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-The Project Gutenberg EBook of Die Geschichte meines Lebens, by Helen Keller
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Die Geschichte meines Lebens
-
-Author: Helen Keller
-
-Release Date: July 25, 2020 [EBook #62735]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GESCHICHTE MEINES LEBENS ***
-
-
-
-
-Produced by Norbert H. Langkau, Reiner Ruf, and the Online
-Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1921 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
- Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und
- altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
- unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert.
-
- Doppelte Anführungszeichen wurden im Original in drei verschiedenen
- Varianten verwendet: „so“, »so« und “so”; je nach Zusammenhang.
- Diese Varianten wurden auch in der vorligenden elektronischen
- Version beibehalten. Fußnoten wurden an das Ende des jeweiligen
- Kapitels bzw. an das Ende des betreffenden Briefes von Helen Keller
- verschoben.
-
- Zur Fußnote [11]:
-
- Bei der hier zitierten Übersetzung eines Auszuges aus Goethes
- ‚Faust‘ handelt es sich sehr wahrscheinlich um die klassische
- Übertragung von Bayard Taylor (1870/71). Insbesondere bei den
- letzten beiden Versen scheint es sich um einen Druckfehler zu
- handeln (Im vorliegenden Buch: ‘The Woman Soul leads usupwar don,
- and’; in einem Vers). Diese Passage wurde an Taylors Übersetzung
- angeglichen:
-
- ‘The Woman-Soul leadeth us
- Upward and on!’
-
- Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit
- den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- fett: =Gleichheitszeichen=
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Antiqua: ~Tilden~
- unterstrichen: _Unterstriche_
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- +Memoirenbibliothek+
-
-
- Zweite Reihe Band 6
-
- Die Geschichte meines Lebens
- Von Helen Keller
-
-
-
-
- Die
-
- Geschichte meines Lebens
-
- Von Helen Keller
-
- Mit einem Geleitwort von Felix Holländer
-
- Autorisierte Übersetzung von Paul Seeliger
-
-
- [Illustration]
-
- Achtundfünfzigste Auflage
-
- +Verlag von Robert Lutz in Stuttgart+
-
-
- 1921
-
-
-
-
- Druck der Chr. Belserschen Buchdruckerei, Stuttgart.
-
-
-
-
-[Illustration: Helen Keller.
-
-(Als Studentin)]
-
-
-
-
-Widmung
-
-(Verkl. Faksimile)
-
-
-[Illustration: In dieser Ausgabe meiner “Lebensgeschichte” grüsse
-ich meine Freunde im deutschen Vaterlande. Gerne möchte ich glauben,
-dass mein Buch etwas Vergnügen gäbe, um die grosse geistige Freude
-einigermassen zu vergelten, die ich dem Lande Schillers und Goethes
-schuldig bin.
-
- Helen Keller.
-]
-
-
-
-
- Eine neue Helen Keller-Stiftung für
- deutsche Blinde, Taube,
- Stumme.
-
- * * * * *
-
- Herrn Robert Lutz, Verlagsbuchhandlung,
-
- Stuttgart.
-
- Meinen Ihnen unterm 11. November 1916 gegegebenen Auftrag, alle
- meine Einkünfte (~royalties~) aus der deutschen Ausgabe meiner
- Schriften bis zum Ende des Jahres, in dem der Friedenszustand
- wiederhergestellt wird, den deutschen Kriegsblinden zuzuwenden,
- möchte ich erweitern. Ich bestimme daher, daß fortan alle die
- genannten Einkünfte von Ihnen oder Ihren Rechtsnachfolgern den
- deutschen Blinden, nächstdem auch den Tauben und Stummen zugewiesen
- werden sollen, in erster Linie solchen Deutschen, die durch
- den Krieg das Augenlicht, die Sprache oder das Gehör verloren
- haben. Ihnen und Ihren Rechtsnachfolgern steht es frei, welchen
- Einzelpersonen, Gesellschaften oder Organisationen Sie die Gelder
- überweisen wollen, sofern nur der Zweck meiner Stiftung erreicht
- wird.
-
- Der Verzicht auf meine Einkünfte in dem ausgeführten Sinne ist
- zeitlich nicht begrenzt, sondern +endgültig+.
-
- New York, den 10. Januar 1920. (Gez.) Helen Keller.
-
- * * * * *
-
-Helen Kellers Bücher:
-
- Die Geschichte meines Lebens. Mit Bildern. 55. Auflage. Optimismus,
- ein Glaubensbekenntnis. 42. Auflage. Meine Welt. 22. Auflage.
- Dunkelheit. 13. Auflage. Briefe meiner Werdezeit. 7. Auflage. Wie
- ich Sozialistin wurde. Neue Auflage in Vorbereitung.
-
- (Verlag von Robert Lutz in Stuttgart).
-
-
-
-
-Geleitwort
-
-
-Die Lebensgeschichte Helen Kellers ist ein Beitrag zur Erziehung des
-Menschengeschlechtes. Es tut nicht not, ihr Charakterbild neben das
-Napoleons zu rücken, wie es ihr Landsmann Mark Twain getan hat, um der
-Bewunderung für ihre einzigartige Leistung Ausdruck zu geben. Sie ist
-neunzehn Monate alt, als sie infolge einer schweren Krankheit, in der
-die Aerzte sie bereits aufgegeben hatten, ihre Sprache, ihr Gehör und
-ihr Gesicht verliert. Bis zu ihrem siebenten Jahre lebt sie in einem
-tierähnlichen Zustande. Die ihr gebliebenen Sinne Geruch, Geschmack,
-Gefühl, geben ihr die Möglichkeit, sich bei ihren nächsten Angehörigen
-durch dunkle Zeichen und Gesten verständlich zu machen. Sie hängt
-entweder an dem Kleide der Mutter oder sie sitzt beständig auf dem
-Schoße der unglücklichen Frau, die den Jammer ihres Kindes gleich dem
-Gatten durch eine grenzenlose Liebe zu mildern sucht.
-
-Wer kennt nicht jene rührende Angst junger Mütter vor der Geburt ihres
-ersten Kindes?... Immer wieder taucht im tiefsten Innern die Frage auf,
-wird das kleine Wesen auch mit heilen Gliedern zur Welt kommen -- wird
-es sehen -- wird es hören?
-
-Helen Keller wurde als ein kräftiges Kind geboren, das vor Gesundheit
-strotzte, bevor das Unglück über sie hereinbrach. Was mag damals in
-der Seele ihrer Eltern vorgegangen sein, als sie nach dem Ausspruch
-der Aerzte der ganzen Schicksalsschwere sich bewußt wurden! Wer würde
-es nicht begreifen, wenn bei dem erschütternden Anblick ihres Kindes
-unaussprechbare Gebete in ihnen wuchsen, wenn der dunkle Wunsch in
-ihnen aufstieg, Gott möchte dieses arme Kind, dessen Gegenwart voll
-Gram war, und in dessen Zukunft nicht ein Schimmer Glücks dringen
-würde, zu sich nehmen. Und wenn Helen das ganze Haus tyrannisierte,
-unartikulierte Laute ausstieß und wie eine Wilde sich gebärdete, sobald
-man nicht ihren Willen tat -- wer möchte sich dann wundern, wenn Vater
-und Mutter in dumpfer Resignation alles über sich ergehen ließen? Helen
-zählt sieben Jahre drei Monate, als in ihr Leben die große Wendung
-tritt.
-
-In diesem Alter haben die Menschen mittels des Ohres und des Auges das
-Meiste von dem errafft, was den Inhalt ihres ganzen Lebens ausmacht.
-Denn was wir später durch Erziehung, Schule und Selbstbetätigung
-erreichen, ist im Verhältnis zu den Schätzen, die wir in diesen ersten
-Jahren unseres Daseins mühelos aufheben, winzig und unbeträchtlich.
-Die urangeborene Genialität des Menschen kommt in seinen Kinderjahren
-zu einem großartigen Ausdruck. In dieser unserer Kindheit leben
-wir in einem Zustand, für den die Bibel den Ausdruck paradiesisch
-gefunden hat. Selbst das ärmste Kind, dem häusliches Unglück seine
-Jugend stiehlt, hat noch teil an den Freuden, die ihm seine unbewußte
-Erkenntnis aufschließt. In der Stunde beginnt erst der Ernst und die
-Qual des Lebens, wo in unser bisher unbewußtes Lernen System kommt, wo
-fremde Menschen auf unsere Verstandeskräfte pochen, und wo wir unter
-ihrem Zwang und ihrer Leitung wissend werden.
-
-Und auch hier erweist sich noch einmal das schier Wunderbare und
-Unfaßliche unserer geistigen Veranlagung. Wenn wir vorher im
-wörtlichsten Sinne des Wortes spielend das Sprechen lernten -- so
-ergibt sich als zweites Phänomen unserer Entwicklung, daß wir auf Grund
-unserer Sprachkenntnis in einer Frist, die zu dem Resultat in gar
-keinem Verhältnis steht, die Fähigkeit des Lesens erlangen.
-
-Beinahe achtlos und ohne Ehrfurcht geht der Mensch an solchen Wundern
-vorüber. Nur junge Mütter strahlen vor Glück und Stolz, wenn ihr Kind
-die ersten Worte hervorbringt, weil die in ihrem Instinkt die Größe
-des Augenblicks empfinden. Sie ahnen, daß die kleine Seele ihre zarten
-Schwingen hebt, daß dunkle Hüllen fallen -- daß wie mit einem Schlage
-das geistige Wachstum deutlich erkennbar einsetzt. Von alledem war
-Helen Keller ausgeschlossen bis zu dem angegebenen Zeitpunkte, wo ihre
-Lehrerin Anne Mansfield Sullivan ihr väterliches Haus betrat. Die Nacht
-hatte ihre schwarzen Flügel um sie gebreitet -- und es schien, als ob
-undurchdringliche Finsternis wie ein böser Zauber für immer auf ihrer
-Seele lasten sollte.
-
-Wen soll man mehr bewundern, -- das taubstumme und blinde Geschöpf, das
-durch eine Energie, die beispiellos ist, sich zu dem höchsten Wissen
-durchringt, oder ihre Lehrerin, deren Opfermut, Geduld und Güte Licht
-in das Dunkel dieses ausgestoßenen Menschen bringt? Beide betrachten
-ihre Begegnung als den unerhörten Glücksfall ihres Lebens. Und beider
-Existenz könnte den Ungläubigen gläubig machen und mit Gott aussöhnen.
-Jene Philosophen, die Beweise für das Dasein Gottes suchen, brauchten
-sich nur auf diese beiden Geschöpfe zu berufen, um ihre Arbeit als
-getan anzusehen.
-
-Anne Sullivan unterrichtet Helen, als ob sie ein normales Kind
-wäre. Sie tritt ihr mit unerbittlicher Strenge entgegen, nachdem
-ihre Versuche, das unbändige Kind durch Güte zu erziehen, kläglich
-gescheitert sind. Sie nötigt die Eltern, Helen ein paar Wochen mit ihr
-ganz allein zu lassen, und diese Zeit benutzt sie, um dem verzogenen
-kleinen Mädchen durch ihre körperliche Ueberlegenheit fühlbar zu
-machen, daß ihr stärkerer Wille jeden Eigensinn zu brechen vermag. Erst
-als Helen diese Erkenntnis aufgezwungen und ins Blut gegangen ist,
-beginnt die geistige Arbeit.
-
-Dies Buch ist ein Dokument dafür, was menschliche Energie zu leisten
-vermag. Man muß es Zeile für Zeile andächtig und in Ehrfurcht lesen, um
-das Wunderbare, das hier erreicht wurde, zu begreifen.
-
-Der Apostel spricht: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen
-redete und hätte doch der Liebe nicht...“ Neben allen ihren geistigen
-Fähigkeiten hatte Anne Sullivan der Liebe. Wie trifft man besser ihren
-Wesenskern, als wenn man sie das Genie der Güte und der Liebe nennt?
-Bis zu ihrem vierzehnten Jahre war sie selbst blind gewesen. Aus dieser
-ihrer Leidenszeit hatte sie sich das große Gefühl des Erbarmens für
-ihre Lebensaufgabe geschöpft. Sie wurde ihrer Schülerin eine Gespielin,
-und im Spiele fand sie den Schlüssel, um Helen die Pforten der
-Erkenntnis zu öffnen, die ihr nach menschlicher Berechnung für immer
-verschlossen schienen. An den greif- und fühlbaren Dingen setzte ihr
-Lehrplan ein, um dann an jene Wahrnehmungen anzuknüpfen, die durch den
-Geruchssinn ermöglicht wurden.
-
-Sie begann damit, ihrer Schülerin das Fingeralphabet beizubringen
--- und als dies gelungen war, buchstabierte sie ihr unaufhörlich
-neue Wörter in die Hand, unbekümmert darum, ob Helen sie verstand
-oder nicht. Sie wurde dabei von einer Voraussetzung geleitet, deren
-Richtigkeit sich auf das Glänzendste bestätigen sollte. Sie sagte sich,
-in dem Augenblicke, wo das geistige Dunkel von Helen genommen sein
-würde, müßte sie durch Erinnerung und Ideenassociation hinter den Sinn
-der Vokabeln gelangen, die ihr immer und immer wieder mechanisch in die
-Hand buchstabiert worden waren.
-
-Erinnerung -- durch diesen Begriff allein ist das Wunder aufzuklären,
-das sich an Helen Keller vollzog. Niemand kann dieses Erinnern
-besser und schöner formulieren, als Helen Keller es selbst in ihrer
-Lebensgeschichte getan hat: „Jedes Individuum,“ sagt sie, „besitzt
-eine unter der Schwelle des Bewußtseins verborgene Erinnerung an die
-grünende Erde und die murmelnden Gewässer, und weder Blindheit noch
-Taubheit kann es dieser von vergangenen Generationen her überkommenen
-Gabe berauben. Diese ererbte Fähigkeit ist eine Art sechsten Sinnes --
-ein Seelensinn, der zugleich sieht, hört, fühlt.“
-
-Die größte Schwierigkeit aber, die sich Anne Sullivan bei ihrem
-schweren Lebens- und Erziehungswerk in den Weg stellte, war die:
-Wie sollte sie es anfangen, um ihrer Schülerin abstrakte Begriffe
-beizubringen? Auch hier erwies dich die schöpferische Genialität
-dieser Pädagogin. Es seien nur zwei Beispiele ihrer Methode angeführt:
-So oft sie Helen etwas Süßes zu essen gab, buchstabierte sie ihr das
-Wort »süß« in die Hand, -- so oft ihre Schülerin auf der Zunge einen
-bitteren Geschmack haben mußte, das Wort »bitter«. Sie schloß ganz
-richtig, daß die Uebertragung des sinnlichen Eindruckes auf abstrakte
-Begriffe dich allmählich ganz von selbst ergeben müßte.
-
-Es ist nicht der Zweck dieser einleitenden Zeilen, den ganzen
-Entwicklungsgang Helen Kellers zu erzählen. Man vermag ja das
-Unfaßliche nur zu fassen, wenn man ihre eigenen Schilderungen liest und
-die ergänzenden Briefe und Zusätze ihrer Lehrerin.
-
-Sie lernt lesen und schreiben und wird in alle Disziplinen der
-Wissenschaft eingeweiht. Von Anne Sullivan auf Schritt und Tritt
-begleitet, besteht sie glänzend die notwendigen Examina, um die
-Universität besuchen zu können. Sie bildet ihren Tastsinn bis zu dem
-Grade aus, daß sie die Schönheit plastischer Kunstwerke zu ahnen vermag
-und das rührende Wort spricht: „Ich bin mitunter im Zweifel, ob die
-Hand nicht empfänglicher für die Schönheiten der Plastik ist, als das
-Auge. Ich sollte meinen, der wunderbare rhythmische Fluß der Linien
-ließe sich besser fühlen als sehen.“
-
-Nur auf ein Stadium ihres seltsamen Entwicklungsganges möchte ich
-hier noch eingehen. Als zu ihr die Kunde dringt, daß eine taubstumme
-und blinde Norwegerin das Sprechen erlernt habe, faßt sie den festen
-Entschluß, sich ebenfalls die Sprache zu eigen zu machen, koste es
-noch so viel Mühe und Schweiß. Sie begibt sich mit ihrer unermüdlichen
-Lehrerin zu Sarah Fuller, der Leiterin der Horace-Mann-Schule, und
-nimmt am 26. März 1896 ihre erste Sprachstunde. Sie mußte ihre Hand
-über das Gesicht Sarah Fullers legen, um die Stellung der Zunge und
-der Lippen zu fühlen, wenn diese einen Ton hervorbrachten. Sobald ihr
-Eifer und Energie zu erlahmen drohten, dachte sie an die Freude, die
-ihre kleine Schwester und die Eltern empfinden müßten, wenn das Wagnis
-gelingen würde.
-
-Was wie ein Märchen klingt, wird zur Wahrheit: Helen Keller lernt auf
-diese Weise das Sprechen. Und nun kann sie es kaum noch erwarten, zu
-den Ihrigen zurückzukehren. Ihr Herz will vor Ungeduld zerspringen.
-Es ist eine der erschütterndsten Stellen des bewegenden Buches, die
-ihre Heimkehr schildert. Es heißt da: „Fast ehe ich es ahnte, hielt
-der Zug auf dem Bahnhofe in Tuscumbia, und auf dem Perron stand die
-ganze Familie. Meine Augen füllen sich noch jetzt mit Tränen, wenn
-ich daran denke, wie mich meine Mutter sprachlos und zitternd vor
-Freude an ihr Herz drückte und auf jede Silbe, die ich sprach, atemlos
-lauschte, während die kleine Mildred meine freie Hand ergriff, sie
-küßte und umhertanzte, und mein Vater seinen Stolz und seine Liebe
-durch tiefes Schweigen bekundete. Es war, als sei Jesaias Prophezeiung
-an mir in Erfüllung gegangen: Die Berge und Hügel werden vor Dir Lieder
-anstimmen, und alle Bäume des Feldes werden vor Freude in ihre Hände
-klatschen.“
-
-Die Lektüre von Helen Kellers Selbstbiographie gibt uns neue
-Aufschlüsse über die menschliche Natur. Sie ist eine Fundgrube für den
-Psychologen und sie bringt jedem Leser eine ungeahnte Bereicherung
-seines inneren Besitzes. Dennoch liegt es uns fern, Helen Keller als
-Genie anzupreisen. Ihre Urteile über Kunst, Literatur und Wissenschaft
-sind wohl die eines Menschen von außergewöhnlichem Intellekt und
-außergewöhnlicher Kultur -- aber niemals verblüffen sie durch eine
-besondere Eigenart, niemals legen sie Zeugnis ab von einer überlegenen
-Persönlichkeit. Ein gebildeter Mensch, der aus allen Quellen des
-Wissens und der Kunst getrunken hat, spricht zu uns -- nicht aber ein
-origineller Geist, der neue Werte prägt.
-
-Trotzdem sind wir hingerissen von diesem Phänomen, das uns zum Glauben
-und zur Andacht zwingt.
-
-Ein Beitrag zur Erziehung des Menschengeschlechtes ist dieses Buch.
-Und wenn Helen Keller selbst schwerlich den Anspruch erhebt, zu den
-führenden Geistern gerechnet zu werden -- so ist doch ihr Dasein selbst
-ein Beweis für die Genialität des Menschen überhaupt. Es sollte die
-nachdenklich und ehrfürchtig stimmen, die das kostbarste Material, das
-Mutter Natur geschaffen hat, mißachten und mißhandeln.
-
- Felix Holländer.
-
-
-=Zur gefl. Beachtung:= Zum besseren Verständnis der Aufzeichnungen
-Helen Kellers wird es sich empfehlen, +zuerst den Anhang+ einer
-kurzen Durchsicht zu unterziehen. -- Die manchmal etwas ungewöhnliche
-Ausdrucksweise der Verfasserin wurde in der Uebersetzung beibehalten.
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- Seite
-
- +Vorwort von Felix Holländer+ VII
-
-
- Erster Teil.
-
- Die Geschichte meines Lebens.
-
-
- Erstes Kapitel.
-
- Schwierige Aufgabe. -- Familie. -- Ivy Green. -- Garten.
- -- Geburt. -- Taufe. -- Erste Sprech- und Gehversuche. --
- Erkrankung. -- Dauernder Verlust des Gesichts und Gehörs. --
- Verworrene Erinnerung an die ersten Gesichtseindrücke 3
-
-
- Zweites Kapitel.
-
- Die ersten Monate nach der Krankheit. -- Verständigungsversuche
- durch Gebärdensprache. -- Betätigung im Haushalt. --
- Teilnahme an der Geselligkeit des Hauses. -- Erkenntnis der
- Unterscheidung von anderen. -- Heftigkeit. -- Eigenwilligkeit
- und Herrschsucht. -- Früheste Erinnerungen. -- Umzug. --
- Familienleben. -- Tod des Vaters im Jahre 1896. -- Eifersucht 8
-
-
- Drittes Kapitel.
-
- Wachsendes Verlangen nach Gedankenaustausch. -- Laura Bridgman
- und ~Dr.~ Howe. -- Reise nach Baltimore zu einem Augenarzte. --
- Besuch bei Alex. Graham Bell. -- Herr Anagnos in Boston findet
- eine Lehrerin 17
-
-
- Viertes Kapitel.
-
- Ankunft Fräulein Sullivans in Tuscumbia am 3. März 1887. --
- Bange Erwartung. -- Beginn der Erlernung des Fingeralphabets.
- -- Szene am Brunnen. -- Enthüllung des Geheimnisses der Sprache
- 20
-
-
- Fünftes Kapitel.
-
- Allmähliches Erwachen der Seele. -- Unterricht im Freien. --
- Freude an der Natur. -- Schrecken der Natur. -- Gewitter. --
- Schönheit des Mimosenbaumes 24
-
-
- Sechstes Kapitel.
-
- Fortschritt in der Beherrschung der Sprache. -- Wißbegierde. --
- Unterredung über Liebe. -- Kennenlernen abstrakter Begriffe. --
- Dieselbe Unterrichtsmethode wie bei einem hörenden Kinde 28
-
-
- Siebentes Kapitel.
-
- Erster Leseunterricht. -- Anfangs keine regelmäßigen
- Unterrichtstunden. -- Erziehung zum Naturgenuß. -- Wald,
- Garten. -- Kellers Landungsplatz. -- Geographie, Rechnen,
- Zoologie, Botanik. -- Fossilien. -- Leicht faßliche
- Unterrichtsmethode. -- Herzliches Verhältnis zu Fräulein
- Sullivan 32
-
-
- Achtes Kapitel.
-
- Erstes Weihnachtsfest nach Fräulein Sullivans Ankunft. --
- Ratespiel. -- Weihnachtsbescherung in der Schule zu Tuscumbia.
- -- Freude über die Weihnachtsgeschenke 39
-
-
- Neuntes Kapitel.
-
- Reise nach Boston. -- Zusammentreffen mit den blinden Kindern.
- -- Bunker Hill. -- Plymouth. -- Pilgerfelsen. -- Herr William
- Endicott 42
-
-
- Zehntes Kapitel.
-
- Ferienaufenthalt in Brewster. -- Die See. -- Erstes Seebad. --
- Eindruck der Brandung. -- Der erste Taschenkrebs 46
-
-
- Elftes Kapitel.
-
- Rückkehr nach Tuscumbia. -- Fern Quarry. -- Jagden. -- Pony
- »Black Beauty«. -- In Lebensgefahr 49
-
-
- Zwölftes Kapitel.
-
- Besuch im Norden. -- Wintervergnügungen 54
-
-
- Dreizehntes Kapitel.
-
- Rückblick auf die früheren Versuche, zu sprechen. -- Ragnhild
- Kaata. -- Unterricht in der Lautsprache bei Fräulein Fuller. --
- Freude über den Erfolg. -- Ablesen von den Lippen mittels der
- Finger. -- Gebrauch des Fingeralphabets 57
-
-
- Vierzehntes Kapitel.
-
- Die Frostkönig-Episode. -- Betrachtungen über Schriftstellerei 62
-
-
- Fünfzehntes Kapitel.
-
- Erster Entwurf der »Lebensgeschichte«. -- Zweifel und Unruhe.
- -- Reise nach Washington zur Einführung des Präsidenten
- Cleveland, nach dem Niagarafall und der Weltausstellung in
- Chicago 72
-
-
- Sechzehntes Kapitel.
-
- Geschichtsstudium. -- Studium der französischen Sprache,
- Lafontaine, Molière, Racine. -- Vervollkommnung der
- Lautsprache. -- Latein. -- Lektüre von Cäsars »Gallischem
- Kriege« 77
-
-
- Siebzehntes Kapitel.
-
- Verhandlungen der Amerikanischen Vereinigung zur Förderung
- der Taubstummen im Sprechen in Chautauqua (Sommer 1894). --
- Besuch der Wright-Humason-Schule in New York. -- Arithmetik,
- physikalische Geographie, Französisch, Deutsch. -- Lektüre von
- »Wilhelm Tell« und »~Le médecin malgré lui~«. -- Zentralpark in
- New York. -- Ausflüge in die Umgebung der Stadt 80
-
-
- Achtzehntes Kapitel.
-
- Besuch des Mädchengymnasiums in Cambridge zum Zweck der
- Vorbereitung für das Radcliffe College. -- Wunsch, eine
- Universität zu besuchen. -- Schwierigkeit, dem Unterricht zu
- folgen. -- Befriedigende Fortschritte, namentlich im Deutschen:
- »Lied von der Glocke«, »Taucher«, »Dichtung und Wahrheit«
- u. s. w. Shakespeare, Burke, Macaulay. -- Zusammensein mit
- sehenden und hörenden Altersgenossinnen. -- Mildreds Aufnahme
- in die Schule. -- Prüfungen 83
-
-
- Neunzehntes Kapitel.
-
- Beginn des zweiten Schuljahres. -- Physik, Algebra, Geometrie,
- Astronomie, Griechisch, Latein. -- Anfälle von Kleinmut. --
- Abgang vom Gymnasium und Weiterbildung durch Privatunterricht.
- -- Rückkehr nach Boston (Oktober 1898). -- Schlußprüfung für
- das Radcliffe College (Juni 1899) 90
-
-
- Zwanzigstes Kapitel.
-
- Eintritt in das Radcliffe College. -- Anfängliche
- Begeisterung und teilweise Enttäuschung. -- Uebelstände des
- Universitätsstudiums. -- Erstes Studienjahr. -- Französisch,
- Deutsch, englische Stillehre, englische Literatur. -- Besuch
- der Vorlesungen. -- Schreibmaschine. -- Stunden des Unmuts.
- -- Zweites Jahr: englische Stillehre, Bibel, politische
- Verhältnisse Amerikas und Europas, horazische Oden, lateinische
- Komödie, Nationalökonomie, Shakespeare, Geschichte der
- Philosophie. -- Verknöcherung des Universitätswesens. -- Pein
- der Prüfungen. -- Enttäuschung 96
-
-
- Einundzwanzigstes Kapitel.
-
- Bücherstudium. -- Rückblick. -- Bibliothek in Boston. --
- Heißhunger auf Bücher. -- »~Little Lord Fauntleroy~«. --
- Lafontaines Fabeln. -- Begeisterung für das griechische
- Altertum. -- Ilias. -- Aeneis. -- Bibel. -- Shakespeare.
- Macbeth, König Lear. -- Geschichte. -- Deutsche Literatur. --
- Französische Literatur. -- Mark Twain. -- Scott 105
-
-
- Zweiundzwanzigstes Kapitel.
-
- Liebe zur Natur. -- Körperliche Uebungen. -- Rudern. -- Segeln.
- -- Halifax. -- Regatta. -- Sturm. -- Aufenthalt in Wrentham.
- -- Weltbegebenheiten. -- Krieg mit Spanien. -- Soziale
- Kämpfe. -- Unterschied zwischen Stadt und Land. -- Soziales
- Mitgefühl. -- Spaziergänge. -- Radfahren. -- Liebe zu Hunden.
- -- Dame- und Schachspiel. -- Liebe zu Kindern. -- Museen und
- Kunstsammlungen. -- Theaterbesuch. -- Zeitweiliges Gefühl der
- Vereinsamung 120
-
-
- Dreiundzwanzigstes Kapitel.
-
- Beglückendes Gefühl der Freundschaft. -- Bischof Brooks. --
- Kein Verlangen nach dem Jenseits. -- Henry Drummond. -- ~Dr.~
- Oliver Wendell Holmes. -- Whittier. -- ~Dr.~ Edward Everett
- Hale. -- ~Dr.~ Alexander Graham Bell. -- Charles Dudley Werner.
- -- Mark Twain u. a. -- Schlußwort 133
-
-
- Zweiter Teil.
-
- Helen Kellers Briefe (1887-1901).
-
- (Auswahl.)
-
- Erste Schreibversuche. -- Zwei Briefe an die blinden Mädchen
- im Perkinsschen Institut. -- Brief an Herrn Anagnos mit der
- Schilderung eines Picknicks im Walde. -- Brief an Onkel Morrie
- über den Ausflug nach Plymouth. -- Brief an Herrn Anagnos mit
- einigen französischen und griechischen Redensarten. -- Brief
- an Tante Eveline Keller mit Uebersetzungen von griechischen,
- französischen, lateinischen und deutschen Redensarten und
- Wörtern. -- Brief mit astronomischen Angaben. -- Briefe an
- Herrn Anagnos über seine Reise nach Europa. -- Brief mit
- Wiedergabe des Inhalts eines Andersenschen Märchens. -- Brief
- an Fräulein Sullivan. -- Brief an Whittier. -- Brief an ~Dr.~
- Holmes. -- Brief an Fräulein Sarah Fuller. -- Brief an den
- nachmaligen Bischof Brooks. -- Brief über Tommy Stringer.
- -- Brief über die Reise nach dem Niagarafall. -- Brief über
- den Besuch der Weltausstellung in Chicago. -- Brief über ein
- Zusammentreffen mit Mark Twain. -- Brief über den Besuch
- des Bostoner Museums. -- Brief über den Eindruck, den das
- Orgelspiel auf Helen Keller gemacht hat. -- Stellen aus
- verschiedenen Briefen über Leidensgefährten. -- Brief an ~Dr.~
- Hale, geschrieben am Vorabend der Howefeier 147
-
-
- Anhang.
-
- Die Abfassung des Buches.
-
- Schwierigkeit der Prüfung des mit der Schreibmaschine
- hergestellten Manuskriptes. -- Braillekopie. -- Revision mit
- Hilfe Fräulein Sullivans 179
-
-
- Helen Kellers Persönlichkeit.
-
- Körperliche Erscheinung. -- Lebhafte Gestikulation. --
- Personengedächtnis. -- Vorliebe für Humor. -- Hartnäckigkeit
- im Verfolgen ihrer Ziele. -- Keckheit. -- Ungeeignet für
- psychologische Experimente. -- Liebe zur Geselligkeit. --
- Verständnis für Musik. -- Interesse für die Tagesereignisse.
- -- Ueberraschend vollständige Weltkenntnis. -- Gefühlssinn
- nicht besonders fein entwickelt. -- Verständnis für Plastik.
- -- Wenig Orientierungssinn. -- Benutzung der Schreibmaschine.
- -- Fingeralpbabet. -- Hochdruck und Braillesystem. --
- Geruchssinn. -- »Sechster Sinn«. -- Zeitsinn. -- Eigenartige
- Uhren. -- Gesunde Auffassung der Dinge. -- Sittliche Reinheit.
- -- Abneigung gegen Tragödien. -- Warmes Empfinden und
- Aufrichtigkeit. -- Mangel an Eitelkeit. -- Beschäftigung mit
- Politik 182
-
-
- Helen Kellers Bildungsgang.
-
- ~Dr.~ Howe und Laura Bridgman. -- Helen Keller kein Objekt
- für psychologische Beobachtungen. -- Unwahre und übertragene
- Berichte über ihre Fortschritte. -- Fräulein Sullivans
- Persönlichkeit. -- Helens Entwickelung nach Fräulein Sullivans
- Berichten. -- Psychologische und pädagogische Betrachtungen
- über Fräulein Sullivans Methode 199
-
-
- Helen Kellers Sprache.
-
- Fräulein Sullivans Bericht über Helens Unterricht in der
- Lautsprache. -- Eigentümlichkeiten von Helens Aussprache. --
- Ansprache Helens in Mt. Airy bei Philadelphia 311
-
-
- Helen Keller als Schriftstellerin.
-
- Helen Kellers hervorragende stilistische Begabung und deren
- Pflege. -- Gute Lektüre. -- Unausgesetzte Kontrolle der
- Stilübungen Helens durch Fräulein Sullivan. -- Fräulein
- Sullivans Darstellung der Episode mit dem »Frostkönig«.
- -- Gegenüberstellung der beiden Fassungen des Märchens.
- -- Fräulein Canbys Aeußerungen über den Zwischenfall. --
- Allgemeine Betrachtungen über den »Frostkönig«. -- Kleinerer
- Aufsatz Helens über ihr Traumleben 321
-
-
- Verzeichnis der Bilder.
-
- Helen Keller als Studentin (Titelbild)
-
- Ivy Green Seite 5
-
- Helen Keller und Fräulein Sullivan „ 39
-
- Fräulein Sullivan liest Helen Keller vor „ 84
-
- Helen Keller, Fräulein Sullivan und Schauspieler
- Jefferson „ 132
-
- Helen Keller »betrachtet« eine Nike-Statuette „ 170
-
- Helen Keller »horcht« auf die Töne eines Klaviers „ 186
-
- Helen Keller bei der Lektüre „ 192
-
-
-
-
-Erster Teil
-
-Die Geschichte meines Lebens
-
-
-
-
-Erstes Kapitel.
-
- Schwierige Aufgabe. -- Familie. -- Ivy Green. -- Garten. -- Geburt.
- -- Taufe. -- Erste Sprech- und Gehversuche. -- Erkrankung. --
- Dauernder Verlust des Gesichts und Gehörs. -- Verworrene Erinnerung
- an die ersten Gesichtseindrücke.
-
-
-Nur mit einem gewissen Zagen beginne ich die Geschichte meines Lebens
-zu schreiben. Ich empfinde eine Art abergläubischer Furcht davor, den
-Schleier zu lüften, der wie ein goldener Nebel über meiner Kindheit
-ausgebreitet liegt. Die Aufgabe, eine Selbstbiographie zu verfassen,
-gehört zu den schwierigsten, die man sich überhaupt stellen kann.
-Wenn ich versuche, meine ersten Eindrücke zu ordnen, so finde ich,
-daß Wahrheit und Dichtung, über die Jahre hinweg betrachtet, die die
-Vergangenheit mit der Gegenwart verknüpfen, sich zum Verwechseln
-ähnlich sehen. Die reife Frau schildert die Erfahrungen des Kindes,
-wie sich diese in ihrer eigenen Phantasie darstellen. Ein paar
-Eindrücke aus meinen ersten Lebensjahren stehen lebendig vor meiner
-Seele, doch „alles andre deckt der Kerkerschatte“. Auch haben viele
-der Freuden und Leiden der Kindheit ihren Reiz und ihren Stachel
-verloren, und zahlreiche Ereignisse, die bei Beginn meiner Erziehung
-von entscheidender Bedeutung gewesen sind, habe ich in der Erregung
-über meine weiteren Fortschritte vergessen. Um daher den Leser nicht
-zu ermüden, will ich in einer Reihe von Skizzen nur die Episoden zu
-schildern versuchen, die mir am interessantesten und wichtigsten
-erscheinen.
-
-Ich wurde am 27. Juni 1880 in Tuscumbia, einer kleinen Stadt im
-nördlichen Alabama, geboren.
-
-Die Familie meines Vaters stammt von +Kaspar Keller+ ab, einem
-geborenen Schweizer, der sich in Maryland niedergelassen hatte. Einer
-meiner Schweizer Vorfahren war der erste Lehrer für Taubstumme in
-Zürich und hat ein Buch über deren Erziehung geschrieben -- gewiß ein
-seltsames Zusammentreffen, obgleich es wahr ist, daß es keinen König
-gibt, unter dessen Vorfahren sich nicht ein Sklave befunden hat, und
-keinen Sklaven, in dessen Adern nicht auch Königsblut rollt.
-
-Mein Großvater, Kaspar Kellers Sohn, erhielt große Ländereien in
-Alabama zugewiesen und siedelte sich schließlich hier an. Ich
-habe mir erzählen lassen, daß er alljährlich einmal von Tuscumbia
-nach Philadelphia ritt, um die Bedürfnisse für seinen Grundbesitz
-einzukaufen, und meine Tante verwahrt noch viele von den Briefen an
-seine Familie, die anziehende und lebhafte Reiseschilderungen enthalten.
-
-Meine Großmutter Keller war die Tochter Alexander Moores, eines
-Adjutanten Lafayettes, und Enkelin Alexander Spotswoods, eines früheren
-Kolonialgouverneurs von Virginia. Auch war sie im zweiten Gliede mit
-Robert E. Lee verwandt.
-
-Mein Vater, Arthur H. Keller, war Hauptmann in der konföderierten Armee
-gewesen, und meine Mutter, Kate Adami, war seine zweite Gattin und
-viele Jahre jünger.
-
-Bis zum Ausbruch meiner Krankheit, die mich für immer des Gesichts
-und Gehörs berauben sollte, lebte ich in einem kleinen Hause, das aus
-einem großen viereckigen Zimmer und einem kleineren bestand, in dem
-das Dienstmädchen schlief. Im Süden herrscht die Gewohnheit, in der
-Nähe des Wohnhauses ein kleineres Gebäude zu errichten, das dann bei
-Gelegenheit benützt wird. Ein solches Häuschen erbaute auch mein Vater
-nach dem Bürgerkriege und bezog es, nachdem er sich mit meiner Mutter
-verheiratet hatte. Es war über und über mit Wein, Kletterrosen und
-Geißblatt bedeckt. Vom Garten aus machte es ganz den Eindruck einer
-Laube. Der kleine Eingang lag hinter einer Hecke von gelben Rosen und
-Stechwinde verborgen, die beständig von Hummeln und Bienen umsummt
-wurde.
-
-[Illustration: Ivy Green]
-
-Das Familienwohnhaus lag wenige Schritte von unserer kleinen Rosenlaube
-entfernt. Es wurde »Ivy Green« genannt, weil das Haus und Bäume und
-Zäune, welche es umgaben, von dem schönsten Efeu umrankt waren. Der
-dazugehörige altmodische Garten war das Paradies meiner Kindheit.
-
-Schon vor der Ankunft meiner Lehrerin pflegte ich mich an den steifen
-viereckigen Buchsbaumhecken entlang zu tasten und fand, durch den
-Geruch geleitet, die ersten Veilchen und Lilien. Hierher flüchtete ich
-mich auch nach einem heftigen Ausbruch meines Temperaments und verbarg
-mein heißes Gesicht in den kühlen Blättern und Gräsern. Was für eine
-Freude war es, mich in diesem blumenübersäten Garten zu verlieren,
-selig von einem Fleck zum anderen zu wandern, bis ich endlich auf einen
-herrlichen Weinstock stieß, ihn an seinen Blättern und Blüten erkannte
-und wußte, es sei der Weinstock, der das verfallene Sommerhaus am
-anderen Ende des Gartens umrahmte! Dort wuchsen auch die kletternde
-Clematis, der niederhängende Jasmin und einige seltene, stark duftende
-Blumen, Schmetterlingslilien genannt, weil ihre zarten Blütenblätter
-Schmetterlingsflügeln gleichen. Aber die Rosen waren doch meine
-bevorzugten Lieblinge. Niemals habe ich in den Treibhäusern des Nordens
-solche wunderherrlichen Rosen angetroffen wie die Kletterrosen meines
-väterlichen Gartens, im Süden. Sie hingen in langen Gewinden um das
-Portal des kleinen Häuschens und erfüllten die ganze Luft mit ihrem
-Wohlgeruch, der nichts Irdisches an sich hatte, und in der Morgenfrühe
-fühlten sie sich, vom Tau gebadet, so frisch, so rein an, daß ich mich
-oft staunend fragte, ob sie nicht den Asphodelosblüten im Garten Gottes
-glichen.
-
-Der Beginn meines Lebens war einfach und genau so wie der jedes
-anderen kleinen Lebens. Ich kam, sah, siegte, wie es das erste Kind
-einer Familie stets tut. Wie gewöhnlich kam es bei Gelegenheit der
-Wahl eines Namens für mich zu einer lebhaften Erörterung. Es war nicht
-leicht, für das erste Kind in der Familie einen passenden Namen zu
-finden, da jedermann seine Lieblingswünsche in dieser Beziehung hatte
-und mit Eifer vertrat. Mein Vater schlug den Namen Mildred Campbell
-vor, wie eine Ahne von ihm geheißen hatte, die er sehr verehrte, und
-lehnte es ab, weiter an der Diskussion teilzunehmen. Meine Mutter
-gab den Ausschlag, indem sie es als ihren Wunsch bezeichnete, ich
-möchte nach ihrer Mutter, deren Mädchenname Helen Everett war, genannt
-werden. Aber in seiner Aufregung vergaß mein Vater während der Fahrt
-nach der Kirche diesen Namen, was auch ganz erklärlich war, da er es
-ausdrücklich abgelehnt hatte, für ihn die Verantwortung zu tragen. Als
-der Geistliche ihn danach fragte, erinnerte er sich nur noch, daß man
-übereingekommen war, mich nach meiner Großmutter zu nennen, und gab
-ihren Namen als Helen Adams an.
-
-Schon als ich noch im langen Kleidchen auf dem Arme getragen wurde,
-soll ich häufig einen heftigen, eigenwilligen Charakter gezeigt haben.
-Alles, was ich andere tun sah, wollte auch ich durchaus tun. Im Alter
-von sechs Monaten konnte ich ~How d’ ye~[1] piepsen, und eines Tages
-zog ich die allgemeine Aufmerksamkeit auf mich, als ich ganz deutlich
-~Tea, tea, tea!~ sagte. Selbst nach meiner Krankheit erinnerte ich
-mich noch an eins der Worte, das ich in jenen ersten sechs Monaten
-gelernt hatte. Es war das Wort ~water~, und ich fuhr fort, einen
-Laut für dieses Wort hervorzubringen, selbst nachdem ich die ganze
-übrige Sprache verloren hatte. Ich hörte erst auf, den Laut ~wah-wah~
-auszustoßen, als ich das Wort zu buchstabieren gelernt hatte.
-
-Im Alter von einem Jahre konnte ich gehen. Meine Mutter hatte mich
-gerade aus der Badewanne gehoben und hielt mich auf ihrem Schoße,
-als ich plötzlich durch die hin- und herhuschenden Schatten, die das
-Laub der Bäume auf die von der Sonne beschienene glatte Diele warf,
-gefesselt wurde. Ich schlüpfte von dem Schoße meiner Mutter herab und
-lief auf diese Schatten zu. Als der erste Antrieb vorüber war, fiel ich
-hin und schrie nach meiner Mutter, damit sie mich wieder auf den Arm
-nehme.
-
-Diese glücklichen Tage dauerten nicht lange. Ein kurzer Frühling voll
-jubelnden Vogelgesanges, ein Sommer, reich an Früchten und Rosen, ein
-in roten und goldenen Farben glühender Herbst kamen und gingen und
-legten ihre Gaben dem munteren, entzückten Kinde zu Füßen. Dann, in
-dem darauffolgenden traurigen Februar, kam die Krankheit, die mir Auge
-und Ohr schloß und mich in die Unbewußtheit eines neugeborenen Kindes
-zurückversetzte. Es war eine akute Unterleibs- und Gehirnentzündung.
-Der Arzt hatte mich schon aufgegeben. Eines Morgens verließ mich
-jedoch das Fieber auf ebenso plötzliche und geheimnisvolle Weise, wie
-es ausgebrochen war. Es herrschte an jenem Morgen große Freude in der
-Familie, allein niemand, selbst der Arzt nicht, hatte eine Ahnung
-davon, daß ich niemals wieder sehen oder hören sollte.
-
-Ich glaube, ich habe noch verworrene Erinnerungen an diese Krankheit.
-Namentlich entsinne ich mich der Zärtlichkeit, mit der mich meine
-Mutter in meinen wachen, qualvollen Stunden überhäufte, und der
-entsetzlichen Angst, mit der ich nach einem unruhigen Halbschlummer
-erwachte und meine, ach so heißen und trockenen Augen nach der Wand
-kehrte, hinweg von dem einst so geliebten Tageslicht, das von Tag
-zu Tage trüber und matter zu mir drang. Aber abgesehen von diesen
-verschwommenen Erinnerungen, wenn sie überhaupt noch Erinnerungen
-genannt werden können, erscheint mir alles völlig traumhaft wie ein
-Alp. Nach und nach gewöhnte ich mich an die mich umgebende Stille und
-Dunkelheit und vergaß, daß ich jemals ein anderes Los gehabt hatte, bis
-+sie+ kam -- meine Lehrerin --, die meinen Geist befreite. Aber während
-der ersten neunzehn Monate meines Lebens hatte ich einen Schimmer von
-breiten, grünen Feldern, einem strahlenden Himmel, Bäumen und Blumen
-erhascht, den die nachfolgende Dunkelheit nicht ganz verlöschen konnte.
-Haben wir einmal gesehen, so „ist der Tag unser, und was der Tag
-gezeigt hat“.
-
- [1] ~How do you do~ = wie geht es Ihnen?
-
-
-
-
-Zweites Kapitel.
-
- Die ersten Monate nach der Krankheit. -- Verständigungsversuche
- durch Gebärdensprache. -- Betätigung im Haushalt. -- Teilnahme an
- der Geselligkeit des Hauses. -- Erkenntnis der Unterscheidung von
- anderen. -- Heftigkeit. -- Eigenwilligkeit und Herrschsucht. --
- Früheste Erinnerungen. -- Umzug. -- Familienleben. -- Tod des Vaters
- im Jahre 1896. -- Eifersucht.
-
-
-Ich kann mich nicht entsinnen, was sich während der ersten Monate
-nach meiner Krankheit mit mir zutrug. Ich weiß nur, daß ich auf dem
-Schoße meiner Mutter saß oder mich an ihr Kleid anklammerte, wenn
-sie umherging und den Haushalt besorgte. Meine Hände befühlten alles
-und verfolgten jede Bewegung, sodaß ich auf diese Weise mancherlei
-kennen lernte. Bald fühlte ich das Bedürfnis, mich mit meiner Umgebung
-zu verständigen, und begann, einfache Zeichen zu machen. Ein
-Kopfschütteln bedeutete »nein«, ein Nicken »ja«, ein Heranziehen »komm«
-und ein Fortstoßen »geh«. Wollte ich Brot haben, so ahmte ich die
-Bewegungen des Schneidens und Butterstreichens nach. Wünschte ich, daß
-meine Mutter zu Mittag Eiscreme zubereite, so machte ich eine Bewegung,
-die dem Drehen der Eismaschine entsprach, und schauerte zusammen,
-als ob ich fröre. Auch meiner Mutter gelang es großenteils, sich mir
-verständlich zu machen. Ich wußte stets, wann ich ihr etwas bringen
-sollte, und lief dann die Treppe hinauf oder an einen anderen Ort, den
-sie mir bezeichnet hatte. In der Tat verdanke ich ihrer liebevollen
-Klugheit alles, was meine lange Nacht erhellte und erheiterte.
-
-Ich begriff einen großen Teil von dem, was um mich herum vorging. Mit
-fünf Jahren lernte ich die reine Wäsche, wenn sie aus dem Waschhaus
-kam, zusammenlegen und wegräumen, und unterschied die meinige von der
-übrigen. Ich erkannte aus der Art und Weise, wie meine Mutter und
-meine Tante gekleidet waren, wann sie ausgehen wollten, und bettelte
-regelmäßig, mitgehen zu dürfen.
-
-Ich wurde stets geholt, wenn Besuch da war, und wenn die Gäste Abschied
-nahmen, winkte ich ihnen mit der Hand zu, wie ich glaube, mit einer
-unbestimmten Erinnerung an die Bedeutung dieser Bewegung. Eines
-Tages sprachen einige Herren bei meiner Mutter vor, und ich fühlte
-das Schließen der Haustür und andere Geräusche, die ihre Ankunft
-ankündigten. In plötzlichem Entschlusse lief ich die Treppe hinauf,
-ehe mich jemand zurückhalten konnte, um mich nach meinen Begriffen für
-die Gesellschaft herauszuputzen. Ich stellte mich vor den Spiegel,
-wie ich es bei anderen wahrgenommen hatte, feuchtete mein Haar mit
-Oel an und bedeckte mein Gesicht dick mit Puder. Dann legte ich einen
-Schleier auf meinen Kopf, der mein Gesicht bedeckte und mir in Falten
-bis auf die Schultern fiel, und band eine riesige Schleife um meine
-schmale Taille, sodaß sie hinter mir herflatterte und mir beinahe bis
-zum Saume meines Kleides reichte. In diesem Aufzug erschien ich, um zur
-Unterhaltung der Gesellschaft beizutragen.
-
-Ich entsinne mich nicht genau, wann ich zuerst erkannte, daß ich mich
-von anderen unterschied; ich weiß jedoch, daß es vor der Ankunft
-meiner Lehrerin der Fall war. Ich hatte bemerkt, daß meine Mutter und
-meine Bekannten keine Zeichen machten wie ich es tat, wenn sie etwas
-getan haben wollten, sondern mittelst ihres Mundes sprachen. Bisweilen
-stand ich zwischen zwei Personen, die sich miteinander unterhielten,
-und berührte ihre Lippen. Ich konnte dies nicht begreifen und war
-ganz verwirrt. Ich bewegte meine Lippen und gestikulierte heftig --
-natürlich ohne Erfolg. Dies machte mich zuweilen so wütend, daß ich mit
-den Füßen stampfte und schrie, bis ich erschöpft war.
-
-Ich glaube, ich wußte, wann ich unartig war, denn ich wußte, daß es
-Ella, meiner Wärterin weh tat, wenn ich mit den Füßen nach ihr stieß,
-und wenn meine Heftigkeit vorüber war, empfand ich etwas wie Reue. Aber
-ich kann mich keines Falles erinnern, in dem dieses Gefühl mich vor der
-Wiederholung meiner Ungezogenheit bewahrt hätte, wenn ich nicht gleich
-bekam, was ich wünschte.
-
-Zu jener Zeit waren ein kleines farbiges Mädchen, Martha Washington,
-die Tochter unserer Köchin, und ein alter Jagdhund meine beständigen
-Gefährten. Martha Washington verstand meine Zeichen, und ich hatte
-selten Schwierigkeiten, ihr begreiflich zu machen, was ich wünschte. Es
-machte mir Vergnügen, sie zu beherrschen, und sie unterwarf sich in der
-Regel meiner Tyrannei lieber, als daß sie es auf einen Faustkampf hätte
-ankommen lassen. Ich war stark, energisch und um die Folgen meiner
-Handlungsweise unbekümmert. Ich kannte meine Sinnesart am besten und
-folgte stets nur meinem eigenen Kopfe, selbst wenn ich einen Kampf
-auf Tod und Leben darum bestehen mußte. Einen großen Teil unserer
-Zeit brachten wir in der Küche zu, wo wir Klöße kneteten, Eiscreme
-machen halfen, Kaffee mahlten, uns um die Cakesdose zankten und die
-Hühner und Puten fütterten, die sich an der Küchentreppe in großer
-Menge einfanden. Viele von diesen waren so zahm, daß sie mir aus der
-Hand fraßen und sich von mir streicheln ließen. Ein riesiger Truthahn
-schnappte mir eines Tages eine Tomate aus der Hand und rannte mit ihr
-davon. Vielleicht ermutigt durch den Erfolg des Meister Truthahns,
-rissen wir einen Kuchen, den die Köchin soeben kandiert hatte, vom
-Herde herunter und aßen ihn mit Stumpf und Stiel auf. Ich war hinterher
-ganz krank, und ich möchte nur wissen, ob es dem Puter ebenso ergangen
-ist.
-
-Das Perlhuhn pflegt sein Nest an abgelegenen Stellen zu bauen, und
-es machte mir großes Vergnügen, in dem hohen Grase nach den Eiern zu
-suchen. Ich konnte es Martha Washington nicht sagen, wann ich auf die
-Eierjagd gehen wollte, aber ich legte meine Hände zusammen und drückte
-sie auf die Erde; dies sollte etwas Rundes im Grase bedeuten, und
-Martha verstand mich stets. Wenn wir das Glück hatten, ein Nest zu
-finden, so gestattete ich ihr nie, die Eier nach Hause zu tragen, indem
-ich ihr durch eifriges Gestikulieren klarzumachen suchte, sie könne
-fallen und die Eier zerschlagen.
-
-Die Scheunen, in denen das Getreide aufbewahrt wurde, der Stall, in dem
-die Pferde standen, und der Hof, in dem die Kühe des Morgens und des
-Abends gemolken wurden, übten eine unwiderstehliche Anziehungskraft
-auf Martha und mich aus. Die Melkmägde ließen mich die Kühe befühlen,
-während sie gemolken wurden, und ich wurde dabei für meine Neugierde
-oft tüchtig von den Tieren mit dem Schweife geschlagen.
-
-Die Vorbereitungen für das Weihnachtsfest gewährten mir stets großes
-Vergnügen. Natürlich wußte ich nicht, was rings um mich her vorging,
-aber ich freute mich über den Wohlgeruch, der das Haus erfüllte, und
-die Leckerbissen, die Martha Washington und ich bekamen, nur damit
-wir uns still verhalten sollten. Dies letztere war uns zwar nicht
-ganz recht, aber wir ließen uns dadurch in unserem Vergnügen nicht im
-mindesten stören. Wir durften Gewürz mahlen, Rosinen aussuchen und die
-Rührlöffel ablecken. Ich hängte meinen Strumpf auf,[2] weil die anderen
-es taten, konnte mich aber nicht entsinnen, daß mich die Zeremonie
-sonderlich interessierte; auch weckte mich die Neugierde, was ich wohl
-geschenkt erhalten würde, nicht vor Tagesanbruch auf.
-
-Martha Washington zeigte eine ebenso große Neigung zum Unfugstiften
-wie ich. An einem heißen Julinachmittag saßen zwei kleine Mädchen
-auf den Verandastufen. Das eine war schwarz wie Ebenholz und hatte
-das struppige Haar in kleine mit Schnürsenkeln umwickelte Löckchen
-abgeteilt, die wie Korkzieher um ihren ganzen Kopf herumstanden. Das
-andere Mädchen war weiß und hatte lange goldene Locken. Das eine Kind
-war sechs Jahre alt, das andere zwei bis drei Jahre älter. Das jüngere
-war blind -- ich war es --, das ältere war Martha Washington. Wir waren
-mit dem Ausschneiden von Papierpuppen beschäftigt, wurden aber dieses
-Spieles bald überdrüssig, und nachdem ich meine Schuhbänder sowie alle
-Blätter des Geißblattstrauches, die ich erreichen konnte, abgeschnitten
-hatte, richtete ich meine Aufmerksamkeit auf Marthas Korkzieher. Sie
-sträubte sich zwar anfangs, gab aber schließlich nach. Dann ergriff
-sie, wahrscheinlich in der Meinung, es sei ganz in der Ordnung, wenn
-sie gleiches mit gleichem vergelte, die Schere und schnitt mir eine
-meiner Locken ab; sie würde mir alle abgeschnitten haben, wenn meine
-Mutter nicht zur rechten Zeit dazugekommen wäre.
-
-Belle, unser Hund, mein zweiter Spielgefährte, war alt und faul und zog
-es vor, lieber am offenen Feuer zu schlafen als mit mir umherzutollen.
-Ich gab mir alle erdenkliche Mühe, ihr meine Zeichensprache
-beizubringen, aber sie war stumpfsinnig und unaufmerksam. Sie stand
-bisweilen still, zitterte vor Aufregung und wurde dann ganz starr, wie
-es Hunde tun, wenn sie vor einem Vogel stehen. Ich wußte damals nicht,
-was dies bedeuten sollte, merkte aber, daß Belle das nicht tat, was
-ich haben wollte. Das ärgerte mich, und die Lektion endete regelmäßig
-damit, daß ich ihr einige Rippenstöße versetzte. Belle stand auf,
-dehnte sich faul, schnaufte ein paarmal verdrießlich, ging auf die
-andere Seite des Kamins und legte sich wieder hin, während ich mich
-müde und enttäuscht auf die Suche nach Martha machte.
-
-Viele Ereignisse aus diesen ersten Jahren haften in meinem Gedächtnis,
-vereinzelt, aber klar und bestimmt, und lassen die Stille, die
-Zwecklosigkeit, die Lichtlosigkeit meines Daseins nur um so greller
-hervortreten.
-
-Eines Tages hatte ich mir meine Schürze naß gemacht, und ich breitete
-sie zum Trocknen vor dem Feuer aus, das in dem Kamine des Wohnzimmers
-flackerte. Die Schürze trocknete nach meiner Ansicht nicht rasch genug,
-ich trat daher näher und breitete sie direkt über der heißen Asche
-aus. Das Feuer züngelte empor und erfaßte meine Kleider, sodaß ich im
-Nu in hellen Flammen stand. Ich erhob ein schreckliches Angstgeschrei,
-das meine alte Wärterin Viney zur Rettung herbeirief. Sie warf ein
-Tuch über mich, daß ich fast erstickte, löschte aber damit das Feuer.
-Außer an Händen und Haar hatte ich keinen ernstlichen Brandschaden
-davongetragen.
-
-Um diese Zeit entdeckte ich, wozu man einen Schlüssel gebrauchen
-könnte. Eines Morgens schloß ich meine Mutter in der Speisekammer ein,
-in der sie drei volle Stunden bleiben mußte, da die Dienstboten in
-einem abseits gelegenen Teil des Hauses beschäftigt waren. Sie pochte
-fortwährend an die Tür, während ich draußen auf der Vortreppe saß und
-wie ein Kobold lachte, als ich das Geräusch des Pochens fühlte. Dieser
-unartige Streich überzeugte meine Eltern von der Notwendigkeit, mir
-sobald wie möglich Unterricht geben zu lassen. Kurz nachdem meine
-Lehrerin, Fräulein Sullivan, zu mir gekommen war, suchte ich eine
-Gelegenheit, sie in ihrem Zimmer einzuschließen. Ich ging die Treppe
-hinauf, um Fräulein Sullivan auf Geheiß meiner Mutter etwas zu bringen;
-kaum aber hatte ich meinen Auftrag ausgerichtet, als ich wie ein
-Blitz wieder zur Tür hinaus war, sie zuschloß und den Schlüssel unter
-dem Kleiderschrank im Korridor versteckte. Ich konnte nicht dahin
-gebracht werden, anzugeben, wo der Schlüssel war. Mein Vater mußte
-eine Leiter holen und Fräulein Sullivan zum Fenster heraustragen -- zu
-meinem großen Gaudium. Erst nach Monaten brachte ich den Schlüssel zum
-Vorschein.
-
-Als ich ungefähr fünf Jahre alt war, verzogen wir aus dem kleinen,
-weinumrankten Hause nach einem größeren neuen. Die Familie bestand aus
-meinem Vater, meiner Mutter, zwei älteren Stiefbrüdern und mir; später
-kam dann noch eine kleine Schwester, Mildred, hinzu. Meine früheste
-bestimmte Erinnerung an meinen Vater ist die, wie ich eines Tages über
-große Stöße von Zeitungen hinweg zu ihm klettere und ihn allein finde,
-während er ein Blatt Papier vor sein Gesicht hält. Ich brannte vor
-Neugierde, was er da wohl täte. Ich machte ihm alles nach und setzte
-sogar seine Brille auf, in der Hoffnung, sie werde mir helfen, das
-Geheimnis herauszubringen. Aber ich fand lange Jahre hindurch nicht des
-Rätsels Lösung. Dann erfuhr ich, was jene Papiere bedeuteten und daß
-mein Vater Herausgeber einer Zeitung war.
-
-Mein Vater war äußerst liebevoll und nachsichtig, dabei ebenso
-häuslich, da er uns selten allein ließ, außer zur Jagdzeit. Er war ein
-großer Jäger vor dem Herrn, wie mir erzählt wurde, und ein berühmter
-Schütze. Nächst seiner Familie liebte er seine Hunde und sein Gewehr.
-Seine Gastfreiheit war groß und artete beinahe zu einem Fehler aus,
-denn er kam selten nach Hause, ohne einen Gast mitzubringen. Besonders
-aber war er auf seinen großen Garten stolz, in dem er, wie es hieß, die
-schönsten Wassermelonen und Erdbeeren der ganzen Umgegend zog, und mir
-brachte er stets die ersten reifen Weintrauben und köstlichsten Beeren.
-Ich erinnere mich noch an seine liebkosende Berührung, als er mich von
-Baum zu Baum, von Weinstock zu Weinstock leitete, und seiner Freude an
-allem, was mir Vergnügen machte.
-
-Er war ein prächtiger Erzähler; als ich die Herrschaft über die Sprache
-gewonnen hatte, pflegte er mir seine hübschesten Anekdoten ungeschickt
-in die Hand zu buchstabieren, und nichts machte ihm mehr Vergnügen, als
-wenn ich sie bei einer passenden Gelegenheit wiederholte.
-
-Ich war im Norden und erfreute mich eben der letzten schönen Sommertage
-des Jahres 1896, als ich die Kunde von meines Vaters Tod vernahm. Er
-war nur kurze Zeit krank gewesen, hatte aber schwer leiden müssen; dann
-war alles vorüber. Es war mein erster großer Schmerz -- meine erste
-persönliche Bekanntschaft mit dem Tode. --
-
-In welcher Weise soll ich über meine Mutter schreiben? Sie steht mir so
-nahe, daß es beinahe unzart erscheinen würde, wollte ich hier über sie
-sprechen.
-
-Lange Zeit betrachtete ich meine kleine Schwester als Eindringling. Ich
-wußte, ich hatte aufgehört, meiner Mutter einziger Liebling zu sein,
-und der Gedanke daran erfüllte mich mit Eifersucht. Sie saß beständig
-auf dem Schoße meiner Mutter, wo mein gewöhnlicher Platz gewesen war,
-und schien all ihre Sorge und Zeit in Anspruch zu nehmen. Eines Tages
-trug sich etwas zu, was meiner Meinung nach zu der Beleidigung offenen
-Schimpf gesellte.
-
-Zu jener Zeit besaß ich eine viel gehätschelte, viel mißhandelte Puppe,
-der ich später den Namen Nancy gab. Ach, sie war das wehrlose Opfer
-meiner maßlosen Zornes- und Zärtlichkeitsausbrüche, sodaß sie am Ende
-schrecklich anzusehen war. Ich hatte Puppen, die sprechen und schreien,
-ihre Augen öffnen und schließen konnten, aber ich liebte keine von
-ihnen so, wie ich die arme Nancy liebte. Sie hatte eine Wiege, und ich
-schaukelte sie darin oft eine Stunde und länger. Ich bewachte Puppe und
-Wiege mit der eifersüchtigsten Sorgfalt, aber eines Tages entdeckte
-ich, daß meine kleine Schwester friedlich in der Wiege schlummerte.
-Bei dieser Anmaßung von seiten jemandes, mit dem mich noch kein Band
-der Liebe verknüpfte, wurde ich wütend. Ich stürzte auf die Wiege
-zu und warf sie um, und das Kind hätte tot sein können, hätte meine
-Mutter es nicht im Falle aufgefangen. Ein solcher Ausbruch kommt daher,
-daß, wenn wir in dem Tale doppelter Einsamkeit wandeln, wir wenig
-von den zärtlichen Empfindungen wissen, die aus liebevollen Worten
-und Handlungen sowie aus dem Zusammensein mit anderen emporsprießen.
-Später jedoch, als ich zum Bewußtsein meines Menschentums erwacht war,
-schlossen wir, Mildred und ich, uns auf das engste aneinander an und
-waren glückselig, wenn wir Hand in Hand miteinander gehen konnten,
-wohin wir gerade Lust hatten, obgleich sie meine Zeichensprache und ich
-ihr kindliches Geplauder nicht verstehen konnte.
-
- [2] In England und Frankreich hängen die Kinder zu Weihnachten ihre
- Strümpfe und Schuhe am Fenster oder Kamin auf und erwarten, daß
- der heilige Nikolaus sie mit Geschenken fülle.
-
-
-
-
-Drittes Kapitel.
-
- Wachsendes Verlangen nach Gedankenaustausch. -- Laura Bridgman und
- ~Dr.~ Howe. -- Reise nach Baltimore zu einem Augenarzte. -- Besuch
- bei Alex. Graham Bell. -- Herr Anagnos in Boston findet eine Lehrerin.
-
-
-Inzwischen wuchs mein Verlangen, meinen Gedanken genügenden Ausdruck
-zu geben, von Tag zu Tag. Die wenigen Zeichen, deren ich mich bedienen
-konnte, wurden immer unzureichender, und das Fehlschlagen meiner
-Versuche, mich verständlicher zu machen, war stets von einem Ausbruche
-der Leidenschaft begleitet. Es war mir, als hielten mich unsichtbare
-Hände, und ich machte verzweifelte Anstrengungen, mich zu befreien. Ich
-kämpfte -- nicht als ob dieser Kampf mir etwas genützt hätte, sondern
-weil der Geist des Widerstandes in mir lebendig war; ich brach auch in
-der Regel weinend und in völliger physischer Erschöpfung zusammen. War
-meine Mutter zufällig in der Nähe, so flüchtete ich mich in ihre Arme,
-zu elend, um mich auch nur der Ursache des Sturmes entsinnen zu können.
-Nach einiger Zeit wurde das Bedürfnis nach Verständigungsmitteln so
-dringend, daß diese leidenschaftlichen Auftritte alltäglich, bisweilen
-sogar allstündlich erfolgten.
-
-Meine Eltern waren tief bekümmert und völlig ratlos. Wir wohnten
-weitab von jeder Blinden- oder Taubstummenschule, und es schien
-ausgeschlossen, daß jemand nach einem so abgelegenen Orte wie Tuscumbia
-kommen sollte, um ein Kind zu unterrichten, das sowohl blind wie
-taubstumm war. In der Tat zweifelten meine Verwandten und Bekannten
-mitunter an der Möglichkeit eines Unterrichts für mich. Meiner
-Mutter einziger Hoffnungsstrahl entsprang der Lektüre von Dickens’
-»Amerikanischen Skizzen«. Sie hatte seinen Bericht über Laura Bridgman
-gelesen und entsann sich undeutlich, daß diese taubstumm und blind
-gewesen war und doch eine Erziehung erhalten hatte. Aber sie erinnerte
-sich in hoffnungslosem Schmerze auch daran, daß ~Dr.~ Howe, der
-Mittel und Wege entdeckt hatte, blinde Taubstumme zu unterrichten,
-seit mehreren Jahren tot war. Seine Methoden waren vermutlich mit ihm
-gestorben, und wenn dies nicht der Fall war, wie war es möglich, daß
-ein kleines Mädchen in einem weltabgelegenen Städtchen Alabamas einen
-Nutzen von ihnen haben konnte?
-
-Als ich etwa sechs Jahre alt war, hörte mein Vater von einem berühmten
-Augenarzt in Baltimore, der in vielen anscheinend hoffnungslosen Fällen
-noch Erfolge erzielt hatte. Meine Eltern entschlossen sich sofort dazu,
-mit mir nach Baltimore zu reisen, um zu sehen, ob sich etwas für meine
-Augen tun ließe.
-
-Die Reise, auf die ich mich noch gut entsinnen kann, machte mir viel
-Vergnügen. Ich befreundete mich während der Eisenbahnfahrt mit vielen
-Leuten. Eine Dame schenkte mir eine Schachtel mit Muscheln. Mein Vater
-durchbohrte sie, sodaß ich sie aufreihen konnte, und lange Zeit war ich
-glücklich und zufrieden über diese Beschäftigung. Auch der Schaffner
-war freundlich zu mir. Oft, wenn er seine Runde machte, klammerte
-ich mich an seine Rockschöße, während er die Fahrkarten einsammelte
-und durchlochte. Seine Zange, mit der er mich spielen ließ, war ein
-wunderbarer Zeitvertreib. Zusammengekauert in einer Ecke des Wagens
-vergnügte ich mich stundenlang damit, kleine Löcher in Pappe zu knipsen.
-
-Meine Tante machte mir eine große Puppe aus Taschentüchern. Es war das
-komischste, formloseste Ding, diese improvisierte Puppe, ohne Nase,
-Mund, Augen oder Ohren, kurz es war nichts da, was selbst die Phantasie
-eines Kindes in ein Gesicht hätte umschaffen können. Seltsamerweise
-störte mich das Fehlen der Augen mehr als alle übrigen Mängel. Ich
-suchte dies allen Anwesenden beharrlich klarzumachen, aber niemand
-schien imstande zu sein, die Puppe mit Augen zu versehen. Plötzlich
-schoß mir ein Gedanke durch den Kopf, und die Aufgabe war gelöst. Ich
-sprang von meinem Sitze auf und suchte so lange, bis ich den Mantel
-meiner Tante fand, der mit großen Knöpfen besetzt war. Ich riß zwei
-Knöpfe ab und bedeutete ihr, sie möchte mir diese an meine Puppe
-nähen. Sie legte mit einer fragenden Gebärde meine Hand an ihre Augen,
-und ich nickte energisch. Die Knöpfe wurden an der richtigen Stelle
-angenäht, und ich konnte mich vor Freude nicht lassen, verlor jedoch
-augenblicklich alles Interesse an der Puppe. Während der ganzen Reise
-hatte ich keinen einzigen meiner gewöhnlichen Anfälle, denn es waren zu
-vielerlei Dinge da, die meinen Geist und meine Finger beschäftigten.
-
-Als wir in Baltimore anlangten, empfing uns ~Dr.~ Chisholm mit großer
-Liebenswürdigkeit; er konnte aber nichts tun. Doch erklärte er, ich
-könne Unterricht erhalten, und wies meinen Vater an ~Dr.~ Alexander
-Graham Bell in Washington, der in der Lage sein würde, ihm nähere
-Auskunft über Schulen und Lehrer für blinde oder taubstumme Kinder
-zu erteilen. Dem Rate des Arztes zufolge reisten wir sofort nach
-Washington weiter, um ~Dr.~ Bell aufzusuchen, mein Vater mit Trauer
-und Zweifel im Herzen, während ich keine Ahnung von seinem Schmerz
-hatte und an der Aufregung des Reisens von Stadt zu Stadt Vergnügen
-fand. In meinem kindlichen Sinne empfand ich sofort das liebevolle,
-gütige Wesen, mit dem sich ~Dr.~ Bell so vieler Herzen gewann, wie er
-durch seine staunenswerten Erfolge aller Welt Bewunderung einflößte. Er
-hielt mich auf seinen Knien, während ich mit seiner Uhr spielte, die er
-für mich schlagen ließ. Er verstand meine Zeichen, und ich wußte dies
-und gewann ihn sofort lieb. Aber ich ließ es mir nicht träumen, daß
-diese Unterredung das Tor sein sollte, durch das ich schließlich aus
-der Finsternis zum Licht, aus der Vereinzelung zur Freundschaft, zur
-Gemeinschaft mit anderen, zur Erkenntnis, zur Liebe gelangte.
-
-~Dr.~ Bell riet meinem Vater, an Herrn Anagnos, den Direktor des
-Perkinsschen Instituts in Boston, zu schreiben, desselben, in dem
-~Dr.~ Howe so segensreich für die Blinden gewirkt hatte, und bei
-ihm anzufragen, ob er einen Lehrer hätte, der imstande wäre, meine
-Erziehung in die Hand zu nehmen. Dies tat mein Vater sofort, und nach
-einigen Wochen traf ein liebenswürdiger Brief von Herrn Anagnos ein,
-mit der tröstlichen Zusicherung, daß eine Lehrerin gefunden sei. Dies
-war im Sommer 1886. Aber Fräulein Sullivan langte erst im folgenden
-März an.
-
-So ward ich aus Aegyptenland geführt und stand vor dem Sinai; eine
-göttliche Macht berührte meinen Geist und machte ihn sehen, sodaß ich
-vieles Wunderbare wahrnehmen konnte. Und von dem heiligen Berge her
-hörte ich eine Stimme, die sprach: Wissen ist Liebe und Licht und Sehen.
-
-
-
-
-Viertes Kapitel.
-
- Ankunft Fräulein Sullivans in Tuscumbia am 3. März 1887. -- Bange
- Erwartung. -- Beginn der Erlernung des Fingeralphabets. -- Szene am
- Brunnen. -- Enthüllung des Geheimnisses der Sprache.
-
-
-Der wichtigste Tag, dessen ich mich Zeit meines ganzen Lebens
-entsinnen kann, ist der, an dem meine Lehrerin, Fräulein Anne
-Mansfield +Sullivan+, zu mir kam. Ich kann kaum Worte finden, um den
-unermeßlichen Gegensatz in meinem Leben vor und nach ihrer Ankunft zu
-schildern. Es war der 3. März 1887, drei Monate vor meinem siebenten
-Geburtstage.
-
-Am Nachmittage jenes folgenreichen Tages stand ich in dumpfer
-Erwartung an der Haustür. Da ich infolge der Zeichen meiner Mutter
-und des Hin- und Herlaufens im Hause eine unbestimmte Ahnung von
-dem Bevorstehen eines außergewöhnlichen Ereignisses hatte, ging ich
-vor die Tür und wartete auf der Treppe. Die Nachmittagssonne drang
-durch das dichte Geißblattgebüsch, das die Tür umrahmte, und fiel auf
-mein emporgerichtetes Gesicht. Meine Finger spielten fast unbewußt
-mit den wohlbekannten Blättern und Blüten, die eben hervorgekommen
-waren, um den holden südlichen Lenz zu begrüßen. Ich wußte nicht, was
-für Wunder und Ueberraschungen die Zukunft für mich in ihrem Schoße
-barg. Zorn und Verbitterung waren seit Wochen unausgesetzt auf mich
-eingestürmt. Dieser verzweifelte Kampf hatte eine tiefe Ermattung bei
-mir zurückgelassen.
-
-Lieber Leser, hast du dich je bei einer Seefahrt in dichtem Nebel
-befunden, der dich wie eine greifbare weiße Finsternis einzuschließen
-schien, während das große Schiff seinen Kurs längs der Küste mit Hilfe
-von Senkblei und Lotleine zagend und ängstlich verfolgte, und du mit
-klopfendem Herzen irgend ein Ereignis erwartetest? Jenem Schiffe glich
-ich vor Beginn meiner Erziehung, nur fehlten mir Kompaß und Lotleine,
-und ich hatte keine Ahnung davon, wie nahe der Hafen war. Licht! gebt
-mir Licht! lautete der wortlose Aufschrei meiner Seele, und das Licht
-der Liebe erhellte bereits in dieser Stunde meinen Pfad.
-
-Ich fühlte sich nähernde Schritte. Ich streckte meine Hand aus, wie ich
-glaubte, meiner Mutter entgegen. Irgend jemand ergriff sie, ich ward
-von der emporgehoben und fest in die Arme geschlossen, die gekommen
-war, den Schleier, der mir die Welt verbarg, zu lüften und, was mehr
-als dies bedeutete, mich zu lieben.
-
-Am Morgen nach ihrer Ankunft führte mich meine Lehrerin in ihr
-Zimmer und gab mir eine Puppe. Die kleinen blinden Mädchen aus dem
-Perkinsschen Institute hatten sie mir geschickt, und Laura Bridgman
-hatte sie angezogen; dies erfuhr ich jedoch erst später. Als ich ein
-Weilchen mit ihr gespielt hatte, buchstabierte Fräulein Sullivan
-langsam das Wort ~d--o--l--l~ in meine Hand. Dieses Fingerspiel
-interessierte mich sofort, und ich begann es nachzumachen. Als es
-mir endlich gelungen war, die Buchstaben genau nachzuahmen, errötete
-ich vor kindlicher Freude und kindlichem Stolz. Ich lief die Treppe
-hinunter zu meiner Mutter, streckte meine Hand aus und machte ihr die
-eben erlernten Buchstaben vor. Ich wußte damals noch nicht, daß ich
-ein Wort buchstabierte, ja nicht einmal, daß es überhaupt Wörter gab;
-ich bewegte einfach meine Finger in affenartiger Nachahmung. Während
-der folgenden Tage lernte ich auf diese verständnislose Art eine große
-Menge Wörter buchstabieren, unter ihnen ~pin~, ~hat~, ~cup~ und ein
-paar Verben wie ~sit~, ~stand~ und ~walk~. Aber meine Lehrerin weilte
-schon mehrere Wochen bei mir, ehe ich begriff, daß jedes Ding seine
-Bezeichnung habe.
-
-Als ich eines Tages mit meiner neuen Puppe spielte, legte mir
-Fräulein Sullivan auch meine große zerlumpte Puppe auf dem Schoß,
-buchstabierte ~d--o--l--l~ und suchte mir verständlich zu machen,
-daß sich ~d--o--l--l~ auf beide Puppen beziehe. Vorher hatten wir
-ein Renkontre über die Wörter ~m--u--g~ und ~w--a--t--e--r~ gehabt.
-Fräulein Sullivan hatte mir einzuprägen versucht, daß ~m--u--g~ ~mug~
-und daß ~w--a--t--e--r~ ~water~ sei, aber ich blieb beharrlich dabei,
-beides zu verwechseln. Verzweifelt hatte sie das Thema einstweilen
-fallen gelassen, aber nur, um es bei nächster Gelegenheit wieder
-aufzunehmen. Bei ihren wiederholten Versuchen wurde ich ungeduldig,
-ergriff die neue Puppe und schleuderte sie zu Boden. Ich empfand eine
-lebhafte Schadenfreude, als ich die Bruchstücke der zertrümmerten Puppe
-zu meinen Füßen liegen fühlte. Weder Schmerz noch Reue folgten diesem
-Ausbruch von Leidenschaft. Ich hatte die Puppe nicht geliebt. In der
-stillen, dunklen Welt, in der ich lebte, war für starke Zuneigung oder
-Zärtlichkeit kein Raum. Ich fühlte, wie meine Lehrerin die Bruchstücke
-auf die eine Seite des Kamins fegte, und empfand eine Art von
-Genugtuung darüber, daß die Ursache meines Unbehagens beseitigt war.
-Fräulein Sullivan brachte mir meinen Hut, und ich wußte, daß es jetzt
-in den warmen Sonnenschein hinausging. Dieser Gedanke, wenn eine nicht
-in Worte gefaßte Empfindung ein Gedanke genannt werden kann, ließ mich
-vor Freude springen und hüpfen.
-
-Wir schlugen den Weg zum Brunnen ein, geleitet durch den Duft des ihn
-umrankenden Geißblattstrauches. Es pumpte jemand Wasser, und meine
-Lehrerin hielt mir die Hand unter das Rohr. Während der kühle Strom
-über die eine meiner Hände sprudelte, buchstabierte sie mir in die
-andere das Wort ~water~, zuerst langsam, dann schnell. Ich stand still,
-mit gespannter Aufmerksamkeit die Bewegung ihrer Finger verfolgend. Mit
-einem Male durchzuckte mich eine nebelhaft verschwommene Erinnerung
-an etwas Vergessenes, ein Blitz des zurückkehrenden Denkens, und
-einigermaßen offen lag das Geheimnis der Sprache vor mir. Ich wußte
-jetzt, daß ~water~ jenes wundervolle kühle Etwas bedeutete, das über
-meine Hand hinströmte. Dieses lebendige Wort erweckte meine Seele zum
-Leben, spendete ihr Licht, Hoffnung, Freude, befreite sie von ihren
-Fesseln! Zwar waren ihr immer noch Schranken gesetzt, aber Schranken,
-die mit der Zeit hinweggeräumt werden konnten.[3]
-
-Ich verließ den Brunnen voller Lernbegier. Jedes Ding hatte eine
-Bezeichnung, und jede Bezeichnung erzeugte einen neuen Gedanken.
-Als wir in das Haus zurückkehrten, schien mir jeder Gegenstand, den
-ich berührte, vor verhaltenem Leben zu zittern. Dies kam daher, daß
-ich alles mit dem seltsamen neuen Gesicht, das ich erhalten hatte,
-betrachtete. Beim Betreten des Zimmers erinnerte ich mich der Puppe,
-die ich zertrümmert hatte. Ich tastete mich bis zum Kamin, hob die
-Stücke auf und suchte sie vergeblich wieder zusammenzufügen. Dann
-füllten sich meine Augen mit Tränen; ich erkannte, was ich getan hatte,
-und zum erstenmal in meinem Leben empfand ich Reue und Schmerz.
-
-Ich lernte an diesem Tage eine große Menge neuer Wörter. Ich erinnere
-mich nicht mehr an alle, aber ich weiß, daß ~mother~, ~father~,
-~sister~, ~teacher~ unter ihnen waren -- Wörter, die die Welt für
-mich erblühen machten „wie Aarons Stab, mit Blumen.“ Es dürfte schwer
-gewesen sein, ein glücklicheres Kind als mich zu finden, als ich am
-Schluß dieses ereignisvollen Tages in meinem Bettchen lag und der
-Freuden gedachte, die mir heut zuteil geworden waren, und zum ersten
-Male sehnte ich mich nach dem anbrechenden Morgen.
-
- [3] Vgl. Fräulein Sullivans Brief S. 224 ff.
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel.
-
- Allmähliches Erwachen der Seele. -- Unterricht im Freien. -- Freude
- an der Natur. -- Schrecken der Natur. -- Gewitter. -- Schönheit des
- Mimosenbaumes.
-
-
-Ich entsinne mich vieler Ereignisse des Sommers 1887, der auf das
-Erwachen meiner Seele folgte. Fortwährend tastete ich mit meinen
-Händen umher und lernte die Bezeichnung für jeden Gegenstand, den ich
-berührte, kennen, und je mehr ich mit den Dingen bekannt wurde und
-ihre Bezeichnungen und ihre Zwecke kennen lernte, desto freudiger und
-stärker wurde das Bewußtsein meiner Verwandtschaft mit der übrigen Welt.
-
-Als die Zeit der Maßliebchen und Butterblumen gekommen war, führte
-mich Fräulein Sullivan an ihrer Hand durch die Felder zu den Ufern des
-Tennesseestromes, und hier, auf dem warmen Grase sitzend, erhielt ich
-meinen ersten Unterricht über die Wohltaten der Natur. Ich lernte, wie
-die Sonne und der Regen jeden Baum, der „lustig anzusehen und gut zu
-essen“ war, aus dem Boden emporwachsen ließen, wie die Vögel ihre Nester
-bauen und von Land zu Land fliegen, wie das Eichhorn, der Hirsch, der
-Löwe und jedes andere Geschöpf Nahrung und Obdach finden. Je mehr
-meine Kenntnisse zunahmen, desto stärker wurde mein Entzücken über
-die Welt, in der ich lebte. Lange bevor ich ein Exempel rechnen oder
-die Gestalt der Erde beschreiben konnte, hatte mich Fräulein Sullivan
-gelehrt, in den duftenden Wäldern, in jedem Grashalm, wie in den Linien
-und Grübchen der Hand meiner kleinen Schwester Schönheit zu entdecken.
-Sie verknüpfte meine ersten Gedanken mit der Natur und brachte mir zum
-Bewußtsein, daß „Vögel, Blumen und ich glückliche, gleichberechtigte
-Gefährten seien“.
-
-Um diese Zeit machte ich eine Erfahrung, die mich davon überzeugte, daß
-die Natur nicht immer gütig ist. Eines Tages kehrten meine Lehrerin und
-ich von einem langen Spaziergange zurück. Der Morgen war schön gewesen,
-aber es war drückend heiß geworden, als wir uns endlich auf den Heimweg
-machten. Ein paarmal rasteten wir unter einem Baum am Wegesrande. Unser
-letzter Halt fand unter einem wilden Kirschbaum statt, der in kurzer
-Entfernung vom Hause stand. Der Schatten war angenehm, und der Baum so
-leicht zu erklettern, daß ich mir mit Hilfe meiner Lehrerin einen Sitz
-in den Zweigen zu verschaffen vermochte. Es war so kühl auf dem Baum,
-daß Fräulein Sullivan vorschlug, hier unser Frühstück einzunehmen. Ich
-versprach ihr, still sitzen zu bleiben, während sie nach Hause ging, es
-zu holen.
-
-Plötzlich ging eine Veränderung mit dem Baume vor. Alle Sonnenwärme
-verschwand aus der Luft. Ich wußte, der Himmel war schwarz umzogen,
-weil alle Hitze, die für mich Licht bedeutete, fort war. Ein seltsamer
-Geruch stieg aus der Erde empor. Ich kannte ihn, es war der Geruch,
-der stets einem Gewittersturm vorherzugehen pflegt, und ein namenloser
-Schreck krampfte mir das Herz zusammen. Ich fühlte mich ganz allein,
-abgeschnitten von meinen Freunden und der festen Erde. Das Unendliche,
-das Unbekannte umfing mich. Ich blieb still und ergeben sitzen; ein
-furchtbares Entsetzen beschlich mich. Ich sehnte mich nach der Rückkehr
-meiner Lehrerin; vor allem aber wollte ich von dem Baum herunter.
-
-Es trat eine unheilverkündende Stille ein, dann aber begannen alle
-Zweige zu rauschen. Ein Zittern rann durch den Baum, und es erfolgte
-ein so heftiger Windstoß, daß er mich herabgeschleudert haben würde,
-hätte ich mich nicht mit aller Kraft an einem Aste festgeklammert. Der
-Baum schwankte hin und her. Kleine Zweige wurden abgerissen und fielen
-rings um mich her zu Boden. Es ergriff mich ein wildes Verlangen,
-herunterzuspringen, aber der Schreck hielt mich festgebannt. Ich
-kletterte bis zur Gabelung des Baumes zurück. Die Zweige schwankten
-rings um mich her. Ich fühlte das Rütteln, das sich dann und wann
-erhob, als sei etwas Schweres niedergefallen und die Erschütterung habe
-sich bis zu dem Aste, auf dem ich saß, fortgepflanzt. Meine Aufregung
-erreichte den höchsten Grad, und gerade als ich glaubte, der Baum würde
-samt mir zur Erde geschleudert werden, faßte mich meine Lehrerin an
-der Hand und half mir herunter. Ich klammerte mich zitternd an sie an,
-froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Ich hatte etwas
-Neues gelernt -- daß die Natur in offenem Kriege mit ihren Kindern
-liegt und daß man sich auch bei ihrem sanftesten Streicheln vor ihren
-heimtückischen Klauen hüten soll.
-
-Nach diesem Ereignis verging eine lange Zeit, ehe ich wieder auf einen
-Baum kletterte. Der bloße Gedanke daran erfüllte mich mit Entsetzen.
-Es war der lockende Reiz des Mimosenbaums in voller Blütenpracht, der
-endlich meine Furcht überwand. Eines schönen Frühlingsmorgens, als ich
-allein im Gartenhause war und las, drang ein wunderbar feiner Duft zu
-mir. Ich stand auf und streckte instinktiv meine Hände aus. Es war,
-als sei der Geist des Frühlings durch das Gartenhaus geschritten. Was
-ist dies? fragte ich mich, und in der nächsten Minute erkannte ich den
-Geruch der Mimosenblüten. Ich tastete mich bis zum Ende des Gartens
-hin, da ich wußte, daß der Mimosenbaum in der Nähe des Zaunes an der
-Biegung des Weges stand. Ja, hier stand er, im warmen Sonnenscheine,
-und seine blütenbeladenen Zweige berührten beinahe das hohe Gras. Gibt
-es etwas Schöneres in der Welt, als diesen Baum? Seine zarten Blüten
-ziehen sich bei der leichtesten Berührung zusammen; es hatte den
-Anschein, als sei ein Baum aus dem Paradiese auf die Erde verpflanzt
-worden. Ich bahnte mir einen Weg durch einen Blütenregen hindurch bis
-zu dem großen Stamme; dort stand ich eine Minute lang unentschlossen
-da. Dann setzte ich meinen Fuß in den breiten Raum zwischen den
-gegabelten Aesten und schwang mich in den Baum hinauf. Ich hatte einige
-Schwierigkeit, mich festzuhalten, denn die Aeste waren sehr dick, und
-ich verletzte mir die Hände an der rauhen, rissigen Rinde. Aber ich
-hatte die köstliche Empfindung, daß ich etwas Außergewöhnliches und
-Wunderbares tat, und so klomm ich immer höher und höher empor, bis
-ich endlich einen kleinen Sitz erreichte, den sich jemand vor langer
-Zeit hier angelegt hatte, sodaß er mit dem Baume selbst verwachsen
-war. Ich saß hier lange, lange Zeit und hatte die Empfindung, als sei
-ich eine Fee auf einer rosigen Wolke. Auch später brachte ich noch
-viele glückliche Stunden auf meinem Paradiesesbaume zu, den Kopf voll
-herrlicher Gedanken und glänzender Träume.
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel.
-
- Fortschritt in der Beherrschung der Sprache. -- Wißbegierde. --
- Unterredung über Liebe. -- Kennenlernen abstrakter Begriffe. --
- Dieselbe Unterrichtsmethode wie bei einem hörenden Kinde.
-
-
-Ich besaß nunmehr den Schlüssel zur gesamten Sprache und brannte vor
-Eifer, ihn gebrauchen zu lernen. Kinder, welche hören, erlangen das
-Sprachvermögen ohne besondere Mühe; die Worte, die von anderer Lippen
-fallen, erhaschen sie gleichsam im Fluge und spielend, während das
-taube Kind sie sich durch langsames und oft anstrengendes Vorrücken
-aneignen muß. Wie beschaffen aber auch dieses Vorrücken selbst sein
-mag, das Ergebnis ist wunderbar. Von der Bezeichnung eines Gegenstandes
-ausgehend, dringen wir Schritt für Schritt vor, bis wir den
-unermeßlichen Abstand zwischen unserer ersten gestammelten Silbe bis zu
-dem Gedankenschwunge in einem Shakespeareschen Verse zurückgelegt haben.
-
-Anfangs stellte ich, wenn meine Lehrerin von etwas Neuem zu mir sprach,
-sehr wenig Fragen. Meine Vorstellungen waren unbestimmt und mein
-Wortschatz unzureichend; in demselben Maße aber, in dem meine Kenntnis
-der Dinge wuchs und ich mehr und mehr Wörter erlernte, erweiterte
-sich auch das Feld meiner Wißbegierde, und ich kehrte immer und immer
-wieder zu demselben Gegenstande zurück voller Verlangen nach weiterer
-Belehrung. Bisweilen belebte ein neues Wort ein Bild wieder, das eine
-frühere Erfahrung meinem Gedächtnisse eingeprägt hatte.
-
-Ich erinnere mich noch ganz genau des Morgens, an dem ich zum ersten
-Male nach der Bedeutung des Wortes »Liebe« fragte. Es geschah dies,
-als ich erst wenige Wörter kannte. Ich hatte ein paar frühe Veilchen
-im Garten gefunden und brachte sie meiner Lehrerin. Sie versuchte mich
-zu küssen; aber damals liebte ich es noch nicht, daß mich jemand außer
-meiner Mutter küßte. Fräulein Sullivan legte zärtlich ihren Arm um mich
-und buchstabierte mir in die Hand: Ich liebe Helen.
-
-Was ist Liebe? fragte ich.
-
-Sie zog mich näher zu sich heran und sagte: Sie ist hier drinnen, indem
-sie auf mein Herz deutete, dessen Schläge ich jetzt zum ersten Male
-fühlte. Ihre Worte befremdeten mich auf das äußerste, weil ich damals
-noch nichts verstand, wenn ich es nicht zugleich berührte.
-
-Ich roch die Veilchen in ihrer Hand und stellte, halb in Worten, halb
-in Zeichen eine Frage, deren Sinn ungefähr war: Ist Liebe der Duft der
-Blumen?
-
-Nein, erwiderte meine Lehrerin.
-
-Wiederum dachte ich nach. Die Sonne erwärmte uns mit ihren Strahlen.
-Ich fragte, indem ich nach der Richtung deutete, aus der die Wärme kam:
-Ist dies nicht Liebe?
-
-Es schien mir, als könne es nichts Schöneres geben als die Sonne, deren
-Wärme alles zum Wachsen und Blühen brachte. Aber Fräulein Sullivan
-schüttelte den Kopf, und ich war sehr verwundert und enttäuscht. Ich
-hielt es für seltsam, daß meine Lehrerin mir nicht die Liebe zeigen
-konnte.
-
-Einige Tage später reihte ich Perlen von verschiedener Größe in
-regelmäßigen Gruppen auf -- zwei große, drei kleine und so weiter. Ich
-hatte mehrmals Fehler gemacht, und Fräulein Sullivan hatte mich mit
-liebevoller Geduld immer und immer wieder darauf hingewiesen. Endlich
-bemerkte ich einen ganz offenbaren Irrtum in der Aufeinanderfolge,
-und einen Augenblick konzentrierte ich meine ganze Aufmerksamkeit auf
-mein Vorhaben und versuchte nachzudenken, wie ich die Perlen hätte
-aneinanderreihen sollen. Fräulein Sullivan berührte meine Stirn und
-buchstabierte mit großem Nachdruck: ~Think~!
-
-Im Nu erkannte ich, daß das Wort die Bezeichnung für den Vorgang war,
-der sich in meinem Kopfe abspielte. Dies war meine erste bewußte
-Vorstellung eines abstrakten Begriffs.
-
-Eine lange Zeit saß ich still da -- ich dachte nicht über die Perlen in
-meinem Schoße nach, sondern versuchte, im Lichte dieses neuen Begriffes
-die Bedeutung von »Liebe« zu ergründen. Die Sonne war den ganzen Tag
-hinter Wolken versteckt gewesen, und es waren kurze Regenschauer
-gefallen; plötzlich brach jedoch die Sonne in all ihrem südlichen
-Glanze hervor.
-
-Abermals fragte ich meine Lehrerin: Ist dies nicht Liebe?
-
-Liebe ist etwas Aehnliches wie die Wolken, die am Himmel standen,
-bevor die Sonne hervorbrach, entgegnete sie. Dann fuhr sie in
-schlichteren Worten, als die vorhergehenden waren, die ich damals noch
-nicht verstehen konnte, fort: Du weißt, du kannst die Wolken nicht
-berühren, aber du fühlst den Regen und weißt, wie froh die Blumen
-und die durstige Erde sind, wenn er nach einem heißen Tage auf sie
-herniederströmt. Auch die Liebe kannst du nicht berühren, aber du
-empfindest das Entzücken, das sie über alles ausgießt. Ohne Liebe
-würdest du weder glücklich sein noch zu spielen verlangen.
-
-Mit einem Schlage offenbarte sich die wohltuende Wahrheit meinem Geiste
--- ich fühlte, es gab unsichtbare Bande, die sich zwischen meiner Seele
-und den Seelen anderer hinzogen.
-
-Vom Beginn meiner Erziehung an hatte Fräulein Sullivan es sich zum
-Grundsatz gemacht, so zu mir zu sprechen, als spräche sie zu einem
-hörenden Kinde; der einzige Unterschied bestand darin, daß sie mir die
-Sätze in die Hand buchstabierte, anstatt sie zu sprechen. Verfügte
-ich nicht über die nötigen Worte, um meine Gedanken auszudrücken, so
-ergänzte sie diese und führte sogar die Unterhaltung weiter, wenn ich
-die passende Antwort nicht finden konnte.
-
-Dieses Verfahren hielt jahrelang an; denn das taubstumme Kind lernt
-nicht in einem Monat, nicht einmal in zwei bis drei Jahren die
-zahllosen Ausdrücke, die in dem einfachsten täglichen Gespräche
-vorkommen. Das hörende Kind lernt diese auf Grund der fortwährenden
-Wiederholung und Nachahmung. Die Unterhaltung, die es zu Hause
-vernimmt, spornt seinen Geist an, bereichert seinen Wortschatz und
-befördert den Ausdruck seiner eigenen Gedanken. Dieser naturgemäße
-Ideenaustausch ist dem tauben Kinde versagt. In weiser Erkenntnis
-dieses Umstandes faßte meine Lehrerin den Entschluß, dem Mangel an
-Reizmitteln für mich abzuhelfen. Dies tat sie, indem sie mir, soweit
-dies möglich war, wörtlich wiederholte, was sie hörte, und mir Mittel
-und Wege angab, an der Unterhaltung teilzunehmen. Aber es dauerte lange
-Zeit, ehe ich es wagte, die Initiative zu ergreifen, und noch länger,
-ehe ich imstande war, etwas Passendes zur rechten Zeit zu sagen.
-
-Der Taube wie der Blinde finden es sehr schwer, sich an einen
-angenehmen Unterhaltungston zu gewöhnen. Wieviel mehr muß sich diese
-Schwierigkeit bei denen steigern, die beides, taub und blind, sind. Sie
-können den Klang der Stimme nicht unterscheiden oder ohne die Hilfe
-anderer die Tonhöhe modifizieren, wodurch die Worte erst ihren Sinn
-erhalten; ebensowenig vermögen sie den Gesichtsausdruck des Sprechenden
-zu beobachten, und in einem Blick liegt häufig gerade das innerste
-Wesen dessen, was jemand sagt.
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel.
-
- Erster Leseunterricht. -- Anfangs keine regelmäßigen
- Unterrichtsstunden. -- Erziehung zum Naturgenuß. -- Wald, Garten. --
- Kellers Landungsplatz. -- Geographie, Rechnen, Zoologie, Botanik.
- -- Fossilien. -- Leicht faßliche Unterrichtsmethode. -- Herzliches
- Verhältnis zu Fräulein Sullivan.
-
-
-Der nächste wichtige Schritt in meiner Erziehung bestand darin, daß ich
-lesen lernte.
-
-Sobald ich ein paar Wörter buchstabieren konnte, gab mir meine Lehrerin
-Pappstreifen in die Hand, auf dem die Wörter in erhöhten Buchstaben
-gepreßt waren. Ich lernte bald begreifen, daß jedes gedruckte Wort
-einen Gegenstand, eine Tätigkeit oder eine Eigenschaft bezeichnete.
-Ich hatte einen Rahmen, in dem ich die Wörter zu kurzen Sätzen
-aneinanderreihen konnte; ehe ich aber die Sätze in den Rahmen spannte,
-pflegte ich sie an Gegenständen darzustellen. Ich fand z. B. die
-Streifen mit den Wörtern ~doll~, ~is~, ~on~, ~bed~ und legte jedes
-Substantiv auf den betreffenden Gegenstand; dann legte ich meine Puppe
-ins Bett und neben sie die Wörter ~is~, ~on~, ~bed~, indem ich so einen
-Satz aus den Wörtern bildete und zu gleicher Zeit den Inhalt des Satzes
-mit Hilfe der Gegenstände selbst darstellte.
-
-Eines Tages steckte ich mir, wie Fräulein Sullivan mir später
-erzählte, das Wort ~girl~ an meine Schürze und stellte mich in den
-Kleiderschrank. Am Schranke brachte ich die Wörter ~is~, ~in~,
-~wardrobe~ an. Nichts machte mir solches Vergnügen wie dieses Spiel.
-Meine Lehrerin und ich spielten es stundenlang. Oft wurde jeder
-Gegenstand im Zimmer zur Darstellung solcher verkörperter Sätze
-verwandt.
-
-Von den bedruckten Streifen war es nur ein kurzer Schritt zu gedruckten
-Büchern. Ich nahm meine Fibel vor und machte Jagd auf die Wörter,
-die ich kannte; fand ich solche, so war meine Freude der beim
-Versteckspiel gleich. Auf diese Weise begann ich zu lesen. Ueber die
-Zeit, in der ich zusammenhängende Geschichten zu lesen begann, spreche
-ich später.
-
-Lange Zeit hatte ich keine regelmäßigen Unterrichtsstunden. Selbst wenn
-ich sehr eifrig lernte, glich dies mehr einem Spiel als einer Arbeit.
-Alles, was Fräulein Sullivan mich lehrte, machte sie mir durch eine
-hübsche Geschichte oder ein Gedicht anschaulich. Wenn ich Freude oder
-Interesse an etwas zeigte, so sprach sie mit mir darüber genau so, als
-ob sie selbst ein kleines Mädchen wäre. All das, woran viele Kinder mit
-Schaudern zurückdenken, wie an mühsames Kopfzerbrechen über Grammatik,
-schwere Rechenexempel und noch schwerere Definitionen, ist heute eine
-meiner liebsten Erinnerungen.
-
-Ich kann mir das innige Verständnis nicht erklären, das Fräulein
-Sullivan für meine Freuden und Wünsche besaß. Vielleicht war es das
-Ergebnis ihres langen Zusammenlebens mit Blinden. Obenein verfügte
-sie über eine wunderbare Schilderungsgabe. Sie ging rasch über
-uninteressante Einzelheiten hinweg und belästigte mich nie mit Fragen,
-um zu sehen, ob ich auch all das in der Lektion vom vorigen Tage
-Behandelte behalten habe. Trockene wissenschaftliche Fragen führte sie
-nur nach und nach in den Unterricht ein und machte alles dabei so klar
-und anschaulich, daß ich fast notgedrungen behalten mußte, was sie
-gesagt hatte.
-
-Wir lasen und lernten im Freien und zogen den sonnigen Wald dem Hause
-vor. Meine sämtlichen ersten Unterrichtsstunden tragen den Hauch des
-Waldes -- den feinen Harzduft der Fichtennadeln, vermengt mit dem
-Geruch des wilden Weins. In dem köstlichen Schatten eines wilden
-Tulpenbaumes sitzend, lernte ich darüber nachdenken, daß alles eine
-Lehre und eine Mahnung in sich berge. „Die Lieblichkeit der Dinge
-lehrte mich ihre Bestimmung.“ In der Tat hatte alles, was da summen,
-brummen, singen, blühen konnte, einen Anteil an meiner Erziehung --
-quakende Frösche, Heimchen und Grillen, die ich solange in meiner
-Hand hielt, bis sie ihre Gefangenschaft vergaßen und ihr Liedchen
-wieder anstimmten, kleine Hühnchen in ihrem ersten Flaume und wild
-wachsende Blumen, die Blüten der Kornelkirsche, Veilchen und blühende
-Obstbäume. Ich befühlte die berstenden Baumwollenkapseln und ließ
-ihre weichen Fäden und ihre mit Fasern besetzten Samenkörner durch
-meine Finger gleiten; ich fühlte das leise Rauschen des Windes in
-den Getreidefeldern, sein weiches Flüstern im Laube der Bäume, das
-unwillige Schnauben meines Ponys, -- wenn wir ihn auf der Weide
-einfingen und ihm das Gebiß anlegten -- ach, wie genau erinnere ich
-mich an den würzigen Kleegeruch seines Atems!
-
-Bisweilen stand ich vor Tagesanbruch auf und stahl mich hinunter in den
-Garten, während schwere Tautropfen noch auf Gräsern und Blumen lagen.
-Nur wenige wissen, was es für ein Genuß ist, die Rosen zu berühren und
-sanft mit der Hand zu drücken oder der anmutigen Bewegung der Lilien
-zu folgen, wenn sie im Morgenwinde hin- und herschwanken. Mitunter
-war ein Insekt in der Blume, die ich pflückte, und ich fühlte das
-leise Geräusch der Flügel, die das Tierchen in plötzlichem Schrecken
-aneinander rieb, sobald es den Druck von außen gewahr wurde.
-
-Ein anderer Lieblingsaufenthalt von mir war der Obstgarten. Die großen,
-tief herabhängenden Pfirsiche boten sich von selbst meiner Hand dar,
-und wenn die lustigen Winde durch die Bäume wehten, fielen die Aepfel
-mir zu Füßen. O, das Entzücken, mit dem ich das Obst in meine Schürze
-sammelte, mein Gesicht gegen die glatten Wangen der Aepfel drückte, die
-noch warm waren von den Sonnenstrahlen, und ins Haus zurückeilte!
-
-Unser Lieblingsspaziergang war zu Kellers Landungsplatz, einer alten
-verfallenen Hafenanlage am Tennessee, die während des Bürgerkrieges
-zum Landen von Truppen benutzt worden war. Hier brachten wir viele
-glückliche Stunden zu und beschäftigten uns spielend mit Geographie.
-Ich baute Dämme aus Kieseln, legte Inseln und Seen an und grub
-Flußläufe aus, alles zum Scherz, und niemals ließ ich es mir dabei
-träumen, eine Unterrichtsstunde zu haben. Mit wachsendem Erstaunen
-lauschte ich den Schilderungen, die Fräulein Sullivan von der großen
-weiten Welt da draußen mit ihren feuerspeienden Bergen, verschütteten
-Städten, sich bewegenden Eisströmen und vielen anderen ebenso seltsamen
-Dingen entwarf. Sie modellierte Reliefkarten in Ton, so daß ich die
-Gebirgszüge und Täler fühlen und mit meinen Fingern dem gekrümmten Lauf
-der Flüsse folgen konnte. Dies liebte auch ich; aber die Einteilung
-der Erde in Zonen und Pole verwirrte mich. Die diese Verhältnisse
-veranschaulichenden Fäden und der Orangenstiel, der den Pol darstellte,
-erschienen mir so der Wirklichkeit entsprechend, daß noch bis zum
-heutigen Tage die bloße Erwähnung der gemäßigten Zone die Vorstellung
-an Zwirnsfäden in mir hervorruft, und ich glaube, daß, wenn es jemand
-darauf anlegt, er mir mit leichter Mühe einreden könnte, daß Eisbären
-tatsächlich auf den Nordpol klettern.
-
-Arithmetik scheint das einzige Lehrfach gewesen zu sein, dem ich keinen
-Geschmack abgewinnen konnte. Von Anfang an hatte ich kein Interesse
-für die Wissenschaft von den Zahlen. Fräulein Sullivan suchte mir das
-Rechnen beizubringen, indem sie Perlen in Gruppen aneinanderreihte,
-und mit Hilfe von Strohhalmen, wie sie im Kindergarten üblich sind,
-lernte ich addieren und subtrahieren. Ich hatte niemals die Geduld,
-mehr als fünf bis sechs Gruppen zugleich zusammenzureihen; hatte ich
-das zustande gebracht, so war mein Gewissen für den Rest des Tages
-beruhigt, und ich sprang rasch zu meinen Spielgefährten hinaus.
-
-In dieser selben sorglosen Weise trieb ich Zoologie und Botanik.
-
-Einmal sandte mir ein Herr, dessen Namen ich vergessen habe, eine
-Fossiliensammlung -- kleine wunderschön gezeichnete Muscheln, Stücke
-Sandstein mit Abdrücken von Vogelfüßen und einen reizenden Farn in
-Basrelief. Dies waren die Schlüssel, die mir den Zugang zu den Schätzen
-der antediluvianischen Welt eröffneten. Mit zitternden Fingern lauschte
-ich Fräulein Sullivans Schilderungen der furchtbaren Tiere mit den
-ungefügen, unaussprechlichen Namen, die einst durch die Wälder der
-Urzeit stampften, die Zweige von Riesenbäumen zur Nahrung abrissen
-und in den ungeheuren Morasten eines unbekannten Zeitalters umkamen.
-Lange Zeit beunruhigten diese unheimlichen Geschöpfe meine Träume, und
-diese düstere Periode bildete einen dunklen Hintergrund zu dem heiteren
-Jetzt, das mit Sonnenschein, Rosen und dem Echo der leichten Hufschläge
-meines kleinen Ponys angefüllt war.
-
-Ein andermal erhielt ich eine schöne Muschel zum Geschenk, und mit
-kindlichem Staunen und Entzücken lernte ich, wie ein winziges Weichtier
-sich dieses herrliche Haus als Wohnung gebaut habe und wie in stillen
-Nächten, wenn kein Luftzug die Meeresfläche kräuselt, der Nautilus
-auf den blauen Gewässern des Indischen Ozeans in seinem wie Perlen
-erglänzenden Schiffe dahinsegelt. Nachdem ich eine Menge interessanter
-Dinge über das Leben und die Gewohnheiten der Kinder der Meerestiefen
-kennen gelernt hatte -- wie inmitten der schäumenden Wogen die kleinen
-Polypen die schönen Koralleninseln des Stillen Ozeans aufbauen und
-die Foraminiferen die Kalkhügel vieler Länder gebildet haben --, las
-mir meine Lehrerin das Märchen vom Nautilus vor und zeigte mir,
-wie der muschelbildende Prozeß bei den Mollusken symbolisch ist für
-die Entwicklung des Geistes. Genau wie der wunderwirkende Mantel
-des Nautilus die Stoffe, die er aus dem Wasser aufsaugt, umwandelt
-und zu einem Teile von sich selbst macht, so erleiden die einzelnen
-Kenntnisse, die jemand sammelt, eine ähnliche Veränderung und werden zu
-Gedankenperlen.
-
-Ein andermal war es das Wachstum einer Pflanze, das uns den Stoff für
-eine Lehrstunde lieferte. Wir kauften eine Lilie und stellten sie in
-ein sonniges Fenster. Bald begannen die grünen, spitzen Knospen sich
-zu öffnen. Die schlanken, fingerähnlichen Außenblätter erschlossen
-sich langsam, widerstrebend, wie es mir vorkam, die Lieblichkeit des
-Inneren enthüllend; war aber einmal ein Anfang gemacht, so ging der
-weitere Prozeß des Oeffnens rasch von statten, aber ordnungsgemäß und
-systematisch. Stets war eine von den Knospen größer und schöner als die
-übrigen und warf ihre äußere Umhüllung stolzer zurück, als wüßte diese
-Schönheit in weichen, seidenglänzenden Gewändern, daß sie Lilienkönigin
-von Gottes Gnaden sei, während ihre bescheideneren Schwestern ihre
-grünen Hüllen zaghaft ablegten, bis die ganze Pflanze ein einziger
-nickender Zweig voller Lieblichkeit und Wohlgeruch war.
-
-Einmal wurde ein rundes Glas mit elf Kaulquappen an ein mit Pflanzen
-besetztes Fenster gestellt. Ich erinnere mich noch des Eifers, mit dem
-ich Beobachtungen über sie anstellte. Es machte mir großen Spaß, meine
-Hand in das Glas zu tauchen, zu fühlen, wie sich die Kaulquappen lustig
-herumtummelten, und sie zwischen meinen Fingern hin- und herschlüpfen
-zu lassen. Eines Tages hatte sich ein ehrgeiziger Bursche von ihnen auf
-den Rand des Glases gewagt und fiel auf den Fußboden, wo ich ihn allem
-Anschein nach mehr tot als lebendig fand. Das einzige Lebenszeichen,
-das er von sich gab, war ein leichtes Hin- und Herbewegen des
-Schwanzes. Kaum war er aber in sein Element zurückgekehrt, als er auch
-schon auf den Grund niedertauchte und in lustiger Geschäftigkeit hin-
-und herschwamm. Er hatte seinen Weg gemacht, hatte die große Welt
-gesehen und war nun froh, wieder in seinem hübschen Glashause unter dem
-großen Fuchsienstock zu weilen, bis er die Würde des ausgewachsenen
-Frosches erreicht hatte. Dann siedelte er wieder in den mit Mummeln
-bedeckten Teich am Ende des Gartens über, wo er in den Sommernächten
-seine quarrenden Liebeslieder erschallen ließ.
-
-So lernte ich vom Leben selbst. Anfangs lag nur ein ganz kleines,
-begrenztes Maß von Fähigkeiten in mir. Meine Lehrerin war es, die sie
-entfaltete und entwickelte. Als +sie+ kam, atmete alles rings um
-mich her Liebe und Freude und gewann eine Fülle von Bedeutung. Seitdem
-hat sie keine einzige Gelegenheit vorübergehen lassen, ohne mich auf
-die in allem waltende Schönheit aufmerksam zu machen, und hat nie
-aufgehört, durch Wort, Tat und Vorbild dahin zu wirken, daß mein Leben
-sich zu einem genußreichen und nützlichen gestalte.
-
-Es war der Geist meiner Lehrerin, ihr warmes Mitempfinden, ihr
-liebevoller Takt, der mir die ersten Jahre meiner Erziehung so
-unvergeßlich gemacht hat. Dadurch, daß sie stets den richtigen
-Augenblick wählte, um mein Wissen durch etwas Neues zu bereichern,
-wurde der Unterricht für mich so anziehend und leicht faßlich. Sie
-erkannte, daß der Geist eines Kindes einem seichten Bache gleicht, der
-fröhlich in dem steinigen Bette der Erziehung dahinhüpft und tanzt
-und hier eine Blume, dort einen Strauch, dort ein Lämmerwölkchen
-widerspiegelt; sie suchte meinen Geist auf den rechten Pfad zu leiten,
-da sie wohl wußte, daß er wie ein Bach durch Gebirgsströme und
-verborgene Quellen genährt werden muß, bis er sich zum tiefen Flusse
-erweitert, der imstande ist, auf seiner ruhigen Oberfläche schwellende
-Hügel, die leuchtenden Schatten der Bäume und den blauen Himmel so gut
-wie das holde Antlitz einer kleinen Blume widerzuspiegeln.
-
-[Illustration: Helen Keller und Fräulein Sullivan]
-
-Jeder Lehrer kann ein Kind zu sich in das Klassenzimmer nehmen,
-aber nicht jeder Lehrer kann es unterrichten. Es wird nicht freudig
-arbeiten, wenn es nicht das Bewußtsein der Freiheit in sich trägt, mag
-es tätig sein oder sich ausruhen; es muß das Hochgefühl des Sieges und
-die Niedergeschlagenheit der Enttäuschung kennen, ehe es mit festem
-Willen an die ihm unangenehmen Aufgaben herangeht und sich entschließt,
-sich seinen Weg tapfer und unverdrossen durch die stumpfe Routine der
-Lehrbücher hindurchzubahnen.
-
-Meine Lehrerin steht mir so nahe, daß ich mich kaum als von ihr
-getrennt fühle. Wieviel von meiner Freude an allem Schönen mir
-angeboren ist, wieviel ich ihrem Einflusse verdanke, werde ich
-nie anzugeben vermögen. Ich fühle, ihr Wesen ist untrennbar von
-dem meinigen, und sie ist mir auf den Bahnen, die ich wandle,
-vorangegangen. Alles Gute an mir ist ihr Werk -- es gibt keine
-Fähigkeit, kein Streben, keine Freude in mir, die sie nicht durch ihre
-liebevolle Berührung zum Leben erweckt hätte.
-
-
-
-
-Achtes Kapitel.
-
- Erstes Weihnachtsfest nach Fräulein Sullivans Ankunft. -- Ratespiel.
- -- Weihnachtsbescherung in der Schule zu Tuscumbia. -- Freude über
- die Weihnachtsgeschenke.
-
-
-Das erste Weihnachtsfest nach Fräulein Sullivans Ankunft in
-Tuscumbia war ein großes Ereignis. Jedes Familienmitglied bereitete
-Ueberraschungen für mich vor; was mir aber am meisten Vergnügen
-machte, war, daß Fräulein Sullivan und ich Ueberraschungen für alle
-übrigen vorbereiteten. Das die Geschenke umgebende Geheimnis war meine
-größte Freude. Meine Bekannten taten alles, was in ihren Kräften
-stand, um meine Neugier durch Andeutungen und halbbuchstabierte
-Sätze rege zu machen, die sie im spannendsten Augenblick abbrechen
-zu müssen vorgaben. Fräulein Sullivan und ich unterhielten uns mit
-einem Ratespiel, das mich im Gebrauche der Sprache mehr förderte, als
-regelrechte Unterrichtsstunden dies zu tun vermocht hätten. Jeden Abend
-setzten wir uns um das verglimmende Holzfeuer und beschäftigten uns mit
-unserem Spiel, das um so aufregender wurde, je näher Weihnachten rückte.
-
-Am heiligen Abend feierten die Schulkinder von Tuscumbia ihre
-Bescherung, zu der sie mich einluden. In der Mitte des Schulzimmers
-stand ein schöner Baum, strahlend und schimmernd in dem milden Lichte
-der Kerzen und beladen mit seltsamen, wunderbaren Früchten. Es war ein
-Moment der höchsten Glückseligkeit. Ich tanzte und sprang voller Freude
-um den Baum herum. Als ich erfuhr, es sei ein Geschenk für jedes Kind
-da, war ich darüber entzückt, und die freundlichen Spender, die die
-Bescherung veranstalteten, gestatteten mir, die Gaben den Kindern zu
-überreichen. In der Freude darüber fand ich keine Zeit, meine eigenen
-Geschenke zu betrachten; als ich aber mit der Verteilung fertig war,
-überstieg meine Ungeduld nach dem Beginn der wirklichen Bescherung alle
-Begriffe. Ich wußte, daß die Geschenke, die ich schon erhalten hatte,
-nicht die waren, wegen deren meine Bekannten mir durch ihre Andeutungen
-solche Tantalusqualen bereitet hatten, und meine Lehrerin sagte mir,
-die Geschenke, die ich erhalten würde, seien noch viel schöner als die,
-welche ich schon bekommen hätte. Ich war jedoch entschlossen, mich mit
-den Geschenken von dem Baume zufrieden zu geben und die übrigen ruhig
-bis morgen zu lassen.
-
-In jener Nacht lag ich, nachdem ich meinen Strumpf aufgehängt hatte,
-lange Zeit wach, da ich mich gegen den Schlaf wehrte und mich munter
-halten wollte, um zu sehen, was der Santa Claus wohl tun würde, wenn
-er ankäme. Endlich schlummerte ich aber doch mit einer neuen Puppe und
-einem Eisbären in meinen Armen ein. Am nächsten Morgen war ich es,
-die die Familie mit meinem ersten: „Ein fröhliches Weihnachtsfest!“
-aufweckte. Ich fand Ueberraschungen, nicht allein in dem Strumpfe,
-sondern auch auf dem Tische, auf allen Stühlen, an der Tür, sogar auf
-dem Fensterbrett; ich konnte in der Tat kaum einen Schritt machen, ohne
-über ein in Goldpapier gewickeltes Christgeschenk zu stolpern. Als aber
-meine Lehrerin mir einen Kanarienvogel schenkte, kannte meine Seligkeit
-keine Grenzen.
-
-Der kleine Jim war so zahm, daß er auf meinen Finger hüpfte und mir
-kandierte Kirschen aus der Hand pickte. Fräulein Sullivan lehrte
-mich meinen neuen Liebling mit der größtmöglichen Sorgfalt hegen und
-pflegen. Jeden Morgen nach dem Frühstück machte ich ihm sein Bad
-zurecht, reinigte seinen Käfig, gab ihm frisches Futter, füllte sein
-Trinknäpfchen mit frischem Brunnenwasser und hängte etwas Vogelmiere an
-seinen Schaukelring.
-
-Eines Morgens ließ ich den Käfig auf dem Fensterbrett stehen, während
-ich Jim frisches Wasser für sein Bad holte. Als ich zurückkehrte
-und die Tür öffnete, fühlte ich, daß eine große Katze zum Zimmer
-hinausstürzte. Zuerst bemerkte ich noch gar nicht, was sich zugetragen
-hatte; als ich aber meine Hand in den Käfig steckte und Jim mir nicht
-entgegenflatterte oder mit seinen zierlichen Füßchen sich auf meinen
-Finger setzte, wußte ich, daß ich meinen lieben kleinen Sänger nicht
-wiedersehen würde.
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel.
-
- Reise nach Boston. -- Zusammentreffen mit den blinden Kindern. --
- Bunker Hill. -- Plymouth. -- Pilgerfelsen. -- Herr William Endicott.
-
-
-Das nächste wichtige Ereignis in meinem Leben war mein Besuch in
-Boston im Mai 1888. Als ob es erst gestern gewesen wäre, so genau
-entsinne ich mich der Vorbereitungen, der Abreise mit meiner Lehrerin
-und meiner Mutter, der Eisenbahnfahrt und endlich der Ankunft in
-Boston. Wie verschieden war doch diese Reise von der, die ich zwei
-Jahre zuvor nach Baltimore gemacht hatte! Ich war kein ruheloses,
-reizbares kleines Geschöpf mehr, das die Aufmerksamkeit sämtlicher
-Mitreisenden verlangte, um zufriedengestellt zu sein. Ich saß still
-neben Fräulein Sullivan und achtete mit regem Interesse auf alles,
-was sie mir über das mitteilte, was sie aus dem Coupéfenster sah, den
-schönen Tennesseestrom, die großen Baumwollplantagen, die Hügel und
-Wälder und die Scharen lachender Neger auf den Bahnhöfen, die den
-Reisenden zuwinkten und köstliches Zuckergebäck und Maisklöße im Wagen
-umhertrugen. Mir gegenüber saß meine große, zerflederte Puppe, Nancy,
-in einem neuen Ginghamkleide und einem zerknitterten Strohhute und sah
-mich unverwandt mit ihren Glasaugen an. Bisweilen, wenn ich nicht durch
-Fräulein Sullivans Schilderungen in Anspruch genommen war, erinnerte
-ich mich der Anwesenheit Nancys und nahm sie auf den Arm, aber im
-allgemeinen beschwichtigte ich mein Gewissen dadurch, daß ich mir
-einredete, sie schlafe.
-
-Da ich keine Gelegenheit mehr haben werde, von Nancy zu sprechen, so
-will ich gleich hier von dem traurigen Schicksale erzählen, das sie
-bald nach unserer Ankunft in Boston hatte. Sie war ganz mit Schmutz
-bedeckt, dem Ueberreste von Schlammkuchen, die ich sie zu essen
-gezwungen hatte, obwohl sie niemals eine besondere Vorliebe für diesen
-Leckerbissen gezeigt hatte. Die Wäscherin im Perkinsschen Institut nahm
-sie heimlich mit fort, um sie zu baden. Dies war für die arme Nancy
-zu viel. Als ich sie das nächstemal wiedersah, war sie nur noch ein
-formloser Watteklumpen, den ich überhaupt nicht wiedererkannt haben
-würde, wären nicht die beiden Glasaugen gewesen, die mich vorwurfsvoll
-ansahen.
-
-Als der Zug endlich in den Bahnhof von Boston einfuhr, war es, als sei
-ein schönes Feenmärchen zur Wirklichkeit geworden. Das „es war einmal“
-war Gegenwart; das „weite, ferne Land“ war hier.
-
-Kaum waren wir in dem Perkinsschen Blindeninstitut angelangt, als ich
-auch schon mit den blinden Kindern Freundschaft zu schließen begann.
-Es freute mich unaussprechlich, zu finden, daß sie das Fingeralphabet
-verstanden. Wie froh war ich, mich mit anderen Kindern in meiner
-Sprache unterhalten zu können! Bis dahin war ich wie eine Ausländerin
-gewesen, die durch Vermittelung eines Dolmetschers spricht. In der
-Schule, in der Laura Bridgman unterrichtet worden war, befand ich
-mich in meinem Vaterlande. Es kostete mich einige Zeit, ehe ich mir
-die Tatsache, daß meine neuen Freunde blind waren, in ihrer Tragweite
-klarmachte. Ich wußte, ich konnte nicht sehen; aber es erschien mir
-unmöglich, daß all die munteren, liebenswürdigen Kinder, die um
-mich herumstanden und in meine Fröhlichkeit von Herzen einstimmten,
-gleichfalls blind sein sollten. Ich entsinne mich der schmerzlichen
-Ueberraschung, die ich empfand, als ich bemerkte, daß sie ihre Hände
-über die meinigen legten, wenn ich mit ihnen sprach, und daß sie in
-ihren Büchern mit Hilfe der Finger lasen. Obgleich mir dies schon
-vorher mitgeteilt worden war und obgleich ich mir meines eigenen
-Verlustes bewußt war, so hatte ich doch in unbestimmter Weise geglaubt,
-daß, da sie hören konnten, sie eine Art von „zweitem Gesicht“ haben
-müßten, und ich war nicht darauf vorbereitet, zu finden, daß diese
-Kinder alle derselben köstlichen Gabe wie ich beraubt waren. Aber sie
-waren so glücklich und zufrieden, daß ich alle Schmerzempfindungen über
-der Freude vergaß, die mir das Zusammensein mit ihnen gewährte.
-
-Als ich einen Tag in der Gesellschaft der blinden Kinder zugebracht
-hatte, fühlte ich mich in meiner neuen Umgebung vollständig daheim, und
-jeder Tag brachte mir eine neue angenehme Erfahrung. Ich konnte mich
-nicht völlig davon überzeugen, daß es außer Boston noch viel in der
-Welt gebe, denn ich betrachtete diese Stadt als den Anfang und das Ende
-der Schöpfung.
-
-Während unseres Aufenthaltes in Boston besuchten wir Bunker Hill und
-hier erhielt ich meinen ersten Geschichtsunterricht. Die Geschichte von
-den tapferen Männern, die auf dem Platze, auf dem wir standen, gekämpft
-hatten, regte mich gewaltig auf. Ich bestieg das Denkmal, wobei ich die
-Stufen zählte, und fragte mich verwundert, als es immer höher und höher
-hinauf ging, ob die Soldaten diese große Treppe erstiegen und von hier
-auf den Feind dort unten geschossen hätten.
-
-Am nächsten Tage fuhren wir nach Plymouth. Es war dies meine erste
-Seereise und mein erster Ausflug auf einem Dampfer. Wie voll von Leben
-und Bewegung war das Schiff! Aber das Getöse der Maschine ließ mich
-glauben, es sei ein Gewitter im Anzuge, und ich begann zu weinen,
-weil ich fürchtete, wenn es regnete, könnten wir unser Picknick
-nicht im Freien abhalten. Ich glaube, der große Felsen, an dem die
-Pilger gelandet waren,[4] interessierte mich mehr als alles übrige
-in Plymouth. Ich konnte ihn berühren, und vielleicht war dies der
-Grund, weswegen mir die Ankunft der Pilger, ihre Beschwerden und
-ihre Heldentaten so deutlich vor der Seele standen. Ich habe oft ein
-kleines Modell des Felsens von Plymouth in der Hand gehabt, den mir
-ein freundlicher Herr in Pilgrim Hall gab, ich habe seine Umrisse,
-den Spalt in der Mitte und die eingemeißelte Inschrift »1620« befühlt
-und in meinem Innern alles überdacht, was ich von der wunderbaren
-Geschichte der Pilger wußte.
-
-Wie erglühte meine kindliche Phantasie bei dem Gedanken an ihr
-ruhmvolles Unternehmen! Ich idealisierte sie als die tapfersten und
-hochherzigsten Männer, die jemals in der Fremde eine Heimat gesucht
-hatten. Ich glaubte, sie hätten die Freiheil ihrer Mitmenschen
-ebenso wie ihre eigene erstrebt. Ich war peinlich überrascht und arg
-enttäuscht, als ich einige Jahre später ihre unduldsamen Handlungen
-kennen lernte, die uns mit Scham erfüllen, selbst wenn wir den Mut und
-die Tatkraft anerkennen, die uns unser »schönes Land« gegeben haben.
-
-Unter den zahlreichen Freunden, die ich mir in Boston gewann, befanden
-sich auch Herr William Endicott und seine Tochter. Die Güte, die
-mir beide erwiesen, war das Saatkorn, aus dem mir viele angenehme
-Erinnerungen erblüht sind. Eines Tages besuchten wir ihre schöne Villa
-in Beverly Farms. Ich erinnere mich mit Vergnügen daran, wie ich durch
-ihren schönen Rosengarten dahinschritt, wie ihre Hunde, der mächtige
-Leo und der kleine kraushaarige Fritz mit den langen Ohren, sich zu
-mir gesellten und wie Nimrod, das schnellste aller Pferde, seine Nase
-in meine Hand streckte, damit ich seinen Hals klopfen und ihm ein
-Stück Zucker geben sollte. Ebenso erinnere ich mich des Strandes, wo
-ich zum erstenmale im Sande gespielt hatte. Es war harter, glatter
-Sand, sehr verschieden von dem losen, scharfen, mit Algen und Muscheln
-untermischten Sande in Brewster. Herr Endicott erzählte mir von den
-großen Schiffen, die aus Boston nach Europa absegelten. Ich sah ihn
-später noch öfters, und er ist mir stets ein guter Freund gewesen, und
-ich dachte an ihn, als ich Boston „die Stadt der gütigen Herzen“ nannte.
-
- [4] „Pilger“ oder „Pilgerväter“ hießen die 102 Puritaner, die im
- Jahre 1620 in Plymouth landeten.
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel.
-
- Ferienaufenthalt in Brewster. -- Die See. -- Erstes Seebad. --
- Eindruck der Brandung. -- Der erste Taschenkrebs.
-
-
-Unmittelbar bevor das Perkinssche Institut seine Tore für den Rest des
-Sommers schloß, wurde die Verabredung getroffen, daß meine Lehrerin und
-ich unsere Ferien in Brewster am Kap Cod in der Gesellschaft unserer
-lieben Freundin, Frau Hopkins, zubringen sollten. Ich war darüber
-entzückt, denn mein Geist war voll von den zu erwartenden Freuden und
-den wunderbaren Geschichten, die ich vom Meere gehört hatte.
-
-Meine lebhafteste Erinnerung an jenen Sommer ist der Ozean. Ich hatte
-stets im Binnenlande gelebt und niemals Seeluft geatmet; aber ich hatte
-in einem Buche mit dem Titel Our World eine Schilderung des Ozeans
-gelesen, die mich mit Erstaunen und einem sehnsüchtigen Verlangen
-erfüllte, die gewaltige See zu befühlen und ihr Toben zu spüren. So
-schlug mein kleines Herz in heftiger Erregung, als ich sah, daß mein
-Wunsch endlich doch in Erfüllung gehen sollte.
-
-Kaum war ich in mein Badekostüm geschlüpft, als ich auf den warmen
-Sand hinaussprang und ohne die geringste Furcht in dem kühlen Wasser
-untertauchte. Ich fühlte, wie die mächtigen Wogen sich abwechselnd
-hoben und senkten. Die schaukelnde Bewegung des Wassers erfüllte mich
-mit ungemein lebhafter Freude. Mit einem Male aber wich mein Entzücken
-einem namenlosen Entsetzen; mein Fuß stieß gegen einen Felsen, und im
-nächsten Augenblick ergoß sich ein Strom von Wasser über mein Haupt.
-Ich streckte meine Hände aus, um eine Stütze zu finden, ich griff
-ins Wasser und faßte nach dem Tang, den mir die Wogen ins Gesicht
-schleuderten. Aber alle meine verzweifelten Anstrengungen waren
-vergeblich. Die Wellen schienen ihr Spiel mit mir zu treiben und warfen
-mich in ihrem wilden Tosen von einer zur anderen. Es war fürchterlich!
-Die gute, feste Erde war mir unter den Füßen weggeglitten, und ich
-schien von allem -- von Leben, Luft, Wärme, Liebe -- durch dieses
-unheimliche, mich rings umgebende Element ausgeschlossen zu sein.
-Endlich jedoch warf mich die See, als sei sie ihres neuen Spielzeugs
-müde, an das Gestade zurück, und im nächsten Augenblick wurde ich von
-den Armen meiner Lehrerin umschlungen. O, dieses wonnige Empfinden
-bei der langen, langen Umarmung! Sobald ich mich genügend von meinem
-panischen Schrecken erholt hatte, um ein Wort hervorbringen zu können,
-fragte ich: Wer hat denn eigentlich das Salz in das Wasser geschüttet?
-
-Nachdem ich meine erste Erfahrung mit dem Wasser glücklich hinter
-mir hatte, machte es mir großes Vergnügen, in meinem Badekostüm auf
-einem mächtigen Felsen zu sitzen und Woge um Woge an den Felsen
-heranbranden zu fühlen, wobei sie einen Spritzregen von Schaum
-heraufsandten, der mich völlig durchnäßte. Ich spürte, wie die Kiesel
-fortgeschwemmt wurden, wenn die Wogen mit ihrer vollen Wucht gegen den
-Strand anstürmten; das ganze Gestade schien durch ihren furchtbaren
-Anprall zertrümmert zu werden, und die Luft erdröhnte unter ihren
-Donnerschlägen. Die Brandung schlug zurück, um sich zu einem noch
-mächtigeren Anlauf zu sammeln, und ich hing an dem Felsen voll
-gespannter Erwartung, wie von einem Banne befangen, während ich das
-Toben und Brüllen des wütenden Meeres fühlte.
-
-Kaum konnte ich mich von dem Strande trennen. Der Hauch der reinen,
-frischen und klaren Seeluft wirkte wie kühles, beruhigendes Denken
-auf mich, und die Muscheln, die Kiesel, die mit winzigen Lebewesen
-bedeckten Algen büßten in meinen Augen nicht das geringste ihrer
-Anziehungskraft ein. Eines Tages lenkte Fräulein Sullivan meine
-Aufmerksamkeit auf ein seltsames Ding, das sie in dem seichten Wasser
-gefangen hatte. Es war ein großer Taschenkrebs, der erste, den ich
-je in meinem Leben gesehen hatte. Ich fühlte ihn an und fand es sehr
-seltsam, daß er sein Haus auf seinem Rücken mit sich herumtragen
-sollte. Plötzlich schoß mir der Gedanke durch den Kopf, er könne einen
-ganz artigen Spielgefährten abgeben; daher ergriff ich ihn mit beiden
-Händen am Schwanze und trug ihn nach Hause. Diese Heldentat gefiel mir
-außerordentlich, besonders da sein Körper sehr schwer war und ich alle
-meine Kräfte anstrengen mußte, ihn eine halbe Meile weit zu schleppen.
-Ich ließ Fräulein Sullivan keine Ruhe, bis sie den Krebs in einen
-Trog in der Nähe des Brunnens geworfen hatte, in dem er nach meiner
-Ueberzeugung sicher aufgehoben war. Als ich aber am nächsten Morgen zu
-dem Troge kam, siehe da, da war er verschwunden! Niemand wußte, wohin
-er gekommen war oder wie er hatte entwischen können. Ich empfand eine
-schmerzliche Enttäuschung; nach und nach gelangte ich jedoch zu der
-Einsicht, daß es nicht freundlich oder weise gehandelt war, dieses
-arme stumme Geschöpf seinem Element zu entreißen, und nach einiger
-Zeit fühlte ich mich in dem Gedanken glücklich, es sei ihm vielleicht
-gelungen, in das Meer zurückzukehren.
-
-
-
-
-Elftes Kapitel.
-
- Rückkehr nach Tuscumbia. -- Fern Quarry. -- Jagden. -- Bony »Black
- Beauty«. -- In Lebensgefahr.
-
-
-Im Herbst kehrte ich mit einem Herzen voll von freundlichen
-Erinnerungen nach meiner südlichen Heimat zurück. So oft ich mir
-diesen Besuch im Norden ins Gedächtnis zurückrufe, erfüllt er meine
-Seele immer von neuem mit Bewunderung über die reichen, mannigfaltigen
-Erfahrungen, die sich mit ihm verbinden. Er scheint mir der
-Ausgangspunkt meiner ganzen künftigen Entwickelung gewesen zu sein.
-Die Schätze einer neuen, schönen Welt wurden mir zu Füßen gelegt, und
-bei jedem Ausgange empfing ich erheiternde und belehrende Eindrücke.
-Ich lebte selbst in allen Dingen mit. Ich saß keinen Augenblick still;
-mein Leben war so voller Bewegung wie das jener kleinen Insekten, deren
-ganzes Dasein sich im Laufe eines kurzen Tages abspielt. Ich begegnete
-vielen Menschen, die sich mit mir unterhielten, indem sie die Worte in
-meine Hand buchstabierten, und in fröhlicher Wechselwirkung stiegen
-Gedanken auf, um sich mit Gedanken anderer zu kreuzen, und siehe da!
-es geschah ein Wunder! Die öden Strecken, die meinen Geist von dem
-meiner Mitmenschen getrennt hatten, bedeckten sich mit Blüten wie ein
-Rosenstrauch.
-
-Die Herbstmonate brachte ich mit meiner Familie in unserem
-Sommerlandhause zu, das auf einem Berge ungefähr vierzehn Meilen von
-Tuscumbia entfernt lag. Es hieß Fern Quarry weil sich in seiner Nähe
-ein jetzt längst aufgegebener Kalkbruch befunden hatte. Drei muntere,
-in den Felsen oberhalb entspringende Bäche, durchströmten den Bruch,
-hier ruhig fließend, dort in sprudelnden Kaskaden schäumend, wo die
-Felsen ihnen den Weg zu versperren suchten. Der Eingang war mit
-Farnen bedeckt, die die Kalksteinschichten vollständig überwucherten.
-Der übrige Teil des Berges war dicht bewaldet. Hier wuchsen hohe
-Eichen und mächtige Tannen mit Stämmen, gleich moosigen Säulen, von
-deren Zweigen Gewinde von Efeu und Mistel herniederhingen, ebenso
-Persimonbäume, deren Wohlgeruch jeden Winkel des Waldes durchdrang
--- ein verlockendes, duftendes Etwas, das das Herz fröhlich machte.
-Stellenweise zogen sich wilde Weinreben von Baum zu Baum und bildeten
-Lauben, die der Lieblingsaufenthalt von Schmetterlingen und summenden
-Insekten waren. Es war köstlich, sich am späten Nachmittag unter den
-grünen Gewölben und in den Irrgängen jenes Waldes zu verlieren und den
-kühlen erquickenden Duft einzuatmen, der bei Sonnenuntergang aus der
-Erde emporstieg.
-
-Unser Landhaus war eine Art Jagdhütte, schön gelegen auf dem Gipfel des
-Berges zwischen Eichen und Fichten. Die kleinen Zimmer befanden sich
-zu beiden Seiten einer langen, offenen Halle. Rings um das Haus dehnte
-sich ein weiter Platz aus, zu dem die Bergeswinde alle Wohlgerüche des
-Waldes herübertrugen. Auf diesem Platze brachten wir den größten Teil
-des Tages zu -- hier arbeiteten, aßen und spielten wir. An der hinteren
-Tür des Hauses erhob sich ein mächtiger Nußbaum, um den herum Stufen
-führten, und vorn standen die Bäume so nahe, daß ich sie berühren und
-fühlen konnte, wenn der Wind ihre Zweige hin und her bewegte, oder das
-Laub in den Herbststürmen zu Boden wirbelte.
-
-Wir hatten viel Besuch in Fern Quarry. Abends spielten die Männer am
-Lagerfeuer Karten und vertrieben sich die Zeit mit Gesprächen und
-körperlichen Uebungen. Sie erzählten Wunderdinge von ihren Jagden
-auf Hühner, Fische und allerlei Wild -- wie viele wilde Enten und
-Truthühner sie geschossen, was für Forellen sie gefangen und wie die
-die schlauesten Füchse und die klügsten Opossums überlistet und die
-schnellsten Hirsche eingeholt hatten, bis ich der Ueberzeugung war,
-daß sicherlich Löwen, Tiger, Bären und die übrigen reißenden Tiere
-allesamt diesen verschlagenen Jägern keinen Widerstand leisten könnten.
-Auf morgen zur Jagd! lautete ihr Gutenachtgruß, wenn sich der Kreis der
-lustigen Freunde bei Einbruch der Nacht auflöste. Die Männer schliefen
-in der Halle vor der Haustür, und ich konnte das tiefe Atmen der Hunde
-und Jäger spüren, wenn sie auf ihren improvisierten Betten lagen.
-
-Bei Tagesanbruch wurde ich durch den Geruch von Kaffee, das Klirren
-von Gewehren und die schweren Tritte der Männer geweckt, die jetzt
-umhergingen voll froher Hoffnung auf einen glücklichen Jagderfolg.
-Ebenso konnte ich das Stampfen ihrer Pferde spüren, die unter den
-Bäumen angebunden waren, wo sie die ganze Nacht über gestanden hatten,
-laut wiehernd und ungeduldig das Loskoppeln erwartend. Endlich stiegen
-die Herren zu Pferde, und „fort trabten“, wie es in alten Liedern
-heißt, „die Rosse, mit klirrendem Zaumzeug, unter Peitschengeknall
-und Hundegebell“, und „fort trabten die Jäger mit lauten Hussa- und
-Hallorufen“.
-
-Im Laufe des Vormittags trafen wir die Vorbereitungen für das
-Jagdessen. Ein Feuer wurde auf dem Boden eines tiefen Loches, das in
-die Erde gegraben war, angezündet, große Scheite wurden kreuzweise
-darüber gelegt und die Fleischstücke an diesen aufgehängt oder an
-Spießen gebraten. Um das Feuer herum kauerten Neger und verscheuchten
-die Fliegen mit langen Zweigen. Der würzige Duft des Fleisches machte
-mich hungrig, lange bevor die Tische gedeckt waren.
-
-Hatte das aufgeregte Treiben seinen Höhepunkt erreicht, so kehrten
-die Teilnehmer an der Jagd zurück und erschienen in Gruppen von zwei
-oder drei, die Männer heiß und müde, die Pferde mit Schaum bedeckt,
-die abgehetzten Hunde keuchend und niedergeschlagen -- und kein Stück
-Jagdbeute! Jedermann erklärte, er habe wenigstens einen Hirsch gesehen
-und das Tier sei ihm auch ganz nahe gekommen; so eifrig aber auch die
-Hunde das Wild verfolgten, so genau die Schützen zielen mochten --
-beim Abfeuern des Gewehres war kein Hirsch mehr zu erblicken. Man war
-so glücklich gewesen wie der kleine Junge, der da erklärte, er habe
-+beinahe+ ein Kaninchen gesehen -- denn er sah dessen Fährte. Die
-Gesellschaft vergaß aber bald ihre Enttäuschung, und wir setzten uns
-zu Tische, freilich nicht zum Wildbretschmause, wohl aber zu einem
-zahmeren Mahle von Kalb- und geröstetem Schweinefleisch.
-
-Eines Sommers hatte ich mein Pony mit nach Fern Quarry genommen. Ich
-nannte ihn dort Black Beauty, da ich soeben das Buch mit diesem Titel
-gelesen hatte, und er glich seinem Namensvetter in jeder Hinsicht, von
-seinem glänzenden schwarzen Felle bis zu der Blässe auf seiner Stirn.
-Ich brachte viele meiner glücklichsten Stunden auf seinem Rücken zu.
-Gelegentlich, wenn es durchaus keine Gefahr hatte, ließ meine Lehrerin
-den Leitzügel los, und dann ging der Pony gemächlich weiter oder machte
-nach Belieben Halt, um Gras abzurupfen oder das Laub der an der Seite
-des schmalen Weges stehenden Bäume zu benagen.
-
-An den Vormittagen, an denen ich keine Lust hatte, auszureiten, machten
-meine Lehrerin und ich nach dem Frühstück einen Spaziergang in die
-Wälder und verloren uns gern inmitten der Bäume und Weinranken, ohne
-einen anderen Weg unter unseren Füßen zu haben, als die von Kühen und
-Pferden getretenen Pfade. Oft kamen wir an undurchdringliche Dickichte,
-die uns zwangen, sie im Bogen zu umgehen. Stets kehrten wir zu dem
-Landhause mit einer Last von wildem Lorbeer, Goldregen, Farnen und
-prächtigen Wasserlilien zurück, wie sie nur im Süden gedeihen.
-
-Bisweilen ging ich mit Mildred und meinen kleinen Vettern fort, um
-Persimonpflaumen zu suchen. Ich aß die nicht, liebte aber ihren Duft
-und freute mich, wenn ich sie unter Laub und Gras entdeckte. Auch Nüsse
-sammelten wir, und ich half beim Aushülsen der Haselnüsse, sowie beim
-Zerschlagen der Schalen der Hickory- und Walnüsse -- der großen, süßen
-Walnüsse.
-
-Am Fuße des Berges lief eine Eisenbahn entlang, und die Kinder
-beobachteten das Vorbeifahren der Züge. Mitunter schreckte uns ein
-fürchterliches Pfeifen empor, dann erzählte mir Mildred in großer
-Aufregung, daß sich eine Kuh oder ein Pferd auf die Schienen verirrt
-habe. In der Entfernung von ungefähr einer Meile befand sich eine
-Eisenbahnbrücke, die einen tiefen Abgrund überspannte. Es war sehr
-schwierig, hinüberzugehen; die Bohlen standen weit auseinander und
-waren so schmal, daß man die Empfindung hatte, als ginge man auf
-Messerschneiden. Ich hatte die Brücke nie benutzt, bis eines Tages
-Mildred, Fräulein Sullivan und ich uns in den Wäldern verirrt hatten
-und stundenlang umherwanderten, ohne einen Pfad zu finden.
-
-Plötzlich streckte Mildred ihre kleine Hand aus und rief: Dort ist die
-Brücke! Wir hätten noch einen anderen Weg einschlagen können, aber es
-war spät, und die Dunkelheit brach schon herein, und auf der Brücke
-schnitt man eine bedeutende Strecke ab. Ich mußte mit meinen Füßen nach
-den Schienen fühlen, aber ich hatte keine Furcht und schritt tapfer
-vorwärts, bis auf einmal aus der Ferne ein schwaches Puff, Puff ertönte.
-
-Ich sehe den Zug! rief Mildred, und in der nächsten Minute würde er uns
-erreicht haben, wenn wir nicht auf die Kreuzbalken heruntergeklettert
-wären, während er über unseren Köpfen davonbrauste. Ich fühlte den
-heißen Dampf der Lokomotive in meinem Gesicht, und der Rauch und die
-Asche erstickten uns beinahe. Als der Zug vorüberrollte, schwankte die
-Brücke so, daß ich glaubte, wir würden in die Schlucht hinunterstürzen.
-Mit der äußersten Schwierigkeit gelangten wir wieder auf das Geleise.
-Lange nach Einbruch der Dunkelheit erreichten wir das Haus und fanden
-es leer; die ganze Familie war ausgezogen, um uns zu suchen.
-
-
-
-
-Zwölftes Kapitel.
-
- Besuch im Norden. -- Wintervergnügungen.
-
-
-Nach meinem ersten Besuche in Boston brachte ich beinahe jeden Winter
-im Norden zu. Einmal besuchte ich ein Dorf in Neuengland mit seinen
-zugefrorenen Seen und seinen weiten Schneefeldern. Damals fand ich
-Gelegenheit, wie ich sie nie zuvor gehabt hatte, die Annehmlichkeiten
-einer Schneelandschaft kennen zu lernen.
-
-Ich erinnere mich noch, wie erstaunt ich war, als ich entdeckte, daß
-eine geheimnisvolle Hand das Laub von Bäumen und Sträuchern gestreift
-und nur hier und da ein vertrocknetes Blatt zurückgelassen hatte. Die
-Vögel waren fortgezogen, und ihre leeren Nester auf den kahlen Bäumen
-waren mit Schnee gefüllt. Der Winter lag auf Hügel und Feld. Die Erde
-schien unter seiner eisigen Berührung erstarrt zu sein, und selbst die
-Geister der Bäume hatten sich bis zu den Wurzeln hinabgeflüchtet und
-lagen, in der Finsternis zusammengekrümmt, im festen Schlafe. Alles
-Leben schien erstorben zu sein, und selbst wenn die Sonne hervorkam,
-war der Tag
-
- Trüb und kalt,
- Als seien ihre Adern saftlos und alt;
- Die Sonne erhob sich matt und schwer
- Und warf einen müden Blick über Land und Meer.
-
-Das dürre Gras und die Sträucher waren in einen Wald von Eiszapfen
-verwandelt.
-
-Dann kam ein Tag, an dem die scharfe Luft das Herannahen eines
-Schneefalles ankündigte. Wir eilten ins Freie, um zu fühlen, wie die
-ersten zarten Flocken herniedersanken. Stunde um Stunde schwebten
-die Flocken schweigend und weich aus ihrer luftigen Höhe zur Erde
-herab, und die Gegend bekam immer mehr das Aussehen einer Ebene. Eine
-Schneenacht breitete sich über die Welt aus, und am Morgen konnte man
-kaum noch einen Zug der Landschaft erkennen. Alle Wege waren verweht,
-keine einzige Landmarke war mehr sichtbar -- ringsum eine Schneewüste
-mit vereinzelt aus ihr hervorragenden Bäumen.
-
-Am Abend erhob sich ein Wind aus Nordost, und die Flocken wirbelten
-in rasendem Tanze durcheinander. Wir saßen um den großen Herd herum,
-erzählten uns lustige Geschichten und waren vergnügt und heiter;
-dabei vergaßen wir ganz, daß wir uns inmitten einer trostlosen Einöde
-befanden, abgeschlossen von jeder Verbindung mit der Außenwelt. Während
-der Nacht steigerte sich die Gewalt des Sturmes derart, daß er uns
-mit einer unbestimmten Furcht erfüllte. Die Dachsparren knarrten und
-stöhnten, und die Zweige der das Haus umgebenden Bäume ächzten und
-schlugen gegen die Fenster, während der Sturm über die Landschaft
-hinraste.
-
-Am dritten Tage nach dem Beginn des Unwetters hörte das Schneetreiben
-auf. Die Sonne brach durch die Wolken und beschien eine weite,
-wellige Ebene. Hohe Dämme, phantastisch gestaltete Schneehaufen und
-undurchdringliche Schneewehen zogen sich in allen Richtungen dahin.
-
-Es wurden nun schmale Pfade durch die Schneewehen geschaufelt. Ich zog
-meinen Mantel an, setzte meinen Hut auf und ging hinaus. Die Luft war
-so scharf, daß meine Wangen wie Feuer brannten. Bald die gebahnten
-Pfade benutzend, bald unseren Weg selbständig durch die niedrigeren
-Wehen bahnend, gelangten wir endlich an eine große Fichte, die am
-Rande einer breiten Wiese stand. Die Bäume ragten bewegungslos und
-weiß gleich Figuren auf einem Marmorfriese empor. Die Fichtennadeln
-spendeten heute keinen Duft. Die Strahlen der Sonne fielen auf die
-Bäume, sodaß die Zweige wie Diamanten funkelten und viele von ihnen
-abbrachen, sobald wir sie berührten. So blendend war das Licht, daß es
-sogar die Finsternis, die auf meinen Augen lag, durchdrang.
-
-Im Verlauf der Zeit wurden die Schneewehen immer kleiner, aber bevor
-sie gänzlich verschwunden waren, kam ein anderes Unwetter, sodaß
-ich kaum einmal im Winter die bloße Erde unter meinen Füßen fühlte.
-Allmählich verloren die Bäume ihre Eishülle, und die Binsen und
-Sträucher traten in ihrer ursprünglichen Gestalt wieder hervor, aber
-der See lag trotz des hellen Sonnenscheins gefroren und hart da.
-
-Unser Lieblingsvergnügen in diesem Winter war Schlittenfahren.
-Stellenweise erhebt sich das Ufer des Sees steil über dem
-Wasserspiegel. Diese jähen Abhänge benutzten wir zu unserer Abfahrt.
-Wir setzten uns auf unseren Handschlitten, ein Knabe versetzte uns
-einen Stoß, und fort flogen wir! Wir durchschnitten Schneewehen,
-flogen über Vertiefungen hinweg, sausten auf den See hinaus und
-schossen über dessen schimmernde Oberfläche hin bis zum anderen Ufer.
-Was für ein Jubel! Was für eine herzerfrischende Tollheit! Für einen
-wilden, seligen Augenblick zerbrachen wir die Kette, die uns an die
-Erde schmiedet, wir reichten den Winden die Hand und fühlten uns
-göttergleich!
-
-
-
-
-Dreizehntes Kapitel.
-
- Rückblick auf die früheren Versuche, zu sprechen. -- Ragnhild Kaata.
- -- Unterricht in der Lautsprache bei Fräulein Fuller. -- Freude über
- den Erfolg. -- Ablesen von den Lippen mittels der Finger. -- Gebrauch
- des Fingeralphabets.
-
-
-Im Frühjahr 1890 lernte ich sprechen.[5] Ich hatte stets ein starkes
-Verlangen in mir gefühlt, hörbare Laute auszustoßen. Ich pflegte Töne
-hervorzubringen, wobei ich die eine Hand an meinen Kehlkopf legte,
-während die andere den Bewegungen der Lippen folgte. Ich freute
-mich über alles, was ein Geräusch machte, und liebte es, zu fühlen,
-wie die Katze schnurrte und der Hund bellte. Ebenso legte ich mit
-Vorliebe die Hand an den Kehlkopf eines Sängers oder auf ein Klavier,
-wenn es gespielt wurde. Ehe ich Gesicht und Gehör verlor, hatte ich
-bereits sprechen gelernt, aber nach meiner Krankheit hörte ich auf zu
-sprechen, weil ich nicht mehr hören konnte. Ich pflegte den ganzen
-Tag über auf dem Schoße meiner Mutter zu sitzen und meine Hände an
-ihr Gesicht zu halten, weil es mir Vergnügen machte, die Bewegungen
-ihrer Lippen zu fühlen, und auch ich bewegte meine Lippen, obgleich
-ich vergessen hatte, was Sprechen sei. Meine Bekannten behaupten, daß
-ich auf natürliche Art lachte und weinte, und eine Zeitlang brachte
-ich allerlei Töne und Wortbestandteile hervor, nicht weil sie ein
-Verständigungsmittel bildeten, sondern weil ich die gebieterische
-Notwendigkeit in mir fühlte, meine Stimmorgane zu üben. Es gab
-jedoch ein Wort, an dessen Bedeutung ich mich immer noch erinnerte,
-nämlich ~water~. Ich sprach es ~wa--wa~ aus. Selbst dieses wurde
-immer unverständlicher bis zu der Zeit, als Fräulein Sullivan mich zu
-unterrichten begann. Ich hörte erst auf, es zu gebrauchen, als ich
-gelernt hatte, das Wort mit meinen Fingern zu buchstabieren.
-
-Ich hatte längst erkannt, daß meine Umgebung sich anderer
-Verständigungsmittel bediente als ich, und schon ehe ich erfuhr,
-daß ein taubstummes Kind sprechen lernen kann, war ich mir meiner
-Unzufriedenheit mit den Verständigungsmitteln, über die ich bereits
-verfügte, bewußt. Wer gänzlich auf das Fingeralphabet angewiesen
-ist, trägt stets eine Empfindung mit sich herum, als werde er durch
-etwas zurückgehalten, eingeengt. Diese Empfindung begann mich mit
-einem beunruhigenden, vorwärts treibenden Bewußtsein eines Mangels,
-der beseitigt werden müsse, zu erfüllen. Meine Gedanken wollten sich
-oft aufschwingen und wie die Vögel gegen den Wind ankämpfen, und ich
-übte meine Lippen und meine Stimme beharrlich weiter. Freunde suchten
-mich von diesen Bemühungen abzubringen, weil sie fürchteten, sie
-würden zu nichts weiter führen als zu einer Enttäuschung. Aber ich
-blieb beharrlich dabei, und bald trat etwas ein, was schließlich zur
-Beseitigung dieses für unüberwindlich geltenden Hindernisses führen
-sollte -- ich erfuhr die Geschichte von Ragnhild Kaata.
-
-Im Jahre 1890 kam Frau Lamson, eine von Laura Bridgmans Lehrerinnen,
-die soeben von einer Reise nach Schweden und Norwegen zurückgekehrt
-war, zu mir, um mich zu besuchen, und erzählte mir von Ragnhild Kaata,
-einem taubstummen und blinden Mädchen in Norwegen, das tatsächlich
-sprechen gelernt hatte. Frau Lamson hatte kaum ihre Erzählung von dem
-Erfolge dieses Mädchens beendet, als ich Feuer und Flamme war. Auch
-ich faßte den Entschluß, sprechen zu lernen. Ich wollte mich nicht
-zufrieden geben, bis mich meine Lehrerin zu Fräulein Sarah Fuller, der
-Leiterin der Horace Mann-Schule mitnahm, um diese zu bitten, ihr mit
-Rat und Tat beizustehen. Diese liebenswürdige, sanfte Dame erbot sich
-dazu, mich selbst zu unterrichten, und wir begannen am 26. März 1890.
-
-Fräulein Fullers Methode war folgende: sie legte meine Hand leicht über
-ihr Gesicht und ließ mich die Stellung ihrer Zunge und ihrer Lippen
-fühlen, wenn sie einen Ton hervorbrachte. Ich war voller Eifer, ihr
-jede Bewegung nachzumachen, und binnen einer Stunde hatte ich sechs
-Elemente der Sprache erlernt: ~m~, ~p~, ~a~, ~s~, ~t~, ~i~. Fräulein
-Fuller erteilte mir im ganzen elf Unterrichtsstunden. Ich werde nie das
-Erstaunen und die Freude vergessen, die mich erfüllten, als ich meinen
-ersten zusammenhängenden Satz aussprach: ~It is warm.~ Es waren ja nur
-abgerissene und gestammelte Silben, aber es war menschliche Sprache.
-Meine Seele, die sich einer neuen Kraft bewußt geworden war, war von
-der Knechtschaft erlöst und fand durch diese abgerissenen Sprachsymbole
-den Zugang zu aller Erkenntnis und allem Glauben.
-
-Kein taubstummes Kind, das ernstlich versucht hat, die Worte
-auszusprechen, die es nie gehört hat -- um aus dem Kerker des
-Schweigens herauszukommen, in dem kein Ton der Liebe, kein Vogelgesang,
-keine Musik je die Stille unterbricht -- kann den Schauer des
-Erstaunens, die Freude der Entdeckung vergessen, die es übermannten,
-als es sein erstes Wort aussprach. Nur jemand, der in ähnlicher Lage
-gewesen ist, kann den Eifer ermessen, mit dem ich zu meinem Spielzeuge,
-zu Steinen, Bäumen, Vögeln und stummen Tieren sprach, oder das
-Entzücken nachfühlen, das ich empfand, wenn Mildred auf meinen Ruf zu
-mir eilte oder meine Hunde meinen Befehlen gehorchten. Es bildet einen
-unsäglichen Gewinn für mich, in geflügelten Worten sprechen zu können,
-die keiner Uebertragung bedürfen. Als ich sprach, schwangen sich aus
-meinen Worten glückliche Gedanken empor, die sich vielleicht vergeblich
-bemüht hätten, sich aus meinen Fingern herauszuarbeiten.
-
-Aber man darf nicht glauben, daß ich in dieser kurzen Zeit wirklich
-sprechen gelernt hätte. Ich hatte nur die Elemente der Sprache erlernt.
-Fräulein Fuller und Fräulein Sullivan konnten mich verstehen, aber die
-meisten Leute hätten von hundert Wörtern nicht ein einziges verstanden.
-Auch ist es nicht wahr, daß ich nach Erlernung dieser Elemente alles
-übrige aus eigener Kraft erreichte. Ohne Fräulein Sullivans Genialität,
-ohne ihre unermüdliche Ausdauer und Hingebung hätte ich mich der
-natürlichen Sprache nie so weit nähern können, wie ich es in Wahrheit
-getan habe. Vor allen Dingen mühte ich mich Tag und Nacht ab, ehe ich
-mich selbst meinen intimsten Freunden verständlich machen konnte,
-dann aber bedurfte ich beständig Fräulein Sullivans Hilfe bei meinen
-Bemühungen, jeden Laut deutlich zu artikulieren und alle Laute auf die
-mannigfaltigste Weise zu verbinden. Noch jetzt lenkt sie täglich meine
-Aufmerksamkeit auf die fehlerhafte Aussprache einzelner Wörter.
-
-Jeder Taubstummenlehrer weiß, was dies bedeutet, und nur ein solcher
-kann überhaupt die Schwierigkeiten würdigen, mit denen ich zu kämpfen
-hatte. Beim Ablesen von den Lippen meiner Lehrerin war ich gänzlich
-von meinen Fingern abhängig; ich hatte mich des Tastsinnes bei der
-Wahrnehmung der Schwingungen des Kehlkopfes, der Bewegungen des Mundes
-und des Gesichtsausdrucks zu bedienen, und oft täuschte sich dieser
-Sinn. In solchen Fällen war ich genötigt, die Wörter oder Sätze oft
-stundenlang zu wiederholen, bis ich den entsprechenden Klang in meiner
-eigenen Stimme fühlte. Meine Arbeit bestand in Uebung, Uebung, Uebung.
-Entmutigung und Ermüdung warfen mich oft nieder; aber im nächsten
-Augenblick spornte mich der Gedanke, daß ich bald zu Hause bei meinen
-Lieben sein und ihnen zeigen würde, was ich erreicht hätte, von neuem
-an, und ich stellte mir stets ihre Freude bei dem Gelingen meiner
-Bemühungen vor Augen.
-
-„Meine kleine Schwester wird mich jetzt verstehen können,“ war ein
-Gedanke, der stärker war als alle Hindernisse. Ich pflegte voller
-Begeisterung zu wiederholen: „Ich bin jetzt nicht mehr stumm.“ Ich
-konnte nicht verzweifeln, weil ich mir die Freude, zu meiner Mutter
-sprechen und ihr die Antworten von den Lippen ablesen zu können, mit
-den glänzendsten Farben ausmalte. Es überraschte mich, zu finden,
-wie viel leichter es ist, zu sprechen, als mit den Fingern zu
-buchstabieren, und ich schaltete meinerseits das Fingeralphabet als
-Verständigungsmittel aus; doch bedienen sich Fräulein Sullivan und
-ein paar Freunde noch seiner in der Unterhaltung mit mir, denn es ist
-bequemer und rascher, als das Ablesen von den Lippen.
-
-Es ist hier vielleicht der geeignete Ort, etwas über den Gebrauch
-unseres Fingeralphabets zu sagen, das manche, die uns nicht kennen,
-zu befremden scheint. Wer mittelst seiner Hand mir vorliest oder
-mit mir spricht, bedient sich in der Regel des von den Taubstummen
-gebrauchten einhändigen Fingeralphabets. Ich lege meine Hand so leicht
-auf die Hand des Sprechenden, daß keine ihrer Bewegungen gehemmt
-wird. Die Stellung der Hand ist ebenso leicht zu fühlen wie zu sehen.
-Ich fühlte ebensowenig jeden Buchstaben wie andere jeden Buchstaben
-für sich sehen, wenn sie lesen. Beständige Uebung macht die Finger
-äußerst biegsam, und einige meiner Freunde buchstabieren sehr rasch,
-beinahe so rasch, wie jemand auf der Schreibmaschine schreibt. Das
-bloße Buchstabieren ist selbstverständlich in nicht höherem Grade eine
-bewußte Handlung als das Schreiben.
-
-Als ich mir die Sprache angeeignet hatte, konnte ich es kaum erwarten,
-nach Hause zu kommen. Endlich nahte der glückliche Augenblick. Während
-der Rückreise hatte ich fortwährend mit Fräulein Sullivan gesprochen,
-nicht um zu sprechen, sondern um mich bis zur letzten Minute zu
-vervollkommnen. Fast ehe ich es ahnte, hielt der Zug auf dem Bahnhofe
-in Tuscumbia, und auf dem Perron stand die ganze Familie. Meine Augen
-füllen sich noch jetzt mit Tränen, wenn ich daran denke, wie mich
-meine Mutter sprachlos und zitternd vor Freude an ihr Herz drückte und
-auf jede Silbe, die ich sprach, atemlos lauschte, während die kleine
-Mildred meine freie Hand ergriff, sie küßte und umhertanzte, und mein
-Vater seinen Stolz und seine Liebe durch tiefes Schweigen bekundete.
-Es war, als sei Jesaias Prophezeiung an mir in Erfüllung gegangen: Die
-Berge und Hügel werden vor dir Lieder anstimmen, und alle Bäume des
-Feldes werden vor Freude in ihre Hände klatschen.
-
- [5] Vergl. Helens Brief S. 161 ff. und Fräulein Sullivans Bericht
- S. 311 ff.
-
-
-
-
-Vierzehntes Kapitel.
-
- Die Frostkönig-Episode. -- Betrachtungen über Schriftstellerei.
-
-
-Der Winter des Jahres 1892 wurde durch eine Wolke an dem heiteren
-Himmel meiner Kindheit getrübt. Anstatt der Freude waren für lange,
-lange Zeit Zweifel, Sorge und Furcht bei mir eingekehrt. Die Bücher
-verloren ihren Reiz für mich, und noch jetzt schnürt sich mir bei dem
-Gedanken an jene schrecklichen Tage das Herz zusammen. Eine kleine
-Geschichte mit dem Titel »Der Frostkönig«,[6] die ich schrieb und
-an Herrn Anagnos, den Direktor des Perkinsschen Blindeninstitutes
-schickte, bildete die Veranlassung zu all der Unruhe. Um die Sache
-klarzustellen, muß ich die Tatsachen in Verbindung mit folgender
-Episode auseinandersetzen, die zu erwähnen mich sowohl die
-Gerechtigkeit gegen meine Lehrerin wie gegen mich selbst nötigt.
-
-Ich schrieb die Erzählung, als ich zu Hause war, in dem Herbste,
-nachdem ich sprechen gelernt hatte. Wir waren von Fern Quarry
-später als gewöhnlich aufgebrochen. Während unseres Aufenthaltes
-dort hatte mir Fräulein Sullivan die Schönheiten des herbstlichen
-Laubes beschrieben, und es scheint, als hätten ihre Schilderungen
-die Erinnerung an ein Märchen wachgerufen, das mir offenbar einmal
-vorgelesen worden war und das ich unbewußt behalten haben muß. Ich
-glaubte damals eine „Geschichte zu machen“, wie die Kinder sagen, und
-setzte mich voller Eifer hin, die niederzuschreiben, ehe sich die
-Gedanken wieder verflüchtigten. Die Gedanken flossen mir leicht aus
-der Feder; ich empfand lebhafte Freude bei der Ausarbeitung. Worte und
-Bilder strömten mir in reicher Fülle zu, und während ich mir einen Satz
-nach dem anderen ausdachte, schrieb ich alles mit meinem Braillegriffel
-nieder. Wenn mir jetzt Worte und Bilder ohne besondere Anstrengung
-kommen, so betrachte ich dies als einen ziemlich sicheren Beweis dafür,
-daß sie nicht mein geistiges Eigentum, sondern fremdes Gut sind, von
-dem ich nichts wissen will. Damals aber nahm ich alles, was ich las,
-begierig auf ohne irgend einen Gedanken an Verfasserrecht, und selbst
-jetzt kann ich die Grenzlinie zwischen meinen Gedanken und denen, die
-ich in meinen Büchern finde, nicht ganz scharf ziehen. Ich glaube, dies
-liegt daran, daß mir soviele Eindrücke durch die Vermittlung der Augen
-und Ohren anderer zugehen.
-
-Als ich mit meiner Erzählung fertig war, las ich sie meiner Lehrerin
-vor, und ich erinnere mich noch jetzt lebhaft der Freude, die ich bei
-den gelungenen Stellen empfand, sowie meiner Ungeduld, wenn ich durch
-die Verbesserung der Aussprache eines Wortes unterbrochen wurde. Beim
-Mittagessen wurde sie der versammelten Familie vorgelesen, die ganz
-erstaunt war, daß ich so gut schrieb. Es fragte mich auch jemand, ob
-ich sie nicht in irgend einem Buche gelesen hätte.
-
-Diese Frage überraschte mich sehr, denn ich hatte nicht die geringste
-Erinnerung daran, daß sie mir je vorgelesen worden sei. Ich sagte daher
-mit aller Entschiedenheit: O nein, es ist eine Geschichte von mir, und
-ich habe sie für Herrn Anagnos geschrieben.
-
-Demgemäß schrieb ich die Erzählung ab und schickte sie dem genannten
-Herrn zu seinem Geburtstage. Es wurde mir geraten, den Titel,
-der ursprünglich »Herbstlaub« (~Autumn Leaves~) lautete, in »Der
-Frostkönig« (~The Frost King~) umzuändern, was ich denn auch tat.
-Ich trug die kleine Erzählung selbst zur Post, und es war mir dabei
-zu Mute, als ob ich in den Wolken schwebte. Ich ließ mir wenig davon
-träumen, wie hart ich für dieses Geburtstagsgeschenk zu büßen haben
-würde.
-
-Herr Anagnos war über den »Frostkönig« entzückt und veröffentlichte
-das Märchen in einem seiner Jahresberichte über das Perkinssche
-Institut. Dies war der Gipfel meiner Glückseligkeit, von dem ich aber
-bald jäh wieder zur Erde geschleudert werden sollte. Ich war nur kurze
-Zeit in Boston gewesen, als es sich herausstellte, daß eine ähnliche
-Geschichte wie »Der Frostkönig«, nämlich »Die Frostelfen« (~The
-Frost Fairies~) von Fräulein Margaret T. Canby, vor meiner Geburt
-in einem Buche mit dem Titel »Birdie und seine Freunde« (~Birdie
-and His Friends~) erschienen sei. Die beiden Erzählungen stimmten
-in Inhalt und Form so sehr überein, daß kein Zweifel darüber bleiben
-konnte, daß Fräulein Canbys Märchen mir vorgelesen worden sein mußte,
-und daß das meinige -- ein Plagiat war. Es hielt schwer, mir dies
-verständlich zu machen; als ich es aber begriffen hatte, war ich tief
-betrübt. Kein Kind hat je einen bittereren Kelch getrunken als ich. Ich
-hatte mir Schimpf und Schande zugezogen, ich hatte Verdacht bei denen
-erregt, die ich am meisten liebte. Und doch, wie war es möglich, daß
-so etwas geschehen konnte? Ich zermarterte mein Gehirn unablässig, um
-mich an irgend etwas zu erinnern, was ich über den Frost gelesen haben
-könnte, bevor ich den »Frostkönig« schrieb; ich konnte mich aber auf
-nichts entsinnen als auf die volkstümliche Redensart von Jack Frost
-und ein Kindergedichtchen: »Die Launen des Frostes« (~The Freaks of
-the Frost~), und ich wußte, daß ich dieses nicht bei meiner Arbeit
-benutzt hatte.
-
-Zunächst schien mir Herr Anagnos zu glauben, obgleich er großen Kummer
-darüber empfand. Er war außergewöhnlich zärtlich und liebevoll zu mir,
-und eine kurze Zeitlang verschwand der Schatten. Ihm zuliebe suchte ich
-mich zu fassen und mich zur Feier von Washingtons Geburtstag, der bald
-nach dem peinlichen Zwischenfall festlich begangen wurde, so hübsch wie
-möglich zu machen.
-
-Ich sollte die Ceres in einer Art von Maskenspiel darstellen, das von
-den blinden Kindern aufgeführt wurde. Wie gut erinnere ich mich an
-das reizvolle Gewand, das mich umhüllte, an das bunte Herbstlaub, das
-mein Haupt schmückte, an die Früchte und Aehren zu meinen Füßen und
-in meinen Händen, und unter all der Heiterkeit des Maskenspiels das
-drückende Bewußtsein eines nahenden Unheils, das mir das Herz schwer
-machte!
-
-Am Abend vor der Feier hatte eine der Institutslehrerinnen eine
-Frage betreffs des »Frostkönigs« an mich gerichtet, und ich hatte
-ihr geantwortet, daß Fräulein Sullivan mir von Jack Frost und seinen
-Wunderwerken erzählt habe. Irgend eine Aeußerung von mir schien sie als
-Geständnis aufzufassen, daß ich mich an Fräulein Canbys Märchen von den
-»Frostelfen« erinnere, und sie teilte Herrn Anagnos dies mit, obgleich
-ich ihr ganz entschieden erklärte, sie habe mich mißverstanden.
-
-Herr Anagnos, der mich zärtlich liebte, blieb den Beteuerungen meiner
-Liebe und Unschuld gegenüber taub, da er getäuscht worden zu sein
-glaubte. Er war der Meinung oder hegte wenigstens den Verdacht,
-daß Fräulein Sullivan und ich uns bewußt die Gedanken einer anderen
-angeeignet und sie ihm in betrügerischer Absicht zugeschickt hätten,
-um Bewunderung bei ihm zu finden. Ich wurde vor ein Gericht gestellt,
-das aus den Lehrern und Beamten des Institute bestand, und Fräulein
-Sullivan wurde aufgefordert, mich allein zu lassen. Dann wurde ich
-einem förmlichen Kreuzverhör unterworfen, das mich auf die Vermutung
-brachte, meine Richter seien fest entschlossen, mich zu dem Geständnis
-zu zwingen, ich erinnerte mich, daß mir das Märchen »Die Frostelfen«
-vorgelesen worden sei. Ich fühlte aus jeder Frage den Zweifel und den
-Verdacht heraus, den sie in ihrem Innern hegten, und ebenso empfand ich
-es, daß ein geliebter Freund uns vorwurfsvoll betrachtete, obgleich
-ich dies alles nicht in Worte fassen konnte. Alles Blut drängte sich
-mir nach meinem wild pochenden Herzen, und ich konnte kaum sprechen
-außer in abgerissenen Worten und Silben. Selbst das Bewußtsein, das
-Ganze sei nur ein furchtbares Mißverständnis, konnte meinen Schmerz
-nicht lindern, und als ich schließlich das Zimmer verlassen durfte, war
-ich noch ganz außer mir und achtete weder auf die Liebkosungen meiner
-Lehrerin noch auf die zärtlichen Worte meiner Freunde, die mir sagten,
-ich sei ein braves Mädchen, auf das man stolz sein könne.
-
-Als ich diese Nacht in meinem Bette lag, weinte ich so herzbrechend,
-wie hoffentlich wenige Kinder geweint haben. Mir war so eisig kalt,
-daß ich glaubte, den nächsten Morgen nicht mehr zu erleben, und dieser
-Gedanke tröstete mich. Ich glaube, wenn dieser Schlag mich einige Jahre
-später getroffen hätte, so würde mein Geist unrettbar zusammengebrochen
-sein. Aber der Engel des Vergessens hat viel von dem Elend und der
-Bitternis dieser traurigen Tage aufgesammelt und mit sich fortgenommen.
-
-Fräulein Sullivan hatte nie von den »Frostelfen« oder dem Buch, in
-dem das Märchen erschienen war, gehört. Mit ~Dr.~ Alexander Grahams
-Hilfe untersuchte sie die Sache gründlich, und schließlich stellte es
-sich heraus, daß Frau Sophia C. Hopkins im Jahre 1888 ein Exemplar von
-Fräulein Canbys »Birdie und seine Freunde« besaß, als wir den Sommer
-mit ihr in Brewster zubrachten. Frau Hopkins konnte das Buch nicht mehr
-finden, sie hat mir aber erzählt, daß sie, während Fräulein Sullivan
-auf einer Ferienreise begriffen war, versucht habe, mir durch Vorlesen
-aus verschiedenen Büchern die Zeit zu vertreiben, und obgleich sie sich
-nicht deutlicher als ich erinnern konnte, die »Frostelfen« gelesen zu
-haben, war sie doch ganz sicher, daß sich ein Exemplar von »Birdie und
-seine Freunde« unter diesen Büchern befunden habe. Sie erklärte sich
-das Fehlen des Buches dadurch, daß sie vor kurzem ihr Haus verkauft und
-dabei verschiedene Jugendschriften, sowie alte Schulbücher und Märchen
-verschenkt hatte, und daß sich die betreffende Erzählung wahrscheinlich
-unter diesen befunden hätte.
-
-Erzählungen hatten damals wenig oder gar kein Interesse für mich; aber
-das bloße Buchstabieren der seltsamen Worte genügte, einem kleinen
-Mädchen die Zeit zu vertreiben, das selber beinahe nichts zu seiner
-Unterhaltung beitragen konnte, und obgleich ich mich keines einzelnen
-Umstandes bei dieser Lektüre entsinne, kann ich doch nicht umhin
-zu glauben, daß ich mir die größte Mühe gegeben habe, die Worte zu
-behalten, in der Absicht, sie meiner Lehrerin nach ihrer Rückkehr
-zu wiederholen. Das eine ist unzweifelhaft, die Sprache war mir
-unauslöschlich eingeprägt, obgleich dies lange Zeit niemand wußte, am
-wenigsten ich selbst.
-
-Als dann Fräulein Sullivan zurückkam, sprach ich mit ihr nicht über
-die »Frostelfen«, wahrscheinlich, weil sie sofort begann, mir den
-»Kleinen Lord Fauntleroy«[7] vorzulesen, der mich so begeisterte,
-daß ich an nichts anderes denken konnte. Aber die Tatsache bleibt
-bestehen, daß mir Fräulein Canbys Märchen früher vorgelesen worden war
-und daß es sich mir, lange nachdem ich es vergessen hatte, mit solcher
-Ursprünglichkeit wieder aufdrängte, daß ich nie auf den Verdacht
-geriet, es könne das Geisteskind einer anderen sein.
-
-Mitten in meinem Schmerze erhielt ich viele Beweise der Liebe und
-Teilnahme. Alle Freunde, die ich am meisten liebte, sind mir damals bis
-auf einen treu geblieben. Fräulein Canby selbst schrieb mir freundlich:
-Eines Tages werden Sie ein Märchen eigener Erfindung schreiben, das
-viele aufrichten und erheben wird. -- Aber diese Prophezeiung ist
-nie in Erfüllung gegangen. Ich habe nie mehr zum Zwecke der bloßen
-Unterhaltung mit Worten gespielt. In der Tat bin ich seitdem stets von
-dem Gedanken gequält worden, daß das, was ich schreibe, nicht mein
-geistiges Eigentum ist. Lange Zeit wurde ich, wenn ich einen Brief
-schrieb, selbst an meine Mutter, von einem plötzlichen Angstgefühl
-befallen und ich zergliederte meine Sätze auf das genaueste, um
-sicher zu sein, sie nicht in einem Buche gelesen zu haben. Ohne
-den unausgesetzten Zuspruch Fräulein Sullivans würde ich, wie ich
-glaube, jeden weiteren Versuch, mich schriftstellerisch zu betätigen,
-aufgegeben haben.
-
-Ich habe seitdem die »Frostelfen« gelesen und ebenso Briefe von mir, in
-denen ich noch andere Gedanken Fräulein Canbys benutzt habe. In einem
-von ihnen, einem Briefe an Herrn Anagnos vom 29. September 1891, finde
-ich Worte und ganze Sätze, die deutlich an jenes Buch erinnern. Um
-dieselbe Zeit schrieb ich den »Frostkönig«, und dieser Brief enthält
-gleich vielen anderen eine Anzahl Redewendungen, die beweisen, daß mein
-Geist ganz mit dem Märchen gesättigt war. Ich lege meiner Lehrerin
-folgende Worte über das goldene Herbstlaub in den Mund: Ja, es ist
-schön genug, um uns über die Flucht des Sommers zu trösten -- ein
-Gedanke, der unmittelbar aus Fräulein Canbys Geschichte stammt.
-
-Diese Gewohnheit, mir zu assimilieren, was mir gefiel, und es dann
-als mein Eigentum auszugeben, tritt vielfach in meinem frühesten
-Briefwechsel und meinen ersten schriftstellerischen Versuchen zutage.
-In einem Aufsatze, den ich über die alten Städte Griechenlands und
-Italiens schrieb, entnahm ich meine glühenden Schilderungen Quellen,
-die ich jetzt vergessen habe. Ich kannte Herrn Anagnos’ Vorliebe
-für das Altertum und seine begeisterte Verehrung für Italien und
-Griechenland. Ich brachte daher aus allen Büchern, die ich las, die
-Brocken von Poesie oder Geschichte an, die ihm, wie ich glaubte,
-Vergnügen bereiten würden. Herr Anagnos hatte bei der Besprechung
-meines Aufsatzes gesagt: Diese Gedanken sind in ihrem Kerne poetisch.
-Aber ich verstehe nicht, wie er je hat der Meinung sein können, ein
-blindes und taubstummes Kind von elf Jahren habe diese selbständig
-gefunden. Doch kann ich nicht glauben, daß, weil diese Gedanken nicht
-meinem eigenen Kopfe entsprungen sind, mein kleiner Aufsatz aus diesem
-Grunde alles Interesses bar sein sollte. Er beweist mir, daß ich
-imstande war, schöne, poetische Gedanken in klaren, lebendigen Worten
-wiederzugeben.
-
-Jene Jugendaufsätze stellten eine geistige Gymnastik dar. Ich lernte,
-wie es alle jungen, unerfahrenen Leute tun, durch Assimilation und
-Nachahmung, Gedanken in Worte zu kleiden. Alles, was ich in einem Buche
-fand und was mir gefiel, bewahrte ich, bewußt oder unbewußt, in meinem
-Gedächtnisse auf und paßte es meinen Zwecken an. „Wenn man zu schreiben
-beginnt,“ sagt Stevenson, „versucht man unwillkürlich nachzuahmen, was
-einem am bewundernswertesten erscheint, und wechselt auffallend rasch
-mit den Gegenständen seiner Bewunderung. Selbst große Männer haben
-erst nach jahrelanger Uebung gelernt, die Legion von Worten, die sich
-auf allen möglichen Nebenwegen ihrem Geiste aufdrängten, in gehörige
-Ordnung zu bringen.“
-
-Ich fürchte, ich stehe noch jetzt mitten in dieser Entwickelung drin.
-Es ist klar, daß ich nicht immer meine eigenen Gedanken von denen, die
-ich irgendwo gelesen habe, sondern kann, eben weil das, was ich lese,
-das eigentliche Wesen und Gefüge meines Geistes ausmacht. Infolgedessen
-fördere ich beinahe in allem, was ich schreibe, etwas zutage, was
-große Aehnlichkeit mit der ungeschickten Stoppelei aufweist, die ich
-zustande brachte, als ich anfing, nähen zu lernen. Dieses Stoppelwerk
-bestand aus allerlei Fetzen und Lappen -- hübschen Stückchen Seide und
-Sammet, aber die häßlichen Flicken, die durchaus keinen gefälligen
-Eindruck machten, herrschten stets vor. Ebenso bestehen meine
-schriftstellerischen Leistungen aus unverarbeiteten eigenen Begriffen,
-untermischt mit den klareren Gedanken und gereifteren Ansichten
-der Autoren, deren Bücher ich gelesen habe. Die Hauptschwierigkeit
-beim Schreiben scheint mir darin zu bestehen, daß die Sprache des
-hochgebildeten Geistes unsere verworrenen Ideen -- halb Empfindungen,
-halb Gedanken -- zu einer Zeit ausdrücken soll, da wir wenig mehr sind
-als Bündel instinktiver Antriebe. Die ersten schriftstellerischen
-Versuche haben große Aehnlichkeit mit einem Zusammenlegespiel. Wir
-sehen im Geiste ein Muster vor uns, das wir mit Worten darzustellen
-wünschen, aber die Worte passen nicht in die Zwischenräume, und wenn
-sie es tun, stimmen sie nicht mit der Zeichnung überein. Aber wir
-fahren in unseren Versuchen fort, weil wir sehen, daß andere Erfolg
-gehabt haben, und wir nicht gewillt sind, unseren Mangel an Begabung
-zuzugeben.
-
-„Es gibt kein anderes Mittel, originell zu werden, als so geboren
-zu sein,“ sagt Stevenson, und obgleich ich gar nicht originell sein
-mag, so hoffe ich doch, dereinst meinen erkünstelten, unnatürlichen
-schriftstellerischen Versuchen zu entwachsen. Dann werden vielleicht
-meine eigenen Gedanken und Erfahrungen zutage treten. Inzwischen
-vertraue ich, hoffe ich, arbeite ich unermüdet weiter und suche es zu
-verhindern, daß die bittere Erinnerung an den »Frostkönig« etwa meine
-Kreise störe.
-
-So hat diese traurige Erfahrung für mich auch etwas Gutes im Gefolge
-gehabt: sie ist die Veranlassung gewesen, daß ich über einige Probleme
-der Schriftstellerei nachgedacht habe. Ich bedaure nur das eine, daß
-der Vorfall den Verlust eines meiner teuersten Freunde, des Herrn
-Anagnos, zur Folge hatte.
-
-Nach der Veröffentlichung der »Geschichte meines Lebens« im ~Ladies’
-Home Journal~ hat Herr Anagnos in einem Briefe an Herrn Macy geäußert,
-er habe mich zu der Zeit, als sich der Vorfall mit dem »Frostkönig«
-abspielte, für unschuldig gehalten. Er erklärt, das Gericht, vor das
-ich gestellt wurde, habe aus acht Mitgliedern bestanden: vier blinden
-und vier sehenden. Vier von diesen, behauptet er, waren der Ansicht,
-Fräulein Canbys Erzählung sei mir vorgelesen worden, während die
-anderen vier die entgegengesetzte Meinung vertraten. Herr Anagnos
-erklärt, seine Stimme zu meinen Gunsten abgegeben zu haben.
-
-Wie aber auch die Sache gewesen sein und in welchem Sinne er seine
-Stimme abgegeben haben mag, das eine ist sicher: als ich in das Zimmer
-trat, in dem mich Herr Anagnos so oft auf seinen Knien gehalten und
-seine vielfachen Sorgen über meiner Lustigkeit vergessen hatte, und
-hier Personen antraf, die Zweifel in mich zu setzen schienen, fühlte
-ich, daß etwas Feindseliges und Drohendes in der Atmosphäre lag, und
-die nachfolgenden Ereignisse haben diesen Eindruck bestätigt. Zwei
-Jahre lang scheint Herr Anagnos an der Ansicht festgehalten zu haben,
-daß Fräulein Sullivan und ich unschuldig seien. Dann änderte er
-offenbar seine günstige Meinung, aus welchem Grunde, weiß ich nicht.
-Auch die Einzelheiten der Untersuchung kenne ich nicht, und selbst
-die Namen der Mitglieder des »Gerichtshofes«, die überdies während
-der ganzen Verhandlung kein Wort zu mir sprachen, sind mir unbekannt
-geblieben. Ich war zu aufgeregt, um auf irgend etwas zu achten, zu
-eingeschüchtert, um Fragen zu stellen. In der Tat kann ich mich kaum
-entsinnen, was ich sagte, oder was zu mir gesagt wurde.
-
-Ich habe den Vorfall mit dem »Frostkönig« so ausführlich dargestellt,
-da er für mein Leben und meine Erziehung von Wichtigkeit war, und
-um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen, habe ich alle Tatsachen
-wiedergegeben, wie sie mir erscheinen, ohne die Absicht zu hegen, mich
-zu verteidigen oder irgend jemand anzuklagen.
-
- [6] Vergl. S. 323 ff.
-
- [7] Vergl. S. 107 ff., 154.
-
-
-
-
-Fünfzehntes Kapitel.
-
- Erster Entwurf der »Lebensgeschichte«. -- Zweifel und Unruhe. --
- Reise nach Washington zur Einführung des Präsidenten Cleveland, nach
- dem Niagarafall und der Weltausstellung in Chicago.
-
-
-Den auf den Zwischenfall mit dem »Frostkönig« folgenden Sommer und
-Winter verlebte ich bei den Meinigen in Alabama. Ich erinnere mich
-mit Entzücken an jene Heimreise. Alles sproßte und blühte. Ich war
-glücklich. Der »Frostkönig« war vergessen.
-
-Als der Boden sich mit den goldenen und purpurnen Blättern des Herbstes
-bedeckte und die würzig duftenden Trauben, die die Laube am anderen
-Ende des Gartens bedeckten, unter dem Einfluß der Sonnenwärme eine
-goldigbraune Färbung annahmen, begann ich eine Skizze über mein Leben
-abzufassen -- ein Jahr, nachdem ich den »Frostkönig« geschrieben hatte.
-
-Ich war noch über die Maßen peinlich in betreff jeder Zeile,
-die ich schrieb. Der Gedanke, daß meine Arbeit vielleicht nicht
-mein ausschließliches geistiges Eigentum sein könne, quälte mich
-unausgesetzt. Niemand wußte etwas von diesem Zagen als meine Lehrerin.
-Eine seltsame Empfindlichkeit hielt mich davon ab, den »Frostkönig«
-zu erwähnen, und oft wenn mir plötzlich im Laufe der Unterhaltung ein
-Gedanke kam, buchstabierte ich ihr leise zu: Ich weiß nicht genau,
-ob er mir gehört. Bisweilen sagte ich mir, während ich gerade einen
-Satz niederschrieb: Wie, wenn es sich herausstellen sollte, daß dieses
-alles schon vor langer Zeit von einem anderen gesagt worden ist? Eine
-unheimliche Furcht lähmte dann meine Hand, sodaß ich an diesem Tage
-nichts mehr schreiben konnte. Und selbst jetzt fühle ich noch mitunter
-dasselbe Unbehagen, dieselbe Unruhe. Fräulein Sullivan tröstete und
-unterstützte mich auf jede erdenkbare Weise; aber die fürchterliche
-Erfahrung, die ich gemacht hatte, ließ einen bleibenden Eindruck in
-meinem Geiste zurück, dessen Bedeutung ich erst jetzt zu verstehen
-beginne. In der Absicht, mein Selbstvertrauen wiederherzustellen,
-überredete mich meine Lehrerin, einen kurzen Abriß meines Lebens
-für den ~Youth’s Companion~ zu schreiben. Ich war damals zwölf
-Jahre alt. Wenn ich auf das Widerstreben zurückblicke, mit dem ich
-diese kleine Arbeit niederschrieb, so kommt es mir vor, als müsse ich
-eine prophetische Vision von dem Segen gehabt haben, der aus diesem
-Unternehmen für mich entsprang, sonst würde ich es sicher nicht
-durchgeführt haben.
-
-Ich schrieb zaghaft, furchtsam, aber entschlossen, von meiner Lehrerin
-gedrängt, die wohl einsah, daß, wenn ich die Arbeit durchführte,
-ich mein Selbstvertrauen wiedergewinnen und einen Begriff von
-meinen Fähigkeiten bekommen würde. Bis zu der Zeit der Episode mit
-dem »Frostkönig« hatte ich das unbewußte Leben eines kleinen Kindes
-geführt; nun wandten sich meine Gedanken nach innen, und ich nahm
-unsichtbare Dinge wahr. Allmählich erwachte ich aus dem Hindämmern,
-in das mich jene Erfahrung versetzt hatte, mit einem durch praktische
-Betätigung klarer gewordenen Geist und mit einer richtigeren Erkenntnis
-des Lebens.
-
-Die Hauptereignisse des Jahres 1893 waren meine Reise nach Washington
-zur Einführung des Präsidenten Cleveland und meine Besuche des
-Niagarafalls und der Weltausstellung in Chicago. Unter diesen
-Umständen wurden meine Studien fortwährend unterbrochen und oft viele
-Wochen völlig vernachlässigt, sodaß es mir unmöglich ist, einen
-zusammenhängenden Bericht von ihnen zu geben.
-
-Zum Niagarafalle reisten wir im März 1893. Es läßt sich schwer in Worte
-fassen, was ich empfand, als ich auf der die amerikanischen Fälle
-überragenden Platte stand und die Luft erzittern und die Erde erbeben
-fühlte.
-
-Es erscheint vielen seltsam, daß ich einen Eindruck von den Wundern
-und Schönheiten des Niagarafalles bekommen haben soll. Sie fragen mich
-stets: Was ist diese Schönheit und diese Musik für Sie? Sie können die
-Wogen nicht an das Ufer rollen sehen oder ihr Tosen hören. Was für eine
-Bedeutung hat dies für Sie? -- Es hat im allerbuchstäblichsten Sinne
-die höchste Bedeutung für mich. Ich kann seine Bedeutung ebensowenig
-ergründen oder definieren, wie ich die Liebe, die Religion oder die
-Güte ergründen oder definieren kann.[8]
-
-Im Sommer 1893 besuchten wir in der Begleitung ~Dr.~ Alexander Graham
-Bells die Weltausstellung. Ich erinnere mich noch heute mit durch
-keinen Mißklang gestörter Freude jener Tage, an denen tausend kindische
-Wünsche zu schöner Wirklichkeit erwachten. Jeden Tag machte ich eine
-Reise um die Welt und sah ungezählte Wunderwerke aus den entlegensten
-Teilen der Erde -- staunenswerte Erfindungen, Schätze der Industrie,
-der Geschicklichkeit und aller Tätigkeiten des menschlichen Lebens
-tatsächlich unter meinen Fingerspitzen vorübergleiten.
-
-Mit Vorliebe besuchte ich die Schaustellung an dem großen Mittelwege.
-Hier schienen sich mir die Märchen aus »Tausendund einer Nacht«
-verkörpert zu haben, so voll von Neuem und Interessantem war alles.
-Hier befand sich das Indien meiner Bücher in dem zierlichen Bazar
-mit seinen Shiwas und seinen Elefantengöttern wieder; hier war das
-Land der Pyramiden in ein Modell von Kairo mit seinen Moscheen und
-langen Prozessionen von Kamelen zusammengedrängt; dort drüben lagen
-die Lagunen von Venedig, auf denen wir jeden Abend in einer Gondel
-umherfuhren, wenn die Ausstellungsgebäude und die Springbrunnen
-illuminiert waren. Auch an Bord eines Wikingerschiffes ging ich, das in
-kurzer Entfernung von der kleinen Werft vor Anker lag. Ich war schon
-vorher, in Boston, auf einem Kriegsschiff gewesen, und es war mir
-interessant, auf diesem Wikingerschiff zu sehen, wie der Seemann einst
-alles in allem war -- wie er dahinsegelte und Sturm und Windstille mit
-demselben unverzagten Herzen aufnahm, wie er Jagd auf jedermann machte,
-der seinen wilden Ruf: Wir sind von der See! beantwortete, wie er mit
-seinem Kopfe und seinen Sehnen arbeitete, selbstbewußt, selbstgenügsam,
-anstatt sich durch eine intelligenzlose Maschine in den Hintergrund
-drängen zu lassen, wie es heutzutage mit unseren Blaujacken der Fall
-ist. So ist es stets -- „Der Mensch ist nur dem Menschen interessant.“
-
-Nicht weit von diesem Schiffe entfernt lag ein Modell der »Santa
-Maria«, die ich ebenfalls untersuchte. Der Kapitän zeigte mir Kolumbus’
-Kajüte und sein Pult mit einem Stundenglase darauf. Dieses kleine
-Instrument machte den tiefsten Eindruck auf mich, weil es mich daran
-erinnerte, wie schwer es dem kühnen Seefahrer ums Herz gewesen sein
-muß, als er den Sand Korn für Korn herunterrinnen sah, während die
-verzweifelte Schiffsbesatzung einen Anschlag gegen sein Leben plante.
-
-Der Präsident der Weltausstellung, Herr Higinbotham, gestattete mir
-gütigst, die ausgestellten Gegenstände zu berühren, und mit ebenso
-unersättlicher Gier, wie sie Pizarro empfunden haben muß, als er von
-den Schätzen Perus Besitz ergriff, nahm ich die Herrlichkeiten der
-Ausstellung in meine Hand. Diese weiße Stadt des Westens bildete eine
-Art von „fühlbarem“ Kaleidoskop. Alles fesselte mich, namentlich aber
-die französischen Bronzen. Sie waren so lebensvoll, daß ich glaubte, es
-seien himmlische Visionen, die der Künstler aufgefangen und in irdische
-Formen gebannt habe.[9]
-
-Auf der Ausstellung des Kaplandes lernte ich viel über die Art und
-Weise, in der nach Diamanten gegraben wird. Wo es mir irgend möglich
-war, berührte ich die Maschine, während sie in Gang war, um eine
-klarere Vorstellung von dem Abwägen, Schneiden und Schleifen der Steine
-zu erhalten. Ich suchte in der Wäscherei nach einem Diamanten, und
-fand ihn auch wirklich -- den einzigen echten Diamanten, heißt es, der
-jemals in den Vereinigten Staaten gefunden worden ist.
-
-~Dr.~ Bell begleitete uns überallhin und beschrieb mir in seiner
-anziehenden Weise die Gegenstände, die das größte Interesse darboten.
-In der elektrischen Ausstellung untersuchten wir die Telephone,
-Autophone, Phonographen und andere Erfindungen, und er erklärte mir,
-wie es möglich sei, eine Botschaft auf Drähten in die weite Welt zu
-senden, die des Raumes spottet und der Zeit vorauseilt, und, wie es
-Prometheus tat, Feuer vom Himmel herabzuholen. Ebenso besuchten wir
-die anthropologische Abteilung, wo mich am meisten die mexikanischen
-Altertümer interessierten, die rohen Steinarbeiten, die so oft die
-einzige Erinnerung an ein Zeitalter bilden, die einfachen Denkmäler
-ungebildeter Naturkinder (wie ich glaubte, als ich sie mit meinen
-Fingern betastete), die bestimmt scheinen, die dereinst in Staub
-zerfallenden Schriften von Königen und Weisen zu überdauern. Ebenso
-fesselten die ägyptischen Mumien meine Aufmerksamkeit, vor deren
-Berührung ich jedoch zurückschreckte. Von diesen Altertümern habe ich
-mehr über den Fortschritt der Menschheit gelernt, als ich bis dahin je
-gehört oder gelesen hatte.
-
-Alle diese Erfahrungen bereicherten meinen Wortschatz mit einer großen
-Menge neuer Ausdrücke, und in den drei Wochen, die ich dem Besuche
-der Weltausstellung widmete, machte ich einen gewaltigen Fortschritt
-von meinem kindlichen Interesse an Märchen und Spielzeug hin zu der
-richtigen Wertschätzung der realen und ernst arbeitenden Welt.
-
- [8] Vergl. S. 167 ff.
-
- [9] Vergl. S. 168.
-
-
-
-
-Sechzehntes Kapitel.
-
- Geschichtsstudium. -- Studium der französischen Sprache; Lafontaine,
- Molière, Racine. -- Vervollkommnung der Lautsprache. -- Latein. --
- Lektüre von Cäsars »Gallischem Krieg«.
-
-
-Vor dem Oktober 1893 betrieb ich meine Studien in verschiedenen Fächern
-mehr oder weniger sprunghaft. Ich las Werke über griechische, römische
-und amerikanische Geschichte. Ich besaß eine französische Grammatik in
-Hochdruck, und da ich schon etwas Französisch verstand, machte ich oft
-kurze Uebersetzungen im Kopfe, in denen ich die neuen Wörter anwandte,
-wie sie mir gerade in den Wurf kamen, ohne mich im geringsten um Regeln
-und sonstige Vorschriften zu kümmern. Ich suchte sogar die französische
-Aussprache ohne Hilfe zu erlernen, da ich alle Buchstaben und Laute
-in dem Buche erklärt fand. Natürlich war dies beinahe verlorene
-Liebesmühe; aber ich hatte dann wenigstens etwas an regnerischen Tagen
-zu tun, und ich erwarb mir genügende Kenntnisse im Französischen, um
-mit Genuß Lafontaines »Fabeln«, Molières »~Le médecin malgré lui~« und
-Stellen aus Racines »~Athalie~« mit Genuß lesen zu können.
-
-Beträchtliche Zeit widmete ich auch der Vervollkommnung meiner Sprache.
-Ich las Fräulein Sullivan laut vor und rezitierte auswendig gelernte
-Stellen aus meinen Lieblingsdichtern, wobei sie meine Aussprache
-verbesserte und auf richtige Betonung und Modulation achtete. Doch erst
-im Oktober, als ich mich von den Strapazen und den Aufregungen meines
-Besuches der Weltausstellung erholt hatte, begann ich zu bestimmten
-Stunden Unterricht in einzelnen Fächern zu nehmen.
-
-Fräulein Sullivan und ich waren zu jener Zeit in Hulton in
-Pennsylvanien, auf Besuch bei Herrn William Wade und seiner Familie.
-Ein in der Nähe wohnender Herr Irons war ein tüchtiger Lateiner, und
-es wurde verabredet, daß ich bei ihm Unterricht haben sollte. Ich
-erinnere mich seiner als eines Mannes von seltener Milde und weitem
-Blicke. Hauptsächlich unterrichtete er mich in lateinischer Grammatik;
-oft half er mir aber auch beim Rechnen, das ich ebenso mühsam wie
-langweilig fand. Auch Tennysons »~In Memoriam~« las Herr Irons mit mir.
-Ich hatte schon viele Bücher gelesen, aber niemals von einem kritischen
-Standpunkte aus. Jetzt lernte ich zum ersten Male einen Schriftsteller
-wirklich verstehen, ich lernte seinen Stil kennen, wie man den
-Handschlag eines Freundes kennt.
-
-Anfangs ging ich mit ziemlichem Widerstreben an das Studium der
-lateinischen Grammatik. Es erschien mir widersinnig, mit der
-Zergliederung jedes vorkommenden Wortes Zeit zu vergeuden -- Nomen,
-Genetiv, Singular, Femininum --, wenn seine Bedeutung klar auf der
-Hand lag. Nach meiner Auffassung war dies genau so, als hätte ich mein
-Kätzchen folgendermaßen beschreiben müssen, um es zu erkennen: Ordnung:
-Wirbeltiere; Abteilung: Vierfüßer; Klasse: Säugetiere; Gattung:
-Katzentiere; Art: Katze; Individuum: Tabby. Als ich aber tiefer in den
-Gegenstand eindrang, bekam ich mehr Interesse daran, und die Schönheit
-der Sprache entzückte mich. Ich machte mir oft das Vergnügen, Stellen
-in lateinischen Werken zu lesen, indem ich mir die Wörter heraussuchte,
-die ich verstand, und mich bemühte, den Sinn herauszubringen. Ich habe
-nie aufgehört, mich an diesem Zeitvertreib zu ergötzen.
-
-Es gibt meiner Meinung nach nichts Schöneres als die verschwimmenden,
-fließenden Bilder und Gedanken -- Vorstellungen, die gleich
-Wolken am Himmel, in phantastischer Gestalt und Färbung am Geiste
-vorüberschweben, vermittelt durch eine Sprache, in die man soeben
-begonnen hat einzudringen. Fräulein Sullivan saß bei den Lektionen
-neben mir, buchstabierte mir in die Hand, was Herr Irons sagte, und
-achtete auf die Worte, die mir neu waren. Ich begann gerade Caesars
-»Gallischen Krieg« zu lesen, als ich nach Alabama zurückkehrte.
-
-
-
-
-Siebzehntes Kapitel.
-
- Verhandlungen der Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der
- Taubstummen im Sprechen in Chautauqua (Sommer 1894). -- Besuch der
- Wright-Humason-Schule in New York. -- Arithmetik, physikalische
- Geographie, Französisch, Deutsch. -- Lektüre von »Wilhelm Tell« und
- »~Le médecin malgré lui~«. -- Zentralpark in New York. -- Ausflüge in
- die Umgebung der Stadt.
-
-
-Im Sommer 1894 wohnte ich den in Chautauqua stattfindenden
-Verhandlungen der Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der
-Unterweisung der Taubstummen im Sprechen bei. Es war vereinbart worden,
-daß ich die Wright-Humason-Schule für Taubstumme in New York besuchen
-sollte. Diese Schule war namentlich zum Zwecke meiner gründlichen
-Ausbildung im Sprechen und Ablesen von den Lippen gewählt worden.
-Außer diesen beiden Fertigkeiten studierte ich in den zwei Jahren, in
-denen ich die Schule besuchte, Arithmetik, physikalische Geographie,
-Französisch und Deutsch.
-
-Fräulein Reamy, meine deutsche Lehrerin, verstand das Fingeralphabet,
-und nachdem ich mir einen kleinen Wortschatz angeeignet hatte, sprachen
-wir deutsch miteinander, so oft sich eine Gelegenheit dazu bot,
-und in wenigen Monaten konnte ich beinahe alles verstehen, was sie
-sagte. Vor Schluß des ersten Jahres las ich »Wilhelm Tell« mit dem
-größten Genusse. In der Tat glaube ich, daß ich im Deutschen größere
-Fortschritte gemacht habe als sonst in einem Fache. Das Französische
-fand ich viel schwieriger. Ich lernte es bei Frau Olivier, einer
-Französin, die das Fingeralphabet nicht kannte und die daher ihren
-Unterricht mündlich erteilen mußte. Ich konnte noch nicht geläufig
-von ihren Lippen ablesen, und meine Fortschritte waren infolgedessen
-bedeutend langsamer als im Deutschen. Ich versuchte jedoch abermals
-Molière: ~Le médecin malgré lui~ zu lesen. Das Stück war sehr
-lustig; es gefiel mir aber nicht annähernd so gut wie »Wilhelm Tell«.
-
-Meine Fortschritte im Ablesen von den Lippen und im Sprechen waren
-nicht so groß, wie meine Lehrerin und ich gehofft und erwartet hatten.
-Mein Ehrgeiz ging dahin, so zu sprechen, wie andere Menschen, und meine
-Lehrer hielten dies für durchführbar; allein trotz aller angestrengten
-und gewissenhaften Arbeit erreichten wir unser Ziel nicht ganz. Ich
-glaube, wir hatten es zu hoch gesteckt, und eine Enttäuschung war daher
-unvermeidlich. Die Arithmetik betrachtete ich noch als ein System von
-Fallgruben. Ich hielt mich auf der gefährlichen Grenze des Erratens
-und vermied das breite Tal des Denkens, was meinen Lehrern und mir
-selbst unaufhörlichen Verdruß bereitete. Wenn ich mich nicht aufs Raten
-legte, so machte ich Sprünge in meinen Schlußfolgerungen, und dieser
-Fehler in Verbindung mit meinen körperlichen Gebrechen erhöhte die
-Schwierigkeiten mehr, als es notwendig und in der Ordnung gewesen wäre.
-
-Obgleich aber diese Enttäuschungen mich zuweilen recht niederdrückten,
-setzte ich doch meine anderen Studien mit unermüdlicher Ausdauer fort,
-namentlich das Studium der physikalischen Geographie. Es gewährte mir
-hohe Freude, in die Geheimnisse der Natur einzudringen, zu lernen, wie
--- um in der bilderreichen Sprache des Alten Testaments zu reden -- die
-Winde von den vier Ecken des Himmels her blasen, wie die Dünste von
-den Enden der Erde aufsteigen, wie die Flußläufe zwischen den Felsen
-ausgeschnitten sind und Berge niederstürzen, und auf welche Weise der
-Mensch viele Kräfte überwinden kann, die stärker sind als er selbst.
-Ich verlebte zwei glückliche Jahre in New York, und noch jetzt blicke
-ich mit aufrichtiger Genugtuung auf sie zurück.
-
-Namentlich erinnere ich mich der Spaziergänge, die wir alle zusammen
-jeden Tag in den Zentralpark unternahmen, den einzigen Teil der Stadt,
-in dem ich mich heimisch fühlte. Mein Entzücken über diesen großen
-Park blieb immer das gleiche. Ich hätte gewünscht, ihn jedesmal
-schildern zu können, wenn ich ihn betrat, denn er war in jeder
-Hinsicht schön, und seine Reize waren so mannigfaltiger Art, daß er
-an jedem Tage in den neun Monaten, die ich in New York verlebte, neue
-Schönheiten enthüllte.
-
-Im Frühjahr unternahmen wir Ausflüge nach verschiedenen interessanten
-Orten. Wir segelten auf dem Hudson und wanderten an seinen grünen Ufern
-entlang, die Bryant mit Vorliebe in seinen Liedern verherrlicht. Unter
-den Orten, die wir besuchten, befand sich auch Tarrytown, die Heimat
-von Washington Irving, wo ich durch die »Schlafhöhle« wanderte.
-
-Die Lehrer an der Wright-Humason-Schule waren stets darauf bedacht,
-ihren Zöglingen alle Annehmlichkeiten zu verschaffen, deren sich
-diejenigen, die hören können, erfreuen; die wenigen Anlagen und
-passiven Erinnerungen, die in ihnen schlummern, soviel wie möglich zu
-wecken und sie aus den beengenden Verhältnissen, in die sie die Ungunst
-des Schicksals versetzt hat, zu befreien.
-
-Bevor ich New York verließ, wurden diese heiteren Tage durch den
-größten Schmerz verdunkelt, den ich je seit dem Tode meines Vaters
-erlebt habe. Im Februar 1896 starb Herr John Spaulding in Boston. Nur
-diejenigen, die ihm am nächsten standen, können ermessen, was seine
-Freundschaft für mich bedeutete. Er, der jedermann in zartfühlender,
-unaufdringlicher Weise beglückte, war gegen Fräulein Sullivan und mich
-äußerst gütig und liebevoll gewesen. Solange wir seine Augen auf uns
-gerichtet sahen und wußten, daß er den regsten Anteil an dem Gelingen
-unseres Werkes nehme, das mit so vielen Schwierigkeiten umgeben war, so
-lange konnten wir nicht verzagen. Sein Abscheiden ließ eine Lücke in
-unserem Dasein zurück, die nie ausgefüllt worden ist.
-
-
-
-
-Achtzehntes Kapitel.
-
- Besuch des Mädchengymnasiums in Cambridge zum Zweck der Vorbereitung
- für das Radcliffe-College. -- Wunsch, eine Universität zu besuchen.
- -- Schwierigkeit, dem Unterricht zu folgen. -- Befriedigende
- Fortschritte, namentlich im Deutschen: »Lied von der Glocke«,
- »Taucher«, »Dichtung und Wahrheit« u. s. w. -- Shakespeare,
- Burke, Macaulay. -- Zusammensein mit sehenden und hörenden
- Altersgenossinnen. -- Mildreds Aufnahme in die Schule. -- Prüfungen.
-
-
-Im Oktober 1896 trat ich in das Mädchengymnasium in Cambridge ein, um
-mich für das Radcliffe College vorbereiten zu lassen.
-
-Als ich noch ein kleines Mädchen war, besuchte ich einmal Wellesley
-und überraschte meine Freundinnen mit der Ankündigung: Später gehe
-ich auf die Universität, aber auf die Harvard-Universität. -- Auf die
-Frage, warum ich nicht nach Wellesley gehen wolle, antwortete ich,
-dort studierten nur Mädchen. Der Gedanke, die Universität zu besuchen,
-schlug in meinem Herzen Wurzel und wurde zum ernstlichen Verlangen, mit
-sehenden und hörenden Mädchen in den Wettbewerb um einen akademischen
-Grad einzutreten trotz des entschiedenen Widerspruchs von seiten vieler
-aufrichtiger und verständiger Freunde. Als ich New York verließ, war
-der Gedanke zur feststehenden Absicht geworden, und es wurde in der
-Familie beschlossen, daß ich nach Cambridge gehen sollte. Dies war ein
-Schritt, der mich der Harvard-Universität und der Erfüllung meiner
-kindlichen Erklärung nahebringen sollte.
-
-Auf dem Gymnasium in Cambridge sollte Fräulein Sullivan die
-Unterrichtsstunden mit mir besuchen, um mir die Vorträge durch das
-Fingeralphabet zu vermitteln.
-
-[Illustration: Fräulein Sullivan liest Helen Keller vor]
-
-Natürlich hatten meine Lehrer nur Erfahrung im Unterrichte normaler
-Zöglinge, und mein einziges Verständigungsmittel bildete das Ablesen
-von den Lippen. Meine Studien erstreckten sich im ersten Jahre
-auf englische Geschichte, englische Literatur, Deutsch, Latein,
-Arithmetik, lateinischen Aufsatz und gelegentliche Übersetzungen.
-Bis dahin hatte ich nie einen wissenschaftlichen Kursus in der
-Absicht, mich auf die Universität vorzubereiten, durchgemacht; aber
-ich war im Englischen durch Fräulein Sullivan gut eingeübt worden,
-und meine Lehrer sahen bald, daß ich in diesem Fache außer einem
-kritischen Studium der vom College vorgeschriebenen Bücher keiner
-weiteren Unterweisung bedürfe. Außerdem hatte ich gute Fortschritte
-im Französischen gemacht und sechs Monate lateinischen Unterricht
-erhalten; das Fach aber, in dem ich am bewandertsten war, war das
-Deutsche.
-
-Trotz dieser Vorteile gab es doch andererseits ernstliche Hindernisse,
-die meine Fortschritte verlangsamten. Fräulein Sullivan konnte mir
-nicht alles, was die Bücher verlangten, in die Hand buchstabieren,
-und es dauerte sehr lange, bis meine Lehrbücher in Hochdruck für mich
-hergestellt waren, obgleich meine Freunde in London und Philadelphia es
-sich angelegen sein ließen, die Arbeit zu beschleunigen. Eine Zeitlang
-mußte ich in der Tat meine lateinischen Aufgaben in Brailleschrift
-übertragen, wenn ich mit den übrigen Mädchen mitkommen wollte. Meine
-Lehrer wurden mit meiner unvollkommenen Sprache bald genügend vertraut,
-um meine Fragen rasch zu beantworten und Fehler zu verbessern. In
-den Stunden konnte ich keine Aufzeichnungen machen, noch mich an den
-schriftlichen Aufgaben beteiligen; aber ich schrieb alle meine Aufsätze
-und Übersetzungen zu Hause mit der Schreibmaschine nieder.
-
-Jeden Tag begleitete mich Fräulein Sullivan in die Klassenräume und
-buchstabierte mir mit nimmermüder Geduld alles, was die Lehrer sagten,
-in die Hand. In den Arbeitsstunden hatte sie auf alle Wörter zu achten,
-die mir noch unbekannt waren, und Notizen und Bücher, die ich nicht
-in Hochdruck besaß, zu lesen und immer wieder zu lesen. Das Lästige
-einer solchen Arbeit ist schwer zu begreifen. Frau Gröte, meine
-deutsche Lehrerin, und Herr Gilman, der Direktor der Anstalt, waren die
-einzigen Lehrer am Gymnasium, die das Fingeralphabet erlernt hatten,
-um mich direkt unterrichten zu können. Niemand wußte besser als die
-liebe Frau Gröte selbst, wie langsam und mangelhaft ihr Buchstabieren
-war. Nichtsdestoweniger buchstabierte sie mir in ihrer Herzensgüte
-mühsam ihre Unterweisungen zweimal wöchentlich in besonderen
-Unterrichtsstunden her, um Fräulein Sullivan ein wenig Ruhe zu
-verschaffen. Obgleich aber jedermann freundlich und gefällig gegen uns
-war, so gab es doch nur eine Hand, die die Plage in Genuß verwandeln
-konnte.
-
-In jenem Jahr absolvierte ich die Arithmetik, repetierte die
-lateinische Grammatik und las drei Kapitel aus Caesars »Gallischem
-Kriege«. Im Deutschen las ich, teils mit Hilfe meiner Finger, teils
-unter Fräulein Sullivans Beistande, Schillers »Lied von der Glocke«
-und den »Taucher«, Heines »Harzreise«, »Aus dem Staat Friedrichs des
-Großen« von Freytag, Riehls »Fluch der Schönheit«, Lessings »Minna
-von Barnhelm« und »Aus meinem Leben« von Goethe. Ich fand den größten
-Genuß an diesen deutschen Büchern, namentlich an Schillers wundervoller
-Lyrik, an der Erzählung von Friedrichs des Großen Heldentaten und an
-Goethes Selbstbiographie. Es tat mir leid, als ich mit der »Harzreise«
-fertig war, einem Werke, das soviel glücklichen Witz und soviel
-reizvolle Schilderungen von Rebenhügeln, murmelnden, im Sonnenschein
-dahineilenden Bächen und wilden Gebirgsgegenden, dem Schauplatz alter
-Sagen und Legenden, den grauen Zeugen einer lange dahingeschwundenen,
-phantasiebegabten Zeit enthält -- Schilderungen, wie sie nur denen
-gelingen, für die die Natur „Gefühl, Liebe, Verlangen“ ist.
-
-Herr Gilman unterrichtete mich einen Teil des Jahres in englischer
-Literatur. Wir lasen zusammen »Wie es euch gefällt«, Burkes »Rede über
-die Versöhnung mit Amerika« und Macaulays »Leben Samuel Johnsons«.
-Herrn Gilmans umfassende Ueberblicke über Geschichte und Literatur und
-seine trefflichen Erläuterungen machten mir die Arbeit leichter und
-angenehmer, als sie es gewesen sein würde, wenn ich nur mechanisch die
-Anmerkungen samt den im Klassenunterricht gegebenen notgedrungen kurzen
-Erläuterungen hätte nachlesen müssen.
-
-Burkes Rede war interessanter als irgend ein anderes Buch politischen
-Inhaltes, das ich je gelesen hatte. Ich war selbst aufgeregt, als ich
-von den aufgeregten Zeiten las, und die Charaktere, die im Mittelpunkt
-des Kampfes der beiden Nationen standen, schienen sich leibhaftig
-vor meinen Augen zu bewegen. Ich wunderte mich immer mehr und mehr,
-je weiter Burkes meisterhafte Rede in den mächtigen Wogen seiner
-Beredsamkeit dahinrollte, wie es habe kommen können, daß König Georg
-und seine Minister für die warnende Prophezeiung unseres Sieges und
-ihrer Demütigung taube Ohren hatten. Dann wurde ich in die traurigen
-Einzelheiten über das Verhältnis eingeführt, in dem der große
-Staatsmann zu seiner Partei und der Volksvertretung stand. Ich mußte
-daran denken, wie seltsam es war, daß so kostbare Samenkörner von
-Wahrheit und Weisheit mitten unter das Unkraut von Unwissenheit und
-Korruption fielen.
-
-In ganz anderer Art interessant war Macaulays »Leben Samuel Johnsons«.
-Mein Herz flog dem einsamen Manne zu, der das Brot der Trübsal in
-der Grubstraße aß und doch inmitten aller Mühseligkeit und der
-furchtbarsten körperlichen und seelischen Leiden doch stets für die
-Armen und Verlassenen ein freundliches Wort und eine offene Hand
-hatte. Ich freute mich über all seine Erfolge, ich schloß die Augen
-vor seinen Fehlern und wunderte mich, nicht daß er deren hatte,
-sondern daß seine Seele dabei nicht verkrüppelte. Aber trotz Macaulays
-glänzender Darstellung und seiner bewundernswürdigen Fertigkeit,
-Gemeinplätze frisch und bedeutungsvoll erscheinen zu lassen, ermüdete
-mich doch zuweilen seine kühle Verstandesmäßigkeit, und seine häufige
-Hintansetzung der Wahrheit zugunsten des Effekts erregte in mir ihm
-gegenüber sittliche Bedenken, die weit von dem Gefühl der Verehrung
-abstachen, mit der ich dem Demosthenes Großbritanniens gelauscht hatte.
-
-Auf dem Gymnasium in Cambridge hatte ich mich zum ersten Male
-des Umgangs mit sehenden und hörenden Mädchen meines Alters zu
-erfreuen. Ich wohnte mit mehreren anderen zusammen in einem der
-hübschen mit dem Gymnasium in Verbindung stehenden Häuser, dem
-Hause, in dem Herr Howells wohnte, sodaß wir alle die Vorteile eines
-Familienlebens genossen. Ich beteiligte mich an vielen Spielen meiner
-Schulfreundinnen, selbst an Blindekuh und Schneeballwerfen; ich
-unternahm lange Spaziergänge mit ihnen; wir besprachen unsere Studien
-und lasen laut vor, was uns interessierte. Ein Teil der Mädchen
-erlernte das Fingeralphabet, sodaß Fräulein Sullivan mir ihre Worte
-nicht zu wiederholen brauchte.
-
-Zu Weihnachten besuchten mich meine Mutter und meine kleine Schwester,
-um die Feiertage mit mir zu verleben, und Herr Gilman erbot sich in
-liebenswürdiger Weise, Mildred in seine Schule aufzunehmen. So blieb
-Mildred bei mir in Cambridge, und sechs glückliche Monate hindurch
-waren wir fast stets zusammen. Am glücklichsten macht mich die
-Erinnerung an die Stunden, in denen wir uns gegenseitig bei unseren
-Studien unterstützten und uns gemeinschaftlich von unserer Arbeit
-erholten.
-
-Meine erste Prüfung für das Radcliffe College legte ich in der Zeit vom
-29. Juni bis zum 3. Juli 1897 ab. Die Fächer, die ich angegeben hatte,
-waren Deutsch, Französisch, Latein, Englisch, sowie griechische und
-römische Geschichte, was neun Stunden zusammen ausmachte. Ich bestand
-in allen Fächern, -- im Deutschen und Englischen „mit Auszeichnung“.
-
-Vielleicht dürfte hier eine Schilderung der Art und Weise, in der ich
-geprüft wurde, am Orte sein. Für die Prüfung standen sechzehn Stunden
-zur Verfügung, zwölf für die Elementarkenntnisse und vier für die
-weiter fortgeschrittenen Studien. Die Prüfungsarbeiten wurden um neun
-Uhr auf der Harvard-Universität ausgegeben und durch einen besonderen
-Boten nach dem Radcliffe College gebracht. Die zu Prüfende war nicht
-ihrem Namen nach bekannt, sondern erhielt eine Nummer. Ich hatte Nr.
-233, da ich aber eine Schreibmaschine benützen mußte, so konnte kein
-Zweifel über meine Person obwalten.
-
-Man hielt es für rätlich, mich in einem besonderen Zimmer zu prüfen,
-weil das Geräusch der Schreibmaschine die anderen Mädchen gestört
-haben würde. Herr Gilman teilte mir alle Aufgaben vermittelst des
-Fingeralphabets mit. An die Türe wurde ein Mann gestellt, um jede
-Störung zu verhindern.
-
-Am ersten Tage hatte ich Deutsch. Herr Gilman saß neben mir und las mir
-die Aufgabe erst im Zusammenhange vor, dann noch einmal Satz für Satz,
-wobei ich die Worte laut wiederholte, um ihm zu zeigen, daß ich ihn
-vollkommen verstanden hatte. Die Aufgaben waren schwer, und ich fühlte
-mich sehr ängstlich, als ich die Antworten auf der Schreibmaschine
-niederschrieb. Herr Gilman buchstabierte mir in die Hand, was
-ich geschrieben hatte, ich machte die mir notwendig scheinenden
-Verbesserungen, und er fügte sie ein. Ich möchte hier erwähnen, daß mir
-eine solche Erleichterung bei keiner meiner weiteren Prüfungen mehr
-gewährt wurde. Im Radcliffe College liest mir niemand meine Antworten
-vor, nachdem ich sie niedergeschrieben habe, und ich finde somit keine
-Gelegenheit, Fehler zu verbessern, wenn ich nicht fertig bin, bevor die
-Zeit um ist. In diesem Falle verbessere ich nur solche Versehen, auf
-die ich mich in den mir gestatteten paar Minuten entsinnen kann, und
-schreibe diese Verbesserungen am Schlusse meiner Arbeit nieder. Wenn
-ich die erste Prüfung besser bestanden habe als die zweite, so liegen
-dafür zwei Gründe vor. Bei der zweiten las mir niemand meine fertigen
-Arbeiten vor, und in der ersten gab ich Fächer an, mit denen ich schon
-vor meinem Besuche des Gymnasiums in Cambridge einigermaßen vertraut
-war; denn zu Anfang des Schuljahrs hatte ich Prüfungen im Englischen,
-in Geschichte, im Französischen und Deutschen nach Aufgaben abgelegt,
-die in früheren Jahren von der Harvard-Universität gestellt worden
-waren.
-
-Herr Gilman sandte meine schriftlichen Arbeiten an die
-Prüfungskommission mit einer Bescheinigung, daß ich, Kandidatin Nr.
-233, die Arbeiten angefertigt hätte.
-
-Auch in den anderen Fächern ging die Prüfung in derselben Weise von
-statten. In keinem wurden mir so schwere Aufgaben gestellt wie im
-ersten. Ich erinnere mich, daß an dem Tage, an dem uns die lateinischen
-Aufgaben zugestellt wurden, Professor Schilling ins Zimmer trat und mir
-mitteilte, daß ich im Deutschen das Examen bestanden hätte. Dies gab
-mir neuen Mut, und ich ging mit leichtem Herzen und sicherer Hand an
-den übrigen Teil der hochnotpeinlichen Prüfung.
-
-
-
-
-Neunzehntes Kapitel.
-
- Beginn des zweiten Schuljahres. -- Physik, Algebra, Geometrie,
- Astronomie, Griechisch, Latein. -- Anfälle von Kleinmut. -- Abgang
- vom Gymnasium und Weiterbildung durch Privatunterricht. -- Rückkehr
- nach Boston (Oktober 1898). -- Schlußprüfung für das Radcliffe
- College (Juni 1899).
-
-
-Bei Beginn des zweiten Schuljahres war ich voller Hoffnung und
-Vertrauen auf einen endgültigen Erfolg. Aber in den ersten paar
-Wochen stellten sich mir unvorhergesehene Schwierigkeiten in den Weg.
-Herr Gilman hatte seine Einwilligung dazu gegeben, daß ich in diesem
-Jahre hauptsächlich Mathematik treiben sollte. Ich erhielt Unterricht
-in Physik, Algebra, Geometrie, Astronomie, Griechisch und Latein.
-Leider waren viele von den Büchern, deren ich bedurfte, zu Beginn des
-Unterrichts noch nicht im Hochdruck fertig, und es fehlten mir daher
-wichtige Hilfsmittel zu einigen meiner Studien. Die Klassen, die ich
-besuchte, waren sehr groß, und es war unmöglich für die Lehrer, mir
-besondere Unterweisung zu erteilen. Fräulein Sullivan mußte mir alle
-Bücher vorlesen und mitteilen, was die Lehrer vortrugen, und zum
-erstenmal in elf Jahren hatte es den Anschein, als sei ihre liebe Hand
-der Aufgabe nicht gewachsen.
-
-Ich mußte in der Klasse beim algebraischen und geometrischen Unterricht
-nachschreiben und physikalische Aufgaben lösen, und dies war mir
-unmöglich, ehe wir eine Brailleschreibmaschine gekauft hatten, mittels
-deren ich die nötigen Aufzeichnungen machen konnte. Mit meinen Augen
-konnte ich den auf die Wandtafel gezeichneten geometrischen Figuren
-nicht folgen, und das einzige Mittel, mir eine klare Vorstellung von
-ihnen zu machen, bestand darin, daß ich sie auf einem Kissen mit
-Hilfe von geraden und gekrümmten Drähten mit spitzen, umgebogenen
-Enden nachmachte. Ich hatte, wie Herr Keith in seinem Berichte
-sagte, die Buchstabenbezeichnung der Figuren, die Voraussetzung und
-Schlußfolgerung, die Konstruktion und den Gang des Beweises im Kopfe zu
-behalten. Mit einem Worte, in jedem Fache zeigten sich Schwierigkeiten.
-Zeitweilig verlor ich allen Mut und verriet meine Empfindungen in einer
-Weise, deren ich mich noch jetzt schäme, wenn ich mich daran erinnere,
-namentlich da die Äußerungen meines Kleinmuts später zu Angriffen auf
-Fräulein Sullivan benutzt wurden, der einzigen von all den lieben
-Freundinnen in Cambridge, die imstande war, mir meine Pfade zu ebnen
-und meine Aufgabe zu erleichtern.
-
-Allmählich begannen jedoch die Schwierigkeiten zu schwinden. Die in
-Hochdruck hergestellten Bücher und andere Hilfsmittel langten an, und
-ich machte mich mit neuem Mute an die Arbeit. Algebra und Geometrie
-waren die einzigen Fächer, die nach wie vor allen Anstrengungen
-meinerseits, in sie einzudringen, spotteten. Wie ich schon erwähnt
-habe, besaß ich keine besondere Beanlagung für Mathematik; die
-einzelnen Punkte wurden mir nicht so klargemacht, wie ich es
-gewünscht hätte. Die geometrischen Zeichnungen waren teilweise völlig
-unverständlich für mich, da ich selbst auf dem Kissen das Verhältnis
-der verschiedenen Teile zu einander nicht erkennen konnte. Eine klarere
-Vorstellung von der Mathematik erhielt ich erst, seit Herr Keith mich
-darin unterrichtete.
-
-Ich war auf dem Weg, alle diese Schwierigkeiten zu überwinden, als ein
-Ereignis eintrat, das einen vollständigen Umschwung herbeiführte.
-
-Unmittelbar bevor die Bücher eintrafen, hatte Herr Gilman Fräulein
-Sullivan Vorstellungen darüber gemacht, daß ich zu angestrengt
-arbeitete, und trotz meiner eifrigen Proteste setzte er die Zahl meiner
-Unterrichtsstunden herab. Anfangs waren wir dahin übereingekommen,
-daß ich nötigenfalls fünf Jahre auf meine Vorbereitung für die
-Universität verwenden sollte; am Ende des ersten Jahres aber überzeugte
-der Erfolg meiner Prüfungen Fräulein Sullivan, Fräulein Harbaugh
-(Herrn Gilmans erste Lehrerin) und noch eine andere Lehrerin von der
-Möglichkeit, daß ich ohne allzugroße Anstrengung meine Vorbereitung in
-zwei weiteren Jahren beenden könne. Herr Gilman erklärte sich anfangs
-damit einverstanden; als aber meine Ausgaben etwas verwickelter wurden,
-bestand er darauf, ich sei überarbeitet und solle noch drei weitere
-Jahre auf dem Gymnasium zubringen. Mir gefiel dieser Plan nicht, denn
-ich wollte mit meiner Klasse zugleich die Universität beziehen.
-
-Am 17. November fühlte ich mich nicht ganz wohl und konnte den
-Unterricht nicht besuchen. Obgleich Fräulein Sullivan sah, daß es sich
-nur um eine leichte Unpäßlichkeit handle, erklärte Herr Gilman als er
-davon hörte, doch, ich stehe im Begriff, zusammenzubrechen, und traf
-Änderungen in meinem Studienplan, die es mir unmöglich machten, meine
-Abgangsprüfung zugleich mit meiner Klasse abzulegen. Schließlich führte
-die Meinungsverschiedenheit zwischen Herrn Gilman und Fräulein Sullivan
-dahin, daß meine Mutter meine Schwester Mildred und mich von dem
-Gymnasium in Cambridge wegnahm.
-
-Nach einiger Zeit wurde beschlossen, daß ich meine Studien unter
-der Leitung eines Hauslehrers, Herrn Merton S. Keith aus Cambridge,
-fortsetzen sollte. Den Rest des Winters verlebten Fräulein Sullivan
-und ich bei der uns befreundeten Familie Chamberlin in Wrentham, einer
-fünfundzwanzig Meilen von Boston entfernten Stadt.
-
-Vom Februar bis Juli 1898 kam Herr Keith wöchentlich zweimal nach
-Wrentham und unterrichtete mich in Algebra, Geometrie, Griechisch und
-Latein. Fräulein Sullivan übersetzte mir seine Erläuterungen.
-
-Im Oktober 1898 kehrten wir nach Boston zurück. Acht Monate hindurch
-erteilte mir Herr Keith wöchentlich fünfmal Unterricht, jedesmal
-ungefähr eine Stunde lang. Er erklärte mir stets, was ich in der
-vorhergehenden Unterrichtsstunde nicht begriffen hatte, stellte mir
-neue Aufgaben und nahm meine griechischen Exerzitien, die ich während
-der Woche auf meiner Schreibmaschine angefertigt hatte, nach Hause,
-korrigierte sie sorgfältig und gab sie mir das nächstemal zurück.
-
-Auf diese Weise schritt meine Vorbereitung für die Universität ohne
-Unterbrechung weiter fort. Ich fand es leichter und angenehmer, für
-mich allein unterrichtet zu werden als in der Klasse mit anderen
-zusammen. Es gab hier keine Überstürzung, keine Verwirrung. Mein Lehrer
-hatte vollauf Zeit, mir zu erklären, was ich nicht verstand, und
-daher machte ich raschere Fortschritte und hatte bessere Leistungen
-aufzuweisen als je auf dem Gymnasium. Ich fand jedoch noch immer mehr
-Schwierigkeiten bei der Lösung von mathematischen Aufgaben als in jedem
-anderen Unterrichtsfache. Ich wünschte, Algebra und Geometrie wären
-mir nur halb so leicht gefallen wie das Sprach- und Literaturstudium.
-Aber selbst die Mathematik machte mir Herr Keith anziehend; es gelang
-ihm, mir die Lehrsätze und Aufgaben so faßlich zu machen, daß ich
-dem Unterrichte mit Leichtigkeit folgen konnte. Er erhielt meine
-Aufmerksamkeit rege und lebendig und gewöhnte mich an klares Denken und
-ruhiges, logisches Schließen anstatt meiner früheren wilden, ziellosen
-Kreuz- und Quersprünge. Er war stets freundlich und zuvorkommend, wie
-ungeschickt ich mich auch mitunter angestellt haben mag, und man kann
-es mir glauben, meine Beschränktheit würde oft sogar eine Hiobsgeduld
-erschöpft haben.
-
-Am 29. und 30. Juni 1899 legte ich die Schlußprüfung für das Radcliffe
-College ab. Am ersten Tage kamen die Anfangsgründe im Griechischen und
-lateinische Lektüre, am zweiten Geometrie, Algebra und griechische
-Lektüre an die Reihe.
-
-Die Universitätsbehörden gestatteten Fräulein Sullivan nicht, mir die
-Prüfungsaufgaben vorzulesen; dafür wurde Herr Eugen C. Vining, einer
-der Lehrer des Perkinsschen Blindeninstituts, mit der Übertragung der
-Aufgaben für mich in amerikanische Brailleschrift betraut. Herr Vining
-war mir völlig fremd und konnte sich nur mittels der Brailleschrift mit
-mir verständigen. Auch der aufsichtführende Beamte war mir fremd und
-machte keinerlei Versuch, sich mit mir in Verbindung zu setzen.
-
-Die Brailleschrift genügte zwar für die Sprachen vollständig; als aber
-Geometrie und Algebra an die Reihe kamen, ergaben sich Schwierigkeiten.
-Ich war schmerzlich überrascht und niedergeschlagen, da ich viel
-kostbare Zeit verlor, namentlich in der Algebra. Zwar war ich mit allen
-gewöhnlich zu literarischen Zwecken benutzten Braillesystemen vertraut
--- dem englischen, dem amerikanischen und dem New Yorker; aber die
-geometrischen und algebraischen Zeichen sind in diesen drei Systemen
-sehr verschieden, und ich hatte in der Algebra nur das englische
-benutzt.
-
-Zwei Tage vor dem Beginn der Prüfungen sandte mir Herr Vining die
-Braillekopie einer früher von der Harvard-Universität gestellten
-algebraischen Aufgabe. Zu meinem Schreck bemerkte ich, daß sie in der
-amerikanischen Notation gehalten war. Ich setzte mich unverzüglich
-hin und bat Herrn Vining in ein paar Zeilen um eine Erklärung der
-Zeichen. Umgehend erhielt ich eine andere Arbeit und eine Tabelle, in
-der die Zeichen erklärt waren, und setzte mich hin, um die Notation
-zu erlernen. Aber am Abend vor der Prüfung in der Algebra, während
-ich über einigen sehr verwickelten Aufgaben brütete, hatte ich keine
-Zeit, mir die Zusammenstellungen von Klammern, Haken und Wurzelzeichen
-einzuprägen. Sowohl Herr Keith wie ich waren niedergeschlagen und voll
-trüber Ahnungen für morgen; wir gingen aber ein wenig vor dem Beginn
-der Prüfung nach dem Universitätsgebäude und baten Herrn Vining, uns
-die amerikanischen Zeichen etwas eingehender zu erklären.
-
-In der Geometrie bestand die Hauptschwierigkeit für mich darin, daß
-ich stets gewohnt gewesen war, die Sätze im Liniendruck zu lesen oder
-sie in die Hand buchstabiert zu bekommen, und obgleich die Sätze jetzt
-dicht vor mir lagen, fand ich doch die Brailleschrift einigermaßen
-verwirrend und konnte mir nicht klar vorstellen, was ich las. Als aber
-die Algebra an die Reihe kam, brach eine noch härtere Zeit für mich an.
-Ich konnte mich in die Zeichen, die ich so spät erlernt hatte und die
-ich zu kennen glaubte, nicht finden. Außerdem konnte ich nicht prüfen,
-was ich auf meiner Schreibmaschine geschrieben hatte. Ich hatte stets
-meine Arbeiten in Brailleschrift oder im Kopfe gemacht. Herr Keith
-hatte sich zu sehr auf meine Fertigkeit, die Aufgaben im Kopfe zu
-lösen, verlassen und hatte mich nicht im schriftlichen Anfertigen von
-Examensarbeiten unterwiesen. Infolgedessen ging meine Arbeit peinlich
-langsam von statten, und ich hatte die Aufgaben immer und immer wieder
-zu lesen, ehe ich begriff, was von mir verlangt wurde. In der Tat bin
-ich selbst jetzt noch nicht sicher, alle Zeichen richtig gelesen zu
-haben. Es fiel mir schwer, meinen Kopf beisammen zu halten.
-
-Aber ich klage niemand an. Die Universitätsbehörde wußte nicht, wie
-schwer sie mir meine Prüfung machte, noch begriff sie die besonderen
-Schwierigkeiten, die ich zu überwinden hatte. Aber wenn sie mir
-unabsichtlich Hindernisse in den Weg legte, so habe ich die Genugtuung,
-zu wissen, daß ich sie alle überwunden habe.
-
-
-
-
-Zwanzigstes Kapitel.
-
- Eintritt in das Radcliffe College. -- Anfängliche Begeisterung und
- teilweise Enttäuschung. -- Übelstände des Universitatsstudiums. --
- Erstes Studienjahr. -- Französisch, Deutsch, englische Stillehre,
- englische Literatur. -- Besuch der Vorlesungen. -- Schreibmaschine.
- -- Stunden des Unmuts. -- Zweites Jahr: englische Stillehre, Bibel,
- politische Verhältnisse Amerikas und Europas, horazische Oden,
- lateinische Komödie, Nationalökonomie, Shakespeare, Geschichte der
- Philosophie. -- Verknöcherung des Universitätswesens..-- Pein der
- Prüfungen. -- Enttäuschung.
-
-
-Der Kampf um die Zulassung zur Universität war siegreich beendet,
-und ich konnte nun in das Radcliffe College eintreten, wann es mir
-beliebte. Bevor ich jedoch die Universität bezog, kamen wir überein,
-daß ich noch ein weiteres Jahr unter Herrn Keiths Leitung studieren
-sollte. Erst gegen Ende 1900 ging daher mein Traum, die Universität zu
-besuchen, in Erfüllung.
-
-Ich erinnere mich heute noch meines ersten Tages im Radcliffe College.
-Es war ein interessanter Tag für mich. Ich hatte ihn jahrelang
-herbeigesehnt. Eine mächtige Kraft in mir, die stärker war als der
-Rat meiner Freunde, stärker selbst als die Warnungen meines eigenen
-Inneren, hatte mich dazu getrieben, meine Kräfte mit denen zu messen,
-die sehen und hören. Ich wußte, ich würde auf Hindernisse stoßen,
-aber ich war voller Eifer, sie zu überwinden. Ich hatte mir die Worte
-des weisen Römers zu Herzen genommen, der da gesagt hatte: „Aus Rom
-verbannt sein, heißt nur außerhalb Roms leben.“ -- Abgeschnitten von
-der großen Heerstraße des Wissens war ich genötigt, meine Reise quer
-durchs Land auf wenig besuchten Straßen zurückzulegen -- das war alles.
-Ich wußte, daß es auf einer Universität viele Nebenpfade gab, auf denen
-ich Hand in Hand mit Mädchen gehen konnte, die ebenso dachten, liebten
-und kämpften wie ich.
-
-Ich begann meine Studien voller Eifer. Vor mir erblickte ich eine neue
-Welt, strahlend in Schönheit und Licht, und ich fühlte die Fähigkeit in
-mir, alles zu erkennen. In dem Wunderland des Geistes würde ich so frei
-sein wie jede andere. Seine Bewohner, seine Landschaft, seine Sitten,
-seine Freuden, seine Leiden sollten lebendige verkörperte Vermittler
-der realen Welt sein. Die Vorlesungssäle schienen mir mit dem Geiste
-der großen Weisen aller Zeiten erfüllt, und ich hielt die Professoren
-für Personifikationen der Weisheit selbst. Ich bin seitdem zu einer
-anderen Überzeugung gelangt, doch habe ich nicht die Absicht, irgend
-jemand mit Namen zu nennen.
-
-Aber bald entdeckte ich, daß das College nicht ganz das romantische
-Lyceum war, wie ich es mir vorgestellt hatte. Viele der Träume, die
-meine unerfahrene Jugend entzückt hatten, „verblaßten in dem grauen
-Lichte des Alltags“. Allmählich begann ich einzusehen, daß der Besuch
-der Universität auch seine Schattenseiten habe.
-
-Die eine, deren ich mir am schmerzlichsten bewußt war und noch bewußt
-bin, besteht in dem Mangel an Zeit. Ich pflegte Zeit zum Denken, zum
-Sinnen zu haben, mein Geist und ich. Wir hatten manchen lieben Abend
-beieinander gesessen und der Melodie in unserem Innern gelauscht, die
-man nur in Mußestunden vernimmt, wenn die Worte eines Lieblingsdichters
-eine tiefe wohllautende Saite in unserer Seele anschlagen, die bis
-dahin noch nicht erklungen war. Aber auf der Universität hat man keine
-Zeit, mit seinen Gedanken zu verkehren. Man besucht, scheint es, die
-Vorlesungen, um zu lernen, nicht, um zu denken. Betritt man die Portale
-der Gelehrsamkeit, so läßt man die besten Freuden -- Einsamkeit, Bücher
-und Phantasie -- draußen bei den rauschenden Tannen. Ich glaube, ich
-müßte einige Beruhigung in dem Gedanken finden, daß ich Schätze für
-zukünftige Genüsse aufspeichere, aber ich bin zu unvorsorglich, um
-nicht den Genuß des Augenblicks der Ansammlung von Reichtümern für
-trübe Tage vorzuziehen.
-
-Meine Studien erstreckten sich im ersten Jahre auf Französisch,
-Deutsch, Geschichte, englischen Stil und englische Literatur. Im
-Französischen las ich einige Werke von Corneille, Moliere, Racine,
-Alfred de Musset, Sainte-Beuve und im Deutschen von Goethe und
-Schiller. In der Geschichte verschaffte ich mir einen raschen
-Ueberblick über den ganzen Zeitraum vom Untergange des Römischen
-Reiches bis zum achtzehnten Jahrhundert, und in der englischen
-Literatur studierte ich kritisch Miltons Gedichte und »Areopagitica«.
-
-Ich bin häufig gefragt worden, in welcher Weise ich die eigenartigen
-Schwierigkeiten, unter denen ich die Universität besuche, überwinde.
-Im Auditorium bin ich natürlich so gut wie allein. Der Professor ist
-so weit von mir entfernt, als ob er durch ein Telephon spräche. Die
-Vorlesungen werden mir so rasch wie möglich in die Hand buchstabiert,
-und in dem Bestreben, das Tempo innezuhalten, geht mir viel von der
-Individualität des Vortragenden verloren. Die Worte eilen durch meine
-Hand wie Hunde auf der Jagd nach einem Hasen, der ihnen aber oft
-entkommt. Aber in dieser Beziehung glaube ich nicht, daß ich viel
-schlechter daran bin als die Mädchen, die sich ihre Aufzeichnungen
-machen. Ist der Geist mit dem mechanischen Prozesse des Hörens
-beschäftigt und soll man zu gleicher Zeit das Gehörte in fliegender
-Eile zu Papier bringen, so kann man, glaube ich, weder dem behandelten
-Gegenstande noch der Art des Vortrags die gebührende Aufmerksamkeit
-zuwenden. Ich kann während der Vorlesungen keine Aufzeichnungen machen,
-weil meine Hände mit Aufmerken beschäftigt sind. Gewöhnlich schreibe
-ich mir dann zu Hause das, was ich behalten habe, nieder. Ich fertige
-meine Exerzitien, Aufsätze, Kritiken, die Arbeiten zu den Semester- und
-Jahresprüfungen auf meiner Schreibmaschine an, sodaß die Professoren
-keine Schwierigkeit haben, herauszufinden, wie wenig ich weiß. Als
-ich das Studium der lateinischen Prosodie begann, schrieb ich meinem
-Professor eine Reihe von Zeichen auf, die die verschiedenen Metra und
-Quantitäten kenntlich machen sollten, und erklärte sie ihm.
-
-Ich bediene mich der Hammond-Schreibmaschine. Ich habe viele Maschinen
-versucht, finde aber, daß die Hammondsche sich am besten für die
-Besonderheiten meiner Arbeit eignet. Bei dieser Maschine können
-Umschalttasten benutzt werden, und man kann deren mehrere haben, jede
-mit verschiedenen Typen -- Griechisch, Französisch oder Mathematik
--- entsprechend der Art von Schrift, die man auf der Schreibmaschine
-hervorbringen will. Wenn ich die Hammondsche Schreibmaschine nicht
-hätte, so würde ich wohl schwerlich die Universität besuchen können.
-
-Sehr wenige von den in den verschiedenen Kursen gebrauchten Bücher
-sind in Blindenschrift gedruckt, und ich muß sie mir in die Hand
-buchstabieren lassen. Infolgedessen brauche ich mehr Zeit zur
-Vorbereitung auf meine Lektionen als andere Mädchen. Die Handarbeit
-dauert länger, und ich habe mit Schwierigkeiten zu kämpfen, die sie gar
-nicht kennen. Es gibt Tage, an denen die gespannte Aufmerksamkeit, mit
-der ich die Einzelheiten verfolgen muß, mein Blut in Wallung bringt und
-der Gedanke, daß ich stundenlang dasitzen muß, um ein paar Kapitel zu
-lesen, während andere Mädchen lachen, singen und tanzen, mich rasend
-macht; aber bald gewinne ich meinen Gleichmut wieder und lache mir die
-Unzufriedenheit vom Herzen herunter. Denn alles in allem muß jeder,
-der zur wahren Erkenntnis hindurchdringen will, den Berg Schwierigkeit
-allein erklimmen, und da für mich keine breite gerade Straße auf den
-Gipfel führt, so muß ich ihn eben auf dem für mich bestimmten Pfade im
-Zickzack zu erreichen suchen. Ich gleite häufig zurück, ich falle, ich
-stehe still, ich stoße gegen die Ecken verborgener Hindernisse, ich
-verliere meine gute Laune, bekomme sie wieder und halte sie von da an
-fester, ich schleppe mich weiter, komme eine kleine Strecke vorwärts,
-fühle neuen Mut, werde immer eifriger und klimme immer höher und höher,
-bis ich endlich den Horizont sich weiten sehe. Jeder Kampf ist ein
-Sieg. Noch eine letzte Anstrengung, und ich erreiche die leuchtende
-Wolke, die blauen Himmelstiefen, das Land meiner Sehnsucht da droben.
-Bei diesen Kämpfen stehe ich jedoch nicht stets allein. Herr William
-Wade und Herr E. E. Allen, der Leiter des pennsylvanischen Instituts
-für den Blindenunterricht, haben mir viele der erforderlichen Bücher
-in Hochdruck besorgt. Mit ihrer liebenswürdigen Aufmerksamkeit haben
-sie mir mehr Hilfe und Ermutigung gebracht, als sie es selbst je ahnen
-können.
-
-Im vergangenen Jahre, dem zweiten, das ich im Radcliffe College
-zubrachte, beschäftigte ich mich mit englischer Stillehre, mit der
-Bibel vom literarischen Standpunkte aus, den politischen Verhältnissen
-Amerikas und Europas, den horazischen Oden und der lateinischen
-Komödie. Der Unterricht im englischen Stil war mir der liebste, weil
-er sehr lebendig war. Die Vorlesungen waren stets interessant und
-geistvoll; denn der Professor, Herr Charles Townsend Copeland, trägt
-die Hauptwerke der Literatur in all ihrer ursprünglichen Frische und
-Gewalt vor. Eine kurze Stunde darf man die ewige Schönheit der alten
-Meister ohne unnötige Erklärungen und Zergliederungen genießen und
-sich ihrer erhabenen Gedanken erfreuen; mit ganzer Seele kann man
-sich der milden Erhabenheit des Alten Testaments hingeben, ohne an
-das Dasein Jahwes und Elohims zu denken, und man geht nach Hause mit
-dem Bewußtsein, daß man einen Schimmer von jener Vollendung erhascht
-hat, bei der Geist und Form in ewiger Harmonie verschmolzen sind und
-Wahrheit und Schönheit dem alten Stamme der Zeit neues Wachstum bringen.
-
-Dieses Jahr ist das glücklichste für mich, weil ich Gegenstände
-studiere, die mich besonders interessieren: Nationalökonomie, Literatur
-der elisabethanischen Zeit, Shakespeare unter Professor George L.
-Kittredge und Geschichte der Philosophie unter Professor Josiah
-Royce. Durch die Philosophie lernt man sich verständnisvoll in die
-Ueberlieferungen alter Zeiten und andere Denkweisen zu versenken, die
-einem vorher seltsam und unvernünftig vorgekommen sind.
-
-Aber das College ist nicht das universale Athen, für das ich es
-gehalten habe. Man tritt hier nicht den großen, weisen Männern Auge in
-Auge gegenüber, man fühlt nicht ihren belebenden Hauch. Zwar sind sie
-gegenwärtig, das muß zugegeben werden, aber sie scheinen mumifiziert
-zu sein. Wir müssen sie von der sie umgebenden Hülle von Gelehrsamkeit
-befreien, sie zergliedern und analysieren, ehe wir sicher sein können,
-daß wir einen Milton oder Jesaias vor uns haben und nicht nur eine
-geschickte Nachahmung. Wie mir scheint, vergessen viele Gelehrte,
-daß unser Genuß an den großen Werken der Literatur mehr von der
-Tiefe unseres Mitempfindens als von der Schärfe unseres Verstandes
-abhängt. Der Hauptübelstand ist der, daß sehr wenige ihrer mühsamen
-Erläuterungen im Gedächtnis haften. Der Geist wirft sie ab, wie ein
-Baum seine reifen Früchte abwirft. Man vermag eine Blume zu kennen,
-Wurzel und Stengel und alles, ebenso den ganzen Wachstumsprozeß und ist
-vielleicht doch nicht imstande, die Schönheit der frisch im Tau des
-Himmels gebadeten Blume zu würdigen. Immer und immer wieder frage ich
-ungeduldig: „Was sollen mir all diese Erläuterungen und Hypothesen?“
-Sie schwirren in meinem Geiste hin und her gleich blinden Vögeln,
-die die Luft mit ihren kraftlosen Schwingen zu zerteilen suchen. --
-Ich wende mich nicht gegen eine gründliche Kenntnis der berühmten
-Werke, die wir lesen, sondern nur gegen die endlosen Kommentare und
-verwirrenden Kritiken, aus denen nur das eine hervorgeht, daß es mehr
-Ansichten als Menschen gibt. Wenn jedoch ein großer Gelehrter, wie
-Professor Kittredge erklärt, was der Meister sagt, so ist’s, „als werde
-dem Blinden ein neues Gesicht gegeben“. Er bringt uns Shakespeare, den
-Dichter, zurück.
-
-Es gibt jedoch Zeiten, in denen ich wünschte, ich könnte die Hälfte der
-Dinge, die ich mir zu lernen vornahm, streichen; denn der überbürdete
-Geist kann sich der Schätze nicht erfreuen, die er sich unter den
-größten Anstrengungen erworben hat. Es ist unmöglich, glaube ich, an
-einem Tage vier bis fünf verschiedene Bücher in verschiedenen Sprachen
-und über ganz verschiedene Gegenstände zu lesen und nicht die wahren
-Zwecke, wegen deren man liest, aus den Augen zu verlieren. Liest man
-hastig und nervös und denkt dabei an Zeugnisse und Prüfungen, so wird
-das Gehirn mit einer durcheinandergewürfelten Menge von Eindrücken
-belastet, für die es wenig Verwendung besitzt. Gegenwärtig ist mein
-Geist so sehr mit ganz heterogenen Dingen angefüllt, daß ich beinahe
-daran verzweifle, je wieder Ordnung in ihm zu schaffen. So oft ich die
-Gegend betrete, die einst das Reich meines Geistes war, so komme ich
-mir vor, wie der Stier im Porzellanladen, wie das bekannte Sprichwort
-sagt. Wie Hagelkörner sausen mir Tausende von winzigen Kleinigkeiten um
-den Kopf, und wenn ich mich ihnen zu entziehen versuche, so verfolgen
-mich Aufsatzgespenster und Vorlesungskobolde aller Art, bis ich wünsche
--- o möge mir dieser verruchte Wunsch verziehen werden! -- die Idole
-zerschmettern zu können, die anzubeten ich hierher kam.
-
-Aber die Prüfungen sind doch die Hauptschrecken meines Collegelebens.
-Obgleich ich ihnen schon oft Auge in Auge gegenübergestanden, sie zu
-Boden geschmettert und in den Staub getreten habe, so erheben sie sich
-doch immer wieder von neuem und drohen mir bleichen Angesichts, bis ich
-mich ganz mutlos fühle. Die Tage, die diesen hochnotpeinlichen Verhören
-vorangehen, werden darauf verwandt, den Geist mit mystischen Formen und
-unverdaulichen Daten -- unschmackhaftem Zeuge -- vollzustopfen, bis man
-wünscht, daß Bücher, Wissenschaft und man selbst auf dem Grunde des
-Meeres läge, wo es am tiefsten ist.
-
-Endlich naht die gefürchtete Stunde, und glücklich die, die sich
-gerüstet fühlt, und zur rechten Zeit imstande ist, Gedanken, die ihr
-in dieser höchsten Not von Nutzen sein können, zu ihrem Beistande
-herbeizurufen. Es kommt nur zu häufig vor, daß der Trompetenstoß
-ungehört verhallt. Es ist im höchsten Grade verwirrend und erbitternd,
-daß gerade in dem Augenblick, in dem man sein Gedächtnis und einen
-scharfen Unterscheidungssinn am nötigsten hat, diese beiden Dinge
-Flügel erhalten und davonflattern. Die Kenntnisse, die man sich mit so
-unendlicher Mühe angeeignet hat, lassen einem im Notfalle unfehlbar im
-Stich.
-
-„Geben Sie mir einen kurzen Ueberblick über Huß und seine Bedeutung!“
--- Huß? Wer war denn das, und was hat er doch gleich getan? Der Name
-klingt so seltsam vertraut. Man wühlt seinen Vorrat historischer
-Kenntnisse um und um, genau so, als wollte man nach einem Stückchen
-Seide in einem Lumpensack suchen. Man ist überzeugt, es steckt irgendwo
-im Gedächtnisse ganz oben -- man weiß, man hat es erst ganz kürzlich
-gesehen, als man den Beginn der Reformation betrachtete. Aber wo ist
-es nun? Man fischt allerhand Wissensbrocken heraus -- Revolutionen,
-Schismen, Niedermetzelungen, Regierungssysteme -- aber Huß, wo steckt
-der? Man wundert sich über das, was man alles weiß, was aber jetzt
-nicht in Frage kommt. In der Verzweiflung packt man seinen Sack und
-schüttet ihn um, und dort in einem Winkel steckt der betreffende Mann
-und brütet unbekümmert über seinen Privatgedanken, ohne eine Ahnung von
-dem Unheil zu haben, das er über unsereinen gebracht hat.
-
-Gerade in diesem Augenblick aber kündigt der Examinator an, daß die
-Frist um ist. Mit einem Gefühl des äußersten Ekels wirft man die Masse
-Gerümpel in eine Ecke und geht nach Hause, den Kopf angefüllt mit
-revolutionären Plänen, die die Abschaffung des göttlichen Rechtes der
-Professoren bezwecken, Fragen ohne die Genehmigung der Befragten zu
-stellen.
-
-Es mag sein, daß ich auf den letzten zwei bis drei Seiten dieses
-Kapitels Redewendungen gebraucht habe, wegen deren man mich auslachen
-wird. Ach ja, hier sind sie -- die hinkenden Gleichnisse, die sich vor
-mich hinstellen und mich verhöhnen, indem sie auf den von Hagelkörnern
-umwirbelten Stier im Porzellanladen und die Schreckensgespenster mit
-bleichem Antlitz -- eine noch nicht analysierte Art -- hinweisen.
-Laßt sie höhnen! Die Worte schildern so getreu die Atmosphäre sich
-drängender und überstürzender Gedanken, in der ich lebe, daß ich sie
-mir später noch einmal vergegenwärtigen möchte, um dann eine ernste
-Miene anzunehmen und zu erklären, daß sich meine Ansichten über die
-Universität geändert haben.
-
-Als mein Universitätsstudium noch im Schoße der Zukunft schlummerte,
-war es von einem Strahlenkranze von Romantik umwoben, den es
-jetzt eingebüßt hat; aber bei dem Uebergange von der Romantik zur
-Wirklichkeit habe ich vieles gelernt, was mir nie zum Bewußtsein
-gekommen sein würde, wenn ich dieses Experiment nicht unternommen
-hätte. Das eine ist die köstliche Wissenschaft der Geduld, die
-uns lehrt, daß wir unsere Bildung betreiben sollen, als wollten
-wir einen Spaziergang auf das Land machen, in voller Muße und mit
-Sinnen, die für die Eindrücke jeder Art ihre gastlichen Tore weit
-geöffnet haben. Solches Wissen überströmt unser innerstes Wesen mit
-einer unerschöpflichen Flutwoge tiefer Gedanken. Wissen ist Macht!
-Besser ausgedrückt: Wissen ist Glückseligkeit, denn der Besitz von
-Wissen -- umfassendem, tiefem Wissen -- ist gleichbedeutend mit der
-Fähigkeit, wahre Zwecke von falschen und erhabene Dinge von niedrigen
-zu unterscheiden. Die für den Fortschritt des Menschen entscheidenden
-Gedanken und Taten kennen, heißt den gewaltigen Pulsschlag der
-Menschheit über die Jahrhunderte hinweg fühlen, und wer in diesen
-Schlägen nicht ein himmelwärts gerichtetes Streben wahrnimmt, der muß
-in der Tat für die Harmonie des Lebens taub sein.
-
-
-
-
-Einundzwanzigstes Kapitel.
-
- Bücherstudium. -- Rückblick. -- Bibliothek in Boston. -- Heißhunger
- auf Bücher. -- »~Little Lord Fauntleroy~«. -- Lafontaines Fabeln.
- -- Begeisterung für das griechische Altertum. -- Ilias. -- Aeneis.
- -- Bibel. -- Shakespeare: Macbeth, König Lear. -- Geschichte. --
- Deutsche Literatur. -- Französische Literatur. -- Mark Twain. --
- Scott.
-
-
-Bisher habe ich die Ereignisse meines Lebens kurz skizziert, aber noch
-nicht davon gesprochen, wieviel ich den Büchern verdanke, nicht nur
-hinsichtlich des Genusses und der Belehrung, die sie allen bringen,
-die da lesen, sondern auch betreffs jener Kenntnisse, die andere durch
-Vermittelung ihrer Augen und Ohren erhalten. In der Tat haben Bücher in
-der Geschichte meiner Bildung eine soviel wesentlichere Rolle gespielt
-als bei anderen, daß ich bis auf die Zeit zurückgreifen muß, da ich
-lesen lernte.
-
-Meine erste zusammenhängende Geschichte las ich im Mai 1887, als ich
-sieben Jahre alt war, und von jenem Tage an bis zum gegenwärtigen
-Augenblicke habe ich alles, was in der Gestalt eines Hochdruckes in
-den Bereich meiner heißhungrigen Fingerspitzen geriet, förmlich
-verschlungen. Wie ich bereits erwähnt habe, erhielt ich während der
-ersten Jahre meiner Erziehung keinen regelmäßigen Unterricht; auch las
-ich nicht regelmäßig.
-
-Zuerst besaß ich nur wenig Bücher in Hochdruck -- »Fibeln« für
-Anfänger, eine Sammlung von Kindergeschichten und ein geographisches
-Buch, »~Our World~«. Ich denke, das war alles; aber ich las sie immer
-und immer wieder, bis die Worte so abgenutzt und abgegriffen waren,
-daß ich sie kaum noch erkennen konnte. Bisweilen las mir Fräulein
-Sullivan vor, indem sie mir kleine Geschichten und Gedichte in die Hand
-buchstabierte, von denen sie wußte, daß ich sie verstehen konnte; ich
-zog es jedoch vor, für mich selbst zu lesen, weil ich es liebte, das,
-was mir gefiel, immer und immer wieder zu lesen.
-
-Erst während meines ersten Besuches in Boston begann ich systematisch
-und mit vollem Ernste zu lesen. Es war mir gestattet worden, an
-jedem Tage eine bestimmte Zeit in der Bibliothek zu verweilen,
-von Bücherbrett zu Bücherbrett zu gehen und mir jedes Buch
-herunterzunehmen, auf das meine Finger stießen. Und ich las und las, ob
-ich nun ein Wort von zehn oder zwei Wörter auf einer Seite verstand.
-Die Wörter selbst übten eine Art von Zauber auf mich aus; aber ich
-hatte kein bewußtes Verständnis für das, was ich las. Mein Geist
-muß jedoch zu dieser Zeit sehr eindrucksfähig gewesen sein, denn er
-behielt viele Wörter und ganze Sätze, von deren Bedeutung ich nicht die
-mindeste Ahnung hatte, und als ich später zu sprechen und zu schreiben
-begann, kamen mir diese Wörter und Sätze ganz von selbst wieder ins
-Gedächtnis, sodaß sich meine Freunde über die Reichhaltigkeit meines
-Wortschatzes wunderten. Ich muß Abschnitte aus vielen Büchern (in
-jenen frühen Tagen habe ich, wie ich glaube, nie ein Buch vollständig
-gelesen) und eine große Menge Gedichte auf jene unverstandene Art
-gelesen haben, bis ich den »~Little Lord Fauntleroy~« entdeckte. Dies
-war das erste zusammenhängende Buch, das ich mit Verständnis las.
-
-Eines Tages fand mich meine Lehrerin in einer Ecke der Bibliothek, wie
-ich meine Finger über die Seiten von Hawthornes »~The Scarlet Letter~«
-gleiten ließ. Ich war damals ungefähr acht Jahre alt. Ich erinnere
-mich, daß sie mich fragte, ob mir little Pearl gefalle, und erklärte
-mir einige Worte, die ich nicht verstanden hatte. Dann erzählte sie
-mir, sie habe eine wunderhübsche Geschichte von einem kleinen Knaben,
-die mir sicherlich besser gefallen würde als »~The Scarlet Letter~«.
-Der Titel dieser Geschichte lautete »~Little Lord Fauntleroy~«, und
-sie versprach es mir im nächsten Sommer vorzulesen. Aber wir begannen
-mit dieser Lektüre erst im August; die ersten paar Wochen meines
-Aufenthaltes an der Küste waren so voller Entdeckungen und Aufregungen,
-daß ich darüber das Vorhandensein von Büchern ganz und gar vergaß. Dann
-reiste meine Lehrerin nach Boston, um einige Freunde zu besuchen, und
-ließ mich kurze Zeit allein.
-
-Nach ihrer Rückkehr war beinahe das erste, was wir taten, daß wir die
-Geschichte von dem »kleinen Lord Fauntleroy« zu lesen begannen. Ich
-erinnere mich noch deutlich der Zeit und des Platzes, wo wir die ersten
-Kapitel dieser reizenden Kindergeschichte lasen. Es war ein warmer
-Augustnachmittag. Wir saßen zusammen in einer Hängematte, die zwischen
-zwei mächtigen Fichten in der Nähe unseres Hauses befestigt war. Wir
-waren gleich nach dem zweiten Frühstück aufgebrochen, um möglichst
-viel Zeit für die Geschichte zu haben. Als wir durch das hohe Gras zu
-der Hängematte eilten, sprangen die Grillen in großer Menge um uns
-herum und blieben an unseren Kleidern hängen, und ich entsinne mich,
-daß meine Lehrerin darauf bestand, sie alle abzusammeln, ehe wir uns
-hinsetzten, was mir jedoch als unnötiger Zeitverlust erschien. Die
-Hängematte war mit Fichtennadeln bedeckt, denn sie war während der
-Abwesenheit meiner Lehrerin nicht benutzt worden. Die Sonne schien warm
-auf die Fichtennadeln, sodaß sie all ihren Wohlgeruch ausströmten. Die
-Luft war erquickend und hatte etwas von der Seeluft an sich. Ehe wir
-zu lesen begannen, erklärte mir Fräulein Sullivan alles, wovon sie
-wußte, daß ich es nicht verstehen würde, und während des Lesens selbst
-erklärte sie mir die unbekannten Wörter. Anfänglich waren es sehr
-viele Wörter, die ich nicht verstand, und die Lektüre wurde beständig
-unterbrochen; sobald ich aber die allgemeine Situation aufgefaßt hatte,
-wurde ich von der Erzählung selbst zu stark in Anspruch genommen,
-als daß ich auf einzelne Wörter geachtet hätte, und ich fürchte, ich
-paßte sehr wenig auf die Erläuterungen auf, die Fräulein Sullivan für
-nötig fand. Als ihre Finger zu müde waren, um noch ein weiteres Wort
-zu buchstabieren, hatte ich zum erstenmal ein deutliches Empfinden
-von meinem körperlichen Gebrechen. Ich nahm das Buch in meine Hände
-und versuchte die Buchstaben mit einer Sehnlichkeit des Verlangens zu
-fühlen, die ich nie werde vergessen können.
-
-Später übertrug Herr Anagnos auf mein inständiges Bitten die Erzählung
-in die Blindenschrift, und ich las sie immer und immer wieder, bis
-ich sie beinahe auswendig kannte, und während meiner Kinderzeit blieb
-der »kleine Lord Fauntleroy« mein holder, lieber Begleiter. Ich habe
-diese Einzelheiten mitgeteilt, selbst auf die Gefahr hin, langweilig
-zu erscheinen, weil sie in so starkem Gegensatze zu meinen sonstigen
-unbestimmten, schwankenden und verworrenen Erinnerungen an meine erste
-Lektüre stehen.[10]
-
-Von »~Little Lord Fauntleroy~« datiert sich der Beginn meines
-wirklichen Interesses an Büchern. Während der nächsten beiden Jahre
-las ich viele Bücher zu Hause und bei meinen Besuchen in Boston. Ich
-kann mich nicht auf alle entsinnen, auch nicht, in welcher Reihenfolge
-ich sie gelesen habe; aber ich weiß, daß sich unter ihnen befanden
-»Greek Heroes«, Lafontaines Fabeln, Hawthornes »~Wonder Book~«, »~Bible
-Stories~«, Lambs »~Tales from Shakespeare~«, »~A Child’s History of
-England~« von Dickens, »~The Arabian Nights~«, »~The Swiss Family
-Robinson~«, »~The Pilgrim’s Progress~«, »~Robinson Crusoe~«, »~Little
-Women~« und »~Heidi~«, eine hübsche kleine Geschichte, die ich später
-deutsch las. Ich las sie in den Pausen zwischen Unterricht und Spiel,
-mit einem sich immer mehr vertiefenden Verständnis. Ich studierte die
-Bücher nicht, noch analysierte ich sie -- ich wußte nicht, ob sie gut
-geschrieben waren oder nicht, ich dachte weder an ihren Stil noch an
-ihre Verfasser. Sie legten mir ihre Schätze zu Füßen, und ich nahm
-sie hin, wie wir den Sonnenschein und die Liebe unserer Angehörigen
-hinnehmen. Die Erzählung »~Little Women~« gefiel mir sehr gut, weil sie
-in mir das Gefühl der Verwandtschaft mit Mädchen und Knaben erweckte,
-die sehen und hören konnten. Da mein Leben in so vielen Beziehungen
-eingeengt war, mußte ich in Büchern nach der Kunde von einer Welt
-suchen, die außerhalb meiner eigenen lag.
-
-Lafontaines Fabeln las ich zuerst in einer englischen Uebersetzung,
-fand aber keinen rechten Geschmack an ihnen. Später las ich das Buch
-französisch; es gefiel mir aber trotz der in ihm enthaltenen lebhaften
-Schilderungen und der wunderbaren Beherrschung der Sprache nicht
-besser. Ich weiß nicht, woher dies kommen mag, aber Geschichten,
-in denen Tiere vorkommen, die wie menschliche Wesen sprechen und
-handeln, haben mich niemals besonders angesprochen. Die possierlichen
-Karikaturen der Tiere nehmen mein Interesse so in Anspruch, daß ich an
-die moralische Lehre gar nicht zu denken vermag.
-
-Ferner wendet sich Lafontaine selten, wenn überhaupt, an unser höheres
-moralisches Bewußtsein. Die höchsten Saiten, die er anschlägt, sind
-die der Vernunft und des Egoismus. Alle seine Fabeln durchzieht der
-Gedanke, daß die Sittlichkeit des Menschen ausschließlich aus dem
-Egoismus entspringe und daß, wenn dieser letztere durch die Vernunft
-geleitet und im Zaum gehalten werde, notwendig Glückseligkeit die Folge
-sein müsse. Nun ist aber, soweit ich zu urteilen vermag, der Egoismus
-die Wurzel alles Schlechten; ich habe aber natürlich vielleicht
-unrecht, denn Lafontaine hatte bessere Gelegenheit, die Menschen zu
-beobachten, als ich wahrscheinlich je haben werde. Ich wende mich
-nicht sowohl gegen die cynischen und satirischen Fabeln, wie vielmehr
-gegen diejenigen, in denen wichtige Wahrheiten von Füchsen und Affen
-gepredigt werden.
-
-Wohl aber liebe ich »~The Jungle Book~« und »~Wild Animals I Have
-Known~«. Für die Tiere selbst empfinde ich ein wahrhaftes Interesse,
-weil sie wirkliche Tiere und keine Karikaturen von Menschen sind. Man
-sympathisiert mit ihrer Liebe und ihrem Hasse, man lacht über ihre
-Possen und weint über ihre Leiden. Und wenn sie eine moralische Lehre
-verkünden, so ist diese so fein versteckt, daß wir uns ihrer gar nicht
-bewußt werden.
-
-Mit Freude und Bewunderung erfüllte mich die Betrachtung des
-klassischen Altertums. Griechenland, das alte Griechenland übte einen
-geheimnisvollen Zauber auf mich aus. In meiner Phantasie wandelten
-die heidnischen Götter und Göttinnen noch auf Erden und verkehrten
-persönlich mit den Menschen, und in meinem Herzen baute ich denen,
-die ich am meisten liebte, Altäre. Ich kannte und liebte die ganze
-Schar der Nymphen und Helden und Halbgötter -- nein, nicht alle, denn
-die Grausamkeit und Leidenschaftlichkeit Medeas und Jasons waren zu
-ungeheuerlich, um vergeben werden zu können, und ich habe mich stets
-gewundert, warum die Götter ihnen erst gestatteten, Böses zu tun, und
-sie dann für ihre Verruchtheit bestraften. Und das Geheimnis ist noch
-jetzt nicht gelöst. Ich wundere mich auch jetzt noch oft, warum
-
- Gott schweigen kann, da doch die Sünde
- Kriecht grinsend durch das hehre Haus der Zeit. --
-
-Es war die Ilias, die mir Griechenland zum Paradiese machte. Ich war
-mit der Geschichte von Troja vertraut, ehe ich sie noch im Original
-las, und stieß infolgedessen auf geringe Schwierigkeiten, als ich daran
-ging, die Schätze, die in dem griechischen Text verborgen liegen, zu
-heben, nachdem ich einmal die Vorhalle der Grammatik durchschritten
-hatte. Wahre Poesie, mag sie in griechischer oder englischer
-Sprache geschrieben sein, bedarf keines anderen Auslegers als eines
-empfänglichen Herzens. Möchte doch die Menge der Philologen, die die
-großen Werke der Dichter durch ihre Analyse, ihre Interpolationen
-und mühsamen Kommentare ungenießbar machen, diese einfache Wahrheit
-einsehen! Es ist nicht notwendig, daß man imstande sei, jedes Wort
-zu erklären und ihm seine grammatische Stellung im Satze anzuweisen,
-um ein schönes Gedicht zu verstehen und zu würdigen. Ich weiß, meine
-gelehrten Professoren haben größere Reichtümer in der Ilias gefunden,
-als ich je finden werde; ich bin aber nicht scheelsüchtig. Ich bins
-zufrieden, daß andere klüger sind als ich. Aber all ihr umfassendes und
-gründliches Wissen kann ebensowenig den Maßstab für ihren Genuß an dem
-herrlichen Epos abgeben wie mein lückenhaftes Wissen für meinen Genuß.
-Wenn ich die schönsten Stellen der Ilias lese, so werde ich mir einer
-Seelenkraft bewußt, die mich weit über die engen, mich einzwängenden
-Schranken meines Daseins hinaushebt. Meine physischen Gebrechen sind
-vergessen -- meine Welt liegt droben, der ganze Himmel gehört mir, so
-weit und hoch er sich wölbt.
-
-Meine Bewunderung für die Aeneis ist nicht so groß, aber nicht
-weniger echt. Ich lese sie soviel wie möglich ohne die Hilfe von
-Anmerkungen oder Wörterbuch und finde stets Genuß an der Uebersetzung
-der Episoden, die mir besonders gefallen. Vergils Schilderungen sind
-manchmal prachtvoll; aber seine Götter und Menschen bewegen sich in
-Leidenschaft, Streit, Mitleid und Liebe wie die anmutigen Gestalten in
-einem Maskenspiel aus der Zeit der Königin Elisabeth, während sie in
-der Ilias jauchzend emporspringen und singend einhergehen. Vergil ist
-heiter und lieblich wie ein marmorner Apollon im Mondschein; Homer ist
-ein schöner, lebender Jüngling im vollen Sonnenschein, dessen Locken im
-Winde flattern.
-
-Wie leicht ist es doch, mittels papierner Schwingen zu fliegen!
-Zwischen den »Griechischen Helden« und der Ilias lag eine Strecke, die
-ich nicht an einem Tage habe zurücklegen können; auch war die Reise
-nicht allzu angenehm. Man hätte vielmal rund um die Erde reisen können,
-während ich mir meinen steilen Pfad mühsam durch labyrinthische Massen
-von Grammatiken und Wörterbüchern bahnte oder in jene furchtbaren
-Fallgruben, Examina genannt, stürzte, die von Schulen und Universitäten
-zum Verderben derer angelegt werden, die Erkenntnis suchen. Ich glaube,
-diese Pilgerfahrt wird durch die Erreichung des Zieles gerechtfertigt;
-allein sie erschien mir endlos trotz der schönen, überraschenden
-Ausblicke, die ich dann und wann bei einer Biegung der Straße hatte.
-
-In der Bibel begann ich zu lesen, lange bevor ich sie verstehen konnte.
-Jetzt erscheint es mir seltsam, daß es je eine Zeit gegeben haben
-soll, in der meine Seele gegen die wunderbaren Harmonien der Bibel
-taub war; aber ich entsinne mich noch ganz gut eines regnerischen
-Sonntagvormittags, als ich nichts anderes zu tun hatte und daher
-meine Cousine bat, mir eine Geschichte aus der Bibel vorzulesen.
-Obgleich sie nicht glaubte, daß ich sie verstehen würde, begann
-sie mir die Geschichte von Josef und seinen Brüdern in die Hand zu
-buchstabieren. Aber sie interessierte mich nicht. Die ungewöhnliche
-Sprache und die fortwährenden Wiederholungen ließen mir die Geschichte
-als unglaubwürdig erscheinen, besonders da sie in dem weit entlegenen
-Lande Kanaan spielte; ich schlief ein und wanderte in das Land der
-Träume hinüber, ehe die Brüder mit dem bunten Rock in das Zelt Jakobs
-kamen und ihre verruchten Lügen vorbrachten! Ich kann nicht begreifen,
-aus welchem Grunde die Erzählungen der Griechen für mich so voller
-Reiz und die der Bibel so interesselos gewesen waren, wenn dies nicht
-vielleicht daher rührte, daß ich in Boston die Bekanntschaft mehrerer
-Griechen gemacht hatte und durch deren Begeisterung für die Sagen
-des Vaterlandes angesteckt worden war, während ich noch mit keinem
-einzigen Hebräer oder Aegypter zusammengekommen war und daher zu der
-Ueberzeugung gelangte, daß diese Völker nichts als Barbaren und die
-Geschichten über sie alle wahrscheinlich erdichtet seien, eine Annahme,
-die die vielen Wiederholungen und die sonderbaren Namen erklärte.
-Seltsam, es war mir nie eingefallen, die griechischen Patronymika
-»sonderbar« zu finden.
-
-Wie soll ich aber von den Herrlichkeiten sprechen, die ich seitdem in
-der Bibel entdeckt habe? Jahrelang habe ich dieses Buch der Bücher
-mit immer wachsendem Entzücken und begeistertem Genuß gelesen, und
-ich liebe es, wie ich kein anderes Buch liebe. Es steht zwar vieles
-in der Bibel, gegen das sich jede Faser meines Wesens so sehr empört,
-daß ich die Notwendigkeit bedaure, die mich zwang, sie von Anfang bis
-zu Ende zu lesen. Ich glaube nicht, daß die Kenntnis, die ich von der
-Geschichte ihrer Entstehung und ihren Quellen gewonnen habe, mich
-für die widerwärtigen Einzelheiten entschädigt, auf die ich meine
-Aufmerksamkeit habe lenken müssen. Ich für meinen Teil wünsche mit
-Herrn Howells, daß die Literatur der Vergangenheit von allem häßlichen
-und barbarischen gesäubert werden möge, obgleich ich mich ebenso sehr
-dagegen sträube, daß diese großen Werke verstümmelt oder verfälscht
-werden.
-
-In der Schlichtheit und der furchtbaren Folgerichtigkeit des
-Buches Esther liegt etwas Wirkungsvolles und Erhabenes. Kann etwas
-dramatischer sein als die Szene, in der Esther vor ihrem schändlichen
-Herrn steht? Sie weiß, ihr Leben liegt in seiner Hand, es gibt keinen
-Schutz für sie gegen seine Gewalttätigkeit. Und doch bezwingt sie ihre
-weibliche Furcht und nähert sich ihm, beseelt von der edelsten Liebe zu
-ihrem Volke und nur von dem einen Gedanken beherrscht: Wenn ich sterbe,
-so sterbe ich; wenn ich aber am Leben bleibe, so soll mein Volk auch am
-Leben bleiben.
-
-Auch die Geschichte von Ruth -- wie echt orientalisch ist sie! Und
-doch wie verschieden ist das Leben dieser einfachen Landleute von dem
-Leben und Treiben am Hofe des Perserkönigs! Ruth ist so pflichtgetreu
-und gutherzig, daß wir sie notgedrungen lieben müssen, wie sie unter
-den Schnittern in dem wogenden Kornfelde steht. Ihre edle, selbstlose
-Gesinnung glänzt hell wie ein strahlender Stern in der Nacht einer
-finsteren und grausamen Zeit. Eine Liebe wie die Ruths, eine Liebe,
-die sich über feindliche Glaubenssatzungen und tiefgewurzelte
-Rassenvorurteile hinwegzusetzen vermag, ist in der ganzen Welt selten
-zu finden.
-
-Die Bibel predigt mir den tiefen, tröstlichen Gedanken, daß die
-„sichtbaren Dinge zeitlich, die unsichtbaren ewig sind“.
-
-Seitdem ich Bücher zu lieben imstande bin, kann ich mich keines
-Zeitpunktes entsinnen, in dem ich Shakespeare nicht geliebt hätte. Ich
-kann nicht genau angeben, wann ich Lambs »~Tales from Shakespeare~«
-zu lesen begann; ich weiß nur, daß ich sie zuerst mit kindlichem
-Verständnis und kindlichem Staunen las. »Macbeth« scheint auf mich den
-tiefsten Eindruck gemacht zu haben. Ein einmaliges Lesen genügte, jede
-Einzelheit der Erzählung meinem Gedächtnisse für immer einzuprägen.
-Lange Zeit hindurch verfolgten mich die Geister und Hexen sogar bis in
-meine Träume. Ich konnte den Dolch und Lady Macbeths kleine weiße Hand
-sehen, buchstäblich sehen -- der furchtbare Fleck stand so leibhaft vor
-meinem inneren Auge, wie die von ihrem Gewissen gefolterte Königin.
-
-»König Lear« las ich kurze Zeit nach »Macbeth«, und ich werde nie das
-Grauen vergessen, das mich befiel, als ich zu der Szene kam, in der
-Gloster die Augen ausgestochen werden. Zorn erfaßte mich, meine Finger
-wollten nicht weiter, ich saß lange Zeit starr da, das Blut hämmerte
-in meinen Schläfen, und aller Haß, dessen ein Kind fähig ist, stieg in
-meinem Herzen auf.
-
-Die Bekanntschaft mit Shylock und Satan muß ich ungefähr um dieselbe
-Zeit gemacht haben, denn die beiden Charaktere waren lange in meinem
-Geiste miteinander verbunden. Ich erinnere mich, daß sie mir leid
-taten. Ich hatte die unbestimmte Empfindung, daß sie nicht gut sein
-konnten, selbst wenn sie gewollt hätten, weil niemand bereit schien,
-ihnen zu helfen oder Gelegenheit zu bieten, ihre Güte zu betätigen.
-Selbst jetzt kann ich es nicht über mein Herz bringen, sie gänzlich zu
-verurteilen. Es gibt Augenblicke, in denen ich die Empfindung habe,
-Männer wie Shylock, wie Judas und selbst der Teufel seien zerbrochene
-Speichen in dem großen Rade des Guten, die der Meister zu gehöriger
-Zeit schon wieder ausbessern wird.
-
-Es erscheint seltsam, daß meine erste Shakespeare-Lektüre so viele
-unangenehme Erinnerungen bei mir hinterlassen hat. Die heiteren,
-anmutigen, phantasievollen Stücke scheinen anfangs keinen Eindruck
-auf mich gemacht zu haben, vielleicht weil sie den Sonnenschein und
-die Heiterkeit, die in der Regel über dem Leben eines Kindes lagern,
-wiederspiegeln. Aber nichts ist launenhafter als das Gedächtnis eines
-Kindes betreffs dessen, was es behalten und was es nicht behalten will.
-
-Seitdem habe ich Shakespeares Stücke zu wiederholtenmalen gelesen
-und kenne Stellen aus ihnen auswendig, aber ich kann nicht angeben,
-welches von ihnen mir am besten gefällt. Mein Genuß an ihnen wechselt
-mit meiner Stimmung. Die kleinen Liedchen und die Sonette schätze ich
-in ihrer wunderbaren Frische ebenso hoch wie die Dramen. Aber bei
-all meiner Liebe für Shakespeare fällt mir es oft schwer, aus seinen
-Versen alle Bedeutungen herauszulesen, die Kritiker und Erklärer ihnen
-untergeschoben haben. Ich habe den Versuch gemacht, ihre Erläuterungen
-zu behalten, aber ich habe bald entmutigt davon Abstand genommen, und
-einen heimlichen Vertrag mit mir selbst geschlossen, keinen weiteren
-Versuch zu unternehmen. Diesen Vertrag habe ich nur einmal gebrochen,
-und zwar bei meinem Studium Shakespeares unter Leitung Professor
-Kittredges. Ich weiß, es gibt viele Dinge in Shakespeare und in der
-Welt, die ich nicht verstehe, und ich bin froh, zu sehen, wie sich
-allmählich Schleier nach Schleier lüftet und mir neue Reiche des
-Gedankens und der Schönheit enthüllt.
-
-Nächst der Poesie liebe ich Geschichte. Ich habe jedes historische Werk
-gelesen, auf das ich meine Hände habe legen können, von der Aufzählung
-trockener Tatsachen und noch trockenerer Daten bis hin zu Greens
-unparteiischer und glänzend geschriebener »~History of the English
-People~«; von Freemans »~History of Europe~« bis zu Emertons »~Middle
-Ages~«. Das erste Buch, durch das ich einen richtigen Begriff von dem
-Werte der Geschichte erhielt, war Swintons »~World’s History~«, die
-ich an meinem dreizehnten Geburtstage erhielt. Obgleich ich glaube,
-daß das Werk gegenwärtig als veraltet angesehen wird, betrachte ich
-es doch immer noch als einen wertvollen Schatz. Aus ihm habe ich
-gelernt, wie sich die Menschenrassen über die Erde verbreitet und große
-Städte erbaut haben, wie einige große Herrscher, irdische Titanen,
-alles unterworfen und durch ein einziges Wort Millionen den Zugang zum
-Glücke geöffnet, aber vor noch mehr Millionen denselben verschlossen
-haben, wie verschiedene Völker in Kunst und Wissenschaft Pionierdienste
-geleistet und den Grund zu den bedeutenderen Leistungen künftiger
-Zeiten gelegt haben, wie die Kultur gleichsam zum Brandopfer eines
-entarteten Geschlechtes wurde und einem Phönix gleich unter den edleren
-Söhnen des Nordens wieder erstand und wie große, weise Männer durch
-Pflege der Freiheit, Duldung und Bildung den Weg für die Erlösung der
-ganzen Welt gebahnt haben.
-
-Durch die Universitätsvorlesungen wurde ich auch einigermaßen mit der
-französischen und deutschen Literatur bekannt. Der Deutsche zieht
-sowohl im Leben wie in der Literatur Kraft der Schönheit und Wahrheit
-dem Herkommen vor. Es liegt eine Stärke in allem, was er tut, die mit
-der Gewalt eines Schmiedehammers wirkt. Wenn er spricht, so geschieht
-es nicht, um andere zu überzeugen, sondern weil sein Herz springen
-würde, wenn er den Gedanken, die in seiner Seele brennen, keinen Ausweg
-eröffnete.
-
-Ferner liegt in der deutschen Literatur eine keusche Zurückhaltung, die
-mir sympathisch ist; ihr größter Ruhm aber besteht meines Erachtens in
-der Anerkennung der erlösenden Macht der selbstaufopfernden Liebe des
-Weibes, die sich in ihr findet. Dieser Gedanke durchdringt die gesamte
-deutsche Literatur und findet in mystischer Weise seinen Ausdruck in
-Goethes »Faust«:
-
- Alles Vergängliche
- Ist nur ein Gleichnis;
- Das Unzulängliche,
- Hier wird’s Ereignis;
- Das Unbeschreibliche,
- Hier ist’s getan;
- Das Ewig-Weibliche
- Zieht uns hinan.[11]
-
-Von allen französischen Schriftstellern, die ich gelesen habe, sagen
-mir Molière und Racine am meisten zu. Bei Balzac finden sich einzelne
-Schönheiten und bei Merimée Stellen, die wie ein frischer Windstoß
-von der See her wirken. Alfred de Musset ist unmöglich. Ich bewundere
-Victor Hugo -- ich schätze sein Genie, seine glänzende Sprache, seine
-Romantik; trotzdem gehört er nicht zu meinen Lieblingsschriftstellern.
-Goethe und Schiller, überhaupt alle großen Dichter großer Völker sind
-Verkünder ewiger Wahrheiten, und mein Geist folgt ihnen verehrungsvoll
-in die Regionen, wo das Schöne, Wahre, Gute eins sind.
-
-Ich fürchte, ich bin in der Aufzählung meiner Lieblingsbücher zu
-ausführlich geworden, und doch habe ich nur die Schriftsteller erwähnt,
-die mir am besten gefallen; dabei könnte man leicht auf die Vermutung
-kommen, daß mein Freundeskreis sehr engbegrenzt und undemokratisch sei,
-und doch wäre dies ein gewaltiger Irrtum. Ich habe viele Schriftsteller
-aus mancherlei Gründen gern, -- Carlyle wegen seiner Rauheit und
-seiner Verhöhnung alles falschen Wesens, Wordsworth, der die Einheit
-von Mensch und Natur lehrt; ich finde einen hohen Genuß an den
-Seltsamkeiten und Abenteuerlichkeiten Hoods, an Herricks Zierlichkeit
-und dem Duft von Rosen und Lilien, den seine Verse ausströmen; ich
-liebe Whittier wegen seiner Begeisterung und sittlichen Geradheit.
-Ich kenne ihn persönlich, und die Erinnerung an unsere Freundschaft
-verdoppelt den Genuß, den ich beim Lesen seiner Gedichte empfinde.
-Ich liebe Mark Twain -- wer tut dies nicht? Auch die Götter haben ihn
-geliebt und in sein Herz alle Keime der Weisheit gepflanzt, auch aus
-Furcht, er könne Pessimist werden, über seinen Geist den Regenbogen
-der Liebe und des Glaubens gespannt. Ich liebe Scott wegen seiner
-Frische, und seiner stürmisch sich Bahn brechenden Rechtlichkeit. Ich
-liebe alle Schriftsteller, deren Empfindungen wie bei Lowell in dem
-Sonnenschein des Optimismus emporquellen, Jungbrunnen der Freude und
-des guten Willens, die gelegentlich auch einen Zornesspritzer von sich
-geben und eine erquickende Atmosphäre von Liebe und Erbarmen um sich
-her verbreiten.
-
-Mit einem Worte, die Literatur ist mein Utopien. Hier bin ich von
-keinem Rechte ausgeschlossen. Keine Sinnesschranke schließt mich von
-dem wohltuenden, genußreichen Verkehr mit meinen Lieblingsbüchern aus;
-sie sprechen frei und unbehindert zu mir. Alle Schulweisheit erscheint
-mir lächerlich gering gegenüber der „weltumspannenden Liebe und
-himmlischen Barmherzigkeit“, die sich in ihnen ausspricht.
-
- [10] Vergl. S. 67, 154.
-
- [11] Im Original sind die Goetheschen Verse in einer, nebenbei
- bemerkt mittelmäßigen, englischen Uebersetzung wiedergegeben
- und lauten hier:
-
- “~All things transitory
- But as symbols are sent.
- Earth’s insufficiency
- Here grows to event.
- The indescribable
- Here it is done.
- The Woman-Soul leadeth us
- Upward and on!~”
-
-
-
-
-Zweiundzwanzigstes Kapitel.
-
- Liebe zur Natur. -- Körperliche Uebungen. -- Rudern. -- Segeln.
- -- Halifax. -- Regatta. -- Sturm. -- Aufenthalt in Wrentham. --
- Weltbegebenheiten. -- Krieg mit Spanien. -- Soziale Kämpfe. --
- Unterschied zwischen Stadt und Land. -- Soziales Mitgefühl. --
- Spaziergänge. -- Radfahren. -- Liebe zu Hunden. -- Dame- und
- Schachspiel. -- Liebe zu Kindern. -- Museen und Kunstsammlungen. --
- Theaterbesuch. -- Zeitweiliges Gefühl der Vereinsamung.
-
-
-Ich hoffe, meine Leser werden aus dem vorhergehenden Kapitel, das
-sich mit meiner Lektüre beschäftigt, nicht etwa die Folgerung ziehen,
-daß Bücher meine einzige Unterhaltung bilden; meine Unterhaltung und
-Erholung sind sehr mannigfaltiger Art.
-
-Mehr als einmal habe ich in dem Verlauf meiner Selbstbiographie meine
-Liebe zur Natur und zu körperlichen Uebungen im Freien erwähnt. Schon
-als ich ein ganz kleines Mädchen war, lernte ich rudern und schwimmen,
-und wenn ich mich im Sommer in Wrentham in Massachusetts aufhalte, so
-verbringe ich den größten Teil meiner Zeit im Boote. Nichts gewährt
-mir größeres Vergnügen, als meine Freunde, die mich besuchen, auf
-den Fluß hinauszurudern. Selbstverständlich kann ich das Boot nicht
-gut allein leiten. In der Regel sitzt jemand am Steuer und lenkt es,
-während ich rudere. Bisweilen rudere ich jedoch auch ohne Steuer. Es
-ist ganz amüsant, an den Wasserrosen und Wasserlilien oder an den
-Büschen, die das Ufer umsäumen, entlangzufahren. Ich benutze Ruder mit
-Lederstrippen, durch die sie in ihrer Lage in den Dollen festgehalten
-werden, und merke an dem Widerstande des Wassers, wann sich die
-Ruder im Gleichgewichte befinden. In derselben Weise kann ich auch
-erkennen, wann ich gegen den Strom rudere. Ich liebe den Kampf mit
-Wind und Wellen. Was wirkt erfrischender auf unser Gemüt, als wenn
-unser kleines festes Boot, unserem Willen und unserer Muskelkraft
-gehorchend, leicht über die glitzernden, auf und nieder tanzenden
-Wellen dahinschießt und wir das beständige, unwiderstehliche Anbranden
-des Wassers spüren!
-
-Ebenso liebe ich das Canoefahren, und ich glaube, der Leser wird
-lächeln, wenn ich erkläre, daß ich es namentlich in mondhellen Nächten
-liebe. Zwar kann ich den Mond nicht hinter den Fichten am Himmel
-emporsteigen und leise an der klaren Wölbung dahingleiten sehen und
-auch nicht den leuchtenden Pfad, den sein Licht in dem Wasser bildet;
-aber ich weiß es, Frau Luna ist da, und wenn ich auf meine Kissen
-zurückgelehnt liege und meine Hand ins Wasser halte, so stelle ich
-mir vor, sie berühre mich im Vorüberschreiten mit dem Saum ihres
-Gewandes. Bisweilen schlüpft mir ein kühnes Fischlein zwischen den
-Fingern hindurch, und oft streift eine Wasserlilie leise meine Hand.
-Häufig werde ich mir der Weite des mich umgebenden Luftraumes bewußt,
-wenn wir unter der Wölbung überhängender Büsche herauskommen. Eine
-leuchtende Wärme scheint mich dann zu umfluten. Ob dies von den Bäumen
-herrührt, die von der Sonne erwärmt wurden, oder vom Wasser, kann ich
-nicht sagen. Ich habe es an kalten, stürmischen Tagen und in der Nacht
-gespürt. Es ist wie der Kuß von warmen Lippen auf mein Gesicht.
-
-Mein Lieblingsvergnügen ist das Segeln. Im Sommer 1901 besuchte ich
-Neuschottland und hatte dort mehrmals Gelegenheit, den Ozean kennen zu
-lernen, wie ich sie noch nie zuvor gehabt hatte. Nachdem ich einige
-Tage in der Heimat Evangelines zugebracht hatte, um die Longfellows
-schönes Gedicht einen berückenden Zauber gewoben hat, gingen Fräulein
-Sullivan und ich nach Halifax, wo wir den größten Teil des Sommers
-über blieben. Der Hafen war unsere Freude, unser Paradies! Was für
-herrliche Segelfahrten unternahmen wir nach Bedford Basin, Mc. Nabbs
-Island, York Redoubt und nach dem Northwest Arm! Und nachts, was
-verbrachten wir da für erquickende, wunderbare Stunden zwischen den
-großen Kriegsschiffen! O, es war alles so interessant, so schön! Die
-Erinnerung daran ist mir eine Freude für immer.
-
-Eines Tages erlebten wir ein schreckliches Abenteuer. Es fand eine
-Regatta im Northwest Arm statt, an der die Boote der verschiedenen
-Kriegsschiffe teilnahmen. Wir fuhren mit vielen anderen in einem
-Segelboot hin, um uns die Wettfahrten mit anzusehen. Hunderte von
-kleinen Segelbooten schaukelten auf und nieder, und die See war
-still. Als die Wettfahrten vorüber waren und wir uns auf den Heimweg
-machten, entdeckte jemand von der Gesellschaft eine schwarze Wolke,
-die sich von der See aus näherte und immer größer und dichter wurde,
-bis sie den ganzen Himmel bedeckte. Der Wind erhob sich, und die Wogen
-brandeten zornig gegen unsichtbare Schranken an. Unser kleines Boot
-nahm furchtlos den Kampf auf; mit gespannten Segeln und straffen Tauen
-schoß es pfeilschnell vor dem Winde dahin. Jetzt verschwand es in
-den Wirbeln, jetzt tanzte es auf dem Kamme einer riesigen Woge, aber
-nur, um im nächsten Augenblicke unter furchtbarem Brausen und Zischen
-wieder in die Tiefe zu schießen. Das Hauptsegel wurde heruntergerissen.
-Wendend und beidrehend kämpften wir gegen den Wind an, der uns mit
-fürchterlichem Ungestüm von einer Seite zur anderen warf. Unsere
-Herzen pochten rascher, und unsere Hände bebten vor Aufregung, nicht
-vor Furcht; denn wir besaßen die Herzen von Wikingern und wußten, daß
-unser Steuermann Herr der Situation blieb. Er war durch manchen Sturm
-mit sicherer Hand und seekundigem Auge gesegelt. Als wir an der großen
-Barke und den im Hafen liegenden Kanonenbooten vorüberkamen, wurden wir
-stürmisch begrüßt, und die Matrosen brachten dem Lenker des einzigen
-kleinen Bootes, das sich in den Sturm hinausgewagt hatte, ein »Hipp,
-hipp, Hurra« aus. Endlich erreichten wir frierend, hungrig und müde die
-Landungsbrücke.
-
-Den vergangenen Sommer brachte ich in einem der anmutigsten Winkel
-der Erde, einer der reizendsten Städte Neuenglands zu. Wrentham
-in Massachusetts steht beinah zu all meinen Freuden und Leiden in
-Beziehung. Viele Jahre lang war Red Farm, in der Nähe von King Philips
-Pond, das Besitztum von Herrn I. E. Chamberlin und seiner Familie,
-meine Heimat. Ich gedenke mit der tiefsten Dankbarkeit der Güte dieser
-meiner lieben Freunde und der glücklichen Tage, die ich bei ihnen
-verlebt habe. Die liebenswürdige Gesellschaft ihrer Kinder war mir
-unendlich wert. Ich nahm an allen ihren Spielen, ihren Spaziergängen
-durch die Wälder und ihren Lustfahrten auf dem Wasser teil. Das
-Geplauder der Kleinen und ihr Wohlgefallen an den Geschichten, die
-ich ihnen von Elfen und Gnomen, von dem Helden und dem schlauen Bär
-erzählte, sind angenehme Erinnerungen für mich. Herr Chamberlin weihte
-mich in die Geheimnisse der Bäume und der wild wachsenden Blumen ein,
-bis ich mit dem leisen Ohr der Liebe das Emporsteigen des Saftes in der
-Eiche vernahm und die Sonnenstrahlen von Blatt zu Blatt huschen sah.
-
- Gleichwie die Wurzeln in der dunklen Tiefe
- Doch Anteil nehmen an des Wipfels Freuden,
- Den Sonnenschein, die milde Luft empfanden
- Vermöge der Alliebe der Natur --,
-
-so besitze ich auch eine Anschauung von Dingen, die ich nicht sehen
-kann.
-
-Es scheint mir, als liege in jedem von uns die Fähigkeit, die Eindrücke
-und Empfindungen zu verstehen, die das Menschengeschlecht von Anfang
-an gehabt hat. Jedes Individuum besitzt eine unter der Schwelle
-des Bewußtseins verborgene Erinnerung an die grünende Erde und die
-murmelnden Gewässer, und weder Blindheit noch Taubheit kann es dieser
-von vergangenen Generationen her überkommenen Gabe berauben. Diese
-ererbte Fähigkeit ist eine Art sechsten Sinnes -- ein Seelensinn, der
-zugleich sieht, hört, fühlt.
-
-Ich habe viele Freunde unter den Bäumen in Wrentham. Einer von ihnen,
-eine herrliche Eiche, ist der besondere Stolz meines Herzens. Ich
-bringe alle meine übrigen Freunde zu dieser Königin des Waldes hin. Sie
-steht auf einer Anhöhe bei King Philips Pond, und diejenigen, die in
-der Baumkunde bewandert sind, behaupten, sie habe hier achthundert bis
-tausend Jahre gestanden. Nach einer Ueberlieferung warf unter diesem
-Baume König Philipp, der heldenhafte Indianerhäuptling, seinen letzten
-Blick auf Himmel und Erde.
-
-Ich hatte auch noch eine andere Baumfreundin, liebenswürdig und nicht
-so unnahbar wie die große Eiche -- eine Linde, die an dem Hoftore
-von Red Farm wuchs. Eines Nachmittages, während eines furchtbaren
-Gewitters, spürte ich einen heftigen Krach gegen die Wand des Hauses
-und wußte, noch ehe es mir jemand sagte, daß die Linde gefallen sei.
-Wir gingen hinaus, um uns den Heldenbaum anzusehen, der sovielen
-Stürmen widerstanden hatte, und mein Herz blutete, als ich ihn, der
-so machtvoll gestritten hatte und jetzt so machtvoll gefallen war, am
-Boden hingestreckt erblickte.
-
-Ich darf jedoch nicht vergessen, daß ich von meinen Erlebnissen im
-letzten Sommer erzählen will. Sobald meine Examina vorüber waren,
-eilten Fräulein Sullivan und ich nach diesem grünen Winkel, wo wir
-ein kleines Landhaus an einem von den drei Seen besitzen, wegen deren
-Wrentham berühmt ist. Hier gehörten die langen, sonnigen Tage mir, und
-jeder Gedanke an Arbeit, College und die lärmende Stadt wurde in den
-Hintergrund gedrängt. In Wrentham vernahmen wir ein Echo von dem, was
-in der Welt vorging -- Krieg, Bündnis, sozialer Kampf. Wir hörten von
-den blutigen, unnötigen Seeschlachten in dem weitabgelegenen Stillen
-Ozean und erfuhren von den Kämpfen zwischen Kapital und Arbeit. Wir
-wußten, daß jenseits der Grenzen unseres Edens die Menschen im Schweiße
-ihres Angesichts Geschichte machten, während sie doch besser getan
-hätten, sich einen Feiertag zu gönnen. Aber wir kümmerten uns wenig um
-diese Dinge. Sie würden vorübergehen; hier lagen Seen und Wälder, weite
-mit Tausendschönchen übersäte Felder und süß duftende Wiesen, und diese
-werden in aller Zukunft fortbestehen.
-
-Leute, die der Meinung sind, daß uns alle sinnlichen Eindrücke durch
-Auge und Ohr zugehen, haben sich gewundert, daß ich, vielleicht
-abgesehen von dem Fehlen des Pflasters, einen Unterschied zwischen den
-Straßen der Stadt und den Wegen auf dem Lande bemerke. Sie vergessen,
-daß mein ganzer Körper auf die mich umgebenden Verhältnisse reagiert.
-Das Getöse und der Lärm der Stadt peitscht meine Gesichtsnerven;
-ich fühle das rastlose Auf- und Niederwogen einer ungesehenen
-Menschenmenge, und das mißtönende Treiben macht einen peinlichen
-Eindruck auf mich. Das Rollen der schweren Wagen auf dem harten
-Pflaster und das eintönige Klappern der Maschinen sind um so marternder
-für die Nerven, wenn jemandes Aufmerksamkeit nicht durch die bunten,
-wechselnden Bilder abgelenkt wird, die sich sehenden Menschen in den
-geräuschvollen Straßen auf Schritt und Tritt darbieten.
-
-Auf dem Lande dagegen erblickt man nur die Schönheiten der Natur,
-und die Seele wird nicht traurig gestimmt durch den erbarmungslosen
-Kampf um das bloße Dasein, der in der dichtbevölkerten Stadt wütet. Zu
-verschiedenenmalen habe ich die engen, schmutzigen Straßen besucht,
-in denen die armen Leute wohnen, und heißer Zorn und Entrüstung
-steigen in mir auf bei dem Gedanken, daß gute Menschen es über sich
-gewinnen können, in prächtigen Häusern zu wohnen und gesund und
-stark zu sein, während andere dazu verurteilt sind, in häßlichen,
-sonnenlosen Behausungen zu weilen und in Armseligkeit zu verkümmern.
-Die Kinder, die sich auf diesen schmutzigen Straßen halbnackt und
-abgemagert umhertreiben, schrecken vor jeder ausgestreckten Hand
-zurück, als sollten sie einen Schlag bekommen. Ich kann die Erinnerung
-an die lieben kleinen Geschöpfe nicht loswerden, und empfinde einen
-fortwährenden nagenden Schmerz dabei. Auch Männer und Frauen gibt
-es, die alle an Körper und Geist verkrüppelt und zurückgeblieben
-sind. Ich habe ihre harten, rauhen Hände in den meinigen gehalten und
-begriffen, was für ein endloses Ringen ihr Leben sein muß -- nichts
-weiter als eine Kette nutzloser Versuche, emporzukommen. Ihr Dasein
-scheint ein ungeheures Mißverhältnis zwischen Anstrengung und Erfolg
-zu sein. Sonne und Luft sind Gottes freies Geschenk an jedermann; sind
-sie dies aber in der Tat? In die schmutzigen Straßen der Stadt drüben
-dringt kein Sonnenstrahl, und die Luft ist verdorben. O Mensch, wie
-kannst du deinen Bruder vergessen, ihm hindernd in den Weg treten und
-dabei beten: „Unser täglich Brot gib uns heute“, wenn er keins hat. O
-wollten doch jene Menschen die Stadt, deren Glanz und geräuschvolles
-Treiben, ihr Gold verlassen und zu Wald und Feld, zu einer schlichten,
-ehrenhaften Lebensweise zurückkehren! Dann würden ihre Kinder kräftig
-wie edle Bäume werden und ihre Gedanken friedlich und lauter wie die
-Blumen am Wegesrain. Es ist mir unmöglich, diese Gedanken zu verbannen,
-wenn ich nach einem arbeitsreichen Jahre in der Stadt auf das Land
-zurückkehre.
-
-Was für eine Freude ist es für mich, den weichen, elastischen Boden
-wieder unter meinen Füßen zu fühlen, auf grasbewachsenen Wegen zu
-Bächen zu wandern, deren Ufer mit Farnkraut bedeckt sind und in deren
-sich kräuselnden Wellen ich meine Hände kühlen kann, oder über ein
-Steinmäuerchen zu klettern und mich auf grünen Wiesen in ausgelassener
-Fröhlichkeit umherzutummeln, mich auf dem Boden zu wälzen und die
-Abhänge emporzuklimmen.
-
-Nächst einem behaglichen Spaziergange kommt als ein Hauptvergnügen für
-mich ein Ausflug auf meinem Tandem in Betracht. Es ist ein herrliches
-Gefühl, wenn mir der Wind ins Gesicht weht und ich die elastische
-Bewegung meines Stahlrosses empfinde. Das rasche Durchschneiden der
-Luft gewährt mir ein köstliches Gefühl der Kraft und des Schwunges, und
-bei der Anstrengung hüpfen meine Pulse und jubelt mein Herz.
-
-Wenn irgend möglich, begleitet mich mein Hund auf meinen Ausflügen zu
-Fuß, Rad, Pferd oder Boot. Ich habe viele Freunde unter den Hunden
-gehabt -- riesige Bullenbeißer, sanfte Wachtelhündchen, Jagdhunde und
-ehrbare, zutrauliche Bull Terriers. Augenblicklich besitzt einer von
-diesen letzteren die ganze Zuneigung meines Herzens. Er hat einen
-langen Stammbaum, ein geringeltes Schwänzchen und das drolligste
-Gesicht von der Welt. Meine Hundefreunde scheinen Kenntnis von meinen
-Gebrechen zu haben und halten sich stets dicht an meiner Seite, wenn
-ich allein bin. Ich liebe ihre Zärtlichkeiten und das beredte Wedeln
-ihres Schweifes.
-
-Hält mich ein regnerischer Tag im Zimmer gefangen, so vertreibe ich
-mir die Zeit wie andere Mädchen. Ich stricke und häkele gern; ich lese
-aufs Geratewohl, wie ich es liebe, hier eine Zeile und dort eine oder
-spiele vielleicht mit einem Freunde eine oder zwei Partien Dame oder
-Schach. Ich habe ein besonderes Brett, auf dem ich diese Spiele spiele.
-Die Felder sind vertieft, sodaß die Figuren in ihnen feststehen. Die
-schwarzen Damensteine sind flach und die weißen oben gewölbt. Jeder
-Stein hat in der Mitte eine Vertiefung, in der ein Metallknopf zur
-Unterscheidung der Dame von den übrigen Steinen befestigt werden kann.
-Die Schachfiguren sind von zweierlei Größe, die weißen größer als die
-schwarzen, sodaß ich keine Mühe habe, die Operationen meines Gegners zu
-verfolgen, indem ich nach jedem Zuge meine Hände leicht über das Brett
-gleiten lasse. Das bei dem Bewegen der Figuren von einem Felde zum
-anderen entstehende Geräusch zeigt mir an, wann die Reihe an mir ist.
-
-Bin ich zufällig ganz allein und in schlechter Laune, so lege ich
-mir eine Patience -- ein Spiel, das ich sehr liebe. Ich benutze dazu
-Spielkarten, die rechts oben mit Braillezeichen versehen sind, die den
-Wert der Karte angeben.
-
-Sind Kinder in meiner Nähe, so weiß ich kein größeres Vergnügen, als
-mit ihnen herumzutollen. Selbst das kleinste Kind gibt für mich einen
-ausgezeichneten Gesellschafter ab, und ich freue mich, sagen zu können,
-daß die Kinder mich in der Regel gern haben. Sie führen mich herum
-und zeigen mir die Dinge, die für sie von Interesse sind. Natürlich
-können die Kleinen noch nicht mit ihren Fingern buchstabieren, aber
-ich versuche, ihnen die Worte von den Lippen abzulesen. Wenn es mir
-nicht gelingt, so nehmen sie ihre Zuflucht zu Gestikulationen. Mitunter
-mißverstehe ich sie und tue etwas Verkehrtes. Dann brechen sie über
-mein Versehen in kindliches Gelächter aus, und die Pantomime beginnt
-von neuem. Ich erzähle ihnen oft Geschichten oder lehre sie ein Spiel,
-und die Stunden enteilen uns im Fluge und hinterlassen uns frohe und
-heitere Erinnerungen.
-
-Auch Museen und Kunstsammlungen sind für mich eine Quelle des Genusses
-und der Begeisterung. Ohne Zweifel wird es manchem seltsam erscheinen,
-daß die Hand ohne Unterstützung durch das Gesicht in dem kalten Marmor
-Handlung, Empfindung, Schönheit soll wahrnehmen können; und doch habe
-ich in der Tat hohen Genuß bei der Berührung großer Kunstwerke. Wenn
-meine Fingerspitzen die Linien und die schwellenden Formen verfolgen,
-so finden die die Idee und die Empfindung heraus, die der Künstler
-dargestellt hat. Ich kann in den Zügen der Götter und Heroen Haß, Mut
-und Liebe wahrnehmen, genau so, wie ich diese Gemütsbewegungen bei
-lebenden Personen erkennen kann, wenn ich deren Gesicht berühren darf.
-Ich fühle aus der Haltung der Diana die Anmut, die Waldesfreiheit
-und den Geist heraus, der den Berglöwen zähmt und die wildesten
-Leidenschaften unterjocht. Meine Seele ergötzt sich an der Ruhe und den
-anmutigen Wellenlinien einer Venus, und in Barrés Bronzen enthüllen
-sich mir die Geheimnisse des Dschungels.
-
-Ein Medaillon Homers hängt in meinem Studierzimmer an der Wand, in
-passender Höhe, sodaß ich es leicht erreichen und mit liebender
-Verehrung das schöne, traurige Antlitz berühren kann. Wie gut ich jede
-Linie auf dieser hoheitsvollen Stirn kenne -- Furchen, die das Leben
-und die bitteren Erfahrungen des Kampfes und des Schmerzes gezogen
-haben, diese blinden Augen, die selbst in dem toten Gips das Licht und
-den blauen Himmel seines geliebten Hellas suchen und vergebens suchen,
-diesen schönen festen, aufrichtigen, liebevollen Mund! Es ist das
-Antlitz eines Dichters und eines Mannes, der mit dem Schmerz vertraut
-ist. Ach, wie gut ich dieses Gebrechen verstehe, das ewige Dunkel, in
-dem er weilte --
-
- O Nacht, Nacht, Nacht beim hellen Glanz des Mittags.
- O Nacht, unwiderruflich, Finsternis
- Jedweder Hoffnung bar, den Tag zu schau’n!
-
-In meiner Phantasie kann ich hören, wie Homer singend sich mit
-unsicheren, langsamen Schritten seinen Weg von Lager zu Lager tastet
--- singend von Leben, von Liebe, von Krieg, von den Heldentaten eines
-edlen Volkes. Es war ein wunderbares, herrliches Lied, das dem blinden
-Dichter unsterblichen Ruhm, die Bewunderung aller Zeiten eintrug.
-
-Ich bin mitunter im Zweifel, ob die Hand nicht empfänglicher für die
-Schönheiten der Plastik ist als das Auge. Ich sollte meinen, der
-wunderbare rhythmische Fluß der Linien ließe sich besser fühlen als
-sehen. Wie dem aber auch sei, ich weiß, daß ich den Herzschlag der
-alten Griechen in ihren marmornen Göttern und Göttinnen fühlen kann.
-
-Eine fernere Unterhaltung, zu der sich freilich seltener die
-Gelegenheit bietet als zu den übrigen, ist der Theaterbesuch. Ich
-habe viel mehr Genuß von der Beschreibung eines Stückes während der
-Bühnenaufführung als von seiner Lektüre, weil ich mich dabei in
-die Mitte der dargestellten aufregenden Ereignisse selbst versetzt
-glaube. Ich habe das Glück gehabt, ein paar große Schauspieler und
-Schauspielerinnen kennen zu lernen, die die Macht besaßen, die Zuhörer
-so in ihrem Bann zu halten, daß diese darüber Zeit und Raum vergaßen
-und in der romantischen Vergangenheit lebten. Ich habe Gesicht und
-Kostüm von Fräulein Ellen Terry berühren dürfen, während sie das
-Ideal einer Königin verkörperte, und ihr ganzes Wesen atmete eine
-Erhabenheit, die auch das herbste Weh verklärt. Neben ihr stand Sir
-Henry Irving, angetan mit den Insignien der Königswürde, und in jeder
-Gebärde, in seiner ganzen Haltung lag eine Geisteshoheit, in jedem Zuge
-seines ausdrucksvollen Gesichtes sprach sich ein Herrscherbewußtsein
-aus, das überwältigend wirkte. In dem Königsantlitz, das er als Maske
-trug, lagen eine Vornehmheit und ein Erhabensein über den Schmerz, die
-ich nie vergessen werde.
-
-Auch Herrn Jefferson kenne ich. Ich bin stolz darauf, ihn zu meinen
-Freunden zählen zu dürfen. Ich besuche das Theater stets, wenn ich
-mich an dem Orte befinde, wo er auftritt. Zum erstenmal sah ich ihn
-spielen, als ich in New York in die Schule ging. Er trat als Rip van
-Winkle auf. Ich hatte oft die Erzählung gelesen, aber niemals war
-mir der Reiz von Rips sanfter, kluger, gütiger Handlungsweise so zum
-Bewußtsein gekommen, wie in dem Stücke. Herrn Jeffersons schöne,
-ergreifende Darstellung riß mich vor Entzücken hin. Ich habe ein Bild
-des alten Rip in meinen Fingern, das sich denselben unauslöschlich
-eingeprägt hat. Nach der Vorstellung führte mich Fräulein Sullivan zu
-ihm hinter die Kulissen, und ich betastete hier sein seltsames Gewand,
-sein wallendes Haar, seinen Bart. Herr Jefferson ließ mich sein Gesicht
-berühren, sodaß ich mir eine Vorstellung von seinem Aussehen machen
-konnte, als er von jenem seltsamen zwanzigjährigen Schlafe erwachte,
-und er zeigte mir, wie der arme alte Rip auf seinen Füßen hin- und
-herschwankte.
-
-[Illustration: Helen Keller, Frl. Sullivan und Schauspieler Jefferson]
-
-Auch in den »Rivals« habe ich ihn gesehen. Einst spielte er mir, als
-ich ihm in Boston, wo er auftrat, einen Besuch machte, die packendsten
-Szenen der »Rivals« vor. Das Empfangszimmer, in dem wir saßen, diente
-als Bühne. Er und sein Sohn setzten sich an den großen Tisch, und
-Bob Acres schrieb seine Herausforderung. Ich verfolgte alle seine
-Bewegungen mit den Händen und erhielt einen Eindruck von der Komik
-seiner seltsamen Gebärden, den ich nie erhalten hätte, wenn mir alles
-nur in die Hand buchstabiert worden wäre. Dann erhoben sich beide,
-um das Duell auszufechten, und ich folgte den schnellen Stößen, dem
-Parieren der Degen und dem Zittern des armen Bob, als ihm allmählich
-der Mut entsank. Dann gab sich der große Schauspieler einen Ruck und
-zog seine Mundwinkel herunter -- und im Nu befand ich mich in dem Dorfe
-Falling Water und fühlte Schneiders rauhes Haupt an meinem Knie. Herr
-Jefferson rezitierte die schönsten Szenen aus »Rip van Winkle«, in
-denen die Träne dem Lächeln dicht auf dem Fuße folgt. Er bat mich, ihm,
-soweit es mir möglich sei, die Gestikulationen und das Spiel anzugeben,
-die ich zu beobachten wünschte. Natürlich habe ich keine Ahnung von
-dramatischem Spiel, und ich konnte nur aufs Geratewohl Andeutungen
-machen; aber mit meisterhafter Kunst paßte er das Spiel den Worten an.
-Rips Seufzer, als er murmelt: „Wird denn ein Mann so rasch vergessen,
-wenn er fort ist?“, die Verdutztheit, mit der er Hund und Gewehr nach
-seinem langen Schlafe sucht, und seine komische Unentschlossenheit
-betreffs der Unterzeichnung des Vertrages mit Derrick -- all dies
-schien aus dem Leben selbst gegriffen zu sein, das heißt, aus dem
-idealen Leben, in dem sich die Ereignisse nach unseren Wünschen richten.
-
-Ich erinnere mich meines ersten Theaterbesuches noch sehr gut. Es war
-vor zwölf Jahren. Die kleine Schauspielerin Elsie Leslie war in Boston,
-und Fräulein Sullivan nahm mich zur Aufführung von »~The Prince and
-the Pauper~« mit. Nie werde ich den Wechsel von Heiterkeit und
-Trauer vergessen, der in dem hübschen kleinen Stück herrschte, oder das
-wunderbare Kind, das in ihm auftrat. Nach Beendigung der Vorstellung
-durfte ich hinter die Kulissen gehen und sie in ihrem Königsgewande
-betasten. Es würde schwer gewesen sein, ein lieblicheres oder
-liebenswürdigeres Kind zu finden als Elsie, wie sie mit ihren auf die
-Schultern herabfallenden goldenen Locken dastand, mit einem strahlenden
-Lächeln um den Mund, ohne die geringste Spur von Befangenheit oder
-Ermüdung, trotzdem sie vor einer zahllosen Zuschauermenge gespielt
-hatte. Ich lernte damals eben sprechen und hatte mir vorher ihren
-Namen so oft wiederholt, bis ich ihn ganz deutlich aussprechen konnte.
-Man kann sich mein Entzücken denken, als sie die wenigen Worte, die
-ich zu ihr sprach, verstand und mir sofort die Hand zur Begrüßung
-entgegenstreckte.
-
-Ist es nun nicht wahr, daß mein Leben mit all seinen Beschränkungen in
-vielen Punkten dem Leben der großen Welt gleicht? Alles besitzt sein
-Wunderbares, selbst Dunkelheit und Stille, und ich lerne mich unter
-allen Umständen mit meiner Lage bescheiden.
-
-Manchmal allerdings befällt mich ein Gefühl der Vereinsamung wie ein
-kalter Nebel, wenn ich allein bin und vor dem geschlossenen Tore des
-Lebens wartend sitze. Da drinnen ist Licht und Musik und heitere
-Geselligkeit; aber mir ist der Eintritt verwehrt. Das Schicksal
-versperrt mir schweigend, erbarmungslos den Weg. Gern würde ich wegen
-seines unabwendbaren Beschlusses mit ihm hadern, denn mein Herz ist
-noch ungebärdig und leidenschaftlich; aber meine Zunge will die
-bitteren, nutzlosen Worte, die sich auf meine Lippen drängen, nicht
-aussprechen, und sie sinken in mein Herz zurück wie unvergossene
-Tränen. Unermeßliches Schweigen lagert über meiner Seele. Dann naht
-sich die Hoffnung mit einem Lächeln und flüstert mir zu: „Auch im
-Selbstvergessen liegt Genuß.“ Und so versuche ich das Licht in anderer
-Augen zu meiner Sonne, die Musik in anderer Ohren zu meiner Symphonie,
-das Lächeln auf anderer Lippen zu meinem Glücke zu machen.
-
-
-
-
-Dreiundzwanzigstes Kapitel.
-
- Beglückendes Gefühl der Freundschaft. -- Bischof Brooks. -- Kein
- Verlangen nach dem Jenseits. -- Henry Drummond. -- ~Dr.~ Oliver
- Wendell Holmes. -- Whittier. -- ~Dr.~ Edward Everett Hale. -- ~Dr.~
- Alexander Graham Bell.-- Charles Dudley Warner. -- Mark Twain u. a.
- -- Schlußwort.
-
-
-Ich wollte, ich könnte in dieser Skizze die Namen aller derer
-aufführen, die zur Erhöhung meines Glückes beigetragen haben! Teils
-würde man sie in den Annalen unserer Literatur aufgezeichnet finden,
-vielen Herzen teuer, während andere den meisten meiner Leser völlig
-unbekannt sein dürften. Aber der Einfluß ihrer Persönlichkeit wird,
-obgleich nichts von ihm verlautet, in dem Dasein derer, die durch ihn
-gebildet und veredelt worden sind, eine unvergängliche Rolle spielen.
-Das sind Festtage in unserem Leben, wenn wir Menschen begegnen, die
-auf uns wirken wie ein schönes Gedicht, Menschen, deren Handschlag
-voller unausgesprochener Sympathie ist und deren milde, reiche Naturen
-unserem ungestümen, ungeduldigen Gemüte eine wunderbare Ruhe mitteilen,
-die im innersten Kerne ihres Wesens göttlichen Ursprunges ist. Die
-Rastlosigkeit, die Erbitterung, die Qual, die uns verfolgt haben,
-verschwinden wie böse Träume, und wir erwachen, um die Schönheit und
-Harmonie von Gottes wirklicher Welt mit neuen Augen zu erblicken und
-mit neuen Ohren zu vernehmen. Die leeren Förmlichkeiten, die unser
-Alltagsleben ausfüllen, gewinnen plötzlich eine höhere, tiefere
-Bedeutung. Mit einem Worte, in der Nähe solcher Freunde fühlen wir,
-daß alles gut ist. Vielleicht haben wir sie nie zuvor gesehen, und
-vielleicht werden sich unsere Lebenspfade nie wieder kreuzen, aber
-der Einfluß ihrer ruhigen, milden Naturen wirkt wie ein kühlendes Bad
-auf unsere Unzufriedenheit, und wir spüren die von ihm ausgehende
-heilkräftige Erquickung, wie der Ozean die Bergströme spürt, die seine
-Fluten erfrischen.
-
-Ich bin oft gefragt worden: „Werden Sie von den Leuten nicht
-belästigt?“ Ich verstehe nicht ganz, was dies heißen soll. Ich glaube,
-die Besuche beschränkter und neugieriger Menschen, namentlich die der
-Zeitungsberichterstatter, sind stets unbequem. Auch liebe ich Leute
-nicht, die sich im Gespräch zu meinem Standpunkt herabzulassen bemühen.
-Sie gleichen denen, die, wenn sie neben uns hergehen, sich bemühen,
-ihre Schritte zu verkürzen, um sie den unsrigen anzupassen; die
-Heuchelei wirkt in beiden Fällen gleich erbitternd.
-
-Die Hände der Menschen führen für mich eine beredte Sprache. Die
-Berührung mancher Hände ist eine Beleidigung. Ich bin Leuten
-begegnet, die so bar aller Lebensfreude waren, daß, wenn ich ihre
-eisigen Fingerspitzen berührte, es mir vorkam, als reiche ich
-einem Nordoststurm die Hand. Es gibt andere, deren Hände gleichsam
-Sonnenstrahlen an sich tragen, so daß mir ihre Berührung das Herz
-erwärmt. Es braucht nur der Druck einer Kinderhand zu sein; aber für
-mich liegt darin ebensoviel erquickender Sonnenstrahl wie für andere
-in einem Liebesblicke. Ein herzlicher Händedruck oder ein freundlicher
-Brief macht mir stets Freude.
-
-Ich habe viele Freunde in der Ferne, die ich nie gesehen habe. In der
-Tat sind ihrer so viele, daß ich oft außer stande bin, ihre Briefe zu
-beantworten; ich wünsche ihnen jedoch hier zu sagen, daß ich ihnen
-stets für ihre gütigen Worte dankbar bin, so unzulänglich auch die
-Anerkennung meinerseits ausfallen mag.
-
-Ich rechne es zu den angenehmsten Erinnerungen meines Lebens, viele
-bedeutende Männer kennen gelernt zu haben und mit ihnen in persönliche
-Berührung gekommen zu sein. Nur wer Bischof Brooks kennt, vermag
-zu ermessen, wie wertvoll seine Freundschaft für die ist, die sie
-besitzen. Als Kind liebte ich es, auf seinen Knien zu sitzen und
-meine kleine Hand auf seine große zu legen, während Fräulein Sullivan
-mir in die andere seine herrlichen Worte über Gott und das Jenseits
-buchstabierte. Ich hörte ihm mit kindlichem Staunen und Entzücken
-zu. Mein Geist konnte dem Fluge des seinigen nicht folgen, aber er
-lehrte mich wahren Lebensgenuß, und ich verließ ihn nie, ohne einen
-erhebenden Gedanken mit mir davonzutragen, der an Schönheit und Tiefe
-der Bedeutung zunahm, je mehr ich heranwuchs. Als ich einst über die
-große Menge der Religionen verwirrt war, sagte er zu mir: „Es gibt
-nur eine Weltreligion, Helen -- die Religion der Liebe. Liebe deinen
-himmlischen Vater von ganzem Herzen und mit ganzer Seele, liebe jedes
-Kind Gottes, so innig du es nur kannst, und erinnere dich daran, daß
-das Gute eher Aussicht auf Verwirklichung besitzt als das Böse, und
-du hast den Schlüssel zum Himmelreich.“ -- Und sein Leben bildete ein
-treffliches Beispiel zu dieser großen Wahrheit. In seiner edlen Seele
-standen Liebe und das umfassendste Wissen im Bunde mit dem Glauben, der
-zur Erkenntnis geworden war. Er erblickte
-
- Gott in allem, was erhebt, befreit und tröstet,
- So auch in allem, was uns niederdrückt.
-
-Bischof Brooks lehrte mich kein besonderes Glaubensbekenntnis
-oder Dogma; allein er prägte meinem Geiste zwei große Ideen ein
--- die Eigenschaft Gottes als Vater und die der Menschen als
-Brüder -- und setzte mir auseinander, daß diese Wahrheiten allen
-Glaubensbekenntnissen und Kulturformen zugrunde liegen. Gott ist die
-Liebe, Gott ist unser Vater, wir sind seine Kinder; daher werden sich
-die dunkelsten Wolken dereinst zerteilen, und obgleich das Recht mit
-Füßen getreten werden kann, so soll das Unrecht doch nicht triumphieren.
-
-Ich bin hier auf Erden zu glücklich, um viel an das Jenseits zu
-denken, abgesehen davon, daß ich mich erinnere, daß geliebte Freunde
-im Himmelreich meiner warten. Trotz der Reihe von Jahren scheinen sie
-mir doch so nahe zu sein, daß ich mich keinen Augenblick wundern würde,
-wenn sie meine Hand ergriffen und zärtliche Worte sprächen, wie sie
-dies vor ihrem Hinscheiden zu tun pflegten.
-
-Seit Bischof Brooks’ Tode habe ich die Bibel von Anfang bis zu Ende
-gelesen, ebenso einige philosophische Werke über Religion, unter ihnen
-Swedenborgs »Himmel und Hölle« und Drummonds »~Ascent of Man~«;
-ich habe jedoch kein Glaubensbekenntnis oder System gefunden, das
-mich mehr befriedigt hätte als Bischof Brooks’ Religion der Liebe.
-Ich kannte Herrn Henry Drummond persönlich, und bei der Erinnerung
-an seinen kräftigen, warmen Händedruck ist es mir, als erteilte er
-mir seinen Segen. Er war der angenehmste Gesellschafter, den man sich
-denken kann. Er besaß ein so reiches Wissen und war so geistvoll, daß
-er jedermann mit sich fortriß.
-
-Ich erinnere mich noch sehr gut meines ersten Zusammentreffens mit
-~Dr.~ Oliver Wendell Holmes. Er hatte Fräulein Sullivan und
-mich eingeladen, ihn eines Sonntagnachmittags zu besuchen. Es war zu
-Beginn des Frühjahrs, kurz, nachdem ich sprechen gelernt hatte. Wir
-wurden sofort nach der Bibliothek gewiesen, wo wir ihn in einem großen
-Armstuhl bei einem offenen Feuer, das im Kamin glühte und prasselte,
-sitzen fanden, in Erinnerungen vergangener Zeiten versunken, wie er
-sagte.
-
-„Und zugleich in das Rauschen des Charlesflusses“, -- fügte ich hinzu.
-
-„Ja,“ -- antwortete er, „der Charlesfluß erinnert mich an viele
-glückliche Stunden.“ -- Es herrschte ein Geruch von bedrucktem Papier
-und Leder in dem Raume, der mir sagte, daß es voller Bücher sei, und
-ich streckte unwillkürlich meine Hand aus, um sie zu suchen. Ich
-ergriff eine schöne Ausgabe von Tennysons Gedichten, und als mir
-Fräulein Sullivan gesagt hatte, was es für ein Buch sei, begann ich zu
-rezitieren:
-
- ~Break, break, break
- On thy cold gray stones, O sea!~
-
-Aber ich hielt plötzlich inne. Ich fühlte Tränen auf meiner Hand.
-Ich hatte meinen geliebten Dichter zum Weinen gebracht und war ganz
-untröstlich darüber. Er nötigte mich in seinen Armstuhl und brachte
-mir verschiedene interessante Dinge zum Befühlen, und auf seine Bitte
-deklamierte ich ihm auch »~The Chambered Nautilus~«, das damals mein
-Lieblingsgedicht war. Später besuchte ich ~Dr.~ Holmes noch öfters und
-lernte in ihm sowohl den Menschen wie den Dichter lieben.
-
-An einem schönen Sommertage, nicht lange nach meiner ersten Begegnung
-mit ~Dr.~ Holmes, besuchten Fräulein Sullivan und ich Herrn Whittier
-in seinem stillen Heim am Merrimac. Seine Ritterlichkeit und seine
-gewählte Ausdrucksweise gewannen ihm sofort mein Herz. Er besaß einen
-Band seiner Gedichte in Hochdruck, aus dem ich »~In School Days~«
-las. Er war entzückt, daß ich die Worte so gut aussprechen konnte,
-und sagte, es sei ihm nicht schwer gefallen, mich zu verstehen. Dann
-richtete ich einige Fragen betreffs des Gedichtes an ihn und las
-seine Antwort ab, indem ich ihm meine Finger auf die Lippen legte. Er
-erklärte, er selbst sei der kleine Knabe in dem Gedicht, der Name des
-Mädchens sei Sally gewesen und noch mehr dergleichen, was ich aber
-vergessen habe. Ich deklamierte auch »~Laus Deo~«, und als ich die
-Schlußworte sprach, legte er mir die Statue eines Sklaven in die Hände,
-von dessen zusammengekrümmter Gestalt die Ketten abfielen, gerade so
-wie sie von Petrus’ Gliedern abfielen, als der Engel ihn aus dem Kerker
-herausführte. Später gingen wir in sein Studierzimmer, und hier schrieb
-er ein Autogramm[12] für meine Lehrerin nieder und drückte ihr seine
-Bewunderung über das, was sie getan hatte, aus, indem er zu mir sagte:
-„Sie ist deine geistige Befreierin“. Dann geleitete er mich bis zur
-Gartenpforte und küßte mich zum Abschiede zärtlich auf die Stirn. Ich
-versprach ihm, ihn im folgenden Sommer wieder zu besuchen; er starb
-aber, ehe ich mein Versprechen erfüllen konnte.
-
-~Dr.~ Edward Everett Hale ist einer meiner allerältesten Freunde.
-Ich kenne ihn seit meinem achten Lebensjahre, und meine Liebe zu ihm
-hat zugenommen, je älter ich wurde. An seiner weisen, liebevollen
-Teilnahme haben Fräulein Sullivan und ich uns in den Tagen der Prüfung
-und Trübsal aufgerichtet, und seine starke Hand hat uns über manche
-steile und steinige Strecke unseres Pfades hinweggeholfen, und was er
-für uns getan hat, das hat er für tausend andere getan, die schwierige
-Aufgaben zu erfüllen haben. Er hat die alten Schläuche des Dogmas mit
-dem neuen Wein der Liebe gefüllt und den Menschen gezeigt, was es
-heißt, zu glauben, zu leben und frei zu sein. Was er gelehrt hat, das
-haben wir in seinem Leben auf das schönste ausgedrückt gefunden --
-Vaterlandsliebe, Güte dem geringsten seiner Brüder gegenüber und ein
-aufrichtiges Verlangen, sich über das irdische emporzuschwingen. Er
-ist ein Prophet und Herzenskündiger gewesen, ein mächtiger »Täter des
-Worts«, der Freund seines ganzen Geschlechtes -- Gott segne ihn!
-
-Meine erste Begegnung mit ~Dr.~ Alexander Graham Bell habe ich
-schon erwähnt. Seitdem habe ich viele glückliche Tage mit ihm in
-Washington und auf seinem schönen Landsitz im Innern von Cape Breton
-Island verlebt, in der Nähe von Baddeck, dem durch Charles Dudley
-Warners Buch berühmt gewordenen Dorfe. Hier habe ich in ~Dr.~ Bells
-Laboratorium oder auf den Feldern am Ufer des großen Bras d’Or viele
-genußreiche Stunden zugebracht, in denen er mir von seinen Experimenten
-erzählte und ich ihm bei dem Steigenlassen von Drachen half, mittels
-deren er die Gesetze, die die Luftschiffahrt der Zukunft beherrschen
-werden, zu ergründen hofft. ~Dr.~ Bell hat bedeutende Leistungen auf
-vielen wissenschaftlichen Gebieten aufzuweisen und besitzt die Gabe,
-alles, was er in die Hand nimmt, interessant zu machen, selbst die
-verwickeltsten Fragen. Man hat bei ihm das Gefühl, daß, wenn man nur
-ein wenig mehr Zeit hätte, man auch ein Erfinder sein könnte. Dazu hat
-er eine humoristische und eine poetische Seite. Seine Hauptleidenschaft
-ist seine Liebe zu Kindern. Nie ist er so durchaus glücklich, als wenn
-er ein kleines taubstummes Kind in seinen Armen hält. Seine Arbeiten
-zum Besten der Taubstummen werden fortleben und noch über künftige
-Generationen von Kindern Segen verbreiten, und wir lieben ihn ebenso
-für das, was er selbst geleistet, wie für das, wozu er andere angeregt
-hat.
-
-In den zwei Jahren, die ich in New York verlebte, hatte ich oft
-Gelegenheit, mit hervorragenden Männern zu sprechen, deren Namen ich
-oft gehört, mit denen ich aber niemals zusammenzutreffen gehofft
-hatte. Zum größten Teile lernte ich diese in dem Hause meines
-lieben Freundes Herrn Laurence Hutton kennen. Es war eine große
-Vergünstigung, ihn und die liebe Frau Hutton in ihrer reizenden
-Villa besuchen zu dürfen, ihre Bibliothek zu besichtigen und die
-herrlichen Empfindungen und glänzenden Gedanken zu lesen, die begabte
-Freunde für sie niedergeschrieben hatten. Man hat mit Recht gesagt,
-Herr Hutton besitzt die Fähigkeit, aus jedem die besten Gedanken und
-die zartesten Empfindungen herauszulocken. Man braucht nicht die
-Erzählung »~A Boy I Knew~« zu lesen, um ihn zu verstehen -- den mit dem
-reinsten, kindlichsten Gemüt begabten Mann, den treuen Freund in allen
-Lebenslagen, der sowohl das Leben der Hunde wie das seiner Mitmenschen
-liebevoll verfolgt.
-
-Frau Hutton ist eine aufrichtige, bewährte Freundin. Vieles, was ich
-für das Beste und Wertvollste halte, verdanke ich ihr. Oft hat sie mir
-während meines Universitätsstudiums mit Rat und Tat beigestanden. Wenn
-ich meine Lebensaufgabe schwer und entmutigend finde, so schreibt sie
-mir Briefe, die mich wieder froh und tapfer machen; denn sie gehört zu
-denen, von denen wir lernen können, daß die Erfüllung einer mühevollen
-Pflicht die Erfüllung der nächsten einfacher und leichter macht.
-
-Herr Hutton führte mich bei vielen seiner literarischen Freunde ein,
-von denen die bedeutendsten Herr William Dean Howells und Mark Twain
-sind. Auch mit Herrn Richard Watson Gilder und Herrn Edmund Clarence
-Stedman traf ich zusammen. Auch Herrn Charles Dudley Warner lernte ich
-kennen, den reizendsten Erzähler und liebenswürdigsten Freund, dessen
-Gutherzigkeit so umfassend war, daß man von ihm in Wahrheit sagen
-konnte, er liebte alle lebenden Wesen und seinen Nächsten wie sich
-selber. Einmal stellte mir Herr Warner den Dichter der Wälder, -- Herrn
-John Burroughs, vor. Sie waren alle liebenswürdig und sympathisch, und
-ich wurde mir des Zaubers ihrer Persönlichkeit ebenso bewußt, wie ich
-früher die Schönheit ihrer Abhandlungen und Gedichte bewundert hatte.
-Ich konnte nicht Schritt halten mit all diesen Schriftstellern, wie sie
-von einem Gegenstand zum anderen übersprangen und sich in tiefsinnige
-Disputationen einließen oder in der Unterhaltung ihren Witz glänzen
-ließen. Ich glich dem kleinen Ascanius, der mit seinen trippelnden
-Füßchen den heroischen Schritten seines Vaters Aeneas auf seinem
-Lebenswege, der ihn mächtigen Geschicken entgegenführte, folgte. Aber
-sie teilten mir viel Interessantes mit. So erzählte mir Herr Gilder von
-seinen Reisen im Mondschein durch die weite Wüste zu den Pyramiden, und
-in seinem Briefe, den er mir schrieb, drückte er unter der Unterschrift
-seinen Stempel so tief in das Papier hinein, daß ich ihn fühlen
-konnte. Dies erinnert mich daran, daß ~Dr.~ Hale seinen Briefen
-an mich einen persönlichen Zug verlieh, indem er seine Unterschrift
-in Brailleschrift gab. Von Mark Twains Lippen las ich ein paar seiner
-prächtigen Erzählungen ab. Er hat seine eigene Art, zu denken, zu
-sprechen und zu handeln. Ich fühle das Zwinkern seines Auges in seinem
-Händedrucke. Eben dadurch, daß er seine cynische Weisheit in einer
-unsagbar drolligen Weise vorbringt, erweckt er die Empfindung, daß sein
-Herz voll des tiefsten, innigsten Mitgefühls ist.
-
-Es gibt noch eine Menge anderer interessanter Leute, mit denen
-ich in New York zusammengetroffen bin: Frau Mary Mapes Dodge, die
-beliebte Herausgeberin vom »~St. Nicholas-Magazine~«, und Frau Riggs
-(Kate Douglas Wiggin), die anmutige Verfasserin von »~Patsy~«. Ich
-erhielt von ihnen Geschenke, bei deren Auswahl das Herz mitgesprochen
-hat, Bücher mit ihren eigenen Gedanken, seelenvolle Briefe und
-Photographien, die ich mir immer und immer wieder beschreiben lasse.
-Allein mir fehlt der Raum, hier aller meiner Freunde zu gedenken,
-und in der Tat gibt es in Bezug auf sie Dinge, die sich hinter
-Cherubsschwingen bergen, Dinge, die zu heilig sind, um in kalte
-Druckschrift umgesetzt zu werden. Nur mit innerem Widerstreben habe ich
-soeben von Frau Laurence Hutton gesprochen.
-
-Ich will noch zwei weitere befreundete Personen erwähnen. Die eine
-ist Frau William Thaw in Pittsburgh, die ich oft auf ihrem Landsitze
-in Lyndhurst besucht habe. Sie ist stets damit beschäftigt, jemand
-glücklich zu machen, und all die Jahre über, die meine Lehrerin und ich
-sie kennen, haben wir stets bei ihr großmütige Hilfe und weisen Rat
-gefunden.
-
-Auch meinem anderen Freunde bin ich zu tiefem Danke verpflichtet.
-Er ist wegen seiner mächtigen Hand, mit der er große Unternehmungen
-leitet, weit und breit bekannt, und seine bewundernswerten
-Eigenschaften haben ihm die allgemeine Achtung erworben. Freundlich
-zu jedermann tut er unausgesetzt in der Stille und unbemerkt Gutes.
-Wiederum berühre ich den Kreis geachteter Namen, die ich nicht nennen
-darf, aber ich möchte gern seine Hochherzigkeit und seine rege
-Teilnahme an meinem Geschick hervorheben, die es mir möglich gemacht
-haben, die Universität zu besuchen.
-
-So haben meine Freunde mein Leben zu dem gemacht, was es ist. Auf
-tausenderlei Art haben sie meine Gebrechen in herrliche Vorrechte
-verwandelt und mich in den Stand gesetzt, heiter und glücklich in dem
-von meinen körperlichen Mängeln geworfenen Schatten zu wandeln.
-
- [12] ~With great admiration of thy noble work in releasing from
- bondage the mind of thy dear pupil, I am truly thy friend, John
- G. Whittier.~ (Mit der größten Bewunderung für dein edles Werk
- der Befreiung des Geistes deiner lieben Schülerin von der
- Knechtschaft bin ich dein aufrichtiger Freund John G. Whittier.)
-
-
-
-
- Zweiter Teil.
-
- Helen Kellers Briefe
-
- 1887-1901.
-
-
-
-
-Briefe (1887-1901).
-
-(Auswahl.)
-
- Erste Schreibversuche. -- Zwei Briefe an die blinden Mädchen im
- Perkinsschen Institut. -- Brief an Herrn Anagnos mit der Schilderung
- eines Picknicks im Walde. -- Brief an Onkel Morrie über den Ausflug
- nach Plymouth. -- Brief an Herrn Anagnos mit einigen französischen
- und griechischen Redensarten. -- Brief an Tante Eveline Keller mit
- Übersetzungen von griechischen, französischen, lateinischen und
- deutschen Redensarten und Wörtern. -- Brief mit astronomischen
- Angaben. -- Briefe an Herrn Anagnos über seine Reise nach Europa.
- -- Brief mit Wiedergabe des Inhalts eines Andersenschen Märchens.
- -- Brief an Fräulein Sullivan. -- Brief an Whittier. -- Brief an
- ~Dr.~ Holmes. -- Brief an Fräulein Sarah Fuller. -- Brief an den
- nachmaligen Bischof Brooks. -- Brief über Tommy Stringer. -- Brief
- über die Reise nach dem Niagarafall. -- Brief über den Besuch der
- Weltausstellung in Chicago. -- Brief über ein Zusammentreffen mit
- Mark Twain. -- Brief über den Besuch des Bostoner Museums. -- Brief
- über den Eindruck, den das Orgelspiel auf Helen Keller gemacht hat.
- -- Stellen aus verschiedenen Briefen über Leidensgefährten. -- Brief
- an ~Dr.~ Hale, geschrieben am Vorabend der Howefeier.
-
-
-Fräulein Sullivan begann Helen Keller am 3. März 1887 zu unterrichten.
-Dreieinhalb Monate, nachdem dieser das erste Wort in die Hand
-buchstabiert worden war, schrieb sie mit Bleistift folgenden Brief:
-
-_An Helens Cousine Anna (Frau George T. Turner)._[13]
-
- [Tuscumbia, Alabama, 17. Juni 1887.]
-
-~helen write anna george will give Helen apple simpson will shoot
-bird jack will give Helen stick of candy doctor will give mildred
-medicine mother will make mildred new dress~
-
- [Ohne Unterschrift.]
-
- [13] Die ersten Äußerungen Helens sind englisch wiedergegeben worden,
- weil der in ihnen enthaltene eigenartige Reiz in der Übersetzung
- vollständig verwischt werden würde. Auf die beiden Briefe an
- die blinden Mädchen im Perkinsschen Institute wird im dritten
- Teil (S. 248) Bezug genommen, weswegen sie hier im vollständigen
- Wortlaute mitgeteilt werden. -- Das Faksimile der dem Buche
- vorangeschickten eigenhändigen Widmung Fräulein Kellers gewährt
- eine Vorstellung von ihrer Handschrift, wie sie jetzt ist.
-
-
-_An Frau Kate Adams Keller._
-
- [Huntsville, Alabama, 12. Juli 1887.]
-
-~Helen will write mother letter papa did give helen medicine mildred
-will sit in swing mildred did kiss helen teacher did give helen peach
-george is sick in bed george arm is hurt anna did give helen lemonade
-dog did stand up.
-
-conductor did punch ticket papa did give helen drink of water in car
-
-carlotta did give helen flowers anna will buy helen pretty new hat
-helen will hug and kiss mother helen will come home grandmother does
-love helen~
-
- ~good-by~
-
- [Ohne Unterschrift.]
-
-Im folgenden September zeigte Helen Fortschritte in Bezug auf
-vollständigere Satzkonstruktion und reicheren Gedankeninhalt.
-
-_An die blinden Mädchen im Perkinsschen Institut in Boston._
-
- [Tuscumbia, September 1887.]
-
-~Helen will write little blind girls a letter Helen and teacher will
-come to see little blind girls Helen and teacher will go in steam car
-to boston Helen and blind girls will have fun blind girls can talk on
-fingers Helen will see Mr anagnos Mr anagnos will love and kiss Helen
-Helen will go to school with blind girls Helen can read and count and
-spell and write like blind girls mildred will not go to boston Mildred
-does cry prince and jumbo will go to boston papa does shoot ducks with
-gun and ducks do fall in water and jumbo and mamie do swim in water
-and bring ducks out in mouth to papa Helen does play with dogs Helen
-does ride on horseback with teacher Helen does give handee grass in
-hand teacher does whip handee to go fast Helen is blind Helen will put
-letter in envelope for blind girls~
-
- ~good-by
-
- Helen Keller~
-
-Ein paar Wochen später ist ihr Stil korrekter und gewandter. Ihre
-Ausdrucksweise ist besser geworden, obgleich sie immer noch den Artikel
-ausläßt und die Konstruktion mit »~did~« für das einfache Imperfektum
-gebraucht. Es ist dies eine Eigenart, die sich bei Kindern häufig
-findet.
-
-
-_An die blinden Mädchen im Perkinsschen Institute._
-
- [Tuscumbia, 24. Oktober 1887.]
-
- ~dear little blind girls~
-
-~I will write you a letter I thank you for pretty desk I did write to
-mother in memphis on it mother and mildred came home Wednesday mother
-brought me a pretty new dress and hat papa did go to huntsville he
-brought me apples and candy I and teacher will come to boston and see
-you nancy is my doll she does cry I do rock nancy to sleep mildred is
-sick doctor will give her medicine to make her well. I and teacher did
-go to church Sunday mr. lane did read in book and talk Lady did play
-organ. I did give man money in basket. I will be good girl and teacher
-will curl my hair lovely. I will hug and kiss little blind girls mr.
-Anagnos will come to see me.~
-
- ~good-by
-
- Helen Keller.~
-
-Mit Beginn des nächsten Jahres wird Helens Ausdrucksweise bestimmter.
-Sie gebraucht mehr Adjektiva, auch Adjektiva der Farbe. Obgleich sie
-keine sinnliche Kenntnis von Farben haben kann, so vermag sie doch die
-Worte in verständiger, zutreffender Weise zu gebrauchen. Der folgende
-Brief enthält die Schilderung eines Picknicks im Walde und zeigt, in
-welcher Weise Fräulein Sullivan die Erholungsstunden zur Belehrung
-auszunutzen wußte.
-
-
-_An Herrn Michael Anagnos._
-
- Tuscumbia, Ala. 3. Mai 1888.
-
-Lieber Herr Anagnos. Ich freue mich, heute an Sie schreiben zu können,
-da ich Sie sehr liebe. Ich war sehr glücklich, hübsches Buch und
-niedliche Bonbons und zwei Briefe von Ihnen zu erhalten. Ich werde Sie
-bald besuchen und viele Fragen über Länder an Sie richten, und Sie
-werden gutes Kind lieben.
-
-Mutter macht mir hübsche neue Kleider, die ich in Boston tragen werde
-(~to wear in Boston~), und ich werde niedlich aussehen, um kleine
-Mädchen und Knaben und Sie zu besuchen. Freitag gingen Lehrerin und ich
-zu einem Picknick mit kleinen Kindern. Wir spielten Spiele und aßen
-Mittagbrot unter den Bäumen, und wir fanden Farne und wilde Blumen. Ich
-ging in die Wälder und lernte Namen von vielen Bäumen. Es gibt Pappel-
-und Zedern- und Fichten- und Eichen- und Eschen- und Hickory- und
-Ahornbäume. Sie werfen einen angenehmen Schatten, und die kleinen Vögel
-lieben es, sich auf den Bäumen hin- und herzuschaukeln und zu singen.
-Kaninchen hüpfen, und Eichhörnchen laufen, und häßliche Schlangen
-kriechen in den Wäldern. Geranien und Jasminrosen sind kultivierte
-Pflanzen. Ich helfe Mutter und Lehrerin sie jeden Abend vor dem Essen
-begießen.
-
-Vetter Artur machte mir eine Schaukel in der Esche. Tante Ev. ist nach
-Memphis gegangen. Onkel Frank ist hier. Er pflückt Erdbeeren für das
-Mittagessen. Nancy ist wieder krank, neue Zähne machen sie unwohl.
-Adeline ist gesund, und sie kann am Montag mit mir nach Cincinnati
-gehen. Tante Ev. will mir eine Knabenpuppe schicken, Harry wird Nancys
-und Adelines Bruder sein. Kleine Schwester ist gutes Mädchen. Ich bin
-jetzt müde und will nach unten gehen. Ich sende Ihnen mit Brief viele
-Küsse und Liebkosungen.
-
- Ihr Lieblingskind
-
- Helen Keller.
-
-Gegen Ende Mai reisten Frau Keller, Helen und Fräulein Sullivan nach
-Boston. Unterwegs blieben sie ein paar Tage in Washington, wo sie ~Dr.~
-Alexander Graham Bell und den Präsidenten Cleveland besuchten. Am 26.
-Mai langten sie in Boston an und begaben sich nach dem Perkinsschen
-Institut; hier traf Helen mit den kleinen blinden Mädchen zusammen, mit
-denen sie das Jahr zuvor korrespondiert hatte.
-
- (Vergl. Teil I S. 43.)
-
-Im Juli besuchte Helen Plymouth. Der folgende, drei Monate
-später geschriebene Brief zeigt, wie gut sie sich ihres ersten
-Geschichtsunterrichts erinnerte. Der »Onkel Morrie« ist Herr Morrison
-Heady aus Normandy (Kentucky), der als Knabe das Gesicht und Gehör
-verloren hatte. Er hat einige Gedichte geschrieben, die gar nicht übel
-sind.
-
-_An Herrn Morrison Heady._
-
- Süd-Boston, Mass. 1. Oktober 1888.
-
-Mein lieber Onkel Morrie! Ich hoffe, Du wirst Dich recht freuen, einen
-Brief von Deiner kleinen lieben Freundin Helen zu erhalten. Ich bin
-sehr glücklich, Dir zu schreiben, weil ich an Dich denke und Dich
-liebe. Ich lese schöne Geschichten in dem Buche, das Du mir geschickt
-hast, über Karl und sein Boot und Artur und seinen Traum und Rosa und
-das Schäfchen.
-
-Ich bin in einem großen Boote gewesen. Es war wie ein Schiff. Mutter
-und Lehrerin und Frau Hopkins und Herr Anagnos und Herr Rodocanachi und
-viele andere Freunde gingen nach Plymouth, um sich viele alte Dinge
-anzusehen. Ich will Dir eine kleine Geschichte über Plymouth erzählen.
-
-Vor vielen Jahren lebten in England viele gute Leute, aber der König
-und seine Freunde waren nicht lieb und sanft und geduldig mit den guten
-Leuten, weil der König nicht wollte, daß die Leute ihm ungehorsam
-waren. Die Leute wollten nicht gerne mit dem König in die Kirche gehen,
-sondern bauten für sich selbst sehr niedliche kleine Kirchen.
-
-Der König war sehr böse auf die Leute, und sie waren traurig, und sie
-sagten: Wir wollen nach einem fremden Lande gehen, dort zu wohnen, und
-liebe teure Heimat und unartigen König verlassen. So legten sie alle
-ihre Sachen in große Kisten und sagten: Lebewohl. Sie tun mir leid,
-weil sie sehr weinten. Als sie nach Holland kamen, kannten sie niemand,
-und sie konnten nicht wissen, worüber die Leute sprachen, denn sie
-verstanden kein Holländisch. Aber bald lernten sie einige holländische
-Wörter, aber sie liebten ihre eigene Sprache und wünschten nicht,
-daß kleine Knaben und Mädchen sie vergaßen und komisches Holländisch
-sprechen lernten. So sagten sie: Wir müssen nach einem neuen Lande
-gehen weitweg und Schulen und Häuser und Kirchen bauen und neue
-Städte machen. So legten sie alle ihre Sachen in Kisten und sagten
-Lebewohl zu ihren neuen Freunden und segelten in einem großen Boote
-fort, um ein neues Land zu finden. Arme Leute waren nicht glücklich,
-denn ihre Herzen waren voller trauriger Gedanken, weil sie nicht
-viel von Amerika wußten. Ich denke, kleine Kinder müssen sich vor
-einem großen Ozean gefürchtet haben, denn er ist sehr stark und wirft
-ein großes Boot hin und her, und dann fallen die kleinen Kinder hin
-und zerschlagen sich ihre Köpfe. Nachher waren sie viele Wochen auf
-dem tiefen Ozean, wo sie keine Bäume oder Blumen und kein Gras sehen
-konnten, sondern nur Wasser und den schönen Himmel, denn die Schiffe
-konnten damals nicht schnell segeln, weil die Menschen noch nichts von
-Maschinen und vom Dampf wußten. Eines Tages wurde ein lieber kleiner
-Knabe (~a dear little baby-boy~) geboren. Sein Name war Peregrine
-White. Ich bin sehr traurig, daß der arme kleine Peregrine jetzt tot
-ist. Jeden Tag gingen die Leute auf Deck, um nach Land auszuschauen.
-Eines Tages war ein großes Geschrei auf dem Schiff, denn die Leute
-sahen das Land und waren voller Freude, weil sie sicher ein neues Land
-erreicht hatten. Kleine Mädchen und Knaben hüpften und klatschten in
-die Hände. Sie waren alle froh, als sie an einem großen Felsen Halt
-machten. Ich sah den Felsen in Plymouth und ein kleines Schiff wie die
-Mayflower und die Wiege, in der der liebe kleine Peregrine schlief, und
-viele alte Dinge, die in der Mayflower kamen. Es würde Dich freuen,
-Plymouth einmal zu besuchen und viele alte Dinge zu sehen.
-
-Nun bin ich sehr müde, und ich will mich ausruhen.
-
-Mit vieler Liebe und vielen Küssen von Deiner kleinen Freundin
-
- Helen A. Keller.
-
-Die fremdsprachigen Ausdrücke in den folgenden Briefen, von denen
-der erste während eines Besuches im Blindenkindergarten geschrieben
-wurde, hat Helen Monate zuvor kennen gelernt und in ihrem Gedächtnis
-aufbewahrt. Sie machte sich die Wörter zurecht und bediente sich ihrer,
-indem sie sie mitunter ganz sinngemäß gebrauchte, mitunter aber auch
-nur nach Papageienart wiederholte. Selbst wenn sie Wörter oder Gedanken
-nicht ganz verstand, so liebte sie sie dennoch niederzuschreiben. Auf
-diese Weise lernte sie Wörter, die einen Gesichts- und Gehörseindruck
-und mithin Vorstellungen bezeichnen, die außerhalb ihrer persönlichen
-Erfahrung liegen, richtig gebrauchen. »Edith« ist Edith Thomas.
-
-_An Herrn Michael Anagnos._
-
- Roxbury, Mass. 17. Oktober 1888.
-
- ~Mon cher Monsieur Anagnos.~
-
-Ich sitze am Fenster, und die schöne Sonne bescheint mich. Lehrerin
-und ich kamen gestern in den Kindergarten. Es sind hier sieben kleine
-Mädchen, und alle sind blind. Ich bin traurig, daß sie nicht viel sehen
-können. Werden sie einst sehr gesunde Augen haben? Die arme Edith ist
-blind und taub und stumm. Sind Sie sehr traurig über Edith und mich?
-Ich werde bald nach Hause gehen, um meine Mutter und meinen Vater und
-meine kleine gute, süße Schwester wiederzusehen. Ich hoffe, Sie werden
-nach Alabama kommen, um mich zu besuchen, und ich will Sie in meinem
-kleinen Wagen zu einer Ausfahrt mitnehmen, und ich hoffe, Sie werden
-sich freuen, wenn Sie mich auf dem Rücken meines kleinen lieben Ponys
-sehen... Wenn ich dreizehn Jahre alt bin, will ich in viele fremde und
-schöne Länder reisen. Ich werde sehr hohe Berge in Norwegen ersteigen
-und viel Eis und Schnee sehen. Ich hoffe, ich werde nicht fallen und
-mir den Kopf zerschlagen. Ich werde den kleinen Lord Fauntleroy[14] in
-England besuchen, und er wird sich freuen, mir sein großes und sehr
-altes Schloß zu zeigen. Und wir werden zu den Hirschen laufen und die
-Kaninchen füttern und die Eichhörnchen fangen. Ich werde mich nicht
-vor Fauntleroys großem Hunde Dougal fürchten. Ich hoffe, Fauntleroy
-wird mich mitnehmen, damit ich eine sehr freundliche Königin sehe.
-Wenn ich nach Frankreich gehe, will ich französisch sprechen. Ein
-kleiner französischer Knabe wird sagen: ~Parlez-vous français?~ und
-ich werde sagen: ~Oui, Monsieur, vous avez un joli chapeau. Donnez-moi
-un baiser.~ Ich hoffe, Sie werden mich mit nach Athen nehmen, um das
-Mädchen von Athen zu besuchen. Sie war eine sehr liebliche Dame, und
-ich will griechisch mit ihr sprechen. Ich will sagen: ~se agapo~ und
-~pos echete~, und ich denke, sie wird sagen ~kalos~, und dann will
-ich sagen ~chaere~. Wollen Sie die Freundlichkeit haben, mich bald zu
-besuchen und mich mit nach dem Theater zu nehmen. Wenn Sie kommen, will
-ich sagen ~Kale emera~, und wenn Sie nach Hause gehen, will ich sagen
-~Kale nykta~. Nun bin ich zu müde, um mehr zu schreiben. ~Je vous aime.
-Au revoir.~
-
- Von Ihrer kleinen Lieblingsfreundin
-
- Helen A. Keller.
-
- [14] Siehe S. 67. 107 ff.
-
-
-_An Fräulein Evelina H. Keller._
-
- [Boston, 29. Oktober 1888.]
-
-Meine liebste Tante! Ich werde sehr bald kommen, und ich denke, Du und
-jedermann wird sehr froh sein, meine Lehrerin und mich wiederzusehen.
-Ich freue mich sehr, daß ich viel über viele Dinge gelernt habe. Ich
-studiere Französisch und Deutsch und Lateinisch und Griechisch. ~Se
-agapo~ ist griechisch und heißt: Ich liebe dich. ~J’ai une bonne petite
-soeur~ ist französisch und heißt: Ich habe eine gute kleine Schwester.
-~Nous avons un bon père et une bonne mère~ heißt: Wir haben einen guten
-Vater und eine gute Mutter. ~Puer~ ist Knabe im Lateinischen und Mutter
-ist ~mother~ im Deutschen. Ich will Mildred viele Sprachen lehren,
-wenn ich nach Hause komme.
-
- Helen A. Keller.
-
-In einem Briefe an ein Fräulein Bennet, datiert Tuscumbia, den 29.
-Januar 1889, teilt Helen ihre astronomischen Kenntnisse mit. Es heißt
-darin unter anderem:
-
- Ich habe in meinem Buche über Astronomen gelesen. Astronom kommt
- von dem lateinischen Worte ~astra~, das Sterne bedeutet, und
- Astronomen sind Männer, die die Sterne studieren und uns von ihnen
- erzählen. Wenn wir ruhig in unseren Betten schlafen, beobachten sie
- den schönen Himmel durch das Teleskop. Ein Teleskop gleicht einem
- sehr scharfen Auge. Die Sterne sind soweit entfernt, daß man ohne
- ganz vorzügliche Instrumente wenig von ihnen erzählen kann. Sehen
- Sie gern aus Ihrem Fenster und betrachten Sie die kleinen Sterne?
- Lehrerin sagt, sie kann die Venus von unserem Fenster aus sehen,
- und dies ist ein großer, schöner Stern. Die Sterne heißen die
- Geschwister der Erde.
-
-Während des Winters arbeiteten Fräulein Sullivan und ihre Schülerin
-fleißig in Tuscumbia, und zwar mit gutem Erfolge, denn im Laufe des
-Frühjahrs nahm Helens Ausdrucksweise echt englisches Gepräge an.
-Seit dem Mai 1889 finden sich, abgesehen von einigen offenbaren
-Schreibfehlern, keine Verstöße gegen die Regeln der Sprache; sie
-gebraucht die Worte richtig und bildet fließende Sätze. So schreibt sie
-am 18. Mai 1889 in einem Briefe an Herrn Anagnos:
-
- Sie können es sich nicht vorstellen, wie erfreut ich war, gestern
- abend einen Brief von Ihnen zu erhalten. Es tut mir sehr leid, daß
- Sie so weit fortgehen. Wir werden Sie sehr, sehr vermissen. Ich
- würde gern viele schöne Städte mit Ihnen besuchen. Als ich in
- Huntsville war, traf ich mit ~Dr.~ Bryson zusammen, und er
- erzählte mir, er sei in Rom, Athen, Paris und London gewesen. Er
- hatte die hohen Berge in der Schweiz erstiegen, schöne Kirchen in
- Italien und Frankreich besucht und viele alte Schlösser gesehen.
- Ich hoffe, Sie werden die Freundlichkeit haben, mir aus allen
- Städten, die Sie besuchen, zu schreiben. Wenn Sie nach Holland
- kommen, so grüßen Sie bitte die liebliche Prinzessin Wilhelmine
- herzlichst von mir. Sie ist ein liebes kleines Mädchen, und wenn
- sie alt genug ist, so wird sie Königin von Holland sein. Wenn Sie
- nach Rumänien kommen, so fragen Sie, bitte, die Königin Elisabeth
- nach ihrem kleinen kranken Bruder und sagen Sie ihr, daß ich sehr
- traurig bin, daß ihr geliebtes Töchterchen gestorben ist. Ich
- möchte gern Vittorio, dem kleinen Prinzen von Neapel, einen Kuß
- senden, aber Lehrerin sagt, sie fürchte, Sie könnten so viele
- Aufträge nicht behalten. Wenn ich dreizehn Jahre alt bin, so werde
- ich sie alle selbst besuchen.
-
-Der folgende Brief an Helens französische Lehrerin enthält die
-Wiedergabe eines Märchens von Andersen (vergl. unten S. 327).
-
-_An Fräulein Fannie S. Marrett._
-
- Tuscumbia, 17. Mai 1889.
-
- Mein liebes Fräulein Marrett! Ich muß an ein liebes, kleines
- Mädchen denken, das sehr heftig weinte. Sie weinte, weil ihr Bruder
- sie sehr geärgert hatte. Ich will Ihnen erzählen, was er getan
- hatte, und ich denke, Sie werden das kleine Mädchen von Herzen
- bedauern. Sie hatte eine sehr schöne Puppe zum Geschenk erhalten.
- O, es war eine reizende, zarte Puppe! aber der Bruder des kleinen
- Mädchens, ein großer Junge, hatte ihr die Puppe weggenommen und sie
- auf einen hohen Baum im Garten gesetzt und war dann davongelaufen.
- Das kleine Mädchen konnte die Puppe nicht erreichen und konnte ihr
- nicht herunterhelfen, und daher weinte sie. Auch die Puppe weinte
- und breitete ihre Arme zwischen den grünen Zweigen aus und machte
- ein ganz trauriges Gesicht. Bald würde die finstere Nacht kommen
- -- sollte da die Puppe die ganze Nacht ganz allein auf dem Baume
- sitzen? Das kleine Mädchen konnte diesen Gedanken nicht ertragen.
- »Ich will bei dir bleiben,« sagte sie zu der Puppe, obgleich sie
- nicht allzu beherzt war. Schon begann sie ganz deutlich zu sehen,
- wie die kleinen Elfen in ihren großen spitzigen Hüten durch die
- dunkelen Baumgänge tanzten und aus den Sträuchern hervorblickten;
- und sie schienen näher und näher zu kommen. Das kleine Mädchen
- streckte ihre Hände nach dem Baume aus, auf dem die Puppe saß,
- und die Elfen lachten und deuteten mit den Fingern auf sie. Wie
- erschrocken war das kleine Mädchen! Wenn man aber nichts Böses
- getan hat, so können einem diese sonderbaren kleinen Elfen kein
- Leid zufügen. Habe ich etwas Böses getan? Ach ja! sagte das kleine
- Mädchen. Ich habe über die arme Ente und ihr mit einem roten Lappen
- umwickeltes Bein gelacht. Sie hinkte, und darüber mußte ich lachen;
- aber es ist unrecht, über die armen Tiere zu lachen!
-
- Ist das nicht eine traurige Geschichte? Ich hoffe, der Vater hat
- den unartigen Knaben bestraft...
-
-Im Sommer war Fräulein Sullivan dreieinhalb Monate verreist. Folgender
-Brief Helens an sie legt Zeugnis von dem herzlichen Verhältnis ab, das
-zwischen Lehrerin und Schülerin bestand.
-
- Tuscumbia, Ala. 7. August 1889.
-
-Liebstes Fräulein! Ich freue mich sehr, Ihnen heut abend schreiben zu
-können, denn ich habe den ganzen Tag viel an Sie gedacht. Ich sitze
-auf der Piazza, und meine kleine weiße Taube sitzt auf der Lehne meines
-Stuhles und sieht mir zu, während ich schreibe. Ihr kleiner brauner
-Gefährte ist mit den übrigen Vögeln davongeflogen, aber Annie[15] ist
-nicht traurig, denn sie leistet mir gern Gesellschaft.
-
-Der kleine Artur[16] wächst sehr schnell. Er hat jetzt ein kurzes
-Kleidchen an. Cousine Leila glaubt, daß er binnen kurzem gehen wird.
-Dann will ich seine weiche, dicke Hand in die meinige nehmen und mit
-ihm im hellen Sonnenschein spazieren gehen. Er wird die größten Rosen
-pflücken und auf die lustigsten Schmetterlinge Jagd machen. Ich will
-sehr sorgfältig auf ihn achtgeben, damit er nicht fällt und sich
-wehtut...
-
-Ein Herr schenkte mir eine schöne Karte. Sie stellt eine Mühle an einem
-schönen Bache dar. Auf dem Wasser schwimmt ein Boot, und rings um das
-Boot wachsen duftende Lilien. Nicht weit von der Mühle liegt ein altes
-Haus, das ganz dicht von Bäumen umgeben ist. Auf dem Dach des Hauses
-sitzen acht Tauben, und auf der Schwelle liegt ein Hund...
-
-Ich lese täglich in meinen Büchern. Ich liebe sie recht, recht, recht
-sehr. Ich wünschte, Sie kehrten bald zu mir zurück. Ich vermisse Sie
-recht, recht sehr. Ich kann vieles nicht verstehen, wenn mein liebes
-Fräulein nicht hier ist. Ich sende Ihnen fünftausend Küsse und mehr
-Liebe, als ich sagen kann.
-
- Ihre dankbare kleine Schülerin
-
- Helen A. Keller.
-
- [15] So hatte Helen die Taube nach ihrer Lehrerin genannt.
-
- [16] Helens jüngster Bruder.
-
-
-Unter ihren Freunden zählt Fräulein Keller in ihrer Selbstbiographie
-auch den Dichter John Greenleaf Whittier auf (s. oben S. 138). Ihr
-erster Brief an ihn lautet folgendermaßen:
-
- Boston, Mass. 27. Nov. 1889.
-
- Teurer Dichter!
-
-Ich glaube, Sie werden überrascht sein, einen Brief von einem kleinen
-Mädchen zu erhalten, das Sie nicht kennen, aber ich glaubte, es würde
-Sie freuen, zu hören, daß Ihre schönen Gedichte mich sehr glücklich
-machen. Gestern las ich »~In School Days~« und »~My Playmate~« und
-freute mich von Herzen darüber. Ich war sehr traurig, daß das arme
-kleine Mädchen mit den braunen Augen und den »goldenen Locken« sterben
-mußte. Es ist sehr angenehm, auf unserer schönen Welt zu leben. Ich
-kann die lieblichen Dinge nicht mit meinen Augen sehen, aber mein Geist
-kann sie alle sehen, und so bin ich den ganzen Tag über fröhlich.
-
-Wenn ich in meinem Garten spazieren gehe, so kann ich die schönen
-Blumen nicht sehen, aber ich weiß, daß sie mich alle rings umgeben;
-denn ist nicht die Luft mit ihrem süßen Wohlgeruche angefüllt? Auch
-weiß ich, daß die zarten Glöckchen der Lilien ihren Genossinnen hübsche
-Geheimnisse zuflüstern, sonst würden sie nicht so glücklich aussehen.
-Ich liebe Sie von Herzen, denn Sie haben mich soviel Schönes über
-Blumen, Vögel und Menschen gelehrt. Nun muß ich Ihnen Lebewohl sagen.
-
- Ihre Sie liebende kleine Freundin
-
- Helen A. Keller.
-
-
-_Aus einem Briefe an ~Dr~. Oliver Wendell Holmes_[17]
-
- vom 1. März 1890.
-
-... Ich lese jetzt eine sehr traurige Geschichte, »~Little Jakey~« mit
-Titel. Jakey war der lieblichste kleine Knabe, den Sie sich denken
-können, aber er war arm und blind. Als ich klein war und noch nicht
-lesen konnte, glaubte ich, daß jedermann stets glücklich sei, und
-zuerst machte es mich sehr traurig, als ich von Schmerz und großem
-Leide erfuhr; aber jetzt weiß ich, daß wir niemals lernen würden,
-tapfer und geduldig zu sein, wenn es nur Freude auf der Welt gäbe.
-
-Ich beschäftige mich in der Zoologie jetzt mit den Insekten, und ich
-habe viel über die Schmetterlinge gelernt. Sie machen keinen Honig für
-uns wie die Bienen, aber viele von ihnen sind so schön wie die Blumen,
-auf denen sie ruhen, und erfreuen stets das Herz kleiner Kinder. Sie
-führen ein fröhliches Leben, flattern von Blume zu Blume und nippen die
-Tropfen Honigtau, ohne an den morgenden Tag zu denken. Sie sind genau
-wie kleine Knaben und Mädchen, wenn sie Bücher und Schule vergessen und
-durch die Wälder und Felder laufen, um wilde Blumen zu pflücken oder
-nach duftenden Lilien in die Teiche waten, glücklich im strahlenden
-Sonnenschein.
-
- [17] Vergl. oben S. 137 ff.
-
-
-_An Fräulein Sarah Fuller._[18]
-
- Boston, Mass., 3. April 1890.
-
- Mein liebes Fräulein Fuller!
-
-Mein Herz ist an diesem schönen Morgen voller Freude, weil ich viele
-neue Wörter sprechen gelernt habe und ich ein paar Sätze bilden
-kann. Gestern abend ging ich in den Hof hinaus und redete den Mond
-an. Ich sagte: O Mond, komm zu mir! Glauben Sie, daß sich der liebe
-Mond freute, als er mich sprechen hörte? Wie froh wird meine Mutter
-sein! Ich kann den Juni kaum erwarten, so sehnlich wünsche ich, zu
-ihr und zu meiner reizenden kleinen Schwester sprechen zu können.
-Mildred konnte mich nicht verstehen, wenn ich mit meinen Fingern
-buchstabierte, aber jetzt wird sie auf meinem Schoß sitzen und ich
-werde ihr viel erzählen, was ihr gefallen soll, und wir werden so
-glücklich miteinander sein. Sind Sie sehr, sehr glücklich, daß Sie so
-viele Menschen glücklich machen? Ich glaube, Sie sind sehr gütig und
-geduldig, und ich liebe Sie recht von Herzen. Meine Lehrerin sagte mir
-am Dienstag, Sie wünschten zu wissen, wie der Wunsch in mir aufstieg,
-mit meinem Munde zu sprechen. Ich will es Ihnen ausführlich erzählen,
-denn ich erinnere mich ganz genau daran. Als ich ein ganz kleines
-Kind war, pflegte ich die ganze Zeit über auf meiner Mutter Schoß zu
-sitzen, weil ich sehr furchtsam war und nicht gern allein blieb. Ich
-hielt fortwährend meine kleine Hand an ihr Gesicht, weil es mir Spaß
-machte, zu fühlen, wie sich ihr Gesicht und ihre Lippen bewegten,
-wenn sie mit anderen sprach. Ich wußte damals noch nicht, was sie
-tat, denn ich war in allem ganz unwissend. Als ich dann älter wurde,
-lernte ich mit meiner Wärterin und den kleinen Negerkindern spielen
-und bemerkte, daß sie ihre Lippen genau wie meine Mutter bewegten;
-daher bewegte ich auch die meinigen, aber das machte mich mitunter
-zornig, und ich schlug meine Spielgefährten oft heftig auf den Mund.
-Ich wußte damals noch nicht, daß dies sehr unartig war. Nach langer
-Zeit kam meine teure Lehrerin zu mir und lehrte mich, wie ich mich mit
-meinen Fingern verständlich machen könnte, und ich war glücklich und
-zufrieden. Als ich dann aber in die Schule nach Boston kam, traf ich
-mehrere taube Leute, die mit ihrem Munde sprachen wie alle anderen
-Leute, und eines Tages kam eine Dame, die in Norwegen gewesen war, zu
-mir, um mich zu besuchen, und erzählte mir von einem blinden und tauben
-Mädchen, das sie in jenem fernen Lande gesehen hatte und das sprechen
-und andere verstehen gelernt hatte, wenn sie zu ihr sprachen. Diese
-guten, fröhlichen Nachrichten entzückten mich über die Maßen, denn
-jetzt war ich überzeugt, daß ich es auch lernen würde. Ich versuchte
-Töne hervorzubringen wie meine kleinen Spielgefährten, aber Fräulein
-sagte mir, die Stimme sei etwas sehr Zartes und Empfindliches und
-ich würde sie schädigen, wenn ich unrichtige Töne ausstieße, und sie
-versprach mir, mich mit zu einer gütigen und klugen Dame zu nehmen,
-die mich lehren würde, sie richtig hervorzubringen. Diese Dame waren
-Sie selbst. Jetzt bin ich so glücklich wie die kleinen Vögel, denn ich
-kann sprechen, und vielleicht werde ich sogar singen lernen. Alle meine
-Freunde werden darüber erstaunt und erfreut sein.
-
- Ihre Sie liebende kleine Schülerin
-
- Helen A. Keller.
-
- [18] Vergl. oben S. 57 ff.
-
-
-Aus einem Briefe vom 14. Juli 1890 an den nachmaligen Bischof Brooks.
-
-
-... Meine Eltern waren entzückt, mich sprechen zu hören, und ich war
-überglücklich, ihnen eine so frohe Ueberraschung bereiten zu können.
-Ich denke mir, es muß ein wohltuendes Gefühl sein, jedermann glücklich
-zu machen. Warum hält es der liebe Vater im Himmel manchmal für das
-beste, uns recht großes Leid zu senden? Ich bin stets glücklich, und
-dies war auch der kleine Lord Fauntleroy, aber des armen kleinen Jakeys
-Leben war voller Traurigkeit. Gott hatte Jakeys Augen kein Licht
-geschenkt, und sein Vater war nicht freundlich und liebevoll. Glauben
-Sie, daß der arme Jakey seinen Vater im Himmel deswegen mehr liebte,
-weil sein anderer Vater unfreundlich zu ihm war? Auf welche Weise hat
-Gott den Menschen verkündet, daß seine Heimat im Himmel ist? Wenn die
-Menschen Böses tun, Tiere quälen und Kinder unfreundlich behandeln, so
-ist Gott betrübt, aber auf welche Weise will er sie lehren, barmherzig
-und liebreich zu sein? Ich denke, er wird ihnen sagen, wie herzlich
-er sie liebt und daß er wünscht, sie möchten gut und glücklich sein,
-und dann werden sie ihren Vater, der sie so sehr liebt, nicht betrüben
-und wünschen, ihm in allem, was sie tun, zu Gefallen zu sein, und dann
-werden sie einander lieben und jedermann Gutes tun und gegen die Tiere
-freundlich sein.
-
-Bitte, erzählen Sie mir alles, was Sie von Gott wissen. Es macht mich
-glücklich, viel von meinem liebenden Vater zu erfahren, der gut und
-weise ist. Ich hoffe, Sie werden Ihrer kleinen Freundin schreiben, wenn
-Sie Zeit haben.
-
-
-Tommy Stringer, dessen Name in den Briefen der nächsten Zeit oft
-vorkommt, wurde im Alter von fünf Jahren blind und taub. Seine
-Mutter war tot und sein Vater zu arm, um ihn unterrichten zu lassen.
-Eine Zeitlang war er in dem allgemeinen Krankenhaus in Allegheni
-untergebracht. Von dort wurde er nach einem Armenhause geschickt,
-denn zu jener Zeit gab es in Pennsylvania keinen anderen Platz. Helen
-hörte von ihm durch einen Bekannten, der ihr schrieb, es sei ihm nicht
-gelungen, einen Gönner für Tommy zu finden. Sie wünschte, daß er nach
-Boston gebracht würde, und als man ihr mitteilte, es gehöre viel Geld
-dazu, ihm eine Lehrerin zu halten, antwortete sie: Wir wollen es
-zusammenbringen. Sie begann Beiträge unter ihren Bekannten zu sammeln
-und leerte selbst ihre Sparbüchse.
-
-~Dr~. Alexander Graham riet, Tommy nach Boston zu schicken, und wirkte
-ihm einen Platz in dem Blindenkindergarten aus.
-
-Inzwischen bot sich für Helen Gelegenheit, eine beträchtliche Summe zu
-Tommys Erziehung beizusteuern. Den Winter zuvor war ihr Hund Lioneß
-gestorben, und ihre Freunde faßten den Plan, Geld zu sammeln, um ihr
-einen neuen Hund zu kaufen. Helen bat, die Beiträge, die aus ganz
-Amerika und England zusammenflossen, auf Tommys Erziehung zu verwenden.
-In Anbetracht dieses neuen Zweckes wuchs der Fonds rasch an, und für
-Tommy war gesorgt. Er wurde am 6. April in den Kindergarten aufgenommen.
-
-Helen hatte sich mit wahrem Feuereifer der Sache angenommen. So
-heißt es in einem Briefe vom 20. März 1891: Und nun möchte ich Ihnen
-mitteilen, was die Hundeliebhaber in Amerika zu tun im Begriffe
-stehen. Sie wollen mir Geld für ein armes taubstummes und blindes Kind
-schicken. Sein Name ist Tommy, und es ist fünf Jahre alt. Seine Eltern
-sind zu arm, um den kleinen Kerl in die Schule schicken zu können,
-und daher wollen die Herren, anstatt mir einen Hund zu schenken, dazu
-beitragen, Tommys Leben so strahlend und fröhlich wie das meinige zu
-machen. Ist dies nicht ein schönes Unternehmen? Die Erziehung wird
-Licht und Musik in Tommys Seele bringen, und dann muß er unbedingt
-glücklich sein. -- Und in einem anderen Briefe vom April 1891 heißt
-es: Ich wünschte, Sie könnten den kleinen Tom sehen, jenes blinde und
-taubstumme Kind, das soeben in unserem hübschen Garten eingetroffen
-ist. Er ist jetzt arm, hilflos und einsam, aber vor Ablauf eines Jahres
-wird die Erziehung Licht und Heiterkeit in Tommys Leben gebracht haben.
--- Ferner schreibt Helen in einem Briefe vom 30. April: Sie werden sich
-freuen, zu hören, daß Tommy jetzt eine freundliche Dame zur Lehrerin
-hat und daß er ein hübscher, lebhafter, kleiner Bursche ist. Das
-Umherklettern gefällt ihm allerdings besser als das Buchstabieren, aber
-dies kommt daher, daß er noch nicht weiß, was für ein wunderbares Ding
-die Sprache ist. Er kann sich nicht denken, wie sehr, sehr glücklich er
-sein wird, wenn er uns seine Gedanken mitteilen kann und wir ihm sagen
-können, daß wir ihn schon so lange geliebt haben.
-
-Auf Helens Bitte eröffnete Bischof Brooks eine öffentliche Sammlung
-für Tommy, die über 1600 Dollars einbrachte. Helen selbst schrieb
-Briefe an die Zeitungen und quittierte öffentlich über den Empfang
-des Geldes. Der vom 13. Mai 1891 datierte folgende Brief ist an den
-Herausgeber des »Boston Herald« gerichtet: Ich glaube, die Leser Ihrer
-Zeitung werden sich freuen, zu hören, daß soviel für den lieben kleinen
-Tommy getan worden ist. Er fühlt sich in der Tat im Kindergarten sehr
-glücklich, und lernt täglich etwas Neues. Er hat herausgefunden,
-daß die Türen Schlösser haben und daß kleine Hölzchen und Stückchen
-Papier sich ganz leicht in die Schlüssellöcher hineinstecken lassen;
-aber er scheint nicht halb soviel Lust zu haben, sie herauszunehmen
-wie hineinzustecken. Das Hinaufklettern an den Bettpfosten und das
-Abschrauben der Dampfventile gefällt ihm allerdings viel besser als das
-Buchstabieren, aber dies kommt daher, daß er noch nicht versteht, daß
-die Wörter ihm zu neuen, interessanten Entdeckungen verhelfen werden.
-Ich hoffe, daß gute Menschen fortfahren werden, für Tommy zu sorgen,
-bis der Fonds vollständig ist und die Erziehung Licht und Musik in sein
-kleines Leben gebracht hat.
-
- * * * * *
-
-Im Mai 1892 gab Helen zum Besten des Blindenkindergartens einen »Tee«,
-der über 2000 Dollars einbrachte. Auf diese Veranstaltung bezieht sich
-folgender Brief vom 9. Mai 1892 an eine Freundin: Brauche ich Ihnen zu
-sagen, wie ich mich freute, zu hören, daß Sie sich für meinen »Tee«
-interessieren? Keinenfalls dürfen wir ihn aufgeben. Sehr bald werde ich
-weit fortgehen, in mein teures Elternhaus, in den sonnigen Süden, und
-der Gedanke würde mich für immer glücklich machen, daß das letzte, was
-meine teueren Freunde in Boston mir zuliebe getan haben, darin bestand,
-daß sie das Leben so vieler kleiner des Gesichts beraubter Kinder froh
-und glücklich zu machen halfen. Ich weiß, daß gütige Menschen gar
-nicht umhin können, liebevolle Teilnahme für die Kleinen zu hegen, die
-das herrliche Licht nicht zu erblicken vermögen, und es scheint mir,
-als müsse sich alle liebevolle Teilnahme in Handlungen werktätiger
-Hilfe äußern; und wenn die Freunde der kleinen hilflosen, blinden
-Kinder einsehen, daß wir für ihre Glückseligkeit sorgen, so werden sie
-bestimmt kommen und unserem »Tee« den Erfolg sichern, und ich bin fest
-davon überzeugt, ich werde das glücklichste kleine Mädchen auf der
-ganzen Welt sein.
-
- * * * * *
-
-Von der Reise zum Niagarafall (s. oben S. 74) handelt folgender Brief
-Helens vom 13. April 1893 an ihre Mutter:
-
- * * * * *
-
-... Herr Westerfelt[19] gab uns zu Ehren eine Nachmittags-Gesellschaft.
-Es kam eine große Menge Menschen. Einige von ihnen richteten sehr
-sonderbare Fragen an mich. Eine Dame schien überrascht zu sein, daß
-ich die Blumen liebte, da ich doch ihre schönen Farben nicht zu sehen
-vermöchte, und als ich sie versicherte, ich liebte sie trotzdem,
-antwortete sie: »Gewiß fühlen Sie die Farben mit Ihren Fingern.« Aber
-natürlich lieben wir die Blumen, nicht nur ihrer herrlichen Farbe
-wegen... Ein Herr fragte mich, was der Begriff Schönheit für mich
-bedeute. Ich muß gestehen, ich war für einen Augenblick verwirrt. Dann
-aber antwortete ich ihm, Schönheit sei eine Form der Güte -- und er
-verschwand.
-
- [19] Der Leiter einer Taubstummenschule in Rochester.
-
- * * * * *
-
-Ueber den Eindruck, den der Niagarafall selbst auf Helen machte, heißt
-es weiterhin:
-
-Das Hotel stand so nahe am Flusse, daß ich sein Vorbeirauschen fühlen
-konnte, wenn ich die Hand an das Fenster legte... Du kannst Dir nicht
-vorstellen, was ich fühlte, als ich am Niagara stand, ehe Du nicht
-selbst die nämliche geheimnisvolle Empfindung gehabt hast. Ich konnte
-mir kaum denken, daß es Wasser sei, was ich mit ungestümer Wut zu
-meinen Füßen brausen und tosen fühlte. Es kam mir vor, als sei es
-ein lebendes Wesen, das einem furchtbaren Geschicke entgegeneilte.
-Ich wünschte, ich könnte den Wasserfall schildern, wie er ist, seine
-Schönheit und majestätische Größe, das furchtbare, unwiderstehliche
-Hinabstürzen des Wassers über den Hang des Abgrundes. Man fühlt sich in
-Gegenwart einer solchen ungeheueren Kraft hilflos und überwältigt. Ich
-hatte schon einmal dieses selbe Gefühl, als ich am Strande des Ozeans
-stand und seine Wogen gegen das Ufer anbranden fühlte. Ich glaube,
-auch Du hast diese Empfindung, wenn Du in der Stille der Nacht zu den
-Sternen aufblickst, nicht wahr?... Wir ließen uns 120 Fuß in einem
-Elevator nieder, um die furchtbaren Wogen und Wirbel in der tiefen
-Schlucht unterhalb des Falles zu beobachten.
-
- * * * * *
-
-Ihren Besuch der Weltausstellung in Chicago schildert Helen in einem
-Briefe vom 17. August 1893. Es heißt darin unter anderem: Jedermann
-auf der Ausstellung war sehr freundlich zu mir... Fast alle Aussteller
-schienen gern bereit zu sein, mich auch die zerbrechlichsten
-Dinge berühren zu lassen, und sie erklärten mir alles in der
-liebenswürdigsten Weise. Ein Franzose, dessen Namen ich vergessen habe,
-zeigte mir die großen französischen Bronzen. Ich glaube, sie machten
-mir mehr Freude als sonst etwas auf der Ausstellung: so lebendig und
-wundervoll erschienen sie mir bei der Berührung..... Dann ging ich mit
-Professor Morse nach der japanischen Abteilung. Ich hatte keine Ahnung
-davon, was für ein wunderbares Volk die Japaner sind, ehe ich ihre
-höchst interessante Ausstellung sah. Japan muß in der Tat ein Paradies
-für die Kinder sein, nach der großen Menge von Spielsachen zu urteilen,
-die hier angefertigt werden.
-
- * * * * *
-
-Ueber ihre Begegnung mit Mark Twain schreibt Helen Keller im März 1895
-an ihre Mutter folgendes:
-
-Lehrerin und ich verbrachten den gestrigen Nachmittag bei Herrn Hutton
-und waren sehr vergnügt dort!
-
-Wir trafen Mr. Clemens (Mark Twain) und Mr. Howells dort. Ich hatte
-schon lange von ihnen gehört, aber nie hatte ich gedacht, daß ich die
-einmal sehen und mit ihnen sprechen sollte. ... Die beiden berühmten
-Schriftsteller waren sehr lieb und freundlich mit mir, und ich könnte
-nicht sagen, welcher von beiden mir lieber ist. Mark Twain erzählte
-uns viele unterhaltende Geschichten und brachte uns zum Lachen, bis
-wir weinten. Ich möchte nur, Du hättest ihn sehen und hören können. Er
-erzählte uns, daß er in einigen Tagen nach Europa gehen wolle, um seine
-Frau und seine Tochter Jeanne nach Amerika zurückzuholen, weil Jeanne,
-die in Paris studiert, in 3½ Jahren soviel gelernt hätte, daß wenn er
-sie jetzt nicht nach Hause brächte, sie bald mehr wüßte, als er selber.
-
-Ich finde, »Mark Twain« ist ein sehr passender ~nom de plume~ für
-Herrn Clemens, denn er klingt so komisch und drollig und paßt gut zu
-seinen lustigen Geschichten, und seine nautische Bedeutung[20] weist
-auf die tiefsinnigen und schönen Sachen hin, die er geschrieben hat.
-Ich finde, er ist sehr schön -- -- --.
-
- (Vgl. oben S. 141 ff. 182.)
-
- [20] ~Mark twain~ = Ruf des Mississippi-Lotsen bei 2 Faden Tiefe.
-
-
-[Illustration: Helen Keller »betrachtet« eine Nike-Statuette]
-
-Einen Besuch im Bostoner Museum schildert Helen in einem Briefe vom
-3. Februar 1899. Sie schreibt darin: Vorigen Montag hatte ich ein
-äußerst interessantes Erlebnis. Eine Freundin nahm mich an diesem Tage
-mit nach dem Bostoner Kunstmuseum. Sie hatte mir schon vorher bei
-General Loring, dem Direktor des Museums, die Erlaubnis ausgewirkt,
-die Statuen berühren zu dürfen, namentlich die, welche meine alten
-Freunde aus der Ilias und der Aeneis darstellten. War dies nicht
-liebenswürdig? Während ich dort weilte, trat General Loring selbst ein
-und zeigte mir einige der schönsten Statuen, unter denen sich die Venus
-von Medici, die Athene vom Parthenon, Diana in ihrem Jagdkleide mit
-der Hand am Köcher und einer Hindin neben ihr, sowie der unglückliche
-Laokoon nebst seinen beiden Söhnen befanden, die sich in den
-furchtbaren Umschlingungen zweier riesiger Schlangen winden und unter
-herzzerreißendem Geschrei ihre Arme zum Himmel emporstrecken. Auch
-den Apollo vom Belvedere sah ich. Er hat soeben den Python erlegt und
-steht neben einem großen Marmorpfeiler, die schöne Hand triumphierend
-über den furchtbaren Drachen ausstreckend. O er ist einfach wundervoll!
-Venus entzückte mich. Sie sah aus, als sei sie soeben aus dem Schaume
-des Meeres emporgestiegen, und ihre Lieblichkeit wirkte auf mich wie
-ein himmlischer Gesang. Auch die arme Niobe sah ich mit ihrem jüngsten
-Kinde, das sich fest an die anklammert, während sie die grausame
-Göttin anfleht, ihr nicht auch den letzten Liebling zu töten. Ich
-weinte beinahe, so lebenswahr und tragisch war dies alles. General
-Loring zeigte mir auch in liebenswürdiger Weise eine Nachbildung einer
-der wundervollen Bronzetüren aus dem Baptisterium zu Florenz, und
-ich befühlte die schönen Pfeiler, die auf den Rücken grimmiger Löwen
-ruhen. So hatte ich, wie Sie sehen, einen Vorgeschmack des Genusses,
-den ich eines Tages haben werde, wenn ich Florenz besuche. Meine
-Freundin versprach mir, später eine Nachbildung der von Lord Elgin
-nach London gebrachten Parthenonskulpturen zu zeigen. Ich würde es
-jedoch vorziehen, die Originale an der Stelle zu sehen, für die sie
-von dem Genius bestimmt waren, nicht nur als Hymnus zum Preise der
-Götter, sondern auch als Denkmal für den Ruhm Griechenlands. Es scheint
-mir tatsächlich ein Frevel zu sein, solche geweihte Werke aus dem
-Heiligtume der Vergangenheit, in das sie gehören, zu entführen.
-
- * * * * *
-
-Ebenso interessant wie das vorstehende Schreiben ist eine Aeußerung
-Helens in einem Briefe vom 2. Januar 1900 über ihre Empfindungen
-beim Orgelspiel. Es heißt darin: Am Sonntag gingen wir nach der
-Bartholomäuskirche... Nach dem Gottesdienste bat der Geistliche
-den Organisten Herrn Warren, die Orgel für mich zu spielen. Ich
-stand mitten in der Kirche, wo die von der großen Orgel erzeugten
-Luftschwingungen am stärksten sind, und fühlte die mächtigen Tonwogen
-gegen mich anbranden, wie die großen Meereswellen gegen ein kleines
-Schiff schlagen...
-
- * * * * *
-
-Zum Schluß seien noch einige Aeußerungen Helens über
-Schicksalsgefährten von ihr angeführt. Am 5. Juni 1899 schreibt sie
-über Linnie Haguewood, ein taub-blindes Mädchen, das von einem Fräulein
-Dora Donald erzogen worden war, an Herrn William Wade (vergl. S. 78):
-Linnie Haguewoods Brief interessierte mich sehr. Er scheint mir auf
-Selbständigkeit und große Sanftmut des Charakters hinzuweisen. Sehr
-interessant sind ihre Aeußerungen über Geschichte. Ich bedauere, daß
-sie kein Gefallen daran findet; aber auch ich empfinde es bisweilen,
-wie dunkel, geheimnisvoll und selbst furchtbar die Geschichte alter
-Völker, alter Religionen und alter Regierungsformen in Wahrheit ist.
-
-Nun, ich muß offen gestehen, ich liebe die Zeichensprache nicht und
-glaube auch nicht, daß sie den Taub-Blinden von großem Nutzen ist.
-Ich finde es sehr schwer, den raschen Bewegungen der Taubstummen zu
-folgen, und außerdem scheinen die Zeichen ein großes Hindernis für sie
-bei der Gewöhnung an einen freien, gewandten Gebrauch der Sprache zu
-sein. Es fällt mir bisweilen schwer, sie zu verstehen, wenn sie mit
-den Fingern buchstabieren. Im ganzen genommen erscheint mir, wenn sie
-nicht die Lautsprache erlernen können, das Fingeralphabet als das beste
-und bequemste Verständigungsmittel für sie. Jedenfalls bin ich fest
-davon überzeugt, daß die Taub-Blinden es nicht fertig bringen, die
-Zeichensprache einigermaßen gewandt zu handhaben.
-
-Eines Tages traf ich einen tauben Norweger, der Ragnhild Kaata und ihre
-Lehrerin sehr genau kennt, und wir unterhielten uns über sie in sehr
-interessanter Weise. Er erzählte, sie sei sehr fleißig und heiter.
-Sie spinnt und beschäftigt sich viel mit weiblichen Handarbeiten,
-sie liest und führt ein angenehmes, nützliches Leben. Aber denken
-Sie, sie versteht sich nicht auf das Fingeralphabet. Sie liest gut
-von den Lippen ab, und wenn sie etwas nicht versteht, so schreiben
-ihre Bekannten es ihr in die Hand, und auf diese Weise unterhält sie
-sich mit Fremden. Ich kann nichts verstehen, was man mir in die Hand
-schreibt; daraus können Sie sehen, daß Ragnhild mir in einigen Punkten
-überlegen ist. Ich hoffe, ich werde sie einmal sehen.
-
- * * * * *
-
-Am 9. Dezember 1900 schreibt Fräulein Keller an denselben Herrin:
-
-... Im vergangenen Oktober hörte ich von einem ungewöhnlich geweckten
-taub-blinden Mädchen in Texas. Sie heißt Ruby Rice und ist, glaube ich,
-dreizehn Jahre alt. Sie hat niemals Unterricht erhalten; doch kann
-sie nähen und hilft anderen bei dieser Arbeit. Ihr Geruchssinn ist
-wunderbar fein ausgebildet. Wenn sie in einen Laden tritt, geht sie
-direkt auf die Schaukästen zu; ebenso kann sie ihre eigenen Sachen
-von fremden unterscheiden. Ihre Eltern wünschen möglichst bald eine
-Lehrerin für sie. Auch haben sie schon an Herrn Hitz über ihre Tochter
-geschrieben.
-
-Ebenso kenne ich ein Kind in dem Taubstummen-Institut in Mississippi.
-Sie heißt Maud Scott und ist sechs Jahre alt. Fräulein Watkins, ihre
-Erzieherin, hat mir einen sehr interessanten Brief geschrieben. Sie
-teilte mir mit, daß Maud taub geboren ist und ihr Gesicht schon im
-Alter von drei Monaten verlor, sowie daß sie bei ihrer vor ein paar
-Wochen erfolgten Aufnahme in das Institut ganz hilflos war. Sie konnte
-nicht einmal gehen und konnte auch ihre Hände nur wenig gebrauchen.
-Als man versuchte, ihr das Aufreihen von Perlen beizubringen, sanken
-ihr die Händchen herab. Augenscheinlich ist ihr Gefühlssinn nicht
-entwickelt worden, und bis jetzt kann sie nur gehen, wenn jemand sie
-bei der Hand faßt; aber sie scheint ein außergewöhnlich gewecktes Kind
-zu sein. Fräulein Watkins fügt hinzu, daß sie sehr hübsch ist. Ich habe
-ihr geschrieben, daß, wenn Maud lesen lernt, ich ihr viele Erzählungen
-schicken werde. Das Herz tut mir weh bei dem Gedanken, wie gänzlich
-dieses liebe, süße kleine Mädchen von allem abgeschnitten ist, was im
-Leben gut und wünschenswert ist. Aber Fräulein Watkins scheint gerade
-die richtige Erzieherin für sie zu sein.
-
-Vor kurzem war ich in New York und traf Fräulein Rhoades, die mir
-erzählte, sie habe Katie Mc. Gier gesehen. Sie sagte, das arme junge
-Mädchen spreche und bewege sich gerade wie ein kleines Kind. Katie
-spielte mit Fräulein Rhoades’ Ringen, zog sie ihr ab und sagte mit
-einem fröhlichen Lachen: Sie bekommen sie nicht wieder. Sie konnte
-Fräulein Rhoades nur verstehen, wenn diese von den einfachsten Dingen
-sprach. Sie wollte ihr einige Bücher schicken, konnte aber keins
-finden, das einfach genug für sie gewesen wäre! Sie sagte, Katie sei
-sehr sanft, sei aber in Bezug auf den eigentlichen Unterricht in
-betrübender Weise zurückgeblieben. Ich war sehr überrascht, all dies
-zu hören; denn nach Ihren Briefen zu urteilen, muß Katie ein sehr
-frühreifes Mädchen sein.
-
-Vor ein paar Tagen traf ich Tommy Stringer auf dem Bahnhofe in
-Wrentham. Er ist jetzt ein großer, starker Junge und wird bald der
-Leitung eines Mannes bedürfen; denn er ist wirklich zu groß, als daß
-sich eine Dame noch mit ihm abgeben könnte. Er geht, wie ich höre, in
-die öffentliche Schule, und seine Fortschritte sollen ganz erstaunlich
-sein; aber in der Unterhaltung zeigt er dies bis jetzt noch nicht, denn
-diese beschränkt sich auf ja und nein.
-
-Ferner schreibt Helen in einem Briefe vom 27. Dezember 1890 an eine
-bekannte Dame: Ein Herr in Philadelphia hat vor kurzem an meine
-Lehrerin über ein taub-blindes Kind in Paris, dessen Eltern Polen sind,
-geschrieben. Die Mutter ist Aerztin und, wie er sagt, eine prächtige
-Frau. Der kleine Knabe konnte zwei bis drei Sprachen sprechen, bevor
-er sein Gehör durch Krankheit verlor, und ist jetzt erst fünf Jahre
-alt. Armer kleiner Bursche, ich wollte, ich könnte etwas für ihn tun;
-aber er ist so jung, meine Lehrerin glaubt, eine Trennung von seiner
-Mutter würde von zu nachteiligen Folgen für ihn begleitet sein. Frau
-Thaw schrieb mir kürzlich einen Brief über die Möglichkeit, etwas
-für all diese Kinder zu tun. ~Dr.~ Bell meint, die gegenwärtige
-Volkszählung würde ergeben, daß sich allein in den Vereinigten Staaten
-mehr als tausend befänden, und Frau Thaw glaubt, wenn alle meine
-Freunde ihre Anstrengungen vereinigten, so würde es ein leichtes sein,
-mit Beginn dieses neuen Jahrhunderts der Wohltätigkeit eine neue Bahn
-zu eröffnen und die Rettung dieser unglücklichen Kinder zu bewirken.
-
-Am 11. November 1901 wurde ~Dr.~ Howes hundertjähriger Geburtstag in
-Boston feierlich begangen. Am Tage vorher schrieb Helen Keller an ihren
-Verwandten ~Dr.~ Edward Everett Hale (vergl. oben S. 139) folgenden
-Brief:
-
- * * * * *
-
- Cambridge, 10. November 1901.
-
-Meine Lehrerin und ich hoffen morgen der Feier der hundertsten
-Wiederkehr von ~Dr.~ Howes Geburtstag beiwohnen zu können; aber ich
-bezweifle es sehr, ob wir eine Gelegenheit finden werden, mit Ihnen zu
-sprechen. Daher schreibe ich Ihnen heut, um Ihnen zu sagen, wie erfreut
-ich darüber bin, daß Sie die Festrede halten werden; denn ich fühle es,
-daß Sie besser als sonst jemand, den ich kenne, die aus dem tiefsten
-Herzen kommende Dankbarkeit derer zum Ausdruck bringen werden, die
-ihre Bildung, ihre Stellung im Leben, ihr Glück dem verdanken, der den
-Blinden die Augen geöffnet und den Stummen die Lautsprache geschenkt
-hat.
-
-Während ich hier in meinem Studierzimmer sitze, umgeben von meinen
-Büchern, mich der tröstenden und erhebenden Gemeinschaft mit den großen
-Weisen erfreuend, suche ich mir vorzustellen, was mein Leben wohl
-gewesen wäre, wenn es ~Dr.~ Howe nicht gelungen wäre, die große, ihm
-von Gott gestellte Aufgabe zu lösen. Hätte er nicht die Verantwortung
-für Laura Bridgmans Erziehung übernommen und sie aus dem Schlunde des
-Acheron zurück zu ihrem Menschentume geführt, würde ich dann heut eine
-Schülerin des Radcliffe College sein -- wer vermag dies zu sagen? Aber
-es ist nutzlos, über das zu grübeln, was in Bezug auf ~Dr.~ Howes große
-Leistung hätte sein können.
-
-Ich glaube, nur diejenigen, welche jenem mehr dem Tode als dem Leben
-ähnlichen Dasein entronnen sind, von dem auch Laura Bridgman gerettet
-worden ist, können wissen, wie vereinsamt, wie in Dunkel gehüllt, wie
-durch die eigene Ohnmacht niedergedrückt eine Seele ohne Denken, ohne
-Glauben, ohne Hoffen ist. Worte sind zu schwach, um die Oede jenes
-Kerkers oder die Freude der Seele, die aus ihrer Haft befreit ist,
-zu schildern. Wenn wir die Dürftigkeit und Hilflosigkeit der Blinden
-vor dem Beginn von ~Dr.~ Howes Tätigkeit mit ihrer gegenwärtigen
-Brauchbarkeit und Unabhängigkeit vergleichen, so sind wir uns bewußt,
-daß sich große Dinge in unserer Mitte vollzogen haben. Physische
-Bedingungen haben hohe Mauern um uns errichtet, aber dank unserem
-Freunde und Helfer liegt uns die Welt nach oben offen; die Länge, die
-Breite, die Höhe des Himmels gehören uns.
-
-Es ist ein erhebender Gedanke, daß ~Dr.~ Howes edles Unternehmen den
-ihm gebührenden Tribut der Liebe und Dankbarkeit in der Stadt erhalten
-soll, die der Schauplatz seiner unendlichen Mühen und seiner glänzenden
-Siege zum Besten der Menschheit gewesen ist.
-
-Mit den herzlichsten Grüßen, denen sich meine Lehrerin anschließt, bin
-ich
-
- in treuer Liebe
-
- Ihre Freundin
-
- Helen Keller.
-
-
-
-
- Anhang
-
- Von John Albert Macy
-
-
- Nebst Briefen und Berichten
-
- von
-
- A. M. Sullivan.
-
-
-
-
-Die Abfassung des Buches.
-
- Schwierigkeit der Prüfung des mit der Schreibmaschine hergestellten
- Manuskriptes. -- Braillekopie. -- Revision mit Hilfe Fräulein
- Sullivans.
-
-
-Man muß gestehen, Fräulein Kellers »Geschichte meines Lebens« erscheint
-gerade jetzt zur rechten Zeit. Die Entwickelung der Verfasserin ist im
-wesentlichen abgeschlossen, und was sie auch in Zukunft noch erreichen
-mag, es wird immer nur ein verhältnismäßig geringfügiger Zuwachs zu
-den Erfolgen sein, die sie schon jetzt aufzuweisen hat. Diese Erfolge
-liegen klar zutage, denn ihre Leistungen im Radcliffe College während
-der letzten beiden Jahre haben bewiesen, daß sie ihre Ausbildung so
-weit fortsetzen kann, als ob sie unter normalen Bedingungen studierte.
-Alle Zweifel, die Fräulein Keller etwa selbst gehegt haben mag, sind
-nun verstummt.
-
-Um den Leser in den Stand zu setzen, Fräulein Kellers Aufzeichnungen
-von dem richtigen Gesichtspunkte aus zu betrachten, sind einige
-Erläuterungen notwendig. In der Schilderung, die sie von ihren ersten
-Unterrichtsjahren entwirft, gibt sie keinen wissenschaftlich genauen
-Bericht über ihr Leben, nicht einmal über die wichtigsten Ereignisse
-darin. Sie kann im einzelnen nicht wissen, in welcher Weise sie
-unterrichtet wurde, und die Erinnerung an ihre Kindheit ist zum Teil
-eine idealisierte Erinnerung an das, was sie später von ihrer Lehrerin
-und anderen erfahren hat. Sie ist weniger imstande, sich auf Ereignisse
-zu entsinnen, die fünfzehn Jahre zurückliegen, als die meisten von uns
-sich ihre Kindheit ins Gedächtnis zurückrufen können. Aus diesem Grund
-wird man stellenweise einen Unterschied zwischen den Aufzeichnungen
-Fräulein Kellers und den Berichten ihrer Lehrerin finden.
-
-Die Art und Weise, in der Fräulein Keller ihre Biographie geschrieben
-hat, legt deutlicher als alles andere Zeugnis von den Schwierigkeiten
-ab, die sie zu überwinden hatte. Wenn wir schreiben, so können wir das
-Fertiggewordene überlesen, seitenlang zurückblättern, einfügen, die
-Anordnung ändern; wir können sehen, wie sich die Sätze im Konzepte
-ausnehmen, und so das ganze Werk offensichtlich vor unseren Augen
-aufbauen, wie ein Architekt seine Pläne entwirft. Wenn Fräulein Keller
-die Schreibmaschine benutzt, so kann sie das Niedergeschriebene nur
-prüfen, wenn es ihr jemand mittels des Fingeralphabets vorliest.
-
-Diese Schwierigkeit wird zum Teil durch die Benutzung der
-Braillemaschine gehoben, die ein für sie lesbares Manuskript liefert;
-da ihre Arbeit doch aber zuletzt in Schreibmaschinenschrift übertragen
-werden muß, und eine Braillemaschine etwas unbequem zu handhaben ist,
-so hat sie sich daran gewöhnt, sofort mit der Schreibmaschine zu
-arbeiten. Sie ist so wenig von ihrem Braillemanuskript abhängig, daß,
-als sie vor länger als Jahresfrist ihre Biographie zu schreiben begann
-und etwa hundert Seiten des Entwurfes nebst einzelnen Bemerkungen
-hiezu fertiggestellt hatte, sie aus Unachtsamkeit diese Anmerkungen
-vernichtete, ehe sie ihr Manuskript beendet hatte. Daher schrieb sie
-einen großen Teil ihrer Biographie mittels der Schreibmaschine nieder
-und verließ sich behufs der Zusammenstellung der einzelnen Episoden,
-die ihr Fräulein Sullivan vorlas, bei der endgültigen Ausarbeitung ganz
-auf ihr Gedächtnis.
-
-Als sie im vergangenen Juli unter großer Ueberbürdung mit Arbeit
-das Schlußkapitel beendet hatte, begann sie das ganze Buch mit
-der Schreibmaschine umzuschreiben. Ein guter Freund von ihr, Herr
-William Wade, hatte für sie eine vollständige Braillekopie nach den
-Niederschriften angefertigt. Nun hatte sie zum ersten Male ihr gesamtes
-Manuskript auf einmal unter den Fingern. Sie bemerkte Mängel in der
-Anordnung der Abschnitte und Wiederholungen einzelner Redewendungen;
-ferner erkannte sie, daß ihre Biographie von selbst in kurze Kapitel
-zerfiel, und teilte sie demgemäß von neuem ein.
-
-Teils infolge ihres Temperaments, teils infolge der Bedingungen, unter
-denen ihr Buch entstanden war, hatte sie mehr eine Reihe glänzender
-Einzelschilderungen als eine einheitliche Erzählung gegeben; in der Tat
-sind verschiedene Abschnitte ihrer Biographie kurze Aufsätze, die sie
-in ihren englischen Unterrichtsstunden geschrieben hatte, und die lose
-Verbindung zeigt mitunter ihren ursprünglichen Umfang an.
-
-Bei der Reinschrift brachte Fräulein Keller mit Hilfe ihrer
-Brailleschreibmaschine Korrekturen und Ergänzungen auf besonderen
-Blättern zu Papier. Längere Korrekturen schrieb sie mittels der
-Schreibmaschine nieder und bezeichnete die Stellen, an die sie
-gehörten, durch Stichworte. Dann las sie das ganze Buch von ihrer
-Braillekopie ab und brachte während des Lesens noch Korrekturen an,
-die auf das Manuskript niedergeschrieben wurden, das dann in die
-Druckerei kam. Während dieser Revision erörterte sie Fragen, die auf
-Inhalt und Form Bezug hatten. Sie saß da, ließ ihre Finger über das
-Braillemanuskript gleiten, hielt dann und wann inne, um die Blätter,
-auf die sie ihre Notizen in Brailleschrift aufgezeichnet hatte, zu
-vergleichen, und las die ganze Zeit über laut, um ihre Zuhörer in die
-Lage zu versetzen, das Manuskript zu kontrollieren.
-
-Sie hörte auf die Kritik genau so wie jeder andere Schriftsteller
-auf das Urteil seiner Freunde oder seines Verlegers hört. Fräulein
-Sullivan, die eine ausgezeichnete Kritikerin ist, machte ihr
-sowohl bei der Ausarbeitung wie bei der Revision vielfach
-Verbesserungsvorschläge. Man hat behaupten wollen, Fräulein Keller
-sei durch übereifrige Freunde zur Abfassung ihres Buches sowie zur
-Einfügung gewisser Dinge gedrängt worden. In Wahrheit haben die
-Ratschläge, die sie erhalten und befolgt hat, mehr zu Streichungen als
-zu Zusätzen geführt. Das Buch ist Fräulein Kellers ausschließliches
-geistiges Eigentum und der entscheidende Beweis für ihre selbständige
-Begabung.
-
-
-
-
-Helen Kellers Persönlichkeit.
-
- Körperliche Erscheinung. -- Lebhafte Gestikulation. --
- Personengedächtnis. -- Vorliebe für Humor. -- Hartnäckigkeit im
- Verfolgen ihrer Ziele. -- Keckheit. -- Ungeeignet für psychologische
- Experimente. -- Liebe zur Geselligkeit. -- Verständnis für Musik.
- -- Interesse für die Tagesereignisse. -- Ueberraschend vollständige
- Weltkenntnis. -- Gefühlssinn nicht besonders fein entwickelt. --
- Verständnis für Plastik. -- Wenig Orientierungssinn. -- Benutzung der
- Schreibmaschine. -- Fingeralphabet. -- Hochdruck und Braillesystem.
- -- Geruchssinn. -- »Sechster Sinn«. -- Zeitsinn. -- Eigenartige
- Uhren. -- Gesunde Auffassung der Dinge. -- Sittliche Reinheit. --
- Abneigung gegen Tragödien. -- Warmes Empfinden und Aufrichtigkeit. --
- Mangel an Eitelkeit. -- Beschäftigung mit Politik.
-
-
-Mark Twain hat behauptet, die beiden interessantesten Charaktere
-des neunzehnten Jahrhunderts seien Napoleon und Helen Keller. Die
-Bewunderung, mit der die Welt auf die letztere geblickt hat, wird
-durch ihre Leistungen mehr als gerechtfertigt. Niemand vermag etwas
-Zutreffendes über sie auszusagen, was nicht bereits gedruckt ist, und
-alles, was ich tun kann, besteht darin, einiges Tatsächliche über
-Fräulein Kellers Entwickelungsgang mitzuteilen und die Angaben über
-ihre Persönlichkeit in einigen Punkten zu ergänzen.
-
-Fräulein Keller ist groß und kräftig gebaut und hat sich stets einer
-guten Gesundheit erfreut. Sie scheint nervöser zu sein, als sie
-tatsächlich ist, weil sie mehr mit ihren Händen gestikuliert als
-die meisten Menschen englischer Zunge. Der eine Grund für diese
-Gewöhnung liegt bei ihr darin, daß sie sich ihrer Hände so lange
-Zeit als Verständigungsmittel bedient hat, daß sie von selbst die
-rasche Beweglichkeit des Auges angenommen haben und einen Teil von
-dem ausdrücken, was wir mit einem Blicke sagen. Alle tauben Menschen
-gestikulieren von Hause aus. In der Tat war man früher der Meinung,
-diese Unglücklichen könnten sich am leichtesten durch ein System
-von Gestikulationen, durch die von dem Abbé de l’Epée erfundene
-Zeichensprache verständlich machen.
-
-Wenn Fräulein Keller spricht, so belebt sich ihr Antlitz und drückt
-alle Nuancen ihres Denkens aus, ihre Gesichtszüge werden sprechend
-und geben ihren Worten erst den rechten Nachdruck. Wenn sie jedoch
-mit einem näheren Bekannten spricht, so faßt sie mit der Hand rasch
-nach seinem Gesichte, um, wie sie sagt, „das Bewegungsspiel des Mundes
-zu sehen.“ Auf diese Weise ist sie imstande, den Sinn solcher halb
-ausgesprochenen Sätze zu verstehen, die wir unbewußt aus dem Tone der
-Stimme oder dem Ausdrucke des Auges ergänzen.
-
-Ihr Personengedächtnis ist erstaunlich. Sie erinnert sich bei der
-Berührung von Fingern, die sie früher in der Hand gehalten hat, all
-der charakteristischen Muskelzusammenziehungen, die den Handschlag des
-einen Menschen von dem des anderen verschieden machen.
-
-Vielleicht der kennzeichnendste Charakterzug Helen Kellers (und
-ebenso Fräulein Sullivans) ist der Humor. Schlagfertigkeit und die
-Neigung zu Wortspielen verleihen ihr eine Vorliebe für Bonmots und
-witzige Redewendungen. Doch ist ihr Humor von jener tieferen Art, die
-gleichbedeutend mit Mut ist.
-
-Vor vierzehn Jahren setzte sie es sich in den Kopf, sprechen lernen zu
-wollen, und sie ließ ihrer Lehrerin nicht eher Ruhe, bis ihr diese
-die Erlaubnis gab, Unterricht darin nehmen zu dürfen, obgleich kluge,
-erfahrene Leute, sogar Fräulein Sullivan, die klügste von allen,
-dies als ein Experiment betrachteten, das unmöglich gelingen könne
-und nur danach angetan sei, sie unglücklich zu machen. Diese selbe
-Hartnäckigkeit war es, die sie bewog, die Universität zu besuchen.
-Nachdem sie ihre Examina bestanden und ihr Abiturientenzeugnis erhalten
-hatte, wurde ihr von dem Dekan des Radcliffe College und anderen das
-Universitätsstudium widerraten. Sie schob es daher ein volles Jahr auf.
-Sie fühlte sich aber nicht befriedigt, bis sie ihren Plan ausführte und
-die Universität bezog.
-
-Ihr Leben ist eine Reihe von Anläufen gewesen, alles zu tun, was andere
-tun, und es ebensogut zu tun. Sie hat damit einen durchschlagenden
-Erfolg erzielt, denn bei dem Versuche, so zu sein wie andere, ist sie
-dahin gelangt, sich selbst völlig zu finden. Ihre Abneigung gegen
-Niederlagen hat ihren Mut entwickelt. Was ein anderer erreichen kann,
-das kann sie auch. Ihre Achtung für persönliche Tapferkeit gleicht
-der Verachtung des Knaben für den weinenden Spielgefährten, mit einem
-Anflug von jugendlichem Bramarbasieren. Sie unternimmt Fußwanderungen
-in die Wälder, kriecht durch das Unterholz, wobei sie zerkratzt und
-zerschunden wird; aber man kann sie nicht dahin bringen, zuzugeben, daß
-sie sich verletzt habe, und um keinen Preis bewegen, das nächstemal zu
-Hause zu bleiben.
-
-Wenn man versucht, Experimente an ihr zu machen, zeigt sie eine zähe
-Willensbestimmtheit, jede Probe, der man sie zu unterziehen wünscht, zu
-bestehen, so widersinnig sie auch sein mag.
-
-Wenn sie die Antwort auf eine Frage nicht weiß, so rät sie frisch
-darauf los. Fragt man sie nach der Farbe des Rockes, den man anhat
-(kein Blinder kann eine Farbe erkennen), so befühlt sie ihn und sagt:
-Schwarz. -- Ist er zufällig blau und sagt man ihr dies triumphierend,
-so ist sie imstande zu antworten: Danke. Ich freue mich, daß Sie es
-wissen. Wozu haben Sie mich dann überhaupt gefragt? --
-
-Ihre spöttische, mutwillige Art macht sie zu einem sehr ungeeigneten
-Objekt für psychologische Experimente. Außerdem sieht Fräulein Sullivan
-auch nicht ein, warum Helen Keller wissenschaftliche Untersuchungen
-über sich ergehen lassen soll, und hat selbst nur wenig Experimente
-angestellt. Als ein Psychologe sie fragte, ob Helen im Schlafe mit
-ihren Fingern buchstabiere, entgegnete ihm Fräulein Sullivan, sie halte
-es nicht für der Mühe wert, aufzubleiben und Nachtwache zu halten, da
-derlei Dinge von so geringer Bedeutung seien.
-
-Fräulein Keller ist eine Freundin von Geselligkeit. Wenn jemand, den
-sie berührt, über einen Scherz lacht, lacht sie mit, gerade als ob
-sie ihn gehört hätte. Wenn andere von Musik hingerissen werden, so
-erscheint, durch Sympathie hervorgerufen, ebenfalls auf ihren Zügen
-ein strahlender Ausdruck. In der Tat besitzt sie ein so feines Gefühl
-für die Gemütsbewegungen Fräulein Sullivans, daß sie sich derselben
-sofort anpassen kann, und so scheint sie auch zu wissen, was in ihrer
-Umgebung geschieht, selbst wenn die Unterhaltung ihr nicht in die Hand
-buchstabiert wird. In derselben Weise beruht ihr Verständnis für Musik
-teilweise auf Sympathie, obgleich sie sich an ihr auch um ihrer selbst
-willen erfreut.
-
-[Illustration: Helen Keller »horcht« auf die Töne eines Klaviers]
-
-Die Musik kann für sie vermutlich wenig mehr bedeuten als eine
-rhythmische Bewegung. Sie kann nicht singen oder Klavier spielen,
-obgleich sie, wie frühere Experimente beweisen, es mechanisch erlernen
-konnte, eine Melodie auf den Tasten abzuspielen. Ihre Freude an der
-Musik ist nichtsdestoweniger völlig echt, denn die Töne werden ihr
-durch das Gefühl vermittelt, indem die Luftwellen sie berühren.
-Teilweise rührt ihr Verständnis für den Rhythmus der Musik ohne
-Zweifel von den Schwingungen fester Körper her, die sie berührt; des
-Fußbodens oder, was wahrscheinlicher ist, des Pianokastens, auf dem
-ihre Hand ruht. Doch scheint sie auch die Bewegung der Luft selbst zu
-empfinden. Als die Orgel in der Bartholomäuskirche für sie gespielt
-wurde, (vergl. S. 171) erbebte das ganze Gebäude bei den mächtigen
-Pedaltönen, aber dadurch wird nicht im geringsten erklärt, was Helen
-empfand und worüber sie sich freute. Die Vibration der Luft sowie die
-anschwellenden Orgeltöne versetzten sie ebenfalls in gleichartige
-Schwingungen. Mitunter legt sie ihre Hand an den Kehlkopf eines
-Sängers, um das Zittern und Zusammenziehen der Muskeln zu fühlen,
-und hat davon einen wahrhaften Genuß. Niemand weiß jedoch genau,
-welcher Art ihre Empfindungen dabei sind. Es ist belustigend, in einer
-Zeitschrift aus dem Jahre 1895 zu lesen, daß Fräulein Keller den
-verschiedenen Komponisten eine gerechte und verständnisvolle Würdigung
-entgegenzubringen vermöge, da sie deren Musik im buchstäblichen Sinne
-des Wortes fühle; Schumann sei ihr Lieblingskomponist. Wenn sie den
-Unterschied zwischen Schumann und Beethoven kennt, so rührt dies daher,
-daß sie darüber gelesen hat, sich an das Gelesene erinnert und mit
-jemand, der sie danach fragt, über dieses Thema sprechen kann.
-
-Fräulein Kellers Streben, es anderen in Bezug auf Intelligenz
-gleichzutun, hält sie auch betreffs der Tagesereignisse auf dem
-laufenden. Als ihre Erziehung systematischer wurde und sie sich mit
-Büchern beschäftigte, würde es für Fräulein Sullivan ein leichtes
-gewesen sein, sie zur Einkehr in sich selbst anzuhalten, wenn sie
-dazu geneigt gewesen wäre. Aber jedermann, der mit ihr zusammenkam,
-hat ihr sein Bestes gegeben, und sie hat es angenommen. Wenn im Laufe
-einer Unterhaltung der ihr zunächst Sitzende auch nur einen Augenblick
-aufhört, in ihre Hand zu buchstabieren, so erfolgt unausbleiblich die
-Frage: Worüber sprechen Sie jetzt? Auf diese Weise speichert sie die
-Bruchstücke aus der täglichen Unterhaltung normal beanlagter Menschen
-in sich auf, und ihre Einzelkenntnisse sind daher äußerst umfassend und
-genau. Auch spricht sie gut über die kleinen täglichen Ereignisse des
-Lebens.
-
-Einen großen Teil ihres Wissens erwirbt sie sich auf unmittelbarem
-Wege. Wenn sie ausgeht, bleibt sie oft plötzlich stehen, von dem
-Geruche eines Strauches angezogen. Sie streckt ihre Hand aus, befühlt
-die Blätter, und empfindet an der Pflanzenwelt denselben Genuß wie wir,
-wenn sie die Blätter zwischen ihren Fingern hält, den Duft der Blüten
-einsaugt und wenn sie sich später wieder daran erinnert.
-
-Befindet sie sich an einer neuen Oertlichkeit, namentlich einer
-interessanten wie den Niagarafällen, so ist ihr Begleiter, -- in
-der Regel ist es natürlich Fräulein Sullivan -- bemüht, ihr eine
-Vorstellung von den sichtbaren Einzelheiten beizubringen. Fräulein
-Sullivan, die das Innere ihres Zöglings kennt, wählt aus der Landschaft
-die wesentlichen Züge aus, die imstande sind, Helens innerer
-Anschauung der Außenwelt, die unseren Augen eine verwirrende Fülle
-von Einzelheiten darbietet, eine gewisse Klarheit und Bestimmtheit zu
-verleihen. Wenn ihr Begleiter ihr nicht genug Einzelheiten mitteilt, so
-stellt Helen selbst Fragen, bis sie sich das Landschaftsbild zu ihrer
-Befriedigung ergänzt hat.
-
-Sie sieht nicht mit ihren Augen, wohl aber mittels der inneren
-Fähigkeit, zu deren Unterstützung uns die Augen gegeben sind. Wenn
-sie von einem Spaziergang zurückkehrt und mit jemand über diesen
-spricht, so sind ihre Beschreibungen zutreffend und lebendig. Eine
-auf Vergleichung beruhende Erfahrung, die sie aus schriftlichen
-Schilderungen und aus den mündlichen ihrer Lehrerin schöpft, schützt
-sie vor Irrtümern im Gebrauche der Bezeichnungen für Gehörs- und
-Gesichtseindrücke. Ihre Anschauung vom Leben ist in der Tat höchst
-farbenreich, und die Welt, wie Helen sie erblickt, ist unzweifelhaft
-ein wenig besser als in Wirklichkeit. Doch ist Fräulein Kellers
-Kenntnis von ihr durchaus nicht so unvollständig, wie man annehmen
-könnte. Gelegentlich setzt sie ihre Umgebung durch ihre Unkenntnis
-einer Tatsache in Erstaunen, die ihr zufällig niemand mitgeteilt hat;
-so wußte sie zum Beispiel bis zu ihrem ersten Seebade nicht, daß das
-Meerwasser salzig ist. Viele der vereinzelten Ereignisse und Tatsachen
-unseres täglichen Lebens gehen an ihr unbemerkt vorüber, aber sie hat
-eine genügende Kenntnis von der Welt, um sich eine im wesentlichen
-lückenlose Anschauung von ihr bilden zu können.
-
-Der größte Teil ihres unmittelbaren Wissens geht auf ihren Gefühlssinn
-zurück. Dieser Sinn ist jedoch nicht so fein ausgebildet wie
-bei anderen Blinden. Laura Bridgman konnte die winzigsten, fast
-verschwindenden Unterschiede in der Stärke von Fäden wahrnehmen und
-fertigte wundervolle Spitzen an. Fräulein Keller versteht zu stricken
-und zu häkeln, aber sie hat Besseres zu tun. Bei ihren mannigfaltigen
-Gaben und Anlagen hat sie sich des Gefühlssinns nicht genügend bedient,
-um ihn allzuhoch über die normale Schärfe hinaus zu entwickeln. Ein
-Bekannter stellte eines Tages bei Helen Versuche mit verschiedenen
-Münzen an. Das Wiedererkennen nach Maßgabe ihres Gewichts- und
-Größenverhältnisses ging langsamer von statten, als er erwartet hatte.
-Aber man muß dabei bedenken, daß sie fast nie Geld in die Hände bekommt
-und, nebenbei gesagt, so von einer der schmutzigen und kleinlichen
-Einzelheiten des Lebens verschont bleibt.
-
-Sie erkennt den Vorwurf und die allgemeine Idee einer sechs Zoll
-hohen Statuette. Etwas, was flacher ist, als ein Basrelief von einem
-halben Zoll Höhe ist für sie ein leeres Blatt, insofern es sich dabei
-um die Empfindung des Schönen handelt. Große Statuen, bei denen sie
-den Schwung der Linien mit der ganzen Hand verfolgen kann, gewähren
-ihr einen höheren ästhetischen Genuß. Sie bemerkt selbst, daß sie
-sie besser zu würdigen imstande ist als wir, weil sie die wirklichen
-Dimensionen zu erfassen und die körperliche Natur eines plastischen
-Werkes unmittelbarer zu empfinden vermag. Als sie das Museum der
-schönen Künste in Boston besuchte, stand sie auf einer Stehleiter und
-ließ beide Hände über die Statuen gleiten. Als sie ein Basrelief mit
-der Darstellung tanzender Mädchen befühlte, fragte sie: Wo sind die
-Sängerinnen? -- Nachdem sie diese gefunden hatte, sagte sie: Eine von
-ihnen schweigt. -- Die Lippen der Sängerin waren geschlossen.
-
-Am meisten bietet jedoch ihr tägliches Leben Gelegenheit, die Feinheit
-ihrer Sinne und ihrer Handfertigkeit zu beobachten. Sie scheint
-sehr wenig Orientierungssinn zu besitzen. Sie tastet ihren Weg mit
-ziemlicher Unsicherheit selbst in Zimmern entlang, mit denen sie ganz
-bekannt ist. Die meisten Blinden werden durch das Gehör unterstützt,
-sodaß man sie nicht mit diesen vergleichen kann, sondern billigerweise
-nur mit anderen taubstummen Blinden. Ihre Geschicklichkeit ist weder
-im Verhältnis zu normalen Personen, deren Bewegungen durch das Auge
-geleitet werden, noch, wie mir versichert wurde, zu anderen Blinden
-bemerkenswert. Sie hat keine einzige Fertigkeit ausgeübt, die den
-Gebrauch ihrer Hände erfordert haben würde. Als sie zwölf Jahre alt
-war, ließ ein Bekannter von ihr, der Künstler Albert H. Munsell,
-sie Versuche mit einer Wachstafel und einem Griffel anstellen. Er
-berichtet, sie habe sich ganz gut dabei angestellt und nach Modellen
-einige Umrißzeichnungen von Blättern und Rosetten angefertigt.
-Ihre einzige Beschäftigung, die Handfertigkeit erfordert, ist ihre
-Tätigkeit an der Schreibmaschine. Obgleich sie diese von ihrem zwölften
-Lebensjahre an benutzt hat, arbeitet sie an ihr eher sorgfältig als
-rasch. Sie schreibt mit angemessener Schnelligkeit und absoluter
-Sicherheit. Ihre Manuskripte enthalten selten Schreibfehler, wenn sie
-sie Fräulein Sullivan zum Durchlesen übergibt. Ihre Schreibmaschine
-weist keine besonderen Einrichtungen auf. Sie überzeugt sich von der
-Stellung der einzelnen Tasten zueinander durch eine gelegentliche
-Berührung des Außenrandes der Platte mit dem kleinen Finger.
-
-Fräulein Kellers Verstehen des Fingeralphabets vermittelst des Gefühls
-scheint einigermaßen Verwunderung zu erregen. Selbst Leute, die Helen
-sehr gut kannten, haben in Zeitschriften von Fräulein Sullivans
-»geheimnisvoller telegraphischer Zwiesprache« mit ihrem Zögling
-gesprochen. Das Fingeralphabet ist das bei allen tauben Personen,
-die eine Erziehung genossen haben, übliche. Die meisten Wörterbücher
-enthalten eine bildliche Darstellung der Fingeralphabete. Der sehende
-Taube blickt auf die Finger seines Begleiters, aber es ist auch
-möglich, sie zu fühlen. Fräulein Keller legt ihre Finger leicht über
-die Hand dessen, der mit ihr spricht, und faßt die Worte so rasch auf,
-wie sie buchstabiert werden können. Wie sie erklärt, ist sie sich
-weder der einzelnen Buchstaben noch einzelner Wörter bewußt. Fräulein
-Sullivan und andere, die beständig mit Tauben zu tun haben, können sehr
-rasch buchstabieren -- schnell genug, um die Geschwindigkeit einer
-langsamen Lektüre zu erreichen, jedoch nicht, um jedem Worte eines
-raschen Gespräches folgen zu können.
-
-Jedermann kann das Fingeralphabet in wenigen Minuten erlernen, nach
-Verlauf eines Tages langsam anwenden und nach einer beständigen Uebung
-von dreißig Tagen sich durch dasselbe mit Helen Keller oder einer
-anderen tauben Person verständigen, ohne auf die Bewegung der Finger
-zu achten. Wäre das Fingeralphabet allgemeiner bekannt und erlernten
-die Bekannten und Angehörigen tauber Kinder es zugleich mit diesen, so
-würden die Tauben der ganzen Welt glücklicher und besser unterrichtet
-sein.
-
-Helen Keller liest mit Hilfe von Hochdrucken und den verschiedenen
-Arten der Brailleschrift. Das gewöhnliche Buch in Hochdruck ist mit
-römischen Lettern, sowohl kleinen wie großen, hergestellt. Diese
-Lettern sind von einfacher, viereckiger, rechtwinkliger Gestalt. Die
-kleinen Buchstaben sind ungefähr 3/16 Zoll hoch und erheben sich über
-die Blattfläche ungefähr um die Dicke eines Daumennagels. Die Bücher
-haben ein großes Format, ungefähr Lexikonformat. Das französische
-Elementarbuch von Ploetz umfaßt zum Beispiel vier Bände. Die Bücher
-sind nicht schwer, weil die Blätter mit der erhöhten Schrift nicht
-dicht übereinander liegen. Am meisten fällt Helens Blindheit ihren
-Bekannten auf, wenn die plötzlich im Dunkeln zu ihr kommen und das
-Rascheln ihrer Finger über die Buchseite hören.
-
-[Illustration: Helen Keller bei der Lektüre]
-
-Der geeignetste Druck für die Blinden ist die Brailleschrift, die
-verschiedene Abarten aufweist, leider nur zu viele -- die englische,
-die amerikanische, die New Yorker. Fräulein Keller liest sie alle.
-Die meisten Blinden mit Schulbildung verstehen verschiedene Systeme,
-aber es würde die Sache vereinfachen, wenn, wie Fräulein Keller
-vorschlägt, die englische Brailleschrift allgemein angenommen würde.
-Jedes Zeichen (entweder ein Buchstabe oder eine, der Brailleschrift
-eigentümliche Zusammenziehung mehrerer Buchstaben) besteht aus einer
-Anzahl von Punkten (zwischen 1 und 6 schwankend), die in verschiedenen
-Stellungen zueinander angeordnet sind. Fräulein Keller besitzt eine
-Brailleschreibmaschine, auf der sie ihre Notizen anfertigt und Briefe
-an ihre blinden Freunde schreibt. Diese Maschine hat sechs Tasten, und
-durch das Niederdrücken einer oder mehrerer von diesen zu gleicher
-Zeit (genau so wie man einen Akkord auf dem Klavier greift) bringt der
-Schreibende ein Zeichen in einem Bogen dicken Papiers hervor und kann
-halb so rasch schreiben wie auf einer gewöhnlichen Schreibmaschine.
-Die Brailleschrift eignet sich vorzugsweise zur Herstellung einzelner
-Abschriften von Büchern.
-
-Bücher für Blinde gibt es verhältnismäßig wenige.[21] Ihre Herausgabe
-erfordert große Kosten, und sie haben einen zu kleinen Abnehmerkreis,
-als daß das Geschäft für den Verleger gewinnbringend sein könnte. Es
-gibt jedoch verschiedene Anstalten mit besonderen Fonds zur Herstellung
-von Büchern in Hochdruck. Fräulein Keller ist glücklicher daran als
-die meisten anderen Blinden, da ihre Freunde so aufmerksam waren,
-eigens für sie Bücher herzustellen und sich Herren, wie zum Beispiel
-Herr E. E. Allen vom ~Pennsylvania Institute for the Instruction of
-the Blind~ bereit fanden, Ausgaben von Büchern, deren sie gerade
-bedurfte, zu veranstalten.
-
-Fräulein Keller liest in der Regel nicht allzu schnell, sondern
-eher bedächtig, nicht weil sie die Worte weniger geschwind fühlte,
-als wir sie sehen, sondern weil sie es sich zur Gewohnheit gemacht
-hat, alles gründlich und gut zu tun. Wenn sie sich für eine Stelle
-interessiert oder sich dieselbe zu künftiger Verwendung einprägen
-will, so buchstabiert sie sich diese mit den Fingern der rechten Hand
-vor. Mitunter geht dieses Fingerspiel ganz unbewußt von statten.
-Auch spricht Helen in Geistesabwesenheit oft zu sich selbst mittels
-des Fingeralphabets. Wenn sie in der Halle oder der Veranda auf-
-und abgeht, so bewegen sich ihre Hände mit der Geschwindigkeit von
-Vogelflügeln.
-
-Es gibt, wie mir versichert wird, ebenso ein auf dem Gefühl beruhendes
-Gedächtnis, wie ein auf dem Gesicht und Gehör beruhendes. Fräulein
-Sullivan erklärt, daß sowohl sie wie Fräulein Keller sich »in ihren
-Fingern« daran erinnerten, was sie gesagt haben. Wenn Helen Keller
-einen Satz in der Fingersprache buchstabiert, so macht dies auf ihren
-Geist denselben Eindruck, wie wenn wir etwas, das wir oft gehört
-haben, dadurch unbewußt lernen, daß wir uns den Klang des Gehörten ins
-Gedächtnis zurückrufen können.
-
-Gleich jedem Tauben oder Blinden besitzt Fräulein Keller einen
-außerordentlich feinen Geruch. Als sie ein kleines Mädchen war, roch
-sie alles und erkannte an den verschiedenen Gerüchen, wo sie war, an
-welchem Hause sie vorüberkam u. s. w. Als ihr Intellekt zunahm, wurde
-sie weniger abhängig von diesem Sinne. In welchem Umfange sie bis jetzt
-Dinge an ihrem Geruche wiedererkennt, läßt sich schwer feststellen.
-Der Geruchssinn ist in Mißkredit gekommen, und ein Tauber spricht nur
-ungern von ihm. In Fräulein Kellers feinem Geruchssinn mag jedoch zum
-Teil eine Erklärung für jenes Wiedererkennen von Personen und Dingen
-zu finden sein, das man sich gewöhnt hat, einem besonderen Sinne
-zuzuschreiben, oder einer außergewöhnlichen Entwickelung der Fähigkeit,
-die wir alle zu besitzen scheinen, nämlich der Fähigkeit, anzugeben,
-wenn sich jemand in unserer Nähe befindet.
-
-Die Frage nach einem besonderen »sechsten Sinne«, wie man ihn Fräulein
-Keller beigelegt hat, ist eine sehr heikle. Soviel ist sicher, sie
-kann keinen Sinn haben, den andere nicht auch haben können, und das
-Vorhandensein eines besonderen Sinnes ist weder ihr selbst noch
-ihrer Umgebung bekannt. Fräulein Kellers Wesen gibt ganz bestimmt
-keine Stütze für Geheimlehren und mysteriöse Theorien ab, und jeder
-Versuch, ihre Eigenart auf diese Weise zu erklären, scheitert an ihrer
-Normalität. Ihre Natur ist nicht geheimnisvoller und verwickelter
-als die jedes anderen Menschen. Alles, was sie ist, alles, was sie
-geleistet hat, läßt sich auf natürliche Weise erklären, bis auf die
-Züge, die sich in jedem Menschen vorfinden, ohne daß sie jemals
-erklärt werden können. Sie liefert offenbar keinen Beweis für die
-Existenz eines Geistes ohne Materie, das Dasein angeborener Ideen
-oder die Unsterblichkeit oder für sonst etwas, wofür sich nicht in
-jedem anderen menschlichen Wesen ein Beweis finden ließe. Philosophen
-haben festzustellen gesucht, welcher Art ihr Begriff von abstrakten
-Vorstellungen war, ehe sie sprechen lernte. Hatte sie irgendwelchen
-Begriff von solchen, so läßt sich diese Frage nicht mehr beantworten,
-denn sie kann sich nicht darauf entsinnen, und natürlich liegen auch
-keine Aufzeichnungen aus jener Zeit vor. Sie hatte keinen Begriff von
-Gott, ehe sie das Wort »Gott« gehört hatte, wie ihre eigenen Aussagen
-deutlich bekunden.[22]
-
-Ihr Zeitsinn ist vortrefflich ausgebildet; ob er sich aber zu
-einer besonderen Begabung entwickelt haben würde, läßt sich nicht
-feststellen, denn sie besitzt seit ihrem siebenten Jahre eine Uhr.
-
-Fräulein Keller besitzt zwei Uhren, die ihr zum Geschenk gemacht worden
-sind. Sie sind, glaube ich, die einzigen ihrer Art in Amerika. Die Uhr
-hat auf der Rückseite einen flachen goldenen Zeiger, der soweit von
-links nach rechts gedreht werden kann, bis er, mittels eines Stiftes
-innen im Gehäuse, an den Stundenzeiger anstößt, und so eine diesem
-entsprechende Stellung erhält. Die Spitze dieses goldenen Zeigers
-ragt über den Rand des Gehäuses vor, auf welchem elf erhöhte Punkte
-angebracht sind, der Griff vertritt die Stelle des zwölften. Diese Uhr
--- eine gewöhnliche Uhr mit einem gewöhnlichen Ziffernblatt für den
-Sehenden, -- wird durch die beschriebene Vorrichtung zur Blinden-Uhr,
-mit einem (einzigen) erhöhten Zeiger und erhöhten Stundenziffern.
-Obgleich der sechzig Minuten entsprechende Zwischenraum zwischen den
-einzelnen Punkten weniger als einen halben Zoll beträgt, so liest
-Fräulein Keller die Zeit doch ziemlich genau ab. Man muß übrigens
-sagen, daß auch eine Uhr mit doppeltem Gehäuse, aber ohne Glas, einem
-Blinden hinreichende Dienste leistet, wenn dessen Gefühl fein genug
-ist, um die Stellung der Zeiger zu erkennen, ohne sie zu beschädigen.
-
-Die feineren Züge von Fräulein Kellers Charakter sind so allgemein
-bekannt, daß man nicht viel Worte über sie zu verlieren braucht.
-Gesunder Menschenverstand, guter Humor und Phantasie machen ihre
-Auffassung der Dinge zu einer gesunden und schönheitserfüllten. Niemals
-ist von ihrer Umgebung ein Versuch gemacht worden, sie vor Illusionen
-zu bewahren oder ihr diese zu rauben. Als sie noch ein kleines Mädchen
-war, wurde eine ganze Menge unverständiger und taktloser Dinge, die
-über sie gesprochen worden waren, dank der weisen Wachsamkeit Fräulein
-Sullivans vor ihr nicht wiederholt. Jetzt, wo sie erwachsen ist, denkt
-niemand daran, weniger offen mit ihr zu sprechen, als mit jeder anderen
-intelligenten jungen Dame.
-
-Ich glaube, sie ist das reinste menschliche Wesen, das je existiert
-hat... Die Welt ist für sie das, was ihr eigenes Bewußtsein ist. Sie
-hat nicht einmal gelernt, »moralische Entrüstung« zu zeigen, worauf
-viele so stolz sind.
-
-Als vor einiger Zeit ein Polizist ihren Hund totschoß, den sie
-zärtlich liebte und der ihr täglicher Begleiter war, fand sie in ihrem
-verzeihenden Herzen keine Verurteilung für diesen Mann; sie sagte nur:
-„Wenn er nur gewußt hätte, was für ein guter Hund es war, so würde er
-ihn gewiß nicht erschossen haben. -- Vor langer Zeit wurde uns gesagt:
-‚Vater vergib ihnen, denn die wissen nicht, was sie tun!‘“ --
-
-Natürlich wird die Frage aufgeworfen werden, ob Helen Keller das sein
-würde, was sie heutzutage ist, wenn sie nicht vor jeder Berührung
-mit dem Schlechten behütet worden wäre. ... Ihre Seele ist weder
-durch verweichlichende und schmutzige Lektüre entnervt noch durch den
-leisesten Hauch von Gemeinheit befleckt worden. Infolgedessen ist ihr
-Geist nicht nur kräftig, sondern auch rein. Sie liebt edle Handlungen,
-edle Gedanken und den Charakter edler Männer und Frauen.
-
-Sie zeigt noch jetzt eine kindliche Abneigung gegen Tragödien. Ihre
-Phantasie ist so rege, daß sie vollständig unter dem Einfluß einer
-Erzählung steht und in deren Welt lebt. Fräulein Sullivan schrieb 1891
-in einem Briefe:
-
-Gestern las ich ihr die Geschichte von Macbeth vor, wie sie von Charles
-und Mary Lamb erzählt wird. Sie geriet in heftige Erregung und sagte:
-Das ist ja schrecklich. Ich fürchte mich davor. -- Nachdem sie eine
-Weile nachgedacht hatte, fuhr sie fort: Ich glaube, Shakespeare hat
-dies deshalb so schrecklich dargestellt, damit man sehen soll, wie
-furchtbar es ist, unrecht zu tun. --
-
-Von der realen Welt weiß sie mehr Gutes und weniger Schlechtes, als
-die meisten Menschen zu wissen glauben. Ihre Lehrerin behelligte sie
-nicht mit den kleinen Miseren des Lebens; aber von den bedeutenden
-Schwierigkeiten, die sich ihnen in den Weg stellten, wurde Fräulein
-Keller völlig in Kenntnis gesetzt, nahm teil an den Sorgen und dachte
-über die Lösung der Probleme nach. Sie ist logisch und duldsam, voller
-Vertrauen zu einer Welt, von der sie stets mit Güte behandelt worden
-ist.
-
-Als sie einmal aufgefordert wurde, den Begriff »Liebe« zu definieren,
-antwortete sie: Mein Gott, das ist doch leicht; es ist das, was jeder
-gegen jeden anderen empfindet. --
-
-Duldsamkeit, -- sagte sie einmal, als sie ihre Freundin Frau Laurence
-Hutton besuchte, ist die größte Geistesgabe; sie erfordert dieselbe
-Anstrengung des Denkens, die in körperlicher Hinsicht nötig ist, wenn
-man sich auf einem Zweirade im Gleichgewicht erhalten will. --
-
-Sie besitzt eine umfassende, hochherzige Sympathie für alles und
-ein durch und durch ehrliches Wesen. Insofern sie sich offenkundig
-von anderen unterscheidet, ist sie auch weniger durch das Herkommen
-gebunden. Sie hat den Mut ihrer kühnen Metaphern und läßt sich
-von diesen himmelwärts erheben, während wir armen selbstbewußten
-Menschen sie für zu hoch halten, als daß wir sie in unsrer täglichen
-Unterhaltung anwenden könnten. Sie sagt stets genau das, was sie
-denkt, ohne Furcht vor der nackten Wahrheit, und dabei ist niemand
-taktvoller und gewandter im Umschreiben einer unangenehmen Wahrheit,
-um die Gefühle anderer so wenig wie möglich zu verletzen. Aber all die
-Aufmerksamkeit, die ihr seit ihrer Kindheit zu teil geworden ist, hat
-nicht vermocht, sie eitel auf sich selbst zu machen. Bisweilen nimmt
-sie einen geradezu salbungsvollen Ton an. Dann nennt ihre Lehrerin
-sie ihre kleine, unverbesserliche Sonntagsnachmittagspredigerin, und
-sie lacht dann über sich selbst. Oft jedoch sind ihre nüchternen
-Gedanken durchaus nicht lächerlich, denn ihr ernster Eifer reißt alle
-Hörer mit sich fort. Niemals ist die leiseste Spur einer falschen
-Sentimentalität in ihren Worten zu entdecken. Sie ist von allem, was
-sie sagt, so durchdrungen, daß selbst ihre Citate, die Wiederholungen
-dessen, was sie gelesen hat, den Eindruck eigener selbständiger
-Gedanken hervorrufen.
-
-Ihre Logik und ihr warmes Empfinden halten sich stets ausgezeichnet
-die Wage. Ihr Empfinden ist von rascher und hilfsbereiter Art, wie
-sie es glücklicherweise so oft bei anderen angetroffen hat. Aber ihre
-Sympathien gehen weiter und beeinflussen ihr Urteil über politische
-und nationale Bewegungen. Sie war eine begeisterte Burenfreundin und
-schrieb einen geharnischten Artikel zugunsten der Unabhängigkeit
-der Buren. Als ihr die Waffenstreckung des tapferen kleinen Volkes
-mitgeteilt wurde, umwölkte sich ihr Antlitz, und sie verstummte für
-einige Minuten. Dann stellte sie klare, eindringliche Fragen nach den
-Bedingungen der Kapitulation und begann die letzteren zu erörtern.
-
-Sowohl Herr Gilman wie Herr Keith, ihre beiden Lehrer, die sie für
-die Universität vorbereiteten, waren erstaunt über die Stärke des
-konstruktiven Denkens, die sie bei ihr wahrnahmen; ihre Leistungen in
-der reinen Mathematik waren ganz vorzüglich, obgleich sie niemals eine
-besondere Vorliebe für diese Wissenschaft gehabt zu haben scheint.
-Zu dem besten, was sie geschrieben hat, gehören, abgesehen von ihren
-phantasievollen dichterischen Ergüssen, ihre Examensarbeiten und ihre
-Abhandlungen über technische Fragen sowie einige Briefe, die sie zur
-Aufklärung von Mißverständnissen schreiben zu müssen glaubte und die
-Muster folgerichtigen Denkens und bestrickender Beredsamkeit sind. Sie
-ist Optimistin und Idealistin.
-
-Ich hoffe, heißt es in einem ihrer Briefe, daß L. nicht allzu praktisch
-ist, denn in diesem Falle würde sie, fürchte ich, auf einen großen Teil
-des Lebensgenusses verzichten müssen. --
-
-In das Tagebuch, das sie während ihres Aufenthaltes in der
-Wright-Humason-Schule in New York führte, trug sie unter dem 18.
-Oktober 1894 ein: Ich finde, daß ich während meines Schullebens hier
-und überhaupt im Leben viererlei zu lernen habe: klar zu denken ohne
-Uebereilung und Verwirrung, jedermann aufrichtig zu lieben, in allem
-mich von den höchsten Motiven leiten zu lassen und unverrückt auf den
-lieben Gott zu bauen. --
-
- [21] Die Blindenanstalt in Steglitz bei Berlin besitzt eine
- Bibliothek von gegen 6000 Bänden in Blindenschrift, (die Bibel
- allein umfaßt 71 Bände!) die in Dresden eine solche von über
- 3000 Bänden. Wie reichhaltig diese Literatur ist, möge ein Blick
- auf das nachfolgende Autorenverzeichnis lehren, das noch dazu
- nicht einmal vollständig ist: E. M. Arndt Auerbach, Bauernfeld,
- Baumbach, Beecher-Stowe, Brentano, W. Busch, Chamisso, Dahn,
- Ebers, Ebner-Eschenbach, Eckstein, Eichendorff, Eschstruth,
- Fouqué, Freytag, Frommel, Ganghofer, Geibel, Gerok, Goethe,
- Grillparzer, Grimm, Gutzkow, Hammer, Hauptmann, Hebel, Herder,
- Heyse, Hillern, Franz Hoffmann, Horn, Ibsen, Jensen, Immermann,
- G. Keller, Kinkel, Kleist, Kögel, Körner, Kügelgen, Lavater,
- Lessing, Loti, Ludwig, Luther, Masius, C. F. Meyer, Moltke,
- Nathusius, Nieritz, Polko, Putlitz, Reinick, Reuter, Riehl,
- Rogge, Roquette, Rosegger, Rückert, Scheffel, Schiller, Schmid,
- Seidel, Shakespeare, Sophokles, Spitta, Spyri, Stifter, Stinde,
- Storm, Sturm, Sudermann, Tegnér, Tolstoi, Uhland, Vollmar,
- Walter v. d. Vogelweide, A. Weber, Wildenbruch, Wildermuth, I.
- Wolf. Auch das Nibelungenlied ist vertreten; in größerer Auswahl
- sind Lehr- und Erbauungsbücher vorhanden.
-
- Anm. d. Uebers.
-
- [22] Vergl. S. 291 ff. und 295 ff.
-
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-
-Helen Kellers Bildungsgang.
-
- ~Dr.~ Howe und Laura Bridgman. -- Helen Keller kein Objekt für
- psychologische Beobachtungen. -- Unwahre und übertriebene Berichte
- über ihre Fortschritte. -- Fräulein Sullivans Persönlichkeit.
- -- Helens Entwickelung nach Fräulein Sullivans Berichten. --
- Psychologische und pädagogische Betrachtungen über Fräulein Sullivans
- Methode.
-
-
-Es sind jetzt fünfundsiebzig Jahre verflossen, seit ~Dr.~ Samuel
-Gridley Howe erkannte, daß es ihm gelungen sei, sich durch Laura
-Bridgmans Finger einen Zugang zu ihrem Geiste zu eröffnen. Die Namen
-Laura Bridgman und Helen Keller werden stets zusammen genannt werden,
-und man muß zuvörderst einen Einblick in das gewinnen, was ~Dr.~ Howe
-für seinen Zögling getan hat, ehe man an eine Darstellung von Fräulein
-Sullivans Tätigkeit gehen kann. Denn ~Dr.~ Howe ist der große Pionier,
-auf dessen Wirken die Leistungen Fräulein Sullivans und anderer Lehrer
-von blinden Taubstummen unmittelbar beruhen.
-
-~Dr.~ Samuel Gridley Howe war am 10. November 1801 in Boston
-geboren und starb ebendaselbst am 9. Januar 1876. Er war ein großer
-Philanthrop, der sich namentlich für die Erziehung aller mangelhaft
-Beanlagten, der Schwachsinnigen, der Blinden und der Taubstummen
-interessierte. Weit seiner Zeit voraus, befürwortete er mancherlei
-öffentliche Vorkehrungen zum Besten der Armen und Kranken, wegen deren
-er damals verlacht wurde, die aber seitdem praktisch durchgeführt sind.
-Als Leiter der Perkinsschen Blindenanstalt in Boston hörte er von Laura
-Bridgman und brachte sie am 4. Oktober 1837 nach der Anstalt.
-
-Laura Bridgman war am 21. Dezember 1829 zu Hanover in New Hampshire
-geboren; sie war also beinahe acht Jahre alt, als ~Dr.~ Howe seine
-Versuche mit ihr begann. Im Alter von sechsundzwanzig Monaten
-hatte sie ein Scharlachfieber überstanden, durch diese Krankheit
-aber Gesicht und Gehör und außerdem den Geruch- und Geschmackssinn
-verloren. ~Dr.~ Howe war ein Experimentalforscher, erfüllt von dem
-Geiste des Transcendentalismus von Neuengland, dessen Hauptmerkmale
-starker Glaube und großartige Liebeswerke sind. Wissenschaft und
-Glaube im Verein veranlaßten ihn, zu versuchen, ob er sich nicht
-einen Weg in die Seele bahnen könnte, mit der seiner Auffassung nach
-Laura Bridgman ebenso geboren worden sei wie jedes andere menschliche
-Wesen. Sein Plan ging dahin, Laura mit Hilfe von erhaben geprägten
-Buchstaben zu unterrichten. Er klebte aus solchen Buchstaben bestehende
-Wörter an Gegenstände und ließ sie dieselben mit den Gegenständen
-und die Gegenstände mit den Wörtern vergleichen. Nachdem sie auf
-diese Weise gelernt hatte, erhaben geprägte Wörter mit Gegenständen
-zusammenzubringen, wie er sagt, fast in derselben Weise, wie ein Hund
-Kunststücke lernt, begann er die Wörter in ihre lautlichen Bestandteile
-aufzulösen und Laura zu lehren, ~k--e--y~, ~c--a--p~ zusammenzusetzen.
-Sein Erfolg überzeugte ihn davon, daß sich die Sprache durch
-Vermittelung des Gefühles dem Geiste des blinden und taubstummen
-Kindes beibringen läßt, das sich vor dem Beginn des Unterrichts in der
-Lage des kleinen Kindes befindet, das noch nicht sprechen kann; ja,
-ersteres befindet sich sogar in einer viel ungünstigeren Lage, denn das
-Gehirn hat sich jahrelang ohne seine natürliche Nahrung entwickelt.
-
-Nachdem Lauras Unterricht zwei Monate hindurch nur unter Benutzung
-erhaben geprägter Buchstaben fortgesetzt worden war, sandte ~Dr.~
-Howe eine der Lehrerinnen der Anstalt fort, um von einem Taubstummen
-das Fingeralphabet zu erlernen. Nach ihrer Rückkehr unterrichtete
-sie Laura darin, und seit dieser Zeit wurde das Fingeralphabet als
-Verständigungsmittel im Verkehr mit ihr benutzt.
-
-Nach ein bis zwei Jahren unterrichtete ~Dr.~ Howe Laura Bridgman
-nicht mehr selbst, sondern vertraute sie anderen Lehrern an, die
-sich unter seiner Leitung an die Aufgabe machten, ihr das Sprechen
-beizubringen.
-
-Man kann gar nicht genug zum Lobe von ~Dr.~ Howes Unternehmen sagen.
-Als Forscher hatte er stets in erster Reihe wissenschaftliche
-Gesichtspunkte im Auge. Er vergaß niemals, seine Beobachtungen an Laura
-Bridgman in der Art jemandes niederzulegen, der in einem Laboratorium
-arbeitet. Die Folge davon ist, daß seine Berichte systematisch und
-sorgfältig abgefaßt sind.[23] Vom wissenschaftlichen Standpunkte
-aus ist es zu bedauern, daß es unmöglich war, eine so umfassende
-Darlegung von Helen Kellers Entwicklungsgang zu erhalten. Dieser
-Umstand an sich ist ein sprechender Beleg für den großen Unterschied
-zwischen Laura Bridgman und Helen Keller. Laura blieb stets ein
-Objekt für wissenschaftliche Forschung. Helen Keller machte so rasche
-Fortschritte, daß ihre Lehrerin Mühe hatte, den geistigen Bedürfnissen
-ihres Zöglings zu genügen, und weder Zeit noch Gelegenheit fand,
-wissenschaftliche Beobachtungen anzustellen.
-
-Fräulein Sullivan erkannte gleich von Anfang an, daß der Unterricht
-Helen Kellers interessanter und von größerem Erfolg begleitet sein
-würde als der Laura Bridgmans, und erklärte in einem ihrer Briefe, es
-sei durchaus notwendig, Aufzeichnungen über den Entwickelungsgang ihrer
-Schülerin zu machen. Aber weder ihr Temperament noch ihre Vorbildung
-gestatteten ihr, ihren Zögling zum Gegenstand von Experimenten oder
-Beobachtungen zu machen, die für die Entwickelung des Kindes keinen
-praktischen Wert besaßen. Sobald etwas erledigt, ein bestimmtes Ziel
-erreicht war, blickte die Lehrerin nicht mehr zurück, um den Weg,
-den sie gegangen war, zu beschreiben. Die Erklärung der Tatsache war
-unwesentlich im Vergleich zu der Tatsache selbst und der Notwendigkeit,
-weiterzueilen. Es liegen auch noch zwei weitere Gründe für die
-Unvollständigkeit von Fräulein Sullivans Aufzeichnungen vor. Erstens
-war in ihren Augen das Schreiben stets eine schwere Aufgabe, und dann
-wurde sie auch schon bald durch die Willkür, mit der man ihre ersten
-Angaben benutzt hatte, von weiteren Veröffentlichungen abgeschreckt.
-
-Als sie zum ersten Male aus Tuscumbia an Herrn Michael Anagnos, ~Dr.~
-Howes Schwiegersohn und Nachfolger in der Leitung der Perkinsschen
-Anstalt, über ihre erzieherische Tätigkeit geschrieben hatte, begannen
-die Bostoner Zeitungen sofort, übertriebene Berichte über Helen
-Keller zu veröffentlichen. Fräulein Sullivan protestierte dagegen. In
-einem Briefe vom 10. April 1887, kaum fünf Wochen nach dem Beginn des
-Unterrichts, schrieb sie an eine Freundin:
-
-... schickte mir eine Nummer des Boston Herald, die einen törichten
-Artikel über Helen enthält. Wie völlig albern ist es, zu sagen, daß
-Helen „schon fließend spricht“! Nun, ebensogut könnte jemand sagen, daß
-sich ein zweijähriges Kind fließend unterhält, wenn es sagt: ~Apple
-give~ oder ~Baby walk go~. Ich glaube allerdings, daß wenn Sie ein
-Kreischen, Krähen, Wimmern, Lallen und Schreien nebst gelegentlichen
-Schluckanfällen mit zur Unterhaltung rechnen, die als fließend, ja
-sogar als beredt gelten könnte. Dann macht es mir auch Spaß, von den
-sorgfältigen Vorbereitungen zu lesen, denen ich mich unterzogen hätte,
-um mich für die große Aufgabe fähig zu machen, die meine Freunde mir
-anvertraut hätten. Ich bedaure nur, daß diese Vorbereitungen sich nicht
-auch auf den Gebrauch des Fingeralphabets erstreckten; ich würde mir
-dann eine Menge Mühe erspart haben. --
-
- * * * * *
-
-Am 4. März 1888 schreibt sie in einem Briefe:
-
-Ich bin in der Tat herzlich froh, daß ich nicht alles kenne, was über
-Helen und mich selbst gesprochen und geschrieben wird. Ich versichere
-Sie, ich erfahre genug und übergenug. Fast jede Post bringt irgend eine
-alberne -- geschriebene oder gedruckte -- Auslassung. Die Wahrheit
-ist nicht sensationell genug, um die Zeitungen zufriedenzustellen;
-daher übertreiben sie und bringen lächerliche Ausschmückungen an. Eine
-Zeitung behauptet, Helen löse geometrische Aufgaben mit Hilfe ihres
-Baukastens. Ich erwarte, demnächst zu hören, daß sie eine Abhandlung
-über die Entstehung und die Zukunft der Planeten geschrieben hat! --
-
-Im Dezember 1887 erschien der erste Bericht des Direktors des
-Perkinsschen Institutes, der sich mit Helen Keller beschäftigt. Für
-diesen Bericht verfaßte Fräulein Sullivan, einer Bitte Herrn Anagnos’
-widerwillig nachgebend, eine Schilderung ihrer Tätigkeit. Diese ist
-neben den ebenfalls in dem Bericht veröffentlichten Auszügen aus ihren
-Briefen die erste zuverlässige Quelle über Helen Keller. Ueber diesen
-Bericht schrieb Fräulein Sullivan in einem Buche vom 30. Oktober 1887:
-
-Haben Sie schon den Aufsatz gelesen, den ich für den »Bericht«
-geliefert habe? Herr Anagnos war ganz entzückt von ihm. Er meint,
-Helens Fortschritte seien „gleich von Anfang an ein Siegeszug“ gewesen
-und weiß über ihre Lehrerin viel Schmeichelhaftes zu sagen. Ich
-glaube, er neigt zu Uebertreibungen; jedenfalls ist seine Sprache
-zu begeistert, und ganz einfache Tatsachen werden in einer Weise
-vorgebracht, daß sie den Leser allerdings in Erstaunen setzen müssen.
-Ohne Zweifel erscheint ihm die Tätigkeit der letzten paar Monate
-im Lichte eines Siegeszuges, aber man beachtet dabei selten, wie
-langsam und mühevoll die Schritte sind, mittels deren man auch den
-unbedeutendsten Erfolg erreichen muß. --
-
-Da Anagnos der Leiter des großen Instituts war, so hatten seine
-Aeußerungen mehr Gewicht als die von Fräulein Sullivan erwähnten
-Tatsachen, auf die sich seine Behauptungen stützten. Die Zeitungen
-wurden von Anagnos’ Ton angesteckt und übertrieben maßlos. Nach Ablauf
-des ersten Jahres ihrer Erziehungstätigkeit sah Fräulein Sullivan
-sich und ihre Schülerin als den Mittelpunkt einer erstaunlichen
-Legendenbildung. Die Erzieher der ganzen Welt wollten ihre Meinung
-sagen, trugen aber größtenteils nichts zur Klärung der Sachlage bei.
-Es erhoben sich eine Menge Streitfragen, die jetzt sehr belustigend zu
-betrachten sind. Taubstummenlehrer bewiesen ~a priori~, daß das, was
-Fräulein Sullivan geleistet hatte, unmöglich sei, und ihren Angaben
-wurde mit Mißtrauen begegnet, weil sie von Anagnos’ phrasenhafter
-Beredsamkeit umkleidet waren. So hatte Helen Kellers Geschichte, die
-schon bei nüchternem Vortrage unglaublich war, das Mißgeschick, in
-übertriebenen Schilderungen in die Welt posaunt zu werden und begegnete
-natürlich entweder unverständiger Leichtgläubigkeit oder ungläubiger
-Feindseligkeit.
-
-Im November 1888 erschien ein anderer Bericht des Perkinsschen
-Instituts mit einem zweiten Beitrage von Fräulein Sullivan, und dann
-wurde jahrelang nichts Offizielles mehr veröffentlicht, bis Anagnos
-im November 1891 seinen letzten Bericht erstattete, der Mitteilungen
-über Helen Keller enthielt. Für diesen Bericht verfaßte Fräulein
-Sullivan die ausführlichste und umfangreichste Abhandlung, die sie
-je geschrieben hat, und hier erschien auch der »Frostkönig«, von dem
-in einem späteren Kapitel ausführlich die Rede sein wird (s. S. 323
-ff.[24]). Jetzt entbrannte der Kampf heftiger als je.
-
-Da Fräulein Sullivan fand, daß andere Leute viel mehr von Helen
-Keller zu wissen schienen, als sie selbst, so schwieg sie und hat
-zehn Jahre lang geschwiegen, abgesehen von ihrem Beitrage für das
-erste »~Volta Bureau Souvenir of Helen Keller~« und die Abhandlung,
-die sie auf Wunsch ~Dr.~ Bells im Jahre 1894 für die in Chautauqua
-abgehaltene Versammlung der Amerikanischen Gesellschaft zur Förderung
-der Unterweisung der Taubstummen im Sprechen verfaßte. Als ~Dr.~ Bell
-und andere ihr erklärten, was von einem unpersönlichen Standpunkte aus
-unzweifelhaft richtig ist, daß sie es der Sache der Erziehung schuldig
-sei, niederzuschreiben, was sie wisse, antwortete sie sehr treffend,
-sie schulde ihre ganze Zeit und ihre ganze Kraft ihrem Zöglinge.
-
-Obgleich Fräulein Sullivan sich mehr darüber amüsiert als ärgert,
-wenn jemand, und wäre es selbst einer ihrer näheren Bekannten, in
-einem Artikel Irrtümliches über sie und Fräulein Keller berichtet,
-so sieht sie doch ein, daß Helens Buch alle Auskünfte enthalten muß,
-die die Lehrerin zur Zeit erteilen kann, und erteilte daher ihre
-Zustimmung zur Veröffentlichung von Auszügen aus Briefen, die sie
-während des ersten Jahres ihrer Erziehungstätigkeit geschrieben hatte.
-Diese Briefe waren an Frau Sophia C. Hopkins gerichtet, die einzige
-Freundin, an die Fräulein Sullivan stets schrieb, wie es ihr ums Herz
-war. Frau Hopkins war zwanzig Jahre lang Pflegerin im Perkinsschen
-Institute gewesen und vertrat während der ganzen Zeit, in der Fräulein
-Sullivan Schülerin der Anstalt war, Mutterstelle an dem Mädchen. In
-diesen Briefen haben wir einen beinahe allwöchentlichen Bericht über
-Fräulein Sullivans Tätigkeit. Manche Einzelheiten hat sie übergangen,
-da sie sich immer mehr daran gewöhnte, hauptsächlich die allgemeinen
-Gesichtspunkte zu betonen. Viele sind der Ansicht gewesen, daß jeder
-Versuch, Prinzipien in ihrer Methode zu finden, weiter nichts sei als
-eine spätere Theorie, die man Fräulein Sullivans Tätigkeit unterschoben
-habe. Aber aus diesen Briefen geht hervor, daß sie sich über ihr
-Tun und Lassen klare Rechenschaft abgelegt hat. Sie war ihre eigene
-Kritikerin, und trotz ihrer späteren Erklärung, die sie in ihrer
-bescheidenen Zurückhaltung abgegeben hat, daß sie keine bestimmte
-Methode befolgt habe, erkannte sie doch im Verfolg ihrer Aufgabe mit
-der höchsten Klarheit gewisse Erziehungsprinzipien, die nicht allein
-für den Unterricht der taubstummen, sondern aller Kinder überhaupt von
-hervorragendem Werte waren. Die Auszüge aus ihren Briefen und Berichten
-bilden einen wichtigen Beitrag zur Pädagogik und rechtfertigen vollauf
-das Urteil ~Dr.~ Daniel C. Gilmans, der ihr 1893, als er Rektor der
-John Hopkins-Universität war, schrieb:
-
-Ich habe soeben... Ihren höchst interessanten Bericht über die
-verschiedenen Wege gelesen, die Sie bei der Erziehung Ihrer wunderbaren
-Schülerin eingeschlagen haben, und ich hoffe, Sie werden mir gestatten,
-daß ich Ihnen meine Bewunderung für die Weisheit ausdrücke, die Ihre
-Schritte geleitet hat und ebenso für die Liebe, von der Ihr ganzes
-Wirken erfüllt ist.
-
-Fräulein Anne Mansfield Sullivan war in Springfield in Massachusetts
-geboren. In früher Jugend erblindete sie fast gänzlich und wurde am 7.
-Oktober 1880 im Alter von vierzehn Jahren in das Perkinssche Institut
-aufgenommen. Später erhielt sie ihr Gesicht teilweise wieder.
-
-Anagnos sagt in seinem Berichte vom Jahre 1887: Sie mußte auf der
-niedrigsten und elementarsten Stufe beginnen, zeigte aber sofort beim
-ersten Anlauf, daß sie die Kraft und Fähigkeit in sich hatte, die
-den Erfolg verbürgen... Sie hat schließlich das Ziel erreicht, nach
-dem sie so unermüdlich strebte. Die goldenen Worte, die ~Dr.~ Howe
-aussprach, und das Beispiel, das er gab, gingen ihr in Fleisch und Blut
-über und unterstützten sie auf ihrer segensvollen Laufbahn, und jetzt
-steht sie ihm als seine würdige Nachfolgerin in einer der geachtetsten
-Abteilungen seines Unternehmens zur Seite... Fräulein Sullivan besitzt
-die höchste Begabung.
-
-Im Jahre 1886 legte sie ihr Lehrerinnenexamen am Perkinsschen Institut
-ab. Als sich Hauptmann Keller mit der Bitte um eine Lehrerin an den
-Direktor wandte, empfahl dieser Fräulein Sullivan. Die einzige Frist,
-die ihr zur Vorbereitung für ihre schwere Aufgabe blieb, dauerte vom
-August 1886, in dem Hauptmann Keller geschrieben hatte, bis zum Februar
-1887. Während dieser Zeit las sie ~Dr.~ Howes Berichte. Ferner wurde
-sie durch den Umstand unterstützt, daß sie während der sechs Jahre
-ihres Schullebens mit Laura Bridgman in einem Hause gewohnt hatte. Erst
-durch ~Dr.~ Howes Wirken an Laura Bridgman wurden Fräulein Sullivans
-Erfolge möglich; aber sie war es, die die Mittel und Wege entdeckte,
-den blinden Taubstummen die Sprache beizubringen.
-
-Man darf nicht vergessen, daß Fräulein Sullivan ihre Aufgabe zu lösen
-hatte ganz ohne vorausgegangene Erfahrung und ohne die Unterstützung
-eines anderen Lehrers. Während des ersten Jahres ihrer Tätigkeit, in
-der sie ihre Schülerin sprechen lehrte, blieben beide in Tuscumbia,
-und als sie nach dem Norden kamen und das Perkinssche Institut
-besuchten, wurde Helen Keller hier nicht regelrecht als Schülerin
-aufgenommen und unterstand auch nicht den Anstaltsgesetzen. Die
-Annahme, Fräulein Sullivan habe Helen Keller „unter der Leitung
-des Herrn Anagnos“ erzogen, ist falsch. In den drei Jahren, während
-deren Fräulein Keller und Fräulein Sullivan zu verschiedenenmalen
-Gäste des Perkinsschen Institutes waren, erhielt Fräulein Sullivan
-von den Lehrern der Anstalt keine Unterstützung, ja der Direktor
-Anagnos konnte sich nicht einmal des Fingeralphabets mit Geläufigkeit
-bedienen. Der letztere schrieb in dem Bericht des Perkinsschen
-Instituts vom 27. November 1888: Auf mein dringendes Ersuchen kam
-Helen in Begleitung ihrer Mutter und ihrer Lehrerin in der letzten
-Maiwoche nach dem Norden, und alle drei blieben mehrere Monate
-als unsere Gäste bei uns... Wir gestatteten Helen mit Freuden die
-Benutzung unserer Bibliothek von Hochdruckbüchern, unserer Sammlung
-von ausgestopften Tieren, Muscheln, Modellen von Blumen und Pflanzen
-und unserer sonstigen Apparate zur Unterweisung der Blinden durch den
-Gefühlssinn. Ich zweifle nicht, daß sie viel Vergnügen daran gefunden
-und großen Nutzen davon gehabt hat. Mag aber Helen zu Hause bleiben
-oder andere Teile des Landes besuchen, ihre Erziehung steht stets unter
-der unmittelbaren Leitung und der ausschließlichen Kontrolle ihrer
-Lehrerin. Niemand hat Einfluß auf Fräulein Sullivans Unterrichtsplan
-oder nimmt an ihrer Aufgabe teil. Sie genießt völlige Freiheit in der
-Wahl ihrer Mittel und Methoden zur Vollendung ihres großen Werkes, und
-soviel wir aus ihren Erfolgen entnehmen können, macht sie einen höchst
-umsichtigen und taktvollen Gebrauch von diesem Vorrechte. Was ihre
-kleine Schülerin auf diesem Wege geleistet hat, ist weithin bekannt,
-und ihre erstaunliche Begabung erregt allgemeine Bewunderung; aber
-nur diejenigen, die mit den Einzelheiten des großen Unternehmens
-vertraut sind, wissen, daß der Erfolg zum großen Teile der Intelligenz,
-der Klugheit, dem Scharfblicke, der unermüdlichen Ausdauer und dem
-unbeugsamen Willen ihrer Erzieherin zu verdanken ist, die das Kind aus
-der Tiefe der immerwährenden Nacht und des ewigen Schweigens gerettet
-hat und über den einzelnen Phasen seiner geistigen und sittlichen
-Entwickelung mit mütterlicher Sorgfalt und begeisterter Hingebung wacht.
-
- * * * * *
-
-Im folgenden sollen nun Fräulein Sullivans Briefe und die wichtigsten
-Stellen aus ihren Berichten in chronologischer Reihenfolge
-wiedergegeben werden. Der erste Brief ist vom 6. März 1887 datiert,
-drei Tage nach ihrer Ankunft in Tuscumbia.
-
-... Es war halb sieben Uhr, als ich in Tuscumbia ankam. Frau Keller und
-Herr James Keller warteten auf mich. Die Fahrt nach dem Landhause, das
-ungefähr eine Meile von der Station entfernt lag, war sehr angenehm.
-Ich war überrascht, in Frau Keller eine Frau von sehr jugendlichem
-Aussehen, nicht viel älter als ich selbst, möchte ich glauben,
-anzutreffen. Hauptmann Keller kam uns auf dem Hofe entgegen und bot
-mir ein fröhliches Willkommen und einen herzlichen Händedruck. Meine
-erste Frage war: „Wo ist Helen?“ Ich versuchte mit aller Kraft meine
-Aufregung zu unterdrücken, denn ich zitterte so stark, daß ich mich
-kaum auf den Füßen halten konnte. Als wir uns dem Hause näherten, sah
-ich ein Kind an der Tür stehen, und Hauptmann Keller sagte: „Dort
-ist sie. Sie hat den ganzen Tag gewußt, daß wir jemand erwarteten,
-und sie ist ganz ungebärdig geworden, seit ihre Mutter nach dem
-Bahnhof ging, um Sie abzuholen.“ -- Kaum hatte ich meinen Fuß auf die
-Treppenstufen gesetzt, als sie mit solcher Gewalt auf mich zustürzte,
-daß ich zu Boden gestürzt wäre, hätte Hauptmann Keller nicht hinter
-mir gestanden. Sie befühlte mir Gesicht und Kleid, und ebenso meine
-Reisetasche, die sie mir aus der Hand nahm und zu öffnen versuchte.
-Sie ging nicht gleich auf, und Helen fühlte sorgfältig nach dem
-Schlüsselloch. Als sie es gefunden hatte, wandte sie sich zu mir und
-bewegte die Hand, als drehe sie einen Schlüssel herum, indem sie auf
-die Tasche deutete. In diesem Augenblick kam ihre Mutter herbei und
-machte Helen durch Zeichen klar, daß sie den Koffer nicht berühren
-dürfe. Sie wurde rot, und als ihre Mutter versuchte, ihr den Koffer
-aus der Hand zu nehmen, geriet sie in heftigen Zorn. Ich lenkte ihre
-Aufmerksamkeit ab, indem ich ihr meine Uhr zeigte und sie ihr in die
-Hand gab. Sofort legte sich der Sturm, und wir gingen zusammen die
-Treppe hinauf. Hier öffnete ich die Tasche und sie durchsuchte dieselbe
-sofort eifrig, wahrscheinlich in der Erwartung, etwas zum Essen zu
-finden. Bekannte hatten ihr vermutlich Zuckerwerk in ihren Koffern
-mitgebracht, und sie erwartete, solches auch in dem meinigen zu finden.
-Ich deutete auf eine Truhe, die im Hausflur stand, dann auf mich und
-nickte mit dem Kopfe, um ihr verständlich zu machen, daß ich eine
-Truhe hätte; dann machte ich das Zeichen, das sie für essen gebraucht
-hatte, und nickte wieder. Sie verstand mich sofort und rannte die
-Treppe hinunter zu ihrer Mutter, um ihr durch ausdrucksvolle Zeichen
-zu verstehen zu geben, daß sich Zuckerzeug für sie in einer Truhe
-befände. Sie kehrte nach wenigen Minuten zurück und half mir meine
-Sachen wegräumen. Es war zu komisch zu sehen, wie sie sich meinen
-Hut aufsetzte, ihren Kopf kokett erst nach der einen, dann nach der
-anderen Seite drehte und in den Spiegel blickte, genau als ob sie sehen
-könnte. Ich hatte einigermaßen erwartet, ein blasses, zartes Kind vor
-mir zu sehen -- ich glaube, ich entnahm diese Vorstellung ~Dr.~ Howes
-Schilderung von Laura Bridgman bei ihrer Aufnahme in das Institut. Aber
-Helen zeigte keine Spur von Blässe oder Zartheit. Sie ist groß, stark,
-von blühender Gesichtsfarbe und in ihren Bewegungen so ungezügelt
-wie ein junges Füllen. Sie hat keine jener nervösen Gewohnheiten, die
-bei blinden Kindern so deutlich erkennbar sind und einen so traurigen
-Eindruck hinterlassen. Ihr Körper ist wohlgebildet und kräftig, und
-Frau Keller erzählt mir, sie sei seit ihrer Krankheit, die sie des
-Gesichts und Gehörs beraubt habe, auch nicht einen einzigen Tag
-unpäßlich gewesen. Sie hat einen schöngeformten Kopf, der ganz gerade
-auf ihren Schultern sitzt. Ihr Gesicht ist schwer zu beschreiben. Es
-ist intelligent, entbehrt aber der Beweglichkeit, der Seele, oder wie
-man sich sonst ausdrücken will. Ihr Mund ist groß und fein geschnitten.
-Man bemerkt auf den ersten Blick, daß sie blind ist. Ein Auge ist
-größer als das andere und steht auffallend vor. Sie lächelt selten;
-in der Tat habe ich sie seit meiner Ankunft erst ein- oder zweimal
-lächeln sehen. Sie zeigt kein anschmiegendes Wesen und sträubt sich
-sogar gegen Liebkosungen, ausgenommen ihrer Mutter gegenüber. Sie
-ist von sehr raschem Temperament und höchst eigenwillig, und niemand
-außer ihrem Bruder James hat den Versuch gemacht, sie zu zügeln.
-Die schwerste Aufgabe, die ich vor mir habe, besteht darin, sie zu
-zügeln und in Zucht zu halten, ohne ihren Geist zu brechen. Ich will
-zuerst langsam vorgehen, und ihre Liebe zu gewinnen suchen. Ich werde
-keinen Versuch machen, sie nur durch Kraft zu besiegen, aber gleich
-von Anfang an auf einem vernünftigen Gehorsam bestehen. Ein Umstand,
-der jedermann auffällt, ist Helens unermüdlicher Tätigkeitstrieb.
-Sie steht keinen Augenblick still. Sie ist bald hier, bald dort,
-kurz überall. Ihre Hände sind mit allem beschäftigt, aber nichts
-vermag ihre Aufmerksamkeit längere Zeit zu fesseln. Ein liebes Kind,
-dessen rastloser Geist im Dunkeln umhertappt. Ihre ungeschickten,
-unbefriedigten Hände zerstören alles, was sie berühren, weil sie nicht
-wissen, was sie sonst mit den Gegenständen anfangen sollen.
-
-Sie half mir meine Truhe auspacken, als diese ankam, und war entzückt,
-als sie die Puppe fand, die die kleinen Mädchen ihr schickten. Ich
-hielt dies für eine gute Gelegenheit, sie das erste Wort zu lehren.
-Ich buchstabierte langsam ~d--o--l--l~ in ihre Hand, deutete auf die
-Puppe und nickte mit dem Kopfe, was ihr Zeichen dafür zu sein scheint,
-daß ihr etwas gehöre. Wenn jemand ihr etwas gibt, so deutet sie
-zuerst auf den Gegenstand, dann auf sich und nickt mit dem Kopfe. Sie
-machte ein ganz verwundertes Gesicht und befühlte meine Hand und ich
-wiederholte ihr nun die Buchstaben. Sie ahmte sie vortrefflich nach und
-deutete auf die Puppe. Dann nahm ich die Puppe, in der Absicht, sie
-ihr zurückzugeben, wenn sie die Buchstaben gemacht hätte; sie glaubte
-aber, ich wolle sie ihr wegnehmen, geriet augenblicklich in Aufregung
-und versuchte die Puppe an sich zu reißen. Ich schüttelte den Kopf und
-versuchte die Buchstaben mit Hilfe ihrer Finger zu bilden; aber sie
-wurde immer ungebärdiger. Ich zwang sie auf einen Stuhl und hielt sie
-dort fest, bis ich ganz erschöpft war. Dann fiel es mir ein, es sei
-nutzlos, den Kampf fortzusetzen -- ich mußte etwas tun, um sie auf
-andere Gedanken zu bringen. Ich ließ sie los, verweigerte ihr aber die
-Puppe. Ich ging die Treppe hinunter und holte einen Cake (sie ist eine
-große Freundin von Süßigkeiten). Ich zeigte ihn ihr und buchstabierte
-ihr ~c--a--k--e~ in die Hand, wobei ich ihr den Cake entgegenhielt.
-Natürlich bekam sie Lust auf ihn und wollte ihn an sich nehmen; ich
-buchstabierte jedoch das Wort zum zweiten Male und tätschelte ihr die
-Hand. Sie machte rasch die Buchstaben, und ich gab ihr den Kuchen, den
-sie eiligst aufaß, weil sie wohl glaubte, ich würde ihn ihr wieder
-wegnehmen. Dann zeigte ich ihr die Puppe und buchstabierte abermals das
-Wort, indem ich ihr die Puppe entgegenhielt wie vorhin den Kuchen. Sie
-machte die Buchstaben ~d--o--l~, ich fügte das noch fehlende ~l~ hinzu
-und gab ihr die Puppe. Sie rannte sofort mit ihr die Treppe hinunter
-und konnte den ganzen Tag nicht dahin gebracht werden, in mein Zimmer
-zurückzukehren.
-
-Gestern gab ich ihr auf, an einer Nähkarte zu arbeiten. Ich machte
-die erste Reihe senkrechter Stiche, ließ Helen die Karte befühlen und
-darauf achten, daß auf ihr mehrere Reihen kleiner Löcher angebracht
-waren. Sie begann eifrig zu arbeiten, vollendete die Karte in wenigen
-Minuten und machte dies wirklich ganz sauber. Ich wollte nun versuchen,
-ihr ein anderes Wort beizubringen und buchstabierte ihr ~c--a--r--d~
-in die Hand. Sie machte ~c--a~ nach, dann hielt sie nachdenklich
-inne, machte das Zeichen für essen, deutete nach unten und schob mich
-auf die Tür zu, womit sie meinte, ich solle nach unten gehen und ihr
-einen Cake holen. Sie sehen, die beiden Buchstaben ~c--a~ hatten ihr
-ihre »Lektion« vom Freitag in das Gedächtnis zurückgerufen -- nicht
-daß sie irgend eine Ahnung davon hatte, daß cake die Bezeichnung für
-den betreffenden Gegenstand sei, sondern es war, wie ich glaube,
-eine einfache Ideenassociation. Ich beendete das Wort ~c--a--k--e~
-und erfüllte Helens Wunsch, worüber sie sehr erfreut war. Dann
-buchstabierte ich ~d--o--l--l~ und begann nach der Puppe zu suchen.
-Sie verfolgt mit ihren Händen jede Bewegung, die man macht, und wußte
-sofort, daß ich mich nach der Puppe umsah. Sie wies nach unten, was
-bedeuten sollte, die Puppe befinde sich im Erdgeschoß. Ich machte
-das Zeichen, das sie gebraucht hatte, als sie wünschte, ich solle
-ihr den Cake holen, und drängte sie auf die Tür zu. Sie schritt
-vorwärts, dann zögerte sie einen Augenblick und kämpfte offenbar mit
-sich, ob sie gehen sollte oder nicht. Sie entschied sich dafür, mich
-hinunterzuschicken. Ich schüttelte den Kopf, buchstabierte ihr das
-Wort ~d--o--l--l~ mit größerem Nachdruck in die Hand und öffnete ihr
-die Tür; aber sie weigerte sich hartnäckig zu gehorchen. Sie hatte
-ihren Cake noch nicht aufgegessen, und ich nahm ihn ihr weg, indem
-ich ihr bedeutete, daß wenn sie mir die Puppe brächte, ich ihr den
-Cake zurückgeben würde. Sie stand längere Zeit ganz still, das Gesicht
-wie mit Blut übergossen, dann siegte ihr Verlangen nach dem Cake, sie
-lief die Treppe hinunter und brachte mir die Puppe; natürlich gab ich
-ihr den Cake, konnte sie aber nicht bewegen, wieder in mein Zimmer zu
-kommen.
-
-Sie war sehr unruhig, als ich heut morgen zu schreiben begann. Sie
-stellte sich hinter mich, legte ihre Hand auf das Papier und steckte
-sie ins Tintenfaß. Diese Kleckse hier sind ihr Werk. Schließlich
-erinnerte ich mich an die Kindergartenperlen und wies Helen an, sie
-aufzureihen. Zuerst nahm ich zwei Holzperlen und eine Glasperle
-und ließ sie dann die Schnur und die beiden Oeffnungen der Perlen
-befühlen. Sie nickte und begann sofort die Schnur mit hölzernen Perlen
-zu beziehen. Ich schüttelte den Kopf, nahm sie alle ab und ließ sie
-die beiden Holzperlen und die eine Glasperle befühlen. Sie prüfte
-sie nachdenklich und begann von neuem. Diesmal reihte sie zuerst die
-Glasperlen und dann die beiden Holzperlen auf. Ich nahm sie wieder ab
-und zeigte ihr, daß zuerst die beiden Holzperlen kommen müßten und
-dann erst die Glasperle. Sie hatte keine weitere Mühe damit und reihte
-die Perlen rasch aneinander, leider nur allzu rasch. Als sie fertig
-war, knüpfte sie die beiden Enden der Schnur zusammen und legte sie
-um ihren Hals. In der nächsten Schnur hatte ich den Knoten nicht groß
-genug gemacht, und die Perlen fielen fast so rasch wieder herunter, wie
-Helen sie aufgereiht hatte; sie löste aber selbst die Schwierigkeit,
-indem sie die Schnur durch eine Perle zog und letztere festknüpfte. Ich
-fand dies sehr geschickt. Sie unterhielt sich mit den Perlen bis zum
-Mittagessen und legte mir ab und zu die Ketten zur Begutachtung vor.
-
- * * * * *
-
- Montag nachmittags.
-
-Heute früh hatte ich einen heißen Kampf mit Helen zu bestehen. Obgleich
-ich mich mit aller Kraft dagegen sträubte, gewaltsame Mittel zur
-Anwendung zu bringen, so fürchte ich doch, dies wird sich auf die Dauer
-nicht umgehen lassen.
-
-Helens Benehmen bei Tische ist entsetzlich. Sie greift mit ihren
-Händen auf unsere Teller und nimmt davon weg, und wenn die Schüsseln
-herumgegeben werden, so greift sie hinein und nimmt sich, was ihr
-beliebt. Heut früh wollte ich ihr nicht erlauben, mit der Hand auf
-meinen Teller zu fassen. Sie beharrte bei ihrem Vorsatz, und es folgte
-nun ein sehr heftiger Auftritt. Natürlich verließ die übrige Familie
-voller Verlegenheit das Zimmer. Ich verschloß die Türe zum Speisezimmer
-und setzte mich wieder zu meinem Frühstück hin, obgleich mich die
-Speisen beinahe anwiderten. Helen lag schreiend und mit Händen und
-Füßen um sich schlagend auf dem Fußboden und suchte meinen Stuhl unter
-mir fortzuziehen. So verging eine halbe Stunde; dann stand sie auf, um
-zu sehen, was ich tat. Ich zeigte ihr, daß ich aß, ließ sie aber nicht
-mit der Hand auf den Teller fassen. Sie kniff mich, und ich schlug ihr
-jedesmal, wenn sie dies tat, auf die Hand. Dann ging sie um den ganzen
-Tisch herum, um zu sehen, wer da sei, und war ganz erstaunt, als sie
-außer mir niemand fand. Nach ein paar Minuten kam sie zu ihrem Platze
-zurück und begann ihr Frühstück mit den Fingern zu verzehren. Ich gab
-ihr einen Löffel, den sie aber auf den Fußboden warf. Ich zerrte sie
-von ihrem Stuhle herunter und zwang sie, ihn aufzuheben. Endlich gelang
-es mir, sie auf ihren Stuhl zurückzubringen; ich drückte ihr den Löffel
-in die Hand und nötigte sie, damit zu essen. Nach einigen Minuten fügte
-sie sich und beendete ruhig ihr Frühstück. Darauf hatten wir einen
-anderen Zwist über das Zusammenfalten ihrer Serviette. Als sie mit
-ihrem Frühstück fertig war, warf sie das Tuch zur Erde und lief zur
-Tür. Als sie diese verschlossen fand, begann sie wieder mit den Füßen
-auszuschlagen und zu schreien. Es dauerte eine volle Stunde, ehe ich
-sie dazu bringen konnte, ihre Serviette zusammenzulegen. Dann ließ
-ich sie in den warmen Sonnenschein hinaus und begab mich nach meinem
-Zimmer, wo ich mich ganz erschöpft auf das Bett warf. Ich weinte mich
-ordentlich aus und fühlte mich darauf besser. Ich glaube, ich werde
-noch mehr solcher Kämpfe mit der jungen Dame zu bestehen haben, ehe
-sie die beiden wesentlichen Dinge lernt -- die einzigen, die ich ihr
-beibringen kann -- Gehorsam und Liebe.
-
-Gott befohlen, meine Liebe! Aengstigen Sie sich nicht um mich. Ich
-will mein Bestes tun und das übrige der Macht anheimstellen, die das
-vollbringt, was uns zu leisten unmöglich ist. Frau Keller ist mir sehr
-sympathisch.
-
- * * * * *
-
- Tuscumbia, Alabama, 11. März 1887.
-
-Seit ich das letztemal schrieb, sind wir, Helen und ich, nach einem
-kleinen Gartenhause, das nicht weit von Ivy Green, dem Familienhause,
-entfernt liegt, umgezogen und leben hier ganz für uns allein. Ich sah
-sehr bald ein, daß mit Helen im Schoße ihrer Familie, die ihr stets in
-allem den Willen gelassen hat, absolut nichts anzufangen sei. Sie hat
-jedermann tyrannisiert, ihre Mutter, ihren Vater, die Dienerschaft,
-die kleinen Negerkinder, die mit ihr spielten, und niemand ist ihr je
-bis zu meiner Ankunft ernstlich entgegengetreten, mit Ausnahme ihres
-Bruders James, der dies ab und zu getan hat, und wie alle Tyrannen hält
-sie an diesem ihrem angestammten Rechte von Gottes Gnaden, alles zu
-tun, was ihr beliebt, mit Zähigkeit fest. Als ich sie zu unterrichten
-begann, hatte ich mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Sie wollte
-um keines Haares Breite nachgeben, ohne es auf einen verzweifelten
-Kampf ankommen zu lassen. Im guten konnte ich gar nichts von ihr
-erreichen. Selbst zu den einfachsten Dingen wie zum Kämmen ihres
-Haares, zum Händewaschen, zum Zuknöpfen ihrer Schuhe mußte sie mit
-Gewalt angehalten werden, und natürlich war ein peinlicher Auftritt die
-Folge. Die Angehörigen fühlten natürlich Neigung, sich einzumischen,
-namentlich ihr Vater, der es nicht ertragen kann, sie weinen zu sehen.
-So waren sie alle gewillt, des lieben Friedens halber nachzugeben. Ich
-sah klar ein, daß jeder Versuch, sie im Gebrauch der Sprache oder in
-sonst etwas zu unterrichten, zwecklos sei, solange sie nicht gelernt
-habe, mir zu gehorchen. Ich habe viel darüber nachgedacht, und je
-reiflicher ich mir die Sache überlege, desto fester bin ich davon
-überzeugt, daß Gehorsam das Tor ist, durch welches das Wissen, ja sogar
-die Liebe ihren Einzug in die Seele eines Kindes halten. Wie ich Ihnen
-schon schrieb, glaubte ich anfangs nur Schritt für Schritt vorgehen
-zu dürfen. Ich hatte mir vorgenommen, mir die Liebe und das Vertrauen
-meines kleinen Zöglings durch dieselben Mittel zu gewinnen, die ich in
-Anwendung gebracht haben würde, wenn sie hätte sehen und hören können.
-Aber bald fand ich, daß mir kein Weg zu ihrem Herzen offen stand. Sie
-nahm alles, was ich für sie tat, als selbstverständlich hin, wehrte
-meine Liebkosungen ab, und es war mir schlechterdings unmöglich, mir
-ihre Zuneigung zu erwerben.
-
-Ich hatte eine freie, offene Aussprache mit Frau Keller und setzte ihr
-auseinander, wie schwer es für mich unter den obwaltenden Umständen
-sei, etwas mit Helen zu beginnen. Ich erklärte ihr, daß meiner Meinung
-nach das Kind mindestens für einige Wochen von der Familie getrennt
-werden und daß Helen mir gehorchen lernen müsse, ehe ich irgend etwas
-anderes unternehmen könne. Nach einer langen Pause antwortete mir Frau
-Keller, sie wolle sich die Sache überlegen und hören, was ihr Gatte
-zu dem Plane meinte. Der Hauptmann Keller willigte gegen mein Erwarten
-sehr rasch ein, und ich beeilte mich, die Vorkehrungen zum Umzuge so
-bald wie möglich zu treffen.
-
-In der neuen Wohnung zeigte sich Helen anfangs sehr ungebärdig und ließ
-sich am ersten Abend erst nach einem erbitterten zweistündigen Kampfe
-zu Bett bringen. Am nächsten Morgen war sie ruhiger, litt aber offenbar
-an Heimweh. Sie spielte mehr als sonst mit ihren Puppen und behandelte
-diese mit großer Zärtlichkeit, wollte aber nichts von mir wissen.
-
-Helen kennt jetzt verschiedene Wörter, hat aber weder eine Ahnung von
-ihrem Gebrauche, noch weiß sie, daß jedes Ding einen Namen hat. Ich
-glaube jedoch, daß sie leicht und schnell lernen wird. Wie erwähnt,
-ist sie außerordentlich lebhaft und geschäftig und in ihren Bewegungen
-ebenso rasch wie unstet.
-
- * * * * *
-
- 13. März 1887.
-
-Sie werden sich freuen, zu hören, daß mein Experiment einen guten
-Ausgang nimmt. Weder gestern noch heut habe ich mit Helen die geringste
-Mühe gehabt. Sie hat drei neue Wörter gelernt, und wenn ich ihr die
-Gegenstände gebe, deren Bezeichnung sie gelernt hat, so buchstabiert
-sie diese unverzüglich; sie scheint aber froh zu sein, wenn der
-Unterricht vorüber ist.
-
-Wir machten heut früh einen fröhlichen Spaziergang im Garten. Helen
-wußte augenscheinlich, wo sie war, sobald sie die Buchsbaumhecken
-berührte, und machte mehrere Zeichen, die ich nicht verstand. Ohne
-Zweifel waren es Bezeichnungen für die verschiedenen Mitglieder der
-Familie in Ivy Green.
-
- * * * * *
-
- 20. März 1887.
-
-Mein Herz jauchzt heute vor Freude. Ein Wunder hat sich ereignet.
-Das Licht des Verständnisses ist im Geiste meines kleinen Zöglings
-aufgegangen, und siehe da, alles hat ein verändertes Ansehen gewonnen.
-
-Das kleine wilde Geschöpf von vor vierzehn Tagen hat sich in ein
-artiges Kind umgewandelt. Helen sitzt, während ich schreibe, mit
-heiterem und fröhlichem Gesichte neben mir und häkelt eine lange
-Spitze aus roter schottischer Wolle. Sie hat in vergangener Woche
-nähen gelernt und ist sehr stolz auf ihre Fertigkeit. Als sie die
-Spitze so lang gemacht hatte, daß sie über das Zimmer hinwegreichte,
-so klopfte sie sich selbst auf den Arm und legte das erste Werk ihrer
-Hände zärtlich an ihre Wange. Sie läßt sich jetzt von mir küssen und
-setzt sich, wenn sie besonders guter Laune ist, kurze Zeit auf meinen
-Schoß, erwidert aber meine Liebkosungen noch nicht. Der große Schritt,
--- der Schritt, auf den es ankommt -- ist geschehen. Die kleine Wilde
-hat ihre erste Lektion gehorsam genommen und findet die Sache ganz
-ergötzlich. Es entsteht für mich jetzt die dankbare Aufgabe, die schöne
-Intelligenz, die sich in der Kindesseele zu regen beginnt, zu leiten
-und zu bilden.
-
-Auch andere bemerken schon die Veränderung, die mit Helen vorgegangen
-ist. Ihr Vater besucht uns jeden Morgen und jeden Abend und ruft, wenn
-er sie ihre Perlen eifrig aneinanderreihen oder auf ihrer Nähkarte
-horizontale Stichreihen machen sieht, voller Verwunderung aus: Wie
-ruhig sie ist! Als ich kam, waren ihre Bewegungen so unstet, daß man
-stets fühlte, sie habe etwas Abnormes, ja beinahe Krankhaftes an sich.
-Auch habe ich bemerkt, daß sie viel weniger ißt, ein Umstand, der
-ihren Vater so sehr beunruhigt, daß er sie durchaus wieder nach Hause
-nehmen will. Er behauptet, sie leide an Heimweh. Ich bin damit nicht
-einverstanden, doch fürchte ich, wir werden unser kleines Bauer sehr
-bald verlassen müssen.
-
-Gestern ließ ich während der Unterrichtsstunde einen kleinen
-Negerknaben hereinkommen, und zeigte auch ihm die Buchstaben. Dies
-machte Helen großes Vergnügen und stachelte ihren Ehrgeiz an, sich vor
-Percy hervorzutun. Sie freute sich, wenn er einen Fehler machte, und
-ließ ihn den Buchstaben mehrere Male wiederholen. Wenn es ihm gelang,
-sie zufriedenzustellen, klopfte sie ihm so kräftig auf seinen wolligen
-Kopf, daß ich glaubte, er habe die Fehler absichtlich gemacht.
-
-Hauptmann Keller brachte eines Tages »Belle« mit, einen Hühnerhund,
-auf den er sehr stolz ist. Er war begierig, ob Helen ihren alten
-Spielkameraden wiedererkennen würde. Helen badete Nancy gerade und
-bemerkte anfangs den Hund gar nicht. Für gewöhnlich fühlt sie den
-leisesten Schritt und streckt die Arme aus, um sich zu vergewissern, ob
-sich jemand in ihrer Nähe befindet. Belle schien es nicht sehr eilig zu
-haben, Helens Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich glaube, sie ist
-mitunter von ihrer kleinen Herrin recht rauh behandelt worden. Der Hund
-war aber kaum eine halbe Minute im Zimmer, als Helen herumzuschnobern
-begann, die Puppe in die Badewanne warf und im Zimmer umherfühlte.
-Sie stolperte über Belle, die am Fenster lag. Sie erkannte sofort den
-Hund, denn sie schlang ihre Arme um seinen Hals und drückte ihn an
-sich. Dann setzte sich Helen neben das Tier und begann sich an seinen
-Pfoten zu schaffen zu machen. Wir konnten uns für den ersten Augenblick
-ihr Verhalten nicht erklären; als wir aber bemerkten, daß sie die
-Buchstaben ~d--o--l--l~ mit ihren Fingern bildete, wußten wir daß sie
-Belle das Buchstabieren beizubringen suchte.
-
- * * * * *
-
- 28. März 1887.
-
-Helen und ich sind gestern nach Hause gekommen. Ich bedauere, daß wir
-nicht noch eine Woche bleiben durften; aber ich glaube, ich habe die
-Gelegenheit, die mir in den letzten vierzehn Tagen geboten war, nach
-besten Kräften ausgenützt, und hoffe nicht, mit Helen in Zukunft
-noch ernstliche Mühe zu haben. Die größten Hindernisse, die sich
-einem Fortschreiten in den Weg stellten, sind gebrochen. Ich glaube,
-»nein« und »ja«, begleitet von einem Schütteln oder Nicken des Kopfes
-sind für Helen +so+ greifbare Tatsachen geworden wie Wärme und Kälte
-oder der Unterschied zwischen Schmerz und Behagen. Und ich werde auch
-dafür sorgen, daß die Lektion, die sie unter soviel Kummer und Schmerz
-gelernt hat, nicht wieder vergessen wird. Ich werde mich zwischen meine
-Schülerin und die übergroße Nachsicht ihrer Eltern stellen. Ich habe
-Herrn und Frau Hauptmann Keller erklärt, sie dürften in keinerlei Weise
-meine Anordnungen durchkreuzen. Ich habe mein Bestes getan, um ihnen
-klarzumachen, wie furchtbar sie sich an Helen versündigten, wenn sie
-ihr in allen Dingen ihren Willen ließen, und habe darauf hingewiesen,
-daß die Versuche, dem Kinde beizubringen, es könne nicht alles nach
-seinem Willen gehen, notwendig für dieses selbst wie für seine Lehrerin
-von schmerzlichen Empfindungen begleitet seien. Sie versprachen,
-mir freie Hand zu lassen und mich nach Kräften zu unterstützen. Die
-unverkennbaren Fortschritte, die ihr Kind gemacht hat, haben ihnen
-größeres Vertrauen zu mir eingeflößt. Natürlich ist es hart für sie.
-Ich begreife, daß es ihnen wehtut, zu sehen, wie ihr unglückliches
-kleines Kind bestraft und gezwungen wird, gewisse Dinge gegen seinen
-Willen zu tun. Nur wenige Stunden nach meiner Unterredung mit Herrn
-und Frau Hauptmann Keller (und sie hatten mir in allem beigepflichtet)
-setzte sich Helen bei Tisch in den Kopf, die Serviette nicht zu
-benutzen. Offenbar wollte sie probieren, was nun geschehen würde. Ich
-versuchte mehrmals, ihr die Serviette um den Hals zu legen, jedesmal
-aber riß sie sich das Tuch ab, warf es zur Erde und begann endlich den
-Tisch mit den Füßen zu bearbeiten. Ich nahm ihr den Teller weg und
-stand auf, um sie aus dem Zimmer zu führen; da aber schlug sich der
-Hauptmann ins Mittel und erklärte, er werde es unter keinen Umständen
-zugeben, daß eins seiner Kinder nichts zu essen bekäme.
-
-Nach dem Abendessen kam Helen nicht mehr in mein Zimmer, und ich sah
-sie vor dem Frühstück am nächsten Morgen nicht wieder. Sie saß auf
-ihrem Platze, als ich herunterkam. Sie hatte sich ihre Serviette unter
-das Kinn gesteckt, anstatt, wie es ihre Gewohnheit war, sich das Tuch
-auf dem Rücken festzustecken, und lenkte meine Aufmerksamkeit auf diese
-Neuerung; als ich keine Einsprache dagegen erhob, schien sie erfreut
-zu sein und streichelte sich selbst. Als sie das Eßzimmer verließ,
-ergriff sie meine Hand und streichelte sie ebenfalls. Ich war begierig,
-was sie zu tun beabsichtigte, und beschloß, der Gewöhnung an Zucht
-und Sitte etwas nachzuhelfen. Ich ging nach dem Eßzimmer zurück und
-holte mir eine Serviette. Als Helen zum Unterricht heraufkam, legte
-ich alle Gegenstände in gewohnter Weise auf den Tisch; nur der Kuchen
-fehlte, von dem ich ihr ein Stückchen zur Belohnung zu geben pflegte,
-wenn sie ein Wort recht rasch buchstabiert hatte. Helen bemerkte dies
-sofort und machte das entsprechende Zeichen für »Kuchen«. Ich zeigte
-ihr die Serviette, band sie ihr um den Hals, riß sie dann ab und warf
-sie zur Erde und schüttelte dabei den Kopf. Dies tat ich mehrmals
-hintereinander. Helen verstand mich vortrefflich, denn sie schlug
-sich ein paarmal derb auf die Hand und schüttelte gleichfalls mit dem
-Kopfe. Inzwischen begann der Unterricht. Ich gab ihr einen Gegenstand
-in die Hand, und Helen buchstabierte das betreffende Wort. Mit einem
-Male hielt sie inne, als ob ihr ein Gedanke durch den Kopf schösse, und
-griff nach der Serviette, die sie sich rasch um den Hals knüpfte, wobei
-sie ihr Zeichen für »Kuchen« machte. Ich nahm dies für ein Versprechen,
-daß, wenn ich ihr etwas Kuchen gebe, sie ein artiges Kind sein wolle,
-und gab ihr ein größeres Stück als gewöhnlich; Helen war darüber sehr
-erfreut und klopfte und streichelte sich selbst voller Befriedigung.
-
- * * * * *
-
- 3. April 1887.
-
-Wir bringen fast unsere ganze Zeit im Garten zu, wo alles sproßt und
-blüht und grünt. Nach dem Frühstück gehen wir hinaus und sehen den
-Leuten bei ihrer Arbeit zu. Helen liebt es, zu graben und im Schmutze
-herumzuspielen wie jedes andere Kind. Heut früh pflanzte sie ihre Puppe
-in die Erde und deutete mir an, sie erwarte, die Puppe werde so groß
-werden wie ich.
-
-Um zehn Uhr gehen wir hinein und reihen einige Minuten lang Perlen
-auf. Helen kann sie schon in sehr verschiedener Weise zusammenstellen
-und denkt sich öfters selbst neue Arten aus. Dann überlasse ich es
-ihrer Wahl, ob sie nähen, stricken oder häkeln will. Stricken lernte
-sie sehr schnell und fertigt jetzt einen Waschlappen für ihre Mutter
-an. In der vergangenen Woche machte sie ihrer Puppe eine Schürze und
-kam damit so gut zustande wie jedes andere Kind ihres Alters. Um elf
-Uhr haben wir Turnen. Sie kennt alle Freiübungen mit und ohne Hanteln.
-Die Stunde von zwölf bis eins wird zur Erlernung neuer Wörter benutzt.
-Sie dürfen aber nicht glauben, daß dies die einzige Zeit ist, in der
-ich mit Helen buchstabiere; ich buchstabiere ihr im Gegenteil alles,
-was wir den ganzen Tag über tun, in die Hand, obgleich sie bis jetzt
-noch keine Ahnung hat, was das Buchstabieren eigentlich bedeutet. Nach
-dem Mittagessen ruhe ich eine Stunde, und Helen spielt mit ihrer Puppe
-oder tummelt sich im Hofe mit den kleinen Negern umher, die vor meiner
-Ankunft ihre beständigen Spielgefährten waren. Später geselle ich mich
-zu ihnen, und wir machen dann die Runde durch die Wirtschaftsgebäude.
-Wir besuchen die Pferde und Maultiere in ihren Ställen, suchen nach
-Eiern und füttern die Truthühner. Oft gehen wir, wenn das Wetter schön
-ist, von vier bis sechs Uhr spazieren oder besuchen Helens Tante in
-Ivy Green oder ihre Verwandten in der Stadt. Helen hat einen stark
-entwickelten Geselligkeitstrieb; sie liebt es, Menschen um sich zu
-haben und ihre Bekannten zu besuchen, zum Teil allerdings, wie ich
-glaube, weil diese stets einige Leckerbissen für sie übrig haben. Nach
-dem Abendessen gehen wir in mein Zimmer und vertreiben uns die Zeit
-mit allerlei Beschäftigungen bis um acht, dann ziehe ich das kleine
-Fräulein aus und bringe es zu Bett. Helen schläft jetzt bei mir. Frau
-Keller wollte mir eine Wärterin für sie geben; ich glaube aber, es ist
-besser, ich bin ihre Wärterin, als daß ich eine dumme, faule Negerin zu
-beaufsichtigen habe. Außerdem ziehe ich es vor, daß Helen ganz allein
-auf mich angewiesen ist, und ich finde es viel leichter, sie bei allen
-sich bietenden Gelegenheiten zu unterrichten als zu festgesetzten
-Stunden.
-
-Am 31. März fand ich, daß Helen achtzehn Substantiva und drei Verba
-kannte. Hier eine Liste dieser Wörter. Die mit einem Kreuz bezeichneten
-sind Wörter, nach denen sie selbst fragte: ~doll~, ~mug~, ~pin~,
-~key~, ~dog~, ~hat~, ~cup~, ~box~, ~water~, ~milk~, ~candy~, ~eye~
-(×), ~finger~ (×), ~toe~ (×), ~head~ (×), ~cake~, ~baby~, ~mother~,
-~sit~, ~stand~, ~walk~. Am 1. April lernte sie die Substantiva ~knife~,
-~fork~, ~spoon~, ~saucer~, ~tea~, ~papa~, ~bed~ und das Verbum ~run~.
-
- * * * * *
-
- 5. April 1887.
-
-Ich muß Ihnen heut morgen eine Zeile schreiben, denn es hat sich etwas
-sehr Wichtiges zugetragen. Helen hat den zweiten großen Schritt in
-ihrer Erziehung getan. Sie hat gelernt, daß jedes Ding einen Namen
-hat und daß das Fingeralphabet der Schlüssel zu allem ist, was sie zu
-wissen verlangt.
-
-Die Wörter ~mug~ und ~milk~ machten Helen mehr Mühe als alle
-übrigen. Sie verwechselte die Substantiva mit dem Verbum ~drink~.
-Sie kannte das Wort für trinken nicht, sondern half sich damit, daß
-sie die Pantomime des Trinkens machte, so oft sie ~mug~ oder ~milk~
-buchstabierte. Als sie sich heute früh wusch, wünschte sie die
-Bezeichnung für Wasser zu erfahren. Wenn sie die Bezeichnung für etwas
-zu wissen wünscht, so deutet sie darauf und streichelt mir die Hand.
-Ich buchstabierte ihr ~w--a--t--e--r~ in die Hand und dachte bis nach
-Beendigung des Frühstücks nicht mehr daran. Dann fiel es mir ein,
-daß ich ihr vielleicht mit Hilfe dieses neuen Wortes den Unterschied
-zwischen ~mug~ und ~milk~ ein- für allemal klarmachen könnte. Wir
-gingen zu der Pumpe, wo ich Helen ihren Becher unter die Oeffnung
-halten ließ, während ich pumpte. Als das kalte Wasser hervorschoß und
-den Becher füllte, buchstabierte ich ihr ~w--a--t--e--r~ in die freie
-Hand. Das Wort, das so unmittelbar auf die Empfindung des kalten über
-ihre Hand strömenden Wassers folgte, schien sie stutzig zu machen.
-Sie ließ den Becher fallen und stand wie angewurzelt da. Ein ganz
-neuer Lichtschein verklärte ihre Züge. Sie buchstabierte das Wort
-~water~ zu verschiedenenmalen. Dann kauerte sie nieder, berührte die
-Erde und fragte nach deren Namen, ebenso deutete sie auf die Pumpe
-und das Gitter. Dann wandte sie sich plötzlich um und fragte nach
-meinem Namen. Ich buchstabierte ihr »~teacher~« in die Hand. In diesem
-Augenblick brachte die Amme Helens kleine Schwester an die Pumpe;
-Helen buchstabierte »~baby~« und deutete auf die Amme. Auf dem ganzen
-Rückwege war sie im höchsten Grade aufgeregt und erkundigte sich nach
-dem Namen jedes Gegenstandes, den sie berührte, sodaß sie im Laufe
-weniger Stunden dreißig neue Wörter ihrem Wortschatz einverleibt hatte.
-
-~P. S.~ Ich konnte meinen Brief gestern abend nicht mehr zur Post geben
-und will daher noch eine Zeile hinzufügen. Helen stand heute früh wie
-eine strahlende Fee auf. Sie flog von einem Gegenstande zum anderen,
-fragte nach der Bezeichnung jedes Dinges und küßte mich vor lauter
-Freude. Als ich gestern abend zu Bett ging, warf sich Helen aus eigenem
-Antrieb in meine Arme und küßte mich zum ersten Male, und ich glaubte,
-mein Herz müsse springen, so voll war es vor Freude.
-
- * * * * *
-
- 10. April 1887.
-
-Helen macht von Tag zu Tag, ja beinahe von Stunde zu Stunde
-Fortschritte. Alles muß jetzt einen Namen haben. Bei allen unseren
-Ausgängen fragt sie voller Eifer nach den Bezeichnungen für die
-Dinge, die sie nicht zu Hause gelernt hat. Sie wird nicht müde mit
-Buchstabieren und will jeden, dem sie begegnet, das Alphabet lehren.
-Sobald sie das betreffende Wort kennt, wendet sie ihre früheren Zeichen
-und Pantomimen nicht mehr an, und das Erlernen eines neuen Wortes
-bereitet ihr das lebhafteste Vergnügen. Auch bemerken wir, daß ihre
-Züge von Tag zu Tag ausdrucksvoller werden. -- Ich habe mich dazu
-entschlossen, Helen augenblicklich noch nicht regelmäßigen Unterricht
-zu erteilen. Ich behandle sie genau wie ein Kind von zwei Jahren.
-Es kommt mir widersinnig vor, zu verlangen, daß ein Kind zu einer
-bestimmten Zeit in ein bestimmtes Zimmer geht und bestimmte Lektionen
-hersagt, wenn es noch nicht über einen genügenden Wortschatz verfügt.
-Ich fragte mich: Wie lernt ein normales Kind sprechen? Die Antwort
-lautete einfach: Durch Nachahmung. Das Kind kommt mit der Fähigkeit, zu
-lernen, auf die Welt und lernt von selbst, vorausgesetzt, daß es ihm an
-dem erforderlichen äußeren Anreize nicht fehlt. Es sieht, wie andere
-bestimmte Dinge tun, und versucht, sie ebenfalls zu tun. Es hört andere
-sprechen und versucht selbst zu sprechen. Lange bevor es sein erstes
-Wort spricht, versteht es, was man zu ihm sagt... Diese Erwägungen
-weisen mir den richtigen Weg, Helen das Sprechen beizubringen.
-Ich muß ihr in die Hand sprechen, wie wir dem kleinen Kinde in
-das Ohr sprechen. Ich nehme an, daß sie dieselbe Assimilations-
-und Nachahmungsgabe besitzt wie ein normales Kind. Ich werde in
-vollständigen Sätzen zu ihr sprechen und ihr, wenn nötig, die Bedeutung
-durch Gesten und ihre beschreibenden Zeichen klarmachen, aber nicht
-versuchen, ihre Aufmerksamkeit auf +nur+ einen einzigen Gegenstand
-zu lenken. Ich will alles tun, was in meinen Kräften steht, um Helen
-anzuregen und anzuspornen, und geduldig das Ergebnis abwarten.
-
- * * * * *
-
- 24. April 1887.
-
-Die neue Methode bewährt sich vorzüglich; Helen kennt jetzt die
-Bedeutung von mehr als hundert Wörtern und lernt täglich neue hinzu,
-ohne im geringsten auf die Vermutung zu kommen, sie verrichte eine
-besondere Heldentat. Sie lernt, weil sie nicht anders kann, genau
-wie der Vogel fliegen lernt. Doch dürfen Sie nicht glauben, daß sie
-»fließend spricht«. Wie ihre kleine Cousine drückt sie ganze Sätze
-durch einzelne Worte aus. „Milch“, mit einer Handbewegung bedeutet:
-„Gib mir mehr Milch“; „Mutter“, begleitet von einem fragenden Blick,
-bedeutet: „Wo ist Mutter?“ „Gehen“ bedeutet: „Ich möchte ausgehen.“
-Buchstabiere ich ihr aber in die Hand: „Gib mir etwas Brot,“ so reicht
-sie mir das Brot, und wenn ich ihr sage: „Hole deinen Hut, wir wollen
-spazieren gehen,“ so gehorcht sie augenblicklich. Die beiden Worte:
-„Hut“ und „spazieren gehen“ würden dieselbe Wirkung ausüben; wird aber
-der ganze Satz mehrmals am Tage wiederholt, so muß er sich mit der Zeit
-dem Gehirne einprägen, und Helen wird ihn allmählich selbst anwenden.
-
-Wir beschäftigen uns mit einem kleinen Spiele, das nach meiner Meinung
-für die Entwickelung des Intellekts höchst nützlich ist und zugleich
-den Zweck einer Sprachlektion erfüllt. Es ist eine Art Versteckspiel.
-Ich verstecke irgend etwas, einen Ball, eine Spule oder dergleichen,
-und wir suchen danach. Als wir vor zwei bis drei Tagen mit dem Spiele
-begannen, benahm sich Helen ziemlich ungeschickt. Sie suchte an
-Stellen nach, wo es unmöglich gewesen wäre, den Ball oder die Spule zu
-verstecken. Wenn ich z. B. den Ball versteckte, so suchte sie unter
-ihrer Schreibtafel. Versteckte ich die Spule, so suchte sie in einer
-Schachtel, die nicht länger als einen Zoll war. Sie gab auch bald
-das Spiel auf. Jetzt kann ich ihr Interesse daran eine Stunde und
-länger rege erhalten, und sie zeigt mehr Intelligenz und oft große
-Geschicklichkeit beim Finden der Gegenstände. Heute früh versteckte
-ich einen Zwieback. Helen suchte überall, ohne ihn finden zu können.
-Plötzlich kam ihr ein Gedanke, sie lief auf mich zu und öffnete meinen
-Mund, um ihn gründlich zu untersuchen. Als sie hier nichts fand,
-deutete sie auf meinen Magen und fragte: ~Eat~?, was bedeuten sollte:
-Haben Sie ihn vielleicht gegessen?
-
-Freitag begegnete uns ein Herr auf der Straße, der Helen einige
-Bonbons gab, die sie aufaß bis auf ein kleines Stückchen, das sie in
-ihr Schürzentäschchen steckte. Nach Hause gekommen, traf sie ihre
-Mutter und sagte aus eigenem Antriebe: ~Give baby candy.~ Frau Keller
-buchstabierte ihr in die Hand: ~No--baby eat--no.~ Helen näherte sich
-der Wiege, faßte Mildred in den Mund und deutete auf ihre eigenen
-Zähne. Frau Keller buchstabierte: ~Teeth~. Helen schüttelte den Kopf
-und buchstabierte: ~Baby teeth--no, baby eat--no~, womit sie natürlich
-sagen wollte: Schwesterchen kann nicht essen, weil es keine Zähne hat.
-
- * * * * *
-
- 8. Mai 1887.
-
-Nein, ich brauche kein Kindergartenmaterial mehr. Ich habe anfangs
-meinen kleinen Vorrat von Perlen, Karten und Strohhalmen benutzt, weil
-ich nicht wußte, was ich sonst tun sollte; aber die Zeit für sie ist
-jetzt auf alle Fälle vorüber.
-
-Ich beginne allen ausgeklügelten pädagogischen Systemen zu mißtrauen.
-Sie scheinen mir auf der Voraussetzung aufgebaut zu sein, daß jedes
-Kind eine Art Idiot ist und im Denken unterwiesen werden muß, während
-es, wenn es sich selbst überlassen bleibt, mehr und besser denken
-wird, wenn es auch nicht so in die Augen fällt. Laßt es nach seinem
-Belieben gehen und kommen, laßt es reale Gegenstände berühren und
-seine Eindrücke selbständig ordnen, anstatt daß es im Zimmer an einem
-kleinen runden Tische sitzt, während eine Lehrerin mit sanfter Stimme
-ihm sagt, es möge eine steinerne Mauer aus seinen Holzklötzchen bauen,
-einen Regenbogen aus farbigen Papierstreifen herstellen oder Bäume aus
-Strohhalmen in Blumentöpfe aus Perlen pflanzen. Solcherlei Unterricht
-füllt den Geist mit künstlichen Assoziationen an, die erst ausgerottet
-werden müssen, ehe das Kind seine Gedanken aus eigener Anschauung
-entwickeln kann.
-
-Helen lernt Adjektiva und Adverbien so leicht wie sie Substantiva
-gelernt hat. Die Vorstellung geht stets dem Worte voran. Sie hatte
-Zeichen für »klein« und »groß« lange, bevor ich zu ihr kam. Wollte sie
-einen kleinen Gegenstand haben und wurde ihr ein großer gegeben, so
-schüttelte sie den Kopf und hob ein Stückchen von der Haut ihrer einen
-Hand zwischen Daumen und Zeigefinger der anderen hoch. Wollte sie etwas
-Großes bezeichnen, so spreizte sie die Finger beider Hände so weit wie
-möglich und näherte die Hände einander, als wolle sie einen großen Ball
-auffangen. Eines Tages ersetzte ich diese Zeichen durch die Wörter
-~small~ und ~large~; sofort wendete sie die Wörter an und verschmähte
-von nun ab die Zeichen. Ich kann ihr jetzt sagen: Bringe mir ein großes
-Buch, einen kleinen Teller, gehe langsam die Treppe hinauf, laufe rasch
-und gehe langsam. Heute morgen gebrauchte sie die Konjunktion ~and~
-zum ersten Male. Ich befahl ihr, die Tür zuzumachen, und sie fügte
-hinzu: ~and lock~.
-
-Vor ein paar Minuten kam sie in großer Aufregung die Treppe
-heraufgestürmt. Ich konnte mir zuerst gar nicht erklären, was geschehen
-war. Sie buchstabierte immerwährend ~dog--baby~, indem sie dabei der
-Reihe nach auf ihre fünf Finger deutete und an ihnen saugte. Mein
-erster Gedanke war, einer von den Hunden habe Mildred verletzt, aber
-Helens strahlendes Gesicht beschwichtigte meine Furcht. Es half nichts,
-ich mußte mit ihr hinunter. Sie führte mich in einen Schuppen, und hier
-in der Ecke lag einer von den Hühnerhunden mit fünf kleinen niedlichen
-Jungen! Ich lehrte Helen das Wort ~puppy~, ließ sie die Hündchen
-alle befühlen, während sie saugten, und buchstabierte ~puppies~. Sie
-interessierte sich sehr für das Nährgeschäft und buchstabierte mehrmals
-die Wörter ~mother-dog~ und ~baby~. Helen bemerkte, daß die Augen der
-Hündchen geschlossen waren, und sagte ~Eyes--shut. Sleep--no~, womit
-sie sagen wollte: Die Augen sind zwar geschlossen, aber die Hündchen
-schlafen nicht. Sie deutete der Reihe nach auf jedes Hündchen und
-dann auf ihre fünf Finger, und ich lehrte sie das Wort ~five~. Dann
-hielt sie einen Finger in die Höhe und sagte: ~Baby~. Ich begriff,
-daß sie von Mildred sprach, und buchstabierte: ~One baby and five
-puppies~. Dann bemerkte sie, daß eins von den Hündchen kleiner war als
-die anderen, und buchstabierte ~small~, indem sie zu gleicher Zeit
-das entsprechende Zeichen machte; ich buchstabierte ~very small~.
-Sie verstand augenscheinlich, daß ~very~ die Bezeichnung für den
-neuen Begriff sei, der in ihren Kopf gelangt war, denn auf dem ganzen
-Rückwege nach Hause gebrauchte sie das Wort ganz richtig. Ein Stein war
-»~small~«, ein anderer »~very small~«. Als sie ihre kleine Schwester
-anfaßte, sagte sie: ~Baby--small. Puppy--very small.~
-
-Seit ich Helen keinen regelmäßigen Unterricht mehr erteile, finde
-ich, daß sie viel rascher lernt. Ich bin überzeugt, daß die Zeit,
-die ein Lehrer darauf verwendet, sich zu vergewissern, ob das Kind
-seine Lektion auch behalten habe, so gut wie weggeworfen ist. Meines
-Erachtens ist es viel richtiger, anzunehmen, daß das Kind tue, was in
-seinen Kräften steht, und daß die ausgestreute Saat zur rechten Zeit
-schon Frucht tragen wird.
-
- * * * * *
-
- 16. Mai 1887.
-
-Wir unternehmen jetzt jeden Morgen unmittelbar nach dem Frühstück
-weite Spaziergänge. Auf dem ganzen Wege stellt Helen unaufhörlich
-Fragen an mich. Wir machen auf Schmetterlinge Jagd und fangen ab und
-zu einen. Dann setzen wir uns unter einen Baum und sprechen über ihn.
-Später lassen wir ihn frei, falls er die Lektion überlebt hat; aber
-in der Regel werden sein Leben und seine Schönheit auf dem Altar der
-Lernbegierde geopfert, obgleich er in einem anderen Sinne für immer
-fortlebt; denn hat er sich nicht in lebendige Gedanken verwandelt?
-Es ist wunderbar, wie Wörter Gedanken erzeugen! Jedes neue Wort, das
-Helen lernt, scheint das Bedürfnis nach weiteren zu erwecken. Ihr Geist
-wächst infolge seiner rastlosen Tätigkeit. Gewöhnlich gehen wir um die
-Zeit des Mittagessens nach Hause, und Helen erzählt ihrer Mutter voller
-Eifer alles, was sie gelernt hat.
-
-Dieser Wunsch, zu wiederholen, was ihr gesagt worden ist, deutet auf
-einen unverkennbaren Fortschritt in der Entwickelung ihres Intellektes
-hin und ist ein unschätzbarer Ansporn zur Aneignung der Sprache. Ich
-bitte alle ihre Bekannten, sie zu Mitteilungen über ihr Tun und Treiben
-zu ermuntern und soviel Teilnahme und Vergnügen wie nur möglich an
-ihren kleinen Erlebnissen zu zeigen. Dies befriedigt ihr kindliches
-Bedürfnis nach Anerkennung und hält ihr Interesse an den Dingen
-aufrecht. Ebenso bildet es die Grundlage der wirklichen Unterhaltung.
-Helen macht zwar noch manche Fehler und verwechselt Wörter und
-Redensarten miteinander; aber dies tut auch ein hörendes Kind. Ich
-bin sicher, diese Schwierigkeiten werden sich von selbst geben. Der
-Antrieb zum Sprechen ist das wichtigste. Ich füge hier und da ein Wort,
-manchmal einen Satz ein und erinnere sie an das, was sie ausgelassen
-oder vergessen hat. So nimmt ihr Wortschatz rasch zu, und die neuen
-Wörter bringen neue Vorstellungen hervor, und diese sind der Stoff, aus
-dem Himmel und Erde geschaffen sind.
-
- * * * * *
-
-Meine Aufgabe nimmt alle meine Kräfte und mein Interesse von Tag zu
-Tag ausschließlicher in Anspruch, schreibt Fräulein Sullivan am 22.
-Mai 1887. Helen ist ein wunderbares Kind, so voller Lernbegierde und
-Lerneifer. Sie kennt jetzt gegen dreihundert Wörter und eine große
-Menge alltäglicher Redensarten, und es sind noch nicht drei Monate
-her, seit sie ihr erstes Wort lernte. Es ist ein seltenes Glück, das
-Entstehen, das Wachsen und die ersten schwachen Betätigungen eines
-lebenden Geistes zu beobachten; ich genieße dieses Glück, und noch
-mehr, es ist mir vergönnt, diesen herrlichen Intellekt zu wecken und zu
-leiten.
-
-Wenn ich mich für diese große Aufgabe nur besser eignete! Ich fühle
-mich ihr täglich weniger gewachsen. Mein Geist steckt voller Pläne;
-nur kann ich sie leider nicht in die Tat umsetzen. Sie sehen, mein
-Geist ist undiszipliniert, ich irre plan- und ziellos umher. O wenn
-ich nur jemand hätte, der mir helfen könnte! Ich brauche einen Lehrer
-genau so gut wie Helen. Ich weiß, daß die Erziehung dieses Kindes das
-Hauptereignis meines Lebens sein wird, wenn ich nur die Kraft und
-Ausdauer habe, sie zu vollenden. Eins ist mir klar geworden: Helen
-muß Bücher benutzen lernen, wir müssen sie beide benutzen lernen,
-und dabei fällt mir ein -- wollen Sie die Freundlichkeit haben,
-Herrn Anagnos zu bitten, mir die Psychologien von Perez und Sully zu
-besorgen? Ich glaube, sie werden mir nützlich sein können.
-
-Wir halten jetzt jeden Tag Leseübungen ab. In der Regel nehmen wir eins
-der kleinen Lesebücher mit auf einen hohen Baum, der in der Nähe des
-Hauses steht, und verwenden eine bis zwei Stunden auf das Aufsuchen von
-Wörtern, die Helen schon kennt. Wir betreiben es als eine Art Spiel und
-sehen zu, wer die Wörter rascher finden kann, Helen mit ihren Fingern
-oder ich mit meinen Augen, und sie lernt soviel neue Wörter, wie ich
-ihr mit Hilfe der ihr bereits bekannten erklären kann. Gleiten ihre
-Finger über Wörter, die sie kennt, so schreit sie vor Vergnügen auf
-und herzt und küßt mich voller Freuden, namentlich wenn sie glaubt,
-sie sei die Siegerin. Später setze ich die neuen Wörter im Rahmen zu
-kleinen Sätzen zusammen, und manchmal ist es möglich, sie zu einer
-kleinen Geschichte von einer Biene, einer Katze oder einem kleinen
-Knaben zu gestalten. Ich kann sie jetzt heißen die Treppe herauf- oder
-hinuntergehen, Gegenstände wegtragen oder bringen, sitzen, stehen,
-gehen, laufen, liegen, kriechen, sich herumwälzen oder klettern; sie
-ist über Tätigkeitswörter entzückt; daher macht es überhaupt keine
-Mühe, ihr die Verben beizubringen. Sie ist auf die Aneignung eines
-Satzes so stolz wie ein Feldherr, der die Streitkraft des Feindes
-gefangen genommen hat.
-
-Eine von Helens alten Gewohnheiten, die am festesten gewurzelt und
-am schwersten zu bekämpfen ist, ist ihre Sucht, Gegenstände zu
-zertrümmern. Wenn sie irgend etwas auf ihrem Wege findet, so schleudert
-sie es zur Erde, gleichviel, was es ist: ein Glas, ein Krug oder gar
-eine Lampe. Sie besitzt eine große Menge Puppen, und jede von ihnen ist
-in einem Anfall von Wut oder Langeweile zerbrochen worden. Eines Tages
-hatte ihr ein bekannter Herr eine neue Puppe aus Memphis mitgebracht,
-und ich wollte versuchen, ob ich es nicht Helen begreiflich machen
-könnte, daß sie sie nicht zerbrechen dürfe. Ich ließ sie die Bewegung
-machen, als schlüge sie den Kopf der Puppe auf den Tisch auf, und
-buchstabierte ihr in die Hand: ~No, no, Helen is naughty. Teacher is
-sad~ -- und ließ sie den bekümmerten Ausdruck meines Gesichtes fühlen.
-Dann ließ ich sie die Puppe liebkosen, auf die getroffene Stelle
-küssen und zärtlich in ihren Armen wiegen, buchstabierte ihr dabei in
-die Hand: ~Good Helen, teacher is happy~ -- und ließ sie das Lächeln
-auf meinem Gesichte fühlen. Sie machte diese Bewegungen mehrmals und
-gab dabei auf jede Kleinigkeit acht; dann stand sie einen Augenblick
-ganz still mit bekümmertem Gesichtsausdruck, der sich aber plötzlich
-aufhellte, buchstabierte. ~Good Helen~ -- und verzog ihr Gesicht zu
-einem breiten, künstlichen Lächeln. Dann trug sie die Puppe die Treppe
-hinauf, legte die in das oberste Fach des Kleiderschrankes und hat sie
-seitdem nie wieder berührt.
-
- * * * * *
-
- 2. Juni 1887.
-
-Das Wetter ist drückend heiß. Wir schmachten förmlich nach Regen. Wir
-sind alle in großer Sorge um Helen. Sie ist sehr nervös und aufgeregt.
-Sie kann des Nachts nicht schlafen und leidet an Appetitlosigkeit. Es
-ist schwer zu raten. Der Arzt sagt, ihr Geist sei zu rege; wie sollen
-wir sie aber vom Denken abhalten? Sie beginnt zu buchstabieren, sobald
-sie aufwacht, und fährt damit den ganzen Tag lang fort. Wenn ich nicht
-mit ihr sprechen will, so buchstabiert sie in ihre eigene Hand und
-unterhält sich augenscheinlich auf das lebhafteste mit sich selbst.
-
-Ich gab ihr meinen Braillestift in der Meinung, das mechanische
-Einstechen von Löchern in das Papier würde sie zerstreuen und ihren
-Geist beruhigen. Wie groß war aber mein Erstaunen, als ich fand, daß
-die kleine Hexe Briefe schrieb! Ich hatte keine Ahnung davon, daß sie
-wußte, was überhaupt ein Brief sei. Sie ist öfters mit mir nach der
-Post gegangen, wenn ich Briefe besorgte, und ich glaube, ich habe ihr
-manches aus dem Inhalt meiner Briefe an Sie mitgeteilt. Auch wußte
-sie, daß ich ab und zu »Briefe an blinde Mädchen« mit dem Braillestift
-schrieb, aber ich glaubte nicht, daß sie irgend eine klare Vorstellung
-davon habe, was ein Brief sei. Eines Tages brachte sie mir einen Bogen,
-den sie über und über mit Löchern bedeckt hatte, wollte ihn in einen
-Umschlag stecken und nach der Post tragen. Sie sagte: ~Frank--letter~.
-Ich fragte sie, was sie denn an Frank geschrieben habe. Sie entgegnete:
-~Much words. Puppy motherdog--five. Baby--cry. Hot. Helen walk--no.
-Sunfire--bad. Frank--come. Helen--kiss Frank. Strawberries--very
-good.~--
-
-Helen liest fast ebenso eifrig, wie sie spricht. Ich finde, sie
-versteht den Inhalt ganzer Sätze, indem sie die Bedeutung der ihr
-unbekannten Wörter aus dem Zusammenhang errät.
-
-Als ich eines Abends zu Bette ging, fand ich Helen fest eingeschlafen,
-während sie ein großes Buch fest in ihren Armen hielt. Sie hatte
-offenbar gelesen und war dabei eingeschlafen. Als ich sie am nächsten
-Morgen danach fragte, antwortete sie: ~Book--cry~ und ergänzte dies
-durch Zittern und andere Zeichen von Furcht. Ich lehrte sie das Wort
-~afraid~, und sie sagte: ~Helen is not afraid. Book is afraid. Book
-will sleep with girl.~ Ich erklärte ihr, daß sich das Buch nicht
-fürchte und in seinem Schranke schlafen müsse und daß »~girl~« nicht
-im Bett lesen dürfe. Sie sah mich ganz verschmitzt an und begriff
-offenbar, daß ich ihre List durchschaut hatte.
-
-Und nun zum Schluß noch eins, das nur für Ihre Ohren bestimmt ist.
-Eine innere Stimme sagt mir, daß mein Unternehmen über alles
-Wünschen und Träumen hinaus von Erfolg gekrönt sein wird. Wären nicht
-einige Umstände dabei, die einen solchen Gedanken im höchsten Grade
-unwahrscheinlich, ja widersinnig machen, so möchte ich glauben,
-Helens Erziehung werde an Interesse und Wunderbarkeit ~Dr.~ Howes
-Leistung übertreffen. Ich weiß, meine Schülerin besitzt bedeutende
-Anlagen, und ich glaube, daß ich imstande bin, sie zu entwickeln
-und auszubilden. Ich kann Ihnen nicht angeben, auf welche Weise ich
-zu dieser Ueberzeugung gelangt bin. Ich hatte kurz zuvor noch keine
-Ahnung, wie ich zu Werke gehen sollte; ich tappte vollständig im
-Dunkeln umher; aber nunmehr weiß ich es, und ich weiß, daß ich es
-weiß. Ich kann mir keine klare Rechenschaft darüber ablegen; wenn sich
-aber Schwierigkeiten erheben, so bin ich weder ratlos noch im Zweifel.
-Ich weiß, wie ich ihnen entgegenzutreten habe; ich scheine Helens
-individuelle Bedürfnisse zu ahnen. Es ist wunderbar.
-
-Schon erregt Helen die allgemeine Aufmerksamkeit. Niemand kann sie
-sehen, ohne einen tiefen Eindruck von ihr zu erhalten. Sie ist ein
-außergewöhnliches Kind, und das Interesse der Oeffentlichkeit an ihrer
-Erziehung wird ebenfalls ein außergewöhnliches sein. Daher wollen wir
-recht vorsichtig in Bezug auf alles sein, was wir über sie sagen oder
-schreiben. Ich will Ihnen ohne jeden Rückhalt schreiben und Ihnen alles
-berichten, aber nur unter einer Bedingung, nämlich der, daß Sie mir
-versprechen, meine Briefe niemand zu zeigen. Meine herrliche Helen soll
-nicht zu einem Wunderkinde gemacht werden, sofern ich es verhüten kann.
-
- * * * * *
-
- 5. Juni 1887.
-
-Helen interessiert sich sehr für einige kleine Hühnchen, die sich
-heut morgen ihren Weg in die Welt pickten. Ich gab ihr ein Ei in die
-Hand und ließ sie fühlen, wie die Hühnchen tschip-tschip riefen. Ihr
-Erstaunen, als sie das zarte Geschöpf im Innern des Eies fühlte, läßt
-sich nicht in Worte fassen. Die Henne war sehr nett und erhob keinen
-Einspruch gegen unsere Untersuchungen. Außer den Hühnchen haben wir
-noch verschiedenen anderen Familienzuwachs erhalten -- zwei Kälber, ein
-Füllen und eine Anzahl komischer kleiner Schweine. Sie würden lachen
-müssen, wenn Sie mich sähen, wie ich ein quiekendes Ferkel in meinen
-Armen halte, während Helen es am ganzen Leibe betastet und zahllose
-Fragen stellt -- Fragen, die keineswegs leicht zu beantworten sind.
-Nachdem sie beobachtet hatte, wie die Hühnchen aus dem Ei kommen,
-fragte sie: ~Did baby pig grow in egg?~ ~Where are many shells?~ Helens
-Kopfumfang beträgt 21½ Zoll, der meinige 22½; Sie sehen, ich bin ihr
-nur um einen Zoll voraus!
-
- * * * * *
-
- 12. Juni 1887.
-
-Das Wetter ist nach wie vor heiß. Helen ist ungefähr dieselbe geblieben
--- bleich und hager. Doch dürfen Sie nicht glauben, daß sie wirklich
-krank ist. Ich bin überzeugt, die Hitze und nicht die natürliche,
-vielversprechende Regsamkeit ihres Geistes ist schuld an ihrem
-Zustande. Selbstverständlich werde ich ihr Gehirn nicht überbürden.
-Wir werden tagtäglich von Leuten überlaufen, die bereit sind, die
-Verantwortlichkeit für die Welt zu übernehmen, wenn sich der liebe
-Gott eine Versäumnis zuschulden kommen läßt. Sie erklären uns, Helen
-»strenge sich zu sehr an«, ihr Geist sei zu lebhaft (genau dieselben
-Leute glaubten noch vor ein paar Monaten, sie besäße überhaupt keinen),
-und erteilen uns allerhand unmögliche und widersinnige Ratschläge.
-
-Augenblicklich unterweise ich Helen in der Quadratschrift. Die
-Beschäftigung lenkt sie etwas ab und nötigt sie zum Stillsitzen, was
-bei dieser erschlaffenden Hitze sehr wünschenswert ist. Sie hat eine
-völlige Manie für das Zählen. Sie hat alles im Hause gezählt und ist
-jetzt dabei, die Wörter in ihrer Fibel zu zählen. Hoffentlich wird es
-ihr nicht in den Sinn kommen, die Haare ihres Hauptes zählen zu wollen.
-Könnte sie sehen und hören, so würde sich ihre überschüssige Energie
-in einer Weise entladen, die vielleicht ihr Gehirn nicht so übermäßig
-belasten würde, obgleich ich andererseits glaube, daß auch das normale
-Kind sein Spiel ziemlich ernst nimmt.
-
- * * * * *
-
- 15. Juni 1887.
-
-In der vergangenen Nacht hatten wir ein prächtiges Gewitter, und es ist
-heut viel kühler. Wir fühlen uns alle erfrischt, als hätten wir eine
-Dusche genommen. Helen läuft herum wie ein Wiesel. Sie wollte wissen,
-ob im Himmel geschossen würde, wenn sie den Donner fühlte, und ob die
-Bäume und Blumen allen Regen auftränken.
-
-Sie kennt jetzt vierhundert Wörter, abgesehen von zahlreichen
-Eigennamen. Sie kann rasch bis dreißig zählen, und sieben von den
-Buchstaben der Quadratschrift sowie die Wörter, die sie aus ihnen
-bilden kann, schreiben... Sie erkennt sofort jeden wieder, mit dem sie
-einmal zusammengetroffen ist. Im Gegensatze zu Laura Bridgman liebt sie
-Herrengesellschaft, und wir bemerken, daß sie sich leichter mit Herren
-befreundet als mit Damen.
-
-Sie ist stets bereit, alles, was sie hat, mit ihrer Umgebung zu teilen,
-wobei oft nur sehr wenig für sie selbst übrig bleibt. Sie hält sehr auf
-ihre Kleidung, liebt sich zu putzen und ist ganz untröstlich, wenn sie
-ein Loch in einem Kleidungsstück entdeckt. Abends will sie durchaus
-ihre Haare zu Locken gedreht haben, selbst wenn sie so müde ist, daß
-sie kaum stehen kann.
-
- 3. Juli 1887.
-
-Heute früh entstand ein großer Lärm unten im Erdgeschoß. Ich hörte
-Helen schreien und eilte hinunter, um zu sehen, was der Grund davon
-war. Ich fand sie in fürchterlicher Aufregung. Ich hatte gehofft,
-ein solcher Auftritt würde sich nie wieder ereignen. Sie war die
-letzten zwei Monate so artig und folgsam gewesen, daß ich glaubte,
-ich hätte den Leuen gebändigt, aber er schien nur geschlummert zu
-haben. Jedenfalls zauste, kratzte und biß sie jetzt Viney wie eine
-wilde Katze. Es scheint, als habe die Dienerin den Versuch gemacht,
-Helen ein Glas, das diese mit Steinen füllte, wegzunehmen, aus Furcht,
-sie könne es zerbrechen. Helen widersetzte sich; Viney versuchte, es
-ihr mit Gewalt aus der Hand zu reißen, und ich fürchte, sie hat das
-Kind geschlagen oder sonst etwas getan, was diesen außergewöhnlichen
-Wutausbruch veranlaßte. Als ich Helen bei der Hand nahm, begann sie
-zu weinen. Ich fragte sie, was geschehen sei, und sie buchstabierte:
-~Viney--bad~ und begann sie mit erneuter Heftigkeit zu schlagen
-und mit den Füßen zu stoßen. Ich hielt ihr die Hände fest, bis sie sich
-beruhigt hatte.
-
-Später kam Helen zu mir ins Zimmer; sie sah sehr traurig aus und wollte
-mich küssen. Ich antwortete: „~I cannot kiss naughty girl~,“ worauf
-sie buchstabierte: „~Helen is good, Viney is bad.~“ -- Ich erwiderte:
-„Du hast Viney gestoßen und getreten und ihr weh getan. Du bist sehr
-unartig gewesen und ich kann unartiges Mädchen nicht küssen.“ -- Sie
-stand einen Augenblick ganz still, und man sah es, daß in ihrem Innern
-ein Kampf vor sich ging. Dann versetzte sie: ~Helen did (does) not love
-teacher. Helen do love mother. Mother will whip Viney.~“ Ich sagte ihr,
-sie täte besser, nicht mehr über den Vorfall zu sprechen oder an ihn zu
-denken. Sie erkannte, daß ich sehr betrübt war, und wollte sich an mich
-anschmiegen; ich hielt es aber für das beste, ihr einen besonderen
-Platz anzuweisen. Bei Tisch war sie sehr bekümmert, daß ich nicht aß,
-und machte den Vorschlag, die Köchin solle Tee für mich bereiten. Aber
-ich sagte ihr, mein Herz sei traurig, und ich hätte keine Lust zu
-essen. Sie begann zu weinen und zu schluchzen und klammerte sich an
-mich an.
-
-Sie war sehr aufgeregt, als wir nach oben gingen, und ich
-versuchte daher, ihre Aufmerksamkeit auf ein sonderbares Tier,
-ein Gespensterkrebschen (~stick-bug~), zu lenken. Es ist dies das
-sonderbarste Geschöpf, das ich je gesehen habe -- ein kleines
-Reisigbündel, das in der Mitte zusammengeschnürt ist. Ich wollte nicht
-glauben, daß es lebendig wäre, bis ich es sich bewegen sah. Und selbst
-dann glich es eher einem mechanischen Spielzeug als einem lebenden
-Wesen. Aber Helen, das arme, kleine Ding, konnte ihre Aufmerksamkeit
-nicht konzentrieren. Ihr Herzchen war voller Betrübnis und sie wollte
-darüber sprechen. Sie fragte: „~Can bug know about naughty girl? Is bug
-verv happy?~“ Dann schlang sie ihre Arme um meinen Hals und sagte: „~I
-am good to-morrow. Helen is good all days.~“ -- „Willst du Viney sagen,
-daß es dir leid tut, daß du sie gekratzt und mit den Füßen gestoßen
-hast?“ -- Sie lächelte und antwortete: „~Viney not spell words.~“ --
-„Ich will Viney sagen, daß es dir sehr leid tut. Willst du mit mir
-gehen und Viney suchen?“ -- Sie war dazu bereit und ließ sich von Viney
-küssen, obgleich sie ihre Liebkosungen nicht erwiderte. Seitdem ist sie
-außergewöhnlich sanft, und über ihre Züge ist eine Lieblichkeit -- eine
-Seelenschönheit ausgegossen, die ich bisher an ihr nicht wahrgenommen
-
-habe.
-
- * * * * *
-
- 31. Juli 1887.
-
-Helen schreibt mit Bleistift schon ganz vorzüglich. Ich lehre sie das
-Braille-Alphabet, und sie ist ganz entzückt darüber, daß sie imstande
-ist, Wörter herzustellen, die sie selbst fühlen kann.
-
-Ihre Entwickelung ist jetzt soweit vorgeschritten, daß sie nach allem
-fragt. Was? warum? wann?, namentlich warum? -- so geht es den ganzen
-Tag über, und je mehr ihre Intelligenz wächst, desto dringender werden
-ihre Fragen. Ich entsinne mich, wie lästig ich immer das ewige Fragen
-der Kinder meiner Bekannten fand, aber jetzt weiß ich, daß diese Fragen
-von dem zunehmenden Interesse des Kindes an den Ursachen der Dinge
-herrühren. Das »Warum« ist das Tor, durch das es die Welt des Denkens
-und der Ueberlegung betritt. ~How does carpenter know to build house?
-Who put chickens in eggs? Why is Viney black? Flies bite -- why? Can
-flies know not to bite? Why did father kill sheep?~ Natürlich stellt
-sie viele Fragen, die nicht so verständig sind wie diese. Ihr Denken
-geht nicht logischer vor sich als das von Durchschnittskindern. Im
-ganzen gleichen ihre Fragen denen, die ein aufgewecktes Kind von drei
-Jahren stellt; aber ihre Wißbegierde ist äußerst groß, -- ihre Fragen
-fallen nie lästig, obgleich sie mein geringes Maß von Kenntnissen und
-meinen Scharfsinn auf eine harte Probe stellen.
-
-Vorigen Sonntag bekam ich einen Brief von Laura [Bridgman]. Sagen Sie
-ihr, bitte, meinen herzlichsten Dank dafür, und teilen Sie ihr mit, daß
-Helen ihr einen Kuß schickt. Ich las den Brief beim Abendessen, und
-Frau Keller rief aus: Sie sehen, Fräulein Annie, Helen schreibt schon
-jetzt beinahe ebensogut! -- Es ist wahr.
-
- * * * * *
-
- 21. August 1887.
-
-Wir haben eine herrliche Zeit in Huntsville verlebt. Jedermann war über
-Helen entzückt und überschüttete sie mit Geschenken und Küssen. Am
-ersten Abend lernte sie die Namen aller Leute im Hotel, gegen zwanzig,
-glaube ich. Am nächsten Morgen waren wir erstaunt, zu finden, daß sie
-sich ihrer aller erinnerte und jeden einzelnen, mit dem sie am Abend
-zuvor zusammengetroffen war, wiedererkannte. Sie lehrte die Kinder das
-Alphabet, und mehrere von ihnen lernten mit ihr sprechen. Eines der
-Mädchen lehrte sie Polka tanzen, und ein kleiner Knabe zeigte ihr seine
-Kaninchen und buchstabierte ihr deren Namen in die Hand. Sie war ganz
-entzückt darüber und gab ihrer Freude dadurch Ausdruck, daß sie den
-kleinen Burschen herzte und küßte, was ihn in große Verlegenheit setzte.
-
-Seit ihrer Rückkehr spricht sie unaufhörlich von ihren Erlebnissen
-in Huntsville, und wir bemerken einen ganz entschiedenen Fortschritt
-in der Geläufigkeit, mit der sie spricht. Seltsamerweise scheint ein
-Ausflug auf den Gipfel des Monte Sano, eines schönen Berges nicht
-weit von Huntsville, auf sie einen tieferen Eindruck gemacht zu haben
-als alles übrige. Sie erinnert sich an alles, was ich ihr darüber
-mitgeteilt habe, und wiederholte, als sie ihrer Mutter davon erzählte,
-genau die Worte und Redewendungen, die ich in meiner Beschreibung
-gebraucht hatte. Zum Schluß fragte sie ihre Mutter, ob sie auch gern
-~very high mountain and beautiful cloud-caps~ sehen wolle. Ich hatte
-diesen letzteren Ausdruck (»Wolkenmützen«) nicht gebraucht, und sagte
-ihr nun: Die Wolken berühren die Berge sanft wie schöne Blumen. -- Sie
-sehen, ich mußte Worte und Bilder gebrauchen, mit denen sie durch den
-Gefühlssinn vertraut war. Aber es erscheint kaum möglich, daß bloße
-Worte jemand, der nie einen Berg gesehen hat, auch nur den leisesten
-Begriff von dessen Höhe verschaffen können, und ich kann nicht absehen,
-wie jemand imstande sein sollte, zu wissen, welcher Art der Eindruck
-war, den sie erhalten hatte, oder worauf das Vergnügen beruhte, das
-sie empfand, als ihr davon erzählt wurde. Alles, was wir wissen,
-ist nur, daß sie ein gutes Gedächtnis, eine lebhafte Phantasie und
-Assoziationsvermögen besitzt.
-
- 28. August 1887.
-
-Ich wünschte, es würde nichts Neues mehr geboren. Kleine Hunde, kleine
-Kälber und kleine Kinder erhalten Helens Interesse an dem »Warum« und
-»Wozu« der Dinge auf dem Siedepunkte. Die eines Tages erfolgte Ankunft
-eines neugeborenen Kindes in Ivy Green bot Gelegenheit zu einer Unmenge
-von Fragen über die Herkunft der Kinder und der lebenden Wesen im
-allgemeinen. ~Where did Leila get new baby? How did doctor know where
-to find baby? Did Leila tell doctor to get very small new baby? Where
-did doctor find Guy and Prince~ (Hündchen)? ~Why is Elizabeth Evelyn’s
-sister?~ u. s. w., u. s. w. Diese Fragen wurden zuweilen peinlich,
-und es war mir klar, daß irgend etwas geschehen müsse. War es für
-Helen natürlich, solche Fragen zu stellen, so war es meine Pflicht,
-sie zu beantworten. Es ist meines Erachtens ein großer Fehler, Kinder
-mit falschen Angaben und Unsinn abzuspeisen, wenn ihr zunehmendes
-Beobachtungs- und Unterscheidungsvermögen in ihnen den Wunsch rege
-macht, Auskunft über gewisse Dinge zu erhalten. Von Anfang an hatte
-ich es mir zum Prinzip gemacht, alle Fragen Helens nach meinem besten
-Wissen in einer ihr verständlichen Weise und dabei wahrheitsgemäß zu
-beantworten. Warum sollte ich diese Fragen abweichend behandeln? fragte
-ich mich. Ich konnte, abgesehen von meiner kläglichen Unwissenheit
-in betreff der großen Tatsachen, auf welchen unsere physische
-Existenz beruht, keinen Grund dafür erblicken. Es gibt in dieser
-weltabgeschiedenen Gegend keine lebende Seele, die ich hierbei oder
-bei einer anderen pädagogischen Schwierigkeit um Rat fragen könnte.
-Das einzige, was ich in solchen Fällen tun kann, ist frisch darauf
-loszugehen und aus meinen Mißgriffen zu lernen. Aber hier glaube ich
-keinen Mißgriff begangen zu haben. Ich nahm Helen und mein botanisches
-Lehrbuch mit auf den Baum hinauf, auf dem wir oft lesen und studieren,
-und erzählte ihr in einfachen Worten die Geschichte des Pflanzenlebens.
-Ich erinnerte sie an das Getreide, die Bohnen, die Wassermelonenkerne,
-die sie im Frühjahr eingepflanzt hatte, und sagte ihr, daß das hohe
-Korn im Garten, die Bohnen und die Wassermelonenranken aus diesen
-Samenkörnern entstanden seien. Ich erklärte ihr, wie die Erde die
-Samenkörner warm und feucht erhält, bis die kleinen Blättchen stark
-genug sind, um sich an das Licht und an die Luft zu drängen, wo sie
-atmen und wachsen und blühen und weitere Samenkörner hervorbringen,
-aus denen wiederum andere Pflanzen, ihre Kinder, emporwachsen. Ich zog
-einen Vergleich zwischen dem Pflanzen- und dem Tierleben und sagte
-ihr, die Samenkörner seien genau solche Eier wie die Hühnereier und
-Vogeleier, die die Mutterhenne warm und trocken erhält, bis die kleinen
-Hühnchen ausschlüpfen. Ich machte ihr verständlich, daß alles Leben
-aus einem Ei komme. Die Vogelmutter legt ihre Eier in ein Nest und
-hält sie warm, bis die kleinen Vögelchen auskriechen. Die Fischmutter
-legt ihre Eier dorthin, wo sie feucht und sicher sind, bis die kleinen
-Fische ausschlüpfen. Ich erklärte ihr, sie könne das Ei als die Wiege
-des Lebens bezeichnen. Dann erzählte ich ihr, daß andere lebende Wesen
-wie der Hund und die Kuh und auch die Menschen ihre Eier nicht legten,
-sondern ihre Kinder in ihrem eigenen Leibe ernährten. Ich hatte keine
-Schwierigkeit, ihr klarzumachen, daß, wenn Pflanzen und Tiere nicht
-Nachkommen derselben Art hervorbrächten, sie bald aufhören würden zu
-existieren und daß dann bald alles in der Welt aussterben würde. Ueber
-die geschlechtlichen Funktionen ging ich so leicht wie möglich hinweg.
-Ich suchte ihr jedoch einen Begriff davon zu geben, daß die Liebe die
-große Fortpflanzerin des Lebens sei. Das Thema war schwierig und mein
-Wissen unzulänglich; aber ich freue mich, vor meiner Verantwortung
-nicht zurückgeschreckt zu sein, denn so stockend und unzureichend meine
-Erklärung auch gewesen sein mag, sie berührte verwandte Saiten in der
-Seele meines kleinen Zöglings, und die Leichtigkeit, mit der Helen die
-großen Tatsachen des physischen Lebens begriff, bestärkte mich in der
-Meinung, daß im Kinde bei seiner Geburt die gesamten Erfahrungen des
-Menschengeschlechts schlummernd vorhanden sind. Diese Erfahrungen sind
-wie photographische Negativs, bis die Sprache sie entwickelt und die
-Erinnerungsbilder hervorbringt.
-
- * * * * *
-
- 4. September 1887.
-
-Helen bekam heute morgen einen Brief von ihrem Onkel, dem ~Dr.~ Keller.
-Er lud sie ein, ihn einmal in Hot Springs zu besuchen. Der Name Hot
-Springs interessierte sie, und sie stellte mehrere Fragen, die darauf
-Bezug hatten. Sie kannte kalte Quellen, deren es mehrere in der Nähe
-von Tuscumbia gibt; unter ihnen befindet sich eine sehr starke, von
-der die Stadt ihren Namen hat. Tuscumbia bedeutet in der Sprache der
-Indianer »Starker Quell«. Aber sie war darüber erstaunt, daß heißes
-Wasser aus der Erde kommen sollte. Sie wünschte zu wissen, wer unter
-der Erde Feuer angemacht habe, ob es wie das Feuer in den Oefen sei und
-ob es die Wurzeln der Pflanzen und Bäume verbrenne.
-
-Sie war über den Brief sehr erfreut, und nachdem sie alle erdenklichen
-Fragen an mich gerichtet hatte, nahm sie ihn mit zu ihrer Mutter, die
-nähend in der Vorhalle des Hauses saß, und las ihn ihr vor. Es war
-spaßhaft, sie zu sehen, wie sie den Brief vor ihre Augen hielt und die
-Sätze mit ihren Fingern herbuchstabierte, genau wie ich es getan hatte.
-Später versuchte sie ihn Belle (dem Hunde) und Mildred vorzulesen. Frau
-Keller und ich beobachteten diese Bemutterungskomödie von der Tür aus.
-Belle war schläfrig und Mildred unaufmerksam. Helen sah sehr ernst aus
-und zog ein paarmal, wenn Mildred versuchte, ihr den Brief wegzunehmen,
-die Hand ungeduldig zurück. Endlich stand Belle auf, schüttelte sich
-und wollte fortgehen, aber Helen packte sie am Nacken und nötigte sie,
-sich wieder hinzulegen. Inzwischen hatte Mildred den Brief ergriffen
-und kroch mit ihm davon. Helen fühlte auf dem Fußboden nach ihm; als
-sie ihn aber nicht fand, hatte sie augenscheinlich Mildred im Verdacht;
-denn sie stieß den leisen Ton aus, mit dem sie ihr Schwesterchen zu
-rufen pflegt. Dann erhob sie sich und stand eine Weile ganz still, als
-lausche sie mit ihren Füßen auf Mildreds »tapp, tapp«. Als sie erkannt
-hatte, aus welcher Richtung das Geräusch kam, eilte sie rasch auf die
-kleine Uebeltäterin zu und fand sie, wie sie an dem kostbaren Briefe
-herumkaute! Das war zuviel für Helen. Sie riß ihr den Brief weg und
-schlug ihr auf die Händchen, daß es nur so klatschte. Frau Keller nahm
-das Kind auf den Arm, und als es ihr gelungen war, es zu beruhigen,
-fragte ich Helen: Was hast du Baby getan? Sie sah ganz verlegen aus und
-zögerte einen Augenblick mit der Antwort. Dann sagte sie: ~Wrong girl
-did eat letter. Helen did slap very wrong girl.~ Ich erwiderte ihr,
-Mildred sei noch sehr klein und wisse nicht, daß es unrecht sei, den
-Brief in den Mund zu stecken.
-
-~I did tell baby, no, no, much times~, lautete Helens Antwort.
-
-Ich entgegnete: Mildred versteht deine Finger nicht, und wir müssen
-sehr liebevoll mit ihr sein.
-
-Sie schüttelte den Kopf. ~Baby -- not think. Helen will give baby
-pretty letter~, und damit lief sie die Treppe hinauf und brachte einen
-sauber zusammengefalteten Braillebogen mit, auf den sie einige Worte
-geschrieben hatte, und gab ihn Mildred mit den Worten: ~Baby can eat
-all words.~
-
- * * * * *
-
- 18. September 1887
-
-Helen ist ein wunderbares Kind. Ich habe mir alles aufgezeichnet, was
-sie in der vergangenen Woche gesagt hat, und dabei gefunden, daß sie
-über sechshundert Wörter kennt. Damit soll jedoch nicht gesagt sein,
-daß sie sie stets richtig gebraucht. Mitunter zeigt sich in ihren
-Sätzen ein vollständiger Wirrwarr, aber dieser findet sich bei allen
-Kindern, wenn sie den Versuch machen, ihre halbfertigen Vorstellungen
-mit Hilfe willkürlicher Sprachformen auszudrücken. Sie besitzt den
-richtigen Sprachtrieb und zeigt große Gewandtheit bei dem Anpassen des
-Ausdrucks an ihre Gedanken.
-
-In der letzten Zeit hat sie großes Interesse an Farben bewiesen. Sie
-fand in ihrem Lesebuche das Wort »~brown~« und wollte seine Bedeutung
-wissen. Ich sagte ihr, ihr Haar sei braun, worauf sie fragte: ~Is
-brown verv pretty?~ Nachdem wir im ganzen Hause umhergegangen waren
-und ich ihr die Farbe jedes Gegenstandes, den sie berührte, angegeben
-hatte, schlug sie vor, nach den Hühnerställen und den Scheunen zu
-gehen; ich sagte ihr jedoch, sie müsse bis morgen warten, ich sei sehr
-müde. Wir saßen in der Hängematte; aber für die Ermüdete war hier an
-kein Ausruhen zu denken. Helen wollte durchaus »~more colour~« kennen
-lernen. Ich möchte gern wissen, ob sie eine unbestimmte Vorstellung
-von Farben -- einen Erinnerungseindruck von Licht und Ton besitzt. Es
-scheint, als müsse ein Kind, das bis zu seinem neunzehnten Monat sehen
-und hören konnte, etwas von seinen ersten Eindrücken zurückbehalten
-haben, und sei dies auf noch so undeutliche Weise. Helen spricht viel
-von Dingen, die sie durch das Gefühl nicht hat wahrnehmen können. Sie
-stellt viele Fragen über den Himmel, Tag und Nacht, das Meer und die
-Berge. Sie hat es gern, wenn ich ihr mitteile, was ich auf Bildern
-sehe.
-
-Aber ich scheine den Faden meiner Erzählung verloren zu haben. ~What
-colour is think?~ lautete eine der rastlosen Fragen, die sie an mich
-richtete, während wir uns in der Hängematte hin- und herschaukelten.
-Ich sagte ihr: Wenn wir froh sind, so sind unsere Gedanken heiter; sind
-wir aber unartig, so sind sie traurig. Rasch wie der Blitz antwortete
-sie: ~My think is white, Viney’s think is black~. Sie sehen, sie
-glaubte, die Farbe unserer Gedanken entspräche unserer Hautfarbe.
-
- * * * * *
-
- 3. Oktober 1887.
-
-Ich hoffe, die kleinen Mädchen werden sich über Helens Brief[25]
-freuen. Sie hat ihn ganz allein geschrieben.
-
-Sie spricht viel über das, was wir tun werden, wenn sie nach Boston
-geht. Eines Tages fragte sie: ~Who made all things and Boston?~ Sie
-sagt, Mildred würde nicht mitgehen, weil ~baby does cry all days~.
-
- * * * * *
-
- 25. Oktober 1887.
-
-Helen hat gestern einen zweiten Brief an die kleinen Mädchen
-geschrieben,[26] und ihr Vater hat ihn an Herrn Anagnos geschickt. Sie
-hat jetzt begonnen, die Pronomina aus eigenem Antriebe anzuwenden.
-Heute früh sagte ich zu ihr: ~Helen will go upstairs~. Sie lachte und
-antwortete: ~Teacher is wrong. You will go upstairs.~ Dies ist ein
-weiterer großer Fortschritt. So ist es stets. Was ihr gestern Mühe
-machte, fällt ihr heut äußerst leicht, und die Schwierigkeiten von heut
-sind morgen ein überwundener Standpunkt.
-
-Es ist ein Genuß, die rasche Entwickelung von Helens Geist zu
-beobachten. Ich zweifle daran, ob irgend ein Lehrer jemals eine Aufgabe
-vor sich hatte, die sein Interesse so ausschließlich in Anspruch nahm.
-Es muß mir bei meiner Geburt ein glücklicher Stern geleuchtet haben,
-und ich beginne jetzt seinen wohltätigen Einfluß zu empfinden.
-
- * * * * *
-
- Oktober 1887.
-
-Bevor dieser Brief in Ihre Hände gelangt, haben Sie wahrscheinlich
-schon Helens zweiten Brief an die kleinen Mädchen gelesen. Ich weiß es,
-der Fortschritt, den sie in der zwischen den beiden Briefen liegenden
-Zeit gemacht hat, muß unglaublich erscheinen. Nur wer täglich mit ihr
-verkehrt, kann sich eine Vorstellung von den raschen Fortschritten
-bilden, die sie in der Beherrschung der Sprache macht. Sie werden aus
-ihrem Briefe entnehmen, daß sie viele Pronomina ganz richtig gebraucht.
-In der Unterhaltung gebraucht sie selten eins falsch oder läßt es aus.
-Ihre Leidenschaft, Briefe zu schreiben und ihre Gedanken auf das Papier
-zu werfen, wird von Tag zu Tage stärker. Sie erzählt jetzt Geschichten,
-in denen die Phantasie eine bedeutende Rolle spielt. Ebenso beginnt
-sie jetzt einzusehen, daß sie nicht wie andere Kinder ist. Eines
-Tages fragte sie: ~What do my eyes do?~ Ich sagte ihr, ich könne die
-Gegenstände mit meinen Augen sehen und sie mit ihren Fingern.
-
-Nachdem sie einen Augenblick nachgedacht hatte, entgegnete sie: ~My
-eyes are bad!~ dann verbesserte sie dies in ~my eyes are sick.~
-
- * * * * *
-
-Einige interessante Ergänzungen zu den Briefen finden sich in dem von
-Fräulein Sullivan für den offiziellen Jahresbericht des Perkinsschen
-Instituts für 1887 verfaßten zusammenhängenden Ueberblick über Helens
-bisherige Entwickelung. Nach Erwähnung der Szene am Brunnen (s. oben S.
-225) heißt es weiter:
-
-Demnächst kamen die örtlichen Präpositionen an die Reihe. Helens
-Kleid wurde +in+ eine Truhe gelegt und dann +auf+ diese, und ich
-buchstabierte ihr dann diese Präpositionen in die Hand. Den Unterschied
-zwischen ~in~ und ~on~ lernte sie sehr bald, obgleich es einige
-Zeit dauerte, ehe sie diese Wörter in selbständig gebildeten Sätzen
-gebrauchen konnte. Wenn es irgend möglich war, führte sie die Lektion
-mimisch durch; und es machte ihr großes Vergnügen, +auf+ dem Stuhle zu
-stehen oder +in+ den Kleiderschrank gestellt zu werden. In Verbindung
-mit dieser Lektion lernte sie die Namen der Familienmitglieder und das
-Wort ~is~. ~Helen is in wardrobe, Mildred is in crib, Box is on table,
-Papa is on bed~ sind Beispiele von Sätzen, die von ihr Ende April
-gebildet wurden.
-
-Nunmehr folgte eine Lektion über Adjectiva. Ich nahm einen großen,
-weichen Ball aus Wolle und eine Bleikugel. Helen begriff den
-Größenunterschied sofort. Als sie die Kugel in die Hand nahm, machte
-sie ihr gewöhnliches Zeichen für klein (s. S. 229); dann nahm sie einen
-wollenen Ball und machte das Zeichen für groß. Ich setzte die Adjectiva
-~large~ und ~small~ an die Stelle dieser Zeichen. Dann wurde ihre
-Aufmerksamkeit auf die Härte der Kugel und die Weichheit des Balles
-gelenkt, und sie lernte die Adjectiva ~soft~ und ~hard~. Ein paar
-Minuten später befühlte sie den Kopf ihrer kleinen Schwester und sagte
-zu ihrer Mutter: ~Mildred’s head is small and hard.~ Demnächst suchte
-ich ihr den Unterschied zwischen »schnell« und »langsam« klarzumachen.
-Sie half mir eines Tages Wolle wickeln, zuerst rasch und dann langsam.
-Dann sagte ich zu ihr mittels des Fingeralphabets: ~Wind fast~ oder
-~wind slow~, indem ich ihr dabei die Hände hielt und zeigte, wie sie
-es machen sollte. Am nächsten Tage buchstabierte sie mir während der
-Turnübungen in die Hand: ~Helen wind fast~ und begann rasch zu gehen.
-Dann sagte sie: ~Helen wind slow~ und paßte ihre Bewegungen wiederum
-den Worten an.
-
-Ich hielt nun die Zeit für gekommen, sie gedruckte Wörter lesen zu
-lehren. Ein Pappstreifen, auf dem in erhöhten Buchstaben das Wort ~box~
-gedruckt war, wurde auf den betreffenden Gegenstand gelegt und derselbe
-Versuch bei einer großen Menge anderer Dinge wiederholt; aber Helen
-begriff nicht sofort, daß das auf den Gegenstand gelegte Wort diesen
-selbst bezeichne. Dann nahm ich einen Bogen mit dem Alphabet und legte
-ihren Finger auf den Buchstaben ~A~, indem ich zugleich mit meinen
-Fingern ihr ~A~ in die Hand buchstabierte. Sie bewegte ihren Finger von
-einem gedruckten Buchstaben zum anderen, sowie ich ihr den einzelnen
-Buchstaben in die Hand buchstabierte. Sie lernte alle Buchstaben,
-große und kleine, an einem Tage. Dann nahm ich die erste Seite der
-Fibel vor und ließ sie das Wort ~cat~ befühlen, indem ich es ihr zu
-gleicher Zeit mit meinen Fingern zubuchstabierte. Sie verstand mich
-sofort und bat mich ~dog~ und viele andere Wörter aufzusuchen. Auch war
-sie sehr enttäuscht, weil ich ihren Namen in dem Buche nicht finden
-konnte. Damals hatte ich noch keine Sätze in Hochdruck, die sie hätte
-verstehen können; aber sie konnte stundenlang dasitzen und jedes Wort
-in ihrem Buche befühlen. Stieß sie auf eines, das ihr bekannt war, so
-nahm ihr Gesicht einen wahrhaft strahlenden Ausdruck an, und ihre Züge
-wurden von Tag zu Tag sanfter und ernster. Um diese Zeit sandte ich ein
-Verzeichnis der ihr bekannten Wörter an Herrn Anagnos, und er hatte
-die große Güte, sie für Helen in Hochdruck herzustellen. Frau Keller
-und ich schnitten mehrere Bogen mit gedruckten Wörtern auseinander,
-sodaß Helen die Wörter zu Sätzen aneinanderreihen konnte. Dies machte
-ihr mehr Vergnügen als alles, was sie bisher getan hatte, und die so
-gewonnene Uebung erleichterte ihr das Erlernen des Schreibens. Es hielt
-nicht schwer, ihr klarzumachen, daß sie dieselben Sätze, die sie jeden
-Tag mit Hilfe der Pappstreifen bildete, auch mit Bleistift auf Papier
-schreiben könne, und sie begriff sehr bald, daß sie sich nicht auf die
-schon erlernten Redewendungen zu beschränken brauche, sondern jeden
-Gedanken, der ihr durch den Kopf ging, damit ausdrücken könne. Ich
-legte ihr eine von den Schreibtafeln, wie sie von den Blinden benutzt
-werden, zwischen die Bogen Papier auf dem Tische und ließ sie ein
-Alphabet der quadratischen Buchstaben, wie sie sie schreiben konnte,
-befühlen. Dann führte ich ihr die Hand und half ihr den Satz bilden:
-~Cat does drink milk.~ Als die damit fertig war, war sie überglücklich
-und brachte ihn freudestrahlend ihrer Mutter, die ihn ihr in die Hand
-buchstabierte.
-
-Tag für Tag bewegte sie nun ihren Bleistift in denselben
-vorgezeichneten Linien auf dem Papier entlang, ohne auch nur einen
-Augenblick die geringste Ungeduld oder Ermüdung zu verraten.
-
-Da sie nunmehr gelernt hatte, ihre Gedanken schriftlich auszudrücken,
-unterrichtete ich sie in der Brailleschrift. Das Erlernen des Systems
-machte ihr Freude, da sie bald entdeckte, sie könne jetzt selbst lesen,
-was sie geschrieben habe. Ganze Abende kann sie still am Tische sitzen
-und niederschreiben, was ihr in das lebhaft arbeitende Gehirn kommt,
-und es fällt mir selten schwer, zu lesen, was sie geschrieben hat.
-
-Ihre Fortschritte im Rechnen sind gleichfalls bedeutend. Sie kann
-mit großer Schnelligkeit bis zur Summe von hundert addieren und
-subtrahieren, und in der Multiplikation kennt sie das Einmaleins
-bis zur Fünferreihe. Kürzlich beschäftigte sie sich mit der Zahl
-vierzig; als ich zu ihr sagte: Dividiere sie durch zwei, antwortete
-sie unverzüglich: zwanzigmal zwei ist vierzig. Später sagte ich: Nimm
-drei fünfzehnmal und zähle, was herauskommt. Ich wünschte, sie sollte
-Gruppen von je drei Steinen bilden und glaubte, sie würde sie dann
-zählen müssen, um herauszubekommen, wieviel fünfzehnmal drei ist.
-Aber sie buchstabierte mir sofort die Antwort zu: Fünfzehnmal drei ist
-fünfundvierzig.
-
-Als ihr einmal gesagt wurde, sie sei weiß und eine der Dienerinnen
-schwarz, folgerte sie, daß alle, die eine ähnliche Lebensstellung
-innehätten, von derselben Farbe seien, und wenn sie nach der Farbe
-eines Dienstboten gefragt wurde, antwortete sie stets: schwarz. Als
-die einmal nach der Farbe jemandes gefragt wurde, dessen Stand ihr
-unbekannt war, schien sie nicht recht zu wissen, was sie sagen sollte,
-und entgegnete endlich: blau.
-
-Obgleich ihr niemals etwas vom Tode oder vom Begräbnis gesagt worden
-war, so legte sie doch, als sie zum erstenmal in ihrem Leben mit
-ihrer Mutter und mir einen Kirchhof betrat, auf dem wir uns die
-Blumen ansehen wollten, ihre Hand auf unsere Augen und buchstabierte
-wiederholt: ~Cry--cry.~ Ihre Augen füllten sich in der Tat mit Tränen.
-Die Blumen schienen ihr keine Freude zu machen, und sie war ganz still,
-während wir dort blieben.
-
-Als sie bei einer anderen Gelegenheit mit mir spazieren ging, schien
-sie sich der Anwesenheit ihres Bruders bewußt zu sein, obgleich wir
-noch weit von ihm entfernt waren. Sie buchstabierte mir wiederholt
-seinen Namen in die Hand und lief nach der Richtung, aus der er kam.
-
-Beim Spazierengehen oder Reiten gibt sie oft die Namen der Personen,
-denen wir begegnen, sofort an, sobald wir sie bemerken.
-
- * * * * *
-
- 13. November 1887.
-
-Wir nahmen Helen mit in den Zirkus und verlebten ein paar köstliche
-Stunden! Das Zirkuspersonal interessierte sich sehr für Helen und tat
-alles, was in seinen Kräften stand, um ihr ihren ersten Zirkusbesuch zu
-einem denkwürdigen Ereignis zu machten. Sie durfte die Tiere berühren,
-wenn dies ohne Gefahr geschehen konnte. Sie fütterte die Elefanten,
-kletterte auf den Rücken des größten von ihnen und setzte sich auf den
-Schoß der »orientalischen Prinzessin«, während der Elefant majestätisch
-im Kreise herumschritt. Sie betastete einige junge Löwen. Sie waren so
-niedlich wie Kätzchen, aber ich sagte ihr, sie würden wild und grimmig,
-wenn sie älter würden. Sie sagte zu dem Wärter: ~I will take the baby
-lions home and teach them to be mild.~ Der Bärenwärter ließ einen
-seiner riesigen schwarzen Pflegebefohlenen sich auf die Hinterfüße
-aufrichten und uns seine mächtige Tatze entgegenstrecken, die Helen
-höflich schüttelte. An den Affen hatte sie ihre helle Freude, sie legte
-ihre Hand auf den Hauptdarsteller, während er seine Kunststücke machte,
-und lachte herzlich, als er seinen Hut vor dem Publikum abnahm. Ein
-kleiner schlauer Bursche stahl ihr das Haarband, und ein andrer suchte
-ihr die Blumen vom Hute zu reißen. Ich weiß nicht, wer sich köstlicher
-amüsierte, die Affen, Helen oder die Zuschauer. Einer der Leoparden
-leckte ihr die Hände, und der Giraffenwärter hob sie in seinen Armen so
-hoch empor, daß sie die Ohren der Tiere anfassen und sehen konnte, wie
-groß die Giraffen selbst waren. Sie betastete auch einen griechischen
-Streitwagen, und der Lenker würde sie gern in der Arena herumgefahren
-haben, aber sie fürchtete sich vor den vielen schnellen Pferden.
-Die Kunstreiter, Clowns und Seiltänzer freuten sich alle, wenn das
-kleine blinde Mädchen ihre Kostüme befühlte und ihren Bewegungen mit
-den Händen folgte, sofern dies möglich war, und sie küßte sie alle,
-um ihnen ihre Dankbarkeit zu zeigen. Einige von ihnen weinten, und
-sogar der Menschenfresser aus Borneo war gerührt von ihrem lieblichen
-Gesichtchen. Seitdem hat sie von nichts anderem gesprochen als vom
-Zirkus. Um ihre Fragen zu beantworten, war ich genötigt, viel über
-Tiere zu lesen.
-
- 12. Dezember 1887.
-
-Ich kann mir kaum vorstellen, daß Weihnachten vor der Türe steht,
-trotzdem Helen von nichts anderem spricht. Wissen Sie noch, wie
-glücklich wir das Fest voriges Jahr verlebten?
-
-Helen kennt jetzt die Zeiteinteilung, und ihr Vater will ihr eine Uhr
-zu Weihnachten schenken.
-
-Wie jedes hörende Kind, das ich kenne, wünscht auch Helen fortwährend,
-daß man ihr Geschichten erzähle. Ich habe ihr die Geschichte von dem
-kleinen Rotkäppchen so oft erzählen müssen, daß ich fast glaube, ich
-könnte sie von rückwärts her aufsagen. Sie liebt Geschichten, über
-die sie weinen muß -- ich glaube, es geht uns allen so -- es ist so
-angenehm, sich traurig zu fühlen, wenn man keinen besonderen Grund hat,
-traurig zu sein. Ebenso lehre ich Helen kleine Gedichte und Verschen.
-Sie prägen ihrem Gedächtnis Gedanken in schöner Form ein. Auch glaube
-ich, daß sie die Entwickelung aller Anlagen des Kindes fördern, weil
-sie die Phantasie anregen. Natürlich lasse ich mich nicht darauf ein,
-alles zu erklären. Wenn ich es täte, würde kein Raum für das freie
-Spiel der Phantasie bleiben. Zuweit gehende Erläuterungen lenken die
-Aufmerksamkeit des Kindes auf Wörter und Sätze, sodaß es ihm unmöglich
-wird, den Gedankengang im ganzen aufzufassen.
-
- * * * * *
-
- 1. Januar 1888.
-
-Es ist etwas Großes, das Bewußtsein zu haben, daß man einigen Nutzen
-auf der Welt stiftet, daß man jemand notwendig ist. Der Umstand, daß
-die Sorge für Helen fast in jeder Hinsicht auf mir allein ruht, macht
-mich stark und glücklich.
-
-Die Weihnachtswoche war auch hier eine sehr geschäftige. Helen ist
-zu allen Kindergesellschaften eingeladen, und ich begleite sie zu so
-vielen, wie ich irgend kann. Ich wünsche, daß sie Kinder kennen lernt
-und möglichst viel mit ihnen verkehrt. Verschiedene kleine Mädchen
-haben das Buchstabieren mit den Fingern erlernt und sind sehr stolz auf
-ihre Leistung.
-
-Sonnabend begann es nach dem Mittagessen zu schneien; wir machten
-einen fröhlichen Spaziergang durch den Garten und sprachen viel über
-den Schnee. Sonntag morgen war die ganze Gegend verschneit, und Helen,
-die Kinder der Köchin und ich warfen uns mit Schneebällen. Nachmittags
-war alles geschmolzen. Es war der erste Schnee, den ich hier gesehen
-habe, und er erregte mir etwas Heimweh. Die Weihnachtszeit hat Stoff zu
-vielen Lektionen geliefert und Helens Wortschatz um eine große Menge
-neuer Ausdrücke bereichert.
-
-Wochenlang taten wir nichts, als daß wir über Weihnachten sprachen,
-lasen und Geschichten erzählten. Natürlich mache ich keinen Versuch,
-sämtliche neuen Wörter zu erklären; auch versteht Helen die kleinen
-Geschichten, die ich ihr erzähle, nicht ganz; aber die beständige
-Wiederholung prägt die Wörter und Sätze dem Gedächtnis ein, und nach
-und nach wird ihr der Sinn schon klar werden. Meines Erachtens ist
-es widersinnig, zum Zwecke des Erlernens der Sprache »Konversation«
-zu treiben. Dies wirkt auf Schüler und Lehrer gleich verdummend
-und geisttötend. Das Sprechen soll natürlich vor sich gehen und
-dem Gedankenaustausch dienen. Hat das Kind aus sich selbst nichts
-mitzuteilen, so erscheint es nicht der Mühe wert, von ihm zu verlangen,
-es solle abgerissene trockene Sätze über »die Katze«, »den Vogel«,
-»einen Hund« an die Wandtafel schreiben oder mit seinen Fingern
-abbuchstabieren. Es ist von Anfang an mein Bestreben gewesen, mit Helen
-persönlich zu sprechen und sie anzuhalten, mir nur das zu erzählen, was
-sie wirklich interessiert, und Fragen nur zu dem Zwecke zu stellen, um
-zu erfahren, was sie wirklich zu wissen wünscht. Wenn ich bemerke, daß
-sie mir gern etwas erzählen möchte, daß ihr aber die nötigen Worte dazu
-fehlen, so ergänze ich das Nötige, und so gelangen wir vollständig
-zu unserem Ziele. Helens Eifer und Interesse helfen ihr über viele
-Hindernisse hinweg, die unübersteiglich sein würden, wenn wir uns damit
-aufhielten, alles zu erklären und zu definieren.
-
-Es war rührend, zu sehen, wie sich Helen über ihr erstes Weihnachtsfest
-freute. Selbstverständlich hängte sie ihren Strumpf auf -- sogar zwei,
-denn einen hätte Santa Claus übersehen können -- und lag lange Zeit
-wach, stand auch mehrere Male auf, um zu sehen, ob sich nichts ereignet
-habe. Als ich ihr erklärte, Santa Claus käme nicht eher, als bis sie
-eingeschlafen sei, schloß sie ihre Augen und erwiderte: ~He will
-think, girl is asleep.~ Am Morgen wachte sie von der ganzen Familie
-zuerst auf und lief zum Kamine, um nach ihren Strümpfen zu sehen, und
-als sie fand, daß Santa Claus beide Strümpfe gefüllt habe, tanzte sie
-ein Weilchen vor Freude herum; dann aber wurde sie ganz still und kam
-zu mir, um mich zu fragen, ob Santa Claus sich auch nicht geirrt und
-geglaubt habe, es seien zwei kleine Mädchen da, und ob er wiederkommen
-und die Geschenke wieder abholen würde, wenn er seinen Irrtum erkannt
-hätte. Der Ring, den Sie ihr geschickt haben, steckte in der Spitze des
-Strumpfes, und als ich ihr erzählte, Sie hätten ihn Santa Claus für
-sie gegeben, erwiderte sie: ~I do love Mrs. Hopkins.~ Sie hatte eine
-Truhe und Kleider für Nancy bekommen und erklärte sofort: ~Now Nancy
-will go to party.~ Als sie den Braillegriffel und das Papier entdeckte,
-sagte sie: ~I will write many letters, and I will thank Santa Claus
-very much.~ Offenbar war jedermann, namentlich Herr und Frau Hauptmann
-Keller, tief bewegt bei dem Gedanken an den Unterschied zwischen dieser
-glücklichen Weihnachtsfeier und der im vorigen Jahre, da ihr kleines
-Mädchen noch keinen bewußten Anteil an dem Feste genommen hatte. Als
-wir die Treppe herunterkamen, sagte Frau Keller zu mir mit Tränen
-in den Augen: Fräulein Annie, ich danke Gott jeden Tag meines Lebens
-dafür, daß er Sie uns gesandt hat; aber erst heute früh habe ich so
-recht erkannt, was für ein Segen Sie für uns geworden sind. Hauptmann
-Keller ergriff meine Hand, vermochte aber nicht zu sprechen. Aber sein
-Schweigen war beredter als Worte. Auch mein Herz war voller Dankbarkeit
-und heiliger Freude.
-
-Eines Tages stieß Helen auf das Wort ~grandfather~ in einer kleinen
-Geschichte, und sie fragte ihre Mutter: ~Where is grandfather?~ womit
-sie ihren Großvater meinte. Frau Keller antwortete: ~He is dead.~
-Helen fragte: ~Did father shoot him?~ und fügte hinzu: ~I will eat
-grandfather for dinner.~ Bis jetzt steht ihre einzige Kenntnis vom Tode
-in Verbindung mit eßbaren Dingen. Sie weiß, daß ihr Vater Rebhühner,
-Hirsche und anderes Wildbret schießt.
-
-Heute morgen fragte sie mich nach der Bedeutung von ~carpenter~, und
-diese Frage lieferte uns den Stoff für unsere Unterrichtsstunde.
-Nachdem wir über die verschiedenen Gegenstände, die die Zimmerleute
-anfertigen, gesprochen hatten, fragte sie mich: ~Did carpenter make
-me?~ und buchstabierte rasch, ehe ich antworten konnte: ~No, no,
-photographer made me in Sheffield.~
-
-In Sheffield war einer der großen Hochöfen angeblasen worden, und wir
-fuhren eines Abends hinüber, um uns einen Guß anzusehen. Helen fühlte
-die Hitze und fragte: ~Did the sun fall?~
-
- * * * * *
-
- 26. Januar 1888.
-
-Hoffentlich haben Sie Helens Brief erhalten. Denken Sie sich, die
-kleine Spitzbübin hat es sich in den Kopf gesetzt, nicht mehr mit
-Bleistift schreiben zu wollen. Sie sollte heut morgen an Onkel Frank
-schreiben, hatte aber keine Lust dazu und sagte: ~Pencil is very
-tired in head. I will write Uncle Frank braille letter.~ Auf meinen
-Einwand, Onkel Frank könne doch die Brailleschrift nicht lesen,
-erwiderte sie: ~I will teach him.~ Ich setzte ihr auseinander, Onkel
-Frank sei alt und könne die Brailleschrift nicht so leicht erlernen.
-Sofort antwortete sie jedoch: ~I think Uncle Frank is much old to read
-very small letters.~ Endlich brachte ich sie dazu, einige Zeilen zu
-schreiben, aber sie brach die Bleistiftspitze sechsmal ab, ehe sie
-fertig wurde. Ich sagte zu ihr: Du bist ein unartiges Mädchen, aber
-sie entgegnete: ~No, pencil is very weak.~ Ich glaube, ihr Widerwille
-gegen das Schreiben mit Bleistift läßt sich leicht daraus erklären,
-daß sie soviel zur Probe für Bekannte und Fremde hat schreiben müssen.
-Sie wissen, wie widerwärtig dies den Kindern im Institut ist. Es ist
-mühsam, weil es so langsam von statten geht und sie nicht lesen können,
-was sie geschrieben haben, um die Fehler zu verbessern.
-
-Helen interessiert sich immer mehr für Farben. Als ich ihr sagte,
-Mildreds Augen seien blau, fragte sie: ~Are they like wee skies?~ Bald
-nachdem ich ihr gesagt hatte, eine Nelke, die ihr geschenkt worden
-war, sei rot, warf sie ihre Lippen auf und sagte: ~lips are like one
-pink.~ Ich kann mir nicht denken, daß die Eindrücke von Farben, die sie
-während der ersten achtzehn Monate ihres Lebens, in denen sie sehen
-und hören konnte, erhalten hat, gänzlich verschwunden sein sollen.
-Alles, was wir gesehen und gehört haben, bleibt an irgend einer Stelle
-des Gedächtnisses haften. Es mag zu unbestimmt und verworren sein,
-um deutlich wiedererkannt zu werden, aber es ist nichtsdestoweniger
-vorhanden wie die Landschaft, die wir bei hereinbrechender Dämmerung
-aus dem Gesicht verlieren.
-
- * * * * *
-
- 10. Februar 1888.
-
-Gestern abend kamen wir nach Hause. Wir haben eine köstliche Zeit in
-Memphis verlebt, aber ich kam wenig zur Ruhe. Nichts als Aufregung
-vom frühen Morgen bis zum späten Abend -- Ausflüge, Einladungen zu
-Tisch, Besuche und alles, was drum und dran hängt, wenn man ein
-lebhaftes, unermüdliches Kind wie Helen stets um sich hat. Sie sprach
-unaufhörlich. Ich weiß nicht, was ich hätte tun sollen, wenn nicht
-einige junge Leute gelernt hätten, sich mit Helen zu unterhalten. Sie
-erleichterten mir meine Aufgabe soviel wie möglich. Aber selbst so
-habe ich niemals eine ruhige halbe Stunde für mich gehabt. Immer hieß
-es: Ach, Fräulein Sullivan, kommen Sie doch, bitte, her und sagen Sie
-uns, was Helen meint -- oder: Fräulein Sullivan, wollen Sie nicht die
-Güte haben, dies Helen auseinanderzusetzen. Wir können es ihr nicht
-verständlich machen. -- Ich glaube, die halbe weiße Bevölkerung von
-Memphis sprach bei uns vor. Helen wurde gehätschelt und geliebkost, daß
-ein Engel dadurch hätte verwöhnt werden können; aber ich glaube nicht,
-daß es möglich ist, sie zu verwöhnen; sie hat dafür ein viel zu naives
-Empfinden.
-
-Es gibt viele gute Geschäfte in Memphis, und ich habe alles Geld
-ausgegeben, das ich bei mir hatte. Eines Tages sagte Helen: ~I must
-buy Nancy a very pretty hat.~ Sie besaß einen Silberdollar und ein
-Zehncentstück. Als wir in dem Laden waren, fragte ich sie, wieviel sie
-für Nancys Hut ausgeben wolle. Sie antwortete rasch: ~I will pay ten
-cents.~ Auf meine Frage, was sie mit dem Dollar machen wolle, erwiderte
-sie: ~I will buy some good candy to take to Tuscumbia.~
-
-Wir besuchten die Börse und ein Dampfboot. Für dieses letztere
-interessierte sich Helen ungemein und ließ sich alles zeigen von der
-Maschine an bis zur Flagge auf dem Top.
-
-~Dr.~ Bell schreibt in einem Briefe an Hauptmann Keller, daß Helens
-Fortschritte in der Geschichte der Taubstummenerziehung ganz
-beispiellos seien, und sagt viel Artiges über ihre Lehrerin. ~Dr.~
-Edward Everett Hale beruft sich auf seine Verwandtschaft mit Helen und
-scheint auf seine kleine Nichte sehr stolz zu sein.
-
- * * * * *
-
- 5. März 1888.
-
-Ich konnte meinen Brief gestern nicht beenden. Fräulein Eva half mir
-bei der Anfertigung eines Verzeichnisses der Wörter, die Helen gelernt
-hat. Wir bekamen eine Zahl von 900 heraus. Ich hatte Helen am 1. März
-ein Tagebuch eingerichtet. Ich weiß nicht, wie lange sie es fortführen
-wird. Meines Erachtens ist es ein ziemlich törichtes Unternehmen.
-Augenblicklich macht es ihr aber großen Spaß. Sie scheint es zu lieben,
-alles niederzuschreiben, was sie weiß. Am Sonntag trug sie folgendes
-ein:
-
-Ich stand auf, wusch mir Gesicht und Hände, kämmte mein Haar und
-pflückte drei Veilchen für Lehrerin und aß mein Frühstück. Nach dem
-Frühstück spielte ich kurze Zeit mit Puppen. Nancy war ungezogen.
-Ungezogen ist schreien und mit den Füßen stoßen (~Cross is cry and
-kick~). Ich las in meinem Buch von großen, wilden Tieren. Wild ist
-sehr ungezogen und stark und sehr hungrig (~Fierce is much cross and
-strong and very hungry~). Ich liebe wilde Tiere nicht. Ich schrieb
-Brief an Onkel James. Er wohnt in Hotsprings. Er ist Doktor. Doktor
-macht krankes Mädchen gesund. Ich bin nicht gern krank (~I do not like
-sick~). Dann aß ich mein Mittagbrot. Ich esse sehr gern viel Eiskreme
-(~I like much icecream very much~). Nach dem Mittagessen fuhr Vater
-auf Zug nach Birmingham. Ich hatte Brief von Robert. Er liebt mich. Er
-sagt: Liebe Helen, Robert freute sich, einen Brief von lieber, süßer,
-kleiner Helen zu bekommen. Ich werde kommen und dich besuchen, wenn
-die Sonne scheint. Frau Newsum ist Roberts Frau. Robert ist ihr Mann.
-Robert und ich werden laufen und springen und hüpfen und tanzen und
-schaukeln und von Vögeln und Blumen und Bäumen sprechen, und Jumbo
-und Pearl werden mit uns gehen. Lehrerin wird sagen: Wir sind dumm.
-Sie ist spaßhaft. Spaßhaft macht uns lachen (~Funny makes us laugh~).
-Natalie ist gutes Mädchen und schreit nicht. Mildred schreit. Sie
-wird in vielen Tagen ein hübsches Mädchen sein und mit mir laufen und
-spielen. Frau Graves macht kurze Kleider für Natalie. Herr Mayo ging
-nach Duckhill und brachte viele hübsche Blumen nach Hause. Herr Mayo
-und Herr Farris und Herr Graves lieben mich und Lehrerin. Ich gehe
-bald nach Memphis, um sie zu besuchen, und sie werden mich herzen und
-küssen. Thornton geht zur Schule und macht sein Gesicht schmutzig.
-Knabe muß sehr sorgsam sein. Nach dem Abendessen spielte ich Balgen
-mit Lehrerin im Bett. Sie begrub mich unter den Kissen, und dann wuchs
-ich sehr langsam wie ein Baum aus der Erde empor. Nun will ich zu Bett
-gehen.
-
- Helen Keller.
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- * * * * *
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- 16. April 1888.
-
-Soeben kommen wir aus der Kirche zurück. Hauptmann Keller sagte mir
-heut beim Frühstück, ich möchte doch heut Helen mit zur Kirche nehmen.
-Das gesamte Presbyterium würde heut versammelt sein, und er wünsche,
-daß die Geistlichen Helen kennen lernten. Die Sonntagsschule war
-im vollen Gange, als wir ankamen, und ich wünschte, Sie hätten das
-Aufsehen bemerken können, das Helens Eintritt erregte. Die Kinder
-freuten sich so, sie in der Sonntagsschule zu erblicken, daß sie ihren
-Lehrern keine Aufmerksamkeit mehr schenkten, sondern ihre Plätze
-verließen und uns umringten. Helen küßte sie alle, Knaben und Mädchen,
-mochten sie wollen oder nicht. Anfangs schien sie zu glauben, daß die
-Kinder sämtlich den fremden Geistlichen gehörten; aber bald erkannte
-sie unter ihnen einige kleine Freunde, und ich erzählte ihr, daß die
-Geistlichen ihre Kinder nicht mitgebracht hätten. Sie sah enttäuscht
-aus und sagte dann: ~I’ll send them many kisses.~ Einer der Geistlichen
-bat mich, Helen zu fragen, was nach ihrer Meinung die Geistlichen
-täten. Sie erwiderte: ~They read and talk loud for people to be
-good.~ Er schrieb sich diese ihre Antwort in sein Notizbuch. Als der
-Gottesdienst begann, geriet Helen in eine solche Aufregung, daß ich es
-für das beste hielt, sie aus der Kirche hinauszuführen, aber Hauptmann
-Keller sagte: Lassen Sie nur; es wird schon gehen. So blieb mir nichts
-übrig, als auszuharren. Es war unmöglich, Helen zu bewegen, sich ruhig
-zu verhalten. Sie herzte und küßte mich und den ernst blickenden
-Geistlichen, der auf der anderen Seite neben ihr saß. Er gab ihr seine
-Uhr zum Spielen, aber dies brachte sie nicht zur Ruhe; sie wollte
-sie durchaus dem kleinen Knaben zeigen, der hinter uns saß. Als die
-Abendmahlsfeier begann, roch sie den Wein und schnüffelte so laut, daß
-jedermann in der Kirche es hören konnte. Als der Wein unserem Nachbar
-gereicht wurde, mußte er aufstehen, um zu verhüten, daß sie ihm den
-Kelch wegnahm. Ich saß wie auf Nadeln und war froh, als wir die Kirche
-verlassen konnten. Ich suchte Helen rasch hinauszudrängen, aber sie
-hielt ihren Arm ausgestreckt, und jeder Geistliche, den sie berührte,
-mußte sich umdrehen und die Anzahl der Kinder angeben, die er zu Hause
-gelassen hatte, und die entsprechende Menge Küsse in Empfang nehmen.
-Jedermann lachte über ihre Possen, und man hätte eher glauben können,
-in einem Vergnügungslokale zu sein als in einer Kirche. Hauptmann
-Keller lud einige der Geistlichen zu Tisch ein. Helen war ganz außer
-Rand und Band. Sie beschrieb in den lebhaftesten Pantomimen, die sie
-durch Buchstabieren zu ergänzen suchte, was sie in Brewster tun wolle.
-Endlich stand sie vom Tisch auf und tat so, als sammle sie Seetang
-und Muscheln auf und wate im Wasser umher, wobei sie ihre Röcke höher
-aufhob, als es unter den gegenwärtigen Umständen schicklich war. Dann
-warf sie sich zu Boden und begann so energische Schwimmbewegungen zu
-machen, daß ein Teil der Gäste fürchtete, von den Stühlen gestoßen zu
-werden. Ihre Bewegungen sind oft ausdrucksvoller als alle Worte, und
-sie ist so anmutig wie eine Nymphe.
-
-Ich möchte gern wissen, ob Ihnen auch die Zeit so unendlich lang wird
-wie mir. Wir sprechen und planen und träumen von nichts als von Boston,
-Boston, Boston. Ich glaube, Frau Keller hat sich jetzt endgültig
-entschlossen, uns zu begleiten, aber sie will nicht den ganzen Sommer
-über bleiben.
-
- * * * * *
-
- 15. Mai 1888.
-
-Wissen Sie, daß dies der letzte Brief ist, den ich Ihnen auf lange,
-lange Zeit hinaus schreibe? Das nächste Wort, das Sie von mir erhalten,
-wird ein Telegramm sein, das Ihnen meldet, wann wir in Boston
-eintreffen. Ich bin zu glücklich, um Briefe zu schreiben; aber ich muß
-Ihnen von unserem Besuche in Cincinnati erzählen.
-
-Wir haben eine genußreiche Woche bei den »Doktoren« verlebt. ~Dr.~
-Keller war uns bis Memphis entgegengefahren. Fast jedermann im Zuge
-war ein Arzt, und ~Dr.~ Keller schien sie alle zu kennen. Als wir in
-Cincinnati anlangten, fanden wir die Stadt mit Doktoren angefüllt. Es
-befanden dich mehrere hervorragende Aerzte aus Boston unter ihnen. Wir
-stiegen in Burnet House ab. Jedermann war von Helen entzückt. All die
-gelehrten Herren bewunderten ihre Intelligenz und Heiterkeit. Sie hat
-etwas an sich, was die Leute fesselt. Ich glaube, es ist ihr freudiges
-Interesse, das sie an allem und an jedermann nimmt.
-
-Wo wir auch waren, stets bildete sie den Mittelpunkt der Gesellschaft.
-Sie war von dem Orchester im Hotel entzückt, und als das Konzert
-begann, tanzte sie im ganzen Saale herum und herzte und küßte jeden,
-der ihr in den Wurf kam. Ihre Fröhlichkeit steckte alle an; keinem
-erschien sie bemitleidenswert. Ein Herr sagte zu ~Dr.~ Keller: Ich habe
-lange gelebt und viele glückliche Gesichter gesehen, aber noch nie ein
-so strahlendes wie das dieses Kindes. Ein anderer sagte: Weiß Gott,
-ich würde alles, was ich auf der Welt besitze, darum geben, wenn ich
-dieses kleine Mädchen beständig um mich haben könnte. ~Dr.~ Garcelon
-holte uns eines Nachmittags zu einem Ausfluge ab und wollte Helen eine
-Puppe kaufen; aber sie sagte: ~I do not like too many children. Nancy
-is sick, and Adline is cross, and Ida is very bad.~ Wir lachten, daß
-uns die Tränen in die Augen traten, so ernst sah sie dabei aus. Was
-möchtest du denn sonst haben? fragte der Doktor. ~Some beautiful gloves
-to talk with~, antwortete sie. Der Doktor war ganz erstaunt, da er noch
-nie etwas von »sprechenden Handschuhen« gehört hatte; ich erklärte ihm
-aber, Helen habe Handschuhe mit darauf gedrucktem Alphabet gesehen und
-glaube offenbar, sie könnten gekauft werden. Ich sagte ihm, er könne
-ein Paar Handschuhe kaufen, wenn er wolle, und ich würde dann das
-Alphabet darauf pressen lassen.
-
-Wir frühstückten mit Herrn Thayer (Ihrem früheren Seelsorger) und
-seiner Gattin. Er fragte mich, in welcher Weise ich Helen die Adjektiva
-und die Bezeichnungen für abstrakte Begriffe, wie Güte und Glück,
-beigebracht hätte. Diese selben Fragen sind mir wohl hundertmal von
-den gelehrten Doktoren vorgelegt worden. Es kommt mir sonderbar vor,
-daß man sich über etwas wundert, was doch in der Tat so einfach ist.
-Gewiß ist es ebenso leicht, dem Kinde die Bezeichnung für einen Begriff
-beizubringen, der ihm klar vor der Seele steht, wie die Bezeichnung für
-einen Gegenstand. Allerdings würde es eine Herkulesarbeit sein, Wörter
-zu lehren, wenn die betreffenden Vorstellungen nicht schon in der Seele
-des Kindes vorhanden wären. Wenn seine Erfahrungen und Beobachtungen
-ihm nicht zu den Begriffen »groß«, »klein«, »gut«, »schlecht«, »süß«,
-»sauer«, verholfen hätten, so würde es nichts mit diesen Wortgebilden
-verbinden können.
-
-Ich dummes Ding fand mich in die Lage versetzt, den aus Ost und West
-versammelten Weisen so einfache Dinge wie die folgenden klarmachen zu
-müssen: Wenn Sie einem Kinde etwas Süßes geben, und es seine Zunge
-bewegt, sich die Lippen leckt und ein vergnügtes Gesicht macht, so hat
-es eine ganz bestimmte Empfindung, und wenn es jedesmal, so oft es
-diese Empfindung hat, das Wort »süß« hört oder in die Hand buchstabiert
-bekommt, so wird es rasch diese willkürliche Bezeichnung für diese
-Empfindung annehmen. Legen Sie ihm dagegen ein Stück Citrone auf die
-Zunge, so wirft es die Lippen auf und versucht es auszuspucken, und
-wenn es diese Erfahrung ein paarmal gemacht hat, so schließt es seinen
-Mund und verzieht sein Gesicht, wenn man ihm eine Citrone zeigt, und
-gibt dadurch deutlich zu verstehen, daß es sich der unangenehmen
-Empfindung erinnert. Sie nennen diese »sauer«, und das Kind nimmt diese
-Bezeichnung an. Hätten Sie diese Empfindungen »schwarz« und »weiß«
-genannt, so würde das Kind diese Bezeichnungen ebensoleicht akzeptiert
-haben; aber es würde unter »schwarz« und »weiß« genau dasselbe
-verstehen, was es jetzt unter »süß« und »sauer« versteht. Auf diese
-Weise lernt das Kind aus einer Reihe von Erfahrungen den Unterschied
-seiner Empfindungen kennen, und wir benennen sie »gut«, »schlecht«,
-»freundlich«, »rauh«, »froh«, »traurig«. Nicht das Wort, sondern das
-Vermögen, sich der Empfindung bewußt zu werden, ist es, worauf es bei
-der Erziehung ankommt.
-
- * * * * *
-
-Folgender Auszug aus einem von Fräulein Sullivans Briefen enthält
-interessante pädagogische Betrachtungen:
-
-Wir besuchten eine kleine Taubstummenschule. Wir wurden sehr freundlich
-aufgenommen, und Helen freute sich, mit Kindern zusammenzusein.
-
-Zwei von den Lehrern kannten das Fingeralphabet und sprachen ohne
-Dolmetscher mit ihr. Sie waren erstaunt, in welchem Grade sie die
-Sprache beherrschte. Kein einziges Kind in der Schule, versicherten
-sie, besäße eine ähnliche Gewandtheit des Ausdrucks, und einige von
-ihnen würden schon zwei bis drei Jahre unterrichtet. Ich wollte dies
-zuerst nicht glauben; nachdem ich aber die Kinder ein paar Stunden bei
-ihren Arbeiten beobachtet hatte, erkannte ich, daß man mir die Wahrheit
-gesagt hatte, und ich wunderte mich nicht mehr darüber. In einem Zimmer
-standen einige kleine Knirpse und bildeten im Schweiße ihres Angesichts
-»einfache Sätze«. Ein kleines Mädchen hatte geschrieben: Ich habe ein
-neues Kleid. Es ist ein hübsches Kleid. Meine Mama hat mein hübsches,
-neues Kleid gemacht. Ich liebe Mama. -- Ein kleiner Knabe mit einem
-Lockenkopf schrieb soeben: Ich habe einen großen Ball. Ich liebe es,
-meinen großen Ball mit dem Fuße zu stoßen. -- Als wir in das Zimmer
-traten, richtete sich die Aufmerksamkeit der Kinder auf Helen. Eins von
-ihnen faßte mich am Aermel und sagte: Mädchen ist blind. Die Lehrerin
-schrieb an die Wandtafel: Der Name des Mädchens ist Helen. Sie ist
-taubstumm. Sie kann nicht sehen. Wir bedauern sie sehr. Ich fragte:
-Warum schreiben Sie diese Sätze an die Tafel? Würden die Kinder es
-nicht verstehen, wenn Sie zu ihnen über Helen sprächen? Die Lehrerin
-sagte etwas über die Erlernung der richtigen Satzkonstruktion und fuhr
-in ihrer schriftlichen Stilübung über Helen fort. Ich fragte sie, ob
-das kleine Mädchen, das über das neue Kleid geschrieben hatte, sich
-wirklich so besonders über ihr Kleid gefreut habe. -- Nein, antwortete
-sie, ich glaube nicht, aber Kinder lernen besser, wenn sie über etwas
-schreiben, was sie persönlich berührt. -- Es erschien mir alles so
-mechanisch und schwer, das Herz tat mir beim Anblick dieser armen
-Kinder weh. Niemand denkt daran, gleich zu Anfang ein hörendes Kind
-sagen zu lassen: Ich habe ein hübsches neues Kleid. Diese Kinder waren
-zwar älter an Jahren, als das Baby, das da lallt: Papa küß Baby --
-hübsch -- und den Sinn seiner Rede ergänzt, indem es auf sein neues
-Kleid deutet; aber ihre Gewandtheit im Verstehen und im Gebrauch der
-Sprache war nicht größer.
-
-Diesen selben Uebelstand bemerkte ich in dem ganzen Betriebe der
-Schule. In jedem Klassenzimmer sah ich Sätze an der Wandtafel, die
-augenscheinlich zur Erläuterung einer grammatischen Regel oder zum
-Zwecke der Einübung von Wörtern hingeschrieben worden waren, die vorher
-in derselben oder in einer anderen Verbindung vorgekommen waren. Derlei
-mag für bestimmte Unterrichtsstufen angebracht sein; aber es ist
-nicht der richtige Weg zur Erlernung der Sprache. Nichts, glaube ich,
-unterdrückt den Trieb des Kindes, natürlich zu sprechen, mehr als diese
-Uebungen an der Wandtafel. Das Schulzimmer ist nicht der geeignete
-Raum, einem Kinde das Sprechen beizubringen, am allerwenigsten aber
-einem taubstummen Kinde. Dieses darf sich ebensowenig wie ein hörendes
-Kind der Tatsache bewußt werden, daß es Wörter lernt, und es sollte
-ihm gestattet sein, sich mit Hilfe seiner Finger oder des Bleistiftes
-verständlich zu machen, meinetwegen in einzelnen Silben, bis die Zeit
-kommt, in der seine wachsende Intelligenz nach dem Satze verlangt.
-Der Gedanke an die Sprache sollte in dem Geiste des Kindes nicht mit
-der Erinnerung an endlose Schulstunden, an schwierig zu beantwortende
-grammatische Fragen, oder an irgend etwas verknüpft sein, was der
-Lebensfreude feindlich in den Weg tritt.
-
- * * * * *
-
-Fräulein Sullivans zweiter Beitrag für den Jahresbericht des
-Perkinsschen Instituts reicht bis zum 1. Oktober 1888.
-
- * * * * *
-
-In dem vergangenen Jahre hat sich Helen einer ausgezeichneten
-Gesundheit erfreut. Ihre Augen und Ohren sind von Spezialisten
-untersucht worden, und diese sind der Meinung, daß sie nicht die
-geringste Licht- oder Schallempfindung haben kann.
-
-Es läßt sich unmöglich genau angeben, in welchem Umfange ihr der
-Geruchs- und der Geschmackssinn beim Erkennen der natürlichen
-Eigenschaften der Dinge behilflich sind; aber nach einer hervorragenden
-Autorität üben diese Sinne einen großen Einfluß auf die geistige und
-sittliche Entwicklung des Menschen aus. Helen schöpft aus diesen
-Sinnestätigkeiten zweifellos einen hohen Genuß. Beim Eintritt in ein
-Gewächshaus nimmt ihr Gesicht einen strahlenden Ausdruck an, und sie
-benennt die Blumen, die ihr bekannt sind, nur nach dem Geruche. Ihre
-Erinnerungen an Geruchsempfindungen sind sehr lebhaft. Sie freut sich
-schon im voraus auf den Duft einer Rose oder eines Veilchens, und
-wenn ihr ein Strauß dieser Blumen versprochen wird, so überfliegt ein
-besonders glücklicher Ausdruck ihre Züge und beweist, daß sie in der
-Phantasie deren Geruch empfindet und daß er ihr angenehm ist. Es kommt
-häufig vor, daß der Duft einer Blume oder der Geruch einer Frucht ihr
-irgend ein frohes Ereignis aus dem Familienleben oder ein heiteres
-Geburtstagsfest vergegenwärtigt.
-
-Ihr Gefühlssinn hat in diesem Jahre an Schärfe und Feinheit merklich
-zugenommen. In der Tat ist ihr ganzer Körper so fein organisiert, daß
-er ihr als Mittel zu dienen scheint, sich mit ihren Mitmenschen in
-nähere Beziehungen zu setzen. Sie ist nicht nur imstande, die von den
-verschiedenen Tönen und Bewegungen hervorgebrachten Schwingungen der
-Luft und Erschütterungen des Bodens zu unterscheiden und ihre Freunde
-und Bekannten sofort zu erkennen, wenn sie deren Hände oder Kleider
-berührt, sondern sie erkennt auch die Gemütsstimmung der Personen ihrer
-Umgebung. Es ist unmöglich für jemand, mit dem sich Helen unterhält,
-besonders heiter oder traurig zu sein und ihr diesen Umstand verhehlen
-zu wollen.
-
-Sie bemerkt den leichtesten Nachdruck, der in der Unterhaltung auf ein
-Wort gelegt wird und weiß jede Veränderung sowie das wechselvolle Spiel
-der Handmuskeln zu deuten. Sie beantwortet rasch den leisen Druck der
-Zuneigung, den kräftigen der Zustimmung, das Zucken der Ungeduld, die
-feste Bewegung beim Befehl und die vielen anderen Verschiedenheiten
-der fast unendlich reichen Sprache der Gefühle, -- und sie hat sich
-eine solche Uebung in dem Verständnis dieser unbewußten Sprache der
-Gemütserregungen erworben, daß sie oft imstande ist, unsere innersten
-Gedanken zu erraten.
-
-Als sie eines Tages mit ihrer Mutter und Herrn Anagnos spazieren
-ging, warf ein Knabe eine Knallerbse vor ihnen auf den Boden, worüber
-Frau Keller erschrak. Helen bemerkte sofort die Veränderung in den
-Bewegungen ihrer Mutter und fragte: ~What are we afraid of?~ Als ich
-einst mit ihr im Parke spazieren ging, sah ich, wie ein Polizeibeamter
-einen Mann zur Wache brachte. Die Erregung, die ich empfand, brachte
-eine deutlich bemerkbare körperliche Veränderung bei mir hervor; denn
-Helen fragte aufgeregt: ~What do you see?~
-
-Einen schlagenden Beweis für das Vorhandensein dieses auffallenden
-Vermögens lieferte eine ärztliche Untersuchung von Helens Ohren in
-Cincinnati: Es wurden verschiedene Versuche gemacht, um positiv
-festzustellen, ob sie eine Schallempfindung habe oder nicht. Alle
-Anwesenden waren erstaunt, als sie nicht allein einen Pfiff, sondern
-auch den gewöhnlichen Klang der menschlichen Stimme zu vernehmen
-schien. Sie wandte den Kopf um, lächelte und verhielt sich so, als ob
-sie gehört hätte, was gesprochen worden war. Ich stand neben ihr und
-hielt ihre Hand in der meinigen. Da ich glaubte, sie habe Eindrücke
-durch mich erhalten, legte ich ihre Hände auf den Tisch und zog mich
-nach der entgegengesetzten Seite des Zimmers zurück. Die Ohrenärzte
-nahmen nun ihre Versuche von neuem auf, aber mit ganz abweichenden
-Ergebnissen. Helen blieb während der ganzen Dauer der Experimente
-völlig teilnahmlos und verriet nicht im mindesten, daß sie etwas von
-dem Gesprochenen verstand. Auf meinen Vorschlag faßte einer der Herren
-sie bei der Hand, und die Anzeichen des Verständnisses wiederholten
-sich. Diesmal veränderten sich ihre Züge, so oft sie angeredet wurde,
-aber es trat kein so entschiedenes Aufleuchten ihres Antlitzes ein wie
-vorher, als ich ihre Hände festhielt.
-
-Einige Zeit nach dem obenerwähnten Besuch auf dem Kirchhofe (s. S.
-253) interessierte sich Helen für ein Pferd, das sich infolge eines
-Unfalls ein Bein schwer verletzt hatte, und ging täglich mit mir hin,
-um es zu besuchen. Das verwundete Bein wurde bald so schlimm, daß
-das Pferd an einem Balken aufgehängt werden mußte. Das Tier stöhnte
-vor Schmerz, und Helen, die sein Stöhnen vernahm, wurde von Mitleid
-erfüllt. Zuletzt wurde es nötig, das Pferd zu töten, und als sie es das
-nächstemal besuchen wollte, sagte ich ihr, es sei +tot+. Dies war
-das erstemal, daß sie das Wort hörte. Ich setzte ihr dann auseinander,
-daß es erschossen worden sei, um von seinen Schmerzen erlöst zu werden,
-und daß man es +begraben+ -- in die Erde gelegt habe. Ich bin
-geneigt, zu glauben, daß die Vorstellung, es sei absichtlich erschossen
-worden, keinen tiefen Eindruck auf sie machte; aber ich glaube, sie
-begriff die Tatsache, daß das Leben in dem Pferde erstorben war,
-wie bei den toten Vögeln oder anderen kleinen Tieren, von denen sie
-schon vor meiner Ankunft in Tuscumbia eines oder das andere in der
-Hand gehabt hatte, und ebenso daß das Pferd begraben worden war. Seit
-diesem Vorfall habe ich das Wort +tot+ stets gebraucht, wann sich
-die Gelegenheit dazu bot, ohne mich aber auf weitere Erläuterungen
-einzulassen.
-
-Während wir nun in Brewster in Massachusetts einen Besuch machten,
-begleitete Helen eines Tages meine Freundin und mich auf den Kirchhof.
-Sie untersuchte einen Stein nach dem anderen und schien sich zu freuen,
-wenn sie einen Namen entziffern konnte. Sie roch an den Blumen,
-zeigte aber kein Verlangen, sie zu pflücken, und als ich ihr einige
-pflückte, wollte sie sich dieselben nicht anstecken lassen. Als ihre
-Aufmerksamkeit von einer Marmorplatte, auf der der Name Florence in
-erhabenen Buchstaben ausgemeißelt war, gefesselt wurde, kauerte sie
-sich auf den Boden nieder, als suche sie etwas, wandte sich dann mit
-ganz verstörtem Gesicht zu mir und fragte: ~Where is poor little
-Florence?~ Dann setzte sie hinzu: ~I think she is very dead. Who
-put her in big hole?~ Als sie mit diesen traurig stimmenden Fragen
-fortfuhr, verließen wir den Kirchhof. Florence war die Tochter meiner
-Freundin, die als erwachsenes junges Mädchen gestorben war; ich hatte
-aber Helen nichts von ihr erzählt; ja, sie wußte nicht einmal, daß
-meine Freundin eine Tochter gehabt hatte. Helen hatte ein Bett und
-einen Wagen für ihre Puppen geschenkt bekommen, die sie benutzte wie
-alle anderen Geschenke. Als wir vom Kirchhofe nach Hause kamen, lief
-sie in das Zimmer, wo diese aufbewahrt wurden, und brachte sie meiner
-Freundin mit den Worten: ~They are poor little Florence’s.~ Dies traf
-zu, obgleich wir es nicht begriffen, wie sie dies hatte erraten können.
-Ein Brief, den sie im Laufe der nächsten Woche an ihre Mutter schrieb,
-schildert ihre Eindrücke mit ihren eigenen Worten:
-
-Ich lege meine kleinen Kinder in Florences kleines Bett, und fahre sie
-in ihrem Wagen umher. Die arme kleine Florence ist tot. Sie war sehr
-krank und starb. Frau H. weinte laut um ihr liebes kleines Kind. Sie
-ging in die Erde, und sie ist schmutzig, und sie friert (~She got in
-the ground and she is very dirty, and she is cold~). Florence war sehr
-hübsch wie Sadie, und Frau H. küßte und herzte sie oft. Florence ist
-sehr traurig in dem großen Loche (~Florence is very sad in big hole~).
-Doktor gab ihr Medizin, um sie gesund zu machen, aber die arme Florence
-wurde nicht gesund. Als sie sehr krank war, hustete und stöhnte sie im
-Bett. Frau H. will sie bald besuchen.
-
-Trotz der großen Regsamkeit ihres Geistes ist Helen ein ganz
-natürliches Kind. Sie liebt Scherz und Spiel und überhäuft andere
-Kinder mit Zärtlichkeiten. Sie ist niemals heftig oder reizbar, und
-ich habe sie nie ungeduldig gesehen, wenn ihre Spielgefährten sie
-nicht verstanden. Sie kann stundenlang mit Kindern spielen, die
-nicht ein einziges Wort von dem verstehen, was sie ihnen in die Hand
-buchstabiert, und es ist rührend, ihre lebhaften Bewegungen und ihre
-leidenschaftlichen Gesten zu beobachten, mittels deren sie ihre
-Gedanken und Empfindungen auszudrücken sucht. Gelegentlich versucht ein
-kleiner Knabe oder ein kleines Mädchen das Fingeralphabet zu erlernen.
-Dann gewährt es einen hübschen Anblick, zu sehen, mit welcher Geduld,
-Sanftmut und Ausdauer Helen sich bemüht, die ungelenken Finger ihrer
-kleinen Freunde in die richtige Lage zu bringen.
-
-Eines Tages, als Helen ein kleines Jackett trug, auf das sie sehr stolz
-war, sagte ihre Mutter zu ihr: Es ist hier ein armes kleines Mädchen,
-das keinen Mantel hat, um sich zu wärmen. Willst du ihr nicht den
-deinen geben? Helen begann sofort ihr Jackett auszuziehen und sagte:
-Ich muß es einem armen kleinen fremden Mädchen geben.
-
-Für Kinder, die jünger sind als sie selbst, hegt sie eine große
-Zuneigung, und ein Wiegenkind ruft stets alle mütterlichen Instinkte
-ihrer Natur wach. Sie behandelt ein solches Kind so zärtlich, wie es
-die sorgsamste Wärterin nicht besser tun könnte, und gibt allen seinen
-Launen nach.
-
-Obgleich sie im allgemeinen sehr geselligen Charakters ist, kann sie
-sich doch, wenn sie allein ist, stundenlang mit Stricken oder Nähen die
-Zeit vertreiben.
-
-Sie liest viel. Sie beugt sich mit gespanntem Blick über ihr Buch, und
-während der Zeigefinger ihrer linken Hand über die Zeilen hingleitet,
-buchstabiert sie die Wörter mit der anderen Hand; oft sind aber ihre
-Bewegungen so rasch, daß sie selbst für diejenigen unverständlich sind,
-die daran gewöhnt sind, den schnellen Bewegungen ihrer Finger zu folgen.
-
-Jede auch noch so leise Gefühlsregung findet in ihrem lebhaften
-Mienenspiel ihren Ausdruck. Ihr Verhalten ist natürlich und
-ungezwungen, und wegen ihrer Offenheit und augenscheinlichen
-Aufrichtigkeit bezaubernd. Ihr Gemüt ist zu selbstlos und liebevoll,
-als daß sie sich etwas von Unfreundlichkeit träumen ließe. Sie kann
-sich nicht vorstellen, daß jemand anders als liebreich und gut sein
-könnte. Sie ist sich keines Grundes bewußt, weswegen sie sich vor
-irgend etwas fürchten sollte; infolgedessen sind ihre Bewegungen frei
-und anmutig.
-
-Zu allen lebenden Wesen im Hause hegt sie eine große Zuneigung und
-will nicht, daß sie unfreundlich behandelt werden. Wenn sie im Wagen
-ausfährt, so will sie dem Kutscher nicht erlauben, die Peitsche zu
-gebrauchen, denn, sagt sie, „~poor horses will cry~“. Eines Morgens
-war sie sehr betrübt, als sie fand, daß einem der Hunde ein großes
-Stück Holz am Halsbande angebunden war. Wir erklärten ihr, dies sei
-geschehen, damit Pearl nicht fortlaufe. Helen drückte tiefes Mitgefühl
-dabei aus und suchte im Laufe des Tages bei jeder Gelegenheit Pearl
-auf, um ihm die Last tragen zu helfen.
-
-Ihr Vater schrieb ihr im vergangenen Sommer, daß die Vögel und Bienen
-ihm alle seine Weintrauben auffräßen. Zuerst war sie ganz empört
-darüber und meinte, die kleinen Tiere seien „~very wrong~“; sie
-schien sich aber zu beruhigen, als ich ihr erklärte, die Vögel und
-Bienen seien hungrig und wüßten nicht, daß es egoistisch sei, alle
-Früchte aufzuzehren. In einem kurze Zeit darauf geschriebenen Briefe
-wiederholte sie das von mir Gesagte fast wörtlich.
-
-Sie macht immer größere Fortschritte in der Aneignung der Sprache, je
-umfassender ihre Kenntnisse werden. Als diese noch gering waren, blieb
-ihr Wortschatz naturgemäß beschränkt; je mehr sie aber von der sie
-umgebenden Welt kennen lernt, desto zutreffender wird ihr Urteil, desto
-eindringender, lebhafter und schärfer ihr Verstand und desto fließender
-und logischer die Sprache, in der sie ihre regen Gedanken ausdrückt.
-
-Wenn wir reisen, so sitze ich neben ihr im Wagen und beschreibe
-ihr, was ich vom Fenster aus sehe -- Hügel, Täler und Flüsse,
-Baumwollplantagen und Gärten, in denen Erdbeeren, Pfirsiche, Birnen,
-Melonen und Gemüse wachsen, Herden von Kühen und Pferden, die auf den
-weiten Wiesen weiden, Schafe an den Berglehnen, die Städte mit ihren
-Kirchen und Schulen, ihren Gasthöfen und Läden und die Beschäftigungen
-der Einwohner.
-
-Als sie das Fingeralphabet zu erlernen begann, hatte sie natürlich
-zuerst große Neigung, von einem Satze nur die wichtigsten Wörter
-zu gebrauchen. Sie sagte z. B.: ~Helen milk.~ Ich nahm die Milch,
-um ihr zu zeigen, daß sie das richtige Wort gebraucht hatte, gab
-ihr aber nicht eher zu trinken, als bis sie mit meiner Hilfe einen
-vollständigen Satz gebildet hatte, wie z. B.: ~Give Helen some milk to
-drink.~ Bei diesem ersten Unterricht ermunterte ich sie zu dem Gebrauch
-verschiedener Ausdrucksformen für denselben Gedanken. Aß sie ein
-Stückchen Zucker, so sagte ich: ~Will Helen please give teacher some
-candy?~ oder ~teacher would like to eat some of Helen’s candy~, wobei
-ich das ~’s~ besonders hervorhob. Sie begriff sehr bald, daß derselbe
-Gedanke auf sehr verschiedene Weise ausgedrückt werden könne. Zwei bis
-drei Monate nach meiner Ankunft in Tuscumbia sagte sie: ~Helen wants to
-go to bed~ oder ~Helen is sleepy, and Helen will go to bed~.
-
-Ich werde fortwährend gefragt: Wie machten Sie Ihrer Schülerin
-die Bedeutung von Wörtern klar, die intellektuelle und moralische
-Eigenschaften bezeichnen? Ich glaube, es geschah mehr auf dem Wege der
-Assoziation und Wiederholung als durch eine Erläuterung meinerseits.
-Namentlich gilt dies von den ersten Lektionen, als ihre Kenntnis der
-Sprache noch so gering war, daß eine Erläuterung unmöglich war.
-
-Ich habe es stets so gehalten, daß ich Wörter, die Gemütsbewegungen,
-intellektuelle oder moralische Eigenschaften und Handlungen
-bezeichneten, in Verbindung mit dem Umstande gebrauchte, der diese
-Bezeichnung verdiente. Bald nach meiner Ankunft zerbrach Helen ihre
-neue Puppe, die sie sehr liebte. Sie begann zu weinen. Ich sagte ihr:
-~teacher is +sorry+~. Nach einigen Wiederholungen gelangte sie dahin,
-daß sie das Wort mit dem Gefühl assoziierte.
-
-Auf dieselbe Weise lernte die das Wort ~happy~, ebenso ~right~,
-~wrong~, ~good~, ~bad~ und andere Adjektiva. Das Wort ~love~ lernte sie
-wie andere Kinder -- durch die Verbindung mit Liebkosungen.
-
-Eines Tages legte ich Helen eine einfache Frage vor, auf die sie
-zerstreut antwortete. Ich schalt sie, und sie stand still, während
-der Ausdruck ihres Gesichtes deutlich verriet, daß sie nachzudenken
-versuchte. Ich berührte ihre Stirn und buchstabierte ~t--h--i--n--k~.
-Das Wort, in dieser Weise mit der Handlung verbunden, schien sich
-ihrem Geiste genau so einzuprägen, wie wenn ich ihre Hand auf einen
-Gegenstand gelegt und dann seinen Namen buchstabiert hätte. Seit dieser
-Zeit gebrauchte sie stets das Wort ~think~.
-
-Später begann ich Wörter zu gebrauchen wie ~perhaps~, ~suppose~,
-~expect~, ~forget~, ~remember~. Wenn Helen fragte: ~Where is mother
-now?~ antwortete ich: ~I do not know.~ ~+Perhaps+ she is with Leila.~
-
-Sie will stets die Namen der Leute wissen, die wir in der Pferdebahn
-oder sonstwo treffen, und erfahren, wohin sie gehen und was sie zu tun
-beabsichtigen. Unterhaltungen wie die folgende sind nichts Seltenes:
-
-+Helen+. Wie heißt der kleine Knabe?
-
-+Lehrerin+. Ich weiß es nicht, denn er ist ein kleiner Knabe, den ich
-nicht kenne; aber +vielleicht+ heißt er Jack (~... but +perhaps+ his
-name is Jack~).
-
-+Helen+. Wo geht er hin?
-
-+Lehrerin+. +Möglicherweise+ geht er nach dem Parke, um sich mit
-anderen Knaben umherzutummeln (~He +may be+ going to the Common to have
-fun with other boys~).
-
-+Helen+. Was wird er spielen?
-
-+Lehrerin+. Ich vermute, er wird Ball spielen (~I +suppose+, he will
-play ball~).
-
-+Helen+. Was tun die Knaben jetzt?
-
-+Lehrerin+. +Vielleicht+ warten sie auf Jack. (~+Perhaps+ they are
-expecting Jack.~)
-
-Nachdem ihr die Worte vertraut geworden sind, wendet sie sie in
-schriftlichen Ausarbeitungen an, wie das folgende Beispiel zeigt.
-
- * * * * *
-
- 26. September [1888]
-
-Heut früh saßen Lehrerin und ich am Fenster, und wir sahen einen
-kleinen Knaben auf dem Trottoir gehen. Es regnete sehr stark, und er
-hatte einen sehr großen Schirm zum Schutz gegen die Regentropfen.
-
-Ich weiß nicht, wie alt er war, +glaube+ aber, er ist +möglicherweise+
-sechs Jahre alt gewesen (~but +think+ he +may have been+ six years
-old~). +Vielleicht+ hieß er Joe (~+Perhaps+ his name was Joe~). Ich
-weiß nicht, wohin er ging, weil ich ihn nicht kenne. Aber +vielleicht+
-schickte ihn seine Mutter in einen Laden, um etwas für das Mittagessen
-einzukaufen (~But +perhaps+ his mother sent him to a store to buy
-something for dinner~). Er hatte eine Tasche in der Hand. Ich
-+vermute+, er brachte sie seiner Mutter (~I +suppose+ he was going to
-take it to his mother~).
-
- * * * * *
-
-Bei meinem Unterricht habe ich kein bestimmtes System zugrunde gelegt.
-Ich habe die spontanen Geistesregungen meiner Schülerin beobachtet und
-versucht, die mir dadurch gegebenen Winke zu befolgen.
-
-Wegen Helens Nervosität habe ich alle Vorsichtsmaßregeln getroffen,
-um eine übermäßige Belastung ihres an sich schon äußerst lebhaft
-arbeitenden Gehirns zu verhüten. Den größten Teil des Jahres haben wir
-auf Reisen nach verschiedenen Städten zugebracht, und ihr Unterricht
-ist durch die mannigfaltigen Orte, durch die wir gekommen sind, und die
-Erfahrungen, die wir hier gesammelt haben, bestimmt worden. Sie zeigt
-denselben Eifer wie zu Anfang. Niemals ist es erforderlich, sie zum
-Lernen anzuhalten, ja, ich muß sie sogar mitunter nötigen, ein Exempel
-oder einen Aufsatz unbeendet zu lassen.
-
-Während ich mich durch kein bestimmtes pädagogisches System leiten
-ließ, war es mein stetes Streben, Helens allgemeine Bildung und
-Intelligenz zu fördern, ihre Kenntnisse in Bezug auf die sie umgebende
-Welt zu erweitern und sie an ein ungezwungenes und natürliches
-Zusammenleben mit den Menschen zu gewöhnen. Ich habe sie zur Führung
-eines Tagebuches ermuntert, aus dem ich das folgende mitteile (vergl.
-S. 261).
-
- * * * * *
-
- 22. März 1888.
-
-Herr Anagnos besuchte mich am Donnerstag. Ich war froh, ihn herzen
-und küssen zu können. Er sorgt für sechzig kleine blinde Mädchen und
-siebzig kleine blinde Knaben. Ich liebe sie. Kleine blinde Mädchen
-schickten mir einen hübschen Arbeitskorb. Ich fand darin Schere
-und Zwirn und Nadelbuch mit vielen Nadeln darin und Häkelhaken und
-Fingerhut und Schachtel und Zentimetermaß und Knöpfe und Nadelkissen.
-Ich will kleinen blinden Mädchen einen Brief schreiben, um ihnen zu
-danken. Ich will hübsche Kleider für Nancy und Adeline und Allie
-machen. Im Mai will ich nach Cincinnati gehen und ein anderes Kind
-kaufen. Dann werde ich vier Kinder haben. Der Name des neuen Kindes
-ist Harry. Herr Wilson und Herr Mitchell besuchten uns am Sonntag.
-Herr Anagnos ging am Montag nach Louisville, um kleine blinde Kinder
-zu besuchen. Mutter ging nach Huntsville. Ich schlief bei Vater und
-Mildred bei Lehrerin. Ich lernte über »heiter«. Es bedeutet ruhig und
-froh (~I did learn about calm. It does mean quiet and happy~). Onkel
-Morrie schickte mir hübsche Geschichten. Ich lese über Vögel. Die
-Wachtel legt fünfzehn bis zwanzig Eier, und sie sind weiß. Sie baut
-ihr Nest auf den Erdboden. Der Eisvogel baut sein Nest in einen hohlen
-Baum, und seine Eier sind blau. Die Eier des Rotkehlchens sind grün.
-Ich lernte ein Liedchen über Frühling. März, April, Mai sind Frühling.
-
- ~Now melts the snow,
- The warm winds blow
- The waters flow
- And robin dear,
- Is come to show
- That Spring is here.~
-
- * * * * *
-
-James tötete Schnepfen zum Frühstück. Kleine Hühnchen wurden sehr
-kalt und starben. Ich bin traurig. Lehrerin und ich fuhren auf dem
-Tennesseeflusse in einem Boote. Ich sah Herrn Wilson und James mit
-Rudern rudern. Boot glitt schnell dahin und ich steckte Hand in Wasser
-und fühlte es fließen.
-
-Ich fing Fisch mit Haken und Leine und Rute. Wir kletterten auf hohen
-Berg, und Lehrerin fiel und zerschlug ihren Kopf. Ich aß sehr kleinen
-Fisch zum Abendbrot. Ich las über Kuh und Kalb. Die Kuh liebt Gras zu
-essen wie Mädchen Brot und Butter und Milch. Kleines Kalb springt und
-läuft ins Feld. Es liebt zu hüpfen und zu spielen, denn es ist froh,
-wenn die Sonne hell und warm ist. Kleiner Knabe liebte sein Kalb. Und
-er sagte: Ich will dich küssen, kleines Kalb, und er legte seine Arme
-um des Kalbes Hals und küßte es. Das Kalb leckte gutes Knaben Gesicht
-mit langer rauher Zunge. Kalb braucht Mund nicht weit zu öffnen, um
-zu küssen. Ich bin müde, und Lehrerin wünscht nicht, daß ich länger
-schreibe.
-
- * * * * *
-
-Im Herbst besuchte Helen einen Zirkus (vergl. S. 253 f.). Während
-wir vor den Käfigen standen, brüllte der Löwe, und Helen fühlte
-die Erschütterung der Luft so deutlich, daß sie den Ton ganz genau
-nachahmen konnte.
-
-Ich versuchte ihr das Aussehen eines Kamels zu beschreiben; da wir
-aber das Tier nicht berühren durften, fürchtete ich, sie hätte keine
-richtige Vorstellung von seiner Gestalt bekommen. Ein paar Tage später
-hörte ich jedoch eine Bewegung im Unterrichtszimmer, und als ich
-eintrat, fand ich Helen auf allen vieren mit einem Kissen auf ihrem
-Rücken, das so befestigt war, daß es in der Mitte eine Vertiefung und
-auf jeder Seite einen Höcker bildete. Zwischen diese Höcker hatte sie
-ihre Puppe gesetzt, die sie nun auf sich im Zimmer herumreiten ließ.
-Ich beobachtete sie längere Zeit, während sie sich herumbewegte und
-lange Schritte zu machen versuchte, um den Gang des Kamels, wie ich ihn
-ihr beschrieben hatte, getreu nachzuahmen. Als ich sie fragte, was sie
-denn da mache, antwortete sie: ~I am a very funny camel.~
-
-Als eines Tages Helens Pony und Esel nebeneinander standen, ging sie
-von einem zum anderen und untersuchte beide Tiere genau. Endlich legte
-sie ihre Hand auf Neddys Kopf und sprach zu ihm: Ja, lieber Neddy, es
-ist wahr, daß du nicht so schön wie Black Beauty bist. Dein Körper ist
-nicht so schön gebildet, dein Auge blickt nicht so stolz, und dein Hals
-wölbt sich nicht. Außerdem siehst du mit deinen langen Ohren etwas
-komisch aus. Natürlich kannst du nichts dafür, und ich liebe dich genau
-so, als wenn du das schönste Geschöpf von der Welt wärest. -- Helen
-hatte an der Geschichte von »Black Beauty« großes Gefallen gefunden.
-Wie rasch ihre Auffassungsgabe und ihr Assoziationsvermögen sind, geht
-am besten aus dem folgenden hervor. Ich hatte ihr den Abschnitt der
-Geschichte vorgelesen, in dem es heißt:
-
-„Das Pferd war ein alter, abgetriebener Brauner mit struppigem Fell und
-Knochen, die überall hervorstanden; die Kniee waren eingeknickt, und
-die Vorderbeine zitterten heftig. Ich fraß soeben etwas Heu, und der
-Wind trieb ein kleines Häufchen davon fort; das arme Geschöpf streckte
-seinen langen, mageren Hals aus, um es aufzunehmen, wandte sich
-dann um und suchte umher, ob es nicht noch etwas fände. Es lag ein
-hoffnungsloser Ausdruck in den trüben Augen, den ich nicht umhinkonnte,
-zu bemerken, und als ich dann nachdachte, wo ich dieses Pferd wohl
-schon gesehen haben könnte, sah es mich voll an und fragte: Black
-Beauty, bist du es?“
-
-Als ich soweit gekommen war, preßte Helen meine Hand zusammen, zum
-Zeichen, daß ich nicht weiterlesen solle. Sie schluchzte krampfhaft.
-„Es war der arme Ginger,“ -- war alles, was sie anfangs sagen konnte.
-Später, als sie imstande war, über die Erzählung zu sprechen, sagte
-sie: „Armer Ginger! Die Worte zauberten mir ein deutliches Bild vor die
-Seele. Ich sah den armen Ginger leibhaftig vor mir; all seine Schönheit
-war dahin, sein herrlich geschwungener Nacken war gesenkt, aller Mut
-aus seinem feurigen Auge, alle Anmut aus seiner Haltung verschwunden.
-O wie schrecklich war das! Ich hatte vorher noch nie gewußt, daß eine
-solche Veränderung mit einem Geschöpfe vor sich gehen könnte. Der arme
-Ginger hatte wenig Freude und viel Trauriges erlebt.“ -- Nach einem
-Weilchen fuhr sie bekümmert fort: „Ich fürchte, vielen Menschen ergeht
-es genau so wie Ginger.“ --
-
-Heut früh las Helen zum ersten Male Bryants Gedicht: »~Oh, mother of a
-mighty race!~« Ich sagte zu ihr: Wenn du das Gedicht ausgelesen hast,
-so sage mir, wer nach deiner Ansicht die Mutter ist. -- Als sie bis zu
-dem Verse gelangte: »~There’s freedom at thy gates, and rest~«, rief
-sie aus: „Es ist Amerika. Das Tor ist, glaube ich, die Stadt New York,
-und unter der »Freiheit« ist die große Statue der Freiheitsgöttin zu
-verstehen.“ -- Als sie das Gedicht »~The Battlefield~« von demselben
-Verfasser gelesen hatte, fragte ich sie, welche Strophe sie für die
-schönste halte. Sie antwortete: Am bestem gefällt mir folgende:
-
- ~Truth crushed to earth shall rise again;
- The eternal years of God are hers;
-
- But Error, wounded, writhes with pain,
- And dies among his worshipers.~
-
-Sie kann sich mit einem Schlage in den Mittelpunkt der Begebenheiten
-einer Erzählung versetzen. Sie freut sich, wenn die Gerechtigkeit
-siegt, sie ist traurig, wenn die Tugend unterliegt, und ihr Antlitz
-strahlt vor Bewunderung und Ehrfurcht, wenn Heldentaten geschildert
-werden. Sie dringt sogar in den Geist der Schlacht ein, und sagt: „Ich
-glaube, es ist die Pflicht der Männer, gegen Uebeltäter und Tyrannen zu
-kämpfen.“
-
- * * * * *
-
-Fräulein Sullivans zusammenhängende Darstellung in dem Jahresbericht
-des Perkinsschen Institutes für 1891 lautet folgendermaßen:
-
- * * * * *
-
-Im Verlaufe der letzten drei Jahre hat Helen immer größere Fortschritte
-in der Aneignung der Sprache gemacht. Sie hat einen Vorteil vor
-normalen Kindern voraus, nämlich den, daß keine äußere Störung sie von
-ihren Studien ablenkt.
-
-Aber dieser Vorteil schließt andererseits auch einen Nachteil ein;
-die Gefahr einer übermäßigen geistigen Anstrengung. Ihr Geist ist so
-geartet, daß sie sich in einem Zustand fieberischer Unruhe befindet,
-sobald sie sich bewußt wird, daß es etwas gibt, was sie nicht versteht.
-Ich kann mich keines Falles erinnern, in dem sie geneigt gewesen wäre,
-eine Arbeit liegen zu lassen, wenn sie fühlte, es handle sich dabei um
-etwas, was sie nicht verstand. Wenn ich ihr riet, eine Rechenaufgabe
-bis zum anderen Tag liegen zu lassen, antwortete sie: „Ich glaube, es
-würde meinen Geist kräftigen, wenn ich sie jetzt löste.“ --
-
-Vor einiger Zeit sprachen wir eines Abends über Tariffragen. Helen
-wünschte, ich möchte ihr den Gegenstand erklären. Ich sagte: „Nein,
-das kannst du jetzt noch nicht verstehen.“ -- Sie schwieg einen
-Augenblick; dann aber fragte sie erregt: „Woher wissen Sie denn, daß
-ich es nicht verstehen kann? Ich habe einen klaren Verstand. Sie müssen
-bedenken, liebes Fräulein, daß bei den Griechen die Eltern sehr eifrig
-um ihre Kinder besorgt waren und ihnen Gelegenheit gaben, weise Reden
-zu hören, und ich glaube, sie verstanden wenigstens einen Teil von dem
-Gesagten.“ -- Ich habe gefunden, es ist das beste, ihr nicht zu sagen,
-sie könne etwas nicht verstehen, weil sie fast unfehlbar dabei in
-Aufregung gerät.
-
-Vor nicht allzu langer Zeit suchte ich ihr zu zeigen, wie sie aus
-ihren Baukastensteinen einen Turm errichten könne. Als die Ausführung
-etwas verwickelt wurde, brachte die leiseste Erschütterung den Bau zum
-Einsturz. Nach einer Weile verlor ich die Geduld und sagte ihr, ich
-fürchtete, sie könne mit dem Turm nicht zustande kommen; ich wollte
-ihn für sie bauen; allein sie wollte nichts davon wissen. Sie war
-fest entschlossen, den Turm selbst zu bauen, und beinahe drei Stunden
-arbeitete sie unermüdlich weiter, sammelte geduldig die Steine auf,
-wenn sie zusammengefallen waren, und begann von neuem, bis endlich
-ihre Arbeit von Erfolg gekrönt war. Der Turm stand in jeder Einzelheit
-vollendet da.
-
-Bis zum Oktober 1889 hielt ich es für das beste, mich bei Helens
-Unterricht an keinen geregelten Stundenplan zu binden. Die ersten
-beiden Jahre ihres geistigen Lebens glich sie einem Kinde in einem
-fremden Lande, wo ihr alles neu und verworren vorkam, und solange sie
-sich noch keine genügende Kenntnis der Sprache angeeignet hatte, war es
-unmöglich, ihr systematischen Unterricht zu erteilen.
-
-Außerdem war Helens Wißbegierde während dieser Jahre so groß, daß
-ihre Fortschritte in der Aneignung der Sprache gehemmt worden wären,
-wenn die Beantwortung der fortwährend auftauchenden Fragen bis nach
-der Beendigung der Unterrichtsstunde verschoben worden wäre. Aller
-Wahrscheinlichkeit nach würde sie dann die Frage vergessen haben und
-eine gute Gelegenheit zur Erläuterung eines Punktes von wirklichem
-Interesse verloren gegangen sein. Daher habe ich es stets für das
-beste gehalten, meiner Schülerin alles, was sie zu wissen verlangte,
-klarzumachen, mochte es nun auf den gerade vorliegenden Gegenstand
-Bezug haben oder nicht.
-
-Seit dem Oktober 1889 wurde der Unterricht systematischer und umfaßte
-Rechnen, Geographie, Zoologie, Botanik und Lesen.
-
-Im Rechnen hat sie bedeutende Fortschritte gemacht. Sie kann
-multiplizieren, addieren, subtrahieren und dividieren und scheint die
-Rechnungsoperationen zu verstehen; sie steht jetzt bei den unechten
-Brüchen. Auch im schriftlichen Rechnen sind ihre Leistungen gut. Ihr
-Geist arbeitet so rasch, daß, wenn ich ihr ein Exempel aufgebe, sie mir
-oft schon die richtige Antwort gibt, ehe ich Zeit habe, ihr die ganze
-Frage in die Hand zu schreiben. Auf die sprachliche Form achtet sie bei
-der Stellung einer Aufgabe wenig und fragt selten nach der Bedeutung
-ihr unbekannter Wörter oder Redewendungen. Als ihr einst eine Aufgabe
-großes Kopfzerbrechen machte, schlug ich ihr vor, einen Spaziergang zu
-machen, dann würde sie ihr vielleicht leichter fallen. Sie schüttelte
-aber energisch den Kopf und sagte: Meine Feinde würden glauben, ich
-liefe vor ihnen davon. Nein, ich muß ausharren und sie jetzt überwinden
--- und sie tat es.
-
-Der intellektuelle Fortschritt, den Helen in den letzten beiden Jahren
-gemacht hat, zeigt sich in ihrer zunehmenden Beherrschung der Sprache
-und ihrer Fähigkeit, feinere Nuancen in der Bedeutung der Wörter zu
-erkennen, deutlicher als in jedem anderen Unterrichtszweige.
-
-Es vergeht nicht ein Tag, ohne daß sie eine ganze Anzahl neuer Wörter
-lernt, und dies sind nicht nur die Bezeichnungen konkreter Gegenstände.
-Zum Beispiel wünschte sie eines Tages die Bedeutung folgender Wörter
-kennenzulernen: ~phenomenon~, ~comprise~, ~energy~, ~reproduction~,
-~extraordinary~, ~perpetual~ und ~mystery~. Einige dieser Wörter haben
-mehrere Bedeutungen, die, von einfacheren beginnend, allmählich zu
-abstrakteren emporsteigen. Es würde ein aussichtsloses Unternehmen
-gewesen sein, Helen die feineren Bedeutungen des Wortes ~mystery~
-klarzumachen, aber sie begriff mit leichter Mühe, daß es etwas
-Verborgenes oder Verstecktes bedeute, und wenn sie erst größere
-Fortschritte gemacht hat, wird sie die feinen Bedeutungen des Wortes
-ebenso leicht auffassen wie jetzt die einfacheren. Bei der Behandlung
-eines Themas läßt es sich gar nicht vermeiden daß anfangs Wörter und
-Konstruktionen vorkommen, die nicht eher voll verstanden werden können,
-als bis der Schüler einen bedeutenden Fortschritt gemacht hat; ich habe
-es jedoch für das beste gehalten, meiner Schülerin anfangs nur einfache
-Erläuterungen zu geben in der Meinung, daß diese, mögen sie auch etwas
-unbestimmt und unvollständig sein, einander unterstützen werden und daß
-das, was heut unklar ist, morgen klar sein wird.
-
-Ich betrachte meine Schülerin als ein freies und selbsttätiges Wesen,
-dessen spontane Antriebe meine zuverlässigsten Führer sein müssen.
-Ich habe stets zu Helen genau so gesprochen wie zu einem sehenden und
-hörenden Kinde und darauf gedrungen, daß die anderen es ebenso machten.
-Wenn mich jemand fragt, ob sie dies oder jenes verstehen werde,
-antworte ich stets: Es kommt gar nicht darauf an, ob sie jedes einzelne
-Wort eines Satzes versteht oder nicht. Sie wird die Bedeutung der ihr
-unbekannten Wörter aus deren Verbindung mit anderen erraten, die ihr
-schon bekannt sind.
-
-Die Auswahl der Bücher, die Helen lesen sollte, habe ich nie mit Bezug
-auf die Taubheit und Blindheit meiner Schülerin getroffen. Sie liest
-nur die Bücher, an deren Lektüre sich sehende und hörende Kinder ihres
-Alters erfreuen. Natürlich war es anfangs notwendig, daß der Inhalt
-leicht verständlich und fesselnd und daß die Sprache rein und schlicht
-war. Sie hatte die Druckschrift erlernt, und eine Zeitlang hatte sie
-sich damit unterhalten, mit Hilfe von Pappstreifen, auf denen die
-Wörter in erhöhten Lettern gedruckt waren, einfache Sätze zu bilden;
-aber diese Sätze standen in keiner näheren Beziehung zueinander. Eines
-Morgens fingen wir eine Maus, und ich verfiel auf den Gedanken, Helens
-Interesse mit Hilfe einer lebenden Maus und einer lebenden Katze
-anzuregen, indem ich einige Sätze in einer Weise zusammenstellte, daß
-sie eine kleine Geschichte bildeten, um ihr so einen neuen Begriff von
-dem Werte der Sprache zu geben. Ich stellte also die folgenden Sätze
-in dem Rahmen zusammen und gab ihn Helen: „Die Katze sitzt auf der
-Kiste. Eine Maus sitzt in der Kiste. Die Katze kann die Maus sehen.
-Die Katze möchte die Maus gern fressen. Laß die Katze die Maus nicht
-fangen! Die Katze kann etwas Milch bekommen, und die Maus kann etwas
-Kuchen bekommen.“ Das Wort »~the~« war ihr unbekannt, und sie wollte
-es natürlich erklärt haben. Da es aber bei dem damaligen Stande ihrer
-Ausbildung zwecklos gewesen wäre, ihr seinen Gebrauch zu erklären, so
-machte ich gar nicht erst einen Versuch dazu, sondern leitete ihren
-Finger zum nächsten Worte hin, das sie mit einem strahlenden Lächeln
-erkannte. Als ich nun ihre Hand auf die Katze legte, die auf der Kiste
-saß, stieß sie einen leichten Schrei der Ueberraschung aus, und der
-übrige Teil des Satzes wurde ihr sofort klar. Als sie die Wörter des
-zweiten Satzes gelesen hatte, zeigte ich ihr, daß sich wirklich eine
-Maus in der Kiste befand. Dann bewegte sie ihren Finger mit einem
-Ausdruck regen Interesses bis zur nächsten Zeile. „Die Katze kann die
-Maus sehen.“ Hierbei ließ ich die Katze die Maus erblicken und Helen
-die Katze befühlen. Der Ausdruck in den Zügen des kleinen Mädchens
-verriet, daß es ganz erstaunt war. Ich lenkte nun Helens Aufmerksamkeit
-auf die folgende Zeile, und obgleich sie nur die drei Wörter cat, eat
-und mouse kannte, verstand sie doch sofort den Inhalt des Satzes. Sie
-nahm die Katze weg und setzte sie auf den Fußboden, indem sie zugleich
-den Rahmen über die Kiste deckte. Als sie las: „Laß die Katze die Maus
-nicht fangen!“ (~Do not let the cat get the mouse!~), bemerkte sie die
-Negation in dem Satze und schien zu begreifen, daß die Katze die Maus
-nicht fangen dürfe. ~Get~ und ~let~ waren ihr unbekannt. Die Wörter des
-letzten Satzes waren ihr bekannt, und sie war entzückt, als sie die
-Erlaubnis erhielt, sie in die Tat umzusetzen. Aus den Zeichen, die sie
-machte, entnahm ich, daß sie eine neue Geschichte wünschte, und ich gab
-ihr ein Buch mit ganz kurzen und in der einfachsten Sprache gehaltenen
-Erzählungen. Sie ließ ihre Finger über die Zeilen gleiten, fand die
-Wörter heraus, die sie kannte, und erriet die Bedeutung der übrigen --
-alles in einer Weise, die auch den konservativsten Pädagogen zu der
-Ueberzeugung bringen würde, daß ein kleines taubstummes Kind, wenn
-ihm die Gelegenheit dazu geboten wird, ebenso leicht und auf ebenso
-natürlichem Wege lesen lernt wie normale Kinder.
-
-Ich bin darum überzeugt, daß Helens Gewandtheit im englischen Ausdruck
-großenteils eine Folge ihrer fleißigen Lektüre ist. Sie liest oft zwei
-bis drei Stunden hintereinander und legt selbst dann das Buch nur
-widerstrebend zur Seite. Als wir eines Tages die Bibliothek verließen,
-erschien sie mir ernster als gewöhnlich, und ich erkundigte mich nach
-der Ursache davon. „Ich muß daran denken, wieviel klüger wir immer
-sind, wenn wir hier herauskommen, als wenn wir hineingehen,“ -- lautete
-ihre Antwort.
-
-Auf die Frage, warum sie Bücher so sehr liebe, erwiderte sie einst:
-Weil sie mir so viel Interessantes über Dinge erzählen, die ich nicht
-sehen kann, und weil sie niemals müde oder schlechter Laune sind wie
-die Menschen. Sie erzählen mir alles und jedes, was ich zu wissen
-wünsche. --
-
-Als wir Dickens’ »~Child’s History of England~« lasen, kamen wir an
-den Satz: „Noch war der Mut der Briten nicht gebrochen“. Ich fragte,
-was dies nach ihrer Meinung bedeute. Sie entgegnete: „Ich glaube,
-es bedeutet, daß die tapferen Briten nicht entmutigt waren, daß die
-Römer so viele Schlachten gewonnen hatten, und sie nur umsomehr zu
-vertreiben wünschten.“ -- Es wäre ihr nicht möglich gewesen, die
-einzelnen Wörter dieses Satzes zu erklären, und doch faßte sie den Sinn
-der Stelle ganz richtig auf und war imstande, ihn mit ihren eigenen
-Worten wiederzugeben. Die nächsten Zeilen enthalten noch schwieriger
-zu verstehende Wendungen: „Als Suetonius das Land verließ, griffen
-sie seine Truppen an und eroberten die Insel Anglesea zurück.“ --
-Ihre Erläuterung dieses Satzes lautete folgendermaßen: „Es bedeutet,
-daß, als der römische General fortgegangen war, die Briten wiederum
-zu kämpfen begannen, und weil die römischen Soldaten keinen General
-hatten, der ihnen hätte sagen können, was sie tun sollten, so wurden
-sie von den Briten überwunden und verloren die Insel, die sie erobert
-hatten.“ --
-
-Sie zieht geistige Beschäftigungen Handarbeiten vor und liebt Häkeln,
-Stricken und dergl. nicht in dem Maße wie viele blinde Kinder; aber
-sie will es ihnen durchaus in allen Leistungen gleichtun. Sie hat die
-Benutzung der Schreibmaschine erlernt und schreibt sehr korrekt, wenn
-auch bis jetzt noch nicht allzuschnell, da sie erst die Uebung von
-nicht ganz einem Monat hinter sich hat.
-
-Vor länger als zwei Jahren lehrte ein Vetter sie das
-Telegraphenalphabet, indem er ihr die Punkte und Striche mit seinem
-Finger auf dem Rücken ihrer Hand vormachte. So oft sie jemanden
-antrifft, der mit diesem System bekannt ist, so ist sie erfreut, es bei
-der Unterhaltung in Anwendung bringen zu können. Ich habe gefunden,
-daß es ein bequemes Verständigungsmittel zwischen uns abgibt, wenn
-sich Helen in einiger Entfernung von mir befindet, denn es macht es
-mir möglich, mit ihr zu sprechen, indem ich mit meinem Fuße auf den
-Boden klopfe. Sie fühlt die Erschütterungen und versteht, was ich ihr
-mitzuteilen habe.
-
-Man hatte in Gelehrtenkreisen gehofft, eine so hervorragend begabte
-Natur wie Helen würde, wenn sie völlig auf ihre eigenen Hilfskräfte
-angewiesen bliebe, Gelegenheit bieten, verschiedene psychologische
-Fragen, die von ~Dr.~ Howe noch nicht erschöpfend beantwortet worden
-waren, ihrer Lösung näher zu bringen; aber diese Hoffnungen sollten
-nicht in Erfüllung gehen. Bei Helen war ebenso wie bei Laura Bridgman
-eine Enttäuschung unvermeidlich. Es ist unmöglich, ein Kind inmitten
-der Gesellschaft so zu isolieren, daß es von den Anschauungen derer,
-mit denen es zusammenlebt, ganz unbeeinflußt bleibt. Bei Helen hätte
-eine solche Absicht nur dadurch erreicht werden können, daß man sie dem
-Verkehr mit anderen, der ihrer Natur so unentbehrlich ist, entzogen
-hätte.
-
-Es mußte allen, die die rasche Entwickelung von Helens Anlagen
-beobachteten, klar sein, daß es unmöglich war, ihren wißbegierigen
-Geist auf die Dauer von der Beschäftigung mit den unergründlichen
-Geheimnissen des Lebens abzuhalten. Aber es wurde große Sorgfalt darauf
-verwandt, ihre Gedanken nicht vor der Zeit auf Gegenstände zu lenken,
-die für jedermann ein unentwirrbares Rätsel bleiben. Kinder stellen
-tiefe Fragen, erhalten aber oft seichte Antworten, oder, um richtiger
-zu sprechen, sie beruhigen sich bei solchen Antworten.
-
-„Woher bin ich gekommen?“ -- und „Wohin werde ich gehen, wenn ich
-sterbe?“ -- waren Fragen, die Helen stellte, als sie acht Jahre alt
-war. Aber die Erklärungen, die sie damals zu verstehen vermochte, waren
-unzulänglich, obgleich sie sie zum Schweigen brachten, bis ihr Geist
-seine höheren Kräfte zu äußern und sie aus zahllosen Eindrücken und
-Vorstellungen, die ihr aus Büchern und ihren täglichen Erfahrungen
-zuströmten, allgemeine Schlüsse zu ziehen begann. Ihr Geist forschte
-nach der Ursache der Dinge.
-
-Sowie ihre Beobachtung der Naturerscheinungen umfassender und ihr
-Wortvorrat reicher und feiner wurde, sodaß sie imstande war, ihre
-eigenen Begriffe und Ideen klar auszudrücken und ebenso die Gedanken
-und Erfahrungen anderer zu verstehen, erkannte sie die Beschränktheit
-der menschlichen Schöpfungskraft und sah ein, daß eine andere Macht,
-die höher sei als die menschliche, die Erde, die Sonne und die tausend
-Naturgegenstände, mit denen sie völlig vertraut war, geschaffen haben
-müsse.
-
-Schließlich fragte sie eines Tages nach einem Namen für diese Macht,
-deren Vorhandensein sie schon in ihrem Inneren erkannt hatte.
-
-Durch Charles Kingsley’s »~Greek Heroes~« war sie mit den schönen Sagen
-über die griechischen Götter und Göttinnen bekannt geworden, und die
-Wörter Gott, Himmel, Seele und eine große Menge ähnlicher Ausdrücke
-mußten ihr schon in ihren Büchern begegnet sein.
-
-Sie hatte niemals nach der Bedeutung solcher Wörter gefragt, auch nie
-eine Bemerkung gemacht, wenn sie vorkamen, und bis zum Februar 1889
-hatte niemand zu ihr von Gott gesprochen. Zu jener Zeit versuchte
-eine liebe Verwandte, die zugleich eine eifrige Christin war, Helen
-von Gott zu erzählen; da diese Dame aber nicht Worte gebrauchte,
-die der Fassungskraft des Kindes angemessen waren, so machten diese
-Unterredungen wenig Eindruck auf Helen. Als ich später mit ihr sprach,
-sagte sie: „Ich habe Ihnen etwas sehr Spaßiges mitzuteilen. A. sagt,
-Gott habe mich und jedermann aus Erde gemacht; das muß aber ein Scherz
-sein. Ich bestehe doch aus Fleisch und Blut und Knochen, nicht wahr?“
--- und dabei untersuchte sie mit offenbarer Genugtuung ihren Arm und
-lachte aus Herzensgrunde. Nach einem Weilchen fuhr sie fort: „A. sagt,
-Gott sei überall, und er sei die Liebe; aber ich kann mir niemand
-denken, der aus Liebe besteht. Liebe ist nur etwas in unserem Herzen
-drin. Dann sagte A. noch etwas sehr Komisches. Sie sagte, er (nämlich
-Gott) sei mein lieber Vater. Ich mußte darüber sehr lachen, denn ich
-weiß, mein Vater heißt Arthur Keller.“ --
-
-Ich setzte ihr auseinander, sie sei noch nicht imstande, das Gesagte
-zu verstehen, und brachte sie mit leichter Mühe zu der Einsicht, es
-sei besser, über solche Dinge erst dann zu sprechen, wenn sie klüger
-geworden sei.
-
-Im Laufe ihrer Lektüre war sie auf den Ausdruck »Mutter Natur«
-gestoßen, und lange Zeit pflegte sie alles, was nach ihrem Dafürhalten
-die menschliche Kraft überstieg, der Mutter Natur zuzuschreiben. Wenn
-sie vom Wachstum einer Pflanze sprach, sagte sie: „Mutter Natur sendet
-den Sonnenschein und den Regen, damit die Bäume und das Gras und die
-Blumen wachsen können.“ --
-
-Eines Abends schien Helen nach dem Abendessen etwas ernster zu sein,
-und Frau H. fragte sie, woran sie dächte. „Ich denke daran, wieviel die
-liebe Mutter Natur in der Frühlingszeit zu tun hat,“ -- antwortete sie.
-Als sie gefragt wurde, warum, erwiderte sie: „Weil sie für so viele
-Kinder zu sorgen hat. Sie ist die Mutter aller Dinge, der Blumen, Bäume
-und Winde.“ --
-
-„In welcher Weise sorgt denn Mutter Natur für die Blumen?“ -- fragte
-ich. „Sie sendet den Sonnenschein und den Regen, damit sie wachsen
-können,“ -- antwortete sie, und nach einem Weilchen fuhr sie fort: „Ich
-denke mir, der Sonnenschein ist Mutter Naturs warmes Lächeln, und die
-Regentropfen sind ihre Tränen.“ --
-
-Später sagte sie: „Ich weiß nicht, ob Mutter Natur mich erschaffen
-hat. Ich denke mir, meine Mutter erhielt mich vom Himmel her, aber
-ich weiß nicht, wo dieser Ort ist. Ich weiß, daß Tausendschönchen und
-Stiefmütterchen aus Samenkörnern kommen, die in die Erde gelegt worden
-sind; aber Kinder wachsen nicht aus der Erde hervor, das weiß ich ganz
-bestimmt. Ich habe noch nie eine Kindespflanze gesehen. Aber ich kann
-mir nicht vorstellen, wer die Mutter Natur geschaffen hat, können
-Sie es? Ich liebe den schönen Frühling, weil die knospenden Bäume,
-die blühenden Blumen und das zarte grüne Laub mein Herz mit Freude
-erfüllen. Ich muß jetzt in meinen Garten gehen. Die Tausendschönchen
-und Stiefmütterchen werden glauben, ich habe sie vergessen.“ --
-
-Seit dem Mai 1890 war es mir klar, daß ihre Entwickelung soweit
-fortgeschritten war, daß die religiösen Anschauungen der Personen ihrer
-Umgebung ihr nicht länger vorenthalten werden konnten. Sie bestürmte
-mich förmlich mit Fragen, die der Ausfluß ihrer regen Intelligenz waren.
-
-Anfang Mai schrieb sie folgende Fragen in ihr Notizbuch: „Ich möchte
-über Dinge schreiben, die ich nicht verstehe. Wer schuf die Erde und
-die Meere und alles? Was macht die Sonne heiß? Wo war ich, ehe ich
-zu Mutter kam? Ich weiß, daß Pflanzen aus Samenkörnern emporwachsen,
-die in der Erde liegen, aber ich bin fest überzeugt, daß Menschen
-nicht auf diese Weise entstehen. Ich habe noch nie eine Kindespflanze
-gesehen. Kleine Vögel und Hühnchen kommen aus Eiern. Ich habe sie
-gesehen. Was war das Ei, ehe es ein Ei war? Warum fällt die Erde nicht,
-da sie doch so groß und schwer ist? Sagen Sie mir etwas, was Vater
-Natur tut. Kann ich das Buch, die Bibel genannt, lesen? Bitte, sagen
-Sie Ihrer kleinen Schülerin viele Dinge, wenn Sie viele Zeit haben.“ --
-
-Kann man, wenn man diese Fragen gelesen hat, daran zweifeln, daß das
-Kind, das imstande war, sie zu stellen, auch imstande war, wenigstens
-die einfachsten Antworten auf dieselben zu verstehen? Während Helens
-ganzer Erziehung habe ich unverrückbar daran festgehalten, daß sie
-verstehen kann, was sie zu wissen wünscht. Hätte freilich in Helens
-Geist kein solcher Denkprozeß stattgefunden wie der, von dem diese
-Fragen Zeugnis ablegen, so würde jegliche Erklärung dieser Punkte für
-sie unverständlich gewesen sein. Ohne jenes Maß geistiger Entwickelung
-und Regsamkeit, durch das man befähigt wird, die Notwendigkeit einer
-übermenschlichen schöpferischen Kraft einzusehen, ist keine Erklärung
-von Naturerscheinungen möglich.
-
-Nachdem es ihr gelungen war, die Ideen, die langsam in ihrem Geist
-herangewachsen waren, in Worte zu fassen, schienen sie plötzlich all
-ihr Denken in Anspruch zu nehmen, und sie wollte durchaus alles erklärt
-haben. Als wir kurze Zeit, nachdem sie diese Fragen niedergeschrieben
-hatte, an einem großen Globus vorüberkamen, blieb sie vor ihm stehen
-und fragte: „Wer hat die +wirkliche+ Welt geschaffen?“ -- Ich
-antwortete: „Niemand weiß es, wie die Erde, die Sonne und alle die
-Weltkörper, die wir Sterne nennen, entstanden sind; aber ich will dir
-erzählen, wie kluge Männer es versucht haben, sich deren Entstehung
-klarzumachen und die großen, geheimnisvollen Kräfte der Natur zu
-enthüllen.“ --
-
-Sie wußte, daß die Griechen viele Götter hatten, denen sie verschiedene
-Kräfte beilegten, weil sie glaubten, die Sonne, der Blitz und hundert
-andere Naturkräfte seien unabhängige, übermenschliche Wesen. Aber nach
-vielem Nachdenken und Forschen, sagte ich ihr, seien die Menschen
-zu der Ueberzeugung gelangt, daß all diese Kräfte nur Offenbarungen
-einer einzigen Macht seien, und dieser Macht hätten sie den Namen Gott
-gegeben.
-
-Ein paar Minuten war sie still und dachte offenbar angestrengt nach.
-Dann fragte sie: „Wer hat Gott geschaffen?“ -- Ich war genötigt, diese
-Frage ausweichend zu beantworten, denn ich konnte ihr das Geheimnis
-eines durch sich selbst existierenden Wesens nicht erklären. In der Tat
-würden viele ihrer eifrigen Fragen eine viel klügere Person, als ich
-bin, in Verwirrung gesetzt haben. Hier sind einige von ihnen: „Woraus
-machte Gott die neuen Welten? Woher nahm er die Erde, das Wasser,
-die Samenkörner und die ersten Tiere? Wo ist Gott? Haben Sie Gott je
-gesehen?“ -- Ich sagte ihr, Gott sei allgegenwärtig, und sie dürfe
-sich ihn nicht als Person denken, sondern als das Leben, den Geist,
-die Seele aller Dinge. Sie unterbrach mich: „Nicht alle Dinge haben
-Leben. Die Felsen haben kein Leben und können nicht denken.“ -- Man
-muß sie oft daran erinnern, daß es unendlich viele Dinge gibt, die die
-weisesten Leute auf der Welt nicht zu erklären vermögen.
-
-Helen hat nie Unterricht über Dogmen oder Glaubensbekenntnisse
-erhalten, noch ist je ein Versuch gemacht worden, ihre Aufmerksamkeit
-mit Gewalt auf religiöse Lehrmeinungen zu lenken. Da ich mir meiner
-eigenen Unfähigkeit voll bewußt war, ihr irgendwelche zulängliche
-Erklärung von den Geheimnissen zu geben, die mit den Begriffen Gott,
-Seele, Unsterblichkeit verbunden sind, so hielt ich es stets für meine
-Pflicht, so wenig wie möglich mit meiner Schülerin über religiöse Dinge
-zu sprechen. Der hochwürdige Herr Philips Brooks[27] hat ihr die
-Vaterliebe Gottes in ergreifender Weise dargelegt.
-
-Sie hat bis jetzt noch nicht in der Bibel lesen dürfen, weil ich nicht
-weiß, wie sie dies gegenwärtig tun kann, ohne einen ganz irrigen
-Begriff von den Eigenschaften Gottes zu bekommen. Ich habe ihr bereits
-in schlichter Sprache von dem herrlichen, hilfsbereiten Leben Jesu und
-seinem qualvollen Tode erzählt. Die Erzählung rührte sie tief, als sie
-sie zum ersten Male hörte.
-
-Als sie auf unsere Unterredung zurückkam, so geschah dies, um zu
-fragen: „Warum ging Jesus nicht fort, sodaß ihn seine Feinde nicht
-finden konnten?“ -- Die Wunder Jesu betrachtete sie mit sehr kritischem
-Auge. Als ihr erzählt wurde, daß Jesus auf dem See einherwandelte, um
-seinen Jüngern entgegenzugehen, sagte sie sehr entschieden: „Es heißt
-nicht +wandelte+, sondern +schwamm+.“ -- Als ich ihr davon erzählte,
-daß Jesus Tote auferweckt habe, wurde sie ganz stutzig und sagte: „Das
-glaube ich nicht, daß ein Toter wieder lebendig werden kann.“ --
-
-Eines Tages sagte sie traurig: „Ich bin taub und blind. Das ist der
-Grund, warum ich den lieben Gott nicht sehen kann.“ -- Ich lehrte sie
-das Wort unsichtbar (~invisible~) und erwiderte ihr: „Wir können Gott
-nicht mit unseren Augen sehen, weil er ein Geist ist; wenn aber unsere
-Herzen voll von Güte und Sanftmut sind, dann sehen wir ihn, weil wir
-ihm dann ähnlicher sind.“ --
-
-Ein anderesmal fragte sie: „Was ist eine Seele?“ -- „Niemand weiß, was
-die Seele ist,“ -- entgegnete ich; „aber das wissen wir, daß sie nicht
-der Körper ist und daß sie der Teil von uns ist, der denkt, liebt und
-hofft und der, wie die Christen glauben, weiterleben wird, wenn der
-Körper tot ist.“ -- Dann fragte ich sie: „Kannst du dir deine Seele
-getrennt vom Körper denken?“ -- „O ja,“ antwortete sie; „ich dachte
-vor einer Stunde sehr lebhaft an Herrn Anagnos, und da war mein Geist
--- meine Seele, verbesserte sie sich -- in Athen, aber mein Körper
-war hier im Unterrichtszimmer.“ -- In diesem Augenblicke schien ihr
-ein anderer Gedanke durch den Kopf zu gehen, denn sie fügte hinzu:
-„Aber Herr Anagnos sprach nicht zu meiner Seele.“ -- Ich erklärte ihr,
-daß auch die Seele unsichtbar oder mit anderen Worten, ohne sinnlich
-wahrnehmbare Gestalt sei. „Aber wenn ich niederschreibe, was meine
-Seele denkt,“ versetzte sie, „dann wird sie sichtbar, und die Worte
-sind dann ihr Körper.“
-
-Längere Zeit darauf sagte Helen zu mir: „Ich möchte sechzehnhundert
-Jahre leben.“ -- Auf die Frage, ob sie nicht +für immer+ in einem
-schönen Lande, Himmel genannt, leben wolle, erwiderte sie zunächst:
-„Wo liegt der Himmel?“ -- Ich mußte zugestehen, dies nicht zu wissen,
-äußerte aber die Vermutung, es könnte einer von den Sternen sein. Ein
-Weilchen darauf sagte sie nun: „Wollen Sie nicht die Freundlichkeit
-haben, zuerst hinzugehen und mir dann alles über ihn erzählen?“ -- und
-fuhr dann fort: „Tuscumbia ist eine sehr hübsche kleine Stadt.“ -- Es
-verging mehr als ein Jahr, ehe sie auf das Thema zurückkam, und als sie
-dies tat, waren ihre Fragen sehr zahlreich und dringend. Sie fragte:
-„Wo liegt der Himmel und wie sieht es dort aus? Warum können wir über
-den Himmel nicht soviel wissen wie über fremde Länder?“ -- Ich erklärte
-ihr in sehr einfacher Sprache, es könne viel Orte mit dem Namen Himmel
-geben, aber der Hauptsache nach sei er ein Zustand -- die Erfüllung des
-Sehnens des Herzens, die Befriedigung seiner Wünsche; der Himmel sei
-überall dort zu finden, wo das Rechte anerkannt, ausgeübt und geliebt
-werde.
-
-Vor dem Gedanken an den Tod schrak sie mit augenscheinlichem Schauder
-zurück. Als ihr vor kurzem ein von ihrem Bruder erlegter Hirsch
-gezeigt wurde, war sie sehr traurig, und fragte bekümmert: „Warum
-muß alles sterben, selbst der schnellfüßige Hirsch?“ -- Ein andermal
-fragte sie mich: „Glauben Sie nicht, daß wir alle viel glücklicher
-sein würden, wenn wir nicht zu sterben hätten?“ -- „Nein,“ entgegnete
-ich, „denn wenn es keinen Tod gäbe, so würde unsere Welt mit lebenden
-Geschöpfen bald so überfüllt sein, daß keines von ihnen behaglich leben
-könnte.“ -- „Aber,“ erwiderte Helen rasch, „meiner Meinung nach hätte
-Gott ebensogut mehrere Welten erschaffen können, wie er diese eine
-erschaffen hat.“ --
-
-Als ihr einige Freundinnen von der großen Glückseligkeit erzählten, die
-unser in einem anderen Leben warte, fragte sie sofort: „Woher wissen
-Sie das, wenn Sie noch nicht tot gewesen sind?“ --
-
-Der Umstand, daß sie ganz gebräuchliche Worte und Redewendungen
-mitunter in buchstäblichem Sinne nimmt, beweist, wie nötig es für uns
-ist, uns zu vergewissern, daß sie diese in ihrer richtigen Bedeutung
-auffaßt. Als ihr vor kurzem erzählt wurde, die Ungarn seien geborene
-Musiker, so fragte sie erstaunt: „Singen sie denn, wenn sie geboren
-werden?“ -- Als ihre Freundin hinzufügte, daß einige Schülerinnen,
-die sie in Budapest gesehen habe, mehr als hundert Melodien in ihrem
-Kopfe hätten, antwortete sie lachend: „Dann wird es in ihrem Kopfe wohl
-sehr geräuschvoll zugehen.“ -- Sie besitzt einen scharfen Blick für
-das Lächerliche, und anstatt sich durch eine bildliche Ausdrucksweise
-in Verlegenheit setzen zu lassen, ergötzt sie sich oft an ihrer allzu
-wörtlichen Auffassung der betreffenden Redewendungen.
-
-Als ihr einmal gesagt worden war, die Seele sei gestaltlos, stutzte
-sie bei Davids Worten: ‚Er führet meine Seele‘. -- „Hat sie Füße? Kann
-sie gehen? Ist sie blind?“ fragte sie, denn für die war die Vorstellung
-des Geführtwerdens mit der Vorstellung des Blindseins verknüpft.
-
-Von allem, was Helen in Unruhe und Verwirrung versetzt, stimmt sie
-nichts so traurig, wie die Erkenntnis von dem Vorhandensein des
-Schlechten, und von den Leiden, die aus diesem entspringen. Lange
-Zeit hindurch war es möglich, sie vor dieser Erkenntnis zu bewahren,
-und es wird stets verhältnismäßig leicht sein, sie vor persönlicher
-Berührung mit Laster und Verderbtheit zu behüten. Die Tatsache, daß
-die Sünde existiert und daß großes Elend aus ihr entspringt, dämmerte
-ihrem Geiste allmählich auf, je mehr sie das tägliche Leben und seine
-Erfahrungen kennen lernte. Es mußte ihr die Notwendigkeit von Gesetzen
-und Strafen erklärt werden. Es wurde ihr sehr schwer, das Vorhandensein
-des Uebels in der Welt mit der Vorstellung von Gott zu vereinigen, die
-man ihr eingeprägt hatte.
-
-Eines Tages fragte sie: „Sorgt Gott allezeit für uns?“ -- Als ihr dies
-bejaht wurde, fuhr sie fort: „Warum hat er denn dann meine kleine
-Schwester heute morgen fallen lassen, sodaß sie sich den Kopf so arg
-zerschlagen hat?“ -- Ein andermal fragte sie nach der Allmacht und
-Güte Gottes. Man hatte ihr von einem schrecklichen Sturme auf der See
-erzählt, bei dem mehrere Menschen ihr Leben eingebüßt hatten, und sie
-fragte: „Warum hat Gott die Leute nicht gerettet, wenn er alles zu tun
-vermag?“
-
-Umgeben von liebenden Angehörigen und Freunden und unter veredelnden
-Einflüssen aufgewachsen, hat Helen vom Beginne ihrer geistigen
-Entwickelung an stets bereitwillig das Rechte getan. Sie erkennt mit
-unfehlbarem Instinkt, was recht ist, und tut es mit Freuden. Sie hält
-die eine schlechte Handlung nicht für harmlos, eine andere nicht für
-bedeutungslos, eine dritte nicht für unbeabsichtigt. Für ihre reine
-Seele ist alles Schlechte gleich häßlich.
-
- * * * * *
-
-Die letzten Aeußerungen Fräulein Sullivans über ihre Methode finden
-sich in dem Berichte, den sie für die im Juli 1894 in Chautauqua
-abgehaltene Versammlung der »Amerikanischen Vereinigung zur Förderung
-der Unterweisung der Taubstummen im Sprechen« verfaßt hat. Es heißt
-darin unter anderem:
-
-Sie dürfen nicht glauben, daß Helen mit einem Schlage den Wortschatz
-der englischen Sprache zu beherrschen lernte, sobald sie den Gedanken,
-daß jeder Gegenstand eine Bezeichnung habe, erfaßte, oder daß »ihre
-geistigen Fähigkeiten in voller Waffenrüstung wie Pallas Athene aus
-Zeus’ Haupt aus der totenähnlichen Erstarrung, in der sie lebend
-schlummerten, emporstiegen«, wie einer ihrer begeisterten Bewunderer
-uns glauben machen möchte. Zu Anfang waren die Wörter, Redewendungen
-und Sätze, deren sie sich zum Ausdruck ihrer Gedanken bediente,
-sämtlich Nachahmungen derer, die wir in der Unterhaltung mit ihr
-angewandt hatten und die ihr Gedächtnis unbewußt festgehalten hatte.
-Und in der Tat, dies trifft auf die Sprache aller Kinder zu. Ihre
-Sprache ist die Erinnerung an die Sprache, die sie in ihrem Elternhause
-gehört haben. Die fortwährende Wiederholung der im täglichen Leben
-üblichen Unterhaltung hat ihrem Gedächtnis gewisse Wörter und
-Redewendungen eingeprägt, und wenn sie zu sprechen beginnen, so liefert
-ihnen ihr Gedächtnis die Wörter, die sie stammeln. Gleicherweise ist
-die Sprache der Gebildeten die Erinnerung an die Sprache der Bücher.
-
-Die Sprache wächst aus dem Leben, dessen Bedürfnissen und Erfahrungen
-hervor. Anfangs war der Geist meiner kleinen Schülerin völlig leer.
-Sie hatte in einer Welt gelebt, die sie nicht erkennen konnte.
-Sprache und Erkenntnis sind unlöslich miteinander verknüpft; sie
-stehen zueinander in wechselseitiger Beziehung. Gute Leistungen im
-Gebrauch der Sprache setzen eine wirkliche Kenntnis der Dinge voraus
-und hängen von dieser ab. Sobald Helen die Vorstellung faßte, daß
-jeder Gegenstand eine Bezeichnung habe und daß diese Bezeichnungen
-mit Hilfe des Fingeralphabets anderen übermittelt werden können,
-ging ich dazu über, ihr Interesse an den Dingen, deren Bezeichnungen
-sie mit so offenkundiger Freude buchstabieren lernte, wachzurufen.
-Niemals erteilte ich ihr Unterricht im Sprechen lediglich zu
-Unterrichtszwecken, sondern ich bediente mich stets der Sprache als
-eines Mittels zur Gedankenübertragung, und so fiel die Erlernung der
-Sprache mit der Aneignung von Kenntnissen zusammen. Um die Sprache in
-vernünftiger Weise zu gebrauchen, muß man etwas haben, worüber man
-spricht, und dies ist wieder das Ergebnis von Erfahrungen, die man
-gemacht hat. Kein Maß von Sprachübung wird unsere Kinder befähigen, die
-Sprache leicht und fließend zu handhaben, wenn sie sich nicht in ihrem
-Innern klargemacht haben, was sie sagen wollen, oder wenn es uns nicht
-gelungen ist, in ihnen den Wunsch rege zu machen, zu erfahren, was im
-Innern anderer Menschen vorgeht.
-
-Anfangs band ich mich bei meinem Unterricht an keinen bestimmten
-Plan. Ich suchte stets herauszufinden, wofür sich Helen am meisten
-interessierte, und machte dies zum Ausgangspunkt der neuen Lektion,
-mochte es nun mit dem Gegenstand, den ich mir zu behandeln vorgenommen
-hatte, zusammenhängen oder nicht. Während der ersten beiden Jahre
-ihrer geistigen Entwickelung hielt ich Helen sehr selten zum Schreiben
-an. Um schreiben zu können, muß man einen Stoff haben, über den man
-schreibt, und dies erfordert wiederum einige geistige Vorbereitung.
-Das Gedächtnis muß einen Vorrat von Vorstellungen haben und der Geist
-muß durch Wissen bereichert sein, bevor das Schreiben eine naturgemäße
-und angenehme Arbeit wird. Unsere Kinder werden, glaube ich, nur zu
-häufig zum Schreiben angehalten, ehe sie etwas zu sagen haben. Man
-lehre sie denken, lesen und aussprechen, was sie meinen, und sie werden
-schreiben, weil sie nicht anders können.
-
-Helen eignete sich die Sprache mehr durch Uebung und Gewohnheit an, als
-durch das Erlernen von Regeln und Definitionen. Die Grammatik mit ihrer
-verwirrenden Menge von Klassifikationen, Bezeichnungen und Paradigmen
-war aus dem Unterrichte gänzlich verbannt. Sie erlernte die Sprache
-dadurch, daß sie mit der lebenden Sprache selbst in Berührung gebracht
-wurde; sie lernte diese aus der täglichen Unterhaltung und aus ihren
-Büchern kennen und wurde veranlaßt, sie in der mannigfaltigsten Weise
-hin- und herzuwenden, bis sie imstande war, sie richtig zu gebrauchen.
-Zweifellos sprach ich mehr und anhaltender mit meinen Fingern, als ich
-es mit meinem Munde hätte zu tun brauchen; denn wenn sie hätte sehen
-und hören können, so würde sie in Bezug auf Unterhaltung und Belehrung
-weniger von mir abhängig gewesen sein.
-
-Ich glaube, jedes Kind hat in seinem Innern wertvolle Eigenschaften
-verborgen, die belebt und entwickelt werden können, wenn wir nur den
-richtigen Weg einschlagen; niemals werden wir aber die höheren Naturen
-unter uns in angemessener Weise entwickeln, wenn wir fortfahren, ihren
-Geist mit den sogenannten Anfangsgründen vollzustopfen. Die Mathematik
-wird sie nie zu liebevollen Wesen machen, und ebensowenig wird die
-Kenntnis von der Größe und der Gestalt der Erde sie zur Würdigung von
-deren Schönheiten befähigen. Statt dessen wollen wir die Kinder in den
-ersten Jahren lieber dazu anleiten, ihren höchsten Genuß in der Natur
-zu finden. Wir wollen sie auf den Feldern umherspringen lassen, ihnen
-von Tieren erzählen und sie zur Beobachtung der realen Dinge anhalten.
-Kinder werden sich unter gesunden Verhältnissen selbst erziehen. Sie
-bedürfen viel mehr einer liebevollen Leitung als der Belehrung.
-
-Ich glaube, daß zu Helens fließendem Sprechen viel der Umstand
-beigetragen hat, daß fast jeder Eindruck, den sie empfängt, ihr durch
-das Medium der Sprache vermittelt wird. Aber abgesehen von Helens
-natürlicher Beanlagung zum Erlernen der Sprache und dem günstigen
-Einflusse ihrer Umgebung werden wir, glaube ich, finden, daß der
-beständige Umgang mit guten Büchern von der größten Bedeutung für
-ihre Erziehung gewesen ist. Es ist nicht erforderlich, daß ein Kind
-jedes Wort in einem Buche verstehe, wenn es dasselbe mit Genuß und
-Nutzen lesen soll. In der Tat sollten nur solche Erklärungen gegeben
-werden, die wirklich wesentlich sind. Helen nahm die Sprache in sich
-auf, die sie anfangs noch nicht verstehen konnte, die aber in ihrem
-Geiste zurückblieb, bis sie ihrer bedurfte, und die Worte sich von
-selbst ihrer Unterhaltung und ihren schriftlichen Ausarbeitungen
-anschmiegten. In der Tat ist von einigen behauptet worden, daß sie
-zuviel lese, daß sie einen großen Teil ihrer schöpferischen Kraft
-in der Freude an Büchern zersplittere, daß, während sie selbständig
-urteilen und sich ausdrücken könne, sie die Dinge lediglich durch die
-Augen anderer betrachte und sich in deren Sprache ausdrücke; allein
-ich bin überzeugt, daß selbständiges Arbeiten ohne Vorbereitung
-durch fleißige Lektüre ein Ding der Unmöglichkeit ist. Helen hat die
-besten und reinsten Muster in der Sprache beständig vor Augen, und
-ihre Unterhaltung sowie ihre schriftlichen Darlegungen sind unbewußte
-Erinnerungen an das, was sie gelesen hat. Das Lesen sollte meines
-Erachtens unabhängig von den sonstigen Schularbeiten betrieben werden.
-Kinder sollten zum Lesen rein des Vergnügens wegen ermuntert werden.
-Die Haltung, die ein Kind seinen Büchern gegenüber einnimmt, sollte die
-der unbewußten Empfänglichkeit sein. Die großen Werke der Dichtkunst
-sollten einen Teil seines Lebens ausmachen, sowie sie einst der wahre
-Lebensinhalt für ihre Urheber waren. Es ist richtig, je empfänglicher
-und phantasiereicher der Geist ist, der das in der Literatur Gebotene
-aufnimmt, desto genauer werden auch die feinsten Züge wiedergegeben.
-Helen besitzt ein lebhaftes Empfinden, ein frisches, leicht erregbares
-Interesse an allem, einen geistigen Einblick in das Wesen des
-künstlerischen Temperaments und infolgedessen natürlich eine lebhaftere
-und intensivere Freude am Leben, einfach als Leben aufgefaßt, an der
-Natur, an Büchern und an Menschen als minderbegabte Sterbliche. Ihr
-Geist ist von den hohen Gedanken und den Idealen der großen Dichter so
-erfüllt, daß ihr nichts als Gemeinplatz erscheint, denn ihre Phantasie
-schmückt das ganze Leben mit ihren eigenen reichen Farben aus.
-
- * * * * *
-
-Fräulein Sullivan hat mit ihrer Methode dort eingesetzt, wo ~Dr.~ Howe
-aufgehört hat. Er erfand das Instrument, das physische Werkzeug, aber
-das Lehren der Sprache ist etwas ganz anderes als das mechanische
-Mittel, durch das die Sprache gelehrt werden kann. Durch Versuche,
-durch die Beobachtung anderer Kinder gelangte Fräulein Sullivan auf den
-praktischen Weg, die Sprache nach der natürlichen Methode zu lehren.
-Nach dieser »natürlichen Methode« hatte ~Dr.~ Howe gesucht, sich aber
-nie zu dem Gedanken aufschwingen können, daß man ein taubstummes
-Kind nicht jedes Wort einzeln für sich durch Definition lehren darf,
-sondern daß ihm die Sprache durch unaufhörliche Wiederholung von
-Wörtern, die es nicht versteht, beigebracht werden muß. Und hierin
-besteht Fräulein Sullivans große Entdeckung. Den ganzen Tag hindurch
-vom frühen Morgen bis zum späten Abend buchstabierte Fräulein Sullivan
-unverdrossen in die Hand ihrer Schülerin, und hierdurch fing Helen
-Keller Wörter auf, genau so wie das Kind in der Wiege Wörter auffängt,
-dadurch, daß es sie zu Tausenden hört, ehe es ein einziges gebraucht,
-und die Wörter mit der Gelegenheit, bei der sie gesprochen wurden,
-in der Erinnerung verknüpft. So lernt es, daß Wörter Gegenstände,
-Handlungen, Empfindungen bezeichnen. Dieses ist das erste Prinzip bei
-Fräulein Sullivans Methode, ein Prinzip, das praktische Ergebnisse
-gezeitigt hat und das, soviel ich finden kann, niemals bei der
-Erziehung eines taubstummen Kindes, geschweige denn eines taubstummen
-und blinden, praktisch angewandt worden ist, ehe es Fräulein Sullivan
-bei Helen Keller versuchte. Und dieses Prinzip ist auch nicht eher klar
-formuliert worden, bevor Fräulein Sullivan ihre Briefe schrieb.
-
-Das zweite Prinzip bei ihrer Methode (die numerische Reihenfolge ist
-natürlich willkürlich) besteht darin, mit dem Kinde nie über Dinge
-zu sprechen, die ihm unangenehm oder langweilig sind. In der ersten
-Taubstummenschule, die Fräulein Sullivan überhaupt besuchte, war die
-Lehrerin damit beschäftigt, auf der Wandtafel den Kindern mittels
-geschriebener Worte etwas mitzuteilen, was diese nicht zu wissen
-verlangten, während sie die besuchenden Gäste mit der größten Neugierde
-umringten und dadurch den Beweis lieferten, daß es tausenderlei Dinge
-gab, die sie zu wissen verlangten. Warum knüpfte die Lehrerin beim
-Sprachunterricht nicht an das an, wofür sich die Kinder interessierten?
-
-Verwandt mit dem Grundsatz, mit dem Kinde nur über Dinge zu sprechen,
-für die es sich interessiert, ist der weitere, einem Kinde, das Fragen
-stellt, niemals den Mund zu verbieten, sondern seine Fragen so gut
-wie möglich zu beantworten. Fräulein Sullivan paßte ihre Ausführungen
-weder in Inhalt noch in Form dem vermeintlichen niedrigen Stande der
-Intelligenz des Kindes an, sondern ersuchte jedermann, mit Helen
-natürlich zu sprechen, ihr ganze Sätze und vernünftige Gedanken
-mitzuteilen, gleichviel, ob Helen sie verstehe oder nicht. So erkannte
-Fräulein Sullivan, was so viele noch nicht begreifen wollen, daß nach
-der ersten allereinfachsten Definition von »Hut«, »Tasse«, »gehen«,
-»sitzen« die Spracheinheit für das Kind der Satz ist, wie dieser
-ebenfalls die Spracheinheit der Erwachsenen darstellt.
-
-So schuf sich Fräulein Sullivan eine Methode, die so einfach ist und
-so sehr alles künstlichen Zuschnittes ermangelt, daß ihre Methode eher
-die Verneinung jeder Methodik zu sein scheint. Es ist zweifelhaft, ob
-wir etwas von Helen Keller erfahren hätten, wenn Fräulein Sullivan
-nicht schon vorher mit anderen Kindern verkehrt hätte. Durch deren
-Beobachtung lernte sie ihren Zögling soviel wie möglich wie ein
-normales Kind behandeln.
-
-Das Fingeralphabet war nicht das einzige Mittel, Helen die Kenntnis
-von Wörtern beizubringen. Bücher ergänzten das Fingeralphabet,
-ja kamen diesem vielleicht an Bedeutung für den Sprachunterricht
-gleich. Helen saß voller Eifer über ihnen, bevor sie lesen konnte,
-anfänglich nicht des Inhaltes wegen, sondern um die Wörter, die sie
-kannte, herauszufinden, und die Erläuterung neuer Wörter durch den
-Zusammenhang, durch die Verbindung mit schon bekannten, bereicherten
-Helens Wortschatz. Die Bücher sind der Speicher der Sprache, und
-jedes Kind, mag es taub sein oder nicht, muß lernen, wenn seine
-Aufmerksamkeit in irgend einer Weise auf gedruckte Blätter gelenkt
-wird. Es lernt nicht dadurch, daß es liest, was es versteht, sondern
-dadurch, daß es Wörter liest die es nicht versteht, und deren es
-sich später erinnert. Und obgleich wenig Kinder ein so frühreifes
-Interesse an Büchern nehmen wie Helen Keller, so kann doch die
-natürliche Neugierde eines jeden Kindes auf gedruckte Blätter gelenkt
-werden, namentlich, wenn der Lehrer geschickt ist und ein Wörterspiel
-einleitet, wie es Fräulein Sullivan tat (s. S. 287 f.). Helen Keller
-soll eine besondere Sprachbegabung besitzen. Richtiger würde man sagen,
-sie besitze eine besondere Begabung für das Denken, und ihre Vorliebe
-für die Sprache sei auf den Umstand zurückzuführen, daß die Sprache für
-sie gleichbedeutend mit Leben ist. Die Sprache war kein besonderes Fach
-für sie wie Geographie oder Arithmetik, sondern das Mittel, durch das
-sie zur Kenntnis äußerer Dinge gelangte.
-
-Als sie im Alter von vierzehn Jahren erst wenige Unterrichtsstunden im
-Deutschen gehabt hatte, überlas sie den Text von »Wilhelm Tell« und
-versuchte die Handlung des Stückes herauszufinden. Von der Grammatik
-wußte sie nichts und kümmerte sich auch nicht um sie. Sie lernte die
-Sprache von der Sprache selbst, und dies ist neben dem Hören der
-Sprache eine lebendigere und am Ende auch leichtere Art und Weise, eine
-fremde Sprache zu erlernen, als unsere Schulmethode, mit der Grammatik
-zu beginnen. Auf dieselbe Weise spielte sie mit dem Latein, indem sie
-nicht allein aus den Lektionen lernte, die ihr erster lateinischer
-Lehrer ihr gab, sondern auch daraus, daß sie die Worte eines Textes
-immer und immer wieder überlas -- ein Spiel, das sie für sich selbst
-trieb.
-
-Herr John D. Wright, einer ihrer Lehrer an der Wright-Humason-Schule,
-schreibt über Helen:
-
-Oft fand ich sie, wenn sie einen Augenblick freie Zeit hatte, in ihrer
-Lieblingsecke auf einem Armstuhle sitzen, auf dessen Seitenlehnen
-das schwere in Blindendruck hergestellte Buch ruhte, während sie
-ihren Finger langsam über die Zeilen von Molières Lustspiel »~Le
-Médecin malgré lui~« gleiten ließ und bei den komischen Situationen
-und humoristischen Zügen leise vor sich hin lachte. Damals war
-ihr Wortvorrat im Französischen noch sehr klein, aber unter
-Zuhilfenahme ihres Verstandes vermochte sie die Bedeutung der Wörter
-zu erraten, sodaß sie sich den Sinn zusammensetzte wie ein Kind das
-Zusammenlegespiel betreibt. Die Folge davon war, daß nach Verlauf
-weniger Wochen wir beide, sie und ich, eines Abends eine höchst
-heitere Stunde verlebten, in der sie mir die ganze Handlung des Dramas
-erzählte, wobei sie mit großem Behagen bei dem darin herrschenden Humor
-und blendenden Witze verweilte. Es war keine Unterrichtsstunde, sondern
-nur eine ihrer Erholungen. --
-
-So ist Helen Kellers Sprachbegabung identisch mit ihrer gesamten
-geistigen Begabung, die sich wegen des außerordentlichen Wertes, den
-die Sprache für das junge Mädchen besitzt, auf diese geworfen hat.
-
-Man hat die Frage aufgeworfen, ob Helen Kellers Leistungen ihrer
-natürlichen Befähigung oder der bei ihrem Unterricht benutzten Methode
-zu verdanken seien. Ohne allen Zweifel würde eine Lehrerin, und
-wenn sie zehnmal so genial gewesen wäre wie Fräulein Sullivan, ihre
-Schülerin nicht so weit haben bringen können wie Helen Keller, wenn
-sie es mit einem unbegabten und geistig minderwertigen Kinde zu tun
-gehabt hätte. Andererseits würde aber Helen Keller unzweifelhaft, auch
-wenn sie noch zehnmal soviel Genie besessen hätte, sich nicht zu dem
-entwickelt haben, was sie ist, wenn sie nicht vom ersten Augenblick an,
-namentlich zu Anfang eine so vortreffliche Erziehung genossen hätte.
-
-Fräulein Sullivan ist eine Persönlichkeit von ungewöhnlichen
-Fähigkeiten. Ihre Methode wird, von einem anderen Lehrer ausgeübt,
-nicht dieselben Erfolge zeitigen. Fräulein Sullivans starker
-selbständiger Geist hat viel von seiner Spannkraft auf ihre
-Schülerin übertragen. Dies heißt aber nicht, daß Fräulein Keller
-sich in vollständiger Abhängigkeit von ihrer Lehrerin befindet. Es
-wird erzählt, daß sie im Alter von acht Jahren einmal, als jemand
-sie zu etwas zu bewegen suchte, eine Weile ernst dasaß und dann auf
-die Frage, was ihr fehle, antwortete: ~I am preparing to assert my
-independence.~ Eine solche eigenwillige Persönlichkeit kann nicht in
-völliger Abhängigkeit aufwachsen, selbst nicht unter dem Einfluß eines
-Willens, der so stark ist wie der Fräulein Sullivans. Aber letztere hat
-vermöge ihrer natürlichen Veranlagung vieles für ihren Zögling getan,
-was sich nicht analysieren oder auf ein Prinzip zurückführen läßt: sie
-hat ihr die Anregungen zu teil werden lassen, die in dem Wesen der
-wahren Freundschaft begründet sind, die die Kräfte beider Teile weit
-mehr zur Entfaltung bringt als sie hemmt. Wenn Fräulein Keller außerdem
-ein »Engel an Sanftmut und Güte« ist, wenn sie eine starke Liebe »zu
-allem Guten und Schönen« hegt, so verdankt sie sicher etwas davon der
-Lehrerin, die volle sechzehn Jahre hindurch beständig um sie gewesen
-ist.
-
-Fräulein Sullivan hat demnach vieles für Fräulein Keller getan,
-was keine andere Lehrerin in genau derselben Weise für eine andere
-Schülerin hätte tun können. Um eine zweite Helen Keller heranzubilden,
-müßte man eine zweite Annie Sullivan haben. Um ein anderes taubstummes
-und blindes Kind sorgfältig zu erziehen, dazu braucht man nur einen
-anderen Lehrer, der unter günstigen Verhältnissen tätig ist, eine
-Fülle von äußeren Interessen besitzt, stets mit seinem Zögling
-zusammenlebt, völlig freie Hand hat und die Prinzipien, die zu finden
-Fräulein Sullivan ihm die Mühe erspart hat, nach seinen Bedürfnissen
-anwendet, indem er sie modifiziert und ergänzt, je nachdem er es für
-nötig erachtet; ebenso muß der Zögling gesund, von guten natürlichen
-Anlagen und jung genug sein, um noch Bildungsfähigkeit zu besitzen.
-Jedes taubstumme oder taubstumme und blinde Kind kann, wofern es gesund
-ist, unterrichtet werden. Und die einzigen, die dies zu tun vermögen,
-sind die Eltern, oder ein Hauslehrer, nicht die Schule. Dieser Satz
-wird von den Leitern von Taubstummenanstalten sicher auf das heftigste
-bekämpft werden. Unzweifelhaft ist die Taubstummenanstalt die einzige
-Möglichkeit für den staatlichen Unterricht. Aber es ist klar, daß das,
-worin das taubstumme Kind unterwiesen werden soll, gerade das ist, was
-andere Kinder lernen, bevor sie überhaupt in die Schule gehen. Als
-Fräulein Sullivan in den Geflügelhof trat, ein junges Hühnchen aufhob
-und mit Helen darüber sprach (s. S. 236), so erteilte sie eine Art von
-Unterricht, der innerhalb der vier Wände unmöglich ist.
-
-Augenscheinlich befindet sich ~Dr.~ Howe im Irrtum, wenn er sagt: Ein
-Lehrer kann kein Kind sein. Gerade dies ist es, was der Lehrer eines
-taubstummen Kindes sein muß, selbst ein Kind, bereit, zu spielen und
-herumzutollen und an allem kindlichen Tun Interesse zu finden.
-
-Wesentlich für Helen Kellers Entwickelung war der Umstand, daß sie
-während der ersten neunzehn Monate ihres Lebens sehen und hören konnte.
-Dies bedeutete eine gewisse geistige Entwickelung. Außerdem besaß sie
-von ihren Eltern her gute körperliche und geistige Anlagen. Sie drückte
-ihre Gedanken durch Zeichen aus, ehe sie sprechen lernte. Frau Keller
-äußerte in einem Briefe, daß Helen vor ihrer Krankheit für all und
-jedes Zeichen gebrauchte, und glaubte, diese Angewohnheit sei schuld
-daran, daß das Kind so spät sprechen gelernt habe. Nach der Krankheit,
-als sie vollständig auf Zeichen angewiesen war, entwickelte sich Helens
-Neigung zur Gestikulation. Wie weit sich andere ihr verständlich machen
-konnten, läßt sich schwer feststellen, aber sie erkannte viel von dem,
-was um sie herum vorging. Sie wußte, daß andere ihre Lippen bewegten,
-sie »sah« ihren Vater eine Zeitung lesen, und als dieser sie beiseite
-gelegt hatte, setzte sie sich auf seinen Stuhl und hielt die Zeitung
-vor ihr Gesicht (s. S. 14). Ihre anfänglichen Wutausbrüche waren ein
-unglücklicher Ausdruck ihrer angeborenen Charakterstärke, die durch die
-Erziehung später in geschulte und geregelte Kraft umgewandelt wurde.
-
-So war es denn eine dankbare Aufgabe für Fräulein Sullivan, einer
-solchen Schülerin ihre Hingebung, ihre Intelligenz und ihre vor keiner
-Schwierigkeit zurückschreckende Willfährigkeit zu widmen. Fräulein
-Sullivans Methode war so vorzüglich, daß jedermann deren Richtigkeit
-anerkennen müßte, selbst wenn sie keinen Erfolg gehabt hätte.
-Zudem besaß Fräulein Sullivan eine große Energie. Und schließlich
-begünstigten alle Umstände diesen ersten Unterricht, bei dem Lehrerin
-und Schülerin in untrennbarer Gemeinschaft miteinander spielten, sich
-gegenseitig ergründeten und gegenseitig erzogen.
-
- [23] Vergl. „~The life and Education of Laura Dewey Bridgman~“ von
- Mary Swift Lamson. -- Jerusalem, Laura Bridgman. Eine
- psychologische Studie.
-
- [24] Vergl. auch S. 62 ff.
-
- [25] Vergl. S. 148.
-
- [26] Vergl. S. 149.
-
- [27] Siehe S. 135.
-
-
-
-
-Helen Kellers Sprache.
-
- Fräulein Sullivans Bericht über Helens Unterricht in der Lautsprache.
- -- Eigentümlichkeiten von Helens Aussprache. -- Ansprache Helens in
- Mt. Airy bei Philadelphia.
-
-
-Fräulein Keller hat selbst erzählt, in welcher Weise sie sprechen
-gelernt hat (s. S. 57 ff.). Eine wichtige Ergänzung zu dieser
-Darstellung bieten die Mitteilungen Fräulein Sullivans in dem
-Jahresbericht des Perkinsschen Instituts für 1891. Es heißt darin unter
-anderem:
-
-„Ich wußte, daß Laura Bridgman dasselbe instinktive Verlangen wie
-Helen gezeigt hatte, Töne hervorzubringen, und sogar etliche einfache
-Wörter auszusprechen gelernt hatte, die zu gebrauchen ihr großes
-Vergnügen machte, und ich zweifelte nicht im geringsten, daß Helen
-mindestens soviel wie sie erreichen könne. Ich glaubte jedoch, daß der
-Vorteil, der ihr daraus erwachsen würde, in keinem Verhältnis zu dem
-Aufwande an Zeit und Mühe stehen werde, den ein solches Experiment
-erfordert hätte.
-
-Außerdem macht der Mangel an Kontrolle durch das Gehör die Stimme
-eintönig und oft sehr unangenehm, und eine solche Sprache ist in der
-Regel, außer für die näheren Bekannten des Sprechenden, unverständlich.
-
-Die Aneignung der Sprache durch taube Kinder, die noch keinen sonstigen
-Unterricht genossen haben, geht langsam und oft mühevoll vor sich.
-Es wird, wie es mir scheint, häufig zuviel Wert auf die Unterweisung
-eines tauben Kindes in der Lautsprache gelegt -- ein Umstand, der für
-die geistige Entwickelung des Zöglings von Nachteil sein kann. In der
-Tat ist die Lautsprache ein ungenügendes Erziehungsmittel, während
-der Gebrauch des Fingeralphabets die geistige Regsamkeit fördert
-und kräftigt, da durch dieses das Kind in nahe Berührung mit seiner
-Muttersprache gebracht wird und die höchsten und abstraktesten Ideen
-seinem Geiste leicht und vollständig vermittelt werden können. Helens
-Beispiel beweist, daß es auch für die Aneignung der Lautsprache ein
-Hilfsmittel von unschätzbarem Werte ist. Sie war mit den Wörtern
-und der Konstruktion der Sätze schon vollständig vertraut und hatte
-nur noch mechanische Schwierigkeiten zu überwinden. Außerdem wußte
-sie, was die Sprache ihr für einen Genuß gewähren würde, und diese
-genaue Erkenntnis des Zieles ihres Strebens bereitete ihr schon eine
-Vorfreude, die alle Mühsal leicht machte. Das unterrichtete taube Kind,
-das zum Artikulieren angehalten wird, kennt sein Ziel nicht, und die
-Unterweisung im Sprechen ist ihm lange Zeit lästig und bedeutungslos.
-
-Ehe ich die Art und Weise schildere, in der Helen sprechen lernte,
-dürfte es angebracht sein, kurz zu erwähnen, in welchem Maße sie
-ihre Stimmorgane gebraucht hatte, ehe sie regelmäßigen Unterricht im
-Artikulieren erhielt. Als sie im Alter von neunzehn Monaten von der
-Krankheit befallen wurde, die den Verlust des Gesichts und Gehörs
-herbeiführte, begann sie gerade sprechen zu lernen. Das bedeutungsleere
-Stammeln des kleinen Kindes wurde von Tag zu Tage immer mehr zu
-bewußten, willkürlichen Zeichen für das, was es fühlte und dachte.
-Aber die Krankheit hemmte ihre Fortschritte in der Aneignung der
-Lautsprache, und als ihre körperliche Gesundheit zurückkehrte, fand
-es sich, daß sie aufgehört hatte, verständlich zu sprechen, weil sie
-keinen Laut mehr hörte. Sie fuhr fort, ihre Stimmorgane mechanisch zu
-gebrauchen, wie es die Kinder in der Regel tun. Ihr Weinen und Lachen
-sowie der Klang ihrer Stimme, wenn sie einzelne Wortelemente aussprach,
-waren vollkommen natürlich, aber das Kind verband offenbar keinen
-Sinn mit ihnen, und mit einer einzigen Ausnahme brachte es dieselben
-nicht in der Absicht hervor, sich mit seiner Umgebung zu verständigen,
-sondern aus dem bloßen Bedürfnisse, sein angeborenes, organisches,
-ererbtes Ausdrucksvermögen zu üben. Mit dem Worte ~water~, das eines
-der ersten war, die ihre kleinen Lippen bilden lernten, verband Helen
-jedoch stets einen Sinn, und es war dies das einzige Wort, das sie auch
-nach dem Verluste ihres Gehörs zu gebrauchen fortfuhr. Ihre Aussprache
-des Wortes wurde jedoch allmählich undeutlich, und als ich sie
-kennen lernte, war nur noch ein eigentümliches Geräusch davon übrig.
-Nichtsdestoweniger war es das einzige Zeichen, das sie stets für Wasser
-gebrauchte, und sie vergaß das gesprochene Symbol nicht eher, als sie
-das Wort mit ihren Fingern buchstabieren gelernt hatte. Das Wort
-~water~ und die Gebärde, die dem Worte »Lebewohl« entspricht, schienen
-alles zu sein, was das Kind von den natürlichen und erworbenen Zeichen
-behalten hatte, mit denen es vor seiner Krankheit vertraut geworden war.
-
-Als sie durch den Gefühlssinn (ich gebrauche das Wort in dem
-umfassendsten Sinne, sodaß es alle Tasteindrücke einschließt) mit ihrer
-Umgebung bekannt wurde, empfand sie immer dringender das Bedürfnis,
-sich mit derselben zu verständigen. Ihre Händchen befühlten jeden
-Gegenstand und beobachteten jede Bewegung der Personen, mit denen sie
-zusammenkam, und sie ahmte diese Bewegungen rasch nach.
-
-Als ich in Tuscumbia eintraf, hatte sie sich über sechzig Zeichen
-zurechtgemacht, die alle nachahmender Natur waren und von ihren
-Bekannten leicht verstanden wurden. So oft sie etwas sehr dringend
-verlangte, gestikulierte sie auf höchst ausdrucksvolle Art. Gelang
-es ihr nicht, sich verständlich zu machen, so wurde sie heftig. In
-den Jahren ihrer geistigen Kerkerhaft war sie gänzlich auf Zeichen
-angewiesen und konnte sich selbst keinerlei Art Lautsprache schaffen,
-die imstande gewesen wäre, Gedanken auszudrücken. Es scheint jedoch,
-daß sie noch während ihrer Leidenszeit die Lippenbewegungen ihrer
-Mutter verfolgte.
-
-Wenn sie unbeschäftigt war, so irrte sie ruhelos durch das ganze Haus
-und stieß dabei sonderbare, obgleich selten unangenehme Töne aus. Ich
-habe sie ihre Puppe wiegen sehen, wobei sie ein beständiges monotones
-Summen hervorbrachte, während sie mit den Fingern der anderen Hand
-die Bewegungen ihrer Lippen verfolgte. Dies war eine Nachahmung des
-Wiegengesanges ihrer Mutter. Gelegentlich brach sie in ein lustiges
-Gelächter aus, und dann streckte sie ihre Hand aus, und legte sie
-irgend jemand, der sich in ihrer Nähe befand, auf den Mund, um sich
-zu vergewissern, ob er ebenfalls lache. Konnte sie kein Lächeln
-entdecken, so gestikulierte sie erregt und versuchte ihre Gedanken zum
-Ausdruck zu bringen; wenn es ihr aber nicht gelang, den anderen zum
-Lachen zu bringen, so saß sie ein paar Augenblicke mit verwirrtem und
-enttäuschtem Gesichtsausdruck still da. Die einzigen Wörter, die sie
-vor dem März 1890 mit einiger Deutlichkeit auszusprechen gelernt hatte,
-waren ~papa~, ~mamma~, ~baby~, ~sister~. Diese Wörter hatte sie ohne
-besondere Unterweisung ihren Bekannten von den Lippen abgelesen. Man
-sieht, sie enthalten drei vokalische und sechs konsonantische Elemente,
-und diese bildeten die Grundlage für ihren ersten wirklichen Unterricht
-im Sprechen.
-
-Zu Ende der ersten Lektion war sie imstande, folgende Laute deutlich
-auszusprechen[28]: ~a, ä, â, ē, ĭ, ô, c~ (weich wie ~s~ und hart
-wie ~k~), ~g~ (hart), ~b, l, n, m, t, p, s, u, k, f~ und ~d~. Die
-Aussprache mehrerer miteinander verbundener harter Konsonanten in
-demselben Wort fällt ihr jetzt noch schwer; oft unterdrückt sie den
-einen und verändert den anderen, und manchmal ersetzt sie beide durch
-einen ähnlichen Laut mit einer sanften Aspiration. Anfangs machte sich
-die Verwechselung von ~l~ und ~r~ bei ihrem Sprechen recht bemerkbar.
-Wiederholt wollte sie den einen Laut für den anderen gebrauchen. Die
-große Schwierigkeit in der Aussprache des ~r~ machte diesen Laut zu
-einem der letzten, die sie bemeisterte. Auch das ~ch~, ~sh~ und ~g~
-verursachten ihr viele Mühe, und sie spricht sie jetzt noch nicht
-deutlich aus.
-
-Als sie noch nicht eine volle Woche gesprochen hatte, traf sie eines
-Tages einen ihrer Bekannten, Herrn Rodocanachi; sie begann sofort
-sich mit der Aussprache seines Namens abzumühen, und ließ nicht eher
-nach, als bis sie imstande war, das Wort deutlich zu artikulieren.
-Ihr Interesse erlahmte keinen Augenblick, und in ihrem Eifer, die
-Schwierigkeiten zu überwinden, die sich ihr von allen Seiten in den Weg
-stellten, strengte sie ihre Kräfte bis zum äußersten an und erlernte in
-elf Lektionen sämtliche einzelnen Elemente der Sprache.“ --
-
- * * * * *
-
-Gegenwärtig ist ihre Stimme leise und angenehm. Ihre Sprache entbehrt
-jedoch der Mannigfaltigkeit und Modulation; sie fließt in einem
-singenden Tonfalle fort, wenn sie laut liest, und wenn sie einigermaßen
-laut spricht, so bewegt sich ihre Stimme um zwei bis drei Mitteltöne
-herum. Ihre Stimme besitzt einen ausgesprochen aspirierten Klang; sie
-hört sich an, als würde auf den Laut zuviel Atem verwendet. Einige
-von ihren Tönen sind musikalisch und wohlklingend. Erzählt sie eine
-Kindergeschichte oder trägt sie etwas Pathetisches vor, so gleitet
-ihre Stimme in angenehmen Uebergängen von einem Tone zum anderen.
-Ihre Vortragsweise erinnert dann an das nicht völlig gut getroffene
-Verweilen bei langen Wörtern, das man bei einem Kinde wahrnimmt,
-welches eine feierliche Geschichte erzählt.
-
-Der Hauptmangel an Helens Sprache besteht in dem Fehlen der
-Satzbetonung und der Mannigfaltigkeit der Modulation bei dem
-Aussprechen der einzelnen Satzglieder. Fräulein Keller betont jedes
-Wort wie ein Ausländer, der noch mit den einzelnen Satzbestandteilen
-zu kämpfen hat, oder wie Kinder zuweilen in der Schule lesen, wenn sie
-jedes Wort für sich aussprechen.
-
-Außer dem Englischen spricht sie Französisch und Deutsch. Ihr Freund,
-Herr John Hitz, dessen Muttersprache das Deutsche ist, bezeichnet
-ihre Aussprache als ganz vorzüglich. Ein anderer Freund, der sowohl
-mit dem Englischen wie mit dem Französischen vertraut ist, findet ihr
-Französisch viel verständlicher als ihr Englisch. Wenn sie englisch
-spricht, so verteilt sie die Betonung wie im Französischen und legt
-nicht genügend Nachdruck auf die accentuierten Silben; auch ist ihre
-Aussprache desselben Wortes von einem Tage zum anderen verschieden.
-
-Sie begeht mitunter Fehler in der Aussprache, wenn sie laut liest
-und dabei auf ein Wort stößt, das sie noch nie zuvor ausgesprochen
-hat, mag sie es auch schon verschiedene Male geschrieben haben. Diese
-Schwierigkeit wird sich jedoch nebst einigen anderen beseitigen lassen,
-sobald sie und Fräulein Sullivan mehr Zeit haben. Seit 1894 haben sie
-sich so in ihre Bücher vergraben, daß sie alles vernachlässigten, was
-nicht unmittelbar mit der nächstliegenden Aufgabe der erfolgreichen
-Absolvierung ihrer Studien zusammenhing.
-
-Als Helen die Wright-Humason-Schule in New York besuchte, bemühte
-sich ~Dr.~ Humason, ihre Stimme zu verbessern, und zwar nicht nur die
-+Aussprache+, und stellte mit ihr Laut- und Stimmübungen an.
-
-Es läßt sich schwer sagen, ob Fräulein Kellers Sprache leicht zu
-verstehen ist oder nicht. Manche verstehen sie leicht, andere nicht.
-Ihre näheren Bekannten sind an ihre Sprache gewöhnt und vergessen,
-daß diese von der normalen abweicht. Kinder finden es selten schwer,
-sie zu verstehen; dies erklärt sich daraus, daß Helens bedachtsame,
-wohlabgemessene Sprache der ihrigen gleicht, bevor sie sich den
-Kunstgriff der Erwachsenen angeeignet haben, alle Wörter eines Satzes
-in einem Atemzug zu sprechen. Fräulein Keller soll besser sprechen als
-die meisten Tauben.
-
-Im Ablesen von den Lippen ist sie nicht so gewandt und geschickt,
-wie von manchen behauptet wird. Es ist für sie höchst mühsam und
-umständlich, sich auf diesem Wege Kenntnis von dem zu verschaffen,
-was man ihr mitteilen will, wenn nicht Fräulein Sullivan oder jemand
-anders, der sich auf das Fingeralphabet versteht, zugegen ist, um
-Fräulein Keller die gesprochenen Worte in die Hand zu buchstabieren.
-
-Präsident Roosevelt hatte im Frühjahr 1902 wenig Schwierigkeit, sich
-Fräulein Keller verständlich zu machen; sie verstand jedes Wort, denn
-des Präsidenten Sprache ist äußerst deutlich.
-
-Man darf nicht vergessen, daß das Sprechen in keiner Weise etwas
-zu Fräulein Kellers erster Erziehung beitrug, obgleich sie ohne
-Sprachfertigkeit schwerlich imstande gewesen wäre, die höheren Schulen
-und die Universität zu besuchen. Aber sie weiß besser als sonst
-jemand, was für einen unermeßlichen Wert die Sprache für sie hat. Das
-beredteste Zeugnis dafür legt die Ansprache ab, die Helen am 8. Juli
-1896 bei der fünften Versammlung der »Amerikanischen Vereinigung zur
-Förderung der Unterweisung der Taubstummen im Sprechen« in Mt. Airy bei
-Philadelphia gehalten hat. Sie lautet folgendermaßen:
-
- * * * * *
-
-Wüßten Sie, welche Freude mich beseelt, daß ich imstande bin, heute
-zu Ihnen zu sprechen, so würden Sie, glaube ich, einen Begriff von
-dem Werte der Sprache für die Tauben erhalten und verstehen, weshalb
-ich es wünsche, daß jedes taubstumme Kind auf dieser ganzen großen
-Welt Gelegenheit fände, sprechen zu lernen. Ich weiß, daß über diesen
-Gegenstand viel gesprochen und geschrieben worden ist und daß in Bezug
-auf den mündlichen Unterricht eine große Meinungsverschiedenheit
-zwischen den Taubstummenlehrern herrscht. Es erscheint mir äußerst
-seltsam, daß hier überhaupt von einer Meinungsverschiedenheit die Rede
-sein kann; ich kann nicht verstehen, wie jemand, der sich für unsere
-Erziehung interessiert, uns die Genugtuung nicht soll nachfühlen
-können, die wir empfinden, wenn wir imstande sind, unsere Gedanken in
-lebendigen Worten auszudrücken. Ich für meine Person wenigstens pflege
-beständig zu sprechen, und ich weiß nicht, wie ich Ihnen den Genuß
-schildern soll, den mir dieses gewährt. Natürlich weiß ich, daß es für
-Fremde nicht immer leicht ist, mich zu verstehen, aber auch das wird
-sich nach und nach ändern, und inzwischen habe ich das unaussprechliche
-Glück, zu wissen, daß meine Angehörigen und Freunde sich über meine
-Fähigkeit zu sprechen freuen. Meine kleine Schwester und mein kleiner
-Bruder haben es gern, wenn ich ihnen an den langen Sommerabenden
-Geschichten erzähle, und meine Mutter und meine Lehrerin bitten mich
-oft, ihnen aus meinen Lieblingsbüchern vorzulesen. Ebenso bespreche
-ich politische Dinge mit meinem geliebten Vater, und wir entscheiden
-die verwickeltsten Fragen gerade so befriedigend für uns, wie wenn ich
-sehen und hören könnte. So sehen Sie, was die Sprache für ein Segen
-für mich ist. Sie bringt mich in engere und zärtlichere Beziehungen
-zu denen, die ich liebe, und ermöglicht es mir, mich der trauten
-Gesellschaft einer großen Zahl von Menschen zu erfreuen, von der ich
-völlig abgeschnitten sein würde, wenn ich nicht sprechen könnte.
-
-Ich kann mich noch der Zeit entsinnen, bevor ich sprechen lernte,
-und wie ich mich bemühte, meine Gedanken mittels des Fingeralphabets
-auszudrücken -- wie meine Gedanken fortwährend gegen meine
-Fingerspitzen schlugen wie kleine Vögel, die nach Freiheit strebten,
-bis eines Tages Fräulein Fuller ihnen die Kerkertür weit öffnete und
-sie entfliehen ließ. Ich möchte wohl wissen, ob sie sich noch daran
-erinnert, wie munter und fröhlich sie ihre Schwingen entfalteten und
-davonflatterten. Natürlich fiel ihnen das Fliegen anfangs ziemlich
-schwer. Die Sprachschwingen waren schwach und gebrochen und hatten alle
-Anmut und Schönheit verloren, die sie einst besessen hatten; es war
-in der Tat nichts übriggeblieben als der Trieb, zu fliegen; aber dies
-war immerhin schon etwas. Wer den Trieb zum Schweben in sich fühlt,
-kann nie mehr mit dem Kriechen zufrieden sein. Nichtsdestoweniger
-aber kam es mir bisweilen vor, als würde ich meine Sprachschwingen
-nie so gebrauchen können, wie ich sie nach Gottes Ratschluß benutzen
-sollte; es stellten sich mir so viele Hindernisse in den Weg, ich
-mußte so viele Enttäuschungen erfahren; aber ich ermüdete nicht, da
-ich wohl wußte, daß Geduld und Ausdauer am Ende den Sieg erringen. Und
-während ich unausgesetzt an mir arbeitete, baute ich die schönsten
-Luftschlösser und gab mich den entzückendsten Träumen hin, daß einst
-eine Zeit kommen würde, da ich so sprechen würde wie andere Menschen,
-und der Gedanke an die Freude, die meine Mutter empfinden würde, wenn
-sie noch einmal meine Stimme hören könnte, versüßte mir jede Mühe und
-machte jeden Fehlschlag zu einem Ansporn, mich das nächstemal noch
-mehr anzustrengen. Daher möchte ich zu denen, die sprechen lernen, und
-ebenso zu denen, die diese sprechen lehren, sagen: Seid gutes Mutes!
-Denkt nicht an die Fehlschläge von heute, sondern an den Erfolg, der
-morgen kommen wird. Ihr habt euch eine schwierige Aufgabe gestellt,
-aber ihr werdet euer Ziel erreichen, wenn ihr Ausdauer besitzet und
-ihr werdet Freude am Ueberwinden von Schwierigkeiten, Genuß am Begehen
-rauher Pfade finden -- eine Genugtuung, die euch vielleicht nie
-zuteil würde, wenn ihr nicht ab und zu rückwärts glittet, wenn die
-Straße stets eben und glatt wäre. Beherziget die Wahrheit, daß keine
-Anstrengung, die wir machen, um ein herrliches Ziel zu erreichen, je
-verloren geht. Einst, irgendwo, irgendwie werden wir finden, was wir
-suchen. Ja, wir werden sprechen und auch singen, wie wir nach Gottes
-Ratschluß sprechen und singen +sollen+.
-
- [28] Die Buchstaben bezeichnen +englische+ Laute!
-
-
-
-
-Helen Keller als Schriftstellerin.
-
- Helen Kellers hervorragende stilistische Begabung und deren Pflege.
- -- Gute Lektüre. -- Unausgesetzte Kontrolle der Stilübungen Helens
- durch Fräulein Sullivan. -- Fräulein Sullivans Darstellung der
- Episode mit dem »Frostkönig«. -- Gegenüberstellung der beiden
- Fassungen des Märchens. -- Fräulein Canbys Aeußerungen über den
- Zwischenfall. -- Allgemeine Betrachtungen über den »Frostkönig«. --
- Kleinerer Aufsatz Helens über ihr Traumleben.
-
-
-Niemand kann Fräulein Kellers Selbstbiographie lesen, ohne die
-Empfindung zu haben, daß sie ein außergewöhnlich gutes Englisch
-schreibt. Jeder Aufsatzlehrer weiß, daß er seine Schüler dahin bringen
-kann, ohne syntaktische und phraseologische Fehler zu schreiben. Eben
-diese Korrektheit ist es, die sich Fräulein Kellers früheste Erziehung
-als ein Ziel gesteckt hat, das jedes gesunde Kind erreichen kann, für
-die aber auch die Analysis dieser Erziehung eine Erklärung bietet.
-Diejenigen, die Helen zu einer Ausnahme stempeln möchten, die sich
-durch keinerlei Analyse ihrer ersten Erziehung erklären ließe, berufen
-sich zur Unterstützung ihrer Behauptung auf die außerordentliche
-Gewandtheit, mit der sie schon als Kind die Sprache handhabte.
-
-Diese Berufung ist bis zu einem gewissen Grade gerechtfertigt, denn in
-der Tat sind der Wohllaut der Sprache und die Schönheit der Gedanken,
-die den vollendeten Stil ausmachen, freie Gaben der Götter. Kein Lehrer
-hätte Helen für die Schönheiten der Sprache und das feinere Herüber-
-und Hinüberspielen der Gedanken empfänglich machen können, das seinen
-Ausdruck in wohlklingenden Wortzusammenstellungen sucht.
-
-Andererseits kann aber die angeborene stilistische Begabung unterdrückt
-oder gepflegt werden. Kein Genie vermag aus sich selbst heraus eine
-schöne Sprache zu schaffen. Der Stoff, aus welchem sich der gute
-Stil bildet, muß dem Geiste in guter Form von außen her zugeführt
-werden. Kein noch so begabtes Kind wird ein gutes Englisch schreiben
-können, wenn es nicht von Jugend auf gutes Englisch gehört hat. In
-diesem Punkte, wie in allen anderen, hat sich Fräulein Sullivan als
-weise Lehrerin bewährt. Hätte sie kein Gefühl und keine Begeisterung
-für gutes Englisch besessen, so würde Helen Keller unter dem Einfluß
-der »Jugendliteratur« aufgewachsen sein, die unter dem Vorwande
-eines für Kinder berechneten einfachen Stils das Niveau der Sprache
-herunterdrückt, als ob Kinderbücher nicht auch in gutem Stile abgefaßt
-sein könnten, wie z. B. Robinson Crusoe.
-
-Schriebe Fräulein Sullivan ein gewähltes Englisch, so ließe sich die
-Schönheit von Helen Kellers Stil zum Teil unmittelbar erklären. Aber
-die mitgeteilten Auszüge aus Fräulein Sullivans Briefen und Berichten
-weisen, obgleich sie klar und deutlich sind, nicht die Schönheit
-auf, durch die sich Helen Kellers Englisch auszeichnet. Was sie als
-Lehrerin des Englischen geleistet hat, darf nicht nach ihrer eigenen
-stilistischen Gewandtheit bemessen werden. Der Grund, weswegen sie
-ihrer Schülerin so viele gute Bücher vorlas, liegt zum Teil darin,
-daß sie erst vor kurzem ihr Augenlicht wieder erlangt hatte. Als sie
-Helen Kellers Lehrerin wurde, war sie eben erst zum Bewußtsein der in
-den Büchern ruhenden Schätze erwacht, von denen sie während der langen
-Jahre ihrer Blindheit ausgeschlossen gewesen war.
-
-In Hauptmann Kellers Bibliothek fand sie ausgezeichnete
-Bücher vor: Lambs »~Tales from Shakespeare~« und die noch
-vortrefflicheren Schriften von Montaigne. Nach Ablauf des ersten, dem
-Elementarunterricht gewidmeten Jahres betrachtete sie ihre Schülerin
-als mit ihr auf demselben Standpunkt stehend, und nun lasen beide die
-guten Bücher zusammen, und erfreuten sich an ihnen.
-
-Außer der Wahl guter Bücher gibt es noch einen anderen Grund für
-Fräulein Kellers ausgezeichnete schriftstellerische Leistungen,
-der Fräulein Sullivans ausschließliches Verdienst ist. Es ist die
-unermüdliche und unablässige Kontrolle, die sie in ihrer gesamten
-Tätigkeit kundgibt. Sie gestattete ihrer Schülerin niemals, einen Brief
-abzuschicken, der Verstöße gegen den guten Geschmack enthielt, sondern
-ließ sie ihn immer und immer wieder abschreiben, bis er nicht nur
-fehlerlos, sondern auch gut stilisiert war.
-
-Ein weiterer Umstand, der zu Helen Kellers meisterhafter Beherrschung
-der englischen Sprache beigetragen hat, besteht gerade darin, daß
-sie des Gesichts und Gehörs beraubt ist. Die Nachteile der Taubheit
-und Blindheit waren überwunden worden, und die Vorteile blieben. Sie
-zeichnet sich vor anderen Tauben aus, weil sie unterrichtet wurde, als
-wäre sie normal. Andererseits veranlaßt sie der spezielle Wert, den
-die Sprache für sie hat (während die Vollsinnigen diese als ebenso
-selbstverständlich betrachten wie den Gebrauch ihrer rechten Hand), zum
-Nachdenken über die Sprache und zu deren Wertschätzung. Die Sprache war
-Helens Befreierin, die sie vom ersten Augenblick an liebte.
-
-Den besten Beweis für Helens frühzeitige Gewandtheit im Gebrauche der
-englischen Sprache liefert der Zwischenfall mit dem »Frostkönig«. Zu
-der Darstellung, welche Fräulein Keller selbst davon gibt,[29] tritt
-ergänzend ein Brief Fräulein Sullivans an den Leiter des »Volta-Bureau«
-John Hitz in Washington. Es heißt darin unter anderem:
-
-„Vielleicht entsinnen Sie sich, daß in meinem Aufsatz,[30] in
-dem ich Helens ungewöhnliches Gedächtnis erwähne, sich auch die
-Bemerkung findet, daß sie in ihrem Geist viele Ausdrucksformen zu
-bewahren scheint, die sie zu der Zeit, als sie ihr mitgeteilt wurden,
-wahrscheinlich noch nicht verstand, daß aber mit fortschreitender
-Entwickelung die in ihrem Gedächtnis aufbewahrte Sprache ganz
-oder teilweise ihren Ausdruck in Helens Unterhaltung oder ihren
-schriftlichen Aeußerungen findet, je nachdem sich diese Ausdrucksformen
-mehr oder weniger ihren neuen Erfahrungen anpassen.[31] Zweifellos ist
-dies bei jedem intelligenten Kinde der Fall und verdient vielleicht
-bei Helen nur von dem Gesichtspunkte aus besondere Erwähnung, daß
-man von einem des Gesichts und Gehörs beraubten Kinde nicht eine so
-bedeutende geistige Begabung erwartet, wie sie dieses kleine Mädchen
-tatsächlich zeigt. Es ist daher auch sehr leicht möglich, daß wir
-geneigt sind, vieles, was wir in Helens Entwickelung entdecken, als
-wunderbar zu betrachten, was aber in der Tat eine solche Bezeichnung
-gar nicht verdient.
-
-Ich möchte hinzufügen, daß, während ich nie verkannt habe, daß Helen
-vielfach Gebrauch von solchen Schilderungen und Vergleichen machte, wie
-sie ihrer lebhaften Phantasie und feinen poetischen Natur entsprachen,
-mich neuere Beobachtungen davon überzeugt haben, daß ich früher noch
-nicht in vollem Maße erkannt habe, bis zu welchem Grade sie sich die
-Sprache ihrer Lieblingsschriftsteller zu eigen macht. In den ersten
-Jahren ihrer Erziehung hatte ich volle Kenntnis von allen Büchern, die
-sie las, und von nahezu allen Erzählungen, die wir ihr vorlasen, und
-konnte ohne Schwierigkeit die Quelle aller Anlehnungen feststellen,
-die ich in ihren schriftlichen Aeußerungen oder ihrer Unterhaltung
-bemerkte, und ich habe mich immer recht gefreut, zu beobachten, wie
-angemessen sie die Ausdrücke eines Lieblingsschriftstellers in ihren
-eigenen Ausarbeitungen anwendet.
-
-Die folgenden Auszüge aus einigen ihrer veröffentlichten Briefe
-beweisen, wie stark dieses Vermögen, eine schöne Sprache im Gedächtnis
-zu bewahren, bei ihr ausgebildet ist. An einem schönen sonnigen Tage
-zu Beginn des Frühlings, den wir im Norden zubrachten, schien die
-balsamische Atmosphäre in ihr die Empfindung geweckt zu haben, die
-Longfellow im »Hiawatha« ausspricht, und sie singt beinahe mit dem
-Dichter: Die Erde erzitterte unter dem Jubel des neuerwachenden Lebens.
-Mein Herz sang vor lauter Freude. Ich dachte an mein teures Vaterhaus.
-Ich wußte, daß in jenem sonnigen Lande der Lenz schon in all seiner
-Pracht erschienen war, mit all seinen Vögeln und all seinen Blüten, all
-seinen Blumen und seinen Gräsern. --
-
-Um dieselbe Zeit gibt sie in einem Briefe an eine Freundin, in dem
-sie ihrer südlichen Heimat gedenkt, eine so genaue Umschreibung eines
-Gedichtes eines ihrer Lieblingsschrifststeller, daß ich die Auszüge aus
-Helens Brief und dem Gedichte selbst nebeneinanderstellen möchte.
-
- Aus dem »Spring« betitelten
- Aus Helens Brief. Gedichte von Oliver Wendell
- Holmes.
-
- ~The blue-bird with his ~The blue-bird, breathing from
- azure plumes, the thrush his azure plumes
- clad all in brown, the robin The fragrance borrowed from
- jerking his spasmodic throat, the myrtle blooms;
- the oriole drifting like a flake The thrush, poor wanderer,
- of fire, the jolly bobolink and dropping meekly down,
- his happy mate, the mockingbird Clad in his remnant of
- imitating the notes of autumnal brown;
- all, the red-bird with his The oriole, drifting like a
- one sweet trill, and the busy flake of fire
- little wren, are all making Rent by a whirlwind from
- the trees in our front yard a blazing spire;
- ring with their glad songs.~ The robin, jerking his
- spasmodic throat,
- Repeats imperious, his
- staccato note;
- The crack-brained bobolink
- courts his crazy mate,
- Poised on a bullrush tipsy
- with his weight:
- Nay, in his cage the lone
- canary sings,
- Feels the soft air, and
- spreads his idle wings.~
-
-In einem Briefe an eine Freundin im Perkinsschen Institute vom 17. Mai
-1889 gibt sie eine Nachbildung eines Andersenschen Märchens, das ich
-ihr kurz zuvor vorgelesen hatte.[32]
-
-Ihre Bewunderung für die eindrucksvollen Belehrungen, die Bischof
-Brooks ihr über die Vaterliebe Gottes erteilt hatte, war sehr groß.
-In einem seiner Briefe spricht er davon, wie Gott uns in allen Dingen
-von seiner Liebe predigt, und sagt: Er schreibt auf alle Wände des
-großen Hauses der Natur, in dem wir leben, daß er unser Vater ist. Im
-darauffolgenden Jahre sagte sie in Andover: Die Welt scheint mir voller
-Güte, Schönheit und Liebe zu sein, und wie dankbar müssen wir unserem
-himmlischen Vater sein, der uns so viel Veranlassung zur Freude gegeben
-hat! Seine Liebe und Treue stehen mit großen Lettern auf allen Wänden
-der Natur geschrieben. --
-
-Später, als Helen mit so vielen Menschen in Berührung kam, die sich
-ungezwungen mit ihr unterhalten konnten, wurde sie mit manchen Werken
-bekannt, von denen ich nichts wußte; auch fand sie in Hochdruckbüchern,
-bei deren Lektüre ich ihr nicht folgen konnte, viel Material zur
-Ausbildung ihres Geschmackes an poetischen Schilderungen. Die Blätter
-des Buches, das sie liest, werden ihr zu Gemälden, denen ihre Phantasie
-Leben und Farbe verleiht. Die Bilder, die die Sprache des Buches in
-ihrem Gedächtnis zurückläßt, scheinen einen unauslöschlichen Eindruck
-auf sie zu machen, und oft, wenn sie einer ähnlichen Situation
-gegenübersteht, strömt dieselbe Sprache mit wunderbarer Genauigkeit
-wieder hervor.
-
-Helens Geist ist so geartet, daß die leiseste Anregung genügt, ihr
-die denkbar größte Fülle äußerer Eindrücke zu vermitteln. Als wir
-eines Tages in Alabama in der Nähe der Quellen an den Hügelabhängen
-Feldblumen pflückten, schien sie gleich beim ersten Male zu begreifen,
-daß die Quellen von Bergen umgeben seien, und rief aus: Die Berge
-drängen sich um die Quellen, um ihr eigenes schönes Spiegelbild zu
-betrachten. -- Ich weiß nicht, woher sie diese Ausdrücke hatte; doch
-ist soviel klar, daß sie ihr von außen zugeflossen sein müssen, da
-es für ein des Gesichtes beraubtes Kind wohl schwerlich möglich sein
-dürfte, von selbst auf eine solche Vorstellung zu verfallen. In der
-Schilderung eines Ausflugs nach Lexington schreibt sie: -- Während wir
-weiterfuhren, konnten wir sehen, wie die Herrscher des Waldes ihre
-stolzen Wipfel zu den kleinen Kindern des Waldbodens niederbeugten,
-um den Geheimnissen zu lauschen, die diese ihnen zuflüsterten. Die
-Anemone, das wilde Veilchen, das Leberblümchen und die komischen
-kleinen aufgerollten Farne schauten uns alle unter den braunen Blättern
-hervor an. -- Sie schließt ihren Brief mit den Worten: Ich muß zu Bett
-gehen, denn Morpheus hat meine Augenlider mit seinem goldenen Stabe
-berührt. --
-
-Schon zwei Jahre vor dem Zwischenfall mit dem »Frostkönig« hatte Helen
-in einem Briefe an Herrn Anagnos (vom 2. und 3. Februar 1890) den
-wesentlichen Inhalt eines anderen Märchens von Fräulein Canby, »~The
-Rose Fairies~« als einen Traum erzählt, den sie vor langer Zeit
-gehabt habe.[33]
-
-Es mögen nun die beiden Fassungen der Frostmärchen einander
-gegenübergestellt werden.
-
-
- Die Frostelfen. Der Frostkönig.
-
- (Aus »Birdie und seine Freunde,
- die Elfen«) von Von Helen A. Keller.
- Margaret T. Canby.
-
- König Frost oder Jack Frost, König Frost wohnt in einem
- wie er mitunter genannt wird, schönen Palast fern im Norden,
- wohnt in einem kalten Lande in dem Lande des ewigem
- fern im Norden; aber jedes Schnees. Der Palast, der über
- Jahr unternimmt er eine Reise alle Beschreibung prächtig ist,
- über die ganze Erde in einem war schon vor Jahrhunderten,
- Wagen von goldenen Wolken, unter der Regierung des Königs
- der von einem starken, Gletscher, erbaut. In geringer
- pfeilschnellen Rosse, »Nordwind« Entfernung von dem Palaste
- mit Namen, gezogen wird. könnten wir ihn leicht für ein
- Wohin ihn auch sein Weg Gebirge halten, dessen Gipfel
- führt, überall verrichtet er viele sich zum Himmel erheben, um
- wunderbare Dinge: er schlägt den letzten Kuß des scheidenden
- Brücken über jeden Strom, Tages zu empfangen. Wenn
- die so durchsichtig wie Glas wir aber näher kommen, so
- und dabei doch so fest wie Eisen werden wir bald unseren Irrtum
- sind; er schläfert die Blumen bemerken. Was wir für
- und Kräuter durch eine bloße Bergesspitzen hielten, sind in
- Berührung mit seiner Hand Wahrheit Tausende von weithin
- ein, und sie beugen sich alle glänzenden Türmen. Nichts kann
- nieder und versinken in die schöner sein als die Architektur
- warme Erde, bis der Frühling dieses Eispalastes. Die
- zurückkehrt; dann zaubert Wände sind merkwürdigerweise
- er, damit wir um die Blumen aus massiven Eisblöcken
- nicht weinen, an unseren erbaut, die in klippenartige
- Fensterscheiben liebliche Ranken Türme auslaufen. Das Portal
- und Zweige seiner weißen des Palastes liegt am Ende
- nordischen Blumen oder zarte eines überwölbten Ganges und
- kleine Wälder von Elfentannen wird Tag und Nacht durch
- hin, schlohweiß und gar prächtig zwölf grimmig aussehende Eisbären
- anzusehen. Doch sein wunderbarstes bewacht.
- Werk ist die Bemalung
- der Bäume, die nach Vollendung
- der Arbeit aussehen, als Doch, Kinder, ihr müßt
- wären sie mit dem glänzendsten dem König Frost bei der ersten
- Gold und den funkelndsten Gelegenheit, die sich euch biet
- Rubinen überzogen, und schön einen Besuch abstatten und euch
- genug sind, um uns über die diesen wundervollen Palast
- Flucht des Sommers zu trösten. selber ansehen. Der alte König
- wird euch freundlich willkommen
- Ich will euch nun erzählen, heißen, denn er liebt
- wie König Frost zuerst auf den die Kinder, und es ist sein
- Gedanken an eine solche Arbeit Hauptvergnügen, ihnen Freude
- kam, denn es ist eine sonderbare zu bereiten.
- Geschichte. Ihr müßt
- wissen, daß dieser König wie
- alle andern Könige große Ihr müßt wissen, daß König Frost
- Schätze von Gold und Edelsteinen wie alle anderen Könige große
- in seinem Palaste hatte; Schätze von Gold und Edelsteinen
- da er aber ein gutmütiger besitzt: da er aber ein
- alter Mann ist, hält er seine freigebiger alter Fürst ist so
- Reichtümer nicht für immer so er bestrebt, einen richtigen
- verschlossen, sondern sucht mit Gebrauch von seinen Reichtümern
- ihrer Hilfe Gutes zu tun und zu machen. So verrichtet er,
- andere glücklich zu machen. wohin ihn auch sein Weg führt,
- Er hat zwei Nachbarn, die viele wunderbare Dinge; er
- noch weiter nördlich wohnen; schlägt Brücken über jeden
- der eine ist König Winter, ein Strom, so durchsichtig wie Glas
- rauher, unfreundlicher alter und doch oft so fest wie Eisen;
- Fürst, der so hart und grausam er schüttelt die Waldbäume, bis
- ist, daß er sich freut, wenn die reifen Nüsse lachenden
- er den Armen wehe tun und Kindern in den Schoß fallen;
- sie zum Weinen bringen kann. er schläfert mit einer
- Der andere Nachbar aber ist Berührung seiner Hand ein, und
- Santa Claus, ein stattlicher, damit wir uns nicht nach den
- gutherziger, lustiger alter strahlenden Blumengesichtern
- Mann, der gern Gutes tut sehnen, bemalt er das Laub
- und den Armen sowie den artigen mit Gold-, Purpur- und
- Kindern zu Weihnachten Smaragdfarben, und wenn er mit
- Geschenke bringt. seiner Arbeit fertig ist, so
- sind die Bäume so schön, daß
- Nun, eines Tages dachte wir uns über die Flucht
- König Frost darüber nach, was des Sommers trösten. Ich will
- er wohl mit seinem Schatze euch erzählen, wie König Frost
- gutes stiften könne, und entschloß auf den Gedanken verfallen
- sich einen Teil seinem ist, das Laub zu bemalen,
- freundlichen Nachbar Santa denn es ist eine sonderbare
- Claus zum Einkauf von Geschichte.
- Lebensmitteln und Kleidern für
- die Armen zu schicken, damit
- diese nicht so viel zu leiden Eines Tages dachte König
- hätten, wenn König Winter Frost, während er sein großes
- sich ihren Häusern näherte. Vermögen einer Durchsicht
- So rief er seine lustigen kleinen unterzog und überlegte, was
- Elfen zusammen, zeigte ihnen er damit wohl Gutes stiften
- eine Anzahl von Gefäßen und könne, mit einem Male an
- Vasen voller Gold und Edelsteine seinen freundlichen alten
- und befahl ihnen, diese Nachbar Santa Claus. Ich will
- sorgsam nach dem Palaste meine Schätze an Santa Claus
- Santa Claus’ zu tragen und senden, sagte der König zu sich
- sie ihm mit Empfehlungen von selber. Er ist der richtige Mann
- König Frost zu übergeben. Er dazu, sie gut zu verwenden,
- wird schon wissen, wie er den denn er weiß, wo die Armen
- Schatz am besten verwenden und Unglücklichen wohnen, und
- soll, setzte Jack Frost hinzu; sein gütiges altes Herz steckt
- dann befahl er den Elfen, sich immer voller Pläne, sie zu
- unterwegs nicht aufzuhalten, unterstützen. So rief er denn
- sondern sein Gebot rasch die lustigen kleinen Elfen
- auszuführen. seines Hofstaates zusammen,
- zeigte ihnen die Gefäße und,
- Die Elfen versprachen Gehorsam Vasen, die seine Schätze
- und machten sich bald enthielten, und befahl ihnen,
- auf den Weg, indem sie die sie so rasch wie möglich nach
- großen gläsernen Gefäße und Santa Claus’ Palaste zu tragen.
- Vasen nachschleppten, so gut Die Elfen versprachen Gehorsam
- sie konnten, und ab und zu ein und waren im Nu auf und davon,
- wenig über die schwere Arbeit indem sie die schweren Gefäße
- brummten; denn es waren und Vasen hinter sich
- faule Elfen, die lieber spielten herschleppten, so gut sie
- als arbeiteten. Schließlich konnten, und ab und zu
- gelangten sie in einen großen ein wenig über die schwere
- Wald, und da sie ganz ermüdet Arbeit brummten; denn es waren
- waren, beschlossen sie, faule Elfen, die lieber spielten
- ein wenig zu rasten und sich als arbeiteten. Nach einiger
- nach Nüssen umzusehen, bevor Zeit kamen sie in einen großen
- sie ihre Wanderung fortsetzten. Wald, und da sie müde und
- Damit aber der Schatz nicht hungrig waren, beschlossen sie
- gestohlen werden sollte, ein wenig zu rasten und sich
- versteckten sie die Gefäße unter nach Nüssen umzusehen, ehe
- das dichte Laub der Bäume, sie ihre Wanderung weiter
- indem sie die einen hoch oben fortsetzten. Da sie aber
- in der Nähe der Wipfel, glaubten, ihr Schatz könne ihnen
- andere an verschiedenen Stellen inzwischen gestohlen werden, so
- der Bäume unterbrachten, bis verbargen sie die Gefäße in
- sie glaubten, niemand könne dem dichten grünen Laub der
- sie mehr finden. verschiedenen Bäume und
- waren sicher, daß niemand sie
- Dann begannen sie, finden könne. Dann begannen
- umherzustreifen nach Nüssen zu sie lustig umherzustreifen, um
- suchen und auf die Bäume sich Nüsse zu suchen, auf die
- zu klettern, um die Früchte Bäume zu klettern, neugierig
- herunterzuschütteln, und in die leeren Vogelnester zu
- arbeiteten zu ihrem eigenen schauen und hinter den Bäumen
- Vergnügen viel angestrengter, Verstecken zu spielen. Diese
- als sie es je auf das Geheiß unartigen Elfen waren nun bei
- ihres Herrn getan hatten; denn ihrem Herumtollen so geschäftig
- es ist eine sonderbare Tatsache, und so lustig, daß sie ihren
- daß Elfen und Kinder Auftrag und ihres Herrn Befehl,
- sich niemals über Mühe und sich zu beeilen, ganz vergaßen,
- Arbeit beschweren, wenn sie aber bald entdeckten sie zu
- dabei ihre eigene Belustigung ihrem Verdruß, warum ihnen
- im Auge haben, während sie Eile anbefohlen worden war,
- oft brummen, wenn von ihnen denn obgleich sie ihrer Meinung
- eine Arbeit zum besten anderer nach den Schatz sorgfältig
- verlangt wird. versteckt hatten, so hatten die
- strahlenden Augen der Königin
- Die Frostelfen waren bei Sonne doch die Gefäße zwischen
- ihrem Nüssesammeln so geschäftig dem Laube erspäht, und da sie
- und ausgelassen, daß und König Frost sich über die
- sie bald ihren Auftrag und beste Art, der Welt Gutes zu
- den Befehl des Königs, sich zu tun, nie einigen konnten, so
- beeilen, vergaßen; als es aber war sie froh, eine gute
- bei ihrem Spiele Mittag wurde, Gelegenheit zu haben, ihrem ein
- sahen sie endlich den Grund wenig rauhen Nebenbuhler
- ein, weshalb ihnen Eile einen Streich zu spielen.
- anbefohlen worden war; denn, Königin Sonne lachte still vor
- obgleich sie ihrer Meinung sich hin, als die zarten Gefäße
- nach den Schatz sehr sorgfältig zu schmelzen und zu zerbrechen
- versteckt hatten, so hatten sie begannen. Schließlich waren
- ihn doch nicht vor der Gewalt alle Gefäße und Vasen gesprungen
- der Frau Sonne geschützt, die oder entzweigegangen,
- eine Feindin Jack Frosts war und ebenso schmolzen die
- und sich freute, wenn sie ihm in ihnen enthaltenen Edelsteine
- einen Schabernack spielen und und rannen in kleinen Strömen
- Schaden zufügen konnte. über die Bäume und Sträuche
- des Waldes.
- Ihre strahlenden Augen
- entdeckten bald die Gefäße mit
- dem Schatze auf den Bäumen, Noch bemerkten die faulen
- und da die faulen Elfen sie Elfen nicht, was sich ereignete,
- bis zur Mittagsstunde, wenn denn sie hatten sich in das Gras
- Frau Sonne am stärksten ist, gelagert, und es dauerte lange,
- hier gelassen hatten, so begann ehe der wunderbare Schatzregen
- das zarte Glas zu schmelzen sie erreichte; schließlich
- und zu zerbrechen, und in aber hörten sie deutlich, wie
- kurzer Zeit waren alle Gefäße die Tropfen gleich einem Regen
- und Vasen gesprungen oder im ganzen Walde herabfielen
- entzwei gegangen, und ebenso und von einem Blatt zum
- schmolzen die in ihnen enthaltenen anderen glitten, bis sie auf
- kostbaren Schätze und die kleinen Sträucher, neben
- rannen in Strömen von Gold denen die Elfen saßen,
- und Purpur langsam über die herabklatschten. Jetzt
- Bäume und Sträucher des entdeckten sie zu ihrem
- Waldes. Erstaunen, daß die Regentropfen
- geschmolzene Rubine waren, die
- Eine Zeitlang bemerkten auf den Blättern erstarrten und
- die Frostelfen dieses sonderbare sie augenblicklich mit Purpur
- Ereignis nicht, denn sie hatten und Gold überzogen. Dann sahen
- sich in das Gras gelagert, so sie, als sie sich genauer
- weit von den Wipfeln der umblickten, daß ein großer Teil
- Bäume entfernt, daß es lange des Schatzes bereits geschmolzen
- dauerte, ehe der wunderbare war, denn die Eichen- und
- Schatzregen sie erreichte; endlich Ahornbäume waren in prächtige
- aber sagte der eine von Gewänder von Gold-,
- ihnen: Horch, ich glaube, es Purpur- und Smaragdfarbe
- regnet; ich höre die gehüllt. Es gewährte einen sehr
- niederfallenden Tropfen. Die schönen Anblick; aber die
- anderen lachten und erklärten ihm, ungehorsamen Elfen waren zu sehr
- es regne selten, wenn die Sonne erschrocken, als daß sie die
- scheine; als sie aber genauer Schönheit der Bäume hätten
- aufpaßten, hörten sie deutlich, wahrnehmen können. Sie
- wie im ganzen Walde die fürchteten, König Frost könne
- Tropfen von den Bäumen kommen und sie strafen. So
- herabfielen und von einem versteckten sie sich denn
- Blatt zum anderen glitten, bis zwischen den Sträuchern und
- sie auf die Brombeersträucher, warteten schweigend auf das, was
- neben denen die Elfen saßen, sich ereignen würde. Ihre
- herabklatschten. Jetzt entdeckten Befürchtungen waren
- sie zu ihrem großen Verdruß, wohlbegründet, denn ihre lange
- daß die Regentropfen Abwesenheit hatte den König
- geschmolzene Rubinen waren, beunruhigt, er bestieg den
- die auf den Blättern erstarrten Nordwind und ritt aus, um
- und sie augenblicklich mit seine säumigen Boten zu suchen.
- leuchtendem Rot überzogen. Als Natürlich war er noch nicht
- sie sich dann die Bäume ringsum weit gekommen, als er das
- genauer ansahen, bemerkten Glänzen des Laubes bemerkte,
- sie, daß der gesamte Schatz und er erriet rasch die Ursache
- wegschmolz und daß sich ein davon, als er die zerbrochenen
- großer Teil davon bereits über Gefäße bemerkte, aus denen
- die Blätter der Eichen und der Schatz noch immer herunter
- Ahornbäume ergossen hatte, tropfte. Zuerst war König
- die in ihrem prächtigen Gewande Frost sehr zornig, und die Elfen
- von Gold und Bronze, zitterten und duckten sich noch
- Purpur und Smaragd weithin tiefer in ihre Verstecke, und
- leuchteten. Es gewährte einen ich weiß nicht, was geschehen,
- sehr schönen Anblick; aber die wäre, wenn nicht gerade in
- faulen Elfen waren über das diesem Augenblick eine Schar
- Unglück, das ihr Ungehorsam von Knaben und Mädchen den
- verschuldet hatte, zu sehr, Wald betreten hätte. Als die
- erschricken, als daß sie die Kinder die Bäume alle in den
- Schönheit des Waldes hätten herrlichen Farben schimmern
- bewundern können, und im Nu sahen, klatschten sie in die
- suchten sie sich in dem Gebüsch Hände, stießen ein
- zu verstecken, damit König Freudengeschrei aus und begannen
- Frost sie nicht finden und sofort große Sträuße zu
- strafen könne. pflücken, um sie mit nach Hause
- zu nehmen. Die Blätter sind so
- Ihre Befürchtungen waren hübsch wie die Blumen! riefen
- wohlbegründet, denn ihre lange sie in ihrem Entzücken. Ihre
- Abwesenheit hatte den König Freude verscheuchte den Zorn aus
- beunruhigt, und er hatte sich König Frosts Herzen und glättete
- aufgemacht, um nach seinen seine gerunzelten Augenbrauen,
- lässigen Dienern zu sehen, und und auch er begann die bemalten
- eben, als sie sich alle versteckt Bäume zu bewundern. Er
- hatten, kam er langsam sagte zu sich selber: Meine
- einhergeschritten und sah sich Schätze sind nicht verloren,
- überall nach den Elfen um. wenn sie kleine Kinder glücklich
- Natürlich bemerkte er bald das machen. Meine faulen
- Glänzen des Laubes und entdeckte Elfen und meine grimmige
- auch deren Ursache, als er die Feindin haben mich eine neue
- zerbrochenen Gefäße und Vasen Art, Gutes zu tun, gelehrt.
- erblickte, aus denen der
- geschmolzene Schatz noch immer
- heruntertropfte. Und als er Als die Elfen dies hörten,
- zu den Nußbäumen kam und wurde es ihnen bedeutend
- die von den faulen Elfen leichter ums Herz, und sie kamen
- zurückgelassenen Schalen und die aus ihren Verstecken hervor,
- Spuren ihres Umhertollens gestanden ihre Schuld ein und
- bemerkte, wußte er sofort, was baten ihren Herrn um Verzeihung.
- sie angestellt hatten und daß
- sie ihm ungehorsam gewesen
- waren, indem sie bei ihrer Seit dieser Zeit hat es
- Wanderung durch den Wald König Frost stets großes
- gespielt und die Zeit versäumt Vergnügen gemacht, die Blätter
- hatten. mit den glühenden Farben,
- die wir im Herbste erblicken,
- König Frost runzelte die zu bemalen, und wenn sie nicht
- Stirn und machte zuerst ein mit Gold und Edelsteinen bedeckt
- sehr böses Gesicht, und seine sind, so kann ich mir nicht
- Elfen zitterten vor Furcht und denken, was sie so glänzend
- duckten sich noch tiefer in ihre macht; könnt ihr es euch
- Verstecke. In diesem Augenblick vielleicht denken?
- aber kamen zwei kleine
- Kinder daher gehüpft, und
- obgleich sie den König Frost und
- die Elfen nicht sehen konnten,
- bemerkten sie doch die prächtige
- Färbung des Laubes, lachten
- vor Entzücken und begannen
- große Sträuße für ihre Mutter
- zu pflücken. Die Blätter sind
- so schön wie Blumen, sagten
- sie, nannten die gelben
- »Butternäpfchen« und die roten
- »Rosen« und waren sehr fröhlich,
- als sie singend durch den Wald
- weiter zogen.
-
- Ihre Freude besänftigte
- König Frosts Zorn; auch er
- begann die bemalten Bäume
- zu bewundern und sagte
- schließlich zu sich selber:
- Meine Schätze sind nicht
- verloren, wenn sie kleine Kinder
- glücklich machen. Ich will
- meinen faulen, gedankenlosen
- Elfen nicht zürnen, denn sie
- haben mich eine neue Art, Gutes
- zu tun, gelehrt. Als die
- Frostelfen diese Worte hörten,
- krochen sie einer nach dem
- anderen aus ihren Verstecken
- hervor, knieten vor ihrem
- Herrn nieder, gestanden ihre
- Schuld ein und baten ihn um
- Verzeihung. Er war zwar noch
- eine Weile ungehalten und schalt
- sie tüchtig aus; bald aber wurde
- er milder und erklärte, er wolle
- ihnen diesmal noch verzeihen;
- ihre einzige Strafe solle darin
- bestehen, daß sie noch mehr
- Schätze in den Wald tragen und
- in den Bäumen verstecken
- sollten, bis das gesamte Laub
- mit Hilfe der Frau Sonne mit
- Gold- und Purpurfarben bedeckt
- sei.
-
- Die Elfen dankten ihm für
- seine Verzeihung und
- versprachen, recht angestrengt
- zu arbeiten, um seine Huld
- wiederzugewinnen, und der
- gutherzige König nahm sie alle
- auf seine Arme und trug sie
- sicher heim in seinen Palast.
- Von dieser Zeit an, glaube ich,
- ist es ein Teil von Jack Frosts
- Aufgaben, die Bäume mit den
- glühenden Farben, die wir im
- Herbste erblicken, zu bemalen,
- und wenn sie nicht mit Gold
- und Edelsteinen bedeckt sind,
- so weiß ich nicht, auf welche
- Weise er sie so glänzend macht;
- wißt ihr es vielleicht?
-
- * * * * *
-
-Wenn das Märchen von den »Frostelfen«, bemerkt Fräulein Sullivan zu den
-beiden Erzählungen, Helen im Sommer 1888 vorgelesen wurde, so konnte
-sie damals noch nicht viel davon verstanden haben, denn sie hatte erst
-seit dem März 1887 Unterricht gehabt.
-
-Ist es möglich, daß die Sprache des Märchens in ihrem Geiste
-schlummernd gelegen hat, bis meine Schilderung von der Schönheit
-der Herbstlandschaft sie ihr im Jahre 1891 wieder lebendig vor ihr
-geistiges Auge brachte?
-
-Noch eine andere Tatsache ist in diesem Zusammenhange von großer
-Bedeutung. Das Märchen »Die Rosenelfen« war in demselben Bande
-erschienen wie »Die Frostelfen« und somit Helen wahrscheinlich um
-dieselbe Zeit wie dieses vorgelesen worden.
-
-Nun spricht Helen in ihrem Briefe vom Februar 1890 (s. oben S. 328),
-von diesem Märchen Fräulein Canbys als +von einem Traume, den sie
-vor sehr langer Zeit als ganz kleines Kind gehabt habe+. Sicherlich
-werden anderthalb Jahre einem kleinen Mädchen wie Helen als »sehr lange
-Zeit« erscheinen; wir haben daher Veranlassung zu der Annahme, daß die
-Märchen ihr spätestens im Sommer 1888 vorgelesen worden sein müssen.
-
- * * * * *
-
-Helen Keller erwähnt (S. 68) einen freundlichen Brief, den ihr Fräulein
-Canby geschrieben habe. Auch mit Fräulein Sullivan trat die genannte
-Dame in Briefwechsel. So schrieb sie ihr z. B. am 9. März 1892 unter
-anderem: „Was für einen wunderbar regen Geist und was für ein treues
-Gedächtnis muß dieses begabte Kind besitzen! Hätte sich Helen eines
-kurzen Märchens erinnert und es niedergeschrieben, kurz nachdem sie
-es gehört hatte, so würde dies schon ein Wunder gewesen sein; aber
-das Märchen ein einzigesmal vor drei Jahren gehört zu haben und noch
-dazu auf eine Weise, daß weder ihre Eltern noch ihre Lehrerin darauf
-zurückkommen und die Erinnerung daran auffrischen konnten, und dann
-imstande gewesen zu sein, es so lebendig wiederzugeben und sogar noch
-einige selbständige Striche hinzuzufügen, die in völligem Einklang mit
-dem übrigen stehen und das Original in der Tat verbessern -- das ist
-etwas, was sehr wenige Mädchen reiferen Alters, die im Besitze aller
-Vorteile des Sehens, Hörens und selbst großer schriftstellerischer
-Begabung sind, so gut geleistet hätten, wenn sie überhaupt dazu
-imstande gewesen wären. Unter diesen Umständen sehe ich nicht ein,
-wie irgendjemand so lieblos sein kann, dies ein Plagiat zu nennen;
-es ist eine wunderbare Leistung des Gedächtnisses und steht einzig
-in seiner Art da. Ich habe viele Kinder gekannt, habe mein ganzes
-Leben in ihrer Mitte zugebracht und kenne keinen größeren Genuß, als
-mich mit ihnen zu unterhalten, sie zu erheitern und ihre Geistes-
-und Charakterzüge ruhig zu beobachten; aber ich entsinne mich keines
-Mädchens von Helens Alter, das den gleichen Wissensdurst gehabt und
-über dieselbe Fülle literarischer und allgemeiner Bildung sowie über
-dieselbe schriftstellerische Begabung verfügt hätte wie Helen. Sie ist
-in der Tat ein Wunderkind. Vielen Dank für Helens Tagebuch! Es läßt
-mich klarer als zuvor die große Enttäuschung erkennen, die das liebe
-Kind zu erdulden gehabt hat. Bitte, sagen Sie ihr, wie sehr ich sie in
-mein Herz geschlossen habe und daß sie sich keine Gedanken mehr darüber
-machen soll. Niemand darf sagen, sie habe unrecht getan, und eines
-Tages wird sie eine große schöne Erzählung oder ein Gedicht schreiben,
-das vielen Menschen Freude machen wird. Sagen Sie ihr, ein paar bittere
-Tropfen seien in jedermanns Lebenskelch enthalten, und es bleibe uns
-nichts anderes übrig, als die bitteren geduldig, und die süßen dankbar
-hinzunehmen.“
-
- * * * * *
-
-Der Zwischenfall hatte, wie aus Helens eigener Darstellung hervorgeht,
-auf sie und auf Fräulein Sullivan eine geradezu vernichtende Wirkung.
-Letztere fürchtete, der Neigung zur Nachahmung, die in Wirklichkeit
-Fräulein Keller zur Schriftstellerin gemacht hat, allzugroßen
-Spielraum gelassen zu haben. Aber jetzt, da sie auf der Universität
-zusammen mit ihrem Zögling in die Geheimnisse des geistigen Schaffens
-eingedrungen ist, weiß sie, daß der Stil jedes Schriftstellers und
-in der Tat jedes Menschen, mag er gebildet oder ungebildet sein,
-eine Erinnerung ist, die sich aus allem, was er gelesen und gehört
-hat, zusammensetzt. Der Quellen seines Wortschatzes ist er sich
-größtenteils so wenig bewußt wie des Augenblickes, in dem er die
-Nahrung zu sich nahm, die einen Teil seines Daumennagels bilden sollte.
-Bei der Mehrzahl von uns kreuzen und vermischen sich die Zuflüsse
-aus den verschiedensten Quellen. Ein Kind, dem nur wenige Quellen
-zur Verfügung stehen, kann das, was es aus jeder einzelnen zieht,
-getrennt halten. In dieser Lage war Helen Keller, die den Wortlaut
-einer Geschichte, die sie zu der Zeit, als sie ihr vorgelesen wurde,
-noch nicht ganz verstand, fast unverändert und ohne Vermischung mit
-anderen Vorstellungen in ihrem Geiste bewahrte. Die Bedeutung dieses
-Umstandes kann nicht hoch genug bewertet werden. Er liefert den
-Beweis dafür, daß der Geist des Kindes Worte in sich aufspeichert,
-die es gehört hat, und daß diese hier gleichsam auf der Lauer liegen,
-stets bereit, hervorzutreten, wenn der äußere Anreiz dazu eintritt.
-Der Grund, weswegen wir diesen Prozeß bei normalen Kindern nicht
-wahrnehmen, liegt darin, daß wir sie selten als Ganzes beobachten, und
-daß sie ihre geistige Nahrung aus so vielen Quellen beziehen, daß die
-Erinnerungsbilder verworren sind und sich gegenseitig aufheben. Das
-Märchen vom »Frostkönig« trat jedoch nicht unverändert aus Helens Geist
-hervor, sondern war durch die Eigenart des Kindes umgeformt worden
-und hatte sich in Worte gekleidet, die aus anderen Quellen stammten.
-Der Stil von Helens Fassung ist sogar in manchen Beziehungen besser
-als der von Fräulein Canbys Erzählung. Sie weist die naive Phantasie
-eines echten Volksmärchens auf, während Fräulein Canbys Erzählung
-ersichtlich für Kinder von einer älteren Person geschrieben ist, die
-die Art und Weise eines Feenmärchens annimmt und didaktische Wendungen
-nicht immer vermeidet. Helens Märchen ist in demselben Sinne ein
-Original, wie die dichterische Bearbeitung einer alten Sage ein solches
-ist.
-
-Aller Sprachgebrauch beruht auf Nachahmung, und jemandes Stil ist ein
-Ausfluß aller Stilarten, die ihm vorgekommen sind.
-
-Der einzige Weg, ein gutes Englisch schreiben zu lernen, ist der, es zu
-lesen und zu hören. Daher kommt es, daß man jedes Kind ein korrektes
-Englisch lehren kann, wenn man es kein anderes lesen oder hören läßt.
-Bei einem Kinde ist die Scheidung des Besseren von dem Schlechteren
-nicht bewußt; es ist der Sklave seiner sprachlichen Erfahrung.
-
-Der gewöhnliche Mensch wird sich nie von der irrigen Auffassung
-losmachen können, daß die Worte dem Gedanken gehorchen, daß man zuerst
-denkt und das Gedachte dann in Worte kleidet. Es muß allerdings zuerst
-die Absicht, der Wunsch vorhanden sein, etwas auszusprechen, aber der
-Gedanke nimmt meistenteils erst dann feste Form an, wenn er in Worte
-gekleidet ist; auf jeden Fall wird der Gedanke dadurch, daß er in
-Worten ausgedrückt wird, ein selbständiges Gebilde. Worte rufen oft
-Gedankengänge hervor, und wer das Wort beherrscht, wird Bedeutenderes
-sagen, als er sonst vermöchte. Als Helen Keller den »Frostkönig«
-schrieb, sagte sie mehr, als sie selbst glaubte.
-
-Wer einen Satz aus Wörtern bildet, spricht nicht seine Weisheit aus,
-sondern die Weisheit des Volkes, dessen Leben in den Worten enthalten
-ist, selbst wenn sie vorher noch nie in dieser bestimmten Weise
-zusammengesetzt worden sind. Wer Geschichten schreiben kann, denkt an
-zu schreibende Geschichten. Das Medium der Sprache ruft den Gedanken
-hervor, den es begleitet, und je bedeutender das Medium ist, desto
-tiefer sind die Gedanken.
-
-Gebildet ist der, dessen Ausdrucksweise gebildet ist. Der Träger des
-Denkens ist die Sprache, und im Gebrauch der Sprache muß das taube Kind
-so gut wie jedes andere unterrichtet werden. Gebt ihm die Sprache,
-und es erhält mit ihr das Material, aus dem die Sprache gebildet ist,
-das Denken und die Erfahrungen seines Volkes. Die Sprache muß eine
-von einem Volke gebrauchte sein, nicht ein Kunstprodukt. Volapük ist
-ein Unsinn. Das taube Kind, das nur die Gebärdensprache kennt, bleibt
-bei allen Völkern ein Fremdling; seine Gedanken sind nicht die eines
-Engländers, eines Deutschen oder eines Franzosen. Das Vaterunser in der
-Zeichensprache ist nicht das Vaterunser im Englischen.
-
-De Quincey sagt in seiner Abhandlung über den Stil, das beste Englisch
-finde sich in den Briefen der gebildeten vornehmen Engländerinnen,
-weil diese nur einige gute Bücher gelesen haben und nicht durch den
-Zeitungsstil, den Jargon der Straße, des Marktes und der öffentlichen
-Versammlungen verdorben worden sind.
-
-Genau diese selben äußeren Umstände kommen für Helen Kellers Englisch
-in Betracht. In den ersten Jahren ihrer Erziehung bekam sie nur
-gute Sachen zum Lesen; einiges darunter war allerdings trivial und
-zeichnete sich auch nicht besonders durch seinen Stil aus, aber
-nichts war nach Form oder Inhalt geradezu schlecht. Diese glücklichen
-Verhältnisse haben ihr ganzes bisheriges Leben lang angedauert. Sie hat
-sich an Werken der Phantasie genährt und aus diesen den Stil großer
-Schriftsteller in ihr starkes, zähes Gedächtnis aufgenommen. Als sie
-zwölf Jahre alt war, wurde sie gefragt, was für ein Buch sie auf eine
-lange Eisenbahnfahrt mitnehmen wolle. »Das verlorene Paradies«, war
-ihre Antwort, und sie las das Werk im Zuge.
-
-In den Tagen, als Helen den ersten Entwurf ihrer Lebensgeschichte
-für den »Youth’s Companion« verfaßte,[34] schrieb ihr ~Dr.~
-Holmes: „Ich bin entzückt über den Stil Ihrer Briefe. Es ist nichts
-Affektiertes in ihnen enthalten, und da sie Ihnen unmittelbar von
-Herzen kommen, so gehen sie auch mir unmittelbar zu Herzen.“
-
-In den Jahren des Uebergangs vom Kinde zur Jungfrau verlor Helens
-Stil seine frühere Schlichtheit und wurde steif und, wie sie sich
-selbst ausdrückte, gedrechselt. Damals wurde Fräulein Sullivan oft
-von der Furcht befallen, daß die Fortschritte ihrer Schülerin mit dem
-Ende der Kindheit aufhören würden. Zuweilen schien es Fräulein Keller
-an Geschmeidigkeit zu gebrechen; ihr Gedankengang bewegte sich in
-herkömmlichen Redewendungen, und sie schien nicht die Kraft zu haben,
-diese zu ändern oder in neue Bahnen zu lenken, und erst als sie die
-Kunst des Ausdrucks zum Gegenstand eines bewußten Studiums gemacht hat,
-hat sie aufgehört, das Opfer der Phrase zu sein. Charles T. Copeland,
-der lange Jahre hindurch Professor der englischen Sprache und Literatur
-an der Harvard- und der Radcliffe-Universität gewesen ist, erklärte
-einst: „In einigen ihrer Arbeiten hat sie gezeigt, daß sie besser
-schreiben kann, als irgend ein Schüler oder eine Schülerin, die ich je
-gehabt habe. Sie besitzt ein ausgezeichnetes »Ohr« für den Fluß der
-Perioden.“ --
-
-In allem, was Fräulein Keller geschrieben hat, zeigt sich, wie bei den
-meisten großen englischen Schriftstellern, unverkennbar der Einfluß
-des Stils der Bibel. In ihrer Selbstbiographie finden sich viele
-Zitate aus der Bibel, entweder als gesonderte Einfügungen in den
-Text oder in diesen hineinverwoben, während das Ganze ein durchaus
-selbständiges Gepräge trägt. Ihr Wortschatz umfaßt alle Ausdrücke, die
-andere gebrauchen, und die Erklärung dieser Erscheinung und zugleich
-das Vernunftmäßige, das darin liegt, muß jedermann einleuchten. Es
-liegt kein Grund vor, warum sie alle Wörter, die einen Gehörs- oder
-Gesichtseindruck bezeichnen, aus ihrem Wörterbuche streichen sollte.
-Solange sie die Wörter richtig gebraucht, sollte man ihr das Recht
-einräumen, sie nach freiem Ermessen zu verwenden und dürfte von ihr
-nicht verlangen, daß sie sich auf einen Wortschatz beschränke, der
-ihrem Mangel an Seh- und Hörvermögen entspreche. In Bezug auf die
-Form sowohl wie den Inhalt ihres Buches müssen wir der Künstlerin
-zugestehen, was wir der Autobiographin versagen. Dazu kommt, daß für
-»wahrnehmen« von den Blinden die Ausdrücke »blicken« und »sehen«
-und von den Tauben »hören« gebraucht werden; es sind allgemein
-verständliche und gebräuchlichere Wörter. Nur ein Wortklauber könnte
-daran denken, den Blinden auf den Terminus »wahrnehmen« festnageln
-zu wollen, wenn »sehen« und »blicken« um so viel natürlicher sind
-und außerdem allgemein sowohl die Bedeutung des geistigen wie des
-sinnlichen Erkennens haben. Wenn Fräulein Keller eine Statue befühlt,
-so sagt sie in ihrer natürlichen Ausdrucksweise, während ihre Finger
-über den Marmor gleiten: Sie sieht aus wie ein Kopf der Flora. --
-
-Andererseits ist es richtig, daß sie in ihren Schilderungen das
-künstlerisch Beste dann leistet, wenn sie sich streng an ihre eigenen
-sinnlichen Wahrnehmungen hält, und genau dasselbe gilt von allen
-Künstlern.
-
-Infolge des Unterrichts in der letzten Zeit hat sie gelernt, ein gut
-Teil ihrer herkömmlichen Ausdrucksweise über Bord zu werfen und über
-Erfahrungen ihres Lebens zu schreiben, die sie selbst gewonnen hat. Sie
-hat mehr und mehr begonnen, den Stil aufzugeben, den sie aus Büchern
-entlehnte und den sie zu gebrauchen suchte, weil sie wie andere
-Menschen zu schreiben wünschte; sie hat gelernt, daß sie das Beste
-gibt, wenn sie »fühlt«, wie die Lilien hin- und herschwanken, sich die
-Rosen in die Hand drücken läßt und von der Hitze spricht, die für sie
-Licht bedeutet.
-
-Fräulein Kellers Selbstbiographie umfaßt nahezu alles, was sie zu
-veröffentlichen beabsichtigte.[35] Es existieren jedoch noch einige
-kleinere Aufsätze, die weder so formlos wie ihre Briefe noch so
-sorgfältig abgefaßt sind wie ihre Lebensgeschichte. Einer von diesen
-enthält Mitteilungen über ihr Traumleben, die bei einer Blinden von
-doppeltem Interesse sind; wir lassen ihn daher noch in Uebersetzung
-folgen.
-
- * * * * *
-
-„O, die Streiche, die die Nixe von Traumland uns während des Schlafes
-spielen! Ich glaube, es sind die Spaßmacher des himmlischen Hofhalts.
-Oft nehmen sie die Gestalt von Aufsatzthemen an, um mich zu verspotten,
-sie stolzieren auf der Bühne des Schlafes wie die törichten Jungfrauen
-einher, nur daß sie anstatt der leeren Lampen saubere Kollegienhefte
-in ihren Händen halten. Ein andermal examinieren sie mich kreuz und
-quer in allen Fächern, die ich je studiert habe, und stellen Fragen an
-mich, die so leicht zu beantworten sind, wie die folgende: Wie hieß
-die erste Maus, über die sich Hippopotamos, der Satrap von Cambridge
-unter Astyages, dem Großvater Kyros’ des Großen, ärgerte? Ich wache vor
-Entsetzen auf, während mir noch die Worte in den Ohren klingen: Eine
-Antwort oder das Leben!
-
-Solchergestalt sind die verzerrten Phantasien, die durch die Seele
-eines Mädchens ziehen, das die Universität besucht und, wie ich
-es tue, in einer Atmosphäre von Ideen und Begriffen lebt, die halb
-Gedanken, halb Gefühle sind, die sich gegenseitig drängen und jagen,
-bis man beinahe verrückt wird. Ich habe selten Träume, die nicht im
-Zusammenhange mit dem stehen, was ich wirklich denke und fühle; aber
-eines Nachts schien sich meine ganze Natur verwandelt zu haben, und
-ich stand als mächtiger, furchtbarer Mann vor den Augen der Welt da.
-Selbstverständlich liebe ich den Frieden und hasse den Krieg nebst
-allem, was zum Kriege gehört; in der blutbefleckten Laufbahn Napoleons
-erblicke ich nichts Bewundernswertes, abgesehen von seinem Ende.
-Nichtsdestoweniger war in jener Nacht der Geist jenes mitleidslosen
-Menschenschlächters in mich gefahren! Ich werde es nie vergessen,
-wie die Kampfeswut in meinen Adern tobte -- es schien, als wolle das
-stürmische Schlagen meines Herzens mir den Atem nehmen. Ich ritt einen
-feurigen Renner -- ich kann noch jetzt das ungeduldige Emporwerfen
-seines Kopfes und den Schauer fühlen, der beim ersten Kanonendonner
-durch seinen Körper rann.
-
-Von dem Gipfel des Hügels aus, auf dem ich stand, sah ich meine Truppen
-über eine sonnenbeschienene Ebene anstürmen wie zornige Wellen,
-und als sie sich bewegten, erblickte ich das Grün der Felder, das
-aussah wie die kühlen Täler zwischen den Wogen. Trompeten erklangen
-mitten in den unaufhörlichen Trommelwirbel und den Massenschritt der
-heranmarschierenden Bataillone hinein. Ich spornte mein schnaubendes
-Roß, schwang mein Schwert in die Höhe und rief: Ich komme! Blickt auf
-mich, Krieger -- Europa! Ich stürzte mich in die heranbrausenden Wogen
-wie ein starker Schwimmer in die Brandung taucht und stieß -- ach, es
-ist die Wahrheit! -- gegen den Bettpfosten.
-
-Jetzt schlafe ich selten, ohne zu träumen; bevor aber Fräulein Sullivan
-zu mir kam, waren meine Träume selten und mit Ausnahme derer von rein
-physischer Natur, gedankenarm und zusammenhanglos. In meinen Träumen
-fiel stets etwas plötzlich und schwer herab, und mitunter schien mich
-meine Wärterin für mein unfreundliches Benehmen, das ich im Laufe des
-Tages gegen sie gezeigt hatte, zu züchtigen und mir meine Fußtritte und
-mein Kneifen mit Wucherzinsen heimzuzahlen. Ich fuhr aus meinem Schlafe
-empor unter verzweifelten Anstrengungen, meiner Peinigerin zu entgehen.
-Ich aß sehr gern Bananen und eines Nachts träumte mir, ich fände eine
-lange Schnur mit diesen Früchten in dem Speisezimmer, in der Nähe des
-Buffets, alle geschält und von köstlicher Reife, und alles, was ich zu
-tun hatte, war, daß ich mich unter die Schnur stellte und aß, soviel
-ich konnte.
-
-Nachdem Fräulein Sullivan zu mir gekommen war, träumte ich umso öfter,
-je mehr ich lernte; aber mit dem Erwachen meines Geistes stellten
-sich oft schreckhafte Phantasien und unbestimmte Furchtanwandlungen
-ein, die meinen Schlaf lange Zeit zu einem sehr unruhigen machten.
-Ich fürchtete mich vor der Dunkelheit und liebte das Kaminfeuer.
-Sein warmer Hauch kam mir wie die Liebkosung einer Menschenhand vor,
-ich glaubte wirklich, es sei ein beseeltes Wesen, imstande, mich zu
-lieben und zu beschützen. An einem kalten Winterabend war ich allein
-in meinem Zimmer. Fräulein Sullivan hatte das Licht gelöscht und war
-fortgegangen, in der Meinung, ich schliefe schon. Mit einem Male fühlte
-ich mein Bett erzittern, und es war mir, als spränge ein Wolf auf mich
-zu und heulte mich an. Es war nur ein Traum, aber ich hielt ihn für
-Wirklichkeit und geriet in das größte Entsetzen. Ich wagte nicht zu
-schreien, aber ich wagte auch nicht im Bett zu bleiben. Vielleicht war
-der Traum eine verworrene Erinnerung an das Märchen vom Rotkäppchen,
-das ich vor kurzem gehört hatte. Jedenfalls schlüpfte ich aus dem
-Bett und kauerte mich dicht neben dem Feuer nieder, das noch nicht
-ausgebrannt war. Sobald ich seine Wärme fühlte, war ich beruhigt, und
-ich saß lange Zeit da und sah es in leuchtenden Wogen höher und immer
-höher steigen. Schließlich übermannte mich der Schlaf, und als Fräulein
-Sullivan zurückkehrte, fand sie mich in eine Decke gehüllt am Herde
-liegen.
-
-Oft, wenn ich träume, ziehen Gedanken durch meinen Sinn wie vermummte
-Schatten, schweigend und in weiter Ferne, und verschwinden dann.
-Vielleicht sind es die Geister von Gedanken, die einst den Geist eines
-Vorfahren von mir bevölkerten. Zu anderen Zeiten fallen die Dinge,
-die ich gelernt habe, und die, in denen ich unterrichtet worden bin,
-von mir ab, wie die Eidechse ihre Haut abstreift, und ich erblicke
-dann meine Seele so, wie Gott sie sieht. Es gibt auch schöne, seltene
-Augenblicke, in denen ich im Traumland sehe und höre. Wie, wenn in
-meinen wachen Stunden ein Ton durch die schweigenden Hallen des Gehörs
-erklänge? Wie, wenn ein Strahl des Lichtes durch die dunklen Gemächer
-meiner Seele blitzte? Was würde sich dann ereignen? frage ich mich
-immer und immer wieder. Würde die allzustraff gespannte Saite des
-Lebens springen? Würde das Herz, überwältigt von freudigem Schreck,
-infolge des Uebermaßes von Glück aufhören zu schlagen?
-
- [29] Vergl. S. 62 ff.
-
- [30] Gemeint ist der Beitrag Fräulein Sullivans zu dem von dem
- genannten Bureau herausgegebenen »Souvenir Helen Keller« (vergl.
- S. 205).
-
- [31] Fräulein Sullivan führt in ihrem Aufsatze folgendes an: Im
- Laufe des Winters (1891/92) ging ich mit Helen einmal während
- eines leichten Schneegestöbers in den Hof und ließ sie die
- herunterfallenden Flocken befühlen. Sie schien sich darüber
- sehr zu freuen. Als wir wieder hineingingen, äußerte sie
- folgende Worte: ~Out of the cloud-folds of his garments Winter
- shakes the snow~. Ich fragte sie, wo sie dies gelesen habe, sie
- erwiderte, sie könne sich nicht erinnern, es gelesen zu haben,
- und schien sich auch nicht zu entsinnen, daß ihr die Worte von
- irgend jemand mitgeteilt worden seien. Da ich selbst diese Worte
- nie gehört hatte, fragte ich mehrere meiner Bekannten, ob sie
- sich ihrer erinnern könnten; doch schien dies bei niemand von
- ihnen der Fall zu sein. Die Lehrer des Instituts versicherten,
- daß diese Stelle sich in keinem in Hochdruck hergestellten
- Buche der Bibliothek befinde; aber eine Dame, Fräulein Marret,
- unterzog sich der Aufgabe, mit gewöhnlichen Typen gedruckte
- Gedichtsammlungen durchzusehen, ihre Mühe wurde auch belohnt,
- sie fand in einem der kleinen Gedachte Longfellows mit dem
- Titel: »~Snow-flakes~« folgende Verse:
-
- ~Out of the bosom of the air,
- Out of the cloud-folds of her garments shaken,
- Over the woodlands brown and bare,
- Over the harvest-fields forsaken,
- Silent, and soft, and slow,
- Descends the snow.~
-
- Es scheint, daß irgendjemand Helen diese Verse des Dichters
- einmal mitgeteilt hat und daß sie ihr im Gedächtnis haften
- geblieben sind bis sie sich heute früh bei dem Schneetreiben
- ihrer wieder erinnerte.
-
- [32] S. 157 ff.
-
- [33] Vergl. S. 337.
-
- [34] Siehe S. 73 ff.
-
- [35] Im Jahre 1905 erschien ein größerer Essay von ihr, »~Optimism~«.
-
-
-
-
-
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-
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- The Project Gutenberg eBook of Die Geschichte meines Lebens, by Helen Keller.
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- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Die Geschichte meines Lebens, by Helen Keller
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Die Geschichte meines Lebens
-
-Author: Helen Keller
-
-Release Date: July 25, 2020 [EBook #62735]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GESCHICHTE MEINES LEBENS ***
-
-
-
-
-Produced by Norbert H. Langkau, Reiner Ruf, and the Online
-Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1921 erschienenen
-Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
-Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche
-und altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
-unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert.</p>
-
-<p class="p0">Doppelte Anführungszeichen wurden im Original in
-drei verschiedenen Varianten verwendet: „so“, »so« und “so”; je
-nach Zusammenhang. Diese Varianten wurden auch in der vorligenden
-elektronischen Version beibehalten. Fußnoten wurden an das Ende des
-jeweiligen Kapitels bzw. an das Ende des betreffenden Briefes von Helen
-Keller verschoben.</p>
-
-<p class="p0 u">Zur Fußnote <a href="#Fussnote_11_11">[11]</a>:</p>
-
-<p class="p0">Bei der hier zitierten Übersetzung eines Auszuges aus
-Goethes ‚Faust‘ handelt es sich sehr wahrscheinlich um die klassische
-Übertragung von Bayard Taylor (1870/71). Insbesondere bei den letzten
-beiden Versen scheint es sich um einen Druckfehler zu handeln (Im
-vorliegenden Buch: ‘The Woman Soul leads usupwar don, and’; in einem
-Vers). Diese Passage wurde an Taylors Übersetzung angeglichen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="verse">‘The Woman-Soul leadeth us</div>
- <div class="verse">Upward and on!’</div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">Die Gegenüberstellungen von Briefen Helen
-Kellers mit einem Gedicht von Oliver Wendell Holmes<a name="Fussnote_A" id="Fussnote_A"></a><a style="text-decoration: none;" href="#FNAnker_A"><span class="fnanchor">[A]</span></a> bzw. mit einem
-Märchen von Margaret T. Canby<a name="Fussnote_B" id="Fussnote_B"></a><a style="text-decoration: none;" href="#FNAnker_B"><span class="fnanchor">[B]</span></a> wurden im Original in zwei Spalten
-gedruckt. Mit Rücksicht auf kleinere Bildschirmgrößen werden diese
-Vergleiche jeweils nacheinander dargestellt.</p>
-
-<p class="p0 nohtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät
-installierten Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten
-Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos
-als auch gesperrt erscheinen.</p>
-
-<p class="p0 nohtml">Das Umschlagbild wurde vom Bearbeiter gestaltet
-und in die Public Domain eingebracht. Ein Urheberrecht wird nicht
-geltend gemacht. Das Bild darf von jedermann unbeschränkt genutzt
-werden.</p>
-
-</div>
-
-<p class="s4 center padtop3 break-before"><span class="bb"><span class="mleft0_2">&ensp;</span><span class="mleft0_2">M</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">m</span><span class="mleft0_2">o</span><span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">r</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">n</span><span class="mleft0_2">b</span><span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">b</span><span class="mleft0_2">l</span><span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">o</span><span class="mleft0_2">t</span><span class="mleft0_2">h</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">k</span><span class="mleft0_2">&ensp;</span></span></p>
-
-<p class="s5 center">Zweite Reihe Band 6</p>
-
-<p class="s3 center">Die Geschichte meines Lebens<br />
-Von Helen Keller</p>
-
-<h1>Die<br />
-Geschichte meines Lebens</h1>
-
-<p class="s2 center"><b>Von Helen Keller</b></p>
-
-<p class="s5 center">Mit einem Geleitwort von Felix Holländer</p>
-
-<p class="s5 center">Autorisierte Übersetzung von Paul Seeliger</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="signet" name="signet">
- <img class="w6em padtop5" src="images/signet.jpg" alt="Verlagssignet" /></a>
-</div>
-
-<p class="s5 center">Achtundfünfzigste Auflage</p>
-
-<p class="s4 center"><span class="bbd"><span class="mleft0_2">V</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">r</span><span class="mleft0_2">l</span><span class="mleft0_2">a</span><span class="mleft0_2">g</span>
-<span class="mleft0_2">v</span><span class="mleft0_2">o</span><span class="mleft0_2">n</span>
-<span class="mleft0_2">R</span><span class="mleft0_2">o</span><span class="mleft0_2">b</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">r</span><span class="mleft0_2">t</span>
-<span class="mleft0_2">L</span><span class="mleft0_2">u</span><span class="mleft0_2">t</span><span class="mleft0_2">z</span>
-<span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">n</span>
-<span class="mleft0_2">S</span><span class="mleft0_2">t</span><span class="mleft0_2">u</span><span class="mleft0_2">t</span><span class="mleft0_2">t</span><span class="mleft0_2">g</span><span class="mleft0_2">a</span><span class="mleft0_2">r</span><span class="mleft0_2">t</span></span></p>
-
-<p class="s5 center">1921</p>
-
-<p class="s5 center padtop5 break-before">Druck der Chr. Belserschen Buchdruckerei,
-Stuttgart.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<div class="figcenter">
- <a id="frontispiz" name="frontispiz">
- <img class="mtop3 padtop1" src="images/frontispiz.jpg" alt="" /></a>
- <p class="caption">(Als Studentin)</p>
- <p class="s5 center mbot2 ebhide"><a href="images/frontispiz_gross.jpg">&#10063;<br />
- <span class="s6">GRÖSSERES BILD</span></a></p>
-</div>
-
-</div>
-
-<p class="s2 center padtop1 break-before">Widmung</p>
-
-<p class="center">(Verkl. Faksimile)</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="faksimile" name="faksimile">
- <img class="mtop1" src="images/faksimile.jpg" alt="Widmung von Helen Keller"
- title="In dieser Ausgabe meiner „Lebensgeschichte“ grüsse ich
- meine Freunde im deutschen Vaterlande. Gerne möchte ich glauben,
- dass mein Buch etwas Vergnügen gäbe, um die grosse geistige Freude
- einigermassen zu vergelten, die ich dem Lande Schillers und Goethes
- schuldig bin. Helen Keller." /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<div class="anzeige">
-
-<p class="s3 center"><b>Eine neue Helen Keller-Stiftung für deutsche
-Blinde, Taube, Stumme.</b></p>
-
-<hr class="trenn" />
-
-<p class="center">Herrn Robert Lutz, Verlagsbuchhandlung,</p>
-
-<p class="right">Stuttgart.</p>
-
-<p>Meinen Ihnen unterm 11. November 1916 gegegebenen Auftrag, alle
-meine Einkünfte (<span class="antiqua">royalties</span>) aus der deutschen Ausgabe meiner
-Schriften bis zum Ende des Jahres, in dem der Friedenszustand
-wiederhergestellt wird, den deutschen Kriegsblinden zuzuwenden,
-möchte ich erweitern. Ich bestimme daher, daß fortan alle die
-genannten Einkünfte von Ihnen oder Ihren Rechtsnachfolgern den
-deutschen Blinden, nächstdem auch den Tauben und Stummen zugewiesen
-werden sollen, in erster Linie solchen Deutschen, die durch
-den Krieg das Augenlicht, die Sprache oder das Gehör verloren
-haben. Ihnen und Ihren Rechtsnachfolgern steht es frei, welchen
-Einzelpersonen, Gesellschaften oder Organisationen Sie die Gelder
-überweisen wollen, sofern nur der Zweck meiner Stiftung erreicht
-wird.</p>
-
-<p>Der Verzicht auf meine Einkünfte in dem ausgeführten Sinne ist
-zeitlich nicht begrenzt, sondern <em class="gesperrt">endgültig</em>.</p>
-
-<p>New York, den 10. Januar 1920.</p>
-
-<p class="right">(Gez.) Helen Keller.</p>
-
-<hr class="trenn" />
-
-<p class="s2 center">Helen Kellers Bücher:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p class="p0">Die Geschichte meines Lebens. Mit Bildern. 55. Auflage. Optimismus,
-ein Glaubensbekenntnis. 42. Auflage. Meine Welt. 22. Auflage.
-Dunkelheit. 13. Auflage. Briefe meiner Werdezeit. 7. Auflage. Wie
-ich Sozialistin wurde. Neue Auflage in Vorbereitung.</p>
-
-<p class="center">(Verlag von Robert Lutz in Stuttgart).</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_vii" id="Seite_vii">[S. vii]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Geleitwort">Geleitwort</h2>
-
-</div>
-
-<p>Die Lebensgeschichte Helen Kellers ist ein Beitrag zur Erziehung des
-Menschengeschlechtes. Es tut nicht not, ihr Charakterbild neben das
-Napoleons zu rücken, wie es ihr Landsmann Mark Twain getan hat, um der
-Bewunderung für ihre einzigartige Leistung Ausdruck zu geben. Sie ist
-neunzehn Monate alt, als sie infolge einer schweren Krankheit, in der
-die Aerzte sie bereits aufgegeben hatten, ihre Sprache, ihr Gehör und
-ihr Gesicht verliert. Bis zu ihrem siebenten Jahre lebt sie in einem
-tierähnlichen Zustande. Die ihr gebliebenen Sinne Geruch, Geschmack,
-Gefühl, geben ihr die Möglichkeit, sich bei ihren nächsten Angehörigen
-durch dunkle Zeichen und Gesten verständlich zu machen. Sie hängt
-entweder an dem Kleide der Mutter oder sie sitzt beständig auf dem
-Schoße der unglücklichen Frau, die den Jammer ihres Kindes gleich dem
-Gatten durch eine grenzenlose Liebe zu mildern sucht.</p>
-
-<p>Wer kennt nicht jene rührende Angst junger Mütter vor der Geburt ihres
-ersten Kindes?... Immer wieder taucht im tiefsten Innern die Frage auf,
-wird das kleine Wesen auch mit heilen Gliedern zur Welt kommen &mdash; wird
-es sehen &mdash; wird es hören?</p>
-
-<p>Helen Keller wurde als ein kräftiges Kind geboren, das vor Gesundheit
-strotzte, bevor das Unglück über sie hereinbrach. Was mag damals in
-der Seele ihrer Eltern vorgegangen sein, als sie nach dem Ausspruch
-der Aerzte der ganzen Schicksalsschwere sich bewußt wurden! Wer würde
-es nicht begreifen, wenn bei dem erschütternden Anblick ihres Kindes
-unaussprechbare Gebete in ihnen wuchsen, wenn der dunkle Wunsch in
-ihnen aufstieg, Gott möchte dieses arme Kind, dessen Gegenwart<span class="pagenum"><a name="Seite_viii" id="Seite_viii">[S. viii]</a></span> voll
-Gram war, und in dessen Zukunft nicht ein Schimmer Glücks dringen
-würde, zu sich nehmen. Und wenn Helen das ganze Haus tyrannisierte,
-unartikulierte Laute ausstieß und wie eine Wilde sich gebärdete, sobald
-man nicht ihren Willen tat &mdash; wer möchte sich dann wundern, wenn Vater
-und Mutter in dumpfer Resignation alles über sich ergehen ließen? Helen
-zählt sieben Jahre drei Monate, als in ihr Leben die große Wendung
-tritt.</p>
-
-<p>In diesem Alter haben die Menschen mittels des Ohres und des Auges das
-Meiste von dem errafft, was den Inhalt ihres ganzen Lebens ausmacht.
-Denn was wir später durch Erziehung, Schule und Selbstbetätigung
-erreichen, ist im Verhältnis zu den Schätzen, die wir in diesen ersten
-Jahren unseres Daseins mühelos aufheben, winzig und unbeträchtlich.
-Die urangeborene Genialität des Menschen kommt in seinen Kinderjahren
-zu einem großartigen Ausdruck. In dieser unserer Kindheit leben
-wir in einem Zustand, für den die Bibel den Ausdruck paradiesisch
-gefunden hat. Selbst das ärmste Kind, dem häusliches Unglück seine
-Jugend stiehlt, hat noch teil an den Freuden, die ihm seine unbewußte
-Erkenntnis aufschließt. In der Stunde beginnt erst der Ernst und die
-Qual des Lebens, wo in unser bisher unbewußtes Lernen System kommt, wo
-fremde Menschen auf unsere Verstandeskräfte pochen, und wo wir unter
-ihrem Zwang und ihrer Leitung wissend werden.</p>
-
-<p>Und auch hier erweist sich noch einmal das schier Wunderbare und
-Unfaßliche unserer geistigen Veranlagung. Wenn wir vorher im
-wörtlichsten Sinne des Wortes spielend das Sprechen lernten &mdash; so
-ergibt sich als zweites Phänomen unserer Entwicklung, daß wir auf Grund
-unserer Sprachkenntnis in einer Frist, die zu dem Resultat in gar
-keinem Verhältnis steht, die Fähigkeit des Lesens erlangen.</p>
-
-<p>Beinahe achtlos und ohne Ehrfurcht geht der Mensch an solchen Wundern
-vorüber. Nur junge Mütter strahlen vor Glück und Stolz, wenn ihr Kind
-die ersten Worte hervorbringt, weil die in ihrem Instinkt die Größe
-des Augenblicks empfinden. Sie ahnen, daß die kleine Seele ihre zarten
-Schwingen hebt, daß dunkle Hüllen fallen &mdash; daß wie mit einem Schlage
-das geistige Wachstum deutlich erkennbar einsetzt. Von alledem war
-Helen<span class="pagenum"><a name="Seite_ix" id="Seite_ix">[S. ix]</a></span> Keller ausgeschlossen bis zu dem angegebenen Zeitpunkte, wo ihre
-Lehrerin Anne Mansfield Sullivan ihr väterliches Haus betrat. Die Nacht
-hatte ihre schwarzen Flügel um sie gebreitet &mdash; und es schien, als ob
-undurchdringliche Finsternis wie ein böser Zauber für immer auf ihrer
-Seele lasten sollte.</p>
-
-<p>Wen soll man mehr bewundern, &mdash; das taubstumme und blinde Geschöpf, das
-durch eine Energie, die beispiellos ist, sich zu dem höchsten Wissen
-durchringt, oder ihre Lehrerin, deren Opfermut, Geduld und Güte Licht
-in das Dunkel dieses ausgestoßenen Menschen bringt? Beide betrachten
-ihre Begegnung als den unerhörten Glücksfall ihres Lebens. Und beider
-Existenz könnte den Ungläubigen gläubig machen und mit Gott aussöhnen.
-Jene Philosophen, die Beweise für das Dasein Gottes suchen, brauchten
-sich nur auf diese beiden Geschöpfe zu berufen, um ihre Arbeit als
-getan anzusehen.</p>
-
-<p>Anne Sullivan unterrichtet Helen, als ob sie ein normales Kind
-wäre. Sie tritt ihr mit unerbittlicher Strenge entgegen, nachdem
-ihre Versuche, das unbändige Kind durch Güte zu erziehen, kläglich
-gescheitert sind. Sie nötigt die Eltern, Helen ein paar Wochen mit ihr
-ganz allein zu lassen, und diese Zeit benutzt sie, um dem verzogenen
-kleinen Mädchen durch ihre körperliche Ueberlegenheit fühlbar zu
-machen, daß ihr stärkerer Wille jeden Eigensinn zu brechen vermag. Erst
-als Helen diese Erkenntnis aufgezwungen und ins Blut gegangen ist,
-beginnt die geistige Arbeit.</p>
-
-<p>Dies Buch ist ein Dokument dafür, was menschliche Energie zu leisten
-vermag. Man muß es Zeile für Zeile andächtig und in Ehrfurcht lesen, um
-das Wunderbare, das hier erreicht wurde, zu begreifen.</p>
-
-<p>Der Apostel spricht: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen
-redete und hätte doch der Liebe nicht...“ Neben allen ihren geistigen
-Fähigkeiten hatte Anne Sullivan der Liebe. Wie trifft man besser ihren
-Wesenskern, als wenn man sie das Genie der Güte und der Liebe nennt?
-Bis zu ihrem vierzehnten Jahre war sie selbst blind gewesen. Aus dieser
-ihrer Leidenszeit hatte sie sich das große Gefühl des Erbarmens für
-ihre Lebensaufgabe geschöpft. Sie wurde ihrer Schülerin eine Gespielin,
-und im Spiele fand sie den Schlüssel, um Helen<span class="pagenum"><a name="Seite_x" id="Seite_x">[S. x]</a></span> die Pforten der
-Erkenntnis zu öffnen, die ihr nach menschlicher Berechnung für immer
-verschlossen schienen. An den greif- und fühlbaren Dingen setzte ihr
-Lehrplan ein, um dann an jene Wahrnehmungen anzuknüpfen, die durch den
-Geruchssinn ermöglicht wurden.</p>
-
-<p>Sie begann damit, ihrer Schülerin das Fingeralphabet beizubringen
-&mdash; und als dies gelungen war, buchstabierte sie ihr unaufhörlich
-neue Wörter in die Hand, unbekümmert darum, ob Helen sie verstand
-oder nicht. Sie wurde dabei von einer Voraussetzung geleitet, deren
-Richtigkeit sich auf das Glänzendste bestätigen sollte. Sie sagte sich,
-in dem Augenblicke, wo das geistige Dunkel von Helen genommen sein
-würde, müßte sie durch Erinnerung und Ideenassociation hinter den Sinn
-der Vokabeln gelangen, die ihr immer und immer wieder mechanisch in die
-Hand buchstabiert worden waren.</p>
-
-<p>Erinnerung &mdash; durch diesen Begriff allein ist das Wunder aufzuklären,
-das sich an Helen Keller vollzog. Niemand kann dieses Erinnern
-besser und schöner formulieren, als Helen Keller es selbst in ihrer
-Lebensgeschichte getan hat: „Jedes Individuum,“ sagt sie, „besitzt
-eine unter der Schwelle des Bewußtseins verborgene Erinnerung an die
-grünende Erde und die murmelnden Gewässer, und weder Blindheit noch
-Taubheit kann es dieser von vergangenen Generationen her überkommenen
-Gabe berauben. Diese ererbte Fähigkeit ist eine Art sechsten Sinnes &mdash;
-ein Seelensinn, der zugleich sieht, hört, fühlt.“</p>
-
-<p>Die größte Schwierigkeit aber, die sich Anne Sullivan bei ihrem
-schweren Lebens- und Erziehungswerk in den Weg stellte, war die:
-Wie sollte sie es anfangen, um ihrer Schülerin abstrakte Begriffe
-beizubringen? Auch hier erwies dich die schöpferische Genialität
-dieser Pädagogin. Es seien nur zwei Beispiele ihrer Methode angeführt:
-So oft sie Helen etwas Süßes zu essen gab, buchstabierte sie ihr das
-Wort »süß« in die Hand, &mdash; so oft ihre Schülerin auf der Zunge einen
-bitteren Geschmack haben mußte, das Wort »bitter«. Sie schloß ganz
-richtig, daß die Uebertragung des sinnlichen Eindruckes auf abstrakte
-Begriffe dich allmählich ganz von selbst ergeben müßte.</p>
-
-<p>Es ist nicht der Zweck dieser einleitenden Zeilen, den ganzen
-Entwicklungsgang Helen Kellers zu erzählen. Man vermag ja<span class="pagenum"><a name="Seite_xi" id="Seite_xi">[S. xi]</a></span> das
-Unfaßliche nur zu fassen, wenn man ihre eigenen Schilderungen liest und
-die ergänzenden Briefe und Zusätze ihrer Lehrerin.</p>
-
-<p>Sie lernt lesen und schreiben und wird in alle Disziplinen der
-Wissenschaft eingeweiht. Von Anne Sullivan auf Schritt und Tritt
-begleitet, besteht sie glänzend die notwendigen Examina, um die
-Universität besuchen zu können. Sie bildet ihren Tastsinn bis zu dem
-Grade aus, daß sie die Schönheit plastischer Kunstwerke zu ahnen vermag
-und das rührende Wort spricht: „Ich bin mitunter im Zweifel, ob die
-Hand nicht empfänglicher für die Schönheiten der Plastik ist, als das
-Auge. Ich sollte meinen, der wunderbare rhythmische Fluß der Linien
-ließe sich besser fühlen als sehen.“</p>
-
-<p>Nur auf ein Stadium ihres seltsamen Entwicklungsganges möchte ich
-hier noch eingehen. Als zu ihr die Kunde dringt, daß eine taubstumme
-und blinde Norwegerin das Sprechen erlernt habe, faßt sie den festen
-Entschluß, sich ebenfalls die Sprache zu eigen zu machen, koste es
-noch so viel Mühe und Schweiß. Sie begibt sich mit ihrer unermüdlichen
-Lehrerin zu Sarah Fuller, der Leiterin der Horace-Mann-Schule, und
-nimmt am 26. März 1896 ihre erste Sprachstunde. Sie mußte ihre Hand
-über das Gesicht Sarah Fullers legen, um die Stellung der Zunge und
-der Lippen zu fühlen, wenn diese einen Ton hervorbrachten. Sobald ihr
-Eifer und Energie zu erlahmen drohten, dachte sie an die Freude, die
-ihre kleine Schwester und die Eltern empfinden müßten, wenn das Wagnis
-gelingen würde.</p>
-
-<p>Was wie ein Märchen klingt, wird zur Wahrheit: Helen Keller lernt auf
-diese Weise das Sprechen. Und nun kann sie es kaum noch erwarten, zu
-den Ihrigen zurückzukehren. Ihr Herz will vor Ungeduld zerspringen.
-Es ist eine der erschütterndsten Stellen des bewegenden Buches, die
-ihre Heimkehr schildert. Es heißt da: „Fast ehe ich es ahnte, hielt
-der Zug auf dem Bahnhofe in Tuscumbia, und auf dem Perron stand die
-ganze Familie. Meine Augen füllen sich noch jetzt mit Tränen, wenn
-ich daran denke, wie mich meine Mutter sprachlos und zitternd vor
-Freude an ihr Herz drückte und auf jede Silbe, die ich sprach, atemlos
-lauschte, während die kleine Mildred meine freie Hand ergriff, sie
-küßte und umhertanzte,<span class="pagenum"><a name="Seite_xii" id="Seite_xii">[S. xii]</a></span> und mein Vater seinen Stolz und seine Liebe
-durch tiefes Schweigen bekundete. Es war, als sei Jesaias Prophezeiung
-an mir in Erfüllung gegangen: Die Berge und Hügel werden vor Dir Lieder
-anstimmen, und alle Bäume des Feldes werden vor Freude in ihre Hände
-klatschen.“</p>
-
-<p>Die Lektüre von Helen Kellers Selbstbiographie gibt uns neue
-Aufschlüsse über die menschliche Natur. Sie ist eine Fundgrube für den
-Psychologen und sie bringt jedem Leser eine ungeahnte Bereicherung
-seines inneren Besitzes. Dennoch liegt es uns fern, Helen Keller als
-Genie anzupreisen. Ihre Urteile über Kunst, Literatur und Wissenschaft
-sind wohl die eines Menschen von außergewöhnlichem Intellekt und
-außergewöhnlicher Kultur &mdash; aber niemals verblüffen sie durch eine
-besondere Eigenart, niemals legen sie Zeugnis ab von einer überlegenen
-Persönlichkeit. Ein gebildeter Mensch, der aus allen Quellen des
-Wissens und der Kunst getrunken hat, spricht zu uns &mdash; nicht aber ein
-origineller Geist, der neue Werte prägt.</p>
-
-<p>Trotzdem sind wir hingerissen von diesem Phänomen, das uns zum Glauben
-und zur Andacht zwingt.</p>
-
-<p>Ein Beitrag zur Erziehung des Menschengeschlechtes ist dieses Buch.
-Und wenn Helen Keller selbst schwerlich den Anspruch erhebt, zu den
-führenden Geistern gerechnet zu werden &mdash; so ist doch ihr Dasein selbst
-ein Beweis für die Genialität des Menschen überhaupt. Es sollte die
-nachdenklich und ehrfürchtig stimmen, die das kostbarste Material, das
-Mutter Natur geschaffen hat, mißachten und mißhandeln.</p>
-
-<p class="s4 right mright2"><b>Felix Holländer.</b></p>
-
-<p class="mtop3"><b>Zur gefl. Beachtung:</b> Zum besseren Verständnis der Aufzeichnungen
-Helen Kellers wird es sich empfehlen, <em class="gesperrt">zuerst den Anhang</em> einer
-kurzen Durchsicht zu unterziehen. &mdash; Die manchmal etwas ungewöhnliche
-Ausdrucksweise der Verfasserin wurde in der Uebersetzung beibehalten.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_xiii" id="Seite_xiii">[S. xiii]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt.</h2>
-
-</div>
-
-<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis">
- <tr>
- <td colspan="2">
- <div class="s5 right">Seite</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="hang1"><span class="mleft0_2">V</span><span class="mleft0_2">o</span><span class="mleft0_2">r</span><span class="mleft0_2">w</span><span class="mleft0_2">o</span><span class="mleft0_2">r</span><span class="mleft0_2">t</span>
- <span class="mleft0_2">v</span><span class="mleft0_2">o</span><span class="mleft0_2">n</span>
- <span class="mleft0_2">F</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">l</span><span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">x</span>
- <span class="mleft0_2">H</span><span class="mleft0_2">o</span><span class="mleft0_2">l</span><span class="mleft0_2">l</span><span class="mleft0_2">ä</span><span class="mleft0_2">n</span><span class="mleft0_2">d</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">r</span></div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Geleitwort">VII</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s3 padtop1" colspan="2">
- <div class="center"><a href="#Erster_Teil">Erster Teil.</a><br />
- <b>Die Geschichte meines Lebens.</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s4 padtop1" colspan="2">
- <div class="center"><b>Erstes Kapitel.</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="hang1">Schwierige Aufgabe. &mdash; Familie. &mdash; Ivy Green. &mdash; Garten. &mdash;
- Geburt. &mdash; Taufe. &mdash; Erste Sprech- und Gehversuche. &mdash; Erkrankung.
- &mdash; Dauernder Verlust des Gesichts und Gehörs. &mdash;
- Verworrene Erinnerung an die ersten Gesichtseindrücke</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="s5 right"><a href="#Erstes_Kapitel">3</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s4 padtop1" colspan="2">
- <div class="center"><b>Zweites Kapitel.</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="hang1">Die ersten Monate nach der Krankheit. &mdash; Verständigungsversuche
- durch Gebärdensprache. &mdash; Betätigung im Haushalt. &mdash;
- Teilnahme an der Geselligkeit des Hauses. &mdash; Erkenntnis der
- Unterscheidung von anderen. &mdash; Heftigkeit. &mdash; Eigenwilligkeit
- und Herrschsucht. &mdash; Früheste Erinnerungen. &mdash; Umzug. &mdash;
- Familienleben. &mdash; Tod des Vaters im Jahre 1896. &mdash; Eifersucht</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="s5 right"><a href="#Zweites_Kapitel">8</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s4 padtop1" colspan="2">
- <div class="center"><b>Drittes Kapitel.</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="hang1">Wachsendes Verlangen nach Gedankenaustausch. &mdash; Laura Bridgman
- und <span class="antiqua">Dr.</span> Howe. &mdash; Reise nach Baltimore zu einem Augenarzte.
- &mdash; Besuch bei Alex. Graham Bell. &mdash; Herr Anagnos
- in Boston findet eine Lehrerin</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="s5 right"><a href="#Drittes_Kapitel">17</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s4 padtop1" colspan="2">
- <div class="center"><b>Viertes Kapitel.</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
-<span class="pagenum"><a name="Seite_xiv" id="Seite_xiv">[S. xiv]</a></span>
- <div class="hang1">Ankunft Fräulein Sullivans in Tuscumbia am 3. März 1887. &mdash;
- Bange Erwartung. &mdash; Beginn der Erlernung des Fingeralphabets.
- &mdash; Szene am Brunnen. &mdash; Enthüllung des Geheimnisses
- der Sprache</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="s5 right"><a href="#Viertes_Kapitel">20</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s4 padtop1" colspan="2">
- <div class="center"><b>Fünftes Kapitel.</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="hang1">Allmähliches Erwachen der Seele. &mdash; Unterricht im Freien. &mdash;
- Freude an der Natur. &mdash; Schrecken der Natur. &mdash; Gewitter. &mdash;
- Schönheit des Mimosenbaumes</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="s5 right"><a href="#Fuenftes_Kapitel">24</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s4 padtop1" colspan="2">
- <div class="center"><b>Sechstes Kapitel.</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="hang1">Fortschritt in der Beherrschung der Sprache. &mdash; Wißbegierde. &mdash;
- Unterredung über Liebe. &mdash; Kennenlernen abstrakter Begriffe. &mdash;
- Dieselbe Unterrichtsmethode wie bei einem hörenden Kinde</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="s5 right"><a href="#Sechstes_Kapitel">28</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s4 padtop1" colspan="2">
- <div class="center"><b>Siebentes Kapitel.</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="hang1">Erster Leseunterricht. &mdash; Anfangs keine regelmäßigen Unterrichtstunden.
- &mdash; Erziehung zum Naturgenuß. &mdash; Wald, Garten. &mdash;
- Kellers Landungsplatz. &mdash; Geographie, Rechnen, Zoologie,
- Botanik. &mdash; Fossilien. &mdash; Leicht faßliche Unterrichtsmethode. &mdash;
- Herzliches Verhältnis zu Fräulein Sullivan</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="s5 right"><a href="#Siebentes_Kapitel">32</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s4 padtop1" colspan="2">
- <div class="center"><b>Achtes Kapitel.</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="hang1">Erstes Weihnachtsfest nach Fräulein Sullivans Ankunft. &mdash; Ratespiel.
- &mdash; Weihnachtsbescherung in der Schule zu Tuscumbia. &mdash;
- Freude über die Weihnachtsgeschenke</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="s5 right"><a href="#Achtes_Kapitel">39</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s4 padtop1" colspan="2">
- <div class="center"><b>Neuntes Kapitel.</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="hang1">Reise nach Boston. &mdash; Zusammentreffen mit den blinden Kindern.
- &mdash; Bunker Hill. &mdash; Plymouth. &mdash; Pilgerfelsen. &mdash; Herr
- William Endicott</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="s5 right"><a href="#Neuntes_Kapitel">42</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s4 padtop1" colspan="2">
- <div class="center"><b>Zehntes Kapitel.</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="hang1">Ferienaufenthalt in Brewster. &mdash; Die See. &mdash; Erstes Seebad. &mdash;
- Eindruck der Brandung. &mdash; Der erste Taschenkrebs</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="s5 right"><a href="#Zehntes_Kapitel">46</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s4 padtop1" colspan="2">
- <div class="center"><b>Elftes Kapitel.</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
-<span class="pagenum"><a name="Seite_xv" id="Seite_xv">[S. xv]</a></span>
- <div class="hang1">Rückkehr nach Tuscumbia. &mdash; Fern Quarry. &mdash; Jagden. &mdash;
- Pony »Black Beauty«. &mdash; In Lebensgefahr</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="s5 right"><a href="#Elftes_Kapitel">49</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s4 padtop1" colspan="2">
- <div class="center"><b>Zwölftes Kapitel.</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="hang1">Besuch im Norden. &mdash; Wintervergnügungen</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="s5 right"><a href="#Zwoelftes_Kapitel">54</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s4 padtop1" colspan="2">
- <div class="center"><b>Dreizehntes Kapitel.</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="hang1">Rückblick auf die früheren Versuche, zu sprechen. &mdash; Ragnhild
- Kaata. &mdash; Unterricht in der Lautsprache bei Fräulein Fuller. &mdash;
- Freude über den Erfolg. &mdash; Ablesen von den Lippen mittels
- der Finger. &mdash; Gebrauch des Fingeralphabets</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="s5 right"><a href="#Dreizehntes_Kapitel">57</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s4 padtop1" colspan="2">
- <div class="center"><b>Vierzehntes Kapitel.</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="hang1">Die Frostkönig-Episode. &mdash; Betrachtungen
- über Schriftstellerei</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="s5 right"><a href="#Vierzehntes_Kapitel">62</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s4 padtop1" colspan="2">
- <div class="center"><b>Fünfzehntes Kapitel.</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="hang1">Erster Entwurf der »Lebensgeschichte«. &mdash; Zweifel und Unruhe. &mdash;
- Reise nach Washington zur Einführung des Präsidenten
- Cleveland, nach dem Niagarafall und der Weltausstellung
- in Chicago</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="s5 right"><a href="#Fuenfzehntes_Kapitel">72</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s4 padtop1" colspan="2">
- <div class="center"><b>Sechzehntes Kapitel.</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="hang1">Geschichtsstudium. &mdash; Studium der französischen Sprache, Lafontaine,
- Molière, Racine. &mdash; Vervollkommnung der Lautsprache. &mdash;
- Latein. &mdash; Lektüre von Cäsars »Gallischem Kriege«</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="s5 right"><a href="#Sechzehntes_Kapitel">77</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s4 padtop1" colspan="2">
- <div class="center"><b>Siebzehntes Kapitel.</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="hang1">Verhandlungen der Amerikanischen Vereinigung zur Förderung
- der Taubstummen im Sprechen in Chautauqua (Sommer 1894).
- &mdash; Besuch der Wright-Humason-Schule in New York. &mdash; Arithmetik,
- physikalische Geographie, Französisch, Deutsch. &mdash; Lektüre
- von »Wilhelm Tell« und »<span class="antiqua">Le médecin malgré lui</span>«. &mdash;
- Zentralpark in New York. &mdash; Ausflüge in die Umgebung der
- Stadt</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="s5 right"><a href="#Siebzehntes_Kapitel">80</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s4 padtop1" colspan="2">
- <div class="center"><b>Achtzehntes Kapitel.</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
-<span class="pagenum"><a name="Seite_xvi" id="Seite_xvi">[S. xvi]</a></span>
- <div class="hang1">Besuch des Mädchengymnasiums in Cambridge zum Zweck der
- Vorbereitung für das Radcliffe College. &mdash; Wunsch, eine Universität
- zu besuchen. &mdash; Schwierigkeit, dem Unterricht zu folgen.
- &mdash; Befriedigende Fortschritte, namentlich im Deutschen: »Lied
- von der Glocke«, »Taucher«, »Dichtung und Wahrheit« u.&nbsp;s.&nbsp;w.
- Shakespeare, Burke, Macaulay. &mdash; Zusammensein mit sehenden
- und hörenden Altersgenossinnen. &mdash; Mildreds Aufnahme
- in die Schule. &mdash; Prüfungen</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="s5 right"><a href="#Achtzehntes_Kapitel">83</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s4 padtop1" colspan="2">
- <div class="center"><b>Neunzehntes Kapitel.</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="hang1">Beginn des zweiten Schuljahres. &mdash; Physik, Algebra, Geometrie,
- Astronomie, Griechisch, Latein. &mdash; Anfälle von Kleinmut. &mdash;
- Abgang vom Gymnasium und Weiterbildung durch Privatunterricht.
- &mdash; Rückkehr nach Boston (Oktober 1898). &mdash; Schlußprüfung
- für das Radcliffe College (Juni 1899)</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="s5 right"><a href="#Neunzehntes_Kapitel">90</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s4 padtop1" colspan="2">
- <div class="center"><b>Zwanzigstes Kapitel.</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="hang1">Eintritt in das Radcliffe College. &mdash; Anfängliche Begeisterung
- und teilweise Enttäuschung. &mdash; Uebelstände des Universitätsstudiums.
- &mdash; Erstes Studienjahr. &mdash; Französisch, Deutsch, englische
- Stillehre, englische Literatur. &mdash; Besuch der Vorlesungen.
- &mdash; Schreibmaschine. &mdash; Stunden des Unmuts. &mdash; Zweites Jahr:
- englische Stillehre, Bibel, politische Verhältnisse Amerikas und
- Europas, horazische Oden, lateinische Komödie, Nationalökonomie,
- Shakespeare, Geschichte der Philosophie. &mdash; Verknöcherung
- des Universitätswesens. &mdash; Pein der Prüfungen. &mdash;
- Enttäuschung</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="s5 right"><a href="#Zwanzigstes_Kapitel">96</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s4 padtop1" colspan="2">
- <div class="center"><b>Einundzwanzigstes Kapitel.</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="hang1">Bücherstudium. &mdash; Rückblick. &mdash; Bibliothek in Boston. &mdash; Heißhunger
- auf Bücher. &mdash; »<span class="antiqua">Little Lord Fauntleroy</span>«. &mdash; Lafontaines
- Fabeln. &mdash; Begeisterung für das griechische Altertum.
- &mdash; Ilias. &mdash; Aeneis. &mdash; Bibel. &mdash; Shakespeare. Macbeth,
- König Lear. &mdash; Geschichte. &mdash; Deutsche Literatur. &mdash; Französische
- Literatur. &mdash; Mark Twain. &mdash; Scott</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="s5 right"><a href="#Einundzwanzigstes_Kapitel">105</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s4 padtop1" colspan="2">
- <div class="center"><b>Zweiundzwanzigstes Kapitel.</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
-<span class="pagenum"><a name="Seite_xvii" id="Seite_xvii">[S. xvii]</a></span>
- <div class="hang1">Liebe zur Natur. &mdash; Körperliche Uebungen. &mdash; Rudern. &mdash;
- Segeln. &mdash; Halifax. &mdash; Regatta. &mdash; Sturm. &mdash; Aufenthalt in
- Wrentham. &mdash; Weltbegebenheiten. &mdash; Krieg mit Spanien. &mdash;
- Soziale Kämpfe. &mdash; Unterschied zwischen Stadt und Land. &mdash;
- Soziales Mitgefühl. &mdash; Spaziergänge. &mdash; Radfahren. &mdash; Liebe
- zu Hunden. &mdash; Dame- und Schachspiel. &mdash; Liebe zu Kindern. &mdash;
- Museen und Kunstsammlungen. &mdash; Theaterbesuch. &mdash; Zeitweiliges
- Gefühl der Vereinsamung</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="s5 right"><a href="#Zweiundzwanzigstes_Kapitel">120</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s4 padtop1" colspan="2">
- <div class="center"><b>Dreiundzwanzigstes Kapitel.</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="hang1">Beglückendes Gefühl der Freundschaft. &mdash; Bischof Brooks. &mdash;
- Kein Verlangen nach dem Jenseits. &mdash; Henry Drummond. &mdash;
- <span class="antiqua">Dr.</span> Oliver Wendell Holmes. &mdash; Whittier. &mdash; <span class="antiqua">Dr.</span> Edward
- Everett Hale. &mdash; <span class="antiqua">Dr.</span> Alexander Graham Bell. &mdash; Charles
- Dudley Werner. &mdash; Mark Twain u.&nbsp;a. &mdash; Schlußwort</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="s5 right"><a href="#Dreiundzwanzigstes_Kapitel">133</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s3 padtop1" colspan="2">
- <div class="center"><a href="#Zweiter_Teil">Zweiter Teil.</a><br />
- <b>Helen Kellers Briefe (1887&ndash;1901).</b><br />
- <span class="s6">(Auswahl.)</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="hang1">Erste Schreibversuche. &mdash; Zwei Briefe an die blinden Mädchen
- im Perkinsschen Institut. &mdash; Brief an Herrn Anagnos mit der
- Schilderung eines Picknicks im Walde. &mdash; Brief an Onkel
- Morrie über den Ausflug nach Plymouth. &mdash; Brief an Herrn
- Anagnos mit einigen französischen und griechischen Redensarten.
- &mdash; Brief an Tante Eveline Keller mit Uebersetzungen
- von griechischen, französischen, lateinischen und deutschen Redensarten
- und Wörtern. &mdash; Brief mit astronomischen Angaben. &mdash;
- Briefe an Herrn Anagnos über seine Reise nach Europa. &mdash;
- Brief mit Wiedergabe des Inhalts eines Andersenschen Märchens.
- &mdash; Brief an Fräulein Sullivan. &mdash; Brief an Whittier. &mdash;
- Brief an <span class="antiqua">Dr.</span> Holmes. &mdash; Brief an Fräulein Sarah Fuller. &mdash;
- Brief an den nachmaligen Bischof Brooks. &mdash; Brief über
-<span class="pagenum"><a name="Seite_xviii" id="Seite_xviii">[S. xviii]</a></span>
- Tommy Stringer. &mdash; Brief über die Reise nach dem Niagarafall.
- &mdash; Brief über den Besuch der Weltausstellung in Chicago.
- &mdash; Brief über ein Zusammentreffen mit Mark Twain. &mdash;
- Brief über den Besuch des Bostoner Museums. &mdash; Brief über
- den Eindruck, den das Orgelspiel auf Helen Keller gemacht
- hat. &mdash; Stellen aus verschiedenen Briefen über Leidensgefährten.
- &mdash; Brief an <span class="antiqua">Dr.</span> Hale, geschrieben am Vorabend der Howefeier</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="s5 right"><a href="#Zweiter_Teil">147</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s3 padtop1" colspan="2">
- <div class="center"><a href="#Anhang">Anhang.</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s4 padtop1" colspan="2">
- <div class="center"><b>Die Abfassung des Buches.</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="hang1">Schwierigkeit der Prüfung des mit der Schreibmaschine hergestellten
- Manuskriptes. &mdash; Braillekopie. &mdash; Revision mit Hilfe Fräulein
- Sullivans</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="s5 right"><a href="#Die_Abfassung_des_Buches">179</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s4 padtop1" colspan="2">
- <div class="center"><b>Helen Kellers Persönlichkeit.</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="hang1">Körperliche Erscheinung. &mdash; Lebhafte Gestikulation. &mdash; Personengedächtnis.
- &mdash; Vorliebe für Humor. &mdash; Hartnäckigkeit im Verfolgen
- ihrer Ziele. &mdash; Keckheit. &mdash; Ungeeignet für psychologische
- Experimente. &mdash; Liebe zur Geselligkeit. &mdash; Verständnis
- für Musik. &mdash; Interesse für die Tagesereignisse. &mdash; Ueberraschend
- vollständige Weltkenntnis. &mdash; Gefühlssinn nicht besonders
- fein entwickelt. &mdash; Verständnis für Plastik. &mdash; Wenig
- Orientierungssinn. &mdash; Benutzung der Schreibmaschine. &mdash;
- Fingeralpbabet. &mdash; Hochdruck und Braillesystem. &mdash; Geruchssinn.
- &mdash; »Sechster Sinn«. &mdash; Zeitsinn. &mdash; Eigenartige Uhren.
- &mdash; Gesunde Auffassung der Dinge. &mdash; Sittliche Reinheit. &mdash;
- Abneigung gegen Tragödien. &mdash; Warmes Empfinden und Aufrichtigkeit.
- &mdash; Mangel an Eitelkeit. &mdash; Beschäftigung mit Politik</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="s5 right"><a href="#Helen_Kellers_Persoenlichkeit">182</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s4 padtop1" colspan="2">
- <div class="center"><b>Helen Kellers Bildungsgang.</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="hang1"><span class="antiqua">Dr.</span> Howe und Laura Bridgman. &mdash; Helen Keller kein Objekt
- für psychologische Beobachtungen. &mdash; Unwahre und übertragene
- Berichte über ihre Fortschritte. &mdash; Fräulein Sullivans Persönlichkeit.
- &mdash; Helens Entwickelung nach Fräulein Sullivans Berichten.
- &mdash; Psychologische und pädagogische Betrachtungen über
- Fräulein Sullivans Methode</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="s5 right"><a href="#Helen_Kellers_Bildungsgang">199</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s4 padtop1" colspan="2">
- <div class="center"><b>Helen Kellers Sprache.</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
-<span class="pagenum"><a name="Seite_xix" id="Seite_xix">[S. xix]</a></span>
- <div class="hang1">Fräulein Sullivans Bericht über Helens Unterricht in der Lautsprache.
- &mdash; Eigentümlichkeiten von Helens Aussprache. &mdash; Ansprache
- Helens in Mt. Airy bei Philadelphia</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="s5 right"><a href="#Helen_Kellers_Sprache">311</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s4 padtop1" colspan="2">
- <div class="center"><b>Helen Keller als Schriftstellerin.</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="hang1">Helen Kellers hervorragende stilistische Begabung und deren
- Pflege. &mdash; Gute Lektüre. &mdash; Unausgesetzte Kontrolle der Stilübungen
- Helens durch Fräulein Sullivan. &mdash; Fräulein Sullivans
- Darstellung der Episode mit dem »Frostkönig«. &mdash; Gegenüberstellung
- der beiden Fassungen des Märchens. &mdash; Fräulein
- Canbys Aeußerungen über den Zwischenfall. &mdash; Allgemeine
- Betrachtungen über den »Frostkönig«. &mdash; Kleinerer Aufsatz
- Helens über ihr Traumleben</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="s5 right"><a href="#Helen_Keller_als_Schriftstellerin">321</a></div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<table class="toc" summary="Verzeichnis der Bilder">
- <tr>
- <td class="s3 padtop2" colspan="3">
- <div class="center"><b>Verzeichnis der Bilder.</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="hang1">Helen Keller als Studentin</div>
- </td>
- <td class="vab" colspan="2">
- <div class="right"><a href="#frontispiz">(Titelbild)</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="hang1">Ivy Green</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">Seite</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#img_p005">5</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="hang1">Helen Keller und Fräulein Sullivan</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#img_p039">39</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="hang1">Fräulein Sullivan liest Helen Keller vor</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#img_p084">84</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="hang1">Helen Keller, Fräulein Sullivan und Schauspieler
- Jefferson</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#img_p132">132</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="hang1">Helen Keller »betrachtet« eine Nike-Statuette</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#img_p170">170</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="hang1">Helen Keller »horcht« auf die Töne eines Klaviers</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#img_p186">186</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="hang1">Helen Keller bei der Lektüre</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#img_p192">192</a></div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Erster_Teil"><span class="s6">Erster Teil</span><br />
-
-Die Geschichte meines Lebens</h2>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span></p>
-
-<h3 class="padtop2" id="Erstes_Kapitel">Erstes Kapitel.</h3>
-
-</div>
-
-<p class="s5 center mbot2">Schwierige Aufgabe. &mdash; Familie. &mdash; Ivy Green. &mdash; Garten. &mdash; Geburt.
-&mdash; Taufe. &mdash; Erste Sprech- und Gehversuche. &mdash; Erkrankung. &mdash;
-Dauernder Verlust des Gesichts und Gehörs. &mdash; Verworrene Erinnerung
-an die ersten Gesichtseindrücke.</p>
-
-<p>Nur mit einem gewissen Zagen beginne ich die Geschichte meines Lebens
-zu schreiben. Ich empfinde eine Art abergläubischer Furcht davor, den
-Schleier zu lüften, der wie ein goldener Nebel über meiner Kindheit
-ausgebreitet liegt. Die Aufgabe, eine Selbstbiographie zu verfassen,
-gehört zu den schwierigsten, die man sich überhaupt stellen kann.
-Wenn ich versuche, meine ersten Eindrücke zu ordnen, so finde ich,
-daß Wahrheit und Dichtung, über die Jahre hinweg betrachtet, die die
-Vergangenheit mit der Gegenwart verknüpfen, sich zum Verwechseln
-ähnlich sehen. Die reife Frau schildert die Erfahrungen des Kindes,
-wie sich diese in ihrer eigenen Phantasie darstellen. Ein paar
-Eindrücke aus meinen ersten Lebensjahren stehen lebendig vor meiner
-Seele, doch „alles andre deckt der Kerkerschatte“. Auch haben viele
-der Freuden und Leiden der Kindheit ihren Reiz und ihren Stachel
-verloren, und zahlreiche Ereignisse, die bei Beginn meiner Erziehung
-von entscheidender Bedeutung gewesen sind, habe ich in der Erregung
-über meine weiteren Fortschritte vergessen. Um daher den Leser nicht
-zu ermüden, will ich in einer Reihe von Skizzen nur die Episoden zu
-schildern versuchen, die mir am interessantesten und wichtigsten
-erscheinen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span></p>
-
-<p>Ich wurde am 27. Juni 1880 in Tuscumbia, einer kleinen Stadt im
-nördlichen Alabama, geboren.</p>
-
-<p>Die Familie meines Vaters stammt von <em class="gesperrt">Kaspar Keller</em> ab, einem
-geborenen Schweizer, der sich in Maryland niedergelassen hatte. Einer
-meiner Schweizer Vorfahren war der erste Lehrer für Taubstumme in
-Zürich und hat ein Buch über deren Erziehung geschrieben &mdash; gewiß ein
-seltsames Zusammentreffen, obgleich es wahr ist, daß es keinen König
-gibt, unter dessen Vorfahren sich nicht ein Sklave befunden hat, und
-keinen Sklaven, in dessen Adern nicht auch Königsblut rollt.</p>
-
-<p>Mein Großvater, Kaspar Kellers Sohn, erhielt große Ländereien in
-Alabama zugewiesen und siedelte sich schließlich hier an. Ich
-habe mir erzählen lassen, daß er alljährlich einmal von Tuscumbia
-nach Philadelphia ritt, um die Bedürfnisse für seinen Grundbesitz
-einzukaufen, und meine Tante verwahrt noch viele von den Briefen an
-seine Familie, die anziehende und lebhafte Reiseschilderungen enthalten.</p>
-
-<p>Meine Großmutter Keller war die Tochter Alexander Moores, eines
-Adjutanten Lafayettes, und Enkelin Alexander Spotswoods, eines früheren
-Kolonialgouverneurs von Virginia. Auch war sie im zweiten Gliede mit
-Robert E. Lee verwandt.</p>
-
-<p>Mein Vater, Arthur H. Keller, war Hauptmann in der konföderierten Armee
-gewesen, und meine Mutter, Kate Adami, war seine zweite Gattin und
-viele Jahre jünger.</p>
-
-<p>Bis zum Ausbruch meiner Krankheit, die mich für immer des Gesichts
-und Gehörs berauben sollte, lebte ich in einem kleinen Hause, das aus
-einem großen viereckigen Zimmer und einem kleineren bestand, in dem
-das Dienstmädchen schlief. Im Süden herrscht die Gewohnheit, in der
-Nähe des Wohnhauses ein kleineres Gebäude zu errichten, das dann bei
-Gelegenheit benützt wird. Ein solches Häuschen erbaute auch mein Vater
-nach dem Bürgerkriege und bezog es, nachdem er sich<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span> mit meiner Mutter
-verheiratet hatte. Es war über und über mit Wein, Kletterrosen und
-Geißblatt bedeckt. Vom Garten aus machte es ganz den Eindruck einer
-Laube. Der kleine Eingang lag hinter einer Hecke von gelben Rosen und
-Stechwinde verborgen, die beständig von Hummeln und Bienen umsummt
-wurde.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="img_p005" name="img_p005">
- <img class="mtop1" src="images/img_p005.jpg" alt="" /></a>
- <p class="caption mbot1">Ivy Green</p>
-</div>
-
-<p>Das Familienwohnhaus lag wenige Schritte von unserer kleinen Rosenlaube
-entfernt. Es wurde »Ivy Green« genannt, weil das Haus und Bäume und
-Zäune, welche es umgaben, von dem schönsten Efeu umrankt waren. Der
-dazugehörige altmodische Garten war das Paradies meiner Kindheit.</p>
-
-<p>Schon vor der Ankunft meiner Lehrerin pflegte ich mich an den steifen
-viereckigen Buchsbaumhecken entlang zu tasten und fand, durch den
-Geruch geleitet, die ersten Veilchen und Lilien. Hierher flüchtete ich
-mich auch nach einem heftigen Ausbruch meines Temperaments und verbarg
-mein heißes Gesicht in den kühlen Blättern und Gräsern. Was für eine
-Freude war es, mich in diesem blumenübersäten Garten zu verlieren,
-selig von einem Fleck zum anderen zu wandern, bis ich endlich auf einen
-herrlichen Weinstock stieß, ihn an seinen Blättern und Blüten erkannte
-und wußte, es sei der Weinstock, der das verfallene Sommerhaus am
-anderen Ende des Gartens umrahmte! Dort wuchsen auch die kletternde
-Clematis, der niederhängende Jasmin und einige seltene, stark duftende
-Blumen, Schmetterlingslilien genannt, weil ihre zarten Blütenblätter
-Schmetterlingsflügeln gleichen. Aber die Rosen waren doch meine
-bevorzugten Lieblinge. Niemals habe ich in den Treibhäusern des Nordens
-solche wunderherrlichen Rosen angetroffen wie die Kletterrosen meines
-väterlichen Gartens, im Süden. Sie hingen in langen Gewinden um das
-Portal des kleinen Häuschens und erfüllten die ganze Luft mit ihrem
-Wohlgeruch, der nichts Irdisches an sich hatte, und in der<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span> Morgenfrühe
-fühlten sie sich, vom Tau gebadet, so frisch, so rein an, daß ich mich
-oft staunend fragte, ob sie nicht den Asphodelosblüten im Garten Gottes
-glichen.</p>
-
-<p>Der Beginn meines Lebens war einfach und genau so wie der jedes
-anderen kleinen Lebens. Ich kam, sah, siegte, wie es das erste Kind
-einer Familie stets tut. Wie gewöhnlich kam es bei Gelegenheit der
-Wahl eines Namens für mich zu einer lebhaften Erörterung. Es war nicht
-leicht, für das erste Kind in der Familie einen passenden Namen zu
-finden, da jedermann seine Lieblingswünsche in dieser Beziehung hatte
-und mit Eifer vertrat. Mein Vater schlug den Namen Mildred Campbell
-vor, wie eine Ahne von ihm geheißen hatte, die er sehr verehrte, und
-lehnte es ab, weiter an der Diskussion teilzunehmen. Meine Mutter
-gab den Ausschlag, indem sie es als ihren Wunsch bezeichnete, ich
-möchte nach ihrer Mutter, deren Mädchenname Helen Everett war, genannt
-werden. Aber in seiner Aufregung vergaß mein Vater während der Fahrt
-nach der Kirche diesen Namen, was auch ganz erklärlich war, da er es
-ausdrücklich abgelehnt hatte, für ihn die Verantwortung zu tragen. Als
-der Geistliche ihn danach fragte, erinnerte er sich nur noch, daß man
-übereingekommen war, mich nach meiner Großmutter zu nennen, und gab
-ihren Namen als Helen Adams an.</p>
-
-<p>Schon als ich noch im langen Kleidchen auf dem Arme getragen wurde,
-soll ich häufig einen heftigen, eigenwilligen Charakter gezeigt haben.
-Alles, was ich andere tun sah, wollte auch ich durchaus tun. Im Alter
-von sechs Monaten konnte ich <span class="antiqua">How d’ ye</span><a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> piepsen, und eines
-Tages zog ich die allgemeine Aufmerksamkeit auf mich, als ich ganz
-deutlich <span class="antiqua">Tea, tea, tea!</span> sagte. Selbst nach meiner Krankheit
-erinnerte ich mich noch an eins der Worte, das ich in jenen ersten
-sechs Monaten gelernt<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span> hatte. Es war das Wort <span class="antiqua">water</span>, und ich
-fuhr fort, einen Laut für dieses Wort hervorzubringen, selbst nachdem
-ich die ganze übrige Sprache verloren hatte. Ich hörte erst auf, den
-Laut <span class="antiqua">wah-wah</span> auszustoßen, als ich das Wort zu buchstabieren
-gelernt hatte.</p>
-
-<p>Im Alter von einem Jahre konnte ich gehen. Meine Mutter hatte mich
-gerade aus der Badewanne gehoben und hielt mich auf ihrem Schoße,
-als ich plötzlich durch die hin- und herhuschenden Schatten, die das
-Laub der Bäume auf die von der Sonne beschienene glatte Diele warf,
-gefesselt wurde. Ich schlüpfte von dem Schoße meiner Mutter herab und
-lief auf diese Schatten zu. Als der erste Antrieb vorüber war, fiel ich
-hin und schrie nach meiner Mutter, damit sie mich wieder auf den Arm
-nehme.</p>
-
-<p>Diese glücklichen Tage dauerten nicht lange. Ein kurzer Frühling voll
-jubelnden Vogelgesanges, ein Sommer, reich an Früchten und Rosen, ein
-in roten und goldenen Farben glühender Herbst kamen und gingen und
-legten ihre Gaben dem munteren, entzückten Kinde zu Füßen. Dann, in
-dem darauffolgenden traurigen Februar, kam die Krankheit, die mir Auge
-und Ohr schloß und mich in die Unbewußtheit eines neugeborenen Kindes
-zurückversetzte. Es war eine akute Unterleibs- und Gehirnentzündung.
-Der Arzt hatte mich schon aufgegeben. Eines Morgens verließ mich
-jedoch das Fieber auf ebenso plötzliche und geheimnisvolle Weise, wie
-es ausgebrochen war. Es herrschte an jenem Morgen große Freude in der
-Familie, allein niemand, selbst der Arzt nicht, hatte eine Ahnung
-davon, daß ich niemals wieder sehen oder hören sollte.</p>
-
-<p>Ich glaube, ich habe noch verworrene Erinnerungen an diese Krankheit.
-Namentlich entsinne ich mich der Zärtlichkeit, mit der mich meine
-Mutter in meinen wachen, qualvollen Stunden überhäufte, und der
-entsetzlichen Angst, mit der ich<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span> nach einem unruhigen Halbschlummer
-erwachte und meine, ach so heißen und trockenen Augen nach der Wand
-kehrte, hinweg von dem einst so geliebten Tageslicht, das von Tag
-zu Tage trüber und matter zu mir drang. Aber abgesehen von diesen
-verschwommenen Erinnerungen, wenn sie überhaupt noch Erinnerungen
-genannt werden können, erscheint mir alles völlig traumhaft wie ein
-Alp. Nach und nach gewöhnte ich mich an die mich umgebende Stille und
-Dunkelheit und vergaß, daß ich jemals ein anderes Los gehabt hatte,
-bis <em class="gesperrt">sie</em> kam &mdash; meine Lehrerin &mdash;, die meinen Geist befreite.
-Aber während der ersten neunzehn Monate meines Lebens hatte ich einen
-Schimmer von breiten, grünen Feldern, einem strahlenden Himmel, Bäumen
-und Blumen erhascht, den die nachfolgende Dunkelheit nicht ganz
-verlöschen konnte. Haben wir einmal gesehen, so „ist der Tag unser, und
-was der Tag gezeigt hat“.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> <span class="antiqua">How do you do</span> = wie geht es Ihnen?</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h3 class="padtop2" id="Zweites_Kapitel">Zweites Kapitel.</h3>
-
-</div>
-
-<p class="s5 center mbot2">Die ersten Monate nach der Krankheit. &mdash; Verständigungsversuche
-durch Gebärdensprache. &mdash; Betätigung im Haushalt. &mdash; Teilnahme
-an der Geselligkeit des Hauses. &mdash; Erkenntnis der Unterscheidung
-von anderen. &mdash; Heftigkeit. &mdash; Eigenwilligkeit und Herrschsucht.
-&mdash; Früheste Erinnerungen. &mdash; Umzug. &mdash; Familienleben. &mdash; Tod des
-Vaters im Jahre 1896. &mdash; Eifersucht.</p>
-
-<p>Ich kann mich nicht entsinnen, was sich während der ersten Monate
-nach meiner Krankheit mit mir zutrug. Ich weiß nur, daß ich auf dem
-Schoße meiner Mutter saß oder mich an ihr Kleid anklammerte, wenn
-sie umherging und den Haushalt besorgte. Meine Hände befühlten alles
-und verfolgten jede Bewegung, sodaß ich auf diese Weise mancherlei
-kennen lernte. Bald fühlte ich das Bedürfnis, mich mit meiner Umgebung
-zu verständigen, und begann, einfache Zeichen zu machen. Ein<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span>
-Kopfschütteln bedeutete »nein«, ein Nicken »ja«, ein Heranziehen »komm«
-und ein Fortstoßen »geh«. Wollte ich Brot haben, so ahmte ich die
-Bewegungen des Schneidens und Butterstreichens nach. Wünschte ich, daß
-meine Mutter zu Mittag Eiscreme zubereite, so machte ich eine Bewegung,
-die dem Drehen der Eismaschine entsprach, und schauerte zusammen,
-als ob ich fröre. Auch meiner Mutter gelang es großenteils, sich mir
-verständlich zu machen. Ich wußte stets, wann ich ihr etwas bringen
-sollte, und lief dann die Treppe hinauf oder an einen anderen Ort, den
-sie mir bezeichnet hatte. In der Tat verdanke ich ihrer liebevollen
-Klugheit alles, was meine lange Nacht erhellte und erheiterte.</p>
-
-<p>Ich begriff einen großen Teil von dem, was um mich herum vorging. Mit
-fünf Jahren lernte ich die reine Wäsche, wenn sie aus dem Waschhaus
-kam, zusammenlegen und wegräumen, und unterschied die meinige von der
-übrigen. Ich erkannte aus der Art und Weise, wie meine Mutter und
-meine Tante gekleidet waren, wann sie ausgehen wollten, und bettelte
-regelmäßig, mitgehen zu dürfen.</p>
-
-<p>Ich wurde stets geholt, wenn Besuch da war, und wenn die Gäste Abschied
-nahmen, winkte ich ihnen mit der Hand zu, wie ich glaube, mit einer
-unbestimmten Erinnerung an die Bedeutung dieser Bewegung. Eines
-Tages sprachen einige Herren bei meiner Mutter vor, und ich fühlte
-das Schließen der Haustür und andere Geräusche, die ihre Ankunft
-ankündigten. In plötzlichem Entschlusse lief ich die Treppe hinauf,
-ehe mich jemand zurückhalten konnte, um mich nach meinen Begriffen für
-die Gesellschaft herauszuputzen. Ich stellte mich vor den Spiegel,
-wie ich es bei anderen wahrgenommen hatte, feuchtete mein Haar mit
-Oel an und bedeckte mein Gesicht dick mit Puder. Dann legte ich einen
-Schleier auf meinen Kopf, der mein Gesicht bedeckte und mir in Falten
-bis auf die Schultern fiel,<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span> und band eine riesige Schleife um meine
-schmale Taille, sodaß sie hinter mir herflatterte und mir beinahe bis
-zum Saume meines Kleides reichte. In diesem Aufzug erschien ich, um zur
-Unterhaltung der Gesellschaft beizutragen.</p>
-
-<p>Ich entsinne mich nicht genau, wann ich zuerst erkannte, daß ich mich
-von anderen unterschied; ich weiß jedoch, daß es vor der Ankunft
-meiner Lehrerin der Fall war. Ich hatte bemerkt, daß meine Mutter und
-meine Bekannten keine Zeichen machten wie ich es tat, wenn sie etwas
-getan haben wollten, sondern mittelst ihres Mundes sprachen. Bisweilen
-stand ich zwischen zwei Personen, die sich miteinander unterhielten,
-und berührte ihre Lippen. Ich konnte dies nicht begreifen und war
-ganz verwirrt. Ich bewegte meine Lippen und gestikulierte heftig &mdash;
-natürlich ohne Erfolg. Dies machte mich zuweilen so wütend, daß ich mit
-den Füßen stampfte und schrie, bis ich erschöpft war.</p>
-
-<p>Ich glaube, ich wußte, wann ich unartig war, denn ich wußte, daß es
-Ella, meiner Wärterin weh tat, wenn ich mit den Füßen nach ihr stieß,
-und wenn meine Heftigkeit vorüber war, empfand ich etwas wie Reue. Aber
-ich kann mich keines Falles erinnern, in dem dieses Gefühl mich vor der
-Wiederholung meiner Ungezogenheit bewahrt hätte, wenn ich nicht gleich
-bekam, was ich wünschte.</p>
-
-<p>Zu jener Zeit waren ein kleines farbiges Mädchen, Martha Washington,
-die Tochter unserer Köchin, und ein alter Jagdhund meine beständigen
-Gefährten. Martha Washington verstand meine Zeichen, und ich hatte
-selten Schwierigkeiten, ihr begreiflich zu machen, was ich wünschte. Es
-machte mir Vergnügen, sie zu beherrschen, und sie unterwarf sich in der
-Regel meiner Tyrannei lieber, als daß sie es auf einen Faustkampf hätte
-ankommen lassen. Ich war stark, energisch und um die Folgen meiner
-Handlungsweise unbekümmert. Ich kannte meine Sinnesart am besten und
-folgte stets nur meinem<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span> eigenen Kopfe, selbst wenn ich einen Kampf
-auf Tod und Leben darum bestehen mußte. Einen großen Teil unserer
-Zeit brachten wir in der Küche zu, wo wir Klöße kneteten, Eiscreme
-machen halfen, Kaffee mahlten, uns um die Cakesdose zankten und die
-Hühner und Puten fütterten, die sich an der Küchentreppe in großer
-Menge einfanden. Viele von diesen waren so zahm, daß sie mir aus der
-Hand fraßen und sich von mir streicheln ließen. Ein riesiger Truthahn
-schnappte mir eines Tages eine Tomate aus der Hand und rannte mit ihr
-davon. Vielleicht ermutigt durch den Erfolg des Meister Truthahns,
-rissen wir einen Kuchen, den die Köchin soeben kandiert hatte, vom
-Herde herunter und aßen ihn mit Stumpf und Stiel auf. Ich war hinterher
-ganz krank, und ich möchte nur wissen, ob es dem Puter ebenso ergangen
-ist.</p>
-
-<p>Das Perlhuhn pflegt sein Nest an abgelegenen Stellen zu bauen, und
-es machte mir großes Vergnügen, in dem hohen Grase nach den Eiern zu
-suchen. Ich konnte es Martha Washington nicht sagen, wann ich auf die
-Eierjagd gehen wollte, aber ich legte meine Hände zusammen und drückte
-sie auf die Erde; dies sollte etwas Rundes im Grase bedeuten, und
-Martha verstand mich stets. Wenn wir das Glück hatten, ein Nest zu
-finden, so gestattete ich ihr nie, die Eier nach Hause zu tragen, indem
-ich ihr durch eifriges Gestikulieren klarzumachen suchte, sie könne
-fallen und die Eier zerschlagen.</p>
-
-<p>Die Scheunen, in denen das Getreide aufbewahrt wurde, der Stall, in dem
-die Pferde standen, und der Hof, in dem die Kühe des Morgens und des
-Abends gemolken wurden, übten eine unwiderstehliche Anziehungskraft
-auf Martha und mich aus. Die Melkmägde ließen mich die Kühe befühlen,
-während sie gemolken wurden, und ich wurde dabei für meine Neugierde
-oft tüchtig von den Tieren mit dem Schweife geschlagen.</p>
-
-<p>Die Vorbereitungen für das Weihnachtsfest gewährten mir<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span> stets großes
-Vergnügen. Natürlich wußte ich nicht, was rings um mich her vorging,
-aber ich freute mich über den Wohlgeruch, der das Haus erfüllte, und
-die Leckerbissen, die Martha Washington und ich bekamen, nur damit
-wir uns still verhalten sollten. Dies letztere war uns zwar nicht
-ganz recht, aber wir ließen uns dadurch in unserem Vergnügen nicht im
-mindesten stören. Wir durften Gewürz mahlen, Rosinen aussuchen und die
-Rührlöffel ablecken. Ich hängte meinen Strumpf auf,<a name="FNAnker_2_2" id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> weil die anderen
-es taten, konnte mich aber nicht entsinnen, daß mich die Zeremonie
-sonderlich interessierte; auch weckte mich die Neugierde, was ich wohl
-geschenkt erhalten würde, nicht vor Tagesanbruch auf.</p>
-
-<p>Martha Washington zeigte eine ebenso große Neigung zum Unfugstiften
-wie ich. An einem heißen Julinachmittag saßen zwei kleine Mädchen
-auf den Verandastufen. Das eine war schwarz wie Ebenholz und hatte
-das struppige Haar in kleine mit Schnürsenkeln umwickelte Löckchen
-abgeteilt, die wie Korkzieher um ihren ganzen Kopf herumstanden. Das
-andere Mädchen war weiß und hatte lange goldene Locken. Das eine Kind
-war sechs Jahre alt, das andere zwei bis drei Jahre älter. Das jüngere
-war blind &mdash; ich war es &mdash;, das ältere war Martha Washington. Wir waren
-mit dem Ausschneiden von Papierpuppen beschäftigt, wurden aber dieses
-Spieles bald überdrüssig, und nachdem ich meine Schuhbänder sowie alle
-Blätter des Geißblattstrauches, die ich erreichen konnte, abgeschnitten
-hatte, richtete ich meine Aufmerksamkeit auf Marthas Korkzieher. Sie
-sträubte sich zwar anfangs, gab aber schließlich nach. Dann ergriff
-sie, wahrscheinlich in der Meinung, es sei ganz in der Ordnung, wenn
-sie gleiches mit gleichem ver<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span>gelte, die Schere und schnitt mir eine
-meiner Locken ab; sie würde mir alle abgeschnitten haben, wenn meine
-Mutter nicht zur rechten Zeit dazugekommen wäre.</p>
-
-<p>Belle, unser Hund, mein zweiter Spielgefährte, war alt und faul und zog
-es vor, lieber am offenen Feuer zu schlafen als mit mir umherzutollen.
-Ich gab mir alle erdenkliche Mühe, ihr meine Zeichensprache
-beizubringen, aber sie war stumpfsinnig und unaufmerksam. Sie stand
-bisweilen still, zitterte vor Aufregung und wurde dann ganz starr, wie
-es Hunde tun, wenn sie vor einem Vogel stehen. Ich wußte damals nicht,
-was dies bedeuten sollte, merkte aber, daß Belle das nicht tat, was
-ich haben wollte. Das ärgerte mich, und die Lektion endete regelmäßig
-damit, daß ich ihr einige Rippenstöße versetzte. Belle stand auf,
-dehnte sich faul, schnaufte ein paarmal verdrießlich, ging auf die
-andere Seite des Kamins und legte sich wieder hin, während ich mich
-müde und enttäuscht auf die Suche nach Martha machte.</p>
-
-<p>Viele Ereignisse aus diesen ersten Jahren haften in meinem Gedächtnis,
-vereinzelt, aber klar und bestimmt, und lassen die Stille, die
-Zwecklosigkeit, die Lichtlosigkeit meines Daseins nur um so greller
-hervortreten.</p>
-
-<p>Eines Tages hatte ich mir meine Schürze naß gemacht, und ich breitete
-sie zum Trocknen vor dem Feuer aus, das in dem Kamine des Wohnzimmers
-flackerte. Die Schürze trocknete nach meiner Ansicht nicht rasch genug,
-ich trat daher näher und breitete sie direkt über der heißen Asche
-aus. Das Feuer züngelte empor und erfaßte meine Kleider, sodaß ich im
-Nu in hellen Flammen stand. Ich erhob ein schreckliches Angstgeschrei,
-das meine alte Wärterin Viney zur Rettung herbeirief. Sie warf ein
-Tuch über mich, daß ich fast erstickte, löschte aber damit das Feuer.
-Außer an Händen und Haar hatte ich keinen ernstlichen Brandschaden
-davongetragen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span></p>
-
-<p>Um diese Zeit entdeckte ich, wozu man einen Schlüssel gebrauchen
-könnte. Eines Morgens schloß ich meine Mutter in der Speisekammer ein,
-in der sie drei volle Stunden bleiben mußte, da die Dienstboten in
-einem abseits gelegenen Teil des Hauses beschäftigt waren. Sie pochte
-fortwährend an die Tür, während ich draußen auf der Vortreppe saß und
-wie ein Kobold lachte, als ich das Geräusch des Pochens fühlte. Dieser
-unartige Streich überzeugte meine Eltern von der Notwendigkeit, mir
-sobald wie möglich Unterricht geben zu lassen. Kurz nachdem meine
-Lehrerin, Fräulein Sullivan, zu mir gekommen war, suchte ich eine
-Gelegenheit, sie in ihrem Zimmer einzuschließen. Ich ging die Treppe
-hinauf, um Fräulein Sullivan auf Geheiß meiner Mutter etwas zu bringen;
-kaum aber hatte ich meinen Auftrag ausgerichtet, als ich wie ein
-Blitz wieder zur Tür hinaus war, sie zuschloß und den Schlüssel unter
-dem Kleiderschrank im Korridor versteckte. Ich konnte nicht dahin
-gebracht werden, anzugeben, wo der Schlüssel war. Mein Vater mußte
-eine Leiter holen und Fräulein Sullivan zum Fenster heraustragen &mdash; zu
-meinem großen Gaudium. Erst nach Monaten brachte ich den Schlüssel zum
-Vorschein.</p>
-
-<p id="Zeitung">Als ich ungefähr fünf Jahre alt war, verzogen wir aus dem kleinen,
-weinumrankten Hause nach einem größeren neuen. Die Familie bestand aus
-meinem Vater, meiner Mutter, zwei älteren Stiefbrüdern und mir; später
-kam dann noch eine kleine Schwester, Mildred, hinzu. Meine früheste
-bestimmte Erinnerung an meinen Vater ist die, wie ich eines Tages über
-große Stöße von Zeitungen hinweg zu ihm klettere und ihn allein finde,
-während er ein Blatt Papier vor sein Gesicht hält. Ich brannte vor
-Neugierde, was er da wohl täte. Ich machte ihm alles nach und setzte
-sogar seine Brille auf, in der Hoffnung, sie werde mir helfen, das
-Geheimnis herauszubringen. Aber ich fand lange Jahre hindurch nicht des
-Rätsels Lösung. Dann<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span> erfuhr ich, was jene Papiere bedeuteten und daß
-mein Vater Herausgeber einer Zeitung war.</p>
-
-<p>Mein Vater war äußerst liebevoll und nachsichtig, dabei ebenso
-häuslich, da er uns selten allein ließ, außer zur Jagdzeit. Er war ein
-großer Jäger vor dem Herrn, wie mir erzählt wurde, und ein berühmter
-Schütze. Nächst seiner Familie liebte er seine Hunde und sein Gewehr.
-Seine Gastfreiheit war groß und artete beinahe zu einem Fehler aus,
-denn er kam selten nach Hause, ohne einen Gast mitzubringen. Besonders
-aber war er auf seinen großen Garten stolz, in dem er, wie es hieß, die
-schönsten Wassermelonen und Erdbeeren der ganzen Umgegend zog, und mir
-brachte er stets die ersten reifen Weintrauben und köstlichsten Beeren.
-Ich erinnere mich noch an seine liebkosende Berührung, als er mich von
-Baum zu Baum, von Weinstock zu Weinstock leitete, und seiner Freude an
-allem, was mir Vergnügen machte.</p>
-
-<p>Er war ein prächtiger Erzähler; als ich die Herrschaft über die Sprache
-gewonnen hatte, pflegte er mir seine hübschesten Anekdoten ungeschickt
-in die Hand zu buchstabieren, und nichts machte ihm mehr Vergnügen, als
-wenn ich sie bei einer passenden Gelegenheit wiederholte.</p>
-
-<p>Ich war im Norden und erfreute mich eben der letzten schönen Sommertage
-des Jahres 1896, als ich die Kunde von meines Vaters Tod vernahm. Er
-war nur kurze Zeit krank gewesen, hatte aber schwer leiden müssen; dann
-war alles vorüber. Es war mein erster großer Schmerz &mdash; meine erste
-persönliche Bekanntschaft mit dem Tode.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>In welcher Weise soll ich über meine Mutter schreiben? Sie steht mir so
-nahe, daß es beinahe unzart erscheinen würde, wollte ich hier über sie
-sprechen.</p>
-
-<p>Lange Zeit betrachtete ich meine kleine Schwester als Eindringling. Ich
-wußte, ich hatte aufgehört, meiner Mutter<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span> einziger Liebling zu sein,
-und der Gedanke daran erfüllte mich mit Eifersucht. Sie saß beständig
-auf dem Schoße meiner Mutter, wo mein gewöhnlicher Platz gewesen war,
-und schien all ihre Sorge und Zeit in Anspruch zu nehmen. Eines Tages
-trug sich etwas zu, was meiner Meinung nach zu der Beleidigung offenen
-Schimpf gesellte.</p>
-
-<p>Zu jener Zeit besaß ich eine viel gehätschelte, viel mißhandelte Puppe,
-der ich später den Namen Nancy gab. Ach, sie war das wehrlose Opfer
-meiner maßlosen Zornes- und Zärtlichkeitsausbrüche, sodaß sie am Ende
-schrecklich anzusehen war. Ich hatte Puppen, die sprechen und schreien,
-ihre Augen öffnen und schließen konnten, aber ich liebte keine von
-ihnen so, wie ich die arme Nancy liebte. Sie hatte eine Wiege, und ich
-schaukelte sie darin oft eine Stunde und länger. Ich bewachte Puppe und
-Wiege mit der eifersüchtigsten Sorgfalt, aber eines Tages entdeckte
-ich, daß meine kleine Schwester friedlich in der Wiege schlummerte.
-Bei dieser Anmaßung von seiten jemandes, mit dem mich noch kein Band
-der Liebe verknüpfte, wurde ich wütend. Ich stürzte auf die Wiege
-zu und warf sie um, und das Kind hätte tot sein können, hätte meine
-Mutter es nicht im Falle aufgefangen. Ein solcher Ausbruch kommt daher,
-daß, wenn wir in dem Tale doppelter Einsamkeit wandeln, wir wenig
-von den zärtlichen Empfindungen wissen, die aus liebevollen Worten
-und Handlungen sowie aus dem Zusammensein mit anderen emporsprießen.
-Später jedoch, als ich zum Bewußtsein meines Menschentums erwacht war,
-schlossen wir, Mildred und ich, uns auf das engste aneinander an und
-waren glückselig, wenn wir Hand in Hand miteinander gehen konnten,
-wohin wir gerade Lust hatten, obgleich sie meine Zeichensprache und ich
-ihr kindliches Geplauder nicht verstehen konnte.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_2_2" id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> In England und Frankreich hängen die Kinder zu Weihnachten
-ihre Strümpfe und Schuhe am Fenster oder Kamin auf und erwarten, daß
-der heilige Nikolaus sie mit Geschenken fülle.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span></p>
-
-<h3 class="padtop2" id="Drittes_Kapitel">Drittes Kapitel.</h3>
-
-</div>
-
-<p class="s5 center mbot2">Wachsendes Verlangen nach Gedankenaustausch. &mdash; Laura Bridgman und
-<span class="antiqua">Dr.</span> Howe. &mdash; Reise nach Baltimore zu einem Augenarzte. &mdash; Besuch
-bei Alex. Graham Bell. &mdash; Herr Anagnos in Boston findet eine
-Lehrerin.</p></div>
-
-<p>Inzwischen wuchs mein Verlangen, meinen Gedanken genügenden Ausdruck
-zu geben, von Tag zu Tag. Die wenigen Zeichen, deren ich mich bedienen
-konnte, wurden immer unzureichender, und das Fehlschlagen meiner
-Versuche, mich verständlicher zu machen, war stets von einem Ausbruche
-der Leidenschaft begleitet. Es war mir, als hielten mich unsichtbare
-Hände, und ich machte verzweifelte Anstrengungen, mich zu befreien. Ich
-kämpfte &mdash; nicht als ob dieser Kampf mir etwas genützt hätte, sondern
-weil der Geist des Widerstandes in mir lebendig war; ich brach auch in
-der Regel weinend und in völliger physischer Erschöpfung zusammen. War
-meine Mutter zufällig in der Nähe, so flüchtete ich mich in ihre Arme,
-zu elend, um mich auch nur der Ursache des Sturmes entsinnen zu können.
-Nach einiger Zeit wurde das Bedürfnis nach Verständigungsmitteln so
-dringend, daß diese leidenschaftlichen Auftritte alltäglich, bisweilen
-sogar allstündlich erfolgten.</p>
-
-<p>Meine Eltern waren tief bekümmert und völlig ratlos. Wir wohnten
-weitab von jeder Blinden- oder Taubstummenschule, und es schien
-ausgeschlossen, daß jemand nach einem so abgelegenen Orte wie Tuscumbia
-kommen sollte, um ein Kind zu unterrichten, das sowohl blind wie
-taubstumm war. In der Tat zweifelten meine Verwandten und Bekannten
-mitunter an der Möglichkeit eines Unterrichts für mich. Meiner
-Mutter einziger Hoffnungsstrahl entsprang der Lektüre von Dickens’
-»Amerikanischen Skizzen«. Sie hatte seinen Bericht über Laura Bridgman
-gelesen und entsann sich undeutlich,<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> daß diese taubstumm und blind
-gewesen war und doch eine Erziehung erhalten hatte. Aber sie erinnerte
-sich in hoffnungslosem Schmerze auch daran, daß <span class="antiqua">Dr.</span> Howe, der Mittel
-und Wege entdeckt hatte, blinde Taubstumme zu unterrichten, seit
-mehreren Jahren tot war. Seine Methoden waren vermutlich mit ihm
-gestorben, und wenn dies nicht der Fall war, wie war es möglich, daß
-ein kleines Mädchen in einem weltabgelegenen Städtchen Alabamas einen
-Nutzen von ihnen haben konnte?</p>
-
-<p>Als ich etwa sechs Jahre alt war, hörte mein Vater von einem berühmten
-Augenarzt in Baltimore, der in vielen anscheinend hoffnungslosen Fällen
-noch Erfolge erzielt hatte. Meine Eltern entschlossen sich sofort dazu,
-mit mir nach Baltimore zu reisen, um zu sehen, ob sich etwas für meine
-Augen tun ließe.</p>
-
-<p>Die Reise, auf die ich mich noch gut entsinnen kann, machte mir viel
-Vergnügen. Ich befreundete mich während der Eisenbahnfahrt mit vielen
-Leuten. Eine Dame schenkte mir eine Schachtel mit Muscheln. Mein Vater
-durchbohrte sie, sodaß ich sie aufreihen konnte, und lange Zeit war ich
-glücklich und zufrieden über diese Beschäftigung. Auch der Schaffner
-war freundlich zu mir. Oft, wenn er seine Runde machte, klammerte
-ich mich an seine Rockschöße, während er die Fahrkarten einsammelte
-und durchlochte. Seine Zange, mit der er mich spielen ließ, war ein
-wunderbarer Zeitvertreib. Zusammengekauert in einer Ecke des Wagens
-vergnügte ich mich stundenlang damit, kleine Löcher in Pappe zu knipsen.</p>
-
-<p>Meine Tante machte mir eine große Puppe aus Taschentüchern. Es war das
-komischste, formloseste Ding, diese improvisierte Puppe, ohne Nase,
-Mund, Augen oder Ohren, kurz es war nichts da, was selbst die Phantasie
-eines Kindes in ein Gesicht hätte umschaffen können. Seltsamerweise
-störte mich das Fehlen der Augen mehr als alle übrigen Mängel.<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> Ich
-suchte dies allen Anwesenden beharrlich klarzumachen, aber niemand
-schien imstande zu sein, die Puppe mit Augen zu versehen. Plötzlich
-schoß mir ein Gedanke durch den Kopf, und die Aufgabe war gelöst. Ich
-sprang von meinem Sitze auf und suchte so lange, bis ich den Mantel
-meiner Tante fand, der mit großen Knöpfen besetzt war. Ich riß zwei
-Knöpfe ab und bedeutete ihr, sie möchte mir diese an meine Puppe
-nähen. Sie legte mit einer fragenden Gebärde meine Hand an ihre Augen,
-und ich nickte energisch. Die Knöpfe wurden an der richtigen Stelle
-angenäht, und ich konnte mich vor Freude nicht lassen, verlor jedoch
-augenblicklich alles Interesse an der Puppe. Während der ganzen Reise
-hatte ich keinen einzigen meiner gewöhnlichen Anfälle, denn es waren zu
-vielerlei Dinge da, die meinen Geist und meine Finger beschäftigten.</p>
-
-<p>Als wir in Baltimore anlangten, empfing uns <span class="antiqua">Dr.</span> Chisholm mit großer
-Liebenswürdigkeit; er konnte aber nichts tun. Doch erklärte er, ich
-könne Unterricht erhalten, und wies meinen Vater an <span class="antiqua">Dr.</span> Alexander
-Graham Bell in Washington, der in der Lage sein würde, ihm nähere
-Auskunft über Schulen und Lehrer für blinde oder taubstumme Kinder
-zu erteilen. Dem Rate des Arztes zufolge reisten wir sofort nach
-Washington weiter, um <span class="antiqua">Dr.</span> Bell aufzusuchen, mein Vater mit Trauer und
-Zweifel im Herzen, während ich keine Ahnung von seinem Schmerz hatte
-und an der Aufregung des Reisens von Stadt zu Stadt Vergnügen fand.
-In meinem kindlichen Sinne empfand ich sofort das liebevolle, gütige
-Wesen, mit dem sich <span class="antiqua">Dr.</span> Bell so vieler Herzen gewann, wie er durch
-seine staunenswerten Erfolge aller Welt Bewunderung einflößte. Er hielt
-mich auf seinen Knien, während ich mit seiner Uhr spielte, die er für
-mich schlagen ließ. Er verstand meine Zeichen, und ich wußte dies
-und gewann ihn sofort lieb. Aber ich ließ es mir nicht träumen, daß
-diese Unterredung das Tor sein sollte,<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span> durch das ich schließlich aus
-der Finsternis zum Licht, aus der Vereinzelung zur Freundschaft, zur
-Gemeinschaft mit anderen, zur Erkenntnis, zur Liebe gelangte.</p>
-
-<p><span class="antiqua">Dr.</span> Bell riet meinem Vater, an Herrn Anagnos, den Direktor des
-Perkinsschen Instituts in Boston, zu schreiben, desselben, in dem
-<span class="antiqua">Dr.</span> Howe so segensreich für die Blinden gewirkt hatte, und bei ihm
-anzufragen, ob er einen Lehrer hätte, der imstande wäre, meine
-Erziehung in die Hand zu nehmen. Dies tat mein Vater sofort, und nach
-einigen Wochen traf ein liebenswürdiger Brief von Herrn Anagnos ein,
-mit der tröstlichen Zusicherung, daß eine Lehrerin gefunden sei. Dies
-war im Sommer 1886. Aber Fräulein Sullivan langte erst im folgenden
-März an.</p>
-
-<p>So ward ich aus Aegyptenland geführt und stand vor dem Sinai; eine
-göttliche Macht berührte meinen Geist und machte ihn sehen, sodaß ich
-vieles Wunderbare wahrnehmen konnte. Und von dem heiligen Berge her
-hörte ich eine Stimme, die sprach: Wissen ist Liebe und Licht und Sehen.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3 class="padtop2" id="Viertes_Kapitel">Viertes Kapitel.</h3>
-
-</div>
-
-<p class="s5 center mbot2">Ankunft Fräulein Sullivans in Tuscumbia am 3. März 1887. &mdash; Bange
-Erwartung. &mdash; Beginn der Erlernung des Fingeralphabets. &mdash; Szene am
-Brunnen. &mdash; Enthüllung des Geheimnisses der Sprache.</p>
-
-<p>Der wichtigste Tag, dessen ich mich Zeit meines ganzen Lebens entsinnen
-kann, ist der, an dem meine Lehrerin, Fräulein Anne Mansfield
-<em class="gesperrt">Sullivan</em>, zu mir kam. Ich kann kaum Worte finden, um den
-unermeßlichen Gegensatz in meinem Leben vor und nach ihrer Ankunft zu
-schildern. Es war der 3. März 1887, drei Monate vor meinem siebenten
-Geburtstage.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span></p>
-
-<p>Am Nachmittage jenes folgenreichen Tages stand ich in dumpfer
-Erwartung an der Haustür. Da ich infolge der Zeichen meiner Mutter
-und des Hin- und Herlaufens im Hause eine unbestimmte Ahnung von
-dem Bevorstehen eines außergewöhnlichen Ereignisses hatte, ging ich
-vor die Tür und wartete auf der Treppe. Die Nachmittagssonne drang
-durch das dichte Geißblattgebüsch, das die Tür umrahmte, und fiel auf
-mein emporgerichtetes Gesicht. Meine Finger spielten fast unbewußt
-mit den wohlbekannten Blättern und Blüten, die eben hervorgekommen
-waren, um den holden südlichen Lenz zu begrüßen. Ich wußte nicht, was
-für Wunder und Ueberraschungen die Zukunft für mich in ihrem Schoße
-barg. Zorn und Verbitterung waren seit Wochen unausgesetzt auf mich
-eingestürmt. Dieser verzweifelte Kampf hatte eine tiefe Ermattung bei
-mir zurückgelassen.</p>
-
-<p>Lieber Leser, hast du dich je bei einer Seefahrt in dichtem Nebel
-befunden, der dich wie eine greifbare weiße Finsternis einzuschließen
-schien, während das große Schiff seinen Kurs längs der Küste mit Hilfe
-von Senkblei und Lotleine zagend und ängstlich verfolgte, und du mit
-klopfendem Herzen irgend ein Ereignis erwartetest? Jenem Schiffe glich
-ich vor Beginn meiner Erziehung, nur fehlten mir Kompaß und Lotleine,
-und ich hatte keine Ahnung davon, wie nahe der Hafen war. Licht! gebt
-mir Licht! lautete der wortlose Aufschrei meiner Seele, und das Licht
-der Liebe erhellte bereits in dieser Stunde meinen Pfad.</p>
-
-<p>Ich fühlte sich nähernde Schritte. Ich streckte meine Hand aus, wie ich
-glaubte, meiner Mutter entgegen. Irgend jemand ergriff sie, ich ward
-von der emporgehoben und fest in die Arme geschlossen, die gekommen
-war, den Schleier, der mir die Welt verbarg, zu lüften und, was mehr
-als dies bedeutete, mich zu lieben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span></p>
-
-<p>Am Morgen nach ihrer Ankunft führte mich meine Lehrerin in ihr
-Zimmer und gab mir eine Puppe. Die kleinen blinden Mädchen aus dem
-Perkinsschen Institute hatten sie mir geschickt, und Laura Bridgman
-hatte sie angezogen; dies erfuhr ich jedoch erst später. Als ich ein
-Weilchen mit ihr gespielt hatte, buchstabierte Fräulein Sullivan
-langsam das Wort <span class="antiqua nowrap">d&ndash;o&ndash;l&ndash;l</span> in meine Hand. Dieses Fingerspiel
-interessierte mich sofort, und ich begann es nachzumachen. Als es
-mir endlich gelungen war, die Buchstaben genau nachzuahmen, errötete
-ich vor kindlicher Freude und kindlichem Stolz. Ich lief die Treppe
-hinunter zu meiner Mutter, streckte meine Hand aus und machte ihr die
-eben erlernten Buchstaben vor. Ich wußte damals noch nicht, daß ich
-ein Wort buchstabierte, ja nicht einmal, daß es überhaupt Wörter gab;
-ich bewegte einfach meine Finger in affenartiger Nachahmung. Während
-der folgenden Tage lernte ich auf diese verständnislose Art eine
-große Menge Wörter buchstabieren, unter ihnen <span class="antiqua">pin</span>, <span class="antiqua">hat</span>,
-<span class="antiqua">cup</span> und ein paar Verben wie <span class="antiqua">sit</span>, <span class="antiqua">stand</span> und
-<span class="antiqua">walk</span>. Aber meine Lehrerin weilte schon mehrere Wochen bei mir,
-ehe ich begriff, daß jedes Ding seine Bezeichnung habe.</p>
-
-<p>Als ich eines Tages mit meiner neuen Puppe spielte, legte mir Fräulein
-Sullivan auch meine große zerlumpte Puppe auf dem Schoß, buchstabierte
-<span class="antiqua nowrap">d&ndash;o&ndash;l&ndash;l</span> und suchte mir verständlich zu machen, daß sich
-<span class="antiqua nowrap">d&ndash;o&ndash;l&ndash;l</span> auf beide Puppen beziehe. Vorher hatten wir ein
-Renkontre über die Wörter <span class="antiqua nowrap">m&ndash;u&ndash;g</span> und <span class="antiqua nowrap">w&ndash;a&ndash;t&ndash;e&ndash;r</span>
-gehabt. Fräulein Sullivan hatte mir einzuprägen versucht, daß
-<span class="antiqua nowrap">m&ndash;u&ndash;g</span> <span class="antiqua nowrap">mug</span> und daß
-<span class="antiqua nowrap">w&ndash;a&ndash;t&ndash;e&ndash;r</span> <span class="antiqua">water</span>
-sei, aber ich blieb beharrlich dabei, beides zu verwechseln.
-Verzweifelt hatte sie das Thema einstweilen fallen gelassen, aber
-nur, um es bei nächster Gelegenheit wieder aufzunehmen. Bei ihren
-wiederholten Versuchen wurde ich ungeduldig, ergriff die neue
-Puppe und schleuderte<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> sie zu Boden. Ich empfand eine lebhafte
-Schadenfreude, als ich die Bruchstücke der zertrümmerten Puppe zu
-meinen Füßen liegen fühlte. Weder Schmerz noch Reue folgten diesem
-Ausbruch von Leidenschaft. Ich hatte die Puppe nicht geliebt. In der
-stillen, dunklen Welt, in der ich lebte, war für starke Zuneigung oder
-Zärtlichkeit kein Raum. Ich fühlte, wie meine Lehrerin die Bruchstücke
-auf die eine Seite des Kamins fegte, und empfand eine Art von
-Genugtuung darüber, daß die Ursache meines Unbehagens beseitigt war.
-Fräulein Sullivan brachte mir meinen Hut, und ich wußte, daß es jetzt
-in den warmen Sonnenschein hinausging. Dieser Gedanke, wenn eine nicht
-in Worte gefaßte Empfindung ein Gedanke genannt werden kann, ließ mich
-vor Freude springen und hüpfen.</p>
-
-<p>Wir schlugen den Weg zum Brunnen ein, geleitet durch den Duft des
-ihn umrankenden Geißblattstrauches. Es pumpte jemand Wasser, und
-meine Lehrerin hielt mir die Hand unter das Rohr. Während der kühle
-Strom über die eine meiner Hände sprudelte, buchstabierte sie mir
-in die andere das Wort <span class="antiqua">water</span>, zuerst langsam, dann schnell.
-Ich stand still, mit gespannter Aufmerksamkeit die Bewegung ihrer
-Finger verfolgend. Mit einem Male durchzuckte mich eine nebelhaft
-verschwommene Erinnerung an etwas Vergessenes, ein Blitz des
-zurückkehrenden Denkens, und einigermaßen offen lag das Geheimnis der
-Sprache vor mir. Ich wußte jetzt, daß <span class="antiqua">water</span> jenes wundervolle
-kühle Etwas bedeutete, das über meine Hand hinströmte. Dieses lebendige
-Wort erweckte meine Seele zum Leben, spendete ihr Licht, Hoffnung,
-Freude, befreite sie von ihren Fesseln! Zwar waren ihr immer noch
-Schranken gesetzt, aber Schranken, die mit der Zeit hinweggeräumt
-werden konnten.<a name="FNAnker_3_3" id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a></p>
-
-<p>Ich verließ den Brunnen voller Lernbegier. Jedes Ding<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span> hatte eine
-Bezeichnung, und jede Bezeichnung erzeugte einen neuen Gedanken.
-Als wir in das Haus zurückkehrten, schien mir jeder Gegenstand, den
-ich berührte, vor verhaltenem Leben zu zittern. Dies kam daher, daß
-ich alles mit dem seltsamen neuen Gesicht, das ich erhalten hatte,
-betrachtete. Beim Betreten des Zimmers erinnerte ich mich der Puppe,
-die ich zertrümmert hatte. Ich tastete mich bis zum Kamin, hob die
-Stücke auf und suchte sie vergeblich wieder zusammenzufügen. Dann
-füllten sich meine Augen mit Tränen; ich erkannte, was ich getan hatte,
-und zum erstenmal in meinem Leben empfand ich Reue und Schmerz.</p>
-
-<p>Ich lernte an diesem Tage eine große Menge neuer Wörter. Ich
-erinnere mich nicht mehr an alle, aber ich weiß, daß <span class="antiqua">mother</span>,
-<span class="antiqua">father</span>, <span class="antiqua">sister</span>, <span class="antiqua">teacher</span> unter ihnen waren &mdash;
-Wörter, die die Welt für mich erblühen machten „wie Aarons Stab, mit
-Blumen.“ Es dürfte schwer gewesen sein, ein glücklicheres Kind als mich
-zu finden, als ich am Schluß dieses ereignisvollen Tages in meinem
-Bettchen lag und der Freuden gedachte, die mir heut zuteil geworden
-waren, und zum ersten Male sehnte ich mich nach dem anbrechenden Morgen.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_3_3" id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Vgl. Fräulein Sullivans
-<a href="#Brief_S_224">Brief S. 224 ff.</a></p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h3 class="padtop2" id="Fuenftes_Kapitel">Fünftes Kapitel.</h3>
-
-</div>
-
-<p class="s5 center mbot2">Allmähliches Erwachen der Seele. &mdash; Unterricht im Freien. &mdash; Freude
-an der Natur. &mdash; Schrecken der Natur. &mdash; Gewitter. &mdash; Schönheit des
-Mimosenbaumes.</p>
-
-<p>Ich entsinne mich vieler Ereignisse des Sommers 1887, der auf das
-Erwachen meiner Seele folgte. Fortwährend tastete ich mit meinen
-Händen umher und lernte die Bezeichnung für jeden Gegenstand, den ich
-berührte, kennen, und je mehr ich mit den Dingen bekannt wurde und
-ihre Bezeichnungen und<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> ihre Zwecke kennen lernte, desto freudiger und
-stärker wurde das Bewußtsein meiner Verwandtschaft mit der übrigen Welt.</p>
-
-<p>Als die Zeit der Maßliebchen und Butterblumen gekommen war, führte
-mich Fräulein Sullivan an ihrer Hand durch die Felder zu den Ufern des
-Tennesseestromes, und hier, auf dem warmen Grase sitzend, erhielt ich
-meinen ersten Unterricht über die Wohltaten der Natur. Ich lernte, wie
-die Sonne und der Regen jeden Baum, der „lustig anzusehen und gut zu
-essen“ war, aus dem Boden emporwachsen ließen, wie die Vögel ihre Nester
-bauen und von Land zu Land fliegen, wie das Eichhorn, der Hirsch, der
-Löwe und jedes andere Geschöpf Nahrung und Obdach finden. Je mehr
-meine Kenntnisse zunahmen, desto stärker wurde mein Entzücken über
-die Welt, in der ich lebte. Lange bevor ich ein Exempel rechnen oder
-die Gestalt der Erde beschreiben konnte, hatte mich Fräulein Sullivan
-gelehrt, in den duftenden Wäldern, in jedem Grashalm, wie in den Linien
-und Grübchen der Hand meiner kleinen Schwester Schönheit zu entdecken.
-Sie verknüpfte meine ersten Gedanken mit der Natur und brachte mir zum
-Bewußtsein, daß „Vögel, Blumen und ich glückliche, gleichberechtigte
-Gefährten seien“.</p>
-
-<p>Um diese Zeit machte ich eine Erfahrung, die mich davon überzeugte, daß
-die Natur nicht immer gütig ist. Eines Tages kehrten meine Lehrerin und
-ich von einem langen Spaziergange zurück. Der Morgen war schön gewesen,
-aber es war drückend heiß geworden, als wir uns endlich auf den Heimweg
-machten. Ein paarmal rasteten wir unter einem Baum am Wegesrande. Unser
-letzter Halt fand unter einem wilden Kirschbaum statt, der in kurzer
-Entfernung vom Hause stand. Der Schatten war angenehm, und der Baum so
-leicht zu erklettern, daß ich mir mit Hilfe meiner Lehrerin einen Sitz
-in den Zweigen zu verschaffen vermochte. Es war so kühl auf dem Baum,
-daß Fräulein Sullivan vorschlug, hier unser Frühstück einzunehmen.<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span> Ich
-versprach ihr, still sitzen zu bleiben, während sie nach Hause ging, es
-zu holen.</p>
-
-<p>Plötzlich ging eine Veränderung mit dem Baume vor. Alle Sonnenwärme
-verschwand aus der Luft. Ich wußte, der Himmel war schwarz umzogen,
-weil alle Hitze, die für mich Licht bedeutete, fort war. Ein seltsamer
-Geruch stieg aus der Erde empor. Ich kannte ihn, es war der Geruch,
-der stets einem Gewittersturm vorherzugehen pflegt, und ein namenloser
-Schreck krampfte mir das Herz zusammen. Ich fühlte mich ganz allein,
-abgeschnitten von meinen Freunden und der festen Erde. Das Unendliche,
-das Unbekannte umfing mich. Ich blieb still und ergeben sitzen; ein
-furchtbares Entsetzen beschlich mich. Ich sehnte mich nach der Rückkehr
-meiner Lehrerin; vor allem aber wollte ich von dem Baum herunter.</p>
-
-<p>Es trat eine unheilverkündende Stille ein, dann aber begannen alle
-Zweige zu rauschen. Ein Zittern rann durch den Baum, und es erfolgte
-ein so heftiger Windstoß, daß er mich herabgeschleudert haben würde,
-hätte ich mich nicht mit aller Kraft an einem Aste festgeklammert. Der
-Baum schwankte hin und her. Kleine Zweige wurden abgerissen und fielen
-rings um mich her zu Boden. Es ergriff mich ein wildes Verlangen,
-herunterzuspringen, aber der Schreck hielt mich festgebannt. Ich
-kletterte bis zur Gabelung des Baumes zurück. Die Zweige schwankten
-rings um mich her. Ich fühlte das Rütteln, das sich dann und wann
-erhob, als sei etwas Schweres niedergefallen und die Erschütterung habe
-sich bis zu dem Aste, auf dem ich saß, fortgepflanzt. Meine Aufregung
-erreichte den höchsten Grad, und gerade als ich glaubte, der Baum würde
-samt mir zur Erde geschleudert werden, faßte mich meine Lehrerin an
-der Hand und half mir herunter. Ich klammerte mich zitternd an sie an,
-froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Ich hatte etwas
-Neues gelernt &mdash; daß die Natur<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span> in offenem Kriege mit ihren Kindern
-liegt und daß man sich auch bei ihrem sanftesten Streicheln vor ihren
-heimtückischen Klauen hüten soll.</p>
-
-<p>Nach diesem Ereignis verging eine lange Zeit, ehe ich wieder auf einen
-Baum kletterte. Der bloße Gedanke daran erfüllte mich mit Entsetzen.
-Es war der lockende Reiz des Mimosenbaums in voller Blütenpracht, der
-endlich meine Furcht überwand. Eines schönen Frühlingsmorgens, als ich
-allein im Gartenhause war und las, drang ein wunderbar feiner Duft zu
-mir. Ich stand auf und streckte instinktiv meine Hände aus. Es war,
-als sei der Geist des Frühlings durch das Gartenhaus geschritten. Was
-ist dies? fragte ich mich, und in der nächsten Minute erkannte ich den
-Geruch der Mimosenblüten. Ich tastete mich bis zum Ende des Gartens
-hin, da ich wußte, daß der Mimosenbaum in der Nähe des Zaunes an der
-Biegung des Weges stand. Ja, hier stand er, im warmen Sonnenscheine,
-und seine blütenbeladenen Zweige berührten beinahe das hohe Gras. Gibt
-es etwas Schöneres in der Welt, als diesen Baum? Seine zarten Blüten
-ziehen sich bei der leichtesten Berührung zusammen; es hatte den
-Anschein, als sei ein Baum aus dem Paradiese auf die Erde verpflanzt
-worden. Ich bahnte mir einen Weg durch einen Blütenregen hindurch bis
-zu dem großen Stamme; dort stand ich eine Minute lang unentschlossen
-da. Dann setzte ich meinen Fuß in den breiten Raum zwischen den
-gegabelten Aesten und schwang mich in den Baum hinauf. Ich hatte einige
-Schwierigkeit, mich festzuhalten, denn die Aeste waren sehr dick, und
-ich verletzte mir die Hände an der rauhen, rissigen Rinde. Aber ich
-hatte die köstliche Empfindung, daß ich etwas Außergewöhnliches und
-Wunderbares tat, und so klomm ich immer höher und höher empor, bis
-ich endlich einen kleinen Sitz erreichte, den sich jemand vor langer
-Zeit hier angelegt hatte,<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> sodaß er mit dem Baume selbst verwachsen
-war. Ich saß hier lange, lange Zeit und hatte die Empfindung, als sei
-ich eine Fee auf einer rosigen Wolke. Auch später brachte ich noch
-viele glückliche Stunden auf meinem Paradiesesbaume zu, den Kopf voll
-herrlicher Gedanken und glänzender Träume.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3 class="padtop2" id="Sechstes_Kapitel">Sechstes Kapitel.</h3>
-
-</div>
-
-<p class="s5 center mbot2">Fortschritt in der Beherrschung der Sprache. &mdash; Wißbegierde. &mdash;
-Unterredung über Liebe. &mdash; Kennenlernen abstrakter Begriffe. &mdash;
-Dieselbe Unterrichtsmethode wie bei einem hörenden Kinde.</p>
-
-<p>Ich besaß nunmehr den Schlüssel zur gesamten Sprache und brannte vor
-Eifer, ihn gebrauchen zu lernen. Kinder, welche hören, erlangen das
-Sprachvermögen ohne besondere Mühe; die Worte, die von anderer Lippen
-fallen, erhaschen sie gleichsam im Fluge und spielend, während das
-taube Kind sie sich durch langsames und oft anstrengendes Vorrücken
-aneignen muß. Wie beschaffen aber auch dieses Vorrücken selbst sein
-mag, das Ergebnis ist wunderbar. Von der Bezeichnung eines Gegenstandes
-ausgehend, dringen wir Schritt für Schritt vor, bis wir den
-unermeßlichen Abstand zwischen unserer ersten gestammelten Silbe bis zu
-dem Gedankenschwunge in einem Shakespeareschen Verse zurückgelegt haben.</p>
-
-<p>Anfangs stellte ich, wenn meine Lehrerin von etwas Neuem zu mir sprach,
-sehr wenig Fragen. Meine Vorstellungen waren unbestimmt und mein
-Wortschatz unzureichend; in demselben Maße aber, in dem meine Kenntnis
-der Dinge wuchs und ich mehr und mehr Wörter erlernte, erweiterte
-sich auch das Feld meiner Wißbegierde, und ich kehrte immer und immer
-wieder zu demselben Gegenstande zurück voller Verlangen nach weiterer
-Belehrung. Bisweilen belebte ein neues Wort ein<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> Bild wieder, das eine
-frühere Erfahrung meinem Gedächtnisse eingeprägt hatte.</p>
-
-<p>Ich erinnere mich noch ganz genau des Morgens, an dem ich zum ersten
-Male nach der Bedeutung des Wortes »Liebe« fragte. Es geschah dies,
-als ich erst wenige Wörter kannte. Ich hatte ein paar frühe Veilchen
-im Garten gefunden und brachte sie meiner Lehrerin. Sie versuchte mich
-zu küssen; aber damals liebte ich es noch nicht, daß mich jemand außer
-meiner Mutter küßte. Fräulein Sullivan legte zärtlich ihren Arm um mich
-und buchstabierte mir in die Hand: Ich liebe Helen.</p>
-
-<p>Was ist Liebe? fragte ich.</p>
-
-<p>Sie zog mich näher zu sich heran und sagte: Sie ist hier drinnen, indem
-sie auf mein Herz deutete, dessen Schläge ich jetzt zum ersten Male
-fühlte. Ihre Worte befremdeten mich auf das äußerste, weil ich damals
-noch nichts verstand, wenn ich es nicht zugleich berührte.</p>
-
-<p>Ich roch die Veilchen in ihrer Hand und stellte, halb in Worten, halb
-in Zeichen eine Frage, deren Sinn ungefähr war: Ist Liebe der Duft der
-Blumen?</p>
-
-<p>Nein, erwiderte meine Lehrerin.</p>
-
-<p>Wiederum dachte ich nach. Die Sonne erwärmte uns mit ihren Strahlen.
-Ich fragte, indem ich nach der Richtung deutete, aus der die Wärme kam:
-Ist dies nicht Liebe?</p>
-
-<p>Es schien mir, als könne es nichts Schöneres geben als die Sonne, deren
-Wärme alles zum Wachsen und Blühen brachte. Aber Fräulein Sullivan
-schüttelte den Kopf, und ich war sehr verwundert und enttäuscht. Ich
-hielt es für seltsam, daß meine Lehrerin mir nicht die Liebe zeigen
-konnte.</p>
-
-<p>Einige Tage später reihte ich Perlen von verschiedener Größe in
-regelmäßigen Gruppen auf &mdash; zwei große, drei kleine und so weiter. Ich
-hatte mehrmals Fehler gemacht, und Fräulein Sullivan hatte mich mit
-liebevoller Geduld immer<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> und immer wieder darauf hingewiesen. Endlich
-bemerkte ich einen ganz offenbaren Irrtum in der Aufeinanderfolge,
-und einen Augenblick konzentrierte ich meine ganze Aufmerksamkeit auf
-mein Vorhaben und versuchte nachzudenken, wie ich die Perlen hätte
-aneinanderreihen sollen. Fräulein Sullivan berührte meine Stirn und
-buchstabierte mit großem Nachdruck: <span class="antiqua">Think</span>!</p>
-
-<p>Im Nu erkannte ich, daß das Wort die Bezeichnung für den Vorgang war,
-der sich in meinem Kopfe abspielte. Dies war meine erste bewußte
-Vorstellung eines abstrakten Begriffs.</p>
-
-<p>Eine lange Zeit saß ich still da &mdash; ich dachte nicht über die Perlen in
-meinem Schoße nach, sondern versuchte, im Lichte dieses neuen Begriffes
-die Bedeutung von »Liebe« zu ergründen. Die Sonne war den ganzen Tag
-hinter Wolken versteckt gewesen, und es waren kurze Regenschauer
-gefallen; plötzlich brach jedoch die Sonne in all ihrem südlichen
-Glanze hervor.</p>
-
-<p>Abermals fragte ich meine Lehrerin: Ist dies nicht Liebe?</p>
-
-<p>Liebe ist etwas Aehnliches wie die Wolken, die am Himmel standen,
-bevor die Sonne hervorbrach, entgegnete sie. Dann fuhr sie in
-schlichteren Worten, als die vorhergehenden waren, die ich damals noch
-nicht verstehen konnte, fort: Du weißt, du kannst die Wolken nicht
-berühren, aber du fühlst den Regen und weißt, wie froh die Blumen
-und die durstige Erde sind, wenn er nach einem heißen Tage auf sie
-herniederströmt. Auch die Liebe kannst du nicht berühren, aber du
-empfindest das Entzücken, das sie über alles ausgießt. Ohne Liebe
-würdest du weder glücklich sein noch zu spielen verlangen.</p>
-
-<p>Mit einem Schlage offenbarte sich die wohltuende Wahrheit meinem Geiste
-&mdash; ich fühlte, es gab unsichtbare Bande, die sich zwischen meiner Seele
-und den Seelen anderer hinzogen.</p>
-
-<p>Vom Beginn meiner Erziehung an hatte Fräulein Sullivan<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span> es sich zum
-Grundsatz gemacht, so zu mir zu sprechen, als spräche sie zu einem
-hörenden Kinde; der einzige Unterschied bestand darin, daß sie mir die
-Sätze in die Hand buchstabierte, anstatt sie zu sprechen. Verfügte
-ich nicht über die nötigen Worte, um meine Gedanken auszudrücken, so
-ergänzte sie diese und führte sogar die Unterhaltung weiter, wenn ich
-die passende Antwort nicht finden konnte.</p>
-
-<p>Dieses Verfahren hielt jahrelang an; denn das taubstumme Kind lernt
-nicht in einem Monat, nicht einmal in zwei bis drei Jahren die
-zahllosen Ausdrücke, die in dem einfachsten täglichen Gespräche
-vorkommen. Das hörende Kind lernt diese auf Grund der fortwährenden
-Wiederholung und Nachahmung. Die Unterhaltung, die es zu Hause
-vernimmt, spornt seinen Geist an, bereichert seinen Wortschatz und
-befördert den Ausdruck seiner eigenen Gedanken. Dieser naturgemäße
-Ideenaustausch ist dem tauben Kinde versagt. In weiser Erkenntnis
-dieses Umstandes faßte meine Lehrerin den Entschluß, dem Mangel an
-Reizmitteln für mich abzuhelfen. Dies tat sie, indem sie mir, soweit
-dies möglich war, wörtlich wiederholte, was sie hörte, und mir Mittel
-und Wege angab, an der Unterhaltung teilzunehmen. Aber es dauerte lange
-Zeit, ehe ich es wagte, die Initiative zu ergreifen, und noch länger,
-ehe ich imstande war, etwas Passendes zur rechten Zeit zu sagen.</p>
-
-<p>Der Taube wie der Blinde finden es sehr schwer, sich an einen
-angenehmen Unterhaltungston zu gewöhnen. Wieviel mehr muß sich diese
-Schwierigkeit bei denen steigern, die beides, taub und blind, sind. Sie
-können den Klang der Stimme nicht unterscheiden oder ohne die Hilfe
-anderer die Tonhöhe modifizieren, wodurch die Worte erst ihren Sinn
-erhalten; ebensowenig vermögen sie den Gesichtsausdruck des Sprechenden
-zu beobachten, und in einem Blick liegt häufig gerade das innerste
-Wesen dessen, was jemand sagt.</p>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span></p>
-
-<h3 class="padtop2" id="Siebentes_Kapitel">Siebentes Kapitel.</h3>
-
-</div>
-
-<p class="s5 center mbot2">Erster Leseunterricht. &mdash; Anfangs keine regelmäßigen
-Unterrichtsstunden. &mdash; Erziehung zum Naturgenuß. &mdash; Wald, Garten.
-&mdash; Kellers Landungsplatz. &mdash; Geographie, Rechnen, Zoologie,
-Botanik. &mdash; Fossilien. &mdash; Leicht faßliche Unterrichtsmethode. &mdash;
-Herzliches Verhältnis zu Fräulein Sullivan.</p>
-
-<p>Der nächste wichtige Schritt in meiner Erziehung bestand darin, daß ich
-lesen lernte.</p>
-
-<p>Sobald ich ein paar Wörter buchstabieren konnte, gab mir meine Lehrerin
-Pappstreifen in die Hand, auf dem die Wörter in erhöhten Buchstaben
-gepreßt waren. Ich lernte bald begreifen, daß jedes gedruckte Wort
-einen Gegenstand, eine Tätigkeit oder eine Eigenschaft bezeichnete.
-Ich hatte einen Rahmen, in dem ich die Wörter zu kurzen Sätzen
-aneinanderreihen konnte; ehe ich aber die Sätze in den Rahmen spannte,
-pflegte ich sie an Gegenständen darzustellen. Ich fand z.&nbsp;B. die
-Streifen mit den Wörtern <span class="antiqua">doll</span>, <span class="antiqua">is</span>, <span class="antiqua">on</span>, <span class="antiqua">bed</span>
-und legte jedes Substantiv auf den betreffenden Gegenstand; dann legte
-ich meine Puppe ins Bett und neben sie die Wörter <span class="antiqua">is</span>, <span class="antiqua">on</span>,
-<span class="antiqua">bed</span>, indem ich so einen Satz aus den Wörtern bildete und zu
-gleicher Zeit den Inhalt des Satzes mit Hilfe der Gegenstände selbst
-darstellte.</p>
-
-<p>Eines Tages steckte ich mir, wie Fräulein Sullivan mir später
-erzählte, das Wort <span class="antiqua">girl</span> an meine Schürze und stellte mich in
-den Kleiderschrank. Am Schranke brachte ich die Wörter <span class="antiqua">is</span>,
-<span class="antiqua">in</span>, <span class="antiqua">wardrobe</span> an. Nichts machte mir solches Vergnügen wie
-dieses Spiel. Meine Lehrerin und ich spielten es stundenlang. Oft wurde
-jeder Gegenstand im Zimmer zur Darstellung solcher verkörperter Sätze
-verwandt.</p>
-
-<p>Von den bedruckten Streifen war es nur ein kurzer Schritt zu gedruckten
-Büchern. Ich nahm meine Fibel vor und machte Jagd auf die Wörter,
-die ich kannte; fand ich solche, so war<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span> meine Freude der beim
-Versteckspiel gleich. Auf diese Weise begann ich zu lesen. Ueber die
-Zeit, in der ich zusammenhängende Geschichten zu lesen begann, spreche
-ich später.</p>
-
-<p>Lange Zeit hatte ich keine regelmäßigen Unterrichtsstunden. Selbst wenn
-ich sehr eifrig lernte, glich dies mehr einem Spiel als einer Arbeit.
-Alles, was Fräulein Sullivan mich lehrte, machte sie mir durch eine
-hübsche Geschichte oder ein Gedicht anschaulich. Wenn ich Freude oder
-Interesse an etwas zeigte, so sprach sie mit mir darüber genau so, als
-ob sie selbst ein kleines Mädchen wäre. All das, woran viele Kinder mit
-Schaudern zurückdenken, wie an mühsames Kopfzerbrechen über Grammatik,
-schwere Rechenexempel und noch schwerere Definitionen, ist heute eine
-meiner liebsten Erinnerungen.</p>
-
-<p>Ich kann mir das innige Verständnis nicht erklären, das Fräulein
-Sullivan für meine Freuden und Wünsche besaß. Vielleicht war es das
-Ergebnis ihres langen Zusammenlebens mit Blinden. Obenein verfügte
-sie über eine wunderbare Schilderungsgabe. Sie ging rasch über
-uninteressante Einzelheiten hinweg und belästigte mich nie mit Fragen,
-um zu sehen, ob ich auch all das in der Lektion vom vorigen Tage
-Behandelte behalten habe. Trockene wissenschaftliche Fragen führte sie
-nur nach und nach in den Unterricht ein und machte alles dabei so klar
-und anschaulich, daß ich fast notgedrungen behalten mußte, was sie
-gesagt hatte.</p>
-
-<p>Wir lasen und lernten im Freien und zogen den sonnigen Wald dem Hause
-vor. Meine sämtlichen ersten Unterrichtsstunden tragen den Hauch des
-Waldes &mdash; den feinen Harzduft der Fichtennadeln, vermengt mit dem
-Geruch des wilden Weins. In dem köstlichen Schatten eines wilden
-Tulpenbaumes sitzend, lernte ich darüber nachdenken, daß alles eine
-Lehre und eine Mahnung in sich berge. „Die Lieblichkeit der Dinge
-lehrte mich ihre Bestimmung.“ In der Tat hatte<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> alles, was da summen,
-brummen, singen, blühen konnte, einen Anteil an meiner Erziehung &mdash;
-quakende Frösche, Heimchen und Grillen, die ich solange in meiner
-Hand hielt, bis sie ihre Gefangenschaft vergaßen und ihr Liedchen
-wieder anstimmten, kleine Hühnchen in ihrem ersten Flaume und wild
-wachsende Blumen, die Blüten der Kornelkirsche, Veilchen und blühende
-Obstbäume. Ich befühlte die berstenden Baumwollenkapseln und ließ
-ihre weichen Fäden und ihre mit Fasern besetzten Samenkörner durch
-meine Finger gleiten; ich fühlte das leise Rauschen des Windes in
-den Getreidefeldern, sein weiches Flüstern im Laube der Bäume, das
-unwillige Schnauben meines Ponys, &mdash; wenn wir ihn auf der Weide
-einfingen und ihm das Gebiß anlegten &mdash; ach, wie genau erinnere ich
-mich an den würzigen Kleegeruch seines Atems!</p>
-
-<p>Bisweilen stand ich vor Tagesanbruch auf und stahl mich hinunter in den
-Garten, während schwere Tautropfen noch auf Gräsern und Blumen lagen.
-Nur wenige wissen, was es für ein Genuß ist, die Rosen zu berühren und
-sanft mit der Hand zu drücken oder der anmutigen Bewegung der Lilien
-zu folgen, wenn sie im Morgenwinde hin- und herschwanken. Mitunter
-war ein Insekt in der Blume, die ich pflückte, und ich fühlte das
-leise Geräusch der Flügel, die das Tierchen in plötzlichem Schrecken
-aneinander rieb, sobald es den Druck von außen gewahr wurde.</p>
-
-<p>Ein anderer Lieblingsaufenthalt von mir war der Obstgarten. Die großen,
-tief herabhängenden Pfirsiche boten sich von selbst meiner Hand dar,
-und wenn die lustigen Winde durch die Bäume wehten, fielen die Aepfel
-mir zu Füßen. O, das Entzücken, mit dem ich das Obst in meine Schürze
-sammelte, mein Gesicht gegen die glatten Wangen der Aepfel drückte, die
-noch warm waren von den Sonnenstrahlen, und ins Haus zurückeilte!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span></p>
-
-<p>Unser Lieblingsspaziergang war zu Kellers Landungsplatz, einer alten
-verfallenen Hafenanlage am Tennessee, die während des Bürgerkrieges
-zum Landen von Truppen benutzt worden war. Hier brachten wir viele
-glückliche Stunden zu und beschäftigten uns spielend mit Geographie.
-Ich baute Dämme aus Kieseln, legte Inseln und Seen an und grub
-Flußläufe aus, alles zum Scherz, und niemals ließ ich es mir dabei
-träumen, eine Unterrichtsstunde zu haben. Mit wachsendem Erstaunen
-lauschte ich den Schilderungen, die Fräulein Sullivan von der großen
-weiten Welt da draußen mit ihren feuerspeienden Bergen, verschütteten
-Städten, sich bewegenden Eisströmen und vielen anderen ebenso seltsamen
-Dingen entwarf. Sie modellierte Reliefkarten in Ton, so daß ich die
-Gebirgszüge und Täler fühlen und mit meinen Fingern dem gekrümmten Lauf
-der Flüsse folgen konnte. Dies liebte auch ich; aber die Einteilung
-der Erde in Zonen und Pole verwirrte mich. Die diese Verhältnisse
-veranschaulichenden Fäden und der Orangenstiel, der den Pol darstellte,
-erschienen mir so der Wirklichkeit entsprechend, daß noch bis zum
-heutigen Tage die bloße Erwähnung der gemäßigten Zone die Vorstellung
-an Zwirnsfäden in mir hervorruft, und ich glaube, daß, wenn es jemand
-darauf anlegt, er mir mit leichter Mühe einreden könnte, daß Eisbären
-tatsächlich auf den Nordpol klettern.</p>
-
-<p>Arithmetik scheint das einzige Lehrfach gewesen zu sein, dem ich keinen
-Geschmack abgewinnen konnte. Von Anfang an hatte ich kein Interesse
-für die Wissenschaft von den Zahlen. Fräulein Sullivan suchte mir das
-Rechnen beizubringen, indem sie Perlen in Gruppen aneinanderreihte,
-und mit Hilfe von Strohhalmen, wie sie im Kindergarten üblich sind,
-lernte ich addieren und subtrahieren. Ich hatte niemals die Geduld,
-mehr als fünf bis sechs Gruppen zugleich zusammenzureihen; hatte ich
-das zustande gebracht, so war mein Gewissen für den<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span> Rest des Tages
-beruhigt, und ich sprang rasch zu meinen Spielgefährten hinaus.</p>
-
-<p>In dieser selben sorglosen Weise trieb ich Zoologie und Botanik.</p>
-
-<p>Einmal sandte mir ein Herr, dessen Namen ich vergessen habe, eine
-Fossiliensammlung &mdash; kleine wunderschön gezeichnete Muscheln, Stücke
-Sandstein mit Abdrücken von Vogelfüßen und einen reizenden Farn in
-Basrelief. Dies waren die Schlüssel, die mir den Zugang zu den Schätzen
-der antediluvianischen Welt eröffneten. Mit zitternden Fingern lauschte
-ich Fräulein Sullivans Schilderungen der furchtbaren Tiere mit den
-ungefügen, unaussprechlichen Namen, die einst durch die Wälder der
-Urzeit stampften, die Zweige von Riesenbäumen zur Nahrung abrissen
-und in den ungeheuren Morasten eines unbekannten Zeitalters umkamen.
-Lange Zeit beunruhigten diese unheimlichen Geschöpfe meine Träume, und
-diese düstere Periode bildete einen dunklen Hintergrund zu dem heiteren
-Jetzt, das mit Sonnenschein, Rosen und dem Echo der leichten Hufschläge
-meines kleinen Ponys angefüllt war.</p>
-
-<p>Ein andermal erhielt ich eine schöne Muschel zum Geschenk, und mit
-kindlichem Staunen und Entzücken lernte ich, wie ein winziges Weichtier
-sich dieses herrliche Haus als Wohnung gebaut habe und wie in stillen
-Nächten, wenn kein Luftzug die Meeresfläche kräuselt, der Nautilus
-auf den blauen Gewässern des Indischen Ozeans in seinem wie Perlen
-erglänzenden Schiffe dahinsegelt. Nachdem ich eine Menge interessanter
-Dinge über das Leben und die Gewohnheiten der Kinder der Meerestiefen
-kennen gelernt hatte &mdash; wie inmitten der schäumenden Wogen die kleinen
-Polypen die schönen Koralleninseln des Stillen Ozeans aufbauen und
-die Foraminiferen die Kalkhügel vieler Länder gebildet haben &mdash;, las
-mir meine Lehrerin das Märchen vom Nautilus vor und zeigte mir,<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span>
-wie der muschelbildende Prozeß bei den Mollusken symbolisch ist für
-die Entwicklung des Geistes. Genau wie der wunderwirkende Mantel
-des Nautilus die Stoffe, die er aus dem Wasser aufsaugt, umwandelt
-und zu einem Teile von sich selbst macht, so erleiden die einzelnen
-Kenntnisse, die jemand sammelt, eine ähnliche Veränderung und werden zu
-Gedankenperlen.</p>
-
-<p>Ein andermal war es das Wachstum einer Pflanze, das uns den Stoff für
-eine Lehrstunde lieferte. Wir kauften eine Lilie und stellten sie in
-ein sonniges Fenster. Bald begannen die grünen, spitzen Knospen sich
-zu öffnen. Die schlanken, fingerähnlichen Außenblätter erschlossen
-sich langsam, widerstrebend, wie es mir vorkam, die Lieblichkeit des
-Inneren enthüllend; war aber einmal ein Anfang gemacht, so ging der
-weitere Prozeß des Oeffnens rasch von statten, aber ordnungsgemäß und
-systematisch. Stets war eine von den Knospen größer und schöner als die
-übrigen und warf ihre äußere Umhüllung stolzer zurück, als wüßte diese
-Schönheit in weichen, seidenglänzenden Gewändern, daß sie Lilienkönigin
-von Gottes Gnaden sei, während ihre bescheideneren Schwestern ihre
-grünen Hüllen zaghaft ablegten, bis die ganze Pflanze ein einziger
-nickender Zweig voller Lieblichkeit und Wohlgeruch war.</p>
-
-<p>Einmal wurde ein rundes Glas mit elf Kaulquappen an ein mit Pflanzen
-besetztes Fenster gestellt. Ich erinnere mich noch des Eifers, mit dem
-ich Beobachtungen über sie anstellte. Es machte mir großen Spaß, meine
-Hand in das Glas zu tauchen, zu fühlen, wie sich die Kaulquappen lustig
-herumtummelten, und sie zwischen meinen Fingern hin- und herschlüpfen
-zu lassen. Eines Tages hatte sich ein ehrgeiziger Bursche von ihnen auf
-den Rand des Glases gewagt und fiel auf den Fußboden, wo ich ihn allem
-Anschein nach mehr<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span> tot als lebendig fand. Das einzige Lebenszeichen,
-das er von sich gab, war ein leichtes Hin- und Herbewegen des
-Schwanzes. Kaum war er aber in sein Element zurückgekehrt, als er auch
-schon auf den Grund niedertauchte und in lustiger Geschäftigkeit hin-
-und herschwamm. Er hatte seinen Weg gemacht, hatte die große Welt
-gesehen und war nun froh, wieder in seinem hübschen Glashause unter dem
-großen Fuchsienstock zu weilen, bis er die Würde des ausgewachsenen
-Frosches erreicht hatte. Dann siedelte er wieder in den mit Mummeln
-bedeckten Teich am Ende des Gartens über, wo er in den Sommernächten
-seine quarrenden Liebeslieder erschallen ließ.</p>
-
-<p>So lernte ich vom Leben selbst. Anfangs lag nur ein ganz kleines,
-begrenztes Maß von Fähigkeiten in mir. Meine Lehrerin war es, die sie
-entfaltete und entwickelte. Als <em class="gesperrt">sie</em> kam, atmete alles rings um
-mich her Liebe und Freude und gewann eine Fülle von Bedeutung. Seitdem
-hat sie keine einzige Gelegenheit vorübergehen lassen, ohne mich auf
-die in allem waltende Schönheit aufmerksam zu machen, und hat nie
-aufgehört, durch Wort, Tat und Vorbild dahin zu wirken, daß mein Leben
-sich zu einem genußreichen und nützlichen gestalte.</p>
-
-<p>Es war der Geist meiner Lehrerin, ihr warmes Mitempfinden, ihr
-liebevoller Takt, der mir die ersten Jahre meiner Erziehung so
-unvergeßlich gemacht hat. Dadurch, daß sie stets den richtigen
-Augenblick wählte, um mein Wissen durch etwas Neues zu bereichern,
-wurde der Unterricht für mich so anziehend und leicht faßlich. Sie
-erkannte, daß der Geist eines Kindes einem seichten Bache gleicht, der
-fröhlich in dem steinigen Bette der Erziehung dahinhüpft und tanzt
-und hier eine Blume, dort einen Strauch, dort ein Lämmerwölkchen
-widerspiegelt; sie suchte meinen Geist auf den rechten Pfad zu leiten,
-da sie wohl wußte, daß er wie ein Bach durch Gebirgsströme und
-verborgene Quellen genährt werden muß, bis er sich zum<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span> tiefen Flusse
-erweitert, der imstande ist, auf seiner ruhigen Oberfläche schwellende
-Hügel, die leuchtenden Schatten der Bäume und den blauen Himmel so gut
-wie das holde Antlitz einer kleinen Blume widerzuspiegeln.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="img_p039" name="img_p039">
- <img class="mtop1" src="images/img_p039.jpg" alt="" /></a>
- <p class="caption mbot1">Helen Keller und Fräulein Sullivan</p>
-</div>
-
-<p>Jeder Lehrer kann ein Kind zu sich in das Klassenzimmer nehmen,
-aber nicht jeder Lehrer kann es unterrichten. Es wird nicht freudig
-arbeiten, wenn es nicht das Bewußtsein der Freiheit in sich trägt, mag
-es tätig sein oder sich ausruhen; es muß das Hochgefühl des Sieges und
-die Niedergeschlagenheit der Enttäuschung kennen, ehe es mit festem
-Willen an die ihm unangenehmen Aufgaben herangeht und sich entschließt,
-sich seinen Weg tapfer und unverdrossen durch die stumpfe Routine der
-Lehrbücher hindurchzubahnen.</p>
-
-<p>Meine Lehrerin steht mir so nahe, daß ich mich kaum als von ihr
-getrennt fühle. Wieviel von meiner Freude an allem Schönen mir
-angeboren ist, wieviel ich ihrem Einflusse verdanke, werde ich
-nie anzugeben vermögen. Ich fühle, ihr Wesen ist untrennbar von
-dem meinigen, und sie ist mir auf den Bahnen, die ich wandle,
-vorangegangen. Alles Gute an mir ist ihr Werk &mdash; es gibt keine
-Fähigkeit, kein Streben, keine Freude in mir, die sie nicht durch ihre
-liebevolle Berührung zum Leben erweckt hätte.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3 class="padtop2" id="Achtes_Kapitel">Achtes Kapitel.</h3>
-
-</div>
-
-<p class="s5 center mbot2">Erstes Weihnachtsfest nach Fräulein Sullivans Ankunft. &mdash;
-Ratespiel. &mdash; Weihnachtsbescherung in der Schule zu Tuscumbia. &mdash;
-Freude über die Weihnachtsgeschenke.</p>
-
-<p>Das erste Weihnachtsfest nach Fräulein Sullivans Ankunft in
-Tuscumbia war ein großes Ereignis. Jedes Familienmitglied bereitete
-Ueberraschungen für mich vor; was mir aber am meisten Vergnügen
-machte, war, daß Fräulein Sullivan<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span> und ich Ueberraschungen für alle
-übrigen vorbereiteten. Das die Geschenke umgebende Geheimnis war meine
-größte Freude. Meine Bekannten taten alles, was in ihren Kräften
-stand, um meine Neugier durch Andeutungen und halbbuchstabierte
-Sätze rege zu machen, die sie im spannendsten Augenblick abbrechen
-zu müssen vorgaben. Fräulein Sullivan und ich unterhielten uns mit
-einem Ratespiel, das mich im Gebrauche der Sprache mehr förderte, als
-regelrechte Unterrichtsstunden dies zu tun vermocht hätten. Jeden Abend
-setzten wir uns um das verglimmende Holzfeuer und beschäftigten uns mit
-unserem Spiel, das um so aufregender wurde, je näher Weihnachten rückte.</p>
-
-<p>Am heiligen Abend feierten die Schulkinder von Tuscumbia ihre
-Bescherung, zu der sie mich einluden. In der Mitte des Schulzimmers
-stand ein schöner Baum, strahlend und schimmernd in dem milden Lichte
-der Kerzen und beladen mit seltsamen, wunderbaren Früchten. Es war ein
-Moment der höchsten Glückseligkeit. Ich tanzte und sprang voller Freude
-um den Baum herum. Als ich erfuhr, es sei ein Geschenk für jedes Kind
-da, war ich darüber entzückt, und die freundlichen Spender, die die
-Bescherung veranstalteten, gestatteten mir, die Gaben den Kindern zu
-überreichen. In der Freude darüber fand ich keine Zeit, meine eigenen
-Geschenke zu betrachten; als ich aber mit der Verteilung fertig war,
-überstieg meine Ungeduld nach dem Beginn der wirklichen Bescherung alle
-Begriffe. Ich wußte, daß die Geschenke, die ich schon erhalten hatte,
-nicht die waren, wegen deren meine Bekannten mir durch ihre Andeutungen
-solche Tantalusqualen bereitet hatten, und meine Lehrerin sagte mir,
-die Geschenke, die ich erhalten würde, seien noch viel schöner als die,
-welche ich schon bekommen hätte. Ich war jedoch entschlossen, mich mit
-den Geschenken von dem Baume zufrieden zu geben und die übrigen ruhig
-bis morgen zu lassen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span></p>
-
-<p>In jener Nacht lag ich, nachdem ich meinen Strumpf aufgehängt hatte,
-lange Zeit wach, da ich mich gegen den Schlaf wehrte und mich munter
-halten wollte, um zu sehen, was der Santa Claus wohl tun würde, wenn
-er ankäme. Endlich schlummerte ich aber doch mit einer neuen Puppe und
-einem Eisbären in meinen Armen ein. Am nächsten Morgen war ich es,
-die die Familie mit meinem ersten: „Ein fröhliches Weihnachtsfest!“
-aufweckte. Ich fand Ueberraschungen, nicht allein in dem Strumpfe,
-sondern auch auf dem Tische, auf allen Stühlen, an der Tür, sogar auf
-dem Fensterbrett; ich konnte in der Tat kaum einen Schritt machen, ohne
-über ein in Goldpapier gewickeltes Christgeschenk zu stolpern. Als aber
-meine Lehrerin mir einen Kanarienvogel schenkte, kannte meine Seligkeit
-keine Grenzen.</p>
-
-<p>Der kleine Jim war so zahm, daß er auf meinen Finger hüpfte und mir
-kandierte Kirschen aus der Hand pickte. Fräulein Sullivan lehrte
-mich meinen neuen Liebling mit der größtmöglichen Sorgfalt hegen und
-pflegen. Jeden Morgen nach dem Frühstück machte ich ihm sein Bad
-zurecht, reinigte seinen Käfig, gab ihm frisches Futter, füllte sein
-Trinknäpfchen mit frischem Brunnenwasser und hängte etwas Vogelmiere an
-seinen Schaukelring.</p>
-
-<p>Eines Morgens ließ ich den Käfig auf dem Fensterbrett stehen, während
-ich Jim frisches Wasser für sein Bad holte. Als ich zurückkehrte
-und die Tür öffnete, fühlte ich, daß eine große Katze zum Zimmer
-hinausstürzte. Zuerst bemerkte ich noch gar nicht, was sich zugetragen
-hatte; als ich aber meine Hand in den Käfig steckte und Jim mir nicht
-entgegenflatterte oder mit seinen zierlichen Füßchen sich auf meinen
-Finger setzte, wußte ich, daß ich meinen lieben kleinen Sänger nicht
-wiedersehen würde.</p>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span></p>
-
-<h3 class="padtop2" id="Neuntes_Kapitel">Neuntes Kapitel.</h3>
-
-</div>
-
-<p class="s5 center mbot2">Reise nach Boston. &mdash; Zusammentreffen mit den blinden Kindern. &mdash;
-Bunker Hill. &mdash; Plymouth. &mdash; Pilgerfelsen. &mdash; Herr William Endicott.</p>
-
-<p>Das nächste wichtige Ereignis in meinem Leben war mein Besuch in
-Boston im Mai 1888. Als ob es erst gestern gewesen wäre, so genau
-entsinne ich mich der Vorbereitungen, der Abreise mit meiner Lehrerin
-und meiner Mutter, der Eisenbahnfahrt und endlich der Ankunft in
-Boston. Wie verschieden war doch diese Reise von der, die ich zwei
-Jahre zuvor nach Baltimore gemacht hatte! Ich war kein ruheloses,
-reizbares kleines Geschöpf mehr, das die Aufmerksamkeit sämtlicher
-Mitreisenden verlangte, um zufriedengestellt zu sein. Ich saß still
-neben Fräulein Sullivan und achtete mit regem Interesse auf alles,
-was sie mir über das mitteilte, was sie aus dem Coupéfenster sah, den
-schönen Tennesseestrom, die großen Baumwollplantagen, die Hügel und
-Wälder und die Scharen lachender Neger auf den Bahnhöfen, die den
-Reisenden zuwinkten und köstliches Zuckergebäck und Maisklöße im Wagen
-umhertrugen. Mir gegenüber saß meine große, zerflederte Puppe, Nancy,
-in einem neuen Ginghamkleide und einem zerknitterten Strohhute und sah
-mich unverwandt mit ihren Glasaugen an. Bisweilen, wenn ich nicht durch
-Fräulein Sullivans Schilderungen in Anspruch genommen war, erinnerte
-ich mich der Anwesenheit Nancys und nahm sie auf den Arm, aber im
-allgemeinen beschwichtigte ich mein Gewissen dadurch, daß ich mir
-einredete, sie schlafe.</p>
-
-<p>Da ich keine Gelegenheit mehr haben werde, von Nancy zu sprechen, so
-will ich gleich hier von dem traurigen Schicksale erzählen, das sie
-bald nach unserer Ankunft in Boston hatte. Sie war ganz mit Schmutz
-bedeckt, dem Ueberreste von Schlammkuchen, die ich sie zu essen
-gezwungen hatte, obwohl<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span> sie niemals eine besondere Vorliebe für diesen
-Leckerbissen gezeigt hatte. Die Wäscherin im Perkinsschen Institut nahm
-sie heimlich mit fort, um sie zu baden. Dies war für die arme Nancy
-zu viel. Als ich sie das nächstemal wiedersah, war sie nur noch ein
-formloser Watteklumpen, den ich überhaupt nicht wiedererkannt haben
-würde, wären nicht die beiden Glasaugen gewesen, die mich vorwurfsvoll
-ansahen.</p>
-
-<p id="Reise_nach_Boston">Als der Zug endlich in den Bahnhof von Boston einfuhr, war es, als sei
-ein schönes Feenmärchen zur Wirklichkeit geworden. Das „es war einmal“
-war Gegenwart; das „weite, ferne Land“ war hier.</p>
-
-<p>Kaum waren wir in dem Perkinsschen Blindeninstitut angelangt, als ich
-auch schon mit den blinden Kindern Freundschaft zu schließen begann.
-Es freute mich unaussprechlich, zu finden, daß sie das Fingeralphabet
-verstanden. Wie froh war ich, mich mit anderen Kindern in meiner
-Sprache unterhalten zu können! Bis dahin war ich wie eine Ausländerin
-gewesen, die durch Vermittelung eines Dolmetschers spricht. In der
-Schule, in der Laura Bridgman unterrichtet worden war, befand ich
-mich in meinem Vaterlande. Es kostete mich einige Zeit, ehe ich mir
-die Tatsache, daß meine neuen Freunde blind waren, in ihrer Tragweite
-klarmachte. Ich wußte, ich konnte nicht sehen; aber es erschien mir
-unmöglich, daß all die munteren, liebenswürdigen Kinder, die um
-mich herumstanden und in meine Fröhlichkeit von Herzen einstimmten,
-gleichfalls blind sein sollten. Ich entsinne mich der schmerzlichen
-Ueberraschung, die ich empfand, als ich bemerkte, daß sie ihre Hände
-über die meinigen legten, wenn ich mit ihnen sprach, und daß sie in
-ihren Büchern mit Hilfe der Finger lasen. Obgleich mir dies schon
-vorher mitgeteilt worden war und obgleich ich mir meines eigenen
-Verlustes bewußt war, so hatte ich doch in unbestimmter Weise geglaubt,
-daß, da sie<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span> hören konnten, sie eine Art von „zweitem Gesicht“ haben
-müßten, und ich war nicht darauf vorbereitet, zu finden, daß diese
-Kinder alle derselben köstlichen Gabe wie ich beraubt waren. Aber sie
-waren so glücklich und zufrieden, daß ich alle Schmerzempfindungen über
-der Freude vergaß, die mir das Zusammensein mit ihnen gewährte.</p>
-
-<p>Als ich einen Tag in der Gesellschaft der blinden Kinder zugebracht
-hatte, fühlte ich mich in meiner neuen Umgebung vollständig daheim, und
-jeder Tag brachte mir eine neue angenehme Erfahrung. Ich konnte mich
-nicht völlig davon überzeugen, daß es außer Boston noch viel in der
-Welt gebe, denn ich betrachtete diese Stadt als den Anfang und das Ende
-der Schöpfung.</p>
-
-<p>Während unseres Aufenthaltes in Boston besuchten wir Bunker Hill und
-hier erhielt ich meinen ersten Geschichtsunterricht. Die Geschichte von
-den tapferen Männern, die auf dem Platze, auf dem wir standen, gekämpft
-hatten, regte mich gewaltig auf. Ich bestieg das Denkmal, wobei ich die
-Stufen zählte, und fragte mich verwundert, als es immer höher und höher
-hinauf ging, ob die Soldaten diese große Treppe erstiegen und von hier
-auf den Feind dort unten geschossen hätten.</p>
-
-<p>Am nächsten Tage fuhren wir nach Plymouth. Es war dies meine erste
-Seereise und mein erster Ausflug auf einem Dampfer. Wie voll von Leben
-und Bewegung war das Schiff! Aber das Getöse der Maschine ließ mich
-glauben, es sei ein Gewitter im Anzuge, und ich begann zu weinen,
-weil ich fürchtete, wenn es regnete, könnten wir unser Picknick
-nicht im Freien abhalten. Ich glaube, der große Felsen, an dem die
-Pilger gelandet waren,<a name="FNAnker_4_4" id="FNAnker_4_4"></a><a href="#Fussnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> interessierte mich mehr als alles übrige
-in Plymouth. Ich konnte ihn berühren, und vielleicht<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> war dies der
-Grund, weswegen mir die Ankunft der Pilger, ihre Beschwerden und
-ihre Heldentaten so deutlich vor der Seele standen. Ich habe oft ein
-kleines Modell des Felsens von Plymouth in der Hand gehabt, den mir
-ein freundlicher Herr in Pilgrim Hall gab, ich habe seine Umrisse,
-den Spalt in der Mitte und die eingemeißelte Inschrift »1620« befühlt
-und in meinem Innern alles überdacht, was ich von der wunderbaren
-Geschichte der Pilger wußte.</p>
-
-<p>Wie erglühte meine kindliche Phantasie bei dem Gedanken an ihr
-ruhmvolles Unternehmen! Ich idealisierte sie als die tapfersten und
-hochherzigsten Männer, die jemals in der Fremde eine Heimat gesucht
-hatten. Ich glaubte, sie hätten die Freiheil ihrer Mitmenschen
-ebenso wie ihre eigene erstrebt. Ich war peinlich überrascht und arg
-enttäuscht, als ich einige Jahre später ihre unduldsamen Handlungen
-kennen lernte, die uns mit Scham erfüllen, selbst wenn wir den Mut und
-die Tatkraft anerkennen, die uns unser »schönes Land« gegeben haben.</p>
-
-<p>Unter den zahlreichen Freunden, die ich mir in Boston gewann, befanden
-sich auch Herr William Endicott und seine Tochter. Die Güte, die
-mir beide erwiesen, war das Saatkorn, aus dem mir viele angenehme
-Erinnerungen erblüht sind. Eines Tages besuchten wir ihre schöne Villa
-in Beverly Farms. Ich erinnere mich mit Vergnügen daran, wie ich durch
-ihren schönen Rosengarten dahinschritt, wie ihre Hunde, der mächtige
-Leo und der kleine kraushaarige Fritz mit den langen Ohren, sich zu
-mir gesellten und wie Nimrod, das schnellste aller Pferde, seine Nase
-in meine Hand streckte, damit ich seinen Hals klopfen und ihm ein
-Stück Zucker geben sollte. Ebenso erinnere ich mich des Strandes, wo
-ich zum erstenmale im Sande gespielt hatte. Es war harter, glatter
-Sand, sehr verschieden von dem losen, scharfen, mit Algen und Muscheln
-untermischten Sande in Brewster. Herr Endicott erzählte mir<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> von den
-großen Schiffen, die aus Boston nach Europa absegelten. Ich sah ihn
-später noch öfters, und er ist mir stets ein guter Freund gewesen, und
-ich dachte an ihn, als ich Boston „die Stadt der gütigen Herzen“ nannte.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_4_4" id="Fussnote_4_4"></a><a href="#FNAnker_4_4"><span class="label">[4]</span></a> „Pilger“ oder „Pilgerväter“ hießen die 102 Puritaner, die im
-Jahre 1620 in Plymouth landeten.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h3 class="padtop2" id="Zehntes_Kapitel">Zehntes Kapitel.</h3>
-
-</div>
-
-<p class="s5 center mbot2">Ferienaufenthalt in Brewster. &mdash; Die See. &mdash; Erstes Seebad. &mdash;
-Eindruck der Brandung. &mdash; Der erste Taschenkrebs.</p>
-
-<p>Unmittelbar bevor das Perkinssche Institut seine Tore für den Rest des
-Sommers schloß, wurde die Verabredung getroffen, daß meine Lehrerin und
-ich unsere Ferien in Brewster am Kap Cod in der Gesellschaft unserer
-lieben Freundin, Frau Hopkins, zubringen sollten. Ich war darüber
-entzückt, denn mein Geist war voll von den zu erwartenden Freuden und
-den wunderbaren Geschichten, die ich vom Meere gehört hatte.</p>
-
-<p>Meine lebhafteste Erinnerung an jenen Sommer ist der Ozean. Ich hatte
-stets im Binnenlande gelebt und niemals Seeluft geatmet; aber ich hatte
-in einem Buche mit dem Titel Our World eine Schilderung des Ozeans
-gelesen, die mich mit Erstaunen und einem sehnsüchtigen Verlangen
-erfüllte, die gewaltige See zu befühlen und ihr Toben zu spüren. So
-schlug mein kleines Herz in heftiger Erregung, als ich sah, daß mein
-Wunsch endlich doch in Erfüllung gehen sollte.</p>
-
-<p>Kaum war ich in mein Badekostüm geschlüpft, als ich auf den warmen
-Sand hinaussprang und ohne die geringste Furcht in dem kühlen Wasser
-untertauchte. Ich fühlte, wie die mächtigen Wogen sich abwechselnd
-hoben und senkten. Die schaukelnde Bewegung des Wassers erfüllte mich
-mit ungemein lebhafter Freude. Mit einem Male aber wich mein Entzücken
-einem namenlosen Entsetzen; mein Fuß stieß gegen<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span> einen Felsen, und im
-nächsten Augenblick ergoß sich ein Strom von Wasser über mein Haupt.
-Ich streckte meine Hände aus, um eine Stütze zu finden, ich griff
-ins Wasser und faßte nach dem Tang, den mir die Wogen ins Gesicht
-schleuderten. Aber alle meine verzweifelten Anstrengungen waren
-vergeblich. Die Wellen schienen ihr Spiel mit mir zu treiben und warfen
-mich in ihrem wilden Tosen von einer zur anderen. Es war fürchterlich!
-Die gute, feste Erde war mir unter den Füßen weggeglitten, und ich
-schien von allem &mdash; von Leben, Luft, Wärme, Liebe &mdash; durch dieses
-unheimliche, mich rings umgebende Element ausgeschlossen zu sein.
-Endlich jedoch warf mich die See, als sei sie ihres neuen Spielzeugs
-müde, an das Gestade zurück, und im nächsten Augenblick wurde ich von
-den Armen meiner Lehrerin umschlungen. O, dieses wonnige Empfinden
-bei der langen, langen Umarmung! Sobald ich mich genügend von meinem
-panischen Schrecken erholt hatte, um ein Wort hervorbringen zu können,
-fragte ich: Wer hat denn eigentlich das Salz in das Wasser geschüttet?</p>
-
-<p>Nachdem ich meine erste Erfahrung mit dem Wasser glücklich hinter
-mir hatte, machte es mir großes Vergnügen, in meinem Badekostüm auf
-einem mächtigen Felsen zu sitzen und Woge um Woge an den Felsen
-heranbranden zu fühlen, wobei sie einen Spritzregen von Schaum
-heraufsandten, der mich völlig durchnäßte. Ich spürte, wie die Kiesel
-fortgeschwemmt wurden, wenn die Wogen mit ihrer vollen Wucht gegen den
-Strand anstürmten; das ganze Gestade schien durch ihren furchtbaren
-Anprall zertrümmert zu werden, und die Luft erdröhnte unter ihren
-Donnerschlägen. Die Brandung schlug zurück, um sich zu einem noch
-mächtigeren Anlauf zu sammeln, und ich hing an dem Felsen voll
-gespannter Erwartung, wie von einem Banne befangen, während ich das
-Toben und Brüllen des wütenden Meeres fühlte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span></p>
-
-<p>Kaum konnte ich mich von dem Strande trennen. Der Hauch der reinen,
-frischen und klaren Seeluft wirkte wie kühles, beruhigendes Denken
-auf mich, und die Muscheln, die Kiesel, die mit winzigen Lebewesen
-bedeckten Algen büßten in meinen Augen nicht das geringste ihrer
-Anziehungskraft ein. Eines Tages lenkte Fräulein Sullivan meine
-Aufmerksamkeit auf ein seltsames Ding, das sie in dem seichten Wasser
-gefangen hatte. Es war ein großer Taschenkrebs, der erste, den ich
-je in meinem Leben gesehen hatte. Ich fühlte ihn an und fand es sehr
-seltsam, daß er sein Haus auf seinem Rücken mit sich herumtragen
-sollte. Plötzlich schoß mir der Gedanke durch den Kopf, er könne einen
-ganz artigen Spielgefährten abgeben; daher ergriff ich ihn mit beiden
-Händen am Schwanze und trug ihn nach Hause. Diese Heldentat gefiel mir
-außerordentlich, besonders da sein Körper sehr schwer war und ich alle
-meine Kräfte anstrengen mußte, ihn eine halbe Meile weit zu schleppen.
-Ich ließ Fräulein Sullivan keine Ruhe, bis sie den Krebs in einen
-Trog in der Nähe des Brunnens geworfen hatte, in dem er nach meiner
-Ueberzeugung sicher aufgehoben war. Als ich aber am nächsten Morgen zu
-dem Troge kam, siehe da, da war er verschwunden! Niemand wußte, wohin
-er gekommen war oder wie er hatte entwischen können. Ich empfand eine
-schmerzliche Enttäuschung; nach und nach gelangte ich jedoch zu der
-Einsicht, daß es nicht freundlich oder weise gehandelt war, dieses
-arme stumme Geschöpf seinem Element zu entreißen, und nach einiger
-Zeit fühlte ich mich in dem Gedanken glücklich, es sei ihm vielleicht
-gelungen, in das Meer zurückzukehren.</p>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span></p>
-
-<h3 class="padtop2" id="Elftes_Kapitel">Elftes Kapitel.</h3>
-
-</div>
-
-<p class="s5 center mbot2">Rückkehr nach Tuscumbia. &mdash; Fern Quarry. &mdash; Jagden. &mdash; Bony »Black
-Beauty«. &mdash; In Lebensgefahr.</p>
-
-<p>Im Herbst kehrte ich mit einem Herzen voll von freundlichen
-Erinnerungen nach meiner südlichen Heimat zurück. So oft ich mir
-diesen Besuch im Norden ins Gedächtnis zurückrufe, erfüllt er meine
-Seele immer von neuem mit Bewunderung über die reichen, mannigfaltigen
-Erfahrungen, die sich mit ihm verbinden. Er scheint mir der
-Ausgangspunkt meiner ganzen künftigen Entwickelung gewesen zu sein.
-Die Schätze einer neuen, schönen Welt wurden mir zu Füßen gelegt, und
-bei jedem Ausgange empfing ich erheiternde und belehrende Eindrücke.
-Ich lebte selbst in allen Dingen mit. Ich saß keinen Augenblick still;
-mein Leben war so voller Bewegung wie das jener kleinen Insekten, deren
-ganzes Dasein sich im Laufe eines kurzen Tages abspielt. Ich begegnete
-vielen Menschen, die sich mit mir unterhielten, indem sie die Worte in
-meine Hand buchstabierten, und in fröhlicher Wechselwirkung stiegen
-Gedanken auf, um sich mit Gedanken anderer zu kreuzen, und siehe da!
-es geschah ein Wunder! Die öden Strecken, die meinen Geist von dem
-meiner Mitmenschen getrennt hatten, bedeckten sich mit Blüten wie ein
-Rosenstrauch.</p>
-
-<p>Die Herbstmonate brachte ich mit meiner Familie in unserem
-Sommerlandhause zu, das auf einem Berge ungefähr vierzehn Meilen von
-Tuscumbia entfernt lag. Es hieß Fern Quarry weil sich in seiner Nähe
-ein jetzt längst aufgegebener Kalkbruch befunden hatte. Drei muntere,
-in den Felsen oberhalb entspringende Bäche, durchströmten den Bruch,
-hier ruhig fließend, dort in sprudelnden Kaskaden schäumend, wo die
-Felsen ihnen den Weg zu versperren suchten. Der Eingang war mit
-Farnen bedeckt, die die Kalksteinschichten vollständig überwucherten.
-Der<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> übrige Teil des Berges war dicht bewaldet. Hier wuchsen hohe
-Eichen und mächtige Tannen mit Stämmen, gleich moosigen Säulen, von
-deren Zweigen Gewinde von Efeu und Mistel herniederhingen, ebenso
-Persimonbäume, deren Wohlgeruch jeden Winkel des Waldes durchdrang
-&mdash; ein verlockendes, duftendes Etwas, das das Herz fröhlich machte.
-Stellenweise zogen sich wilde Weinreben von Baum zu Baum und bildeten
-Lauben, die der Lieblingsaufenthalt von Schmetterlingen und summenden
-Insekten waren. Es war köstlich, sich am späten Nachmittag unter den
-grünen Gewölben und in den Irrgängen jenes Waldes zu verlieren und den
-kühlen erquickenden Duft einzuatmen, der bei Sonnenuntergang aus der
-Erde emporstieg.</p>
-
-<p>Unser Landhaus war eine Art Jagdhütte, schön gelegen auf dem Gipfel des
-Berges zwischen Eichen und Fichten. Die kleinen Zimmer befanden sich
-zu beiden Seiten einer langen, offenen Halle. Rings um das Haus dehnte
-sich ein weiter Platz aus, zu dem die Bergeswinde alle Wohlgerüche des
-Waldes herübertrugen. Auf diesem Platze brachten wir den größten Teil
-des Tages zu &mdash; hier arbeiteten, aßen und spielten wir. An der hinteren
-Tür des Hauses erhob sich ein mächtiger Nußbaum, um den herum Stufen
-führten, und vorn standen die Bäume so nahe, daß ich sie berühren und
-fühlen konnte, wenn der Wind ihre Zweige hin und her bewegte, oder das
-Laub in den Herbststürmen zu Boden wirbelte.</p>
-
-<p>Wir hatten viel Besuch in Fern Quarry. Abends spielten die Männer am
-Lagerfeuer Karten und vertrieben sich die Zeit mit Gesprächen und
-körperlichen Uebungen. Sie erzählten Wunderdinge von ihren Jagden
-auf Hühner, Fische und allerlei Wild &mdash; wie viele wilde Enten und
-Truthühner sie geschossen, was für Forellen sie gefangen und wie die
-die schlauesten Füchse und die klügsten Opossums überlistet und die
-schnellsten Hirsche eingeholt hatten, bis ich der Ueberzeugung<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span> war,
-daß sicherlich Löwen, Tiger, Bären und die übrigen reißenden Tiere
-allesamt diesen verschlagenen Jägern keinen Widerstand leisten könnten.
-Auf morgen zur Jagd! lautete ihr Gutenachtgruß, wenn sich der Kreis der
-lustigen Freunde bei Einbruch der Nacht auflöste. Die Männer schliefen
-in der Halle vor der Haustür, und ich konnte das tiefe Atmen der Hunde
-und Jäger spüren, wenn sie auf ihren improvisierten Betten lagen.</p>
-
-<p>Bei Tagesanbruch wurde ich durch den Geruch von Kaffee, das Klirren
-von Gewehren und die schweren Tritte der Männer geweckt, die jetzt
-umhergingen voll froher Hoffnung auf einen glücklichen Jagderfolg.
-Ebenso konnte ich das Stampfen ihrer Pferde spüren, die unter den
-Bäumen angebunden waren, wo sie die ganze Nacht über gestanden hatten,
-laut wiehernd und ungeduldig das Loskoppeln erwartend. Endlich stiegen
-die Herren zu Pferde, und „fort trabten“, wie es in alten Liedern
-heißt, „die Rosse, mit klirrendem Zaumzeug, unter Peitschengeknall
-und Hundegebell“, und „fort trabten die Jäger mit lauten Hussa- und
-Hallorufen“.</p>
-
-<p>Im Laufe des Vormittags trafen wir die Vorbereitungen für das
-Jagdessen. Ein Feuer wurde auf dem Boden eines tiefen Loches, das in
-die Erde gegraben war, angezündet, große Scheite wurden kreuzweise
-darüber gelegt und die Fleischstücke an diesen aufgehängt oder an
-Spießen gebraten. Um das Feuer herum kauerten Neger und verscheuchten
-die Fliegen mit langen Zweigen. Der würzige Duft des Fleisches machte
-mich hungrig, lange bevor die Tische gedeckt waren.</p>
-
-<p>Hatte das aufgeregte Treiben seinen Höhepunkt erreicht, so kehrten
-die Teilnehmer an der Jagd zurück und erschienen in Gruppen von zwei
-oder drei, die Männer heiß und müde, die Pferde mit Schaum bedeckt,
-die abgehetzten Hunde keuchend und niedergeschlagen &mdash; und kein Stück
-Jagdbeute! Jeder<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span>mann erklärte, er habe wenigstens einen Hirsch gesehen
-und das Tier sei ihm auch ganz nahe gekommen; so eifrig aber auch die
-Hunde das Wild verfolgten, so genau die Schützen zielen mochten &mdash;
-beim Abfeuern des Gewehres war kein Hirsch mehr zu erblicken. Man war
-so glücklich gewesen wie der kleine Junge, der da erklärte, er habe
-<em class="gesperrt">beinahe</em> ein Kaninchen gesehen &mdash; denn er sah dessen Fährte. Die
-Gesellschaft vergaß aber bald ihre Enttäuschung, und wir setzten uns
-zu Tische, freilich nicht zum Wildbretschmause, wohl aber zu einem
-zahmeren Mahle von Kalb- und geröstetem Schweinefleisch.</p>
-
-<p>Eines Sommers hatte ich mein Pony mit nach Fern Quarry genommen. Ich
-nannte ihn dort Black Beauty, da ich soeben das Buch mit diesem Titel
-gelesen hatte, und er glich seinem Namensvetter in jeder Hinsicht, von
-seinem glänzenden schwarzen Felle bis zu der Blässe auf seiner Stirn.
-Ich brachte viele meiner glücklichsten Stunden auf seinem Rücken zu.
-Gelegentlich, wenn es durchaus keine Gefahr hatte, ließ meine Lehrerin
-den Leitzügel los, und dann ging der Pony gemächlich weiter oder machte
-nach Belieben Halt, um Gras abzurupfen oder das Laub der an der Seite
-des schmalen Weges stehenden Bäume zu benagen.</p>
-
-<p>An den Vormittagen, an denen ich keine Lust hatte, auszureiten, machten
-meine Lehrerin und ich nach dem Frühstück einen Spaziergang in die
-Wälder und verloren uns gern inmitten der Bäume und Weinranken, ohne
-einen anderen Weg unter unseren Füßen zu haben, als die von Kühen und
-Pferden getretenen Pfade. Oft kamen wir an undurchdringliche Dickichte,
-die uns zwangen, sie im Bogen zu umgehen. Stets kehrten wir zu dem
-Landhause mit einer Last von wildem Lorbeer, Goldregen, Farnen und
-prächtigen Wasserlilien zurück, wie sie nur im Süden gedeihen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span></p>
-
-<p>Bisweilen ging ich mit Mildred und meinen kleinen Vettern fort, um
-Persimonpflaumen zu suchen. Ich aß die nicht, liebte aber ihren Duft
-und freute mich, wenn ich sie unter Laub und Gras entdeckte. Auch Nüsse
-sammelten wir, und ich half beim Aushülsen der Haselnüsse, sowie beim
-Zerschlagen der Schalen der Hickory- und Walnüsse &mdash; der großen, süßen
-Walnüsse.</p>
-
-<p>Am Fuße des Berges lief eine Eisenbahn entlang, und die Kinder
-beobachteten das Vorbeifahren der Züge. Mitunter schreckte uns ein
-fürchterliches Pfeifen empor, dann erzählte mir Mildred in großer
-Aufregung, daß sich eine Kuh oder ein Pferd auf die Schienen verirrt
-habe. In der Entfernung von ungefähr einer Meile befand sich eine
-Eisenbahnbrücke, die einen tiefen Abgrund überspannte. Es war sehr
-schwierig, hinüberzugehen; die Bohlen standen weit auseinander und
-waren so schmal, daß man die Empfindung hatte, als ginge man auf
-Messerschneiden. Ich hatte die Brücke nie benutzt, bis eines Tages
-Mildred, Fräulein Sullivan und ich uns in den Wäldern verirrt hatten
-und stundenlang umherwanderten, ohne einen Pfad zu finden.</p>
-
-<p>Plötzlich streckte Mildred ihre kleine Hand aus und rief: Dort ist die
-Brücke! Wir hätten noch einen anderen Weg einschlagen können, aber es
-war spät, und die Dunkelheit brach schon herein, und auf der Brücke
-schnitt man eine bedeutende Strecke ab. Ich mußte mit meinen Füßen nach
-den Schienen fühlen, aber ich hatte keine Furcht und schritt tapfer
-vorwärts, bis auf einmal aus der Ferne ein schwaches Puff, Puff ertönte.</p>
-
-<p>Ich sehe den Zug! rief Mildred, und in der nächsten Minute würde er uns
-erreicht haben, wenn wir nicht auf die Kreuzbalken heruntergeklettert
-wären, während er über unseren Köpfen davonbrauste. Ich fühlte den
-heißen Dampf der Loko<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span>motive in meinem Gesicht, und der Rauch und die
-Asche erstickten uns beinahe. Als der Zug vorüberrollte, schwankte die
-Brücke so, daß ich glaubte, wir würden in die Schlucht hinunterstürzen.
-Mit der äußersten Schwierigkeit gelangten wir wieder auf das Geleise.
-Lange nach Einbruch der Dunkelheit erreichten wir das Haus und fanden
-es leer; die ganze Familie war ausgezogen, um uns zu suchen.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3 class="padtop2" id="Zwoelftes_Kapitel">Zwölftes Kapitel.</h3>
-
-</div>
-
-<p class="s5 center mbot2">Besuch im Norden. &mdash; Wintervergnügungen.</p>
-
-<p>Nach meinem ersten Besuche in Boston brachte ich beinahe jeden Winter
-im Norden zu. Einmal besuchte ich ein Dorf in Neuengland mit seinen
-zugefrorenen Seen und seinen weiten Schneefeldern. Damals fand ich
-Gelegenheit, wie ich sie nie zuvor gehabt hatte, die Annehmlichkeiten
-einer Schneelandschaft kennen zu lernen.</p>
-
-<p>Ich erinnere mich noch, wie erstaunt ich war, als ich entdeckte, daß
-eine geheimnisvolle Hand das Laub von Bäumen und Sträuchern gestreift
-und nur hier und da ein vertrocknetes Blatt zurückgelassen hatte. Die
-Vögel waren fortgezogen, und ihre leeren Nester auf den kahlen Bäumen
-waren mit Schnee gefüllt. Der Winter lag auf Hügel und Feld. Die Erde
-schien unter seiner eisigen Berührung erstarrt zu sein, und selbst die
-Geister der Bäume hatten sich bis zu den Wurzeln hinabgeflüchtet und
-lagen, in der Finsternis zusammengekrümmt, im festen Schlafe. Alles
-Leben schien erstorben zu sein, und selbst wenn die Sonne hervorkam,
-war der Tag</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft9">Trüb und kalt,</div>
- <div class="verse">Als seien ihre Adern saftlos und alt;</div>
- <div class="verse">Die Sonne erhob sich matt und schwer</div>
- <div class="verse">Und warf einen müden Blick über Land und Meer.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span></p>
-
-<p class="p0">Das dürre Gras und die Sträucher waren in einen Wald von Eiszapfen
-verwandelt.</p>
-
-<p>Dann kam ein Tag, an dem die scharfe Luft das Herannahen eines
-Schneefalles ankündigte. Wir eilten ins Freie, um zu fühlen, wie die
-ersten zarten Flocken herniedersanken. Stunde um Stunde schwebten
-die Flocken schweigend und weich aus ihrer luftigen Höhe zur Erde
-herab, und die Gegend bekam immer mehr das Aussehen einer Ebene. Eine
-Schneenacht breitete sich über die Welt aus, und am Morgen konnte man
-kaum noch einen Zug der Landschaft erkennen. Alle Wege waren verweht,
-keine einzige Landmarke war mehr sichtbar &mdash; ringsum eine Schneewüste
-mit vereinzelt aus ihr hervorragenden Bäumen.</p>
-
-<p>Am Abend erhob sich ein Wind aus Nordost, und die Flocken wirbelten
-in rasendem Tanze durcheinander. Wir saßen um den großen Herd herum,
-erzählten uns lustige Geschichten und waren vergnügt und heiter;
-dabei vergaßen wir ganz, daß wir uns inmitten einer trostlosen Einöde
-befanden, abgeschlossen von jeder Verbindung mit der Außenwelt. Während
-der Nacht steigerte sich die Gewalt des Sturmes derart, daß er uns
-mit einer unbestimmten Furcht erfüllte. Die Dachsparren knarrten und
-stöhnten, und die Zweige der das Haus umgebenden Bäume ächzten und
-schlugen gegen die Fenster, während der Sturm über die Landschaft
-hinraste.</p>
-
-<p>Am dritten Tage nach dem Beginn des Unwetters hörte das Schneetreiben
-auf. Die Sonne brach durch die Wolken und beschien eine weite,
-wellige Ebene. Hohe Dämme, phantastisch gestaltete Schneehaufen und
-undurchdringliche Schneewehen zogen sich in allen Richtungen dahin.</p>
-
-<p>Es wurden nun schmale Pfade durch die Schneewehen geschaufelt. Ich zog
-meinen Mantel an, setzte meinen Hut auf und ging hinaus. Die Luft war
-so scharf, daß meine Wangen<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span> wie Feuer brannten. Bald die gebahnten
-Pfade benutzend, bald unseren Weg selbständig durch die niedrigeren
-Wehen bahnend, gelangten wir endlich an eine große Fichte, die am
-Rande einer breiten Wiese stand. Die Bäume ragten bewegungslos und
-weiß gleich Figuren auf einem Marmorfriese empor. Die Fichtennadeln
-spendeten heute keinen Duft. Die Strahlen der Sonne fielen auf die
-Bäume, sodaß die Zweige wie Diamanten funkelten und viele von ihnen
-abbrachen, sobald wir sie berührten. So blendend war das Licht, daß es
-sogar die Finsternis, die auf meinen Augen lag, durchdrang.</p>
-
-<p>Im Verlauf der Zeit wurden die Schneewehen immer kleiner, aber bevor
-sie gänzlich verschwunden waren, kam ein anderes Unwetter, sodaß
-ich kaum einmal im Winter die bloße Erde unter meinen Füßen fühlte.
-Allmählich verloren die Bäume ihre Eishülle, und die Binsen und
-Sträucher traten in ihrer ursprünglichen Gestalt wieder hervor, aber
-der See lag trotz des hellen Sonnenscheins gefroren und hart da.</p>
-
-<p>Unser Lieblingsvergnügen in diesem Winter war Schlittenfahren.
-Stellenweise erhebt sich das Ufer des Sees steil über dem
-Wasserspiegel. Diese jähen Abhänge benutzten wir zu unserer Abfahrt.
-Wir setzten uns auf unseren Handschlitten, ein Knabe versetzte uns
-einen Stoß, und fort flogen wir! Wir durchschnitten Schneewehen,
-flogen über Vertiefungen hinweg, sausten auf den See hinaus und
-schossen über dessen schimmernde Oberfläche hin bis zum anderen Ufer.
-Was für ein Jubel! Was für eine herzerfrischende Tollheit! Für einen
-wilden, seligen Augenblick zerbrachen wir die Kette, die uns an die
-Erde schmiedet, wir reichten den Winden die Hand und fühlten uns
-göttergleich!</p>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span></p>
-
-<h3 class="padtop2" id="Dreizehntes_Kapitel">Dreizehntes Kapitel.</h3>
-
-</div>
-
-<p class="s5 center mbot2">Rückblick auf die früheren Versuche, zu sprechen. &mdash; Ragnhild
-Kaata. &mdash; Unterricht in der Lautsprache bei Fräulein Fuller. &mdash;
-Freude über den Erfolg. &mdash; Ablesen von den Lippen mittels der
-Finger. &mdash; Gebrauch des Fingeralphabets.</p>
-
-<p>Im Frühjahr 1890 lernte ich sprechen.<a name="FNAnker_5_5" id="FNAnker_5_5"></a><a href="#Fussnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a> Ich hatte stets ein starkes
-Verlangen in mir gefühlt, hörbare Laute auszustoßen. Ich pflegte Töne
-hervorzubringen, wobei ich die eine Hand an meinen Kehlkopf legte,
-während die andere den Bewegungen der Lippen folgte. Ich freute
-mich über alles, was ein Geräusch machte, und liebte es, zu fühlen,
-wie die Katze schnurrte und der Hund bellte. Ebenso legte ich mit
-Vorliebe die Hand an den Kehlkopf eines Sängers oder auf ein Klavier,
-wenn es gespielt wurde. Ehe ich Gesicht und Gehör verlor, hatte ich
-bereits sprechen gelernt, aber nach meiner Krankheit hörte ich auf zu
-sprechen, weil ich nicht mehr hören konnte. Ich pflegte den ganzen
-Tag über auf dem Schoße meiner Mutter zu sitzen und meine Hände an
-ihr Gesicht zu halten, weil es mir Vergnügen machte, die Bewegungen
-ihrer Lippen zu fühlen, und auch ich bewegte meine Lippen, obgleich
-ich vergessen hatte, was Sprechen sei. Meine Bekannten behaupten, daß
-ich auf natürliche Art lachte und weinte, und eine Zeitlang brachte
-ich allerlei Töne und Wortbestandteile hervor, nicht weil sie ein
-Verständigungsmittel bildeten, sondern weil ich die gebieterische
-Notwendigkeit in mir fühlte, meine Stimmorgane zu üben. Es gab jedoch
-ein Wort, an dessen Bedeutung ich mich immer noch erinnerte, nämlich
-<span class="antiqua">water</span>. Ich sprach es <span class="antiqua nowrap">wa&ndash;wa</span> aus. Selbst dieses wurde
-immer unverständlicher bis zu der Zeit, als Fräulein Sullivan mich zu
-unterrichten begann. Ich hörte erst auf, es zu ge<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span>brauchen, als ich
-gelernt hatte, das Wort mit meinen Fingern zu buchstabieren.</p>
-
-<p>Ich hatte längst erkannt, daß meine Umgebung sich anderer
-Verständigungsmittel bediente als ich, und schon ehe ich erfuhr,
-daß ein taubstummes Kind sprechen lernen kann, war ich mir meiner
-Unzufriedenheit mit den Verständigungsmitteln, über die ich bereits
-verfügte, bewußt. Wer gänzlich auf das Fingeralphabet angewiesen
-ist, trägt stets eine Empfindung mit sich herum, als werde er durch
-etwas zurückgehalten, eingeengt. Diese Empfindung begann mich mit
-einem beunruhigenden, vorwärts treibenden Bewußtsein eines Mangels,
-der beseitigt werden müsse, zu erfüllen. Meine Gedanken wollten sich
-oft aufschwingen und wie die Vögel gegen den Wind ankämpfen, und ich
-übte meine Lippen und meine Stimme beharrlich weiter. Freunde suchten
-mich von diesen Bemühungen abzubringen, weil sie fürchteten, sie
-würden zu nichts weiter führen als zu einer Enttäuschung. Aber ich
-blieb beharrlich dabei, und bald trat etwas ein, was schließlich zur
-Beseitigung dieses für unüberwindlich geltenden Hindernisses führen
-sollte &mdash; ich erfuhr die Geschichte von Ragnhild Kaata.</p>
-
-<p>Im Jahre 1890 kam Frau Lamson, eine von Laura Bridgmans Lehrerinnen,
-die soeben von einer Reise nach Schweden und Norwegen zurückgekehrt
-war, zu mir, um mich zu besuchen, und erzählte mir von Ragnhild Kaata,
-einem taubstummen und blinden Mädchen in Norwegen, das tatsächlich
-sprechen gelernt hatte. Frau Lamson hatte kaum ihre Erzählung von dem
-Erfolge dieses Mädchens beendet, als ich Feuer und Flamme war. Auch
-ich faßte den Entschluß, sprechen zu lernen. Ich wollte mich nicht
-zufrieden geben, bis mich meine Lehrerin zu Fräulein Sarah Fuller, der
-Leiterin der Horace Mann-Schule mitnahm, um diese zu bitten, ihr mit
-Rat und Tat beizustehen. Diese liebenswürdige, sanfte Dame erbot sich
-dazu,<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span> mich selbst zu unterrichten, und wir begannen am 26. März 1890.</p>
-
-<p>Fräulein Fullers Methode war folgende: sie legte meine Hand leicht
-über ihr Gesicht und ließ mich die Stellung ihrer Zunge und ihrer
-Lippen fühlen, wenn sie einen Ton hervorbrachte. Ich war voller Eifer,
-ihr jede Bewegung nachzumachen, und binnen einer Stunde hatte ich
-sechs Elemente der Sprache erlernt: <span class="antiqua">m</span>, <span class="antiqua">p</span>, <span class="antiqua">a</span>,
-<span class="antiqua">s</span>, <span class="antiqua">t</span>, <span class="antiqua">i</span>. Fräulein Fuller erteilte mir im ganzen
-elf Unterrichtsstunden. Ich werde nie das Erstaunen und die Freude
-vergessen, die mich erfüllten, als ich meinen ersten zusammenhängenden
-Satz aussprach: <span class="antiqua">It is warm.</span> Es waren ja nur abgerissene und
-gestammelte Silben, aber es war menschliche Sprache. Meine Seele, die
-sich einer neuen Kraft bewußt geworden war, war von der Knechtschaft
-erlöst und fand durch diese abgerissenen Sprachsymbole den Zugang zu
-aller Erkenntnis und allem Glauben.</p>
-
-<p>Kein taubstummes Kind, das ernstlich versucht hat, die Worte
-auszusprechen, die es nie gehört hat &mdash; um aus dem Kerker des
-Schweigens herauszukommen, in dem kein Ton der Liebe, kein Vogelgesang,
-keine Musik je die Stille unterbricht &mdash; kann den Schauer des
-Erstaunens, die Freude der Entdeckung vergessen, die es übermannten,
-als es sein erstes Wort aussprach. Nur jemand, der in ähnlicher Lage
-gewesen ist, kann den Eifer ermessen, mit dem ich zu meinem Spielzeuge,
-zu Steinen, Bäumen, Vögeln und stummen Tieren sprach, oder das
-Entzücken nachfühlen, das ich empfand, wenn Mildred auf meinen Ruf zu
-mir eilte oder meine Hunde meinen Befehlen gehorchten. Es bildet einen
-unsäglichen Gewinn für mich, in geflügelten Worten sprechen zu können,
-die keiner Uebertragung bedürfen. Als ich sprach, schwangen sich aus
-meinen Worten glückliche Gedanken empor, die sich vielleicht vergeblich
-bemüht hätten, sich aus meinen Fingern herauszuarbeiten.</p>
-
-<p>Aber man darf nicht glauben, daß ich in dieser kurzen Zeit<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span> wirklich
-sprechen gelernt hätte. Ich hatte nur die Elemente der Sprache erlernt.
-Fräulein Fuller und Fräulein Sullivan konnten mich verstehen, aber die
-meisten Leute hätten von hundert Wörtern nicht ein einziges verstanden.
-Auch ist es nicht wahr, daß ich nach Erlernung dieser Elemente alles
-übrige aus eigener Kraft erreichte. Ohne Fräulein Sullivans Genialität,
-ohne ihre unermüdliche Ausdauer und Hingebung hätte ich mich der
-natürlichen Sprache nie so weit nähern können, wie ich es in Wahrheit
-getan habe. Vor allen Dingen mühte ich mich Tag und Nacht ab, ehe ich
-mich selbst meinen intimsten Freunden verständlich machen konnte,
-dann aber bedurfte ich beständig Fräulein Sullivans Hilfe bei meinen
-Bemühungen, jeden Laut deutlich zu artikulieren und alle Laute auf die
-mannigfaltigste Weise zu verbinden. Noch jetzt lenkt sie täglich meine
-Aufmerksamkeit auf die fehlerhafte Aussprache einzelner Wörter.</p>
-
-<p>Jeder Taubstummenlehrer weiß, was dies bedeutet, und nur ein solcher
-kann überhaupt die Schwierigkeiten würdigen, mit denen ich zu kämpfen
-hatte. Beim Ablesen von den Lippen meiner Lehrerin war ich gänzlich
-von meinen Fingern abhängig; ich hatte mich des Tastsinnes bei der
-Wahrnehmung der Schwingungen des Kehlkopfes, der Bewegungen des Mundes
-und des Gesichtsausdrucks zu bedienen, und oft täuschte sich dieser
-Sinn. In solchen Fällen war ich genötigt, die Wörter oder Sätze oft
-stundenlang zu wiederholen, bis ich den entsprechenden Klang in meiner
-eigenen Stimme fühlte. Meine Arbeit bestand in Uebung, Uebung, Uebung.
-Entmutigung und Ermüdung warfen mich oft nieder; aber im nächsten
-Augenblick spornte mich der Gedanke, daß ich bald zu Hause bei meinen
-Lieben sein und ihnen zeigen würde, was ich erreicht hätte, von neuem
-an, und ich stellte mir stets ihre Freude bei dem Gelingen meiner
-Bemühungen vor Augen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span></p>
-
-<p>„Meine kleine Schwester wird mich jetzt verstehen können,“ war ein
-Gedanke, der stärker war als alle Hindernisse. Ich pflegte voller
-Begeisterung zu wiederholen: „Ich bin jetzt nicht mehr stumm.“ Ich
-konnte nicht verzweifeln, weil ich mir die Freude, zu meiner Mutter
-sprechen und ihr die Antworten von den Lippen ablesen zu können, mit
-den glänzendsten Farben ausmalte. Es überraschte mich, zu finden,
-wie viel leichter es ist, zu sprechen, als mit den Fingern zu
-buchstabieren, und ich schaltete meinerseits das Fingeralphabet als
-Verständigungsmittel aus; doch bedienen sich Fräulein Sullivan und
-ein paar Freunde noch seiner in der Unterhaltung mit mir, denn es ist
-bequemer und rascher, als das Ablesen von den Lippen.</p>
-
-<p>Es ist hier vielleicht der geeignete Ort, etwas über den Gebrauch
-unseres Fingeralphabets zu sagen, das manche, die uns nicht kennen,
-zu befremden scheint. Wer mittelst seiner Hand mir vorliest oder
-mit mir spricht, bedient sich in der Regel des von den Taubstummen
-gebrauchten einhändigen Fingeralphabets. Ich lege meine Hand so leicht
-auf die Hand des Sprechenden, daß keine ihrer Bewegungen gehemmt
-wird. Die Stellung der Hand ist ebenso leicht zu fühlen wie zu sehen.
-Ich fühlte ebensowenig jeden Buchstaben wie andere jeden Buchstaben
-für sich sehen, wenn sie lesen. Beständige Uebung macht die Finger
-äußerst biegsam, und einige meiner Freunde buchstabieren sehr rasch,
-beinahe so rasch, wie jemand auf der Schreibmaschine schreibt. Das
-bloße Buchstabieren ist selbstverständlich in nicht höherem Grade eine
-bewußte Handlung als das Schreiben.</p>
-
-<p>Als ich mir die Sprache angeeignet hatte, konnte ich es kaum erwarten,
-nach Hause zu kommen. Endlich nahte der glückliche Augenblick. Während
-der Rückreise hatte ich fortwährend mit Fräulein Sullivan gesprochen,
-nicht um zu sprechen, sondern um mich bis zur letzten Minute zu
-vervollkommnen.<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span> Fast ehe ich es ahnte, hielt der Zug auf dem Bahnhofe
-in Tuscumbia, und auf dem Perron stand die ganze Familie. Meine Augen
-füllen sich noch jetzt mit Tränen, wenn ich daran denke, wie mich
-meine Mutter sprachlos und zitternd vor Freude an ihr Herz drückte und
-auf jede Silbe, die ich sprach, atemlos lauschte, während die kleine
-Mildred meine freie Hand ergriff, sie küßte und umhertanzte, und mein
-Vater seinen Stolz und seine Liebe durch tiefes Schweigen bekundete.
-Es war, als sei Jesaias Prophezeiung an mir in Erfüllung gegangen: Die
-Berge und Hügel werden vor dir Lieder anstimmen, und alle Bäume des
-Feldes werden vor Freude in ihre Hände klatschen.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_5_5" id="Fussnote_5_5"></a><a href="#FNAnker_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Vergl. Helens
-<a href="#Brief_S_161">Brief S. 161 ff.</a> und Fräulein Sullivans
-<a href="#Helen_Kellers_Sprache">Bericht S. 311 ff.</a></p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h3 class="padtop2" id="Vierzehntes_Kapitel">Vierzehntes Kapitel.</h3>
-
-</div>
-
-<p class="s5 center mbot2">Die Frostkönig-Episode. &mdash;
-Betrachtungen über Schriftstellerei.</p>
-
-<p>Der Winter des Jahres 1892 wurde durch eine Wolke an dem heiteren
-Himmel meiner Kindheit getrübt. Anstatt der Freude waren für lange,
-lange Zeit Zweifel, Sorge und Furcht bei mir eingekehrt. Die Bücher
-verloren ihren Reiz für mich, und noch jetzt schnürt sich mir bei dem
-Gedanken an jene schrecklichen Tage das Herz zusammen. Eine kleine
-Geschichte mit dem Titel »Der Frostkönig«,<a name="FNAnker_6_6" id="FNAnker_6_6"></a><a href="#Fussnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a> die ich schrieb und
-an Herrn Anagnos, den Direktor des Perkinsschen Blindeninstitutes
-schickte, bildete die Veranlassung zu all der Unruhe. Um die Sache
-klarzustellen, muß ich die Tatsachen in Verbindung mit folgender
-Episode auseinandersetzen, die zu erwähnen mich sowohl die
-Gerechtigkeit gegen meine Lehrerin wie gegen mich selbst nötigt.</p>
-
-<p>Ich schrieb die Erzählung, als ich zu Hause war, in dem<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span> Herbste,
-nachdem ich sprechen gelernt hatte. Wir waren von Fern Quarry
-später als gewöhnlich aufgebrochen. Während unseres Aufenthaltes
-dort hatte mir Fräulein Sullivan die Schönheiten des herbstlichen
-Laubes beschrieben, und es scheint, als hätten ihre Schilderungen
-die Erinnerung an ein Märchen wachgerufen, das mir offenbar einmal
-vorgelesen worden war und das ich unbewußt behalten haben muß. Ich
-glaubte damals eine „Geschichte zu machen“, wie die Kinder sagen, und
-setzte mich voller Eifer hin, die niederzuschreiben, ehe sich die
-Gedanken wieder verflüchtigten. Die Gedanken flossen mir leicht aus
-der Feder; ich empfand lebhafte Freude bei der Ausarbeitung. Worte und
-Bilder strömten mir in reicher Fülle zu, und während ich mir einen Satz
-nach dem anderen ausdachte, schrieb ich alles mit meinem Braillegriffel
-nieder. Wenn mir jetzt Worte und Bilder ohne besondere Anstrengung
-kommen, so betrachte ich dies als einen ziemlich sicheren Beweis dafür,
-daß sie nicht mein geistiges Eigentum, sondern fremdes Gut sind, von
-dem ich nichts wissen will. Damals aber nahm ich alles, was ich las,
-begierig auf ohne irgend einen Gedanken an Verfasserrecht, und selbst
-jetzt kann ich die Grenzlinie zwischen meinen Gedanken und denen, die
-ich in meinen Büchern finde, nicht ganz scharf ziehen. Ich glaube, dies
-liegt daran, daß mir soviele Eindrücke durch die Vermittlung der Augen
-und Ohren anderer zugehen.</p>
-
-<p>Als ich mit meiner Erzählung fertig war, las ich sie meiner Lehrerin
-vor, und ich erinnere mich noch jetzt lebhaft der Freude, die ich bei
-den gelungenen Stellen empfand, sowie meiner Ungeduld, wenn ich durch
-die Verbesserung der Aussprache eines Wortes unterbrochen wurde. Beim
-Mittagessen wurde sie der versammelten Familie vorgelesen, die ganz
-erstaunt war, daß ich so gut schrieb. Es fragte mich auch jemand, ob
-ich sie nicht in irgend einem Buche gelesen hätte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span></p>
-
-<p>Diese Frage überraschte mich sehr, denn ich hatte nicht die geringste
-Erinnerung daran, daß sie mir je vorgelesen worden sei. Ich sagte daher
-mit aller Entschiedenheit: O nein, es ist eine Geschichte von mir, und
-ich habe sie für Herrn Anagnos geschrieben.</p>
-
-<p>Demgemäß schrieb ich die Erzählung ab und schickte sie dem genannten
-Herrn zu seinem Geburtstage. Es wurde mir geraten, den Titel, der
-ursprünglich »Herbstlaub« (<span class="antiqua">Autumn Leaves</span>) lautete, in »Der
-Frostkönig« (<span class="antiqua">The Frost King</span>) umzuändern, was ich denn auch tat.
-Ich trug die kleine Erzählung selbst zur Post, und es war mir dabei
-zu Mute, als ob ich in den Wolken schwebte. Ich ließ mir wenig davon
-träumen, wie hart ich für dieses Geburtstagsgeschenk zu büßen haben
-würde.</p>
-
-<p>Herr Anagnos war über den »Frostkönig« entzückt und veröffentlichte
-das Märchen in einem seiner Jahresberichte über das Perkinssche
-Institut. Dies war der Gipfel meiner Glückseligkeit, von dem ich aber
-bald jäh wieder zur Erde geschleudert werden sollte. Ich war nur kurze
-Zeit in Boston gewesen, als es sich herausstellte, daß eine ähnliche
-Geschichte wie »Der Frostkönig«, nämlich »Die Frostelfen« (<span class="antiqua">The
-Frost Fairies</span>) von Fräulein Margaret T. Canby, vor meiner Geburt
-in einem Buche mit dem Titel »Birdie und seine Freunde« (<span class="antiqua">Birdie
-and His Friends</span>) erschienen sei. Die beiden Erzählungen stimmten
-in Inhalt und Form so sehr überein, daß kein Zweifel darüber bleiben
-konnte, daß Fräulein Canbys Märchen mir vorgelesen worden sein mußte,
-und daß das meinige &mdash; ein Plagiat war. Es hielt schwer, mir dies
-verständlich zu machen; als ich es aber begriffen hatte, war ich tief
-betrübt. Kein Kind hat je einen bittereren Kelch getrunken als ich. Ich
-hatte mir Schimpf und Schande zugezogen, ich hatte Verdacht bei denen
-erregt, die ich am meisten liebte. Und doch, wie war es möglich, daß
-so etwas geschehen konnte? Ich zermarterte mein Gehirn unab<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span>lässig, um
-mich an irgend etwas zu erinnern, was ich über den Frost gelesen haben
-könnte, bevor ich den »Frostkönig« schrieb; ich konnte mich aber auf
-nichts entsinnen als auf die volkstümliche Redensart von Jack Frost
-und ein Kindergedichtchen: »Die Launen des Frostes« (<span class="antiqua">The Freaks of
-the Frost</span>), und ich wußte, daß ich dieses nicht bei meiner Arbeit
-benutzt hatte.</p>
-
-<p>Zunächst schien mir Herr Anagnos zu glauben, obgleich er großen Kummer
-darüber empfand. Er war außergewöhnlich zärtlich und liebevoll zu mir,
-und eine kurze Zeitlang verschwand der Schatten. Ihm zuliebe suchte ich
-mich zu fassen und mich zur Feier von Washingtons Geburtstag, der bald
-nach dem peinlichen Zwischenfall festlich begangen wurde, so hübsch wie
-möglich zu machen.</p>
-
-<p>Ich sollte die Ceres in einer Art von Maskenspiel darstellen, das von
-den blinden Kindern aufgeführt wurde. Wie gut erinnere ich mich an
-das reizvolle Gewand, das mich umhüllte, an das bunte Herbstlaub, das
-mein Haupt schmückte, an die Früchte und Aehren zu meinen Füßen und
-in meinen Händen, und unter all der Heiterkeit des Maskenspiels das
-drückende Bewußtsein eines nahenden Unheils, das mir das Herz schwer
-machte!</p>
-
-<p>Am Abend vor der Feier hatte eine der Institutslehrerinnen eine
-Frage betreffs des »Frostkönigs« an mich gerichtet, und ich hatte
-ihr geantwortet, daß Fräulein Sullivan mir von Jack Frost und seinen
-Wunderwerken erzählt habe. Irgend eine Aeußerung von mir schien sie als
-Geständnis aufzufassen, daß ich mich an Fräulein Canbys Märchen von den
-»Frostelfen« erinnere, und sie teilte Herrn Anagnos dies mit, obgleich
-ich ihr ganz entschieden erklärte, sie habe mich mißverstanden.</p>
-
-<p>Herr Anagnos, der mich zärtlich liebte, blieb den Beteuerungen meiner
-Liebe und Unschuld gegenüber taub, da er getäuscht worden zu sein
-glaubte. Er war der Meinung<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span> oder hegte wenigstens den Verdacht,
-daß Fräulein Sullivan und ich uns bewußt die Gedanken einer anderen
-angeeignet und sie ihm in betrügerischer Absicht zugeschickt hätten,
-um Bewunderung bei ihm zu finden. Ich wurde vor ein Gericht gestellt,
-das aus den Lehrern und Beamten des Institute bestand, und Fräulein
-Sullivan wurde aufgefordert, mich allein zu lassen. Dann wurde ich
-einem förmlichen Kreuzverhör unterworfen, das mich auf die Vermutung
-brachte, meine Richter seien fest entschlossen, mich zu dem Geständnis
-zu zwingen, ich erinnerte mich, daß mir das Märchen »Die Frostelfen«
-vorgelesen worden sei. Ich fühlte aus jeder Frage den Zweifel und den
-Verdacht heraus, den sie in ihrem Innern hegten, und ebenso empfand ich
-es, daß ein geliebter Freund uns vorwurfsvoll betrachtete, obgleich
-ich dies alles nicht in Worte fassen konnte. Alles Blut drängte sich
-mir nach meinem wild pochenden Herzen, und ich konnte kaum sprechen
-außer in abgerissenen Worten und Silben. Selbst das Bewußtsein, das
-Ganze sei nur ein furchtbares Mißverständnis, konnte meinen Schmerz
-nicht lindern, und als ich schließlich das Zimmer verlassen durfte, war
-ich noch ganz außer mir und achtete weder auf die Liebkosungen meiner
-Lehrerin noch auf die zärtlichen Worte meiner Freunde, die mir sagten,
-ich sei ein braves Mädchen, auf das man stolz sein könne.</p>
-
-<p>Als ich diese Nacht in meinem Bette lag, weinte ich so herzbrechend,
-wie hoffentlich wenige Kinder geweint haben. Mir war so eisig kalt,
-daß ich glaubte, den nächsten Morgen nicht mehr zu erleben, und dieser
-Gedanke tröstete mich. Ich glaube, wenn dieser Schlag mich einige Jahre
-später getroffen hätte, so würde mein Geist unrettbar zusammengebrochen
-sein. Aber der Engel des Vergessens hat viel von dem Elend und der
-Bitternis dieser traurigen Tage aufgesammelt und mit sich fortgenommen.</p>
-
-<p>Fräulein Sullivan hatte nie von den »Frostelfen« oder dem<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span> Buch, in dem
-das Märchen erschienen war, gehört. Mit <span class="antiqua">Dr.</span> Alexander Grahams
-Hilfe untersuchte sie die Sache gründlich, und schließlich stellte es
-sich heraus, daß Frau Sophia C. Hopkins im Jahre 1888 ein Exemplar von
-Fräulein Canbys »Birdie und seine Freunde« besaß, als wir den Sommer
-mit ihr in Brewster zubrachten. Frau Hopkins konnte das Buch nicht mehr
-finden, sie hat mir aber erzählt, daß sie, während Fräulein Sullivan
-auf einer Ferienreise begriffen war, versucht habe, mir durch Vorlesen
-aus verschiedenen Büchern die Zeit zu vertreiben, und obgleich sie sich
-nicht deutlicher als ich erinnern konnte, die »Frostelfen« gelesen zu
-haben, war sie doch ganz sicher, daß sich ein Exemplar von »Birdie und
-seine Freunde« unter diesen Büchern befunden habe. Sie erklärte sich
-das Fehlen des Buches dadurch, daß sie vor kurzem ihr Haus verkauft und
-dabei verschiedene Jugendschriften, sowie alte Schulbücher und Märchen
-verschenkt hatte, und daß sich die betreffende Erzählung wahrscheinlich
-unter diesen befunden hätte.</p>
-
-<p>Erzählungen hatten damals wenig oder gar kein Interesse für mich; aber
-das bloße Buchstabieren der seltsamen Worte genügte, einem kleinen
-Mädchen die Zeit zu vertreiben, das selber beinahe nichts zu seiner
-Unterhaltung beitragen konnte, und obgleich ich mich keines einzelnen
-Umstandes bei dieser Lektüre entsinne, kann ich doch nicht umhin
-zu glauben, daß ich mir die größte Mühe gegeben habe, die Worte zu
-behalten, in der Absicht, sie meiner Lehrerin nach ihrer Rückkehr
-zu wiederholen. Das eine ist unzweifelhaft, die Sprache war mir
-unauslöschlich eingeprägt, obgleich dies lange Zeit niemand wußte, am
-wenigsten ich selbst.</p>
-
-<p id="Fauntleroy_III">Als dann Fräulein Sullivan zurückkam, sprach ich mit ihr nicht über
-die »Frostelfen«, wahrscheinlich, weil sie sofort begann, mir den
-»Kleinen Lord Fauntleroy«<a name="FNAnker_7_7" id="FNAnker_7_7"></a><a href="#Fussnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a> vorzulesen, der mich<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> so begeisterte,
-daß ich an nichts anderes denken konnte. Aber die Tatsache bleibt
-bestehen, daß mir Fräulein Canbys Märchen früher vorgelesen worden war
-und daß es sich mir, lange nachdem ich es vergessen hatte, mit solcher
-Ursprünglichkeit wieder aufdrängte, daß ich nie auf den Verdacht
-geriet, es könne das Geisteskind einer anderen sein.</p>
-
-<p>Mitten in meinem Schmerze erhielt ich viele Beweise der Liebe und
-Teilnahme. Alle Freunde, die ich am meisten liebte, sind mir damals bis
-auf einen treu geblieben. Fräulein Canby selbst schrieb mir freundlich:
-Eines Tages werden Sie ein Märchen eigener Erfindung schreiben, das
-viele aufrichten und erheben wird. &mdash; Aber diese Prophezeiung ist
-nie in Erfüllung gegangen. Ich habe nie mehr zum Zwecke der bloßen
-Unterhaltung mit Worten gespielt. In der Tat bin ich seitdem stets von
-dem Gedanken gequält worden, daß das, was ich schreibe, nicht mein
-geistiges Eigentum ist. Lange Zeit wurde ich, wenn ich einen Brief
-schrieb, selbst an meine Mutter, von einem plötzlichen Angstgefühl
-befallen und ich zergliederte meine Sätze auf das genaueste, um
-sicher zu sein, sie nicht in einem Buche gelesen zu haben. Ohne
-den unausgesetzten Zuspruch Fräulein Sullivans würde ich, wie ich
-glaube, jeden weiteren Versuch, mich schriftstellerisch zu betätigen,
-aufgegeben haben.</p>
-
-<p>Ich habe seitdem die »Frostelfen« gelesen und ebenso Briefe von mir, in
-denen ich noch andere Gedanken Fräulein Canbys benutzt habe. In einem
-von ihnen, einem Briefe an Herrn Anagnos vom 29. September 1891, finde
-ich Worte und ganze Sätze, die deutlich an jenes Buch erinnern. Um
-dieselbe Zeit schrieb ich den »Frostkönig«, und dieser Brief enthält
-gleich vielen anderen eine Anzahl Redewendungen, die beweisen, daß mein
-Geist ganz mit dem Märchen gesättigt war. Ich lege meiner Lehrerin
-folgende Worte über das goldene Herbstlaub in den Mund: Ja, es ist
-schön genug, um uns über die Flucht<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span> des Sommers zu trösten &mdash; ein
-Gedanke, der unmittelbar aus Fräulein Canbys Geschichte stammt.</p>
-
-<p>Diese Gewohnheit, mir zu assimilieren, was mir gefiel, und es dann
-als mein Eigentum auszugeben, tritt vielfach in meinem frühesten
-Briefwechsel und meinen ersten schriftstellerischen Versuchen zutage.
-In einem Aufsatze, den ich über die alten Städte Griechenlands und
-Italiens schrieb, entnahm ich meine glühenden Schilderungen Quellen,
-die ich jetzt vergessen habe. Ich kannte Herrn Anagnos’ Vorliebe
-für das Altertum und seine begeisterte Verehrung für Italien und
-Griechenland. Ich brachte daher aus allen Büchern, die ich las, die
-Brocken von Poesie oder Geschichte an, die ihm, wie ich glaubte,
-Vergnügen bereiten würden. Herr Anagnos hatte bei der Besprechung
-meines Aufsatzes gesagt: Diese Gedanken sind in ihrem Kerne poetisch.
-Aber ich verstehe nicht, wie er je hat der Meinung sein können, ein
-blindes und taubstummes Kind von elf Jahren habe diese selbständig
-gefunden. Doch kann ich nicht glauben, daß, weil diese Gedanken nicht
-meinem eigenen Kopfe entsprungen sind, mein kleiner Aufsatz aus diesem
-Grunde alles Interesses bar sein sollte. Er beweist mir, daß ich
-imstande war, schöne, poetische Gedanken in klaren, lebendigen Worten
-wiederzugeben.</p>
-
-<p>Jene Jugendaufsätze stellten eine geistige Gymnastik dar. Ich lernte,
-wie es alle jungen, unerfahrenen Leute tun, durch Assimilation und
-Nachahmung, Gedanken in Worte zu kleiden. Alles, was ich in einem Buche
-fand und was mir gefiel, bewahrte ich, bewußt oder unbewußt, in meinem
-Gedächtnisse auf und paßte es meinen Zwecken an. „Wenn man zu schreiben
-beginnt,“ sagt Stevenson, „versucht man unwillkürlich nachzuahmen, was
-einem am bewundernswertesten erscheint, und wechselt auffallend rasch
-mit den Gegenständen seiner Bewunderung. Selbst große Männer haben
-erst nach jahrelanger<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span> Uebung gelernt, die Legion von Worten, die sich
-auf allen möglichen Nebenwegen ihrem Geiste aufdrängten, in gehörige
-Ordnung zu bringen.“</p>
-
-<p>Ich fürchte, ich stehe noch jetzt mitten in dieser Entwickelung drin.
-Es ist klar, daß ich nicht immer meine eigenen Gedanken von denen, die
-ich irgendwo gelesen habe, sondern kann, eben weil das, was ich lese,
-das eigentliche Wesen und Gefüge meines Geistes ausmacht. Infolgedessen
-fördere ich beinahe in allem, was ich schreibe, etwas zutage, was
-große Aehnlichkeit mit der ungeschickten Stoppelei aufweist, die ich
-zustande brachte, als ich anfing, nähen zu lernen. Dieses Stoppelwerk
-bestand aus allerlei Fetzen und Lappen &mdash; hübschen Stückchen Seide und
-Sammet, aber die häßlichen Flicken, die durchaus keinen gefälligen
-Eindruck machten, herrschten stets vor. Ebenso bestehen meine
-schriftstellerischen Leistungen aus unverarbeiteten eigenen Begriffen,
-untermischt mit den klareren Gedanken und gereifteren Ansichten
-der Autoren, deren Bücher ich gelesen habe. Die Hauptschwierigkeit
-beim Schreiben scheint mir darin zu bestehen, daß die Sprache des
-hochgebildeten Geistes unsere verworrenen Ideen &mdash; halb Empfindungen,
-halb Gedanken &mdash; zu einer Zeit ausdrücken soll, da wir wenig mehr sind
-als Bündel instinktiver Antriebe. Die ersten schriftstellerischen
-Versuche haben große Aehnlichkeit mit einem Zusammenlegespiel. Wir
-sehen im Geiste ein Muster vor uns, das wir mit Worten darzustellen
-wünschen, aber die Worte passen nicht in die Zwischenräume, und wenn
-sie es tun, stimmen sie nicht mit der Zeichnung überein. Aber wir
-fahren in unseren Versuchen fort, weil wir sehen, daß andere Erfolg
-gehabt haben, und wir nicht gewillt sind, unseren Mangel an Begabung
-zuzugeben.</p>
-
-<p>„Es gibt kein anderes Mittel, originell zu werden, als so geboren
-zu sein,“ sagt Stevenson, und obgleich ich gar nicht originell sein
-mag, so hoffe ich doch, dereinst meinen erkünstel<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span>ten, unnatürlichen
-schriftstellerischen Versuchen zu entwachsen. Dann werden vielleicht
-meine eigenen Gedanken und Erfahrungen zutage treten. Inzwischen
-vertraue ich, hoffe ich, arbeite ich unermüdet weiter und suche es zu
-verhindern, daß die bittere Erinnerung an den »Frostkönig« etwa meine
-Kreise störe.</p>
-
-<p>So hat diese traurige Erfahrung für mich auch etwas Gutes im Gefolge
-gehabt: sie ist die Veranlassung gewesen, daß ich über einige Probleme
-der Schriftstellerei nachgedacht habe. Ich bedaure nur das eine, daß
-der Vorfall den Verlust eines meiner teuersten Freunde, des Herrn
-Anagnos, zur Folge hatte.</p>
-
-<p>Nach der Veröffentlichung der »Geschichte meines Lebens« im <span class="antiqua">Ladies’
-Home Journal</span> hat Herr Anagnos in einem Briefe an Herrn Macy
-geäußert, er habe mich zu der Zeit, als sich der Vorfall mit dem
-»Frostkönig« abspielte, für unschuldig gehalten. Er erklärt, das
-Gericht, vor das ich gestellt wurde, habe aus acht Mitgliedern
-bestanden: vier blinden und vier sehenden. Vier von diesen, behauptet
-er, waren der Ansicht, Fräulein Canbys Erzählung sei mir vorgelesen
-worden, während die anderen vier die entgegengesetzte Meinung
-vertraten. Herr Anagnos erklärt, seine Stimme zu meinen Gunsten
-abgegeben zu haben.</p>
-
-<p>Wie aber auch die Sache gewesen sein und in welchem Sinne er seine
-Stimme abgegeben haben mag, das eine ist sicher: als ich in das Zimmer
-trat, in dem mich Herr Anagnos so oft auf seinen Knien gehalten und
-seine vielfachen Sorgen über meiner Lustigkeit vergessen hatte, und
-hier Personen antraf, die Zweifel in mich zu setzen schienen, fühlte
-ich, daß etwas Feindseliges und Drohendes in der Atmosphäre lag, und
-die nachfolgenden Ereignisse haben diesen Eindruck bestätigt. Zwei
-Jahre lang scheint Herr Anagnos an der Ansicht festgehalten zu haben,
-daß Fräulein Sullivan und ich<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span> unschuldig seien. Dann änderte er
-offenbar seine günstige Meinung, aus welchem Grunde, weiß ich nicht.
-Auch die Einzelheiten der Untersuchung kenne ich nicht, und selbst
-die Namen der Mitglieder des »Gerichtshofes«, die überdies während
-der ganzen Verhandlung kein Wort zu mir sprachen, sind mir unbekannt
-geblieben. Ich war zu aufgeregt, um auf irgend etwas zu achten, zu
-eingeschüchtert, um Fragen zu stellen. In der Tat kann ich mich kaum
-entsinnen, was ich sagte, oder was zu mir gesagt wurde.</p>
-
-<p>Ich habe den Vorfall mit dem »Frostkönig« so ausführlich dargestellt,
-da er für mein Leben und meine Erziehung von Wichtigkeit war, und
-um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen, habe ich alle Tatsachen
-wiedergegeben, wie sie mir erscheinen, ohne die Absicht zu hegen, mich
-zu verteidigen oder irgend jemand anzuklagen.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_6_6" id="Fussnote_6_6"></a><a href="#FNAnker_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Vergl.
-<a href="#Beginn_Frostkoenig">S. 323 ff.</a></p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_7_7" id="Fussnote_7_7"></a><a href="#FNAnker_7_7"><span class="label">[7]</span></a> Vergl.
-<a href="#Fauntleroy_I">S. 107 ff.</a>, <a href="#Fauntleroy_II">154.</a></p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h3 class="padtop2" id="Fuenfzehntes_Kapitel">Fünfzehntes Kapitel.</h3>
-
-</div>
-
-<p class="s5 center mbot2">Erster Entwurf der »Lebensgeschichte«. &mdash; Zweifel und Unruhe. &mdash;
-Reise nach Washington zur Einführung des Präsidenten Cleveland,
-nach dem Niagarafall und der Weltausstellung in Chicago.</p>
-
-<p>Den auf den Zwischenfall mit dem »Frostkönig« folgenden Sommer und
-Winter verlebte ich bei den Meinigen in Alabama. Ich erinnere mich
-mit Entzücken an jene Heimreise. Alles sproßte und blühte. Ich war
-glücklich. Der »Frostkönig« war vergessen.</p>
-
-<p>Als der Boden sich mit den goldenen und purpurnen Blättern des Herbstes
-bedeckte und die würzig duftenden Trauben, die die Laube am anderen
-Ende des Gartens bedeckten, unter dem Einfluß der Sonnenwärme eine
-goldig<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span>braune Färbung annahmen, begann ich eine Skizze über mein Leben
-abzufassen &mdash; ein Jahr, nachdem ich den »Frostkönig« geschrieben hatte.</p>
-
-<p id="Youth_s_Companion">Ich war noch über die Maßen peinlich in betreff jeder Zeile,
-die ich schrieb. Der Gedanke, daß meine Arbeit vielleicht nicht
-mein ausschließliches geistiges Eigentum sein könne, quälte mich
-unausgesetzt. Niemand wußte etwas von diesem Zagen als meine Lehrerin.
-Eine seltsame Empfindlichkeit hielt mich davon ab, den »Frostkönig«
-zu erwähnen, und oft wenn mir plötzlich im Laufe der Unterhaltung ein
-Gedanke kam, buchstabierte ich ihr leise zu: Ich weiß nicht genau,
-ob er mir gehört. Bisweilen sagte ich mir, während ich gerade einen
-Satz niederschrieb: Wie, wenn es sich herausstellen sollte, daß dieses
-alles schon vor langer Zeit von einem anderen gesagt worden ist? Eine
-unheimliche Furcht lähmte dann meine Hand, sodaß ich an diesem Tage
-nichts mehr schreiben konnte. Und selbst jetzt fühle ich noch mitunter
-dasselbe Unbehagen, dieselbe Unruhe. Fräulein Sullivan tröstete und
-unterstützte mich auf jede erdenkbare Weise; aber die fürchterliche
-Erfahrung, die ich gemacht hatte, ließ einen bleibenden Eindruck in
-meinem Geiste zurück, dessen Bedeutung ich erst jetzt zu verstehen
-beginne. In der Absicht, mein Selbstvertrauen wiederherzustellen,
-überredete mich meine Lehrerin, einen kurzen Abriß meines Lebens
-für den <span class="antiqua">Youth’s Companion</span> zu schreiben. Ich war damals zwölf
-Jahre alt. Wenn ich auf das Widerstreben zurückblicke, mit dem ich
-diese kleine Arbeit niederschrieb, so kommt es mir vor, als müsse ich
-eine prophetische Vision von dem Segen gehabt haben, der aus diesem
-Unternehmen für mich entsprang, sonst würde ich es sicher nicht
-durchgeführt haben.</p>
-
-<p>Ich schrieb zaghaft, furchtsam, aber entschlossen, von meiner Lehrerin
-gedrängt, die wohl einsah, daß, wenn ich die Arbeit durchführte,
-ich mein Selbstvertrauen wiedergewinnen und einen<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span> Begriff von
-meinen Fähigkeiten bekommen würde. Bis zu der Zeit der Episode mit
-dem »Frostkönig« hatte ich das unbewußte Leben eines kleinen Kindes
-geführt; nun wandten sich meine Gedanken nach innen, und ich nahm
-unsichtbare Dinge wahr. Allmählich erwachte ich aus dem Hindämmern,
-in das mich jene Erfahrung versetzt hatte, mit einem durch praktische
-Betätigung klarer gewordenen Geist und mit einer richtigeren Erkenntnis
-des Lebens.</p>
-
-<p>Die Hauptereignisse des Jahres 1893 waren meine Reise nach Washington
-zur Einführung des Präsidenten Cleveland und meine Besuche des
-Niagarafalls und der Weltausstellung in Chicago. Unter diesen
-Umständen wurden meine Studien fortwährend unterbrochen und oft viele
-Wochen völlig vernachlässigt, sodaß es mir unmöglich ist, einen
-zusammenhängenden Bericht von ihnen zu geben.</p>
-
-<p id="Niagarafall">Zum Niagarafalle reisten wir im März 1893. Es läßt sich schwer in Worte
-fassen, was ich empfand, als ich auf der die amerikanischen Fälle
-überragenden Platte stand und die Luft erzittern und die Erde erbeben
-fühlte.</p>
-
-<p>Es erscheint vielen seltsam, daß ich einen Eindruck von den Wundern
-und Schönheiten des Niagarafalles bekommen haben soll. Sie fragen mich
-stets: Was ist diese Schönheit und diese Musik für Sie? Sie können die
-Wogen nicht an das Ufer rollen sehen oder ihr Tosen hören. Was für eine
-Bedeutung hat dies für Sie? &mdash; Es hat im allerbuchstäblichsten Sinne
-die höchste Bedeutung für mich. Ich kann seine Bedeutung ebensowenig
-ergründen oder definieren, wie ich die Liebe, die Religion oder die
-Güte ergründen oder definieren kann.<a name="FNAnker_8_8" id="FNAnker_8_8"></a><a href="#Fussnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a></p>
-
-<p>Im Sommer 1893 besuchten wir in der Begleitung <span class="antiqua">Dr.</span> Alex<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span>ander
-Graham Bells die Weltausstellung. Ich erinnere mich noch heute mit
-durch keinen Mißklang gestörter Freude jener Tage, an denen tausend
-kindische Wünsche zu schöner Wirklichkeit erwachten. Jeden Tag machte
-ich eine Reise um die Welt und sah ungezählte Wunderwerke aus den
-entlegensten Teilen der Erde &mdash; staunenswerte Erfindungen, Schätze der
-Industrie, der Geschicklichkeit und aller Tätigkeiten des menschlichen
-Lebens tatsächlich unter meinen Fingerspitzen vorübergleiten.</p>
-
-<p>Mit Vorliebe besuchte ich die Schaustellung an dem großen Mittelwege.
-Hier schienen sich mir die Märchen aus »Tausendund einer Nacht«
-verkörpert zu haben, so voll von Neuem und Interessantem war alles.
-Hier befand sich das Indien meiner Bücher in dem zierlichen Bazar
-mit seinen Shiwas und seinen Elefantengöttern wieder; hier war das
-Land der Pyramiden in ein Modell von Kairo mit seinen Moscheen und
-langen Prozessionen von Kamelen zusammengedrängt; dort drüben lagen
-die Lagunen von Venedig, auf denen wir jeden Abend in einer Gondel
-umherfuhren, wenn die Ausstellungsgebäude und die Springbrunnen
-illuminiert waren. Auch an Bord eines Wikingerschiffes ging ich, das in
-kurzer Entfernung von der kleinen Werft vor Anker lag. Ich war schon
-vorher, in Boston, auf einem Kriegsschiff gewesen, und es war mir
-interessant, auf diesem Wikingerschiff zu sehen, wie der Seemann einst
-alles in allem war &mdash; wie er dahinsegelte und Sturm und Windstille mit
-demselben unverzagten Herzen aufnahm, wie er Jagd auf jedermann machte,
-der seinen wilden Ruf: Wir sind von der See! beantwortete, wie er mit
-seinem Kopfe und seinen Sehnen arbeitete, selbstbewußt, selbstgenügsam,
-anstatt sich durch eine intelligenzlose Maschine in den Hintergrund
-drängen zu lassen, wie es heutzutage mit unseren Blaujacken der Fall
-ist. So ist es stets &mdash; „Der Mensch ist nur dem Menschen interessant.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span></p>
-
-<p>Nicht weit von diesem Schiffe entfernt lag ein Modell der »Santa
-Maria«, die ich ebenfalls untersuchte. Der Kapitän zeigte mir Kolumbus’
-Kajüte und sein Pult mit einem Stundenglase darauf. Dieses kleine
-Instrument machte den tiefsten Eindruck auf mich, weil es mich daran
-erinnerte, wie schwer es dem kühnen Seefahrer ums Herz gewesen sein
-muß, als er den Sand Korn für Korn herunterrinnen sah, während die
-verzweifelte Schiffsbesatzung einen Anschlag gegen sein Leben plante.</p>
-
-<p>Der Präsident der Weltausstellung, Herr Higinbotham, gestattete mir
-gütigst, die ausgestellten Gegenstände zu berühren, und mit ebenso
-unersättlicher Gier, wie sie Pizarro empfunden haben muß, als er von
-den Schätzen Perus Besitz ergriff, nahm ich die Herrlichkeiten der
-Ausstellung in meine Hand. Diese weiße Stadt des Westens bildete eine
-Art von „fühlbarem“ Kaleidoskop. Alles fesselte mich, namentlich aber
-die französischen Bronzen. Sie waren so lebensvoll, daß ich glaubte, es
-seien himmlische Visionen, die der Künstler aufgefangen und in irdische
-Formen gebannt habe.<a name="FNAnker_9_9" id="FNAnker_9_9"></a><a href="#Fussnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a></p>
-
-<p>Auf der Ausstellung des Kaplandes lernte ich viel über die Art und
-Weise, in der nach Diamanten gegraben wird. Wo es mir irgend möglich
-war, berührte ich die Maschine, während sie in Gang war, um eine
-klarere Vorstellung von dem Abwägen, Schneiden und Schleifen der Steine
-zu erhalten. Ich suchte in der Wäscherei nach einem Diamanten, und
-fand ihn auch wirklich &mdash; den einzigen echten Diamanten, heißt es, der
-jemals in den Vereinigten Staaten gefunden worden ist.</p>
-
-<p><span class="antiqua">Dr.</span> Bell begleitete uns überallhin und beschrieb mir in seiner
-anziehenden Weise die Gegenstände, die das größte Interesse darboten.
-In der elektrischen Ausstellung untersuchten<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span> wir die Telephone,
-Autophone, Phonographen und andere Erfindungen, und er erklärte mir,
-wie es möglich sei, eine Botschaft auf Drähten in die weite Welt zu
-senden, die des Raumes spottet und der Zeit vorauseilt, und, wie es
-Prometheus tat, Feuer vom Himmel herabzuholen. Ebenso besuchten wir
-die anthropologische Abteilung, wo mich am meisten die mexikanischen
-Altertümer interessierten, die rohen Steinarbeiten, die so oft die
-einzige Erinnerung an ein Zeitalter bilden, die einfachen Denkmäler
-ungebildeter Naturkinder (wie ich glaubte, als ich sie mit meinen
-Fingern betastete), die bestimmt scheinen, die dereinst in Staub
-zerfallenden Schriften von Königen und Weisen zu überdauern. Ebenso
-fesselten die ägyptischen Mumien meine Aufmerksamkeit, vor deren
-Berührung ich jedoch zurückschreckte. Von diesen Altertümern habe ich
-mehr über den Fortschritt der Menschheit gelernt, als ich bis dahin je
-gehört oder gelesen hatte.</p>
-
-<p>Alle diese Erfahrungen bereicherten meinen Wortschatz mit einer großen
-Menge neuer Ausdrücke, und in den drei Wochen, die ich dem Besuche
-der Weltausstellung widmete, machte ich einen gewaltigen Fortschritt
-von meinem kindlichen Interesse an Märchen und Spielzeug hin zu der
-richtigen Wertschätzung der realen und ernst arbeitenden Welt.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_8_8" id="Fussnote_8_8"></a><a href="#FNAnker_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Vergl.
-<a href="#Guete">S. 167 ff.</a></p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_9_9" id="Fussnote_9_9"></a><a href="#FNAnker_9_9"><span class="label">[9]</span></a> Vergl.
-<a href="#Weltausstellung">S. 168.</a></p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h3 class="padtop2" id="Sechzehntes_Kapitel">Sechzehntes Kapitel.</h3>
-
-</div>
-
-<p class="s5 center mbot2">Geschichtsstudium. &mdash; Studium der französischen Sprache;
-Lafontaine, Molière, Racine. &mdash; Vervollkommnung der Lautsprache. &mdash;
-Latein. &mdash; Lektüre von Cäsars »Gallischem Krieg«.</p>
-
-<p>Vor dem Oktober 1893 betrieb ich meine Studien in verschiedenen Fächern
-mehr oder weniger sprunghaft. Ich las Werke über griechische, römische
-und amerikanische Geschichte. Ich besaß eine französische Grammatik in
-Hochdruck, und da ich<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span> schon etwas Französisch verstand, machte ich oft
-kurze Uebersetzungen im Kopfe, in denen ich die neuen Wörter anwandte,
-wie sie mir gerade in den Wurf kamen, ohne mich im geringsten um Regeln
-und sonstige Vorschriften zu kümmern. Ich suchte sogar die französische
-Aussprache ohne Hilfe zu erlernen, da ich alle Buchstaben und Laute
-in dem Buche erklärt fand. Natürlich war dies beinahe verlorene
-Liebesmühe; aber ich hatte dann wenigstens etwas an regnerischen Tagen
-zu tun, und ich erwarb mir genügende Kenntnisse im Französischen, um
-mit Genuß Lafontaines »Fabeln«, Molières »<span class="antiqua">Le médecin malgré lui</span>«
-und Stellen aus Racines »<span class="antiqua">Athalie</span>« mit Genuß lesen zu können.</p>
-
-<p>Beträchtliche Zeit widmete ich auch der Vervollkommnung meiner Sprache.
-Ich las Fräulein Sullivan laut vor und rezitierte auswendig gelernte
-Stellen aus meinen Lieblingsdichtern, wobei sie meine Aussprache
-verbesserte und auf richtige Betonung und Modulation achtete. Doch erst
-im Oktober, als ich mich von den Strapazen und den Aufregungen meines
-Besuches der Weltausstellung erholt hatte, begann ich zu bestimmten
-Stunden Unterricht in einzelnen Fächern zu nehmen.</p>
-
-<p id="William_Wade">Fräulein Sullivan und ich waren zu jener Zeit in Hulton in
-Pennsylvanien, auf Besuch bei Herrn William Wade und seiner Familie.
-Ein in der Nähe wohnender Herr Irons war ein tüchtiger Lateiner, und es
-wurde verabredet, daß ich bei ihm Unterricht haben sollte. Ich erinnere
-mich seiner als eines Mannes von seltener Milde und weitem Blicke.
-Hauptsächlich unterrichtete er mich in lateinischer Grammatik; oft half
-er mir aber auch beim Rechnen, das ich ebenso mühsam wie langweilig
-fand. Auch Tennysons »<span class="antiqua">In Memoriam</span>« las Herr Irons mit mir. Ich
-hatte schon viele Bücher gelesen, aber niemals von einem kritischen
-Standpunkte aus. Jetzt lernte ich zum ersten Male einen Schriftsteller
-wirklich verstehen, ich<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span> lernte seinen Stil kennen, wie man den
-Handschlag eines Freundes kennt.</p>
-
-<p>Anfangs ging ich mit ziemlichem Widerstreben an das Studium der
-lateinischen Grammatik. Es erschien mir widersinnig, mit der
-Zergliederung jedes vorkommenden Wortes Zeit zu vergeuden &mdash; Nomen,
-Genetiv, Singular, Femininum &mdash;, wenn seine Bedeutung klar auf der
-Hand lag. Nach meiner Auffassung war dies genau so, als hätte ich mein
-Kätzchen folgendermaßen beschreiben müssen, um es zu erkennen: Ordnung:
-Wirbeltiere; Abteilung: Vierfüßer; Klasse: Säugetiere; Gattung:
-Katzentiere; Art: Katze; Individuum: Tabby. Als ich aber tiefer in den
-Gegenstand eindrang, bekam ich mehr Interesse daran, und die Schönheit
-der Sprache entzückte mich. Ich machte mir oft das Vergnügen, Stellen
-in lateinischen Werken zu lesen, indem ich mir die Wörter heraussuchte,
-die ich verstand, und mich bemühte, den Sinn herauszubringen. Ich habe
-nie aufgehört, mich an diesem Zeitvertreib zu ergötzen.</p>
-
-<p>Es gibt meiner Meinung nach nichts Schöneres als die verschwimmenden,
-fließenden Bilder und Gedanken &mdash; Vorstellungen, die gleich
-Wolken am Himmel, in phantastischer Gestalt und Färbung am Geiste
-vorüberschweben, vermittelt durch eine Sprache, in die man soeben
-begonnen hat einzudringen. Fräulein Sullivan saß bei den Lektionen
-neben mir, buchstabierte mir in die Hand, was Herr Irons sagte, und
-achtete auf die Worte, die mir neu waren. Ich begann gerade Caesars
-»Gallischen Krieg« zu lesen, als ich nach Alabama zurückkehrte.</p>
-
-<div class="section">
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-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span></p>
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-<h3 class="padtop2" id="Siebzehntes_Kapitel">Siebzehntes Kapitel.</h3>
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-</div>
-
-<p class="s5 center mbot2">Verhandlungen der Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der
-Taubstummen im Sprechen in Chautauqua (Sommer 1894). &mdash; Besuch der
-Wright-Humason-Schule in New York. &mdash; Arithmetik, physikalische
-Geographie, Französisch, Deutsch. &mdash; Lektüre von »Wilhelm Tell«
-und »<span class="antiqua">Le médecin malgré lui</span>«. &mdash; Zentralpark in New York. &mdash;
-Ausflüge in die Umgebung der Stadt.</p>
-
-<p>Im Sommer 1894 wohnte ich den in Chautauqua stattfindenden
-Verhandlungen der Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der
-Unterweisung der Taubstummen im Sprechen bei. Es war vereinbart worden,
-daß ich die Wright-Humason-Schule für Taubstumme in New York besuchen
-sollte. Diese Schule war namentlich zum Zwecke meiner gründlichen
-Ausbildung im Sprechen und Ablesen von den Lippen gewählt worden.
-Außer diesen beiden Fertigkeiten studierte ich in den zwei Jahren, in
-denen ich die Schule besuchte, Arithmetik, physikalische Geographie,
-Französisch und Deutsch.</p>
-
-<p>Fräulein Reamy, meine deutsche Lehrerin, verstand das Fingeralphabet,
-und nachdem ich mir einen kleinen Wortschatz angeeignet hatte, sprachen
-wir deutsch miteinander, so oft sich eine Gelegenheit dazu bot,
-und in wenigen Monaten konnte ich beinahe alles verstehen, was sie
-sagte. Vor Schluß des ersten Jahres las ich »Wilhelm Tell« mit dem
-größten Genusse. In der Tat glaube ich, daß ich im Deutschen größere
-Fortschritte gemacht habe als sonst in einem Fache. Das Französische
-fand ich viel schwieriger. Ich lernte es bei Frau Olivier, einer
-Französin, die das Fingeralphabet nicht kannte und die daher ihren
-Unterricht mündlich erteilen mußte. Ich konnte noch nicht geläufig
-von ihren Lippen ablesen, und meine Fortschritte waren infolgedessen
-bedeutend langsamer als im Deutschen. Ich versuchte jedoch abermals
-Molière: <span class="antiqua">Le médecin malgré lui</span> zu lesen. Das Stück war sehr
-lustig; es gefiel mir aber nicht annähernd so gut wie »Wilhelm Tell«.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span></p>
-
-<p>Meine Fortschritte im Ablesen von den Lippen und im Sprechen waren
-nicht so groß, wie meine Lehrerin und ich gehofft und erwartet hatten.
-Mein Ehrgeiz ging dahin, so zu sprechen, wie andere Menschen, und meine
-Lehrer hielten dies für durchführbar; allein trotz aller angestrengten
-und gewissenhaften Arbeit erreichten wir unser Ziel nicht ganz. Ich
-glaube, wir hatten es zu hoch gesteckt, und eine Enttäuschung war daher
-unvermeidlich. Die Arithmetik betrachtete ich noch als ein System von
-Fallgruben. Ich hielt mich auf der gefährlichen Grenze des Erratens
-und vermied das breite Tal des Denkens, was meinen Lehrern und mir
-selbst unaufhörlichen Verdruß bereitete. Wenn ich mich nicht aufs Raten
-legte, so machte ich Sprünge in meinen Schlußfolgerungen, und dieser
-Fehler in Verbindung mit meinen körperlichen Gebrechen erhöhte die
-Schwierigkeiten mehr, als es notwendig und in der Ordnung gewesen wäre.</p>
-
-<p>Obgleich aber diese Enttäuschungen mich zuweilen recht niederdrückten,
-setzte ich doch meine anderen Studien mit unermüdlicher Ausdauer fort,
-namentlich das Studium der physikalischen Geographie. Es gewährte mir
-hohe Freude, in die Geheimnisse der Natur einzudringen, zu lernen, wie
-&mdash; um in der bilderreichen Sprache des Alten Testaments zu reden &mdash; die
-Winde von den vier Ecken des Himmels her blasen, wie die Dünste von
-den Enden der Erde aufsteigen, wie die Flußläufe zwischen den Felsen
-ausgeschnitten sind und Berge niederstürzen, und auf welche Weise der
-Mensch viele Kräfte überwinden kann, die stärker sind als er selbst.
-Ich verlebte zwei glückliche Jahre in New York, und noch jetzt blicke
-ich mit aufrichtiger Genugtuung auf sie zurück.</p>
-
-<p>Namentlich erinnere ich mich der Spaziergänge, die wir alle zusammen
-jeden Tag in den Zentralpark unternahmen, den einzigen Teil der Stadt,
-in dem ich mich heimisch fühlte. Mein Ent<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span>zücken über diesen großen
-Park blieb immer das gleiche. Ich hätte gewünscht, ihn jedesmal
-schildern zu können, wenn ich ihn betrat, denn er war in jeder
-Hinsicht schön, und seine Reize waren so mannigfaltiger Art, daß er
-an jedem Tage in den neun Monaten, die ich in New York verlebte, neue
-Schönheiten enthüllte.</p>
-
-<p>Im Frühjahr unternahmen wir Ausflüge nach verschiedenen interessanten
-Orten. Wir segelten auf dem Hudson und wanderten an seinen grünen Ufern
-entlang, die Bryant mit Vorliebe in seinen Liedern verherrlicht. Unter
-den Orten, die wir besuchten, befand sich auch Tarrytown, die Heimat
-von Washington Irving, wo ich durch die »Schlafhöhle« wanderte.</p>
-
-<p>Die Lehrer an der Wright-Humason-Schule waren stets darauf bedacht,
-ihren Zöglingen alle Annehmlichkeiten zu verschaffen, deren sich
-diejenigen, die hören können, erfreuen; die wenigen Anlagen und
-passiven Erinnerungen, die in ihnen schlummern, soviel wie möglich zu
-wecken und sie aus den beengenden Verhältnissen, in die sie die Ungunst
-des Schicksals versetzt hat, zu befreien.</p>
-
-<p>Bevor ich New York verließ, wurden diese heiteren Tage durch den
-größten Schmerz verdunkelt, den ich je seit dem Tode meines Vaters
-erlebt habe. Im Februar 1896 starb Herr John Spaulding in Boston. Nur
-diejenigen, die ihm am nächsten standen, können ermessen, was seine
-Freundschaft für mich bedeutete. Er, der jedermann in zartfühlender,
-unaufdringlicher Weise beglückte, war gegen Fräulein Sullivan und mich
-äußerst gütig und liebevoll gewesen. Solange wir seine Augen auf uns
-gerichtet sahen und wußten, daß er den regsten Anteil an dem Gelingen
-unseres Werkes nehme, das mit so vielen Schwierigkeiten umgeben war, so
-lange konnten wir nicht verzagen. Sein Abscheiden ließ eine Lücke in
-unserem Dasein zurück, die nie ausgefüllt worden ist.</p>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span></p>
-
-<h3 class="padtop2" id="Achtzehntes_Kapitel">Achtzehntes Kapitel.</h3>
-
-</div>
-
-<p class="s5 center mbot2">Besuch des Mädchengymnasiums in Cambridge zum Zweck der
-Vorbereitung für das Radcliffe-College. &mdash; Wunsch, eine Universität
-zu besuchen. &mdash; Schwierigkeit, dem Unterricht zu folgen. &mdash;
-Befriedigende Fortschritte, namentlich im Deutschen: »Lied von
-der Glocke«, »Taucher«, »Dichtung und Wahrheit« u.&nbsp;s.&nbsp;w. &mdash;
-Shakespeare, Burke, Macaulay. &mdash; Zusammensein mit sehenden und
-hörenden Altersgenossinnen. &mdash; Mildreds Aufnahme in die Schule. &mdash;
-Prüfungen.</p>
-
-<p>Im Oktober 1896 trat ich in das Mädchengymnasium in Cambridge ein, um
-mich für das Radcliffe College vorbereiten zu lassen.</p>
-
-<p>Als ich noch ein kleines Mädchen war, besuchte ich einmal Wellesley
-und überraschte meine Freundinnen mit der Ankündigung: Später gehe
-ich auf die Universität, aber auf die Harvard-Universität. &mdash; Auf die
-Frage, warum ich nicht nach Wellesley gehen wolle, antwortete ich,
-dort studierten nur Mädchen. Der Gedanke, die Universität zu besuchen,
-schlug in meinem Herzen Wurzel und wurde zum ernstlichen Verlangen, mit
-sehenden und hörenden Mädchen in den Wettbewerb um einen akademischen
-Grad einzutreten trotz des entschiedenen Widerspruchs von seiten vieler
-aufrichtiger und verständiger Freunde. Als ich New York verließ, war
-der Gedanke zur feststehenden Absicht geworden, und es wurde in der
-Familie beschlossen, daß ich nach Cambridge gehen sollte. Dies war ein
-Schritt, der mich der Harvard-Universität und der Erfüllung meiner
-kindlichen Erklärung nahebringen sollte.</p>
-
-<p>Auf dem Gymnasium in Cambridge sollte Fräulein Sullivan die
-Unterrichtsstunden mit mir besuchen, um mir die Vorträge durch das
-Fingeralphabet zu vermitteln.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="img_p084" name="img_p084">
- <img class="mtop1" src="images/img_p084.jpg" alt="" /></a>
- <p class="caption mbot1">Fräulein Sullivan liest Helen Keller vor</p>
-</div>
-
-<p>Natürlich hatten meine Lehrer nur Erfahrung im Unterrichte normaler
-Zöglinge, und mein einziges Verständigungsmittel bildete das Ablesen
-von den Lippen. Meine Studien erstreckten sich im ersten Jahre
-auf englische Geschichte, englische<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span> Literatur, Deutsch, Latein,
-Arithmetik, lateinischen Aufsatz und gelegentliche Übersetzungen.
-Bis dahin hatte ich nie einen wissenschaftlichen Kursus in der
-Absicht, mich auf die Universität vorzubereiten, durchgemacht; aber
-ich war im Englischen durch Fräulein Sullivan gut eingeübt worden,
-und meine Lehrer sahen bald, daß ich in diesem Fache außer einem
-kritischen Studium der vom College vorgeschriebenen Bücher keiner
-weiteren Unterweisung bedürfe. Außerdem hatte ich gute Fortschritte
-im Französischen gemacht und sechs Monate lateinischen Unterricht
-erhalten; das Fach aber, in dem ich am bewandertsten war, war das
-Deutsche.</p>
-
-<p>Trotz dieser Vorteile gab es doch andererseits ernstliche Hindernisse,
-die meine Fortschritte verlangsamten. Fräulein Sullivan konnte mir
-nicht alles, was die Bücher verlangten, in die Hand buchstabieren,
-und es dauerte sehr lange, bis meine Lehrbücher in Hochdruck für mich
-hergestellt waren, obgleich meine Freunde in London und Philadelphia es
-sich angelegen sein ließen, die Arbeit zu beschleunigen. Eine Zeitlang
-mußte ich in der Tat meine lateinischen Aufgaben in Brailleschrift
-übertragen, wenn ich mit den übrigen Mädchen mitkommen wollte. Meine
-Lehrer wurden mit meiner unvollkommenen Sprache bald genügend vertraut,
-um meine Fragen rasch zu beantworten und Fehler zu verbessern. In
-den Stunden konnte ich keine Aufzeichnungen machen, noch mich an den
-schriftlichen Aufgaben beteiligen; aber ich schrieb alle meine Aufsätze
-und Übersetzungen zu Hause mit der Schreibmaschine nieder.</p>
-
-<p>Jeden Tag begleitete mich Fräulein Sullivan in die Klassenräume und
-buchstabierte mir mit nimmermüder Geduld alles, was die Lehrer sagten,
-in die Hand. In den Arbeitsstunden hatte sie auf alle Wörter zu achten,
-die mir noch unbekannt waren, und Notizen und Bücher, die ich nicht
-in Hochdruck besaß, zu lesen und immer wieder zu lesen. Das Lästige
-einer<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span> solchen Arbeit ist schwer zu begreifen. Frau Gröte, meine
-deutsche Lehrerin, und Herr Gilman, der Direktor der Anstalt, waren die
-einzigen Lehrer am Gymnasium, die das Fingeralphabet erlernt hatten,
-um mich direkt unterrichten zu können. Niemand wußte besser als die
-liebe Frau Gröte selbst, wie langsam und mangelhaft ihr Buchstabieren
-war. Nichtsdestoweniger buchstabierte sie mir in ihrer Herzensgüte
-mühsam ihre Unterweisungen zweimal wöchentlich in besonderen
-Unterrichtsstunden her, um Fräulein Sullivan ein wenig Ruhe zu
-verschaffen. Obgleich aber jedermann freundlich und gefällig gegen uns
-war, so gab es doch nur eine Hand, die die Plage in Genuß verwandeln
-konnte.</p>
-
-<p>In jenem Jahr absolvierte ich die Arithmetik, repetierte die
-lateinische Grammatik und las drei Kapitel aus Caesars »Gallischem
-Kriege«. Im Deutschen las ich, teils mit Hilfe meiner Finger, teils
-unter Fräulein Sullivans Beistande, Schillers »Lied von der Glocke«
-und den »Taucher«, Heines »Harzreise«, »Aus dem Staat Friedrichs des
-Großen« von Freytag, Riehls »Fluch der Schönheit«, Lessings »Minna
-von Barnhelm« und »Aus meinem Leben« von Goethe. Ich fand den größten
-Genuß an diesen deutschen Büchern, namentlich an Schillers wundervoller
-Lyrik, an der Erzählung von Friedrichs des Großen Heldentaten und an
-Goethes Selbstbiographie. Es tat mir leid, als ich mit der »Harzreise«
-fertig war, einem Werke, das soviel glücklichen Witz und soviel
-reizvolle Schilderungen von Rebenhügeln, murmelnden, im Sonnenschein
-dahineilenden Bächen und wilden Gebirgsgegenden, dem Schauplatz alter
-Sagen und Legenden, den grauen Zeugen einer lange dahingeschwundenen,
-phantasiebegabten Zeit enthält &mdash; Schilderungen, wie sie nur denen
-gelingen, für die die Natur „Gefühl, Liebe, Verlangen“ ist.</p>
-
-<p>Herr Gilman unterrichtete mich einen Teil des Jahres in<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span> englischer
-Literatur. Wir lasen zusammen »Wie es euch gefällt«, Burkes »Rede über
-die Versöhnung mit Amerika« und Macaulays »Leben Samuel Johnsons«.
-Herrn Gilmans umfassende Ueberblicke über Geschichte und Literatur und
-seine trefflichen Erläuterungen machten mir die Arbeit leichter und
-angenehmer, als sie es gewesen sein würde, wenn ich nur mechanisch die
-Anmerkungen samt den im Klassenunterricht gegebenen notgedrungen kurzen
-Erläuterungen hätte nachlesen müssen.</p>
-
-<p>Burkes Rede war interessanter als irgend ein anderes Buch politischen
-Inhaltes, das ich je gelesen hatte. Ich war selbst aufgeregt, als ich
-von den aufgeregten Zeiten las, und die Charaktere, die im Mittelpunkt
-des Kampfes der beiden Nationen standen, schienen sich leibhaftig
-vor meinen Augen zu bewegen. Ich wunderte mich immer mehr und mehr,
-je weiter Burkes meisterhafte Rede in den mächtigen Wogen seiner
-Beredsamkeit dahinrollte, wie es habe kommen können, daß König Georg
-und seine Minister für die warnende Prophezeiung unseres Sieges und
-ihrer Demütigung taube Ohren hatten. Dann wurde ich in die traurigen
-Einzelheiten über das Verhältnis eingeführt, in dem der große
-Staatsmann zu seiner Partei und der Volksvertretung stand. Ich mußte
-daran denken, wie seltsam es war, daß so kostbare Samenkörner von
-Wahrheit und Weisheit mitten unter das Unkraut von Unwissenheit und
-Korruption fielen.</p>
-
-<p>In ganz anderer Art interessant war Macaulays »Leben Samuel Johnsons«.
-Mein Herz flog dem einsamen Manne zu, der das Brot der Trübsal in
-der Grubstraße aß und doch inmitten aller Mühseligkeit und der
-furchtbarsten körperlichen und seelischen Leiden doch stets für die
-Armen und Verlassenen ein freundliches Wort und eine offene Hand
-hatte. Ich freute mich über all seine Erfolge, ich schloß die Augen
-vor seinen Fehlern und wunderte mich, nicht daß er deren hatte,
-sondern<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> daß seine Seele dabei nicht verkrüppelte. Aber trotz Macaulays
-glänzender Darstellung und seiner bewundernswürdigen Fertigkeit,
-Gemeinplätze frisch und bedeutungsvoll erscheinen zu lassen, ermüdete
-mich doch zuweilen seine kühle Verstandesmäßigkeit, und seine häufige
-Hintansetzung der Wahrheit zugunsten des Effekts erregte in mir ihm
-gegenüber sittliche Bedenken, die weit von dem Gefühl der Verehrung
-abstachen, mit der ich dem Demosthenes Großbritanniens gelauscht hatte.</p>
-
-<p>Auf dem Gymnasium in Cambridge hatte ich mich zum ersten Male
-des Umgangs mit sehenden und hörenden Mädchen meines Alters zu
-erfreuen. Ich wohnte mit mehreren anderen zusammen in einem der
-hübschen mit dem Gymnasium in Verbindung stehenden Häuser, dem
-Hause, in dem Herr Howells wohnte, sodaß wir alle die Vorteile eines
-Familienlebens genossen. Ich beteiligte mich an vielen Spielen meiner
-Schulfreundinnen, selbst an Blindekuh und Schneeballwerfen; ich
-unternahm lange Spaziergänge mit ihnen; wir besprachen unsere Studien
-und lasen laut vor, was uns interessierte. Ein Teil der Mädchen
-erlernte das Fingeralphabet, sodaß Fräulein Sullivan mir ihre Worte
-nicht zu wiederholen brauchte.</p>
-
-<p>Zu Weihnachten besuchten mich meine Mutter und meine kleine Schwester,
-um die Feiertage mit mir zu verleben, und Herr Gilman erbot sich in
-liebenswürdiger Weise, Mildred in seine Schule aufzunehmen. So blieb
-Mildred bei mir in Cambridge, und sechs glückliche Monate hindurch
-waren wir fast stets zusammen. Am glücklichsten macht mich die
-Erinnerung an die Stunden, in denen wir uns gegenseitig bei unseren
-Studien unterstützten und uns gemeinschaftlich von unserer Arbeit
-erholten.</p>
-
-<p>Meine erste Prüfung für das Radcliffe College legte ich in der Zeit vom
-29. Juni bis zum 3. Juli 1897 ab. Die Fächer, die ich angegeben hatte,
-waren Deutsch, Französisch, Latein,<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> Englisch, sowie griechische und
-römische Geschichte, was neun Stunden zusammen ausmachte. Ich bestand
-in allen Fächern, &mdash; im Deutschen und Englischen „mit Auszeichnung“.</p>
-
-<p>Vielleicht dürfte hier eine Schilderung der Art und Weise, in der ich
-geprüft wurde, am Orte sein. Für die Prüfung standen sechzehn Stunden
-zur Verfügung, zwölf für die Elementarkenntnisse und vier für die
-weiter fortgeschrittenen Studien. Die Prüfungsarbeiten wurden um neun
-Uhr auf der Harvard-Universität ausgegeben und durch einen besonderen
-Boten nach dem Radcliffe College gebracht. Die zu Prüfende war nicht
-ihrem Namen nach bekannt, sondern erhielt eine Nummer. Ich hatte Nr.
-233, da ich aber eine Schreibmaschine benützen mußte, so konnte kein
-Zweifel über meine Person obwalten.</p>
-
-<p>Man hielt es für rätlich, mich in einem besonderen Zimmer zu prüfen,
-weil das Geräusch der Schreibmaschine die anderen Mädchen gestört
-haben würde. Herr Gilman teilte mir alle Aufgaben vermittelst des
-Fingeralphabets mit. An die Türe wurde ein Mann gestellt, um jede
-Störung zu verhindern.</p>
-
-<p>Am ersten Tage hatte ich Deutsch. Herr Gilman saß neben mir und las mir
-die Aufgabe erst im Zusammenhange vor, dann noch einmal Satz für Satz,
-wobei ich die Worte laut wiederholte, um ihm zu zeigen, daß ich ihn
-vollkommen verstanden hatte. Die Aufgaben waren schwer, und ich fühlte
-mich sehr ängstlich, als ich die Antworten auf der Schreibmaschine
-niederschrieb. Herr Gilman buchstabierte mir in die Hand, was
-ich geschrieben hatte, ich machte die mir notwendig scheinenden
-Verbesserungen, und er fügte sie ein. Ich möchte hier erwähnen, daß mir
-eine solche Erleichterung bei keiner meiner weiteren Prüfungen mehr
-gewährt wurde. Im Radcliffe College liest mir niemand meine Antworten
-vor, nachdem ich sie niedergeschrieben habe, und ich finde somit keine
-Gelegenheit, Fehler zu verbessern, wenn ich nicht fertig bin, bevor die
-Zeit um ist.<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span> In diesem Falle verbessere ich nur solche Versehen, auf
-die ich mich in den mir gestatteten paar Minuten entsinnen kann, und
-schreibe diese Verbesserungen am Schlusse meiner Arbeit nieder. Wenn
-ich die erste Prüfung besser bestanden habe als die zweite, so liegen
-dafür zwei Gründe vor. Bei der zweiten las mir niemand meine fertigen
-Arbeiten vor, und in der ersten gab ich Fächer an, mit denen ich schon
-vor meinem Besuche des Gymnasiums in Cambridge einigermaßen vertraut
-war; denn zu Anfang des Schuljahrs hatte ich Prüfungen im Englischen,
-in Geschichte, im Französischen und Deutschen nach Aufgaben abgelegt,
-die in früheren Jahren von der Harvard-Universität gestellt worden
-waren.</p>
-
-<p>Herr Gilman sandte meine schriftlichen Arbeiten an die
-Prüfungskommission mit einer Bescheinigung, daß ich, Kandidatin Nr.
-233, die Arbeiten angefertigt hätte.</p>
-
-<p>Auch in den anderen Fächern ging die Prüfung in derselben Weise von
-statten. In keinem wurden mir so schwere Aufgaben gestellt wie im
-ersten. Ich erinnere mich, daß an dem Tage, an dem uns die lateinischen
-Aufgaben zugestellt wurden, Professor Schilling ins Zimmer trat und mir
-mitteilte, daß ich im Deutschen das Examen bestanden hätte. Dies gab
-mir neuen Mut, und ich ging mit leichtem Herzen und sicherer Hand an
-den übrigen Teil der hochnotpeinlichen Prüfung.</p>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span></p>
-
-<h3 class="padtop2" id="Neunzehntes_Kapitel">Neunzehntes Kapitel.</h3>
-
-</div>
-
-<p class="s5 center mbot2">Beginn des zweiten Schuljahres. &mdash; Physik, Algebra, Geometrie,
-Astronomie, Griechisch, Latein. &mdash; Anfälle von Kleinmut. &mdash; Abgang
-vom Gymnasium und Weiterbildung durch Privatunterricht. &mdash; Rückkehr
-nach Boston (Oktober 1898). &mdash; Schlußprüfung für das Radcliffe
-College (Juni 1899).</p>
-
-<p>Bei Beginn des zweiten Schuljahres war ich voller Hoffnung und
-Vertrauen auf einen endgültigen Erfolg. Aber in den ersten paar
-Wochen stellten sich mir unvorhergesehene Schwierigkeiten in den Weg.
-Herr Gilman hatte seine Einwilligung dazu gegeben, daß ich in diesem
-Jahre hauptsächlich Mathematik treiben sollte. Ich erhielt Unterricht
-in Physik, Algebra, Geometrie, Astronomie, Griechisch und Latein.
-Leider waren viele von den Büchern, deren ich bedurfte, zu Beginn des
-Unterrichts noch nicht im Hochdruck fertig, und es fehlten mir daher
-wichtige Hilfsmittel zu einigen meiner Studien. Die Klassen, die ich
-besuchte, waren sehr groß, und es war unmöglich für die Lehrer, mir
-besondere Unterweisung zu erteilen. Fräulein Sullivan mußte mir alle
-Bücher vorlesen und mitteilen, was die Lehrer vortrugen, und zum
-erstenmal in elf Jahren hatte es den Anschein, als sei ihre liebe Hand
-der Aufgabe nicht gewachsen.</p>
-
-<p>Ich mußte in der Klasse beim algebraischen und geometrischen Unterricht
-nachschreiben und physikalische Aufgaben lösen, und dies war mir
-unmöglich, ehe wir eine Brailleschreibmaschine gekauft hatten, mittels
-deren ich die nötigen Aufzeichnungen machen konnte. Mit meinen Augen
-konnte ich den auf die Wandtafel gezeichneten geometrischen Figuren
-nicht folgen, und das einzige Mittel, mir eine klare Vorstellung von
-ihnen zu machen, bestand darin, daß ich sie auf einem Kissen mit
-Hilfe von geraden und gekrümmten Drähten mit spitzen, umgebogenen
-Enden nachmachte. Ich hatte, wie Herr Keith in<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span> seinem Berichte
-sagte, die Buchstabenbezeichnung der Figuren, die Voraussetzung und
-Schlußfolgerung, die Konstruktion und den Gang des Beweises im Kopfe zu
-behalten. Mit einem Worte, in jedem Fache zeigten sich Schwierigkeiten.
-Zeitweilig verlor ich allen Mut und verriet meine Empfindungen in einer
-Weise, deren ich mich noch jetzt schäme, wenn ich mich daran erinnere,
-namentlich da die Äußerungen meines Kleinmuts später zu Angriffen auf
-Fräulein Sullivan benutzt wurden, der einzigen von all den lieben
-Freundinnen in Cambridge, die imstande war, mir meine Pfade zu ebnen
-und meine Aufgabe zu erleichtern.</p>
-
-<p>Allmählich begannen jedoch die Schwierigkeiten zu schwinden. Die in
-Hochdruck hergestellten Bücher und andere Hilfsmittel langten an, und
-ich machte mich mit neuem Mute an die Arbeit. Algebra und Geometrie
-waren die einzigen Fächer, die nach wie vor allen Anstrengungen
-meinerseits, in sie einzudringen, spotteten. Wie ich schon erwähnt
-habe, besaß ich keine besondere Beanlagung für Mathematik; die
-einzelnen Punkte wurden mir nicht so klargemacht, wie ich es
-gewünscht hätte. Die geometrischen Zeichnungen waren teilweise völlig
-unverständlich für mich, da ich selbst auf dem Kissen das Verhältnis
-der verschiedenen Teile zu einander nicht erkennen konnte. Eine klarere
-Vorstellung von der Mathematik erhielt ich erst, seit Herr Keith mich
-darin unterrichtete.</p>
-
-<p>Ich war auf dem Weg, alle diese Schwierigkeiten zu überwinden, als ein
-Ereignis eintrat, das einen vollständigen Umschwung herbeiführte.</p>
-
-<p>Unmittelbar bevor die Bücher eintrafen, hatte Herr Gilman Fräulein
-Sullivan Vorstellungen darüber gemacht, daß ich zu angestrengt
-arbeitete, und trotz meiner eifrigen Proteste setzte er die Zahl meiner
-Unterrichtsstunden herab. Anfangs waren wir dahin übereingekommen,
-daß ich nötigenfalls fünf Jahre auf<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span> meine Vorbereitung für die
-Universität verwenden sollte; am Ende des ersten Jahres aber überzeugte
-der Erfolg meiner Prüfungen Fräulein Sullivan, Fräulein Harbaugh
-(Herrn Gilmans erste Lehrerin) und noch eine andere Lehrerin von der
-Möglichkeit, daß ich ohne allzugroße Anstrengung meine Vorbereitung in
-zwei weiteren Jahren beenden könne. Herr Gilman erklärte sich anfangs
-damit einverstanden; als aber meine Ausgaben etwas verwickelter wurden,
-bestand er darauf, ich sei überarbeitet und solle noch drei weitere
-Jahre auf dem Gymnasium zubringen. Mir gefiel dieser Plan nicht, denn
-ich wollte mit meiner Klasse zugleich die Universität beziehen.</p>
-
-<p>Am 17. November fühlte ich mich nicht ganz wohl und konnte den
-Unterricht nicht besuchen. Obgleich Fräulein Sullivan sah, daß es sich
-nur um eine leichte Unpäßlichkeit handle, erklärte Herr Gilman als er
-davon hörte, doch, ich stehe im Begriff, zusammenzubrechen, und traf
-Änderungen in meinem Studienplan, die es mir unmöglich machten, meine
-Abgangsprüfung zugleich mit meiner Klasse abzulegen. Schließlich führte
-die Meinungsverschiedenheit zwischen Herrn Gilman und Fräulein Sullivan
-dahin, daß meine Mutter meine Schwester Mildred und mich von dem
-Gymnasium in Cambridge wegnahm.</p>
-
-<p>Nach einiger Zeit wurde beschlossen, daß ich meine Studien unter
-der Leitung eines Hauslehrers, Herrn Merton S. Keith aus Cambridge,
-fortsetzen sollte. Den Rest des Winters verlebten Fräulein Sullivan
-und ich bei der uns befreundeten Familie Chamberlin in Wrentham, einer
-fünfundzwanzig Meilen von Boston entfernten Stadt.</p>
-
-<p>Vom Februar bis Juli 1898 kam Herr Keith wöchentlich zweimal nach
-Wrentham und unterrichtete mich in Algebra, Geometrie, Griechisch und
-Latein. Fräulein Sullivan übersetzte mir seine Erläuterungen.</p>
-
-<p>Im Oktober 1898 kehrten wir nach Boston zurück. Acht<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span> Monate hindurch
-erteilte mir Herr Keith wöchentlich fünfmal Unterricht, jedesmal
-ungefähr eine Stunde lang. Er erklärte mir stets, was ich in der
-vorhergehenden Unterrichtsstunde nicht begriffen hatte, stellte mir
-neue Aufgaben und nahm meine griechischen Exerzitien, die ich während
-der Woche auf meiner Schreibmaschine angefertigt hatte, nach Hause,
-korrigierte sie sorgfältig und gab sie mir das nächstemal zurück.</p>
-
-<p>Auf diese Weise schritt meine Vorbereitung für die Universität ohne
-Unterbrechung weiter fort. Ich fand es leichter und angenehmer, für
-mich allein unterrichtet zu werden als in der Klasse mit anderen
-zusammen. Es gab hier keine Überstürzung, keine Verwirrung. Mein Lehrer
-hatte vollauf Zeit, mir zu erklären, was ich nicht verstand, und
-daher machte ich raschere Fortschritte und hatte bessere Leistungen
-aufzuweisen als je auf dem Gymnasium. Ich fand jedoch noch immer mehr
-Schwierigkeiten bei der Lösung von mathematischen Aufgaben als in jedem
-anderen Unterrichtsfache. Ich wünschte, Algebra und Geometrie wären
-mir nur halb so leicht gefallen wie das Sprach- und Literaturstudium.
-Aber selbst die Mathematik machte mir Herr Keith anziehend; es gelang
-ihm, mir die Lehrsätze und Aufgaben so faßlich zu machen, daß ich
-dem Unterrichte mit Leichtigkeit folgen konnte. Er erhielt meine
-Aufmerksamkeit rege und lebendig und gewöhnte mich an klares Denken und
-ruhiges, logisches Schließen anstatt meiner früheren wilden, ziellosen
-Kreuz- und Quersprünge. Er war stets freundlich und zuvorkommend, wie
-ungeschickt ich mich auch mitunter angestellt haben mag, und man kann
-es mir glauben, meine Beschränktheit würde oft sogar eine Hiobsgeduld
-erschöpft haben.</p>
-
-<p>Am 29. und 30. Juni 1899 legte ich die Schlußprüfung für das Radcliffe
-College ab. Am ersten Tage kamen die Anfangsgründe im Griechischen und
-lateinische Lektüre, am zweiten<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span> Geometrie, Algebra und griechische
-Lektüre an die Reihe.</p>
-
-<p>Die Universitätsbehörden gestatteten Fräulein Sullivan nicht, mir die
-Prüfungsaufgaben vorzulesen; dafür wurde Herr Eugen C. Vining, einer
-der Lehrer des Perkinsschen Blindeninstituts, mit der Übertragung der
-Aufgaben für mich in amerikanische Brailleschrift betraut. Herr Vining
-war mir völlig fremd und konnte sich nur mittels der Brailleschrift mit
-mir verständigen. Auch der aufsichtführende Beamte war mir fremd und
-machte keinerlei Versuch, sich mit mir in Verbindung zu setzen.</p>
-
-<p>Die Brailleschrift genügte zwar für die Sprachen vollständig; als aber
-Geometrie und Algebra an die Reihe kamen, ergaben sich Schwierigkeiten.
-Ich war schmerzlich überrascht und niedergeschlagen, da ich viel
-kostbare Zeit verlor, namentlich in der Algebra. Zwar war ich mit allen
-gewöhnlich zu literarischen Zwecken benutzten Braillesystemen vertraut
-&mdash; dem englischen, dem amerikanischen und dem New Yorker; aber die
-geometrischen und algebraischen Zeichen sind in diesen drei Systemen
-sehr verschieden, und ich hatte in der Algebra nur das englische
-benutzt.</p>
-
-<p>Zwei Tage vor dem Beginn der Prüfungen sandte mir Herr Vining die
-Braillekopie einer früher von der Harvard-Universität gestellten
-algebraischen Aufgabe. Zu meinem Schreck bemerkte ich, daß sie in der
-amerikanischen Notation gehalten war. Ich setzte mich unverzüglich
-hin und bat Herrn Vining in ein paar Zeilen um eine Erklärung der
-Zeichen. Umgehend erhielt ich eine andere Arbeit und eine Tabelle, in
-der die Zeichen erklärt waren, und setzte mich hin, um die Notation
-zu erlernen. Aber am Abend vor der Prüfung in der Algebra, während
-ich über einigen sehr verwickelten Aufgaben brütete, hatte ich keine
-Zeit, mir die Zusammenstellungen von Klammern, Haken und Wurzelzeichen
-einzuprägen. Sowohl Herr Keith wie ich waren<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span> niedergeschlagen und voll
-trüber Ahnungen für morgen; wir gingen aber ein wenig vor dem Beginn
-der Prüfung nach dem Universitätsgebäude und baten Herrn Vining, uns
-die amerikanischen Zeichen etwas eingehender zu erklären.</p>
-
-<p>In der Geometrie bestand die Hauptschwierigkeit für mich darin, daß
-ich stets gewohnt gewesen war, die Sätze im Liniendruck zu lesen oder
-sie in die Hand buchstabiert zu bekommen, und obgleich die Sätze jetzt
-dicht vor mir lagen, fand ich doch die Brailleschrift einigermaßen
-verwirrend und konnte mir nicht klar vorstellen, was ich las. Als aber
-die Algebra an die Reihe kam, brach eine noch härtere Zeit für mich an.
-Ich konnte mich in die Zeichen, die ich so spät erlernt hatte und die
-ich zu kennen glaubte, nicht finden. Außerdem konnte ich nicht prüfen,
-was ich auf meiner Schreibmaschine geschrieben hatte. Ich hatte stets
-meine Arbeiten in Brailleschrift oder im Kopfe gemacht. Herr Keith
-hatte sich zu sehr auf meine Fertigkeit, die Aufgaben im Kopfe zu
-lösen, verlassen und hatte mich nicht im schriftlichen Anfertigen von
-Examensarbeiten unterwiesen. Infolgedessen ging meine Arbeit peinlich
-langsam von statten, und ich hatte die Aufgaben immer und immer wieder
-zu lesen, ehe ich begriff, was von mir verlangt wurde. In der Tat bin
-ich selbst jetzt noch nicht sicher, alle Zeichen richtig gelesen zu
-haben. Es fiel mir schwer, meinen Kopf beisammen zu halten.</p>
-
-<p>Aber ich klage niemand an. Die Universitätsbehörde wußte nicht, wie
-schwer sie mir meine Prüfung machte, noch begriff sie die besonderen
-Schwierigkeiten, die ich zu überwinden hatte. Aber wenn sie mir
-unabsichtlich Hindernisse in den Weg legte, so habe ich die Genugtuung,
-zu wissen, daß ich sie alle überwunden habe.</p>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span></p>
-
-<h3 class="padtop2" id="Zwanzigstes_Kapitel">Zwanzigstes Kapitel.</h3>
-
-</div>
-
-<p class="s5 center mbot2">Eintritt in das Radcliffe College. &mdash; Anfängliche Begeisterung und
-teilweise Enttäuschung. &mdash; Übelstände des Universitatsstudiums. &mdash;
-Erstes Studienjahr. &mdash; Französisch, Deutsch, englische Stillehre,
-englische Literatur. &mdash; Besuch der Vorlesungen. &mdash; Schreibmaschine.
-&mdash; Stunden des Unmuts. &mdash; Zweites Jahr: englische Stillehre, Bibel,
-politische Verhältnisse Amerikas und Europas, horazische Oden,
-lateinische Komödie, Nationalökonomie, Shakespeare, Geschichte der
-Philosophie. &mdash; Verknöcherung des Universitätswesens..&mdash; Pein der
-Prüfungen. &mdash; Enttäuschung.</p>
-
-<p>Der Kampf um die Zulassung zur Universität war siegreich beendet,
-und ich konnte nun in das Radcliffe College eintreten, wann es mir
-beliebte. Bevor ich jedoch die Universität bezog, kamen wir überein,
-daß ich noch ein weiteres Jahr unter Herrn Keiths Leitung studieren
-sollte. Erst gegen Ende 1900 ging daher mein Traum, die Universität zu
-besuchen, in Erfüllung.</p>
-
-<p>Ich erinnere mich heute noch meines ersten Tages im Radcliffe College.
-Es war ein interessanter Tag für mich. Ich hatte ihn jahrelang
-herbeigesehnt. Eine mächtige Kraft in mir, die stärker war als der
-Rat meiner Freunde, stärker selbst als die Warnungen meines eigenen
-Inneren, hatte mich dazu getrieben, meine Kräfte mit denen zu messen,
-die sehen und hören. Ich wußte, ich würde auf Hindernisse stoßen,
-aber ich war voller Eifer, sie zu überwinden. Ich hatte mir die Worte
-des weisen Römers zu Herzen genommen, der da gesagt hatte: „Aus Rom
-verbannt sein, heißt nur außerhalb Roms leben.“ &mdash; Abgeschnitten von
-der großen Heerstraße des Wissens war ich genötigt, meine Reise quer
-durchs Land auf wenig besuchten Straßen zurückzulegen &mdash; das war alles.
-Ich wußte, daß es auf einer Universität viele Nebenpfade gab, auf denen
-ich Hand in Hand mit Mädchen gehen konnte, die ebenso dachten, liebten
-und kämpften wie ich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span></p>
-
-<p>Ich begann meine Studien voller Eifer. Vor mir erblickte ich eine neue
-Welt, strahlend in Schönheit und Licht, und ich fühlte die Fähigkeit in
-mir, alles zu erkennen. In dem Wunderland des Geistes würde ich so frei
-sein wie jede andere. Seine Bewohner, seine Landschaft, seine Sitten,
-seine Freuden, seine Leiden sollten lebendige verkörperte Vermittler
-der realen Welt sein. Die Vorlesungssäle schienen mir mit dem Geiste
-der großen Weisen aller Zeiten erfüllt, und ich hielt die Professoren
-für Personifikationen der Weisheit selbst. Ich bin seitdem zu einer
-anderen Überzeugung gelangt, doch habe ich nicht die Absicht, irgend
-jemand mit Namen zu nennen.</p>
-
-<p>Aber bald entdeckte ich, daß das College nicht ganz das romantische
-Lyceum war, wie ich es mir vorgestellt hatte. Viele der Träume, die
-meine unerfahrene Jugend entzückt hatten, „verblaßten in dem grauen
-Lichte des Alltags“. Allmählich begann ich einzusehen, daß der Besuch
-der Universität auch seine Schattenseiten habe.</p>
-
-<p>Die eine, deren ich mir am schmerzlichsten bewußt war und noch bewußt
-bin, besteht in dem Mangel an Zeit. Ich pflegte Zeit zum Denken, zum
-Sinnen zu haben, mein Geist und ich. Wir hatten manchen lieben Abend
-beieinander gesessen und der Melodie in unserem Innern gelauscht, die
-man nur in Mußestunden vernimmt, wenn die Worte eines Lieblingsdichters
-eine tiefe wohllautende Saite in unserer Seele anschlagen, die bis
-dahin noch nicht erklungen war. Aber auf der Universität hat man keine
-Zeit, mit seinen Gedanken zu verkehren. Man besucht, scheint es, die
-Vorlesungen, um zu lernen, nicht, um zu denken. Betritt man die Portale
-der Gelehrsamkeit, so läßt man die besten Freuden &mdash; Einsamkeit, Bücher
-und Phantasie &mdash; draußen bei den rauschenden Tannen. Ich glaube, ich
-müßte einige Beruhigung in dem Gedanken finden, daß ich Schätze für
-zukünftige Genüsse aufspeichere, aber ich bin zu unvorsorg<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span>lich, um
-nicht den Genuß des Augenblicks der Ansammlung von Reichtümern für
-trübe Tage vorzuziehen.</p>
-
-<p>Meine Studien erstreckten sich im ersten Jahre auf Französisch,
-Deutsch, Geschichte, englischen Stil und englische Literatur. Im
-Französischen las ich einige Werke von Corneille, Moliere, Racine,
-Alfred de Musset, Sainte-Beuve und im Deutschen von Goethe und
-Schiller. In der Geschichte verschaffte ich mir einen raschen
-Ueberblick über den ganzen Zeitraum vom Untergange des Römischen
-Reiches bis zum achtzehnten Jahrhundert, und in der englischen
-Literatur studierte ich kritisch Miltons Gedichte und »Areopagitica«.</p>
-
-<p>Ich bin häufig gefragt worden, in welcher Weise ich die eigenartigen
-Schwierigkeiten, unter denen ich die Universität besuche, überwinde.
-Im Auditorium bin ich natürlich so gut wie allein. Der Professor ist
-so weit von mir entfernt, als ob er durch ein Telephon spräche. Die
-Vorlesungen werden mir so rasch wie möglich in die Hand buchstabiert,
-und in dem Bestreben, das Tempo innezuhalten, geht mir viel von der
-Individualität des Vortragenden verloren. Die Worte eilen durch meine
-Hand wie Hunde auf der Jagd nach einem Hasen, der ihnen aber oft
-entkommt. Aber in dieser Beziehung glaube ich nicht, daß ich viel
-schlechter daran bin als die Mädchen, die sich ihre Aufzeichnungen
-machen. Ist der Geist mit dem mechanischen Prozesse des Hörens
-beschäftigt und soll man zu gleicher Zeit das Gehörte in fliegender
-Eile zu Papier bringen, so kann man, glaube ich, weder dem behandelten
-Gegenstande noch der Art des Vortrags die gebührende Aufmerksamkeit
-zuwenden. Ich kann während der Vorlesungen keine Aufzeichnungen machen,
-weil meine Hände mit Aufmerken beschäftigt sind. Gewöhnlich schreibe
-ich mir dann zu Hause das, was ich behalten habe, nieder. Ich fertige
-meine Exerzitien, Aufsätze, Kritiken, die Arbeiten zu den Semester- und
-Jahresprüfungen auf meiner<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span> Schreibmaschine an, sodaß die Professoren
-keine Schwierigkeit haben, herauszufinden, wie wenig ich weiß. Als
-ich das Studium der lateinischen Prosodie begann, schrieb ich meinem
-Professor eine Reihe von Zeichen auf, die die verschiedenen Metra und
-Quantitäten kenntlich machen sollten, und erklärte sie ihm.</p>
-
-<p>Ich bediene mich der Hammond-Schreibmaschine. Ich habe viele Maschinen
-versucht, finde aber, daß die Hammondsche sich am besten für die
-Besonderheiten meiner Arbeit eignet. Bei dieser Maschine können
-Umschalttasten benutzt werden, und man kann deren mehrere haben, jede
-mit verschiedenen Typen &mdash; Griechisch, Französisch oder Mathematik
-&mdash; entsprechend der Art von Schrift, die man auf der Schreibmaschine
-hervorbringen will. Wenn ich die Hammondsche Schreibmaschine nicht
-hätte, so würde ich wohl schwerlich die Universität besuchen können.</p>
-
-<p>Sehr wenige von den in den verschiedenen Kursen gebrauchten Bücher
-sind in Blindenschrift gedruckt, und ich muß sie mir in die Hand
-buchstabieren lassen. Infolgedessen brauche ich mehr Zeit zur
-Vorbereitung auf meine Lektionen als andere Mädchen. Die Handarbeit
-dauert länger, und ich habe mit Schwierigkeiten zu kämpfen, die sie gar
-nicht kennen. Es gibt Tage, an denen die gespannte Aufmerksamkeit, mit
-der ich die Einzelheiten verfolgen muß, mein Blut in Wallung bringt und
-der Gedanke, daß ich stundenlang dasitzen muß, um ein paar Kapitel zu
-lesen, während andere Mädchen lachen, singen und tanzen, mich rasend
-macht; aber bald gewinne ich meinen Gleichmut wieder und lache mir die
-Unzufriedenheit vom Herzen herunter. Denn alles in allem muß jeder,
-der zur wahren Erkenntnis hindurchdringen will, den Berg Schwierigkeit
-allein erklimmen, und da für mich keine breite gerade Straße auf den
-Gipfel führt, so muß ich ihn eben auf dem für mich bestimmten Pfade im
-Zickzack zu erreichen suchen. Ich gleite häufig zu<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span>rück, ich falle, ich
-stehe still, ich stoße gegen die Ecken verborgener Hindernisse, ich
-verliere meine gute Laune, bekomme sie wieder und halte sie von da an
-fester, ich schleppe mich weiter, komme eine kleine Strecke vorwärts,
-fühle neuen Mut, werde immer eifriger und klimme immer höher und höher,
-bis ich endlich den Horizont sich weiten sehe. Jeder Kampf ist ein
-Sieg. Noch eine letzte Anstrengung, und ich erreiche die leuchtende
-Wolke, die blauen Himmelstiefen, das Land meiner Sehnsucht da droben.
-Bei diesen Kämpfen stehe ich jedoch nicht stets allein. Herr William
-Wade und Herr E. E. Allen, der Leiter des pennsylvanischen Instituts
-für den Blindenunterricht, haben mir viele der erforderlichen Bücher
-in Hochdruck besorgt. Mit ihrer liebenswürdigen Aufmerksamkeit haben
-sie mir mehr Hilfe und Ermutigung gebracht, als sie es selbst je ahnen
-können.</p>
-
-<p>Im vergangenen Jahre, dem zweiten, das ich im Radcliffe College
-zubrachte, beschäftigte ich mich mit englischer Stillehre, mit der
-Bibel vom literarischen Standpunkte aus, den politischen Verhältnissen
-Amerikas und Europas, den horazischen Oden und der lateinischen
-Komödie. Der Unterricht im englischen Stil war mir der liebste, weil
-er sehr lebendig war. Die Vorlesungen waren stets interessant und
-geistvoll; denn der Professor, Herr Charles Townsend Copeland, trägt
-die Hauptwerke der Literatur in all ihrer ursprünglichen Frische und
-Gewalt vor. Eine kurze Stunde darf man die ewige Schönheit der alten
-Meister ohne unnötige Erklärungen und Zergliederungen genießen und
-sich ihrer erhabenen Gedanken erfreuen; mit ganzer Seele kann man
-sich der milden Erhabenheit des Alten Testaments hingeben, ohne an
-das Dasein Jahwes und Elohims zu denken, und man geht nach Hause mit
-dem Bewußtsein, daß man einen Schimmer von jener Vollendung erhascht
-hat, bei der Geist und Form in ewiger Harmonie ver<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span>schmolzen sind und
-Wahrheit und Schönheit dem alten Stamme der Zeit neues Wachstum bringen.</p>
-
-<p>Dieses Jahr ist das glücklichste für mich, weil ich Gegenstände
-studiere, die mich besonders interessieren: Nationalökonomie, Literatur
-der elisabethanischen Zeit, Shakespeare unter Professor George L.
-Kittredge und Geschichte der Philosophie unter Professor Josiah
-Royce. Durch die Philosophie lernt man sich verständnisvoll in die
-Ueberlieferungen alter Zeiten und andere Denkweisen zu versenken, die
-einem vorher seltsam und unvernünftig vorgekommen sind.</p>
-
-<p>Aber das College ist nicht das universale Athen, für das ich es
-gehalten habe. Man tritt hier nicht den großen, weisen Männern Auge in
-Auge gegenüber, man fühlt nicht ihren belebenden Hauch. Zwar sind sie
-gegenwärtig, das muß zugegeben werden, aber sie scheinen mumifiziert
-zu sein. Wir müssen sie von der sie umgebenden Hülle von Gelehrsamkeit
-befreien, sie zergliedern und analysieren, ehe wir sicher sein können,
-daß wir einen Milton oder Jesaias vor uns haben und nicht nur eine
-geschickte Nachahmung. Wie mir scheint, vergessen viele Gelehrte,
-daß unser Genuß an den großen Werken der Literatur mehr von der
-Tiefe unseres Mitempfindens als von der Schärfe unseres Verstandes
-abhängt. Der Hauptübelstand ist der, daß sehr wenige ihrer mühsamen
-Erläuterungen im Gedächtnis haften. Der Geist wirft sie ab, wie ein
-Baum seine reifen Früchte abwirft. Man vermag eine Blume zu kennen,
-Wurzel und Stengel und alles, ebenso den ganzen Wachstumsprozeß und ist
-vielleicht doch nicht imstande, die Schönheit der frisch im Tau des
-Himmels gebadeten Blume zu würdigen. Immer und immer wieder frage ich
-ungeduldig: „Was sollen mir all diese Erläuterungen und Hypothesen?“
-Sie schwirren in meinem Geiste hin und her gleich blinden Vögeln,
-die die Luft mit ihren kraftlosen Schwingen zu zerteilen suchen. &mdash;
-Ich<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span> wende mich nicht gegen eine gründliche Kenntnis der berühmten
-Werke, die wir lesen, sondern nur gegen die endlosen Kommentare und
-verwirrenden Kritiken, aus denen nur das eine hervorgeht, daß es mehr
-Ansichten als Menschen gibt. Wenn jedoch ein großer Gelehrter, wie
-Professor Kittredge erklärt, was der Meister sagt, so ist’s, „als werde
-dem Blinden ein neues Gesicht gegeben“. Er bringt uns Shakespeare, den
-Dichter, zurück.</p>
-
-<p>Es gibt jedoch Zeiten, in denen ich wünschte, ich könnte die Hälfte der
-Dinge, die ich mir zu lernen vornahm, streichen; denn der überbürdete
-Geist kann sich der Schätze nicht erfreuen, die er sich unter den
-größten Anstrengungen erworben hat. Es ist unmöglich, glaube ich, an
-einem Tage vier bis fünf verschiedene Bücher in verschiedenen Sprachen
-und über ganz verschiedene Gegenstände zu lesen und nicht die wahren
-Zwecke, wegen deren man liest, aus den Augen zu verlieren. Liest man
-hastig und nervös und denkt dabei an Zeugnisse und Prüfungen, so wird
-das Gehirn mit einer durcheinandergewürfelten Menge von Eindrücken
-belastet, für die es wenig Verwendung besitzt. Gegenwärtig ist mein
-Geist so sehr mit ganz heterogenen Dingen angefüllt, daß ich beinahe
-daran verzweifle, je wieder Ordnung in ihm zu schaffen. So oft ich die
-Gegend betrete, die einst das Reich meines Geistes war, so komme ich
-mir vor, wie der Stier im Porzellanladen, wie das bekannte Sprichwort
-sagt. Wie Hagelkörner sausen mir Tausende von winzigen Kleinigkeiten um
-den Kopf, und wenn ich mich ihnen zu entziehen versuche, so verfolgen
-mich Aufsatzgespenster und Vorlesungskobolde aller Art, bis ich wünsche
-&mdash; o möge mir dieser verruchte Wunsch verziehen werden! &mdash; die Idole
-zerschmettern zu können, die anzubeten ich hierher kam.</p>
-
-<p>Aber die Prüfungen sind doch die Hauptschrecken meines Collegelebens.
-Obgleich ich ihnen schon oft Auge in Auge<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span> gegenübergestanden, sie zu
-Boden geschmettert und in den Staub getreten habe, so erheben sie sich
-doch immer wieder von neuem und drohen mir bleichen Angesichts, bis ich
-mich ganz mutlos fühle. Die Tage, die diesen hochnotpeinlichen Verhören
-vorangehen, werden darauf verwandt, den Geist mit mystischen Formen und
-unverdaulichen Daten &mdash; unschmackhaftem Zeuge &mdash; vollzustopfen, bis man
-wünscht, daß Bücher, Wissenschaft und man selbst auf dem Grunde des
-Meeres läge, wo es am tiefsten ist.</p>
-
-<p>Endlich naht die gefürchtete Stunde, und glücklich die, die sich
-gerüstet fühlt, und zur rechten Zeit imstande ist, Gedanken, die ihr
-in dieser höchsten Not von Nutzen sein können, zu ihrem Beistande
-herbeizurufen. Es kommt nur zu häufig vor, daß der Trompetenstoß
-ungehört verhallt. Es ist im höchsten Grade verwirrend und erbitternd,
-daß gerade in dem Augenblick, in dem man sein Gedächtnis und einen
-scharfen Unterscheidungssinn am nötigsten hat, diese beiden Dinge
-Flügel erhalten und davonflattern. Die Kenntnisse, die man sich mit so
-unendlicher Mühe angeeignet hat, lassen einem im Notfalle unfehlbar im
-Stich.</p>
-
-<p>„Geben Sie mir einen kurzen Ueberblick über Huß und seine Bedeutung!“
-&mdash; Huß? Wer war denn das, und was hat er doch gleich getan? Der Name
-klingt so seltsam vertraut. Man wühlt seinen Vorrat historischer
-Kenntnisse um und um, genau so, als wollte man nach einem Stückchen
-Seide in einem Lumpensack suchen. Man ist überzeugt, es steckt irgendwo
-im Gedächtnisse ganz oben &mdash; man weiß, man hat es erst ganz kürzlich
-gesehen, als man den Beginn der Reformation betrachtete. Aber wo ist
-es nun? Man fischt allerhand Wissensbrocken heraus &mdash; Revolutionen,
-Schismen, Niedermetzelungen, Regierungssysteme &mdash; aber Huß, wo steckt
-der? Man wundert sich über das, was man alles weiß, was aber jetzt
-nicht in Frage kommt. In der Verzweiflung packt man seinen Sack und
-schüttet ihn um, und dort in einem Winkel steckt der betreffende<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> Mann
-und brütet unbekümmert über seinen Privatgedanken, ohne eine Ahnung von
-dem Unheil zu haben, das er über unsereinen gebracht hat.</p>
-
-<p>Gerade in diesem Augenblick aber kündigt der Examinator an, daß die
-Frist um ist. Mit einem Gefühl des äußersten Ekels wirft man die Masse
-Gerümpel in eine Ecke und geht nach Hause, den Kopf angefüllt mit
-revolutionären Plänen, die die Abschaffung des göttlichen Rechtes der
-Professoren bezwecken, Fragen ohne die Genehmigung der Befragten zu
-stellen.</p>
-
-<p>Es mag sein, daß ich auf den letzten zwei bis drei Seiten dieses
-Kapitels Redewendungen gebraucht habe, wegen deren man mich auslachen
-wird. Ach ja, hier sind sie &mdash; die hinkenden Gleichnisse, die sich vor
-mich hinstellen und mich verhöhnen, indem sie auf den von Hagelkörnern
-umwirbelten Stier im Porzellanladen und die Schreckensgespenster mit
-bleichem Antlitz &mdash; eine noch nicht analysierte Art &mdash; hinweisen.
-Laßt sie höhnen! Die Worte schildern so getreu die Atmosphäre sich
-drängender und überstürzender Gedanken, in der ich lebe, daß ich sie
-mir später noch einmal vergegenwärtigen möchte, um dann eine ernste
-Miene anzunehmen und zu erklären, daß sich meine Ansichten über die
-Universität geändert haben.</p>
-
-<p>Als mein Universitätsstudium noch im Schoße der Zukunft schlummerte,
-war es von einem Strahlenkranze von Romantik umwoben, den es
-jetzt eingebüßt hat; aber bei dem Uebergange von der Romantik zur
-Wirklichkeit habe ich vieles gelernt, was mir nie zum Bewußtsein
-gekommen sein würde, wenn ich dieses Experiment nicht unternommen
-hätte. Das eine ist die köstliche Wissenschaft der Geduld, die
-uns lehrt, daß wir unsere Bildung betreiben sollen, als wollten
-wir einen Spaziergang auf das Land machen, in voller Muße und mit
-Sinnen, die für die Eindrücke jeder Art ihre gastlichen Tore weit
-geöffnet haben. Solches Wissen überströmt unser innerstes Wesen mit
-einer uner<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span>schöpflichen Flutwoge tiefer Gedanken. Wissen ist Macht!
-Besser ausgedrückt: Wissen ist Glückseligkeit, denn der Besitz von
-Wissen &mdash; umfassendem, tiefem Wissen &mdash; ist gleichbedeutend mit der
-Fähigkeit, wahre Zwecke von falschen und erhabene Dinge von niedrigen
-zu unterscheiden. Die für den Fortschritt des Menschen entscheidenden
-Gedanken und Taten kennen, heißt den gewaltigen Pulsschlag der
-Menschheit über die Jahrhunderte hinweg fühlen, und wer in diesen
-Schlägen nicht ein himmelwärts gerichtetes Streben wahrnimmt, der muß
-in der Tat für die Harmonie des Lebens taub sein.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3 class="padtop2" id="Einundzwanzigstes_Kapitel">Einundzwanzigstes Kapitel.</h3>
-
-</div>
-
-<p class="s5 center mbot2">Bücherstudium. &mdash; Rückblick. &mdash; Bibliothek in Boston. &mdash; Heißhunger
-auf Bücher. &mdash; »<span class="antiqua">Little Lord Fauntleroy</span>«. &mdash; Lafontaines
-Fabeln. &mdash; Begeisterung für das griechische Altertum. &mdash; Ilias.
-&mdash; Aeneis. &mdash; Bibel. &mdash; Shakespeare: Macbeth, König Lear. &mdash;
-Geschichte. &mdash; Deutsche Literatur. &mdash; Französische Literatur. &mdash;
-Mark Twain. &mdash; Scott.</p>
-
-<p>Bisher habe ich die Ereignisse meines Lebens kurz skizziert, aber noch
-nicht davon gesprochen, wieviel ich den Büchern verdanke, nicht nur
-hinsichtlich des Genusses und der Belehrung, die sie allen bringen,
-die da lesen, sondern auch betreffs jener Kenntnisse, die andere durch
-Vermittelung ihrer Augen und Ohren erhalten. In der Tat haben Bücher in
-der Geschichte meiner Bildung eine soviel wesentlichere Rolle gespielt
-als bei anderen, daß ich bis auf die Zeit zurückgreifen muß, da ich
-lesen lernte.</p>
-
-<p>Meine erste zusammenhängende Geschichte las ich im Mai 1887, als ich
-sieben Jahre alt war, und von jenem Tage an bis zum gegenwärtigen
-Augenblicke habe ich alles, was in der Gestalt eines Hochdruckes in
-den Bereich meiner<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span> heißhungrigen Fingerspitzen geriet, förmlich
-verschlungen. Wie ich bereits erwähnt habe, erhielt ich während der
-ersten Jahre meiner Erziehung keinen regelmäßigen Unterricht; auch las
-ich nicht regelmäßig.</p>
-
-<p>Zuerst besaß ich nur wenig Bücher in Hochdruck &mdash; »Fibeln« für
-Anfänger, eine Sammlung von Kindergeschichten und ein geographisches
-Buch, »<span class="antiqua">Our World</span>«. Ich denke, das war alles; aber ich las sie
-immer und immer wieder, bis die Worte so abgenutzt und abgegriffen
-waren, daß ich sie kaum noch erkennen konnte. Bisweilen las mir
-Fräulein Sullivan vor, indem sie mir kleine Geschichten und Gedichte
-in die Hand buchstabierte, von denen sie wußte, daß ich sie verstehen
-konnte; ich zog es jedoch vor, für mich selbst zu lesen, weil ich es
-liebte, das, was mir gefiel, immer und immer wieder zu lesen.</p>
-
-<p>Erst während meines ersten Besuches in Boston begann ich systematisch
-und mit vollem Ernste zu lesen. Es war mir gestattet worden, an
-jedem Tage eine bestimmte Zeit in der Bibliothek zu verweilen,
-von Bücherbrett zu Bücherbrett zu gehen und mir jedes Buch
-herunterzunehmen, auf das meine Finger stießen. Und ich las und las, ob
-ich nun ein Wort von zehn oder zwei Wörter auf einer Seite verstand.
-Die Wörter selbst übten eine Art von Zauber auf mich aus; aber ich
-hatte kein bewußtes Verständnis für das, was ich las. Mein Geist
-muß jedoch zu dieser Zeit sehr eindrucksfähig gewesen sein, denn er
-behielt viele Wörter und ganze Sätze, von deren Bedeutung ich nicht die
-mindeste Ahnung hatte, und als ich später zu sprechen und zu schreiben
-begann, kamen mir diese Wörter und Sätze ganz von selbst wieder ins
-Gedächtnis, sodaß sich meine Freunde über die Reichhaltigkeit meines
-Wortschatzes wunderten. Ich muß Abschnitte aus vielen Büchern (in
-jenen frühen Tagen habe ich, wie ich glaube, nie ein Buch vollständig
-gelesen) und eine große Menge Gedichte auf jene unverstandene Art
-gelesen haben, bis<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> ich den »<span class="antiqua">Little Lord Fauntleroy</span>« entdeckte.
-Dies war das erste zusammenhängende Buch, das ich mit Verständnis las.</p>
-
-<p id="Fauntleroy_I">Eines Tages fand mich meine Lehrerin in einer Ecke der Bibliothek,
-wie ich meine Finger über die Seiten von Hawthornes »<span class="antiqua">The Scarlet
-Letter</span>« gleiten ließ. Ich war damals ungefähr acht Jahre alt.
-Ich erinnere mich, daß sie mich fragte, ob mir little Pearl gefalle,
-und erklärte mir einige Worte, die ich nicht verstanden hatte. Dann
-erzählte sie mir, sie habe eine wunderhübsche Geschichte von einem
-kleinen Knaben, die mir sicherlich besser gefallen würde als »<span class="antiqua">The
-Scarlet Letter</span>«. Der Titel dieser Geschichte lautete »<span class="antiqua">Little
-Lord Fauntleroy</span>«, und sie versprach es mir im nächsten Sommer
-vorzulesen. Aber wir begannen mit dieser Lektüre erst im August; die
-ersten paar Wochen meines Aufenthaltes an der Küste waren so voller
-Entdeckungen und Aufregungen, daß ich darüber das Vorhandensein von
-Büchern ganz und gar vergaß. Dann reiste meine Lehrerin nach Boston, um
-einige Freunde zu besuchen, und ließ mich kurze Zeit allein.</p>
-
-<p>Nach ihrer Rückkehr war beinahe das erste, was wir taten, daß wir die
-Geschichte von dem »kleinen Lord Fauntleroy« zu lesen begannen. Ich
-erinnere mich noch deutlich der Zeit und des Platzes, wo wir die ersten
-Kapitel dieser reizenden Kindergeschichte lasen. Es war ein warmer
-Augustnachmittag. Wir saßen zusammen in einer Hängematte, die zwischen
-zwei mächtigen Fichten in der Nähe unseres Hauses befestigt war. Wir
-waren gleich nach dem zweiten Frühstück aufgebrochen, um möglichst
-viel Zeit für die Geschichte zu haben. Als wir durch das hohe Gras zu
-der Hängematte eilten, sprangen die Grillen in großer Menge um uns
-herum und blieben an unseren Kleidern hängen, und ich entsinne mich,
-daß meine Lehrerin darauf bestand, sie alle abzusammeln, ehe wir uns
-hinsetzten, was mir jedoch als unnötiger Zeitverlust erschien. Die
-Hängematte war<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span> mit Fichtennadeln bedeckt, denn sie war während der
-Abwesenheit meiner Lehrerin nicht benutzt worden. Die Sonne schien warm
-auf die Fichtennadeln, sodaß sie all ihren Wohlgeruch ausströmten. Die
-Luft war erquickend und hatte etwas von der Seeluft an sich. Ehe wir
-zu lesen begannen, erklärte mir Fräulein Sullivan alles, wovon sie
-wußte, daß ich es nicht verstehen würde, und während des Lesens selbst
-erklärte sie mir die unbekannten Wörter. Anfänglich waren es sehr
-viele Wörter, die ich nicht verstand, und die Lektüre wurde beständig
-unterbrochen; sobald ich aber die allgemeine Situation aufgefaßt hatte,
-wurde ich von der Erzählung selbst zu stark in Anspruch genommen,
-als daß ich auf einzelne Wörter geachtet hätte, und ich fürchte, ich
-paßte sehr wenig auf die Erläuterungen auf, die Fräulein Sullivan für
-nötig fand. Als ihre Finger zu müde waren, um noch ein weiteres Wort
-zu buchstabieren, hatte ich zum erstenmal ein deutliches Empfinden
-von meinem körperlichen Gebrechen. Ich nahm das Buch in meine Hände
-und versuchte die Buchstaben mit einer Sehnlichkeit des Verlangens zu
-fühlen, die ich nie werde vergessen können.</p>
-
-<p>Später übertrug Herr Anagnos auf mein inständiges Bitten die Erzählung
-in die Blindenschrift, und ich las sie immer und immer wieder, bis
-ich sie beinahe auswendig kannte, und während meiner Kinderzeit blieb
-der »kleine Lord Fauntleroy« mein holder, lieber Begleiter. Ich habe
-diese Einzelheiten mitgeteilt, selbst auf die Gefahr hin, langweilig
-zu erscheinen, weil sie in so starkem Gegensatze zu meinen sonstigen
-unbestimmten, schwankenden und verworrenen Erinnerungen an meine erste
-Lektüre stehen.<a name="FNAnker_10_10" id="FNAnker_10_10"></a><a href="#Fussnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a></p>
-
-<p>Von »<span class="antiqua">Little Lord Fauntleroy</span>« datiert sich der Beginn meines
-wirklichen Interesses an Büchern. Während der<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span> nächsten beiden Jahre
-las ich viele Bücher zu Hause und bei meinen Besuchen in Boston. Ich
-kann mich nicht auf alle entsinnen, auch nicht, in welcher Reihenfolge
-ich sie gelesen habe; aber ich weiß, daß sich unter ihnen befanden
-»Greek Heroes«, Lafontaines Fabeln, Hawthornes »<span class="antiqua">Wonder Book</span>«,
-»<span class="antiqua">Bible Stories</span>«, Lambs »<span class="antiqua">Tales from Shakespeare</span>«,
-»<span class="antiqua">A Child’s History of England</span>« von Dickens, »<span class="antiqua">The Arabian
-Nights</span>«, »<span class="antiqua">The Swiss Family Robinson</span>«, »<span class="antiqua">The Pilgrim’s
-Progress</span>«, »<span class="antiqua">Robinson Crusoe</span>«, »<span class="antiqua">Little Women</span>« und
-»<span class="antiqua">Heidi</span>«, eine hübsche kleine Geschichte, die ich später deutsch
-las. Ich las sie in den Pausen zwischen Unterricht und Spiel, mit
-einem sich immer mehr vertiefenden Verständnis. Ich studierte die
-Bücher nicht, noch analysierte ich sie &mdash; ich wußte nicht, ob sie gut
-geschrieben waren oder nicht, ich dachte weder an ihren Stil noch an
-ihre Verfasser. Sie legten mir ihre Schätze zu Füßen, und ich nahm
-sie hin, wie wir den Sonnenschein und die Liebe unserer Angehörigen
-hinnehmen. Die Erzählung »<span class="antiqua">Little Women</span>« gefiel mir sehr gut,
-weil sie in mir das Gefühl der Verwandtschaft mit Mädchen und Knaben
-erweckte, die sehen und hören konnten. Da mein Leben in so vielen
-Beziehungen eingeengt war, mußte ich in Büchern nach der Kunde von
-einer Welt suchen, die außerhalb meiner eigenen lag.</p>
-
-<p>Lafontaines Fabeln las ich zuerst in einer englischen Uebersetzung,
-fand aber keinen rechten Geschmack an ihnen. Später las ich das Buch
-französisch; es gefiel mir aber trotz der in ihm enthaltenen lebhaften
-Schilderungen und der wunderbaren Beherrschung der Sprache nicht
-besser. Ich weiß nicht, woher dies kommen mag, aber Geschichten,
-in denen Tiere vorkommen, die wie menschliche Wesen sprechen und
-handeln, haben mich niemals besonders angesprochen. Die possierlichen
-Karikaturen der Tiere nehmen mein Interesse so in Anspruch, daß ich an
-die moralische Lehre gar nicht zu denken vermag.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span></p>
-
-<p>Ferner wendet sich Lafontaine selten, wenn überhaupt, an unser höheres
-moralisches Bewußtsein. Die höchsten Saiten, die er anschlägt, sind
-die der Vernunft und des Egoismus. Alle seine Fabeln durchzieht der
-Gedanke, daß die Sittlichkeit des Menschen ausschließlich aus dem
-Egoismus entspringe und daß, wenn dieser letztere durch die Vernunft
-geleitet und im Zaum gehalten werde, notwendig Glückseligkeit die Folge
-sein müsse. Nun ist aber, soweit ich zu urteilen vermag, der Egoismus
-die Wurzel alles Schlechten; ich habe aber natürlich vielleicht
-unrecht, denn Lafontaine hatte bessere Gelegenheit, die Menschen zu
-beobachten, als ich wahrscheinlich je haben werde. Ich wende mich
-nicht sowohl gegen die cynischen und satirischen Fabeln, wie vielmehr
-gegen diejenigen, in denen wichtige Wahrheiten von Füchsen und Affen
-gepredigt werden.</p>
-
-<p>Wohl aber liebe ich »<span class="antiqua">The Jungle Book</span>« und »<span class="antiqua">Wild Animals I
-Have Known</span>«. Für die Tiere selbst empfinde ich ein wahrhaftes
-Interesse, weil sie wirkliche Tiere und keine Karikaturen von Menschen
-sind. Man sympathisiert mit ihrer Liebe und ihrem Hasse, man lacht über
-ihre Possen und weint über ihre Leiden. Und wenn sie eine moralische
-Lehre verkünden, so ist diese so fein versteckt, daß wir uns ihrer gar
-nicht bewußt werden.</p>
-
-<p>Mit Freude und Bewunderung erfüllte mich die Betrachtung des
-klassischen Altertums. Griechenland, das alte Griechenland übte einen
-geheimnisvollen Zauber auf mich aus. In meiner Phantasie wandelten
-die heidnischen Götter und Göttinnen noch auf Erden und verkehrten
-persönlich mit den Menschen, und in meinem Herzen baute ich denen,
-die ich am meisten liebte, Altäre. Ich kannte und liebte die ganze
-Schar der Nymphen und Helden und Halbgötter &mdash; nein, nicht alle, denn
-die Grausamkeit und Leidenschaftlichkeit Medeas und Jasons waren zu
-ungeheuerlich, um vergeben werden zu können, und ich habe mich stets
-ge<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span>wundert, warum die Götter ihnen erst gestatteten, Böses zu tun, und
-sie dann für ihre Verruchtheit bestraften. Und das Geheimnis ist noch
-jetzt nicht gelöst. Ich wundere mich auch jetzt noch oft, warum</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Gott schweigen kann, da doch die Sünde</div>
- <div class="verse">Kriecht grinsend durch das hehre Haus der Zeit. &mdash;</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Es war die Ilias, die mir Griechenland zum Paradiese machte. Ich war
-mit der Geschichte von Troja vertraut, ehe ich sie noch im Original
-las, und stieß infolgedessen auf geringe Schwierigkeiten, als ich daran
-ging, die Schätze, die in dem griechischen Text verborgen liegen, zu
-heben, nachdem ich einmal die Vorhalle der Grammatik durchschritten
-hatte. Wahre Poesie, mag sie in griechischer oder englischer
-Sprache geschrieben sein, bedarf keines anderen Auslegers als eines
-empfänglichen Herzens. Möchte doch die Menge der Philologen, die die
-großen Werke der Dichter durch ihre Analyse, ihre Interpolationen
-und mühsamen Kommentare ungenießbar machen, diese einfache Wahrheit
-einsehen! Es ist nicht notwendig, daß man imstande sei, jedes Wort
-zu erklären und ihm seine grammatische Stellung im Satze anzuweisen,
-um ein schönes Gedicht zu verstehen und zu würdigen. Ich weiß, meine
-gelehrten Professoren haben größere Reichtümer in der Ilias gefunden,
-als ich je finden werde; ich bin aber nicht scheelsüchtig. Ich bins
-zufrieden, daß andere klüger sind als ich. Aber all ihr umfassendes und
-gründliches Wissen kann ebensowenig den Maßstab für ihren Genuß an dem
-herrlichen Epos abgeben wie mein lückenhaftes Wissen für meinen Genuß.
-Wenn ich die schönsten Stellen der Ilias lese, so werde ich mir einer
-Seelenkraft bewußt, die mich weit über die engen, mich einzwängenden
-Schranken meines Daseins hinaushebt. Meine physischen Gebrechen sind
-vergessen &mdash; meine Welt liegt droben, der ganze Himmel gehört mir, so
-weit und hoch er sich wölbt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span></p>
-
-<p>Meine Bewunderung für die Aeneis ist nicht so groß, aber nicht
-weniger echt. Ich lese sie soviel wie möglich ohne die Hilfe von
-Anmerkungen oder Wörterbuch und finde stets Genuß an der Uebersetzung
-der Episoden, die mir besonders gefallen. Vergils Schilderungen sind
-manchmal prachtvoll; aber seine Götter und Menschen bewegen sich in
-Leidenschaft, Streit, Mitleid und Liebe wie die anmutigen Gestalten in
-einem Maskenspiel aus der Zeit der Königin Elisabeth, während sie in
-der Ilias jauchzend emporspringen und singend einhergehen. Vergil ist
-heiter und lieblich wie ein marmorner Apollon im Mondschein; Homer ist
-ein schöner, lebender Jüngling im vollen Sonnenschein, dessen Locken im
-Winde flattern.</p>
-
-<p>Wie leicht ist es doch, mittels papierner Schwingen zu fliegen!
-Zwischen den »Griechischen Helden« und der Ilias lag eine Strecke, die
-ich nicht an einem Tage habe zurücklegen können; auch war die Reise
-nicht allzu angenehm. Man hätte vielmal rund um die Erde reisen können,
-während ich mir meinen steilen Pfad mühsam durch labyrinthische Massen
-von Grammatiken und Wörterbüchern bahnte oder in jene furchtbaren
-Fallgruben, Examina genannt, stürzte, die von Schulen und Universitäten
-zum Verderben derer angelegt werden, die Erkenntnis suchen. Ich glaube,
-diese Pilgerfahrt wird durch die Erreichung des Zieles gerechtfertigt;
-allein sie erschien mir endlos trotz der schönen, überraschenden
-Ausblicke, die ich dann und wann bei einer Biegung der Straße hatte.</p>
-
-<p>In der Bibel begann ich zu lesen, lange bevor ich sie verstehen konnte.
-Jetzt erscheint es mir seltsam, daß es je eine Zeit gegeben haben
-soll, in der meine Seele gegen die wunderbaren Harmonien der Bibel
-taub war; aber ich entsinne mich noch ganz gut eines regnerischen
-Sonntagvormittags, als ich nichts anderes zu tun hatte und daher
-meine Cousine bat, mir eine Geschichte aus der Bibel vorzulesen.
-Obgleich sie nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span> glaubte, daß ich sie verstehen würde, begann
-sie mir die Geschichte von Josef und seinen Brüdern in die Hand zu
-buchstabieren. Aber sie interessierte mich nicht. Die ungewöhnliche
-Sprache und die fortwährenden Wiederholungen ließen mir die Geschichte
-als unglaubwürdig erscheinen, besonders da sie in dem weit entlegenen
-Lande Kanaan spielte; ich schlief ein und wanderte in das Land der
-Träume hinüber, ehe die Brüder mit dem bunten Rock in das Zelt Jakobs
-kamen und ihre verruchten Lügen vorbrachten! Ich kann nicht begreifen,
-aus welchem Grunde die Erzählungen der Griechen für mich so voller
-Reiz und die der Bibel so interesselos gewesen waren, wenn dies nicht
-vielleicht daher rührte, daß ich in Boston die Bekanntschaft mehrerer
-Griechen gemacht hatte und durch deren Begeisterung für die Sagen
-des Vaterlandes angesteckt worden war, während ich noch mit keinem
-einzigen Hebräer oder Aegypter zusammengekommen war und daher zu der
-Ueberzeugung gelangte, daß diese Völker nichts als Barbaren und die
-Geschichten über sie alle wahrscheinlich erdichtet seien, eine Annahme,
-die die vielen Wiederholungen und die sonderbaren Namen erklärte.
-Seltsam, es war mir nie eingefallen, die griechischen Patronymika
-»sonderbar« zu finden.</p>
-
-<p>Wie soll ich aber von den Herrlichkeiten sprechen, die ich seitdem in
-der Bibel entdeckt habe? Jahrelang habe ich dieses Buch der Bücher
-mit immer wachsendem Entzücken und begeistertem Genuß gelesen, und
-ich liebe es, wie ich kein anderes Buch liebe. Es steht zwar vieles
-in der Bibel, gegen das sich jede Faser meines Wesens so sehr empört,
-daß ich die Notwendigkeit bedaure, die mich zwang, sie von Anfang bis
-zu Ende zu lesen. Ich glaube nicht, daß die Kenntnis, die ich von der
-Geschichte ihrer Entstehung und ihren Quellen gewonnen habe, mich
-für die widerwärtigen Einzelheiten entschädigt, auf die ich meine
-Aufmerksamkeit habe lenken müssen. Ich für<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span> meinen Teil wünsche mit
-Herrn Howells, daß die Literatur der Vergangenheit von allem häßlichen
-und barbarischen gesäubert werden möge, obgleich ich mich ebenso sehr
-dagegen sträube, daß diese großen Werke verstümmelt oder verfälscht
-werden.</p>
-
-<p>In der Schlichtheit und der furchtbaren Folgerichtigkeit des
-Buches Esther liegt etwas Wirkungsvolles und Erhabenes. Kann etwas
-dramatischer sein als die Szene, in der Esther vor ihrem schändlichen
-Herrn steht? Sie weiß, ihr Leben liegt in seiner Hand, es gibt keinen
-Schutz für sie gegen seine Gewalttätigkeit. Und doch bezwingt sie ihre
-weibliche Furcht und nähert sich ihm, beseelt von der edelsten Liebe zu
-ihrem Volke und nur von dem einen Gedanken beherrscht: Wenn ich sterbe,
-so sterbe ich; wenn ich aber am Leben bleibe, so soll mein Volk auch am
-Leben bleiben.</p>
-
-<p>Auch die Geschichte von Ruth &mdash; wie echt orientalisch ist sie! Und
-doch wie verschieden ist das Leben dieser einfachen Landleute von dem
-Leben und Treiben am Hofe des Perserkönigs! Ruth ist so pflichtgetreu
-und gutherzig, daß wir sie notgedrungen lieben müssen, wie sie unter
-den Schnittern in dem wogenden Kornfelde steht. Ihre edle, selbstlose
-Gesinnung glänzt hell wie ein strahlender Stern in der Nacht einer
-finsteren und grausamen Zeit. Eine Liebe wie die Ruths, eine Liebe,
-die sich über feindliche Glaubenssatzungen und tiefgewurzelte
-Rassenvorurteile hinwegzusetzen vermag, ist in der ganzen Welt selten
-zu finden.</p>
-
-<p>Die Bibel predigt mir den tiefen, tröstlichen Gedanken, daß die
-„sichtbaren Dinge zeitlich, die unsichtbaren ewig sind“.</p>
-
-<p>Seitdem ich Bücher zu lieben imstande bin, kann ich mich keines
-Zeitpunktes entsinnen, in dem ich Shakespeare nicht geliebt hätte.
-Ich kann nicht genau angeben, wann ich Lambs »<span class="antiqua">Tales from
-Shakespeare</span>« zu lesen begann; ich weiß nur, daß ich<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span> sie zuerst mit
-kindlichem Verständnis und kindlichem Staunen las. »Macbeth« scheint
-auf mich den tiefsten Eindruck gemacht zu haben. Ein einmaliges Lesen
-genügte, jede Einzelheit der Erzählung meinem Gedächtnisse für immer
-einzuprägen. Lange Zeit hindurch verfolgten mich die Geister und Hexen
-sogar bis in meine Träume. Ich konnte den Dolch und Lady Macbeths
-kleine weiße Hand sehen, buchstäblich sehen &mdash; der furchtbare Fleck
-stand so leibhaft vor meinem inneren Auge, wie die von ihrem Gewissen
-gefolterte Königin.</p>
-
-<p>»König Lear« las ich kurze Zeit nach »Macbeth«, und ich werde nie das
-Grauen vergessen, das mich befiel, als ich zu der Szene kam, in der
-Gloster die Augen ausgestochen werden. Zorn erfaßte mich, meine Finger
-wollten nicht weiter, ich saß lange Zeit starr da, das Blut hämmerte
-in meinen Schläfen, und aller Haß, dessen ein Kind fähig ist, stieg in
-meinem Herzen auf.</p>
-
-<p>Die Bekanntschaft mit Shylock und Satan muß ich ungefähr um dieselbe
-Zeit gemacht haben, denn die beiden Charaktere waren lange in meinem
-Geiste miteinander verbunden. Ich erinnere mich, daß sie mir leid
-taten. Ich hatte die unbestimmte Empfindung, daß sie nicht gut sein
-konnten, selbst wenn sie gewollt hätten, weil niemand bereit schien,
-ihnen zu helfen oder Gelegenheit zu bieten, ihre Güte zu betätigen.
-Selbst jetzt kann ich es nicht über mein Herz bringen, sie gänzlich zu
-verurteilen. Es gibt Augenblicke, in denen ich die Empfindung habe,
-Männer wie Shylock, wie Judas und selbst der Teufel seien zerbrochene
-Speichen in dem großen Rade des Guten, die der Meister zu gehöriger
-Zeit schon wieder ausbessern wird.</p>
-
-<p>Es erscheint seltsam, daß meine erste Shakespeare-Lektüre so viele
-unangenehme Erinnerungen bei mir hinterlassen hat. Die heiteren,
-anmutigen, phantasievollen Stücke scheinen anfangs keinen Eindruck
-auf mich gemacht zu haben, vielleicht weil sie<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> den Sonnenschein und
-die Heiterkeit, die in der Regel über dem Leben eines Kindes lagern,
-wiederspiegeln. Aber nichts ist launenhafter als das Gedächtnis eines
-Kindes betreffs dessen, was es behalten und was es nicht behalten will.</p>
-
-<p>Seitdem habe ich Shakespeares Stücke zu wiederholtenmalen gelesen
-und kenne Stellen aus ihnen auswendig, aber ich kann nicht angeben,
-welches von ihnen mir am besten gefällt. Mein Genuß an ihnen wechselt
-mit meiner Stimmung. Die kleinen Liedchen und die Sonette schätze ich
-in ihrer wunderbaren Frische ebenso hoch wie die Dramen. Aber bei
-all meiner Liebe für Shakespeare fällt mir es oft schwer, aus seinen
-Versen alle Bedeutungen herauszulesen, die Kritiker und Erklärer ihnen
-untergeschoben haben. Ich habe den Versuch gemacht, ihre Erläuterungen
-zu behalten, aber ich habe bald entmutigt davon Abstand genommen, und
-einen heimlichen Vertrag mit mir selbst geschlossen, keinen weiteren
-Versuch zu unternehmen. Diesen Vertrag habe ich nur einmal gebrochen,
-und zwar bei meinem Studium Shakespeares unter Leitung Professor
-Kittredges. Ich weiß, es gibt viele Dinge in Shakespeare und in der
-Welt, die ich nicht verstehe, und ich bin froh, zu sehen, wie sich
-allmählich Schleier nach Schleier lüftet und mir neue Reiche des
-Gedankens und der Schönheit enthüllt.</p>
-
-<p>Nächst der Poesie liebe ich Geschichte. Ich habe jedes historische
-Werk gelesen, auf das ich meine Hände habe legen können, von der
-Aufzählung trockener Tatsachen und noch trockenerer Daten bis hin zu
-Greens unparteiischer und glänzend geschriebener »<span class="antiqua">History of the
-English People</span>«; von Freemans »<span class="antiqua">History of Europe</span>« bis zu
-Emertons »<span class="antiqua">Middle Ages</span>«. Das erste Buch, durch das ich einen
-richtigen Begriff von dem Werte der Geschichte erhielt, war Swintons
-»<span class="antiqua">World’s History</span>«, die ich an meinem dreizehnten Geburtstage
-erhielt. Obgleich ich glaube, daß das Werk gegenwärtig als veraltet
-angesehen<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span> wird, betrachte ich es doch immer noch als einen wertvollen
-Schatz. Aus ihm habe ich gelernt, wie sich die Menschenrassen über
-die Erde verbreitet und große Städte erbaut haben, wie einige große
-Herrscher, irdische Titanen, alles unterworfen und durch ein einziges
-Wort Millionen den Zugang zum Glücke geöffnet, aber vor noch mehr
-Millionen denselben verschlossen haben, wie verschiedene Völker in
-Kunst und Wissenschaft Pionierdienste geleistet und den Grund zu den
-bedeutenderen Leistungen künftiger Zeiten gelegt haben, wie die Kultur
-gleichsam zum Brandopfer eines entarteten Geschlechtes wurde und einem
-Phönix gleich unter den edleren Söhnen des Nordens wieder erstand und
-wie große, weise Männer durch Pflege der Freiheit, Duldung und Bildung
-den Weg für die Erlösung der ganzen Welt gebahnt haben.</p>
-
-<p>Durch die Universitätsvorlesungen wurde ich auch einigermaßen mit der
-französischen und deutschen Literatur bekannt. Der Deutsche zieht
-sowohl im Leben wie in der Literatur Kraft der Schönheit und Wahrheit
-dem Herkommen vor. Es liegt eine Stärke in allem, was er tut, die mit
-der Gewalt eines Schmiedehammers wirkt. Wenn er spricht, so geschieht
-es nicht, um andere zu überzeugen, sondern weil sein Herz springen
-würde, wenn er den Gedanken, die in seiner Seele brennen, keinen Ausweg
-eröffnete.</p>
-
-<p>Ferner liegt in der deutschen Literatur eine keusche Zurückhaltung, die
-mir sympathisch ist; ihr größter Ruhm aber besteht meines Erachtens in
-der Anerkennung der erlösenden Macht der selbstaufopfernden Liebe des
-Weibes, die sich in ihr findet. Dieser Gedanke durchdringt die gesamte
-deutsche Literatur und findet in mystischer Weise seinen Ausdruck in
-Goethes »Faust«:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Alles Vergängliche</div>
- <div class="verse">Ist nur ein Gleichnis;</div>
-<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span>
- <div class="verse">Das Unzulängliche,</div>
- <div class="verse">Hier wird’s Ereignis;</div>
- <div class="verse">Das Unbeschreibliche,</div>
- <div class="verse">Hier ist’s getan;</div>
- <div class="verse">Das Ewig-Weibliche</div>
- <div class="verse">Zieht uns hinan.<a name="FNAnker_11_11" id="FNAnker_11_11"></a><a href="#Fussnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Von allen französischen Schriftstellern, die ich gelesen habe, sagen
-mir Molière und Racine am meisten zu. Bei Balzac finden sich einzelne
-Schönheiten und bei Merimée Stellen, die wie ein frischer Windstoß
-von der See her wirken. Alfred de Musset ist unmöglich. Ich bewundere
-Victor Hugo &mdash; ich schätze sein Genie, seine glänzende Sprache, seine
-Romantik; trotzdem gehört er nicht zu meinen Lieblingsschriftstellern.
-Goethe und Schiller, überhaupt alle großen Dichter großer Völker sind
-Verkünder ewiger Wahrheiten, und mein Geist folgt ihnen verehrungsvoll
-in die Regionen, wo das Schöne, Wahre, Gute eins sind.</p>
-
-<p>Ich fürchte, ich bin in der Aufzählung meiner Lieblingsbücher zu
-ausführlich geworden, und doch habe ich nur die Schriftsteller erwähnt,
-die mir am besten gefallen; dabei könnte man leicht auf die Vermutung
-kommen, daß mein Freundeskreis sehr engbegrenzt und undemokratisch sei,
-und doch wäre dies ein gewaltiger Irrtum. Ich habe viele Schriftsteller
-aus<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span> mancherlei Gründen gern, &mdash; Carlyle wegen seiner Rauheit und
-seiner Verhöhnung alles falschen Wesens, Wordsworth, der die Einheit
-von Mensch und Natur lehrt; ich finde einen hohen Genuß an den
-Seltsamkeiten und Abenteuerlichkeiten Hoods, an Herricks Zierlichkeit
-und dem Duft von Rosen und Lilien, den seine Verse ausströmen; ich
-liebe Whittier wegen seiner Begeisterung und sittlichen Geradheit.
-Ich kenne ihn persönlich, und die Erinnerung an unsere Freundschaft
-verdoppelt den Genuß, den ich beim Lesen seiner Gedichte empfinde.
-Ich liebe Mark Twain &mdash; wer tut dies nicht? Auch die Götter haben ihn
-geliebt und in sein Herz alle Keime der Weisheit gepflanzt, auch aus
-Furcht, er könne Pessimist werden, über seinen Geist den Regenbogen
-der Liebe und des Glaubens gespannt. Ich liebe Scott wegen seiner
-Frische, und seiner stürmisch sich Bahn brechenden Rechtlichkeit. Ich
-liebe alle Schriftsteller, deren Empfindungen wie bei Lowell in dem
-Sonnenschein des Optimismus emporquellen, Jungbrunnen der Freude und
-des guten Willens, die gelegentlich auch einen Zornesspritzer von sich
-geben und eine erquickende Atmosphäre von Liebe und Erbarmen um sich
-her verbreiten.</p>
-
-<p>Mit einem Worte, die Literatur ist mein Utopien. Hier bin ich von
-keinem Rechte ausgeschlossen. Keine Sinnesschranke schließt mich von
-dem wohltuenden, genußreichen Verkehr mit meinen Lieblingsbüchern aus;
-sie sprechen frei und unbehindert zu mir. Alle Schulweisheit erscheint
-mir lächerlich gering gegenüber der „weltumspannenden Liebe und
-himmlischen Barmherzigkeit“, die sich in ihnen ausspricht.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_10_10" id="Fussnote_10_10"></a><a href="#FNAnker_10_10"><span class="label">[10]</span></a>
-Vergl. <a href="#Fauntleroy_III">S. 67</a>, <a href="#Fauntleroy_II">154</a>.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_11_11" id="Fussnote_11_11"></a><a href="#FNAnker_11_11"><span class="label">[11]</span></a> Im Original sind die Goetheschen Verse in einer, nebenbei
-bemerkt mittelmäßigen, englischen Uebersetzung wiedergegeben und lauten
-hier:</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">“All things transitory</div>
- <div class="verse">But as symbols are sent.</div>
- <div class="verse">Earth’s insufficiency</div>
- <div class="verse">Here grows to event.</div>
- <div class="verse">The indescribable</div>
- <div class="verse">Here it is done.</div>
- <div class="verse">The Woman-Soul leadeth us</div>
- <div class="verse">Upward and on!”</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span></p>
-
-<h3 class="padtop2" id="Zweiundzwanzigstes_Kapitel">Zweiundzwanzigstes Kapitel.</h3>
-
-</div>
-
-<p class="s5 center mbot2">Liebe zur Natur. &mdash; Körperliche Uebungen. &mdash; Rudern. &mdash; Segeln.
-&mdash; Halifax. &mdash; Regatta. &mdash; Sturm. &mdash; Aufenthalt in Wrentham. &mdash;
-Weltbegebenheiten. &mdash; Krieg mit Spanien. &mdash; Soziale Kämpfe. &mdash;
-Unterschied zwischen Stadt und Land. &mdash; Soziales Mitgefühl. &mdash;
-Spaziergänge. &mdash; Radfahren. &mdash; Liebe zu Hunden. &mdash; Dame- und
-Schachspiel. &mdash; Liebe zu Kindern. &mdash; Museen und Kunstsammlungen. &mdash;
-Theaterbesuch. &mdash; Zeitweiliges Gefühl der Vereinsamung.</p>
-
-<p>Ich hoffe, meine Leser werden aus dem vorhergehenden Kapitel, das
-sich mit meiner Lektüre beschäftigt, nicht etwa die Folgerung ziehen,
-daß Bücher meine einzige Unterhaltung bilden; meine Unterhaltung und
-Erholung sind sehr mannigfaltiger Art.</p>
-
-<p>Mehr als einmal habe ich in dem Verlauf meiner Selbstbiographie meine
-Liebe zur Natur und zu körperlichen Uebungen im Freien erwähnt. Schon
-als ich ein ganz kleines Mädchen war, lernte ich rudern und schwimmen,
-und wenn ich mich im Sommer in Wrentham in Massachusetts aufhalte, so
-verbringe ich den größten Teil meiner Zeit im Boote. Nichts gewährt
-mir größeres Vergnügen, als meine Freunde, die mich besuchen, auf
-den Fluß hinauszurudern. Selbstverständlich kann ich das Boot nicht
-gut allein leiten. In der Regel sitzt jemand am Steuer und lenkt es,
-während ich rudere. Bisweilen rudere ich jedoch auch ohne Steuer. Es
-ist ganz amüsant, an den Wasserrosen und Wasserlilien oder an den
-Büschen, die das Ufer umsäumen, entlangzufahren. Ich benutze Ruder mit
-Lederstrippen, durch die sie in ihrer Lage in den Dollen festgehalten
-werden, und merke an dem Widerstande des Wassers, wann sich die
-Ruder im Gleichgewichte befinden. In derselben Weise kann ich auch
-erkennen, wann ich gegen den Strom rudere. Ich liebe den Kampf mit
-Wind und Wellen. Was wirkt er<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span>frischender auf unser Gemüt, als wenn
-unser kleines festes Boot, unserem Willen und unserer Muskelkraft
-gehorchend, leicht über die glitzernden, auf und nieder tanzenden
-Wellen dahinschießt und wir das beständige, unwiderstehliche Anbranden
-des Wassers spüren!</p>
-
-<p>Ebenso liebe ich das Canoefahren, und ich glaube, der Leser wird
-lächeln, wenn ich erkläre, daß ich es namentlich in mondhellen Nächten
-liebe. Zwar kann ich den Mond nicht hinter den Fichten am Himmel
-emporsteigen und leise an der klaren Wölbung dahingleiten sehen und
-auch nicht den leuchtenden Pfad, den sein Licht in dem Wasser bildet;
-aber ich weiß es, Frau Luna ist da, und wenn ich auf meine Kissen
-zurückgelehnt liege und meine Hand ins Wasser halte, so stelle ich
-mir vor, sie berühre mich im Vorüberschreiten mit dem Saum ihres
-Gewandes. Bisweilen schlüpft mir ein kühnes Fischlein zwischen den
-Fingern hindurch, und oft streift eine Wasserlilie leise meine Hand.
-Häufig werde ich mir der Weite des mich umgebenden Luftraumes bewußt,
-wenn wir unter der Wölbung überhängender Büsche herauskommen. Eine
-leuchtende Wärme scheint mich dann zu umfluten. Ob dies von den Bäumen
-herrührt, die von der Sonne erwärmt wurden, oder vom Wasser, kann ich
-nicht sagen. Ich habe es an kalten, stürmischen Tagen und in der Nacht
-gespürt. Es ist wie der Kuß von warmen Lippen auf mein Gesicht.</p>
-
-<p>Mein Lieblingsvergnügen ist das Segeln. Im Sommer 1901 besuchte ich
-Neuschottland und hatte dort mehrmals Gelegenheit, den Ozean kennen zu
-lernen, wie ich sie noch nie zuvor gehabt hatte. Nachdem ich einige
-Tage in der Heimat Evangelines zugebracht hatte, um die Longfellows
-schönes Gedicht einen berückenden Zauber gewoben hat, gingen Fräulein
-Sullivan und ich nach Halifax, wo wir den größten Teil des Sommers
-über blieben. Der Hafen war unsere Freude, unser Paradies!<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span> Was für
-herrliche Segelfahrten unternahmen wir nach Bedford Basin, Mc. Nabbs
-Island, York Redoubt und nach dem Northwest Arm! Und nachts, was
-verbrachten wir da für erquickende, wunderbare Stunden zwischen den
-großen Kriegsschiffen! O, es war alles so interessant, so schön! Die
-Erinnerung daran ist mir eine Freude für immer.</p>
-
-<p>Eines Tages erlebten wir ein schreckliches Abenteuer. Es fand eine
-Regatta im Northwest Arm statt, an der die Boote der verschiedenen
-Kriegsschiffe teilnahmen. Wir fuhren mit vielen anderen in einem
-Segelboot hin, um uns die Wettfahrten mit anzusehen. Hunderte von
-kleinen Segelbooten schaukelten auf und nieder, und die See war
-still. Als die Wettfahrten vorüber waren und wir uns auf den Heimweg
-machten, entdeckte jemand von der Gesellschaft eine schwarze Wolke,
-die sich von der See aus näherte und immer größer und dichter wurde,
-bis sie den ganzen Himmel bedeckte. Der Wind erhob sich, und die Wogen
-brandeten zornig gegen unsichtbare Schranken an. Unser kleines Boot
-nahm furchtlos den Kampf auf; mit gespannten Segeln und straffen Tauen
-schoß es pfeilschnell vor dem Winde dahin. Jetzt verschwand es in
-den Wirbeln, jetzt tanzte es auf dem Kamme einer riesigen Woge, aber
-nur, um im nächsten Augenblicke unter furchtbarem Brausen und Zischen
-wieder in die Tiefe zu schießen. Das Hauptsegel wurde heruntergerissen.
-Wendend und beidrehend kämpften wir gegen den Wind an, der uns mit
-fürchterlichem Ungestüm von einer Seite zur anderen warf. Unsere
-Herzen pochten rascher, und unsere Hände bebten vor Aufregung, nicht
-vor Furcht; denn wir besaßen die Herzen von Wikingern und wußten, daß
-unser Steuermann Herr der Situation blieb. Er war durch manchen Sturm
-mit sicherer Hand und seekundigem Auge gesegelt. Als wir an der großen
-Barke und den im Hafen liegenden Kanonenbooten vorüberkamen, wurden wir
-stürmisch begrüßt, und die<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span> Matrosen brachten dem Lenker des einzigen
-kleinen Bootes, das sich in den Sturm hinausgewagt hatte, ein »Hipp,
-hipp, Hurra« aus. Endlich erreichten wir frierend, hungrig und müde die
-Landungsbrücke.</p>
-
-<p>Den vergangenen Sommer brachte ich in einem der anmutigsten Winkel
-der Erde, einer der reizendsten Städte Neuenglands zu. Wrentham
-in Massachusetts steht beinah zu all meinen Freuden und Leiden in
-Beziehung. Viele Jahre lang war Red Farm, in der Nähe von King Philips
-Pond, das Besitztum von Herrn I. E. Chamberlin und seiner Familie,
-meine Heimat. Ich gedenke mit der tiefsten Dankbarkeit der Güte dieser
-meiner lieben Freunde und der glücklichen Tage, die ich bei ihnen
-verlebt habe. Die liebenswürdige Gesellschaft ihrer Kinder war mir
-unendlich wert. Ich nahm an allen ihren Spielen, ihren Spaziergängen
-durch die Wälder und ihren Lustfahrten auf dem Wasser teil. Das
-Geplauder der Kleinen und ihr Wohlgefallen an den Geschichten, die
-ich ihnen von Elfen und Gnomen, von dem Helden und dem schlauen Bär
-erzählte, sind angenehme Erinnerungen für mich. Herr Chamberlin weihte
-mich in die Geheimnisse der Bäume und der wild wachsenden Blumen ein,
-bis ich mit dem leisen Ohr der Liebe das Emporsteigen des Saftes in der
-Eiche vernahm und die Sonnenstrahlen von Blatt zu Blatt huschen sah.</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Gleichwie die Wurzeln in der dunklen Tiefe</div>
- <div class="verse">Doch Anteil nehmen an des Wipfels Freuden,</div>
- <div class="verse">Den Sonnenschein, die milde Luft empfanden</div>
- <div class="verse">Vermöge der Alliebe der Natur &mdash;,</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">so besitze ich auch eine Anschauung von Dingen, die ich nicht sehen
-kann.</p>
-
-<p>Es scheint mir, als liege in jedem von uns die Fähigkeit, die Eindrücke
-und Empfindungen zu verstehen, die das Men<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span>schengeschlecht von Anfang
-an gehabt hat. Jedes Individuum besitzt eine unter der Schwelle
-des Bewußtseins verborgene Erinnerung an die grünende Erde und die
-murmelnden Gewässer, und weder Blindheit noch Taubheit kann es dieser
-von vergangenen Generationen her überkommenen Gabe berauben. Diese
-ererbte Fähigkeit ist eine Art sechsten Sinnes &mdash; ein Seelensinn, der
-zugleich sieht, hört, fühlt.</p>
-
-<p>Ich habe viele Freunde unter den Bäumen in Wrentham. Einer von ihnen,
-eine herrliche Eiche, ist der besondere Stolz meines Herzens. Ich
-bringe alle meine übrigen Freunde zu dieser Königin des Waldes hin. Sie
-steht auf einer Anhöhe bei King Philips Pond, und diejenigen, die in
-der Baumkunde bewandert sind, behaupten, sie habe hier achthundert bis
-tausend Jahre gestanden. Nach einer Ueberlieferung warf unter diesem
-Baume König Philipp, der heldenhafte Indianerhäuptling, seinen letzten
-Blick auf Himmel und Erde.</p>
-
-<p>Ich hatte auch noch eine andere Baumfreundin, liebenswürdig und nicht
-so unnahbar wie die große Eiche &mdash; eine Linde, die an dem Hoftore
-von Red Farm wuchs. Eines Nachmittages, während eines furchtbaren
-Gewitters, spürte ich einen heftigen Krach gegen die Wand des Hauses
-und wußte, noch ehe es mir jemand sagte, daß die Linde gefallen sei.
-Wir gingen hinaus, um uns den Heldenbaum anzusehen, der sovielen
-Stürmen widerstanden hatte, und mein Herz blutete, als ich ihn, der
-so machtvoll gestritten hatte und jetzt so machtvoll gefallen war, am
-Boden hingestreckt erblickte.</p>
-
-<p>Ich darf jedoch nicht vergessen, daß ich von meinen Erlebnissen im
-letzten Sommer erzählen will. Sobald meine Examina vorüber waren,
-eilten Fräulein Sullivan und ich nach diesem grünen Winkel, wo wir
-ein kleines Landhaus an einem von den drei Seen besitzen, wegen deren
-Wrentham berühmt ist. Hier gehörten die langen, sonnigen Tage mir, und<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span>
-jeder Gedanke an Arbeit, College und die lärmende Stadt wurde in den
-Hintergrund gedrängt. In Wrentham vernahmen wir ein Echo von dem, was
-in der Welt vorging &mdash; Krieg, Bündnis, sozialer Kampf. Wir hörten von
-den blutigen, unnötigen Seeschlachten in dem weitabgelegenen Stillen
-Ozean und erfuhren von den Kämpfen zwischen Kapital und Arbeit. Wir
-wußten, daß jenseits der Grenzen unseres Edens die Menschen im Schweiße
-ihres Angesichts Geschichte machten, während sie doch besser getan
-hätten, sich einen Feiertag zu gönnen. Aber wir kümmerten uns wenig um
-diese Dinge. Sie würden vorübergehen; hier lagen Seen und Wälder, weite
-mit Tausendschönchen übersäte Felder und süß duftende Wiesen, und diese
-werden in aller Zukunft fortbestehen.</p>
-
-<p>Leute, die der Meinung sind, daß uns alle sinnlichen Eindrücke durch
-Auge und Ohr zugehen, haben sich gewundert, daß ich, vielleicht
-abgesehen von dem Fehlen des Pflasters, einen Unterschied zwischen den
-Straßen der Stadt und den Wegen auf dem Lande bemerke. Sie vergessen,
-daß mein ganzer Körper auf die mich umgebenden Verhältnisse reagiert.
-Das Getöse und der Lärm der Stadt peitscht meine Gesichtsnerven;
-ich fühle das rastlose Auf- und Niederwogen einer ungesehenen
-Menschenmenge, und das mißtönende Treiben macht einen peinlichen
-Eindruck auf mich. Das Rollen der schweren Wagen auf dem harten
-Pflaster und das eintönige Klappern der Maschinen sind um so marternder
-für die Nerven, wenn jemandes Aufmerksamkeit nicht durch die bunten,
-wechselnden Bilder abgelenkt wird, die sich sehenden Menschen in den
-geräuschvollen Straßen auf Schritt und Tritt darbieten.</p>
-
-<p>Auf dem Lande dagegen erblickt man nur die Schönheiten der Natur,
-und die Seele wird nicht traurig gestimmt durch den erbarmungslosen
-Kampf um das bloße Dasein, der in der dichtbevölkerten Stadt wütet. Zu
-verschiedenenmalen habe<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> ich die engen, schmutzigen Straßen besucht,
-in denen die armen Leute wohnen, und heißer Zorn und Entrüstung
-steigen in mir auf bei dem Gedanken, daß gute Menschen es über sich
-gewinnen können, in prächtigen Häusern zu wohnen und gesund und
-stark zu sein, während andere dazu verurteilt sind, in häßlichen,
-sonnenlosen Behausungen zu weilen und in Armseligkeit zu verkümmern.
-Die Kinder, die sich auf diesen schmutzigen Straßen halbnackt und
-abgemagert umhertreiben, schrecken vor jeder ausgestreckten Hand
-zurück, als sollten sie einen Schlag bekommen. Ich kann die Erinnerung
-an die lieben kleinen Geschöpfe nicht loswerden, und empfinde einen
-fortwährenden nagenden Schmerz dabei. Auch Männer und Frauen gibt
-es, die alle an Körper und Geist verkrüppelt und zurückgeblieben
-sind. Ich habe ihre harten, rauhen Hände in den meinigen gehalten und
-begriffen, was für ein endloses Ringen ihr Leben sein muß &mdash; nichts
-weiter als eine Kette nutzloser Versuche, emporzukommen. Ihr Dasein
-scheint ein ungeheures Mißverhältnis zwischen Anstrengung und Erfolg
-zu sein. Sonne und Luft sind Gottes freies Geschenk an jedermann; sind
-sie dies aber in der Tat? In die schmutzigen Straßen der Stadt drüben
-dringt kein Sonnenstrahl, und die Luft ist verdorben. O Mensch, wie
-kannst du deinen Bruder vergessen, ihm hindernd in den Weg treten und
-dabei beten: „Unser täglich Brot gib uns heute“, wenn er keins hat. O
-wollten doch jene Menschen die Stadt, deren Glanz und geräuschvolles
-Treiben, ihr Gold verlassen und zu Wald und Feld, zu einer schlichten,
-ehrenhaften Lebensweise zurückkehren! Dann würden ihre Kinder kräftig
-wie edle Bäume werden und ihre Gedanken friedlich und lauter wie die
-Blumen am Wegesrain. Es ist mir unmöglich, diese Gedanken zu verbannen,
-wenn ich nach einem arbeitsreichen Jahre in der Stadt auf das Land
-zurückkehre.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span></p>
-
-<p>Was für eine Freude ist es für mich, den weichen, elastischen Boden
-wieder unter meinen Füßen zu fühlen, auf grasbewachsenen Wegen zu
-Bächen zu wandern, deren Ufer mit Farnkraut bedeckt sind und in deren
-sich kräuselnden Wellen ich meine Hände kühlen kann, oder über ein
-Steinmäuerchen zu klettern und mich auf grünen Wiesen in ausgelassener
-Fröhlichkeit umherzutummeln, mich auf dem Boden zu wälzen und die
-Abhänge emporzuklimmen.</p>
-
-<p>Nächst einem behaglichen Spaziergange kommt als ein Hauptvergnügen für
-mich ein Ausflug auf meinem Tandem in Betracht. Es ist ein herrliches
-Gefühl, wenn mir der Wind ins Gesicht weht und ich die elastische
-Bewegung meines Stahlrosses empfinde. Das rasche Durchschneiden der
-Luft gewährt mir ein köstliches Gefühl der Kraft und des Schwunges, und
-bei der Anstrengung hüpfen meine Pulse und jubelt mein Herz.</p>
-
-<p>Wenn irgend möglich, begleitet mich mein Hund auf meinen Ausflügen zu
-Fuß, Rad, Pferd oder Boot. Ich habe viele Freunde unter den Hunden
-gehabt &mdash; riesige Bullenbeißer, sanfte Wachtelhündchen, Jagdhunde und
-ehrbare, zutrauliche Bull Terriers. Augenblicklich besitzt einer von
-diesen letzteren die ganze Zuneigung meines Herzens. Er hat einen
-langen Stammbaum, ein geringeltes Schwänzchen und das drolligste
-Gesicht von der Welt. Meine Hundefreunde scheinen Kenntnis von meinen
-Gebrechen zu haben und halten sich stets dicht an meiner Seite, wenn
-ich allein bin. Ich liebe ihre Zärtlichkeiten und das beredte Wedeln
-ihres Schweifes.</p>
-
-<p>Hält mich ein regnerischer Tag im Zimmer gefangen, so vertreibe ich
-mir die Zeit wie andere Mädchen. Ich stricke und häkele gern; ich lese
-aufs Geratewohl, wie ich es liebe, hier eine Zeile und dort eine oder
-spiele vielleicht mit einem Freunde eine oder zwei Partien Dame oder
-Schach. Ich habe ein besonderes Brett, auf dem ich diese Spiele spiele.
-Die Felder sind<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span> vertieft, sodaß die Figuren in ihnen feststehen. Die
-schwarzen Damensteine sind flach und die weißen oben gewölbt. Jeder
-Stein hat in der Mitte eine Vertiefung, in der ein Metallknopf zur
-Unterscheidung der Dame von den übrigen Steinen befestigt werden kann.
-Die Schachfiguren sind von zweierlei Größe, die weißen größer als die
-schwarzen, sodaß ich keine Mühe habe, die Operationen meines Gegners zu
-verfolgen, indem ich nach jedem Zuge meine Hände leicht über das Brett
-gleiten lasse. Das bei dem Bewegen der Figuren von einem Felde zum
-anderen entstehende Geräusch zeigt mir an, wann die Reihe an mir ist.</p>
-
-<p>Bin ich zufällig ganz allein und in schlechter Laune, so lege ich
-mir eine Patience &mdash; ein Spiel, das ich sehr liebe. Ich benutze dazu
-Spielkarten, die rechts oben mit Braillezeichen versehen sind, die den
-Wert der Karte angeben.</p>
-
-<p>Sind Kinder in meiner Nähe, so weiß ich kein größeres Vergnügen, als
-mit ihnen herumzutollen. Selbst das kleinste Kind gibt für mich einen
-ausgezeichneten Gesellschafter ab, und ich freue mich, sagen zu können,
-daß die Kinder mich in der Regel gern haben. Sie führen mich herum
-und zeigen mir die Dinge, die für sie von Interesse sind. Natürlich
-können die Kleinen noch nicht mit ihren Fingern buchstabieren, aber
-ich versuche, ihnen die Worte von den Lippen abzulesen. Wenn es mir
-nicht gelingt, so nehmen sie ihre Zuflucht zu Gestikulationen. Mitunter
-mißverstehe ich sie und tue etwas Verkehrtes. Dann brechen sie über
-mein Versehen in kindliches Gelächter aus, und die Pantomime beginnt
-von neuem. Ich erzähle ihnen oft Geschichten oder lehre sie ein Spiel,
-und die Stunden enteilen uns im Fluge und hinterlassen uns frohe und
-heitere Erinnerungen.</p>
-
-<p>Auch Museen und Kunstsammlungen sind für mich eine Quelle des Genusses
-und der Begeisterung. Ohne Zweifel wird es manchem seltsam erscheinen,
-daß die Hand ohne Unter<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span>stützung durch das Gesicht in dem kalten Marmor
-Handlung, Empfindung, Schönheit soll wahrnehmen können; und doch habe
-ich in der Tat hohen Genuß bei der Berührung großer Kunstwerke. Wenn
-meine Fingerspitzen die Linien und die schwellenden Formen verfolgen,
-so finden die die Idee und die Empfindung heraus, die der Künstler
-dargestellt hat. Ich kann in den Zügen der Götter und Heroen Haß, Mut
-und Liebe wahrnehmen, genau so, wie ich diese Gemütsbewegungen bei
-lebenden Personen erkennen kann, wenn ich deren Gesicht berühren darf.
-Ich fühle aus der Haltung der Diana die Anmut, die Waldesfreiheit
-und den Geist heraus, der den Berglöwen zähmt und die wildesten
-Leidenschaften unterjocht. Meine Seele ergötzt sich an der Ruhe und den
-anmutigen Wellenlinien einer Venus, und in Barrés Bronzen enthüllen
-sich mir die Geheimnisse des Dschungels.</p>
-
-<p>Ein Medaillon Homers hängt in meinem Studierzimmer an der Wand, in
-passender Höhe, sodaß ich es leicht erreichen und mit liebender
-Verehrung das schöne, traurige Antlitz berühren kann. Wie gut ich jede
-Linie auf dieser hoheitsvollen Stirn kenne &mdash; Furchen, die das Leben
-und die bitteren Erfahrungen des Kampfes und des Schmerzes gezogen
-haben, diese blinden Augen, die selbst in dem toten Gips das Licht und
-den blauen Himmel seines geliebten Hellas suchen und vergebens suchen,
-diesen schönen festen, aufrichtigen, liebevollen Mund! Es ist das
-Antlitz eines Dichters und eines Mannes, der mit dem Schmerz vertraut
-ist. Ach, wie gut ich dieses Gebrechen verstehe, das ewige Dunkel, in
-dem er weilte&nbsp;&mdash;</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">O Nacht, Nacht, Nacht beim hellen Glanz des Mittags.</div>
- <div class="verse">O Nacht, unwiderruflich, Finsternis</div>
- <div class="verse">Jedweder Hoffnung bar, den Tag zu schau’n!</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>In meiner Phantasie kann ich hören, wie Homer singend sich mit
-unsicheren, langsamen Schritten seinen Weg von Lager zu<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span> Lager tastet
-&mdash; singend von Leben, von Liebe, von Krieg, von den Heldentaten eines
-edlen Volkes. Es war ein wunderbares, herrliches Lied, das dem blinden
-Dichter unsterblichen Ruhm, die Bewunderung aller Zeiten eintrug.</p>
-
-<p>Ich bin mitunter im Zweifel, ob die Hand nicht empfänglicher für die
-Schönheiten der Plastik ist als das Auge. Ich sollte meinen, der
-wunderbare rhythmische Fluß der Linien ließe sich besser fühlen als
-sehen. Wie dem aber auch sei, ich weiß, daß ich den Herzschlag der
-alten Griechen in ihren marmornen Göttern und Göttinnen fühlen kann.</p>
-
-<p>Eine fernere Unterhaltung, zu der sich freilich seltener die
-Gelegenheit bietet als zu den übrigen, ist der Theaterbesuch. Ich
-habe viel mehr Genuß von der Beschreibung eines Stückes während der
-Bühnenaufführung als von seiner Lektüre, weil ich mich dabei in
-die Mitte der dargestellten aufregenden Ereignisse selbst versetzt
-glaube. Ich habe das Glück gehabt, ein paar große Schauspieler und
-Schauspielerinnen kennen zu lernen, die die Macht besaßen, die Zuhörer
-so in ihrem Bann zu halten, daß diese darüber Zeit und Raum vergaßen
-und in der romantischen Vergangenheit lebten. Ich habe Gesicht und
-Kostüm von Fräulein Ellen Terry berühren dürfen, während sie das
-Ideal einer Königin verkörperte, und ihr ganzes Wesen atmete eine
-Erhabenheit, die auch das herbste Weh verklärt. Neben ihr stand Sir
-Henry Irving, angetan mit den Insignien der Königswürde, und in jeder
-Gebärde, in seiner ganzen Haltung lag eine Geisteshoheit, in jedem Zuge
-seines ausdrucksvollen Gesichtes sprach sich ein Herrscherbewußtsein
-aus, das überwältigend wirkte. In dem Königsantlitz, das er als Maske
-trug, lagen eine Vornehmheit und ein Erhabensein über den Schmerz, die
-ich nie vergessen werde.</p>
-
-<p>Auch Herrn Jefferson kenne ich. Ich bin stolz darauf, ihn zu meinen
-Freunden zählen zu dürfen. Ich besuche das Theater<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span> stets, wenn ich
-mich an dem Orte befinde, wo er auftritt. Zum erstenmal sah ich ihn
-spielen, als ich in New York in die Schule ging. Er trat als Rip van
-Winkle auf. Ich hatte oft die Erzählung gelesen, aber niemals war
-mir der Reiz von Rips sanfter, kluger, gütiger Handlungsweise so zum
-Bewußtsein gekommen, wie in dem Stücke. Herrn Jeffersons schöne,
-ergreifende Darstellung riß mich vor Entzücken hin. Ich habe ein Bild
-des alten Rip in meinen Fingern, das sich denselben unauslöschlich
-eingeprägt hat. Nach der Vorstellung führte mich Fräulein Sullivan zu
-ihm hinter die Kulissen, und ich betastete hier sein seltsames Gewand,
-sein wallendes Haar, seinen Bart. Herr Jefferson ließ mich sein Gesicht
-berühren, sodaß ich mir eine Vorstellung von seinem Aussehen machen
-konnte, als er von jenem seltsamen zwanzigjährigen Schlafe erwachte,
-und er zeigte mir, wie der arme alte Rip auf seinen Füßen hin- und
-herschwankte.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="img_p132" name="img_p132">
- <img class="mtop1" src="images/img_p132.jpg" alt="" /></a>
- <p class="caption mbot1">Helen Keller, Frl. Sullivan und Schauspieler
- Jefferson</p>
-</div>
-
-<p>Auch in den »Rivals« habe ich ihn gesehen. Einst spielte er mir, als
-ich ihm in Boston, wo er auftrat, einen Besuch machte, die packendsten
-Szenen der »Rivals« vor. Das Empfangszimmer, in dem wir saßen, diente
-als Bühne. Er und sein Sohn setzten sich an den großen Tisch, und
-Bob Acres schrieb seine Herausforderung. Ich verfolgte alle seine
-Bewegungen mit den Händen und erhielt einen Eindruck von der Komik
-seiner seltsamen Gebärden, den ich nie erhalten hätte, wenn mir alles
-nur in die Hand buchstabiert worden wäre. Dann erhoben sich beide,
-um das Duell auszufechten, und ich folgte den schnellen Stößen, dem
-Parieren der Degen und dem Zittern des armen Bob, als ihm allmählich
-der Mut entsank. Dann gab sich der große Schauspieler einen Ruck und
-zog seine Mundwinkel herunter &mdash; und im Nu befand ich mich in dem Dorfe
-Falling Water und fühlte Schneiders rauhes Haupt an meinem Knie. Herr
-Jefferson<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span> rezitierte die schönsten Szenen aus »Rip van Winkle«, in
-denen die Träne dem Lächeln dicht auf dem Fuße folgt. Er bat mich, ihm,
-soweit es mir möglich sei, die Gestikulationen und das Spiel anzugeben,
-die ich zu beobachten wünschte. Natürlich habe ich keine Ahnung von
-dramatischem Spiel, und ich konnte nur aufs Geratewohl Andeutungen
-machen; aber mit meisterhafter Kunst paßte er das Spiel den Worten an.
-Rips Seufzer, als er murmelt: „Wird denn ein Mann so rasch vergessen,
-wenn er fort ist?“, die Verdutztheit, mit der er Hund und Gewehr nach
-seinem langen Schlafe sucht, und seine komische Unentschlossenheit
-betreffs der Unterzeichnung des Vertrages mit Derrick &mdash; all dies
-schien aus dem Leben selbst gegriffen zu sein, das heißt, aus dem
-idealen Leben, in dem sich die Ereignisse nach unseren Wünschen richten.</p>
-
-<p>Ich erinnere mich meines ersten Theaterbesuches noch sehr gut. Es war
-vor zwölf Jahren. Die kleine Schauspielerin Elsie Leslie war in Boston,
-und Fräulein Sullivan nahm mich zur Aufführung von »<span class="antiqua">The Prince and
-the Pauper</span>« mit. Nie werde ich den Wechsel von Heiterkeit und
-Trauer vergessen, der in dem hübschen kleinen Stück herrschte, oder das
-wunderbare Kind, das in ihm auftrat. Nach Beendigung der Vorstellung
-durfte ich hinter die Kulissen gehen und sie in ihrem Königsgewande
-betasten. Es würde schwer gewesen sein, ein lieblicheres oder
-liebenswürdigeres Kind zu finden als Elsie, wie sie mit ihren auf die
-Schultern herabfallenden goldenen Locken dastand, mit einem strahlenden
-Lächeln um den Mund, ohne die geringste Spur von Befangenheit oder
-Ermüdung, trotzdem sie vor einer zahllosen Zuschauermenge gespielt
-hatte. Ich lernte damals eben sprechen und hatte mir vorher ihren
-Namen so oft wiederholt, bis ich ihn ganz deutlich aussprechen konnte.
-Man kann sich mein Entzücken denken, als sie die wenigen Worte, die
-ich zu ihr sprach, verstand<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span> und mir sofort die Hand zur Begrüßung
-entgegenstreckte.</p>
-
-<p>Ist es nun nicht wahr, daß mein Leben mit all seinen Beschränkungen in
-vielen Punkten dem Leben der großen Welt gleicht? Alles besitzt sein
-Wunderbares, selbst Dunkelheit und Stille, und ich lerne mich unter
-allen Umständen mit meiner Lage bescheiden.</p>
-
-<p>Manchmal allerdings befällt mich ein Gefühl der Vereinsamung wie ein
-kalter Nebel, wenn ich allein bin und vor dem geschlossenen Tore des
-Lebens wartend sitze. Da drinnen ist Licht und Musik und heitere
-Geselligkeit; aber mir ist der Eintritt verwehrt. Das Schicksal
-versperrt mir schweigend, erbarmungslos den Weg. Gern würde ich wegen
-seines unabwendbaren Beschlusses mit ihm hadern, denn mein Herz ist
-noch ungebärdig und leidenschaftlich; aber meine Zunge will die
-bitteren, nutzlosen Worte, die sich auf meine Lippen drängen, nicht
-aussprechen, und sie sinken in mein Herz zurück wie unvergossene
-Tränen. Unermeßliches Schweigen lagert über meiner Seele. Dann naht
-sich die Hoffnung mit einem Lächeln und flüstert mir zu: „Auch im
-Selbstvergessen liegt Genuß.“ Und so versuche ich das Licht in anderer
-Augen zu meiner Sonne, die Musik in anderer Ohren zu meiner Symphonie,
-das Lächeln auf anderer Lippen zu meinem Glücke zu machen.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3 class="padtop2" id="Dreiundzwanzigstes_Kapitel">Dreiundzwanzigstes Kapitel.</h3>
-
-</div>
-
-<p class="s5 center mbot2">Beglückendes Gefühl der Freundschaft. &mdash; Bischof Brooks. &mdash; Kein
-Verlangen nach dem Jenseits. &mdash; Henry Drummond. &mdash; <span class="antiqua">Dr.</span>
-Oliver Wendell Holmes. &mdash; Whittier. &mdash; <span class="antiqua">Dr.</span> Edward Everett
-Hale. &mdash; <span class="antiqua">Dr.</span> Alexander Graham Bell.&mdash; Charles Dudley Warner.
-&mdash; Mark Twain u.&nbsp;a. &mdash; Schlußwort.</p>
-
-<p>Ich wollte, ich könnte in dieser Skizze die Namen aller derer
-aufführen, die zur Erhöhung meines Glückes beigetragen haben! Teils
-würde man sie in den Annalen unserer<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span> Literatur aufgezeichnet finden,
-vielen Herzen teuer, während andere den meisten meiner Leser völlig
-unbekannt sein dürften. Aber der Einfluß ihrer Persönlichkeit wird,
-obgleich nichts von ihm verlautet, in dem Dasein derer, die durch ihn
-gebildet und veredelt worden sind, eine unvergängliche Rolle spielen.
-Das sind Festtage in unserem Leben, wenn wir Menschen begegnen, die
-auf uns wirken wie ein schönes Gedicht, Menschen, deren Handschlag
-voller unausgesprochener Sympathie ist und deren milde, reiche Naturen
-unserem ungestümen, ungeduldigen Gemüte eine wunderbare Ruhe mitteilen,
-die im innersten Kerne ihres Wesens göttlichen Ursprunges ist. Die
-Rastlosigkeit, die Erbitterung, die Qual, die uns verfolgt haben,
-verschwinden wie böse Träume, und wir erwachen, um die Schönheit und
-Harmonie von Gottes wirklicher Welt mit neuen Augen zu erblicken und
-mit neuen Ohren zu vernehmen. Die leeren Förmlichkeiten, die unser
-Alltagsleben ausfüllen, gewinnen plötzlich eine höhere, tiefere
-Bedeutung. Mit einem Worte, in der Nähe solcher Freunde fühlen wir,
-daß alles gut ist. Vielleicht haben wir sie nie zuvor gesehen, und
-vielleicht werden sich unsere Lebenspfade nie wieder kreuzen, aber
-der Einfluß ihrer ruhigen, milden Naturen wirkt wie ein kühlendes Bad
-auf unsere Unzufriedenheit, und wir spüren die von ihm ausgehende
-heilkräftige Erquickung, wie der Ozean die Bergströme spürt, die seine
-Fluten erfrischen.</p>
-
-<p>Ich bin oft gefragt worden: „Werden Sie von den Leuten nicht
-belästigt?“ Ich verstehe nicht ganz, was dies heißen soll. Ich glaube,
-die Besuche beschränkter und neugieriger Menschen, namentlich die der
-Zeitungsberichterstatter, sind stets unbequem. Auch liebe ich Leute
-nicht, die sich im Gespräch zu meinem Standpunkt herabzulassen bemühen.
-Sie gleichen denen, die, wenn sie neben uns hergehen, sich bemühen,
-ihre Schritte zu verkürzen, um sie den unsrigen anzu<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span>passen; die
-Heuchelei wirkt in beiden Fällen gleich erbitternd.</p>
-
-<p>Die Hände der Menschen führen für mich eine beredte Sprache. Die
-Berührung mancher Hände ist eine Beleidigung. Ich bin Leuten
-begegnet, die so bar aller Lebensfreude waren, daß, wenn ich ihre
-eisigen Fingerspitzen berührte, es mir vorkam, als reiche ich
-einem Nordoststurm die Hand. Es gibt andere, deren Hände gleichsam
-Sonnenstrahlen an sich tragen, so daß mir ihre Berührung das Herz
-erwärmt. Es braucht nur der Druck einer Kinderhand zu sein; aber für
-mich liegt darin ebensoviel erquickender Sonnenstrahl wie für andere
-in einem Liebesblicke. Ein herzlicher Händedruck oder ein freundlicher
-Brief macht mir stets Freude.</p>
-
-<p>Ich habe viele Freunde in der Ferne, die ich nie gesehen habe. In der
-Tat sind ihrer so viele, daß ich oft außer stande bin, ihre Briefe zu
-beantworten; ich wünsche ihnen jedoch hier zu sagen, daß ich ihnen
-stets für ihre gütigen Worte dankbar bin, so unzulänglich auch die
-Anerkennung meinerseits ausfallen mag.</p>
-
-<p id="Philips_Brooks">Ich rechne es zu den angenehmsten Erinnerungen meines Lebens, viele
-bedeutende Männer kennen gelernt zu haben und mit ihnen in persönliche
-Berührung gekommen zu sein. Nur wer Bischof Brooks kennt, vermag
-zu ermessen, wie wertvoll seine Freundschaft für die ist, die sie
-besitzen. Als Kind liebte ich es, auf seinen Knien zu sitzen und
-meine kleine Hand auf seine große zu legen, während Fräulein Sullivan
-mir in die andere seine herrlichen Worte über Gott und das Jenseits
-buchstabierte. Ich hörte ihm mit kindlichem Staunen und Entzücken
-zu. Mein Geist konnte dem Fluge des seinigen nicht folgen, aber er
-lehrte mich wahren Lebensgenuß, und ich verließ ihn nie, ohne einen
-erhebenden Gedanken mit mir davonzutragen, der an Schönheit und Tiefe
-der Bedeutung zunahm, je mehr ich heranwuchs. Als ich einst über die
-große Menge der Religionen<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span> verwirrt war, sagte er zu mir: „Es gibt
-nur eine Weltreligion, Helen &mdash; die Religion der Liebe. Liebe deinen
-himmlischen Vater von ganzem Herzen und mit ganzer Seele, liebe jedes
-Kind Gottes, so innig du es nur kannst, und erinnere dich daran, daß
-das Gute eher Aussicht auf Verwirklichung besitzt als das Böse, und
-du hast den Schlüssel zum Himmelreich.“ &mdash; Und sein Leben bildete ein
-treffliches Beispiel zu dieser großen Wahrheit. In seiner edlen Seele
-standen Liebe und das umfassendste Wissen im Bunde mit dem Glauben, der
-zur Erkenntnis geworden war. Er erblickte</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Gott in allem, was erhebt, befreit und tröstet,</div>
- <div class="verse">So auch in allem, was uns niederdrückt.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Bischof Brooks lehrte mich kein besonderes Glaubensbekenntnis
-oder Dogma; allein er prägte meinem Geiste zwei große Ideen ein
-&mdash; die Eigenschaft Gottes als Vater und die der Menschen als
-Brüder &mdash; und setzte mir auseinander, daß diese Wahrheiten allen
-Glaubensbekenntnissen und Kulturformen zugrunde liegen. Gott ist die
-Liebe, Gott ist unser Vater, wir sind seine Kinder; daher werden sich
-die dunkelsten Wolken dereinst zerteilen, und obgleich das Recht mit
-Füßen getreten werden kann, so soll das Unrecht doch nicht triumphieren.</p>
-
-<p>Ich bin hier auf Erden zu glücklich, um viel an das Jenseits zu
-denken, abgesehen davon, daß ich mich erinnere, daß geliebte Freunde
-im Himmelreich meiner warten. Trotz der Reihe von Jahren scheinen sie
-mir doch so nahe zu sein, daß ich mich keinen Augenblick wundern würde,
-wenn sie meine Hand ergriffen und zärtliche Worte sprächen, wie sie
-dies vor ihrem Hinscheiden zu tun pflegten.</p>
-
-<p>Seit Bischof Brooks’ Tode habe ich die Bibel von Anfang bis zu Ende
-gelesen, ebenso einige philosophische Werke über<span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span> Religion, unter ihnen
-Swedenborgs »Himmel und Hölle« und Drummonds »<span class="antiqua">Ascent of Man</span>«;
-ich habe jedoch kein Glaubensbekenntnis oder System gefunden, das
-mich mehr befriedigt hätte als Bischof Brooks’ Religion der Liebe.
-Ich kannte Herrn Henry Drummond persönlich, und bei der Erinnerung
-an seinen kräftigen, warmen Händedruck ist es mir, als erteilte er
-mir seinen Segen. Er war der angenehmste Gesellschafter, den man sich
-denken kann. Er besaß ein so reiches Wissen und war so geistvoll, daß
-er jedermann mit sich fortriß.</p>
-
-<p id="Holmes">Ich erinnere mich noch sehr gut meines ersten Zusammentreffens mit
-<span class="antiqua">Dr.</span> Oliver Wendell Holmes. Er hatte Fräulein Sullivan und
-mich eingeladen, ihn eines Sonntagnachmittags zu besuchen. Es war zu
-Beginn des Frühjahrs, kurz, nachdem ich sprechen gelernt hatte. Wir
-wurden sofort nach der Bibliothek gewiesen, wo wir ihn in einem großen
-Armstuhl bei einem offenen Feuer, das im Kamin glühte und prasselte,
-sitzen fanden, in Erinnerungen vergangener Zeiten versunken, wie er
-sagte.</p>
-
-<p>„Und zugleich in das Rauschen des Charlesflusses“, &mdash; fügte ich hinzu.</p>
-
-<p>„Ja,“ &mdash; antwortete er, „der Charlesfluß erinnert mich an viele
-glückliche Stunden.“ &mdash; Es herrschte ein Geruch von bedrucktem Papier
-und Leder in dem Raume, der mir sagte, daß es voller Bücher sei, und
-ich streckte unwillkürlich meine Hand aus, um sie zu suchen. Ich
-ergriff eine schöne Ausgabe von Tennysons Gedichten, und als mir
-Fräulein Sullivan gesagt hatte, was es für ein Buch sei, begann ich zu
-rezitieren:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse antiqua">Break, break, break</div>
- <div class="verse antiqua">On thy cold gray stones, O sea!</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Aber ich hielt plötzlich inne. Ich fühlte Tränen auf meiner Hand.
-Ich hatte meinen geliebten Dichter zum Weinen gebracht und war ganz
-untröstlich darüber. Er nötigte mich in<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span> seinen Armstuhl und brachte
-mir verschiedene interessante Dinge zum Befühlen, und auf seine Bitte
-deklamierte ich ihm auch »<span class="antiqua">The Chambered Nautilus</span>«, das damals
-mein Lieblingsgedicht war. Später besuchte ich <span class="antiqua">Dr.</span> Holmes noch
-öfters und lernte in ihm sowohl den Menschen wie den Dichter lieben.</p>
-
-<p id="Whittier">An einem schönen Sommertage, nicht lange nach meiner ersten Begegnung
-mit <span class="antiqua">Dr.</span> Holmes, besuchten Fräulein Sullivan und ich Herrn
-Whittier in seinem stillen Heim am Merrimac. Seine Ritterlichkeit und
-seine gewählte Ausdrucksweise gewannen ihm sofort mein Herz. Er besaß
-einen Band seiner Gedichte in Hochdruck, aus dem ich »<span class="antiqua">In School
-Days</span>« las. Er war entzückt, daß ich die Worte so gut aussprechen
-konnte, und sagte, es sei ihm nicht schwer gefallen, mich zu verstehen.
-Dann richtete ich einige Fragen betreffs des Gedichtes an ihn und las
-seine Antwort ab, indem ich ihm meine Finger auf die Lippen legte. Er
-erklärte, er selbst sei der kleine Knabe in dem Gedicht, der Name des
-Mädchens sei Sally gewesen und noch mehr dergleichen, was ich aber
-vergessen habe. Ich deklamierte auch »<span class="antiqua">Laus Deo</span>«, und als ich die
-Schlußworte sprach, legte er mir die Statue eines Sklaven in die Hände,
-von dessen zusammengekrümmter Gestalt die Ketten abfielen, gerade so
-wie sie von Petrus’ Gliedern abfielen, als der Engel ihn aus dem Kerker
-herausführte. Später gingen wir in sein Studierzimmer, und hier schrieb
-er ein Autogramm<a name="FNAnker_12_12" id="FNAnker_12_12"></a><a href="#Fussnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a> für meine Lehrerin nieder und drückte ihr seine
-Bewunderung über das, was sie getan hatte, aus, indem er zu mir sagte:
-„Sie ist deine geistige Befreierin“. Dann geleitete er mich bis zur
-Gartenpforte und<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span> küßte mich zum Abschiede zärtlich auf die Stirn. Ich
-versprach ihm, ihn im folgenden Sommer wieder zu besuchen; er starb
-aber, ehe ich mein Versprechen erfüllen konnte.</p>
-
-<p id="Edward_Everett_Hale"><span class="antiqua">Dr.</span> Edward Everett Hale ist einer meiner allerältesten Freunde.
-Ich kenne ihn seit meinem achten Lebensjahre, und meine Liebe zu ihm
-hat zugenommen, je älter ich wurde. An seiner weisen, liebevollen
-Teilnahme haben Fräulein Sullivan und ich uns in den Tagen der Prüfung
-und Trübsal aufgerichtet, und seine starke Hand hat uns über manche
-steile und steinige Strecke unseres Pfades hinweggeholfen, und was er
-für uns getan hat, das hat er für tausend andere getan, die schwierige
-Aufgaben zu erfüllen haben. Er hat die alten Schläuche des Dogmas mit
-dem neuen Wein der Liebe gefüllt und den Menschen gezeigt, was es
-heißt, zu glauben, zu leben und frei zu sein. Was er gelehrt hat, das
-haben wir in seinem Leben auf das schönste ausgedrückt gefunden &mdash;
-Vaterlandsliebe, Güte dem geringsten seiner Brüder gegenüber und ein
-aufrichtiges Verlangen, sich über das irdische emporzuschwingen. Er
-ist ein Prophet und Herzenskündiger gewesen, ein mächtiger »Täter des
-Worts«, der Freund seines ganzen Geschlechtes &mdash; Gott segne ihn!</p>
-
-<p>Meine erste Begegnung mit <span class="antiqua">Dr.</span> Alexander Graham Bell habe ich
-schon erwähnt. Seitdem habe ich viele glückliche Tage mit ihm in
-Washington und auf seinem schönen Landsitz im Innern von Cape Breton
-Island verlebt, in der Nähe von Baddeck, dem durch Charles Dudley
-Warners Buch berühmt gewordenen Dorfe. Hier habe ich in <span class="antiqua">Dr.</span>
-Bells Laboratorium oder auf den Feldern am Ufer des großen Bras d’Or
-viele genußreiche Stunden zugebracht, in denen er mir von seinen
-Experimenten erzählte und ich ihm bei dem Steigenlassen von Drachen
-half, mittels deren er die Gesetze, die die Luftschiffahrt der Zukunft
-beherrschen werden, zu ergründen hofft. <span class="antiqua">Dr.</span> Bell<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span> hat bedeutende
-Leistungen auf vielen wissenschaftlichen Gebieten aufzuweisen und
-besitzt die Gabe, alles, was er in die Hand nimmt, interessant zu
-machen, selbst die verwickeltsten Fragen. Man hat bei ihm das Gefühl,
-daß, wenn man nur ein wenig mehr Zeit hätte, man auch ein Erfinder sein
-könnte. Dazu hat er eine humoristische und eine poetische Seite. Seine
-Hauptleidenschaft ist seine Liebe zu Kindern. Nie ist er so durchaus
-glücklich, als wenn er ein kleines taubstummes Kind in seinen Armen
-hält. Seine Arbeiten zum Besten der Taubstummen werden fortleben und
-noch über künftige Generationen von Kindern Segen verbreiten, und wir
-lieben ihn ebenso für das, was er selbst geleistet, wie für das, wozu
-er andere angeregt hat.</p>
-
-<p>In den zwei Jahren, die ich in New York verlebte, hatte ich oft
-Gelegenheit, mit hervorragenden Männern zu sprechen, deren Namen ich
-oft gehört, mit denen ich aber niemals zusammenzutreffen gehofft
-hatte. Zum größten Teile lernte ich diese in dem Hause meines
-lieben Freundes Herrn Laurence Hutton kennen. Es war eine große
-Vergünstigung, ihn und die liebe Frau Hutton in ihrer reizenden Villa
-besuchen zu dürfen, ihre Bibliothek zu besichtigen und die herrlichen
-Empfindungen und glänzenden Gedanken zu lesen, die begabte Freunde
-für sie niedergeschrieben hatten. Man hat mit Recht gesagt, Herr
-Hutton besitzt die Fähigkeit, aus jedem die besten Gedanken und die
-zartesten Empfindungen herauszulocken. Man braucht nicht die Erzählung
-»<span class="antiqua">A Boy I Knew</span>« zu lesen, um ihn zu verstehen &mdash; den mit dem
-reinsten, kindlichsten Gemüt begabten Mann, den treuen Freund in allen
-Lebenslagen, der sowohl das Leben der Hunde wie das seiner Mitmenschen
-liebevoll verfolgt.</p>
-
-<p>Frau Hutton ist eine aufrichtige, bewährte Freundin. Vieles, was ich
-für das Beste und Wertvollste halte, verdanke ich ihr. Oft hat sie mir
-während meines Universitätsstudiums<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span> mit Rat und Tat beigestanden. Wenn
-ich meine Lebensaufgabe schwer und entmutigend finde, so schreibt sie
-mir Briefe, die mich wieder froh und tapfer machen; denn sie gehört zu
-denen, von denen wir lernen können, daß die Erfüllung einer mühevollen
-Pflicht die Erfüllung der nächsten einfacher und leichter macht.</p>
-
-<p id="Mark_Twain_I">Herr Hutton führte mich bei vielen seiner literarischen Freunde ein,
-von denen die bedeutendsten Herr William Dean Howells und Mark Twain
-sind. Auch mit Herrn Richard Watson Gilder und Herrn Edmund Clarence
-Stedman traf ich zusammen. Auch Herrn Charles Dudley Warner lernte ich
-kennen, den reizendsten Erzähler und liebenswürdigsten Freund, dessen
-Gutherzigkeit so umfassend war, daß man von ihm in Wahrheit sagen
-konnte, er liebte alle lebenden Wesen und seinen Nächsten wie sich
-selber. Einmal stellte mir Herr Warner den Dichter der Wälder, &mdash; Herrn
-John Burroughs, vor. Sie waren alle liebenswürdig und sympathisch, und
-ich wurde mir des Zaubers ihrer Persönlichkeit ebenso bewußt, wie ich
-früher die Schönheit ihrer Abhandlungen und Gedichte bewundert hatte.
-Ich konnte nicht Schritt halten mit all diesen Schriftstellern, wie sie
-von einem Gegenstand zum anderen übersprangen und sich in tiefsinnige
-Disputationen einließen oder in der Unterhaltung ihren Witz glänzen
-ließen. Ich glich dem kleinen Ascanius, der mit seinen trippelnden
-Füßchen den heroischen Schritten seines Vaters Aeneas auf seinem
-Lebenswege, der ihn mächtigen Geschicken entgegenführte, folgte. Aber
-sie teilten mir viel Interessantes mit. So erzählte mir Herr Gilder von
-seinen Reisen im Mondschein durch die weite Wüste zu den Pyramiden, und
-in seinem Briefe, den er mir schrieb, drückte er unter der Unterschrift
-seinen Stempel so tief in das Papier hinein, daß ich ihn fühlen
-konnte. Dies erinnert mich daran, daß <span class="antiqua">Dr.</span> Hale seinen Briefen
-an mich einen<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span> persönlichen Zug verlieh, indem er seine Unterschrift
-in Brailleschrift gab. Von Mark Twains Lippen las ich ein paar seiner
-prächtigen Erzählungen ab. Er hat seine eigene Art, zu denken, zu
-sprechen und zu handeln. Ich fühle das Zwinkern seines Auges in seinem
-Händedrucke. Eben dadurch, daß er seine cynische Weisheit in einer
-unsagbar drolligen Weise vorbringt, erweckt er die Empfindung, daß sein
-Herz voll des tiefsten, innigsten Mitgefühls ist.</p>
-
-<p>Es gibt noch eine Menge anderer interessanter Leute, mit denen ich in
-New York zusammengetroffen bin: Frau Mary Mapes Dodge, die beliebte
-Herausgeberin vom »<span class="antiqua">St. Nicholas-Magazine</span>«, und Frau Riggs (Kate
-Douglas Wiggin), die anmutige Verfasserin von »<span class="antiqua">Patsy</span>«. Ich
-erhielt von ihnen Geschenke, bei deren Auswahl das Herz mitgesprochen
-hat, Bücher mit ihren eigenen Gedanken, seelenvolle Briefe und
-Photographien, die ich mir immer und immer wieder beschreiben lasse.
-Allein mir fehlt der Raum, hier aller meiner Freunde zu gedenken,
-und in der Tat gibt es in Bezug auf sie Dinge, die sich hinter
-Cherubsschwingen bergen, Dinge, die zu heilig sind, um in kalte
-Druckschrift umgesetzt zu werden. Nur mit innerem Widerstreben habe ich
-soeben von Frau Laurence Hutton gesprochen.</p>
-
-<p>Ich will noch zwei weitere befreundete Personen erwähnen. Die eine
-ist Frau William Thaw in Pittsburgh, die ich oft auf ihrem Landsitze
-in Lyndhurst besucht habe. Sie ist stets damit beschäftigt, jemand
-glücklich zu machen, und all die Jahre über, die meine Lehrerin und ich
-sie kennen, haben wir stets bei ihr großmütige Hilfe und weisen Rat
-gefunden.</p>
-
-<p>Auch meinem anderen Freunde bin ich zu tiefem Danke verpflichtet.
-Er ist wegen seiner mächtigen Hand, mit der er große Unternehmungen
-leitet, weit und breit bekannt, und seine bewundernswerten
-Eigenschaften haben ihm die allgemeine Achtung erworben. Freundlich
-zu jedermann tut er unausgesetzt<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span> in der Stille und unbemerkt Gutes.
-Wiederum berühre ich den Kreis geachteter Namen, die ich nicht nennen
-darf, aber ich möchte gern seine Hochherzigkeit und seine rege
-Teilnahme an meinem Geschick hervorheben, die es mir möglich gemacht
-haben, die Universität zu besuchen.</p>
-
-<p>So haben meine Freunde mein Leben zu dem gemacht, was es ist. Auf
-tausenderlei Art haben sie meine Gebrechen in herrliche Vorrechte
-verwandelt und mich in den Stand gesetzt, heiter und glücklich in dem
-von meinen körperlichen Mängeln geworfenen Schatten zu wandeln.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_12_12" id="Fussnote_12_12"></a><a href="#FNAnker_12_12"><span class="label">[12]</span></a> <span class="antiqua">With great admiration of thy noble work in releasing
-from bondage the mind of thy dear pupil, I am truly thy friend, John
-G. Whittier.</span> (Mit der größten Bewunderung für dein edles Werk der
-Befreiung des Geistes deiner lieben Schülerin von der Knechtschaft bin
-ich dein aufrichtiger Freund John G. Whittier.)</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Zweiter_Teil"><span class="s6">Zweiter Teil</span><br />
-
-Helen Kellers Briefe<br />
-
-<span class="s5">1887&ndash;1901.</span></h2>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span></p>
-
-<h3 class="padtop2" id="Briefe_1887_1901"><span class="mleft0_2">B</span><span class="mleft0_2">r</span><span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">f</span><span class="mleft0_2">e</span>
-(1887&ndash;1901).<br />
-<span class="s5">(Auswahl.)</span></h3>
-
-</div>
-
-<p class="s5 center mbot2">Erste Schreibversuche. &mdash; Zwei Briefe an die blinden Mädchen
-im Perkinsschen Institut. &mdash; Brief an Herrn Anagnos mit der
-Schilderung eines Picknicks im Walde. &mdash; Brief an Onkel Morrie über
-den Ausflug nach Plymouth. &mdash; Brief an Herrn Anagnos mit einigen
-französischen und griechischen Redensarten. &mdash; Brief an Tante
-Eveline Keller mit Übersetzungen von griechischen, französischen,
-lateinischen und deutschen Redensarten und Wörtern. &mdash; Brief mit
-astronomischen Angaben. &mdash; Briefe an Herrn Anagnos über seine
-Reise nach Europa. &mdash; Brief mit Wiedergabe des Inhalts eines
-Andersenschen Märchens. &mdash; Brief an Fräulein Sullivan. &mdash; Brief an
-Whittier. &mdash; Brief an <span class="antiqua">Dr.</span> Holmes. &mdash; Brief an Fräulein Sarah
-Fuller. &mdash; Brief an den nachmaligen Bischof Brooks. &mdash; Brief über
-Tommy Stringer. &mdash; Brief über die Reise nach dem Niagarafall. &mdash;
-Brief über den Besuch der Weltausstellung in Chicago. &mdash; Brief über
-ein Zusammentreffen mit Mark Twain. &mdash; Brief über den Besuch des
-Bostoner Museums. &mdash; Brief über den Eindruck, den das Orgelspiel
-auf Helen Keller gemacht hat. &mdash; Stellen aus verschiedenen Briefen
-über Leidensgefährten. &mdash; Brief an <span class="antiqua">Dr.</span> Hale, geschrieben am
-Vorabend der Howefeier.</p>
-
-<p>Fräulein Sullivan begann Helen Keller am 3. März 1887 zu unterrichten.
-Dreieinhalb Monate, nachdem dieser das erste Wort in die Hand
-buchstabiert worden war, schrieb sie mit Bleistift folgenden Brief:</p>
-
-<p class="p0 mtop1"><span class="u">An Helens Cousine Anna (Frau George T. Turner).</span><a name="FNAnker_13_13" id="FNAnker_13_13"></a><a href="#Fussnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a></p>
-
-<p class="right mright1">[Tuscumbia, Alabama, 17. Juni 1887.]</p>
-
-<p><span class="antiqua">helen write anna george will give Helen apple simpson will shoot
-bird jack will give Helen stick of candy doctor will give mildred
-medicine mother will make mildred new dress</span></p>
-
-<p class="right mright1 mbot1">[Ohne Unterschrift.]</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_13_13" id="Fussnote_13_13"></a><a href="#FNAnker_13_13"><span class="label">[13]</span></a> Die ersten Äußerungen Helens sind englisch wiedergegeben
-worden, weil der in ihnen enthaltene eigenartige Reiz in der
-Übersetzung vollständig verwischt werden würde. Auf die beiden Briefe
-an die blinden Mädchen im Perkinsschen Institute wird im dritten Teil
-(<a href="#Bezug_Briefe">S. 248</a>) Bezug genommen, weswegen sie hier im vollständigen Wortlaute
-mitgeteilt werden. &mdash; Das Faksimile der dem Buche vorangeschickten
-eigenhändigen Widmung Fräulein Kellers gewährt eine Vorstellung von
-ihrer Handschrift, wie sie jetzt ist.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span></p>
-
-<p class="p0 mtop1"><span class="u">An Frau Kate Adams Keller.</span></p>
-
-<p class="right mright1">[Huntsville, Alabama, 12. Juli 1887.]</p>
-
-<p class="antiqua">Helen will write mother letter papa did give helen medicine mildred
-will sit in swing mildred did kiss helen teacher did give helen peach
-george is sick in bed george arm is hurt anna did give helen lemonade
-dog did stand up.</p>
-
-<p class="antiqua">conductor did punch ticket papa did give helen drink
-of water in car</p>
-
-<p class="antiqua">carlotta did give helen flowers anna will buy helen pretty new hat
-helen will hug and kiss mother helen will come home grandmother does
-love helen</p>
-
-<p class="center antiqua">good-by</p>
-
-<p class="right mright1 mbot1">[Ohne Unterschrift.]</p>
-
-<p>Im folgenden September zeigte Helen Fortschritte in Bezug auf
-vollständigere Satzkonstruktion und reicheren Gedankeninhalt.</p>
-
-<p class="p0 mtop1" id="Brief_3_10_1887"><span class="u">An die blinden Mädchen im
-Perkinsschen Institut in Boston.</span></p>
-
-<p class="right mright1">[Tuscumbia, September 1887.]</p>
-
-<p class="antiqua">Helen will write little blind girls a letter Helen and teacher will
-come to see little blind girls Helen and teacher will go in steam car
-to boston Helen and blind girls will have fun blind girls can talk on
-fingers Helen will see Mr anagnos Mr anagnos will love and kiss Helen
-Helen will go to school with blind girls Helen can read and count and
-spell and write like blind girls mildred will not go to boston Mildred
-does cry prince and jumbo will go to boston papa does shoot ducks with
-gun and ducks<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span> do fall in water and jumbo and mamie do swim in water
-and bring ducks out in mouth to papa Helen does play with dogs Helen
-does ride on horseback with teacher Helen does give handee grass in
-hand teacher does whip handee to go fast Helen is blind Helen will put
-letter in envelope for blind girls</p>
-
-<p class="center antiqua">good-by</p>
-
-<p class="right mright1 mbot1 antiqua">Helen Keller</p>
-
-<p>Ein paar Wochen später ist ihr Stil korrekter und gewandter. Ihre
-Ausdrucksweise ist besser geworden, obgleich sie immer noch den
-Artikel ausläßt und die Konstruktion mit »<span class="antiqua">did</span>« für das einfache
-Imperfektum gebraucht. Es ist dies eine Eigenart, die sich bei Kindern
-häufig findet.</p>
-
-<p class="p0 mtop1" id="Brief_24_10_1887"><span class="u">An die blinden Mädchen im
-Perkinsschen Institute.</span></p>
-
-<p class="right mright1">[Tuscumbia, 24. Oktober 1887.]</p>
-
-<p class="antiqua">dear little blind girls</p>
-
-<p class="antiqua">I will write you a letter I thank you for pretty desk I did write to
-mother in memphis on it mother and mildred came home Wednesday mother
-brought me a pretty new dress and hat papa did go to huntsville he
-brought me apples and candy I and teacher will come to boston and see
-you nancy is my doll she does cry I do rock nancy to sleep mildred is
-sick doctor will give her medicine to make her well. I and teacher did
-go to church Sunday mr. lane did read in book and talk Lady did play
-organ. I did give man money in basket. I will be good girl and teacher
-will curl my hair lovely. I will hug and kiss little blind girls mr.
-Anagnos will come to see me.</p>
-
-<p class="center antiqua">good-by</p>
-
-<p class="right mright1 mbot1 antiqua">Helen Keller.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span></p>
-
-<p>Mit Beginn des nächsten Jahres wird Helens Ausdrucksweise bestimmter.
-Sie gebraucht mehr Adjektiva, auch Adjektiva der Farbe. Obgleich sie
-keine sinnliche Kenntnis von Farben haben kann, so vermag sie doch die
-Worte in verständiger, zutreffender Weise zu gebrauchen. Der folgende
-Brief enthält die Schilderung eines Picknicks im Walde und zeigt, in
-welcher Weise Fräulein Sullivan die Erholungsstunden zur Belehrung
-auszunutzen wußte.</p>
-
-<p class="p0 mtop1"><span class="u">An Herrn Michael Anagnos.</span></p>
-
-<p class="right mright1">Tuscumbia, Ala. 3. Mai 1888.</p>
-
-<p>Lieber Herr Anagnos. Ich freue mich, heute an Sie schreiben zu können,
-da ich Sie sehr liebe. Ich war sehr glücklich, hübsches Buch und
-niedliche Bonbons und zwei Briefe von Ihnen zu erhalten. Ich werde Sie
-bald besuchen und viele Fragen über Länder an Sie richten, und Sie
-werden gutes Kind lieben.</p>
-
-<p>Mutter macht mir hübsche neue Kleider, die ich in Boston tragen werde
-(<span class="antiqua">to wear in Boston</span>), und ich werde niedlich aussehen, um kleine
-Mädchen und Knaben und Sie zu besuchen. Freitag gingen Lehrerin und ich
-zu einem Picknick mit kleinen Kindern. Wir spielten Spiele und aßen
-Mittagbrot unter den Bäumen, und wir fanden Farne und wilde Blumen. Ich
-ging in die Wälder und lernte Namen von vielen Bäumen. Es gibt Pappel-
-und Zedern- und Fichten- und Eichen- und Eschen- und Hickory- und
-Ahornbäume. Sie werfen einen angenehmen Schatten, und die kleinen Vögel
-lieben es, sich auf den Bäumen hin- und herzuschaukeln und zu singen.
-Kaninchen hüpfen, und Eichhörnchen laufen, und häßliche Schlangen
-kriechen in den Wäldern. Geranien und Jasminrosen sind kultivierte
-Pflanzen. Ich helfe Mutter und Lehrerin sie jeden Abend vor dem Essen
-begießen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span></p>
-
-<p>Vetter Artur machte mir eine Schaukel in der Esche. Tante Ev. ist nach
-Memphis gegangen. Onkel Frank ist hier. Er pflückt Erdbeeren für das
-Mittagessen. Nancy ist wieder krank, neue Zähne machen sie unwohl.
-Adeline ist gesund, und sie kann am Montag mit mir nach Cincinnati
-gehen. Tante Ev. will mir eine Knabenpuppe schicken, Harry wird Nancys
-und Adelines Bruder sein. Kleine Schwester ist gutes Mädchen. Ich bin
-jetzt müde und will nach unten gehen. Ich sende Ihnen mit Brief viele
-Küsse und Liebkosungen.</p>
-
-<p class="center">Ihr Lieblingskind</p>
-
-<p class="right mright1 mbot1">Helen Keller.</p>
-
-<p>Gegen Ende Mai reisten Frau Keller, Helen und Fräulein Sullivan nach
-Boston. Unterwegs blieben sie ein paar Tage in Washington, wo sie <span class="antiqua">Dr.</span>
-Alexander Graham Bell und den Präsidenten Cleveland besuchten. Am 26.
-Mai langten sie in Boston an und begaben sich nach dem Perkinsschen
-Institut; hier traf Helen mit den kleinen blinden Mädchen zusammen, mit
-denen sie das Jahr zuvor korrespondiert hatte.</p>
-
-<p class="s5">(Vergl. Teil I <a href="#Reise_nach_Boston">S. 43</a>.)</p>
-
-<p>Im Juli besuchte Helen Plymouth. Der folgende, drei Monate
-später geschriebene Brief zeigt, wie gut sie sich ihres ersten
-Geschichtsunterrichts erinnerte. Der »Onkel Morrie« ist Herr Morrison
-Heady aus Normandy (Kentucky), der als Knabe das Gesicht und Gehör
-verloren hatte. Er hat einige Gedichte geschrieben, die gar nicht übel
-sind.</p>
-
-<p class="p0 mtop1"><span class="u">An Herrn Morrison Heady.</span></p>
-
-<p class="right mright1">Süd-Boston, Mass. 1. Oktober 1888.</p>
-
-<p>Mein lieber Onkel Morrie! Ich hoffe, Du wirst Dich recht freuen, einen
-Brief von Deiner kleinen lieben Freundin Helen zu erhalten. Ich bin
-sehr glücklich, Dir zu schreiben,<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span> weil ich an Dich denke und Dich
-liebe. Ich lese schöne Geschichten in dem Buche, das Du mir geschickt
-hast, über Karl und sein Boot und Artur und seinen Traum und Rosa und
-das Schäfchen.</p>
-
-<p>Ich bin in einem großen Boote gewesen. Es war wie ein Schiff. Mutter
-und Lehrerin und Frau Hopkins und Herr Anagnos und Herr Rodocanachi und
-viele andere Freunde gingen nach Plymouth, um sich viele alte Dinge
-anzusehen. Ich will Dir eine kleine Geschichte über Plymouth erzählen.</p>
-
-<p>Vor vielen Jahren lebten in England viele gute Leute, aber der König
-und seine Freunde waren nicht lieb und sanft und geduldig mit den guten
-Leuten, weil der König nicht wollte, daß die Leute ihm ungehorsam
-waren. Die Leute wollten nicht gerne mit dem König in die Kirche gehen,
-sondern bauten für sich selbst sehr niedliche kleine Kirchen.</p>
-
-<p>Der König war sehr böse auf die Leute, und sie waren traurig, und sie
-sagten: Wir wollen nach einem fremden Lande gehen, dort zu wohnen, und
-liebe teure Heimat und unartigen König verlassen. So legten sie alle
-ihre Sachen in große Kisten und sagten: Lebewohl. Sie tun mir leid,
-weil sie sehr weinten. Als sie nach Holland kamen, kannten sie niemand,
-und sie konnten nicht wissen, worüber die Leute sprachen, denn sie
-verstanden kein Holländisch. Aber bald lernten sie einige holländische
-Wörter, aber sie liebten ihre eigene Sprache und wünschten nicht,
-daß kleine Knaben und Mädchen sie vergaßen und komisches Holländisch
-sprechen lernten. So sagten sie: Wir müssen nach einem neuen Lande
-gehen weitweg und Schulen und Häuser und Kirchen bauen und neue
-Städte machen. So legten sie alle ihre Sachen in Kisten und sagten
-Lebewohl zu ihren neuen Freunden und segelten in einem großen Boote
-fort, um ein neues Land zu finden. Arme Leute waren nicht glücklich,
-denn ihre Herzen waren voller trauriger Gedanken, weil sie nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span>
-viel von Amerika wußten. Ich denke, kleine Kinder müssen sich vor
-einem großen Ozean gefürchtet haben, denn er ist sehr stark und wirft
-ein großes Boot hin und her, und dann fallen die kleinen Kinder hin
-und zerschlagen sich ihre Köpfe. Nachher waren sie viele Wochen auf
-dem tiefen Ozean, wo sie keine Bäume oder Blumen und kein Gras sehen
-konnten, sondern nur Wasser und den schönen Himmel, denn die Schiffe
-konnten damals nicht schnell segeln, weil die Menschen noch nichts von
-Maschinen und vom Dampf wußten. Eines Tages wurde ein lieber kleiner
-Knabe (<span class="antiqua">a dear little baby-boy</span>) geboren. Sein Name war Peregrine
-White. Ich bin sehr traurig, daß der arme kleine Peregrine jetzt tot
-ist. Jeden Tag gingen die Leute auf Deck, um nach Land auszuschauen.
-Eines Tages war ein großes Geschrei auf dem Schiff, denn die Leute
-sahen das Land und waren voller Freude, weil sie sicher ein neues Land
-erreicht hatten. Kleine Mädchen und Knaben hüpften und klatschten in
-die Hände. Sie waren alle froh, als sie an einem großen Felsen Halt
-machten. Ich sah den Felsen in Plymouth und ein kleines Schiff wie die
-Mayflower und die Wiege, in der der liebe kleine Peregrine schlief, und
-viele alte Dinge, die in der Mayflower kamen. Es würde Dich freuen,
-Plymouth einmal zu besuchen und viele alte Dinge zu sehen.</p>
-
-<p>Nun bin ich sehr müde, und ich will mich ausruhen.</p>
-
-<p>Mit vieler Liebe und vielen Küssen von Deiner kleinen Freundin</p>
-
-<p class="right mright1 mbot1">Helen A. Keller.</p>
-
-<p>Die fremdsprachigen Ausdrücke in den folgenden Briefen, von denen
-der erste während eines Besuches im Blindenkindergarten geschrieben
-wurde, hat Helen Monate zuvor kennen gelernt und in ihrem Gedächtnis
-aufbewahrt. Sie machte sich die Wörter zurecht und bediente sich ihrer,
-indem sie sie mit<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span>unter ganz sinngemäß gebrauchte, mitunter aber auch
-nur nach Papageienart wiederholte. Selbst wenn sie Wörter oder Gedanken
-nicht ganz verstand, so liebte sie sie dennoch niederzuschreiben. Auf
-diese Weise lernte sie Wörter, die einen Gesichts- und Gehörseindruck
-und mithin Vorstellungen bezeichnen, die außerhalb ihrer persönlichen
-Erfahrung liegen, richtig gebrauchen. »Edith« ist Edith Thomas.</p>
-
-<p class="p0 mtop1" id="Fauntleroy_II"><span class="u">An Herrn Michael Anagnos.</span></p>
-
-<p class="right mright1">Roxbury, Mass. 17. Oktober 1888.</p>
-
-<p class="antiqua">Mon cher Monsieur Anagnos.</p>
-
-<p>Ich sitze am Fenster, und die schöne Sonne bescheint mich. Lehrerin
-und ich kamen gestern in den Kindergarten. Es sind hier sieben kleine
-Mädchen, und alle sind blind. Ich bin traurig, daß sie nicht viel sehen
-können. Werden sie einst sehr gesunde Augen haben? Die arme Edith ist
-blind und taub und stumm. Sind Sie sehr traurig über Edith und mich?
-Ich werde bald nach Hause gehen, um meine Mutter und meinen Vater und
-meine kleine gute, süße Schwester wiederzusehen. Ich hoffe, Sie werden
-nach Alabama kommen, um mich zu besuchen, und ich will Sie in meinem
-kleinen Wagen zu einer Ausfahrt mitnehmen, und ich hoffe, Sie werden
-sich freuen, wenn Sie mich auf dem Rücken meines kleinen lieben Ponys
-sehen... Wenn ich dreizehn Jahre alt bin, will ich in viele fremde und
-schöne Länder reisen. Ich werde sehr hohe Berge in Norwegen ersteigen
-und viel Eis und Schnee sehen. Ich hoffe, ich werde nicht fallen und
-mir den Kopf zerschlagen. Ich werde den kleinen Lord Fauntleroy<a name="FNAnker_14_14" id="FNAnker_14_14"></a><a href="#Fussnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a> in
-England besuchen, und er wird sich freuen, mir sein großes und sehr
-altes Schloß zu zeigen. Und wir werden zu den Hirschen laufen und die
-Kaninchen füttern und die Eichhörnchen fangen. Ich werde mich nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span>
-vor Fauntleroys großem Hunde Dougal fürchten. Ich hoffe, Fauntleroy
-wird mich mitnehmen, damit ich eine sehr freundliche Königin sehe. Wenn
-ich nach Frankreich gehe, will ich französisch sprechen. Ein kleiner
-französischer Knabe wird sagen: <span class="antiqua">Parlez-vous français?</span> und ich
-werde sagen: <span class="antiqua">Oui, Monsieur, vous avez un joli chapeau. Donnez-moi un
-baiser.</span> Ich hoffe, Sie werden mich mit nach Athen nehmen, um das
-Mädchen von Athen zu besuchen. Sie war eine sehr liebliche Dame, und
-ich will griechisch mit ihr sprechen. Ich will sagen: <span class="antiqua">se agapo</span>
-und <span class="antiqua">pos echete</span>, und ich denke, sie wird sagen <span class="antiqua">kalos</span>, und
-dann will ich sagen <span class="antiqua">chaere</span>. Wollen Sie die Freundlichkeit haben,
-mich bald zu besuchen und mich mit nach dem Theater zu nehmen. Wenn
-Sie kommen, will ich sagen <span class="antiqua">Kale emera</span>, und wenn Sie nach Hause
-gehen, will ich sagen <span class="antiqua">Kale nykta</span>. Nun bin ich zu müde, um mehr
-zu schreiben. <span class="antiqua">Je vous aime. Au revoir.</span></p>
-
-<p class="center">Von Ihrer kleinen Lieblingsfreundin</p>
-
-<p class="right mright1 mbot1">Helen A. Keller.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_14_14" id="Fussnote_14_14"></a><a href="#FNAnker_14_14"><span class="label">[14]</span></a>
-Siehe <a href="#Fauntleroy_III">S. 67.</a> <a href="#Fauntleroy_I"> 107 ff.</a></p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<p class="p0 mtop1"><span class="u">An Fräulein Evelina H. Keller.</span></p>
-
-<p class="right mright1">[Boston, 29. Oktober 1888.]</p>
-
-<p>Meine liebste Tante! Ich werde sehr bald kommen, und ich denke, Du und
-jedermann wird sehr froh sein, meine Lehrerin und mich wiederzusehen.
-Ich freue mich sehr, daß ich viel über viele Dinge gelernt habe. Ich
-studiere Französisch und Deutsch und Lateinisch und Griechisch. <span class="antiqua">Se
-agapo</span> ist griechisch und heißt: Ich liebe dich. <span class="antiqua">J’ai une bonne
-petite soeur</span> ist französisch und heißt: Ich habe eine gute kleine
-Schwester. <span class="antiqua">Nous avons un bon père et une bonne mère</span> heißt: Wir
-haben einen guten Vater und eine gute Mutter. <span class="antiqua">Puer</span> ist Knabe
-im Lateinischen und Mutter ist <span class="antiqua">mother</span> im Deutschen. Ich<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span> will
-Mildred viele Sprachen lehren, wenn ich nach Hause komme.</p>
-
-<p class="right mright1 mbot1">Helen A. Keller.</p>
-
-<p>In einem Briefe an ein Fräulein Bennet, datiert Tuscumbia, den 29.
-Januar 1889, teilt Helen ihre astronomischen Kenntnisse mit. Es heißt
-darin unter anderem:</p>
-
-<p class="mtop2 mbot2">Ich habe in meinem Buche über Astronomen gelesen. Astronom kommt
-von dem lateinischen Worte <span class="antiqua">astra</span>, das Sterne bedeutet, und
-Astronomen sind Männer, die die Sterne studieren und uns von ihnen
-erzählen. Wenn wir ruhig in unseren Betten schlafen, beobachten sie
-den schönen Himmel durch das Teleskop. Ein Teleskop gleicht einem
-sehr scharfen Auge. Die Sterne sind soweit entfernt, daß man ohne
-ganz vorzügliche Instrumente wenig von ihnen erzählen kann. Sehen
-Sie gern aus Ihrem Fenster und betrachten Sie die kleinen Sterne?
-Lehrerin sagt, sie kann die Venus von unserem Fenster aus sehen,
-und dies ist ein großer, schöner Stern. Die Sterne heißen die
-Geschwister der Erde.</p>
-
-<p>Während des Winters arbeiteten Fräulein Sullivan und ihre Schülerin
-fleißig in Tuscumbia, und zwar mit gutem Erfolge, denn im Laufe des
-Frühjahrs nahm Helens Ausdrucksweise echt englisches Gepräge an.
-Seit dem Mai 1889 finden sich, abgesehen von einigen offenbaren
-Schreibfehlern, keine Verstöße gegen die Regeln der Sprache; sie
-gebraucht die Worte richtig und bildet fließende Sätze. So schreibt sie
-am 18. Mai 1889 in einem Briefe an Herrn Anagnos:</p>
-
-<p class="mtop2 mbot2">Sie können es sich nicht vorstellen, wie erfreut ich war, gestern
-abend einen Brief von Ihnen zu erhalten. Es tut mir sehr leid, daß
-Sie so weit fortgehen. Wir werden Sie sehr, sehr vermissen. Ich
-würde gern viele schöne Städte mit Ihnen<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span> besuchen. Als ich in
-Huntsville war, traf ich mit <span class="antiqua">Dr.</span> Bryson zusammen, und er
-erzählte mir, er sei in Rom, Athen, Paris und London gewesen. Er
-hatte die hohen Berge in der Schweiz erstiegen, schöne Kirchen in
-Italien und Frankreich besucht und viele alte Schlösser gesehen.
-Ich hoffe, Sie werden die Freundlichkeit haben, mir aus allen
-Städten, die Sie besuchen, zu schreiben. Wenn Sie nach Holland
-kommen, so grüßen Sie bitte die liebliche Prinzessin Wilhelmine
-herzlichst von mir. Sie ist ein liebes kleines Mädchen, und wenn
-sie alt genug ist, so wird sie Königin von Holland sein. Wenn Sie
-nach Rumänien kommen, so fragen Sie, bitte, die Königin Elisabeth
-nach ihrem kleinen kranken Bruder und sagen Sie ihr, daß ich sehr
-traurig bin, daß ihr geliebtes Töchterchen gestorben ist. Ich
-möchte gern Vittorio, dem kleinen Prinzen von Neapel, einen Kuß
-senden, aber Lehrerin sagt, sie fürchte, Sie könnten so viele
-Aufträge nicht behalten. Wenn ich dreizehn Jahre alt bin, so werde
-ich sie alle selbst besuchen.</p>
-
-<p id="Bezug_Andersen">Der folgende Brief an Helens französische Lehrerin enthält die
-Wiedergabe eines Märchens von Andersen (vergl. unten <a href="#Andersens_Maerchen">S. 327</a>).</p>
-
-<p class="p0 mtop1"><span class="u">An Fräulein Fannie S. Marrett.</span></p>
-
-<p class="right mright1">Tuscumbia, 17. Mai 1889.</p>
-
-<p>Mein liebes Fräulein Marrett! Ich muß an ein liebes, kleines
-Mädchen denken, das sehr heftig weinte. Sie weinte, weil ihr Bruder
-sie sehr geärgert hatte. Ich will Ihnen erzählen, was er getan
-hatte, und ich denke, Sie werden das kleine Mädchen von Herzen
-bedauern. Sie hatte eine sehr schöne Puppe zum Geschenk erhalten.
-O, es war eine reizende, zarte Puppe! aber der Bruder des kleinen
-Mädchens, ein großer Junge, hatte ihr die Puppe weggenommen und sie
-auf einen<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span> hohen Baum im Garten gesetzt und war dann davongelaufen.
-Das kleine Mädchen konnte die Puppe nicht erreichen und konnte ihr
-nicht herunterhelfen, und daher weinte sie. Auch die Puppe weinte
-und breitete ihre Arme zwischen den grünen Zweigen aus und machte
-ein ganz trauriges Gesicht. Bald würde die finstere Nacht kommen
-&mdash; sollte da die Puppe die ganze Nacht ganz allein auf dem Baume
-sitzen? Das kleine Mädchen konnte diesen Gedanken nicht ertragen.
-»Ich will bei dir bleiben,« sagte sie zu der Puppe, obgleich sie
-nicht allzu beherzt war. Schon begann sie ganz deutlich zu sehen,
-wie die kleinen Elfen in ihren großen spitzigen Hüten durch die
-dunkelen Baumgänge tanzten und aus den Sträuchern hervorblickten;
-und sie schienen näher und näher zu kommen. Das kleine Mädchen
-streckte ihre Hände nach dem Baume aus, auf dem die Puppe saß,
-und die Elfen lachten und deuteten mit den Fingern auf sie. Wie
-erschrocken war das kleine Mädchen! Wenn man aber nichts Böses
-getan hat, so können einem diese sonderbaren kleinen Elfen kein
-Leid zufügen. Habe ich etwas Böses getan? Ach ja! sagte das kleine
-Mädchen. Ich habe über die arme Ente und ihr mit einem roten Lappen
-umwickeltes Bein gelacht. Sie hinkte, und darüber mußte ich lachen;
-aber es ist unrecht, über die armen Tiere zu lachen!</p>
-
-<p>Ist das nicht eine traurige Geschichte? Ich hoffe, der Vater hat
-den unartigen Knaben bestraft...</p>
-
-<p class="mtop2">Im Sommer war Fräulein Sullivan dreieinhalb Monate verreist. Folgender
-Brief Helens an sie legt Zeugnis von dem herzlichen Verhältnis ab, das
-zwischen Lehrerin und Schülerin bestand.</p>
-
-<p class="right mright1">Tuscumbia, Ala. 7. August 1889.</p>
-
-<p>Liebstes Fräulein! Ich freue mich sehr, Ihnen heut abend schreiben zu
-können, denn ich habe den ganzen Tag viel an Sie<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span> gedacht. Ich sitze
-auf der Piazza, und meine kleine weiße Taube sitzt auf der Lehne meines
-Stuhles und sieht mir zu, während ich schreibe. Ihr kleiner brauner
-Gefährte ist mit den übrigen Vögeln davongeflogen, aber Annie<a name="FNAnker_15_15" id="FNAnker_15_15"></a><a href="#Fussnote_15_15" class="fnanchor">[15]</a> ist
-nicht traurig, denn sie leistet mir gern Gesellschaft.</p>
-
-<p>Der kleine Artur<a name="FNAnker_16_16" id="FNAnker_16_16"></a><a href="#Fussnote_16_16" class="fnanchor">[16]</a> wächst sehr schnell. Er hat jetzt ein kurzes
-Kleidchen an. Cousine Leila glaubt, daß er binnen kurzem gehen wird.
-Dann will ich seine weiche, dicke Hand in die meinige nehmen und mit
-ihm im hellen Sonnenschein spazieren gehen. Er wird die größten Rosen
-pflücken und auf die lustigsten Schmetterlinge Jagd machen. Ich will
-sehr sorgfältig auf ihn achtgeben, damit er nicht fällt und sich
-wehtut...</p>
-
-<p>Ein Herr schenkte mir eine schöne Karte. Sie stellt eine Mühle an einem
-schönen Bache dar. Auf dem Wasser schwimmt ein Boot, und rings um das
-Boot wachsen duftende Lilien. Nicht weit von der Mühle liegt ein altes
-Haus, das ganz dicht von Bäumen umgeben ist. Auf dem Dach des Hauses
-sitzen acht Tauben, und auf der Schwelle liegt ein Hund...</p>
-
-<p>Ich lese täglich in meinen Büchern. Ich liebe sie recht, recht, recht
-sehr. Ich wünschte, Sie kehrten bald zu mir zurück. Ich vermisse Sie
-recht, recht sehr. Ich kann vieles nicht verstehen, wenn mein liebes
-Fräulein nicht hier ist. Ich sende Ihnen fünftausend Küsse und mehr
-Liebe, als ich sagen kann.</p>
-
-<p class="center">Ihre dankbare kleine Schülerin</p>
-
-<p class="right mright1 mbot1">Helen A. Keller.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_15_15" id="Fussnote_15_15"></a><a href="#FNAnker_15_15"><span class="label">[15]</span></a> So hatte Helen die Taube nach ihrer Lehrerin genannt.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_16_16" id="Fussnote_16_16"></a><a href="#FNAnker_16_16"><span class="label">[16]</span></a> Helens jüngster Bruder.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<p>Unter ihren Freunden zählt Fräulein Keller in ihrer Selbstbiographie
-auch den Dichter John Greenleaf Whittier auf (s. oben <a href="#Whittier">S. 138</a>). Ihr
-erster Brief an ihn lautet folgendermaßen:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span></p>
-
-<p class="right mright1 mtop1">Boston, Mass. 27. Nov. 1889.</p>
-
-<p>Teurer Dichter!</p>
-
-<p>Ich glaube, Sie werden überrascht sein, einen Brief von einem kleinen
-Mädchen zu erhalten, das Sie nicht kennen, aber ich glaubte, es
-würde Sie freuen, zu hören, daß Ihre schönen Gedichte mich sehr
-glücklich machen. Gestern las ich »<span class="antiqua">In School Days</span>« und »<span class="antiqua">My
-Playmate</span>« und freute mich von Herzen darüber. Ich war sehr traurig,
-daß das arme kleine Mädchen mit den braunen Augen und den »goldenen
-Locken« sterben mußte. Es ist sehr angenehm, auf unserer schönen Welt
-zu leben. Ich kann die lieblichen Dinge nicht mit meinen Augen sehen,
-aber mein Geist kann sie alle sehen, und so bin ich den ganzen Tag über
-fröhlich.</p>
-
-<p>Wenn ich in meinem Garten spazieren gehe, so kann ich die schönen
-Blumen nicht sehen, aber ich weiß, daß sie mich alle rings umgeben;
-denn ist nicht die Luft mit ihrem süßen Wohlgeruche angefüllt? Auch
-weiß ich, daß die zarten Glöckchen der Lilien ihren Genossinnen hübsche
-Geheimnisse zuflüstern, sonst würden sie nicht so glücklich aussehen.
-Ich liebe Sie von Herzen, denn Sie haben mich soviel Schönes über
-Blumen, Vögel und Menschen gelehrt. Nun muß ich Ihnen Lebewohl sagen.</p>
-
-<p class="center">Ihre Sie liebende kleine Freundin</p>
-
-<p class="right mright1 mbot1">Helen A. Keller.</p>
-
-<p class="p0 mtop1"><span class="u">Aus einem Briefe an <span class="antiqua">Dr</span>. Oliver Wendell Holmes</span><a name="FNAnker_17_17" id="FNAnker_17_17"></a><a href="#Fussnote_17_17" class="fnanchor">[17]</a></p>
-
-<p class="right mright1">vom 1. März 1890.</p>
-
-<p>... Ich lese jetzt eine sehr traurige Geschichte, »<span class="antiqua">Little Jakey</span>«
-mit Titel. Jakey war der lieblichste kleine Knabe, den Sie sich denken
-können, aber er war arm und blind. Als ich<span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span> klein war und noch nicht
-lesen konnte, glaubte ich, daß jedermann stets glücklich sei, und
-zuerst machte es mich sehr traurig, als ich von Schmerz und großem
-Leide erfuhr; aber jetzt weiß ich, daß wir niemals lernen würden,
-tapfer und geduldig zu sein, wenn es nur Freude auf der Welt gäbe.</p>
-
-<p>Ich beschäftige mich in der Zoologie jetzt mit den Insekten, und ich
-habe viel über die Schmetterlinge gelernt. Sie machen keinen Honig für
-uns wie die Bienen, aber viele von ihnen sind so schön wie die Blumen,
-auf denen sie ruhen, und erfreuen stets das Herz kleiner Kinder. Sie
-führen ein fröhliches Leben, flattern von Blume zu Blume und nippen die
-Tropfen Honigtau, ohne an den morgenden Tag zu denken. Sie sind genau
-wie kleine Knaben und Mädchen, wenn sie Bücher und Schule vergessen und
-durch die Wälder und Felder laufen, um wilde Blumen zu pflücken oder
-nach duftenden Lilien in die Teiche waten, glücklich im strahlenden
-Sonnenschein.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_17_17" id="Fussnote_17_17"></a><a href="#FNAnker_17_17"><span class="label">[17]</span></a>
-Vergl. oben <a href="#Holmes">S. 137 ff.</a></p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<p class="p0 mtop1" id="Brief_S_161"><span class="u">An Fräulein Sarah Fuller.</span><a name="FNAnker_18_18" id="FNAnker_18_18"></a><a href="#Fussnote_18_18" class="fnanchor">[18]</a></p>
-
-<p class="right mright1">Boston, Mass., 3. April 1890.</p>
-
-<p class="mleft2">Mein liebes Fräulein Fuller!</p>
-
-<p>Mein Herz ist an diesem schönen Morgen voller Freude, weil ich viele
-neue Wörter sprechen gelernt habe und ich ein paar Sätze bilden
-kann. Gestern abend ging ich in den Hof hinaus und redete den Mond
-an. Ich sagte: O Mond, komm zu mir! Glauben Sie, daß sich der liebe
-Mond freute, als er mich sprechen hörte? Wie froh wird meine Mutter
-sein! Ich kann den Juni kaum erwarten, so sehnlich wünsche ich, zu
-ihr und zu meiner reizenden kleinen Schwester sprechen zu können.
-Mildred konnte mich nicht verstehen, wenn ich mit meinen Fingern
-buchstabierte, aber jetzt wird sie auf meinem<span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span> Schoß sitzen und ich
-werde ihr viel erzählen, was ihr gefallen soll, und wir werden so
-glücklich miteinander sein. Sind Sie sehr, sehr glücklich, daß Sie so
-viele Menschen glücklich machen? Ich glaube, Sie sind sehr gütig und
-geduldig, und ich liebe Sie recht von Herzen. Meine Lehrerin sagte mir
-am Dienstag, Sie wünschten zu wissen, wie der Wunsch in mir aufstieg,
-mit meinem Munde zu sprechen. Ich will es Ihnen ausführlich erzählen,
-denn ich erinnere mich ganz genau daran. Als ich ein ganz kleines
-Kind war, pflegte ich die ganze Zeit über auf meiner Mutter Schoß zu
-sitzen, weil ich sehr furchtsam war und nicht gern allein blieb. Ich
-hielt fortwährend meine kleine Hand an ihr Gesicht, weil es mir Spaß
-machte, zu fühlen, wie sich ihr Gesicht und ihre Lippen bewegten,
-wenn sie mit anderen sprach. Ich wußte damals noch nicht, was sie
-tat, denn ich war in allem ganz unwissend. Als ich dann älter wurde,
-lernte ich mit meiner Wärterin und den kleinen Negerkindern spielen
-und bemerkte, daß sie ihre Lippen genau wie meine Mutter bewegten;
-daher bewegte ich auch die meinigen, aber das machte mich mitunter
-zornig, und ich schlug meine Spielgefährten oft heftig auf den Mund.
-Ich wußte damals noch nicht, daß dies sehr unartig war. Nach langer
-Zeit kam meine teure Lehrerin zu mir und lehrte mich, wie ich mich mit
-meinen Fingern verständlich machen könnte, und ich war glücklich und
-zufrieden. Als ich dann aber in die Schule nach Boston kam, traf ich
-mehrere taube Leute, die mit ihrem Munde sprachen wie alle anderen
-Leute, und eines Tages kam eine Dame, die in Norwegen gewesen war, zu
-mir, um mich zu besuchen, und erzählte mir von einem blinden und tauben
-Mädchen, das sie in jenem fernen Lande gesehen hatte und das sprechen
-und andere verstehen gelernt hatte, wenn sie zu ihr sprachen. Diese
-guten, fröhlichen Nachrichten entzückten mich über die Maßen, denn
-jetzt war ich überzeugt, daß ich es auch<span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span> lernen würde. Ich versuchte
-Töne hervorzubringen wie meine kleinen Spielgefährten, aber Fräulein
-sagte mir, die Stimme sei etwas sehr Zartes und Empfindliches und
-ich würde sie schädigen, wenn ich unrichtige Töne ausstieße, und sie
-versprach mir, mich mit zu einer gütigen und klugen Dame zu nehmen,
-die mich lehren würde, sie richtig hervorzubringen. Diese Dame waren
-Sie selbst. Jetzt bin ich so glücklich wie die kleinen Vögel, denn ich
-kann sprechen, und vielleicht werde ich sogar singen lernen. Alle meine
-Freunde werden darüber erstaunt und erfreut sein.</p>
-
-<p class="center">Ihre Sie liebende kleine Schülerin</p>
-
-<p class="right mright1 mbot1">Helen A. Keller.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_18_18" id="Fussnote_18_18"></a><a href="#FNAnker_18_18"><span class="label">[18]</span></a>
-Vergl. oben <a href="#Dreizehntes_Kapitel">S. 57 ff.</a></p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<p>Aus einem Briefe vom 14. Juli 1890 an den nachmaligen Bischof Brooks.</p>
-
-<p class="mtop1">... Meine Eltern waren entzückt, mich sprechen zu hören, und ich war
-überglücklich, ihnen eine so frohe Ueberraschung bereiten zu können.
-Ich denke mir, es muß ein wohltuendes Gefühl sein, jedermann glücklich
-zu machen. Warum hält es der liebe Vater im Himmel manchmal für das
-beste, uns recht großes Leid zu senden? Ich bin stets glücklich, und
-dies war auch der kleine Lord Fauntleroy, aber des armen kleinen Jakeys
-Leben war voller Traurigkeit. Gott hatte Jakeys Augen kein Licht
-geschenkt, und sein Vater war nicht freundlich und liebevoll. Glauben
-Sie, daß der arme Jakey seinen Vater im Himmel deswegen mehr liebte,
-weil sein anderer Vater unfreundlich zu ihm war? Auf welche Weise hat
-Gott den Menschen verkündet, daß seine Heimat im Himmel ist? Wenn die
-Menschen Böses tun, Tiere quälen und Kinder unfreundlich behandeln, so
-ist Gott betrübt, aber auf welche Weise will er sie lehren, barmherzig
-und liebreich zu sein? Ich denke, er wird ihnen<span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span> sagen, wie herzlich
-er sie liebt und daß er wünscht, sie möchten gut und glücklich sein,
-und dann werden sie ihren Vater, der sie so sehr liebt, nicht betrüben
-und wünschen, ihm in allem, was sie tun, zu Gefallen zu sein, und dann
-werden sie einander lieben und jedermann Gutes tun und gegen die Tiere
-freundlich sein.</p>
-
-<p>Bitte, erzählen Sie mir alles, was Sie von Gott wissen. Es macht mich
-glücklich, viel von meinem liebenden Vater zu erfahren, der gut und
-weise ist. Ich hoffe, Sie werden Ihrer kleinen Freundin schreiben, wenn
-Sie Zeit haben.</p>
-
-<p class="mtop2">Tommy Stringer, dessen Name in den Briefen der nächsten Zeit oft
-vorkommt, wurde im Alter von fünf Jahren blind und taub. Seine
-Mutter war tot und sein Vater zu arm, um ihn unterrichten zu lassen.
-Eine Zeitlang war er in dem allgemeinen Krankenhaus in Allegheni
-untergebracht. Von dort wurde er nach einem Armenhause geschickt,
-denn zu jener Zeit gab es in Pennsylvania keinen anderen Platz. Helen
-hörte von ihm durch einen Bekannten, der ihr schrieb, es sei ihm nicht
-gelungen, einen Gönner für Tommy zu finden. Sie wünschte, daß er nach
-Boston gebracht würde, und als man ihr mitteilte, es gehöre viel Geld
-dazu, ihm eine Lehrerin zu halten, antwortete sie: Wir wollen es
-zusammenbringen. Sie begann Beiträge unter ihren Bekannten zu sammeln
-und leerte selbst ihre Sparbüchse.</p>
-
-<p><span class="antiqua">Dr</span>. Alexander Graham riet, Tommy nach Boston zu schicken, und
-wirkte ihm einen Platz in dem Blindenkindergarten aus.</p>
-
-<p>Inzwischen bot sich für Helen Gelegenheit, eine beträchtliche Summe zu
-Tommys Erziehung beizusteuern. Den Winter zuvor war ihr Hund Lioneß
-gestorben, und ihre Freunde faßten den Plan, Geld zu sammeln, um ihr
-einen neuen Hund zu<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span> kaufen. Helen bat, die Beiträge, die aus ganz
-Amerika und England zusammenflossen, auf Tommys Erziehung zu verwenden.
-In Anbetracht dieses neuen Zweckes wuchs der Fonds rasch an, und für
-Tommy war gesorgt. Er wurde am 6. April in den Kindergarten aufgenommen.</p>
-
-<p>Helen hatte sich mit wahrem Feuereifer der Sache angenommen. So
-heißt es in einem Briefe vom 20. März 1891: Und nun möchte ich Ihnen
-mitteilen, was die Hundeliebhaber in Amerika zu tun im Begriffe
-stehen. Sie wollen mir Geld für ein armes taubstummes und blindes Kind
-schicken. Sein Name ist Tommy, und es ist fünf Jahre alt. Seine Eltern
-sind zu arm, um den kleinen Kerl in die Schule schicken zu können,
-und daher wollen die Herren, anstatt mir einen Hund zu schenken, dazu
-beitragen, Tommys Leben so strahlend und fröhlich wie das meinige zu
-machen. Ist dies nicht ein schönes Unternehmen? Die Erziehung wird
-Licht und Musik in Tommys Seele bringen, und dann muß er unbedingt
-glücklich sein. &mdash; Und in einem anderen Briefe vom April 1891 heißt
-es: Ich wünschte, Sie könnten den kleinen Tom sehen, jenes blinde und
-taubstumme Kind, das soeben in unserem hübschen Garten eingetroffen
-ist. Er ist jetzt arm, hilflos und einsam, aber vor Ablauf eines Jahres
-wird die Erziehung Licht und Heiterkeit in Tommys Leben gebracht haben.
-&mdash; Ferner schreibt Helen in einem Briefe vom 30. April: Sie werden sich
-freuen, zu hören, daß Tommy jetzt eine freundliche Dame zur Lehrerin
-hat und daß er ein hübscher, lebhafter, kleiner Bursche ist. Das
-Umherklettern gefällt ihm allerdings besser als das Buchstabieren, aber
-dies kommt daher, daß er noch nicht weiß, was für ein wunderbares Ding
-die Sprache ist. Er kann sich nicht denken, wie sehr, sehr glücklich er
-sein wird, wenn er uns seine Gedanken mitteilen kann und wir ihm sagen
-können, daß wir ihn schon so lange geliebt haben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span></p>
-
-<p>Auf Helens Bitte eröffnete Bischof Brooks eine öffentliche Sammlung
-für Tommy, die über 1600 Dollars einbrachte. Helen selbst schrieb
-Briefe an die Zeitungen und quittierte öffentlich über den Empfang
-des Geldes. Der vom 13. Mai 1891 datierte folgende Brief ist an den
-Herausgeber des »Boston Herald« gerichtet: Ich glaube, die Leser Ihrer
-Zeitung werden sich freuen, zu hören, daß soviel für den lieben kleinen
-Tommy getan worden ist. Er fühlt sich in der Tat im Kindergarten sehr
-glücklich, und lernt täglich etwas Neues. Er hat herausgefunden,
-daß die Türen Schlösser haben und daß kleine Hölzchen und Stückchen
-Papier sich ganz leicht in die Schlüssellöcher hineinstecken lassen;
-aber er scheint nicht halb soviel Lust zu haben, sie herauszunehmen
-wie hineinzustecken. Das Hinaufklettern an den Bettpfosten und das
-Abschrauben der Dampfventile gefällt ihm allerdings viel besser als das
-Buchstabieren, aber dies kommt daher, daß er noch nicht versteht, daß
-die Wörter ihm zu neuen, interessanten Entdeckungen verhelfen werden.
-Ich hoffe, daß gute Menschen fortfahren werden, für Tommy zu sorgen,
-bis der Fonds vollständig ist und die Erziehung Licht und Musik in sein
-kleines Leben gebracht hat.</p>
-
-<p class="mtop2">Im Mai 1892 gab Helen zum Besten des Blindenkindergartens einen »Tee«,
-der über 2000 Dollars einbrachte. Auf diese Veranstaltung bezieht sich
-folgender Brief vom 9. Mai 1892 an eine Freundin: Brauche ich Ihnen zu
-sagen, wie ich mich freute, zu hören, daß Sie sich für meinen »Tee«
-interessieren? Keinenfalls dürfen wir ihn aufgeben. Sehr bald werde ich
-weit fortgehen, in mein teures Elternhaus, in den sonnigen Süden, und
-der Gedanke würde mich für immer glücklich machen, daß das letzte, was
-meine teueren Freunde in Boston mir zuliebe getan haben, darin bestand,
-daß sie das Leben so vieler kleiner des Gesichts beraubter Kinder froh
-und glücklich zu<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span> machen halfen. Ich weiß, daß gütige Menschen gar
-nicht umhin können, liebevolle Teilnahme für die Kleinen zu hegen, die
-das herrliche Licht nicht zu erblicken vermögen, und es scheint mir,
-als müsse sich alle liebevolle Teilnahme in Handlungen werktätiger
-Hilfe äußern; und wenn die Freunde der kleinen hilflosen, blinden
-Kinder einsehen, daß wir für ihre Glückseligkeit sorgen, so werden sie
-bestimmt kommen und unserem »Tee« den Erfolg sichern, und ich bin fest
-davon überzeugt, ich werde das glücklichste kleine Mädchen auf der
-ganzen Welt sein.</p>
-
-<p class="mtop2" id="Guete">Von der Reise zum Niagarafall (s.
-oben <a href="#Niagarafall">S. 74</a>) handelt folgender Brief
-Helens vom 13. April 1893 an ihre Mutter:</p>
-
-<p class="mtop1">... Herr Westerfelt<a name="FNAnker_19_19" id="FNAnker_19_19"></a><a href="#Fussnote_19_19" class="fnanchor">[19]</a> gab uns zu Ehren eine Nachmittags-Gesellschaft.
-Es kam eine große Menge Menschen. Einige von ihnen richteten sehr
-sonderbare Fragen an mich. Eine Dame schien überrascht zu sein, daß
-ich die Blumen liebte, da ich doch ihre schönen Farben nicht zu sehen
-vermöchte, und als ich sie versicherte, ich liebte sie trotzdem,
-antwortete sie: »Gewiß fühlen Sie die Farben mit Ihren Fingern.« Aber
-natürlich lieben wir die Blumen, nicht nur ihrer herrlichen Farbe
-wegen... Ein Herr fragte mich, was der Begriff Schönheit für mich
-bedeute. Ich muß gestehen, ich war für einen Augenblick verwirrt. Dann
-aber antwortete ich ihm, Schönheit sei eine Form der Güte &mdash; und er
-verschwand.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_19_19" id="Fussnote_19_19"></a><a href="#FNAnker_19_19"><span class="label">[19]</span></a> Der Leiter einer Taubstummenschule in Rochester.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<p class="mtop2">Ueber den Eindruck, den der Niagarafall selbst auf Helen machte, heißt
-es weiterhin:</p>
-
-<p class="mtop1">Das Hotel stand so nahe am Flusse, daß ich sein Vorbei<span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span>rauschen fühlen
-konnte, wenn ich die Hand an das Fenster legte... Du kannst Dir nicht
-vorstellen, was ich fühlte, als ich am Niagara stand, ehe Du nicht
-selbst die nämliche geheimnisvolle Empfindung gehabt hast. Ich konnte
-mir kaum denken, daß es Wasser sei, was ich mit ungestümer Wut zu
-meinen Füßen brausen und tosen fühlte. Es kam mir vor, als sei es
-ein lebendes Wesen, das einem furchtbaren Geschicke entgegeneilte.
-Ich wünschte, ich könnte den Wasserfall schildern, wie er ist, seine
-Schönheit und majestätische Größe, das furchtbare, unwiderstehliche
-Hinabstürzen des Wassers über den Hang des Abgrundes. Man fühlt sich in
-Gegenwart einer solchen ungeheueren Kraft hilflos und überwältigt. Ich
-hatte schon einmal dieses selbe Gefühl, als ich am Strande des Ozeans
-stand und seine Wogen gegen das Ufer anbranden fühlte. Ich glaube,
-auch Du hast diese Empfindung, wenn Du in der Stille der Nacht zu den
-Sternen aufblickst, nicht wahr?... Wir ließen uns 120 Fuß in einem
-Elevator nieder, um die furchtbaren Wogen und Wirbel in der tiefen
-Schlucht unterhalb des Falles zu beobachten.</p>
-
-<p class="mtop2" id="Weltausstellung">Ihren Besuch der Weltausstellung in Chicago schildert Helen in einem
-Briefe vom 17. August 1893. Es heißt darin unter anderem: Jedermann
-auf der Ausstellung war sehr freundlich zu mir... Fast alle Aussteller
-schienen gern bereit zu sein, mich auch die zerbrechlichsten
-Dinge berühren zu lassen, und sie erklärten mir alles in der
-liebenswürdigsten Weise. Ein Franzose, dessen Namen ich vergessen habe,
-zeigte mir die großen französischen Bronzen. Ich glaube, sie machten
-mir mehr Freude als sonst etwas auf der Ausstellung: so lebendig und
-wundervoll erschienen sie mir bei der Berührung..... Dann ging ich mit
-Professor Morse nach der japanischen Abteilung. Ich hatte keine Ahnung
-davon, was für ein wunder<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span>bares Volk die Japaner sind, ehe ich ihre
-höchst interessante Ausstellung sah. Japan muß in der Tat ein Paradies
-für die Kinder sein, nach der großen Menge von Spielsachen zu urteilen,
-die hier angefertigt werden.</p>
-
-<p class="mtop2">Ueber ihre Begegnung mit Mark Twain schreibt Helen Keller im März 1895
-an ihre Mutter folgendes:</p>
-
-<p>Lehrerin und ich verbrachten den gestrigen Nachmittag bei Herrn Hutton
-und waren sehr vergnügt dort!</p>
-
-<p class="mtop1">Wir trafen Mr. Clemens (Mark Twain) und Mr. Howells dort. Ich hatte
-schon lange von ihnen gehört, aber nie hatte ich gedacht, daß ich die
-einmal sehen und mit ihnen sprechen sollte. ... Die beiden berühmten
-Schriftsteller waren sehr lieb und freundlich mit mir, und ich könnte
-nicht sagen, welcher von beiden mir lieber ist. Mark Twain erzählte
-uns viele unterhaltende Geschichten und brachte uns zum Lachen, bis
-wir weinten. Ich möchte nur, Du hättest ihn sehen und hören können. Er
-erzählte uns, daß er in einigen Tagen nach Europa gehen wolle, um seine
-Frau und seine Tochter Jeanne nach Amerika zurückzuholen, weil Jeanne,
-die in Paris studiert, in 3½ Jahren soviel gelernt hätte, daß wenn er
-sie jetzt nicht nach Hause brächte, sie bald mehr wüßte, als er selber.</p>
-
-<p>Ich finde, »Mark Twain« ist ein sehr passender <span class="antiqua">nom de plume</span> für
-Herrn Clemens, denn er klingt so komisch und drollig und paßt gut zu
-seinen lustigen Geschichten, und seine nautische Bedeutung<a name="FNAnker_20_20" id="FNAnker_20_20"></a><a href="#Fussnote_20_20" class="fnanchor">[20]</a> weist
-auf die tiefsinnigen und schönen Sachen hin, die er geschrieben hat.
-Ich finde, er ist sehr schön &mdash; &mdash; &mdash;.</p>
-
-<p class="s5">(Vgl. oben <a href="#Mark_Twain_I">S. 141 ff.</a>
-<a href="#Mark_Twain_II">182.</a>)</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_20_20" id="Fussnote_20_20"></a><a href="#FNAnker_20_20"><span class="label">[20]</span></a> <span class="antiqua">Mark twain</span> = Ruf des Mississippi-Lotsen bei 2
-Faden Tiefe.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="img_p170" name="img_p170">
- <img class="mtop1" src="images/img_p170.jpg" alt="" /></a>
- <p class="caption mbot1">Helen Keller »betrachtet« eine
- Nike-Statuette</p>
-</div>
-
-<p class="mtop2">Einen Besuch im Bostoner Museum schildert Helen in einem Briefe vom
-3. Februar 1899. Sie schreibt darin: Vorigen Mon<span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span>tag hatte ich ein
-äußerst interessantes Erlebnis. Eine Freundin nahm mich an diesem Tage
-mit nach dem Bostoner Kunstmuseum. Sie hatte mir schon vorher bei
-General Loring, dem Direktor des Museums, die Erlaubnis ausgewirkt,
-die Statuen berühren zu dürfen, namentlich die, welche meine alten
-Freunde aus der Ilias und der Aeneis darstellten. War dies nicht
-liebenswürdig? Während ich dort weilte, trat General Loring selbst ein
-und zeigte mir einige der schönsten Statuen, unter denen sich die Venus
-von Medici, die Athene vom Parthenon, Diana in ihrem Jagdkleide mit
-der Hand am Köcher und einer Hindin neben ihr, sowie der unglückliche
-Laokoon nebst seinen beiden Söhnen befanden, die sich in den
-furchtbaren Umschlingungen zweier riesiger Schlangen winden und unter
-herzzerreißendem Geschrei ihre Arme zum Himmel emporstrecken. Auch
-den Apollo vom Belvedere sah ich. Er hat soeben den Python erlegt und
-steht neben einem großen Marmorpfeiler, die schöne Hand triumphierend
-über den furchtbaren Drachen ausstreckend. O er ist einfach wundervoll!
-Venus entzückte mich. Sie sah aus, als sei sie soeben aus dem Schaume
-des Meeres emporgestiegen, und ihre Lieblichkeit wirkte auf mich wie
-ein himmlischer Gesang. Auch die arme Niobe sah ich mit ihrem jüngsten
-Kinde, das sich fest an die anklammert, während sie die grausame
-Göttin anfleht, ihr nicht auch den letzten Liebling zu töten. Ich
-weinte beinahe, so lebenswahr und tragisch war dies alles. General
-Loring zeigte mir auch in liebenswürdiger Weise eine Nachbildung einer
-der wundervollen Bronzetüren aus dem Baptisterium zu Florenz, und
-ich befühlte die schönen Pfeiler, die auf den Rücken grimmiger Löwen
-ruhen. So hatte ich, wie Sie sehen, einen Vorgeschmack des Genusses,
-den ich eines Tages haben werde, wenn ich Florenz besuche. Meine
-Freundin versprach mir, später eine Nachbildung der von Lord Elgin
-nach London gebrachten Parthenonskulpturen zu zeigen.<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span> Ich würde es
-jedoch vorziehen, die Originale an der Stelle zu sehen, für die sie
-von dem Genius bestimmt waren, nicht nur als Hymnus zum Preise der
-Götter, sondern auch als Denkmal für den Ruhm Griechenlands. Es scheint
-mir tatsächlich ein Frevel zu sein, solche geweihte Werke aus dem
-Heiligtume der Vergangenheit, in das sie gehören, zu entführen.</p>
-
-<p class="mtop2" id="Bartholomaeuskirche">Ebenso interessant wie das vorstehende Schreiben ist eine Aeußerung
-Helens in einem Briefe vom 2. Januar 1900 über ihre Empfindungen
-beim Orgelspiel. Es heißt darin: Am Sonntag gingen wir nach der
-Bartholomäuskirche... Nach dem Gottesdienste bat der Geistliche
-den Organisten Herrn Warren, die Orgel für mich zu spielen. Ich
-stand mitten in der Kirche, wo die von der großen Orgel erzeugten
-Luftschwingungen am stärksten sind, und fühlte die mächtigen Tonwogen
-gegen mich anbranden, wie die großen Meereswellen gegen ein kleines
-Schiff schlagen...</p>
-
-<p class="mtop2">Zum Schluß seien noch einige Aeußerungen Helens über
-Schicksalsgefährten von ihr angeführt. Am 5. Juni 1899 schreibt sie
-über Linnie Haguewood, ein taub-blindes Mädchen, das von einem Fräulein
-Dora Donald erzogen worden war, an Herrn William Wade (vergl. <a href="#William_Wade">S. 78</a>):
-Linnie Haguewoods Brief interessierte mich sehr. Er scheint mir auf
-Selbständigkeit und große Sanftmut des Charakters hinzuweisen. Sehr
-interessant sind ihre Aeußerungen über Geschichte. Ich bedauere, daß
-sie kein Gefallen daran findet; aber auch ich empfinde es bisweilen,
-wie dunkel, geheimnisvoll und selbst furchtbar die Geschichte alter
-Völker, alter Religionen und alter Regierungsformen in Wahrheit ist.</p>
-
-<p>Nun, ich muß offen gestehen, ich liebe die Zeichensprache nicht und
-glaube auch nicht, daß sie den Taub-Blinden von<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span> großem Nutzen ist.
-Ich finde es sehr schwer, den raschen Bewegungen der Taubstummen zu
-folgen, und außerdem scheinen die Zeichen ein großes Hindernis für sie
-bei der Gewöhnung an einen freien, gewandten Gebrauch der Sprache zu
-sein. Es fällt mir bisweilen schwer, sie zu verstehen, wenn sie mit
-den Fingern buchstabieren. Im ganzen genommen erscheint mir, wenn sie
-nicht die Lautsprache erlernen können, das Fingeralphabet als das beste
-und bequemste Verständigungsmittel für sie. Jedenfalls bin ich fest
-davon überzeugt, daß die Taub-Blinden es nicht fertig bringen, die
-Zeichensprache einigermaßen gewandt zu handhaben.</p>
-
-<p>Eines Tages traf ich einen tauben Norweger, der Ragnhild Kaata und ihre
-Lehrerin sehr genau kennt, und wir unterhielten uns über sie in sehr
-interessanter Weise. Er erzählte, sie sei sehr fleißig und heiter.
-Sie spinnt und beschäftigt sich viel mit weiblichen Handarbeiten,
-sie liest und führt ein angenehmes, nützliches Leben. Aber denken
-Sie, sie versteht sich nicht auf das Fingeralphabet. Sie liest gut
-von den Lippen ab, und wenn sie etwas nicht versteht, so schreiben
-ihre Bekannten es ihr in die Hand, und auf diese Weise unterhält sie
-sich mit Fremden. Ich kann nichts verstehen, was man mir in die Hand
-schreibt; daraus können Sie sehen, daß Ragnhild mir in einigen Punkten
-überlegen ist. Ich hoffe, ich werde sie einmal sehen.</p>
-
-<p class="mtop2">Am 9. Dezember 1900 schreibt Fräulein Keller an denselben Herrin:</p>
-
-<p class="mtop1">... Im vergangenen Oktober hörte ich von einem ungewöhnlich geweckten
-taub-blinden Mädchen in Texas. Sie heißt Ruby Rice und ist, glaube ich,
-dreizehn Jahre alt. Sie hat niemals Unterricht erhalten; doch kann
-sie nähen und hilft anderen bei dieser Arbeit. Ihr Geruchssinn ist
-wunderbar fein ausgebildet. Wenn sie in einen Laden tritt, geht sie
-direkt auf<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span> die Schaukästen zu; ebenso kann sie ihre eigenen Sachen
-von fremden unterscheiden. Ihre Eltern wünschen möglichst bald eine
-Lehrerin für sie. Auch haben sie schon an Herrn Hitz über ihre Tochter
-geschrieben.</p>
-
-<p>Ebenso kenne ich ein Kind in dem Taubstummen-Institut in Mississippi.
-Sie heißt Maud Scott und ist sechs Jahre alt. Fräulein Watkins, ihre
-Erzieherin, hat mir einen sehr interessanten Brief geschrieben. Sie
-teilte mir mit, daß Maud taub geboren ist und ihr Gesicht schon im
-Alter von drei Monaten verlor, sowie daß sie bei ihrer vor ein paar
-Wochen erfolgten Aufnahme in das Institut ganz hilflos war. Sie konnte
-nicht einmal gehen und konnte auch ihre Hände nur wenig gebrauchen.
-Als man versuchte, ihr das Aufreihen von Perlen beizubringen, sanken
-ihr die Händchen herab. Augenscheinlich ist ihr Gefühlssinn nicht
-entwickelt worden, und bis jetzt kann sie nur gehen, wenn jemand sie
-bei der Hand faßt; aber sie scheint ein außergewöhnlich gewecktes Kind
-zu sein. Fräulein Watkins fügt hinzu, daß sie sehr hübsch ist. Ich habe
-ihr geschrieben, daß, wenn Maud lesen lernt, ich ihr viele Erzählungen
-schicken werde. Das Herz tut mir weh bei dem Gedanken, wie gänzlich
-dieses liebe, süße kleine Mädchen von allem abgeschnitten ist, was im
-Leben gut und wünschenswert ist. Aber Fräulein Watkins scheint gerade
-die richtige Erzieherin für sie zu sein.</p>
-
-<p>Vor kurzem war ich in New York und traf Fräulein Rhoades, die mir
-erzählte, sie habe Katie Mc. Gier gesehen. Sie sagte, das arme junge
-Mädchen spreche und bewege sich gerade wie ein kleines Kind. Katie
-spielte mit Fräulein Rhoades’ Ringen, zog sie ihr ab und sagte mit
-einem fröhlichen Lachen: Sie bekommen sie nicht wieder. Sie konnte
-Fräulein Rhoades nur verstehen, wenn diese von den einfachsten Dingen
-sprach. Sie wollte ihr einige Bücher schicken, konnte aber keins
-finden, das einfach genug für sie gewesen wäre! Sie sagte, Katie sei
-sehr<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span> sanft, sei aber in Bezug auf den eigentlichen Unterricht in
-betrübender Weise zurückgeblieben. Ich war sehr überrascht, all dies
-zu hören; denn nach Ihren Briefen zu urteilen, muß Katie ein sehr
-frühreifes Mädchen sein.</p>
-
-<p>Vor ein paar Tagen traf ich Tommy Stringer auf dem Bahnhofe in
-Wrentham. Er ist jetzt ein großer, starker Junge und wird bald der
-Leitung eines Mannes bedürfen; denn er ist wirklich zu groß, als daß
-sich eine Dame noch mit ihm abgeben könnte. Er geht, wie ich höre, in
-die öffentliche Schule, und seine Fortschritte sollen ganz erstaunlich
-sein; aber in der Unterhaltung zeigt er dies bis jetzt noch nicht, denn
-diese beschränkt sich auf ja und nein.</p>
-
-<p class="mtop1">Ferner schreibt Helen in einem Briefe vom 27. Dezember 1890 an eine
-bekannte Dame: Ein Herr in Philadelphia hat vor kurzem an meine
-Lehrerin über ein taub-blindes Kind in Paris, dessen Eltern Polen sind,
-geschrieben. Die Mutter ist Aerztin und, wie er sagt, eine prächtige
-Frau. Der kleine Knabe konnte zwei bis drei Sprachen sprechen, bevor
-er sein Gehör durch Krankheit verlor, und ist jetzt erst fünf Jahre
-alt. Armer kleiner Bursche, ich wollte, ich könnte etwas für ihn tun;
-aber er ist so jung, meine Lehrerin glaubt, eine Trennung von seiner
-Mutter würde von zu nachteiligen Folgen für ihn begleitet sein. Frau
-Thaw schrieb mir kürzlich einen Brief über die Möglichkeit, etwas
-für all diese Kinder zu tun. <span class="antiqua">Dr.</span> Bell meint, die gegenwärtige
-Volkszählung würde ergeben, daß sich allein in den Vereinigten Staaten
-mehr als tausend befänden, und Frau Thaw glaubt, wenn alle meine
-Freunde ihre Anstrengungen vereinigten, so würde es ein leichtes sein,
-mit Beginn dieses neuen Jahrhunderts der Wohltätigkeit eine neue Bahn
-zu eröffnen und die Rettung dieser unglücklichen Kinder zu bewirken.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span></p>
-
-<p>Am 11. November 1901 wurde <span class="antiqua">Dr.</span> Howes hundertjähriger Geburtstag in
-Boston feierlich begangen. Am Tage vorher schrieb Helen Keller an ihren
-Verwandten <span class="antiqua">Dr.</span> Edward Everett Hale (vergl. oben
-<a href="#Edward_Everett_Hale">S. 139</a>) folgenden Brief:</p>
-
-<p class="right mright1 mtop2">Cambridge, 10. November 1901.</p>
-
-<p>Meine Lehrerin und ich hoffen morgen der Feier der hundertsten
-Wiederkehr von <span class="antiqua">Dr.</span> Howes Geburtstag beiwohnen zu können; aber
-ich bezweifle es sehr, ob wir eine Gelegenheit finden werden, mit Ihnen
-zu sprechen. Daher schreibe ich Ihnen heut, um Ihnen zu sagen, wie
-erfreut ich darüber bin, daß Sie die Festrede halten werden; denn ich
-fühle es, daß Sie besser als sonst jemand, den ich kenne, die aus dem
-tiefsten Herzen kommende Dankbarkeit derer zum Ausdruck bringen werden,
-die ihre Bildung, ihre Stellung im Leben, ihr Glück dem verdanken,
-der den Blinden die Augen geöffnet und den Stummen die Lautsprache
-geschenkt hat.</p>
-
-<p>Während ich hier in meinem Studierzimmer sitze, umgeben von meinen
-Büchern, mich der tröstenden und erhebenden Gemeinschaft mit den
-großen Weisen erfreuend, suche ich mir vorzustellen, was mein Leben
-wohl gewesen wäre, wenn es <span class="antiqua">Dr.</span> Howe nicht gelungen wäre, die
-große, ihm von Gott gestellte Aufgabe zu lösen. Hätte er nicht die
-Verantwortung für Laura Bridgmans Erziehung übernommen und sie aus dem
-Schlunde des Acheron zurück zu ihrem Menschentume geführt, würde ich
-dann heut eine Schülerin des Radcliffe College sein &mdash; wer vermag dies
-zu sagen? Aber es ist nutzlos, über das zu grübeln, was in Bezug auf
-<span class="antiqua">Dr.</span> Howes große Leistung hätte sein können.</p>
-
-<p>Ich glaube, nur diejenigen, welche jenem mehr dem Tode als dem Leben
-ähnlichen Dasein entronnen sind, von dem auch Laura Bridgman gerettet
-worden ist, können wissen, wie vereinsamt, wie in Dunkel gehüllt, wie
-durch die eigene Ohnmacht<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span> niedergedrückt eine Seele ohne Denken, ohne
-Glauben, ohne Hoffen ist. Worte sind zu schwach, um die Oede jenes
-Kerkers oder die Freude der Seele, die aus ihrer Haft befreit ist,
-zu schildern. Wenn wir die Dürftigkeit und Hilflosigkeit der Blinden
-vor dem Beginn von <span class="antiqua">Dr.</span> Howes Tätigkeit mit ihrer gegenwärtigen
-Brauchbarkeit und Unabhängigkeit vergleichen, so sind wir uns bewußt,
-daß sich große Dinge in unserer Mitte vollzogen haben. Physische
-Bedingungen haben hohe Mauern um uns errichtet, aber dank unserem
-Freunde und Helfer liegt uns die Welt nach oben offen; die Länge, die
-Breite, die Höhe des Himmels gehören uns.</p>
-
-<p>Es ist ein erhebender Gedanke, daß <span class="antiqua">Dr.</span> Howes edles Unternehmen
-den ihm gebührenden Tribut der Liebe und Dankbarkeit in der Stadt
-erhalten soll, die der Schauplatz seiner unendlichen Mühen und seiner
-glänzenden Siege zum Besten der Menschheit gewesen ist.</p>
-
-<p class="mtop1">Mit den herzlichsten Grüßen, denen sich meine Lehrerin anschließt, bin
-ich</p>
-
-<p class="center">in treuer Liebe</p>
-
-<p class="right mright1">Ihre Freundin<br />
-Helen Keller.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Anhang">Anhang</h2>
-
-</div>
-
-<p class="s3 center">Von John Albert Macy</p>
-
-<hr class="r5" />
-
-<p class="center">Nebst Briefen und Berichten</p>
-
-<p class="center">von</p>
-
-<p class="s3 center">A. M. Sullivan.</p>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span></p>
-
-<h3 class="padtop2" id="Die_Abfassung_des_Buches">Die Abfassung des
-Buches.</h3>
-
-</div>
-
-<p class="s5 center mbot2">Schwierigkeit der Prüfung des mit der Schreibmaschine hergestellten
-Manuskriptes. &mdash; Braillekopie. &mdash; Revision mit Hilfe Fräulein
-Sullivans.</p>
-
-<p>Man muß gestehen, Fräulein Kellers »Geschichte meines Lebens« erscheint
-gerade jetzt zur rechten Zeit. Die Entwickelung der Verfasserin ist im
-wesentlichen abgeschlossen, und was sie auch in Zukunft noch erreichen
-mag, es wird immer nur ein verhältnismäßig geringfügiger Zuwachs zu
-den Erfolgen sein, die sie schon jetzt aufzuweisen hat. Diese Erfolge
-liegen klar zutage, denn ihre Leistungen im Radcliffe College während
-der letzten beiden Jahre haben bewiesen, daß sie ihre Ausbildung so
-weit fortsetzen kann, als ob sie unter normalen Bedingungen studierte.
-Alle Zweifel, die Fräulein Keller etwa selbst gehegt haben mag, sind
-nun verstummt.</p>
-
-<p>Um den Leser in den Stand zu setzen, Fräulein Kellers Aufzeichnungen
-von dem richtigen Gesichtspunkte aus zu betrachten, sind einige
-Erläuterungen notwendig. In der Schilderung, die sie von ihren ersten
-Unterrichtsjahren entwirft, gibt sie keinen wissenschaftlich genauen
-Bericht über ihr Leben, nicht einmal über die wichtigsten Ereignisse
-darin. Sie kann im einzelnen nicht wissen, in welcher Weise sie
-unterrichtet wurde, und die Erinnerung an ihre Kindheit ist zum Teil
-eine idealisierte Erinnerung an das, was sie später von ihrer Lehrerin
-und anderen erfahren hat. Sie ist weniger imstande, sich auf Ereignisse
-zu entsinnen, die fünfzehn Jahre zurückliegen, als die meisten von uns
-sich ihre Kindheit ins Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span>dächtnis zurückrufen können. Aus diesem Grund
-wird man stellenweise einen Unterschied zwischen den Aufzeichnungen
-Fräulein Kellers und den Berichten ihrer Lehrerin finden.</p>
-
-<p>Die Art und Weise, in der Fräulein Keller ihre Biographie geschrieben
-hat, legt deutlicher als alles andere Zeugnis von den Schwierigkeiten
-ab, die sie zu überwinden hatte. Wenn wir schreiben, so können wir das
-Fertiggewordene überlesen, seitenlang zurückblättern, einfügen, die
-Anordnung ändern; wir können sehen, wie sich die Sätze im Konzepte
-ausnehmen, und so das ganze Werk offensichtlich vor unseren Augen
-aufbauen, wie ein Architekt seine Pläne entwirft. Wenn Fräulein Keller
-die Schreibmaschine benutzt, so kann sie das Niedergeschriebene nur
-prüfen, wenn es ihr jemand mittels des Fingeralphabets vorliest.</p>
-
-<p>Diese Schwierigkeit wird zum Teil durch die Benutzung der
-Braillemaschine gehoben, die ein für sie lesbares Manuskript liefert;
-da ihre Arbeit doch aber zuletzt in Schreibmaschinenschrift übertragen
-werden muß, und eine Braillemaschine etwas unbequem zu handhaben ist,
-so hat sie sich daran gewöhnt, sofort mit der Schreibmaschine zu
-arbeiten. Sie ist so wenig von ihrem Braillemanuskript abhängig, daß,
-als sie vor länger als Jahresfrist ihre Biographie zu schreiben begann
-und etwa hundert Seiten des Entwurfes nebst einzelnen Bemerkungen
-hiezu fertiggestellt hatte, sie aus Unachtsamkeit diese Anmerkungen
-vernichtete, ehe sie ihr Manuskript beendet hatte. Daher schrieb sie
-einen großen Teil ihrer Biographie mittels der Schreibmaschine nieder
-und verließ sich behufs der Zusammenstellung der einzelnen Episoden,
-die ihr Fräulein Sullivan vorlas, bei der endgültigen Ausarbeitung ganz
-auf ihr Gedächtnis.</p>
-
-<p>Als sie im vergangenen Juli unter großer Ueberbürdung mit Arbeit
-das Schlußkapitel beendet hatte, begann sie das<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span> ganze Buch mit
-der Schreibmaschine umzuschreiben. Ein guter Freund von ihr, Herr
-William Wade, hatte für sie eine vollständige Braillekopie nach den
-Niederschriften angefertigt. Nun hatte sie zum ersten Male ihr gesamtes
-Manuskript auf einmal unter den Fingern. Sie bemerkte Mängel in der
-Anordnung der Abschnitte und Wiederholungen einzelner Redewendungen;
-ferner erkannte sie, daß ihre Biographie von selbst in kurze Kapitel
-zerfiel, und teilte sie demgemäß von neuem ein.</p>
-
-<p>Teils infolge ihres Temperaments, teils infolge der Bedingungen, unter
-denen ihr Buch entstanden war, hatte sie mehr eine Reihe glänzender
-Einzelschilderungen als eine einheitliche Erzählung gegeben; in der Tat
-sind verschiedene Abschnitte ihrer Biographie kurze Aufsätze, die sie
-in ihren englischen Unterrichtsstunden geschrieben hatte, und die lose
-Verbindung zeigt mitunter ihren ursprünglichen Umfang an.</p>
-
-<p>Bei der Reinschrift brachte Fräulein Keller mit Hilfe ihrer
-Brailleschreibmaschine Korrekturen und Ergänzungen auf besonderen
-Blättern zu Papier. Längere Korrekturen schrieb sie mittels der
-Schreibmaschine nieder und bezeichnete die Stellen, an die sie
-gehörten, durch Stichworte. Dann las sie das ganze Buch von ihrer
-Braillekopie ab und brachte während des Lesens noch Korrekturen an,
-die auf das Manuskript niedergeschrieben wurden, das dann in die
-Druckerei kam. Während dieser Revision erörterte sie Fragen, die auf
-Inhalt und Form Bezug hatten. Sie saß da, ließ ihre Finger über das
-Braillemanuskript gleiten, hielt dann und wann inne, um die Blätter,
-auf die sie ihre Notizen in Brailleschrift aufgezeichnet hatte, zu
-vergleichen, und las die ganze Zeit über laut, um ihre Zuhörer in die
-Lage zu versetzen, das Manuskript zu kontrollieren.</p>
-
-<p>Sie hörte auf die Kritik genau so wie jeder andere Schriftsteller
-auf das Urteil seiner Freunde oder seines Verlegers hört. Fräulein
-Sullivan, die eine ausgezeichnete Kritikerin ist, machte<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span> ihr
-sowohl bei der Ausarbeitung wie bei der Revision vielfach
-Verbesserungsvorschläge. Man hat behaupten wollen, Fräulein Keller
-sei durch übereifrige Freunde zur Abfassung ihres Buches sowie zur
-Einfügung gewisser Dinge gedrängt worden. In Wahrheit haben die
-Ratschläge, die sie erhalten und befolgt hat, mehr zu Streichungen als
-zu Zusätzen geführt. Das Buch ist Fräulein Kellers ausschließliches
-geistiges Eigentum und der entscheidende Beweis für ihre selbständige
-Begabung.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3 class="padtop2" id="Helen_Kellers_Persoenlichkeit">Helen Kellers
-Persönlichkeit.</h3>
-
-</div>
-
-<p class="s5 center mbot2">Körperliche Erscheinung. &mdash; Lebhafte Gestikulation. &mdash;
-Personengedächtnis. &mdash; Vorliebe für Humor. &mdash; Hartnäckigkeit
-im Verfolgen ihrer Ziele. &mdash; Keckheit. &mdash; Ungeeignet für
-psychologische Experimente. &mdash; Liebe zur Geselligkeit. &mdash;
-Verständnis für Musik. &mdash; Interesse für die Tagesereignisse.
-&mdash; Ueberraschend vollständige Weltkenntnis. &mdash; Gefühlssinn
-nicht besonders fein entwickelt. &mdash; Verständnis für Plastik. &mdash;
-Wenig Orientierungssinn. &mdash; Benutzung der Schreibmaschine. &mdash;
-Fingeralphabet. &mdash; Hochdruck und Braillesystem. &mdash; Geruchssinn.
-&mdash; »Sechster Sinn«. &mdash; Zeitsinn. &mdash; Eigenartige Uhren. &mdash; Gesunde
-Auffassung der Dinge. &mdash; Sittliche Reinheit. &mdash; Abneigung gegen
-Tragödien. &mdash; Warmes Empfinden und Aufrichtigkeit. &mdash; Mangel an
-Eitelkeit. &mdash; Beschäftigung mit Politik.</p>
-
-<p id="Mark_Twain_II">Mark Twain hat behauptet, die beiden interessantesten Charaktere
-des neunzehnten Jahrhunderts seien Napoleon und Helen Keller. Die
-Bewunderung, mit der die Welt auf die letztere geblickt hat, wird
-durch ihre Leistungen mehr als gerechtfertigt. Niemand vermag etwas
-Zutreffendes über sie auszusagen, was nicht bereits gedruckt ist, und
-alles, was ich tun kann, besteht darin, einiges Tatsächliche über
-Fräulein Kellers Entwickelungsgang mitzuteilen und die Angaben über
-ihre Persönlichkeit in einigen Punkten zu ergänzen.</p>
-
-<p>Fräulein Keller ist groß und kräftig gebaut und hat sich stets einer
-guten Gesundheit erfreut. Sie scheint nervöser zu<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span> sein, als sie
-tatsächlich ist, weil sie mehr mit ihren Händen gestikuliert als
-die meisten Menschen englischer Zunge. Der eine Grund für diese
-Gewöhnung liegt bei ihr darin, daß sie sich ihrer Hände so lange
-Zeit als Verständigungsmittel bedient hat, daß sie von selbst die
-rasche Beweglichkeit des Auges angenommen haben und einen Teil von
-dem ausdrücken, was wir mit einem Blicke sagen. Alle tauben Menschen
-gestikulieren von Hause aus. In der Tat war man früher der Meinung,
-diese Unglücklichen könnten sich am leichtesten durch ein System
-von Gestikulationen, durch die von dem Abbé de l’Epée erfundene
-Zeichensprache verständlich machen.</p>
-
-<p>Wenn Fräulein Keller spricht, so belebt sich ihr Antlitz und drückt
-alle Nuancen ihres Denkens aus, ihre Gesichtszüge werden sprechend
-und geben ihren Worten erst den rechten Nachdruck. Wenn sie jedoch
-mit einem näheren Bekannten spricht, so faßt sie mit der Hand rasch
-nach seinem Gesichte, um, wie sie sagt, „das Bewegungsspiel des Mundes
-zu sehen.“ Auf diese Weise ist sie imstande, den Sinn solcher halb
-ausgesprochenen Sätze zu verstehen, die wir unbewußt aus dem Tone der
-Stimme oder dem Ausdrucke des Auges ergänzen.</p>
-
-<p>Ihr Personengedächtnis ist erstaunlich. Sie erinnert sich bei der
-Berührung von Fingern, die sie früher in der Hand gehalten hat, all
-der charakteristischen Muskelzusammenziehungen, die den Handschlag des
-einen Menschen von dem des anderen verschieden machen.</p>
-
-<p>Vielleicht der kennzeichnendste Charakterzug Helen Kellers (und
-ebenso Fräulein Sullivans) ist der Humor. Schlagfertigkeit und die
-Neigung zu Wortspielen verleihen ihr eine Vorliebe für Bonmots und
-witzige Redewendungen. Doch ist ihr Humor von jener tieferen Art, die
-gleichbedeutend mit Mut ist.</p>
-
-<p>Vor vierzehn Jahren setzte sie es sich in den Kopf, sprechen lernen zu
-wollen, und sie ließ ihrer Lehrerin nicht eher Ruhe,<span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span> bis ihr diese
-die Erlaubnis gab, Unterricht darin nehmen zu dürfen, obgleich kluge,
-erfahrene Leute, sogar Fräulein Sullivan, die klügste von allen,
-dies als ein Experiment betrachteten, das unmöglich gelingen könne
-und nur danach angetan sei, sie unglücklich zu machen. Diese selbe
-Hartnäckigkeit war es, die sie bewog, die Universität zu besuchen.
-Nachdem sie ihre Examina bestanden und ihr Abiturientenzeugnis erhalten
-hatte, wurde ihr von dem Dekan des Radcliffe College und anderen das
-Universitätsstudium widerraten. Sie schob es daher ein volles Jahr auf.
-Sie fühlte sich aber nicht befriedigt, bis sie ihren Plan ausführte und
-die Universität bezog.</p>
-
-<p>Ihr Leben ist eine Reihe von Anläufen gewesen, alles zu tun, was andere
-tun, und es ebensogut zu tun. Sie hat damit einen durchschlagenden
-Erfolg erzielt, denn bei dem Versuche, so zu sein wie andere, ist sie
-dahin gelangt, sich selbst völlig zu finden. Ihre Abneigung gegen
-Niederlagen hat ihren Mut entwickelt. Was ein anderer erreichen kann,
-das kann sie auch. Ihre Achtung für persönliche Tapferkeit gleicht
-der Verachtung des Knaben für den weinenden Spielgefährten, mit einem
-Anflug von jugendlichem Bramarbasieren. Sie unternimmt Fußwanderungen
-in die Wälder, kriecht durch das Unterholz, wobei sie zerkratzt und
-zerschunden wird; aber man kann sie nicht dahin bringen, zuzugeben, daß
-sie sich verletzt habe, und um keinen Preis bewegen, das nächstemal zu
-Hause zu bleiben.</p>
-
-<p>Wenn man versucht, Experimente an ihr zu machen, zeigt sie eine zähe
-Willensbestimmtheit, jede Probe, der man sie zu unterziehen wünscht, zu
-bestehen, so widersinnig sie auch sein mag.</p>
-
-<p>Wenn sie die Antwort auf eine Frage nicht weiß, so rät sie frisch
-darauf los. Fragt man sie nach der Farbe des Rockes, den man anhat
-(kein Blinder kann eine Farbe erkennen), so befühlt sie ihn und sagt:
-Schwarz. &mdash; Ist er zufällig blau und sagt man ihr dies triumphierend,
-so ist sie imstande zu antworten: Danke.<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span> Ich freue mich, daß Sie es
-wissen. Wozu haben Sie mich dann überhaupt gefragt?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ihre spöttische, mutwillige Art macht sie zu einem sehr ungeeigneten
-Objekt für psychologische Experimente. Außerdem sieht Fräulein Sullivan
-auch nicht ein, warum Helen Keller wissenschaftliche Untersuchungen
-über sich ergehen lassen soll, und hat selbst nur wenig Experimente
-angestellt. Als ein Psychologe sie fragte, ob Helen im Schlafe mit
-ihren Fingern buchstabiere, entgegnete ihm Fräulein Sullivan, sie halte
-es nicht für der Mühe wert, aufzubleiben und Nachtwache zu halten, da
-derlei Dinge von so geringer Bedeutung seien.</p>
-
-<p>Fräulein Keller ist eine Freundin von Geselligkeit. Wenn jemand, den
-sie berührt, über einen Scherz lacht, lacht sie mit, gerade als ob
-sie ihn gehört hätte. Wenn andere von Musik hingerissen werden, so
-erscheint, durch Sympathie hervorgerufen, ebenfalls auf ihren Zügen
-ein strahlender Ausdruck. In der Tat besitzt sie ein so feines Gefühl
-für die Gemütsbewegungen Fräulein Sullivans, daß sie sich derselben
-sofort anpassen kann, und so scheint sie auch zu wissen, was in ihrer
-Umgebung geschieht, selbst wenn die Unterhaltung ihr nicht in die Hand
-buchstabiert wird. In derselben Weise beruht ihr Verständnis für Musik
-teilweise auf Sympathie, obgleich sie sich an ihr auch um ihrer selbst
-willen erfreut.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="img_p186" name="img_p186">
- <img class="mtop1" src="images/img_p186.jpg" alt="" /></a>
- <p class="caption mbot1">Helen Keller »horcht« auf die
- Töne eines Klaviers</p>
-</div>
-
-<p>Die Musik kann für sie vermutlich wenig mehr bedeuten als eine
-rhythmische Bewegung. Sie kann nicht singen oder Klavier spielen,
-obgleich sie, wie frühere Experimente beweisen, es mechanisch erlernen
-konnte, eine Melodie auf den Tasten abzuspielen. Ihre Freude an der
-Musik ist nichtsdestoweniger völlig echt, denn die Töne werden ihr
-durch das Gefühl vermittelt, indem die Luftwellen sie berühren.
-Teilweise rührt ihr Verständnis für den Rhythmus der Musik ohne
-Zweifel von den Schwingungen fester Körper her, die sie berührt;<span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span> des
-Fußbodens oder, was wahrscheinlicher ist, des Pianokastens, auf dem
-ihre Hand ruht. Doch scheint sie auch die Bewegung der Luft selbst zu
-empfinden. Als die Orgel in der Bartholomäuskirche für sie gespielt
-wurde, (vergl. <a href="#Bartholomaeuskirche">S. 171</a>) erbebte das ganze Gebäude bei den mächtigen
-Pedaltönen, aber dadurch wird nicht im geringsten erklärt, was Helen
-empfand und worüber sie sich freute. Die Vibration der Luft sowie die
-anschwellenden Orgeltöne versetzten sie ebenfalls in gleichartige
-Schwingungen. Mitunter legt sie ihre Hand an den Kehlkopf eines
-Sängers, um das Zittern und Zusammenziehen der Muskeln zu fühlen,
-und hat davon einen wahrhaften Genuß. Niemand weiß jedoch genau,
-welcher Art ihre Empfindungen dabei sind. Es ist belustigend, in einer
-Zeitschrift aus dem Jahre 1895 zu lesen, daß Fräulein Keller den
-verschiedenen Komponisten eine gerechte und verständnisvolle Würdigung
-entgegenzubringen vermöge, da sie deren Musik im buchstäblichen Sinne
-des Wortes fühle; Schumann sei ihr Lieblingskomponist. Wenn sie den
-Unterschied zwischen Schumann und Beethoven kennt, so rührt dies daher,
-daß sie darüber gelesen hat, sich an das Gelesene erinnert und mit
-jemand, der sie danach fragt, über dieses Thema sprechen kann.</p>
-
-<p>Fräulein Kellers Streben, es anderen in Bezug auf Intelligenz
-gleichzutun, hält sie auch betreffs der Tagesereignisse auf dem
-laufenden. Als ihre Erziehung systematischer wurde und sie sich mit
-Büchern beschäftigte, würde es für Fräulein Sullivan ein leichtes
-gewesen sein, sie zur Einkehr in sich selbst anzuhalten, wenn sie
-dazu geneigt gewesen wäre. Aber jedermann, der mit ihr zusammenkam,
-hat ihr sein Bestes gegeben, und sie hat es angenommen. Wenn im Laufe
-einer Unterhaltung der ihr zunächst Sitzende auch nur einen Augenblick
-aufhört, in ihre Hand zu buchstabieren, so erfolgt unausbleiblich die
-Frage: Worüber sprechen Sie jetzt? Auf diese Weise speichert<span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span> sie die
-Bruchstücke aus der täglichen Unterhaltung normal beanlagter Menschen
-in sich auf, und ihre Einzelkenntnisse sind daher äußerst umfassend und
-genau. Auch spricht sie gut über die kleinen täglichen Ereignisse des
-Lebens.</p>
-
-<p>Einen großen Teil ihres Wissens erwirbt sie sich auf unmittelbarem
-Wege. Wenn sie ausgeht, bleibt sie oft plötzlich stehen, von dem
-Geruche eines Strauches angezogen. Sie streckt ihre Hand aus, befühlt
-die Blätter, und empfindet an der Pflanzenwelt denselben Genuß wie wir,
-wenn sie die Blätter zwischen ihren Fingern hält, den Duft der Blüten
-einsaugt und wenn sie sich später wieder daran erinnert.</p>
-
-<p>Befindet sie sich an einer neuen Oertlichkeit, namentlich einer
-interessanten wie den Niagarafällen, so ist ihr Begleiter, &mdash; in
-der Regel ist es natürlich Fräulein Sullivan &mdash; bemüht, ihr eine
-Vorstellung von den sichtbaren Einzelheiten beizubringen. Fräulein
-Sullivan, die das Innere ihres Zöglings kennt, wählt aus der Landschaft
-die wesentlichen Züge aus, die imstande sind, Helens innerer
-Anschauung der Außenwelt, die unseren Augen eine verwirrende Fülle
-von Einzelheiten darbietet, eine gewisse Klarheit und Bestimmtheit zu
-verleihen. Wenn ihr Begleiter ihr nicht genug Einzelheiten mitteilt, so
-stellt Helen selbst Fragen, bis sie sich das Landschaftsbild zu ihrer
-Befriedigung ergänzt hat.</p>
-
-<p>Sie sieht nicht mit ihren Augen, wohl aber mittels der inneren
-Fähigkeit, zu deren Unterstützung uns die Augen gegeben sind. Wenn
-sie von einem Spaziergang zurückkehrt und mit jemand über diesen
-spricht, so sind ihre Beschreibungen zutreffend und lebendig. Eine
-auf Vergleichung beruhende Erfahrung, die sie aus schriftlichen
-Schilderungen und aus den mündlichen ihrer Lehrerin schöpft, schützt
-sie vor Irrtümern im Gebrauche der Bezeichnungen für Gehörs- und
-Gesichtseindrücke. Ihre Anschauung vom Leben ist in der Tat höchst<span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span>
-farbenreich, und die Welt, wie Helen sie erblickt, ist unzweifelhaft
-ein wenig besser als in Wirklichkeit. Doch ist Fräulein Kellers
-Kenntnis von ihr durchaus nicht so unvollständig, wie man annehmen
-könnte. Gelegentlich setzt sie ihre Umgebung durch ihre Unkenntnis
-einer Tatsache in Erstaunen, die ihr zufällig niemand mitgeteilt hat;
-so wußte sie zum Beispiel bis zu ihrem ersten Seebade nicht, daß das
-Meerwasser salzig ist. Viele der vereinzelten Ereignisse und Tatsachen
-unseres täglichen Lebens gehen an ihr unbemerkt vorüber, aber sie hat
-eine genügende Kenntnis von der Welt, um sich eine im wesentlichen
-lückenlose Anschauung von ihr bilden zu können.</p>
-
-<p>Der größte Teil ihres unmittelbaren Wissens geht auf ihren Gefühlssinn
-zurück. Dieser Sinn ist jedoch nicht so fein ausgebildet wie
-bei anderen Blinden. Laura Bridgman konnte die winzigsten, fast
-verschwindenden Unterschiede in der Stärke von Fäden wahrnehmen und
-fertigte wundervolle Spitzen an. Fräulein Keller versteht zu stricken
-und zu häkeln, aber sie hat Besseres zu tun. Bei ihren mannigfaltigen
-Gaben und Anlagen hat sie sich des Gefühlssinns nicht genügend bedient,
-um ihn allzuhoch über die normale Schärfe hinaus zu entwickeln. Ein
-Bekannter stellte eines Tages bei Helen Versuche mit verschiedenen
-Münzen an. Das Wiedererkennen nach Maßgabe ihres Gewichts- und
-Größenverhältnisses ging langsamer von statten, als er erwartet hatte.
-Aber man muß dabei bedenken, daß sie fast nie Geld in die Hände bekommt
-und, nebenbei gesagt, so von einer der schmutzigen und kleinlichen
-Einzelheiten des Lebens verschont bleibt.</p>
-
-<p>Sie erkennt den Vorwurf und die allgemeine Idee einer sechs Zoll
-hohen Statuette. Etwas, was flacher ist, als ein Basrelief von einem
-halben Zoll Höhe ist für sie ein leeres Blatt, insofern es sich dabei
-um die Empfindung des Schönen handelt. Große Statuen, bei denen sie
-den Schwung der Linien<span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span> mit der ganzen Hand verfolgen kann, gewähren
-ihr einen höheren ästhetischen Genuß. Sie bemerkt selbst, daß sie
-sie besser zu würdigen imstande ist als wir, weil sie die wirklichen
-Dimensionen zu erfassen und die körperliche Natur eines plastischen
-Werkes unmittelbarer zu empfinden vermag. Als sie das Museum der
-schönen Künste in Boston besuchte, stand sie auf einer Stehleiter und
-ließ beide Hände über die Statuen gleiten. Als sie ein Basrelief mit
-der Darstellung tanzender Mädchen befühlte, fragte sie: Wo sind die
-Sängerinnen? &mdash; Nachdem sie diese gefunden hatte, sagte sie: Eine von
-ihnen schweigt. &mdash; Die Lippen der Sängerin waren geschlossen.</p>
-
-<p>Am meisten bietet jedoch ihr tägliches Leben Gelegenheit, die Feinheit
-ihrer Sinne und ihrer Handfertigkeit zu beobachten. Sie scheint
-sehr wenig Orientierungssinn zu besitzen. Sie tastet ihren Weg mit
-ziemlicher Unsicherheit selbst in Zimmern entlang, mit denen sie ganz
-bekannt ist. Die meisten Blinden werden durch das Gehör unterstützt,
-sodaß man sie nicht mit diesen vergleichen kann, sondern billigerweise
-nur mit anderen taubstummen Blinden. Ihre Geschicklichkeit ist weder
-im Verhältnis zu normalen Personen, deren Bewegungen durch das Auge
-geleitet werden, noch, wie mir versichert wurde, zu anderen Blinden
-bemerkenswert. Sie hat keine einzige Fertigkeit ausgeübt, die den
-Gebrauch ihrer Hände erfordert haben würde. Als sie zwölf Jahre alt
-war, ließ ein Bekannter von ihr, der Künstler Albert H. Munsell,
-sie Versuche mit einer Wachstafel und einem Griffel anstellen. Er
-berichtet, sie habe sich ganz gut dabei angestellt und nach Modellen
-einige Umrißzeichnungen von Blättern und Rosetten angefertigt.
-Ihre einzige Beschäftigung, die Handfertigkeit erfordert, ist ihre
-Tätigkeit an der Schreibmaschine. Obgleich sie diese von ihrem zwölften
-Lebensjahre an benutzt hat, arbeitet sie an ihr eher sorgfältig als
-rasch. Sie schreibt mit angemessener Schnelligkeit und abso<span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span>luter
-Sicherheit. Ihre Manuskripte enthalten selten Schreibfehler, wenn sie
-sie Fräulein Sullivan zum Durchlesen übergibt. Ihre Schreibmaschine
-weist keine besonderen Einrichtungen auf. Sie überzeugt sich von der
-Stellung der einzelnen Tasten zueinander durch eine gelegentliche
-Berührung des Außenrandes der Platte mit dem kleinen Finger.</p>
-
-<p>Fräulein Kellers Verstehen des Fingeralphabets vermittelst des Gefühls
-scheint einigermaßen Verwunderung zu erregen. Selbst Leute, die Helen
-sehr gut kannten, haben in Zeitschriften von Fräulein Sullivans
-»geheimnisvoller telegraphischer Zwiesprache« mit ihrem Zögling
-gesprochen. Das Fingeralphabet ist das bei allen tauben Personen,
-die eine Erziehung genossen haben, übliche. Die meisten Wörterbücher
-enthalten eine bildliche Darstellung der Fingeralphabete. Der sehende
-Taube blickt auf die Finger seines Begleiters, aber es ist auch
-möglich, sie zu fühlen. Fräulein Keller legt ihre Finger leicht über
-die Hand dessen, der mit ihr spricht, und faßt die Worte so rasch auf,
-wie sie buchstabiert werden können. Wie sie erklärt, ist sie sich
-weder der einzelnen Buchstaben noch einzelner Wörter bewußt. Fräulein
-Sullivan und andere, die beständig mit Tauben zu tun haben, können sehr
-rasch buchstabieren &mdash; schnell genug, um die Geschwindigkeit einer
-langsamen Lektüre zu erreichen, jedoch nicht, um jedem Worte eines
-raschen Gespräches folgen zu können.</p>
-
-<p>Jedermann kann das Fingeralphabet in wenigen Minuten erlernen, nach
-Verlauf eines Tages langsam anwenden und nach einer beständigen Uebung
-von dreißig Tagen sich durch dasselbe mit Helen Keller oder einer
-anderen tauben Person verständigen, ohne auf die Bewegung der Finger
-zu achten. Wäre das Fingeralphabet allgemeiner bekannt und erlernten
-die Bekannten und Angehörigen tauber Kinder es zugleich mit diesen, so
-würden die Tauben der ganzen Welt glücklicher und besser unterrichtet
-sein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span></p>
-
-<p>Helen Keller liest mit Hilfe von Hochdrucken und den verschiedenen
-Arten der Brailleschrift. Das gewöhnliche Buch in Hochdruck ist mit
-römischen Lettern, sowohl kleinen wie großen, hergestellt. Diese
-Lettern sind von einfacher, viereckiger, rechtwinkliger Gestalt. Die
-kleinen Buchstaben sind ungefähr 3/16 Zoll hoch und erheben sich über
-die Blattfläche ungefähr um die Dicke eines Daumennagels. Die Bücher
-haben ein großes Format, ungefähr Lexikonformat. Das französische
-Elementarbuch von Ploetz umfaßt zum Beispiel vier Bände. Die Bücher
-sind nicht schwer, weil die Blätter mit der erhöhten Schrift nicht
-dicht übereinander liegen. Am meisten fällt Helens Blindheit ihren
-Bekannten auf, wenn die plötzlich im Dunkeln zu ihr kommen und das
-Rascheln ihrer Finger über die Buchseite hören.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="img_p192" name="img_p192">
- <img class="mtop1" src="images/img_p192.jpg" alt="" /></a>
- <p class="caption mbot1">Helen Keller bei der Lektüre</p>
-</div>
-
-<p>Der geeignetste Druck für die Blinden ist die Brailleschrift, die
-verschiedene Abarten aufweist, leider nur zu viele &mdash; die englische,
-die amerikanische, die New Yorker. Fräulein Keller liest sie alle.
-Die meisten Blinden mit Schulbildung verstehen verschiedene Systeme,
-aber es würde die Sache vereinfachen, wenn, wie Fräulein Keller
-vorschlägt, die englische Brailleschrift allgemein angenommen würde.
-Jedes Zeichen (entweder ein Buchstabe oder eine, der Brailleschrift
-eigentümliche Zusammenziehung mehrerer Buchstaben) besteht aus einer
-Anzahl von Punkten (zwischen 1 und 6 schwankend), die in verschiedenen
-Stellungen zueinander angeordnet sind. Fräulein Keller besitzt eine
-Brailleschreibmaschine, auf der sie ihre Notizen anfertigt und Briefe
-an ihre blinden Freunde schreibt. Diese Maschine hat sechs Tasten, und
-durch das Niederdrücken einer oder mehrerer von diesen zu gleicher
-Zeit (genau so wie man einen Akkord auf dem Klavier greift) bringt der
-Schreibende ein Zeichen in einem Bogen dicken Papiers hervor und kann
-halb so rasch schreiben wie auf einer gewöhnlichen Schreibmaschine.<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span>
-Die Brailleschrift eignet sich vorzugsweise zur Herstellung einzelner
-Abschriften von Büchern.</p>
-
-<p>Bücher für Blinde gibt es verhältnismäßig wenige.<a name="FNAnker_21_21" id="FNAnker_21_21"></a><a href="#Fussnote_21_21" class="fnanchor">[21]</a> Ihre Herausgabe
-erfordert große Kosten, und sie haben einen zu kleinen Abnehmerkreis,
-als daß das Geschäft für den Verleger gewinnbringend sein könnte. Es
-gibt jedoch verschiedene Anstalten mit besonderen Fonds zur Herstellung
-von Büchern in Hochdruck. Fräulein Keller ist glücklicher daran als
-die meisten anderen Blinden, da ihre Freunde so aufmerksam waren,
-eigens für sie Bücher herzustellen und sich Herren, wie zum Beispiel
-Herr E. E. Allen vom <span class="antiqua">Pennsylvania Institute for the Instruction of
-the Blind</span> bereit fanden, Ausgaben von Büchern, deren sie gerade
-bedurfte, zu veranstalten.</p>
-
-<p>Fräulein Keller liest in der Regel nicht allzu schnell, sondern
-eher bedächtig, nicht weil sie die Worte weniger geschwind fühlte,
-als wir sie sehen, sondern weil sie es sich zur Gewohn<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span>heit gemacht
-hat, alles gründlich und gut zu tun. Wenn sie sich für eine Stelle
-interessiert oder sich dieselbe zu künftiger Verwendung einprägen
-will, so buchstabiert sie sich diese mit den Fingern der rechten Hand
-vor. Mitunter geht dieses Fingerspiel ganz unbewußt von statten.
-Auch spricht Helen in Geistesabwesenheit oft zu sich selbst mittels
-des Fingeralphabets. Wenn sie in der Halle oder der Veranda auf-
-und abgeht, so bewegen sich ihre Hände mit der Geschwindigkeit von
-Vogelflügeln.</p>
-
-<p>Es gibt, wie mir versichert wird, ebenso ein auf dem Gefühl beruhendes
-Gedächtnis, wie ein auf dem Gesicht und Gehör beruhendes. Fräulein
-Sullivan erklärt, daß sowohl sie wie Fräulein Keller sich »in ihren
-Fingern« daran erinnerten, was sie gesagt haben. Wenn Helen Keller
-einen Satz in der Fingersprache buchstabiert, so macht dies auf ihren
-Geist denselben Eindruck, wie wenn wir etwas, das wir oft gehört
-haben, dadurch unbewußt lernen, daß wir uns den Klang des Gehörten ins
-Gedächtnis zurückrufen können.</p>
-
-<p>Gleich jedem Tauben oder Blinden besitzt Fräulein Keller einen
-außerordentlich feinen Geruch. Als sie ein kleines Mädchen war, roch
-sie alles und erkannte an den verschiedenen Gerüchen, wo sie war, an
-welchem Hause sie vorüberkam u.&nbsp;s.&nbsp;w. Als ihr Intellekt zunahm, wurde
-sie weniger abhängig von diesem Sinne. In welchem Umfange sie bis jetzt
-Dinge an ihrem Geruche wiedererkennt, läßt sich schwer feststellen.
-Der Geruchssinn ist in Mißkredit gekommen, und ein Tauber spricht nur
-ungern von ihm. In Fräulein Kellers feinem Geruchssinn mag jedoch zum
-Teil eine Erklärung für jenes Wiedererkennen von Personen und Dingen
-zu finden sein, das man sich gewöhnt hat, einem besonderen Sinne
-zuzuschreiben, oder einer außergewöhnlichen Entwickelung der Fähigkeit,
-die wir alle zu besitzen scheinen, nämlich der Fähigkeit, anzugeben,
-wenn sich jemand in unserer Nähe befindet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span></p>
-
-<p>Die Frage nach einem besonderen »sechsten Sinne«, wie man ihn Fräulein
-Keller beigelegt hat, ist eine sehr heikle. Soviel ist sicher, sie
-kann keinen Sinn haben, den andere nicht auch haben können, und das
-Vorhandensein eines besonderen Sinnes ist weder ihr selbst noch
-ihrer Umgebung bekannt. Fräulein Kellers Wesen gibt ganz bestimmt
-keine Stütze für Geheimlehren und mysteriöse Theorien ab, und jeder
-Versuch, ihre Eigenart auf diese Weise zu erklären, scheitert an ihrer
-Normalität. Ihre Natur ist nicht geheimnisvoller und verwickelter
-als die jedes anderen Menschen. Alles, was sie ist, alles, was sie
-geleistet hat, läßt sich auf natürliche Weise erklären, bis auf die
-Züge, die sich in jedem Menschen vorfinden, ohne daß sie jemals
-erklärt werden können. Sie liefert offenbar keinen Beweis für die
-Existenz eines Geistes ohne Materie, das Dasein angeborener Ideen
-oder die Unsterblichkeit oder für sonst etwas, wofür sich nicht in
-jedem anderen menschlichen Wesen ein Beweis finden ließe. Philosophen
-haben festzustellen gesucht, welcher Art ihr Begriff von abstrakten
-Vorstellungen war, ehe sie sprechen lernte. Hatte sie irgendwelchen
-Begriff von solchen, so läßt sich diese Frage nicht mehr beantworten,
-denn sie kann sich nicht darauf entsinnen, und natürlich liegen auch
-keine Aufzeichnungen aus jener Zeit vor. Sie hatte keinen Begriff von
-Gott, ehe sie das Wort »Gott« gehört hatte, wie ihre eigenen Aussagen
-deutlich bekunden.<a name="FNAnker_22_22" id="FNAnker_22_22"></a><a href="#Fussnote_22_22" class="fnanchor">[22]</a></p>
-
-<p>Ihr Zeitsinn ist vortrefflich ausgebildet; ob er sich aber zu
-einer besonderen Begabung entwickelt haben würde, läßt sich nicht
-feststellen, denn sie besitzt seit ihrem siebenten Jahre eine Uhr.</p>
-
-<p>Fräulein Keller besitzt zwei Uhren, die ihr zum Geschenk gemacht worden
-sind. Sie sind, glaube ich, die einzigen ihrer<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span> Art in Amerika. Die Uhr
-hat auf der Rückseite einen flachen goldenen Zeiger, der soweit von
-links nach rechts gedreht werden kann, bis er, mittels eines Stiftes
-innen im Gehäuse, an den Stundenzeiger anstößt, und so eine diesem
-entsprechende Stellung erhält. Die Spitze dieses goldenen Zeigers
-ragt über den Rand des Gehäuses vor, auf welchem elf erhöhte Punkte
-angebracht sind, der Griff vertritt die Stelle des zwölften. Diese Uhr
-&mdash; eine gewöhnliche Uhr mit einem gewöhnlichen Ziffernblatt für den
-Sehenden, &mdash; wird durch die beschriebene Vorrichtung zur Blinden-Uhr,
-mit einem (einzigen) erhöhten Zeiger und erhöhten Stundenziffern.
-Obgleich der sechzig Minuten entsprechende Zwischenraum zwischen den
-einzelnen Punkten weniger als einen halben Zoll beträgt, so liest
-Fräulein Keller die Zeit doch ziemlich genau ab. Man muß übrigens
-sagen, daß auch eine Uhr mit doppeltem Gehäuse, aber ohne Glas, einem
-Blinden hinreichende Dienste leistet, wenn dessen Gefühl fein genug
-ist, um die Stellung der Zeiger zu erkennen, ohne sie zu beschädigen.</p>
-
-<p>Die feineren Züge von Fräulein Kellers Charakter sind so allgemein
-bekannt, daß man nicht viel Worte über sie zu verlieren braucht.
-Gesunder Menschenverstand, guter Humor und Phantasie machen ihre
-Auffassung der Dinge zu einer gesunden und schönheitserfüllten. Niemals
-ist von ihrer Umgebung ein Versuch gemacht worden, sie vor Illusionen
-zu bewahren oder ihr diese zu rauben. Als sie noch ein kleines Mädchen
-war, wurde eine ganze Menge unverständiger und taktloser Dinge, die
-über sie gesprochen worden waren, dank der weisen Wachsamkeit Fräulein
-Sullivans vor ihr nicht wiederholt. Jetzt, wo sie erwachsen ist, denkt
-niemand daran, weniger offen mit ihr zu sprechen, als mit jeder anderen
-intelligenten jungen Dame.</p>
-
-<p>Ich glaube, sie ist das reinste menschliche Wesen, das je existiert
-hat... Die Welt ist für sie das, was ihr eigenes<span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span> Bewußtsein ist. Sie
-hat nicht einmal gelernt, »moralische Entrüstung« zu zeigen, worauf
-viele so stolz sind.</p>
-
-<p>Als vor einiger Zeit ein Polizist ihren Hund totschoß, den sie
-zärtlich liebte und der ihr täglicher Begleiter war, fand sie in ihrem
-verzeihenden Herzen keine Verurteilung für diesen Mann; sie sagte nur:
-„Wenn er nur gewußt hätte, was für ein guter Hund es war, so würde er
-ihn gewiß nicht erschossen haben. &mdash; Vor langer Zeit wurde uns gesagt:
-‚Vater vergib ihnen, denn die wissen nicht, was sie tun!‘“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Natürlich wird die Frage aufgeworfen werden, ob Helen Keller das sein
-würde, was sie heutzutage ist, wenn sie nicht vor jeder Berührung
-mit dem Schlechten behütet worden wäre. ... Ihre Seele ist weder
-durch verweichlichende und schmutzige Lektüre entnervt noch durch den
-leisesten Hauch von Gemeinheit befleckt worden. Infolgedessen ist ihr
-Geist nicht nur kräftig, sondern auch rein. Sie liebt edle Handlungen,
-edle Gedanken und den Charakter edler Männer und Frauen.</p>
-
-<p>Sie zeigt noch jetzt eine kindliche Abneigung gegen Tragödien. Ihre
-Phantasie ist so rege, daß sie vollständig unter dem Einfluß einer
-Erzählung steht und in deren Welt lebt. Fräulein Sullivan schrieb 1891
-in einem Briefe:</p>
-
-<p>Gestern las ich ihr die Geschichte von Macbeth vor, wie sie von Charles
-und Mary Lamb erzählt wird. Sie geriet in heftige Erregung und sagte:
-Das ist ja schrecklich. Ich fürchte mich davor. &mdash; Nachdem sie eine
-Weile nachgedacht hatte, fuhr sie fort: Ich glaube, Shakespeare hat
-dies deshalb so schrecklich dargestellt, damit man sehen soll, wie
-furchtbar es ist, unrecht zu tun.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Von der realen Welt weiß sie mehr Gutes und weniger Schlechtes, als
-die meisten Menschen zu wissen glauben. Ihre Lehrerin behelligte sie
-nicht mit den kleinen Miseren des Lebens; aber von den bedeutenden
-Schwierigkeiten, die sich ihnen in<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span> den Weg stellten, wurde Fräulein
-Keller völlig in Kenntnis gesetzt, nahm teil an den Sorgen und dachte
-über die Lösung der Probleme nach. Sie ist logisch und duldsam, voller
-Vertrauen zu einer Welt, von der sie stets mit Güte behandelt worden
-ist.</p>
-
-<p>Als sie einmal aufgefordert wurde, den Begriff »Liebe« zu definieren,
-antwortete sie: Mein Gott, das ist doch leicht; es ist das, was jeder
-gegen jeden anderen empfindet.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Duldsamkeit, &mdash; sagte sie einmal, als sie ihre Freundin Frau Laurence
-Hutton besuchte, ist die größte Geistesgabe; sie erfordert dieselbe
-Anstrengung des Denkens, die in körperlicher Hinsicht nötig ist, wenn
-man sich auf einem Zweirade im Gleichgewicht erhalten will.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Sie besitzt eine umfassende, hochherzige Sympathie für alles und
-ein durch und durch ehrliches Wesen. Insofern sie sich offenkundig
-von anderen unterscheidet, ist sie auch weniger durch das Herkommen
-gebunden. Sie hat den Mut ihrer kühnen Metaphern und läßt sich
-von diesen himmelwärts erheben, während wir armen selbstbewußten
-Menschen sie für zu hoch halten, als daß wir sie in unsrer täglichen
-Unterhaltung anwenden könnten. Sie sagt stets genau das, was sie
-denkt, ohne Furcht vor der nackten Wahrheit, und dabei ist niemand
-taktvoller und gewandter im Umschreiben einer unangenehmen Wahrheit,
-um die Gefühle anderer so wenig wie möglich zu verletzen. Aber all die
-Aufmerksamkeit, die ihr seit ihrer Kindheit zu teil geworden ist, hat
-nicht vermocht, sie eitel auf sich selbst zu machen. Bisweilen nimmt
-sie einen geradezu salbungsvollen Ton an. Dann nennt ihre Lehrerin
-sie ihre kleine, unverbesserliche Sonntagsnachmittagspredigerin, und
-sie lacht dann über sich selbst. Oft jedoch sind ihre nüchternen
-Gedanken durchaus nicht lächerlich, denn ihr ernster Eifer reißt alle
-Hörer mit sich fort. Niemals ist die leiseste Spur einer falschen
-Sentimentalität<span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span> in ihren Worten zu entdecken. Sie ist von allem, was
-sie sagt, so durchdrungen, daß selbst ihre Citate, die Wiederholungen
-dessen, was sie gelesen hat, den Eindruck eigener selbständiger
-Gedanken hervorrufen.</p>
-
-<p>Ihre Logik und ihr warmes Empfinden halten sich stets ausgezeichnet
-die Wage. Ihr Empfinden ist von rascher und hilfsbereiter Art, wie
-sie es glücklicherweise so oft bei anderen angetroffen hat. Aber ihre
-Sympathien gehen weiter und beeinflussen ihr Urteil über politische
-und nationale Bewegungen. Sie war eine begeisterte Burenfreundin und
-schrieb einen geharnischten Artikel zugunsten der Unabhängigkeit
-der Buren. Als ihr die Waffenstreckung des tapferen kleinen Volkes
-mitgeteilt wurde, umwölkte sich ihr Antlitz, und sie verstummte für
-einige Minuten. Dann stellte sie klare, eindringliche Fragen nach den
-Bedingungen der Kapitulation und begann die letzteren zu erörtern.</p>
-
-<p>Sowohl Herr Gilman wie Herr Keith, ihre beiden Lehrer, die sie für
-die Universität vorbereiteten, waren erstaunt über die Stärke des
-konstruktiven Denkens, die sie bei ihr wahrnahmen; ihre Leistungen in
-der reinen Mathematik waren ganz vorzüglich, obgleich sie niemals eine
-besondere Vorliebe für diese Wissenschaft gehabt zu haben scheint.
-Zu dem besten, was sie geschrieben hat, gehören, abgesehen von ihren
-phantasievollen dichterischen Ergüssen, ihre Examensarbeiten und ihre
-Abhandlungen über technische Fragen sowie einige Briefe, die sie zur
-Aufklärung von Mißverständnissen schreiben zu müssen glaubte und die
-Muster folgerichtigen Denkens und bestrickender Beredsamkeit sind. Sie
-ist Optimistin und Idealistin.</p>
-
-<p>Ich hoffe, heißt es in einem ihrer Briefe, daß L. nicht allzu praktisch
-ist, denn in diesem Falle würde sie, fürchte ich, auf einen großen Teil
-des Lebensgenusses verzichten müssen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span></p>
-
-<p>In das Tagebuch, das sie während ihres Aufenthaltes in der
-Wright-Humason-Schule in New York führte, trug sie unter dem 18.
-Oktober 1894 ein: Ich finde, daß ich während meines Schullebens hier
-und überhaupt im Leben viererlei zu lernen habe: klar zu denken ohne
-Uebereilung und Verwirrung, jedermann aufrichtig zu lieben, in allem
-mich von den höchsten Motiven leiten zu lassen und unverrückt auf den
-lieben Gott zu bauen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_21_21" id="Fussnote_21_21"></a><a href="#FNAnker_21_21"><span class="label">[21]</span></a> Die Blindenanstalt in Steglitz bei Berlin besitzt eine
-Bibliothek von gegen 6000 Bänden in Blindenschrift, (die Bibel allein
-umfaßt 71 Bände!) die in Dresden eine solche von über 3000 Bänden. Wie
-reichhaltig diese Literatur ist, möge ein Blick auf das nachfolgende
-Autorenverzeichnis lehren, das noch dazu nicht einmal vollständig ist:
-E. M. Arndt Auerbach, Bauernfeld, Baumbach, Beecher-Stowe, Brentano, W.
-Busch, Chamisso, Dahn, Ebers, Ebner-Eschenbach, Eckstein, Eichendorff,
-Eschstruth, Fouqué, Freytag, Frommel, Ganghofer, Geibel, Gerok, Goethe,
-Grillparzer, Grimm, Gutzkow, Hammer, Hauptmann, Hebel, Herder, Heyse,
-Hillern, Franz Hoffmann, Horn, Ibsen, Jensen, Immermann, G. Keller,
-Kinkel, Kleist, Kögel, Körner, Kügelgen, Lavater, Lessing, Loti,
-Ludwig, Luther, Masius, C. F. Meyer, Moltke, Nathusius, Nieritz, Polko,
-Putlitz, Reinick, Reuter, Riehl, Rogge, Roquette, Rosegger, Rückert,
-Scheffel, Schiller, Schmid, Seidel, Shakespeare, Sophokles, Spitta,
-Spyri, Stifter, Stinde, Storm, Sturm, Sudermann, Tegnér, Tolstoi,
-Uhland, Vollmar, Walter v. d. Vogelweide, A. Weber, Wildenbruch,
-Wildermuth, I. Wolf. Auch das Nibelungenlied ist vertreten; in größerer
-Auswahl sind Lehr- und Erbauungsbücher vorhanden.</p>
-
-<p class="right mright1">Anm. d. Uebers.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_22_22" id="Fussnote_22_22"></a><a href="#FNAnker_22_22"><span class="label">[22]</span></a> Vergl.
-<a href="#Gott_I">S. 291 ff.</a> und <a href="#Gott_II">295 ff.</a></p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h3 class="padtop2" id="Helen_Kellers_Bildungsgang">Helen Kellers
-Bildungsgang.</h3>
-
-</div>
-
-<p class="s5 center mbot2"><span class="antiqua">Dr.</span> Howe und Laura Bridgman. &mdash; Helen Keller kein Objekt für
-psychologische Beobachtungen. &mdash; Unwahre und übertriebene Berichte
-über ihre Fortschritte. &mdash; Fräulein Sullivans Persönlichkeit.
-&mdash; Helens Entwickelung nach Fräulein Sullivans Berichten. &mdash;
-Psychologische und pädagogische Betrachtungen über Fräulein
-Sullivans Methode.</p>
-
-<p>Es sind jetzt fünfundsiebzig Jahre verflossen, seit <span class="antiqua">Dr.</span> Samuel
-Gridley Howe erkannte, daß es ihm gelungen sei, sich durch Laura
-Bridgmans Finger einen Zugang zu ihrem Geiste zu eröffnen. Die Namen
-Laura Bridgman und Helen Keller werden stets zusammen genannt werden,
-und man muß zuvörderst einen Einblick in das gewinnen, was <span class="antiqua">Dr.</span>
-Howe für seinen Zögling getan hat, ehe man an eine Darstellung von
-Fräulein Sullivans Tätigkeit gehen kann. Denn <span class="antiqua">Dr.</span> Howe ist der große
-Pionier, auf dessen Wirken die Leistungen Fräulein Sullivans und
-anderer Lehrer von blinden Taubstummen unmittelbar beruhen.</p>
-
-<p><span class="antiqua">Dr.</span> Samuel Gridley Howe war am 10. November 1801 in Boston
-geboren und starb ebendaselbst am 9. Januar 1876. Er war ein großer
-Philanthrop, der sich namentlich für die Erziehung aller mangelhaft
-Beanlagten, der Schwachsinnigen,<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span> der Blinden und der Taubstummen
-interessierte. Weit seiner Zeit voraus, befürwortete er mancherlei
-öffentliche Vorkehrungen zum Besten der Armen und Kranken, wegen deren
-er damals verlacht wurde, die aber seitdem praktisch durchgeführt sind.
-Als Leiter der Perkinsschen Blindenanstalt in Boston hörte er von Laura
-Bridgman und brachte sie am 4. Oktober 1837 nach der Anstalt.</p>
-
-<p>Laura Bridgman war am 21. Dezember 1829 zu Hanover in New Hampshire
-geboren; sie war also beinahe acht Jahre alt, als <span class="antiqua">Dr.</span> Howe
-seine Versuche mit ihr begann. Im Alter von sechsundzwanzig Monaten
-hatte sie ein Scharlachfieber überstanden, durch diese Krankheit
-aber Gesicht und Gehör und außerdem den Geruch- und Geschmackssinn
-verloren. <span class="antiqua">Dr.</span> Howe war ein Experimentalforscher, erfüllt
-von dem Geiste des Transcendentalismus von Neuengland, dessen
-Hauptmerkmale starker Glaube und großartige Liebeswerke sind.
-Wissenschaft und Glaube im Verein veranlaßten ihn, zu versuchen, ob
-er sich nicht einen Weg in die Seele bahnen könnte, mit der seiner
-Auffassung nach Laura Bridgman ebenso geboren worden sei wie jedes
-andere menschliche Wesen. Sein Plan ging dahin, Laura mit Hilfe von
-erhaben geprägten Buchstaben zu unterrichten. Er klebte aus solchen
-Buchstaben bestehende Wörter an Gegenstände und ließ sie dieselben
-mit den Gegenständen und die Gegenstände mit den Wörtern vergleichen.
-Nachdem sie auf diese Weise gelernt hatte, erhaben geprägte Wörter
-mit Gegenständen zusammenzubringen, wie er sagt, fast in derselben
-Weise, wie ein Hund Kunststücke lernt, begann er die Wörter in ihre
-lautlichen Bestandteile aufzulösen und Laura zu lehren, <span class="antiqua nowrap">k&ndash;e&ndash;y</span>,
-<span class="antiqua nowrap">c&ndash;a&ndash;p</span> zusammenzusetzen. Sein Erfolg überzeugte ihn davon,
-daß sich die Sprache durch Vermittelung des Gefühles dem Geiste des
-blinden und taubstummen Kindes beibringen läßt, das sich vor dem
-Beginn des Unterrichts in der Lage des<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span> kleinen Kindes befindet, das
-noch nicht sprechen kann; ja, ersteres befindet sich sogar in einer
-viel ungünstigeren Lage, denn das Gehirn hat sich jahrelang ohne seine
-natürliche Nahrung entwickelt.</p>
-
-<p>Nachdem Lauras Unterricht zwei Monate hindurch nur unter Benutzung
-erhaben geprägter Buchstaben fortgesetzt worden war, sandte <span class="antiqua">Dr.</span>
-Howe eine der Lehrerinnen der Anstalt fort, um von einem Taubstummen
-das Fingeralphabet zu erlernen. Nach ihrer Rückkehr unterrichtete
-sie Laura darin, und seit dieser Zeit wurde das Fingeralphabet als
-Verständigungsmittel im Verkehr mit ihr benutzt.</p>
-
-<p>Nach ein bis zwei Jahren unterrichtete <span class="antiqua">Dr.</span> Howe Laura Bridgman
-nicht mehr selbst, sondern vertraute sie anderen Lehrern an, die
-sich unter seiner Leitung an die Aufgabe machten, ihr das Sprechen
-beizubringen.</p>
-
-<p>Man kann gar nicht genug zum Lobe von <span class="antiqua">Dr.</span> Howes Unternehmen
-sagen. Als Forscher hatte er stets in erster Reihe wissenschaftliche
-Gesichtspunkte im Auge. Er vergaß niemals, seine Beobachtungen an Laura
-Bridgman in der Art jemandes niederzulegen, der in einem Laboratorium
-arbeitet. Die Folge davon ist, daß seine Berichte systematisch und
-sorgfältig abgefaßt sind.<a name="FNAnker_23_23" id="FNAnker_23_23"></a><a href="#Fussnote_23_23" class="fnanchor">[23]</a> Vom wissenschaftlichen Standpunkte
-aus ist es zu bedauern, daß es unmöglich war, eine so umfassende
-Darlegung von Helen Kellers Entwicklungsgang zu erhalten. Dieser
-Umstand an sich ist ein sprechender Beleg für den großen Unterschied
-zwischen Laura Bridgman und Helen Keller. Laura blieb stets ein
-Objekt für wissenschaftliche Forschung. Helen Keller machte so rasche
-Fortschritte, daß ihre Lehrerin Mühe hatte, den geistigen Bedürfnissen
-ihres Zöglings zu genügen,<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span> und weder Zeit noch Gelegenheit fand,
-wissenschaftliche Beobachtungen anzustellen.</p>
-
-<p>Fräulein Sullivan erkannte gleich von Anfang an, daß der Unterricht
-Helen Kellers interessanter und von größerem Erfolg begleitet sein
-würde als der Laura Bridgmans, und erklärte in einem ihrer Briefe, es
-sei durchaus notwendig, Aufzeichnungen über den Entwickelungsgang ihrer
-Schülerin zu machen. Aber weder ihr Temperament noch ihre Vorbildung
-gestatteten ihr, ihren Zögling zum Gegenstand von Experimenten oder
-Beobachtungen zu machen, die für die Entwickelung des Kindes keinen
-praktischen Wert besaßen. Sobald etwas erledigt, ein bestimmtes Ziel
-erreicht war, blickte die Lehrerin nicht mehr zurück, um den Weg,
-den sie gegangen war, zu beschreiben. Die Erklärung der Tatsache war
-unwesentlich im Vergleich zu der Tatsache selbst und der Notwendigkeit,
-weiterzueilen. Es liegen auch noch zwei weitere Gründe für die
-Unvollständigkeit von Fräulein Sullivans Aufzeichnungen vor. Erstens
-war in ihren Augen das Schreiben stets eine schwere Aufgabe, und dann
-wurde sie auch schon bald durch die Willkür, mit der man ihre ersten
-Angaben benutzt hatte, von weiteren Veröffentlichungen abgeschreckt.</p>
-
-<p>Als sie zum ersten Male aus Tuscumbia an Herrn Michael Anagnos,
-<span class="antiqua">Dr.</span> Howes Schwiegersohn und Nachfolger in der Leitung der
-Perkinsschen Anstalt, über ihre erzieherische Tätigkeit geschrieben
-hatte, begannen die Bostoner Zeitungen sofort, übertriebene Berichte
-über Helen Keller zu veröffentlichen. Fräulein Sullivan protestierte
-dagegen. In einem Briefe vom 10. April 1887, kaum fünf Wochen nach dem
-Beginn des Unterrichts, schrieb sie an eine Freundin:</p>
-
-<p>... schickte mir eine Nummer des Boston Herald, die einen törichten
-Artikel über Helen enthält. Wie völlig albern ist es, zu sagen, daß
-Helen „schon fließend spricht“! Nun, ebensogut<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span> könnte jemand sagen,
-daß sich ein zweijähriges Kind fließend unterhält, wenn es sagt:
-<span class="antiqua">Apple give</span> oder <span class="antiqua">Baby walk go</span>. Ich glaube allerdings, daß
-wenn Sie ein Kreischen, Krähen, Wimmern, Lallen und Schreien nebst
-gelegentlichen Schluckanfällen mit zur Unterhaltung rechnen, die als
-fließend, ja sogar als beredt gelten könnte. Dann macht es mir auch
-Spaß, von den sorgfältigen Vorbereitungen zu lesen, denen ich mich
-unterzogen hätte, um mich für die große Aufgabe fähig zu machen,
-die meine Freunde mir anvertraut hätten. Ich bedaure nur, daß diese
-Vorbereitungen sich nicht auch auf den Gebrauch des Fingeralphabets
-erstreckten; ich würde mir dann eine Menge Mühe erspart haben.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="mtop2">Am 4. März 1888 schreibt sie in einem Briefe:</p>
-
-<p>Ich bin in der Tat herzlich froh, daß ich nicht alles kenne, was über
-Helen und mich selbst gesprochen und geschrieben wird. Ich versichere
-Sie, ich erfahre genug und übergenug. Fast jede Post bringt irgend eine
-alberne &mdash; geschriebene oder gedruckte &mdash; Auslassung. Die Wahrheit
-ist nicht sensationell genug, um die Zeitungen zufriedenzustellen;
-daher übertreiben sie und bringen lächerliche Ausschmückungen an. Eine
-Zeitung behauptet, Helen löse geometrische Aufgaben mit Hilfe ihres
-Baukastens. Ich erwarte, demnächst zu hören, daß sie eine Abhandlung
-über die Entstehung und die Zukunft der Planeten geschrieben hat!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="mtop1">Im Dezember 1887 erschien der erste Bericht des Direktors des
-Perkinsschen Institutes, der sich mit Helen Keller beschäftigt. Für
-diesen Bericht verfaßte Fräulein Sullivan, einer Bitte Herrn Anagnos’
-widerwillig nachgebend, eine Schilderung ihrer Tätigkeit. Diese ist
-neben den ebenfalls in dem Bericht veröffentlichten Auszügen aus ihren
-Briefen die erste zuverlässige Quelle über Helen Keller. Ueber diesen
-Bericht schrieb<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span> Fräulein Sullivan in einem Buche vom 30. Oktober 1887:</p>
-
-<p>Haben Sie schon den Aufsatz gelesen, den ich für den »Bericht«
-geliefert habe? Herr Anagnos war ganz entzückt von ihm. Er meint,
-Helens Fortschritte seien „gleich von Anfang an ein Siegeszug“ gewesen
-und weiß über ihre Lehrerin viel Schmeichelhaftes zu sagen. Ich
-glaube, er neigt zu Uebertreibungen; jedenfalls ist seine Sprache
-zu begeistert, und ganz einfache Tatsachen werden in einer Weise
-vorgebracht, daß sie den Leser allerdings in Erstaunen setzen müssen.
-Ohne Zweifel erscheint ihm die Tätigkeit der letzten paar Monate
-im Lichte eines Siegeszuges, aber man beachtet dabei selten, wie
-langsam und mühevoll die Schritte sind, mittels deren man auch den
-unbedeutendsten Erfolg erreichen muß.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Da Anagnos der Leiter des großen Instituts war, so hatten seine
-Aeußerungen mehr Gewicht als die von Fräulein Sullivan erwähnten
-Tatsachen, auf die sich seine Behauptungen stützten. Die Zeitungen
-wurden von Anagnos’ Ton angesteckt und übertrieben maßlos. Nach Ablauf
-des ersten Jahres ihrer Erziehungstätigkeit sah Fräulein Sullivan
-sich und ihre Schülerin als den Mittelpunkt einer erstaunlichen
-Legendenbildung. Die Erzieher der ganzen Welt wollten ihre Meinung
-sagen, trugen aber größtenteils nichts zur Klärung der Sachlage bei.
-Es erhoben sich eine Menge Streitfragen, die jetzt sehr belustigend zu
-betrachten sind. Taubstummenlehrer bewiesen <span class="antiqua">a priori</span>, daß das,
-was Fräulein Sullivan geleistet hatte, unmöglich sei, und ihren Angaben
-wurde mit Mißtrauen begegnet, weil sie von Anagnos’ phrasenhafter
-Beredsamkeit umkleidet waren. So hatte Helen Kellers Geschichte, die
-schon bei nüchternem Vortrage unglaublich war, das Mißgeschick, in
-übertriebenen Schilderungen in die Welt posaunt zu werden und begegnete
-natürlich entweder unverständiger Leichtgläubigkeit oder ungläubiger
-Feindseligkeit.</p>
-
-<p id="Zweiter_Aufsatz">Im November 1888 erschien ein anderer Bericht des Per<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span>kinsschen
-Instituts mit einem zweiten Beitrage von Fräulein Sullivan, und dann
-wurde jahrelang nichts Offizielles mehr veröffentlicht, bis Anagnos
-im November 1891 seinen letzten Bericht erstattete, der Mitteilungen
-über Helen Keller enthielt. Für diesen Bericht verfaßte Fräulein
-Sullivan die ausführlichste und umfangreichste Abhandlung, die sie
-je geschrieben hat, und hier erschien auch der »Frostkönig«, von dem
-in einem späteren Kapitel ausführlich die Rede sein wird (s.
-<a href="#Beginn_Frostkoenig">S. 323 ff.</a><a name="FNAnker_24_24" id="FNAnker_24_24"></a><a href="#Fussnote_24_24" class="fnanchor">[24]</a>). Jetzt entbrannte der Kampf heftiger als je.</p>
-
-<p>Da Fräulein Sullivan fand, daß andere Leute viel mehr von Helen Keller
-zu wissen schienen, als sie selbst, so schwieg sie und hat zehn Jahre
-lang geschwiegen, abgesehen von ihrem Beitrage für das erste »<span class="antiqua">Volta
-Bureau Souvenir of Helen Keller</span>« und die Abhandlung, die sie auf
-Wunsch <span class="antiqua">Dr.</span> Bells im Jahre 1894 für die in Chautauqua abgehaltene
-Versammlung der Amerikanischen Gesellschaft zur Förderung der
-Unterweisung der Taubstummen im Sprechen verfaßte. Als <span class="antiqua">Dr.</span> Bell
-und andere ihr erklärten, was von einem unpersönlichen Standpunkte aus
-unzweifelhaft richtig ist, daß sie es der Sache der Erziehung schuldig
-sei, niederzuschreiben, was sie wisse, antwortete sie sehr treffend,
-sie schulde ihre ganze Zeit und ihre ganze Kraft ihrem Zöglinge.</p>
-
-<p>Obgleich Fräulein Sullivan sich mehr darüber amüsiert als ärgert, wenn
-jemand, und wäre es selbst einer ihrer näheren Bekannten, in einem
-Artikel Irrtümliches über sie und Fräulein Keller berichtet, so sieht
-sie doch ein, daß Helens Buch alle Auskünfte enthalten muß, die die
-Lehrerin zur Zeit erteilen kann, und erteilte daher ihre Zustimmung zur
-Veröffentlichung von Auszügen aus Briefen, die sie während des ersten
-Jahres ihrer Erziehungstätigkeit geschrieben hatte. Diese Briefe waren
-an Frau Sophia C. Hopkins gerichtet, die einzige Freundin,<span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span> an die
-Fräulein Sullivan stets schrieb, wie es ihr ums Herz war. Frau Hopkins
-war zwanzig Jahre lang Pflegerin im Perkinsschen Institute gewesen und
-vertrat während der ganzen Zeit, in der Fräulein Sullivan Schülerin
-der Anstalt war, Mutterstelle an dem Mädchen. In diesen Briefen haben
-wir einen beinahe allwöchentlichen Bericht über Fräulein Sullivans
-Tätigkeit. Manche Einzelheiten hat sie übergangen, da sie sich immer
-mehr daran gewöhnte, hauptsächlich die allgemeinen Gesichtspunkte zu
-betonen. Viele sind der Ansicht gewesen, daß jeder Versuch, Prinzipien
-in ihrer Methode zu finden, weiter nichts sei als eine spätere Theorie,
-die man Fräulein Sullivans Tätigkeit unterschoben habe. Aber aus
-diesen Briefen geht hervor, daß sie sich über ihr Tun und Lassen klare
-Rechenschaft abgelegt hat. Sie war ihre eigene Kritikerin, und trotz
-ihrer späteren Erklärung, die sie in ihrer bescheidenen Zurückhaltung
-abgegeben hat, daß sie keine bestimmte Methode befolgt habe, erkannte
-sie doch im Verfolg ihrer Aufgabe mit der höchsten Klarheit gewisse
-Erziehungsprinzipien, die nicht allein für den Unterricht der
-taubstummen, sondern aller Kinder überhaupt von hervorragendem Werte
-waren. Die Auszüge aus ihren Briefen und Berichten bilden einen
-wichtigen Beitrag zur Pädagogik und rechtfertigen vollauf das Urteil
-<span class="antiqua">Dr.</span> Daniel C. Gilmans, der ihr 1893, als er Rektor der John
-Hopkins-Universität war, schrieb:</p>
-
-<p>Ich habe soeben... Ihren höchst interessanten Bericht über die
-verschiedenen Wege gelesen, die Sie bei der Erziehung Ihrer wunderbaren
-Schülerin eingeschlagen haben, und ich hoffe, Sie werden mir gestatten,
-daß ich Ihnen meine Bewunderung für die Weisheit ausdrücke, die Ihre
-Schritte geleitet hat und ebenso für die Liebe, von der Ihr ganzes
-Wirken erfüllt ist.</p>
-
-<p>Fräulein Anne Mansfield Sullivan war in Springfield in<span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span> Massachusetts
-geboren. In früher Jugend erblindete sie fast gänzlich und wurde am 7.
-Oktober 1880 im Alter von vierzehn Jahren in das Perkinssche Institut
-aufgenommen. Später erhielt sie ihr Gesicht teilweise wieder.</p>
-
-<p>Anagnos sagt in seinem Berichte vom Jahre 1887: Sie mußte auf der
-niedrigsten und elementarsten Stufe beginnen, zeigte aber sofort beim
-ersten Anlauf, daß sie die Kraft und Fähigkeit in sich hatte, die den
-Erfolg verbürgen... Sie hat schließlich das Ziel erreicht, nach dem
-sie so unermüdlich strebte. Die goldenen Worte, die <span class="antiqua">Dr.</span> Howe
-aussprach, und das Beispiel, das er gab, gingen ihr in Fleisch und Blut
-über und unterstützten sie auf ihrer segensvollen Laufbahn, und jetzt
-steht sie ihm als seine würdige Nachfolgerin in einer der geachtetsten
-Abteilungen seines Unternehmens zur Seite... Fräulein Sullivan besitzt
-die höchste Begabung.</p>
-
-<p>Im Jahre 1886 legte sie ihr Lehrerinnenexamen am Perkinsschen Institut
-ab. Als sich Hauptmann Keller mit der Bitte um eine Lehrerin an den
-Direktor wandte, empfahl dieser Fräulein Sullivan. Die einzige Frist,
-die ihr zur Vorbereitung für ihre schwere Aufgabe blieb, dauerte vom
-August 1886, in dem Hauptmann Keller geschrieben hatte, bis zum Februar
-1887. Während dieser Zeit las sie <span class="antiqua">Dr.</span> Howes Berichte. Ferner
-wurde sie durch den Umstand unterstützt, daß sie während der sechs
-Jahre ihres Schullebens mit Laura Bridgman in einem Hause gewohnt
-hatte. Erst durch <span class="antiqua">Dr.</span> Howes Wirken an Laura Bridgman wurden
-Fräulein Sullivans Erfolge möglich; aber sie war es, die die Mittel und
-Wege entdeckte, den blinden Taubstummen die Sprache beizubringen.</p>
-
-<p>Man darf nicht vergessen, daß Fräulein Sullivan ihre Aufgabe zu lösen
-hatte ganz ohne vorausgegangene Erfahrung und ohne die Unterstützung
-eines anderen Lehrers. Während des ersten Jahres ihrer Tätigkeit, in
-der sie ihre Schülerin sprechen<span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[S. 208]</a></span> lehrte, blieben beide in Tuscumbia,
-und als sie nach dem Norden kamen und das Perkinssche Institut
-besuchten, wurde Helen Keller hier nicht regelrecht als Schülerin
-aufgenommen und unterstand auch nicht den Anstaltsgesetzen. Die
-Annahme, Fräulein Sullivan habe Helen Keller „unter der Leitung
-des Herrn Anagnos“ erzogen, ist falsch. In den drei Jahren, während
-deren Fräulein Keller und Fräulein Sullivan zu verschiedenenmalen
-Gäste des Perkinsschen Institutes waren, erhielt Fräulein Sullivan
-von den Lehrern der Anstalt keine Unterstützung, ja der Direktor
-Anagnos konnte sich nicht einmal des Fingeralphabets mit Geläufigkeit
-bedienen. Der letztere schrieb in dem Bericht des Perkinsschen
-Instituts vom 27. November 1888: Auf mein dringendes Ersuchen kam
-Helen in Begleitung ihrer Mutter und ihrer Lehrerin in der letzten
-Maiwoche nach dem Norden, und alle drei blieben mehrere Monate
-als unsere Gäste bei uns... Wir gestatteten Helen mit Freuden die
-Benutzung unserer Bibliothek von Hochdruckbüchern, unserer Sammlung
-von ausgestopften Tieren, Muscheln, Modellen von Blumen und Pflanzen
-und unserer sonstigen Apparate zur Unterweisung der Blinden durch den
-Gefühlssinn. Ich zweifle nicht, daß sie viel Vergnügen daran gefunden
-und großen Nutzen davon gehabt hat. Mag aber Helen zu Hause bleiben
-oder andere Teile des Landes besuchen, ihre Erziehung steht stets unter
-der unmittelbaren Leitung und der ausschließlichen Kontrolle ihrer
-Lehrerin. Niemand hat Einfluß auf Fräulein Sullivans Unterrichtsplan
-oder nimmt an ihrer Aufgabe teil. Sie genießt völlige Freiheit in der
-Wahl ihrer Mittel und Methoden zur Vollendung ihres großen Werkes, und
-soviel wir aus ihren Erfolgen entnehmen können, macht sie einen höchst
-umsichtigen und taktvollen Gebrauch von diesem Vorrechte. Was ihre
-kleine Schülerin auf diesem Wege geleistet hat, ist weithin bekannt,
-und ihre erstaunliche Begabung erregt allgemeine<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span> Bewunderung; aber
-nur diejenigen, die mit den Einzelheiten des großen Unternehmens
-vertraut sind, wissen, daß der Erfolg zum großen Teile der Intelligenz,
-der Klugheit, dem Scharfblicke, der unermüdlichen Ausdauer und dem
-unbeugsamen Willen ihrer Erzieherin zu verdanken ist, die das Kind aus
-der Tiefe der immerwährenden Nacht und des ewigen Schweigens gerettet
-hat und über den einzelnen Phasen seiner geistigen und sittlichen
-Entwickelung mit mütterlicher Sorgfalt und begeisterter Hingebung wacht.</p>
-
-<p class="center">* <span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Im folgenden sollen nun Fräulein Sullivans Briefe und die wichtigsten
-Stellen aus ihren Berichten in chronologischer Reihenfolge
-wiedergegeben werden. Der erste Brief ist vom 6. März 1887 datiert,
-drei Tage nach ihrer Ankunft in Tuscumbia.</p>
-
-<p>... Es war halb sieben Uhr, als ich in Tuscumbia ankam. Frau Keller und
-Herr James Keller warteten auf mich. Die Fahrt nach dem Landhause, das
-ungefähr eine Meile von der Station entfernt lag, war sehr angenehm.
-Ich war überrascht, in Frau Keller eine Frau von sehr jugendlichem
-Aussehen, nicht viel älter als ich selbst, möchte ich glauben,
-anzutreffen. Hauptmann Keller kam uns auf dem Hofe entgegen und bot
-mir ein fröhliches Willkommen und einen herzlichen Händedruck. Meine
-erste Frage war: „Wo ist Helen?“ Ich versuchte mit aller Kraft meine
-Aufregung zu unterdrücken, denn ich zitterte so stark, daß ich mich
-kaum auf den Füßen halten konnte. Als wir uns dem Hause näherten, sah
-ich ein Kind an der Tür stehen, und Hauptmann Keller sagte: „Dort
-ist sie. Sie hat den ganzen Tag gewußt, daß wir jemand erwarteten,
-und sie ist ganz ungebärdig geworden, seit ihre Mutter nach dem
-Bahnhof ging, um Sie abzuholen.“ &mdash; Kaum hatte ich meinen Fuß auf die
-Treppenstufen gesetzt, als sie mit solcher Gewalt auf mich zustürzte,
-daß ich zu Boden gestürzt wäre, hätte Hauptmann Keller<span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span> nicht hinter
-mir gestanden. Sie befühlte mir Gesicht und Kleid, und ebenso meine
-Reisetasche, die sie mir aus der Hand nahm und zu öffnen versuchte.
-Sie ging nicht gleich auf, und Helen fühlte sorgfältig nach dem
-Schlüsselloch. Als sie es gefunden hatte, wandte sie sich zu mir und
-bewegte die Hand, als drehe sie einen Schlüssel herum, indem sie auf
-die Tasche deutete. In diesem Augenblick kam ihre Mutter herbei und
-machte Helen durch Zeichen klar, daß sie den Koffer nicht berühren
-dürfe. Sie wurde rot, und als ihre Mutter versuchte, ihr den Koffer
-aus der Hand zu nehmen, geriet sie in heftigen Zorn. Ich lenkte ihre
-Aufmerksamkeit ab, indem ich ihr meine Uhr zeigte und sie ihr in die
-Hand gab. Sofort legte sich der Sturm, und wir gingen zusammen die
-Treppe hinauf. Hier öffnete ich die Tasche und sie durchsuchte dieselbe
-sofort eifrig, wahrscheinlich in der Erwartung, etwas zum Essen zu
-finden. Bekannte hatten ihr vermutlich Zuckerwerk in ihren Koffern
-mitgebracht, und sie erwartete, solches auch in dem meinigen zu finden.
-Ich deutete auf eine Truhe, die im Hausflur stand, dann auf mich und
-nickte mit dem Kopfe, um ihr verständlich zu machen, daß ich eine
-Truhe hätte; dann machte ich das Zeichen, das sie für essen gebraucht
-hatte, und nickte wieder. Sie verstand mich sofort und rannte die
-Treppe hinunter zu ihrer Mutter, um ihr durch ausdrucksvolle Zeichen
-zu verstehen zu geben, daß sich Zuckerzeug für sie in einer Truhe
-befände. Sie kehrte nach wenigen Minuten zurück und half mir meine
-Sachen wegräumen. Es war zu komisch zu sehen, wie sie sich meinen Hut
-aufsetzte, ihren Kopf kokett erst nach der einen, dann nach der anderen
-Seite drehte und in den Spiegel blickte, genau als ob sie sehen könnte.
-Ich hatte einigermaßen erwartet, ein blasses, zartes Kind vor mir zu
-sehen &mdash; ich glaube, ich entnahm diese Vorstellung <span class="antiqua">Dr.</span> Howes
-Schilderung von Laura Bridgman bei ihrer Aufnahme in das Institut. Aber
-Helen zeigte keine<span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span> Spur von Blässe oder Zartheit. Sie ist groß, stark,
-von blühender Gesichtsfarbe und in ihren Bewegungen so ungezügelt
-wie ein junges Füllen. Sie hat keine jener nervösen Gewohnheiten, die
-bei blinden Kindern so deutlich erkennbar sind und einen so traurigen
-Eindruck hinterlassen. Ihr Körper ist wohlgebildet und kräftig, und
-Frau Keller erzählt mir, sie sei seit ihrer Krankheit, die sie des
-Gesichts und Gehörs beraubt habe, auch nicht einen einzigen Tag
-unpäßlich gewesen. Sie hat einen schöngeformten Kopf, der ganz gerade
-auf ihren Schultern sitzt. Ihr Gesicht ist schwer zu beschreiben. Es
-ist intelligent, entbehrt aber der Beweglichkeit, der Seele, oder wie
-man sich sonst ausdrücken will. Ihr Mund ist groß und fein geschnitten.
-Man bemerkt auf den ersten Blick, daß sie blind ist. Ein Auge ist
-größer als das andere und steht auffallend vor. Sie lächelt selten;
-in der Tat habe ich sie seit meiner Ankunft erst ein- oder zweimal
-lächeln sehen. Sie zeigt kein anschmiegendes Wesen und sträubt sich
-sogar gegen Liebkosungen, ausgenommen ihrer Mutter gegenüber. Sie
-ist von sehr raschem Temperament und höchst eigenwillig, und niemand
-außer ihrem Bruder James hat den Versuch gemacht, sie zu zügeln.
-Die schwerste Aufgabe, die ich vor mir habe, besteht darin, sie zu
-zügeln und in Zucht zu halten, ohne ihren Geist zu brechen. Ich will
-zuerst langsam vorgehen, und ihre Liebe zu gewinnen suchen. Ich werde
-keinen Versuch machen, sie nur durch Kraft zu besiegen, aber gleich
-von Anfang an auf einem vernünftigen Gehorsam bestehen. Ein Umstand,
-der jedermann auffällt, ist Helens unermüdlicher Tätigkeitstrieb.
-Sie steht keinen Augenblick still. Sie ist bald hier, bald dort,
-kurz überall. Ihre Hände sind mit allem beschäftigt, aber nichts
-vermag ihre Aufmerksamkeit längere Zeit zu fesseln. Ein liebes Kind,
-dessen rastloser Geist im Dunkeln umhertappt. Ihre ungeschickten,
-unbefriedigten Hände zerstören alles, was sie berühren, weil sie<span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span> nicht
-wissen, was sie sonst mit den Gegenständen anfangen sollen.</p>
-
-<p>Sie half mir meine Truhe auspacken, als diese ankam, und war entzückt,
-als sie die Puppe fand, die die kleinen Mädchen ihr schickten. Ich
-hielt dies für eine gute Gelegenheit, sie das erste Wort zu lehren.
-Ich buchstabierte langsam <span class="antiqua nowrap">d&ndash;o&ndash;l&ndash;l</span> in ihre Hand, deutete auf
-die Puppe und nickte mit dem Kopfe, was ihr Zeichen dafür zu sein
-scheint, daß ihr etwas gehöre. Wenn jemand ihr etwas gibt, so deutet
-sie zuerst auf den Gegenstand, dann auf sich und nickt mit dem Kopfe.
-Sie machte ein ganz verwundertes Gesicht und befühlte meine Hand und
-ich wiederholte ihr nun die Buchstaben. Sie ahmte sie vortrefflich nach
-und deutete auf die Puppe. Dann nahm ich die Puppe, in der Absicht,
-sie ihr zurückzugeben, wenn sie die Buchstaben gemacht hätte; sie
-glaubte aber, ich wolle sie ihr wegnehmen, geriet augenblicklich in
-Aufregung und versuchte die Puppe an sich zu reißen. Ich schüttelte den
-Kopf und versuchte die Buchstaben mit Hilfe ihrer Finger zu bilden;
-aber sie wurde immer ungebärdiger. Ich zwang sie auf einen Stuhl und
-hielt sie dort fest, bis ich ganz erschöpft war. Dann fiel es mir
-ein, es sei nutzlos, den Kampf fortzusetzen &mdash; ich mußte etwas tun,
-um sie auf andere Gedanken zu bringen. Ich ließ sie los, verweigerte
-ihr aber die Puppe. Ich ging die Treppe hinunter und holte einen Cake
-(sie ist eine große Freundin von Süßigkeiten). Ich zeigte ihn ihr und
-buchstabierte ihr <span class="antiqua nowrap">c&ndash;a&ndash;k&ndash;e</span> in die Hand, wobei ich ihr den
-Cake entgegenhielt. Natürlich bekam sie Lust auf ihn und wollte ihn
-an sich nehmen; ich buchstabierte jedoch das Wort zum zweiten Male
-und tätschelte ihr die Hand. Sie machte rasch die Buchstaben, und ich
-gab ihr den Kuchen, den sie eiligst aufaß, weil sie wohl glaubte, ich
-würde ihn ihr wieder wegnehmen. Dann zeigte ich ihr die Puppe und
-buchstabierte abermals das Wort, indem ich ihr die Puppe entgegenhielt
-wie vorhin den Kuchen. Sie machte die Buch<span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span>staben <span class="antiqua nowrap">d&ndash;o&ndash;l</span>, ich
-fügte das noch fehlende <span class="antiqua">l</span> hinzu und gab ihr die Puppe. Sie
-rannte sofort mit ihr die Treppe hinunter und konnte den ganzen Tag
-nicht dahin gebracht werden, in mein Zimmer zurückzukehren.</p>
-
-<p>Gestern gab ich ihr auf, an einer Nähkarte zu arbeiten. Ich machte
-die erste Reihe senkrechter Stiche, ließ Helen die Karte befühlen und
-darauf achten, daß auf ihr mehrere Reihen kleiner Löcher angebracht
-waren. Sie begann eifrig zu arbeiten, vollendete die Karte in
-wenigen Minuten und machte dies wirklich ganz sauber. Ich wollte nun
-versuchen, ihr ein anderes Wort beizubringen und buchstabierte ihr
-<span class="antiqua nowrap">c&ndash;a&ndash;r&ndash;d</span> in die Hand. Sie machte <span class="antiqua nowrap">c&ndash;a</span> nach, dann hielt
-sie nachdenklich inne, machte das Zeichen für essen, deutete nach
-unten und schob mich auf die Tür zu, womit sie meinte, ich solle nach
-unten gehen und ihr einen Cake holen. Sie sehen, die beiden Buchstaben
-<span class="antiqua nowrap">c&ndash;a</span> hatten ihr ihre »Lektion« vom Freitag in das Gedächtnis
-zurückgerufen &mdash; nicht daß sie irgend eine Ahnung davon hatte, daß cake
-die Bezeichnung für den betreffenden Gegenstand sei, sondern es war,
-wie ich glaube, eine einfache Ideenassociation. Ich beendete das Wort
-<span class="antiqua nowrap">c&ndash;a&ndash;k&ndash;e</span> und erfüllte Helens Wunsch, worüber sie sehr erfreut
-war. Dann buchstabierte ich <span class="antiqua nowrap">d&ndash;o&ndash;l&ndash;l</span> und begann nach der
-Puppe zu suchen. Sie verfolgt mit ihren Händen jede Bewegung, die man
-macht, und wußte sofort, daß ich mich nach der Puppe umsah. Sie wies
-nach unten, was bedeuten sollte, die Puppe befinde sich im Erdgeschoß.
-Ich machte das Zeichen, das sie gebraucht hatte, als sie wünschte, ich
-solle ihr den Cake holen, und drängte sie auf die Tür zu. Sie schritt
-vorwärts, dann zögerte sie einen Augenblick und kämpfte offenbar mit
-sich, ob sie gehen sollte oder nicht. Sie entschied sich dafür, mich
-hinunterzuschicken. Ich schüttelte den Kopf, buchstabierte ihr das Wort
-<span class="antiqua nowrap">d&ndash;o&ndash;l&ndash;l</span> mit größerem Nachdruck in die Hand und öffnete ihr
-die Tür; aber sie weigerte<span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span> sich hartnäckig zu gehorchen. Sie hatte
-ihren Cake noch nicht aufgegessen, und ich nahm ihn ihr weg, indem
-ich ihr bedeutete, daß wenn sie mir die Puppe brächte, ich ihr den
-Cake zurückgeben würde. Sie stand längere Zeit ganz still, das Gesicht
-wie mit Blut übergossen, dann siegte ihr Verlangen nach dem Cake, sie
-lief die Treppe hinunter und brachte mir die Puppe; natürlich gab ich
-ihr den Cake, konnte sie aber nicht bewegen, wieder in mein Zimmer zu
-kommen.</p>
-
-<p>Sie war sehr unruhig, als ich heut morgen zu schreiben begann. Sie
-stellte sich hinter mich, legte ihre Hand auf das Papier und steckte
-sie ins Tintenfaß. Diese Kleckse hier sind ihr Werk. Schließlich
-erinnerte ich mich an die Kindergartenperlen und wies Helen an, sie
-aufzureihen. Zuerst nahm ich zwei Holzperlen und eine Glasperle
-und ließ sie dann die Schnur und die beiden Oeffnungen der Perlen
-befühlen. Sie nickte und begann sofort die Schnur mit hölzernen Perlen
-zu beziehen. Ich schüttelte den Kopf, nahm sie alle ab und ließ sie
-die beiden Holzperlen und die eine Glasperle befühlen. Sie prüfte
-sie nachdenklich und begann von neuem. Diesmal reihte sie zuerst die
-Glasperlen und dann die beiden Holzperlen auf. Ich nahm sie wieder ab
-und zeigte ihr, daß zuerst die beiden Holzperlen kommen müßten und
-dann erst die Glasperle. Sie hatte keine weitere Mühe damit und reihte
-die Perlen rasch aneinander, leider nur allzu rasch. Als sie fertig
-war, knüpfte sie die beiden Enden der Schnur zusammen und legte sie
-um ihren Hals. In der nächsten Schnur hatte ich den Knoten nicht groß
-genug gemacht, und die Perlen fielen fast so rasch wieder herunter, wie
-Helen sie aufgereiht hatte; sie löste aber selbst die Schwierigkeit,
-indem sie die Schnur durch eine Perle zog und letztere festknüpfte. Ich
-fand dies sehr geschickt. Sie unterhielt sich mit den Perlen bis zum
-Mittagessen und legte mir ab und zu die Ketten zur Begutachtung vor.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span></p>
-
-<p class="right mright1 mtop1">Montag nachmittags.</p>
-
-<p>Heute früh hatte ich einen heißen Kampf mit Helen zu bestehen. Obgleich
-ich mich mit aller Kraft dagegen sträubte, gewaltsame Mittel zur
-Anwendung zu bringen, so fürchte ich doch, dies wird sich auf die Dauer
-nicht umgehen lassen.</p>
-
-<p>Helens Benehmen bei Tische ist entsetzlich. Sie greift mit ihren
-Händen auf unsere Teller und nimmt davon weg, und wenn die Schüsseln
-herumgegeben werden, so greift sie hinein und nimmt sich, was ihr
-beliebt. Heut früh wollte ich ihr nicht erlauben, mit der Hand auf
-meinen Teller zu fassen. Sie beharrte bei ihrem Vorsatz, und es folgte
-nun ein sehr heftiger Auftritt. Natürlich verließ die übrige Familie
-voller Verlegenheit das Zimmer. Ich verschloß die Türe zum Speisezimmer
-und setzte mich wieder zu meinem Frühstück hin, obgleich mich die
-Speisen beinahe anwiderten. Helen lag schreiend und mit Händen und
-Füßen um sich schlagend auf dem Fußboden und suchte meinen Stuhl unter
-mir fortzuziehen. So verging eine halbe Stunde; dann stand sie auf, um
-zu sehen, was ich tat. Ich zeigte ihr, daß ich aß, ließ sie aber nicht
-mit der Hand auf den Teller fassen. Sie kniff mich, und ich schlug ihr
-jedesmal, wenn sie dies tat, auf die Hand. Dann ging sie um den ganzen
-Tisch herum, um zu sehen, wer da sei, und war ganz erstaunt, als sie
-außer mir niemand fand. Nach ein paar Minuten kam sie zu ihrem Platze
-zurück und begann ihr Frühstück mit den Fingern zu verzehren. Ich gab
-ihr einen Löffel, den sie aber auf den Fußboden warf. Ich zerrte sie
-von ihrem Stuhle herunter und zwang sie, ihn aufzuheben. Endlich gelang
-es mir, sie auf ihren Stuhl zurückzubringen; ich drückte ihr den Löffel
-in die Hand und nötigte sie, damit zu essen. Nach einigen Minuten fügte
-sie sich und beendete ruhig ihr Frühstück. Darauf hatten wir einen
-anderen Zwist über das Zusammenfalten ihrer Serviette. Als sie mit
-ihrem Frühstück fertig war, warf sie das<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span> Tuch zur Erde und lief zur
-Tür. Als sie diese verschlossen fand, begann sie wieder mit den Füßen
-auszuschlagen und zu schreien. Es dauerte eine volle Stunde, ehe ich
-sie dazu bringen konnte, ihre Serviette zusammenzulegen. Dann ließ
-ich sie in den warmen Sonnenschein hinaus und begab mich nach meinem
-Zimmer, wo ich mich ganz erschöpft auf das Bett warf. Ich weinte mich
-ordentlich aus und fühlte mich darauf besser. Ich glaube, ich werde
-noch mehr solcher Kämpfe mit der jungen Dame zu bestehen haben, ehe
-sie die beiden wesentlichen Dinge lernt &mdash; die einzigen, die ich ihr
-beibringen kann &mdash; Gehorsam und Liebe.</p>
-
-<p>Gott befohlen, meine Liebe! Aengstigen Sie sich nicht um mich. Ich
-will mein Bestes tun und das übrige der Macht anheimstellen, die das
-vollbringt, was uns zu leisten unmöglich ist. Frau Keller ist mir sehr
-sympathisch.</p>
-
-<p class="right mright1 mtop1">Tuscumbia, Alabama, 11. März 1887.</p>
-
-<p>Seit ich das letztemal schrieb, sind wir, Helen und ich, nach einem
-kleinen Gartenhause, das nicht weit von Ivy Green, dem Familienhause,
-entfernt liegt, umgezogen und leben hier ganz für uns allein. Ich sah
-sehr bald ein, daß mit Helen im Schoße ihrer Familie, die ihr stets in
-allem den Willen gelassen hat, absolut nichts anzufangen sei. Sie hat
-jedermann tyrannisiert, ihre Mutter, ihren Vater, die Dienerschaft,
-die kleinen Negerkinder, die mit ihr spielten, und niemand ist ihr je
-bis zu meiner Ankunft ernstlich entgegengetreten, mit Ausnahme ihres
-Bruders James, der dies ab und zu getan hat, und wie alle Tyrannen hält
-sie an diesem ihrem angestammten Rechte von Gottes Gnaden, alles zu
-tun, was ihr beliebt, mit Zähigkeit fest. Als ich sie zu unterrichten
-begann, hatte ich mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Sie wollte
-um keines Haares Breite nachgeben, ohne es auf einen verzweifelten
-Kampf an<span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span>kommen zu lassen. Im guten konnte ich gar nichts von ihr
-erreichen. Selbst zu den einfachsten Dingen wie zum Kämmen ihres
-Haares, zum Händewaschen, zum Zuknöpfen ihrer Schuhe mußte sie mit
-Gewalt angehalten werden, und natürlich war ein peinlicher Auftritt die
-Folge. Die Angehörigen fühlten natürlich Neigung, sich einzumischen,
-namentlich ihr Vater, der es nicht ertragen kann, sie weinen zu sehen.
-So waren sie alle gewillt, des lieben Friedens halber nachzugeben. Ich
-sah klar ein, daß jeder Versuch, sie im Gebrauch der Sprache oder in
-sonst etwas zu unterrichten, zwecklos sei, solange sie nicht gelernt
-habe, mir zu gehorchen. Ich habe viel darüber nachgedacht, und je
-reiflicher ich mir die Sache überlege, desto fester bin ich davon
-überzeugt, daß Gehorsam das Tor ist, durch welches das Wissen, ja sogar
-die Liebe ihren Einzug in die Seele eines Kindes halten. Wie ich Ihnen
-schon schrieb, glaubte ich anfangs nur Schritt für Schritt vorgehen
-zu dürfen. Ich hatte mir vorgenommen, mir die Liebe und das Vertrauen
-meines kleinen Zöglings durch dieselben Mittel zu gewinnen, die ich in
-Anwendung gebracht haben würde, wenn sie hätte sehen und hören können.
-Aber bald fand ich, daß mir kein Weg zu ihrem Herzen offen stand. Sie
-nahm alles, was ich für sie tat, als selbstverständlich hin, wehrte
-meine Liebkosungen ab, und es war mir schlechterdings unmöglich, mir
-ihre Zuneigung zu erwerben.</p>
-
-<p>Ich hatte eine freie, offene Aussprache mit Frau Keller und setzte ihr
-auseinander, wie schwer es für mich unter den obwaltenden Umständen
-sei, etwas mit Helen zu beginnen. Ich erklärte ihr, daß meiner Meinung
-nach das Kind mindestens für einige Wochen von der Familie getrennt
-werden und daß Helen mir gehorchen lernen müsse, ehe ich irgend etwas
-anderes unternehmen könne. Nach einer langen Pause antwortete mir Frau
-Keller, sie wolle sich die Sache überlegen und hören, was<span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span> ihr Gatte
-zu dem Plane meinte. Der Hauptmann Keller willigte gegen mein Erwarten
-sehr rasch ein, und ich beeilte mich, die Vorkehrungen zum Umzuge so
-bald wie möglich zu treffen.</p>
-
-<p>In der neuen Wohnung zeigte sich Helen anfangs sehr ungebärdig und ließ
-sich am ersten Abend erst nach einem erbitterten zweistündigen Kampfe
-zu Bett bringen. Am nächsten Morgen war sie ruhiger, litt aber offenbar
-an Heimweh. Sie spielte mehr als sonst mit ihren Puppen und behandelte
-diese mit großer Zärtlichkeit, wollte aber nichts von mir wissen.</p>
-
-<p>Helen kennt jetzt verschiedene Wörter, hat aber weder eine Ahnung von
-ihrem Gebrauche, noch weiß sie, daß jedes Ding einen Namen hat. Ich
-glaube jedoch, daß sie leicht und schnell lernen wird. Wie erwähnt,
-ist sie außerordentlich lebhaft und geschäftig und in ihren Bewegungen
-ebenso rasch wie unstet.</p>
-
-<p class="right mright1 mtop1">13. März 1887.</p>
-
-<p>Sie werden sich freuen, zu hören, daß mein Experiment einen guten
-Ausgang nimmt. Weder gestern noch heut habe ich mit Helen die geringste
-Mühe gehabt. Sie hat drei neue Wörter gelernt, und wenn ich ihr die
-Gegenstände gebe, deren Bezeichnung sie gelernt hat, so buchstabiert
-sie diese unverzüglich; sie scheint aber froh zu sein, wenn der
-Unterricht vorüber ist.</p>
-
-<p>Wir machten heut früh einen fröhlichen Spaziergang im Garten. Helen
-wußte augenscheinlich, wo sie war, sobald sie die Buchsbaumhecken
-berührte, und machte mehrere Zeichen, die ich nicht verstand. Ohne
-Zweifel waren es Bezeichnungen für die verschiedenen Mitglieder der
-Familie in Ivy Green.</p>
-
-<p class="right mright1 mtop1">20. März 1887.</p>
-
-<p>Mein Herz jauchzt heute vor Freude. Ein Wunder hat sich ereignet.
-Das Licht des Verständnisses ist im Geiste meines<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span> kleinen Zöglings
-aufgegangen, und siehe da, alles hat ein verändertes Ansehen gewonnen.</p>
-
-<p>Das kleine wilde Geschöpf von vor vierzehn Tagen hat sich in ein
-artiges Kind umgewandelt. Helen sitzt, während ich schreibe, mit
-heiterem und fröhlichem Gesichte neben mir und häkelt eine lange
-Spitze aus roter schottischer Wolle. Sie hat in vergangener Woche
-nähen gelernt und ist sehr stolz auf ihre Fertigkeit. Als sie die
-Spitze so lang gemacht hatte, daß sie über das Zimmer hinwegreichte,
-so klopfte sie sich selbst auf den Arm und legte das erste Werk ihrer
-Hände zärtlich an ihre Wange. Sie läßt sich jetzt von mir küssen und
-setzt sich, wenn sie besonders guter Laune ist, kurze Zeit auf meinen
-Schoß, erwidert aber meine Liebkosungen noch nicht. Der große Schritt,
-&mdash; der Schritt, auf den es ankommt &mdash; ist geschehen. Die kleine Wilde
-hat ihre erste Lektion gehorsam genommen und findet die Sache ganz
-ergötzlich. Es entsteht für mich jetzt die dankbare Aufgabe, die schöne
-Intelligenz, die sich in der Kindesseele zu regen beginnt, zu leiten
-und zu bilden.</p>
-
-<p>Auch andere bemerken schon die Veränderung, die mit Helen vorgegangen
-ist. Ihr Vater besucht uns jeden Morgen und jeden Abend und ruft, wenn
-er sie ihre Perlen eifrig aneinanderreihen oder auf ihrer Nähkarte
-horizontale Stichreihen machen sieht, voller Verwunderung aus: Wie
-ruhig sie ist! Als ich kam, waren ihre Bewegungen so unstet, daß man
-stets fühlte, sie habe etwas Abnormes, ja beinahe Krankhaftes an sich.
-Auch habe ich bemerkt, daß sie viel weniger ißt, ein Umstand, der
-ihren Vater so sehr beunruhigt, daß er sie durchaus wieder nach Hause
-nehmen will. Er behauptet, sie leide an Heimweh. Ich bin damit nicht
-einverstanden, doch fürchte ich, wir werden unser kleines Bauer sehr
-bald verlassen müssen.</p>
-
-<p>Gestern ließ ich während der Unterrichtsstunde einen kleinen
-Negerknaben hereinkommen, und zeigte auch ihm die Buch<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span>staben. Dies
-machte Helen großes Vergnügen und stachelte ihren Ehrgeiz an, sich vor
-Percy hervorzutun. Sie freute sich, wenn er einen Fehler machte, und
-ließ ihn den Buchstaben mehrere Male wiederholen. Wenn es ihm gelang,
-sie zufriedenzustellen, klopfte sie ihm so kräftig auf seinen wolligen
-Kopf, daß ich glaubte, er habe die Fehler absichtlich gemacht.</p>
-
-<p>Hauptmann Keller brachte eines Tages »Belle« mit, einen Hühnerhund,
-auf den er sehr stolz ist. Er war begierig, ob Helen ihren alten
-Spielkameraden wiedererkennen würde. Helen badete Nancy gerade und
-bemerkte anfangs den Hund gar nicht. Für gewöhnlich fühlt sie den
-leisesten Schritt und streckt die Arme aus, um sich zu vergewissern, ob
-sich jemand in ihrer Nähe befindet. Belle schien es nicht sehr eilig zu
-haben, Helens Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich glaube, sie ist
-mitunter von ihrer kleinen Herrin recht rauh behandelt worden. Der Hund
-war aber kaum eine halbe Minute im Zimmer, als Helen herumzuschnobern
-begann, die Puppe in die Badewanne warf und im Zimmer umherfühlte.
-Sie stolperte über Belle, die am Fenster lag. Sie erkannte sofort den
-Hund, denn sie schlang ihre Arme um seinen Hals und drückte ihn an
-sich. Dann setzte sich Helen neben das Tier und begann sich an seinen
-Pfoten zu schaffen zu machen. Wir konnten uns für den ersten Augenblick
-ihr Verhalten nicht erklären; als wir aber bemerkten, daß sie die
-Buchstaben <span class="antiqua nowrap">d&ndash;o&ndash;l&ndash;l</span> mit ihren Fingern bildete, wußten wir daß
-sie Belle das Buchstabieren beizubringen suchte.</p>
-
-<p class="right mright1 mtop1">28. März 1887.</p>
-
-<p>Helen und ich sind gestern nach Hause gekommen. Ich bedauere, daß wir
-nicht noch eine Woche bleiben durften; aber ich glaube, ich habe die
-Gelegenheit, die mir in den letzten vierzehn Tagen geboten war, nach
-besten Kräften ausgenützt,<span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[S. 221]</a></span> und hoffe nicht, mit Helen in Zukunft noch
-ernstliche Mühe zu haben. Die größten Hindernisse, die sich einem
-Fortschreiten in den Weg stellten, sind gebrochen. Ich glaube, »nein«
-und »ja«, begleitet von einem Schütteln oder Nicken des Kopfes sind
-für Helen <em class="gesperrt">so</em> greifbare Tatsachen geworden wie Wärme und Kälte
-oder der Unterschied zwischen Schmerz und Behagen. Und ich werde auch
-dafür sorgen, daß die Lektion, die sie unter soviel Kummer und Schmerz
-gelernt hat, nicht wieder vergessen wird. Ich werde mich zwischen meine
-Schülerin und die übergroße Nachsicht ihrer Eltern stellen. Ich habe
-Herrn und Frau Hauptmann Keller erklärt, sie dürften in keinerlei Weise
-meine Anordnungen durchkreuzen. Ich habe mein Bestes getan, um ihnen
-klarzumachen, wie furchtbar sie sich an Helen versündigten, wenn sie
-ihr in allen Dingen ihren Willen ließen, und habe darauf hingewiesen,
-daß die Versuche, dem Kinde beizubringen, es könne nicht alles nach
-seinem Willen gehen, notwendig für dieses selbst wie für seine Lehrerin
-von schmerzlichen Empfindungen begleitet seien. Sie versprachen,
-mir freie Hand zu lassen und mich nach Kräften zu unterstützen. Die
-unverkennbaren Fortschritte, die ihr Kind gemacht hat, haben ihnen
-größeres Vertrauen zu mir eingeflößt. Natürlich ist es hart für sie.
-Ich begreife, daß es ihnen wehtut, zu sehen, wie ihr unglückliches
-kleines Kind bestraft und gezwungen wird, gewisse Dinge gegen seinen
-Willen zu tun. Nur wenige Stunden nach meiner Unterredung mit Herrn
-und Frau Hauptmann Keller (und sie hatten mir in allem beigepflichtet)
-setzte sich Helen bei Tisch in den Kopf, die Serviette nicht zu
-benutzen. Offenbar wollte sie probieren, was nun geschehen würde. Ich
-versuchte mehrmals, ihr die Serviette um den Hals zu legen, jedesmal
-aber riß sie sich das Tuch ab, warf es zur Erde und begann endlich den
-Tisch mit den Füßen zu bearbeiten. Ich nahm ihr den Teller weg und
-stand auf, um sie aus dem Zimmer zu führen; da aber<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[S. 222]</a></span> schlug sich der
-Hauptmann ins Mittel und erklärte, er werde es unter keinen Umständen
-zugeben, daß eins seiner Kinder nichts zu essen bekäme.</p>
-
-<p>Nach dem Abendessen kam Helen nicht mehr in mein Zimmer, und ich sah
-sie vor dem Frühstück am nächsten Morgen nicht wieder. Sie saß auf
-ihrem Platze, als ich herunterkam. Sie hatte sich ihre Serviette unter
-das Kinn gesteckt, anstatt, wie es ihre Gewohnheit war, sich das Tuch
-auf dem Rücken festzustecken, und lenkte meine Aufmerksamkeit auf diese
-Neuerung; als ich keine Einsprache dagegen erhob, schien sie erfreut
-zu sein und streichelte sich selbst. Als sie das Eßzimmer verließ,
-ergriff sie meine Hand und streichelte sie ebenfalls. Ich war begierig,
-was sie zu tun beabsichtigte, und beschloß, der Gewöhnung an Zucht
-und Sitte etwas nachzuhelfen. Ich ging nach dem Eßzimmer zurück und
-holte mir eine Serviette. Als Helen zum Unterricht heraufkam, legte
-ich alle Gegenstände in gewohnter Weise auf den Tisch; nur der Kuchen
-fehlte, von dem ich ihr ein Stückchen zur Belohnung zu geben pflegte,
-wenn sie ein Wort recht rasch buchstabiert hatte. Helen bemerkte dies
-sofort und machte das entsprechende Zeichen für »Kuchen«. Ich zeigte
-ihr die Serviette, band sie ihr um den Hals, riß sie dann ab und warf
-sie zur Erde und schüttelte dabei den Kopf. Dies tat ich mehrmals
-hintereinander. Helen verstand mich vortrefflich, denn sie schlug
-sich ein paarmal derb auf die Hand und schüttelte gleichfalls mit dem
-Kopfe. Inzwischen begann der Unterricht. Ich gab ihr einen Gegenstand
-in die Hand, und Helen buchstabierte das betreffende Wort. Mit einem
-Male hielt sie inne, als ob ihr ein Gedanke durch den Kopf schösse, und
-griff nach der Serviette, die sie sich rasch um den Hals knüpfte, wobei
-sie ihr Zeichen für »Kuchen« machte. Ich nahm dies für ein Versprechen,
-daß, wenn ich ihr etwas Kuchen gebe, sie ein artiges Kind sein wolle,
-und gab ihr ein<span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[S. 223]</a></span> größeres Stück als gewöhnlich; Helen war darüber sehr
-erfreut und klopfte und streichelte sich selbst voller Befriedigung.</p>
-
-<p class="right mright1 mtop1">3. April 1887.</p>
-
-<p>Wir bringen fast unsere ganze Zeit im Garten zu, wo alles sproßt und
-blüht und grünt. Nach dem Frühstück gehen wir hinaus und sehen den
-Leuten bei ihrer Arbeit zu. Helen liebt es, zu graben und im Schmutze
-herumzuspielen wie jedes andere Kind. Heut früh pflanzte sie ihre Puppe
-in die Erde und deutete mir an, sie erwarte, die Puppe werde so groß
-werden wie ich.</p>
-
-<p>Um zehn Uhr gehen wir hinein und reihen einige Minuten lang Perlen
-auf. Helen kann sie schon in sehr verschiedener Weise zusammenstellen
-und denkt sich öfters selbst neue Arten aus. Dann überlasse ich es
-ihrer Wahl, ob sie nähen, stricken oder häkeln will. Stricken lernte
-sie sehr schnell und fertigt jetzt einen Waschlappen für ihre Mutter
-an. In der vergangenen Woche machte sie ihrer Puppe eine Schürze und
-kam damit so gut zustande wie jedes andere Kind ihres Alters. Um elf
-Uhr haben wir Turnen. Sie kennt alle Freiübungen mit und ohne Hanteln.
-Die Stunde von zwölf bis eins wird zur Erlernung neuer Wörter benutzt.
-Sie dürfen aber nicht glauben, daß dies die einzige Zeit ist, in der
-ich mit Helen buchstabiere; ich buchstabiere ihr im Gegenteil alles,
-was wir den ganzen Tag über tun, in die Hand, obgleich sie bis jetzt
-noch keine Ahnung hat, was das Buchstabieren eigentlich bedeutet. Nach
-dem Mittagessen ruhe ich eine Stunde, und Helen spielt mit ihrer Puppe
-oder tummelt sich im Hofe mit den kleinen Negern umher, die vor meiner
-Ankunft ihre beständigen Spielgefährten waren. Später geselle ich mich
-zu ihnen, und wir machen dann die Runde durch die Wirtschaftsgebäude.
-Wir besuchen die Pferde und Maultiere in ihren Ställen, suchen<span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[S. 224]</a></span> nach
-Eiern und füttern die Truthühner. Oft gehen wir, wenn das Wetter schön
-ist, von vier bis sechs Uhr spazieren oder besuchen Helens Tante in
-Ivy Green oder ihre Verwandten in der Stadt. Helen hat einen stark
-entwickelten Geselligkeitstrieb; sie liebt es, Menschen um sich zu
-haben und ihre Bekannten zu besuchen, zum Teil allerdings, wie ich
-glaube, weil diese stets einige Leckerbissen für sie übrig haben. Nach
-dem Abendessen gehen wir in mein Zimmer und vertreiben uns die Zeit
-mit allerlei Beschäftigungen bis um acht, dann ziehe ich das kleine
-Fräulein aus und bringe es zu Bett. Helen schläft jetzt bei mir. Frau
-Keller wollte mir eine Wärterin für sie geben; ich glaube aber, es ist
-besser, ich bin ihre Wärterin, als daß ich eine dumme, faule Negerin zu
-beaufsichtigen habe. Außerdem ziehe ich es vor, daß Helen ganz allein
-auf mich angewiesen ist, und ich finde es viel leichter, sie bei allen
-sich bietenden Gelegenheiten zu unterrichten als zu festgesetzten
-Stunden.</p>
-
-<p>Am 31. März fand ich, daß Helen achtzehn Substantiva und drei Verba
-kannte. Hier eine Liste dieser Wörter. Die mit einem Kreuz bezeichneten
-sind Wörter, nach denen sie selbst fragte: <span class="antiqua">doll</span>, <span class="antiqua">mug</span>,
-<span class="antiqua">pin</span>, <span class="antiqua">key</span>, <span class="antiqua">dog</span>, <span class="antiqua">hat</span>, <span class="antiqua">cup</span>, <span class="antiqua">box</span>,
-<span class="antiqua">water</span>, <span class="antiqua">milk</span>, <span class="antiqua">candy</span>, <span class="antiqua">eye</span> (×), <span class="antiqua">finger</span>
-(×), <span class="antiqua">toe</span> (×), <span class="antiqua">head</span> (×), <span class="antiqua">cake</span>, <span class="antiqua">baby</span>,
-<span class="antiqua">mother</span>, <span class="antiqua">sit</span>, <span class="antiqua">stand</span>, <span class="antiqua">walk</span>. Am 1. April
-lernte sie die Substantiva <span class="antiqua">knife</span>, <span class="antiqua">fork</span>, <span class="antiqua">spoon</span>,
-<span class="antiqua">saucer</span>, <span class="antiqua">tea</span>, <span class="antiqua">papa</span>, <span class="antiqua">bed</span> und das Verbum
-<span class="antiqua">run</span>.</p>
-
-<p class="right mright1 mtop1" id="Brief_S_224">5. April 1887.</p>
-
-<p>Ich muß Ihnen heut morgen eine Zeile schreiben, denn es hat sich etwas
-sehr Wichtiges zugetragen. Helen hat den zweiten großen Schritt in
-ihrer Erziehung getan. Sie hat gelernt, daß jedes Ding einen Namen
-hat und daß das Fingeralphabet der Schlüssel zu allem ist, was sie zu
-wissen verlangt.</p>
-
-<p>Die Wörter <span class="antiqua">mug</span> und <span class="antiqua">milk</span> machten Helen mehr Mühe als alle
-übrigen. Sie verwechselte die Substantiva mit dem Verbum<span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225">[S. 225]</a></span> <span class="antiqua">drink</span>.
-Sie kannte das Wort für trinken nicht, sondern half sich damit, daß
-sie die Pantomime des Trinkens machte, so oft sie <span class="antiqua">mug</span> oder
-<span class="antiqua">milk</span> buchstabierte. Als sie sich heute früh wusch, wünschte
-sie die Bezeichnung für Wasser zu erfahren. Wenn sie die Bezeichnung
-für etwas zu wissen wünscht, so deutet sie darauf und streichelt mir
-die Hand. Ich buchstabierte ihr <span class="antiqua nowrap">w&ndash;a&ndash;t&ndash;e&ndash;r</span> in die Hand und
-dachte bis nach Beendigung des Frühstücks nicht mehr daran. Dann fiel
-es mir ein, daß ich ihr vielleicht mit Hilfe dieses neuen Wortes den
-Unterschied zwischen <span class="antiqua">mug</span> und <span class="antiqua">milk</span> ein- für allemal
-klarmachen könnte. Wir gingen zu der Pumpe, wo ich Helen ihren Becher
-unter die Oeffnung halten ließ, während ich pumpte. Als das kalte
-Wasser hervorschoß und den Becher füllte, buchstabierte ich ihr
-<span class="antiqua nowrap">w&ndash;a&ndash;t&ndash;e&ndash;r</span> in die freie Hand. Das Wort, das so unmittelbar
-auf die Empfindung des kalten über ihre Hand strömenden Wassers folgte,
-schien sie stutzig zu machen. Sie ließ den Becher fallen und stand
-wie angewurzelt da. Ein ganz neuer Lichtschein verklärte ihre Züge.
-Sie buchstabierte das Wort <span class="antiqua">water</span> zu verschiedenenmalen. Dann
-kauerte sie nieder, berührte die Erde und fragte nach deren Namen,
-ebenso deutete sie auf die Pumpe und das Gitter. Dann wandte sie sich
-plötzlich um und fragte nach meinem Namen. Ich buchstabierte ihr
-»<span class="antiqua">teacher</span>« in die Hand. In diesem Augenblick brachte die Amme
-Helens kleine Schwester an die Pumpe; Helen buchstabierte »<span class="antiqua">baby</span>«
-und deutete auf die Amme. Auf dem ganzen Rückwege war sie im höchsten
-Grade aufgeregt und erkundigte sich nach dem Namen jedes Gegenstandes,
-den sie berührte, sodaß sie im Laufe weniger Stunden dreißig neue
-Wörter ihrem Wortschatz einverleibt hatte.</p>
-
-<p><span class="antiqua">P. S.</span> Ich konnte meinen Brief gestern abend nicht mehr zur Post
-geben und will daher noch eine Zeile hinzufügen. Helen stand heute
-früh wie eine strahlende Fee auf. Sie flog von<span class="pagenum"><a name="Seite_226" id="Seite_226">[S. 226]</a></span> einem Gegenstande zum
-anderen, fragte nach der Bezeichnung jedes Dinges und küßte mich vor
-lauter Freude. Als ich gestern abend zu Bett ging, warf sich Helen aus
-eigenem Antrieb in meine Arme und küßte mich zum ersten Male, und ich
-glaubte, mein Herz müsse springen, so voll war es vor Freude.</p>
-
-<p class="right mright1 mtop1">10. April 1887.</p>
-
-<p>Helen macht von Tag zu Tag, ja beinahe von Stunde zu Stunde
-Fortschritte. Alles muß jetzt einen Namen haben. Bei allen unseren
-Ausgängen fragt sie voller Eifer nach den Bezeichnungen für die
-Dinge, die sie nicht zu Hause gelernt hat. Sie wird nicht müde mit
-Buchstabieren und will jeden, dem sie begegnet, das Alphabet lehren.
-Sobald sie das betreffende Wort kennt, wendet sie ihre früheren Zeichen
-und Pantomimen nicht mehr an, und das Erlernen eines neuen Wortes
-bereitet ihr das lebhafteste Vergnügen. Auch bemerken wir, daß ihre
-Züge von Tag zu Tag ausdrucksvoller werden. &mdash; Ich habe mich dazu
-entschlossen, Helen augenblicklich noch nicht regelmäßigen Unterricht
-zu erteilen. Ich behandle sie genau wie ein Kind von zwei Jahren.
-Es kommt mir widersinnig vor, zu verlangen, daß ein Kind zu einer
-bestimmten Zeit in ein bestimmtes Zimmer geht und bestimmte Lektionen
-hersagt, wenn es noch nicht über einen genügenden Wortschatz verfügt.
-Ich fragte mich: Wie lernt ein normales Kind sprechen? Die Antwort
-lautete einfach: Durch Nachahmung. Das Kind kommt mit der Fähigkeit, zu
-lernen, auf die Welt und lernt von selbst, vorausgesetzt, daß es ihm an
-dem erforderlichen äußeren Anreize nicht fehlt. Es sieht, wie andere
-bestimmte Dinge tun, und versucht, sie ebenfalls zu tun. Es hört andere
-sprechen und versucht selbst zu sprechen. Lange bevor es sein erstes
-Wort spricht, versteht es, was man zu ihm sagt... Diese Erwägungen
-weisen mir den richtigen Weg, Helen das Sprechen<span class="pagenum"><a name="Seite_227" id="Seite_227">[S. 227]</a></span> beizubringen.
-Ich muß ihr in die Hand sprechen, wie wir dem kleinen Kinde in
-das Ohr sprechen. Ich nehme an, daß sie dieselbe Assimilations-
-und Nachahmungsgabe besitzt wie ein normales Kind. Ich werde in
-vollständigen Sätzen zu ihr sprechen und ihr, wenn nötig, die Bedeutung
-durch Gesten und ihre beschreibenden Zeichen klarmachen, aber nicht
-versuchen, ihre Aufmerksamkeit auf <em class="gesperrt">nur</em> einen einzigen Gegenstand
-zu lenken. Ich will alles tun, was in meinen Kräften steht, um Helen
-anzuregen und anzuspornen, und geduldig das Ergebnis abwarten.</p>
-
-<p class="right mright1 mtop1">24. April 1887.</p>
-
-<p>Die neue Methode bewährt sich vorzüglich; Helen kennt jetzt die
-Bedeutung von mehr als hundert Wörtern und lernt täglich neue hinzu,
-ohne im geringsten auf die Vermutung zu kommen, sie verrichte eine
-besondere Heldentat. Sie lernt, weil sie nicht anders kann, genau
-wie der Vogel fliegen lernt. Doch dürfen Sie nicht glauben, daß sie
-»fließend spricht«. Wie ihre kleine Cousine drückt sie ganze Sätze
-durch einzelne Worte aus. „Milch“, mit einer Handbewegung bedeutet: „Gib
-mir mehr Milch“; „Mutter“, begleitet von einem fragenden Blick, bedeutet:
-„Wo ist Mutter?“ „Gehen“ bedeutet: „Ich möchte ausgehen.“ Buchstabiere
-ich ihr aber in die Hand: „Gib mir etwas Brot,“ so reicht sie mir das
-Brot, und wenn ich ihr sage: „Hole deinen Hut, wir wollen spazieren
-gehen,“ so gehorcht sie augenblicklich. Die beiden Worte: „Hut“ und
-„spazieren gehen“ würden dieselbe Wirkung ausüben; wird aber der ganze
-Satz mehrmals am Tage wiederholt, so muß er sich mit der Zeit dem
-Gehirne einprägen, und Helen wird ihn allmählich selbst anwenden.</p>
-
-<p>Wir beschäftigen uns mit einem kleinen Spiele, das nach meiner Meinung
-für die Entwickelung des Intellekts höchst nützlich ist und zugleich
-den Zweck einer Sprachlektion erfüllt.<span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">[S. 228]</a></span> Es ist eine Art Versteckspiel.
-Ich verstecke irgend etwas, einen Ball, eine Spule oder dergleichen,
-und wir suchen danach. Als wir vor zwei bis drei Tagen mit dem Spiele
-begannen, benahm sich Helen ziemlich ungeschickt. Sie suchte an
-Stellen nach, wo es unmöglich gewesen wäre, den Ball oder die Spule zu
-verstecken. Wenn ich z.&nbsp;B. den Ball versteckte, so suchte sie unter
-ihrer Schreibtafel. Versteckte ich die Spule, so suchte sie in einer
-Schachtel, die nicht länger als einen Zoll war. Sie gab auch bald
-das Spiel auf. Jetzt kann ich ihr Interesse daran eine Stunde und
-länger rege erhalten, und sie zeigt mehr Intelligenz und oft große
-Geschicklichkeit beim Finden der Gegenstände. Heute früh versteckte
-ich einen Zwieback. Helen suchte überall, ohne ihn finden zu können.
-Plötzlich kam ihr ein Gedanke, sie lief auf mich zu und öffnete meinen
-Mund, um ihn gründlich zu untersuchen. Als sie hier nichts fand,
-deutete sie auf meinen Magen und fragte: <span class="antiqua">Eat</span>?, was bedeuten
-sollte: Haben Sie ihn vielleicht gegessen?</p>
-
-<p>Freitag begegnete uns ein Herr auf der Straße, der Helen einige Bonbons
-gab, die sie aufaß bis auf ein kleines Stückchen, das sie in ihr
-Schürzentäschchen steckte. Nach Hause gekommen, traf sie ihre Mutter
-und sagte aus eigenem Antriebe: <span class="antiqua">Give baby candy.</span> Frau Keller
-buchstabierte ihr in die Hand: <span class="antiqua">No&mdash;baby eat&mdash;no.</span> Helen näherte
-sich der Wiege, faßte Mildred in den Mund und deutete auf ihre eigenen
-Zähne. Frau Keller buchstabierte: <span class="antiqua">Teeth</span>. Helen schüttelte den
-Kopf und buchstabierte: <span class="antiqua">Baby teeth&mdash;no, baby eat&mdash;no</span>, womit sie
-natürlich sagen wollte: Schwesterchen kann nicht essen, weil es keine
-Zähne hat.</p>
-
-<p class="right mright1 mtop1">8. Mai 1887.</p>
-
-<p>Nein, ich brauche kein Kindergartenmaterial mehr. Ich habe anfangs
-meinen kleinen Vorrat von Perlen, Karten und Strohhalmen benutzt, weil
-ich nicht wußte, was ich sonst tun<span class="pagenum"><a name="Seite_229" id="Seite_229">[S. 229]</a></span> sollte; aber die Zeit für sie ist
-jetzt auf alle Fälle vorüber.</p>
-
-<p>Ich beginne allen ausgeklügelten pädagogischen Systemen zu mißtrauen.
-Sie scheinen mir auf der Voraussetzung aufgebaut zu sein, daß jedes
-Kind eine Art Idiot ist und im Denken unterwiesen werden muß, während
-es, wenn es sich selbst überlassen bleibt, mehr und besser denken
-wird, wenn es auch nicht so in die Augen fällt. Laßt es nach seinem
-Belieben gehen und kommen, laßt es reale Gegenstände berühren und
-seine Eindrücke selbständig ordnen, anstatt daß es im Zimmer an einem
-kleinen runden Tische sitzt, während eine Lehrerin mit sanfter Stimme
-ihm sagt, es möge eine steinerne Mauer aus seinen Holzklötzchen bauen,
-einen Regenbogen aus farbigen Papierstreifen herstellen oder Bäume aus
-Strohhalmen in Blumentöpfe aus Perlen pflanzen. Solcherlei Unterricht
-füllt den Geist mit künstlichen Assoziationen an, die erst ausgerottet
-werden müssen, ehe das Kind seine Gedanken aus eigener Anschauung
-entwickeln kann.</p>
-
-<p id="klein">Helen lernt Adjektiva und Adverbien so leicht wie sie Substantiva
-gelernt hat. Die Vorstellung geht stets dem Worte voran. Sie hatte
-Zeichen für »klein« und »groß« lange, bevor ich zu ihr kam. Wollte sie
-einen kleinen Gegenstand haben und wurde ihr ein großer gegeben, so
-schüttelte sie den Kopf und hob ein Stückchen von der Haut ihrer einen
-Hand zwischen Daumen und Zeigefinger der anderen hoch. Wollte sie etwas
-Großes bezeichnen, so spreizte sie die Finger beider Hände so weit wie
-möglich und näherte die Hände einander, als wolle sie einen großen Ball
-auffangen. Eines Tages ersetzte ich diese Zeichen durch die Wörter
-<span class="antiqua">small</span> und <span class="antiqua">large</span>; sofort wendete sie die Wörter an und
-verschmähte von nun ab die Zeichen. Ich kann ihr jetzt sagen: Bringe
-mir ein großes Buch, einen kleinen Teller, gehe langsam die Treppe
-hinauf, laufe rasch und gehe langsam. Heute morgen gebrauchte sie
-die Konjunktion <span class="antiqua">and</span><span class="pagenum"><a name="Seite_230" id="Seite_230">[S. 230]</a></span> zum ersten Male. Ich befahl ihr, die Tür
-zuzumachen, und sie fügte hinzu: <span class="antiqua">and lock</span>.</p>
-
-<p>Vor ein paar Minuten kam sie in großer Aufregung die Treppe
-heraufgestürmt. Ich konnte mir zuerst gar nicht erklären, was geschehen
-war. Sie buchstabierte immerwährend <span class="antiqua">dog&mdash;baby</span>, indem sie dabei
-der Reihe nach auf ihre fünf Finger deutete und an ihnen saugte.
-Mein erster Gedanke war, einer von den Hunden habe Mildred verletzt,
-aber Helens strahlendes Gesicht beschwichtigte meine Furcht. Es half
-nichts, ich mußte mit ihr hinunter. Sie führte mich in einen Schuppen,
-und hier in der Ecke lag einer von den Hühnerhunden mit fünf kleinen
-niedlichen Jungen! Ich lehrte Helen das Wort <span class="antiqua">puppy</span>, ließ sie
-die Hündchen alle befühlen, während sie saugten, und buchstabierte
-<span class="antiqua">puppies</span>. Sie interessierte sich sehr für das Nährgeschäft und
-buchstabierte mehrmals die Wörter <span class="antiqua">mother-dog</span> und <span class="antiqua">baby</span>.
-Helen bemerkte, daß die Augen der Hündchen geschlossen waren, und
-sagte <span class="antiqua">Eyes&mdash;shut. Sleep&mdash;no</span>, womit sie sagen wollte: Die Augen
-sind zwar geschlossen, aber die Hündchen schlafen nicht. Sie deutete
-der Reihe nach auf jedes Hündchen und dann auf ihre fünf Finger, und
-ich lehrte sie das Wort <span class="antiqua">five</span>. Dann hielt sie einen Finger in
-die Höhe und sagte: <span class="antiqua">Baby</span>. Ich begriff, daß sie von Mildred
-sprach, und buchstabierte: <span class="antiqua">One baby and five puppies</span>. Dann
-bemerkte sie, daß eins von den Hündchen kleiner war als die anderen,
-und buchstabierte <span class="antiqua">small</span>, indem sie zu gleicher Zeit das
-entsprechende Zeichen machte; ich buchstabierte <span class="antiqua">very small</span>.
-Sie verstand augenscheinlich, daß <span class="antiqua">very</span> die Bezeichnung für den
-neuen Begriff sei, der in ihren Kopf gelangt war, denn auf dem ganzen
-Rückwege nach Hause gebrauchte sie das Wort ganz richtig. Ein Stein war
-»<span class="antiqua">small</span>«, ein anderer »<span class="antiqua">very small</span>«. Als sie ihre kleine
-Schwester anfaßte, sagte sie: <span class="antiqua">Baby&mdash;small. Puppy&mdash;very small.</span></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_231" id="Seite_231">[S. 231]</a></span></p>
-
-<p>Seit ich Helen keinen regelmäßigen Unterricht mehr erteile, finde
-ich, daß sie viel rascher lernt. Ich bin überzeugt, daß die Zeit,
-die ein Lehrer darauf verwendet, sich zu vergewissern, ob das Kind
-seine Lektion auch behalten habe, so gut wie weggeworfen ist. Meines
-Erachtens ist es viel richtiger, anzunehmen, daß das Kind tue, was in
-seinen Kräften steht, und daß die ausgestreute Saat zur rechten Zeit
-schon Frucht tragen wird.</p>
-
-<p class="right mright1 mtop1">16. Mai 1887.</p>
-
-<p>Wir unternehmen jetzt jeden Morgen unmittelbar nach dem Frühstück
-weite Spaziergänge. Auf dem ganzen Wege stellt Helen unaufhörlich
-Fragen an mich. Wir machen auf Schmetterlinge Jagd und fangen ab und
-zu einen. Dann setzen wir uns unter einen Baum und sprechen über ihn.
-Später lassen wir ihn frei, falls er die Lektion überlebt hat; aber
-in der Regel werden sein Leben und seine Schönheit auf dem Altar der
-Lernbegierde geopfert, obgleich er in einem anderen Sinne für immer
-fortlebt; denn hat er sich nicht in lebendige Gedanken verwandelt?
-Es ist wunderbar, wie Wörter Gedanken erzeugen! Jedes neue Wort, das
-Helen lernt, scheint das Bedürfnis nach weiteren zu erwecken. Ihr Geist
-wächst infolge seiner rastlosen Tätigkeit. Gewöhnlich gehen wir um die
-Zeit des Mittagessens nach Hause, und Helen erzählt ihrer Mutter voller
-Eifer alles, was sie gelernt hat.</p>
-
-<p>Dieser Wunsch, zu wiederholen, was ihr gesagt worden ist, deutet auf
-einen unverkennbaren Fortschritt in der Entwickelung ihres Intellektes
-hin und ist ein unschätzbarer Ansporn zur Aneignung der Sprache. Ich
-bitte alle ihre Bekannten, sie zu Mitteilungen über ihr Tun und Treiben
-zu ermuntern und soviel Teilnahme und Vergnügen wie nur möglich an
-ihren kleinen Erlebnissen zu zeigen. Dies befriedigt ihr kindliches
-Bedürfnis nach Anerkennung und hält ihr Interesse an den<span class="pagenum"><a name="Seite_232" id="Seite_232">[S. 232]</a></span> Dingen
-aufrecht. Ebenso bildet es die Grundlage der wirklichen Unterhaltung.
-Helen macht zwar noch manche Fehler und verwechselt Wörter und
-Redensarten miteinander; aber dies tut auch ein hörendes Kind. Ich
-bin sicher, diese Schwierigkeiten werden sich von selbst geben. Der
-Antrieb zum Sprechen ist das wichtigste. Ich füge hier und da ein Wort,
-manchmal einen Satz ein und erinnere sie an das, was sie ausgelassen
-oder vergessen hat. So nimmt ihr Wortschatz rasch zu, und die neuen
-Wörter bringen neue Vorstellungen hervor, und diese sind der Stoff, aus
-dem Himmel und Erde geschaffen sind.</p>
-
-<p class="mtop2">Meine Aufgabe nimmt alle meine Kräfte und mein Interesse von Tag zu
-Tag ausschließlicher in Anspruch, schreibt Fräulein Sullivan am 22.
-Mai 1887. Helen ist ein wunderbares Kind, so voller Lernbegierde und
-Lerneifer. Sie kennt jetzt gegen dreihundert Wörter und eine große
-Menge alltäglicher Redensarten, und es sind noch nicht drei Monate
-her, seit sie ihr erstes Wort lernte. Es ist ein seltenes Glück, das
-Entstehen, das Wachsen und die ersten schwachen Betätigungen eines
-lebenden Geistes zu beobachten; ich genieße dieses Glück, und noch
-mehr, es ist mir vergönnt, diesen herrlichen Intellekt zu wecken und zu
-leiten.</p>
-
-<p>Wenn ich mich für diese große Aufgabe nur besser eignete! Ich fühle
-mich ihr täglich weniger gewachsen. Mein Geist steckt voller Pläne;
-nur kann ich sie leider nicht in die Tat umsetzen. Sie sehen, mein
-Geist ist undiszipliniert, ich irre plan- und ziellos umher. O wenn
-ich nur jemand hätte, der mir helfen könnte! Ich brauche einen Lehrer
-genau so gut wie Helen. Ich weiß, daß die Erziehung dieses Kindes das
-Hauptereignis meines Lebens sein wird, wenn ich nur die Kraft und
-Ausdauer habe, sie zu vollenden. Eins ist mir klar geworden: Helen
-muß Bücher benutzen lernen, wir müssen sie beide be<span class="pagenum"><a name="Seite_233" id="Seite_233">[S. 233]</a></span>nutzen lernen,
-und dabei fällt mir ein &mdash; wollen Sie die Freundlichkeit haben,
-Herrn Anagnos zu bitten, mir die Psychologien von Perez und Sully zu
-besorgen? Ich glaube, sie werden mir nützlich sein können.</p>
-
-<p>Wir halten jetzt jeden Tag Leseübungen ab. In der Regel nehmen wir eins
-der kleinen Lesebücher mit auf einen hohen Baum, der in der Nähe des
-Hauses steht, und verwenden eine bis zwei Stunden auf das Aufsuchen von
-Wörtern, die Helen schon kennt. Wir betreiben es als eine Art Spiel und
-sehen zu, wer die Wörter rascher finden kann, Helen mit ihren Fingern
-oder ich mit meinen Augen, und sie lernt soviel neue Wörter, wie ich
-ihr mit Hilfe der ihr bereits bekannten erklären kann. Gleiten ihre
-Finger über Wörter, die sie kennt, so schreit sie vor Vergnügen auf
-und herzt und küßt mich voller Freuden, namentlich wenn sie glaubt,
-sie sei die Siegerin. Später setze ich die neuen Wörter im Rahmen zu
-kleinen Sätzen zusammen, und manchmal ist es möglich, sie zu einer
-kleinen Geschichte von einer Biene, einer Katze oder einem kleinen
-Knaben zu gestalten. Ich kann sie jetzt heißen die Treppe herauf- oder
-hinuntergehen, Gegenstände wegtragen oder bringen, sitzen, stehen,
-gehen, laufen, liegen, kriechen, sich herumwälzen oder klettern; sie
-ist über Tätigkeitswörter entzückt; daher macht es überhaupt keine
-Mühe, ihr die Verben beizubringen. Sie ist auf die Aneignung eines
-Satzes so stolz wie ein Feldherr, der die Streitkraft des Feindes
-gefangen genommen hat.</p>
-
-<p>Eine von Helens alten Gewohnheiten, die am festesten gewurzelt und
-am schwersten zu bekämpfen ist, ist ihre Sucht, Gegenstände zu
-zertrümmern. Wenn sie irgend etwas auf ihrem Wege findet, so schleudert
-sie es zur Erde, gleichviel, was es ist: ein Glas, ein Krug oder gar
-eine Lampe. Sie besitzt eine große Menge Puppen, und jede von ihnen ist
-in einem<span class="pagenum"><a name="Seite_234" id="Seite_234">[S. 234]</a></span> Anfall von Wut oder Langeweile zerbrochen worden. Eines Tages
-hatte ihr ein bekannter Herr eine neue Puppe aus Memphis mitgebracht,
-und ich wollte versuchen, ob ich es nicht Helen begreiflich machen
-könnte, daß sie sie nicht zerbrechen dürfe. Ich ließ sie die Bewegung
-machen, als schlüge sie den Kopf der Puppe auf den Tisch auf, und
-buchstabierte ihr in die Hand: <span class="antiqua">No, no, Helen is naughty. Teacher
-is sad</span> &mdash; und ließ sie den bekümmerten Ausdruck meines Gesichtes
-fühlen. Dann ließ ich sie die Puppe liebkosen, auf die getroffene
-Stelle küssen und zärtlich in ihren Armen wiegen, buchstabierte ihr
-dabei in die Hand: <span class="antiqua">Good Helen, teacher is happy</span> &mdash; und ließ sie
-das Lächeln auf meinem Gesichte fühlen. Sie machte diese Bewegungen
-mehrmals und gab dabei auf jede Kleinigkeit acht; dann stand sie einen
-Augenblick ganz still mit bekümmertem Gesichtsausdruck, der sich aber
-plötzlich aufhellte, buchstabierte. <span class="antiqua">Good Helen</span> &mdash; und verzog ihr
-Gesicht zu einem breiten, künstlichen Lächeln. Dann trug sie die Puppe
-die Treppe hinauf, legte die in das oberste Fach des Kleiderschrankes
-und hat sie seitdem nie wieder berührt.</p>
-
-<p class="right mright1 mtop1">2. Juni 1887.</p>
-
-<p>Das Wetter ist drückend heiß. Wir schmachten förmlich nach Regen. Wir
-sind alle in großer Sorge um Helen. Sie ist sehr nervös und aufgeregt.
-Sie kann des Nachts nicht schlafen und leidet an Appetitlosigkeit. Es
-ist schwer zu raten. Der Arzt sagt, ihr Geist sei zu rege; wie sollen
-wir sie aber vom Denken abhalten? Sie beginnt zu buchstabieren, sobald
-sie aufwacht, und fährt damit den ganzen Tag lang fort. Wenn ich nicht
-mit ihr sprechen will, so buchstabiert sie in ihre eigene Hand und
-unterhält sich augenscheinlich auf das lebhafteste mit sich selbst.</p>
-
-<p>Ich gab ihr meinen Braillestift in der Meinung, das mechanische
-Einstechen von Löchern in das Papier würde sie<span class="pagenum"><a name="Seite_235" id="Seite_235">[S. 235]</a></span> zerstreuen und ihren
-Geist beruhigen. Wie groß war aber mein Erstaunen, als ich fand,
-daß die kleine Hexe Briefe schrieb! Ich hatte keine Ahnung davon,
-daß sie wußte, was überhaupt ein Brief sei. Sie ist öfters mit mir
-nach der Post gegangen, wenn ich Briefe besorgte, und ich glaube,
-ich habe ihr manches aus dem Inhalt meiner Briefe an Sie mitgeteilt.
-Auch wußte sie, daß ich ab und zu »Briefe an blinde Mädchen« mit dem
-Braillestift schrieb, aber ich glaubte nicht, daß sie irgend eine klare
-Vorstellung davon habe, was ein Brief sei. Eines Tages brachte sie mir
-einen Bogen, den sie über und über mit Löchern bedeckt hatte, wollte
-ihn in einen Umschlag stecken und nach der Post tragen. Sie sagte:
-<span class="antiqua">Frank&mdash;letter</span>. Ich fragte sie, was sie denn an Frank geschrieben
-habe. Sie entgegnete: <span class="antiqua">Much words. Puppy motherdog&mdash;five. Baby&mdash;cry.
-Hot. Helen walk&mdash;no. Sunfire&mdash;bad. Frank&mdash;come. Helen&mdash;kiss Frank.
-Strawberries&mdash;very good.</span>&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Helen liest fast ebenso eifrig, wie sie spricht. Ich finde, sie
-versteht den Inhalt ganzer Sätze, indem sie die Bedeutung der ihr
-unbekannten Wörter aus dem Zusammenhang errät.</p>
-
-<p>Als ich eines Abends zu Bette ging, fand ich Helen fest eingeschlafen,
-während sie ein großes Buch fest in ihren Armen hielt. Sie hatte
-offenbar gelesen und war dabei eingeschlafen. Als ich sie am nächsten
-Morgen danach fragte, antwortete sie: <span class="antiqua">Book&mdash;cry</span> und ergänzte
-dies durch Zittern und andere Zeichen von Furcht. Ich lehrte sie das
-Wort <span class="antiqua">afraid</span>, und sie sagte: <span class="antiqua">Helen is not afraid. Book is
-afraid. Book will sleep with girl.</span> Ich erklärte ihr, daß sich
-das Buch nicht fürchte und in seinem Schranke schlafen müsse und daß
-»<span class="antiqua">girl</span>« nicht im Bett lesen dürfe. Sie sah mich ganz verschmitzt
-an und begriff offenbar, daß ich ihre List durchschaut hatte.</p>
-
-<p>Und nun zum Schluß noch eins, das nur für Ihre Ohren bestimmt ist.
-Eine innere Stimme sagt mir, daß mein Unter<span class="pagenum"><a name="Seite_236" id="Seite_236">[S. 236]</a></span>nehmen über alles
-Wünschen und Träumen hinaus von Erfolg gekrönt sein wird. Wären nicht
-einige Umstände dabei, die einen solchen Gedanken im höchsten Grade
-unwahrscheinlich, ja widersinnig machen, so möchte ich glauben, Helens
-Erziehung werde an Interesse und Wunderbarkeit <span class="antiqua">Dr.</span> Howes
-Leistung übertreffen. Ich weiß, meine Schülerin besitzt bedeutende
-Anlagen, und ich glaube, daß ich imstande bin, sie zu entwickeln
-und auszubilden. Ich kann Ihnen nicht angeben, auf welche Weise ich
-zu dieser Ueberzeugung gelangt bin. Ich hatte kurz zuvor noch keine
-Ahnung, wie ich zu Werke gehen sollte; ich tappte vollständig im
-Dunkeln umher; aber nunmehr weiß ich es, und ich weiß, daß ich es
-weiß. Ich kann mir keine klare Rechenschaft darüber ablegen; wenn sich
-aber Schwierigkeiten erheben, so bin ich weder ratlos noch im Zweifel.
-Ich weiß, wie ich ihnen entgegenzutreten habe; ich scheine Helens
-individuelle Bedürfnisse zu ahnen. Es ist wunderbar.</p>
-
-<p>Schon erregt Helen die allgemeine Aufmerksamkeit. Niemand kann sie
-sehen, ohne einen tiefen Eindruck von ihr zu erhalten. Sie ist ein
-außergewöhnliches Kind, und das Interesse der Oeffentlichkeit an ihrer
-Erziehung wird ebenfalls ein außergewöhnliches sein. Daher wollen wir
-recht vorsichtig in Bezug auf alles sein, was wir über sie sagen oder
-schreiben. Ich will Ihnen ohne jeden Rückhalt schreiben und Ihnen alles
-berichten, aber nur unter einer Bedingung, nämlich der, daß Sie mir
-versprechen, meine Briefe niemand zu zeigen. Meine herrliche Helen soll
-nicht zu einem Wunderkinde gemacht werden, sofern ich es verhüten kann.</p>
-
-<p class="right mright1 mtop1" id="Gefluegelhof">5. Juni 1887.</p>
-
-<p>Helen interessiert sich sehr für einige kleine Hühnchen, die sich
-heut morgen ihren Weg in die Welt pickten. Ich gab ihr ein Ei in die
-Hand und ließ sie fühlen, wie die Hühnchen<span class="pagenum"><a name="Seite_237" id="Seite_237">[S. 237]</a></span> tschip-tschip riefen. Ihr
-Erstaunen, als sie das zarte Geschöpf im Innern des Eies fühlte, läßt
-sich nicht in Worte fassen. Die Henne war sehr nett und erhob keinen
-Einspruch gegen unsere Untersuchungen. Außer den Hühnchen haben wir
-noch verschiedenen anderen Familienzuwachs erhalten &mdash; zwei Kälber,
-ein Füllen und eine Anzahl komischer kleiner Schweine. Sie würden
-lachen müssen, wenn Sie mich sähen, wie ich ein quiekendes Ferkel in
-meinen Armen halte, während Helen es am ganzen Leibe betastet und
-zahllose Fragen stellt &mdash; Fragen, die keineswegs leicht zu beantworten
-sind. Nachdem sie beobachtet hatte, wie die Hühnchen aus dem Ei
-kommen, fragte sie: <span class="antiqua">Did baby pig grow in egg?</span> <span class="antiqua">Where are many
-shells?</span> Helens Kopfumfang beträgt 21½ Zoll, der meinige 22½; Sie
-sehen, ich bin ihr nur um einen Zoll voraus!</p>
-
-<p class="right mright1 mtop1">12. Juni 1887.</p>
-
-<p>Das Wetter ist nach wie vor heiß. Helen ist ungefähr dieselbe geblieben
-&mdash; bleich und hager. Doch dürfen Sie nicht glauben, daß sie wirklich
-krank ist. Ich bin überzeugt, die Hitze und nicht die natürliche,
-vielversprechende Regsamkeit ihres Geistes ist schuld an ihrem
-Zustande. Selbstverständlich werde ich ihr Gehirn nicht überbürden.
-Wir werden tagtäglich von Leuten überlaufen, die bereit sind, die
-Verantwortlichkeit für die Welt zu übernehmen, wenn sich der liebe
-Gott eine Versäumnis zuschulden kommen läßt. Sie erklären uns, Helen
-»strenge sich zu sehr an«, ihr Geist sei zu lebhaft (genau dieselben
-Leute glaubten noch vor ein paar Monaten, sie besäße überhaupt keinen),
-und erteilen uns allerhand unmögliche und widersinnige Ratschläge.</p>
-
-<p>Augenblicklich unterweise ich Helen in der Quadratschrift. Die
-Beschäftigung lenkt sie etwas ab und nötigt sie zum Stillsitzen, was
-bei dieser erschlaffenden Hitze sehr wünschenswert<span class="pagenum"><a name="Seite_238" id="Seite_238">[S. 238]</a></span> ist. Sie hat eine
-völlige Manie für das Zählen. Sie hat alles im Hause gezählt und ist
-jetzt dabei, die Wörter in ihrer Fibel zu zählen. Hoffentlich wird es
-ihr nicht in den Sinn kommen, die Haare ihres Hauptes zählen zu wollen.
-Könnte sie sehen und hören, so würde sich ihre überschüssige Energie
-in einer Weise entladen, die vielleicht ihr Gehirn nicht so übermäßig
-belasten würde, obgleich ich andererseits glaube, daß auch das normale
-Kind sein Spiel ziemlich ernst nimmt.</p>
-
-<p class="right mright1 mtop1">15. Juni 1887.</p>
-
-<p>In der vergangenen Nacht hatten wir ein prächtiges Gewitter, und es ist
-heut viel kühler. Wir fühlen uns alle erfrischt, als hätten wir eine
-Dusche genommen. Helen läuft herum wie ein Wiesel. Sie wollte wissen,
-ob im Himmel geschossen würde, wenn sie den Donner fühlte, und ob die
-Bäume und Blumen allen Regen auftränken.</p>
-
-<p>Sie kennt jetzt vierhundert Wörter, abgesehen von zahlreichen
-Eigennamen. Sie kann rasch bis dreißig zählen, und sieben von den
-Buchstaben der Quadratschrift sowie die Wörter, die sie aus ihnen
-bilden kann, schreiben... Sie erkennt sofort jeden wieder, mit dem sie
-einmal zusammengetroffen ist. Im Gegensatze zu Laura Bridgman liebt sie
-Herrengesellschaft, und wir bemerken, daß sie sich leichter mit Herren
-befreundet als mit Damen.</p>
-
-<p>Sie ist stets bereit, alles, was sie hat, mit ihrer Umgebung zu teilen,
-wobei oft nur sehr wenig für sie selbst übrig bleibt. Sie hält sehr auf
-ihre Kleidung, liebt sich zu putzen und ist ganz untröstlich, wenn sie
-ein Loch in einem Kleidungsstück entdeckt. Abends will sie durchaus
-ihre Haare zu Locken gedreht haben, selbst wenn sie so müde ist, daß
-sie kaum stehen kann.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_239" id="Seite_239">[S. 239]</a></span></p>
-
-<p class="right mright1 mtop1">3. Juli 1887.</p>
-
-<p>Heute früh entstand ein großer Lärm unten im Erdgeschoß. Ich hörte
-Helen schreien und eilte hinunter, um zu sehen, was der Grund davon
-war. Ich fand sie in fürchterlicher Aufregung. Ich hatte gehofft,
-ein solcher Auftritt würde sich nie wieder ereignen. Sie war die
-letzten zwei Monate so artig und folgsam gewesen, daß ich glaubte,
-ich hätte den Leuen gebändigt, aber er schien nur geschlummert zu
-haben. Jedenfalls zauste, kratzte und biß sie jetzt Viney wie eine
-wilde Katze. Es scheint, als habe die Dienerin den Versuch gemacht,
-Helen ein Glas, das diese mit Steinen füllte, wegzunehmen, aus Furcht,
-sie könne es zerbrechen. Helen widersetzte sich; Viney versuchte, es
-ihr mit Gewalt aus der Hand zu reißen, und ich fürchte, sie hat das
-Kind geschlagen oder sonst etwas getan, was diesen außergewöhnlichen
-Wutausbruch veranlaßte. Als ich Helen bei der Hand nahm, begann sie
-zu weinen. Ich fragte sie, was geschehen sei, und sie buchstabierte:
-<span class="antiqua">Viney&mdash;bad</span> und begann sie mit erneuter Heftigkeit zu schlagen
-und mit den Füßen zu stoßen. Ich hielt ihr die Hände fest, bis sie sich
-beruhigt hatte.</p>
-
-<p>Später kam Helen zu mir ins Zimmer; sie sah sehr traurig aus und wollte
-mich küssen. Ich antwortete: „<span class="antiqua">I cannot kiss naughty girl</span>,“
-worauf sie buchstabierte: „<span class="antiqua">Helen is good, Viney is bad.</span>“ &mdash; Ich
-erwiderte: „Du hast Viney gestoßen und getreten und ihr weh getan. Du
-bist sehr unartig gewesen und ich kann unartiges Mädchen nicht küssen.“
-&mdash; Sie stand einen Augenblick ganz still, und man sah es, daß in ihrem
-Innern ein Kampf vor sich ging. Dann versetzte sie: <span class="antiqua">Helen did (does)
-not love teacher. Helen do love mother. Mother will whip Viney.</span>“
-Ich sagte ihr, sie täte besser, nicht mehr über den Vorfall zu sprechen
-oder an ihn zu denken. Sie erkannte, daß ich sehr betrübt war, und
-wollte sich an mich anschmiegen;<span class="pagenum"><a name="Seite_240" id="Seite_240">[S. 240]</a></span> ich hielt es aber für das beste, ihr
-einen besonderen Platz anzuweisen. Bei Tisch war sie sehr bekümmert,
-daß ich nicht aß, und machte den Vorschlag, die Köchin solle Tee für
-mich bereiten. Aber ich sagte ihr, mein Herz sei traurig, und ich
-hätte keine Lust zu essen. Sie begann zu weinen und zu schluchzen und
-klammerte sich an mich an.</p>
-
-<p>Sie war sehr aufgeregt, als wir nach oben gingen, und ich
-versuchte daher, ihre Aufmerksamkeit auf ein sonderbares Tier, ein
-Gespensterkrebschen (<span class="antiqua">stick-bug</span>), zu lenken. Es ist dies
-das sonderbarste Geschöpf, das ich je gesehen habe &mdash; ein kleines
-Reisigbündel, das in der Mitte zusammengeschnürt ist. Ich wollte nicht
-glauben, daß es lebendig wäre, bis ich es sich bewegen sah. Und selbst
-dann glich es eher einem mechanischen Spielzeug als einem lebenden
-Wesen. Aber Helen, das arme, kleine Ding, konnte ihre Aufmerksamkeit
-nicht konzentrieren. Ihr Herzchen war voller Betrübnis und sie wollte
-darüber sprechen. Sie fragte: „<span class="antiqua">Can bug know about naughty girl? Is
-bug verv happy?</span>“ Dann schlang sie ihre Arme um meinen Hals und
-sagte: „<span class="antiqua">I am good to-morrow. Helen is good all days.</span>“ &mdash; „Willst
-du Viney sagen, daß es dir leid tut, daß du sie gekratzt und mit den
-Füßen gestoßen hast?“ &mdash; Sie lächelte und antwortete: „<span class="antiqua">Viney not
-spell words.</span>“ &mdash; „Ich will Viney sagen, daß es dir sehr leid tut.
-Willst du mit mir gehen und Viney suchen?“ &mdash; Sie war dazu bereit
-und ließ sich von Viney küssen, obgleich sie ihre Liebkosungen nicht
-erwiderte. Seitdem ist sie außergewöhnlich sanft, und über ihre Züge
-ist eine Lieblichkeit &mdash; eine Seelenschönheit ausgegossen, die ich
-bisher an ihr nicht wahrgenommen habe.</p>
-
-<p class="right mright1 mtop1">31. Juli 1887.</p>
-
-<p>Helen schreibt mit Bleistift schon ganz vorzüglich. Ich lehre sie das
-Braille-Alphabet, und sie ist ganz entzückt darüber,<span class="pagenum"><a name="Seite_241" id="Seite_241">[S. 241]</a></span> daß sie imstande
-ist, Wörter herzustellen, die sie selbst fühlen kann.</p>
-
-<p>Ihre Entwickelung ist jetzt soweit vorgeschritten, daß sie nach allem
-fragt. Was? warum? wann?, namentlich warum? &mdash; so geht es den ganzen
-Tag über, und je mehr ihre Intelligenz wächst, desto dringender werden
-ihre Fragen. Ich entsinne mich, wie lästig ich immer das ewige Fragen
-der Kinder meiner Bekannten fand, aber jetzt weiß ich, daß diese Fragen
-von dem zunehmenden Interesse des Kindes an den Ursachen der Dinge
-herrühren. Das »Warum« ist das Tor, durch das es die Welt des Denkens
-und der Ueberlegung betritt. <span class="antiqua">How does carpenter know to build house?
-Who put chickens in eggs? Why is Viney black? Flies bite &mdash; why? Can
-flies know not to bite? Why did father kill sheep?</span> Natürlich stellt
-sie viele Fragen, die nicht so verständig sind wie diese. Ihr Denken
-geht nicht logischer vor sich als das von Durchschnittskindern. Im
-ganzen gleichen ihre Fragen denen, die ein aufgewecktes Kind von drei
-Jahren stellt; aber ihre Wißbegierde ist äußerst groß, &mdash; ihre Fragen
-fallen nie lästig, obgleich sie mein geringes Maß von Kenntnissen und
-meinen Scharfsinn auf eine harte Probe stellen.</p>
-
-<p>Vorigen Sonntag bekam ich einen Brief von Laura [Bridgman]. Sagen Sie
-ihr, bitte, meinen herzlichsten Dank dafür, und teilen Sie ihr mit, daß
-Helen ihr einen Kuß schickt. Ich las den Brief beim Abendessen, und
-Frau Keller rief aus: Sie sehen, Fräulein Annie, Helen schreibt schon
-jetzt beinahe ebensogut! &mdash; Es ist wahr.</p>
-
-<p class="right mright1 mtop1">21. August 1887.</p>
-
-<p>Wir haben eine herrliche Zeit in Huntsville verlebt. Jedermann war über
-Helen entzückt und überschüttete sie mit Geschenken und Küssen. Am
-ersten Abend lernte sie die Namen aller Leute im Hotel, gegen zwanzig,
-glaube ich. Am nächsten Morgen waren wir erstaunt, zu finden, daß sie
-sich ihrer aller<span class="pagenum"><a name="Seite_242" id="Seite_242">[S. 242]</a></span> erinnerte und jeden einzelnen, mit dem sie am Abend
-zuvor zusammengetroffen war, wiedererkannte. Sie lehrte die Kinder das
-Alphabet, und mehrere von ihnen lernten mit ihr sprechen. Eines der
-Mädchen lehrte sie Polka tanzen, und ein kleiner Knabe zeigte ihr seine
-Kaninchen und buchstabierte ihr deren Namen in die Hand. Sie war ganz
-entzückt darüber und gab ihrer Freude dadurch Ausdruck, daß sie den
-kleinen Burschen herzte und küßte, was ihn in große Verlegenheit setzte.</p>
-
-<p>Seit ihrer Rückkehr spricht sie unaufhörlich von ihren Erlebnissen
-in Huntsville, und wir bemerken einen ganz entschiedenen Fortschritt
-in der Geläufigkeit, mit der sie spricht. Seltsamerweise scheint ein
-Ausflug auf den Gipfel des Monte Sano, eines schönen Berges nicht
-weit von Huntsville, auf sie einen tieferen Eindruck gemacht zu haben
-als alles übrige. Sie erinnert sich an alles, was ich ihr darüber
-mitgeteilt habe, und wiederholte, als sie ihrer Mutter davon erzählte,
-genau die Worte und Redewendungen, die ich in meiner Beschreibung
-gebraucht hatte. Zum Schluß fragte sie ihre Mutter, ob sie auch gern
-<span class="antiqua">very high mountain and beautiful cloud-caps</span> sehen wolle. Ich
-hatte diesen letzteren Ausdruck (»Wolkenmützen«) nicht gebraucht, und
-sagte ihr nun: Die Wolken berühren die Berge sanft wie schöne Blumen.
-&mdash; Sie sehen, ich mußte Worte und Bilder gebrauchen, mit denen sie
-durch den Gefühlssinn vertraut war. Aber es erscheint kaum möglich,
-daß bloße Worte jemand, der nie einen Berg gesehen hat, auch nur den
-leisesten Begriff von dessen Höhe verschaffen können, und ich kann
-nicht absehen, wie jemand imstande sein sollte, zu wissen, welcher Art
-der Eindruck war, den sie erhalten hatte, oder worauf das Vergnügen
-beruhte, das sie empfand, als ihr davon erzählt wurde. Alles, was wir
-wissen, ist nur, daß sie ein gutes Gedächtnis, eine lebhafte Phantasie
-und Assoziationsvermögen besitzt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_243" id="Seite_243">[S. 243]</a></span></p>
-
-<p class="right mright1 mtop1">28. August 1887.</p>
-
-<p>Ich wünschte, es würde nichts Neues mehr geboren. Kleine Hunde, kleine
-Kälber und kleine Kinder erhalten Helens Interesse an dem »Warum« und
-»Wozu« der Dinge auf dem Siedepunkte. Die eines Tages erfolgte Ankunft
-eines neugeborenen Kindes in Ivy Green bot Gelegenheit zu einer Unmenge
-von Fragen über die Herkunft der Kinder und der lebenden Wesen im
-allgemeinen. <span class="antiqua">Where did Leila get new baby? How did doctor know where
-to find baby? Did Leila tell doctor to get very small new baby? Where
-did doctor find Guy and Prince</span> (Hündchen)? <span class="antiqua">Why is Elizabeth
-Evelyn’s sister?</span> u.&nbsp;s.&nbsp;w., u.&nbsp;s.&nbsp;w. Diese Fragen wurden zuweilen
-peinlich, und es war mir klar, daß irgend etwas geschehen müsse. War es
-für Helen natürlich, solche Fragen zu stellen, so war es meine Pflicht,
-sie zu beantworten. Es ist meines Erachtens ein großer Fehler, Kinder
-mit falschen Angaben und Unsinn abzuspeisen, wenn ihr zunehmendes
-Beobachtungs- und Unterscheidungsvermögen in ihnen den Wunsch rege
-macht, Auskunft über gewisse Dinge zu erhalten. Von Anfang an hatte
-ich es mir zum Prinzip gemacht, alle Fragen Helens nach meinem besten
-Wissen in einer ihr verständlichen Weise und dabei wahrheitsgemäß zu
-beantworten. Warum sollte ich diese Fragen abweichend behandeln? fragte
-ich mich. Ich konnte, abgesehen von meiner kläglichen Unwissenheit
-in betreff der großen Tatsachen, auf welchen unsere physische
-Existenz beruht, keinen Grund dafür erblicken. Es gibt in dieser
-weltabgeschiedenen Gegend keine lebende Seele, die ich hierbei oder
-bei einer anderen pädagogischen Schwierigkeit um Rat fragen könnte.
-Das einzige, was ich in solchen Fällen tun kann, ist frisch darauf
-loszugehen und aus meinen Mißgriffen zu lernen. Aber hier glaube ich
-keinen Mißgriff begangen zu haben. Ich nahm Helen und mein botanisches
-Lehrbuch mit auf den Baum<span class="pagenum"><a name="Seite_244" id="Seite_244">[S. 244]</a></span> hinauf, auf dem wir oft lesen und studieren,
-und erzählte ihr in einfachen Worten die Geschichte des Pflanzenlebens.
-Ich erinnerte sie an das Getreide, die Bohnen, die Wassermelonenkerne,
-die sie im Frühjahr eingepflanzt hatte, und sagte ihr, daß das hohe
-Korn im Garten, die Bohnen und die Wassermelonenranken aus diesen
-Samenkörnern entstanden seien. Ich erklärte ihr, wie die Erde die
-Samenkörner warm und feucht erhält, bis die kleinen Blättchen stark
-genug sind, um sich an das Licht und an die Luft zu drängen, wo sie
-atmen und wachsen und blühen und weitere Samenkörner hervorbringen,
-aus denen wiederum andere Pflanzen, ihre Kinder, emporwachsen. Ich zog
-einen Vergleich zwischen dem Pflanzen- und dem Tierleben und sagte
-ihr, die Samenkörner seien genau solche Eier wie die Hühnereier und
-Vogeleier, die die Mutterhenne warm und trocken erhält, bis die kleinen
-Hühnchen ausschlüpfen. Ich machte ihr verständlich, daß alles Leben
-aus einem Ei komme. Die Vogelmutter legt ihre Eier in ein Nest und
-hält sie warm, bis die kleinen Vögelchen auskriechen. Die Fischmutter
-legt ihre Eier dorthin, wo sie feucht und sicher sind, bis die kleinen
-Fische ausschlüpfen. Ich erklärte ihr, sie könne das Ei als die Wiege
-des Lebens bezeichnen. Dann erzählte ich ihr, daß andere lebende Wesen
-wie der Hund und die Kuh und auch die Menschen ihre Eier nicht legten,
-sondern ihre Kinder in ihrem eigenen Leibe ernährten. Ich hatte keine
-Schwierigkeit, ihr klarzumachen, daß, wenn Pflanzen und Tiere nicht
-Nachkommen derselben Art hervorbrächten, sie bald aufhören würden zu
-existieren und daß dann bald alles in der Welt aussterben würde. Ueber
-die geschlechtlichen Funktionen ging ich so leicht wie möglich hinweg.
-Ich suchte ihr jedoch einen Begriff davon zu geben, daß die Liebe die
-große Fortpflanzerin des Lebens sei. Das Thema war schwierig und mein
-Wissen unzulänglich; aber ich freue mich, vor meiner Verantwortung<span class="pagenum"><a name="Seite_245" id="Seite_245">[S. 245]</a></span>
-nicht zurückgeschreckt zu sein, denn so stockend und unzureichend meine
-Erklärung auch gewesen sein mag, sie berührte verwandte Saiten in der
-Seele meines kleinen Zöglings, und die Leichtigkeit, mit der Helen die
-großen Tatsachen des physischen Lebens begriff, bestärkte mich in der
-Meinung, daß im Kinde bei seiner Geburt die gesamten Erfahrungen des
-Menschengeschlechts schlummernd vorhanden sind. Diese Erfahrungen sind
-wie photographische Negativs, bis die Sprache sie entwickelt und die
-Erinnerungsbilder hervorbringt.</p>
-
-<p class="right mright1 mtop1">4. September 1887.</p>
-
-<p>Helen bekam heute morgen einen Brief von ihrem Onkel, dem <span class="antiqua">Dr.</span>
-Keller. Er lud sie ein, ihn einmal in Hot Springs zu besuchen. Der Name
-Hot Springs interessierte sie, und sie stellte mehrere Fragen, die
-darauf Bezug hatten. Sie kannte kalte Quellen, deren es mehrere in der
-Nähe von Tuscumbia gibt; unter ihnen befindet sich eine sehr starke,
-von der die Stadt ihren Namen hat. Tuscumbia bedeutet in der Sprache
-der Indianer »Starker Quell«. Aber sie war darüber erstaunt, daß heißes
-Wasser aus der Erde kommen sollte. Sie wünschte zu wissen, wer unter
-der Erde Feuer angemacht habe, ob es wie das Feuer in den Oefen sei und
-ob es die Wurzeln der Pflanzen und Bäume verbrenne.</p>
-
-<p>Sie war über den Brief sehr erfreut, und nachdem sie alle erdenklichen
-Fragen an mich gerichtet hatte, nahm sie ihn mit zu ihrer Mutter, die
-nähend in der Vorhalle des Hauses saß, und las ihn ihr vor. Es war
-spaßhaft, sie zu sehen, wie sie den Brief vor ihre Augen hielt und die
-Sätze mit ihren Fingern herbuchstabierte, genau wie ich es getan hatte.
-Später versuchte sie ihn Belle (dem Hunde) und Mildred vorzulesen. Frau
-Keller und ich beobachteten diese Bemutterungskomödie von der Tür aus.
-Belle war schläfrig und Mildred unaufmerksam. Helen<span class="pagenum"><a name="Seite_246" id="Seite_246">[S. 246]</a></span> sah sehr ernst aus
-und zog ein paarmal, wenn Mildred versuchte, ihr den Brief wegzunehmen,
-die Hand ungeduldig zurück. Endlich stand Belle auf, schüttelte sich
-und wollte fortgehen, aber Helen packte sie am Nacken und nötigte sie,
-sich wieder hinzulegen. Inzwischen hatte Mildred den Brief ergriffen
-und kroch mit ihm davon. Helen fühlte auf dem Fußboden nach ihm; als
-sie ihn aber nicht fand, hatte sie augenscheinlich Mildred im Verdacht;
-denn sie stieß den leisen Ton aus, mit dem sie ihr Schwesterchen zu
-rufen pflegt. Dann erhob sie sich und stand eine Weile ganz still, als
-lausche sie mit ihren Füßen auf Mildreds »tapp, tapp«. Als sie erkannt
-hatte, aus welcher Richtung das Geräusch kam, eilte sie rasch auf die
-kleine Uebeltäterin zu und fand sie, wie sie an dem kostbaren Briefe
-herumkaute! Das war zuviel für Helen. Sie riß ihr den Brief weg und
-schlug ihr auf die Händchen, daß es nur so klatschte. Frau Keller nahm
-das Kind auf den Arm, und als es ihr gelungen war, es zu beruhigen,
-fragte ich Helen: Was hast du Baby getan? Sie sah ganz verlegen aus und
-zögerte einen Augenblick mit der Antwort. Dann sagte sie: <span class="antiqua">Wrong girl
-did eat letter. Helen did slap very wrong girl.</span> Ich erwiderte ihr,
-Mildred sei noch sehr klein und wisse nicht, daß es unrecht sei, den
-Brief in den Mund zu stecken.</p>
-
-<p><span class="antiqua">I did tell baby, no, no, much times</span>, lautete Helens Antwort.</p>
-
-<p>Ich entgegnete: Mildred versteht deine Finger nicht, und wir müssen
-sehr liebevoll mit ihr sein.</p>
-
-<p>Sie schüttelte den Kopf. <span class="antiqua">Baby &mdash; not think. Helen will give baby
-pretty letter</span>, und damit lief sie die Treppe hinauf und brachte
-einen sauber zusammengefalteten Braillebogen mit, auf den sie einige
-Worte geschrieben hatte, und gab ihn Mildred mit den Worten: <span class="antiqua">Baby
-can eat all words.</span></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_247" id="Seite_247">[S. 247]</a></span></p>
-
-<p class="right mright1 mtop1">18. September 1887</p>
-
-<p>Helen ist ein wunderbares Kind. Ich habe mir alles aufgezeichnet, was
-sie in der vergangenen Woche gesagt hat, und dabei gefunden, daß sie
-über sechshundert Wörter kennt. Damit soll jedoch nicht gesagt sein,
-daß sie sie stets richtig gebraucht. Mitunter zeigt sich in ihren
-Sätzen ein vollständiger Wirrwarr, aber dieser findet sich bei allen
-Kindern, wenn sie den Versuch machen, ihre halbfertigen Vorstellungen
-mit Hilfe willkürlicher Sprachformen auszudrücken. Sie besitzt den
-richtigen Sprachtrieb und zeigt große Gewandtheit bei dem Anpassen des
-Ausdrucks an ihre Gedanken.</p>
-
-<p>In der letzten Zeit hat sie großes Interesse an Farben bewiesen. Sie
-fand in ihrem Lesebuche das Wort »<span class="antiqua">brown</span>« und wollte seine
-Bedeutung wissen. Ich sagte ihr, ihr Haar sei braun, worauf sie
-fragte: <span class="antiqua">Is brown verv pretty?</span> Nachdem wir im ganzen Hause
-umhergegangen waren und ich ihr die Farbe jedes Gegenstandes, den sie
-berührte, angegeben hatte, schlug sie vor, nach den Hühnerställen und
-den Scheunen zu gehen; ich sagte ihr jedoch, sie müsse bis morgen
-warten, ich sei sehr müde. Wir saßen in der Hängematte; aber für die
-Ermüdete war hier an kein Ausruhen zu denken. Helen wollte durchaus
-»<span class="antiqua">more colour</span>« kennen lernen. Ich möchte gern wissen, ob sie
-eine unbestimmte Vorstellung von Farben &mdash; einen Erinnerungseindruck
-von Licht und Ton besitzt. Es scheint, als müsse ein Kind, das bis
-zu seinem neunzehnten Monat sehen und hören konnte, etwas von seinen
-ersten Eindrücken zurückbehalten haben, und sei dies auf noch so
-undeutliche Weise. Helen spricht viel von Dingen, die sie durch das
-Gefühl nicht hat wahrnehmen können. Sie stellt viele Fragen über den
-Himmel, Tag und Nacht, das Meer und die Berge. Sie hat es gern, wenn
-ich ihr mitteile, was ich auf Bildern sehe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_248" id="Seite_248">[S. 248]</a></span></p>
-
-<p>Aber ich scheine den Faden meiner Erzählung verloren zu haben. <span class="antiqua">What
-colour is think?</span> lautete eine der rastlosen Fragen, die sie an mich
-richtete, während wir uns in der Hängematte hin- und herschaukelten.
-Ich sagte ihr: Wenn wir froh sind, so sind unsere Gedanken heiter; sind
-wir aber unartig, so sind sie traurig. Rasch wie der Blitz antwortete
-sie: <span class="antiqua">My think is white, Viney’s think is black</span>. Sie sehen, sie
-glaubte, die Farbe unserer Gedanken entspräche unserer Hautfarbe.</p>
-
-<p class="right mright1 mtop1" id="Bezug_Briefe">3. Oktober 1887.</p>
-
-<p>Ich hoffe, die kleinen Mädchen werden sich über Helens Brief<a name="FNAnker_25_25" id="FNAnker_25_25"></a><a href="#Fussnote_25_25" class="fnanchor">[25]</a>
-freuen. Sie hat ihn ganz allein geschrieben.</p>
-
-<p>Sie spricht viel über das, was wir tun werden, wenn sie nach Boston
-geht. Eines Tages fragte sie: <span class="antiqua">Who made all things and Boston?</span>
-Sie sagt, Mildred würde nicht mitgehen, weil <span class="antiqua">baby does cry all
-days</span>.</p>
-
-<p class="right mright1 mtop1">25. Oktober 1887.</p>
-
-<p>Helen hat gestern einen zweiten Brief an die kleinen Mädchen
-geschrieben,<a name="FNAnker_26_26" id="FNAnker_26_26"></a><a href="#Fussnote_26_26" class="fnanchor">[26]</a> und ihr Vater hat ihn an Herrn Anagnos geschickt. Sie
-hat jetzt begonnen, die Pronomina aus eigenem Antriebe anzuwenden.
-Heute früh sagte ich zu ihr: <span class="antiqua">Helen will go upstairs</span>. Sie lachte
-und antwortete: <span class="antiqua">Teacher is wrong. You will go upstairs.</span> Dies ist
-ein weiterer großer Fortschritt. So ist es stets. Was ihr gestern Mühe
-machte, fällt ihr heut äußerst leicht, und die Schwierigkeiten von heut
-sind morgen ein überwundener Standpunkt.</p>
-
-<p>Es ist ein Genuß, die rasche Entwickelung von Helens Geist zu
-beobachten. Ich zweifle daran, ob irgend ein Lehrer jemals eine Aufgabe
-vor sich hatte, die sein Interesse so aus<span class="pagenum"><a name="Seite_249" id="Seite_249">[S. 249]</a></span>schließlich in Anspruch nahm.
-Es muß mir bei meiner Geburt ein glücklicher Stern geleuchtet haben,
-und ich beginne jetzt seinen wohltätigen Einfluß zu empfinden.</p>
-
-<p class="right mright1 mtop1">Oktober 1887.</p>
-
-<p>Bevor dieser Brief in Ihre Hände gelangt, haben Sie wahrscheinlich
-schon Helens zweiten Brief an die kleinen Mädchen gelesen. Ich weiß es,
-der Fortschritt, den sie in der zwischen den beiden Briefen liegenden
-Zeit gemacht hat, muß unglaublich erscheinen. Nur wer täglich mit ihr
-verkehrt, kann sich eine Vorstellung von den raschen Fortschritten
-bilden, die sie in der Beherrschung der Sprache macht. Sie werden aus
-ihrem Briefe entnehmen, daß sie viele Pronomina ganz richtig gebraucht.
-In der Unterhaltung gebraucht sie selten eins falsch oder läßt es aus.
-Ihre Leidenschaft, Briefe zu schreiben und ihre Gedanken auf das Papier
-zu werfen, wird von Tag zu Tage stärker. Sie erzählt jetzt Geschichten,
-in denen die Phantasie eine bedeutende Rolle spielt. Ebenso beginnt
-sie jetzt einzusehen, daß sie nicht wie andere Kinder ist. Eines Tages
-fragte sie: <span class="antiqua">What do my eyes do?</span> Ich sagte ihr, ich könne die
-Gegenstände mit meinen Augen sehen und sie mit ihren Fingern.</p>
-
-<p>Nachdem sie einen Augenblick nachgedacht hatte, entgegnete sie: <span class="antiqua">My
-eyes are bad!</span> dann verbesserte sie dies in <span class="antiqua">my eyes are sick.</span></p>
-
-<hr class="r10" />
-
-<p>Einige interessante Ergänzungen zu den Briefen finden sich in dem von
-Fräulein Sullivan für den offiziellen Jahresbericht des Perkinsschen
-Instituts für 1887 verfaßten zusammenhängenden Ueberblick über Helens
-bisherige Entwickelung. Nach Erwähnung der Szene am Brunnen (s. oben S.
-225) heißt es weiter:</p>
-
-<p>Demnächst kamen die örtlichen Präpositionen an die Reihe. Helens Kleid
-wurde <em class="gesperrt">in</em> eine Truhe gelegt und dann <em class="gesperrt">auf</em> diese,<span class="pagenum"><a name="Seite_250" id="Seite_250">[S. 250]</a></span> und ich
-buchstabierte ihr dann diese Präpositionen in die Hand. Den Unterschied
-zwischen <span class="antiqua">in</span> und <span class="antiqua">on</span> lernte sie sehr bald, obgleich es
-einige Zeit dauerte, ehe sie diese Wörter in selbständig gebildeten
-Sätzen gebrauchen konnte. Wenn es irgend möglich war, führte sie die
-Lektion mimisch durch; und es machte ihr großes Vergnügen, <em class="gesperrt">auf</em>
-dem Stuhle zu stehen oder <em class="gesperrt">in</em> den Kleiderschrank gestellt zu
-werden. In Verbindung mit dieser Lektion lernte sie die Namen der
-Familienmitglieder und das Wort <span class="antiqua">is</span>. <span class="antiqua">Helen is in wardrobe,
-Mildred is in crib, Box is on table, Papa is on bed</span> sind Beispiele
-von Sätzen, die von ihr Ende April gebildet wurden.</p>
-
-<p>Nunmehr folgte eine Lektion über Adjectiva. Ich nahm einen großen,
-weichen Ball aus Wolle und eine Bleikugel. Helen begriff den
-Größenunterschied sofort. Als sie die Kugel in die Hand nahm, machte
-sie ihr gewöhnliches Zeichen für klein (s. <a href="#klein">S. 229</a>); dann nahm sie
-einen wollenen Ball und machte das Zeichen für groß. Ich setzte die
-Adjectiva <span class="antiqua">large</span> und <span class="antiqua">small</span> an die Stelle dieser Zeichen.
-Dann wurde ihre Aufmerksamkeit auf die Härte der Kugel und die
-Weichheit des Balles gelenkt, und sie lernte die Adjectiva <span class="antiqua">soft</span>
-und <span class="antiqua">hard</span>. Ein paar Minuten später befühlte sie den Kopf ihrer
-kleinen Schwester und sagte zu ihrer Mutter: <span class="antiqua">Mildred’s head is
-small and hard.</span> Demnächst suchte ich ihr den Unterschied zwischen
-»schnell« und »langsam« klarzumachen. Sie half mir eines Tages Wolle
-wickeln, zuerst rasch und dann langsam. Dann sagte ich zu ihr mittels
-des Fingeralphabets: <span class="antiqua">Wind fast</span> oder <span class="antiqua">wind slow</span>, indem
-ich ihr dabei die Hände hielt und zeigte, wie sie es machen sollte.
-Am nächsten Tage buchstabierte sie mir während der Turnübungen in die
-Hand: <span class="antiqua">Helen wind fast</span> und begann rasch zu gehen. Dann sagte sie:
-<span class="antiqua">Helen wind slow</span> und paßte ihre Bewegungen wiederum den Worten
-an.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_251" id="Seite_251">[S. 251]</a></span></p>
-
-<p>Ich hielt nun die Zeit für gekommen, sie gedruckte Wörter lesen zu
-lehren. Ein Pappstreifen, auf dem in erhöhten Buchstaben das Wort
-<span class="antiqua">box</span> gedruckt war, wurde auf den betreffenden Gegenstand gelegt
-und derselbe Versuch bei einer großen Menge anderer Dinge wiederholt;
-aber Helen begriff nicht sofort, daß das auf den Gegenstand gelegte
-Wort diesen selbst bezeichne. Dann nahm ich einen Bogen mit dem
-Alphabet und legte ihren Finger auf den Buchstaben <span class="antiqua">A</span>, indem ich
-zugleich mit meinen Fingern ihr <span class="antiqua">A</span> in die Hand buchstabierte.
-Sie bewegte ihren Finger von einem gedruckten Buchstaben zum anderen,
-sowie ich ihr den einzelnen Buchstaben in die Hand buchstabierte. Sie
-lernte alle Buchstaben, große und kleine, an einem Tage. Dann nahm
-ich die erste Seite der Fibel vor und ließ sie das Wort <span class="antiqua">cat</span>
-befühlen, indem ich es ihr zu gleicher Zeit mit meinen Fingern
-zubuchstabierte. Sie verstand mich sofort und bat mich <span class="antiqua">dog</span> und
-viele andere Wörter aufzusuchen. Auch war sie sehr enttäuscht, weil ich
-ihren Namen in dem Buche nicht finden konnte. Damals hatte ich noch
-keine Sätze in Hochdruck, die sie hätte verstehen können; aber sie
-konnte stundenlang dasitzen und jedes Wort in ihrem Buche befühlen.
-Stieß sie auf eines, das ihr bekannt war, so nahm ihr Gesicht einen
-wahrhaft strahlenden Ausdruck an, und ihre Züge wurden von Tag zu Tag
-sanfter und ernster. Um diese Zeit sandte ich ein Verzeichnis der ihr
-bekannten Wörter an Herrn Anagnos, und er hatte die große Güte, sie für
-Helen in Hochdruck herzustellen. Frau Keller und ich schnitten mehrere
-Bogen mit gedruckten Wörtern auseinander, sodaß Helen die Wörter
-zu Sätzen aneinanderreihen konnte. Dies machte ihr mehr Vergnügen
-als alles, was sie bisher getan hatte, und die so gewonnene Uebung
-erleichterte ihr das Erlernen des Schreibens. Es hielt nicht schwer,
-ihr klarzumachen, daß sie dieselben Sätze, die sie jeden Tag mit Hilfe
-der Pappstreifen bildete, auch mit Bleistift auf<span class="pagenum"><a name="Seite_252" id="Seite_252">[S. 252]</a></span> Papier schreiben
-könne, und sie begriff sehr bald, daß sie sich nicht auf die schon
-erlernten Redewendungen zu beschränken brauche, sondern jeden Gedanken,
-der ihr durch den Kopf ging, damit ausdrücken könne. Ich legte ihr
-eine von den Schreibtafeln, wie sie von den Blinden benutzt werden,
-zwischen die Bogen Papier auf dem Tische und ließ sie ein Alphabet der
-quadratischen Buchstaben, wie sie sie schreiben konnte, befühlen. Dann
-führte ich ihr die Hand und half ihr den Satz bilden: <span class="antiqua">Cat does drink
-milk.</span> Als die damit fertig war, war sie überglücklich und brachte
-ihn freudestrahlend ihrer Mutter, die ihn ihr in die Hand buchstabierte.</p>
-
-<p>Tag für Tag bewegte sie nun ihren Bleistift in denselben
-vorgezeichneten Linien auf dem Papier entlang, ohne auch nur einen
-Augenblick die geringste Ungeduld oder Ermüdung zu verraten.</p>
-
-<p>Da sie nunmehr gelernt hatte, ihre Gedanken schriftlich auszudrücken,
-unterrichtete ich sie in der Brailleschrift. Das Erlernen des Systems
-machte ihr Freude, da sie bald entdeckte, sie könne jetzt selbst lesen,
-was sie geschrieben habe. Ganze Abende kann sie still am Tische sitzen
-und niederschreiben, was ihr in das lebhaft arbeitende Gehirn kommt,
-und es fällt mir selten schwer, zu lesen, was sie geschrieben hat.</p>
-
-<p>Ihre Fortschritte im Rechnen sind gleichfalls bedeutend. Sie kann
-mit großer Schnelligkeit bis zur Summe von hundert addieren und
-subtrahieren, und in der Multiplikation kennt sie das Einmaleins
-bis zur Fünferreihe. Kürzlich beschäftigte sie sich mit der Zahl
-vierzig; als ich zu ihr sagte: Dividiere sie durch zwei, antwortete
-sie unverzüglich: zwanzigmal zwei ist vierzig. Später sagte ich: Nimm
-drei fünfzehnmal und zähle, was herauskommt. Ich wünschte, sie sollte
-Gruppen von je drei Steinen bilden und glaubte, sie würde sie dann
-zählen müssen, um herauszubekommen, wieviel fünfzehnmal drei ist.<span class="pagenum"><a name="Seite_253" id="Seite_253">[S. 253]</a></span>
-Aber sie buchstabierte mir sofort die Antwort zu: Fünfzehnmal drei ist
-fünfundvierzig.</p>
-
-<p>Als ihr einmal gesagt wurde, sie sei weiß und eine der Dienerinnen
-schwarz, folgerte sie, daß alle, die eine ähnliche Lebensstellung
-innehätten, von derselben Farbe seien, und wenn sie nach der Farbe
-eines Dienstboten gefragt wurde, antwortete sie stets: schwarz. Als
-die einmal nach der Farbe jemandes gefragt wurde, dessen Stand ihr
-unbekannt war, schien sie nicht recht zu wissen, was sie sagen sollte,
-und entgegnete endlich: blau.</p>
-
-<p>Obgleich ihr niemals etwas vom Tode oder vom Begräbnis gesagt worden
-war, so legte sie doch, als sie zum erstenmal in ihrem Leben mit
-ihrer Mutter und mir einen Kirchhof betrat, auf dem wir uns die
-Blumen ansehen wollten, ihre Hand auf unsere Augen und buchstabierte
-wiederholt: <span class="antiqua">Cry&mdash;cry.</span> Ihre Augen füllten sich in der Tat mit
-Tränen. Die Blumen schienen ihr keine Freude zu machen, und sie war
-ganz still, während wir dort blieben.</p>
-
-<p>Als sie bei einer anderen Gelegenheit mit mir spazieren ging, schien
-sie sich der Anwesenheit ihres Bruders bewußt zu sein, obgleich wir
-noch weit von ihm entfernt waren. Sie buchstabierte mir wiederholt
-seinen Namen in die Hand und lief nach der Richtung, aus der er kam.</p>
-
-<p>Beim Spazierengehen oder Reiten gibt sie oft die Namen der Personen,
-denen wir begegnen, sofort an, sobald wir sie bemerken.</p>
-
-<hr class="r10" />
-
-<p class="right mright1" id="Zirkus">13. November 1887.</p>
-
-<p>Wir nahmen Helen mit in den Zirkus und verlebten ein paar köstliche
-Stunden! Das Zirkuspersonal interessierte sich sehr für Helen und tat
-alles, was in seinen Kräften stand, um ihr ihren ersten Zirkusbesuch zu
-einem denkwürdigen Ereignis<span class="pagenum"><a name="Seite_254" id="Seite_254">[S. 254]</a></span> zu machten. Sie durfte die Tiere berühren,
-wenn dies ohne Gefahr geschehen konnte. Sie fütterte die Elefanten,
-kletterte auf den Rücken des größten von ihnen und setzte sich auf den
-Schoß der »orientalischen Prinzessin«, während der Elefant majestätisch
-im Kreise herumschritt. Sie betastete einige junge Löwen. Sie waren so
-niedlich wie Kätzchen, aber ich sagte ihr, sie würden wild und grimmig,
-wenn sie älter würden. Sie sagte zu dem Wärter: <span class="antiqua">I will take the baby
-lions home and teach them to be mild.</span> Der Bärenwärter ließ einen
-seiner riesigen schwarzen Pflegebefohlenen sich auf die Hinterfüße
-aufrichten und uns seine mächtige Tatze entgegenstrecken, die Helen
-höflich schüttelte. An den Affen hatte sie ihre helle Freude, sie legte
-ihre Hand auf den Hauptdarsteller, während er seine Kunststücke machte,
-und lachte herzlich, als er seinen Hut vor dem Publikum abnahm. Ein
-kleiner schlauer Bursche stahl ihr das Haarband, und ein andrer suchte
-ihr die Blumen vom Hute zu reißen. Ich weiß nicht, wer sich köstlicher
-amüsierte, die Affen, Helen oder die Zuschauer. Einer der Leoparden
-leckte ihr die Hände, und der Giraffenwärter hob sie in seinen Armen so
-hoch empor, daß sie die Ohren der Tiere anfassen und sehen konnte, wie
-groß die Giraffen selbst waren. Sie betastete auch einen griechischen
-Streitwagen, und der Lenker würde sie gern in der Arena herumgefahren
-haben, aber sie fürchtete sich vor den vielen schnellen Pferden.
-Die Kunstreiter, Clowns und Seiltänzer freuten sich alle, wenn das
-kleine blinde Mädchen ihre Kostüme befühlte und ihren Bewegungen mit
-den Händen folgte, sofern dies möglich war, und sie küßte sie alle,
-um ihnen ihre Dankbarkeit zu zeigen. Einige von ihnen weinten, und
-sogar der Menschenfresser aus Borneo war gerührt von ihrem lieblichen
-Gesichtchen. Seitdem hat sie von nichts anderem gesprochen als vom
-Zirkus. Um ihre Fragen zu beantworten, war ich genötigt, viel über
-Tiere zu lesen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_255" id="Seite_255">[S. 255]</a></span></p>
-
-<p class="right mright1 mtop1">12. Dezember 1887.</p>
-
-<p>Ich kann mir kaum vorstellen, daß Weihnachten vor der Türe steht,
-trotzdem Helen von nichts anderem spricht. Wissen Sie noch, wie
-glücklich wir das Fest voriges Jahr verlebten?</p>
-
-<p>Helen kennt jetzt die Zeiteinteilung, und ihr Vater will ihr eine Uhr
-zu Weihnachten schenken.</p>
-
-<p>Wie jedes hörende Kind, das ich kenne, wünscht auch Helen fortwährend,
-daß man ihr Geschichten erzähle. Ich habe ihr die Geschichte von dem
-kleinen Rotkäppchen so oft erzählen müssen, daß ich fast glaube, ich
-könnte sie von rückwärts her aufsagen. Sie liebt Geschichten, über
-die sie weinen muß &mdash; ich glaube, es geht uns allen so &mdash; es ist so
-angenehm, sich traurig zu fühlen, wenn man keinen besonderen Grund hat,
-traurig zu sein. Ebenso lehre ich Helen kleine Gedichte und Verschen.
-Sie prägen ihrem Gedächtnis Gedanken in schöner Form ein. Auch glaube
-ich, daß sie die Entwickelung aller Anlagen des Kindes fördern, weil
-sie die Phantasie anregen. Natürlich lasse ich mich nicht darauf ein,
-alles zu erklären. Wenn ich es täte, würde kein Raum für das freie
-Spiel der Phantasie bleiben. Zuweit gehende Erläuterungen lenken die
-Aufmerksamkeit des Kindes auf Wörter und Sätze, sodaß es ihm unmöglich
-wird, den Gedankengang im ganzen aufzufassen.</p>
-
-<p class="right mright1 mtop1">1. Januar 1888.</p>
-
-<p>Es ist etwas Großes, das Bewußtsein zu haben, daß man einigen Nutzen
-auf der Welt stiftet, daß man jemand notwendig ist. Der Umstand, daß
-die Sorge für Helen fast in jeder Hinsicht auf mir allein ruht, macht
-mich stark und glücklich.</p>
-
-<p>Die Weihnachtswoche war auch hier eine sehr geschäftige. Helen ist
-zu allen Kindergesellschaften eingeladen, und ich begleite sie zu so
-vielen, wie ich irgend kann. Ich wünsche, daß sie Kinder kennen lernt
-und möglichst viel mit ihnen verkehrt. Ver<span class="pagenum"><a name="Seite_256" id="Seite_256">[S. 256]</a></span>schiedene kleine Mädchen
-haben das Buchstabieren mit den Fingern erlernt und sind sehr stolz auf
-ihre Leistung.</p>
-
-<p>Sonnabend begann es nach dem Mittagessen zu schneien; wir machten
-einen fröhlichen Spaziergang durch den Garten und sprachen viel über
-den Schnee. Sonntag morgen war die ganze Gegend verschneit, und Helen,
-die Kinder der Köchin und ich warfen uns mit Schneebällen. Nachmittags
-war alles geschmolzen. Es war der erste Schnee, den ich hier gesehen
-habe, und er erregte mir etwas Heimweh. Die Weihnachtszeit hat Stoff zu
-vielen Lektionen geliefert und Helens Wortschatz um eine große Menge
-neuer Ausdrücke bereichert.</p>
-
-<p>Wochenlang taten wir nichts, als daß wir über Weihnachten sprachen,
-lasen und Geschichten erzählten. Natürlich mache ich keinen Versuch,
-sämtliche neuen Wörter zu erklären; auch versteht Helen die kleinen
-Geschichten, die ich ihr erzähle, nicht ganz; aber die beständige
-Wiederholung prägt die Wörter und Sätze dem Gedächtnis ein, und nach
-und nach wird ihr der Sinn schon klar werden. Meines Erachtens ist
-es widersinnig, zum Zwecke des Erlernens der Sprache »Konversation«
-zu treiben. Dies wirkt auf Schüler und Lehrer gleich verdummend
-und geisttötend. Das Sprechen soll natürlich vor sich gehen und
-dem Gedankenaustausch dienen. Hat das Kind aus sich selbst nichts
-mitzuteilen, so erscheint es nicht der Mühe wert, von ihm zu verlangen,
-es solle abgerissene trockene Sätze über »die Katze«, »den Vogel«,
-»einen Hund« an die Wandtafel schreiben oder mit seinen Fingern
-abbuchstabieren. Es ist von Anfang an mein Bestreben gewesen, mit Helen
-persönlich zu sprechen und sie anzuhalten, mir nur das zu erzählen, was
-sie wirklich interessiert, und Fragen nur zu dem Zwecke zu stellen, um
-zu erfahren, was sie wirklich zu wissen wünscht. Wenn ich bemerke, daß
-sie mir gern etwas erzählen möchte, daß ihr aber die nötigen Worte dazu
-fehlen, so ergänze ich<span class="pagenum"><a name="Seite_257" id="Seite_257">[S. 257]</a></span> das Nötige, und so gelangen wir vollständig
-zu unserem Ziele. Helens Eifer und Interesse helfen ihr über viele
-Hindernisse hinweg, die unübersteiglich sein würden, wenn wir uns damit
-aufhielten, alles zu erklären und zu definieren.</p>
-
-<p>Es war rührend, zu sehen, wie sich Helen über ihr erstes Weihnachtsfest
-freute. Selbstverständlich hängte sie ihren Strumpf auf &mdash; sogar zwei,
-denn einen hätte Santa Claus übersehen können &mdash; und lag lange Zeit
-wach, stand auch mehrere Male auf, um zu sehen, ob sich nichts ereignet
-habe. Als ich ihr erklärte, Santa Claus käme nicht eher, als bis sie
-eingeschlafen sei, schloß sie ihre Augen und erwiderte: <span class="antiqua">He will
-think, girl is asleep.</span> Am Morgen wachte sie von der ganzen Familie
-zuerst auf und lief zum Kamine, um nach ihren Strümpfen zu sehen, und
-als sie fand, daß Santa Claus beide Strümpfe gefüllt habe, tanzte sie
-ein Weilchen vor Freude herum; dann aber wurde sie ganz still und kam
-zu mir, um mich zu fragen, ob Santa Claus sich auch nicht geirrt und
-geglaubt habe, es seien zwei kleine Mädchen da, und ob er wiederkommen
-und die Geschenke wieder abholen würde, wenn er seinen Irrtum erkannt
-hätte. Der Ring, den Sie ihr geschickt haben, steckte in der Spitze des
-Strumpfes, und als ich ihr erzählte, Sie hätten ihn Santa Claus für
-sie gegeben, erwiderte sie: <span class="antiqua">I do love Mrs. Hopkins.</span> Sie hatte
-eine Truhe und Kleider für Nancy bekommen und erklärte sofort: <span class="antiqua">Now
-Nancy will go to party.</span> Als sie den Braillegriffel und das Papier
-entdeckte, sagte sie: <span class="antiqua">I will write many letters, and I will thank
-Santa Claus very much.</span> Offenbar war jedermann, namentlich Herr und
-Frau Hauptmann Keller, tief bewegt bei dem Gedanken an den Unterschied
-zwischen dieser glücklichen Weihnachtsfeier und der im vorigen Jahre,
-da ihr kleines Mädchen noch keinen bewußten Anteil an dem Feste
-genommen hatte. Als wir die Treppe herunterkamen, sagte Frau Keller<span class="pagenum"><a name="Seite_258" id="Seite_258">[S. 258]</a></span> zu
-mir mit Tränen in den Augen: Fräulein Annie, ich danke Gott jeden Tag
-meines Lebens dafür, daß er Sie uns gesandt hat; aber erst heute früh
-habe ich so recht erkannt, was für ein Segen Sie für uns geworden sind.
-Hauptmann Keller ergriff meine Hand, vermochte aber nicht zu sprechen.
-Aber sein Schweigen war beredter als Worte. Auch mein Herz war voller
-Dankbarkeit und heiliger Freude.</p>
-
-<p>Eines Tages stieß Helen auf das Wort <span class="antiqua">grandfather</span> in einer
-kleinen Geschichte, und sie fragte ihre Mutter: <span class="antiqua">Where is
-grandfather?</span> womit sie ihren Großvater meinte. Frau Keller
-antwortete: <span class="antiqua">He is dead.</span> Helen fragte: <span class="antiqua">Did father shoot
-him?</span> und fügte hinzu: <span class="antiqua">I will eat grandfather for dinner.</span> Bis
-jetzt steht ihre einzige Kenntnis vom Tode in Verbindung mit eßbaren
-Dingen. Sie weiß, daß ihr Vater Rebhühner, Hirsche und anderes Wildbret
-schießt.</p>
-
-<p>Heute morgen fragte sie mich nach der Bedeutung von <span class="antiqua">carpenter</span>,
-und diese Frage lieferte uns den Stoff für unsere Unterrichtsstunde.
-Nachdem wir über die verschiedenen Gegenstände, die die Zimmerleute
-anfertigen, gesprochen hatten, fragte sie mich: <span class="antiqua">Did carpenter make
-me?</span> und buchstabierte rasch, ehe ich antworten konnte: <span class="antiqua">No, no,
-photographer made me in Sheffield.</span></p>
-
-<p>In Sheffield war einer der großen Hochöfen angeblasen worden, und wir
-fuhren eines Abends hinüber, um uns einen Guß anzusehen. Helen fühlte
-die Hitze und fragte: <span class="antiqua">Did the sun fall?</span></p>
-
-<p class="right mright1 mtop1">26. Januar 1888.</p>
-
-<p>Hoffentlich haben Sie Helens Brief erhalten. Denken Sie sich, die
-kleine Spitzbübin hat es sich in den Kopf gesetzt, nicht mehr mit
-Bleistift schreiben zu wollen. Sie sollte heut morgen an Onkel Frank
-schreiben, hatte aber keine Lust dazu und sagte: <span class="antiqua">Pencil is very
-tired in head. I will write Uncle<span class="pagenum"><a name="Seite_259" id="Seite_259">[S. 259]</a></span> Frank braille letter.</span> Auf
-meinen Einwand, Onkel Frank könne doch die Brailleschrift nicht lesen,
-erwiderte sie: <span class="antiqua">I will teach him.</span> Ich setzte ihr auseinander,
-Onkel Frank sei alt und könne die Brailleschrift nicht so leicht
-erlernen. Sofort antwortete sie jedoch: <span class="antiqua">I think Uncle Frank is much
-old to read very small letters.</span> Endlich brachte ich sie dazu,
-einige Zeilen zu schreiben, aber sie brach die Bleistiftspitze sechsmal
-ab, ehe sie fertig wurde. Ich sagte zu ihr: Du bist ein unartiges
-Mädchen, aber sie entgegnete: <span class="antiqua">No, pencil is very weak.</span> Ich
-glaube, ihr Widerwille gegen das Schreiben mit Bleistift läßt sich
-leicht daraus erklären, daß sie soviel zur Probe für Bekannte und
-Fremde hat schreiben müssen. Sie wissen, wie widerwärtig dies den
-Kindern im Institut ist. Es ist mühsam, weil es so langsam von statten
-geht und sie nicht lesen können, was sie geschrieben haben, um die
-Fehler zu verbessern.</p>
-
-<p>Helen interessiert sich immer mehr für Farben. Als ich ihr sagte,
-Mildreds Augen seien blau, fragte sie: <span class="antiqua">Are they like wee skies?</span>
-Bald nachdem ich ihr gesagt hatte, eine Nelke, die ihr geschenkt worden
-war, sei rot, warf sie ihre Lippen auf und sagte: <span class="antiqua">lips are like one
-pink.</span> Ich kann mir nicht denken, daß die Eindrücke von Farben, die
-sie während der ersten achtzehn Monate ihres Lebens, in denen sie sehen
-und hören konnte, erhalten hat, gänzlich verschwunden sein sollen.
-Alles, was wir gesehen und gehört haben, bleibt an irgend einer Stelle
-des Gedächtnisses haften. Es mag zu unbestimmt und verworren sein,
-um deutlich wiedererkannt zu werden, aber es ist nichtsdestoweniger
-vorhanden wie die Landschaft, die wir bei hereinbrechender Dämmerung
-aus dem Gesicht verlieren.</p>
-
-<p class="right mright1 mtop1">10. Februar 1888.</p>
-
-<p>Gestern abend kamen wir nach Hause. Wir haben eine köstliche Zeit in
-Memphis verlebt, aber ich kam wenig zur Ruhe.<span class="pagenum"><a name="Seite_260" id="Seite_260">[S. 260]</a></span> Nichts als Aufregung
-vom frühen Morgen bis zum späten Abend &mdash; Ausflüge, Einladungen zu
-Tisch, Besuche und alles, was drum und dran hängt, wenn man ein
-lebhaftes, unermüdliches Kind wie Helen stets um sich hat. Sie sprach
-unaufhörlich. Ich weiß nicht, was ich hätte tun sollen, wenn nicht
-einige junge Leute gelernt hätten, sich mit Helen zu unterhalten. Sie
-erleichterten mir meine Aufgabe soviel wie möglich. Aber selbst so
-habe ich niemals eine ruhige halbe Stunde für mich gehabt. Immer hieß
-es: Ach, Fräulein Sullivan, kommen Sie doch, bitte, her und sagen Sie
-uns, was Helen meint &mdash; oder: Fräulein Sullivan, wollen Sie nicht die
-Güte haben, dies Helen auseinanderzusetzen. Wir können es ihr nicht
-verständlich machen. &mdash; Ich glaube, die halbe weiße Bevölkerung von
-Memphis sprach bei uns vor. Helen wurde gehätschelt und geliebkost, daß
-ein Engel dadurch hätte verwöhnt werden können; aber ich glaube nicht,
-daß es möglich ist, sie zu verwöhnen; sie hat dafür ein viel zu naives
-Empfinden.</p>
-
-<p>Es gibt viele gute Geschäfte in Memphis, und ich habe alles Geld
-ausgegeben, das ich bei mir hatte. Eines Tages sagte Helen: <span class="antiqua">I must
-buy Nancy a very pretty hat.</span> Sie besaß einen Silberdollar und ein
-Zehncentstück. Als wir in dem Laden waren, fragte ich sie, wieviel sie
-für Nancys Hut ausgeben wolle. Sie antwortete rasch: <span class="antiqua">I will pay
-ten cents.</span> Auf meine Frage, was sie mit dem Dollar machen wolle,
-erwiderte sie: <span class="antiqua">I will buy some good candy to take to Tuscumbia.</span></p>
-
-<p>Wir besuchten die Börse und ein Dampfboot. Für dieses letztere
-interessierte sich Helen ungemein und ließ sich alles zeigen von der
-Maschine an bis zur Flagge auf dem Top.</p>
-
-<p><span class="antiqua">Dr.</span> Bell schreibt in einem Briefe an Hauptmann Keller, daß
-Helens Fortschritte in der Geschichte der Taubstummenerziehung ganz
-beispiellos seien, und sagt viel Artiges über ihre Lehrerin. <span class="antiqua">Dr.</span>
-Edward Everett Hale beruft sich auf seine<span class="pagenum"><a name="Seite_261" id="Seite_261">[S. 261]</a></span> Verwandtschaft mit Helen und
-scheint auf seine kleine Nichte sehr stolz zu sein.</p>
-
-<p class="right mright1 mtop1" id="Tagebuch">5. März 1888.</p>
-
-<p>Ich konnte meinen Brief gestern nicht beenden. Fräulein Eva half mir
-bei der Anfertigung eines Verzeichnisses der Wörter, die Helen gelernt
-hat. Wir bekamen eine Zahl von 900 heraus. Ich hatte Helen am 1. März
-ein Tagebuch eingerichtet. Ich weiß nicht, wie lange sie es fortführen
-wird. Meines Erachtens ist es ein ziemlich törichtes Unternehmen.
-Augenblicklich macht es ihr aber großen Spaß. Sie scheint es zu lieben,
-alles niederzuschreiben, was sie weiß. Am Sonntag trug sie folgendes
-ein:</p>
-
-<p>Ich stand auf, wusch mir Gesicht und Hände, kämmte mein Haar und
-pflückte drei Veilchen für Lehrerin und aß mein Frühstück. Nach dem
-Frühstück spielte ich kurze Zeit mit Puppen. Nancy war ungezogen.
-Ungezogen ist schreien und mit den Füßen stoßen (<span class="antiqua">Cross is cry and
-kick</span>). Ich las in meinem Buch von großen, wilden Tieren. Wild ist
-sehr ungezogen und stark und sehr hungrig (<span class="antiqua">Fierce is much cross and
-strong and very hungry</span>). Ich liebe wilde Tiere nicht. Ich schrieb
-Brief an Onkel James. Er wohnt in Hotsprings. Er ist Doktor. Doktor
-macht krankes Mädchen gesund. Ich bin nicht gern krank (<span class="antiqua">I do not
-like sick</span>). Dann aß ich mein Mittagbrot. Ich esse sehr gern viel
-Eiskreme (<span class="antiqua">I like much icecream very much</span>). Nach dem Mittagessen
-fuhr Vater auf Zug nach Birmingham. Ich hatte Brief von Robert. Er
-liebt mich. Er sagt: Liebe Helen, Robert freute sich, einen Brief von
-lieber, süßer, kleiner Helen zu bekommen. Ich werde kommen und dich
-besuchen, wenn die Sonne scheint. Frau Newsum ist Roberts Frau. Robert
-ist ihr Mann. Robert und ich werden laufen und springen und hüpfen und
-tanzen und schaukeln und von Vögeln und Blumen und Bäumen sprechen,
-und Jumbo und Pearl werden mit uns<span class="pagenum"><a name="Seite_262" id="Seite_262">[S. 262]</a></span> gehen. Lehrerin wird sagen: Wir
-sind dumm. Sie ist spaßhaft. Spaßhaft macht uns lachen (<span class="antiqua">Funny makes
-us laugh</span>). Natalie ist gutes Mädchen und schreit nicht. Mildred
-schreit. Sie wird in vielen Tagen ein hübsches Mädchen sein und mit mir
-laufen und spielen. Frau Graves macht kurze Kleider für Natalie. Herr
-Mayo ging nach Duckhill und brachte viele hübsche Blumen nach Hause.
-Herr Mayo und Herr Farris und Herr Graves lieben mich und Lehrerin. Ich
-gehe bald nach Memphis, um sie zu besuchen, und sie werden mich herzen
-und küssen. Thornton geht zur Schule und macht sein Gesicht schmutzig.
-Knabe muß sehr sorgsam sein. Nach dem Abendessen spielte ich Balgen
-mit Lehrerin im Bett. Sie begrub mich unter den Kissen, und dann wuchs
-ich sehr langsam wie ein Baum aus der Erde empor. Nun will ich zu Bett
-gehen.</p>
-
-<p class="right mright1">Helen Keller.</p>
-
-<p class="right mright1 mtop2">16. April 1888.</p>
-
-<p>Soeben kommen wir aus der Kirche zurück. Hauptmann Keller sagte mir
-heut beim Frühstück, ich möchte doch heut Helen mit zur Kirche nehmen.
-Das gesamte Presbyterium würde heut versammelt sein, und er wünsche,
-daß die Geistlichen Helen kennen lernten. Die Sonntagsschule war
-im vollen Gange, als wir ankamen, und ich wünschte, Sie hätten das
-Aufsehen bemerken können, das Helens Eintritt erregte. Die Kinder
-freuten sich so, sie in der Sonntagsschule zu erblicken, daß sie ihren
-Lehrern keine Aufmerksamkeit mehr schenkten, sondern ihre Plätze
-verließen und uns umringten. Helen küßte sie alle, Knaben und Mädchen,
-mochten sie wollen oder nicht. Anfangs schien sie zu glauben, daß die
-Kinder sämtlich den fremden Geistlichen gehörten; aber bald erkannte
-sie unter ihnen einige kleine Freunde, und ich erzählte ihr, daß die
-Geistlichen ihre Kinder nicht mitgebracht hätten. Sie sah ent<span class="pagenum"><a name="Seite_263" id="Seite_263">[S. 263]</a></span>täuscht
-aus und sagte dann: <span class="antiqua">I’ll send them many kisses.</span> Einer der
-Geistlichen bat mich, Helen zu fragen, was nach ihrer Meinung die
-Geistlichen täten. Sie erwiderte: <span class="antiqua">They read and talk loud for people
-to be good.</span> Er schrieb sich diese ihre Antwort in sein Notizbuch.
-Als der Gottesdienst begann, geriet Helen in eine solche Aufregung,
-daß ich es für das beste hielt, sie aus der Kirche hinauszuführen,
-aber Hauptmann Keller sagte: Lassen Sie nur; es wird schon gehen. So
-blieb mir nichts übrig, als auszuharren. Es war unmöglich, Helen zu
-bewegen, sich ruhig zu verhalten. Sie herzte und küßte mich und den
-ernst blickenden Geistlichen, der auf der anderen Seite neben ihr saß.
-Er gab ihr seine Uhr zum Spielen, aber dies brachte sie nicht zur Ruhe;
-sie wollte sie durchaus dem kleinen Knaben zeigen, der hinter uns saß.
-Als die Abendmahlsfeier begann, roch sie den Wein und schnüffelte so
-laut, daß jedermann in der Kirche es hören konnte. Als der Wein unserem
-Nachbar gereicht wurde, mußte er aufstehen, um zu verhüten, daß sie
-ihm den Kelch wegnahm. Ich saß wie auf Nadeln und war froh, als wir
-die Kirche verlassen konnten. Ich suchte Helen rasch hinauszudrängen,
-aber sie hielt ihren Arm ausgestreckt, und jeder Geistliche, den sie
-berührte, mußte sich umdrehen und die Anzahl der Kinder angeben, die
-er zu Hause gelassen hatte, und die entsprechende Menge Küsse in
-Empfang nehmen. Jedermann lachte über ihre Possen, und man hätte eher
-glauben können, in einem Vergnügungslokale zu sein als in einer Kirche.
-Hauptmann Keller lud einige der Geistlichen zu Tisch ein. Helen war
-ganz außer Rand und Band. Sie beschrieb in den lebhaftesten Pantomimen,
-die sie durch Buchstabieren zu ergänzen suchte, was sie in Brewster
-tun wolle. Endlich stand sie vom Tisch auf und tat so, als sammle sie
-Seetang und Muscheln auf und wate im Wasser umher, wobei sie ihre Röcke
-höher aufhob, als es unter den gegenwärtigen Umständen<span class="pagenum"><a name="Seite_264" id="Seite_264">[S. 264]</a></span> schicklich war.
-Dann warf sie sich zu Boden und begann so energische Schwimmbewegungen
-zu machen, daß ein Teil der Gäste fürchtete, von den Stühlen gestoßen
-zu werden. Ihre Bewegungen sind oft ausdrucksvoller als alle Worte, und
-sie ist so anmutig wie eine Nymphe.</p>
-
-<p>Ich möchte gern wissen, ob Ihnen auch die Zeit so unendlich lang wird
-wie mir. Wir sprechen und planen und träumen von nichts als von Boston,
-Boston, Boston. Ich glaube, Frau Keller hat sich jetzt endgültig
-entschlossen, uns zu begleiten, aber sie will nicht den ganzen Sommer
-über bleiben.</p>
-
-<p class="right mright1 mtop1">15. Mai 1888.</p>
-
-<p>Wissen Sie, daß dies der letzte Brief ist, den ich Ihnen auf lange,
-lange Zeit hinaus schreibe? Das nächste Wort, das Sie von mir erhalten,
-wird ein Telegramm sein, das Ihnen meldet, wann wir in Boston
-eintreffen. Ich bin zu glücklich, um Briefe zu schreiben; aber ich muß
-Ihnen von unserem Besuche in Cincinnati erzählen.</p>
-
-<p>Wir haben eine genußreiche Woche bei den »Doktoren« verlebt. <span class="antiqua">Dr.</span>
-Keller war uns bis Memphis entgegengefahren. Fast jedermann im Zuge
-war ein Arzt, und <span class="antiqua">Dr.</span> Keller schien sie alle zu kennen. Als wir in
-Cincinnati anlangten, fanden wir die Stadt mit Doktoren angefüllt. Es
-befanden dich mehrere hervorragende Aerzte aus Boston unter ihnen. Wir
-stiegen in Burnet House ab. Jedermann war von Helen entzückt. All die
-gelehrten Herren bewunderten ihre Intelligenz und Heiterkeit. Sie hat
-etwas an sich, was die Leute fesselt. Ich glaube, es ist ihr freudiges
-Interesse, das sie an allem und an jedermann nimmt.</p>
-
-<p>Wo wir auch waren, stets bildete sie den Mittelpunkt der Gesellschaft.
-Sie war von dem Orchester im Hotel entzückt, und als das Konzert
-begann, tanzte sie im ganzen Saale<span class="pagenum"><a name="Seite_265" id="Seite_265">[S. 265]</a></span> herum und herzte und küßte jeden,
-der ihr in den Wurf kam. Ihre Fröhlichkeit steckte alle an; keinem
-erschien sie bemitleidenswert. Ein Herr sagte zu <span class="antiqua">Dr.</span> Keller: Ich habe
-lange gelebt und viele glückliche Gesichter gesehen, aber noch nie ein
-so strahlendes wie das dieses Kindes. Ein anderer sagte: Weiß Gott,
-ich würde alles, was ich auf der Welt besitze, darum geben, wenn ich
-dieses kleine Mädchen beständig um mich haben könnte. <span class="antiqua">Dr.</span> Garcelon
-holte uns eines Nachmittags zu einem Ausfluge ab und wollte Helen eine
-Puppe kaufen; aber sie sagte: <span class="antiqua">I do not like too many children. Nancy
-is sick, and Adline is cross, and Ida is very bad.</span> Wir lachten,
-daß uns die Tränen in die Augen traten, so ernst sah sie dabei aus.
-Was möchtest du denn sonst haben? fragte der Doktor. <span class="antiqua">Some beautiful
-gloves to talk with</span>, antwortete sie. Der Doktor war ganz erstaunt,
-da er noch nie etwas von »sprechenden Handschuhen« gehört hatte; ich
-erklärte ihm aber, Helen habe Handschuhe mit darauf gedrucktem Alphabet
-gesehen und glaube offenbar, sie könnten gekauft werden. Ich sagte ihm,
-er könne ein Paar Handschuhe kaufen, wenn er wolle, und ich würde dann
-das Alphabet darauf pressen lassen.</p>
-
-<p>Wir frühstückten mit Herrn Thayer (Ihrem früheren Seelsorger) und
-seiner Gattin. Er fragte mich, in welcher Weise ich Helen die Adjektiva
-und die Bezeichnungen für abstrakte Begriffe, wie Güte und Glück,
-beigebracht hätte. Diese selben Fragen sind mir wohl hundertmal von
-den gelehrten Doktoren vorgelegt worden. Es kommt mir sonderbar vor,
-daß man sich über etwas wundert, was doch in der Tat so einfach ist.
-Gewiß ist es ebenso leicht, dem Kinde die Bezeichnung für einen Begriff
-beizubringen, der ihm klar vor der Seele steht, wie die Bezeichnung für
-einen Gegenstand. Allerdings würde es eine Herkulesarbeit sein, Wörter
-zu lehren, wenn die betreffenden Vorstellungen nicht schon in der Seele
-des Kindes vorhanden<span class="pagenum"><a name="Seite_266" id="Seite_266">[S. 266]</a></span> wären. Wenn seine Erfahrungen und Beobachtungen
-ihm nicht zu den Begriffen »groß«, »klein«, »gut«, »schlecht«, »süß«,
-»sauer«, verholfen hätten, so würde es nichts mit diesen Wortgebilden
-verbinden können.</p>
-
-<p>Ich dummes Ding fand mich in die Lage versetzt, den aus Ost und West
-versammelten Weisen so einfache Dinge wie die folgenden klarmachen zu
-müssen: Wenn Sie einem Kinde etwas Süßes geben, und es seine Zunge
-bewegt, sich die Lippen leckt und ein vergnügtes Gesicht macht, so hat
-es eine ganz bestimmte Empfindung, und wenn es jedesmal, so oft es
-diese Empfindung hat, das Wort »süß« hört oder in die Hand buchstabiert
-bekommt, so wird es rasch diese willkürliche Bezeichnung für diese
-Empfindung annehmen. Legen Sie ihm dagegen ein Stück Citrone auf die
-Zunge, so wirft es die Lippen auf und versucht es auszuspucken, und
-wenn es diese Erfahrung ein paarmal gemacht hat, so schließt es seinen
-Mund und verzieht sein Gesicht, wenn man ihm eine Citrone zeigt, und
-gibt dadurch deutlich zu verstehen, daß es sich der unangenehmen
-Empfindung erinnert. Sie nennen diese »sauer«, und das Kind nimmt diese
-Bezeichnung an. Hätten Sie diese Empfindungen »schwarz« und »weiß«
-genannt, so würde das Kind diese Bezeichnungen ebensoleicht akzeptiert
-haben; aber es würde unter »schwarz« und »weiß« genau dasselbe
-verstehen, was es jetzt unter »süß« und »sauer« versteht. Auf diese
-Weise lernt das Kind aus einer Reihe von Erfahrungen den Unterschied
-seiner Empfindungen kennen, und wir benennen sie »gut«, »schlecht«,
-»freundlich«, »rauh«, »froh«, »traurig«. Nicht das Wort, sondern das
-Vermögen, sich der Empfindung bewußt zu werden, ist es, worauf es bei
-der Erziehung ankommt.</p>
-
-<hr class="r10" />
-
-<p>Folgender Auszug aus einem von Fräulein Sullivans Briefen enthält
-interessante pädagogische Betrachtungen:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_267" id="Seite_267">[S. 267]</a></span></p>
-
-<p>Wir besuchten eine kleine Taubstummenschule. Wir wurden sehr freundlich
-aufgenommen, und Helen freute sich, mit Kindern zusammenzusein.</p>
-
-<p>Zwei von den Lehrern kannten das Fingeralphabet und sprachen ohne
-Dolmetscher mit ihr. Sie waren erstaunt, in welchem Grade sie die
-Sprache beherrschte. Kein einziges Kind in der Schule, versicherten
-sie, besäße eine ähnliche Gewandtheit des Ausdrucks, und einige von
-ihnen würden schon zwei bis drei Jahre unterrichtet. Ich wollte dies
-zuerst nicht glauben; nachdem ich aber die Kinder ein paar Stunden bei
-ihren Arbeiten beobachtet hatte, erkannte ich, daß man mir die Wahrheit
-gesagt hatte, und ich wunderte mich nicht mehr darüber. In einem Zimmer
-standen einige kleine Knirpse und bildeten im Schweiße ihres Angesichts
-»einfache Sätze«. Ein kleines Mädchen hatte geschrieben: Ich habe ein
-neues Kleid. Es ist ein hübsches Kleid. Meine Mama hat mein hübsches,
-neues Kleid gemacht. Ich liebe Mama. &mdash; Ein kleiner Knabe mit einem
-Lockenkopf schrieb soeben: Ich habe einen großen Ball. Ich liebe es,
-meinen großen Ball mit dem Fuße zu stoßen. &mdash; Als wir in das Zimmer
-traten, richtete sich die Aufmerksamkeit der Kinder auf Helen. Eins von
-ihnen faßte mich am Aermel und sagte: Mädchen ist blind. Die Lehrerin
-schrieb an die Wandtafel: Der Name des Mädchens ist Helen. Sie ist
-taubstumm. Sie kann nicht sehen. Wir bedauern sie sehr. Ich fragte:
-Warum schreiben Sie diese Sätze an die Tafel? Würden die Kinder es
-nicht verstehen, wenn Sie zu ihnen über Helen sprächen? Die Lehrerin
-sagte etwas über die Erlernung der richtigen Satzkonstruktion und fuhr
-in ihrer schriftlichen Stilübung über Helen fort. Ich fragte sie, ob
-das kleine Mädchen, das über das neue Kleid geschrieben hatte, sich
-wirklich so besonders über ihr Kleid gefreut habe. &mdash; Nein, antwortete
-sie, ich glaube nicht, aber Kinder lernen besser,<span class="pagenum"><a name="Seite_268" id="Seite_268">[S. 268]</a></span> wenn sie über etwas
-schreiben, was sie persönlich berührt. &mdash; Es erschien mir alles so
-mechanisch und schwer, das Herz tat mir beim Anblick dieser armen
-Kinder weh. Niemand denkt daran, gleich zu Anfang ein hörendes Kind
-sagen zu lassen: Ich habe ein hübsches neues Kleid. Diese Kinder waren
-zwar älter an Jahren, als das Baby, das da lallt: Papa küß Baby &mdash;
-hübsch &mdash; und den Sinn seiner Rede ergänzt, indem es auf sein neues
-Kleid deutet; aber ihre Gewandtheit im Verstehen und im Gebrauch der
-Sprache war nicht größer.</p>
-
-<p>Diesen selben Uebelstand bemerkte ich in dem ganzen Betriebe der
-Schule. In jedem Klassenzimmer sah ich Sätze an der Wandtafel, die
-augenscheinlich zur Erläuterung einer grammatischen Regel oder zum
-Zwecke der Einübung von Wörtern hingeschrieben worden waren, die vorher
-in derselben oder in einer anderen Verbindung vorgekommen waren. Derlei
-mag für bestimmte Unterrichtsstufen angebracht sein; aber es ist
-nicht der richtige Weg zur Erlernung der Sprache. Nichts, glaube ich,
-unterdrückt den Trieb des Kindes, natürlich zu sprechen, mehr als diese
-Uebungen an der Wandtafel. Das Schulzimmer ist nicht der geeignete
-Raum, einem Kinde das Sprechen beizubringen, am allerwenigsten aber
-einem taubstummen Kinde. Dieses darf sich ebensowenig wie ein hörendes
-Kind der Tatsache bewußt werden, daß es Wörter lernt, und es sollte
-ihm gestattet sein, sich mit Hilfe seiner Finger oder des Bleistiftes
-verständlich zu machen, meinetwegen in einzelnen Silben, bis die Zeit
-kommt, in der seine wachsende Intelligenz nach dem Satze verlangt.
-Der Gedanke an die Sprache sollte in dem Geiste des Kindes nicht mit
-der Erinnerung an endlose Schulstunden, an schwierig zu beantwortende
-grammatische Fragen, oder an irgend etwas verknüpft sein, was der
-Lebensfreude feindlich in den Weg tritt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_269" id="Seite_269">[S. 269]</a></span></p>
-
-<hr class="r10" />
-
-<p>Fräulein Sullivans zweiter Beitrag für den Jahresbericht des
-Perkinsschen Instituts reicht bis zum 1. Oktober 1888.</p>
-
-<p class="mtop2">In dem vergangenen Jahre hat sich Helen einer ausgezeichneten
-Gesundheit erfreut. Ihre Augen und Ohren sind von Spezialisten
-untersucht worden, und diese sind der Meinung, daß sie nicht die
-geringste Licht- oder Schallempfindung haben kann.</p>
-
-<p>Es läßt sich unmöglich genau angeben, in welchem Umfange ihr der
-Geruchs- und der Geschmackssinn beim Erkennen der natürlichen
-Eigenschaften der Dinge behilflich sind; aber nach einer hervorragenden
-Autorität üben diese Sinne einen großen Einfluß auf die geistige und
-sittliche Entwicklung des Menschen aus. Helen schöpft aus diesen
-Sinnestätigkeiten zweifellos einen hohen Genuß. Beim Eintritt in ein
-Gewächshaus nimmt ihr Gesicht einen strahlenden Ausdruck an, und sie
-benennt die Blumen, die ihr bekannt sind, nur nach dem Geruche. Ihre
-Erinnerungen an Geruchsempfindungen sind sehr lebhaft. Sie freut sich
-schon im voraus auf den Duft einer Rose oder eines Veilchens, und
-wenn ihr ein Strauß dieser Blumen versprochen wird, so überfliegt ein
-besonders glücklicher Ausdruck ihre Züge und beweist, daß sie in der
-Phantasie deren Geruch empfindet und daß er ihr angenehm ist. Es kommt
-häufig vor, daß der Duft einer Blume oder der Geruch einer Frucht ihr
-irgend ein frohes Ereignis aus dem Familienleben oder ein heiteres
-Geburtstagsfest vergegenwärtigt.</p>
-
-<p>Ihr Gefühlssinn hat in diesem Jahre an Schärfe und Feinheit merklich
-zugenommen. In der Tat ist ihr ganzer Körper so fein organisiert, daß
-er ihr als Mittel zu dienen scheint, sich mit ihren Mitmenschen in
-nähere Beziehungen zu setzen. Sie ist nicht nur imstande, die von den
-verschiedenen Tönen und Bewegungen hervorgebrachten Schwingungen der
-Luft und<span class="pagenum"><a name="Seite_270" id="Seite_270">[S. 270]</a></span> Erschütterungen des Bodens zu unterscheiden und ihre Freunde
-und Bekannten sofort zu erkennen, wenn sie deren Hände oder Kleider
-berührt, sondern sie erkennt auch die Gemütsstimmung der Personen ihrer
-Umgebung. Es ist unmöglich für jemand, mit dem sich Helen unterhält,
-besonders heiter oder traurig zu sein und ihr diesen Umstand verhehlen
-zu wollen.</p>
-
-<p>Sie bemerkt den leichtesten Nachdruck, der in der Unterhaltung auf ein
-Wort gelegt wird und weiß jede Veränderung sowie das wechselvolle Spiel
-der Handmuskeln zu deuten. Sie beantwortet rasch den leisen Druck der
-Zuneigung, den kräftigen der Zustimmung, das Zucken der Ungeduld, die
-feste Bewegung beim Befehl und die vielen anderen Verschiedenheiten
-der fast unendlich reichen Sprache der Gefühle, &mdash; und sie hat sich
-eine solche Uebung in dem Verständnis dieser unbewußten Sprache der
-Gemütserregungen erworben, daß sie oft imstande ist, unsere innersten
-Gedanken zu erraten.</p>
-
-<p>Als sie eines Tages mit ihrer Mutter und Herrn Anagnos spazieren
-ging, warf ein Knabe eine Knallerbse vor ihnen auf den Boden, worüber
-Frau Keller erschrak. Helen bemerkte sofort die Veränderung in den
-Bewegungen ihrer Mutter und fragte: <span class="antiqua">What are we afraid of?</span>
-Als ich einst mit ihr im Parke spazieren ging, sah ich, wie ein
-Polizeibeamter einen Mann zur Wache brachte. Die Erregung, die ich
-empfand, brachte eine deutlich bemerkbare körperliche Veränderung bei
-mir hervor; denn Helen fragte aufgeregt: <span class="antiqua">What do you see?</span></p>
-
-<p>Einen schlagenden Beweis für das Vorhandensein dieses auffallenden
-Vermögens lieferte eine ärztliche Untersuchung von Helens Ohren in
-Cincinnati: Es wurden verschiedene Versuche gemacht, um positiv
-festzustellen, ob sie eine Schallempfindung habe oder nicht. Alle
-Anwesenden waren erstaunt,<span class="pagenum"><a name="Seite_271" id="Seite_271">[S. 271]</a></span> als sie nicht allein einen Pfiff, sondern
-auch den gewöhnlichen Klang der menschlichen Stimme zu vernehmen
-schien. Sie wandte den Kopf um, lächelte und verhielt sich so, als ob
-sie gehört hätte, was gesprochen worden war. Ich stand neben ihr und
-hielt ihre Hand in der meinigen. Da ich glaubte, sie habe Eindrücke
-durch mich erhalten, legte ich ihre Hände auf den Tisch und zog mich
-nach der entgegengesetzten Seite des Zimmers zurück. Die Ohrenärzte
-nahmen nun ihre Versuche von neuem auf, aber mit ganz abweichenden
-Ergebnissen. Helen blieb während der ganzen Dauer der Experimente
-völlig teilnahmlos und verriet nicht im mindesten, daß sie etwas von
-dem Gesprochenen verstand. Auf meinen Vorschlag faßte einer der Herren
-sie bei der Hand, und die Anzeichen des Verständnisses wiederholten
-sich. Diesmal veränderten sich ihre Züge, so oft sie angeredet wurde,
-aber es trat kein so entschiedenes Aufleuchten ihres Antlitzes ein wie
-vorher, als ich ihre Hände festhielt.</p>
-
-<p>Einige Zeit nach dem obenerwähnten Besuch auf dem Kirchhofe (s. S.
-253) interessierte sich Helen für ein Pferd, das sich infolge eines
-Unfalls ein Bein schwer verletzt hatte, und ging täglich mit mir hin,
-um es zu besuchen. Das verwundete Bein wurde bald so schlimm, daß
-das Pferd an einem Balken aufgehängt werden mußte. Das Tier stöhnte
-vor Schmerz, und Helen, die sein Stöhnen vernahm, wurde von Mitleid
-erfüllt. Zuletzt wurde es nötig, das Pferd zu töten, und als sie es das
-nächstemal besuchen wollte, sagte ich ihr, es sei <em class="gesperrt">tot</em>. Dies war
-das erstemal, daß sie das Wort hörte. Ich setzte ihr dann auseinander,
-daß es erschossen worden sei, um von seinen Schmerzen erlöst zu werden,
-und daß man es <em class="gesperrt">begraben</em> &mdash; in die Erde gelegt habe. Ich bin
-geneigt, zu glauben, daß die Vorstellung, es sei absichtlich erschossen
-worden, keinen tiefen Eindruck auf sie machte; aber ich glaube,<span class="pagenum"><a name="Seite_272" id="Seite_272">[S. 272]</a></span> sie
-begriff die Tatsache, daß das Leben in dem Pferde erstorben war,
-wie bei den toten Vögeln oder anderen kleinen Tieren, von denen sie
-schon vor meiner Ankunft in Tuscumbia eines oder das andere in der
-Hand gehabt hatte, und ebenso daß das Pferd begraben worden war. Seit
-diesem Vorfall habe ich das Wort <em class="gesperrt">tot</em> stets gebraucht, wann sich
-die Gelegenheit dazu bot, ohne mich aber auf weitere Erläuterungen
-einzulassen.</p>
-
-<p>Während wir nun in Brewster in Massachusetts einen Besuch machten,
-begleitete Helen eines Tages meine Freundin und mich auf den Kirchhof.
-Sie untersuchte einen Stein nach dem anderen und schien sich zu freuen,
-wenn sie einen Namen entziffern konnte. Sie roch an den Blumen,
-zeigte aber kein Verlangen, sie zu pflücken, und als ich ihr einige
-pflückte, wollte sie sich dieselben nicht anstecken lassen. Als ihre
-Aufmerksamkeit von einer Marmorplatte, auf der der Name Florence in
-erhabenen Buchstaben ausgemeißelt war, gefesselt wurde, kauerte sie
-sich auf den Boden nieder, als suche sie etwas, wandte sich dann mit
-ganz verstörtem Gesicht zu mir und fragte: <span class="antiqua">Where is poor little
-Florence?</span> Dann setzte sie hinzu: <span class="antiqua">I think she is very dead. Who
-put her in big hole?</span> Als sie mit diesen traurig stimmenden Fragen
-fortfuhr, verließen wir den Kirchhof. Florence war die Tochter meiner
-Freundin, die als erwachsenes junges Mädchen gestorben war; ich hatte
-aber Helen nichts von ihr erzählt; ja, sie wußte nicht einmal, daß
-meine Freundin eine Tochter gehabt hatte. Helen hatte ein Bett und
-einen Wagen für ihre Puppen geschenkt bekommen, die sie benutzte wie
-alle anderen Geschenke. Als wir vom Kirchhofe nach Hause kamen, lief
-sie in das Zimmer, wo diese aufbewahrt wurden, und brachte sie meiner
-Freundin mit den Worten: <span class="antiqua">They are poor little Florence’s.</span> Dies
-traf zu, obgleich wir es nicht begriffen, wie sie dies hatte erraten
-können. Ein Brief, den sie im Laufe<span class="pagenum"><a name="Seite_273" id="Seite_273">[S. 273]</a></span> der nächsten Woche an ihre Mutter
-schrieb, schildert ihre Eindrücke mit ihren eigenen Worten:</p>
-
-<p>Ich lege meine kleinen Kinder in Florences kleines Bett, und fahre sie
-in ihrem Wagen umher. Die arme kleine Florence ist tot. Sie war sehr
-krank und starb. Frau H. weinte laut um ihr liebes kleines Kind. Sie
-ging in die Erde, und sie ist schmutzig, und sie friert (<span class="antiqua">She got in
-the ground and she is very dirty, and she is cold</span>). Florence war
-sehr hübsch wie Sadie, und Frau H. küßte und herzte sie oft. Florence
-ist sehr traurig in dem großen Loche (<span class="antiqua">Florence is very sad in big
-hole</span>). Doktor gab ihr Medizin, um sie gesund zu machen, aber die
-arme Florence wurde nicht gesund. Als sie sehr krank war, hustete und
-stöhnte sie im Bett. Frau H. will sie bald besuchen.</p>
-
-<p>Trotz der großen Regsamkeit ihres Geistes ist Helen ein ganz
-natürliches Kind. Sie liebt Scherz und Spiel und überhäuft andere
-Kinder mit Zärtlichkeiten. Sie ist niemals heftig oder reizbar, und
-ich habe sie nie ungeduldig gesehen, wenn ihre Spielgefährten sie
-nicht verstanden. Sie kann stundenlang mit Kindern spielen, die
-nicht ein einziges Wort von dem verstehen, was sie ihnen in die Hand
-buchstabiert, und es ist rührend, ihre lebhaften Bewegungen und ihre
-leidenschaftlichen Gesten zu beobachten, mittels deren sie ihre
-Gedanken und Empfindungen auszudrücken sucht. Gelegentlich versucht ein
-kleiner Knabe oder ein kleines Mädchen das Fingeralphabet zu erlernen.
-Dann gewährt es einen hübschen Anblick, zu sehen, mit welcher Geduld,
-Sanftmut und Ausdauer Helen sich bemüht, die ungelenken Finger ihrer
-kleinen Freunde in die richtige Lage zu bringen.</p>
-
-<p>Eines Tages, als Helen ein kleines Jackett trug, auf das sie sehr stolz
-war, sagte ihre Mutter zu ihr: Es ist hier ein armes kleines Mädchen,
-das keinen Mantel hat, um sich zu wärmen.<span class="pagenum"><a name="Seite_274" id="Seite_274">[S. 274]</a></span> Willst du ihr nicht den
-deinen geben? Helen begann sofort ihr Jackett auszuziehen und sagte:
-Ich muß es einem armen kleinen fremden Mädchen geben.</p>
-
-<p>Für Kinder, die jünger sind als sie selbst, hegt sie eine große
-Zuneigung, und ein Wiegenkind ruft stets alle mütterlichen Instinkte
-ihrer Natur wach. Sie behandelt ein solches Kind so zärtlich, wie es
-die sorgsamste Wärterin nicht besser tun könnte, und gibt allen seinen
-Launen nach.</p>
-
-<p>Obgleich sie im allgemeinen sehr geselligen Charakters ist, kann sie
-sich doch, wenn sie allein ist, stundenlang mit Stricken oder Nähen die
-Zeit vertreiben.</p>
-
-<p>Sie liest viel. Sie beugt sich mit gespanntem Blick über ihr Buch, und
-während der Zeigefinger ihrer linken Hand über die Zeilen hingleitet,
-buchstabiert sie die Wörter mit der anderen Hand; oft sind aber ihre
-Bewegungen so rasch, daß sie selbst für diejenigen unverständlich sind,
-die daran gewöhnt sind, den schnellen Bewegungen ihrer Finger zu folgen.</p>
-
-<p>Jede auch noch so leise Gefühlsregung findet in ihrem lebhaften
-Mienenspiel ihren Ausdruck. Ihr Verhalten ist natürlich und
-ungezwungen, und wegen ihrer Offenheit und augenscheinlichen
-Aufrichtigkeit bezaubernd. Ihr Gemüt ist zu selbstlos und liebevoll,
-als daß sie sich etwas von Unfreundlichkeit träumen ließe. Sie kann
-sich nicht vorstellen, daß jemand anders als liebreich und gut sein
-könnte. Sie ist sich keines Grundes bewußt, weswegen sie sich vor
-irgend etwas fürchten sollte; infolgedessen sind ihre Bewegungen frei
-und anmutig.</p>
-
-<p>Zu allen lebenden Wesen im Hause hegt sie eine große Zuneigung und
-will nicht, daß sie unfreundlich behandelt werden. Wenn sie im Wagen
-ausfährt, so will sie dem Kutscher nicht erlauben, die Peitsche zu
-gebrauchen, denn, sagt sie, „<span class="antiqua">poor horses will cry</span>“. Eines
-Morgens war sie sehr betrübt, als sie fand, daß einem der Hunde ein
-großes Stück Holz am Hals<span class="pagenum"><a name="Seite_275" id="Seite_275">[S. 275]</a></span>bande angebunden war. Wir erklärten ihr,
-dies sei geschehen, damit Pearl nicht fortlaufe. Helen drückte tiefes
-Mitgefühl dabei aus und suchte im Laufe des Tages bei jeder Gelegenheit
-Pearl auf, um ihm die Last tragen zu helfen.</p>
-
-<p>Ihr Vater schrieb ihr im vergangenen Sommer, daß die Vögel und Bienen
-ihm alle seine Weintrauben auffräßen. Zuerst war sie ganz empört
-darüber und meinte, die kleinen Tiere seien „<span class="antiqua">very wrong</span>“; sie
-schien sich aber zu beruhigen, als ich ihr erklärte, die Vögel und
-Bienen seien hungrig und wüßten nicht, daß es egoistisch sei, alle
-Früchte aufzuzehren. In einem kurze Zeit darauf geschriebenen Briefe
-wiederholte sie das von mir Gesagte fast wörtlich.</p>
-
-<p>Sie macht immer größere Fortschritte in der Aneignung der Sprache, je
-umfassender ihre Kenntnisse werden. Als diese noch gering waren, blieb
-ihr Wortschatz naturgemäß beschränkt; je mehr sie aber von der sie
-umgebenden Welt kennen lernt, desto zutreffender wird ihr Urteil, desto
-eindringender, lebhafter und schärfer ihr Verstand und desto fließender
-und logischer die Sprache, in der sie ihre regen Gedanken ausdrückt.</p>
-
-<p>Wenn wir reisen, so sitze ich neben ihr im Wagen und beschreibe
-ihr, was ich vom Fenster aus sehe &mdash; Hügel, Täler und Flüsse,
-Baumwollplantagen und Gärten, in denen Erdbeeren, Pfirsiche, Birnen,
-Melonen und Gemüse wachsen, Herden von Kühen und Pferden, die auf den
-weiten Wiesen weiden, Schafe an den Berglehnen, die Städte mit ihren
-Kirchen und Schulen, ihren Gasthöfen und Läden und die Beschäftigungen
-der Einwohner.</p>
-
-<p>Als sie das Fingeralphabet zu erlernen begann, hatte sie natürlich
-zuerst große Neigung, von einem Satze nur die wichtigsten Wörter zu
-gebrauchen. Sie sagte z.&nbsp;B.: <span class="antiqua">Helen milk.</span> Ich nahm die Milch,
-um ihr zu zeigen, daß sie das richtige Wort gebraucht hatte, gab
-ihr aber nicht eher zu trinken, als<span class="pagenum"><a name="Seite_276" id="Seite_276">[S. 276]</a></span> bis sie mit meiner Hilfe einen
-vollständigen Satz gebildet hatte, wie z.&nbsp;B.: <span class="antiqua">Give Helen some milk
-to drink.</span> Bei diesem ersten Unterricht ermunterte ich sie zu dem
-Gebrauch verschiedener Ausdrucksformen für denselben Gedanken. Aß sie
-ein Stückchen Zucker, so sagte ich: <span class="antiqua">Will Helen please give teacher
-some candy?</span> oder <span class="antiqua">teacher would like to eat some of Helen’s
-candy</span>, wobei ich das <span class="antiqua">’s</span> besonders hervorhob. Sie begriff
-sehr bald, daß derselbe Gedanke auf sehr verschiedene Weise ausgedrückt
-werden könne. Zwei bis drei Monate nach meiner Ankunft in Tuscumbia
-sagte sie: <span class="antiqua">Helen wants to go to bed</span> oder <span class="antiqua">Helen is sleepy, and
-Helen will go to bed</span>.</p>
-
-<p>Ich werde fortwährend gefragt: Wie machten Sie Ihrer Schülerin
-die Bedeutung von Wörtern klar, die intellektuelle und moralische
-Eigenschaften bezeichnen? Ich glaube, es geschah mehr auf dem Wege der
-Assoziation und Wiederholung als durch eine Erläuterung meinerseits.
-Namentlich gilt dies von den ersten Lektionen, als ihre Kenntnis der
-Sprache noch so gering war, daß eine Erläuterung unmöglich war.</p>
-
-<p>Ich habe es stets so gehalten, daß ich Wörter, die Gemütsbewegungen,
-intellektuelle oder moralische Eigenschaften und Handlungen
-bezeichneten, in Verbindung mit dem Umstande gebrauchte, der diese
-Bezeichnung verdiente. Bald nach meiner Ankunft zerbrach Helen ihre
-neue Puppe, die sie sehr liebte. Sie begann zu weinen. Ich sagte ihr:
-<span class="antiqua">teacher is <em class="gesperrt">sorry</em></span>. Nach einigen Wiederholungen gelangte
-sie dahin, daß sie das Wort mit dem Gefühl assoziierte.</p>
-
-<p>Auf dieselbe Weise lernte die das Wort <span class="antiqua">happy</span>, ebenso
-<span class="antiqua">right</span>, <span class="antiqua">wrong</span>, <span class="antiqua">good</span>, <span class="antiqua">bad</span> und andere
-Adjektiva. Das Wort <span class="antiqua">love</span> lernte sie wie andere Kinder &mdash; durch
-die Verbindung mit Liebkosungen.</p>
-
-<p>Eines Tages legte ich Helen eine einfache Frage vor, auf die
-sie zerstreut antwortete. Ich schalt sie, und sie stand<span class="pagenum"><a name="Seite_277" id="Seite_277">[S. 277]</a></span> still,
-während der Ausdruck ihres Gesichtes deutlich verriet, daß sie
-nachzudenken versuchte. Ich berührte ihre Stirn und buchstabierte
-<span class="antiqua nowrap">t&ndash;h&ndash;i&ndash;n&ndash;k</span>. Das Wort, in dieser Weise mit der Handlung
-verbunden, schien sich ihrem Geiste genau so einzuprägen, wie wenn
-ich ihre Hand auf einen Gegenstand gelegt und dann seinen Namen
-buchstabiert hätte. Seit dieser Zeit gebrauchte sie stets das Wort
-<span class="antiqua">think</span>.</p>
-
-<p>Später begann ich Wörter zu gebrauchen wie <span class="antiqua">perhaps</span>,
-<span class="antiqua">suppose</span>, <span class="antiqua">expect</span>, <span class="antiqua">forget</span>, <span class="antiqua">remember</span>. Wenn
-Helen fragte: <span class="antiqua">Where is mother now?</span> antwortete ich: <span class="antiqua">I do not
-know.</span> <span class="antiqua"><em class="gesperrt">Perhaps</em> she is with Leila.</span></p>
-
-<p>Sie will stets die Namen der Leute wissen, die wir in der Pferdebahn
-oder sonstwo treffen, und erfahren, wohin sie gehen und was sie zu tun
-beabsichtigen. Unterhaltungen wie die folgende sind nichts Seltenes:</p>
-
-<p class="mtop1"><em class="gesperrt">Helen</em>. Wie heißt der kleine Knabe?</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Lehrerin</em>. Ich weiß es nicht, denn er ist ein kleiner Knabe,
-den ich nicht kenne; aber <em class="gesperrt">vielleicht</em> heißt er Jack (<span class="antiqua">... but
-<em class="gesperrt">perhaps</em> his name is Jack</span>).</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Helen</em>. Wo geht er hin?</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Lehrerin</em>. <em class="gesperrt">Möglicherweise</em> geht er nach dem Parke, um sich
-mit anderen Knaben umherzutummeln (<span class="antiqua">He <em class="gesperrt">may be</em> going to the
-Common to have fun with other boys</span>).</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Helen</em>. Was wird er spielen?</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Lehrerin</em>. Ich vermute, er wird Ball spielen (<span class="antiqua">I
-<em class="gesperrt">suppose</em>, he will play ball</span>).</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Helen</em>. Was tun die Knaben jetzt?</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Lehrerin</em>. <em class="gesperrt">Vielleicht</em> warten sie auf Jack.
-(<span class="antiqua"><em class="gesperrt">Perhaps</em> they are expecting Jack.</span>)</p>
-
-<p class="mtop1">Nachdem ihr die Worte vertraut geworden sind, wendet sie sie in
-schriftlichen Ausarbeitungen an, wie das folgende Beispiel zeigt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_278" id="Seite_278">[S. 278]</a></span></p>
-
-<p class="right mright1 mtop1">26. September [1888]</p>
-
-<p>Heut früh saßen Lehrerin und ich am Fenster, und wir sahen einen
-kleinen Knaben auf dem Trottoir gehen. Es regnete sehr stark, und er
-hatte einen sehr großen Schirm zum Schutz gegen die Regentropfen.</p>
-
-<p>Ich weiß nicht, wie alt er war, <em class="gesperrt">glaube</em> aber, er ist
-<em class="gesperrt">möglicherweise</em> sechs Jahre alt gewesen (<span class="antiqua">but <em class="gesperrt">think</em> he
-<em class="gesperrt">may have been</em> six years old</span>). <em class="gesperrt">Vielleicht</em> hieß er Joe
-(<span class="antiqua"><em class="gesperrt">Perhaps</em> his name was Joe</span>). Ich weiß nicht, wohin er
-ging, weil ich ihn nicht kenne. Aber <em class="gesperrt">vielleicht</em> schickte ihn
-seine Mutter in einen Laden, um etwas für das Mittagessen einzukaufen
-(<span class="antiqua">But <em class="gesperrt">perhaps</em> his mother sent him to a store to buy something
-for dinner</span>). Er hatte eine Tasche in der Hand. Ich <em class="gesperrt">vermute</em>,
-er brachte sie seiner Mutter (<span class="antiqua">I <em class="gesperrt">suppose</em> he was going to take
-it to his mother</span>).</p>
-
-<p class="mtop2">Bei meinem Unterricht habe ich kein bestimmtes System zugrunde gelegt.
-Ich habe die spontanen Geistesregungen meiner Schülerin beobachtet und
-versucht, die mir dadurch gegebenen Winke zu befolgen.</p>
-
-<p>Wegen Helens Nervosität habe ich alle Vorsichtsmaßregeln getroffen,
-um eine übermäßige Belastung ihres an sich schon äußerst lebhaft
-arbeitenden Gehirns zu verhüten. Den größten Teil des Jahres haben wir
-auf Reisen nach verschiedenen Städten zugebracht, und ihr Unterricht
-ist durch die mannigfaltigen Orte, durch die wir gekommen sind, und die
-Erfahrungen, die wir hier gesammelt haben, bestimmt worden. Sie zeigt
-denselben Eifer wie zu Anfang. Niemals ist es erforderlich, sie zum
-Lernen anzuhalten, ja, ich muß sie sogar mitunter nötigen, ein Exempel
-oder einen Aufsatz unbeendet zu lassen.</p>
-
-<p>Während ich mich durch kein bestimmtes pädagogisches<span class="pagenum"><a name="Seite_279" id="Seite_279">[S. 279]</a></span> System leiten
-ließ, war es mein stetes Streben, Helens allgemeine Bildung und
-Intelligenz zu fördern, ihre Kenntnisse in Bezug auf die sie umgebende
-Welt zu erweitern und sie an ein ungezwungenes und natürliches
-Zusammenleben mit den Menschen zu gewöhnen. Ich habe sie zur Führung
-eines Tagebuches ermuntert, aus dem ich das folgende mitteile (vergl.
-<a href="#Tagebuch">S. 261</a>).</p>
-
-<p class="right mright1 mtop1">22. März 1888.</p>
-
-<p>Herr Anagnos besuchte mich am Donnerstag. Ich war froh, ihn herzen
-und küssen zu können. Er sorgt für sechzig kleine blinde Mädchen und
-siebzig kleine blinde Knaben. Ich liebe sie. Kleine blinde Mädchen
-schickten mir einen hübschen Arbeitskorb. Ich fand darin Schere
-und Zwirn und Nadelbuch mit vielen Nadeln darin und Häkelhaken und
-Fingerhut und Schachtel und Zentimetermaß und Knöpfe und Nadelkissen.
-Ich will kleinen blinden Mädchen einen Brief schreiben, um ihnen zu
-danken. Ich will hübsche Kleider für Nancy und Adeline und Allie
-machen. Im Mai will ich nach Cincinnati gehen und ein anderes Kind
-kaufen. Dann werde ich vier Kinder haben. Der Name des neuen Kindes
-ist Harry. Herr Wilson und Herr Mitchell besuchten uns am Sonntag.
-Herr Anagnos ging am Montag nach Louisville, um kleine blinde Kinder
-zu besuchen. Mutter ging nach Huntsville. Ich schlief bei Vater und
-Mildred bei Lehrerin. Ich lernte über »heiter«. Es bedeutet ruhig und
-froh (<span class="antiqua">I did learn about calm. It does mean quiet and happy</span>).
-Onkel Morrie schickte mir hübsche Geschichten. Ich lese über Vögel. Die
-Wachtel legt fünfzehn bis zwanzig Eier, und sie sind weiß. Sie baut
-ihr Nest auf den Erdboden. Der Eisvogel baut sein Nest in einen hohlen
-Baum, und seine Eier sind blau. Die Eier des Rotkehlchens sind grün.
-Ich lernte ein Liedchen über Frühling. März, April, Mai sind Frühling.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_280" id="Seite_280">[S. 280]</a></span></p>
-
-<div class="poetry-container s5 antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Now melts the snow,</div>
- <div class="verse">The warm winds blow</div>
- <div class="verse">The waters flow</div>
- <div class="verse">And robin dear,</div>
- <div class="verse">Is come to show</div>
- <div class="verse">That Spring is here.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>James tötete Schnepfen zum Frühstück. Kleine Hühnchen wurden sehr
-kalt und starben. Ich bin traurig. Lehrerin und ich fuhren auf dem
-Tennesseeflusse in einem Boote. Ich sah Herrn Wilson und James mit
-Rudern rudern. Boot glitt schnell dahin und ich steckte Hand in Wasser
-und fühlte es fließen.</p>
-
-<p>Ich fing Fisch mit Haken und Leine und Rute. Wir kletterten auf hohen
-Berg, und Lehrerin fiel und zerschlug ihren Kopf. Ich aß sehr kleinen
-Fisch zum Abendbrot. Ich las über Kuh und Kalb. Die Kuh liebt Gras zu
-essen wie Mädchen Brot und Butter und Milch. Kleines Kalb springt und
-läuft ins Feld. Es liebt zu hüpfen und zu spielen, denn es ist froh,
-wenn die Sonne hell und warm ist. Kleiner Knabe liebte sein Kalb. Und
-er sagte: Ich will dich küssen, kleines Kalb, und er legte seine Arme
-um des Kalbes Hals und küßte es. Das Kalb leckte gutes Knaben Gesicht
-mit langer rauher Zunge. Kalb braucht Mund nicht weit zu öffnen, um
-zu küssen. Ich bin müde, und Lehrerin wünscht nicht, daß ich länger
-schreibe.</p>
-
-<p class="mtop2">Im Herbst besuchte Helen einen Zirkus (vergl.
-<a href="#Zirkus">S. 253 f.</a>). Während
-wir vor den Käfigen standen, brüllte der Löwe, und Helen fühlte
-die Erschütterung der Luft so deutlich, daß sie den Ton ganz genau
-nachahmen konnte.</p>
-
-<p>Ich versuchte ihr das Aussehen eines Kamels zu beschreiben; da wir
-aber das Tier nicht berühren durften, fürchtete ich, sie hätte keine
-richtige Vorstellung von seiner Gestalt be<span class="pagenum"><a name="Seite_281" id="Seite_281">[S. 281]</a></span>kommen. Ein paar Tage später
-hörte ich jedoch eine Bewegung im Unterrichtszimmer, und als ich
-eintrat, fand ich Helen auf allen vieren mit einem Kissen auf ihrem
-Rücken, das so befestigt war, daß es in der Mitte eine Vertiefung und
-auf jeder Seite einen Höcker bildete. Zwischen diese Höcker hatte sie
-ihre Puppe gesetzt, die sie nun auf sich im Zimmer herumreiten ließ.
-Ich beobachtete sie längere Zeit, während sie sich herumbewegte und
-lange Schritte zu machen versuchte, um den Gang des Kamels, wie ich ihn
-ihr beschrieben hatte, getreu nachzuahmen. Als ich sie fragte, was sie
-denn da mache, antwortete sie: <span class="antiqua">I am a very funny camel.</span></p>
-
-<p>Als eines Tages Helens Pony und Esel nebeneinander standen, ging sie
-von einem zum anderen und untersuchte beide Tiere genau. Endlich legte
-sie ihre Hand auf Neddys Kopf und sprach zu ihm: Ja, lieber Neddy, es
-ist wahr, daß du nicht so schön wie Black Beauty bist. Dein Körper ist
-nicht so schön gebildet, dein Auge blickt nicht so stolz, und dein Hals
-wölbt sich nicht. Außerdem siehst du mit deinen langen Ohren etwas
-komisch aus. Natürlich kannst du nichts dafür, und ich liebe dich genau
-so, als wenn du das schönste Geschöpf von der Welt wärest. &mdash; Helen
-hatte an der Geschichte von »Black Beauty« großes Gefallen gefunden.
-Wie rasch ihre Auffassungsgabe und ihr Assoziationsvermögen sind, geht
-am besten aus dem folgenden hervor. Ich hatte ihr den Abschnitt der
-Geschichte vorgelesen, in dem es heißt:</p>
-
-<p>„Das Pferd war ein alter, abgetriebener Brauner mit struppigem Fell und
-Knochen, die überall hervorstanden; die Kniee waren eingeknickt, und
-die Vorderbeine zitterten heftig. Ich fraß soeben etwas Heu, und der
-Wind trieb ein kleines Häufchen davon fort; das arme Geschöpf streckte
-seinen langen, mageren Hals aus, um es aufzunehmen, wandte sich
-dann um und suchte umher, ob es nicht noch etwas fände. Es lag<span class="pagenum"><a name="Seite_282" id="Seite_282">[S. 282]</a></span> ein
-hoffnungsloser Ausdruck in den trüben Augen, den ich nicht umhinkonnte,
-zu bemerken, und als ich dann nachdachte, wo ich dieses Pferd wohl
-schon gesehen haben könnte, sah es mich voll an und fragte: Black
-Beauty, bist du es?“</p>
-
-<p>Als ich soweit gekommen war, preßte Helen meine Hand zusammen, zum
-Zeichen, daß ich nicht weiterlesen solle. Sie schluchzte krampfhaft.
-„Es war der arme Ginger,“ &mdash; war alles, was sie anfangs sagen konnte.
-Später, als sie imstande war, über die Erzählung zu sprechen, sagte
-sie: „Armer Ginger! Die Worte zauberten mir ein deutliches Bild vor die
-Seele. Ich sah den armen Ginger leibhaftig vor mir; all seine Schönheit
-war dahin, sein herrlich geschwungener Nacken war gesenkt, aller Mut
-aus seinem feurigen Auge, alle Anmut aus seiner Haltung verschwunden.
-O wie schrecklich war das! Ich hatte vorher noch nie gewußt, daß eine
-solche Veränderung mit einem Geschöpfe vor sich gehen könnte. Der arme
-Ginger hatte wenig Freude und viel Trauriges erlebt.“ &mdash; Nach einem
-Weilchen fuhr sie bekümmert fort: „Ich fürchte, vielen Menschen ergeht
-es genau so wie Ginger.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Heut früh las Helen zum ersten Male Bryants Gedicht: »<span class="antiqua">Oh, mother of
-a mighty race!</span>« Ich sagte zu ihr: Wenn du das Gedicht ausgelesen
-hast, so sage mir, wer nach deiner Ansicht die Mutter ist. &mdash; Als
-sie bis zu dem Verse gelangte: »<span class="antiqua">There’s freedom at thy gates, and
-rest</span>«, rief sie aus: „Es ist Amerika. Das Tor ist, glaube ich,
-die Stadt New York, und unter der »Freiheit« ist die große Statue
-der Freiheitsgöttin zu verstehen.“ &mdash; Als sie das Gedicht »<span class="antiqua">The
-Battlefield</span>« von demselben Verfasser gelesen hatte, fragte ich sie,
-welche Strophe sie für die schönste halte. Sie antwortete: Am bestem
-gefällt mir folgende:</p>
-
-<div class="poetry-container s5 antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Truth crushed to earth shall rise again;</div>
- <div class="verse mleft1">The eternal years of God are hers;</div>
-<span class="pagenum"><a name="Seite_283" id="Seite_283">[S. 283]</a></span>
- <div class="verse">But Error, wounded, writhes with pain,</div>
- <div class="verse mleft1">And dies among his worshipers.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Sie kann sich mit einem Schlage in den Mittelpunkt der Begebenheiten
-einer Erzählung versetzen. Sie freut sich, wenn die Gerechtigkeit
-siegt, sie ist traurig, wenn die Tugend unterliegt, und ihr Antlitz
-strahlt vor Bewunderung und Ehrfurcht, wenn Heldentaten geschildert
-werden. Sie dringt sogar in den Geist der Schlacht ein, und sagt: „Ich
-glaube, es ist die Pflicht der Männer, gegen Uebeltäter und Tyrannen zu
-kämpfen.“</p>
-
-<hr class="r10" />
-
-<p>Fräulein Sullivans zusammenhängende Darstellung in dem Jahresbericht
-des Perkinsschen Institutes für 1891 lautet folgendermaßen:</p>
-
-<p class="mtop2">Im Verlaufe der letzten drei Jahre hat Helen immer größere Fortschritte
-in der Aneignung der Sprache gemacht. Sie hat einen Vorteil vor
-normalen Kindern voraus, nämlich den, daß keine äußere Störung sie von
-ihren Studien ablenkt.</p>
-
-<p>Aber dieser Vorteil schließt andererseits auch einen Nachteil ein;
-die Gefahr einer übermäßigen geistigen Anstrengung. Ihr Geist ist so
-geartet, daß sie sich in einem Zustand fieberischer Unruhe befindet,
-sobald sie sich bewußt wird, daß es etwas gibt, was sie nicht versteht.
-Ich kann mich keines Falles erinnern, in dem sie geneigt gewesen wäre,
-eine Arbeit liegen zu lassen, wenn sie fühlte, es handle sich dabei um
-etwas, was sie nicht verstand. Wenn ich ihr riet, eine Rechenaufgabe
-bis zum anderen Tag liegen zu lassen, antwortete sie: „Ich glaube, es
-würde meinen Geist kräftigen, wenn ich sie jetzt löste.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Vor einiger Zeit sprachen wir eines Abends über Tariffragen. Helen
-wünschte, ich möchte ihr den Gegenstand er<span class="pagenum"><a name="Seite_284" id="Seite_284">[S. 284]</a></span>klären. Ich sagte: „Nein,
-das kannst du jetzt noch nicht verstehen.“ &mdash; Sie schwieg einen
-Augenblick; dann aber fragte sie erregt: „Woher wissen Sie denn, daß
-ich es nicht verstehen kann? Ich habe einen klaren Verstand. Sie müssen
-bedenken, liebes Fräulein, daß bei den Griechen die Eltern sehr eifrig
-um ihre Kinder besorgt waren und ihnen Gelegenheit gaben, weise Reden
-zu hören, und ich glaube, sie verstanden wenigstens einen Teil von dem
-Gesagten.“ &mdash; Ich habe gefunden, es ist das beste, ihr nicht zu sagen,
-sie könne etwas nicht verstehen, weil sie fast unfehlbar dabei in
-Aufregung gerät.</p>
-
-<p>Vor nicht allzu langer Zeit suchte ich ihr zu zeigen, wie sie aus
-ihren Baukastensteinen einen Turm errichten könne. Als die Ausführung
-etwas verwickelt wurde, brachte die leiseste Erschütterung den Bau zum
-Einsturz. Nach einer Weile verlor ich die Geduld und sagte ihr, ich
-fürchtete, sie könne mit dem Turm nicht zustande kommen; ich wollte
-ihn für sie bauen; allein sie wollte nichts davon wissen. Sie war
-fest entschlossen, den Turm selbst zu bauen, und beinahe drei Stunden
-arbeitete sie unermüdlich weiter, sammelte geduldig die Steine auf,
-wenn sie zusammengefallen waren, und begann von neuem, bis endlich
-ihre Arbeit von Erfolg gekrönt war. Der Turm stand in jeder Einzelheit
-vollendet da.</p>
-
-<p>Bis zum Oktober 1889 hielt ich es für das beste, mich bei Helens
-Unterricht an keinen geregelten Stundenplan zu binden. Die ersten
-beiden Jahre ihres geistigen Lebens glich sie einem Kinde in einem
-fremden Lande, wo ihr alles neu und verworren vorkam, und solange sie
-sich noch keine genügende Kenntnis der Sprache angeeignet hatte, war es
-unmöglich, ihr systematischen Unterricht zu erteilen.</p>
-
-<p>Außerdem war Helens Wißbegierde während dieser Jahre so groß, daß
-ihre Fortschritte in der Aneignung der Sprache gehemmt worden wären,
-wenn die Beantwortung der fort<span class="pagenum"><a name="Seite_285" id="Seite_285">[S. 285]</a></span>während auftauchenden Fragen bis nach
-der Beendigung der Unterrichtsstunde verschoben worden wäre. Aller
-Wahrscheinlichkeit nach würde sie dann die Frage vergessen haben und
-eine gute Gelegenheit zur Erläuterung eines Punktes von wirklichem
-Interesse verloren gegangen sein. Daher habe ich es stets für das
-beste gehalten, meiner Schülerin alles, was sie zu wissen verlangte,
-klarzumachen, mochte es nun auf den gerade vorliegenden Gegenstand
-Bezug haben oder nicht.</p>
-
-<p>Seit dem Oktober 1889 wurde der Unterricht systematischer und umfaßte
-Rechnen, Geographie, Zoologie, Botanik und Lesen.</p>
-
-<p>Im Rechnen hat sie bedeutende Fortschritte gemacht. Sie kann
-multiplizieren, addieren, subtrahieren und dividieren und scheint die
-Rechnungsoperationen zu verstehen; sie steht jetzt bei den unechten
-Brüchen. Auch im schriftlichen Rechnen sind ihre Leistungen gut. Ihr
-Geist arbeitet so rasch, daß, wenn ich ihr ein Exempel aufgebe, sie mir
-oft schon die richtige Antwort gibt, ehe ich Zeit habe, ihr die ganze
-Frage in die Hand zu schreiben. Auf die sprachliche Form achtet sie bei
-der Stellung einer Aufgabe wenig und fragt selten nach der Bedeutung
-ihr unbekannter Wörter oder Redewendungen. Als ihr einst eine Aufgabe
-großes Kopfzerbrechen machte, schlug ich ihr vor, einen Spaziergang zu
-machen, dann würde sie ihr vielleicht leichter fallen. Sie schüttelte
-aber energisch den Kopf und sagte: Meine Feinde würden glauben, ich
-liefe vor ihnen davon. Nein, ich muß ausharren und sie jetzt überwinden
-&mdash; und sie tat es.</p>
-
-<p>Der intellektuelle Fortschritt, den Helen in den letzten beiden Jahren
-gemacht hat, zeigt sich in ihrer zunehmenden Beherrschung der Sprache
-und ihrer Fähigkeit, feinere Nuancen in der Bedeutung der Wörter zu
-erkennen, deutlicher als in jedem anderen Unterrichtszweige.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_286" id="Seite_286">[S. 286]</a></span></p>
-
-<p>Es vergeht nicht ein Tag, ohne daß sie eine ganze Anzahl neuer Wörter
-lernt, und dies sind nicht nur die Bezeichnungen konkreter Gegenstände.
-Zum Beispiel wünschte sie eines Tages die Bedeutung folgender Wörter
-kennenzulernen: <span class="antiqua">phenomenon</span>, <span class="antiqua">comprise</span>, <span class="antiqua">energy</span>,
-<span class="antiqua">reproduction</span>, <span class="antiqua">extraordinary</span>, <span class="antiqua">perpetual</span> und
-<span class="antiqua">mystery</span>. Einige dieser Wörter haben mehrere Bedeutungen, die,
-von einfacheren beginnend, allmählich zu abstrakteren emporsteigen.
-Es würde ein aussichtsloses Unternehmen gewesen sein, Helen die
-feineren Bedeutungen des Wortes <span class="antiqua">mystery</span> klarzumachen, aber sie
-begriff mit leichter Mühe, daß es etwas Verborgenes oder Verstecktes
-bedeute, und wenn sie erst größere Fortschritte gemacht hat, wird sie
-die feinen Bedeutungen des Wortes ebenso leicht auffassen wie jetzt
-die einfacheren. Bei der Behandlung eines Themas läßt es sich gar
-nicht vermeiden daß anfangs Wörter und Konstruktionen vorkommen, die
-nicht eher voll verstanden werden können, als bis der Schüler einen
-bedeutenden Fortschritt gemacht hat; ich habe es jedoch für das beste
-gehalten, meiner Schülerin anfangs nur einfache Erläuterungen zu
-geben in der Meinung, daß diese, mögen sie auch etwas unbestimmt und
-unvollständig sein, einander unterstützen werden und daß das, was heut
-unklar ist, morgen klar sein wird.</p>
-
-<p>Ich betrachte meine Schülerin als ein freies und selbsttätiges Wesen,
-dessen spontane Antriebe meine zuverlässigsten Führer sein müssen.
-Ich habe stets zu Helen genau so gesprochen wie zu einem sehenden und
-hörenden Kinde und darauf gedrungen, daß die anderen es ebenso machten.
-Wenn mich jemand fragt, ob sie dies oder jenes verstehen werde,
-antworte ich stets: Es kommt gar nicht darauf an, ob sie jedes einzelne
-Wort eines Satzes versteht oder nicht. Sie wird die Bedeutung der ihr
-unbekannten Wörter aus deren Verbindung mit anderen erraten, die ihr
-schon bekannt sind.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_287" id="Seite_287">[S. 287]</a></span></p>
-
-<p id="Wortspiel">Die Auswahl der Bücher, die Helen lesen sollte, habe ich nie mit Bezug
-auf die Taubheit und Blindheit meiner Schülerin getroffen. Sie liest
-nur die Bücher, an deren Lektüre sich sehende und hörende Kinder ihres
-Alters erfreuen. Natürlich war es anfangs notwendig, daß der Inhalt
-leicht verständlich und fesselnd und daß die Sprache rein und schlicht
-war. Sie hatte die Druckschrift erlernt, und eine Zeitlang hatte sie
-sich damit unterhalten, mit Hilfe von Pappstreifen, auf denen die
-Wörter in erhöhten Lettern gedruckt waren, einfache Sätze zu bilden;
-aber diese Sätze standen in keiner näheren Beziehung zueinander. Eines
-Morgens fingen wir eine Maus, und ich verfiel auf den Gedanken, Helens
-Interesse mit Hilfe einer lebenden Maus und einer lebenden Katze
-anzuregen, indem ich einige Sätze in einer Weise zusammenstellte, daß
-sie eine kleine Geschichte bildeten, um ihr so einen neuen Begriff von
-dem Werte der Sprache zu geben. Ich stellte also die folgenden Sätze in
-dem Rahmen zusammen und gab ihn Helen: „Die Katze sitzt auf der Kiste.
-Eine Maus sitzt in der Kiste. Die Katze kann die Maus sehen. Die Katze
-möchte die Maus gern fressen. Laß die Katze die Maus nicht fangen!
-Die Katze kann etwas Milch bekommen, und die Maus kann etwas Kuchen
-bekommen.“ Das Wort »<span class="antiqua">the</span>« war ihr unbekannt, und sie wollte es
-natürlich erklärt haben. Da es aber bei dem damaligen Stande ihrer
-Ausbildung zwecklos gewesen wäre, ihr seinen Gebrauch zu erklären, so
-machte ich gar nicht erst einen Versuch dazu, sondern leitete ihren
-Finger zum nächsten Worte hin, das sie mit einem strahlenden Lächeln
-erkannte. Als ich nun ihre Hand auf die Katze legte, die auf der Kiste
-saß, stieß sie einen leichten Schrei der Ueberraschung aus, und der
-übrige Teil des Satzes wurde ihr sofort klar. Als sie die Wörter des
-zweiten Satzes gelesen hatte, zeigte ich ihr, daß sich wirklich eine
-Maus in der Kiste befand. Dann bewegte sie ihren Finger mit<span class="pagenum"><a name="Seite_288" id="Seite_288">[S. 288]</a></span> einem
-Ausdruck regen Interesses bis zur nächsten Zeile. „Die Katze kann die
-Maus sehen.“ Hierbei ließ ich die Katze die Maus erblicken und Helen
-die Katze befühlen. Der Ausdruck in den Zügen des kleinen Mädchens
-verriet, daß es ganz erstaunt war. Ich lenkte nun Helens Aufmerksamkeit
-auf die folgende Zeile, und obgleich sie nur die drei Wörter cat, eat
-und mouse kannte, verstand sie doch sofort den Inhalt des Satzes.
-Sie nahm die Katze weg und setzte sie auf den Fußboden, indem sie
-zugleich den Rahmen über die Kiste deckte. Als sie las: „Laß die Katze
-die Maus nicht fangen!“ (<span class="antiqua">Do not let the cat get the mouse!</span>),
-bemerkte sie die Negation in dem Satze und schien zu begreifen, daß
-die Katze die Maus nicht fangen dürfe. <span class="antiqua">Get</span> und <span class="antiqua">let</span>
-waren ihr unbekannt. Die Wörter des letzten Satzes waren ihr bekannt,
-und sie war entzückt, als sie die Erlaubnis erhielt, sie in die Tat
-umzusetzen. Aus den Zeichen, die sie machte, entnahm ich, daß sie eine
-neue Geschichte wünschte, und ich gab ihr ein Buch mit ganz kurzen und
-in der einfachsten Sprache gehaltenen Erzählungen. Sie ließ ihre Finger
-über die Zeilen gleiten, fand die Wörter heraus, die sie kannte, und
-erriet die Bedeutung der übrigen &mdash; alles in einer Weise, die auch den
-konservativsten Pädagogen zu der Ueberzeugung bringen würde, daß ein
-kleines taubstummes Kind, wenn ihm die Gelegenheit dazu geboten wird,
-ebenso leicht und auf ebenso natürlichem Wege lesen lernt wie normale
-Kinder.</p>
-
-<p>Ich bin darum überzeugt, daß Helens Gewandtheit im englischen Ausdruck
-großenteils eine Folge ihrer fleißigen Lektüre ist. Sie liest oft zwei
-bis drei Stunden hintereinander und legt selbst dann das Buch nur
-widerstrebend zur Seite. Als wir eines Tages die Bibliothek verließen,
-erschien sie mir ernster als gewöhnlich, und ich erkundigte mich nach
-der Ursache davon. „Ich muß daran denken, wieviel klüger wir<span class="pagenum"><a name="Seite_289" id="Seite_289">[S. 289]</a></span> immer
-sind, wenn wir hier herauskommen, als wenn wir hineingehen,“ &mdash; lautete
-ihre Antwort.</p>
-
-<p>Auf die Frage, warum sie Bücher so sehr liebe, erwiderte sie einst:
-Weil sie mir so viel Interessantes über Dinge erzählen, die ich nicht
-sehen kann, und weil sie niemals müde oder schlechter Laune sind wie
-die Menschen. Sie erzählen mir alles und jedes, was ich zu wissen
-wünsche.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Als wir Dickens’ »<span class="antiqua">Child’s History of England</span>« lasen, kamen
-wir an den Satz: „Noch war der Mut der Briten nicht gebrochen“. Ich
-fragte, was dies nach ihrer Meinung bedeute. Sie entgegnete: „Ich
-glaube, es bedeutet, daß die tapferen Briten nicht entmutigt waren, daß
-die Römer so viele Schlachten gewonnen hatten, und sie nur umsomehr
-zu vertreiben wünschten.“ &mdash; Es wäre ihr nicht möglich gewesen, die
-einzelnen Wörter dieses Satzes zu erklären, und doch faßte sie den Sinn
-der Stelle ganz richtig auf und war imstande, ihn mit ihren eigenen
-Worten wiederzugeben. Die nächsten Zeilen enthalten noch schwieriger
-zu verstehende Wendungen: „Als Suetonius das Land verließ, griffen
-sie seine Truppen an und eroberten die Insel Anglesea zurück.“ &mdash;
-Ihre Erläuterung dieses Satzes lautete folgendermaßen: „Es bedeutet,
-daß, als der römische General fortgegangen war, die Briten wiederum
-zu kämpfen begannen, und weil die römischen Soldaten keinen General
-hatten, der ihnen hätte sagen können, was sie tun sollten, so wurden
-sie von den Briten überwunden und verloren die Insel, die sie erobert
-hatten.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Sie zieht geistige Beschäftigungen Handarbeiten vor und liebt Häkeln,
-Stricken und dergl. nicht in dem Maße wie viele blinde Kinder; aber
-sie will es ihnen durchaus in allen Leistungen gleichtun. Sie hat die
-Benutzung der Schreibmaschine erlernt und schreibt sehr korrekt, wenn
-auch bis jetzt<span class="pagenum"><a name="Seite_290" id="Seite_290">[S. 290]</a></span> noch nicht allzuschnell, da sie erst die Uebung von
-nicht ganz einem Monat hinter sich hat.</p>
-
-<p>Vor länger als zwei Jahren lehrte ein Vetter sie das
-Telegraphenalphabet, indem er ihr die Punkte und Striche mit seinem
-Finger auf dem Rücken ihrer Hand vormachte. So oft sie jemanden
-antrifft, der mit diesem System bekannt ist, so ist sie erfreut, es bei
-der Unterhaltung in Anwendung bringen zu können. Ich habe gefunden,
-daß es ein bequemes Verständigungsmittel zwischen uns abgibt, wenn
-sich Helen in einiger Entfernung von mir befindet, denn es macht es
-mir möglich, mit ihr zu sprechen, indem ich mit meinem Fuße auf den
-Boden klopfe. Sie fühlt die Erschütterungen und versteht, was ich ihr
-mitzuteilen habe.</p>
-
-<p>Man hatte in Gelehrtenkreisen gehofft, eine so hervorragend begabte
-Natur wie Helen würde, wenn sie völlig auf ihre eigenen Hilfskräfte
-angewiesen bliebe, Gelegenheit bieten, verschiedene psychologische
-Fragen, die von <span class="antiqua">Dr.</span> Howe noch nicht erschöpfend beantwortet worden
-waren, ihrer Lösung näher zu bringen; aber diese Hoffnungen sollten
-nicht in Erfüllung gehen. Bei Helen war ebenso wie bei Laura Bridgman
-eine Enttäuschung unvermeidlich. Es ist unmöglich, ein Kind inmitten
-der Gesellschaft so zu isolieren, daß es von den Anschauungen derer,
-mit denen es zusammenlebt, ganz unbeeinflußt bleibt. Bei Helen hätte
-eine solche Absicht nur dadurch erreicht werden können, daß man sie dem
-Verkehr mit anderen, der ihrer Natur so unentbehrlich ist, entzogen
-hätte.</p>
-
-<p>Es mußte allen, die die rasche Entwickelung von Helens Anlagen
-beobachteten, klar sein, daß es unmöglich war, ihren wißbegierigen
-Geist auf die Dauer von der Beschäftigung mit den unergründlichen
-Geheimnissen des Lebens abzuhalten. Aber es wurde große Sorgfalt darauf
-verwandt, ihre Gedanken nicht vor der Zeit auf Gegenstände zu lenken,
-die für<span class="pagenum"><a name="Seite_291" id="Seite_291">[S. 291]</a></span> jedermann ein unentwirrbares Rätsel bleiben. Kinder stellen
-tiefe Fragen, erhalten aber oft seichte Antworten, oder, um richtiger
-zu sprechen, sie beruhigen sich bei solchen Antworten.</p>
-
-<p>„Woher bin ich gekommen?“ &mdash; und „Wohin werde ich gehen, wenn ich
-sterbe?“ &mdash; waren Fragen, die Helen stellte, als sie acht Jahre alt
-war. Aber die Erklärungen, die sie damals zu verstehen vermochte, waren
-unzulänglich, obgleich sie sie zum Schweigen brachten, bis ihr Geist
-seine höheren Kräfte zu äußern und sie aus zahllosen Eindrücken und
-Vorstellungen, die ihr aus Büchern und ihren täglichen Erfahrungen
-zuströmten, allgemeine Schlüsse zu ziehen begann. Ihr Geist forschte
-nach der Ursache der Dinge.</p>
-
-<p>Sowie ihre Beobachtung der Naturerscheinungen umfassender und ihr
-Wortvorrat reicher und feiner wurde, sodaß sie imstande war, ihre
-eigenen Begriffe und Ideen klar auszudrücken und ebenso die Gedanken
-und Erfahrungen anderer zu verstehen, erkannte sie die Beschränktheit
-der menschlichen Schöpfungskraft und sah ein, daß eine andere Macht,
-die höher sei als die menschliche, die Erde, die Sonne und die tausend
-Naturgegenstände, mit denen sie völlig vertraut war, geschaffen haben
-müsse.</p>
-
-<p id="Gott_I">Schließlich fragte sie eines Tages nach einem Namen für diese Macht,
-deren Vorhandensein sie schon in ihrem Inneren erkannt hatte.</p>
-
-<p>Durch Charles Kingsley’s »<span class="antiqua">Greek Heroes</span>« war sie mit den schönen
-Sagen über die griechischen Götter und Göttinnen bekannt geworden, und
-die Wörter Gott, Himmel, Seele und eine große Menge ähnlicher Ausdrücke
-mußten ihr schon in ihren Büchern begegnet sein.</p>
-
-<p>Sie hatte niemals nach der Bedeutung solcher Wörter gefragt, auch nie
-eine Bemerkung gemacht, wenn sie vorkamen, und bis zum Februar 1889
-hatte niemand zu ihr von Gott<span class="pagenum"><a name="Seite_292" id="Seite_292">[S. 292]</a></span> gesprochen. Zu jener Zeit versuchte
-eine liebe Verwandte, die zugleich eine eifrige Christin war, Helen
-von Gott zu erzählen; da diese Dame aber nicht Worte gebrauchte,
-die der Fassungskraft des Kindes angemessen waren, so machten diese
-Unterredungen wenig Eindruck auf Helen. Als ich später mit ihr sprach,
-sagte sie: „Ich habe Ihnen etwas sehr Spaßiges mitzuteilen. A. sagt,
-Gott habe mich und jedermann aus Erde gemacht; das muß aber ein Scherz
-sein. Ich bestehe doch aus Fleisch und Blut und Knochen, nicht wahr?“
-&mdash; und dabei untersuchte sie mit offenbarer Genugtuung ihren Arm und
-lachte aus Herzensgrunde. Nach einem Weilchen fuhr sie fort: „A. sagt,
-Gott sei überall, und er sei die Liebe; aber ich kann mir niemand
-denken, der aus Liebe besteht. Liebe ist nur etwas in unserem Herzen
-drin. Dann sagte A. noch etwas sehr Komisches. Sie sagte, er (nämlich
-Gott) sei mein lieber Vater. Ich mußte darüber sehr lachen, denn ich
-weiß, mein Vater heißt Arthur Keller.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ich setzte ihr auseinander, sie sei noch nicht imstande, das Gesagte
-zu verstehen, und brachte sie mit leichter Mühe zu der Einsicht, es
-sei besser, über solche Dinge erst dann zu sprechen, wenn sie klüger
-geworden sei.</p>
-
-<p>Im Laufe ihrer Lektüre war sie auf den Ausdruck »Mutter Natur«
-gestoßen, und lange Zeit pflegte sie alles, was nach ihrem Dafürhalten
-die menschliche Kraft überstieg, der Mutter Natur zuzuschreiben. Wenn
-sie vom Wachstum einer Pflanze sprach, sagte sie: „Mutter Natur sendet
-den Sonnenschein und den Regen, damit die Bäume und das Gras und die
-Blumen wachsen können.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Eines Abends schien Helen nach dem Abendessen etwas ernster zu sein,
-und Frau H. fragte sie, woran sie dächte. „Ich denke daran, wieviel die
-liebe Mutter Natur in der Frühlingszeit zu tun hat,“ &mdash; antwortete sie.
-Als sie gefragt<span class="pagenum"><a name="Seite_293" id="Seite_293">[S. 293]</a></span> wurde, warum, erwiderte sie: „Weil sie für so viele
-Kinder zu sorgen hat. Sie ist die Mutter aller Dinge, der Blumen, Bäume
-und Winde.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„In welcher Weise sorgt denn Mutter Natur für die Blumen?“ &mdash; fragte
-ich. „Sie sendet den Sonnenschein und den Regen, damit sie wachsen
-können,“ &mdash; antwortete sie, und nach einem Weilchen fuhr sie fort: „Ich
-denke mir, der Sonnenschein ist Mutter Naturs warmes Lächeln, und die
-Regentropfen sind ihre Tränen.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Später sagte sie: „Ich weiß nicht, ob Mutter Natur mich erschaffen
-hat. Ich denke mir, meine Mutter erhielt mich vom Himmel her, aber
-ich weiß nicht, wo dieser Ort ist. Ich weiß, daß Tausendschönchen und
-Stiefmütterchen aus Samenkörnern kommen, die in die Erde gelegt worden
-sind; aber Kinder wachsen nicht aus der Erde hervor, das weiß ich ganz
-bestimmt. Ich habe noch nie eine Kindespflanze gesehen. Aber ich kann
-mir nicht vorstellen, wer die Mutter Natur geschaffen hat, können
-Sie es? Ich liebe den schönen Frühling, weil die knospenden Bäume,
-die blühenden Blumen und das zarte grüne Laub mein Herz mit Freude
-erfüllen. Ich muß jetzt in meinen Garten gehen. Die Tausendschönchen
-und Stiefmütterchen werden glauben, ich habe sie vergessen.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Seit dem Mai 1890 war es mir klar, daß ihre Entwickelung soweit
-fortgeschritten war, daß die religiösen Anschauungen der Personen ihrer
-Umgebung ihr nicht länger vorenthalten werden konnten. Sie bestürmte
-mich förmlich mit Fragen, die der Ausfluß ihrer regen Intelligenz waren.</p>
-
-<p>Anfang Mai schrieb sie folgende Fragen in ihr Notizbuch: „Ich möchte
-über Dinge schreiben, die ich nicht verstehe. Wer schuf die Erde und
-die Meere und alles? Was macht die Sonne heiß? Wo war ich, ehe ich
-zu Mutter kam? Ich weiß, daß Pflanzen aus Samenkörnern emporwachsen,
-die in der<span class="pagenum"><a name="Seite_294" id="Seite_294">[S. 294]</a></span> Erde liegen, aber ich bin fest überzeugt, daß Menschen
-nicht auf diese Weise entstehen. Ich habe noch nie eine Kindespflanze
-gesehen. Kleine Vögel und Hühnchen kommen aus Eiern. Ich habe sie
-gesehen. Was war das Ei, ehe es ein Ei war? Warum fällt die Erde nicht,
-da sie doch so groß und schwer ist? Sagen Sie mir etwas, was Vater
-Natur tut. Kann ich das Buch, die Bibel genannt, lesen? Bitte, sagen
-Sie Ihrer kleinen Schülerin viele Dinge, wenn Sie viele Zeit haben.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Kann man, wenn man diese Fragen gelesen hat, daran zweifeln, daß das
-Kind, das imstande war, sie zu stellen, auch imstande war, wenigstens
-die einfachsten Antworten auf dieselben zu verstehen? Während Helens
-ganzer Erziehung habe ich unverrückbar daran festgehalten, daß sie
-verstehen kann, was sie zu wissen wünscht. Hätte freilich in Helens
-Geist kein solcher Denkprozeß stattgefunden wie der, von dem diese
-Fragen Zeugnis ablegen, so würde jegliche Erklärung dieser Punkte für
-sie unverständlich gewesen sein. Ohne jenes Maß geistiger Entwickelung
-und Regsamkeit, durch das man befähigt wird, die Notwendigkeit einer
-übermenschlichen schöpferischen Kraft einzusehen, ist keine Erklärung
-von Naturerscheinungen möglich.</p>
-
-<p>Nachdem es ihr gelungen war, die Ideen, die langsam in ihrem Geist
-herangewachsen waren, in Worte zu fassen, schienen sie plötzlich all
-ihr Denken in Anspruch zu nehmen, und sie wollte durchaus alles erklärt
-haben. Als wir kurze Zeit, nachdem sie diese Fragen niedergeschrieben
-hatte, an einem großen Globus vorüberkamen, blieb sie vor ihm stehen
-und fragte: „Wer hat die <em class="gesperrt">wirkliche</em> Welt geschaffen?“ &mdash; Ich
-antwortete: „Niemand weiß es, wie die Erde, die Sonne und alle die
-Weltkörper, die wir Sterne nennen, entstanden sind; aber ich will dir
-erzählen, wie kluge Männer es versucht haben, sich deren Entstehung
-klarzumachen und die großen, geheimnisvollen Kräfte der Natur zu
-enthüllen.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_295" id="Seite_295">[S. 295]</a></span></p>
-
-<p id="Gott_II">Sie wußte, daß die Griechen viele Götter hatten, denen sie verschiedene
-Kräfte beilegten, weil sie glaubten, die Sonne, der Blitz und hundert
-andere Naturkräfte seien unabhängige, übermenschliche Wesen. Aber nach
-vielem Nachdenken und Forschen, sagte ich ihr, seien die Menschen
-zu der Ueberzeugung gelangt, daß all diese Kräfte nur Offenbarungen
-einer einzigen Macht seien, und dieser Macht hätten sie den Namen Gott
-gegeben.</p>
-
-<p>Ein paar Minuten war sie still und dachte offenbar angestrengt nach.
-Dann fragte sie: „Wer hat Gott geschaffen?“ &mdash; Ich war genötigt, diese
-Frage ausweichend zu beantworten, denn ich konnte ihr das Geheimnis
-eines durch sich selbst existierenden Wesens nicht erklären. In der Tat
-würden viele ihrer eifrigen Fragen eine viel klügere Person, als ich
-bin, in Verwirrung gesetzt haben. Hier sind einige von ihnen: „Woraus
-machte Gott die neuen Welten? Woher nahm er die Erde, das Wasser,
-die Samenkörner und die ersten Tiere? Wo ist Gott? Haben Sie Gott je
-gesehen?“ &mdash; Ich sagte ihr, Gott sei allgegenwärtig, und sie dürfe
-sich ihn nicht als Person denken, sondern als das Leben, den Geist,
-die Seele aller Dinge. Sie unterbrach mich: „Nicht alle Dinge haben
-Leben. Die Felsen haben kein Leben und können nicht denken.“ &mdash; Man
-muß sie oft daran erinnern, daß es unendlich viele Dinge gibt, die die
-weisesten Leute auf der Welt nicht zu erklären vermögen.</p>
-
-<p>Helen hat nie Unterricht über Dogmen oder Glaubensbekenntnisse
-erhalten, noch ist je ein Versuch gemacht worden, ihre Aufmerksamkeit
-mit Gewalt auf religiöse Lehrmeinungen zu lenken. Da ich mir meiner
-eigenen Unfähigkeit voll bewußt war, ihr irgendwelche zulängliche
-Erklärung von den Geheimnissen zu geben, die mit den Begriffen Gott,
-Seele, Unsterblichkeit verbunden sind, so hielt ich es stets für meine
-Pflicht, so wenig wie möglich mit meiner Schülerin über religiöse Dinge
-zu<span class="pagenum"><a name="Seite_296" id="Seite_296">[S. 296]</a></span> sprechen. Der hochwürdige Herr Philips Brooks<a name="FNAnker_27_27" id="FNAnker_27_27"></a><a href="#Fussnote_27_27" class="fnanchor">[27]</a> hat ihr die
-Vaterliebe Gottes in ergreifender Weise dargelegt.</p>
-
-<p>Sie hat bis jetzt noch nicht in der Bibel lesen dürfen, weil ich nicht
-weiß, wie sie dies gegenwärtig tun kann, ohne einen ganz irrigen
-Begriff von den Eigenschaften Gottes zu bekommen. Ich habe ihr bereits
-in schlichter Sprache von dem herrlichen, hilfsbereiten Leben Jesu und
-seinem qualvollen Tode erzählt. Die Erzählung rührte sie tief, als sie
-sie zum ersten Male hörte.</p>
-
-<p>Als sie auf unsere Unterredung zurückkam, so geschah dies, um zu
-fragen: „Warum ging Jesus nicht fort, sodaß ihn seine Feinde nicht
-finden konnten?“ &mdash; Die Wunder Jesu betrachtete sie mit sehr kritischem
-Auge. Als ihr erzählt wurde, daß Jesus auf dem See einherwandelte, um
-seinen Jüngern entgegenzugehen, sagte sie sehr entschieden: „Es heißt
-nicht <em class="gesperrt">wandelte</em>, sondern <em class="gesperrt">schwamm</em>.“ &mdash; Als ich ihr davon
-erzählte, daß Jesus Tote auferweckt habe, wurde sie ganz stutzig und
-sagte: „Das glaube ich nicht, daß ein Toter wieder lebendig werden
-kann.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Eines Tages sagte sie traurig: „Ich bin taub und blind. Das ist der
-Grund, warum ich den lieben Gott nicht sehen kann.“ &mdash; Ich lehrte sie
-das Wort unsichtbar (<span class="antiqua">invisible</span>) und erwiderte ihr: „Wir können
-Gott nicht mit unseren Augen sehen, weil er ein Geist ist; wenn aber
-unsere Herzen voll von Güte und Sanftmut sind, dann sehen wir ihn, weil
-wir ihm dann ähnlicher sind.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ein anderesmal fragte sie: „Was ist eine Seele?“ &mdash; „Niemand weiß, was
-die Seele ist,“ &mdash; entgegnete ich; „aber das wissen wir, daß sie nicht
-der Körper ist und daß sie der Teil von uns ist, der denkt, liebt und
-hofft und der, wie die<span class="pagenum"><a name="Seite_297" id="Seite_297">[S. 297]</a></span> Christen glauben, weiterleben wird, wenn der
-Körper tot ist.“ &mdash; Dann fragte ich sie: „Kannst du dir deine Seele
-getrennt vom Körper denken?“ &mdash; „O ja,“ antwortete sie; „ich dachte
-vor einer Stunde sehr lebhaft an Herrn Anagnos, und da war mein Geist
-&mdash; meine Seele, verbesserte sie sich &mdash; in Athen, aber mein Körper
-war hier im Unterrichtszimmer.“ &mdash; In diesem Augenblicke schien ihr
-ein anderer Gedanke durch den Kopf zu gehen, denn sie fügte hinzu:
-„Aber Herr Anagnos sprach nicht zu meiner Seele.“ &mdash; Ich erklärte ihr,
-daß auch die Seele unsichtbar oder mit anderen Worten, ohne sinnlich
-wahrnehmbare Gestalt sei. „Aber wenn ich niederschreibe, was meine
-Seele denkt,“ versetzte sie, „dann wird sie sichtbar, und die Worte
-sind dann ihr Körper.“</p>
-
-<p>Längere Zeit darauf sagte Helen zu mir: „Ich möchte sechzehnhundert
-Jahre leben.“ &mdash; Auf die Frage, ob sie nicht <em class="gesperrt">für immer</em> in einem
-schönen Lande, Himmel genannt, leben wolle, erwiderte sie zunächst:
-„Wo liegt der Himmel?“ &mdash; Ich mußte zugestehen, dies nicht zu wissen,
-äußerte aber die Vermutung, es könnte einer von den Sternen sein. Ein
-Weilchen darauf sagte sie nun: „Wollen Sie nicht die Freundlichkeit
-haben, zuerst hinzugehen und mir dann alles über ihn erzählen?“ &mdash; und
-fuhr dann fort: „Tuscumbia ist eine sehr hübsche kleine Stadt.“ &mdash; Es
-verging mehr als ein Jahr, ehe sie auf das Thema zurückkam, und als sie
-dies tat, waren ihre Fragen sehr zahlreich und dringend. Sie fragte:
-„Wo liegt der Himmel und wie sieht es dort aus? Warum können wir über
-den Himmel nicht soviel wissen wie über fremde Länder?“ &mdash; Ich erklärte
-ihr in sehr einfacher Sprache, es könne viel Orte mit dem Namen Himmel
-geben, aber der Hauptsache nach sei er ein Zustand &mdash; die Erfüllung des
-Sehnens des Herzens, die Befriedigung seiner Wünsche; der Himmel sei
-überall dort zu finden, wo das Rechte anerkannt, ausgeübt und geliebt
-werde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_298" id="Seite_298">[S. 298]</a></span></p>
-
-<p>Vor dem Gedanken an den Tod schrak sie mit augenscheinlichem Schauder
-zurück. Als ihr vor kurzem ein von ihrem Bruder erlegter Hirsch
-gezeigt wurde, war sie sehr traurig, und fragte bekümmert: „Warum
-muß alles sterben, selbst der schnellfüßige Hirsch?“ &mdash; Ein andermal
-fragte sie mich: „Glauben Sie nicht, daß wir alle viel glücklicher
-sein würden, wenn wir nicht zu sterben hätten?“ &mdash; „Nein,“ entgegnete
-ich, „denn wenn es keinen Tod gäbe, so würde unsere Welt mit lebenden
-Geschöpfen bald so überfüllt sein, daß keines von ihnen behaglich leben
-könnte.“ &mdash; „Aber,“ erwiderte Helen rasch, „meiner Meinung nach hätte
-Gott ebensogut mehrere Welten erschaffen können, wie er diese eine
-erschaffen hat.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Als ihr einige Freundinnen von der großen Glückseligkeit erzählten, die
-unser in einem anderen Leben warte, fragte sie sofort: „Woher wissen
-Sie das, wenn Sie noch nicht tot gewesen sind?“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Der Umstand, daß sie ganz gebräuchliche Worte und Redewendungen
-mitunter in buchstäblichem Sinne nimmt, beweist, wie nötig es für uns
-ist, uns zu vergewissern, daß sie diese in ihrer richtigen Bedeutung
-auffaßt. Als ihr vor kurzem erzählt wurde, die Ungarn seien geborene
-Musiker, so fragte sie erstaunt: „Singen sie denn, wenn sie geboren
-werden?“ &mdash; Als ihre Freundin hinzufügte, daß einige Schülerinnen,
-die sie in Budapest gesehen habe, mehr als hundert Melodien in ihrem
-Kopfe hätten, antwortete sie lachend: „Dann wird es in ihrem Kopfe wohl
-sehr geräuschvoll zugehen.“ &mdash; Sie besitzt einen scharfen Blick für
-das Lächerliche, und anstatt sich durch eine bildliche Ausdrucksweise
-in Verlegenheit setzen zu lassen, ergötzt sie sich oft an ihrer allzu
-wörtlichen Auffassung der betreffenden Redewendungen.</p>
-
-<p>Als ihr einmal gesagt worden war, die Seele sei gestaltlos,<span class="pagenum"><a name="Seite_299" id="Seite_299">[S. 299]</a></span> stutzte
-sie bei Davids Worten: ‚Er führet meine Seele‘. &mdash; „Hat sie Füße? Kann
-sie gehen? Ist sie blind?“ fragte sie, denn für die war die Vorstellung
-des Geführtwerdens mit der Vorstellung des Blindseins verknüpft.</p>
-
-<p>Von allem, was Helen in Unruhe und Verwirrung versetzt, stimmt sie
-nichts so traurig, wie die Erkenntnis von dem Vorhandensein des
-Schlechten, und von den Leiden, die aus diesem entspringen. Lange
-Zeit hindurch war es möglich, sie vor dieser Erkenntnis zu bewahren,
-und es wird stets verhältnismäßig leicht sein, sie vor persönlicher
-Berührung mit Laster und Verderbtheit zu behüten. Die Tatsache, daß
-die Sünde existiert und daß großes Elend aus ihr entspringt, dämmerte
-ihrem Geiste allmählich auf, je mehr sie das tägliche Leben und seine
-Erfahrungen kennen lernte. Es mußte ihr die Notwendigkeit von Gesetzen
-und Strafen erklärt werden. Es wurde ihr sehr schwer, das Vorhandensein
-des Uebels in der Welt mit der Vorstellung von Gott zu vereinigen, die
-man ihr eingeprägt hatte.</p>
-
-<p>Eines Tages fragte sie: „Sorgt Gott allezeit für uns?“ &mdash; Als ihr dies
-bejaht wurde, fuhr sie fort: „Warum hat er denn dann meine kleine
-Schwester heute morgen fallen lassen, sodaß sie sich den Kopf so arg
-zerschlagen hat?“ &mdash; Ein andermal fragte sie nach der Allmacht und
-Güte Gottes. Man hatte ihr von einem schrecklichen Sturme auf der See
-erzählt, bei dem mehrere Menschen ihr Leben eingebüßt hatten, und sie
-fragte: „Warum hat Gott die Leute nicht gerettet, wenn er alles zu tun
-vermag?“</p>
-
-<p>Umgeben von liebenden Angehörigen und Freunden und unter veredelnden
-Einflüssen aufgewachsen, hat Helen vom Beginne ihrer geistigen
-Entwickelung an stets bereitwillig das Rechte getan. Sie erkennt mit
-unfehlbarem Instinkt, was recht ist, und tut es mit Freuden. Sie hält
-die eine schlechte Hand<span class="pagenum"><a name="Seite_300" id="Seite_300">[S. 300]</a></span>lung nicht für harmlos, eine andere nicht für
-bedeutungslos, eine dritte nicht für unbeabsichtigt. Für ihre reine
-Seele ist alles Schlechte gleich häßlich.</p>
-
-<p class="mtop2">Die letzten Aeußerungen Fräulein Sullivans über ihre Methode finden
-sich in dem Berichte, den sie für die im Juli 1894 in Chautauqua
-abgehaltene Versammlung der »Amerikanischen Vereinigung zur Förderung
-der Unterweisung der Taubstummen im Sprechen« verfaßt hat. Es heißt
-darin unter anderem:</p>
-
-<p>Sie dürfen nicht glauben, daß Helen mit einem Schlage den Wortschatz
-der englischen Sprache zu beherrschen lernte, sobald sie den Gedanken,
-daß jeder Gegenstand eine Bezeichnung habe, erfaßte, oder daß »ihre
-geistigen Fähigkeiten in voller Waffenrüstung wie Pallas Athene aus
-Zeus’ Haupt aus der totenähnlichen Erstarrung, in der sie lebend
-schlummerten, emporstiegen«, wie einer ihrer begeisterten Bewunderer
-uns glauben machen möchte. Zu Anfang waren die Wörter, Redewendungen
-und Sätze, deren sie sich zum Ausdruck ihrer Gedanken bediente,
-sämtlich Nachahmungen derer, die wir in der Unterhaltung mit ihr
-angewandt hatten und die ihr Gedächtnis unbewußt festgehalten hatte.
-Und in der Tat, dies trifft auf die Sprache aller Kinder zu. Ihre
-Sprache ist die Erinnerung an die Sprache, die sie in ihrem Elternhause
-gehört haben. Die fortwährende Wiederholung der im täglichen Leben
-üblichen Unterhaltung hat ihrem Gedächtnis gewisse Wörter und
-Redewendungen eingeprägt, und wenn sie zu sprechen beginnen, so liefert
-ihnen ihr Gedächtnis die Wörter, die sie stammeln. Gleicherweise ist
-die Sprache der Gebildeten die Erinnerung an die Sprache der Bücher.</p>
-
-<p>Die Sprache wächst aus dem Leben, dessen Bedürfnissen und Erfahrungen
-hervor. Anfangs war der Geist meiner kleinen Schülerin völlig leer.
-Sie hatte in einer Welt gelebt,<span class="pagenum"><a name="Seite_301" id="Seite_301">[S. 301]</a></span> die sie nicht erkennen konnte.
-Sprache und Erkenntnis sind unlöslich miteinander verknüpft; sie
-stehen zueinander in wechselseitiger Beziehung. Gute Leistungen im
-Gebrauch der Sprache setzen eine wirkliche Kenntnis der Dinge voraus
-und hängen von dieser ab. Sobald Helen die Vorstellung faßte, daß
-jeder Gegenstand eine Bezeichnung habe und daß diese Bezeichnungen
-mit Hilfe des Fingeralphabets anderen übermittelt werden können,
-ging ich dazu über, ihr Interesse an den Dingen, deren Bezeichnungen
-sie mit so offenkundiger Freude buchstabieren lernte, wachzurufen.
-Niemals erteilte ich ihr Unterricht im Sprechen lediglich zu
-Unterrichtszwecken, sondern ich bediente mich stets der Sprache als
-eines Mittels zur Gedankenübertragung, und so fiel die Erlernung der
-Sprache mit der Aneignung von Kenntnissen zusammen. Um die Sprache in
-vernünftiger Weise zu gebrauchen, muß man etwas haben, worüber man
-spricht, und dies ist wieder das Ergebnis von Erfahrungen, die man
-gemacht hat. Kein Maß von Sprachübung wird unsere Kinder befähigen, die
-Sprache leicht und fließend zu handhaben, wenn sie sich nicht in ihrem
-Innern klargemacht haben, was sie sagen wollen, oder wenn es uns nicht
-gelungen ist, in ihnen den Wunsch rege zu machen, zu erfahren, was im
-Innern anderer Menschen vorgeht.</p>
-
-<p>Anfangs band ich mich bei meinem Unterricht an keinen bestimmten
-Plan. Ich suchte stets herauszufinden, wofür sich Helen am meisten
-interessierte, und machte dies zum Ausgangspunkt der neuen Lektion,
-mochte es nun mit dem Gegenstand, den ich mir zu behandeln vorgenommen
-hatte, zusammenhängen oder nicht. Während der ersten beiden Jahre
-ihrer geistigen Entwickelung hielt ich Helen sehr selten zum Schreiben
-an. Um schreiben zu können, muß man einen Stoff haben, über den man
-schreibt, und dies erfordert wiederum einige geistige Vorbereitung.
-Das Gedächtnis muß einen Vorrat von Vor<span class="pagenum"><a name="Seite_302" id="Seite_302">[S. 302]</a></span>stellungen haben und der Geist
-muß durch Wissen bereichert sein, bevor das Schreiben eine naturgemäße
-und angenehme Arbeit wird. Unsere Kinder werden, glaube ich, nur zu
-häufig zum Schreiben angehalten, ehe sie etwas zu sagen haben. Man
-lehre sie denken, lesen und aussprechen, was sie meinen, und sie werden
-schreiben, weil sie nicht anders können.</p>
-
-<p>Helen eignete sich die Sprache mehr durch Uebung und Gewohnheit an, als
-durch das Erlernen von Regeln und Definitionen. Die Grammatik mit ihrer
-verwirrenden Menge von Klassifikationen, Bezeichnungen und Paradigmen
-war aus dem Unterrichte gänzlich verbannt. Sie erlernte die Sprache
-dadurch, daß sie mit der lebenden Sprache selbst in Berührung gebracht
-wurde; sie lernte diese aus der täglichen Unterhaltung und aus ihren
-Büchern kennen und wurde veranlaßt, sie in der mannigfaltigsten Weise
-hin- und herzuwenden, bis sie imstande war, sie richtig zu gebrauchen.
-Zweifellos sprach ich mehr und anhaltender mit meinen Fingern, als ich
-es mit meinem Munde hätte zu tun brauchen; denn wenn sie hätte sehen
-und hören können, so würde sie in Bezug auf Unterhaltung und Belehrung
-weniger von mir abhängig gewesen sein.</p>
-
-<p>Ich glaube, jedes Kind hat in seinem Innern wertvolle Eigenschaften
-verborgen, die belebt und entwickelt werden können, wenn wir nur den
-richtigen Weg einschlagen; niemals werden wir aber die höheren Naturen
-unter uns in angemessener Weise entwickeln, wenn wir fortfahren, ihren
-Geist mit den sogenannten Anfangsgründen vollzustopfen. Die Mathematik
-wird sie nie zu liebevollen Wesen machen, und ebensowenig wird die
-Kenntnis von der Größe und der Gestalt der Erde sie zur Würdigung von
-deren Schönheiten befähigen. Statt dessen wollen wir die Kinder in den
-ersten Jahren lieber dazu anleiten, ihren höchsten Genuß in der Natur
-zu finden. Wir wollen sie auf den Feldern umherspringen lassen, ihnen<span class="pagenum"><a name="Seite_303" id="Seite_303">[S. 303]</a></span>
-von Tieren erzählen und sie zur Beobachtung der realen Dinge anhalten.
-Kinder werden sich unter gesunden Verhältnissen selbst erziehen. Sie
-bedürfen viel mehr einer liebevollen Leitung als der Belehrung.</p>
-
-<p>Ich glaube, daß zu Helens fließendem Sprechen viel der Umstand
-beigetragen hat, daß fast jeder Eindruck, den sie empfängt, ihr durch
-das Medium der Sprache vermittelt wird. Aber abgesehen von Helens
-natürlicher Beanlagung zum Erlernen der Sprache und dem günstigen
-Einflusse ihrer Umgebung werden wir, glaube ich, finden, daß der
-beständige Umgang mit guten Büchern von der größten Bedeutung für
-ihre Erziehung gewesen ist. Es ist nicht erforderlich, daß ein Kind
-jedes Wort in einem Buche verstehe, wenn es dasselbe mit Genuß und
-Nutzen lesen soll. In der Tat sollten nur solche Erklärungen gegeben
-werden, die wirklich wesentlich sind. Helen nahm die Sprache in sich
-auf, die sie anfangs noch nicht verstehen konnte, die aber in ihrem
-Geiste zurückblieb, bis sie ihrer bedurfte, und die Worte sich von
-selbst ihrer Unterhaltung und ihren schriftlichen Ausarbeitungen
-anschmiegten. In der Tat ist von einigen behauptet worden, daß sie
-zuviel lese, daß sie einen großen Teil ihrer schöpferischen Kraft
-in der Freude an Büchern zersplittere, daß, während sie selbständig
-urteilen und sich ausdrücken könne, sie die Dinge lediglich durch die
-Augen anderer betrachte und sich in deren Sprache ausdrücke; allein
-ich bin überzeugt, daß selbständiges Arbeiten ohne Vorbereitung
-durch fleißige Lektüre ein Ding der Unmöglichkeit ist. Helen hat die
-besten und reinsten Muster in der Sprache beständig vor Augen, und
-ihre Unterhaltung sowie ihre schriftlichen Darlegungen sind unbewußte
-Erinnerungen an das, was sie gelesen hat. Das Lesen sollte meines
-Erachtens unabhängig von den sonstigen Schularbeiten betrieben werden.
-Kinder sollten zum Lesen rein des Vergnügens wegen<span class="pagenum"><a name="Seite_304" id="Seite_304">[S. 304]</a></span> ermuntert werden.
-Die Haltung, die ein Kind seinen Büchern gegenüber einnimmt, sollte die
-der unbewußten Empfänglichkeit sein. Die großen Werke der Dichtkunst
-sollten einen Teil seines Lebens ausmachen, sowie sie einst der wahre
-Lebensinhalt für ihre Urheber waren. Es ist richtig, je empfänglicher
-und phantasiereicher der Geist ist, der das in der Literatur Gebotene
-aufnimmt, desto genauer werden auch die feinsten Züge wiedergegeben.
-Helen besitzt ein lebhaftes Empfinden, ein frisches, leicht erregbares
-Interesse an allem, einen geistigen Einblick in das Wesen des
-künstlerischen Temperaments und infolgedessen natürlich eine lebhaftere
-und intensivere Freude am Leben, einfach als Leben aufgefaßt, an der
-Natur, an Büchern und an Menschen als minderbegabte Sterbliche. Ihr
-Geist ist von den hohen Gedanken und den Idealen der großen Dichter so
-erfüllt, daß ihr nichts als Gemeinplatz erscheint, denn ihre Phantasie
-schmückt das ganze Leben mit ihren eigenen reichen Farben aus.</p>
-
-<hr class="r10" />
-
-<p>Fräulein Sullivan hat mit ihrer Methode dort eingesetzt, wo <span class="antiqua">Dr.</span> Howe
-aufgehört hat. Er erfand das Instrument, das physische Werkzeug, aber
-das Lehren der Sprache ist etwas ganz anderes als das mechanische
-Mittel, durch das die Sprache gelehrt werden kann. Durch Versuche,
-durch die Beobachtung anderer Kinder gelangte Fräulein Sullivan auf
-den praktischen Weg, die Sprache nach der natürlichen Methode zu
-lehren. Nach dieser »natürlichen Methode« hatte <span class="antiqua">Dr.</span> Howe gesucht, sich
-aber nie zu dem Gedanken aufschwingen können, daß man ein taubstummes
-Kind nicht jedes Wort einzeln für sich durch Definition lehren darf,
-sondern daß ihm die Sprache durch unaufhörliche Wiederholung von
-Wörtern, die es nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_305" id="Seite_305">[S. 305]</a></span> versteht, beigebracht werden muß. Und hierin
-besteht Fräulein Sullivans große Entdeckung. Den ganzen Tag hindurch
-vom frühen Morgen bis zum späten Abend buchstabierte Fräulein Sullivan
-unverdrossen in die Hand ihrer Schülerin, und hierdurch fing Helen
-Keller Wörter auf, genau so wie das Kind in der Wiege Wörter auffängt,
-dadurch, daß es sie zu Tausenden hört, ehe es ein einziges gebraucht,
-und die Wörter mit der Gelegenheit, bei der sie gesprochen wurden,
-in der Erinnerung verknüpft. So lernt es, daß Wörter Gegenstände,
-Handlungen, Empfindungen bezeichnen. Dieses ist das erste Prinzip bei
-Fräulein Sullivans Methode, ein Prinzip, das praktische Ergebnisse
-gezeitigt hat und das, soviel ich finden kann, niemals bei der
-Erziehung eines taubstummen Kindes, geschweige denn eines taubstummen
-und blinden, praktisch angewandt worden ist, ehe es Fräulein Sullivan
-bei Helen Keller versuchte. Und dieses Prinzip ist auch nicht eher klar
-formuliert worden, bevor Fräulein Sullivan ihre Briefe schrieb.</p>
-
-<p>Das zweite Prinzip bei ihrer Methode (die numerische Reihenfolge ist
-natürlich willkürlich) besteht darin, mit dem Kinde nie über Dinge
-zu sprechen, die ihm unangenehm oder langweilig sind. In der ersten
-Taubstummenschule, die Fräulein Sullivan überhaupt besuchte, war die
-Lehrerin damit beschäftigt, auf der Wandtafel den Kindern mittels
-geschriebener Worte etwas mitzuteilen, was diese nicht zu wissen
-verlangten, während sie die besuchenden Gäste mit der größten Neugierde
-umringten und dadurch den Beweis lieferten, daß es tausenderlei Dinge
-gab, die sie zu wissen verlangten. Warum knüpfte die Lehrerin beim
-Sprachunterricht nicht an das an, wofür sich die Kinder interessierten?</p>
-
-<p>Verwandt mit dem Grundsatz, mit dem Kinde nur über Dinge zu sprechen,
-für die es sich interessiert, ist der weitere, einem Kinde, das Fragen
-stellt, niemals den Mund zu verbieten,<span class="pagenum"><a name="Seite_306" id="Seite_306">[S. 306]</a></span> sondern seine Fragen so gut
-wie möglich zu beantworten. Fräulein Sullivan paßte ihre Ausführungen
-weder in Inhalt noch in Form dem vermeintlichen niedrigen Stande der
-Intelligenz des Kindes an, sondern ersuchte jedermann, mit Helen
-natürlich zu sprechen, ihr ganze Sätze und vernünftige Gedanken
-mitzuteilen, gleichviel, ob Helen sie verstehe oder nicht. So erkannte
-Fräulein Sullivan, was so viele noch nicht begreifen wollen, daß nach
-der ersten allereinfachsten Definition von »Hut«, »Tasse«, »gehen«,
-»sitzen« die Spracheinheit für das Kind der Satz ist, wie dieser
-ebenfalls die Spracheinheit der Erwachsenen darstellt.</p>
-
-<p>So schuf sich Fräulein Sullivan eine Methode, die so einfach ist und
-so sehr alles künstlichen Zuschnittes ermangelt, daß ihre Methode eher
-die Verneinung jeder Methodik zu sein scheint. Es ist zweifelhaft, ob
-wir etwas von Helen Keller erfahren hätten, wenn Fräulein Sullivan
-nicht schon vorher mit anderen Kindern verkehrt hätte. Durch deren
-Beobachtung lernte sie ihren Zögling soviel wie möglich wie ein
-normales Kind behandeln.</p>
-
-<p>Das Fingeralphabet war nicht das einzige Mittel, Helen die Kenntnis
-von Wörtern beizubringen. Bücher ergänzten das Fingeralphabet,
-ja kamen diesem vielleicht an Bedeutung für den Sprachunterricht
-gleich. Helen saß voller Eifer über ihnen, bevor sie lesen konnte,
-anfänglich nicht des Inhaltes wegen, sondern um die Wörter, die sie
-kannte, herauszufinden, und die Erläuterung neuer Wörter durch den
-Zusammenhang, durch die Verbindung mit schon bekannten, bereicherten
-Helens Wortschatz. Die Bücher sind der Speicher der Sprache, und
-jedes Kind, mag es taub sein oder nicht, muß lernen, wenn seine
-Aufmerksamkeit in irgend einer Weise auf gedruckte Blätter gelenkt
-wird. Es lernt nicht dadurch, daß es liest, was es versteht, sondern
-dadurch, daß es Wörter liest die es nicht versteht,<span class="pagenum"><a name="Seite_307" id="Seite_307">[S. 307]</a></span> und deren es
-sich später erinnert. Und obgleich wenig Kinder ein so frühreifes
-Interesse an Büchern nehmen wie Helen Keller, so kann doch die
-natürliche Neugierde eines jeden Kindes auf gedruckte Blätter gelenkt
-werden, namentlich, wenn der Lehrer geschickt ist und ein Wörterspiel
-einleitet, wie es Fräulein Sullivan tat (s. <a href="#Wortspiel">S. 287 f.</a>). Helen Keller
-soll eine besondere Sprachbegabung besitzen. Richtiger würde man sagen,
-sie besitze eine besondere Begabung für das Denken, und ihre Vorliebe
-für die Sprache sei auf den Umstand zurückzuführen, daß die Sprache für
-sie gleichbedeutend mit Leben ist. Die Sprache war kein besonderes Fach
-für sie wie Geographie oder Arithmetik, sondern das Mittel, durch das
-sie zur Kenntnis äußerer Dinge gelangte.</p>
-
-<p>Als sie im Alter von vierzehn Jahren erst wenige Unterrichtsstunden im
-Deutschen gehabt hatte, überlas sie den Text von »Wilhelm Tell« und
-versuchte die Handlung des Stückes herauszufinden. Von der Grammatik
-wußte sie nichts und kümmerte sich auch nicht um sie. Sie lernte die
-Sprache von der Sprache selbst, und dies ist neben dem Hören der
-Sprache eine lebendigere und am Ende auch leichtere Art und Weise, eine
-fremde Sprache zu erlernen, als unsere Schulmethode, mit der Grammatik
-zu beginnen. Auf dieselbe Weise spielte sie mit dem Latein, indem sie
-nicht allein aus den Lektionen lernte, die ihr erster lateinischer
-Lehrer ihr gab, sondern auch daraus, daß sie die Worte eines Textes
-immer und immer wieder überlas &mdash; ein Spiel, das sie für sich selbst
-trieb.</p>
-
-<p>Herr John D. Wright, einer ihrer Lehrer an der Wright-Humason-Schule,
-schreibt über Helen:</p>
-
-<p>Oft fand ich sie, wenn sie einen Augenblick freie Zeit hatte, in ihrer
-Lieblingsecke auf einem Armstuhle sitzen, auf dessen Seitenlehnen
-das schwere in Blindendruck hergestellte Buch ruhte, während sie
-ihren Finger langsam über die Zeilen von<span class="pagenum"><a name="Seite_308" id="Seite_308">[S. 308]</a></span> Molières Lustspiel
-»<span class="antiqua">Le Médecin malgré lui</span>« gleiten ließ und bei den komischen
-Situationen und humoristischen Zügen leise vor sich hin lachte. Damals
-war ihr Wortvorrat im Französischen noch sehr klein, aber unter
-Zuhilfenahme ihres Verstandes vermochte sie die Bedeutung der Wörter
-zu erraten, sodaß sie sich den Sinn zusammensetzte wie ein Kind das
-Zusammenlegespiel betreibt. Die Folge davon war, daß nach Verlauf
-weniger Wochen wir beide, sie und ich, eines Abends eine höchst
-heitere Stunde verlebten, in der sie mir die ganze Handlung des Dramas
-erzählte, wobei sie mit großem Behagen bei dem darin herrschenden Humor
-und blendenden Witze verweilte. Es war keine Unterrichtsstunde, sondern
-nur eine ihrer Erholungen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>So ist Helen Kellers Sprachbegabung identisch mit ihrer gesamten
-geistigen Begabung, die sich wegen des außerordentlichen Wertes, den
-die Sprache für das junge Mädchen besitzt, auf diese geworfen hat.</p>
-
-<p>Man hat die Frage aufgeworfen, ob Helen Kellers Leistungen ihrer
-natürlichen Befähigung oder der bei ihrem Unterricht benutzten Methode
-zu verdanken seien. Ohne allen Zweifel würde eine Lehrerin, und
-wenn sie zehnmal so genial gewesen wäre wie Fräulein Sullivan, ihre
-Schülerin nicht so weit haben bringen können wie Helen Keller, wenn
-sie es mit einem unbegabten und geistig minderwertigen Kinde zu tun
-gehabt hätte. Andererseits würde aber Helen Keller unzweifelhaft, auch
-wenn sie noch zehnmal soviel Genie besessen hätte, sich nicht zu dem
-entwickelt haben, was sie ist, wenn sie nicht vom ersten Augenblick an,
-namentlich zu Anfang eine so vortreffliche Erziehung genossen hätte.</p>
-
-<p>Fräulein Sullivan ist eine Persönlichkeit von ungewöhnlichen
-Fähigkeiten. Ihre Methode wird, von einem anderen Lehrer ausgeübt,
-nicht dieselben Erfolge zeitigen. Fräulein Sullivans starker
-selbständiger Geist hat viel von seiner Spann<span class="pagenum"><a name="Seite_309" id="Seite_309">[S. 309]</a></span>kraft auf ihre
-Schülerin übertragen. Dies heißt aber nicht, daß Fräulein Keller
-sich in vollständiger Abhängigkeit von ihrer Lehrerin befindet. Es
-wird erzählt, daß sie im Alter von acht Jahren einmal, als jemand
-sie zu etwas zu bewegen suchte, eine Weile ernst dasaß und dann auf
-die Frage, was ihr fehle, antwortete: <span class="antiqua">I am preparing to assert my
-independence.</span> Eine solche eigenwillige Persönlichkeit kann nicht in
-völliger Abhängigkeit aufwachsen, selbst nicht unter dem Einfluß eines
-Willens, der so stark ist wie der Fräulein Sullivans. Aber letztere hat
-vermöge ihrer natürlichen Veranlagung vieles für ihren Zögling getan,
-was sich nicht analysieren oder auf ein Prinzip zurückführen läßt: sie
-hat ihr die Anregungen zu teil werden lassen, die in dem Wesen der
-wahren Freundschaft begründet sind, die die Kräfte beider Teile weit
-mehr zur Entfaltung bringt als sie hemmt. Wenn Fräulein Keller außerdem
-ein »Engel an Sanftmut und Güte« ist, wenn sie eine starke Liebe »zu
-allem Guten und Schönen« hegt, so verdankt sie sicher etwas davon der
-Lehrerin, die volle sechzehn Jahre hindurch beständig um sie gewesen
-ist.</p>
-
-<p>Fräulein Sullivan hat demnach vieles für Fräulein Keller getan,
-was keine andere Lehrerin in genau derselben Weise für eine andere
-Schülerin hätte tun können. Um eine zweite Helen Keller heranzubilden,
-müßte man eine zweite Annie Sullivan haben. Um ein anderes taubstummes
-und blindes Kind sorgfältig zu erziehen, dazu braucht man nur einen
-anderen Lehrer, der unter günstigen Verhältnissen tätig ist, eine
-Fülle von äußeren Interessen besitzt, stets mit seinem Zögling
-zusammenlebt, völlig freie Hand hat und die Prinzipien, die zu finden
-Fräulein Sullivan ihm die Mühe erspart hat, nach seinen Bedürfnissen
-anwendet, indem er sie modifiziert und ergänzt, je nachdem er es für
-nötig erachtet; ebenso muß der Zögling gesund, von guten natürlichen
-Anlagen und jung genug<span class="pagenum"><a name="Seite_310" id="Seite_310">[S. 310]</a></span> sein, um noch Bildungsfähigkeit zu besitzen.
-Jedes taubstumme oder taubstumme und blinde Kind kann, wofern es gesund
-ist, unterrichtet werden. Und die einzigen, die dies zu tun vermögen,
-sind die Eltern, oder ein Hauslehrer, nicht die Schule. Dieser Satz
-wird von den Leitern von Taubstummenanstalten sicher auf das heftigste
-bekämpft werden. Unzweifelhaft ist die Taubstummenanstalt die einzige
-Möglichkeit für den staatlichen Unterricht. Aber es ist klar, daß das,
-worin das taubstumme Kind unterwiesen werden soll, gerade das ist, was
-andere Kinder lernen, bevor sie überhaupt in die Schule gehen. Als
-Fräulein Sullivan in den Geflügelhof trat, ein junges Hühnchen aufhob
-und mit Helen darüber sprach (s. <a href="#Gefluegelhof">S. 236</a>), so erteilte sie eine Art von
-Unterricht, der innerhalb der vier Wände unmöglich ist.</p>
-
-<p>Augenscheinlich befindet sich <span class="antiqua">Dr.</span> Howe im Irrtum, wenn er sagt: Ein
-Lehrer kann kein Kind sein. Gerade dies ist es, was der Lehrer eines
-taubstummen Kindes sein muß, selbst ein Kind, bereit, zu spielen und
-herumzutollen und an allem kindlichen Tun Interesse zu finden.</p>
-
-<p>Wesentlich für Helen Kellers Entwickelung war der Umstand, daß sie
-während der ersten neunzehn Monate ihres Lebens sehen und hören konnte.
-Dies bedeutete eine gewisse geistige Entwickelung. Außerdem besaß sie
-von ihren Eltern her gute körperliche und geistige Anlagen. Sie drückte
-ihre Gedanken durch Zeichen aus, ehe sie sprechen lernte. Frau Keller
-äußerte in einem Briefe, daß Helen vor ihrer Krankheit für all und
-jedes Zeichen gebrauchte, und glaubte, diese Angewohnheit sei schuld
-daran, daß das Kind so spät sprechen gelernt habe. Nach der Krankheit,
-als sie vollständig auf Zeichen angewiesen war, entwickelte sich Helens
-Neigung zur Gestikulation. Wie weit sich andere ihr verständlich machen
-konnten, läßt sich schwer feststellen, aber sie erkannte viel von dem,
-was<span class="pagenum"><a name="Seite_311" id="Seite_311">[S. 311]</a></span> um sie herum vorging. Sie wußte, daß andere ihre Lippen bewegten,
-sie »sah« ihren Vater eine Zeitung lesen, und als dieser sie beiseite
-gelegt hatte, setzte sie sich auf seinen Stuhl und hielt die Zeitung
-vor ihr Gesicht (s. <a href="#Zeitung">S. 14</a>). Ihre anfänglichen Wutausbrüche waren ein
-unglücklicher Ausdruck ihrer angeborenen Charakterstärke, die durch die
-Erziehung später in geschulte und geregelte Kraft umgewandelt wurde.</p>
-
-<p>So war es denn eine dankbare Aufgabe für Fräulein Sullivan, einer
-solchen Schülerin ihre Hingebung, ihre Intelligenz und ihre vor keiner
-Schwierigkeit zurückschreckende Willfährigkeit zu widmen. Fräulein
-Sullivans Methode war so vorzüglich, daß jedermann deren Richtigkeit
-anerkennen müßte, selbst wenn sie keinen Erfolg gehabt hätte.
-Zudem besaß Fräulein Sullivan eine große Energie. Und schließlich
-begünstigten alle Umstände diesen ersten Unterricht, bei dem Lehrerin
-und Schülerin in untrennbarer Gemeinschaft miteinander spielten, sich
-gegenseitig ergründeten und gegenseitig erzogen.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_23_23" id="Fussnote_23_23"></a><a href="#FNAnker_23_23"><span class="label">[23]</span></a> Vergl. „<span class="antiqua">The life and Education of Laura Dewey
-Bridgman</span>“ von Mary Swift Lamson. &mdash; Jerusalem, Laura Bridgman. Eine
-psychologische Studie.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_24_24" id="Fussnote_24_24"></a><a href="#FNAnker_24_24"><span class="label">[24]</span></a>
-Vergl. auch <a href="#Vierzehntes_Kapitel">S. 62 ff.</a></p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_25_25" id="Fussnote_25_25"></a><a href="#FNAnker_25_25"><span class="label">[25]</span></a>
-Vergl. <a href="#Brief_3_10_1887">S. 148.</a></p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_26_26" id="Fussnote_26_26"></a><a href="#FNAnker_26_26"><span class="label">[26]</span></a>
-Vergl. <a href="#Brief_24_10_1887">S. 149.</a></p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_27_27" id="Fussnote_27_27"></a><a href="#FNAnker_27_27"><span class="label">[27]</span></a>
-Siehe <a href="#Philips_Brooks">S. 135.</a></p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h3 class="padtop2" id="Helen_Kellers_Sprache">Helen Kellers
-Sprache.</h3>
-
-</div>
-
-<p class="s5 center mbot2">Fräulein Sullivans Bericht über Helens Unterricht in der
-Lautsprache. &mdash; Eigentümlichkeiten von Helens Aussprache. &mdash;
-Ansprache Helens in Mt. Airy bei Philadelphia.</p>
-
-<p>Fräulein Keller hat selbst erzählt, in welcher Weise sie sprechen
-gelernt hat (s. <a href="#Dreizehntes_Kapitel">S. 57 ff.</a>). Eine wichtige Ergänzung zu dieser
-Darstellung bieten die Mitteilungen Fräulein Sullivans in dem
-Jahresbericht des Perkinsschen Instituts für 1891. Es heißt darin unter
-anderem:</p>
-
-<p>„Ich wußte, daß Laura Bridgman dasselbe instinktive Ver<span class="pagenum"><a name="Seite_312" id="Seite_312">[S. 312]</a></span>langen wie
-Helen gezeigt hatte, Töne hervorzubringen, und sogar etliche einfache
-Wörter auszusprechen gelernt hatte, die zu gebrauchen ihr großes
-Vergnügen machte, und ich zweifelte nicht im geringsten, daß Helen
-mindestens soviel wie sie erreichen könne. Ich glaubte jedoch, daß der
-Vorteil, der ihr daraus erwachsen würde, in keinem Verhältnis zu dem
-Aufwande an Zeit und Mühe stehen werde, den ein solches Experiment
-erfordert hätte.</p>
-
-<p>Außerdem macht der Mangel an Kontrolle durch das Gehör die Stimme
-eintönig und oft sehr unangenehm, und eine solche Sprache ist in der
-Regel, außer für die näheren Bekannten des Sprechenden, unverständlich.</p>
-
-<p>Die Aneignung der Sprache durch taube Kinder, die noch keinen sonstigen
-Unterricht genossen haben, geht langsam und oft mühevoll vor sich.
-Es wird, wie es mir scheint, häufig zuviel Wert auf die Unterweisung
-eines tauben Kindes in der Lautsprache gelegt &mdash; ein Umstand, der für
-die geistige Entwickelung des Zöglings von Nachteil sein kann. In der
-Tat ist die Lautsprache ein ungenügendes Erziehungsmittel, während
-der Gebrauch des Fingeralphabets die geistige Regsamkeit fördert
-und kräftigt, da durch dieses das Kind in nahe Berührung mit seiner
-Muttersprache gebracht wird und die höchsten und abstraktesten Ideen
-seinem Geiste leicht und vollständig vermittelt werden können. Helens
-Beispiel beweist, daß es auch für die Aneignung der Lautsprache ein
-Hilfsmittel von unschätzbarem Werte ist. Sie war mit den Wörtern
-und der Konstruktion der Sätze schon vollständig vertraut und hatte
-nur noch mechanische Schwierigkeiten zu überwinden. Außerdem wußte
-sie, was die Sprache ihr für einen Genuß gewähren würde, und diese
-genaue Erkenntnis des Zieles ihres Strebens bereitete ihr schon eine
-Vorfreude, die alle Mühsal leicht machte. Das unterrichtete taube Kind,
-das zum Artikulieren<span class="pagenum"><a name="Seite_313" id="Seite_313">[S. 313]</a></span> angehalten wird, kennt sein Ziel nicht, und die
-Unterweisung im Sprechen ist ihm lange Zeit lästig und bedeutungslos.</p>
-
-<p>Ehe ich die Art und Weise schildere, in der Helen sprechen lernte,
-dürfte es angebracht sein, kurz zu erwähnen, in welchem Maße sie
-ihre Stimmorgane gebraucht hatte, ehe sie regelmäßigen Unterricht im
-Artikulieren erhielt. Als sie im Alter von neunzehn Monaten von der
-Krankheit befallen wurde, die den Verlust des Gesichts und Gehörs
-herbeiführte, begann sie gerade sprechen zu lernen. Das bedeutungsleere
-Stammeln des kleinen Kindes wurde von Tag zu Tage immer mehr zu
-bewußten, willkürlichen Zeichen für das, was es fühlte und dachte.
-Aber die Krankheit hemmte ihre Fortschritte in der Aneignung der
-Lautsprache, und als ihre körperliche Gesundheit zurückkehrte, fand
-es sich, daß sie aufgehört hatte, verständlich zu sprechen, weil sie
-keinen Laut mehr hörte. Sie fuhr fort, ihre Stimmorgane mechanisch zu
-gebrauchen, wie es die Kinder in der Regel tun. Ihr Weinen und Lachen
-sowie der Klang ihrer Stimme, wenn sie einzelne Wortelemente aussprach,
-waren vollkommen natürlich, aber das Kind verband offenbar keinen
-Sinn mit ihnen, und mit einer einzigen Ausnahme brachte es dieselben
-nicht in der Absicht hervor, sich mit seiner Umgebung zu verständigen,
-sondern aus dem bloßen Bedürfnisse, sein angeborenes, organisches,
-ererbtes Ausdrucksvermögen zu üben. Mit dem Worte <span class="antiqua">water</span>, das
-eines der ersten war, die ihre kleinen Lippen bilden lernten, verband
-Helen jedoch stets einen Sinn, und es war dies das einzige Wort, das
-sie auch nach dem Verluste ihres Gehörs zu gebrauchen fortfuhr. Ihre
-Aussprache des Wortes wurde jedoch allmählich undeutlich, und als ich
-sie kennen lernte, war nur noch ein eigentümliches Geräusch davon
-übrig. Nichtsdestoweniger war es das einzige Zeichen, das sie stets für
-Wasser gebrauchte, und sie vergaß das gesprochene Symbol nicht eher,
-als sie das Wort mit ihren<span class="pagenum"><a name="Seite_314" id="Seite_314">[S. 314]</a></span> Fingern buchstabieren gelernt hatte. Das
-Wort <span class="antiqua">water</span> und die Gebärde, die dem Worte »Lebewohl« entspricht,
-schienen alles zu sein, was das Kind von den natürlichen und erworbenen
-Zeichen behalten hatte, mit denen es vor seiner Krankheit vertraut
-geworden war.</p>
-
-<p>Als sie durch den Gefühlssinn (ich gebrauche das Wort in dem
-umfassendsten Sinne, sodaß es alle Tasteindrücke einschließt) mit ihrer
-Umgebung bekannt wurde, empfand sie immer dringender das Bedürfnis,
-sich mit derselben zu verständigen. Ihre Händchen befühlten jeden
-Gegenstand und beobachteten jede Bewegung der Personen, mit denen sie
-zusammenkam, und sie ahmte diese Bewegungen rasch nach.</p>
-
-<p>Als ich in Tuscumbia eintraf, hatte sie sich über sechzig Zeichen
-zurechtgemacht, die alle nachahmender Natur waren und von ihren
-Bekannten leicht verstanden wurden. So oft sie etwas sehr dringend
-verlangte, gestikulierte sie auf höchst ausdrucksvolle Art. Gelang
-es ihr nicht, sich verständlich zu machen, so wurde sie heftig. In
-den Jahren ihrer geistigen Kerkerhaft war sie gänzlich auf Zeichen
-angewiesen und konnte sich selbst keinerlei Art Lautsprache schaffen,
-die imstande gewesen wäre, Gedanken auszudrücken. Es scheint jedoch,
-daß sie noch während ihrer Leidenszeit die Lippenbewegungen ihrer
-Mutter verfolgte.</p>
-
-<p>Wenn sie unbeschäftigt war, so irrte sie ruhelos durch das ganze Haus
-und stieß dabei sonderbare, obgleich selten unangenehme Töne aus. Ich
-habe sie ihre Puppe wiegen sehen, wobei sie ein beständiges monotones
-Summen hervorbrachte, während sie mit den Fingern der anderen Hand
-die Bewegungen ihrer Lippen verfolgte. Dies war eine Nachahmung des
-Wiegengesanges ihrer Mutter. Gelegentlich brach sie in ein lustiges
-Gelächter aus, und dann streckte sie ihre Hand aus, und legte sie
-irgend jemand, der sich in ihrer Nähe<span class="pagenum"><a name="Seite_315" id="Seite_315">[S. 315]</a></span> befand, auf den Mund, um sich
-zu vergewissern, ob er ebenfalls lache. Konnte sie kein Lächeln
-entdecken, so gestikulierte sie erregt und versuchte ihre Gedanken zum
-Ausdruck zu bringen; wenn es ihr aber nicht gelang, den anderen zum
-Lachen zu bringen, so saß sie ein paar Augenblicke mit verwirrtem und
-enttäuschtem Gesichtsausdruck still da. Die einzigen Wörter, die sie
-vor dem März 1890 mit einiger Deutlichkeit auszusprechen gelernt hatte,
-waren <span class="antiqua">papa</span>, <span class="antiqua">mamma</span>, <span class="antiqua">baby</span>, <span class="antiqua">sister</span>. Diese
-Wörter hatte sie ohne besondere Unterweisung ihren Bekannten von den
-Lippen abgelesen. Man sieht, sie enthalten drei vokalische und sechs
-konsonantische Elemente, und diese bildeten die Grundlage für ihren
-ersten wirklichen Unterricht im Sprechen.</p>
-
-<p>Zu Ende der ersten Lektion war sie imstande, folgende Laute deutlich
-auszusprechen<a name="FNAnker_28_28" id="FNAnker_28_28"></a><a href="#Fussnote_28_28" class="fnanchor">[28]</a>: <span class="antiqua">a, ä, â, ē, ĭ, ô, c</span> (weich wie <span class="antiqua">s</span> und
-hart wie <span class="antiqua">k</span>), <span class="antiqua">g</span> (hart), <span class="antiqua">b, l, n, m, t, p, s, u, k,
-f</span> und <span class="antiqua">d</span>. Die Aussprache mehrerer miteinander verbundener
-harter Konsonanten in demselben Wort fällt ihr jetzt noch schwer; oft
-unterdrückt sie den einen und verändert den anderen, und manchmal
-ersetzt sie beide durch einen ähnlichen Laut mit einer sanften
-Aspiration. Anfangs machte sich die Verwechselung von <span class="antiqua">l</span> und
-<span class="antiqua">r</span> bei ihrem Sprechen recht bemerkbar. Wiederholt wollte sie
-den einen Laut für den anderen gebrauchen. Die große Schwierigkeit in
-der Aussprache des <span class="antiqua">r</span> machte diesen Laut zu einem der letzten,
-die sie bemeisterte. Auch das <span class="antiqua">ch</span>, <span class="antiqua">sh</span> und <span class="antiqua">g</span>
-verursachten ihr viele Mühe, und sie spricht sie jetzt noch nicht
-deutlich aus.</p>
-
-<p>Als sie noch nicht eine volle Woche gesprochen hatte, traf sie eines
-Tages einen ihrer Bekannten, Herrn Rodocanachi; sie begann sofort
-sich mit der Aussprache seines Namens abzumühen, und ließ nicht eher
-nach, als bis sie imstande war, das Wort deutlich zu artikulieren.
-Ihr Interesse erlahmte keinen<span class="pagenum"><a name="Seite_316" id="Seite_316">[S. 316]</a></span> Augenblick, und in ihrem Eifer, die
-Schwierigkeiten zu überwinden, die sich ihr von allen Seiten in den Weg
-stellten, strengte sie ihre Kräfte bis zum äußersten an und erlernte in
-elf Lektionen sämtliche einzelnen Elemente der Sprache.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="mtop2">Gegenwärtig ist ihre Stimme leise und angenehm. Ihre Sprache entbehrt
-jedoch der Mannigfaltigkeit und Modulation; sie fließt in einem
-singenden Tonfalle fort, wenn sie laut liest, und wenn sie einigermaßen
-laut spricht, so bewegt sich ihre Stimme um zwei bis drei Mitteltöne
-herum. Ihre Stimme besitzt einen ausgesprochen aspirierten Klang; sie
-hört sich an, als würde auf den Laut zuviel Atem verwendet. Einige
-von ihren Tönen sind musikalisch und wohlklingend. Erzählt sie eine
-Kindergeschichte oder trägt sie etwas Pathetisches vor, so gleitet
-ihre Stimme in angenehmen Uebergängen von einem Tone zum anderen.
-Ihre Vortragsweise erinnert dann an das nicht völlig gut getroffene
-Verweilen bei langen Wörtern, das man bei einem Kinde wahrnimmt,
-welches eine feierliche Geschichte erzählt.</p>
-
-<p>Der Hauptmangel an Helens Sprache besteht in dem Fehlen der
-Satzbetonung und der Mannigfaltigkeit der Modulation bei dem
-Aussprechen der einzelnen Satzglieder. Fräulein Keller betont jedes
-Wort wie ein Ausländer, der noch mit den einzelnen Satzbestandteilen
-zu kämpfen hat, oder wie Kinder zuweilen in der Schule lesen, wenn sie
-jedes Wort für sich aussprechen.</p>
-
-<p>Außer dem Englischen spricht sie Französisch und Deutsch. Ihr Freund,
-Herr John Hitz, dessen Muttersprache das Deutsche ist, bezeichnet
-ihre Aussprache als ganz vorzüglich. Ein anderer Freund, der sowohl
-mit dem Englischen wie mit dem Französischen vertraut ist, findet ihr
-Französisch viel verständlicher<span class="pagenum"><a name="Seite_317" id="Seite_317">[S. 317]</a></span> als ihr Englisch. Wenn sie englisch
-spricht, so verteilt sie die Betonung wie im Französischen und legt
-nicht genügend Nachdruck auf die accentuierten Silben; auch ist ihre
-Aussprache desselben Wortes von einem Tage zum anderen verschieden.</p>
-
-<p>Sie begeht mitunter Fehler in der Aussprache, wenn sie laut liest
-und dabei auf ein Wort stößt, das sie noch nie zuvor ausgesprochen
-hat, mag sie es auch schon verschiedene Male geschrieben haben. Diese
-Schwierigkeit wird sich jedoch nebst einigen anderen beseitigen lassen,
-sobald sie und Fräulein Sullivan mehr Zeit haben. Seit 1894 haben sie
-sich so in ihre Bücher vergraben, daß sie alles vernachlässigten, was
-nicht unmittelbar mit der nächstliegenden Aufgabe der erfolgreichen
-Absolvierung ihrer Studien zusammenhing.</p>
-
-<p>Als Helen die Wright-Humason-Schule in New York besuchte, bemühte
-sich <span class="antiqua">Dr.</span> Humason, ihre Stimme zu verbessern, und zwar nicht nur die
-<em class="gesperrt">Aussprache</em>, und stellte mit ihr Laut- und Stimmübungen an.</p>
-
-<p>Es läßt sich schwer sagen, ob Fräulein Kellers Sprache leicht zu
-verstehen ist oder nicht. Manche verstehen sie leicht, andere nicht.
-Ihre näheren Bekannten sind an ihre Sprache gewöhnt und vergessen,
-daß diese von der normalen abweicht. Kinder finden es selten schwer,
-sie zu verstehen; dies erklärt sich daraus, daß Helens bedachtsame,
-wohlabgemessene Sprache der ihrigen gleicht, bevor sie sich den
-Kunstgriff der Erwachsenen angeeignet haben, alle Wörter eines Satzes
-in einem Atemzug zu sprechen. Fräulein Keller soll besser sprechen als
-die meisten Tauben.</p>
-
-<p>Im Ablesen von den Lippen ist sie nicht so gewandt und geschickt,
-wie von manchen behauptet wird. Es ist für sie höchst mühsam und
-umständlich, sich auf diesem Wege Kenntnis von dem zu verschaffen,
-was man ihr mitteilen will, wenn nicht Fräulein Sullivan oder jemand
-anders, der sich auf das Finger<span class="pagenum"><a name="Seite_318" id="Seite_318">[S. 318]</a></span>alphabet versteht, zugegen ist, um
-Fräulein Keller die gesprochenen Worte in die Hand zu buchstabieren.</p>
-
-<p>Präsident Roosevelt hatte im Frühjahr 1902 wenig Schwierigkeit, sich
-Fräulein Keller verständlich zu machen; sie verstand jedes Wort, denn
-des Präsidenten Sprache ist äußerst deutlich.</p>
-
-<p>Man darf nicht vergessen, daß das Sprechen in keiner Weise etwas
-zu Fräulein Kellers erster Erziehung beitrug, obgleich sie ohne
-Sprachfertigkeit schwerlich imstande gewesen wäre, die höheren Schulen
-und die Universität zu besuchen. Aber sie weiß besser als sonst
-jemand, was für einen unermeßlichen Wert die Sprache für sie hat. Das
-beredteste Zeugnis dafür legt die Ansprache ab, die Helen am 8. Juli
-1896 bei der fünften Versammlung der »Amerikanischen Vereinigung zur
-Förderung der Unterweisung der Taubstummen im Sprechen« in Mt. Airy bei
-Philadelphia gehalten hat. Sie lautet folgendermaßen:</p>
-
-<p class="mtop2">Wüßten Sie, welche Freude mich beseelt, daß ich imstande bin, heute
-zu Ihnen zu sprechen, so würden Sie, glaube ich, einen Begriff von
-dem Werte der Sprache für die Tauben erhalten und verstehen, weshalb
-ich es wünsche, daß jedes taubstumme Kind auf dieser ganzen großen
-Welt Gelegenheit fände, sprechen zu lernen. Ich weiß, daß über diesen
-Gegenstand viel gesprochen und geschrieben worden ist und daß in Bezug
-auf den mündlichen Unterricht eine große Meinungsverschiedenheit
-zwischen den Taubstummenlehrern herrscht. Es erscheint mir äußerst
-seltsam, daß hier überhaupt von einer Meinungsverschiedenheit die Rede
-sein kann; ich kann nicht verstehen, wie jemand, der sich für unsere
-Erziehung interessiert, uns die Genugtuung nicht soll nachfühlen
-können, die wir empfinden, wenn wir imstande sind, unsere Gedanken in
-lebendigen Worten auszudrücken. Ich für meine Person wenigstens<span class="pagenum"><a name="Seite_319" id="Seite_319">[S. 319]</a></span> pflege
-beständig zu sprechen, und ich weiß nicht, wie ich Ihnen den Genuß
-schildern soll, den mir dieses gewährt. Natürlich weiß ich, daß es für
-Fremde nicht immer leicht ist, mich zu verstehen, aber auch das wird
-sich nach und nach ändern, und inzwischen habe ich das unaussprechliche
-Glück, zu wissen, daß meine Angehörigen und Freunde sich über meine
-Fähigkeit zu sprechen freuen. Meine kleine Schwester und mein kleiner
-Bruder haben es gern, wenn ich ihnen an den langen Sommerabenden
-Geschichten erzähle, und meine Mutter und meine Lehrerin bitten mich
-oft, ihnen aus meinen Lieblingsbüchern vorzulesen. Ebenso bespreche
-ich politische Dinge mit meinem geliebten Vater, und wir entscheiden
-die verwickeltsten Fragen gerade so befriedigend für uns, wie wenn ich
-sehen und hören könnte. So sehen Sie, was die Sprache für ein Segen
-für mich ist. Sie bringt mich in engere und zärtlichere Beziehungen
-zu denen, die ich liebe, und ermöglicht es mir, mich der trauten
-Gesellschaft einer großen Zahl von Menschen zu erfreuen, von der ich
-völlig abgeschnitten sein würde, wenn ich nicht sprechen könnte.</p>
-
-<p>Ich kann mich noch der Zeit entsinnen, bevor ich sprechen lernte,
-und wie ich mich bemühte, meine Gedanken mittels des Fingeralphabets
-auszudrücken &mdash; wie meine Gedanken fortwährend gegen meine
-Fingerspitzen schlugen wie kleine Vögel, die nach Freiheit strebten,
-bis eines Tages Fräulein Fuller ihnen die Kerkertür weit öffnete und
-sie entfliehen ließ. Ich möchte wohl wissen, ob sie sich noch daran
-erinnert, wie munter und fröhlich sie ihre Schwingen entfalteten und
-davonflatterten. Natürlich fiel ihnen das Fliegen anfangs ziemlich
-schwer. Die Sprachschwingen waren schwach und gebrochen und hatten alle
-Anmut und Schönheit verloren, die sie einst besessen hatten; es war
-in der Tat nichts übriggeblieben als der Trieb, zu fliegen; aber dies
-war immerhin schon etwas. Wer<span class="pagenum"><a name="Seite_320" id="Seite_320">[S. 320]</a></span> den Trieb zum Schweben in sich fühlt,
-kann nie mehr mit dem Kriechen zufrieden sein. Nichtsdestoweniger
-aber kam es mir bisweilen vor, als würde ich meine Sprachschwingen
-nie so gebrauchen können, wie ich sie nach Gottes Ratschluß benutzen
-sollte; es stellten sich mir so viele Hindernisse in den Weg, ich
-mußte so viele Enttäuschungen erfahren; aber ich ermüdete nicht, da
-ich wohl wußte, daß Geduld und Ausdauer am Ende den Sieg erringen. Und
-während ich unausgesetzt an mir arbeitete, baute ich die schönsten
-Luftschlösser und gab mich den entzückendsten Träumen hin, daß einst
-eine Zeit kommen würde, da ich so sprechen würde wie andere Menschen,
-und der Gedanke an die Freude, die meine Mutter empfinden würde, wenn
-sie noch einmal meine Stimme hören könnte, versüßte mir jede Mühe und
-machte jeden Fehlschlag zu einem Ansporn, mich das nächstemal noch
-mehr anzustrengen. Daher möchte ich zu denen, die sprechen lernen, und
-ebenso zu denen, die diese sprechen lehren, sagen: Seid gutes Mutes!
-Denkt nicht an die Fehlschläge von heute, sondern an den Erfolg, der
-morgen kommen wird. Ihr habt euch eine schwierige Aufgabe gestellt,
-aber ihr werdet euer Ziel erreichen, wenn ihr Ausdauer besitzet und
-ihr werdet Freude am Ueberwinden von Schwierigkeiten, Genuß am Begehen
-rauher Pfade finden &mdash; eine Genugtuung, die euch vielleicht nie
-zuteil würde, wenn ihr nicht ab und zu rückwärts glittet, wenn die
-Straße stets eben und glatt wäre. Beherziget die Wahrheit, daß keine
-Anstrengung, die wir machen, um ein herrliches Ziel zu erreichen, je
-verloren geht. Einst, irgendwo, irgendwie werden wir finden, was wir
-suchen. Ja, wir werden sprechen und auch singen, wie wir nach Gottes
-Ratschluß sprechen und singen <em class="gesperrt">sollen</em>.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_28_28" id="Fussnote_28_28"></a><a href="#FNAnker_28_28"><span class="label">[28]</span></a> Die Buchstaben bezeichnen <em class="gesperrt">englische</em> Laute!</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_321" id="Seite_321">[S. 321]</a></span></p>
-
-<h3 class="padtop2" id="Helen_Keller_als_Schriftstellerin">Helen
-Keller als Schriftstellerin.</h3>
-
-</div>
-
-<p class="s5 center mbot2">Helen Kellers hervorragende stilistische Begabung und deren Pflege.
-&mdash; Gute Lektüre. &mdash; Unausgesetzte Kontrolle der Stilübungen Helens
-durch Fräulein Sullivan. &mdash; Fräulein Sullivans Darstellung der
-Episode mit dem »Frostkönig«. &mdash; Gegenüberstellung der beiden
-Fassungen des Märchens. &mdash; Fräulein Canbys Aeußerungen über den
-Zwischenfall. &mdash; Allgemeine Betrachtungen über den »Frostkönig«. &mdash;
-Kleinerer Aufsatz Helens über ihr Traumleben.</p>
-
-<p>Niemand kann Fräulein Kellers Selbstbiographie lesen, ohne die
-Empfindung zu haben, daß sie ein außergewöhnlich gutes Englisch
-schreibt. Jeder Aufsatzlehrer weiß, daß er seine Schüler dahin bringen
-kann, ohne syntaktische und phraseologische Fehler zu schreiben. Eben
-diese Korrektheit ist es, die sich Fräulein Kellers früheste Erziehung
-als ein Ziel gesteckt hat, das jedes gesunde Kind erreichen kann, für
-die aber auch die Analysis dieser Erziehung eine Erklärung bietet.
-Diejenigen, die Helen zu einer Ausnahme stempeln möchten, die sich
-durch keinerlei Analyse ihrer ersten Erziehung erklären ließe, berufen
-sich zur Unterstützung ihrer Behauptung auf die außerordentliche
-Gewandtheit, mit der sie schon als Kind die Sprache handhabte.</p>
-
-<p>Diese Berufung ist bis zu einem gewissen Grade gerechtfertigt, denn in
-der Tat sind der Wohllaut der Sprache und die Schönheit der Gedanken,
-die den vollendeten Stil ausmachen, freie Gaben der Götter. Kein Lehrer
-hätte Helen für die Schönheiten der Sprache und das feinere Herüber-
-und Hinüberspielen der Gedanken empfänglich machen können, das seinen
-Ausdruck in wohlklingenden Wortzusammenstellungen sucht.</p>
-
-<p>Andererseits kann aber die angeborene stilistische Begabung unterdrückt
-oder gepflegt werden. Kein Genie vermag aus sich selbst heraus eine
-schöne Sprache zu schaffen. Der Stoff, aus welchem sich der gute
-Stil bildet, muß dem Geiste in<span class="pagenum"><a name="Seite_322" id="Seite_322">[S. 322]</a></span> guter Form von außen her zugeführt
-werden. Kein noch so begabtes Kind wird ein gutes Englisch schreiben
-können, wenn es nicht von Jugend auf gutes Englisch gehört hat. In
-diesem Punkte, wie in allen anderen, hat sich Fräulein Sullivan als
-weise Lehrerin bewährt. Hätte sie kein Gefühl und keine Begeisterung
-für gutes Englisch besessen, so würde Helen Keller unter dem Einfluß
-der »Jugendliteratur« aufgewachsen sein, die unter dem Vorwande
-eines für Kinder berechneten einfachen Stils das Niveau der Sprache
-herunterdrückt, als ob Kinderbücher nicht auch in gutem Stile abgefaßt
-sein könnten, wie z.&nbsp;B. Robinson Crusoe.</p>
-
-<p>Schriebe Fräulein Sullivan ein gewähltes Englisch, so ließe sich die
-Schönheit von Helen Kellers Stil zum Teil unmittelbar erklären. Aber
-die mitgeteilten Auszüge aus Fräulein Sullivans Briefen und Berichten
-weisen, obgleich sie klar und deutlich sind, nicht die Schönheit
-auf, durch die sich Helen Kellers Englisch auszeichnet. Was sie als
-Lehrerin des Englischen geleistet hat, darf nicht nach ihrer eigenen
-stilistischen Gewandtheit bemessen werden. Der Grund, weswegen sie
-ihrer Schülerin so viele gute Bücher vorlas, liegt zum Teil darin,
-daß sie erst vor kurzem ihr Augenlicht wieder erlangt hatte. Als sie
-Helen Kellers Lehrerin wurde, war sie eben erst zum Bewußtsein der in
-den Büchern ruhenden Schätze erwacht, von denen sie während der langen
-Jahre ihrer Blindheit ausgeschlossen gewesen war.</p>
-
-<p>In Hauptmann Kellers Bibliothek fand sie ausgezeichnete Bücher
-vor: Lambs »<span class="antiqua">Tales from Shakespeare</span>« und die noch
-vortrefflicheren Schriften von Montaigne. Nach Ablauf des ersten, dem
-Elementarunterricht gewidmeten Jahres betrachtete sie ihre Schülerin
-als mit ihr auf demselben Standpunkt stehend, und nun lasen beide die
-guten Bücher zusammen, und erfreuten sich an ihnen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_323" id="Seite_323">[S. 323]</a></span></p>
-
-<p>Außer der Wahl guter Bücher gibt es noch einen anderen Grund für
-Fräulein Kellers ausgezeichnete schriftstellerische Leistungen,
-der Fräulein Sullivans ausschließliches Verdienst ist. Es ist die
-unermüdliche und unablässige Kontrolle, die sie in ihrer gesamten
-Tätigkeit kundgibt. Sie gestattete ihrer Schülerin niemals, einen Brief
-abzuschicken, der Verstöße gegen den guten Geschmack enthielt, sondern
-ließ sie ihn immer und immer wieder abschreiben, bis er nicht nur
-fehlerlos, sondern auch gut stilisiert war.</p>
-
-<p>Ein weiterer Umstand, der zu Helen Kellers meisterhafter Beherrschung
-der englischen Sprache beigetragen hat, besteht gerade darin, daß
-sie des Gesichts und Gehörs beraubt ist. Die Nachteile der Taubheit
-und Blindheit waren überwunden worden, und die Vorteile blieben. Sie
-zeichnet sich vor anderen Tauben aus, weil sie unterrichtet wurde, als
-wäre sie normal. Andererseits veranlaßt sie der spezielle Wert, den
-die Sprache für sie hat (während die Vollsinnigen diese als ebenso
-selbstverständlich betrachten wie den Gebrauch ihrer rechten Hand), zum
-Nachdenken über die Sprache und zu deren Wertschätzung. Die Sprache war
-Helens Befreierin, die sie vom ersten Augenblick an liebte.</p>
-
-<p id="Beginn_Frostkoenig">Den besten Beweis für Helens frühzeitige Gewandtheit im Gebrauche der
-englischen Sprache liefert der Zwischenfall mit dem »Frostkönig«. Zu
-der Darstellung, welche Fräulein Keller selbst davon gibt,<a name="FNAnker_29_29" id="FNAnker_29_29"></a><a href="#Fussnote_29_29" class="fnanchor">[29]</a> tritt
-ergänzend ein Brief Fräulein Sullivans an den Leiter des »Volta-Bureau«
-John Hitz in Washington. Es heißt darin unter anderem:</p>
-
-<p>„Vielleicht entsinnen Sie sich, daß in meinem Aufsatz,<a name="FNAnker_30_30" id="FNAnker_30_30"></a><a href="#Fussnote_30_30" class="fnanchor">[30]</a><span class="pagenum"><a name="Seite_324" id="Seite_324">[S. 324]</a></span> in
-dem ich Helens ungewöhnliches Gedächtnis erwähne, sich auch die
-Bemerkung findet, daß sie in ihrem Geist viele Ausdrucksformen zu
-bewahren scheint, die sie zu der Zeit, als sie ihr mitgeteilt wurden,
-wahrscheinlich noch nicht verstand, daß aber mit fortschreitender
-Entwickelung die in ihrem Gedächtnis aufbewahrte Sprache ganz
-oder teilweise ihren Ausdruck in Helens Unterhaltung oder ihren
-schriftlichen Aeußerungen findet, je nachdem sich diese Ausdrucksformen
-mehr oder weniger ihren neuen Erfahrungen anpassen.<a name="FNAnker_31_31" id="FNAnker_31_31"></a><a href="#Fussnote_31_31" class="fnanchor">[31]</a> Zweifellos ist
-dies bei jedem<span class="pagenum"><a name="Seite_325" id="Seite_325">[S. 325]</a></span> intelligenten Kinde der Fall und verdient vielleicht
-bei Helen nur von dem Gesichtspunkte aus besondere Erwähnung, daß
-man von einem des Gesichts und Gehörs beraubten Kinde nicht eine so
-bedeutende geistige Begabung erwartet, wie sie dieses kleine Mädchen
-tatsächlich zeigt. Es ist daher auch sehr leicht möglich, daß wir
-geneigt sind, vieles, was wir in Helens Entwickelung entdecken, als
-wunderbar zu betrachten, was aber in der Tat eine solche Bezeichnung
-gar nicht verdient.</p>
-
-<p>Ich möchte hinzufügen, daß, während ich nie verkannt habe, daß Helen
-vielfach Gebrauch von solchen Schilderungen und Vergleichen machte, wie
-sie ihrer lebhaften Phantasie und feinen poetischen Natur entsprachen,
-mich neuere Beobachtungen davon überzeugt haben, daß ich früher noch
-nicht in vollem Maße erkannt habe, bis zu welchem Grade sie sich die
-Sprache ihrer Lieblingsschriftsteller zu eigen macht. In den ersten
-Jahren ihrer Erziehung hatte ich volle Kenntnis von allen Büchern, die
-sie las, und von nahezu allen Erzählungen, die wir ihr vorlasen, und
-konnte ohne Schwierigkeit die Quelle aller Anlehnungen feststellen,
-die ich in ihren schriftlichen Aeußerungen oder ihrer Unterhaltung
-bemerkte, und ich habe mich immer recht gefreut, zu beobachten, wie
-angemessen sie die Ausdrücke eines Lieblingsschriftstellers in ihren
-eigenen Ausarbeitungen anwendet.</p>
-
-<p>Die folgenden Auszüge aus einigen ihrer veröffentlichten Briefe
-beweisen, wie stark dieses Vermögen, eine schöne Sprache im Gedächtnis
-zu bewahren, bei ihr ausgebildet ist. An einem schönen sonnigen Tage
-zu Beginn des Frühlings, den wir im Norden zubrachten, schien die
-balsamische Atmosphäre in ihr die Empfindung geweckt zu haben, die
-Longfellow im »Hiawatha« ausspricht, und sie singt beinahe mit dem
-Dichter: Die Erde erzitterte unter dem Jubel des neuerwachenden Lebens.
-Mein Herz sang vor lauter Freude. Ich dachte an<span class="pagenum"><a name="Seite_326" id="Seite_326">[S. 326]</a></span> mein teures Vaterhaus.
-Ich wußte, daß in jenem sonnigen Lande der Lenz schon in all seiner
-Pracht erschienen war, mit all seinen Vögeln und all seinen Blüten, all
-seinen Blumen und seinen Gräsern.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="mbot1">Um dieselbe Zeit gibt sie in einem Briefe an eine Freundin, in dem
-sie ihrer südlichen Heimat gedenkt, eine so genaue Umschreibung eines
-Gedichtes eines ihrer Lieblingsschrifststeller, daß ich die Auszüge aus
-Helens Brief und dem Gedichte selbst nebeneinanderstellen möchte.<a name="FNAnker_A" id="FNAnker_A"></a><a href="#Fussnote_A" class="fnanchor">[A]</a></p>
-
-<div class="w80p">
-
-<p class="center"><b>Aus Helens Brief.</b></p>
-
-<p class="p0 antiqua">The blue-bird with his azure plumes, the thrush clad all in brown, the
-robin jerking his spasmodic throat, the oriole drifting like a flake of
-fire, the jolly bobolink and his happy mate, the mockingbird imitating
-the notes of all, the red-bird with his one sweet trill, and the busy
-little wren, are all making the trees in our front yard ring with their
-glad songs.</p>
-
-<p class="center mtop2"><b>Aus dem »Spring« betitelten Gedichte von Oliver Wendell Holmes.</b></p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="verse">The blue-bird, breathing from his azure plumes</div>
- <div class="verse">The fragrance borrowed from the myrtle blooms;</div>
- <div class="verse">The thrush, poor wanderer, dropping meekly down,</div>
- <div class="verse">Clad in his remnant of autumnal brown;</div>
- <div class="verse">The oriole, drifting like a flake of fire</div>
- <div class="verse">Rent by a whirlwind from a blazing spire;</div>
- <div class="verse">The robin, jerking his spasmodic throat,</div>
- <div class="verse">Repeats imperious, his staccato note;</div>
- <div class="verse">The crack-brained bobolink courts his crazy mate,</div>
- <div class="verse">Poised on a bullrush tipsy with his weight:</div>
- <div class="verse">Nay, in his cage the lone canary sings,</div>
- <div class="verse">Feels the soft air, and spreads his idle wings.</div>
- </div>
-</div>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_327" id="Seite_327">[S. 327]</a></span></p>
-
-<p class="mtop2" id="Andersens_Maerchen">In einem Briefe an eine Freundin im Perkinsschen Institute vom 17. Mai
-1889 gibt sie eine Nachbildung eines Andersenschen Märchens, das ich
-ihr kurz zuvor vorgelesen hatte.<a name="FNAnker_32_32" id="FNAnker_32_32"></a><a href="#Fussnote_32_32" class="fnanchor">[32]</a></p>
-
-<p>Ihre Bewunderung für die eindrucksvollen Belehrungen, die Bischof
-Brooks ihr über die Vaterliebe Gottes erteilt hatte, war sehr groß.
-In einem seiner Briefe spricht er davon, wie Gott uns in allen Dingen
-von seiner Liebe predigt, und sagt: Er schreibt auf alle Wände des
-großen Hauses der Natur, in dem wir leben, daß er unser Vater ist. Im
-darauffolgenden Jahre sagte sie in Andover: Die Welt scheint mir voller
-Güte, Schönheit und Liebe zu sein, und wie dankbar müssen wir unserem
-himmlischen Vater sein, der uns so viel Veranlassung zur Freude gegeben
-hat! Seine Liebe und Treue stehen mit großen Lettern auf allen Wänden
-der Natur geschrieben.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Später, als Helen mit so vielen Menschen in Berührung kam, die sich
-ungezwungen mit ihr unterhalten konnten, wurde sie mit manchen Werken
-bekannt, von denen ich nichts wußte; auch fand sie in Hochdruckbüchern,
-bei deren Lektüre ich ihr nicht folgen konnte, viel Material zur
-Ausbildung ihres Geschmackes an poetischen Schilderungen. Die Blätter
-des Buches, das sie liest, werden ihr zu Gemälden, denen ihre Phantasie
-Leben und Farbe verleiht. Die Bilder, die die Sprache des Buches in
-ihrem Gedächtnis zurückläßt, scheinen einen unauslöschlichen Eindruck
-auf sie zu machen, und oft, wenn sie einer ähnlichen Situation
-gegenübersteht, strömt dieselbe Sprache mit wunderbarer Genauigkeit
-wieder hervor.</p>
-
-<p>Helens Geist ist so geartet, daß die leiseste Anregung genügt, ihr
-die denkbar größte Fülle äußerer Eindrücke zu vermitteln. Als wir
-eines Tages in Alabama in der Nähe der<span class="pagenum"><a name="Seite_328" id="Seite_328">[S. 328]</a></span> Quellen an den Hügelabhängen
-Feldblumen pflückten, schien sie gleich beim ersten Male zu begreifen,
-daß die Quellen von Bergen umgeben seien, und rief aus: Die Berge
-drängen sich um die Quellen, um ihr eigenes schönes Spiegelbild zu
-betrachten. &mdash; Ich weiß nicht, woher sie diese Ausdrücke hatte; doch
-ist soviel klar, daß sie ihr von außen zugeflossen sein müssen, da
-es für ein des Gesichtes beraubtes Kind wohl schwerlich möglich sein
-dürfte, von selbst auf eine solche Vorstellung zu verfallen. In der
-Schilderung eines Ausflugs nach Lexington schreibt sie: &mdash; Während wir
-weiterfuhren, konnten wir sehen, wie die Herrscher des Waldes ihre
-stolzen Wipfel zu den kleinen Kindern des Waldbodens niederbeugten,
-um den Geheimnissen zu lauschen, die diese ihnen zuflüsterten. Die
-Anemone, das wilde Veilchen, das Leberblümchen und die komischen
-kleinen aufgerollten Farne schauten uns alle unter den braunen Blättern
-hervor an. &mdash; Sie schließt ihren Brief mit den Worten: Ich muß zu Bett
-gehen, denn Morpheus hat meine Augenlider mit seinem goldenen Stabe
-berührt.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p id="Briefe_Feb_1890">Schon zwei Jahre vor dem Zwischenfall mit dem »Frostkönig« hatte Helen
-in einem Briefe an Herrn Anagnos (vom 2. und 3. Februar 1890) den
-wesentlichen Inhalt eines anderen Märchens von Fräulein Canby, »<span class="antiqua">The
-Rose Fairies</span>« als einen Traum erzählt, den sie vor langer Zeit
-gehabt habe.<a name="FNAnker_33_33" id="FNAnker_33_33"></a><a href="#Fussnote_33_33" class="fnanchor">[33]</a></p>
-
-<p class="mbot1">Es mögen nun die beiden Fassungen der Frostmärchen einander
-gegenübergestellt werden.<a name="FNAnker_B" id="FNAnker_B"></a><a href="#Fussnote_B" class="fnanchor">[B]</a></p>
-
-<div class="w90p">
-
-<p class="s4 center u mtop2">Die Frostelfen.</p>
-
-<p class="center">(Aus »Birdie und seine Freunde, die Elfen«)<br />
-von Margaret T. Canby.</p>
-
-<p>König Frost oder Jack Frost, wie er mitunter genannt wird, wohnt in
-einem kalten Lande fern im Norden; aber jedes<span class="pagenum"><a name="Seite_329" id="Seite_329">[S. 329]</a></span> Jahr unternimmt
-er eine Reise über die ganze Erde in einem Wagen von goldenen Wolken,
-der von einem starken, pfeilschnellen Rosse, »Nordwind« mit Namen,
-gezogen wird. Wohin ihn auch sein Weg führt, überall verrichtet er
-viele wunderbare Dinge: er schlägt Brücken über jeden Strom, die
-so durchsichtig wie Glas und dabei doch so fest wie Eisen sind; er
-schläfert die Blumen und Kräuter durch eine bloße Berührung mit seiner
-Hand ein, und sie beugen sich alle nieder und versinken in die warme
-Erde, bis der Frühling zurückkehrt; dann zaubert er, damit wir um die
-Blumen nicht weinen, an unseren Fensterscheiben liebliche Ranken und
-Zweige seiner weißen nordischen Blumen oder zarte kleine Wälder von
-Elfentannen hin, schlohweiß und gar prächtig anzusehen. Doch sein
-wunderbarstes Werk ist die Bemalung der Bäume, die nach Vollendung
-der Arbeit aussehen, als wären sie mit dem glänzendsten Gold und den
-funkelndsten Rubinen überzogen, und schön genug sind, um uns über die
-Flucht des Sommers zu trösten.</p>
-
-<p>Ich will euch nun erzählen, wie König Frost zuerst auf den Gedanken
-an eine solche Arbeit kam, denn es ist eine sonderbare Geschichte. Ihr
-müßt wissen, daß dieser König wie<span class="pagenum"><a name="Seite_330" id="Seite_330">[S. 330]</a></span> alle andern Könige große
-Schätze von Gold und Edelsteinen in seinem Palaste hatte; da er aber
-ein gutmütiger alter Mann ist, hält er seine Reichtümer nicht für immer
-verschlossen, sondern sucht mit ihrer Hilfe Gutes zu tun und andere
-glücklich zu machen. Er hat zwei Nachbarn, die noch weiter nördlich
-wohnen; der eine ist König Winter, ein rauher, unfreundlicher alter
-Fürst, der so hart und grausam ist, daß er sich freut, wenn er den
-Armen wehe tun und sie zum Weinen bringen kann. Der andere Nachbar aber
-ist Santa Claus, ein stattlicher, gutherziger, lustiger alter Mann, der
-gern Gutes tut und den Armen sowie den artigen Kindern zu Weihnachten
-Geschenke bringt.</p>
-
-<p>Nun, eines Tages dachte König Frost darüber nach, was er wohl mit
-seinem Schatze gutes stiften könne, und entschloß sich einen Teil
-seinem freundlichen Nachbar Santa Claus zum Einkauf von Lebensmitteln
-und Kleidern für die Armen zu schicken, damit diese nicht so viel zu
-leiden hätten, wenn König Winter sich ihren Häusern näherte. So rief
-er seine lustigen kleinen Elfen zusammen, zeigte ihnen eine Anzahl von
-Gefäßen und Vasen voller Gold und Edelsteine und befahl ihnen, diese
-sorgsam nach dem Palaste<span class="pagenum"><a name="Seite_331" id="Seite_331">[S. 331]</a></span> Santa Claus’ zu tragen und sie ihm mit
-Empfehlungen von König Frost zu übergeben. Er wird schon wissen, wie
-er den Schatz am besten verwenden soll, setzte Jack Frost hinzu; dann
-befahl er den Elfen, sich unterwegs nicht aufzuhalten, sondern sein
-Gebot rasch auszuführen.</p>
-
-<p>Die Elfen versprachen Gehorsam und machten sich bald auf den Weg, indem
-sie die großen gläsernen Gefäße und Vasen nachschleppten, so gut sie
-konnten, und ab und zu ein wenig über die schwere Arbeit brummten; denn
-es waren faule Elfen, die lieber spielten als arbeiteten. Schließlich
-gelangten sie in einen großen Wald, und da sie ganz ermüdet waren,
-beschlossen sie, ein wenig zu rasten und sich nach Nüssen umzusehen,
-bevor sie ihre Wanderung fortsetzten. Damit aber der Schatz nicht
-gestohlen werden sollte, versteckten sie die Gefäße unter das dichte
-Laub der Bäume, indem sie die einen hoch oben in der Nähe der Wipfel,
-andere an verschiedenen Stellen der Bäume unterbrachten, bis sie
-glaubten, niemand könne sie mehr finden.</p>
-
-<p>Dann begannen sie, umherzustreifen nach Nüssen zu suchen und auf die
-Bäume zu klettern, um die Früchte herunterzuschütteln, und arbeiteten
-zu ihrem eigenen<span class="pagenum"><a name="Seite_332" id="Seite_332">[S. 332]</a></span> Vergnügen viel angestrengter, als sie es je
-auf das Geheiß ihres Herrn getan hatten; denn es ist eine sonderbare
-Tatsache, daß Elfen und Kinder sich niemals über Mühe und Arbeit
-beschweren, wenn sie dabei ihre eigene Belustigung im Auge haben,
-während sie oft brummen, wenn von ihnen eine Arbeit zum besten anderer
-verlangt wird.</p>
-
-<p>Die Frostelfen waren bei ihrem Nüssesammeln so geschäftig und
-ausgelassen, daß sie bald ihren Auftrag und den Befehl des Königs,
-sich zu beeilen, vergaßen; als es aber bei ihrem Spiele Mittag wurde,
-sahen sie endlich den Grund ein, weshalb ihnen Eile anbefohlen worden
-war; denn, obgleich sie ihrer Meinung nach den Schatz sehr sorgfältig
-versteckt hatten, so hatten sie ihn doch nicht vor der Gewalt der Frau
-Sonne geschützt, die eine Feindin Jack Frosts war und sich freute, wenn
-sie ihm einen Schabernack spielen und Schaden zufügen konnte.</p>
-
-<p>Ihre strahlenden Augen entdeckten bald die Gefäße mit dem Schatze auf
-den Bäumen, und da die faulen Elfen sie bis zur Mittagsstunde, wenn
-Frau Sonne am stärksten ist, hier gelassen hatten, so begann das zarte
-Glas zu schmelzen und zu zerbrechen, und in kurzer Zeit waren alle
-Gefäße und Vasen gesprungen oder<span class="pagenum"><a name="Seite_333" id="Seite_333">[S. 333]</a></span> entzwei gegangen, und ebenso
-schmolzen die in ihnen enthaltenen kostbaren Schätze und rannen in
-Strömen von Gold und Purpur langsam über die Bäume und Sträucher des
-Waldes.</p>
-
-<p>Eine Zeitlang bemerkten die Frostelfen dieses sonderbare Ereignis
-nicht, denn sie hatten sich in das Gras gelagert, so weit von den
-Wipfeln der Bäume entfernt, daß es lange dauerte, ehe der wunderbare
-Schatzregen sie erreichte; endlich aber sagte der eine von ihnen:
-Horch, ich glaube, es regnet; ich höre die niederfallenden Tropfen.
-Die anderen lachten und erklärten ihm, es regne selten, wenn die Sonne
-scheine; als sie aber genauer aufpaßten, hörten sie deutlich, wie im
-ganzen Walde die Tropfen von den Bäumen herabfielen und von einem
-Blatt zum anderen glitten, bis sie auf die Brombeersträucher, neben
-denen die Elfen saßen, herabklatschten. Jetzt entdeckten sie zu ihrem
-großen Verdruß, daß die Regentropfen geschmolzene Rubinen waren, die
-auf den Blättern erstarrten und sie augenblicklich mit leuchtendem
-Rot überzogen. Als sie sich dann die Bäume ringsum genauer ansahen,
-bemerkten sie, daß der gesamte Schatz wegschmolz und daß sich ein
-großer Teil davon bereits über die Blätter der Eichen und<span class="pagenum"><a name="Seite_334" id="Seite_334">[S. 334]</a></span>
-Ahornbäume ergossen hatte, die in ihrem prächtigen Gewande von Gold und
-Bronze, Purpur und Smaragd weithin leuchteten. Es gewährte einen sehr
-schönen Anblick; aber die faulen Elfen waren über das Unglück, das ihr
-Ungehorsam verschuldet hatte, zu sehr, erschricken, als daß sie die
-Schönheit des Waldes hätten bewundern können, und im Nu suchten sie
-sich in dem Gebüsch zu verstecken, damit König Frost sie nicht finden
-und strafen könne.</p>
-
-<p>Ihre Befürchtungen waren wohlbegründet, denn ihre lange Abwesenheit
-hatte den König beunruhigt, und er hatte sich aufgemacht, um nach
-seinen lässigen Dienern zu sehen, und eben, als sie sich alle versteckt
-hatten, kam er langsam einhergeschritten und sah sich überall nach
-den Elfen um. Natürlich bemerkte er bald das Glänzen des Laubes
-und entdeckte auch deren Ursache, als er die zerbrochenen Gefäße
-und Vasen erblickte, aus denen der geschmolzene Schatz noch immer
-heruntertropfte. Und als er zu den Nußbäumen kam und die von den faulen
-Elfen zurückgelassenen Schalen und die Spuren ihres Umhertollens
-bemerkte, wußte er sofort, was sie angestellt hatten und daß sie ihm
-ungehorsam gewesen waren, indem sie bei ihrer Wanderung durch den Wald<span class="pagenum"><a name="Seite_335" id="Seite_335">[S. 335]</a></span>
-gespielt und die Zeit versäumt hatten.</p>
-
-<p>König Frost runzelte die Stirn und machte zuerst ein sehr böses
-Gesicht, und seine Elfen zitterten vor Furcht und duckten sich noch
-tiefer in ihre Verstecke. In diesem Augenblick aber kamen zwei kleine
-Kinder daher gehüpft, und obgleich sie den König Frost und die Elfen
-nicht sehen konnten, bemerkten sie doch die prächtige Färbung des
-Laubes, lachten vor Entzücken und begannen große Sträuße für ihre
-Mutter zu pflücken. Die Blätter sind so schön wie Blumen, sagten sie,
-nannten die gelben »Butternäpfchen« und die roten »Rosen« und waren
-sehr fröhlich, als sie singend durch den Wald weiter zogen.</p>
-
-<p>Ihre Freude besänftigte König Frosts Zorn; auch er begann die bemalten
-Bäume zu bewundern und sagte schließlich zu sich selber: Meine Schätze
-sind nicht verloren, wenn sie kleine Kinder glücklich machen. Ich will
-meinen faulen, gedankenlosen Elfen nicht zürnen, denn sie haben mich
-eine neue Art, Gutes zu tun, gelehrt. Als die Frostelfen diese Worte
-hörten, krochen sie einer nach dem anderen aus ihren Verstecken hervor,
-knieten vor ihrem Herrn nieder, gestanden ihre Schuld ein und baten
-ihn um Verzeihung. Er war zwar noch eine Weile ungehalten<span class="pagenum"><a name="Seite_336" id="Seite_336">[S. 336]</a></span> und
-schalt sie tüchtig aus; bald aber wurde er milder und erklärte, er
-wolle ihnen diesmal noch verzeihen; ihre einzige Strafe solle darin
-bestehen, daß sie noch mehr Schätze in den Wald tragen und in den
-Bäumen verstecken sollten, bis das gesamte Laub mit Hilfe der Frau
-Sonne mit Gold- und Purpurfarben bedeckt sei.</p>
-
-<p>Die Elfen dankten ihm für seine Verzeihung und versprachen, recht
-angestrengt zu arbeiten, um seine Huld wiederzugewinnen, und der
-gutherzige König nahm sie alle auf seine Arme und trug sie sicher heim
-in seinen Palast. Von dieser Zeit an, glaube ich, ist es ein Teil von
-Jack Frosts Aufgaben, die Bäume mit den glühenden Farben, die wir
-im Herbste erblicken, zu bemalen, und wenn sie nicht mit Gold und
-Edelsteinen bedeckt sind, so weiß ich nicht, auf welche Weise er sie so
-glänzend macht; wißt ihr es vielleicht?</p>
-
-<p class="s4 center u mtop2">Der Frostkönig.</p>
-
-<p class="center">Von Helen A. Keller</p>
-
-<p>König Frost wohnt in einem schönen Palast fern im Norden, in dem Lande
-des ewigem Schnees. Der Palast, der über alle Beschreibung prächtig
-ist, war schon vor Jahrhunderten, unter der Regierung des Königs
-Gletscher, erbaut. In geringer Entfernung von dem Palaste könnten
-wir ihn leicht für ein Gebirge halten, dessen Gipfel sich zum Himmel
-erheben, um den letzten Kuß des scheidenden Tages zu empfangen. Wenn
-wir aber näher kommen, so werden wir bald unseren Irrtum bemerken. Was
-wir für Bergesspitzen hielten, sind in Wahrheit Tausende von weithin
-glänzenden Türmen. Nichts kann schöner sein als die Architektur dieses
-Eispalastes. Die Wände sind merkwürdigerweise aus massiven Eisblöcken
-erbaut, die in klippenartige Türme auslaufen. Das Portal des Palastes
-liegt am Ende eines überwölbten Ganges und wird Tag und Nacht durch
-zwölf grimmig aussehende Eisbären bewacht.</p>
-
-<p>Doch, Kinder, ihr müßt dem König Frost bei der ersten Gelegenheit, die
-sich euch biet einen Besuch abstatten und euch diesen wundervollen
-Palast selber ansehen. Der alte König wird euch freundlich willkommen
-heißen, denn er liebt die Kinder, und es ist sein Hauptvergnügen, ihnen
-Freude zu bereiten.</p>
-
-<p>Ihr müßt wissen, daß König Frost wie alle anderen Könige große Schätze
-von Gold und Edelsteinen besitzt: da er aber ein freigebiger alter
-Fürst ist so so er bestrebt, einen richtigen Gebrauch von seinen
-Reichtümern zu machen. So verrichtet er, wohin ihn auch sein Weg
-führt, viele wunderbare Dinge; er schlägt Brücken über jeden Strom,
-so durchsichtig wie Glas und doch oft so fest wie Eisen; er schüttelt
-die Waldbäume, bis die reifen Nüsse lachenden Kindern in den Schoß
-fallen; er schläfert mit einer Berührung seiner Hand ein, und damit
-wir uns nicht nach den strahlenden Blumengesichtern sehnen, bemalt er
-das Laub mit Gold-, Purpur- und Smaragdfarben, und wenn er mit seiner
-Arbeit fertig ist, so sind die Bäume so schön, daß wir uns über die
-Flucht des Sommers trösten. Ich will euch erzählen, wie König Frost
-auf den Gedanken verfallen ist, das Laub zu bemalen, denn es ist eine
-sonderbare Geschichte.</p>
-
-<p>Eines Tages dachte König Frost, während er sein großes Vermögen einer
-Durchsicht unterzog und überlegte, was er damit wohl Gutes stiften
-könne, mit einem Male an seinen freundlichen alten Nachbar Santa Claus.
-Ich will meine Schätze an Santa Claus senden, sagte der König zu sich
-selber. Er ist der richtige Mann dazu, sie gut zu verwenden, denn er
-weiß, wo die Armen und Unglücklichen wohnen, und sein gütiges altes
-Herz steckt immer voller Pläne, sie zu unterstützen. So rief er denn
-die lustigen kleinen Elfen seines Hofstaates zusammen, zeigte ihnen
-die Gefäße und, Vasen, die seine Schätze enthielten, und befahl ihnen,
-sie so rasch wie möglich nach Santa Claus’ Palaste zu tragen. Die
-Elfen versprachen Gehorsam und waren im Nu auf und davon, indem sie
-die schweren Gefäße und Vasen hinter sich herschleppten, so gut sie
-konnten, und ab und zu ein wenig über die schwere Arbeit brummten; denn
-es waren faule Elfen, die lieber spielten als arbeiteten. Nach einiger
-Zeit kamen sie in einen großen Wald, und da sie müde und hungrig waren,
-beschlossen sie ein wenig zu rasten und sich nach Nüssen umzusehen, ehe
-sie ihre Wanderung weiter fortsetzten. Da sie aber glaubten, ihr Schatz
-könne ihnen inzwischen gestohlen werden, so verbargen sie die Gefäße
-in dem dichten grünen Laub der verschiedenen Bäume und waren sicher,
-daß niemand sie finden könne. Dann begannen sie lustig umherzustreifen,
-um sich Nüsse zu suchen, auf die Bäume zu klettern, neugierig in die
-leeren Vogelnester zu schauen und hinter den Bäumen Verstecken zu
-spielen. Diese unartigen Elfen waren nun bei ihrem Herumtollen so
-geschäftig und so lustig, daß sie ihren Auftrag und ihres Herrn Befehl,
-sich zu beeilen, ganz vergaßen, aber bald entdeckten sie zu ihrem
-Verdruß, warum ihnen Eile anbefohlen worden war, denn obgleich sie
-ihrer Meinung nach den Schatz sorgfältig versteckt hatten, so hatten
-die strahlenden Augen der Königin Sonne doch die Gefäße zwischen dem
-Laube erspäht, und da sie und König Frost sich über die beste Art, der
-Welt Gutes zu tun, nie einigen konnten, so war sie froh, eine gute
-Gelegenheit zu haben, ihrem ein wenig rauhen Nebenbuhler einen Streich
-zu spielen. Königin Sonne lachte still vor sich hin, als die zarten
-Gefäße zu schmelzen und zu zerbrechen begannen. Schließlich waren alle
-Gefäße und Vasen gesprungen oder entzweigegangen, und ebenso schmolzen
-die in ihnen enthaltenen Edelsteine und rannen in kleinen Strömen über
-die Bäume und Sträuche des Waldes.</p>
-
-<p>Noch bemerkten die faulen Elfen nicht, was sich ereignete, denn
-sie hatten sich in das Gras gelagert, und es dauerte lange, ehe
-der wunderbare Schatzregen sie erreichte; schließlich aber hörten
-sie deutlich, wie die Tropfen gleich einem Regen im ganzen Walde
-herabfielen und von einem Blatt zum anderen glitten, bis sie auf die
-kleinen Sträucher, neben denen die Elfen saßen, herabklatschten. Jetzt
-entdeckten sie zu ihrem Erstaunen, daß die Regentropfen geschmolzene
-Rubine waren, die auf den Blättern erstarrten und sie augenblicklich
-mit Purpur und Gold überzogen. Dann sahen sie, als sie sich genauer
-umblickten, daß ein großer Teil des Schatzes bereits geschmolzen war,
-denn die Eichen- und Ahornbäume waren in prächtige Gewänder von Gold-,
-Purpur- und Smaragdfarbe gehüllt. Es gewährte einen sehr schönen
-Anblick; aber die ungehorsamen Elfen waren zu sehr erschrocken, als daß
-sie die Schönheit der Bäume hätten wahrnehmen können. Sie fürchteten,
-König Frost könne kommen und sie strafen. So versteckten sie sich denn
-zwischen den Sträuchern und warteten schweigend auf das, was sich
-ereignen würde. Ihre Befürchtungen waren wohlbegründet, denn ihre
-lange Abwesenheit hatte den König beunruhigt, er bestieg den Nordwind
-und ritt aus, um seine säumigen Boten zu suchen. Natürlich war er
-noch nicht weit gekommen, als er das Glänzen des Laubes bemerkte, und
-er erriet rasch die Ursache davon, als er die zerbrochenen Gefäße
-bemerkte, aus denen der Schatz noch immer herunter tropfte. Zuerst war
-König Frost sehr zornig, und die Elfen zitterten und duckten sich noch
-tiefer in ihre Verstecke, und ich weiß nicht, was geschehen, wäre, wenn
-nicht gerade in diesem Augenblick eine Schar von Knaben und Mädchen den
-Wald betreten hätte. Als die Kinder die Bäume alle in den herrlichen
-Farben schimmern sahen, klatschten sie in die Hände, stießen ein
-Freudengeschrei aus und begannen sofort große Sträuße zu pflücken, um
-sie mit nach Hause zu nehmen. Die Blätter sind so hübsch wie die Blumen!
-riefen sie in ihrem Entzücken. Ihre Freude verscheuchte den Zorn aus
-König Frosts Herzen und glättete seine gerunzelten Augenbrauen, und
-auch er begann die bemalten Bäume zu bewundern. Er sagte zu sich
-selber: Meine Schätze sind nicht verloren, wenn sie kleine Kinder
-glücklich machen. Meine faulen Elfen und meine grimmige Feindin haben
-mich eine neue Art, Gutes zu tun, gelehrt.</p>
-
-<p>Als die Elfen dies hörten, wurde es ihnen bedeutend leichter ums Herz,
-und sie kamen aus ihren Verstecken hervor, gestanden ihre Schuld ein
-und baten ihren Herrn um Verzeihung.</p>
-
-<p>Seit dieser Zeit hat es König Frost stets großes Vergnügen gemacht,
-die Blätter mit den glühenden Farben, die wir im Herbste erblicken, zu
-bemalen, und wenn sie nicht mit Gold und Edelsteinen bedeckt sind, so
-kann ich mir nicht denken, was sie so glänzend macht; könnt ihr es euch
-vielleicht denken?</p>
-
-</div>
-
-<p class="mtop2">Wenn das Märchen von den »Frostelfen«, bemerkt Fräulein Sullivan zu den
-beiden Erzählungen, Helen im Sommer 1888 vorgelesen wurde, so konnte
-sie damals noch nicht viel davon verstanden haben, denn sie hatte erst
-seit dem März 1887 Unterricht gehabt.</p>
-
-<p>Ist es möglich, daß die Sprache des Märchens in ihrem Geiste
-schlummernd gelegen hat, bis meine Schilderung von der Schönheit
-der Herbstlandschaft sie ihr im Jahre 1891 wieder lebendig vor ihr
-geistiges Auge brachte?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_337" id="Seite_337">[S. 337]</a></span></p>
-
-<p id="Rosenelfen">Noch eine andere Tatsache ist in diesem Zusammenhange von großer
-Bedeutung. Das Märchen »Die Rosenelfen« war in demselben Bande
-erschienen wie »Die Frostelfen« und somit Helen wahrscheinlich um
-dieselbe Zeit wie dieses vorgelesen worden.</p>
-
-<p>Nun spricht Helen in ihrem Briefe vom Februar 1890 (s. oben <a href="#Briefe_Feb_1890">S. 328</a>),
-von diesem Märchen Fräulein Canbys als <em class="gesperrt">von einem Traume, den sie
-vor sehr langer Zeit als ganz kleines Kind gehabt habe</em>. Sicherlich
-werden anderthalb Jahre einem kleinen Mädchen wie Helen als »sehr lange
-Zeit« erscheinen; wir haben daher Veranlassung zu der Annahme, daß die
-Märchen ihr spätestens im Sommer 1888 vorgelesen worden sein müssen.</p>
-
-<hr class="r10" />
-
-<p>Helen Keller erwähnt (<a href="#Fauntleroy_III">S. 68</a>) einen freundlichen Brief, den ihr Fräulein
-Canby geschrieben habe. Auch mit Fräulein Sullivan trat die genannte
-Dame in Briefwechsel. So schrieb sie ihr z.&nbsp;B. am 9. März 1892 unter
-anderem: „Was für einen wunderbar regen Geist und was für ein treues
-Gedächtnis muß dieses begabte Kind besitzen! Hätte sich Helen eines
-kurzen Märchens erinnert und es niedergeschrieben, kurz nachdem sie
-es gehört hatte, so würde dies schon ein Wunder gewesen sein; aber
-das Märchen ein einzigesmal vor drei Jahren gehört zu haben und noch
-dazu auf eine Weise, daß weder ihre Eltern noch ihre Lehrerin darauf
-zurückkommen und die Erinnerung daran auffrischen konnten, und dann
-imstande gewesen zu sein, es so lebendig wiederzugeben und sogar noch
-einige selbständige Striche hinzuzufügen, die in völligem Einklang mit
-dem übrigen stehen und das Original in der Tat verbessern &mdash; das ist
-etwas, was sehr wenige Mädchen<span class="pagenum"><a name="Seite_338" id="Seite_338">[S. 338]</a></span> reiferen Alters, die im Besitze aller
-Vorteile des Sehens, Hörens und selbst großer schriftstellerischer
-Begabung sind, so gut geleistet hätten, wenn sie überhaupt dazu
-imstande gewesen wären. Unter diesen Umständen sehe ich nicht ein,
-wie irgendjemand so lieblos sein kann, dies ein Plagiat zu nennen;
-es ist eine wunderbare Leistung des Gedächtnisses und steht einzig
-in seiner Art da. Ich habe viele Kinder gekannt, habe mein ganzes
-Leben in ihrer Mitte zugebracht und kenne keinen größeren Genuß, als
-mich mit ihnen zu unterhalten, sie zu erheitern und ihre Geistes-
-und Charakterzüge ruhig zu beobachten; aber ich entsinne mich keines
-Mädchens von Helens Alter, das den gleichen Wissensdurst gehabt und
-über dieselbe Fülle literarischer und allgemeiner Bildung sowie über
-dieselbe schriftstellerische Begabung verfügt hätte wie Helen. Sie ist
-in der Tat ein Wunderkind. Vielen Dank für Helens Tagebuch! Es läßt
-mich klarer als zuvor die große Enttäuschung erkennen, die das liebe
-Kind zu erdulden gehabt hat. Bitte, sagen Sie ihr, wie sehr ich sie in
-mein Herz geschlossen habe und daß sie sich keine Gedanken mehr darüber
-machen soll. Niemand darf sagen, sie habe unrecht getan, und eines
-Tages wird sie eine große schöne Erzählung oder ein Gedicht schreiben,
-das vielen Menschen Freude machen wird. Sagen Sie ihr, ein paar bittere
-Tropfen seien in jedermanns Lebenskelch enthalten, und es bleibe uns
-nichts anderes übrig, als die bitteren geduldig, und die süßen dankbar
-hinzunehmen.“</p>
-
-<hr class="r10" />
-
-<p>Der Zwischenfall hatte, wie aus Helens eigener Darstellung hervorgeht,
-auf sie und auf Fräulein Sullivan eine geradezu vernichtende Wirkung.
-Letztere fürchtete, der Neigung zur Nachahmung, die in Wirklichkeit
-Fräulein Keller zur Schriftstellerin<span class="pagenum"><a name="Seite_339" id="Seite_339">[S. 339]</a></span> gemacht hat, allzugroßen
-Spielraum gelassen zu haben. Aber jetzt, da sie auf der Universität
-zusammen mit ihrem Zögling in die Geheimnisse des geistigen Schaffens
-eingedrungen ist, weiß sie, daß der Stil jedes Schriftstellers und
-in der Tat jedes Menschen, mag er gebildet oder ungebildet sein,
-eine Erinnerung ist, die sich aus allem, was er gelesen und gehört
-hat, zusammensetzt. Der Quellen seines Wortschatzes ist er sich
-größtenteils so wenig bewußt wie des Augenblickes, in dem er die
-Nahrung zu sich nahm, die einen Teil seines Daumennagels bilden sollte.
-Bei der Mehrzahl von uns kreuzen und vermischen sich die Zuflüsse
-aus den verschiedensten Quellen. Ein Kind, dem nur wenige Quellen
-zur Verfügung stehen, kann das, was es aus jeder einzelnen zieht,
-getrennt halten. In dieser Lage war Helen Keller, die den Wortlaut
-einer Geschichte, die sie zu der Zeit, als sie ihr vorgelesen wurde,
-noch nicht ganz verstand, fast unverändert und ohne Vermischung mit
-anderen Vorstellungen in ihrem Geiste bewahrte. Die Bedeutung dieses
-Umstandes kann nicht hoch genug bewertet werden. Er liefert den
-Beweis dafür, daß der Geist des Kindes Worte in sich aufspeichert,
-die es gehört hat, und daß diese hier gleichsam auf der Lauer liegen,
-stets bereit, hervorzutreten, wenn der äußere Anreiz dazu eintritt.
-Der Grund, weswegen wir diesen Prozeß bei normalen Kindern nicht
-wahrnehmen, liegt darin, daß wir sie selten als Ganzes beobachten, und
-daß sie ihre geistige Nahrung aus so vielen Quellen beziehen, daß die
-Erinnerungsbilder verworren sind und sich gegenseitig aufheben. Das
-Märchen vom »Frostkönig« trat jedoch nicht unverändert aus Helens Geist
-hervor, sondern war durch die Eigenart des Kindes umgeformt worden
-und hatte sich in Worte gekleidet, die aus anderen Quellen stammten.
-Der Stil von Helens Fassung ist sogar in manchen Beziehungen besser
-als der von Fräulein Canbys Erzählung. Sie weist die naive Phantasie
-eines echten<span class="pagenum"><a name="Seite_340" id="Seite_340">[S. 340]</a></span> Volksmärchens auf, während Fräulein Canbys Erzählung
-ersichtlich für Kinder von einer älteren Person geschrieben ist, die
-die Art und Weise eines Feenmärchens annimmt und didaktische Wendungen
-nicht immer vermeidet. Helens Märchen ist in demselben Sinne ein
-Original, wie die dichterische Bearbeitung einer alten Sage ein solches
-ist.</p>
-
-<p>Aller Sprachgebrauch beruht auf Nachahmung, und jemandes Stil ist ein
-Ausfluß aller Stilarten, die ihm vorgekommen sind.</p>
-
-<p>Der einzige Weg, ein gutes Englisch schreiben zu lernen, ist der, es zu
-lesen und zu hören. Daher kommt es, daß man jedes Kind ein korrektes
-Englisch lehren kann, wenn man es kein anderes lesen oder hören läßt.
-Bei einem Kinde ist die Scheidung des Besseren von dem Schlechteren
-nicht bewußt; es ist der Sklave seiner sprachlichen Erfahrung.</p>
-
-<p>Der gewöhnliche Mensch wird sich nie von der irrigen Auffassung
-losmachen können, daß die Worte dem Gedanken gehorchen, daß man zuerst
-denkt und das Gedachte dann in Worte kleidet. Es muß allerdings zuerst
-die Absicht, der Wunsch vorhanden sein, etwas auszusprechen, aber der
-Gedanke nimmt meistenteils erst dann feste Form an, wenn er in Worte
-gekleidet ist; auf jeden Fall wird der Gedanke dadurch, daß er in
-Worten ausgedrückt wird, ein selbständiges Gebilde. Worte rufen oft
-Gedankengänge hervor, und wer das Wort beherrscht, wird Bedeutenderes
-sagen, als er sonst vermöchte. Als Helen Keller den »Frostkönig«
-schrieb, sagte sie mehr, als sie selbst glaubte.</p>
-
-<p>Wer einen Satz aus Wörtern bildet, spricht nicht seine Weisheit aus,
-sondern die Weisheit des Volkes, dessen Leben in den Worten enthalten
-ist, selbst wenn sie vorher noch nie in dieser bestimmten Weise
-zusammengesetzt worden sind. Wer Geschichten schreiben kann, denkt an
-zu schreibende Geschichten. Das Medium der Sprache ruft den Gedanken
-hervor, den es<span class="pagenum"><a name="Seite_341" id="Seite_341">[S. 341]</a></span> begleitet, und je bedeutender das Medium ist, desto
-tiefer sind die Gedanken.</p>
-
-<p>Gebildet ist der, dessen Ausdrucksweise gebildet ist. Der Träger des
-Denkens ist die Sprache, und im Gebrauch der Sprache muß das taube Kind
-so gut wie jedes andere unterrichtet werden. Gebt ihm die Sprache,
-und es erhält mit ihr das Material, aus dem die Sprache gebildet ist,
-das Denken und die Erfahrungen seines Volkes. Die Sprache muß eine
-von einem Volke gebrauchte sein, nicht ein Kunstprodukt. Volapük ist
-ein Unsinn. Das taube Kind, das nur die Gebärdensprache kennt, bleibt
-bei allen Völkern ein Fremdling; seine Gedanken sind nicht die eines
-Engländers, eines Deutschen oder eines Franzosen. Das Vaterunser in der
-Zeichensprache ist nicht das Vaterunser im Englischen.</p>
-
-<p>De Quincey sagt in seiner Abhandlung über den Stil, das beste Englisch
-finde sich in den Briefen der gebildeten vornehmen Engländerinnen,
-weil diese nur einige gute Bücher gelesen haben und nicht durch den
-Zeitungsstil, den Jargon der Straße, des Marktes und der öffentlichen
-Versammlungen verdorben worden sind.</p>
-
-<p>Genau diese selben äußeren Umstände kommen für Helen Kellers Englisch
-in Betracht. In den ersten Jahren ihrer Erziehung bekam sie nur
-gute Sachen zum Lesen; einiges darunter war allerdings trivial und
-zeichnete sich auch nicht besonders durch seinen Stil aus, aber
-nichts war nach Form oder Inhalt geradezu schlecht. Diese glücklichen
-Verhältnisse haben ihr ganzes bisheriges Leben lang angedauert. Sie hat
-sich an Werken der Phantasie genährt und aus diesen den Stil großer
-Schriftsteller in ihr starkes, zähes Gedächtnis aufgenommen. Als sie
-zwölf Jahre alt war, wurde sie gefragt, was für ein Buch sie auf eine
-lange Eisenbahnfahrt mitnehmen wolle. »Das verlorene Paradies«, war
-ihre Antwort, und sie las das Werk im Zuge.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_342" id="Seite_342">[S. 342]</a></span></p>
-
-<p>In den Tagen, als Helen den ersten Entwurf ihrer Lebensgeschichte
-für den »Youth’s Companion« verfaßte,<a name="FNAnker_34_34" id="FNAnker_34_34"></a><a href="#Fussnote_34_34" class="fnanchor">[34]</a> schrieb ihr <span class="antiqua">Dr.</span>
-Holmes: „Ich bin entzückt über den Stil Ihrer Briefe. Es ist nichts
-Affektiertes in ihnen enthalten, und da sie Ihnen unmittelbar von
-Herzen kommen, so gehen sie auch mir unmittelbar zu Herzen.“</p>
-
-<p>In den Jahren des Uebergangs vom Kinde zur Jungfrau verlor Helens
-Stil seine frühere Schlichtheit und wurde steif und, wie sie sich
-selbst ausdrückte, gedrechselt. Damals wurde Fräulein Sullivan oft
-von der Furcht befallen, daß die Fortschritte ihrer Schülerin mit dem
-Ende der Kindheit aufhören würden. Zuweilen schien es Fräulein Keller
-an Geschmeidigkeit zu gebrechen; ihr Gedankengang bewegte sich in
-herkömmlichen Redewendungen, und sie schien nicht die Kraft zu haben,
-diese zu ändern oder in neue Bahnen zu lenken, und erst als sie die
-Kunst des Ausdrucks zum Gegenstand eines bewußten Studiums gemacht hat,
-hat sie aufgehört, das Opfer der Phrase zu sein. Charles T. Copeland,
-der lange Jahre hindurch Professor der englischen Sprache und Literatur
-an der Harvard- und der Radcliffe-Universität gewesen ist, erklärte
-einst: „In einigen ihrer Arbeiten hat sie gezeigt, daß sie besser
-schreiben kann, als irgend ein Schüler oder eine Schülerin, die ich je
-gehabt habe. Sie besitzt ein ausgezeichnetes »Ohr« für den Fluß der
-Perioden.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>In allem, was Fräulein Keller geschrieben hat, zeigt sich, wie bei den
-meisten großen englischen Schriftstellern, unverkennbar der Einfluß
-des Stils der Bibel. In ihrer Selbstbiographie finden sich viele
-Zitate aus der Bibel, entweder als gesonderte Einfügungen in den
-Text oder in diesen hineinverwoben, während das Ganze ein durchaus
-selbständiges Gepräge trägt.<span class="pagenum"><a name="Seite_343" id="Seite_343">[S. 343]</a></span> Ihr Wortschatz umfaßt alle Ausdrücke, die
-andere gebrauchen, und die Erklärung dieser Erscheinung und zugleich
-das Vernunftmäßige, das darin liegt, muß jedermann einleuchten. Es
-liegt kein Grund vor, warum sie alle Wörter, die einen Gehörs- oder
-Gesichtseindruck bezeichnen, aus ihrem Wörterbuche streichen sollte.
-Solange sie die Wörter richtig gebraucht, sollte man ihr das Recht
-einräumen, sie nach freiem Ermessen zu verwenden und dürfte von ihr
-nicht verlangen, daß sie sich auf einen Wortschatz beschränke, der
-ihrem Mangel an Seh- und Hörvermögen entspreche. In Bezug auf die
-Form sowohl wie den Inhalt ihres Buches müssen wir der Künstlerin
-zugestehen, was wir der Autobiographin versagen. Dazu kommt, daß für
-»wahrnehmen« von den Blinden die Ausdrücke »blicken« und »sehen«
-und von den Tauben »hören« gebraucht werden; es sind allgemein
-verständliche und gebräuchlichere Wörter. Nur ein Wortklauber könnte
-daran denken, den Blinden auf den Terminus »wahrnehmen« festnageln
-zu wollen, wenn »sehen« und »blicken« um so viel natürlicher sind
-und außerdem allgemein sowohl die Bedeutung des geistigen wie des
-sinnlichen Erkennens haben. Wenn Fräulein Keller eine Statue befühlt,
-so sagt sie in ihrer natürlichen Ausdrucksweise, während ihre Finger
-über den Marmor gleiten: Sie sieht aus wie ein Kopf der Flora.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Andererseits ist es richtig, daß sie in ihren Schilderungen das
-künstlerisch Beste dann leistet, wenn sie sich streng an ihre eigenen
-sinnlichen Wahrnehmungen hält, und genau dasselbe gilt von allen
-Künstlern.</p>
-
-<p>Infolge des Unterrichts in der letzten Zeit hat sie gelernt, ein gut
-Teil ihrer herkömmlichen Ausdrucksweise über Bord zu werfen und über
-Erfahrungen ihres Lebens zu schreiben, die sie selbst gewonnen hat. Sie
-hat mehr und mehr begonnen, den Stil aufzugeben, den sie aus Büchern
-entlehnte und<span class="pagenum"><a name="Seite_344" id="Seite_344">[S. 344]</a></span> den sie zu gebrauchen suchte, weil sie wie andere
-Menschen zu schreiben wünschte; sie hat gelernt, daß sie das Beste
-gibt, wenn sie »fühlt«, wie die Lilien hin- und herschwanken, sich die
-Rosen in die Hand drücken läßt und von der Hitze spricht, die für sie
-Licht bedeutet.</p>
-
-<p>Fräulein Kellers Selbstbiographie umfaßt nahezu alles, was sie zu
-veröffentlichen beabsichtigte.<a name="FNAnker_35_35" id="FNAnker_35_35"></a><a href="#Fussnote_35_35" class="fnanchor">[35]</a> Es existieren jedoch noch einige
-kleinere Aufsätze, die weder so formlos wie ihre Briefe noch so
-sorgfältig abgefaßt sind wie ihre Lebensgeschichte. Einer von diesen
-enthält Mitteilungen über ihr Traumleben, die bei einer Blinden von
-doppeltem Interesse sind; wir lassen ihn daher noch in Uebersetzung
-folgen.</p>
-
-<p class="center">* <span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>„O, die Streiche, die die Nixe von Traumland uns während des Schlafes
-spielen! Ich glaube, es sind die Spaßmacher des himmlischen Hofhalts.
-Oft nehmen sie die Gestalt von Aufsatzthemen an, um mich zu verspotten,
-sie stolzieren auf der Bühne des Schlafes wie die törichten Jungfrauen
-einher, nur daß sie anstatt der leeren Lampen saubere Kollegienhefte
-in ihren Händen halten. Ein andermal examinieren sie mich kreuz und
-quer in allen Fächern, die ich je studiert habe, und stellen Fragen an
-mich, die so leicht zu beantworten sind, wie die folgende: Wie hieß
-die erste Maus, über die sich Hippopotamos, der Satrap von Cambridge
-unter Astyages, dem Großvater Kyros’ des Großen, ärgerte? Ich wache vor
-Entsetzen auf, während mir noch die Worte in den Ohren klingen: Eine
-Antwort oder das Leben!</p>
-
-<p>Solchergestalt sind die verzerrten Phantasien, die durch die Seele
-eines Mädchens ziehen, das die Universität besucht<span class="pagenum"><a name="Seite_345" id="Seite_345">[S. 345]</a></span> und, wie ich
-es tue, in einer Atmosphäre von Ideen und Begriffen lebt, die halb
-Gedanken, halb Gefühle sind, die sich gegenseitig drängen und jagen,
-bis man beinahe verrückt wird. Ich habe selten Träume, die nicht im
-Zusammenhange mit dem stehen, was ich wirklich denke und fühle; aber
-eines Nachts schien sich meine ganze Natur verwandelt zu haben, und
-ich stand als mächtiger, furchtbarer Mann vor den Augen der Welt da.
-Selbstverständlich liebe ich den Frieden und hasse den Krieg nebst
-allem, was zum Kriege gehört; in der blutbefleckten Laufbahn Napoleons
-erblicke ich nichts Bewundernswertes, abgesehen von seinem Ende.
-Nichtsdestoweniger war in jener Nacht der Geist jenes mitleidslosen
-Menschenschlächters in mich gefahren! Ich werde es nie vergessen,
-wie die Kampfeswut in meinen Adern tobte &mdash; es schien, als wolle das
-stürmische Schlagen meines Herzens mir den Atem nehmen. Ich ritt einen
-feurigen Renner &mdash; ich kann noch jetzt das ungeduldige Emporwerfen
-seines Kopfes und den Schauer fühlen, der beim ersten Kanonendonner
-durch seinen Körper rann.</p>
-
-<p>Von dem Gipfel des Hügels aus, auf dem ich stand, sah ich meine Truppen
-über eine sonnenbeschienene Ebene anstürmen wie zornige Wellen,
-und als sie sich bewegten, erblickte ich das Grün der Felder, das
-aussah wie die kühlen Täler zwischen den Wogen. Trompeten erklangen
-mitten in den unaufhörlichen Trommelwirbel und den Massenschritt der
-heranmarschierenden Bataillone hinein. Ich spornte mein schnaubendes
-Roß, schwang mein Schwert in die Höhe und rief: Ich komme! Blickt auf
-mich, Krieger &mdash; Europa! Ich stürzte mich in die heranbrausenden Wogen
-wie ein starker Schwimmer in die Brandung taucht und stieß &mdash; ach, es
-ist die Wahrheit! &mdash; gegen den Bettpfosten.</p>
-
-<p>Jetzt schlafe ich selten, ohne zu träumen; bevor aber Fräulein Sullivan
-zu mir kam, waren meine Träume selten<span class="pagenum"><a name="Seite_346" id="Seite_346">[S. 346]</a></span> und mit Ausnahme derer von rein
-physischer Natur, gedankenarm und zusammenhanglos. In meinen Träumen
-fiel stets etwas plötzlich und schwer herab, und mitunter schien mich
-meine Wärterin für mein unfreundliches Benehmen, das ich im Laufe des
-Tages gegen sie gezeigt hatte, zu züchtigen und mir meine Fußtritte und
-mein Kneifen mit Wucherzinsen heimzuzahlen. Ich fuhr aus meinem Schlafe
-empor unter verzweifelten Anstrengungen, meiner Peinigerin zu entgehen.
-Ich aß sehr gern Bananen und eines Nachts träumte mir, ich fände eine
-lange Schnur mit diesen Früchten in dem Speisezimmer, in der Nähe des
-Buffets, alle geschält und von köstlicher Reife, und alles, was ich zu
-tun hatte, war, daß ich mich unter die Schnur stellte und aß, soviel
-ich konnte.</p>
-
-<p>Nachdem Fräulein Sullivan zu mir gekommen war, träumte ich umso öfter,
-je mehr ich lernte; aber mit dem Erwachen meines Geistes stellten
-sich oft schreckhafte Phantasien und unbestimmte Furchtanwandlungen
-ein, die meinen Schlaf lange Zeit zu einem sehr unruhigen machten.
-Ich fürchtete mich vor der Dunkelheit und liebte das Kaminfeuer.
-Sein warmer Hauch kam mir wie die Liebkosung einer Menschenhand vor,
-ich glaubte wirklich, es sei ein beseeltes Wesen, imstande, mich zu
-lieben und zu beschützen. An einem kalten Winterabend war ich allein
-in meinem Zimmer. Fräulein Sullivan hatte das Licht gelöscht und war
-fortgegangen, in der Meinung, ich schliefe schon. Mit einem Male fühlte
-ich mein Bett erzittern, und es war mir, als spränge ein Wolf auf mich
-zu und heulte mich an. Es war nur ein Traum, aber ich hielt ihn für
-Wirklichkeit und geriet in das größte Entsetzen. Ich wagte nicht zu
-schreien, aber ich wagte auch nicht im Bett zu bleiben. Vielleicht war
-der Traum eine verworrene Erinnerung an das Märchen vom Rotkäppchen,
-das ich vor kurzem gehört hatte. Jedenfalls schlüpfte ich aus dem
-Bett und kauerte mich dicht<span class="pagenum"><a name="Seite_347" id="Seite_347">[S. 347]</a></span> neben dem Feuer nieder, das noch nicht
-ausgebrannt war. Sobald ich seine Wärme fühlte, war ich beruhigt, und
-ich saß lange Zeit da und sah es in leuchtenden Wogen höher und immer
-höher steigen. Schließlich übermannte mich der Schlaf, und als Fräulein
-Sullivan zurückkehrte, fand sie mich in eine Decke gehüllt am Herde
-liegen.</p>
-
-<p>Oft, wenn ich träume, ziehen Gedanken durch meinen Sinn wie vermummte
-Schatten, schweigend und in weiter Ferne, und verschwinden dann.
-Vielleicht sind es die Geister von Gedanken, die einst den Geist eines
-Vorfahren von mir bevölkerten. Zu anderen Zeiten fallen die Dinge,
-die ich gelernt habe, und die, in denen ich unterrichtet worden bin,
-von mir ab, wie die Eidechse ihre Haut abstreift, und ich erblicke
-dann meine Seele so, wie Gott sie sieht. Es gibt auch schöne, seltene
-Augenblicke, in denen ich im Traumland sehe und höre. Wie, wenn in
-meinen wachen Stunden ein Ton durch die schweigenden Hallen des Gehörs
-erklänge? Wie, wenn ein Strahl des Lichtes durch die dunklen Gemächer
-meiner Seele blitzte? Was würde sich dann ereignen? frage ich mich
-immer und immer wieder. Würde die allzustraff gespannte Saite des
-Lebens springen? Würde das Herz, überwältigt von freudigem Schreck,
-infolge des Uebermaßes von Glück aufhören zu schlagen?</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_29_29" id="Fussnote_29_29"></a><a href="#FNAnker_29_29"><span class="label">[29]</span></a>
-Vergl. <a href="#Vierzehntes_Kapitel">S. 62 ff.</a></p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_30_30" id="Fussnote_30_30"></a><a href="#FNAnker_30_30"><span class="label">[30]</span></a> Gemeint ist der Beitrag Fräulein Sullivans zu dem von dem
-genannten Bureau herausgegebenen »Souvenir Helen Keller« (vergl.
-<a href="#Zweiter_Aufsatz">S. 205</a>).</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_31_31" id="Fussnote_31_31"></a><a href="#FNAnker_31_31"><span class="label">[31]</span></a> Fräulein Sullivan führt in ihrem Aufsatze folgendes an:
-Im Laufe des Winters (1891/92) ging ich mit Helen einmal während eines
-leichten Schneegestöbers in den Hof und ließ sie die herunterfallenden
-Flocken befühlen. Sie schien sich darüber sehr zu freuen. Als wir
-wieder hineingingen, äußerte sie folgende Worte: <span class="antiqua">Out of the
-cloud-folds of his garments Winter shakes the snow</span>. Ich fragte sie,
-wo sie dies gelesen habe, sie erwiderte, sie könne sich nicht erinnern,
-es gelesen zu haben, und schien sich auch nicht zu entsinnen, daß ihr
-die Worte von irgend jemand mitgeteilt worden seien. Da ich selbst
-diese Worte nie gehört hatte, fragte ich mehrere meiner Bekannten, ob
-sie sich ihrer erinnern könnten; doch schien dies bei niemand von ihnen
-der Fall zu sein. Die Lehrer des Instituts versicherten, daß diese
-Stelle sich in keinem in Hochdruck hergestellten Buche der Bibliothek
-befinde; aber eine Dame, Fräulein Marret, unterzog sich der Aufgabe,
-mit gewöhnlichen Typen gedruckte Gedichtsammlungen durchzusehen,
-ihre Mühe wurde auch belohnt, sie fand in einem der kleinen Gedachte
-Longfellows mit dem Titel: »<span class="antiqua">Snow-flakes</span>«
-folgende Verse: </p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Out of the bosom of the air,</div>
- <div class="verse">Out of the cloud-folds of her garments shaken,</div>
- <div class="verse">Over the woodlands brown and bare,</div>
- <div class="verse">Over the harvest-fields forsaken,</div>
- <div class="verse">Silent, and soft, and slow,</div>
- <div class="verse">Descends the snow.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Es scheint, daß irgendjemand Helen diese Verse des Dichters einmal
-mitgeteilt hat und daß sie ihr im Gedächtnis haften geblieben sind bis
-sie sich heute früh bei dem Schneetreiben ihrer wieder erinnerte.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_32_32" id="Fussnote_32_32"></a><a href="#FNAnker_32_32"><span class="label">[32]</span></a>
-<a href="#Bezug_Andersen">S. 157 ff.</a></p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_33_33" id="Fussnote_33_33"></a><a href="#FNAnker_33_33"><span class="label">[33]</span></a>
-Vergl. <a href="#Rosenelfen">S. 337.</a></p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_34_34" id="Fussnote_34_34"></a><a href="#FNAnker_34_34"><span class="label">[34]</span></a>
-Siehe <a href="#Youth_s_Companion">S. 73 ff.</a></p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_35_35" id="Fussnote_35_35"></a><a href="#FNAnker_35_35"><span class="label">[35]</span></a> Im Jahre 1905 erschien ein größerer Essay von ihr,
-»<span class="antiqua">Optimism</span>«.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<hr class="r10" />
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Die Geschichte meines Lebens, by Helen Keller
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GESCHICHTE MEINES LEBENS ***
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-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
-809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
-page at http://pglaf.org
-
-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To
-SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
-particular state visit http://pglaf.org
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
-To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
-
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
-
-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
-
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
-unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
-keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
-
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
-
- http://www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
-
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-
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