses hinweg. Dann kam wiederum
-ein hoher Stacheldrahtzaun, genau so beschaffen
-wie der erste und ebenfalls mit elektrisch
-geladenen Drähten versehen. Auch hierüber kamen
-wir beide glatt, nur daß ich mir an den verflixten
-Stacheln einen Teil meines Hosenbodens
-ausriß, den ich mir erst wieder herunterholen
-mußte, um ihn später wieder einzusetzen. Gott
-sei Dank, das Hindernis war überwunden!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span>
-
-Stumm drückten Trefftz und ich uns kräftig die
-Hand und stumm sahen wir uns an. Was wir
-durchgemacht hatten, wußten wir beide.</p>
-
-<p>Nun begann erst die Hauptschwierigkeit.</p>
-
-<p>Vorsichtig schlichen wir uns in der Dunkelheit
-weiter, überquerten einen Bach, erkletterten eine
-Mauer, sprangen in einen tiefen Graben und
-mußten uns dann an dem Wachthaus, welches
-am Eingang zum Lager lag, vorbeischleichen.
-Dann endlich waren wir im Freien!</p>
-
-<p>Auf der großen Landstraße, die nach Donington
-Castle führte, liefen wir ohne Aufenthalt entlang.
-Nach einer halben Stunde machten wir halt und
-entledigten uns der zerfetzten Gamaschen und
-Handschuhe. Na, die inneren Handflächen sahen
-ja fein aus, ganz zu schweigen von den Fußsohlen
-und von der Sitzgelegenheit. Noch wochenlang
-haben die Andenken an den englischen Stacheldraht
-gejuckt.</p>
-
-<p>Jetzt öffneten wir unsere Bündel, zogen unsere
-grauen Zivilregenmäntel an, verstauten die übrigen
-Kleinigkeiten, und untergehakt wanderten wir frohgemut
-die Straße weiter, als wenn wir von einem
-späten Nachtgelage kämen. Als Donington Castle
-in Sicht kam, mußten wir uns vorsehen. Und
-alles, was wir tun würden, wenn wir jemandem
-begegnen sollten, hatten wir verabredet.</p>
-
-<p>Da, als wir eben in die Dorfstraße einbiegen
-wollten, kam uns ein englischer Soldat entgegen.
-Wie auf Kommando zog mich Trefftz an sich,
-und so wie wir es verabredet hatten, markierten<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span>
-wir ein Liebespaar. Verlangend nach uns hinschauend
-und mit der Zunge schnalzend ging der
-Engländer vorüber. Als er an uns vorbei ging,
-erkannte ich ihn mit einem Schlage. Auf seinem
-Ärmel leuchteten matt die drei Feldwebelswinkel,
-und diese dicke, gedrungene, auffallende Figur
-konnte nur unserem englischen Lagerfeldwebel gehören.</p>
-
-<p>Nun schritten wir weiter. Und nachdem
-das Dorf passiert war, fanden wir glücklich die
-angegebene Brücke. Doch hier wurde es kritisch.
-Drei große Chausseen führten von hier aus ab,
-und es war unmöglich, uns ohne Wegekenntnisse
-weiterzufinden. Endlich entdeckten wir in der
-Dunkelheit einen Wegweiser, etwas äußerst Seltenes
-in England. Zum Glück war es ein eiserner.
-Und als Trefftz hinaufgeklettert war, konnte er
-durch Befühlen der erhaben gegossenen Buchstaben
-das Wort „Derby” lesen.</p>
-
-<p>In äußerstem Geschwindschritt uns nach dem
-Polarstern orientierend, marschierten wir tüchtig
-darauf los. Sobald uns Leute entgegenkamen
-oder Autos, und besonders wenn solche hinter uns
-her fuhren, versteckten wir uns im Chausseegraben
-und warteten ab, bis die Gefahr vorüber
-war. Es war doch zu natürlich, daß wir bei jedem
-Auto glaubten, es sei unseretwegen unterwegs
-und uns nachgehetzt worden. Als wir Hunger
-verspürten, aßen wir etwas mitgenommenen
-Schinken und Schokolade. Aber leider war das
-eine zu salzig und das andere so süß, daß ein<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span>
-furchtbarer Durst uns plagte. Dieser wurde bald
-so unerträglich, daß wir kaum noch weiter kommen
-konnten. Dazu kam, daß wir durch die durchgemachte
-Aufregung und den anstrengenden
-Marsch außerordentlich viel Schweiß verloren
-hatten. In unserer Not stellten wir uns dann
-an den Chausseegraben, und wie die Ziegen leckten
-wir die dicken Regentropfen von den Blättern der
-Büsche ab, bis wir endlich an einer Stelle eine
-schmutzige Wasserpfütze fanden, über die wir uns
-gierig trinkend warfen. O, das war gut.</p>
-
-<p>Langsam wurde es hell. Und gegen vier Uhr
-morgens, als wir die ersten Gartenhäuser von
-Derby erreichten, stieg in wundervollster Pracht
-blutigrot die riesige Sonnenkugel über den Horizont.
-Wie gebannt blieben wir stehen, hingerissen
-von diesem herrlichen Schauspiel, und dann
-schüttelten wir uns die Hände und winkten freudig
-der Sonne zu.</p>
-
-<p>O sie, sie kam ja aus Deutschland, direkt aus
-der Heimat, hatte sich rotgefärbt beim Durcheilen
-der blutigen Schlachtfelder und brachte uns nun
-die treuesten Grüße unserer Lieben daheim. Ein
-gutes Omen!</p>
-
-<p>Nun schlichen wir uns beide in ein kleines
-Gärtchen, und hier wurde große Toilette gemacht.
-Die mitgenommene Kleiderbürste vollbrachte
-Wunder. Die Schuhlappen hatten schwere Arbeit,
-und mein Hosenboden wurde mit der mitgenommenen
-Nähnadel geflickt. In Ermangelung
-von Rasiercreme benutzten wir unseren<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span>
-Speichel, und dann wurden die armen Gesichter
-mit den mitgenommenen Gilette-Apparaten bearbeitet.
-Zum Schluß banden wir uns „den”
-Kragen und „<em class="gesperrt">den</em>” Schlips um und überließen
-Kleiderbürste und Stiefellappen dem Gartenbesitzer.
-Und schick fast wie Dandies mit einem koketten
-Kniff in dem weichen Hut betraten wir
-Derby.</p>
-
-<p>Zu unserem Glück fanden wir bald den Bahnhof,
-trennten uns unauffällig und hatten den
-unerhörten Dusel, daß bereits in einer Viertelstunde
-ein Zug nach London ging. Ich löste ein
-Retourbillett dritter Güte nach Leicester, und mit
-einer dicken Zeitung bewaffnet bestieg ich den Zug.
-In Leicester stieg ich aus, löste mir ein Billett nach
-London, und als ich in das Kupee einstieg, saß
-zufällig mir gegenüber ein Herr, ebenfalls im
-grauen Mantel, den ich irgendwo mal gesehen
-haben mußte, von dem ich aber selbstverständlich
-keine Notiz nahm. Ich glaube, sein Name fing
-früher mal mit T. an.</p>
-
-<p>Gegen Mittag lief endlich der Zug in London
-ein.</p>
-
-<p>Als ich durch die Bahnsperre ging und mein
-Billett abgab, war mir doch nicht ganz wohl zumute,
-und so etwas hat meine Hand doch gezittert.
-Doch der gestrenge Blick des Kontrolleurs
-bedeutete weiter nichts, und einige Minuten darauf
-war ich im Gewühl der Großstadt verschwunden.</p>
-
-<p>Wie gut war es jetzt, daß ich vor zwei Jahren
-in London gewesen war und es so genau<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span>
-kennengelernt hatte. Das erste, was ich tat, war,
-daß ich in vier verschiedene Frühstücksstuben ging
-und in jeder von diesen so viel aß und trank, daß
-es noch eben nicht auffiel. Dann ging ich an die
-Themse hinunter, rief mir alle Straßen und
-Brücken und Dampferanlegestellen durch persönlichen
-Augenschein in die Erinnerung zurück und
-sah mir besonders an, wo neutrale Dampfer lagen.</p>
-
-<p>Ich hatte mir die Sache doch einfacher vorgestellt.
-Ich hatte gehofft, sofort einen Dampfer
-finden zu können, doch nun sah ich zu meiner Besorgnis,
-daß alle Werften und Ladeplätze und die
-meisten neutralen Dampfer ebenfalls streng bewacht
-mitten auf dem Strome lagen.</p>
-
-<p>Die ungewohnte Umgebung, die Unsicherheit,
-in der ich mich in der ersten Zeit befand, und vor
-allen Dingen das dauernde Gefühl während der
-ersten Tage, daß ich stets glaubte, daß jeder
-Mensch wissen müßte, wer ich wäre, und daß
-jedermann es mir an der Nasenspitze ablesen
-könnte, daß ich aus Donington Hall entwichen
-wäre, taten das ihre. Dazu kam noch die durchgemachte
-Aufregung und Überanstrengung der
-letzten Nacht und die trostlose Verlassenheit in der
-riesigen Feindeshauptstadt. Auch hatte ich mich
-vergebens bemüht, irgendeine Zeitung zu erwischen,
-aus der die Abfahrt von Dampfern ersichtlich
-wäre; das war für mich eine besonders
-herbe Enttäuschung.</p>
-
-<p>War es da ein Wunder, daß ich ganz entmutigt
-und müde zum Umsinken um sieben Uhr abends<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span>
-wie verabredet vor der St. Pauls-Kathedrale
-stand, um auf Trefftz zu warten? Bis neun Uhr
-habe ich gewartet, kein Trefftz kam.</p>
-
-<p>Fest überzeugt, daß es Trefftz bereits gelungen
-wäre, einen günstigen Dampfer zu fassen, und daß
-er womöglich London schon verlassen habe,
-schleppte ich mich gänzlich deprimiert zum Hydepark.
-Zu meiner Enttäuschung war dieser entgegen
-früherer Gewohnheit geschlossen. Was sollte
-ich nun tun, wo sollte ich schlafen? Auf der
-Straße durfte ich nicht bleiben, um nicht aufzufallen.
-Und in eine Herberge durfte ich erst recht
-nicht gehen, da ich keinen Paß besaß, den jetzt in
-England selbst jeder Engländer besitzen mußte,
-und ohne den kein Gastwirt bei schwerster Strafe
-jemanden aufnehmen durfte.</p>
-
-<p>In einer elenden Bar, in der ich mich etwas
-stärken wollte, bekam ich nur warmen Stout und
-nur noch eine einzige Rolle Keks. Alles andere
-war vertilgt. Und als auch in der Bar Feierabend
-geboten wurde, saß ich wieder auf der
-Straße. Ich bog in eine der vornehmsten Alleen
-ein, wo prächtige Paläste von schön gepflegten
-Vorgärtchen umgeben waren. Ich konnte mich
-kaum noch auf den Beinen aufrecht halten, und
-als die Luft rein war, sprang ich schnell entschlossen
-über einen dieser Gartenzäune und hatte
-mich kurz darauf in der dichten Buchsbaumhecke,
-nur einen Schritt vom Bürgersteig entfernt, verkrochen.
-Meine Gemütsstimmung läßt sich nicht
-beschreiben. Wild hämmerten mir die Pulse, und<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span>
-wild jagten sich die Gedanken in meinem Hirn.
-In meinen Gummimantel gehüllt, wie ein Dieb
-zusammengekrochen, lag ich in meinem Versteck.</p>
-
-<p>Wenn man mich jetzt hier fände, in dieser Lage,
-mich, einen deutschen Offizier? Wie ein Verbrecher
-kam ich mir vor. Und im Inneren war ich
-fest entschlossen, nie jemand etwas von der unwürdigen
-Lage, in der ich mich befand, zu erzählen.
-Ach, hätte ich <em class="gesperrt">den</em> Abend schon gewußt, wo ich
-mich zwei Tage später nächtelang herumtrieb, und
-das dabei sogar ganz natürlich fand, ich wäre hoffnungsvoller
-gewesen.</p>
-
-<p>Als ich ungefähr eine Stunde in meinem Versteck
-lag, öffnete sich in meinem Hause die große
-Flügeltür einer herrlichen Veranda, und mehrere
-Damen und Herren in tadelloser Abendtoilette
-traten heraus, um die prachtvolle Abendluft zu
-genießen. Von meinem Versteck aus konnte ich
-alles beobachten und jedes Wort verstehen. Nach
-einiger Zeit wurde drinnen ein Flügel angeschlagen
-und bald ertönte ein prachtvoller Sopran, und
-wunderschönste, sehnsuchtsvolle Schubertlieder zerwühlten
-meine Seele.</p>
-
-<p>Endlich übermannte mich die gänzliche Erschlaffung,
-und wie ein Toter schlief ich ein, in
-meinen Träumen von schönsten Zukunftsbildern
-umschwebt.</p>
-
-<p>Der gleichmäßige feste Tritt eines Polizisten,
-der auf der Straße, nur einen Schritt von mir getrennt,
-auf und ab ging, und die hell strahlende
-Sonne weckten mich am nächsten Morgen auf.<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span>
-Also hatte ich doch die Zeit verschlafen; nun Vorsicht!
-Stumpfsinnig pendelte der Polizist auf und
-ab, er wollte nicht weichen. Endlich kam das
-Glück. Ein allerliebstes Kammerzöfchen öffnete
-die Türe, und schon war mein Polizist bei ihr und
-schäkerte vertraulich mit dem taufrischen Käfer.</p>
-
-<p>Ohne von beiden gesehen zu werden, war ich
-mit einem Satz über den Zaun und auf der Straße.
-Es war schon sechs Uhr früh und der Hydepark
-gerade geöffnet worden. Da noch keine Untergrundbahn
-fuhr, ging ich in den Park und legte
-mich lang auf eine Bank zu mehreren anderen
-Vagabunden, die es sich dort bereits bequem
-gemacht hatten. Dann zog ich den Hut übers
-Gesicht, und fest schlief ich bis neun Uhr weiter.</p>
-
-<p>Frisch gestärkt mit neuem Mut bestieg ich die
-Untergrundbahn und fuhr zur Hafengegend. Am
-„Strand” erweckten riesige gelbe Plakate meine
-Aufmerksamkeit.</p>
-
-<p>Und wer beschreibt mein Staunen, als ich
-darauf dick und fett gedruckt las, daß:</p>
-
-<p>1. Mr. Trefftz bereits am Abend vorher gefangengenommen
-worden war und,</p>
-
-<p>2. daß Mr. Plüschow <span class="antiqua">„still at large”</span> sei, aber,</p>
-
-<p>3. man ihm bereits auf der Spur wäre.</p>
-
-<p>Das erste und dritte waren mir neu, das zweite
-war mir bekannt.</p>
-
-<p>Schnell kaufte ich mir nun die „Daily Mail”,
-ließ mich in einer einfachen Frühstücksstube nieder
-und las mit großem Interesse folgenden Steckbrief:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span></p>
-
-<blockquote>
-<p class="center">
-<span class="antiqua">Extra Late War Edition.</span><br />
-</p>
-
-<p class="center"><span class="antiqua"><span class="gesperrt">Hunt for Escaped German. High-Pitched
-Voice as a Clue.</span></span></p>
-
-<p><span class="antiqua">Scotland Yard last night issued the following
-amended description of Gunther <em class="gesperrt">Plüschow</em>,
-one of the German prisoners who escaped from
-Donington Hall, Leicestershire, on Monday</span>:</p>
-
-<p><span class="antiqua">Height 5 ft., 5½ in, weight 135 lb.; complexion
-fair; hair blond; eyes blue; and tattoo
-marks: Chinese dragon on left arm.</span></p>
-
-<p><span class="antiqua">As already stated in the „Daily Chronicle”,
-Plüschow's companion, Trefftz, was recaptured
-on Monday evening at Millwall Docks. Both
-men are Naval Officers. An earlier description
-stated that Plüschow is 29 years old. His voice
-is high-pitched.</span></p>
-
-<p><span class="antiqua">He is particularly smart and dapper in appearance,
-has very good teeth, which he shows
-somewhat prominently when talking or smiling,
-is „very English in manner”, and knows
-this country well. He also knows Japan well.
-He is quick and alert, both mentally and physically,
-and speaks French and English fluently
-and accurately. He was dressed in a grey lounge
-suite or grey and yellow mixture suite.</span></p></blockquote>
-
-<div class="figcenter" style="width: 244px;">
-<img src="images/illu-213.png" width="244" height="598" alt="" />
-<div class="caption">Der erste Steckbrief</div>
-</div>
-
-<p>Also der arme Trefftz, nun hatten sie ihn doch
-gekitcht. Mein Entschluß, was nun zu tun sei,
-stand bei mir fest, und der Steckbrief leistete mir
-dabei vorzügliche Dienste. Zuerst mußte ich meinen
-grauen Gummimantel los werden. Ich ging<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span>
-zur „Blackfriars Station” und gab meinen Mantel
-dort im Gepäckaufbewahrungsraum ab. Als
-ich das graue Ding dem Beamten übergab, fragte
-dieser mich plötzlich: <span class="antiqua">„What's your name, Sir?”</span>
-(Wie ist Ihr Name?).</p>
-
-<p>Wie ein Schreck fuhr mir diese Frage in die
-Glieder, auf diese Frage war ich nicht gefaßt.
-Mit zitternden Knien fragte ich: „Meinen?”, im
-Inneren natürlich denkend, daß der Mann wüßte,
-wer ich wäre, und vor Schrecken sogar deutsch
-antwortend.</p>
-
-<p><span class="antiqua">„Oh, I see, Mr. Mine, M. I. N. E.”</span> und damit
-übergab er mir das Zettelchen für Mr. Mine.</p>
-
-<p>Daß dem Beamten mein Schrecken nicht aufgefallen
-ist, war ein Wunder, und mir war etwas
-übel zumute, als ich durch die beiden wachthabenden
-Polizisten am Eingang des Bahnhofes, die
-mich scharf musterten, hindurchschritt.</p>
-
-<p>Bei meiner Flucht hatte ich einen blauen Zivilanzug
-angezogen, den ich mir seinerzeit in
-Schanghai hatte machen lassen, und den schon in
-Schanghai Herr Brown und Scott, später der
-Millionär McGarvin getragen hatte, der dann an
-einen gewissen Schlosser, später Schloß<em class="gesperrt">herr</em> Ernst
-Suse vermacht worden war, dann wieder bessere
-Tage erlebte, als ein deutscher Seeoffizier ihn anzog,
-und nun sein Dasein auf dem Leibe des Dockarbeiters
-George Mine beendete. Unter dem
-Jackett hatte ich einen blauen Mannschaftssweater,
-den eine unserer gefangenen Matrosenordonnanzen
-in Donington Hall mir geschenkt hatte. In der<span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span>
-Tasche trug ich eine alte zerfranste Sportmütze,
-ein Taschenmesser, Taschenspiegel, Rasierapparat,
-ein Stück Bindfaden und zwei Taschentücher vorstellen
-sollende Lappen. Ferner besaß ich das
-stolze Vermögen von hundertzwanzig Schilling,
-die ich mir erspart und zusammengepumpt hatte.
-Pässe und Papiere, die jetzt in England selbst jeder
-Engländer haben mußte, habe ich niemals besessen.</p>
-
-<p>Nun ging ich an die Themse zu einer entlegenen
-Stelle. Mein schöner weicher Hut flog durch Zufall
-von der London-Bridge ins Wasser, Kragen
-und Schlips folgten an einem anderen Orte nach,
-ein schöner vergoldeter Knopf prangte herrlich
-vorne in der grünen Hemdprise (Marke Knopfzwang),
-dann wurden die Haare schwarz und
-schmierig von einer Mischung aus Vaseline, Stiefelwichse
-und Kohlenstaub, die Hände sahen bald
-aus, als wenn sie niemals mit Wasser in Berührung
-gekommen wären, und zu guter Letzt
-wälzte ich mich auf einem Kohlenhaufen tüchtig
-herum, und schon war der streikende Dockarbeiter
-G. Mine fertig.</p>
-
-<p>So konnte man in mir wirklich keinen Offizier
-vermuten, am allerwenigsten aber von <span class="antiqua">„smart”</span>
-und <span class="antiqua">„dapper”</span> sprechen. Ich glaube meine Rolle
-gut gespielt zu haben, und nachdem ich erst den
-inneren Ekel vor meiner Umgebung und soviel
-Dreck überwunden hatte und mich erst sicher fühlte,
-konnte ich wirklich nur als das angesehen werden,
-wofür ich mich ausgab: als fauler, dreckiger Dockarbeiter
-oder Segelschiffsmatrose.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 518px;">
-<img src="images/illu-217.png" width="518" height="600" alt="" />
-<div class="caption">Steckbrief, eine Woche nach der Flucht</div>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span>
-
-Mit meiner Mütze frech im Genick, vor Schmutz
-starrend, die Jacke offen, den blauen Seemannssweater
-und als einzige Zierde den Kragenknopf
-zeigend, mit den Händen in den Taschen, pfeifend
-und spuckend und mich überall herumlümmelnd,
-wie ich es zu tausenden Malen in allen
-Hafenstädten der ganzen Welt von den Matrosen
-gesehen hatte, trieb ich mich tagelang in London
-herum, ohne auch jemals nur den leisesten
-Verdacht bei irgendeinem Menschen zu erwecken,
-daß ich etwas anderes sei, als wonach ich aussah.</p>
-
-<p>Darauf beruhte überhaupt mein ganzer Plan.</p>
-
-<p>Die einzigste Möglichkeit, unentdeckt zu bleiben,
-war <em class="gesperrt">die</em>, mich <em class="gesperrt">so</em> zu benehmen und <em class="gesperrt">so</em> auszusehen,
-daß ich niemals den leisesten Verdacht erweckte.
-Es durfte überhaupt niemals so weit kommen,
-daß ein Mensch auf mich aufmerksam wurde, und
-wenn ein Polizist mich erst gefragt hätte, wer ich
-sei, hätte ich nur meinen richtigen Namen angeben
-können. Daher war es auch vollkommen
-unnötig, daß meine Steckbriefe meine Tätowierung
-auf dem Arm immer wieder als Schlüssel
-zur Entdeckung erwähnten. Wenn es erst so weit
-kam, dann war längst vorher schon alles verloren.</p>
-
-<p>Am zweiten Vormittage hatte ich unerhörtes
-Glück.</p>
-
-<p>Ich saß auf dem Verdeck eines Autobusses, hinter
-mir zwei Kaufleute in angeregter Unterhaltung.
-Plötzlich fing ich die Worte auf: „Tilbury,
-holländischer Dampfer abfährt”; und nun hörte
-ich scharf zu.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span>
-
-Ich mußte mein Herz festhalten, sonst hätte es
-Freudensprünge gemacht. Die beiden unvorsichtigen
-Gentlemen erzählten nichts weniger, als
-daß jeden Morgen um sieben Uhr ein holländischer
-Schnelldampfer nach Vlissingen führe und
-jeden Nachmittag der Dampfer vor Tilbury
-Docks zu Anker ginge.</p>
-
-<p>Mit einem Satz war ich raus aus dem „Bus”.</p>
-
-<p>Schnell zur „Blackfriars Station”, ein Billett
-gelöst, und eine gute Stunde später stieg ich bereits
-in Tilbury aus. Es war Mittagszeit, die
-Arbeiter strömten in ihre Stampen. Ich ging
-zuerst zur Themse runter und erkundete mein
-Operationsgebiet und überzeugte mich, daß mein
-Dampfer noch nicht da wäre. Da ich Zeit und
-kräftigen Hunger hatte, ging ich nach Tilbury
-zurück und trat in eine der vielen Speisewirtschaften,
-wo ich besonders viel Dockarbeiter hatte
-hineingehen sehen. In einem großen Saale
-saßen etwa hundert Arbeiter an langen Tischen
-und vertilgten riesige Schüsseln. So wie es die
-übrigen taten, ging ich auch an eine Klappe, legte
-acht Pennies auf den Tisch und empfing einen
-großen Teller gehäuft mit Kartoffeln, Gemüse
-und einem mächtigen Stück Fleisch. Dann ging
-ich an die Bar, kaufte mir ein großes Glas Stout,
-und in aller Gemütsruhe setzte ich mich zu den
-anderen Arbeitern an den Tisch, deren Eßweise
-und Haltung beim Essen genau nachahmend,
-wobei mir das Essen der Erbsen mit dem Messer
-besondere Schwierigkeiten verursachte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span>
-
-Mitten im besten Stauen wurde ich plötzlich
-von hinten auf die Schulter getippt. Eisig durchfuhr
-es mich durch alle Glieder. Als ich mich umdrehte,
-stand der Besitzer da und fragte mich nach
-meinen Papieren. Ich dachte natürlich, er meinte
-meine Ausweise, und schon gab ich alles verloren.
-Da ich natürlich nichts vorweisen konnte, mußte
-ich dem Wirt folgen, und voll Schrecken gewahrte
-ich, wie er an den Fernsprecher ging, um zu telephonieren.
-Mit einem Blick schielte ich schon nach
-der Tür und wollte eben fortlaufen, als der Wirt,
-der mich durch ein Glasfenster beobachtete, wieder
-zu mir trat und mir sagte: „Ja, da Sie Ihre
-Papiere vergessen haben, kann ich Ihnen nicht
-helfen; übrigens wie heißen Sie und wo kommen
-Sie her?”</p>
-
-<p>„Ich bin George Mine und amerikanischer
-Leichtmatrose auf der Viermastbark ‚Ohio’, die
-oben auf Strom liegt. Ich bin eben hier hereingegangen
-und habe doch schon mein Essen und
-mein Bier bezahlt, meine Papiere habe ich natürlich
-nicht mit!”</p>
-
-<p>Dann er: „Dies ist ein geschlossener sozialdemokratischer
-Verein, hier dürfen nur Mitglieder
-essen, das sollten Sie doch wissen, doch wenn
-Sie Mitglied werden wollen, stehen Ihnen die
-Räume stets frei.”</p>
-
-<p>Natürlich war ich damit einverstanden. Ich
-zahlte meine drei Schilling Eintrittsbeitrag, erhielt
-ein knallrotes Seidenbändchen ins Knopfloch
-gebunden und eine Mitgliedskarte, und damit<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span>
-war ich nun jüngstes Mitglied des sozialdemokratischen
-Dockarbeitervereins von Tilbury!</p>
-
-<p>Als wenn nichts geschehen wäre, ging ich wieder
-an meinen Tisch, trank mit einem Zug, um mich
-von dem durchgemachten Schrecken zu erholen,
-verließ aber bald den Raum, da mir offengestanden
-der Appetit vergangen war und das
-Essen mir so recht nicht mehr schmecken wollte.</p>
-
-<p>Nun ging ich ans Flußufer hinunter, legte
-mich ins Gras, tat, als ob ich schliefe, und paßte
-auf wie ein Luchs.</p>
-
-<p>Dampfer an Dampfer zog an mir vorüber.
-Meine Erwartung wuchs unendlich. Um vier
-Uhr nachmittags lief stolz und majestätisch ein
-holländischer Schnelldampfer ein und machte direkt
-vor meiner Nase an einer Boje fest. Und erst
-mein Glück und meine Freude, als ich vorne am
-Bug in weißen, leuchtenden Buchstaben den
-Dampfernamen:</p>
-
-<p class="center">
-„<span class="gesperrt">Mecklenburg</span>”<br />
-</p>
-
-<p>las. Das war für mich als Mecklenburger und
-Schweriner das beste Vorzeichen.</p>
-
-<p>Nun fuhr ich mit der Fähre nach Gravesend
-hinüber, von wo aus ich den Dampfer unauffälliger
-beobachten konnte, und bummelte, die
-Hände in den Taschen, sorglos ein Liedchen pfeifend,
-möglichst bummlig und schlaksig im Seemannsgang
-am Ufer entlang, in Wirklichkeit aber
-scharf beobachtend.</p>
-
-<p>Mein Plan war folgender:</p>
-
-<p>Nachts schwimmend die Boje, an der der<span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span>
-Dampfer lag, zu erreichen, dann an der Stahlleine
-hochklettern, mich an Deck zu schleichen und
-als blinder Passagier nach Holland zu fahren.</p>
-
-<p>Meine Operationsbasis hatte ich bald gefunden.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Als ich mich vergewissert hatte, daß ich unbeobachtet
-war, kletterte ich in ein Holz- und
-Gerümpellager, welches bis ans Wasser der
-Themse reichte. Unter einigen Brettern lagen
-mehrere Bündel Heu, und in diese verkroch ich
-mich und wartete die Nacht ab.</p>
-
-<p>Dieses Heubündel ist dann auch für sämtliche
-übrigen Nächte mein Aufenthaltsplatz geblieben.</p>
-
-<p>Gegen zwölf Uhr nachts stieg ich aus meinem
-Versteck. Am Tage hatte ich mir alle in der Nähe
-liegenden Gegenstände, sämtliche für mich notwendigen
-Peilungen, genau eingeprägt. Vorsichtig
-schlich ich über Haufen von Gerümpel,
-alte Balken; der Regen rauschte, und in der pechschwarzen
-Nacht konnte ich kaum die beiden Kuffs
-wiederfinden, die ich am Tage neben dem Holzlager
-gesehen hatte.</p>
-
-<p>Auf allen vieren kriechend, immer wieder angespannt
-lauschend, mit den Augen versuchend, die
-Dunkelheit zu durchbohren, näherte ich mich meinem
-Ziel.</p>
-
-<p>Zu meinem Schrecken gewahrte ich, daß die
-beiden Kuffs, die am Nachmittage noch im tiefen
-Wasser gelegen hatten, jetzt fast trocken lagen.
-Aber hinten am Heck, da schwabberte Gott sei
-Dank noch ein kleines Dinghi im Wasser.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span>
-
-Kurz entschlossen wollte ich zu dem Boot hinlaufen,
-aber ehe ich wußte, was mit mir geschah,
-gab der Boden unter mir nach, und blitzschnell
-versank ich bis an die Hüften in eine zähe, schlüpfrige,
-übelriechende Schlammasse. Mit den
-Armen schlug ich um mich, und gerade konnte ich
-mich noch mit der linken Hand an einer Planke
-festkrallen, die vom Ufer zu dem Segelschiff
-hinüberführte.</p>
-
-<p>Mit äußerster Kraftanstrengung befreite ich
-mich aus der eklen Masse, die beinahe ein furchtbares
-Grab für mich geworden wäre, und gänzlich
-erschöpft schleppte ich mich zu meinem Heubündel
-zurück.</p>
-
-<p>Als am dritten Morgen meiner Flucht die
-Sonne aufging, hatte ich den Lattenzaun bereits
-wieder übersprungen und lümmelte mich auf
-einer Bank der Parkanlagen von Gravesend
-herum. Pünktlich um sieben Uhr früh warf meine
-„Mecklenburg” von der Boje los und rauschte
-stromabwärts dem freien Meere zu.</p>
-
-<p>An diesem ganzen Tage trieb ich mich, wie auch
-später, in London herum. Stundenlang stand ich
-auf den Brücken wie so viele andere Tagediebe
-und merkte mir genau die Lage der neutralen
-Dampfer und vor allen Dingen den Stand ihrer
-Ladungsarbeiten, um jederzeit, wenn ich einen
-glücklichen Augenblick erhaschen konnte, unbemerkt
-an Bord zu schleichen.</p>
-
-<p>Essen tat ich in allen diesen Tagen in den gewöhnlichsten
-Arbeiterstampen von London-East;<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span>
-ich sah so verkommen und dreckig aus, torkelte
-oder hinkte oft absichtlich, machte ein blödes,
-stieres Gesicht und ging so krumm und schlaksig,
-daß kein Mensch von mir Notiz nahm. Ich vermied
-zu sprechen und merkte mir genau die Aussprache
-und die Art und Weise, wie die Arbeiter
-ihr Essen bestellten. Bald hatte ich eine solche
-Sicherheit und Fertigkeit und wurde so frech,
-daß ich niemals mehr auf den Gedanken kam,
-ich könnte entdeckt werden.</p>
-
-<p>Am Abend war ich wieder in Gravesend.</p>
-
-<p>Da lag wirklich wieder ein Dampfer, und diesmal
-war es die „Prinzeß Juliana”.</p>
-
-<p>Nun paßte ich besser auf und studierte alles so
-eingehend und genau, besonders die Beschaffenheit
-des Flußufers, daß ich meiner Sache sicher war.</p>
-
-<p>Nachts um zwölf Uhr war ich an meinem ausgewählten
-Platz. Das Ufer war steinig, und die
-Ebbe fing eben erst an zu laufen. Leise zog ich
-meine Stiefel, Strümpfe und Jacke aus, verstaute
-meine Strümpfe, meine Uhr, Rasierapparat
-usw. in meine Mütze, setzte diese samt
-dem teuren Inhalt auf den Kopf und band sie fest.</p>
-
-<p>Dann versteckte ich Jacke und Stiefel unter
-einem Stein, zog den Ledergürtel meiner Hose
-fest an, und so angezogen wie ich war, kroch ich
-leise ins Wasser und schwamm nach der Richtung
-meines Dampfers hinaus.</p>
-
-<p>Die Nacht war regnerisch und dunkel. Bald
-konnte ich auch nicht mehr das Ufer erkennen,
-das ich eben verlassen hatte. Matt konnte ich jetzt<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span>
-eben die Umrisse eines Ruderbootes vor mir ausmachen,
-welches verankert lag. Ich strebte darauf
-zu, und trotz furchtbarster Anstrengung kam und
-kam ich nicht näher. Meine voll Wasser gesogenen
-Kleider wurden immer schwerer und
-drohten mich herabzuziehen; die Kräfte fingen
-an zu erlahmen, wie Schatten huschten an mir
-einige Ruderboote vorüber, die in Wirklichkeit
-aber verankert lagen, und an denen ich durch die
-starke Strömung vorbeigerissen wurde. Krampfhaft,
-mit meiner ganzen Energie schwamm ich
-weiter und versuchte den Kopf über Wasser zu
-halten.</p>
-
-<p>Bald jedoch schwanden mir die Sinne, und als
-ich wieder zu mir kam, lag ich hoch und trocken auf
-glatten, von Seetang überwucherten Steinen.</p>
-
-<p>Ein gütiges Geschick hatte mich an einige der
-wenigen steinigen Stellen des Strandes getrieben,
-da, wo der Fluß einen scharfen Knick machte;
-und durch das bei Ebbe schnell fallende Wasser
-lag ich nun auf dem Trockenen.</p>
-
-<p>Zitternd und bebend vor Kälte und Überanstrengung
-raffte ich mich auf und wankte am
-Ufer entlang, und nach einer Stunde fand ich
-meine Jacke und meine Stiefel wieder. Dann
-kletterte ich über meinen Bretterzaun und lag
-zitternd und zähneklappernd auf meinem Strohhaufen.</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 375px;">
-<img src="images/illu-227.png" width="375" height="600" alt="" />
-<div class="caption">Noch ein Steckbrief</div>
-</div>
-
-<p>Der Regen strömte, und ein eiskalter Wind
-fegte über mich weg. Als einzige Decke hatte ich
-meine nasse Jacke und meine beiden Hände,<span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[S. 223]</a></span>
-die ich flach und schützend auf meinen Magen hielt,
-um diesen wenigstens in Takt zu halten und dadurch
-für die nächsten Tage die nötigen Kräfte zu
-behalten. Nach zwei Stunden, ohne ein Auge
-zugetan zu haben, hielt ich es vor Kälte nicht mehr
-aus, verließ mein Versteck und lief herum, um
-wenigstens etwas warm zu werden.</p>
-
-<p>Meine nassen Kleider sind erst wieder trocken
-geworden, als sie mehrere Tage darauf in Deutschland
-am Ofen hingen! Tagsüber trieb ich mich
-wieder in London herum. Ich besuchte mehrere
-Kirchen, in denen ich sicher den Anschein eines
-frommen Beters erweckt habe, in Wirklichkeit aber
-ein Stündchen schlief.</p>
-
-<p>An diesem Tage wäre ich beinahe ein englischer
-Soldat geworden. Wie an allen Tagen stand auf
-einem der vielen Plätze auf einer errichteten Tribüne
-ein Redner und sprach zum Volk. Natürlich
-Rekrutenfang!</p>
-
-<p>In den glühendsten Farben, in höchster Ekstase
-schilderte er der lauschenden Menge, wie es aussehen
-würde, wenn die deutschen Soldaten erst
-ihren Siegeseinzug durch London hielten. „Die
-Straßen Londons”, sagte er, „werden von den
-Tritten der Barbaren widerhallen. Eure Frauen
-werden von den deutschen Soldaten vergewaltigt
-und mit ihren kotigen Stiefeln getreten werden.
-Wollt ihr das, ihr freien Briten?”</p>
-
-<p>Ein entrüstetes „Nein!” war die Antwort.</p>
-
-<p>„So gut, dann kommt und &mdash; &mdash; <span class="antiqua">join the
-army now</span>!”</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[S. 224]</a></span>
-
-Ich erwartete einen allgemeinen Sturmlauf.
-Der Mann hatte wirklich packend geredet. Keiner
-rührte sich. Nicht einer, der sich meldete und
-glaubte, daß Kitchener gerade <em class="gesperrt">ihn</em> haben wollte.
-Nun fing der Redner von vorne an, aber seine
-flammenden Worte verhallten ungehört.</p>
-
-<p>In der Zwischenzeit gingen englische Werbeunteroffiziere
-durch die Menge. Überall begegneten
-sie Kopfschütteln, keiner der wackeren Söhne
-Albions wollte anbeißen. Plötzlich kam ich an die
-Reihe.</p>
-
-<p>Ein baumlanger Sergeant stand vor mir und
-befühlte prüfend meine Oberarme. Er schien
-von seiner Musterung höchst befriedigt zu sein,
-denn nun fing er mit allen Mitteln an, mich
-davon zu überzeugen, daß der Soldat ausgerechnet
-in Kitcheners <span class="antiqua">army</span> das Schönste wäre,
-was es auf der Welt gäbe. Ich lehnte ab.</p>
-
-<p>„Nein”, sagte ich, „es geht nicht, ich bin erst
-siebzehn Jahre alt.”</p>
-
-<p>„Oh, das macht nichts, da machen wir einfach
-eine Achtzehn draus, und alles ist <span class="antiqua">all right</span>.”</p>
-
-<p>„Nein, es geht wirklich nicht, ich bin übrigens
-Amerikaner und habe auch keine Erlaubnis von
-meinem Schiffskapitän.”</p>
-
-<p>Nun holte der lästige Bursche eine Mappe
-hervor, in der in den leuchtendsten Farben die
-englischen Uniformen abgebildet waren. Der Kerl
-ließ einfach nicht locker. Um ihn endlich los zu
-werden, sagte ich ihm, er möchte mir eins der
-Heftchen überlassen, ich würde dann abends mit<span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225">[S. 225]</a></span>
-meinem Steuermann reden und am nächsten
-Tage würde ich ihm mitteilen, welche Uniform
-mir am besten gefiele.</p>
-
-<p>Daß ich von da ab in großem Bogen um diesen
-Platz herumging, war wohl selbstverständlich.</p>
-
-<p>Nun hatte ich aber allmählich so viel Sicherheit
-gewonnen, daß ich trotz meines schmutzigen
-Päckchens ins Britische Museum ging, mir einzelne
-der größten Gemäldegalerien ansah, ja
-sogar die Nachmittagsvorstellungen der Varietés
-besuchte, ohne jemals nach dem Woher und Wohin
-gefragt zu sein. In den Varietés waren oft die
-allerliebsten blonden Garderobefräuleins besonders
-freundlich zu mir und schienen sogar mit
-dem armen <span class="antiqua">„sailor”</span>, der sich sicherlich in das feine
-Varieté verirrt hatte, Mitgefühl zu haben.</p>
-
-<p>Am ulkigsten war es, wenn ich auf einem Verdecksitz
-der Autobusse Platz nahm und die Damen
-und Dämchen naserümpfend und entrüstet von
-mir abrückten und mich nicht selten verachtende
-Blicke trafen. Wenn <em class="gesperrt">die</em> gewußt hätten, wer
-neben ihnen saß! Daß ich nicht gerade nach
-Parfüm roch, war bei meiner Nachtarbeit und
-den nassen schlammbeschmutzten Kleidern kein
-Wunder.</p>
-
-<p>Am Abend war ich wieder in meinem Gravesend.
-In dem kleinen Park, der direkt ans Themseufer
-stieß, spielte Militärmusik und mehrere
-Stunden saß ich ruhig auf einer Bank direkt am
-Strand, lauschte den Klängen der Musik und
-beobachtete wie ein Luchs.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_226" id="Seite_226">[S. 226]</a></span>
-
-Meinen Plan, zum Dampfer hinüberzuschwimmen,
-hatte ich endgültig aufgegeben, da ich einsah,
-daß die Strecke zu weit und die Strömung viel
-zu reißend war.</p>
-
-<p>Jetzt kam es für mich nur noch darauf an,
-irgendwo unauffällig ein Ruderboot zu requirieren,
-um damit zum Dampfer gelangen zu
-können.</p>
-
-<p>Vor mir lag gerade ein passendes; doch war
-dieses an einer Schleuse festgemacht, die von
-einem Posten Tag und Nacht bewacht wurde.</p>
-
-<p>Doch gewagt mußte es werden!</p>
-
-<p>Nachts um zwölf Uhr bei wiederum stockfinsterer
-Nacht schlich ich durch den Park und kroch
-an die zirka zwei Meter hohe Ufermauer heran.
-Ein Sprung über einen Gartenzaun, und schon
-lag unter mir leise schaukelnd mein Boot. Atemlos
-lauschte ich. Der Posten, nur zehn Schritt
-entfernt, schlenderte schlaftrunken auf und ab.
-Meine Stiefel hatte ich ausgezogen und mit den
-Schuhlitzen um den Hals gebunden, das offene
-Messer zwischen den Zähnen. Leise wie ein Indianer
-glitt ich an der Mauer hinunter. Mit den
-Fußspitzen konnte ich gerade das Dollbord des
-Bootes angeln, lautlos glitten meine Hände an
-dem harten Granit entlang, und eine Sekunde
-darauf saß ich zusammengekauert im Boot.
-Atemlose Spannung. Mein Posten ging unter
-seinen hellen Bogenlampen ungestört auf und ab.
-Mit meinem Boot lag ich Gott sei Dank im
-Dunkeln. Meine durch nächtliche Torpedobootsfahrten<span class="pagenum"><a name="Seite_227" id="Seite_227">[S. 227]</a></span>
-geübten Augen sahen jetzt trotz der
-schwarzen Nacht fast wie am Tage. Vorsichtig
-tastete ich die Riemen ab. Verdammt, sie waren
-von einer Kette umschlossen. Zum Glück war
-diese aber nicht stramm angezogen, und leise zog
-ich erst den Bootshaken, dann einen Riemen nach
-dem anderen aus der Kettenschlinge heraus. Knirschend
-durchschnitt nun mein Messer die beiden Taue,
-mit denen das Boot an der Mauer festgemacht
-war, und unhörbar tauchten meine Riemen in
-das Wasser ein und trieben das Boot vorwärts.</p>
-
-<p>Als ich in das Boot gestiegen war, hatte es
-schon sehr viel Wasser gehabt. Nun gewahrte ich
-zu meinem Schrecken, daß das Wasser im Boot
-mit großer Geschwindigkeit stieg. Schon überspülte
-das Wasser die Ducht, auf der ich saß,
-immer schwerer und unhandlicher wurde das
-große Boot, mit verzweifelter Kraft warf ich mich
-in meine Riemen. Plötzlich knirschte der Kiel, und
-das Boot lag eisern fest. Kein Pullen, kein Absetzen
-mit Riemen und Bootshaken half, das Boot
-blieb unbeweglich, und rasend schnell fiel das
-Wasser um das Boot herum, und schon nach
-wenigen Minuten saß ich fest und trocken im
-Schlick, dafür aber zum Trost das Boot innen bis
-an den Rand voll Wasser. Ich habe eine so
-schnelle Veränderung der Wasserhöhe bei Ebbe
-und Flut noch nie vorher in meinem Leben
-erlebt. Wenn auch die Themse in dieser Beziehung
-berüchtigt war, <em class="gesperrt">das</em> hatte ich doch nicht
-für möglich gehalten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">[S. 228]</a></span>
-
-Ich befand mich wohl in der kritischsten Lage
-der ganzen Flucht. Ringsherum war ich umgeben
-von weichem, stinkendem Schlick, dessen
-Bekanntschaft ich zwei Abende vorher beinahe mit
-dem Leben bezahlt hatte. Schon der Gedanke
-daran machte mich schaudern. Nur zweihundert
-Meter entfernt ging der Posten auf und ab, und
-ich selbst befand mich mit meinem Boot zirka
-fünf Meter von der zwei Meter hohen granitenen
-Ufermauer entfernt.</p>
-
-<p>Kühl überlegend saß ich auf meiner Ducht.
-Eins stand fest: die Engländer durften mich hier
-nicht finden, denn wie einen tollen Hund hätten
-sie mich totgeschlagen.</p>
-
-<p>Vor dem nächsten Vormittage stieg aber das
-Wasser nicht wieder. Also gab's nur eins: alle
-Energie zusammengerafft, Zähne zusammengebissen
-und versucht, den Schlick zu überwinden.
-Ich zog auch noch meine Strümpfe aus, krempelte
-die Hosen so hoch hinauf, als es irgend ging, dann
-legte ich die Bootsplanken und die Riemen
-nebeneinander auf den quillenden und glucksenden
-Schlammboden, dann benutzte ich den Bootshaken
-als Sprungstange und setzte ihn mit der
-Spitze auf eine Planke auf, stellte mich auf das
-Dollbord des Bootes, dann alle Kraft zusammengenommen,
-mit einem mächtigen Satze schwang
-ich mich im Stabhochsprung um meinen Bootshaken
-und ... mit einem lauten Platsch langte
-ich nur einen Meter von der Mauer entfernt an
-und sank bis weit über die Knie in den zähen Brei,<span class="pagenum"><a name="Seite_229" id="Seite_229">[S. 229]</a></span>
-dann aber festen Grund unter den Füßen spürend.
-Nun arbeitete ich mich an die Mauer heran, legte
-meinen Bootshaken als Kletterstange an, und
-einige Sekunden darauf war ich oben und saß
-mitten auf dem Rasen des kleinen Parkes, in
-dem ich einige Stunden vorher der Musik gelauscht
-hatte. Um mich herum lautlose Stille.
-Ein Alp wich mir von der Brust. Niemand, auch
-der Posten nicht, hatte etwas gemerkt.</p>
-
-<p>Mit ziemlichem Mißbehagen betrachtete ich mir
-meine Beine. Bis über die Knie klebte eine dicke,
-stinkende, graue Schicht. Wasser zum Waschen
-war nirgends in der Nähe. Aber so konnte ich
-unmöglich meine Strümpfe und meine Stiefel
-wieder anziehen. Mühsam strich ich daher mit den
-Fingern die Schlickmasse, so gut es ging ab, und
-als die kleben gebliebene Kruste einigermaßen
-trocken war, gelang es mir, Schuhe und Strümpfe
-anzuziehen und die aufgekrempelten Hosen herabzustreifen.</p>
-
-<p>Der erste Plan war zwar mißglückt, aber
-immerhin hatte ich dabei so viel Glück gehabt, daß
-ich voller Mut einen zweiten Versuch machen
-wollte.</p>
-
-<p>Mit den Händen in den Taschen, einen betrunkenen
-Matrosen markierend, torkelte ich der
-kleinen Brücke, die von meinem Posten bewacht
-war, zu. In meiner Betrunkenheit rempelte ich
-den Posten sanft an, dieser schien solche Anblicke
-gewöhnt zu sein, und mit einem gemütlichen:
-<span class="antiqua">„Halloh! Old Jack, one Whisky too much!<span class="pagenum"><a name="Seite_230" id="Seite_230">[S. 230]</a></span>”</span>
-klopfte er mir auf die Schulter und ließ mich
-passieren.</p>
-
-<p>Einige hundert Schritte weiter war ich wieder
-der Alte. Nach kurzem Suchen fand ich die
-steinige Uferstelle wieder, an der ich den Abend
-vorher den beinahe mißlungenen Schwimmversuch
-unternommen hatte.</p>
-
-<p>Es war ungefähr zwei Uhr nachts, und im
-Nu hatte ich mich ausgezogen, und sofort sprang
-ich, diesmal leicht und unbehindert, so wie mich
-der liebe Gott geschaffen hatte, ins Wasser. Der
-Himmel war zum erstenmal umwölkt, und
-schwach hoben sich die Umrisse mehrerer zirka
-zweihundert Meter vom Ufer entfernt verankerter
-Ruderboote ab. Das Wasser phosphoreszierte
-ganz ungewöhnlich stark; nur in den Tropen habe
-ich Ähnliches erlebt. Wie in einem Meer von
-Gold und Silber schwamm ich daher. Zu einer
-anderen Zeit hätte mich dieses Naturwunder höchst
-entzückt, jetzt befürchtete ich, daß das helle Aufleuchten
-meines nackten weißen Körpers in dem
-hellen Goldstrom mich verraten würde. Zuerst
-ging alles nach Wunsch. Sowie ich aber die links
-vor mir liegende schützende Uferecke passiert hatte,
-faßte mich der Strom, und nun gab es wieder ein
-Ringen mit dem Element auf Leben und Tod.
-Als meine Kräfte zu ermatten drohten, erreichte
-ich das erste Boot. Die letzte Kraft zusammengenommen,
-und nach einem mächtigen Klimmzug
-polterte ich in das Innere des Bootes hinein.
-Verhängnis! Das Boot war leer. Kein Riemen,<span class="pagenum"><a name="Seite_231" id="Seite_231">[S. 231]</a></span>
-kein Haken, mit dem ich mich hätte vorwärts bewegen
-können. Nach kurzer Pause glitt ich wieder
-ins Wasser hinab und ließ mich nun von dem
-Strom gegen das nächste dahinter liegende Boot
-treiben. Auch dieses Boot ... leer. Und so ging's
-noch mit drei anderen Booten. Bis ich schließlich
-beim letzten leeren anlangte, und nachdem ich mich
-verschnauft hatte, ging es wieder hinein in das
-glitzernde, jetzt aber unangenehm kalte Element.
-Und zwei Stunden, nachdem ich abgeschwommen
-war, langte ich wieder bei meinen Kleidern an.</p>
-
-<p>Da ich vor Kälte wie Espenlaub zitterte, machte
-es mir besondere Arbeit, naß wie ich war, in die
-ebenfalls noch nassen und klebenden Kleider zu
-gelangen.</p>
-
-<p>Eine halbe Stunde darauf lag ich, an meinem
-Glücksstern zweifelnd, in meinem Heuhaufen.</p>
-
-<p>War es mir übelzunehmen, daß ich etwas
-mutlos wurde? Und vor allen Dingen gleichgültig?
-Ja, ich war so herunter, daß ich am
-nächsten Morgen nicht die Energie fand, rechtzeitig
-mein Versteck zu verlassen, und erst über den
-Bretterzaun setzte, als schon der Besitzer des Holzlagers
-mehrere Male dicht an meinem Versteck
-vorbeigeschritten war. Diesen kommenden Tag
-ging ich zu Fuß von Gravesend nach London
-hinauf und von London zu Fuß auf der anderen
-Themseseite nach Tilbury hinunter. Alles nur,
-um ein Boot finden zu können, das ich mir unbemerkt
-leihen konnte. Es war ja gar nicht zu
-glauben, mehrere lagen da, aber die nur gut<span class="pagenum"><a name="Seite_232" id="Seite_232">[S. 232]</a></span>
-bewacht von ihren Besitzern. Mutlos gab ich
-das Rennen auf.</p>
-
-<p>An diesem Abend ging ich in ein Varieté
-in der festen Absicht, die zwanzig Schilling, die
-ich noch besaß, zu verjubeln, dann in einer Nacht
-alles auf eine Karte zu setzen und zu versuchen,
-in die Docks zu gelangen und mich auf einem
-neutralen Dampfer zu verstecken. Und wenn das,
-wie es Trefftz gegangen war, mißlang, wollte ich
-mich der Polizeibehörde stellen.</p>
-
-<p>Ich stand auf der obersten Galerie des größten
-Londoner Varietés und folgte dem Spiele. Eine
-innere Stimme raunte mir immer zu: Du gehörst
-nach Gravesend zur Arbeit, deine Pflicht ist es,
-die Schlappheit zu überwinden, sonst bist du kein
-deutscher Seemann mehr! Als lebende Bilder
-gestellt wurden, Szenen aus dem Schützengraben
-und Verherrlichungen des zukünftigen Sieges
-und Friedens, bei denen selbstverständlich die
-Deutschen nur fliehend und geschlagen dargestellt
-wurden, ja als sogar auf dem Hauptbild Britannia
-dargestellt wurde im strahlenden Sonnenglanz,
-die Siegespalme in der Hand, mit ihrem
-rechten Fuß auf einem gefesselt daliegenden
-feldgrauen deutschen Soldaten, da packte mich
-der heilige Zorn, und fluchtartig trotz Protestes
-meiner Nachbarn verließ ich das Theater
-und faßte gerade noch den letzten Zug nach
-Tilbury.</p>
-
-<p>Jetzt war mir wieder wohl zumute. Und ich
-war in meinem Innern so fest überzeugt, daß mir<span class="pagenum"><a name="Seite_233" id="Seite_233">[S. 233]</a></span>
-heute mein Plan gelingen würde, daß es gar nicht
-anders kommen konnte.</p>
-
-<p>Als ich die ersten Fischerhütten von Gravesend
-passierte, fand ich einen kleinen Bootsriemen. Zur
-Sicherheit nahm ich diesen mit. Mitten in der
-Hafenstraße, da, wo in den Kaieinschnitten die
-Fischkutter direkt anlegten, schaukelte ein kleines
-Dinghi. Nur zwanzig Schritt davon entfernt
-saßen auf einer Hausbank gemütlich plaudernd
-die Besitzer der Fischkutter und des dazugehörigen
-Dinghis. Da die guten Seeleute mit ihren Geliebten
-zärtlich kosten, war von meiner Gegenwart
-nichts bemerkt worden.</p>
-
-<p>Riskant war es, aber: Nur dem Mutigen gehört
-die Welt, brummte ich in mein Inneres hinein.
-Und dank meiner erworbenen Übung, kroch ich
-unhörbar in das Boot, ein scharfer Schnitt, und
-leise glitt die winzige Nußschale am Fischkutter
-entlang, auf dessen Achterdeck eine Frau ihr Kind
-in den Schlaf wiegte.</p>
-
-<p>Da keine Dollen im Boot vorhanden waren,
-setzte ich mich achteraus und wriggte nun mit aller
-Kraft vom Ufer fort. Kaum hatte ich jedoch ein
-Drittel des Weges zurückgelegt, als mich plötzlich
-mit unwiderstehlicher Gewalt die Ebbströmung
-faßte, mein Boot wie einen Kreisel herumwirbelte
-und alle meine Versuche, Kurs zu halten, vergeblich
-machte. Jetzt galt's seemännische Geschicklichkeit
-zeigen. Mit eiserner Faust brachte ich
-das Boot in meine Gewalt, und genau mit dem
-Strom schwimmend, steuerte ich flußabwärts.<span class="pagenum"><a name="Seite_234" id="Seite_234">[S. 234]</a></span>
-Jetzt kam ein gefährlicher Moment. Eine mächtige,
-quer über den Fluß reichende und von Soldaten
-streng bewachte militärische Pontonbrücke kam
-mir in den Weg. Ein Moment kalter Ruhe,
-schärfster Anspannung, ein Anruf eines Postens,
-und unverwandt geradeaus sehend und nur auf
-meinen Riemen achtend, schoß der Nachen durch
-zwei Pontons hindurch. Nur wenige Sekunden
-darauf erhielt das Boot einen kräftigen Stoß,
-und schon war ich an den Ankerketten eines
-mächtigen Kohlenleichters gestrandet. Wie der
-Blitz hatte ich mein Bootstau um die Ankerkette
-festgemacht, nur Bruchteile von Sekunden,
-in denen das Boot beinahe gekentert wäre. Jetzt
-war ich in Sicherheit. Wie rasend schoß das
-Wasser gurgelnd an meinen Bootsplanken vorüber,
-der volle Ebbstrom, verstärkt durch das
-Flußgefälle, mußte schon eingesetzt haben.</p>
-
-<p>Mir blieb jetzt nichts anderes zu tun übrig,
-als geduldig warten.</p>
-
-<p>An meiner Steuerbordseite lag mein Dampfer.
-Ich wollte abwarten, bis wieder Stauwasser eingetreten
-war, um dann herüberzuwriggen. Innerlich
-frohlockte ich schon vor lauter Übermut, als
-schnell der nötige Dampfer kam. Der Morgen
-fing an zu grauen, immer heller traten die Umrisse
-der verankerten Schiffe hervor, endlich ging
-die Sonne auf, und immer noch rauschte das
-Wasser so kräftig an mir vorbei, daß an ein Fortkommen
-für mich nicht zu denken war. Die
-Flucht war sowieso in dieser Nacht unmöglich.<span class="pagenum"><a name="Seite_235" id="Seite_235">[S. 235]</a></span>
-Glücklich aber, daß ich wenigstens das lang gesuchte
-Boot besaß, ließ ich mich mit dem letzten
-schwachen Ebbstrom stromabwärts gleiten, und
-nach zirka einer Stunde machte ich an einer alten
-zerfallenen Brücke am rechten Themseufer fest.
-Mein Boot versteckte ich unter der Brücke, die
-beiden Riemen nahm ich zur Vorsicht mit an
-Land und verstaute sie im hohen Gras. Dann
-legte ich mich selbst in die Nähe und beobachtete.
-Um acht Uhr früh rauschte mein Dampfer
-stolz an mir vorüber. Es war die „Mecklenburg”.
-Nun kam noch eine harte Geduldsprobe. Sechzehn
-Stunden blieb ich im Grase liegen, bis abends
-um acht Uhr die Befreiungsstunde schlug.</p>
-
-<p>Da bestieg ich wieder mein Boot. Vorsichtig
-ließ ich mich durch die eben einsetzende Flußströmung
-wieder stromaufwärts treiben und
-machte am selben Leichter fest, an dem ich die Nacht
-vorher gestrandet war. Querab von mir, nur
-fünfhundert Meter entfernt, lag die „Prinzeß
-Juliana” an ihrer Boje.</p>
-
-<p>Jetzt hatte ich Zeit, legte mich lang in das
-Innere meines Bootes und versuchte vergebens
-ein Nickerchen zu machen. Der Flutstrom schwoll,
-und bald war ich wieder von brausendem Wasser
-umgeben.</p>
-
-<p>Nachts um zwölf Uhr wurde es still um mich
-herum, und als um ein Uhr das Boot ruhig im
-Stauwasser schlingerte, warf ich los, setzte mich
-achtern dwars in mein Boot und wriggte in
-größter Gemütsruhe, als wenn ich mich auf einer<span class="pagenum"><a name="Seite_236" id="Seite_236">[S. 236]</a></span>
-Sonntagspartie im Kieler Hafen befände, zum
-Dampfer.</p>
-
-<p>Unbemerkt gelangte ich an die Festmacherboje.</p>
-
-<p>Haushoch türmte sich über mir der scharfe
-schwarze Vorsteven meines Dampfers. Ein kräftiger
-Ruck, und oben war ich auf der Boje. Nun
-gab ich meinem treuen Schwan einen tüchtigen
-Fußtritt, und schnell wurde der von der eben wieder
-einsetzenden Ebbströmung stromab geführt.
-Mäuschenstill lag ich mehrere Minuten auf der
-Eisentonne. Dann kletterte ich, von eiserner Ruhe
-erfüllt, wie eine Katze an der mächtigen Stahltrosse
-zur Klüse empor. Vorsichtig steckte ich den
-Kopf über den Wassergang und spähte.</p>
-
-<p>Die Back war leer.</p>
-
-<p>Ein kurzes Aufstemmen, und oben war ich.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_237" id="Seite_237">[S. 237]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>Ein blinder Passagier</h2>
-
-
-<p>Jetzt kroch ich auf dem Deck entlang zum
-Ankerspill und versteckte mich zuerst mal in
-der Ölwanne unter der Kettentrommel.</p>
-
-<p>Als alles um mich ruhig blieb, kein Mensch
-sich zeigte, kletterte ich aus meinem Versteck,
-zog meine Stiefel aus und verstaute sie unter
-einem Bund Stammwerk in einer Ecke der
-Back. Auf Strümpfen schlich ich jetzt zur Rekognoszierung.
-Als ich von Achterkante Back vorsichtig
-zum Ladedeck hinunterschaute, prallte ich
-plötzlich zurück, und atemlos, ohne mit der Wimper
-zu zucken, blieb ich an einen Ventilator angelehnt
-stehen. Unten auf dem Ladedeck standen zwei
-Posten, die scharf nach der Back heraufsahen.</p>
-
-<p>Nachdem ich über eine halbe Stunde in meiner
-halb geduckten Stellung gestanden hatte und mir
-die Knie den Dienst versagen wollten, kamen
-unten aus dem Mitteldeck zwei Stewardessen,
-die scheinbar vom Nachtdienst abgelöst worden
-waren. Meine beiden Posten ergriffen die günstige
-Gelegenheit, waren bald in eine Unterhaltung
-mit ihnen vertieft und achteten nicht
-weiter auf das, was um sie herum vorging.</p>
-
-<p>Der Morgen fing bereits an zu dämmern, jetzt
-mußte ich handeln, wenn nicht noch zu guter Letzt
-alles verloren sein sollte.</p>
-
-<p>Ich rutschte an der den beiden Liebespaaren<span class="pagenum"><a name="Seite_238" id="Seite_238">[S. 238]</a></span>
-entgegengesetzten Seite der Back an der Gillung
-herunter und befand mich auf dem Ladedeck.</p>
-
-<p>Ohne auch nur eine Sekunde zu zaudern, ging
-ich leise weiter, schlich unbemerkt an den beiden
-Posten vorbei, erreichte glücklich das Promenadendeck,
-und dann kletterte ich an den Außenkanten
-einer Deckstütze hoch und befand mich kurz darauf
-an der Außenkante eines Rettungsbootes.</p>
-
-<p>Mich mit der einen Hand eisern festhaltend, da
-zwölf Meter unter mir das Themsewasser gurgelte,
-reihte ich mit der anderen Hand und mit
-den Zähnen einige Bänzel des Bootsbezuges
-los, und mit der letzten Kraftanstrengung kroch
-ich durch die kleine Lücke und befand mich wohlgeborgen
-im Bootsinnern.</p>
-
-<p>Jetzt holte ich von Innen die gelösten Bänzel
-wieder an, und kein Mensch hätte auf den Gedanken
-kommen können, daß sich ein blinder Passagier
-im Rettungsboot befand.</p>
-
-<p>Nun war es allerdings vorbei mit mir. Die
-ungeheuerlichen körperlichen Anstrengungen, die
-seelischen Aufregungen und nicht zum mindesten
-der nagende Hunger bewirkten, daß ich mich der
-Länge nach auf den Planken ausstreckte und im
-selben Moment nicht mehr wußte, was um mich
-geschah.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_239" id="Seite_239">[S. 239]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>Der Weg in die Freiheit</h2>
-
-
-<p>Aus einem totenähnlichen, traumlosen Schlaf
-wurde ich durch schrilles Sirenengeheul
-aufgeweckt.</p>
-
-<p>Vorsichtig öffnete ich ein Bänzel meines Bezuges,
-und am liebsten hätte ich laut Hurra geschrien,
-denn eben lief der Dampfer in den Hafen
-von Vlissingen ein.</p>
-
-<p>Nun war mir alles gleich. Ich zog mein Messer,
-und mit einem Schnitt durchtrennte ich die Bänzel
-des Bezuges, diesmal aber auf der Seite, wo das
-Bootsdeck lag.</p>
-
-<p>Aufatmend stand ich mitten auf dem Bootsdeck
-und erwartete nun, jeden Moment gefangengenommen
-zu werden.</p>
-
-<p>Kein Mensch, der sich um mich kümmerte. Die
-Schiffsbesatzung war beim Anlegemanöver, die
-Fremden waren mit ihrem Reisegepäck beschäftigt.</p>
-
-<p>Nun stieg ich zum Promenadendeck hinunter.
-Entrüstet wurde ich ob meines Drecks und meiner
-zerrissenen blauen Strümpfe, die alles andere
-als appetitlich aussahen, von einigen Passagieren
-angesehen.</p>
-
-<p>Aber ich muß so glückliche, strahlende Augen
-gemacht haben, und die helle Freude leuchtete<span class="pagenum"><a name="Seite_240" id="Seite_240">[S. 240]</a></span>
-wohl aus meinem schmutzigen, eingefallenen Gesicht,
-daß manch erstaunter Frauenblick mich
-traf.</p>
-
-<p>In diesem Aufzug konnte ich nicht weiter rumlaufen.
-Ich ging auf die Back, holte mir meine
-Stiefel herunter (meine besten Hockeystiefel, englische
-Liebesgaben), und, trotzdem ich von einem
-holländischen Matrosen barsch angeschnauzt wurde,
-zog ich mir in Seelenruhe meine Lieblinge an und
-wanderte zum Fallreep.</p>
-
-<p>Der Dampfer hatte direkt am Kai festgemacht.</p>
-
-<p>Die Passagiere verließen das Schiff, von dem
-Kapitän und den Schiffsoffizieren Abschied
-nehmend. Erst hatte ich ernstlich vor, mich dem
-Kapitän zu erkennen zu geben, um die holländische
-Dampferkompanie nicht zu schädigen.
-Dann aber gewann die Vorsicht die Oberhand,
-und mit den Händen in den Hosentaschen, mich
-recht lumpig benehmend, schlingerte ich im
-Seemannsschritt das Fallreep hinab.</p>
-
-<p>Kein Mensch nahm von mir Notiz. Ich tat so,
-als wenn ich zur Schiffsbesatzung gehörte, und half
-beim Festmachen der Stahlleinen.</p>
-
-<p>Dann mischte ich mich unter das Volk, und
-während die Passagiere einer scharfen Kontrolle
-unterzogen wurden, sah ich mich um und entdeckte
-im Gitter eine Tür, an der groß „Ausgang
-verboten” stand.</p>
-
-<p>Die führte sicher in die Freiheit!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_241" id="Seite_241">[S. 241]</a></span>
-
-Im Nu war dieses für mich kinderleichte
-Hindernis überwunden, und draußen stand ich.</p>
-
-<p>Frei!</p>
-
-<p>Mit meiner ganzen Energie mußte ich mich zusammennehmen,
-um nicht vor Freude wie ein
-Tollhäusler herumzuspringen. Zwei wackere
-Landsmänner nahmen mich auf. Glauben wollten
-sie es allerdings nicht, daß ich Offizier sei,
-und vor allen Dingen nicht, daß mir die Flucht
-aus England gelungen wäre.</p>
-
-<p>Hui, sah das Badewasser aus!</p>
-
-<p>Für drei Personen habe ich an diesem Abend
-gegessen.</p>
-
-<p>Nachdem ich mir am nächsten Tage einige
-Kleinigkeiten eingekauft hatte, stieg ich mit meinem
-Arbeitsgewande in den <span class="antiqua">D</span>-Zug nach Deutschland.</p>
-
-<p>Als sich der Zug eben in Bewegung setzen wollte,
-tippte mir ein Mann von hinten auf die Schulter
-(wie ich diese Begrüßungsart verabscheute!) und
-fragte mich:</p>
-
-<p>„Wo sind Ihre Papiere?”</p>
-
-<p>„Wer sind Sie überhaupt?” sagte ich.</p>
-
-<p>„Ich bin Geheimdetektiv.”</p>
-
-<p>„Das kann jeder sagen.”</p>
-
-<p>„Jawohl, mein Herr, hier ist meine Marke.”</p>
-
-<p>Nun wurde mir doch blümerant zumute!</p>
-
-<p>Ich erklärte dem Herrn äußerst liebenswürdig,<span class="pagenum"><a name="Seite_242" id="Seite_242">[S. 242]</a></span>
-daß ich keine Papiere besäße, übrigens direkt nach
-Deutschland führe und der holländischen Regierung
-keinerlei Unannehmlichkeiten bereiten
-würde.</p>
-
-<p>„So”, sagte er, „aus England kommen Sie
-und haben keine Papiere, na das war wohl recht
-schwer?”</p>
-
-<p>„Ach ja, ziemlich”, meinte ich.</p>
-
-<p>„Na dann wünsche ich Ihnen weiter glückliche
-Reise!”</p>
-
-<p>Wir schüttelten uns die Hand, und schon setzte
-sich der Zug in Bewegung.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_243" id="Seite_243">[S. 243]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>Wieder im Vaterland!</h2>
-
-
-<p>Auf meinem Sitz konnte ich es nicht lange aushalten.
-Ich war allein in meinem Kupee erster
-Klasse, und von Gedanken und Hoffnungen, die
-mein Hirn durchrasten, überwältigt, lief ich wie
-ein wildes Tier in seinem Käfig im Abteil auf
-und ab.</p>
-
-<p>Endlich, endlich, es schien ja eine Ewigkeit zu
-sein, fuhr der Zug langsam über die deutsche
-Grenze.</p>
-
-<p>Der schwarz-weiße Pfahl grüßte zu mir herüber,
-und weit lehnte ich mich aus dem
-Fenster heraus, und jubelnd schrie ich zweimal
-Hurra!</p>
-
-<p>Das dritte Hurra blieb mir in der Kehle stecken,
-und überwältigt von Dankbarkeit, von Freude und
-Glück schluchzte ich laut auf und konnte es nicht
-verhindern, daß mir die Tränen aus den Augen
-liefen.</p>
-
-<p>War das Schlappheit?</p>
-
-<p>Der Zug hielt in Goch, die ersten Feldgrauen,
-die ich in meinem Leben sah, standen auf dem
-Bahnsteig, und unbesorgt sprang ich aus dem
-Zug.</p>
-
-<p>Ein harter Griff packte mich am Rockkragen, und
-ein mächtiger preußischer Wachtmeister mit grimmigem<span class="pagenum"><a name="Seite_244" id="Seite_244">[S. 244]</a></span>
-Blick unter leuchtendem Helm, hielt mich
-in seiner stählernen Faust.</p>
-
-<p>„Ha, da haben wir das Bürschchen!”</p>
-
-<p>Ich wäre dem braven Feldgrauen am liebsten
-um den Hals gefallen. Noch nie habe ich mich in
-meinem Leben so sicher gefühlt wie in diesem
-Augenblick.</p>
-
-<p>Ich versuchte zu erklären, wer ich sei, ein Lächeln,
-welches einem anderen wenig Trostvolles
-gesagt hätte, war die Antwort.</p>
-
-<p>Von zwei biederen Landsturmleuten wurde
-ich am nächsten Morgen nach Wesel transportiert.</p>
-
-<p>Auf dem Geschäftszimmer war noch niemand
-zu sprechen. Kleine Jungens waren mir nachgelaufen,
-warfen mit Steinchen und riefen: „Sie haben,
-sie haben ihn, einen Spion!” Diese prächtigen
-Blondköpfe!</p>
-
-<p>Eine Ordonnanz nahm mich in Empfang.</p>
-
-<p>„Na setzen Sie sich mal hin, mit solchen Leuten
-wie Sie machen wir kurzen Prozeß, wenn
-erst der Herr Kapitänleutnant F. kommt, dann
-gibt's nur ein kurzes Verhör und Sie
-baumeln!”</p>
-
-<p>Nach einiger Zeit kam der Gestrenge, natürlich
-ein Kamerad von mir. Das Erstaunen und die
-Freude waren nicht zu beschreiben. Aber erst das
-dumme Gesicht meiner liebenswürdigen Ordonnanz!
-Diese mußte jetzt sogar laufen und mir
-Frühstück holen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_245" id="Seite_245">[S. 245]</a></span>
-
-Eine besondere Freude machte mir noch hier in
-Wesel ein englischer Steckbrief aus der ‚Daily
-Mail’ vom zwölften Juli, also aus einer Zeit, wo ich
-bereits längst in Sicherheit war, der damit endete,
-daß ich wahrscheinlich versuchen würde, mich
-auf einem neutralen Dampfer als Matrose anwerben
-zu lassen, und daß:</p>
-
-<blockquote>
-
-<p><span class="antiqua">his recapture should be but
-a matter of time!</span></p></blockquote>
-
-<p>Nach einer Stunde saß ich, immer noch in
-meinem Arbeiteranzug, mit einem Paß in der
-Tasche im <span class="antiqua">D</span>-Zug nach Berlin und fuhr natürlich
-&mdash; &mdash; &mdash; erster Klasse.</p>
-
-<p>Endlich war ich am Ziel! Fast neun Monate
-hatte ich gebraucht, um mich von Tsingtau bis
-nach Deutschland durchzuschlagen.</p>
-
-<p>Deutschland, o du mein geliebtes Vaterland!
-Nun war ich da.</p>
-
-<p>Wunderbar strahlte die Sonne an diesem dreizehnten
-Juli Neunzehnhundertundfünfzehn vom Himmel
-herab, trunkenen Auges nahm ich die
-herrlichen Heimatbilder in mich auf.</p>
-
-<p>In meinem Abteil erster Klasse saß ich alleine
-und hatte mich zu beiden Seiten des Fensters
-breit gemacht und fing an, in Blei meinen Bericht
-zu schreiben.</p>
-
-<p>In Münster stieg eine alte Exzellenz in voller
-Uniform in mein Abteil. Höflich stand ich auf,
-räumte den einen Fensterplatz frei und fragte:<span class="pagenum"><a name="Seite_246" id="Seite_246">[S. 246]</a></span>
-„Darf ich Eurer Exzellenz gehorsamst den einen
-Fensterplatz einräumen?” Ein wütender Blick
-seiner stahlharten Augen, dann entrang sich ein
-verächtliches „Brrrr” seiner Kehle, und schwupp
-schlug er die Türe zu und ließ mich alleine.</p>
-
-<p>Sollte Seiner Exzellenz durch Zufall dieses
-Büchlein in die Hand fallen, so bitte ich gehorsamst,
-mir zu verzeihen, daß ich damals vergaß,
-in welchem Anzug ich steckte!</p>
-
-<p>Abends um sieben Uhr lief der Zug im Bahnhof
-Zoo ein.</p>
-
-<p>Feucht schimmerten zwei herrliche blaue Augensterne,
-ein riesiger Strauß wunderbarster roter
-Rosen lag in meinem Arm, und vor Glück und
-Wiedersehensfreude nicht mächtig ein Wort zu
-sagen, verließen wir den Bahnhof.</p>
-
-<p>Die nächsten Tage durchlebte ich wie im
-Traum.</p>
-
-<p>Als ich den Admiralstab betrat, wollte mich natürlich
-der Portier zuerst nicht hereinlassen, und
-auch in den großen Geschäften, wo ich mir schleunigst
-Sachen kaufen wollte, da ich von meinem
-ganzen Hab und Gut nichts mehr besaß als den
-Arbeiteranzug, den ich auf dem Leibe trug,
-wollten mich natürlich zuerst die Türhüter hinauswerfen.</p>
-
-<p>Einige Tage hatte ich im Reichsmarineamt zu
-arbeiten, dann erhielt ich meines Kaisers Dank.</p>
-
-<p>Und mit dem Eisernen Kreuz erster Klasse geschmückt
-fuhr ich stolz zu den Meinen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_247" id="Seite_247">[S. 247]</a></span>
-
-Nach einigen Wochen Erholung kam dann die
-größte Belohnung.</p>
-
-<p>Ich wurde wieder Flieger und durfte mitarbeiten
-an dem großen Werk von Deutschlands
-Kampf und Sieg.</p>
-
-<p>Und als an der östlichen Kampffront mein
-allergnädigster Kaiser und Herr die Seeflugstation
-besichtigte, die unter meinem Kommando
-stand, und mir die Hand drückte und mir persönlich
-seine kaiserliche Anerkennung aussprach, da
-blickte ich ihm fest in die Augen, und flammend
-stand in meiner Seele:</p>
-
-<p class="center">
-<em class="gesperrt">Mit Gott für Kaiser und Reich!</em><br />
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_249" id="Seite_249">[S. 249]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2 title="Werbung">Ullstein-Kriegsbücher</h2>
-
-
-<p class="center big160">Zeppeline über England</p>
-
-<p class="center">von ***</p>
-
-<p class="center">Aus dem Inhalt:</p>
-
-<p class="noindent">Sturmfahrt * Im Luftschiffhafen * Auf der
-Werft * Harte Tage * Kleinkrieg * Nach England
-* Ueber London * Von Norfolk
-bis Northumberland * Im Kampf mit
-Fliegern * Invasion * Denket an Baralong.</p>
-
-
-<p class="center big160">Die Fahrt der Deutschland</p>
-
-<p class="center">von Kapitän Paul König</p>
-
-<p class="noindent">Kapitän König selbst hat dieses Werk über die
-„Deutschland” verfaßt, dem seine während der
-ersten Fahrt aufgezeichneten Beobachtungen zugrunde
-liegen. Mit großer Anschaulichkeit, in
-einer Sprache, in der noch die ganze Unmittelbarkeit
-des Erlebnisses nachklingt, gibt er die Geschichte
-dieser für alle Zeiten denkwürdigen Tat. Vom Bau
-der „Deutschland” erzählt er, von der Ausreise, vom
-Kampf mit den Elementen, von der Verfolgung
-durch die Feinde, von der Ankunft in Baltimore,
-von der glücklichen Heimkehr. Eine Seemannsnatur
-von prachtvoller Frische spricht aus dieser Schilderung,
-die überall gelesen werden wird, wo man
-froh und dankbar den Namen Paul König nennt.</p>
-
-
-<p class="center big160">Jeder Band 1 Mark</p>
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_250" id="Seite_250">[S. 250]</a></span></p>
-
-
-<p class="center big160 pagebreak">Ullstein-Kriegsbücher</p>
-
-
-<p class="center big160">Skagerrak!</p>
-
-<p class="center">Von ***</p>
-
-<p class="noindent">Zum ersten Male ist in diesem Buche ein umfassendes,
-klares und übersichtliches Bild der
-gewaltigsten Seeschlacht aller Zeiten gegeben.
-Der Verfasser, ein Seeoffizier, dessen Name aus
-bestimmten Gründen nicht genannt werden kann,
-schildert in ungemein packender und lebendiger
-Weise den Verlauf des furchtbaren Kampfes. Er
-führt uns auf den Kommandoturm, an die Batterien,
-in die Höllenglut der Heizräume, und er
-läßt uns den Jubel der Mannschaft miterleben,
-wenn das Sprachrohr immer wieder
-das Sinken eines feindlichen Schiffes meldet.</p>
-
-
-<p class="center big160">Als U-Boots-Kommandant
-gegen England</p>
-
-<p class="center">von Kapitänleutnant Freiherrn v. Forstner</p>
-
-<p class="noindent">Zum ersten Male berichtet hier ein deutscher
-Unterseebootskommandant von dem, was unserem
-schlimmsten Feind Angst und Schrecken
-einjagt, uns selbst aber stolz macht auf beispiellos
-kühne Taten, von den Erfolgen im
-Handelskrieg gegen England. Seit im Februar
-1915 zur Abwehr des Aushungerungsplanes
-die Blockade der englischen Küste erklärt
-wurde, ist der Verfasser dieses Buches zu
-manch erfolgreichem Beutezug ausgefahren.</p>
-
-
-<p class="center big160">Jeder Band 1 Mark</p>
-
-<p class="center"><span class="pagenum"><a name="Seite_251" id="Seite_251">[S. 251]</a></span></p>
-
-
-<p class="center big160 pagebreak">Ullstein-Kriegsbücher</p>
-
-
-<p class="center p1">An der Spitze meiner Kompagnie</p>
-
-<p class="center">von Paul Oskar Höcker</p>
-
-
-<p class="center p1">Kriegsfahrten eines Johanniters</p>
-
-<p class="center">von Fedor von Zobeltitz</p>
-
-
-<p class="center p1">Nach Sibirien
-mit hunderttausend Deutschen</p>
-
-<p class="center">von Kurt Aram</p>
-
-
-<p class="center p1">Reise zur deutschen Front</p>
-
-<p class="center">von Ludwig Ganghofer</p>
-
-
-<p class="center p1">Landsturm im Feuer</p>
-
-<p class="center">von Ernst von Wolzogen</p>
-
-
-<p class="center p1">Die stählerne Mauer</p>
-
-<p class="center">von Ludwig Ganghofer</p>
-
-
-<p class="center p1">Aus einer
-deutschen Festung im Kriege</p>
-
-<p class="center">von Heinz Tovote</p>
-
-
-<p class="center p1">Die Front im Osten</p>
-
-<p class="center">von Ludwig Ganghofer</p>
-
-
-<p class="center p1">Die Helden von Tsingtau</p>
-
-<p class="center">von Otto von Gottberg</p>
-
-
-<p class="center big160 p1">Jeder Band 1 Mark</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_252" id="Seite_252">[S. 252]</a></span></p>
-
-
-<p class="center big160 pagebreak">Ullstein-Kriegsbücher</p>
-
-
-<p class="center p1">Kreuzerfahrten und <span class="antiqua">U</span>-Bootstaten</p>
-
-<p class="center">von Otto von Gottberg</p>
-
-
-<p class="center p1">Meine Kriegsfahrt von Kamerun
-zur Heimat</p>
-
-<p class="center">von Emil Zimmermann</p>
-
-
-<p class="center p1">Der russische Niederbruch</p>
-
-<p class="center">von Ludwig Ganghofer</p>
-
-
-<p class="center p1">Das deutsche Volk in schwerer Zeit</p>
-
-<p class="center">von Rudolf Hans Bartsch</p>
-
-
-<p class="center p1">Im Auto durch Feindesland</p>
-
-<p class="center">von Paul Grabein</p>
-
-
-<p class="center p1">Aus den Urwäldern Paraguays
-zur Fahne</p>
-
-<p class="center">von Ernesto Freiherrn Gedult v. Jungenfeld</p>
-
-
-<p class="center p1">Von New York nach Jerusalem
-und in die Wüste</p>
-
-<p class="center">von Th. Preyer</p>
-
-
-<p class="center p1">Der Krieg im Alpenrot</p>
-
-<p class="center">von Karl Hans Strobl</p>
-
-
-<p class="center p1">Wir Marokko-Deutschen
-in der Gewalt der Franzosen</p>
-
-<p class="center">von Gustav Fock</p>
-
-
-<p class="center p1 big160">Jeder Band 1 Mark</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_253" id="Seite_253">[S. 253]</a></span></p>
-
-
-<p class="center big160 pagebreak">Wir draußen</p>
-
-<p class="center">Zwei Jahre Kriegserleben an vier Fronten
-von Colin Roß</p>
-
-
-<p class="noindent">Zwei Jahre des Weltkrieges umfassen die Berichte des
-Oberleutnants Colin Roß, der an allen Fronten selbst
-gekämpft hat. Ungeheure Wirklichkeiten folgen aufeinander
-und werden zur fernen Erinnerung, zum blassen
-Traum. Landschaftsszenen voll Duftes, voll zarter Lieblichkeit
-unterbrechen die Bilder der Schlachten. Ein freies,
-stolzes Menschentum spricht aus diesen Schilderungen.</p>
-
-<p class="center">
-Preis 3,50 Mark broschiert. 4,50 Mark gebunden<br />
-</p>
-
-
-<p class="center big160">Drei Straßen des Krieges</p>
-
-<p class="center">von Dr. Max Osborn</p>
-
-<p class="noindent">Auf drei Hauptstraßen des Krieges an der Westfront
-führt Osborns Werk: nach dem Artois, Frankreichs
-„schwarzem Land”, nach der Champagne und nach
-Flandern. Fortreißend in ihrer Wucht ist Osborns
-Sprache, einer Begeisterung geboren, die jedes
-Pathos verschmäht. Menschen und Landschaft &mdash; alles
-macht sie in persönlicher, dichterischer Formung lebendig.</p>
-
-<p class="center">
-Preis 2 Mark broschiert. 3 Mark gebunden<br />
-</p>
-
-
-<p class="center big160">Kernworte des Weltkrieges</p>
-
-<p class="center">von Rudolf Rotheit</p>
-
-<p class="noindent">Rotheits Werk ist ein in glänzender Form abgefaßter,
-klar geordneter Büchmann des Weltkrieges. Alle die
-Schlagworte weist er nach, die bis zur zweiten
-Jahreswende des Völkerringens entstanden, die zuversichtlichen
-deutschen Worte des Kaisers, des Kanzlers,
-der Reichstagsführer, die hämischen oder großspurigen
-Kundgebungen aus dem Lager unserer
-Feinde. Politische Zusammenhänge, die jetzt schon
-dem Bewußtsein sich entziehen, werden von Rotheit
-in dieser Chronik der Jahre 1914 bis 1916 aufgehellt.
-Nicht nur den Zeitgenossen, auch der Nachwelt
-dient seine aus der unmittelbaren Berufstätigkeit
-des Journalisten heraus gebotene Arbeit.</p>
-
-<p class="center">
-Preis 1,50 Mark<br />
-</p>
-
-
-<p class="center big160">Verlag Ullstein &amp; Co · Berlin</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_254" id="Seite_254">[S. 254]</a></span></p>
-
-
-<div class="figcenter" style="width: 62px;">
-<img src="images/illu-005.png" width="62" height="151" alt="Ullstein Signet" />
-</div>
-
-<p class="center">
-Ullstein &amp; Co<br />
-Berlin SW 68<br />
-</p>
-
-
-
-
-<div class="transnote pagebreak p4">
-<h2>Anmerkungen zur Transkription</h2>
-
-Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen
-gebräuchlich waren, wie:
-
-<ul class="index">
-<li>Bahnhofes -- Bahnhofs</li>
-<li>Dolmetscher-Offizier -- Dolmetscheroffizier</li>
-<li>Iltis-Berge -- Iltisberge</li>
-<li>Neunzehnhundertundvierzehn -- Neunzehnhundertvierzehn</li>
-<li>unseren -- unsern</li>
-</ul>
-
-
-Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert.
-Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen:
-
-<ul class="index">
-<li>S. 9 „Mc Garvin” in „McGarvin” geändert.</li>
-<li>S. 55 „eventuell” in „eventuelle” geändert.</li>
-<li>S. 139 „toppslastig” in „topplastig” geändert.</li>
-<li>S. 155 f. „Luck” in „Luk” geändert.</li>
-<li>S. 204 „an mich” in „an sich” geändert.</li>
-<li>S. 236 „Elbströmung” in „Ebbströmung” geändert.</li>
-</ul>
-
-
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau, by
-Gunther Plüschow
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ABENTEUER DES FLIEGERS ***
-
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-
-
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