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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-03 18:01:32 -0800 |
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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Die Geschichte meines Lebens - -Author: Helen Keller - -Release Date: July 25, 2020 [EBook #62735] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GESCHICHTE MEINES LEBENS *** - - - - -Produced by Norbert H. Langkau, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net - - - - - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der 1921 erschienenen Buchausgabe - so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische - Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und - altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original - unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert. - - Doppelte Anführungszeichen wurden im Original in drei verschiedenen - Varianten verwendet: „so“, »so« und “so”; je nach Zusammenhang. - Diese Varianten wurden auch in der vorligenden elektronischen - Version beibehalten. Fußnoten wurden an das Ende des jeweiligen - Kapitels bzw. an das Ende des betreffenden Briefes von Helen Keller - verschoben. - - Zur Fußnote [11]: - - Bei der hier zitierten Übersetzung eines Auszuges aus Goethes - ‚Faust‘ handelt es sich sehr wahrscheinlich um die klassische - Übertragung von Bayard Taylor (1870/71). Insbesondere bei den - letzten beiden Versen scheint es sich um einen Druckfehler zu - handeln (Im vorliegenden Buch: ‘The Woman Soul leads usupwar don, - and’; in einem Vers). Diese Passage wurde an Taylors Übersetzung - angeglichen: - - ‘The Woman-Soul leadeth us - Upward and on!’ - - Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit - den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet: - - fett: =Gleichheitszeichen= - gesperrt: +Pluszeichen+ - Antiqua: ~Tilden~ - unterstrichen: _Unterstriche_ - - #################################################################### - - - - - +Memoirenbibliothek+ - - - Zweite Reihe Band 6 - - Die Geschichte meines Lebens - Von Helen Keller - - - - - Die - - Geschichte meines Lebens - - Von Helen Keller - - Mit einem Geleitwort von Felix Holländer - - Autorisierte Übersetzung von Paul Seeliger - - - [Illustration] - - Achtundfünfzigste Auflage - - +Verlag von Robert Lutz in Stuttgart+ - - - 1921 - - - - - Druck der Chr. Belserschen Buchdruckerei, Stuttgart. - - - - -[Illustration: Helen Keller. - -(Als Studentin)] - - - - -Widmung - -(Verkl. Faksimile) - - -[Illustration: In dieser Ausgabe meiner “Lebensgeschichte” grüsse -ich meine Freunde im deutschen Vaterlande. Gerne möchte ich glauben, -dass mein Buch etwas Vergnügen gäbe, um die grosse geistige Freude -einigermassen zu vergelten, die ich dem Lande Schillers und Goethes -schuldig bin. - - Helen Keller. -] - - - - - Eine neue Helen Keller-Stiftung für - deutsche Blinde, Taube, - Stumme. - - * * * * * - - Herrn Robert Lutz, Verlagsbuchhandlung, - - Stuttgart. - - Meinen Ihnen unterm 11. November 1916 gegegebenen Auftrag, alle - meine Einkünfte (~royalties~) aus der deutschen Ausgabe meiner - Schriften bis zum Ende des Jahres, in dem der Friedenszustand - wiederhergestellt wird, den deutschen Kriegsblinden zuzuwenden, - möchte ich erweitern. Ich bestimme daher, daß fortan alle die - genannten Einkünfte von Ihnen oder Ihren Rechtsnachfolgern den - deutschen Blinden, nächstdem auch den Tauben und Stummen zugewiesen - werden sollen, in erster Linie solchen Deutschen, die durch - den Krieg das Augenlicht, die Sprache oder das Gehör verloren - haben. Ihnen und Ihren Rechtsnachfolgern steht es frei, welchen - Einzelpersonen, Gesellschaften oder Organisationen Sie die Gelder - überweisen wollen, sofern nur der Zweck meiner Stiftung erreicht - wird. - - Der Verzicht auf meine Einkünfte in dem ausgeführten Sinne ist - zeitlich nicht begrenzt, sondern +endgültig+. - - New York, den 10. Januar 1920. (Gez.) Helen Keller. - - * * * * * - -Helen Kellers Bücher: - - Die Geschichte meines Lebens. Mit Bildern. 55. Auflage. Optimismus, - ein Glaubensbekenntnis. 42. Auflage. Meine Welt. 22. Auflage. - Dunkelheit. 13. Auflage. Briefe meiner Werdezeit. 7. Auflage. Wie - ich Sozialistin wurde. Neue Auflage in Vorbereitung. - - (Verlag von Robert Lutz in Stuttgart). - - - - -Geleitwort - - -Die Lebensgeschichte Helen Kellers ist ein Beitrag zur Erziehung des -Menschengeschlechtes. Es tut nicht not, ihr Charakterbild neben das -Napoleons zu rücken, wie es ihr Landsmann Mark Twain getan hat, um der -Bewunderung für ihre einzigartige Leistung Ausdruck zu geben. Sie ist -neunzehn Monate alt, als sie infolge einer schweren Krankheit, in der -die Aerzte sie bereits aufgegeben hatten, ihre Sprache, ihr Gehör und -ihr Gesicht verliert. Bis zu ihrem siebenten Jahre lebt sie in einem -tierähnlichen Zustande. Die ihr gebliebenen Sinne Geruch, Geschmack, -Gefühl, geben ihr die Möglichkeit, sich bei ihren nächsten Angehörigen -durch dunkle Zeichen und Gesten verständlich zu machen. Sie hängt -entweder an dem Kleide der Mutter oder sie sitzt beständig auf dem -Schoße der unglücklichen Frau, die den Jammer ihres Kindes gleich dem -Gatten durch eine grenzenlose Liebe zu mildern sucht. - -Wer kennt nicht jene rührende Angst junger Mütter vor der Geburt ihres -ersten Kindes?... Immer wieder taucht im tiefsten Innern die Frage auf, -wird das kleine Wesen auch mit heilen Gliedern zur Welt kommen -- wird -es sehen -- wird es hören? - -Helen Keller wurde als ein kräftiges Kind geboren, das vor Gesundheit -strotzte, bevor das Unglück über sie hereinbrach. Was mag damals in -der Seele ihrer Eltern vorgegangen sein, als sie nach dem Ausspruch -der Aerzte der ganzen Schicksalsschwere sich bewußt wurden! Wer würde -es nicht begreifen, wenn bei dem erschütternden Anblick ihres Kindes -unaussprechbare Gebete in ihnen wuchsen, wenn der dunkle Wunsch in -ihnen aufstieg, Gott möchte dieses arme Kind, dessen Gegenwart voll -Gram war, und in dessen Zukunft nicht ein Schimmer Glücks dringen -würde, zu sich nehmen. Und wenn Helen das ganze Haus tyrannisierte, -unartikulierte Laute ausstieß und wie eine Wilde sich gebärdete, sobald -man nicht ihren Willen tat -- wer möchte sich dann wundern, wenn Vater -und Mutter in dumpfer Resignation alles über sich ergehen ließen? Helen -zählt sieben Jahre drei Monate, als in ihr Leben die große Wendung -tritt. - -In diesem Alter haben die Menschen mittels des Ohres und des Auges das -Meiste von dem errafft, was den Inhalt ihres ganzen Lebens ausmacht. -Denn was wir später durch Erziehung, Schule und Selbstbetätigung -erreichen, ist im Verhältnis zu den Schätzen, die wir in diesen ersten -Jahren unseres Daseins mühelos aufheben, winzig und unbeträchtlich. -Die urangeborene Genialität des Menschen kommt in seinen Kinderjahren -zu einem großartigen Ausdruck. In dieser unserer Kindheit leben -wir in einem Zustand, für den die Bibel den Ausdruck paradiesisch -gefunden hat. Selbst das ärmste Kind, dem häusliches Unglück seine -Jugend stiehlt, hat noch teil an den Freuden, die ihm seine unbewußte -Erkenntnis aufschließt. In der Stunde beginnt erst der Ernst und die -Qual des Lebens, wo in unser bisher unbewußtes Lernen System kommt, wo -fremde Menschen auf unsere Verstandeskräfte pochen, und wo wir unter -ihrem Zwang und ihrer Leitung wissend werden. - -Und auch hier erweist sich noch einmal das schier Wunderbare und -Unfaßliche unserer geistigen Veranlagung. Wenn wir vorher im -wörtlichsten Sinne des Wortes spielend das Sprechen lernten -- so -ergibt sich als zweites Phänomen unserer Entwicklung, daß wir auf Grund -unserer Sprachkenntnis in einer Frist, die zu dem Resultat in gar -keinem Verhältnis steht, die Fähigkeit des Lesens erlangen. - -Beinahe achtlos und ohne Ehrfurcht geht der Mensch an solchen Wundern -vorüber. Nur junge Mütter strahlen vor Glück und Stolz, wenn ihr Kind -die ersten Worte hervorbringt, weil die in ihrem Instinkt die Größe -des Augenblicks empfinden. Sie ahnen, daß die kleine Seele ihre zarten -Schwingen hebt, daß dunkle Hüllen fallen -- daß wie mit einem Schlage -das geistige Wachstum deutlich erkennbar einsetzt. Von alledem war -Helen Keller ausgeschlossen bis zu dem angegebenen Zeitpunkte, wo ihre -Lehrerin Anne Mansfield Sullivan ihr väterliches Haus betrat. Die Nacht -hatte ihre schwarzen Flügel um sie gebreitet -- und es schien, als ob -undurchdringliche Finsternis wie ein böser Zauber für immer auf ihrer -Seele lasten sollte. - -Wen soll man mehr bewundern, -- das taubstumme und blinde Geschöpf, das -durch eine Energie, die beispiellos ist, sich zu dem höchsten Wissen -durchringt, oder ihre Lehrerin, deren Opfermut, Geduld und Güte Licht -in das Dunkel dieses ausgestoßenen Menschen bringt? Beide betrachten -ihre Begegnung als den unerhörten Glücksfall ihres Lebens. Und beider -Existenz könnte den Ungläubigen gläubig machen und mit Gott aussöhnen. -Jene Philosophen, die Beweise für das Dasein Gottes suchen, brauchten -sich nur auf diese beiden Geschöpfe zu berufen, um ihre Arbeit als -getan anzusehen. - -Anne Sullivan unterrichtet Helen, als ob sie ein normales Kind -wäre. Sie tritt ihr mit unerbittlicher Strenge entgegen, nachdem -ihre Versuche, das unbändige Kind durch Güte zu erziehen, kläglich -gescheitert sind. Sie nötigt die Eltern, Helen ein paar Wochen mit ihr -ganz allein zu lassen, und diese Zeit benutzt sie, um dem verzogenen -kleinen Mädchen durch ihre körperliche Ueberlegenheit fühlbar zu -machen, daß ihr stärkerer Wille jeden Eigensinn zu brechen vermag. Erst -als Helen diese Erkenntnis aufgezwungen und ins Blut gegangen ist, -beginnt die geistige Arbeit. - -Dies Buch ist ein Dokument dafür, was menschliche Energie zu leisten -vermag. Man muß es Zeile für Zeile andächtig und in Ehrfurcht lesen, um -das Wunderbare, das hier erreicht wurde, zu begreifen. - -Der Apostel spricht: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen -redete und hätte doch der Liebe nicht...“ Neben allen ihren geistigen -Fähigkeiten hatte Anne Sullivan der Liebe. Wie trifft man besser ihren -Wesenskern, als wenn man sie das Genie der Güte und der Liebe nennt? -Bis zu ihrem vierzehnten Jahre war sie selbst blind gewesen. Aus dieser -ihrer Leidenszeit hatte sie sich das große Gefühl des Erbarmens für -ihre Lebensaufgabe geschöpft. Sie wurde ihrer Schülerin eine Gespielin, -und im Spiele fand sie den Schlüssel, um Helen die Pforten der -Erkenntnis zu öffnen, die ihr nach menschlicher Berechnung für immer -verschlossen schienen. An den greif- und fühlbaren Dingen setzte ihr -Lehrplan ein, um dann an jene Wahrnehmungen anzuknüpfen, die durch den -Geruchssinn ermöglicht wurden. - -Sie begann damit, ihrer Schülerin das Fingeralphabet beizubringen --- und als dies gelungen war, buchstabierte sie ihr unaufhörlich -neue Wörter in die Hand, unbekümmert darum, ob Helen sie verstand -oder nicht. Sie wurde dabei von einer Voraussetzung geleitet, deren -Richtigkeit sich auf das Glänzendste bestätigen sollte. Sie sagte sich, -in dem Augenblicke, wo das geistige Dunkel von Helen genommen sein -würde, müßte sie durch Erinnerung und Ideenassociation hinter den Sinn -der Vokabeln gelangen, die ihr immer und immer wieder mechanisch in die -Hand buchstabiert worden waren. - -Erinnerung -- durch diesen Begriff allein ist das Wunder aufzuklären, -das sich an Helen Keller vollzog. Niemand kann dieses Erinnern -besser und schöner formulieren, als Helen Keller es selbst in ihrer -Lebensgeschichte getan hat: „Jedes Individuum,“ sagt sie, „besitzt -eine unter der Schwelle des Bewußtseins verborgene Erinnerung an die -grünende Erde und die murmelnden Gewässer, und weder Blindheit noch -Taubheit kann es dieser von vergangenen Generationen her überkommenen -Gabe berauben. Diese ererbte Fähigkeit ist eine Art sechsten Sinnes -- -ein Seelensinn, der zugleich sieht, hört, fühlt.“ - -Die größte Schwierigkeit aber, die sich Anne Sullivan bei ihrem -schweren Lebens- und Erziehungswerk in den Weg stellte, war die: -Wie sollte sie es anfangen, um ihrer Schülerin abstrakte Begriffe -beizubringen? Auch hier erwies dich die schöpferische Genialität -dieser Pädagogin. Es seien nur zwei Beispiele ihrer Methode angeführt: -So oft sie Helen etwas Süßes zu essen gab, buchstabierte sie ihr das -Wort »süß« in die Hand, -- so oft ihre Schülerin auf der Zunge einen -bitteren Geschmack haben mußte, das Wort »bitter«. Sie schloß ganz -richtig, daß die Uebertragung des sinnlichen Eindruckes auf abstrakte -Begriffe dich allmählich ganz von selbst ergeben müßte. - -Es ist nicht der Zweck dieser einleitenden Zeilen, den ganzen -Entwicklungsgang Helen Kellers zu erzählen. Man vermag ja das -Unfaßliche nur zu fassen, wenn man ihre eigenen Schilderungen liest und -die ergänzenden Briefe und Zusätze ihrer Lehrerin. - -Sie lernt lesen und schreiben und wird in alle Disziplinen der -Wissenschaft eingeweiht. Von Anne Sullivan auf Schritt und Tritt -begleitet, besteht sie glänzend die notwendigen Examina, um die -Universität besuchen zu können. Sie bildet ihren Tastsinn bis zu dem -Grade aus, daß sie die Schönheit plastischer Kunstwerke zu ahnen vermag -und das rührende Wort spricht: „Ich bin mitunter im Zweifel, ob die -Hand nicht empfänglicher für die Schönheiten der Plastik ist, als das -Auge. Ich sollte meinen, der wunderbare rhythmische Fluß der Linien -ließe sich besser fühlen als sehen.“ - -Nur auf ein Stadium ihres seltsamen Entwicklungsganges möchte ich -hier noch eingehen. Als zu ihr die Kunde dringt, daß eine taubstumme -und blinde Norwegerin das Sprechen erlernt habe, faßt sie den festen -Entschluß, sich ebenfalls die Sprache zu eigen zu machen, koste es -noch so viel Mühe und Schweiß. Sie begibt sich mit ihrer unermüdlichen -Lehrerin zu Sarah Fuller, der Leiterin der Horace-Mann-Schule, und -nimmt am 26. März 1896 ihre erste Sprachstunde. Sie mußte ihre Hand -über das Gesicht Sarah Fullers legen, um die Stellung der Zunge und -der Lippen zu fühlen, wenn diese einen Ton hervorbrachten. Sobald ihr -Eifer und Energie zu erlahmen drohten, dachte sie an die Freude, die -ihre kleine Schwester und die Eltern empfinden müßten, wenn das Wagnis -gelingen würde. - -Was wie ein Märchen klingt, wird zur Wahrheit: Helen Keller lernt auf -diese Weise das Sprechen. Und nun kann sie es kaum noch erwarten, zu -den Ihrigen zurückzukehren. Ihr Herz will vor Ungeduld zerspringen. -Es ist eine der erschütterndsten Stellen des bewegenden Buches, die -ihre Heimkehr schildert. Es heißt da: „Fast ehe ich es ahnte, hielt -der Zug auf dem Bahnhofe in Tuscumbia, und auf dem Perron stand die -ganze Familie. Meine Augen füllen sich noch jetzt mit Tränen, wenn -ich daran denke, wie mich meine Mutter sprachlos und zitternd vor -Freude an ihr Herz drückte und auf jede Silbe, die ich sprach, atemlos -lauschte, während die kleine Mildred meine freie Hand ergriff, sie -küßte und umhertanzte, und mein Vater seinen Stolz und seine Liebe -durch tiefes Schweigen bekundete. Es war, als sei Jesaias Prophezeiung -an mir in Erfüllung gegangen: Die Berge und Hügel werden vor Dir Lieder -anstimmen, und alle Bäume des Feldes werden vor Freude in ihre Hände -klatschen.“ - -Die Lektüre von Helen Kellers Selbstbiographie gibt uns neue -Aufschlüsse über die menschliche Natur. Sie ist eine Fundgrube für den -Psychologen und sie bringt jedem Leser eine ungeahnte Bereicherung -seines inneren Besitzes. Dennoch liegt es uns fern, Helen Keller als -Genie anzupreisen. Ihre Urteile über Kunst, Literatur und Wissenschaft -sind wohl die eines Menschen von außergewöhnlichem Intellekt und -außergewöhnlicher Kultur -- aber niemals verblüffen sie durch eine -besondere Eigenart, niemals legen sie Zeugnis ab von einer überlegenen -Persönlichkeit. Ein gebildeter Mensch, der aus allen Quellen des -Wissens und der Kunst getrunken hat, spricht zu uns -- nicht aber ein -origineller Geist, der neue Werte prägt. - -Trotzdem sind wir hingerissen von diesem Phänomen, das uns zum Glauben -und zur Andacht zwingt. - -Ein Beitrag zur Erziehung des Menschengeschlechtes ist dieses Buch. -Und wenn Helen Keller selbst schwerlich den Anspruch erhebt, zu den -führenden Geistern gerechnet zu werden -- so ist doch ihr Dasein selbst -ein Beweis für die Genialität des Menschen überhaupt. Es sollte die -nachdenklich und ehrfürchtig stimmen, die das kostbarste Material, das -Mutter Natur geschaffen hat, mißachten und mißhandeln. - - Felix Holländer. - - -=Zur gefl. Beachtung:= Zum besseren Verständnis der Aufzeichnungen -Helen Kellers wird es sich empfehlen, +zuerst den Anhang+ einer -kurzen Durchsicht zu unterziehen. -- Die manchmal etwas ungewöhnliche -Ausdrucksweise der Verfasserin wurde in der Uebersetzung beibehalten. - - - - -Inhalt. - - - Seite - - +Vorwort von Felix Holländer+ VII - - - Erster Teil. - - Die Geschichte meines Lebens. - - - Erstes Kapitel. - - Schwierige Aufgabe. -- Familie. -- Ivy Green. -- Garten. - -- Geburt. -- Taufe. -- Erste Sprech- und Gehversuche. -- - Erkrankung. -- Dauernder Verlust des Gesichts und Gehörs. -- - Verworrene Erinnerung an die ersten Gesichtseindrücke 3 - - - Zweites Kapitel. - - Die ersten Monate nach der Krankheit. -- Verständigungsversuche - durch Gebärdensprache. -- Betätigung im Haushalt. -- - Teilnahme an der Geselligkeit des Hauses. -- Erkenntnis der - Unterscheidung von anderen. -- Heftigkeit. -- Eigenwilligkeit - und Herrschsucht. -- Früheste Erinnerungen. -- Umzug. -- - Familienleben. -- Tod des Vaters im Jahre 1896. -- Eifersucht 8 - - - Drittes Kapitel. - - Wachsendes Verlangen nach Gedankenaustausch. -- Laura Bridgman - und ~Dr.~ Howe. -- Reise nach Baltimore zu einem Augenarzte. -- - Besuch bei Alex. Graham Bell. -- Herr Anagnos in Boston findet - eine Lehrerin 17 - - - Viertes Kapitel. - - Ankunft Fräulein Sullivans in Tuscumbia am 3. März 1887. -- - Bange Erwartung. -- Beginn der Erlernung des Fingeralphabets. - -- Szene am Brunnen. -- Enthüllung des Geheimnisses der Sprache - 20 - - - Fünftes Kapitel. - - Allmähliches Erwachen der Seele. -- Unterricht im Freien. -- - Freude an der Natur. -- Schrecken der Natur. -- Gewitter. -- - Schönheit des Mimosenbaumes 24 - - - Sechstes Kapitel. - - Fortschritt in der Beherrschung der Sprache. -- Wißbegierde. -- - Unterredung über Liebe. -- Kennenlernen abstrakter Begriffe. -- - Dieselbe Unterrichtsmethode wie bei einem hörenden Kinde 28 - - - Siebentes Kapitel. - - Erster Leseunterricht. -- Anfangs keine regelmäßigen - Unterrichtstunden. -- Erziehung zum Naturgenuß. -- Wald, - Garten. -- Kellers Landungsplatz. -- Geographie, Rechnen, - Zoologie, Botanik. -- Fossilien. -- Leicht faßliche - Unterrichtsmethode. -- Herzliches Verhältnis zu Fräulein - Sullivan 32 - - - Achtes Kapitel. - - Erstes Weihnachtsfest nach Fräulein Sullivans Ankunft. -- - Ratespiel. -- Weihnachtsbescherung in der Schule zu Tuscumbia. - -- Freude über die Weihnachtsgeschenke 39 - - - Neuntes Kapitel. - - Reise nach Boston. -- Zusammentreffen mit den blinden Kindern. - -- Bunker Hill. -- Plymouth. -- Pilgerfelsen. -- Herr William - Endicott 42 - - - Zehntes Kapitel. - - Ferienaufenthalt in Brewster. -- Die See. -- Erstes Seebad. -- - Eindruck der Brandung. -- Der erste Taschenkrebs 46 - - - Elftes Kapitel. - - Rückkehr nach Tuscumbia. -- Fern Quarry. -- Jagden. -- Pony - »Black Beauty«. -- In Lebensgefahr 49 - - - Zwölftes Kapitel. - - Besuch im Norden. -- Wintervergnügungen 54 - - - Dreizehntes Kapitel. - - Rückblick auf die früheren Versuche, zu sprechen. -- Ragnhild - Kaata. -- Unterricht in der Lautsprache bei Fräulein Fuller. -- - Freude über den Erfolg. -- Ablesen von den Lippen mittels der - Finger. -- Gebrauch des Fingeralphabets 57 - - - Vierzehntes Kapitel. - - Die Frostkönig-Episode. -- Betrachtungen über Schriftstellerei 62 - - - Fünfzehntes Kapitel. - - Erster Entwurf der »Lebensgeschichte«. -- Zweifel und Unruhe. - -- Reise nach Washington zur Einführung des Präsidenten - Cleveland, nach dem Niagarafall und der Weltausstellung in - Chicago 72 - - - Sechzehntes Kapitel. - - Geschichtsstudium. -- Studium der französischen Sprache, - Lafontaine, Molière, Racine. -- Vervollkommnung der - Lautsprache. -- Latein. -- Lektüre von Cäsars »Gallischem - Kriege« 77 - - - Siebzehntes Kapitel. - - Verhandlungen der Amerikanischen Vereinigung zur Förderung - der Taubstummen im Sprechen in Chautauqua (Sommer 1894). -- - Besuch der Wright-Humason-Schule in New York. -- Arithmetik, - physikalische Geographie, Französisch, Deutsch. -- Lektüre von - »Wilhelm Tell« und »~Le médecin malgré lui~«. -- Zentralpark in - New York. -- Ausflüge in die Umgebung der Stadt 80 - - - Achtzehntes Kapitel. - - Besuch des Mädchengymnasiums in Cambridge zum Zweck der - Vorbereitung für das Radcliffe College. -- Wunsch, eine - Universität zu besuchen. -- Schwierigkeit, dem Unterricht zu - folgen. -- Befriedigende Fortschritte, namentlich im Deutschen: - »Lied von der Glocke«, »Taucher«, »Dichtung und Wahrheit« - u. s. w. Shakespeare, Burke, Macaulay. -- Zusammensein mit - sehenden und hörenden Altersgenossinnen. -- Mildreds Aufnahme - in die Schule. -- Prüfungen 83 - - - Neunzehntes Kapitel. - - Beginn des zweiten Schuljahres. -- Physik, Algebra, Geometrie, - Astronomie, Griechisch, Latein. -- Anfälle von Kleinmut. -- - Abgang vom Gymnasium und Weiterbildung durch Privatunterricht. - -- Rückkehr nach Boston (Oktober 1898). -- Schlußprüfung für - das Radcliffe College (Juni 1899) 90 - - - Zwanzigstes Kapitel. - - Eintritt in das Radcliffe College. -- Anfängliche - Begeisterung und teilweise Enttäuschung. -- Uebelstände des - Universitätsstudiums. -- Erstes Studienjahr. -- Französisch, - Deutsch, englische Stillehre, englische Literatur. -- Besuch - der Vorlesungen. -- Schreibmaschine. -- Stunden des Unmuts. - -- Zweites Jahr: englische Stillehre, Bibel, politische - Verhältnisse Amerikas und Europas, horazische Oden, lateinische - Komödie, Nationalökonomie, Shakespeare, Geschichte der - Philosophie. -- Verknöcherung des Universitätswesens. -- Pein - der Prüfungen. -- Enttäuschung 96 - - - Einundzwanzigstes Kapitel. - - Bücherstudium. -- Rückblick. -- Bibliothek in Boston. -- - Heißhunger auf Bücher. -- »~Little Lord Fauntleroy~«. -- - Lafontaines Fabeln. -- Begeisterung für das griechische - Altertum. -- Ilias. -- Aeneis. -- Bibel. -- Shakespeare. - Macbeth, König Lear. -- Geschichte. -- Deutsche Literatur. -- - Französische Literatur. -- Mark Twain. -- Scott 105 - - - Zweiundzwanzigstes Kapitel. - - Liebe zur Natur. -- Körperliche Uebungen. -- Rudern. -- Segeln. - -- Halifax. -- Regatta. -- Sturm. -- Aufenthalt in Wrentham. - -- Weltbegebenheiten. -- Krieg mit Spanien. -- Soziale - Kämpfe. -- Unterschied zwischen Stadt und Land. -- Soziales - Mitgefühl. -- Spaziergänge. -- Radfahren. -- Liebe zu Hunden. - -- Dame- und Schachspiel. -- Liebe zu Kindern. -- Museen und - Kunstsammlungen. -- Theaterbesuch. -- Zeitweiliges Gefühl der - Vereinsamung 120 - - - Dreiundzwanzigstes Kapitel. - - Beglückendes Gefühl der Freundschaft. -- Bischof Brooks. -- - Kein Verlangen nach dem Jenseits. -- Henry Drummond. -- ~Dr.~ - Oliver Wendell Holmes. -- Whittier. -- ~Dr.~ Edward Everett - Hale. -- ~Dr.~ Alexander Graham Bell. -- Charles Dudley Werner. - -- Mark Twain u. a. -- Schlußwort 133 - - - Zweiter Teil. - - Helen Kellers Briefe (1887-1901). - - (Auswahl.) - - Erste Schreibversuche. -- Zwei Briefe an die blinden Mädchen - im Perkinsschen Institut. -- Brief an Herrn Anagnos mit der - Schilderung eines Picknicks im Walde. -- Brief an Onkel Morrie - über den Ausflug nach Plymouth. -- Brief an Herrn Anagnos mit - einigen französischen und griechischen Redensarten. -- Brief - an Tante Eveline Keller mit Uebersetzungen von griechischen, - französischen, lateinischen und deutschen Redensarten und - Wörtern. -- Brief mit astronomischen Angaben. -- Briefe an - Herrn Anagnos über seine Reise nach Europa. -- Brief mit - Wiedergabe des Inhalts eines Andersenschen Märchens. -- Brief - an Fräulein Sullivan. -- Brief an Whittier. -- Brief an ~Dr.~ - Holmes. -- Brief an Fräulein Sarah Fuller. -- Brief an den - nachmaligen Bischof Brooks. -- Brief über Tommy Stringer. - -- Brief über die Reise nach dem Niagarafall. -- Brief über - den Besuch der Weltausstellung in Chicago. -- Brief über ein - Zusammentreffen mit Mark Twain. -- Brief über den Besuch - des Bostoner Museums. -- Brief über den Eindruck, den das - Orgelspiel auf Helen Keller gemacht hat. -- Stellen aus - verschiedenen Briefen über Leidensgefährten. -- Brief an ~Dr.~ - Hale, geschrieben am Vorabend der Howefeier 147 - - - Anhang. - - Die Abfassung des Buches. - - Schwierigkeit der Prüfung des mit der Schreibmaschine - hergestellten Manuskriptes. -- Braillekopie. -- Revision mit - Hilfe Fräulein Sullivans 179 - - - Helen Kellers Persönlichkeit. - - Körperliche Erscheinung. -- Lebhafte Gestikulation. -- - Personengedächtnis. -- Vorliebe für Humor. -- Hartnäckigkeit - im Verfolgen ihrer Ziele. -- Keckheit. -- Ungeeignet für - psychologische Experimente. -- Liebe zur Geselligkeit. -- - Verständnis für Musik. -- Interesse für die Tagesereignisse. - -- Ueberraschend vollständige Weltkenntnis. -- Gefühlssinn - nicht besonders fein entwickelt. -- Verständnis für Plastik. - -- Wenig Orientierungssinn. -- Benutzung der Schreibmaschine. - -- Fingeralpbabet. -- Hochdruck und Braillesystem. -- - Geruchssinn. -- »Sechster Sinn«. -- Zeitsinn. -- Eigenartige - Uhren. -- Gesunde Auffassung der Dinge. -- Sittliche Reinheit. - -- Abneigung gegen Tragödien. -- Warmes Empfinden und - Aufrichtigkeit. -- Mangel an Eitelkeit. -- Beschäftigung mit - Politik 182 - - - Helen Kellers Bildungsgang. - - ~Dr.~ Howe und Laura Bridgman. -- Helen Keller kein Objekt - für psychologische Beobachtungen. -- Unwahre und übertragene - Berichte über ihre Fortschritte. -- Fräulein Sullivans - Persönlichkeit. -- Helens Entwickelung nach Fräulein Sullivans - Berichten. -- Psychologische und pädagogische Betrachtungen - über Fräulein Sullivans Methode 199 - - - Helen Kellers Sprache. - - Fräulein Sullivans Bericht über Helens Unterricht in der - Lautsprache. -- Eigentümlichkeiten von Helens Aussprache. -- - Ansprache Helens in Mt. Airy bei Philadelphia 311 - - - Helen Keller als Schriftstellerin. - - Helen Kellers hervorragende stilistische Begabung und deren - Pflege. -- Gute Lektüre. -- Unausgesetzte Kontrolle der - Stilübungen Helens durch Fräulein Sullivan. -- Fräulein - Sullivans Darstellung der Episode mit dem »Frostkönig«. - -- Gegenüberstellung der beiden Fassungen des Märchens. - -- Fräulein Canbys Aeußerungen über den Zwischenfall. -- - Allgemeine Betrachtungen über den »Frostkönig«. -- Kleinerer - Aufsatz Helens über ihr Traumleben 321 - - - Verzeichnis der Bilder. - - Helen Keller als Studentin (Titelbild) - - Ivy Green Seite 5 - - Helen Keller und Fräulein Sullivan „ 39 - - Fräulein Sullivan liest Helen Keller vor „ 84 - - Helen Keller, Fräulein Sullivan und Schauspieler - Jefferson „ 132 - - Helen Keller »betrachtet« eine Nike-Statuette „ 170 - - Helen Keller »horcht« auf die Töne eines Klaviers „ 186 - - Helen Keller bei der Lektüre „ 192 - - - - -Erster Teil - -Die Geschichte meines Lebens - - - - -Erstes Kapitel. - - Schwierige Aufgabe. -- Familie. -- Ivy Green. -- Garten. -- Geburt. - -- Taufe. -- Erste Sprech- und Gehversuche. -- Erkrankung. -- - Dauernder Verlust des Gesichts und Gehörs. -- Verworrene Erinnerung - an die ersten Gesichtseindrücke. - - -Nur mit einem gewissen Zagen beginne ich die Geschichte meines Lebens -zu schreiben. Ich empfinde eine Art abergläubischer Furcht davor, den -Schleier zu lüften, der wie ein goldener Nebel über meiner Kindheit -ausgebreitet liegt. Die Aufgabe, eine Selbstbiographie zu verfassen, -gehört zu den schwierigsten, die man sich überhaupt stellen kann. -Wenn ich versuche, meine ersten Eindrücke zu ordnen, so finde ich, -daß Wahrheit und Dichtung, über die Jahre hinweg betrachtet, die die -Vergangenheit mit der Gegenwart verknüpfen, sich zum Verwechseln -ähnlich sehen. Die reife Frau schildert die Erfahrungen des Kindes, -wie sich diese in ihrer eigenen Phantasie darstellen. Ein paar -Eindrücke aus meinen ersten Lebensjahren stehen lebendig vor meiner -Seele, doch „alles andre deckt der Kerkerschatte“. Auch haben viele -der Freuden und Leiden der Kindheit ihren Reiz und ihren Stachel -verloren, und zahlreiche Ereignisse, die bei Beginn meiner Erziehung -von entscheidender Bedeutung gewesen sind, habe ich in der Erregung -über meine weiteren Fortschritte vergessen. Um daher den Leser nicht -zu ermüden, will ich in einer Reihe von Skizzen nur die Episoden zu -schildern versuchen, die mir am interessantesten und wichtigsten -erscheinen. - -Ich wurde am 27. Juni 1880 in Tuscumbia, einer kleinen Stadt im -nördlichen Alabama, geboren. - -Die Familie meines Vaters stammt von +Kaspar Keller+ ab, einem -geborenen Schweizer, der sich in Maryland niedergelassen hatte. Einer -meiner Schweizer Vorfahren war der erste Lehrer für Taubstumme in -Zürich und hat ein Buch über deren Erziehung geschrieben -- gewiß ein -seltsames Zusammentreffen, obgleich es wahr ist, daß es keinen König -gibt, unter dessen Vorfahren sich nicht ein Sklave befunden hat, und -keinen Sklaven, in dessen Adern nicht auch Königsblut rollt. - -Mein Großvater, Kaspar Kellers Sohn, erhielt große Ländereien in -Alabama zugewiesen und siedelte sich schließlich hier an. Ich -habe mir erzählen lassen, daß er alljährlich einmal von Tuscumbia -nach Philadelphia ritt, um die Bedürfnisse für seinen Grundbesitz -einzukaufen, und meine Tante verwahrt noch viele von den Briefen an -seine Familie, die anziehende und lebhafte Reiseschilderungen enthalten. - -Meine Großmutter Keller war die Tochter Alexander Moores, eines -Adjutanten Lafayettes, und Enkelin Alexander Spotswoods, eines früheren -Kolonialgouverneurs von Virginia. Auch war sie im zweiten Gliede mit -Robert E. Lee verwandt. - -Mein Vater, Arthur H. Keller, war Hauptmann in der konföderierten Armee -gewesen, und meine Mutter, Kate Adami, war seine zweite Gattin und -viele Jahre jünger. - -Bis zum Ausbruch meiner Krankheit, die mich für immer des Gesichts -und Gehörs berauben sollte, lebte ich in einem kleinen Hause, das aus -einem großen viereckigen Zimmer und einem kleineren bestand, in dem -das Dienstmädchen schlief. Im Süden herrscht die Gewohnheit, in der -Nähe des Wohnhauses ein kleineres Gebäude zu errichten, das dann bei -Gelegenheit benützt wird. Ein solches Häuschen erbaute auch mein Vater -nach dem Bürgerkriege und bezog es, nachdem er sich mit meiner Mutter -verheiratet hatte. Es war über und über mit Wein, Kletterrosen und -Geißblatt bedeckt. Vom Garten aus machte es ganz den Eindruck einer -Laube. Der kleine Eingang lag hinter einer Hecke von gelben Rosen und -Stechwinde verborgen, die beständig von Hummeln und Bienen umsummt -wurde. - -[Illustration: Ivy Green] - -Das Familienwohnhaus lag wenige Schritte von unserer kleinen Rosenlaube -entfernt. Es wurde »Ivy Green« genannt, weil das Haus und Bäume und -Zäune, welche es umgaben, von dem schönsten Efeu umrankt waren. Der -dazugehörige altmodische Garten war das Paradies meiner Kindheit. - -Schon vor der Ankunft meiner Lehrerin pflegte ich mich an den steifen -viereckigen Buchsbaumhecken entlang zu tasten und fand, durch den -Geruch geleitet, die ersten Veilchen und Lilien. Hierher flüchtete ich -mich auch nach einem heftigen Ausbruch meines Temperaments und verbarg -mein heißes Gesicht in den kühlen Blättern und Gräsern. Was für eine -Freude war es, mich in diesem blumenübersäten Garten zu verlieren, -selig von einem Fleck zum anderen zu wandern, bis ich endlich auf einen -herrlichen Weinstock stieß, ihn an seinen Blättern und Blüten erkannte -und wußte, es sei der Weinstock, der das verfallene Sommerhaus am -anderen Ende des Gartens umrahmte! Dort wuchsen auch die kletternde -Clematis, der niederhängende Jasmin und einige seltene, stark duftende -Blumen, Schmetterlingslilien genannt, weil ihre zarten Blütenblätter -Schmetterlingsflügeln gleichen. Aber die Rosen waren doch meine -bevorzugten Lieblinge. Niemals habe ich in den Treibhäusern des Nordens -solche wunderherrlichen Rosen angetroffen wie die Kletterrosen meines -väterlichen Gartens, im Süden. Sie hingen in langen Gewinden um das -Portal des kleinen Häuschens und erfüllten die ganze Luft mit ihrem -Wohlgeruch, der nichts Irdisches an sich hatte, und in der Morgenfrühe -fühlten sie sich, vom Tau gebadet, so frisch, so rein an, daß ich mich -oft staunend fragte, ob sie nicht den Asphodelosblüten im Garten Gottes -glichen. - -Der Beginn meines Lebens war einfach und genau so wie der jedes -anderen kleinen Lebens. Ich kam, sah, siegte, wie es das erste Kind -einer Familie stets tut. Wie gewöhnlich kam es bei Gelegenheit der -Wahl eines Namens für mich zu einer lebhaften Erörterung. Es war nicht -leicht, für das erste Kind in der Familie einen passenden Namen zu -finden, da jedermann seine Lieblingswünsche in dieser Beziehung hatte -und mit Eifer vertrat. Mein Vater schlug den Namen Mildred Campbell -vor, wie eine Ahne von ihm geheißen hatte, die er sehr verehrte, und -lehnte es ab, weiter an der Diskussion teilzunehmen. Meine Mutter -gab den Ausschlag, indem sie es als ihren Wunsch bezeichnete, ich -möchte nach ihrer Mutter, deren Mädchenname Helen Everett war, genannt -werden. Aber in seiner Aufregung vergaß mein Vater während der Fahrt -nach der Kirche diesen Namen, was auch ganz erklärlich war, da er es -ausdrücklich abgelehnt hatte, für ihn die Verantwortung zu tragen. Als -der Geistliche ihn danach fragte, erinnerte er sich nur noch, daß man -übereingekommen war, mich nach meiner Großmutter zu nennen, und gab -ihren Namen als Helen Adams an. - -Schon als ich noch im langen Kleidchen auf dem Arme getragen wurde, -soll ich häufig einen heftigen, eigenwilligen Charakter gezeigt haben. -Alles, was ich andere tun sah, wollte auch ich durchaus tun. Im Alter -von sechs Monaten konnte ich ~How d’ ye~[1] piepsen, und eines Tages -zog ich die allgemeine Aufmerksamkeit auf mich, als ich ganz deutlich -~Tea, tea, tea!~ sagte. Selbst nach meiner Krankheit erinnerte ich -mich noch an eins der Worte, das ich in jenen ersten sechs Monaten -gelernt hatte. Es war das Wort ~water~, und ich fuhr fort, einen -Laut für dieses Wort hervorzubringen, selbst nachdem ich die ganze -übrige Sprache verloren hatte. Ich hörte erst auf, den Laut ~wah-wah~ -auszustoßen, als ich das Wort zu buchstabieren gelernt hatte. - -Im Alter von einem Jahre konnte ich gehen. Meine Mutter hatte mich -gerade aus der Badewanne gehoben und hielt mich auf ihrem Schoße, -als ich plötzlich durch die hin- und herhuschenden Schatten, die das -Laub der Bäume auf die von der Sonne beschienene glatte Diele warf, -gefesselt wurde. Ich schlüpfte von dem Schoße meiner Mutter herab und -lief auf diese Schatten zu. Als der erste Antrieb vorüber war, fiel ich -hin und schrie nach meiner Mutter, damit sie mich wieder auf den Arm -nehme. - -Diese glücklichen Tage dauerten nicht lange. Ein kurzer Frühling voll -jubelnden Vogelgesanges, ein Sommer, reich an Früchten und Rosen, ein -in roten und goldenen Farben glühender Herbst kamen und gingen und -legten ihre Gaben dem munteren, entzückten Kinde zu Füßen. Dann, in -dem darauffolgenden traurigen Februar, kam die Krankheit, die mir Auge -und Ohr schloß und mich in die Unbewußtheit eines neugeborenen Kindes -zurückversetzte. Es war eine akute Unterleibs- und Gehirnentzündung. -Der Arzt hatte mich schon aufgegeben. Eines Morgens verließ mich -jedoch das Fieber auf ebenso plötzliche und geheimnisvolle Weise, wie -es ausgebrochen war. Es herrschte an jenem Morgen große Freude in der -Familie, allein niemand, selbst der Arzt nicht, hatte eine Ahnung -davon, daß ich niemals wieder sehen oder hören sollte. - -Ich glaube, ich habe noch verworrene Erinnerungen an diese Krankheit. -Namentlich entsinne ich mich der Zärtlichkeit, mit der mich meine -Mutter in meinen wachen, qualvollen Stunden überhäufte, und der -entsetzlichen Angst, mit der ich nach einem unruhigen Halbschlummer -erwachte und meine, ach so heißen und trockenen Augen nach der Wand -kehrte, hinweg von dem einst so geliebten Tageslicht, das von Tag -zu Tage trüber und matter zu mir drang. Aber abgesehen von diesen -verschwommenen Erinnerungen, wenn sie überhaupt noch Erinnerungen -genannt werden können, erscheint mir alles völlig traumhaft wie ein -Alp. Nach und nach gewöhnte ich mich an die mich umgebende Stille und -Dunkelheit und vergaß, daß ich jemals ein anderes Los gehabt hatte, bis -+sie+ kam -- meine Lehrerin --, die meinen Geist befreite. Aber während -der ersten neunzehn Monate meines Lebens hatte ich einen Schimmer von -breiten, grünen Feldern, einem strahlenden Himmel, Bäumen und Blumen -erhascht, den die nachfolgende Dunkelheit nicht ganz verlöschen konnte. -Haben wir einmal gesehen, so „ist der Tag unser, und was der Tag -gezeigt hat“. - - [1] ~How do you do~ = wie geht es Ihnen? - - - - -Zweites Kapitel. - - Die ersten Monate nach der Krankheit. -- Verständigungsversuche - durch Gebärdensprache. -- Betätigung im Haushalt. -- Teilnahme an - der Geselligkeit des Hauses. -- Erkenntnis der Unterscheidung von - anderen. -- Heftigkeit. -- Eigenwilligkeit und Herrschsucht. -- - Früheste Erinnerungen. -- Umzug. -- Familienleben. -- Tod des Vaters - im Jahre 1896. -- Eifersucht. - - -Ich kann mich nicht entsinnen, was sich während der ersten Monate -nach meiner Krankheit mit mir zutrug. Ich weiß nur, daß ich auf dem -Schoße meiner Mutter saß oder mich an ihr Kleid anklammerte, wenn -sie umherging und den Haushalt besorgte. Meine Hände befühlten alles -und verfolgten jede Bewegung, sodaß ich auf diese Weise mancherlei -kennen lernte. Bald fühlte ich das Bedürfnis, mich mit meiner Umgebung -zu verständigen, und begann, einfache Zeichen zu machen. Ein -Kopfschütteln bedeutete »nein«, ein Nicken »ja«, ein Heranziehen »komm« -und ein Fortstoßen »geh«. Wollte ich Brot haben, so ahmte ich die -Bewegungen des Schneidens und Butterstreichens nach. Wünschte ich, daß -meine Mutter zu Mittag Eiscreme zubereite, so machte ich eine Bewegung, -die dem Drehen der Eismaschine entsprach, und schauerte zusammen, -als ob ich fröre. Auch meiner Mutter gelang es großenteils, sich mir -verständlich zu machen. Ich wußte stets, wann ich ihr etwas bringen -sollte, und lief dann die Treppe hinauf oder an einen anderen Ort, den -sie mir bezeichnet hatte. In der Tat verdanke ich ihrer liebevollen -Klugheit alles, was meine lange Nacht erhellte und erheiterte. - -Ich begriff einen großen Teil von dem, was um mich herum vorging. Mit -fünf Jahren lernte ich die reine Wäsche, wenn sie aus dem Waschhaus -kam, zusammenlegen und wegräumen, und unterschied die meinige von der -übrigen. Ich erkannte aus der Art und Weise, wie meine Mutter und -meine Tante gekleidet waren, wann sie ausgehen wollten, und bettelte -regelmäßig, mitgehen zu dürfen. - -Ich wurde stets geholt, wenn Besuch da war, und wenn die Gäste Abschied -nahmen, winkte ich ihnen mit der Hand zu, wie ich glaube, mit einer -unbestimmten Erinnerung an die Bedeutung dieser Bewegung. Eines -Tages sprachen einige Herren bei meiner Mutter vor, und ich fühlte -das Schließen der Haustür und andere Geräusche, die ihre Ankunft -ankündigten. In plötzlichem Entschlusse lief ich die Treppe hinauf, -ehe mich jemand zurückhalten konnte, um mich nach meinen Begriffen für -die Gesellschaft herauszuputzen. Ich stellte mich vor den Spiegel, -wie ich es bei anderen wahrgenommen hatte, feuchtete mein Haar mit -Oel an und bedeckte mein Gesicht dick mit Puder. Dann legte ich einen -Schleier auf meinen Kopf, der mein Gesicht bedeckte und mir in Falten -bis auf die Schultern fiel, und band eine riesige Schleife um meine -schmale Taille, sodaß sie hinter mir herflatterte und mir beinahe bis -zum Saume meines Kleides reichte. In diesem Aufzug erschien ich, um zur -Unterhaltung der Gesellschaft beizutragen. - -Ich entsinne mich nicht genau, wann ich zuerst erkannte, daß ich mich -von anderen unterschied; ich weiß jedoch, daß es vor der Ankunft -meiner Lehrerin der Fall war. Ich hatte bemerkt, daß meine Mutter und -meine Bekannten keine Zeichen machten wie ich es tat, wenn sie etwas -getan haben wollten, sondern mittelst ihres Mundes sprachen. Bisweilen -stand ich zwischen zwei Personen, die sich miteinander unterhielten, -und berührte ihre Lippen. Ich konnte dies nicht begreifen und war -ganz verwirrt. Ich bewegte meine Lippen und gestikulierte heftig -- -natürlich ohne Erfolg. Dies machte mich zuweilen so wütend, daß ich mit -den Füßen stampfte und schrie, bis ich erschöpft war. - -Ich glaube, ich wußte, wann ich unartig war, denn ich wußte, daß es -Ella, meiner Wärterin weh tat, wenn ich mit den Füßen nach ihr stieß, -und wenn meine Heftigkeit vorüber war, empfand ich etwas wie Reue. Aber -ich kann mich keines Falles erinnern, in dem dieses Gefühl mich vor der -Wiederholung meiner Ungezogenheit bewahrt hätte, wenn ich nicht gleich -bekam, was ich wünschte. - -Zu jener Zeit waren ein kleines farbiges Mädchen, Martha Washington, -die Tochter unserer Köchin, und ein alter Jagdhund meine beständigen -Gefährten. Martha Washington verstand meine Zeichen, und ich hatte -selten Schwierigkeiten, ihr begreiflich zu machen, was ich wünschte. Es -machte mir Vergnügen, sie zu beherrschen, und sie unterwarf sich in der -Regel meiner Tyrannei lieber, als daß sie es auf einen Faustkampf hätte -ankommen lassen. Ich war stark, energisch und um die Folgen meiner -Handlungsweise unbekümmert. Ich kannte meine Sinnesart am besten und -folgte stets nur meinem eigenen Kopfe, selbst wenn ich einen Kampf -auf Tod und Leben darum bestehen mußte. Einen großen Teil unserer -Zeit brachten wir in der Küche zu, wo wir Klöße kneteten, Eiscreme -machen halfen, Kaffee mahlten, uns um die Cakesdose zankten und die -Hühner und Puten fütterten, die sich an der Küchentreppe in großer -Menge einfanden. Viele von diesen waren so zahm, daß sie mir aus der -Hand fraßen und sich von mir streicheln ließen. Ein riesiger Truthahn -schnappte mir eines Tages eine Tomate aus der Hand und rannte mit ihr -davon. Vielleicht ermutigt durch den Erfolg des Meister Truthahns, -rissen wir einen Kuchen, den die Köchin soeben kandiert hatte, vom -Herde herunter und aßen ihn mit Stumpf und Stiel auf. Ich war hinterher -ganz krank, und ich möchte nur wissen, ob es dem Puter ebenso ergangen -ist. - -Das Perlhuhn pflegt sein Nest an abgelegenen Stellen zu bauen, und -es machte mir großes Vergnügen, in dem hohen Grase nach den Eiern zu -suchen. Ich konnte es Martha Washington nicht sagen, wann ich auf die -Eierjagd gehen wollte, aber ich legte meine Hände zusammen und drückte -sie auf die Erde; dies sollte etwas Rundes im Grase bedeuten, und -Martha verstand mich stets. Wenn wir das Glück hatten, ein Nest zu -finden, so gestattete ich ihr nie, die Eier nach Hause zu tragen, indem -ich ihr durch eifriges Gestikulieren klarzumachen suchte, sie könne -fallen und die Eier zerschlagen. - -Die Scheunen, in denen das Getreide aufbewahrt wurde, der Stall, in dem -die Pferde standen, und der Hof, in dem die Kühe des Morgens und des -Abends gemolken wurden, übten eine unwiderstehliche Anziehungskraft -auf Martha und mich aus. Die Melkmägde ließen mich die Kühe befühlen, -während sie gemolken wurden, und ich wurde dabei für meine Neugierde -oft tüchtig von den Tieren mit dem Schweife geschlagen. - -Die Vorbereitungen für das Weihnachtsfest gewährten mir stets großes -Vergnügen. Natürlich wußte ich nicht, was rings um mich her vorging, -aber ich freute mich über den Wohlgeruch, der das Haus erfüllte, und -die Leckerbissen, die Martha Washington und ich bekamen, nur damit -wir uns still verhalten sollten. Dies letztere war uns zwar nicht -ganz recht, aber wir ließen uns dadurch in unserem Vergnügen nicht im -mindesten stören. Wir durften Gewürz mahlen, Rosinen aussuchen und die -Rührlöffel ablecken. Ich hängte meinen Strumpf auf,[2] weil die anderen -es taten, konnte mich aber nicht entsinnen, daß mich die Zeremonie -sonderlich interessierte; auch weckte mich die Neugierde, was ich wohl -geschenkt erhalten würde, nicht vor Tagesanbruch auf. - -Martha Washington zeigte eine ebenso große Neigung zum Unfugstiften -wie ich. An einem heißen Julinachmittag saßen zwei kleine Mädchen -auf den Verandastufen. Das eine war schwarz wie Ebenholz und hatte -das struppige Haar in kleine mit Schnürsenkeln umwickelte Löckchen -abgeteilt, die wie Korkzieher um ihren ganzen Kopf herumstanden. Das -andere Mädchen war weiß und hatte lange goldene Locken. Das eine Kind -war sechs Jahre alt, das andere zwei bis drei Jahre älter. Das jüngere -war blind -- ich war es --, das ältere war Martha Washington. Wir waren -mit dem Ausschneiden von Papierpuppen beschäftigt, wurden aber dieses -Spieles bald überdrüssig, und nachdem ich meine Schuhbänder sowie alle -Blätter des Geißblattstrauches, die ich erreichen konnte, abgeschnitten -hatte, richtete ich meine Aufmerksamkeit auf Marthas Korkzieher. Sie -sträubte sich zwar anfangs, gab aber schließlich nach. Dann ergriff -sie, wahrscheinlich in der Meinung, es sei ganz in der Ordnung, wenn -sie gleiches mit gleichem vergelte, die Schere und schnitt mir eine -meiner Locken ab; sie würde mir alle abgeschnitten haben, wenn meine -Mutter nicht zur rechten Zeit dazugekommen wäre. - -Belle, unser Hund, mein zweiter Spielgefährte, war alt und faul und zog -es vor, lieber am offenen Feuer zu schlafen als mit mir umherzutollen. -Ich gab mir alle erdenkliche Mühe, ihr meine Zeichensprache -beizubringen, aber sie war stumpfsinnig und unaufmerksam. Sie stand -bisweilen still, zitterte vor Aufregung und wurde dann ganz starr, wie -es Hunde tun, wenn sie vor einem Vogel stehen. Ich wußte damals nicht, -was dies bedeuten sollte, merkte aber, daß Belle das nicht tat, was -ich haben wollte. Das ärgerte mich, und die Lektion endete regelmäßig -damit, daß ich ihr einige Rippenstöße versetzte. Belle stand auf, -dehnte sich faul, schnaufte ein paarmal verdrießlich, ging auf die -andere Seite des Kamins und legte sich wieder hin, während ich mich -müde und enttäuscht auf die Suche nach Martha machte. - -Viele Ereignisse aus diesen ersten Jahren haften in meinem Gedächtnis, -vereinzelt, aber klar und bestimmt, und lassen die Stille, die -Zwecklosigkeit, die Lichtlosigkeit meines Daseins nur um so greller -hervortreten. - -Eines Tages hatte ich mir meine Schürze naß gemacht, und ich breitete -sie zum Trocknen vor dem Feuer aus, das in dem Kamine des Wohnzimmers -flackerte. Die Schürze trocknete nach meiner Ansicht nicht rasch genug, -ich trat daher näher und breitete sie direkt über der heißen Asche -aus. Das Feuer züngelte empor und erfaßte meine Kleider, sodaß ich im -Nu in hellen Flammen stand. Ich erhob ein schreckliches Angstgeschrei, -das meine alte Wärterin Viney zur Rettung herbeirief. Sie warf ein -Tuch über mich, daß ich fast erstickte, löschte aber damit das Feuer. -Außer an Händen und Haar hatte ich keinen ernstlichen Brandschaden -davongetragen. - -Um diese Zeit entdeckte ich, wozu man einen Schlüssel gebrauchen -könnte. Eines Morgens schloß ich meine Mutter in der Speisekammer ein, -in der sie drei volle Stunden bleiben mußte, da die Dienstboten in -einem abseits gelegenen Teil des Hauses beschäftigt waren. Sie pochte -fortwährend an die Tür, während ich draußen auf der Vortreppe saß und -wie ein Kobold lachte, als ich das Geräusch des Pochens fühlte. Dieser -unartige Streich überzeugte meine Eltern von der Notwendigkeit, mir -sobald wie möglich Unterricht geben zu lassen. Kurz nachdem meine -Lehrerin, Fräulein Sullivan, zu mir gekommen war, suchte ich eine -Gelegenheit, sie in ihrem Zimmer einzuschließen. Ich ging die Treppe -hinauf, um Fräulein Sullivan auf Geheiß meiner Mutter etwas zu bringen; -kaum aber hatte ich meinen Auftrag ausgerichtet, als ich wie ein -Blitz wieder zur Tür hinaus war, sie zuschloß und den Schlüssel unter -dem Kleiderschrank im Korridor versteckte. Ich konnte nicht dahin -gebracht werden, anzugeben, wo der Schlüssel war. Mein Vater mußte -eine Leiter holen und Fräulein Sullivan zum Fenster heraustragen -- zu -meinem großen Gaudium. Erst nach Monaten brachte ich den Schlüssel zum -Vorschein. - -Als ich ungefähr fünf Jahre alt war, verzogen wir aus dem kleinen, -weinumrankten Hause nach einem größeren neuen. Die Familie bestand aus -meinem Vater, meiner Mutter, zwei älteren Stiefbrüdern und mir; später -kam dann noch eine kleine Schwester, Mildred, hinzu. Meine früheste -bestimmte Erinnerung an meinen Vater ist die, wie ich eines Tages über -große Stöße von Zeitungen hinweg zu ihm klettere und ihn allein finde, -während er ein Blatt Papier vor sein Gesicht hält. Ich brannte vor -Neugierde, was er da wohl täte. Ich machte ihm alles nach und setzte -sogar seine Brille auf, in der Hoffnung, sie werde mir helfen, das -Geheimnis herauszubringen. Aber ich fand lange Jahre hindurch nicht des -Rätsels Lösung. Dann erfuhr ich, was jene Papiere bedeuteten und daß -mein Vater Herausgeber einer Zeitung war. - -Mein Vater war äußerst liebevoll und nachsichtig, dabei ebenso -häuslich, da er uns selten allein ließ, außer zur Jagdzeit. Er war ein -großer Jäger vor dem Herrn, wie mir erzählt wurde, und ein berühmter -Schütze. Nächst seiner Familie liebte er seine Hunde und sein Gewehr. -Seine Gastfreiheit war groß und artete beinahe zu einem Fehler aus, -denn er kam selten nach Hause, ohne einen Gast mitzubringen. Besonders -aber war er auf seinen großen Garten stolz, in dem er, wie es hieß, die -schönsten Wassermelonen und Erdbeeren der ganzen Umgegend zog, und mir -brachte er stets die ersten reifen Weintrauben und köstlichsten Beeren. -Ich erinnere mich noch an seine liebkosende Berührung, als er mich von -Baum zu Baum, von Weinstock zu Weinstock leitete, und seiner Freude an -allem, was mir Vergnügen machte. - -Er war ein prächtiger Erzähler; als ich die Herrschaft über die Sprache -gewonnen hatte, pflegte er mir seine hübschesten Anekdoten ungeschickt -in die Hand zu buchstabieren, und nichts machte ihm mehr Vergnügen, als -wenn ich sie bei einer passenden Gelegenheit wiederholte. - -Ich war im Norden und erfreute mich eben der letzten schönen Sommertage -des Jahres 1896, als ich die Kunde von meines Vaters Tod vernahm. Er -war nur kurze Zeit krank gewesen, hatte aber schwer leiden müssen; dann -war alles vorüber. Es war mein erster großer Schmerz -- meine erste -persönliche Bekanntschaft mit dem Tode. -- - -In welcher Weise soll ich über meine Mutter schreiben? Sie steht mir so -nahe, daß es beinahe unzart erscheinen würde, wollte ich hier über sie -sprechen. - -Lange Zeit betrachtete ich meine kleine Schwester als Eindringling. Ich -wußte, ich hatte aufgehört, meiner Mutter einziger Liebling zu sein, -und der Gedanke daran erfüllte mich mit Eifersucht. Sie saß beständig -auf dem Schoße meiner Mutter, wo mein gewöhnlicher Platz gewesen war, -und schien all ihre Sorge und Zeit in Anspruch zu nehmen. Eines Tages -trug sich etwas zu, was meiner Meinung nach zu der Beleidigung offenen -Schimpf gesellte. - -Zu jener Zeit besaß ich eine viel gehätschelte, viel mißhandelte Puppe, -der ich später den Namen Nancy gab. Ach, sie war das wehrlose Opfer -meiner maßlosen Zornes- und Zärtlichkeitsausbrüche, sodaß sie am Ende -schrecklich anzusehen war. Ich hatte Puppen, die sprechen und schreien, -ihre Augen öffnen und schließen konnten, aber ich liebte keine von -ihnen so, wie ich die arme Nancy liebte. Sie hatte eine Wiege, und ich -schaukelte sie darin oft eine Stunde und länger. Ich bewachte Puppe und -Wiege mit der eifersüchtigsten Sorgfalt, aber eines Tages entdeckte -ich, daß meine kleine Schwester friedlich in der Wiege schlummerte. -Bei dieser Anmaßung von seiten jemandes, mit dem mich noch kein Band -der Liebe verknüpfte, wurde ich wütend. Ich stürzte auf die Wiege -zu und warf sie um, und das Kind hätte tot sein können, hätte meine -Mutter es nicht im Falle aufgefangen. Ein solcher Ausbruch kommt daher, -daß, wenn wir in dem Tale doppelter Einsamkeit wandeln, wir wenig -von den zärtlichen Empfindungen wissen, die aus liebevollen Worten -und Handlungen sowie aus dem Zusammensein mit anderen emporsprießen. -Später jedoch, als ich zum Bewußtsein meines Menschentums erwacht war, -schlossen wir, Mildred und ich, uns auf das engste aneinander an und -waren glückselig, wenn wir Hand in Hand miteinander gehen konnten, -wohin wir gerade Lust hatten, obgleich sie meine Zeichensprache und ich -ihr kindliches Geplauder nicht verstehen konnte. - - [2] In England und Frankreich hängen die Kinder zu Weihnachten ihre - Strümpfe und Schuhe am Fenster oder Kamin auf und erwarten, daß - der heilige Nikolaus sie mit Geschenken fülle. - - - - -Drittes Kapitel. - - Wachsendes Verlangen nach Gedankenaustausch. -- Laura Bridgman und - ~Dr.~ Howe. -- Reise nach Baltimore zu einem Augenarzte. -- Besuch - bei Alex. Graham Bell. -- Herr Anagnos in Boston findet eine Lehrerin. - - -Inzwischen wuchs mein Verlangen, meinen Gedanken genügenden Ausdruck -zu geben, von Tag zu Tag. Die wenigen Zeichen, deren ich mich bedienen -konnte, wurden immer unzureichender, und das Fehlschlagen meiner -Versuche, mich verständlicher zu machen, war stets von einem Ausbruche -der Leidenschaft begleitet. Es war mir, als hielten mich unsichtbare -Hände, und ich machte verzweifelte Anstrengungen, mich zu befreien. Ich -kämpfte -- nicht als ob dieser Kampf mir etwas genützt hätte, sondern -weil der Geist des Widerstandes in mir lebendig war; ich brach auch in -der Regel weinend und in völliger physischer Erschöpfung zusammen. War -meine Mutter zufällig in der Nähe, so flüchtete ich mich in ihre Arme, -zu elend, um mich auch nur der Ursache des Sturmes entsinnen zu können. -Nach einiger Zeit wurde das Bedürfnis nach Verständigungsmitteln so -dringend, daß diese leidenschaftlichen Auftritte alltäglich, bisweilen -sogar allstündlich erfolgten. - -Meine Eltern waren tief bekümmert und völlig ratlos. Wir wohnten -weitab von jeder Blinden- oder Taubstummenschule, und es schien -ausgeschlossen, daß jemand nach einem so abgelegenen Orte wie Tuscumbia -kommen sollte, um ein Kind zu unterrichten, das sowohl blind wie -taubstumm war. In der Tat zweifelten meine Verwandten und Bekannten -mitunter an der Möglichkeit eines Unterrichts für mich. Meiner -Mutter einziger Hoffnungsstrahl entsprang der Lektüre von Dickens’ -»Amerikanischen Skizzen«. Sie hatte seinen Bericht über Laura Bridgman -gelesen und entsann sich undeutlich, daß diese taubstumm und blind -gewesen war und doch eine Erziehung erhalten hatte. Aber sie erinnerte -sich in hoffnungslosem Schmerze auch daran, daß ~Dr.~ Howe, der -Mittel und Wege entdeckt hatte, blinde Taubstumme zu unterrichten, -seit mehreren Jahren tot war. Seine Methoden waren vermutlich mit ihm -gestorben, und wenn dies nicht der Fall war, wie war es möglich, daß -ein kleines Mädchen in einem weltabgelegenen Städtchen Alabamas einen -Nutzen von ihnen haben konnte? - -Als ich etwa sechs Jahre alt war, hörte mein Vater von einem berühmten -Augenarzt in Baltimore, der in vielen anscheinend hoffnungslosen Fällen -noch Erfolge erzielt hatte. Meine Eltern entschlossen sich sofort dazu, -mit mir nach Baltimore zu reisen, um zu sehen, ob sich etwas für meine -Augen tun ließe. - -Die Reise, auf die ich mich noch gut entsinnen kann, machte mir viel -Vergnügen. Ich befreundete mich während der Eisenbahnfahrt mit vielen -Leuten. Eine Dame schenkte mir eine Schachtel mit Muscheln. Mein Vater -durchbohrte sie, sodaß ich sie aufreihen konnte, und lange Zeit war ich -glücklich und zufrieden über diese Beschäftigung. Auch der Schaffner -war freundlich zu mir. Oft, wenn er seine Runde machte, klammerte -ich mich an seine Rockschöße, während er die Fahrkarten einsammelte -und durchlochte. Seine Zange, mit der er mich spielen ließ, war ein -wunderbarer Zeitvertreib. Zusammengekauert in einer Ecke des Wagens -vergnügte ich mich stundenlang damit, kleine Löcher in Pappe zu knipsen. - -Meine Tante machte mir eine große Puppe aus Taschentüchern. Es war das -komischste, formloseste Ding, diese improvisierte Puppe, ohne Nase, -Mund, Augen oder Ohren, kurz es war nichts da, was selbst die Phantasie -eines Kindes in ein Gesicht hätte umschaffen können. Seltsamerweise -störte mich das Fehlen der Augen mehr als alle übrigen Mängel. Ich -suchte dies allen Anwesenden beharrlich klarzumachen, aber niemand -schien imstande zu sein, die Puppe mit Augen zu versehen. Plötzlich -schoß mir ein Gedanke durch den Kopf, und die Aufgabe war gelöst. Ich -sprang von meinem Sitze auf und suchte so lange, bis ich den Mantel -meiner Tante fand, der mit großen Knöpfen besetzt war. Ich riß zwei -Knöpfe ab und bedeutete ihr, sie möchte mir diese an meine Puppe -nähen. Sie legte mit einer fragenden Gebärde meine Hand an ihre Augen, -und ich nickte energisch. Die Knöpfe wurden an der richtigen Stelle -angenäht, und ich konnte mich vor Freude nicht lassen, verlor jedoch -augenblicklich alles Interesse an der Puppe. Während der ganzen Reise -hatte ich keinen einzigen meiner gewöhnlichen Anfälle, denn es waren zu -vielerlei Dinge da, die meinen Geist und meine Finger beschäftigten. - -Als wir in Baltimore anlangten, empfing uns ~Dr.~ Chisholm mit großer -Liebenswürdigkeit; er konnte aber nichts tun. Doch erklärte er, ich -könne Unterricht erhalten, und wies meinen Vater an ~Dr.~ Alexander -Graham Bell in Washington, der in der Lage sein würde, ihm nähere -Auskunft über Schulen und Lehrer für blinde oder taubstumme Kinder -zu erteilen. Dem Rate des Arztes zufolge reisten wir sofort nach -Washington weiter, um ~Dr.~ Bell aufzusuchen, mein Vater mit Trauer -und Zweifel im Herzen, während ich keine Ahnung von seinem Schmerz -hatte und an der Aufregung des Reisens von Stadt zu Stadt Vergnügen -fand. In meinem kindlichen Sinne empfand ich sofort das liebevolle, -gütige Wesen, mit dem sich ~Dr.~ Bell so vieler Herzen gewann, wie er -durch seine staunenswerten Erfolge aller Welt Bewunderung einflößte. Er -hielt mich auf seinen Knien, während ich mit seiner Uhr spielte, die er -für mich schlagen ließ. Er verstand meine Zeichen, und ich wußte dies -und gewann ihn sofort lieb. Aber ich ließ es mir nicht träumen, daß -diese Unterredung das Tor sein sollte, durch das ich schließlich aus -der Finsternis zum Licht, aus der Vereinzelung zur Freundschaft, zur -Gemeinschaft mit anderen, zur Erkenntnis, zur Liebe gelangte. - -~Dr.~ Bell riet meinem Vater, an Herrn Anagnos, den Direktor des -Perkinsschen Instituts in Boston, zu schreiben, desselben, in dem -~Dr.~ Howe so segensreich für die Blinden gewirkt hatte, und bei -ihm anzufragen, ob er einen Lehrer hätte, der imstande wäre, meine -Erziehung in die Hand zu nehmen. Dies tat mein Vater sofort, und nach -einigen Wochen traf ein liebenswürdiger Brief von Herrn Anagnos ein, -mit der tröstlichen Zusicherung, daß eine Lehrerin gefunden sei. Dies -war im Sommer 1886. Aber Fräulein Sullivan langte erst im folgenden -März an. - -So ward ich aus Aegyptenland geführt und stand vor dem Sinai; eine -göttliche Macht berührte meinen Geist und machte ihn sehen, sodaß ich -vieles Wunderbare wahrnehmen konnte. Und von dem heiligen Berge her -hörte ich eine Stimme, die sprach: Wissen ist Liebe und Licht und Sehen. - - - - -Viertes Kapitel. - - Ankunft Fräulein Sullivans in Tuscumbia am 3. März 1887. -- Bange - Erwartung. -- Beginn der Erlernung des Fingeralphabets. -- Szene am - Brunnen. -- Enthüllung des Geheimnisses der Sprache. - - -Der wichtigste Tag, dessen ich mich Zeit meines ganzen Lebens -entsinnen kann, ist der, an dem meine Lehrerin, Fräulein Anne -Mansfield +Sullivan+, zu mir kam. Ich kann kaum Worte finden, um den -unermeßlichen Gegensatz in meinem Leben vor und nach ihrer Ankunft zu -schildern. Es war der 3. März 1887, drei Monate vor meinem siebenten -Geburtstage. - -Am Nachmittage jenes folgenreichen Tages stand ich in dumpfer -Erwartung an der Haustür. Da ich infolge der Zeichen meiner Mutter -und des Hin- und Herlaufens im Hause eine unbestimmte Ahnung von -dem Bevorstehen eines außergewöhnlichen Ereignisses hatte, ging ich -vor die Tür und wartete auf der Treppe. Die Nachmittagssonne drang -durch das dichte Geißblattgebüsch, das die Tür umrahmte, und fiel auf -mein emporgerichtetes Gesicht. Meine Finger spielten fast unbewußt -mit den wohlbekannten Blättern und Blüten, die eben hervorgekommen -waren, um den holden südlichen Lenz zu begrüßen. Ich wußte nicht, was -für Wunder und Ueberraschungen die Zukunft für mich in ihrem Schoße -barg. Zorn und Verbitterung waren seit Wochen unausgesetzt auf mich -eingestürmt. Dieser verzweifelte Kampf hatte eine tiefe Ermattung bei -mir zurückgelassen. - -Lieber Leser, hast du dich je bei einer Seefahrt in dichtem Nebel -befunden, der dich wie eine greifbare weiße Finsternis einzuschließen -schien, während das große Schiff seinen Kurs längs der Küste mit Hilfe -von Senkblei und Lotleine zagend und ängstlich verfolgte, und du mit -klopfendem Herzen irgend ein Ereignis erwartetest? Jenem Schiffe glich -ich vor Beginn meiner Erziehung, nur fehlten mir Kompaß und Lotleine, -und ich hatte keine Ahnung davon, wie nahe der Hafen war. Licht! gebt -mir Licht! lautete der wortlose Aufschrei meiner Seele, und das Licht -der Liebe erhellte bereits in dieser Stunde meinen Pfad. - -Ich fühlte sich nähernde Schritte. Ich streckte meine Hand aus, wie ich -glaubte, meiner Mutter entgegen. Irgend jemand ergriff sie, ich ward -von der emporgehoben und fest in die Arme geschlossen, die gekommen -war, den Schleier, der mir die Welt verbarg, zu lüften und, was mehr -als dies bedeutete, mich zu lieben. - -Am Morgen nach ihrer Ankunft führte mich meine Lehrerin in ihr -Zimmer und gab mir eine Puppe. Die kleinen blinden Mädchen aus dem -Perkinsschen Institute hatten sie mir geschickt, und Laura Bridgman -hatte sie angezogen; dies erfuhr ich jedoch erst später. Als ich ein -Weilchen mit ihr gespielt hatte, buchstabierte Fräulein Sullivan -langsam das Wort ~d--o--l--l~ in meine Hand. Dieses Fingerspiel -interessierte mich sofort, und ich begann es nachzumachen. Als es -mir endlich gelungen war, die Buchstaben genau nachzuahmen, errötete -ich vor kindlicher Freude und kindlichem Stolz. Ich lief die Treppe -hinunter zu meiner Mutter, streckte meine Hand aus und machte ihr die -eben erlernten Buchstaben vor. Ich wußte damals noch nicht, daß ich -ein Wort buchstabierte, ja nicht einmal, daß es überhaupt Wörter gab; -ich bewegte einfach meine Finger in affenartiger Nachahmung. Während -der folgenden Tage lernte ich auf diese verständnislose Art eine große -Menge Wörter buchstabieren, unter ihnen ~pin~, ~hat~, ~cup~ und ein -paar Verben wie ~sit~, ~stand~ und ~walk~. Aber meine Lehrerin weilte -schon mehrere Wochen bei mir, ehe ich begriff, daß jedes Ding seine -Bezeichnung habe. - -Als ich eines Tages mit meiner neuen Puppe spielte, legte mir -Fräulein Sullivan auch meine große zerlumpte Puppe auf dem Schoß, -buchstabierte ~d--o--l--l~ und suchte mir verständlich zu machen, -daß sich ~d--o--l--l~ auf beide Puppen beziehe. Vorher hatten wir -ein Renkontre über die Wörter ~m--u--g~ und ~w--a--t--e--r~ gehabt. -Fräulein Sullivan hatte mir einzuprägen versucht, daß ~m--u--g~ ~mug~ -und daß ~w--a--t--e--r~ ~water~ sei, aber ich blieb beharrlich dabei, -beides zu verwechseln. Verzweifelt hatte sie das Thema einstweilen -fallen gelassen, aber nur, um es bei nächster Gelegenheit wieder -aufzunehmen. Bei ihren wiederholten Versuchen wurde ich ungeduldig, -ergriff die neue Puppe und schleuderte sie zu Boden. Ich empfand eine -lebhafte Schadenfreude, als ich die Bruchstücke der zertrümmerten Puppe -zu meinen Füßen liegen fühlte. Weder Schmerz noch Reue folgten diesem -Ausbruch von Leidenschaft. Ich hatte die Puppe nicht geliebt. In der -stillen, dunklen Welt, in der ich lebte, war für starke Zuneigung oder -Zärtlichkeit kein Raum. Ich fühlte, wie meine Lehrerin die Bruchstücke -auf die eine Seite des Kamins fegte, und empfand eine Art von -Genugtuung darüber, daß die Ursache meines Unbehagens beseitigt war. -Fräulein Sullivan brachte mir meinen Hut, und ich wußte, daß es jetzt -in den warmen Sonnenschein hinausging. Dieser Gedanke, wenn eine nicht -in Worte gefaßte Empfindung ein Gedanke genannt werden kann, ließ mich -vor Freude springen und hüpfen. - -Wir schlugen den Weg zum Brunnen ein, geleitet durch den Duft des ihn -umrankenden Geißblattstrauches. Es pumpte jemand Wasser, und meine -Lehrerin hielt mir die Hand unter das Rohr. Während der kühle Strom -über die eine meiner Hände sprudelte, buchstabierte sie mir in die -andere das Wort ~water~, zuerst langsam, dann schnell. Ich stand still, -mit gespannter Aufmerksamkeit die Bewegung ihrer Finger verfolgend. Mit -einem Male durchzuckte mich eine nebelhaft verschwommene Erinnerung -an etwas Vergessenes, ein Blitz des zurückkehrenden Denkens, und -einigermaßen offen lag das Geheimnis der Sprache vor mir. Ich wußte -jetzt, daß ~water~ jenes wundervolle kühle Etwas bedeutete, das über -meine Hand hinströmte. Dieses lebendige Wort erweckte meine Seele zum -Leben, spendete ihr Licht, Hoffnung, Freude, befreite sie von ihren -Fesseln! Zwar waren ihr immer noch Schranken gesetzt, aber Schranken, -die mit der Zeit hinweggeräumt werden konnten.[3] - -Ich verließ den Brunnen voller Lernbegier. Jedes Ding hatte eine -Bezeichnung, und jede Bezeichnung erzeugte einen neuen Gedanken. -Als wir in das Haus zurückkehrten, schien mir jeder Gegenstand, den -ich berührte, vor verhaltenem Leben zu zittern. Dies kam daher, daß -ich alles mit dem seltsamen neuen Gesicht, das ich erhalten hatte, -betrachtete. Beim Betreten des Zimmers erinnerte ich mich der Puppe, -die ich zertrümmert hatte. Ich tastete mich bis zum Kamin, hob die -Stücke auf und suchte sie vergeblich wieder zusammenzufügen. Dann -füllten sich meine Augen mit Tränen; ich erkannte, was ich getan hatte, -und zum erstenmal in meinem Leben empfand ich Reue und Schmerz. - -Ich lernte an diesem Tage eine große Menge neuer Wörter. Ich erinnere -mich nicht mehr an alle, aber ich weiß, daß ~mother~, ~father~, -~sister~, ~teacher~ unter ihnen waren -- Wörter, die die Welt für -mich erblühen machten „wie Aarons Stab, mit Blumen.“ Es dürfte schwer -gewesen sein, ein glücklicheres Kind als mich zu finden, als ich am -Schluß dieses ereignisvollen Tages in meinem Bettchen lag und der -Freuden gedachte, die mir heut zuteil geworden waren, und zum ersten -Male sehnte ich mich nach dem anbrechenden Morgen. - - [3] Vgl. Fräulein Sullivans Brief S. 224 ff. - - - - -Fünftes Kapitel. - - Allmähliches Erwachen der Seele. -- Unterricht im Freien. -- Freude - an der Natur. -- Schrecken der Natur. -- Gewitter. -- Schönheit des - Mimosenbaumes. - - -Ich entsinne mich vieler Ereignisse des Sommers 1887, der auf das -Erwachen meiner Seele folgte. Fortwährend tastete ich mit meinen -Händen umher und lernte die Bezeichnung für jeden Gegenstand, den ich -berührte, kennen, und je mehr ich mit den Dingen bekannt wurde und -ihre Bezeichnungen und ihre Zwecke kennen lernte, desto freudiger und -stärker wurde das Bewußtsein meiner Verwandtschaft mit der übrigen Welt. - -Als die Zeit der Maßliebchen und Butterblumen gekommen war, führte -mich Fräulein Sullivan an ihrer Hand durch die Felder zu den Ufern des -Tennesseestromes, und hier, auf dem warmen Grase sitzend, erhielt ich -meinen ersten Unterricht über die Wohltaten der Natur. Ich lernte, wie -die Sonne und der Regen jeden Baum, der „lustig anzusehen und gut zu -essen“ war, aus dem Boden emporwachsen ließen, wie die Vögel ihre Nester -bauen und von Land zu Land fliegen, wie das Eichhorn, der Hirsch, der -Löwe und jedes andere Geschöpf Nahrung und Obdach finden. Je mehr -meine Kenntnisse zunahmen, desto stärker wurde mein Entzücken über -die Welt, in der ich lebte. Lange bevor ich ein Exempel rechnen oder -die Gestalt der Erde beschreiben konnte, hatte mich Fräulein Sullivan -gelehrt, in den duftenden Wäldern, in jedem Grashalm, wie in den Linien -und Grübchen der Hand meiner kleinen Schwester Schönheit zu entdecken. -Sie verknüpfte meine ersten Gedanken mit der Natur und brachte mir zum -Bewußtsein, daß „Vögel, Blumen und ich glückliche, gleichberechtigte -Gefährten seien“. - -Um diese Zeit machte ich eine Erfahrung, die mich davon überzeugte, daß -die Natur nicht immer gütig ist. Eines Tages kehrten meine Lehrerin und -ich von einem langen Spaziergange zurück. Der Morgen war schön gewesen, -aber es war drückend heiß geworden, als wir uns endlich auf den Heimweg -machten. Ein paarmal rasteten wir unter einem Baum am Wegesrande. Unser -letzter Halt fand unter einem wilden Kirschbaum statt, der in kurzer -Entfernung vom Hause stand. Der Schatten war angenehm, und der Baum so -leicht zu erklettern, daß ich mir mit Hilfe meiner Lehrerin einen Sitz -in den Zweigen zu verschaffen vermochte. Es war so kühl auf dem Baum, -daß Fräulein Sullivan vorschlug, hier unser Frühstück einzunehmen. Ich -versprach ihr, still sitzen zu bleiben, während sie nach Hause ging, es -zu holen. - -Plötzlich ging eine Veränderung mit dem Baume vor. Alle Sonnenwärme -verschwand aus der Luft. Ich wußte, der Himmel war schwarz umzogen, -weil alle Hitze, die für mich Licht bedeutete, fort war. Ein seltsamer -Geruch stieg aus der Erde empor. Ich kannte ihn, es war der Geruch, -der stets einem Gewittersturm vorherzugehen pflegt, und ein namenloser -Schreck krampfte mir das Herz zusammen. Ich fühlte mich ganz allein, -abgeschnitten von meinen Freunden und der festen Erde. Das Unendliche, -das Unbekannte umfing mich. Ich blieb still und ergeben sitzen; ein -furchtbares Entsetzen beschlich mich. Ich sehnte mich nach der Rückkehr -meiner Lehrerin; vor allem aber wollte ich von dem Baum herunter. - -Es trat eine unheilverkündende Stille ein, dann aber begannen alle -Zweige zu rauschen. Ein Zittern rann durch den Baum, und es erfolgte -ein so heftiger Windstoß, daß er mich herabgeschleudert haben würde, -hätte ich mich nicht mit aller Kraft an einem Aste festgeklammert. Der -Baum schwankte hin und her. Kleine Zweige wurden abgerissen und fielen -rings um mich her zu Boden. Es ergriff mich ein wildes Verlangen, -herunterzuspringen, aber der Schreck hielt mich festgebannt. Ich -kletterte bis zur Gabelung des Baumes zurück. Die Zweige schwankten -rings um mich her. Ich fühlte das Rütteln, das sich dann und wann -erhob, als sei etwas Schweres niedergefallen und die Erschütterung habe -sich bis zu dem Aste, auf dem ich saß, fortgepflanzt. Meine Aufregung -erreichte den höchsten Grad, und gerade als ich glaubte, der Baum würde -samt mir zur Erde geschleudert werden, faßte mich meine Lehrerin an -der Hand und half mir herunter. Ich klammerte mich zitternd an sie an, -froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Ich hatte etwas -Neues gelernt -- daß die Natur in offenem Kriege mit ihren Kindern -liegt und daß man sich auch bei ihrem sanftesten Streicheln vor ihren -heimtückischen Klauen hüten soll. - -Nach diesem Ereignis verging eine lange Zeit, ehe ich wieder auf einen -Baum kletterte. Der bloße Gedanke daran erfüllte mich mit Entsetzen. -Es war der lockende Reiz des Mimosenbaums in voller Blütenpracht, der -endlich meine Furcht überwand. Eines schönen Frühlingsmorgens, als ich -allein im Gartenhause war und las, drang ein wunderbar feiner Duft zu -mir. Ich stand auf und streckte instinktiv meine Hände aus. Es war, -als sei der Geist des Frühlings durch das Gartenhaus geschritten. Was -ist dies? fragte ich mich, und in der nächsten Minute erkannte ich den -Geruch der Mimosenblüten. Ich tastete mich bis zum Ende des Gartens -hin, da ich wußte, daß der Mimosenbaum in der Nähe des Zaunes an der -Biegung des Weges stand. Ja, hier stand er, im warmen Sonnenscheine, -und seine blütenbeladenen Zweige berührten beinahe das hohe Gras. Gibt -es etwas Schöneres in der Welt, als diesen Baum? Seine zarten Blüten -ziehen sich bei der leichtesten Berührung zusammen; es hatte den -Anschein, als sei ein Baum aus dem Paradiese auf die Erde verpflanzt -worden. Ich bahnte mir einen Weg durch einen Blütenregen hindurch bis -zu dem großen Stamme; dort stand ich eine Minute lang unentschlossen -da. Dann setzte ich meinen Fuß in den breiten Raum zwischen den -gegabelten Aesten und schwang mich in den Baum hinauf. Ich hatte einige -Schwierigkeit, mich festzuhalten, denn die Aeste waren sehr dick, und -ich verletzte mir die Hände an der rauhen, rissigen Rinde. Aber ich -hatte die köstliche Empfindung, daß ich etwas Außergewöhnliches und -Wunderbares tat, und so klomm ich immer höher und höher empor, bis -ich endlich einen kleinen Sitz erreichte, den sich jemand vor langer -Zeit hier angelegt hatte, sodaß er mit dem Baume selbst verwachsen -war. Ich saß hier lange, lange Zeit und hatte die Empfindung, als sei -ich eine Fee auf einer rosigen Wolke. Auch später brachte ich noch -viele glückliche Stunden auf meinem Paradiesesbaume zu, den Kopf voll -herrlicher Gedanken und glänzender Träume. - - - - -Sechstes Kapitel. - - Fortschritt in der Beherrschung der Sprache. -- Wißbegierde. -- - Unterredung über Liebe. -- Kennenlernen abstrakter Begriffe. -- - Dieselbe Unterrichtsmethode wie bei einem hörenden Kinde. - - -Ich besaß nunmehr den Schlüssel zur gesamten Sprache und brannte vor -Eifer, ihn gebrauchen zu lernen. Kinder, welche hören, erlangen das -Sprachvermögen ohne besondere Mühe; die Worte, die von anderer Lippen -fallen, erhaschen sie gleichsam im Fluge und spielend, während das -taube Kind sie sich durch langsames und oft anstrengendes Vorrücken -aneignen muß. Wie beschaffen aber auch dieses Vorrücken selbst sein -mag, das Ergebnis ist wunderbar. Von der Bezeichnung eines Gegenstandes -ausgehend, dringen wir Schritt für Schritt vor, bis wir den -unermeßlichen Abstand zwischen unserer ersten gestammelten Silbe bis zu -dem Gedankenschwunge in einem Shakespeareschen Verse zurückgelegt haben. - -Anfangs stellte ich, wenn meine Lehrerin von etwas Neuem zu mir sprach, -sehr wenig Fragen. Meine Vorstellungen waren unbestimmt und mein -Wortschatz unzureichend; in demselben Maße aber, in dem meine Kenntnis -der Dinge wuchs und ich mehr und mehr Wörter erlernte, erweiterte -sich auch das Feld meiner Wißbegierde, und ich kehrte immer und immer -wieder zu demselben Gegenstande zurück voller Verlangen nach weiterer -Belehrung. Bisweilen belebte ein neues Wort ein Bild wieder, das eine -frühere Erfahrung meinem Gedächtnisse eingeprägt hatte. - -Ich erinnere mich noch ganz genau des Morgens, an dem ich zum ersten -Male nach der Bedeutung des Wortes »Liebe« fragte. Es geschah dies, -als ich erst wenige Wörter kannte. Ich hatte ein paar frühe Veilchen -im Garten gefunden und brachte sie meiner Lehrerin. Sie versuchte mich -zu küssen; aber damals liebte ich es noch nicht, daß mich jemand außer -meiner Mutter küßte. Fräulein Sullivan legte zärtlich ihren Arm um mich -und buchstabierte mir in die Hand: Ich liebe Helen. - -Was ist Liebe? fragte ich. - -Sie zog mich näher zu sich heran und sagte: Sie ist hier drinnen, indem -sie auf mein Herz deutete, dessen Schläge ich jetzt zum ersten Male -fühlte. Ihre Worte befremdeten mich auf das äußerste, weil ich damals -noch nichts verstand, wenn ich es nicht zugleich berührte. - -Ich roch die Veilchen in ihrer Hand und stellte, halb in Worten, halb -in Zeichen eine Frage, deren Sinn ungefähr war: Ist Liebe der Duft der -Blumen? - -Nein, erwiderte meine Lehrerin. - -Wiederum dachte ich nach. Die Sonne erwärmte uns mit ihren Strahlen. -Ich fragte, indem ich nach der Richtung deutete, aus der die Wärme kam: -Ist dies nicht Liebe? - -Es schien mir, als könne es nichts Schöneres geben als die Sonne, deren -Wärme alles zum Wachsen und Blühen brachte. Aber Fräulein Sullivan -schüttelte den Kopf, und ich war sehr verwundert und enttäuscht. Ich -hielt es für seltsam, daß meine Lehrerin mir nicht die Liebe zeigen -konnte. - -Einige Tage später reihte ich Perlen von verschiedener Größe in -regelmäßigen Gruppen auf -- zwei große, drei kleine und so weiter. Ich -hatte mehrmals Fehler gemacht, und Fräulein Sullivan hatte mich mit -liebevoller Geduld immer und immer wieder darauf hingewiesen. Endlich -bemerkte ich einen ganz offenbaren Irrtum in der Aufeinanderfolge, -und einen Augenblick konzentrierte ich meine ganze Aufmerksamkeit auf -mein Vorhaben und versuchte nachzudenken, wie ich die Perlen hätte -aneinanderreihen sollen. Fräulein Sullivan berührte meine Stirn und -buchstabierte mit großem Nachdruck: ~Think~! - -Im Nu erkannte ich, daß das Wort die Bezeichnung für den Vorgang war, -der sich in meinem Kopfe abspielte. Dies war meine erste bewußte -Vorstellung eines abstrakten Begriffs. - -Eine lange Zeit saß ich still da -- ich dachte nicht über die Perlen in -meinem Schoße nach, sondern versuchte, im Lichte dieses neuen Begriffes -die Bedeutung von »Liebe« zu ergründen. Die Sonne war den ganzen Tag -hinter Wolken versteckt gewesen, und es waren kurze Regenschauer -gefallen; plötzlich brach jedoch die Sonne in all ihrem südlichen -Glanze hervor. - -Abermals fragte ich meine Lehrerin: Ist dies nicht Liebe? - -Liebe ist etwas Aehnliches wie die Wolken, die am Himmel standen, -bevor die Sonne hervorbrach, entgegnete sie. Dann fuhr sie in -schlichteren Worten, als die vorhergehenden waren, die ich damals noch -nicht verstehen konnte, fort: Du weißt, du kannst die Wolken nicht -berühren, aber du fühlst den Regen und weißt, wie froh die Blumen -und die durstige Erde sind, wenn er nach einem heißen Tage auf sie -herniederströmt. Auch die Liebe kannst du nicht berühren, aber du -empfindest das Entzücken, das sie über alles ausgießt. Ohne Liebe -würdest du weder glücklich sein noch zu spielen verlangen. - -Mit einem Schlage offenbarte sich die wohltuende Wahrheit meinem Geiste --- ich fühlte, es gab unsichtbare Bande, die sich zwischen meiner Seele -und den Seelen anderer hinzogen. - -Vom Beginn meiner Erziehung an hatte Fräulein Sullivan es sich zum -Grundsatz gemacht, so zu mir zu sprechen, als spräche sie zu einem -hörenden Kinde; der einzige Unterschied bestand darin, daß sie mir die -Sätze in die Hand buchstabierte, anstatt sie zu sprechen. Verfügte -ich nicht über die nötigen Worte, um meine Gedanken auszudrücken, so -ergänzte sie diese und führte sogar die Unterhaltung weiter, wenn ich -die passende Antwort nicht finden konnte. - -Dieses Verfahren hielt jahrelang an; denn das taubstumme Kind lernt -nicht in einem Monat, nicht einmal in zwei bis drei Jahren die -zahllosen Ausdrücke, die in dem einfachsten täglichen Gespräche -vorkommen. Das hörende Kind lernt diese auf Grund der fortwährenden -Wiederholung und Nachahmung. Die Unterhaltung, die es zu Hause -vernimmt, spornt seinen Geist an, bereichert seinen Wortschatz und -befördert den Ausdruck seiner eigenen Gedanken. Dieser naturgemäße -Ideenaustausch ist dem tauben Kinde versagt. In weiser Erkenntnis -dieses Umstandes faßte meine Lehrerin den Entschluß, dem Mangel an -Reizmitteln für mich abzuhelfen. Dies tat sie, indem sie mir, soweit -dies möglich war, wörtlich wiederholte, was sie hörte, und mir Mittel -und Wege angab, an der Unterhaltung teilzunehmen. Aber es dauerte lange -Zeit, ehe ich es wagte, die Initiative zu ergreifen, und noch länger, -ehe ich imstande war, etwas Passendes zur rechten Zeit zu sagen. - -Der Taube wie der Blinde finden es sehr schwer, sich an einen -angenehmen Unterhaltungston zu gewöhnen. Wieviel mehr muß sich diese -Schwierigkeit bei denen steigern, die beides, taub und blind, sind. Sie -können den Klang der Stimme nicht unterscheiden oder ohne die Hilfe -anderer die Tonhöhe modifizieren, wodurch die Worte erst ihren Sinn -erhalten; ebensowenig vermögen sie den Gesichtsausdruck des Sprechenden -zu beobachten, und in einem Blick liegt häufig gerade das innerste -Wesen dessen, was jemand sagt. - - - - -Siebentes Kapitel. - - Erster Leseunterricht. -- Anfangs keine regelmäßigen - Unterrichtsstunden. -- Erziehung zum Naturgenuß. -- Wald, Garten. -- - Kellers Landungsplatz. -- Geographie, Rechnen, Zoologie, Botanik. - -- Fossilien. -- Leicht faßliche Unterrichtsmethode. -- Herzliches - Verhältnis zu Fräulein Sullivan. - - -Der nächste wichtige Schritt in meiner Erziehung bestand darin, daß ich -lesen lernte. - -Sobald ich ein paar Wörter buchstabieren konnte, gab mir meine Lehrerin -Pappstreifen in die Hand, auf dem die Wörter in erhöhten Buchstaben -gepreßt waren. Ich lernte bald begreifen, daß jedes gedruckte Wort -einen Gegenstand, eine Tätigkeit oder eine Eigenschaft bezeichnete. -Ich hatte einen Rahmen, in dem ich die Wörter zu kurzen Sätzen -aneinanderreihen konnte; ehe ich aber die Sätze in den Rahmen spannte, -pflegte ich sie an Gegenständen darzustellen. Ich fand z. B. die -Streifen mit den Wörtern ~doll~, ~is~, ~on~, ~bed~ und legte jedes -Substantiv auf den betreffenden Gegenstand; dann legte ich meine Puppe -ins Bett und neben sie die Wörter ~is~, ~on~, ~bed~, indem ich so einen -Satz aus den Wörtern bildete und zu gleicher Zeit den Inhalt des Satzes -mit Hilfe der Gegenstände selbst darstellte. - -Eines Tages steckte ich mir, wie Fräulein Sullivan mir später -erzählte, das Wort ~girl~ an meine Schürze und stellte mich in den -Kleiderschrank. Am Schranke brachte ich die Wörter ~is~, ~in~, -~wardrobe~ an. Nichts machte mir solches Vergnügen wie dieses Spiel. -Meine Lehrerin und ich spielten es stundenlang. Oft wurde jeder -Gegenstand im Zimmer zur Darstellung solcher verkörperter Sätze -verwandt. - -Von den bedruckten Streifen war es nur ein kurzer Schritt zu gedruckten -Büchern. Ich nahm meine Fibel vor und machte Jagd auf die Wörter, -die ich kannte; fand ich solche, so war meine Freude der beim -Versteckspiel gleich. Auf diese Weise begann ich zu lesen. Ueber die -Zeit, in der ich zusammenhängende Geschichten zu lesen begann, spreche -ich später. - -Lange Zeit hatte ich keine regelmäßigen Unterrichtsstunden. Selbst wenn -ich sehr eifrig lernte, glich dies mehr einem Spiel als einer Arbeit. -Alles, was Fräulein Sullivan mich lehrte, machte sie mir durch eine -hübsche Geschichte oder ein Gedicht anschaulich. Wenn ich Freude oder -Interesse an etwas zeigte, so sprach sie mit mir darüber genau so, als -ob sie selbst ein kleines Mädchen wäre. All das, woran viele Kinder mit -Schaudern zurückdenken, wie an mühsames Kopfzerbrechen über Grammatik, -schwere Rechenexempel und noch schwerere Definitionen, ist heute eine -meiner liebsten Erinnerungen. - -Ich kann mir das innige Verständnis nicht erklären, das Fräulein -Sullivan für meine Freuden und Wünsche besaß. Vielleicht war es das -Ergebnis ihres langen Zusammenlebens mit Blinden. Obenein verfügte -sie über eine wunderbare Schilderungsgabe. Sie ging rasch über -uninteressante Einzelheiten hinweg und belästigte mich nie mit Fragen, -um zu sehen, ob ich auch all das in der Lektion vom vorigen Tage -Behandelte behalten habe. Trockene wissenschaftliche Fragen führte sie -nur nach und nach in den Unterricht ein und machte alles dabei so klar -und anschaulich, daß ich fast notgedrungen behalten mußte, was sie -gesagt hatte. - -Wir lasen und lernten im Freien und zogen den sonnigen Wald dem Hause -vor. Meine sämtlichen ersten Unterrichtsstunden tragen den Hauch des -Waldes -- den feinen Harzduft der Fichtennadeln, vermengt mit dem -Geruch des wilden Weins. In dem köstlichen Schatten eines wilden -Tulpenbaumes sitzend, lernte ich darüber nachdenken, daß alles eine -Lehre und eine Mahnung in sich berge. „Die Lieblichkeit der Dinge -lehrte mich ihre Bestimmung.“ In der Tat hatte alles, was da summen, -brummen, singen, blühen konnte, einen Anteil an meiner Erziehung -- -quakende Frösche, Heimchen und Grillen, die ich solange in meiner -Hand hielt, bis sie ihre Gefangenschaft vergaßen und ihr Liedchen -wieder anstimmten, kleine Hühnchen in ihrem ersten Flaume und wild -wachsende Blumen, die Blüten der Kornelkirsche, Veilchen und blühende -Obstbäume. Ich befühlte die berstenden Baumwollenkapseln und ließ -ihre weichen Fäden und ihre mit Fasern besetzten Samenkörner durch -meine Finger gleiten; ich fühlte das leise Rauschen des Windes in -den Getreidefeldern, sein weiches Flüstern im Laube der Bäume, das -unwillige Schnauben meines Ponys, -- wenn wir ihn auf der Weide -einfingen und ihm das Gebiß anlegten -- ach, wie genau erinnere ich -mich an den würzigen Kleegeruch seines Atems! - -Bisweilen stand ich vor Tagesanbruch auf und stahl mich hinunter in den -Garten, während schwere Tautropfen noch auf Gräsern und Blumen lagen. -Nur wenige wissen, was es für ein Genuß ist, die Rosen zu berühren und -sanft mit der Hand zu drücken oder der anmutigen Bewegung der Lilien -zu folgen, wenn sie im Morgenwinde hin- und herschwanken. Mitunter -war ein Insekt in der Blume, die ich pflückte, und ich fühlte das -leise Geräusch der Flügel, die das Tierchen in plötzlichem Schrecken -aneinander rieb, sobald es den Druck von außen gewahr wurde. - -Ein anderer Lieblingsaufenthalt von mir war der Obstgarten. Die großen, -tief herabhängenden Pfirsiche boten sich von selbst meiner Hand dar, -und wenn die lustigen Winde durch die Bäume wehten, fielen die Aepfel -mir zu Füßen. O, das Entzücken, mit dem ich das Obst in meine Schürze -sammelte, mein Gesicht gegen die glatten Wangen der Aepfel drückte, die -noch warm waren von den Sonnenstrahlen, und ins Haus zurückeilte! - -Unser Lieblingsspaziergang war zu Kellers Landungsplatz, einer alten -verfallenen Hafenanlage am Tennessee, die während des Bürgerkrieges -zum Landen von Truppen benutzt worden war. Hier brachten wir viele -glückliche Stunden zu und beschäftigten uns spielend mit Geographie. -Ich baute Dämme aus Kieseln, legte Inseln und Seen an und grub -Flußläufe aus, alles zum Scherz, und niemals ließ ich es mir dabei -träumen, eine Unterrichtsstunde zu haben. Mit wachsendem Erstaunen -lauschte ich den Schilderungen, die Fräulein Sullivan von der großen -weiten Welt da draußen mit ihren feuerspeienden Bergen, verschütteten -Städten, sich bewegenden Eisströmen und vielen anderen ebenso seltsamen -Dingen entwarf. Sie modellierte Reliefkarten in Ton, so daß ich die -Gebirgszüge und Täler fühlen und mit meinen Fingern dem gekrümmten Lauf -der Flüsse folgen konnte. Dies liebte auch ich; aber die Einteilung -der Erde in Zonen und Pole verwirrte mich. Die diese Verhältnisse -veranschaulichenden Fäden und der Orangenstiel, der den Pol darstellte, -erschienen mir so der Wirklichkeit entsprechend, daß noch bis zum -heutigen Tage die bloße Erwähnung der gemäßigten Zone die Vorstellung -an Zwirnsfäden in mir hervorruft, und ich glaube, daß, wenn es jemand -darauf anlegt, er mir mit leichter Mühe einreden könnte, daß Eisbären -tatsächlich auf den Nordpol klettern. - -Arithmetik scheint das einzige Lehrfach gewesen zu sein, dem ich keinen -Geschmack abgewinnen konnte. Von Anfang an hatte ich kein Interesse -für die Wissenschaft von den Zahlen. Fräulein Sullivan suchte mir das -Rechnen beizubringen, indem sie Perlen in Gruppen aneinanderreihte, -und mit Hilfe von Strohhalmen, wie sie im Kindergarten üblich sind, -lernte ich addieren und subtrahieren. Ich hatte niemals die Geduld, -mehr als fünf bis sechs Gruppen zugleich zusammenzureihen; hatte ich -das zustande gebracht, so war mein Gewissen für den Rest des Tages -beruhigt, und ich sprang rasch zu meinen Spielgefährten hinaus. - -In dieser selben sorglosen Weise trieb ich Zoologie und Botanik. - -Einmal sandte mir ein Herr, dessen Namen ich vergessen habe, eine -Fossiliensammlung -- kleine wunderschön gezeichnete Muscheln, Stücke -Sandstein mit Abdrücken von Vogelfüßen und einen reizenden Farn in -Basrelief. Dies waren die Schlüssel, die mir den Zugang zu den Schätzen -der antediluvianischen Welt eröffneten. Mit zitternden Fingern lauschte -ich Fräulein Sullivans Schilderungen der furchtbaren Tiere mit den -ungefügen, unaussprechlichen Namen, die einst durch die Wälder der -Urzeit stampften, die Zweige von Riesenbäumen zur Nahrung abrissen -und in den ungeheuren Morasten eines unbekannten Zeitalters umkamen. -Lange Zeit beunruhigten diese unheimlichen Geschöpfe meine Träume, und -diese düstere Periode bildete einen dunklen Hintergrund zu dem heiteren -Jetzt, das mit Sonnenschein, Rosen und dem Echo der leichten Hufschläge -meines kleinen Ponys angefüllt war. - -Ein andermal erhielt ich eine schöne Muschel zum Geschenk, und mit -kindlichem Staunen und Entzücken lernte ich, wie ein winziges Weichtier -sich dieses herrliche Haus als Wohnung gebaut habe und wie in stillen -Nächten, wenn kein Luftzug die Meeresfläche kräuselt, der Nautilus -auf den blauen Gewässern des Indischen Ozeans in seinem wie Perlen -erglänzenden Schiffe dahinsegelt. Nachdem ich eine Menge interessanter -Dinge über das Leben und die Gewohnheiten der Kinder der Meerestiefen -kennen gelernt hatte -- wie inmitten der schäumenden Wogen die kleinen -Polypen die schönen Koralleninseln des Stillen Ozeans aufbauen und -die Foraminiferen die Kalkhügel vieler Länder gebildet haben --, las -mir meine Lehrerin das Märchen vom Nautilus vor und zeigte mir, -wie der muschelbildende Prozeß bei den Mollusken symbolisch ist für -die Entwicklung des Geistes. Genau wie der wunderwirkende Mantel -des Nautilus die Stoffe, die er aus dem Wasser aufsaugt, umwandelt -und zu einem Teile von sich selbst macht, so erleiden die einzelnen -Kenntnisse, die jemand sammelt, eine ähnliche Veränderung und werden zu -Gedankenperlen. - -Ein andermal war es das Wachstum einer Pflanze, das uns den Stoff für -eine Lehrstunde lieferte. Wir kauften eine Lilie und stellten sie in -ein sonniges Fenster. Bald begannen die grünen, spitzen Knospen sich -zu öffnen. Die schlanken, fingerähnlichen Außenblätter erschlossen -sich langsam, widerstrebend, wie es mir vorkam, die Lieblichkeit des -Inneren enthüllend; war aber einmal ein Anfang gemacht, so ging der -weitere Prozeß des Oeffnens rasch von statten, aber ordnungsgemäß und -systematisch. Stets war eine von den Knospen größer und schöner als die -übrigen und warf ihre äußere Umhüllung stolzer zurück, als wüßte diese -Schönheit in weichen, seidenglänzenden Gewändern, daß sie Lilienkönigin -von Gottes Gnaden sei, während ihre bescheideneren Schwestern ihre -grünen Hüllen zaghaft ablegten, bis die ganze Pflanze ein einziger -nickender Zweig voller Lieblichkeit und Wohlgeruch war. - -Einmal wurde ein rundes Glas mit elf Kaulquappen an ein mit Pflanzen -besetztes Fenster gestellt. Ich erinnere mich noch des Eifers, mit dem -ich Beobachtungen über sie anstellte. Es machte mir großen Spaß, meine -Hand in das Glas zu tauchen, zu fühlen, wie sich die Kaulquappen lustig -herumtummelten, und sie zwischen meinen Fingern hin- und herschlüpfen -zu lassen. Eines Tages hatte sich ein ehrgeiziger Bursche von ihnen auf -den Rand des Glases gewagt und fiel auf den Fußboden, wo ich ihn allem -Anschein nach mehr tot als lebendig fand. Das einzige Lebenszeichen, -das er von sich gab, war ein leichtes Hin- und Herbewegen des -Schwanzes. Kaum war er aber in sein Element zurückgekehrt, als er auch -schon auf den Grund niedertauchte und in lustiger Geschäftigkeit hin- -und herschwamm. Er hatte seinen Weg gemacht, hatte die große Welt -gesehen und war nun froh, wieder in seinem hübschen Glashause unter dem -großen Fuchsienstock zu weilen, bis er die Würde des ausgewachsenen -Frosches erreicht hatte. Dann siedelte er wieder in den mit Mummeln -bedeckten Teich am Ende des Gartens über, wo er in den Sommernächten -seine quarrenden Liebeslieder erschallen ließ. - -So lernte ich vom Leben selbst. Anfangs lag nur ein ganz kleines, -begrenztes Maß von Fähigkeiten in mir. Meine Lehrerin war es, die sie -entfaltete und entwickelte. Als +sie+ kam, atmete alles rings um -mich her Liebe und Freude und gewann eine Fülle von Bedeutung. Seitdem -hat sie keine einzige Gelegenheit vorübergehen lassen, ohne mich auf -die in allem waltende Schönheit aufmerksam zu machen, und hat nie -aufgehört, durch Wort, Tat und Vorbild dahin zu wirken, daß mein Leben -sich zu einem genußreichen und nützlichen gestalte. - -Es war der Geist meiner Lehrerin, ihr warmes Mitempfinden, ihr -liebevoller Takt, der mir die ersten Jahre meiner Erziehung so -unvergeßlich gemacht hat. Dadurch, daß sie stets den richtigen -Augenblick wählte, um mein Wissen durch etwas Neues zu bereichern, -wurde der Unterricht für mich so anziehend und leicht faßlich. Sie -erkannte, daß der Geist eines Kindes einem seichten Bache gleicht, der -fröhlich in dem steinigen Bette der Erziehung dahinhüpft und tanzt -und hier eine Blume, dort einen Strauch, dort ein Lämmerwölkchen -widerspiegelt; sie suchte meinen Geist auf den rechten Pfad zu leiten, -da sie wohl wußte, daß er wie ein Bach durch Gebirgsströme und -verborgene Quellen genährt werden muß, bis er sich zum tiefen Flusse -erweitert, der imstande ist, auf seiner ruhigen Oberfläche schwellende -Hügel, die leuchtenden Schatten der Bäume und den blauen Himmel so gut -wie das holde Antlitz einer kleinen Blume widerzuspiegeln. - -[Illustration: Helen Keller und Fräulein Sullivan] - -Jeder Lehrer kann ein Kind zu sich in das Klassenzimmer nehmen, -aber nicht jeder Lehrer kann es unterrichten. Es wird nicht freudig -arbeiten, wenn es nicht das Bewußtsein der Freiheit in sich trägt, mag -es tätig sein oder sich ausruhen; es muß das Hochgefühl des Sieges und -die Niedergeschlagenheit der Enttäuschung kennen, ehe es mit festem -Willen an die ihm unangenehmen Aufgaben herangeht und sich entschließt, -sich seinen Weg tapfer und unverdrossen durch die stumpfe Routine der -Lehrbücher hindurchzubahnen. - -Meine Lehrerin steht mir so nahe, daß ich mich kaum als von ihr -getrennt fühle. Wieviel von meiner Freude an allem Schönen mir -angeboren ist, wieviel ich ihrem Einflusse verdanke, werde ich -nie anzugeben vermögen. Ich fühle, ihr Wesen ist untrennbar von -dem meinigen, und sie ist mir auf den Bahnen, die ich wandle, -vorangegangen. Alles Gute an mir ist ihr Werk -- es gibt keine -Fähigkeit, kein Streben, keine Freude in mir, die sie nicht durch ihre -liebevolle Berührung zum Leben erweckt hätte. - - - - -Achtes Kapitel. - - Erstes Weihnachtsfest nach Fräulein Sullivans Ankunft. -- Ratespiel. - -- Weihnachtsbescherung in der Schule zu Tuscumbia. -- Freude über - die Weihnachtsgeschenke. - - -Das erste Weihnachtsfest nach Fräulein Sullivans Ankunft in -Tuscumbia war ein großes Ereignis. Jedes Familienmitglied bereitete -Ueberraschungen für mich vor; was mir aber am meisten Vergnügen -machte, war, daß Fräulein Sullivan und ich Ueberraschungen für alle -übrigen vorbereiteten. Das die Geschenke umgebende Geheimnis war meine -größte Freude. Meine Bekannten taten alles, was in ihren Kräften -stand, um meine Neugier durch Andeutungen und halbbuchstabierte -Sätze rege zu machen, die sie im spannendsten Augenblick abbrechen -zu müssen vorgaben. Fräulein Sullivan und ich unterhielten uns mit -einem Ratespiel, das mich im Gebrauche der Sprache mehr förderte, als -regelrechte Unterrichtsstunden dies zu tun vermocht hätten. Jeden Abend -setzten wir uns um das verglimmende Holzfeuer und beschäftigten uns mit -unserem Spiel, das um so aufregender wurde, je näher Weihnachten rückte. - -Am heiligen Abend feierten die Schulkinder von Tuscumbia ihre -Bescherung, zu der sie mich einluden. In der Mitte des Schulzimmers -stand ein schöner Baum, strahlend und schimmernd in dem milden Lichte -der Kerzen und beladen mit seltsamen, wunderbaren Früchten. Es war ein -Moment der höchsten Glückseligkeit. Ich tanzte und sprang voller Freude -um den Baum herum. Als ich erfuhr, es sei ein Geschenk für jedes Kind -da, war ich darüber entzückt, und die freundlichen Spender, die die -Bescherung veranstalteten, gestatteten mir, die Gaben den Kindern zu -überreichen. In der Freude darüber fand ich keine Zeit, meine eigenen -Geschenke zu betrachten; als ich aber mit der Verteilung fertig war, -überstieg meine Ungeduld nach dem Beginn der wirklichen Bescherung alle -Begriffe. Ich wußte, daß die Geschenke, die ich schon erhalten hatte, -nicht die waren, wegen deren meine Bekannten mir durch ihre Andeutungen -solche Tantalusqualen bereitet hatten, und meine Lehrerin sagte mir, -die Geschenke, die ich erhalten würde, seien noch viel schöner als die, -welche ich schon bekommen hätte. Ich war jedoch entschlossen, mich mit -den Geschenken von dem Baume zufrieden zu geben und die übrigen ruhig -bis morgen zu lassen. - -In jener Nacht lag ich, nachdem ich meinen Strumpf aufgehängt hatte, -lange Zeit wach, da ich mich gegen den Schlaf wehrte und mich munter -halten wollte, um zu sehen, was der Santa Claus wohl tun würde, wenn -er ankäme. Endlich schlummerte ich aber doch mit einer neuen Puppe und -einem Eisbären in meinen Armen ein. Am nächsten Morgen war ich es, -die die Familie mit meinem ersten: „Ein fröhliches Weihnachtsfest!“ -aufweckte. Ich fand Ueberraschungen, nicht allein in dem Strumpfe, -sondern auch auf dem Tische, auf allen Stühlen, an der Tür, sogar auf -dem Fensterbrett; ich konnte in der Tat kaum einen Schritt machen, ohne -über ein in Goldpapier gewickeltes Christgeschenk zu stolpern. Als aber -meine Lehrerin mir einen Kanarienvogel schenkte, kannte meine Seligkeit -keine Grenzen. - -Der kleine Jim war so zahm, daß er auf meinen Finger hüpfte und mir -kandierte Kirschen aus der Hand pickte. Fräulein Sullivan lehrte -mich meinen neuen Liebling mit der größtmöglichen Sorgfalt hegen und -pflegen. Jeden Morgen nach dem Frühstück machte ich ihm sein Bad -zurecht, reinigte seinen Käfig, gab ihm frisches Futter, füllte sein -Trinknäpfchen mit frischem Brunnenwasser und hängte etwas Vogelmiere an -seinen Schaukelring. - -Eines Morgens ließ ich den Käfig auf dem Fensterbrett stehen, während -ich Jim frisches Wasser für sein Bad holte. Als ich zurückkehrte -und die Tür öffnete, fühlte ich, daß eine große Katze zum Zimmer -hinausstürzte. Zuerst bemerkte ich noch gar nicht, was sich zugetragen -hatte; als ich aber meine Hand in den Käfig steckte und Jim mir nicht -entgegenflatterte oder mit seinen zierlichen Füßchen sich auf meinen -Finger setzte, wußte ich, daß ich meinen lieben kleinen Sänger nicht -wiedersehen würde. - - - - -Neuntes Kapitel. - - Reise nach Boston. -- Zusammentreffen mit den blinden Kindern. -- - Bunker Hill. -- Plymouth. -- Pilgerfelsen. -- Herr William Endicott. - - -Das nächste wichtige Ereignis in meinem Leben war mein Besuch in -Boston im Mai 1888. Als ob es erst gestern gewesen wäre, so genau -entsinne ich mich der Vorbereitungen, der Abreise mit meiner Lehrerin -und meiner Mutter, der Eisenbahnfahrt und endlich der Ankunft in -Boston. Wie verschieden war doch diese Reise von der, die ich zwei -Jahre zuvor nach Baltimore gemacht hatte! Ich war kein ruheloses, -reizbares kleines Geschöpf mehr, das die Aufmerksamkeit sämtlicher -Mitreisenden verlangte, um zufriedengestellt zu sein. Ich saß still -neben Fräulein Sullivan und achtete mit regem Interesse auf alles, -was sie mir über das mitteilte, was sie aus dem Coupéfenster sah, den -schönen Tennesseestrom, die großen Baumwollplantagen, die Hügel und -Wälder und die Scharen lachender Neger auf den Bahnhöfen, die den -Reisenden zuwinkten und köstliches Zuckergebäck und Maisklöße im Wagen -umhertrugen. Mir gegenüber saß meine große, zerflederte Puppe, Nancy, -in einem neuen Ginghamkleide und einem zerknitterten Strohhute und sah -mich unverwandt mit ihren Glasaugen an. Bisweilen, wenn ich nicht durch -Fräulein Sullivans Schilderungen in Anspruch genommen war, erinnerte -ich mich der Anwesenheit Nancys und nahm sie auf den Arm, aber im -allgemeinen beschwichtigte ich mein Gewissen dadurch, daß ich mir -einredete, sie schlafe. - -Da ich keine Gelegenheit mehr haben werde, von Nancy zu sprechen, so -will ich gleich hier von dem traurigen Schicksale erzählen, das sie -bald nach unserer Ankunft in Boston hatte. Sie war ganz mit Schmutz -bedeckt, dem Ueberreste von Schlammkuchen, die ich sie zu essen -gezwungen hatte, obwohl sie niemals eine besondere Vorliebe für diesen -Leckerbissen gezeigt hatte. Die Wäscherin im Perkinsschen Institut nahm -sie heimlich mit fort, um sie zu baden. Dies war für die arme Nancy -zu viel. Als ich sie das nächstemal wiedersah, war sie nur noch ein -formloser Watteklumpen, den ich überhaupt nicht wiedererkannt haben -würde, wären nicht die beiden Glasaugen gewesen, die mich vorwurfsvoll -ansahen. - -Als der Zug endlich in den Bahnhof von Boston einfuhr, war es, als sei -ein schönes Feenmärchen zur Wirklichkeit geworden. Das „es war einmal“ -war Gegenwart; das „weite, ferne Land“ war hier. - -Kaum waren wir in dem Perkinsschen Blindeninstitut angelangt, als ich -auch schon mit den blinden Kindern Freundschaft zu schließen begann. -Es freute mich unaussprechlich, zu finden, daß sie das Fingeralphabet -verstanden. Wie froh war ich, mich mit anderen Kindern in meiner -Sprache unterhalten zu können! Bis dahin war ich wie eine Ausländerin -gewesen, die durch Vermittelung eines Dolmetschers spricht. In der -Schule, in der Laura Bridgman unterrichtet worden war, befand ich -mich in meinem Vaterlande. Es kostete mich einige Zeit, ehe ich mir -die Tatsache, daß meine neuen Freunde blind waren, in ihrer Tragweite -klarmachte. Ich wußte, ich konnte nicht sehen; aber es erschien mir -unmöglich, daß all die munteren, liebenswürdigen Kinder, die um -mich herumstanden und in meine Fröhlichkeit von Herzen einstimmten, -gleichfalls blind sein sollten. Ich entsinne mich der schmerzlichen -Ueberraschung, die ich empfand, als ich bemerkte, daß sie ihre Hände -über die meinigen legten, wenn ich mit ihnen sprach, und daß sie in -ihren Büchern mit Hilfe der Finger lasen. Obgleich mir dies schon -vorher mitgeteilt worden war und obgleich ich mir meines eigenen -Verlustes bewußt war, so hatte ich doch in unbestimmter Weise geglaubt, -daß, da sie hören konnten, sie eine Art von „zweitem Gesicht“ haben -müßten, und ich war nicht darauf vorbereitet, zu finden, daß diese -Kinder alle derselben köstlichen Gabe wie ich beraubt waren. Aber sie -waren so glücklich und zufrieden, daß ich alle Schmerzempfindungen über -der Freude vergaß, die mir das Zusammensein mit ihnen gewährte. - -Als ich einen Tag in der Gesellschaft der blinden Kinder zugebracht -hatte, fühlte ich mich in meiner neuen Umgebung vollständig daheim, und -jeder Tag brachte mir eine neue angenehme Erfahrung. Ich konnte mich -nicht völlig davon überzeugen, daß es außer Boston noch viel in der -Welt gebe, denn ich betrachtete diese Stadt als den Anfang und das Ende -der Schöpfung. - -Während unseres Aufenthaltes in Boston besuchten wir Bunker Hill und -hier erhielt ich meinen ersten Geschichtsunterricht. Die Geschichte von -den tapferen Männern, die auf dem Platze, auf dem wir standen, gekämpft -hatten, regte mich gewaltig auf. Ich bestieg das Denkmal, wobei ich die -Stufen zählte, und fragte mich verwundert, als es immer höher und höher -hinauf ging, ob die Soldaten diese große Treppe erstiegen und von hier -auf den Feind dort unten geschossen hätten. - -Am nächsten Tage fuhren wir nach Plymouth. Es war dies meine erste -Seereise und mein erster Ausflug auf einem Dampfer. Wie voll von Leben -und Bewegung war das Schiff! Aber das Getöse der Maschine ließ mich -glauben, es sei ein Gewitter im Anzuge, und ich begann zu weinen, -weil ich fürchtete, wenn es regnete, könnten wir unser Picknick -nicht im Freien abhalten. Ich glaube, der große Felsen, an dem die -Pilger gelandet waren,[4] interessierte mich mehr als alles übrige -in Plymouth. Ich konnte ihn berühren, und vielleicht war dies der -Grund, weswegen mir die Ankunft der Pilger, ihre Beschwerden und -ihre Heldentaten so deutlich vor der Seele standen. Ich habe oft ein -kleines Modell des Felsens von Plymouth in der Hand gehabt, den mir -ein freundlicher Herr in Pilgrim Hall gab, ich habe seine Umrisse, -den Spalt in der Mitte und die eingemeißelte Inschrift »1620« befühlt -und in meinem Innern alles überdacht, was ich von der wunderbaren -Geschichte der Pilger wußte. - -Wie erglühte meine kindliche Phantasie bei dem Gedanken an ihr -ruhmvolles Unternehmen! Ich idealisierte sie als die tapfersten und -hochherzigsten Männer, die jemals in der Fremde eine Heimat gesucht -hatten. Ich glaubte, sie hätten die Freiheil ihrer Mitmenschen -ebenso wie ihre eigene erstrebt. Ich war peinlich überrascht und arg -enttäuscht, als ich einige Jahre später ihre unduldsamen Handlungen -kennen lernte, die uns mit Scham erfüllen, selbst wenn wir den Mut und -die Tatkraft anerkennen, die uns unser »schönes Land« gegeben haben. - -Unter den zahlreichen Freunden, die ich mir in Boston gewann, befanden -sich auch Herr William Endicott und seine Tochter. Die Güte, die -mir beide erwiesen, war das Saatkorn, aus dem mir viele angenehme -Erinnerungen erblüht sind. Eines Tages besuchten wir ihre schöne Villa -in Beverly Farms. Ich erinnere mich mit Vergnügen daran, wie ich durch -ihren schönen Rosengarten dahinschritt, wie ihre Hunde, der mächtige -Leo und der kleine kraushaarige Fritz mit den langen Ohren, sich zu -mir gesellten und wie Nimrod, das schnellste aller Pferde, seine Nase -in meine Hand streckte, damit ich seinen Hals klopfen und ihm ein -Stück Zucker geben sollte. Ebenso erinnere ich mich des Strandes, wo -ich zum erstenmale im Sande gespielt hatte. Es war harter, glatter -Sand, sehr verschieden von dem losen, scharfen, mit Algen und Muscheln -untermischten Sande in Brewster. Herr Endicott erzählte mir von den -großen Schiffen, die aus Boston nach Europa absegelten. Ich sah ihn -später noch öfters, und er ist mir stets ein guter Freund gewesen, und -ich dachte an ihn, als ich Boston „die Stadt der gütigen Herzen“ nannte. - - [4] „Pilger“ oder „Pilgerväter“ hießen die 102 Puritaner, die im - Jahre 1620 in Plymouth landeten. - - - - -Zehntes Kapitel. - - Ferienaufenthalt in Brewster. -- Die See. -- Erstes Seebad. -- - Eindruck der Brandung. -- Der erste Taschenkrebs. - - -Unmittelbar bevor das Perkinssche Institut seine Tore für den Rest des -Sommers schloß, wurde die Verabredung getroffen, daß meine Lehrerin und -ich unsere Ferien in Brewster am Kap Cod in der Gesellschaft unserer -lieben Freundin, Frau Hopkins, zubringen sollten. Ich war darüber -entzückt, denn mein Geist war voll von den zu erwartenden Freuden und -den wunderbaren Geschichten, die ich vom Meere gehört hatte. - -Meine lebhafteste Erinnerung an jenen Sommer ist der Ozean. Ich hatte -stets im Binnenlande gelebt und niemals Seeluft geatmet; aber ich hatte -in einem Buche mit dem Titel Our World eine Schilderung des Ozeans -gelesen, die mich mit Erstaunen und einem sehnsüchtigen Verlangen -erfüllte, die gewaltige See zu befühlen und ihr Toben zu spüren. So -schlug mein kleines Herz in heftiger Erregung, als ich sah, daß mein -Wunsch endlich doch in Erfüllung gehen sollte. - -Kaum war ich in mein Badekostüm geschlüpft, als ich auf den warmen -Sand hinaussprang und ohne die geringste Furcht in dem kühlen Wasser -untertauchte. Ich fühlte, wie die mächtigen Wogen sich abwechselnd -hoben und senkten. Die schaukelnde Bewegung des Wassers erfüllte mich -mit ungemein lebhafter Freude. Mit einem Male aber wich mein Entzücken -einem namenlosen Entsetzen; mein Fuß stieß gegen einen Felsen, und im -nächsten Augenblick ergoß sich ein Strom von Wasser über mein Haupt. -Ich streckte meine Hände aus, um eine Stütze zu finden, ich griff -ins Wasser und faßte nach dem Tang, den mir die Wogen ins Gesicht -schleuderten. Aber alle meine verzweifelten Anstrengungen waren -vergeblich. Die Wellen schienen ihr Spiel mit mir zu treiben und warfen -mich in ihrem wilden Tosen von einer zur anderen. Es war fürchterlich! -Die gute, feste Erde war mir unter den Füßen weggeglitten, und ich -schien von allem -- von Leben, Luft, Wärme, Liebe -- durch dieses -unheimliche, mich rings umgebende Element ausgeschlossen zu sein. -Endlich jedoch warf mich die See, als sei sie ihres neuen Spielzeugs -müde, an das Gestade zurück, und im nächsten Augenblick wurde ich von -den Armen meiner Lehrerin umschlungen. O, dieses wonnige Empfinden -bei der langen, langen Umarmung! Sobald ich mich genügend von meinem -panischen Schrecken erholt hatte, um ein Wort hervorbringen zu können, -fragte ich: Wer hat denn eigentlich das Salz in das Wasser geschüttet? - -Nachdem ich meine erste Erfahrung mit dem Wasser glücklich hinter -mir hatte, machte es mir großes Vergnügen, in meinem Badekostüm auf -einem mächtigen Felsen zu sitzen und Woge um Woge an den Felsen -heranbranden zu fühlen, wobei sie einen Spritzregen von Schaum -heraufsandten, der mich völlig durchnäßte. Ich spürte, wie die Kiesel -fortgeschwemmt wurden, wenn die Wogen mit ihrer vollen Wucht gegen den -Strand anstürmten; das ganze Gestade schien durch ihren furchtbaren -Anprall zertrümmert zu werden, und die Luft erdröhnte unter ihren -Donnerschlägen. Die Brandung schlug zurück, um sich zu einem noch -mächtigeren Anlauf zu sammeln, und ich hing an dem Felsen voll -gespannter Erwartung, wie von einem Banne befangen, während ich das -Toben und Brüllen des wütenden Meeres fühlte. - -Kaum konnte ich mich von dem Strande trennen. Der Hauch der reinen, -frischen und klaren Seeluft wirkte wie kühles, beruhigendes Denken -auf mich, und die Muscheln, die Kiesel, die mit winzigen Lebewesen -bedeckten Algen büßten in meinen Augen nicht das geringste ihrer -Anziehungskraft ein. Eines Tages lenkte Fräulein Sullivan meine -Aufmerksamkeit auf ein seltsames Ding, das sie in dem seichten Wasser -gefangen hatte. Es war ein großer Taschenkrebs, der erste, den ich -je in meinem Leben gesehen hatte. Ich fühlte ihn an und fand es sehr -seltsam, daß er sein Haus auf seinem Rücken mit sich herumtragen -sollte. Plötzlich schoß mir der Gedanke durch den Kopf, er könne einen -ganz artigen Spielgefährten abgeben; daher ergriff ich ihn mit beiden -Händen am Schwanze und trug ihn nach Hause. Diese Heldentat gefiel mir -außerordentlich, besonders da sein Körper sehr schwer war und ich alle -meine Kräfte anstrengen mußte, ihn eine halbe Meile weit zu schleppen. -Ich ließ Fräulein Sullivan keine Ruhe, bis sie den Krebs in einen -Trog in der Nähe des Brunnens geworfen hatte, in dem er nach meiner -Ueberzeugung sicher aufgehoben war. Als ich aber am nächsten Morgen zu -dem Troge kam, siehe da, da war er verschwunden! Niemand wußte, wohin -er gekommen war oder wie er hatte entwischen können. Ich empfand eine -schmerzliche Enttäuschung; nach und nach gelangte ich jedoch zu der -Einsicht, daß es nicht freundlich oder weise gehandelt war, dieses -arme stumme Geschöpf seinem Element zu entreißen, und nach einiger -Zeit fühlte ich mich in dem Gedanken glücklich, es sei ihm vielleicht -gelungen, in das Meer zurückzukehren. - - - - -Elftes Kapitel. - - Rückkehr nach Tuscumbia. -- Fern Quarry. -- Jagden. -- Bony »Black - Beauty«. -- In Lebensgefahr. - - -Im Herbst kehrte ich mit einem Herzen voll von freundlichen -Erinnerungen nach meiner südlichen Heimat zurück. So oft ich mir -diesen Besuch im Norden ins Gedächtnis zurückrufe, erfüllt er meine -Seele immer von neuem mit Bewunderung über die reichen, mannigfaltigen -Erfahrungen, die sich mit ihm verbinden. Er scheint mir der -Ausgangspunkt meiner ganzen künftigen Entwickelung gewesen zu sein. -Die Schätze einer neuen, schönen Welt wurden mir zu Füßen gelegt, und -bei jedem Ausgange empfing ich erheiternde und belehrende Eindrücke. -Ich lebte selbst in allen Dingen mit. Ich saß keinen Augenblick still; -mein Leben war so voller Bewegung wie das jener kleinen Insekten, deren -ganzes Dasein sich im Laufe eines kurzen Tages abspielt. Ich begegnete -vielen Menschen, die sich mit mir unterhielten, indem sie die Worte in -meine Hand buchstabierten, und in fröhlicher Wechselwirkung stiegen -Gedanken auf, um sich mit Gedanken anderer zu kreuzen, und siehe da! -es geschah ein Wunder! Die öden Strecken, die meinen Geist von dem -meiner Mitmenschen getrennt hatten, bedeckten sich mit Blüten wie ein -Rosenstrauch. - -Die Herbstmonate brachte ich mit meiner Familie in unserem -Sommerlandhause zu, das auf einem Berge ungefähr vierzehn Meilen von -Tuscumbia entfernt lag. Es hieß Fern Quarry weil sich in seiner Nähe -ein jetzt längst aufgegebener Kalkbruch befunden hatte. Drei muntere, -in den Felsen oberhalb entspringende Bäche, durchströmten den Bruch, -hier ruhig fließend, dort in sprudelnden Kaskaden schäumend, wo die -Felsen ihnen den Weg zu versperren suchten. Der Eingang war mit -Farnen bedeckt, die die Kalksteinschichten vollständig überwucherten. -Der übrige Teil des Berges war dicht bewaldet. Hier wuchsen hohe -Eichen und mächtige Tannen mit Stämmen, gleich moosigen Säulen, von -deren Zweigen Gewinde von Efeu und Mistel herniederhingen, ebenso -Persimonbäume, deren Wohlgeruch jeden Winkel des Waldes durchdrang --- ein verlockendes, duftendes Etwas, das das Herz fröhlich machte. -Stellenweise zogen sich wilde Weinreben von Baum zu Baum und bildeten -Lauben, die der Lieblingsaufenthalt von Schmetterlingen und summenden -Insekten waren. Es war köstlich, sich am späten Nachmittag unter den -grünen Gewölben und in den Irrgängen jenes Waldes zu verlieren und den -kühlen erquickenden Duft einzuatmen, der bei Sonnenuntergang aus der -Erde emporstieg. - -Unser Landhaus war eine Art Jagdhütte, schön gelegen auf dem Gipfel des -Berges zwischen Eichen und Fichten. Die kleinen Zimmer befanden sich -zu beiden Seiten einer langen, offenen Halle. Rings um das Haus dehnte -sich ein weiter Platz aus, zu dem die Bergeswinde alle Wohlgerüche des -Waldes herübertrugen. Auf diesem Platze brachten wir den größten Teil -des Tages zu -- hier arbeiteten, aßen und spielten wir. An der hinteren -Tür des Hauses erhob sich ein mächtiger Nußbaum, um den herum Stufen -führten, und vorn standen die Bäume so nahe, daß ich sie berühren und -fühlen konnte, wenn der Wind ihre Zweige hin und her bewegte, oder das -Laub in den Herbststürmen zu Boden wirbelte. - -Wir hatten viel Besuch in Fern Quarry. Abends spielten die Männer am -Lagerfeuer Karten und vertrieben sich die Zeit mit Gesprächen und -körperlichen Uebungen. Sie erzählten Wunderdinge von ihren Jagden -auf Hühner, Fische und allerlei Wild -- wie viele wilde Enten und -Truthühner sie geschossen, was für Forellen sie gefangen und wie die -die schlauesten Füchse und die klügsten Opossums überlistet und die -schnellsten Hirsche eingeholt hatten, bis ich der Ueberzeugung war, -daß sicherlich Löwen, Tiger, Bären und die übrigen reißenden Tiere -allesamt diesen verschlagenen Jägern keinen Widerstand leisten könnten. -Auf morgen zur Jagd! lautete ihr Gutenachtgruß, wenn sich der Kreis der -lustigen Freunde bei Einbruch der Nacht auflöste. Die Männer schliefen -in der Halle vor der Haustür, und ich konnte das tiefe Atmen der Hunde -und Jäger spüren, wenn sie auf ihren improvisierten Betten lagen. - -Bei Tagesanbruch wurde ich durch den Geruch von Kaffee, das Klirren -von Gewehren und die schweren Tritte der Männer geweckt, die jetzt -umhergingen voll froher Hoffnung auf einen glücklichen Jagderfolg. -Ebenso konnte ich das Stampfen ihrer Pferde spüren, die unter den -Bäumen angebunden waren, wo sie die ganze Nacht über gestanden hatten, -laut wiehernd und ungeduldig das Loskoppeln erwartend. Endlich stiegen -die Herren zu Pferde, und „fort trabten“, wie es in alten Liedern -heißt, „die Rosse, mit klirrendem Zaumzeug, unter Peitschengeknall -und Hundegebell“, und „fort trabten die Jäger mit lauten Hussa- und -Hallorufen“. - -Im Laufe des Vormittags trafen wir die Vorbereitungen für das -Jagdessen. Ein Feuer wurde auf dem Boden eines tiefen Loches, das in -die Erde gegraben war, angezündet, große Scheite wurden kreuzweise -darüber gelegt und die Fleischstücke an diesen aufgehängt oder an -Spießen gebraten. Um das Feuer herum kauerten Neger und verscheuchten -die Fliegen mit langen Zweigen. Der würzige Duft des Fleisches machte -mich hungrig, lange bevor die Tische gedeckt waren. - -Hatte das aufgeregte Treiben seinen Höhepunkt erreicht, so kehrten -die Teilnehmer an der Jagd zurück und erschienen in Gruppen von zwei -oder drei, die Männer heiß und müde, die Pferde mit Schaum bedeckt, -die abgehetzten Hunde keuchend und niedergeschlagen -- und kein Stück -Jagdbeute! Jedermann erklärte, er habe wenigstens einen Hirsch gesehen -und das Tier sei ihm auch ganz nahe gekommen; so eifrig aber auch die -Hunde das Wild verfolgten, so genau die Schützen zielen mochten -- -beim Abfeuern des Gewehres war kein Hirsch mehr zu erblicken. Man war -so glücklich gewesen wie der kleine Junge, der da erklärte, er habe -+beinahe+ ein Kaninchen gesehen -- denn er sah dessen Fährte. Die -Gesellschaft vergaß aber bald ihre Enttäuschung, und wir setzten uns -zu Tische, freilich nicht zum Wildbretschmause, wohl aber zu einem -zahmeren Mahle von Kalb- und geröstetem Schweinefleisch. - -Eines Sommers hatte ich mein Pony mit nach Fern Quarry genommen. Ich -nannte ihn dort Black Beauty, da ich soeben das Buch mit diesem Titel -gelesen hatte, und er glich seinem Namensvetter in jeder Hinsicht, von -seinem glänzenden schwarzen Felle bis zu der Blässe auf seiner Stirn. -Ich brachte viele meiner glücklichsten Stunden auf seinem Rücken zu. -Gelegentlich, wenn es durchaus keine Gefahr hatte, ließ meine Lehrerin -den Leitzügel los, und dann ging der Pony gemächlich weiter oder machte -nach Belieben Halt, um Gras abzurupfen oder das Laub der an der Seite -des schmalen Weges stehenden Bäume zu benagen. - -An den Vormittagen, an denen ich keine Lust hatte, auszureiten, machten -meine Lehrerin und ich nach dem Frühstück einen Spaziergang in die -Wälder und verloren uns gern inmitten der Bäume und Weinranken, ohne -einen anderen Weg unter unseren Füßen zu haben, als die von Kühen und -Pferden getretenen Pfade. Oft kamen wir an undurchdringliche Dickichte, -die uns zwangen, sie im Bogen zu umgehen. Stets kehrten wir zu dem -Landhause mit einer Last von wildem Lorbeer, Goldregen, Farnen und -prächtigen Wasserlilien zurück, wie sie nur im Süden gedeihen. - -Bisweilen ging ich mit Mildred und meinen kleinen Vettern fort, um -Persimonpflaumen zu suchen. Ich aß die nicht, liebte aber ihren Duft -und freute mich, wenn ich sie unter Laub und Gras entdeckte. Auch Nüsse -sammelten wir, und ich half beim Aushülsen der Haselnüsse, sowie beim -Zerschlagen der Schalen der Hickory- und Walnüsse -- der großen, süßen -Walnüsse. - -Am Fuße des Berges lief eine Eisenbahn entlang, und die Kinder -beobachteten das Vorbeifahren der Züge. Mitunter schreckte uns ein -fürchterliches Pfeifen empor, dann erzählte mir Mildred in großer -Aufregung, daß sich eine Kuh oder ein Pferd auf die Schienen verirrt -habe. In der Entfernung von ungefähr einer Meile befand sich eine -Eisenbahnbrücke, die einen tiefen Abgrund überspannte. Es war sehr -schwierig, hinüberzugehen; die Bohlen standen weit auseinander und -waren so schmal, daß man die Empfindung hatte, als ginge man auf -Messerschneiden. Ich hatte die Brücke nie benutzt, bis eines Tages -Mildred, Fräulein Sullivan und ich uns in den Wäldern verirrt hatten -und stundenlang umherwanderten, ohne einen Pfad zu finden. - -Plötzlich streckte Mildred ihre kleine Hand aus und rief: Dort ist die -Brücke! Wir hätten noch einen anderen Weg einschlagen können, aber es -war spät, und die Dunkelheit brach schon herein, und auf der Brücke -schnitt man eine bedeutende Strecke ab. Ich mußte mit meinen Füßen nach -den Schienen fühlen, aber ich hatte keine Furcht und schritt tapfer -vorwärts, bis auf einmal aus der Ferne ein schwaches Puff, Puff ertönte. - -Ich sehe den Zug! rief Mildred, und in der nächsten Minute würde er uns -erreicht haben, wenn wir nicht auf die Kreuzbalken heruntergeklettert -wären, während er über unseren Köpfen davonbrauste. Ich fühlte den -heißen Dampf der Lokomotive in meinem Gesicht, und der Rauch und die -Asche erstickten uns beinahe. Als der Zug vorüberrollte, schwankte die -Brücke so, daß ich glaubte, wir würden in die Schlucht hinunterstürzen. -Mit der äußersten Schwierigkeit gelangten wir wieder auf das Geleise. -Lange nach Einbruch der Dunkelheit erreichten wir das Haus und fanden -es leer; die ganze Familie war ausgezogen, um uns zu suchen. - - - - -Zwölftes Kapitel. - - Besuch im Norden. -- Wintervergnügungen. - - -Nach meinem ersten Besuche in Boston brachte ich beinahe jeden Winter -im Norden zu. Einmal besuchte ich ein Dorf in Neuengland mit seinen -zugefrorenen Seen und seinen weiten Schneefeldern. Damals fand ich -Gelegenheit, wie ich sie nie zuvor gehabt hatte, die Annehmlichkeiten -einer Schneelandschaft kennen zu lernen. - -Ich erinnere mich noch, wie erstaunt ich war, als ich entdeckte, daß -eine geheimnisvolle Hand das Laub von Bäumen und Sträuchern gestreift -und nur hier und da ein vertrocknetes Blatt zurückgelassen hatte. Die -Vögel waren fortgezogen, und ihre leeren Nester auf den kahlen Bäumen -waren mit Schnee gefüllt. Der Winter lag auf Hügel und Feld. Die Erde -schien unter seiner eisigen Berührung erstarrt zu sein, und selbst die -Geister der Bäume hatten sich bis zu den Wurzeln hinabgeflüchtet und -lagen, in der Finsternis zusammengekrümmt, im festen Schlafe. Alles -Leben schien erstorben zu sein, und selbst wenn die Sonne hervorkam, -war der Tag - - Trüb und kalt, - Als seien ihre Adern saftlos und alt; - Die Sonne erhob sich matt und schwer - Und warf einen müden Blick über Land und Meer. - -Das dürre Gras und die Sträucher waren in einen Wald von Eiszapfen -verwandelt. - -Dann kam ein Tag, an dem die scharfe Luft das Herannahen eines -Schneefalles ankündigte. Wir eilten ins Freie, um zu fühlen, wie die -ersten zarten Flocken herniedersanken. Stunde um Stunde schwebten -die Flocken schweigend und weich aus ihrer luftigen Höhe zur Erde -herab, und die Gegend bekam immer mehr das Aussehen einer Ebene. Eine -Schneenacht breitete sich über die Welt aus, und am Morgen konnte man -kaum noch einen Zug der Landschaft erkennen. Alle Wege waren verweht, -keine einzige Landmarke war mehr sichtbar -- ringsum eine Schneewüste -mit vereinzelt aus ihr hervorragenden Bäumen. - -Am Abend erhob sich ein Wind aus Nordost, und die Flocken wirbelten -in rasendem Tanze durcheinander. Wir saßen um den großen Herd herum, -erzählten uns lustige Geschichten und waren vergnügt und heiter; -dabei vergaßen wir ganz, daß wir uns inmitten einer trostlosen Einöde -befanden, abgeschlossen von jeder Verbindung mit der Außenwelt. Während -der Nacht steigerte sich die Gewalt des Sturmes derart, daß er uns -mit einer unbestimmten Furcht erfüllte. Die Dachsparren knarrten und -stöhnten, und die Zweige der das Haus umgebenden Bäume ächzten und -schlugen gegen die Fenster, während der Sturm über die Landschaft -hinraste. - -Am dritten Tage nach dem Beginn des Unwetters hörte das Schneetreiben -auf. Die Sonne brach durch die Wolken und beschien eine weite, -wellige Ebene. Hohe Dämme, phantastisch gestaltete Schneehaufen und -undurchdringliche Schneewehen zogen sich in allen Richtungen dahin. - -Es wurden nun schmale Pfade durch die Schneewehen geschaufelt. Ich zog -meinen Mantel an, setzte meinen Hut auf und ging hinaus. Die Luft war -so scharf, daß meine Wangen wie Feuer brannten. Bald die gebahnten -Pfade benutzend, bald unseren Weg selbständig durch die niedrigeren -Wehen bahnend, gelangten wir endlich an eine große Fichte, die am -Rande einer breiten Wiese stand. Die Bäume ragten bewegungslos und -weiß gleich Figuren auf einem Marmorfriese empor. Die Fichtennadeln -spendeten heute keinen Duft. Die Strahlen der Sonne fielen auf die -Bäume, sodaß die Zweige wie Diamanten funkelten und viele von ihnen -abbrachen, sobald wir sie berührten. So blendend war das Licht, daß es -sogar die Finsternis, die auf meinen Augen lag, durchdrang. - -Im Verlauf der Zeit wurden die Schneewehen immer kleiner, aber bevor -sie gänzlich verschwunden waren, kam ein anderes Unwetter, sodaß -ich kaum einmal im Winter die bloße Erde unter meinen Füßen fühlte. -Allmählich verloren die Bäume ihre Eishülle, und die Binsen und -Sträucher traten in ihrer ursprünglichen Gestalt wieder hervor, aber -der See lag trotz des hellen Sonnenscheins gefroren und hart da. - -Unser Lieblingsvergnügen in diesem Winter war Schlittenfahren. -Stellenweise erhebt sich das Ufer des Sees steil über dem -Wasserspiegel. Diese jähen Abhänge benutzten wir zu unserer Abfahrt. -Wir setzten uns auf unseren Handschlitten, ein Knabe versetzte uns -einen Stoß, und fort flogen wir! Wir durchschnitten Schneewehen, -flogen über Vertiefungen hinweg, sausten auf den See hinaus und -schossen über dessen schimmernde Oberfläche hin bis zum anderen Ufer. -Was für ein Jubel! Was für eine herzerfrischende Tollheit! Für einen -wilden, seligen Augenblick zerbrachen wir die Kette, die uns an die -Erde schmiedet, wir reichten den Winden die Hand und fühlten uns -göttergleich! - - - - -Dreizehntes Kapitel. - - Rückblick auf die früheren Versuche, zu sprechen. -- Ragnhild Kaata. - -- Unterricht in der Lautsprache bei Fräulein Fuller. -- Freude über - den Erfolg. -- Ablesen von den Lippen mittels der Finger. -- Gebrauch - des Fingeralphabets. - - -Im Frühjahr 1890 lernte ich sprechen.[5] Ich hatte stets ein starkes -Verlangen in mir gefühlt, hörbare Laute auszustoßen. Ich pflegte Töne -hervorzubringen, wobei ich die eine Hand an meinen Kehlkopf legte, -während die andere den Bewegungen der Lippen folgte. Ich freute -mich über alles, was ein Geräusch machte, und liebte es, zu fühlen, -wie die Katze schnurrte und der Hund bellte. Ebenso legte ich mit -Vorliebe die Hand an den Kehlkopf eines Sängers oder auf ein Klavier, -wenn es gespielt wurde. Ehe ich Gesicht und Gehör verlor, hatte ich -bereits sprechen gelernt, aber nach meiner Krankheit hörte ich auf zu -sprechen, weil ich nicht mehr hören konnte. Ich pflegte den ganzen -Tag über auf dem Schoße meiner Mutter zu sitzen und meine Hände an -ihr Gesicht zu halten, weil es mir Vergnügen machte, die Bewegungen -ihrer Lippen zu fühlen, und auch ich bewegte meine Lippen, obgleich -ich vergessen hatte, was Sprechen sei. Meine Bekannten behaupten, daß -ich auf natürliche Art lachte und weinte, und eine Zeitlang brachte -ich allerlei Töne und Wortbestandteile hervor, nicht weil sie ein -Verständigungsmittel bildeten, sondern weil ich die gebieterische -Notwendigkeit in mir fühlte, meine Stimmorgane zu üben. Es gab -jedoch ein Wort, an dessen Bedeutung ich mich immer noch erinnerte, -nämlich ~water~. Ich sprach es ~wa--wa~ aus. Selbst dieses wurde -immer unverständlicher bis zu der Zeit, als Fräulein Sullivan mich zu -unterrichten begann. Ich hörte erst auf, es zu gebrauchen, als ich -gelernt hatte, das Wort mit meinen Fingern zu buchstabieren. - -Ich hatte längst erkannt, daß meine Umgebung sich anderer -Verständigungsmittel bediente als ich, und schon ehe ich erfuhr, -daß ein taubstummes Kind sprechen lernen kann, war ich mir meiner -Unzufriedenheit mit den Verständigungsmitteln, über die ich bereits -verfügte, bewußt. Wer gänzlich auf das Fingeralphabet angewiesen -ist, trägt stets eine Empfindung mit sich herum, als werde er durch -etwas zurückgehalten, eingeengt. Diese Empfindung begann mich mit -einem beunruhigenden, vorwärts treibenden Bewußtsein eines Mangels, -der beseitigt werden müsse, zu erfüllen. Meine Gedanken wollten sich -oft aufschwingen und wie die Vögel gegen den Wind ankämpfen, und ich -übte meine Lippen und meine Stimme beharrlich weiter. Freunde suchten -mich von diesen Bemühungen abzubringen, weil sie fürchteten, sie -würden zu nichts weiter führen als zu einer Enttäuschung. Aber ich -blieb beharrlich dabei, und bald trat etwas ein, was schließlich zur -Beseitigung dieses für unüberwindlich geltenden Hindernisses führen -sollte -- ich erfuhr die Geschichte von Ragnhild Kaata. - -Im Jahre 1890 kam Frau Lamson, eine von Laura Bridgmans Lehrerinnen, -die soeben von einer Reise nach Schweden und Norwegen zurückgekehrt -war, zu mir, um mich zu besuchen, und erzählte mir von Ragnhild Kaata, -einem taubstummen und blinden Mädchen in Norwegen, das tatsächlich -sprechen gelernt hatte. Frau Lamson hatte kaum ihre Erzählung von dem -Erfolge dieses Mädchens beendet, als ich Feuer und Flamme war. Auch -ich faßte den Entschluß, sprechen zu lernen. Ich wollte mich nicht -zufrieden geben, bis mich meine Lehrerin zu Fräulein Sarah Fuller, der -Leiterin der Horace Mann-Schule mitnahm, um diese zu bitten, ihr mit -Rat und Tat beizustehen. Diese liebenswürdige, sanfte Dame erbot sich -dazu, mich selbst zu unterrichten, und wir begannen am 26. März 1890. - -Fräulein Fullers Methode war folgende: sie legte meine Hand leicht über -ihr Gesicht und ließ mich die Stellung ihrer Zunge und ihrer Lippen -fühlen, wenn sie einen Ton hervorbrachte. Ich war voller Eifer, ihr -jede Bewegung nachzumachen, und binnen einer Stunde hatte ich sechs -Elemente der Sprache erlernt: ~m~, ~p~, ~a~, ~s~, ~t~, ~i~. Fräulein -Fuller erteilte mir im ganzen elf Unterrichtsstunden. Ich werde nie das -Erstaunen und die Freude vergessen, die mich erfüllten, als ich meinen -ersten zusammenhängenden Satz aussprach: ~It is warm.~ Es waren ja nur -abgerissene und gestammelte Silben, aber es war menschliche Sprache. -Meine Seele, die sich einer neuen Kraft bewußt geworden war, war von -der Knechtschaft erlöst und fand durch diese abgerissenen Sprachsymbole -den Zugang zu aller Erkenntnis und allem Glauben. - -Kein taubstummes Kind, das ernstlich versucht hat, die Worte -auszusprechen, die es nie gehört hat -- um aus dem Kerker des -Schweigens herauszukommen, in dem kein Ton der Liebe, kein Vogelgesang, -keine Musik je die Stille unterbricht -- kann den Schauer des -Erstaunens, die Freude der Entdeckung vergessen, die es übermannten, -als es sein erstes Wort aussprach. Nur jemand, der in ähnlicher Lage -gewesen ist, kann den Eifer ermessen, mit dem ich zu meinem Spielzeuge, -zu Steinen, Bäumen, Vögeln und stummen Tieren sprach, oder das -Entzücken nachfühlen, das ich empfand, wenn Mildred auf meinen Ruf zu -mir eilte oder meine Hunde meinen Befehlen gehorchten. Es bildet einen -unsäglichen Gewinn für mich, in geflügelten Worten sprechen zu können, -die keiner Uebertragung bedürfen. Als ich sprach, schwangen sich aus -meinen Worten glückliche Gedanken empor, die sich vielleicht vergeblich -bemüht hätten, sich aus meinen Fingern herauszuarbeiten. - -Aber man darf nicht glauben, daß ich in dieser kurzen Zeit wirklich -sprechen gelernt hätte. Ich hatte nur die Elemente der Sprache erlernt. -Fräulein Fuller und Fräulein Sullivan konnten mich verstehen, aber die -meisten Leute hätten von hundert Wörtern nicht ein einziges verstanden. -Auch ist es nicht wahr, daß ich nach Erlernung dieser Elemente alles -übrige aus eigener Kraft erreichte. Ohne Fräulein Sullivans Genialität, -ohne ihre unermüdliche Ausdauer und Hingebung hätte ich mich der -natürlichen Sprache nie so weit nähern können, wie ich es in Wahrheit -getan habe. Vor allen Dingen mühte ich mich Tag und Nacht ab, ehe ich -mich selbst meinen intimsten Freunden verständlich machen konnte, -dann aber bedurfte ich beständig Fräulein Sullivans Hilfe bei meinen -Bemühungen, jeden Laut deutlich zu artikulieren und alle Laute auf die -mannigfaltigste Weise zu verbinden. Noch jetzt lenkt sie täglich meine -Aufmerksamkeit auf die fehlerhafte Aussprache einzelner Wörter. - -Jeder Taubstummenlehrer weiß, was dies bedeutet, und nur ein solcher -kann überhaupt die Schwierigkeiten würdigen, mit denen ich zu kämpfen -hatte. Beim Ablesen von den Lippen meiner Lehrerin war ich gänzlich -von meinen Fingern abhängig; ich hatte mich des Tastsinnes bei der -Wahrnehmung der Schwingungen des Kehlkopfes, der Bewegungen des Mundes -und des Gesichtsausdrucks zu bedienen, und oft täuschte sich dieser -Sinn. In solchen Fällen war ich genötigt, die Wörter oder Sätze oft -stundenlang zu wiederholen, bis ich den entsprechenden Klang in meiner -eigenen Stimme fühlte. Meine Arbeit bestand in Uebung, Uebung, Uebung. -Entmutigung und Ermüdung warfen mich oft nieder; aber im nächsten -Augenblick spornte mich der Gedanke, daß ich bald zu Hause bei meinen -Lieben sein und ihnen zeigen würde, was ich erreicht hätte, von neuem -an, und ich stellte mir stets ihre Freude bei dem Gelingen meiner -Bemühungen vor Augen. - -„Meine kleine Schwester wird mich jetzt verstehen können,“ war ein -Gedanke, der stärker war als alle Hindernisse. Ich pflegte voller -Begeisterung zu wiederholen: „Ich bin jetzt nicht mehr stumm.“ Ich -konnte nicht verzweifeln, weil ich mir die Freude, zu meiner Mutter -sprechen und ihr die Antworten von den Lippen ablesen zu können, mit -den glänzendsten Farben ausmalte. Es überraschte mich, zu finden, -wie viel leichter es ist, zu sprechen, als mit den Fingern zu -buchstabieren, und ich schaltete meinerseits das Fingeralphabet als -Verständigungsmittel aus; doch bedienen sich Fräulein Sullivan und -ein paar Freunde noch seiner in der Unterhaltung mit mir, denn es ist -bequemer und rascher, als das Ablesen von den Lippen. - -Es ist hier vielleicht der geeignete Ort, etwas über den Gebrauch -unseres Fingeralphabets zu sagen, das manche, die uns nicht kennen, -zu befremden scheint. Wer mittelst seiner Hand mir vorliest oder -mit mir spricht, bedient sich in der Regel des von den Taubstummen -gebrauchten einhändigen Fingeralphabets. Ich lege meine Hand so leicht -auf die Hand des Sprechenden, daß keine ihrer Bewegungen gehemmt -wird. Die Stellung der Hand ist ebenso leicht zu fühlen wie zu sehen. -Ich fühlte ebensowenig jeden Buchstaben wie andere jeden Buchstaben -für sich sehen, wenn sie lesen. Beständige Uebung macht die Finger -äußerst biegsam, und einige meiner Freunde buchstabieren sehr rasch, -beinahe so rasch, wie jemand auf der Schreibmaschine schreibt. Das -bloße Buchstabieren ist selbstverständlich in nicht höherem Grade eine -bewußte Handlung als das Schreiben. - -Als ich mir die Sprache angeeignet hatte, konnte ich es kaum erwarten, -nach Hause zu kommen. Endlich nahte der glückliche Augenblick. Während -der Rückreise hatte ich fortwährend mit Fräulein Sullivan gesprochen, -nicht um zu sprechen, sondern um mich bis zur letzten Minute zu -vervollkommnen. Fast ehe ich es ahnte, hielt der Zug auf dem Bahnhofe -in Tuscumbia, und auf dem Perron stand die ganze Familie. Meine Augen -füllen sich noch jetzt mit Tränen, wenn ich daran denke, wie mich -meine Mutter sprachlos und zitternd vor Freude an ihr Herz drückte und -auf jede Silbe, die ich sprach, atemlos lauschte, während die kleine -Mildred meine freie Hand ergriff, sie küßte und umhertanzte, und mein -Vater seinen Stolz und seine Liebe durch tiefes Schweigen bekundete. -Es war, als sei Jesaias Prophezeiung an mir in Erfüllung gegangen: Die -Berge und Hügel werden vor dir Lieder anstimmen, und alle Bäume des -Feldes werden vor Freude in ihre Hände klatschen. - - [5] Vergl. Helens Brief S. 161 ff. und Fräulein Sullivans Bericht - S. 311 ff. - - - - -Vierzehntes Kapitel. - - Die Frostkönig-Episode. -- Betrachtungen über Schriftstellerei. - - -Der Winter des Jahres 1892 wurde durch eine Wolke an dem heiteren -Himmel meiner Kindheit getrübt. Anstatt der Freude waren für lange, -lange Zeit Zweifel, Sorge und Furcht bei mir eingekehrt. Die Bücher -verloren ihren Reiz für mich, und noch jetzt schnürt sich mir bei dem -Gedanken an jene schrecklichen Tage das Herz zusammen. Eine kleine -Geschichte mit dem Titel »Der Frostkönig«,[6] die ich schrieb und -an Herrn Anagnos, den Direktor des Perkinsschen Blindeninstitutes -schickte, bildete die Veranlassung zu all der Unruhe. Um die Sache -klarzustellen, muß ich die Tatsachen in Verbindung mit folgender -Episode auseinandersetzen, die zu erwähnen mich sowohl die -Gerechtigkeit gegen meine Lehrerin wie gegen mich selbst nötigt. - -Ich schrieb die Erzählung, als ich zu Hause war, in dem Herbste, -nachdem ich sprechen gelernt hatte. Wir waren von Fern Quarry -später als gewöhnlich aufgebrochen. Während unseres Aufenthaltes -dort hatte mir Fräulein Sullivan die Schönheiten des herbstlichen -Laubes beschrieben, und es scheint, als hätten ihre Schilderungen -die Erinnerung an ein Märchen wachgerufen, das mir offenbar einmal -vorgelesen worden war und das ich unbewußt behalten haben muß. Ich -glaubte damals eine „Geschichte zu machen“, wie die Kinder sagen, und -setzte mich voller Eifer hin, die niederzuschreiben, ehe sich die -Gedanken wieder verflüchtigten. Die Gedanken flossen mir leicht aus -der Feder; ich empfand lebhafte Freude bei der Ausarbeitung. Worte und -Bilder strömten mir in reicher Fülle zu, und während ich mir einen Satz -nach dem anderen ausdachte, schrieb ich alles mit meinem Braillegriffel -nieder. Wenn mir jetzt Worte und Bilder ohne besondere Anstrengung -kommen, so betrachte ich dies als einen ziemlich sicheren Beweis dafür, -daß sie nicht mein geistiges Eigentum, sondern fremdes Gut sind, von -dem ich nichts wissen will. Damals aber nahm ich alles, was ich las, -begierig auf ohne irgend einen Gedanken an Verfasserrecht, und selbst -jetzt kann ich die Grenzlinie zwischen meinen Gedanken und denen, die -ich in meinen Büchern finde, nicht ganz scharf ziehen. Ich glaube, dies -liegt daran, daß mir soviele Eindrücke durch die Vermittlung der Augen -und Ohren anderer zugehen. - -Als ich mit meiner Erzählung fertig war, las ich sie meiner Lehrerin -vor, und ich erinnere mich noch jetzt lebhaft der Freude, die ich bei -den gelungenen Stellen empfand, sowie meiner Ungeduld, wenn ich durch -die Verbesserung der Aussprache eines Wortes unterbrochen wurde. Beim -Mittagessen wurde sie der versammelten Familie vorgelesen, die ganz -erstaunt war, daß ich so gut schrieb. Es fragte mich auch jemand, ob -ich sie nicht in irgend einem Buche gelesen hätte. - -Diese Frage überraschte mich sehr, denn ich hatte nicht die geringste -Erinnerung daran, daß sie mir je vorgelesen worden sei. Ich sagte daher -mit aller Entschiedenheit: O nein, es ist eine Geschichte von mir, und -ich habe sie für Herrn Anagnos geschrieben. - -Demgemäß schrieb ich die Erzählung ab und schickte sie dem genannten -Herrn zu seinem Geburtstage. Es wurde mir geraten, den Titel, -der ursprünglich »Herbstlaub« (~Autumn Leaves~) lautete, in »Der -Frostkönig« (~The Frost King~) umzuändern, was ich denn auch tat. -Ich trug die kleine Erzählung selbst zur Post, und es war mir dabei -zu Mute, als ob ich in den Wolken schwebte. Ich ließ mir wenig davon -träumen, wie hart ich für dieses Geburtstagsgeschenk zu büßen haben -würde. - -Herr Anagnos war über den »Frostkönig« entzückt und veröffentlichte -das Märchen in einem seiner Jahresberichte über das Perkinssche -Institut. Dies war der Gipfel meiner Glückseligkeit, von dem ich aber -bald jäh wieder zur Erde geschleudert werden sollte. Ich war nur kurze -Zeit in Boston gewesen, als es sich herausstellte, daß eine ähnliche -Geschichte wie »Der Frostkönig«, nämlich »Die Frostelfen« (~The -Frost Fairies~) von Fräulein Margaret T. Canby, vor meiner Geburt -in einem Buche mit dem Titel »Birdie und seine Freunde« (~Birdie -and His Friends~) erschienen sei. Die beiden Erzählungen stimmten -in Inhalt und Form so sehr überein, daß kein Zweifel darüber bleiben -konnte, daß Fräulein Canbys Märchen mir vorgelesen worden sein mußte, -und daß das meinige -- ein Plagiat war. Es hielt schwer, mir dies -verständlich zu machen; als ich es aber begriffen hatte, war ich tief -betrübt. Kein Kind hat je einen bittereren Kelch getrunken als ich. Ich -hatte mir Schimpf und Schande zugezogen, ich hatte Verdacht bei denen -erregt, die ich am meisten liebte. Und doch, wie war es möglich, daß -so etwas geschehen konnte? Ich zermarterte mein Gehirn unablässig, um -mich an irgend etwas zu erinnern, was ich über den Frost gelesen haben -könnte, bevor ich den »Frostkönig« schrieb; ich konnte mich aber auf -nichts entsinnen als auf die volkstümliche Redensart von Jack Frost -und ein Kindergedichtchen: »Die Launen des Frostes« (~The Freaks of -the Frost~), und ich wußte, daß ich dieses nicht bei meiner Arbeit -benutzt hatte. - -Zunächst schien mir Herr Anagnos zu glauben, obgleich er großen Kummer -darüber empfand. Er war außergewöhnlich zärtlich und liebevoll zu mir, -und eine kurze Zeitlang verschwand der Schatten. Ihm zuliebe suchte ich -mich zu fassen und mich zur Feier von Washingtons Geburtstag, der bald -nach dem peinlichen Zwischenfall festlich begangen wurde, so hübsch wie -möglich zu machen. - -Ich sollte die Ceres in einer Art von Maskenspiel darstellen, das von -den blinden Kindern aufgeführt wurde. Wie gut erinnere ich mich an -das reizvolle Gewand, das mich umhüllte, an das bunte Herbstlaub, das -mein Haupt schmückte, an die Früchte und Aehren zu meinen Füßen und -in meinen Händen, und unter all der Heiterkeit des Maskenspiels das -drückende Bewußtsein eines nahenden Unheils, das mir das Herz schwer -machte! - -Am Abend vor der Feier hatte eine der Institutslehrerinnen eine -Frage betreffs des »Frostkönigs« an mich gerichtet, und ich hatte -ihr geantwortet, daß Fräulein Sullivan mir von Jack Frost und seinen -Wunderwerken erzählt habe. Irgend eine Aeußerung von mir schien sie als -Geständnis aufzufassen, daß ich mich an Fräulein Canbys Märchen von den -»Frostelfen« erinnere, und sie teilte Herrn Anagnos dies mit, obgleich -ich ihr ganz entschieden erklärte, sie habe mich mißverstanden. - -Herr Anagnos, der mich zärtlich liebte, blieb den Beteuerungen meiner -Liebe und Unschuld gegenüber taub, da er getäuscht worden zu sein -glaubte. Er war der Meinung oder hegte wenigstens den Verdacht, -daß Fräulein Sullivan und ich uns bewußt die Gedanken einer anderen -angeeignet und sie ihm in betrügerischer Absicht zugeschickt hätten, -um Bewunderung bei ihm zu finden. Ich wurde vor ein Gericht gestellt, -das aus den Lehrern und Beamten des Institute bestand, und Fräulein -Sullivan wurde aufgefordert, mich allein zu lassen. Dann wurde ich -einem förmlichen Kreuzverhör unterworfen, das mich auf die Vermutung -brachte, meine Richter seien fest entschlossen, mich zu dem Geständnis -zu zwingen, ich erinnerte mich, daß mir das Märchen »Die Frostelfen« -vorgelesen worden sei. Ich fühlte aus jeder Frage den Zweifel und den -Verdacht heraus, den sie in ihrem Innern hegten, und ebenso empfand ich -es, daß ein geliebter Freund uns vorwurfsvoll betrachtete, obgleich -ich dies alles nicht in Worte fassen konnte. Alles Blut drängte sich -mir nach meinem wild pochenden Herzen, und ich konnte kaum sprechen -außer in abgerissenen Worten und Silben. Selbst das Bewußtsein, das -Ganze sei nur ein furchtbares Mißverständnis, konnte meinen Schmerz -nicht lindern, und als ich schließlich das Zimmer verlassen durfte, war -ich noch ganz außer mir und achtete weder auf die Liebkosungen meiner -Lehrerin noch auf die zärtlichen Worte meiner Freunde, die mir sagten, -ich sei ein braves Mädchen, auf das man stolz sein könne. - -Als ich diese Nacht in meinem Bette lag, weinte ich so herzbrechend, -wie hoffentlich wenige Kinder geweint haben. Mir war so eisig kalt, -daß ich glaubte, den nächsten Morgen nicht mehr zu erleben, und dieser -Gedanke tröstete mich. Ich glaube, wenn dieser Schlag mich einige Jahre -später getroffen hätte, so würde mein Geist unrettbar zusammengebrochen -sein. Aber der Engel des Vergessens hat viel von dem Elend und der -Bitternis dieser traurigen Tage aufgesammelt und mit sich fortgenommen. - -Fräulein Sullivan hatte nie von den »Frostelfen« oder dem Buch, in -dem das Märchen erschienen war, gehört. Mit ~Dr.~ Alexander Grahams -Hilfe untersuchte sie die Sache gründlich, und schließlich stellte es -sich heraus, daß Frau Sophia C. Hopkins im Jahre 1888 ein Exemplar von -Fräulein Canbys »Birdie und seine Freunde« besaß, als wir den Sommer -mit ihr in Brewster zubrachten. Frau Hopkins konnte das Buch nicht mehr -finden, sie hat mir aber erzählt, daß sie, während Fräulein Sullivan -auf einer Ferienreise begriffen war, versucht habe, mir durch Vorlesen -aus verschiedenen Büchern die Zeit zu vertreiben, und obgleich sie sich -nicht deutlicher als ich erinnern konnte, die »Frostelfen« gelesen zu -haben, war sie doch ganz sicher, daß sich ein Exemplar von »Birdie und -seine Freunde« unter diesen Büchern befunden habe. Sie erklärte sich -das Fehlen des Buches dadurch, daß sie vor kurzem ihr Haus verkauft und -dabei verschiedene Jugendschriften, sowie alte Schulbücher und Märchen -verschenkt hatte, und daß sich die betreffende Erzählung wahrscheinlich -unter diesen befunden hätte. - -Erzählungen hatten damals wenig oder gar kein Interesse für mich; aber -das bloße Buchstabieren der seltsamen Worte genügte, einem kleinen -Mädchen die Zeit zu vertreiben, das selber beinahe nichts zu seiner -Unterhaltung beitragen konnte, und obgleich ich mich keines einzelnen -Umstandes bei dieser Lektüre entsinne, kann ich doch nicht umhin -zu glauben, daß ich mir die größte Mühe gegeben habe, die Worte zu -behalten, in der Absicht, sie meiner Lehrerin nach ihrer Rückkehr -zu wiederholen. Das eine ist unzweifelhaft, die Sprache war mir -unauslöschlich eingeprägt, obgleich dies lange Zeit niemand wußte, am -wenigsten ich selbst. - -Als dann Fräulein Sullivan zurückkam, sprach ich mit ihr nicht über -die »Frostelfen«, wahrscheinlich, weil sie sofort begann, mir den -»Kleinen Lord Fauntleroy«[7] vorzulesen, der mich so begeisterte, -daß ich an nichts anderes denken konnte. Aber die Tatsache bleibt -bestehen, daß mir Fräulein Canbys Märchen früher vorgelesen worden war -und daß es sich mir, lange nachdem ich es vergessen hatte, mit solcher -Ursprünglichkeit wieder aufdrängte, daß ich nie auf den Verdacht -geriet, es könne das Geisteskind einer anderen sein. - -Mitten in meinem Schmerze erhielt ich viele Beweise der Liebe und -Teilnahme. Alle Freunde, die ich am meisten liebte, sind mir damals bis -auf einen treu geblieben. Fräulein Canby selbst schrieb mir freundlich: -Eines Tages werden Sie ein Märchen eigener Erfindung schreiben, das -viele aufrichten und erheben wird. -- Aber diese Prophezeiung ist -nie in Erfüllung gegangen. Ich habe nie mehr zum Zwecke der bloßen -Unterhaltung mit Worten gespielt. In der Tat bin ich seitdem stets von -dem Gedanken gequält worden, daß das, was ich schreibe, nicht mein -geistiges Eigentum ist. Lange Zeit wurde ich, wenn ich einen Brief -schrieb, selbst an meine Mutter, von einem plötzlichen Angstgefühl -befallen und ich zergliederte meine Sätze auf das genaueste, um -sicher zu sein, sie nicht in einem Buche gelesen zu haben. Ohne -den unausgesetzten Zuspruch Fräulein Sullivans würde ich, wie ich -glaube, jeden weiteren Versuch, mich schriftstellerisch zu betätigen, -aufgegeben haben. - -Ich habe seitdem die »Frostelfen« gelesen und ebenso Briefe von mir, in -denen ich noch andere Gedanken Fräulein Canbys benutzt habe. In einem -von ihnen, einem Briefe an Herrn Anagnos vom 29. September 1891, finde -ich Worte und ganze Sätze, die deutlich an jenes Buch erinnern. Um -dieselbe Zeit schrieb ich den »Frostkönig«, und dieser Brief enthält -gleich vielen anderen eine Anzahl Redewendungen, die beweisen, daß mein -Geist ganz mit dem Märchen gesättigt war. Ich lege meiner Lehrerin -folgende Worte über das goldene Herbstlaub in den Mund: Ja, es ist -schön genug, um uns über die Flucht des Sommers zu trösten -- ein -Gedanke, der unmittelbar aus Fräulein Canbys Geschichte stammt. - -Diese Gewohnheit, mir zu assimilieren, was mir gefiel, und es dann -als mein Eigentum auszugeben, tritt vielfach in meinem frühesten -Briefwechsel und meinen ersten schriftstellerischen Versuchen zutage. -In einem Aufsatze, den ich über die alten Städte Griechenlands und -Italiens schrieb, entnahm ich meine glühenden Schilderungen Quellen, -die ich jetzt vergessen habe. Ich kannte Herrn Anagnos’ Vorliebe -für das Altertum und seine begeisterte Verehrung für Italien und -Griechenland. Ich brachte daher aus allen Büchern, die ich las, die -Brocken von Poesie oder Geschichte an, die ihm, wie ich glaubte, -Vergnügen bereiten würden. Herr Anagnos hatte bei der Besprechung -meines Aufsatzes gesagt: Diese Gedanken sind in ihrem Kerne poetisch. -Aber ich verstehe nicht, wie er je hat der Meinung sein können, ein -blindes und taubstummes Kind von elf Jahren habe diese selbständig -gefunden. Doch kann ich nicht glauben, daß, weil diese Gedanken nicht -meinem eigenen Kopfe entsprungen sind, mein kleiner Aufsatz aus diesem -Grunde alles Interesses bar sein sollte. Er beweist mir, daß ich -imstande war, schöne, poetische Gedanken in klaren, lebendigen Worten -wiederzugeben. - -Jene Jugendaufsätze stellten eine geistige Gymnastik dar. Ich lernte, -wie es alle jungen, unerfahrenen Leute tun, durch Assimilation und -Nachahmung, Gedanken in Worte zu kleiden. Alles, was ich in einem Buche -fand und was mir gefiel, bewahrte ich, bewußt oder unbewußt, in meinem -Gedächtnisse auf und paßte es meinen Zwecken an. „Wenn man zu schreiben -beginnt,“ sagt Stevenson, „versucht man unwillkürlich nachzuahmen, was -einem am bewundernswertesten erscheint, und wechselt auffallend rasch -mit den Gegenständen seiner Bewunderung. Selbst große Männer haben -erst nach jahrelanger Uebung gelernt, die Legion von Worten, die sich -auf allen möglichen Nebenwegen ihrem Geiste aufdrängten, in gehörige -Ordnung zu bringen.“ - -Ich fürchte, ich stehe noch jetzt mitten in dieser Entwickelung drin. -Es ist klar, daß ich nicht immer meine eigenen Gedanken von denen, die -ich irgendwo gelesen habe, sondern kann, eben weil das, was ich lese, -das eigentliche Wesen und Gefüge meines Geistes ausmacht. Infolgedessen -fördere ich beinahe in allem, was ich schreibe, etwas zutage, was -große Aehnlichkeit mit der ungeschickten Stoppelei aufweist, die ich -zustande brachte, als ich anfing, nähen zu lernen. Dieses Stoppelwerk -bestand aus allerlei Fetzen und Lappen -- hübschen Stückchen Seide und -Sammet, aber die häßlichen Flicken, die durchaus keinen gefälligen -Eindruck machten, herrschten stets vor. Ebenso bestehen meine -schriftstellerischen Leistungen aus unverarbeiteten eigenen Begriffen, -untermischt mit den klareren Gedanken und gereifteren Ansichten -der Autoren, deren Bücher ich gelesen habe. Die Hauptschwierigkeit -beim Schreiben scheint mir darin zu bestehen, daß die Sprache des -hochgebildeten Geistes unsere verworrenen Ideen -- halb Empfindungen, -halb Gedanken -- zu einer Zeit ausdrücken soll, da wir wenig mehr sind -als Bündel instinktiver Antriebe. Die ersten schriftstellerischen -Versuche haben große Aehnlichkeit mit einem Zusammenlegespiel. Wir -sehen im Geiste ein Muster vor uns, das wir mit Worten darzustellen -wünschen, aber die Worte passen nicht in die Zwischenräume, und wenn -sie es tun, stimmen sie nicht mit der Zeichnung überein. Aber wir -fahren in unseren Versuchen fort, weil wir sehen, daß andere Erfolg -gehabt haben, und wir nicht gewillt sind, unseren Mangel an Begabung -zuzugeben. - -„Es gibt kein anderes Mittel, originell zu werden, als so geboren -zu sein,“ sagt Stevenson, und obgleich ich gar nicht originell sein -mag, so hoffe ich doch, dereinst meinen erkünstelten, unnatürlichen -schriftstellerischen Versuchen zu entwachsen. Dann werden vielleicht -meine eigenen Gedanken und Erfahrungen zutage treten. Inzwischen -vertraue ich, hoffe ich, arbeite ich unermüdet weiter und suche es zu -verhindern, daß die bittere Erinnerung an den »Frostkönig« etwa meine -Kreise störe. - -So hat diese traurige Erfahrung für mich auch etwas Gutes im Gefolge -gehabt: sie ist die Veranlassung gewesen, daß ich über einige Probleme -der Schriftstellerei nachgedacht habe. Ich bedaure nur das eine, daß -der Vorfall den Verlust eines meiner teuersten Freunde, des Herrn -Anagnos, zur Folge hatte. - -Nach der Veröffentlichung der »Geschichte meines Lebens« im ~Ladies’ -Home Journal~ hat Herr Anagnos in einem Briefe an Herrn Macy geäußert, -er habe mich zu der Zeit, als sich der Vorfall mit dem »Frostkönig« -abspielte, für unschuldig gehalten. Er erklärt, das Gericht, vor das -ich gestellt wurde, habe aus acht Mitgliedern bestanden: vier blinden -und vier sehenden. Vier von diesen, behauptet er, waren der Ansicht, -Fräulein Canbys Erzählung sei mir vorgelesen worden, während die -anderen vier die entgegengesetzte Meinung vertraten. Herr Anagnos -erklärt, seine Stimme zu meinen Gunsten abgegeben zu haben. - -Wie aber auch die Sache gewesen sein und in welchem Sinne er seine -Stimme abgegeben haben mag, das eine ist sicher: als ich in das Zimmer -trat, in dem mich Herr Anagnos so oft auf seinen Knien gehalten und -seine vielfachen Sorgen über meiner Lustigkeit vergessen hatte, und -hier Personen antraf, die Zweifel in mich zu setzen schienen, fühlte -ich, daß etwas Feindseliges und Drohendes in der Atmosphäre lag, und -die nachfolgenden Ereignisse haben diesen Eindruck bestätigt. Zwei -Jahre lang scheint Herr Anagnos an der Ansicht festgehalten zu haben, -daß Fräulein Sullivan und ich unschuldig seien. Dann änderte er -offenbar seine günstige Meinung, aus welchem Grunde, weiß ich nicht. -Auch die Einzelheiten der Untersuchung kenne ich nicht, und selbst -die Namen der Mitglieder des »Gerichtshofes«, die überdies während -der ganzen Verhandlung kein Wort zu mir sprachen, sind mir unbekannt -geblieben. Ich war zu aufgeregt, um auf irgend etwas zu achten, zu -eingeschüchtert, um Fragen zu stellen. In der Tat kann ich mich kaum -entsinnen, was ich sagte, oder was zu mir gesagt wurde. - -Ich habe den Vorfall mit dem »Frostkönig« so ausführlich dargestellt, -da er für mein Leben und meine Erziehung von Wichtigkeit war, und -um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen, habe ich alle Tatsachen -wiedergegeben, wie sie mir erscheinen, ohne die Absicht zu hegen, mich -zu verteidigen oder irgend jemand anzuklagen. - - [6] Vergl. S. 323 ff. - - [7] Vergl. S. 107 ff., 154. - - - - -Fünfzehntes Kapitel. - - Erster Entwurf der »Lebensgeschichte«. -- Zweifel und Unruhe. -- - Reise nach Washington zur Einführung des Präsidenten Cleveland, nach - dem Niagarafall und der Weltausstellung in Chicago. - - -Den auf den Zwischenfall mit dem »Frostkönig« folgenden Sommer und -Winter verlebte ich bei den Meinigen in Alabama. Ich erinnere mich -mit Entzücken an jene Heimreise. Alles sproßte und blühte. Ich war -glücklich. Der »Frostkönig« war vergessen. - -Als der Boden sich mit den goldenen und purpurnen Blättern des Herbstes -bedeckte und die würzig duftenden Trauben, die die Laube am anderen -Ende des Gartens bedeckten, unter dem Einfluß der Sonnenwärme eine -goldigbraune Färbung annahmen, begann ich eine Skizze über mein Leben -abzufassen -- ein Jahr, nachdem ich den »Frostkönig« geschrieben hatte. - -Ich war noch über die Maßen peinlich in betreff jeder Zeile, -die ich schrieb. Der Gedanke, daß meine Arbeit vielleicht nicht -mein ausschließliches geistiges Eigentum sein könne, quälte mich -unausgesetzt. Niemand wußte etwas von diesem Zagen als meine Lehrerin. -Eine seltsame Empfindlichkeit hielt mich davon ab, den »Frostkönig« -zu erwähnen, und oft wenn mir plötzlich im Laufe der Unterhaltung ein -Gedanke kam, buchstabierte ich ihr leise zu: Ich weiß nicht genau, -ob er mir gehört. Bisweilen sagte ich mir, während ich gerade einen -Satz niederschrieb: Wie, wenn es sich herausstellen sollte, daß dieses -alles schon vor langer Zeit von einem anderen gesagt worden ist? Eine -unheimliche Furcht lähmte dann meine Hand, sodaß ich an diesem Tage -nichts mehr schreiben konnte. Und selbst jetzt fühle ich noch mitunter -dasselbe Unbehagen, dieselbe Unruhe. Fräulein Sullivan tröstete und -unterstützte mich auf jede erdenkbare Weise; aber die fürchterliche -Erfahrung, die ich gemacht hatte, ließ einen bleibenden Eindruck in -meinem Geiste zurück, dessen Bedeutung ich erst jetzt zu verstehen -beginne. In der Absicht, mein Selbstvertrauen wiederherzustellen, -überredete mich meine Lehrerin, einen kurzen Abriß meines Lebens -für den ~Youth’s Companion~ zu schreiben. Ich war damals zwölf -Jahre alt. Wenn ich auf das Widerstreben zurückblicke, mit dem ich -diese kleine Arbeit niederschrieb, so kommt es mir vor, als müsse ich -eine prophetische Vision von dem Segen gehabt haben, der aus diesem -Unternehmen für mich entsprang, sonst würde ich es sicher nicht -durchgeführt haben. - -Ich schrieb zaghaft, furchtsam, aber entschlossen, von meiner Lehrerin -gedrängt, die wohl einsah, daß, wenn ich die Arbeit durchführte, -ich mein Selbstvertrauen wiedergewinnen und einen Begriff von -meinen Fähigkeiten bekommen würde. Bis zu der Zeit der Episode mit -dem »Frostkönig« hatte ich das unbewußte Leben eines kleinen Kindes -geführt; nun wandten sich meine Gedanken nach innen, und ich nahm -unsichtbare Dinge wahr. Allmählich erwachte ich aus dem Hindämmern, -in das mich jene Erfahrung versetzt hatte, mit einem durch praktische -Betätigung klarer gewordenen Geist und mit einer richtigeren Erkenntnis -des Lebens. - -Die Hauptereignisse des Jahres 1893 waren meine Reise nach Washington -zur Einführung des Präsidenten Cleveland und meine Besuche des -Niagarafalls und der Weltausstellung in Chicago. Unter diesen -Umständen wurden meine Studien fortwährend unterbrochen und oft viele -Wochen völlig vernachlässigt, sodaß es mir unmöglich ist, einen -zusammenhängenden Bericht von ihnen zu geben. - -Zum Niagarafalle reisten wir im März 1893. Es läßt sich schwer in Worte -fassen, was ich empfand, als ich auf der die amerikanischen Fälle -überragenden Platte stand und die Luft erzittern und die Erde erbeben -fühlte. - -Es erscheint vielen seltsam, daß ich einen Eindruck von den Wundern -und Schönheiten des Niagarafalles bekommen haben soll. Sie fragen mich -stets: Was ist diese Schönheit und diese Musik für Sie? Sie können die -Wogen nicht an das Ufer rollen sehen oder ihr Tosen hören. Was für eine -Bedeutung hat dies für Sie? -- Es hat im allerbuchstäblichsten Sinne -die höchste Bedeutung für mich. Ich kann seine Bedeutung ebensowenig -ergründen oder definieren, wie ich die Liebe, die Religion oder die -Güte ergründen oder definieren kann.[8] - -Im Sommer 1893 besuchten wir in der Begleitung ~Dr.~ Alexander Graham -Bells die Weltausstellung. Ich erinnere mich noch heute mit durch -keinen Mißklang gestörter Freude jener Tage, an denen tausend kindische -Wünsche zu schöner Wirklichkeit erwachten. Jeden Tag machte ich eine -Reise um die Welt und sah ungezählte Wunderwerke aus den entlegensten -Teilen der Erde -- staunenswerte Erfindungen, Schätze der Industrie, -der Geschicklichkeit und aller Tätigkeiten des menschlichen Lebens -tatsächlich unter meinen Fingerspitzen vorübergleiten. - -Mit Vorliebe besuchte ich die Schaustellung an dem großen Mittelwege. -Hier schienen sich mir die Märchen aus »Tausendund einer Nacht« -verkörpert zu haben, so voll von Neuem und Interessantem war alles. -Hier befand sich das Indien meiner Bücher in dem zierlichen Bazar -mit seinen Shiwas und seinen Elefantengöttern wieder; hier war das -Land der Pyramiden in ein Modell von Kairo mit seinen Moscheen und -langen Prozessionen von Kamelen zusammengedrängt; dort drüben lagen -die Lagunen von Venedig, auf denen wir jeden Abend in einer Gondel -umherfuhren, wenn die Ausstellungsgebäude und die Springbrunnen -illuminiert waren. Auch an Bord eines Wikingerschiffes ging ich, das in -kurzer Entfernung von der kleinen Werft vor Anker lag. Ich war schon -vorher, in Boston, auf einem Kriegsschiff gewesen, und es war mir -interessant, auf diesem Wikingerschiff zu sehen, wie der Seemann einst -alles in allem war -- wie er dahinsegelte und Sturm und Windstille mit -demselben unverzagten Herzen aufnahm, wie er Jagd auf jedermann machte, -der seinen wilden Ruf: Wir sind von der See! beantwortete, wie er mit -seinem Kopfe und seinen Sehnen arbeitete, selbstbewußt, selbstgenügsam, -anstatt sich durch eine intelligenzlose Maschine in den Hintergrund -drängen zu lassen, wie es heutzutage mit unseren Blaujacken der Fall -ist. So ist es stets -- „Der Mensch ist nur dem Menschen interessant.“ - -Nicht weit von diesem Schiffe entfernt lag ein Modell der »Santa -Maria«, die ich ebenfalls untersuchte. Der Kapitän zeigte mir Kolumbus’ -Kajüte und sein Pult mit einem Stundenglase darauf. Dieses kleine -Instrument machte den tiefsten Eindruck auf mich, weil es mich daran -erinnerte, wie schwer es dem kühnen Seefahrer ums Herz gewesen sein -muß, als er den Sand Korn für Korn herunterrinnen sah, während die -verzweifelte Schiffsbesatzung einen Anschlag gegen sein Leben plante. - -Der Präsident der Weltausstellung, Herr Higinbotham, gestattete mir -gütigst, die ausgestellten Gegenstände zu berühren, und mit ebenso -unersättlicher Gier, wie sie Pizarro empfunden haben muß, als er von -den Schätzen Perus Besitz ergriff, nahm ich die Herrlichkeiten der -Ausstellung in meine Hand. Diese weiße Stadt des Westens bildete eine -Art von „fühlbarem“ Kaleidoskop. Alles fesselte mich, namentlich aber -die französischen Bronzen. Sie waren so lebensvoll, daß ich glaubte, es -seien himmlische Visionen, die der Künstler aufgefangen und in irdische -Formen gebannt habe.[9] - -Auf der Ausstellung des Kaplandes lernte ich viel über die Art und -Weise, in der nach Diamanten gegraben wird. Wo es mir irgend möglich -war, berührte ich die Maschine, während sie in Gang war, um eine -klarere Vorstellung von dem Abwägen, Schneiden und Schleifen der Steine -zu erhalten. Ich suchte in der Wäscherei nach einem Diamanten, und -fand ihn auch wirklich -- den einzigen echten Diamanten, heißt es, der -jemals in den Vereinigten Staaten gefunden worden ist. - -~Dr.~ Bell begleitete uns überallhin und beschrieb mir in seiner -anziehenden Weise die Gegenstände, die das größte Interesse darboten. -In der elektrischen Ausstellung untersuchten wir die Telephone, -Autophone, Phonographen und andere Erfindungen, und er erklärte mir, -wie es möglich sei, eine Botschaft auf Drähten in die weite Welt zu -senden, die des Raumes spottet und der Zeit vorauseilt, und, wie es -Prometheus tat, Feuer vom Himmel herabzuholen. Ebenso besuchten wir -die anthropologische Abteilung, wo mich am meisten die mexikanischen -Altertümer interessierten, die rohen Steinarbeiten, die so oft die -einzige Erinnerung an ein Zeitalter bilden, die einfachen Denkmäler -ungebildeter Naturkinder (wie ich glaubte, als ich sie mit meinen -Fingern betastete), die bestimmt scheinen, die dereinst in Staub -zerfallenden Schriften von Königen und Weisen zu überdauern. Ebenso -fesselten die ägyptischen Mumien meine Aufmerksamkeit, vor deren -Berührung ich jedoch zurückschreckte. Von diesen Altertümern habe ich -mehr über den Fortschritt der Menschheit gelernt, als ich bis dahin je -gehört oder gelesen hatte. - -Alle diese Erfahrungen bereicherten meinen Wortschatz mit einer großen -Menge neuer Ausdrücke, und in den drei Wochen, die ich dem Besuche -der Weltausstellung widmete, machte ich einen gewaltigen Fortschritt -von meinem kindlichen Interesse an Märchen und Spielzeug hin zu der -richtigen Wertschätzung der realen und ernst arbeitenden Welt. - - [8] Vergl. S. 167 ff. - - [9] Vergl. S. 168. - - - - -Sechzehntes Kapitel. - - Geschichtsstudium. -- Studium der französischen Sprache; Lafontaine, - Molière, Racine. -- Vervollkommnung der Lautsprache. -- Latein. -- - Lektüre von Cäsars »Gallischem Krieg«. - - -Vor dem Oktober 1893 betrieb ich meine Studien in verschiedenen Fächern -mehr oder weniger sprunghaft. Ich las Werke über griechische, römische -und amerikanische Geschichte. Ich besaß eine französische Grammatik in -Hochdruck, und da ich schon etwas Französisch verstand, machte ich oft -kurze Uebersetzungen im Kopfe, in denen ich die neuen Wörter anwandte, -wie sie mir gerade in den Wurf kamen, ohne mich im geringsten um Regeln -und sonstige Vorschriften zu kümmern. Ich suchte sogar die französische -Aussprache ohne Hilfe zu erlernen, da ich alle Buchstaben und Laute -in dem Buche erklärt fand. Natürlich war dies beinahe verlorene -Liebesmühe; aber ich hatte dann wenigstens etwas an regnerischen Tagen -zu tun, und ich erwarb mir genügende Kenntnisse im Französischen, um -mit Genuß Lafontaines »Fabeln«, Molières »~Le médecin malgré lui~« und -Stellen aus Racines »~Athalie~« mit Genuß lesen zu können. - -Beträchtliche Zeit widmete ich auch der Vervollkommnung meiner Sprache. -Ich las Fräulein Sullivan laut vor und rezitierte auswendig gelernte -Stellen aus meinen Lieblingsdichtern, wobei sie meine Aussprache -verbesserte und auf richtige Betonung und Modulation achtete. Doch erst -im Oktober, als ich mich von den Strapazen und den Aufregungen meines -Besuches der Weltausstellung erholt hatte, begann ich zu bestimmten -Stunden Unterricht in einzelnen Fächern zu nehmen. - -Fräulein Sullivan und ich waren zu jener Zeit in Hulton in -Pennsylvanien, auf Besuch bei Herrn William Wade und seiner Familie. -Ein in der Nähe wohnender Herr Irons war ein tüchtiger Lateiner, und -es wurde verabredet, daß ich bei ihm Unterricht haben sollte. Ich -erinnere mich seiner als eines Mannes von seltener Milde und weitem -Blicke. Hauptsächlich unterrichtete er mich in lateinischer Grammatik; -oft half er mir aber auch beim Rechnen, das ich ebenso mühsam wie -langweilig fand. Auch Tennysons »~In Memoriam~« las Herr Irons mit mir. -Ich hatte schon viele Bücher gelesen, aber niemals von einem kritischen -Standpunkte aus. Jetzt lernte ich zum ersten Male einen Schriftsteller -wirklich verstehen, ich lernte seinen Stil kennen, wie man den -Handschlag eines Freundes kennt. - -Anfangs ging ich mit ziemlichem Widerstreben an das Studium der -lateinischen Grammatik. Es erschien mir widersinnig, mit der -Zergliederung jedes vorkommenden Wortes Zeit zu vergeuden -- Nomen, -Genetiv, Singular, Femininum --, wenn seine Bedeutung klar auf der -Hand lag. Nach meiner Auffassung war dies genau so, als hätte ich mein -Kätzchen folgendermaßen beschreiben müssen, um es zu erkennen: Ordnung: -Wirbeltiere; Abteilung: Vierfüßer; Klasse: Säugetiere; Gattung: -Katzentiere; Art: Katze; Individuum: Tabby. Als ich aber tiefer in den -Gegenstand eindrang, bekam ich mehr Interesse daran, und die Schönheit -der Sprache entzückte mich. Ich machte mir oft das Vergnügen, Stellen -in lateinischen Werken zu lesen, indem ich mir die Wörter heraussuchte, -die ich verstand, und mich bemühte, den Sinn herauszubringen. Ich habe -nie aufgehört, mich an diesem Zeitvertreib zu ergötzen. - -Es gibt meiner Meinung nach nichts Schöneres als die verschwimmenden, -fließenden Bilder und Gedanken -- Vorstellungen, die gleich -Wolken am Himmel, in phantastischer Gestalt und Färbung am Geiste -vorüberschweben, vermittelt durch eine Sprache, in die man soeben -begonnen hat einzudringen. Fräulein Sullivan saß bei den Lektionen -neben mir, buchstabierte mir in die Hand, was Herr Irons sagte, und -achtete auf die Worte, die mir neu waren. Ich begann gerade Caesars -»Gallischen Krieg« zu lesen, als ich nach Alabama zurückkehrte. - - - - -Siebzehntes Kapitel. - - Verhandlungen der Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der - Taubstummen im Sprechen in Chautauqua (Sommer 1894). -- Besuch der - Wright-Humason-Schule in New York. -- Arithmetik, physikalische - Geographie, Französisch, Deutsch. -- Lektüre von »Wilhelm Tell« und - »~Le médecin malgré lui~«. -- Zentralpark in New York. -- Ausflüge in - die Umgebung der Stadt. - - -Im Sommer 1894 wohnte ich den in Chautauqua stattfindenden -Verhandlungen der Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der -Unterweisung der Taubstummen im Sprechen bei. Es war vereinbart worden, -daß ich die Wright-Humason-Schule für Taubstumme in New York besuchen -sollte. Diese Schule war namentlich zum Zwecke meiner gründlichen -Ausbildung im Sprechen und Ablesen von den Lippen gewählt worden. -Außer diesen beiden Fertigkeiten studierte ich in den zwei Jahren, in -denen ich die Schule besuchte, Arithmetik, physikalische Geographie, -Französisch und Deutsch. - -Fräulein Reamy, meine deutsche Lehrerin, verstand das Fingeralphabet, -und nachdem ich mir einen kleinen Wortschatz angeeignet hatte, sprachen -wir deutsch miteinander, so oft sich eine Gelegenheit dazu bot, -und in wenigen Monaten konnte ich beinahe alles verstehen, was sie -sagte. Vor Schluß des ersten Jahres las ich »Wilhelm Tell« mit dem -größten Genusse. In der Tat glaube ich, daß ich im Deutschen größere -Fortschritte gemacht habe als sonst in einem Fache. Das Französische -fand ich viel schwieriger. Ich lernte es bei Frau Olivier, einer -Französin, die das Fingeralphabet nicht kannte und die daher ihren -Unterricht mündlich erteilen mußte. Ich konnte noch nicht geläufig -von ihren Lippen ablesen, und meine Fortschritte waren infolgedessen -bedeutend langsamer als im Deutschen. Ich versuchte jedoch abermals -Molière: ~Le médecin malgré lui~ zu lesen. Das Stück war sehr -lustig; es gefiel mir aber nicht annähernd so gut wie »Wilhelm Tell«. - -Meine Fortschritte im Ablesen von den Lippen und im Sprechen waren -nicht so groß, wie meine Lehrerin und ich gehofft und erwartet hatten. -Mein Ehrgeiz ging dahin, so zu sprechen, wie andere Menschen, und meine -Lehrer hielten dies für durchführbar; allein trotz aller angestrengten -und gewissenhaften Arbeit erreichten wir unser Ziel nicht ganz. Ich -glaube, wir hatten es zu hoch gesteckt, und eine Enttäuschung war daher -unvermeidlich. Die Arithmetik betrachtete ich noch als ein System von -Fallgruben. Ich hielt mich auf der gefährlichen Grenze des Erratens -und vermied das breite Tal des Denkens, was meinen Lehrern und mir -selbst unaufhörlichen Verdruß bereitete. Wenn ich mich nicht aufs Raten -legte, so machte ich Sprünge in meinen Schlußfolgerungen, und dieser -Fehler in Verbindung mit meinen körperlichen Gebrechen erhöhte die -Schwierigkeiten mehr, als es notwendig und in der Ordnung gewesen wäre. - -Obgleich aber diese Enttäuschungen mich zuweilen recht niederdrückten, -setzte ich doch meine anderen Studien mit unermüdlicher Ausdauer fort, -namentlich das Studium der physikalischen Geographie. Es gewährte mir -hohe Freude, in die Geheimnisse der Natur einzudringen, zu lernen, wie --- um in der bilderreichen Sprache des Alten Testaments zu reden -- die -Winde von den vier Ecken des Himmels her blasen, wie die Dünste von -den Enden der Erde aufsteigen, wie die Flußläufe zwischen den Felsen -ausgeschnitten sind und Berge niederstürzen, und auf welche Weise der -Mensch viele Kräfte überwinden kann, die stärker sind als er selbst. -Ich verlebte zwei glückliche Jahre in New York, und noch jetzt blicke -ich mit aufrichtiger Genugtuung auf sie zurück. - -Namentlich erinnere ich mich der Spaziergänge, die wir alle zusammen -jeden Tag in den Zentralpark unternahmen, den einzigen Teil der Stadt, -in dem ich mich heimisch fühlte. Mein Entzücken über diesen großen -Park blieb immer das gleiche. Ich hätte gewünscht, ihn jedesmal -schildern zu können, wenn ich ihn betrat, denn er war in jeder -Hinsicht schön, und seine Reize waren so mannigfaltiger Art, daß er -an jedem Tage in den neun Monaten, die ich in New York verlebte, neue -Schönheiten enthüllte. - -Im Frühjahr unternahmen wir Ausflüge nach verschiedenen interessanten -Orten. Wir segelten auf dem Hudson und wanderten an seinen grünen Ufern -entlang, die Bryant mit Vorliebe in seinen Liedern verherrlicht. Unter -den Orten, die wir besuchten, befand sich auch Tarrytown, die Heimat -von Washington Irving, wo ich durch die »Schlafhöhle« wanderte. - -Die Lehrer an der Wright-Humason-Schule waren stets darauf bedacht, -ihren Zöglingen alle Annehmlichkeiten zu verschaffen, deren sich -diejenigen, die hören können, erfreuen; die wenigen Anlagen und -passiven Erinnerungen, die in ihnen schlummern, soviel wie möglich zu -wecken und sie aus den beengenden Verhältnissen, in die sie die Ungunst -des Schicksals versetzt hat, zu befreien. - -Bevor ich New York verließ, wurden diese heiteren Tage durch den -größten Schmerz verdunkelt, den ich je seit dem Tode meines Vaters -erlebt habe. Im Februar 1896 starb Herr John Spaulding in Boston. Nur -diejenigen, die ihm am nächsten standen, können ermessen, was seine -Freundschaft für mich bedeutete. Er, der jedermann in zartfühlender, -unaufdringlicher Weise beglückte, war gegen Fräulein Sullivan und mich -äußerst gütig und liebevoll gewesen. Solange wir seine Augen auf uns -gerichtet sahen und wußten, daß er den regsten Anteil an dem Gelingen -unseres Werkes nehme, das mit so vielen Schwierigkeiten umgeben war, so -lange konnten wir nicht verzagen. Sein Abscheiden ließ eine Lücke in -unserem Dasein zurück, die nie ausgefüllt worden ist. - - - - -Achtzehntes Kapitel. - - Besuch des Mädchengymnasiums in Cambridge zum Zweck der Vorbereitung - für das Radcliffe-College. -- Wunsch, eine Universität zu besuchen. - -- Schwierigkeit, dem Unterricht zu folgen. -- Befriedigende - Fortschritte, namentlich im Deutschen: »Lied von der Glocke«, - »Taucher«, »Dichtung und Wahrheit« u. s. w. -- Shakespeare, - Burke, Macaulay. -- Zusammensein mit sehenden und hörenden - Altersgenossinnen. -- Mildreds Aufnahme in die Schule. -- Prüfungen. - - -Im Oktober 1896 trat ich in das Mädchengymnasium in Cambridge ein, um -mich für das Radcliffe College vorbereiten zu lassen. - -Als ich noch ein kleines Mädchen war, besuchte ich einmal Wellesley -und überraschte meine Freundinnen mit der Ankündigung: Später gehe -ich auf die Universität, aber auf die Harvard-Universität. -- Auf die -Frage, warum ich nicht nach Wellesley gehen wolle, antwortete ich, -dort studierten nur Mädchen. Der Gedanke, die Universität zu besuchen, -schlug in meinem Herzen Wurzel und wurde zum ernstlichen Verlangen, mit -sehenden und hörenden Mädchen in den Wettbewerb um einen akademischen -Grad einzutreten trotz des entschiedenen Widerspruchs von seiten vieler -aufrichtiger und verständiger Freunde. Als ich New York verließ, war -der Gedanke zur feststehenden Absicht geworden, und es wurde in der -Familie beschlossen, daß ich nach Cambridge gehen sollte. Dies war ein -Schritt, der mich der Harvard-Universität und der Erfüllung meiner -kindlichen Erklärung nahebringen sollte. - -Auf dem Gymnasium in Cambridge sollte Fräulein Sullivan die -Unterrichtsstunden mit mir besuchen, um mir die Vorträge durch das -Fingeralphabet zu vermitteln. - -[Illustration: Fräulein Sullivan liest Helen Keller vor] - -Natürlich hatten meine Lehrer nur Erfahrung im Unterrichte normaler -Zöglinge, und mein einziges Verständigungsmittel bildete das Ablesen -von den Lippen. Meine Studien erstreckten sich im ersten Jahre -auf englische Geschichte, englische Literatur, Deutsch, Latein, -Arithmetik, lateinischen Aufsatz und gelegentliche Übersetzungen. -Bis dahin hatte ich nie einen wissenschaftlichen Kursus in der -Absicht, mich auf die Universität vorzubereiten, durchgemacht; aber -ich war im Englischen durch Fräulein Sullivan gut eingeübt worden, -und meine Lehrer sahen bald, daß ich in diesem Fache außer einem -kritischen Studium der vom College vorgeschriebenen Bücher keiner -weiteren Unterweisung bedürfe. Außerdem hatte ich gute Fortschritte -im Französischen gemacht und sechs Monate lateinischen Unterricht -erhalten; das Fach aber, in dem ich am bewandertsten war, war das -Deutsche. - -Trotz dieser Vorteile gab es doch andererseits ernstliche Hindernisse, -die meine Fortschritte verlangsamten. Fräulein Sullivan konnte mir -nicht alles, was die Bücher verlangten, in die Hand buchstabieren, -und es dauerte sehr lange, bis meine Lehrbücher in Hochdruck für mich -hergestellt waren, obgleich meine Freunde in London und Philadelphia es -sich angelegen sein ließen, die Arbeit zu beschleunigen. Eine Zeitlang -mußte ich in der Tat meine lateinischen Aufgaben in Brailleschrift -übertragen, wenn ich mit den übrigen Mädchen mitkommen wollte. Meine -Lehrer wurden mit meiner unvollkommenen Sprache bald genügend vertraut, -um meine Fragen rasch zu beantworten und Fehler zu verbessern. In -den Stunden konnte ich keine Aufzeichnungen machen, noch mich an den -schriftlichen Aufgaben beteiligen; aber ich schrieb alle meine Aufsätze -und Übersetzungen zu Hause mit der Schreibmaschine nieder. - -Jeden Tag begleitete mich Fräulein Sullivan in die Klassenräume und -buchstabierte mir mit nimmermüder Geduld alles, was die Lehrer sagten, -in die Hand. In den Arbeitsstunden hatte sie auf alle Wörter zu achten, -die mir noch unbekannt waren, und Notizen und Bücher, die ich nicht -in Hochdruck besaß, zu lesen und immer wieder zu lesen. Das Lästige -einer solchen Arbeit ist schwer zu begreifen. Frau Gröte, meine -deutsche Lehrerin, und Herr Gilman, der Direktor der Anstalt, waren die -einzigen Lehrer am Gymnasium, die das Fingeralphabet erlernt hatten, -um mich direkt unterrichten zu können. Niemand wußte besser als die -liebe Frau Gröte selbst, wie langsam und mangelhaft ihr Buchstabieren -war. Nichtsdestoweniger buchstabierte sie mir in ihrer Herzensgüte -mühsam ihre Unterweisungen zweimal wöchentlich in besonderen -Unterrichtsstunden her, um Fräulein Sullivan ein wenig Ruhe zu -verschaffen. Obgleich aber jedermann freundlich und gefällig gegen uns -war, so gab es doch nur eine Hand, die die Plage in Genuß verwandeln -konnte. - -In jenem Jahr absolvierte ich die Arithmetik, repetierte die -lateinische Grammatik und las drei Kapitel aus Caesars »Gallischem -Kriege«. Im Deutschen las ich, teils mit Hilfe meiner Finger, teils -unter Fräulein Sullivans Beistande, Schillers »Lied von der Glocke« -und den »Taucher«, Heines »Harzreise«, »Aus dem Staat Friedrichs des -Großen« von Freytag, Riehls »Fluch der Schönheit«, Lessings »Minna -von Barnhelm« und »Aus meinem Leben« von Goethe. Ich fand den größten -Genuß an diesen deutschen Büchern, namentlich an Schillers wundervoller -Lyrik, an der Erzählung von Friedrichs des Großen Heldentaten und an -Goethes Selbstbiographie. Es tat mir leid, als ich mit der »Harzreise« -fertig war, einem Werke, das soviel glücklichen Witz und soviel -reizvolle Schilderungen von Rebenhügeln, murmelnden, im Sonnenschein -dahineilenden Bächen und wilden Gebirgsgegenden, dem Schauplatz alter -Sagen und Legenden, den grauen Zeugen einer lange dahingeschwundenen, -phantasiebegabten Zeit enthält -- Schilderungen, wie sie nur denen -gelingen, für die die Natur „Gefühl, Liebe, Verlangen“ ist. - -Herr Gilman unterrichtete mich einen Teil des Jahres in englischer -Literatur. Wir lasen zusammen »Wie es euch gefällt«, Burkes »Rede über -die Versöhnung mit Amerika« und Macaulays »Leben Samuel Johnsons«. -Herrn Gilmans umfassende Ueberblicke über Geschichte und Literatur und -seine trefflichen Erläuterungen machten mir die Arbeit leichter und -angenehmer, als sie es gewesen sein würde, wenn ich nur mechanisch die -Anmerkungen samt den im Klassenunterricht gegebenen notgedrungen kurzen -Erläuterungen hätte nachlesen müssen. - -Burkes Rede war interessanter als irgend ein anderes Buch politischen -Inhaltes, das ich je gelesen hatte. Ich war selbst aufgeregt, als ich -von den aufgeregten Zeiten las, und die Charaktere, die im Mittelpunkt -des Kampfes der beiden Nationen standen, schienen sich leibhaftig -vor meinen Augen zu bewegen. Ich wunderte mich immer mehr und mehr, -je weiter Burkes meisterhafte Rede in den mächtigen Wogen seiner -Beredsamkeit dahinrollte, wie es habe kommen können, daß König Georg -und seine Minister für die warnende Prophezeiung unseres Sieges und -ihrer Demütigung taube Ohren hatten. Dann wurde ich in die traurigen -Einzelheiten über das Verhältnis eingeführt, in dem der große -Staatsmann zu seiner Partei und der Volksvertretung stand. Ich mußte -daran denken, wie seltsam es war, daß so kostbare Samenkörner von -Wahrheit und Weisheit mitten unter das Unkraut von Unwissenheit und -Korruption fielen. - -In ganz anderer Art interessant war Macaulays »Leben Samuel Johnsons«. -Mein Herz flog dem einsamen Manne zu, der das Brot der Trübsal in -der Grubstraße aß und doch inmitten aller Mühseligkeit und der -furchtbarsten körperlichen und seelischen Leiden doch stets für die -Armen und Verlassenen ein freundliches Wort und eine offene Hand -hatte. Ich freute mich über all seine Erfolge, ich schloß die Augen -vor seinen Fehlern und wunderte mich, nicht daß er deren hatte, -sondern daß seine Seele dabei nicht verkrüppelte. Aber trotz Macaulays -glänzender Darstellung und seiner bewundernswürdigen Fertigkeit, -Gemeinplätze frisch und bedeutungsvoll erscheinen zu lassen, ermüdete -mich doch zuweilen seine kühle Verstandesmäßigkeit, und seine häufige -Hintansetzung der Wahrheit zugunsten des Effekts erregte in mir ihm -gegenüber sittliche Bedenken, die weit von dem Gefühl der Verehrung -abstachen, mit der ich dem Demosthenes Großbritanniens gelauscht hatte. - -Auf dem Gymnasium in Cambridge hatte ich mich zum ersten Male -des Umgangs mit sehenden und hörenden Mädchen meines Alters zu -erfreuen. Ich wohnte mit mehreren anderen zusammen in einem der -hübschen mit dem Gymnasium in Verbindung stehenden Häuser, dem -Hause, in dem Herr Howells wohnte, sodaß wir alle die Vorteile eines -Familienlebens genossen. Ich beteiligte mich an vielen Spielen meiner -Schulfreundinnen, selbst an Blindekuh und Schneeballwerfen; ich -unternahm lange Spaziergänge mit ihnen; wir besprachen unsere Studien -und lasen laut vor, was uns interessierte. Ein Teil der Mädchen -erlernte das Fingeralphabet, sodaß Fräulein Sullivan mir ihre Worte -nicht zu wiederholen brauchte. - -Zu Weihnachten besuchten mich meine Mutter und meine kleine Schwester, -um die Feiertage mit mir zu verleben, und Herr Gilman erbot sich in -liebenswürdiger Weise, Mildred in seine Schule aufzunehmen. So blieb -Mildred bei mir in Cambridge, und sechs glückliche Monate hindurch -waren wir fast stets zusammen. Am glücklichsten macht mich die -Erinnerung an die Stunden, in denen wir uns gegenseitig bei unseren -Studien unterstützten und uns gemeinschaftlich von unserer Arbeit -erholten. - -Meine erste Prüfung für das Radcliffe College legte ich in der Zeit vom -29. Juni bis zum 3. Juli 1897 ab. Die Fächer, die ich angegeben hatte, -waren Deutsch, Französisch, Latein, Englisch, sowie griechische und -römische Geschichte, was neun Stunden zusammen ausmachte. Ich bestand -in allen Fächern, -- im Deutschen und Englischen „mit Auszeichnung“. - -Vielleicht dürfte hier eine Schilderung der Art und Weise, in der ich -geprüft wurde, am Orte sein. Für die Prüfung standen sechzehn Stunden -zur Verfügung, zwölf für die Elementarkenntnisse und vier für die -weiter fortgeschrittenen Studien. Die Prüfungsarbeiten wurden um neun -Uhr auf der Harvard-Universität ausgegeben und durch einen besonderen -Boten nach dem Radcliffe College gebracht. Die zu Prüfende war nicht -ihrem Namen nach bekannt, sondern erhielt eine Nummer. Ich hatte Nr. -233, da ich aber eine Schreibmaschine benützen mußte, so konnte kein -Zweifel über meine Person obwalten. - -Man hielt es für rätlich, mich in einem besonderen Zimmer zu prüfen, -weil das Geräusch der Schreibmaschine die anderen Mädchen gestört -haben würde. Herr Gilman teilte mir alle Aufgaben vermittelst des -Fingeralphabets mit. An die Türe wurde ein Mann gestellt, um jede -Störung zu verhindern. - -Am ersten Tage hatte ich Deutsch. Herr Gilman saß neben mir und las mir -die Aufgabe erst im Zusammenhange vor, dann noch einmal Satz für Satz, -wobei ich die Worte laut wiederholte, um ihm zu zeigen, daß ich ihn -vollkommen verstanden hatte. Die Aufgaben waren schwer, und ich fühlte -mich sehr ängstlich, als ich die Antworten auf der Schreibmaschine -niederschrieb. Herr Gilman buchstabierte mir in die Hand, was -ich geschrieben hatte, ich machte die mir notwendig scheinenden -Verbesserungen, und er fügte sie ein. Ich möchte hier erwähnen, daß mir -eine solche Erleichterung bei keiner meiner weiteren Prüfungen mehr -gewährt wurde. Im Radcliffe College liest mir niemand meine Antworten -vor, nachdem ich sie niedergeschrieben habe, und ich finde somit keine -Gelegenheit, Fehler zu verbessern, wenn ich nicht fertig bin, bevor die -Zeit um ist. In diesem Falle verbessere ich nur solche Versehen, auf -die ich mich in den mir gestatteten paar Minuten entsinnen kann, und -schreibe diese Verbesserungen am Schlusse meiner Arbeit nieder. Wenn -ich die erste Prüfung besser bestanden habe als die zweite, so liegen -dafür zwei Gründe vor. Bei der zweiten las mir niemand meine fertigen -Arbeiten vor, und in der ersten gab ich Fächer an, mit denen ich schon -vor meinem Besuche des Gymnasiums in Cambridge einigermaßen vertraut -war; denn zu Anfang des Schuljahrs hatte ich Prüfungen im Englischen, -in Geschichte, im Französischen und Deutschen nach Aufgaben abgelegt, -die in früheren Jahren von der Harvard-Universität gestellt worden -waren. - -Herr Gilman sandte meine schriftlichen Arbeiten an die -Prüfungskommission mit einer Bescheinigung, daß ich, Kandidatin Nr. -233, die Arbeiten angefertigt hätte. - -Auch in den anderen Fächern ging die Prüfung in derselben Weise von -statten. In keinem wurden mir so schwere Aufgaben gestellt wie im -ersten. Ich erinnere mich, daß an dem Tage, an dem uns die lateinischen -Aufgaben zugestellt wurden, Professor Schilling ins Zimmer trat und mir -mitteilte, daß ich im Deutschen das Examen bestanden hätte. Dies gab -mir neuen Mut, und ich ging mit leichtem Herzen und sicherer Hand an -den übrigen Teil der hochnotpeinlichen Prüfung. - - - - -Neunzehntes Kapitel. - - Beginn des zweiten Schuljahres. -- Physik, Algebra, Geometrie, - Astronomie, Griechisch, Latein. -- Anfälle von Kleinmut. -- Abgang - vom Gymnasium und Weiterbildung durch Privatunterricht. -- Rückkehr - nach Boston (Oktober 1898). -- Schlußprüfung für das Radcliffe - College (Juni 1899). - - -Bei Beginn des zweiten Schuljahres war ich voller Hoffnung und -Vertrauen auf einen endgültigen Erfolg. Aber in den ersten paar -Wochen stellten sich mir unvorhergesehene Schwierigkeiten in den Weg. -Herr Gilman hatte seine Einwilligung dazu gegeben, daß ich in diesem -Jahre hauptsächlich Mathematik treiben sollte. Ich erhielt Unterricht -in Physik, Algebra, Geometrie, Astronomie, Griechisch und Latein. -Leider waren viele von den Büchern, deren ich bedurfte, zu Beginn des -Unterrichts noch nicht im Hochdruck fertig, und es fehlten mir daher -wichtige Hilfsmittel zu einigen meiner Studien. Die Klassen, die ich -besuchte, waren sehr groß, und es war unmöglich für die Lehrer, mir -besondere Unterweisung zu erteilen. Fräulein Sullivan mußte mir alle -Bücher vorlesen und mitteilen, was die Lehrer vortrugen, und zum -erstenmal in elf Jahren hatte es den Anschein, als sei ihre liebe Hand -der Aufgabe nicht gewachsen. - -Ich mußte in der Klasse beim algebraischen und geometrischen Unterricht -nachschreiben und physikalische Aufgaben lösen, und dies war mir -unmöglich, ehe wir eine Brailleschreibmaschine gekauft hatten, mittels -deren ich die nötigen Aufzeichnungen machen konnte. Mit meinen Augen -konnte ich den auf die Wandtafel gezeichneten geometrischen Figuren -nicht folgen, und das einzige Mittel, mir eine klare Vorstellung von -ihnen zu machen, bestand darin, daß ich sie auf einem Kissen mit -Hilfe von geraden und gekrümmten Drähten mit spitzen, umgebogenen -Enden nachmachte. Ich hatte, wie Herr Keith in seinem Berichte -sagte, die Buchstabenbezeichnung der Figuren, die Voraussetzung und -Schlußfolgerung, die Konstruktion und den Gang des Beweises im Kopfe zu -behalten. Mit einem Worte, in jedem Fache zeigten sich Schwierigkeiten. -Zeitweilig verlor ich allen Mut und verriet meine Empfindungen in einer -Weise, deren ich mich noch jetzt schäme, wenn ich mich daran erinnere, -namentlich da die Äußerungen meines Kleinmuts später zu Angriffen auf -Fräulein Sullivan benutzt wurden, der einzigen von all den lieben -Freundinnen in Cambridge, die imstande war, mir meine Pfade zu ebnen -und meine Aufgabe zu erleichtern. - -Allmählich begannen jedoch die Schwierigkeiten zu schwinden. Die in -Hochdruck hergestellten Bücher und andere Hilfsmittel langten an, und -ich machte mich mit neuem Mute an die Arbeit. Algebra und Geometrie -waren die einzigen Fächer, die nach wie vor allen Anstrengungen -meinerseits, in sie einzudringen, spotteten. Wie ich schon erwähnt -habe, besaß ich keine besondere Beanlagung für Mathematik; die -einzelnen Punkte wurden mir nicht so klargemacht, wie ich es -gewünscht hätte. Die geometrischen Zeichnungen waren teilweise völlig -unverständlich für mich, da ich selbst auf dem Kissen das Verhältnis -der verschiedenen Teile zu einander nicht erkennen konnte. Eine klarere -Vorstellung von der Mathematik erhielt ich erst, seit Herr Keith mich -darin unterrichtete. - -Ich war auf dem Weg, alle diese Schwierigkeiten zu überwinden, als ein -Ereignis eintrat, das einen vollständigen Umschwung herbeiführte. - -Unmittelbar bevor die Bücher eintrafen, hatte Herr Gilman Fräulein -Sullivan Vorstellungen darüber gemacht, daß ich zu angestrengt -arbeitete, und trotz meiner eifrigen Proteste setzte er die Zahl meiner -Unterrichtsstunden herab. Anfangs waren wir dahin übereingekommen, -daß ich nötigenfalls fünf Jahre auf meine Vorbereitung für die -Universität verwenden sollte; am Ende des ersten Jahres aber überzeugte -der Erfolg meiner Prüfungen Fräulein Sullivan, Fräulein Harbaugh -(Herrn Gilmans erste Lehrerin) und noch eine andere Lehrerin von der -Möglichkeit, daß ich ohne allzugroße Anstrengung meine Vorbereitung in -zwei weiteren Jahren beenden könne. Herr Gilman erklärte sich anfangs -damit einverstanden; als aber meine Ausgaben etwas verwickelter wurden, -bestand er darauf, ich sei überarbeitet und solle noch drei weitere -Jahre auf dem Gymnasium zubringen. Mir gefiel dieser Plan nicht, denn -ich wollte mit meiner Klasse zugleich die Universität beziehen. - -Am 17. November fühlte ich mich nicht ganz wohl und konnte den -Unterricht nicht besuchen. Obgleich Fräulein Sullivan sah, daß es sich -nur um eine leichte Unpäßlichkeit handle, erklärte Herr Gilman als er -davon hörte, doch, ich stehe im Begriff, zusammenzubrechen, und traf -Änderungen in meinem Studienplan, die es mir unmöglich machten, meine -Abgangsprüfung zugleich mit meiner Klasse abzulegen. Schließlich führte -die Meinungsverschiedenheit zwischen Herrn Gilman und Fräulein Sullivan -dahin, daß meine Mutter meine Schwester Mildred und mich von dem -Gymnasium in Cambridge wegnahm. - -Nach einiger Zeit wurde beschlossen, daß ich meine Studien unter -der Leitung eines Hauslehrers, Herrn Merton S. Keith aus Cambridge, -fortsetzen sollte. Den Rest des Winters verlebten Fräulein Sullivan -und ich bei der uns befreundeten Familie Chamberlin in Wrentham, einer -fünfundzwanzig Meilen von Boston entfernten Stadt. - -Vom Februar bis Juli 1898 kam Herr Keith wöchentlich zweimal nach -Wrentham und unterrichtete mich in Algebra, Geometrie, Griechisch und -Latein. Fräulein Sullivan übersetzte mir seine Erläuterungen. - -Im Oktober 1898 kehrten wir nach Boston zurück. Acht Monate hindurch -erteilte mir Herr Keith wöchentlich fünfmal Unterricht, jedesmal -ungefähr eine Stunde lang. Er erklärte mir stets, was ich in der -vorhergehenden Unterrichtsstunde nicht begriffen hatte, stellte mir -neue Aufgaben und nahm meine griechischen Exerzitien, die ich während -der Woche auf meiner Schreibmaschine angefertigt hatte, nach Hause, -korrigierte sie sorgfältig und gab sie mir das nächstemal zurück. - -Auf diese Weise schritt meine Vorbereitung für die Universität ohne -Unterbrechung weiter fort. Ich fand es leichter und angenehmer, für -mich allein unterrichtet zu werden als in der Klasse mit anderen -zusammen. Es gab hier keine Überstürzung, keine Verwirrung. Mein Lehrer -hatte vollauf Zeit, mir zu erklären, was ich nicht verstand, und -daher machte ich raschere Fortschritte und hatte bessere Leistungen -aufzuweisen als je auf dem Gymnasium. Ich fand jedoch noch immer mehr -Schwierigkeiten bei der Lösung von mathematischen Aufgaben als in jedem -anderen Unterrichtsfache. Ich wünschte, Algebra und Geometrie wären -mir nur halb so leicht gefallen wie das Sprach- und Literaturstudium. -Aber selbst die Mathematik machte mir Herr Keith anziehend; es gelang -ihm, mir die Lehrsätze und Aufgaben so faßlich zu machen, daß ich -dem Unterrichte mit Leichtigkeit folgen konnte. Er erhielt meine -Aufmerksamkeit rege und lebendig und gewöhnte mich an klares Denken und -ruhiges, logisches Schließen anstatt meiner früheren wilden, ziellosen -Kreuz- und Quersprünge. Er war stets freundlich und zuvorkommend, wie -ungeschickt ich mich auch mitunter angestellt haben mag, und man kann -es mir glauben, meine Beschränktheit würde oft sogar eine Hiobsgeduld -erschöpft haben. - -Am 29. und 30. Juni 1899 legte ich die Schlußprüfung für das Radcliffe -College ab. Am ersten Tage kamen die Anfangsgründe im Griechischen und -lateinische Lektüre, am zweiten Geometrie, Algebra und griechische -Lektüre an die Reihe. - -Die Universitätsbehörden gestatteten Fräulein Sullivan nicht, mir die -Prüfungsaufgaben vorzulesen; dafür wurde Herr Eugen C. Vining, einer -der Lehrer des Perkinsschen Blindeninstituts, mit der Übertragung der -Aufgaben für mich in amerikanische Brailleschrift betraut. Herr Vining -war mir völlig fremd und konnte sich nur mittels der Brailleschrift mit -mir verständigen. Auch der aufsichtführende Beamte war mir fremd und -machte keinerlei Versuch, sich mit mir in Verbindung zu setzen. - -Die Brailleschrift genügte zwar für die Sprachen vollständig; als aber -Geometrie und Algebra an die Reihe kamen, ergaben sich Schwierigkeiten. -Ich war schmerzlich überrascht und niedergeschlagen, da ich viel -kostbare Zeit verlor, namentlich in der Algebra. Zwar war ich mit allen -gewöhnlich zu literarischen Zwecken benutzten Braillesystemen vertraut --- dem englischen, dem amerikanischen und dem New Yorker; aber die -geometrischen und algebraischen Zeichen sind in diesen drei Systemen -sehr verschieden, und ich hatte in der Algebra nur das englische -benutzt. - -Zwei Tage vor dem Beginn der Prüfungen sandte mir Herr Vining die -Braillekopie einer früher von der Harvard-Universität gestellten -algebraischen Aufgabe. Zu meinem Schreck bemerkte ich, daß sie in der -amerikanischen Notation gehalten war. Ich setzte mich unverzüglich -hin und bat Herrn Vining in ein paar Zeilen um eine Erklärung der -Zeichen. Umgehend erhielt ich eine andere Arbeit und eine Tabelle, in -der die Zeichen erklärt waren, und setzte mich hin, um die Notation -zu erlernen. Aber am Abend vor der Prüfung in der Algebra, während -ich über einigen sehr verwickelten Aufgaben brütete, hatte ich keine -Zeit, mir die Zusammenstellungen von Klammern, Haken und Wurzelzeichen -einzuprägen. Sowohl Herr Keith wie ich waren niedergeschlagen und voll -trüber Ahnungen für morgen; wir gingen aber ein wenig vor dem Beginn -der Prüfung nach dem Universitätsgebäude und baten Herrn Vining, uns -die amerikanischen Zeichen etwas eingehender zu erklären. - -In der Geometrie bestand die Hauptschwierigkeit für mich darin, daß -ich stets gewohnt gewesen war, die Sätze im Liniendruck zu lesen oder -sie in die Hand buchstabiert zu bekommen, und obgleich die Sätze jetzt -dicht vor mir lagen, fand ich doch die Brailleschrift einigermaßen -verwirrend und konnte mir nicht klar vorstellen, was ich las. Als aber -die Algebra an die Reihe kam, brach eine noch härtere Zeit für mich an. -Ich konnte mich in die Zeichen, die ich so spät erlernt hatte und die -ich zu kennen glaubte, nicht finden. Außerdem konnte ich nicht prüfen, -was ich auf meiner Schreibmaschine geschrieben hatte. Ich hatte stets -meine Arbeiten in Brailleschrift oder im Kopfe gemacht. Herr Keith -hatte sich zu sehr auf meine Fertigkeit, die Aufgaben im Kopfe zu -lösen, verlassen und hatte mich nicht im schriftlichen Anfertigen von -Examensarbeiten unterwiesen. Infolgedessen ging meine Arbeit peinlich -langsam von statten, und ich hatte die Aufgaben immer und immer wieder -zu lesen, ehe ich begriff, was von mir verlangt wurde. In der Tat bin -ich selbst jetzt noch nicht sicher, alle Zeichen richtig gelesen zu -haben. Es fiel mir schwer, meinen Kopf beisammen zu halten. - -Aber ich klage niemand an. Die Universitätsbehörde wußte nicht, wie -schwer sie mir meine Prüfung machte, noch begriff sie die besonderen -Schwierigkeiten, die ich zu überwinden hatte. Aber wenn sie mir -unabsichtlich Hindernisse in den Weg legte, so habe ich die Genugtuung, -zu wissen, daß ich sie alle überwunden habe. - - - - -Zwanzigstes Kapitel. - - Eintritt in das Radcliffe College. -- Anfängliche Begeisterung und - teilweise Enttäuschung. -- Übelstände des Universitatsstudiums. -- - Erstes Studienjahr. -- Französisch, Deutsch, englische Stillehre, - englische Literatur. -- Besuch der Vorlesungen. -- Schreibmaschine. - -- Stunden des Unmuts. -- Zweites Jahr: englische Stillehre, Bibel, - politische Verhältnisse Amerikas und Europas, horazische Oden, - lateinische Komödie, Nationalökonomie, Shakespeare, Geschichte der - Philosophie. -- Verknöcherung des Universitätswesens..-- Pein der - Prüfungen. -- Enttäuschung. - - -Der Kampf um die Zulassung zur Universität war siegreich beendet, -und ich konnte nun in das Radcliffe College eintreten, wann es mir -beliebte. Bevor ich jedoch die Universität bezog, kamen wir überein, -daß ich noch ein weiteres Jahr unter Herrn Keiths Leitung studieren -sollte. Erst gegen Ende 1900 ging daher mein Traum, die Universität zu -besuchen, in Erfüllung. - -Ich erinnere mich heute noch meines ersten Tages im Radcliffe College. -Es war ein interessanter Tag für mich. Ich hatte ihn jahrelang -herbeigesehnt. Eine mächtige Kraft in mir, die stärker war als der -Rat meiner Freunde, stärker selbst als die Warnungen meines eigenen -Inneren, hatte mich dazu getrieben, meine Kräfte mit denen zu messen, -die sehen und hören. Ich wußte, ich würde auf Hindernisse stoßen, -aber ich war voller Eifer, sie zu überwinden. Ich hatte mir die Worte -des weisen Römers zu Herzen genommen, der da gesagt hatte: „Aus Rom -verbannt sein, heißt nur außerhalb Roms leben.“ -- Abgeschnitten von -der großen Heerstraße des Wissens war ich genötigt, meine Reise quer -durchs Land auf wenig besuchten Straßen zurückzulegen -- das war alles. -Ich wußte, daß es auf einer Universität viele Nebenpfade gab, auf denen -ich Hand in Hand mit Mädchen gehen konnte, die ebenso dachten, liebten -und kämpften wie ich. - -Ich begann meine Studien voller Eifer. Vor mir erblickte ich eine neue -Welt, strahlend in Schönheit und Licht, und ich fühlte die Fähigkeit in -mir, alles zu erkennen. In dem Wunderland des Geistes würde ich so frei -sein wie jede andere. Seine Bewohner, seine Landschaft, seine Sitten, -seine Freuden, seine Leiden sollten lebendige verkörperte Vermittler -der realen Welt sein. Die Vorlesungssäle schienen mir mit dem Geiste -der großen Weisen aller Zeiten erfüllt, und ich hielt die Professoren -für Personifikationen der Weisheit selbst. Ich bin seitdem zu einer -anderen Überzeugung gelangt, doch habe ich nicht die Absicht, irgend -jemand mit Namen zu nennen. - -Aber bald entdeckte ich, daß das College nicht ganz das romantische -Lyceum war, wie ich es mir vorgestellt hatte. Viele der Träume, die -meine unerfahrene Jugend entzückt hatten, „verblaßten in dem grauen -Lichte des Alltags“. Allmählich begann ich einzusehen, daß der Besuch -der Universität auch seine Schattenseiten habe. - -Die eine, deren ich mir am schmerzlichsten bewußt war und noch bewußt -bin, besteht in dem Mangel an Zeit. Ich pflegte Zeit zum Denken, zum -Sinnen zu haben, mein Geist und ich. Wir hatten manchen lieben Abend -beieinander gesessen und der Melodie in unserem Innern gelauscht, die -man nur in Mußestunden vernimmt, wenn die Worte eines Lieblingsdichters -eine tiefe wohllautende Saite in unserer Seele anschlagen, die bis -dahin noch nicht erklungen war. Aber auf der Universität hat man keine -Zeit, mit seinen Gedanken zu verkehren. Man besucht, scheint es, die -Vorlesungen, um zu lernen, nicht, um zu denken. Betritt man die Portale -der Gelehrsamkeit, so läßt man die besten Freuden -- Einsamkeit, Bücher -und Phantasie -- draußen bei den rauschenden Tannen. Ich glaube, ich -müßte einige Beruhigung in dem Gedanken finden, daß ich Schätze für -zukünftige Genüsse aufspeichere, aber ich bin zu unvorsorglich, um -nicht den Genuß des Augenblicks der Ansammlung von Reichtümern für -trübe Tage vorzuziehen. - -Meine Studien erstreckten sich im ersten Jahre auf Französisch, -Deutsch, Geschichte, englischen Stil und englische Literatur. Im -Französischen las ich einige Werke von Corneille, Moliere, Racine, -Alfred de Musset, Sainte-Beuve und im Deutschen von Goethe und -Schiller. In der Geschichte verschaffte ich mir einen raschen -Ueberblick über den ganzen Zeitraum vom Untergange des Römischen -Reiches bis zum achtzehnten Jahrhundert, und in der englischen -Literatur studierte ich kritisch Miltons Gedichte und »Areopagitica«. - -Ich bin häufig gefragt worden, in welcher Weise ich die eigenartigen -Schwierigkeiten, unter denen ich die Universität besuche, überwinde. -Im Auditorium bin ich natürlich so gut wie allein. Der Professor ist -so weit von mir entfernt, als ob er durch ein Telephon spräche. Die -Vorlesungen werden mir so rasch wie möglich in die Hand buchstabiert, -und in dem Bestreben, das Tempo innezuhalten, geht mir viel von der -Individualität des Vortragenden verloren. Die Worte eilen durch meine -Hand wie Hunde auf der Jagd nach einem Hasen, der ihnen aber oft -entkommt. Aber in dieser Beziehung glaube ich nicht, daß ich viel -schlechter daran bin als die Mädchen, die sich ihre Aufzeichnungen -machen. Ist der Geist mit dem mechanischen Prozesse des Hörens -beschäftigt und soll man zu gleicher Zeit das Gehörte in fliegender -Eile zu Papier bringen, so kann man, glaube ich, weder dem behandelten -Gegenstande noch der Art des Vortrags die gebührende Aufmerksamkeit -zuwenden. Ich kann während der Vorlesungen keine Aufzeichnungen machen, -weil meine Hände mit Aufmerken beschäftigt sind. Gewöhnlich schreibe -ich mir dann zu Hause das, was ich behalten habe, nieder. Ich fertige -meine Exerzitien, Aufsätze, Kritiken, die Arbeiten zu den Semester- und -Jahresprüfungen auf meiner Schreibmaschine an, sodaß die Professoren -keine Schwierigkeit haben, herauszufinden, wie wenig ich weiß. Als -ich das Studium der lateinischen Prosodie begann, schrieb ich meinem -Professor eine Reihe von Zeichen auf, die die verschiedenen Metra und -Quantitäten kenntlich machen sollten, und erklärte sie ihm. - -Ich bediene mich der Hammond-Schreibmaschine. Ich habe viele Maschinen -versucht, finde aber, daß die Hammondsche sich am besten für die -Besonderheiten meiner Arbeit eignet. Bei dieser Maschine können -Umschalttasten benutzt werden, und man kann deren mehrere haben, jede -mit verschiedenen Typen -- Griechisch, Französisch oder Mathematik --- entsprechend der Art von Schrift, die man auf der Schreibmaschine -hervorbringen will. Wenn ich die Hammondsche Schreibmaschine nicht -hätte, so würde ich wohl schwerlich die Universität besuchen können. - -Sehr wenige von den in den verschiedenen Kursen gebrauchten Bücher -sind in Blindenschrift gedruckt, und ich muß sie mir in die Hand -buchstabieren lassen. Infolgedessen brauche ich mehr Zeit zur -Vorbereitung auf meine Lektionen als andere Mädchen. Die Handarbeit -dauert länger, und ich habe mit Schwierigkeiten zu kämpfen, die sie gar -nicht kennen. Es gibt Tage, an denen die gespannte Aufmerksamkeit, mit -der ich die Einzelheiten verfolgen muß, mein Blut in Wallung bringt und -der Gedanke, daß ich stundenlang dasitzen muß, um ein paar Kapitel zu -lesen, während andere Mädchen lachen, singen und tanzen, mich rasend -macht; aber bald gewinne ich meinen Gleichmut wieder und lache mir die -Unzufriedenheit vom Herzen herunter. Denn alles in allem muß jeder, -der zur wahren Erkenntnis hindurchdringen will, den Berg Schwierigkeit -allein erklimmen, und da für mich keine breite gerade Straße auf den -Gipfel führt, so muß ich ihn eben auf dem für mich bestimmten Pfade im -Zickzack zu erreichen suchen. Ich gleite häufig zurück, ich falle, ich -stehe still, ich stoße gegen die Ecken verborgener Hindernisse, ich -verliere meine gute Laune, bekomme sie wieder und halte sie von da an -fester, ich schleppe mich weiter, komme eine kleine Strecke vorwärts, -fühle neuen Mut, werde immer eifriger und klimme immer höher und höher, -bis ich endlich den Horizont sich weiten sehe. Jeder Kampf ist ein -Sieg. Noch eine letzte Anstrengung, und ich erreiche die leuchtende -Wolke, die blauen Himmelstiefen, das Land meiner Sehnsucht da droben. -Bei diesen Kämpfen stehe ich jedoch nicht stets allein. Herr William -Wade und Herr E. E. Allen, der Leiter des pennsylvanischen Instituts -für den Blindenunterricht, haben mir viele der erforderlichen Bücher -in Hochdruck besorgt. Mit ihrer liebenswürdigen Aufmerksamkeit haben -sie mir mehr Hilfe und Ermutigung gebracht, als sie es selbst je ahnen -können. - -Im vergangenen Jahre, dem zweiten, das ich im Radcliffe College -zubrachte, beschäftigte ich mich mit englischer Stillehre, mit der -Bibel vom literarischen Standpunkte aus, den politischen Verhältnissen -Amerikas und Europas, den horazischen Oden und der lateinischen -Komödie. Der Unterricht im englischen Stil war mir der liebste, weil -er sehr lebendig war. Die Vorlesungen waren stets interessant und -geistvoll; denn der Professor, Herr Charles Townsend Copeland, trägt -die Hauptwerke der Literatur in all ihrer ursprünglichen Frische und -Gewalt vor. Eine kurze Stunde darf man die ewige Schönheit der alten -Meister ohne unnötige Erklärungen und Zergliederungen genießen und -sich ihrer erhabenen Gedanken erfreuen; mit ganzer Seele kann man -sich der milden Erhabenheit des Alten Testaments hingeben, ohne an -das Dasein Jahwes und Elohims zu denken, und man geht nach Hause mit -dem Bewußtsein, daß man einen Schimmer von jener Vollendung erhascht -hat, bei der Geist und Form in ewiger Harmonie verschmolzen sind und -Wahrheit und Schönheit dem alten Stamme der Zeit neues Wachstum bringen. - -Dieses Jahr ist das glücklichste für mich, weil ich Gegenstände -studiere, die mich besonders interessieren: Nationalökonomie, Literatur -der elisabethanischen Zeit, Shakespeare unter Professor George L. -Kittredge und Geschichte der Philosophie unter Professor Josiah -Royce. Durch die Philosophie lernt man sich verständnisvoll in die -Ueberlieferungen alter Zeiten und andere Denkweisen zu versenken, die -einem vorher seltsam und unvernünftig vorgekommen sind. - -Aber das College ist nicht das universale Athen, für das ich es -gehalten habe. Man tritt hier nicht den großen, weisen Männern Auge in -Auge gegenüber, man fühlt nicht ihren belebenden Hauch. Zwar sind sie -gegenwärtig, das muß zugegeben werden, aber sie scheinen mumifiziert -zu sein. Wir müssen sie von der sie umgebenden Hülle von Gelehrsamkeit -befreien, sie zergliedern und analysieren, ehe wir sicher sein können, -daß wir einen Milton oder Jesaias vor uns haben und nicht nur eine -geschickte Nachahmung. Wie mir scheint, vergessen viele Gelehrte, -daß unser Genuß an den großen Werken der Literatur mehr von der -Tiefe unseres Mitempfindens als von der Schärfe unseres Verstandes -abhängt. Der Hauptübelstand ist der, daß sehr wenige ihrer mühsamen -Erläuterungen im Gedächtnis haften. Der Geist wirft sie ab, wie ein -Baum seine reifen Früchte abwirft. Man vermag eine Blume zu kennen, -Wurzel und Stengel und alles, ebenso den ganzen Wachstumsprozeß und ist -vielleicht doch nicht imstande, die Schönheit der frisch im Tau des -Himmels gebadeten Blume zu würdigen. Immer und immer wieder frage ich -ungeduldig: „Was sollen mir all diese Erläuterungen und Hypothesen?“ -Sie schwirren in meinem Geiste hin und her gleich blinden Vögeln, -die die Luft mit ihren kraftlosen Schwingen zu zerteilen suchen. -- -Ich wende mich nicht gegen eine gründliche Kenntnis der berühmten -Werke, die wir lesen, sondern nur gegen die endlosen Kommentare und -verwirrenden Kritiken, aus denen nur das eine hervorgeht, daß es mehr -Ansichten als Menschen gibt. Wenn jedoch ein großer Gelehrter, wie -Professor Kittredge erklärt, was der Meister sagt, so ist’s, „als werde -dem Blinden ein neues Gesicht gegeben“. Er bringt uns Shakespeare, den -Dichter, zurück. - -Es gibt jedoch Zeiten, in denen ich wünschte, ich könnte die Hälfte der -Dinge, die ich mir zu lernen vornahm, streichen; denn der überbürdete -Geist kann sich der Schätze nicht erfreuen, die er sich unter den -größten Anstrengungen erworben hat. Es ist unmöglich, glaube ich, an -einem Tage vier bis fünf verschiedene Bücher in verschiedenen Sprachen -und über ganz verschiedene Gegenstände zu lesen und nicht die wahren -Zwecke, wegen deren man liest, aus den Augen zu verlieren. Liest man -hastig und nervös und denkt dabei an Zeugnisse und Prüfungen, so wird -das Gehirn mit einer durcheinandergewürfelten Menge von Eindrücken -belastet, für die es wenig Verwendung besitzt. Gegenwärtig ist mein -Geist so sehr mit ganz heterogenen Dingen angefüllt, daß ich beinahe -daran verzweifle, je wieder Ordnung in ihm zu schaffen. So oft ich die -Gegend betrete, die einst das Reich meines Geistes war, so komme ich -mir vor, wie der Stier im Porzellanladen, wie das bekannte Sprichwort -sagt. Wie Hagelkörner sausen mir Tausende von winzigen Kleinigkeiten um -den Kopf, und wenn ich mich ihnen zu entziehen versuche, so verfolgen -mich Aufsatzgespenster und Vorlesungskobolde aller Art, bis ich wünsche --- o möge mir dieser verruchte Wunsch verziehen werden! -- die Idole -zerschmettern zu können, die anzubeten ich hierher kam. - -Aber die Prüfungen sind doch die Hauptschrecken meines Collegelebens. -Obgleich ich ihnen schon oft Auge in Auge gegenübergestanden, sie zu -Boden geschmettert und in den Staub getreten habe, so erheben sie sich -doch immer wieder von neuem und drohen mir bleichen Angesichts, bis ich -mich ganz mutlos fühle. Die Tage, die diesen hochnotpeinlichen Verhören -vorangehen, werden darauf verwandt, den Geist mit mystischen Formen und -unverdaulichen Daten -- unschmackhaftem Zeuge -- vollzustopfen, bis man -wünscht, daß Bücher, Wissenschaft und man selbst auf dem Grunde des -Meeres läge, wo es am tiefsten ist. - -Endlich naht die gefürchtete Stunde, und glücklich die, die sich -gerüstet fühlt, und zur rechten Zeit imstande ist, Gedanken, die ihr -in dieser höchsten Not von Nutzen sein können, zu ihrem Beistande -herbeizurufen. Es kommt nur zu häufig vor, daß der Trompetenstoß -ungehört verhallt. Es ist im höchsten Grade verwirrend und erbitternd, -daß gerade in dem Augenblick, in dem man sein Gedächtnis und einen -scharfen Unterscheidungssinn am nötigsten hat, diese beiden Dinge -Flügel erhalten und davonflattern. Die Kenntnisse, die man sich mit so -unendlicher Mühe angeeignet hat, lassen einem im Notfalle unfehlbar im -Stich. - -„Geben Sie mir einen kurzen Ueberblick über Huß und seine Bedeutung!“ --- Huß? Wer war denn das, und was hat er doch gleich getan? Der Name -klingt so seltsam vertraut. Man wühlt seinen Vorrat historischer -Kenntnisse um und um, genau so, als wollte man nach einem Stückchen -Seide in einem Lumpensack suchen. Man ist überzeugt, es steckt irgendwo -im Gedächtnisse ganz oben -- man weiß, man hat es erst ganz kürzlich -gesehen, als man den Beginn der Reformation betrachtete. Aber wo ist -es nun? Man fischt allerhand Wissensbrocken heraus -- Revolutionen, -Schismen, Niedermetzelungen, Regierungssysteme -- aber Huß, wo steckt -der? Man wundert sich über das, was man alles weiß, was aber jetzt -nicht in Frage kommt. In der Verzweiflung packt man seinen Sack und -schüttet ihn um, und dort in einem Winkel steckt der betreffende Mann -und brütet unbekümmert über seinen Privatgedanken, ohne eine Ahnung von -dem Unheil zu haben, das er über unsereinen gebracht hat. - -Gerade in diesem Augenblick aber kündigt der Examinator an, daß die -Frist um ist. Mit einem Gefühl des äußersten Ekels wirft man die Masse -Gerümpel in eine Ecke und geht nach Hause, den Kopf angefüllt mit -revolutionären Plänen, die die Abschaffung des göttlichen Rechtes der -Professoren bezwecken, Fragen ohne die Genehmigung der Befragten zu -stellen. - -Es mag sein, daß ich auf den letzten zwei bis drei Seiten dieses -Kapitels Redewendungen gebraucht habe, wegen deren man mich auslachen -wird. Ach ja, hier sind sie -- die hinkenden Gleichnisse, die sich vor -mich hinstellen und mich verhöhnen, indem sie auf den von Hagelkörnern -umwirbelten Stier im Porzellanladen und die Schreckensgespenster mit -bleichem Antlitz -- eine noch nicht analysierte Art -- hinweisen. -Laßt sie höhnen! Die Worte schildern so getreu die Atmosphäre sich -drängender und überstürzender Gedanken, in der ich lebe, daß ich sie -mir später noch einmal vergegenwärtigen möchte, um dann eine ernste -Miene anzunehmen und zu erklären, daß sich meine Ansichten über die -Universität geändert haben. - -Als mein Universitätsstudium noch im Schoße der Zukunft schlummerte, -war es von einem Strahlenkranze von Romantik umwoben, den es -jetzt eingebüßt hat; aber bei dem Uebergange von der Romantik zur -Wirklichkeit habe ich vieles gelernt, was mir nie zum Bewußtsein -gekommen sein würde, wenn ich dieses Experiment nicht unternommen -hätte. Das eine ist die köstliche Wissenschaft der Geduld, die -uns lehrt, daß wir unsere Bildung betreiben sollen, als wollten -wir einen Spaziergang auf das Land machen, in voller Muße und mit -Sinnen, die für die Eindrücke jeder Art ihre gastlichen Tore weit -geöffnet haben. Solches Wissen überströmt unser innerstes Wesen mit -einer unerschöpflichen Flutwoge tiefer Gedanken. Wissen ist Macht! -Besser ausgedrückt: Wissen ist Glückseligkeit, denn der Besitz von -Wissen -- umfassendem, tiefem Wissen -- ist gleichbedeutend mit der -Fähigkeit, wahre Zwecke von falschen und erhabene Dinge von niedrigen -zu unterscheiden. Die für den Fortschritt des Menschen entscheidenden -Gedanken und Taten kennen, heißt den gewaltigen Pulsschlag der -Menschheit über die Jahrhunderte hinweg fühlen, und wer in diesen -Schlägen nicht ein himmelwärts gerichtetes Streben wahrnimmt, der muß -in der Tat für die Harmonie des Lebens taub sein. - - - - -Einundzwanzigstes Kapitel. - - Bücherstudium. -- Rückblick. -- Bibliothek in Boston. -- Heißhunger - auf Bücher. -- »~Little Lord Fauntleroy~«. -- Lafontaines Fabeln. - -- Begeisterung für das griechische Altertum. -- Ilias. -- Aeneis. - -- Bibel. -- Shakespeare: Macbeth, König Lear. -- Geschichte. -- - Deutsche Literatur. -- Französische Literatur. -- Mark Twain. -- - Scott. - - -Bisher habe ich die Ereignisse meines Lebens kurz skizziert, aber noch -nicht davon gesprochen, wieviel ich den Büchern verdanke, nicht nur -hinsichtlich des Genusses und der Belehrung, die sie allen bringen, -die da lesen, sondern auch betreffs jener Kenntnisse, die andere durch -Vermittelung ihrer Augen und Ohren erhalten. In der Tat haben Bücher in -der Geschichte meiner Bildung eine soviel wesentlichere Rolle gespielt -als bei anderen, daß ich bis auf die Zeit zurückgreifen muß, da ich -lesen lernte. - -Meine erste zusammenhängende Geschichte las ich im Mai 1887, als ich -sieben Jahre alt war, und von jenem Tage an bis zum gegenwärtigen -Augenblicke habe ich alles, was in der Gestalt eines Hochdruckes in -den Bereich meiner heißhungrigen Fingerspitzen geriet, förmlich -verschlungen. Wie ich bereits erwähnt habe, erhielt ich während der -ersten Jahre meiner Erziehung keinen regelmäßigen Unterricht; auch las -ich nicht regelmäßig. - -Zuerst besaß ich nur wenig Bücher in Hochdruck -- »Fibeln« für -Anfänger, eine Sammlung von Kindergeschichten und ein geographisches -Buch, »~Our World~«. Ich denke, das war alles; aber ich las sie immer -und immer wieder, bis die Worte so abgenutzt und abgegriffen waren, -daß ich sie kaum noch erkennen konnte. Bisweilen las mir Fräulein -Sullivan vor, indem sie mir kleine Geschichten und Gedichte in die Hand -buchstabierte, von denen sie wußte, daß ich sie verstehen konnte; ich -zog es jedoch vor, für mich selbst zu lesen, weil ich es liebte, das, -was mir gefiel, immer und immer wieder zu lesen. - -Erst während meines ersten Besuches in Boston begann ich systematisch -und mit vollem Ernste zu lesen. Es war mir gestattet worden, an -jedem Tage eine bestimmte Zeit in der Bibliothek zu verweilen, -von Bücherbrett zu Bücherbrett zu gehen und mir jedes Buch -herunterzunehmen, auf das meine Finger stießen. Und ich las und las, ob -ich nun ein Wort von zehn oder zwei Wörter auf einer Seite verstand. -Die Wörter selbst übten eine Art von Zauber auf mich aus; aber ich -hatte kein bewußtes Verständnis für das, was ich las. Mein Geist -muß jedoch zu dieser Zeit sehr eindrucksfähig gewesen sein, denn er -behielt viele Wörter und ganze Sätze, von deren Bedeutung ich nicht die -mindeste Ahnung hatte, und als ich später zu sprechen und zu schreiben -begann, kamen mir diese Wörter und Sätze ganz von selbst wieder ins -Gedächtnis, sodaß sich meine Freunde über die Reichhaltigkeit meines -Wortschatzes wunderten. Ich muß Abschnitte aus vielen Büchern (in -jenen frühen Tagen habe ich, wie ich glaube, nie ein Buch vollständig -gelesen) und eine große Menge Gedichte auf jene unverstandene Art -gelesen haben, bis ich den »~Little Lord Fauntleroy~« entdeckte. Dies -war das erste zusammenhängende Buch, das ich mit Verständnis las. - -Eines Tages fand mich meine Lehrerin in einer Ecke der Bibliothek, wie -ich meine Finger über die Seiten von Hawthornes »~The Scarlet Letter~« -gleiten ließ. Ich war damals ungefähr acht Jahre alt. Ich erinnere -mich, daß sie mich fragte, ob mir little Pearl gefalle, und erklärte -mir einige Worte, die ich nicht verstanden hatte. Dann erzählte sie -mir, sie habe eine wunderhübsche Geschichte von einem kleinen Knaben, -die mir sicherlich besser gefallen würde als »~The Scarlet Letter~«. -Der Titel dieser Geschichte lautete »~Little Lord Fauntleroy~«, und -sie versprach es mir im nächsten Sommer vorzulesen. Aber wir begannen -mit dieser Lektüre erst im August; die ersten paar Wochen meines -Aufenthaltes an der Küste waren so voller Entdeckungen und Aufregungen, -daß ich darüber das Vorhandensein von Büchern ganz und gar vergaß. Dann -reiste meine Lehrerin nach Boston, um einige Freunde zu besuchen, und -ließ mich kurze Zeit allein. - -Nach ihrer Rückkehr war beinahe das erste, was wir taten, daß wir die -Geschichte von dem »kleinen Lord Fauntleroy« zu lesen begannen. Ich -erinnere mich noch deutlich der Zeit und des Platzes, wo wir die ersten -Kapitel dieser reizenden Kindergeschichte lasen. Es war ein warmer -Augustnachmittag. Wir saßen zusammen in einer Hängematte, die zwischen -zwei mächtigen Fichten in der Nähe unseres Hauses befestigt war. Wir -waren gleich nach dem zweiten Frühstück aufgebrochen, um möglichst -viel Zeit für die Geschichte zu haben. Als wir durch das hohe Gras zu -der Hängematte eilten, sprangen die Grillen in großer Menge um uns -herum und blieben an unseren Kleidern hängen, und ich entsinne mich, -daß meine Lehrerin darauf bestand, sie alle abzusammeln, ehe wir uns -hinsetzten, was mir jedoch als unnötiger Zeitverlust erschien. Die -Hängematte war mit Fichtennadeln bedeckt, denn sie war während der -Abwesenheit meiner Lehrerin nicht benutzt worden. Die Sonne schien warm -auf die Fichtennadeln, sodaß sie all ihren Wohlgeruch ausströmten. Die -Luft war erquickend und hatte etwas von der Seeluft an sich. Ehe wir -zu lesen begannen, erklärte mir Fräulein Sullivan alles, wovon sie -wußte, daß ich es nicht verstehen würde, und während des Lesens selbst -erklärte sie mir die unbekannten Wörter. Anfänglich waren es sehr -viele Wörter, die ich nicht verstand, und die Lektüre wurde beständig -unterbrochen; sobald ich aber die allgemeine Situation aufgefaßt hatte, -wurde ich von der Erzählung selbst zu stark in Anspruch genommen, -als daß ich auf einzelne Wörter geachtet hätte, und ich fürchte, ich -paßte sehr wenig auf die Erläuterungen auf, die Fräulein Sullivan für -nötig fand. Als ihre Finger zu müde waren, um noch ein weiteres Wort -zu buchstabieren, hatte ich zum erstenmal ein deutliches Empfinden -von meinem körperlichen Gebrechen. Ich nahm das Buch in meine Hände -und versuchte die Buchstaben mit einer Sehnlichkeit des Verlangens zu -fühlen, die ich nie werde vergessen können. - -Später übertrug Herr Anagnos auf mein inständiges Bitten die Erzählung -in die Blindenschrift, und ich las sie immer und immer wieder, bis -ich sie beinahe auswendig kannte, und während meiner Kinderzeit blieb -der »kleine Lord Fauntleroy« mein holder, lieber Begleiter. Ich habe -diese Einzelheiten mitgeteilt, selbst auf die Gefahr hin, langweilig -zu erscheinen, weil sie in so starkem Gegensatze zu meinen sonstigen -unbestimmten, schwankenden und verworrenen Erinnerungen an meine erste -Lektüre stehen.[10] - -Von »~Little Lord Fauntleroy~« datiert sich der Beginn meines -wirklichen Interesses an Büchern. Während der nächsten beiden Jahre -las ich viele Bücher zu Hause und bei meinen Besuchen in Boston. Ich -kann mich nicht auf alle entsinnen, auch nicht, in welcher Reihenfolge -ich sie gelesen habe; aber ich weiß, daß sich unter ihnen befanden -»Greek Heroes«, Lafontaines Fabeln, Hawthornes »~Wonder Book~«, »~Bible -Stories~«, Lambs »~Tales from Shakespeare~«, »~A Child’s History of -England~« von Dickens, »~The Arabian Nights~«, »~The Swiss Family -Robinson~«, »~The Pilgrim’s Progress~«, »~Robinson Crusoe~«, »~Little -Women~« und »~Heidi~«, eine hübsche kleine Geschichte, die ich später -deutsch las. Ich las sie in den Pausen zwischen Unterricht und Spiel, -mit einem sich immer mehr vertiefenden Verständnis. Ich studierte die -Bücher nicht, noch analysierte ich sie -- ich wußte nicht, ob sie gut -geschrieben waren oder nicht, ich dachte weder an ihren Stil noch an -ihre Verfasser. Sie legten mir ihre Schätze zu Füßen, und ich nahm -sie hin, wie wir den Sonnenschein und die Liebe unserer Angehörigen -hinnehmen. Die Erzählung »~Little Women~« gefiel mir sehr gut, weil sie -in mir das Gefühl der Verwandtschaft mit Mädchen und Knaben erweckte, -die sehen und hören konnten. Da mein Leben in so vielen Beziehungen -eingeengt war, mußte ich in Büchern nach der Kunde von einer Welt -suchen, die außerhalb meiner eigenen lag. - -Lafontaines Fabeln las ich zuerst in einer englischen Uebersetzung, -fand aber keinen rechten Geschmack an ihnen. Später las ich das Buch -französisch; es gefiel mir aber trotz der in ihm enthaltenen lebhaften -Schilderungen und der wunderbaren Beherrschung der Sprache nicht -besser. Ich weiß nicht, woher dies kommen mag, aber Geschichten, -in denen Tiere vorkommen, die wie menschliche Wesen sprechen und -handeln, haben mich niemals besonders angesprochen. Die possierlichen -Karikaturen der Tiere nehmen mein Interesse so in Anspruch, daß ich an -die moralische Lehre gar nicht zu denken vermag. - -Ferner wendet sich Lafontaine selten, wenn überhaupt, an unser höheres -moralisches Bewußtsein. Die höchsten Saiten, die er anschlägt, sind -die der Vernunft und des Egoismus. Alle seine Fabeln durchzieht der -Gedanke, daß die Sittlichkeit des Menschen ausschließlich aus dem -Egoismus entspringe und daß, wenn dieser letztere durch die Vernunft -geleitet und im Zaum gehalten werde, notwendig Glückseligkeit die Folge -sein müsse. Nun ist aber, soweit ich zu urteilen vermag, der Egoismus -die Wurzel alles Schlechten; ich habe aber natürlich vielleicht -unrecht, denn Lafontaine hatte bessere Gelegenheit, die Menschen zu -beobachten, als ich wahrscheinlich je haben werde. Ich wende mich -nicht sowohl gegen die cynischen und satirischen Fabeln, wie vielmehr -gegen diejenigen, in denen wichtige Wahrheiten von Füchsen und Affen -gepredigt werden. - -Wohl aber liebe ich »~The Jungle Book~« und »~Wild Animals I Have -Known~«. Für die Tiere selbst empfinde ich ein wahrhaftes Interesse, -weil sie wirkliche Tiere und keine Karikaturen von Menschen sind. Man -sympathisiert mit ihrer Liebe und ihrem Hasse, man lacht über ihre -Possen und weint über ihre Leiden. Und wenn sie eine moralische Lehre -verkünden, so ist diese so fein versteckt, daß wir uns ihrer gar nicht -bewußt werden. - -Mit Freude und Bewunderung erfüllte mich die Betrachtung des -klassischen Altertums. Griechenland, das alte Griechenland übte einen -geheimnisvollen Zauber auf mich aus. In meiner Phantasie wandelten -die heidnischen Götter und Göttinnen noch auf Erden und verkehrten -persönlich mit den Menschen, und in meinem Herzen baute ich denen, -die ich am meisten liebte, Altäre. Ich kannte und liebte die ganze -Schar der Nymphen und Helden und Halbgötter -- nein, nicht alle, denn -die Grausamkeit und Leidenschaftlichkeit Medeas und Jasons waren zu -ungeheuerlich, um vergeben werden zu können, und ich habe mich stets -gewundert, warum die Götter ihnen erst gestatteten, Böses zu tun, und -sie dann für ihre Verruchtheit bestraften. Und das Geheimnis ist noch -jetzt nicht gelöst. Ich wundere mich auch jetzt noch oft, warum - - Gott schweigen kann, da doch die Sünde - Kriecht grinsend durch das hehre Haus der Zeit. -- - -Es war die Ilias, die mir Griechenland zum Paradiese machte. Ich war -mit der Geschichte von Troja vertraut, ehe ich sie noch im Original -las, und stieß infolgedessen auf geringe Schwierigkeiten, als ich daran -ging, die Schätze, die in dem griechischen Text verborgen liegen, zu -heben, nachdem ich einmal die Vorhalle der Grammatik durchschritten -hatte. Wahre Poesie, mag sie in griechischer oder englischer -Sprache geschrieben sein, bedarf keines anderen Auslegers als eines -empfänglichen Herzens. Möchte doch die Menge der Philologen, die die -großen Werke der Dichter durch ihre Analyse, ihre Interpolationen -und mühsamen Kommentare ungenießbar machen, diese einfache Wahrheit -einsehen! Es ist nicht notwendig, daß man imstande sei, jedes Wort -zu erklären und ihm seine grammatische Stellung im Satze anzuweisen, -um ein schönes Gedicht zu verstehen und zu würdigen. Ich weiß, meine -gelehrten Professoren haben größere Reichtümer in der Ilias gefunden, -als ich je finden werde; ich bin aber nicht scheelsüchtig. Ich bins -zufrieden, daß andere klüger sind als ich. Aber all ihr umfassendes und -gründliches Wissen kann ebensowenig den Maßstab für ihren Genuß an dem -herrlichen Epos abgeben wie mein lückenhaftes Wissen für meinen Genuß. -Wenn ich die schönsten Stellen der Ilias lese, so werde ich mir einer -Seelenkraft bewußt, die mich weit über die engen, mich einzwängenden -Schranken meines Daseins hinaushebt. Meine physischen Gebrechen sind -vergessen -- meine Welt liegt droben, der ganze Himmel gehört mir, so -weit und hoch er sich wölbt. - -Meine Bewunderung für die Aeneis ist nicht so groß, aber nicht -weniger echt. Ich lese sie soviel wie möglich ohne die Hilfe von -Anmerkungen oder Wörterbuch und finde stets Genuß an der Uebersetzung -der Episoden, die mir besonders gefallen. Vergils Schilderungen sind -manchmal prachtvoll; aber seine Götter und Menschen bewegen sich in -Leidenschaft, Streit, Mitleid und Liebe wie die anmutigen Gestalten in -einem Maskenspiel aus der Zeit der Königin Elisabeth, während sie in -der Ilias jauchzend emporspringen und singend einhergehen. Vergil ist -heiter und lieblich wie ein marmorner Apollon im Mondschein; Homer ist -ein schöner, lebender Jüngling im vollen Sonnenschein, dessen Locken im -Winde flattern. - -Wie leicht ist es doch, mittels papierner Schwingen zu fliegen! -Zwischen den »Griechischen Helden« und der Ilias lag eine Strecke, die -ich nicht an einem Tage habe zurücklegen können; auch war die Reise -nicht allzu angenehm. Man hätte vielmal rund um die Erde reisen können, -während ich mir meinen steilen Pfad mühsam durch labyrinthische Massen -von Grammatiken und Wörterbüchern bahnte oder in jene furchtbaren -Fallgruben, Examina genannt, stürzte, die von Schulen und Universitäten -zum Verderben derer angelegt werden, die Erkenntnis suchen. Ich glaube, -diese Pilgerfahrt wird durch die Erreichung des Zieles gerechtfertigt; -allein sie erschien mir endlos trotz der schönen, überraschenden -Ausblicke, die ich dann und wann bei einer Biegung der Straße hatte. - -In der Bibel begann ich zu lesen, lange bevor ich sie verstehen konnte. -Jetzt erscheint es mir seltsam, daß es je eine Zeit gegeben haben -soll, in der meine Seele gegen die wunderbaren Harmonien der Bibel -taub war; aber ich entsinne mich noch ganz gut eines regnerischen -Sonntagvormittags, als ich nichts anderes zu tun hatte und daher -meine Cousine bat, mir eine Geschichte aus der Bibel vorzulesen. -Obgleich sie nicht glaubte, daß ich sie verstehen würde, begann -sie mir die Geschichte von Josef und seinen Brüdern in die Hand zu -buchstabieren. Aber sie interessierte mich nicht. Die ungewöhnliche -Sprache und die fortwährenden Wiederholungen ließen mir die Geschichte -als unglaubwürdig erscheinen, besonders da sie in dem weit entlegenen -Lande Kanaan spielte; ich schlief ein und wanderte in das Land der -Träume hinüber, ehe die Brüder mit dem bunten Rock in das Zelt Jakobs -kamen und ihre verruchten Lügen vorbrachten! Ich kann nicht begreifen, -aus welchem Grunde die Erzählungen der Griechen für mich so voller -Reiz und die der Bibel so interesselos gewesen waren, wenn dies nicht -vielleicht daher rührte, daß ich in Boston die Bekanntschaft mehrerer -Griechen gemacht hatte und durch deren Begeisterung für die Sagen -des Vaterlandes angesteckt worden war, während ich noch mit keinem -einzigen Hebräer oder Aegypter zusammengekommen war und daher zu der -Ueberzeugung gelangte, daß diese Völker nichts als Barbaren und die -Geschichten über sie alle wahrscheinlich erdichtet seien, eine Annahme, -die die vielen Wiederholungen und die sonderbaren Namen erklärte. -Seltsam, es war mir nie eingefallen, die griechischen Patronymika -»sonderbar« zu finden. - -Wie soll ich aber von den Herrlichkeiten sprechen, die ich seitdem in -der Bibel entdeckt habe? Jahrelang habe ich dieses Buch der Bücher -mit immer wachsendem Entzücken und begeistertem Genuß gelesen, und -ich liebe es, wie ich kein anderes Buch liebe. Es steht zwar vieles -in der Bibel, gegen das sich jede Faser meines Wesens so sehr empört, -daß ich die Notwendigkeit bedaure, die mich zwang, sie von Anfang bis -zu Ende zu lesen. Ich glaube nicht, daß die Kenntnis, die ich von der -Geschichte ihrer Entstehung und ihren Quellen gewonnen habe, mich -für die widerwärtigen Einzelheiten entschädigt, auf die ich meine -Aufmerksamkeit habe lenken müssen. Ich für meinen Teil wünsche mit -Herrn Howells, daß die Literatur der Vergangenheit von allem häßlichen -und barbarischen gesäubert werden möge, obgleich ich mich ebenso sehr -dagegen sträube, daß diese großen Werke verstümmelt oder verfälscht -werden. - -In der Schlichtheit und der furchtbaren Folgerichtigkeit des -Buches Esther liegt etwas Wirkungsvolles und Erhabenes. Kann etwas -dramatischer sein als die Szene, in der Esther vor ihrem schändlichen -Herrn steht? Sie weiß, ihr Leben liegt in seiner Hand, es gibt keinen -Schutz für sie gegen seine Gewalttätigkeit. Und doch bezwingt sie ihre -weibliche Furcht und nähert sich ihm, beseelt von der edelsten Liebe zu -ihrem Volke und nur von dem einen Gedanken beherrscht: Wenn ich sterbe, -so sterbe ich; wenn ich aber am Leben bleibe, so soll mein Volk auch am -Leben bleiben. - -Auch die Geschichte von Ruth -- wie echt orientalisch ist sie! Und -doch wie verschieden ist das Leben dieser einfachen Landleute von dem -Leben und Treiben am Hofe des Perserkönigs! Ruth ist so pflichtgetreu -und gutherzig, daß wir sie notgedrungen lieben müssen, wie sie unter -den Schnittern in dem wogenden Kornfelde steht. Ihre edle, selbstlose -Gesinnung glänzt hell wie ein strahlender Stern in der Nacht einer -finsteren und grausamen Zeit. Eine Liebe wie die Ruths, eine Liebe, -die sich über feindliche Glaubenssatzungen und tiefgewurzelte -Rassenvorurteile hinwegzusetzen vermag, ist in der ganzen Welt selten -zu finden. - -Die Bibel predigt mir den tiefen, tröstlichen Gedanken, daß die -„sichtbaren Dinge zeitlich, die unsichtbaren ewig sind“. - -Seitdem ich Bücher zu lieben imstande bin, kann ich mich keines -Zeitpunktes entsinnen, in dem ich Shakespeare nicht geliebt hätte. Ich -kann nicht genau angeben, wann ich Lambs »~Tales from Shakespeare~« -zu lesen begann; ich weiß nur, daß ich sie zuerst mit kindlichem -Verständnis und kindlichem Staunen las. »Macbeth« scheint auf mich den -tiefsten Eindruck gemacht zu haben. Ein einmaliges Lesen genügte, jede -Einzelheit der Erzählung meinem Gedächtnisse für immer einzuprägen. -Lange Zeit hindurch verfolgten mich die Geister und Hexen sogar bis in -meine Träume. Ich konnte den Dolch und Lady Macbeths kleine weiße Hand -sehen, buchstäblich sehen -- der furchtbare Fleck stand so leibhaft vor -meinem inneren Auge, wie die von ihrem Gewissen gefolterte Königin. - -»König Lear« las ich kurze Zeit nach »Macbeth«, und ich werde nie das -Grauen vergessen, das mich befiel, als ich zu der Szene kam, in der -Gloster die Augen ausgestochen werden. Zorn erfaßte mich, meine Finger -wollten nicht weiter, ich saß lange Zeit starr da, das Blut hämmerte -in meinen Schläfen, und aller Haß, dessen ein Kind fähig ist, stieg in -meinem Herzen auf. - -Die Bekanntschaft mit Shylock und Satan muß ich ungefähr um dieselbe -Zeit gemacht haben, denn die beiden Charaktere waren lange in meinem -Geiste miteinander verbunden. Ich erinnere mich, daß sie mir leid -taten. Ich hatte die unbestimmte Empfindung, daß sie nicht gut sein -konnten, selbst wenn sie gewollt hätten, weil niemand bereit schien, -ihnen zu helfen oder Gelegenheit zu bieten, ihre Güte zu betätigen. -Selbst jetzt kann ich es nicht über mein Herz bringen, sie gänzlich zu -verurteilen. Es gibt Augenblicke, in denen ich die Empfindung habe, -Männer wie Shylock, wie Judas und selbst der Teufel seien zerbrochene -Speichen in dem großen Rade des Guten, die der Meister zu gehöriger -Zeit schon wieder ausbessern wird. - -Es erscheint seltsam, daß meine erste Shakespeare-Lektüre so viele -unangenehme Erinnerungen bei mir hinterlassen hat. Die heiteren, -anmutigen, phantasievollen Stücke scheinen anfangs keinen Eindruck -auf mich gemacht zu haben, vielleicht weil sie den Sonnenschein und -die Heiterkeit, die in der Regel über dem Leben eines Kindes lagern, -wiederspiegeln. Aber nichts ist launenhafter als das Gedächtnis eines -Kindes betreffs dessen, was es behalten und was es nicht behalten will. - -Seitdem habe ich Shakespeares Stücke zu wiederholtenmalen gelesen -und kenne Stellen aus ihnen auswendig, aber ich kann nicht angeben, -welches von ihnen mir am besten gefällt. Mein Genuß an ihnen wechselt -mit meiner Stimmung. Die kleinen Liedchen und die Sonette schätze ich -in ihrer wunderbaren Frische ebenso hoch wie die Dramen. Aber bei -all meiner Liebe für Shakespeare fällt mir es oft schwer, aus seinen -Versen alle Bedeutungen herauszulesen, die Kritiker und Erklärer ihnen -untergeschoben haben. Ich habe den Versuch gemacht, ihre Erläuterungen -zu behalten, aber ich habe bald entmutigt davon Abstand genommen, und -einen heimlichen Vertrag mit mir selbst geschlossen, keinen weiteren -Versuch zu unternehmen. Diesen Vertrag habe ich nur einmal gebrochen, -und zwar bei meinem Studium Shakespeares unter Leitung Professor -Kittredges. Ich weiß, es gibt viele Dinge in Shakespeare und in der -Welt, die ich nicht verstehe, und ich bin froh, zu sehen, wie sich -allmählich Schleier nach Schleier lüftet und mir neue Reiche des -Gedankens und der Schönheit enthüllt. - -Nächst der Poesie liebe ich Geschichte. Ich habe jedes historische Werk -gelesen, auf das ich meine Hände habe legen können, von der Aufzählung -trockener Tatsachen und noch trockenerer Daten bis hin zu Greens -unparteiischer und glänzend geschriebener »~History of the English -People~«; von Freemans »~History of Europe~« bis zu Emertons »~Middle -Ages~«. Das erste Buch, durch das ich einen richtigen Begriff von dem -Werte der Geschichte erhielt, war Swintons »~World’s History~«, die -ich an meinem dreizehnten Geburtstage erhielt. Obgleich ich glaube, -daß das Werk gegenwärtig als veraltet angesehen wird, betrachte ich -es doch immer noch als einen wertvollen Schatz. Aus ihm habe ich -gelernt, wie sich die Menschenrassen über die Erde verbreitet und große -Städte erbaut haben, wie einige große Herrscher, irdische Titanen, -alles unterworfen und durch ein einziges Wort Millionen den Zugang zum -Glücke geöffnet, aber vor noch mehr Millionen denselben verschlossen -haben, wie verschiedene Völker in Kunst und Wissenschaft Pionierdienste -geleistet und den Grund zu den bedeutenderen Leistungen künftiger -Zeiten gelegt haben, wie die Kultur gleichsam zum Brandopfer eines -entarteten Geschlechtes wurde und einem Phönix gleich unter den edleren -Söhnen des Nordens wieder erstand und wie große, weise Männer durch -Pflege der Freiheit, Duldung und Bildung den Weg für die Erlösung der -ganzen Welt gebahnt haben. - -Durch die Universitätsvorlesungen wurde ich auch einigermaßen mit der -französischen und deutschen Literatur bekannt. Der Deutsche zieht -sowohl im Leben wie in der Literatur Kraft der Schönheit und Wahrheit -dem Herkommen vor. Es liegt eine Stärke in allem, was er tut, die mit -der Gewalt eines Schmiedehammers wirkt. Wenn er spricht, so geschieht -es nicht, um andere zu überzeugen, sondern weil sein Herz springen -würde, wenn er den Gedanken, die in seiner Seele brennen, keinen Ausweg -eröffnete. - -Ferner liegt in der deutschen Literatur eine keusche Zurückhaltung, die -mir sympathisch ist; ihr größter Ruhm aber besteht meines Erachtens in -der Anerkennung der erlösenden Macht der selbstaufopfernden Liebe des -Weibes, die sich in ihr findet. Dieser Gedanke durchdringt die gesamte -deutsche Literatur und findet in mystischer Weise seinen Ausdruck in -Goethes »Faust«: - - Alles Vergängliche - Ist nur ein Gleichnis; - Das Unzulängliche, - Hier wird’s Ereignis; - Das Unbeschreibliche, - Hier ist’s getan; - Das Ewig-Weibliche - Zieht uns hinan.[11] - -Von allen französischen Schriftstellern, die ich gelesen habe, sagen -mir Molière und Racine am meisten zu. Bei Balzac finden sich einzelne -Schönheiten und bei Merimée Stellen, die wie ein frischer Windstoß -von der See her wirken. Alfred de Musset ist unmöglich. Ich bewundere -Victor Hugo -- ich schätze sein Genie, seine glänzende Sprache, seine -Romantik; trotzdem gehört er nicht zu meinen Lieblingsschriftstellern. -Goethe und Schiller, überhaupt alle großen Dichter großer Völker sind -Verkünder ewiger Wahrheiten, und mein Geist folgt ihnen verehrungsvoll -in die Regionen, wo das Schöne, Wahre, Gute eins sind. - -Ich fürchte, ich bin in der Aufzählung meiner Lieblingsbücher zu -ausführlich geworden, und doch habe ich nur die Schriftsteller erwähnt, -die mir am besten gefallen; dabei könnte man leicht auf die Vermutung -kommen, daß mein Freundeskreis sehr engbegrenzt und undemokratisch sei, -und doch wäre dies ein gewaltiger Irrtum. Ich habe viele Schriftsteller -aus mancherlei Gründen gern, -- Carlyle wegen seiner Rauheit und -seiner Verhöhnung alles falschen Wesens, Wordsworth, der die Einheit -von Mensch und Natur lehrt; ich finde einen hohen Genuß an den -Seltsamkeiten und Abenteuerlichkeiten Hoods, an Herricks Zierlichkeit -und dem Duft von Rosen und Lilien, den seine Verse ausströmen; ich -liebe Whittier wegen seiner Begeisterung und sittlichen Geradheit. -Ich kenne ihn persönlich, und die Erinnerung an unsere Freundschaft -verdoppelt den Genuß, den ich beim Lesen seiner Gedichte empfinde. -Ich liebe Mark Twain -- wer tut dies nicht? Auch die Götter haben ihn -geliebt und in sein Herz alle Keime der Weisheit gepflanzt, auch aus -Furcht, er könne Pessimist werden, über seinen Geist den Regenbogen -der Liebe und des Glaubens gespannt. Ich liebe Scott wegen seiner -Frische, und seiner stürmisch sich Bahn brechenden Rechtlichkeit. Ich -liebe alle Schriftsteller, deren Empfindungen wie bei Lowell in dem -Sonnenschein des Optimismus emporquellen, Jungbrunnen der Freude und -des guten Willens, die gelegentlich auch einen Zornesspritzer von sich -geben und eine erquickende Atmosphäre von Liebe und Erbarmen um sich -her verbreiten. - -Mit einem Worte, die Literatur ist mein Utopien. Hier bin ich von -keinem Rechte ausgeschlossen. Keine Sinnesschranke schließt mich von -dem wohltuenden, genußreichen Verkehr mit meinen Lieblingsbüchern aus; -sie sprechen frei und unbehindert zu mir. Alle Schulweisheit erscheint -mir lächerlich gering gegenüber der „weltumspannenden Liebe und -himmlischen Barmherzigkeit“, die sich in ihnen ausspricht. - - [10] Vergl. S. 67, 154. - - [11] Im Original sind die Goetheschen Verse in einer, nebenbei - bemerkt mittelmäßigen, englischen Uebersetzung wiedergegeben - und lauten hier: - - “~All things transitory - But as symbols are sent. - Earth’s insufficiency - Here grows to event. - The indescribable - Here it is done. - The Woman-Soul leadeth us - Upward and on!~” - - - - -Zweiundzwanzigstes Kapitel. - - Liebe zur Natur. -- Körperliche Uebungen. -- Rudern. -- Segeln. - -- Halifax. -- Regatta. -- Sturm. -- Aufenthalt in Wrentham. -- - Weltbegebenheiten. -- Krieg mit Spanien. -- Soziale Kämpfe. -- - Unterschied zwischen Stadt und Land. -- Soziales Mitgefühl. -- - Spaziergänge. -- Radfahren. -- Liebe zu Hunden. -- Dame- und - Schachspiel. -- Liebe zu Kindern. -- Museen und Kunstsammlungen. -- - Theaterbesuch. -- Zeitweiliges Gefühl der Vereinsamung. - - -Ich hoffe, meine Leser werden aus dem vorhergehenden Kapitel, das -sich mit meiner Lektüre beschäftigt, nicht etwa die Folgerung ziehen, -daß Bücher meine einzige Unterhaltung bilden; meine Unterhaltung und -Erholung sind sehr mannigfaltiger Art. - -Mehr als einmal habe ich in dem Verlauf meiner Selbstbiographie meine -Liebe zur Natur und zu körperlichen Uebungen im Freien erwähnt. Schon -als ich ein ganz kleines Mädchen war, lernte ich rudern und schwimmen, -und wenn ich mich im Sommer in Wrentham in Massachusetts aufhalte, so -verbringe ich den größten Teil meiner Zeit im Boote. Nichts gewährt -mir größeres Vergnügen, als meine Freunde, die mich besuchen, auf -den Fluß hinauszurudern. Selbstverständlich kann ich das Boot nicht -gut allein leiten. In der Regel sitzt jemand am Steuer und lenkt es, -während ich rudere. Bisweilen rudere ich jedoch auch ohne Steuer. Es -ist ganz amüsant, an den Wasserrosen und Wasserlilien oder an den -Büschen, die das Ufer umsäumen, entlangzufahren. Ich benutze Ruder mit -Lederstrippen, durch die sie in ihrer Lage in den Dollen festgehalten -werden, und merke an dem Widerstande des Wassers, wann sich die -Ruder im Gleichgewichte befinden. In derselben Weise kann ich auch -erkennen, wann ich gegen den Strom rudere. Ich liebe den Kampf mit -Wind und Wellen. Was wirkt erfrischender auf unser Gemüt, als wenn -unser kleines festes Boot, unserem Willen und unserer Muskelkraft -gehorchend, leicht über die glitzernden, auf und nieder tanzenden -Wellen dahinschießt und wir das beständige, unwiderstehliche Anbranden -des Wassers spüren! - -Ebenso liebe ich das Canoefahren, und ich glaube, der Leser wird -lächeln, wenn ich erkläre, daß ich es namentlich in mondhellen Nächten -liebe. Zwar kann ich den Mond nicht hinter den Fichten am Himmel -emporsteigen und leise an der klaren Wölbung dahingleiten sehen und -auch nicht den leuchtenden Pfad, den sein Licht in dem Wasser bildet; -aber ich weiß es, Frau Luna ist da, und wenn ich auf meine Kissen -zurückgelehnt liege und meine Hand ins Wasser halte, so stelle ich -mir vor, sie berühre mich im Vorüberschreiten mit dem Saum ihres -Gewandes. Bisweilen schlüpft mir ein kühnes Fischlein zwischen den -Fingern hindurch, und oft streift eine Wasserlilie leise meine Hand. -Häufig werde ich mir der Weite des mich umgebenden Luftraumes bewußt, -wenn wir unter der Wölbung überhängender Büsche herauskommen. Eine -leuchtende Wärme scheint mich dann zu umfluten. Ob dies von den Bäumen -herrührt, die von der Sonne erwärmt wurden, oder vom Wasser, kann ich -nicht sagen. Ich habe es an kalten, stürmischen Tagen und in der Nacht -gespürt. Es ist wie der Kuß von warmen Lippen auf mein Gesicht. - -Mein Lieblingsvergnügen ist das Segeln. Im Sommer 1901 besuchte ich -Neuschottland und hatte dort mehrmals Gelegenheit, den Ozean kennen zu -lernen, wie ich sie noch nie zuvor gehabt hatte. Nachdem ich einige -Tage in der Heimat Evangelines zugebracht hatte, um die Longfellows -schönes Gedicht einen berückenden Zauber gewoben hat, gingen Fräulein -Sullivan und ich nach Halifax, wo wir den größten Teil des Sommers -über blieben. Der Hafen war unsere Freude, unser Paradies! Was für -herrliche Segelfahrten unternahmen wir nach Bedford Basin, Mc. Nabbs -Island, York Redoubt und nach dem Northwest Arm! Und nachts, was -verbrachten wir da für erquickende, wunderbare Stunden zwischen den -großen Kriegsschiffen! O, es war alles so interessant, so schön! Die -Erinnerung daran ist mir eine Freude für immer. - -Eines Tages erlebten wir ein schreckliches Abenteuer. Es fand eine -Regatta im Northwest Arm statt, an der die Boote der verschiedenen -Kriegsschiffe teilnahmen. Wir fuhren mit vielen anderen in einem -Segelboot hin, um uns die Wettfahrten mit anzusehen. Hunderte von -kleinen Segelbooten schaukelten auf und nieder, und die See war -still. Als die Wettfahrten vorüber waren und wir uns auf den Heimweg -machten, entdeckte jemand von der Gesellschaft eine schwarze Wolke, -die sich von der See aus näherte und immer größer und dichter wurde, -bis sie den ganzen Himmel bedeckte. Der Wind erhob sich, und die Wogen -brandeten zornig gegen unsichtbare Schranken an. Unser kleines Boot -nahm furchtlos den Kampf auf; mit gespannten Segeln und straffen Tauen -schoß es pfeilschnell vor dem Winde dahin. Jetzt verschwand es in -den Wirbeln, jetzt tanzte es auf dem Kamme einer riesigen Woge, aber -nur, um im nächsten Augenblicke unter furchtbarem Brausen und Zischen -wieder in die Tiefe zu schießen. Das Hauptsegel wurde heruntergerissen. -Wendend und beidrehend kämpften wir gegen den Wind an, der uns mit -fürchterlichem Ungestüm von einer Seite zur anderen warf. Unsere -Herzen pochten rascher, und unsere Hände bebten vor Aufregung, nicht -vor Furcht; denn wir besaßen die Herzen von Wikingern und wußten, daß -unser Steuermann Herr der Situation blieb. Er war durch manchen Sturm -mit sicherer Hand und seekundigem Auge gesegelt. Als wir an der großen -Barke und den im Hafen liegenden Kanonenbooten vorüberkamen, wurden wir -stürmisch begrüßt, und die Matrosen brachten dem Lenker des einzigen -kleinen Bootes, das sich in den Sturm hinausgewagt hatte, ein »Hipp, -hipp, Hurra« aus. Endlich erreichten wir frierend, hungrig und müde die -Landungsbrücke. - -Den vergangenen Sommer brachte ich in einem der anmutigsten Winkel -der Erde, einer der reizendsten Städte Neuenglands zu. Wrentham -in Massachusetts steht beinah zu all meinen Freuden und Leiden in -Beziehung. Viele Jahre lang war Red Farm, in der Nähe von King Philips -Pond, das Besitztum von Herrn I. E. Chamberlin und seiner Familie, -meine Heimat. Ich gedenke mit der tiefsten Dankbarkeit der Güte dieser -meiner lieben Freunde und der glücklichen Tage, die ich bei ihnen -verlebt habe. Die liebenswürdige Gesellschaft ihrer Kinder war mir -unendlich wert. Ich nahm an allen ihren Spielen, ihren Spaziergängen -durch die Wälder und ihren Lustfahrten auf dem Wasser teil. Das -Geplauder der Kleinen und ihr Wohlgefallen an den Geschichten, die -ich ihnen von Elfen und Gnomen, von dem Helden und dem schlauen Bär -erzählte, sind angenehme Erinnerungen für mich. Herr Chamberlin weihte -mich in die Geheimnisse der Bäume und der wild wachsenden Blumen ein, -bis ich mit dem leisen Ohr der Liebe das Emporsteigen des Saftes in der -Eiche vernahm und die Sonnenstrahlen von Blatt zu Blatt huschen sah. - - Gleichwie die Wurzeln in der dunklen Tiefe - Doch Anteil nehmen an des Wipfels Freuden, - Den Sonnenschein, die milde Luft empfanden - Vermöge der Alliebe der Natur --, - -so besitze ich auch eine Anschauung von Dingen, die ich nicht sehen -kann. - -Es scheint mir, als liege in jedem von uns die Fähigkeit, die Eindrücke -und Empfindungen zu verstehen, die das Menschengeschlecht von Anfang -an gehabt hat. Jedes Individuum besitzt eine unter der Schwelle -des Bewußtseins verborgene Erinnerung an die grünende Erde und die -murmelnden Gewässer, und weder Blindheit noch Taubheit kann es dieser -von vergangenen Generationen her überkommenen Gabe berauben. Diese -ererbte Fähigkeit ist eine Art sechsten Sinnes -- ein Seelensinn, der -zugleich sieht, hört, fühlt. - -Ich habe viele Freunde unter den Bäumen in Wrentham. Einer von ihnen, -eine herrliche Eiche, ist der besondere Stolz meines Herzens. Ich -bringe alle meine übrigen Freunde zu dieser Königin des Waldes hin. Sie -steht auf einer Anhöhe bei King Philips Pond, und diejenigen, die in -der Baumkunde bewandert sind, behaupten, sie habe hier achthundert bis -tausend Jahre gestanden. Nach einer Ueberlieferung warf unter diesem -Baume König Philipp, der heldenhafte Indianerhäuptling, seinen letzten -Blick auf Himmel und Erde. - -Ich hatte auch noch eine andere Baumfreundin, liebenswürdig und nicht -so unnahbar wie die große Eiche -- eine Linde, die an dem Hoftore -von Red Farm wuchs. Eines Nachmittages, während eines furchtbaren -Gewitters, spürte ich einen heftigen Krach gegen die Wand des Hauses -und wußte, noch ehe es mir jemand sagte, daß die Linde gefallen sei. -Wir gingen hinaus, um uns den Heldenbaum anzusehen, der sovielen -Stürmen widerstanden hatte, und mein Herz blutete, als ich ihn, der -so machtvoll gestritten hatte und jetzt so machtvoll gefallen war, am -Boden hingestreckt erblickte. - -Ich darf jedoch nicht vergessen, daß ich von meinen Erlebnissen im -letzten Sommer erzählen will. Sobald meine Examina vorüber waren, -eilten Fräulein Sullivan und ich nach diesem grünen Winkel, wo wir -ein kleines Landhaus an einem von den drei Seen besitzen, wegen deren -Wrentham berühmt ist. Hier gehörten die langen, sonnigen Tage mir, und -jeder Gedanke an Arbeit, College und die lärmende Stadt wurde in den -Hintergrund gedrängt. In Wrentham vernahmen wir ein Echo von dem, was -in der Welt vorging -- Krieg, Bündnis, sozialer Kampf. Wir hörten von -den blutigen, unnötigen Seeschlachten in dem weitabgelegenen Stillen -Ozean und erfuhren von den Kämpfen zwischen Kapital und Arbeit. Wir -wußten, daß jenseits der Grenzen unseres Edens die Menschen im Schweiße -ihres Angesichts Geschichte machten, während sie doch besser getan -hätten, sich einen Feiertag zu gönnen. Aber wir kümmerten uns wenig um -diese Dinge. Sie würden vorübergehen; hier lagen Seen und Wälder, weite -mit Tausendschönchen übersäte Felder und süß duftende Wiesen, und diese -werden in aller Zukunft fortbestehen. - -Leute, die der Meinung sind, daß uns alle sinnlichen Eindrücke durch -Auge und Ohr zugehen, haben sich gewundert, daß ich, vielleicht -abgesehen von dem Fehlen des Pflasters, einen Unterschied zwischen den -Straßen der Stadt und den Wegen auf dem Lande bemerke. Sie vergessen, -daß mein ganzer Körper auf die mich umgebenden Verhältnisse reagiert. -Das Getöse und der Lärm der Stadt peitscht meine Gesichtsnerven; -ich fühle das rastlose Auf- und Niederwogen einer ungesehenen -Menschenmenge, und das mißtönende Treiben macht einen peinlichen -Eindruck auf mich. Das Rollen der schweren Wagen auf dem harten -Pflaster und das eintönige Klappern der Maschinen sind um so marternder -für die Nerven, wenn jemandes Aufmerksamkeit nicht durch die bunten, -wechselnden Bilder abgelenkt wird, die sich sehenden Menschen in den -geräuschvollen Straßen auf Schritt und Tritt darbieten. - -Auf dem Lande dagegen erblickt man nur die Schönheiten der Natur, -und die Seele wird nicht traurig gestimmt durch den erbarmungslosen -Kampf um das bloße Dasein, der in der dichtbevölkerten Stadt wütet. Zu -verschiedenenmalen habe ich die engen, schmutzigen Straßen besucht, -in denen die armen Leute wohnen, und heißer Zorn und Entrüstung -steigen in mir auf bei dem Gedanken, daß gute Menschen es über sich -gewinnen können, in prächtigen Häusern zu wohnen und gesund und -stark zu sein, während andere dazu verurteilt sind, in häßlichen, -sonnenlosen Behausungen zu weilen und in Armseligkeit zu verkümmern. -Die Kinder, die sich auf diesen schmutzigen Straßen halbnackt und -abgemagert umhertreiben, schrecken vor jeder ausgestreckten Hand -zurück, als sollten sie einen Schlag bekommen. Ich kann die Erinnerung -an die lieben kleinen Geschöpfe nicht loswerden, und empfinde einen -fortwährenden nagenden Schmerz dabei. Auch Männer und Frauen gibt -es, die alle an Körper und Geist verkrüppelt und zurückgeblieben -sind. Ich habe ihre harten, rauhen Hände in den meinigen gehalten und -begriffen, was für ein endloses Ringen ihr Leben sein muß -- nichts -weiter als eine Kette nutzloser Versuche, emporzukommen. Ihr Dasein -scheint ein ungeheures Mißverhältnis zwischen Anstrengung und Erfolg -zu sein. Sonne und Luft sind Gottes freies Geschenk an jedermann; sind -sie dies aber in der Tat? In die schmutzigen Straßen der Stadt drüben -dringt kein Sonnenstrahl, und die Luft ist verdorben. O Mensch, wie -kannst du deinen Bruder vergessen, ihm hindernd in den Weg treten und -dabei beten: „Unser täglich Brot gib uns heute“, wenn er keins hat. O -wollten doch jene Menschen die Stadt, deren Glanz und geräuschvolles -Treiben, ihr Gold verlassen und zu Wald und Feld, zu einer schlichten, -ehrenhaften Lebensweise zurückkehren! Dann würden ihre Kinder kräftig -wie edle Bäume werden und ihre Gedanken friedlich und lauter wie die -Blumen am Wegesrain. Es ist mir unmöglich, diese Gedanken zu verbannen, -wenn ich nach einem arbeitsreichen Jahre in der Stadt auf das Land -zurückkehre. - -Was für eine Freude ist es für mich, den weichen, elastischen Boden -wieder unter meinen Füßen zu fühlen, auf grasbewachsenen Wegen zu -Bächen zu wandern, deren Ufer mit Farnkraut bedeckt sind und in deren -sich kräuselnden Wellen ich meine Hände kühlen kann, oder über ein -Steinmäuerchen zu klettern und mich auf grünen Wiesen in ausgelassener -Fröhlichkeit umherzutummeln, mich auf dem Boden zu wälzen und die -Abhänge emporzuklimmen. - -Nächst einem behaglichen Spaziergange kommt als ein Hauptvergnügen für -mich ein Ausflug auf meinem Tandem in Betracht. Es ist ein herrliches -Gefühl, wenn mir der Wind ins Gesicht weht und ich die elastische -Bewegung meines Stahlrosses empfinde. Das rasche Durchschneiden der -Luft gewährt mir ein köstliches Gefühl der Kraft und des Schwunges, und -bei der Anstrengung hüpfen meine Pulse und jubelt mein Herz. - -Wenn irgend möglich, begleitet mich mein Hund auf meinen Ausflügen zu -Fuß, Rad, Pferd oder Boot. Ich habe viele Freunde unter den Hunden -gehabt -- riesige Bullenbeißer, sanfte Wachtelhündchen, Jagdhunde und -ehrbare, zutrauliche Bull Terriers. Augenblicklich besitzt einer von -diesen letzteren die ganze Zuneigung meines Herzens. Er hat einen -langen Stammbaum, ein geringeltes Schwänzchen und das drolligste -Gesicht von der Welt. Meine Hundefreunde scheinen Kenntnis von meinen -Gebrechen zu haben und halten sich stets dicht an meiner Seite, wenn -ich allein bin. Ich liebe ihre Zärtlichkeiten und das beredte Wedeln -ihres Schweifes. - -Hält mich ein regnerischer Tag im Zimmer gefangen, so vertreibe ich -mir die Zeit wie andere Mädchen. Ich stricke und häkele gern; ich lese -aufs Geratewohl, wie ich es liebe, hier eine Zeile und dort eine oder -spiele vielleicht mit einem Freunde eine oder zwei Partien Dame oder -Schach. Ich habe ein besonderes Brett, auf dem ich diese Spiele spiele. -Die Felder sind vertieft, sodaß die Figuren in ihnen feststehen. Die -schwarzen Damensteine sind flach und die weißen oben gewölbt. Jeder -Stein hat in der Mitte eine Vertiefung, in der ein Metallknopf zur -Unterscheidung der Dame von den übrigen Steinen befestigt werden kann. -Die Schachfiguren sind von zweierlei Größe, die weißen größer als die -schwarzen, sodaß ich keine Mühe habe, die Operationen meines Gegners zu -verfolgen, indem ich nach jedem Zuge meine Hände leicht über das Brett -gleiten lasse. Das bei dem Bewegen der Figuren von einem Felde zum -anderen entstehende Geräusch zeigt mir an, wann die Reihe an mir ist. - -Bin ich zufällig ganz allein und in schlechter Laune, so lege ich -mir eine Patience -- ein Spiel, das ich sehr liebe. Ich benutze dazu -Spielkarten, die rechts oben mit Braillezeichen versehen sind, die den -Wert der Karte angeben. - -Sind Kinder in meiner Nähe, so weiß ich kein größeres Vergnügen, als -mit ihnen herumzutollen. Selbst das kleinste Kind gibt für mich einen -ausgezeichneten Gesellschafter ab, und ich freue mich, sagen zu können, -daß die Kinder mich in der Regel gern haben. Sie führen mich herum -und zeigen mir die Dinge, die für sie von Interesse sind. Natürlich -können die Kleinen noch nicht mit ihren Fingern buchstabieren, aber -ich versuche, ihnen die Worte von den Lippen abzulesen. Wenn es mir -nicht gelingt, so nehmen sie ihre Zuflucht zu Gestikulationen. Mitunter -mißverstehe ich sie und tue etwas Verkehrtes. Dann brechen sie über -mein Versehen in kindliches Gelächter aus, und die Pantomime beginnt -von neuem. Ich erzähle ihnen oft Geschichten oder lehre sie ein Spiel, -und die Stunden enteilen uns im Fluge und hinterlassen uns frohe und -heitere Erinnerungen. - -Auch Museen und Kunstsammlungen sind für mich eine Quelle des Genusses -und der Begeisterung. Ohne Zweifel wird es manchem seltsam erscheinen, -daß die Hand ohne Unterstützung durch das Gesicht in dem kalten Marmor -Handlung, Empfindung, Schönheit soll wahrnehmen können; und doch habe -ich in der Tat hohen Genuß bei der Berührung großer Kunstwerke. Wenn -meine Fingerspitzen die Linien und die schwellenden Formen verfolgen, -so finden die die Idee und die Empfindung heraus, die der Künstler -dargestellt hat. Ich kann in den Zügen der Götter und Heroen Haß, Mut -und Liebe wahrnehmen, genau so, wie ich diese Gemütsbewegungen bei -lebenden Personen erkennen kann, wenn ich deren Gesicht berühren darf. -Ich fühle aus der Haltung der Diana die Anmut, die Waldesfreiheit -und den Geist heraus, der den Berglöwen zähmt und die wildesten -Leidenschaften unterjocht. Meine Seele ergötzt sich an der Ruhe und den -anmutigen Wellenlinien einer Venus, und in Barrés Bronzen enthüllen -sich mir die Geheimnisse des Dschungels. - -Ein Medaillon Homers hängt in meinem Studierzimmer an der Wand, in -passender Höhe, sodaß ich es leicht erreichen und mit liebender -Verehrung das schöne, traurige Antlitz berühren kann. Wie gut ich jede -Linie auf dieser hoheitsvollen Stirn kenne -- Furchen, die das Leben -und die bitteren Erfahrungen des Kampfes und des Schmerzes gezogen -haben, diese blinden Augen, die selbst in dem toten Gips das Licht und -den blauen Himmel seines geliebten Hellas suchen und vergebens suchen, -diesen schönen festen, aufrichtigen, liebevollen Mund! Es ist das -Antlitz eines Dichters und eines Mannes, der mit dem Schmerz vertraut -ist. Ach, wie gut ich dieses Gebrechen verstehe, das ewige Dunkel, in -dem er weilte -- - - O Nacht, Nacht, Nacht beim hellen Glanz des Mittags. - O Nacht, unwiderruflich, Finsternis - Jedweder Hoffnung bar, den Tag zu schau’n! - -In meiner Phantasie kann ich hören, wie Homer singend sich mit -unsicheren, langsamen Schritten seinen Weg von Lager zu Lager tastet --- singend von Leben, von Liebe, von Krieg, von den Heldentaten eines -edlen Volkes. Es war ein wunderbares, herrliches Lied, das dem blinden -Dichter unsterblichen Ruhm, die Bewunderung aller Zeiten eintrug. - -Ich bin mitunter im Zweifel, ob die Hand nicht empfänglicher für die -Schönheiten der Plastik ist als das Auge. Ich sollte meinen, der -wunderbare rhythmische Fluß der Linien ließe sich besser fühlen als -sehen. Wie dem aber auch sei, ich weiß, daß ich den Herzschlag der -alten Griechen in ihren marmornen Göttern und Göttinnen fühlen kann. - -Eine fernere Unterhaltung, zu der sich freilich seltener die -Gelegenheit bietet als zu den übrigen, ist der Theaterbesuch. Ich -habe viel mehr Genuß von der Beschreibung eines Stückes während der -Bühnenaufführung als von seiner Lektüre, weil ich mich dabei in -die Mitte der dargestellten aufregenden Ereignisse selbst versetzt -glaube. Ich habe das Glück gehabt, ein paar große Schauspieler und -Schauspielerinnen kennen zu lernen, die die Macht besaßen, die Zuhörer -so in ihrem Bann zu halten, daß diese darüber Zeit und Raum vergaßen -und in der romantischen Vergangenheit lebten. Ich habe Gesicht und -Kostüm von Fräulein Ellen Terry berühren dürfen, während sie das -Ideal einer Königin verkörperte, und ihr ganzes Wesen atmete eine -Erhabenheit, die auch das herbste Weh verklärt. Neben ihr stand Sir -Henry Irving, angetan mit den Insignien der Königswürde, und in jeder -Gebärde, in seiner ganzen Haltung lag eine Geisteshoheit, in jedem Zuge -seines ausdrucksvollen Gesichtes sprach sich ein Herrscherbewußtsein -aus, das überwältigend wirkte. In dem Königsantlitz, das er als Maske -trug, lagen eine Vornehmheit und ein Erhabensein über den Schmerz, die -ich nie vergessen werde. - -Auch Herrn Jefferson kenne ich. Ich bin stolz darauf, ihn zu meinen -Freunden zählen zu dürfen. Ich besuche das Theater stets, wenn ich -mich an dem Orte befinde, wo er auftritt. Zum erstenmal sah ich ihn -spielen, als ich in New York in die Schule ging. Er trat als Rip van -Winkle auf. Ich hatte oft die Erzählung gelesen, aber niemals war -mir der Reiz von Rips sanfter, kluger, gütiger Handlungsweise so zum -Bewußtsein gekommen, wie in dem Stücke. Herrn Jeffersons schöne, -ergreifende Darstellung riß mich vor Entzücken hin. Ich habe ein Bild -des alten Rip in meinen Fingern, das sich denselben unauslöschlich -eingeprägt hat. Nach der Vorstellung führte mich Fräulein Sullivan zu -ihm hinter die Kulissen, und ich betastete hier sein seltsames Gewand, -sein wallendes Haar, seinen Bart. Herr Jefferson ließ mich sein Gesicht -berühren, sodaß ich mir eine Vorstellung von seinem Aussehen machen -konnte, als er von jenem seltsamen zwanzigjährigen Schlafe erwachte, -und er zeigte mir, wie der arme alte Rip auf seinen Füßen hin- und -herschwankte. - -[Illustration: Helen Keller, Frl. Sullivan und Schauspieler Jefferson] - -Auch in den »Rivals« habe ich ihn gesehen. Einst spielte er mir, als -ich ihm in Boston, wo er auftrat, einen Besuch machte, die packendsten -Szenen der »Rivals« vor. Das Empfangszimmer, in dem wir saßen, diente -als Bühne. Er und sein Sohn setzten sich an den großen Tisch, und -Bob Acres schrieb seine Herausforderung. Ich verfolgte alle seine -Bewegungen mit den Händen und erhielt einen Eindruck von der Komik -seiner seltsamen Gebärden, den ich nie erhalten hätte, wenn mir alles -nur in die Hand buchstabiert worden wäre. Dann erhoben sich beide, -um das Duell auszufechten, und ich folgte den schnellen Stößen, dem -Parieren der Degen und dem Zittern des armen Bob, als ihm allmählich -der Mut entsank. Dann gab sich der große Schauspieler einen Ruck und -zog seine Mundwinkel herunter -- und im Nu befand ich mich in dem Dorfe -Falling Water und fühlte Schneiders rauhes Haupt an meinem Knie. Herr -Jefferson rezitierte die schönsten Szenen aus »Rip van Winkle«, in -denen die Träne dem Lächeln dicht auf dem Fuße folgt. Er bat mich, ihm, -soweit es mir möglich sei, die Gestikulationen und das Spiel anzugeben, -die ich zu beobachten wünschte. Natürlich habe ich keine Ahnung von -dramatischem Spiel, und ich konnte nur aufs Geratewohl Andeutungen -machen; aber mit meisterhafter Kunst paßte er das Spiel den Worten an. -Rips Seufzer, als er murmelt: „Wird denn ein Mann so rasch vergessen, -wenn er fort ist?“, die Verdutztheit, mit der er Hund und Gewehr nach -seinem langen Schlafe sucht, und seine komische Unentschlossenheit -betreffs der Unterzeichnung des Vertrages mit Derrick -- all dies -schien aus dem Leben selbst gegriffen zu sein, das heißt, aus dem -idealen Leben, in dem sich die Ereignisse nach unseren Wünschen richten. - -Ich erinnere mich meines ersten Theaterbesuches noch sehr gut. Es war -vor zwölf Jahren. Die kleine Schauspielerin Elsie Leslie war in Boston, -und Fräulein Sullivan nahm mich zur Aufführung von »~The Prince and -the Pauper~« mit. Nie werde ich den Wechsel von Heiterkeit und -Trauer vergessen, der in dem hübschen kleinen Stück herrschte, oder das -wunderbare Kind, das in ihm auftrat. Nach Beendigung der Vorstellung -durfte ich hinter die Kulissen gehen und sie in ihrem Königsgewande -betasten. Es würde schwer gewesen sein, ein lieblicheres oder -liebenswürdigeres Kind zu finden als Elsie, wie sie mit ihren auf die -Schultern herabfallenden goldenen Locken dastand, mit einem strahlenden -Lächeln um den Mund, ohne die geringste Spur von Befangenheit oder -Ermüdung, trotzdem sie vor einer zahllosen Zuschauermenge gespielt -hatte. Ich lernte damals eben sprechen und hatte mir vorher ihren -Namen so oft wiederholt, bis ich ihn ganz deutlich aussprechen konnte. -Man kann sich mein Entzücken denken, als sie die wenigen Worte, die -ich zu ihr sprach, verstand und mir sofort die Hand zur Begrüßung -entgegenstreckte. - -Ist es nun nicht wahr, daß mein Leben mit all seinen Beschränkungen in -vielen Punkten dem Leben der großen Welt gleicht? Alles besitzt sein -Wunderbares, selbst Dunkelheit und Stille, und ich lerne mich unter -allen Umständen mit meiner Lage bescheiden. - -Manchmal allerdings befällt mich ein Gefühl der Vereinsamung wie ein -kalter Nebel, wenn ich allein bin und vor dem geschlossenen Tore des -Lebens wartend sitze. Da drinnen ist Licht und Musik und heitere -Geselligkeit; aber mir ist der Eintritt verwehrt. Das Schicksal -versperrt mir schweigend, erbarmungslos den Weg. Gern würde ich wegen -seines unabwendbaren Beschlusses mit ihm hadern, denn mein Herz ist -noch ungebärdig und leidenschaftlich; aber meine Zunge will die -bitteren, nutzlosen Worte, die sich auf meine Lippen drängen, nicht -aussprechen, und sie sinken in mein Herz zurück wie unvergossene -Tränen. Unermeßliches Schweigen lagert über meiner Seele. Dann naht -sich die Hoffnung mit einem Lächeln und flüstert mir zu: „Auch im -Selbstvergessen liegt Genuß.“ Und so versuche ich das Licht in anderer -Augen zu meiner Sonne, die Musik in anderer Ohren zu meiner Symphonie, -das Lächeln auf anderer Lippen zu meinem Glücke zu machen. - - - - -Dreiundzwanzigstes Kapitel. - - Beglückendes Gefühl der Freundschaft. -- Bischof Brooks. -- Kein - Verlangen nach dem Jenseits. -- Henry Drummond. -- ~Dr.~ Oliver - Wendell Holmes. -- Whittier. -- ~Dr.~ Edward Everett Hale. -- ~Dr.~ - Alexander Graham Bell.-- Charles Dudley Warner. -- Mark Twain u. a. - -- Schlußwort. - - -Ich wollte, ich könnte in dieser Skizze die Namen aller derer -aufführen, die zur Erhöhung meines Glückes beigetragen haben! Teils -würde man sie in den Annalen unserer Literatur aufgezeichnet finden, -vielen Herzen teuer, während andere den meisten meiner Leser völlig -unbekannt sein dürften. Aber der Einfluß ihrer Persönlichkeit wird, -obgleich nichts von ihm verlautet, in dem Dasein derer, die durch ihn -gebildet und veredelt worden sind, eine unvergängliche Rolle spielen. -Das sind Festtage in unserem Leben, wenn wir Menschen begegnen, die -auf uns wirken wie ein schönes Gedicht, Menschen, deren Handschlag -voller unausgesprochener Sympathie ist und deren milde, reiche Naturen -unserem ungestümen, ungeduldigen Gemüte eine wunderbare Ruhe mitteilen, -die im innersten Kerne ihres Wesens göttlichen Ursprunges ist. Die -Rastlosigkeit, die Erbitterung, die Qual, die uns verfolgt haben, -verschwinden wie böse Träume, und wir erwachen, um die Schönheit und -Harmonie von Gottes wirklicher Welt mit neuen Augen zu erblicken und -mit neuen Ohren zu vernehmen. Die leeren Förmlichkeiten, die unser -Alltagsleben ausfüllen, gewinnen plötzlich eine höhere, tiefere -Bedeutung. Mit einem Worte, in der Nähe solcher Freunde fühlen wir, -daß alles gut ist. Vielleicht haben wir sie nie zuvor gesehen, und -vielleicht werden sich unsere Lebenspfade nie wieder kreuzen, aber -der Einfluß ihrer ruhigen, milden Naturen wirkt wie ein kühlendes Bad -auf unsere Unzufriedenheit, und wir spüren die von ihm ausgehende -heilkräftige Erquickung, wie der Ozean die Bergströme spürt, die seine -Fluten erfrischen. - -Ich bin oft gefragt worden: „Werden Sie von den Leuten nicht -belästigt?“ Ich verstehe nicht ganz, was dies heißen soll. Ich glaube, -die Besuche beschränkter und neugieriger Menschen, namentlich die der -Zeitungsberichterstatter, sind stets unbequem. Auch liebe ich Leute -nicht, die sich im Gespräch zu meinem Standpunkt herabzulassen bemühen. -Sie gleichen denen, die, wenn sie neben uns hergehen, sich bemühen, -ihre Schritte zu verkürzen, um sie den unsrigen anzupassen; die -Heuchelei wirkt in beiden Fällen gleich erbitternd. - -Die Hände der Menschen führen für mich eine beredte Sprache. Die -Berührung mancher Hände ist eine Beleidigung. Ich bin Leuten -begegnet, die so bar aller Lebensfreude waren, daß, wenn ich ihre -eisigen Fingerspitzen berührte, es mir vorkam, als reiche ich -einem Nordoststurm die Hand. Es gibt andere, deren Hände gleichsam -Sonnenstrahlen an sich tragen, so daß mir ihre Berührung das Herz -erwärmt. Es braucht nur der Druck einer Kinderhand zu sein; aber für -mich liegt darin ebensoviel erquickender Sonnenstrahl wie für andere -in einem Liebesblicke. Ein herzlicher Händedruck oder ein freundlicher -Brief macht mir stets Freude. - -Ich habe viele Freunde in der Ferne, die ich nie gesehen habe. In der -Tat sind ihrer so viele, daß ich oft außer stande bin, ihre Briefe zu -beantworten; ich wünsche ihnen jedoch hier zu sagen, daß ich ihnen -stets für ihre gütigen Worte dankbar bin, so unzulänglich auch die -Anerkennung meinerseits ausfallen mag. - -Ich rechne es zu den angenehmsten Erinnerungen meines Lebens, viele -bedeutende Männer kennen gelernt zu haben und mit ihnen in persönliche -Berührung gekommen zu sein. Nur wer Bischof Brooks kennt, vermag -zu ermessen, wie wertvoll seine Freundschaft für die ist, die sie -besitzen. Als Kind liebte ich es, auf seinen Knien zu sitzen und -meine kleine Hand auf seine große zu legen, während Fräulein Sullivan -mir in die andere seine herrlichen Worte über Gott und das Jenseits -buchstabierte. Ich hörte ihm mit kindlichem Staunen und Entzücken -zu. Mein Geist konnte dem Fluge des seinigen nicht folgen, aber er -lehrte mich wahren Lebensgenuß, und ich verließ ihn nie, ohne einen -erhebenden Gedanken mit mir davonzutragen, der an Schönheit und Tiefe -der Bedeutung zunahm, je mehr ich heranwuchs. Als ich einst über die -große Menge der Religionen verwirrt war, sagte er zu mir: „Es gibt -nur eine Weltreligion, Helen -- die Religion der Liebe. Liebe deinen -himmlischen Vater von ganzem Herzen und mit ganzer Seele, liebe jedes -Kind Gottes, so innig du es nur kannst, und erinnere dich daran, daß -das Gute eher Aussicht auf Verwirklichung besitzt als das Böse, und -du hast den Schlüssel zum Himmelreich.“ -- Und sein Leben bildete ein -treffliches Beispiel zu dieser großen Wahrheit. In seiner edlen Seele -standen Liebe und das umfassendste Wissen im Bunde mit dem Glauben, der -zur Erkenntnis geworden war. Er erblickte - - Gott in allem, was erhebt, befreit und tröstet, - So auch in allem, was uns niederdrückt. - -Bischof Brooks lehrte mich kein besonderes Glaubensbekenntnis -oder Dogma; allein er prägte meinem Geiste zwei große Ideen ein --- die Eigenschaft Gottes als Vater und die der Menschen als -Brüder -- und setzte mir auseinander, daß diese Wahrheiten allen -Glaubensbekenntnissen und Kulturformen zugrunde liegen. Gott ist die -Liebe, Gott ist unser Vater, wir sind seine Kinder; daher werden sich -die dunkelsten Wolken dereinst zerteilen, und obgleich das Recht mit -Füßen getreten werden kann, so soll das Unrecht doch nicht triumphieren. - -Ich bin hier auf Erden zu glücklich, um viel an das Jenseits zu -denken, abgesehen davon, daß ich mich erinnere, daß geliebte Freunde -im Himmelreich meiner warten. Trotz der Reihe von Jahren scheinen sie -mir doch so nahe zu sein, daß ich mich keinen Augenblick wundern würde, -wenn sie meine Hand ergriffen und zärtliche Worte sprächen, wie sie -dies vor ihrem Hinscheiden zu tun pflegten. - -Seit Bischof Brooks’ Tode habe ich die Bibel von Anfang bis zu Ende -gelesen, ebenso einige philosophische Werke über Religion, unter ihnen -Swedenborgs »Himmel und Hölle« und Drummonds »~Ascent of Man~«; -ich habe jedoch kein Glaubensbekenntnis oder System gefunden, das -mich mehr befriedigt hätte als Bischof Brooks’ Religion der Liebe. -Ich kannte Herrn Henry Drummond persönlich, und bei der Erinnerung -an seinen kräftigen, warmen Händedruck ist es mir, als erteilte er -mir seinen Segen. Er war der angenehmste Gesellschafter, den man sich -denken kann. Er besaß ein so reiches Wissen und war so geistvoll, daß -er jedermann mit sich fortriß. - -Ich erinnere mich noch sehr gut meines ersten Zusammentreffens mit -~Dr.~ Oliver Wendell Holmes. Er hatte Fräulein Sullivan und -mich eingeladen, ihn eines Sonntagnachmittags zu besuchen. Es war zu -Beginn des Frühjahrs, kurz, nachdem ich sprechen gelernt hatte. Wir -wurden sofort nach der Bibliothek gewiesen, wo wir ihn in einem großen -Armstuhl bei einem offenen Feuer, das im Kamin glühte und prasselte, -sitzen fanden, in Erinnerungen vergangener Zeiten versunken, wie er -sagte. - -„Und zugleich in das Rauschen des Charlesflusses“, -- fügte ich hinzu. - -„Ja,“ -- antwortete er, „der Charlesfluß erinnert mich an viele -glückliche Stunden.“ -- Es herrschte ein Geruch von bedrucktem Papier -und Leder in dem Raume, der mir sagte, daß es voller Bücher sei, und -ich streckte unwillkürlich meine Hand aus, um sie zu suchen. Ich -ergriff eine schöne Ausgabe von Tennysons Gedichten, und als mir -Fräulein Sullivan gesagt hatte, was es für ein Buch sei, begann ich zu -rezitieren: - - ~Break, break, break - On thy cold gray stones, O sea!~ - -Aber ich hielt plötzlich inne. Ich fühlte Tränen auf meiner Hand. -Ich hatte meinen geliebten Dichter zum Weinen gebracht und war ganz -untröstlich darüber. Er nötigte mich in seinen Armstuhl und brachte -mir verschiedene interessante Dinge zum Befühlen, und auf seine Bitte -deklamierte ich ihm auch »~The Chambered Nautilus~«, das damals mein -Lieblingsgedicht war. Später besuchte ich ~Dr.~ Holmes noch öfters und -lernte in ihm sowohl den Menschen wie den Dichter lieben. - -An einem schönen Sommertage, nicht lange nach meiner ersten Begegnung -mit ~Dr.~ Holmes, besuchten Fräulein Sullivan und ich Herrn Whittier -in seinem stillen Heim am Merrimac. Seine Ritterlichkeit und seine -gewählte Ausdrucksweise gewannen ihm sofort mein Herz. Er besaß einen -Band seiner Gedichte in Hochdruck, aus dem ich »~In School Days~« -las. Er war entzückt, daß ich die Worte so gut aussprechen konnte, -und sagte, es sei ihm nicht schwer gefallen, mich zu verstehen. Dann -richtete ich einige Fragen betreffs des Gedichtes an ihn und las -seine Antwort ab, indem ich ihm meine Finger auf die Lippen legte. Er -erklärte, er selbst sei der kleine Knabe in dem Gedicht, der Name des -Mädchens sei Sally gewesen und noch mehr dergleichen, was ich aber -vergessen habe. Ich deklamierte auch »~Laus Deo~«, und als ich die -Schlußworte sprach, legte er mir die Statue eines Sklaven in die Hände, -von dessen zusammengekrümmter Gestalt die Ketten abfielen, gerade so -wie sie von Petrus’ Gliedern abfielen, als der Engel ihn aus dem Kerker -herausführte. Später gingen wir in sein Studierzimmer, und hier schrieb -er ein Autogramm[12] für meine Lehrerin nieder und drückte ihr seine -Bewunderung über das, was sie getan hatte, aus, indem er zu mir sagte: -„Sie ist deine geistige Befreierin“. Dann geleitete er mich bis zur -Gartenpforte und küßte mich zum Abschiede zärtlich auf die Stirn. Ich -versprach ihm, ihn im folgenden Sommer wieder zu besuchen; er starb -aber, ehe ich mein Versprechen erfüllen konnte. - -~Dr.~ Edward Everett Hale ist einer meiner allerältesten Freunde. -Ich kenne ihn seit meinem achten Lebensjahre, und meine Liebe zu ihm -hat zugenommen, je älter ich wurde. An seiner weisen, liebevollen -Teilnahme haben Fräulein Sullivan und ich uns in den Tagen der Prüfung -und Trübsal aufgerichtet, und seine starke Hand hat uns über manche -steile und steinige Strecke unseres Pfades hinweggeholfen, und was er -für uns getan hat, das hat er für tausend andere getan, die schwierige -Aufgaben zu erfüllen haben. Er hat die alten Schläuche des Dogmas mit -dem neuen Wein der Liebe gefüllt und den Menschen gezeigt, was es -heißt, zu glauben, zu leben und frei zu sein. Was er gelehrt hat, das -haben wir in seinem Leben auf das schönste ausgedrückt gefunden -- -Vaterlandsliebe, Güte dem geringsten seiner Brüder gegenüber und ein -aufrichtiges Verlangen, sich über das irdische emporzuschwingen. Er -ist ein Prophet und Herzenskündiger gewesen, ein mächtiger »Täter des -Worts«, der Freund seines ganzen Geschlechtes -- Gott segne ihn! - -Meine erste Begegnung mit ~Dr.~ Alexander Graham Bell habe ich -schon erwähnt. Seitdem habe ich viele glückliche Tage mit ihm in -Washington und auf seinem schönen Landsitz im Innern von Cape Breton -Island verlebt, in der Nähe von Baddeck, dem durch Charles Dudley -Warners Buch berühmt gewordenen Dorfe. Hier habe ich in ~Dr.~ Bells -Laboratorium oder auf den Feldern am Ufer des großen Bras d’Or viele -genußreiche Stunden zugebracht, in denen er mir von seinen Experimenten -erzählte und ich ihm bei dem Steigenlassen von Drachen half, mittels -deren er die Gesetze, die die Luftschiffahrt der Zukunft beherrschen -werden, zu ergründen hofft. ~Dr.~ Bell hat bedeutende Leistungen auf -vielen wissenschaftlichen Gebieten aufzuweisen und besitzt die Gabe, -alles, was er in die Hand nimmt, interessant zu machen, selbst die -verwickeltsten Fragen. Man hat bei ihm das Gefühl, daß, wenn man nur -ein wenig mehr Zeit hätte, man auch ein Erfinder sein könnte. Dazu hat -er eine humoristische und eine poetische Seite. Seine Hauptleidenschaft -ist seine Liebe zu Kindern. Nie ist er so durchaus glücklich, als wenn -er ein kleines taubstummes Kind in seinen Armen hält. Seine Arbeiten -zum Besten der Taubstummen werden fortleben und noch über künftige -Generationen von Kindern Segen verbreiten, und wir lieben ihn ebenso -für das, was er selbst geleistet, wie für das, wozu er andere angeregt -hat. - -In den zwei Jahren, die ich in New York verlebte, hatte ich oft -Gelegenheit, mit hervorragenden Männern zu sprechen, deren Namen ich -oft gehört, mit denen ich aber niemals zusammenzutreffen gehofft -hatte. Zum größten Teile lernte ich diese in dem Hause meines -lieben Freundes Herrn Laurence Hutton kennen. Es war eine große -Vergünstigung, ihn und die liebe Frau Hutton in ihrer reizenden -Villa besuchen zu dürfen, ihre Bibliothek zu besichtigen und die -herrlichen Empfindungen und glänzenden Gedanken zu lesen, die begabte -Freunde für sie niedergeschrieben hatten. Man hat mit Recht gesagt, -Herr Hutton besitzt die Fähigkeit, aus jedem die besten Gedanken und -die zartesten Empfindungen herauszulocken. Man braucht nicht die -Erzählung »~A Boy I Knew~« zu lesen, um ihn zu verstehen -- den mit dem -reinsten, kindlichsten Gemüt begabten Mann, den treuen Freund in allen -Lebenslagen, der sowohl das Leben der Hunde wie das seiner Mitmenschen -liebevoll verfolgt. - -Frau Hutton ist eine aufrichtige, bewährte Freundin. Vieles, was ich -für das Beste und Wertvollste halte, verdanke ich ihr. Oft hat sie mir -während meines Universitätsstudiums mit Rat und Tat beigestanden. Wenn -ich meine Lebensaufgabe schwer und entmutigend finde, so schreibt sie -mir Briefe, die mich wieder froh und tapfer machen; denn sie gehört zu -denen, von denen wir lernen können, daß die Erfüllung einer mühevollen -Pflicht die Erfüllung der nächsten einfacher und leichter macht. - -Herr Hutton führte mich bei vielen seiner literarischen Freunde ein, -von denen die bedeutendsten Herr William Dean Howells und Mark Twain -sind. Auch mit Herrn Richard Watson Gilder und Herrn Edmund Clarence -Stedman traf ich zusammen. Auch Herrn Charles Dudley Warner lernte ich -kennen, den reizendsten Erzähler und liebenswürdigsten Freund, dessen -Gutherzigkeit so umfassend war, daß man von ihm in Wahrheit sagen -konnte, er liebte alle lebenden Wesen und seinen Nächsten wie sich -selber. Einmal stellte mir Herr Warner den Dichter der Wälder, -- Herrn -John Burroughs, vor. Sie waren alle liebenswürdig und sympathisch, und -ich wurde mir des Zaubers ihrer Persönlichkeit ebenso bewußt, wie ich -früher die Schönheit ihrer Abhandlungen und Gedichte bewundert hatte. -Ich konnte nicht Schritt halten mit all diesen Schriftstellern, wie sie -von einem Gegenstand zum anderen übersprangen und sich in tiefsinnige -Disputationen einließen oder in der Unterhaltung ihren Witz glänzen -ließen. Ich glich dem kleinen Ascanius, der mit seinen trippelnden -Füßchen den heroischen Schritten seines Vaters Aeneas auf seinem -Lebenswege, der ihn mächtigen Geschicken entgegenführte, folgte. Aber -sie teilten mir viel Interessantes mit. So erzählte mir Herr Gilder von -seinen Reisen im Mondschein durch die weite Wüste zu den Pyramiden, und -in seinem Briefe, den er mir schrieb, drückte er unter der Unterschrift -seinen Stempel so tief in das Papier hinein, daß ich ihn fühlen -konnte. Dies erinnert mich daran, daß ~Dr.~ Hale seinen Briefen -an mich einen persönlichen Zug verlieh, indem er seine Unterschrift -in Brailleschrift gab. Von Mark Twains Lippen las ich ein paar seiner -prächtigen Erzählungen ab. Er hat seine eigene Art, zu denken, zu -sprechen und zu handeln. Ich fühle das Zwinkern seines Auges in seinem -Händedrucke. Eben dadurch, daß er seine cynische Weisheit in einer -unsagbar drolligen Weise vorbringt, erweckt er die Empfindung, daß sein -Herz voll des tiefsten, innigsten Mitgefühls ist. - -Es gibt noch eine Menge anderer interessanter Leute, mit denen -ich in New York zusammengetroffen bin: Frau Mary Mapes Dodge, die -beliebte Herausgeberin vom »~St. Nicholas-Magazine~«, und Frau Riggs -(Kate Douglas Wiggin), die anmutige Verfasserin von »~Patsy~«. Ich -erhielt von ihnen Geschenke, bei deren Auswahl das Herz mitgesprochen -hat, Bücher mit ihren eigenen Gedanken, seelenvolle Briefe und -Photographien, die ich mir immer und immer wieder beschreiben lasse. -Allein mir fehlt der Raum, hier aller meiner Freunde zu gedenken, -und in der Tat gibt es in Bezug auf sie Dinge, die sich hinter -Cherubsschwingen bergen, Dinge, die zu heilig sind, um in kalte -Druckschrift umgesetzt zu werden. Nur mit innerem Widerstreben habe ich -soeben von Frau Laurence Hutton gesprochen. - -Ich will noch zwei weitere befreundete Personen erwähnen. Die eine -ist Frau William Thaw in Pittsburgh, die ich oft auf ihrem Landsitze -in Lyndhurst besucht habe. Sie ist stets damit beschäftigt, jemand -glücklich zu machen, und all die Jahre über, die meine Lehrerin und ich -sie kennen, haben wir stets bei ihr großmütige Hilfe und weisen Rat -gefunden. - -Auch meinem anderen Freunde bin ich zu tiefem Danke verpflichtet. -Er ist wegen seiner mächtigen Hand, mit der er große Unternehmungen -leitet, weit und breit bekannt, und seine bewundernswerten -Eigenschaften haben ihm die allgemeine Achtung erworben. Freundlich -zu jedermann tut er unausgesetzt in der Stille und unbemerkt Gutes. -Wiederum berühre ich den Kreis geachteter Namen, die ich nicht nennen -darf, aber ich möchte gern seine Hochherzigkeit und seine rege -Teilnahme an meinem Geschick hervorheben, die es mir möglich gemacht -haben, die Universität zu besuchen. - -So haben meine Freunde mein Leben zu dem gemacht, was es ist. Auf -tausenderlei Art haben sie meine Gebrechen in herrliche Vorrechte -verwandelt und mich in den Stand gesetzt, heiter und glücklich in dem -von meinen körperlichen Mängeln geworfenen Schatten zu wandeln. - - [12] ~With great admiration of thy noble work in releasing from - bondage the mind of thy dear pupil, I am truly thy friend, John - G. Whittier.~ (Mit der größten Bewunderung für dein edles Werk - der Befreiung des Geistes deiner lieben Schülerin von der - Knechtschaft bin ich dein aufrichtiger Freund John G. Whittier.) - - - - - Zweiter Teil. - - Helen Kellers Briefe - - 1887-1901. - - - - -Briefe (1887-1901). - -(Auswahl.) - - Erste Schreibversuche. -- Zwei Briefe an die blinden Mädchen im - Perkinsschen Institut. -- Brief an Herrn Anagnos mit der Schilderung - eines Picknicks im Walde. -- Brief an Onkel Morrie über den Ausflug - nach Plymouth. -- Brief an Herrn Anagnos mit einigen französischen - und griechischen Redensarten. -- Brief an Tante Eveline Keller mit - Übersetzungen von griechischen, französischen, lateinischen und - deutschen Redensarten und Wörtern. -- Brief mit astronomischen - Angaben. -- Briefe an Herrn Anagnos über seine Reise nach Europa. - -- Brief mit Wiedergabe des Inhalts eines Andersenschen Märchens. - -- Brief an Fräulein Sullivan. -- Brief an Whittier. -- Brief an - ~Dr.~ Holmes. -- Brief an Fräulein Sarah Fuller. -- Brief an den - nachmaligen Bischof Brooks. -- Brief über Tommy Stringer. -- Brief - über die Reise nach dem Niagarafall. -- Brief über den Besuch der - Weltausstellung in Chicago. -- Brief über ein Zusammentreffen mit - Mark Twain. -- Brief über den Besuch des Bostoner Museums. -- Brief - über den Eindruck, den das Orgelspiel auf Helen Keller gemacht hat. - -- Stellen aus verschiedenen Briefen über Leidensgefährten. -- Brief - an ~Dr.~ Hale, geschrieben am Vorabend der Howefeier. - - -Fräulein Sullivan begann Helen Keller am 3. März 1887 zu unterrichten. -Dreieinhalb Monate, nachdem dieser das erste Wort in die Hand -buchstabiert worden war, schrieb sie mit Bleistift folgenden Brief: - -_An Helens Cousine Anna (Frau George T. Turner)._[13] - - [Tuscumbia, Alabama, 17. Juni 1887.] - -~helen write anna george will give Helen apple simpson will shoot -bird jack will give Helen stick of candy doctor will give mildred -medicine mother will make mildred new dress~ - - [Ohne Unterschrift.] - - [13] Die ersten Äußerungen Helens sind englisch wiedergegeben worden, - weil der in ihnen enthaltene eigenartige Reiz in der Übersetzung - vollständig verwischt werden würde. Auf die beiden Briefe an - die blinden Mädchen im Perkinsschen Institute wird im dritten - Teil (S. 248) Bezug genommen, weswegen sie hier im vollständigen - Wortlaute mitgeteilt werden. -- Das Faksimile der dem Buche - vorangeschickten eigenhändigen Widmung Fräulein Kellers gewährt - eine Vorstellung von ihrer Handschrift, wie sie jetzt ist. - - -_An Frau Kate Adams Keller._ - - [Huntsville, Alabama, 12. Juli 1887.] - -~Helen will write mother letter papa did give helen medicine mildred -will sit in swing mildred did kiss helen teacher did give helen peach -george is sick in bed george arm is hurt anna did give helen lemonade -dog did stand up. - -conductor did punch ticket papa did give helen drink of water in car - -carlotta did give helen flowers anna will buy helen pretty new hat -helen will hug and kiss mother helen will come home grandmother does -love helen~ - - ~good-by~ - - [Ohne Unterschrift.] - -Im folgenden September zeigte Helen Fortschritte in Bezug auf -vollständigere Satzkonstruktion und reicheren Gedankeninhalt. - -_An die blinden Mädchen im Perkinsschen Institut in Boston._ - - [Tuscumbia, September 1887.] - -~Helen will write little blind girls a letter Helen and teacher will -come to see little blind girls Helen and teacher will go in steam car -to boston Helen and blind girls will have fun blind girls can talk on -fingers Helen will see Mr anagnos Mr anagnos will love and kiss Helen -Helen will go to school with blind girls Helen can read and count and -spell and write like blind girls mildred will not go to boston Mildred -does cry prince and jumbo will go to boston papa does shoot ducks with -gun and ducks do fall in water and jumbo and mamie do swim in water -and bring ducks out in mouth to papa Helen does play with dogs Helen -does ride on horseback with teacher Helen does give handee grass in -hand teacher does whip handee to go fast Helen is blind Helen will put -letter in envelope for blind girls~ - - ~good-by - - Helen Keller~ - -Ein paar Wochen später ist ihr Stil korrekter und gewandter. Ihre -Ausdrucksweise ist besser geworden, obgleich sie immer noch den Artikel -ausläßt und die Konstruktion mit »~did~« für das einfache Imperfektum -gebraucht. Es ist dies eine Eigenart, die sich bei Kindern häufig -findet. - - -_An die blinden Mädchen im Perkinsschen Institute._ - - [Tuscumbia, 24. Oktober 1887.] - - ~dear little blind girls~ - -~I will write you a letter I thank you for pretty desk I did write to -mother in memphis on it mother and mildred came home Wednesday mother -brought me a pretty new dress and hat papa did go to huntsville he -brought me apples and candy I and teacher will come to boston and see -you nancy is my doll she does cry I do rock nancy to sleep mildred is -sick doctor will give her medicine to make her well. I and teacher did -go to church Sunday mr. lane did read in book and talk Lady did play -organ. I did give man money in basket. I will be good girl and teacher -will curl my hair lovely. I will hug and kiss little blind girls mr. -Anagnos will come to see me.~ - - ~good-by - - Helen Keller.~ - -Mit Beginn des nächsten Jahres wird Helens Ausdrucksweise bestimmter. -Sie gebraucht mehr Adjektiva, auch Adjektiva der Farbe. Obgleich sie -keine sinnliche Kenntnis von Farben haben kann, so vermag sie doch die -Worte in verständiger, zutreffender Weise zu gebrauchen. Der folgende -Brief enthält die Schilderung eines Picknicks im Walde und zeigt, in -welcher Weise Fräulein Sullivan die Erholungsstunden zur Belehrung -auszunutzen wußte. - - -_An Herrn Michael Anagnos._ - - Tuscumbia, Ala. 3. Mai 1888. - -Lieber Herr Anagnos. Ich freue mich, heute an Sie schreiben zu können, -da ich Sie sehr liebe. Ich war sehr glücklich, hübsches Buch und -niedliche Bonbons und zwei Briefe von Ihnen zu erhalten. Ich werde Sie -bald besuchen und viele Fragen über Länder an Sie richten, und Sie -werden gutes Kind lieben. - -Mutter macht mir hübsche neue Kleider, die ich in Boston tragen werde -(~to wear in Boston~), und ich werde niedlich aussehen, um kleine -Mädchen und Knaben und Sie zu besuchen. Freitag gingen Lehrerin und ich -zu einem Picknick mit kleinen Kindern. Wir spielten Spiele und aßen -Mittagbrot unter den Bäumen, und wir fanden Farne und wilde Blumen. Ich -ging in die Wälder und lernte Namen von vielen Bäumen. Es gibt Pappel- -und Zedern- und Fichten- und Eichen- und Eschen- und Hickory- und -Ahornbäume. Sie werfen einen angenehmen Schatten, und die kleinen Vögel -lieben es, sich auf den Bäumen hin- und herzuschaukeln und zu singen. -Kaninchen hüpfen, und Eichhörnchen laufen, und häßliche Schlangen -kriechen in den Wäldern. Geranien und Jasminrosen sind kultivierte -Pflanzen. Ich helfe Mutter und Lehrerin sie jeden Abend vor dem Essen -begießen. - -Vetter Artur machte mir eine Schaukel in der Esche. Tante Ev. ist nach -Memphis gegangen. Onkel Frank ist hier. Er pflückt Erdbeeren für das -Mittagessen. Nancy ist wieder krank, neue Zähne machen sie unwohl. -Adeline ist gesund, und sie kann am Montag mit mir nach Cincinnati -gehen. Tante Ev. will mir eine Knabenpuppe schicken, Harry wird Nancys -und Adelines Bruder sein. Kleine Schwester ist gutes Mädchen. Ich bin -jetzt müde und will nach unten gehen. Ich sende Ihnen mit Brief viele -Küsse und Liebkosungen. - - Ihr Lieblingskind - - Helen Keller. - -Gegen Ende Mai reisten Frau Keller, Helen und Fräulein Sullivan nach -Boston. Unterwegs blieben sie ein paar Tage in Washington, wo sie ~Dr.~ -Alexander Graham Bell und den Präsidenten Cleveland besuchten. Am 26. -Mai langten sie in Boston an und begaben sich nach dem Perkinsschen -Institut; hier traf Helen mit den kleinen blinden Mädchen zusammen, mit -denen sie das Jahr zuvor korrespondiert hatte. - - (Vergl. Teil I S. 43.) - -Im Juli besuchte Helen Plymouth. Der folgende, drei Monate -später geschriebene Brief zeigt, wie gut sie sich ihres ersten -Geschichtsunterrichts erinnerte. Der »Onkel Morrie« ist Herr Morrison -Heady aus Normandy (Kentucky), der als Knabe das Gesicht und Gehör -verloren hatte. Er hat einige Gedichte geschrieben, die gar nicht übel -sind. - -_An Herrn Morrison Heady._ - - Süd-Boston, Mass. 1. Oktober 1888. - -Mein lieber Onkel Morrie! Ich hoffe, Du wirst Dich recht freuen, einen -Brief von Deiner kleinen lieben Freundin Helen zu erhalten. Ich bin -sehr glücklich, Dir zu schreiben, weil ich an Dich denke und Dich -liebe. Ich lese schöne Geschichten in dem Buche, das Du mir geschickt -hast, über Karl und sein Boot und Artur und seinen Traum und Rosa und -das Schäfchen. - -Ich bin in einem großen Boote gewesen. Es war wie ein Schiff. Mutter -und Lehrerin und Frau Hopkins und Herr Anagnos und Herr Rodocanachi und -viele andere Freunde gingen nach Plymouth, um sich viele alte Dinge -anzusehen. Ich will Dir eine kleine Geschichte über Plymouth erzählen. - -Vor vielen Jahren lebten in England viele gute Leute, aber der König -und seine Freunde waren nicht lieb und sanft und geduldig mit den guten -Leuten, weil der König nicht wollte, daß die Leute ihm ungehorsam -waren. Die Leute wollten nicht gerne mit dem König in die Kirche gehen, -sondern bauten für sich selbst sehr niedliche kleine Kirchen. - -Der König war sehr böse auf die Leute, und sie waren traurig, und sie -sagten: Wir wollen nach einem fremden Lande gehen, dort zu wohnen, und -liebe teure Heimat und unartigen König verlassen. So legten sie alle -ihre Sachen in große Kisten und sagten: Lebewohl. Sie tun mir leid, -weil sie sehr weinten. Als sie nach Holland kamen, kannten sie niemand, -und sie konnten nicht wissen, worüber die Leute sprachen, denn sie -verstanden kein Holländisch. Aber bald lernten sie einige holländische -Wörter, aber sie liebten ihre eigene Sprache und wünschten nicht, -daß kleine Knaben und Mädchen sie vergaßen und komisches Holländisch -sprechen lernten. So sagten sie: Wir müssen nach einem neuen Lande -gehen weitweg und Schulen und Häuser und Kirchen bauen und neue -Städte machen. So legten sie alle ihre Sachen in Kisten und sagten -Lebewohl zu ihren neuen Freunden und segelten in einem großen Boote -fort, um ein neues Land zu finden. Arme Leute waren nicht glücklich, -denn ihre Herzen waren voller trauriger Gedanken, weil sie nicht -viel von Amerika wußten. Ich denke, kleine Kinder müssen sich vor -einem großen Ozean gefürchtet haben, denn er ist sehr stark und wirft -ein großes Boot hin und her, und dann fallen die kleinen Kinder hin -und zerschlagen sich ihre Köpfe. Nachher waren sie viele Wochen auf -dem tiefen Ozean, wo sie keine Bäume oder Blumen und kein Gras sehen -konnten, sondern nur Wasser und den schönen Himmel, denn die Schiffe -konnten damals nicht schnell segeln, weil die Menschen noch nichts von -Maschinen und vom Dampf wußten. Eines Tages wurde ein lieber kleiner -Knabe (~a dear little baby-boy~) geboren. Sein Name war Peregrine -White. Ich bin sehr traurig, daß der arme kleine Peregrine jetzt tot -ist. Jeden Tag gingen die Leute auf Deck, um nach Land auszuschauen. -Eines Tages war ein großes Geschrei auf dem Schiff, denn die Leute -sahen das Land und waren voller Freude, weil sie sicher ein neues Land -erreicht hatten. Kleine Mädchen und Knaben hüpften und klatschten in -die Hände. Sie waren alle froh, als sie an einem großen Felsen Halt -machten. Ich sah den Felsen in Plymouth und ein kleines Schiff wie die -Mayflower und die Wiege, in der der liebe kleine Peregrine schlief, und -viele alte Dinge, die in der Mayflower kamen. Es würde Dich freuen, -Plymouth einmal zu besuchen und viele alte Dinge zu sehen. - -Nun bin ich sehr müde, und ich will mich ausruhen. - -Mit vieler Liebe und vielen Küssen von Deiner kleinen Freundin - - Helen A. Keller. - -Die fremdsprachigen Ausdrücke in den folgenden Briefen, von denen -der erste während eines Besuches im Blindenkindergarten geschrieben -wurde, hat Helen Monate zuvor kennen gelernt und in ihrem Gedächtnis -aufbewahrt. Sie machte sich die Wörter zurecht und bediente sich ihrer, -indem sie sie mitunter ganz sinngemäß gebrauchte, mitunter aber auch -nur nach Papageienart wiederholte. Selbst wenn sie Wörter oder Gedanken -nicht ganz verstand, so liebte sie sie dennoch niederzuschreiben. Auf -diese Weise lernte sie Wörter, die einen Gesichts- und Gehörseindruck -und mithin Vorstellungen bezeichnen, die außerhalb ihrer persönlichen -Erfahrung liegen, richtig gebrauchen. »Edith« ist Edith Thomas. - -_An Herrn Michael Anagnos._ - - Roxbury, Mass. 17. Oktober 1888. - - ~Mon cher Monsieur Anagnos.~ - -Ich sitze am Fenster, und die schöne Sonne bescheint mich. Lehrerin -und ich kamen gestern in den Kindergarten. Es sind hier sieben kleine -Mädchen, und alle sind blind. Ich bin traurig, daß sie nicht viel sehen -können. Werden sie einst sehr gesunde Augen haben? Die arme Edith ist -blind und taub und stumm. Sind Sie sehr traurig über Edith und mich? -Ich werde bald nach Hause gehen, um meine Mutter und meinen Vater und -meine kleine gute, süße Schwester wiederzusehen. Ich hoffe, Sie werden -nach Alabama kommen, um mich zu besuchen, und ich will Sie in meinem -kleinen Wagen zu einer Ausfahrt mitnehmen, und ich hoffe, Sie werden -sich freuen, wenn Sie mich auf dem Rücken meines kleinen lieben Ponys -sehen... Wenn ich dreizehn Jahre alt bin, will ich in viele fremde und -schöne Länder reisen. Ich werde sehr hohe Berge in Norwegen ersteigen -und viel Eis und Schnee sehen. Ich hoffe, ich werde nicht fallen und -mir den Kopf zerschlagen. Ich werde den kleinen Lord Fauntleroy[14] in -England besuchen, und er wird sich freuen, mir sein großes und sehr -altes Schloß zu zeigen. Und wir werden zu den Hirschen laufen und die -Kaninchen füttern und die Eichhörnchen fangen. Ich werde mich nicht -vor Fauntleroys großem Hunde Dougal fürchten. Ich hoffe, Fauntleroy -wird mich mitnehmen, damit ich eine sehr freundliche Königin sehe. -Wenn ich nach Frankreich gehe, will ich französisch sprechen. Ein -kleiner französischer Knabe wird sagen: ~Parlez-vous français?~ und -ich werde sagen: ~Oui, Monsieur, vous avez un joli chapeau. Donnez-moi -un baiser.~ Ich hoffe, Sie werden mich mit nach Athen nehmen, um das -Mädchen von Athen zu besuchen. Sie war eine sehr liebliche Dame, und -ich will griechisch mit ihr sprechen. Ich will sagen: ~se agapo~ und -~pos echete~, und ich denke, sie wird sagen ~kalos~, und dann will -ich sagen ~chaere~. Wollen Sie die Freundlichkeit haben, mich bald zu -besuchen und mich mit nach dem Theater zu nehmen. Wenn Sie kommen, will -ich sagen ~Kale emera~, und wenn Sie nach Hause gehen, will ich sagen -~Kale nykta~. Nun bin ich zu müde, um mehr zu schreiben. ~Je vous aime. -Au revoir.~ - - Von Ihrer kleinen Lieblingsfreundin - - Helen A. Keller. - - [14] Siehe S. 67. 107 ff. - - -_An Fräulein Evelina H. Keller._ - - [Boston, 29. Oktober 1888.] - -Meine liebste Tante! Ich werde sehr bald kommen, und ich denke, Du und -jedermann wird sehr froh sein, meine Lehrerin und mich wiederzusehen. -Ich freue mich sehr, daß ich viel über viele Dinge gelernt habe. Ich -studiere Französisch und Deutsch und Lateinisch und Griechisch. ~Se -agapo~ ist griechisch und heißt: Ich liebe dich. ~J’ai une bonne petite -soeur~ ist französisch und heißt: Ich habe eine gute kleine Schwester. -~Nous avons un bon père et une bonne mère~ heißt: Wir haben einen guten -Vater und eine gute Mutter. ~Puer~ ist Knabe im Lateinischen und Mutter -ist ~mother~ im Deutschen. Ich will Mildred viele Sprachen lehren, -wenn ich nach Hause komme. - - Helen A. Keller. - -In einem Briefe an ein Fräulein Bennet, datiert Tuscumbia, den 29. -Januar 1889, teilt Helen ihre astronomischen Kenntnisse mit. Es heißt -darin unter anderem: - - Ich habe in meinem Buche über Astronomen gelesen. Astronom kommt - von dem lateinischen Worte ~astra~, das Sterne bedeutet, und - Astronomen sind Männer, die die Sterne studieren und uns von ihnen - erzählen. Wenn wir ruhig in unseren Betten schlafen, beobachten sie - den schönen Himmel durch das Teleskop. Ein Teleskop gleicht einem - sehr scharfen Auge. Die Sterne sind soweit entfernt, daß man ohne - ganz vorzügliche Instrumente wenig von ihnen erzählen kann. Sehen - Sie gern aus Ihrem Fenster und betrachten Sie die kleinen Sterne? - Lehrerin sagt, sie kann die Venus von unserem Fenster aus sehen, - und dies ist ein großer, schöner Stern. Die Sterne heißen die - Geschwister der Erde. - -Während des Winters arbeiteten Fräulein Sullivan und ihre Schülerin -fleißig in Tuscumbia, und zwar mit gutem Erfolge, denn im Laufe des -Frühjahrs nahm Helens Ausdrucksweise echt englisches Gepräge an. -Seit dem Mai 1889 finden sich, abgesehen von einigen offenbaren -Schreibfehlern, keine Verstöße gegen die Regeln der Sprache; sie -gebraucht die Worte richtig und bildet fließende Sätze. So schreibt sie -am 18. Mai 1889 in einem Briefe an Herrn Anagnos: - - Sie können es sich nicht vorstellen, wie erfreut ich war, gestern - abend einen Brief von Ihnen zu erhalten. Es tut mir sehr leid, daß - Sie so weit fortgehen. Wir werden Sie sehr, sehr vermissen. Ich - würde gern viele schöne Städte mit Ihnen besuchen. Als ich in - Huntsville war, traf ich mit ~Dr.~ Bryson zusammen, und er - erzählte mir, er sei in Rom, Athen, Paris und London gewesen. Er - hatte die hohen Berge in der Schweiz erstiegen, schöne Kirchen in - Italien und Frankreich besucht und viele alte Schlösser gesehen. - Ich hoffe, Sie werden die Freundlichkeit haben, mir aus allen - Städten, die Sie besuchen, zu schreiben. Wenn Sie nach Holland - kommen, so grüßen Sie bitte die liebliche Prinzessin Wilhelmine - herzlichst von mir. Sie ist ein liebes kleines Mädchen, und wenn - sie alt genug ist, so wird sie Königin von Holland sein. Wenn Sie - nach Rumänien kommen, so fragen Sie, bitte, die Königin Elisabeth - nach ihrem kleinen kranken Bruder und sagen Sie ihr, daß ich sehr - traurig bin, daß ihr geliebtes Töchterchen gestorben ist. Ich - möchte gern Vittorio, dem kleinen Prinzen von Neapel, einen Kuß - senden, aber Lehrerin sagt, sie fürchte, Sie könnten so viele - Aufträge nicht behalten. Wenn ich dreizehn Jahre alt bin, so werde - ich sie alle selbst besuchen. - -Der folgende Brief an Helens französische Lehrerin enthält die -Wiedergabe eines Märchens von Andersen (vergl. unten S. 327). - -_An Fräulein Fannie S. Marrett._ - - Tuscumbia, 17. Mai 1889. - - Mein liebes Fräulein Marrett! Ich muß an ein liebes, kleines - Mädchen denken, das sehr heftig weinte. Sie weinte, weil ihr Bruder - sie sehr geärgert hatte. Ich will Ihnen erzählen, was er getan - hatte, und ich denke, Sie werden das kleine Mädchen von Herzen - bedauern. Sie hatte eine sehr schöne Puppe zum Geschenk erhalten. - O, es war eine reizende, zarte Puppe! aber der Bruder des kleinen - Mädchens, ein großer Junge, hatte ihr die Puppe weggenommen und sie - auf einen hohen Baum im Garten gesetzt und war dann davongelaufen. - Das kleine Mädchen konnte die Puppe nicht erreichen und konnte ihr - nicht herunterhelfen, und daher weinte sie. Auch die Puppe weinte - und breitete ihre Arme zwischen den grünen Zweigen aus und machte - ein ganz trauriges Gesicht. Bald würde die finstere Nacht kommen - -- sollte da die Puppe die ganze Nacht ganz allein auf dem Baume - sitzen? Das kleine Mädchen konnte diesen Gedanken nicht ertragen. - »Ich will bei dir bleiben,« sagte sie zu der Puppe, obgleich sie - nicht allzu beherzt war. Schon begann sie ganz deutlich zu sehen, - wie die kleinen Elfen in ihren großen spitzigen Hüten durch die - dunkelen Baumgänge tanzten und aus den Sträuchern hervorblickten; - und sie schienen näher und näher zu kommen. Das kleine Mädchen - streckte ihre Hände nach dem Baume aus, auf dem die Puppe saß, - und die Elfen lachten und deuteten mit den Fingern auf sie. Wie - erschrocken war das kleine Mädchen! Wenn man aber nichts Böses - getan hat, so können einem diese sonderbaren kleinen Elfen kein - Leid zufügen. Habe ich etwas Böses getan? Ach ja! sagte das kleine - Mädchen. Ich habe über die arme Ente und ihr mit einem roten Lappen - umwickeltes Bein gelacht. Sie hinkte, und darüber mußte ich lachen; - aber es ist unrecht, über die armen Tiere zu lachen! - - Ist das nicht eine traurige Geschichte? Ich hoffe, der Vater hat - den unartigen Knaben bestraft... - -Im Sommer war Fräulein Sullivan dreieinhalb Monate verreist. Folgender -Brief Helens an sie legt Zeugnis von dem herzlichen Verhältnis ab, das -zwischen Lehrerin und Schülerin bestand. - - Tuscumbia, Ala. 7. August 1889. - -Liebstes Fräulein! Ich freue mich sehr, Ihnen heut abend schreiben zu -können, denn ich habe den ganzen Tag viel an Sie gedacht. Ich sitze -auf der Piazza, und meine kleine weiße Taube sitzt auf der Lehne meines -Stuhles und sieht mir zu, während ich schreibe. Ihr kleiner brauner -Gefährte ist mit den übrigen Vögeln davongeflogen, aber Annie[15] ist -nicht traurig, denn sie leistet mir gern Gesellschaft. - -Der kleine Artur[16] wächst sehr schnell. Er hat jetzt ein kurzes -Kleidchen an. Cousine Leila glaubt, daß er binnen kurzem gehen wird. -Dann will ich seine weiche, dicke Hand in die meinige nehmen und mit -ihm im hellen Sonnenschein spazieren gehen. Er wird die größten Rosen -pflücken und auf die lustigsten Schmetterlinge Jagd machen. Ich will -sehr sorgfältig auf ihn achtgeben, damit er nicht fällt und sich -wehtut... - -Ein Herr schenkte mir eine schöne Karte. Sie stellt eine Mühle an einem -schönen Bache dar. Auf dem Wasser schwimmt ein Boot, und rings um das -Boot wachsen duftende Lilien. Nicht weit von der Mühle liegt ein altes -Haus, das ganz dicht von Bäumen umgeben ist. Auf dem Dach des Hauses -sitzen acht Tauben, und auf der Schwelle liegt ein Hund... - -Ich lese täglich in meinen Büchern. Ich liebe sie recht, recht, recht -sehr. Ich wünschte, Sie kehrten bald zu mir zurück. Ich vermisse Sie -recht, recht sehr. Ich kann vieles nicht verstehen, wenn mein liebes -Fräulein nicht hier ist. Ich sende Ihnen fünftausend Küsse und mehr -Liebe, als ich sagen kann. - - Ihre dankbare kleine Schülerin - - Helen A. Keller. - - [15] So hatte Helen die Taube nach ihrer Lehrerin genannt. - - [16] Helens jüngster Bruder. - - -Unter ihren Freunden zählt Fräulein Keller in ihrer Selbstbiographie -auch den Dichter John Greenleaf Whittier auf (s. oben S. 138). Ihr -erster Brief an ihn lautet folgendermaßen: - - Boston, Mass. 27. Nov. 1889. - - Teurer Dichter! - -Ich glaube, Sie werden überrascht sein, einen Brief von einem kleinen -Mädchen zu erhalten, das Sie nicht kennen, aber ich glaubte, es würde -Sie freuen, zu hören, daß Ihre schönen Gedichte mich sehr glücklich -machen. Gestern las ich »~In School Days~« und »~My Playmate~« und -freute mich von Herzen darüber. Ich war sehr traurig, daß das arme -kleine Mädchen mit den braunen Augen und den »goldenen Locken« sterben -mußte. Es ist sehr angenehm, auf unserer schönen Welt zu leben. Ich -kann die lieblichen Dinge nicht mit meinen Augen sehen, aber mein Geist -kann sie alle sehen, und so bin ich den ganzen Tag über fröhlich. - -Wenn ich in meinem Garten spazieren gehe, so kann ich die schönen -Blumen nicht sehen, aber ich weiß, daß sie mich alle rings umgeben; -denn ist nicht die Luft mit ihrem süßen Wohlgeruche angefüllt? Auch -weiß ich, daß die zarten Glöckchen der Lilien ihren Genossinnen hübsche -Geheimnisse zuflüstern, sonst würden sie nicht so glücklich aussehen. -Ich liebe Sie von Herzen, denn Sie haben mich soviel Schönes über -Blumen, Vögel und Menschen gelehrt. Nun muß ich Ihnen Lebewohl sagen. - - Ihre Sie liebende kleine Freundin - - Helen A. Keller. - - -_Aus einem Briefe an ~Dr~. Oliver Wendell Holmes_[17] - - vom 1. März 1890. - -... Ich lese jetzt eine sehr traurige Geschichte, »~Little Jakey~« mit -Titel. Jakey war der lieblichste kleine Knabe, den Sie sich denken -können, aber er war arm und blind. Als ich klein war und noch nicht -lesen konnte, glaubte ich, daß jedermann stets glücklich sei, und -zuerst machte es mich sehr traurig, als ich von Schmerz und großem -Leide erfuhr; aber jetzt weiß ich, daß wir niemals lernen würden, -tapfer und geduldig zu sein, wenn es nur Freude auf der Welt gäbe. - -Ich beschäftige mich in der Zoologie jetzt mit den Insekten, und ich -habe viel über die Schmetterlinge gelernt. Sie machen keinen Honig für -uns wie die Bienen, aber viele von ihnen sind so schön wie die Blumen, -auf denen sie ruhen, und erfreuen stets das Herz kleiner Kinder. Sie -führen ein fröhliches Leben, flattern von Blume zu Blume und nippen die -Tropfen Honigtau, ohne an den morgenden Tag zu denken. Sie sind genau -wie kleine Knaben und Mädchen, wenn sie Bücher und Schule vergessen und -durch die Wälder und Felder laufen, um wilde Blumen zu pflücken oder -nach duftenden Lilien in die Teiche waten, glücklich im strahlenden -Sonnenschein. - - [17] Vergl. oben S. 137 ff. - - -_An Fräulein Sarah Fuller._[18] - - Boston, Mass., 3. April 1890. - - Mein liebes Fräulein Fuller! - -Mein Herz ist an diesem schönen Morgen voller Freude, weil ich viele -neue Wörter sprechen gelernt habe und ich ein paar Sätze bilden -kann. Gestern abend ging ich in den Hof hinaus und redete den Mond -an. Ich sagte: O Mond, komm zu mir! Glauben Sie, daß sich der liebe -Mond freute, als er mich sprechen hörte? Wie froh wird meine Mutter -sein! Ich kann den Juni kaum erwarten, so sehnlich wünsche ich, zu -ihr und zu meiner reizenden kleinen Schwester sprechen zu können. -Mildred konnte mich nicht verstehen, wenn ich mit meinen Fingern -buchstabierte, aber jetzt wird sie auf meinem Schoß sitzen und ich -werde ihr viel erzählen, was ihr gefallen soll, und wir werden so -glücklich miteinander sein. Sind Sie sehr, sehr glücklich, daß Sie so -viele Menschen glücklich machen? Ich glaube, Sie sind sehr gütig und -geduldig, und ich liebe Sie recht von Herzen. Meine Lehrerin sagte mir -am Dienstag, Sie wünschten zu wissen, wie der Wunsch in mir aufstieg, -mit meinem Munde zu sprechen. Ich will es Ihnen ausführlich erzählen, -denn ich erinnere mich ganz genau daran. Als ich ein ganz kleines -Kind war, pflegte ich die ganze Zeit über auf meiner Mutter Schoß zu -sitzen, weil ich sehr furchtsam war und nicht gern allein blieb. Ich -hielt fortwährend meine kleine Hand an ihr Gesicht, weil es mir Spaß -machte, zu fühlen, wie sich ihr Gesicht und ihre Lippen bewegten, -wenn sie mit anderen sprach. Ich wußte damals noch nicht, was sie -tat, denn ich war in allem ganz unwissend. Als ich dann älter wurde, -lernte ich mit meiner Wärterin und den kleinen Negerkindern spielen -und bemerkte, daß sie ihre Lippen genau wie meine Mutter bewegten; -daher bewegte ich auch die meinigen, aber das machte mich mitunter -zornig, und ich schlug meine Spielgefährten oft heftig auf den Mund. -Ich wußte damals noch nicht, daß dies sehr unartig war. Nach langer -Zeit kam meine teure Lehrerin zu mir und lehrte mich, wie ich mich mit -meinen Fingern verständlich machen könnte, und ich war glücklich und -zufrieden. Als ich dann aber in die Schule nach Boston kam, traf ich -mehrere taube Leute, die mit ihrem Munde sprachen wie alle anderen -Leute, und eines Tages kam eine Dame, die in Norwegen gewesen war, zu -mir, um mich zu besuchen, und erzählte mir von einem blinden und tauben -Mädchen, das sie in jenem fernen Lande gesehen hatte und das sprechen -und andere verstehen gelernt hatte, wenn sie zu ihr sprachen. Diese -guten, fröhlichen Nachrichten entzückten mich über die Maßen, denn -jetzt war ich überzeugt, daß ich es auch lernen würde. Ich versuchte -Töne hervorzubringen wie meine kleinen Spielgefährten, aber Fräulein -sagte mir, die Stimme sei etwas sehr Zartes und Empfindliches und -ich würde sie schädigen, wenn ich unrichtige Töne ausstieße, und sie -versprach mir, mich mit zu einer gütigen und klugen Dame zu nehmen, -die mich lehren würde, sie richtig hervorzubringen. Diese Dame waren -Sie selbst. Jetzt bin ich so glücklich wie die kleinen Vögel, denn ich -kann sprechen, und vielleicht werde ich sogar singen lernen. Alle meine -Freunde werden darüber erstaunt und erfreut sein. - - Ihre Sie liebende kleine Schülerin - - Helen A. Keller. - - [18] Vergl. oben S. 57 ff. - - -Aus einem Briefe vom 14. Juli 1890 an den nachmaligen Bischof Brooks. - - -... Meine Eltern waren entzückt, mich sprechen zu hören, und ich war -überglücklich, ihnen eine so frohe Ueberraschung bereiten zu können. -Ich denke mir, es muß ein wohltuendes Gefühl sein, jedermann glücklich -zu machen. Warum hält es der liebe Vater im Himmel manchmal für das -beste, uns recht großes Leid zu senden? Ich bin stets glücklich, und -dies war auch der kleine Lord Fauntleroy, aber des armen kleinen Jakeys -Leben war voller Traurigkeit. Gott hatte Jakeys Augen kein Licht -geschenkt, und sein Vater war nicht freundlich und liebevoll. Glauben -Sie, daß der arme Jakey seinen Vater im Himmel deswegen mehr liebte, -weil sein anderer Vater unfreundlich zu ihm war? Auf welche Weise hat -Gott den Menschen verkündet, daß seine Heimat im Himmel ist? Wenn die -Menschen Böses tun, Tiere quälen und Kinder unfreundlich behandeln, so -ist Gott betrübt, aber auf welche Weise will er sie lehren, barmherzig -und liebreich zu sein? Ich denke, er wird ihnen sagen, wie herzlich -er sie liebt und daß er wünscht, sie möchten gut und glücklich sein, -und dann werden sie ihren Vater, der sie so sehr liebt, nicht betrüben -und wünschen, ihm in allem, was sie tun, zu Gefallen zu sein, und dann -werden sie einander lieben und jedermann Gutes tun und gegen die Tiere -freundlich sein. - -Bitte, erzählen Sie mir alles, was Sie von Gott wissen. Es macht mich -glücklich, viel von meinem liebenden Vater zu erfahren, der gut und -weise ist. Ich hoffe, Sie werden Ihrer kleinen Freundin schreiben, wenn -Sie Zeit haben. - - -Tommy Stringer, dessen Name in den Briefen der nächsten Zeit oft -vorkommt, wurde im Alter von fünf Jahren blind und taub. Seine -Mutter war tot und sein Vater zu arm, um ihn unterrichten zu lassen. -Eine Zeitlang war er in dem allgemeinen Krankenhaus in Allegheni -untergebracht. Von dort wurde er nach einem Armenhause geschickt, -denn zu jener Zeit gab es in Pennsylvania keinen anderen Platz. Helen -hörte von ihm durch einen Bekannten, der ihr schrieb, es sei ihm nicht -gelungen, einen Gönner für Tommy zu finden. Sie wünschte, daß er nach -Boston gebracht würde, und als man ihr mitteilte, es gehöre viel Geld -dazu, ihm eine Lehrerin zu halten, antwortete sie: Wir wollen es -zusammenbringen. Sie begann Beiträge unter ihren Bekannten zu sammeln -und leerte selbst ihre Sparbüchse. - -~Dr~. Alexander Graham riet, Tommy nach Boston zu schicken, und wirkte -ihm einen Platz in dem Blindenkindergarten aus. - -Inzwischen bot sich für Helen Gelegenheit, eine beträchtliche Summe zu -Tommys Erziehung beizusteuern. Den Winter zuvor war ihr Hund Lioneß -gestorben, und ihre Freunde faßten den Plan, Geld zu sammeln, um ihr -einen neuen Hund zu kaufen. Helen bat, die Beiträge, die aus ganz -Amerika und England zusammenflossen, auf Tommys Erziehung zu verwenden. -In Anbetracht dieses neuen Zweckes wuchs der Fonds rasch an, und für -Tommy war gesorgt. Er wurde am 6. April in den Kindergarten aufgenommen. - -Helen hatte sich mit wahrem Feuereifer der Sache angenommen. So -heißt es in einem Briefe vom 20. März 1891: Und nun möchte ich Ihnen -mitteilen, was die Hundeliebhaber in Amerika zu tun im Begriffe -stehen. Sie wollen mir Geld für ein armes taubstummes und blindes Kind -schicken. Sein Name ist Tommy, und es ist fünf Jahre alt. Seine Eltern -sind zu arm, um den kleinen Kerl in die Schule schicken zu können, -und daher wollen die Herren, anstatt mir einen Hund zu schenken, dazu -beitragen, Tommys Leben so strahlend und fröhlich wie das meinige zu -machen. Ist dies nicht ein schönes Unternehmen? Die Erziehung wird -Licht und Musik in Tommys Seele bringen, und dann muß er unbedingt -glücklich sein. -- Und in einem anderen Briefe vom April 1891 heißt -es: Ich wünschte, Sie könnten den kleinen Tom sehen, jenes blinde und -taubstumme Kind, das soeben in unserem hübschen Garten eingetroffen -ist. Er ist jetzt arm, hilflos und einsam, aber vor Ablauf eines Jahres -wird die Erziehung Licht und Heiterkeit in Tommys Leben gebracht haben. --- Ferner schreibt Helen in einem Briefe vom 30. April: Sie werden sich -freuen, zu hören, daß Tommy jetzt eine freundliche Dame zur Lehrerin -hat und daß er ein hübscher, lebhafter, kleiner Bursche ist. Das -Umherklettern gefällt ihm allerdings besser als das Buchstabieren, aber -dies kommt daher, daß er noch nicht weiß, was für ein wunderbares Ding -die Sprache ist. Er kann sich nicht denken, wie sehr, sehr glücklich er -sein wird, wenn er uns seine Gedanken mitteilen kann und wir ihm sagen -können, daß wir ihn schon so lange geliebt haben. - -Auf Helens Bitte eröffnete Bischof Brooks eine öffentliche Sammlung -für Tommy, die über 1600 Dollars einbrachte. Helen selbst schrieb -Briefe an die Zeitungen und quittierte öffentlich über den Empfang -des Geldes. Der vom 13. Mai 1891 datierte folgende Brief ist an den -Herausgeber des »Boston Herald« gerichtet: Ich glaube, die Leser Ihrer -Zeitung werden sich freuen, zu hören, daß soviel für den lieben kleinen -Tommy getan worden ist. Er fühlt sich in der Tat im Kindergarten sehr -glücklich, und lernt täglich etwas Neues. Er hat herausgefunden, -daß die Türen Schlösser haben und daß kleine Hölzchen und Stückchen -Papier sich ganz leicht in die Schlüssellöcher hineinstecken lassen; -aber er scheint nicht halb soviel Lust zu haben, sie herauszunehmen -wie hineinzustecken. Das Hinaufklettern an den Bettpfosten und das -Abschrauben der Dampfventile gefällt ihm allerdings viel besser als das -Buchstabieren, aber dies kommt daher, daß er noch nicht versteht, daß -die Wörter ihm zu neuen, interessanten Entdeckungen verhelfen werden. -Ich hoffe, daß gute Menschen fortfahren werden, für Tommy zu sorgen, -bis der Fonds vollständig ist und die Erziehung Licht und Musik in sein -kleines Leben gebracht hat. - - * * * * * - -Im Mai 1892 gab Helen zum Besten des Blindenkindergartens einen »Tee«, -der über 2000 Dollars einbrachte. Auf diese Veranstaltung bezieht sich -folgender Brief vom 9. Mai 1892 an eine Freundin: Brauche ich Ihnen zu -sagen, wie ich mich freute, zu hören, daß Sie sich für meinen »Tee« -interessieren? Keinenfalls dürfen wir ihn aufgeben. Sehr bald werde ich -weit fortgehen, in mein teures Elternhaus, in den sonnigen Süden, und -der Gedanke würde mich für immer glücklich machen, daß das letzte, was -meine teueren Freunde in Boston mir zuliebe getan haben, darin bestand, -daß sie das Leben so vieler kleiner des Gesichts beraubter Kinder froh -und glücklich zu machen halfen. Ich weiß, daß gütige Menschen gar -nicht umhin können, liebevolle Teilnahme für die Kleinen zu hegen, die -das herrliche Licht nicht zu erblicken vermögen, und es scheint mir, -als müsse sich alle liebevolle Teilnahme in Handlungen werktätiger -Hilfe äußern; und wenn die Freunde der kleinen hilflosen, blinden -Kinder einsehen, daß wir für ihre Glückseligkeit sorgen, so werden sie -bestimmt kommen und unserem »Tee« den Erfolg sichern, und ich bin fest -davon überzeugt, ich werde das glücklichste kleine Mädchen auf der -ganzen Welt sein. - - * * * * * - -Von der Reise zum Niagarafall (s. oben S. 74) handelt folgender Brief -Helens vom 13. April 1893 an ihre Mutter: - - * * * * * - -... Herr Westerfelt[19] gab uns zu Ehren eine Nachmittags-Gesellschaft. -Es kam eine große Menge Menschen. Einige von ihnen richteten sehr -sonderbare Fragen an mich. Eine Dame schien überrascht zu sein, daß -ich die Blumen liebte, da ich doch ihre schönen Farben nicht zu sehen -vermöchte, und als ich sie versicherte, ich liebte sie trotzdem, -antwortete sie: »Gewiß fühlen Sie die Farben mit Ihren Fingern.« Aber -natürlich lieben wir die Blumen, nicht nur ihrer herrlichen Farbe -wegen... Ein Herr fragte mich, was der Begriff Schönheit für mich -bedeute. Ich muß gestehen, ich war für einen Augenblick verwirrt. Dann -aber antwortete ich ihm, Schönheit sei eine Form der Güte -- und er -verschwand. - - [19] Der Leiter einer Taubstummenschule in Rochester. - - * * * * * - -Ueber den Eindruck, den der Niagarafall selbst auf Helen machte, heißt -es weiterhin: - -Das Hotel stand so nahe am Flusse, daß ich sein Vorbeirauschen fühlen -konnte, wenn ich die Hand an das Fenster legte... Du kannst Dir nicht -vorstellen, was ich fühlte, als ich am Niagara stand, ehe Du nicht -selbst die nämliche geheimnisvolle Empfindung gehabt hast. Ich konnte -mir kaum denken, daß es Wasser sei, was ich mit ungestümer Wut zu -meinen Füßen brausen und tosen fühlte. Es kam mir vor, als sei es -ein lebendes Wesen, das einem furchtbaren Geschicke entgegeneilte. -Ich wünschte, ich könnte den Wasserfall schildern, wie er ist, seine -Schönheit und majestätische Größe, das furchtbare, unwiderstehliche -Hinabstürzen des Wassers über den Hang des Abgrundes. Man fühlt sich in -Gegenwart einer solchen ungeheueren Kraft hilflos und überwältigt. Ich -hatte schon einmal dieses selbe Gefühl, als ich am Strande des Ozeans -stand und seine Wogen gegen das Ufer anbranden fühlte. Ich glaube, -auch Du hast diese Empfindung, wenn Du in der Stille der Nacht zu den -Sternen aufblickst, nicht wahr?... Wir ließen uns 120 Fuß in einem -Elevator nieder, um die furchtbaren Wogen und Wirbel in der tiefen -Schlucht unterhalb des Falles zu beobachten. - - * * * * * - -Ihren Besuch der Weltausstellung in Chicago schildert Helen in einem -Briefe vom 17. August 1893. Es heißt darin unter anderem: Jedermann -auf der Ausstellung war sehr freundlich zu mir... Fast alle Aussteller -schienen gern bereit zu sein, mich auch die zerbrechlichsten -Dinge berühren zu lassen, und sie erklärten mir alles in der -liebenswürdigsten Weise. Ein Franzose, dessen Namen ich vergessen habe, -zeigte mir die großen französischen Bronzen. Ich glaube, sie machten -mir mehr Freude als sonst etwas auf der Ausstellung: so lebendig und -wundervoll erschienen sie mir bei der Berührung..... Dann ging ich mit -Professor Morse nach der japanischen Abteilung. Ich hatte keine Ahnung -davon, was für ein wunderbares Volk die Japaner sind, ehe ich ihre -höchst interessante Ausstellung sah. Japan muß in der Tat ein Paradies -für die Kinder sein, nach der großen Menge von Spielsachen zu urteilen, -die hier angefertigt werden. - - * * * * * - -Ueber ihre Begegnung mit Mark Twain schreibt Helen Keller im März 1895 -an ihre Mutter folgendes: - -Lehrerin und ich verbrachten den gestrigen Nachmittag bei Herrn Hutton -und waren sehr vergnügt dort! - -Wir trafen Mr. Clemens (Mark Twain) und Mr. Howells dort. Ich hatte -schon lange von ihnen gehört, aber nie hatte ich gedacht, daß ich die -einmal sehen und mit ihnen sprechen sollte. ... Die beiden berühmten -Schriftsteller waren sehr lieb und freundlich mit mir, und ich könnte -nicht sagen, welcher von beiden mir lieber ist. Mark Twain erzählte -uns viele unterhaltende Geschichten und brachte uns zum Lachen, bis -wir weinten. Ich möchte nur, Du hättest ihn sehen und hören können. Er -erzählte uns, daß er in einigen Tagen nach Europa gehen wolle, um seine -Frau und seine Tochter Jeanne nach Amerika zurückzuholen, weil Jeanne, -die in Paris studiert, in 3½ Jahren soviel gelernt hätte, daß wenn er -sie jetzt nicht nach Hause brächte, sie bald mehr wüßte, als er selber. - -Ich finde, »Mark Twain« ist ein sehr passender ~nom de plume~ für -Herrn Clemens, denn er klingt so komisch und drollig und paßt gut zu -seinen lustigen Geschichten, und seine nautische Bedeutung[20] weist -auf die tiefsinnigen und schönen Sachen hin, die er geschrieben hat. -Ich finde, er ist sehr schön -- -- --. - - (Vgl. oben S. 141 ff. 182.) - - [20] ~Mark twain~ = Ruf des Mississippi-Lotsen bei 2 Faden Tiefe. - - -[Illustration: Helen Keller »betrachtet« eine Nike-Statuette] - -Einen Besuch im Bostoner Museum schildert Helen in einem Briefe vom -3. Februar 1899. Sie schreibt darin: Vorigen Montag hatte ich ein -äußerst interessantes Erlebnis. Eine Freundin nahm mich an diesem Tage -mit nach dem Bostoner Kunstmuseum. Sie hatte mir schon vorher bei -General Loring, dem Direktor des Museums, die Erlaubnis ausgewirkt, -die Statuen berühren zu dürfen, namentlich die, welche meine alten -Freunde aus der Ilias und der Aeneis darstellten. War dies nicht -liebenswürdig? Während ich dort weilte, trat General Loring selbst ein -und zeigte mir einige der schönsten Statuen, unter denen sich die Venus -von Medici, die Athene vom Parthenon, Diana in ihrem Jagdkleide mit -der Hand am Köcher und einer Hindin neben ihr, sowie der unglückliche -Laokoon nebst seinen beiden Söhnen befanden, die sich in den -furchtbaren Umschlingungen zweier riesiger Schlangen winden und unter -herzzerreißendem Geschrei ihre Arme zum Himmel emporstrecken. Auch -den Apollo vom Belvedere sah ich. Er hat soeben den Python erlegt und -steht neben einem großen Marmorpfeiler, die schöne Hand triumphierend -über den furchtbaren Drachen ausstreckend. O er ist einfach wundervoll! -Venus entzückte mich. Sie sah aus, als sei sie soeben aus dem Schaume -des Meeres emporgestiegen, und ihre Lieblichkeit wirkte auf mich wie -ein himmlischer Gesang. Auch die arme Niobe sah ich mit ihrem jüngsten -Kinde, das sich fest an die anklammert, während sie die grausame -Göttin anfleht, ihr nicht auch den letzten Liebling zu töten. Ich -weinte beinahe, so lebenswahr und tragisch war dies alles. General -Loring zeigte mir auch in liebenswürdiger Weise eine Nachbildung einer -der wundervollen Bronzetüren aus dem Baptisterium zu Florenz, und -ich befühlte die schönen Pfeiler, die auf den Rücken grimmiger Löwen -ruhen. So hatte ich, wie Sie sehen, einen Vorgeschmack des Genusses, -den ich eines Tages haben werde, wenn ich Florenz besuche. Meine -Freundin versprach mir, später eine Nachbildung der von Lord Elgin -nach London gebrachten Parthenonskulpturen zu zeigen. Ich würde es -jedoch vorziehen, die Originale an der Stelle zu sehen, für die sie -von dem Genius bestimmt waren, nicht nur als Hymnus zum Preise der -Götter, sondern auch als Denkmal für den Ruhm Griechenlands. Es scheint -mir tatsächlich ein Frevel zu sein, solche geweihte Werke aus dem -Heiligtume der Vergangenheit, in das sie gehören, zu entführen. - - * * * * * - -Ebenso interessant wie das vorstehende Schreiben ist eine Aeußerung -Helens in einem Briefe vom 2. Januar 1900 über ihre Empfindungen -beim Orgelspiel. Es heißt darin: Am Sonntag gingen wir nach der -Bartholomäuskirche... Nach dem Gottesdienste bat der Geistliche -den Organisten Herrn Warren, die Orgel für mich zu spielen. Ich -stand mitten in der Kirche, wo die von der großen Orgel erzeugten -Luftschwingungen am stärksten sind, und fühlte die mächtigen Tonwogen -gegen mich anbranden, wie die großen Meereswellen gegen ein kleines -Schiff schlagen... - - * * * * * - -Zum Schluß seien noch einige Aeußerungen Helens über -Schicksalsgefährten von ihr angeführt. Am 5. Juni 1899 schreibt sie -über Linnie Haguewood, ein taub-blindes Mädchen, das von einem Fräulein -Dora Donald erzogen worden war, an Herrn William Wade (vergl. S. 78): -Linnie Haguewoods Brief interessierte mich sehr. Er scheint mir auf -Selbständigkeit und große Sanftmut des Charakters hinzuweisen. Sehr -interessant sind ihre Aeußerungen über Geschichte. Ich bedauere, daß -sie kein Gefallen daran findet; aber auch ich empfinde es bisweilen, -wie dunkel, geheimnisvoll und selbst furchtbar die Geschichte alter -Völker, alter Religionen und alter Regierungsformen in Wahrheit ist. - -Nun, ich muß offen gestehen, ich liebe die Zeichensprache nicht und -glaube auch nicht, daß sie den Taub-Blinden von großem Nutzen ist. -Ich finde es sehr schwer, den raschen Bewegungen der Taubstummen zu -folgen, und außerdem scheinen die Zeichen ein großes Hindernis für sie -bei der Gewöhnung an einen freien, gewandten Gebrauch der Sprache zu -sein. Es fällt mir bisweilen schwer, sie zu verstehen, wenn sie mit -den Fingern buchstabieren. Im ganzen genommen erscheint mir, wenn sie -nicht die Lautsprache erlernen können, das Fingeralphabet als das beste -und bequemste Verständigungsmittel für sie. Jedenfalls bin ich fest -davon überzeugt, daß die Taub-Blinden es nicht fertig bringen, die -Zeichensprache einigermaßen gewandt zu handhaben. - -Eines Tages traf ich einen tauben Norweger, der Ragnhild Kaata und ihre -Lehrerin sehr genau kennt, und wir unterhielten uns über sie in sehr -interessanter Weise. Er erzählte, sie sei sehr fleißig und heiter. -Sie spinnt und beschäftigt sich viel mit weiblichen Handarbeiten, -sie liest und führt ein angenehmes, nützliches Leben. Aber denken -Sie, sie versteht sich nicht auf das Fingeralphabet. Sie liest gut -von den Lippen ab, und wenn sie etwas nicht versteht, so schreiben -ihre Bekannten es ihr in die Hand, und auf diese Weise unterhält sie -sich mit Fremden. Ich kann nichts verstehen, was man mir in die Hand -schreibt; daraus können Sie sehen, daß Ragnhild mir in einigen Punkten -überlegen ist. Ich hoffe, ich werde sie einmal sehen. - - * * * * * - -Am 9. Dezember 1900 schreibt Fräulein Keller an denselben Herrin: - -... Im vergangenen Oktober hörte ich von einem ungewöhnlich geweckten -taub-blinden Mädchen in Texas. Sie heißt Ruby Rice und ist, glaube ich, -dreizehn Jahre alt. Sie hat niemals Unterricht erhalten; doch kann -sie nähen und hilft anderen bei dieser Arbeit. Ihr Geruchssinn ist -wunderbar fein ausgebildet. Wenn sie in einen Laden tritt, geht sie -direkt auf die Schaukästen zu; ebenso kann sie ihre eigenen Sachen -von fremden unterscheiden. Ihre Eltern wünschen möglichst bald eine -Lehrerin für sie. Auch haben sie schon an Herrn Hitz über ihre Tochter -geschrieben. - -Ebenso kenne ich ein Kind in dem Taubstummen-Institut in Mississippi. -Sie heißt Maud Scott und ist sechs Jahre alt. Fräulein Watkins, ihre -Erzieherin, hat mir einen sehr interessanten Brief geschrieben. Sie -teilte mir mit, daß Maud taub geboren ist und ihr Gesicht schon im -Alter von drei Monaten verlor, sowie daß sie bei ihrer vor ein paar -Wochen erfolgten Aufnahme in das Institut ganz hilflos war. Sie konnte -nicht einmal gehen und konnte auch ihre Hände nur wenig gebrauchen. -Als man versuchte, ihr das Aufreihen von Perlen beizubringen, sanken -ihr die Händchen herab. Augenscheinlich ist ihr Gefühlssinn nicht -entwickelt worden, und bis jetzt kann sie nur gehen, wenn jemand sie -bei der Hand faßt; aber sie scheint ein außergewöhnlich gewecktes Kind -zu sein. Fräulein Watkins fügt hinzu, daß sie sehr hübsch ist. Ich habe -ihr geschrieben, daß, wenn Maud lesen lernt, ich ihr viele Erzählungen -schicken werde. Das Herz tut mir weh bei dem Gedanken, wie gänzlich -dieses liebe, süße kleine Mädchen von allem abgeschnitten ist, was im -Leben gut und wünschenswert ist. Aber Fräulein Watkins scheint gerade -die richtige Erzieherin für sie zu sein. - -Vor kurzem war ich in New York und traf Fräulein Rhoades, die mir -erzählte, sie habe Katie Mc. Gier gesehen. Sie sagte, das arme junge -Mädchen spreche und bewege sich gerade wie ein kleines Kind. Katie -spielte mit Fräulein Rhoades’ Ringen, zog sie ihr ab und sagte mit -einem fröhlichen Lachen: Sie bekommen sie nicht wieder. Sie konnte -Fräulein Rhoades nur verstehen, wenn diese von den einfachsten Dingen -sprach. Sie wollte ihr einige Bücher schicken, konnte aber keins -finden, das einfach genug für sie gewesen wäre! Sie sagte, Katie sei -sehr sanft, sei aber in Bezug auf den eigentlichen Unterricht in -betrübender Weise zurückgeblieben. Ich war sehr überrascht, all dies -zu hören; denn nach Ihren Briefen zu urteilen, muß Katie ein sehr -frühreifes Mädchen sein. - -Vor ein paar Tagen traf ich Tommy Stringer auf dem Bahnhofe in -Wrentham. Er ist jetzt ein großer, starker Junge und wird bald der -Leitung eines Mannes bedürfen; denn er ist wirklich zu groß, als daß -sich eine Dame noch mit ihm abgeben könnte. Er geht, wie ich höre, in -die öffentliche Schule, und seine Fortschritte sollen ganz erstaunlich -sein; aber in der Unterhaltung zeigt er dies bis jetzt noch nicht, denn -diese beschränkt sich auf ja und nein. - -Ferner schreibt Helen in einem Briefe vom 27. Dezember 1890 an eine -bekannte Dame: Ein Herr in Philadelphia hat vor kurzem an meine -Lehrerin über ein taub-blindes Kind in Paris, dessen Eltern Polen sind, -geschrieben. Die Mutter ist Aerztin und, wie er sagt, eine prächtige -Frau. Der kleine Knabe konnte zwei bis drei Sprachen sprechen, bevor -er sein Gehör durch Krankheit verlor, und ist jetzt erst fünf Jahre -alt. Armer kleiner Bursche, ich wollte, ich könnte etwas für ihn tun; -aber er ist so jung, meine Lehrerin glaubt, eine Trennung von seiner -Mutter würde von zu nachteiligen Folgen für ihn begleitet sein. Frau -Thaw schrieb mir kürzlich einen Brief über die Möglichkeit, etwas -für all diese Kinder zu tun. ~Dr.~ Bell meint, die gegenwärtige -Volkszählung würde ergeben, daß sich allein in den Vereinigten Staaten -mehr als tausend befänden, und Frau Thaw glaubt, wenn alle meine -Freunde ihre Anstrengungen vereinigten, so würde es ein leichtes sein, -mit Beginn dieses neuen Jahrhunderts der Wohltätigkeit eine neue Bahn -zu eröffnen und die Rettung dieser unglücklichen Kinder zu bewirken. - -Am 11. November 1901 wurde ~Dr.~ Howes hundertjähriger Geburtstag in -Boston feierlich begangen. Am Tage vorher schrieb Helen Keller an ihren -Verwandten ~Dr.~ Edward Everett Hale (vergl. oben S. 139) folgenden -Brief: - - * * * * * - - Cambridge, 10. November 1901. - -Meine Lehrerin und ich hoffen morgen der Feier der hundertsten -Wiederkehr von ~Dr.~ Howes Geburtstag beiwohnen zu können; aber ich -bezweifle es sehr, ob wir eine Gelegenheit finden werden, mit Ihnen zu -sprechen. Daher schreibe ich Ihnen heut, um Ihnen zu sagen, wie erfreut -ich darüber bin, daß Sie die Festrede halten werden; denn ich fühle es, -daß Sie besser als sonst jemand, den ich kenne, die aus dem tiefsten -Herzen kommende Dankbarkeit derer zum Ausdruck bringen werden, die -ihre Bildung, ihre Stellung im Leben, ihr Glück dem verdanken, der den -Blinden die Augen geöffnet und den Stummen die Lautsprache geschenkt -hat. - -Während ich hier in meinem Studierzimmer sitze, umgeben von meinen -Büchern, mich der tröstenden und erhebenden Gemeinschaft mit den großen -Weisen erfreuend, suche ich mir vorzustellen, was mein Leben wohl -gewesen wäre, wenn es ~Dr.~ Howe nicht gelungen wäre, die große, ihm -von Gott gestellte Aufgabe zu lösen. Hätte er nicht die Verantwortung -für Laura Bridgmans Erziehung übernommen und sie aus dem Schlunde des -Acheron zurück zu ihrem Menschentume geführt, würde ich dann heut eine -Schülerin des Radcliffe College sein -- wer vermag dies zu sagen? Aber -es ist nutzlos, über das zu grübeln, was in Bezug auf ~Dr.~ Howes große -Leistung hätte sein können. - -Ich glaube, nur diejenigen, welche jenem mehr dem Tode als dem Leben -ähnlichen Dasein entronnen sind, von dem auch Laura Bridgman gerettet -worden ist, können wissen, wie vereinsamt, wie in Dunkel gehüllt, wie -durch die eigene Ohnmacht niedergedrückt eine Seele ohne Denken, ohne -Glauben, ohne Hoffen ist. Worte sind zu schwach, um die Oede jenes -Kerkers oder die Freude der Seele, die aus ihrer Haft befreit ist, -zu schildern. Wenn wir die Dürftigkeit und Hilflosigkeit der Blinden -vor dem Beginn von ~Dr.~ Howes Tätigkeit mit ihrer gegenwärtigen -Brauchbarkeit und Unabhängigkeit vergleichen, so sind wir uns bewußt, -daß sich große Dinge in unserer Mitte vollzogen haben. Physische -Bedingungen haben hohe Mauern um uns errichtet, aber dank unserem -Freunde und Helfer liegt uns die Welt nach oben offen; die Länge, die -Breite, die Höhe des Himmels gehören uns. - -Es ist ein erhebender Gedanke, daß ~Dr.~ Howes edles Unternehmen den -ihm gebührenden Tribut der Liebe und Dankbarkeit in der Stadt erhalten -soll, die der Schauplatz seiner unendlichen Mühen und seiner glänzenden -Siege zum Besten der Menschheit gewesen ist. - -Mit den herzlichsten Grüßen, denen sich meine Lehrerin anschließt, bin -ich - - in treuer Liebe - - Ihre Freundin - - Helen Keller. - - - - - Anhang - - Von John Albert Macy - - - Nebst Briefen und Berichten - - von - - A. M. Sullivan. - - - - -Die Abfassung des Buches. - - Schwierigkeit der Prüfung des mit der Schreibmaschine hergestellten - Manuskriptes. -- Braillekopie. -- Revision mit Hilfe Fräulein - Sullivans. - - -Man muß gestehen, Fräulein Kellers »Geschichte meines Lebens« erscheint -gerade jetzt zur rechten Zeit. Die Entwickelung der Verfasserin ist im -wesentlichen abgeschlossen, und was sie auch in Zukunft noch erreichen -mag, es wird immer nur ein verhältnismäßig geringfügiger Zuwachs zu -den Erfolgen sein, die sie schon jetzt aufzuweisen hat. Diese Erfolge -liegen klar zutage, denn ihre Leistungen im Radcliffe College während -der letzten beiden Jahre haben bewiesen, daß sie ihre Ausbildung so -weit fortsetzen kann, als ob sie unter normalen Bedingungen studierte. -Alle Zweifel, die Fräulein Keller etwa selbst gehegt haben mag, sind -nun verstummt. - -Um den Leser in den Stand zu setzen, Fräulein Kellers Aufzeichnungen -von dem richtigen Gesichtspunkte aus zu betrachten, sind einige -Erläuterungen notwendig. In der Schilderung, die sie von ihren ersten -Unterrichtsjahren entwirft, gibt sie keinen wissenschaftlich genauen -Bericht über ihr Leben, nicht einmal über die wichtigsten Ereignisse -darin. Sie kann im einzelnen nicht wissen, in welcher Weise sie -unterrichtet wurde, und die Erinnerung an ihre Kindheit ist zum Teil -eine idealisierte Erinnerung an das, was sie später von ihrer Lehrerin -und anderen erfahren hat. Sie ist weniger imstande, sich auf Ereignisse -zu entsinnen, die fünfzehn Jahre zurückliegen, als die meisten von uns -sich ihre Kindheit ins Gedächtnis zurückrufen können. Aus diesem Grund -wird man stellenweise einen Unterschied zwischen den Aufzeichnungen -Fräulein Kellers und den Berichten ihrer Lehrerin finden. - -Die Art und Weise, in der Fräulein Keller ihre Biographie geschrieben -hat, legt deutlicher als alles andere Zeugnis von den Schwierigkeiten -ab, die sie zu überwinden hatte. Wenn wir schreiben, so können wir das -Fertiggewordene überlesen, seitenlang zurückblättern, einfügen, die -Anordnung ändern; wir können sehen, wie sich die Sätze im Konzepte -ausnehmen, und so das ganze Werk offensichtlich vor unseren Augen -aufbauen, wie ein Architekt seine Pläne entwirft. Wenn Fräulein Keller -die Schreibmaschine benutzt, so kann sie das Niedergeschriebene nur -prüfen, wenn es ihr jemand mittels des Fingeralphabets vorliest. - -Diese Schwierigkeit wird zum Teil durch die Benutzung der -Braillemaschine gehoben, die ein für sie lesbares Manuskript liefert; -da ihre Arbeit doch aber zuletzt in Schreibmaschinenschrift übertragen -werden muß, und eine Braillemaschine etwas unbequem zu handhaben ist, -so hat sie sich daran gewöhnt, sofort mit der Schreibmaschine zu -arbeiten. Sie ist so wenig von ihrem Braillemanuskript abhängig, daß, -als sie vor länger als Jahresfrist ihre Biographie zu schreiben begann -und etwa hundert Seiten des Entwurfes nebst einzelnen Bemerkungen -hiezu fertiggestellt hatte, sie aus Unachtsamkeit diese Anmerkungen -vernichtete, ehe sie ihr Manuskript beendet hatte. Daher schrieb sie -einen großen Teil ihrer Biographie mittels der Schreibmaschine nieder -und verließ sich behufs der Zusammenstellung der einzelnen Episoden, -die ihr Fräulein Sullivan vorlas, bei der endgültigen Ausarbeitung ganz -auf ihr Gedächtnis. - -Als sie im vergangenen Juli unter großer Ueberbürdung mit Arbeit -das Schlußkapitel beendet hatte, begann sie das ganze Buch mit -der Schreibmaschine umzuschreiben. Ein guter Freund von ihr, Herr -William Wade, hatte für sie eine vollständige Braillekopie nach den -Niederschriften angefertigt. Nun hatte sie zum ersten Male ihr gesamtes -Manuskript auf einmal unter den Fingern. Sie bemerkte Mängel in der -Anordnung der Abschnitte und Wiederholungen einzelner Redewendungen; -ferner erkannte sie, daß ihre Biographie von selbst in kurze Kapitel -zerfiel, und teilte sie demgemäß von neuem ein. - -Teils infolge ihres Temperaments, teils infolge der Bedingungen, unter -denen ihr Buch entstanden war, hatte sie mehr eine Reihe glänzender -Einzelschilderungen als eine einheitliche Erzählung gegeben; in der Tat -sind verschiedene Abschnitte ihrer Biographie kurze Aufsätze, die sie -in ihren englischen Unterrichtsstunden geschrieben hatte, und die lose -Verbindung zeigt mitunter ihren ursprünglichen Umfang an. - -Bei der Reinschrift brachte Fräulein Keller mit Hilfe ihrer -Brailleschreibmaschine Korrekturen und Ergänzungen auf besonderen -Blättern zu Papier. Längere Korrekturen schrieb sie mittels der -Schreibmaschine nieder und bezeichnete die Stellen, an die sie -gehörten, durch Stichworte. Dann las sie das ganze Buch von ihrer -Braillekopie ab und brachte während des Lesens noch Korrekturen an, -die auf das Manuskript niedergeschrieben wurden, das dann in die -Druckerei kam. Während dieser Revision erörterte sie Fragen, die auf -Inhalt und Form Bezug hatten. Sie saß da, ließ ihre Finger über das -Braillemanuskript gleiten, hielt dann und wann inne, um die Blätter, -auf die sie ihre Notizen in Brailleschrift aufgezeichnet hatte, zu -vergleichen, und las die ganze Zeit über laut, um ihre Zuhörer in die -Lage zu versetzen, das Manuskript zu kontrollieren. - -Sie hörte auf die Kritik genau so wie jeder andere Schriftsteller -auf das Urteil seiner Freunde oder seines Verlegers hört. Fräulein -Sullivan, die eine ausgezeichnete Kritikerin ist, machte ihr -sowohl bei der Ausarbeitung wie bei der Revision vielfach -Verbesserungsvorschläge. Man hat behaupten wollen, Fräulein Keller -sei durch übereifrige Freunde zur Abfassung ihres Buches sowie zur -Einfügung gewisser Dinge gedrängt worden. In Wahrheit haben die -Ratschläge, die sie erhalten und befolgt hat, mehr zu Streichungen als -zu Zusätzen geführt. Das Buch ist Fräulein Kellers ausschließliches -geistiges Eigentum und der entscheidende Beweis für ihre selbständige -Begabung. - - - - -Helen Kellers Persönlichkeit. - - Körperliche Erscheinung. -- Lebhafte Gestikulation. -- - Personengedächtnis. -- Vorliebe für Humor. -- Hartnäckigkeit im - Verfolgen ihrer Ziele. -- Keckheit. -- Ungeeignet für psychologische - Experimente. -- Liebe zur Geselligkeit. -- Verständnis für Musik. - -- Interesse für die Tagesereignisse. -- Ueberraschend vollständige - Weltkenntnis. -- Gefühlssinn nicht besonders fein entwickelt. -- - Verständnis für Plastik. -- Wenig Orientierungssinn. -- Benutzung der - Schreibmaschine. -- Fingeralphabet. -- Hochdruck und Braillesystem. - -- Geruchssinn. -- »Sechster Sinn«. -- Zeitsinn. -- Eigenartige - Uhren. -- Gesunde Auffassung der Dinge. -- Sittliche Reinheit. -- - Abneigung gegen Tragödien. -- Warmes Empfinden und Aufrichtigkeit. -- - Mangel an Eitelkeit. -- Beschäftigung mit Politik. - - -Mark Twain hat behauptet, die beiden interessantesten Charaktere -des neunzehnten Jahrhunderts seien Napoleon und Helen Keller. Die -Bewunderung, mit der die Welt auf die letztere geblickt hat, wird -durch ihre Leistungen mehr als gerechtfertigt. Niemand vermag etwas -Zutreffendes über sie auszusagen, was nicht bereits gedruckt ist, und -alles, was ich tun kann, besteht darin, einiges Tatsächliche über -Fräulein Kellers Entwickelungsgang mitzuteilen und die Angaben über -ihre Persönlichkeit in einigen Punkten zu ergänzen. - -Fräulein Keller ist groß und kräftig gebaut und hat sich stets einer -guten Gesundheit erfreut. Sie scheint nervöser zu sein, als sie -tatsächlich ist, weil sie mehr mit ihren Händen gestikuliert als -die meisten Menschen englischer Zunge. Der eine Grund für diese -Gewöhnung liegt bei ihr darin, daß sie sich ihrer Hände so lange -Zeit als Verständigungsmittel bedient hat, daß sie von selbst die -rasche Beweglichkeit des Auges angenommen haben und einen Teil von -dem ausdrücken, was wir mit einem Blicke sagen. Alle tauben Menschen -gestikulieren von Hause aus. In der Tat war man früher der Meinung, -diese Unglücklichen könnten sich am leichtesten durch ein System -von Gestikulationen, durch die von dem Abbé de l’Epée erfundene -Zeichensprache verständlich machen. - -Wenn Fräulein Keller spricht, so belebt sich ihr Antlitz und drückt -alle Nuancen ihres Denkens aus, ihre Gesichtszüge werden sprechend -und geben ihren Worten erst den rechten Nachdruck. Wenn sie jedoch -mit einem näheren Bekannten spricht, so faßt sie mit der Hand rasch -nach seinem Gesichte, um, wie sie sagt, „das Bewegungsspiel des Mundes -zu sehen.“ Auf diese Weise ist sie imstande, den Sinn solcher halb -ausgesprochenen Sätze zu verstehen, die wir unbewußt aus dem Tone der -Stimme oder dem Ausdrucke des Auges ergänzen. - -Ihr Personengedächtnis ist erstaunlich. Sie erinnert sich bei der -Berührung von Fingern, die sie früher in der Hand gehalten hat, all -der charakteristischen Muskelzusammenziehungen, die den Handschlag des -einen Menschen von dem des anderen verschieden machen. - -Vielleicht der kennzeichnendste Charakterzug Helen Kellers (und -ebenso Fräulein Sullivans) ist der Humor. Schlagfertigkeit und die -Neigung zu Wortspielen verleihen ihr eine Vorliebe für Bonmots und -witzige Redewendungen. Doch ist ihr Humor von jener tieferen Art, die -gleichbedeutend mit Mut ist. - -Vor vierzehn Jahren setzte sie es sich in den Kopf, sprechen lernen zu -wollen, und sie ließ ihrer Lehrerin nicht eher Ruhe, bis ihr diese -die Erlaubnis gab, Unterricht darin nehmen zu dürfen, obgleich kluge, -erfahrene Leute, sogar Fräulein Sullivan, die klügste von allen, -dies als ein Experiment betrachteten, das unmöglich gelingen könne -und nur danach angetan sei, sie unglücklich zu machen. Diese selbe -Hartnäckigkeit war es, die sie bewog, die Universität zu besuchen. -Nachdem sie ihre Examina bestanden und ihr Abiturientenzeugnis erhalten -hatte, wurde ihr von dem Dekan des Radcliffe College und anderen das -Universitätsstudium widerraten. Sie schob es daher ein volles Jahr auf. -Sie fühlte sich aber nicht befriedigt, bis sie ihren Plan ausführte und -die Universität bezog. - -Ihr Leben ist eine Reihe von Anläufen gewesen, alles zu tun, was andere -tun, und es ebensogut zu tun. Sie hat damit einen durchschlagenden -Erfolg erzielt, denn bei dem Versuche, so zu sein wie andere, ist sie -dahin gelangt, sich selbst völlig zu finden. Ihre Abneigung gegen -Niederlagen hat ihren Mut entwickelt. Was ein anderer erreichen kann, -das kann sie auch. Ihre Achtung für persönliche Tapferkeit gleicht -der Verachtung des Knaben für den weinenden Spielgefährten, mit einem -Anflug von jugendlichem Bramarbasieren. Sie unternimmt Fußwanderungen -in die Wälder, kriecht durch das Unterholz, wobei sie zerkratzt und -zerschunden wird; aber man kann sie nicht dahin bringen, zuzugeben, daß -sie sich verletzt habe, und um keinen Preis bewegen, das nächstemal zu -Hause zu bleiben. - -Wenn man versucht, Experimente an ihr zu machen, zeigt sie eine zähe -Willensbestimmtheit, jede Probe, der man sie zu unterziehen wünscht, zu -bestehen, so widersinnig sie auch sein mag. - -Wenn sie die Antwort auf eine Frage nicht weiß, so rät sie frisch -darauf los. Fragt man sie nach der Farbe des Rockes, den man anhat -(kein Blinder kann eine Farbe erkennen), so befühlt sie ihn und sagt: -Schwarz. -- Ist er zufällig blau und sagt man ihr dies triumphierend, -so ist sie imstande zu antworten: Danke. Ich freue mich, daß Sie es -wissen. Wozu haben Sie mich dann überhaupt gefragt? -- - -Ihre spöttische, mutwillige Art macht sie zu einem sehr ungeeigneten -Objekt für psychologische Experimente. Außerdem sieht Fräulein Sullivan -auch nicht ein, warum Helen Keller wissenschaftliche Untersuchungen -über sich ergehen lassen soll, und hat selbst nur wenig Experimente -angestellt. Als ein Psychologe sie fragte, ob Helen im Schlafe mit -ihren Fingern buchstabiere, entgegnete ihm Fräulein Sullivan, sie halte -es nicht für der Mühe wert, aufzubleiben und Nachtwache zu halten, da -derlei Dinge von so geringer Bedeutung seien. - -Fräulein Keller ist eine Freundin von Geselligkeit. Wenn jemand, den -sie berührt, über einen Scherz lacht, lacht sie mit, gerade als ob -sie ihn gehört hätte. Wenn andere von Musik hingerissen werden, so -erscheint, durch Sympathie hervorgerufen, ebenfalls auf ihren Zügen -ein strahlender Ausdruck. In der Tat besitzt sie ein so feines Gefühl -für die Gemütsbewegungen Fräulein Sullivans, daß sie sich derselben -sofort anpassen kann, und so scheint sie auch zu wissen, was in ihrer -Umgebung geschieht, selbst wenn die Unterhaltung ihr nicht in die Hand -buchstabiert wird. In derselben Weise beruht ihr Verständnis für Musik -teilweise auf Sympathie, obgleich sie sich an ihr auch um ihrer selbst -willen erfreut. - -[Illustration: Helen Keller »horcht« auf die Töne eines Klaviers] - -Die Musik kann für sie vermutlich wenig mehr bedeuten als eine -rhythmische Bewegung. Sie kann nicht singen oder Klavier spielen, -obgleich sie, wie frühere Experimente beweisen, es mechanisch erlernen -konnte, eine Melodie auf den Tasten abzuspielen. Ihre Freude an der -Musik ist nichtsdestoweniger völlig echt, denn die Töne werden ihr -durch das Gefühl vermittelt, indem die Luftwellen sie berühren. -Teilweise rührt ihr Verständnis für den Rhythmus der Musik ohne -Zweifel von den Schwingungen fester Körper her, die sie berührt; des -Fußbodens oder, was wahrscheinlicher ist, des Pianokastens, auf dem -ihre Hand ruht. Doch scheint sie auch die Bewegung der Luft selbst zu -empfinden. Als die Orgel in der Bartholomäuskirche für sie gespielt -wurde, (vergl. S. 171) erbebte das ganze Gebäude bei den mächtigen -Pedaltönen, aber dadurch wird nicht im geringsten erklärt, was Helen -empfand und worüber sie sich freute. Die Vibration der Luft sowie die -anschwellenden Orgeltöne versetzten sie ebenfalls in gleichartige -Schwingungen. Mitunter legt sie ihre Hand an den Kehlkopf eines -Sängers, um das Zittern und Zusammenziehen der Muskeln zu fühlen, -und hat davon einen wahrhaften Genuß. Niemand weiß jedoch genau, -welcher Art ihre Empfindungen dabei sind. Es ist belustigend, in einer -Zeitschrift aus dem Jahre 1895 zu lesen, daß Fräulein Keller den -verschiedenen Komponisten eine gerechte und verständnisvolle Würdigung -entgegenzubringen vermöge, da sie deren Musik im buchstäblichen Sinne -des Wortes fühle; Schumann sei ihr Lieblingskomponist. Wenn sie den -Unterschied zwischen Schumann und Beethoven kennt, so rührt dies daher, -daß sie darüber gelesen hat, sich an das Gelesene erinnert und mit -jemand, der sie danach fragt, über dieses Thema sprechen kann. - -Fräulein Kellers Streben, es anderen in Bezug auf Intelligenz -gleichzutun, hält sie auch betreffs der Tagesereignisse auf dem -laufenden. Als ihre Erziehung systematischer wurde und sie sich mit -Büchern beschäftigte, würde es für Fräulein Sullivan ein leichtes -gewesen sein, sie zur Einkehr in sich selbst anzuhalten, wenn sie -dazu geneigt gewesen wäre. Aber jedermann, der mit ihr zusammenkam, -hat ihr sein Bestes gegeben, und sie hat es angenommen. Wenn im Laufe -einer Unterhaltung der ihr zunächst Sitzende auch nur einen Augenblick -aufhört, in ihre Hand zu buchstabieren, so erfolgt unausbleiblich die -Frage: Worüber sprechen Sie jetzt? Auf diese Weise speichert sie die -Bruchstücke aus der täglichen Unterhaltung normal beanlagter Menschen -in sich auf, und ihre Einzelkenntnisse sind daher äußerst umfassend und -genau. Auch spricht sie gut über die kleinen täglichen Ereignisse des -Lebens. - -Einen großen Teil ihres Wissens erwirbt sie sich auf unmittelbarem -Wege. Wenn sie ausgeht, bleibt sie oft plötzlich stehen, von dem -Geruche eines Strauches angezogen. Sie streckt ihre Hand aus, befühlt -die Blätter, und empfindet an der Pflanzenwelt denselben Genuß wie wir, -wenn sie die Blätter zwischen ihren Fingern hält, den Duft der Blüten -einsaugt und wenn sie sich später wieder daran erinnert. - -Befindet sie sich an einer neuen Oertlichkeit, namentlich einer -interessanten wie den Niagarafällen, so ist ihr Begleiter, -- in -der Regel ist es natürlich Fräulein Sullivan -- bemüht, ihr eine -Vorstellung von den sichtbaren Einzelheiten beizubringen. Fräulein -Sullivan, die das Innere ihres Zöglings kennt, wählt aus der Landschaft -die wesentlichen Züge aus, die imstande sind, Helens innerer -Anschauung der Außenwelt, die unseren Augen eine verwirrende Fülle -von Einzelheiten darbietet, eine gewisse Klarheit und Bestimmtheit zu -verleihen. Wenn ihr Begleiter ihr nicht genug Einzelheiten mitteilt, so -stellt Helen selbst Fragen, bis sie sich das Landschaftsbild zu ihrer -Befriedigung ergänzt hat. - -Sie sieht nicht mit ihren Augen, wohl aber mittels der inneren -Fähigkeit, zu deren Unterstützung uns die Augen gegeben sind. Wenn -sie von einem Spaziergang zurückkehrt und mit jemand über diesen -spricht, so sind ihre Beschreibungen zutreffend und lebendig. Eine -auf Vergleichung beruhende Erfahrung, die sie aus schriftlichen -Schilderungen und aus den mündlichen ihrer Lehrerin schöpft, schützt -sie vor Irrtümern im Gebrauche der Bezeichnungen für Gehörs- und -Gesichtseindrücke. Ihre Anschauung vom Leben ist in der Tat höchst -farbenreich, und die Welt, wie Helen sie erblickt, ist unzweifelhaft -ein wenig besser als in Wirklichkeit. Doch ist Fräulein Kellers -Kenntnis von ihr durchaus nicht so unvollständig, wie man annehmen -könnte. Gelegentlich setzt sie ihre Umgebung durch ihre Unkenntnis -einer Tatsache in Erstaunen, die ihr zufällig niemand mitgeteilt hat; -so wußte sie zum Beispiel bis zu ihrem ersten Seebade nicht, daß das -Meerwasser salzig ist. Viele der vereinzelten Ereignisse und Tatsachen -unseres täglichen Lebens gehen an ihr unbemerkt vorüber, aber sie hat -eine genügende Kenntnis von der Welt, um sich eine im wesentlichen -lückenlose Anschauung von ihr bilden zu können. - -Der größte Teil ihres unmittelbaren Wissens geht auf ihren Gefühlssinn -zurück. Dieser Sinn ist jedoch nicht so fein ausgebildet wie -bei anderen Blinden. Laura Bridgman konnte die winzigsten, fast -verschwindenden Unterschiede in der Stärke von Fäden wahrnehmen und -fertigte wundervolle Spitzen an. Fräulein Keller versteht zu stricken -und zu häkeln, aber sie hat Besseres zu tun. Bei ihren mannigfaltigen -Gaben und Anlagen hat sie sich des Gefühlssinns nicht genügend bedient, -um ihn allzuhoch über die normale Schärfe hinaus zu entwickeln. Ein -Bekannter stellte eines Tages bei Helen Versuche mit verschiedenen -Münzen an. Das Wiedererkennen nach Maßgabe ihres Gewichts- und -Größenverhältnisses ging langsamer von statten, als er erwartet hatte. -Aber man muß dabei bedenken, daß sie fast nie Geld in die Hände bekommt -und, nebenbei gesagt, so von einer der schmutzigen und kleinlichen -Einzelheiten des Lebens verschont bleibt. - -Sie erkennt den Vorwurf und die allgemeine Idee einer sechs Zoll -hohen Statuette. Etwas, was flacher ist, als ein Basrelief von einem -halben Zoll Höhe ist für sie ein leeres Blatt, insofern es sich dabei -um die Empfindung des Schönen handelt. Große Statuen, bei denen sie -den Schwung der Linien mit der ganzen Hand verfolgen kann, gewähren -ihr einen höheren ästhetischen Genuß. Sie bemerkt selbst, daß sie -sie besser zu würdigen imstande ist als wir, weil sie die wirklichen -Dimensionen zu erfassen und die körperliche Natur eines plastischen -Werkes unmittelbarer zu empfinden vermag. Als sie das Museum der -schönen Künste in Boston besuchte, stand sie auf einer Stehleiter und -ließ beide Hände über die Statuen gleiten. Als sie ein Basrelief mit -der Darstellung tanzender Mädchen befühlte, fragte sie: Wo sind die -Sängerinnen? -- Nachdem sie diese gefunden hatte, sagte sie: Eine von -ihnen schweigt. -- Die Lippen der Sängerin waren geschlossen. - -Am meisten bietet jedoch ihr tägliches Leben Gelegenheit, die Feinheit -ihrer Sinne und ihrer Handfertigkeit zu beobachten. Sie scheint -sehr wenig Orientierungssinn zu besitzen. Sie tastet ihren Weg mit -ziemlicher Unsicherheit selbst in Zimmern entlang, mit denen sie ganz -bekannt ist. Die meisten Blinden werden durch das Gehör unterstützt, -sodaß man sie nicht mit diesen vergleichen kann, sondern billigerweise -nur mit anderen taubstummen Blinden. Ihre Geschicklichkeit ist weder -im Verhältnis zu normalen Personen, deren Bewegungen durch das Auge -geleitet werden, noch, wie mir versichert wurde, zu anderen Blinden -bemerkenswert. Sie hat keine einzige Fertigkeit ausgeübt, die den -Gebrauch ihrer Hände erfordert haben würde. Als sie zwölf Jahre alt -war, ließ ein Bekannter von ihr, der Künstler Albert H. Munsell, -sie Versuche mit einer Wachstafel und einem Griffel anstellen. Er -berichtet, sie habe sich ganz gut dabei angestellt und nach Modellen -einige Umrißzeichnungen von Blättern und Rosetten angefertigt. -Ihre einzige Beschäftigung, die Handfertigkeit erfordert, ist ihre -Tätigkeit an der Schreibmaschine. Obgleich sie diese von ihrem zwölften -Lebensjahre an benutzt hat, arbeitet sie an ihr eher sorgfältig als -rasch. Sie schreibt mit angemessener Schnelligkeit und absoluter -Sicherheit. Ihre Manuskripte enthalten selten Schreibfehler, wenn sie -sie Fräulein Sullivan zum Durchlesen übergibt. Ihre Schreibmaschine -weist keine besonderen Einrichtungen auf. Sie überzeugt sich von der -Stellung der einzelnen Tasten zueinander durch eine gelegentliche -Berührung des Außenrandes der Platte mit dem kleinen Finger. - -Fräulein Kellers Verstehen des Fingeralphabets vermittelst des Gefühls -scheint einigermaßen Verwunderung zu erregen. Selbst Leute, die Helen -sehr gut kannten, haben in Zeitschriften von Fräulein Sullivans -»geheimnisvoller telegraphischer Zwiesprache« mit ihrem Zögling -gesprochen. Das Fingeralphabet ist das bei allen tauben Personen, -die eine Erziehung genossen haben, übliche. Die meisten Wörterbücher -enthalten eine bildliche Darstellung der Fingeralphabete. Der sehende -Taube blickt auf die Finger seines Begleiters, aber es ist auch -möglich, sie zu fühlen. Fräulein Keller legt ihre Finger leicht über -die Hand dessen, der mit ihr spricht, und faßt die Worte so rasch auf, -wie sie buchstabiert werden können. Wie sie erklärt, ist sie sich -weder der einzelnen Buchstaben noch einzelner Wörter bewußt. Fräulein -Sullivan und andere, die beständig mit Tauben zu tun haben, können sehr -rasch buchstabieren -- schnell genug, um die Geschwindigkeit einer -langsamen Lektüre zu erreichen, jedoch nicht, um jedem Worte eines -raschen Gespräches folgen zu können. - -Jedermann kann das Fingeralphabet in wenigen Minuten erlernen, nach -Verlauf eines Tages langsam anwenden und nach einer beständigen Uebung -von dreißig Tagen sich durch dasselbe mit Helen Keller oder einer -anderen tauben Person verständigen, ohne auf die Bewegung der Finger -zu achten. Wäre das Fingeralphabet allgemeiner bekannt und erlernten -die Bekannten und Angehörigen tauber Kinder es zugleich mit diesen, so -würden die Tauben der ganzen Welt glücklicher und besser unterrichtet -sein. - -Helen Keller liest mit Hilfe von Hochdrucken und den verschiedenen -Arten der Brailleschrift. Das gewöhnliche Buch in Hochdruck ist mit -römischen Lettern, sowohl kleinen wie großen, hergestellt. Diese -Lettern sind von einfacher, viereckiger, rechtwinkliger Gestalt. Die -kleinen Buchstaben sind ungefähr 3/16 Zoll hoch und erheben sich über -die Blattfläche ungefähr um die Dicke eines Daumennagels. Die Bücher -haben ein großes Format, ungefähr Lexikonformat. Das französische -Elementarbuch von Ploetz umfaßt zum Beispiel vier Bände. Die Bücher -sind nicht schwer, weil die Blätter mit der erhöhten Schrift nicht -dicht übereinander liegen. Am meisten fällt Helens Blindheit ihren -Bekannten auf, wenn die plötzlich im Dunkeln zu ihr kommen und das -Rascheln ihrer Finger über die Buchseite hören. - -[Illustration: Helen Keller bei der Lektüre] - -Der geeignetste Druck für die Blinden ist die Brailleschrift, die -verschiedene Abarten aufweist, leider nur zu viele -- die englische, -die amerikanische, die New Yorker. Fräulein Keller liest sie alle. -Die meisten Blinden mit Schulbildung verstehen verschiedene Systeme, -aber es würde die Sache vereinfachen, wenn, wie Fräulein Keller -vorschlägt, die englische Brailleschrift allgemein angenommen würde. -Jedes Zeichen (entweder ein Buchstabe oder eine, der Brailleschrift -eigentümliche Zusammenziehung mehrerer Buchstaben) besteht aus einer -Anzahl von Punkten (zwischen 1 und 6 schwankend), die in verschiedenen -Stellungen zueinander angeordnet sind. Fräulein Keller besitzt eine -Brailleschreibmaschine, auf der sie ihre Notizen anfertigt und Briefe -an ihre blinden Freunde schreibt. Diese Maschine hat sechs Tasten, und -durch das Niederdrücken einer oder mehrerer von diesen zu gleicher -Zeit (genau so wie man einen Akkord auf dem Klavier greift) bringt der -Schreibende ein Zeichen in einem Bogen dicken Papiers hervor und kann -halb so rasch schreiben wie auf einer gewöhnlichen Schreibmaschine. -Die Brailleschrift eignet sich vorzugsweise zur Herstellung einzelner -Abschriften von Büchern. - -Bücher für Blinde gibt es verhältnismäßig wenige.[21] Ihre Herausgabe -erfordert große Kosten, und sie haben einen zu kleinen Abnehmerkreis, -als daß das Geschäft für den Verleger gewinnbringend sein könnte. Es -gibt jedoch verschiedene Anstalten mit besonderen Fonds zur Herstellung -von Büchern in Hochdruck. Fräulein Keller ist glücklicher daran als -die meisten anderen Blinden, da ihre Freunde so aufmerksam waren, -eigens für sie Bücher herzustellen und sich Herren, wie zum Beispiel -Herr E. E. Allen vom ~Pennsylvania Institute for the Instruction of -the Blind~ bereit fanden, Ausgaben von Büchern, deren sie gerade -bedurfte, zu veranstalten. - -Fräulein Keller liest in der Regel nicht allzu schnell, sondern -eher bedächtig, nicht weil sie die Worte weniger geschwind fühlte, -als wir sie sehen, sondern weil sie es sich zur Gewohnheit gemacht -hat, alles gründlich und gut zu tun. Wenn sie sich für eine Stelle -interessiert oder sich dieselbe zu künftiger Verwendung einprägen -will, so buchstabiert sie sich diese mit den Fingern der rechten Hand -vor. Mitunter geht dieses Fingerspiel ganz unbewußt von statten. -Auch spricht Helen in Geistesabwesenheit oft zu sich selbst mittels -des Fingeralphabets. Wenn sie in der Halle oder der Veranda auf- -und abgeht, so bewegen sich ihre Hände mit der Geschwindigkeit von -Vogelflügeln. - -Es gibt, wie mir versichert wird, ebenso ein auf dem Gefühl beruhendes -Gedächtnis, wie ein auf dem Gesicht und Gehör beruhendes. Fräulein -Sullivan erklärt, daß sowohl sie wie Fräulein Keller sich »in ihren -Fingern« daran erinnerten, was sie gesagt haben. Wenn Helen Keller -einen Satz in der Fingersprache buchstabiert, so macht dies auf ihren -Geist denselben Eindruck, wie wenn wir etwas, das wir oft gehört -haben, dadurch unbewußt lernen, daß wir uns den Klang des Gehörten ins -Gedächtnis zurückrufen können. - -Gleich jedem Tauben oder Blinden besitzt Fräulein Keller einen -außerordentlich feinen Geruch. Als sie ein kleines Mädchen war, roch -sie alles und erkannte an den verschiedenen Gerüchen, wo sie war, an -welchem Hause sie vorüberkam u. s. w. Als ihr Intellekt zunahm, wurde -sie weniger abhängig von diesem Sinne. In welchem Umfange sie bis jetzt -Dinge an ihrem Geruche wiedererkennt, läßt sich schwer feststellen. -Der Geruchssinn ist in Mißkredit gekommen, und ein Tauber spricht nur -ungern von ihm. In Fräulein Kellers feinem Geruchssinn mag jedoch zum -Teil eine Erklärung für jenes Wiedererkennen von Personen und Dingen -zu finden sein, das man sich gewöhnt hat, einem besonderen Sinne -zuzuschreiben, oder einer außergewöhnlichen Entwickelung der Fähigkeit, -die wir alle zu besitzen scheinen, nämlich der Fähigkeit, anzugeben, -wenn sich jemand in unserer Nähe befindet. - -Die Frage nach einem besonderen »sechsten Sinne«, wie man ihn Fräulein -Keller beigelegt hat, ist eine sehr heikle. Soviel ist sicher, sie -kann keinen Sinn haben, den andere nicht auch haben können, und das -Vorhandensein eines besonderen Sinnes ist weder ihr selbst noch -ihrer Umgebung bekannt. Fräulein Kellers Wesen gibt ganz bestimmt -keine Stütze für Geheimlehren und mysteriöse Theorien ab, und jeder -Versuch, ihre Eigenart auf diese Weise zu erklären, scheitert an ihrer -Normalität. Ihre Natur ist nicht geheimnisvoller und verwickelter -als die jedes anderen Menschen. Alles, was sie ist, alles, was sie -geleistet hat, läßt sich auf natürliche Weise erklären, bis auf die -Züge, die sich in jedem Menschen vorfinden, ohne daß sie jemals -erklärt werden können. Sie liefert offenbar keinen Beweis für die -Existenz eines Geistes ohne Materie, das Dasein angeborener Ideen -oder die Unsterblichkeit oder für sonst etwas, wofür sich nicht in -jedem anderen menschlichen Wesen ein Beweis finden ließe. Philosophen -haben festzustellen gesucht, welcher Art ihr Begriff von abstrakten -Vorstellungen war, ehe sie sprechen lernte. Hatte sie irgendwelchen -Begriff von solchen, so läßt sich diese Frage nicht mehr beantworten, -denn sie kann sich nicht darauf entsinnen, und natürlich liegen auch -keine Aufzeichnungen aus jener Zeit vor. Sie hatte keinen Begriff von -Gott, ehe sie das Wort »Gott« gehört hatte, wie ihre eigenen Aussagen -deutlich bekunden.[22] - -Ihr Zeitsinn ist vortrefflich ausgebildet; ob er sich aber zu -einer besonderen Begabung entwickelt haben würde, läßt sich nicht -feststellen, denn sie besitzt seit ihrem siebenten Jahre eine Uhr. - -Fräulein Keller besitzt zwei Uhren, die ihr zum Geschenk gemacht worden -sind. Sie sind, glaube ich, die einzigen ihrer Art in Amerika. Die Uhr -hat auf der Rückseite einen flachen goldenen Zeiger, der soweit von -links nach rechts gedreht werden kann, bis er, mittels eines Stiftes -innen im Gehäuse, an den Stundenzeiger anstößt, und so eine diesem -entsprechende Stellung erhält. Die Spitze dieses goldenen Zeigers -ragt über den Rand des Gehäuses vor, auf welchem elf erhöhte Punkte -angebracht sind, der Griff vertritt die Stelle des zwölften. Diese Uhr --- eine gewöhnliche Uhr mit einem gewöhnlichen Ziffernblatt für den -Sehenden, -- wird durch die beschriebene Vorrichtung zur Blinden-Uhr, -mit einem (einzigen) erhöhten Zeiger und erhöhten Stundenziffern. -Obgleich der sechzig Minuten entsprechende Zwischenraum zwischen den -einzelnen Punkten weniger als einen halben Zoll beträgt, so liest -Fräulein Keller die Zeit doch ziemlich genau ab. Man muß übrigens -sagen, daß auch eine Uhr mit doppeltem Gehäuse, aber ohne Glas, einem -Blinden hinreichende Dienste leistet, wenn dessen Gefühl fein genug -ist, um die Stellung der Zeiger zu erkennen, ohne sie zu beschädigen. - -Die feineren Züge von Fräulein Kellers Charakter sind so allgemein -bekannt, daß man nicht viel Worte über sie zu verlieren braucht. -Gesunder Menschenverstand, guter Humor und Phantasie machen ihre -Auffassung der Dinge zu einer gesunden und schönheitserfüllten. Niemals -ist von ihrer Umgebung ein Versuch gemacht worden, sie vor Illusionen -zu bewahren oder ihr diese zu rauben. Als sie noch ein kleines Mädchen -war, wurde eine ganze Menge unverständiger und taktloser Dinge, die -über sie gesprochen worden waren, dank der weisen Wachsamkeit Fräulein -Sullivans vor ihr nicht wiederholt. Jetzt, wo sie erwachsen ist, denkt -niemand daran, weniger offen mit ihr zu sprechen, als mit jeder anderen -intelligenten jungen Dame. - -Ich glaube, sie ist das reinste menschliche Wesen, das je existiert -hat... Die Welt ist für sie das, was ihr eigenes Bewußtsein ist. Sie -hat nicht einmal gelernt, »moralische Entrüstung« zu zeigen, worauf -viele so stolz sind. - -Als vor einiger Zeit ein Polizist ihren Hund totschoß, den sie -zärtlich liebte und der ihr täglicher Begleiter war, fand sie in ihrem -verzeihenden Herzen keine Verurteilung für diesen Mann; sie sagte nur: -„Wenn er nur gewußt hätte, was für ein guter Hund es war, so würde er -ihn gewiß nicht erschossen haben. -- Vor langer Zeit wurde uns gesagt: -‚Vater vergib ihnen, denn die wissen nicht, was sie tun!‘“ -- - -Natürlich wird die Frage aufgeworfen werden, ob Helen Keller das sein -würde, was sie heutzutage ist, wenn sie nicht vor jeder Berührung -mit dem Schlechten behütet worden wäre. ... Ihre Seele ist weder -durch verweichlichende und schmutzige Lektüre entnervt noch durch den -leisesten Hauch von Gemeinheit befleckt worden. Infolgedessen ist ihr -Geist nicht nur kräftig, sondern auch rein. Sie liebt edle Handlungen, -edle Gedanken und den Charakter edler Männer und Frauen. - -Sie zeigt noch jetzt eine kindliche Abneigung gegen Tragödien. Ihre -Phantasie ist so rege, daß sie vollständig unter dem Einfluß einer -Erzählung steht und in deren Welt lebt. Fräulein Sullivan schrieb 1891 -in einem Briefe: - -Gestern las ich ihr die Geschichte von Macbeth vor, wie sie von Charles -und Mary Lamb erzählt wird. Sie geriet in heftige Erregung und sagte: -Das ist ja schrecklich. Ich fürchte mich davor. -- Nachdem sie eine -Weile nachgedacht hatte, fuhr sie fort: Ich glaube, Shakespeare hat -dies deshalb so schrecklich dargestellt, damit man sehen soll, wie -furchtbar es ist, unrecht zu tun. -- - -Von der realen Welt weiß sie mehr Gutes und weniger Schlechtes, als -die meisten Menschen zu wissen glauben. Ihre Lehrerin behelligte sie -nicht mit den kleinen Miseren des Lebens; aber von den bedeutenden -Schwierigkeiten, die sich ihnen in den Weg stellten, wurde Fräulein -Keller völlig in Kenntnis gesetzt, nahm teil an den Sorgen und dachte -über die Lösung der Probleme nach. Sie ist logisch und duldsam, voller -Vertrauen zu einer Welt, von der sie stets mit Güte behandelt worden -ist. - -Als sie einmal aufgefordert wurde, den Begriff »Liebe« zu definieren, -antwortete sie: Mein Gott, das ist doch leicht; es ist das, was jeder -gegen jeden anderen empfindet. -- - -Duldsamkeit, -- sagte sie einmal, als sie ihre Freundin Frau Laurence -Hutton besuchte, ist die größte Geistesgabe; sie erfordert dieselbe -Anstrengung des Denkens, die in körperlicher Hinsicht nötig ist, wenn -man sich auf einem Zweirade im Gleichgewicht erhalten will. -- - -Sie besitzt eine umfassende, hochherzige Sympathie für alles und -ein durch und durch ehrliches Wesen. Insofern sie sich offenkundig -von anderen unterscheidet, ist sie auch weniger durch das Herkommen -gebunden. Sie hat den Mut ihrer kühnen Metaphern und läßt sich -von diesen himmelwärts erheben, während wir armen selbstbewußten -Menschen sie für zu hoch halten, als daß wir sie in unsrer täglichen -Unterhaltung anwenden könnten. Sie sagt stets genau das, was sie -denkt, ohne Furcht vor der nackten Wahrheit, und dabei ist niemand -taktvoller und gewandter im Umschreiben einer unangenehmen Wahrheit, -um die Gefühle anderer so wenig wie möglich zu verletzen. Aber all die -Aufmerksamkeit, die ihr seit ihrer Kindheit zu teil geworden ist, hat -nicht vermocht, sie eitel auf sich selbst zu machen. Bisweilen nimmt -sie einen geradezu salbungsvollen Ton an. Dann nennt ihre Lehrerin -sie ihre kleine, unverbesserliche Sonntagsnachmittagspredigerin, und -sie lacht dann über sich selbst. Oft jedoch sind ihre nüchternen -Gedanken durchaus nicht lächerlich, denn ihr ernster Eifer reißt alle -Hörer mit sich fort. Niemals ist die leiseste Spur einer falschen -Sentimentalität in ihren Worten zu entdecken. Sie ist von allem, was -sie sagt, so durchdrungen, daß selbst ihre Citate, die Wiederholungen -dessen, was sie gelesen hat, den Eindruck eigener selbständiger -Gedanken hervorrufen. - -Ihre Logik und ihr warmes Empfinden halten sich stets ausgezeichnet -die Wage. Ihr Empfinden ist von rascher und hilfsbereiter Art, wie -sie es glücklicherweise so oft bei anderen angetroffen hat. Aber ihre -Sympathien gehen weiter und beeinflussen ihr Urteil über politische -und nationale Bewegungen. Sie war eine begeisterte Burenfreundin und -schrieb einen geharnischten Artikel zugunsten der Unabhängigkeit -der Buren. Als ihr die Waffenstreckung des tapferen kleinen Volkes -mitgeteilt wurde, umwölkte sich ihr Antlitz, und sie verstummte für -einige Minuten. Dann stellte sie klare, eindringliche Fragen nach den -Bedingungen der Kapitulation und begann die letzteren zu erörtern. - -Sowohl Herr Gilman wie Herr Keith, ihre beiden Lehrer, die sie für -die Universität vorbereiteten, waren erstaunt über die Stärke des -konstruktiven Denkens, die sie bei ihr wahrnahmen; ihre Leistungen in -der reinen Mathematik waren ganz vorzüglich, obgleich sie niemals eine -besondere Vorliebe für diese Wissenschaft gehabt zu haben scheint. -Zu dem besten, was sie geschrieben hat, gehören, abgesehen von ihren -phantasievollen dichterischen Ergüssen, ihre Examensarbeiten und ihre -Abhandlungen über technische Fragen sowie einige Briefe, die sie zur -Aufklärung von Mißverständnissen schreiben zu müssen glaubte und die -Muster folgerichtigen Denkens und bestrickender Beredsamkeit sind. Sie -ist Optimistin und Idealistin. - -Ich hoffe, heißt es in einem ihrer Briefe, daß L. nicht allzu praktisch -ist, denn in diesem Falle würde sie, fürchte ich, auf einen großen Teil -des Lebensgenusses verzichten müssen. -- - -In das Tagebuch, das sie während ihres Aufenthaltes in der -Wright-Humason-Schule in New York führte, trug sie unter dem 18. -Oktober 1894 ein: Ich finde, daß ich während meines Schullebens hier -und überhaupt im Leben viererlei zu lernen habe: klar zu denken ohne -Uebereilung und Verwirrung, jedermann aufrichtig zu lieben, in allem -mich von den höchsten Motiven leiten zu lassen und unverrückt auf den -lieben Gott zu bauen. -- - - [21] Die Blindenanstalt in Steglitz bei Berlin besitzt eine - Bibliothek von gegen 6000 Bänden in Blindenschrift, (die Bibel - allein umfaßt 71 Bände!) die in Dresden eine solche von über - 3000 Bänden. Wie reichhaltig diese Literatur ist, möge ein Blick - auf das nachfolgende Autorenverzeichnis lehren, das noch dazu - nicht einmal vollständig ist: E. M. Arndt Auerbach, Bauernfeld, - Baumbach, Beecher-Stowe, Brentano, W. Busch, Chamisso, Dahn, - Ebers, Ebner-Eschenbach, Eckstein, Eichendorff, Eschstruth, - Fouqué, Freytag, Frommel, Ganghofer, Geibel, Gerok, Goethe, - Grillparzer, Grimm, Gutzkow, Hammer, Hauptmann, Hebel, Herder, - Heyse, Hillern, Franz Hoffmann, Horn, Ibsen, Jensen, Immermann, - G. Keller, Kinkel, Kleist, Kögel, Körner, Kügelgen, Lavater, - Lessing, Loti, Ludwig, Luther, Masius, C. F. Meyer, Moltke, - Nathusius, Nieritz, Polko, Putlitz, Reinick, Reuter, Riehl, - Rogge, Roquette, Rosegger, Rückert, Scheffel, Schiller, Schmid, - Seidel, Shakespeare, Sophokles, Spitta, Spyri, Stifter, Stinde, - Storm, Sturm, Sudermann, Tegnér, Tolstoi, Uhland, Vollmar, - Walter v. d. Vogelweide, A. Weber, Wildenbruch, Wildermuth, I. - Wolf. Auch das Nibelungenlied ist vertreten; in größerer Auswahl - sind Lehr- und Erbauungsbücher vorhanden. - - Anm. d. Uebers. - - [22] Vergl. S. 291 ff. und 295 ff. - - - - -Helen Kellers Bildungsgang. - - ~Dr.~ Howe und Laura Bridgman. -- Helen Keller kein Objekt für - psychologische Beobachtungen. -- Unwahre und übertriebene Berichte - über ihre Fortschritte. -- Fräulein Sullivans Persönlichkeit. - -- Helens Entwickelung nach Fräulein Sullivans Berichten. -- - Psychologische und pädagogische Betrachtungen über Fräulein Sullivans - Methode. - - -Es sind jetzt fünfundsiebzig Jahre verflossen, seit ~Dr.~ Samuel -Gridley Howe erkannte, daß es ihm gelungen sei, sich durch Laura -Bridgmans Finger einen Zugang zu ihrem Geiste zu eröffnen. Die Namen -Laura Bridgman und Helen Keller werden stets zusammen genannt werden, -und man muß zuvörderst einen Einblick in das gewinnen, was ~Dr.~ Howe -für seinen Zögling getan hat, ehe man an eine Darstellung von Fräulein -Sullivans Tätigkeit gehen kann. Denn ~Dr.~ Howe ist der große Pionier, -auf dessen Wirken die Leistungen Fräulein Sullivans und anderer Lehrer -von blinden Taubstummen unmittelbar beruhen. - -~Dr.~ Samuel Gridley Howe war am 10. November 1801 in Boston -geboren und starb ebendaselbst am 9. Januar 1876. Er war ein großer -Philanthrop, der sich namentlich für die Erziehung aller mangelhaft -Beanlagten, der Schwachsinnigen, der Blinden und der Taubstummen -interessierte. Weit seiner Zeit voraus, befürwortete er mancherlei -öffentliche Vorkehrungen zum Besten der Armen und Kranken, wegen deren -er damals verlacht wurde, die aber seitdem praktisch durchgeführt sind. -Als Leiter der Perkinsschen Blindenanstalt in Boston hörte er von Laura -Bridgman und brachte sie am 4. Oktober 1837 nach der Anstalt. - -Laura Bridgman war am 21. Dezember 1829 zu Hanover in New Hampshire -geboren; sie war also beinahe acht Jahre alt, als ~Dr.~ Howe seine -Versuche mit ihr begann. Im Alter von sechsundzwanzig Monaten -hatte sie ein Scharlachfieber überstanden, durch diese Krankheit -aber Gesicht und Gehör und außerdem den Geruch- und Geschmackssinn -verloren. ~Dr.~ Howe war ein Experimentalforscher, erfüllt von dem -Geiste des Transcendentalismus von Neuengland, dessen Hauptmerkmale -starker Glaube und großartige Liebeswerke sind. Wissenschaft und -Glaube im Verein veranlaßten ihn, zu versuchen, ob er sich nicht -einen Weg in die Seele bahnen könnte, mit der seiner Auffassung nach -Laura Bridgman ebenso geboren worden sei wie jedes andere menschliche -Wesen. Sein Plan ging dahin, Laura mit Hilfe von erhaben geprägten -Buchstaben zu unterrichten. Er klebte aus solchen Buchstaben bestehende -Wörter an Gegenstände und ließ sie dieselben mit den Gegenständen -und die Gegenstände mit den Wörtern vergleichen. Nachdem sie auf -diese Weise gelernt hatte, erhaben geprägte Wörter mit Gegenständen -zusammenzubringen, wie er sagt, fast in derselben Weise, wie ein Hund -Kunststücke lernt, begann er die Wörter in ihre lautlichen Bestandteile -aufzulösen und Laura zu lehren, ~k--e--y~, ~c--a--p~ zusammenzusetzen. -Sein Erfolg überzeugte ihn davon, daß sich die Sprache durch -Vermittelung des Gefühles dem Geiste des blinden und taubstummen -Kindes beibringen läßt, das sich vor dem Beginn des Unterrichts in der -Lage des kleinen Kindes befindet, das noch nicht sprechen kann; ja, -ersteres befindet sich sogar in einer viel ungünstigeren Lage, denn das -Gehirn hat sich jahrelang ohne seine natürliche Nahrung entwickelt. - -Nachdem Lauras Unterricht zwei Monate hindurch nur unter Benutzung -erhaben geprägter Buchstaben fortgesetzt worden war, sandte ~Dr.~ -Howe eine der Lehrerinnen der Anstalt fort, um von einem Taubstummen -das Fingeralphabet zu erlernen. Nach ihrer Rückkehr unterrichtete -sie Laura darin, und seit dieser Zeit wurde das Fingeralphabet als -Verständigungsmittel im Verkehr mit ihr benutzt. - -Nach ein bis zwei Jahren unterrichtete ~Dr.~ Howe Laura Bridgman -nicht mehr selbst, sondern vertraute sie anderen Lehrern an, die -sich unter seiner Leitung an die Aufgabe machten, ihr das Sprechen -beizubringen. - -Man kann gar nicht genug zum Lobe von ~Dr.~ Howes Unternehmen sagen. -Als Forscher hatte er stets in erster Reihe wissenschaftliche -Gesichtspunkte im Auge. Er vergaß niemals, seine Beobachtungen an Laura -Bridgman in der Art jemandes niederzulegen, der in einem Laboratorium -arbeitet. Die Folge davon ist, daß seine Berichte systematisch und -sorgfältig abgefaßt sind.[23] Vom wissenschaftlichen Standpunkte -aus ist es zu bedauern, daß es unmöglich war, eine so umfassende -Darlegung von Helen Kellers Entwicklungsgang zu erhalten. Dieser -Umstand an sich ist ein sprechender Beleg für den großen Unterschied -zwischen Laura Bridgman und Helen Keller. Laura blieb stets ein -Objekt für wissenschaftliche Forschung. Helen Keller machte so rasche -Fortschritte, daß ihre Lehrerin Mühe hatte, den geistigen Bedürfnissen -ihres Zöglings zu genügen, und weder Zeit noch Gelegenheit fand, -wissenschaftliche Beobachtungen anzustellen. - -Fräulein Sullivan erkannte gleich von Anfang an, daß der Unterricht -Helen Kellers interessanter und von größerem Erfolg begleitet sein -würde als der Laura Bridgmans, und erklärte in einem ihrer Briefe, es -sei durchaus notwendig, Aufzeichnungen über den Entwickelungsgang ihrer -Schülerin zu machen. Aber weder ihr Temperament noch ihre Vorbildung -gestatteten ihr, ihren Zögling zum Gegenstand von Experimenten oder -Beobachtungen zu machen, die für die Entwickelung des Kindes keinen -praktischen Wert besaßen. Sobald etwas erledigt, ein bestimmtes Ziel -erreicht war, blickte die Lehrerin nicht mehr zurück, um den Weg, -den sie gegangen war, zu beschreiben. Die Erklärung der Tatsache war -unwesentlich im Vergleich zu der Tatsache selbst und der Notwendigkeit, -weiterzueilen. Es liegen auch noch zwei weitere Gründe für die -Unvollständigkeit von Fräulein Sullivans Aufzeichnungen vor. Erstens -war in ihren Augen das Schreiben stets eine schwere Aufgabe, und dann -wurde sie auch schon bald durch die Willkür, mit der man ihre ersten -Angaben benutzt hatte, von weiteren Veröffentlichungen abgeschreckt. - -Als sie zum ersten Male aus Tuscumbia an Herrn Michael Anagnos, ~Dr.~ -Howes Schwiegersohn und Nachfolger in der Leitung der Perkinsschen -Anstalt, über ihre erzieherische Tätigkeit geschrieben hatte, begannen -die Bostoner Zeitungen sofort, übertriebene Berichte über Helen -Keller zu veröffentlichen. Fräulein Sullivan protestierte dagegen. In -einem Briefe vom 10. April 1887, kaum fünf Wochen nach dem Beginn des -Unterrichts, schrieb sie an eine Freundin: - -... schickte mir eine Nummer des Boston Herald, die einen törichten -Artikel über Helen enthält. Wie völlig albern ist es, zu sagen, daß -Helen „schon fließend spricht“! Nun, ebensogut könnte jemand sagen, daß -sich ein zweijähriges Kind fließend unterhält, wenn es sagt: ~Apple -give~ oder ~Baby walk go~. Ich glaube allerdings, daß wenn Sie ein -Kreischen, Krähen, Wimmern, Lallen und Schreien nebst gelegentlichen -Schluckanfällen mit zur Unterhaltung rechnen, die als fließend, ja -sogar als beredt gelten könnte. Dann macht es mir auch Spaß, von den -sorgfältigen Vorbereitungen zu lesen, denen ich mich unterzogen hätte, -um mich für die große Aufgabe fähig zu machen, die meine Freunde mir -anvertraut hätten. Ich bedaure nur, daß diese Vorbereitungen sich nicht -auch auf den Gebrauch des Fingeralphabets erstreckten; ich würde mir -dann eine Menge Mühe erspart haben. -- - - * * * * * - -Am 4. März 1888 schreibt sie in einem Briefe: - -Ich bin in der Tat herzlich froh, daß ich nicht alles kenne, was über -Helen und mich selbst gesprochen und geschrieben wird. Ich versichere -Sie, ich erfahre genug und übergenug. Fast jede Post bringt irgend eine -alberne -- geschriebene oder gedruckte -- Auslassung. Die Wahrheit -ist nicht sensationell genug, um die Zeitungen zufriedenzustellen; -daher übertreiben sie und bringen lächerliche Ausschmückungen an. Eine -Zeitung behauptet, Helen löse geometrische Aufgaben mit Hilfe ihres -Baukastens. Ich erwarte, demnächst zu hören, daß sie eine Abhandlung -über die Entstehung und die Zukunft der Planeten geschrieben hat! -- - -Im Dezember 1887 erschien der erste Bericht des Direktors des -Perkinsschen Institutes, der sich mit Helen Keller beschäftigt. Für -diesen Bericht verfaßte Fräulein Sullivan, einer Bitte Herrn Anagnos’ -widerwillig nachgebend, eine Schilderung ihrer Tätigkeit. Diese ist -neben den ebenfalls in dem Bericht veröffentlichten Auszügen aus ihren -Briefen die erste zuverlässige Quelle über Helen Keller. Ueber diesen -Bericht schrieb Fräulein Sullivan in einem Buche vom 30. Oktober 1887: - -Haben Sie schon den Aufsatz gelesen, den ich für den »Bericht« -geliefert habe? Herr Anagnos war ganz entzückt von ihm. Er meint, -Helens Fortschritte seien „gleich von Anfang an ein Siegeszug“ gewesen -und weiß über ihre Lehrerin viel Schmeichelhaftes zu sagen. Ich -glaube, er neigt zu Uebertreibungen; jedenfalls ist seine Sprache -zu begeistert, und ganz einfache Tatsachen werden in einer Weise -vorgebracht, daß sie den Leser allerdings in Erstaunen setzen müssen. -Ohne Zweifel erscheint ihm die Tätigkeit der letzten paar Monate -im Lichte eines Siegeszuges, aber man beachtet dabei selten, wie -langsam und mühevoll die Schritte sind, mittels deren man auch den -unbedeutendsten Erfolg erreichen muß. -- - -Da Anagnos der Leiter des großen Instituts war, so hatten seine -Aeußerungen mehr Gewicht als die von Fräulein Sullivan erwähnten -Tatsachen, auf die sich seine Behauptungen stützten. Die Zeitungen -wurden von Anagnos’ Ton angesteckt und übertrieben maßlos. Nach Ablauf -des ersten Jahres ihrer Erziehungstätigkeit sah Fräulein Sullivan -sich und ihre Schülerin als den Mittelpunkt einer erstaunlichen -Legendenbildung. Die Erzieher der ganzen Welt wollten ihre Meinung -sagen, trugen aber größtenteils nichts zur Klärung der Sachlage bei. -Es erhoben sich eine Menge Streitfragen, die jetzt sehr belustigend zu -betrachten sind. Taubstummenlehrer bewiesen ~a priori~, daß das, was -Fräulein Sullivan geleistet hatte, unmöglich sei, und ihren Angaben -wurde mit Mißtrauen begegnet, weil sie von Anagnos’ phrasenhafter -Beredsamkeit umkleidet waren. So hatte Helen Kellers Geschichte, die -schon bei nüchternem Vortrage unglaublich war, das Mißgeschick, in -übertriebenen Schilderungen in die Welt posaunt zu werden und begegnete -natürlich entweder unverständiger Leichtgläubigkeit oder ungläubiger -Feindseligkeit. - -Im November 1888 erschien ein anderer Bericht des Perkinsschen -Instituts mit einem zweiten Beitrage von Fräulein Sullivan, und dann -wurde jahrelang nichts Offizielles mehr veröffentlicht, bis Anagnos -im November 1891 seinen letzten Bericht erstattete, der Mitteilungen -über Helen Keller enthielt. Für diesen Bericht verfaßte Fräulein -Sullivan die ausführlichste und umfangreichste Abhandlung, die sie -je geschrieben hat, und hier erschien auch der »Frostkönig«, von dem -in einem späteren Kapitel ausführlich die Rede sein wird (s. S. 323 -ff.[24]). Jetzt entbrannte der Kampf heftiger als je. - -Da Fräulein Sullivan fand, daß andere Leute viel mehr von Helen -Keller zu wissen schienen, als sie selbst, so schwieg sie und hat -zehn Jahre lang geschwiegen, abgesehen von ihrem Beitrage für das -erste »~Volta Bureau Souvenir of Helen Keller~« und die Abhandlung, -die sie auf Wunsch ~Dr.~ Bells im Jahre 1894 für die in Chautauqua -abgehaltene Versammlung der Amerikanischen Gesellschaft zur Förderung -der Unterweisung der Taubstummen im Sprechen verfaßte. Als ~Dr.~ Bell -und andere ihr erklärten, was von einem unpersönlichen Standpunkte aus -unzweifelhaft richtig ist, daß sie es der Sache der Erziehung schuldig -sei, niederzuschreiben, was sie wisse, antwortete sie sehr treffend, -sie schulde ihre ganze Zeit und ihre ganze Kraft ihrem Zöglinge. - -Obgleich Fräulein Sullivan sich mehr darüber amüsiert als ärgert, -wenn jemand, und wäre es selbst einer ihrer näheren Bekannten, in -einem Artikel Irrtümliches über sie und Fräulein Keller berichtet, -so sieht sie doch ein, daß Helens Buch alle Auskünfte enthalten muß, -die die Lehrerin zur Zeit erteilen kann, und erteilte daher ihre -Zustimmung zur Veröffentlichung von Auszügen aus Briefen, die sie -während des ersten Jahres ihrer Erziehungstätigkeit geschrieben hatte. -Diese Briefe waren an Frau Sophia C. Hopkins gerichtet, die einzige -Freundin, an die Fräulein Sullivan stets schrieb, wie es ihr ums Herz -war. Frau Hopkins war zwanzig Jahre lang Pflegerin im Perkinsschen -Institute gewesen und vertrat während der ganzen Zeit, in der Fräulein -Sullivan Schülerin der Anstalt war, Mutterstelle an dem Mädchen. In -diesen Briefen haben wir einen beinahe allwöchentlichen Bericht über -Fräulein Sullivans Tätigkeit. Manche Einzelheiten hat sie übergangen, -da sie sich immer mehr daran gewöhnte, hauptsächlich die allgemeinen -Gesichtspunkte zu betonen. Viele sind der Ansicht gewesen, daß jeder -Versuch, Prinzipien in ihrer Methode zu finden, weiter nichts sei als -eine spätere Theorie, die man Fräulein Sullivans Tätigkeit unterschoben -habe. Aber aus diesen Briefen geht hervor, daß sie sich über ihr -Tun und Lassen klare Rechenschaft abgelegt hat. Sie war ihre eigene -Kritikerin, und trotz ihrer späteren Erklärung, die sie in ihrer -bescheidenen Zurückhaltung abgegeben hat, daß sie keine bestimmte -Methode befolgt habe, erkannte sie doch im Verfolg ihrer Aufgabe mit -der höchsten Klarheit gewisse Erziehungsprinzipien, die nicht allein -für den Unterricht der taubstummen, sondern aller Kinder überhaupt von -hervorragendem Werte waren. Die Auszüge aus ihren Briefen und Berichten -bilden einen wichtigen Beitrag zur Pädagogik und rechtfertigen vollauf -das Urteil ~Dr.~ Daniel C. Gilmans, der ihr 1893, als er Rektor der -John Hopkins-Universität war, schrieb: - -Ich habe soeben... Ihren höchst interessanten Bericht über die -verschiedenen Wege gelesen, die Sie bei der Erziehung Ihrer wunderbaren -Schülerin eingeschlagen haben, und ich hoffe, Sie werden mir gestatten, -daß ich Ihnen meine Bewunderung für die Weisheit ausdrücke, die Ihre -Schritte geleitet hat und ebenso für die Liebe, von der Ihr ganzes -Wirken erfüllt ist. - -Fräulein Anne Mansfield Sullivan war in Springfield in Massachusetts -geboren. In früher Jugend erblindete sie fast gänzlich und wurde am 7. -Oktober 1880 im Alter von vierzehn Jahren in das Perkinssche Institut -aufgenommen. Später erhielt sie ihr Gesicht teilweise wieder. - -Anagnos sagt in seinem Berichte vom Jahre 1887: Sie mußte auf der -niedrigsten und elementarsten Stufe beginnen, zeigte aber sofort beim -ersten Anlauf, daß sie die Kraft und Fähigkeit in sich hatte, die -den Erfolg verbürgen... Sie hat schließlich das Ziel erreicht, nach -dem sie so unermüdlich strebte. Die goldenen Worte, die ~Dr.~ Howe -aussprach, und das Beispiel, das er gab, gingen ihr in Fleisch und Blut -über und unterstützten sie auf ihrer segensvollen Laufbahn, und jetzt -steht sie ihm als seine würdige Nachfolgerin in einer der geachtetsten -Abteilungen seines Unternehmens zur Seite... Fräulein Sullivan besitzt -die höchste Begabung. - -Im Jahre 1886 legte sie ihr Lehrerinnenexamen am Perkinsschen Institut -ab. Als sich Hauptmann Keller mit der Bitte um eine Lehrerin an den -Direktor wandte, empfahl dieser Fräulein Sullivan. Die einzige Frist, -die ihr zur Vorbereitung für ihre schwere Aufgabe blieb, dauerte vom -August 1886, in dem Hauptmann Keller geschrieben hatte, bis zum Februar -1887. Während dieser Zeit las sie ~Dr.~ Howes Berichte. Ferner wurde -sie durch den Umstand unterstützt, daß sie während der sechs Jahre -ihres Schullebens mit Laura Bridgman in einem Hause gewohnt hatte. Erst -durch ~Dr.~ Howes Wirken an Laura Bridgman wurden Fräulein Sullivans -Erfolge möglich; aber sie war es, die die Mittel und Wege entdeckte, -den blinden Taubstummen die Sprache beizubringen. - -Man darf nicht vergessen, daß Fräulein Sullivan ihre Aufgabe zu lösen -hatte ganz ohne vorausgegangene Erfahrung und ohne die Unterstützung -eines anderen Lehrers. Während des ersten Jahres ihrer Tätigkeit, in -der sie ihre Schülerin sprechen lehrte, blieben beide in Tuscumbia, -und als sie nach dem Norden kamen und das Perkinssche Institut -besuchten, wurde Helen Keller hier nicht regelrecht als Schülerin -aufgenommen und unterstand auch nicht den Anstaltsgesetzen. Die -Annahme, Fräulein Sullivan habe Helen Keller „unter der Leitung -des Herrn Anagnos“ erzogen, ist falsch. In den drei Jahren, während -deren Fräulein Keller und Fräulein Sullivan zu verschiedenenmalen -Gäste des Perkinsschen Institutes waren, erhielt Fräulein Sullivan -von den Lehrern der Anstalt keine Unterstützung, ja der Direktor -Anagnos konnte sich nicht einmal des Fingeralphabets mit Geläufigkeit -bedienen. Der letztere schrieb in dem Bericht des Perkinsschen -Instituts vom 27. November 1888: Auf mein dringendes Ersuchen kam -Helen in Begleitung ihrer Mutter und ihrer Lehrerin in der letzten -Maiwoche nach dem Norden, und alle drei blieben mehrere Monate -als unsere Gäste bei uns... Wir gestatteten Helen mit Freuden die -Benutzung unserer Bibliothek von Hochdruckbüchern, unserer Sammlung -von ausgestopften Tieren, Muscheln, Modellen von Blumen und Pflanzen -und unserer sonstigen Apparate zur Unterweisung der Blinden durch den -Gefühlssinn. Ich zweifle nicht, daß sie viel Vergnügen daran gefunden -und großen Nutzen davon gehabt hat. Mag aber Helen zu Hause bleiben -oder andere Teile des Landes besuchen, ihre Erziehung steht stets unter -der unmittelbaren Leitung und der ausschließlichen Kontrolle ihrer -Lehrerin. Niemand hat Einfluß auf Fräulein Sullivans Unterrichtsplan -oder nimmt an ihrer Aufgabe teil. Sie genießt völlige Freiheit in der -Wahl ihrer Mittel und Methoden zur Vollendung ihres großen Werkes, und -soviel wir aus ihren Erfolgen entnehmen können, macht sie einen höchst -umsichtigen und taktvollen Gebrauch von diesem Vorrechte. Was ihre -kleine Schülerin auf diesem Wege geleistet hat, ist weithin bekannt, -und ihre erstaunliche Begabung erregt allgemeine Bewunderung; aber -nur diejenigen, die mit den Einzelheiten des großen Unternehmens -vertraut sind, wissen, daß der Erfolg zum großen Teile der Intelligenz, -der Klugheit, dem Scharfblicke, der unermüdlichen Ausdauer und dem -unbeugsamen Willen ihrer Erzieherin zu verdanken ist, die das Kind aus -der Tiefe der immerwährenden Nacht und des ewigen Schweigens gerettet -hat und über den einzelnen Phasen seiner geistigen und sittlichen -Entwickelung mit mütterlicher Sorgfalt und begeisterter Hingebung wacht. - - * * * * * - -Im folgenden sollen nun Fräulein Sullivans Briefe und die wichtigsten -Stellen aus ihren Berichten in chronologischer Reihenfolge -wiedergegeben werden. Der erste Brief ist vom 6. März 1887 datiert, -drei Tage nach ihrer Ankunft in Tuscumbia. - -... Es war halb sieben Uhr, als ich in Tuscumbia ankam. Frau Keller und -Herr James Keller warteten auf mich. Die Fahrt nach dem Landhause, das -ungefähr eine Meile von der Station entfernt lag, war sehr angenehm. -Ich war überrascht, in Frau Keller eine Frau von sehr jugendlichem -Aussehen, nicht viel älter als ich selbst, möchte ich glauben, -anzutreffen. Hauptmann Keller kam uns auf dem Hofe entgegen und bot -mir ein fröhliches Willkommen und einen herzlichen Händedruck. Meine -erste Frage war: „Wo ist Helen?“ Ich versuchte mit aller Kraft meine -Aufregung zu unterdrücken, denn ich zitterte so stark, daß ich mich -kaum auf den Füßen halten konnte. Als wir uns dem Hause näherten, sah -ich ein Kind an der Tür stehen, und Hauptmann Keller sagte: „Dort -ist sie. Sie hat den ganzen Tag gewußt, daß wir jemand erwarteten, -und sie ist ganz ungebärdig geworden, seit ihre Mutter nach dem -Bahnhof ging, um Sie abzuholen.“ -- Kaum hatte ich meinen Fuß auf die -Treppenstufen gesetzt, als sie mit solcher Gewalt auf mich zustürzte, -daß ich zu Boden gestürzt wäre, hätte Hauptmann Keller nicht hinter -mir gestanden. Sie befühlte mir Gesicht und Kleid, und ebenso meine -Reisetasche, die sie mir aus der Hand nahm und zu öffnen versuchte. -Sie ging nicht gleich auf, und Helen fühlte sorgfältig nach dem -Schlüsselloch. Als sie es gefunden hatte, wandte sie sich zu mir und -bewegte die Hand, als drehe sie einen Schlüssel herum, indem sie auf -die Tasche deutete. In diesem Augenblick kam ihre Mutter herbei und -machte Helen durch Zeichen klar, daß sie den Koffer nicht berühren -dürfe. Sie wurde rot, und als ihre Mutter versuchte, ihr den Koffer -aus der Hand zu nehmen, geriet sie in heftigen Zorn. Ich lenkte ihre -Aufmerksamkeit ab, indem ich ihr meine Uhr zeigte und sie ihr in die -Hand gab. Sofort legte sich der Sturm, und wir gingen zusammen die -Treppe hinauf. Hier öffnete ich die Tasche und sie durchsuchte dieselbe -sofort eifrig, wahrscheinlich in der Erwartung, etwas zum Essen zu -finden. Bekannte hatten ihr vermutlich Zuckerwerk in ihren Koffern -mitgebracht, und sie erwartete, solches auch in dem meinigen zu finden. -Ich deutete auf eine Truhe, die im Hausflur stand, dann auf mich und -nickte mit dem Kopfe, um ihr verständlich zu machen, daß ich eine -Truhe hätte; dann machte ich das Zeichen, das sie für essen gebraucht -hatte, und nickte wieder. Sie verstand mich sofort und rannte die -Treppe hinunter zu ihrer Mutter, um ihr durch ausdrucksvolle Zeichen -zu verstehen zu geben, daß sich Zuckerzeug für sie in einer Truhe -befände. Sie kehrte nach wenigen Minuten zurück und half mir meine -Sachen wegräumen. Es war zu komisch zu sehen, wie sie sich meinen -Hut aufsetzte, ihren Kopf kokett erst nach der einen, dann nach der -anderen Seite drehte und in den Spiegel blickte, genau als ob sie sehen -könnte. Ich hatte einigermaßen erwartet, ein blasses, zartes Kind vor -mir zu sehen -- ich glaube, ich entnahm diese Vorstellung ~Dr.~ Howes -Schilderung von Laura Bridgman bei ihrer Aufnahme in das Institut. Aber -Helen zeigte keine Spur von Blässe oder Zartheit. Sie ist groß, stark, -von blühender Gesichtsfarbe und in ihren Bewegungen so ungezügelt -wie ein junges Füllen. Sie hat keine jener nervösen Gewohnheiten, die -bei blinden Kindern so deutlich erkennbar sind und einen so traurigen -Eindruck hinterlassen. Ihr Körper ist wohlgebildet und kräftig, und -Frau Keller erzählt mir, sie sei seit ihrer Krankheit, die sie des -Gesichts und Gehörs beraubt habe, auch nicht einen einzigen Tag -unpäßlich gewesen. Sie hat einen schöngeformten Kopf, der ganz gerade -auf ihren Schultern sitzt. Ihr Gesicht ist schwer zu beschreiben. Es -ist intelligent, entbehrt aber der Beweglichkeit, der Seele, oder wie -man sich sonst ausdrücken will. Ihr Mund ist groß und fein geschnitten. -Man bemerkt auf den ersten Blick, daß sie blind ist. Ein Auge ist -größer als das andere und steht auffallend vor. Sie lächelt selten; -in der Tat habe ich sie seit meiner Ankunft erst ein- oder zweimal -lächeln sehen. Sie zeigt kein anschmiegendes Wesen und sträubt sich -sogar gegen Liebkosungen, ausgenommen ihrer Mutter gegenüber. Sie -ist von sehr raschem Temperament und höchst eigenwillig, und niemand -außer ihrem Bruder James hat den Versuch gemacht, sie zu zügeln. -Die schwerste Aufgabe, die ich vor mir habe, besteht darin, sie zu -zügeln und in Zucht zu halten, ohne ihren Geist zu brechen. Ich will -zuerst langsam vorgehen, und ihre Liebe zu gewinnen suchen. Ich werde -keinen Versuch machen, sie nur durch Kraft zu besiegen, aber gleich -von Anfang an auf einem vernünftigen Gehorsam bestehen. Ein Umstand, -der jedermann auffällt, ist Helens unermüdlicher Tätigkeitstrieb. -Sie steht keinen Augenblick still. Sie ist bald hier, bald dort, -kurz überall. Ihre Hände sind mit allem beschäftigt, aber nichts -vermag ihre Aufmerksamkeit längere Zeit zu fesseln. Ein liebes Kind, -dessen rastloser Geist im Dunkeln umhertappt. Ihre ungeschickten, -unbefriedigten Hände zerstören alles, was sie berühren, weil sie nicht -wissen, was sie sonst mit den Gegenständen anfangen sollen. - -Sie half mir meine Truhe auspacken, als diese ankam, und war entzückt, -als sie die Puppe fand, die die kleinen Mädchen ihr schickten. Ich -hielt dies für eine gute Gelegenheit, sie das erste Wort zu lehren. -Ich buchstabierte langsam ~d--o--l--l~ in ihre Hand, deutete auf die -Puppe und nickte mit dem Kopfe, was ihr Zeichen dafür zu sein scheint, -daß ihr etwas gehöre. Wenn jemand ihr etwas gibt, so deutet sie -zuerst auf den Gegenstand, dann auf sich und nickt mit dem Kopfe. Sie -machte ein ganz verwundertes Gesicht und befühlte meine Hand und ich -wiederholte ihr nun die Buchstaben. Sie ahmte sie vortrefflich nach und -deutete auf die Puppe. Dann nahm ich die Puppe, in der Absicht, sie -ihr zurückzugeben, wenn sie die Buchstaben gemacht hätte; sie glaubte -aber, ich wolle sie ihr wegnehmen, geriet augenblicklich in Aufregung -und versuchte die Puppe an sich zu reißen. Ich schüttelte den Kopf und -versuchte die Buchstaben mit Hilfe ihrer Finger zu bilden; aber sie -wurde immer ungebärdiger. Ich zwang sie auf einen Stuhl und hielt sie -dort fest, bis ich ganz erschöpft war. Dann fiel es mir ein, es sei -nutzlos, den Kampf fortzusetzen -- ich mußte etwas tun, um sie auf -andere Gedanken zu bringen. Ich ließ sie los, verweigerte ihr aber die -Puppe. Ich ging die Treppe hinunter und holte einen Cake (sie ist eine -große Freundin von Süßigkeiten). Ich zeigte ihn ihr und buchstabierte -ihr ~c--a--k--e~ in die Hand, wobei ich ihr den Cake entgegenhielt. -Natürlich bekam sie Lust auf ihn und wollte ihn an sich nehmen; ich -buchstabierte jedoch das Wort zum zweiten Male und tätschelte ihr die -Hand. Sie machte rasch die Buchstaben, und ich gab ihr den Kuchen, den -sie eiligst aufaß, weil sie wohl glaubte, ich würde ihn ihr wieder -wegnehmen. Dann zeigte ich ihr die Puppe und buchstabierte abermals das -Wort, indem ich ihr die Puppe entgegenhielt wie vorhin den Kuchen. Sie -machte die Buchstaben ~d--o--l~, ich fügte das noch fehlende ~l~ hinzu -und gab ihr die Puppe. Sie rannte sofort mit ihr die Treppe hinunter -und konnte den ganzen Tag nicht dahin gebracht werden, in mein Zimmer -zurückzukehren. - -Gestern gab ich ihr auf, an einer Nähkarte zu arbeiten. Ich machte -die erste Reihe senkrechter Stiche, ließ Helen die Karte befühlen und -darauf achten, daß auf ihr mehrere Reihen kleiner Löcher angebracht -waren. Sie begann eifrig zu arbeiten, vollendete die Karte in wenigen -Minuten und machte dies wirklich ganz sauber. Ich wollte nun versuchen, -ihr ein anderes Wort beizubringen und buchstabierte ihr ~c--a--r--d~ -in die Hand. Sie machte ~c--a~ nach, dann hielt sie nachdenklich -inne, machte das Zeichen für essen, deutete nach unten und schob mich -auf die Tür zu, womit sie meinte, ich solle nach unten gehen und ihr -einen Cake holen. Sie sehen, die beiden Buchstaben ~c--a~ hatten ihr -ihre »Lektion« vom Freitag in das Gedächtnis zurückgerufen -- nicht -daß sie irgend eine Ahnung davon hatte, daß cake die Bezeichnung für -den betreffenden Gegenstand sei, sondern es war, wie ich glaube, -eine einfache Ideenassociation. Ich beendete das Wort ~c--a--k--e~ -und erfüllte Helens Wunsch, worüber sie sehr erfreut war. Dann -buchstabierte ich ~d--o--l--l~ und begann nach der Puppe zu suchen. -Sie verfolgt mit ihren Händen jede Bewegung, die man macht, und wußte -sofort, daß ich mich nach der Puppe umsah. Sie wies nach unten, was -bedeuten sollte, die Puppe befinde sich im Erdgeschoß. Ich machte -das Zeichen, das sie gebraucht hatte, als sie wünschte, ich solle -ihr den Cake holen, und drängte sie auf die Tür zu. Sie schritt -vorwärts, dann zögerte sie einen Augenblick und kämpfte offenbar mit -sich, ob sie gehen sollte oder nicht. Sie entschied sich dafür, mich -hinunterzuschicken. Ich schüttelte den Kopf, buchstabierte ihr das -Wort ~d--o--l--l~ mit größerem Nachdruck in die Hand und öffnete ihr -die Tür; aber sie weigerte sich hartnäckig zu gehorchen. Sie hatte -ihren Cake noch nicht aufgegessen, und ich nahm ihn ihr weg, indem -ich ihr bedeutete, daß wenn sie mir die Puppe brächte, ich ihr den -Cake zurückgeben würde. Sie stand längere Zeit ganz still, das Gesicht -wie mit Blut übergossen, dann siegte ihr Verlangen nach dem Cake, sie -lief die Treppe hinunter und brachte mir die Puppe; natürlich gab ich -ihr den Cake, konnte sie aber nicht bewegen, wieder in mein Zimmer zu -kommen. - -Sie war sehr unruhig, als ich heut morgen zu schreiben begann. Sie -stellte sich hinter mich, legte ihre Hand auf das Papier und steckte -sie ins Tintenfaß. Diese Kleckse hier sind ihr Werk. Schließlich -erinnerte ich mich an die Kindergartenperlen und wies Helen an, sie -aufzureihen. Zuerst nahm ich zwei Holzperlen und eine Glasperle -und ließ sie dann die Schnur und die beiden Oeffnungen der Perlen -befühlen. Sie nickte und begann sofort die Schnur mit hölzernen Perlen -zu beziehen. Ich schüttelte den Kopf, nahm sie alle ab und ließ sie -die beiden Holzperlen und die eine Glasperle befühlen. Sie prüfte -sie nachdenklich und begann von neuem. Diesmal reihte sie zuerst die -Glasperlen und dann die beiden Holzperlen auf. Ich nahm sie wieder ab -und zeigte ihr, daß zuerst die beiden Holzperlen kommen müßten und -dann erst die Glasperle. Sie hatte keine weitere Mühe damit und reihte -die Perlen rasch aneinander, leider nur allzu rasch. Als sie fertig -war, knüpfte sie die beiden Enden der Schnur zusammen und legte sie -um ihren Hals. In der nächsten Schnur hatte ich den Knoten nicht groß -genug gemacht, und die Perlen fielen fast so rasch wieder herunter, wie -Helen sie aufgereiht hatte; sie löste aber selbst die Schwierigkeit, -indem sie die Schnur durch eine Perle zog und letztere festknüpfte. Ich -fand dies sehr geschickt. Sie unterhielt sich mit den Perlen bis zum -Mittagessen und legte mir ab und zu die Ketten zur Begutachtung vor. - - * * * * * - - Montag nachmittags. - -Heute früh hatte ich einen heißen Kampf mit Helen zu bestehen. Obgleich -ich mich mit aller Kraft dagegen sträubte, gewaltsame Mittel zur -Anwendung zu bringen, so fürchte ich doch, dies wird sich auf die Dauer -nicht umgehen lassen. - -Helens Benehmen bei Tische ist entsetzlich. Sie greift mit ihren -Händen auf unsere Teller und nimmt davon weg, und wenn die Schüsseln -herumgegeben werden, so greift sie hinein und nimmt sich, was ihr -beliebt. Heut früh wollte ich ihr nicht erlauben, mit der Hand auf -meinen Teller zu fassen. Sie beharrte bei ihrem Vorsatz, und es folgte -nun ein sehr heftiger Auftritt. Natürlich verließ die übrige Familie -voller Verlegenheit das Zimmer. Ich verschloß die Türe zum Speisezimmer -und setzte mich wieder zu meinem Frühstück hin, obgleich mich die -Speisen beinahe anwiderten. Helen lag schreiend und mit Händen und -Füßen um sich schlagend auf dem Fußboden und suchte meinen Stuhl unter -mir fortzuziehen. So verging eine halbe Stunde; dann stand sie auf, um -zu sehen, was ich tat. Ich zeigte ihr, daß ich aß, ließ sie aber nicht -mit der Hand auf den Teller fassen. Sie kniff mich, und ich schlug ihr -jedesmal, wenn sie dies tat, auf die Hand. Dann ging sie um den ganzen -Tisch herum, um zu sehen, wer da sei, und war ganz erstaunt, als sie -außer mir niemand fand. Nach ein paar Minuten kam sie zu ihrem Platze -zurück und begann ihr Frühstück mit den Fingern zu verzehren. Ich gab -ihr einen Löffel, den sie aber auf den Fußboden warf. Ich zerrte sie -von ihrem Stuhle herunter und zwang sie, ihn aufzuheben. Endlich gelang -es mir, sie auf ihren Stuhl zurückzubringen; ich drückte ihr den Löffel -in die Hand und nötigte sie, damit zu essen. Nach einigen Minuten fügte -sie sich und beendete ruhig ihr Frühstück. Darauf hatten wir einen -anderen Zwist über das Zusammenfalten ihrer Serviette. Als sie mit -ihrem Frühstück fertig war, warf sie das Tuch zur Erde und lief zur -Tür. Als sie diese verschlossen fand, begann sie wieder mit den Füßen -auszuschlagen und zu schreien. Es dauerte eine volle Stunde, ehe ich -sie dazu bringen konnte, ihre Serviette zusammenzulegen. Dann ließ -ich sie in den warmen Sonnenschein hinaus und begab mich nach meinem -Zimmer, wo ich mich ganz erschöpft auf das Bett warf. Ich weinte mich -ordentlich aus und fühlte mich darauf besser. Ich glaube, ich werde -noch mehr solcher Kämpfe mit der jungen Dame zu bestehen haben, ehe -sie die beiden wesentlichen Dinge lernt -- die einzigen, die ich ihr -beibringen kann -- Gehorsam und Liebe. - -Gott befohlen, meine Liebe! Aengstigen Sie sich nicht um mich. Ich -will mein Bestes tun und das übrige der Macht anheimstellen, die das -vollbringt, was uns zu leisten unmöglich ist. Frau Keller ist mir sehr -sympathisch. - - * * * * * - - Tuscumbia, Alabama, 11. März 1887. - -Seit ich das letztemal schrieb, sind wir, Helen und ich, nach einem -kleinen Gartenhause, das nicht weit von Ivy Green, dem Familienhause, -entfernt liegt, umgezogen und leben hier ganz für uns allein. Ich sah -sehr bald ein, daß mit Helen im Schoße ihrer Familie, die ihr stets in -allem den Willen gelassen hat, absolut nichts anzufangen sei. Sie hat -jedermann tyrannisiert, ihre Mutter, ihren Vater, die Dienerschaft, -die kleinen Negerkinder, die mit ihr spielten, und niemand ist ihr je -bis zu meiner Ankunft ernstlich entgegengetreten, mit Ausnahme ihres -Bruders James, der dies ab und zu getan hat, und wie alle Tyrannen hält -sie an diesem ihrem angestammten Rechte von Gottes Gnaden, alles zu -tun, was ihr beliebt, mit Zähigkeit fest. Als ich sie zu unterrichten -begann, hatte ich mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Sie wollte -um keines Haares Breite nachgeben, ohne es auf einen verzweifelten -Kampf ankommen zu lassen. Im guten konnte ich gar nichts von ihr -erreichen. Selbst zu den einfachsten Dingen wie zum Kämmen ihres -Haares, zum Händewaschen, zum Zuknöpfen ihrer Schuhe mußte sie mit -Gewalt angehalten werden, und natürlich war ein peinlicher Auftritt die -Folge. Die Angehörigen fühlten natürlich Neigung, sich einzumischen, -namentlich ihr Vater, der es nicht ertragen kann, sie weinen zu sehen. -So waren sie alle gewillt, des lieben Friedens halber nachzugeben. Ich -sah klar ein, daß jeder Versuch, sie im Gebrauch der Sprache oder in -sonst etwas zu unterrichten, zwecklos sei, solange sie nicht gelernt -habe, mir zu gehorchen. Ich habe viel darüber nachgedacht, und je -reiflicher ich mir die Sache überlege, desto fester bin ich davon -überzeugt, daß Gehorsam das Tor ist, durch welches das Wissen, ja sogar -die Liebe ihren Einzug in die Seele eines Kindes halten. Wie ich Ihnen -schon schrieb, glaubte ich anfangs nur Schritt für Schritt vorgehen -zu dürfen. Ich hatte mir vorgenommen, mir die Liebe und das Vertrauen -meines kleinen Zöglings durch dieselben Mittel zu gewinnen, die ich in -Anwendung gebracht haben würde, wenn sie hätte sehen und hören können. -Aber bald fand ich, daß mir kein Weg zu ihrem Herzen offen stand. Sie -nahm alles, was ich für sie tat, als selbstverständlich hin, wehrte -meine Liebkosungen ab, und es war mir schlechterdings unmöglich, mir -ihre Zuneigung zu erwerben. - -Ich hatte eine freie, offene Aussprache mit Frau Keller und setzte ihr -auseinander, wie schwer es für mich unter den obwaltenden Umständen -sei, etwas mit Helen zu beginnen. Ich erklärte ihr, daß meiner Meinung -nach das Kind mindestens für einige Wochen von der Familie getrennt -werden und daß Helen mir gehorchen lernen müsse, ehe ich irgend etwas -anderes unternehmen könne. Nach einer langen Pause antwortete mir Frau -Keller, sie wolle sich die Sache überlegen und hören, was ihr Gatte -zu dem Plane meinte. Der Hauptmann Keller willigte gegen mein Erwarten -sehr rasch ein, und ich beeilte mich, die Vorkehrungen zum Umzuge so -bald wie möglich zu treffen. - -In der neuen Wohnung zeigte sich Helen anfangs sehr ungebärdig und ließ -sich am ersten Abend erst nach einem erbitterten zweistündigen Kampfe -zu Bett bringen. Am nächsten Morgen war sie ruhiger, litt aber offenbar -an Heimweh. Sie spielte mehr als sonst mit ihren Puppen und behandelte -diese mit großer Zärtlichkeit, wollte aber nichts von mir wissen. - -Helen kennt jetzt verschiedene Wörter, hat aber weder eine Ahnung von -ihrem Gebrauche, noch weiß sie, daß jedes Ding einen Namen hat. Ich -glaube jedoch, daß sie leicht und schnell lernen wird. Wie erwähnt, -ist sie außerordentlich lebhaft und geschäftig und in ihren Bewegungen -ebenso rasch wie unstet. - - * * * * * - - 13. März 1887. - -Sie werden sich freuen, zu hören, daß mein Experiment einen guten -Ausgang nimmt. Weder gestern noch heut habe ich mit Helen die geringste -Mühe gehabt. Sie hat drei neue Wörter gelernt, und wenn ich ihr die -Gegenstände gebe, deren Bezeichnung sie gelernt hat, so buchstabiert -sie diese unverzüglich; sie scheint aber froh zu sein, wenn der -Unterricht vorüber ist. - -Wir machten heut früh einen fröhlichen Spaziergang im Garten. Helen -wußte augenscheinlich, wo sie war, sobald sie die Buchsbaumhecken -berührte, und machte mehrere Zeichen, die ich nicht verstand. Ohne -Zweifel waren es Bezeichnungen für die verschiedenen Mitglieder der -Familie in Ivy Green. - - * * * * * - - 20. März 1887. - -Mein Herz jauchzt heute vor Freude. Ein Wunder hat sich ereignet. -Das Licht des Verständnisses ist im Geiste meines kleinen Zöglings -aufgegangen, und siehe da, alles hat ein verändertes Ansehen gewonnen. - -Das kleine wilde Geschöpf von vor vierzehn Tagen hat sich in ein -artiges Kind umgewandelt. Helen sitzt, während ich schreibe, mit -heiterem und fröhlichem Gesichte neben mir und häkelt eine lange -Spitze aus roter schottischer Wolle. Sie hat in vergangener Woche -nähen gelernt und ist sehr stolz auf ihre Fertigkeit. Als sie die -Spitze so lang gemacht hatte, daß sie über das Zimmer hinwegreichte, -so klopfte sie sich selbst auf den Arm und legte das erste Werk ihrer -Hände zärtlich an ihre Wange. Sie läßt sich jetzt von mir küssen und -setzt sich, wenn sie besonders guter Laune ist, kurze Zeit auf meinen -Schoß, erwidert aber meine Liebkosungen noch nicht. Der große Schritt, --- der Schritt, auf den es ankommt -- ist geschehen. Die kleine Wilde -hat ihre erste Lektion gehorsam genommen und findet die Sache ganz -ergötzlich. Es entsteht für mich jetzt die dankbare Aufgabe, die schöne -Intelligenz, die sich in der Kindesseele zu regen beginnt, zu leiten -und zu bilden. - -Auch andere bemerken schon die Veränderung, die mit Helen vorgegangen -ist. Ihr Vater besucht uns jeden Morgen und jeden Abend und ruft, wenn -er sie ihre Perlen eifrig aneinanderreihen oder auf ihrer Nähkarte -horizontale Stichreihen machen sieht, voller Verwunderung aus: Wie -ruhig sie ist! Als ich kam, waren ihre Bewegungen so unstet, daß man -stets fühlte, sie habe etwas Abnormes, ja beinahe Krankhaftes an sich. -Auch habe ich bemerkt, daß sie viel weniger ißt, ein Umstand, der -ihren Vater so sehr beunruhigt, daß er sie durchaus wieder nach Hause -nehmen will. Er behauptet, sie leide an Heimweh. Ich bin damit nicht -einverstanden, doch fürchte ich, wir werden unser kleines Bauer sehr -bald verlassen müssen. - -Gestern ließ ich während der Unterrichtsstunde einen kleinen -Negerknaben hereinkommen, und zeigte auch ihm die Buchstaben. Dies -machte Helen großes Vergnügen und stachelte ihren Ehrgeiz an, sich vor -Percy hervorzutun. Sie freute sich, wenn er einen Fehler machte, und -ließ ihn den Buchstaben mehrere Male wiederholen. Wenn es ihm gelang, -sie zufriedenzustellen, klopfte sie ihm so kräftig auf seinen wolligen -Kopf, daß ich glaubte, er habe die Fehler absichtlich gemacht. - -Hauptmann Keller brachte eines Tages »Belle« mit, einen Hühnerhund, -auf den er sehr stolz ist. Er war begierig, ob Helen ihren alten -Spielkameraden wiedererkennen würde. Helen badete Nancy gerade und -bemerkte anfangs den Hund gar nicht. Für gewöhnlich fühlt sie den -leisesten Schritt und streckt die Arme aus, um sich zu vergewissern, ob -sich jemand in ihrer Nähe befindet. Belle schien es nicht sehr eilig zu -haben, Helens Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich glaube, sie ist -mitunter von ihrer kleinen Herrin recht rauh behandelt worden. Der Hund -war aber kaum eine halbe Minute im Zimmer, als Helen herumzuschnobern -begann, die Puppe in die Badewanne warf und im Zimmer umherfühlte. -Sie stolperte über Belle, die am Fenster lag. Sie erkannte sofort den -Hund, denn sie schlang ihre Arme um seinen Hals und drückte ihn an -sich. Dann setzte sich Helen neben das Tier und begann sich an seinen -Pfoten zu schaffen zu machen. Wir konnten uns für den ersten Augenblick -ihr Verhalten nicht erklären; als wir aber bemerkten, daß sie die -Buchstaben ~d--o--l--l~ mit ihren Fingern bildete, wußten wir daß sie -Belle das Buchstabieren beizubringen suchte. - - * * * * * - - 28. März 1887. - -Helen und ich sind gestern nach Hause gekommen. Ich bedauere, daß wir -nicht noch eine Woche bleiben durften; aber ich glaube, ich habe die -Gelegenheit, die mir in den letzten vierzehn Tagen geboten war, nach -besten Kräften ausgenützt, und hoffe nicht, mit Helen in Zukunft -noch ernstliche Mühe zu haben. Die größten Hindernisse, die sich -einem Fortschreiten in den Weg stellten, sind gebrochen. Ich glaube, -»nein« und »ja«, begleitet von einem Schütteln oder Nicken des Kopfes -sind für Helen +so+ greifbare Tatsachen geworden wie Wärme und Kälte -oder der Unterschied zwischen Schmerz und Behagen. Und ich werde auch -dafür sorgen, daß die Lektion, die sie unter soviel Kummer und Schmerz -gelernt hat, nicht wieder vergessen wird. Ich werde mich zwischen meine -Schülerin und die übergroße Nachsicht ihrer Eltern stellen. Ich habe -Herrn und Frau Hauptmann Keller erklärt, sie dürften in keinerlei Weise -meine Anordnungen durchkreuzen. Ich habe mein Bestes getan, um ihnen -klarzumachen, wie furchtbar sie sich an Helen versündigten, wenn sie -ihr in allen Dingen ihren Willen ließen, und habe darauf hingewiesen, -daß die Versuche, dem Kinde beizubringen, es könne nicht alles nach -seinem Willen gehen, notwendig für dieses selbst wie für seine Lehrerin -von schmerzlichen Empfindungen begleitet seien. Sie versprachen, -mir freie Hand zu lassen und mich nach Kräften zu unterstützen. Die -unverkennbaren Fortschritte, die ihr Kind gemacht hat, haben ihnen -größeres Vertrauen zu mir eingeflößt. Natürlich ist es hart für sie. -Ich begreife, daß es ihnen wehtut, zu sehen, wie ihr unglückliches -kleines Kind bestraft und gezwungen wird, gewisse Dinge gegen seinen -Willen zu tun. Nur wenige Stunden nach meiner Unterredung mit Herrn -und Frau Hauptmann Keller (und sie hatten mir in allem beigepflichtet) -setzte sich Helen bei Tisch in den Kopf, die Serviette nicht zu -benutzen. Offenbar wollte sie probieren, was nun geschehen würde. Ich -versuchte mehrmals, ihr die Serviette um den Hals zu legen, jedesmal -aber riß sie sich das Tuch ab, warf es zur Erde und begann endlich den -Tisch mit den Füßen zu bearbeiten. Ich nahm ihr den Teller weg und -stand auf, um sie aus dem Zimmer zu führen; da aber schlug sich der -Hauptmann ins Mittel und erklärte, er werde es unter keinen Umständen -zugeben, daß eins seiner Kinder nichts zu essen bekäme. - -Nach dem Abendessen kam Helen nicht mehr in mein Zimmer, und ich sah -sie vor dem Frühstück am nächsten Morgen nicht wieder. Sie saß auf -ihrem Platze, als ich herunterkam. Sie hatte sich ihre Serviette unter -das Kinn gesteckt, anstatt, wie es ihre Gewohnheit war, sich das Tuch -auf dem Rücken festzustecken, und lenkte meine Aufmerksamkeit auf diese -Neuerung; als ich keine Einsprache dagegen erhob, schien sie erfreut -zu sein und streichelte sich selbst. Als sie das Eßzimmer verließ, -ergriff sie meine Hand und streichelte sie ebenfalls. Ich war begierig, -was sie zu tun beabsichtigte, und beschloß, der Gewöhnung an Zucht -und Sitte etwas nachzuhelfen. Ich ging nach dem Eßzimmer zurück und -holte mir eine Serviette. Als Helen zum Unterricht heraufkam, legte -ich alle Gegenstände in gewohnter Weise auf den Tisch; nur der Kuchen -fehlte, von dem ich ihr ein Stückchen zur Belohnung zu geben pflegte, -wenn sie ein Wort recht rasch buchstabiert hatte. Helen bemerkte dies -sofort und machte das entsprechende Zeichen für »Kuchen«. Ich zeigte -ihr die Serviette, band sie ihr um den Hals, riß sie dann ab und warf -sie zur Erde und schüttelte dabei den Kopf. Dies tat ich mehrmals -hintereinander. Helen verstand mich vortrefflich, denn sie schlug -sich ein paarmal derb auf die Hand und schüttelte gleichfalls mit dem -Kopfe. Inzwischen begann der Unterricht. Ich gab ihr einen Gegenstand -in die Hand, und Helen buchstabierte das betreffende Wort. Mit einem -Male hielt sie inne, als ob ihr ein Gedanke durch den Kopf schösse, und -griff nach der Serviette, die sie sich rasch um den Hals knüpfte, wobei -sie ihr Zeichen für »Kuchen« machte. Ich nahm dies für ein Versprechen, -daß, wenn ich ihr etwas Kuchen gebe, sie ein artiges Kind sein wolle, -und gab ihr ein größeres Stück als gewöhnlich; Helen war darüber sehr -erfreut und klopfte und streichelte sich selbst voller Befriedigung. - - * * * * * - - 3. April 1887. - -Wir bringen fast unsere ganze Zeit im Garten zu, wo alles sproßt und -blüht und grünt. Nach dem Frühstück gehen wir hinaus und sehen den -Leuten bei ihrer Arbeit zu. Helen liebt es, zu graben und im Schmutze -herumzuspielen wie jedes andere Kind. Heut früh pflanzte sie ihre Puppe -in die Erde und deutete mir an, sie erwarte, die Puppe werde so groß -werden wie ich. - -Um zehn Uhr gehen wir hinein und reihen einige Minuten lang Perlen -auf. Helen kann sie schon in sehr verschiedener Weise zusammenstellen -und denkt sich öfters selbst neue Arten aus. Dann überlasse ich es -ihrer Wahl, ob sie nähen, stricken oder häkeln will. Stricken lernte -sie sehr schnell und fertigt jetzt einen Waschlappen für ihre Mutter -an. In der vergangenen Woche machte sie ihrer Puppe eine Schürze und -kam damit so gut zustande wie jedes andere Kind ihres Alters. Um elf -Uhr haben wir Turnen. Sie kennt alle Freiübungen mit und ohne Hanteln. -Die Stunde von zwölf bis eins wird zur Erlernung neuer Wörter benutzt. -Sie dürfen aber nicht glauben, daß dies die einzige Zeit ist, in der -ich mit Helen buchstabiere; ich buchstabiere ihr im Gegenteil alles, -was wir den ganzen Tag über tun, in die Hand, obgleich sie bis jetzt -noch keine Ahnung hat, was das Buchstabieren eigentlich bedeutet. Nach -dem Mittagessen ruhe ich eine Stunde, und Helen spielt mit ihrer Puppe -oder tummelt sich im Hofe mit den kleinen Negern umher, die vor meiner -Ankunft ihre beständigen Spielgefährten waren. Später geselle ich mich -zu ihnen, und wir machen dann die Runde durch die Wirtschaftsgebäude. -Wir besuchen die Pferde und Maultiere in ihren Ställen, suchen nach -Eiern und füttern die Truthühner. Oft gehen wir, wenn das Wetter schön -ist, von vier bis sechs Uhr spazieren oder besuchen Helens Tante in -Ivy Green oder ihre Verwandten in der Stadt. Helen hat einen stark -entwickelten Geselligkeitstrieb; sie liebt es, Menschen um sich zu -haben und ihre Bekannten zu besuchen, zum Teil allerdings, wie ich -glaube, weil diese stets einige Leckerbissen für sie übrig haben. Nach -dem Abendessen gehen wir in mein Zimmer und vertreiben uns die Zeit -mit allerlei Beschäftigungen bis um acht, dann ziehe ich das kleine -Fräulein aus und bringe es zu Bett. Helen schläft jetzt bei mir. Frau -Keller wollte mir eine Wärterin für sie geben; ich glaube aber, es ist -besser, ich bin ihre Wärterin, als daß ich eine dumme, faule Negerin zu -beaufsichtigen habe. Außerdem ziehe ich es vor, daß Helen ganz allein -auf mich angewiesen ist, und ich finde es viel leichter, sie bei allen -sich bietenden Gelegenheiten zu unterrichten als zu festgesetzten -Stunden. - -Am 31. März fand ich, daß Helen achtzehn Substantiva und drei Verba -kannte. Hier eine Liste dieser Wörter. Die mit einem Kreuz bezeichneten -sind Wörter, nach denen sie selbst fragte: ~doll~, ~mug~, ~pin~, -~key~, ~dog~, ~hat~, ~cup~, ~box~, ~water~, ~milk~, ~candy~, ~eye~ -(×), ~finger~ (×), ~toe~ (×), ~head~ (×), ~cake~, ~baby~, ~mother~, -~sit~, ~stand~, ~walk~. Am 1. April lernte sie die Substantiva ~knife~, -~fork~, ~spoon~, ~saucer~, ~tea~, ~papa~, ~bed~ und das Verbum ~run~. - - * * * * * - - 5. April 1887. - -Ich muß Ihnen heut morgen eine Zeile schreiben, denn es hat sich etwas -sehr Wichtiges zugetragen. Helen hat den zweiten großen Schritt in -ihrer Erziehung getan. Sie hat gelernt, daß jedes Ding einen Namen -hat und daß das Fingeralphabet der Schlüssel zu allem ist, was sie zu -wissen verlangt. - -Die Wörter ~mug~ und ~milk~ machten Helen mehr Mühe als alle -übrigen. Sie verwechselte die Substantiva mit dem Verbum ~drink~. -Sie kannte das Wort für trinken nicht, sondern half sich damit, daß -sie die Pantomime des Trinkens machte, so oft sie ~mug~ oder ~milk~ -buchstabierte. Als sie sich heute früh wusch, wünschte sie die -Bezeichnung für Wasser zu erfahren. Wenn sie die Bezeichnung für etwas -zu wissen wünscht, so deutet sie darauf und streichelt mir die Hand. -Ich buchstabierte ihr ~w--a--t--e--r~ in die Hand und dachte bis nach -Beendigung des Frühstücks nicht mehr daran. Dann fiel es mir ein, -daß ich ihr vielleicht mit Hilfe dieses neuen Wortes den Unterschied -zwischen ~mug~ und ~milk~ ein- für allemal klarmachen könnte. Wir -gingen zu der Pumpe, wo ich Helen ihren Becher unter die Oeffnung -halten ließ, während ich pumpte. Als das kalte Wasser hervorschoß und -den Becher füllte, buchstabierte ich ihr ~w--a--t--e--r~ in die freie -Hand. Das Wort, das so unmittelbar auf die Empfindung des kalten über -ihre Hand strömenden Wassers folgte, schien sie stutzig zu machen. -Sie ließ den Becher fallen und stand wie angewurzelt da. Ein ganz -neuer Lichtschein verklärte ihre Züge. Sie buchstabierte das Wort -~water~ zu verschiedenenmalen. Dann kauerte sie nieder, berührte die -Erde und fragte nach deren Namen, ebenso deutete sie auf die Pumpe -und das Gitter. Dann wandte sie sich plötzlich um und fragte nach -meinem Namen. Ich buchstabierte ihr »~teacher~« in die Hand. In diesem -Augenblick brachte die Amme Helens kleine Schwester an die Pumpe; -Helen buchstabierte »~baby~« und deutete auf die Amme. Auf dem ganzen -Rückwege war sie im höchsten Grade aufgeregt und erkundigte sich nach -dem Namen jedes Gegenstandes, den sie berührte, sodaß sie im Laufe -weniger Stunden dreißig neue Wörter ihrem Wortschatz einverleibt hatte. - -~P. S.~ Ich konnte meinen Brief gestern abend nicht mehr zur Post geben -und will daher noch eine Zeile hinzufügen. Helen stand heute früh wie -eine strahlende Fee auf. Sie flog von einem Gegenstande zum anderen, -fragte nach der Bezeichnung jedes Dinges und küßte mich vor lauter -Freude. Als ich gestern abend zu Bett ging, warf sich Helen aus eigenem -Antrieb in meine Arme und küßte mich zum ersten Male, und ich glaubte, -mein Herz müsse springen, so voll war es vor Freude. - - * * * * * - - 10. April 1887. - -Helen macht von Tag zu Tag, ja beinahe von Stunde zu Stunde -Fortschritte. Alles muß jetzt einen Namen haben. Bei allen unseren -Ausgängen fragt sie voller Eifer nach den Bezeichnungen für die -Dinge, die sie nicht zu Hause gelernt hat. Sie wird nicht müde mit -Buchstabieren und will jeden, dem sie begegnet, das Alphabet lehren. -Sobald sie das betreffende Wort kennt, wendet sie ihre früheren Zeichen -und Pantomimen nicht mehr an, und das Erlernen eines neuen Wortes -bereitet ihr das lebhafteste Vergnügen. Auch bemerken wir, daß ihre -Züge von Tag zu Tag ausdrucksvoller werden. -- Ich habe mich dazu -entschlossen, Helen augenblicklich noch nicht regelmäßigen Unterricht -zu erteilen. Ich behandle sie genau wie ein Kind von zwei Jahren. -Es kommt mir widersinnig vor, zu verlangen, daß ein Kind zu einer -bestimmten Zeit in ein bestimmtes Zimmer geht und bestimmte Lektionen -hersagt, wenn es noch nicht über einen genügenden Wortschatz verfügt. -Ich fragte mich: Wie lernt ein normales Kind sprechen? Die Antwort -lautete einfach: Durch Nachahmung. Das Kind kommt mit der Fähigkeit, zu -lernen, auf die Welt und lernt von selbst, vorausgesetzt, daß es ihm an -dem erforderlichen äußeren Anreize nicht fehlt. Es sieht, wie andere -bestimmte Dinge tun, und versucht, sie ebenfalls zu tun. Es hört andere -sprechen und versucht selbst zu sprechen. Lange bevor es sein erstes -Wort spricht, versteht es, was man zu ihm sagt... Diese Erwägungen -weisen mir den richtigen Weg, Helen das Sprechen beizubringen. -Ich muß ihr in die Hand sprechen, wie wir dem kleinen Kinde in -das Ohr sprechen. Ich nehme an, daß sie dieselbe Assimilations- -und Nachahmungsgabe besitzt wie ein normales Kind. Ich werde in -vollständigen Sätzen zu ihr sprechen und ihr, wenn nötig, die Bedeutung -durch Gesten und ihre beschreibenden Zeichen klarmachen, aber nicht -versuchen, ihre Aufmerksamkeit auf +nur+ einen einzigen Gegenstand -zu lenken. Ich will alles tun, was in meinen Kräften steht, um Helen -anzuregen und anzuspornen, und geduldig das Ergebnis abwarten. - - * * * * * - - 24. April 1887. - -Die neue Methode bewährt sich vorzüglich; Helen kennt jetzt die -Bedeutung von mehr als hundert Wörtern und lernt täglich neue hinzu, -ohne im geringsten auf die Vermutung zu kommen, sie verrichte eine -besondere Heldentat. Sie lernt, weil sie nicht anders kann, genau -wie der Vogel fliegen lernt. Doch dürfen Sie nicht glauben, daß sie -»fließend spricht«. Wie ihre kleine Cousine drückt sie ganze Sätze -durch einzelne Worte aus. „Milch“, mit einer Handbewegung bedeutet: -„Gib mir mehr Milch“; „Mutter“, begleitet von einem fragenden Blick, -bedeutet: „Wo ist Mutter?“ „Gehen“ bedeutet: „Ich möchte ausgehen.“ -Buchstabiere ich ihr aber in die Hand: „Gib mir etwas Brot,“ so reicht -sie mir das Brot, und wenn ich ihr sage: „Hole deinen Hut, wir wollen -spazieren gehen,“ so gehorcht sie augenblicklich. Die beiden Worte: -„Hut“ und „spazieren gehen“ würden dieselbe Wirkung ausüben; wird aber -der ganze Satz mehrmals am Tage wiederholt, so muß er sich mit der Zeit -dem Gehirne einprägen, und Helen wird ihn allmählich selbst anwenden. - -Wir beschäftigen uns mit einem kleinen Spiele, das nach meiner Meinung -für die Entwickelung des Intellekts höchst nützlich ist und zugleich -den Zweck einer Sprachlektion erfüllt. Es ist eine Art Versteckspiel. -Ich verstecke irgend etwas, einen Ball, eine Spule oder dergleichen, -und wir suchen danach. Als wir vor zwei bis drei Tagen mit dem Spiele -begannen, benahm sich Helen ziemlich ungeschickt. Sie suchte an -Stellen nach, wo es unmöglich gewesen wäre, den Ball oder die Spule zu -verstecken. Wenn ich z. B. den Ball versteckte, so suchte sie unter -ihrer Schreibtafel. Versteckte ich die Spule, so suchte sie in einer -Schachtel, die nicht länger als einen Zoll war. Sie gab auch bald -das Spiel auf. Jetzt kann ich ihr Interesse daran eine Stunde und -länger rege erhalten, und sie zeigt mehr Intelligenz und oft große -Geschicklichkeit beim Finden der Gegenstände. Heute früh versteckte -ich einen Zwieback. Helen suchte überall, ohne ihn finden zu können. -Plötzlich kam ihr ein Gedanke, sie lief auf mich zu und öffnete meinen -Mund, um ihn gründlich zu untersuchen. Als sie hier nichts fand, -deutete sie auf meinen Magen und fragte: ~Eat~?, was bedeuten sollte: -Haben Sie ihn vielleicht gegessen? - -Freitag begegnete uns ein Herr auf der Straße, der Helen einige -Bonbons gab, die sie aufaß bis auf ein kleines Stückchen, das sie in -ihr Schürzentäschchen steckte. Nach Hause gekommen, traf sie ihre -Mutter und sagte aus eigenem Antriebe: ~Give baby candy.~ Frau Keller -buchstabierte ihr in die Hand: ~No--baby eat--no.~ Helen näherte sich -der Wiege, faßte Mildred in den Mund und deutete auf ihre eigenen -Zähne. Frau Keller buchstabierte: ~Teeth~. Helen schüttelte den Kopf -und buchstabierte: ~Baby teeth--no, baby eat--no~, womit sie natürlich -sagen wollte: Schwesterchen kann nicht essen, weil es keine Zähne hat. - - * * * * * - - 8. Mai 1887. - -Nein, ich brauche kein Kindergartenmaterial mehr. Ich habe anfangs -meinen kleinen Vorrat von Perlen, Karten und Strohhalmen benutzt, weil -ich nicht wußte, was ich sonst tun sollte; aber die Zeit für sie ist -jetzt auf alle Fälle vorüber. - -Ich beginne allen ausgeklügelten pädagogischen Systemen zu mißtrauen. -Sie scheinen mir auf der Voraussetzung aufgebaut zu sein, daß jedes -Kind eine Art Idiot ist und im Denken unterwiesen werden muß, während -es, wenn es sich selbst überlassen bleibt, mehr und besser denken -wird, wenn es auch nicht so in die Augen fällt. Laßt es nach seinem -Belieben gehen und kommen, laßt es reale Gegenstände berühren und -seine Eindrücke selbständig ordnen, anstatt daß es im Zimmer an einem -kleinen runden Tische sitzt, während eine Lehrerin mit sanfter Stimme -ihm sagt, es möge eine steinerne Mauer aus seinen Holzklötzchen bauen, -einen Regenbogen aus farbigen Papierstreifen herstellen oder Bäume aus -Strohhalmen in Blumentöpfe aus Perlen pflanzen. Solcherlei Unterricht -füllt den Geist mit künstlichen Assoziationen an, die erst ausgerottet -werden müssen, ehe das Kind seine Gedanken aus eigener Anschauung -entwickeln kann. - -Helen lernt Adjektiva und Adverbien so leicht wie sie Substantiva -gelernt hat. Die Vorstellung geht stets dem Worte voran. Sie hatte -Zeichen für »klein« und »groß« lange, bevor ich zu ihr kam. Wollte sie -einen kleinen Gegenstand haben und wurde ihr ein großer gegeben, so -schüttelte sie den Kopf und hob ein Stückchen von der Haut ihrer einen -Hand zwischen Daumen und Zeigefinger der anderen hoch. Wollte sie etwas -Großes bezeichnen, so spreizte sie die Finger beider Hände so weit wie -möglich und näherte die Hände einander, als wolle sie einen großen Ball -auffangen. Eines Tages ersetzte ich diese Zeichen durch die Wörter -~small~ und ~large~; sofort wendete sie die Wörter an und verschmähte -von nun ab die Zeichen. Ich kann ihr jetzt sagen: Bringe mir ein großes -Buch, einen kleinen Teller, gehe langsam die Treppe hinauf, laufe rasch -und gehe langsam. Heute morgen gebrauchte sie die Konjunktion ~and~ -zum ersten Male. Ich befahl ihr, die Tür zuzumachen, und sie fügte -hinzu: ~and lock~. - -Vor ein paar Minuten kam sie in großer Aufregung die Treppe -heraufgestürmt. Ich konnte mir zuerst gar nicht erklären, was geschehen -war. Sie buchstabierte immerwährend ~dog--baby~, indem sie dabei der -Reihe nach auf ihre fünf Finger deutete und an ihnen saugte. Mein -erster Gedanke war, einer von den Hunden habe Mildred verletzt, aber -Helens strahlendes Gesicht beschwichtigte meine Furcht. Es half nichts, -ich mußte mit ihr hinunter. Sie führte mich in einen Schuppen, und hier -in der Ecke lag einer von den Hühnerhunden mit fünf kleinen niedlichen -Jungen! Ich lehrte Helen das Wort ~puppy~, ließ sie die Hündchen -alle befühlen, während sie saugten, und buchstabierte ~puppies~. Sie -interessierte sich sehr für das Nährgeschäft und buchstabierte mehrmals -die Wörter ~mother-dog~ und ~baby~. Helen bemerkte, daß die Augen der -Hündchen geschlossen waren, und sagte ~Eyes--shut. Sleep--no~, womit -sie sagen wollte: Die Augen sind zwar geschlossen, aber die Hündchen -schlafen nicht. Sie deutete der Reihe nach auf jedes Hündchen und -dann auf ihre fünf Finger, und ich lehrte sie das Wort ~five~. Dann -hielt sie einen Finger in die Höhe und sagte: ~Baby~. Ich begriff, -daß sie von Mildred sprach, und buchstabierte: ~One baby and five -puppies~. Dann bemerkte sie, daß eins von den Hündchen kleiner war als -die anderen, und buchstabierte ~small~, indem sie zu gleicher Zeit -das entsprechende Zeichen machte; ich buchstabierte ~very small~. -Sie verstand augenscheinlich, daß ~very~ die Bezeichnung für den -neuen Begriff sei, der in ihren Kopf gelangt war, denn auf dem ganzen -Rückwege nach Hause gebrauchte sie das Wort ganz richtig. Ein Stein war -»~small~«, ein anderer »~very small~«. Als sie ihre kleine Schwester -anfaßte, sagte sie: ~Baby--small. Puppy--very small.~ - -Seit ich Helen keinen regelmäßigen Unterricht mehr erteile, finde -ich, daß sie viel rascher lernt. Ich bin überzeugt, daß die Zeit, -die ein Lehrer darauf verwendet, sich zu vergewissern, ob das Kind -seine Lektion auch behalten habe, so gut wie weggeworfen ist. Meines -Erachtens ist es viel richtiger, anzunehmen, daß das Kind tue, was in -seinen Kräften steht, und daß die ausgestreute Saat zur rechten Zeit -schon Frucht tragen wird. - - * * * * * - - 16. Mai 1887. - -Wir unternehmen jetzt jeden Morgen unmittelbar nach dem Frühstück -weite Spaziergänge. Auf dem ganzen Wege stellt Helen unaufhörlich -Fragen an mich. Wir machen auf Schmetterlinge Jagd und fangen ab und -zu einen. Dann setzen wir uns unter einen Baum und sprechen über ihn. -Später lassen wir ihn frei, falls er die Lektion überlebt hat; aber -in der Regel werden sein Leben und seine Schönheit auf dem Altar der -Lernbegierde geopfert, obgleich er in einem anderen Sinne für immer -fortlebt; denn hat er sich nicht in lebendige Gedanken verwandelt? -Es ist wunderbar, wie Wörter Gedanken erzeugen! Jedes neue Wort, das -Helen lernt, scheint das Bedürfnis nach weiteren zu erwecken. Ihr Geist -wächst infolge seiner rastlosen Tätigkeit. Gewöhnlich gehen wir um die -Zeit des Mittagessens nach Hause, und Helen erzählt ihrer Mutter voller -Eifer alles, was sie gelernt hat. - -Dieser Wunsch, zu wiederholen, was ihr gesagt worden ist, deutet auf -einen unverkennbaren Fortschritt in der Entwickelung ihres Intellektes -hin und ist ein unschätzbarer Ansporn zur Aneignung der Sprache. Ich -bitte alle ihre Bekannten, sie zu Mitteilungen über ihr Tun und Treiben -zu ermuntern und soviel Teilnahme und Vergnügen wie nur möglich an -ihren kleinen Erlebnissen zu zeigen. Dies befriedigt ihr kindliches -Bedürfnis nach Anerkennung und hält ihr Interesse an den Dingen -aufrecht. Ebenso bildet es die Grundlage der wirklichen Unterhaltung. -Helen macht zwar noch manche Fehler und verwechselt Wörter und -Redensarten miteinander; aber dies tut auch ein hörendes Kind. Ich -bin sicher, diese Schwierigkeiten werden sich von selbst geben. Der -Antrieb zum Sprechen ist das wichtigste. Ich füge hier und da ein Wort, -manchmal einen Satz ein und erinnere sie an das, was sie ausgelassen -oder vergessen hat. So nimmt ihr Wortschatz rasch zu, und die neuen -Wörter bringen neue Vorstellungen hervor, und diese sind der Stoff, aus -dem Himmel und Erde geschaffen sind. - - * * * * * - -Meine Aufgabe nimmt alle meine Kräfte und mein Interesse von Tag zu -Tag ausschließlicher in Anspruch, schreibt Fräulein Sullivan am 22. -Mai 1887. Helen ist ein wunderbares Kind, so voller Lernbegierde und -Lerneifer. Sie kennt jetzt gegen dreihundert Wörter und eine große -Menge alltäglicher Redensarten, und es sind noch nicht drei Monate -her, seit sie ihr erstes Wort lernte. Es ist ein seltenes Glück, das -Entstehen, das Wachsen und die ersten schwachen Betätigungen eines -lebenden Geistes zu beobachten; ich genieße dieses Glück, und noch -mehr, es ist mir vergönnt, diesen herrlichen Intellekt zu wecken und zu -leiten. - -Wenn ich mich für diese große Aufgabe nur besser eignete! Ich fühle -mich ihr täglich weniger gewachsen. Mein Geist steckt voller Pläne; -nur kann ich sie leider nicht in die Tat umsetzen. Sie sehen, mein -Geist ist undiszipliniert, ich irre plan- und ziellos umher. O wenn -ich nur jemand hätte, der mir helfen könnte! Ich brauche einen Lehrer -genau so gut wie Helen. Ich weiß, daß die Erziehung dieses Kindes das -Hauptereignis meines Lebens sein wird, wenn ich nur die Kraft und -Ausdauer habe, sie zu vollenden. Eins ist mir klar geworden: Helen -muß Bücher benutzen lernen, wir müssen sie beide benutzen lernen, -und dabei fällt mir ein -- wollen Sie die Freundlichkeit haben, -Herrn Anagnos zu bitten, mir die Psychologien von Perez und Sully zu -besorgen? Ich glaube, sie werden mir nützlich sein können. - -Wir halten jetzt jeden Tag Leseübungen ab. In der Regel nehmen wir eins -der kleinen Lesebücher mit auf einen hohen Baum, der in der Nähe des -Hauses steht, und verwenden eine bis zwei Stunden auf das Aufsuchen von -Wörtern, die Helen schon kennt. Wir betreiben es als eine Art Spiel und -sehen zu, wer die Wörter rascher finden kann, Helen mit ihren Fingern -oder ich mit meinen Augen, und sie lernt soviel neue Wörter, wie ich -ihr mit Hilfe der ihr bereits bekannten erklären kann. Gleiten ihre -Finger über Wörter, die sie kennt, so schreit sie vor Vergnügen auf -und herzt und küßt mich voller Freuden, namentlich wenn sie glaubt, -sie sei die Siegerin. Später setze ich die neuen Wörter im Rahmen zu -kleinen Sätzen zusammen, und manchmal ist es möglich, sie zu einer -kleinen Geschichte von einer Biene, einer Katze oder einem kleinen -Knaben zu gestalten. Ich kann sie jetzt heißen die Treppe herauf- oder -hinuntergehen, Gegenstände wegtragen oder bringen, sitzen, stehen, -gehen, laufen, liegen, kriechen, sich herumwälzen oder klettern; sie -ist über Tätigkeitswörter entzückt; daher macht es überhaupt keine -Mühe, ihr die Verben beizubringen. Sie ist auf die Aneignung eines -Satzes so stolz wie ein Feldherr, der die Streitkraft des Feindes -gefangen genommen hat. - -Eine von Helens alten Gewohnheiten, die am festesten gewurzelt und -am schwersten zu bekämpfen ist, ist ihre Sucht, Gegenstände zu -zertrümmern. Wenn sie irgend etwas auf ihrem Wege findet, so schleudert -sie es zur Erde, gleichviel, was es ist: ein Glas, ein Krug oder gar -eine Lampe. Sie besitzt eine große Menge Puppen, und jede von ihnen ist -in einem Anfall von Wut oder Langeweile zerbrochen worden. Eines Tages -hatte ihr ein bekannter Herr eine neue Puppe aus Memphis mitgebracht, -und ich wollte versuchen, ob ich es nicht Helen begreiflich machen -könnte, daß sie sie nicht zerbrechen dürfe. Ich ließ sie die Bewegung -machen, als schlüge sie den Kopf der Puppe auf den Tisch auf, und -buchstabierte ihr in die Hand: ~No, no, Helen is naughty. Teacher is -sad~ -- und ließ sie den bekümmerten Ausdruck meines Gesichtes fühlen. -Dann ließ ich sie die Puppe liebkosen, auf die getroffene Stelle -küssen und zärtlich in ihren Armen wiegen, buchstabierte ihr dabei in -die Hand: ~Good Helen, teacher is happy~ -- und ließ sie das Lächeln -auf meinem Gesichte fühlen. Sie machte diese Bewegungen mehrmals und -gab dabei auf jede Kleinigkeit acht; dann stand sie einen Augenblick -ganz still mit bekümmertem Gesichtsausdruck, der sich aber plötzlich -aufhellte, buchstabierte. ~Good Helen~ -- und verzog ihr Gesicht zu -einem breiten, künstlichen Lächeln. Dann trug sie die Puppe die Treppe -hinauf, legte die in das oberste Fach des Kleiderschrankes und hat sie -seitdem nie wieder berührt. - - * * * * * - - 2. Juni 1887. - -Das Wetter ist drückend heiß. Wir schmachten förmlich nach Regen. Wir -sind alle in großer Sorge um Helen. Sie ist sehr nervös und aufgeregt. -Sie kann des Nachts nicht schlafen und leidet an Appetitlosigkeit. Es -ist schwer zu raten. Der Arzt sagt, ihr Geist sei zu rege; wie sollen -wir sie aber vom Denken abhalten? Sie beginnt zu buchstabieren, sobald -sie aufwacht, und fährt damit den ganzen Tag lang fort. Wenn ich nicht -mit ihr sprechen will, so buchstabiert sie in ihre eigene Hand und -unterhält sich augenscheinlich auf das lebhafteste mit sich selbst. - -Ich gab ihr meinen Braillestift in der Meinung, das mechanische -Einstechen von Löchern in das Papier würde sie zerstreuen und ihren -Geist beruhigen. Wie groß war aber mein Erstaunen, als ich fand, daß -die kleine Hexe Briefe schrieb! Ich hatte keine Ahnung davon, daß sie -wußte, was überhaupt ein Brief sei. Sie ist öfters mit mir nach der -Post gegangen, wenn ich Briefe besorgte, und ich glaube, ich habe ihr -manches aus dem Inhalt meiner Briefe an Sie mitgeteilt. Auch wußte -sie, daß ich ab und zu »Briefe an blinde Mädchen« mit dem Braillestift -schrieb, aber ich glaubte nicht, daß sie irgend eine klare Vorstellung -davon habe, was ein Brief sei. Eines Tages brachte sie mir einen Bogen, -den sie über und über mit Löchern bedeckt hatte, wollte ihn in einen -Umschlag stecken und nach der Post tragen. Sie sagte: ~Frank--letter~. -Ich fragte sie, was sie denn an Frank geschrieben habe. Sie entgegnete: -~Much words. Puppy motherdog--five. Baby--cry. Hot. Helen walk--no. -Sunfire--bad. Frank--come. Helen--kiss Frank. Strawberries--very -good.~-- - -Helen liest fast ebenso eifrig, wie sie spricht. Ich finde, sie -versteht den Inhalt ganzer Sätze, indem sie die Bedeutung der ihr -unbekannten Wörter aus dem Zusammenhang errät. - -Als ich eines Abends zu Bette ging, fand ich Helen fest eingeschlafen, -während sie ein großes Buch fest in ihren Armen hielt. Sie hatte -offenbar gelesen und war dabei eingeschlafen. Als ich sie am nächsten -Morgen danach fragte, antwortete sie: ~Book--cry~ und ergänzte dies -durch Zittern und andere Zeichen von Furcht. Ich lehrte sie das Wort -~afraid~, und sie sagte: ~Helen is not afraid. Book is afraid. Book -will sleep with girl.~ Ich erklärte ihr, daß sich das Buch nicht -fürchte und in seinem Schranke schlafen müsse und daß »~girl~« nicht -im Bett lesen dürfe. Sie sah mich ganz verschmitzt an und begriff -offenbar, daß ich ihre List durchschaut hatte. - -Und nun zum Schluß noch eins, das nur für Ihre Ohren bestimmt ist. -Eine innere Stimme sagt mir, daß mein Unternehmen über alles -Wünschen und Träumen hinaus von Erfolg gekrönt sein wird. Wären nicht -einige Umstände dabei, die einen solchen Gedanken im höchsten Grade -unwahrscheinlich, ja widersinnig machen, so möchte ich glauben, -Helens Erziehung werde an Interesse und Wunderbarkeit ~Dr.~ Howes -Leistung übertreffen. Ich weiß, meine Schülerin besitzt bedeutende -Anlagen, und ich glaube, daß ich imstande bin, sie zu entwickeln -und auszubilden. Ich kann Ihnen nicht angeben, auf welche Weise ich -zu dieser Ueberzeugung gelangt bin. Ich hatte kurz zuvor noch keine -Ahnung, wie ich zu Werke gehen sollte; ich tappte vollständig im -Dunkeln umher; aber nunmehr weiß ich es, und ich weiß, daß ich es -weiß. Ich kann mir keine klare Rechenschaft darüber ablegen; wenn sich -aber Schwierigkeiten erheben, so bin ich weder ratlos noch im Zweifel. -Ich weiß, wie ich ihnen entgegenzutreten habe; ich scheine Helens -individuelle Bedürfnisse zu ahnen. Es ist wunderbar. - -Schon erregt Helen die allgemeine Aufmerksamkeit. Niemand kann sie -sehen, ohne einen tiefen Eindruck von ihr zu erhalten. Sie ist ein -außergewöhnliches Kind, und das Interesse der Oeffentlichkeit an ihrer -Erziehung wird ebenfalls ein außergewöhnliches sein. Daher wollen wir -recht vorsichtig in Bezug auf alles sein, was wir über sie sagen oder -schreiben. Ich will Ihnen ohne jeden Rückhalt schreiben und Ihnen alles -berichten, aber nur unter einer Bedingung, nämlich der, daß Sie mir -versprechen, meine Briefe niemand zu zeigen. Meine herrliche Helen soll -nicht zu einem Wunderkinde gemacht werden, sofern ich es verhüten kann. - - * * * * * - - 5. Juni 1887. - -Helen interessiert sich sehr für einige kleine Hühnchen, die sich -heut morgen ihren Weg in die Welt pickten. Ich gab ihr ein Ei in die -Hand und ließ sie fühlen, wie die Hühnchen tschip-tschip riefen. Ihr -Erstaunen, als sie das zarte Geschöpf im Innern des Eies fühlte, läßt -sich nicht in Worte fassen. Die Henne war sehr nett und erhob keinen -Einspruch gegen unsere Untersuchungen. Außer den Hühnchen haben wir -noch verschiedenen anderen Familienzuwachs erhalten -- zwei Kälber, ein -Füllen und eine Anzahl komischer kleiner Schweine. Sie würden lachen -müssen, wenn Sie mich sähen, wie ich ein quiekendes Ferkel in meinen -Armen halte, während Helen es am ganzen Leibe betastet und zahllose -Fragen stellt -- Fragen, die keineswegs leicht zu beantworten sind. -Nachdem sie beobachtet hatte, wie die Hühnchen aus dem Ei kommen, -fragte sie: ~Did baby pig grow in egg?~ ~Where are many shells?~ Helens -Kopfumfang beträgt 21½ Zoll, der meinige 22½; Sie sehen, ich bin ihr -nur um einen Zoll voraus! - - * * * * * - - 12. Juni 1887. - -Das Wetter ist nach wie vor heiß. Helen ist ungefähr dieselbe geblieben --- bleich und hager. Doch dürfen Sie nicht glauben, daß sie wirklich -krank ist. Ich bin überzeugt, die Hitze und nicht die natürliche, -vielversprechende Regsamkeit ihres Geistes ist schuld an ihrem -Zustande. Selbstverständlich werde ich ihr Gehirn nicht überbürden. -Wir werden tagtäglich von Leuten überlaufen, die bereit sind, die -Verantwortlichkeit für die Welt zu übernehmen, wenn sich der liebe -Gott eine Versäumnis zuschulden kommen läßt. Sie erklären uns, Helen -»strenge sich zu sehr an«, ihr Geist sei zu lebhaft (genau dieselben -Leute glaubten noch vor ein paar Monaten, sie besäße überhaupt keinen), -und erteilen uns allerhand unmögliche und widersinnige Ratschläge. - -Augenblicklich unterweise ich Helen in der Quadratschrift. Die -Beschäftigung lenkt sie etwas ab und nötigt sie zum Stillsitzen, was -bei dieser erschlaffenden Hitze sehr wünschenswert ist. Sie hat eine -völlige Manie für das Zählen. Sie hat alles im Hause gezählt und ist -jetzt dabei, die Wörter in ihrer Fibel zu zählen. Hoffentlich wird es -ihr nicht in den Sinn kommen, die Haare ihres Hauptes zählen zu wollen. -Könnte sie sehen und hören, so würde sich ihre überschüssige Energie -in einer Weise entladen, die vielleicht ihr Gehirn nicht so übermäßig -belasten würde, obgleich ich andererseits glaube, daß auch das normale -Kind sein Spiel ziemlich ernst nimmt. - - * * * * * - - 15. Juni 1887. - -In der vergangenen Nacht hatten wir ein prächtiges Gewitter, und es ist -heut viel kühler. Wir fühlen uns alle erfrischt, als hätten wir eine -Dusche genommen. Helen läuft herum wie ein Wiesel. Sie wollte wissen, -ob im Himmel geschossen würde, wenn sie den Donner fühlte, und ob die -Bäume und Blumen allen Regen auftränken. - -Sie kennt jetzt vierhundert Wörter, abgesehen von zahlreichen -Eigennamen. Sie kann rasch bis dreißig zählen, und sieben von den -Buchstaben der Quadratschrift sowie die Wörter, die sie aus ihnen -bilden kann, schreiben... Sie erkennt sofort jeden wieder, mit dem sie -einmal zusammengetroffen ist. Im Gegensatze zu Laura Bridgman liebt sie -Herrengesellschaft, und wir bemerken, daß sie sich leichter mit Herren -befreundet als mit Damen. - -Sie ist stets bereit, alles, was sie hat, mit ihrer Umgebung zu teilen, -wobei oft nur sehr wenig für sie selbst übrig bleibt. Sie hält sehr auf -ihre Kleidung, liebt sich zu putzen und ist ganz untröstlich, wenn sie -ein Loch in einem Kleidungsstück entdeckt. Abends will sie durchaus -ihre Haare zu Locken gedreht haben, selbst wenn sie so müde ist, daß -sie kaum stehen kann. - - 3. Juli 1887. - -Heute früh entstand ein großer Lärm unten im Erdgeschoß. Ich hörte -Helen schreien und eilte hinunter, um zu sehen, was der Grund davon -war. Ich fand sie in fürchterlicher Aufregung. Ich hatte gehofft, -ein solcher Auftritt würde sich nie wieder ereignen. Sie war die -letzten zwei Monate so artig und folgsam gewesen, daß ich glaubte, -ich hätte den Leuen gebändigt, aber er schien nur geschlummert zu -haben. Jedenfalls zauste, kratzte und biß sie jetzt Viney wie eine -wilde Katze. Es scheint, als habe die Dienerin den Versuch gemacht, -Helen ein Glas, das diese mit Steinen füllte, wegzunehmen, aus Furcht, -sie könne es zerbrechen. Helen widersetzte sich; Viney versuchte, es -ihr mit Gewalt aus der Hand zu reißen, und ich fürchte, sie hat das -Kind geschlagen oder sonst etwas getan, was diesen außergewöhnlichen -Wutausbruch veranlaßte. Als ich Helen bei der Hand nahm, begann sie -zu weinen. Ich fragte sie, was geschehen sei, und sie buchstabierte: -~Viney--bad~ und begann sie mit erneuter Heftigkeit zu schlagen -und mit den Füßen zu stoßen. Ich hielt ihr die Hände fest, bis sie sich -beruhigt hatte. - -Später kam Helen zu mir ins Zimmer; sie sah sehr traurig aus und wollte -mich küssen. Ich antwortete: „~I cannot kiss naughty girl~,“ worauf -sie buchstabierte: „~Helen is good, Viney is bad.~“ -- Ich erwiderte: -„Du hast Viney gestoßen und getreten und ihr weh getan. Du bist sehr -unartig gewesen und ich kann unartiges Mädchen nicht küssen.“ -- Sie -stand einen Augenblick ganz still, und man sah es, daß in ihrem Innern -ein Kampf vor sich ging. Dann versetzte sie: ~Helen did (does) not love -teacher. Helen do love mother. Mother will whip Viney.~“ Ich sagte ihr, -sie täte besser, nicht mehr über den Vorfall zu sprechen oder an ihn zu -denken. Sie erkannte, daß ich sehr betrübt war, und wollte sich an mich -anschmiegen; ich hielt es aber für das beste, ihr einen besonderen -Platz anzuweisen. Bei Tisch war sie sehr bekümmert, daß ich nicht aß, -und machte den Vorschlag, die Köchin solle Tee für mich bereiten. Aber -ich sagte ihr, mein Herz sei traurig, und ich hätte keine Lust zu -essen. Sie begann zu weinen und zu schluchzen und klammerte sich an -mich an. - -Sie war sehr aufgeregt, als wir nach oben gingen, und ich -versuchte daher, ihre Aufmerksamkeit auf ein sonderbares Tier, -ein Gespensterkrebschen (~stick-bug~), zu lenken. Es ist dies das -sonderbarste Geschöpf, das ich je gesehen habe -- ein kleines -Reisigbündel, das in der Mitte zusammengeschnürt ist. Ich wollte nicht -glauben, daß es lebendig wäre, bis ich es sich bewegen sah. Und selbst -dann glich es eher einem mechanischen Spielzeug als einem lebenden -Wesen. Aber Helen, das arme, kleine Ding, konnte ihre Aufmerksamkeit -nicht konzentrieren. Ihr Herzchen war voller Betrübnis und sie wollte -darüber sprechen. Sie fragte: „~Can bug know about naughty girl? Is bug -verv happy?~“ Dann schlang sie ihre Arme um meinen Hals und sagte: „~I -am good to-morrow. Helen is good all days.~“ -- „Willst du Viney sagen, -daß es dir leid tut, daß du sie gekratzt und mit den Füßen gestoßen -hast?“ -- Sie lächelte und antwortete: „~Viney not spell words.~“ -- -„Ich will Viney sagen, daß es dir sehr leid tut. Willst du mit mir -gehen und Viney suchen?“ -- Sie war dazu bereit und ließ sich von Viney -küssen, obgleich sie ihre Liebkosungen nicht erwiderte. Seitdem ist sie -außergewöhnlich sanft, und über ihre Züge ist eine Lieblichkeit -- eine -Seelenschönheit ausgegossen, die ich bisher an ihr nicht wahrgenommen - -habe. - - * * * * * - - 31. Juli 1887. - -Helen schreibt mit Bleistift schon ganz vorzüglich. Ich lehre sie das -Braille-Alphabet, und sie ist ganz entzückt darüber, daß sie imstande -ist, Wörter herzustellen, die sie selbst fühlen kann. - -Ihre Entwickelung ist jetzt soweit vorgeschritten, daß sie nach allem -fragt. Was? warum? wann?, namentlich warum? -- so geht es den ganzen -Tag über, und je mehr ihre Intelligenz wächst, desto dringender werden -ihre Fragen. Ich entsinne mich, wie lästig ich immer das ewige Fragen -der Kinder meiner Bekannten fand, aber jetzt weiß ich, daß diese Fragen -von dem zunehmenden Interesse des Kindes an den Ursachen der Dinge -herrühren. Das »Warum« ist das Tor, durch das es die Welt des Denkens -und der Ueberlegung betritt. ~How does carpenter know to build house? -Who put chickens in eggs? Why is Viney black? Flies bite -- why? Can -flies know not to bite? Why did father kill sheep?~ Natürlich stellt -sie viele Fragen, die nicht so verständig sind wie diese. Ihr Denken -geht nicht logischer vor sich als das von Durchschnittskindern. Im -ganzen gleichen ihre Fragen denen, die ein aufgewecktes Kind von drei -Jahren stellt; aber ihre Wißbegierde ist äußerst groß, -- ihre Fragen -fallen nie lästig, obgleich sie mein geringes Maß von Kenntnissen und -meinen Scharfsinn auf eine harte Probe stellen. - -Vorigen Sonntag bekam ich einen Brief von Laura [Bridgman]. Sagen Sie -ihr, bitte, meinen herzlichsten Dank dafür, und teilen Sie ihr mit, daß -Helen ihr einen Kuß schickt. Ich las den Brief beim Abendessen, und -Frau Keller rief aus: Sie sehen, Fräulein Annie, Helen schreibt schon -jetzt beinahe ebensogut! -- Es ist wahr. - - * * * * * - - 21. August 1887. - -Wir haben eine herrliche Zeit in Huntsville verlebt. Jedermann war über -Helen entzückt und überschüttete sie mit Geschenken und Küssen. Am -ersten Abend lernte sie die Namen aller Leute im Hotel, gegen zwanzig, -glaube ich. Am nächsten Morgen waren wir erstaunt, zu finden, daß sie -sich ihrer aller erinnerte und jeden einzelnen, mit dem sie am Abend -zuvor zusammengetroffen war, wiedererkannte. Sie lehrte die Kinder das -Alphabet, und mehrere von ihnen lernten mit ihr sprechen. Eines der -Mädchen lehrte sie Polka tanzen, und ein kleiner Knabe zeigte ihr seine -Kaninchen und buchstabierte ihr deren Namen in die Hand. Sie war ganz -entzückt darüber und gab ihrer Freude dadurch Ausdruck, daß sie den -kleinen Burschen herzte und küßte, was ihn in große Verlegenheit setzte. - -Seit ihrer Rückkehr spricht sie unaufhörlich von ihren Erlebnissen -in Huntsville, und wir bemerken einen ganz entschiedenen Fortschritt -in der Geläufigkeit, mit der sie spricht. Seltsamerweise scheint ein -Ausflug auf den Gipfel des Monte Sano, eines schönen Berges nicht -weit von Huntsville, auf sie einen tieferen Eindruck gemacht zu haben -als alles übrige. Sie erinnert sich an alles, was ich ihr darüber -mitgeteilt habe, und wiederholte, als sie ihrer Mutter davon erzählte, -genau die Worte und Redewendungen, die ich in meiner Beschreibung -gebraucht hatte. Zum Schluß fragte sie ihre Mutter, ob sie auch gern -~very high mountain and beautiful cloud-caps~ sehen wolle. Ich hatte -diesen letzteren Ausdruck (»Wolkenmützen«) nicht gebraucht, und sagte -ihr nun: Die Wolken berühren die Berge sanft wie schöne Blumen. -- Sie -sehen, ich mußte Worte und Bilder gebrauchen, mit denen sie durch den -Gefühlssinn vertraut war. Aber es erscheint kaum möglich, daß bloße -Worte jemand, der nie einen Berg gesehen hat, auch nur den leisesten -Begriff von dessen Höhe verschaffen können, und ich kann nicht absehen, -wie jemand imstande sein sollte, zu wissen, welcher Art der Eindruck -war, den sie erhalten hatte, oder worauf das Vergnügen beruhte, das -sie empfand, als ihr davon erzählt wurde. Alles, was wir wissen, -ist nur, daß sie ein gutes Gedächtnis, eine lebhafte Phantasie und -Assoziationsvermögen besitzt. - - 28. August 1887. - -Ich wünschte, es würde nichts Neues mehr geboren. Kleine Hunde, kleine -Kälber und kleine Kinder erhalten Helens Interesse an dem »Warum« und -»Wozu« der Dinge auf dem Siedepunkte. Die eines Tages erfolgte Ankunft -eines neugeborenen Kindes in Ivy Green bot Gelegenheit zu einer Unmenge -von Fragen über die Herkunft der Kinder und der lebenden Wesen im -allgemeinen. ~Where did Leila get new baby? How did doctor know where -to find baby? Did Leila tell doctor to get very small new baby? Where -did doctor find Guy and Prince~ (Hündchen)? ~Why is Elizabeth Evelyn’s -sister?~ u. s. w., u. s. w. Diese Fragen wurden zuweilen peinlich, -und es war mir klar, daß irgend etwas geschehen müsse. War es für -Helen natürlich, solche Fragen zu stellen, so war es meine Pflicht, -sie zu beantworten. Es ist meines Erachtens ein großer Fehler, Kinder -mit falschen Angaben und Unsinn abzuspeisen, wenn ihr zunehmendes -Beobachtungs- und Unterscheidungsvermögen in ihnen den Wunsch rege -macht, Auskunft über gewisse Dinge zu erhalten. Von Anfang an hatte -ich es mir zum Prinzip gemacht, alle Fragen Helens nach meinem besten -Wissen in einer ihr verständlichen Weise und dabei wahrheitsgemäß zu -beantworten. Warum sollte ich diese Fragen abweichend behandeln? fragte -ich mich. Ich konnte, abgesehen von meiner kläglichen Unwissenheit -in betreff der großen Tatsachen, auf welchen unsere physische -Existenz beruht, keinen Grund dafür erblicken. Es gibt in dieser -weltabgeschiedenen Gegend keine lebende Seele, die ich hierbei oder -bei einer anderen pädagogischen Schwierigkeit um Rat fragen könnte. -Das einzige, was ich in solchen Fällen tun kann, ist frisch darauf -loszugehen und aus meinen Mißgriffen zu lernen. Aber hier glaube ich -keinen Mißgriff begangen zu haben. Ich nahm Helen und mein botanisches -Lehrbuch mit auf den Baum hinauf, auf dem wir oft lesen und studieren, -und erzählte ihr in einfachen Worten die Geschichte des Pflanzenlebens. -Ich erinnerte sie an das Getreide, die Bohnen, die Wassermelonenkerne, -die sie im Frühjahr eingepflanzt hatte, und sagte ihr, daß das hohe -Korn im Garten, die Bohnen und die Wassermelonenranken aus diesen -Samenkörnern entstanden seien. Ich erklärte ihr, wie die Erde die -Samenkörner warm und feucht erhält, bis die kleinen Blättchen stark -genug sind, um sich an das Licht und an die Luft zu drängen, wo sie -atmen und wachsen und blühen und weitere Samenkörner hervorbringen, -aus denen wiederum andere Pflanzen, ihre Kinder, emporwachsen. Ich zog -einen Vergleich zwischen dem Pflanzen- und dem Tierleben und sagte -ihr, die Samenkörner seien genau solche Eier wie die Hühnereier und -Vogeleier, die die Mutterhenne warm und trocken erhält, bis die kleinen -Hühnchen ausschlüpfen. Ich machte ihr verständlich, daß alles Leben -aus einem Ei komme. Die Vogelmutter legt ihre Eier in ein Nest und -hält sie warm, bis die kleinen Vögelchen auskriechen. Die Fischmutter -legt ihre Eier dorthin, wo sie feucht und sicher sind, bis die kleinen -Fische ausschlüpfen. Ich erklärte ihr, sie könne das Ei als die Wiege -des Lebens bezeichnen. Dann erzählte ich ihr, daß andere lebende Wesen -wie der Hund und die Kuh und auch die Menschen ihre Eier nicht legten, -sondern ihre Kinder in ihrem eigenen Leibe ernährten. Ich hatte keine -Schwierigkeit, ihr klarzumachen, daß, wenn Pflanzen und Tiere nicht -Nachkommen derselben Art hervorbrächten, sie bald aufhören würden zu -existieren und daß dann bald alles in der Welt aussterben würde. Ueber -die geschlechtlichen Funktionen ging ich so leicht wie möglich hinweg. -Ich suchte ihr jedoch einen Begriff davon zu geben, daß die Liebe die -große Fortpflanzerin des Lebens sei. Das Thema war schwierig und mein -Wissen unzulänglich; aber ich freue mich, vor meiner Verantwortung -nicht zurückgeschreckt zu sein, denn so stockend und unzureichend meine -Erklärung auch gewesen sein mag, sie berührte verwandte Saiten in der -Seele meines kleinen Zöglings, und die Leichtigkeit, mit der Helen die -großen Tatsachen des physischen Lebens begriff, bestärkte mich in der -Meinung, daß im Kinde bei seiner Geburt die gesamten Erfahrungen des -Menschengeschlechts schlummernd vorhanden sind. Diese Erfahrungen sind -wie photographische Negativs, bis die Sprache sie entwickelt und die -Erinnerungsbilder hervorbringt. - - * * * * * - - 4. September 1887. - -Helen bekam heute morgen einen Brief von ihrem Onkel, dem ~Dr.~ Keller. -Er lud sie ein, ihn einmal in Hot Springs zu besuchen. Der Name Hot -Springs interessierte sie, und sie stellte mehrere Fragen, die darauf -Bezug hatten. Sie kannte kalte Quellen, deren es mehrere in der Nähe -von Tuscumbia gibt; unter ihnen befindet sich eine sehr starke, von -der die Stadt ihren Namen hat. Tuscumbia bedeutet in der Sprache der -Indianer »Starker Quell«. Aber sie war darüber erstaunt, daß heißes -Wasser aus der Erde kommen sollte. Sie wünschte zu wissen, wer unter -der Erde Feuer angemacht habe, ob es wie das Feuer in den Oefen sei und -ob es die Wurzeln der Pflanzen und Bäume verbrenne. - -Sie war über den Brief sehr erfreut, und nachdem sie alle erdenklichen -Fragen an mich gerichtet hatte, nahm sie ihn mit zu ihrer Mutter, die -nähend in der Vorhalle des Hauses saß, und las ihn ihr vor. Es war -spaßhaft, sie zu sehen, wie sie den Brief vor ihre Augen hielt und die -Sätze mit ihren Fingern herbuchstabierte, genau wie ich es getan hatte. -Später versuchte sie ihn Belle (dem Hunde) und Mildred vorzulesen. Frau -Keller und ich beobachteten diese Bemutterungskomödie von der Tür aus. -Belle war schläfrig und Mildred unaufmerksam. Helen sah sehr ernst aus -und zog ein paarmal, wenn Mildred versuchte, ihr den Brief wegzunehmen, -die Hand ungeduldig zurück. Endlich stand Belle auf, schüttelte sich -und wollte fortgehen, aber Helen packte sie am Nacken und nötigte sie, -sich wieder hinzulegen. Inzwischen hatte Mildred den Brief ergriffen -und kroch mit ihm davon. Helen fühlte auf dem Fußboden nach ihm; als -sie ihn aber nicht fand, hatte sie augenscheinlich Mildred im Verdacht; -denn sie stieß den leisen Ton aus, mit dem sie ihr Schwesterchen zu -rufen pflegt. Dann erhob sie sich und stand eine Weile ganz still, als -lausche sie mit ihren Füßen auf Mildreds »tapp, tapp«. Als sie erkannt -hatte, aus welcher Richtung das Geräusch kam, eilte sie rasch auf die -kleine Uebeltäterin zu und fand sie, wie sie an dem kostbaren Briefe -herumkaute! Das war zuviel für Helen. Sie riß ihr den Brief weg und -schlug ihr auf die Händchen, daß es nur so klatschte. Frau Keller nahm -das Kind auf den Arm, und als es ihr gelungen war, es zu beruhigen, -fragte ich Helen: Was hast du Baby getan? Sie sah ganz verlegen aus und -zögerte einen Augenblick mit der Antwort. Dann sagte sie: ~Wrong girl -did eat letter. Helen did slap very wrong girl.~ Ich erwiderte ihr, -Mildred sei noch sehr klein und wisse nicht, daß es unrecht sei, den -Brief in den Mund zu stecken. - -~I did tell baby, no, no, much times~, lautete Helens Antwort. - -Ich entgegnete: Mildred versteht deine Finger nicht, und wir müssen -sehr liebevoll mit ihr sein. - -Sie schüttelte den Kopf. ~Baby -- not think. Helen will give baby -pretty letter~, und damit lief sie die Treppe hinauf und brachte einen -sauber zusammengefalteten Braillebogen mit, auf den sie einige Worte -geschrieben hatte, und gab ihn Mildred mit den Worten: ~Baby can eat -all words.~ - - * * * * * - - 18. September 1887 - -Helen ist ein wunderbares Kind. Ich habe mir alles aufgezeichnet, was -sie in der vergangenen Woche gesagt hat, und dabei gefunden, daß sie -über sechshundert Wörter kennt. Damit soll jedoch nicht gesagt sein, -daß sie sie stets richtig gebraucht. Mitunter zeigt sich in ihren -Sätzen ein vollständiger Wirrwarr, aber dieser findet sich bei allen -Kindern, wenn sie den Versuch machen, ihre halbfertigen Vorstellungen -mit Hilfe willkürlicher Sprachformen auszudrücken. Sie besitzt den -richtigen Sprachtrieb und zeigt große Gewandtheit bei dem Anpassen des -Ausdrucks an ihre Gedanken. - -In der letzten Zeit hat sie großes Interesse an Farben bewiesen. Sie -fand in ihrem Lesebuche das Wort »~brown~« und wollte seine Bedeutung -wissen. Ich sagte ihr, ihr Haar sei braun, worauf sie fragte: ~Is -brown verv pretty?~ Nachdem wir im ganzen Hause umhergegangen waren -und ich ihr die Farbe jedes Gegenstandes, den sie berührte, angegeben -hatte, schlug sie vor, nach den Hühnerställen und den Scheunen zu -gehen; ich sagte ihr jedoch, sie müsse bis morgen warten, ich sei sehr -müde. Wir saßen in der Hängematte; aber für die Ermüdete war hier an -kein Ausruhen zu denken. Helen wollte durchaus »~more colour~« kennen -lernen. Ich möchte gern wissen, ob sie eine unbestimmte Vorstellung -von Farben -- einen Erinnerungseindruck von Licht und Ton besitzt. Es -scheint, als müsse ein Kind, das bis zu seinem neunzehnten Monat sehen -und hören konnte, etwas von seinen ersten Eindrücken zurückbehalten -haben, und sei dies auf noch so undeutliche Weise. Helen spricht viel -von Dingen, die sie durch das Gefühl nicht hat wahrnehmen können. Sie -stellt viele Fragen über den Himmel, Tag und Nacht, das Meer und die -Berge. Sie hat es gern, wenn ich ihr mitteile, was ich auf Bildern -sehe. - -Aber ich scheine den Faden meiner Erzählung verloren zu haben. ~What -colour is think?~ lautete eine der rastlosen Fragen, die sie an mich -richtete, während wir uns in der Hängematte hin- und herschaukelten. -Ich sagte ihr: Wenn wir froh sind, so sind unsere Gedanken heiter; sind -wir aber unartig, so sind sie traurig. Rasch wie der Blitz antwortete -sie: ~My think is white, Viney’s think is black~. Sie sehen, sie -glaubte, die Farbe unserer Gedanken entspräche unserer Hautfarbe. - - * * * * * - - 3. Oktober 1887. - -Ich hoffe, die kleinen Mädchen werden sich über Helens Brief[25] -freuen. Sie hat ihn ganz allein geschrieben. - -Sie spricht viel über das, was wir tun werden, wenn sie nach Boston -geht. Eines Tages fragte sie: ~Who made all things and Boston?~ Sie -sagt, Mildred würde nicht mitgehen, weil ~baby does cry all days~. - - * * * * * - - 25. Oktober 1887. - -Helen hat gestern einen zweiten Brief an die kleinen Mädchen -geschrieben,[26] und ihr Vater hat ihn an Herrn Anagnos geschickt. Sie -hat jetzt begonnen, die Pronomina aus eigenem Antriebe anzuwenden. -Heute früh sagte ich zu ihr: ~Helen will go upstairs~. Sie lachte und -antwortete: ~Teacher is wrong. You will go upstairs.~ Dies ist ein -weiterer großer Fortschritt. So ist es stets. Was ihr gestern Mühe -machte, fällt ihr heut äußerst leicht, und die Schwierigkeiten von heut -sind morgen ein überwundener Standpunkt. - -Es ist ein Genuß, die rasche Entwickelung von Helens Geist zu -beobachten. Ich zweifle daran, ob irgend ein Lehrer jemals eine Aufgabe -vor sich hatte, die sein Interesse so ausschließlich in Anspruch nahm. -Es muß mir bei meiner Geburt ein glücklicher Stern geleuchtet haben, -und ich beginne jetzt seinen wohltätigen Einfluß zu empfinden. - - * * * * * - - Oktober 1887. - -Bevor dieser Brief in Ihre Hände gelangt, haben Sie wahrscheinlich -schon Helens zweiten Brief an die kleinen Mädchen gelesen. Ich weiß es, -der Fortschritt, den sie in der zwischen den beiden Briefen liegenden -Zeit gemacht hat, muß unglaublich erscheinen. Nur wer täglich mit ihr -verkehrt, kann sich eine Vorstellung von den raschen Fortschritten -bilden, die sie in der Beherrschung der Sprache macht. Sie werden aus -ihrem Briefe entnehmen, daß sie viele Pronomina ganz richtig gebraucht. -In der Unterhaltung gebraucht sie selten eins falsch oder läßt es aus. -Ihre Leidenschaft, Briefe zu schreiben und ihre Gedanken auf das Papier -zu werfen, wird von Tag zu Tage stärker. Sie erzählt jetzt Geschichten, -in denen die Phantasie eine bedeutende Rolle spielt. Ebenso beginnt -sie jetzt einzusehen, daß sie nicht wie andere Kinder ist. Eines -Tages fragte sie: ~What do my eyes do?~ Ich sagte ihr, ich könne die -Gegenstände mit meinen Augen sehen und sie mit ihren Fingern. - -Nachdem sie einen Augenblick nachgedacht hatte, entgegnete sie: ~My -eyes are bad!~ dann verbesserte sie dies in ~my eyes are sick.~ - - * * * * * - -Einige interessante Ergänzungen zu den Briefen finden sich in dem von -Fräulein Sullivan für den offiziellen Jahresbericht des Perkinsschen -Instituts für 1887 verfaßten zusammenhängenden Ueberblick über Helens -bisherige Entwickelung. Nach Erwähnung der Szene am Brunnen (s. oben S. -225) heißt es weiter: - -Demnächst kamen die örtlichen Präpositionen an die Reihe. Helens -Kleid wurde +in+ eine Truhe gelegt und dann +auf+ diese, und ich -buchstabierte ihr dann diese Präpositionen in die Hand. Den Unterschied -zwischen ~in~ und ~on~ lernte sie sehr bald, obgleich es einige -Zeit dauerte, ehe sie diese Wörter in selbständig gebildeten Sätzen -gebrauchen konnte. Wenn es irgend möglich war, führte sie die Lektion -mimisch durch; und es machte ihr großes Vergnügen, +auf+ dem Stuhle zu -stehen oder +in+ den Kleiderschrank gestellt zu werden. In Verbindung -mit dieser Lektion lernte sie die Namen der Familienmitglieder und das -Wort ~is~. ~Helen is in wardrobe, Mildred is in crib, Box is on table, -Papa is on bed~ sind Beispiele von Sätzen, die von ihr Ende April -gebildet wurden. - -Nunmehr folgte eine Lektion über Adjectiva. Ich nahm einen großen, -weichen Ball aus Wolle und eine Bleikugel. Helen begriff den -Größenunterschied sofort. Als sie die Kugel in die Hand nahm, machte -sie ihr gewöhnliches Zeichen für klein (s. S. 229); dann nahm sie einen -wollenen Ball und machte das Zeichen für groß. Ich setzte die Adjectiva -~large~ und ~small~ an die Stelle dieser Zeichen. Dann wurde ihre -Aufmerksamkeit auf die Härte der Kugel und die Weichheit des Balles -gelenkt, und sie lernte die Adjectiva ~soft~ und ~hard~. Ein paar -Minuten später befühlte sie den Kopf ihrer kleinen Schwester und sagte -zu ihrer Mutter: ~Mildred’s head is small and hard.~ Demnächst suchte -ich ihr den Unterschied zwischen »schnell« und »langsam« klarzumachen. -Sie half mir eines Tages Wolle wickeln, zuerst rasch und dann langsam. -Dann sagte ich zu ihr mittels des Fingeralphabets: ~Wind fast~ oder -~wind slow~, indem ich ihr dabei die Hände hielt und zeigte, wie sie -es machen sollte. Am nächsten Tage buchstabierte sie mir während der -Turnübungen in die Hand: ~Helen wind fast~ und begann rasch zu gehen. -Dann sagte sie: ~Helen wind slow~ und paßte ihre Bewegungen wiederum -den Worten an. - -Ich hielt nun die Zeit für gekommen, sie gedruckte Wörter lesen zu -lehren. Ein Pappstreifen, auf dem in erhöhten Buchstaben das Wort ~box~ -gedruckt war, wurde auf den betreffenden Gegenstand gelegt und derselbe -Versuch bei einer großen Menge anderer Dinge wiederholt; aber Helen -begriff nicht sofort, daß das auf den Gegenstand gelegte Wort diesen -selbst bezeichne. Dann nahm ich einen Bogen mit dem Alphabet und legte -ihren Finger auf den Buchstaben ~A~, indem ich zugleich mit meinen -Fingern ihr ~A~ in die Hand buchstabierte. Sie bewegte ihren Finger von -einem gedruckten Buchstaben zum anderen, sowie ich ihr den einzelnen -Buchstaben in die Hand buchstabierte. Sie lernte alle Buchstaben, -große und kleine, an einem Tage. Dann nahm ich die erste Seite der -Fibel vor und ließ sie das Wort ~cat~ befühlen, indem ich es ihr zu -gleicher Zeit mit meinen Fingern zubuchstabierte. Sie verstand mich -sofort und bat mich ~dog~ und viele andere Wörter aufzusuchen. Auch war -sie sehr enttäuscht, weil ich ihren Namen in dem Buche nicht finden -konnte. Damals hatte ich noch keine Sätze in Hochdruck, die sie hätte -verstehen können; aber sie konnte stundenlang dasitzen und jedes Wort -in ihrem Buche befühlen. Stieß sie auf eines, das ihr bekannt war, so -nahm ihr Gesicht einen wahrhaft strahlenden Ausdruck an, und ihre Züge -wurden von Tag zu Tag sanfter und ernster. Um diese Zeit sandte ich ein -Verzeichnis der ihr bekannten Wörter an Herrn Anagnos, und er hatte -die große Güte, sie für Helen in Hochdruck herzustellen. Frau Keller -und ich schnitten mehrere Bogen mit gedruckten Wörtern auseinander, -sodaß Helen die Wörter zu Sätzen aneinanderreihen konnte. Dies machte -ihr mehr Vergnügen als alles, was sie bisher getan hatte, und die so -gewonnene Uebung erleichterte ihr das Erlernen des Schreibens. Es hielt -nicht schwer, ihr klarzumachen, daß sie dieselben Sätze, die sie jeden -Tag mit Hilfe der Pappstreifen bildete, auch mit Bleistift auf Papier -schreiben könne, und sie begriff sehr bald, daß sie sich nicht auf die -schon erlernten Redewendungen zu beschränken brauche, sondern jeden -Gedanken, der ihr durch den Kopf ging, damit ausdrücken könne. Ich -legte ihr eine von den Schreibtafeln, wie sie von den Blinden benutzt -werden, zwischen die Bogen Papier auf dem Tische und ließ sie ein -Alphabet der quadratischen Buchstaben, wie sie sie schreiben konnte, -befühlen. Dann führte ich ihr die Hand und half ihr den Satz bilden: -~Cat does drink milk.~ Als die damit fertig war, war sie überglücklich -und brachte ihn freudestrahlend ihrer Mutter, die ihn ihr in die Hand -buchstabierte. - -Tag für Tag bewegte sie nun ihren Bleistift in denselben -vorgezeichneten Linien auf dem Papier entlang, ohne auch nur einen -Augenblick die geringste Ungeduld oder Ermüdung zu verraten. - -Da sie nunmehr gelernt hatte, ihre Gedanken schriftlich auszudrücken, -unterrichtete ich sie in der Brailleschrift. Das Erlernen des Systems -machte ihr Freude, da sie bald entdeckte, sie könne jetzt selbst lesen, -was sie geschrieben habe. Ganze Abende kann sie still am Tische sitzen -und niederschreiben, was ihr in das lebhaft arbeitende Gehirn kommt, -und es fällt mir selten schwer, zu lesen, was sie geschrieben hat. - -Ihre Fortschritte im Rechnen sind gleichfalls bedeutend. Sie kann -mit großer Schnelligkeit bis zur Summe von hundert addieren und -subtrahieren, und in der Multiplikation kennt sie das Einmaleins -bis zur Fünferreihe. Kürzlich beschäftigte sie sich mit der Zahl -vierzig; als ich zu ihr sagte: Dividiere sie durch zwei, antwortete -sie unverzüglich: zwanzigmal zwei ist vierzig. Später sagte ich: Nimm -drei fünfzehnmal und zähle, was herauskommt. Ich wünschte, sie sollte -Gruppen von je drei Steinen bilden und glaubte, sie würde sie dann -zählen müssen, um herauszubekommen, wieviel fünfzehnmal drei ist. -Aber sie buchstabierte mir sofort die Antwort zu: Fünfzehnmal drei ist -fünfundvierzig. - -Als ihr einmal gesagt wurde, sie sei weiß und eine der Dienerinnen -schwarz, folgerte sie, daß alle, die eine ähnliche Lebensstellung -innehätten, von derselben Farbe seien, und wenn sie nach der Farbe -eines Dienstboten gefragt wurde, antwortete sie stets: schwarz. Als -die einmal nach der Farbe jemandes gefragt wurde, dessen Stand ihr -unbekannt war, schien sie nicht recht zu wissen, was sie sagen sollte, -und entgegnete endlich: blau. - -Obgleich ihr niemals etwas vom Tode oder vom Begräbnis gesagt worden -war, so legte sie doch, als sie zum erstenmal in ihrem Leben mit -ihrer Mutter und mir einen Kirchhof betrat, auf dem wir uns die -Blumen ansehen wollten, ihre Hand auf unsere Augen und buchstabierte -wiederholt: ~Cry--cry.~ Ihre Augen füllten sich in der Tat mit Tränen. -Die Blumen schienen ihr keine Freude zu machen, und sie war ganz still, -während wir dort blieben. - -Als sie bei einer anderen Gelegenheit mit mir spazieren ging, schien -sie sich der Anwesenheit ihres Bruders bewußt zu sein, obgleich wir -noch weit von ihm entfernt waren. Sie buchstabierte mir wiederholt -seinen Namen in die Hand und lief nach der Richtung, aus der er kam. - -Beim Spazierengehen oder Reiten gibt sie oft die Namen der Personen, -denen wir begegnen, sofort an, sobald wir sie bemerken. - - * * * * * - - 13. November 1887. - -Wir nahmen Helen mit in den Zirkus und verlebten ein paar köstliche -Stunden! Das Zirkuspersonal interessierte sich sehr für Helen und tat -alles, was in seinen Kräften stand, um ihr ihren ersten Zirkusbesuch zu -einem denkwürdigen Ereignis zu machten. Sie durfte die Tiere berühren, -wenn dies ohne Gefahr geschehen konnte. Sie fütterte die Elefanten, -kletterte auf den Rücken des größten von ihnen und setzte sich auf den -Schoß der »orientalischen Prinzessin«, während der Elefant majestätisch -im Kreise herumschritt. Sie betastete einige junge Löwen. Sie waren so -niedlich wie Kätzchen, aber ich sagte ihr, sie würden wild und grimmig, -wenn sie älter würden. Sie sagte zu dem Wärter: ~I will take the baby -lions home and teach them to be mild.~ Der Bärenwärter ließ einen -seiner riesigen schwarzen Pflegebefohlenen sich auf die Hinterfüße -aufrichten und uns seine mächtige Tatze entgegenstrecken, die Helen -höflich schüttelte. An den Affen hatte sie ihre helle Freude, sie legte -ihre Hand auf den Hauptdarsteller, während er seine Kunststücke machte, -und lachte herzlich, als er seinen Hut vor dem Publikum abnahm. Ein -kleiner schlauer Bursche stahl ihr das Haarband, und ein andrer suchte -ihr die Blumen vom Hute zu reißen. Ich weiß nicht, wer sich köstlicher -amüsierte, die Affen, Helen oder die Zuschauer. Einer der Leoparden -leckte ihr die Hände, und der Giraffenwärter hob sie in seinen Armen so -hoch empor, daß sie die Ohren der Tiere anfassen und sehen konnte, wie -groß die Giraffen selbst waren. Sie betastete auch einen griechischen -Streitwagen, und der Lenker würde sie gern in der Arena herumgefahren -haben, aber sie fürchtete sich vor den vielen schnellen Pferden. -Die Kunstreiter, Clowns und Seiltänzer freuten sich alle, wenn das -kleine blinde Mädchen ihre Kostüme befühlte und ihren Bewegungen mit -den Händen folgte, sofern dies möglich war, und sie küßte sie alle, -um ihnen ihre Dankbarkeit zu zeigen. Einige von ihnen weinten, und -sogar der Menschenfresser aus Borneo war gerührt von ihrem lieblichen -Gesichtchen. Seitdem hat sie von nichts anderem gesprochen als vom -Zirkus. Um ihre Fragen zu beantworten, war ich genötigt, viel über -Tiere zu lesen. - - 12. Dezember 1887. - -Ich kann mir kaum vorstellen, daß Weihnachten vor der Türe steht, -trotzdem Helen von nichts anderem spricht. Wissen Sie noch, wie -glücklich wir das Fest voriges Jahr verlebten? - -Helen kennt jetzt die Zeiteinteilung, und ihr Vater will ihr eine Uhr -zu Weihnachten schenken. - -Wie jedes hörende Kind, das ich kenne, wünscht auch Helen fortwährend, -daß man ihr Geschichten erzähle. Ich habe ihr die Geschichte von dem -kleinen Rotkäppchen so oft erzählen müssen, daß ich fast glaube, ich -könnte sie von rückwärts her aufsagen. Sie liebt Geschichten, über -die sie weinen muß -- ich glaube, es geht uns allen so -- es ist so -angenehm, sich traurig zu fühlen, wenn man keinen besonderen Grund hat, -traurig zu sein. Ebenso lehre ich Helen kleine Gedichte und Verschen. -Sie prägen ihrem Gedächtnis Gedanken in schöner Form ein. Auch glaube -ich, daß sie die Entwickelung aller Anlagen des Kindes fördern, weil -sie die Phantasie anregen. Natürlich lasse ich mich nicht darauf ein, -alles zu erklären. Wenn ich es täte, würde kein Raum für das freie -Spiel der Phantasie bleiben. Zuweit gehende Erläuterungen lenken die -Aufmerksamkeit des Kindes auf Wörter und Sätze, sodaß es ihm unmöglich -wird, den Gedankengang im ganzen aufzufassen. - - * * * * * - - 1. Januar 1888. - -Es ist etwas Großes, das Bewußtsein zu haben, daß man einigen Nutzen -auf der Welt stiftet, daß man jemand notwendig ist. Der Umstand, daß -die Sorge für Helen fast in jeder Hinsicht auf mir allein ruht, macht -mich stark und glücklich. - -Die Weihnachtswoche war auch hier eine sehr geschäftige. Helen ist -zu allen Kindergesellschaften eingeladen, und ich begleite sie zu so -vielen, wie ich irgend kann. Ich wünsche, daß sie Kinder kennen lernt -und möglichst viel mit ihnen verkehrt. Verschiedene kleine Mädchen -haben das Buchstabieren mit den Fingern erlernt und sind sehr stolz auf -ihre Leistung. - -Sonnabend begann es nach dem Mittagessen zu schneien; wir machten -einen fröhlichen Spaziergang durch den Garten und sprachen viel über -den Schnee. Sonntag morgen war die ganze Gegend verschneit, und Helen, -die Kinder der Köchin und ich warfen uns mit Schneebällen. Nachmittags -war alles geschmolzen. Es war der erste Schnee, den ich hier gesehen -habe, und er erregte mir etwas Heimweh. Die Weihnachtszeit hat Stoff zu -vielen Lektionen geliefert und Helens Wortschatz um eine große Menge -neuer Ausdrücke bereichert. - -Wochenlang taten wir nichts, als daß wir über Weihnachten sprachen, -lasen und Geschichten erzählten. Natürlich mache ich keinen Versuch, -sämtliche neuen Wörter zu erklären; auch versteht Helen die kleinen -Geschichten, die ich ihr erzähle, nicht ganz; aber die beständige -Wiederholung prägt die Wörter und Sätze dem Gedächtnis ein, und nach -und nach wird ihr der Sinn schon klar werden. Meines Erachtens ist -es widersinnig, zum Zwecke des Erlernens der Sprache »Konversation« -zu treiben. Dies wirkt auf Schüler und Lehrer gleich verdummend -und geisttötend. Das Sprechen soll natürlich vor sich gehen und -dem Gedankenaustausch dienen. Hat das Kind aus sich selbst nichts -mitzuteilen, so erscheint es nicht der Mühe wert, von ihm zu verlangen, -es solle abgerissene trockene Sätze über »die Katze«, »den Vogel«, -»einen Hund« an die Wandtafel schreiben oder mit seinen Fingern -abbuchstabieren. Es ist von Anfang an mein Bestreben gewesen, mit Helen -persönlich zu sprechen und sie anzuhalten, mir nur das zu erzählen, was -sie wirklich interessiert, und Fragen nur zu dem Zwecke zu stellen, um -zu erfahren, was sie wirklich zu wissen wünscht. Wenn ich bemerke, daß -sie mir gern etwas erzählen möchte, daß ihr aber die nötigen Worte dazu -fehlen, so ergänze ich das Nötige, und so gelangen wir vollständig -zu unserem Ziele. Helens Eifer und Interesse helfen ihr über viele -Hindernisse hinweg, die unübersteiglich sein würden, wenn wir uns damit -aufhielten, alles zu erklären und zu definieren. - -Es war rührend, zu sehen, wie sich Helen über ihr erstes Weihnachtsfest -freute. Selbstverständlich hängte sie ihren Strumpf auf -- sogar zwei, -denn einen hätte Santa Claus übersehen können -- und lag lange Zeit -wach, stand auch mehrere Male auf, um zu sehen, ob sich nichts ereignet -habe. Als ich ihr erklärte, Santa Claus käme nicht eher, als bis sie -eingeschlafen sei, schloß sie ihre Augen und erwiderte: ~He will -think, girl is asleep.~ Am Morgen wachte sie von der ganzen Familie -zuerst auf und lief zum Kamine, um nach ihren Strümpfen zu sehen, und -als sie fand, daß Santa Claus beide Strümpfe gefüllt habe, tanzte sie -ein Weilchen vor Freude herum; dann aber wurde sie ganz still und kam -zu mir, um mich zu fragen, ob Santa Claus sich auch nicht geirrt und -geglaubt habe, es seien zwei kleine Mädchen da, und ob er wiederkommen -und die Geschenke wieder abholen würde, wenn er seinen Irrtum erkannt -hätte. Der Ring, den Sie ihr geschickt haben, steckte in der Spitze des -Strumpfes, und als ich ihr erzählte, Sie hätten ihn Santa Claus für -sie gegeben, erwiderte sie: ~I do love Mrs. Hopkins.~ Sie hatte eine -Truhe und Kleider für Nancy bekommen und erklärte sofort: ~Now Nancy -will go to party.~ Als sie den Braillegriffel und das Papier entdeckte, -sagte sie: ~I will write many letters, and I will thank Santa Claus -very much.~ Offenbar war jedermann, namentlich Herr und Frau Hauptmann -Keller, tief bewegt bei dem Gedanken an den Unterschied zwischen dieser -glücklichen Weihnachtsfeier und der im vorigen Jahre, da ihr kleines -Mädchen noch keinen bewußten Anteil an dem Feste genommen hatte. Als -wir die Treppe herunterkamen, sagte Frau Keller zu mir mit Tränen -in den Augen: Fräulein Annie, ich danke Gott jeden Tag meines Lebens -dafür, daß er Sie uns gesandt hat; aber erst heute früh habe ich so -recht erkannt, was für ein Segen Sie für uns geworden sind. Hauptmann -Keller ergriff meine Hand, vermochte aber nicht zu sprechen. Aber sein -Schweigen war beredter als Worte. Auch mein Herz war voller Dankbarkeit -und heiliger Freude. - -Eines Tages stieß Helen auf das Wort ~grandfather~ in einer kleinen -Geschichte, und sie fragte ihre Mutter: ~Where is grandfather?~ womit -sie ihren Großvater meinte. Frau Keller antwortete: ~He is dead.~ -Helen fragte: ~Did father shoot him?~ und fügte hinzu: ~I will eat -grandfather for dinner.~ Bis jetzt steht ihre einzige Kenntnis vom Tode -in Verbindung mit eßbaren Dingen. Sie weiß, daß ihr Vater Rebhühner, -Hirsche und anderes Wildbret schießt. - -Heute morgen fragte sie mich nach der Bedeutung von ~carpenter~, und -diese Frage lieferte uns den Stoff für unsere Unterrichtsstunde. -Nachdem wir über die verschiedenen Gegenstände, die die Zimmerleute -anfertigen, gesprochen hatten, fragte sie mich: ~Did carpenter make -me?~ und buchstabierte rasch, ehe ich antworten konnte: ~No, no, -photographer made me in Sheffield.~ - -In Sheffield war einer der großen Hochöfen angeblasen worden, und wir -fuhren eines Abends hinüber, um uns einen Guß anzusehen. Helen fühlte -die Hitze und fragte: ~Did the sun fall?~ - - * * * * * - - 26. Januar 1888. - -Hoffentlich haben Sie Helens Brief erhalten. Denken Sie sich, die -kleine Spitzbübin hat es sich in den Kopf gesetzt, nicht mehr mit -Bleistift schreiben zu wollen. Sie sollte heut morgen an Onkel Frank -schreiben, hatte aber keine Lust dazu und sagte: ~Pencil is very -tired in head. I will write Uncle Frank braille letter.~ Auf meinen -Einwand, Onkel Frank könne doch die Brailleschrift nicht lesen, -erwiderte sie: ~I will teach him.~ Ich setzte ihr auseinander, Onkel -Frank sei alt und könne die Brailleschrift nicht so leicht erlernen. -Sofort antwortete sie jedoch: ~I think Uncle Frank is much old to read -very small letters.~ Endlich brachte ich sie dazu, einige Zeilen zu -schreiben, aber sie brach die Bleistiftspitze sechsmal ab, ehe sie -fertig wurde. Ich sagte zu ihr: Du bist ein unartiges Mädchen, aber -sie entgegnete: ~No, pencil is very weak.~ Ich glaube, ihr Widerwille -gegen das Schreiben mit Bleistift läßt sich leicht daraus erklären, -daß sie soviel zur Probe für Bekannte und Fremde hat schreiben müssen. -Sie wissen, wie widerwärtig dies den Kindern im Institut ist. Es ist -mühsam, weil es so langsam von statten geht und sie nicht lesen können, -was sie geschrieben haben, um die Fehler zu verbessern. - -Helen interessiert sich immer mehr für Farben. Als ich ihr sagte, -Mildreds Augen seien blau, fragte sie: ~Are they like wee skies?~ Bald -nachdem ich ihr gesagt hatte, eine Nelke, die ihr geschenkt worden -war, sei rot, warf sie ihre Lippen auf und sagte: ~lips are like one -pink.~ Ich kann mir nicht denken, daß die Eindrücke von Farben, die sie -während der ersten achtzehn Monate ihres Lebens, in denen sie sehen -und hören konnte, erhalten hat, gänzlich verschwunden sein sollen. -Alles, was wir gesehen und gehört haben, bleibt an irgend einer Stelle -des Gedächtnisses haften. Es mag zu unbestimmt und verworren sein, -um deutlich wiedererkannt zu werden, aber es ist nichtsdestoweniger -vorhanden wie die Landschaft, die wir bei hereinbrechender Dämmerung -aus dem Gesicht verlieren. - - * * * * * - - 10. Februar 1888. - -Gestern abend kamen wir nach Hause. Wir haben eine köstliche Zeit in -Memphis verlebt, aber ich kam wenig zur Ruhe. Nichts als Aufregung -vom frühen Morgen bis zum späten Abend -- Ausflüge, Einladungen zu -Tisch, Besuche und alles, was drum und dran hängt, wenn man ein -lebhaftes, unermüdliches Kind wie Helen stets um sich hat. Sie sprach -unaufhörlich. Ich weiß nicht, was ich hätte tun sollen, wenn nicht -einige junge Leute gelernt hätten, sich mit Helen zu unterhalten. Sie -erleichterten mir meine Aufgabe soviel wie möglich. Aber selbst so -habe ich niemals eine ruhige halbe Stunde für mich gehabt. Immer hieß -es: Ach, Fräulein Sullivan, kommen Sie doch, bitte, her und sagen Sie -uns, was Helen meint -- oder: Fräulein Sullivan, wollen Sie nicht die -Güte haben, dies Helen auseinanderzusetzen. Wir können es ihr nicht -verständlich machen. -- Ich glaube, die halbe weiße Bevölkerung von -Memphis sprach bei uns vor. Helen wurde gehätschelt und geliebkost, daß -ein Engel dadurch hätte verwöhnt werden können; aber ich glaube nicht, -daß es möglich ist, sie zu verwöhnen; sie hat dafür ein viel zu naives -Empfinden. - -Es gibt viele gute Geschäfte in Memphis, und ich habe alles Geld -ausgegeben, das ich bei mir hatte. Eines Tages sagte Helen: ~I must -buy Nancy a very pretty hat.~ Sie besaß einen Silberdollar und ein -Zehncentstück. Als wir in dem Laden waren, fragte ich sie, wieviel sie -für Nancys Hut ausgeben wolle. Sie antwortete rasch: ~I will pay ten -cents.~ Auf meine Frage, was sie mit dem Dollar machen wolle, erwiderte -sie: ~I will buy some good candy to take to Tuscumbia.~ - -Wir besuchten die Börse und ein Dampfboot. Für dieses letztere -interessierte sich Helen ungemein und ließ sich alles zeigen von der -Maschine an bis zur Flagge auf dem Top. - -~Dr.~ Bell schreibt in einem Briefe an Hauptmann Keller, daß Helens -Fortschritte in der Geschichte der Taubstummenerziehung ganz -beispiellos seien, und sagt viel Artiges über ihre Lehrerin. ~Dr.~ -Edward Everett Hale beruft sich auf seine Verwandtschaft mit Helen und -scheint auf seine kleine Nichte sehr stolz zu sein. - - * * * * * - - 5. März 1888. - -Ich konnte meinen Brief gestern nicht beenden. Fräulein Eva half mir -bei der Anfertigung eines Verzeichnisses der Wörter, die Helen gelernt -hat. Wir bekamen eine Zahl von 900 heraus. Ich hatte Helen am 1. März -ein Tagebuch eingerichtet. Ich weiß nicht, wie lange sie es fortführen -wird. Meines Erachtens ist es ein ziemlich törichtes Unternehmen. -Augenblicklich macht es ihr aber großen Spaß. Sie scheint es zu lieben, -alles niederzuschreiben, was sie weiß. Am Sonntag trug sie folgendes -ein: - -Ich stand auf, wusch mir Gesicht und Hände, kämmte mein Haar und -pflückte drei Veilchen für Lehrerin und aß mein Frühstück. Nach dem -Frühstück spielte ich kurze Zeit mit Puppen. Nancy war ungezogen. -Ungezogen ist schreien und mit den Füßen stoßen (~Cross is cry and -kick~). Ich las in meinem Buch von großen, wilden Tieren. Wild ist -sehr ungezogen und stark und sehr hungrig (~Fierce is much cross and -strong and very hungry~). Ich liebe wilde Tiere nicht. Ich schrieb -Brief an Onkel James. Er wohnt in Hotsprings. Er ist Doktor. Doktor -macht krankes Mädchen gesund. Ich bin nicht gern krank (~I do not like -sick~). Dann aß ich mein Mittagbrot. Ich esse sehr gern viel Eiskreme -(~I like much icecream very much~). Nach dem Mittagessen fuhr Vater -auf Zug nach Birmingham. Ich hatte Brief von Robert. Er liebt mich. Er -sagt: Liebe Helen, Robert freute sich, einen Brief von lieber, süßer, -kleiner Helen zu bekommen. Ich werde kommen und dich besuchen, wenn -die Sonne scheint. Frau Newsum ist Roberts Frau. Robert ist ihr Mann. -Robert und ich werden laufen und springen und hüpfen und tanzen und -schaukeln und von Vögeln und Blumen und Bäumen sprechen, und Jumbo -und Pearl werden mit uns gehen. Lehrerin wird sagen: Wir sind dumm. -Sie ist spaßhaft. Spaßhaft macht uns lachen (~Funny makes us laugh~). -Natalie ist gutes Mädchen und schreit nicht. Mildred schreit. Sie -wird in vielen Tagen ein hübsches Mädchen sein und mit mir laufen und -spielen. Frau Graves macht kurze Kleider für Natalie. Herr Mayo ging -nach Duckhill und brachte viele hübsche Blumen nach Hause. Herr Mayo -und Herr Farris und Herr Graves lieben mich und Lehrerin. Ich gehe -bald nach Memphis, um sie zu besuchen, und sie werden mich herzen und -küssen. Thornton geht zur Schule und macht sein Gesicht schmutzig. -Knabe muß sehr sorgsam sein. Nach dem Abendessen spielte ich Balgen -mit Lehrerin im Bett. Sie begrub mich unter den Kissen, und dann wuchs -ich sehr langsam wie ein Baum aus der Erde empor. Nun will ich zu Bett -gehen. - - Helen Keller. - - * * * * * - - 16. April 1888. - -Soeben kommen wir aus der Kirche zurück. Hauptmann Keller sagte mir -heut beim Frühstück, ich möchte doch heut Helen mit zur Kirche nehmen. -Das gesamte Presbyterium würde heut versammelt sein, und er wünsche, -daß die Geistlichen Helen kennen lernten. Die Sonntagsschule war -im vollen Gange, als wir ankamen, und ich wünschte, Sie hätten das -Aufsehen bemerken können, das Helens Eintritt erregte. Die Kinder -freuten sich so, sie in der Sonntagsschule zu erblicken, daß sie ihren -Lehrern keine Aufmerksamkeit mehr schenkten, sondern ihre Plätze -verließen und uns umringten. Helen küßte sie alle, Knaben und Mädchen, -mochten sie wollen oder nicht. Anfangs schien sie zu glauben, daß die -Kinder sämtlich den fremden Geistlichen gehörten; aber bald erkannte -sie unter ihnen einige kleine Freunde, und ich erzählte ihr, daß die -Geistlichen ihre Kinder nicht mitgebracht hätten. Sie sah enttäuscht -aus und sagte dann: ~I’ll send them many kisses.~ Einer der Geistlichen -bat mich, Helen zu fragen, was nach ihrer Meinung die Geistlichen -täten. Sie erwiderte: ~They read and talk loud for people to be -good.~ Er schrieb sich diese ihre Antwort in sein Notizbuch. Als der -Gottesdienst begann, geriet Helen in eine solche Aufregung, daß ich es -für das beste hielt, sie aus der Kirche hinauszuführen, aber Hauptmann -Keller sagte: Lassen Sie nur; es wird schon gehen. So blieb mir nichts -übrig, als auszuharren. Es war unmöglich, Helen zu bewegen, sich ruhig -zu verhalten. Sie herzte und küßte mich und den ernst blickenden -Geistlichen, der auf der anderen Seite neben ihr saß. Er gab ihr seine -Uhr zum Spielen, aber dies brachte sie nicht zur Ruhe; sie wollte -sie durchaus dem kleinen Knaben zeigen, der hinter uns saß. Als die -Abendmahlsfeier begann, roch sie den Wein und schnüffelte so laut, daß -jedermann in der Kirche es hören konnte. Als der Wein unserem Nachbar -gereicht wurde, mußte er aufstehen, um zu verhüten, daß sie ihm den -Kelch wegnahm. Ich saß wie auf Nadeln und war froh, als wir die Kirche -verlassen konnten. Ich suchte Helen rasch hinauszudrängen, aber sie -hielt ihren Arm ausgestreckt, und jeder Geistliche, den sie berührte, -mußte sich umdrehen und die Anzahl der Kinder angeben, die er zu Hause -gelassen hatte, und die entsprechende Menge Küsse in Empfang nehmen. -Jedermann lachte über ihre Possen, und man hätte eher glauben können, -in einem Vergnügungslokale zu sein als in einer Kirche. Hauptmann -Keller lud einige der Geistlichen zu Tisch ein. Helen war ganz außer -Rand und Band. Sie beschrieb in den lebhaftesten Pantomimen, die sie -durch Buchstabieren zu ergänzen suchte, was sie in Brewster tun wolle. -Endlich stand sie vom Tisch auf und tat so, als sammle sie Seetang -und Muscheln auf und wate im Wasser umher, wobei sie ihre Röcke höher -aufhob, als es unter den gegenwärtigen Umständen schicklich war. Dann -warf sie sich zu Boden und begann so energische Schwimmbewegungen zu -machen, daß ein Teil der Gäste fürchtete, von den Stühlen gestoßen zu -werden. Ihre Bewegungen sind oft ausdrucksvoller als alle Worte, und -sie ist so anmutig wie eine Nymphe. - -Ich möchte gern wissen, ob Ihnen auch die Zeit so unendlich lang wird -wie mir. Wir sprechen und planen und träumen von nichts als von Boston, -Boston, Boston. Ich glaube, Frau Keller hat sich jetzt endgültig -entschlossen, uns zu begleiten, aber sie will nicht den ganzen Sommer -über bleiben. - - * * * * * - - 15. Mai 1888. - -Wissen Sie, daß dies der letzte Brief ist, den ich Ihnen auf lange, -lange Zeit hinaus schreibe? Das nächste Wort, das Sie von mir erhalten, -wird ein Telegramm sein, das Ihnen meldet, wann wir in Boston -eintreffen. Ich bin zu glücklich, um Briefe zu schreiben; aber ich muß -Ihnen von unserem Besuche in Cincinnati erzählen. - -Wir haben eine genußreiche Woche bei den »Doktoren« verlebt. ~Dr.~ -Keller war uns bis Memphis entgegengefahren. Fast jedermann im Zuge -war ein Arzt, und ~Dr.~ Keller schien sie alle zu kennen. Als wir in -Cincinnati anlangten, fanden wir die Stadt mit Doktoren angefüllt. Es -befanden dich mehrere hervorragende Aerzte aus Boston unter ihnen. Wir -stiegen in Burnet House ab. Jedermann war von Helen entzückt. All die -gelehrten Herren bewunderten ihre Intelligenz und Heiterkeit. Sie hat -etwas an sich, was die Leute fesselt. Ich glaube, es ist ihr freudiges -Interesse, das sie an allem und an jedermann nimmt. - -Wo wir auch waren, stets bildete sie den Mittelpunkt der Gesellschaft. -Sie war von dem Orchester im Hotel entzückt, und als das Konzert -begann, tanzte sie im ganzen Saale herum und herzte und küßte jeden, -der ihr in den Wurf kam. Ihre Fröhlichkeit steckte alle an; keinem -erschien sie bemitleidenswert. Ein Herr sagte zu ~Dr.~ Keller: Ich habe -lange gelebt und viele glückliche Gesichter gesehen, aber noch nie ein -so strahlendes wie das dieses Kindes. Ein anderer sagte: Weiß Gott, -ich würde alles, was ich auf der Welt besitze, darum geben, wenn ich -dieses kleine Mädchen beständig um mich haben könnte. ~Dr.~ Garcelon -holte uns eines Nachmittags zu einem Ausfluge ab und wollte Helen eine -Puppe kaufen; aber sie sagte: ~I do not like too many children. Nancy -is sick, and Adline is cross, and Ida is very bad.~ Wir lachten, daß -uns die Tränen in die Augen traten, so ernst sah sie dabei aus. Was -möchtest du denn sonst haben? fragte der Doktor. ~Some beautiful gloves -to talk with~, antwortete sie. Der Doktor war ganz erstaunt, da er noch -nie etwas von »sprechenden Handschuhen« gehört hatte; ich erklärte ihm -aber, Helen habe Handschuhe mit darauf gedrucktem Alphabet gesehen und -glaube offenbar, sie könnten gekauft werden. Ich sagte ihm, er könne -ein Paar Handschuhe kaufen, wenn er wolle, und ich würde dann das -Alphabet darauf pressen lassen. - -Wir frühstückten mit Herrn Thayer (Ihrem früheren Seelsorger) und -seiner Gattin. Er fragte mich, in welcher Weise ich Helen die Adjektiva -und die Bezeichnungen für abstrakte Begriffe, wie Güte und Glück, -beigebracht hätte. Diese selben Fragen sind mir wohl hundertmal von -den gelehrten Doktoren vorgelegt worden. Es kommt mir sonderbar vor, -daß man sich über etwas wundert, was doch in der Tat so einfach ist. -Gewiß ist es ebenso leicht, dem Kinde die Bezeichnung für einen Begriff -beizubringen, der ihm klar vor der Seele steht, wie die Bezeichnung für -einen Gegenstand. Allerdings würde es eine Herkulesarbeit sein, Wörter -zu lehren, wenn die betreffenden Vorstellungen nicht schon in der Seele -des Kindes vorhanden wären. Wenn seine Erfahrungen und Beobachtungen -ihm nicht zu den Begriffen »groß«, »klein«, »gut«, »schlecht«, »süß«, -»sauer«, verholfen hätten, so würde es nichts mit diesen Wortgebilden -verbinden können. - -Ich dummes Ding fand mich in die Lage versetzt, den aus Ost und West -versammelten Weisen so einfache Dinge wie die folgenden klarmachen zu -müssen: Wenn Sie einem Kinde etwas Süßes geben, und es seine Zunge -bewegt, sich die Lippen leckt und ein vergnügtes Gesicht macht, so hat -es eine ganz bestimmte Empfindung, und wenn es jedesmal, so oft es -diese Empfindung hat, das Wort »süß« hört oder in die Hand buchstabiert -bekommt, so wird es rasch diese willkürliche Bezeichnung für diese -Empfindung annehmen. Legen Sie ihm dagegen ein Stück Citrone auf die -Zunge, so wirft es die Lippen auf und versucht es auszuspucken, und -wenn es diese Erfahrung ein paarmal gemacht hat, so schließt es seinen -Mund und verzieht sein Gesicht, wenn man ihm eine Citrone zeigt, und -gibt dadurch deutlich zu verstehen, daß es sich der unangenehmen -Empfindung erinnert. Sie nennen diese »sauer«, und das Kind nimmt diese -Bezeichnung an. Hätten Sie diese Empfindungen »schwarz« und »weiß« -genannt, so würde das Kind diese Bezeichnungen ebensoleicht akzeptiert -haben; aber es würde unter »schwarz« und »weiß« genau dasselbe -verstehen, was es jetzt unter »süß« und »sauer« versteht. Auf diese -Weise lernt das Kind aus einer Reihe von Erfahrungen den Unterschied -seiner Empfindungen kennen, und wir benennen sie »gut«, »schlecht«, -»freundlich«, »rauh«, »froh«, »traurig«. Nicht das Wort, sondern das -Vermögen, sich der Empfindung bewußt zu werden, ist es, worauf es bei -der Erziehung ankommt. - - * * * * * - -Folgender Auszug aus einem von Fräulein Sullivans Briefen enthält -interessante pädagogische Betrachtungen: - -Wir besuchten eine kleine Taubstummenschule. Wir wurden sehr freundlich -aufgenommen, und Helen freute sich, mit Kindern zusammenzusein. - -Zwei von den Lehrern kannten das Fingeralphabet und sprachen ohne -Dolmetscher mit ihr. Sie waren erstaunt, in welchem Grade sie die -Sprache beherrschte. Kein einziges Kind in der Schule, versicherten -sie, besäße eine ähnliche Gewandtheit des Ausdrucks, und einige von -ihnen würden schon zwei bis drei Jahre unterrichtet. Ich wollte dies -zuerst nicht glauben; nachdem ich aber die Kinder ein paar Stunden bei -ihren Arbeiten beobachtet hatte, erkannte ich, daß man mir die Wahrheit -gesagt hatte, und ich wunderte mich nicht mehr darüber. In einem Zimmer -standen einige kleine Knirpse und bildeten im Schweiße ihres Angesichts -»einfache Sätze«. Ein kleines Mädchen hatte geschrieben: Ich habe ein -neues Kleid. Es ist ein hübsches Kleid. Meine Mama hat mein hübsches, -neues Kleid gemacht. Ich liebe Mama. -- Ein kleiner Knabe mit einem -Lockenkopf schrieb soeben: Ich habe einen großen Ball. Ich liebe es, -meinen großen Ball mit dem Fuße zu stoßen. -- Als wir in das Zimmer -traten, richtete sich die Aufmerksamkeit der Kinder auf Helen. Eins von -ihnen faßte mich am Aermel und sagte: Mädchen ist blind. Die Lehrerin -schrieb an die Wandtafel: Der Name des Mädchens ist Helen. Sie ist -taubstumm. Sie kann nicht sehen. Wir bedauern sie sehr. Ich fragte: -Warum schreiben Sie diese Sätze an die Tafel? Würden die Kinder es -nicht verstehen, wenn Sie zu ihnen über Helen sprächen? Die Lehrerin -sagte etwas über die Erlernung der richtigen Satzkonstruktion und fuhr -in ihrer schriftlichen Stilübung über Helen fort. Ich fragte sie, ob -das kleine Mädchen, das über das neue Kleid geschrieben hatte, sich -wirklich so besonders über ihr Kleid gefreut habe. -- Nein, antwortete -sie, ich glaube nicht, aber Kinder lernen besser, wenn sie über etwas -schreiben, was sie persönlich berührt. -- Es erschien mir alles so -mechanisch und schwer, das Herz tat mir beim Anblick dieser armen -Kinder weh. Niemand denkt daran, gleich zu Anfang ein hörendes Kind -sagen zu lassen: Ich habe ein hübsches neues Kleid. Diese Kinder waren -zwar älter an Jahren, als das Baby, das da lallt: Papa küß Baby -- -hübsch -- und den Sinn seiner Rede ergänzt, indem es auf sein neues -Kleid deutet; aber ihre Gewandtheit im Verstehen und im Gebrauch der -Sprache war nicht größer. - -Diesen selben Uebelstand bemerkte ich in dem ganzen Betriebe der -Schule. In jedem Klassenzimmer sah ich Sätze an der Wandtafel, die -augenscheinlich zur Erläuterung einer grammatischen Regel oder zum -Zwecke der Einübung von Wörtern hingeschrieben worden waren, die vorher -in derselben oder in einer anderen Verbindung vorgekommen waren. Derlei -mag für bestimmte Unterrichtsstufen angebracht sein; aber es ist -nicht der richtige Weg zur Erlernung der Sprache. Nichts, glaube ich, -unterdrückt den Trieb des Kindes, natürlich zu sprechen, mehr als diese -Uebungen an der Wandtafel. Das Schulzimmer ist nicht der geeignete -Raum, einem Kinde das Sprechen beizubringen, am allerwenigsten aber -einem taubstummen Kinde. Dieses darf sich ebensowenig wie ein hörendes -Kind der Tatsache bewußt werden, daß es Wörter lernt, und es sollte -ihm gestattet sein, sich mit Hilfe seiner Finger oder des Bleistiftes -verständlich zu machen, meinetwegen in einzelnen Silben, bis die Zeit -kommt, in der seine wachsende Intelligenz nach dem Satze verlangt. -Der Gedanke an die Sprache sollte in dem Geiste des Kindes nicht mit -der Erinnerung an endlose Schulstunden, an schwierig zu beantwortende -grammatische Fragen, oder an irgend etwas verknüpft sein, was der -Lebensfreude feindlich in den Weg tritt. - - * * * * * - -Fräulein Sullivans zweiter Beitrag für den Jahresbericht des -Perkinsschen Instituts reicht bis zum 1. Oktober 1888. - - * * * * * - -In dem vergangenen Jahre hat sich Helen einer ausgezeichneten -Gesundheit erfreut. Ihre Augen und Ohren sind von Spezialisten -untersucht worden, und diese sind der Meinung, daß sie nicht die -geringste Licht- oder Schallempfindung haben kann. - -Es läßt sich unmöglich genau angeben, in welchem Umfange ihr der -Geruchs- und der Geschmackssinn beim Erkennen der natürlichen -Eigenschaften der Dinge behilflich sind; aber nach einer hervorragenden -Autorität üben diese Sinne einen großen Einfluß auf die geistige und -sittliche Entwicklung des Menschen aus. Helen schöpft aus diesen -Sinnestätigkeiten zweifellos einen hohen Genuß. Beim Eintritt in ein -Gewächshaus nimmt ihr Gesicht einen strahlenden Ausdruck an, und sie -benennt die Blumen, die ihr bekannt sind, nur nach dem Geruche. Ihre -Erinnerungen an Geruchsempfindungen sind sehr lebhaft. Sie freut sich -schon im voraus auf den Duft einer Rose oder eines Veilchens, und -wenn ihr ein Strauß dieser Blumen versprochen wird, so überfliegt ein -besonders glücklicher Ausdruck ihre Züge und beweist, daß sie in der -Phantasie deren Geruch empfindet und daß er ihr angenehm ist. Es kommt -häufig vor, daß der Duft einer Blume oder der Geruch einer Frucht ihr -irgend ein frohes Ereignis aus dem Familienleben oder ein heiteres -Geburtstagsfest vergegenwärtigt. - -Ihr Gefühlssinn hat in diesem Jahre an Schärfe und Feinheit merklich -zugenommen. In der Tat ist ihr ganzer Körper so fein organisiert, daß -er ihr als Mittel zu dienen scheint, sich mit ihren Mitmenschen in -nähere Beziehungen zu setzen. Sie ist nicht nur imstande, die von den -verschiedenen Tönen und Bewegungen hervorgebrachten Schwingungen der -Luft und Erschütterungen des Bodens zu unterscheiden und ihre Freunde -und Bekannten sofort zu erkennen, wenn sie deren Hände oder Kleider -berührt, sondern sie erkennt auch die Gemütsstimmung der Personen ihrer -Umgebung. Es ist unmöglich für jemand, mit dem sich Helen unterhält, -besonders heiter oder traurig zu sein und ihr diesen Umstand verhehlen -zu wollen. - -Sie bemerkt den leichtesten Nachdruck, der in der Unterhaltung auf ein -Wort gelegt wird und weiß jede Veränderung sowie das wechselvolle Spiel -der Handmuskeln zu deuten. Sie beantwortet rasch den leisen Druck der -Zuneigung, den kräftigen der Zustimmung, das Zucken der Ungeduld, die -feste Bewegung beim Befehl und die vielen anderen Verschiedenheiten -der fast unendlich reichen Sprache der Gefühle, -- und sie hat sich -eine solche Uebung in dem Verständnis dieser unbewußten Sprache der -Gemütserregungen erworben, daß sie oft imstande ist, unsere innersten -Gedanken zu erraten. - -Als sie eines Tages mit ihrer Mutter und Herrn Anagnos spazieren -ging, warf ein Knabe eine Knallerbse vor ihnen auf den Boden, worüber -Frau Keller erschrak. Helen bemerkte sofort die Veränderung in den -Bewegungen ihrer Mutter und fragte: ~What are we afraid of?~ Als ich -einst mit ihr im Parke spazieren ging, sah ich, wie ein Polizeibeamter -einen Mann zur Wache brachte. Die Erregung, die ich empfand, brachte -eine deutlich bemerkbare körperliche Veränderung bei mir hervor; denn -Helen fragte aufgeregt: ~What do you see?~ - -Einen schlagenden Beweis für das Vorhandensein dieses auffallenden -Vermögens lieferte eine ärztliche Untersuchung von Helens Ohren in -Cincinnati: Es wurden verschiedene Versuche gemacht, um positiv -festzustellen, ob sie eine Schallempfindung habe oder nicht. Alle -Anwesenden waren erstaunt, als sie nicht allein einen Pfiff, sondern -auch den gewöhnlichen Klang der menschlichen Stimme zu vernehmen -schien. Sie wandte den Kopf um, lächelte und verhielt sich so, als ob -sie gehört hätte, was gesprochen worden war. Ich stand neben ihr und -hielt ihre Hand in der meinigen. Da ich glaubte, sie habe Eindrücke -durch mich erhalten, legte ich ihre Hände auf den Tisch und zog mich -nach der entgegengesetzten Seite des Zimmers zurück. Die Ohrenärzte -nahmen nun ihre Versuche von neuem auf, aber mit ganz abweichenden -Ergebnissen. Helen blieb während der ganzen Dauer der Experimente -völlig teilnahmlos und verriet nicht im mindesten, daß sie etwas von -dem Gesprochenen verstand. Auf meinen Vorschlag faßte einer der Herren -sie bei der Hand, und die Anzeichen des Verständnisses wiederholten -sich. Diesmal veränderten sich ihre Züge, so oft sie angeredet wurde, -aber es trat kein so entschiedenes Aufleuchten ihres Antlitzes ein wie -vorher, als ich ihre Hände festhielt. - -Einige Zeit nach dem obenerwähnten Besuch auf dem Kirchhofe (s. S. -253) interessierte sich Helen für ein Pferd, das sich infolge eines -Unfalls ein Bein schwer verletzt hatte, und ging täglich mit mir hin, -um es zu besuchen. Das verwundete Bein wurde bald so schlimm, daß -das Pferd an einem Balken aufgehängt werden mußte. Das Tier stöhnte -vor Schmerz, und Helen, die sein Stöhnen vernahm, wurde von Mitleid -erfüllt. Zuletzt wurde es nötig, das Pferd zu töten, und als sie es das -nächstemal besuchen wollte, sagte ich ihr, es sei +tot+. Dies war -das erstemal, daß sie das Wort hörte. Ich setzte ihr dann auseinander, -daß es erschossen worden sei, um von seinen Schmerzen erlöst zu werden, -und daß man es +begraben+ -- in die Erde gelegt habe. Ich bin -geneigt, zu glauben, daß die Vorstellung, es sei absichtlich erschossen -worden, keinen tiefen Eindruck auf sie machte; aber ich glaube, sie -begriff die Tatsache, daß das Leben in dem Pferde erstorben war, -wie bei den toten Vögeln oder anderen kleinen Tieren, von denen sie -schon vor meiner Ankunft in Tuscumbia eines oder das andere in der -Hand gehabt hatte, und ebenso daß das Pferd begraben worden war. Seit -diesem Vorfall habe ich das Wort +tot+ stets gebraucht, wann sich -die Gelegenheit dazu bot, ohne mich aber auf weitere Erläuterungen -einzulassen. - -Während wir nun in Brewster in Massachusetts einen Besuch machten, -begleitete Helen eines Tages meine Freundin und mich auf den Kirchhof. -Sie untersuchte einen Stein nach dem anderen und schien sich zu freuen, -wenn sie einen Namen entziffern konnte. Sie roch an den Blumen, -zeigte aber kein Verlangen, sie zu pflücken, und als ich ihr einige -pflückte, wollte sie sich dieselben nicht anstecken lassen. Als ihre -Aufmerksamkeit von einer Marmorplatte, auf der der Name Florence in -erhabenen Buchstaben ausgemeißelt war, gefesselt wurde, kauerte sie -sich auf den Boden nieder, als suche sie etwas, wandte sich dann mit -ganz verstörtem Gesicht zu mir und fragte: ~Where is poor little -Florence?~ Dann setzte sie hinzu: ~I think she is very dead. Who -put her in big hole?~ Als sie mit diesen traurig stimmenden Fragen -fortfuhr, verließen wir den Kirchhof. Florence war die Tochter meiner -Freundin, die als erwachsenes junges Mädchen gestorben war; ich hatte -aber Helen nichts von ihr erzählt; ja, sie wußte nicht einmal, daß -meine Freundin eine Tochter gehabt hatte. Helen hatte ein Bett und -einen Wagen für ihre Puppen geschenkt bekommen, die sie benutzte wie -alle anderen Geschenke. Als wir vom Kirchhofe nach Hause kamen, lief -sie in das Zimmer, wo diese aufbewahrt wurden, und brachte sie meiner -Freundin mit den Worten: ~They are poor little Florence’s.~ Dies traf -zu, obgleich wir es nicht begriffen, wie sie dies hatte erraten können. -Ein Brief, den sie im Laufe der nächsten Woche an ihre Mutter schrieb, -schildert ihre Eindrücke mit ihren eigenen Worten: - -Ich lege meine kleinen Kinder in Florences kleines Bett, und fahre sie -in ihrem Wagen umher. Die arme kleine Florence ist tot. Sie war sehr -krank und starb. Frau H. weinte laut um ihr liebes kleines Kind. Sie -ging in die Erde, und sie ist schmutzig, und sie friert (~She got in -the ground and she is very dirty, and she is cold~). Florence war sehr -hübsch wie Sadie, und Frau H. küßte und herzte sie oft. Florence ist -sehr traurig in dem großen Loche (~Florence is very sad in big hole~). -Doktor gab ihr Medizin, um sie gesund zu machen, aber die arme Florence -wurde nicht gesund. Als sie sehr krank war, hustete und stöhnte sie im -Bett. Frau H. will sie bald besuchen. - -Trotz der großen Regsamkeit ihres Geistes ist Helen ein ganz -natürliches Kind. Sie liebt Scherz und Spiel und überhäuft andere -Kinder mit Zärtlichkeiten. Sie ist niemals heftig oder reizbar, und -ich habe sie nie ungeduldig gesehen, wenn ihre Spielgefährten sie -nicht verstanden. Sie kann stundenlang mit Kindern spielen, die -nicht ein einziges Wort von dem verstehen, was sie ihnen in die Hand -buchstabiert, und es ist rührend, ihre lebhaften Bewegungen und ihre -leidenschaftlichen Gesten zu beobachten, mittels deren sie ihre -Gedanken und Empfindungen auszudrücken sucht. Gelegentlich versucht ein -kleiner Knabe oder ein kleines Mädchen das Fingeralphabet zu erlernen. -Dann gewährt es einen hübschen Anblick, zu sehen, mit welcher Geduld, -Sanftmut und Ausdauer Helen sich bemüht, die ungelenken Finger ihrer -kleinen Freunde in die richtige Lage zu bringen. - -Eines Tages, als Helen ein kleines Jackett trug, auf das sie sehr stolz -war, sagte ihre Mutter zu ihr: Es ist hier ein armes kleines Mädchen, -das keinen Mantel hat, um sich zu wärmen. Willst du ihr nicht den -deinen geben? Helen begann sofort ihr Jackett auszuziehen und sagte: -Ich muß es einem armen kleinen fremden Mädchen geben. - -Für Kinder, die jünger sind als sie selbst, hegt sie eine große -Zuneigung, und ein Wiegenkind ruft stets alle mütterlichen Instinkte -ihrer Natur wach. Sie behandelt ein solches Kind so zärtlich, wie es -die sorgsamste Wärterin nicht besser tun könnte, und gibt allen seinen -Launen nach. - -Obgleich sie im allgemeinen sehr geselligen Charakters ist, kann sie -sich doch, wenn sie allein ist, stundenlang mit Stricken oder Nähen die -Zeit vertreiben. - -Sie liest viel. Sie beugt sich mit gespanntem Blick über ihr Buch, und -während der Zeigefinger ihrer linken Hand über die Zeilen hingleitet, -buchstabiert sie die Wörter mit der anderen Hand; oft sind aber ihre -Bewegungen so rasch, daß sie selbst für diejenigen unverständlich sind, -die daran gewöhnt sind, den schnellen Bewegungen ihrer Finger zu folgen. - -Jede auch noch so leise Gefühlsregung findet in ihrem lebhaften -Mienenspiel ihren Ausdruck. Ihr Verhalten ist natürlich und -ungezwungen, und wegen ihrer Offenheit und augenscheinlichen -Aufrichtigkeit bezaubernd. Ihr Gemüt ist zu selbstlos und liebevoll, -als daß sie sich etwas von Unfreundlichkeit träumen ließe. Sie kann -sich nicht vorstellen, daß jemand anders als liebreich und gut sein -könnte. Sie ist sich keines Grundes bewußt, weswegen sie sich vor -irgend etwas fürchten sollte; infolgedessen sind ihre Bewegungen frei -und anmutig. - -Zu allen lebenden Wesen im Hause hegt sie eine große Zuneigung und -will nicht, daß sie unfreundlich behandelt werden. Wenn sie im Wagen -ausfährt, so will sie dem Kutscher nicht erlauben, die Peitsche zu -gebrauchen, denn, sagt sie, „~poor horses will cry~“. Eines Morgens -war sie sehr betrübt, als sie fand, daß einem der Hunde ein großes -Stück Holz am Halsbande angebunden war. Wir erklärten ihr, dies sei -geschehen, damit Pearl nicht fortlaufe. Helen drückte tiefes Mitgefühl -dabei aus und suchte im Laufe des Tages bei jeder Gelegenheit Pearl -auf, um ihm die Last tragen zu helfen. - -Ihr Vater schrieb ihr im vergangenen Sommer, daß die Vögel und Bienen -ihm alle seine Weintrauben auffräßen. Zuerst war sie ganz empört -darüber und meinte, die kleinen Tiere seien „~very wrong~“; sie -schien sich aber zu beruhigen, als ich ihr erklärte, die Vögel und -Bienen seien hungrig und wüßten nicht, daß es egoistisch sei, alle -Früchte aufzuzehren. In einem kurze Zeit darauf geschriebenen Briefe -wiederholte sie das von mir Gesagte fast wörtlich. - -Sie macht immer größere Fortschritte in der Aneignung der Sprache, je -umfassender ihre Kenntnisse werden. Als diese noch gering waren, blieb -ihr Wortschatz naturgemäß beschränkt; je mehr sie aber von der sie -umgebenden Welt kennen lernt, desto zutreffender wird ihr Urteil, desto -eindringender, lebhafter und schärfer ihr Verstand und desto fließender -und logischer die Sprache, in der sie ihre regen Gedanken ausdrückt. - -Wenn wir reisen, so sitze ich neben ihr im Wagen und beschreibe -ihr, was ich vom Fenster aus sehe -- Hügel, Täler und Flüsse, -Baumwollplantagen und Gärten, in denen Erdbeeren, Pfirsiche, Birnen, -Melonen und Gemüse wachsen, Herden von Kühen und Pferden, die auf den -weiten Wiesen weiden, Schafe an den Berglehnen, die Städte mit ihren -Kirchen und Schulen, ihren Gasthöfen und Läden und die Beschäftigungen -der Einwohner. - -Als sie das Fingeralphabet zu erlernen begann, hatte sie natürlich -zuerst große Neigung, von einem Satze nur die wichtigsten Wörter -zu gebrauchen. Sie sagte z. B.: ~Helen milk.~ Ich nahm die Milch, -um ihr zu zeigen, daß sie das richtige Wort gebraucht hatte, gab -ihr aber nicht eher zu trinken, als bis sie mit meiner Hilfe einen -vollständigen Satz gebildet hatte, wie z. B.: ~Give Helen some milk to -drink.~ Bei diesem ersten Unterricht ermunterte ich sie zu dem Gebrauch -verschiedener Ausdrucksformen für denselben Gedanken. Aß sie ein -Stückchen Zucker, so sagte ich: ~Will Helen please give teacher some -candy?~ oder ~teacher would like to eat some of Helen’s candy~, wobei -ich das ~’s~ besonders hervorhob. Sie begriff sehr bald, daß derselbe -Gedanke auf sehr verschiedene Weise ausgedrückt werden könne. Zwei bis -drei Monate nach meiner Ankunft in Tuscumbia sagte sie: ~Helen wants to -go to bed~ oder ~Helen is sleepy, and Helen will go to bed~. - -Ich werde fortwährend gefragt: Wie machten Sie Ihrer Schülerin -die Bedeutung von Wörtern klar, die intellektuelle und moralische -Eigenschaften bezeichnen? Ich glaube, es geschah mehr auf dem Wege der -Assoziation und Wiederholung als durch eine Erläuterung meinerseits. -Namentlich gilt dies von den ersten Lektionen, als ihre Kenntnis der -Sprache noch so gering war, daß eine Erläuterung unmöglich war. - -Ich habe es stets so gehalten, daß ich Wörter, die Gemütsbewegungen, -intellektuelle oder moralische Eigenschaften und Handlungen -bezeichneten, in Verbindung mit dem Umstande gebrauchte, der diese -Bezeichnung verdiente. Bald nach meiner Ankunft zerbrach Helen ihre -neue Puppe, die sie sehr liebte. Sie begann zu weinen. Ich sagte ihr: -~teacher is +sorry+~. Nach einigen Wiederholungen gelangte sie dahin, -daß sie das Wort mit dem Gefühl assoziierte. - -Auf dieselbe Weise lernte die das Wort ~happy~, ebenso ~right~, -~wrong~, ~good~, ~bad~ und andere Adjektiva. Das Wort ~love~ lernte sie -wie andere Kinder -- durch die Verbindung mit Liebkosungen. - -Eines Tages legte ich Helen eine einfache Frage vor, auf die sie -zerstreut antwortete. Ich schalt sie, und sie stand still, während -der Ausdruck ihres Gesichtes deutlich verriet, daß sie nachzudenken -versuchte. Ich berührte ihre Stirn und buchstabierte ~t--h--i--n--k~. -Das Wort, in dieser Weise mit der Handlung verbunden, schien sich -ihrem Geiste genau so einzuprägen, wie wenn ich ihre Hand auf einen -Gegenstand gelegt und dann seinen Namen buchstabiert hätte. Seit dieser -Zeit gebrauchte sie stets das Wort ~think~. - -Später begann ich Wörter zu gebrauchen wie ~perhaps~, ~suppose~, -~expect~, ~forget~, ~remember~. Wenn Helen fragte: ~Where is mother -now?~ antwortete ich: ~I do not know.~ ~+Perhaps+ she is with Leila.~ - -Sie will stets die Namen der Leute wissen, die wir in der Pferdebahn -oder sonstwo treffen, und erfahren, wohin sie gehen und was sie zu tun -beabsichtigen. Unterhaltungen wie die folgende sind nichts Seltenes: - -+Helen+. Wie heißt der kleine Knabe? - -+Lehrerin+. Ich weiß es nicht, denn er ist ein kleiner Knabe, den ich -nicht kenne; aber +vielleicht+ heißt er Jack (~... but +perhaps+ his -name is Jack~). - -+Helen+. Wo geht er hin? - -+Lehrerin+. +Möglicherweise+ geht er nach dem Parke, um sich mit -anderen Knaben umherzutummeln (~He +may be+ going to the Common to have -fun with other boys~). - -+Helen+. Was wird er spielen? - -+Lehrerin+. Ich vermute, er wird Ball spielen (~I +suppose+, he will -play ball~). - -+Helen+. Was tun die Knaben jetzt? - -+Lehrerin+. +Vielleicht+ warten sie auf Jack. (~+Perhaps+ they are -expecting Jack.~) - -Nachdem ihr die Worte vertraut geworden sind, wendet sie sie in -schriftlichen Ausarbeitungen an, wie das folgende Beispiel zeigt. - - * * * * * - - 26. September [1888] - -Heut früh saßen Lehrerin und ich am Fenster, und wir sahen einen -kleinen Knaben auf dem Trottoir gehen. Es regnete sehr stark, und er -hatte einen sehr großen Schirm zum Schutz gegen die Regentropfen. - -Ich weiß nicht, wie alt er war, +glaube+ aber, er ist +möglicherweise+ -sechs Jahre alt gewesen (~but +think+ he +may have been+ six years -old~). +Vielleicht+ hieß er Joe (~+Perhaps+ his name was Joe~). Ich -weiß nicht, wohin er ging, weil ich ihn nicht kenne. Aber +vielleicht+ -schickte ihn seine Mutter in einen Laden, um etwas für das Mittagessen -einzukaufen (~But +perhaps+ his mother sent him to a store to buy -something for dinner~). Er hatte eine Tasche in der Hand. Ich -+vermute+, er brachte sie seiner Mutter (~I +suppose+ he was going to -take it to his mother~). - - * * * * * - -Bei meinem Unterricht habe ich kein bestimmtes System zugrunde gelegt. -Ich habe die spontanen Geistesregungen meiner Schülerin beobachtet und -versucht, die mir dadurch gegebenen Winke zu befolgen. - -Wegen Helens Nervosität habe ich alle Vorsichtsmaßregeln getroffen, -um eine übermäßige Belastung ihres an sich schon äußerst lebhaft -arbeitenden Gehirns zu verhüten. Den größten Teil des Jahres haben wir -auf Reisen nach verschiedenen Städten zugebracht, und ihr Unterricht -ist durch die mannigfaltigen Orte, durch die wir gekommen sind, und die -Erfahrungen, die wir hier gesammelt haben, bestimmt worden. Sie zeigt -denselben Eifer wie zu Anfang. Niemals ist es erforderlich, sie zum -Lernen anzuhalten, ja, ich muß sie sogar mitunter nötigen, ein Exempel -oder einen Aufsatz unbeendet zu lassen. - -Während ich mich durch kein bestimmtes pädagogisches System leiten -ließ, war es mein stetes Streben, Helens allgemeine Bildung und -Intelligenz zu fördern, ihre Kenntnisse in Bezug auf die sie umgebende -Welt zu erweitern und sie an ein ungezwungenes und natürliches -Zusammenleben mit den Menschen zu gewöhnen. Ich habe sie zur Führung -eines Tagebuches ermuntert, aus dem ich das folgende mitteile (vergl. -S. 261). - - * * * * * - - 22. März 1888. - -Herr Anagnos besuchte mich am Donnerstag. Ich war froh, ihn herzen -und küssen zu können. Er sorgt für sechzig kleine blinde Mädchen und -siebzig kleine blinde Knaben. Ich liebe sie. Kleine blinde Mädchen -schickten mir einen hübschen Arbeitskorb. Ich fand darin Schere -und Zwirn und Nadelbuch mit vielen Nadeln darin und Häkelhaken und -Fingerhut und Schachtel und Zentimetermaß und Knöpfe und Nadelkissen. -Ich will kleinen blinden Mädchen einen Brief schreiben, um ihnen zu -danken. Ich will hübsche Kleider für Nancy und Adeline und Allie -machen. Im Mai will ich nach Cincinnati gehen und ein anderes Kind -kaufen. Dann werde ich vier Kinder haben. Der Name des neuen Kindes -ist Harry. Herr Wilson und Herr Mitchell besuchten uns am Sonntag. -Herr Anagnos ging am Montag nach Louisville, um kleine blinde Kinder -zu besuchen. Mutter ging nach Huntsville. Ich schlief bei Vater und -Mildred bei Lehrerin. Ich lernte über »heiter«. Es bedeutet ruhig und -froh (~I did learn about calm. It does mean quiet and happy~). Onkel -Morrie schickte mir hübsche Geschichten. Ich lese über Vögel. Die -Wachtel legt fünfzehn bis zwanzig Eier, und sie sind weiß. Sie baut -ihr Nest auf den Erdboden. Der Eisvogel baut sein Nest in einen hohlen -Baum, und seine Eier sind blau. Die Eier des Rotkehlchens sind grün. -Ich lernte ein Liedchen über Frühling. März, April, Mai sind Frühling. - - ~Now melts the snow, - The warm winds blow - The waters flow - And robin dear, - Is come to show - That Spring is here.~ - - * * * * * - -James tötete Schnepfen zum Frühstück. Kleine Hühnchen wurden sehr -kalt und starben. Ich bin traurig. Lehrerin und ich fuhren auf dem -Tennesseeflusse in einem Boote. Ich sah Herrn Wilson und James mit -Rudern rudern. Boot glitt schnell dahin und ich steckte Hand in Wasser -und fühlte es fließen. - -Ich fing Fisch mit Haken und Leine und Rute. Wir kletterten auf hohen -Berg, und Lehrerin fiel und zerschlug ihren Kopf. Ich aß sehr kleinen -Fisch zum Abendbrot. Ich las über Kuh und Kalb. Die Kuh liebt Gras zu -essen wie Mädchen Brot und Butter und Milch. Kleines Kalb springt und -läuft ins Feld. Es liebt zu hüpfen und zu spielen, denn es ist froh, -wenn die Sonne hell und warm ist. Kleiner Knabe liebte sein Kalb. Und -er sagte: Ich will dich küssen, kleines Kalb, und er legte seine Arme -um des Kalbes Hals und küßte es. Das Kalb leckte gutes Knaben Gesicht -mit langer rauher Zunge. Kalb braucht Mund nicht weit zu öffnen, um -zu küssen. Ich bin müde, und Lehrerin wünscht nicht, daß ich länger -schreibe. - - * * * * * - -Im Herbst besuchte Helen einen Zirkus (vergl. S. 253 f.). Während -wir vor den Käfigen standen, brüllte der Löwe, und Helen fühlte -die Erschütterung der Luft so deutlich, daß sie den Ton ganz genau -nachahmen konnte. - -Ich versuchte ihr das Aussehen eines Kamels zu beschreiben; da wir -aber das Tier nicht berühren durften, fürchtete ich, sie hätte keine -richtige Vorstellung von seiner Gestalt bekommen. Ein paar Tage später -hörte ich jedoch eine Bewegung im Unterrichtszimmer, und als ich -eintrat, fand ich Helen auf allen vieren mit einem Kissen auf ihrem -Rücken, das so befestigt war, daß es in der Mitte eine Vertiefung und -auf jeder Seite einen Höcker bildete. Zwischen diese Höcker hatte sie -ihre Puppe gesetzt, die sie nun auf sich im Zimmer herumreiten ließ. -Ich beobachtete sie längere Zeit, während sie sich herumbewegte und -lange Schritte zu machen versuchte, um den Gang des Kamels, wie ich ihn -ihr beschrieben hatte, getreu nachzuahmen. Als ich sie fragte, was sie -denn da mache, antwortete sie: ~I am a very funny camel.~ - -Als eines Tages Helens Pony und Esel nebeneinander standen, ging sie -von einem zum anderen und untersuchte beide Tiere genau. Endlich legte -sie ihre Hand auf Neddys Kopf und sprach zu ihm: Ja, lieber Neddy, es -ist wahr, daß du nicht so schön wie Black Beauty bist. Dein Körper ist -nicht so schön gebildet, dein Auge blickt nicht so stolz, und dein Hals -wölbt sich nicht. Außerdem siehst du mit deinen langen Ohren etwas -komisch aus. Natürlich kannst du nichts dafür, und ich liebe dich genau -so, als wenn du das schönste Geschöpf von der Welt wärest. -- Helen -hatte an der Geschichte von »Black Beauty« großes Gefallen gefunden. -Wie rasch ihre Auffassungsgabe und ihr Assoziationsvermögen sind, geht -am besten aus dem folgenden hervor. Ich hatte ihr den Abschnitt der -Geschichte vorgelesen, in dem es heißt: - -„Das Pferd war ein alter, abgetriebener Brauner mit struppigem Fell und -Knochen, die überall hervorstanden; die Kniee waren eingeknickt, und -die Vorderbeine zitterten heftig. Ich fraß soeben etwas Heu, und der -Wind trieb ein kleines Häufchen davon fort; das arme Geschöpf streckte -seinen langen, mageren Hals aus, um es aufzunehmen, wandte sich -dann um und suchte umher, ob es nicht noch etwas fände. Es lag ein -hoffnungsloser Ausdruck in den trüben Augen, den ich nicht umhinkonnte, -zu bemerken, und als ich dann nachdachte, wo ich dieses Pferd wohl -schon gesehen haben könnte, sah es mich voll an und fragte: Black -Beauty, bist du es?“ - -Als ich soweit gekommen war, preßte Helen meine Hand zusammen, zum -Zeichen, daß ich nicht weiterlesen solle. Sie schluchzte krampfhaft. -„Es war der arme Ginger,“ -- war alles, was sie anfangs sagen konnte. -Später, als sie imstande war, über die Erzählung zu sprechen, sagte -sie: „Armer Ginger! Die Worte zauberten mir ein deutliches Bild vor die -Seele. Ich sah den armen Ginger leibhaftig vor mir; all seine Schönheit -war dahin, sein herrlich geschwungener Nacken war gesenkt, aller Mut -aus seinem feurigen Auge, alle Anmut aus seiner Haltung verschwunden. -O wie schrecklich war das! Ich hatte vorher noch nie gewußt, daß eine -solche Veränderung mit einem Geschöpfe vor sich gehen könnte. Der arme -Ginger hatte wenig Freude und viel Trauriges erlebt.“ -- Nach einem -Weilchen fuhr sie bekümmert fort: „Ich fürchte, vielen Menschen ergeht -es genau so wie Ginger.“ -- - -Heut früh las Helen zum ersten Male Bryants Gedicht: »~Oh, mother of a -mighty race!~« Ich sagte zu ihr: Wenn du das Gedicht ausgelesen hast, -so sage mir, wer nach deiner Ansicht die Mutter ist. -- Als sie bis zu -dem Verse gelangte: »~There’s freedom at thy gates, and rest~«, rief -sie aus: „Es ist Amerika. Das Tor ist, glaube ich, die Stadt New York, -und unter der »Freiheit« ist die große Statue der Freiheitsgöttin zu -verstehen.“ -- Als sie das Gedicht »~The Battlefield~« von demselben -Verfasser gelesen hatte, fragte ich sie, welche Strophe sie für die -schönste halte. Sie antwortete: Am bestem gefällt mir folgende: - - ~Truth crushed to earth shall rise again; - The eternal years of God are hers; - - But Error, wounded, writhes with pain, - And dies among his worshipers.~ - -Sie kann sich mit einem Schlage in den Mittelpunkt der Begebenheiten -einer Erzählung versetzen. Sie freut sich, wenn die Gerechtigkeit -siegt, sie ist traurig, wenn die Tugend unterliegt, und ihr Antlitz -strahlt vor Bewunderung und Ehrfurcht, wenn Heldentaten geschildert -werden. Sie dringt sogar in den Geist der Schlacht ein, und sagt: „Ich -glaube, es ist die Pflicht der Männer, gegen Uebeltäter und Tyrannen zu -kämpfen.“ - - * * * * * - -Fräulein Sullivans zusammenhängende Darstellung in dem Jahresbericht -des Perkinsschen Institutes für 1891 lautet folgendermaßen: - - * * * * * - -Im Verlaufe der letzten drei Jahre hat Helen immer größere Fortschritte -in der Aneignung der Sprache gemacht. Sie hat einen Vorteil vor -normalen Kindern voraus, nämlich den, daß keine äußere Störung sie von -ihren Studien ablenkt. - -Aber dieser Vorteil schließt andererseits auch einen Nachteil ein; -die Gefahr einer übermäßigen geistigen Anstrengung. Ihr Geist ist so -geartet, daß sie sich in einem Zustand fieberischer Unruhe befindet, -sobald sie sich bewußt wird, daß es etwas gibt, was sie nicht versteht. -Ich kann mich keines Falles erinnern, in dem sie geneigt gewesen wäre, -eine Arbeit liegen zu lassen, wenn sie fühlte, es handle sich dabei um -etwas, was sie nicht verstand. Wenn ich ihr riet, eine Rechenaufgabe -bis zum anderen Tag liegen zu lassen, antwortete sie: „Ich glaube, es -würde meinen Geist kräftigen, wenn ich sie jetzt löste.“ -- - -Vor einiger Zeit sprachen wir eines Abends über Tariffragen. Helen -wünschte, ich möchte ihr den Gegenstand erklären. Ich sagte: „Nein, -das kannst du jetzt noch nicht verstehen.“ -- Sie schwieg einen -Augenblick; dann aber fragte sie erregt: „Woher wissen Sie denn, daß -ich es nicht verstehen kann? Ich habe einen klaren Verstand. Sie müssen -bedenken, liebes Fräulein, daß bei den Griechen die Eltern sehr eifrig -um ihre Kinder besorgt waren und ihnen Gelegenheit gaben, weise Reden -zu hören, und ich glaube, sie verstanden wenigstens einen Teil von dem -Gesagten.“ -- Ich habe gefunden, es ist das beste, ihr nicht zu sagen, -sie könne etwas nicht verstehen, weil sie fast unfehlbar dabei in -Aufregung gerät. - -Vor nicht allzu langer Zeit suchte ich ihr zu zeigen, wie sie aus -ihren Baukastensteinen einen Turm errichten könne. Als die Ausführung -etwas verwickelt wurde, brachte die leiseste Erschütterung den Bau zum -Einsturz. Nach einer Weile verlor ich die Geduld und sagte ihr, ich -fürchtete, sie könne mit dem Turm nicht zustande kommen; ich wollte -ihn für sie bauen; allein sie wollte nichts davon wissen. Sie war -fest entschlossen, den Turm selbst zu bauen, und beinahe drei Stunden -arbeitete sie unermüdlich weiter, sammelte geduldig die Steine auf, -wenn sie zusammengefallen waren, und begann von neuem, bis endlich -ihre Arbeit von Erfolg gekrönt war. Der Turm stand in jeder Einzelheit -vollendet da. - -Bis zum Oktober 1889 hielt ich es für das beste, mich bei Helens -Unterricht an keinen geregelten Stundenplan zu binden. Die ersten -beiden Jahre ihres geistigen Lebens glich sie einem Kinde in einem -fremden Lande, wo ihr alles neu und verworren vorkam, und solange sie -sich noch keine genügende Kenntnis der Sprache angeeignet hatte, war es -unmöglich, ihr systematischen Unterricht zu erteilen. - -Außerdem war Helens Wißbegierde während dieser Jahre so groß, daß -ihre Fortschritte in der Aneignung der Sprache gehemmt worden wären, -wenn die Beantwortung der fortwährend auftauchenden Fragen bis nach -der Beendigung der Unterrichtsstunde verschoben worden wäre. Aller -Wahrscheinlichkeit nach würde sie dann die Frage vergessen haben und -eine gute Gelegenheit zur Erläuterung eines Punktes von wirklichem -Interesse verloren gegangen sein. Daher habe ich es stets für das -beste gehalten, meiner Schülerin alles, was sie zu wissen verlangte, -klarzumachen, mochte es nun auf den gerade vorliegenden Gegenstand -Bezug haben oder nicht. - -Seit dem Oktober 1889 wurde der Unterricht systematischer und umfaßte -Rechnen, Geographie, Zoologie, Botanik und Lesen. - -Im Rechnen hat sie bedeutende Fortschritte gemacht. Sie kann -multiplizieren, addieren, subtrahieren und dividieren und scheint die -Rechnungsoperationen zu verstehen; sie steht jetzt bei den unechten -Brüchen. Auch im schriftlichen Rechnen sind ihre Leistungen gut. Ihr -Geist arbeitet so rasch, daß, wenn ich ihr ein Exempel aufgebe, sie mir -oft schon die richtige Antwort gibt, ehe ich Zeit habe, ihr die ganze -Frage in die Hand zu schreiben. Auf die sprachliche Form achtet sie bei -der Stellung einer Aufgabe wenig und fragt selten nach der Bedeutung -ihr unbekannter Wörter oder Redewendungen. Als ihr einst eine Aufgabe -großes Kopfzerbrechen machte, schlug ich ihr vor, einen Spaziergang zu -machen, dann würde sie ihr vielleicht leichter fallen. Sie schüttelte -aber energisch den Kopf und sagte: Meine Feinde würden glauben, ich -liefe vor ihnen davon. Nein, ich muß ausharren und sie jetzt überwinden --- und sie tat es. - -Der intellektuelle Fortschritt, den Helen in den letzten beiden Jahren -gemacht hat, zeigt sich in ihrer zunehmenden Beherrschung der Sprache -und ihrer Fähigkeit, feinere Nuancen in der Bedeutung der Wörter zu -erkennen, deutlicher als in jedem anderen Unterrichtszweige. - -Es vergeht nicht ein Tag, ohne daß sie eine ganze Anzahl neuer Wörter -lernt, und dies sind nicht nur die Bezeichnungen konkreter Gegenstände. -Zum Beispiel wünschte sie eines Tages die Bedeutung folgender Wörter -kennenzulernen: ~phenomenon~, ~comprise~, ~energy~, ~reproduction~, -~extraordinary~, ~perpetual~ und ~mystery~. Einige dieser Wörter haben -mehrere Bedeutungen, die, von einfacheren beginnend, allmählich zu -abstrakteren emporsteigen. Es würde ein aussichtsloses Unternehmen -gewesen sein, Helen die feineren Bedeutungen des Wortes ~mystery~ -klarzumachen, aber sie begriff mit leichter Mühe, daß es etwas -Verborgenes oder Verstecktes bedeute, und wenn sie erst größere -Fortschritte gemacht hat, wird sie die feinen Bedeutungen des Wortes -ebenso leicht auffassen wie jetzt die einfacheren. Bei der Behandlung -eines Themas läßt es sich gar nicht vermeiden daß anfangs Wörter und -Konstruktionen vorkommen, die nicht eher voll verstanden werden können, -als bis der Schüler einen bedeutenden Fortschritt gemacht hat; ich habe -es jedoch für das beste gehalten, meiner Schülerin anfangs nur einfache -Erläuterungen zu geben in der Meinung, daß diese, mögen sie auch etwas -unbestimmt und unvollständig sein, einander unterstützen werden und daß -das, was heut unklar ist, morgen klar sein wird. - -Ich betrachte meine Schülerin als ein freies und selbsttätiges Wesen, -dessen spontane Antriebe meine zuverlässigsten Führer sein müssen. -Ich habe stets zu Helen genau so gesprochen wie zu einem sehenden und -hörenden Kinde und darauf gedrungen, daß die anderen es ebenso machten. -Wenn mich jemand fragt, ob sie dies oder jenes verstehen werde, -antworte ich stets: Es kommt gar nicht darauf an, ob sie jedes einzelne -Wort eines Satzes versteht oder nicht. Sie wird die Bedeutung der ihr -unbekannten Wörter aus deren Verbindung mit anderen erraten, die ihr -schon bekannt sind. - -Die Auswahl der Bücher, die Helen lesen sollte, habe ich nie mit Bezug -auf die Taubheit und Blindheit meiner Schülerin getroffen. Sie liest -nur die Bücher, an deren Lektüre sich sehende und hörende Kinder ihres -Alters erfreuen. Natürlich war es anfangs notwendig, daß der Inhalt -leicht verständlich und fesselnd und daß die Sprache rein und schlicht -war. Sie hatte die Druckschrift erlernt, und eine Zeitlang hatte sie -sich damit unterhalten, mit Hilfe von Pappstreifen, auf denen die -Wörter in erhöhten Lettern gedruckt waren, einfache Sätze zu bilden; -aber diese Sätze standen in keiner näheren Beziehung zueinander. Eines -Morgens fingen wir eine Maus, und ich verfiel auf den Gedanken, Helens -Interesse mit Hilfe einer lebenden Maus und einer lebenden Katze -anzuregen, indem ich einige Sätze in einer Weise zusammenstellte, daß -sie eine kleine Geschichte bildeten, um ihr so einen neuen Begriff von -dem Werte der Sprache zu geben. Ich stellte also die folgenden Sätze -in dem Rahmen zusammen und gab ihn Helen: „Die Katze sitzt auf der -Kiste. Eine Maus sitzt in der Kiste. Die Katze kann die Maus sehen. -Die Katze möchte die Maus gern fressen. Laß die Katze die Maus nicht -fangen! Die Katze kann etwas Milch bekommen, und die Maus kann etwas -Kuchen bekommen.“ Das Wort »~the~« war ihr unbekannt, und sie wollte -es natürlich erklärt haben. Da es aber bei dem damaligen Stande ihrer -Ausbildung zwecklos gewesen wäre, ihr seinen Gebrauch zu erklären, so -machte ich gar nicht erst einen Versuch dazu, sondern leitete ihren -Finger zum nächsten Worte hin, das sie mit einem strahlenden Lächeln -erkannte. Als ich nun ihre Hand auf die Katze legte, die auf der Kiste -saß, stieß sie einen leichten Schrei der Ueberraschung aus, und der -übrige Teil des Satzes wurde ihr sofort klar. Als sie die Wörter des -zweiten Satzes gelesen hatte, zeigte ich ihr, daß sich wirklich eine -Maus in der Kiste befand. Dann bewegte sie ihren Finger mit einem -Ausdruck regen Interesses bis zur nächsten Zeile. „Die Katze kann die -Maus sehen.“ Hierbei ließ ich die Katze die Maus erblicken und Helen -die Katze befühlen. Der Ausdruck in den Zügen des kleinen Mädchens -verriet, daß es ganz erstaunt war. Ich lenkte nun Helens Aufmerksamkeit -auf die folgende Zeile, und obgleich sie nur die drei Wörter cat, eat -und mouse kannte, verstand sie doch sofort den Inhalt des Satzes. Sie -nahm die Katze weg und setzte sie auf den Fußboden, indem sie zugleich -den Rahmen über die Kiste deckte. Als sie las: „Laß die Katze die Maus -nicht fangen!“ (~Do not let the cat get the mouse!~), bemerkte sie die -Negation in dem Satze und schien zu begreifen, daß die Katze die Maus -nicht fangen dürfe. ~Get~ und ~let~ waren ihr unbekannt. Die Wörter des -letzten Satzes waren ihr bekannt, und sie war entzückt, als sie die -Erlaubnis erhielt, sie in die Tat umzusetzen. Aus den Zeichen, die sie -machte, entnahm ich, daß sie eine neue Geschichte wünschte, und ich gab -ihr ein Buch mit ganz kurzen und in der einfachsten Sprache gehaltenen -Erzählungen. Sie ließ ihre Finger über die Zeilen gleiten, fand die -Wörter heraus, die sie kannte, und erriet die Bedeutung der übrigen -- -alles in einer Weise, die auch den konservativsten Pädagogen zu der -Ueberzeugung bringen würde, daß ein kleines taubstummes Kind, wenn -ihm die Gelegenheit dazu geboten wird, ebenso leicht und auf ebenso -natürlichem Wege lesen lernt wie normale Kinder. - -Ich bin darum überzeugt, daß Helens Gewandtheit im englischen Ausdruck -großenteils eine Folge ihrer fleißigen Lektüre ist. Sie liest oft zwei -bis drei Stunden hintereinander und legt selbst dann das Buch nur -widerstrebend zur Seite. Als wir eines Tages die Bibliothek verließen, -erschien sie mir ernster als gewöhnlich, und ich erkundigte mich nach -der Ursache davon. „Ich muß daran denken, wieviel klüger wir immer -sind, wenn wir hier herauskommen, als wenn wir hineingehen,“ -- lautete -ihre Antwort. - -Auf die Frage, warum sie Bücher so sehr liebe, erwiderte sie einst: -Weil sie mir so viel Interessantes über Dinge erzählen, die ich nicht -sehen kann, und weil sie niemals müde oder schlechter Laune sind wie -die Menschen. Sie erzählen mir alles und jedes, was ich zu wissen -wünsche. -- - -Als wir Dickens’ »~Child’s History of England~« lasen, kamen wir an -den Satz: „Noch war der Mut der Briten nicht gebrochen“. Ich fragte, -was dies nach ihrer Meinung bedeute. Sie entgegnete: „Ich glaube, -es bedeutet, daß die tapferen Briten nicht entmutigt waren, daß die -Römer so viele Schlachten gewonnen hatten, und sie nur umsomehr zu -vertreiben wünschten.“ -- Es wäre ihr nicht möglich gewesen, die -einzelnen Wörter dieses Satzes zu erklären, und doch faßte sie den Sinn -der Stelle ganz richtig auf und war imstande, ihn mit ihren eigenen -Worten wiederzugeben. Die nächsten Zeilen enthalten noch schwieriger -zu verstehende Wendungen: „Als Suetonius das Land verließ, griffen -sie seine Truppen an und eroberten die Insel Anglesea zurück.“ -- -Ihre Erläuterung dieses Satzes lautete folgendermaßen: „Es bedeutet, -daß, als der römische General fortgegangen war, die Briten wiederum -zu kämpfen begannen, und weil die römischen Soldaten keinen General -hatten, der ihnen hätte sagen können, was sie tun sollten, so wurden -sie von den Briten überwunden und verloren die Insel, die sie erobert -hatten.“ -- - -Sie zieht geistige Beschäftigungen Handarbeiten vor und liebt Häkeln, -Stricken und dergl. nicht in dem Maße wie viele blinde Kinder; aber -sie will es ihnen durchaus in allen Leistungen gleichtun. Sie hat die -Benutzung der Schreibmaschine erlernt und schreibt sehr korrekt, wenn -auch bis jetzt noch nicht allzuschnell, da sie erst die Uebung von -nicht ganz einem Monat hinter sich hat. - -Vor länger als zwei Jahren lehrte ein Vetter sie das -Telegraphenalphabet, indem er ihr die Punkte und Striche mit seinem -Finger auf dem Rücken ihrer Hand vormachte. So oft sie jemanden -antrifft, der mit diesem System bekannt ist, so ist sie erfreut, es bei -der Unterhaltung in Anwendung bringen zu können. Ich habe gefunden, -daß es ein bequemes Verständigungsmittel zwischen uns abgibt, wenn -sich Helen in einiger Entfernung von mir befindet, denn es macht es -mir möglich, mit ihr zu sprechen, indem ich mit meinem Fuße auf den -Boden klopfe. Sie fühlt die Erschütterungen und versteht, was ich ihr -mitzuteilen habe. - -Man hatte in Gelehrtenkreisen gehofft, eine so hervorragend begabte -Natur wie Helen würde, wenn sie völlig auf ihre eigenen Hilfskräfte -angewiesen bliebe, Gelegenheit bieten, verschiedene psychologische -Fragen, die von ~Dr.~ Howe noch nicht erschöpfend beantwortet worden -waren, ihrer Lösung näher zu bringen; aber diese Hoffnungen sollten -nicht in Erfüllung gehen. Bei Helen war ebenso wie bei Laura Bridgman -eine Enttäuschung unvermeidlich. Es ist unmöglich, ein Kind inmitten -der Gesellschaft so zu isolieren, daß es von den Anschauungen derer, -mit denen es zusammenlebt, ganz unbeeinflußt bleibt. Bei Helen hätte -eine solche Absicht nur dadurch erreicht werden können, daß man sie dem -Verkehr mit anderen, der ihrer Natur so unentbehrlich ist, entzogen -hätte. - -Es mußte allen, die die rasche Entwickelung von Helens Anlagen -beobachteten, klar sein, daß es unmöglich war, ihren wißbegierigen -Geist auf die Dauer von der Beschäftigung mit den unergründlichen -Geheimnissen des Lebens abzuhalten. Aber es wurde große Sorgfalt darauf -verwandt, ihre Gedanken nicht vor der Zeit auf Gegenstände zu lenken, -die für jedermann ein unentwirrbares Rätsel bleiben. Kinder stellen -tiefe Fragen, erhalten aber oft seichte Antworten, oder, um richtiger -zu sprechen, sie beruhigen sich bei solchen Antworten. - -„Woher bin ich gekommen?“ -- und „Wohin werde ich gehen, wenn ich -sterbe?“ -- waren Fragen, die Helen stellte, als sie acht Jahre alt -war. Aber die Erklärungen, die sie damals zu verstehen vermochte, waren -unzulänglich, obgleich sie sie zum Schweigen brachten, bis ihr Geist -seine höheren Kräfte zu äußern und sie aus zahllosen Eindrücken und -Vorstellungen, die ihr aus Büchern und ihren täglichen Erfahrungen -zuströmten, allgemeine Schlüsse zu ziehen begann. Ihr Geist forschte -nach der Ursache der Dinge. - -Sowie ihre Beobachtung der Naturerscheinungen umfassender und ihr -Wortvorrat reicher und feiner wurde, sodaß sie imstande war, ihre -eigenen Begriffe und Ideen klar auszudrücken und ebenso die Gedanken -und Erfahrungen anderer zu verstehen, erkannte sie die Beschränktheit -der menschlichen Schöpfungskraft und sah ein, daß eine andere Macht, -die höher sei als die menschliche, die Erde, die Sonne und die tausend -Naturgegenstände, mit denen sie völlig vertraut war, geschaffen haben -müsse. - -Schließlich fragte sie eines Tages nach einem Namen für diese Macht, -deren Vorhandensein sie schon in ihrem Inneren erkannt hatte. - -Durch Charles Kingsley’s »~Greek Heroes~« war sie mit den schönen Sagen -über die griechischen Götter und Göttinnen bekannt geworden, und die -Wörter Gott, Himmel, Seele und eine große Menge ähnlicher Ausdrücke -mußten ihr schon in ihren Büchern begegnet sein. - -Sie hatte niemals nach der Bedeutung solcher Wörter gefragt, auch nie -eine Bemerkung gemacht, wenn sie vorkamen, und bis zum Februar 1889 -hatte niemand zu ihr von Gott gesprochen. Zu jener Zeit versuchte -eine liebe Verwandte, die zugleich eine eifrige Christin war, Helen -von Gott zu erzählen; da diese Dame aber nicht Worte gebrauchte, -die der Fassungskraft des Kindes angemessen waren, so machten diese -Unterredungen wenig Eindruck auf Helen. Als ich später mit ihr sprach, -sagte sie: „Ich habe Ihnen etwas sehr Spaßiges mitzuteilen. A. sagt, -Gott habe mich und jedermann aus Erde gemacht; das muß aber ein Scherz -sein. Ich bestehe doch aus Fleisch und Blut und Knochen, nicht wahr?“ --- und dabei untersuchte sie mit offenbarer Genugtuung ihren Arm und -lachte aus Herzensgrunde. Nach einem Weilchen fuhr sie fort: „A. sagt, -Gott sei überall, und er sei die Liebe; aber ich kann mir niemand -denken, der aus Liebe besteht. Liebe ist nur etwas in unserem Herzen -drin. Dann sagte A. noch etwas sehr Komisches. Sie sagte, er (nämlich -Gott) sei mein lieber Vater. Ich mußte darüber sehr lachen, denn ich -weiß, mein Vater heißt Arthur Keller.“ -- - -Ich setzte ihr auseinander, sie sei noch nicht imstande, das Gesagte -zu verstehen, und brachte sie mit leichter Mühe zu der Einsicht, es -sei besser, über solche Dinge erst dann zu sprechen, wenn sie klüger -geworden sei. - -Im Laufe ihrer Lektüre war sie auf den Ausdruck »Mutter Natur« -gestoßen, und lange Zeit pflegte sie alles, was nach ihrem Dafürhalten -die menschliche Kraft überstieg, der Mutter Natur zuzuschreiben. Wenn -sie vom Wachstum einer Pflanze sprach, sagte sie: „Mutter Natur sendet -den Sonnenschein und den Regen, damit die Bäume und das Gras und die -Blumen wachsen können.“ -- - -Eines Abends schien Helen nach dem Abendessen etwas ernster zu sein, -und Frau H. fragte sie, woran sie dächte. „Ich denke daran, wieviel die -liebe Mutter Natur in der Frühlingszeit zu tun hat,“ -- antwortete sie. -Als sie gefragt wurde, warum, erwiderte sie: „Weil sie für so viele -Kinder zu sorgen hat. Sie ist die Mutter aller Dinge, der Blumen, Bäume -und Winde.“ -- - -„In welcher Weise sorgt denn Mutter Natur für die Blumen?“ -- fragte -ich. „Sie sendet den Sonnenschein und den Regen, damit sie wachsen -können,“ -- antwortete sie, und nach einem Weilchen fuhr sie fort: „Ich -denke mir, der Sonnenschein ist Mutter Naturs warmes Lächeln, und die -Regentropfen sind ihre Tränen.“ -- - -Später sagte sie: „Ich weiß nicht, ob Mutter Natur mich erschaffen -hat. Ich denke mir, meine Mutter erhielt mich vom Himmel her, aber -ich weiß nicht, wo dieser Ort ist. Ich weiß, daß Tausendschönchen und -Stiefmütterchen aus Samenkörnern kommen, die in die Erde gelegt worden -sind; aber Kinder wachsen nicht aus der Erde hervor, das weiß ich ganz -bestimmt. Ich habe noch nie eine Kindespflanze gesehen. Aber ich kann -mir nicht vorstellen, wer die Mutter Natur geschaffen hat, können -Sie es? Ich liebe den schönen Frühling, weil die knospenden Bäume, -die blühenden Blumen und das zarte grüne Laub mein Herz mit Freude -erfüllen. Ich muß jetzt in meinen Garten gehen. Die Tausendschönchen -und Stiefmütterchen werden glauben, ich habe sie vergessen.“ -- - -Seit dem Mai 1890 war es mir klar, daß ihre Entwickelung soweit -fortgeschritten war, daß die religiösen Anschauungen der Personen ihrer -Umgebung ihr nicht länger vorenthalten werden konnten. Sie bestürmte -mich förmlich mit Fragen, die der Ausfluß ihrer regen Intelligenz waren. - -Anfang Mai schrieb sie folgende Fragen in ihr Notizbuch: „Ich möchte -über Dinge schreiben, die ich nicht verstehe. Wer schuf die Erde und -die Meere und alles? Was macht die Sonne heiß? Wo war ich, ehe ich -zu Mutter kam? Ich weiß, daß Pflanzen aus Samenkörnern emporwachsen, -die in der Erde liegen, aber ich bin fest überzeugt, daß Menschen -nicht auf diese Weise entstehen. Ich habe noch nie eine Kindespflanze -gesehen. Kleine Vögel und Hühnchen kommen aus Eiern. Ich habe sie -gesehen. Was war das Ei, ehe es ein Ei war? Warum fällt die Erde nicht, -da sie doch so groß und schwer ist? Sagen Sie mir etwas, was Vater -Natur tut. Kann ich das Buch, die Bibel genannt, lesen? Bitte, sagen -Sie Ihrer kleinen Schülerin viele Dinge, wenn Sie viele Zeit haben.“ -- - -Kann man, wenn man diese Fragen gelesen hat, daran zweifeln, daß das -Kind, das imstande war, sie zu stellen, auch imstande war, wenigstens -die einfachsten Antworten auf dieselben zu verstehen? Während Helens -ganzer Erziehung habe ich unverrückbar daran festgehalten, daß sie -verstehen kann, was sie zu wissen wünscht. Hätte freilich in Helens -Geist kein solcher Denkprozeß stattgefunden wie der, von dem diese -Fragen Zeugnis ablegen, so würde jegliche Erklärung dieser Punkte für -sie unverständlich gewesen sein. Ohne jenes Maß geistiger Entwickelung -und Regsamkeit, durch das man befähigt wird, die Notwendigkeit einer -übermenschlichen schöpferischen Kraft einzusehen, ist keine Erklärung -von Naturerscheinungen möglich. - -Nachdem es ihr gelungen war, die Ideen, die langsam in ihrem Geist -herangewachsen waren, in Worte zu fassen, schienen sie plötzlich all -ihr Denken in Anspruch zu nehmen, und sie wollte durchaus alles erklärt -haben. Als wir kurze Zeit, nachdem sie diese Fragen niedergeschrieben -hatte, an einem großen Globus vorüberkamen, blieb sie vor ihm stehen -und fragte: „Wer hat die +wirkliche+ Welt geschaffen?“ -- Ich -antwortete: „Niemand weiß es, wie die Erde, die Sonne und alle die -Weltkörper, die wir Sterne nennen, entstanden sind; aber ich will dir -erzählen, wie kluge Männer es versucht haben, sich deren Entstehung -klarzumachen und die großen, geheimnisvollen Kräfte der Natur zu -enthüllen.“ -- - -Sie wußte, daß die Griechen viele Götter hatten, denen sie verschiedene -Kräfte beilegten, weil sie glaubten, die Sonne, der Blitz und hundert -andere Naturkräfte seien unabhängige, übermenschliche Wesen. Aber nach -vielem Nachdenken und Forschen, sagte ich ihr, seien die Menschen -zu der Ueberzeugung gelangt, daß all diese Kräfte nur Offenbarungen -einer einzigen Macht seien, und dieser Macht hätten sie den Namen Gott -gegeben. - -Ein paar Minuten war sie still und dachte offenbar angestrengt nach. -Dann fragte sie: „Wer hat Gott geschaffen?“ -- Ich war genötigt, diese -Frage ausweichend zu beantworten, denn ich konnte ihr das Geheimnis -eines durch sich selbst existierenden Wesens nicht erklären. In der Tat -würden viele ihrer eifrigen Fragen eine viel klügere Person, als ich -bin, in Verwirrung gesetzt haben. Hier sind einige von ihnen: „Woraus -machte Gott die neuen Welten? Woher nahm er die Erde, das Wasser, -die Samenkörner und die ersten Tiere? Wo ist Gott? Haben Sie Gott je -gesehen?“ -- Ich sagte ihr, Gott sei allgegenwärtig, und sie dürfe -sich ihn nicht als Person denken, sondern als das Leben, den Geist, -die Seele aller Dinge. Sie unterbrach mich: „Nicht alle Dinge haben -Leben. Die Felsen haben kein Leben und können nicht denken.“ -- Man -muß sie oft daran erinnern, daß es unendlich viele Dinge gibt, die die -weisesten Leute auf der Welt nicht zu erklären vermögen. - -Helen hat nie Unterricht über Dogmen oder Glaubensbekenntnisse -erhalten, noch ist je ein Versuch gemacht worden, ihre Aufmerksamkeit -mit Gewalt auf religiöse Lehrmeinungen zu lenken. Da ich mir meiner -eigenen Unfähigkeit voll bewußt war, ihr irgendwelche zulängliche -Erklärung von den Geheimnissen zu geben, die mit den Begriffen Gott, -Seele, Unsterblichkeit verbunden sind, so hielt ich es stets für meine -Pflicht, so wenig wie möglich mit meiner Schülerin über religiöse Dinge -zu sprechen. Der hochwürdige Herr Philips Brooks[27] hat ihr die -Vaterliebe Gottes in ergreifender Weise dargelegt. - -Sie hat bis jetzt noch nicht in der Bibel lesen dürfen, weil ich nicht -weiß, wie sie dies gegenwärtig tun kann, ohne einen ganz irrigen -Begriff von den Eigenschaften Gottes zu bekommen. Ich habe ihr bereits -in schlichter Sprache von dem herrlichen, hilfsbereiten Leben Jesu und -seinem qualvollen Tode erzählt. Die Erzählung rührte sie tief, als sie -sie zum ersten Male hörte. - -Als sie auf unsere Unterredung zurückkam, so geschah dies, um zu -fragen: „Warum ging Jesus nicht fort, sodaß ihn seine Feinde nicht -finden konnten?“ -- Die Wunder Jesu betrachtete sie mit sehr kritischem -Auge. Als ihr erzählt wurde, daß Jesus auf dem See einherwandelte, um -seinen Jüngern entgegenzugehen, sagte sie sehr entschieden: „Es heißt -nicht +wandelte+, sondern +schwamm+.“ -- Als ich ihr davon erzählte, -daß Jesus Tote auferweckt habe, wurde sie ganz stutzig und sagte: „Das -glaube ich nicht, daß ein Toter wieder lebendig werden kann.“ -- - -Eines Tages sagte sie traurig: „Ich bin taub und blind. Das ist der -Grund, warum ich den lieben Gott nicht sehen kann.“ -- Ich lehrte sie -das Wort unsichtbar (~invisible~) und erwiderte ihr: „Wir können Gott -nicht mit unseren Augen sehen, weil er ein Geist ist; wenn aber unsere -Herzen voll von Güte und Sanftmut sind, dann sehen wir ihn, weil wir -ihm dann ähnlicher sind.“ -- - -Ein anderesmal fragte sie: „Was ist eine Seele?“ -- „Niemand weiß, was -die Seele ist,“ -- entgegnete ich; „aber das wissen wir, daß sie nicht -der Körper ist und daß sie der Teil von uns ist, der denkt, liebt und -hofft und der, wie die Christen glauben, weiterleben wird, wenn der -Körper tot ist.“ -- Dann fragte ich sie: „Kannst du dir deine Seele -getrennt vom Körper denken?“ -- „O ja,“ antwortete sie; „ich dachte -vor einer Stunde sehr lebhaft an Herrn Anagnos, und da war mein Geist --- meine Seele, verbesserte sie sich -- in Athen, aber mein Körper -war hier im Unterrichtszimmer.“ -- In diesem Augenblicke schien ihr -ein anderer Gedanke durch den Kopf zu gehen, denn sie fügte hinzu: -„Aber Herr Anagnos sprach nicht zu meiner Seele.“ -- Ich erklärte ihr, -daß auch die Seele unsichtbar oder mit anderen Worten, ohne sinnlich -wahrnehmbare Gestalt sei. „Aber wenn ich niederschreibe, was meine -Seele denkt,“ versetzte sie, „dann wird sie sichtbar, und die Worte -sind dann ihr Körper.“ - -Längere Zeit darauf sagte Helen zu mir: „Ich möchte sechzehnhundert -Jahre leben.“ -- Auf die Frage, ob sie nicht +für immer+ in einem -schönen Lande, Himmel genannt, leben wolle, erwiderte sie zunächst: -„Wo liegt der Himmel?“ -- Ich mußte zugestehen, dies nicht zu wissen, -äußerte aber die Vermutung, es könnte einer von den Sternen sein. Ein -Weilchen darauf sagte sie nun: „Wollen Sie nicht die Freundlichkeit -haben, zuerst hinzugehen und mir dann alles über ihn erzählen?“ -- und -fuhr dann fort: „Tuscumbia ist eine sehr hübsche kleine Stadt.“ -- Es -verging mehr als ein Jahr, ehe sie auf das Thema zurückkam, und als sie -dies tat, waren ihre Fragen sehr zahlreich und dringend. Sie fragte: -„Wo liegt der Himmel und wie sieht es dort aus? Warum können wir über -den Himmel nicht soviel wissen wie über fremde Länder?“ -- Ich erklärte -ihr in sehr einfacher Sprache, es könne viel Orte mit dem Namen Himmel -geben, aber der Hauptsache nach sei er ein Zustand -- die Erfüllung des -Sehnens des Herzens, die Befriedigung seiner Wünsche; der Himmel sei -überall dort zu finden, wo das Rechte anerkannt, ausgeübt und geliebt -werde. - -Vor dem Gedanken an den Tod schrak sie mit augenscheinlichem Schauder -zurück. Als ihr vor kurzem ein von ihrem Bruder erlegter Hirsch -gezeigt wurde, war sie sehr traurig, und fragte bekümmert: „Warum -muß alles sterben, selbst der schnellfüßige Hirsch?“ -- Ein andermal -fragte sie mich: „Glauben Sie nicht, daß wir alle viel glücklicher -sein würden, wenn wir nicht zu sterben hätten?“ -- „Nein,“ entgegnete -ich, „denn wenn es keinen Tod gäbe, so würde unsere Welt mit lebenden -Geschöpfen bald so überfüllt sein, daß keines von ihnen behaglich leben -könnte.“ -- „Aber,“ erwiderte Helen rasch, „meiner Meinung nach hätte -Gott ebensogut mehrere Welten erschaffen können, wie er diese eine -erschaffen hat.“ -- - -Als ihr einige Freundinnen von der großen Glückseligkeit erzählten, die -unser in einem anderen Leben warte, fragte sie sofort: „Woher wissen -Sie das, wenn Sie noch nicht tot gewesen sind?“ -- - -Der Umstand, daß sie ganz gebräuchliche Worte und Redewendungen -mitunter in buchstäblichem Sinne nimmt, beweist, wie nötig es für uns -ist, uns zu vergewissern, daß sie diese in ihrer richtigen Bedeutung -auffaßt. Als ihr vor kurzem erzählt wurde, die Ungarn seien geborene -Musiker, so fragte sie erstaunt: „Singen sie denn, wenn sie geboren -werden?“ -- Als ihre Freundin hinzufügte, daß einige Schülerinnen, -die sie in Budapest gesehen habe, mehr als hundert Melodien in ihrem -Kopfe hätten, antwortete sie lachend: „Dann wird es in ihrem Kopfe wohl -sehr geräuschvoll zugehen.“ -- Sie besitzt einen scharfen Blick für -das Lächerliche, und anstatt sich durch eine bildliche Ausdrucksweise -in Verlegenheit setzen zu lassen, ergötzt sie sich oft an ihrer allzu -wörtlichen Auffassung der betreffenden Redewendungen. - -Als ihr einmal gesagt worden war, die Seele sei gestaltlos, stutzte -sie bei Davids Worten: ‚Er führet meine Seele‘. -- „Hat sie Füße? Kann -sie gehen? Ist sie blind?“ fragte sie, denn für die war die Vorstellung -des Geführtwerdens mit der Vorstellung des Blindseins verknüpft. - -Von allem, was Helen in Unruhe und Verwirrung versetzt, stimmt sie -nichts so traurig, wie die Erkenntnis von dem Vorhandensein des -Schlechten, und von den Leiden, die aus diesem entspringen. Lange -Zeit hindurch war es möglich, sie vor dieser Erkenntnis zu bewahren, -und es wird stets verhältnismäßig leicht sein, sie vor persönlicher -Berührung mit Laster und Verderbtheit zu behüten. Die Tatsache, daß -die Sünde existiert und daß großes Elend aus ihr entspringt, dämmerte -ihrem Geiste allmählich auf, je mehr sie das tägliche Leben und seine -Erfahrungen kennen lernte. Es mußte ihr die Notwendigkeit von Gesetzen -und Strafen erklärt werden. Es wurde ihr sehr schwer, das Vorhandensein -des Uebels in der Welt mit der Vorstellung von Gott zu vereinigen, die -man ihr eingeprägt hatte. - -Eines Tages fragte sie: „Sorgt Gott allezeit für uns?“ -- Als ihr dies -bejaht wurde, fuhr sie fort: „Warum hat er denn dann meine kleine -Schwester heute morgen fallen lassen, sodaß sie sich den Kopf so arg -zerschlagen hat?“ -- Ein andermal fragte sie nach der Allmacht und -Güte Gottes. Man hatte ihr von einem schrecklichen Sturme auf der See -erzählt, bei dem mehrere Menschen ihr Leben eingebüßt hatten, und sie -fragte: „Warum hat Gott die Leute nicht gerettet, wenn er alles zu tun -vermag?“ - -Umgeben von liebenden Angehörigen und Freunden und unter veredelnden -Einflüssen aufgewachsen, hat Helen vom Beginne ihrer geistigen -Entwickelung an stets bereitwillig das Rechte getan. Sie erkennt mit -unfehlbarem Instinkt, was recht ist, und tut es mit Freuden. Sie hält -die eine schlechte Handlung nicht für harmlos, eine andere nicht für -bedeutungslos, eine dritte nicht für unbeabsichtigt. Für ihre reine -Seele ist alles Schlechte gleich häßlich. - - * * * * * - -Die letzten Aeußerungen Fräulein Sullivans über ihre Methode finden -sich in dem Berichte, den sie für die im Juli 1894 in Chautauqua -abgehaltene Versammlung der »Amerikanischen Vereinigung zur Förderung -der Unterweisung der Taubstummen im Sprechen« verfaßt hat. Es heißt -darin unter anderem: - -Sie dürfen nicht glauben, daß Helen mit einem Schlage den Wortschatz -der englischen Sprache zu beherrschen lernte, sobald sie den Gedanken, -daß jeder Gegenstand eine Bezeichnung habe, erfaßte, oder daß »ihre -geistigen Fähigkeiten in voller Waffenrüstung wie Pallas Athene aus -Zeus’ Haupt aus der totenähnlichen Erstarrung, in der sie lebend -schlummerten, emporstiegen«, wie einer ihrer begeisterten Bewunderer -uns glauben machen möchte. Zu Anfang waren die Wörter, Redewendungen -und Sätze, deren sie sich zum Ausdruck ihrer Gedanken bediente, -sämtlich Nachahmungen derer, die wir in der Unterhaltung mit ihr -angewandt hatten und die ihr Gedächtnis unbewußt festgehalten hatte. -Und in der Tat, dies trifft auf die Sprache aller Kinder zu. Ihre -Sprache ist die Erinnerung an die Sprache, die sie in ihrem Elternhause -gehört haben. Die fortwährende Wiederholung der im täglichen Leben -üblichen Unterhaltung hat ihrem Gedächtnis gewisse Wörter und -Redewendungen eingeprägt, und wenn sie zu sprechen beginnen, so liefert -ihnen ihr Gedächtnis die Wörter, die sie stammeln. Gleicherweise ist -die Sprache der Gebildeten die Erinnerung an die Sprache der Bücher. - -Die Sprache wächst aus dem Leben, dessen Bedürfnissen und Erfahrungen -hervor. Anfangs war der Geist meiner kleinen Schülerin völlig leer. -Sie hatte in einer Welt gelebt, die sie nicht erkennen konnte. -Sprache und Erkenntnis sind unlöslich miteinander verknüpft; sie -stehen zueinander in wechselseitiger Beziehung. Gute Leistungen im -Gebrauch der Sprache setzen eine wirkliche Kenntnis der Dinge voraus -und hängen von dieser ab. Sobald Helen die Vorstellung faßte, daß -jeder Gegenstand eine Bezeichnung habe und daß diese Bezeichnungen -mit Hilfe des Fingeralphabets anderen übermittelt werden können, -ging ich dazu über, ihr Interesse an den Dingen, deren Bezeichnungen -sie mit so offenkundiger Freude buchstabieren lernte, wachzurufen. -Niemals erteilte ich ihr Unterricht im Sprechen lediglich zu -Unterrichtszwecken, sondern ich bediente mich stets der Sprache als -eines Mittels zur Gedankenübertragung, und so fiel die Erlernung der -Sprache mit der Aneignung von Kenntnissen zusammen. Um die Sprache in -vernünftiger Weise zu gebrauchen, muß man etwas haben, worüber man -spricht, und dies ist wieder das Ergebnis von Erfahrungen, die man -gemacht hat. Kein Maß von Sprachübung wird unsere Kinder befähigen, die -Sprache leicht und fließend zu handhaben, wenn sie sich nicht in ihrem -Innern klargemacht haben, was sie sagen wollen, oder wenn es uns nicht -gelungen ist, in ihnen den Wunsch rege zu machen, zu erfahren, was im -Innern anderer Menschen vorgeht. - -Anfangs band ich mich bei meinem Unterricht an keinen bestimmten -Plan. Ich suchte stets herauszufinden, wofür sich Helen am meisten -interessierte, und machte dies zum Ausgangspunkt der neuen Lektion, -mochte es nun mit dem Gegenstand, den ich mir zu behandeln vorgenommen -hatte, zusammenhängen oder nicht. Während der ersten beiden Jahre -ihrer geistigen Entwickelung hielt ich Helen sehr selten zum Schreiben -an. Um schreiben zu können, muß man einen Stoff haben, über den man -schreibt, und dies erfordert wiederum einige geistige Vorbereitung. -Das Gedächtnis muß einen Vorrat von Vorstellungen haben und der Geist -muß durch Wissen bereichert sein, bevor das Schreiben eine naturgemäße -und angenehme Arbeit wird. Unsere Kinder werden, glaube ich, nur zu -häufig zum Schreiben angehalten, ehe sie etwas zu sagen haben. Man -lehre sie denken, lesen und aussprechen, was sie meinen, und sie werden -schreiben, weil sie nicht anders können. - -Helen eignete sich die Sprache mehr durch Uebung und Gewohnheit an, als -durch das Erlernen von Regeln und Definitionen. Die Grammatik mit ihrer -verwirrenden Menge von Klassifikationen, Bezeichnungen und Paradigmen -war aus dem Unterrichte gänzlich verbannt. Sie erlernte die Sprache -dadurch, daß sie mit der lebenden Sprache selbst in Berührung gebracht -wurde; sie lernte diese aus der täglichen Unterhaltung und aus ihren -Büchern kennen und wurde veranlaßt, sie in der mannigfaltigsten Weise -hin- und herzuwenden, bis sie imstande war, sie richtig zu gebrauchen. -Zweifellos sprach ich mehr und anhaltender mit meinen Fingern, als ich -es mit meinem Munde hätte zu tun brauchen; denn wenn sie hätte sehen -und hören können, so würde sie in Bezug auf Unterhaltung und Belehrung -weniger von mir abhängig gewesen sein. - -Ich glaube, jedes Kind hat in seinem Innern wertvolle Eigenschaften -verborgen, die belebt und entwickelt werden können, wenn wir nur den -richtigen Weg einschlagen; niemals werden wir aber die höheren Naturen -unter uns in angemessener Weise entwickeln, wenn wir fortfahren, ihren -Geist mit den sogenannten Anfangsgründen vollzustopfen. Die Mathematik -wird sie nie zu liebevollen Wesen machen, und ebensowenig wird die -Kenntnis von der Größe und der Gestalt der Erde sie zur Würdigung von -deren Schönheiten befähigen. Statt dessen wollen wir die Kinder in den -ersten Jahren lieber dazu anleiten, ihren höchsten Genuß in der Natur -zu finden. Wir wollen sie auf den Feldern umherspringen lassen, ihnen -von Tieren erzählen und sie zur Beobachtung der realen Dinge anhalten. -Kinder werden sich unter gesunden Verhältnissen selbst erziehen. Sie -bedürfen viel mehr einer liebevollen Leitung als der Belehrung. - -Ich glaube, daß zu Helens fließendem Sprechen viel der Umstand -beigetragen hat, daß fast jeder Eindruck, den sie empfängt, ihr durch -das Medium der Sprache vermittelt wird. Aber abgesehen von Helens -natürlicher Beanlagung zum Erlernen der Sprache und dem günstigen -Einflusse ihrer Umgebung werden wir, glaube ich, finden, daß der -beständige Umgang mit guten Büchern von der größten Bedeutung für -ihre Erziehung gewesen ist. Es ist nicht erforderlich, daß ein Kind -jedes Wort in einem Buche verstehe, wenn es dasselbe mit Genuß und -Nutzen lesen soll. In der Tat sollten nur solche Erklärungen gegeben -werden, die wirklich wesentlich sind. Helen nahm die Sprache in sich -auf, die sie anfangs noch nicht verstehen konnte, die aber in ihrem -Geiste zurückblieb, bis sie ihrer bedurfte, und die Worte sich von -selbst ihrer Unterhaltung und ihren schriftlichen Ausarbeitungen -anschmiegten. In der Tat ist von einigen behauptet worden, daß sie -zuviel lese, daß sie einen großen Teil ihrer schöpferischen Kraft -in der Freude an Büchern zersplittere, daß, während sie selbständig -urteilen und sich ausdrücken könne, sie die Dinge lediglich durch die -Augen anderer betrachte und sich in deren Sprache ausdrücke; allein -ich bin überzeugt, daß selbständiges Arbeiten ohne Vorbereitung -durch fleißige Lektüre ein Ding der Unmöglichkeit ist. Helen hat die -besten und reinsten Muster in der Sprache beständig vor Augen, und -ihre Unterhaltung sowie ihre schriftlichen Darlegungen sind unbewußte -Erinnerungen an das, was sie gelesen hat. Das Lesen sollte meines -Erachtens unabhängig von den sonstigen Schularbeiten betrieben werden. -Kinder sollten zum Lesen rein des Vergnügens wegen ermuntert werden. -Die Haltung, die ein Kind seinen Büchern gegenüber einnimmt, sollte die -der unbewußten Empfänglichkeit sein. Die großen Werke der Dichtkunst -sollten einen Teil seines Lebens ausmachen, sowie sie einst der wahre -Lebensinhalt für ihre Urheber waren. Es ist richtig, je empfänglicher -und phantasiereicher der Geist ist, der das in der Literatur Gebotene -aufnimmt, desto genauer werden auch die feinsten Züge wiedergegeben. -Helen besitzt ein lebhaftes Empfinden, ein frisches, leicht erregbares -Interesse an allem, einen geistigen Einblick in das Wesen des -künstlerischen Temperaments und infolgedessen natürlich eine lebhaftere -und intensivere Freude am Leben, einfach als Leben aufgefaßt, an der -Natur, an Büchern und an Menschen als minderbegabte Sterbliche. Ihr -Geist ist von den hohen Gedanken und den Idealen der großen Dichter so -erfüllt, daß ihr nichts als Gemeinplatz erscheint, denn ihre Phantasie -schmückt das ganze Leben mit ihren eigenen reichen Farben aus. - - * * * * * - -Fräulein Sullivan hat mit ihrer Methode dort eingesetzt, wo ~Dr.~ Howe -aufgehört hat. Er erfand das Instrument, das physische Werkzeug, aber -das Lehren der Sprache ist etwas ganz anderes als das mechanische -Mittel, durch das die Sprache gelehrt werden kann. Durch Versuche, -durch die Beobachtung anderer Kinder gelangte Fräulein Sullivan auf den -praktischen Weg, die Sprache nach der natürlichen Methode zu lehren. -Nach dieser »natürlichen Methode« hatte ~Dr.~ Howe gesucht, sich aber -nie zu dem Gedanken aufschwingen können, daß man ein taubstummes -Kind nicht jedes Wort einzeln für sich durch Definition lehren darf, -sondern daß ihm die Sprache durch unaufhörliche Wiederholung von -Wörtern, die es nicht versteht, beigebracht werden muß. Und hierin -besteht Fräulein Sullivans große Entdeckung. Den ganzen Tag hindurch -vom frühen Morgen bis zum späten Abend buchstabierte Fräulein Sullivan -unverdrossen in die Hand ihrer Schülerin, und hierdurch fing Helen -Keller Wörter auf, genau so wie das Kind in der Wiege Wörter auffängt, -dadurch, daß es sie zu Tausenden hört, ehe es ein einziges gebraucht, -und die Wörter mit der Gelegenheit, bei der sie gesprochen wurden, -in der Erinnerung verknüpft. So lernt es, daß Wörter Gegenstände, -Handlungen, Empfindungen bezeichnen. Dieses ist das erste Prinzip bei -Fräulein Sullivans Methode, ein Prinzip, das praktische Ergebnisse -gezeitigt hat und das, soviel ich finden kann, niemals bei der -Erziehung eines taubstummen Kindes, geschweige denn eines taubstummen -und blinden, praktisch angewandt worden ist, ehe es Fräulein Sullivan -bei Helen Keller versuchte. Und dieses Prinzip ist auch nicht eher klar -formuliert worden, bevor Fräulein Sullivan ihre Briefe schrieb. - -Das zweite Prinzip bei ihrer Methode (die numerische Reihenfolge ist -natürlich willkürlich) besteht darin, mit dem Kinde nie über Dinge -zu sprechen, die ihm unangenehm oder langweilig sind. In der ersten -Taubstummenschule, die Fräulein Sullivan überhaupt besuchte, war die -Lehrerin damit beschäftigt, auf der Wandtafel den Kindern mittels -geschriebener Worte etwas mitzuteilen, was diese nicht zu wissen -verlangten, während sie die besuchenden Gäste mit der größten Neugierde -umringten und dadurch den Beweis lieferten, daß es tausenderlei Dinge -gab, die sie zu wissen verlangten. Warum knüpfte die Lehrerin beim -Sprachunterricht nicht an das an, wofür sich die Kinder interessierten? - -Verwandt mit dem Grundsatz, mit dem Kinde nur über Dinge zu sprechen, -für die es sich interessiert, ist der weitere, einem Kinde, das Fragen -stellt, niemals den Mund zu verbieten, sondern seine Fragen so gut -wie möglich zu beantworten. Fräulein Sullivan paßte ihre Ausführungen -weder in Inhalt noch in Form dem vermeintlichen niedrigen Stande der -Intelligenz des Kindes an, sondern ersuchte jedermann, mit Helen -natürlich zu sprechen, ihr ganze Sätze und vernünftige Gedanken -mitzuteilen, gleichviel, ob Helen sie verstehe oder nicht. So erkannte -Fräulein Sullivan, was so viele noch nicht begreifen wollen, daß nach -der ersten allereinfachsten Definition von »Hut«, »Tasse«, »gehen«, -»sitzen« die Spracheinheit für das Kind der Satz ist, wie dieser -ebenfalls die Spracheinheit der Erwachsenen darstellt. - -So schuf sich Fräulein Sullivan eine Methode, die so einfach ist und -so sehr alles künstlichen Zuschnittes ermangelt, daß ihre Methode eher -die Verneinung jeder Methodik zu sein scheint. Es ist zweifelhaft, ob -wir etwas von Helen Keller erfahren hätten, wenn Fräulein Sullivan -nicht schon vorher mit anderen Kindern verkehrt hätte. Durch deren -Beobachtung lernte sie ihren Zögling soviel wie möglich wie ein -normales Kind behandeln. - -Das Fingeralphabet war nicht das einzige Mittel, Helen die Kenntnis -von Wörtern beizubringen. Bücher ergänzten das Fingeralphabet, -ja kamen diesem vielleicht an Bedeutung für den Sprachunterricht -gleich. Helen saß voller Eifer über ihnen, bevor sie lesen konnte, -anfänglich nicht des Inhaltes wegen, sondern um die Wörter, die sie -kannte, herauszufinden, und die Erläuterung neuer Wörter durch den -Zusammenhang, durch die Verbindung mit schon bekannten, bereicherten -Helens Wortschatz. Die Bücher sind der Speicher der Sprache, und -jedes Kind, mag es taub sein oder nicht, muß lernen, wenn seine -Aufmerksamkeit in irgend einer Weise auf gedruckte Blätter gelenkt -wird. Es lernt nicht dadurch, daß es liest, was es versteht, sondern -dadurch, daß es Wörter liest die es nicht versteht, und deren es -sich später erinnert. Und obgleich wenig Kinder ein so frühreifes -Interesse an Büchern nehmen wie Helen Keller, so kann doch die -natürliche Neugierde eines jeden Kindes auf gedruckte Blätter gelenkt -werden, namentlich, wenn der Lehrer geschickt ist und ein Wörterspiel -einleitet, wie es Fräulein Sullivan tat (s. S. 287 f.). Helen Keller -soll eine besondere Sprachbegabung besitzen. Richtiger würde man sagen, -sie besitze eine besondere Begabung für das Denken, und ihre Vorliebe -für die Sprache sei auf den Umstand zurückzuführen, daß die Sprache für -sie gleichbedeutend mit Leben ist. Die Sprache war kein besonderes Fach -für sie wie Geographie oder Arithmetik, sondern das Mittel, durch das -sie zur Kenntnis äußerer Dinge gelangte. - -Als sie im Alter von vierzehn Jahren erst wenige Unterrichtsstunden im -Deutschen gehabt hatte, überlas sie den Text von »Wilhelm Tell« und -versuchte die Handlung des Stückes herauszufinden. Von der Grammatik -wußte sie nichts und kümmerte sich auch nicht um sie. Sie lernte die -Sprache von der Sprache selbst, und dies ist neben dem Hören der -Sprache eine lebendigere und am Ende auch leichtere Art und Weise, eine -fremde Sprache zu erlernen, als unsere Schulmethode, mit der Grammatik -zu beginnen. Auf dieselbe Weise spielte sie mit dem Latein, indem sie -nicht allein aus den Lektionen lernte, die ihr erster lateinischer -Lehrer ihr gab, sondern auch daraus, daß sie die Worte eines Textes -immer und immer wieder überlas -- ein Spiel, das sie für sich selbst -trieb. - -Herr John D. Wright, einer ihrer Lehrer an der Wright-Humason-Schule, -schreibt über Helen: - -Oft fand ich sie, wenn sie einen Augenblick freie Zeit hatte, in ihrer -Lieblingsecke auf einem Armstuhle sitzen, auf dessen Seitenlehnen -das schwere in Blindendruck hergestellte Buch ruhte, während sie -ihren Finger langsam über die Zeilen von Molières Lustspiel »~Le -Médecin malgré lui~« gleiten ließ und bei den komischen Situationen -und humoristischen Zügen leise vor sich hin lachte. Damals war -ihr Wortvorrat im Französischen noch sehr klein, aber unter -Zuhilfenahme ihres Verstandes vermochte sie die Bedeutung der Wörter -zu erraten, sodaß sie sich den Sinn zusammensetzte wie ein Kind das -Zusammenlegespiel betreibt. Die Folge davon war, daß nach Verlauf -weniger Wochen wir beide, sie und ich, eines Abends eine höchst -heitere Stunde verlebten, in der sie mir die ganze Handlung des Dramas -erzählte, wobei sie mit großem Behagen bei dem darin herrschenden Humor -und blendenden Witze verweilte. Es war keine Unterrichtsstunde, sondern -nur eine ihrer Erholungen. -- - -So ist Helen Kellers Sprachbegabung identisch mit ihrer gesamten -geistigen Begabung, die sich wegen des außerordentlichen Wertes, den -die Sprache für das junge Mädchen besitzt, auf diese geworfen hat. - -Man hat die Frage aufgeworfen, ob Helen Kellers Leistungen ihrer -natürlichen Befähigung oder der bei ihrem Unterricht benutzten Methode -zu verdanken seien. Ohne allen Zweifel würde eine Lehrerin, und -wenn sie zehnmal so genial gewesen wäre wie Fräulein Sullivan, ihre -Schülerin nicht so weit haben bringen können wie Helen Keller, wenn -sie es mit einem unbegabten und geistig minderwertigen Kinde zu tun -gehabt hätte. Andererseits würde aber Helen Keller unzweifelhaft, auch -wenn sie noch zehnmal soviel Genie besessen hätte, sich nicht zu dem -entwickelt haben, was sie ist, wenn sie nicht vom ersten Augenblick an, -namentlich zu Anfang eine so vortreffliche Erziehung genossen hätte. - -Fräulein Sullivan ist eine Persönlichkeit von ungewöhnlichen -Fähigkeiten. Ihre Methode wird, von einem anderen Lehrer ausgeübt, -nicht dieselben Erfolge zeitigen. Fräulein Sullivans starker -selbständiger Geist hat viel von seiner Spannkraft auf ihre -Schülerin übertragen. Dies heißt aber nicht, daß Fräulein Keller -sich in vollständiger Abhängigkeit von ihrer Lehrerin befindet. Es -wird erzählt, daß sie im Alter von acht Jahren einmal, als jemand -sie zu etwas zu bewegen suchte, eine Weile ernst dasaß und dann auf -die Frage, was ihr fehle, antwortete: ~I am preparing to assert my -independence.~ Eine solche eigenwillige Persönlichkeit kann nicht in -völliger Abhängigkeit aufwachsen, selbst nicht unter dem Einfluß eines -Willens, der so stark ist wie der Fräulein Sullivans. Aber letztere hat -vermöge ihrer natürlichen Veranlagung vieles für ihren Zögling getan, -was sich nicht analysieren oder auf ein Prinzip zurückführen läßt: sie -hat ihr die Anregungen zu teil werden lassen, die in dem Wesen der -wahren Freundschaft begründet sind, die die Kräfte beider Teile weit -mehr zur Entfaltung bringt als sie hemmt. Wenn Fräulein Keller außerdem -ein »Engel an Sanftmut und Güte« ist, wenn sie eine starke Liebe »zu -allem Guten und Schönen« hegt, so verdankt sie sicher etwas davon der -Lehrerin, die volle sechzehn Jahre hindurch beständig um sie gewesen -ist. - -Fräulein Sullivan hat demnach vieles für Fräulein Keller getan, -was keine andere Lehrerin in genau derselben Weise für eine andere -Schülerin hätte tun können. Um eine zweite Helen Keller heranzubilden, -müßte man eine zweite Annie Sullivan haben. Um ein anderes taubstummes -und blindes Kind sorgfältig zu erziehen, dazu braucht man nur einen -anderen Lehrer, der unter günstigen Verhältnissen tätig ist, eine -Fülle von äußeren Interessen besitzt, stets mit seinem Zögling -zusammenlebt, völlig freie Hand hat und die Prinzipien, die zu finden -Fräulein Sullivan ihm die Mühe erspart hat, nach seinen Bedürfnissen -anwendet, indem er sie modifiziert und ergänzt, je nachdem er es für -nötig erachtet; ebenso muß der Zögling gesund, von guten natürlichen -Anlagen und jung genug sein, um noch Bildungsfähigkeit zu besitzen. -Jedes taubstumme oder taubstumme und blinde Kind kann, wofern es gesund -ist, unterrichtet werden. Und die einzigen, die dies zu tun vermögen, -sind die Eltern, oder ein Hauslehrer, nicht die Schule. Dieser Satz -wird von den Leitern von Taubstummenanstalten sicher auf das heftigste -bekämpft werden. Unzweifelhaft ist die Taubstummenanstalt die einzige -Möglichkeit für den staatlichen Unterricht. Aber es ist klar, daß das, -worin das taubstumme Kind unterwiesen werden soll, gerade das ist, was -andere Kinder lernen, bevor sie überhaupt in die Schule gehen. Als -Fräulein Sullivan in den Geflügelhof trat, ein junges Hühnchen aufhob -und mit Helen darüber sprach (s. S. 236), so erteilte sie eine Art von -Unterricht, der innerhalb der vier Wände unmöglich ist. - -Augenscheinlich befindet sich ~Dr.~ Howe im Irrtum, wenn er sagt: Ein -Lehrer kann kein Kind sein. Gerade dies ist es, was der Lehrer eines -taubstummen Kindes sein muß, selbst ein Kind, bereit, zu spielen und -herumzutollen und an allem kindlichen Tun Interesse zu finden. - -Wesentlich für Helen Kellers Entwickelung war der Umstand, daß sie -während der ersten neunzehn Monate ihres Lebens sehen und hören konnte. -Dies bedeutete eine gewisse geistige Entwickelung. Außerdem besaß sie -von ihren Eltern her gute körperliche und geistige Anlagen. Sie drückte -ihre Gedanken durch Zeichen aus, ehe sie sprechen lernte. Frau Keller -äußerte in einem Briefe, daß Helen vor ihrer Krankheit für all und -jedes Zeichen gebrauchte, und glaubte, diese Angewohnheit sei schuld -daran, daß das Kind so spät sprechen gelernt habe. Nach der Krankheit, -als sie vollständig auf Zeichen angewiesen war, entwickelte sich Helens -Neigung zur Gestikulation. Wie weit sich andere ihr verständlich machen -konnten, läßt sich schwer feststellen, aber sie erkannte viel von dem, -was um sie herum vorging. Sie wußte, daß andere ihre Lippen bewegten, -sie »sah« ihren Vater eine Zeitung lesen, und als dieser sie beiseite -gelegt hatte, setzte sie sich auf seinen Stuhl und hielt die Zeitung -vor ihr Gesicht (s. S. 14). Ihre anfänglichen Wutausbrüche waren ein -unglücklicher Ausdruck ihrer angeborenen Charakterstärke, die durch die -Erziehung später in geschulte und geregelte Kraft umgewandelt wurde. - -So war es denn eine dankbare Aufgabe für Fräulein Sullivan, einer -solchen Schülerin ihre Hingebung, ihre Intelligenz und ihre vor keiner -Schwierigkeit zurückschreckende Willfährigkeit zu widmen. Fräulein -Sullivans Methode war so vorzüglich, daß jedermann deren Richtigkeit -anerkennen müßte, selbst wenn sie keinen Erfolg gehabt hätte. -Zudem besaß Fräulein Sullivan eine große Energie. Und schließlich -begünstigten alle Umstände diesen ersten Unterricht, bei dem Lehrerin -und Schülerin in untrennbarer Gemeinschaft miteinander spielten, sich -gegenseitig ergründeten und gegenseitig erzogen. - - [23] Vergl. „~The life and Education of Laura Dewey Bridgman~“ von - Mary Swift Lamson. -- Jerusalem, Laura Bridgman. Eine - psychologische Studie. - - [24] Vergl. auch S. 62 ff. - - [25] Vergl. S. 148. - - [26] Vergl. S. 149. - - [27] Siehe S. 135. - - - - -Helen Kellers Sprache. - - Fräulein Sullivans Bericht über Helens Unterricht in der Lautsprache. - -- Eigentümlichkeiten von Helens Aussprache. -- Ansprache Helens in - Mt. Airy bei Philadelphia. - - -Fräulein Keller hat selbst erzählt, in welcher Weise sie sprechen -gelernt hat (s. S. 57 ff.). Eine wichtige Ergänzung zu dieser -Darstellung bieten die Mitteilungen Fräulein Sullivans in dem -Jahresbericht des Perkinsschen Instituts für 1891. Es heißt darin unter -anderem: - -„Ich wußte, daß Laura Bridgman dasselbe instinktive Verlangen wie -Helen gezeigt hatte, Töne hervorzubringen, und sogar etliche einfache -Wörter auszusprechen gelernt hatte, die zu gebrauchen ihr großes -Vergnügen machte, und ich zweifelte nicht im geringsten, daß Helen -mindestens soviel wie sie erreichen könne. Ich glaubte jedoch, daß der -Vorteil, der ihr daraus erwachsen würde, in keinem Verhältnis zu dem -Aufwande an Zeit und Mühe stehen werde, den ein solches Experiment -erfordert hätte. - -Außerdem macht der Mangel an Kontrolle durch das Gehör die Stimme -eintönig und oft sehr unangenehm, und eine solche Sprache ist in der -Regel, außer für die näheren Bekannten des Sprechenden, unverständlich. - -Die Aneignung der Sprache durch taube Kinder, die noch keinen sonstigen -Unterricht genossen haben, geht langsam und oft mühevoll vor sich. -Es wird, wie es mir scheint, häufig zuviel Wert auf die Unterweisung -eines tauben Kindes in der Lautsprache gelegt -- ein Umstand, der für -die geistige Entwickelung des Zöglings von Nachteil sein kann. In der -Tat ist die Lautsprache ein ungenügendes Erziehungsmittel, während -der Gebrauch des Fingeralphabets die geistige Regsamkeit fördert -und kräftigt, da durch dieses das Kind in nahe Berührung mit seiner -Muttersprache gebracht wird und die höchsten und abstraktesten Ideen -seinem Geiste leicht und vollständig vermittelt werden können. Helens -Beispiel beweist, daß es auch für die Aneignung der Lautsprache ein -Hilfsmittel von unschätzbarem Werte ist. Sie war mit den Wörtern -und der Konstruktion der Sätze schon vollständig vertraut und hatte -nur noch mechanische Schwierigkeiten zu überwinden. Außerdem wußte -sie, was die Sprache ihr für einen Genuß gewähren würde, und diese -genaue Erkenntnis des Zieles ihres Strebens bereitete ihr schon eine -Vorfreude, die alle Mühsal leicht machte. Das unterrichtete taube Kind, -das zum Artikulieren angehalten wird, kennt sein Ziel nicht, und die -Unterweisung im Sprechen ist ihm lange Zeit lästig und bedeutungslos. - -Ehe ich die Art und Weise schildere, in der Helen sprechen lernte, -dürfte es angebracht sein, kurz zu erwähnen, in welchem Maße sie -ihre Stimmorgane gebraucht hatte, ehe sie regelmäßigen Unterricht im -Artikulieren erhielt. Als sie im Alter von neunzehn Monaten von der -Krankheit befallen wurde, die den Verlust des Gesichts und Gehörs -herbeiführte, begann sie gerade sprechen zu lernen. Das bedeutungsleere -Stammeln des kleinen Kindes wurde von Tag zu Tage immer mehr zu -bewußten, willkürlichen Zeichen für das, was es fühlte und dachte. -Aber die Krankheit hemmte ihre Fortschritte in der Aneignung der -Lautsprache, und als ihre körperliche Gesundheit zurückkehrte, fand -es sich, daß sie aufgehört hatte, verständlich zu sprechen, weil sie -keinen Laut mehr hörte. Sie fuhr fort, ihre Stimmorgane mechanisch zu -gebrauchen, wie es die Kinder in der Regel tun. Ihr Weinen und Lachen -sowie der Klang ihrer Stimme, wenn sie einzelne Wortelemente aussprach, -waren vollkommen natürlich, aber das Kind verband offenbar keinen -Sinn mit ihnen, und mit einer einzigen Ausnahme brachte es dieselben -nicht in der Absicht hervor, sich mit seiner Umgebung zu verständigen, -sondern aus dem bloßen Bedürfnisse, sein angeborenes, organisches, -ererbtes Ausdrucksvermögen zu üben. Mit dem Worte ~water~, das eines -der ersten war, die ihre kleinen Lippen bilden lernten, verband Helen -jedoch stets einen Sinn, und es war dies das einzige Wort, das sie auch -nach dem Verluste ihres Gehörs zu gebrauchen fortfuhr. Ihre Aussprache -des Wortes wurde jedoch allmählich undeutlich, und als ich sie -kennen lernte, war nur noch ein eigentümliches Geräusch davon übrig. -Nichtsdestoweniger war es das einzige Zeichen, das sie stets für Wasser -gebrauchte, und sie vergaß das gesprochene Symbol nicht eher, als sie -das Wort mit ihren Fingern buchstabieren gelernt hatte. Das Wort -~water~ und die Gebärde, die dem Worte »Lebewohl« entspricht, schienen -alles zu sein, was das Kind von den natürlichen und erworbenen Zeichen -behalten hatte, mit denen es vor seiner Krankheit vertraut geworden war. - -Als sie durch den Gefühlssinn (ich gebrauche das Wort in dem -umfassendsten Sinne, sodaß es alle Tasteindrücke einschließt) mit ihrer -Umgebung bekannt wurde, empfand sie immer dringender das Bedürfnis, -sich mit derselben zu verständigen. Ihre Händchen befühlten jeden -Gegenstand und beobachteten jede Bewegung der Personen, mit denen sie -zusammenkam, und sie ahmte diese Bewegungen rasch nach. - -Als ich in Tuscumbia eintraf, hatte sie sich über sechzig Zeichen -zurechtgemacht, die alle nachahmender Natur waren und von ihren -Bekannten leicht verstanden wurden. So oft sie etwas sehr dringend -verlangte, gestikulierte sie auf höchst ausdrucksvolle Art. Gelang -es ihr nicht, sich verständlich zu machen, so wurde sie heftig. In -den Jahren ihrer geistigen Kerkerhaft war sie gänzlich auf Zeichen -angewiesen und konnte sich selbst keinerlei Art Lautsprache schaffen, -die imstande gewesen wäre, Gedanken auszudrücken. Es scheint jedoch, -daß sie noch während ihrer Leidenszeit die Lippenbewegungen ihrer -Mutter verfolgte. - -Wenn sie unbeschäftigt war, so irrte sie ruhelos durch das ganze Haus -und stieß dabei sonderbare, obgleich selten unangenehme Töne aus. Ich -habe sie ihre Puppe wiegen sehen, wobei sie ein beständiges monotones -Summen hervorbrachte, während sie mit den Fingern der anderen Hand -die Bewegungen ihrer Lippen verfolgte. Dies war eine Nachahmung des -Wiegengesanges ihrer Mutter. Gelegentlich brach sie in ein lustiges -Gelächter aus, und dann streckte sie ihre Hand aus, und legte sie -irgend jemand, der sich in ihrer Nähe befand, auf den Mund, um sich -zu vergewissern, ob er ebenfalls lache. Konnte sie kein Lächeln -entdecken, so gestikulierte sie erregt und versuchte ihre Gedanken zum -Ausdruck zu bringen; wenn es ihr aber nicht gelang, den anderen zum -Lachen zu bringen, so saß sie ein paar Augenblicke mit verwirrtem und -enttäuschtem Gesichtsausdruck still da. Die einzigen Wörter, die sie -vor dem März 1890 mit einiger Deutlichkeit auszusprechen gelernt hatte, -waren ~papa~, ~mamma~, ~baby~, ~sister~. Diese Wörter hatte sie ohne -besondere Unterweisung ihren Bekannten von den Lippen abgelesen. Man -sieht, sie enthalten drei vokalische und sechs konsonantische Elemente, -und diese bildeten die Grundlage für ihren ersten wirklichen Unterricht -im Sprechen. - -Zu Ende der ersten Lektion war sie imstande, folgende Laute deutlich -auszusprechen[28]: ~a, ä, â, ē, ĭ, ô, c~ (weich wie ~s~ und hart -wie ~k~), ~g~ (hart), ~b, l, n, m, t, p, s, u, k, f~ und ~d~. Die -Aussprache mehrerer miteinander verbundener harter Konsonanten in -demselben Wort fällt ihr jetzt noch schwer; oft unterdrückt sie den -einen und verändert den anderen, und manchmal ersetzt sie beide durch -einen ähnlichen Laut mit einer sanften Aspiration. Anfangs machte sich -die Verwechselung von ~l~ und ~r~ bei ihrem Sprechen recht bemerkbar. -Wiederholt wollte sie den einen Laut für den anderen gebrauchen. Die -große Schwierigkeit in der Aussprache des ~r~ machte diesen Laut zu -einem der letzten, die sie bemeisterte. Auch das ~ch~, ~sh~ und ~g~ -verursachten ihr viele Mühe, und sie spricht sie jetzt noch nicht -deutlich aus. - -Als sie noch nicht eine volle Woche gesprochen hatte, traf sie eines -Tages einen ihrer Bekannten, Herrn Rodocanachi; sie begann sofort -sich mit der Aussprache seines Namens abzumühen, und ließ nicht eher -nach, als bis sie imstande war, das Wort deutlich zu artikulieren. -Ihr Interesse erlahmte keinen Augenblick, und in ihrem Eifer, die -Schwierigkeiten zu überwinden, die sich ihr von allen Seiten in den Weg -stellten, strengte sie ihre Kräfte bis zum äußersten an und erlernte in -elf Lektionen sämtliche einzelnen Elemente der Sprache.“ -- - - * * * * * - -Gegenwärtig ist ihre Stimme leise und angenehm. Ihre Sprache entbehrt -jedoch der Mannigfaltigkeit und Modulation; sie fließt in einem -singenden Tonfalle fort, wenn sie laut liest, und wenn sie einigermaßen -laut spricht, so bewegt sich ihre Stimme um zwei bis drei Mitteltöne -herum. Ihre Stimme besitzt einen ausgesprochen aspirierten Klang; sie -hört sich an, als würde auf den Laut zuviel Atem verwendet. Einige -von ihren Tönen sind musikalisch und wohlklingend. Erzählt sie eine -Kindergeschichte oder trägt sie etwas Pathetisches vor, so gleitet -ihre Stimme in angenehmen Uebergängen von einem Tone zum anderen. -Ihre Vortragsweise erinnert dann an das nicht völlig gut getroffene -Verweilen bei langen Wörtern, das man bei einem Kinde wahrnimmt, -welches eine feierliche Geschichte erzählt. - -Der Hauptmangel an Helens Sprache besteht in dem Fehlen der -Satzbetonung und der Mannigfaltigkeit der Modulation bei dem -Aussprechen der einzelnen Satzglieder. Fräulein Keller betont jedes -Wort wie ein Ausländer, der noch mit den einzelnen Satzbestandteilen -zu kämpfen hat, oder wie Kinder zuweilen in der Schule lesen, wenn sie -jedes Wort für sich aussprechen. - -Außer dem Englischen spricht sie Französisch und Deutsch. Ihr Freund, -Herr John Hitz, dessen Muttersprache das Deutsche ist, bezeichnet -ihre Aussprache als ganz vorzüglich. Ein anderer Freund, der sowohl -mit dem Englischen wie mit dem Französischen vertraut ist, findet ihr -Französisch viel verständlicher als ihr Englisch. Wenn sie englisch -spricht, so verteilt sie die Betonung wie im Französischen und legt -nicht genügend Nachdruck auf die accentuierten Silben; auch ist ihre -Aussprache desselben Wortes von einem Tage zum anderen verschieden. - -Sie begeht mitunter Fehler in der Aussprache, wenn sie laut liest -und dabei auf ein Wort stößt, das sie noch nie zuvor ausgesprochen -hat, mag sie es auch schon verschiedene Male geschrieben haben. Diese -Schwierigkeit wird sich jedoch nebst einigen anderen beseitigen lassen, -sobald sie und Fräulein Sullivan mehr Zeit haben. Seit 1894 haben sie -sich so in ihre Bücher vergraben, daß sie alles vernachlässigten, was -nicht unmittelbar mit der nächstliegenden Aufgabe der erfolgreichen -Absolvierung ihrer Studien zusammenhing. - -Als Helen die Wright-Humason-Schule in New York besuchte, bemühte -sich ~Dr.~ Humason, ihre Stimme zu verbessern, und zwar nicht nur die -+Aussprache+, und stellte mit ihr Laut- und Stimmübungen an. - -Es läßt sich schwer sagen, ob Fräulein Kellers Sprache leicht zu -verstehen ist oder nicht. Manche verstehen sie leicht, andere nicht. -Ihre näheren Bekannten sind an ihre Sprache gewöhnt und vergessen, -daß diese von der normalen abweicht. Kinder finden es selten schwer, -sie zu verstehen; dies erklärt sich daraus, daß Helens bedachtsame, -wohlabgemessene Sprache der ihrigen gleicht, bevor sie sich den -Kunstgriff der Erwachsenen angeeignet haben, alle Wörter eines Satzes -in einem Atemzug zu sprechen. Fräulein Keller soll besser sprechen als -die meisten Tauben. - -Im Ablesen von den Lippen ist sie nicht so gewandt und geschickt, -wie von manchen behauptet wird. Es ist für sie höchst mühsam und -umständlich, sich auf diesem Wege Kenntnis von dem zu verschaffen, -was man ihr mitteilen will, wenn nicht Fräulein Sullivan oder jemand -anders, der sich auf das Fingeralphabet versteht, zugegen ist, um -Fräulein Keller die gesprochenen Worte in die Hand zu buchstabieren. - -Präsident Roosevelt hatte im Frühjahr 1902 wenig Schwierigkeit, sich -Fräulein Keller verständlich zu machen; sie verstand jedes Wort, denn -des Präsidenten Sprache ist äußerst deutlich. - -Man darf nicht vergessen, daß das Sprechen in keiner Weise etwas -zu Fräulein Kellers erster Erziehung beitrug, obgleich sie ohne -Sprachfertigkeit schwerlich imstande gewesen wäre, die höheren Schulen -und die Universität zu besuchen. Aber sie weiß besser als sonst -jemand, was für einen unermeßlichen Wert die Sprache für sie hat. Das -beredteste Zeugnis dafür legt die Ansprache ab, die Helen am 8. Juli -1896 bei der fünften Versammlung der »Amerikanischen Vereinigung zur -Förderung der Unterweisung der Taubstummen im Sprechen« in Mt. Airy bei -Philadelphia gehalten hat. Sie lautet folgendermaßen: - - * * * * * - -Wüßten Sie, welche Freude mich beseelt, daß ich imstande bin, heute -zu Ihnen zu sprechen, so würden Sie, glaube ich, einen Begriff von -dem Werte der Sprache für die Tauben erhalten und verstehen, weshalb -ich es wünsche, daß jedes taubstumme Kind auf dieser ganzen großen -Welt Gelegenheit fände, sprechen zu lernen. Ich weiß, daß über diesen -Gegenstand viel gesprochen und geschrieben worden ist und daß in Bezug -auf den mündlichen Unterricht eine große Meinungsverschiedenheit -zwischen den Taubstummenlehrern herrscht. Es erscheint mir äußerst -seltsam, daß hier überhaupt von einer Meinungsverschiedenheit die Rede -sein kann; ich kann nicht verstehen, wie jemand, der sich für unsere -Erziehung interessiert, uns die Genugtuung nicht soll nachfühlen -können, die wir empfinden, wenn wir imstande sind, unsere Gedanken in -lebendigen Worten auszudrücken. Ich für meine Person wenigstens pflege -beständig zu sprechen, und ich weiß nicht, wie ich Ihnen den Genuß -schildern soll, den mir dieses gewährt. Natürlich weiß ich, daß es für -Fremde nicht immer leicht ist, mich zu verstehen, aber auch das wird -sich nach und nach ändern, und inzwischen habe ich das unaussprechliche -Glück, zu wissen, daß meine Angehörigen und Freunde sich über meine -Fähigkeit zu sprechen freuen. Meine kleine Schwester und mein kleiner -Bruder haben es gern, wenn ich ihnen an den langen Sommerabenden -Geschichten erzähle, und meine Mutter und meine Lehrerin bitten mich -oft, ihnen aus meinen Lieblingsbüchern vorzulesen. Ebenso bespreche -ich politische Dinge mit meinem geliebten Vater, und wir entscheiden -die verwickeltsten Fragen gerade so befriedigend für uns, wie wenn ich -sehen und hören könnte. So sehen Sie, was die Sprache für ein Segen -für mich ist. Sie bringt mich in engere und zärtlichere Beziehungen -zu denen, die ich liebe, und ermöglicht es mir, mich der trauten -Gesellschaft einer großen Zahl von Menschen zu erfreuen, von der ich -völlig abgeschnitten sein würde, wenn ich nicht sprechen könnte. - -Ich kann mich noch der Zeit entsinnen, bevor ich sprechen lernte, -und wie ich mich bemühte, meine Gedanken mittels des Fingeralphabets -auszudrücken -- wie meine Gedanken fortwährend gegen meine -Fingerspitzen schlugen wie kleine Vögel, die nach Freiheit strebten, -bis eines Tages Fräulein Fuller ihnen die Kerkertür weit öffnete und -sie entfliehen ließ. Ich möchte wohl wissen, ob sie sich noch daran -erinnert, wie munter und fröhlich sie ihre Schwingen entfalteten und -davonflatterten. Natürlich fiel ihnen das Fliegen anfangs ziemlich -schwer. Die Sprachschwingen waren schwach und gebrochen und hatten alle -Anmut und Schönheit verloren, die sie einst besessen hatten; es war -in der Tat nichts übriggeblieben als der Trieb, zu fliegen; aber dies -war immerhin schon etwas. Wer den Trieb zum Schweben in sich fühlt, -kann nie mehr mit dem Kriechen zufrieden sein. Nichtsdestoweniger -aber kam es mir bisweilen vor, als würde ich meine Sprachschwingen -nie so gebrauchen können, wie ich sie nach Gottes Ratschluß benutzen -sollte; es stellten sich mir so viele Hindernisse in den Weg, ich -mußte so viele Enttäuschungen erfahren; aber ich ermüdete nicht, da -ich wohl wußte, daß Geduld und Ausdauer am Ende den Sieg erringen. Und -während ich unausgesetzt an mir arbeitete, baute ich die schönsten -Luftschlösser und gab mich den entzückendsten Träumen hin, daß einst -eine Zeit kommen würde, da ich so sprechen würde wie andere Menschen, -und der Gedanke an die Freude, die meine Mutter empfinden würde, wenn -sie noch einmal meine Stimme hören könnte, versüßte mir jede Mühe und -machte jeden Fehlschlag zu einem Ansporn, mich das nächstemal noch -mehr anzustrengen. Daher möchte ich zu denen, die sprechen lernen, und -ebenso zu denen, die diese sprechen lehren, sagen: Seid gutes Mutes! -Denkt nicht an die Fehlschläge von heute, sondern an den Erfolg, der -morgen kommen wird. Ihr habt euch eine schwierige Aufgabe gestellt, -aber ihr werdet euer Ziel erreichen, wenn ihr Ausdauer besitzet und -ihr werdet Freude am Ueberwinden von Schwierigkeiten, Genuß am Begehen -rauher Pfade finden -- eine Genugtuung, die euch vielleicht nie -zuteil würde, wenn ihr nicht ab und zu rückwärts glittet, wenn die -Straße stets eben und glatt wäre. Beherziget die Wahrheit, daß keine -Anstrengung, die wir machen, um ein herrliches Ziel zu erreichen, je -verloren geht. Einst, irgendwo, irgendwie werden wir finden, was wir -suchen. Ja, wir werden sprechen und auch singen, wie wir nach Gottes -Ratschluß sprechen und singen +sollen+. - - [28] Die Buchstaben bezeichnen +englische+ Laute! - - - - -Helen Keller als Schriftstellerin. - - Helen Kellers hervorragende stilistische Begabung und deren Pflege. - -- Gute Lektüre. -- Unausgesetzte Kontrolle der Stilübungen Helens - durch Fräulein Sullivan. -- Fräulein Sullivans Darstellung der - Episode mit dem »Frostkönig«. -- Gegenüberstellung der beiden - Fassungen des Märchens. -- Fräulein Canbys Aeußerungen über den - Zwischenfall. -- Allgemeine Betrachtungen über den »Frostkönig«. -- - Kleinerer Aufsatz Helens über ihr Traumleben. - - -Niemand kann Fräulein Kellers Selbstbiographie lesen, ohne die -Empfindung zu haben, daß sie ein außergewöhnlich gutes Englisch -schreibt. Jeder Aufsatzlehrer weiß, daß er seine Schüler dahin bringen -kann, ohne syntaktische und phraseologische Fehler zu schreiben. Eben -diese Korrektheit ist es, die sich Fräulein Kellers früheste Erziehung -als ein Ziel gesteckt hat, das jedes gesunde Kind erreichen kann, für -die aber auch die Analysis dieser Erziehung eine Erklärung bietet. -Diejenigen, die Helen zu einer Ausnahme stempeln möchten, die sich -durch keinerlei Analyse ihrer ersten Erziehung erklären ließe, berufen -sich zur Unterstützung ihrer Behauptung auf die außerordentliche -Gewandtheit, mit der sie schon als Kind die Sprache handhabte. - -Diese Berufung ist bis zu einem gewissen Grade gerechtfertigt, denn in -der Tat sind der Wohllaut der Sprache und die Schönheit der Gedanken, -die den vollendeten Stil ausmachen, freie Gaben der Götter. Kein Lehrer -hätte Helen für die Schönheiten der Sprache und das feinere Herüber- -und Hinüberspielen der Gedanken empfänglich machen können, das seinen -Ausdruck in wohlklingenden Wortzusammenstellungen sucht. - -Andererseits kann aber die angeborene stilistische Begabung unterdrückt -oder gepflegt werden. Kein Genie vermag aus sich selbst heraus eine -schöne Sprache zu schaffen. Der Stoff, aus welchem sich der gute -Stil bildet, muß dem Geiste in guter Form von außen her zugeführt -werden. Kein noch so begabtes Kind wird ein gutes Englisch schreiben -können, wenn es nicht von Jugend auf gutes Englisch gehört hat. In -diesem Punkte, wie in allen anderen, hat sich Fräulein Sullivan als -weise Lehrerin bewährt. Hätte sie kein Gefühl und keine Begeisterung -für gutes Englisch besessen, so würde Helen Keller unter dem Einfluß -der »Jugendliteratur« aufgewachsen sein, die unter dem Vorwande -eines für Kinder berechneten einfachen Stils das Niveau der Sprache -herunterdrückt, als ob Kinderbücher nicht auch in gutem Stile abgefaßt -sein könnten, wie z. B. Robinson Crusoe. - -Schriebe Fräulein Sullivan ein gewähltes Englisch, so ließe sich die -Schönheit von Helen Kellers Stil zum Teil unmittelbar erklären. Aber -die mitgeteilten Auszüge aus Fräulein Sullivans Briefen und Berichten -weisen, obgleich sie klar und deutlich sind, nicht die Schönheit -auf, durch die sich Helen Kellers Englisch auszeichnet. Was sie als -Lehrerin des Englischen geleistet hat, darf nicht nach ihrer eigenen -stilistischen Gewandtheit bemessen werden. Der Grund, weswegen sie -ihrer Schülerin so viele gute Bücher vorlas, liegt zum Teil darin, -daß sie erst vor kurzem ihr Augenlicht wieder erlangt hatte. Als sie -Helen Kellers Lehrerin wurde, war sie eben erst zum Bewußtsein der in -den Büchern ruhenden Schätze erwacht, von denen sie während der langen -Jahre ihrer Blindheit ausgeschlossen gewesen war. - -In Hauptmann Kellers Bibliothek fand sie ausgezeichnete -Bücher vor: Lambs »~Tales from Shakespeare~« und die noch -vortrefflicheren Schriften von Montaigne. Nach Ablauf des ersten, dem -Elementarunterricht gewidmeten Jahres betrachtete sie ihre Schülerin -als mit ihr auf demselben Standpunkt stehend, und nun lasen beide die -guten Bücher zusammen, und erfreuten sich an ihnen. - -Außer der Wahl guter Bücher gibt es noch einen anderen Grund für -Fräulein Kellers ausgezeichnete schriftstellerische Leistungen, -der Fräulein Sullivans ausschließliches Verdienst ist. Es ist die -unermüdliche und unablässige Kontrolle, die sie in ihrer gesamten -Tätigkeit kundgibt. Sie gestattete ihrer Schülerin niemals, einen Brief -abzuschicken, der Verstöße gegen den guten Geschmack enthielt, sondern -ließ sie ihn immer und immer wieder abschreiben, bis er nicht nur -fehlerlos, sondern auch gut stilisiert war. - -Ein weiterer Umstand, der zu Helen Kellers meisterhafter Beherrschung -der englischen Sprache beigetragen hat, besteht gerade darin, daß -sie des Gesichts und Gehörs beraubt ist. Die Nachteile der Taubheit -und Blindheit waren überwunden worden, und die Vorteile blieben. Sie -zeichnet sich vor anderen Tauben aus, weil sie unterrichtet wurde, als -wäre sie normal. Andererseits veranlaßt sie der spezielle Wert, den -die Sprache für sie hat (während die Vollsinnigen diese als ebenso -selbstverständlich betrachten wie den Gebrauch ihrer rechten Hand), zum -Nachdenken über die Sprache und zu deren Wertschätzung. Die Sprache war -Helens Befreierin, die sie vom ersten Augenblick an liebte. - -Den besten Beweis für Helens frühzeitige Gewandtheit im Gebrauche der -englischen Sprache liefert der Zwischenfall mit dem »Frostkönig«. Zu -der Darstellung, welche Fräulein Keller selbst davon gibt,[29] tritt -ergänzend ein Brief Fräulein Sullivans an den Leiter des »Volta-Bureau« -John Hitz in Washington. Es heißt darin unter anderem: - -„Vielleicht entsinnen Sie sich, daß in meinem Aufsatz,[30] in -dem ich Helens ungewöhnliches Gedächtnis erwähne, sich auch die -Bemerkung findet, daß sie in ihrem Geist viele Ausdrucksformen zu -bewahren scheint, die sie zu der Zeit, als sie ihr mitgeteilt wurden, -wahrscheinlich noch nicht verstand, daß aber mit fortschreitender -Entwickelung die in ihrem Gedächtnis aufbewahrte Sprache ganz -oder teilweise ihren Ausdruck in Helens Unterhaltung oder ihren -schriftlichen Aeußerungen findet, je nachdem sich diese Ausdrucksformen -mehr oder weniger ihren neuen Erfahrungen anpassen.[31] Zweifellos ist -dies bei jedem intelligenten Kinde der Fall und verdient vielleicht -bei Helen nur von dem Gesichtspunkte aus besondere Erwähnung, daß -man von einem des Gesichts und Gehörs beraubten Kinde nicht eine so -bedeutende geistige Begabung erwartet, wie sie dieses kleine Mädchen -tatsächlich zeigt. Es ist daher auch sehr leicht möglich, daß wir -geneigt sind, vieles, was wir in Helens Entwickelung entdecken, als -wunderbar zu betrachten, was aber in der Tat eine solche Bezeichnung -gar nicht verdient. - -Ich möchte hinzufügen, daß, während ich nie verkannt habe, daß Helen -vielfach Gebrauch von solchen Schilderungen und Vergleichen machte, wie -sie ihrer lebhaften Phantasie und feinen poetischen Natur entsprachen, -mich neuere Beobachtungen davon überzeugt haben, daß ich früher noch -nicht in vollem Maße erkannt habe, bis zu welchem Grade sie sich die -Sprache ihrer Lieblingsschriftsteller zu eigen macht. In den ersten -Jahren ihrer Erziehung hatte ich volle Kenntnis von allen Büchern, die -sie las, und von nahezu allen Erzählungen, die wir ihr vorlasen, und -konnte ohne Schwierigkeit die Quelle aller Anlehnungen feststellen, -die ich in ihren schriftlichen Aeußerungen oder ihrer Unterhaltung -bemerkte, und ich habe mich immer recht gefreut, zu beobachten, wie -angemessen sie die Ausdrücke eines Lieblingsschriftstellers in ihren -eigenen Ausarbeitungen anwendet. - -Die folgenden Auszüge aus einigen ihrer veröffentlichten Briefe -beweisen, wie stark dieses Vermögen, eine schöne Sprache im Gedächtnis -zu bewahren, bei ihr ausgebildet ist. An einem schönen sonnigen Tage -zu Beginn des Frühlings, den wir im Norden zubrachten, schien die -balsamische Atmosphäre in ihr die Empfindung geweckt zu haben, die -Longfellow im »Hiawatha« ausspricht, und sie singt beinahe mit dem -Dichter: Die Erde erzitterte unter dem Jubel des neuerwachenden Lebens. -Mein Herz sang vor lauter Freude. Ich dachte an mein teures Vaterhaus. -Ich wußte, daß in jenem sonnigen Lande der Lenz schon in all seiner -Pracht erschienen war, mit all seinen Vögeln und all seinen Blüten, all -seinen Blumen und seinen Gräsern. -- - -Um dieselbe Zeit gibt sie in einem Briefe an eine Freundin, in dem -sie ihrer südlichen Heimat gedenkt, eine so genaue Umschreibung eines -Gedichtes eines ihrer Lieblingsschrifststeller, daß ich die Auszüge aus -Helens Brief und dem Gedichte selbst nebeneinanderstellen möchte. - - Aus dem »Spring« betitelten - Aus Helens Brief. Gedichte von Oliver Wendell - Holmes. - - ~The blue-bird with his ~The blue-bird, breathing from - azure plumes, the thrush his azure plumes - clad all in brown, the robin The fragrance borrowed from - jerking his spasmodic throat, the myrtle blooms; - the oriole drifting like a flake The thrush, poor wanderer, - of fire, the jolly bobolink and dropping meekly down, - his happy mate, the mockingbird Clad in his remnant of - imitating the notes of autumnal brown; - all, the red-bird with his The oriole, drifting like a - one sweet trill, and the busy flake of fire - little wren, are all making Rent by a whirlwind from - the trees in our front yard a blazing spire; - ring with their glad songs.~ The robin, jerking his - spasmodic throat, - Repeats imperious, his - staccato note; - The crack-brained bobolink - courts his crazy mate, - Poised on a bullrush tipsy - with his weight: - Nay, in his cage the lone - canary sings, - Feels the soft air, and - spreads his idle wings.~ - -In einem Briefe an eine Freundin im Perkinsschen Institute vom 17. Mai -1889 gibt sie eine Nachbildung eines Andersenschen Märchens, das ich -ihr kurz zuvor vorgelesen hatte.[32] - -Ihre Bewunderung für die eindrucksvollen Belehrungen, die Bischof -Brooks ihr über die Vaterliebe Gottes erteilt hatte, war sehr groß. -In einem seiner Briefe spricht er davon, wie Gott uns in allen Dingen -von seiner Liebe predigt, und sagt: Er schreibt auf alle Wände des -großen Hauses der Natur, in dem wir leben, daß er unser Vater ist. Im -darauffolgenden Jahre sagte sie in Andover: Die Welt scheint mir voller -Güte, Schönheit und Liebe zu sein, und wie dankbar müssen wir unserem -himmlischen Vater sein, der uns so viel Veranlassung zur Freude gegeben -hat! Seine Liebe und Treue stehen mit großen Lettern auf allen Wänden -der Natur geschrieben. -- - -Später, als Helen mit so vielen Menschen in Berührung kam, die sich -ungezwungen mit ihr unterhalten konnten, wurde sie mit manchen Werken -bekannt, von denen ich nichts wußte; auch fand sie in Hochdruckbüchern, -bei deren Lektüre ich ihr nicht folgen konnte, viel Material zur -Ausbildung ihres Geschmackes an poetischen Schilderungen. Die Blätter -des Buches, das sie liest, werden ihr zu Gemälden, denen ihre Phantasie -Leben und Farbe verleiht. Die Bilder, die die Sprache des Buches in -ihrem Gedächtnis zurückläßt, scheinen einen unauslöschlichen Eindruck -auf sie zu machen, und oft, wenn sie einer ähnlichen Situation -gegenübersteht, strömt dieselbe Sprache mit wunderbarer Genauigkeit -wieder hervor. - -Helens Geist ist so geartet, daß die leiseste Anregung genügt, ihr -die denkbar größte Fülle äußerer Eindrücke zu vermitteln. Als wir -eines Tages in Alabama in der Nähe der Quellen an den Hügelabhängen -Feldblumen pflückten, schien sie gleich beim ersten Male zu begreifen, -daß die Quellen von Bergen umgeben seien, und rief aus: Die Berge -drängen sich um die Quellen, um ihr eigenes schönes Spiegelbild zu -betrachten. -- Ich weiß nicht, woher sie diese Ausdrücke hatte; doch -ist soviel klar, daß sie ihr von außen zugeflossen sein müssen, da -es für ein des Gesichtes beraubtes Kind wohl schwerlich möglich sein -dürfte, von selbst auf eine solche Vorstellung zu verfallen. In der -Schilderung eines Ausflugs nach Lexington schreibt sie: -- Während wir -weiterfuhren, konnten wir sehen, wie die Herrscher des Waldes ihre -stolzen Wipfel zu den kleinen Kindern des Waldbodens niederbeugten, -um den Geheimnissen zu lauschen, die diese ihnen zuflüsterten. Die -Anemone, das wilde Veilchen, das Leberblümchen und die komischen -kleinen aufgerollten Farne schauten uns alle unter den braunen Blättern -hervor an. -- Sie schließt ihren Brief mit den Worten: Ich muß zu Bett -gehen, denn Morpheus hat meine Augenlider mit seinem goldenen Stabe -berührt. -- - -Schon zwei Jahre vor dem Zwischenfall mit dem »Frostkönig« hatte Helen -in einem Briefe an Herrn Anagnos (vom 2. und 3. Februar 1890) den -wesentlichen Inhalt eines anderen Märchens von Fräulein Canby, »~The -Rose Fairies~« als einen Traum erzählt, den sie vor langer Zeit -gehabt habe.[33] - -Es mögen nun die beiden Fassungen der Frostmärchen einander -gegenübergestellt werden. - - - Die Frostelfen. Der Frostkönig. - - (Aus »Birdie und seine Freunde, - die Elfen«) von Von Helen A. Keller. - Margaret T. Canby. - - König Frost oder Jack Frost, König Frost wohnt in einem - wie er mitunter genannt wird, schönen Palast fern im Norden, - wohnt in einem kalten Lande in dem Lande des ewigem - fern im Norden; aber jedes Schnees. Der Palast, der über - Jahr unternimmt er eine Reise alle Beschreibung prächtig ist, - über die ganze Erde in einem war schon vor Jahrhunderten, - Wagen von goldenen Wolken, unter der Regierung des Königs - der von einem starken, Gletscher, erbaut. In geringer - pfeilschnellen Rosse, »Nordwind« Entfernung von dem Palaste - mit Namen, gezogen wird. könnten wir ihn leicht für ein - Wohin ihn auch sein Weg Gebirge halten, dessen Gipfel - führt, überall verrichtet er viele sich zum Himmel erheben, um - wunderbare Dinge: er schlägt den letzten Kuß des scheidenden - Brücken über jeden Strom, Tages zu empfangen. Wenn - die so durchsichtig wie Glas wir aber näher kommen, so - und dabei doch so fest wie Eisen werden wir bald unseren Irrtum - sind; er schläfert die Blumen bemerken. Was wir für - und Kräuter durch eine bloße Bergesspitzen hielten, sind in - Berührung mit seiner Hand Wahrheit Tausende von weithin - ein, und sie beugen sich alle glänzenden Türmen. Nichts kann - nieder und versinken in die schöner sein als die Architektur - warme Erde, bis der Frühling dieses Eispalastes. Die - zurückkehrt; dann zaubert Wände sind merkwürdigerweise - er, damit wir um die Blumen aus massiven Eisblöcken - nicht weinen, an unseren erbaut, die in klippenartige - Fensterscheiben liebliche Ranken Türme auslaufen. Das Portal - und Zweige seiner weißen des Palastes liegt am Ende - nordischen Blumen oder zarte eines überwölbten Ganges und - kleine Wälder von Elfentannen wird Tag und Nacht durch - hin, schlohweiß und gar prächtig zwölf grimmig aussehende Eisbären - anzusehen. Doch sein wunderbarstes bewacht. - Werk ist die Bemalung - der Bäume, die nach Vollendung - der Arbeit aussehen, als Doch, Kinder, ihr müßt - wären sie mit dem glänzendsten dem König Frost bei der ersten - Gold und den funkelndsten Gelegenheit, die sich euch biet - Rubinen überzogen, und schön einen Besuch abstatten und euch - genug sind, um uns über die diesen wundervollen Palast - Flucht des Sommers zu trösten. selber ansehen. Der alte König - wird euch freundlich willkommen - Ich will euch nun erzählen, heißen, denn er liebt - wie König Frost zuerst auf den die Kinder, und es ist sein - Gedanken an eine solche Arbeit Hauptvergnügen, ihnen Freude - kam, denn es ist eine sonderbare zu bereiten. - Geschichte. Ihr müßt - wissen, daß dieser König wie - alle andern Könige große Ihr müßt wissen, daß König Frost - Schätze von Gold und Edelsteinen wie alle anderen Könige große - in seinem Palaste hatte; Schätze von Gold und Edelsteinen - da er aber ein gutmütiger besitzt: da er aber ein - alter Mann ist, hält er seine freigebiger alter Fürst ist so - Reichtümer nicht für immer so er bestrebt, einen richtigen - verschlossen, sondern sucht mit Gebrauch von seinen Reichtümern - ihrer Hilfe Gutes zu tun und zu machen. So verrichtet er, - andere glücklich zu machen. wohin ihn auch sein Weg führt, - Er hat zwei Nachbarn, die viele wunderbare Dinge; er - noch weiter nördlich wohnen; schlägt Brücken über jeden - der eine ist König Winter, ein Strom, so durchsichtig wie Glas - rauher, unfreundlicher alter und doch oft so fest wie Eisen; - Fürst, der so hart und grausam er schüttelt die Waldbäume, bis - ist, daß er sich freut, wenn die reifen Nüsse lachenden - er den Armen wehe tun und Kindern in den Schoß fallen; - sie zum Weinen bringen kann. er schläfert mit einer - Der andere Nachbar aber ist Berührung seiner Hand ein, und - Santa Claus, ein stattlicher, damit wir uns nicht nach den - gutherziger, lustiger alter strahlenden Blumengesichtern - Mann, der gern Gutes tut sehnen, bemalt er das Laub - und den Armen sowie den artigen mit Gold-, Purpur- und - Kindern zu Weihnachten Smaragdfarben, und wenn er mit - Geschenke bringt. seiner Arbeit fertig ist, so - sind die Bäume so schön, daß - Nun, eines Tages dachte wir uns über die Flucht - König Frost darüber nach, was des Sommers trösten. Ich will - er wohl mit seinem Schatze euch erzählen, wie König Frost - gutes stiften könne, und entschloß auf den Gedanken verfallen - sich einen Teil seinem ist, das Laub zu bemalen, - freundlichen Nachbar Santa denn es ist eine sonderbare - Claus zum Einkauf von Geschichte. - Lebensmitteln und Kleidern für - die Armen zu schicken, damit - diese nicht so viel zu leiden Eines Tages dachte König - hätten, wenn König Winter Frost, während er sein großes - sich ihren Häusern näherte. Vermögen einer Durchsicht - So rief er seine lustigen kleinen unterzog und überlegte, was - Elfen zusammen, zeigte ihnen er damit wohl Gutes stiften - eine Anzahl von Gefäßen und könne, mit einem Male an - Vasen voller Gold und Edelsteine seinen freundlichen alten - und befahl ihnen, diese Nachbar Santa Claus. Ich will - sorgsam nach dem Palaste meine Schätze an Santa Claus - Santa Claus’ zu tragen und senden, sagte der König zu sich - sie ihm mit Empfehlungen von selber. Er ist der richtige Mann - König Frost zu übergeben. Er dazu, sie gut zu verwenden, - wird schon wissen, wie er den denn er weiß, wo die Armen - Schatz am besten verwenden und Unglücklichen wohnen, und - soll, setzte Jack Frost hinzu; sein gütiges altes Herz steckt - dann befahl er den Elfen, sich immer voller Pläne, sie zu - unterwegs nicht aufzuhalten, unterstützen. So rief er denn - sondern sein Gebot rasch die lustigen kleinen Elfen - auszuführen. seines Hofstaates zusammen, - zeigte ihnen die Gefäße und, - Die Elfen versprachen Gehorsam Vasen, die seine Schätze - und machten sich bald enthielten, und befahl ihnen, - auf den Weg, indem sie die sie so rasch wie möglich nach - großen gläsernen Gefäße und Santa Claus’ Palaste zu tragen. - Vasen nachschleppten, so gut Die Elfen versprachen Gehorsam - sie konnten, und ab und zu ein und waren im Nu auf und davon, - wenig über die schwere Arbeit indem sie die schweren Gefäße - brummten; denn es waren und Vasen hinter sich - faule Elfen, die lieber spielten herschleppten, so gut sie - als arbeiteten. Schließlich konnten, und ab und zu - gelangten sie in einen großen ein wenig über die schwere - Wald, und da sie ganz ermüdet Arbeit brummten; denn es waren - waren, beschlossen sie, faule Elfen, die lieber spielten - ein wenig zu rasten und sich als arbeiteten. Nach einiger - nach Nüssen umzusehen, bevor Zeit kamen sie in einen großen - sie ihre Wanderung fortsetzten. Wald, und da sie müde und - Damit aber der Schatz nicht hungrig waren, beschlossen sie - gestohlen werden sollte, ein wenig zu rasten und sich - versteckten sie die Gefäße unter nach Nüssen umzusehen, ehe - das dichte Laub der Bäume, sie ihre Wanderung weiter - indem sie die einen hoch oben fortsetzten. Da sie aber - in der Nähe der Wipfel, glaubten, ihr Schatz könne ihnen - andere an verschiedenen Stellen inzwischen gestohlen werden, so - der Bäume unterbrachten, bis verbargen sie die Gefäße in - sie glaubten, niemand könne dem dichten grünen Laub der - sie mehr finden. verschiedenen Bäume und - waren sicher, daß niemand sie - Dann begannen sie, finden könne. Dann begannen - umherzustreifen nach Nüssen zu sie lustig umherzustreifen, um - suchen und auf die Bäume sich Nüsse zu suchen, auf die - zu klettern, um die Früchte Bäume zu klettern, neugierig - herunterzuschütteln, und in die leeren Vogelnester zu - arbeiteten zu ihrem eigenen schauen und hinter den Bäumen - Vergnügen viel angestrengter, Verstecken zu spielen. Diese - als sie es je auf das Geheiß unartigen Elfen waren nun bei - ihres Herrn getan hatten; denn ihrem Herumtollen so geschäftig - es ist eine sonderbare Tatsache, und so lustig, daß sie ihren - daß Elfen und Kinder Auftrag und ihres Herrn Befehl, - sich niemals über Mühe und sich zu beeilen, ganz vergaßen, - Arbeit beschweren, wenn sie aber bald entdeckten sie zu - dabei ihre eigene Belustigung ihrem Verdruß, warum ihnen - im Auge haben, während sie Eile anbefohlen worden war, - oft brummen, wenn von ihnen denn obgleich sie ihrer Meinung - eine Arbeit zum besten anderer nach den Schatz sorgfältig - verlangt wird. versteckt hatten, so hatten die - strahlenden Augen der Königin - Die Frostelfen waren bei Sonne doch die Gefäße zwischen - ihrem Nüssesammeln so geschäftig dem Laube erspäht, und da sie - und ausgelassen, daß und König Frost sich über die - sie bald ihren Auftrag und beste Art, der Welt Gutes zu - den Befehl des Königs, sich zu tun, nie einigen konnten, so - beeilen, vergaßen; als es aber war sie froh, eine gute - bei ihrem Spiele Mittag wurde, Gelegenheit zu haben, ihrem ein - sahen sie endlich den Grund wenig rauhen Nebenbuhler - ein, weshalb ihnen Eile einen Streich zu spielen. - anbefohlen worden war; denn, Königin Sonne lachte still vor - obgleich sie ihrer Meinung sich hin, als die zarten Gefäße - nach den Schatz sehr sorgfältig zu schmelzen und zu zerbrechen - versteckt hatten, so hatten sie begannen. Schließlich waren - ihn doch nicht vor der Gewalt alle Gefäße und Vasen gesprungen - der Frau Sonne geschützt, die oder entzweigegangen, - eine Feindin Jack Frosts war und ebenso schmolzen die - und sich freute, wenn sie ihm in ihnen enthaltenen Edelsteine - einen Schabernack spielen und und rannen in kleinen Strömen - Schaden zufügen konnte. über die Bäume und Sträuche - des Waldes. - Ihre strahlenden Augen - entdeckten bald die Gefäße mit - dem Schatze auf den Bäumen, Noch bemerkten die faulen - und da die faulen Elfen sie Elfen nicht, was sich ereignete, - bis zur Mittagsstunde, wenn denn sie hatten sich in das Gras - Frau Sonne am stärksten ist, gelagert, und es dauerte lange, - hier gelassen hatten, so begann ehe der wunderbare Schatzregen - das zarte Glas zu schmelzen sie erreichte; schließlich - und zu zerbrechen, und in aber hörten sie deutlich, wie - kurzer Zeit waren alle Gefäße die Tropfen gleich einem Regen - und Vasen gesprungen oder im ganzen Walde herabfielen - entzwei gegangen, und ebenso und von einem Blatt zum - schmolzen die in ihnen enthaltenen anderen glitten, bis sie auf - kostbaren Schätze und die kleinen Sträucher, neben - rannen in Strömen von Gold denen die Elfen saßen, - und Purpur langsam über die herabklatschten. Jetzt - Bäume und Sträucher des entdeckten sie zu ihrem - Waldes. Erstaunen, daß die Regentropfen - geschmolzene Rubine waren, die - Eine Zeitlang bemerkten auf den Blättern erstarrten und - die Frostelfen dieses sonderbare sie augenblicklich mit Purpur - Ereignis nicht, denn sie hatten und Gold überzogen. Dann sahen - sich in das Gras gelagert, so sie, als sie sich genauer - weit von den Wipfeln der umblickten, daß ein großer Teil - Bäume entfernt, daß es lange des Schatzes bereits geschmolzen - dauerte, ehe der wunderbare war, denn die Eichen- und - Schatzregen sie erreichte; endlich Ahornbäume waren in prächtige - aber sagte der eine von Gewänder von Gold-, - ihnen: Horch, ich glaube, es Purpur- und Smaragdfarbe - regnet; ich höre die gehüllt. Es gewährte einen sehr - niederfallenden Tropfen. Die schönen Anblick; aber die - anderen lachten und erklärten ihm, ungehorsamen Elfen waren zu sehr - es regne selten, wenn die Sonne erschrocken, als daß sie die - scheine; als sie aber genauer Schönheit der Bäume hätten - aufpaßten, hörten sie deutlich, wahrnehmen können. Sie - wie im ganzen Walde die fürchteten, König Frost könne - Tropfen von den Bäumen kommen und sie strafen. So - herabfielen und von einem versteckten sie sich denn - Blatt zum anderen glitten, bis zwischen den Sträuchern und - sie auf die Brombeersträucher, warteten schweigend auf das, was - neben denen die Elfen saßen, sich ereignen würde. Ihre - herabklatschten. Jetzt entdeckten Befürchtungen waren - sie zu ihrem großen Verdruß, wohlbegründet, denn ihre lange - daß die Regentropfen Abwesenheit hatte den König - geschmolzene Rubinen waren, beunruhigt, er bestieg den - die auf den Blättern erstarrten Nordwind und ritt aus, um - und sie augenblicklich mit seine säumigen Boten zu suchen. - leuchtendem Rot überzogen. Als Natürlich war er noch nicht - sie sich dann die Bäume ringsum weit gekommen, als er das - genauer ansahen, bemerkten Glänzen des Laubes bemerkte, - sie, daß der gesamte Schatz und er erriet rasch die Ursache - wegschmolz und daß sich ein davon, als er die zerbrochenen - großer Teil davon bereits über Gefäße bemerkte, aus denen - die Blätter der Eichen und der Schatz noch immer herunter - Ahornbäume ergossen hatte, tropfte. Zuerst war König - die in ihrem prächtigen Gewande Frost sehr zornig, und die Elfen - von Gold und Bronze, zitterten und duckten sich noch - Purpur und Smaragd weithin tiefer in ihre Verstecke, und - leuchteten. Es gewährte einen ich weiß nicht, was geschehen, - sehr schönen Anblick; aber die wäre, wenn nicht gerade in - faulen Elfen waren über das diesem Augenblick eine Schar - Unglück, das ihr Ungehorsam von Knaben und Mädchen den - verschuldet hatte, zu sehr, Wald betreten hätte. Als die - erschricken, als daß sie die Kinder die Bäume alle in den - Schönheit des Waldes hätten herrlichen Farben schimmern - bewundern können, und im Nu sahen, klatschten sie in die - suchten sie sich in dem Gebüsch Hände, stießen ein - zu verstecken, damit König Freudengeschrei aus und begannen - Frost sie nicht finden und sofort große Sträuße zu - strafen könne. pflücken, um sie mit nach Hause - zu nehmen. Die Blätter sind so - Ihre Befürchtungen waren hübsch wie die Blumen! riefen - wohlbegründet, denn ihre lange sie in ihrem Entzücken. Ihre - Abwesenheit hatte den König Freude verscheuchte den Zorn aus - beunruhigt, und er hatte sich König Frosts Herzen und glättete - aufgemacht, um nach seinen seine gerunzelten Augenbrauen, - lässigen Dienern zu sehen, und und auch er begann die bemalten - eben, als sie sich alle versteckt Bäume zu bewundern. Er - hatten, kam er langsam sagte zu sich selber: Meine - einhergeschritten und sah sich Schätze sind nicht verloren, - überall nach den Elfen um. wenn sie kleine Kinder glücklich - Natürlich bemerkte er bald das machen. Meine faulen - Glänzen des Laubes und entdeckte Elfen und meine grimmige - auch deren Ursache, als er die Feindin haben mich eine neue - zerbrochenen Gefäße und Vasen Art, Gutes zu tun, gelehrt. - erblickte, aus denen der - geschmolzene Schatz noch immer - heruntertropfte. Und als er Als die Elfen dies hörten, - zu den Nußbäumen kam und wurde es ihnen bedeutend - die von den faulen Elfen leichter ums Herz, und sie kamen - zurückgelassenen Schalen und die aus ihren Verstecken hervor, - Spuren ihres Umhertollens gestanden ihre Schuld ein und - bemerkte, wußte er sofort, was baten ihren Herrn um Verzeihung. - sie angestellt hatten und daß - sie ihm ungehorsam gewesen - waren, indem sie bei ihrer Seit dieser Zeit hat es - Wanderung durch den Wald König Frost stets großes - gespielt und die Zeit versäumt Vergnügen gemacht, die Blätter - hatten. mit den glühenden Farben, - die wir im Herbste erblicken, - König Frost runzelte die zu bemalen, und wenn sie nicht - Stirn und machte zuerst ein mit Gold und Edelsteinen bedeckt - sehr böses Gesicht, und seine sind, so kann ich mir nicht - Elfen zitterten vor Furcht und denken, was sie so glänzend - duckten sich noch tiefer in ihre macht; könnt ihr es euch - Verstecke. In diesem Augenblick vielleicht denken? - aber kamen zwei kleine - Kinder daher gehüpft, und - obgleich sie den König Frost und - die Elfen nicht sehen konnten, - bemerkten sie doch die prächtige - Färbung des Laubes, lachten - vor Entzücken und begannen - große Sträuße für ihre Mutter - zu pflücken. Die Blätter sind - so schön wie Blumen, sagten - sie, nannten die gelben - »Butternäpfchen« und die roten - »Rosen« und waren sehr fröhlich, - als sie singend durch den Wald - weiter zogen. - - Ihre Freude besänftigte - König Frosts Zorn; auch er - begann die bemalten Bäume - zu bewundern und sagte - schließlich zu sich selber: - Meine Schätze sind nicht - verloren, wenn sie kleine Kinder - glücklich machen. Ich will - meinen faulen, gedankenlosen - Elfen nicht zürnen, denn sie - haben mich eine neue Art, Gutes - zu tun, gelehrt. Als die - Frostelfen diese Worte hörten, - krochen sie einer nach dem - anderen aus ihren Verstecken - hervor, knieten vor ihrem - Herrn nieder, gestanden ihre - Schuld ein und baten ihn um - Verzeihung. Er war zwar noch - eine Weile ungehalten und schalt - sie tüchtig aus; bald aber wurde - er milder und erklärte, er wolle - ihnen diesmal noch verzeihen; - ihre einzige Strafe solle darin - bestehen, daß sie noch mehr - Schätze in den Wald tragen und - in den Bäumen verstecken - sollten, bis das gesamte Laub - mit Hilfe der Frau Sonne mit - Gold- und Purpurfarben bedeckt - sei. - - Die Elfen dankten ihm für - seine Verzeihung und - versprachen, recht angestrengt - zu arbeiten, um seine Huld - wiederzugewinnen, und der - gutherzige König nahm sie alle - auf seine Arme und trug sie - sicher heim in seinen Palast. - Von dieser Zeit an, glaube ich, - ist es ein Teil von Jack Frosts - Aufgaben, die Bäume mit den - glühenden Farben, die wir im - Herbste erblicken, zu bemalen, - und wenn sie nicht mit Gold - und Edelsteinen bedeckt sind, - so weiß ich nicht, auf welche - Weise er sie so glänzend macht; - wißt ihr es vielleicht? - - * * * * * - -Wenn das Märchen von den »Frostelfen«, bemerkt Fräulein Sullivan zu den -beiden Erzählungen, Helen im Sommer 1888 vorgelesen wurde, so konnte -sie damals noch nicht viel davon verstanden haben, denn sie hatte erst -seit dem März 1887 Unterricht gehabt. - -Ist es möglich, daß die Sprache des Märchens in ihrem Geiste -schlummernd gelegen hat, bis meine Schilderung von der Schönheit -der Herbstlandschaft sie ihr im Jahre 1891 wieder lebendig vor ihr -geistiges Auge brachte? - -Noch eine andere Tatsache ist in diesem Zusammenhange von großer -Bedeutung. Das Märchen »Die Rosenelfen« war in demselben Bande -erschienen wie »Die Frostelfen« und somit Helen wahrscheinlich um -dieselbe Zeit wie dieses vorgelesen worden. - -Nun spricht Helen in ihrem Briefe vom Februar 1890 (s. oben S. 328), -von diesem Märchen Fräulein Canbys als +von einem Traume, den sie -vor sehr langer Zeit als ganz kleines Kind gehabt habe+. Sicherlich -werden anderthalb Jahre einem kleinen Mädchen wie Helen als »sehr lange -Zeit« erscheinen; wir haben daher Veranlassung zu der Annahme, daß die -Märchen ihr spätestens im Sommer 1888 vorgelesen worden sein müssen. - - * * * * * - -Helen Keller erwähnt (S. 68) einen freundlichen Brief, den ihr Fräulein -Canby geschrieben habe. Auch mit Fräulein Sullivan trat die genannte -Dame in Briefwechsel. So schrieb sie ihr z. B. am 9. März 1892 unter -anderem: „Was für einen wunderbar regen Geist und was für ein treues -Gedächtnis muß dieses begabte Kind besitzen! Hätte sich Helen eines -kurzen Märchens erinnert und es niedergeschrieben, kurz nachdem sie -es gehört hatte, so würde dies schon ein Wunder gewesen sein; aber -das Märchen ein einzigesmal vor drei Jahren gehört zu haben und noch -dazu auf eine Weise, daß weder ihre Eltern noch ihre Lehrerin darauf -zurückkommen und die Erinnerung daran auffrischen konnten, und dann -imstande gewesen zu sein, es so lebendig wiederzugeben und sogar noch -einige selbständige Striche hinzuzufügen, die in völligem Einklang mit -dem übrigen stehen und das Original in der Tat verbessern -- das ist -etwas, was sehr wenige Mädchen reiferen Alters, die im Besitze aller -Vorteile des Sehens, Hörens und selbst großer schriftstellerischer -Begabung sind, so gut geleistet hätten, wenn sie überhaupt dazu -imstande gewesen wären. Unter diesen Umständen sehe ich nicht ein, -wie irgendjemand so lieblos sein kann, dies ein Plagiat zu nennen; -es ist eine wunderbare Leistung des Gedächtnisses und steht einzig -in seiner Art da. Ich habe viele Kinder gekannt, habe mein ganzes -Leben in ihrer Mitte zugebracht und kenne keinen größeren Genuß, als -mich mit ihnen zu unterhalten, sie zu erheitern und ihre Geistes- -und Charakterzüge ruhig zu beobachten; aber ich entsinne mich keines -Mädchens von Helens Alter, das den gleichen Wissensdurst gehabt und -über dieselbe Fülle literarischer und allgemeiner Bildung sowie über -dieselbe schriftstellerische Begabung verfügt hätte wie Helen. Sie ist -in der Tat ein Wunderkind. Vielen Dank für Helens Tagebuch! Es läßt -mich klarer als zuvor die große Enttäuschung erkennen, die das liebe -Kind zu erdulden gehabt hat. Bitte, sagen Sie ihr, wie sehr ich sie in -mein Herz geschlossen habe und daß sie sich keine Gedanken mehr darüber -machen soll. Niemand darf sagen, sie habe unrecht getan, und eines -Tages wird sie eine große schöne Erzählung oder ein Gedicht schreiben, -das vielen Menschen Freude machen wird. Sagen Sie ihr, ein paar bittere -Tropfen seien in jedermanns Lebenskelch enthalten, und es bleibe uns -nichts anderes übrig, als die bitteren geduldig, und die süßen dankbar -hinzunehmen.“ - - * * * * * - -Der Zwischenfall hatte, wie aus Helens eigener Darstellung hervorgeht, -auf sie und auf Fräulein Sullivan eine geradezu vernichtende Wirkung. -Letztere fürchtete, der Neigung zur Nachahmung, die in Wirklichkeit -Fräulein Keller zur Schriftstellerin gemacht hat, allzugroßen -Spielraum gelassen zu haben. Aber jetzt, da sie auf der Universität -zusammen mit ihrem Zögling in die Geheimnisse des geistigen Schaffens -eingedrungen ist, weiß sie, daß der Stil jedes Schriftstellers und -in der Tat jedes Menschen, mag er gebildet oder ungebildet sein, -eine Erinnerung ist, die sich aus allem, was er gelesen und gehört -hat, zusammensetzt. Der Quellen seines Wortschatzes ist er sich -größtenteils so wenig bewußt wie des Augenblickes, in dem er die -Nahrung zu sich nahm, die einen Teil seines Daumennagels bilden sollte. -Bei der Mehrzahl von uns kreuzen und vermischen sich die Zuflüsse -aus den verschiedensten Quellen. Ein Kind, dem nur wenige Quellen -zur Verfügung stehen, kann das, was es aus jeder einzelnen zieht, -getrennt halten. In dieser Lage war Helen Keller, die den Wortlaut -einer Geschichte, die sie zu der Zeit, als sie ihr vorgelesen wurde, -noch nicht ganz verstand, fast unverändert und ohne Vermischung mit -anderen Vorstellungen in ihrem Geiste bewahrte. Die Bedeutung dieses -Umstandes kann nicht hoch genug bewertet werden. Er liefert den -Beweis dafür, daß der Geist des Kindes Worte in sich aufspeichert, -die es gehört hat, und daß diese hier gleichsam auf der Lauer liegen, -stets bereit, hervorzutreten, wenn der äußere Anreiz dazu eintritt. -Der Grund, weswegen wir diesen Prozeß bei normalen Kindern nicht -wahrnehmen, liegt darin, daß wir sie selten als Ganzes beobachten, und -daß sie ihre geistige Nahrung aus so vielen Quellen beziehen, daß die -Erinnerungsbilder verworren sind und sich gegenseitig aufheben. Das -Märchen vom »Frostkönig« trat jedoch nicht unverändert aus Helens Geist -hervor, sondern war durch die Eigenart des Kindes umgeformt worden -und hatte sich in Worte gekleidet, die aus anderen Quellen stammten. -Der Stil von Helens Fassung ist sogar in manchen Beziehungen besser -als der von Fräulein Canbys Erzählung. Sie weist die naive Phantasie -eines echten Volksmärchens auf, während Fräulein Canbys Erzählung -ersichtlich für Kinder von einer älteren Person geschrieben ist, die -die Art und Weise eines Feenmärchens annimmt und didaktische Wendungen -nicht immer vermeidet. Helens Märchen ist in demselben Sinne ein -Original, wie die dichterische Bearbeitung einer alten Sage ein solches -ist. - -Aller Sprachgebrauch beruht auf Nachahmung, und jemandes Stil ist ein -Ausfluß aller Stilarten, die ihm vorgekommen sind. - -Der einzige Weg, ein gutes Englisch schreiben zu lernen, ist der, es zu -lesen und zu hören. Daher kommt es, daß man jedes Kind ein korrektes -Englisch lehren kann, wenn man es kein anderes lesen oder hören läßt. -Bei einem Kinde ist die Scheidung des Besseren von dem Schlechteren -nicht bewußt; es ist der Sklave seiner sprachlichen Erfahrung. - -Der gewöhnliche Mensch wird sich nie von der irrigen Auffassung -losmachen können, daß die Worte dem Gedanken gehorchen, daß man zuerst -denkt und das Gedachte dann in Worte kleidet. Es muß allerdings zuerst -die Absicht, der Wunsch vorhanden sein, etwas auszusprechen, aber der -Gedanke nimmt meistenteils erst dann feste Form an, wenn er in Worte -gekleidet ist; auf jeden Fall wird der Gedanke dadurch, daß er in -Worten ausgedrückt wird, ein selbständiges Gebilde. Worte rufen oft -Gedankengänge hervor, und wer das Wort beherrscht, wird Bedeutenderes -sagen, als er sonst vermöchte. Als Helen Keller den »Frostkönig« -schrieb, sagte sie mehr, als sie selbst glaubte. - -Wer einen Satz aus Wörtern bildet, spricht nicht seine Weisheit aus, -sondern die Weisheit des Volkes, dessen Leben in den Worten enthalten -ist, selbst wenn sie vorher noch nie in dieser bestimmten Weise -zusammengesetzt worden sind. Wer Geschichten schreiben kann, denkt an -zu schreibende Geschichten. Das Medium der Sprache ruft den Gedanken -hervor, den es begleitet, und je bedeutender das Medium ist, desto -tiefer sind die Gedanken. - -Gebildet ist der, dessen Ausdrucksweise gebildet ist. Der Träger des -Denkens ist die Sprache, und im Gebrauch der Sprache muß das taube Kind -so gut wie jedes andere unterrichtet werden. Gebt ihm die Sprache, -und es erhält mit ihr das Material, aus dem die Sprache gebildet ist, -das Denken und die Erfahrungen seines Volkes. Die Sprache muß eine -von einem Volke gebrauchte sein, nicht ein Kunstprodukt. Volapük ist -ein Unsinn. Das taube Kind, das nur die Gebärdensprache kennt, bleibt -bei allen Völkern ein Fremdling; seine Gedanken sind nicht die eines -Engländers, eines Deutschen oder eines Franzosen. Das Vaterunser in der -Zeichensprache ist nicht das Vaterunser im Englischen. - -De Quincey sagt in seiner Abhandlung über den Stil, das beste Englisch -finde sich in den Briefen der gebildeten vornehmen Engländerinnen, -weil diese nur einige gute Bücher gelesen haben und nicht durch den -Zeitungsstil, den Jargon der Straße, des Marktes und der öffentlichen -Versammlungen verdorben worden sind. - -Genau diese selben äußeren Umstände kommen für Helen Kellers Englisch -in Betracht. In den ersten Jahren ihrer Erziehung bekam sie nur -gute Sachen zum Lesen; einiges darunter war allerdings trivial und -zeichnete sich auch nicht besonders durch seinen Stil aus, aber -nichts war nach Form oder Inhalt geradezu schlecht. Diese glücklichen -Verhältnisse haben ihr ganzes bisheriges Leben lang angedauert. Sie hat -sich an Werken der Phantasie genährt und aus diesen den Stil großer -Schriftsteller in ihr starkes, zähes Gedächtnis aufgenommen. Als sie -zwölf Jahre alt war, wurde sie gefragt, was für ein Buch sie auf eine -lange Eisenbahnfahrt mitnehmen wolle. »Das verlorene Paradies«, war -ihre Antwort, und sie las das Werk im Zuge. - -In den Tagen, als Helen den ersten Entwurf ihrer Lebensgeschichte -für den »Youth’s Companion« verfaßte,[34] schrieb ihr ~Dr.~ -Holmes: „Ich bin entzückt über den Stil Ihrer Briefe. Es ist nichts -Affektiertes in ihnen enthalten, und da sie Ihnen unmittelbar von -Herzen kommen, so gehen sie auch mir unmittelbar zu Herzen.“ - -In den Jahren des Uebergangs vom Kinde zur Jungfrau verlor Helens -Stil seine frühere Schlichtheit und wurde steif und, wie sie sich -selbst ausdrückte, gedrechselt. Damals wurde Fräulein Sullivan oft -von der Furcht befallen, daß die Fortschritte ihrer Schülerin mit dem -Ende der Kindheit aufhören würden. Zuweilen schien es Fräulein Keller -an Geschmeidigkeit zu gebrechen; ihr Gedankengang bewegte sich in -herkömmlichen Redewendungen, und sie schien nicht die Kraft zu haben, -diese zu ändern oder in neue Bahnen zu lenken, und erst als sie die -Kunst des Ausdrucks zum Gegenstand eines bewußten Studiums gemacht hat, -hat sie aufgehört, das Opfer der Phrase zu sein. Charles T. Copeland, -der lange Jahre hindurch Professor der englischen Sprache und Literatur -an der Harvard- und der Radcliffe-Universität gewesen ist, erklärte -einst: „In einigen ihrer Arbeiten hat sie gezeigt, daß sie besser -schreiben kann, als irgend ein Schüler oder eine Schülerin, die ich je -gehabt habe. Sie besitzt ein ausgezeichnetes »Ohr« für den Fluß der -Perioden.“ -- - -In allem, was Fräulein Keller geschrieben hat, zeigt sich, wie bei den -meisten großen englischen Schriftstellern, unverkennbar der Einfluß -des Stils der Bibel. In ihrer Selbstbiographie finden sich viele -Zitate aus der Bibel, entweder als gesonderte Einfügungen in den -Text oder in diesen hineinverwoben, während das Ganze ein durchaus -selbständiges Gepräge trägt. Ihr Wortschatz umfaßt alle Ausdrücke, die -andere gebrauchen, und die Erklärung dieser Erscheinung und zugleich -das Vernunftmäßige, das darin liegt, muß jedermann einleuchten. Es -liegt kein Grund vor, warum sie alle Wörter, die einen Gehörs- oder -Gesichtseindruck bezeichnen, aus ihrem Wörterbuche streichen sollte. -Solange sie die Wörter richtig gebraucht, sollte man ihr das Recht -einräumen, sie nach freiem Ermessen zu verwenden und dürfte von ihr -nicht verlangen, daß sie sich auf einen Wortschatz beschränke, der -ihrem Mangel an Seh- und Hörvermögen entspreche. In Bezug auf die -Form sowohl wie den Inhalt ihres Buches müssen wir der Künstlerin -zugestehen, was wir der Autobiographin versagen. Dazu kommt, daß für -»wahrnehmen« von den Blinden die Ausdrücke »blicken« und »sehen« -und von den Tauben »hören« gebraucht werden; es sind allgemein -verständliche und gebräuchlichere Wörter. Nur ein Wortklauber könnte -daran denken, den Blinden auf den Terminus »wahrnehmen« festnageln -zu wollen, wenn »sehen« und »blicken« um so viel natürlicher sind -und außerdem allgemein sowohl die Bedeutung des geistigen wie des -sinnlichen Erkennens haben. Wenn Fräulein Keller eine Statue befühlt, -so sagt sie in ihrer natürlichen Ausdrucksweise, während ihre Finger -über den Marmor gleiten: Sie sieht aus wie ein Kopf der Flora. -- - -Andererseits ist es richtig, daß sie in ihren Schilderungen das -künstlerisch Beste dann leistet, wenn sie sich streng an ihre eigenen -sinnlichen Wahrnehmungen hält, und genau dasselbe gilt von allen -Künstlern. - -Infolge des Unterrichts in der letzten Zeit hat sie gelernt, ein gut -Teil ihrer herkömmlichen Ausdrucksweise über Bord zu werfen und über -Erfahrungen ihres Lebens zu schreiben, die sie selbst gewonnen hat. Sie -hat mehr und mehr begonnen, den Stil aufzugeben, den sie aus Büchern -entlehnte und den sie zu gebrauchen suchte, weil sie wie andere -Menschen zu schreiben wünschte; sie hat gelernt, daß sie das Beste -gibt, wenn sie »fühlt«, wie die Lilien hin- und herschwanken, sich die -Rosen in die Hand drücken läßt und von der Hitze spricht, die für sie -Licht bedeutet. - -Fräulein Kellers Selbstbiographie umfaßt nahezu alles, was sie zu -veröffentlichen beabsichtigte.[35] Es existieren jedoch noch einige -kleinere Aufsätze, die weder so formlos wie ihre Briefe noch so -sorgfältig abgefaßt sind wie ihre Lebensgeschichte. Einer von diesen -enthält Mitteilungen über ihr Traumleben, die bei einer Blinden von -doppeltem Interesse sind; wir lassen ihn daher noch in Uebersetzung -folgen. - - * * * * * - -„O, die Streiche, die die Nixe von Traumland uns während des Schlafes -spielen! Ich glaube, es sind die Spaßmacher des himmlischen Hofhalts. -Oft nehmen sie die Gestalt von Aufsatzthemen an, um mich zu verspotten, -sie stolzieren auf der Bühne des Schlafes wie die törichten Jungfrauen -einher, nur daß sie anstatt der leeren Lampen saubere Kollegienhefte -in ihren Händen halten. Ein andermal examinieren sie mich kreuz und -quer in allen Fächern, die ich je studiert habe, und stellen Fragen an -mich, die so leicht zu beantworten sind, wie die folgende: Wie hieß -die erste Maus, über die sich Hippopotamos, der Satrap von Cambridge -unter Astyages, dem Großvater Kyros’ des Großen, ärgerte? Ich wache vor -Entsetzen auf, während mir noch die Worte in den Ohren klingen: Eine -Antwort oder das Leben! - -Solchergestalt sind die verzerrten Phantasien, die durch die Seele -eines Mädchens ziehen, das die Universität besucht und, wie ich -es tue, in einer Atmosphäre von Ideen und Begriffen lebt, die halb -Gedanken, halb Gefühle sind, die sich gegenseitig drängen und jagen, -bis man beinahe verrückt wird. Ich habe selten Träume, die nicht im -Zusammenhange mit dem stehen, was ich wirklich denke und fühle; aber -eines Nachts schien sich meine ganze Natur verwandelt zu haben, und -ich stand als mächtiger, furchtbarer Mann vor den Augen der Welt da. -Selbstverständlich liebe ich den Frieden und hasse den Krieg nebst -allem, was zum Kriege gehört; in der blutbefleckten Laufbahn Napoleons -erblicke ich nichts Bewundernswertes, abgesehen von seinem Ende. -Nichtsdestoweniger war in jener Nacht der Geist jenes mitleidslosen -Menschenschlächters in mich gefahren! Ich werde es nie vergessen, -wie die Kampfeswut in meinen Adern tobte -- es schien, als wolle das -stürmische Schlagen meines Herzens mir den Atem nehmen. Ich ritt einen -feurigen Renner -- ich kann noch jetzt das ungeduldige Emporwerfen -seines Kopfes und den Schauer fühlen, der beim ersten Kanonendonner -durch seinen Körper rann. - -Von dem Gipfel des Hügels aus, auf dem ich stand, sah ich meine Truppen -über eine sonnenbeschienene Ebene anstürmen wie zornige Wellen, -und als sie sich bewegten, erblickte ich das Grün der Felder, das -aussah wie die kühlen Täler zwischen den Wogen. Trompeten erklangen -mitten in den unaufhörlichen Trommelwirbel und den Massenschritt der -heranmarschierenden Bataillone hinein. Ich spornte mein schnaubendes -Roß, schwang mein Schwert in die Höhe und rief: Ich komme! Blickt auf -mich, Krieger -- Europa! Ich stürzte mich in die heranbrausenden Wogen -wie ein starker Schwimmer in die Brandung taucht und stieß -- ach, es -ist die Wahrheit! -- gegen den Bettpfosten. - -Jetzt schlafe ich selten, ohne zu träumen; bevor aber Fräulein Sullivan -zu mir kam, waren meine Träume selten und mit Ausnahme derer von rein -physischer Natur, gedankenarm und zusammenhanglos. In meinen Träumen -fiel stets etwas plötzlich und schwer herab, und mitunter schien mich -meine Wärterin für mein unfreundliches Benehmen, das ich im Laufe des -Tages gegen sie gezeigt hatte, zu züchtigen und mir meine Fußtritte und -mein Kneifen mit Wucherzinsen heimzuzahlen. Ich fuhr aus meinem Schlafe -empor unter verzweifelten Anstrengungen, meiner Peinigerin zu entgehen. -Ich aß sehr gern Bananen und eines Nachts träumte mir, ich fände eine -lange Schnur mit diesen Früchten in dem Speisezimmer, in der Nähe des -Buffets, alle geschält und von köstlicher Reife, und alles, was ich zu -tun hatte, war, daß ich mich unter die Schnur stellte und aß, soviel -ich konnte. - -Nachdem Fräulein Sullivan zu mir gekommen war, träumte ich umso öfter, -je mehr ich lernte; aber mit dem Erwachen meines Geistes stellten -sich oft schreckhafte Phantasien und unbestimmte Furchtanwandlungen -ein, die meinen Schlaf lange Zeit zu einem sehr unruhigen machten. -Ich fürchtete mich vor der Dunkelheit und liebte das Kaminfeuer. -Sein warmer Hauch kam mir wie die Liebkosung einer Menschenhand vor, -ich glaubte wirklich, es sei ein beseeltes Wesen, imstande, mich zu -lieben und zu beschützen. An einem kalten Winterabend war ich allein -in meinem Zimmer. Fräulein Sullivan hatte das Licht gelöscht und war -fortgegangen, in der Meinung, ich schliefe schon. Mit einem Male fühlte -ich mein Bett erzittern, und es war mir, als spränge ein Wolf auf mich -zu und heulte mich an. Es war nur ein Traum, aber ich hielt ihn für -Wirklichkeit und geriet in das größte Entsetzen. Ich wagte nicht zu -schreien, aber ich wagte auch nicht im Bett zu bleiben. Vielleicht war -der Traum eine verworrene Erinnerung an das Märchen vom Rotkäppchen, -das ich vor kurzem gehört hatte. Jedenfalls schlüpfte ich aus dem -Bett und kauerte mich dicht neben dem Feuer nieder, das noch nicht -ausgebrannt war. Sobald ich seine Wärme fühlte, war ich beruhigt, und -ich saß lange Zeit da und sah es in leuchtenden Wogen höher und immer -höher steigen. Schließlich übermannte mich der Schlaf, und als Fräulein -Sullivan zurückkehrte, fand sie mich in eine Decke gehüllt am Herde -liegen. - -Oft, wenn ich träume, ziehen Gedanken durch meinen Sinn wie vermummte -Schatten, schweigend und in weiter Ferne, und verschwinden dann. -Vielleicht sind es die Geister von Gedanken, die einst den Geist eines -Vorfahren von mir bevölkerten. Zu anderen Zeiten fallen die Dinge, -die ich gelernt habe, und die, in denen ich unterrichtet worden bin, -von mir ab, wie die Eidechse ihre Haut abstreift, und ich erblicke -dann meine Seele so, wie Gott sie sieht. Es gibt auch schöne, seltene -Augenblicke, in denen ich im Traumland sehe und höre. Wie, wenn in -meinen wachen Stunden ein Ton durch die schweigenden Hallen des Gehörs -erklänge? Wie, wenn ein Strahl des Lichtes durch die dunklen Gemächer -meiner Seele blitzte? Was würde sich dann ereignen? frage ich mich -immer und immer wieder. Würde die allzustraff gespannte Saite des -Lebens springen? Würde das Herz, überwältigt von freudigem Schreck, -infolge des Uebermaßes von Glück aufhören zu schlagen? - - [29] Vergl. S. 62 ff. - - [30] Gemeint ist der Beitrag Fräulein Sullivans zu dem von dem - genannten Bureau herausgegebenen »Souvenir Helen Keller« (vergl. - S. 205). - - [31] Fräulein Sullivan führt in ihrem Aufsatze folgendes an: Im - Laufe des Winters (1891/92) ging ich mit Helen einmal während - eines leichten Schneegestöbers in den Hof und ließ sie die - herunterfallenden Flocken befühlen. Sie schien sich darüber - sehr zu freuen. Als wir wieder hineingingen, äußerte sie - folgende Worte: ~Out of the cloud-folds of his garments Winter - shakes the snow~. Ich fragte sie, wo sie dies gelesen habe, sie - erwiderte, sie könne sich nicht erinnern, es gelesen zu haben, - und schien sich auch nicht zu entsinnen, daß ihr die Worte von - irgend jemand mitgeteilt worden seien. Da ich selbst diese Worte - nie gehört hatte, fragte ich mehrere meiner Bekannten, ob sie - sich ihrer erinnern könnten; doch schien dies bei niemand von - ihnen der Fall zu sein. Die Lehrer des Instituts versicherten, - daß diese Stelle sich in keinem in Hochdruck hergestellten - Buche der Bibliothek befinde; aber eine Dame, Fräulein Marret, - unterzog sich der Aufgabe, mit gewöhnlichen Typen gedruckte - Gedichtsammlungen durchzusehen, ihre Mühe wurde auch belohnt, - sie fand in einem der kleinen Gedachte Longfellows mit dem - Titel: »~Snow-flakes~« folgende Verse: - - ~Out of the bosom of the air, - Out of the cloud-folds of her garments shaken, - Over the woodlands brown and bare, - Over the harvest-fields forsaken, - Silent, and soft, and slow, - Descends the snow.~ - - Es scheint, daß irgendjemand Helen diese Verse des Dichters - einmal mitgeteilt hat und daß sie ihr im Gedächtnis haften - geblieben sind bis sie sich heute früh bei dem Schneetreiben - ihrer wieder erinnerte. - - [32] S. 157 ff. - - [33] Vergl. S. 337. - - [34] Siehe S. 73 ff. - - [35] Im Jahre 1905 erschien ein größerer Essay von ihr, »~Optimism~«. - - - - - -End of Project Gutenberg's Die Geschichte meines Lebens, by Helen Keller - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GESCHICHTE MEINES LEBENS *** - -***** This file should be named 62735-0.txt or 62735-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/2/7/3/62735/ - -Produced by Norbert H. Langkau, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License (available with this file or online at -http://gutenberg.org/license). - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - http://www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/62735-0.zip b/old/62735-0.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 7171429..0000000 --- a/old/62735-0.zip +++ /dev/null diff --git a/old/62735-h.zip b/old/62735-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 4aa8f74..0000000 --- a/old/62735-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/62735-h/62735-h.htm b/old/62735-h/62735-h.htm deleted file mode 100644 index 3bfc874..0000000 --- a/old/62735-h/62735-h.htm +++ /dev/null @@ -1,12815 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - <head> - <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> - <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - <title> - The Project Gutenberg eBook of Die Geschichte meines Lebens, by Helen Keller. - </title> - <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> - <style type="text/css"> - -body { - margin-left: 10%; 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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Die Geschichte meines Lebens - -Author: Helen Keller - -Release Date: July 25, 2020 [EBook #62735] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GESCHICHTE MEINES LEBENS *** - - - - -Produced by Norbert H. Langkau, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> - -<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1921 erschienenen -Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. -Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche -und altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original -unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert.</p> - -<p class="p0">Doppelte Anführungszeichen wurden im Original in -drei verschiedenen Varianten verwendet: „so“, »so« und “so”; je -nach Zusammenhang. Diese Varianten wurden auch in der vorligenden -elektronischen Version beibehalten. Fußnoten wurden an das Ende des -jeweiligen Kapitels bzw. an das Ende des betreffenden Briefes von Helen -Keller verschoben.</p> - -<p class="p0 u">Zur Fußnote <a href="#Fussnote_11_11">[11]</a>:</p> - -<p class="p0">Bei der hier zitierten Übersetzung eines Auszuges aus -Goethes ‚Faust‘ handelt es sich sehr wahrscheinlich um die klassische -Übertragung von Bayard Taylor (1870/71). Insbesondere bei den letzten -beiden Versen scheint es sich um einen Druckfehler zu handeln (Im -vorliegenden Buch: ‘The Woman Soul leads usupwar don, and’; in einem -Vers). Diese Passage wurde an Taylors Übersetzung angeglichen:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="verse">‘The Woman-Soul leadeth us</div> - <div class="verse">Upward and on!’</div> - </div> -</div> - -<p class="p0">Die Gegenüberstellungen von Briefen Helen -Kellers mit einem Gedicht von Oliver Wendell Holmes<a name="Fussnote_A" id="Fussnote_A"></a><a style="text-decoration: none;" href="#FNAnker_A"><span class="fnanchor">[A]</span></a> bzw. mit einem -Märchen von Margaret T. Canby<a name="Fussnote_B" id="Fussnote_B"></a><a style="text-decoration: none;" href="#FNAnker_B"><span class="fnanchor">[B]</span></a> wurden im Original in zwei Spalten -gedruckt. Mit Rücksicht auf kleinere Bildschirmgrößen werden diese -Vergleiche jeweils nacheinander dargestellt.</p> - -<p class="p0 nohtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät -installierten Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten -Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos -als auch gesperrt erscheinen.</p> - -<p class="p0 nohtml">Das Umschlagbild wurde vom Bearbeiter gestaltet -und in die Public Domain eingebracht. Ein Urheberrecht wird nicht -geltend gemacht. Das Bild darf von jedermann unbeschränkt genutzt -werden.</p> - -</div> - -<p class="s4 center padtop3 break-before"><span class="bb"><span class="mleft0_2"> </span><span class="mleft0_2">M</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">m</span><span class="mleft0_2">o</span><span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">r</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">n</span><span class="mleft0_2">b</span><span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">b</span><span class="mleft0_2">l</span><span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">o</span><span class="mleft0_2">t</span><span class="mleft0_2">h</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">k</span><span class="mleft0_2"> </span></span></p> - -<p class="s5 center">Zweite Reihe Band 6</p> - -<p class="s3 center">Die Geschichte meines Lebens<br /> -Von Helen Keller</p> - -<h1>Die<br /> -Geschichte meines Lebens</h1> - -<p class="s2 center"><b>Von Helen Keller</b></p> - -<p class="s5 center">Mit einem Geleitwort von Felix Holländer</p> - -<p class="s5 center">Autorisierte Übersetzung von Paul Seeliger</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="signet" name="signet"> - <img class="w6em padtop5" src="images/signet.jpg" alt="Verlagssignet" /></a> -</div> - -<p class="s5 center">Achtundfünfzigste Auflage</p> - -<p class="s4 center"><span class="bbd"><span class="mleft0_2">V</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">r</span><span class="mleft0_2">l</span><span class="mleft0_2">a</span><span class="mleft0_2">g</span> -<span class="mleft0_2">v</span><span class="mleft0_2">o</span><span class="mleft0_2">n</span> -<span class="mleft0_2">R</span><span class="mleft0_2">o</span><span class="mleft0_2">b</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">r</span><span class="mleft0_2">t</span> -<span class="mleft0_2">L</span><span class="mleft0_2">u</span><span class="mleft0_2">t</span><span class="mleft0_2">z</span> -<span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">n</span> -<span class="mleft0_2">S</span><span class="mleft0_2">t</span><span class="mleft0_2">u</span><span class="mleft0_2">t</span><span class="mleft0_2">t</span><span class="mleft0_2">g</span><span class="mleft0_2">a</span><span class="mleft0_2">r</span><span class="mleft0_2">t</span></span></p> - -<p class="s5 center">1921</p> - -<p class="s5 center padtop5 break-before">Druck der Chr. Belserschen Buchdruckerei, -Stuttgart.</p> - -<div class="chapter"> - -<div class="figcenter"> - <a id="frontispiz" name="frontispiz"> - <img class="mtop3 padtop1" src="images/frontispiz.jpg" alt="" /></a> - <p class="caption">(Als Studentin)</p> - <p class="s5 center mbot2 ebhide"><a href="images/frontispiz_gross.jpg">❏<br /> - <span class="s6">GRÖSSERES BILD</span></a></p> -</div> - -</div> - -<p class="s2 center padtop1 break-before">Widmung</p> - -<p class="center">(Verkl. Faksimile)</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="faksimile" name="faksimile"> - <img class="mtop1" src="images/faksimile.jpg" alt="Widmung von Helen Keller" - title="In dieser Ausgabe meiner „Lebensgeschichte“ grüsse ich - meine Freunde im deutschen Vaterlande. Gerne möchte ich glauben, - dass mein Buch etwas Vergnügen gäbe, um die grosse geistige Freude - einigermassen zu vergelten, die ich dem Lande Schillers und Goethes - schuldig bin. Helen Keller." /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<div class="anzeige"> - -<p class="s3 center"><b>Eine neue Helen Keller-Stiftung für deutsche -Blinde, Taube, Stumme.</b></p> - -<hr class="trenn" /> - -<p class="center">Herrn Robert Lutz, Verlagsbuchhandlung,</p> - -<p class="right">Stuttgart.</p> - -<p>Meinen Ihnen unterm 11. November 1916 gegegebenen Auftrag, alle -meine Einkünfte (<span class="antiqua">royalties</span>) aus der deutschen Ausgabe meiner -Schriften bis zum Ende des Jahres, in dem der Friedenszustand -wiederhergestellt wird, den deutschen Kriegsblinden zuzuwenden, -möchte ich erweitern. Ich bestimme daher, daß fortan alle die -genannten Einkünfte von Ihnen oder Ihren Rechtsnachfolgern den -deutschen Blinden, nächstdem auch den Tauben und Stummen zugewiesen -werden sollen, in erster Linie solchen Deutschen, die durch -den Krieg das Augenlicht, die Sprache oder das Gehör verloren -haben. Ihnen und Ihren Rechtsnachfolgern steht es frei, welchen -Einzelpersonen, Gesellschaften oder Organisationen Sie die Gelder -überweisen wollen, sofern nur der Zweck meiner Stiftung erreicht -wird.</p> - -<p>Der Verzicht auf meine Einkünfte in dem ausgeführten Sinne ist -zeitlich nicht begrenzt, sondern <em class="gesperrt">endgültig</em>.</p> - -<p>New York, den 10. Januar 1920.</p> - -<p class="right">(Gez.) Helen Keller.</p> - -<hr class="trenn" /> - -<p class="s2 center">Helen Kellers Bücher:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p class="p0">Die Geschichte meines Lebens. Mit Bildern. 55. Auflage. Optimismus, -ein Glaubensbekenntnis. 42. Auflage. Meine Welt. 22. Auflage. -Dunkelheit. 13. Auflage. Briefe meiner Werdezeit. 7. Auflage. Wie -ich Sozialistin wurde. Neue Auflage in Vorbereitung.</p> - -<p class="center">(Verlag von Robert Lutz in Stuttgart).</p> - -</div> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_vii" id="Seite_vii">[S. vii]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Geleitwort">Geleitwort</h2> - -</div> - -<p>Die Lebensgeschichte Helen Kellers ist ein Beitrag zur Erziehung des -Menschengeschlechtes. Es tut nicht not, ihr Charakterbild neben das -Napoleons zu rücken, wie es ihr Landsmann Mark Twain getan hat, um der -Bewunderung für ihre einzigartige Leistung Ausdruck zu geben. Sie ist -neunzehn Monate alt, als sie infolge einer schweren Krankheit, in der -die Aerzte sie bereits aufgegeben hatten, ihre Sprache, ihr Gehör und -ihr Gesicht verliert. Bis zu ihrem siebenten Jahre lebt sie in einem -tierähnlichen Zustande. Die ihr gebliebenen Sinne Geruch, Geschmack, -Gefühl, geben ihr die Möglichkeit, sich bei ihren nächsten Angehörigen -durch dunkle Zeichen und Gesten verständlich zu machen. Sie hängt -entweder an dem Kleide der Mutter oder sie sitzt beständig auf dem -Schoße der unglücklichen Frau, die den Jammer ihres Kindes gleich dem -Gatten durch eine grenzenlose Liebe zu mildern sucht.</p> - -<p>Wer kennt nicht jene rührende Angst junger Mütter vor der Geburt ihres -ersten Kindes?... Immer wieder taucht im tiefsten Innern die Frage auf, -wird das kleine Wesen auch mit heilen Gliedern zur Welt kommen — wird -es sehen — wird es hören?</p> - -<p>Helen Keller wurde als ein kräftiges Kind geboren, das vor Gesundheit -strotzte, bevor das Unglück über sie hereinbrach. Was mag damals in -der Seele ihrer Eltern vorgegangen sein, als sie nach dem Ausspruch -der Aerzte der ganzen Schicksalsschwere sich bewußt wurden! Wer würde -es nicht begreifen, wenn bei dem erschütternden Anblick ihres Kindes -unaussprechbare Gebete in ihnen wuchsen, wenn der dunkle Wunsch in -ihnen aufstieg, Gott möchte dieses arme Kind, dessen Gegenwart<span class="pagenum"><a name="Seite_viii" id="Seite_viii">[S. viii]</a></span> voll -Gram war, und in dessen Zukunft nicht ein Schimmer Glücks dringen -würde, zu sich nehmen. Und wenn Helen das ganze Haus tyrannisierte, -unartikulierte Laute ausstieß und wie eine Wilde sich gebärdete, sobald -man nicht ihren Willen tat — wer möchte sich dann wundern, wenn Vater -und Mutter in dumpfer Resignation alles über sich ergehen ließen? Helen -zählt sieben Jahre drei Monate, als in ihr Leben die große Wendung -tritt.</p> - -<p>In diesem Alter haben die Menschen mittels des Ohres und des Auges das -Meiste von dem errafft, was den Inhalt ihres ganzen Lebens ausmacht. -Denn was wir später durch Erziehung, Schule und Selbstbetätigung -erreichen, ist im Verhältnis zu den Schätzen, die wir in diesen ersten -Jahren unseres Daseins mühelos aufheben, winzig und unbeträchtlich. -Die urangeborene Genialität des Menschen kommt in seinen Kinderjahren -zu einem großartigen Ausdruck. In dieser unserer Kindheit leben -wir in einem Zustand, für den die Bibel den Ausdruck paradiesisch -gefunden hat. Selbst das ärmste Kind, dem häusliches Unglück seine -Jugend stiehlt, hat noch teil an den Freuden, die ihm seine unbewußte -Erkenntnis aufschließt. In der Stunde beginnt erst der Ernst und die -Qual des Lebens, wo in unser bisher unbewußtes Lernen System kommt, wo -fremde Menschen auf unsere Verstandeskräfte pochen, und wo wir unter -ihrem Zwang und ihrer Leitung wissend werden.</p> - -<p>Und auch hier erweist sich noch einmal das schier Wunderbare und -Unfaßliche unserer geistigen Veranlagung. Wenn wir vorher im -wörtlichsten Sinne des Wortes spielend das Sprechen lernten — so -ergibt sich als zweites Phänomen unserer Entwicklung, daß wir auf Grund -unserer Sprachkenntnis in einer Frist, die zu dem Resultat in gar -keinem Verhältnis steht, die Fähigkeit des Lesens erlangen.</p> - -<p>Beinahe achtlos und ohne Ehrfurcht geht der Mensch an solchen Wundern -vorüber. Nur junge Mütter strahlen vor Glück und Stolz, wenn ihr Kind -die ersten Worte hervorbringt, weil die in ihrem Instinkt die Größe -des Augenblicks empfinden. Sie ahnen, daß die kleine Seele ihre zarten -Schwingen hebt, daß dunkle Hüllen fallen — daß wie mit einem Schlage -das geistige Wachstum deutlich erkennbar einsetzt. Von alledem war -Helen<span class="pagenum"><a name="Seite_ix" id="Seite_ix">[S. ix]</a></span> Keller ausgeschlossen bis zu dem angegebenen Zeitpunkte, wo ihre -Lehrerin Anne Mansfield Sullivan ihr väterliches Haus betrat. Die Nacht -hatte ihre schwarzen Flügel um sie gebreitet — und es schien, als ob -undurchdringliche Finsternis wie ein böser Zauber für immer auf ihrer -Seele lasten sollte.</p> - -<p>Wen soll man mehr bewundern, — das taubstumme und blinde Geschöpf, das -durch eine Energie, die beispiellos ist, sich zu dem höchsten Wissen -durchringt, oder ihre Lehrerin, deren Opfermut, Geduld und Güte Licht -in das Dunkel dieses ausgestoßenen Menschen bringt? Beide betrachten -ihre Begegnung als den unerhörten Glücksfall ihres Lebens. Und beider -Existenz könnte den Ungläubigen gläubig machen und mit Gott aussöhnen. -Jene Philosophen, die Beweise für das Dasein Gottes suchen, brauchten -sich nur auf diese beiden Geschöpfe zu berufen, um ihre Arbeit als -getan anzusehen.</p> - -<p>Anne Sullivan unterrichtet Helen, als ob sie ein normales Kind -wäre. Sie tritt ihr mit unerbittlicher Strenge entgegen, nachdem -ihre Versuche, das unbändige Kind durch Güte zu erziehen, kläglich -gescheitert sind. Sie nötigt die Eltern, Helen ein paar Wochen mit ihr -ganz allein zu lassen, und diese Zeit benutzt sie, um dem verzogenen -kleinen Mädchen durch ihre körperliche Ueberlegenheit fühlbar zu -machen, daß ihr stärkerer Wille jeden Eigensinn zu brechen vermag. Erst -als Helen diese Erkenntnis aufgezwungen und ins Blut gegangen ist, -beginnt die geistige Arbeit.</p> - -<p>Dies Buch ist ein Dokument dafür, was menschliche Energie zu leisten -vermag. Man muß es Zeile für Zeile andächtig und in Ehrfurcht lesen, um -das Wunderbare, das hier erreicht wurde, zu begreifen.</p> - -<p>Der Apostel spricht: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen -redete und hätte doch der Liebe nicht...“ Neben allen ihren geistigen -Fähigkeiten hatte Anne Sullivan der Liebe. Wie trifft man besser ihren -Wesenskern, als wenn man sie das Genie der Güte und der Liebe nennt? -Bis zu ihrem vierzehnten Jahre war sie selbst blind gewesen. Aus dieser -ihrer Leidenszeit hatte sie sich das große Gefühl des Erbarmens für -ihre Lebensaufgabe geschöpft. Sie wurde ihrer Schülerin eine Gespielin, -und im Spiele fand sie den Schlüssel, um Helen<span class="pagenum"><a name="Seite_x" id="Seite_x">[S. x]</a></span> die Pforten der -Erkenntnis zu öffnen, die ihr nach menschlicher Berechnung für immer -verschlossen schienen. An den greif- und fühlbaren Dingen setzte ihr -Lehrplan ein, um dann an jene Wahrnehmungen anzuknüpfen, die durch den -Geruchssinn ermöglicht wurden.</p> - -<p>Sie begann damit, ihrer Schülerin das Fingeralphabet beizubringen -— und als dies gelungen war, buchstabierte sie ihr unaufhörlich -neue Wörter in die Hand, unbekümmert darum, ob Helen sie verstand -oder nicht. Sie wurde dabei von einer Voraussetzung geleitet, deren -Richtigkeit sich auf das Glänzendste bestätigen sollte. Sie sagte sich, -in dem Augenblicke, wo das geistige Dunkel von Helen genommen sein -würde, müßte sie durch Erinnerung und Ideenassociation hinter den Sinn -der Vokabeln gelangen, die ihr immer und immer wieder mechanisch in die -Hand buchstabiert worden waren.</p> - -<p>Erinnerung — durch diesen Begriff allein ist das Wunder aufzuklären, -das sich an Helen Keller vollzog. Niemand kann dieses Erinnern -besser und schöner formulieren, als Helen Keller es selbst in ihrer -Lebensgeschichte getan hat: „Jedes Individuum,“ sagt sie, „besitzt -eine unter der Schwelle des Bewußtseins verborgene Erinnerung an die -grünende Erde und die murmelnden Gewässer, und weder Blindheit noch -Taubheit kann es dieser von vergangenen Generationen her überkommenen -Gabe berauben. Diese ererbte Fähigkeit ist eine Art sechsten Sinnes — -ein Seelensinn, der zugleich sieht, hört, fühlt.“</p> - -<p>Die größte Schwierigkeit aber, die sich Anne Sullivan bei ihrem -schweren Lebens- und Erziehungswerk in den Weg stellte, war die: -Wie sollte sie es anfangen, um ihrer Schülerin abstrakte Begriffe -beizubringen? Auch hier erwies dich die schöpferische Genialität -dieser Pädagogin. Es seien nur zwei Beispiele ihrer Methode angeführt: -So oft sie Helen etwas Süßes zu essen gab, buchstabierte sie ihr das -Wort »süß« in die Hand, — so oft ihre Schülerin auf der Zunge einen -bitteren Geschmack haben mußte, das Wort »bitter«. Sie schloß ganz -richtig, daß die Uebertragung des sinnlichen Eindruckes auf abstrakte -Begriffe dich allmählich ganz von selbst ergeben müßte.</p> - -<p>Es ist nicht der Zweck dieser einleitenden Zeilen, den ganzen -Entwicklungsgang Helen Kellers zu erzählen. Man vermag ja<span class="pagenum"><a name="Seite_xi" id="Seite_xi">[S. xi]</a></span> das -Unfaßliche nur zu fassen, wenn man ihre eigenen Schilderungen liest und -die ergänzenden Briefe und Zusätze ihrer Lehrerin.</p> - -<p>Sie lernt lesen und schreiben und wird in alle Disziplinen der -Wissenschaft eingeweiht. Von Anne Sullivan auf Schritt und Tritt -begleitet, besteht sie glänzend die notwendigen Examina, um die -Universität besuchen zu können. Sie bildet ihren Tastsinn bis zu dem -Grade aus, daß sie die Schönheit plastischer Kunstwerke zu ahnen vermag -und das rührende Wort spricht: „Ich bin mitunter im Zweifel, ob die -Hand nicht empfänglicher für die Schönheiten der Plastik ist, als das -Auge. Ich sollte meinen, der wunderbare rhythmische Fluß der Linien -ließe sich besser fühlen als sehen.“</p> - -<p>Nur auf ein Stadium ihres seltsamen Entwicklungsganges möchte ich -hier noch eingehen. Als zu ihr die Kunde dringt, daß eine taubstumme -und blinde Norwegerin das Sprechen erlernt habe, faßt sie den festen -Entschluß, sich ebenfalls die Sprache zu eigen zu machen, koste es -noch so viel Mühe und Schweiß. Sie begibt sich mit ihrer unermüdlichen -Lehrerin zu Sarah Fuller, der Leiterin der Horace-Mann-Schule, und -nimmt am 26. März 1896 ihre erste Sprachstunde. Sie mußte ihre Hand -über das Gesicht Sarah Fullers legen, um die Stellung der Zunge und -der Lippen zu fühlen, wenn diese einen Ton hervorbrachten. Sobald ihr -Eifer und Energie zu erlahmen drohten, dachte sie an die Freude, die -ihre kleine Schwester und die Eltern empfinden müßten, wenn das Wagnis -gelingen würde.</p> - -<p>Was wie ein Märchen klingt, wird zur Wahrheit: Helen Keller lernt auf -diese Weise das Sprechen. Und nun kann sie es kaum noch erwarten, zu -den Ihrigen zurückzukehren. Ihr Herz will vor Ungeduld zerspringen. -Es ist eine der erschütterndsten Stellen des bewegenden Buches, die -ihre Heimkehr schildert. Es heißt da: „Fast ehe ich es ahnte, hielt -der Zug auf dem Bahnhofe in Tuscumbia, und auf dem Perron stand die -ganze Familie. Meine Augen füllen sich noch jetzt mit Tränen, wenn -ich daran denke, wie mich meine Mutter sprachlos und zitternd vor -Freude an ihr Herz drückte und auf jede Silbe, die ich sprach, atemlos -lauschte, während die kleine Mildred meine freie Hand ergriff, sie -küßte und umhertanzte,<span class="pagenum"><a name="Seite_xii" id="Seite_xii">[S. xii]</a></span> und mein Vater seinen Stolz und seine Liebe -durch tiefes Schweigen bekundete. Es war, als sei Jesaias Prophezeiung -an mir in Erfüllung gegangen: Die Berge und Hügel werden vor Dir Lieder -anstimmen, und alle Bäume des Feldes werden vor Freude in ihre Hände -klatschen.“</p> - -<p>Die Lektüre von Helen Kellers Selbstbiographie gibt uns neue -Aufschlüsse über die menschliche Natur. Sie ist eine Fundgrube für den -Psychologen und sie bringt jedem Leser eine ungeahnte Bereicherung -seines inneren Besitzes. Dennoch liegt es uns fern, Helen Keller als -Genie anzupreisen. Ihre Urteile über Kunst, Literatur und Wissenschaft -sind wohl die eines Menschen von außergewöhnlichem Intellekt und -außergewöhnlicher Kultur — aber niemals verblüffen sie durch eine -besondere Eigenart, niemals legen sie Zeugnis ab von einer überlegenen -Persönlichkeit. Ein gebildeter Mensch, der aus allen Quellen des -Wissens und der Kunst getrunken hat, spricht zu uns — nicht aber ein -origineller Geist, der neue Werte prägt.</p> - -<p>Trotzdem sind wir hingerissen von diesem Phänomen, das uns zum Glauben -und zur Andacht zwingt.</p> - -<p>Ein Beitrag zur Erziehung des Menschengeschlechtes ist dieses Buch. -Und wenn Helen Keller selbst schwerlich den Anspruch erhebt, zu den -führenden Geistern gerechnet zu werden — so ist doch ihr Dasein selbst -ein Beweis für die Genialität des Menschen überhaupt. Es sollte die -nachdenklich und ehrfürchtig stimmen, die das kostbarste Material, das -Mutter Natur geschaffen hat, mißachten und mißhandeln.</p> - -<p class="s4 right mright2"><b>Felix Holländer.</b></p> - -<p class="mtop3"><b>Zur gefl. Beachtung:</b> Zum besseren Verständnis der Aufzeichnungen -Helen Kellers wird es sich empfehlen, <em class="gesperrt">zuerst den Anhang</em> einer -kurzen Durchsicht zu unterziehen. — Die manchmal etwas ungewöhnliche -Ausdrucksweise der Verfasserin wurde in der Uebersetzung beibehalten.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_xiii" id="Seite_xiii">[S. xiii]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt.</h2> - -</div> - -<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis"> - <tr> - <td colspan="2"> - <div class="s5 right">Seite</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang1"><span class="mleft0_2">V</span><span class="mleft0_2">o</span><span class="mleft0_2">r</span><span class="mleft0_2">w</span><span class="mleft0_2">o</span><span class="mleft0_2">r</span><span class="mleft0_2">t</span> - <span class="mleft0_2">v</span><span class="mleft0_2">o</span><span class="mleft0_2">n</span> - <span class="mleft0_2">F</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">l</span><span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">x</span> - <span class="mleft0_2">H</span><span class="mleft0_2">o</span><span class="mleft0_2">l</span><span class="mleft0_2">l</span><span class="mleft0_2">ä</span><span class="mleft0_2">n</span><span class="mleft0_2">d</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">r</span></div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Geleitwort">VII</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="s3 padtop1" colspan="2"> - <div class="center"><a href="#Erster_Teil">Erster Teil.</a><br /> - <b>Die Geschichte meines Lebens.</b></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="s4 padtop1" colspan="2"> - <div class="center"><b>Erstes Kapitel.</b></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang1">Schwierige Aufgabe. — Familie. — Ivy Green. — Garten. — - Geburt. — Taufe. — Erste Sprech- und Gehversuche. — Erkrankung. - — Dauernder Verlust des Gesichts und Gehörs. — - Verworrene Erinnerung an die ersten Gesichtseindrücke</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="s5 right"><a href="#Erstes_Kapitel">3</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="s4 padtop1" colspan="2"> - <div class="center"><b>Zweites Kapitel.</b></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang1">Die ersten Monate nach der Krankheit. — Verständigungsversuche - durch Gebärdensprache. — Betätigung im Haushalt. — - Teilnahme an der Geselligkeit des Hauses. — Erkenntnis der - Unterscheidung von anderen. — Heftigkeit. — Eigenwilligkeit - und Herrschsucht. — Früheste Erinnerungen. — Umzug. — - Familienleben. — Tod des Vaters im Jahre 1896. — Eifersucht</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="s5 right"><a href="#Zweites_Kapitel">8</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="s4 padtop1" colspan="2"> - <div class="center"><b>Drittes Kapitel.</b></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang1">Wachsendes Verlangen nach Gedankenaustausch. — Laura Bridgman - und <span class="antiqua">Dr.</span> Howe. — Reise nach Baltimore zu einem Augenarzte. - — Besuch bei Alex. Graham Bell. — Herr Anagnos - in Boston findet eine Lehrerin</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="s5 right"><a href="#Drittes_Kapitel">17</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="s4 padtop1" colspan="2"> - <div class="center"><b>Viertes Kapitel.</b></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> -<span class="pagenum"><a name="Seite_xiv" id="Seite_xiv">[S. xiv]</a></span> - <div class="hang1">Ankunft Fräulein Sullivans in Tuscumbia am 3. März 1887. — - Bange Erwartung. — Beginn der Erlernung des Fingeralphabets. - — Szene am Brunnen. — Enthüllung des Geheimnisses - der Sprache</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="s5 right"><a href="#Viertes_Kapitel">20</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="s4 padtop1" colspan="2"> - <div class="center"><b>Fünftes Kapitel.</b></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang1">Allmähliches Erwachen der Seele. — Unterricht im Freien. — - Freude an der Natur. — Schrecken der Natur. — Gewitter. — - Schönheit des Mimosenbaumes</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="s5 right"><a href="#Fuenftes_Kapitel">24</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="s4 padtop1" colspan="2"> - <div class="center"><b>Sechstes Kapitel.</b></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang1">Fortschritt in der Beherrschung der Sprache. — Wißbegierde. — - Unterredung über Liebe. — Kennenlernen abstrakter Begriffe. — - Dieselbe Unterrichtsmethode wie bei einem hörenden Kinde</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="s5 right"><a href="#Sechstes_Kapitel">28</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="s4 padtop1" colspan="2"> - <div class="center"><b>Siebentes Kapitel.</b></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang1">Erster Leseunterricht. — Anfangs keine regelmäßigen Unterrichtstunden. - — Erziehung zum Naturgenuß. — Wald, Garten. — - Kellers Landungsplatz. — Geographie, Rechnen, Zoologie, - Botanik. — Fossilien. — Leicht faßliche Unterrichtsmethode. — - Herzliches Verhältnis zu Fräulein Sullivan</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="s5 right"><a href="#Siebentes_Kapitel">32</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="s4 padtop1" colspan="2"> - <div class="center"><b>Achtes Kapitel.</b></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang1">Erstes Weihnachtsfest nach Fräulein Sullivans Ankunft. — Ratespiel. - — Weihnachtsbescherung in der Schule zu Tuscumbia. — - Freude über die Weihnachtsgeschenke</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="s5 right"><a href="#Achtes_Kapitel">39</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="s4 padtop1" colspan="2"> - <div class="center"><b>Neuntes Kapitel.</b></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang1">Reise nach Boston. — Zusammentreffen mit den blinden Kindern. - — Bunker Hill. — Plymouth. — Pilgerfelsen. — Herr - William Endicott</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="s5 right"><a href="#Neuntes_Kapitel">42</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="s4 padtop1" colspan="2"> - <div class="center"><b>Zehntes Kapitel.</b></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang1">Ferienaufenthalt in Brewster. — Die See. — Erstes Seebad. — - Eindruck der Brandung. — Der erste Taschenkrebs</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="s5 right"><a href="#Zehntes_Kapitel">46</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="s4 padtop1" colspan="2"> - <div class="center"><b>Elftes Kapitel.</b></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> -<span class="pagenum"><a name="Seite_xv" id="Seite_xv">[S. xv]</a></span> - <div class="hang1">Rückkehr nach Tuscumbia. — Fern Quarry. — Jagden. — - Pony »Black Beauty«. — In Lebensgefahr</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="s5 right"><a href="#Elftes_Kapitel">49</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="s4 padtop1" colspan="2"> - <div class="center"><b>Zwölftes Kapitel.</b></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang1">Besuch im Norden. — Wintervergnügungen</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="s5 right"><a href="#Zwoelftes_Kapitel">54</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="s4 padtop1" colspan="2"> - <div class="center"><b>Dreizehntes Kapitel.</b></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang1">Rückblick auf die früheren Versuche, zu sprechen. — Ragnhild - Kaata. — Unterricht in der Lautsprache bei Fräulein Fuller. — - Freude über den Erfolg. — Ablesen von den Lippen mittels - der Finger. — Gebrauch des Fingeralphabets</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="s5 right"><a href="#Dreizehntes_Kapitel">57</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="s4 padtop1" colspan="2"> - <div class="center"><b>Vierzehntes Kapitel.</b></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang1">Die Frostkönig-Episode. — Betrachtungen - über Schriftstellerei</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="s5 right"><a href="#Vierzehntes_Kapitel">62</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="s4 padtop1" colspan="2"> - <div class="center"><b>Fünfzehntes Kapitel.</b></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang1">Erster Entwurf der »Lebensgeschichte«. — Zweifel und Unruhe. — - Reise nach Washington zur Einführung des Präsidenten - Cleveland, nach dem Niagarafall und der Weltausstellung - in Chicago</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="s5 right"><a href="#Fuenfzehntes_Kapitel">72</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="s4 padtop1" colspan="2"> - <div class="center"><b>Sechzehntes Kapitel.</b></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang1">Geschichtsstudium. — Studium der französischen Sprache, Lafontaine, - Molière, Racine. — Vervollkommnung der Lautsprache. — - Latein. — Lektüre von Cäsars »Gallischem Kriege«</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="s5 right"><a href="#Sechzehntes_Kapitel">77</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="s4 padtop1" colspan="2"> - <div class="center"><b>Siebzehntes Kapitel.</b></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang1">Verhandlungen der Amerikanischen Vereinigung zur Förderung - der Taubstummen im Sprechen in Chautauqua (Sommer 1894). - — Besuch der Wright-Humason-Schule in New York. — Arithmetik, - physikalische Geographie, Französisch, Deutsch. — Lektüre - von »Wilhelm Tell« und »<span class="antiqua">Le médecin malgré lui</span>«. — - Zentralpark in New York. — Ausflüge in die Umgebung der - Stadt</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="s5 right"><a href="#Siebzehntes_Kapitel">80</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="s4 padtop1" colspan="2"> - <div class="center"><b>Achtzehntes Kapitel.</b></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> -<span class="pagenum"><a name="Seite_xvi" id="Seite_xvi">[S. xvi]</a></span> - <div class="hang1">Besuch des Mädchengymnasiums in Cambridge zum Zweck der - Vorbereitung für das Radcliffe College. — Wunsch, eine Universität - zu besuchen. — Schwierigkeit, dem Unterricht zu folgen. - — Befriedigende Fortschritte, namentlich im Deutschen: »Lied - von der Glocke«, »Taucher«, »Dichtung und Wahrheit« u. s. w. - Shakespeare, Burke, Macaulay. — Zusammensein mit sehenden - und hörenden Altersgenossinnen. — Mildreds Aufnahme - in die Schule. — Prüfungen</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="s5 right"><a href="#Achtzehntes_Kapitel">83</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="s4 padtop1" colspan="2"> - <div class="center"><b>Neunzehntes Kapitel.</b></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang1">Beginn des zweiten Schuljahres. — Physik, Algebra, Geometrie, - Astronomie, Griechisch, Latein. — Anfälle von Kleinmut. — - Abgang vom Gymnasium und Weiterbildung durch Privatunterricht. - — Rückkehr nach Boston (Oktober 1898). — Schlußprüfung - für das Radcliffe College (Juni 1899)</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="s5 right"><a href="#Neunzehntes_Kapitel">90</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="s4 padtop1" colspan="2"> - <div class="center"><b>Zwanzigstes Kapitel.</b></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang1">Eintritt in das Radcliffe College. — Anfängliche Begeisterung - und teilweise Enttäuschung. — Uebelstände des Universitätsstudiums. - — Erstes Studienjahr. — Französisch, Deutsch, englische - Stillehre, englische Literatur. — Besuch der Vorlesungen. - — Schreibmaschine. — Stunden des Unmuts. — Zweites Jahr: - englische Stillehre, Bibel, politische Verhältnisse Amerikas und - Europas, horazische Oden, lateinische Komödie, Nationalökonomie, - Shakespeare, Geschichte der Philosophie. — Verknöcherung - des Universitätswesens. — Pein der Prüfungen. — - Enttäuschung</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="s5 right"><a href="#Zwanzigstes_Kapitel">96</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="s4 padtop1" colspan="2"> - <div class="center"><b>Einundzwanzigstes Kapitel.</b></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang1">Bücherstudium. — Rückblick. — Bibliothek in Boston. — Heißhunger - auf Bücher. — »<span class="antiqua">Little Lord Fauntleroy</span>«. — Lafontaines - Fabeln. — Begeisterung für das griechische Altertum. - — Ilias. — Aeneis. — Bibel. — Shakespeare. Macbeth, - König Lear. — Geschichte. — Deutsche Literatur. — Französische - Literatur. — Mark Twain. — Scott</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="s5 right"><a href="#Einundzwanzigstes_Kapitel">105</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="s4 padtop1" colspan="2"> - <div class="center"><b>Zweiundzwanzigstes Kapitel.</b></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> -<span class="pagenum"><a name="Seite_xvii" id="Seite_xvii">[S. xvii]</a></span> - <div class="hang1">Liebe zur Natur. — Körperliche Uebungen. — Rudern. — - Segeln. — Halifax. — Regatta. — Sturm. — Aufenthalt in - Wrentham. — Weltbegebenheiten. — Krieg mit Spanien. — - Soziale Kämpfe. — Unterschied zwischen Stadt und Land. — - Soziales Mitgefühl. — Spaziergänge. — Radfahren. — Liebe - zu Hunden. — Dame- und Schachspiel. — Liebe zu Kindern. — - Museen und Kunstsammlungen. — Theaterbesuch. — Zeitweiliges - Gefühl der Vereinsamung</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="s5 right"><a href="#Zweiundzwanzigstes_Kapitel">120</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="s4 padtop1" colspan="2"> - <div class="center"><b>Dreiundzwanzigstes Kapitel.</b></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang1">Beglückendes Gefühl der Freundschaft. — Bischof Brooks. — - Kein Verlangen nach dem Jenseits. — Henry Drummond. — - <span class="antiqua">Dr.</span> Oliver Wendell Holmes. — Whittier. — <span class="antiqua">Dr.</span> Edward - Everett Hale. — <span class="antiqua">Dr.</span> Alexander Graham Bell. — Charles - Dudley Werner. — Mark Twain u. a. — Schlußwort</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="s5 right"><a href="#Dreiundzwanzigstes_Kapitel">133</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="s3 padtop1" colspan="2"> - <div class="center"><a href="#Zweiter_Teil">Zweiter Teil.</a><br /> - <b>Helen Kellers Briefe (1887–1901).</b><br /> - <span class="s6">(Auswahl.)</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang1">Erste Schreibversuche. — Zwei Briefe an die blinden Mädchen - im Perkinsschen Institut. — Brief an Herrn Anagnos mit der - Schilderung eines Picknicks im Walde. — Brief an Onkel - Morrie über den Ausflug nach Plymouth. — Brief an Herrn - Anagnos mit einigen französischen und griechischen Redensarten. - — Brief an Tante Eveline Keller mit Uebersetzungen - von griechischen, französischen, lateinischen und deutschen Redensarten - und Wörtern. — Brief mit astronomischen Angaben. — - Briefe an Herrn Anagnos über seine Reise nach Europa. — - Brief mit Wiedergabe des Inhalts eines Andersenschen Märchens. - — Brief an Fräulein Sullivan. — Brief an Whittier. — - Brief an <span class="antiqua">Dr.</span> Holmes. — Brief an Fräulein Sarah Fuller. — - Brief an den nachmaligen Bischof Brooks. — Brief über -<span class="pagenum"><a name="Seite_xviii" id="Seite_xviii">[S. xviii]</a></span> - Tommy Stringer. — Brief über die Reise nach dem Niagarafall. - — Brief über den Besuch der Weltausstellung in Chicago. - — Brief über ein Zusammentreffen mit Mark Twain. — - Brief über den Besuch des Bostoner Museums. — Brief über - den Eindruck, den das Orgelspiel auf Helen Keller gemacht - hat. — Stellen aus verschiedenen Briefen über Leidensgefährten. - — Brief an <span class="antiqua">Dr.</span> Hale, geschrieben am Vorabend der Howefeier</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="s5 right"><a href="#Zweiter_Teil">147</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="s3 padtop1" colspan="2"> - <div class="center"><a href="#Anhang">Anhang.</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="s4 padtop1" colspan="2"> - <div class="center"><b>Die Abfassung des Buches.</b></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang1">Schwierigkeit der Prüfung des mit der Schreibmaschine hergestellten - Manuskriptes. — Braillekopie. — Revision mit Hilfe Fräulein - Sullivans</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="s5 right"><a href="#Die_Abfassung_des_Buches">179</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="s4 padtop1" colspan="2"> - <div class="center"><b>Helen Kellers Persönlichkeit.</b></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang1">Körperliche Erscheinung. — Lebhafte Gestikulation. — Personengedächtnis. - — Vorliebe für Humor. — Hartnäckigkeit im Verfolgen - ihrer Ziele. — Keckheit. — Ungeeignet für psychologische - Experimente. — Liebe zur Geselligkeit. — Verständnis - für Musik. — Interesse für die Tagesereignisse. — Ueberraschend - vollständige Weltkenntnis. — Gefühlssinn nicht besonders - fein entwickelt. — Verständnis für Plastik. — Wenig - Orientierungssinn. — Benutzung der Schreibmaschine. — - Fingeralpbabet. — Hochdruck und Braillesystem. — Geruchssinn. - — »Sechster Sinn«. — Zeitsinn. — Eigenartige Uhren. - — Gesunde Auffassung der Dinge. — Sittliche Reinheit. — - Abneigung gegen Tragödien. — Warmes Empfinden und Aufrichtigkeit. - — Mangel an Eitelkeit. — Beschäftigung mit Politik</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="s5 right"><a href="#Helen_Kellers_Persoenlichkeit">182</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="s4 padtop1" colspan="2"> - <div class="center"><b>Helen Kellers Bildungsgang.</b></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang1"><span class="antiqua">Dr.</span> Howe und Laura Bridgman. — Helen Keller kein Objekt - für psychologische Beobachtungen. — Unwahre und übertragene - Berichte über ihre Fortschritte. — Fräulein Sullivans Persönlichkeit. - — Helens Entwickelung nach Fräulein Sullivans Berichten. - — Psychologische und pädagogische Betrachtungen über - Fräulein Sullivans Methode</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="s5 right"><a href="#Helen_Kellers_Bildungsgang">199</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="s4 padtop1" colspan="2"> - <div class="center"><b>Helen Kellers Sprache.</b></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> -<span class="pagenum"><a name="Seite_xix" id="Seite_xix">[S. xix]</a></span> - <div class="hang1">Fräulein Sullivans Bericht über Helens Unterricht in der Lautsprache. - — Eigentümlichkeiten von Helens Aussprache. — Ansprache - Helens in Mt. Airy bei Philadelphia</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="s5 right"><a href="#Helen_Kellers_Sprache">311</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="s4 padtop1" colspan="2"> - <div class="center"><b>Helen Keller als Schriftstellerin.</b></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang1">Helen Kellers hervorragende stilistische Begabung und deren - Pflege. — Gute Lektüre. — Unausgesetzte Kontrolle der Stilübungen - Helens durch Fräulein Sullivan. — Fräulein Sullivans - Darstellung der Episode mit dem »Frostkönig«. — Gegenüberstellung - der beiden Fassungen des Märchens. — Fräulein - Canbys Aeußerungen über den Zwischenfall. — Allgemeine - Betrachtungen über den »Frostkönig«. — Kleinerer Aufsatz - Helens über ihr Traumleben</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="s5 right"><a href="#Helen_Keller_als_Schriftstellerin">321</a></div> - </td> - </tr> -</table> - -<table class="toc" summary="Verzeichnis der Bilder"> - <tr> - <td class="s3 padtop2" colspan="3"> - <div class="center"><b>Verzeichnis der Bilder.</b></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang1">Helen Keller als Studentin</div> - </td> - <td class="vab" colspan="2"> - <div class="right"><a href="#frontispiz">(Titelbild)</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang1">Ivy Green</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">Seite</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#img_p005">5</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang1">Helen Keller und Fräulein Sullivan</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#img_p039">39</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang1">Fräulein Sullivan liest Helen Keller vor</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#img_p084">84</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang1">Helen Keller, Fräulein Sullivan und Schauspieler - Jefferson</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#img_p132">132</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang1">Helen Keller »betrachtet« eine Nike-Statuette</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#img_p170">170</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang1">Helen Keller »horcht« auf die Töne eines Klaviers</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#img_p186">186</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang1">Helen Keller bei der Lektüre</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#img_p192">192</a></div> - </td> - </tr> -</table> - -<hr class="full" /> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Erster_Teil"><span class="s6">Erster Teil</span><br /> - -Die Geschichte meines Lebens</h2> - -</div> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span></p> - -<h3 class="padtop2" id="Erstes_Kapitel">Erstes Kapitel.</h3> - -</div> - -<p class="s5 center mbot2">Schwierige Aufgabe. — Familie. — Ivy Green. — Garten. — Geburt. -— Taufe. — Erste Sprech- und Gehversuche. — Erkrankung. — -Dauernder Verlust des Gesichts und Gehörs. — Verworrene Erinnerung -an die ersten Gesichtseindrücke.</p> - -<p>Nur mit einem gewissen Zagen beginne ich die Geschichte meines Lebens -zu schreiben. Ich empfinde eine Art abergläubischer Furcht davor, den -Schleier zu lüften, der wie ein goldener Nebel über meiner Kindheit -ausgebreitet liegt. Die Aufgabe, eine Selbstbiographie zu verfassen, -gehört zu den schwierigsten, die man sich überhaupt stellen kann. -Wenn ich versuche, meine ersten Eindrücke zu ordnen, so finde ich, -daß Wahrheit und Dichtung, über die Jahre hinweg betrachtet, die die -Vergangenheit mit der Gegenwart verknüpfen, sich zum Verwechseln -ähnlich sehen. Die reife Frau schildert die Erfahrungen des Kindes, -wie sich diese in ihrer eigenen Phantasie darstellen. Ein paar -Eindrücke aus meinen ersten Lebensjahren stehen lebendig vor meiner -Seele, doch „alles andre deckt der Kerkerschatte“. Auch haben viele -der Freuden und Leiden der Kindheit ihren Reiz und ihren Stachel -verloren, und zahlreiche Ereignisse, die bei Beginn meiner Erziehung -von entscheidender Bedeutung gewesen sind, habe ich in der Erregung -über meine weiteren Fortschritte vergessen. Um daher den Leser nicht -zu ermüden, will ich in einer Reihe von Skizzen nur die Episoden zu -schildern versuchen, die mir am interessantesten und wichtigsten -erscheinen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span></p> - -<p>Ich wurde am 27. Juni 1880 in Tuscumbia, einer kleinen Stadt im -nördlichen Alabama, geboren.</p> - -<p>Die Familie meines Vaters stammt von <em class="gesperrt">Kaspar Keller</em> ab, einem -geborenen Schweizer, der sich in Maryland niedergelassen hatte. Einer -meiner Schweizer Vorfahren war der erste Lehrer für Taubstumme in -Zürich und hat ein Buch über deren Erziehung geschrieben — gewiß ein -seltsames Zusammentreffen, obgleich es wahr ist, daß es keinen König -gibt, unter dessen Vorfahren sich nicht ein Sklave befunden hat, und -keinen Sklaven, in dessen Adern nicht auch Königsblut rollt.</p> - -<p>Mein Großvater, Kaspar Kellers Sohn, erhielt große Ländereien in -Alabama zugewiesen und siedelte sich schließlich hier an. Ich -habe mir erzählen lassen, daß er alljährlich einmal von Tuscumbia -nach Philadelphia ritt, um die Bedürfnisse für seinen Grundbesitz -einzukaufen, und meine Tante verwahrt noch viele von den Briefen an -seine Familie, die anziehende und lebhafte Reiseschilderungen enthalten.</p> - -<p>Meine Großmutter Keller war die Tochter Alexander Moores, eines -Adjutanten Lafayettes, und Enkelin Alexander Spotswoods, eines früheren -Kolonialgouverneurs von Virginia. Auch war sie im zweiten Gliede mit -Robert E. Lee verwandt.</p> - -<p>Mein Vater, Arthur H. Keller, war Hauptmann in der konföderierten Armee -gewesen, und meine Mutter, Kate Adami, war seine zweite Gattin und -viele Jahre jünger.</p> - -<p>Bis zum Ausbruch meiner Krankheit, die mich für immer des Gesichts -und Gehörs berauben sollte, lebte ich in einem kleinen Hause, das aus -einem großen viereckigen Zimmer und einem kleineren bestand, in dem -das Dienstmädchen schlief. Im Süden herrscht die Gewohnheit, in der -Nähe des Wohnhauses ein kleineres Gebäude zu errichten, das dann bei -Gelegenheit benützt wird. Ein solches Häuschen erbaute auch mein Vater -nach dem Bürgerkriege und bezog es, nachdem er sich<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span> mit meiner Mutter -verheiratet hatte. Es war über und über mit Wein, Kletterrosen und -Geißblatt bedeckt. Vom Garten aus machte es ganz den Eindruck einer -Laube. Der kleine Eingang lag hinter einer Hecke von gelben Rosen und -Stechwinde verborgen, die beständig von Hummeln und Bienen umsummt -wurde.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="img_p005" name="img_p005"> - <img class="mtop1" src="images/img_p005.jpg" alt="" /></a> - <p class="caption mbot1">Ivy Green</p> -</div> - -<p>Das Familienwohnhaus lag wenige Schritte von unserer kleinen Rosenlaube -entfernt. Es wurde »Ivy Green« genannt, weil das Haus und Bäume und -Zäune, welche es umgaben, von dem schönsten Efeu umrankt waren. Der -dazugehörige altmodische Garten war das Paradies meiner Kindheit.</p> - -<p>Schon vor der Ankunft meiner Lehrerin pflegte ich mich an den steifen -viereckigen Buchsbaumhecken entlang zu tasten und fand, durch den -Geruch geleitet, die ersten Veilchen und Lilien. Hierher flüchtete ich -mich auch nach einem heftigen Ausbruch meines Temperaments und verbarg -mein heißes Gesicht in den kühlen Blättern und Gräsern. Was für eine -Freude war es, mich in diesem blumenübersäten Garten zu verlieren, -selig von einem Fleck zum anderen zu wandern, bis ich endlich auf einen -herrlichen Weinstock stieß, ihn an seinen Blättern und Blüten erkannte -und wußte, es sei der Weinstock, der das verfallene Sommerhaus am -anderen Ende des Gartens umrahmte! Dort wuchsen auch die kletternde -Clematis, der niederhängende Jasmin und einige seltene, stark duftende -Blumen, Schmetterlingslilien genannt, weil ihre zarten Blütenblätter -Schmetterlingsflügeln gleichen. Aber die Rosen waren doch meine -bevorzugten Lieblinge. Niemals habe ich in den Treibhäusern des Nordens -solche wunderherrlichen Rosen angetroffen wie die Kletterrosen meines -väterlichen Gartens, im Süden. Sie hingen in langen Gewinden um das -Portal des kleinen Häuschens und erfüllten die ganze Luft mit ihrem -Wohlgeruch, der nichts Irdisches an sich hatte, und in der<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span> Morgenfrühe -fühlten sie sich, vom Tau gebadet, so frisch, so rein an, daß ich mich -oft staunend fragte, ob sie nicht den Asphodelosblüten im Garten Gottes -glichen.</p> - -<p>Der Beginn meines Lebens war einfach und genau so wie der jedes -anderen kleinen Lebens. Ich kam, sah, siegte, wie es das erste Kind -einer Familie stets tut. Wie gewöhnlich kam es bei Gelegenheit der -Wahl eines Namens für mich zu einer lebhaften Erörterung. Es war nicht -leicht, für das erste Kind in der Familie einen passenden Namen zu -finden, da jedermann seine Lieblingswünsche in dieser Beziehung hatte -und mit Eifer vertrat. Mein Vater schlug den Namen Mildred Campbell -vor, wie eine Ahne von ihm geheißen hatte, die er sehr verehrte, und -lehnte es ab, weiter an der Diskussion teilzunehmen. Meine Mutter -gab den Ausschlag, indem sie es als ihren Wunsch bezeichnete, ich -möchte nach ihrer Mutter, deren Mädchenname Helen Everett war, genannt -werden. Aber in seiner Aufregung vergaß mein Vater während der Fahrt -nach der Kirche diesen Namen, was auch ganz erklärlich war, da er es -ausdrücklich abgelehnt hatte, für ihn die Verantwortung zu tragen. Als -der Geistliche ihn danach fragte, erinnerte er sich nur noch, daß man -übereingekommen war, mich nach meiner Großmutter zu nennen, und gab -ihren Namen als Helen Adams an.</p> - -<p>Schon als ich noch im langen Kleidchen auf dem Arme getragen wurde, -soll ich häufig einen heftigen, eigenwilligen Charakter gezeigt haben. -Alles, was ich andere tun sah, wollte auch ich durchaus tun. Im Alter -von sechs Monaten konnte ich <span class="antiqua">How d’ ye</span><a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> piepsen, und eines -Tages zog ich die allgemeine Aufmerksamkeit auf mich, als ich ganz -deutlich <span class="antiqua">Tea, tea, tea!</span> sagte. Selbst nach meiner Krankheit -erinnerte ich mich noch an eins der Worte, das ich in jenen ersten -sechs Monaten gelernt<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span> hatte. Es war das Wort <span class="antiqua">water</span>, und ich -fuhr fort, einen Laut für dieses Wort hervorzubringen, selbst nachdem -ich die ganze übrige Sprache verloren hatte. Ich hörte erst auf, den -Laut <span class="antiqua">wah-wah</span> auszustoßen, als ich das Wort zu buchstabieren -gelernt hatte.</p> - -<p>Im Alter von einem Jahre konnte ich gehen. Meine Mutter hatte mich -gerade aus der Badewanne gehoben und hielt mich auf ihrem Schoße, -als ich plötzlich durch die hin- und herhuschenden Schatten, die das -Laub der Bäume auf die von der Sonne beschienene glatte Diele warf, -gefesselt wurde. Ich schlüpfte von dem Schoße meiner Mutter herab und -lief auf diese Schatten zu. Als der erste Antrieb vorüber war, fiel ich -hin und schrie nach meiner Mutter, damit sie mich wieder auf den Arm -nehme.</p> - -<p>Diese glücklichen Tage dauerten nicht lange. Ein kurzer Frühling voll -jubelnden Vogelgesanges, ein Sommer, reich an Früchten und Rosen, ein -in roten und goldenen Farben glühender Herbst kamen und gingen und -legten ihre Gaben dem munteren, entzückten Kinde zu Füßen. Dann, in -dem darauffolgenden traurigen Februar, kam die Krankheit, die mir Auge -und Ohr schloß und mich in die Unbewußtheit eines neugeborenen Kindes -zurückversetzte. Es war eine akute Unterleibs- und Gehirnentzündung. -Der Arzt hatte mich schon aufgegeben. Eines Morgens verließ mich -jedoch das Fieber auf ebenso plötzliche und geheimnisvolle Weise, wie -es ausgebrochen war. Es herrschte an jenem Morgen große Freude in der -Familie, allein niemand, selbst der Arzt nicht, hatte eine Ahnung -davon, daß ich niemals wieder sehen oder hören sollte.</p> - -<p>Ich glaube, ich habe noch verworrene Erinnerungen an diese Krankheit. -Namentlich entsinne ich mich der Zärtlichkeit, mit der mich meine -Mutter in meinen wachen, qualvollen Stunden überhäufte, und der -entsetzlichen Angst, mit der ich<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span> nach einem unruhigen Halbschlummer -erwachte und meine, ach so heißen und trockenen Augen nach der Wand -kehrte, hinweg von dem einst so geliebten Tageslicht, das von Tag -zu Tage trüber und matter zu mir drang. Aber abgesehen von diesen -verschwommenen Erinnerungen, wenn sie überhaupt noch Erinnerungen -genannt werden können, erscheint mir alles völlig traumhaft wie ein -Alp. Nach und nach gewöhnte ich mich an die mich umgebende Stille und -Dunkelheit und vergaß, daß ich jemals ein anderes Los gehabt hatte, -bis <em class="gesperrt">sie</em> kam — meine Lehrerin —, die meinen Geist befreite. -Aber während der ersten neunzehn Monate meines Lebens hatte ich einen -Schimmer von breiten, grünen Feldern, einem strahlenden Himmel, Bäumen -und Blumen erhascht, den die nachfolgende Dunkelheit nicht ganz -verlöschen konnte. Haben wir einmal gesehen, so „ist der Tag unser, und -was der Tag gezeigt hat“.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> <span class="antiqua">How do you do</span> = wie geht es Ihnen?</p> - -</div> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 class="padtop2" id="Zweites_Kapitel">Zweites Kapitel.</h3> - -</div> - -<p class="s5 center mbot2">Die ersten Monate nach der Krankheit. — Verständigungsversuche -durch Gebärdensprache. — Betätigung im Haushalt. — Teilnahme -an der Geselligkeit des Hauses. — Erkenntnis der Unterscheidung -von anderen. — Heftigkeit. — Eigenwilligkeit und Herrschsucht. -— Früheste Erinnerungen. — Umzug. — Familienleben. — Tod des -Vaters im Jahre 1896. — Eifersucht.</p> - -<p>Ich kann mich nicht entsinnen, was sich während der ersten Monate -nach meiner Krankheit mit mir zutrug. Ich weiß nur, daß ich auf dem -Schoße meiner Mutter saß oder mich an ihr Kleid anklammerte, wenn -sie umherging und den Haushalt besorgte. Meine Hände befühlten alles -und verfolgten jede Bewegung, sodaß ich auf diese Weise mancherlei -kennen lernte. Bald fühlte ich das Bedürfnis, mich mit meiner Umgebung -zu verständigen, und begann, einfache Zeichen zu machen. Ein<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span> -Kopfschütteln bedeutete »nein«, ein Nicken »ja«, ein Heranziehen »komm« -und ein Fortstoßen »geh«. Wollte ich Brot haben, so ahmte ich die -Bewegungen des Schneidens und Butterstreichens nach. Wünschte ich, daß -meine Mutter zu Mittag Eiscreme zubereite, so machte ich eine Bewegung, -die dem Drehen der Eismaschine entsprach, und schauerte zusammen, -als ob ich fröre. Auch meiner Mutter gelang es großenteils, sich mir -verständlich zu machen. Ich wußte stets, wann ich ihr etwas bringen -sollte, und lief dann die Treppe hinauf oder an einen anderen Ort, den -sie mir bezeichnet hatte. In der Tat verdanke ich ihrer liebevollen -Klugheit alles, was meine lange Nacht erhellte und erheiterte.</p> - -<p>Ich begriff einen großen Teil von dem, was um mich herum vorging. Mit -fünf Jahren lernte ich die reine Wäsche, wenn sie aus dem Waschhaus -kam, zusammenlegen und wegräumen, und unterschied die meinige von der -übrigen. Ich erkannte aus der Art und Weise, wie meine Mutter und -meine Tante gekleidet waren, wann sie ausgehen wollten, und bettelte -regelmäßig, mitgehen zu dürfen.</p> - -<p>Ich wurde stets geholt, wenn Besuch da war, und wenn die Gäste Abschied -nahmen, winkte ich ihnen mit der Hand zu, wie ich glaube, mit einer -unbestimmten Erinnerung an die Bedeutung dieser Bewegung. Eines -Tages sprachen einige Herren bei meiner Mutter vor, und ich fühlte -das Schließen der Haustür und andere Geräusche, die ihre Ankunft -ankündigten. In plötzlichem Entschlusse lief ich die Treppe hinauf, -ehe mich jemand zurückhalten konnte, um mich nach meinen Begriffen für -die Gesellschaft herauszuputzen. Ich stellte mich vor den Spiegel, -wie ich es bei anderen wahrgenommen hatte, feuchtete mein Haar mit -Oel an und bedeckte mein Gesicht dick mit Puder. Dann legte ich einen -Schleier auf meinen Kopf, der mein Gesicht bedeckte und mir in Falten -bis auf die Schultern fiel,<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span> und band eine riesige Schleife um meine -schmale Taille, sodaß sie hinter mir herflatterte und mir beinahe bis -zum Saume meines Kleides reichte. In diesem Aufzug erschien ich, um zur -Unterhaltung der Gesellschaft beizutragen.</p> - -<p>Ich entsinne mich nicht genau, wann ich zuerst erkannte, daß ich mich -von anderen unterschied; ich weiß jedoch, daß es vor der Ankunft -meiner Lehrerin der Fall war. Ich hatte bemerkt, daß meine Mutter und -meine Bekannten keine Zeichen machten wie ich es tat, wenn sie etwas -getan haben wollten, sondern mittelst ihres Mundes sprachen. Bisweilen -stand ich zwischen zwei Personen, die sich miteinander unterhielten, -und berührte ihre Lippen. Ich konnte dies nicht begreifen und war -ganz verwirrt. Ich bewegte meine Lippen und gestikulierte heftig — -natürlich ohne Erfolg. Dies machte mich zuweilen so wütend, daß ich mit -den Füßen stampfte und schrie, bis ich erschöpft war.</p> - -<p>Ich glaube, ich wußte, wann ich unartig war, denn ich wußte, daß es -Ella, meiner Wärterin weh tat, wenn ich mit den Füßen nach ihr stieß, -und wenn meine Heftigkeit vorüber war, empfand ich etwas wie Reue. Aber -ich kann mich keines Falles erinnern, in dem dieses Gefühl mich vor der -Wiederholung meiner Ungezogenheit bewahrt hätte, wenn ich nicht gleich -bekam, was ich wünschte.</p> - -<p>Zu jener Zeit waren ein kleines farbiges Mädchen, Martha Washington, -die Tochter unserer Köchin, und ein alter Jagdhund meine beständigen -Gefährten. Martha Washington verstand meine Zeichen, und ich hatte -selten Schwierigkeiten, ihr begreiflich zu machen, was ich wünschte. Es -machte mir Vergnügen, sie zu beherrschen, und sie unterwarf sich in der -Regel meiner Tyrannei lieber, als daß sie es auf einen Faustkampf hätte -ankommen lassen. Ich war stark, energisch und um die Folgen meiner -Handlungsweise unbekümmert. Ich kannte meine Sinnesart am besten und -folgte stets nur meinem<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span> eigenen Kopfe, selbst wenn ich einen Kampf -auf Tod und Leben darum bestehen mußte. Einen großen Teil unserer -Zeit brachten wir in der Küche zu, wo wir Klöße kneteten, Eiscreme -machen halfen, Kaffee mahlten, uns um die Cakesdose zankten und die -Hühner und Puten fütterten, die sich an der Küchentreppe in großer -Menge einfanden. Viele von diesen waren so zahm, daß sie mir aus der -Hand fraßen und sich von mir streicheln ließen. Ein riesiger Truthahn -schnappte mir eines Tages eine Tomate aus der Hand und rannte mit ihr -davon. Vielleicht ermutigt durch den Erfolg des Meister Truthahns, -rissen wir einen Kuchen, den die Köchin soeben kandiert hatte, vom -Herde herunter und aßen ihn mit Stumpf und Stiel auf. Ich war hinterher -ganz krank, und ich möchte nur wissen, ob es dem Puter ebenso ergangen -ist.</p> - -<p>Das Perlhuhn pflegt sein Nest an abgelegenen Stellen zu bauen, und -es machte mir großes Vergnügen, in dem hohen Grase nach den Eiern zu -suchen. Ich konnte es Martha Washington nicht sagen, wann ich auf die -Eierjagd gehen wollte, aber ich legte meine Hände zusammen und drückte -sie auf die Erde; dies sollte etwas Rundes im Grase bedeuten, und -Martha verstand mich stets. Wenn wir das Glück hatten, ein Nest zu -finden, so gestattete ich ihr nie, die Eier nach Hause zu tragen, indem -ich ihr durch eifriges Gestikulieren klarzumachen suchte, sie könne -fallen und die Eier zerschlagen.</p> - -<p>Die Scheunen, in denen das Getreide aufbewahrt wurde, der Stall, in dem -die Pferde standen, und der Hof, in dem die Kühe des Morgens und des -Abends gemolken wurden, übten eine unwiderstehliche Anziehungskraft -auf Martha und mich aus. Die Melkmägde ließen mich die Kühe befühlen, -während sie gemolken wurden, und ich wurde dabei für meine Neugierde -oft tüchtig von den Tieren mit dem Schweife geschlagen.</p> - -<p>Die Vorbereitungen für das Weihnachtsfest gewährten mir<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span> stets großes -Vergnügen. Natürlich wußte ich nicht, was rings um mich her vorging, -aber ich freute mich über den Wohlgeruch, der das Haus erfüllte, und -die Leckerbissen, die Martha Washington und ich bekamen, nur damit -wir uns still verhalten sollten. Dies letztere war uns zwar nicht -ganz recht, aber wir ließen uns dadurch in unserem Vergnügen nicht im -mindesten stören. Wir durften Gewürz mahlen, Rosinen aussuchen und die -Rührlöffel ablecken. Ich hängte meinen Strumpf auf,<a name="FNAnker_2_2" id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> weil die anderen -es taten, konnte mich aber nicht entsinnen, daß mich die Zeremonie -sonderlich interessierte; auch weckte mich die Neugierde, was ich wohl -geschenkt erhalten würde, nicht vor Tagesanbruch auf.</p> - -<p>Martha Washington zeigte eine ebenso große Neigung zum Unfugstiften -wie ich. An einem heißen Julinachmittag saßen zwei kleine Mädchen -auf den Verandastufen. Das eine war schwarz wie Ebenholz und hatte -das struppige Haar in kleine mit Schnürsenkeln umwickelte Löckchen -abgeteilt, die wie Korkzieher um ihren ganzen Kopf herumstanden. Das -andere Mädchen war weiß und hatte lange goldene Locken. Das eine Kind -war sechs Jahre alt, das andere zwei bis drei Jahre älter. Das jüngere -war blind — ich war es —, das ältere war Martha Washington. Wir waren -mit dem Ausschneiden von Papierpuppen beschäftigt, wurden aber dieses -Spieles bald überdrüssig, und nachdem ich meine Schuhbänder sowie alle -Blätter des Geißblattstrauches, die ich erreichen konnte, abgeschnitten -hatte, richtete ich meine Aufmerksamkeit auf Marthas Korkzieher. Sie -sträubte sich zwar anfangs, gab aber schließlich nach. Dann ergriff -sie, wahrscheinlich in der Meinung, es sei ganz in der Ordnung, wenn -sie gleiches mit gleichem ver<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span>gelte, die Schere und schnitt mir eine -meiner Locken ab; sie würde mir alle abgeschnitten haben, wenn meine -Mutter nicht zur rechten Zeit dazugekommen wäre.</p> - -<p>Belle, unser Hund, mein zweiter Spielgefährte, war alt und faul und zog -es vor, lieber am offenen Feuer zu schlafen als mit mir umherzutollen. -Ich gab mir alle erdenkliche Mühe, ihr meine Zeichensprache -beizubringen, aber sie war stumpfsinnig und unaufmerksam. Sie stand -bisweilen still, zitterte vor Aufregung und wurde dann ganz starr, wie -es Hunde tun, wenn sie vor einem Vogel stehen. Ich wußte damals nicht, -was dies bedeuten sollte, merkte aber, daß Belle das nicht tat, was -ich haben wollte. Das ärgerte mich, und die Lektion endete regelmäßig -damit, daß ich ihr einige Rippenstöße versetzte. Belle stand auf, -dehnte sich faul, schnaufte ein paarmal verdrießlich, ging auf die -andere Seite des Kamins und legte sich wieder hin, während ich mich -müde und enttäuscht auf die Suche nach Martha machte.</p> - -<p>Viele Ereignisse aus diesen ersten Jahren haften in meinem Gedächtnis, -vereinzelt, aber klar und bestimmt, und lassen die Stille, die -Zwecklosigkeit, die Lichtlosigkeit meines Daseins nur um so greller -hervortreten.</p> - -<p>Eines Tages hatte ich mir meine Schürze naß gemacht, und ich breitete -sie zum Trocknen vor dem Feuer aus, das in dem Kamine des Wohnzimmers -flackerte. Die Schürze trocknete nach meiner Ansicht nicht rasch genug, -ich trat daher näher und breitete sie direkt über der heißen Asche -aus. Das Feuer züngelte empor und erfaßte meine Kleider, sodaß ich im -Nu in hellen Flammen stand. Ich erhob ein schreckliches Angstgeschrei, -das meine alte Wärterin Viney zur Rettung herbeirief. Sie warf ein -Tuch über mich, daß ich fast erstickte, löschte aber damit das Feuer. -Außer an Händen und Haar hatte ich keinen ernstlichen Brandschaden -davongetragen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span></p> - -<p>Um diese Zeit entdeckte ich, wozu man einen Schlüssel gebrauchen -könnte. Eines Morgens schloß ich meine Mutter in der Speisekammer ein, -in der sie drei volle Stunden bleiben mußte, da die Dienstboten in -einem abseits gelegenen Teil des Hauses beschäftigt waren. Sie pochte -fortwährend an die Tür, während ich draußen auf der Vortreppe saß und -wie ein Kobold lachte, als ich das Geräusch des Pochens fühlte. Dieser -unartige Streich überzeugte meine Eltern von der Notwendigkeit, mir -sobald wie möglich Unterricht geben zu lassen. Kurz nachdem meine -Lehrerin, Fräulein Sullivan, zu mir gekommen war, suchte ich eine -Gelegenheit, sie in ihrem Zimmer einzuschließen. Ich ging die Treppe -hinauf, um Fräulein Sullivan auf Geheiß meiner Mutter etwas zu bringen; -kaum aber hatte ich meinen Auftrag ausgerichtet, als ich wie ein -Blitz wieder zur Tür hinaus war, sie zuschloß und den Schlüssel unter -dem Kleiderschrank im Korridor versteckte. Ich konnte nicht dahin -gebracht werden, anzugeben, wo der Schlüssel war. Mein Vater mußte -eine Leiter holen und Fräulein Sullivan zum Fenster heraustragen — zu -meinem großen Gaudium. Erst nach Monaten brachte ich den Schlüssel zum -Vorschein.</p> - -<p id="Zeitung">Als ich ungefähr fünf Jahre alt war, verzogen wir aus dem kleinen, -weinumrankten Hause nach einem größeren neuen. Die Familie bestand aus -meinem Vater, meiner Mutter, zwei älteren Stiefbrüdern und mir; später -kam dann noch eine kleine Schwester, Mildred, hinzu. Meine früheste -bestimmte Erinnerung an meinen Vater ist die, wie ich eines Tages über -große Stöße von Zeitungen hinweg zu ihm klettere und ihn allein finde, -während er ein Blatt Papier vor sein Gesicht hält. Ich brannte vor -Neugierde, was er da wohl täte. Ich machte ihm alles nach und setzte -sogar seine Brille auf, in der Hoffnung, sie werde mir helfen, das -Geheimnis herauszubringen. Aber ich fand lange Jahre hindurch nicht des -Rätsels Lösung. Dann<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span> erfuhr ich, was jene Papiere bedeuteten und daß -mein Vater Herausgeber einer Zeitung war.</p> - -<p>Mein Vater war äußerst liebevoll und nachsichtig, dabei ebenso -häuslich, da er uns selten allein ließ, außer zur Jagdzeit. Er war ein -großer Jäger vor dem Herrn, wie mir erzählt wurde, und ein berühmter -Schütze. Nächst seiner Familie liebte er seine Hunde und sein Gewehr. -Seine Gastfreiheit war groß und artete beinahe zu einem Fehler aus, -denn er kam selten nach Hause, ohne einen Gast mitzubringen. Besonders -aber war er auf seinen großen Garten stolz, in dem er, wie es hieß, die -schönsten Wassermelonen und Erdbeeren der ganzen Umgegend zog, und mir -brachte er stets die ersten reifen Weintrauben und köstlichsten Beeren. -Ich erinnere mich noch an seine liebkosende Berührung, als er mich von -Baum zu Baum, von Weinstock zu Weinstock leitete, und seiner Freude an -allem, was mir Vergnügen machte.</p> - -<p>Er war ein prächtiger Erzähler; als ich die Herrschaft über die Sprache -gewonnen hatte, pflegte er mir seine hübschesten Anekdoten ungeschickt -in die Hand zu buchstabieren, und nichts machte ihm mehr Vergnügen, als -wenn ich sie bei einer passenden Gelegenheit wiederholte.</p> - -<p>Ich war im Norden und erfreute mich eben der letzten schönen Sommertage -des Jahres 1896, als ich die Kunde von meines Vaters Tod vernahm. Er -war nur kurze Zeit krank gewesen, hatte aber schwer leiden müssen; dann -war alles vorüber. Es war mein erster großer Schmerz — meine erste -persönliche Bekanntschaft mit dem Tode. —</p> - -<p>In welcher Weise soll ich über meine Mutter schreiben? Sie steht mir so -nahe, daß es beinahe unzart erscheinen würde, wollte ich hier über sie -sprechen.</p> - -<p>Lange Zeit betrachtete ich meine kleine Schwester als Eindringling. Ich -wußte, ich hatte aufgehört, meiner Mutter<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span> einziger Liebling zu sein, -und der Gedanke daran erfüllte mich mit Eifersucht. Sie saß beständig -auf dem Schoße meiner Mutter, wo mein gewöhnlicher Platz gewesen war, -und schien all ihre Sorge und Zeit in Anspruch zu nehmen. Eines Tages -trug sich etwas zu, was meiner Meinung nach zu der Beleidigung offenen -Schimpf gesellte.</p> - -<p>Zu jener Zeit besaß ich eine viel gehätschelte, viel mißhandelte Puppe, -der ich später den Namen Nancy gab. Ach, sie war das wehrlose Opfer -meiner maßlosen Zornes- und Zärtlichkeitsausbrüche, sodaß sie am Ende -schrecklich anzusehen war. Ich hatte Puppen, die sprechen und schreien, -ihre Augen öffnen und schließen konnten, aber ich liebte keine von -ihnen so, wie ich die arme Nancy liebte. Sie hatte eine Wiege, und ich -schaukelte sie darin oft eine Stunde und länger. Ich bewachte Puppe und -Wiege mit der eifersüchtigsten Sorgfalt, aber eines Tages entdeckte -ich, daß meine kleine Schwester friedlich in der Wiege schlummerte. -Bei dieser Anmaßung von seiten jemandes, mit dem mich noch kein Band -der Liebe verknüpfte, wurde ich wütend. Ich stürzte auf die Wiege -zu und warf sie um, und das Kind hätte tot sein können, hätte meine -Mutter es nicht im Falle aufgefangen. Ein solcher Ausbruch kommt daher, -daß, wenn wir in dem Tale doppelter Einsamkeit wandeln, wir wenig -von den zärtlichen Empfindungen wissen, die aus liebevollen Worten -und Handlungen sowie aus dem Zusammensein mit anderen emporsprießen. -Später jedoch, als ich zum Bewußtsein meines Menschentums erwacht war, -schlossen wir, Mildred und ich, uns auf das engste aneinander an und -waren glückselig, wenn wir Hand in Hand miteinander gehen konnten, -wohin wir gerade Lust hatten, obgleich sie meine Zeichensprache und ich -ihr kindliches Geplauder nicht verstehen konnte.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_2_2" id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> In England und Frankreich hängen die Kinder zu Weihnachten -ihre Strümpfe und Schuhe am Fenster oder Kamin auf und erwarten, daß -der heilige Nikolaus sie mit Geschenken fülle.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span></p> - -<h3 class="padtop2" id="Drittes_Kapitel">Drittes Kapitel.</h3> - -</div> - -<p class="s5 center mbot2">Wachsendes Verlangen nach Gedankenaustausch. — Laura Bridgman und -<span class="antiqua">Dr.</span> Howe. — Reise nach Baltimore zu einem Augenarzte. — Besuch -bei Alex. Graham Bell. — Herr Anagnos in Boston findet eine -Lehrerin.</p></div> - -<p>Inzwischen wuchs mein Verlangen, meinen Gedanken genügenden Ausdruck -zu geben, von Tag zu Tag. Die wenigen Zeichen, deren ich mich bedienen -konnte, wurden immer unzureichender, und das Fehlschlagen meiner -Versuche, mich verständlicher zu machen, war stets von einem Ausbruche -der Leidenschaft begleitet. Es war mir, als hielten mich unsichtbare -Hände, und ich machte verzweifelte Anstrengungen, mich zu befreien. Ich -kämpfte — nicht als ob dieser Kampf mir etwas genützt hätte, sondern -weil der Geist des Widerstandes in mir lebendig war; ich brach auch in -der Regel weinend und in völliger physischer Erschöpfung zusammen. War -meine Mutter zufällig in der Nähe, so flüchtete ich mich in ihre Arme, -zu elend, um mich auch nur der Ursache des Sturmes entsinnen zu können. -Nach einiger Zeit wurde das Bedürfnis nach Verständigungsmitteln so -dringend, daß diese leidenschaftlichen Auftritte alltäglich, bisweilen -sogar allstündlich erfolgten.</p> - -<p>Meine Eltern waren tief bekümmert und völlig ratlos. Wir wohnten -weitab von jeder Blinden- oder Taubstummenschule, und es schien -ausgeschlossen, daß jemand nach einem so abgelegenen Orte wie Tuscumbia -kommen sollte, um ein Kind zu unterrichten, das sowohl blind wie -taubstumm war. In der Tat zweifelten meine Verwandten und Bekannten -mitunter an der Möglichkeit eines Unterrichts für mich. Meiner -Mutter einziger Hoffnungsstrahl entsprang der Lektüre von Dickens’ -»Amerikanischen Skizzen«. Sie hatte seinen Bericht über Laura Bridgman -gelesen und entsann sich undeutlich,<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> daß diese taubstumm und blind -gewesen war und doch eine Erziehung erhalten hatte. Aber sie erinnerte -sich in hoffnungslosem Schmerze auch daran, daß <span class="antiqua">Dr.</span> Howe, der Mittel -und Wege entdeckt hatte, blinde Taubstumme zu unterrichten, seit -mehreren Jahren tot war. Seine Methoden waren vermutlich mit ihm -gestorben, und wenn dies nicht der Fall war, wie war es möglich, daß -ein kleines Mädchen in einem weltabgelegenen Städtchen Alabamas einen -Nutzen von ihnen haben konnte?</p> - -<p>Als ich etwa sechs Jahre alt war, hörte mein Vater von einem berühmten -Augenarzt in Baltimore, der in vielen anscheinend hoffnungslosen Fällen -noch Erfolge erzielt hatte. Meine Eltern entschlossen sich sofort dazu, -mit mir nach Baltimore zu reisen, um zu sehen, ob sich etwas für meine -Augen tun ließe.</p> - -<p>Die Reise, auf die ich mich noch gut entsinnen kann, machte mir viel -Vergnügen. Ich befreundete mich während der Eisenbahnfahrt mit vielen -Leuten. Eine Dame schenkte mir eine Schachtel mit Muscheln. Mein Vater -durchbohrte sie, sodaß ich sie aufreihen konnte, und lange Zeit war ich -glücklich und zufrieden über diese Beschäftigung. Auch der Schaffner -war freundlich zu mir. Oft, wenn er seine Runde machte, klammerte -ich mich an seine Rockschöße, während er die Fahrkarten einsammelte -und durchlochte. Seine Zange, mit der er mich spielen ließ, war ein -wunderbarer Zeitvertreib. Zusammengekauert in einer Ecke des Wagens -vergnügte ich mich stundenlang damit, kleine Löcher in Pappe zu knipsen.</p> - -<p>Meine Tante machte mir eine große Puppe aus Taschentüchern. Es war das -komischste, formloseste Ding, diese improvisierte Puppe, ohne Nase, -Mund, Augen oder Ohren, kurz es war nichts da, was selbst die Phantasie -eines Kindes in ein Gesicht hätte umschaffen können. Seltsamerweise -störte mich das Fehlen der Augen mehr als alle übrigen Mängel.<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> Ich -suchte dies allen Anwesenden beharrlich klarzumachen, aber niemand -schien imstande zu sein, die Puppe mit Augen zu versehen. Plötzlich -schoß mir ein Gedanke durch den Kopf, und die Aufgabe war gelöst. Ich -sprang von meinem Sitze auf und suchte so lange, bis ich den Mantel -meiner Tante fand, der mit großen Knöpfen besetzt war. Ich riß zwei -Knöpfe ab und bedeutete ihr, sie möchte mir diese an meine Puppe -nähen. Sie legte mit einer fragenden Gebärde meine Hand an ihre Augen, -und ich nickte energisch. Die Knöpfe wurden an der richtigen Stelle -angenäht, und ich konnte mich vor Freude nicht lassen, verlor jedoch -augenblicklich alles Interesse an der Puppe. Während der ganzen Reise -hatte ich keinen einzigen meiner gewöhnlichen Anfälle, denn es waren zu -vielerlei Dinge da, die meinen Geist und meine Finger beschäftigten.</p> - -<p>Als wir in Baltimore anlangten, empfing uns <span class="antiqua">Dr.</span> Chisholm mit großer -Liebenswürdigkeit; er konnte aber nichts tun. Doch erklärte er, ich -könne Unterricht erhalten, und wies meinen Vater an <span class="antiqua">Dr.</span> Alexander -Graham Bell in Washington, der in der Lage sein würde, ihm nähere -Auskunft über Schulen und Lehrer für blinde oder taubstumme Kinder -zu erteilen. Dem Rate des Arztes zufolge reisten wir sofort nach -Washington weiter, um <span class="antiqua">Dr.</span> Bell aufzusuchen, mein Vater mit Trauer und -Zweifel im Herzen, während ich keine Ahnung von seinem Schmerz hatte -und an der Aufregung des Reisens von Stadt zu Stadt Vergnügen fand. -In meinem kindlichen Sinne empfand ich sofort das liebevolle, gütige -Wesen, mit dem sich <span class="antiqua">Dr.</span> Bell so vieler Herzen gewann, wie er durch -seine staunenswerten Erfolge aller Welt Bewunderung einflößte. Er hielt -mich auf seinen Knien, während ich mit seiner Uhr spielte, die er für -mich schlagen ließ. Er verstand meine Zeichen, und ich wußte dies -und gewann ihn sofort lieb. Aber ich ließ es mir nicht träumen, daß -diese Unterredung das Tor sein sollte,<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span> durch das ich schließlich aus -der Finsternis zum Licht, aus der Vereinzelung zur Freundschaft, zur -Gemeinschaft mit anderen, zur Erkenntnis, zur Liebe gelangte.</p> - -<p><span class="antiqua">Dr.</span> Bell riet meinem Vater, an Herrn Anagnos, den Direktor des -Perkinsschen Instituts in Boston, zu schreiben, desselben, in dem -<span class="antiqua">Dr.</span> Howe so segensreich für die Blinden gewirkt hatte, und bei ihm -anzufragen, ob er einen Lehrer hätte, der imstande wäre, meine -Erziehung in die Hand zu nehmen. Dies tat mein Vater sofort, und nach -einigen Wochen traf ein liebenswürdiger Brief von Herrn Anagnos ein, -mit der tröstlichen Zusicherung, daß eine Lehrerin gefunden sei. Dies -war im Sommer 1886. Aber Fräulein Sullivan langte erst im folgenden -März an.</p> - -<p>So ward ich aus Aegyptenland geführt und stand vor dem Sinai; eine -göttliche Macht berührte meinen Geist und machte ihn sehen, sodaß ich -vieles Wunderbare wahrnehmen konnte. Und von dem heiligen Berge her -hörte ich eine Stimme, die sprach: Wissen ist Liebe und Licht und Sehen.</p> - -<div class="section"> - -<h3 class="padtop2" id="Viertes_Kapitel">Viertes Kapitel.</h3> - -</div> - -<p class="s5 center mbot2">Ankunft Fräulein Sullivans in Tuscumbia am 3. März 1887. — Bange -Erwartung. — Beginn der Erlernung des Fingeralphabets. — Szene am -Brunnen. — Enthüllung des Geheimnisses der Sprache.</p> - -<p>Der wichtigste Tag, dessen ich mich Zeit meines ganzen Lebens entsinnen -kann, ist der, an dem meine Lehrerin, Fräulein Anne Mansfield -<em class="gesperrt">Sullivan</em>, zu mir kam. Ich kann kaum Worte finden, um den -unermeßlichen Gegensatz in meinem Leben vor und nach ihrer Ankunft zu -schildern. Es war der 3. März 1887, drei Monate vor meinem siebenten -Geburtstage.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span></p> - -<p>Am Nachmittage jenes folgenreichen Tages stand ich in dumpfer -Erwartung an der Haustür. Da ich infolge der Zeichen meiner Mutter -und des Hin- und Herlaufens im Hause eine unbestimmte Ahnung von -dem Bevorstehen eines außergewöhnlichen Ereignisses hatte, ging ich -vor die Tür und wartete auf der Treppe. Die Nachmittagssonne drang -durch das dichte Geißblattgebüsch, das die Tür umrahmte, und fiel auf -mein emporgerichtetes Gesicht. Meine Finger spielten fast unbewußt -mit den wohlbekannten Blättern und Blüten, die eben hervorgekommen -waren, um den holden südlichen Lenz zu begrüßen. Ich wußte nicht, was -für Wunder und Ueberraschungen die Zukunft für mich in ihrem Schoße -barg. Zorn und Verbitterung waren seit Wochen unausgesetzt auf mich -eingestürmt. Dieser verzweifelte Kampf hatte eine tiefe Ermattung bei -mir zurückgelassen.</p> - -<p>Lieber Leser, hast du dich je bei einer Seefahrt in dichtem Nebel -befunden, der dich wie eine greifbare weiße Finsternis einzuschließen -schien, während das große Schiff seinen Kurs längs der Küste mit Hilfe -von Senkblei und Lotleine zagend und ängstlich verfolgte, und du mit -klopfendem Herzen irgend ein Ereignis erwartetest? Jenem Schiffe glich -ich vor Beginn meiner Erziehung, nur fehlten mir Kompaß und Lotleine, -und ich hatte keine Ahnung davon, wie nahe der Hafen war. Licht! gebt -mir Licht! lautete der wortlose Aufschrei meiner Seele, und das Licht -der Liebe erhellte bereits in dieser Stunde meinen Pfad.</p> - -<p>Ich fühlte sich nähernde Schritte. Ich streckte meine Hand aus, wie ich -glaubte, meiner Mutter entgegen. Irgend jemand ergriff sie, ich ward -von der emporgehoben und fest in die Arme geschlossen, die gekommen -war, den Schleier, der mir die Welt verbarg, zu lüften und, was mehr -als dies bedeutete, mich zu lieben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span></p> - -<p>Am Morgen nach ihrer Ankunft führte mich meine Lehrerin in ihr -Zimmer und gab mir eine Puppe. Die kleinen blinden Mädchen aus dem -Perkinsschen Institute hatten sie mir geschickt, und Laura Bridgman -hatte sie angezogen; dies erfuhr ich jedoch erst später. Als ich ein -Weilchen mit ihr gespielt hatte, buchstabierte Fräulein Sullivan -langsam das Wort <span class="antiqua nowrap">d–o–l–l</span> in meine Hand. Dieses Fingerspiel -interessierte mich sofort, und ich begann es nachzumachen. Als es -mir endlich gelungen war, die Buchstaben genau nachzuahmen, errötete -ich vor kindlicher Freude und kindlichem Stolz. Ich lief die Treppe -hinunter zu meiner Mutter, streckte meine Hand aus und machte ihr die -eben erlernten Buchstaben vor. Ich wußte damals noch nicht, daß ich -ein Wort buchstabierte, ja nicht einmal, daß es überhaupt Wörter gab; -ich bewegte einfach meine Finger in affenartiger Nachahmung. Während -der folgenden Tage lernte ich auf diese verständnislose Art eine -große Menge Wörter buchstabieren, unter ihnen <span class="antiqua">pin</span>, <span class="antiqua">hat</span>, -<span class="antiqua">cup</span> und ein paar Verben wie <span class="antiqua">sit</span>, <span class="antiqua">stand</span> und -<span class="antiqua">walk</span>. Aber meine Lehrerin weilte schon mehrere Wochen bei mir, -ehe ich begriff, daß jedes Ding seine Bezeichnung habe.</p> - -<p>Als ich eines Tages mit meiner neuen Puppe spielte, legte mir Fräulein -Sullivan auch meine große zerlumpte Puppe auf dem Schoß, buchstabierte -<span class="antiqua nowrap">d–o–l–l</span> und suchte mir verständlich zu machen, daß sich -<span class="antiqua nowrap">d–o–l–l</span> auf beide Puppen beziehe. Vorher hatten wir ein -Renkontre über die Wörter <span class="antiqua nowrap">m–u–g</span> und <span class="antiqua nowrap">w–a–t–e–r</span> -gehabt. Fräulein Sullivan hatte mir einzuprägen versucht, daß -<span class="antiqua nowrap">m–u–g</span> <span class="antiqua nowrap">mug</span> und daß -<span class="antiqua nowrap">w–a–t–e–r</span> <span class="antiqua">water</span> -sei, aber ich blieb beharrlich dabei, beides zu verwechseln. -Verzweifelt hatte sie das Thema einstweilen fallen gelassen, aber -nur, um es bei nächster Gelegenheit wieder aufzunehmen. Bei ihren -wiederholten Versuchen wurde ich ungeduldig, ergriff die neue -Puppe und schleuderte<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> sie zu Boden. Ich empfand eine lebhafte -Schadenfreude, als ich die Bruchstücke der zertrümmerten Puppe zu -meinen Füßen liegen fühlte. Weder Schmerz noch Reue folgten diesem -Ausbruch von Leidenschaft. Ich hatte die Puppe nicht geliebt. In der -stillen, dunklen Welt, in der ich lebte, war für starke Zuneigung oder -Zärtlichkeit kein Raum. Ich fühlte, wie meine Lehrerin die Bruchstücke -auf die eine Seite des Kamins fegte, und empfand eine Art von -Genugtuung darüber, daß die Ursache meines Unbehagens beseitigt war. -Fräulein Sullivan brachte mir meinen Hut, und ich wußte, daß es jetzt -in den warmen Sonnenschein hinausging. Dieser Gedanke, wenn eine nicht -in Worte gefaßte Empfindung ein Gedanke genannt werden kann, ließ mich -vor Freude springen und hüpfen.</p> - -<p>Wir schlugen den Weg zum Brunnen ein, geleitet durch den Duft des -ihn umrankenden Geißblattstrauches. Es pumpte jemand Wasser, und -meine Lehrerin hielt mir die Hand unter das Rohr. Während der kühle -Strom über die eine meiner Hände sprudelte, buchstabierte sie mir -in die andere das Wort <span class="antiqua">water</span>, zuerst langsam, dann schnell. -Ich stand still, mit gespannter Aufmerksamkeit die Bewegung ihrer -Finger verfolgend. Mit einem Male durchzuckte mich eine nebelhaft -verschwommene Erinnerung an etwas Vergessenes, ein Blitz des -zurückkehrenden Denkens, und einigermaßen offen lag das Geheimnis der -Sprache vor mir. Ich wußte jetzt, daß <span class="antiqua">water</span> jenes wundervolle -kühle Etwas bedeutete, das über meine Hand hinströmte. Dieses lebendige -Wort erweckte meine Seele zum Leben, spendete ihr Licht, Hoffnung, -Freude, befreite sie von ihren Fesseln! Zwar waren ihr immer noch -Schranken gesetzt, aber Schranken, die mit der Zeit hinweggeräumt -werden konnten.<a name="FNAnker_3_3" id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a></p> - -<p>Ich verließ den Brunnen voller Lernbegier. Jedes Ding<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span> hatte eine -Bezeichnung, und jede Bezeichnung erzeugte einen neuen Gedanken. -Als wir in das Haus zurückkehrten, schien mir jeder Gegenstand, den -ich berührte, vor verhaltenem Leben zu zittern. Dies kam daher, daß -ich alles mit dem seltsamen neuen Gesicht, das ich erhalten hatte, -betrachtete. Beim Betreten des Zimmers erinnerte ich mich der Puppe, -die ich zertrümmert hatte. Ich tastete mich bis zum Kamin, hob die -Stücke auf und suchte sie vergeblich wieder zusammenzufügen. Dann -füllten sich meine Augen mit Tränen; ich erkannte, was ich getan hatte, -und zum erstenmal in meinem Leben empfand ich Reue und Schmerz.</p> - -<p>Ich lernte an diesem Tage eine große Menge neuer Wörter. Ich -erinnere mich nicht mehr an alle, aber ich weiß, daß <span class="antiqua">mother</span>, -<span class="antiqua">father</span>, <span class="antiqua">sister</span>, <span class="antiqua">teacher</span> unter ihnen waren — -Wörter, die die Welt für mich erblühen machten „wie Aarons Stab, mit -Blumen.“ Es dürfte schwer gewesen sein, ein glücklicheres Kind als mich -zu finden, als ich am Schluß dieses ereignisvollen Tages in meinem -Bettchen lag und der Freuden gedachte, die mir heut zuteil geworden -waren, und zum ersten Male sehnte ich mich nach dem anbrechenden Morgen.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_3_3" id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Vgl. Fräulein Sullivans -<a href="#Brief_S_224">Brief S. 224 ff.</a></p> - -</div> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 class="padtop2" id="Fuenftes_Kapitel">Fünftes Kapitel.</h3> - -</div> - -<p class="s5 center mbot2">Allmähliches Erwachen der Seele. — Unterricht im Freien. — Freude -an der Natur. — Schrecken der Natur. — Gewitter. — Schönheit des -Mimosenbaumes.</p> - -<p>Ich entsinne mich vieler Ereignisse des Sommers 1887, der auf das -Erwachen meiner Seele folgte. Fortwährend tastete ich mit meinen -Händen umher und lernte die Bezeichnung für jeden Gegenstand, den ich -berührte, kennen, und je mehr ich mit den Dingen bekannt wurde und -ihre Bezeichnungen und<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> ihre Zwecke kennen lernte, desto freudiger und -stärker wurde das Bewußtsein meiner Verwandtschaft mit der übrigen Welt.</p> - -<p>Als die Zeit der Maßliebchen und Butterblumen gekommen war, führte -mich Fräulein Sullivan an ihrer Hand durch die Felder zu den Ufern des -Tennesseestromes, und hier, auf dem warmen Grase sitzend, erhielt ich -meinen ersten Unterricht über die Wohltaten der Natur. Ich lernte, wie -die Sonne und der Regen jeden Baum, der „lustig anzusehen und gut zu -essen“ war, aus dem Boden emporwachsen ließen, wie die Vögel ihre Nester -bauen und von Land zu Land fliegen, wie das Eichhorn, der Hirsch, der -Löwe und jedes andere Geschöpf Nahrung und Obdach finden. Je mehr -meine Kenntnisse zunahmen, desto stärker wurde mein Entzücken über -die Welt, in der ich lebte. Lange bevor ich ein Exempel rechnen oder -die Gestalt der Erde beschreiben konnte, hatte mich Fräulein Sullivan -gelehrt, in den duftenden Wäldern, in jedem Grashalm, wie in den Linien -und Grübchen der Hand meiner kleinen Schwester Schönheit zu entdecken. -Sie verknüpfte meine ersten Gedanken mit der Natur und brachte mir zum -Bewußtsein, daß „Vögel, Blumen und ich glückliche, gleichberechtigte -Gefährten seien“.</p> - -<p>Um diese Zeit machte ich eine Erfahrung, die mich davon überzeugte, daß -die Natur nicht immer gütig ist. Eines Tages kehrten meine Lehrerin und -ich von einem langen Spaziergange zurück. Der Morgen war schön gewesen, -aber es war drückend heiß geworden, als wir uns endlich auf den Heimweg -machten. Ein paarmal rasteten wir unter einem Baum am Wegesrande. Unser -letzter Halt fand unter einem wilden Kirschbaum statt, der in kurzer -Entfernung vom Hause stand. Der Schatten war angenehm, und der Baum so -leicht zu erklettern, daß ich mir mit Hilfe meiner Lehrerin einen Sitz -in den Zweigen zu verschaffen vermochte. Es war so kühl auf dem Baum, -daß Fräulein Sullivan vorschlug, hier unser Frühstück einzunehmen.<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span> Ich -versprach ihr, still sitzen zu bleiben, während sie nach Hause ging, es -zu holen.</p> - -<p>Plötzlich ging eine Veränderung mit dem Baume vor. Alle Sonnenwärme -verschwand aus der Luft. Ich wußte, der Himmel war schwarz umzogen, -weil alle Hitze, die für mich Licht bedeutete, fort war. Ein seltsamer -Geruch stieg aus der Erde empor. Ich kannte ihn, es war der Geruch, -der stets einem Gewittersturm vorherzugehen pflegt, und ein namenloser -Schreck krampfte mir das Herz zusammen. Ich fühlte mich ganz allein, -abgeschnitten von meinen Freunden und der festen Erde. Das Unendliche, -das Unbekannte umfing mich. Ich blieb still und ergeben sitzen; ein -furchtbares Entsetzen beschlich mich. Ich sehnte mich nach der Rückkehr -meiner Lehrerin; vor allem aber wollte ich von dem Baum herunter.</p> - -<p>Es trat eine unheilverkündende Stille ein, dann aber begannen alle -Zweige zu rauschen. Ein Zittern rann durch den Baum, und es erfolgte -ein so heftiger Windstoß, daß er mich herabgeschleudert haben würde, -hätte ich mich nicht mit aller Kraft an einem Aste festgeklammert. Der -Baum schwankte hin und her. Kleine Zweige wurden abgerissen und fielen -rings um mich her zu Boden. Es ergriff mich ein wildes Verlangen, -herunterzuspringen, aber der Schreck hielt mich festgebannt. Ich -kletterte bis zur Gabelung des Baumes zurück. Die Zweige schwankten -rings um mich her. Ich fühlte das Rütteln, das sich dann und wann -erhob, als sei etwas Schweres niedergefallen und die Erschütterung habe -sich bis zu dem Aste, auf dem ich saß, fortgepflanzt. Meine Aufregung -erreichte den höchsten Grad, und gerade als ich glaubte, der Baum würde -samt mir zur Erde geschleudert werden, faßte mich meine Lehrerin an -der Hand und half mir herunter. Ich klammerte mich zitternd an sie an, -froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Ich hatte etwas -Neues gelernt — daß die Natur<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span> in offenem Kriege mit ihren Kindern -liegt und daß man sich auch bei ihrem sanftesten Streicheln vor ihren -heimtückischen Klauen hüten soll.</p> - -<p>Nach diesem Ereignis verging eine lange Zeit, ehe ich wieder auf einen -Baum kletterte. Der bloße Gedanke daran erfüllte mich mit Entsetzen. -Es war der lockende Reiz des Mimosenbaums in voller Blütenpracht, der -endlich meine Furcht überwand. Eines schönen Frühlingsmorgens, als ich -allein im Gartenhause war und las, drang ein wunderbar feiner Duft zu -mir. Ich stand auf und streckte instinktiv meine Hände aus. Es war, -als sei der Geist des Frühlings durch das Gartenhaus geschritten. Was -ist dies? fragte ich mich, und in der nächsten Minute erkannte ich den -Geruch der Mimosenblüten. Ich tastete mich bis zum Ende des Gartens -hin, da ich wußte, daß der Mimosenbaum in der Nähe des Zaunes an der -Biegung des Weges stand. Ja, hier stand er, im warmen Sonnenscheine, -und seine blütenbeladenen Zweige berührten beinahe das hohe Gras. Gibt -es etwas Schöneres in der Welt, als diesen Baum? Seine zarten Blüten -ziehen sich bei der leichtesten Berührung zusammen; es hatte den -Anschein, als sei ein Baum aus dem Paradiese auf die Erde verpflanzt -worden. Ich bahnte mir einen Weg durch einen Blütenregen hindurch bis -zu dem großen Stamme; dort stand ich eine Minute lang unentschlossen -da. Dann setzte ich meinen Fuß in den breiten Raum zwischen den -gegabelten Aesten und schwang mich in den Baum hinauf. Ich hatte einige -Schwierigkeit, mich festzuhalten, denn die Aeste waren sehr dick, und -ich verletzte mir die Hände an der rauhen, rissigen Rinde. Aber ich -hatte die köstliche Empfindung, daß ich etwas Außergewöhnliches und -Wunderbares tat, und so klomm ich immer höher und höher empor, bis -ich endlich einen kleinen Sitz erreichte, den sich jemand vor langer -Zeit hier angelegt hatte,<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> sodaß er mit dem Baume selbst verwachsen -war. Ich saß hier lange, lange Zeit und hatte die Empfindung, als sei -ich eine Fee auf einer rosigen Wolke. Auch später brachte ich noch -viele glückliche Stunden auf meinem Paradiesesbaume zu, den Kopf voll -herrlicher Gedanken und glänzender Träume.</p> - -<div class="section"> - -<h3 class="padtop2" id="Sechstes_Kapitel">Sechstes Kapitel.</h3> - -</div> - -<p class="s5 center mbot2">Fortschritt in der Beherrschung der Sprache. — Wißbegierde. — -Unterredung über Liebe. — Kennenlernen abstrakter Begriffe. — -Dieselbe Unterrichtsmethode wie bei einem hörenden Kinde.</p> - -<p>Ich besaß nunmehr den Schlüssel zur gesamten Sprache und brannte vor -Eifer, ihn gebrauchen zu lernen. Kinder, welche hören, erlangen das -Sprachvermögen ohne besondere Mühe; die Worte, die von anderer Lippen -fallen, erhaschen sie gleichsam im Fluge und spielend, während das -taube Kind sie sich durch langsames und oft anstrengendes Vorrücken -aneignen muß. Wie beschaffen aber auch dieses Vorrücken selbst sein -mag, das Ergebnis ist wunderbar. Von der Bezeichnung eines Gegenstandes -ausgehend, dringen wir Schritt für Schritt vor, bis wir den -unermeßlichen Abstand zwischen unserer ersten gestammelten Silbe bis zu -dem Gedankenschwunge in einem Shakespeareschen Verse zurückgelegt haben.</p> - -<p>Anfangs stellte ich, wenn meine Lehrerin von etwas Neuem zu mir sprach, -sehr wenig Fragen. Meine Vorstellungen waren unbestimmt und mein -Wortschatz unzureichend; in demselben Maße aber, in dem meine Kenntnis -der Dinge wuchs und ich mehr und mehr Wörter erlernte, erweiterte -sich auch das Feld meiner Wißbegierde, und ich kehrte immer und immer -wieder zu demselben Gegenstande zurück voller Verlangen nach weiterer -Belehrung. Bisweilen belebte ein neues Wort ein<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> Bild wieder, das eine -frühere Erfahrung meinem Gedächtnisse eingeprägt hatte.</p> - -<p>Ich erinnere mich noch ganz genau des Morgens, an dem ich zum ersten -Male nach der Bedeutung des Wortes »Liebe« fragte. Es geschah dies, -als ich erst wenige Wörter kannte. Ich hatte ein paar frühe Veilchen -im Garten gefunden und brachte sie meiner Lehrerin. Sie versuchte mich -zu küssen; aber damals liebte ich es noch nicht, daß mich jemand außer -meiner Mutter küßte. Fräulein Sullivan legte zärtlich ihren Arm um mich -und buchstabierte mir in die Hand: Ich liebe Helen.</p> - -<p>Was ist Liebe? fragte ich.</p> - -<p>Sie zog mich näher zu sich heran und sagte: Sie ist hier drinnen, indem -sie auf mein Herz deutete, dessen Schläge ich jetzt zum ersten Male -fühlte. Ihre Worte befremdeten mich auf das äußerste, weil ich damals -noch nichts verstand, wenn ich es nicht zugleich berührte.</p> - -<p>Ich roch die Veilchen in ihrer Hand und stellte, halb in Worten, halb -in Zeichen eine Frage, deren Sinn ungefähr war: Ist Liebe der Duft der -Blumen?</p> - -<p>Nein, erwiderte meine Lehrerin.</p> - -<p>Wiederum dachte ich nach. Die Sonne erwärmte uns mit ihren Strahlen. -Ich fragte, indem ich nach der Richtung deutete, aus der die Wärme kam: -Ist dies nicht Liebe?</p> - -<p>Es schien mir, als könne es nichts Schöneres geben als die Sonne, deren -Wärme alles zum Wachsen und Blühen brachte. Aber Fräulein Sullivan -schüttelte den Kopf, und ich war sehr verwundert und enttäuscht. Ich -hielt es für seltsam, daß meine Lehrerin mir nicht die Liebe zeigen -konnte.</p> - -<p>Einige Tage später reihte ich Perlen von verschiedener Größe in -regelmäßigen Gruppen auf — zwei große, drei kleine und so weiter. Ich -hatte mehrmals Fehler gemacht, und Fräulein Sullivan hatte mich mit -liebevoller Geduld immer<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> und immer wieder darauf hingewiesen. Endlich -bemerkte ich einen ganz offenbaren Irrtum in der Aufeinanderfolge, -und einen Augenblick konzentrierte ich meine ganze Aufmerksamkeit auf -mein Vorhaben und versuchte nachzudenken, wie ich die Perlen hätte -aneinanderreihen sollen. Fräulein Sullivan berührte meine Stirn und -buchstabierte mit großem Nachdruck: <span class="antiqua">Think</span>!</p> - -<p>Im Nu erkannte ich, daß das Wort die Bezeichnung für den Vorgang war, -der sich in meinem Kopfe abspielte. Dies war meine erste bewußte -Vorstellung eines abstrakten Begriffs.</p> - -<p>Eine lange Zeit saß ich still da — ich dachte nicht über die Perlen in -meinem Schoße nach, sondern versuchte, im Lichte dieses neuen Begriffes -die Bedeutung von »Liebe« zu ergründen. Die Sonne war den ganzen Tag -hinter Wolken versteckt gewesen, und es waren kurze Regenschauer -gefallen; plötzlich brach jedoch die Sonne in all ihrem südlichen -Glanze hervor.</p> - -<p>Abermals fragte ich meine Lehrerin: Ist dies nicht Liebe?</p> - -<p>Liebe ist etwas Aehnliches wie die Wolken, die am Himmel standen, -bevor die Sonne hervorbrach, entgegnete sie. Dann fuhr sie in -schlichteren Worten, als die vorhergehenden waren, die ich damals noch -nicht verstehen konnte, fort: Du weißt, du kannst die Wolken nicht -berühren, aber du fühlst den Regen und weißt, wie froh die Blumen -und die durstige Erde sind, wenn er nach einem heißen Tage auf sie -herniederströmt. Auch die Liebe kannst du nicht berühren, aber du -empfindest das Entzücken, das sie über alles ausgießt. Ohne Liebe -würdest du weder glücklich sein noch zu spielen verlangen.</p> - -<p>Mit einem Schlage offenbarte sich die wohltuende Wahrheit meinem Geiste -— ich fühlte, es gab unsichtbare Bande, die sich zwischen meiner Seele -und den Seelen anderer hinzogen.</p> - -<p>Vom Beginn meiner Erziehung an hatte Fräulein Sullivan<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span> es sich zum -Grundsatz gemacht, so zu mir zu sprechen, als spräche sie zu einem -hörenden Kinde; der einzige Unterschied bestand darin, daß sie mir die -Sätze in die Hand buchstabierte, anstatt sie zu sprechen. Verfügte -ich nicht über die nötigen Worte, um meine Gedanken auszudrücken, so -ergänzte sie diese und führte sogar die Unterhaltung weiter, wenn ich -die passende Antwort nicht finden konnte.</p> - -<p>Dieses Verfahren hielt jahrelang an; denn das taubstumme Kind lernt -nicht in einem Monat, nicht einmal in zwei bis drei Jahren die -zahllosen Ausdrücke, die in dem einfachsten täglichen Gespräche -vorkommen. Das hörende Kind lernt diese auf Grund der fortwährenden -Wiederholung und Nachahmung. Die Unterhaltung, die es zu Hause -vernimmt, spornt seinen Geist an, bereichert seinen Wortschatz und -befördert den Ausdruck seiner eigenen Gedanken. Dieser naturgemäße -Ideenaustausch ist dem tauben Kinde versagt. In weiser Erkenntnis -dieses Umstandes faßte meine Lehrerin den Entschluß, dem Mangel an -Reizmitteln für mich abzuhelfen. Dies tat sie, indem sie mir, soweit -dies möglich war, wörtlich wiederholte, was sie hörte, und mir Mittel -und Wege angab, an der Unterhaltung teilzunehmen. Aber es dauerte lange -Zeit, ehe ich es wagte, die Initiative zu ergreifen, und noch länger, -ehe ich imstande war, etwas Passendes zur rechten Zeit zu sagen.</p> - -<p>Der Taube wie der Blinde finden es sehr schwer, sich an einen -angenehmen Unterhaltungston zu gewöhnen. Wieviel mehr muß sich diese -Schwierigkeit bei denen steigern, die beides, taub und blind, sind. Sie -können den Klang der Stimme nicht unterscheiden oder ohne die Hilfe -anderer die Tonhöhe modifizieren, wodurch die Worte erst ihren Sinn -erhalten; ebensowenig vermögen sie den Gesichtsausdruck des Sprechenden -zu beobachten, und in einem Blick liegt häufig gerade das innerste -Wesen dessen, was jemand sagt.</p> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span></p> - -<h3 class="padtop2" id="Siebentes_Kapitel">Siebentes Kapitel.</h3> - -</div> - -<p class="s5 center mbot2">Erster Leseunterricht. — Anfangs keine regelmäßigen -Unterrichtsstunden. — Erziehung zum Naturgenuß. — Wald, Garten. -— Kellers Landungsplatz. — Geographie, Rechnen, Zoologie, -Botanik. — Fossilien. — Leicht faßliche Unterrichtsmethode. — -Herzliches Verhältnis zu Fräulein Sullivan.</p> - -<p>Der nächste wichtige Schritt in meiner Erziehung bestand darin, daß ich -lesen lernte.</p> - -<p>Sobald ich ein paar Wörter buchstabieren konnte, gab mir meine Lehrerin -Pappstreifen in die Hand, auf dem die Wörter in erhöhten Buchstaben -gepreßt waren. Ich lernte bald begreifen, daß jedes gedruckte Wort -einen Gegenstand, eine Tätigkeit oder eine Eigenschaft bezeichnete. -Ich hatte einen Rahmen, in dem ich die Wörter zu kurzen Sätzen -aneinanderreihen konnte; ehe ich aber die Sätze in den Rahmen spannte, -pflegte ich sie an Gegenständen darzustellen. Ich fand z. B. die -Streifen mit den Wörtern <span class="antiqua">doll</span>, <span class="antiqua">is</span>, <span class="antiqua">on</span>, <span class="antiqua">bed</span> -und legte jedes Substantiv auf den betreffenden Gegenstand; dann legte -ich meine Puppe ins Bett und neben sie die Wörter <span class="antiqua">is</span>, <span class="antiqua">on</span>, -<span class="antiqua">bed</span>, indem ich so einen Satz aus den Wörtern bildete und zu -gleicher Zeit den Inhalt des Satzes mit Hilfe der Gegenstände selbst -darstellte.</p> - -<p>Eines Tages steckte ich mir, wie Fräulein Sullivan mir später -erzählte, das Wort <span class="antiqua">girl</span> an meine Schürze und stellte mich in -den Kleiderschrank. Am Schranke brachte ich die Wörter <span class="antiqua">is</span>, -<span class="antiqua">in</span>, <span class="antiqua">wardrobe</span> an. Nichts machte mir solches Vergnügen wie -dieses Spiel. Meine Lehrerin und ich spielten es stundenlang. Oft wurde -jeder Gegenstand im Zimmer zur Darstellung solcher verkörperter Sätze -verwandt.</p> - -<p>Von den bedruckten Streifen war es nur ein kurzer Schritt zu gedruckten -Büchern. Ich nahm meine Fibel vor und machte Jagd auf die Wörter, -die ich kannte; fand ich solche, so war<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span> meine Freude der beim -Versteckspiel gleich. Auf diese Weise begann ich zu lesen. Ueber die -Zeit, in der ich zusammenhängende Geschichten zu lesen begann, spreche -ich später.</p> - -<p>Lange Zeit hatte ich keine regelmäßigen Unterrichtsstunden. Selbst wenn -ich sehr eifrig lernte, glich dies mehr einem Spiel als einer Arbeit. -Alles, was Fräulein Sullivan mich lehrte, machte sie mir durch eine -hübsche Geschichte oder ein Gedicht anschaulich. Wenn ich Freude oder -Interesse an etwas zeigte, so sprach sie mit mir darüber genau so, als -ob sie selbst ein kleines Mädchen wäre. All das, woran viele Kinder mit -Schaudern zurückdenken, wie an mühsames Kopfzerbrechen über Grammatik, -schwere Rechenexempel und noch schwerere Definitionen, ist heute eine -meiner liebsten Erinnerungen.</p> - -<p>Ich kann mir das innige Verständnis nicht erklären, das Fräulein -Sullivan für meine Freuden und Wünsche besaß. Vielleicht war es das -Ergebnis ihres langen Zusammenlebens mit Blinden. Obenein verfügte -sie über eine wunderbare Schilderungsgabe. Sie ging rasch über -uninteressante Einzelheiten hinweg und belästigte mich nie mit Fragen, -um zu sehen, ob ich auch all das in der Lektion vom vorigen Tage -Behandelte behalten habe. Trockene wissenschaftliche Fragen führte sie -nur nach und nach in den Unterricht ein und machte alles dabei so klar -und anschaulich, daß ich fast notgedrungen behalten mußte, was sie -gesagt hatte.</p> - -<p>Wir lasen und lernten im Freien und zogen den sonnigen Wald dem Hause -vor. Meine sämtlichen ersten Unterrichtsstunden tragen den Hauch des -Waldes — den feinen Harzduft der Fichtennadeln, vermengt mit dem -Geruch des wilden Weins. In dem köstlichen Schatten eines wilden -Tulpenbaumes sitzend, lernte ich darüber nachdenken, daß alles eine -Lehre und eine Mahnung in sich berge. „Die Lieblichkeit der Dinge -lehrte mich ihre Bestimmung.“ In der Tat hatte<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> alles, was da summen, -brummen, singen, blühen konnte, einen Anteil an meiner Erziehung — -quakende Frösche, Heimchen und Grillen, die ich solange in meiner -Hand hielt, bis sie ihre Gefangenschaft vergaßen und ihr Liedchen -wieder anstimmten, kleine Hühnchen in ihrem ersten Flaume und wild -wachsende Blumen, die Blüten der Kornelkirsche, Veilchen und blühende -Obstbäume. Ich befühlte die berstenden Baumwollenkapseln und ließ -ihre weichen Fäden und ihre mit Fasern besetzten Samenkörner durch -meine Finger gleiten; ich fühlte das leise Rauschen des Windes in -den Getreidefeldern, sein weiches Flüstern im Laube der Bäume, das -unwillige Schnauben meines Ponys, — wenn wir ihn auf der Weide -einfingen und ihm das Gebiß anlegten — ach, wie genau erinnere ich -mich an den würzigen Kleegeruch seines Atems!</p> - -<p>Bisweilen stand ich vor Tagesanbruch auf und stahl mich hinunter in den -Garten, während schwere Tautropfen noch auf Gräsern und Blumen lagen. -Nur wenige wissen, was es für ein Genuß ist, die Rosen zu berühren und -sanft mit der Hand zu drücken oder der anmutigen Bewegung der Lilien -zu folgen, wenn sie im Morgenwinde hin- und herschwanken. Mitunter -war ein Insekt in der Blume, die ich pflückte, und ich fühlte das -leise Geräusch der Flügel, die das Tierchen in plötzlichem Schrecken -aneinander rieb, sobald es den Druck von außen gewahr wurde.</p> - -<p>Ein anderer Lieblingsaufenthalt von mir war der Obstgarten. Die großen, -tief herabhängenden Pfirsiche boten sich von selbst meiner Hand dar, -und wenn die lustigen Winde durch die Bäume wehten, fielen die Aepfel -mir zu Füßen. O, das Entzücken, mit dem ich das Obst in meine Schürze -sammelte, mein Gesicht gegen die glatten Wangen der Aepfel drückte, die -noch warm waren von den Sonnenstrahlen, und ins Haus zurückeilte!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span></p> - -<p>Unser Lieblingsspaziergang war zu Kellers Landungsplatz, einer alten -verfallenen Hafenanlage am Tennessee, die während des Bürgerkrieges -zum Landen von Truppen benutzt worden war. Hier brachten wir viele -glückliche Stunden zu und beschäftigten uns spielend mit Geographie. -Ich baute Dämme aus Kieseln, legte Inseln und Seen an und grub -Flußläufe aus, alles zum Scherz, und niemals ließ ich es mir dabei -träumen, eine Unterrichtsstunde zu haben. Mit wachsendem Erstaunen -lauschte ich den Schilderungen, die Fräulein Sullivan von der großen -weiten Welt da draußen mit ihren feuerspeienden Bergen, verschütteten -Städten, sich bewegenden Eisströmen und vielen anderen ebenso seltsamen -Dingen entwarf. Sie modellierte Reliefkarten in Ton, so daß ich die -Gebirgszüge und Täler fühlen und mit meinen Fingern dem gekrümmten Lauf -der Flüsse folgen konnte. Dies liebte auch ich; aber die Einteilung -der Erde in Zonen und Pole verwirrte mich. Die diese Verhältnisse -veranschaulichenden Fäden und der Orangenstiel, der den Pol darstellte, -erschienen mir so der Wirklichkeit entsprechend, daß noch bis zum -heutigen Tage die bloße Erwähnung der gemäßigten Zone die Vorstellung -an Zwirnsfäden in mir hervorruft, und ich glaube, daß, wenn es jemand -darauf anlegt, er mir mit leichter Mühe einreden könnte, daß Eisbären -tatsächlich auf den Nordpol klettern.</p> - -<p>Arithmetik scheint das einzige Lehrfach gewesen zu sein, dem ich keinen -Geschmack abgewinnen konnte. Von Anfang an hatte ich kein Interesse -für die Wissenschaft von den Zahlen. Fräulein Sullivan suchte mir das -Rechnen beizubringen, indem sie Perlen in Gruppen aneinanderreihte, -und mit Hilfe von Strohhalmen, wie sie im Kindergarten üblich sind, -lernte ich addieren und subtrahieren. Ich hatte niemals die Geduld, -mehr als fünf bis sechs Gruppen zugleich zusammenzureihen; hatte ich -das zustande gebracht, so war mein Gewissen für den<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span> Rest des Tages -beruhigt, und ich sprang rasch zu meinen Spielgefährten hinaus.</p> - -<p>In dieser selben sorglosen Weise trieb ich Zoologie und Botanik.</p> - -<p>Einmal sandte mir ein Herr, dessen Namen ich vergessen habe, eine -Fossiliensammlung — kleine wunderschön gezeichnete Muscheln, Stücke -Sandstein mit Abdrücken von Vogelfüßen und einen reizenden Farn in -Basrelief. Dies waren die Schlüssel, die mir den Zugang zu den Schätzen -der antediluvianischen Welt eröffneten. Mit zitternden Fingern lauschte -ich Fräulein Sullivans Schilderungen der furchtbaren Tiere mit den -ungefügen, unaussprechlichen Namen, die einst durch die Wälder der -Urzeit stampften, die Zweige von Riesenbäumen zur Nahrung abrissen -und in den ungeheuren Morasten eines unbekannten Zeitalters umkamen. -Lange Zeit beunruhigten diese unheimlichen Geschöpfe meine Träume, und -diese düstere Periode bildete einen dunklen Hintergrund zu dem heiteren -Jetzt, das mit Sonnenschein, Rosen und dem Echo der leichten Hufschläge -meines kleinen Ponys angefüllt war.</p> - -<p>Ein andermal erhielt ich eine schöne Muschel zum Geschenk, und mit -kindlichem Staunen und Entzücken lernte ich, wie ein winziges Weichtier -sich dieses herrliche Haus als Wohnung gebaut habe und wie in stillen -Nächten, wenn kein Luftzug die Meeresfläche kräuselt, der Nautilus -auf den blauen Gewässern des Indischen Ozeans in seinem wie Perlen -erglänzenden Schiffe dahinsegelt. Nachdem ich eine Menge interessanter -Dinge über das Leben und die Gewohnheiten der Kinder der Meerestiefen -kennen gelernt hatte — wie inmitten der schäumenden Wogen die kleinen -Polypen die schönen Koralleninseln des Stillen Ozeans aufbauen und -die Foraminiferen die Kalkhügel vieler Länder gebildet haben —, las -mir meine Lehrerin das Märchen vom Nautilus vor und zeigte mir,<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span> -wie der muschelbildende Prozeß bei den Mollusken symbolisch ist für -die Entwicklung des Geistes. Genau wie der wunderwirkende Mantel -des Nautilus die Stoffe, die er aus dem Wasser aufsaugt, umwandelt -und zu einem Teile von sich selbst macht, so erleiden die einzelnen -Kenntnisse, die jemand sammelt, eine ähnliche Veränderung und werden zu -Gedankenperlen.</p> - -<p>Ein andermal war es das Wachstum einer Pflanze, das uns den Stoff für -eine Lehrstunde lieferte. Wir kauften eine Lilie und stellten sie in -ein sonniges Fenster. Bald begannen die grünen, spitzen Knospen sich -zu öffnen. Die schlanken, fingerähnlichen Außenblätter erschlossen -sich langsam, widerstrebend, wie es mir vorkam, die Lieblichkeit des -Inneren enthüllend; war aber einmal ein Anfang gemacht, so ging der -weitere Prozeß des Oeffnens rasch von statten, aber ordnungsgemäß und -systematisch. Stets war eine von den Knospen größer und schöner als die -übrigen und warf ihre äußere Umhüllung stolzer zurück, als wüßte diese -Schönheit in weichen, seidenglänzenden Gewändern, daß sie Lilienkönigin -von Gottes Gnaden sei, während ihre bescheideneren Schwestern ihre -grünen Hüllen zaghaft ablegten, bis die ganze Pflanze ein einziger -nickender Zweig voller Lieblichkeit und Wohlgeruch war.</p> - -<p>Einmal wurde ein rundes Glas mit elf Kaulquappen an ein mit Pflanzen -besetztes Fenster gestellt. Ich erinnere mich noch des Eifers, mit dem -ich Beobachtungen über sie anstellte. Es machte mir großen Spaß, meine -Hand in das Glas zu tauchen, zu fühlen, wie sich die Kaulquappen lustig -herumtummelten, und sie zwischen meinen Fingern hin- und herschlüpfen -zu lassen. Eines Tages hatte sich ein ehrgeiziger Bursche von ihnen auf -den Rand des Glases gewagt und fiel auf den Fußboden, wo ich ihn allem -Anschein nach mehr<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span> tot als lebendig fand. Das einzige Lebenszeichen, -das er von sich gab, war ein leichtes Hin- und Herbewegen des -Schwanzes. Kaum war er aber in sein Element zurückgekehrt, als er auch -schon auf den Grund niedertauchte und in lustiger Geschäftigkeit hin- -und herschwamm. Er hatte seinen Weg gemacht, hatte die große Welt -gesehen und war nun froh, wieder in seinem hübschen Glashause unter dem -großen Fuchsienstock zu weilen, bis er die Würde des ausgewachsenen -Frosches erreicht hatte. Dann siedelte er wieder in den mit Mummeln -bedeckten Teich am Ende des Gartens über, wo er in den Sommernächten -seine quarrenden Liebeslieder erschallen ließ.</p> - -<p>So lernte ich vom Leben selbst. Anfangs lag nur ein ganz kleines, -begrenztes Maß von Fähigkeiten in mir. Meine Lehrerin war es, die sie -entfaltete und entwickelte. Als <em class="gesperrt">sie</em> kam, atmete alles rings um -mich her Liebe und Freude und gewann eine Fülle von Bedeutung. Seitdem -hat sie keine einzige Gelegenheit vorübergehen lassen, ohne mich auf -die in allem waltende Schönheit aufmerksam zu machen, und hat nie -aufgehört, durch Wort, Tat und Vorbild dahin zu wirken, daß mein Leben -sich zu einem genußreichen und nützlichen gestalte.</p> - -<p>Es war der Geist meiner Lehrerin, ihr warmes Mitempfinden, ihr -liebevoller Takt, der mir die ersten Jahre meiner Erziehung so -unvergeßlich gemacht hat. Dadurch, daß sie stets den richtigen -Augenblick wählte, um mein Wissen durch etwas Neues zu bereichern, -wurde der Unterricht für mich so anziehend und leicht faßlich. Sie -erkannte, daß der Geist eines Kindes einem seichten Bache gleicht, der -fröhlich in dem steinigen Bette der Erziehung dahinhüpft und tanzt -und hier eine Blume, dort einen Strauch, dort ein Lämmerwölkchen -widerspiegelt; sie suchte meinen Geist auf den rechten Pfad zu leiten, -da sie wohl wußte, daß er wie ein Bach durch Gebirgsströme und -verborgene Quellen genährt werden muß, bis er sich zum<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span> tiefen Flusse -erweitert, der imstande ist, auf seiner ruhigen Oberfläche schwellende -Hügel, die leuchtenden Schatten der Bäume und den blauen Himmel so gut -wie das holde Antlitz einer kleinen Blume widerzuspiegeln.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="img_p039" name="img_p039"> - <img class="mtop1" src="images/img_p039.jpg" alt="" /></a> - <p class="caption mbot1">Helen Keller und Fräulein Sullivan</p> -</div> - -<p>Jeder Lehrer kann ein Kind zu sich in das Klassenzimmer nehmen, -aber nicht jeder Lehrer kann es unterrichten. Es wird nicht freudig -arbeiten, wenn es nicht das Bewußtsein der Freiheit in sich trägt, mag -es tätig sein oder sich ausruhen; es muß das Hochgefühl des Sieges und -die Niedergeschlagenheit der Enttäuschung kennen, ehe es mit festem -Willen an die ihm unangenehmen Aufgaben herangeht und sich entschließt, -sich seinen Weg tapfer und unverdrossen durch die stumpfe Routine der -Lehrbücher hindurchzubahnen.</p> - -<p>Meine Lehrerin steht mir so nahe, daß ich mich kaum als von ihr -getrennt fühle. Wieviel von meiner Freude an allem Schönen mir -angeboren ist, wieviel ich ihrem Einflusse verdanke, werde ich -nie anzugeben vermögen. Ich fühle, ihr Wesen ist untrennbar von -dem meinigen, und sie ist mir auf den Bahnen, die ich wandle, -vorangegangen. Alles Gute an mir ist ihr Werk — es gibt keine -Fähigkeit, kein Streben, keine Freude in mir, die sie nicht durch ihre -liebevolle Berührung zum Leben erweckt hätte.</p> - -<div class="section"> - -<h3 class="padtop2" id="Achtes_Kapitel">Achtes Kapitel.</h3> - -</div> - -<p class="s5 center mbot2">Erstes Weihnachtsfest nach Fräulein Sullivans Ankunft. — -Ratespiel. — Weihnachtsbescherung in der Schule zu Tuscumbia. — -Freude über die Weihnachtsgeschenke.</p> - -<p>Das erste Weihnachtsfest nach Fräulein Sullivans Ankunft in -Tuscumbia war ein großes Ereignis. Jedes Familienmitglied bereitete -Ueberraschungen für mich vor; was mir aber am meisten Vergnügen -machte, war, daß Fräulein Sullivan<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span> und ich Ueberraschungen für alle -übrigen vorbereiteten. Das die Geschenke umgebende Geheimnis war meine -größte Freude. Meine Bekannten taten alles, was in ihren Kräften -stand, um meine Neugier durch Andeutungen und halbbuchstabierte -Sätze rege zu machen, die sie im spannendsten Augenblick abbrechen -zu müssen vorgaben. Fräulein Sullivan und ich unterhielten uns mit -einem Ratespiel, das mich im Gebrauche der Sprache mehr förderte, als -regelrechte Unterrichtsstunden dies zu tun vermocht hätten. Jeden Abend -setzten wir uns um das verglimmende Holzfeuer und beschäftigten uns mit -unserem Spiel, das um so aufregender wurde, je näher Weihnachten rückte.</p> - -<p>Am heiligen Abend feierten die Schulkinder von Tuscumbia ihre -Bescherung, zu der sie mich einluden. In der Mitte des Schulzimmers -stand ein schöner Baum, strahlend und schimmernd in dem milden Lichte -der Kerzen und beladen mit seltsamen, wunderbaren Früchten. Es war ein -Moment der höchsten Glückseligkeit. Ich tanzte und sprang voller Freude -um den Baum herum. Als ich erfuhr, es sei ein Geschenk für jedes Kind -da, war ich darüber entzückt, und die freundlichen Spender, die die -Bescherung veranstalteten, gestatteten mir, die Gaben den Kindern zu -überreichen. In der Freude darüber fand ich keine Zeit, meine eigenen -Geschenke zu betrachten; als ich aber mit der Verteilung fertig war, -überstieg meine Ungeduld nach dem Beginn der wirklichen Bescherung alle -Begriffe. Ich wußte, daß die Geschenke, die ich schon erhalten hatte, -nicht die waren, wegen deren meine Bekannten mir durch ihre Andeutungen -solche Tantalusqualen bereitet hatten, und meine Lehrerin sagte mir, -die Geschenke, die ich erhalten würde, seien noch viel schöner als die, -welche ich schon bekommen hätte. Ich war jedoch entschlossen, mich mit -den Geschenken von dem Baume zufrieden zu geben und die übrigen ruhig -bis morgen zu lassen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span></p> - -<p>In jener Nacht lag ich, nachdem ich meinen Strumpf aufgehängt hatte, -lange Zeit wach, da ich mich gegen den Schlaf wehrte und mich munter -halten wollte, um zu sehen, was der Santa Claus wohl tun würde, wenn -er ankäme. Endlich schlummerte ich aber doch mit einer neuen Puppe und -einem Eisbären in meinen Armen ein. Am nächsten Morgen war ich es, -die die Familie mit meinem ersten: „Ein fröhliches Weihnachtsfest!“ -aufweckte. Ich fand Ueberraschungen, nicht allein in dem Strumpfe, -sondern auch auf dem Tische, auf allen Stühlen, an der Tür, sogar auf -dem Fensterbrett; ich konnte in der Tat kaum einen Schritt machen, ohne -über ein in Goldpapier gewickeltes Christgeschenk zu stolpern. Als aber -meine Lehrerin mir einen Kanarienvogel schenkte, kannte meine Seligkeit -keine Grenzen.</p> - -<p>Der kleine Jim war so zahm, daß er auf meinen Finger hüpfte und mir -kandierte Kirschen aus der Hand pickte. Fräulein Sullivan lehrte -mich meinen neuen Liebling mit der größtmöglichen Sorgfalt hegen und -pflegen. Jeden Morgen nach dem Frühstück machte ich ihm sein Bad -zurecht, reinigte seinen Käfig, gab ihm frisches Futter, füllte sein -Trinknäpfchen mit frischem Brunnenwasser und hängte etwas Vogelmiere an -seinen Schaukelring.</p> - -<p>Eines Morgens ließ ich den Käfig auf dem Fensterbrett stehen, während -ich Jim frisches Wasser für sein Bad holte. Als ich zurückkehrte -und die Tür öffnete, fühlte ich, daß eine große Katze zum Zimmer -hinausstürzte. Zuerst bemerkte ich noch gar nicht, was sich zugetragen -hatte; als ich aber meine Hand in den Käfig steckte und Jim mir nicht -entgegenflatterte oder mit seinen zierlichen Füßchen sich auf meinen -Finger setzte, wußte ich, daß ich meinen lieben kleinen Sänger nicht -wiedersehen würde.</p> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span></p> - -<h3 class="padtop2" id="Neuntes_Kapitel">Neuntes Kapitel.</h3> - -</div> - -<p class="s5 center mbot2">Reise nach Boston. — Zusammentreffen mit den blinden Kindern. — -Bunker Hill. — Plymouth. — Pilgerfelsen. — Herr William Endicott.</p> - -<p>Das nächste wichtige Ereignis in meinem Leben war mein Besuch in -Boston im Mai 1888. Als ob es erst gestern gewesen wäre, so genau -entsinne ich mich der Vorbereitungen, der Abreise mit meiner Lehrerin -und meiner Mutter, der Eisenbahnfahrt und endlich der Ankunft in -Boston. Wie verschieden war doch diese Reise von der, die ich zwei -Jahre zuvor nach Baltimore gemacht hatte! Ich war kein ruheloses, -reizbares kleines Geschöpf mehr, das die Aufmerksamkeit sämtlicher -Mitreisenden verlangte, um zufriedengestellt zu sein. Ich saß still -neben Fräulein Sullivan und achtete mit regem Interesse auf alles, -was sie mir über das mitteilte, was sie aus dem Coupéfenster sah, den -schönen Tennesseestrom, die großen Baumwollplantagen, die Hügel und -Wälder und die Scharen lachender Neger auf den Bahnhöfen, die den -Reisenden zuwinkten und köstliches Zuckergebäck und Maisklöße im Wagen -umhertrugen. Mir gegenüber saß meine große, zerflederte Puppe, Nancy, -in einem neuen Ginghamkleide und einem zerknitterten Strohhute und sah -mich unverwandt mit ihren Glasaugen an. Bisweilen, wenn ich nicht durch -Fräulein Sullivans Schilderungen in Anspruch genommen war, erinnerte -ich mich der Anwesenheit Nancys und nahm sie auf den Arm, aber im -allgemeinen beschwichtigte ich mein Gewissen dadurch, daß ich mir -einredete, sie schlafe.</p> - -<p>Da ich keine Gelegenheit mehr haben werde, von Nancy zu sprechen, so -will ich gleich hier von dem traurigen Schicksale erzählen, das sie -bald nach unserer Ankunft in Boston hatte. Sie war ganz mit Schmutz -bedeckt, dem Ueberreste von Schlammkuchen, die ich sie zu essen -gezwungen hatte, obwohl<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span> sie niemals eine besondere Vorliebe für diesen -Leckerbissen gezeigt hatte. Die Wäscherin im Perkinsschen Institut nahm -sie heimlich mit fort, um sie zu baden. Dies war für die arme Nancy -zu viel. Als ich sie das nächstemal wiedersah, war sie nur noch ein -formloser Watteklumpen, den ich überhaupt nicht wiedererkannt haben -würde, wären nicht die beiden Glasaugen gewesen, die mich vorwurfsvoll -ansahen.</p> - -<p id="Reise_nach_Boston">Als der Zug endlich in den Bahnhof von Boston einfuhr, war es, als sei -ein schönes Feenmärchen zur Wirklichkeit geworden. Das „es war einmal“ -war Gegenwart; das „weite, ferne Land“ war hier.</p> - -<p>Kaum waren wir in dem Perkinsschen Blindeninstitut angelangt, als ich -auch schon mit den blinden Kindern Freundschaft zu schließen begann. -Es freute mich unaussprechlich, zu finden, daß sie das Fingeralphabet -verstanden. Wie froh war ich, mich mit anderen Kindern in meiner -Sprache unterhalten zu können! Bis dahin war ich wie eine Ausländerin -gewesen, die durch Vermittelung eines Dolmetschers spricht. In der -Schule, in der Laura Bridgman unterrichtet worden war, befand ich -mich in meinem Vaterlande. Es kostete mich einige Zeit, ehe ich mir -die Tatsache, daß meine neuen Freunde blind waren, in ihrer Tragweite -klarmachte. Ich wußte, ich konnte nicht sehen; aber es erschien mir -unmöglich, daß all die munteren, liebenswürdigen Kinder, die um -mich herumstanden und in meine Fröhlichkeit von Herzen einstimmten, -gleichfalls blind sein sollten. Ich entsinne mich der schmerzlichen -Ueberraschung, die ich empfand, als ich bemerkte, daß sie ihre Hände -über die meinigen legten, wenn ich mit ihnen sprach, und daß sie in -ihren Büchern mit Hilfe der Finger lasen. Obgleich mir dies schon -vorher mitgeteilt worden war und obgleich ich mir meines eigenen -Verlustes bewußt war, so hatte ich doch in unbestimmter Weise geglaubt, -daß, da sie<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span> hören konnten, sie eine Art von „zweitem Gesicht“ haben -müßten, und ich war nicht darauf vorbereitet, zu finden, daß diese -Kinder alle derselben köstlichen Gabe wie ich beraubt waren. Aber sie -waren so glücklich und zufrieden, daß ich alle Schmerzempfindungen über -der Freude vergaß, die mir das Zusammensein mit ihnen gewährte.</p> - -<p>Als ich einen Tag in der Gesellschaft der blinden Kinder zugebracht -hatte, fühlte ich mich in meiner neuen Umgebung vollständig daheim, und -jeder Tag brachte mir eine neue angenehme Erfahrung. Ich konnte mich -nicht völlig davon überzeugen, daß es außer Boston noch viel in der -Welt gebe, denn ich betrachtete diese Stadt als den Anfang und das Ende -der Schöpfung.</p> - -<p>Während unseres Aufenthaltes in Boston besuchten wir Bunker Hill und -hier erhielt ich meinen ersten Geschichtsunterricht. Die Geschichte von -den tapferen Männern, die auf dem Platze, auf dem wir standen, gekämpft -hatten, regte mich gewaltig auf. Ich bestieg das Denkmal, wobei ich die -Stufen zählte, und fragte mich verwundert, als es immer höher und höher -hinauf ging, ob die Soldaten diese große Treppe erstiegen und von hier -auf den Feind dort unten geschossen hätten.</p> - -<p>Am nächsten Tage fuhren wir nach Plymouth. Es war dies meine erste -Seereise und mein erster Ausflug auf einem Dampfer. Wie voll von Leben -und Bewegung war das Schiff! Aber das Getöse der Maschine ließ mich -glauben, es sei ein Gewitter im Anzuge, und ich begann zu weinen, -weil ich fürchtete, wenn es regnete, könnten wir unser Picknick -nicht im Freien abhalten. Ich glaube, der große Felsen, an dem die -Pilger gelandet waren,<a name="FNAnker_4_4" id="FNAnker_4_4"></a><a href="#Fussnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> interessierte mich mehr als alles übrige -in Plymouth. Ich konnte ihn berühren, und vielleicht<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> war dies der -Grund, weswegen mir die Ankunft der Pilger, ihre Beschwerden und -ihre Heldentaten so deutlich vor der Seele standen. Ich habe oft ein -kleines Modell des Felsens von Plymouth in der Hand gehabt, den mir -ein freundlicher Herr in Pilgrim Hall gab, ich habe seine Umrisse, -den Spalt in der Mitte und die eingemeißelte Inschrift »1620« befühlt -und in meinem Innern alles überdacht, was ich von der wunderbaren -Geschichte der Pilger wußte.</p> - -<p>Wie erglühte meine kindliche Phantasie bei dem Gedanken an ihr -ruhmvolles Unternehmen! Ich idealisierte sie als die tapfersten und -hochherzigsten Männer, die jemals in der Fremde eine Heimat gesucht -hatten. Ich glaubte, sie hätten die Freiheil ihrer Mitmenschen -ebenso wie ihre eigene erstrebt. Ich war peinlich überrascht und arg -enttäuscht, als ich einige Jahre später ihre unduldsamen Handlungen -kennen lernte, die uns mit Scham erfüllen, selbst wenn wir den Mut und -die Tatkraft anerkennen, die uns unser »schönes Land« gegeben haben.</p> - -<p>Unter den zahlreichen Freunden, die ich mir in Boston gewann, befanden -sich auch Herr William Endicott und seine Tochter. Die Güte, die -mir beide erwiesen, war das Saatkorn, aus dem mir viele angenehme -Erinnerungen erblüht sind. Eines Tages besuchten wir ihre schöne Villa -in Beverly Farms. Ich erinnere mich mit Vergnügen daran, wie ich durch -ihren schönen Rosengarten dahinschritt, wie ihre Hunde, der mächtige -Leo und der kleine kraushaarige Fritz mit den langen Ohren, sich zu -mir gesellten und wie Nimrod, das schnellste aller Pferde, seine Nase -in meine Hand streckte, damit ich seinen Hals klopfen und ihm ein -Stück Zucker geben sollte. Ebenso erinnere ich mich des Strandes, wo -ich zum erstenmale im Sande gespielt hatte. Es war harter, glatter -Sand, sehr verschieden von dem losen, scharfen, mit Algen und Muscheln -untermischten Sande in Brewster. Herr Endicott erzählte mir<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> von den -großen Schiffen, die aus Boston nach Europa absegelten. Ich sah ihn -später noch öfters, und er ist mir stets ein guter Freund gewesen, und -ich dachte an ihn, als ich Boston „die Stadt der gütigen Herzen“ nannte.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_4_4" id="Fussnote_4_4"></a><a href="#FNAnker_4_4"><span class="label">[4]</span></a> „Pilger“ oder „Pilgerväter“ hießen die 102 Puritaner, die im -Jahre 1620 in Plymouth landeten.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 class="padtop2" id="Zehntes_Kapitel">Zehntes Kapitel.</h3> - -</div> - -<p class="s5 center mbot2">Ferienaufenthalt in Brewster. — Die See. — Erstes Seebad. — -Eindruck der Brandung. — Der erste Taschenkrebs.</p> - -<p>Unmittelbar bevor das Perkinssche Institut seine Tore für den Rest des -Sommers schloß, wurde die Verabredung getroffen, daß meine Lehrerin und -ich unsere Ferien in Brewster am Kap Cod in der Gesellschaft unserer -lieben Freundin, Frau Hopkins, zubringen sollten. Ich war darüber -entzückt, denn mein Geist war voll von den zu erwartenden Freuden und -den wunderbaren Geschichten, die ich vom Meere gehört hatte.</p> - -<p>Meine lebhafteste Erinnerung an jenen Sommer ist der Ozean. Ich hatte -stets im Binnenlande gelebt und niemals Seeluft geatmet; aber ich hatte -in einem Buche mit dem Titel Our World eine Schilderung des Ozeans -gelesen, die mich mit Erstaunen und einem sehnsüchtigen Verlangen -erfüllte, die gewaltige See zu befühlen und ihr Toben zu spüren. So -schlug mein kleines Herz in heftiger Erregung, als ich sah, daß mein -Wunsch endlich doch in Erfüllung gehen sollte.</p> - -<p>Kaum war ich in mein Badekostüm geschlüpft, als ich auf den warmen -Sand hinaussprang und ohne die geringste Furcht in dem kühlen Wasser -untertauchte. Ich fühlte, wie die mächtigen Wogen sich abwechselnd -hoben und senkten. Die schaukelnde Bewegung des Wassers erfüllte mich -mit ungemein lebhafter Freude. Mit einem Male aber wich mein Entzücken -einem namenlosen Entsetzen; mein Fuß stieß gegen<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span> einen Felsen, und im -nächsten Augenblick ergoß sich ein Strom von Wasser über mein Haupt. -Ich streckte meine Hände aus, um eine Stütze zu finden, ich griff -ins Wasser und faßte nach dem Tang, den mir die Wogen ins Gesicht -schleuderten. Aber alle meine verzweifelten Anstrengungen waren -vergeblich. Die Wellen schienen ihr Spiel mit mir zu treiben und warfen -mich in ihrem wilden Tosen von einer zur anderen. Es war fürchterlich! -Die gute, feste Erde war mir unter den Füßen weggeglitten, und ich -schien von allem — von Leben, Luft, Wärme, Liebe — durch dieses -unheimliche, mich rings umgebende Element ausgeschlossen zu sein. -Endlich jedoch warf mich die See, als sei sie ihres neuen Spielzeugs -müde, an das Gestade zurück, und im nächsten Augenblick wurde ich von -den Armen meiner Lehrerin umschlungen. O, dieses wonnige Empfinden -bei der langen, langen Umarmung! Sobald ich mich genügend von meinem -panischen Schrecken erholt hatte, um ein Wort hervorbringen zu können, -fragte ich: Wer hat denn eigentlich das Salz in das Wasser geschüttet?</p> - -<p>Nachdem ich meine erste Erfahrung mit dem Wasser glücklich hinter -mir hatte, machte es mir großes Vergnügen, in meinem Badekostüm auf -einem mächtigen Felsen zu sitzen und Woge um Woge an den Felsen -heranbranden zu fühlen, wobei sie einen Spritzregen von Schaum -heraufsandten, der mich völlig durchnäßte. Ich spürte, wie die Kiesel -fortgeschwemmt wurden, wenn die Wogen mit ihrer vollen Wucht gegen den -Strand anstürmten; das ganze Gestade schien durch ihren furchtbaren -Anprall zertrümmert zu werden, und die Luft erdröhnte unter ihren -Donnerschlägen. Die Brandung schlug zurück, um sich zu einem noch -mächtigeren Anlauf zu sammeln, und ich hing an dem Felsen voll -gespannter Erwartung, wie von einem Banne befangen, während ich das -Toben und Brüllen des wütenden Meeres fühlte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span></p> - -<p>Kaum konnte ich mich von dem Strande trennen. Der Hauch der reinen, -frischen und klaren Seeluft wirkte wie kühles, beruhigendes Denken -auf mich, und die Muscheln, die Kiesel, die mit winzigen Lebewesen -bedeckten Algen büßten in meinen Augen nicht das geringste ihrer -Anziehungskraft ein. Eines Tages lenkte Fräulein Sullivan meine -Aufmerksamkeit auf ein seltsames Ding, das sie in dem seichten Wasser -gefangen hatte. Es war ein großer Taschenkrebs, der erste, den ich -je in meinem Leben gesehen hatte. Ich fühlte ihn an und fand es sehr -seltsam, daß er sein Haus auf seinem Rücken mit sich herumtragen -sollte. Plötzlich schoß mir der Gedanke durch den Kopf, er könne einen -ganz artigen Spielgefährten abgeben; daher ergriff ich ihn mit beiden -Händen am Schwanze und trug ihn nach Hause. Diese Heldentat gefiel mir -außerordentlich, besonders da sein Körper sehr schwer war und ich alle -meine Kräfte anstrengen mußte, ihn eine halbe Meile weit zu schleppen. -Ich ließ Fräulein Sullivan keine Ruhe, bis sie den Krebs in einen -Trog in der Nähe des Brunnens geworfen hatte, in dem er nach meiner -Ueberzeugung sicher aufgehoben war. Als ich aber am nächsten Morgen zu -dem Troge kam, siehe da, da war er verschwunden! Niemand wußte, wohin -er gekommen war oder wie er hatte entwischen können. Ich empfand eine -schmerzliche Enttäuschung; nach und nach gelangte ich jedoch zu der -Einsicht, daß es nicht freundlich oder weise gehandelt war, dieses -arme stumme Geschöpf seinem Element zu entreißen, und nach einiger -Zeit fühlte ich mich in dem Gedanken glücklich, es sei ihm vielleicht -gelungen, in das Meer zurückzukehren.</p> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span></p> - -<h3 class="padtop2" id="Elftes_Kapitel">Elftes Kapitel.</h3> - -</div> - -<p class="s5 center mbot2">Rückkehr nach Tuscumbia. — Fern Quarry. — Jagden. — Bony »Black -Beauty«. — In Lebensgefahr.</p> - -<p>Im Herbst kehrte ich mit einem Herzen voll von freundlichen -Erinnerungen nach meiner südlichen Heimat zurück. So oft ich mir -diesen Besuch im Norden ins Gedächtnis zurückrufe, erfüllt er meine -Seele immer von neuem mit Bewunderung über die reichen, mannigfaltigen -Erfahrungen, die sich mit ihm verbinden. Er scheint mir der -Ausgangspunkt meiner ganzen künftigen Entwickelung gewesen zu sein. -Die Schätze einer neuen, schönen Welt wurden mir zu Füßen gelegt, und -bei jedem Ausgange empfing ich erheiternde und belehrende Eindrücke. -Ich lebte selbst in allen Dingen mit. Ich saß keinen Augenblick still; -mein Leben war so voller Bewegung wie das jener kleinen Insekten, deren -ganzes Dasein sich im Laufe eines kurzen Tages abspielt. Ich begegnete -vielen Menschen, die sich mit mir unterhielten, indem sie die Worte in -meine Hand buchstabierten, und in fröhlicher Wechselwirkung stiegen -Gedanken auf, um sich mit Gedanken anderer zu kreuzen, und siehe da! -es geschah ein Wunder! Die öden Strecken, die meinen Geist von dem -meiner Mitmenschen getrennt hatten, bedeckten sich mit Blüten wie ein -Rosenstrauch.</p> - -<p>Die Herbstmonate brachte ich mit meiner Familie in unserem -Sommerlandhause zu, das auf einem Berge ungefähr vierzehn Meilen von -Tuscumbia entfernt lag. Es hieß Fern Quarry weil sich in seiner Nähe -ein jetzt längst aufgegebener Kalkbruch befunden hatte. Drei muntere, -in den Felsen oberhalb entspringende Bäche, durchströmten den Bruch, -hier ruhig fließend, dort in sprudelnden Kaskaden schäumend, wo die -Felsen ihnen den Weg zu versperren suchten. Der Eingang war mit -Farnen bedeckt, die die Kalksteinschichten vollständig überwucherten. -Der<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> übrige Teil des Berges war dicht bewaldet. Hier wuchsen hohe -Eichen und mächtige Tannen mit Stämmen, gleich moosigen Säulen, von -deren Zweigen Gewinde von Efeu und Mistel herniederhingen, ebenso -Persimonbäume, deren Wohlgeruch jeden Winkel des Waldes durchdrang -— ein verlockendes, duftendes Etwas, das das Herz fröhlich machte. -Stellenweise zogen sich wilde Weinreben von Baum zu Baum und bildeten -Lauben, die der Lieblingsaufenthalt von Schmetterlingen und summenden -Insekten waren. Es war köstlich, sich am späten Nachmittag unter den -grünen Gewölben und in den Irrgängen jenes Waldes zu verlieren und den -kühlen erquickenden Duft einzuatmen, der bei Sonnenuntergang aus der -Erde emporstieg.</p> - -<p>Unser Landhaus war eine Art Jagdhütte, schön gelegen auf dem Gipfel des -Berges zwischen Eichen und Fichten. Die kleinen Zimmer befanden sich -zu beiden Seiten einer langen, offenen Halle. Rings um das Haus dehnte -sich ein weiter Platz aus, zu dem die Bergeswinde alle Wohlgerüche des -Waldes herübertrugen. Auf diesem Platze brachten wir den größten Teil -des Tages zu — hier arbeiteten, aßen und spielten wir. An der hinteren -Tür des Hauses erhob sich ein mächtiger Nußbaum, um den herum Stufen -führten, und vorn standen die Bäume so nahe, daß ich sie berühren und -fühlen konnte, wenn der Wind ihre Zweige hin und her bewegte, oder das -Laub in den Herbststürmen zu Boden wirbelte.</p> - -<p>Wir hatten viel Besuch in Fern Quarry. Abends spielten die Männer am -Lagerfeuer Karten und vertrieben sich die Zeit mit Gesprächen und -körperlichen Uebungen. Sie erzählten Wunderdinge von ihren Jagden -auf Hühner, Fische und allerlei Wild — wie viele wilde Enten und -Truthühner sie geschossen, was für Forellen sie gefangen und wie die -die schlauesten Füchse und die klügsten Opossums überlistet und die -schnellsten Hirsche eingeholt hatten, bis ich der Ueberzeugung<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span> war, -daß sicherlich Löwen, Tiger, Bären und die übrigen reißenden Tiere -allesamt diesen verschlagenen Jägern keinen Widerstand leisten könnten. -Auf morgen zur Jagd! lautete ihr Gutenachtgruß, wenn sich der Kreis der -lustigen Freunde bei Einbruch der Nacht auflöste. Die Männer schliefen -in der Halle vor der Haustür, und ich konnte das tiefe Atmen der Hunde -und Jäger spüren, wenn sie auf ihren improvisierten Betten lagen.</p> - -<p>Bei Tagesanbruch wurde ich durch den Geruch von Kaffee, das Klirren -von Gewehren und die schweren Tritte der Männer geweckt, die jetzt -umhergingen voll froher Hoffnung auf einen glücklichen Jagderfolg. -Ebenso konnte ich das Stampfen ihrer Pferde spüren, die unter den -Bäumen angebunden waren, wo sie die ganze Nacht über gestanden hatten, -laut wiehernd und ungeduldig das Loskoppeln erwartend. Endlich stiegen -die Herren zu Pferde, und „fort trabten“, wie es in alten Liedern -heißt, „die Rosse, mit klirrendem Zaumzeug, unter Peitschengeknall -und Hundegebell“, und „fort trabten die Jäger mit lauten Hussa- und -Hallorufen“.</p> - -<p>Im Laufe des Vormittags trafen wir die Vorbereitungen für das -Jagdessen. Ein Feuer wurde auf dem Boden eines tiefen Loches, das in -die Erde gegraben war, angezündet, große Scheite wurden kreuzweise -darüber gelegt und die Fleischstücke an diesen aufgehängt oder an -Spießen gebraten. Um das Feuer herum kauerten Neger und verscheuchten -die Fliegen mit langen Zweigen. Der würzige Duft des Fleisches machte -mich hungrig, lange bevor die Tische gedeckt waren.</p> - -<p>Hatte das aufgeregte Treiben seinen Höhepunkt erreicht, so kehrten -die Teilnehmer an der Jagd zurück und erschienen in Gruppen von zwei -oder drei, die Männer heiß und müde, die Pferde mit Schaum bedeckt, -die abgehetzten Hunde keuchend und niedergeschlagen — und kein Stück -Jagdbeute! Jeder<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span>mann erklärte, er habe wenigstens einen Hirsch gesehen -und das Tier sei ihm auch ganz nahe gekommen; so eifrig aber auch die -Hunde das Wild verfolgten, so genau die Schützen zielen mochten — -beim Abfeuern des Gewehres war kein Hirsch mehr zu erblicken. Man war -so glücklich gewesen wie der kleine Junge, der da erklärte, er habe -<em class="gesperrt">beinahe</em> ein Kaninchen gesehen — denn er sah dessen Fährte. Die -Gesellschaft vergaß aber bald ihre Enttäuschung, und wir setzten uns -zu Tische, freilich nicht zum Wildbretschmause, wohl aber zu einem -zahmeren Mahle von Kalb- und geröstetem Schweinefleisch.</p> - -<p>Eines Sommers hatte ich mein Pony mit nach Fern Quarry genommen. Ich -nannte ihn dort Black Beauty, da ich soeben das Buch mit diesem Titel -gelesen hatte, und er glich seinem Namensvetter in jeder Hinsicht, von -seinem glänzenden schwarzen Felle bis zu der Blässe auf seiner Stirn. -Ich brachte viele meiner glücklichsten Stunden auf seinem Rücken zu. -Gelegentlich, wenn es durchaus keine Gefahr hatte, ließ meine Lehrerin -den Leitzügel los, und dann ging der Pony gemächlich weiter oder machte -nach Belieben Halt, um Gras abzurupfen oder das Laub der an der Seite -des schmalen Weges stehenden Bäume zu benagen.</p> - -<p>An den Vormittagen, an denen ich keine Lust hatte, auszureiten, machten -meine Lehrerin und ich nach dem Frühstück einen Spaziergang in die -Wälder und verloren uns gern inmitten der Bäume und Weinranken, ohne -einen anderen Weg unter unseren Füßen zu haben, als die von Kühen und -Pferden getretenen Pfade. Oft kamen wir an undurchdringliche Dickichte, -die uns zwangen, sie im Bogen zu umgehen. Stets kehrten wir zu dem -Landhause mit einer Last von wildem Lorbeer, Goldregen, Farnen und -prächtigen Wasserlilien zurück, wie sie nur im Süden gedeihen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span></p> - -<p>Bisweilen ging ich mit Mildred und meinen kleinen Vettern fort, um -Persimonpflaumen zu suchen. Ich aß die nicht, liebte aber ihren Duft -und freute mich, wenn ich sie unter Laub und Gras entdeckte. Auch Nüsse -sammelten wir, und ich half beim Aushülsen der Haselnüsse, sowie beim -Zerschlagen der Schalen der Hickory- und Walnüsse — der großen, süßen -Walnüsse.</p> - -<p>Am Fuße des Berges lief eine Eisenbahn entlang, und die Kinder -beobachteten das Vorbeifahren der Züge. Mitunter schreckte uns ein -fürchterliches Pfeifen empor, dann erzählte mir Mildred in großer -Aufregung, daß sich eine Kuh oder ein Pferd auf die Schienen verirrt -habe. In der Entfernung von ungefähr einer Meile befand sich eine -Eisenbahnbrücke, die einen tiefen Abgrund überspannte. Es war sehr -schwierig, hinüberzugehen; die Bohlen standen weit auseinander und -waren so schmal, daß man die Empfindung hatte, als ginge man auf -Messerschneiden. Ich hatte die Brücke nie benutzt, bis eines Tages -Mildred, Fräulein Sullivan und ich uns in den Wäldern verirrt hatten -und stundenlang umherwanderten, ohne einen Pfad zu finden.</p> - -<p>Plötzlich streckte Mildred ihre kleine Hand aus und rief: Dort ist die -Brücke! Wir hätten noch einen anderen Weg einschlagen können, aber es -war spät, und die Dunkelheit brach schon herein, und auf der Brücke -schnitt man eine bedeutende Strecke ab. Ich mußte mit meinen Füßen nach -den Schienen fühlen, aber ich hatte keine Furcht und schritt tapfer -vorwärts, bis auf einmal aus der Ferne ein schwaches Puff, Puff ertönte.</p> - -<p>Ich sehe den Zug! rief Mildred, und in der nächsten Minute würde er uns -erreicht haben, wenn wir nicht auf die Kreuzbalken heruntergeklettert -wären, während er über unseren Köpfen davonbrauste. Ich fühlte den -heißen Dampf der Loko<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span>motive in meinem Gesicht, und der Rauch und die -Asche erstickten uns beinahe. Als der Zug vorüberrollte, schwankte die -Brücke so, daß ich glaubte, wir würden in die Schlucht hinunterstürzen. -Mit der äußersten Schwierigkeit gelangten wir wieder auf das Geleise. -Lange nach Einbruch der Dunkelheit erreichten wir das Haus und fanden -es leer; die ganze Familie war ausgezogen, um uns zu suchen.</p> - -<div class="section"> - -<h3 class="padtop2" id="Zwoelftes_Kapitel">Zwölftes Kapitel.</h3> - -</div> - -<p class="s5 center mbot2">Besuch im Norden. — Wintervergnügungen.</p> - -<p>Nach meinem ersten Besuche in Boston brachte ich beinahe jeden Winter -im Norden zu. Einmal besuchte ich ein Dorf in Neuengland mit seinen -zugefrorenen Seen und seinen weiten Schneefeldern. Damals fand ich -Gelegenheit, wie ich sie nie zuvor gehabt hatte, die Annehmlichkeiten -einer Schneelandschaft kennen zu lernen.</p> - -<p>Ich erinnere mich noch, wie erstaunt ich war, als ich entdeckte, daß -eine geheimnisvolle Hand das Laub von Bäumen und Sträuchern gestreift -und nur hier und da ein vertrocknetes Blatt zurückgelassen hatte. Die -Vögel waren fortgezogen, und ihre leeren Nester auf den kahlen Bäumen -waren mit Schnee gefüllt. Der Winter lag auf Hügel und Feld. Die Erde -schien unter seiner eisigen Berührung erstarrt zu sein, und selbst die -Geister der Bäume hatten sich bis zu den Wurzeln hinabgeflüchtet und -lagen, in der Finsternis zusammengekrümmt, im festen Schlafe. Alles -Leben schien erstorben zu sein, und selbst wenn die Sonne hervorkam, -war der Tag</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft9">Trüb und kalt,</div> - <div class="verse">Als seien ihre Adern saftlos und alt;</div> - <div class="verse">Die Sonne erhob sich matt und schwer</div> - <div class="verse">Und warf einen müden Blick über Land und Meer.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span></p> - -<p class="p0">Das dürre Gras und die Sträucher waren in einen Wald von Eiszapfen -verwandelt.</p> - -<p>Dann kam ein Tag, an dem die scharfe Luft das Herannahen eines -Schneefalles ankündigte. Wir eilten ins Freie, um zu fühlen, wie die -ersten zarten Flocken herniedersanken. Stunde um Stunde schwebten -die Flocken schweigend und weich aus ihrer luftigen Höhe zur Erde -herab, und die Gegend bekam immer mehr das Aussehen einer Ebene. Eine -Schneenacht breitete sich über die Welt aus, und am Morgen konnte man -kaum noch einen Zug der Landschaft erkennen. Alle Wege waren verweht, -keine einzige Landmarke war mehr sichtbar — ringsum eine Schneewüste -mit vereinzelt aus ihr hervorragenden Bäumen.</p> - -<p>Am Abend erhob sich ein Wind aus Nordost, und die Flocken wirbelten -in rasendem Tanze durcheinander. Wir saßen um den großen Herd herum, -erzählten uns lustige Geschichten und waren vergnügt und heiter; -dabei vergaßen wir ganz, daß wir uns inmitten einer trostlosen Einöde -befanden, abgeschlossen von jeder Verbindung mit der Außenwelt. Während -der Nacht steigerte sich die Gewalt des Sturmes derart, daß er uns -mit einer unbestimmten Furcht erfüllte. Die Dachsparren knarrten und -stöhnten, und die Zweige der das Haus umgebenden Bäume ächzten und -schlugen gegen die Fenster, während der Sturm über die Landschaft -hinraste.</p> - -<p>Am dritten Tage nach dem Beginn des Unwetters hörte das Schneetreiben -auf. Die Sonne brach durch die Wolken und beschien eine weite, -wellige Ebene. Hohe Dämme, phantastisch gestaltete Schneehaufen und -undurchdringliche Schneewehen zogen sich in allen Richtungen dahin.</p> - -<p>Es wurden nun schmale Pfade durch die Schneewehen geschaufelt. Ich zog -meinen Mantel an, setzte meinen Hut auf und ging hinaus. Die Luft war -so scharf, daß meine Wangen<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span> wie Feuer brannten. Bald die gebahnten -Pfade benutzend, bald unseren Weg selbständig durch die niedrigeren -Wehen bahnend, gelangten wir endlich an eine große Fichte, die am -Rande einer breiten Wiese stand. Die Bäume ragten bewegungslos und -weiß gleich Figuren auf einem Marmorfriese empor. Die Fichtennadeln -spendeten heute keinen Duft. Die Strahlen der Sonne fielen auf die -Bäume, sodaß die Zweige wie Diamanten funkelten und viele von ihnen -abbrachen, sobald wir sie berührten. So blendend war das Licht, daß es -sogar die Finsternis, die auf meinen Augen lag, durchdrang.</p> - -<p>Im Verlauf der Zeit wurden die Schneewehen immer kleiner, aber bevor -sie gänzlich verschwunden waren, kam ein anderes Unwetter, sodaß -ich kaum einmal im Winter die bloße Erde unter meinen Füßen fühlte. -Allmählich verloren die Bäume ihre Eishülle, und die Binsen und -Sträucher traten in ihrer ursprünglichen Gestalt wieder hervor, aber -der See lag trotz des hellen Sonnenscheins gefroren und hart da.</p> - -<p>Unser Lieblingsvergnügen in diesem Winter war Schlittenfahren. -Stellenweise erhebt sich das Ufer des Sees steil über dem -Wasserspiegel. Diese jähen Abhänge benutzten wir zu unserer Abfahrt. -Wir setzten uns auf unseren Handschlitten, ein Knabe versetzte uns -einen Stoß, und fort flogen wir! Wir durchschnitten Schneewehen, -flogen über Vertiefungen hinweg, sausten auf den See hinaus und -schossen über dessen schimmernde Oberfläche hin bis zum anderen Ufer. -Was für ein Jubel! Was für eine herzerfrischende Tollheit! Für einen -wilden, seligen Augenblick zerbrachen wir die Kette, die uns an die -Erde schmiedet, wir reichten den Winden die Hand und fühlten uns -göttergleich!</p> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span></p> - -<h3 class="padtop2" id="Dreizehntes_Kapitel">Dreizehntes Kapitel.</h3> - -</div> - -<p class="s5 center mbot2">Rückblick auf die früheren Versuche, zu sprechen. — Ragnhild -Kaata. — Unterricht in der Lautsprache bei Fräulein Fuller. — -Freude über den Erfolg. — Ablesen von den Lippen mittels der -Finger. — Gebrauch des Fingeralphabets.</p> - -<p>Im Frühjahr 1890 lernte ich sprechen.<a name="FNAnker_5_5" id="FNAnker_5_5"></a><a href="#Fussnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a> Ich hatte stets ein starkes -Verlangen in mir gefühlt, hörbare Laute auszustoßen. Ich pflegte Töne -hervorzubringen, wobei ich die eine Hand an meinen Kehlkopf legte, -während die andere den Bewegungen der Lippen folgte. Ich freute -mich über alles, was ein Geräusch machte, und liebte es, zu fühlen, -wie die Katze schnurrte und der Hund bellte. Ebenso legte ich mit -Vorliebe die Hand an den Kehlkopf eines Sängers oder auf ein Klavier, -wenn es gespielt wurde. Ehe ich Gesicht und Gehör verlor, hatte ich -bereits sprechen gelernt, aber nach meiner Krankheit hörte ich auf zu -sprechen, weil ich nicht mehr hören konnte. Ich pflegte den ganzen -Tag über auf dem Schoße meiner Mutter zu sitzen und meine Hände an -ihr Gesicht zu halten, weil es mir Vergnügen machte, die Bewegungen -ihrer Lippen zu fühlen, und auch ich bewegte meine Lippen, obgleich -ich vergessen hatte, was Sprechen sei. Meine Bekannten behaupten, daß -ich auf natürliche Art lachte und weinte, und eine Zeitlang brachte -ich allerlei Töne und Wortbestandteile hervor, nicht weil sie ein -Verständigungsmittel bildeten, sondern weil ich die gebieterische -Notwendigkeit in mir fühlte, meine Stimmorgane zu üben. Es gab jedoch -ein Wort, an dessen Bedeutung ich mich immer noch erinnerte, nämlich -<span class="antiqua">water</span>. Ich sprach es <span class="antiqua nowrap">wa–wa</span> aus. Selbst dieses wurde -immer unverständlicher bis zu der Zeit, als Fräulein Sullivan mich zu -unterrichten begann. Ich hörte erst auf, es zu ge<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span>brauchen, als ich -gelernt hatte, das Wort mit meinen Fingern zu buchstabieren.</p> - -<p>Ich hatte längst erkannt, daß meine Umgebung sich anderer -Verständigungsmittel bediente als ich, und schon ehe ich erfuhr, -daß ein taubstummes Kind sprechen lernen kann, war ich mir meiner -Unzufriedenheit mit den Verständigungsmitteln, über die ich bereits -verfügte, bewußt. Wer gänzlich auf das Fingeralphabet angewiesen -ist, trägt stets eine Empfindung mit sich herum, als werde er durch -etwas zurückgehalten, eingeengt. Diese Empfindung begann mich mit -einem beunruhigenden, vorwärts treibenden Bewußtsein eines Mangels, -der beseitigt werden müsse, zu erfüllen. Meine Gedanken wollten sich -oft aufschwingen und wie die Vögel gegen den Wind ankämpfen, und ich -übte meine Lippen und meine Stimme beharrlich weiter. Freunde suchten -mich von diesen Bemühungen abzubringen, weil sie fürchteten, sie -würden zu nichts weiter führen als zu einer Enttäuschung. Aber ich -blieb beharrlich dabei, und bald trat etwas ein, was schließlich zur -Beseitigung dieses für unüberwindlich geltenden Hindernisses führen -sollte — ich erfuhr die Geschichte von Ragnhild Kaata.</p> - -<p>Im Jahre 1890 kam Frau Lamson, eine von Laura Bridgmans Lehrerinnen, -die soeben von einer Reise nach Schweden und Norwegen zurückgekehrt -war, zu mir, um mich zu besuchen, und erzählte mir von Ragnhild Kaata, -einem taubstummen und blinden Mädchen in Norwegen, das tatsächlich -sprechen gelernt hatte. Frau Lamson hatte kaum ihre Erzählung von dem -Erfolge dieses Mädchens beendet, als ich Feuer und Flamme war. Auch -ich faßte den Entschluß, sprechen zu lernen. Ich wollte mich nicht -zufrieden geben, bis mich meine Lehrerin zu Fräulein Sarah Fuller, der -Leiterin der Horace Mann-Schule mitnahm, um diese zu bitten, ihr mit -Rat und Tat beizustehen. Diese liebenswürdige, sanfte Dame erbot sich -dazu,<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span> mich selbst zu unterrichten, und wir begannen am 26. März 1890.</p> - -<p>Fräulein Fullers Methode war folgende: sie legte meine Hand leicht -über ihr Gesicht und ließ mich die Stellung ihrer Zunge und ihrer -Lippen fühlen, wenn sie einen Ton hervorbrachte. Ich war voller Eifer, -ihr jede Bewegung nachzumachen, und binnen einer Stunde hatte ich -sechs Elemente der Sprache erlernt: <span class="antiqua">m</span>, <span class="antiqua">p</span>, <span class="antiqua">a</span>, -<span class="antiqua">s</span>, <span class="antiqua">t</span>, <span class="antiqua">i</span>. Fräulein Fuller erteilte mir im ganzen -elf Unterrichtsstunden. Ich werde nie das Erstaunen und die Freude -vergessen, die mich erfüllten, als ich meinen ersten zusammenhängenden -Satz aussprach: <span class="antiqua">It is warm.</span> Es waren ja nur abgerissene und -gestammelte Silben, aber es war menschliche Sprache. Meine Seele, die -sich einer neuen Kraft bewußt geworden war, war von der Knechtschaft -erlöst und fand durch diese abgerissenen Sprachsymbole den Zugang zu -aller Erkenntnis und allem Glauben.</p> - -<p>Kein taubstummes Kind, das ernstlich versucht hat, die Worte -auszusprechen, die es nie gehört hat — um aus dem Kerker des -Schweigens herauszukommen, in dem kein Ton der Liebe, kein Vogelgesang, -keine Musik je die Stille unterbricht — kann den Schauer des -Erstaunens, die Freude der Entdeckung vergessen, die es übermannten, -als es sein erstes Wort aussprach. Nur jemand, der in ähnlicher Lage -gewesen ist, kann den Eifer ermessen, mit dem ich zu meinem Spielzeuge, -zu Steinen, Bäumen, Vögeln und stummen Tieren sprach, oder das -Entzücken nachfühlen, das ich empfand, wenn Mildred auf meinen Ruf zu -mir eilte oder meine Hunde meinen Befehlen gehorchten. Es bildet einen -unsäglichen Gewinn für mich, in geflügelten Worten sprechen zu können, -die keiner Uebertragung bedürfen. Als ich sprach, schwangen sich aus -meinen Worten glückliche Gedanken empor, die sich vielleicht vergeblich -bemüht hätten, sich aus meinen Fingern herauszuarbeiten.</p> - -<p>Aber man darf nicht glauben, daß ich in dieser kurzen Zeit<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span> wirklich -sprechen gelernt hätte. Ich hatte nur die Elemente der Sprache erlernt. -Fräulein Fuller und Fräulein Sullivan konnten mich verstehen, aber die -meisten Leute hätten von hundert Wörtern nicht ein einziges verstanden. -Auch ist es nicht wahr, daß ich nach Erlernung dieser Elemente alles -übrige aus eigener Kraft erreichte. Ohne Fräulein Sullivans Genialität, -ohne ihre unermüdliche Ausdauer und Hingebung hätte ich mich der -natürlichen Sprache nie so weit nähern können, wie ich es in Wahrheit -getan habe. Vor allen Dingen mühte ich mich Tag und Nacht ab, ehe ich -mich selbst meinen intimsten Freunden verständlich machen konnte, -dann aber bedurfte ich beständig Fräulein Sullivans Hilfe bei meinen -Bemühungen, jeden Laut deutlich zu artikulieren und alle Laute auf die -mannigfaltigste Weise zu verbinden. Noch jetzt lenkt sie täglich meine -Aufmerksamkeit auf die fehlerhafte Aussprache einzelner Wörter.</p> - -<p>Jeder Taubstummenlehrer weiß, was dies bedeutet, und nur ein solcher -kann überhaupt die Schwierigkeiten würdigen, mit denen ich zu kämpfen -hatte. Beim Ablesen von den Lippen meiner Lehrerin war ich gänzlich -von meinen Fingern abhängig; ich hatte mich des Tastsinnes bei der -Wahrnehmung der Schwingungen des Kehlkopfes, der Bewegungen des Mundes -und des Gesichtsausdrucks zu bedienen, und oft täuschte sich dieser -Sinn. In solchen Fällen war ich genötigt, die Wörter oder Sätze oft -stundenlang zu wiederholen, bis ich den entsprechenden Klang in meiner -eigenen Stimme fühlte. Meine Arbeit bestand in Uebung, Uebung, Uebung. -Entmutigung und Ermüdung warfen mich oft nieder; aber im nächsten -Augenblick spornte mich der Gedanke, daß ich bald zu Hause bei meinen -Lieben sein und ihnen zeigen würde, was ich erreicht hätte, von neuem -an, und ich stellte mir stets ihre Freude bei dem Gelingen meiner -Bemühungen vor Augen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span></p> - -<p>„Meine kleine Schwester wird mich jetzt verstehen können,“ war ein -Gedanke, der stärker war als alle Hindernisse. Ich pflegte voller -Begeisterung zu wiederholen: „Ich bin jetzt nicht mehr stumm.“ Ich -konnte nicht verzweifeln, weil ich mir die Freude, zu meiner Mutter -sprechen und ihr die Antworten von den Lippen ablesen zu können, mit -den glänzendsten Farben ausmalte. Es überraschte mich, zu finden, -wie viel leichter es ist, zu sprechen, als mit den Fingern zu -buchstabieren, und ich schaltete meinerseits das Fingeralphabet als -Verständigungsmittel aus; doch bedienen sich Fräulein Sullivan und -ein paar Freunde noch seiner in der Unterhaltung mit mir, denn es ist -bequemer und rascher, als das Ablesen von den Lippen.</p> - -<p>Es ist hier vielleicht der geeignete Ort, etwas über den Gebrauch -unseres Fingeralphabets zu sagen, das manche, die uns nicht kennen, -zu befremden scheint. Wer mittelst seiner Hand mir vorliest oder -mit mir spricht, bedient sich in der Regel des von den Taubstummen -gebrauchten einhändigen Fingeralphabets. Ich lege meine Hand so leicht -auf die Hand des Sprechenden, daß keine ihrer Bewegungen gehemmt -wird. Die Stellung der Hand ist ebenso leicht zu fühlen wie zu sehen. -Ich fühlte ebensowenig jeden Buchstaben wie andere jeden Buchstaben -für sich sehen, wenn sie lesen. Beständige Uebung macht die Finger -äußerst biegsam, und einige meiner Freunde buchstabieren sehr rasch, -beinahe so rasch, wie jemand auf der Schreibmaschine schreibt. Das -bloße Buchstabieren ist selbstverständlich in nicht höherem Grade eine -bewußte Handlung als das Schreiben.</p> - -<p>Als ich mir die Sprache angeeignet hatte, konnte ich es kaum erwarten, -nach Hause zu kommen. Endlich nahte der glückliche Augenblick. Während -der Rückreise hatte ich fortwährend mit Fräulein Sullivan gesprochen, -nicht um zu sprechen, sondern um mich bis zur letzten Minute zu -vervollkommnen.<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span> Fast ehe ich es ahnte, hielt der Zug auf dem Bahnhofe -in Tuscumbia, und auf dem Perron stand die ganze Familie. Meine Augen -füllen sich noch jetzt mit Tränen, wenn ich daran denke, wie mich -meine Mutter sprachlos und zitternd vor Freude an ihr Herz drückte und -auf jede Silbe, die ich sprach, atemlos lauschte, während die kleine -Mildred meine freie Hand ergriff, sie küßte und umhertanzte, und mein -Vater seinen Stolz und seine Liebe durch tiefes Schweigen bekundete. -Es war, als sei Jesaias Prophezeiung an mir in Erfüllung gegangen: Die -Berge und Hügel werden vor dir Lieder anstimmen, und alle Bäume des -Feldes werden vor Freude in ihre Hände klatschen.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_5_5" id="Fussnote_5_5"></a><a href="#FNAnker_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Vergl. Helens -<a href="#Brief_S_161">Brief S. 161 ff.</a> und Fräulein Sullivans -<a href="#Helen_Kellers_Sprache">Bericht S. 311 ff.</a></p> - -</div> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 class="padtop2" id="Vierzehntes_Kapitel">Vierzehntes Kapitel.</h3> - -</div> - -<p class="s5 center mbot2">Die Frostkönig-Episode. — -Betrachtungen über Schriftstellerei.</p> - -<p>Der Winter des Jahres 1892 wurde durch eine Wolke an dem heiteren -Himmel meiner Kindheit getrübt. Anstatt der Freude waren für lange, -lange Zeit Zweifel, Sorge und Furcht bei mir eingekehrt. Die Bücher -verloren ihren Reiz für mich, und noch jetzt schnürt sich mir bei dem -Gedanken an jene schrecklichen Tage das Herz zusammen. Eine kleine -Geschichte mit dem Titel »Der Frostkönig«,<a name="FNAnker_6_6" id="FNAnker_6_6"></a><a href="#Fussnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a> die ich schrieb und -an Herrn Anagnos, den Direktor des Perkinsschen Blindeninstitutes -schickte, bildete die Veranlassung zu all der Unruhe. Um die Sache -klarzustellen, muß ich die Tatsachen in Verbindung mit folgender -Episode auseinandersetzen, die zu erwähnen mich sowohl die -Gerechtigkeit gegen meine Lehrerin wie gegen mich selbst nötigt.</p> - -<p>Ich schrieb die Erzählung, als ich zu Hause war, in dem<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span> Herbste, -nachdem ich sprechen gelernt hatte. Wir waren von Fern Quarry -später als gewöhnlich aufgebrochen. Während unseres Aufenthaltes -dort hatte mir Fräulein Sullivan die Schönheiten des herbstlichen -Laubes beschrieben, und es scheint, als hätten ihre Schilderungen -die Erinnerung an ein Märchen wachgerufen, das mir offenbar einmal -vorgelesen worden war und das ich unbewußt behalten haben muß. Ich -glaubte damals eine „Geschichte zu machen“, wie die Kinder sagen, und -setzte mich voller Eifer hin, die niederzuschreiben, ehe sich die -Gedanken wieder verflüchtigten. Die Gedanken flossen mir leicht aus -der Feder; ich empfand lebhafte Freude bei der Ausarbeitung. Worte und -Bilder strömten mir in reicher Fülle zu, und während ich mir einen Satz -nach dem anderen ausdachte, schrieb ich alles mit meinem Braillegriffel -nieder. Wenn mir jetzt Worte und Bilder ohne besondere Anstrengung -kommen, so betrachte ich dies als einen ziemlich sicheren Beweis dafür, -daß sie nicht mein geistiges Eigentum, sondern fremdes Gut sind, von -dem ich nichts wissen will. Damals aber nahm ich alles, was ich las, -begierig auf ohne irgend einen Gedanken an Verfasserrecht, und selbst -jetzt kann ich die Grenzlinie zwischen meinen Gedanken und denen, die -ich in meinen Büchern finde, nicht ganz scharf ziehen. Ich glaube, dies -liegt daran, daß mir soviele Eindrücke durch die Vermittlung der Augen -und Ohren anderer zugehen.</p> - -<p>Als ich mit meiner Erzählung fertig war, las ich sie meiner Lehrerin -vor, und ich erinnere mich noch jetzt lebhaft der Freude, die ich bei -den gelungenen Stellen empfand, sowie meiner Ungeduld, wenn ich durch -die Verbesserung der Aussprache eines Wortes unterbrochen wurde. Beim -Mittagessen wurde sie der versammelten Familie vorgelesen, die ganz -erstaunt war, daß ich so gut schrieb. Es fragte mich auch jemand, ob -ich sie nicht in irgend einem Buche gelesen hätte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span></p> - -<p>Diese Frage überraschte mich sehr, denn ich hatte nicht die geringste -Erinnerung daran, daß sie mir je vorgelesen worden sei. Ich sagte daher -mit aller Entschiedenheit: O nein, es ist eine Geschichte von mir, und -ich habe sie für Herrn Anagnos geschrieben.</p> - -<p>Demgemäß schrieb ich die Erzählung ab und schickte sie dem genannten -Herrn zu seinem Geburtstage. Es wurde mir geraten, den Titel, der -ursprünglich »Herbstlaub« (<span class="antiqua">Autumn Leaves</span>) lautete, in »Der -Frostkönig« (<span class="antiqua">The Frost King</span>) umzuändern, was ich denn auch tat. -Ich trug die kleine Erzählung selbst zur Post, und es war mir dabei -zu Mute, als ob ich in den Wolken schwebte. Ich ließ mir wenig davon -träumen, wie hart ich für dieses Geburtstagsgeschenk zu büßen haben -würde.</p> - -<p>Herr Anagnos war über den »Frostkönig« entzückt und veröffentlichte -das Märchen in einem seiner Jahresberichte über das Perkinssche -Institut. Dies war der Gipfel meiner Glückseligkeit, von dem ich aber -bald jäh wieder zur Erde geschleudert werden sollte. Ich war nur kurze -Zeit in Boston gewesen, als es sich herausstellte, daß eine ähnliche -Geschichte wie »Der Frostkönig«, nämlich »Die Frostelfen« (<span class="antiqua">The -Frost Fairies</span>) von Fräulein Margaret T. Canby, vor meiner Geburt -in einem Buche mit dem Titel »Birdie und seine Freunde« (<span class="antiqua">Birdie -and His Friends</span>) erschienen sei. Die beiden Erzählungen stimmten -in Inhalt und Form so sehr überein, daß kein Zweifel darüber bleiben -konnte, daß Fräulein Canbys Märchen mir vorgelesen worden sein mußte, -und daß das meinige — ein Plagiat war. Es hielt schwer, mir dies -verständlich zu machen; als ich es aber begriffen hatte, war ich tief -betrübt. Kein Kind hat je einen bittereren Kelch getrunken als ich. Ich -hatte mir Schimpf und Schande zugezogen, ich hatte Verdacht bei denen -erregt, die ich am meisten liebte. Und doch, wie war es möglich, daß -so etwas geschehen konnte? Ich zermarterte mein Gehirn unab<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span>lässig, um -mich an irgend etwas zu erinnern, was ich über den Frost gelesen haben -könnte, bevor ich den »Frostkönig« schrieb; ich konnte mich aber auf -nichts entsinnen als auf die volkstümliche Redensart von Jack Frost -und ein Kindergedichtchen: »Die Launen des Frostes« (<span class="antiqua">The Freaks of -the Frost</span>), und ich wußte, daß ich dieses nicht bei meiner Arbeit -benutzt hatte.</p> - -<p>Zunächst schien mir Herr Anagnos zu glauben, obgleich er großen Kummer -darüber empfand. Er war außergewöhnlich zärtlich und liebevoll zu mir, -und eine kurze Zeitlang verschwand der Schatten. Ihm zuliebe suchte ich -mich zu fassen und mich zur Feier von Washingtons Geburtstag, der bald -nach dem peinlichen Zwischenfall festlich begangen wurde, so hübsch wie -möglich zu machen.</p> - -<p>Ich sollte die Ceres in einer Art von Maskenspiel darstellen, das von -den blinden Kindern aufgeführt wurde. Wie gut erinnere ich mich an -das reizvolle Gewand, das mich umhüllte, an das bunte Herbstlaub, das -mein Haupt schmückte, an die Früchte und Aehren zu meinen Füßen und -in meinen Händen, und unter all der Heiterkeit des Maskenspiels das -drückende Bewußtsein eines nahenden Unheils, das mir das Herz schwer -machte!</p> - -<p>Am Abend vor der Feier hatte eine der Institutslehrerinnen eine -Frage betreffs des »Frostkönigs« an mich gerichtet, und ich hatte -ihr geantwortet, daß Fräulein Sullivan mir von Jack Frost und seinen -Wunderwerken erzählt habe. Irgend eine Aeußerung von mir schien sie als -Geständnis aufzufassen, daß ich mich an Fräulein Canbys Märchen von den -»Frostelfen« erinnere, und sie teilte Herrn Anagnos dies mit, obgleich -ich ihr ganz entschieden erklärte, sie habe mich mißverstanden.</p> - -<p>Herr Anagnos, der mich zärtlich liebte, blieb den Beteuerungen meiner -Liebe und Unschuld gegenüber taub, da er getäuscht worden zu sein -glaubte. Er war der Meinung<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span> oder hegte wenigstens den Verdacht, -daß Fräulein Sullivan und ich uns bewußt die Gedanken einer anderen -angeeignet und sie ihm in betrügerischer Absicht zugeschickt hätten, -um Bewunderung bei ihm zu finden. Ich wurde vor ein Gericht gestellt, -das aus den Lehrern und Beamten des Institute bestand, und Fräulein -Sullivan wurde aufgefordert, mich allein zu lassen. Dann wurde ich -einem förmlichen Kreuzverhör unterworfen, das mich auf die Vermutung -brachte, meine Richter seien fest entschlossen, mich zu dem Geständnis -zu zwingen, ich erinnerte mich, daß mir das Märchen »Die Frostelfen« -vorgelesen worden sei. Ich fühlte aus jeder Frage den Zweifel und den -Verdacht heraus, den sie in ihrem Innern hegten, und ebenso empfand ich -es, daß ein geliebter Freund uns vorwurfsvoll betrachtete, obgleich -ich dies alles nicht in Worte fassen konnte. Alles Blut drängte sich -mir nach meinem wild pochenden Herzen, und ich konnte kaum sprechen -außer in abgerissenen Worten und Silben. Selbst das Bewußtsein, das -Ganze sei nur ein furchtbares Mißverständnis, konnte meinen Schmerz -nicht lindern, und als ich schließlich das Zimmer verlassen durfte, war -ich noch ganz außer mir und achtete weder auf die Liebkosungen meiner -Lehrerin noch auf die zärtlichen Worte meiner Freunde, die mir sagten, -ich sei ein braves Mädchen, auf das man stolz sein könne.</p> - -<p>Als ich diese Nacht in meinem Bette lag, weinte ich so herzbrechend, -wie hoffentlich wenige Kinder geweint haben. Mir war so eisig kalt, -daß ich glaubte, den nächsten Morgen nicht mehr zu erleben, und dieser -Gedanke tröstete mich. Ich glaube, wenn dieser Schlag mich einige Jahre -später getroffen hätte, so würde mein Geist unrettbar zusammengebrochen -sein. Aber der Engel des Vergessens hat viel von dem Elend und der -Bitternis dieser traurigen Tage aufgesammelt und mit sich fortgenommen.</p> - -<p>Fräulein Sullivan hatte nie von den »Frostelfen« oder dem<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span> Buch, in dem -das Märchen erschienen war, gehört. Mit <span class="antiqua">Dr.</span> Alexander Grahams -Hilfe untersuchte sie die Sache gründlich, und schließlich stellte es -sich heraus, daß Frau Sophia C. Hopkins im Jahre 1888 ein Exemplar von -Fräulein Canbys »Birdie und seine Freunde« besaß, als wir den Sommer -mit ihr in Brewster zubrachten. Frau Hopkins konnte das Buch nicht mehr -finden, sie hat mir aber erzählt, daß sie, während Fräulein Sullivan -auf einer Ferienreise begriffen war, versucht habe, mir durch Vorlesen -aus verschiedenen Büchern die Zeit zu vertreiben, und obgleich sie sich -nicht deutlicher als ich erinnern konnte, die »Frostelfen« gelesen zu -haben, war sie doch ganz sicher, daß sich ein Exemplar von »Birdie und -seine Freunde« unter diesen Büchern befunden habe. Sie erklärte sich -das Fehlen des Buches dadurch, daß sie vor kurzem ihr Haus verkauft und -dabei verschiedene Jugendschriften, sowie alte Schulbücher und Märchen -verschenkt hatte, und daß sich die betreffende Erzählung wahrscheinlich -unter diesen befunden hätte.</p> - -<p>Erzählungen hatten damals wenig oder gar kein Interesse für mich; aber -das bloße Buchstabieren der seltsamen Worte genügte, einem kleinen -Mädchen die Zeit zu vertreiben, das selber beinahe nichts zu seiner -Unterhaltung beitragen konnte, und obgleich ich mich keines einzelnen -Umstandes bei dieser Lektüre entsinne, kann ich doch nicht umhin -zu glauben, daß ich mir die größte Mühe gegeben habe, die Worte zu -behalten, in der Absicht, sie meiner Lehrerin nach ihrer Rückkehr -zu wiederholen. Das eine ist unzweifelhaft, die Sprache war mir -unauslöschlich eingeprägt, obgleich dies lange Zeit niemand wußte, am -wenigsten ich selbst.</p> - -<p id="Fauntleroy_III">Als dann Fräulein Sullivan zurückkam, sprach ich mit ihr nicht über -die »Frostelfen«, wahrscheinlich, weil sie sofort begann, mir den -»Kleinen Lord Fauntleroy«<a name="FNAnker_7_7" id="FNAnker_7_7"></a><a href="#Fussnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a> vorzulesen, der mich<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> so begeisterte, -daß ich an nichts anderes denken konnte. Aber die Tatsache bleibt -bestehen, daß mir Fräulein Canbys Märchen früher vorgelesen worden war -und daß es sich mir, lange nachdem ich es vergessen hatte, mit solcher -Ursprünglichkeit wieder aufdrängte, daß ich nie auf den Verdacht -geriet, es könne das Geisteskind einer anderen sein.</p> - -<p>Mitten in meinem Schmerze erhielt ich viele Beweise der Liebe und -Teilnahme. Alle Freunde, die ich am meisten liebte, sind mir damals bis -auf einen treu geblieben. Fräulein Canby selbst schrieb mir freundlich: -Eines Tages werden Sie ein Märchen eigener Erfindung schreiben, das -viele aufrichten und erheben wird. — Aber diese Prophezeiung ist -nie in Erfüllung gegangen. Ich habe nie mehr zum Zwecke der bloßen -Unterhaltung mit Worten gespielt. In der Tat bin ich seitdem stets von -dem Gedanken gequält worden, daß das, was ich schreibe, nicht mein -geistiges Eigentum ist. Lange Zeit wurde ich, wenn ich einen Brief -schrieb, selbst an meine Mutter, von einem plötzlichen Angstgefühl -befallen und ich zergliederte meine Sätze auf das genaueste, um -sicher zu sein, sie nicht in einem Buche gelesen zu haben. Ohne -den unausgesetzten Zuspruch Fräulein Sullivans würde ich, wie ich -glaube, jeden weiteren Versuch, mich schriftstellerisch zu betätigen, -aufgegeben haben.</p> - -<p>Ich habe seitdem die »Frostelfen« gelesen und ebenso Briefe von mir, in -denen ich noch andere Gedanken Fräulein Canbys benutzt habe. In einem -von ihnen, einem Briefe an Herrn Anagnos vom 29. September 1891, finde -ich Worte und ganze Sätze, die deutlich an jenes Buch erinnern. Um -dieselbe Zeit schrieb ich den »Frostkönig«, und dieser Brief enthält -gleich vielen anderen eine Anzahl Redewendungen, die beweisen, daß mein -Geist ganz mit dem Märchen gesättigt war. Ich lege meiner Lehrerin -folgende Worte über das goldene Herbstlaub in den Mund: Ja, es ist -schön genug, um uns über die Flucht<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span> des Sommers zu trösten — ein -Gedanke, der unmittelbar aus Fräulein Canbys Geschichte stammt.</p> - -<p>Diese Gewohnheit, mir zu assimilieren, was mir gefiel, und es dann -als mein Eigentum auszugeben, tritt vielfach in meinem frühesten -Briefwechsel und meinen ersten schriftstellerischen Versuchen zutage. -In einem Aufsatze, den ich über die alten Städte Griechenlands und -Italiens schrieb, entnahm ich meine glühenden Schilderungen Quellen, -die ich jetzt vergessen habe. Ich kannte Herrn Anagnos’ Vorliebe -für das Altertum und seine begeisterte Verehrung für Italien und -Griechenland. Ich brachte daher aus allen Büchern, die ich las, die -Brocken von Poesie oder Geschichte an, die ihm, wie ich glaubte, -Vergnügen bereiten würden. Herr Anagnos hatte bei der Besprechung -meines Aufsatzes gesagt: Diese Gedanken sind in ihrem Kerne poetisch. -Aber ich verstehe nicht, wie er je hat der Meinung sein können, ein -blindes und taubstummes Kind von elf Jahren habe diese selbständig -gefunden. Doch kann ich nicht glauben, daß, weil diese Gedanken nicht -meinem eigenen Kopfe entsprungen sind, mein kleiner Aufsatz aus diesem -Grunde alles Interesses bar sein sollte. Er beweist mir, daß ich -imstande war, schöne, poetische Gedanken in klaren, lebendigen Worten -wiederzugeben.</p> - -<p>Jene Jugendaufsätze stellten eine geistige Gymnastik dar. Ich lernte, -wie es alle jungen, unerfahrenen Leute tun, durch Assimilation und -Nachahmung, Gedanken in Worte zu kleiden. Alles, was ich in einem Buche -fand und was mir gefiel, bewahrte ich, bewußt oder unbewußt, in meinem -Gedächtnisse auf und paßte es meinen Zwecken an. „Wenn man zu schreiben -beginnt,“ sagt Stevenson, „versucht man unwillkürlich nachzuahmen, was -einem am bewundernswertesten erscheint, und wechselt auffallend rasch -mit den Gegenständen seiner Bewunderung. Selbst große Männer haben -erst nach jahrelanger<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span> Uebung gelernt, die Legion von Worten, die sich -auf allen möglichen Nebenwegen ihrem Geiste aufdrängten, in gehörige -Ordnung zu bringen.“</p> - -<p>Ich fürchte, ich stehe noch jetzt mitten in dieser Entwickelung drin. -Es ist klar, daß ich nicht immer meine eigenen Gedanken von denen, die -ich irgendwo gelesen habe, sondern kann, eben weil das, was ich lese, -das eigentliche Wesen und Gefüge meines Geistes ausmacht. Infolgedessen -fördere ich beinahe in allem, was ich schreibe, etwas zutage, was -große Aehnlichkeit mit der ungeschickten Stoppelei aufweist, die ich -zustande brachte, als ich anfing, nähen zu lernen. Dieses Stoppelwerk -bestand aus allerlei Fetzen und Lappen — hübschen Stückchen Seide und -Sammet, aber die häßlichen Flicken, die durchaus keinen gefälligen -Eindruck machten, herrschten stets vor. Ebenso bestehen meine -schriftstellerischen Leistungen aus unverarbeiteten eigenen Begriffen, -untermischt mit den klareren Gedanken und gereifteren Ansichten -der Autoren, deren Bücher ich gelesen habe. Die Hauptschwierigkeit -beim Schreiben scheint mir darin zu bestehen, daß die Sprache des -hochgebildeten Geistes unsere verworrenen Ideen — halb Empfindungen, -halb Gedanken — zu einer Zeit ausdrücken soll, da wir wenig mehr sind -als Bündel instinktiver Antriebe. Die ersten schriftstellerischen -Versuche haben große Aehnlichkeit mit einem Zusammenlegespiel. Wir -sehen im Geiste ein Muster vor uns, das wir mit Worten darzustellen -wünschen, aber die Worte passen nicht in die Zwischenräume, und wenn -sie es tun, stimmen sie nicht mit der Zeichnung überein. Aber wir -fahren in unseren Versuchen fort, weil wir sehen, daß andere Erfolg -gehabt haben, und wir nicht gewillt sind, unseren Mangel an Begabung -zuzugeben.</p> - -<p>„Es gibt kein anderes Mittel, originell zu werden, als so geboren -zu sein,“ sagt Stevenson, und obgleich ich gar nicht originell sein -mag, so hoffe ich doch, dereinst meinen erkünstel<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span>ten, unnatürlichen -schriftstellerischen Versuchen zu entwachsen. Dann werden vielleicht -meine eigenen Gedanken und Erfahrungen zutage treten. Inzwischen -vertraue ich, hoffe ich, arbeite ich unermüdet weiter und suche es zu -verhindern, daß die bittere Erinnerung an den »Frostkönig« etwa meine -Kreise störe.</p> - -<p>So hat diese traurige Erfahrung für mich auch etwas Gutes im Gefolge -gehabt: sie ist die Veranlassung gewesen, daß ich über einige Probleme -der Schriftstellerei nachgedacht habe. Ich bedaure nur das eine, daß -der Vorfall den Verlust eines meiner teuersten Freunde, des Herrn -Anagnos, zur Folge hatte.</p> - -<p>Nach der Veröffentlichung der »Geschichte meines Lebens« im <span class="antiqua">Ladies’ -Home Journal</span> hat Herr Anagnos in einem Briefe an Herrn Macy -geäußert, er habe mich zu der Zeit, als sich der Vorfall mit dem -»Frostkönig« abspielte, für unschuldig gehalten. Er erklärt, das -Gericht, vor das ich gestellt wurde, habe aus acht Mitgliedern -bestanden: vier blinden und vier sehenden. Vier von diesen, behauptet -er, waren der Ansicht, Fräulein Canbys Erzählung sei mir vorgelesen -worden, während die anderen vier die entgegengesetzte Meinung -vertraten. Herr Anagnos erklärt, seine Stimme zu meinen Gunsten -abgegeben zu haben.</p> - -<p>Wie aber auch die Sache gewesen sein und in welchem Sinne er seine -Stimme abgegeben haben mag, das eine ist sicher: als ich in das Zimmer -trat, in dem mich Herr Anagnos so oft auf seinen Knien gehalten und -seine vielfachen Sorgen über meiner Lustigkeit vergessen hatte, und -hier Personen antraf, die Zweifel in mich zu setzen schienen, fühlte -ich, daß etwas Feindseliges und Drohendes in der Atmosphäre lag, und -die nachfolgenden Ereignisse haben diesen Eindruck bestätigt. Zwei -Jahre lang scheint Herr Anagnos an der Ansicht festgehalten zu haben, -daß Fräulein Sullivan und ich<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span> unschuldig seien. Dann änderte er -offenbar seine günstige Meinung, aus welchem Grunde, weiß ich nicht. -Auch die Einzelheiten der Untersuchung kenne ich nicht, und selbst -die Namen der Mitglieder des »Gerichtshofes«, die überdies während -der ganzen Verhandlung kein Wort zu mir sprachen, sind mir unbekannt -geblieben. Ich war zu aufgeregt, um auf irgend etwas zu achten, zu -eingeschüchtert, um Fragen zu stellen. In der Tat kann ich mich kaum -entsinnen, was ich sagte, oder was zu mir gesagt wurde.</p> - -<p>Ich habe den Vorfall mit dem »Frostkönig« so ausführlich dargestellt, -da er für mein Leben und meine Erziehung von Wichtigkeit war, und -um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen, habe ich alle Tatsachen -wiedergegeben, wie sie mir erscheinen, ohne die Absicht zu hegen, mich -zu verteidigen oder irgend jemand anzuklagen.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_6_6" id="Fussnote_6_6"></a><a href="#FNAnker_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Vergl. -<a href="#Beginn_Frostkoenig">S. 323 ff.</a></p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_7_7" id="Fussnote_7_7"></a><a href="#FNAnker_7_7"><span class="label">[7]</span></a> Vergl. -<a href="#Fauntleroy_I">S. 107 ff.</a>, <a href="#Fauntleroy_II">154.</a></p> - -</div> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 class="padtop2" id="Fuenfzehntes_Kapitel">Fünfzehntes Kapitel.</h3> - -</div> - -<p class="s5 center mbot2">Erster Entwurf der »Lebensgeschichte«. — Zweifel und Unruhe. — -Reise nach Washington zur Einführung des Präsidenten Cleveland, -nach dem Niagarafall und der Weltausstellung in Chicago.</p> - -<p>Den auf den Zwischenfall mit dem »Frostkönig« folgenden Sommer und -Winter verlebte ich bei den Meinigen in Alabama. Ich erinnere mich -mit Entzücken an jene Heimreise. Alles sproßte und blühte. Ich war -glücklich. Der »Frostkönig« war vergessen.</p> - -<p>Als der Boden sich mit den goldenen und purpurnen Blättern des Herbstes -bedeckte und die würzig duftenden Trauben, die die Laube am anderen -Ende des Gartens bedeckten, unter dem Einfluß der Sonnenwärme eine -goldig<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span>braune Färbung annahmen, begann ich eine Skizze über mein Leben -abzufassen — ein Jahr, nachdem ich den »Frostkönig« geschrieben hatte.</p> - -<p id="Youth_s_Companion">Ich war noch über die Maßen peinlich in betreff jeder Zeile, -die ich schrieb. Der Gedanke, daß meine Arbeit vielleicht nicht -mein ausschließliches geistiges Eigentum sein könne, quälte mich -unausgesetzt. Niemand wußte etwas von diesem Zagen als meine Lehrerin. -Eine seltsame Empfindlichkeit hielt mich davon ab, den »Frostkönig« -zu erwähnen, und oft wenn mir plötzlich im Laufe der Unterhaltung ein -Gedanke kam, buchstabierte ich ihr leise zu: Ich weiß nicht genau, -ob er mir gehört. Bisweilen sagte ich mir, während ich gerade einen -Satz niederschrieb: Wie, wenn es sich herausstellen sollte, daß dieses -alles schon vor langer Zeit von einem anderen gesagt worden ist? Eine -unheimliche Furcht lähmte dann meine Hand, sodaß ich an diesem Tage -nichts mehr schreiben konnte. Und selbst jetzt fühle ich noch mitunter -dasselbe Unbehagen, dieselbe Unruhe. Fräulein Sullivan tröstete und -unterstützte mich auf jede erdenkbare Weise; aber die fürchterliche -Erfahrung, die ich gemacht hatte, ließ einen bleibenden Eindruck in -meinem Geiste zurück, dessen Bedeutung ich erst jetzt zu verstehen -beginne. In der Absicht, mein Selbstvertrauen wiederherzustellen, -überredete mich meine Lehrerin, einen kurzen Abriß meines Lebens -für den <span class="antiqua">Youth’s Companion</span> zu schreiben. Ich war damals zwölf -Jahre alt. Wenn ich auf das Widerstreben zurückblicke, mit dem ich -diese kleine Arbeit niederschrieb, so kommt es mir vor, als müsse ich -eine prophetische Vision von dem Segen gehabt haben, der aus diesem -Unternehmen für mich entsprang, sonst würde ich es sicher nicht -durchgeführt haben.</p> - -<p>Ich schrieb zaghaft, furchtsam, aber entschlossen, von meiner Lehrerin -gedrängt, die wohl einsah, daß, wenn ich die Arbeit durchführte, -ich mein Selbstvertrauen wiedergewinnen und einen<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span> Begriff von -meinen Fähigkeiten bekommen würde. Bis zu der Zeit der Episode mit -dem »Frostkönig« hatte ich das unbewußte Leben eines kleinen Kindes -geführt; nun wandten sich meine Gedanken nach innen, und ich nahm -unsichtbare Dinge wahr. Allmählich erwachte ich aus dem Hindämmern, -in das mich jene Erfahrung versetzt hatte, mit einem durch praktische -Betätigung klarer gewordenen Geist und mit einer richtigeren Erkenntnis -des Lebens.</p> - -<p>Die Hauptereignisse des Jahres 1893 waren meine Reise nach Washington -zur Einführung des Präsidenten Cleveland und meine Besuche des -Niagarafalls und der Weltausstellung in Chicago. Unter diesen -Umständen wurden meine Studien fortwährend unterbrochen und oft viele -Wochen völlig vernachlässigt, sodaß es mir unmöglich ist, einen -zusammenhängenden Bericht von ihnen zu geben.</p> - -<p id="Niagarafall">Zum Niagarafalle reisten wir im März 1893. Es läßt sich schwer in Worte -fassen, was ich empfand, als ich auf der die amerikanischen Fälle -überragenden Platte stand und die Luft erzittern und die Erde erbeben -fühlte.</p> - -<p>Es erscheint vielen seltsam, daß ich einen Eindruck von den Wundern -und Schönheiten des Niagarafalles bekommen haben soll. Sie fragen mich -stets: Was ist diese Schönheit und diese Musik für Sie? Sie können die -Wogen nicht an das Ufer rollen sehen oder ihr Tosen hören. Was für eine -Bedeutung hat dies für Sie? — Es hat im allerbuchstäblichsten Sinne -die höchste Bedeutung für mich. Ich kann seine Bedeutung ebensowenig -ergründen oder definieren, wie ich die Liebe, die Religion oder die -Güte ergründen oder definieren kann.<a name="FNAnker_8_8" id="FNAnker_8_8"></a><a href="#Fussnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a></p> - -<p>Im Sommer 1893 besuchten wir in der Begleitung <span class="antiqua">Dr.</span> Alex<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span>ander -Graham Bells die Weltausstellung. Ich erinnere mich noch heute mit -durch keinen Mißklang gestörter Freude jener Tage, an denen tausend -kindische Wünsche zu schöner Wirklichkeit erwachten. Jeden Tag machte -ich eine Reise um die Welt und sah ungezählte Wunderwerke aus den -entlegensten Teilen der Erde — staunenswerte Erfindungen, Schätze der -Industrie, der Geschicklichkeit und aller Tätigkeiten des menschlichen -Lebens tatsächlich unter meinen Fingerspitzen vorübergleiten.</p> - -<p>Mit Vorliebe besuchte ich die Schaustellung an dem großen Mittelwege. -Hier schienen sich mir die Märchen aus »Tausendund einer Nacht« -verkörpert zu haben, so voll von Neuem und Interessantem war alles. -Hier befand sich das Indien meiner Bücher in dem zierlichen Bazar -mit seinen Shiwas und seinen Elefantengöttern wieder; hier war das -Land der Pyramiden in ein Modell von Kairo mit seinen Moscheen und -langen Prozessionen von Kamelen zusammengedrängt; dort drüben lagen -die Lagunen von Venedig, auf denen wir jeden Abend in einer Gondel -umherfuhren, wenn die Ausstellungsgebäude und die Springbrunnen -illuminiert waren. Auch an Bord eines Wikingerschiffes ging ich, das in -kurzer Entfernung von der kleinen Werft vor Anker lag. Ich war schon -vorher, in Boston, auf einem Kriegsschiff gewesen, und es war mir -interessant, auf diesem Wikingerschiff zu sehen, wie der Seemann einst -alles in allem war — wie er dahinsegelte und Sturm und Windstille mit -demselben unverzagten Herzen aufnahm, wie er Jagd auf jedermann machte, -der seinen wilden Ruf: Wir sind von der See! beantwortete, wie er mit -seinem Kopfe und seinen Sehnen arbeitete, selbstbewußt, selbstgenügsam, -anstatt sich durch eine intelligenzlose Maschine in den Hintergrund -drängen zu lassen, wie es heutzutage mit unseren Blaujacken der Fall -ist. So ist es stets — „Der Mensch ist nur dem Menschen interessant.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span></p> - -<p>Nicht weit von diesem Schiffe entfernt lag ein Modell der »Santa -Maria«, die ich ebenfalls untersuchte. Der Kapitän zeigte mir Kolumbus’ -Kajüte und sein Pult mit einem Stundenglase darauf. Dieses kleine -Instrument machte den tiefsten Eindruck auf mich, weil es mich daran -erinnerte, wie schwer es dem kühnen Seefahrer ums Herz gewesen sein -muß, als er den Sand Korn für Korn herunterrinnen sah, während die -verzweifelte Schiffsbesatzung einen Anschlag gegen sein Leben plante.</p> - -<p>Der Präsident der Weltausstellung, Herr Higinbotham, gestattete mir -gütigst, die ausgestellten Gegenstände zu berühren, und mit ebenso -unersättlicher Gier, wie sie Pizarro empfunden haben muß, als er von -den Schätzen Perus Besitz ergriff, nahm ich die Herrlichkeiten der -Ausstellung in meine Hand. Diese weiße Stadt des Westens bildete eine -Art von „fühlbarem“ Kaleidoskop. Alles fesselte mich, namentlich aber -die französischen Bronzen. Sie waren so lebensvoll, daß ich glaubte, es -seien himmlische Visionen, die der Künstler aufgefangen und in irdische -Formen gebannt habe.<a name="FNAnker_9_9" id="FNAnker_9_9"></a><a href="#Fussnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a></p> - -<p>Auf der Ausstellung des Kaplandes lernte ich viel über die Art und -Weise, in der nach Diamanten gegraben wird. Wo es mir irgend möglich -war, berührte ich die Maschine, während sie in Gang war, um eine -klarere Vorstellung von dem Abwägen, Schneiden und Schleifen der Steine -zu erhalten. Ich suchte in der Wäscherei nach einem Diamanten, und -fand ihn auch wirklich — den einzigen echten Diamanten, heißt es, der -jemals in den Vereinigten Staaten gefunden worden ist.</p> - -<p><span class="antiqua">Dr.</span> Bell begleitete uns überallhin und beschrieb mir in seiner -anziehenden Weise die Gegenstände, die das größte Interesse darboten. -In der elektrischen Ausstellung untersuchten<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span> wir die Telephone, -Autophone, Phonographen und andere Erfindungen, und er erklärte mir, -wie es möglich sei, eine Botschaft auf Drähten in die weite Welt zu -senden, die des Raumes spottet und der Zeit vorauseilt, und, wie es -Prometheus tat, Feuer vom Himmel herabzuholen. Ebenso besuchten wir -die anthropologische Abteilung, wo mich am meisten die mexikanischen -Altertümer interessierten, die rohen Steinarbeiten, die so oft die -einzige Erinnerung an ein Zeitalter bilden, die einfachen Denkmäler -ungebildeter Naturkinder (wie ich glaubte, als ich sie mit meinen -Fingern betastete), die bestimmt scheinen, die dereinst in Staub -zerfallenden Schriften von Königen und Weisen zu überdauern. Ebenso -fesselten die ägyptischen Mumien meine Aufmerksamkeit, vor deren -Berührung ich jedoch zurückschreckte. Von diesen Altertümern habe ich -mehr über den Fortschritt der Menschheit gelernt, als ich bis dahin je -gehört oder gelesen hatte.</p> - -<p>Alle diese Erfahrungen bereicherten meinen Wortschatz mit einer großen -Menge neuer Ausdrücke, und in den drei Wochen, die ich dem Besuche -der Weltausstellung widmete, machte ich einen gewaltigen Fortschritt -von meinem kindlichen Interesse an Märchen und Spielzeug hin zu der -richtigen Wertschätzung der realen und ernst arbeitenden Welt.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_8_8" id="Fussnote_8_8"></a><a href="#FNAnker_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Vergl. -<a href="#Guete">S. 167 ff.</a></p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_9_9" id="Fussnote_9_9"></a><a href="#FNAnker_9_9"><span class="label">[9]</span></a> Vergl. -<a href="#Weltausstellung">S. 168.</a></p> - -</div> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 class="padtop2" id="Sechzehntes_Kapitel">Sechzehntes Kapitel.</h3> - -</div> - -<p class="s5 center mbot2">Geschichtsstudium. — Studium der französischen Sprache; -Lafontaine, Molière, Racine. — Vervollkommnung der Lautsprache. — -Latein. — Lektüre von Cäsars »Gallischem Krieg«.</p> - -<p>Vor dem Oktober 1893 betrieb ich meine Studien in verschiedenen Fächern -mehr oder weniger sprunghaft. Ich las Werke über griechische, römische -und amerikanische Geschichte. Ich besaß eine französische Grammatik in -Hochdruck, und da ich<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span> schon etwas Französisch verstand, machte ich oft -kurze Uebersetzungen im Kopfe, in denen ich die neuen Wörter anwandte, -wie sie mir gerade in den Wurf kamen, ohne mich im geringsten um Regeln -und sonstige Vorschriften zu kümmern. Ich suchte sogar die französische -Aussprache ohne Hilfe zu erlernen, da ich alle Buchstaben und Laute -in dem Buche erklärt fand. Natürlich war dies beinahe verlorene -Liebesmühe; aber ich hatte dann wenigstens etwas an regnerischen Tagen -zu tun, und ich erwarb mir genügende Kenntnisse im Französischen, um -mit Genuß Lafontaines »Fabeln«, Molières »<span class="antiqua">Le médecin malgré lui</span>« -und Stellen aus Racines »<span class="antiqua">Athalie</span>« mit Genuß lesen zu können.</p> - -<p>Beträchtliche Zeit widmete ich auch der Vervollkommnung meiner Sprache. -Ich las Fräulein Sullivan laut vor und rezitierte auswendig gelernte -Stellen aus meinen Lieblingsdichtern, wobei sie meine Aussprache -verbesserte und auf richtige Betonung und Modulation achtete. Doch erst -im Oktober, als ich mich von den Strapazen und den Aufregungen meines -Besuches der Weltausstellung erholt hatte, begann ich zu bestimmten -Stunden Unterricht in einzelnen Fächern zu nehmen.</p> - -<p id="William_Wade">Fräulein Sullivan und ich waren zu jener Zeit in Hulton in -Pennsylvanien, auf Besuch bei Herrn William Wade und seiner Familie. -Ein in der Nähe wohnender Herr Irons war ein tüchtiger Lateiner, und es -wurde verabredet, daß ich bei ihm Unterricht haben sollte. Ich erinnere -mich seiner als eines Mannes von seltener Milde und weitem Blicke. -Hauptsächlich unterrichtete er mich in lateinischer Grammatik; oft half -er mir aber auch beim Rechnen, das ich ebenso mühsam wie langweilig -fand. Auch Tennysons »<span class="antiqua">In Memoriam</span>« las Herr Irons mit mir. Ich -hatte schon viele Bücher gelesen, aber niemals von einem kritischen -Standpunkte aus. Jetzt lernte ich zum ersten Male einen Schriftsteller -wirklich verstehen, ich<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span> lernte seinen Stil kennen, wie man den -Handschlag eines Freundes kennt.</p> - -<p>Anfangs ging ich mit ziemlichem Widerstreben an das Studium der -lateinischen Grammatik. Es erschien mir widersinnig, mit der -Zergliederung jedes vorkommenden Wortes Zeit zu vergeuden — Nomen, -Genetiv, Singular, Femininum —, wenn seine Bedeutung klar auf der -Hand lag. Nach meiner Auffassung war dies genau so, als hätte ich mein -Kätzchen folgendermaßen beschreiben müssen, um es zu erkennen: Ordnung: -Wirbeltiere; Abteilung: Vierfüßer; Klasse: Säugetiere; Gattung: -Katzentiere; Art: Katze; Individuum: Tabby. Als ich aber tiefer in den -Gegenstand eindrang, bekam ich mehr Interesse daran, und die Schönheit -der Sprache entzückte mich. Ich machte mir oft das Vergnügen, Stellen -in lateinischen Werken zu lesen, indem ich mir die Wörter heraussuchte, -die ich verstand, und mich bemühte, den Sinn herauszubringen. Ich habe -nie aufgehört, mich an diesem Zeitvertreib zu ergötzen.</p> - -<p>Es gibt meiner Meinung nach nichts Schöneres als die verschwimmenden, -fließenden Bilder und Gedanken — Vorstellungen, die gleich -Wolken am Himmel, in phantastischer Gestalt und Färbung am Geiste -vorüberschweben, vermittelt durch eine Sprache, in die man soeben -begonnen hat einzudringen. Fräulein Sullivan saß bei den Lektionen -neben mir, buchstabierte mir in die Hand, was Herr Irons sagte, und -achtete auf die Worte, die mir neu waren. Ich begann gerade Caesars -»Gallischen Krieg« zu lesen, als ich nach Alabama zurückkehrte.</p> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span></p> - -<h3 class="padtop2" id="Siebzehntes_Kapitel">Siebzehntes Kapitel.</h3> - -</div> - -<p class="s5 center mbot2">Verhandlungen der Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der -Taubstummen im Sprechen in Chautauqua (Sommer 1894). — Besuch der -Wright-Humason-Schule in New York. — Arithmetik, physikalische -Geographie, Französisch, Deutsch. — Lektüre von »Wilhelm Tell« -und »<span class="antiqua">Le médecin malgré lui</span>«. — Zentralpark in New York. — -Ausflüge in die Umgebung der Stadt.</p> - -<p>Im Sommer 1894 wohnte ich den in Chautauqua stattfindenden -Verhandlungen der Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der -Unterweisung der Taubstummen im Sprechen bei. Es war vereinbart worden, -daß ich die Wright-Humason-Schule für Taubstumme in New York besuchen -sollte. Diese Schule war namentlich zum Zwecke meiner gründlichen -Ausbildung im Sprechen und Ablesen von den Lippen gewählt worden. -Außer diesen beiden Fertigkeiten studierte ich in den zwei Jahren, in -denen ich die Schule besuchte, Arithmetik, physikalische Geographie, -Französisch und Deutsch.</p> - -<p>Fräulein Reamy, meine deutsche Lehrerin, verstand das Fingeralphabet, -und nachdem ich mir einen kleinen Wortschatz angeeignet hatte, sprachen -wir deutsch miteinander, so oft sich eine Gelegenheit dazu bot, -und in wenigen Monaten konnte ich beinahe alles verstehen, was sie -sagte. Vor Schluß des ersten Jahres las ich »Wilhelm Tell« mit dem -größten Genusse. In der Tat glaube ich, daß ich im Deutschen größere -Fortschritte gemacht habe als sonst in einem Fache. Das Französische -fand ich viel schwieriger. Ich lernte es bei Frau Olivier, einer -Französin, die das Fingeralphabet nicht kannte und die daher ihren -Unterricht mündlich erteilen mußte. Ich konnte noch nicht geläufig -von ihren Lippen ablesen, und meine Fortschritte waren infolgedessen -bedeutend langsamer als im Deutschen. Ich versuchte jedoch abermals -Molière: <span class="antiqua">Le médecin malgré lui</span> zu lesen. Das Stück war sehr -lustig; es gefiel mir aber nicht annähernd so gut wie »Wilhelm Tell«.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span></p> - -<p>Meine Fortschritte im Ablesen von den Lippen und im Sprechen waren -nicht so groß, wie meine Lehrerin und ich gehofft und erwartet hatten. -Mein Ehrgeiz ging dahin, so zu sprechen, wie andere Menschen, und meine -Lehrer hielten dies für durchführbar; allein trotz aller angestrengten -und gewissenhaften Arbeit erreichten wir unser Ziel nicht ganz. Ich -glaube, wir hatten es zu hoch gesteckt, und eine Enttäuschung war daher -unvermeidlich. Die Arithmetik betrachtete ich noch als ein System von -Fallgruben. Ich hielt mich auf der gefährlichen Grenze des Erratens -und vermied das breite Tal des Denkens, was meinen Lehrern und mir -selbst unaufhörlichen Verdruß bereitete. Wenn ich mich nicht aufs Raten -legte, so machte ich Sprünge in meinen Schlußfolgerungen, und dieser -Fehler in Verbindung mit meinen körperlichen Gebrechen erhöhte die -Schwierigkeiten mehr, als es notwendig und in der Ordnung gewesen wäre.</p> - -<p>Obgleich aber diese Enttäuschungen mich zuweilen recht niederdrückten, -setzte ich doch meine anderen Studien mit unermüdlicher Ausdauer fort, -namentlich das Studium der physikalischen Geographie. Es gewährte mir -hohe Freude, in die Geheimnisse der Natur einzudringen, zu lernen, wie -— um in der bilderreichen Sprache des Alten Testaments zu reden — die -Winde von den vier Ecken des Himmels her blasen, wie die Dünste von -den Enden der Erde aufsteigen, wie die Flußläufe zwischen den Felsen -ausgeschnitten sind und Berge niederstürzen, und auf welche Weise der -Mensch viele Kräfte überwinden kann, die stärker sind als er selbst. -Ich verlebte zwei glückliche Jahre in New York, und noch jetzt blicke -ich mit aufrichtiger Genugtuung auf sie zurück.</p> - -<p>Namentlich erinnere ich mich der Spaziergänge, die wir alle zusammen -jeden Tag in den Zentralpark unternahmen, den einzigen Teil der Stadt, -in dem ich mich heimisch fühlte. Mein Ent<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span>zücken über diesen großen -Park blieb immer das gleiche. Ich hätte gewünscht, ihn jedesmal -schildern zu können, wenn ich ihn betrat, denn er war in jeder -Hinsicht schön, und seine Reize waren so mannigfaltiger Art, daß er -an jedem Tage in den neun Monaten, die ich in New York verlebte, neue -Schönheiten enthüllte.</p> - -<p>Im Frühjahr unternahmen wir Ausflüge nach verschiedenen interessanten -Orten. Wir segelten auf dem Hudson und wanderten an seinen grünen Ufern -entlang, die Bryant mit Vorliebe in seinen Liedern verherrlicht. Unter -den Orten, die wir besuchten, befand sich auch Tarrytown, die Heimat -von Washington Irving, wo ich durch die »Schlafhöhle« wanderte.</p> - -<p>Die Lehrer an der Wright-Humason-Schule waren stets darauf bedacht, -ihren Zöglingen alle Annehmlichkeiten zu verschaffen, deren sich -diejenigen, die hören können, erfreuen; die wenigen Anlagen und -passiven Erinnerungen, die in ihnen schlummern, soviel wie möglich zu -wecken und sie aus den beengenden Verhältnissen, in die sie die Ungunst -des Schicksals versetzt hat, zu befreien.</p> - -<p>Bevor ich New York verließ, wurden diese heiteren Tage durch den -größten Schmerz verdunkelt, den ich je seit dem Tode meines Vaters -erlebt habe. Im Februar 1896 starb Herr John Spaulding in Boston. Nur -diejenigen, die ihm am nächsten standen, können ermessen, was seine -Freundschaft für mich bedeutete. Er, der jedermann in zartfühlender, -unaufdringlicher Weise beglückte, war gegen Fräulein Sullivan und mich -äußerst gütig und liebevoll gewesen. Solange wir seine Augen auf uns -gerichtet sahen und wußten, daß er den regsten Anteil an dem Gelingen -unseres Werkes nehme, das mit so vielen Schwierigkeiten umgeben war, so -lange konnten wir nicht verzagen. Sein Abscheiden ließ eine Lücke in -unserem Dasein zurück, die nie ausgefüllt worden ist.</p> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span></p> - -<h3 class="padtop2" id="Achtzehntes_Kapitel">Achtzehntes Kapitel.</h3> - -</div> - -<p class="s5 center mbot2">Besuch des Mädchengymnasiums in Cambridge zum Zweck der -Vorbereitung für das Radcliffe-College. — Wunsch, eine Universität -zu besuchen. — Schwierigkeit, dem Unterricht zu folgen. — -Befriedigende Fortschritte, namentlich im Deutschen: »Lied von -der Glocke«, »Taucher«, »Dichtung und Wahrheit« u. s. w. — -Shakespeare, Burke, Macaulay. — Zusammensein mit sehenden und -hörenden Altersgenossinnen. — Mildreds Aufnahme in die Schule. — -Prüfungen.</p> - -<p>Im Oktober 1896 trat ich in das Mädchengymnasium in Cambridge ein, um -mich für das Radcliffe College vorbereiten zu lassen.</p> - -<p>Als ich noch ein kleines Mädchen war, besuchte ich einmal Wellesley -und überraschte meine Freundinnen mit der Ankündigung: Später gehe -ich auf die Universität, aber auf die Harvard-Universität. — Auf die -Frage, warum ich nicht nach Wellesley gehen wolle, antwortete ich, -dort studierten nur Mädchen. Der Gedanke, die Universität zu besuchen, -schlug in meinem Herzen Wurzel und wurde zum ernstlichen Verlangen, mit -sehenden und hörenden Mädchen in den Wettbewerb um einen akademischen -Grad einzutreten trotz des entschiedenen Widerspruchs von seiten vieler -aufrichtiger und verständiger Freunde. Als ich New York verließ, war -der Gedanke zur feststehenden Absicht geworden, und es wurde in der -Familie beschlossen, daß ich nach Cambridge gehen sollte. Dies war ein -Schritt, der mich der Harvard-Universität und der Erfüllung meiner -kindlichen Erklärung nahebringen sollte.</p> - -<p>Auf dem Gymnasium in Cambridge sollte Fräulein Sullivan die -Unterrichtsstunden mit mir besuchen, um mir die Vorträge durch das -Fingeralphabet zu vermitteln.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="img_p084" name="img_p084"> - <img class="mtop1" src="images/img_p084.jpg" alt="" /></a> - <p class="caption mbot1">Fräulein Sullivan liest Helen Keller vor</p> -</div> - -<p>Natürlich hatten meine Lehrer nur Erfahrung im Unterrichte normaler -Zöglinge, und mein einziges Verständigungsmittel bildete das Ablesen -von den Lippen. Meine Studien erstreckten sich im ersten Jahre -auf englische Geschichte, englische<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span> Literatur, Deutsch, Latein, -Arithmetik, lateinischen Aufsatz und gelegentliche Übersetzungen. -Bis dahin hatte ich nie einen wissenschaftlichen Kursus in der -Absicht, mich auf die Universität vorzubereiten, durchgemacht; aber -ich war im Englischen durch Fräulein Sullivan gut eingeübt worden, -und meine Lehrer sahen bald, daß ich in diesem Fache außer einem -kritischen Studium der vom College vorgeschriebenen Bücher keiner -weiteren Unterweisung bedürfe. Außerdem hatte ich gute Fortschritte -im Französischen gemacht und sechs Monate lateinischen Unterricht -erhalten; das Fach aber, in dem ich am bewandertsten war, war das -Deutsche.</p> - -<p>Trotz dieser Vorteile gab es doch andererseits ernstliche Hindernisse, -die meine Fortschritte verlangsamten. Fräulein Sullivan konnte mir -nicht alles, was die Bücher verlangten, in die Hand buchstabieren, -und es dauerte sehr lange, bis meine Lehrbücher in Hochdruck für mich -hergestellt waren, obgleich meine Freunde in London und Philadelphia es -sich angelegen sein ließen, die Arbeit zu beschleunigen. Eine Zeitlang -mußte ich in der Tat meine lateinischen Aufgaben in Brailleschrift -übertragen, wenn ich mit den übrigen Mädchen mitkommen wollte. Meine -Lehrer wurden mit meiner unvollkommenen Sprache bald genügend vertraut, -um meine Fragen rasch zu beantworten und Fehler zu verbessern. In -den Stunden konnte ich keine Aufzeichnungen machen, noch mich an den -schriftlichen Aufgaben beteiligen; aber ich schrieb alle meine Aufsätze -und Übersetzungen zu Hause mit der Schreibmaschine nieder.</p> - -<p>Jeden Tag begleitete mich Fräulein Sullivan in die Klassenräume und -buchstabierte mir mit nimmermüder Geduld alles, was die Lehrer sagten, -in die Hand. In den Arbeitsstunden hatte sie auf alle Wörter zu achten, -die mir noch unbekannt waren, und Notizen und Bücher, die ich nicht -in Hochdruck besaß, zu lesen und immer wieder zu lesen. Das Lästige -einer<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span> solchen Arbeit ist schwer zu begreifen. Frau Gröte, meine -deutsche Lehrerin, und Herr Gilman, der Direktor der Anstalt, waren die -einzigen Lehrer am Gymnasium, die das Fingeralphabet erlernt hatten, -um mich direkt unterrichten zu können. Niemand wußte besser als die -liebe Frau Gröte selbst, wie langsam und mangelhaft ihr Buchstabieren -war. Nichtsdestoweniger buchstabierte sie mir in ihrer Herzensgüte -mühsam ihre Unterweisungen zweimal wöchentlich in besonderen -Unterrichtsstunden her, um Fräulein Sullivan ein wenig Ruhe zu -verschaffen. Obgleich aber jedermann freundlich und gefällig gegen uns -war, so gab es doch nur eine Hand, die die Plage in Genuß verwandeln -konnte.</p> - -<p>In jenem Jahr absolvierte ich die Arithmetik, repetierte die -lateinische Grammatik und las drei Kapitel aus Caesars »Gallischem -Kriege«. Im Deutschen las ich, teils mit Hilfe meiner Finger, teils -unter Fräulein Sullivans Beistande, Schillers »Lied von der Glocke« -und den »Taucher«, Heines »Harzreise«, »Aus dem Staat Friedrichs des -Großen« von Freytag, Riehls »Fluch der Schönheit«, Lessings »Minna -von Barnhelm« und »Aus meinem Leben« von Goethe. Ich fand den größten -Genuß an diesen deutschen Büchern, namentlich an Schillers wundervoller -Lyrik, an der Erzählung von Friedrichs des Großen Heldentaten und an -Goethes Selbstbiographie. Es tat mir leid, als ich mit der »Harzreise« -fertig war, einem Werke, das soviel glücklichen Witz und soviel -reizvolle Schilderungen von Rebenhügeln, murmelnden, im Sonnenschein -dahineilenden Bächen und wilden Gebirgsgegenden, dem Schauplatz alter -Sagen und Legenden, den grauen Zeugen einer lange dahingeschwundenen, -phantasiebegabten Zeit enthält — Schilderungen, wie sie nur denen -gelingen, für die die Natur „Gefühl, Liebe, Verlangen“ ist.</p> - -<p>Herr Gilman unterrichtete mich einen Teil des Jahres in<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span> englischer -Literatur. Wir lasen zusammen »Wie es euch gefällt«, Burkes »Rede über -die Versöhnung mit Amerika« und Macaulays »Leben Samuel Johnsons«. -Herrn Gilmans umfassende Ueberblicke über Geschichte und Literatur und -seine trefflichen Erläuterungen machten mir die Arbeit leichter und -angenehmer, als sie es gewesen sein würde, wenn ich nur mechanisch die -Anmerkungen samt den im Klassenunterricht gegebenen notgedrungen kurzen -Erläuterungen hätte nachlesen müssen.</p> - -<p>Burkes Rede war interessanter als irgend ein anderes Buch politischen -Inhaltes, das ich je gelesen hatte. Ich war selbst aufgeregt, als ich -von den aufgeregten Zeiten las, und die Charaktere, die im Mittelpunkt -des Kampfes der beiden Nationen standen, schienen sich leibhaftig -vor meinen Augen zu bewegen. Ich wunderte mich immer mehr und mehr, -je weiter Burkes meisterhafte Rede in den mächtigen Wogen seiner -Beredsamkeit dahinrollte, wie es habe kommen können, daß König Georg -und seine Minister für die warnende Prophezeiung unseres Sieges und -ihrer Demütigung taube Ohren hatten. Dann wurde ich in die traurigen -Einzelheiten über das Verhältnis eingeführt, in dem der große -Staatsmann zu seiner Partei und der Volksvertretung stand. Ich mußte -daran denken, wie seltsam es war, daß so kostbare Samenkörner von -Wahrheit und Weisheit mitten unter das Unkraut von Unwissenheit und -Korruption fielen.</p> - -<p>In ganz anderer Art interessant war Macaulays »Leben Samuel Johnsons«. -Mein Herz flog dem einsamen Manne zu, der das Brot der Trübsal in -der Grubstraße aß und doch inmitten aller Mühseligkeit und der -furchtbarsten körperlichen und seelischen Leiden doch stets für die -Armen und Verlassenen ein freundliches Wort und eine offene Hand -hatte. Ich freute mich über all seine Erfolge, ich schloß die Augen -vor seinen Fehlern und wunderte mich, nicht daß er deren hatte, -sondern<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> daß seine Seele dabei nicht verkrüppelte. Aber trotz Macaulays -glänzender Darstellung und seiner bewundernswürdigen Fertigkeit, -Gemeinplätze frisch und bedeutungsvoll erscheinen zu lassen, ermüdete -mich doch zuweilen seine kühle Verstandesmäßigkeit, und seine häufige -Hintansetzung der Wahrheit zugunsten des Effekts erregte in mir ihm -gegenüber sittliche Bedenken, die weit von dem Gefühl der Verehrung -abstachen, mit der ich dem Demosthenes Großbritanniens gelauscht hatte.</p> - -<p>Auf dem Gymnasium in Cambridge hatte ich mich zum ersten Male -des Umgangs mit sehenden und hörenden Mädchen meines Alters zu -erfreuen. Ich wohnte mit mehreren anderen zusammen in einem der -hübschen mit dem Gymnasium in Verbindung stehenden Häuser, dem -Hause, in dem Herr Howells wohnte, sodaß wir alle die Vorteile eines -Familienlebens genossen. Ich beteiligte mich an vielen Spielen meiner -Schulfreundinnen, selbst an Blindekuh und Schneeballwerfen; ich -unternahm lange Spaziergänge mit ihnen; wir besprachen unsere Studien -und lasen laut vor, was uns interessierte. Ein Teil der Mädchen -erlernte das Fingeralphabet, sodaß Fräulein Sullivan mir ihre Worte -nicht zu wiederholen brauchte.</p> - -<p>Zu Weihnachten besuchten mich meine Mutter und meine kleine Schwester, -um die Feiertage mit mir zu verleben, und Herr Gilman erbot sich in -liebenswürdiger Weise, Mildred in seine Schule aufzunehmen. So blieb -Mildred bei mir in Cambridge, und sechs glückliche Monate hindurch -waren wir fast stets zusammen. Am glücklichsten macht mich die -Erinnerung an die Stunden, in denen wir uns gegenseitig bei unseren -Studien unterstützten und uns gemeinschaftlich von unserer Arbeit -erholten.</p> - -<p>Meine erste Prüfung für das Radcliffe College legte ich in der Zeit vom -29. Juni bis zum 3. Juli 1897 ab. Die Fächer, die ich angegeben hatte, -waren Deutsch, Französisch, Latein,<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> Englisch, sowie griechische und -römische Geschichte, was neun Stunden zusammen ausmachte. Ich bestand -in allen Fächern, — im Deutschen und Englischen „mit Auszeichnung“.</p> - -<p>Vielleicht dürfte hier eine Schilderung der Art und Weise, in der ich -geprüft wurde, am Orte sein. Für die Prüfung standen sechzehn Stunden -zur Verfügung, zwölf für die Elementarkenntnisse und vier für die -weiter fortgeschrittenen Studien. Die Prüfungsarbeiten wurden um neun -Uhr auf der Harvard-Universität ausgegeben und durch einen besonderen -Boten nach dem Radcliffe College gebracht. Die zu Prüfende war nicht -ihrem Namen nach bekannt, sondern erhielt eine Nummer. Ich hatte Nr. -233, da ich aber eine Schreibmaschine benützen mußte, so konnte kein -Zweifel über meine Person obwalten.</p> - -<p>Man hielt es für rätlich, mich in einem besonderen Zimmer zu prüfen, -weil das Geräusch der Schreibmaschine die anderen Mädchen gestört -haben würde. Herr Gilman teilte mir alle Aufgaben vermittelst des -Fingeralphabets mit. An die Türe wurde ein Mann gestellt, um jede -Störung zu verhindern.</p> - -<p>Am ersten Tage hatte ich Deutsch. Herr Gilman saß neben mir und las mir -die Aufgabe erst im Zusammenhange vor, dann noch einmal Satz für Satz, -wobei ich die Worte laut wiederholte, um ihm zu zeigen, daß ich ihn -vollkommen verstanden hatte. Die Aufgaben waren schwer, und ich fühlte -mich sehr ängstlich, als ich die Antworten auf der Schreibmaschine -niederschrieb. Herr Gilman buchstabierte mir in die Hand, was -ich geschrieben hatte, ich machte die mir notwendig scheinenden -Verbesserungen, und er fügte sie ein. Ich möchte hier erwähnen, daß mir -eine solche Erleichterung bei keiner meiner weiteren Prüfungen mehr -gewährt wurde. Im Radcliffe College liest mir niemand meine Antworten -vor, nachdem ich sie niedergeschrieben habe, und ich finde somit keine -Gelegenheit, Fehler zu verbessern, wenn ich nicht fertig bin, bevor die -Zeit um ist.<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span> In diesem Falle verbessere ich nur solche Versehen, auf -die ich mich in den mir gestatteten paar Minuten entsinnen kann, und -schreibe diese Verbesserungen am Schlusse meiner Arbeit nieder. Wenn -ich die erste Prüfung besser bestanden habe als die zweite, so liegen -dafür zwei Gründe vor. Bei der zweiten las mir niemand meine fertigen -Arbeiten vor, und in der ersten gab ich Fächer an, mit denen ich schon -vor meinem Besuche des Gymnasiums in Cambridge einigermaßen vertraut -war; denn zu Anfang des Schuljahrs hatte ich Prüfungen im Englischen, -in Geschichte, im Französischen und Deutschen nach Aufgaben abgelegt, -die in früheren Jahren von der Harvard-Universität gestellt worden -waren.</p> - -<p>Herr Gilman sandte meine schriftlichen Arbeiten an die -Prüfungskommission mit einer Bescheinigung, daß ich, Kandidatin Nr. -233, die Arbeiten angefertigt hätte.</p> - -<p>Auch in den anderen Fächern ging die Prüfung in derselben Weise von -statten. In keinem wurden mir so schwere Aufgaben gestellt wie im -ersten. Ich erinnere mich, daß an dem Tage, an dem uns die lateinischen -Aufgaben zugestellt wurden, Professor Schilling ins Zimmer trat und mir -mitteilte, daß ich im Deutschen das Examen bestanden hätte. Dies gab -mir neuen Mut, und ich ging mit leichtem Herzen und sicherer Hand an -den übrigen Teil der hochnotpeinlichen Prüfung.</p> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span></p> - -<h3 class="padtop2" id="Neunzehntes_Kapitel">Neunzehntes Kapitel.</h3> - -</div> - -<p class="s5 center mbot2">Beginn des zweiten Schuljahres. — Physik, Algebra, Geometrie, -Astronomie, Griechisch, Latein. — Anfälle von Kleinmut. — Abgang -vom Gymnasium und Weiterbildung durch Privatunterricht. — Rückkehr -nach Boston (Oktober 1898). — Schlußprüfung für das Radcliffe -College (Juni 1899).</p> - -<p>Bei Beginn des zweiten Schuljahres war ich voller Hoffnung und -Vertrauen auf einen endgültigen Erfolg. Aber in den ersten paar -Wochen stellten sich mir unvorhergesehene Schwierigkeiten in den Weg. -Herr Gilman hatte seine Einwilligung dazu gegeben, daß ich in diesem -Jahre hauptsächlich Mathematik treiben sollte. Ich erhielt Unterricht -in Physik, Algebra, Geometrie, Astronomie, Griechisch und Latein. -Leider waren viele von den Büchern, deren ich bedurfte, zu Beginn des -Unterrichts noch nicht im Hochdruck fertig, und es fehlten mir daher -wichtige Hilfsmittel zu einigen meiner Studien. Die Klassen, die ich -besuchte, waren sehr groß, und es war unmöglich für die Lehrer, mir -besondere Unterweisung zu erteilen. Fräulein Sullivan mußte mir alle -Bücher vorlesen und mitteilen, was die Lehrer vortrugen, und zum -erstenmal in elf Jahren hatte es den Anschein, als sei ihre liebe Hand -der Aufgabe nicht gewachsen.</p> - -<p>Ich mußte in der Klasse beim algebraischen und geometrischen Unterricht -nachschreiben und physikalische Aufgaben lösen, und dies war mir -unmöglich, ehe wir eine Brailleschreibmaschine gekauft hatten, mittels -deren ich die nötigen Aufzeichnungen machen konnte. Mit meinen Augen -konnte ich den auf die Wandtafel gezeichneten geometrischen Figuren -nicht folgen, und das einzige Mittel, mir eine klare Vorstellung von -ihnen zu machen, bestand darin, daß ich sie auf einem Kissen mit -Hilfe von geraden und gekrümmten Drähten mit spitzen, umgebogenen -Enden nachmachte. Ich hatte, wie Herr Keith in<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span> seinem Berichte -sagte, die Buchstabenbezeichnung der Figuren, die Voraussetzung und -Schlußfolgerung, die Konstruktion und den Gang des Beweises im Kopfe zu -behalten. Mit einem Worte, in jedem Fache zeigten sich Schwierigkeiten. -Zeitweilig verlor ich allen Mut und verriet meine Empfindungen in einer -Weise, deren ich mich noch jetzt schäme, wenn ich mich daran erinnere, -namentlich da die Äußerungen meines Kleinmuts später zu Angriffen auf -Fräulein Sullivan benutzt wurden, der einzigen von all den lieben -Freundinnen in Cambridge, die imstande war, mir meine Pfade zu ebnen -und meine Aufgabe zu erleichtern.</p> - -<p>Allmählich begannen jedoch die Schwierigkeiten zu schwinden. Die in -Hochdruck hergestellten Bücher und andere Hilfsmittel langten an, und -ich machte mich mit neuem Mute an die Arbeit. Algebra und Geometrie -waren die einzigen Fächer, die nach wie vor allen Anstrengungen -meinerseits, in sie einzudringen, spotteten. Wie ich schon erwähnt -habe, besaß ich keine besondere Beanlagung für Mathematik; die -einzelnen Punkte wurden mir nicht so klargemacht, wie ich es -gewünscht hätte. Die geometrischen Zeichnungen waren teilweise völlig -unverständlich für mich, da ich selbst auf dem Kissen das Verhältnis -der verschiedenen Teile zu einander nicht erkennen konnte. Eine klarere -Vorstellung von der Mathematik erhielt ich erst, seit Herr Keith mich -darin unterrichtete.</p> - -<p>Ich war auf dem Weg, alle diese Schwierigkeiten zu überwinden, als ein -Ereignis eintrat, das einen vollständigen Umschwung herbeiführte.</p> - -<p>Unmittelbar bevor die Bücher eintrafen, hatte Herr Gilman Fräulein -Sullivan Vorstellungen darüber gemacht, daß ich zu angestrengt -arbeitete, und trotz meiner eifrigen Proteste setzte er die Zahl meiner -Unterrichtsstunden herab. Anfangs waren wir dahin übereingekommen, -daß ich nötigenfalls fünf Jahre auf<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span> meine Vorbereitung für die -Universität verwenden sollte; am Ende des ersten Jahres aber überzeugte -der Erfolg meiner Prüfungen Fräulein Sullivan, Fräulein Harbaugh -(Herrn Gilmans erste Lehrerin) und noch eine andere Lehrerin von der -Möglichkeit, daß ich ohne allzugroße Anstrengung meine Vorbereitung in -zwei weiteren Jahren beenden könne. Herr Gilman erklärte sich anfangs -damit einverstanden; als aber meine Ausgaben etwas verwickelter wurden, -bestand er darauf, ich sei überarbeitet und solle noch drei weitere -Jahre auf dem Gymnasium zubringen. Mir gefiel dieser Plan nicht, denn -ich wollte mit meiner Klasse zugleich die Universität beziehen.</p> - -<p>Am 17. November fühlte ich mich nicht ganz wohl und konnte den -Unterricht nicht besuchen. Obgleich Fräulein Sullivan sah, daß es sich -nur um eine leichte Unpäßlichkeit handle, erklärte Herr Gilman als er -davon hörte, doch, ich stehe im Begriff, zusammenzubrechen, und traf -Änderungen in meinem Studienplan, die es mir unmöglich machten, meine -Abgangsprüfung zugleich mit meiner Klasse abzulegen. Schließlich führte -die Meinungsverschiedenheit zwischen Herrn Gilman und Fräulein Sullivan -dahin, daß meine Mutter meine Schwester Mildred und mich von dem -Gymnasium in Cambridge wegnahm.</p> - -<p>Nach einiger Zeit wurde beschlossen, daß ich meine Studien unter -der Leitung eines Hauslehrers, Herrn Merton S. Keith aus Cambridge, -fortsetzen sollte. Den Rest des Winters verlebten Fräulein Sullivan -und ich bei der uns befreundeten Familie Chamberlin in Wrentham, einer -fünfundzwanzig Meilen von Boston entfernten Stadt.</p> - -<p>Vom Februar bis Juli 1898 kam Herr Keith wöchentlich zweimal nach -Wrentham und unterrichtete mich in Algebra, Geometrie, Griechisch und -Latein. Fräulein Sullivan übersetzte mir seine Erläuterungen.</p> - -<p>Im Oktober 1898 kehrten wir nach Boston zurück. Acht<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span> Monate hindurch -erteilte mir Herr Keith wöchentlich fünfmal Unterricht, jedesmal -ungefähr eine Stunde lang. Er erklärte mir stets, was ich in der -vorhergehenden Unterrichtsstunde nicht begriffen hatte, stellte mir -neue Aufgaben und nahm meine griechischen Exerzitien, die ich während -der Woche auf meiner Schreibmaschine angefertigt hatte, nach Hause, -korrigierte sie sorgfältig und gab sie mir das nächstemal zurück.</p> - -<p>Auf diese Weise schritt meine Vorbereitung für die Universität ohne -Unterbrechung weiter fort. Ich fand es leichter und angenehmer, für -mich allein unterrichtet zu werden als in der Klasse mit anderen -zusammen. Es gab hier keine Überstürzung, keine Verwirrung. Mein Lehrer -hatte vollauf Zeit, mir zu erklären, was ich nicht verstand, und -daher machte ich raschere Fortschritte und hatte bessere Leistungen -aufzuweisen als je auf dem Gymnasium. Ich fand jedoch noch immer mehr -Schwierigkeiten bei der Lösung von mathematischen Aufgaben als in jedem -anderen Unterrichtsfache. Ich wünschte, Algebra und Geometrie wären -mir nur halb so leicht gefallen wie das Sprach- und Literaturstudium. -Aber selbst die Mathematik machte mir Herr Keith anziehend; es gelang -ihm, mir die Lehrsätze und Aufgaben so faßlich zu machen, daß ich -dem Unterrichte mit Leichtigkeit folgen konnte. Er erhielt meine -Aufmerksamkeit rege und lebendig und gewöhnte mich an klares Denken und -ruhiges, logisches Schließen anstatt meiner früheren wilden, ziellosen -Kreuz- und Quersprünge. Er war stets freundlich und zuvorkommend, wie -ungeschickt ich mich auch mitunter angestellt haben mag, und man kann -es mir glauben, meine Beschränktheit würde oft sogar eine Hiobsgeduld -erschöpft haben.</p> - -<p>Am 29. und 30. Juni 1899 legte ich die Schlußprüfung für das Radcliffe -College ab. Am ersten Tage kamen die Anfangsgründe im Griechischen und -lateinische Lektüre, am zweiten<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span> Geometrie, Algebra und griechische -Lektüre an die Reihe.</p> - -<p>Die Universitätsbehörden gestatteten Fräulein Sullivan nicht, mir die -Prüfungsaufgaben vorzulesen; dafür wurde Herr Eugen C. Vining, einer -der Lehrer des Perkinsschen Blindeninstituts, mit der Übertragung der -Aufgaben für mich in amerikanische Brailleschrift betraut. Herr Vining -war mir völlig fremd und konnte sich nur mittels der Brailleschrift mit -mir verständigen. Auch der aufsichtführende Beamte war mir fremd und -machte keinerlei Versuch, sich mit mir in Verbindung zu setzen.</p> - -<p>Die Brailleschrift genügte zwar für die Sprachen vollständig; als aber -Geometrie und Algebra an die Reihe kamen, ergaben sich Schwierigkeiten. -Ich war schmerzlich überrascht und niedergeschlagen, da ich viel -kostbare Zeit verlor, namentlich in der Algebra. Zwar war ich mit allen -gewöhnlich zu literarischen Zwecken benutzten Braillesystemen vertraut -— dem englischen, dem amerikanischen und dem New Yorker; aber die -geometrischen und algebraischen Zeichen sind in diesen drei Systemen -sehr verschieden, und ich hatte in der Algebra nur das englische -benutzt.</p> - -<p>Zwei Tage vor dem Beginn der Prüfungen sandte mir Herr Vining die -Braillekopie einer früher von der Harvard-Universität gestellten -algebraischen Aufgabe. Zu meinem Schreck bemerkte ich, daß sie in der -amerikanischen Notation gehalten war. Ich setzte mich unverzüglich -hin und bat Herrn Vining in ein paar Zeilen um eine Erklärung der -Zeichen. Umgehend erhielt ich eine andere Arbeit und eine Tabelle, in -der die Zeichen erklärt waren, und setzte mich hin, um die Notation -zu erlernen. Aber am Abend vor der Prüfung in der Algebra, während -ich über einigen sehr verwickelten Aufgaben brütete, hatte ich keine -Zeit, mir die Zusammenstellungen von Klammern, Haken und Wurzelzeichen -einzuprägen. Sowohl Herr Keith wie ich waren<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span> niedergeschlagen und voll -trüber Ahnungen für morgen; wir gingen aber ein wenig vor dem Beginn -der Prüfung nach dem Universitätsgebäude und baten Herrn Vining, uns -die amerikanischen Zeichen etwas eingehender zu erklären.</p> - -<p>In der Geometrie bestand die Hauptschwierigkeit für mich darin, daß -ich stets gewohnt gewesen war, die Sätze im Liniendruck zu lesen oder -sie in die Hand buchstabiert zu bekommen, und obgleich die Sätze jetzt -dicht vor mir lagen, fand ich doch die Brailleschrift einigermaßen -verwirrend und konnte mir nicht klar vorstellen, was ich las. Als aber -die Algebra an die Reihe kam, brach eine noch härtere Zeit für mich an. -Ich konnte mich in die Zeichen, die ich so spät erlernt hatte und die -ich zu kennen glaubte, nicht finden. Außerdem konnte ich nicht prüfen, -was ich auf meiner Schreibmaschine geschrieben hatte. Ich hatte stets -meine Arbeiten in Brailleschrift oder im Kopfe gemacht. Herr Keith -hatte sich zu sehr auf meine Fertigkeit, die Aufgaben im Kopfe zu -lösen, verlassen und hatte mich nicht im schriftlichen Anfertigen von -Examensarbeiten unterwiesen. Infolgedessen ging meine Arbeit peinlich -langsam von statten, und ich hatte die Aufgaben immer und immer wieder -zu lesen, ehe ich begriff, was von mir verlangt wurde. In der Tat bin -ich selbst jetzt noch nicht sicher, alle Zeichen richtig gelesen zu -haben. Es fiel mir schwer, meinen Kopf beisammen zu halten.</p> - -<p>Aber ich klage niemand an. Die Universitätsbehörde wußte nicht, wie -schwer sie mir meine Prüfung machte, noch begriff sie die besonderen -Schwierigkeiten, die ich zu überwinden hatte. Aber wenn sie mir -unabsichtlich Hindernisse in den Weg legte, so habe ich die Genugtuung, -zu wissen, daß ich sie alle überwunden habe.</p> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span></p> - -<h3 class="padtop2" id="Zwanzigstes_Kapitel">Zwanzigstes Kapitel.</h3> - -</div> - -<p class="s5 center mbot2">Eintritt in das Radcliffe College. — Anfängliche Begeisterung und -teilweise Enttäuschung. — Übelstände des Universitatsstudiums. — -Erstes Studienjahr. — Französisch, Deutsch, englische Stillehre, -englische Literatur. — Besuch der Vorlesungen. — Schreibmaschine. -— Stunden des Unmuts. — Zweites Jahr: englische Stillehre, Bibel, -politische Verhältnisse Amerikas und Europas, horazische Oden, -lateinische Komödie, Nationalökonomie, Shakespeare, Geschichte der -Philosophie. — Verknöcherung des Universitätswesens..— Pein der -Prüfungen. — Enttäuschung.</p> - -<p>Der Kampf um die Zulassung zur Universität war siegreich beendet, -und ich konnte nun in das Radcliffe College eintreten, wann es mir -beliebte. Bevor ich jedoch die Universität bezog, kamen wir überein, -daß ich noch ein weiteres Jahr unter Herrn Keiths Leitung studieren -sollte. Erst gegen Ende 1900 ging daher mein Traum, die Universität zu -besuchen, in Erfüllung.</p> - -<p>Ich erinnere mich heute noch meines ersten Tages im Radcliffe College. -Es war ein interessanter Tag für mich. Ich hatte ihn jahrelang -herbeigesehnt. Eine mächtige Kraft in mir, die stärker war als der -Rat meiner Freunde, stärker selbst als die Warnungen meines eigenen -Inneren, hatte mich dazu getrieben, meine Kräfte mit denen zu messen, -die sehen und hören. Ich wußte, ich würde auf Hindernisse stoßen, -aber ich war voller Eifer, sie zu überwinden. Ich hatte mir die Worte -des weisen Römers zu Herzen genommen, der da gesagt hatte: „Aus Rom -verbannt sein, heißt nur außerhalb Roms leben.“ — Abgeschnitten von -der großen Heerstraße des Wissens war ich genötigt, meine Reise quer -durchs Land auf wenig besuchten Straßen zurückzulegen — das war alles. -Ich wußte, daß es auf einer Universität viele Nebenpfade gab, auf denen -ich Hand in Hand mit Mädchen gehen konnte, die ebenso dachten, liebten -und kämpften wie ich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span></p> - -<p>Ich begann meine Studien voller Eifer. Vor mir erblickte ich eine neue -Welt, strahlend in Schönheit und Licht, und ich fühlte die Fähigkeit in -mir, alles zu erkennen. In dem Wunderland des Geistes würde ich so frei -sein wie jede andere. Seine Bewohner, seine Landschaft, seine Sitten, -seine Freuden, seine Leiden sollten lebendige verkörperte Vermittler -der realen Welt sein. Die Vorlesungssäle schienen mir mit dem Geiste -der großen Weisen aller Zeiten erfüllt, und ich hielt die Professoren -für Personifikationen der Weisheit selbst. Ich bin seitdem zu einer -anderen Überzeugung gelangt, doch habe ich nicht die Absicht, irgend -jemand mit Namen zu nennen.</p> - -<p>Aber bald entdeckte ich, daß das College nicht ganz das romantische -Lyceum war, wie ich es mir vorgestellt hatte. Viele der Träume, die -meine unerfahrene Jugend entzückt hatten, „verblaßten in dem grauen -Lichte des Alltags“. Allmählich begann ich einzusehen, daß der Besuch -der Universität auch seine Schattenseiten habe.</p> - -<p>Die eine, deren ich mir am schmerzlichsten bewußt war und noch bewußt -bin, besteht in dem Mangel an Zeit. Ich pflegte Zeit zum Denken, zum -Sinnen zu haben, mein Geist und ich. Wir hatten manchen lieben Abend -beieinander gesessen und der Melodie in unserem Innern gelauscht, die -man nur in Mußestunden vernimmt, wenn die Worte eines Lieblingsdichters -eine tiefe wohllautende Saite in unserer Seele anschlagen, die bis -dahin noch nicht erklungen war. Aber auf der Universität hat man keine -Zeit, mit seinen Gedanken zu verkehren. Man besucht, scheint es, die -Vorlesungen, um zu lernen, nicht, um zu denken. Betritt man die Portale -der Gelehrsamkeit, so läßt man die besten Freuden — Einsamkeit, Bücher -und Phantasie — draußen bei den rauschenden Tannen. Ich glaube, ich -müßte einige Beruhigung in dem Gedanken finden, daß ich Schätze für -zukünftige Genüsse aufspeichere, aber ich bin zu unvorsorg<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span>lich, um -nicht den Genuß des Augenblicks der Ansammlung von Reichtümern für -trübe Tage vorzuziehen.</p> - -<p>Meine Studien erstreckten sich im ersten Jahre auf Französisch, -Deutsch, Geschichte, englischen Stil und englische Literatur. Im -Französischen las ich einige Werke von Corneille, Moliere, Racine, -Alfred de Musset, Sainte-Beuve und im Deutschen von Goethe und -Schiller. In der Geschichte verschaffte ich mir einen raschen -Ueberblick über den ganzen Zeitraum vom Untergange des Römischen -Reiches bis zum achtzehnten Jahrhundert, und in der englischen -Literatur studierte ich kritisch Miltons Gedichte und »Areopagitica«.</p> - -<p>Ich bin häufig gefragt worden, in welcher Weise ich die eigenartigen -Schwierigkeiten, unter denen ich die Universität besuche, überwinde. -Im Auditorium bin ich natürlich so gut wie allein. Der Professor ist -so weit von mir entfernt, als ob er durch ein Telephon spräche. Die -Vorlesungen werden mir so rasch wie möglich in die Hand buchstabiert, -und in dem Bestreben, das Tempo innezuhalten, geht mir viel von der -Individualität des Vortragenden verloren. Die Worte eilen durch meine -Hand wie Hunde auf der Jagd nach einem Hasen, der ihnen aber oft -entkommt. Aber in dieser Beziehung glaube ich nicht, daß ich viel -schlechter daran bin als die Mädchen, die sich ihre Aufzeichnungen -machen. Ist der Geist mit dem mechanischen Prozesse des Hörens -beschäftigt und soll man zu gleicher Zeit das Gehörte in fliegender -Eile zu Papier bringen, so kann man, glaube ich, weder dem behandelten -Gegenstande noch der Art des Vortrags die gebührende Aufmerksamkeit -zuwenden. Ich kann während der Vorlesungen keine Aufzeichnungen machen, -weil meine Hände mit Aufmerken beschäftigt sind. Gewöhnlich schreibe -ich mir dann zu Hause das, was ich behalten habe, nieder. Ich fertige -meine Exerzitien, Aufsätze, Kritiken, die Arbeiten zu den Semester- und -Jahresprüfungen auf meiner<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span> Schreibmaschine an, sodaß die Professoren -keine Schwierigkeit haben, herauszufinden, wie wenig ich weiß. Als -ich das Studium der lateinischen Prosodie begann, schrieb ich meinem -Professor eine Reihe von Zeichen auf, die die verschiedenen Metra und -Quantitäten kenntlich machen sollten, und erklärte sie ihm.</p> - -<p>Ich bediene mich der Hammond-Schreibmaschine. Ich habe viele Maschinen -versucht, finde aber, daß die Hammondsche sich am besten für die -Besonderheiten meiner Arbeit eignet. Bei dieser Maschine können -Umschalttasten benutzt werden, und man kann deren mehrere haben, jede -mit verschiedenen Typen — Griechisch, Französisch oder Mathematik -— entsprechend der Art von Schrift, die man auf der Schreibmaschine -hervorbringen will. Wenn ich die Hammondsche Schreibmaschine nicht -hätte, so würde ich wohl schwerlich die Universität besuchen können.</p> - -<p>Sehr wenige von den in den verschiedenen Kursen gebrauchten Bücher -sind in Blindenschrift gedruckt, und ich muß sie mir in die Hand -buchstabieren lassen. Infolgedessen brauche ich mehr Zeit zur -Vorbereitung auf meine Lektionen als andere Mädchen. Die Handarbeit -dauert länger, und ich habe mit Schwierigkeiten zu kämpfen, die sie gar -nicht kennen. Es gibt Tage, an denen die gespannte Aufmerksamkeit, mit -der ich die Einzelheiten verfolgen muß, mein Blut in Wallung bringt und -der Gedanke, daß ich stundenlang dasitzen muß, um ein paar Kapitel zu -lesen, während andere Mädchen lachen, singen und tanzen, mich rasend -macht; aber bald gewinne ich meinen Gleichmut wieder und lache mir die -Unzufriedenheit vom Herzen herunter. Denn alles in allem muß jeder, -der zur wahren Erkenntnis hindurchdringen will, den Berg Schwierigkeit -allein erklimmen, und da für mich keine breite gerade Straße auf den -Gipfel führt, so muß ich ihn eben auf dem für mich bestimmten Pfade im -Zickzack zu erreichen suchen. Ich gleite häufig zu<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span>rück, ich falle, ich -stehe still, ich stoße gegen die Ecken verborgener Hindernisse, ich -verliere meine gute Laune, bekomme sie wieder und halte sie von da an -fester, ich schleppe mich weiter, komme eine kleine Strecke vorwärts, -fühle neuen Mut, werde immer eifriger und klimme immer höher und höher, -bis ich endlich den Horizont sich weiten sehe. Jeder Kampf ist ein -Sieg. Noch eine letzte Anstrengung, und ich erreiche die leuchtende -Wolke, die blauen Himmelstiefen, das Land meiner Sehnsucht da droben. -Bei diesen Kämpfen stehe ich jedoch nicht stets allein. Herr William -Wade und Herr E. E. Allen, der Leiter des pennsylvanischen Instituts -für den Blindenunterricht, haben mir viele der erforderlichen Bücher -in Hochdruck besorgt. Mit ihrer liebenswürdigen Aufmerksamkeit haben -sie mir mehr Hilfe und Ermutigung gebracht, als sie es selbst je ahnen -können.</p> - -<p>Im vergangenen Jahre, dem zweiten, das ich im Radcliffe College -zubrachte, beschäftigte ich mich mit englischer Stillehre, mit der -Bibel vom literarischen Standpunkte aus, den politischen Verhältnissen -Amerikas und Europas, den horazischen Oden und der lateinischen -Komödie. Der Unterricht im englischen Stil war mir der liebste, weil -er sehr lebendig war. Die Vorlesungen waren stets interessant und -geistvoll; denn der Professor, Herr Charles Townsend Copeland, trägt -die Hauptwerke der Literatur in all ihrer ursprünglichen Frische und -Gewalt vor. Eine kurze Stunde darf man die ewige Schönheit der alten -Meister ohne unnötige Erklärungen und Zergliederungen genießen und -sich ihrer erhabenen Gedanken erfreuen; mit ganzer Seele kann man -sich der milden Erhabenheit des Alten Testaments hingeben, ohne an -das Dasein Jahwes und Elohims zu denken, und man geht nach Hause mit -dem Bewußtsein, daß man einen Schimmer von jener Vollendung erhascht -hat, bei der Geist und Form in ewiger Harmonie ver<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span>schmolzen sind und -Wahrheit und Schönheit dem alten Stamme der Zeit neues Wachstum bringen.</p> - -<p>Dieses Jahr ist das glücklichste für mich, weil ich Gegenstände -studiere, die mich besonders interessieren: Nationalökonomie, Literatur -der elisabethanischen Zeit, Shakespeare unter Professor George L. -Kittredge und Geschichte der Philosophie unter Professor Josiah -Royce. Durch die Philosophie lernt man sich verständnisvoll in die -Ueberlieferungen alter Zeiten und andere Denkweisen zu versenken, die -einem vorher seltsam und unvernünftig vorgekommen sind.</p> - -<p>Aber das College ist nicht das universale Athen, für das ich es -gehalten habe. Man tritt hier nicht den großen, weisen Männern Auge in -Auge gegenüber, man fühlt nicht ihren belebenden Hauch. Zwar sind sie -gegenwärtig, das muß zugegeben werden, aber sie scheinen mumifiziert -zu sein. Wir müssen sie von der sie umgebenden Hülle von Gelehrsamkeit -befreien, sie zergliedern und analysieren, ehe wir sicher sein können, -daß wir einen Milton oder Jesaias vor uns haben und nicht nur eine -geschickte Nachahmung. Wie mir scheint, vergessen viele Gelehrte, -daß unser Genuß an den großen Werken der Literatur mehr von der -Tiefe unseres Mitempfindens als von der Schärfe unseres Verstandes -abhängt. Der Hauptübelstand ist der, daß sehr wenige ihrer mühsamen -Erläuterungen im Gedächtnis haften. Der Geist wirft sie ab, wie ein -Baum seine reifen Früchte abwirft. Man vermag eine Blume zu kennen, -Wurzel und Stengel und alles, ebenso den ganzen Wachstumsprozeß und ist -vielleicht doch nicht imstande, die Schönheit der frisch im Tau des -Himmels gebadeten Blume zu würdigen. Immer und immer wieder frage ich -ungeduldig: „Was sollen mir all diese Erläuterungen und Hypothesen?“ -Sie schwirren in meinem Geiste hin und her gleich blinden Vögeln, -die die Luft mit ihren kraftlosen Schwingen zu zerteilen suchen. — -Ich<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span> wende mich nicht gegen eine gründliche Kenntnis der berühmten -Werke, die wir lesen, sondern nur gegen die endlosen Kommentare und -verwirrenden Kritiken, aus denen nur das eine hervorgeht, daß es mehr -Ansichten als Menschen gibt. Wenn jedoch ein großer Gelehrter, wie -Professor Kittredge erklärt, was der Meister sagt, so ist’s, „als werde -dem Blinden ein neues Gesicht gegeben“. Er bringt uns Shakespeare, den -Dichter, zurück.</p> - -<p>Es gibt jedoch Zeiten, in denen ich wünschte, ich könnte die Hälfte der -Dinge, die ich mir zu lernen vornahm, streichen; denn der überbürdete -Geist kann sich der Schätze nicht erfreuen, die er sich unter den -größten Anstrengungen erworben hat. Es ist unmöglich, glaube ich, an -einem Tage vier bis fünf verschiedene Bücher in verschiedenen Sprachen -und über ganz verschiedene Gegenstände zu lesen und nicht die wahren -Zwecke, wegen deren man liest, aus den Augen zu verlieren. Liest man -hastig und nervös und denkt dabei an Zeugnisse und Prüfungen, so wird -das Gehirn mit einer durcheinandergewürfelten Menge von Eindrücken -belastet, für die es wenig Verwendung besitzt. Gegenwärtig ist mein -Geist so sehr mit ganz heterogenen Dingen angefüllt, daß ich beinahe -daran verzweifle, je wieder Ordnung in ihm zu schaffen. So oft ich die -Gegend betrete, die einst das Reich meines Geistes war, so komme ich -mir vor, wie der Stier im Porzellanladen, wie das bekannte Sprichwort -sagt. Wie Hagelkörner sausen mir Tausende von winzigen Kleinigkeiten um -den Kopf, und wenn ich mich ihnen zu entziehen versuche, so verfolgen -mich Aufsatzgespenster und Vorlesungskobolde aller Art, bis ich wünsche -— o möge mir dieser verruchte Wunsch verziehen werden! — die Idole -zerschmettern zu können, die anzubeten ich hierher kam.</p> - -<p>Aber die Prüfungen sind doch die Hauptschrecken meines Collegelebens. -Obgleich ich ihnen schon oft Auge in Auge<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span> gegenübergestanden, sie zu -Boden geschmettert und in den Staub getreten habe, so erheben sie sich -doch immer wieder von neuem und drohen mir bleichen Angesichts, bis ich -mich ganz mutlos fühle. Die Tage, die diesen hochnotpeinlichen Verhören -vorangehen, werden darauf verwandt, den Geist mit mystischen Formen und -unverdaulichen Daten — unschmackhaftem Zeuge — vollzustopfen, bis man -wünscht, daß Bücher, Wissenschaft und man selbst auf dem Grunde des -Meeres läge, wo es am tiefsten ist.</p> - -<p>Endlich naht die gefürchtete Stunde, und glücklich die, die sich -gerüstet fühlt, und zur rechten Zeit imstande ist, Gedanken, die ihr -in dieser höchsten Not von Nutzen sein können, zu ihrem Beistande -herbeizurufen. Es kommt nur zu häufig vor, daß der Trompetenstoß -ungehört verhallt. Es ist im höchsten Grade verwirrend und erbitternd, -daß gerade in dem Augenblick, in dem man sein Gedächtnis und einen -scharfen Unterscheidungssinn am nötigsten hat, diese beiden Dinge -Flügel erhalten und davonflattern. Die Kenntnisse, die man sich mit so -unendlicher Mühe angeeignet hat, lassen einem im Notfalle unfehlbar im -Stich.</p> - -<p>„Geben Sie mir einen kurzen Ueberblick über Huß und seine Bedeutung!“ -— Huß? Wer war denn das, und was hat er doch gleich getan? Der Name -klingt so seltsam vertraut. Man wühlt seinen Vorrat historischer -Kenntnisse um und um, genau so, als wollte man nach einem Stückchen -Seide in einem Lumpensack suchen. Man ist überzeugt, es steckt irgendwo -im Gedächtnisse ganz oben — man weiß, man hat es erst ganz kürzlich -gesehen, als man den Beginn der Reformation betrachtete. Aber wo ist -es nun? Man fischt allerhand Wissensbrocken heraus — Revolutionen, -Schismen, Niedermetzelungen, Regierungssysteme — aber Huß, wo steckt -der? Man wundert sich über das, was man alles weiß, was aber jetzt -nicht in Frage kommt. In der Verzweiflung packt man seinen Sack und -schüttet ihn um, und dort in einem Winkel steckt der betreffende<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> Mann -und brütet unbekümmert über seinen Privatgedanken, ohne eine Ahnung von -dem Unheil zu haben, das er über unsereinen gebracht hat.</p> - -<p>Gerade in diesem Augenblick aber kündigt der Examinator an, daß die -Frist um ist. Mit einem Gefühl des äußersten Ekels wirft man die Masse -Gerümpel in eine Ecke und geht nach Hause, den Kopf angefüllt mit -revolutionären Plänen, die die Abschaffung des göttlichen Rechtes der -Professoren bezwecken, Fragen ohne die Genehmigung der Befragten zu -stellen.</p> - -<p>Es mag sein, daß ich auf den letzten zwei bis drei Seiten dieses -Kapitels Redewendungen gebraucht habe, wegen deren man mich auslachen -wird. Ach ja, hier sind sie — die hinkenden Gleichnisse, die sich vor -mich hinstellen und mich verhöhnen, indem sie auf den von Hagelkörnern -umwirbelten Stier im Porzellanladen und die Schreckensgespenster mit -bleichem Antlitz — eine noch nicht analysierte Art — hinweisen. -Laßt sie höhnen! Die Worte schildern so getreu die Atmosphäre sich -drängender und überstürzender Gedanken, in der ich lebe, daß ich sie -mir später noch einmal vergegenwärtigen möchte, um dann eine ernste -Miene anzunehmen und zu erklären, daß sich meine Ansichten über die -Universität geändert haben.</p> - -<p>Als mein Universitätsstudium noch im Schoße der Zukunft schlummerte, -war es von einem Strahlenkranze von Romantik umwoben, den es -jetzt eingebüßt hat; aber bei dem Uebergange von der Romantik zur -Wirklichkeit habe ich vieles gelernt, was mir nie zum Bewußtsein -gekommen sein würde, wenn ich dieses Experiment nicht unternommen -hätte. Das eine ist die köstliche Wissenschaft der Geduld, die -uns lehrt, daß wir unsere Bildung betreiben sollen, als wollten -wir einen Spaziergang auf das Land machen, in voller Muße und mit -Sinnen, die für die Eindrücke jeder Art ihre gastlichen Tore weit -geöffnet haben. Solches Wissen überströmt unser innerstes Wesen mit -einer uner<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span>schöpflichen Flutwoge tiefer Gedanken. Wissen ist Macht! -Besser ausgedrückt: Wissen ist Glückseligkeit, denn der Besitz von -Wissen — umfassendem, tiefem Wissen — ist gleichbedeutend mit der -Fähigkeit, wahre Zwecke von falschen und erhabene Dinge von niedrigen -zu unterscheiden. Die für den Fortschritt des Menschen entscheidenden -Gedanken und Taten kennen, heißt den gewaltigen Pulsschlag der -Menschheit über die Jahrhunderte hinweg fühlen, und wer in diesen -Schlägen nicht ein himmelwärts gerichtetes Streben wahrnimmt, der muß -in der Tat für die Harmonie des Lebens taub sein.</p> - -<div class="section"> - -<h3 class="padtop2" id="Einundzwanzigstes_Kapitel">Einundzwanzigstes Kapitel.</h3> - -</div> - -<p class="s5 center mbot2">Bücherstudium. — Rückblick. — Bibliothek in Boston. — Heißhunger -auf Bücher. — »<span class="antiqua">Little Lord Fauntleroy</span>«. — Lafontaines -Fabeln. — Begeisterung für das griechische Altertum. — Ilias. -— Aeneis. — Bibel. — Shakespeare: Macbeth, König Lear. — -Geschichte. — Deutsche Literatur. — Französische Literatur. — -Mark Twain. — Scott.</p> - -<p>Bisher habe ich die Ereignisse meines Lebens kurz skizziert, aber noch -nicht davon gesprochen, wieviel ich den Büchern verdanke, nicht nur -hinsichtlich des Genusses und der Belehrung, die sie allen bringen, -die da lesen, sondern auch betreffs jener Kenntnisse, die andere durch -Vermittelung ihrer Augen und Ohren erhalten. In der Tat haben Bücher in -der Geschichte meiner Bildung eine soviel wesentlichere Rolle gespielt -als bei anderen, daß ich bis auf die Zeit zurückgreifen muß, da ich -lesen lernte.</p> - -<p>Meine erste zusammenhängende Geschichte las ich im Mai 1887, als ich -sieben Jahre alt war, und von jenem Tage an bis zum gegenwärtigen -Augenblicke habe ich alles, was in der Gestalt eines Hochdruckes in -den Bereich meiner<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span> heißhungrigen Fingerspitzen geriet, förmlich -verschlungen. Wie ich bereits erwähnt habe, erhielt ich während der -ersten Jahre meiner Erziehung keinen regelmäßigen Unterricht; auch las -ich nicht regelmäßig.</p> - -<p>Zuerst besaß ich nur wenig Bücher in Hochdruck — »Fibeln« für -Anfänger, eine Sammlung von Kindergeschichten und ein geographisches -Buch, »<span class="antiqua">Our World</span>«. Ich denke, das war alles; aber ich las sie -immer und immer wieder, bis die Worte so abgenutzt und abgegriffen -waren, daß ich sie kaum noch erkennen konnte. Bisweilen las mir -Fräulein Sullivan vor, indem sie mir kleine Geschichten und Gedichte -in die Hand buchstabierte, von denen sie wußte, daß ich sie verstehen -konnte; ich zog es jedoch vor, für mich selbst zu lesen, weil ich es -liebte, das, was mir gefiel, immer und immer wieder zu lesen.</p> - -<p>Erst während meines ersten Besuches in Boston begann ich systematisch -und mit vollem Ernste zu lesen. Es war mir gestattet worden, an -jedem Tage eine bestimmte Zeit in der Bibliothek zu verweilen, -von Bücherbrett zu Bücherbrett zu gehen und mir jedes Buch -herunterzunehmen, auf das meine Finger stießen. Und ich las und las, ob -ich nun ein Wort von zehn oder zwei Wörter auf einer Seite verstand. -Die Wörter selbst übten eine Art von Zauber auf mich aus; aber ich -hatte kein bewußtes Verständnis für das, was ich las. Mein Geist -muß jedoch zu dieser Zeit sehr eindrucksfähig gewesen sein, denn er -behielt viele Wörter und ganze Sätze, von deren Bedeutung ich nicht die -mindeste Ahnung hatte, und als ich später zu sprechen und zu schreiben -begann, kamen mir diese Wörter und Sätze ganz von selbst wieder ins -Gedächtnis, sodaß sich meine Freunde über die Reichhaltigkeit meines -Wortschatzes wunderten. Ich muß Abschnitte aus vielen Büchern (in -jenen frühen Tagen habe ich, wie ich glaube, nie ein Buch vollständig -gelesen) und eine große Menge Gedichte auf jene unverstandene Art -gelesen haben, bis<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> ich den »<span class="antiqua">Little Lord Fauntleroy</span>« entdeckte. -Dies war das erste zusammenhängende Buch, das ich mit Verständnis las.</p> - -<p id="Fauntleroy_I">Eines Tages fand mich meine Lehrerin in einer Ecke der Bibliothek, -wie ich meine Finger über die Seiten von Hawthornes »<span class="antiqua">The Scarlet -Letter</span>« gleiten ließ. Ich war damals ungefähr acht Jahre alt. -Ich erinnere mich, daß sie mich fragte, ob mir little Pearl gefalle, -und erklärte mir einige Worte, die ich nicht verstanden hatte. Dann -erzählte sie mir, sie habe eine wunderhübsche Geschichte von einem -kleinen Knaben, die mir sicherlich besser gefallen würde als »<span class="antiqua">The -Scarlet Letter</span>«. Der Titel dieser Geschichte lautete »<span class="antiqua">Little -Lord Fauntleroy</span>«, und sie versprach es mir im nächsten Sommer -vorzulesen. Aber wir begannen mit dieser Lektüre erst im August; die -ersten paar Wochen meines Aufenthaltes an der Küste waren so voller -Entdeckungen und Aufregungen, daß ich darüber das Vorhandensein von -Büchern ganz und gar vergaß. Dann reiste meine Lehrerin nach Boston, um -einige Freunde zu besuchen, und ließ mich kurze Zeit allein.</p> - -<p>Nach ihrer Rückkehr war beinahe das erste, was wir taten, daß wir die -Geschichte von dem »kleinen Lord Fauntleroy« zu lesen begannen. Ich -erinnere mich noch deutlich der Zeit und des Platzes, wo wir die ersten -Kapitel dieser reizenden Kindergeschichte lasen. Es war ein warmer -Augustnachmittag. Wir saßen zusammen in einer Hängematte, die zwischen -zwei mächtigen Fichten in der Nähe unseres Hauses befestigt war. Wir -waren gleich nach dem zweiten Frühstück aufgebrochen, um möglichst -viel Zeit für die Geschichte zu haben. Als wir durch das hohe Gras zu -der Hängematte eilten, sprangen die Grillen in großer Menge um uns -herum und blieben an unseren Kleidern hängen, und ich entsinne mich, -daß meine Lehrerin darauf bestand, sie alle abzusammeln, ehe wir uns -hinsetzten, was mir jedoch als unnötiger Zeitverlust erschien. Die -Hängematte war<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span> mit Fichtennadeln bedeckt, denn sie war während der -Abwesenheit meiner Lehrerin nicht benutzt worden. Die Sonne schien warm -auf die Fichtennadeln, sodaß sie all ihren Wohlgeruch ausströmten. Die -Luft war erquickend und hatte etwas von der Seeluft an sich. Ehe wir -zu lesen begannen, erklärte mir Fräulein Sullivan alles, wovon sie -wußte, daß ich es nicht verstehen würde, und während des Lesens selbst -erklärte sie mir die unbekannten Wörter. Anfänglich waren es sehr -viele Wörter, die ich nicht verstand, und die Lektüre wurde beständig -unterbrochen; sobald ich aber die allgemeine Situation aufgefaßt hatte, -wurde ich von der Erzählung selbst zu stark in Anspruch genommen, -als daß ich auf einzelne Wörter geachtet hätte, und ich fürchte, ich -paßte sehr wenig auf die Erläuterungen auf, die Fräulein Sullivan für -nötig fand. Als ihre Finger zu müde waren, um noch ein weiteres Wort -zu buchstabieren, hatte ich zum erstenmal ein deutliches Empfinden -von meinem körperlichen Gebrechen. Ich nahm das Buch in meine Hände -und versuchte die Buchstaben mit einer Sehnlichkeit des Verlangens zu -fühlen, die ich nie werde vergessen können.</p> - -<p>Später übertrug Herr Anagnos auf mein inständiges Bitten die Erzählung -in die Blindenschrift, und ich las sie immer und immer wieder, bis -ich sie beinahe auswendig kannte, und während meiner Kinderzeit blieb -der »kleine Lord Fauntleroy« mein holder, lieber Begleiter. Ich habe -diese Einzelheiten mitgeteilt, selbst auf die Gefahr hin, langweilig -zu erscheinen, weil sie in so starkem Gegensatze zu meinen sonstigen -unbestimmten, schwankenden und verworrenen Erinnerungen an meine erste -Lektüre stehen.<a name="FNAnker_10_10" id="FNAnker_10_10"></a><a href="#Fussnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a></p> - -<p>Von »<span class="antiqua">Little Lord Fauntleroy</span>« datiert sich der Beginn meines -wirklichen Interesses an Büchern. Während der<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span> nächsten beiden Jahre -las ich viele Bücher zu Hause und bei meinen Besuchen in Boston. Ich -kann mich nicht auf alle entsinnen, auch nicht, in welcher Reihenfolge -ich sie gelesen habe; aber ich weiß, daß sich unter ihnen befanden -»Greek Heroes«, Lafontaines Fabeln, Hawthornes »<span class="antiqua">Wonder Book</span>«, -»<span class="antiqua">Bible Stories</span>«, Lambs »<span class="antiqua">Tales from Shakespeare</span>«, -»<span class="antiqua">A Child’s History of England</span>« von Dickens, »<span class="antiqua">The Arabian -Nights</span>«, »<span class="antiqua">The Swiss Family Robinson</span>«, »<span class="antiqua">The Pilgrim’s -Progress</span>«, »<span class="antiqua">Robinson Crusoe</span>«, »<span class="antiqua">Little Women</span>« und -»<span class="antiqua">Heidi</span>«, eine hübsche kleine Geschichte, die ich später deutsch -las. Ich las sie in den Pausen zwischen Unterricht und Spiel, mit -einem sich immer mehr vertiefenden Verständnis. Ich studierte die -Bücher nicht, noch analysierte ich sie — ich wußte nicht, ob sie gut -geschrieben waren oder nicht, ich dachte weder an ihren Stil noch an -ihre Verfasser. Sie legten mir ihre Schätze zu Füßen, und ich nahm -sie hin, wie wir den Sonnenschein und die Liebe unserer Angehörigen -hinnehmen. Die Erzählung »<span class="antiqua">Little Women</span>« gefiel mir sehr gut, -weil sie in mir das Gefühl der Verwandtschaft mit Mädchen und Knaben -erweckte, die sehen und hören konnten. Da mein Leben in so vielen -Beziehungen eingeengt war, mußte ich in Büchern nach der Kunde von -einer Welt suchen, die außerhalb meiner eigenen lag.</p> - -<p>Lafontaines Fabeln las ich zuerst in einer englischen Uebersetzung, -fand aber keinen rechten Geschmack an ihnen. Später las ich das Buch -französisch; es gefiel mir aber trotz der in ihm enthaltenen lebhaften -Schilderungen und der wunderbaren Beherrschung der Sprache nicht -besser. Ich weiß nicht, woher dies kommen mag, aber Geschichten, -in denen Tiere vorkommen, die wie menschliche Wesen sprechen und -handeln, haben mich niemals besonders angesprochen. Die possierlichen -Karikaturen der Tiere nehmen mein Interesse so in Anspruch, daß ich an -die moralische Lehre gar nicht zu denken vermag.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span></p> - -<p>Ferner wendet sich Lafontaine selten, wenn überhaupt, an unser höheres -moralisches Bewußtsein. Die höchsten Saiten, die er anschlägt, sind -die der Vernunft und des Egoismus. Alle seine Fabeln durchzieht der -Gedanke, daß die Sittlichkeit des Menschen ausschließlich aus dem -Egoismus entspringe und daß, wenn dieser letztere durch die Vernunft -geleitet und im Zaum gehalten werde, notwendig Glückseligkeit die Folge -sein müsse. Nun ist aber, soweit ich zu urteilen vermag, der Egoismus -die Wurzel alles Schlechten; ich habe aber natürlich vielleicht -unrecht, denn Lafontaine hatte bessere Gelegenheit, die Menschen zu -beobachten, als ich wahrscheinlich je haben werde. Ich wende mich -nicht sowohl gegen die cynischen und satirischen Fabeln, wie vielmehr -gegen diejenigen, in denen wichtige Wahrheiten von Füchsen und Affen -gepredigt werden.</p> - -<p>Wohl aber liebe ich »<span class="antiqua">The Jungle Book</span>« und »<span class="antiqua">Wild Animals I -Have Known</span>«. Für die Tiere selbst empfinde ich ein wahrhaftes -Interesse, weil sie wirkliche Tiere und keine Karikaturen von Menschen -sind. Man sympathisiert mit ihrer Liebe und ihrem Hasse, man lacht über -ihre Possen und weint über ihre Leiden. Und wenn sie eine moralische -Lehre verkünden, so ist diese so fein versteckt, daß wir uns ihrer gar -nicht bewußt werden.</p> - -<p>Mit Freude und Bewunderung erfüllte mich die Betrachtung des -klassischen Altertums. Griechenland, das alte Griechenland übte einen -geheimnisvollen Zauber auf mich aus. In meiner Phantasie wandelten -die heidnischen Götter und Göttinnen noch auf Erden und verkehrten -persönlich mit den Menschen, und in meinem Herzen baute ich denen, -die ich am meisten liebte, Altäre. Ich kannte und liebte die ganze -Schar der Nymphen und Helden und Halbgötter — nein, nicht alle, denn -die Grausamkeit und Leidenschaftlichkeit Medeas und Jasons waren zu -ungeheuerlich, um vergeben werden zu können, und ich habe mich stets -ge<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span>wundert, warum die Götter ihnen erst gestatteten, Böses zu tun, und -sie dann für ihre Verruchtheit bestraften. Und das Geheimnis ist noch -jetzt nicht gelöst. Ich wundere mich auch jetzt noch oft, warum</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Gott schweigen kann, da doch die Sünde</div> - <div class="verse">Kriecht grinsend durch das hehre Haus der Zeit. —</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Es war die Ilias, die mir Griechenland zum Paradiese machte. Ich war -mit der Geschichte von Troja vertraut, ehe ich sie noch im Original -las, und stieß infolgedessen auf geringe Schwierigkeiten, als ich daran -ging, die Schätze, die in dem griechischen Text verborgen liegen, zu -heben, nachdem ich einmal die Vorhalle der Grammatik durchschritten -hatte. Wahre Poesie, mag sie in griechischer oder englischer -Sprache geschrieben sein, bedarf keines anderen Auslegers als eines -empfänglichen Herzens. Möchte doch die Menge der Philologen, die die -großen Werke der Dichter durch ihre Analyse, ihre Interpolationen -und mühsamen Kommentare ungenießbar machen, diese einfache Wahrheit -einsehen! Es ist nicht notwendig, daß man imstande sei, jedes Wort -zu erklären und ihm seine grammatische Stellung im Satze anzuweisen, -um ein schönes Gedicht zu verstehen und zu würdigen. Ich weiß, meine -gelehrten Professoren haben größere Reichtümer in der Ilias gefunden, -als ich je finden werde; ich bin aber nicht scheelsüchtig. Ich bins -zufrieden, daß andere klüger sind als ich. Aber all ihr umfassendes und -gründliches Wissen kann ebensowenig den Maßstab für ihren Genuß an dem -herrlichen Epos abgeben wie mein lückenhaftes Wissen für meinen Genuß. -Wenn ich die schönsten Stellen der Ilias lese, so werde ich mir einer -Seelenkraft bewußt, die mich weit über die engen, mich einzwängenden -Schranken meines Daseins hinaushebt. Meine physischen Gebrechen sind -vergessen — meine Welt liegt droben, der ganze Himmel gehört mir, so -weit und hoch er sich wölbt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span></p> - -<p>Meine Bewunderung für die Aeneis ist nicht so groß, aber nicht -weniger echt. Ich lese sie soviel wie möglich ohne die Hilfe von -Anmerkungen oder Wörterbuch und finde stets Genuß an der Uebersetzung -der Episoden, die mir besonders gefallen. Vergils Schilderungen sind -manchmal prachtvoll; aber seine Götter und Menschen bewegen sich in -Leidenschaft, Streit, Mitleid und Liebe wie die anmutigen Gestalten in -einem Maskenspiel aus der Zeit der Königin Elisabeth, während sie in -der Ilias jauchzend emporspringen und singend einhergehen. Vergil ist -heiter und lieblich wie ein marmorner Apollon im Mondschein; Homer ist -ein schöner, lebender Jüngling im vollen Sonnenschein, dessen Locken im -Winde flattern.</p> - -<p>Wie leicht ist es doch, mittels papierner Schwingen zu fliegen! -Zwischen den »Griechischen Helden« und der Ilias lag eine Strecke, die -ich nicht an einem Tage habe zurücklegen können; auch war die Reise -nicht allzu angenehm. Man hätte vielmal rund um die Erde reisen können, -während ich mir meinen steilen Pfad mühsam durch labyrinthische Massen -von Grammatiken und Wörterbüchern bahnte oder in jene furchtbaren -Fallgruben, Examina genannt, stürzte, die von Schulen und Universitäten -zum Verderben derer angelegt werden, die Erkenntnis suchen. Ich glaube, -diese Pilgerfahrt wird durch die Erreichung des Zieles gerechtfertigt; -allein sie erschien mir endlos trotz der schönen, überraschenden -Ausblicke, die ich dann und wann bei einer Biegung der Straße hatte.</p> - -<p>In der Bibel begann ich zu lesen, lange bevor ich sie verstehen konnte. -Jetzt erscheint es mir seltsam, daß es je eine Zeit gegeben haben -soll, in der meine Seele gegen die wunderbaren Harmonien der Bibel -taub war; aber ich entsinne mich noch ganz gut eines regnerischen -Sonntagvormittags, als ich nichts anderes zu tun hatte und daher -meine Cousine bat, mir eine Geschichte aus der Bibel vorzulesen. -Obgleich sie nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span> glaubte, daß ich sie verstehen würde, begann -sie mir die Geschichte von Josef und seinen Brüdern in die Hand zu -buchstabieren. Aber sie interessierte mich nicht. Die ungewöhnliche -Sprache und die fortwährenden Wiederholungen ließen mir die Geschichte -als unglaubwürdig erscheinen, besonders da sie in dem weit entlegenen -Lande Kanaan spielte; ich schlief ein und wanderte in das Land der -Träume hinüber, ehe die Brüder mit dem bunten Rock in das Zelt Jakobs -kamen und ihre verruchten Lügen vorbrachten! Ich kann nicht begreifen, -aus welchem Grunde die Erzählungen der Griechen für mich so voller -Reiz und die der Bibel so interesselos gewesen waren, wenn dies nicht -vielleicht daher rührte, daß ich in Boston die Bekanntschaft mehrerer -Griechen gemacht hatte und durch deren Begeisterung für die Sagen -des Vaterlandes angesteckt worden war, während ich noch mit keinem -einzigen Hebräer oder Aegypter zusammengekommen war und daher zu der -Ueberzeugung gelangte, daß diese Völker nichts als Barbaren und die -Geschichten über sie alle wahrscheinlich erdichtet seien, eine Annahme, -die die vielen Wiederholungen und die sonderbaren Namen erklärte. -Seltsam, es war mir nie eingefallen, die griechischen Patronymika -»sonderbar« zu finden.</p> - -<p>Wie soll ich aber von den Herrlichkeiten sprechen, die ich seitdem in -der Bibel entdeckt habe? Jahrelang habe ich dieses Buch der Bücher -mit immer wachsendem Entzücken und begeistertem Genuß gelesen, und -ich liebe es, wie ich kein anderes Buch liebe. Es steht zwar vieles -in der Bibel, gegen das sich jede Faser meines Wesens so sehr empört, -daß ich die Notwendigkeit bedaure, die mich zwang, sie von Anfang bis -zu Ende zu lesen. Ich glaube nicht, daß die Kenntnis, die ich von der -Geschichte ihrer Entstehung und ihren Quellen gewonnen habe, mich -für die widerwärtigen Einzelheiten entschädigt, auf die ich meine -Aufmerksamkeit habe lenken müssen. Ich für<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span> meinen Teil wünsche mit -Herrn Howells, daß die Literatur der Vergangenheit von allem häßlichen -und barbarischen gesäubert werden möge, obgleich ich mich ebenso sehr -dagegen sträube, daß diese großen Werke verstümmelt oder verfälscht -werden.</p> - -<p>In der Schlichtheit und der furchtbaren Folgerichtigkeit des -Buches Esther liegt etwas Wirkungsvolles und Erhabenes. Kann etwas -dramatischer sein als die Szene, in der Esther vor ihrem schändlichen -Herrn steht? Sie weiß, ihr Leben liegt in seiner Hand, es gibt keinen -Schutz für sie gegen seine Gewalttätigkeit. Und doch bezwingt sie ihre -weibliche Furcht und nähert sich ihm, beseelt von der edelsten Liebe zu -ihrem Volke und nur von dem einen Gedanken beherrscht: Wenn ich sterbe, -so sterbe ich; wenn ich aber am Leben bleibe, so soll mein Volk auch am -Leben bleiben.</p> - -<p>Auch die Geschichte von Ruth — wie echt orientalisch ist sie! Und -doch wie verschieden ist das Leben dieser einfachen Landleute von dem -Leben und Treiben am Hofe des Perserkönigs! Ruth ist so pflichtgetreu -und gutherzig, daß wir sie notgedrungen lieben müssen, wie sie unter -den Schnittern in dem wogenden Kornfelde steht. Ihre edle, selbstlose -Gesinnung glänzt hell wie ein strahlender Stern in der Nacht einer -finsteren und grausamen Zeit. Eine Liebe wie die Ruths, eine Liebe, -die sich über feindliche Glaubenssatzungen und tiefgewurzelte -Rassenvorurteile hinwegzusetzen vermag, ist in der ganzen Welt selten -zu finden.</p> - -<p>Die Bibel predigt mir den tiefen, tröstlichen Gedanken, daß die -„sichtbaren Dinge zeitlich, die unsichtbaren ewig sind“.</p> - -<p>Seitdem ich Bücher zu lieben imstande bin, kann ich mich keines -Zeitpunktes entsinnen, in dem ich Shakespeare nicht geliebt hätte. -Ich kann nicht genau angeben, wann ich Lambs »<span class="antiqua">Tales from -Shakespeare</span>« zu lesen begann; ich weiß nur, daß ich<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span> sie zuerst mit -kindlichem Verständnis und kindlichem Staunen las. »Macbeth« scheint -auf mich den tiefsten Eindruck gemacht zu haben. Ein einmaliges Lesen -genügte, jede Einzelheit der Erzählung meinem Gedächtnisse für immer -einzuprägen. Lange Zeit hindurch verfolgten mich die Geister und Hexen -sogar bis in meine Träume. Ich konnte den Dolch und Lady Macbeths -kleine weiße Hand sehen, buchstäblich sehen — der furchtbare Fleck -stand so leibhaft vor meinem inneren Auge, wie die von ihrem Gewissen -gefolterte Königin.</p> - -<p>»König Lear« las ich kurze Zeit nach »Macbeth«, und ich werde nie das -Grauen vergessen, das mich befiel, als ich zu der Szene kam, in der -Gloster die Augen ausgestochen werden. Zorn erfaßte mich, meine Finger -wollten nicht weiter, ich saß lange Zeit starr da, das Blut hämmerte -in meinen Schläfen, und aller Haß, dessen ein Kind fähig ist, stieg in -meinem Herzen auf.</p> - -<p>Die Bekanntschaft mit Shylock und Satan muß ich ungefähr um dieselbe -Zeit gemacht haben, denn die beiden Charaktere waren lange in meinem -Geiste miteinander verbunden. Ich erinnere mich, daß sie mir leid -taten. Ich hatte die unbestimmte Empfindung, daß sie nicht gut sein -konnten, selbst wenn sie gewollt hätten, weil niemand bereit schien, -ihnen zu helfen oder Gelegenheit zu bieten, ihre Güte zu betätigen. -Selbst jetzt kann ich es nicht über mein Herz bringen, sie gänzlich zu -verurteilen. Es gibt Augenblicke, in denen ich die Empfindung habe, -Männer wie Shylock, wie Judas und selbst der Teufel seien zerbrochene -Speichen in dem großen Rade des Guten, die der Meister zu gehöriger -Zeit schon wieder ausbessern wird.</p> - -<p>Es erscheint seltsam, daß meine erste Shakespeare-Lektüre so viele -unangenehme Erinnerungen bei mir hinterlassen hat. Die heiteren, -anmutigen, phantasievollen Stücke scheinen anfangs keinen Eindruck -auf mich gemacht zu haben, vielleicht weil sie<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> den Sonnenschein und -die Heiterkeit, die in der Regel über dem Leben eines Kindes lagern, -wiederspiegeln. Aber nichts ist launenhafter als das Gedächtnis eines -Kindes betreffs dessen, was es behalten und was es nicht behalten will.</p> - -<p>Seitdem habe ich Shakespeares Stücke zu wiederholtenmalen gelesen -und kenne Stellen aus ihnen auswendig, aber ich kann nicht angeben, -welches von ihnen mir am besten gefällt. Mein Genuß an ihnen wechselt -mit meiner Stimmung. Die kleinen Liedchen und die Sonette schätze ich -in ihrer wunderbaren Frische ebenso hoch wie die Dramen. Aber bei -all meiner Liebe für Shakespeare fällt mir es oft schwer, aus seinen -Versen alle Bedeutungen herauszulesen, die Kritiker und Erklärer ihnen -untergeschoben haben. Ich habe den Versuch gemacht, ihre Erläuterungen -zu behalten, aber ich habe bald entmutigt davon Abstand genommen, und -einen heimlichen Vertrag mit mir selbst geschlossen, keinen weiteren -Versuch zu unternehmen. Diesen Vertrag habe ich nur einmal gebrochen, -und zwar bei meinem Studium Shakespeares unter Leitung Professor -Kittredges. Ich weiß, es gibt viele Dinge in Shakespeare und in der -Welt, die ich nicht verstehe, und ich bin froh, zu sehen, wie sich -allmählich Schleier nach Schleier lüftet und mir neue Reiche des -Gedankens und der Schönheit enthüllt.</p> - -<p>Nächst der Poesie liebe ich Geschichte. Ich habe jedes historische -Werk gelesen, auf das ich meine Hände habe legen können, von der -Aufzählung trockener Tatsachen und noch trockenerer Daten bis hin zu -Greens unparteiischer und glänzend geschriebener »<span class="antiqua">History of the -English People</span>«; von Freemans »<span class="antiqua">History of Europe</span>« bis zu -Emertons »<span class="antiqua">Middle Ages</span>«. Das erste Buch, durch das ich einen -richtigen Begriff von dem Werte der Geschichte erhielt, war Swintons -»<span class="antiqua">World’s History</span>«, die ich an meinem dreizehnten Geburtstage -erhielt. Obgleich ich glaube, daß das Werk gegenwärtig als veraltet -angesehen<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span> wird, betrachte ich es doch immer noch als einen wertvollen -Schatz. Aus ihm habe ich gelernt, wie sich die Menschenrassen über -die Erde verbreitet und große Städte erbaut haben, wie einige große -Herrscher, irdische Titanen, alles unterworfen und durch ein einziges -Wort Millionen den Zugang zum Glücke geöffnet, aber vor noch mehr -Millionen denselben verschlossen haben, wie verschiedene Völker in -Kunst und Wissenschaft Pionierdienste geleistet und den Grund zu den -bedeutenderen Leistungen künftiger Zeiten gelegt haben, wie die Kultur -gleichsam zum Brandopfer eines entarteten Geschlechtes wurde und einem -Phönix gleich unter den edleren Söhnen des Nordens wieder erstand und -wie große, weise Männer durch Pflege der Freiheit, Duldung und Bildung -den Weg für die Erlösung der ganzen Welt gebahnt haben.</p> - -<p>Durch die Universitätsvorlesungen wurde ich auch einigermaßen mit der -französischen und deutschen Literatur bekannt. Der Deutsche zieht -sowohl im Leben wie in der Literatur Kraft der Schönheit und Wahrheit -dem Herkommen vor. Es liegt eine Stärke in allem, was er tut, die mit -der Gewalt eines Schmiedehammers wirkt. Wenn er spricht, so geschieht -es nicht, um andere zu überzeugen, sondern weil sein Herz springen -würde, wenn er den Gedanken, die in seiner Seele brennen, keinen Ausweg -eröffnete.</p> - -<p>Ferner liegt in der deutschen Literatur eine keusche Zurückhaltung, die -mir sympathisch ist; ihr größter Ruhm aber besteht meines Erachtens in -der Anerkennung der erlösenden Macht der selbstaufopfernden Liebe des -Weibes, die sich in ihr findet. Dieser Gedanke durchdringt die gesamte -deutsche Literatur und findet in mystischer Weise seinen Ausdruck in -Goethes »Faust«:</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Alles Vergängliche</div> - <div class="verse">Ist nur ein Gleichnis;</div> -<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span> - <div class="verse">Das Unzulängliche,</div> - <div class="verse">Hier wird’s Ereignis;</div> - <div class="verse">Das Unbeschreibliche,</div> - <div class="verse">Hier ist’s getan;</div> - <div class="verse">Das Ewig-Weibliche</div> - <div class="verse">Zieht uns hinan.<a name="FNAnker_11_11" id="FNAnker_11_11"></a><a href="#Fussnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a></div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Von allen französischen Schriftstellern, die ich gelesen habe, sagen -mir Molière und Racine am meisten zu. Bei Balzac finden sich einzelne -Schönheiten und bei Merimée Stellen, die wie ein frischer Windstoß -von der See her wirken. Alfred de Musset ist unmöglich. Ich bewundere -Victor Hugo — ich schätze sein Genie, seine glänzende Sprache, seine -Romantik; trotzdem gehört er nicht zu meinen Lieblingsschriftstellern. -Goethe und Schiller, überhaupt alle großen Dichter großer Völker sind -Verkünder ewiger Wahrheiten, und mein Geist folgt ihnen verehrungsvoll -in die Regionen, wo das Schöne, Wahre, Gute eins sind.</p> - -<p>Ich fürchte, ich bin in der Aufzählung meiner Lieblingsbücher zu -ausführlich geworden, und doch habe ich nur die Schriftsteller erwähnt, -die mir am besten gefallen; dabei könnte man leicht auf die Vermutung -kommen, daß mein Freundeskreis sehr engbegrenzt und undemokratisch sei, -und doch wäre dies ein gewaltiger Irrtum. Ich habe viele Schriftsteller -aus<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span> mancherlei Gründen gern, — Carlyle wegen seiner Rauheit und -seiner Verhöhnung alles falschen Wesens, Wordsworth, der die Einheit -von Mensch und Natur lehrt; ich finde einen hohen Genuß an den -Seltsamkeiten und Abenteuerlichkeiten Hoods, an Herricks Zierlichkeit -und dem Duft von Rosen und Lilien, den seine Verse ausströmen; ich -liebe Whittier wegen seiner Begeisterung und sittlichen Geradheit. -Ich kenne ihn persönlich, und die Erinnerung an unsere Freundschaft -verdoppelt den Genuß, den ich beim Lesen seiner Gedichte empfinde. -Ich liebe Mark Twain — wer tut dies nicht? Auch die Götter haben ihn -geliebt und in sein Herz alle Keime der Weisheit gepflanzt, auch aus -Furcht, er könne Pessimist werden, über seinen Geist den Regenbogen -der Liebe und des Glaubens gespannt. Ich liebe Scott wegen seiner -Frische, und seiner stürmisch sich Bahn brechenden Rechtlichkeit. Ich -liebe alle Schriftsteller, deren Empfindungen wie bei Lowell in dem -Sonnenschein des Optimismus emporquellen, Jungbrunnen der Freude und -des guten Willens, die gelegentlich auch einen Zornesspritzer von sich -geben und eine erquickende Atmosphäre von Liebe und Erbarmen um sich -her verbreiten.</p> - -<p>Mit einem Worte, die Literatur ist mein Utopien. Hier bin ich von -keinem Rechte ausgeschlossen. Keine Sinnesschranke schließt mich von -dem wohltuenden, genußreichen Verkehr mit meinen Lieblingsbüchern aus; -sie sprechen frei und unbehindert zu mir. Alle Schulweisheit erscheint -mir lächerlich gering gegenüber der „weltumspannenden Liebe und -himmlischen Barmherzigkeit“, die sich in ihnen ausspricht.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_10_10" id="Fussnote_10_10"></a><a href="#FNAnker_10_10"><span class="label">[10]</span></a> -Vergl. <a href="#Fauntleroy_III">S. 67</a>, <a href="#Fauntleroy_II">154</a>.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_11_11" id="Fussnote_11_11"></a><a href="#FNAnker_11_11"><span class="label">[11]</span></a> Im Original sind die Goetheschen Verse in einer, nebenbei -bemerkt mittelmäßigen, englischen Uebersetzung wiedergegeben und lauten -hier:</p> - -<div class="poetry-container antiqua"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">“All things transitory</div> - <div class="verse">But as symbols are sent.</div> - <div class="verse">Earth’s insufficiency</div> - <div class="verse">Here grows to event.</div> - <div class="verse">The indescribable</div> - <div class="verse">Here it is done.</div> - <div class="verse">The Woman-Soul leadeth us</div> - <div class="verse">Upward and on!”</div> - </div> - </div> -</div> - -</div> - -</div> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span></p> - -<h3 class="padtop2" id="Zweiundzwanzigstes_Kapitel">Zweiundzwanzigstes Kapitel.</h3> - -</div> - -<p class="s5 center mbot2">Liebe zur Natur. — Körperliche Uebungen. — Rudern. — Segeln. -— Halifax. — Regatta. — Sturm. — Aufenthalt in Wrentham. — -Weltbegebenheiten. — Krieg mit Spanien. — Soziale Kämpfe. — -Unterschied zwischen Stadt und Land. — Soziales Mitgefühl. — -Spaziergänge. — Radfahren. — Liebe zu Hunden. — Dame- und -Schachspiel. — Liebe zu Kindern. — Museen und Kunstsammlungen. — -Theaterbesuch. — Zeitweiliges Gefühl der Vereinsamung.</p> - -<p>Ich hoffe, meine Leser werden aus dem vorhergehenden Kapitel, das -sich mit meiner Lektüre beschäftigt, nicht etwa die Folgerung ziehen, -daß Bücher meine einzige Unterhaltung bilden; meine Unterhaltung und -Erholung sind sehr mannigfaltiger Art.</p> - -<p>Mehr als einmal habe ich in dem Verlauf meiner Selbstbiographie meine -Liebe zur Natur und zu körperlichen Uebungen im Freien erwähnt. Schon -als ich ein ganz kleines Mädchen war, lernte ich rudern und schwimmen, -und wenn ich mich im Sommer in Wrentham in Massachusetts aufhalte, so -verbringe ich den größten Teil meiner Zeit im Boote. Nichts gewährt -mir größeres Vergnügen, als meine Freunde, die mich besuchen, auf -den Fluß hinauszurudern. Selbstverständlich kann ich das Boot nicht -gut allein leiten. In der Regel sitzt jemand am Steuer und lenkt es, -während ich rudere. Bisweilen rudere ich jedoch auch ohne Steuer. Es -ist ganz amüsant, an den Wasserrosen und Wasserlilien oder an den -Büschen, die das Ufer umsäumen, entlangzufahren. Ich benutze Ruder mit -Lederstrippen, durch die sie in ihrer Lage in den Dollen festgehalten -werden, und merke an dem Widerstande des Wassers, wann sich die -Ruder im Gleichgewichte befinden. In derselben Weise kann ich auch -erkennen, wann ich gegen den Strom rudere. Ich liebe den Kampf mit -Wind und Wellen. Was wirkt er<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span>frischender auf unser Gemüt, als wenn -unser kleines festes Boot, unserem Willen und unserer Muskelkraft -gehorchend, leicht über die glitzernden, auf und nieder tanzenden -Wellen dahinschießt und wir das beständige, unwiderstehliche Anbranden -des Wassers spüren!</p> - -<p>Ebenso liebe ich das Canoefahren, und ich glaube, der Leser wird -lächeln, wenn ich erkläre, daß ich es namentlich in mondhellen Nächten -liebe. Zwar kann ich den Mond nicht hinter den Fichten am Himmel -emporsteigen und leise an der klaren Wölbung dahingleiten sehen und -auch nicht den leuchtenden Pfad, den sein Licht in dem Wasser bildet; -aber ich weiß es, Frau Luna ist da, und wenn ich auf meine Kissen -zurückgelehnt liege und meine Hand ins Wasser halte, so stelle ich -mir vor, sie berühre mich im Vorüberschreiten mit dem Saum ihres -Gewandes. Bisweilen schlüpft mir ein kühnes Fischlein zwischen den -Fingern hindurch, und oft streift eine Wasserlilie leise meine Hand. -Häufig werde ich mir der Weite des mich umgebenden Luftraumes bewußt, -wenn wir unter der Wölbung überhängender Büsche herauskommen. Eine -leuchtende Wärme scheint mich dann zu umfluten. Ob dies von den Bäumen -herrührt, die von der Sonne erwärmt wurden, oder vom Wasser, kann ich -nicht sagen. Ich habe es an kalten, stürmischen Tagen und in der Nacht -gespürt. Es ist wie der Kuß von warmen Lippen auf mein Gesicht.</p> - -<p>Mein Lieblingsvergnügen ist das Segeln. Im Sommer 1901 besuchte ich -Neuschottland und hatte dort mehrmals Gelegenheit, den Ozean kennen zu -lernen, wie ich sie noch nie zuvor gehabt hatte. Nachdem ich einige -Tage in der Heimat Evangelines zugebracht hatte, um die Longfellows -schönes Gedicht einen berückenden Zauber gewoben hat, gingen Fräulein -Sullivan und ich nach Halifax, wo wir den größten Teil des Sommers -über blieben. Der Hafen war unsere Freude, unser Paradies!<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span> Was für -herrliche Segelfahrten unternahmen wir nach Bedford Basin, Mc. Nabbs -Island, York Redoubt und nach dem Northwest Arm! Und nachts, was -verbrachten wir da für erquickende, wunderbare Stunden zwischen den -großen Kriegsschiffen! O, es war alles so interessant, so schön! Die -Erinnerung daran ist mir eine Freude für immer.</p> - -<p>Eines Tages erlebten wir ein schreckliches Abenteuer. Es fand eine -Regatta im Northwest Arm statt, an der die Boote der verschiedenen -Kriegsschiffe teilnahmen. Wir fuhren mit vielen anderen in einem -Segelboot hin, um uns die Wettfahrten mit anzusehen. Hunderte von -kleinen Segelbooten schaukelten auf und nieder, und die See war -still. Als die Wettfahrten vorüber waren und wir uns auf den Heimweg -machten, entdeckte jemand von der Gesellschaft eine schwarze Wolke, -die sich von der See aus näherte und immer größer und dichter wurde, -bis sie den ganzen Himmel bedeckte. Der Wind erhob sich, und die Wogen -brandeten zornig gegen unsichtbare Schranken an. Unser kleines Boot -nahm furchtlos den Kampf auf; mit gespannten Segeln und straffen Tauen -schoß es pfeilschnell vor dem Winde dahin. Jetzt verschwand es in -den Wirbeln, jetzt tanzte es auf dem Kamme einer riesigen Woge, aber -nur, um im nächsten Augenblicke unter furchtbarem Brausen und Zischen -wieder in die Tiefe zu schießen. Das Hauptsegel wurde heruntergerissen. -Wendend und beidrehend kämpften wir gegen den Wind an, der uns mit -fürchterlichem Ungestüm von einer Seite zur anderen warf. Unsere -Herzen pochten rascher, und unsere Hände bebten vor Aufregung, nicht -vor Furcht; denn wir besaßen die Herzen von Wikingern und wußten, daß -unser Steuermann Herr der Situation blieb. Er war durch manchen Sturm -mit sicherer Hand und seekundigem Auge gesegelt. Als wir an der großen -Barke und den im Hafen liegenden Kanonenbooten vorüberkamen, wurden wir -stürmisch begrüßt, und die<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span> Matrosen brachten dem Lenker des einzigen -kleinen Bootes, das sich in den Sturm hinausgewagt hatte, ein »Hipp, -hipp, Hurra« aus. Endlich erreichten wir frierend, hungrig und müde die -Landungsbrücke.</p> - -<p>Den vergangenen Sommer brachte ich in einem der anmutigsten Winkel -der Erde, einer der reizendsten Städte Neuenglands zu. Wrentham -in Massachusetts steht beinah zu all meinen Freuden und Leiden in -Beziehung. Viele Jahre lang war Red Farm, in der Nähe von King Philips -Pond, das Besitztum von Herrn I. E. Chamberlin und seiner Familie, -meine Heimat. Ich gedenke mit der tiefsten Dankbarkeit der Güte dieser -meiner lieben Freunde und der glücklichen Tage, die ich bei ihnen -verlebt habe. Die liebenswürdige Gesellschaft ihrer Kinder war mir -unendlich wert. Ich nahm an allen ihren Spielen, ihren Spaziergängen -durch die Wälder und ihren Lustfahrten auf dem Wasser teil. Das -Geplauder der Kleinen und ihr Wohlgefallen an den Geschichten, die -ich ihnen von Elfen und Gnomen, von dem Helden und dem schlauen Bär -erzählte, sind angenehme Erinnerungen für mich. Herr Chamberlin weihte -mich in die Geheimnisse der Bäume und der wild wachsenden Blumen ein, -bis ich mit dem leisen Ohr der Liebe das Emporsteigen des Saftes in der -Eiche vernahm und die Sonnenstrahlen von Blatt zu Blatt huschen sah.</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Gleichwie die Wurzeln in der dunklen Tiefe</div> - <div class="verse">Doch Anteil nehmen an des Wipfels Freuden,</div> - <div class="verse">Den Sonnenschein, die milde Luft empfanden</div> - <div class="verse">Vermöge der Alliebe der Natur —,</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0">so besitze ich auch eine Anschauung von Dingen, die ich nicht sehen -kann.</p> - -<p>Es scheint mir, als liege in jedem von uns die Fähigkeit, die Eindrücke -und Empfindungen zu verstehen, die das Men<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span>schengeschlecht von Anfang -an gehabt hat. Jedes Individuum besitzt eine unter der Schwelle -des Bewußtseins verborgene Erinnerung an die grünende Erde und die -murmelnden Gewässer, und weder Blindheit noch Taubheit kann es dieser -von vergangenen Generationen her überkommenen Gabe berauben. Diese -ererbte Fähigkeit ist eine Art sechsten Sinnes — ein Seelensinn, der -zugleich sieht, hört, fühlt.</p> - -<p>Ich habe viele Freunde unter den Bäumen in Wrentham. Einer von ihnen, -eine herrliche Eiche, ist der besondere Stolz meines Herzens. Ich -bringe alle meine übrigen Freunde zu dieser Königin des Waldes hin. Sie -steht auf einer Anhöhe bei King Philips Pond, und diejenigen, die in -der Baumkunde bewandert sind, behaupten, sie habe hier achthundert bis -tausend Jahre gestanden. Nach einer Ueberlieferung warf unter diesem -Baume König Philipp, der heldenhafte Indianerhäuptling, seinen letzten -Blick auf Himmel und Erde.</p> - -<p>Ich hatte auch noch eine andere Baumfreundin, liebenswürdig und nicht -so unnahbar wie die große Eiche — eine Linde, die an dem Hoftore -von Red Farm wuchs. Eines Nachmittages, während eines furchtbaren -Gewitters, spürte ich einen heftigen Krach gegen die Wand des Hauses -und wußte, noch ehe es mir jemand sagte, daß die Linde gefallen sei. -Wir gingen hinaus, um uns den Heldenbaum anzusehen, der sovielen -Stürmen widerstanden hatte, und mein Herz blutete, als ich ihn, der -so machtvoll gestritten hatte und jetzt so machtvoll gefallen war, am -Boden hingestreckt erblickte.</p> - -<p>Ich darf jedoch nicht vergessen, daß ich von meinen Erlebnissen im -letzten Sommer erzählen will. Sobald meine Examina vorüber waren, -eilten Fräulein Sullivan und ich nach diesem grünen Winkel, wo wir -ein kleines Landhaus an einem von den drei Seen besitzen, wegen deren -Wrentham berühmt ist. Hier gehörten die langen, sonnigen Tage mir, und<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span> -jeder Gedanke an Arbeit, College und die lärmende Stadt wurde in den -Hintergrund gedrängt. In Wrentham vernahmen wir ein Echo von dem, was -in der Welt vorging — Krieg, Bündnis, sozialer Kampf. Wir hörten von -den blutigen, unnötigen Seeschlachten in dem weitabgelegenen Stillen -Ozean und erfuhren von den Kämpfen zwischen Kapital und Arbeit. Wir -wußten, daß jenseits der Grenzen unseres Edens die Menschen im Schweiße -ihres Angesichts Geschichte machten, während sie doch besser getan -hätten, sich einen Feiertag zu gönnen. Aber wir kümmerten uns wenig um -diese Dinge. Sie würden vorübergehen; hier lagen Seen und Wälder, weite -mit Tausendschönchen übersäte Felder und süß duftende Wiesen, und diese -werden in aller Zukunft fortbestehen.</p> - -<p>Leute, die der Meinung sind, daß uns alle sinnlichen Eindrücke durch -Auge und Ohr zugehen, haben sich gewundert, daß ich, vielleicht -abgesehen von dem Fehlen des Pflasters, einen Unterschied zwischen den -Straßen der Stadt und den Wegen auf dem Lande bemerke. Sie vergessen, -daß mein ganzer Körper auf die mich umgebenden Verhältnisse reagiert. -Das Getöse und der Lärm der Stadt peitscht meine Gesichtsnerven; -ich fühle das rastlose Auf- und Niederwogen einer ungesehenen -Menschenmenge, und das mißtönende Treiben macht einen peinlichen -Eindruck auf mich. Das Rollen der schweren Wagen auf dem harten -Pflaster und das eintönige Klappern der Maschinen sind um so marternder -für die Nerven, wenn jemandes Aufmerksamkeit nicht durch die bunten, -wechselnden Bilder abgelenkt wird, die sich sehenden Menschen in den -geräuschvollen Straßen auf Schritt und Tritt darbieten.</p> - -<p>Auf dem Lande dagegen erblickt man nur die Schönheiten der Natur, -und die Seele wird nicht traurig gestimmt durch den erbarmungslosen -Kampf um das bloße Dasein, der in der dichtbevölkerten Stadt wütet. Zu -verschiedenenmalen habe<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> ich die engen, schmutzigen Straßen besucht, -in denen die armen Leute wohnen, und heißer Zorn und Entrüstung -steigen in mir auf bei dem Gedanken, daß gute Menschen es über sich -gewinnen können, in prächtigen Häusern zu wohnen und gesund und -stark zu sein, während andere dazu verurteilt sind, in häßlichen, -sonnenlosen Behausungen zu weilen und in Armseligkeit zu verkümmern. -Die Kinder, die sich auf diesen schmutzigen Straßen halbnackt und -abgemagert umhertreiben, schrecken vor jeder ausgestreckten Hand -zurück, als sollten sie einen Schlag bekommen. Ich kann die Erinnerung -an die lieben kleinen Geschöpfe nicht loswerden, und empfinde einen -fortwährenden nagenden Schmerz dabei. Auch Männer und Frauen gibt -es, die alle an Körper und Geist verkrüppelt und zurückgeblieben -sind. Ich habe ihre harten, rauhen Hände in den meinigen gehalten und -begriffen, was für ein endloses Ringen ihr Leben sein muß — nichts -weiter als eine Kette nutzloser Versuche, emporzukommen. Ihr Dasein -scheint ein ungeheures Mißverhältnis zwischen Anstrengung und Erfolg -zu sein. Sonne und Luft sind Gottes freies Geschenk an jedermann; sind -sie dies aber in der Tat? In die schmutzigen Straßen der Stadt drüben -dringt kein Sonnenstrahl, und die Luft ist verdorben. O Mensch, wie -kannst du deinen Bruder vergessen, ihm hindernd in den Weg treten und -dabei beten: „Unser täglich Brot gib uns heute“, wenn er keins hat. O -wollten doch jene Menschen die Stadt, deren Glanz und geräuschvolles -Treiben, ihr Gold verlassen und zu Wald und Feld, zu einer schlichten, -ehrenhaften Lebensweise zurückkehren! Dann würden ihre Kinder kräftig -wie edle Bäume werden und ihre Gedanken friedlich und lauter wie die -Blumen am Wegesrain. Es ist mir unmöglich, diese Gedanken zu verbannen, -wenn ich nach einem arbeitsreichen Jahre in der Stadt auf das Land -zurückkehre.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span></p> - -<p>Was für eine Freude ist es für mich, den weichen, elastischen Boden -wieder unter meinen Füßen zu fühlen, auf grasbewachsenen Wegen zu -Bächen zu wandern, deren Ufer mit Farnkraut bedeckt sind und in deren -sich kräuselnden Wellen ich meine Hände kühlen kann, oder über ein -Steinmäuerchen zu klettern und mich auf grünen Wiesen in ausgelassener -Fröhlichkeit umherzutummeln, mich auf dem Boden zu wälzen und die -Abhänge emporzuklimmen.</p> - -<p>Nächst einem behaglichen Spaziergange kommt als ein Hauptvergnügen für -mich ein Ausflug auf meinem Tandem in Betracht. Es ist ein herrliches -Gefühl, wenn mir der Wind ins Gesicht weht und ich die elastische -Bewegung meines Stahlrosses empfinde. Das rasche Durchschneiden der -Luft gewährt mir ein köstliches Gefühl der Kraft und des Schwunges, und -bei der Anstrengung hüpfen meine Pulse und jubelt mein Herz.</p> - -<p>Wenn irgend möglich, begleitet mich mein Hund auf meinen Ausflügen zu -Fuß, Rad, Pferd oder Boot. Ich habe viele Freunde unter den Hunden -gehabt — riesige Bullenbeißer, sanfte Wachtelhündchen, Jagdhunde und -ehrbare, zutrauliche Bull Terriers. Augenblicklich besitzt einer von -diesen letzteren die ganze Zuneigung meines Herzens. Er hat einen -langen Stammbaum, ein geringeltes Schwänzchen und das drolligste -Gesicht von der Welt. Meine Hundefreunde scheinen Kenntnis von meinen -Gebrechen zu haben und halten sich stets dicht an meiner Seite, wenn -ich allein bin. Ich liebe ihre Zärtlichkeiten und das beredte Wedeln -ihres Schweifes.</p> - -<p>Hält mich ein regnerischer Tag im Zimmer gefangen, so vertreibe ich -mir die Zeit wie andere Mädchen. Ich stricke und häkele gern; ich lese -aufs Geratewohl, wie ich es liebe, hier eine Zeile und dort eine oder -spiele vielleicht mit einem Freunde eine oder zwei Partien Dame oder -Schach. Ich habe ein besonderes Brett, auf dem ich diese Spiele spiele. -Die Felder sind<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span> vertieft, sodaß die Figuren in ihnen feststehen. Die -schwarzen Damensteine sind flach und die weißen oben gewölbt. Jeder -Stein hat in der Mitte eine Vertiefung, in der ein Metallknopf zur -Unterscheidung der Dame von den übrigen Steinen befestigt werden kann. -Die Schachfiguren sind von zweierlei Größe, die weißen größer als die -schwarzen, sodaß ich keine Mühe habe, die Operationen meines Gegners zu -verfolgen, indem ich nach jedem Zuge meine Hände leicht über das Brett -gleiten lasse. Das bei dem Bewegen der Figuren von einem Felde zum -anderen entstehende Geräusch zeigt mir an, wann die Reihe an mir ist.</p> - -<p>Bin ich zufällig ganz allein und in schlechter Laune, so lege ich -mir eine Patience — ein Spiel, das ich sehr liebe. Ich benutze dazu -Spielkarten, die rechts oben mit Braillezeichen versehen sind, die den -Wert der Karte angeben.</p> - -<p>Sind Kinder in meiner Nähe, so weiß ich kein größeres Vergnügen, als -mit ihnen herumzutollen. Selbst das kleinste Kind gibt für mich einen -ausgezeichneten Gesellschafter ab, und ich freue mich, sagen zu können, -daß die Kinder mich in der Regel gern haben. Sie führen mich herum -und zeigen mir die Dinge, die für sie von Interesse sind. Natürlich -können die Kleinen noch nicht mit ihren Fingern buchstabieren, aber -ich versuche, ihnen die Worte von den Lippen abzulesen. Wenn es mir -nicht gelingt, so nehmen sie ihre Zuflucht zu Gestikulationen. Mitunter -mißverstehe ich sie und tue etwas Verkehrtes. Dann brechen sie über -mein Versehen in kindliches Gelächter aus, und die Pantomime beginnt -von neuem. Ich erzähle ihnen oft Geschichten oder lehre sie ein Spiel, -und die Stunden enteilen uns im Fluge und hinterlassen uns frohe und -heitere Erinnerungen.</p> - -<p>Auch Museen und Kunstsammlungen sind für mich eine Quelle des Genusses -und der Begeisterung. Ohne Zweifel wird es manchem seltsam erscheinen, -daß die Hand ohne Unter<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span>stützung durch das Gesicht in dem kalten Marmor -Handlung, Empfindung, Schönheit soll wahrnehmen können; und doch habe -ich in der Tat hohen Genuß bei der Berührung großer Kunstwerke. Wenn -meine Fingerspitzen die Linien und die schwellenden Formen verfolgen, -so finden die die Idee und die Empfindung heraus, die der Künstler -dargestellt hat. Ich kann in den Zügen der Götter und Heroen Haß, Mut -und Liebe wahrnehmen, genau so, wie ich diese Gemütsbewegungen bei -lebenden Personen erkennen kann, wenn ich deren Gesicht berühren darf. -Ich fühle aus der Haltung der Diana die Anmut, die Waldesfreiheit -und den Geist heraus, der den Berglöwen zähmt und die wildesten -Leidenschaften unterjocht. Meine Seele ergötzt sich an der Ruhe und den -anmutigen Wellenlinien einer Venus, und in Barrés Bronzen enthüllen -sich mir die Geheimnisse des Dschungels.</p> - -<p>Ein Medaillon Homers hängt in meinem Studierzimmer an der Wand, in -passender Höhe, sodaß ich es leicht erreichen und mit liebender -Verehrung das schöne, traurige Antlitz berühren kann. Wie gut ich jede -Linie auf dieser hoheitsvollen Stirn kenne — Furchen, die das Leben -und die bitteren Erfahrungen des Kampfes und des Schmerzes gezogen -haben, diese blinden Augen, die selbst in dem toten Gips das Licht und -den blauen Himmel seines geliebten Hellas suchen und vergebens suchen, -diesen schönen festen, aufrichtigen, liebevollen Mund! Es ist das -Antlitz eines Dichters und eines Mannes, der mit dem Schmerz vertraut -ist. Ach, wie gut ich dieses Gebrechen verstehe, das ewige Dunkel, in -dem er weilte —</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">O Nacht, Nacht, Nacht beim hellen Glanz des Mittags.</div> - <div class="verse">O Nacht, unwiderruflich, Finsternis</div> - <div class="verse">Jedweder Hoffnung bar, den Tag zu schau’n!</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>In meiner Phantasie kann ich hören, wie Homer singend sich mit -unsicheren, langsamen Schritten seinen Weg von Lager zu<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span> Lager tastet -— singend von Leben, von Liebe, von Krieg, von den Heldentaten eines -edlen Volkes. Es war ein wunderbares, herrliches Lied, das dem blinden -Dichter unsterblichen Ruhm, die Bewunderung aller Zeiten eintrug.</p> - -<p>Ich bin mitunter im Zweifel, ob die Hand nicht empfänglicher für die -Schönheiten der Plastik ist als das Auge. Ich sollte meinen, der -wunderbare rhythmische Fluß der Linien ließe sich besser fühlen als -sehen. Wie dem aber auch sei, ich weiß, daß ich den Herzschlag der -alten Griechen in ihren marmornen Göttern und Göttinnen fühlen kann.</p> - -<p>Eine fernere Unterhaltung, zu der sich freilich seltener die -Gelegenheit bietet als zu den übrigen, ist der Theaterbesuch. Ich -habe viel mehr Genuß von der Beschreibung eines Stückes während der -Bühnenaufführung als von seiner Lektüre, weil ich mich dabei in -die Mitte der dargestellten aufregenden Ereignisse selbst versetzt -glaube. Ich habe das Glück gehabt, ein paar große Schauspieler und -Schauspielerinnen kennen zu lernen, die die Macht besaßen, die Zuhörer -so in ihrem Bann zu halten, daß diese darüber Zeit und Raum vergaßen -und in der romantischen Vergangenheit lebten. Ich habe Gesicht und -Kostüm von Fräulein Ellen Terry berühren dürfen, während sie das -Ideal einer Königin verkörperte, und ihr ganzes Wesen atmete eine -Erhabenheit, die auch das herbste Weh verklärt. Neben ihr stand Sir -Henry Irving, angetan mit den Insignien der Königswürde, und in jeder -Gebärde, in seiner ganzen Haltung lag eine Geisteshoheit, in jedem Zuge -seines ausdrucksvollen Gesichtes sprach sich ein Herrscherbewußtsein -aus, das überwältigend wirkte. In dem Königsantlitz, das er als Maske -trug, lagen eine Vornehmheit und ein Erhabensein über den Schmerz, die -ich nie vergessen werde.</p> - -<p>Auch Herrn Jefferson kenne ich. Ich bin stolz darauf, ihn zu meinen -Freunden zählen zu dürfen. Ich besuche das Theater<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span> stets, wenn ich -mich an dem Orte befinde, wo er auftritt. Zum erstenmal sah ich ihn -spielen, als ich in New York in die Schule ging. Er trat als Rip van -Winkle auf. Ich hatte oft die Erzählung gelesen, aber niemals war -mir der Reiz von Rips sanfter, kluger, gütiger Handlungsweise so zum -Bewußtsein gekommen, wie in dem Stücke. Herrn Jeffersons schöne, -ergreifende Darstellung riß mich vor Entzücken hin. Ich habe ein Bild -des alten Rip in meinen Fingern, das sich denselben unauslöschlich -eingeprägt hat. Nach der Vorstellung führte mich Fräulein Sullivan zu -ihm hinter die Kulissen, und ich betastete hier sein seltsames Gewand, -sein wallendes Haar, seinen Bart. Herr Jefferson ließ mich sein Gesicht -berühren, sodaß ich mir eine Vorstellung von seinem Aussehen machen -konnte, als er von jenem seltsamen zwanzigjährigen Schlafe erwachte, -und er zeigte mir, wie der arme alte Rip auf seinen Füßen hin- und -herschwankte.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="img_p132" name="img_p132"> - <img class="mtop1" src="images/img_p132.jpg" alt="" /></a> - <p class="caption mbot1">Helen Keller, Frl. Sullivan und Schauspieler - Jefferson</p> -</div> - -<p>Auch in den »Rivals« habe ich ihn gesehen. Einst spielte er mir, als -ich ihm in Boston, wo er auftrat, einen Besuch machte, die packendsten -Szenen der »Rivals« vor. Das Empfangszimmer, in dem wir saßen, diente -als Bühne. Er und sein Sohn setzten sich an den großen Tisch, und -Bob Acres schrieb seine Herausforderung. Ich verfolgte alle seine -Bewegungen mit den Händen und erhielt einen Eindruck von der Komik -seiner seltsamen Gebärden, den ich nie erhalten hätte, wenn mir alles -nur in die Hand buchstabiert worden wäre. Dann erhoben sich beide, -um das Duell auszufechten, und ich folgte den schnellen Stößen, dem -Parieren der Degen und dem Zittern des armen Bob, als ihm allmählich -der Mut entsank. Dann gab sich der große Schauspieler einen Ruck und -zog seine Mundwinkel herunter — und im Nu befand ich mich in dem Dorfe -Falling Water und fühlte Schneiders rauhes Haupt an meinem Knie. Herr -Jefferson<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span> rezitierte die schönsten Szenen aus »Rip van Winkle«, in -denen die Träne dem Lächeln dicht auf dem Fuße folgt. Er bat mich, ihm, -soweit es mir möglich sei, die Gestikulationen und das Spiel anzugeben, -die ich zu beobachten wünschte. Natürlich habe ich keine Ahnung von -dramatischem Spiel, und ich konnte nur aufs Geratewohl Andeutungen -machen; aber mit meisterhafter Kunst paßte er das Spiel den Worten an. -Rips Seufzer, als er murmelt: „Wird denn ein Mann so rasch vergessen, -wenn er fort ist?“, die Verdutztheit, mit der er Hund und Gewehr nach -seinem langen Schlafe sucht, und seine komische Unentschlossenheit -betreffs der Unterzeichnung des Vertrages mit Derrick — all dies -schien aus dem Leben selbst gegriffen zu sein, das heißt, aus dem -idealen Leben, in dem sich die Ereignisse nach unseren Wünschen richten.</p> - -<p>Ich erinnere mich meines ersten Theaterbesuches noch sehr gut. Es war -vor zwölf Jahren. Die kleine Schauspielerin Elsie Leslie war in Boston, -und Fräulein Sullivan nahm mich zur Aufführung von »<span class="antiqua">The Prince and -the Pauper</span>« mit. Nie werde ich den Wechsel von Heiterkeit und -Trauer vergessen, der in dem hübschen kleinen Stück herrschte, oder das -wunderbare Kind, das in ihm auftrat. Nach Beendigung der Vorstellung -durfte ich hinter die Kulissen gehen und sie in ihrem Königsgewande -betasten. Es würde schwer gewesen sein, ein lieblicheres oder -liebenswürdigeres Kind zu finden als Elsie, wie sie mit ihren auf die -Schultern herabfallenden goldenen Locken dastand, mit einem strahlenden -Lächeln um den Mund, ohne die geringste Spur von Befangenheit oder -Ermüdung, trotzdem sie vor einer zahllosen Zuschauermenge gespielt -hatte. Ich lernte damals eben sprechen und hatte mir vorher ihren -Namen so oft wiederholt, bis ich ihn ganz deutlich aussprechen konnte. -Man kann sich mein Entzücken denken, als sie die wenigen Worte, die -ich zu ihr sprach, verstand<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span> und mir sofort die Hand zur Begrüßung -entgegenstreckte.</p> - -<p>Ist es nun nicht wahr, daß mein Leben mit all seinen Beschränkungen in -vielen Punkten dem Leben der großen Welt gleicht? Alles besitzt sein -Wunderbares, selbst Dunkelheit und Stille, und ich lerne mich unter -allen Umständen mit meiner Lage bescheiden.</p> - -<p>Manchmal allerdings befällt mich ein Gefühl der Vereinsamung wie ein -kalter Nebel, wenn ich allein bin und vor dem geschlossenen Tore des -Lebens wartend sitze. Da drinnen ist Licht und Musik und heitere -Geselligkeit; aber mir ist der Eintritt verwehrt. Das Schicksal -versperrt mir schweigend, erbarmungslos den Weg. Gern würde ich wegen -seines unabwendbaren Beschlusses mit ihm hadern, denn mein Herz ist -noch ungebärdig und leidenschaftlich; aber meine Zunge will die -bitteren, nutzlosen Worte, die sich auf meine Lippen drängen, nicht -aussprechen, und sie sinken in mein Herz zurück wie unvergossene -Tränen. Unermeßliches Schweigen lagert über meiner Seele. Dann naht -sich die Hoffnung mit einem Lächeln und flüstert mir zu: „Auch im -Selbstvergessen liegt Genuß.“ Und so versuche ich das Licht in anderer -Augen zu meiner Sonne, die Musik in anderer Ohren zu meiner Symphonie, -das Lächeln auf anderer Lippen zu meinem Glücke zu machen.</p> - -<div class="section"> - -<h3 class="padtop2" id="Dreiundzwanzigstes_Kapitel">Dreiundzwanzigstes Kapitel.</h3> - -</div> - -<p class="s5 center mbot2">Beglückendes Gefühl der Freundschaft. — Bischof Brooks. — Kein -Verlangen nach dem Jenseits. — Henry Drummond. — <span class="antiqua">Dr.</span> -Oliver Wendell Holmes. — Whittier. — <span class="antiqua">Dr.</span> Edward Everett -Hale. — <span class="antiqua">Dr.</span> Alexander Graham Bell.— Charles Dudley Warner. -— Mark Twain u. a. — Schlußwort.</p> - -<p>Ich wollte, ich könnte in dieser Skizze die Namen aller derer -aufführen, die zur Erhöhung meines Glückes beigetragen haben! Teils -würde man sie in den Annalen unserer<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span> Literatur aufgezeichnet finden, -vielen Herzen teuer, während andere den meisten meiner Leser völlig -unbekannt sein dürften. Aber der Einfluß ihrer Persönlichkeit wird, -obgleich nichts von ihm verlautet, in dem Dasein derer, die durch ihn -gebildet und veredelt worden sind, eine unvergängliche Rolle spielen. -Das sind Festtage in unserem Leben, wenn wir Menschen begegnen, die -auf uns wirken wie ein schönes Gedicht, Menschen, deren Handschlag -voller unausgesprochener Sympathie ist und deren milde, reiche Naturen -unserem ungestümen, ungeduldigen Gemüte eine wunderbare Ruhe mitteilen, -die im innersten Kerne ihres Wesens göttlichen Ursprunges ist. Die -Rastlosigkeit, die Erbitterung, die Qual, die uns verfolgt haben, -verschwinden wie böse Träume, und wir erwachen, um die Schönheit und -Harmonie von Gottes wirklicher Welt mit neuen Augen zu erblicken und -mit neuen Ohren zu vernehmen. Die leeren Förmlichkeiten, die unser -Alltagsleben ausfüllen, gewinnen plötzlich eine höhere, tiefere -Bedeutung. Mit einem Worte, in der Nähe solcher Freunde fühlen wir, -daß alles gut ist. Vielleicht haben wir sie nie zuvor gesehen, und -vielleicht werden sich unsere Lebenspfade nie wieder kreuzen, aber -der Einfluß ihrer ruhigen, milden Naturen wirkt wie ein kühlendes Bad -auf unsere Unzufriedenheit, und wir spüren die von ihm ausgehende -heilkräftige Erquickung, wie der Ozean die Bergströme spürt, die seine -Fluten erfrischen.</p> - -<p>Ich bin oft gefragt worden: „Werden Sie von den Leuten nicht -belästigt?“ Ich verstehe nicht ganz, was dies heißen soll. Ich glaube, -die Besuche beschränkter und neugieriger Menschen, namentlich die der -Zeitungsberichterstatter, sind stets unbequem. Auch liebe ich Leute -nicht, die sich im Gespräch zu meinem Standpunkt herabzulassen bemühen. -Sie gleichen denen, die, wenn sie neben uns hergehen, sich bemühen, -ihre Schritte zu verkürzen, um sie den unsrigen anzu<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span>passen; die -Heuchelei wirkt in beiden Fällen gleich erbitternd.</p> - -<p>Die Hände der Menschen führen für mich eine beredte Sprache. Die -Berührung mancher Hände ist eine Beleidigung. Ich bin Leuten -begegnet, die so bar aller Lebensfreude waren, daß, wenn ich ihre -eisigen Fingerspitzen berührte, es mir vorkam, als reiche ich -einem Nordoststurm die Hand. Es gibt andere, deren Hände gleichsam -Sonnenstrahlen an sich tragen, so daß mir ihre Berührung das Herz -erwärmt. Es braucht nur der Druck einer Kinderhand zu sein; aber für -mich liegt darin ebensoviel erquickender Sonnenstrahl wie für andere -in einem Liebesblicke. Ein herzlicher Händedruck oder ein freundlicher -Brief macht mir stets Freude.</p> - -<p>Ich habe viele Freunde in der Ferne, die ich nie gesehen habe. In der -Tat sind ihrer so viele, daß ich oft außer stande bin, ihre Briefe zu -beantworten; ich wünsche ihnen jedoch hier zu sagen, daß ich ihnen -stets für ihre gütigen Worte dankbar bin, so unzulänglich auch die -Anerkennung meinerseits ausfallen mag.</p> - -<p id="Philips_Brooks">Ich rechne es zu den angenehmsten Erinnerungen meines Lebens, viele -bedeutende Männer kennen gelernt zu haben und mit ihnen in persönliche -Berührung gekommen zu sein. Nur wer Bischof Brooks kennt, vermag -zu ermessen, wie wertvoll seine Freundschaft für die ist, die sie -besitzen. Als Kind liebte ich es, auf seinen Knien zu sitzen und -meine kleine Hand auf seine große zu legen, während Fräulein Sullivan -mir in die andere seine herrlichen Worte über Gott und das Jenseits -buchstabierte. Ich hörte ihm mit kindlichem Staunen und Entzücken -zu. Mein Geist konnte dem Fluge des seinigen nicht folgen, aber er -lehrte mich wahren Lebensgenuß, und ich verließ ihn nie, ohne einen -erhebenden Gedanken mit mir davonzutragen, der an Schönheit und Tiefe -der Bedeutung zunahm, je mehr ich heranwuchs. Als ich einst über die -große Menge der Religionen<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span> verwirrt war, sagte er zu mir: „Es gibt -nur eine Weltreligion, Helen — die Religion der Liebe. Liebe deinen -himmlischen Vater von ganzem Herzen und mit ganzer Seele, liebe jedes -Kind Gottes, so innig du es nur kannst, und erinnere dich daran, daß -das Gute eher Aussicht auf Verwirklichung besitzt als das Böse, und -du hast den Schlüssel zum Himmelreich.“ — Und sein Leben bildete ein -treffliches Beispiel zu dieser großen Wahrheit. In seiner edlen Seele -standen Liebe und das umfassendste Wissen im Bunde mit dem Glauben, der -zur Erkenntnis geworden war. Er erblickte</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Gott in allem, was erhebt, befreit und tröstet,</div> - <div class="verse">So auch in allem, was uns niederdrückt.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Bischof Brooks lehrte mich kein besonderes Glaubensbekenntnis -oder Dogma; allein er prägte meinem Geiste zwei große Ideen ein -— die Eigenschaft Gottes als Vater und die der Menschen als -Brüder — und setzte mir auseinander, daß diese Wahrheiten allen -Glaubensbekenntnissen und Kulturformen zugrunde liegen. Gott ist die -Liebe, Gott ist unser Vater, wir sind seine Kinder; daher werden sich -die dunkelsten Wolken dereinst zerteilen, und obgleich das Recht mit -Füßen getreten werden kann, so soll das Unrecht doch nicht triumphieren.</p> - -<p>Ich bin hier auf Erden zu glücklich, um viel an das Jenseits zu -denken, abgesehen davon, daß ich mich erinnere, daß geliebte Freunde -im Himmelreich meiner warten. Trotz der Reihe von Jahren scheinen sie -mir doch so nahe zu sein, daß ich mich keinen Augenblick wundern würde, -wenn sie meine Hand ergriffen und zärtliche Worte sprächen, wie sie -dies vor ihrem Hinscheiden zu tun pflegten.</p> - -<p>Seit Bischof Brooks’ Tode habe ich die Bibel von Anfang bis zu Ende -gelesen, ebenso einige philosophische Werke über<span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span> Religion, unter ihnen -Swedenborgs »Himmel und Hölle« und Drummonds »<span class="antiqua">Ascent of Man</span>«; -ich habe jedoch kein Glaubensbekenntnis oder System gefunden, das -mich mehr befriedigt hätte als Bischof Brooks’ Religion der Liebe. -Ich kannte Herrn Henry Drummond persönlich, und bei der Erinnerung -an seinen kräftigen, warmen Händedruck ist es mir, als erteilte er -mir seinen Segen. Er war der angenehmste Gesellschafter, den man sich -denken kann. Er besaß ein so reiches Wissen und war so geistvoll, daß -er jedermann mit sich fortriß.</p> - -<p id="Holmes">Ich erinnere mich noch sehr gut meines ersten Zusammentreffens mit -<span class="antiqua">Dr.</span> Oliver Wendell Holmes. Er hatte Fräulein Sullivan und -mich eingeladen, ihn eines Sonntagnachmittags zu besuchen. Es war zu -Beginn des Frühjahrs, kurz, nachdem ich sprechen gelernt hatte. Wir -wurden sofort nach der Bibliothek gewiesen, wo wir ihn in einem großen -Armstuhl bei einem offenen Feuer, das im Kamin glühte und prasselte, -sitzen fanden, in Erinnerungen vergangener Zeiten versunken, wie er -sagte.</p> - -<p>„Und zugleich in das Rauschen des Charlesflusses“, — fügte ich hinzu.</p> - -<p>„Ja,“ — antwortete er, „der Charlesfluß erinnert mich an viele -glückliche Stunden.“ — Es herrschte ein Geruch von bedrucktem Papier -und Leder in dem Raume, der mir sagte, daß es voller Bücher sei, und -ich streckte unwillkürlich meine Hand aus, um sie zu suchen. Ich -ergriff eine schöne Ausgabe von Tennysons Gedichten, und als mir -Fräulein Sullivan gesagt hatte, was es für ein Buch sei, begann ich zu -rezitieren:</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse antiqua">Break, break, break</div> - <div class="verse antiqua">On thy cold gray stones, O sea!</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Aber ich hielt plötzlich inne. Ich fühlte Tränen auf meiner Hand. -Ich hatte meinen geliebten Dichter zum Weinen gebracht und war ganz -untröstlich darüber. Er nötigte mich in<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span> seinen Armstuhl und brachte -mir verschiedene interessante Dinge zum Befühlen, und auf seine Bitte -deklamierte ich ihm auch »<span class="antiqua">The Chambered Nautilus</span>«, das damals -mein Lieblingsgedicht war. Später besuchte ich <span class="antiqua">Dr.</span> Holmes noch -öfters und lernte in ihm sowohl den Menschen wie den Dichter lieben.</p> - -<p id="Whittier">An einem schönen Sommertage, nicht lange nach meiner ersten Begegnung -mit <span class="antiqua">Dr.</span> Holmes, besuchten Fräulein Sullivan und ich Herrn -Whittier in seinem stillen Heim am Merrimac. Seine Ritterlichkeit und -seine gewählte Ausdrucksweise gewannen ihm sofort mein Herz. Er besaß -einen Band seiner Gedichte in Hochdruck, aus dem ich »<span class="antiqua">In School -Days</span>« las. Er war entzückt, daß ich die Worte so gut aussprechen -konnte, und sagte, es sei ihm nicht schwer gefallen, mich zu verstehen. -Dann richtete ich einige Fragen betreffs des Gedichtes an ihn und las -seine Antwort ab, indem ich ihm meine Finger auf die Lippen legte. Er -erklärte, er selbst sei der kleine Knabe in dem Gedicht, der Name des -Mädchens sei Sally gewesen und noch mehr dergleichen, was ich aber -vergessen habe. Ich deklamierte auch »<span class="antiqua">Laus Deo</span>«, und als ich die -Schlußworte sprach, legte er mir die Statue eines Sklaven in die Hände, -von dessen zusammengekrümmter Gestalt die Ketten abfielen, gerade so -wie sie von Petrus’ Gliedern abfielen, als der Engel ihn aus dem Kerker -herausführte. Später gingen wir in sein Studierzimmer, und hier schrieb -er ein Autogramm<a name="FNAnker_12_12" id="FNAnker_12_12"></a><a href="#Fussnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a> für meine Lehrerin nieder und drückte ihr seine -Bewunderung über das, was sie getan hatte, aus, indem er zu mir sagte: -„Sie ist deine geistige Befreierin“. Dann geleitete er mich bis zur -Gartenpforte und<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span> küßte mich zum Abschiede zärtlich auf die Stirn. Ich -versprach ihm, ihn im folgenden Sommer wieder zu besuchen; er starb -aber, ehe ich mein Versprechen erfüllen konnte.</p> - -<p id="Edward_Everett_Hale"><span class="antiqua">Dr.</span> Edward Everett Hale ist einer meiner allerältesten Freunde. -Ich kenne ihn seit meinem achten Lebensjahre, und meine Liebe zu ihm -hat zugenommen, je älter ich wurde. An seiner weisen, liebevollen -Teilnahme haben Fräulein Sullivan und ich uns in den Tagen der Prüfung -und Trübsal aufgerichtet, und seine starke Hand hat uns über manche -steile und steinige Strecke unseres Pfades hinweggeholfen, und was er -für uns getan hat, das hat er für tausend andere getan, die schwierige -Aufgaben zu erfüllen haben. Er hat die alten Schläuche des Dogmas mit -dem neuen Wein der Liebe gefüllt und den Menschen gezeigt, was es -heißt, zu glauben, zu leben und frei zu sein. Was er gelehrt hat, das -haben wir in seinem Leben auf das schönste ausgedrückt gefunden — -Vaterlandsliebe, Güte dem geringsten seiner Brüder gegenüber und ein -aufrichtiges Verlangen, sich über das irdische emporzuschwingen. Er -ist ein Prophet und Herzenskündiger gewesen, ein mächtiger »Täter des -Worts«, der Freund seines ganzen Geschlechtes — Gott segne ihn!</p> - -<p>Meine erste Begegnung mit <span class="antiqua">Dr.</span> Alexander Graham Bell habe ich -schon erwähnt. Seitdem habe ich viele glückliche Tage mit ihm in -Washington und auf seinem schönen Landsitz im Innern von Cape Breton -Island verlebt, in der Nähe von Baddeck, dem durch Charles Dudley -Warners Buch berühmt gewordenen Dorfe. Hier habe ich in <span class="antiqua">Dr.</span> -Bells Laboratorium oder auf den Feldern am Ufer des großen Bras d’Or -viele genußreiche Stunden zugebracht, in denen er mir von seinen -Experimenten erzählte und ich ihm bei dem Steigenlassen von Drachen -half, mittels deren er die Gesetze, die die Luftschiffahrt der Zukunft -beherrschen werden, zu ergründen hofft. <span class="antiqua">Dr.</span> Bell<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span> hat bedeutende -Leistungen auf vielen wissenschaftlichen Gebieten aufzuweisen und -besitzt die Gabe, alles, was er in die Hand nimmt, interessant zu -machen, selbst die verwickeltsten Fragen. Man hat bei ihm das Gefühl, -daß, wenn man nur ein wenig mehr Zeit hätte, man auch ein Erfinder sein -könnte. Dazu hat er eine humoristische und eine poetische Seite. Seine -Hauptleidenschaft ist seine Liebe zu Kindern. Nie ist er so durchaus -glücklich, als wenn er ein kleines taubstummes Kind in seinen Armen -hält. Seine Arbeiten zum Besten der Taubstummen werden fortleben und -noch über künftige Generationen von Kindern Segen verbreiten, und wir -lieben ihn ebenso für das, was er selbst geleistet, wie für das, wozu -er andere angeregt hat.</p> - -<p>In den zwei Jahren, die ich in New York verlebte, hatte ich oft -Gelegenheit, mit hervorragenden Männern zu sprechen, deren Namen ich -oft gehört, mit denen ich aber niemals zusammenzutreffen gehofft -hatte. Zum größten Teile lernte ich diese in dem Hause meines -lieben Freundes Herrn Laurence Hutton kennen. Es war eine große -Vergünstigung, ihn und die liebe Frau Hutton in ihrer reizenden Villa -besuchen zu dürfen, ihre Bibliothek zu besichtigen und die herrlichen -Empfindungen und glänzenden Gedanken zu lesen, die begabte Freunde -für sie niedergeschrieben hatten. Man hat mit Recht gesagt, Herr -Hutton besitzt die Fähigkeit, aus jedem die besten Gedanken und die -zartesten Empfindungen herauszulocken. Man braucht nicht die Erzählung -»<span class="antiqua">A Boy I Knew</span>« zu lesen, um ihn zu verstehen — den mit dem -reinsten, kindlichsten Gemüt begabten Mann, den treuen Freund in allen -Lebenslagen, der sowohl das Leben der Hunde wie das seiner Mitmenschen -liebevoll verfolgt.</p> - -<p>Frau Hutton ist eine aufrichtige, bewährte Freundin. Vieles, was ich -für das Beste und Wertvollste halte, verdanke ich ihr. Oft hat sie mir -während meines Universitätsstudiums<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span> mit Rat und Tat beigestanden. Wenn -ich meine Lebensaufgabe schwer und entmutigend finde, so schreibt sie -mir Briefe, die mich wieder froh und tapfer machen; denn sie gehört zu -denen, von denen wir lernen können, daß die Erfüllung einer mühevollen -Pflicht die Erfüllung der nächsten einfacher und leichter macht.</p> - -<p id="Mark_Twain_I">Herr Hutton führte mich bei vielen seiner literarischen Freunde ein, -von denen die bedeutendsten Herr William Dean Howells und Mark Twain -sind. Auch mit Herrn Richard Watson Gilder und Herrn Edmund Clarence -Stedman traf ich zusammen. Auch Herrn Charles Dudley Warner lernte ich -kennen, den reizendsten Erzähler und liebenswürdigsten Freund, dessen -Gutherzigkeit so umfassend war, daß man von ihm in Wahrheit sagen -konnte, er liebte alle lebenden Wesen und seinen Nächsten wie sich -selber. Einmal stellte mir Herr Warner den Dichter der Wälder, — Herrn -John Burroughs, vor. Sie waren alle liebenswürdig und sympathisch, und -ich wurde mir des Zaubers ihrer Persönlichkeit ebenso bewußt, wie ich -früher die Schönheit ihrer Abhandlungen und Gedichte bewundert hatte. -Ich konnte nicht Schritt halten mit all diesen Schriftstellern, wie sie -von einem Gegenstand zum anderen übersprangen und sich in tiefsinnige -Disputationen einließen oder in der Unterhaltung ihren Witz glänzen -ließen. Ich glich dem kleinen Ascanius, der mit seinen trippelnden -Füßchen den heroischen Schritten seines Vaters Aeneas auf seinem -Lebenswege, der ihn mächtigen Geschicken entgegenführte, folgte. Aber -sie teilten mir viel Interessantes mit. So erzählte mir Herr Gilder von -seinen Reisen im Mondschein durch die weite Wüste zu den Pyramiden, und -in seinem Briefe, den er mir schrieb, drückte er unter der Unterschrift -seinen Stempel so tief in das Papier hinein, daß ich ihn fühlen -konnte. Dies erinnert mich daran, daß <span class="antiqua">Dr.</span> Hale seinen Briefen -an mich einen<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span> persönlichen Zug verlieh, indem er seine Unterschrift -in Brailleschrift gab. Von Mark Twains Lippen las ich ein paar seiner -prächtigen Erzählungen ab. Er hat seine eigene Art, zu denken, zu -sprechen und zu handeln. Ich fühle das Zwinkern seines Auges in seinem -Händedrucke. Eben dadurch, daß er seine cynische Weisheit in einer -unsagbar drolligen Weise vorbringt, erweckt er die Empfindung, daß sein -Herz voll des tiefsten, innigsten Mitgefühls ist.</p> - -<p>Es gibt noch eine Menge anderer interessanter Leute, mit denen ich in -New York zusammengetroffen bin: Frau Mary Mapes Dodge, die beliebte -Herausgeberin vom »<span class="antiqua">St. Nicholas-Magazine</span>«, und Frau Riggs (Kate -Douglas Wiggin), die anmutige Verfasserin von »<span class="antiqua">Patsy</span>«. Ich -erhielt von ihnen Geschenke, bei deren Auswahl das Herz mitgesprochen -hat, Bücher mit ihren eigenen Gedanken, seelenvolle Briefe und -Photographien, die ich mir immer und immer wieder beschreiben lasse. -Allein mir fehlt der Raum, hier aller meiner Freunde zu gedenken, -und in der Tat gibt es in Bezug auf sie Dinge, die sich hinter -Cherubsschwingen bergen, Dinge, die zu heilig sind, um in kalte -Druckschrift umgesetzt zu werden. Nur mit innerem Widerstreben habe ich -soeben von Frau Laurence Hutton gesprochen.</p> - -<p>Ich will noch zwei weitere befreundete Personen erwähnen. Die eine -ist Frau William Thaw in Pittsburgh, die ich oft auf ihrem Landsitze -in Lyndhurst besucht habe. Sie ist stets damit beschäftigt, jemand -glücklich zu machen, und all die Jahre über, die meine Lehrerin und ich -sie kennen, haben wir stets bei ihr großmütige Hilfe und weisen Rat -gefunden.</p> - -<p>Auch meinem anderen Freunde bin ich zu tiefem Danke verpflichtet. -Er ist wegen seiner mächtigen Hand, mit der er große Unternehmungen -leitet, weit und breit bekannt, und seine bewundernswerten -Eigenschaften haben ihm die allgemeine Achtung erworben. Freundlich -zu jedermann tut er unausgesetzt<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span> in der Stille und unbemerkt Gutes. -Wiederum berühre ich den Kreis geachteter Namen, die ich nicht nennen -darf, aber ich möchte gern seine Hochherzigkeit und seine rege -Teilnahme an meinem Geschick hervorheben, die es mir möglich gemacht -haben, die Universität zu besuchen.</p> - -<p>So haben meine Freunde mein Leben zu dem gemacht, was es ist. Auf -tausenderlei Art haben sie meine Gebrechen in herrliche Vorrechte -verwandelt und mich in den Stand gesetzt, heiter und glücklich in dem -von meinen körperlichen Mängeln geworfenen Schatten zu wandeln.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_12_12" id="Fussnote_12_12"></a><a href="#FNAnker_12_12"><span class="label">[12]</span></a> <span class="antiqua">With great admiration of thy noble work in releasing -from bondage the mind of thy dear pupil, I am truly thy friend, John -G. Whittier.</span> (Mit der größten Bewunderung für dein edles Werk der -Befreiung des Geistes deiner lieben Schülerin von der Knechtschaft bin -ich dein aufrichtiger Freund John G. Whittier.)</p> - -</div> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Zweiter_Teil"><span class="s6">Zweiter Teil</span><br /> - -Helen Kellers Briefe<br /> - -<span class="s5">1887–1901.</span></h2> - -</div> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span></p> - -<h3 class="padtop2" id="Briefe_1887_1901"><span class="mleft0_2">B</span><span class="mleft0_2">r</span><span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">f</span><span class="mleft0_2">e</span> -(1887–1901).<br /> -<span class="s5">(Auswahl.)</span></h3> - -</div> - -<p class="s5 center mbot2">Erste Schreibversuche. — Zwei Briefe an die blinden Mädchen -im Perkinsschen Institut. — Brief an Herrn Anagnos mit der -Schilderung eines Picknicks im Walde. — Brief an Onkel Morrie über -den Ausflug nach Plymouth. — Brief an Herrn Anagnos mit einigen -französischen und griechischen Redensarten. — Brief an Tante -Eveline Keller mit Übersetzungen von griechischen, französischen, -lateinischen und deutschen Redensarten und Wörtern. — Brief mit -astronomischen Angaben. — Briefe an Herrn Anagnos über seine -Reise nach Europa. — Brief mit Wiedergabe des Inhalts eines -Andersenschen Märchens. — Brief an Fräulein Sullivan. — Brief an -Whittier. — Brief an <span class="antiqua">Dr.</span> Holmes. — Brief an Fräulein Sarah -Fuller. — Brief an den nachmaligen Bischof Brooks. — Brief über -Tommy Stringer. — Brief über die Reise nach dem Niagarafall. — -Brief über den Besuch der Weltausstellung in Chicago. — Brief über -ein Zusammentreffen mit Mark Twain. — Brief über den Besuch des -Bostoner Museums. — Brief über den Eindruck, den das Orgelspiel -auf Helen Keller gemacht hat. — Stellen aus verschiedenen Briefen -über Leidensgefährten. — Brief an <span class="antiqua">Dr.</span> Hale, geschrieben am -Vorabend der Howefeier.</p> - -<p>Fräulein Sullivan begann Helen Keller am 3. März 1887 zu unterrichten. -Dreieinhalb Monate, nachdem dieser das erste Wort in die Hand -buchstabiert worden war, schrieb sie mit Bleistift folgenden Brief:</p> - -<p class="p0 mtop1"><span class="u">An Helens Cousine Anna (Frau George T. Turner).</span><a name="FNAnker_13_13" id="FNAnker_13_13"></a><a href="#Fussnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a></p> - -<p class="right mright1">[Tuscumbia, Alabama, 17. Juni 1887.]</p> - -<p><span class="antiqua">helen write anna george will give Helen apple simpson will shoot -bird jack will give Helen stick of candy doctor will give mildred -medicine mother will make mildred new dress</span></p> - -<p class="right mright1 mbot1">[Ohne Unterschrift.]</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_13_13" id="Fussnote_13_13"></a><a href="#FNAnker_13_13"><span class="label">[13]</span></a> Die ersten Äußerungen Helens sind englisch wiedergegeben -worden, weil der in ihnen enthaltene eigenartige Reiz in der -Übersetzung vollständig verwischt werden würde. Auf die beiden Briefe -an die blinden Mädchen im Perkinsschen Institute wird im dritten Teil -(<a href="#Bezug_Briefe">S. 248</a>) Bezug genommen, weswegen sie hier im vollständigen Wortlaute -mitgeteilt werden. — Das Faksimile der dem Buche vorangeschickten -eigenhändigen Widmung Fräulein Kellers gewährt eine Vorstellung von -ihrer Handschrift, wie sie jetzt ist.</p> - -</div> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span></p> - -<p class="p0 mtop1"><span class="u">An Frau Kate Adams Keller.</span></p> - -<p class="right mright1">[Huntsville, Alabama, 12. Juli 1887.]</p> - -<p class="antiqua">Helen will write mother letter papa did give helen medicine mildred -will sit in swing mildred did kiss helen teacher did give helen peach -george is sick in bed george arm is hurt anna did give helen lemonade -dog did stand up.</p> - -<p class="antiqua">conductor did punch ticket papa did give helen drink -of water in car</p> - -<p class="antiqua">carlotta did give helen flowers anna will buy helen pretty new hat -helen will hug and kiss mother helen will come home grandmother does -love helen</p> - -<p class="center antiqua">good-by</p> - -<p class="right mright1 mbot1">[Ohne Unterschrift.]</p> - -<p>Im folgenden September zeigte Helen Fortschritte in Bezug auf -vollständigere Satzkonstruktion und reicheren Gedankeninhalt.</p> - -<p class="p0 mtop1" id="Brief_3_10_1887"><span class="u">An die blinden Mädchen im -Perkinsschen Institut in Boston.</span></p> - -<p class="right mright1">[Tuscumbia, September 1887.]</p> - -<p class="antiqua">Helen will write little blind girls a letter Helen and teacher will -come to see little blind girls Helen and teacher will go in steam car -to boston Helen and blind girls will have fun blind girls can talk on -fingers Helen will see Mr anagnos Mr anagnos will love and kiss Helen -Helen will go to school with blind girls Helen can read and count and -spell and write like blind girls mildred will not go to boston Mildred -does cry prince and jumbo will go to boston papa does shoot ducks with -gun and ducks<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span> do fall in water and jumbo and mamie do swim in water -and bring ducks out in mouth to papa Helen does play with dogs Helen -does ride on horseback with teacher Helen does give handee grass in -hand teacher does whip handee to go fast Helen is blind Helen will put -letter in envelope for blind girls</p> - -<p class="center antiqua">good-by</p> - -<p class="right mright1 mbot1 antiqua">Helen Keller</p> - -<p>Ein paar Wochen später ist ihr Stil korrekter und gewandter. Ihre -Ausdrucksweise ist besser geworden, obgleich sie immer noch den -Artikel ausläßt und die Konstruktion mit »<span class="antiqua">did</span>« für das einfache -Imperfektum gebraucht. Es ist dies eine Eigenart, die sich bei Kindern -häufig findet.</p> - -<p class="p0 mtop1" id="Brief_24_10_1887"><span class="u">An die blinden Mädchen im -Perkinsschen Institute.</span></p> - -<p class="right mright1">[Tuscumbia, 24. Oktober 1887.]</p> - -<p class="antiqua">dear little blind girls</p> - -<p class="antiqua">I will write you a letter I thank you for pretty desk I did write to -mother in memphis on it mother and mildred came home Wednesday mother -brought me a pretty new dress and hat papa did go to huntsville he -brought me apples and candy I and teacher will come to boston and see -you nancy is my doll she does cry I do rock nancy to sleep mildred is -sick doctor will give her medicine to make her well. I and teacher did -go to church Sunday mr. lane did read in book and talk Lady did play -organ. I did give man money in basket. I will be good girl and teacher -will curl my hair lovely. I will hug and kiss little blind girls mr. -Anagnos will come to see me.</p> - -<p class="center antiqua">good-by</p> - -<p class="right mright1 mbot1 antiqua">Helen Keller.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span></p> - -<p>Mit Beginn des nächsten Jahres wird Helens Ausdrucksweise bestimmter. -Sie gebraucht mehr Adjektiva, auch Adjektiva der Farbe. Obgleich sie -keine sinnliche Kenntnis von Farben haben kann, so vermag sie doch die -Worte in verständiger, zutreffender Weise zu gebrauchen. Der folgende -Brief enthält die Schilderung eines Picknicks im Walde und zeigt, in -welcher Weise Fräulein Sullivan die Erholungsstunden zur Belehrung -auszunutzen wußte.</p> - -<p class="p0 mtop1"><span class="u">An Herrn Michael Anagnos.</span></p> - -<p class="right mright1">Tuscumbia, Ala. 3. Mai 1888.</p> - -<p>Lieber Herr Anagnos. Ich freue mich, heute an Sie schreiben zu können, -da ich Sie sehr liebe. Ich war sehr glücklich, hübsches Buch und -niedliche Bonbons und zwei Briefe von Ihnen zu erhalten. Ich werde Sie -bald besuchen und viele Fragen über Länder an Sie richten, und Sie -werden gutes Kind lieben.</p> - -<p>Mutter macht mir hübsche neue Kleider, die ich in Boston tragen werde -(<span class="antiqua">to wear in Boston</span>), und ich werde niedlich aussehen, um kleine -Mädchen und Knaben und Sie zu besuchen. Freitag gingen Lehrerin und ich -zu einem Picknick mit kleinen Kindern. Wir spielten Spiele und aßen -Mittagbrot unter den Bäumen, und wir fanden Farne und wilde Blumen. Ich -ging in die Wälder und lernte Namen von vielen Bäumen. Es gibt Pappel- -und Zedern- und Fichten- und Eichen- und Eschen- und Hickory- und -Ahornbäume. Sie werfen einen angenehmen Schatten, und die kleinen Vögel -lieben es, sich auf den Bäumen hin- und herzuschaukeln und zu singen. -Kaninchen hüpfen, und Eichhörnchen laufen, und häßliche Schlangen -kriechen in den Wäldern. Geranien und Jasminrosen sind kultivierte -Pflanzen. Ich helfe Mutter und Lehrerin sie jeden Abend vor dem Essen -begießen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span></p> - -<p>Vetter Artur machte mir eine Schaukel in der Esche. Tante Ev. ist nach -Memphis gegangen. Onkel Frank ist hier. Er pflückt Erdbeeren für das -Mittagessen. Nancy ist wieder krank, neue Zähne machen sie unwohl. -Adeline ist gesund, und sie kann am Montag mit mir nach Cincinnati -gehen. Tante Ev. will mir eine Knabenpuppe schicken, Harry wird Nancys -und Adelines Bruder sein. Kleine Schwester ist gutes Mädchen. Ich bin -jetzt müde und will nach unten gehen. Ich sende Ihnen mit Brief viele -Küsse und Liebkosungen.</p> - -<p class="center">Ihr Lieblingskind</p> - -<p class="right mright1 mbot1">Helen Keller.</p> - -<p>Gegen Ende Mai reisten Frau Keller, Helen und Fräulein Sullivan nach -Boston. Unterwegs blieben sie ein paar Tage in Washington, wo sie <span class="antiqua">Dr.</span> -Alexander Graham Bell und den Präsidenten Cleveland besuchten. Am 26. -Mai langten sie in Boston an und begaben sich nach dem Perkinsschen -Institut; hier traf Helen mit den kleinen blinden Mädchen zusammen, mit -denen sie das Jahr zuvor korrespondiert hatte.</p> - -<p class="s5">(Vergl. Teil I <a href="#Reise_nach_Boston">S. 43</a>.)</p> - -<p>Im Juli besuchte Helen Plymouth. Der folgende, drei Monate -später geschriebene Brief zeigt, wie gut sie sich ihres ersten -Geschichtsunterrichts erinnerte. Der »Onkel Morrie« ist Herr Morrison -Heady aus Normandy (Kentucky), der als Knabe das Gesicht und Gehör -verloren hatte. Er hat einige Gedichte geschrieben, die gar nicht übel -sind.</p> - -<p class="p0 mtop1"><span class="u">An Herrn Morrison Heady.</span></p> - -<p class="right mright1">Süd-Boston, Mass. 1. Oktober 1888.</p> - -<p>Mein lieber Onkel Morrie! Ich hoffe, Du wirst Dich recht freuen, einen -Brief von Deiner kleinen lieben Freundin Helen zu erhalten. Ich bin -sehr glücklich, Dir zu schreiben,<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span> weil ich an Dich denke und Dich -liebe. Ich lese schöne Geschichten in dem Buche, das Du mir geschickt -hast, über Karl und sein Boot und Artur und seinen Traum und Rosa und -das Schäfchen.</p> - -<p>Ich bin in einem großen Boote gewesen. Es war wie ein Schiff. Mutter -und Lehrerin und Frau Hopkins und Herr Anagnos und Herr Rodocanachi und -viele andere Freunde gingen nach Plymouth, um sich viele alte Dinge -anzusehen. Ich will Dir eine kleine Geschichte über Plymouth erzählen.</p> - -<p>Vor vielen Jahren lebten in England viele gute Leute, aber der König -und seine Freunde waren nicht lieb und sanft und geduldig mit den guten -Leuten, weil der König nicht wollte, daß die Leute ihm ungehorsam -waren. Die Leute wollten nicht gerne mit dem König in die Kirche gehen, -sondern bauten für sich selbst sehr niedliche kleine Kirchen.</p> - -<p>Der König war sehr böse auf die Leute, und sie waren traurig, und sie -sagten: Wir wollen nach einem fremden Lande gehen, dort zu wohnen, und -liebe teure Heimat und unartigen König verlassen. So legten sie alle -ihre Sachen in große Kisten und sagten: Lebewohl. Sie tun mir leid, -weil sie sehr weinten. Als sie nach Holland kamen, kannten sie niemand, -und sie konnten nicht wissen, worüber die Leute sprachen, denn sie -verstanden kein Holländisch. Aber bald lernten sie einige holländische -Wörter, aber sie liebten ihre eigene Sprache und wünschten nicht, -daß kleine Knaben und Mädchen sie vergaßen und komisches Holländisch -sprechen lernten. So sagten sie: Wir müssen nach einem neuen Lande -gehen weitweg und Schulen und Häuser und Kirchen bauen und neue -Städte machen. So legten sie alle ihre Sachen in Kisten und sagten -Lebewohl zu ihren neuen Freunden und segelten in einem großen Boote -fort, um ein neues Land zu finden. Arme Leute waren nicht glücklich, -denn ihre Herzen waren voller trauriger Gedanken, weil sie nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span> -viel von Amerika wußten. Ich denke, kleine Kinder müssen sich vor -einem großen Ozean gefürchtet haben, denn er ist sehr stark und wirft -ein großes Boot hin und her, und dann fallen die kleinen Kinder hin -und zerschlagen sich ihre Köpfe. Nachher waren sie viele Wochen auf -dem tiefen Ozean, wo sie keine Bäume oder Blumen und kein Gras sehen -konnten, sondern nur Wasser und den schönen Himmel, denn die Schiffe -konnten damals nicht schnell segeln, weil die Menschen noch nichts von -Maschinen und vom Dampf wußten. Eines Tages wurde ein lieber kleiner -Knabe (<span class="antiqua">a dear little baby-boy</span>) geboren. Sein Name war Peregrine -White. Ich bin sehr traurig, daß der arme kleine Peregrine jetzt tot -ist. Jeden Tag gingen die Leute auf Deck, um nach Land auszuschauen. -Eines Tages war ein großes Geschrei auf dem Schiff, denn die Leute -sahen das Land und waren voller Freude, weil sie sicher ein neues Land -erreicht hatten. Kleine Mädchen und Knaben hüpften und klatschten in -die Hände. Sie waren alle froh, als sie an einem großen Felsen Halt -machten. Ich sah den Felsen in Plymouth und ein kleines Schiff wie die -Mayflower und die Wiege, in der der liebe kleine Peregrine schlief, und -viele alte Dinge, die in der Mayflower kamen. Es würde Dich freuen, -Plymouth einmal zu besuchen und viele alte Dinge zu sehen.</p> - -<p>Nun bin ich sehr müde, und ich will mich ausruhen.</p> - -<p>Mit vieler Liebe und vielen Küssen von Deiner kleinen Freundin</p> - -<p class="right mright1 mbot1">Helen A. Keller.</p> - -<p>Die fremdsprachigen Ausdrücke in den folgenden Briefen, von denen -der erste während eines Besuches im Blindenkindergarten geschrieben -wurde, hat Helen Monate zuvor kennen gelernt und in ihrem Gedächtnis -aufbewahrt. Sie machte sich die Wörter zurecht und bediente sich ihrer, -indem sie sie mit<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span>unter ganz sinngemäß gebrauchte, mitunter aber auch -nur nach Papageienart wiederholte. Selbst wenn sie Wörter oder Gedanken -nicht ganz verstand, so liebte sie sie dennoch niederzuschreiben. Auf -diese Weise lernte sie Wörter, die einen Gesichts- und Gehörseindruck -und mithin Vorstellungen bezeichnen, die außerhalb ihrer persönlichen -Erfahrung liegen, richtig gebrauchen. »Edith« ist Edith Thomas.</p> - -<p class="p0 mtop1" id="Fauntleroy_II"><span class="u">An Herrn Michael Anagnos.</span></p> - -<p class="right mright1">Roxbury, Mass. 17. Oktober 1888.</p> - -<p class="antiqua">Mon cher Monsieur Anagnos.</p> - -<p>Ich sitze am Fenster, und die schöne Sonne bescheint mich. Lehrerin -und ich kamen gestern in den Kindergarten. Es sind hier sieben kleine -Mädchen, und alle sind blind. Ich bin traurig, daß sie nicht viel sehen -können. Werden sie einst sehr gesunde Augen haben? Die arme Edith ist -blind und taub und stumm. Sind Sie sehr traurig über Edith und mich? -Ich werde bald nach Hause gehen, um meine Mutter und meinen Vater und -meine kleine gute, süße Schwester wiederzusehen. Ich hoffe, Sie werden -nach Alabama kommen, um mich zu besuchen, und ich will Sie in meinem -kleinen Wagen zu einer Ausfahrt mitnehmen, und ich hoffe, Sie werden -sich freuen, wenn Sie mich auf dem Rücken meines kleinen lieben Ponys -sehen... Wenn ich dreizehn Jahre alt bin, will ich in viele fremde und -schöne Länder reisen. Ich werde sehr hohe Berge in Norwegen ersteigen -und viel Eis und Schnee sehen. Ich hoffe, ich werde nicht fallen und -mir den Kopf zerschlagen. Ich werde den kleinen Lord Fauntleroy<a name="FNAnker_14_14" id="FNAnker_14_14"></a><a href="#Fussnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a> in -England besuchen, und er wird sich freuen, mir sein großes und sehr -altes Schloß zu zeigen. Und wir werden zu den Hirschen laufen und die -Kaninchen füttern und die Eichhörnchen fangen. Ich werde mich nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span> -vor Fauntleroys großem Hunde Dougal fürchten. Ich hoffe, Fauntleroy -wird mich mitnehmen, damit ich eine sehr freundliche Königin sehe. Wenn -ich nach Frankreich gehe, will ich französisch sprechen. Ein kleiner -französischer Knabe wird sagen: <span class="antiqua">Parlez-vous français?</span> und ich -werde sagen: <span class="antiqua">Oui, Monsieur, vous avez un joli chapeau. Donnez-moi un -baiser.</span> Ich hoffe, Sie werden mich mit nach Athen nehmen, um das -Mädchen von Athen zu besuchen. Sie war eine sehr liebliche Dame, und -ich will griechisch mit ihr sprechen. Ich will sagen: <span class="antiqua">se agapo</span> -und <span class="antiqua">pos echete</span>, und ich denke, sie wird sagen <span class="antiqua">kalos</span>, und -dann will ich sagen <span class="antiqua">chaere</span>. Wollen Sie die Freundlichkeit haben, -mich bald zu besuchen und mich mit nach dem Theater zu nehmen. Wenn -Sie kommen, will ich sagen <span class="antiqua">Kale emera</span>, und wenn Sie nach Hause -gehen, will ich sagen <span class="antiqua">Kale nykta</span>. Nun bin ich zu müde, um mehr -zu schreiben. <span class="antiqua">Je vous aime. Au revoir.</span></p> - -<p class="center">Von Ihrer kleinen Lieblingsfreundin</p> - -<p class="right mright1 mbot1">Helen A. Keller.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_14_14" id="Fussnote_14_14"></a><a href="#FNAnker_14_14"><span class="label">[14]</span></a> -Siehe <a href="#Fauntleroy_III">S. 67.</a> <a href="#Fauntleroy_I"> 107 ff.</a></p> - -</div> - -</div> - -<p class="p0 mtop1"><span class="u">An Fräulein Evelina H. Keller.</span></p> - -<p class="right mright1">[Boston, 29. Oktober 1888.]</p> - -<p>Meine liebste Tante! Ich werde sehr bald kommen, und ich denke, Du und -jedermann wird sehr froh sein, meine Lehrerin und mich wiederzusehen. -Ich freue mich sehr, daß ich viel über viele Dinge gelernt habe. Ich -studiere Französisch und Deutsch und Lateinisch und Griechisch. <span class="antiqua">Se -agapo</span> ist griechisch und heißt: Ich liebe dich. <span class="antiqua">J’ai une bonne -petite soeur</span> ist französisch und heißt: Ich habe eine gute kleine -Schwester. <span class="antiqua">Nous avons un bon père et une bonne mère</span> heißt: Wir -haben einen guten Vater und eine gute Mutter. <span class="antiqua">Puer</span> ist Knabe -im Lateinischen und Mutter ist <span class="antiqua">mother</span> im Deutschen. Ich<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span> will -Mildred viele Sprachen lehren, wenn ich nach Hause komme.</p> - -<p class="right mright1 mbot1">Helen A. Keller.</p> - -<p>In einem Briefe an ein Fräulein Bennet, datiert Tuscumbia, den 29. -Januar 1889, teilt Helen ihre astronomischen Kenntnisse mit. Es heißt -darin unter anderem:</p> - -<p class="mtop2 mbot2">Ich habe in meinem Buche über Astronomen gelesen. Astronom kommt -von dem lateinischen Worte <span class="antiqua">astra</span>, das Sterne bedeutet, und -Astronomen sind Männer, die die Sterne studieren und uns von ihnen -erzählen. Wenn wir ruhig in unseren Betten schlafen, beobachten sie -den schönen Himmel durch das Teleskop. Ein Teleskop gleicht einem -sehr scharfen Auge. Die Sterne sind soweit entfernt, daß man ohne -ganz vorzügliche Instrumente wenig von ihnen erzählen kann. Sehen -Sie gern aus Ihrem Fenster und betrachten Sie die kleinen Sterne? -Lehrerin sagt, sie kann die Venus von unserem Fenster aus sehen, -und dies ist ein großer, schöner Stern. Die Sterne heißen die -Geschwister der Erde.</p> - -<p>Während des Winters arbeiteten Fräulein Sullivan und ihre Schülerin -fleißig in Tuscumbia, und zwar mit gutem Erfolge, denn im Laufe des -Frühjahrs nahm Helens Ausdrucksweise echt englisches Gepräge an. -Seit dem Mai 1889 finden sich, abgesehen von einigen offenbaren -Schreibfehlern, keine Verstöße gegen die Regeln der Sprache; sie -gebraucht die Worte richtig und bildet fließende Sätze. So schreibt sie -am 18. Mai 1889 in einem Briefe an Herrn Anagnos:</p> - -<p class="mtop2 mbot2">Sie können es sich nicht vorstellen, wie erfreut ich war, gestern -abend einen Brief von Ihnen zu erhalten. Es tut mir sehr leid, daß -Sie so weit fortgehen. Wir werden Sie sehr, sehr vermissen. Ich -würde gern viele schöne Städte mit Ihnen<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span> besuchen. Als ich in -Huntsville war, traf ich mit <span class="antiqua">Dr.</span> Bryson zusammen, und er -erzählte mir, er sei in Rom, Athen, Paris und London gewesen. Er -hatte die hohen Berge in der Schweiz erstiegen, schöne Kirchen in -Italien und Frankreich besucht und viele alte Schlösser gesehen. -Ich hoffe, Sie werden die Freundlichkeit haben, mir aus allen -Städten, die Sie besuchen, zu schreiben. Wenn Sie nach Holland -kommen, so grüßen Sie bitte die liebliche Prinzessin Wilhelmine -herzlichst von mir. Sie ist ein liebes kleines Mädchen, und wenn -sie alt genug ist, so wird sie Königin von Holland sein. Wenn Sie -nach Rumänien kommen, so fragen Sie, bitte, die Königin Elisabeth -nach ihrem kleinen kranken Bruder und sagen Sie ihr, daß ich sehr -traurig bin, daß ihr geliebtes Töchterchen gestorben ist. Ich -möchte gern Vittorio, dem kleinen Prinzen von Neapel, einen Kuß -senden, aber Lehrerin sagt, sie fürchte, Sie könnten so viele -Aufträge nicht behalten. Wenn ich dreizehn Jahre alt bin, so werde -ich sie alle selbst besuchen.</p> - -<p id="Bezug_Andersen">Der folgende Brief an Helens französische Lehrerin enthält die -Wiedergabe eines Märchens von Andersen (vergl. unten <a href="#Andersens_Maerchen">S. 327</a>).</p> - -<p class="p0 mtop1"><span class="u">An Fräulein Fannie S. Marrett.</span></p> - -<p class="right mright1">Tuscumbia, 17. Mai 1889.</p> - -<p>Mein liebes Fräulein Marrett! Ich muß an ein liebes, kleines -Mädchen denken, das sehr heftig weinte. Sie weinte, weil ihr Bruder -sie sehr geärgert hatte. Ich will Ihnen erzählen, was er getan -hatte, und ich denke, Sie werden das kleine Mädchen von Herzen -bedauern. Sie hatte eine sehr schöne Puppe zum Geschenk erhalten. -O, es war eine reizende, zarte Puppe! aber der Bruder des kleinen -Mädchens, ein großer Junge, hatte ihr die Puppe weggenommen und sie -auf einen<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span> hohen Baum im Garten gesetzt und war dann davongelaufen. -Das kleine Mädchen konnte die Puppe nicht erreichen und konnte ihr -nicht herunterhelfen, und daher weinte sie. Auch die Puppe weinte -und breitete ihre Arme zwischen den grünen Zweigen aus und machte -ein ganz trauriges Gesicht. Bald würde die finstere Nacht kommen -— sollte da die Puppe die ganze Nacht ganz allein auf dem Baume -sitzen? Das kleine Mädchen konnte diesen Gedanken nicht ertragen. -»Ich will bei dir bleiben,« sagte sie zu der Puppe, obgleich sie -nicht allzu beherzt war. Schon begann sie ganz deutlich zu sehen, -wie die kleinen Elfen in ihren großen spitzigen Hüten durch die -dunkelen Baumgänge tanzten und aus den Sträuchern hervorblickten; -und sie schienen näher und näher zu kommen. Das kleine Mädchen -streckte ihre Hände nach dem Baume aus, auf dem die Puppe saß, -und die Elfen lachten und deuteten mit den Fingern auf sie. Wie -erschrocken war das kleine Mädchen! Wenn man aber nichts Böses -getan hat, so können einem diese sonderbaren kleinen Elfen kein -Leid zufügen. Habe ich etwas Böses getan? Ach ja! sagte das kleine -Mädchen. Ich habe über die arme Ente und ihr mit einem roten Lappen -umwickeltes Bein gelacht. Sie hinkte, und darüber mußte ich lachen; -aber es ist unrecht, über die armen Tiere zu lachen!</p> - -<p>Ist das nicht eine traurige Geschichte? Ich hoffe, der Vater hat -den unartigen Knaben bestraft...</p> - -<p class="mtop2">Im Sommer war Fräulein Sullivan dreieinhalb Monate verreist. Folgender -Brief Helens an sie legt Zeugnis von dem herzlichen Verhältnis ab, das -zwischen Lehrerin und Schülerin bestand.</p> - -<p class="right mright1">Tuscumbia, Ala. 7. August 1889.</p> - -<p>Liebstes Fräulein! Ich freue mich sehr, Ihnen heut abend schreiben zu -können, denn ich habe den ganzen Tag viel an Sie<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span> gedacht. Ich sitze -auf der Piazza, und meine kleine weiße Taube sitzt auf der Lehne meines -Stuhles und sieht mir zu, während ich schreibe. Ihr kleiner brauner -Gefährte ist mit den übrigen Vögeln davongeflogen, aber Annie<a name="FNAnker_15_15" id="FNAnker_15_15"></a><a href="#Fussnote_15_15" class="fnanchor">[15]</a> ist -nicht traurig, denn sie leistet mir gern Gesellschaft.</p> - -<p>Der kleine Artur<a name="FNAnker_16_16" id="FNAnker_16_16"></a><a href="#Fussnote_16_16" class="fnanchor">[16]</a> wächst sehr schnell. Er hat jetzt ein kurzes -Kleidchen an. Cousine Leila glaubt, daß er binnen kurzem gehen wird. -Dann will ich seine weiche, dicke Hand in die meinige nehmen und mit -ihm im hellen Sonnenschein spazieren gehen. Er wird die größten Rosen -pflücken und auf die lustigsten Schmetterlinge Jagd machen. Ich will -sehr sorgfältig auf ihn achtgeben, damit er nicht fällt und sich -wehtut...</p> - -<p>Ein Herr schenkte mir eine schöne Karte. Sie stellt eine Mühle an einem -schönen Bache dar. Auf dem Wasser schwimmt ein Boot, und rings um das -Boot wachsen duftende Lilien. Nicht weit von der Mühle liegt ein altes -Haus, das ganz dicht von Bäumen umgeben ist. Auf dem Dach des Hauses -sitzen acht Tauben, und auf der Schwelle liegt ein Hund...</p> - -<p>Ich lese täglich in meinen Büchern. Ich liebe sie recht, recht, recht -sehr. Ich wünschte, Sie kehrten bald zu mir zurück. Ich vermisse Sie -recht, recht sehr. Ich kann vieles nicht verstehen, wenn mein liebes -Fräulein nicht hier ist. Ich sende Ihnen fünftausend Küsse und mehr -Liebe, als ich sagen kann.</p> - -<p class="center">Ihre dankbare kleine Schülerin</p> - -<p class="right mright1 mbot1">Helen A. Keller.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_15_15" id="Fussnote_15_15"></a><a href="#FNAnker_15_15"><span class="label">[15]</span></a> So hatte Helen die Taube nach ihrer Lehrerin genannt.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_16_16" id="Fussnote_16_16"></a><a href="#FNAnker_16_16"><span class="label">[16]</span></a> Helens jüngster Bruder.</p> - -</div> - -</div> - -<p>Unter ihren Freunden zählt Fräulein Keller in ihrer Selbstbiographie -auch den Dichter John Greenleaf Whittier auf (s. oben <a href="#Whittier">S. 138</a>). Ihr -erster Brief an ihn lautet folgendermaßen:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span></p> - -<p class="right mright1 mtop1">Boston, Mass. 27. Nov. 1889.</p> - -<p>Teurer Dichter!</p> - -<p>Ich glaube, Sie werden überrascht sein, einen Brief von einem kleinen -Mädchen zu erhalten, das Sie nicht kennen, aber ich glaubte, es -würde Sie freuen, zu hören, daß Ihre schönen Gedichte mich sehr -glücklich machen. Gestern las ich »<span class="antiqua">In School Days</span>« und »<span class="antiqua">My -Playmate</span>« und freute mich von Herzen darüber. Ich war sehr traurig, -daß das arme kleine Mädchen mit den braunen Augen und den »goldenen -Locken« sterben mußte. Es ist sehr angenehm, auf unserer schönen Welt -zu leben. Ich kann die lieblichen Dinge nicht mit meinen Augen sehen, -aber mein Geist kann sie alle sehen, und so bin ich den ganzen Tag über -fröhlich.</p> - -<p>Wenn ich in meinem Garten spazieren gehe, so kann ich die schönen -Blumen nicht sehen, aber ich weiß, daß sie mich alle rings umgeben; -denn ist nicht die Luft mit ihrem süßen Wohlgeruche angefüllt? Auch -weiß ich, daß die zarten Glöckchen der Lilien ihren Genossinnen hübsche -Geheimnisse zuflüstern, sonst würden sie nicht so glücklich aussehen. -Ich liebe Sie von Herzen, denn Sie haben mich soviel Schönes über -Blumen, Vögel und Menschen gelehrt. Nun muß ich Ihnen Lebewohl sagen.</p> - -<p class="center">Ihre Sie liebende kleine Freundin</p> - -<p class="right mright1 mbot1">Helen A. Keller.</p> - -<p class="p0 mtop1"><span class="u">Aus einem Briefe an <span class="antiqua">Dr</span>. Oliver Wendell Holmes</span><a name="FNAnker_17_17" id="FNAnker_17_17"></a><a href="#Fussnote_17_17" class="fnanchor">[17]</a></p> - -<p class="right mright1">vom 1. März 1890.</p> - -<p>... Ich lese jetzt eine sehr traurige Geschichte, »<span class="antiqua">Little Jakey</span>« -mit Titel. Jakey war der lieblichste kleine Knabe, den Sie sich denken -können, aber er war arm und blind. Als ich<span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span> klein war und noch nicht -lesen konnte, glaubte ich, daß jedermann stets glücklich sei, und -zuerst machte es mich sehr traurig, als ich von Schmerz und großem -Leide erfuhr; aber jetzt weiß ich, daß wir niemals lernen würden, -tapfer und geduldig zu sein, wenn es nur Freude auf der Welt gäbe.</p> - -<p>Ich beschäftige mich in der Zoologie jetzt mit den Insekten, und ich -habe viel über die Schmetterlinge gelernt. Sie machen keinen Honig für -uns wie die Bienen, aber viele von ihnen sind so schön wie die Blumen, -auf denen sie ruhen, und erfreuen stets das Herz kleiner Kinder. Sie -führen ein fröhliches Leben, flattern von Blume zu Blume und nippen die -Tropfen Honigtau, ohne an den morgenden Tag zu denken. Sie sind genau -wie kleine Knaben und Mädchen, wenn sie Bücher und Schule vergessen und -durch die Wälder und Felder laufen, um wilde Blumen zu pflücken oder -nach duftenden Lilien in die Teiche waten, glücklich im strahlenden -Sonnenschein.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_17_17" id="Fussnote_17_17"></a><a href="#FNAnker_17_17"><span class="label">[17]</span></a> -Vergl. oben <a href="#Holmes">S. 137 ff.</a></p> - -</div> - -</div> - -<p class="p0 mtop1" id="Brief_S_161"><span class="u">An Fräulein Sarah Fuller.</span><a name="FNAnker_18_18" id="FNAnker_18_18"></a><a href="#Fussnote_18_18" class="fnanchor">[18]</a></p> - -<p class="right mright1">Boston, Mass., 3. April 1890.</p> - -<p class="mleft2">Mein liebes Fräulein Fuller!</p> - -<p>Mein Herz ist an diesem schönen Morgen voller Freude, weil ich viele -neue Wörter sprechen gelernt habe und ich ein paar Sätze bilden -kann. Gestern abend ging ich in den Hof hinaus und redete den Mond -an. Ich sagte: O Mond, komm zu mir! Glauben Sie, daß sich der liebe -Mond freute, als er mich sprechen hörte? Wie froh wird meine Mutter -sein! Ich kann den Juni kaum erwarten, so sehnlich wünsche ich, zu -ihr und zu meiner reizenden kleinen Schwester sprechen zu können. -Mildred konnte mich nicht verstehen, wenn ich mit meinen Fingern -buchstabierte, aber jetzt wird sie auf meinem<span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span> Schoß sitzen und ich -werde ihr viel erzählen, was ihr gefallen soll, und wir werden so -glücklich miteinander sein. Sind Sie sehr, sehr glücklich, daß Sie so -viele Menschen glücklich machen? Ich glaube, Sie sind sehr gütig und -geduldig, und ich liebe Sie recht von Herzen. Meine Lehrerin sagte mir -am Dienstag, Sie wünschten zu wissen, wie der Wunsch in mir aufstieg, -mit meinem Munde zu sprechen. Ich will es Ihnen ausführlich erzählen, -denn ich erinnere mich ganz genau daran. Als ich ein ganz kleines -Kind war, pflegte ich die ganze Zeit über auf meiner Mutter Schoß zu -sitzen, weil ich sehr furchtsam war und nicht gern allein blieb. Ich -hielt fortwährend meine kleine Hand an ihr Gesicht, weil es mir Spaß -machte, zu fühlen, wie sich ihr Gesicht und ihre Lippen bewegten, -wenn sie mit anderen sprach. Ich wußte damals noch nicht, was sie -tat, denn ich war in allem ganz unwissend. Als ich dann älter wurde, -lernte ich mit meiner Wärterin und den kleinen Negerkindern spielen -und bemerkte, daß sie ihre Lippen genau wie meine Mutter bewegten; -daher bewegte ich auch die meinigen, aber das machte mich mitunter -zornig, und ich schlug meine Spielgefährten oft heftig auf den Mund. -Ich wußte damals noch nicht, daß dies sehr unartig war. Nach langer -Zeit kam meine teure Lehrerin zu mir und lehrte mich, wie ich mich mit -meinen Fingern verständlich machen könnte, und ich war glücklich und -zufrieden. Als ich dann aber in die Schule nach Boston kam, traf ich -mehrere taube Leute, die mit ihrem Munde sprachen wie alle anderen -Leute, und eines Tages kam eine Dame, die in Norwegen gewesen war, zu -mir, um mich zu besuchen, und erzählte mir von einem blinden und tauben -Mädchen, das sie in jenem fernen Lande gesehen hatte und das sprechen -und andere verstehen gelernt hatte, wenn sie zu ihr sprachen. Diese -guten, fröhlichen Nachrichten entzückten mich über die Maßen, denn -jetzt war ich überzeugt, daß ich es auch<span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span> lernen würde. Ich versuchte -Töne hervorzubringen wie meine kleinen Spielgefährten, aber Fräulein -sagte mir, die Stimme sei etwas sehr Zartes und Empfindliches und -ich würde sie schädigen, wenn ich unrichtige Töne ausstieße, und sie -versprach mir, mich mit zu einer gütigen und klugen Dame zu nehmen, -die mich lehren würde, sie richtig hervorzubringen. Diese Dame waren -Sie selbst. Jetzt bin ich so glücklich wie die kleinen Vögel, denn ich -kann sprechen, und vielleicht werde ich sogar singen lernen. Alle meine -Freunde werden darüber erstaunt und erfreut sein.</p> - -<p class="center">Ihre Sie liebende kleine Schülerin</p> - -<p class="right mright1 mbot1">Helen A. Keller.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_18_18" id="Fussnote_18_18"></a><a href="#FNAnker_18_18"><span class="label">[18]</span></a> -Vergl. oben <a href="#Dreizehntes_Kapitel">S. 57 ff.</a></p> - -</div> - -</div> - -<p>Aus einem Briefe vom 14. Juli 1890 an den nachmaligen Bischof Brooks.</p> - -<p class="mtop1">... Meine Eltern waren entzückt, mich sprechen zu hören, und ich war -überglücklich, ihnen eine so frohe Ueberraschung bereiten zu können. -Ich denke mir, es muß ein wohltuendes Gefühl sein, jedermann glücklich -zu machen. Warum hält es der liebe Vater im Himmel manchmal für das -beste, uns recht großes Leid zu senden? Ich bin stets glücklich, und -dies war auch der kleine Lord Fauntleroy, aber des armen kleinen Jakeys -Leben war voller Traurigkeit. Gott hatte Jakeys Augen kein Licht -geschenkt, und sein Vater war nicht freundlich und liebevoll. Glauben -Sie, daß der arme Jakey seinen Vater im Himmel deswegen mehr liebte, -weil sein anderer Vater unfreundlich zu ihm war? Auf welche Weise hat -Gott den Menschen verkündet, daß seine Heimat im Himmel ist? Wenn die -Menschen Böses tun, Tiere quälen und Kinder unfreundlich behandeln, so -ist Gott betrübt, aber auf welche Weise will er sie lehren, barmherzig -und liebreich zu sein? Ich denke, er wird ihnen<span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span> sagen, wie herzlich -er sie liebt und daß er wünscht, sie möchten gut und glücklich sein, -und dann werden sie ihren Vater, der sie so sehr liebt, nicht betrüben -und wünschen, ihm in allem, was sie tun, zu Gefallen zu sein, und dann -werden sie einander lieben und jedermann Gutes tun und gegen die Tiere -freundlich sein.</p> - -<p>Bitte, erzählen Sie mir alles, was Sie von Gott wissen. Es macht mich -glücklich, viel von meinem liebenden Vater zu erfahren, der gut und -weise ist. Ich hoffe, Sie werden Ihrer kleinen Freundin schreiben, wenn -Sie Zeit haben.</p> - -<p class="mtop2">Tommy Stringer, dessen Name in den Briefen der nächsten Zeit oft -vorkommt, wurde im Alter von fünf Jahren blind und taub. Seine -Mutter war tot und sein Vater zu arm, um ihn unterrichten zu lassen. -Eine Zeitlang war er in dem allgemeinen Krankenhaus in Allegheni -untergebracht. Von dort wurde er nach einem Armenhause geschickt, -denn zu jener Zeit gab es in Pennsylvania keinen anderen Platz. Helen -hörte von ihm durch einen Bekannten, der ihr schrieb, es sei ihm nicht -gelungen, einen Gönner für Tommy zu finden. Sie wünschte, daß er nach -Boston gebracht würde, und als man ihr mitteilte, es gehöre viel Geld -dazu, ihm eine Lehrerin zu halten, antwortete sie: Wir wollen es -zusammenbringen. Sie begann Beiträge unter ihren Bekannten zu sammeln -und leerte selbst ihre Sparbüchse.</p> - -<p><span class="antiqua">Dr</span>. Alexander Graham riet, Tommy nach Boston zu schicken, und -wirkte ihm einen Platz in dem Blindenkindergarten aus.</p> - -<p>Inzwischen bot sich für Helen Gelegenheit, eine beträchtliche Summe zu -Tommys Erziehung beizusteuern. Den Winter zuvor war ihr Hund Lioneß -gestorben, und ihre Freunde faßten den Plan, Geld zu sammeln, um ihr -einen neuen Hund zu<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span> kaufen. Helen bat, die Beiträge, die aus ganz -Amerika und England zusammenflossen, auf Tommys Erziehung zu verwenden. -In Anbetracht dieses neuen Zweckes wuchs der Fonds rasch an, und für -Tommy war gesorgt. Er wurde am 6. April in den Kindergarten aufgenommen.</p> - -<p>Helen hatte sich mit wahrem Feuereifer der Sache angenommen. So -heißt es in einem Briefe vom 20. März 1891: Und nun möchte ich Ihnen -mitteilen, was die Hundeliebhaber in Amerika zu tun im Begriffe -stehen. Sie wollen mir Geld für ein armes taubstummes und blindes Kind -schicken. Sein Name ist Tommy, und es ist fünf Jahre alt. Seine Eltern -sind zu arm, um den kleinen Kerl in die Schule schicken zu können, -und daher wollen die Herren, anstatt mir einen Hund zu schenken, dazu -beitragen, Tommys Leben so strahlend und fröhlich wie das meinige zu -machen. Ist dies nicht ein schönes Unternehmen? Die Erziehung wird -Licht und Musik in Tommys Seele bringen, und dann muß er unbedingt -glücklich sein. — Und in einem anderen Briefe vom April 1891 heißt -es: Ich wünschte, Sie könnten den kleinen Tom sehen, jenes blinde und -taubstumme Kind, das soeben in unserem hübschen Garten eingetroffen -ist. Er ist jetzt arm, hilflos und einsam, aber vor Ablauf eines Jahres -wird die Erziehung Licht und Heiterkeit in Tommys Leben gebracht haben. -— Ferner schreibt Helen in einem Briefe vom 30. April: Sie werden sich -freuen, zu hören, daß Tommy jetzt eine freundliche Dame zur Lehrerin -hat und daß er ein hübscher, lebhafter, kleiner Bursche ist. Das -Umherklettern gefällt ihm allerdings besser als das Buchstabieren, aber -dies kommt daher, daß er noch nicht weiß, was für ein wunderbares Ding -die Sprache ist. Er kann sich nicht denken, wie sehr, sehr glücklich er -sein wird, wenn er uns seine Gedanken mitteilen kann und wir ihm sagen -können, daß wir ihn schon so lange geliebt haben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span></p> - -<p>Auf Helens Bitte eröffnete Bischof Brooks eine öffentliche Sammlung -für Tommy, die über 1600 Dollars einbrachte. Helen selbst schrieb -Briefe an die Zeitungen und quittierte öffentlich über den Empfang -des Geldes. Der vom 13. Mai 1891 datierte folgende Brief ist an den -Herausgeber des »Boston Herald« gerichtet: Ich glaube, die Leser Ihrer -Zeitung werden sich freuen, zu hören, daß soviel für den lieben kleinen -Tommy getan worden ist. Er fühlt sich in der Tat im Kindergarten sehr -glücklich, und lernt täglich etwas Neues. Er hat herausgefunden, -daß die Türen Schlösser haben und daß kleine Hölzchen und Stückchen -Papier sich ganz leicht in die Schlüssellöcher hineinstecken lassen; -aber er scheint nicht halb soviel Lust zu haben, sie herauszunehmen -wie hineinzustecken. Das Hinaufklettern an den Bettpfosten und das -Abschrauben der Dampfventile gefällt ihm allerdings viel besser als das -Buchstabieren, aber dies kommt daher, daß er noch nicht versteht, daß -die Wörter ihm zu neuen, interessanten Entdeckungen verhelfen werden. -Ich hoffe, daß gute Menschen fortfahren werden, für Tommy zu sorgen, -bis der Fonds vollständig ist und die Erziehung Licht und Musik in sein -kleines Leben gebracht hat.</p> - -<p class="mtop2">Im Mai 1892 gab Helen zum Besten des Blindenkindergartens einen »Tee«, -der über 2000 Dollars einbrachte. Auf diese Veranstaltung bezieht sich -folgender Brief vom 9. Mai 1892 an eine Freundin: Brauche ich Ihnen zu -sagen, wie ich mich freute, zu hören, daß Sie sich für meinen »Tee« -interessieren? Keinenfalls dürfen wir ihn aufgeben. Sehr bald werde ich -weit fortgehen, in mein teures Elternhaus, in den sonnigen Süden, und -der Gedanke würde mich für immer glücklich machen, daß das letzte, was -meine teueren Freunde in Boston mir zuliebe getan haben, darin bestand, -daß sie das Leben so vieler kleiner des Gesichts beraubter Kinder froh -und glücklich zu<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span> machen halfen. Ich weiß, daß gütige Menschen gar -nicht umhin können, liebevolle Teilnahme für die Kleinen zu hegen, die -das herrliche Licht nicht zu erblicken vermögen, und es scheint mir, -als müsse sich alle liebevolle Teilnahme in Handlungen werktätiger -Hilfe äußern; und wenn die Freunde der kleinen hilflosen, blinden -Kinder einsehen, daß wir für ihre Glückseligkeit sorgen, so werden sie -bestimmt kommen und unserem »Tee« den Erfolg sichern, und ich bin fest -davon überzeugt, ich werde das glücklichste kleine Mädchen auf der -ganzen Welt sein.</p> - -<p class="mtop2" id="Guete">Von der Reise zum Niagarafall (s. -oben <a href="#Niagarafall">S. 74</a>) handelt folgender Brief -Helens vom 13. April 1893 an ihre Mutter:</p> - -<p class="mtop1">... Herr Westerfelt<a name="FNAnker_19_19" id="FNAnker_19_19"></a><a href="#Fussnote_19_19" class="fnanchor">[19]</a> gab uns zu Ehren eine Nachmittags-Gesellschaft. -Es kam eine große Menge Menschen. Einige von ihnen richteten sehr -sonderbare Fragen an mich. Eine Dame schien überrascht zu sein, daß -ich die Blumen liebte, da ich doch ihre schönen Farben nicht zu sehen -vermöchte, und als ich sie versicherte, ich liebte sie trotzdem, -antwortete sie: »Gewiß fühlen Sie die Farben mit Ihren Fingern.« Aber -natürlich lieben wir die Blumen, nicht nur ihrer herrlichen Farbe -wegen... Ein Herr fragte mich, was der Begriff Schönheit für mich -bedeute. Ich muß gestehen, ich war für einen Augenblick verwirrt. Dann -aber antwortete ich ihm, Schönheit sei eine Form der Güte — und er -verschwand.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_19_19" id="Fussnote_19_19"></a><a href="#FNAnker_19_19"><span class="label">[19]</span></a> Der Leiter einer Taubstummenschule in Rochester.</p> - -</div> - -</div> - -<p class="mtop2">Ueber den Eindruck, den der Niagarafall selbst auf Helen machte, heißt -es weiterhin:</p> - -<p class="mtop1">Das Hotel stand so nahe am Flusse, daß ich sein Vorbei<span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span>rauschen fühlen -konnte, wenn ich die Hand an das Fenster legte... Du kannst Dir nicht -vorstellen, was ich fühlte, als ich am Niagara stand, ehe Du nicht -selbst die nämliche geheimnisvolle Empfindung gehabt hast. Ich konnte -mir kaum denken, daß es Wasser sei, was ich mit ungestümer Wut zu -meinen Füßen brausen und tosen fühlte. Es kam mir vor, als sei es -ein lebendes Wesen, das einem furchtbaren Geschicke entgegeneilte. -Ich wünschte, ich könnte den Wasserfall schildern, wie er ist, seine -Schönheit und majestätische Größe, das furchtbare, unwiderstehliche -Hinabstürzen des Wassers über den Hang des Abgrundes. Man fühlt sich in -Gegenwart einer solchen ungeheueren Kraft hilflos und überwältigt. Ich -hatte schon einmal dieses selbe Gefühl, als ich am Strande des Ozeans -stand und seine Wogen gegen das Ufer anbranden fühlte. Ich glaube, -auch Du hast diese Empfindung, wenn Du in der Stille der Nacht zu den -Sternen aufblickst, nicht wahr?... Wir ließen uns 120 Fuß in einem -Elevator nieder, um die furchtbaren Wogen und Wirbel in der tiefen -Schlucht unterhalb des Falles zu beobachten.</p> - -<p class="mtop2" id="Weltausstellung">Ihren Besuch der Weltausstellung in Chicago schildert Helen in einem -Briefe vom 17. August 1893. Es heißt darin unter anderem: Jedermann -auf der Ausstellung war sehr freundlich zu mir... Fast alle Aussteller -schienen gern bereit zu sein, mich auch die zerbrechlichsten -Dinge berühren zu lassen, und sie erklärten mir alles in der -liebenswürdigsten Weise. Ein Franzose, dessen Namen ich vergessen habe, -zeigte mir die großen französischen Bronzen. Ich glaube, sie machten -mir mehr Freude als sonst etwas auf der Ausstellung: so lebendig und -wundervoll erschienen sie mir bei der Berührung..... Dann ging ich mit -Professor Morse nach der japanischen Abteilung. Ich hatte keine Ahnung -davon, was für ein wunder<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span>bares Volk die Japaner sind, ehe ich ihre -höchst interessante Ausstellung sah. Japan muß in der Tat ein Paradies -für die Kinder sein, nach der großen Menge von Spielsachen zu urteilen, -die hier angefertigt werden.</p> - -<p class="mtop2">Ueber ihre Begegnung mit Mark Twain schreibt Helen Keller im März 1895 -an ihre Mutter folgendes:</p> - -<p>Lehrerin und ich verbrachten den gestrigen Nachmittag bei Herrn Hutton -und waren sehr vergnügt dort!</p> - -<p class="mtop1">Wir trafen Mr. Clemens (Mark Twain) und Mr. Howells dort. Ich hatte -schon lange von ihnen gehört, aber nie hatte ich gedacht, daß ich die -einmal sehen und mit ihnen sprechen sollte. ... Die beiden berühmten -Schriftsteller waren sehr lieb und freundlich mit mir, und ich könnte -nicht sagen, welcher von beiden mir lieber ist. Mark Twain erzählte -uns viele unterhaltende Geschichten und brachte uns zum Lachen, bis -wir weinten. Ich möchte nur, Du hättest ihn sehen und hören können. Er -erzählte uns, daß er in einigen Tagen nach Europa gehen wolle, um seine -Frau und seine Tochter Jeanne nach Amerika zurückzuholen, weil Jeanne, -die in Paris studiert, in 3½ Jahren soviel gelernt hätte, daß wenn er -sie jetzt nicht nach Hause brächte, sie bald mehr wüßte, als er selber.</p> - -<p>Ich finde, »Mark Twain« ist ein sehr passender <span class="antiqua">nom de plume</span> für -Herrn Clemens, denn er klingt so komisch und drollig und paßt gut zu -seinen lustigen Geschichten, und seine nautische Bedeutung<a name="FNAnker_20_20" id="FNAnker_20_20"></a><a href="#Fussnote_20_20" class="fnanchor">[20]</a> weist -auf die tiefsinnigen und schönen Sachen hin, die er geschrieben hat. -Ich finde, er ist sehr schön — — —.</p> - -<p class="s5">(Vgl. oben <a href="#Mark_Twain_I">S. 141 ff.</a> -<a href="#Mark_Twain_II">182.</a>)</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_20_20" id="Fussnote_20_20"></a><a href="#FNAnker_20_20"><span class="label">[20]</span></a> <span class="antiqua">Mark twain</span> = Ruf des Mississippi-Lotsen bei 2 -Faden Tiefe.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="figcenter"> - <a id="img_p170" name="img_p170"> - <img class="mtop1" src="images/img_p170.jpg" alt="" /></a> - <p class="caption mbot1">Helen Keller »betrachtet« eine - Nike-Statuette</p> -</div> - -<p class="mtop2">Einen Besuch im Bostoner Museum schildert Helen in einem Briefe vom -3. Februar 1899. Sie schreibt darin: Vorigen Mon<span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span>tag hatte ich ein -äußerst interessantes Erlebnis. Eine Freundin nahm mich an diesem Tage -mit nach dem Bostoner Kunstmuseum. Sie hatte mir schon vorher bei -General Loring, dem Direktor des Museums, die Erlaubnis ausgewirkt, -die Statuen berühren zu dürfen, namentlich die, welche meine alten -Freunde aus der Ilias und der Aeneis darstellten. War dies nicht -liebenswürdig? Während ich dort weilte, trat General Loring selbst ein -und zeigte mir einige der schönsten Statuen, unter denen sich die Venus -von Medici, die Athene vom Parthenon, Diana in ihrem Jagdkleide mit -der Hand am Köcher und einer Hindin neben ihr, sowie der unglückliche -Laokoon nebst seinen beiden Söhnen befanden, die sich in den -furchtbaren Umschlingungen zweier riesiger Schlangen winden und unter -herzzerreißendem Geschrei ihre Arme zum Himmel emporstrecken. Auch -den Apollo vom Belvedere sah ich. Er hat soeben den Python erlegt und -steht neben einem großen Marmorpfeiler, die schöne Hand triumphierend -über den furchtbaren Drachen ausstreckend. O er ist einfach wundervoll! -Venus entzückte mich. Sie sah aus, als sei sie soeben aus dem Schaume -des Meeres emporgestiegen, und ihre Lieblichkeit wirkte auf mich wie -ein himmlischer Gesang. Auch die arme Niobe sah ich mit ihrem jüngsten -Kinde, das sich fest an die anklammert, während sie die grausame -Göttin anfleht, ihr nicht auch den letzten Liebling zu töten. Ich -weinte beinahe, so lebenswahr und tragisch war dies alles. General -Loring zeigte mir auch in liebenswürdiger Weise eine Nachbildung einer -der wundervollen Bronzetüren aus dem Baptisterium zu Florenz, und -ich befühlte die schönen Pfeiler, die auf den Rücken grimmiger Löwen -ruhen. So hatte ich, wie Sie sehen, einen Vorgeschmack des Genusses, -den ich eines Tages haben werde, wenn ich Florenz besuche. Meine -Freundin versprach mir, später eine Nachbildung der von Lord Elgin -nach London gebrachten Parthenonskulpturen zu zeigen.<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span> Ich würde es -jedoch vorziehen, die Originale an der Stelle zu sehen, für die sie -von dem Genius bestimmt waren, nicht nur als Hymnus zum Preise der -Götter, sondern auch als Denkmal für den Ruhm Griechenlands. Es scheint -mir tatsächlich ein Frevel zu sein, solche geweihte Werke aus dem -Heiligtume der Vergangenheit, in das sie gehören, zu entführen.</p> - -<p class="mtop2" id="Bartholomaeuskirche">Ebenso interessant wie das vorstehende Schreiben ist eine Aeußerung -Helens in einem Briefe vom 2. Januar 1900 über ihre Empfindungen -beim Orgelspiel. Es heißt darin: Am Sonntag gingen wir nach der -Bartholomäuskirche... Nach dem Gottesdienste bat der Geistliche -den Organisten Herrn Warren, die Orgel für mich zu spielen. Ich -stand mitten in der Kirche, wo die von der großen Orgel erzeugten -Luftschwingungen am stärksten sind, und fühlte die mächtigen Tonwogen -gegen mich anbranden, wie die großen Meereswellen gegen ein kleines -Schiff schlagen...</p> - -<p class="mtop2">Zum Schluß seien noch einige Aeußerungen Helens über -Schicksalsgefährten von ihr angeführt. Am 5. Juni 1899 schreibt sie -über Linnie Haguewood, ein taub-blindes Mädchen, das von einem Fräulein -Dora Donald erzogen worden war, an Herrn William Wade (vergl. <a href="#William_Wade">S. 78</a>): -Linnie Haguewoods Brief interessierte mich sehr. Er scheint mir auf -Selbständigkeit und große Sanftmut des Charakters hinzuweisen. Sehr -interessant sind ihre Aeußerungen über Geschichte. Ich bedauere, daß -sie kein Gefallen daran findet; aber auch ich empfinde es bisweilen, -wie dunkel, geheimnisvoll und selbst furchtbar die Geschichte alter -Völker, alter Religionen und alter Regierungsformen in Wahrheit ist.</p> - -<p>Nun, ich muß offen gestehen, ich liebe die Zeichensprache nicht und -glaube auch nicht, daß sie den Taub-Blinden von<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span> großem Nutzen ist. -Ich finde es sehr schwer, den raschen Bewegungen der Taubstummen zu -folgen, und außerdem scheinen die Zeichen ein großes Hindernis für sie -bei der Gewöhnung an einen freien, gewandten Gebrauch der Sprache zu -sein. Es fällt mir bisweilen schwer, sie zu verstehen, wenn sie mit -den Fingern buchstabieren. Im ganzen genommen erscheint mir, wenn sie -nicht die Lautsprache erlernen können, das Fingeralphabet als das beste -und bequemste Verständigungsmittel für sie. Jedenfalls bin ich fest -davon überzeugt, daß die Taub-Blinden es nicht fertig bringen, die -Zeichensprache einigermaßen gewandt zu handhaben.</p> - -<p>Eines Tages traf ich einen tauben Norweger, der Ragnhild Kaata und ihre -Lehrerin sehr genau kennt, und wir unterhielten uns über sie in sehr -interessanter Weise. Er erzählte, sie sei sehr fleißig und heiter. -Sie spinnt und beschäftigt sich viel mit weiblichen Handarbeiten, -sie liest und führt ein angenehmes, nützliches Leben. Aber denken -Sie, sie versteht sich nicht auf das Fingeralphabet. Sie liest gut -von den Lippen ab, und wenn sie etwas nicht versteht, so schreiben -ihre Bekannten es ihr in die Hand, und auf diese Weise unterhält sie -sich mit Fremden. Ich kann nichts verstehen, was man mir in die Hand -schreibt; daraus können Sie sehen, daß Ragnhild mir in einigen Punkten -überlegen ist. Ich hoffe, ich werde sie einmal sehen.</p> - -<p class="mtop2">Am 9. Dezember 1900 schreibt Fräulein Keller an denselben Herrin:</p> - -<p class="mtop1">... Im vergangenen Oktober hörte ich von einem ungewöhnlich geweckten -taub-blinden Mädchen in Texas. Sie heißt Ruby Rice und ist, glaube ich, -dreizehn Jahre alt. Sie hat niemals Unterricht erhalten; doch kann -sie nähen und hilft anderen bei dieser Arbeit. Ihr Geruchssinn ist -wunderbar fein ausgebildet. Wenn sie in einen Laden tritt, geht sie -direkt auf<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span> die Schaukästen zu; ebenso kann sie ihre eigenen Sachen -von fremden unterscheiden. Ihre Eltern wünschen möglichst bald eine -Lehrerin für sie. Auch haben sie schon an Herrn Hitz über ihre Tochter -geschrieben.</p> - -<p>Ebenso kenne ich ein Kind in dem Taubstummen-Institut in Mississippi. -Sie heißt Maud Scott und ist sechs Jahre alt. Fräulein Watkins, ihre -Erzieherin, hat mir einen sehr interessanten Brief geschrieben. Sie -teilte mir mit, daß Maud taub geboren ist und ihr Gesicht schon im -Alter von drei Monaten verlor, sowie daß sie bei ihrer vor ein paar -Wochen erfolgten Aufnahme in das Institut ganz hilflos war. Sie konnte -nicht einmal gehen und konnte auch ihre Hände nur wenig gebrauchen. -Als man versuchte, ihr das Aufreihen von Perlen beizubringen, sanken -ihr die Händchen herab. Augenscheinlich ist ihr Gefühlssinn nicht -entwickelt worden, und bis jetzt kann sie nur gehen, wenn jemand sie -bei der Hand faßt; aber sie scheint ein außergewöhnlich gewecktes Kind -zu sein. Fräulein Watkins fügt hinzu, daß sie sehr hübsch ist. Ich habe -ihr geschrieben, daß, wenn Maud lesen lernt, ich ihr viele Erzählungen -schicken werde. Das Herz tut mir weh bei dem Gedanken, wie gänzlich -dieses liebe, süße kleine Mädchen von allem abgeschnitten ist, was im -Leben gut und wünschenswert ist. Aber Fräulein Watkins scheint gerade -die richtige Erzieherin für sie zu sein.</p> - -<p>Vor kurzem war ich in New York und traf Fräulein Rhoades, die mir -erzählte, sie habe Katie Mc. Gier gesehen. Sie sagte, das arme junge -Mädchen spreche und bewege sich gerade wie ein kleines Kind. Katie -spielte mit Fräulein Rhoades’ Ringen, zog sie ihr ab und sagte mit -einem fröhlichen Lachen: Sie bekommen sie nicht wieder. Sie konnte -Fräulein Rhoades nur verstehen, wenn diese von den einfachsten Dingen -sprach. Sie wollte ihr einige Bücher schicken, konnte aber keins -finden, das einfach genug für sie gewesen wäre! Sie sagte, Katie sei -sehr<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span> sanft, sei aber in Bezug auf den eigentlichen Unterricht in -betrübender Weise zurückgeblieben. Ich war sehr überrascht, all dies -zu hören; denn nach Ihren Briefen zu urteilen, muß Katie ein sehr -frühreifes Mädchen sein.</p> - -<p>Vor ein paar Tagen traf ich Tommy Stringer auf dem Bahnhofe in -Wrentham. Er ist jetzt ein großer, starker Junge und wird bald der -Leitung eines Mannes bedürfen; denn er ist wirklich zu groß, als daß -sich eine Dame noch mit ihm abgeben könnte. Er geht, wie ich höre, in -die öffentliche Schule, und seine Fortschritte sollen ganz erstaunlich -sein; aber in der Unterhaltung zeigt er dies bis jetzt noch nicht, denn -diese beschränkt sich auf ja und nein.</p> - -<p class="mtop1">Ferner schreibt Helen in einem Briefe vom 27. Dezember 1890 an eine -bekannte Dame: Ein Herr in Philadelphia hat vor kurzem an meine -Lehrerin über ein taub-blindes Kind in Paris, dessen Eltern Polen sind, -geschrieben. Die Mutter ist Aerztin und, wie er sagt, eine prächtige -Frau. Der kleine Knabe konnte zwei bis drei Sprachen sprechen, bevor -er sein Gehör durch Krankheit verlor, und ist jetzt erst fünf Jahre -alt. Armer kleiner Bursche, ich wollte, ich könnte etwas für ihn tun; -aber er ist so jung, meine Lehrerin glaubt, eine Trennung von seiner -Mutter würde von zu nachteiligen Folgen für ihn begleitet sein. Frau -Thaw schrieb mir kürzlich einen Brief über die Möglichkeit, etwas -für all diese Kinder zu tun. <span class="antiqua">Dr.</span> Bell meint, die gegenwärtige -Volkszählung würde ergeben, daß sich allein in den Vereinigten Staaten -mehr als tausend befänden, und Frau Thaw glaubt, wenn alle meine -Freunde ihre Anstrengungen vereinigten, so würde es ein leichtes sein, -mit Beginn dieses neuen Jahrhunderts der Wohltätigkeit eine neue Bahn -zu eröffnen und die Rettung dieser unglücklichen Kinder zu bewirken.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span></p> - -<p>Am 11. November 1901 wurde <span class="antiqua">Dr.</span> Howes hundertjähriger Geburtstag in -Boston feierlich begangen. Am Tage vorher schrieb Helen Keller an ihren -Verwandten <span class="antiqua">Dr.</span> Edward Everett Hale (vergl. oben -<a href="#Edward_Everett_Hale">S. 139</a>) folgenden Brief:</p> - -<p class="right mright1 mtop2">Cambridge, 10. November 1901.</p> - -<p>Meine Lehrerin und ich hoffen morgen der Feier der hundertsten -Wiederkehr von <span class="antiqua">Dr.</span> Howes Geburtstag beiwohnen zu können; aber -ich bezweifle es sehr, ob wir eine Gelegenheit finden werden, mit Ihnen -zu sprechen. Daher schreibe ich Ihnen heut, um Ihnen zu sagen, wie -erfreut ich darüber bin, daß Sie die Festrede halten werden; denn ich -fühle es, daß Sie besser als sonst jemand, den ich kenne, die aus dem -tiefsten Herzen kommende Dankbarkeit derer zum Ausdruck bringen werden, -die ihre Bildung, ihre Stellung im Leben, ihr Glück dem verdanken, -der den Blinden die Augen geöffnet und den Stummen die Lautsprache -geschenkt hat.</p> - -<p>Während ich hier in meinem Studierzimmer sitze, umgeben von meinen -Büchern, mich der tröstenden und erhebenden Gemeinschaft mit den -großen Weisen erfreuend, suche ich mir vorzustellen, was mein Leben -wohl gewesen wäre, wenn es <span class="antiqua">Dr.</span> Howe nicht gelungen wäre, die -große, ihm von Gott gestellte Aufgabe zu lösen. Hätte er nicht die -Verantwortung für Laura Bridgmans Erziehung übernommen und sie aus dem -Schlunde des Acheron zurück zu ihrem Menschentume geführt, würde ich -dann heut eine Schülerin des Radcliffe College sein — wer vermag dies -zu sagen? Aber es ist nutzlos, über das zu grübeln, was in Bezug auf -<span class="antiqua">Dr.</span> Howes große Leistung hätte sein können.</p> - -<p>Ich glaube, nur diejenigen, welche jenem mehr dem Tode als dem Leben -ähnlichen Dasein entronnen sind, von dem auch Laura Bridgman gerettet -worden ist, können wissen, wie vereinsamt, wie in Dunkel gehüllt, wie -durch die eigene Ohnmacht<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span> niedergedrückt eine Seele ohne Denken, ohne -Glauben, ohne Hoffen ist. Worte sind zu schwach, um die Oede jenes -Kerkers oder die Freude der Seele, die aus ihrer Haft befreit ist, -zu schildern. Wenn wir die Dürftigkeit und Hilflosigkeit der Blinden -vor dem Beginn von <span class="antiqua">Dr.</span> Howes Tätigkeit mit ihrer gegenwärtigen -Brauchbarkeit und Unabhängigkeit vergleichen, so sind wir uns bewußt, -daß sich große Dinge in unserer Mitte vollzogen haben. Physische -Bedingungen haben hohe Mauern um uns errichtet, aber dank unserem -Freunde und Helfer liegt uns die Welt nach oben offen; die Länge, die -Breite, die Höhe des Himmels gehören uns.</p> - -<p>Es ist ein erhebender Gedanke, daß <span class="antiqua">Dr.</span> Howes edles Unternehmen -den ihm gebührenden Tribut der Liebe und Dankbarkeit in der Stadt -erhalten soll, die der Schauplatz seiner unendlichen Mühen und seiner -glänzenden Siege zum Besten der Menschheit gewesen ist.</p> - -<p class="mtop1">Mit den herzlichsten Grüßen, denen sich meine Lehrerin anschließt, bin -ich</p> - -<p class="center">in treuer Liebe</p> - -<p class="right mright1">Ihre Freundin<br /> -Helen Keller.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Anhang">Anhang</h2> - -</div> - -<p class="s3 center">Von John Albert Macy</p> - -<hr class="r5" /> - -<p class="center">Nebst Briefen und Berichten</p> - -<p class="center">von</p> - -<p class="s3 center">A. M. Sullivan.</p> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span></p> - -<h3 class="padtop2" id="Die_Abfassung_des_Buches">Die Abfassung des -Buches.</h3> - -</div> - -<p class="s5 center mbot2">Schwierigkeit der Prüfung des mit der Schreibmaschine hergestellten -Manuskriptes. — Braillekopie. — Revision mit Hilfe Fräulein -Sullivans.</p> - -<p>Man muß gestehen, Fräulein Kellers »Geschichte meines Lebens« erscheint -gerade jetzt zur rechten Zeit. Die Entwickelung der Verfasserin ist im -wesentlichen abgeschlossen, und was sie auch in Zukunft noch erreichen -mag, es wird immer nur ein verhältnismäßig geringfügiger Zuwachs zu -den Erfolgen sein, die sie schon jetzt aufzuweisen hat. Diese Erfolge -liegen klar zutage, denn ihre Leistungen im Radcliffe College während -der letzten beiden Jahre haben bewiesen, daß sie ihre Ausbildung so -weit fortsetzen kann, als ob sie unter normalen Bedingungen studierte. -Alle Zweifel, die Fräulein Keller etwa selbst gehegt haben mag, sind -nun verstummt.</p> - -<p>Um den Leser in den Stand zu setzen, Fräulein Kellers Aufzeichnungen -von dem richtigen Gesichtspunkte aus zu betrachten, sind einige -Erläuterungen notwendig. In der Schilderung, die sie von ihren ersten -Unterrichtsjahren entwirft, gibt sie keinen wissenschaftlich genauen -Bericht über ihr Leben, nicht einmal über die wichtigsten Ereignisse -darin. Sie kann im einzelnen nicht wissen, in welcher Weise sie -unterrichtet wurde, und die Erinnerung an ihre Kindheit ist zum Teil -eine idealisierte Erinnerung an das, was sie später von ihrer Lehrerin -und anderen erfahren hat. Sie ist weniger imstande, sich auf Ereignisse -zu entsinnen, die fünfzehn Jahre zurückliegen, als die meisten von uns -sich ihre Kindheit ins Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span>dächtnis zurückrufen können. Aus diesem Grund -wird man stellenweise einen Unterschied zwischen den Aufzeichnungen -Fräulein Kellers und den Berichten ihrer Lehrerin finden.</p> - -<p>Die Art und Weise, in der Fräulein Keller ihre Biographie geschrieben -hat, legt deutlicher als alles andere Zeugnis von den Schwierigkeiten -ab, die sie zu überwinden hatte. Wenn wir schreiben, so können wir das -Fertiggewordene überlesen, seitenlang zurückblättern, einfügen, die -Anordnung ändern; wir können sehen, wie sich die Sätze im Konzepte -ausnehmen, und so das ganze Werk offensichtlich vor unseren Augen -aufbauen, wie ein Architekt seine Pläne entwirft. Wenn Fräulein Keller -die Schreibmaschine benutzt, so kann sie das Niedergeschriebene nur -prüfen, wenn es ihr jemand mittels des Fingeralphabets vorliest.</p> - -<p>Diese Schwierigkeit wird zum Teil durch die Benutzung der -Braillemaschine gehoben, die ein für sie lesbares Manuskript liefert; -da ihre Arbeit doch aber zuletzt in Schreibmaschinenschrift übertragen -werden muß, und eine Braillemaschine etwas unbequem zu handhaben ist, -so hat sie sich daran gewöhnt, sofort mit der Schreibmaschine zu -arbeiten. Sie ist so wenig von ihrem Braillemanuskript abhängig, daß, -als sie vor länger als Jahresfrist ihre Biographie zu schreiben begann -und etwa hundert Seiten des Entwurfes nebst einzelnen Bemerkungen -hiezu fertiggestellt hatte, sie aus Unachtsamkeit diese Anmerkungen -vernichtete, ehe sie ihr Manuskript beendet hatte. Daher schrieb sie -einen großen Teil ihrer Biographie mittels der Schreibmaschine nieder -und verließ sich behufs der Zusammenstellung der einzelnen Episoden, -die ihr Fräulein Sullivan vorlas, bei der endgültigen Ausarbeitung ganz -auf ihr Gedächtnis.</p> - -<p>Als sie im vergangenen Juli unter großer Ueberbürdung mit Arbeit -das Schlußkapitel beendet hatte, begann sie das<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span> ganze Buch mit -der Schreibmaschine umzuschreiben. Ein guter Freund von ihr, Herr -William Wade, hatte für sie eine vollständige Braillekopie nach den -Niederschriften angefertigt. Nun hatte sie zum ersten Male ihr gesamtes -Manuskript auf einmal unter den Fingern. Sie bemerkte Mängel in der -Anordnung der Abschnitte und Wiederholungen einzelner Redewendungen; -ferner erkannte sie, daß ihre Biographie von selbst in kurze Kapitel -zerfiel, und teilte sie demgemäß von neuem ein.</p> - -<p>Teils infolge ihres Temperaments, teils infolge der Bedingungen, unter -denen ihr Buch entstanden war, hatte sie mehr eine Reihe glänzender -Einzelschilderungen als eine einheitliche Erzählung gegeben; in der Tat -sind verschiedene Abschnitte ihrer Biographie kurze Aufsätze, die sie -in ihren englischen Unterrichtsstunden geschrieben hatte, und die lose -Verbindung zeigt mitunter ihren ursprünglichen Umfang an.</p> - -<p>Bei der Reinschrift brachte Fräulein Keller mit Hilfe ihrer -Brailleschreibmaschine Korrekturen und Ergänzungen auf besonderen -Blättern zu Papier. Längere Korrekturen schrieb sie mittels der -Schreibmaschine nieder und bezeichnete die Stellen, an die sie -gehörten, durch Stichworte. Dann las sie das ganze Buch von ihrer -Braillekopie ab und brachte während des Lesens noch Korrekturen an, -die auf das Manuskript niedergeschrieben wurden, das dann in die -Druckerei kam. Während dieser Revision erörterte sie Fragen, die auf -Inhalt und Form Bezug hatten. Sie saß da, ließ ihre Finger über das -Braillemanuskript gleiten, hielt dann und wann inne, um die Blätter, -auf die sie ihre Notizen in Brailleschrift aufgezeichnet hatte, zu -vergleichen, und las die ganze Zeit über laut, um ihre Zuhörer in die -Lage zu versetzen, das Manuskript zu kontrollieren.</p> - -<p>Sie hörte auf die Kritik genau so wie jeder andere Schriftsteller -auf das Urteil seiner Freunde oder seines Verlegers hört. Fräulein -Sullivan, die eine ausgezeichnete Kritikerin ist, machte<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span> ihr -sowohl bei der Ausarbeitung wie bei der Revision vielfach -Verbesserungsvorschläge. Man hat behaupten wollen, Fräulein Keller -sei durch übereifrige Freunde zur Abfassung ihres Buches sowie zur -Einfügung gewisser Dinge gedrängt worden. In Wahrheit haben die -Ratschläge, die sie erhalten und befolgt hat, mehr zu Streichungen als -zu Zusätzen geführt. Das Buch ist Fräulein Kellers ausschließliches -geistiges Eigentum und der entscheidende Beweis für ihre selbständige -Begabung.</p> - -<div class="section"> - -<h3 class="padtop2" id="Helen_Kellers_Persoenlichkeit">Helen Kellers -Persönlichkeit.</h3> - -</div> - -<p class="s5 center mbot2">Körperliche Erscheinung. — Lebhafte Gestikulation. — -Personengedächtnis. — Vorliebe für Humor. — Hartnäckigkeit -im Verfolgen ihrer Ziele. — Keckheit. — Ungeeignet für -psychologische Experimente. — Liebe zur Geselligkeit. — -Verständnis für Musik. — Interesse für die Tagesereignisse. -— Ueberraschend vollständige Weltkenntnis. — Gefühlssinn -nicht besonders fein entwickelt. — Verständnis für Plastik. — -Wenig Orientierungssinn. — Benutzung der Schreibmaschine. — -Fingeralphabet. — Hochdruck und Braillesystem. — Geruchssinn. -— »Sechster Sinn«. — Zeitsinn. — Eigenartige Uhren. — Gesunde -Auffassung der Dinge. — Sittliche Reinheit. — Abneigung gegen -Tragödien. — Warmes Empfinden und Aufrichtigkeit. — Mangel an -Eitelkeit. — Beschäftigung mit Politik.</p> - -<p id="Mark_Twain_II">Mark Twain hat behauptet, die beiden interessantesten Charaktere -des neunzehnten Jahrhunderts seien Napoleon und Helen Keller. Die -Bewunderung, mit der die Welt auf die letztere geblickt hat, wird -durch ihre Leistungen mehr als gerechtfertigt. Niemand vermag etwas -Zutreffendes über sie auszusagen, was nicht bereits gedruckt ist, und -alles, was ich tun kann, besteht darin, einiges Tatsächliche über -Fräulein Kellers Entwickelungsgang mitzuteilen und die Angaben über -ihre Persönlichkeit in einigen Punkten zu ergänzen.</p> - -<p>Fräulein Keller ist groß und kräftig gebaut und hat sich stets einer -guten Gesundheit erfreut. Sie scheint nervöser zu<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span> sein, als sie -tatsächlich ist, weil sie mehr mit ihren Händen gestikuliert als -die meisten Menschen englischer Zunge. Der eine Grund für diese -Gewöhnung liegt bei ihr darin, daß sie sich ihrer Hände so lange -Zeit als Verständigungsmittel bedient hat, daß sie von selbst die -rasche Beweglichkeit des Auges angenommen haben und einen Teil von -dem ausdrücken, was wir mit einem Blicke sagen. Alle tauben Menschen -gestikulieren von Hause aus. In der Tat war man früher der Meinung, -diese Unglücklichen könnten sich am leichtesten durch ein System -von Gestikulationen, durch die von dem Abbé de l’Epée erfundene -Zeichensprache verständlich machen.</p> - -<p>Wenn Fräulein Keller spricht, so belebt sich ihr Antlitz und drückt -alle Nuancen ihres Denkens aus, ihre Gesichtszüge werden sprechend -und geben ihren Worten erst den rechten Nachdruck. Wenn sie jedoch -mit einem näheren Bekannten spricht, so faßt sie mit der Hand rasch -nach seinem Gesichte, um, wie sie sagt, „das Bewegungsspiel des Mundes -zu sehen.“ Auf diese Weise ist sie imstande, den Sinn solcher halb -ausgesprochenen Sätze zu verstehen, die wir unbewußt aus dem Tone der -Stimme oder dem Ausdrucke des Auges ergänzen.</p> - -<p>Ihr Personengedächtnis ist erstaunlich. Sie erinnert sich bei der -Berührung von Fingern, die sie früher in der Hand gehalten hat, all -der charakteristischen Muskelzusammenziehungen, die den Handschlag des -einen Menschen von dem des anderen verschieden machen.</p> - -<p>Vielleicht der kennzeichnendste Charakterzug Helen Kellers (und -ebenso Fräulein Sullivans) ist der Humor. Schlagfertigkeit und die -Neigung zu Wortspielen verleihen ihr eine Vorliebe für Bonmots und -witzige Redewendungen. Doch ist ihr Humor von jener tieferen Art, die -gleichbedeutend mit Mut ist.</p> - -<p>Vor vierzehn Jahren setzte sie es sich in den Kopf, sprechen lernen zu -wollen, und sie ließ ihrer Lehrerin nicht eher Ruhe,<span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span> bis ihr diese -die Erlaubnis gab, Unterricht darin nehmen zu dürfen, obgleich kluge, -erfahrene Leute, sogar Fräulein Sullivan, die klügste von allen, -dies als ein Experiment betrachteten, das unmöglich gelingen könne -und nur danach angetan sei, sie unglücklich zu machen. Diese selbe -Hartnäckigkeit war es, die sie bewog, die Universität zu besuchen. -Nachdem sie ihre Examina bestanden und ihr Abiturientenzeugnis erhalten -hatte, wurde ihr von dem Dekan des Radcliffe College und anderen das -Universitätsstudium widerraten. Sie schob es daher ein volles Jahr auf. -Sie fühlte sich aber nicht befriedigt, bis sie ihren Plan ausführte und -die Universität bezog.</p> - -<p>Ihr Leben ist eine Reihe von Anläufen gewesen, alles zu tun, was andere -tun, und es ebensogut zu tun. Sie hat damit einen durchschlagenden -Erfolg erzielt, denn bei dem Versuche, so zu sein wie andere, ist sie -dahin gelangt, sich selbst völlig zu finden. Ihre Abneigung gegen -Niederlagen hat ihren Mut entwickelt. Was ein anderer erreichen kann, -das kann sie auch. Ihre Achtung für persönliche Tapferkeit gleicht -der Verachtung des Knaben für den weinenden Spielgefährten, mit einem -Anflug von jugendlichem Bramarbasieren. Sie unternimmt Fußwanderungen -in die Wälder, kriecht durch das Unterholz, wobei sie zerkratzt und -zerschunden wird; aber man kann sie nicht dahin bringen, zuzugeben, daß -sie sich verletzt habe, und um keinen Preis bewegen, das nächstemal zu -Hause zu bleiben.</p> - -<p>Wenn man versucht, Experimente an ihr zu machen, zeigt sie eine zähe -Willensbestimmtheit, jede Probe, der man sie zu unterziehen wünscht, zu -bestehen, so widersinnig sie auch sein mag.</p> - -<p>Wenn sie die Antwort auf eine Frage nicht weiß, so rät sie frisch -darauf los. Fragt man sie nach der Farbe des Rockes, den man anhat -(kein Blinder kann eine Farbe erkennen), so befühlt sie ihn und sagt: -Schwarz. — Ist er zufällig blau und sagt man ihr dies triumphierend, -so ist sie imstande zu antworten: Danke.<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span> Ich freue mich, daß Sie es -wissen. Wozu haben Sie mich dann überhaupt gefragt? —</p> - -<p>Ihre spöttische, mutwillige Art macht sie zu einem sehr ungeeigneten -Objekt für psychologische Experimente. Außerdem sieht Fräulein Sullivan -auch nicht ein, warum Helen Keller wissenschaftliche Untersuchungen -über sich ergehen lassen soll, und hat selbst nur wenig Experimente -angestellt. Als ein Psychologe sie fragte, ob Helen im Schlafe mit -ihren Fingern buchstabiere, entgegnete ihm Fräulein Sullivan, sie halte -es nicht für der Mühe wert, aufzubleiben und Nachtwache zu halten, da -derlei Dinge von so geringer Bedeutung seien.</p> - -<p>Fräulein Keller ist eine Freundin von Geselligkeit. Wenn jemand, den -sie berührt, über einen Scherz lacht, lacht sie mit, gerade als ob -sie ihn gehört hätte. Wenn andere von Musik hingerissen werden, so -erscheint, durch Sympathie hervorgerufen, ebenfalls auf ihren Zügen -ein strahlender Ausdruck. In der Tat besitzt sie ein so feines Gefühl -für die Gemütsbewegungen Fräulein Sullivans, daß sie sich derselben -sofort anpassen kann, und so scheint sie auch zu wissen, was in ihrer -Umgebung geschieht, selbst wenn die Unterhaltung ihr nicht in die Hand -buchstabiert wird. In derselben Weise beruht ihr Verständnis für Musik -teilweise auf Sympathie, obgleich sie sich an ihr auch um ihrer selbst -willen erfreut.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="img_p186" name="img_p186"> - <img class="mtop1" src="images/img_p186.jpg" alt="" /></a> - <p class="caption mbot1">Helen Keller »horcht« auf die - Töne eines Klaviers</p> -</div> - -<p>Die Musik kann für sie vermutlich wenig mehr bedeuten als eine -rhythmische Bewegung. Sie kann nicht singen oder Klavier spielen, -obgleich sie, wie frühere Experimente beweisen, es mechanisch erlernen -konnte, eine Melodie auf den Tasten abzuspielen. Ihre Freude an der -Musik ist nichtsdestoweniger völlig echt, denn die Töne werden ihr -durch das Gefühl vermittelt, indem die Luftwellen sie berühren. -Teilweise rührt ihr Verständnis für den Rhythmus der Musik ohne -Zweifel von den Schwingungen fester Körper her, die sie berührt;<span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span> des -Fußbodens oder, was wahrscheinlicher ist, des Pianokastens, auf dem -ihre Hand ruht. Doch scheint sie auch die Bewegung der Luft selbst zu -empfinden. Als die Orgel in der Bartholomäuskirche für sie gespielt -wurde, (vergl. <a href="#Bartholomaeuskirche">S. 171</a>) erbebte das ganze Gebäude bei den mächtigen -Pedaltönen, aber dadurch wird nicht im geringsten erklärt, was Helen -empfand und worüber sie sich freute. Die Vibration der Luft sowie die -anschwellenden Orgeltöne versetzten sie ebenfalls in gleichartige -Schwingungen. Mitunter legt sie ihre Hand an den Kehlkopf eines -Sängers, um das Zittern und Zusammenziehen der Muskeln zu fühlen, -und hat davon einen wahrhaften Genuß. Niemand weiß jedoch genau, -welcher Art ihre Empfindungen dabei sind. Es ist belustigend, in einer -Zeitschrift aus dem Jahre 1895 zu lesen, daß Fräulein Keller den -verschiedenen Komponisten eine gerechte und verständnisvolle Würdigung -entgegenzubringen vermöge, da sie deren Musik im buchstäblichen Sinne -des Wortes fühle; Schumann sei ihr Lieblingskomponist. Wenn sie den -Unterschied zwischen Schumann und Beethoven kennt, so rührt dies daher, -daß sie darüber gelesen hat, sich an das Gelesene erinnert und mit -jemand, der sie danach fragt, über dieses Thema sprechen kann.</p> - -<p>Fräulein Kellers Streben, es anderen in Bezug auf Intelligenz -gleichzutun, hält sie auch betreffs der Tagesereignisse auf dem -laufenden. Als ihre Erziehung systematischer wurde und sie sich mit -Büchern beschäftigte, würde es für Fräulein Sullivan ein leichtes -gewesen sein, sie zur Einkehr in sich selbst anzuhalten, wenn sie -dazu geneigt gewesen wäre. Aber jedermann, der mit ihr zusammenkam, -hat ihr sein Bestes gegeben, und sie hat es angenommen. Wenn im Laufe -einer Unterhaltung der ihr zunächst Sitzende auch nur einen Augenblick -aufhört, in ihre Hand zu buchstabieren, so erfolgt unausbleiblich die -Frage: Worüber sprechen Sie jetzt? Auf diese Weise speichert<span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span> sie die -Bruchstücke aus der täglichen Unterhaltung normal beanlagter Menschen -in sich auf, und ihre Einzelkenntnisse sind daher äußerst umfassend und -genau. Auch spricht sie gut über die kleinen täglichen Ereignisse des -Lebens.</p> - -<p>Einen großen Teil ihres Wissens erwirbt sie sich auf unmittelbarem -Wege. Wenn sie ausgeht, bleibt sie oft plötzlich stehen, von dem -Geruche eines Strauches angezogen. Sie streckt ihre Hand aus, befühlt -die Blätter, und empfindet an der Pflanzenwelt denselben Genuß wie wir, -wenn sie die Blätter zwischen ihren Fingern hält, den Duft der Blüten -einsaugt und wenn sie sich später wieder daran erinnert.</p> - -<p>Befindet sie sich an einer neuen Oertlichkeit, namentlich einer -interessanten wie den Niagarafällen, so ist ihr Begleiter, — in -der Regel ist es natürlich Fräulein Sullivan — bemüht, ihr eine -Vorstellung von den sichtbaren Einzelheiten beizubringen. Fräulein -Sullivan, die das Innere ihres Zöglings kennt, wählt aus der Landschaft -die wesentlichen Züge aus, die imstande sind, Helens innerer -Anschauung der Außenwelt, die unseren Augen eine verwirrende Fülle -von Einzelheiten darbietet, eine gewisse Klarheit und Bestimmtheit zu -verleihen. Wenn ihr Begleiter ihr nicht genug Einzelheiten mitteilt, so -stellt Helen selbst Fragen, bis sie sich das Landschaftsbild zu ihrer -Befriedigung ergänzt hat.</p> - -<p>Sie sieht nicht mit ihren Augen, wohl aber mittels der inneren -Fähigkeit, zu deren Unterstützung uns die Augen gegeben sind. Wenn -sie von einem Spaziergang zurückkehrt und mit jemand über diesen -spricht, so sind ihre Beschreibungen zutreffend und lebendig. Eine -auf Vergleichung beruhende Erfahrung, die sie aus schriftlichen -Schilderungen und aus den mündlichen ihrer Lehrerin schöpft, schützt -sie vor Irrtümern im Gebrauche der Bezeichnungen für Gehörs- und -Gesichtseindrücke. Ihre Anschauung vom Leben ist in der Tat höchst<span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span> -farbenreich, und die Welt, wie Helen sie erblickt, ist unzweifelhaft -ein wenig besser als in Wirklichkeit. Doch ist Fräulein Kellers -Kenntnis von ihr durchaus nicht so unvollständig, wie man annehmen -könnte. Gelegentlich setzt sie ihre Umgebung durch ihre Unkenntnis -einer Tatsache in Erstaunen, die ihr zufällig niemand mitgeteilt hat; -so wußte sie zum Beispiel bis zu ihrem ersten Seebade nicht, daß das -Meerwasser salzig ist. Viele der vereinzelten Ereignisse und Tatsachen -unseres täglichen Lebens gehen an ihr unbemerkt vorüber, aber sie hat -eine genügende Kenntnis von der Welt, um sich eine im wesentlichen -lückenlose Anschauung von ihr bilden zu können.</p> - -<p>Der größte Teil ihres unmittelbaren Wissens geht auf ihren Gefühlssinn -zurück. Dieser Sinn ist jedoch nicht so fein ausgebildet wie -bei anderen Blinden. Laura Bridgman konnte die winzigsten, fast -verschwindenden Unterschiede in der Stärke von Fäden wahrnehmen und -fertigte wundervolle Spitzen an. Fräulein Keller versteht zu stricken -und zu häkeln, aber sie hat Besseres zu tun. Bei ihren mannigfaltigen -Gaben und Anlagen hat sie sich des Gefühlssinns nicht genügend bedient, -um ihn allzuhoch über die normale Schärfe hinaus zu entwickeln. Ein -Bekannter stellte eines Tages bei Helen Versuche mit verschiedenen -Münzen an. Das Wiedererkennen nach Maßgabe ihres Gewichts- und -Größenverhältnisses ging langsamer von statten, als er erwartet hatte. -Aber man muß dabei bedenken, daß sie fast nie Geld in die Hände bekommt -und, nebenbei gesagt, so von einer der schmutzigen und kleinlichen -Einzelheiten des Lebens verschont bleibt.</p> - -<p>Sie erkennt den Vorwurf und die allgemeine Idee einer sechs Zoll -hohen Statuette. Etwas, was flacher ist, als ein Basrelief von einem -halben Zoll Höhe ist für sie ein leeres Blatt, insofern es sich dabei -um die Empfindung des Schönen handelt. Große Statuen, bei denen sie -den Schwung der Linien<span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span> mit der ganzen Hand verfolgen kann, gewähren -ihr einen höheren ästhetischen Genuß. Sie bemerkt selbst, daß sie -sie besser zu würdigen imstande ist als wir, weil sie die wirklichen -Dimensionen zu erfassen und die körperliche Natur eines plastischen -Werkes unmittelbarer zu empfinden vermag. Als sie das Museum der -schönen Künste in Boston besuchte, stand sie auf einer Stehleiter und -ließ beide Hände über die Statuen gleiten. Als sie ein Basrelief mit -der Darstellung tanzender Mädchen befühlte, fragte sie: Wo sind die -Sängerinnen? — Nachdem sie diese gefunden hatte, sagte sie: Eine von -ihnen schweigt. — Die Lippen der Sängerin waren geschlossen.</p> - -<p>Am meisten bietet jedoch ihr tägliches Leben Gelegenheit, die Feinheit -ihrer Sinne und ihrer Handfertigkeit zu beobachten. Sie scheint -sehr wenig Orientierungssinn zu besitzen. Sie tastet ihren Weg mit -ziemlicher Unsicherheit selbst in Zimmern entlang, mit denen sie ganz -bekannt ist. Die meisten Blinden werden durch das Gehör unterstützt, -sodaß man sie nicht mit diesen vergleichen kann, sondern billigerweise -nur mit anderen taubstummen Blinden. Ihre Geschicklichkeit ist weder -im Verhältnis zu normalen Personen, deren Bewegungen durch das Auge -geleitet werden, noch, wie mir versichert wurde, zu anderen Blinden -bemerkenswert. Sie hat keine einzige Fertigkeit ausgeübt, die den -Gebrauch ihrer Hände erfordert haben würde. Als sie zwölf Jahre alt -war, ließ ein Bekannter von ihr, der Künstler Albert H. Munsell, -sie Versuche mit einer Wachstafel und einem Griffel anstellen. Er -berichtet, sie habe sich ganz gut dabei angestellt und nach Modellen -einige Umrißzeichnungen von Blättern und Rosetten angefertigt. -Ihre einzige Beschäftigung, die Handfertigkeit erfordert, ist ihre -Tätigkeit an der Schreibmaschine. Obgleich sie diese von ihrem zwölften -Lebensjahre an benutzt hat, arbeitet sie an ihr eher sorgfältig als -rasch. Sie schreibt mit angemessener Schnelligkeit und abso<span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span>luter -Sicherheit. Ihre Manuskripte enthalten selten Schreibfehler, wenn sie -sie Fräulein Sullivan zum Durchlesen übergibt. Ihre Schreibmaschine -weist keine besonderen Einrichtungen auf. Sie überzeugt sich von der -Stellung der einzelnen Tasten zueinander durch eine gelegentliche -Berührung des Außenrandes der Platte mit dem kleinen Finger.</p> - -<p>Fräulein Kellers Verstehen des Fingeralphabets vermittelst des Gefühls -scheint einigermaßen Verwunderung zu erregen. Selbst Leute, die Helen -sehr gut kannten, haben in Zeitschriften von Fräulein Sullivans -»geheimnisvoller telegraphischer Zwiesprache« mit ihrem Zögling -gesprochen. Das Fingeralphabet ist das bei allen tauben Personen, -die eine Erziehung genossen haben, übliche. Die meisten Wörterbücher -enthalten eine bildliche Darstellung der Fingeralphabete. Der sehende -Taube blickt auf die Finger seines Begleiters, aber es ist auch -möglich, sie zu fühlen. Fräulein Keller legt ihre Finger leicht über -die Hand dessen, der mit ihr spricht, und faßt die Worte so rasch auf, -wie sie buchstabiert werden können. Wie sie erklärt, ist sie sich -weder der einzelnen Buchstaben noch einzelner Wörter bewußt. Fräulein -Sullivan und andere, die beständig mit Tauben zu tun haben, können sehr -rasch buchstabieren — schnell genug, um die Geschwindigkeit einer -langsamen Lektüre zu erreichen, jedoch nicht, um jedem Worte eines -raschen Gespräches folgen zu können.</p> - -<p>Jedermann kann das Fingeralphabet in wenigen Minuten erlernen, nach -Verlauf eines Tages langsam anwenden und nach einer beständigen Uebung -von dreißig Tagen sich durch dasselbe mit Helen Keller oder einer -anderen tauben Person verständigen, ohne auf die Bewegung der Finger -zu achten. Wäre das Fingeralphabet allgemeiner bekannt und erlernten -die Bekannten und Angehörigen tauber Kinder es zugleich mit diesen, so -würden die Tauben der ganzen Welt glücklicher und besser unterrichtet -sein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span></p> - -<p>Helen Keller liest mit Hilfe von Hochdrucken und den verschiedenen -Arten der Brailleschrift. Das gewöhnliche Buch in Hochdruck ist mit -römischen Lettern, sowohl kleinen wie großen, hergestellt. Diese -Lettern sind von einfacher, viereckiger, rechtwinkliger Gestalt. Die -kleinen Buchstaben sind ungefähr 3/16 Zoll hoch und erheben sich über -die Blattfläche ungefähr um die Dicke eines Daumennagels. Die Bücher -haben ein großes Format, ungefähr Lexikonformat. Das französische -Elementarbuch von Ploetz umfaßt zum Beispiel vier Bände. Die Bücher -sind nicht schwer, weil die Blätter mit der erhöhten Schrift nicht -dicht übereinander liegen. Am meisten fällt Helens Blindheit ihren -Bekannten auf, wenn die plötzlich im Dunkeln zu ihr kommen und das -Rascheln ihrer Finger über die Buchseite hören.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="img_p192" name="img_p192"> - <img class="mtop1" src="images/img_p192.jpg" alt="" /></a> - <p class="caption mbot1">Helen Keller bei der Lektüre</p> -</div> - -<p>Der geeignetste Druck für die Blinden ist die Brailleschrift, die -verschiedene Abarten aufweist, leider nur zu viele — die englische, -die amerikanische, die New Yorker. Fräulein Keller liest sie alle. -Die meisten Blinden mit Schulbildung verstehen verschiedene Systeme, -aber es würde die Sache vereinfachen, wenn, wie Fräulein Keller -vorschlägt, die englische Brailleschrift allgemein angenommen würde. -Jedes Zeichen (entweder ein Buchstabe oder eine, der Brailleschrift -eigentümliche Zusammenziehung mehrerer Buchstaben) besteht aus einer -Anzahl von Punkten (zwischen 1 und 6 schwankend), die in verschiedenen -Stellungen zueinander angeordnet sind. Fräulein Keller besitzt eine -Brailleschreibmaschine, auf der sie ihre Notizen anfertigt und Briefe -an ihre blinden Freunde schreibt. Diese Maschine hat sechs Tasten, und -durch das Niederdrücken einer oder mehrerer von diesen zu gleicher -Zeit (genau so wie man einen Akkord auf dem Klavier greift) bringt der -Schreibende ein Zeichen in einem Bogen dicken Papiers hervor und kann -halb so rasch schreiben wie auf einer gewöhnlichen Schreibmaschine.<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span> -Die Brailleschrift eignet sich vorzugsweise zur Herstellung einzelner -Abschriften von Büchern.</p> - -<p>Bücher für Blinde gibt es verhältnismäßig wenige.<a name="FNAnker_21_21" id="FNAnker_21_21"></a><a href="#Fussnote_21_21" class="fnanchor">[21]</a> Ihre Herausgabe -erfordert große Kosten, und sie haben einen zu kleinen Abnehmerkreis, -als daß das Geschäft für den Verleger gewinnbringend sein könnte. Es -gibt jedoch verschiedene Anstalten mit besonderen Fonds zur Herstellung -von Büchern in Hochdruck. Fräulein Keller ist glücklicher daran als -die meisten anderen Blinden, da ihre Freunde so aufmerksam waren, -eigens für sie Bücher herzustellen und sich Herren, wie zum Beispiel -Herr E. E. Allen vom <span class="antiqua">Pennsylvania Institute for the Instruction of -the Blind</span> bereit fanden, Ausgaben von Büchern, deren sie gerade -bedurfte, zu veranstalten.</p> - -<p>Fräulein Keller liest in der Regel nicht allzu schnell, sondern -eher bedächtig, nicht weil sie die Worte weniger geschwind fühlte, -als wir sie sehen, sondern weil sie es sich zur Gewohn<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span>heit gemacht -hat, alles gründlich und gut zu tun. Wenn sie sich für eine Stelle -interessiert oder sich dieselbe zu künftiger Verwendung einprägen -will, so buchstabiert sie sich diese mit den Fingern der rechten Hand -vor. Mitunter geht dieses Fingerspiel ganz unbewußt von statten. -Auch spricht Helen in Geistesabwesenheit oft zu sich selbst mittels -des Fingeralphabets. Wenn sie in der Halle oder der Veranda auf- -und abgeht, so bewegen sich ihre Hände mit der Geschwindigkeit von -Vogelflügeln.</p> - -<p>Es gibt, wie mir versichert wird, ebenso ein auf dem Gefühl beruhendes -Gedächtnis, wie ein auf dem Gesicht und Gehör beruhendes. Fräulein -Sullivan erklärt, daß sowohl sie wie Fräulein Keller sich »in ihren -Fingern« daran erinnerten, was sie gesagt haben. Wenn Helen Keller -einen Satz in der Fingersprache buchstabiert, so macht dies auf ihren -Geist denselben Eindruck, wie wenn wir etwas, das wir oft gehört -haben, dadurch unbewußt lernen, daß wir uns den Klang des Gehörten ins -Gedächtnis zurückrufen können.</p> - -<p>Gleich jedem Tauben oder Blinden besitzt Fräulein Keller einen -außerordentlich feinen Geruch. Als sie ein kleines Mädchen war, roch -sie alles und erkannte an den verschiedenen Gerüchen, wo sie war, an -welchem Hause sie vorüberkam u. s. w. Als ihr Intellekt zunahm, wurde -sie weniger abhängig von diesem Sinne. In welchem Umfange sie bis jetzt -Dinge an ihrem Geruche wiedererkennt, läßt sich schwer feststellen. -Der Geruchssinn ist in Mißkredit gekommen, und ein Tauber spricht nur -ungern von ihm. In Fräulein Kellers feinem Geruchssinn mag jedoch zum -Teil eine Erklärung für jenes Wiedererkennen von Personen und Dingen -zu finden sein, das man sich gewöhnt hat, einem besonderen Sinne -zuzuschreiben, oder einer außergewöhnlichen Entwickelung der Fähigkeit, -die wir alle zu besitzen scheinen, nämlich der Fähigkeit, anzugeben, -wenn sich jemand in unserer Nähe befindet.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span></p> - -<p>Die Frage nach einem besonderen »sechsten Sinne«, wie man ihn Fräulein -Keller beigelegt hat, ist eine sehr heikle. Soviel ist sicher, sie -kann keinen Sinn haben, den andere nicht auch haben können, und das -Vorhandensein eines besonderen Sinnes ist weder ihr selbst noch -ihrer Umgebung bekannt. Fräulein Kellers Wesen gibt ganz bestimmt -keine Stütze für Geheimlehren und mysteriöse Theorien ab, und jeder -Versuch, ihre Eigenart auf diese Weise zu erklären, scheitert an ihrer -Normalität. Ihre Natur ist nicht geheimnisvoller und verwickelter -als die jedes anderen Menschen. Alles, was sie ist, alles, was sie -geleistet hat, läßt sich auf natürliche Weise erklären, bis auf die -Züge, die sich in jedem Menschen vorfinden, ohne daß sie jemals -erklärt werden können. Sie liefert offenbar keinen Beweis für die -Existenz eines Geistes ohne Materie, das Dasein angeborener Ideen -oder die Unsterblichkeit oder für sonst etwas, wofür sich nicht in -jedem anderen menschlichen Wesen ein Beweis finden ließe. Philosophen -haben festzustellen gesucht, welcher Art ihr Begriff von abstrakten -Vorstellungen war, ehe sie sprechen lernte. Hatte sie irgendwelchen -Begriff von solchen, so läßt sich diese Frage nicht mehr beantworten, -denn sie kann sich nicht darauf entsinnen, und natürlich liegen auch -keine Aufzeichnungen aus jener Zeit vor. Sie hatte keinen Begriff von -Gott, ehe sie das Wort »Gott« gehört hatte, wie ihre eigenen Aussagen -deutlich bekunden.<a name="FNAnker_22_22" id="FNAnker_22_22"></a><a href="#Fussnote_22_22" class="fnanchor">[22]</a></p> - -<p>Ihr Zeitsinn ist vortrefflich ausgebildet; ob er sich aber zu -einer besonderen Begabung entwickelt haben würde, läßt sich nicht -feststellen, denn sie besitzt seit ihrem siebenten Jahre eine Uhr.</p> - -<p>Fräulein Keller besitzt zwei Uhren, die ihr zum Geschenk gemacht worden -sind. Sie sind, glaube ich, die einzigen ihrer<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span> Art in Amerika. Die Uhr -hat auf der Rückseite einen flachen goldenen Zeiger, der soweit von -links nach rechts gedreht werden kann, bis er, mittels eines Stiftes -innen im Gehäuse, an den Stundenzeiger anstößt, und so eine diesem -entsprechende Stellung erhält. Die Spitze dieses goldenen Zeigers -ragt über den Rand des Gehäuses vor, auf welchem elf erhöhte Punkte -angebracht sind, der Griff vertritt die Stelle des zwölften. Diese Uhr -— eine gewöhnliche Uhr mit einem gewöhnlichen Ziffernblatt für den -Sehenden, — wird durch die beschriebene Vorrichtung zur Blinden-Uhr, -mit einem (einzigen) erhöhten Zeiger und erhöhten Stundenziffern. -Obgleich der sechzig Minuten entsprechende Zwischenraum zwischen den -einzelnen Punkten weniger als einen halben Zoll beträgt, so liest -Fräulein Keller die Zeit doch ziemlich genau ab. Man muß übrigens -sagen, daß auch eine Uhr mit doppeltem Gehäuse, aber ohne Glas, einem -Blinden hinreichende Dienste leistet, wenn dessen Gefühl fein genug -ist, um die Stellung der Zeiger zu erkennen, ohne sie zu beschädigen.</p> - -<p>Die feineren Züge von Fräulein Kellers Charakter sind so allgemein -bekannt, daß man nicht viel Worte über sie zu verlieren braucht. -Gesunder Menschenverstand, guter Humor und Phantasie machen ihre -Auffassung der Dinge zu einer gesunden und schönheitserfüllten. Niemals -ist von ihrer Umgebung ein Versuch gemacht worden, sie vor Illusionen -zu bewahren oder ihr diese zu rauben. Als sie noch ein kleines Mädchen -war, wurde eine ganze Menge unverständiger und taktloser Dinge, die -über sie gesprochen worden waren, dank der weisen Wachsamkeit Fräulein -Sullivans vor ihr nicht wiederholt. Jetzt, wo sie erwachsen ist, denkt -niemand daran, weniger offen mit ihr zu sprechen, als mit jeder anderen -intelligenten jungen Dame.</p> - -<p>Ich glaube, sie ist das reinste menschliche Wesen, das je existiert -hat... Die Welt ist für sie das, was ihr eigenes<span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span> Bewußtsein ist. Sie -hat nicht einmal gelernt, »moralische Entrüstung« zu zeigen, worauf -viele so stolz sind.</p> - -<p>Als vor einiger Zeit ein Polizist ihren Hund totschoß, den sie -zärtlich liebte und der ihr täglicher Begleiter war, fand sie in ihrem -verzeihenden Herzen keine Verurteilung für diesen Mann; sie sagte nur: -„Wenn er nur gewußt hätte, was für ein guter Hund es war, so würde er -ihn gewiß nicht erschossen haben. — Vor langer Zeit wurde uns gesagt: -‚Vater vergib ihnen, denn die wissen nicht, was sie tun!‘“ —</p> - -<p>Natürlich wird die Frage aufgeworfen werden, ob Helen Keller das sein -würde, was sie heutzutage ist, wenn sie nicht vor jeder Berührung -mit dem Schlechten behütet worden wäre. ... Ihre Seele ist weder -durch verweichlichende und schmutzige Lektüre entnervt noch durch den -leisesten Hauch von Gemeinheit befleckt worden. Infolgedessen ist ihr -Geist nicht nur kräftig, sondern auch rein. Sie liebt edle Handlungen, -edle Gedanken und den Charakter edler Männer und Frauen.</p> - -<p>Sie zeigt noch jetzt eine kindliche Abneigung gegen Tragödien. Ihre -Phantasie ist so rege, daß sie vollständig unter dem Einfluß einer -Erzählung steht und in deren Welt lebt. Fräulein Sullivan schrieb 1891 -in einem Briefe:</p> - -<p>Gestern las ich ihr die Geschichte von Macbeth vor, wie sie von Charles -und Mary Lamb erzählt wird. Sie geriet in heftige Erregung und sagte: -Das ist ja schrecklich. Ich fürchte mich davor. — Nachdem sie eine -Weile nachgedacht hatte, fuhr sie fort: Ich glaube, Shakespeare hat -dies deshalb so schrecklich dargestellt, damit man sehen soll, wie -furchtbar es ist, unrecht zu tun. —</p> - -<p>Von der realen Welt weiß sie mehr Gutes und weniger Schlechtes, als -die meisten Menschen zu wissen glauben. Ihre Lehrerin behelligte sie -nicht mit den kleinen Miseren des Lebens; aber von den bedeutenden -Schwierigkeiten, die sich ihnen in<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span> den Weg stellten, wurde Fräulein -Keller völlig in Kenntnis gesetzt, nahm teil an den Sorgen und dachte -über die Lösung der Probleme nach. Sie ist logisch und duldsam, voller -Vertrauen zu einer Welt, von der sie stets mit Güte behandelt worden -ist.</p> - -<p>Als sie einmal aufgefordert wurde, den Begriff »Liebe« zu definieren, -antwortete sie: Mein Gott, das ist doch leicht; es ist das, was jeder -gegen jeden anderen empfindet. —</p> - -<p>Duldsamkeit, — sagte sie einmal, als sie ihre Freundin Frau Laurence -Hutton besuchte, ist die größte Geistesgabe; sie erfordert dieselbe -Anstrengung des Denkens, die in körperlicher Hinsicht nötig ist, wenn -man sich auf einem Zweirade im Gleichgewicht erhalten will. —</p> - -<p>Sie besitzt eine umfassende, hochherzige Sympathie für alles und -ein durch und durch ehrliches Wesen. Insofern sie sich offenkundig -von anderen unterscheidet, ist sie auch weniger durch das Herkommen -gebunden. Sie hat den Mut ihrer kühnen Metaphern und läßt sich -von diesen himmelwärts erheben, während wir armen selbstbewußten -Menschen sie für zu hoch halten, als daß wir sie in unsrer täglichen -Unterhaltung anwenden könnten. Sie sagt stets genau das, was sie -denkt, ohne Furcht vor der nackten Wahrheit, und dabei ist niemand -taktvoller und gewandter im Umschreiben einer unangenehmen Wahrheit, -um die Gefühle anderer so wenig wie möglich zu verletzen. Aber all die -Aufmerksamkeit, die ihr seit ihrer Kindheit zu teil geworden ist, hat -nicht vermocht, sie eitel auf sich selbst zu machen. Bisweilen nimmt -sie einen geradezu salbungsvollen Ton an. Dann nennt ihre Lehrerin -sie ihre kleine, unverbesserliche Sonntagsnachmittagspredigerin, und -sie lacht dann über sich selbst. Oft jedoch sind ihre nüchternen -Gedanken durchaus nicht lächerlich, denn ihr ernster Eifer reißt alle -Hörer mit sich fort. Niemals ist die leiseste Spur einer falschen -Sentimentalität<span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span> in ihren Worten zu entdecken. Sie ist von allem, was -sie sagt, so durchdrungen, daß selbst ihre Citate, die Wiederholungen -dessen, was sie gelesen hat, den Eindruck eigener selbständiger -Gedanken hervorrufen.</p> - -<p>Ihre Logik und ihr warmes Empfinden halten sich stets ausgezeichnet -die Wage. Ihr Empfinden ist von rascher und hilfsbereiter Art, wie -sie es glücklicherweise so oft bei anderen angetroffen hat. Aber ihre -Sympathien gehen weiter und beeinflussen ihr Urteil über politische -und nationale Bewegungen. Sie war eine begeisterte Burenfreundin und -schrieb einen geharnischten Artikel zugunsten der Unabhängigkeit -der Buren. Als ihr die Waffenstreckung des tapferen kleinen Volkes -mitgeteilt wurde, umwölkte sich ihr Antlitz, und sie verstummte für -einige Minuten. Dann stellte sie klare, eindringliche Fragen nach den -Bedingungen der Kapitulation und begann die letzteren zu erörtern.</p> - -<p>Sowohl Herr Gilman wie Herr Keith, ihre beiden Lehrer, die sie für -die Universität vorbereiteten, waren erstaunt über die Stärke des -konstruktiven Denkens, die sie bei ihr wahrnahmen; ihre Leistungen in -der reinen Mathematik waren ganz vorzüglich, obgleich sie niemals eine -besondere Vorliebe für diese Wissenschaft gehabt zu haben scheint. -Zu dem besten, was sie geschrieben hat, gehören, abgesehen von ihren -phantasievollen dichterischen Ergüssen, ihre Examensarbeiten und ihre -Abhandlungen über technische Fragen sowie einige Briefe, die sie zur -Aufklärung von Mißverständnissen schreiben zu müssen glaubte und die -Muster folgerichtigen Denkens und bestrickender Beredsamkeit sind. Sie -ist Optimistin und Idealistin.</p> - -<p>Ich hoffe, heißt es in einem ihrer Briefe, daß L. nicht allzu praktisch -ist, denn in diesem Falle würde sie, fürchte ich, auf einen großen Teil -des Lebensgenusses verzichten müssen. —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span></p> - -<p>In das Tagebuch, das sie während ihres Aufenthaltes in der -Wright-Humason-Schule in New York führte, trug sie unter dem 18. -Oktober 1894 ein: Ich finde, daß ich während meines Schullebens hier -und überhaupt im Leben viererlei zu lernen habe: klar zu denken ohne -Uebereilung und Verwirrung, jedermann aufrichtig zu lieben, in allem -mich von den höchsten Motiven leiten zu lassen und unverrückt auf den -lieben Gott zu bauen. —</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_21_21" id="Fussnote_21_21"></a><a href="#FNAnker_21_21"><span class="label">[21]</span></a> Die Blindenanstalt in Steglitz bei Berlin besitzt eine -Bibliothek von gegen 6000 Bänden in Blindenschrift, (die Bibel allein -umfaßt 71 Bände!) die in Dresden eine solche von über 3000 Bänden. Wie -reichhaltig diese Literatur ist, möge ein Blick auf das nachfolgende -Autorenverzeichnis lehren, das noch dazu nicht einmal vollständig ist: -E. M. Arndt Auerbach, Bauernfeld, Baumbach, Beecher-Stowe, Brentano, W. -Busch, Chamisso, Dahn, Ebers, Ebner-Eschenbach, Eckstein, Eichendorff, -Eschstruth, Fouqué, Freytag, Frommel, Ganghofer, Geibel, Gerok, Goethe, -Grillparzer, Grimm, Gutzkow, Hammer, Hauptmann, Hebel, Herder, Heyse, -Hillern, Franz Hoffmann, Horn, Ibsen, Jensen, Immermann, G. Keller, -Kinkel, Kleist, Kögel, Körner, Kügelgen, Lavater, Lessing, Loti, -Ludwig, Luther, Masius, C. F. Meyer, Moltke, Nathusius, Nieritz, Polko, -Putlitz, Reinick, Reuter, Riehl, Rogge, Roquette, Rosegger, Rückert, -Scheffel, Schiller, Schmid, Seidel, Shakespeare, Sophokles, Spitta, -Spyri, Stifter, Stinde, Storm, Sturm, Sudermann, Tegnér, Tolstoi, -Uhland, Vollmar, Walter v. d. Vogelweide, A. Weber, Wildenbruch, -Wildermuth, I. Wolf. Auch das Nibelungenlied ist vertreten; in größerer -Auswahl sind Lehr- und Erbauungsbücher vorhanden.</p> - -<p class="right mright1">Anm. d. Uebers.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_22_22" id="Fussnote_22_22"></a><a href="#FNAnker_22_22"><span class="label">[22]</span></a> Vergl. -<a href="#Gott_I">S. 291 ff.</a> und <a href="#Gott_II">295 ff.</a></p> - -</div> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 class="padtop2" id="Helen_Kellers_Bildungsgang">Helen Kellers -Bildungsgang.</h3> - -</div> - -<p class="s5 center mbot2"><span class="antiqua">Dr.</span> Howe und Laura Bridgman. — Helen Keller kein Objekt für -psychologische Beobachtungen. — Unwahre und übertriebene Berichte -über ihre Fortschritte. — Fräulein Sullivans Persönlichkeit. -— Helens Entwickelung nach Fräulein Sullivans Berichten. — -Psychologische und pädagogische Betrachtungen über Fräulein -Sullivans Methode.</p> - -<p>Es sind jetzt fünfundsiebzig Jahre verflossen, seit <span class="antiqua">Dr.</span> Samuel -Gridley Howe erkannte, daß es ihm gelungen sei, sich durch Laura -Bridgmans Finger einen Zugang zu ihrem Geiste zu eröffnen. Die Namen -Laura Bridgman und Helen Keller werden stets zusammen genannt werden, -und man muß zuvörderst einen Einblick in das gewinnen, was <span class="antiqua">Dr.</span> -Howe für seinen Zögling getan hat, ehe man an eine Darstellung von -Fräulein Sullivans Tätigkeit gehen kann. Denn <span class="antiqua">Dr.</span> Howe ist der große -Pionier, auf dessen Wirken die Leistungen Fräulein Sullivans und -anderer Lehrer von blinden Taubstummen unmittelbar beruhen.</p> - -<p><span class="antiqua">Dr.</span> Samuel Gridley Howe war am 10. November 1801 in Boston -geboren und starb ebendaselbst am 9. Januar 1876. Er war ein großer -Philanthrop, der sich namentlich für die Erziehung aller mangelhaft -Beanlagten, der Schwachsinnigen,<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span> der Blinden und der Taubstummen -interessierte. Weit seiner Zeit voraus, befürwortete er mancherlei -öffentliche Vorkehrungen zum Besten der Armen und Kranken, wegen deren -er damals verlacht wurde, die aber seitdem praktisch durchgeführt sind. -Als Leiter der Perkinsschen Blindenanstalt in Boston hörte er von Laura -Bridgman und brachte sie am 4. Oktober 1837 nach der Anstalt.</p> - -<p>Laura Bridgman war am 21. Dezember 1829 zu Hanover in New Hampshire -geboren; sie war also beinahe acht Jahre alt, als <span class="antiqua">Dr.</span> Howe -seine Versuche mit ihr begann. Im Alter von sechsundzwanzig Monaten -hatte sie ein Scharlachfieber überstanden, durch diese Krankheit -aber Gesicht und Gehör und außerdem den Geruch- und Geschmackssinn -verloren. <span class="antiqua">Dr.</span> Howe war ein Experimentalforscher, erfüllt -von dem Geiste des Transcendentalismus von Neuengland, dessen -Hauptmerkmale starker Glaube und großartige Liebeswerke sind. -Wissenschaft und Glaube im Verein veranlaßten ihn, zu versuchen, ob -er sich nicht einen Weg in die Seele bahnen könnte, mit der seiner -Auffassung nach Laura Bridgman ebenso geboren worden sei wie jedes -andere menschliche Wesen. Sein Plan ging dahin, Laura mit Hilfe von -erhaben geprägten Buchstaben zu unterrichten. Er klebte aus solchen -Buchstaben bestehende Wörter an Gegenstände und ließ sie dieselben -mit den Gegenständen und die Gegenstände mit den Wörtern vergleichen. -Nachdem sie auf diese Weise gelernt hatte, erhaben geprägte Wörter -mit Gegenständen zusammenzubringen, wie er sagt, fast in derselben -Weise, wie ein Hund Kunststücke lernt, begann er die Wörter in ihre -lautlichen Bestandteile aufzulösen und Laura zu lehren, <span class="antiqua nowrap">k–e–y</span>, -<span class="antiqua nowrap">c–a–p</span> zusammenzusetzen. Sein Erfolg überzeugte ihn davon, -daß sich die Sprache durch Vermittelung des Gefühles dem Geiste des -blinden und taubstummen Kindes beibringen läßt, das sich vor dem -Beginn des Unterrichts in der Lage des<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span> kleinen Kindes befindet, das -noch nicht sprechen kann; ja, ersteres befindet sich sogar in einer -viel ungünstigeren Lage, denn das Gehirn hat sich jahrelang ohne seine -natürliche Nahrung entwickelt.</p> - -<p>Nachdem Lauras Unterricht zwei Monate hindurch nur unter Benutzung -erhaben geprägter Buchstaben fortgesetzt worden war, sandte <span class="antiqua">Dr.</span> -Howe eine der Lehrerinnen der Anstalt fort, um von einem Taubstummen -das Fingeralphabet zu erlernen. Nach ihrer Rückkehr unterrichtete -sie Laura darin, und seit dieser Zeit wurde das Fingeralphabet als -Verständigungsmittel im Verkehr mit ihr benutzt.</p> - -<p>Nach ein bis zwei Jahren unterrichtete <span class="antiqua">Dr.</span> Howe Laura Bridgman -nicht mehr selbst, sondern vertraute sie anderen Lehrern an, die -sich unter seiner Leitung an die Aufgabe machten, ihr das Sprechen -beizubringen.</p> - -<p>Man kann gar nicht genug zum Lobe von <span class="antiqua">Dr.</span> Howes Unternehmen -sagen. Als Forscher hatte er stets in erster Reihe wissenschaftliche -Gesichtspunkte im Auge. Er vergaß niemals, seine Beobachtungen an Laura -Bridgman in der Art jemandes niederzulegen, der in einem Laboratorium -arbeitet. Die Folge davon ist, daß seine Berichte systematisch und -sorgfältig abgefaßt sind.<a name="FNAnker_23_23" id="FNAnker_23_23"></a><a href="#Fussnote_23_23" class="fnanchor">[23]</a> Vom wissenschaftlichen Standpunkte -aus ist es zu bedauern, daß es unmöglich war, eine so umfassende -Darlegung von Helen Kellers Entwicklungsgang zu erhalten. Dieser -Umstand an sich ist ein sprechender Beleg für den großen Unterschied -zwischen Laura Bridgman und Helen Keller. Laura blieb stets ein -Objekt für wissenschaftliche Forschung. Helen Keller machte so rasche -Fortschritte, daß ihre Lehrerin Mühe hatte, den geistigen Bedürfnissen -ihres Zöglings zu genügen,<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span> und weder Zeit noch Gelegenheit fand, -wissenschaftliche Beobachtungen anzustellen.</p> - -<p>Fräulein Sullivan erkannte gleich von Anfang an, daß der Unterricht -Helen Kellers interessanter und von größerem Erfolg begleitet sein -würde als der Laura Bridgmans, und erklärte in einem ihrer Briefe, es -sei durchaus notwendig, Aufzeichnungen über den Entwickelungsgang ihrer -Schülerin zu machen. Aber weder ihr Temperament noch ihre Vorbildung -gestatteten ihr, ihren Zögling zum Gegenstand von Experimenten oder -Beobachtungen zu machen, die für die Entwickelung des Kindes keinen -praktischen Wert besaßen. Sobald etwas erledigt, ein bestimmtes Ziel -erreicht war, blickte die Lehrerin nicht mehr zurück, um den Weg, -den sie gegangen war, zu beschreiben. Die Erklärung der Tatsache war -unwesentlich im Vergleich zu der Tatsache selbst und der Notwendigkeit, -weiterzueilen. Es liegen auch noch zwei weitere Gründe für die -Unvollständigkeit von Fräulein Sullivans Aufzeichnungen vor. Erstens -war in ihren Augen das Schreiben stets eine schwere Aufgabe, und dann -wurde sie auch schon bald durch die Willkür, mit der man ihre ersten -Angaben benutzt hatte, von weiteren Veröffentlichungen abgeschreckt.</p> - -<p>Als sie zum ersten Male aus Tuscumbia an Herrn Michael Anagnos, -<span class="antiqua">Dr.</span> Howes Schwiegersohn und Nachfolger in der Leitung der -Perkinsschen Anstalt, über ihre erzieherische Tätigkeit geschrieben -hatte, begannen die Bostoner Zeitungen sofort, übertriebene Berichte -über Helen Keller zu veröffentlichen. Fräulein Sullivan protestierte -dagegen. In einem Briefe vom 10. April 1887, kaum fünf Wochen nach dem -Beginn des Unterrichts, schrieb sie an eine Freundin:</p> - -<p>... schickte mir eine Nummer des Boston Herald, die einen törichten -Artikel über Helen enthält. Wie völlig albern ist es, zu sagen, daß -Helen „schon fließend spricht“! Nun, ebensogut<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span> könnte jemand sagen, -daß sich ein zweijähriges Kind fließend unterhält, wenn es sagt: -<span class="antiqua">Apple give</span> oder <span class="antiqua">Baby walk go</span>. Ich glaube allerdings, daß -wenn Sie ein Kreischen, Krähen, Wimmern, Lallen und Schreien nebst -gelegentlichen Schluckanfällen mit zur Unterhaltung rechnen, die als -fließend, ja sogar als beredt gelten könnte. Dann macht es mir auch -Spaß, von den sorgfältigen Vorbereitungen zu lesen, denen ich mich -unterzogen hätte, um mich für die große Aufgabe fähig zu machen, -die meine Freunde mir anvertraut hätten. Ich bedaure nur, daß diese -Vorbereitungen sich nicht auch auf den Gebrauch des Fingeralphabets -erstreckten; ich würde mir dann eine Menge Mühe erspart haben. —</p> - -<p class="mtop2">Am 4. März 1888 schreibt sie in einem Briefe:</p> - -<p>Ich bin in der Tat herzlich froh, daß ich nicht alles kenne, was über -Helen und mich selbst gesprochen und geschrieben wird. Ich versichere -Sie, ich erfahre genug und übergenug. Fast jede Post bringt irgend eine -alberne — geschriebene oder gedruckte — Auslassung. Die Wahrheit -ist nicht sensationell genug, um die Zeitungen zufriedenzustellen; -daher übertreiben sie und bringen lächerliche Ausschmückungen an. Eine -Zeitung behauptet, Helen löse geometrische Aufgaben mit Hilfe ihres -Baukastens. Ich erwarte, demnächst zu hören, daß sie eine Abhandlung -über die Entstehung und die Zukunft der Planeten geschrieben hat! —</p> - -<p class="mtop1">Im Dezember 1887 erschien der erste Bericht des Direktors des -Perkinsschen Institutes, der sich mit Helen Keller beschäftigt. Für -diesen Bericht verfaßte Fräulein Sullivan, einer Bitte Herrn Anagnos’ -widerwillig nachgebend, eine Schilderung ihrer Tätigkeit. Diese ist -neben den ebenfalls in dem Bericht veröffentlichten Auszügen aus ihren -Briefen die erste zuverlässige Quelle über Helen Keller. Ueber diesen -Bericht schrieb<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span> Fräulein Sullivan in einem Buche vom 30. Oktober 1887:</p> - -<p>Haben Sie schon den Aufsatz gelesen, den ich für den »Bericht« -geliefert habe? Herr Anagnos war ganz entzückt von ihm. Er meint, -Helens Fortschritte seien „gleich von Anfang an ein Siegeszug“ gewesen -und weiß über ihre Lehrerin viel Schmeichelhaftes zu sagen. Ich -glaube, er neigt zu Uebertreibungen; jedenfalls ist seine Sprache -zu begeistert, und ganz einfache Tatsachen werden in einer Weise -vorgebracht, daß sie den Leser allerdings in Erstaunen setzen müssen. -Ohne Zweifel erscheint ihm die Tätigkeit der letzten paar Monate -im Lichte eines Siegeszuges, aber man beachtet dabei selten, wie -langsam und mühevoll die Schritte sind, mittels deren man auch den -unbedeutendsten Erfolg erreichen muß. —</p> - -<p>Da Anagnos der Leiter des großen Instituts war, so hatten seine -Aeußerungen mehr Gewicht als die von Fräulein Sullivan erwähnten -Tatsachen, auf die sich seine Behauptungen stützten. Die Zeitungen -wurden von Anagnos’ Ton angesteckt und übertrieben maßlos. Nach Ablauf -des ersten Jahres ihrer Erziehungstätigkeit sah Fräulein Sullivan -sich und ihre Schülerin als den Mittelpunkt einer erstaunlichen -Legendenbildung. Die Erzieher der ganzen Welt wollten ihre Meinung -sagen, trugen aber größtenteils nichts zur Klärung der Sachlage bei. -Es erhoben sich eine Menge Streitfragen, die jetzt sehr belustigend zu -betrachten sind. Taubstummenlehrer bewiesen <span class="antiqua">a priori</span>, daß das, -was Fräulein Sullivan geleistet hatte, unmöglich sei, und ihren Angaben -wurde mit Mißtrauen begegnet, weil sie von Anagnos’ phrasenhafter -Beredsamkeit umkleidet waren. So hatte Helen Kellers Geschichte, die -schon bei nüchternem Vortrage unglaublich war, das Mißgeschick, in -übertriebenen Schilderungen in die Welt posaunt zu werden und begegnete -natürlich entweder unverständiger Leichtgläubigkeit oder ungläubiger -Feindseligkeit.</p> - -<p id="Zweiter_Aufsatz">Im November 1888 erschien ein anderer Bericht des Per<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span>kinsschen -Instituts mit einem zweiten Beitrage von Fräulein Sullivan, und dann -wurde jahrelang nichts Offizielles mehr veröffentlicht, bis Anagnos -im November 1891 seinen letzten Bericht erstattete, der Mitteilungen -über Helen Keller enthielt. Für diesen Bericht verfaßte Fräulein -Sullivan die ausführlichste und umfangreichste Abhandlung, die sie -je geschrieben hat, und hier erschien auch der »Frostkönig«, von dem -in einem späteren Kapitel ausführlich die Rede sein wird (s. -<a href="#Beginn_Frostkoenig">S. 323 ff.</a><a name="FNAnker_24_24" id="FNAnker_24_24"></a><a href="#Fussnote_24_24" class="fnanchor">[24]</a>). Jetzt entbrannte der Kampf heftiger als je.</p> - -<p>Da Fräulein Sullivan fand, daß andere Leute viel mehr von Helen Keller -zu wissen schienen, als sie selbst, so schwieg sie und hat zehn Jahre -lang geschwiegen, abgesehen von ihrem Beitrage für das erste »<span class="antiqua">Volta -Bureau Souvenir of Helen Keller</span>« und die Abhandlung, die sie auf -Wunsch <span class="antiqua">Dr.</span> Bells im Jahre 1894 für die in Chautauqua abgehaltene -Versammlung der Amerikanischen Gesellschaft zur Förderung der -Unterweisung der Taubstummen im Sprechen verfaßte. Als <span class="antiqua">Dr.</span> Bell -und andere ihr erklärten, was von einem unpersönlichen Standpunkte aus -unzweifelhaft richtig ist, daß sie es der Sache der Erziehung schuldig -sei, niederzuschreiben, was sie wisse, antwortete sie sehr treffend, -sie schulde ihre ganze Zeit und ihre ganze Kraft ihrem Zöglinge.</p> - -<p>Obgleich Fräulein Sullivan sich mehr darüber amüsiert als ärgert, wenn -jemand, und wäre es selbst einer ihrer näheren Bekannten, in einem -Artikel Irrtümliches über sie und Fräulein Keller berichtet, so sieht -sie doch ein, daß Helens Buch alle Auskünfte enthalten muß, die die -Lehrerin zur Zeit erteilen kann, und erteilte daher ihre Zustimmung zur -Veröffentlichung von Auszügen aus Briefen, die sie während des ersten -Jahres ihrer Erziehungstätigkeit geschrieben hatte. Diese Briefe waren -an Frau Sophia C. Hopkins gerichtet, die einzige Freundin,<span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span> an die -Fräulein Sullivan stets schrieb, wie es ihr ums Herz war. Frau Hopkins -war zwanzig Jahre lang Pflegerin im Perkinsschen Institute gewesen und -vertrat während der ganzen Zeit, in der Fräulein Sullivan Schülerin -der Anstalt war, Mutterstelle an dem Mädchen. In diesen Briefen haben -wir einen beinahe allwöchentlichen Bericht über Fräulein Sullivans -Tätigkeit. Manche Einzelheiten hat sie übergangen, da sie sich immer -mehr daran gewöhnte, hauptsächlich die allgemeinen Gesichtspunkte zu -betonen. Viele sind der Ansicht gewesen, daß jeder Versuch, Prinzipien -in ihrer Methode zu finden, weiter nichts sei als eine spätere Theorie, -die man Fräulein Sullivans Tätigkeit unterschoben habe. Aber aus -diesen Briefen geht hervor, daß sie sich über ihr Tun und Lassen klare -Rechenschaft abgelegt hat. Sie war ihre eigene Kritikerin, und trotz -ihrer späteren Erklärung, die sie in ihrer bescheidenen Zurückhaltung -abgegeben hat, daß sie keine bestimmte Methode befolgt habe, erkannte -sie doch im Verfolg ihrer Aufgabe mit der höchsten Klarheit gewisse -Erziehungsprinzipien, die nicht allein für den Unterricht der -taubstummen, sondern aller Kinder überhaupt von hervorragendem Werte -waren. Die Auszüge aus ihren Briefen und Berichten bilden einen -wichtigen Beitrag zur Pädagogik und rechtfertigen vollauf das Urteil -<span class="antiqua">Dr.</span> Daniel C. Gilmans, der ihr 1893, als er Rektor der John -Hopkins-Universität war, schrieb:</p> - -<p>Ich habe soeben... Ihren höchst interessanten Bericht über die -verschiedenen Wege gelesen, die Sie bei der Erziehung Ihrer wunderbaren -Schülerin eingeschlagen haben, und ich hoffe, Sie werden mir gestatten, -daß ich Ihnen meine Bewunderung für die Weisheit ausdrücke, die Ihre -Schritte geleitet hat und ebenso für die Liebe, von der Ihr ganzes -Wirken erfüllt ist.</p> - -<p>Fräulein Anne Mansfield Sullivan war in Springfield in<span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span> Massachusetts -geboren. In früher Jugend erblindete sie fast gänzlich und wurde am 7. -Oktober 1880 im Alter von vierzehn Jahren in das Perkinssche Institut -aufgenommen. Später erhielt sie ihr Gesicht teilweise wieder.</p> - -<p>Anagnos sagt in seinem Berichte vom Jahre 1887: Sie mußte auf der -niedrigsten und elementarsten Stufe beginnen, zeigte aber sofort beim -ersten Anlauf, daß sie die Kraft und Fähigkeit in sich hatte, die den -Erfolg verbürgen... Sie hat schließlich das Ziel erreicht, nach dem -sie so unermüdlich strebte. Die goldenen Worte, die <span class="antiqua">Dr.</span> Howe -aussprach, und das Beispiel, das er gab, gingen ihr in Fleisch und Blut -über und unterstützten sie auf ihrer segensvollen Laufbahn, und jetzt -steht sie ihm als seine würdige Nachfolgerin in einer der geachtetsten -Abteilungen seines Unternehmens zur Seite... Fräulein Sullivan besitzt -die höchste Begabung.</p> - -<p>Im Jahre 1886 legte sie ihr Lehrerinnenexamen am Perkinsschen Institut -ab. Als sich Hauptmann Keller mit der Bitte um eine Lehrerin an den -Direktor wandte, empfahl dieser Fräulein Sullivan. Die einzige Frist, -die ihr zur Vorbereitung für ihre schwere Aufgabe blieb, dauerte vom -August 1886, in dem Hauptmann Keller geschrieben hatte, bis zum Februar -1887. Während dieser Zeit las sie <span class="antiqua">Dr.</span> Howes Berichte. Ferner -wurde sie durch den Umstand unterstützt, daß sie während der sechs -Jahre ihres Schullebens mit Laura Bridgman in einem Hause gewohnt -hatte. Erst durch <span class="antiqua">Dr.</span> Howes Wirken an Laura Bridgman wurden -Fräulein Sullivans Erfolge möglich; aber sie war es, die die Mittel und -Wege entdeckte, den blinden Taubstummen die Sprache beizubringen.</p> - -<p>Man darf nicht vergessen, daß Fräulein Sullivan ihre Aufgabe zu lösen -hatte ganz ohne vorausgegangene Erfahrung und ohne die Unterstützung -eines anderen Lehrers. Während des ersten Jahres ihrer Tätigkeit, in -der sie ihre Schülerin sprechen<span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[S. 208]</a></span> lehrte, blieben beide in Tuscumbia, -und als sie nach dem Norden kamen und das Perkinssche Institut -besuchten, wurde Helen Keller hier nicht regelrecht als Schülerin -aufgenommen und unterstand auch nicht den Anstaltsgesetzen. Die -Annahme, Fräulein Sullivan habe Helen Keller „unter der Leitung -des Herrn Anagnos“ erzogen, ist falsch. In den drei Jahren, während -deren Fräulein Keller und Fräulein Sullivan zu verschiedenenmalen -Gäste des Perkinsschen Institutes waren, erhielt Fräulein Sullivan -von den Lehrern der Anstalt keine Unterstützung, ja der Direktor -Anagnos konnte sich nicht einmal des Fingeralphabets mit Geläufigkeit -bedienen. Der letztere schrieb in dem Bericht des Perkinsschen -Instituts vom 27. November 1888: Auf mein dringendes Ersuchen kam -Helen in Begleitung ihrer Mutter und ihrer Lehrerin in der letzten -Maiwoche nach dem Norden, und alle drei blieben mehrere Monate -als unsere Gäste bei uns... Wir gestatteten Helen mit Freuden die -Benutzung unserer Bibliothek von Hochdruckbüchern, unserer Sammlung -von ausgestopften Tieren, Muscheln, Modellen von Blumen und Pflanzen -und unserer sonstigen Apparate zur Unterweisung der Blinden durch den -Gefühlssinn. Ich zweifle nicht, daß sie viel Vergnügen daran gefunden -und großen Nutzen davon gehabt hat. Mag aber Helen zu Hause bleiben -oder andere Teile des Landes besuchen, ihre Erziehung steht stets unter -der unmittelbaren Leitung und der ausschließlichen Kontrolle ihrer -Lehrerin. Niemand hat Einfluß auf Fräulein Sullivans Unterrichtsplan -oder nimmt an ihrer Aufgabe teil. Sie genießt völlige Freiheit in der -Wahl ihrer Mittel und Methoden zur Vollendung ihres großen Werkes, und -soviel wir aus ihren Erfolgen entnehmen können, macht sie einen höchst -umsichtigen und taktvollen Gebrauch von diesem Vorrechte. Was ihre -kleine Schülerin auf diesem Wege geleistet hat, ist weithin bekannt, -und ihre erstaunliche Begabung erregt allgemeine<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span> Bewunderung; aber -nur diejenigen, die mit den Einzelheiten des großen Unternehmens -vertraut sind, wissen, daß der Erfolg zum großen Teile der Intelligenz, -der Klugheit, dem Scharfblicke, der unermüdlichen Ausdauer und dem -unbeugsamen Willen ihrer Erzieherin zu verdanken ist, die das Kind aus -der Tiefe der immerwährenden Nacht und des ewigen Schweigens gerettet -hat und über den einzelnen Phasen seiner geistigen und sittlichen -Entwickelung mit mütterlicher Sorgfalt und begeisterter Hingebung wacht.</p> - -<p class="center">* <span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Im folgenden sollen nun Fräulein Sullivans Briefe und die wichtigsten -Stellen aus ihren Berichten in chronologischer Reihenfolge -wiedergegeben werden. Der erste Brief ist vom 6. März 1887 datiert, -drei Tage nach ihrer Ankunft in Tuscumbia.</p> - -<p>... Es war halb sieben Uhr, als ich in Tuscumbia ankam. Frau Keller und -Herr James Keller warteten auf mich. Die Fahrt nach dem Landhause, das -ungefähr eine Meile von der Station entfernt lag, war sehr angenehm. -Ich war überrascht, in Frau Keller eine Frau von sehr jugendlichem -Aussehen, nicht viel älter als ich selbst, möchte ich glauben, -anzutreffen. Hauptmann Keller kam uns auf dem Hofe entgegen und bot -mir ein fröhliches Willkommen und einen herzlichen Händedruck. Meine -erste Frage war: „Wo ist Helen?“ Ich versuchte mit aller Kraft meine -Aufregung zu unterdrücken, denn ich zitterte so stark, daß ich mich -kaum auf den Füßen halten konnte. Als wir uns dem Hause näherten, sah -ich ein Kind an der Tür stehen, und Hauptmann Keller sagte: „Dort -ist sie. Sie hat den ganzen Tag gewußt, daß wir jemand erwarteten, -und sie ist ganz ungebärdig geworden, seit ihre Mutter nach dem -Bahnhof ging, um Sie abzuholen.“ — Kaum hatte ich meinen Fuß auf die -Treppenstufen gesetzt, als sie mit solcher Gewalt auf mich zustürzte, -daß ich zu Boden gestürzt wäre, hätte Hauptmann Keller<span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span> nicht hinter -mir gestanden. Sie befühlte mir Gesicht und Kleid, und ebenso meine -Reisetasche, die sie mir aus der Hand nahm und zu öffnen versuchte. -Sie ging nicht gleich auf, und Helen fühlte sorgfältig nach dem -Schlüsselloch. Als sie es gefunden hatte, wandte sie sich zu mir und -bewegte die Hand, als drehe sie einen Schlüssel herum, indem sie auf -die Tasche deutete. In diesem Augenblick kam ihre Mutter herbei und -machte Helen durch Zeichen klar, daß sie den Koffer nicht berühren -dürfe. Sie wurde rot, und als ihre Mutter versuchte, ihr den Koffer -aus der Hand zu nehmen, geriet sie in heftigen Zorn. Ich lenkte ihre -Aufmerksamkeit ab, indem ich ihr meine Uhr zeigte und sie ihr in die -Hand gab. Sofort legte sich der Sturm, und wir gingen zusammen die -Treppe hinauf. Hier öffnete ich die Tasche und sie durchsuchte dieselbe -sofort eifrig, wahrscheinlich in der Erwartung, etwas zum Essen zu -finden. Bekannte hatten ihr vermutlich Zuckerwerk in ihren Koffern -mitgebracht, und sie erwartete, solches auch in dem meinigen zu finden. -Ich deutete auf eine Truhe, die im Hausflur stand, dann auf mich und -nickte mit dem Kopfe, um ihr verständlich zu machen, daß ich eine -Truhe hätte; dann machte ich das Zeichen, das sie für essen gebraucht -hatte, und nickte wieder. Sie verstand mich sofort und rannte die -Treppe hinunter zu ihrer Mutter, um ihr durch ausdrucksvolle Zeichen -zu verstehen zu geben, daß sich Zuckerzeug für sie in einer Truhe -befände. Sie kehrte nach wenigen Minuten zurück und half mir meine -Sachen wegräumen. Es war zu komisch zu sehen, wie sie sich meinen Hut -aufsetzte, ihren Kopf kokett erst nach der einen, dann nach der anderen -Seite drehte und in den Spiegel blickte, genau als ob sie sehen könnte. -Ich hatte einigermaßen erwartet, ein blasses, zartes Kind vor mir zu -sehen — ich glaube, ich entnahm diese Vorstellung <span class="antiqua">Dr.</span> Howes -Schilderung von Laura Bridgman bei ihrer Aufnahme in das Institut. Aber -Helen zeigte keine<span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span> Spur von Blässe oder Zartheit. Sie ist groß, stark, -von blühender Gesichtsfarbe und in ihren Bewegungen so ungezügelt -wie ein junges Füllen. Sie hat keine jener nervösen Gewohnheiten, die -bei blinden Kindern so deutlich erkennbar sind und einen so traurigen -Eindruck hinterlassen. Ihr Körper ist wohlgebildet und kräftig, und -Frau Keller erzählt mir, sie sei seit ihrer Krankheit, die sie des -Gesichts und Gehörs beraubt habe, auch nicht einen einzigen Tag -unpäßlich gewesen. Sie hat einen schöngeformten Kopf, der ganz gerade -auf ihren Schultern sitzt. Ihr Gesicht ist schwer zu beschreiben. Es -ist intelligent, entbehrt aber der Beweglichkeit, der Seele, oder wie -man sich sonst ausdrücken will. Ihr Mund ist groß und fein geschnitten. -Man bemerkt auf den ersten Blick, daß sie blind ist. Ein Auge ist -größer als das andere und steht auffallend vor. Sie lächelt selten; -in der Tat habe ich sie seit meiner Ankunft erst ein- oder zweimal -lächeln sehen. Sie zeigt kein anschmiegendes Wesen und sträubt sich -sogar gegen Liebkosungen, ausgenommen ihrer Mutter gegenüber. Sie -ist von sehr raschem Temperament und höchst eigenwillig, und niemand -außer ihrem Bruder James hat den Versuch gemacht, sie zu zügeln. -Die schwerste Aufgabe, die ich vor mir habe, besteht darin, sie zu -zügeln und in Zucht zu halten, ohne ihren Geist zu brechen. Ich will -zuerst langsam vorgehen, und ihre Liebe zu gewinnen suchen. Ich werde -keinen Versuch machen, sie nur durch Kraft zu besiegen, aber gleich -von Anfang an auf einem vernünftigen Gehorsam bestehen. Ein Umstand, -der jedermann auffällt, ist Helens unermüdlicher Tätigkeitstrieb. -Sie steht keinen Augenblick still. Sie ist bald hier, bald dort, -kurz überall. Ihre Hände sind mit allem beschäftigt, aber nichts -vermag ihre Aufmerksamkeit längere Zeit zu fesseln. Ein liebes Kind, -dessen rastloser Geist im Dunkeln umhertappt. Ihre ungeschickten, -unbefriedigten Hände zerstören alles, was sie berühren, weil sie<span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span> nicht -wissen, was sie sonst mit den Gegenständen anfangen sollen.</p> - -<p>Sie half mir meine Truhe auspacken, als diese ankam, und war entzückt, -als sie die Puppe fand, die die kleinen Mädchen ihr schickten. Ich -hielt dies für eine gute Gelegenheit, sie das erste Wort zu lehren. -Ich buchstabierte langsam <span class="antiqua nowrap">d–o–l–l</span> in ihre Hand, deutete auf -die Puppe und nickte mit dem Kopfe, was ihr Zeichen dafür zu sein -scheint, daß ihr etwas gehöre. Wenn jemand ihr etwas gibt, so deutet -sie zuerst auf den Gegenstand, dann auf sich und nickt mit dem Kopfe. -Sie machte ein ganz verwundertes Gesicht und befühlte meine Hand und -ich wiederholte ihr nun die Buchstaben. Sie ahmte sie vortrefflich nach -und deutete auf die Puppe. Dann nahm ich die Puppe, in der Absicht, -sie ihr zurückzugeben, wenn sie die Buchstaben gemacht hätte; sie -glaubte aber, ich wolle sie ihr wegnehmen, geriet augenblicklich in -Aufregung und versuchte die Puppe an sich zu reißen. Ich schüttelte den -Kopf und versuchte die Buchstaben mit Hilfe ihrer Finger zu bilden; -aber sie wurde immer ungebärdiger. Ich zwang sie auf einen Stuhl und -hielt sie dort fest, bis ich ganz erschöpft war. Dann fiel es mir -ein, es sei nutzlos, den Kampf fortzusetzen — ich mußte etwas tun, -um sie auf andere Gedanken zu bringen. Ich ließ sie los, verweigerte -ihr aber die Puppe. Ich ging die Treppe hinunter und holte einen Cake -(sie ist eine große Freundin von Süßigkeiten). Ich zeigte ihn ihr und -buchstabierte ihr <span class="antiqua nowrap">c–a–k–e</span> in die Hand, wobei ich ihr den -Cake entgegenhielt. Natürlich bekam sie Lust auf ihn und wollte ihn -an sich nehmen; ich buchstabierte jedoch das Wort zum zweiten Male -und tätschelte ihr die Hand. Sie machte rasch die Buchstaben, und ich -gab ihr den Kuchen, den sie eiligst aufaß, weil sie wohl glaubte, ich -würde ihn ihr wieder wegnehmen. Dann zeigte ich ihr die Puppe und -buchstabierte abermals das Wort, indem ich ihr die Puppe entgegenhielt -wie vorhin den Kuchen. Sie machte die Buch<span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span>staben <span class="antiqua nowrap">d–o–l</span>, ich -fügte das noch fehlende <span class="antiqua">l</span> hinzu und gab ihr die Puppe. Sie -rannte sofort mit ihr die Treppe hinunter und konnte den ganzen Tag -nicht dahin gebracht werden, in mein Zimmer zurückzukehren.</p> - -<p>Gestern gab ich ihr auf, an einer Nähkarte zu arbeiten. Ich machte -die erste Reihe senkrechter Stiche, ließ Helen die Karte befühlen und -darauf achten, daß auf ihr mehrere Reihen kleiner Löcher angebracht -waren. Sie begann eifrig zu arbeiten, vollendete die Karte in -wenigen Minuten und machte dies wirklich ganz sauber. Ich wollte nun -versuchen, ihr ein anderes Wort beizubringen und buchstabierte ihr -<span class="antiqua nowrap">c–a–r–d</span> in die Hand. Sie machte <span class="antiqua nowrap">c–a</span> nach, dann hielt -sie nachdenklich inne, machte das Zeichen für essen, deutete nach -unten und schob mich auf die Tür zu, womit sie meinte, ich solle nach -unten gehen und ihr einen Cake holen. Sie sehen, die beiden Buchstaben -<span class="antiqua nowrap">c–a</span> hatten ihr ihre »Lektion« vom Freitag in das Gedächtnis -zurückgerufen — nicht daß sie irgend eine Ahnung davon hatte, daß cake -die Bezeichnung für den betreffenden Gegenstand sei, sondern es war, -wie ich glaube, eine einfache Ideenassociation. Ich beendete das Wort -<span class="antiqua nowrap">c–a–k–e</span> und erfüllte Helens Wunsch, worüber sie sehr erfreut -war. Dann buchstabierte ich <span class="antiqua nowrap">d–o–l–l</span> und begann nach der -Puppe zu suchen. Sie verfolgt mit ihren Händen jede Bewegung, die man -macht, und wußte sofort, daß ich mich nach der Puppe umsah. Sie wies -nach unten, was bedeuten sollte, die Puppe befinde sich im Erdgeschoß. -Ich machte das Zeichen, das sie gebraucht hatte, als sie wünschte, ich -solle ihr den Cake holen, und drängte sie auf die Tür zu. Sie schritt -vorwärts, dann zögerte sie einen Augenblick und kämpfte offenbar mit -sich, ob sie gehen sollte oder nicht. Sie entschied sich dafür, mich -hinunterzuschicken. Ich schüttelte den Kopf, buchstabierte ihr das Wort -<span class="antiqua nowrap">d–o–l–l</span> mit größerem Nachdruck in die Hand und öffnete ihr -die Tür; aber sie weigerte<span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span> sich hartnäckig zu gehorchen. Sie hatte -ihren Cake noch nicht aufgegessen, und ich nahm ihn ihr weg, indem -ich ihr bedeutete, daß wenn sie mir die Puppe brächte, ich ihr den -Cake zurückgeben würde. Sie stand längere Zeit ganz still, das Gesicht -wie mit Blut übergossen, dann siegte ihr Verlangen nach dem Cake, sie -lief die Treppe hinunter und brachte mir die Puppe; natürlich gab ich -ihr den Cake, konnte sie aber nicht bewegen, wieder in mein Zimmer zu -kommen.</p> - -<p>Sie war sehr unruhig, als ich heut morgen zu schreiben begann. Sie -stellte sich hinter mich, legte ihre Hand auf das Papier und steckte -sie ins Tintenfaß. Diese Kleckse hier sind ihr Werk. Schließlich -erinnerte ich mich an die Kindergartenperlen und wies Helen an, sie -aufzureihen. Zuerst nahm ich zwei Holzperlen und eine Glasperle -und ließ sie dann die Schnur und die beiden Oeffnungen der Perlen -befühlen. Sie nickte und begann sofort die Schnur mit hölzernen Perlen -zu beziehen. Ich schüttelte den Kopf, nahm sie alle ab und ließ sie -die beiden Holzperlen und die eine Glasperle befühlen. Sie prüfte -sie nachdenklich und begann von neuem. Diesmal reihte sie zuerst die -Glasperlen und dann die beiden Holzperlen auf. Ich nahm sie wieder ab -und zeigte ihr, daß zuerst die beiden Holzperlen kommen müßten und -dann erst die Glasperle. Sie hatte keine weitere Mühe damit und reihte -die Perlen rasch aneinander, leider nur allzu rasch. Als sie fertig -war, knüpfte sie die beiden Enden der Schnur zusammen und legte sie -um ihren Hals. In der nächsten Schnur hatte ich den Knoten nicht groß -genug gemacht, und die Perlen fielen fast so rasch wieder herunter, wie -Helen sie aufgereiht hatte; sie löste aber selbst die Schwierigkeit, -indem sie die Schnur durch eine Perle zog und letztere festknüpfte. Ich -fand dies sehr geschickt. Sie unterhielt sich mit den Perlen bis zum -Mittagessen und legte mir ab und zu die Ketten zur Begutachtung vor.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span></p> - -<p class="right mright1 mtop1">Montag nachmittags.</p> - -<p>Heute früh hatte ich einen heißen Kampf mit Helen zu bestehen. Obgleich -ich mich mit aller Kraft dagegen sträubte, gewaltsame Mittel zur -Anwendung zu bringen, so fürchte ich doch, dies wird sich auf die Dauer -nicht umgehen lassen.</p> - -<p>Helens Benehmen bei Tische ist entsetzlich. Sie greift mit ihren -Händen auf unsere Teller und nimmt davon weg, und wenn die Schüsseln -herumgegeben werden, so greift sie hinein und nimmt sich, was ihr -beliebt. Heut früh wollte ich ihr nicht erlauben, mit der Hand auf -meinen Teller zu fassen. Sie beharrte bei ihrem Vorsatz, und es folgte -nun ein sehr heftiger Auftritt. Natürlich verließ die übrige Familie -voller Verlegenheit das Zimmer. Ich verschloß die Türe zum Speisezimmer -und setzte mich wieder zu meinem Frühstück hin, obgleich mich die -Speisen beinahe anwiderten. Helen lag schreiend und mit Händen und -Füßen um sich schlagend auf dem Fußboden und suchte meinen Stuhl unter -mir fortzuziehen. So verging eine halbe Stunde; dann stand sie auf, um -zu sehen, was ich tat. Ich zeigte ihr, daß ich aß, ließ sie aber nicht -mit der Hand auf den Teller fassen. Sie kniff mich, und ich schlug ihr -jedesmal, wenn sie dies tat, auf die Hand. Dann ging sie um den ganzen -Tisch herum, um zu sehen, wer da sei, und war ganz erstaunt, als sie -außer mir niemand fand. Nach ein paar Minuten kam sie zu ihrem Platze -zurück und begann ihr Frühstück mit den Fingern zu verzehren. Ich gab -ihr einen Löffel, den sie aber auf den Fußboden warf. Ich zerrte sie -von ihrem Stuhle herunter und zwang sie, ihn aufzuheben. Endlich gelang -es mir, sie auf ihren Stuhl zurückzubringen; ich drückte ihr den Löffel -in die Hand und nötigte sie, damit zu essen. Nach einigen Minuten fügte -sie sich und beendete ruhig ihr Frühstück. Darauf hatten wir einen -anderen Zwist über das Zusammenfalten ihrer Serviette. Als sie mit -ihrem Frühstück fertig war, warf sie das<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span> Tuch zur Erde und lief zur -Tür. Als sie diese verschlossen fand, begann sie wieder mit den Füßen -auszuschlagen und zu schreien. Es dauerte eine volle Stunde, ehe ich -sie dazu bringen konnte, ihre Serviette zusammenzulegen. Dann ließ -ich sie in den warmen Sonnenschein hinaus und begab mich nach meinem -Zimmer, wo ich mich ganz erschöpft auf das Bett warf. Ich weinte mich -ordentlich aus und fühlte mich darauf besser. Ich glaube, ich werde -noch mehr solcher Kämpfe mit der jungen Dame zu bestehen haben, ehe -sie die beiden wesentlichen Dinge lernt — die einzigen, die ich ihr -beibringen kann — Gehorsam und Liebe.</p> - -<p>Gott befohlen, meine Liebe! Aengstigen Sie sich nicht um mich. Ich -will mein Bestes tun und das übrige der Macht anheimstellen, die das -vollbringt, was uns zu leisten unmöglich ist. Frau Keller ist mir sehr -sympathisch.</p> - -<p class="right mright1 mtop1">Tuscumbia, Alabama, 11. März 1887.</p> - -<p>Seit ich das letztemal schrieb, sind wir, Helen und ich, nach einem -kleinen Gartenhause, das nicht weit von Ivy Green, dem Familienhause, -entfernt liegt, umgezogen und leben hier ganz für uns allein. Ich sah -sehr bald ein, daß mit Helen im Schoße ihrer Familie, die ihr stets in -allem den Willen gelassen hat, absolut nichts anzufangen sei. Sie hat -jedermann tyrannisiert, ihre Mutter, ihren Vater, die Dienerschaft, -die kleinen Negerkinder, die mit ihr spielten, und niemand ist ihr je -bis zu meiner Ankunft ernstlich entgegengetreten, mit Ausnahme ihres -Bruders James, der dies ab und zu getan hat, und wie alle Tyrannen hält -sie an diesem ihrem angestammten Rechte von Gottes Gnaden, alles zu -tun, was ihr beliebt, mit Zähigkeit fest. Als ich sie zu unterrichten -begann, hatte ich mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Sie wollte -um keines Haares Breite nachgeben, ohne es auf einen verzweifelten -Kampf an<span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span>kommen zu lassen. Im guten konnte ich gar nichts von ihr -erreichen. Selbst zu den einfachsten Dingen wie zum Kämmen ihres -Haares, zum Händewaschen, zum Zuknöpfen ihrer Schuhe mußte sie mit -Gewalt angehalten werden, und natürlich war ein peinlicher Auftritt die -Folge. Die Angehörigen fühlten natürlich Neigung, sich einzumischen, -namentlich ihr Vater, der es nicht ertragen kann, sie weinen zu sehen. -So waren sie alle gewillt, des lieben Friedens halber nachzugeben. Ich -sah klar ein, daß jeder Versuch, sie im Gebrauch der Sprache oder in -sonst etwas zu unterrichten, zwecklos sei, solange sie nicht gelernt -habe, mir zu gehorchen. Ich habe viel darüber nachgedacht, und je -reiflicher ich mir die Sache überlege, desto fester bin ich davon -überzeugt, daß Gehorsam das Tor ist, durch welches das Wissen, ja sogar -die Liebe ihren Einzug in die Seele eines Kindes halten. Wie ich Ihnen -schon schrieb, glaubte ich anfangs nur Schritt für Schritt vorgehen -zu dürfen. Ich hatte mir vorgenommen, mir die Liebe und das Vertrauen -meines kleinen Zöglings durch dieselben Mittel zu gewinnen, die ich in -Anwendung gebracht haben würde, wenn sie hätte sehen und hören können. -Aber bald fand ich, daß mir kein Weg zu ihrem Herzen offen stand. Sie -nahm alles, was ich für sie tat, als selbstverständlich hin, wehrte -meine Liebkosungen ab, und es war mir schlechterdings unmöglich, mir -ihre Zuneigung zu erwerben.</p> - -<p>Ich hatte eine freie, offene Aussprache mit Frau Keller und setzte ihr -auseinander, wie schwer es für mich unter den obwaltenden Umständen -sei, etwas mit Helen zu beginnen. Ich erklärte ihr, daß meiner Meinung -nach das Kind mindestens für einige Wochen von der Familie getrennt -werden und daß Helen mir gehorchen lernen müsse, ehe ich irgend etwas -anderes unternehmen könne. Nach einer langen Pause antwortete mir Frau -Keller, sie wolle sich die Sache überlegen und hören, was<span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span> ihr Gatte -zu dem Plane meinte. Der Hauptmann Keller willigte gegen mein Erwarten -sehr rasch ein, und ich beeilte mich, die Vorkehrungen zum Umzuge so -bald wie möglich zu treffen.</p> - -<p>In der neuen Wohnung zeigte sich Helen anfangs sehr ungebärdig und ließ -sich am ersten Abend erst nach einem erbitterten zweistündigen Kampfe -zu Bett bringen. Am nächsten Morgen war sie ruhiger, litt aber offenbar -an Heimweh. Sie spielte mehr als sonst mit ihren Puppen und behandelte -diese mit großer Zärtlichkeit, wollte aber nichts von mir wissen.</p> - -<p>Helen kennt jetzt verschiedene Wörter, hat aber weder eine Ahnung von -ihrem Gebrauche, noch weiß sie, daß jedes Ding einen Namen hat. Ich -glaube jedoch, daß sie leicht und schnell lernen wird. Wie erwähnt, -ist sie außerordentlich lebhaft und geschäftig und in ihren Bewegungen -ebenso rasch wie unstet.</p> - -<p class="right mright1 mtop1">13. März 1887.</p> - -<p>Sie werden sich freuen, zu hören, daß mein Experiment einen guten -Ausgang nimmt. Weder gestern noch heut habe ich mit Helen die geringste -Mühe gehabt. Sie hat drei neue Wörter gelernt, und wenn ich ihr die -Gegenstände gebe, deren Bezeichnung sie gelernt hat, so buchstabiert -sie diese unverzüglich; sie scheint aber froh zu sein, wenn der -Unterricht vorüber ist.</p> - -<p>Wir machten heut früh einen fröhlichen Spaziergang im Garten. Helen -wußte augenscheinlich, wo sie war, sobald sie die Buchsbaumhecken -berührte, und machte mehrere Zeichen, die ich nicht verstand. Ohne -Zweifel waren es Bezeichnungen für die verschiedenen Mitglieder der -Familie in Ivy Green.</p> - -<p class="right mright1 mtop1">20. März 1887.</p> - -<p>Mein Herz jauchzt heute vor Freude. Ein Wunder hat sich ereignet. -Das Licht des Verständnisses ist im Geiste meines<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span> kleinen Zöglings -aufgegangen, und siehe da, alles hat ein verändertes Ansehen gewonnen.</p> - -<p>Das kleine wilde Geschöpf von vor vierzehn Tagen hat sich in ein -artiges Kind umgewandelt. Helen sitzt, während ich schreibe, mit -heiterem und fröhlichem Gesichte neben mir und häkelt eine lange -Spitze aus roter schottischer Wolle. Sie hat in vergangener Woche -nähen gelernt und ist sehr stolz auf ihre Fertigkeit. Als sie die -Spitze so lang gemacht hatte, daß sie über das Zimmer hinwegreichte, -so klopfte sie sich selbst auf den Arm und legte das erste Werk ihrer -Hände zärtlich an ihre Wange. Sie läßt sich jetzt von mir küssen und -setzt sich, wenn sie besonders guter Laune ist, kurze Zeit auf meinen -Schoß, erwidert aber meine Liebkosungen noch nicht. Der große Schritt, -— der Schritt, auf den es ankommt — ist geschehen. Die kleine Wilde -hat ihre erste Lektion gehorsam genommen und findet die Sache ganz -ergötzlich. Es entsteht für mich jetzt die dankbare Aufgabe, die schöne -Intelligenz, die sich in der Kindesseele zu regen beginnt, zu leiten -und zu bilden.</p> - -<p>Auch andere bemerken schon die Veränderung, die mit Helen vorgegangen -ist. Ihr Vater besucht uns jeden Morgen und jeden Abend und ruft, wenn -er sie ihre Perlen eifrig aneinanderreihen oder auf ihrer Nähkarte -horizontale Stichreihen machen sieht, voller Verwunderung aus: Wie -ruhig sie ist! Als ich kam, waren ihre Bewegungen so unstet, daß man -stets fühlte, sie habe etwas Abnormes, ja beinahe Krankhaftes an sich. -Auch habe ich bemerkt, daß sie viel weniger ißt, ein Umstand, der -ihren Vater so sehr beunruhigt, daß er sie durchaus wieder nach Hause -nehmen will. Er behauptet, sie leide an Heimweh. Ich bin damit nicht -einverstanden, doch fürchte ich, wir werden unser kleines Bauer sehr -bald verlassen müssen.</p> - -<p>Gestern ließ ich während der Unterrichtsstunde einen kleinen -Negerknaben hereinkommen, und zeigte auch ihm die Buch<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span>staben. Dies -machte Helen großes Vergnügen und stachelte ihren Ehrgeiz an, sich vor -Percy hervorzutun. Sie freute sich, wenn er einen Fehler machte, und -ließ ihn den Buchstaben mehrere Male wiederholen. Wenn es ihm gelang, -sie zufriedenzustellen, klopfte sie ihm so kräftig auf seinen wolligen -Kopf, daß ich glaubte, er habe die Fehler absichtlich gemacht.</p> - -<p>Hauptmann Keller brachte eines Tages »Belle« mit, einen Hühnerhund, -auf den er sehr stolz ist. Er war begierig, ob Helen ihren alten -Spielkameraden wiedererkennen würde. Helen badete Nancy gerade und -bemerkte anfangs den Hund gar nicht. Für gewöhnlich fühlt sie den -leisesten Schritt und streckt die Arme aus, um sich zu vergewissern, ob -sich jemand in ihrer Nähe befindet. Belle schien es nicht sehr eilig zu -haben, Helens Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich glaube, sie ist -mitunter von ihrer kleinen Herrin recht rauh behandelt worden. Der Hund -war aber kaum eine halbe Minute im Zimmer, als Helen herumzuschnobern -begann, die Puppe in die Badewanne warf und im Zimmer umherfühlte. -Sie stolperte über Belle, die am Fenster lag. Sie erkannte sofort den -Hund, denn sie schlang ihre Arme um seinen Hals und drückte ihn an -sich. Dann setzte sich Helen neben das Tier und begann sich an seinen -Pfoten zu schaffen zu machen. Wir konnten uns für den ersten Augenblick -ihr Verhalten nicht erklären; als wir aber bemerkten, daß sie die -Buchstaben <span class="antiqua nowrap">d–o–l–l</span> mit ihren Fingern bildete, wußten wir daß -sie Belle das Buchstabieren beizubringen suchte.</p> - -<p class="right mright1 mtop1">28. März 1887.</p> - -<p>Helen und ich sind gestern nach Hause gekommen. Ich bedauere, daß wir -nicht noch eine Woche bleiben durften; aber ich glaube, ich habe die -Gelegenheit, die mir in den letzten vierzehn Tagen geboten war, nach -besten Kräften ausgenützt,<span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[S. 221]</a></span> und hoffe nicht, mit Helen in Zukunft noch -ernstliche Mühe zu haben. Die größten Hindernisse, die sich einem -Fortschreiten in den Weg stellten, sind gebrochen. Ich glaube, »nein« -und »ja«, begleitet von einem Schütteln oder Nicken des Kopfes sind -für Helen <em class="gesperrt">so</em> greifbare Tatsachen geworden wie Wärme und Kälte -oder der Unterschied zwischen Schmerz und Behagen. Und ich werde auch -dafür sorgen, daß die Lektion, die sie unter soviel Kummer und Schmerz -gelernt hat, nicht wieder vergessen wird. Ich werde mich zwischen meine -Schülerin und die übergroße Nachsicht ihrer Eltern stellen. Ich habe -Herrn und Frau Hauptmann Keller erklärt, sie dürften in keinerlei Weise -meine Anordnungen durchkreuzen. Ich habe mein Bestes getan, um ihnen -klarzumachen, wie furchtbar sie sich an Helen versündigten, wenn sie -ihr in allen Dingen ihren Willen ließen, und habe darauf hingewiesen, -daß die Versuche, dem Kinde beizubringen, es könne nicht alles nach -seinem Willen gehen, notwendig für dieses selbst wie für seine Lehrerin -von schmerzlichen Empfindungen begleitet seien. Sie versprachen, -mir freie Hand zu lassen und mich nach Kräften zu unterstützen. Die -unverkennbaren Fortschritte, die ihr Kind gemacht hat, haben ihnen -größeres Vertrauen zu mir eingeflößt. Natürlich ist es hart für sie. -Ich begreife, daß es ihnen wehtut, zu sehen, wie ihr unglückliches -kleines Kind bestraft und gezwungen wird, gewisse Dinge gegen seinen -Willen zu tun. Nur wenige Stunden nach meiner Unterredung mit Herrn -und Frau Hauptmann Keller (und sie hatten mir in allem beigepflichtet) -setzte sich Helen bei Tisch in den Kopf, die Serviette nicht zu -benutzen. Offenbar wollte sie probieren, was nun geschehen würde. Ich -versuchte mehrmals, ihr die Serviette um den Hals zu legen, jedesmal -aber riß sie sich das Tuch ab, warf es zur Erde und begann endlich den -Tisch mit den Füßen zu bearbeiten. Ich nahm ihr den Teller weg und -stand auf, um sie aus dem Zimmer zu führen; da aber<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[S. 222]</a></span> schlug sich der -Hauptmann ins Mittel und erklärte, er werde es unter keinen Umständen -zugeben, daß eins seiner Kinder nichts zu essen bekäme.</p> - -<p>Nach dem Abendessen kam Helen nicht mehr in mein Zimmer, und ich sah -sie vor dem Frühstück am nächsten Morgen nicht wieder. Sie saß auf -ihrem Platze, als ich herunterkam. Sie hatte sich ihre Serviette unter -das Kinn gesteckt, anstatt, wie es ihre Gewohnheit war, sich das Tuch -auf dem Rücken festzustecken, und lenkte meine Aufmerksamkeit auf diese -Neuerung; als ich keine Einsprache dagegen erhob, schien sie erfreut -zu sein und streichelte sich selbst. Als sie das Eßzimmer verließ, -ergriff sie meine Hand und streichelte sie ebenfalls. Ich war begierig, -was sie zu tun beabsichtigte, und beschloß, der Gewöhnung an Zucht -und Sitte etwas nachzuhelfen. Ich ging nach dem Eßzimmer zurück und -holte mir eine Serviette. Als Helen zum Unterricht heraufkam, legte -ich alle Gegenstände in gewohnter Weise auf den Tisch; nur der Kuchen -fehlte, von dem ich ihr ein Stückchen zur Belohnung zu geben pflegte, -wenn sie ein Wort recht rasch buchstabiert hatte. Helen bemerkte dies -sofort und machte das entsprechende Zeichen für »Kuchen«. Ich zeigte -ihr die Serviette, band sie ihr um den Hals, riß sie dann ab und warf -sie zur Erde und schüttelte dabei den Kopf. Dies tat ich mehrmals -hintereinander. Helen verstand mich vortrefflich, denn sie schlug -sich ein paarmal derb auf die Hand und schüttelte gleichfalls mit dem -Kopfe. Inzwischen begann der Unterricht. Ich gab ihr einen Gegenstand -in die Hand, und Helen buchstabierte das betreffende Wort. Mit einem -Male hielt sie inne, als ob ihr ein Gedanke durch den Kopf schösse, und -griff nach der Serviette, die sie sich rasch um den Hals knüpfte, wobei -sie ihr Zeichen für »Kuchen« machte. Ich nahm dies für ein Versprechen, -daß, wenn ich ihr etwas Kuchen gebe, sie ein artiges Kind sein wolle, -und gab ihr ein<span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[S. 223]</a></span> größeres Stück als gewöhnlich; Helen war darüber sehr -erfreut und klopfte und streichelte sich selbst voller Befriedigung.</p> - -<p class="right mright1 mtop1">3. April 1887.</p> - -<p>Wir bringen fast unsere ganze Zeit im Garten zu, wo alles sproßt und -blüht und grünt. Nach dem Frühstück gehen wir hinaus und sehen den -Leuten bei ihrer Arbeit zu. Helen liebt es, zu graben und im Schmutze -herumzuspielen wie jedes andere Kind. Heut früh pflanzte sie ihre Puppe -in die Erde und deutete mir an, sie erwarte, die Puppe werde so groß -werden wie ich.</p> - -<p>Um zehn Uhr gehen wir hinein und reihen einige Minuten lang Perlen -auf. Helen kann sie schon in sehr verschiedener Weise zusammenstellen -und denkt sich öfters selbst neue Arten aus. Dann überlasse ich es -ihrer Wahl, ob sie nähen, stricken oder häkeln will. Stricken lernte -sie sehr schnell und fertigt jetzt einen Waschlappen für ihre Mutter -an. In der vergangenen Woche machte sie ihrer Puppe eine Schürze und -kam damit so gut zustande wie jedes andere Kind ihres Alters. Um elf -Uhr haben wir Turnen. Sie kennt alle Freiübungen mit und ohne Hanteln. -Die Stunde von zwölf bis eins wird zur Erlernung neuer Wörter benutzt. -Sie dürfen aber nicht glauben, daß dies die einzige Zeit ist, in der -ich mit Helen buchstabiere; ich buchstabiere ihr im Gegenteil alles, -was wir den ganzen Tag über tun, in die Hand, obgleich sie bis jetzt -noch keine Ahnung hat, was das Buchstabieren eigentlich bedeutet. Nach -dem Mittagessen ruhe ich eine Stunde, und Helen spielt mit ihrer Puppe -oder tummelt sich im Hofe mit den kleinen Negern umher, die vor meiner -Ankunft ihre beständigen Spielgefährten waren. Später geselle ich mich -zu ihnen, und wir machen dann die Runde durch die Wirtschaftsgebäude. -Wir besuchen die Pferde und Maultiere in ihren Ställen, suchen<span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[S. 224]</a></span> nach -Eiern und füttern die Truthühner. Oft gehen wir, wenn das Wetter schön -ist, von vier bis sechs Uhr spazieren oder besuchen Helens Tante in -Ivy Green oder ihre Verwandten in der Stadt. Helen hat einen stark -entwickelten Geselligkeitstrieb; sie liebt es, Menschen um sich zu -haben und ihre Bekannten zu besuchen, zum Teil allerdings, wie ich -glaube, weil diese stets einige Leckerbissen für sie übrig haben. Nach -dem Abendessen gehen wir in mein Zimmer und vertreiben uns die Zeit -mit allerlei Beschäftigungen bis um acht, dann ziehe ich das kleine -Fräulein aus und bringe es zu Bett. Helen schläft jetzt bei mir. Frau -Keller wollte mir eine Wärterin für sie geben; ich glaube aber, es ist -besser, ich bin ihre Wärterin, als daß ich eine dumme, faule Negerin zu -beaufsichtigen habe. Außerdem ziehe ich es vor, daß Helen ganz allein -auf mich angewiesen ist, und ich finde es viel leichter, sie bei allen -sich bietenden Gelegenheiten zu unterrichten als zu festgesetzten -Stunden.</p> - -<p>Am 31. März fand ich, daß Helen achtzehn Substantiva und drei Verba -kannte. Hier eine Liste dieser Wörter. Die mit einem Kreuz bezeichneten -sind Wörter, nach denen sie selbst fragte: <span class="antiqua">doll</span>, <span class="antiqua">mug</span>, -<span class="antiqua">pin</span>, <span class="antiqua">key</span>, <span class="antiqua">dog</span>, <span class="antiqua">hat</span>, <span class="antiqua">cup</span>, <span class="antiqua">box</span>, -<span class="antiqua">water</span>, <span class="antiqua">milk</span>, <span class="antiqua">candy</span>, <span class="antiqua">eye</span> (×), <span class="antiqua">finger</span> -(×), <span class="antiqua">toe</span> (×), <span class="antiqua">head</span> (×), <span class="antiqua">cake</span>, <span class="antiqua">baby</span>, -<span class="antiqua">mother</span>, <span class="antiqua">sit</span>, <span class="antiqua">stand</span>, <span class="antiqua">walk</span>. Am 1. April -lernte sie die Substantiva <span class="antiqua">knife</span>, <span class="antiqua">fork</span>, <span class="antiqua">spoon</span>, -<span class="antiqua">saucer</span>, <span class="antiqua">tea</span>, <span class="antiqua">papa</span>, <span class="antiqua">bed</span> und das Verbum -<span class="antiqua">run</span>.</p> - -<p class="right mright1 mtop1" id="Brief_S_224">5. April 1887.</p> - -<p>Ich muß Ihnen heut morgen eine Zeile schreiben, denn es hat sich etwas -sehr Wichtiges zugetragen. Helen hat den zweiten großen Schritt in -ihrer Erziehung getan. Sie hat gelernt, daß jedes Ding einen Namen -hat und daß das Fingeralphabet der Schlüssel zu allem ist, was sie zu -wissen verlangt.</p> - -<p>Die Wörter <span class="antiqua">mug</span> und <span class="antiqua">milk</span> machten Helen mehr Mühe als alle -übrigen. Sie verwechselte die Substantiva mit dem Verbum<span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225">[S. 225]</a></span> <span class="antiqua">drink</span>. -Sie kannte das Wort für trinken nicht, sondern half sich damit, daß -sie die Pantomime des Trinkens machte, so oft sie <span class="antiqua">mug</span> oder -<span class="antiqua">milk</span> buchstabierte. Als sie sich heute früh wusch, wünschte -sie die Bezeichnung für Wasser zu erfahren. Wenn sie die Bezeichnung -für etwas zu wissen wünscht, so deutet sie darauf und streichelt mir -die Hand. Ich buchstabierte ihr <span class="antiqua nowrap">w–a–t–e–r</span> in die Hand und -dachte bis nach Beendigung des Frühstücks nicht mehr daran. Dann fiel -es mir ein, daß ich ihr vielleicht mit Hilfe dieses neuen Wortes den -Unterschied zwischen <span class="antiqua">mug</span> und <span class="antiqua">milk</span> ein- für allemal -klarmachen könnte. Wir gingen zu der Pumpe, wo ich Helen ihren Becher -unter die Oeffnung halten ließ, während ich pumpte. Als das kalte -Wasser hervorschoß und den Becher füllte, buchstabierte ich ihr -<span class="antiqua nowrap">w–a–t–e–r</span> in die freie Hand. Das Wort, das so unmittelbar -auf die Empfindung des kalten über ihre Hand strömenden Wassers folgte, -schien sie stutzig zu machen. Sie ließ den Becher fallen und stand -wie angewurzelt da. Ein ganz neuer Lichtschein verklärte ihre Züge. -Sie buchstabierte das Wort <span class="antiqua">water</span> zu verschiedenenmalen. Dann -kauerte sie nieder, berührte die Erde und fragte nach deren Namen, -ebenso deutete sie auf die Pumpe und das Gitter. Dann wandte sie sich -plötzlich um und fragte nach meinem Namen. Ich buchstabierte ihr -»<span class="antiqua">teacher</span>« in die Hand. In diesem Augenblick brachte die Amme -Helens kleine Schwester an die Pumpe; Helen buchstabierte »<span class="antiqua">baby</span>« -und deutete auf die Amme. Auf dem ganzen Rückwege war sie im höchsten -Grade aufgeregt und erkundigte sich nach dem Namen jedes Gegenstandes, -den sie berührte, sodaß sie im Laufe weniger Stunden dreißig neue -Wörter ihrem Wortschatz einverleibt hatte.</p> - -<p><span class="antiqua">P. S.</span> Ich konnte meinen Brief gestern abend nicht mehr zur Post -geben und will daher noch eine Zeile hinzufügen. Helen stand heute -früh wie eine strahlende Fee auf. Sie flog von<span class="pagenum"><a name="Seite_226" id="Seite_226">[S. 226]</a></span> einem Gegenstande zum -anderen, fragte nach der Bezeichnung jedes Dinges und küßte mich vor -lauter Freude. Als ich gestern abend zu Bett ging, warf sich Helen aus -eigenem Antrieb in meine Arme und küßte mich zum ersten Male, und ich -glaubte, mein Herz müsse springen, so voll war es vor Freude.</p> - -<p class="right mright1 mtop1">10. April 1887.</p> - -<p>Helen macht von Tag zu Tag, ja beinahe von Stunde zu Stunde -Fortschritte. Alles muß jetzt einen Namen haben. Bei allen unseren -Ausgängen fragt sie voller Eifer nach den Bezeichnungen für die -Dinge, die sie nicht zu Hause gelernt hat. Sie wird nicht müde mit -Buchstabieren und will jeden, dem sie begegnet, das Alphabet lehren. -Sobald sie das betreffende Wort kennt, wendet sie ihre früheren Zeichen -und Pantomimen nicht mehr an, und das Erlernen eines neuen Wortes -bereitet ihr das lebhafteste Vergnügen. Auch bemerken wir, daß ihre -Züge von Tag zu Tag ausdrucksvoller werden. — Ich habe mich dazu -entschlossen, Helen augenblicklich noch nicht regelmäßigen Unterricht -zu erteilen. Ich behandle sie genau wie ein Kind von zwei Jahren. -Es kommt mir widersinnig vor, zu verlangen, daß ein Kind zu einer -bestimmten Zeit in ein bestimmtes Zimmer geht und bestimmte Lektionen -hersagt, wenn es noch nicht über einen genügenden Wortschatz verfügt. -Ich fragte mich: Wie lernt ein normales Kind sprechen? Die Antwort -lautete einfach: Durch Nachahmung. Das Kind kommt mit der Fähigkeit, zu -lernen, auf die Welt und lernt von selbst, vorausgesetzt, daß es ihm an -dem erforderlichen äußeren Anreize nicht fehlt. Es sieht, wie andere -bestimmte Dinge tun, und versucht, sie ebenfalls zu tun. Es hört andere -sprechen und versucht selbst zu sprechen. Lange bevor es sein erstes -Wort spricht, versteht es, was man zu ihm sagt... Diese Erwägungen -weisen mir den richtigen Weg, Helen das Sprechen<span class="pagenum"><a name="Seite_227" id="Seite_227">[S. 227]</a></span> beizubringen. -Ich muß ihr in die Hand sprechen, wie wir dem kleinen Kinde in -das Ohr sprechen. Ich nehme an, daß sie dieselbe Assimilations- -und Nachahmungsgabe besitzt wie ein normales Kind. Ich werde in -vollständigen Sätzen zu ihr sprechen und ihr, wenn nötig, die Bedeutung -durch Gesten und ihre beschreibenden Zeichen klarmachen, aber nicht -versuchen, ihre Aufmerksamkeit auf <em class="gesperrt">nur</em> einen einzigen Gegenstand -zu lenken. Ich will alles tun, was in meinen Kräften steht, um Helen -anzuregen und anzuspornen, und geduldig das Ergebnis abwarten.</p> - -<p class="right mright1 mtop1">24. April 1887.</p> - -<p>Die neue Methode bewährt sich vorzüglich; Helen kennt jetzt die -Bedeutung von mehr als hundert Wörtern und lernt täglich neue hinzu, -ohne im geringsten auf die Vermutung zu kommen, sie verrichte eine -besondere Heldentat. Sie lernt, weil sie nicht anders kann, genau -wie der Vogel fliegen lernt. Doch dürfen Sie nicht glauben, daß sie -»fließend spricht«. Wie ihre kleine Cousine drückt sie ganze Sätze -durch einzelne Worte aus. „Milch“, mit einer Handbewegung bedeutet: „Gib -mir mehr Milch“; „Mutter“, begleitet von einem fragenden Blick, bedeutet: -„Wo ist Mutter?“ „Gehen“ bedeutet: „Ich möchte ausgehen.“ Buchstabiere -ich ihr aber in die Hand: „Gib mir etwas Brot,“ so reicht sie mir das -Brot, und wenn ich ihr sage: „Hole deinen Hut, wir wollen spazieren -gehen,“ so gehorcht sie augenblicklich. Die beiden Worte: „Hut“ und -„spazieren gehen“ würden dieselbe Wirkung ausüben; wird aber der ganze -Satz mehrmals am Tage wiederholt, so muß er sich mit der Zeit dem -Gehirne einprägen, und Helen wird ihn allmählich selbst anwenden.</p> - -<p>Wir beschäftigen uns mit einem kleinen Spiele, das nach meiner Meinung -für die Entwickelung des Intellekts höchst nützlich ist und zugleich -den Zweck einer Sprachlektion erfüllt.<span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">[S. 228]</a></span> Es ist eine Art Versteckspiel. -Ich verstecke irgend etwas, einen Ball, eine Spule oder dergleichen, -und wir suchen danach. Als wir vor zwei bis drei Tagen mit dem Spiele -begannen, benahm sich Helen ziemlich ungeschickt. Sie suchte an -Stellen nach, wo es unmöglich gewesen wäre, den Ball oder die Spule zu -verstecken. Wenn ich z. B. den Ball versteckte, so suchte sie unter -ihrer Schreibtafel. Versteckte ich die Spule, so suchte sie in einer -Schachtel, die nicht länger als einen Zoll war. Sie gab auch bald -das Spiel auf. Jetzt kann ich ihr Interesse daran eine Stunde und -länger rege erhalten, und sie zeigt mehr Intelligenz und oft große -Geschicklichkeit beim Finden der Gegenstände. Heute früh versteckte -ich einen Zwieback. Helen suchte überall, ohne ihn finden zu können. -Plötzlich kam ihr ein Gedanke, sie lief auf mich zu und öffnete meinen -Mund, um ihn gründlich zu untersuchen. Als sie hier nichts fand, -deutete sie auf meinen Magen und fragte: <span class="antiqua">Eat</span>?, was bedeuten -sollte: Haben Sie ihn vielleicht gegessen?</p> - -<p>Freitag begegnete uns ein Herr auf der Straße, der Helen einige Bonbons -gab, die sie aufaß bis auf ein kleines Stückchen, das sie in ihr -Schürzentäschchen steckte. Nach Hause gekommen, traf sie ihre Mutter -und sagte aus eigenem Antriebe: <span class="antiqua">Give baby candy.</span> Frau Keller -buchstabierte ihr in die Hand: <span class="antiqua">No—baby eat—no.</span> Helen näherte -sich der Wiege, faßte Mildred in den Mund und deutete auf ihre eigenen -Zähne. Frau Keller buchstabierte: <span class="antiqua">Teeth</span>. Helen schüttelte den -Kopf und buchstabierte: <span class="antiqua">Baby teeth—no, baby eat—no</span>, womit sie -natürlich sagen wollte: Schwesterchen kann nicht essen, weil es keine -Zähne hat.</p> - -<p class="right mright1 mtop1">8. Mai 1887.</p> - -<p>Nein, ich brauche kein Kindergartenmaterial mehr. Ich habe anfangs -meinen kleinen Vorrat von Perlen, Karten und Strohhalmen benutzt, weil -ich nicht wußte, was ich sonst tun<span class="pagenum"><a name="Seite_229" id="Seite_229">[S. 229]</a></span> sollte; aber die Zeit für sie ist -jetzt auf alle Fälle vorüber.</p> - -<p>Ich beginne allen ausgeklügelten pädagogischen Systemen zu mißtrauen. -Sie scheinen mir auf der Voraussetzung aufgebaut zu sein, daß jedes -Kind eine Art Idiot ist und im Denken unterwiesen werden muß, während -es, wenn es sich selbst überlassen bleibt, mehr und besser denken -wird, wenn es auch nicht so in die Augen fällt. Laßt es nach seinem -Belieben gehen und kommen, laßt es reale Gegenstände berühren und -seine Eindrücke selbständig ordnen, anstatt daß es im Zimmer an einem -kleinen runden Tische sitzt, während eine Lehrerin mit sanfter Stimme -ihm sagt, es möge eine steinerne Mauer aus seinen Holzklötzchen bauen, -einen Regenbogen aus farbigen Papierstreifen herstellen oder Bäume aus -Strohhalmen in Blumentöpfe aus Perlen pflanzen. Solcherlei Unterricht -füllt den Geist mit künstlichen Assoziationen an, die erst ausgerottet -werden müssen, ehe das Kind seine Gedanken aus eigener Anschauung -entwickeln kann.</p> - -<p id="klein">Helen lernt Adjektiva und Adverbien so leicht wie sie Substantiva -gelernt hat. Die Vorstellung geht stets dem Worte voran. Sie hatte -Zeichen für »klein« und »groß« lange, bevor ich zu ihr kam. Wollte sie -einen kleinen Gegenstand haben und wurde ihr ein großer gegeben, so -schüttelte sie den Kopf und hob ein Stückchen von der Haut ihrer einen -Hand zwischen Daumen und Zeigefinger der anderen hoch. Wollte sie etwas -Großes bezeichnen, so spreizte sie die Finger beider Hände so weit wie -möglich und näherte die Hände einander, als wolle sie einen großen Ball -auffangen. Eines Tages ersetzte ich diese Zeichen durch die Wörter -<span class="antiqua">small</span> und <span class="antiqua">large</span>; sofort wendete sie die Wörter an und -verschmähte von nun ab die Zeichen. Ich kann ihr jetzt sagen: Bringe -mir ein großes Buch, einen kleinen Teller, gehe langsam die Treppe -hinauf, laufe rasch und gehe langsam. Heute morgen gebrauchte sie -die Konjunktion <span class="antiqua">and</span><span class="pagenum"><a name="Seite_230" id="Seite_230">[S. 230]</a></span> zum ersten Male. Ich befahl ihr, die Tür -zuzumachen, und sie fügte hinzu: <span class="antiqua">and lock</span>.</p> - -<p>Vor ein paar Minuten kam sie in großer Aufregung die Treppe -heraufgestürmt. Ich konnte mir zuerst gar nicht erklären, was geschehen -war. Sie buchstabierte immerwährend <span class="antiqua">dog—baby</span>, indem sie dabei -der Reihe nach auf ihre fünf Finger deutete und an ihnen saugte. -Mein erster Gedanke war, einer von den Hunden habe Mildred verletzt, -aber Helens strahlendes Gesicht beschwichtigte meine Furcht. Es half -nichts, ich mußte mit ihr hinunter. Sie führte mich in einen Schuppen, -und hier in der Ecke lag einer von den Hühnerhunden mit fünf kleinen -niedlichen Jungen! Ich lehrte Helen das Wort <span class="antiqua">puppy</span>, ließ sie -die Hündchen alle befühlen, während sie saugten, und buchstabierte -<span class="antiqua">puppies</span>. Sie interessierte sich sehr für das Nährgeschäft und -buchstabierte mehrmals die Wörter <span class="antiqua">mother-dog</span> und <span class="antiqua">baby</span>. -Helen bemerkte, daß die Augen der Hündchen geschlossen waren, und -sagte <span class="antiqua">Eyes—shut. Sleep—no</span>, womit sie sagen wollte: Die Augen -sind zwar geschlossen, aber die Hündchen schlafen nicht. Sie deutete -der Reihe nach auf jedes Hündchen und dann auf ihre fünf Finger, und -ich lehrte sie das Wort <span class="antiqua">five</span>. Dann hielt sie einen Finger in -die Höhe und sagte: <span class="antiqua">Baby</span>. Ich begriff, daß sie von Mildred -sprach, und buchstabierte: <span class="antiqua">One baby and five puppies</span>. Dann -bemerkte sie, daß eins von den Hündchen kleiner war als die anderen, -und buchstabierte <span class="antiqua">small</span>, indem sie zu gleicher Zeit das -entsprechende Zeichen machte; ich buchstabierte <span class="antiqua">very small</span>. -Sie verstand augenscheinlich, daß <span class="antiqua">very</span> die Bezeichnung für den -neuen Begriff sei, der in ihren Kopf gelangt war, denn auf dem ganzen -Rückwege nach Hause gebrauchte sie das Wort ganz richtig. Ein Stein war -»<span class="antiqua">small</span>«, ein anderer »<span class="antiqua">very small</span>«. Als sie ihre kleine -Schwester anfaßte, sagte sie: <span class="antiqua">Baby—small. Puppy—very small.</span></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_231" id="Seite_231">[S. 231]</a></span></p> - -<p>Seit ich Helen keinen regelmäßigen Unterricht mehr erteile, finde -ich, daß sie viel rascher lernt. Ich bin überzeugt, daß die Zeit, -die ein Lehrer darauf verwendet, sich zu vergewissern, ob das Kind -seine Lektion auch behalten habe, so gut wie weggeworfen ist. Meines -Erachtens ist es viel richtiger, anzunehmen, daß das Kind tue, was in -seinen Kräften steht, und daß die ausgestreute Saat zur rechten Zeit -schon Frucht tragen wird.</p> - -<p class="right mright1 mtop1">16. Mai 1887.</p> - -<p>Wir unternehmen jetzt jeden Morgen unmittelbar nach dem Frühstück -weite Spaziergänge. Auf dem ganzen Wege stellt Helen unaufhörlich -Fragen an mich. Wir machen auf Schmetterlinge Jagd und fangen ab und -zu einen. Dann setzen wir uns unter einen Baum und sprechen über ihn. -Später lassen wir ihn frei, falls er die Lektion überlebt hat; aber -in der Regel werden sein Leben und seine Schönheit auf dem Altar der -Lernbegierde geopfert, obgleich er in einem anderen Sinne für immer -fortlebt; denn hat er sich nicht in lebendige Gedanken verwandelt? -Es ist wunderbar, wie Wörter Gedanken erzeugen! Jedes neue Wort, das -Helen lernt, scheint das Bedürfnis nach weiteren zu erwecken. Ihr Geist -wächst infolge seiner rastlosen Tätigkeit. Gewöhnlich gehen wir um die -Zeit des Mittagessens nach Hause, und Helen erzählt ihrer Mutter voller -Eifer alles, was sie gelernt hat.</p> - -<p>Dieser Wunsch, zu wiederholen, was ihr gesagt worden ist, deutet auf -einen unverkennbaren Fortschritt in der Entwickelung ihres Intellektes -hin und ist ein unschätzbarer Ansporn zur Aneignung der Sprache. Ich -bitte alle ihre Bekannten, sie zu Mitteilungen über ihr Tun und Treiben -zu ermuntern und soviel Teilnahme und Vergnügen wie nur möglich an -ihren kleinen Erlebnissen zu zeigen. Dies befriedigt ihr kindliches -Bedürfnis nach Anerkennung und hält ihr Interesse an den<span class="pagenum"><a name="Seite_232" id="Seite_232">[S. 232]</a></span> Dingen -aufrecht. Ebenso bildet es die Grundlage der wirklichen Unterhaltung. -Helen macht zwar noch manche Fehler und verwechselt Wörter und -Redensarten miteinander; aber dies tut auch ein hörendes Kind. Ich -bin sicher, diese Schwierigkeiten werden sich von selbst geben. Der -Antrieb zum Sprechen ist das wichtigste. Ich füge hier und da ein Wort, -manchmal einen Satz ein und erinnere sie an das, was sie ausgelassen -oder vergessen hat. So nimmt ihr Wortschatz rasch zu, und die neuen -Wörter bringen neue Vorstellungen hervor, und diese sind der Stoff, aus -dem Himmel und Erde geschaffen sind.</p> - -<p class="mtop2">Meine Aufgabe nimmt alle meine Kräfte und mein Interesse von Tag zu -Tag ausschließlicher in Anspruch, schreibt Fräulein Sullivan am 22. -Mai 1887. Helen ist ein wunderbares Kind, so voller Lernbegierde und -Lerneifer. Sie kennt jetzt gegen dreihundert Wörter und eine große -Menge alltäglicher Redensarten, und es sind noch nicht drei Monate -her, seit sie ihr erstes Wort lernte. Es ist ein seltenes Glück, das -Entstehen, das Wachsen und die ersten schwachen Betätigungen eines -lebenden Geistes zu beobachten; ich genieße dieses Glück, und noch -mehr, es ist mir vergönnt, diesen herrlichen Intellekt zu wecken und zu -leiten.</p> - -<p>Wenn ich mich für diese große Aufgabe nur besser eignete! Ich fühle -mich ihr täglich weniger gewachsen. Mein Geist steckt voller Pläne; -nur kann ich sie leider nicht in die Tat umsetzen. Sie sehen, mein -Geist ist undiszipliniert, ich irre plan- und ziellos umher. O wenn -ich nur jemand hätte, der mir helfen könnte! Ich brauche einen Lehrer -genau so gut wie Helen. Ich weiß, daß die Erziehung dieses Kindes das -Hauptereignis meines Lebens sein wird, wenn ich nur die Kraft und -Ausdauer habe, sie zu vollenden. Eins ist mir klar geworden: Helen -muß Bücher benutzen lernen, wir müssen sie beide be<span class="pagenum"><a name="Seite_233" id="Seite_233">[S. 233]</a></span>nutzen lernen, -und dabei fällt mir ein — wollen Sie die Freundlichkeit haben, -Herrn Anagnos zu bitten, mir die Psychologien von Perez und Sully zu -besorgen? Ich glaube, sie werden mir nützlich sein können.</p> - -<p>Wir halten jetzt jeden Tag Leseübungen ab. In der Regel nehmen wir eins -der kleinen Lesebücher mit auf einen hohen Baum, der in der Nähe des -Hauses steht, und verwenden eine bis zwei Stunden auf das Aufsuchen von -Wörtern, die Helen schon kennt. Wir betreiben es als eine Art Spiel und -sehen zu, wer die Wörter rascher finden kann, Helen mit ihren Fingern -oder ich mit meinen Augen, und sie lernt soviel neue Wörter, wie ich -ihr mit Hilfe der ihr bereits bekannten erklären kann. Gleiten ihre -Finger über Wörter, die sie kennt, so schreit sie vor Vergnügen auf -und herzt und küßt mich voller Freuden, namentlich wenn sie glaubt, -sie sei die Siegerin. Später setze ich die neuen Wörter im Rahmen zu -kleinen Sätzen zusammen, und manchmal ist es möglich, sie zu einer -kleinen Geschichte von einer Biene, einer Katze oder einem kleinen -Knaben zu gestalten. Ich kann sie jetzt heißen die Treppe herauf- oder -hinuntergehen, Gegenstände wegtragen oder bringen, sitzen, stehen, -gehen, laufen, liegen, kriechen, sich herumwälzen oder klettern; sie -ist über Tätigkeitswörter entzückt; daher macht es überhaupt keine -Mühe, ihr die Verben beizubringen. Sie ist auf die Aneignung eines -Satzes so stolz wie ein Feldherr, der die Streitkraft des Feindes -gefangen genommen hat.</p> - -<p>Eine von Helens alten Gewohnheiten, die am festesten gewurzelt und -am schwersten zu bekämpfen ist, ist ihre Sucht, Gegenstände zu -zertrümmern. Wenn sie irgend etwas auf ihrem Wege findet, so schleudert -sie es zur Erde, gleichviel, was es ist: ein Glas, ein Krug oder gar -eine Lampe. Sie besitzt eine große Menge Puppen, und jede von ihnen ist -in einem<span class="pagenum"><a name="Seite_234" id="Seite_234">[S. 234]</a></span> Anfall von Wut oder Langeweile zerbrochen worden. Eines Tages -hatte ihr ein bekannter Herr eine neue Puppe aus Memphis mitgebracht, -und ich wollte versuchen, ob ich es nicht Helen begreiflich machen -könnte, daß sie sie nicht zerbrechen dürfe. Ich ließ sie die Bewegung -machen, als schlüge sie den Kopf der Puppe auf den Tisch auf, und -buchstabierte ihr in die Hand: <span class="antiqua">No, no, Helen is naughty. Teacher -is sad</span> — und ließ sie den bekümmerten Ausdruck meines Gesichtes -fühlen. Dann ließ ich sie die Puppe liebkosen, auf die getroffene -Stelle küssen und zärtlich in ihren Armen wiegen, buchstabierte ihr -dabei in die Hand: <span class="antiqua">Good Helen, teacher is happy</span> — und ließ sie -das Lächeln auf meinem Gesichte fühlen. Sie machte diese Bewegungen -mehrmals und gab dabei auf jede Kleinigkeit acht; dann stand sie einen -Augenblick ganz still mit bekümmertem Gesichtsausdruck, der sich aber -plötzlich aufhellte, buchstabierte. <span class="antiqua">Good Helen</span> — und verzog ihr -Gesicht zu einem breiten, künstlichen Lächeln. Dann trug sie die Puppe -die Treppe hinauf, legte die in das oberste Fach des Kleiderschrankes -und hat sie seitdem nie wieder berührt.</p> - -<p class="right mright1 mtop1">2. Juni 1887.</p> - -<p>Das Wetter ist drückend heiß. Wir schmachten förmlich nach Regen. Wir -sind alle in großer Sorge um Helen. Sie ist sehr nervös und aufgeregt. -Sie kann des Nachts nicht schlafen und leidet an Appetitlosigkeit. Es -ist schwer zu raten. Der Arzt sagt, ihr Geist sei zu rege; wie sollen -wir sie aber vom Denken abhalten? Sie beginnt zu buchstabieren, sobald -sie aufwacht, und fährt damit den ganzen Tag lang fort. Wenn ich nicht -mit ihr sprechen will, so buchstabiert sie in ihre eigene Hand und -unterhält sich augenscheinlich auf das lebhafteste mit sich selbst.</p> - -<p>Ich gab ihr meinen Braillestift in der Meinung, das mechanische -Einstechen von Löchern in das Papier würde sie<span class="pagenum"><a name="Seite_235" id="Seite_235">[S. 235]</a></span> zerstreuen und ihren -Geist beruhigen. Wie groß war aber mein Erstaunen, als ich fand, -daß die kleine Hexe Briefe schrieb! Ich hatte keine Ahnung davon, -daß sie wußte, was überhaupt ein Brief sei. Sie ist öfters mit mir -nach der Post gegangen, wenn ich Briefe besorgte, und ich glaube, -ich habe ihr manches aus dem Inhalt meiner Briefe an Sie mitgeteilt. -Auch wußte sie, daß ich ab und zu »Briefe an blinde Mädchen« mit dem -Braillestift schrieb, aber ich glaubte nicht, daß sie irgend eine klare -Vorstellung davon habe, was ein Brief sei. Eines Tages brachte sie mir -einen Bogen, den sie über und über mit Löchern bedeckt hatte, wollte -ihn in einen Umschlag stecken und nach der Post tragen. Sie sagte: -<span class="antiqua">Frank—letter</span>. Ich fragte sie, was sie denn an Frank geschrieben -habe. Sie entgegnete: <span class="antiqua">Much words. Puppy motherdog—five. Baby—cry. -Hot. Helen walk—no. Sunfire—bad. Frank—come. Helen—kiss Frank. -Strawberries—very good.</span> —</p> - -<p>Helen liest fast ebenso eifrig, wie sie spricht. Ich finde, sie -versteht den Inhalt ganzer Sätze, indem sie die Bedeutung der ihr -unbekannten Wörter aus dem Zusammenhang errät.</p> - -<p>Als ich eines Abends zu Bette ging, fand ich Helen fest eingeschlafen, -während sie ein großes Buch fest in ihren Armen hielt. Sie hatte -offenbar gelesen und war dabei eingeschlafen. Als ich sie am nächsten -Morgen danach fragte, antwortete sie: <span class="antiqua">Book—cry</span> und ergänzte -dies durch Zittern und andere Zeichen von Furcht. Ich lehrte sie das -Wort <span class="antiqua">afraid</span>, und sie sagte: <span class="antiqua">Helen is not afraid. Book is -afraid. Book will sleep with girl.</span> Ich erklärte ihr, daß sich -das Buch nicht fürchte und in seinem Schranke schlafen müsse und daß -»<span class="antiqua">girl</span>« nicht im Bett lesen dürfe. Sie sah mich ganz verschmitzt -an und begriff offenbar, daß ich ihre List durchschaut hatte.</p> - -<p>Und nun zum Schluß noch eins, das nur für Ihre Ohren bestimmt ist. -Eine innere Stimme sagt mir, daß mein Unter<span class="pagenum"><a name="Seite_236" id="Seite_236">[S. 236]</a></span>nehmen über alles -Wünschen und Träumen hinaus von Erfolg gekrönt sein wird. Wären nicht -einige Umstände dabei, die einen solchen Gedanken im höchsten Grade -unwahrscheinlich, ja widersinnig machen, so möchte ich glauben, Helens -Erziehung werde an Interesse und Wunderbarkeit <span class="antiqua">Dr.</span> Howes -Leistung übertreffen. Ich weiß, meine Schülerin besitzt bedeutende -Anlagen, und ich glaube, daß ich imstande bin, sie zu entwickeln -und auszubilden. Ich kann Ihnen nicht angeben, auf welche Weise ich -zu dieser Ueberzeugung gelangt bin. Ich hatte kurz zuvor noch keine -Ahnung, wie ich zu Werke gehen sollte; ich tappte vollständig im -Dunkeln umher; aber nunmehr weiß ich es, und ich weiß, daß ich es -weiß. Ich kann mir keine klare Rechenschaft darüber ablegen; wenn sich -aber Schwierigkeiten erheben, so bin ich weder ratlos noch im Zweifel. -Ich weiß, wie ich ihnen entgegenzutreten habe; ich scheine Helens -individuelle Bedürfnisse zu ahnen. Es ist wunderbar.</p> - -<p>Schon erregt Helen die allgemeine Aufmerksamkeit. Niemand kann sie -sehen, ohne einen tiefen Eindruck von ihr zu erhalten. Sie ist ein -außergewöhnliches Kind, und das Interesse der Oeffentlichkeit an ihrer -Erziehung wird ebenfalls ein außergewöhnliches sein. Daher wollen wir -recht vorsichtig in Bezug auf alles sein, was wir über sie sagen oder -schreiben. Ich will Ihnen ohne jeden Rückhalt schreiben und Ihnen alles -berichten, aber nur unter einer Bedingung, nämlich der, daß Sie mir -versprechen, meine Briefe niemand zu zeigen. Meine herrliche Helen soll -nicht zu einem Wunderkinde gemacht werden, sofern ich es verhüten kann.</p> - -<p class="right mright1 mtop1" id="Gefluegelhof">5. Juni 1887.</p> - -<p>Helen interessiert sich sehr für einige kleine Hühnchen, die sich -heut morgen ihren Weg in die Welt pickten. Ich gab ihr ein Ei in die -Hand und ließ sie fühlen, wie die Hühnchen<span class="pagenum"><a name="Seite_237" id="Seite_237">[S. 237]</a></span> tschip-tschip riefen. Ihr -Erstaunen, als sie das zarte Geschöpf im Innern des Eies fühlte, läßt -sich nicht in Worte fassen. Die Henne war sehr nett und erhob keinen -Einspruch gegen unsere Untersuchungen. Außer den Hühnchen haben wir -noch verschiedenen anderen Familienzuwachs erhalten — zwei Kälber, -ein Füllen und eine Anzahl komischer kleiner Schweine. Sie würden -lachen müssen, wenn Sie mich sähen, wie ich ein quiekendes Ferkel in -meinen Armen halte, während Helen es am ganzen Leibe betastet und -zahllose Fragen stellt — Fragen, die keineswegs leicht zu beantworten -sind. Nachdem sie beobachtet hatte, wie die Hühnchen aus dem Ei -kommen, fragte sie: <span class="antiqua">Did baby pig grow in egg?</span> <span class="antiqua">Where are many -shells?</span> Helens Kopfumfang beträgt 21½ Zoll, der meinige 22½; Sie -sehen, ich bin ihr nur um einen Zoll voraus!</p> - -<p class="right mright1 mtop1">12. Juni 1887.</p> - -<p>Das Wetter ist nach wie vor heiß. Helen ist ungefähr dieselbe geblieben -— bleich und hager. Doch dürfen Sie nicht glauben, daß sie wirklich -krank ist. Ich bin überzeugt, die Hitze und nicht die natürliche, -vielversprechende Regsamkeit ihres Geistes ist schuld an ihrem -Zustande. Selbstverständlich werde ich ihr Gehirn nicht überbürden. -Wir werden tagtäglich von Leuten überlaufen, die bereit sind, die -Verantwortlichkeit für die Welt zu übernehmen, wenn sich der liebe -Gott eine Versäumnis zuschulden kommen läßt. Sie erklären uns, Helen -»strenge sich zu sehr an«, ihr Geist sei zu lebhaft (genau dieselben -Leute glaubten noch vor ein paar Monaten, sie besäße überhaupt keinen), -und erteilen uns allerhand unmögliche und widersinnige Ratschläge.</p> - -<p>Augenblicklich unterweise ich Helen in der Quadratschrift. Die -Beschäftigung lenkt sie etwas ab und nötigt sie zum Stillsitzen, was -bei dieser erschlaffenden Hitze sehr wünschenswert<span class="pagenum"><a name="Seite_238" id="Seite_238">[S. 238]</a></span> ist. Sie hat eine -völlige Manie für das Zählen. Sie hat alles im Hause gezählt und ist -jetzt dabei, die Wörter in ihrer Fibel zu zählen. Hoffentlich wird es -ihr nicht in den Sinn kommen, die Haare ihres Hauptes zählen zu wollen. -Könnte sie sehen und hören, so würde sich ihre überschüssige Energie -in einer Weise entladen, die vielleicht ihr Gehirn nicht so übermäßig -belasten würde, obgleich ich andererseits glaube, daß auch das normale -Kind sein Spiel ziemlich ernst nimmt.</p> - -<p class="right mright1 mtop1">15. Juni 1887.</p> - -<p>In der vergangenen Nacht hatten wir ein prächtiges Gewitter, und es ist -heut viel kühler. Wir fühlen uns alle erfrischt, als hätten wir eine -Dusche genommen. Helen läuft herum wie ein Wiesel. Sie wollte wissen, -ob im Himmel geschossen würde, wenn sie den Donner fühlte, und ob die -Bäume und Blumen allen Regen auftränken.</p> - -<p>Sie kennt jetzt vierhundert Wörter, abgesehen von zahlreichen -Eigennamen. Sie kann rasch bis dreißig zählen, und sieben von den -Buchstaben der Quadratschrift sowie die Wörter, die sie aus ihnen -bilden kann, schreiben... Sie erkennt sofort jeden wieder, mit dem sie -einmal zusammengetroffen ist. Im Gegensatze zu Laura Bridgman liebt sie -Herrengesellschaft, und wir bemerken, daß sie sich leichter mit Herren -befreundet als mit Damen.</p> - -<p>Sie ist stets bereit, alles, was sie hat, mit ihrer Umgebung zu teilen, -wobei oft nur sehr wenig für sie selbst übrig bleibt. Sie hält sehr auf -ihre Kleidung, liebt sich zu putzen und ist ganz untröstlich, wenn sie -ein Loch in einem Kleidungsstück entdeckt. Abends will sie durchaus -ihre Haare zu Locken gedreht haben, selbst wenn sie so müde ist, daß -sie kaum stehen kann.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_239" id="Seite_239">[S. 239]</a></span></p> - -<p class="right mright1 mtop1">3. Juli 1887.</p> - -<p>Heute früh entstand ein großer Lärm unten im Erdgeschoß. Ich hörte -Helen schreien und eilte hinunter, um zu sehen, was der Grund davon -war. Ich fand sie in fürchterlicher Aufregung. Ich hatte gehofft, -ein solcher Auftritt würde sich nie wieder ereignen. Sie war die -letzten zwei Monate so artig und folgsam gewesen, daß ich glaubte, -ich hätte den Leuen gebändigt, aber er schien nur geschlummert zu -haben. Jedenfalls zauste, kratzte und biß sie jetzt Viney wie eine -wilde Katze. Es scheint, als habe die Dienerin den Versuch gemacht, -Helen ein Glas, das diese mit Steinen füllte, wegzunehmen, aus Furcht, -sie könne es zerbrechen. Helen widersetzte sich; Viney versuchte, es -ihr mit Gewalt aus der Hand zu reißen, und ich fürchte, sie hat das -Kind geschlagen oder sonst etwas getan, was diesen außergewöhnlichen -Wutausbruch veranlaßte. Als ich Helen bei der Hand nahm, begann sie -zu weinen. Ich fragte sie, was geschehen sei, und sie buchstabierte: -<span class="antiqua">Viney—bad</span> und begann sie mit erneuter Heftigkeit zu schlagen -und mit den Füßen zu stoßen. Ich hielt ihr die Hände fest, bis sie sich -beruhigt hatte.</p> - -<p>Später kam Helen zu mir ins Zimmer; sie sah sehr traurig aus und wollte -mich küssen. Ich antwortete: „<span class="antiqua">I cannot kiss naughty girl</span>,“ -worauf sie buchstabierte: „<span class="antiqua">Helen is good, Viney is bad.</span>“ — Ich -erwiderte: „Du hast Viney gestoßen und getreten und ihr weh getan. Du -bist sehr unartig gewesen und ich kann unartiges Mädchen nicht küssen.“ -— Sie stand einen Augenblick ganz still, und man sah es, daß in ihrem -Innern ein Kampf vor sich ging. Dann versetzte sie: <span class="antiqua">Helen did (does) -not love teacher. Helen do love mother. Mother will whip Viney.</span>“ -Ich sagte ihr, sie täte besser, nicht mehr über den Vorfall zu sprechen -oder an ihn zu denken. Sie erkannte, daß ich sehr betrübt war, und -wollte sich an mich anschmiegen;<span class="pagenum"><a name="Seite_240" id="Seite_240">[S. 240]</a></span> ich hielt es aber für das beste, ihr -einen besonderen Platz anzuweisen. Bei Tisch war sie sehr bekümmert, -daß ich nicht aß, und machte den Vorschlag, die Köchin solle Tee für -mich bereiten. Aber ich sagte ihr, mein Herz sei traurig, und ich -hätte keine Lust zu essen. Sie begann zu weinen und zu schluchzen und -klammerte sich an mich an.</p> - -<p>Sie war sehr aufgeregt, als wir nach oben gingen, und ich -versuchte daher, ihre Aufmerksamkeit auf ein sonderbares Tier, ein -Gespensterkrebschen (<span class="antiqua">stick-bug</span>), zu lenken. Es ist dies -das sonderbarste Geschöpf, das ich je gesehen habe — ein kleines -Reisigbündel, das in der Mitte zusammengeschnürt ist. Ich wollte nicht -glauben, daß es lebendig wäre, bis ich es sich bewegen sah. Und selbst -dann glich es eher einem mechanischen Spielzeug als einem lebenden -Wesen. Aber Helen, das arme, kleine Ding, konnte ihre Aufmerksamkeit -nicht konzentrieren. Ihr Herzchen war voller Betrübnis und sie wollte -darüber sprechen. Sie fragte: „<span class="antiqua">Can bug know about naughty girl? Is -bug verv happy?</span>“ Dann schlang sie ihre Arme um meinen Hals und -sagte: „<span class="antiqua">I am good to-morrow. Helen is good all days.</span>“ — „Willst -du Viney sagen, daß es dir leid tut, daß du sie gekratzt und mit den -Füßen gestoßen hast?“ — Sie lächelte und antwortete: „<span class="antiqua">Viney not -spell words.</span>“ — „Ich will Viney sagen, daß es dir sehr leid tut. -Willst du mit mir gehen und Viney suchen?“ — Sie war dazu bereit -und ließ sich von Viney küssen, obgleich sie ihre Liebkosungen nicht -erwiderte. Seitdem ist sie außergewöhnlich sanft, und über ihre Züge -ist eine Lieblichkeit — eine Seelenschönheit ausgegossen, die ich -bisher an ihr nicht wahrgenommen habe.</p> - -<p class="right mright1 mtop1">31. Juli 1887.</p> - -<p>Helen schreibt mit Bleistift schon ganz vorzüglich. Ich lehre sie das -Braille-Alphabet, und sie ist ganz entzückt darüber,<span class="pagenum"><a name="Seite_241" id="Seite_241">[S. 241]</a></span> daß sie imstande -ist, Wörter herzustellen, die sie selbst fühlen kann.</p> - -<p>Ihre Entwickelung ist jetzt soweit vorgeschritten, daß sie nach allem -fragt. Was? warum? wann?, namentlich warum? — so geht es den ganzen -Tag über, und je mehr ihre Intelligenz wächst, desto dringender werden -ihre Fragen. Ich entsinne mich, wie lästig ich immer das ewige Fragen -der Kinder meiner Bekannten fand, aber jetzt weiß ich, daß diese Fragen -von dem zunehmenden Interesse des Kindes an den Ursachen der Dinge -herrühren. Das »Warum« ist das Tor, durch das es die Welt des Denkens -und der Ueberlegung betritt. <span class="antiqua">How does carpenter know to build house? -Who put chickens in eggs? Why is Viney black? Flies bite — why? Can -flies know not to bite? Why did father kill sheep?</span> Natürlich stellt -sie viele Fragen, die nicht so verständig sind wie diese. Ihr Denken -geht nicht logischer vor sich als das von Durchschnittskindern. Im -ganzen gleichen ihre Fragen denen, die ein aufgewecktes Kind von drei -Jahren stellt; aber ihre Wißbegierde ist äußerst groß, — ihre Fragen -fallen nie lästig, obgleich sie mein geringes Maß von Kenntnissen und -meinen Scharfsinn auf eine harte Probe stellen.</p> - -<p>Vorigen Sonntag bekam ich einen Brief von Laura [Bridgman]. Sagen Sie -ihr, bitte, meinen herzlichsten Dank dafür, und teilen Sie ihr mit, daß -Helen ihr einen Kuß schickt. Ich las den Brief beim Abendessen, und -Frau Keller rief aus: Sie sehen, Fräulein Annie, Helen schreibt schon -jetzt beinahe ebensogut! — Es ist wahr.</p> - -<p class="right mright1 mtop1">21. August 1887.</p> - -<p>Wir haben eine herrliche Zeit in Huntsville verlebt. Jedermann war über -Helen entzückt und überschüttete sie mit Geschenken und Küssen. Am -ersten Abend lernte sie die Namen aller Leute im Hotel, gegen zwanzig, -glaube ich. Am nächsten Morgen waren wir erstaunt, zu finden, daß sie -sich ihrer aller<span class="pagenum"><a name="Seite_242" id="Seite_242">[S. 242]</a></span> erinnerte und jeden einzelnen, mit dem sie am Abend -zuvor zusammengetroffen war, wiedererkannte. Sie lehrte die Kinder das -Alphabet, und mehrere von ihnen lernten mit ihr sprechen. Eines der -Mädchen lehrte sie Polka tanzen, und ein kleiner Knabe zeigte ihr seine -Kaninchen und buchstabierte ihr deren Namen in die Hand. Sie war ganz -entzückt darüber und gab ihrer Freude dadurch Ausdruck, daß sie den -kleinen Burschen herzte und küßte, was ihn in große Verlegenheit setzte.</p> - -<p>Seit ihrer Rückkehr spricht sie unaufhörlich von ihren Erlebnissen -in Huntsville, und wir bemerken einen ganz entschiedenen Fortschritt -in der Geläufigkeit, mit der sie spricht. Seltsamerweise scheint ein -Ausflug auf den Gipfel des Monte Sano, eines schönen Berges nicht -weit von Huntsville, auf sie einen tieferen Eindruck gemacht zu haben -als alles übrige. Sie erinnert sich an alles, was ich ihr darüber -mitgeteilt habe, und wiederholte, als sie ihrer Mutter davon erzählte, -genau die Worte und Redewendungen, die ich in meiner Beschreibung -gebraucht hatte. Zum Schluß fragte sie ihre Mutter, ob sie auch gern -<span class="antiqua">very high mountain and beautiful cloud-caps</span> sehen wolle. Ich -hatte diesen letzteren Ausdruck (»Wolkenmützen«) nicht gebraucht, und -sagte ihr nun: Die Wolken berühren die Berge sanft wie schöne Blumen. -— Sie sehen, ich mußte Worte und Bilder gebrauchen, mit denen sie -durch den Gefühlssinn vertraut war. Aber es erscheint kaum möglich, -daß bloße Worte jemand, der nie einen Berg gesehen hat, auch nur den -leisesten Begriff von dessen Höhe verschaffen können, und ich kann -nicht absehen, wie jemand imstande sein sollte, zu wissen, welcher Art -der Eindruck war, den sie erhalten hatte, oder worauf das Vergnügen -beruhte, das sie empfand, als ihr davon erzählt wurde. Alles, was wir -wissen, ist nur, daß sie ein gutes Gedächtnis, eine lebhafte Phantasie -und Assoziationsvermögen besitzt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_243" id="Seite_243">[S. 243]</a></span></p> - -<p class="right mright1 mtop1">28. August 1887.</p> - -<p>Ich wünschte, es würde nichts Neues mehr geboren. Kleine Hunde, kleine -Kälber und kleine Kinder erhalten Helens Interesse an dem »Warum« und -»Wozu« der Dinge auf dem Siedepunkte. Die eines Tages erfolgte Ankunft -eines neugeborenen Kindes in Ivy Green bot Gelegenheit zu einer Unmenge -von Fragen über die Herkunft der Kinder und der lebenden Wesen im -allgemeinen. <span class="antiqua">Where did Leila get new baby? How did doctor know where -to find baby? Did Leila tell doctor to get very small new baby? Where -did doctor find Guy and Prince</span> (Hündchen)? <span class="antiqua">Why is Elizabeth -Evelyn’s sister?</span> u. s. w., u. s. w. Diese Fragen wurden zuweilen -peinlich, und es war mir klar, daß irgend etwas geschehen müsse. War es -für Helen natürlich, solche Fragen zu stellen, so war es meine Pflicht, -sie zu beantworten. Es ist meines Erachtens ein großer Fehler, Kinder -mit falschen Angaben und Unsinn abzuspeisen, wenn ihr zunehmendes -Beobachtungs- und Unterscheidungsvermögen in ihnen den Wunsch rege -macht, Auskunft über gewisse Dinge zu erhalten. Von Anfang an hatte -ich es mir zum Prinzip gemacht, alle Fragen Helens nach meinem besten -Wissen in einer ihr verständlichen Weise und dabei wahrheitsgemäß zu -beantworten. Warum sollte ich diese Fragen abweichend behandeln? fragte -ich mich. Ich konnte, abgesehen von meiner kläglichen Unwissenheit -in betreff der großen Tatsachen, auf welchen unsere physische -Existenz beruht, keinen Grund dafür erblicken. Es gibt in dieser -weltabgeschiedenen Gegend keine lebende Seele, die ich hierbei oder -bei einer anderen pädagogischen Schwierigkeit um Rat fragen könnte. -Das einzige, was ich in solchen Fällen tun kann, ist frisch darauf -loszugehen und aus meinen Mißgriffen zu lernen. Aber hier glaube ich -keinen Mißgriff begangen zu haben. Ich nahm Helen und mein botanisches -Lehrbuch mit auf den Baum<span class="pagenum"><a name="Seite_244" id="Seite_244">[S. 244]</a></span> hinauf, auf dem wir oft lesen und studieren, -und erzählte ihr in einfachen Worten die Geschichte des Pflanzenlebens. -Ich erinnerte sie an das Getreide, die Bohnen, die Wassermelonenkerne, -die sie im Frühjahr eingepflanzt hatte, und sagte ihr, daß das hohe -Korn im Garten, die Bohnen und die Wassermelonenranken aus diesen -Samenkörnern entstanden seien. Ich erklärte ihr, wie die Erde die -Samenkörner warm und feucht erhält, bis die kleinen Blättchen stark -genug sind, um sich an das Licht und an die Luft zu drängen, wo sie -atmen und wachsen und blühen und weitere Samenkörner hervorbringen, -aus denen wiederum andere Pflanzen, ihre Kinder, emporwachsen. Ich zog -einen Vergleich zwischen dem Pflanzen- und dem Tierleben und sagte -ihr, die Samenkörner seien genau solche Eier wie die Hühnereier und -Vogeleier, die die Mutterhenne warm und trocken erhält, bis die kleinen -Hühnchen ausschlüpfen. Ich machte ihr verständlich, daß alles Leben -aus einem Ei komme. Die Vogelmutter legt ihre Eier in ein Nest und -hält sie warm, bis die kleinen Vögelchen auskriechen. Die Fischmutter -legt ihre Eier dorthin, wo sie feucht und sicher sind, bis die kleinen -Fische ausschlüpfen. Ich erklärte ihr, sie könne das Ei als die Wiege -des Lebens bezeichnen. Dann erzählte ich ihr, daß andere lebende Wesen -wie der Hund und die Kuh und auch die Menschen ihre Eier nicht legten, -sondern ihre Kinder in ihrem eigenen Leibe ernährten. Ich hatte keine -Schwierigkeit, ihr klarzumachen, daß, wenn Pflanzen und Tiere nicht -Nachkommen derselben Art hervorbrächten, sie bald aufhören würden zu -existieren und daß dann bald alles in der Welt aussterben würde. Ueber -die geschlechtlichen Funktionen ging ich so leicht wie möglich hinweg. -Ich suchte ihr jedoch einen Begriff davon zu geben, daß die Liebe die -große Fortpflanzerin des Lebens sei. Das Thema war schwierig und mein -Wissen unzulänglich; aber ich freue mich, vor meiner Verantwortung<span class="pagenum"><a name="Seite_245" id="Seite_245">[S. 245]</a></span> -nicht zurückgeschreckt zu sein, denn so stockend und unzureichend meine -Erklärung auch gewesen sein mag, sie berührte verwandte Saiten in der -Seele meines kleinen Zöglings, und die Leichtigkeit, mit der Helen die -großen Tatsachen des physischen Lebens begriff, bestärkte mich in der -Meinung, daß im Kinde bei seiner Geburt die gesamten Erfahrungen des -Menschengeschlechts schlummernd vorhanden sind. Diese Erfahrungen sind -wie photographische Negativs, bis die Sprache sie entwickelt und die -Erinnerungsbilder hervorbringt.</p> - -<p class="right mright1 mtop1">4. September 1887.</p> - -<p>Helen bekam heute morgen einen Brief von ihrem Onkel, dem <span class="antiqua">Dr.</span> -Keller. Er lud sie ein, ihn einmal in Hot Springs zu besuchen. Der Name -Hot Springs interessierte sie, und sie stellte mehrere Fragen, die -darauf Bezug hatten. Sie kannte kalte Quellen, deren es mehrere in der -Nähe von Tuscumbia gibt; unter ihnen befindet sich eine sehr starke, -von der die Stadt ihren Namen hat. Tuscumbia bedeutet in der Sprache -der Indianer »Starker Quell«. Aber sie war darüber erstaunt, daß heißes -Wasser aus der Erde kommen sollte. Sie wünschte zu wissen, wer unter -der Erde Feuer angemacht habe, ob es wie das Feuer in den Oefen sei und -ob es die Wurzeln der Pflanzen und Bäume verbrenne.</p> - -<p>Sie war über den Brief sehr erfreut, und nachdem sie alle erdenklichen -Fragen an mich gerichtet hatte, nahm sie ihn mit zu ihrer Mutter, die -nähend in der Vorhalle des Hauses saß, und las ihn ihr vor. Es war -spaßhaft, sie zu sehen, wie sie den Brief vor ihre Augen hielt und die -Sätze mit ihren Fingern herbuchstabierte, genau wie ich es getan hatte. -Später versuchte sie ihn Belle (dem Hunde) und Mildred vorzulesen. Frau -Keller und ich beobachteten diese Bemutterungskomödie von der Tür aus. -Belle war schläfrig und Mildred unaufmerksam. Helen<span class="pagenum"><a name="Seite_246" id="Seite_246">[S. 246]</a></span> sah sehr ernst aus -und zog ein paarmal, wenn Mildred versuchte, ihr den Brief wegzunehmen, -die Hand ungeduldig zurück. Endlich stand Belle auf, schüttelte sich -und wollte fortgehen, aber Helen packte sie am Nacken und nötigte sie, -sich wieder hinzulegen. Inzwischen hatte Mildred den Brief ergriffen -und kroch mit ihm davon. Helen fühlte auf dem Fußboden nach ihm; als -sie ihn aber nicht fand, hatte sie augenscheinlich Mildred im Verdacht; -denn sie stieß den leisen Ton aus, mit dem sie ihr Schwesterchen zu -rufen pflegt. Dann erhob sie sich und stand eine Weile ganz still, als -lausche sie mit ihren Füßen auf Mildreds »tapp, tapp«. Als sie erkannt -hatte, aus welcher Richtung das Geräusch kam, eilte sie rasch auf die -kleine Uebeltäterin zu und fand sie, wie sie an dem kostbaren Briefe -herumkaute! Das war zuviel für Helen. Sie riß ihr den Brief weg und -schlug ihr auf die Händchen, daß es nur so klatschte. Frau Keller nahm -das Kind auf den Arm, und als es ihr gelungen war, es zu beruhigen, -fragte ich Helen: Was hast du Baby getan? Sie sah ganz verlegen aus und -zögerte einen Augenblick mit der Antwort. Dann sagte sie: <span class="antiqua">Wrong girl -did eat letter. Helen did slap very wrong girl.</span> Ich erwiderte ihr, -Mildred sei noch sehr klein und wisse nicht, daß es unrecht sei, den -Brief in den Mund zu stecken.</p> - -<p><span class="antiqua">I did tell baby, no, no, much times</span>, lautete Helens Antwort.</p> - -<p>Ich entgegnete: Mildred versteht deine Finger nicht, und wir müssen -sehr liebevoll mit ihr sein.</p> - -<p>Sie schüttelte den Kopf. <span class="antiqua">Baby — not think. Helen will give baby -pretty letter</span>, und damit lief sie die Treppe hinauf und brachte -einen sauber zusammengefalteten Braillebogen mit, auf den sie einige -Worte geschrieben hatte, und gab ihn Mildred mit den Worten: <span class="antiqua">Baby -can eat all words.</span></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_247" id="Seite_247">[S. 247]</a></span></p> - -<p class="right mright1 mtop1">18. September 1887</p> - -<p>Helen ist ein wunderbares Kind. Ich habe mir alles aufgezeichnet, was -sie in der vergangenen Woche gesagt hat, und dabei gefunden, daß sie -über sechshundert Wörter kennt. Damit soll jedoch nicht gesagt sein, -daß sie sie stets richtig gebraucht. Mitunter zeigt sich in ihren -Sätzen ein vollständiger Wirrwarr, aber dieser findet sich bei allen -Kindern, wenn sie den Versuch machen, ihre halbfertigen Vorstellungen -mit Hilfe willkürlicher Sprachformen auszudrücken. Sie besitzt den -richtigen Sprachtrieb und zeigt große Gewandtheit bei dem Anpassen des -Ausdrucks an ihre Gedanken.</p> - -<p>In der letzten Zeit hat sie großes Interesse an Farben bewiesen. Sie -fand in ihrem Lesebuche das Wort »<span class="antiqua">brown</span>« und wollte seine -Bedeutung wissen. Ich sagte ihr, ihr Haar sei braun, worauf sie -fragte: <span class="antiqua">Is brown verv pretty?</span> Nachdem wir im ganzen Hause -umhergegangen waren und ich ihr die Farbe jedes Gegenstandes, den sie -berührte, angegeben hatte, schlug sie vor, nach den Hühnerställen und -den Scheunen zu gehen; ich sagte ihr jedoch, sie müsse bis morgen -warten, ich sei sehr müde. Wir saßen in der Hängematte; aber für die -Ermüdete war hier an kein Ausruhen zu denken. Helen wollte durchaus -»<span class="antiqua">more colour</span>« kennen lernen. Ich möchte gern wissen, ob sie -eine unbestimmte Vorstellung von Farben — einen Erinnerungseindruck -von Licht und Ton besitzt. Es scheint, als müsse ein Kind, das bis -zu seinem neunzehnten Monat sehen und hören konnte, etwas von seinen -ersten Eindrücken zurückbehalten haben, und sei dies auf noch so -undeutliche Weise. Helen spricht viel von Dingen, die sie durch das -Gefühl nicht hat wahrnehmen können. Sie stellt viele Fragen über den -Himmel, Tag und Nacht, das Meer und die Berge. Sie hat es gern, wenn -ich ihr mitteile, was ich auf Bildern sehe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_248" id="Seite_248">[S. 248]</a></span></p> - -<p>Aber ich scheine den Faden meiner Erzählung verloren zu haben. <span class="antiqua">What -colour is think?</span> lautete eine der rastlosen Fragen, die sie an mich -richtete, während wir uns in der Hängematte hin- und herschaukelten. -Ich sagte ihr: Wenn wir froh sind, so sind unsere Gedanken heiter; sind -wir aber unartig, so sind sie traurig. Rasch wie der Blitz antwortete -sie: <span class="antiqua">My think is white, Viney’s think is black</span>. Sie sehen, sie -glaubte, die Farbe unserer Gedanken entspräche unserer Hautfarbe.</p> - -<p class="right mright1 mtop1" id="Bezug_Briefe">3. Oktober 1887.</p> - -<p>Ich hoffe, die kleinen Mädchen werden sich über Helens Brief<a name="FNAnker_25_25" id="FNAnker_25_25"></a><a href="#Fussnote_25_25" class="fnanchor">[25]</a> -freuen. Sie hat ihn ganz allein geschrieben.</p> - -<p>Sie spricht viel über das, was wir tun werden, wenn sie nach Boston -geht. Eines Tages fragte sie: <span class="antiqua">Who made all things and Boston?</span> -Sie sagt, Mildred würde nicht mitgehen, weil <span class="antiqua">baby does cry all -days</span>.</p> - -<p class="right mright1 mtop1">25. Oktober 1887.</p> - -<p>Helen hat gestern einen zweiten Brief an die kleinen Mädchen -geschrieben,<a name="FNAnker_26_26" id="FNAnker_26_26"></a><a href="#Fussnote_26_26" class="fnanchor">[26]</a> und ihr Vater hat ihn an Herrn Anagnos geschickt. Sie -hat jetzt begonnen, die Pronomina aus eigenem Antriebe anzuwenden. -Heute früh sagte ich zu ihr: <span class="antiqua">Helen will go upstairs</span>. Sie lachte -und antwortete: <span class="antiqua">Teacher is wrong. You will go upstairs.</span> Dies ist -ein weiterer großer Fortschritt. So ist es stets. Was ihr gestern Mühe -machte, fällt ihr heut äußerst leicht, und die Schwierigkeiten von heut -sind morgen ein überwundener Standpunkt.</p> - -<p>Es ist ein Genuß, die rasche Entwickelung von Helens Geist zu -beobachten. Ich zweifle daran, ob irgend ein Lehrer jemals eine Aufgabe -vor sich hatte, die sein Interesse so aus<span class="pagenum"><a name="Seite_249" id="Seite_249">[S. 249]</a></span>schließlich in Anspruch nahm. -Es muß mir bei meiner Geburt ein glücklicher Stern geleuchtet haben, -und ich beginne jetzt seinen wohltätigen Einfluß zu empfinden.</p> - -<p class="right mright1 mtop1">Oktober 1887.</p> - -<p>Bevor dieser Brief in Ihre Hände gelangt, haben Sie wahrscheinlich -schon Helens zweiten Brief an die kleinen Mädchen gelesen. Ich weiß es, -der Fortschritt, den sie in der zwischen den beiden Briefen liegenden -Zeit gemacht hat, muß unglaublich erscheinen. Nur wer täglich mit ihr -verkehrt, kann sich eine Vorstellung von den raschen Fortschritten -bilden, die sie in der Beherrschung der Sprache macht. Sie werden aus -ihrem Briefe entnehmen, daß sie viele Pronomina ganz richtig gebraucht. -In der Unterhaltung gebraucht sie selten eins falsch oder läßt es aus. -Ihre Leidenschaft, Briefe zu schreiben und ihre Gedanken auf das Papier -zu werfen, wird von Tag zu Tage stärker. Sie erzählt jetzt Geschichten, -in denen die Phantasie eine bedeutende Rolle spielt. Ebenso beginnt -sie jetzt einzusehen, daß sie nicht wie andere Kinder ist. Eines Tages -fragte sie: <span class="antiqua">What do my eyes do?</span> Ich sagte ihr, ich könne die -Gegenstände mit meinen Augen sehen und sie mit ihren Fingern.</p> - -<p>Nachdem sie einen Augenblick nachgedacht hatte, entgegnete sie: <span class="antiqua">My -eyes are bad!</span> dann verbesserte sie dies in <span class="antiqua">my eyes are sick.</span></p> - -<hr class="r10" /> - -<p>Einige interessante Ergänzungen zu den Briefen finden sich in dem von -Fräulein Sullivan für den offiziellen Jahresbericht des Perkinsschen -Instituts für 1887 verfaßten zusammenhängenden Ueberblick über Helens -bisherige Entwickelung. Nach Erwähnung der Szene am Brunnen (s. oben S. -225) heißt es weiter:</p> - -<p>Demnächst kamen die örtlichen Präpositionen an die Reihe. Helens Kleid -wurde <em class="gesperrt">in</em> eine Truhe gelegt und dann <em class="gesperrt">auf</em> diese,<span class="pagenum"><a name="Seite_250" id="Seite_250">[S. 250]</a></span> und ich -buchstabierte ihr dann diese Präpositionen in die Hand. Den Unterschied -zwischen <span class="antiqua">in</span> und <span class="antiqua">on</span> lernte sie sehr bald, obgleich es -einige Zeit dauerte, ehe sie diese Wörter in selbständig gebildeten -Sätzen gebrauchen konnte. Wenn es irgend möglich war, führte sie die -Lektion mimisch durch; und es machte ihr großes Vergnügen, <em class="gesperrt">auf</em> -dem Stuhle zu stehen oder <em class="gesperrt">in</em> den Kleiderschrank gestellt zu -werden. In Verbindung mit dieser Lektion lernte sie die Namen der -Familienmitglieder und das Wort <span class="antiqua">is</span>. <span class="antiqua">Helen is in wardrobe, -Mildred is in crib, Box is on table, Papa is on bed</span> sind Beispiele -von Sätzen, die von ihr Ende April gebildet wurden.</p> - -<p>Nunmehr folgte eine Lektion über Adjectiva. Ich nahm einen großen, -weichen Ball aus Wolle und eine Bleikugel. Helen begriff den -Größenunterschied sofort. Als sie die Kugel in die Hand nahm, machte -sie ihr gewöhnliches Zeichen für klein (s. <a href="#klein">S. 229</a>); dann nahm sie -einen wollenen Ball und machte das Zeichen für groß. Ich setzte die -Adjectiva <span class="antiqua">large</span> und <span class="antiqua">small</span> an die Stelle dieser Zeichen. -Dann wurde ihre Aufmerksamkeit auf die Härte der Kugel und die -Weichheit des Balles gelenkt, und sie lernte die Adjectiva <span class="antiqua">soft</span> -und <span class="antiqua">hard</span>. Ein paar Minuten später befühlte sie den Kopf ihrer -kleinen Schwester und sagte zu ihrer Mutter: <span class="antiqua">Mildred’s head is -small and hard.</span> Demnächst suchte ich ihr den Unterschied zwischen -»schnell« und »langsam« klarzumachen. Sie half mir eines Tages Wolle -wickeln, zuerst rasch und dann langsam. Dann sagte ich zu ihr mittels -des Fingeralphabets: <span class="antiqua">Wind fast</span> oder <span class="antiqua">wind slow</span>, indem -ich ihr dabei die Hände hielt und zeigte, wie sie es machen sollte. -Am nächsten Tage buchstabierte sie mir während der Turnübungen in die -Hand: <span class="antiqua">Helen wind fast</span> und begann rasch zu gehen. Dann sagte sie: -<span class="antiqua">Helen wind slow</span> und paßte ihre Bewegungen wiederum den Worten -an.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_251" id="Seite_251">[S. 251]</a></span></p> - -<p>Ich hielt nun die Zeit für gekommen, sie gedruckte Wörter lesen zu -lehren. Ein Pappstreifen, auf dem in erhöhten Buchstaben das Wort -<span class="antiqua">box</span> gedruckt war, wurde auf den betreffenden Gegenstand gelegt -und derselbe Versuch bei einer großen Menge anderer Dinge wiederholt; -aber Helen begriff nicht sofort, daß das auf den Gegenstand gelegte -Wort diesen selbst bezeichne. Dann nahm ich einen Bogen mit dem -Alphabet und legte ihren Finger auf den Buchstaben <span class="antiqua">A</span>, indem ich -zugleich mit meinen Fingern ihr <span class="antiqua">A</span> in die Hand buchstabierte. -Sie bewegte ihren Finger von einem gedruckten Buchstaben zum anderen, -sowie ich ihr den einzelnen Buchstaben in die Hand buchstabierte. Sie -lernte alle Buchstaben, große und kleine, an einem Tage. Dann nahm -ich die erste Seite der Fibel vor und ließ sie das Wort <span class="antiqua">cat</span> -befühlen, indem ich es ihr zu gleicher Zeit mit meinen Fingern -zubuchstabierte. Sie verstand mich sofort und bat mich <span class="antiqua">dog</span> und -viele andere Wörter aufzusuchen. Auch war sie sehr enttäuscht, weil ich -ihren Namen in dem Buche nicht finden konnte. Damals hatte ich noch -keine Sätze in Hochdruck, die sie hätte verstehen können; aber sie -konnte stundenlang dasitzen und jedes Wort in ihrem Buche befühlen. -Stieß sie auf eines, das ihr bekannt war, so nahm ihr Gesicht einen -wahrhaft strahlenden Ausdruck an, und ihre Züge wurden von Tag zu Tag -sanfter und ernster. Um diese Zeit sandte ich ein Verzeichnis der ihr -bekannten Wörter an Herrn Anagnos, und er hatte die große Güte, sie für -Helen in Hochdruck herzustellen. Frau Keller und ich schnitten mehrere -Bogen mit gedruckten Wörtern auseinander, sodaß Helen die Wörter -zu Sätzen aneinanderreihen konnte. Dies machte ihr mehr Vergnügen -als alles, was sie bisher getan hatte, und die so gewonnene Uebung -erleichterte ihr das Erlernen des Schreibens. Es hielt nicht schwer, -ihr klarzumachen, daß sie dieselben Sätze, die sie jeden Tag mit Hilfe -der Pappstreifen bildete, auch mit Bleistift auf<span class="pagenum"><a name="Seite_252" id="Seite_252">[S. 252]</a></span> Papier schreiben -könne, und sie begriff sehr bald, daß sie sich nicht auf die schon -erlernten Redewendungen zu beschränken brauche, sondern jeden Gedanken, -der ihr durch den Kopf ging, damit ausdrücken könne. Ich legte ihr -eine von den Schreibtafeln, wie sie von den Blinden benutzt werden, -zwischen die Bogen Papier auf dem Tische und ließ sie ein Alphabet der -quadratischen Buchstaben, wie sie sie schreiben konnte, befühlen. Dann -führte ich ihr die Hand und half ihr den Satz bilden: <span class="antiqua">Cat does drink -milk.</span> Als die damit fertig war, war sie überglücklich und brachte -ihn freudestrahlend ihrer Mutter, die ihn ihr in die Hand buchstabierte.</p> - -<p>Tag für Tag bewegte sie nun ihren Bleistift in denselben -vorgezeichneten Linien auf dem Papier entlang, ohne auch nur einen -Augenblick die geringste Ungeduld oder Ermüdung zu verraten.</p> - -<p>Da sie nunmehr gelernt hatte, ihre Gedanken schriftlich auszudrücken, -unterrichtete ich sie in der Brailleschrift. Das Erlernen des Systems -machte ihr Freude, da sie bald entdeckte, sie könne jetzt selbst lesen, -was sie geschrieben habe. Ganze Abende kann sie still am Tische sitzen -und niederschreiben, was ihr in das lebhaft arbeitende Gehirn kommt, -und es fällt mir selten schwer, zu lesen, was sie geschrieben hat.</p> - -<p>Ihre Fortschritte im Rechnen sind gleichfalls bedeutend. Sie kann -mit großer Schnelligkeit bis zur Summe von hundert addieren und -subtrahieren, und in der Multiplikation kennt sie das Einmaleins -bis zur Fünferreihe. Kürzlich beschäftigte sie sich mit der Zahl -vierzig; als ich zu ihr sagte: Dividiere sie durch zwei, antwortete -sie unverzüglich: zwanzigmal zwei ist vierzig. Später sagte ich: Nimm -drei fünfzehnmal und zähle, was herauskommt. Ich wünschte, sie sollte -Gruppen von je drei Steinen bilden und glaubte, sie würde sie dann -zählen müssen, um herauszubekommen, wieviel fünfzehnmal drei ist.<span class="pagenum"><a name="Seite_253" id="Seite_253">[S. 253]</a></span> -Aber sie buchstabierte mir sofort die Antwort zu: Fünfzehnmal drei ist -fünfundvierzig.</p> - -<p>Als ihr einmal gesagt wurde, sie sei weiß und eine der Dienerinnen -schwarz, folgerte sie, daß alle, die eine ähnliche Lebensstellung -innehätten, von derselben Farbe seien, und wenn sie nach der Farbe -eines Dienstboten gefragt wurde, antwortete sie stets: schwarz. Als -die einmal nach der Farbe jemandes gefragt wurde, dessen Stand ihr -unbekannt war, schien sie nicht recht zu wissen, was sie sagen sollte, -und entgegnete endlich: blau.</p> - -<p>Obgleich ihr niemals etwas vom Tode oder vom Begräbnis gesagt worden -war, so legte sie doch, als sie zum erstenmal in ihrem Leben mit -ihrer Mutter und mir einen Kirchhof betrat, auf dem wir uns die -Blumen ansehen wollten, ihre Hand auf unsere Augen und buchstabierte -wiederholt: <span class="antiqua">Cry—cry.</span> Ihre Augen füllten sich in der Tat mit -Tränen. Die Blumen schienen ihr keine Freude zu machen, und sie war -ganz still, während wir dort blieben.</p> - -<p>Als sie bei einer anderen Gelegenheit mit mir spazieren ging, schien -sie sich der Anwesenheit ihres Bruders bewußt zu sein, obgleich wir -noch weit von ihm entfernt waren. Sie buchstabierte mir wiederholt -seinen Namen in die Hand und lief nach der Richtung, aus der er kam.</p> - -<p>Beim Spazierengehen oder Reiten gibt sie oft die Namen der Personen, -denen wir begegnen, sofort an, sobald wir sie bemerken.</p> - -<hr class="r10" /> - -<p class="right mright1" id="Zirkus">13. November 1887.</p> - -<p>Wir nahmen Helen mit in den Zirkus und verlebten ein paar köstliche -Stunden! Das Zirkuspersonal interessierte sich sehr für Helen und tat -alles, was in seinen Kräften stand, um ihr ihren ersten Zirkusbesuch zu -einem denkwürdigen Ereignis<span class="pagenum"><a name="Seite_254" id="Seite_254">[S. 254]</a></span> zu machten. Sie durfte die Tiere berühren, -wenn dies ohne Gefahr geschehen konnte. Sie fütterte die Elefanten, -kletterte auf den Rücken des größten von ihnen und setzte sich auf den -Schoß der »orientalischen Prinzessin«, während der Elefant majestätisch -im Kreise herumschritt. Sie betastete einige junge Löwen. Sie waren so -niedlich wie Kätzchen, aber ich sagte ihr, sie würden wild und grimmig, -wenn sie älter würden. Sie sagte zu dem Wärter: <span class="antiqua">I will take the baby -lions home and teach them to be mild.</span> Der Bärenwärter ließ einen -seiner riesigen schwarzen Pflegebefohlenen sich auf die Hinterfüße -aufrichten und uns seine mächtige Tatze entgegenstrecken, die Helen -höflich schüttelte. An den Affen hatte sie ihre helle Freude, sie legte -ihre Hand auf den Hauptdarsteller, während er seine Kunststücke machte, -und lachte herzlich, als er seinen Hut vor dem Publikum abnahm. Ein -kleiner schlauer Bursche stahl ihr das Haarband, und ein andrer suchte -ihr die Blumen vom Hute zu reißen. Ich weiß nicht, wer sich köstlicher -amüsierte, die Affen, Helen oder die Zuschauer. Einer der Leoparden -leckte ihr die Hände, und der Giraffenwärter hob sie in seinen Armen so -hoch empor, daß sie die Ohren der Tiere anfassen und sehen konnte, wie -groß die Giraffen selbst waren. Sie betastete auch einen griechischen -Streitwagen, und der Lenker würde sie gern in der Arena herumgefahren -haben, aber sie fürchtete sich vor den vielen schnellen Pferden. -Die Kunstreiter, Clowns und Seiltänzer freuten sich alle, wenn das -kleine blinde Mädchen ihre Kostüme befühlte und ihren Bewegungen mit -den Händen folgte, sofern dies möglich war, und sie küßte sie alle, -um ihnen ihre Dankbarkeit zu zeigen. Einige von ihnen weinten, und -sogar der Menschenfresser aus Borneo war gerührt von ihrem lieblichen -Gesichtchen. Seitdem hat sie von nichts anderem gesprochen als vom -Zirkus. Um ihre Fragen zu beantworten, war ich genötigt, viel über -Tiere zu lesen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_255" id="Seite_255">[S. 255]</a></span></p> - -<p class="right mright1 mtop1">12. Dezember 1887.</p> - -<p>Ich kann mir kaum vorstellen, daß Weihnachten vor der Türe steht, -trotzdem Helen von nichts anderem spricht. Wissen Sie noch, wie -glücklich wir das Fest voriges Jahr verlebten?</p> - -<p>Helen kennt jetzt die Zeiteinteilung, und ihr Vater will ihr eine Uhr -zu Weihnachten schenken.</p> - -<p>Wie jedes hörende Kind, das ich kenne, wünscht auch Helen fortwährend, -daß man ihr Geschichten erzähle. Ich habe ihr die Geschichte von dem -kleinen Rotkäppchen so oft erzählen müssen, daß ich fast glaube, ich -könnte sie von rückwärts her aufsagen. Sie liebt Geschichten, über -die sie weinen muß — ich glaube, es geht uns allen so — es ist so -angenehm, sich traurig zu fühlen, wenn man keinen besonderen Grund hat, -traurig zu sein. Ebenso lehre ich Helen kleine Gedichte und Verschen. -Sie prägen ihrem Gedächtnis Gedanken in schöner Form ein. Auch glaube -ich, daß sie die Entwickelung aller Anlagen des Kindes fördern, weil -sie die Phantasie anregen. Natürlich lasse ich mich nicht darauf ein, -alles zu erklären. Wenn ich es täte, würde kein Raum für das freie -Spiel der Phantasie bleiben. Zuweit gehende Erläuterungen lenken die -Aufmerksamkeit des Kindes auf Wörter und Sätze, sodaß es ihm unmöglich -wird, den Gedankengang im ganzen aufzufassen.</p> - -<p class="right mright1 mtop1">1. Januar 1888.</p> - -<p>Es ist etwas Großes, das Bewußtsein zu haben, daß man einigen Nutzen -auf der Welt stiftet, daß man jemand notwendig ist. Der Umstand, daß -die Sorge für Helen fast in jeder Hinsicht auf mir allein ruht, macht -mich stark und glücklich.</p> - -<p>Die Weihnachtswoche war auch hier eine sehr geschäftige. Helen ist -zu allen Kindergesellschaften eingeladen, und ich begleite sie zu so -vielen, wie ich irgend kann. Ich wünsche, daß sie Kinder kennen lernt -und möglichst viel mit ihnen verkehrt. Ver<span class="pagenum"><a name="Seite_256" id="Seite_256">[S. 256]</a></span>schiedene kleine Mädchen -haben das Buchstabieren mit den Fingern erlernt und sind sehr stolz auf -ihre Leistung.</p> - -<p>Sonnabend begann es nach dem Mittagessen zu schneien; wir machten -einen fröhlichen Spaziergang durch den Garten und sprachen viel über -den Schnee. Sonntag morgen war die ganze Gegend verschneit, und Helen, -die Kinder der Köchin und ich warfen uns mit Schneebällen. Nachmittags -war alles geschmolzen. Es war der erste Schnee, den ich hier gesehen -habe, und er erregte mir etwas Heimweh. Die Weihnachtszeit hat Stoff zu -vielen Lektionen geliefert und Helens Wortschatz um eine große Menge -neuer Ausdrücke bereichert.</p> - -<p>Wochenlang taten wir nichts, als daß wir über Weihnachten sprachen, -lasen und Geschichten erzählten. Natürlich mache ich keinen Versuch, -sämtliche neuen Wörter zu erklären; auch versteht Helen die kleinen -Geschichten, die ich ihr erzähle, nicht ganz; aber die beständige -Wiederholung prägt die Wörter und Sätze dem Gedächtnis ein, und nach -und nach wird ihr der Sinn schon klar werden. Meines Erachtens ist -es widersinnig, zum Zwecke des Erlernens der Sprache »Konversation« -zu treiben. Dies wirkt auf Schüler und Lehrer gleich verdummend -und geisttötend. Das Sprechen soll natürlich vor sich gehen und -dem Gedankenaustausch dienen. Hat das Kind aus sich selbst nichts -mitzuteilen, so erscheint es nicht der Mühe wert, von ihm zu verlangen, -es solle abgerissene trockene Sätze über »die Katze«, »den Vogel«, -»einen Hund« an die Wandtafel schreiben oder mit seinen Fingern -abbuchstabieren. Es ist von Anfang an mein Bestreben gewesen, mit Helen -persönlich zu sprechen und sie anzuhalten, mir nur das zu erzählen, was -sie wirklich interessiert, und Fragen nur zu dem Zwecke zu stellen, um -zu erfahren, was sie wirklich zu wissen wünscht. Wenn ich bemerke, daß -sie mir gern etwas erzählen möchte, daß ihr aber die nötigen Worte dazu -fehlen, so ergänze ich<span class="pagenum"><a name="Seite_257" id="Seite_257">[S. 257]</a></span> das Nötige, und so gelangen wir vollständig -zu unserem Ziele. Helens Eifer und Interesse helfen ihr über viele -Hindernisse hinweg, die unübersteiglich sein würden, wenn wir uns damit -aufhielten, alles zu erklären und zu definieren.</p> - -<p>Es war rührend, zu sehen, wie sich Helen über ihr erstes Weihnachtsfest -freute. Selbstverständlich hängte sie ihren Strumpf auf — sogar zwei, -denn einen hätte Santa Claus übersehen können — und lag lange Zeit -wach, stand auch mehrere Male auf, um zu sehen, ob sich nichts ereignet -habe. Als ich ihr erklärte, Santa Claus käme nicht eher, als bis sie -eingeschlafen sei, schloß sie ihre Augen und erwiderte: <span class="antiqua">He will -think, girl is asleep.</span> Am Morgen wachte sie von der ganzen Familie -zuerst auf und lief zum Kamine, um nach ihren Strümpfen zu sehen, und -als sie fand, daß Santa Claus beide Strümpfe gefüllt habe, tanzte sie -ein Weilchen vor Freude herum; dann aber wurde sie ganz still und kam -zu mir, um mich zu fragen, ob Santa Claus sich auch nicht geirrt und -geglaubt habe, es seien zwei kleine Mädchen da, und ob er wiederkommen -und die Geschenke wieder abholen würde, wenn er seinen Irrtum erkannt -hätte. Der Ring, den Sie ihr geschickt haben, steckte in der Spitze des -Strumpfes, und als ich ihr erzählte, Sie hätten ihn Santa Claus für -sie gegeben, erwiderte sie: <span class="antiqua">I do love Mrs. Hopkins.</span> Sie hatte -eine Truhe und Kleider für Nancy bekommen und erklärte sofort: <span class="antiqua">Now -Nancy will go to party.</span> Als sie den Braillegriffel und das Papier -entdeckte, sagte sie: <span class="antiqua">I will write many letters, and I will thank -Santa Claus very much.</span> Offenbar war jedermann, namentlich Herr und -Frau Hauptmann Keller, tief bewegt bei dem Gedanken an den Unterschied -zwischen dieser glücklichen Weihnachtsfeier und der im vorigen Jahre, -da ihr kleines Mädchen noch keinen bewußten Anteil an dem Feste -genommen hatte. Als wir die Treppe herunterkamen, sagte Frau Keller<span class="pagenum"><a name="Seite_258" id="Seite_258">[S. 258]</a></span> zu -mir mit Tränen in den Augen: Fräulein Annie, ich danke Gott jeden Tag -meines Lebens dafür, daß er Sie uns gesandt hat; aber erst heute früh -habe ich so recht erkannt, was für ein Segen Sie für uns geworden sind. -Hauptmann Keller ergriff meine Hand, vermochte aber nicht zu sprechen. -Aber sein Schweigen war beredter als Worte. Auch mein Herz war voller -Dankbarkeit und heiliger Freude.</p> - -<p>Eines Tages stieß Helen auf das Wort <span class="antiqua">grandfather</span> in einer -kleinen Geschichte, und sie fragte ihre Mutter: <span class="antiqua">Where is -grandfather?</span> womit sie ihren Großvater meinte. Frau Keller -antwortete: <span class="antiqua">He is dead.</span> Helen fragte: <span class="antiqua">Did father shoot -him?</span> und fügte hinzu: <span class="antiqua">I will eat grandfather for dinner.</span> Bis -jetzt steht ihre einzige Kenntnis vom Tode in Verbindung mit eßbaren -Dingen. Sie weiß, daß ihr Vater Rebhühner, Hirsche und anderes Wildbret -schießt.</p> - -<p>Heute morgen fragte sie mich nach der Bedeutung von <span class="antiqua">carpenter</span>, -und diese Frage lieferte uns den Stoff für unsere Unterrichtsstunde. -Nachdem wir über die verschiedenen Gegenstände, die die Zimmerleute -anfertigen, gesprochen hatten, fragte sie mich: <span class="antiqua">Did carpenter make -me?</span> und buchstabierte rasch, ehe ich antworten konnte: <span class="antiqua">No, no, -photographer made me in Sheffield.</span></p> - -<p>In Sheffield war einer der großen Hochöfen angeblasen worden, und wir -fuhren eines Abends hinüber, um uns einen Guß anzusehen. Helen fühlte -die Hitze und fragte: <span class="antiqua">Did the sun fall?</span></p> - -<p class="right mright1 mtop1">26. Januar 1888.</p> - -<p>Hoffentlich haben Sie Helens Brief erhalten. Denken Sie sich, die -kleine Spitzbübin hat es sich in den Kopf gesetzt, nicht mehr mit -Bleistift schreiben zu wollen. Sie sollte heut morgen an Onkel Frank -schreiben, hatte aber keine Lust dazu und sagte: <span class="antiqua">Pencil is very -tired in head. I will write Uncle<span class="pagenum"><a name="Seite_259" id="Seite_259">[S. 259]</a></span> Frank braille letter.</span> Auf -meinen Einwand, Onkel Frank könne doch die Brailleschrift nicht lesen, -erwiderte sie: <span class="antiqua">I will teach him.</span> Ich setzte ihr auseinander, -Onkel Frank sei alt und könne die Brailleschrift nicht so leicht -erlernen. Sofort antwortete sie jedoch: <span class="antiqua">I think Uncle Frank is much -old to read very small letters.</span> Endlich brachte ich sie dazu, -einige Zeilen zu schreiben, aber sie brach die Bleistiftspitze sechsmal -ab, ehe sie fertig wurde. Ich sagte zu ihr: Du bist ein unartiges -Mädchen, aber sie entgegnete: <span class="antiqua">No, pencil is very weak.</span> Ich -glaube, ihr Widerwille gegen das Schreiben mit Bleistift läßt sich -leicht daraus erklären, daß sie soviel zur Probe für Bekannte und -Fremde hat schreiben müssen. Sie wissen, wie widerwärtig dies den -Kindern im Institut ist. Es ist mühsam, weil es so langsam von statten -geht und sie nicht lesen können, was sie geschrieben haben, um die -Fehler zu verbessern.</p> - -<p>Helen interessiert sich immer mehr für Farben. Als ich ihr sagte, -Mildreds Augen seien blau, fragte sie: <span class="antiqua">Are they like wee skies?</span> -Bald nachdem ich ihr gesagt hatte, eine Nelke, die ihr geschenkt worden -war, sei rot, warf sie ihre Lippen auf und sagte: <span class="antiqua">lips are like one -pink.</span> Ich kann mir nicht denken, daß die Eindrücke von Farben, die -sie während der ersten achtzehn Monate ihres Lebens, in denen sie sehen -und hören konnte, erhalten hat, gänzlich verschwunden sein sollen. -Alles, was wir gesehen und gehört haben, bleibt an irgend einer Stelle -des Gedächtnisses haften. Es mag zu unbestimmt und verworren sein, -um deutlich wiedererkannt zu werden, aber es ist nichtsdestoweniger -vorhanden wie die Landschaft, die wir bei hereinbrechender Dämmerung -aus dem Gesicht verlieren.</p> - -<p class="right mright1 mtop1">10. Februar 1888.</p> - -<p>Gestern abend kamen wir nach Hause. Wir haben eine köstliche Zeit in -Memphis verlebt, aber ich kam wenig zur Ruhe.<span class="pagenum"><a name="Seite_260" id="Seite_260">[S. 260]</a></span> Nichts als Aufregung -vom frühen Morgen bis zum späten Abend — Ausflüge, Einladungen zu -Tisch, Besuche und alles, was drum und dran hängt, wenn man ein -lebhaftes, unermüdliches Kind wie Helen stets um sich hat. Sie sprach -unaufhörlich. Ich weiß nicht, was ich hätte tun sollen, wenn nicht -einige junge Leute gelernt hätten, sich mit Helen zu unterhalten. Sie -erleichterten mir meine Aufgabe soviel wie möglich. Aber selbst so -habe ich niemals eine ruhige halbe Stunde für mich gehabt. Immer hieß -es: Ach, Fräulein Sullivan, kommen Sie doch, bitte, her und sagen Sie -uns, was Helen meint — oder: Fräulein Sullivan, wollen Sie nicht die -Güte haben, dies Helen auseinanderzusetzen. Wir können es ihr nicht -verständlich machen. — Ich glaube, die halbe weiße Bevölkerung von -Memphis sprach bei uns vor. Helen wurde gehätschelt und geliebkost, daß -ein Engel dadurch hätte verwöhnt werden können; aber ich glaube nicht, -daß es möglich ist, sie zu verwöhnen; sie hat dafür ein viel zu naives -Empfinden.</p> - -<p>Es gibt viele gute Geschäfte in Memphis, und ich habe alles Geld -ausgegeben, das ich bei mir hatte. Eines Tages sagte Helen: <span class="antiqua">I must -buy Nancy a very pretty hat.</span> Sie besaß einen Silberdollar und ein -Zehncentstück. Als wir in dem Laden waren, fragte ich sie, wieviel sie -für Nancys Hut ausgeben wolle. Sie antwortete rasch: <span class="antiqua">I will pay -ten cents.</span> Auf meine Frage, was sie mit dem Dollar machen wolle, -erwiderte sie: <span class="antiqua">I will buy some good candy to take to Tuscumbia.</span></p> - -<p>Wir besuchten die Börse und ein Dampfboot. Für dieses letztere -interessierte sich Helen ungemein und ließ sich alles zeigen von der -Maschine an bis zur Flagge auf dem Top.</p> - -<p><span class="antiqua">Dr.</span> Bell schreibt in einem Briefe an Hauptmann Keller, daß -Helens Fortschritte in der Geschichte der Taubstummenerziehung ganz -beispiellos seien, und sagt viel Artiges über ihre Lehrerin. <span class="antiqua">Dr.</span> -Edward Everett Hale beruft sich auf seine<span class="pagenum"><a name="Seite_261" id="Seite_261">[S. 261]</a></span> Verwandtschaft mit Helen und -scheint auf seine kleine Nichte sehr stolz zu sein.</p> - -<p class="right mright1 mtop1" id="Tagebuch">5. März 1888.</p> - -<p>Ich konnte meinen Brief gestern nicht beenden. Fräulein Eva half mir -bei der Anfertigung eines Verzeichnisses der Wörter, die Helen gelernt -hat. Wir bekamen eine Zahl von 900 heraus. Ich hatte Helen am 1. März -ein Tagebuch eingerichtet. Ich weiß nicht, wie lange sie es fortführen -wird. Meines Erachtens ist es ein ziemlich törichtes Unternehmen. -Augenblicklich macht es ihr aber großen Spaß. Sie scheint es zu lieben, -alles niederzuschreiben, was sie weiß. Am Sonntag trug sie folgendes -ein:</p> - -<p>Ich stand auf, wusch mir Gesicht und Hände, kämmte mein Haar und -pflückte drei Veilchen für Lehrerin und aß mein Frühstück. Nach dem -Frühstück spielte ich kurze Zeit mit Puppen. Nancy war ungezogen. -Ungezogen ist schreien und mit den Füßen stoßen (<span class="antiqua">Cross is cry and -kick</span>). Ich las in meinem Buch von großen, wilden Tieren. Wild ist -sehr ungezogen und stark und sehr hungrig (<span class="antiqua">Fierce is much cross and -strong and very hungry</span>). Ich liebe wilde Tiere nicht. Ich schrieb -Brief an Onkel James. Er wohnt in Hotsprings. Er ist Doktor. Doktor -macht krankes Mädchen gesund. Ich bin nicht gern krank (<span class="antiqua">I do not -like sick</span>). Dann aß ich mein Mittagbrot. Ich esse sehr gern viel -Eiskreme (<span class="antiqua">I like much icecream very much</span>). Nach dem Mittagessen -fuhr Vater auf Zug nach Birmingham. Ich hatte Brief von Robert. Er -liebt mich. Er sagt: Liebe Helen, Robert freute sich, einen Brief von -lieber, süßer, kleiner Helen zu bekommen. Ich werde kommen und dich -besuchen, wenn die Sonne scheint. Frau Newsum ist Roberts Frau. Robert -ist ihr Mann. Robert und ich werden laufen und springen und hüpfen und -tanzen und schaukeln und von Vögeln und Blumen und Bäumen sprechen, -und Jumbo und Pearl werden mit uns<span class="pagenum"><a name="Seite_262" id="Seite_262">[S. 262]</a></span> gehen. Lehrerin wird sagen: Wir -sind dumm. Sie ist spaßhaft. Spaßhaft macht uns lachen (<span class="antiqua">Funny makes -us laugh</span>). Natalie ist gutes Mädchen und schreit nicht. Mildred -schreit. Sie wird in vielen Tagen ein hübsches Mädchen sein und mit mir -laufen und spielen. Frau Graves macht kurze Kleider für Natalie. Herr -Mayo ging nach Duckhill und brachte viele hübsche Blumen nach Hause. -Herr Mayo und Herr Farris und Herr Graves lieben mich und Lehrerin. Ich -gehe bald nach Memphis, um sie zu besuchen, und sie werden mich herzen -und küssen. Thornton geht zur Schule und macht sein Gesicht schmutzig. -Knabe muß sehr sorgsam sein. Nach dem Abendessen spielte ich Balgen -mit Lehrerin im Bett. Sie begrub mich unter den Kissen, und dann wuchs -ich sehr langsam wie ein Baum aus der Erde empor. Nun will ich zu Bett -gehen.</p> - -<p class="right mright1">Helen Keller.</p> - -<p class="right mright1 mtop2">16. April 1888.</p> - -<p>Soeben kommen wir aus der Kirche zurück. Hauptmann Keller sagte mir -heut beim Frühstück, ich möchte doch heut Helen mit zur Kirche nehmen. -Das gesamte Presbyterium würde heut versammelt sein, und er wünsche, -daß die Geistlichen Helen kennen lernten. Die Sonntagsschule war -im vollen Gange, als wir ankamen, und ich wünschte, Sie hätten das -Aufsehen bemerken können, das Helens Eintritt erregte. Die Kinder -freuten sich so, sie in der Sonntagsschule zu erblicken, daß sie ihren -Lehrern keine Aufmerksamkeit mehr schenkten, sondern ihre Plätze -verließen und uns umringten. Helen küßte sie alle, Knaben und Mädchen, -mochten sie wollen oder nicht. Anfangs schien sie zu glauben, daß die -Kinder sämtlich den fremden Geistlichen gehörten; aber bald erkannte -sie unter ihnen einige kleine Freunde, und ich erzählte ihr, daß die -Geistlichen ihre Kinder nicht mitgebracht hätten. Sie sah ent<span class="pagenum"><a name="Seite_263" id="Seite_263">[S. 263]</a></span>täuscht -aus und sagte dann: <span class="antiqua">I’ll send them many kisses.</span> Einer der -Geistlichen bat mich, Helen zu fragen, was nach ihrer Meinung die -Geistlichen täten. Sie erwiderte: <span class="antiqua">They read and talk loud for people -to be good.</span> Er schrieb sich diese ihre Antwort in sein Notizbuch. -Als der Gottesdienst begann, geriet Helen in eine solche Aufregung, -daß ich es für das beste hielt, sie aus der Kirche hinauszuführen, -aber Hauptmann Keller sagte: Lassen Sie nur; es wird schon gehen. So -blieb mir nichts übrig, als auszuharren. Es war unmöglich, Helen zu -bewegen, sich ruhig zu verhalten. Sie herzte und küßte mich und den -ernst blickenden Geistlichen, der auf der anderen Seite neben ihr saß. -Er gab ihr seine Uhr zum Spielen, aber dies brachte sie nicht zur Ruhe; -sie wollte sie durchaus dem kleinen Knaben zeigen, der hinter uns saß. -Als die Abendmahlsfeier begann, roch sie den Wein und schnüffelte so -laut, daß jedermann in der Kirche es hören konnte. Als der Wein unserem -Nachbar gereicht wurde, mußte er aufstehen, um zu verhüten, daß sie -ihm den Kelch wegnahm. Ich saß wie auf Nadeln und war froh, als wir -die Kirche verlassen konnten. Ich suchte Helen rasch hinauszudrängen, -aber sie hielt ihren Arm ausgestreckt, und jeder Geistliche, den sie -berührte, mußte sich umdrehen und die Anzahl der Kinder angeben, die -er zu Hause gelassen hatte, und die entsprechende Menge Küsse in -Empfang nehmen. Jedermann lachte über ihre Possen, und man hätte eher -glauben können, in einem Vergnügungslokale zu sein als in einer Kirche. -Hauptmann Keller lud einige der Geistlichen zu Tisch ein. Helen war -ganz außer Rand und Band. Sie beschrieb in den lebhaftesten Pantomimen, -die sie durch Buchstabieren zu ergänzen suchte, was sie in Brewster -tun wolle. Endlich stand sie vom Tisch auf und tat so, als sammle sie -Seetang und Muscheln auf und wate im Wasser umher, wobei sie ihre Röcke -höher aufhob, als es unter den gegenwärtigen Umständen<span class="pagenum"><a name="Seite_264" id="Seite_264">[S. 264]</a></span> schicklich war. -Dann warf sie sich zu Boden und begann so energische Schwimmbewegungen -zu machen, daß ein Teil der Gäste fürchtete, von den Stühlen gestoßen -zu werden. Ihre Bewegungen sind oft ausdrucksvoller als alle Worte, und -sie ist so anmutig wie eine Nymphe.</p> - -<p>Ich möchte gern wissen, ob Ihnen auch die Zeit so unendlich lang wird -wie mir. Wir sprechen und planen und träumen von nichts als von Boston, -Boston, Boston. Ich glaube, Frau Keller hat sich jetzt endgültig -entschlossen, uns zu begleiten, aber sie will nicht den ganzen Sommer -über bleiben.</p> - -<p class="right mright1 mtop1">15. Mai 1888.</p> - -<p>Wissen Sie, daß dies der letzte Brief ist, den ich Ihnen auf lange, -lange Zeit hinaus schreibe? Das nächste Wort, das Sie von mir erhalten, -wird ein Telegramm sein, das Ihnen meldet, wann wir in Boston -eintreffen. Ich bin zu glücklich, um Briefe zu schreiben; aber ich muß -Ihnen von unserem Besuche in Cincinnati erzählen.</p> - -<p>Wir haben eine genußreiche Woche bei den »Doktoren« verlebt. <span class="antiqua">Dr.</span> -Keller war uns bis Memphis entgegengefahren. Fast jedermann im Zuge -war ein Arzt, und <span class="antiqua">Dr.</span> Keller schien sie alle zu kennen. Als wir in -Cincinnati anlangten, fanden wir die Stadt mit Doktoren angefüllt. Es -befanden dich mehrere hervorragende Aerzte aus Boston unter ihnen. Wir -stiegen in Burnet House ab. Jedermann war von Helen entzückt. All die -gelehrten Herren bewunderten ihre Intelligenz und Heiterkeit. Sie hat -etwas an sich, was die Leute fesselt. Ich glaube, es ist ihr freudiges -Interesse, das sie an allem und an jedermann nimmt.</p> - -<p>Wo wir auch waren, stets bildete sie den Mittelpunkt der Gesellschaft. -Sie war von dem Orchester im Hotel entzückt, und als das Konzert -begann, tanzte sie im ganzen Saale<span class="pagenum"><a name="Seite_265" id="Seite_265">[S. 265]</a></span> herum und herzte und küßte jeden, -der ihr in den Wurf kam. Ihre Fröhlichkeit steckte alle an; keinem -erschien sie bemitleidenswert. Ein Herr sagte zu <span class="antiqua">Dr.</span> Keller: Ich habe -lange gelebt und viele glückliche Gesichter gesehen, aber noch nie ein -so strahlendes wie das dieses Kindes. Ein anderer sagte: Weiß Gott, -ich würde alles, was ich auf der Welt besitze, darum geben, wenn ich -dieses kleine Mädchen beständig um mich haben könnte. <span class="antiqua">Dr.</span> Garcelon -holte uns eines Nachmittags zu einem Ausfluge ab und wollte Helen eine -Puppe kaufen; aber sie sagte: <span class="antiqua">I do not like too many children. Nancy -is sick, and Adline is cross, and Ida is very bad.</span> Wir lachten, -daß uns die Tränen in die Augen traten, so ernst sah sie dabei aus. -Was möchtest du denn sonst haben? fragte der Doktor. <span class="antiqua">Some beautiful -gloves to talk with</span>, antwortete sie. Der Doktor war ganz erstaunt, -da er noch nie etwas von »sprechenden Handschuhen« gehört hatte; ich -erklärte ihm aber, Helen habe Handschuhe mit darauf gedrucktem Alphabet -gesehen und glaube offenbar, sie könnten gekauft werden. Ich sagte ihm, -er könne ein Paar Handschuhe kaufen, wenn er wolle, und ich würde dann -das Alphabet darauf pressen lassen.</p> - -<p>Wir frühstückten mit Herrn Thayer (Ihrem früheren Seelsorger) und -seiner Gattin. Er fragte mich, in welcher Weise ich Helen die Adjektiva -und die Bezeichnungen für abstrakte Begriffe, wie Güte und Glück, -beigebracht hätte. Diese selben Fragen sind mir wohl hundertmal von -den gelehrten Doktoren vorgelegt worden. Es kommt mir sonderbar vor, -daß man sich über etwas wundert, was doch in der Tat so einfach ist. -Gewiß ist es ebenso leicht, dem Kinde die Bezeichnung für einen Begriff -beizubringen, der ihm klar vor der Seele steht, wie die Bezeichnung für -einen Gegenstand. Allerdings würde es eine Herkulesarbeit sein, Wörter -zu lehren, wenn die betreffenden Vorstellungen nicht schon in der Seele -des Kindes vorhanden<span class="pagenum"><a name="Seite_266" id="Seite_266">[S. 266]</a></span> wären. Wenn seine Erfahrungen und Beobachtungen -ihm nicht zu den Begriffen »groß«, »klein«, »gut«, »schlecht«, »süß«, -»sauer«, verholfen hätten, so würde es nichts mit diesen Wortgebilden -verbinden können.</p> - -<p>Ich dummes Ding fand mich in die Lage versetzt, den aus Ost und West -versammelten Weisen so einfache Dinge wie die folgenden klarmachen zu -müssen: Wenn Sie einem Kinde etwas Süßes geben, und es seine Zunge -bewegt, sich die Lippen leckt und ein vergnügtes Gesicht macht, so hat -es eine ganz bestimmte Empfindung, und wenn es jedesmal, so oft es -diese Empfindung hat, das Wort »süß« hört oder in die Hand buchstabiert -bekommt, so wird es rasch diese willkürliche Bezeichnung für diese -Empfindung annehmen. Legen Sie ihm dagegen ein Stück Citrone auf die -Zunge, so wirft es die Lippen auf und versucht es auszuspucken, und -wenn es diese Erfahrung ein paarmal gemacht hat, so schließt es seinen -Mund und verzieht sein Gesicht, wenn man ihm eine Citrone zeigt, und -gibt dadurch deutlich zu verstehen, daß es sich der unangenehmen -Empfindung erinnert. Sie nennen diese »sauer«, und das Kind nimmt diese -Bezeichnung an. Hätten Sie diese Empfindungen »schwarz« und »weiß« -genannt, so würde das Kind diese Bezeichnungen ebensoleicht akzeptiert -haben; aber es würde unter »schwarz« und »weiß« genau dasselbe -verstehen, was es jetzt unter »süß« und »sauer« versteht. Auf diese -Weise lernt das Kind aus einer Reihe von Erfahrungen den Unterschied -seiner Empfindungen kennen, und wir benennen sie »gut«, »schlecht«, -»freundlich«, »rauh«, »froh«, »traurig«. Nicht das Wort, sondern das -Vermögen, sich der Empfindung bewußt zu werden, ist es, worauf es bei -der Erziehung ankommt.</p> - -<hr class="r10" /> - -<p>Folgender Auszug aus einem von Fräulein Sullivans Briefen enthält -interessante pädagogische Betrachtungen:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_267" id="Seite_267">[S. 267]</a></span></p> - -<p>Wir besuchten eine kleine Taubstummenschule. Wir wurden sehr freundlich -aufgenommen, und Helen freute sich, mit Kindern zusammenzusein.</p> - -<p>Zwei von den Lehrern kannten das Fingeralphabet und sprachen ohne -Dolmetscher mit ihr. Sie waren erstaunt, in welchem Grade sie die -Sprache beherrschte. Kein einziges Kind in der Schule, versicherten -sie, besäße eine ähnliche Gewandtheit des Ausdrucks, und einige von -ihnen würden schon zwei bis drei Jahre unterrichtet. Ich wollte dies -zuerst nicht glauben; nachdem ich aber die Kinder ein paar Stunden bei -ihren Arbeiten beobachtet hatte, erkannte ich, daß man mir die Wahrheit -gesagt hatte, und ich wunderte mich nicht mehr darüber. In einem Zimmer -standen einige kleine Knirpse und bildeten im Schweiße ihres Angesichts -»einfache Sätze«. Ein kleines Mädchen hatte geschrieben: Ich habe ein -neues Kleid. Es ist ein hübsches Kleid. Meine Mama hat mein hübsches, -neues Kleid gemacht. Ich liebe Mama. — Ein kleiner Knabe mit einem -Lockenkopf schrieb soeben: Ich habe einen großen Ball. Ich liebe es, -meinen großen Ball mit dem Fuße zu stoßen. — Als wir in das Zimmer -traten, richtete sich die Aufmerksamkeit der Kinder auf Helen. Eins von -ihnen faßte mich am Aermel und sagte: Mädchen ist blind. Die Lehrerin -schrieb an die Wandtafel: Der Name des Mädchens ist Helen. Sie ist -taubstumm. Sie kann nicht sehen. Wir bedauern sie sehr. Ich fragte: -Warum schreiben Sie diese Sätze an die Tafel? Würden die Kinder es -nicht verstehen, wenn Sie zu ihnen über Helen sprächen? Die Lehrerin -sagte etwas über die Erlernung der richtigen Satzkonstruktion und fuhr -in ihrer schriftlichen Stilübung über Helen fort. Ich fragte sie, ob -das kleine Mädchen, das über das neue Kleid geschrieben hatte, sich -wirklich so besonders über ihr Kleid gefreut habe. — Nein, antwortete -sie, ich glaube nicht, aber Kinder lernen besser,<span class="pagenum"><a name="Seite_268" id="Seite_268">[S. 268]</a></span> wenn sie über etwas -schreiben, was sie persönlich berührt. — Es erschien mir alles so -mechanisch und schwer, das Herz tat mir beim Anblick dieser armen -Kinder weh. Niemand denkt daran, gleich zu Anfang ein hörendes Kind -sagen zu lassen: Ich habe ein hübsches neues Kleid. Diese Kinder waren -zwar älter an Jahren, als das Baby, das da lallt: Papa küß Baby — -hübsch — und den Sinn seiner Rede ergänzt, indem es auf sein neues -Kleid deutet; aber ihre Gewandtheit im Verstehen und im Gebrauch der -Sprache war nicht größer.</p> - -<p>Diesen selben Uebelstand bemerkte ich in dem ganzen Betriebe der -Schule. In jedem Klassenzimmer sah ich Sätze an der Wandtafel, die -augenscheinlich zur Erläuterung einer grammatischen Regel oder zum -Zwecke der Einübung von Wörtern hingeschrieben worden waren, die vorher -in derselben oder in einer anderen Verbindung vorgekommen waren. Derlei -mag für bestimmte Unterrichtsstufen angebracht sein; aber es ist -nicht der richtige Weg zur Erlernung der Sprache. Nichts, glaube ich, -unterdrückt den Trieb des Kindes, natürlich zu sprechen, mehr als diese -Uebungen an der Wandtafel. Das Schulzimmer ist nicht der geeignete -Raum, einem Kinde das Sprechen beizubringen, am allerwenigsten aber -einem taubstummen Kinde. Dieses darf sich ebensowenig wie ein hörendes -Kind der Tatsache bewußt werden, daß es Wörter lernt, und es sollte -ihm gestattet sein, sich mit Hilfe seiner Finger oder des Bleistiftes -verständlich zu machen, meinetwegen in einzelnen Silben, bis die Zeit -kommt, in der seine wachsende Intelligenz nach dem Satze verlangt. -Der Gedanke an die Sprache sollte in dem Geiste des Kindes nicht mit -der Erinnerung an endlose Schulstunden, an schwierig zu beantwortende -grammatische Fragen, oder an irgend etwas verknüpft sein, was der -Lebensfreude feindlich in den Weg tritt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_269" id="Seite_269">[S. 269]</a></span></p> - -<hr class="r10" /> - -<p>Fräulein Sullivans zweiter Beitrag für den Jahresbericht des -Perkinsschen Instituts reicht bis zum 1. Oktober 1888.</p> - -<p class="mtop2">In dem vergangenen Jahre hat sich Helen einer ausgezeichneten -Gesundheit erfreut. Ihre Augen und Ohren sind von Spezialisten -untersucht worden, und diese sind der Meinung, daß sie nicht die -geringste Licht- oder Schallempfindung haben kann.</p> - -<p>Es läßt sich unmöglich genau angeben, in welchem Umfange ihr der -Geruchs- und der Geschmackssinn beim Erkennen der natürlichen -Eigenschaften der Dinge behilflich sind; aber nach einer hervorragenden -Autorität üben diese Sinne einen großen Einfluß auf die geistige und -sittliche Entwicklung des Menschen aus. Helen schöpft aus diesen -Sinnestätigkeiten zweifellos einen hohen Genuß. Beim Eintritt in ein -Gewächshaus nimmt ihr Gesicht einen strahlenden Ausdruck an, und sie -benennt die Blumen, die ihr bekannt sind, nur nach dem Geruche. Ihre -Erinnerungen an Geruchsempfindungen sind sehr lebhaft. Sie freut sich -schon im voraus auf den Duft einer Rose oder eines Veilchens, und -wenn ihr ein Strauß dieser Blumen versprochen wird, so überfliegt ein -besonders glücklicher Ausdruck ihre Züge und beweist, daß sie in der -Phantasie deren Geruch empfindet und daß er ihr angenehm ist. Es kommt -häufig vor, daß der Duft einer Blume oder der Geruch einer Frucht ihr -irgend ein frohes Ereignis aus dem Familienleben oder ein heiteres -Geburtstagsfest vergegenwärtigt.</p> - -<p>Ihr Gefühlssinn hat in diesem Jahre an Schärfe und Feinheit merklich -zugenommen. In der Tat ist ihr ganzer Körper so fein organisiert, daß -er ihr als Mittel zu dienen scheint, sich mit ihren Mitmenschen in -nähere Beziehungen zu setzen. Sie ist nicht nur imstande, die von den -verschiedenen Tönen und Bewegungen hervorgebrachten Schwingungen der -Luft und<span class="pagenum"><a name="Seite_270" id="Seite_270">[S. 270]</a></span> Erschütterungen des Bodens zu unterscheiden und ihre Freunde -und Bekannten sofort zu erkennen, wenn sie deren Hände oder Kleider -berührt, sondern sie erkennt auch die Gemütsstimmung der Personen ihrer -Umgebung. Es ist unmöglich für jemand, mit dem sich Helen unterhält, -besonders heiter oder traurig zu sein und ihr diesen Umstand verhehlen -zu wollen.</p> - -<p>Sie bemerkt den leichtesten Nachdruck, der in der Unterhaltung auf ein -Wort gelegt wird und weiß jede Veränderung sowie das wechselvolle Spiel -der Handmuskeln zu deuten. Sie beantwortet rasch den leisen Druck der -Zuneigung, den kräftigen der Zustimmung, das Zucken der Ungeduld, die -feste Bewegung beim Befehl und die vielen anderen Verschiedenheiten -der fast unendlich reichen Sprache der Gefühle, — und sie hat sich -eine solche Uebung in dem Verständnis dieser unbewußten Sprache der -Gemütserregungen erworben, daß sie oft imstande ist, unsere innersten -Gedanken zu erraten.</p> - -<p>Als sie eines Tages mit ihrer Mutter und Herrn Anagnos spazieren -ging, warf ein Knabe eine Knallerbse vor ihnen auf den Boden, worüber -Frau Keller erschrak. Helen bemerkte sofort die Veränderung in den -Bewegungen ihrer Mutter und fragte: <span class="antiqua">What are we afraid of?</span> -Als ich einst mit ihr im Parke spazieren ging, sah ich, wie ein -Polizeibeamter einen Mann zur Wache brachte. Die Erregung, die ich -empfand, brachte eine deutlich bemerkbare körperliche Veränderung bei -mir hervor; denn Helen fragte aufgeregt: <span class="antiqua">What do you see?</span></p> - -<p>Einen schlagenden Beweis für das Vorhandensein dieses auffallenden -Vermögens lieferte eine ärztliche Untersuchung von Helens Ohren in -Cincinnati: Es wurden verschiedene Versuche gemacht, um positiv -festzustellen, ob sie eine Schallempfindung habe oder nicht. Alle -Anwesenden waren erstaunt,<span class="pagenum"><a name="Seite_271" id="Seite_271">[S. 271]</a></span> als sie nicht allein einen Pfiff, sondern -auch den gewöhnlichen Klang der menschlichen Stimme zu vernehmen -schien. Sie wandte den Kopf um, lächelte und verhielt sich so, als ob -sie gehört hätte, was gesprochen worden war. Ich stand neben ihr und -hielt ihre Hand in der meinigen. Da ich glaubte, sie habe Eindrücke -durch mich erhalten, legte ich ihre Hände auf den Tisch und zog mich -nach der entgegengesetzten Seite des Zimmers zurück. Die Ohrenärzte -nahmen nun ihre Versuche von neuem auf, aber mit ganz abweichenden -Ergebnissen. Helen blieb während der ganzen Dauer der Experimente -völlig teilnahmlos und verriet nicht im mindesten, daß sie etwas von -dem Gesprochenen verstand. Auf meinen Vorschlag faßte einer der Herren -sie bei der Hand, und die Anzeichen des Verständnisses wiederholten -sich. Diesmal veränderten sich ihre Züge, so oft sie angeredet wurde, -aber es trat kein so entschiedenes Aufleuchten ihres Antlitzes ein wie -vorher, als ich ihre Hände festhielt.</p> - -<p>Einige Zeit nach dem obenerwähnten Besuch auf dem Kirchhofe (s. S. -253) interessierte sich Helen für ein Pferd, das sich infolge eines -Unfalls ein Bein schwer verletzt hatte, und ging täglich mit mir hin, -um es zu besuchen. Das verwundete Bein wurde bald so schlimm, daß -das Pferd an einem Balken aufgehängt werden mußte. Das Tier stöhnte -vor Schmerz, und Helen, die sein Stöhnen vernahm, wurde von Mitleid -erfüllt. Zuletzt wurde es nötig, das Pferd zu töten, und als sie es das -nächstemal besuchen wollte, sagte ich ihr, es sei <em class="gesperrt">tot</em>. Dies war -das erstemal, daß sie das Wort hörte. Ich setzte ihr dann auseinander, -daß es erschossen worden sei, um von seinen Schmerzen erlöst zu werden, -und daß man es <em class="gesperrt">begraben</em> — in die Erde gelegt habe. Ich bin -geneigt, zu glauben, daß die Vorstellung, es sei absichtlich erschossen -worden, keinen tiefen Eindruck auf sie machte; aber ich glaube,<span class="pagenum"><a name="Seite_272" id="Seite_272">[S. 272]</a></span> sie -begriff die Tatsache, daß das Leben in dem Pferde erstorben war, -wie bei den toten Vögeln oder anderen kleinen Tieren, von denen sie -schon vor meiner Ankunft in Tuscumbia eines oder das andere in der -Hand gehabt hatte, und ebenso daß das Pferd begraben worden war. Seit -diesem Vorfall habe ich das Wort <em class="gesperrt">tot</em> stets gebraucht, wann sich -die Gelegenheit dazu bot, ohne mich aber auf weitere Erläuterungen -einzulassen.</p> - -<p>Während wir nun in Brewster in Massachusetts einen Besuch machten, -begleitete Helen eines Tages meine Freundin und mich auf den Kirchhof. -Sie untersuchte einen Stein nach dem anderen und schien sich zu freuen, -wenn sie einen Namen entziffern konnte. Sie roch an den Blumen, -zeigte aber kein Verlangen, sie zu pflücken, und als ich ihr einige -pflückte, wollte sie sich dieselben nicht anstecken lassen. Als ihre -Aufmerksamkeit von einer Marmorplatte, auf der der Name Florence in -erhabenen Buchstaben ausgemeißelt war, gefesselt wurde, kauerte sie -sich auf den Boden nieder, als suche sie etwas, wandte sich dann mit -ganz verstörtem Gesicht zu mir und fragte: <span class="antiqua">Where is poor little -Florence?</span> Dann setzte sie hinzu: <span class="antiqua">I think she is very dead. Who -put her in big hole?</span> Als sie mit diesen traurig stimmenden Fragen -fortfuhr, verließen wir den Kirchhof. Florence war die Tochter meiner -Freundin, die als erwachsenes junges Mädchen gestorben war; ich hatte -aber Helen nichts von ihr erzählt; ja, sie wußte nicht einmal, daß -meine Freundin eine Tochter gehabt hatte. Helen hatte ein Bett und -einen Wagen für ihre Puppen geschenkt bekommen, die sie benutzte wie -alle anderen Geschenke. Als wir vom Kirchhofe nach Hause kamen, lief -sie in das Zimmer, wo diese aufbewahrt wurden, und brachte sie meiner -Freundin mit den Worten: <span class="antiqua">They are poor little Florence’s.</span> Dies -traf zu, obgleich wir es nicht begriffen, wie sie dies hatte erraten -können. Ein Brief, den sie im Laufe<span class="pagenum"><a name="Seite_273" id="Seite_273">[S. 273]</a></span> der nächsten Woche an ihre Mutter -schrieb, schildert ihre Eindrücke mit ihren eigenen Worten:</p> - -<p>Ich lege meine kleinen Kinder in Florences kleines Bett, und fahre sie -in ihrem Wagen umher. Die arme kleine Florence ist tot. Sie war sehr -krank und starb. Frau H. weinte laut um ihr liebes kleines Kind. Sie -ging in die Erde, und sie ist schmutzig, und sie friert (<span class="antiqua">She got in -the ground and she is very dirty, and she is cold</span>). Florence war -sehr hübsch wie Sadie, und Frau H. küßte und herzte sie oft. Florence -ist sehr traurig in dem großen Loche (<span class="antiqua">Florence is very sad in big -hole</span>). Doktor gab ihr Medizin, um sie gesund zu machen, aber die -arme Florence wurde nicht gesund. Als sie sehr krank war, hustete und -stöhnte sie im Bett. Frau H. will sie bald besuchen.</p> - -<p>Trotz der großen Regsamkeit ihres Geistes ist Helen ein ganz -natürliches Kind. Sie liebt Scherz und Spiel und überhäuft andere -Kinder mit Zärtlichkeiten. Sie ist niemals heftig oder reizbar, und -ich habe sie nie ungeduldig gesehen, wenn ihre Spielgefährten sie -nicht verstanden. Sie kann stundenlang mit Kindern spielen, die -nicht ein einziges Wort von dem verstehen, was sie ihnen in die Hand -buchstabiert, und es ist rührend, ihre lebhaften Bewegungen und ihre -leidenschaftlichen Gesten zu beobachten, mittels deren sie ihre -Gedanken und Empfindungen auszudrücken sucht. Gelegentlich versucht ein -kleiner Knabe oder ein kleines Mädchen das Fingeralphabet zu erlernen. -Dann gewährt es einen hübschen Anblick, zu sehen, mit welcher Geduld, -Sanftmut und Ausdauer Helen sich bemüht, die ungelenken Finger ihrer -kleinen Freunde in die richtige Lage zu bringen.</p> - -<p>Eines Tages, als Helen ein kleines Jackett trug, auf das sie sehr stolz -war, sagte ihre Mutter zu ihr: Es ist hier ein armes kleines Mädchen, -das keinen Mantel hat, um sich zu wärmen.<span class="pagenum"><a name="Seite_274" id="Seite_274">[S. 274]</a></span> Willst du ihr nicht den -deinen geben? Helen begann sofort ihr Jackett auszuziehen und sagte: -Ich muß es einem armen kleinen fremden Mädchen geben.</p> - -<p>Für Kinder, die jünger sind als sie selbst, hegt sie eine große -Zuneigung, und ein Wiegenkind ruft stets alle mütterlichen Instinkte -ihrer Natur wach. Sie behandelt ein solches Kind so zärtlich, wie es -die sorgsamste Wärterin nicht besser tun könnte, und gibt allen seinen -Launen nach.</p> - -<p>Obgleich sie im allgemeinen sehr geselligen Charakters ist, kann sie -sich doch, wenn sie allein ist, stundenlang mit Stricken oder Nähen die -Zeit vertreiben.</p> - -<p>Sie liest viel. Sie beugt sich mit gespanntem Blick über ihr Buch, und -während der Zeigefinger ihrer linken Hand über die Zeilen hingleitet, -buchstabiert sie die Wörter mit der anderen Hand; oft sind aber ihre -Bewegungen so rasch, daß sie selbst für diejenigen unverständlich sind, -die daran gewöhnt sind, den schnellen Bewegungen ihrer Finger zu folgen.</p> - -<p>Jede auch noch so leise Gefühlsregung findet in ihrem lebhaften -Mienenspiel ihren Ausdruck. Ihr Verhalten ist natürlich und -ungezwungen, und wegen ihrer Offenheit und augenscheinlichen -Aufrichtigkeit bezaubernd. Ihr Gemüt ist zu selbstlos und liebevoll, -als daß sie sich etwas von Unfreundlichkeit träumen ließe. Sie kann -sich nicht vorstellen, daß jemand anders als liebreich und gut sein -könnte. Sie ist sich keines Grundes bewußt, weswegen sie sich vor -irgend etwas fürchten sollte; infolgedessen sind ihre Bewegungen frei -und anmutig.</p> - -<p>Zu allen lebenden Wesen im Hause hegt sie eine große Zuneigung und -will nicht, daß sie unfreundlich behandelt werden. Wenn sie im Wagen -ausfährt, so will sie dem Kutscher nicht erlauben, die Peitsche zu -gebrauchen, denn, sagt sie, „<span class="antiqua">poor horses will cry</span>“. Eines -Morgens war sie sehr betrübt, als sie fand, daß einem der Hunde ein -großes Stück Holz am Hals<span class="pagenum"><a name="Seite_275" id="Seite_275">[S. 275]</a></span>bande angebunden war. Wir erklärten ihr, -dies sei geschehen, damit Pearl nicht fortlaufe. Helen drückte tiefes -Mitgefühl dabei aus und suchte im Laufe des Tages bei jeder Gelegenheit -Pearl auf, um ihm die Last tragen zu helfen.</p> - -<p>Ihr Vater schrieb ihr im vergangenen Sommer, daß die Vögel und Bienen -ihm alle seine Weintrauben auffräßen. Zuerst war sie ganz empört -darüber und meinte, die kleinen Tiere seien „<span class="antiqua">very wrong</span>“; sie -schien sich aber zu beruhigen, als ich ihr erklärte, die Vögel und -Bienen seien hungrig und wüßten nicht, daß es egoistisch sei, alle -Früchte aufzuzehren. In einem kurze Zeit darauf geschriebenen Briefe -wiederholte sie das von mir Gesagte fast wörtlich.</p> - -<p>Sie macht immer größere Fortschritte in der Aneignung der Sprache, je -umfassender ihre Kenntnisse werden. Als diese noch gering waren, blieb -ihr Wortschatz naturgemäß beschränkt; je mehr sie aber von der sie -umgebenden Welt kennen lernt, desto zutreffender wird ihr Urteil, desto -eindringender, lebhafter und schärfer ihr Verstand und desto fließender -und logischer die Sprache, in der sie ihre regen Gedanken ausdrückt.</p> - -<p>Wenn wir reisen, so sitze ich neben ihr im Wagen und beschreibe -ihr, was ich vom Fenster aus sehe — Hügel, Täler und Flüsse, -Baumwollplantagen und Gärten, in denen Erdbeeren, Pfirsiche, Birnen, -Melonen und Gemüse wachsen, Herden von Kühen und Pferden, die auf den -weiten Wiesen weiden, Schafe an den Berglehnen, die Städte mit ihren -Kirchen und Schulen, ihren Gasthöfen und Läden und die Beschäftigungen -der Einwohner.</p> - -<p>Als sie das Fingeralphabet zu erlernen begann, hatte sie natürlich -zuerst große Neigung, von einem Satze nur die wichtigsten Wörter zu -gebrauchen. Sie sagte z. B.: <span class="antiqua">Helen milk.</span> Ich nahm die Milch, -um ihr zu zeigen, daß sie das richtige Wort gebraucht hatte, gab -ihr aber nicht eher zu trinken, als<span class="pagenum"><a name="Seite_276" id="Seite_276">[S. 276]</a></span> bis sie mit meiner Hilfe einen -vollständigen Satz gebildet hatte, wie z. B.: <span class="antiqua">Give Helen some milk -to drink.</span> Bei diesem ersten Unterricht ermunterte ich sie zu dem -Gebrauch verschiedener Ausdrucksformen für denselben Gedanken. Aß sie -ein Stückchen Zucker, so sagte ich: <span class="antiqua">Will Helen please give teacher -some candy?</span> oder <span class="antiqua">teacher would like to eat some of Helen’s -candy</span>, wobei ich das <span class="antiqua">’s</span> besonders hervorhob. Sie begriff -sehr bald, daß derselbe Gedanke auf sehr verschiedene Weise ausgedrückt -werden könne. Zwei bis drei Monate nach meiner Ankunft in Tuscumbia -sagte sie: <span class="antiqua">Helen wants to go to bed</span> oder <span class="antiqua">Helen is sleepy, and -Helen will go to bed</span>.</p> - -<p>Ich werde fortwährend gefragt: Wie machten Sie Ihrer Schülerin -die Bedeutung von Wörtern klar, die intellektuelle und moralische -Eigenschaften bezeichnen? Ich glaube, es geschah mehr auf dem Wege der -Assoziation und Wiederholung als durch eine Erläuterung meinerseits. -Namentlich gilt dies von den ersten Lektionen, als ihre Kenntnis der -Sprache noch so gering war, daß eine Erläuterung unmöglich war.</p> - -<p>Ich habe es stets so gehalten, daß ich Wörter, die Gemütsbewegungen, -intellektuelle oder moralische Eigenschaften und Handlungen -bezeichneten, in Verbindung mit dem Umstande gebrauchte, der diese -Bezeichnung verdiente. Bald nach meiner Ankunft zerbrach Helen ihre -neue Puppe, die sie sehr liebte. Sie begann zu weinen. Ich sagte ihr: -<span class="antiqua">teacher is <em class="gesperrt">sorry</em></span>. Nach einigen Wiederholungen gelangte -sie dahin, daß sie das Wort mit dem Gefühl assoziierte.</p> - -<p>Auf dieselbe Weise lernte die das Wort <span class="antiqua">happy</span>, ebenso -<span class="antiqua">right</span>, <span class="antiqua">wrong</span>, <span class="antiqua">good</span>, <span class="antiqua">bad</span> und andere -Adjektiva. Das Wort <span class="antiqua">love</span> lernte sie wie andere Kinder — durch -die Verbindung mit Liebkosungen.</p> - -<p>Eines Tages legte ich Helen eine einfache Frage vor, auf die -sie zerstreut antwortete. Ich schalt sie, und sie stand<span class="pagenum"><a name="Seite_277" id="Seite_277">[S. 277]</a></span> still, -während der Ausdruck ihres Gesichtes deutlich verriet, daß sie -nachzudenken versuchte. Ich berührte ihre Stirn und buchstabierte -<span class="antiqua nowrap">t–h–i–n–k</span>. Das Wort, in dieser Weise mit der Handlung -verbunden, schien sich ihrem Geiste genau so einzuprägen, wie wenn -ich ihre Hand auf einen Gegenstand gelegt und dann seinen Namen -buchstabiert hätte. Seit dieser Zeit gebrauchte sie stets das Wort -<span class="antiqua">think</span>.</p> - -<p>Später begann ich Wörter zu gebrauchen wie <span class="antiqua">perhaps</span>, -<span class="antiqua">suppose</span>, <span class="antiqua">expect</span>, <span class="antiqua">forget</span>, <span class="antiqua">remember</span>. Wenn -Helen fragte: <span class="antiqua">Where is mother now?</span> antwortete ich: <span class="antiqua">I do not -know.</span> <span class="antiqua"><em class="gesperrt">Perhaps</em> she is with Leila.</span></p> - -<p>Sie will stets die Namen der Leute wissen, die wir in der Pferdebahn -oder sonstwo treffen, und erfahren, wohin sie gehen und was sie zu tun -beabsichtigen. Unterhaltungen wie die folgende sind nichts Seltenes:</p> - -<p class="mtop1"><em class="gesperrt">Helen</em>. Wie heißt der kleine Knabe?</p> - -<p><em class="gesperrt">Lehrerin</em>. Ich weiß es nicht, denn er ist ein kleiner Knabe, -den ich nicht kenne; aber <em class="gesperrt">vielleicht</em> heißt er Jack (<span class="antiqua">... but -<em class="gesperrt">perhaps</em> his name is Jack</span>).</p> - -<p><em class="gesperrt">Helen</em>. Wo geht er hin?</p> - -<p><em class="gesperrt">Lehrerin</em>. <em class="gesperrt">Möglicherweise</em> geht er nach dem Parke, um sich -mit anderen Knaben umherzutummeln (<span class="antiqua">He <em class="gesperrt">may be</em> going to the -Common to have fun with other boys</span>).</p> - -<p><em class="gesperrt">Helen</em>. Was wird er spielen?</p> - -<p><em class="gesperrt">Lehrerin</em>. Ich vermute, er wird Ball spielen (<span class="antiqua">I -<em class="gesperrt">suppose</em>, he will play ball</span>).</p> - -<p><em class="gesperrt">Helen</em>. Was tun die Knaben jetzt?</p> - -<p><em class="gesperrt">Lehrerin</em>. <em class="gesperrt">Vielleicht</em> warten sie auf Jack. -(<span class="antiqua"><em class="gesperrt">Perhaps</em> they are expecting Jack.</span>)</p> - -<p class="mtop1">Nachdem ihr die Worte vertraut geworden sind, wendet sie sie in -schriftlichen Ausarbeitungen an, wie das folgende Beispiel zeigt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_278" id="Seite_278">[S. 278]</a></span></p> - -<p class="right mright1 mtop1">26. September [1888]</p> - -<p>Heut früh saßen Lehrerin und ich am Fenster, und wir sahen einen -kleinen Knaben auf dem Trottoir gehen. Es regnete sehr stark, und er -hatte einen sehr großen Schirm zum Schutz gegen die Regentropfen.</p> - -<p>Ich weiß nicht, wie alt er war, <em class="gesperrt">glaube</em> aber, er ist -<em class="gesperrt">möglicherweise</em> sechs Jahre alt gewesen (<span class="antiqua">but <em class="gesperrt">think</em> he -<em class="gesperrt">may have been</em> six years old</span>). <em class="gesperrt">Vielleicht</em> hieß er Joe -(<span class="antiqua"><em class="gesperrt">Perhaps</em> his name was Joe</span>). Ich weiß nicht, wohin er -ging, weil ich ihn nicht kenne. Aber <em class="gesperrt">vielleicht</em> schickte ihn -seine Mutter in einen Laden, um etwas für das Mittagessen einzukaufen -(<span class="antiqua">But <em class="gesperrt">perhaps</em> his mother sent him to a store to buy something -for dinner</span>). Er hatte eine Tasche in der Hand. Ich <em class="gesperrt">vermute</em>, -er brachte sie seiner Mutter (<span class="antiqua">I <em class="gesperrt">suppose</em> he was going to take -it to his mother</span>).</p> - -<p class="mtop2">Bei meinem Unterricht habe ich kein bestimmtes System zugrunde gelegt. -Ich habe die spontanen Geistesregungen meiner Schülerin beobachtet und -versucht, die mir dadurch gegebenen Winke zu befolgen.</p> - -<p>Wegen Helens Nervosität habe ich alle Vorsichtsmaßregeln getroffen, -um eine übermäßige Belastung ihres an sich schon äußerst lebhaft -arbeitenden Gehirns zu verhüten. Den größten Teil des Jahres haben wir -auf Reisen nach verschiedenen Städten zugebracht, und ihr Unterricht -ist durch die mannigfaltigen Orte, durch die wir gekommen sind, und die -Erfahrungen, die wir hier gesammelt haben, bestimmt worden. Sie zeigt -denselben Eifer wie zu Anfang. Niemals ist es erforderlich, sie zum -Lernen anzuhalten, ja, ich muß sie sogar mitunter nötigen, ein Exempel -oder einen Aufsatz unbeendet zu lassen.</p> - -<p>Während ich mich durch kein bestimmtes pädagogisches<span class="pagenum"><a name="Seite_279" id="Seite_279">[S. 279]</a></span> System leiten -ließ, war es mein stetes Streben, Helens allgemeine Bildung und -Intelligenz zu fördern, ihre Kenntnisse in Bezug auf die sie umgebende -Welt zu erweitern und sie an ein ungezwungenes und natürliches -Zusammenleben mit den Menschen zu gewöhnen. Ich habe sie zur Führung -eines Tagebuches ermuntert, aus dem ich das folgende mitteile (vergl. -<a href="#Tagebuch">S. 261</a>).</p> - -<p class="right mright1 mtop1">22. März 1888.</p> - -<p>Herr Anagnos besuchte mich am Donnerstag. Ich war froh, ihn herzen -und küssen zu können. Er sorgt für sechzig kleine blinde Mädchen und -siebzig kleine blinde Knaben. Ich liebe sie. Kleine blinde Mädchen -schickten mir einen hübschen Arbeitskorb. Ich fand darin Schere -und Zwirn und Nadelbuch mit vielen Nadeln darin und Häkelhaken und -Fingerhut und Schachtel und Zentimetermaß und Knöpfe und Nadelkissen. -Ich will kleinen blinden Mädchen einen Brief schreiben, um ihnen zu -danken. Ich will hübsche Kleider für Nancy und Adeline und Allie -machen. Im Mai will ich nach Cincinnati gehen und ein anderes Kind -kaufen. Dann werde ich vier Kinder haben. Der Name des neuen Kindes -ist Harry. Herr Wilson und Herr Mitchell besuchten uns am Sonntag. -Herr Anagnos ging am Montag nach Louisville, um kleine blinde Kinder -zu besuchen. Mutter ging nach Huntsville. Ich schlief bei Vater und -Mildred bei Lehrerin. Ich lernte über »heiter«. Es bedeutet ruhig und -froh (<span class="antiqua">I did learn about calm. It does mean quiet and happy</span>). -Onkel Morrie schickte mir hübsche Geschichten. Ich lese über Vögel. Die -Wachtel legt fünfzehn bis zwanzig Eier, und sie sind weiß. Sie baut -ihr Nest auf den Erdboden. Der Eisvogel baut sein Nest in einen hohlen -Baum, und seine Eier sind blau. Die Eier des Rotkehlchens sind grün. -Ich lernte ein Liedchen über Frühling. März, April, Mai sind Frühling.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_280" id="Seite_280">[S. 280]</a></span></p> - -<div class="poetry-container s5 antiqua"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Now melts the snow,</div> - <div class="verse">The warm winds blow</div> - <div class="verse">The waters flow</div> - <div class="verse">And robin dear,</div> - <div class="verse">Is come to show</div> - <div class="verse">That Spring is here.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>James tötete Schnepfen zum Frühstück. Kleine Hühnchen wurden sehr -kalt und starben. Ich bin traurig. Lehrerin und ich fuhren auf dem -Tennesseeflusse in einem Boote. Ich sah Herrn Wilson und James mit -Rudern rudern. Boot glitt schnell dahin und ich steckte Hand in Wasser -und fühlte es fließen.</p> - -<p>Ich fing Fisch mit Haken und Leine und Rute. Wir kletterten auf hohen -Berg, und Lehrerin fiel und zerschlug ihren Kopf. Ich aß sehr kleinen -Fisch zum Abendbrot. Ich las über Kuh und Kalb. Die Kuh liebt Gras zu -essen wie Mädchen Brot und Butter und Milch. Kleines Kalb springt und -läuft ins Feld. Es liebt zu hüpfen und zu spielen, denn es ist froh, -wenn die Sonne hell und warm ist. Kleiner Knabe liebte sein Kalb. Und -er sagte: Ich will dich küssen, kleines Kalb, und er legte seine Arme -um des Kalbes Hals und küßte es. Das Kalb leckte gutes Knaben Gesicht -mit langer rauher Zunge. Kalb braucht Mund nicht weit zu öffnen, um -zu küssen. Ich bin müde, und Lehrerin wünscht nicht, daß ich länger -schreibe.</p> - -<p class="mtop2">Im Herbst besuchte Helen einen Zirkus (vergl. -<a href="#Zirkus">S. 253 f.</a>). Während -wir vor den Käfigen standen, brüllte der Löwe, und Helen fühlte -die Erschütterung der Luft so deutlich, daß sie den Ton ganz genau -nachahmen konnte.</p> - -<p>Ich versuchte ihr das Aussehen eines Kamels zu beschreiben; da wir -aber das Tier nicht berühren durften, fürchtete ich, sie hätte keine -richtige Vorstellung von seiner Gestalt be<span class="pagenum"><a name="Seite_281" id="Seite_281">[S. 281]</a></span>kommen. Ein paar Tage später -hörte ich jedoch eine Bewegung im Unterrichtszimmer, und als ich -eintrat, fand ich Helen auf allen vieren mit einem Kissen auf ihrem -Rücken, das so befestigt war, daß es in der Mitte eine Vertiefung und -auf jeder Seite einen Höcker bildete. Zwischen diese Höcker hatte sie -ihre Puppe gesetzt, die sie nun auf sich im Zimmer herumreiten ließ. -Ich beobachtete sie längere Zeit, während sie sich herumbewegte und -lange Schritte zu machen versuchte, um den Gang des Kamels, wie ich ihn -ihr beschrieben hatte, getreu nachzuahmen. Als ich sie fragte, was sie -denn da mache, antwortete sie: <span class="antiqua">I am a very funny camel.</span></p> - -<p>Als eines Tages Helens Pony und Esel nebeneinander standen, ging sie -von einem zum anderen und untersuchte beide Tiere genau. Endlich legte -sie ihre Hand auf Neddys Kopf und sprach zu ihm: Ja, lieber Neddy, es -ist wahr, daß du nicht so schön wie Black Beauty bist. Dein Körper ist -nicht so schön gebildet, dein Auge blickt nicht so stolz, und dein Hals -wölbt sich nicht. Außerdem siehst du mit deinen langen Ohren etwas -komisch aus. Natürlich kannst du nichts dafür, und ich liebe dich genau -so, als wenn du das schönste Geschöpf von der Welt wärest. — Helen -hatte an der Geschichte von »Black Beauty« großes Gefallen gefunden. -Wie rasch ihre Auffassungsgabe und ihr Assoziationsvermögen sind, geht -am besten aus dem folgenden hervor. Ich hatte ihr den Abschnitt der -Geschichte vorgelesen, in dem es heißt:</p> - -<p>„Das Pferd war ein alter, abgetriebener Brauner mit struppigem Fell und -Knochen, die überall hervorstanden; die Kniee waren eingeknickt, und -die Vorderbeine zitterten heftig. Ich fraß soeben etwas Heu, und der -Wind trieb ein kleines Häufchen davon fort; das arme Geschöpf streckte -seinen langen, mageren Hals aus, um es aufzunehmen, wandte sich -dann um und suchte umher, ob es nicht noch etwas fände. Es lag<span class="pagenum"><a name="Seite_282" id="Seite_282">[S. 282]</a></span> ein -hoffnungsloser Ausdruck in den trüben Augen, den ich nicht umhinkonnte, -zu bemerken, und als ich dann nachdachte, wo ich dieses Pferd wohl -schon gesehen haben könnte, sah es mich voll an und fragte: Black -Beauty, bist du es?“</p> - -<p>Als ich soweit gekommen war, preßte Helen meine Hand zusammen, zum -Zeichen, daß ich nicht weiterlesen solle. Sie schluchzte krampfhaft. -„Es war der arme Ginger,“ — war alles, was sie anfangs sagen konnte. -Später, als sie imstande war, über die Erzählung zu sprechen, sagte -sie: „Armer Ginger! Die Worte zauberten mir ein deutliches Bild vor die -Seele. Ich sah den armen Ginger leibhaftig vor mir; all seine Schönheit -war dahin, sein herrlich geschwungener Nacken war gesenkt, aller Mut -aus seinem feurigen Auge, alle Anmut aus seiner Haltung verschwunden. -O wie schrecklich war das! Ich hatte vorher noch nie gewußt, daß eine -solche Veränderung mit einem Geschöpfe vor sich gehen könnte. Der arme -Ginger hatte wenig Freude und viel Trauriges erlebt.“ — Nach einem -Weilchen fuhr sie bekümmert fort: „Ich fürchte, vielen Menschen ergeht -es genau so wie Ginger.“ —</p> - -<p>Heut früh las Helen zum ersten Male Bryants Gedicht: »<span class="antiqua">Oh, mother of -a mighty race!</span>« Ich sagte zu ihr: Wenn du das Gedicht ausgelesen -hast, so sage mir, wer nach deiner Ansicht die Mutter ist. — Als -sie bis zu dem Verse gelangte: »<span class="antiqua">There’s freedom at thy gates, and -rest</span>«, rief sie aus: „Es ist Amerika. Das Tor ist, glaube ich, -die Stadt New York, und unter der »Freiheit« ist die große Statue -der Freiheitsgöttin zu verstehen.“ — Als sie das Gedicht »<span class="antiqua">The -Battlefield</span>« von demselben Verfasser gelesen hatte, fragte ich sie, -welche Strophe sie für die schönste halte. Sie antwortete: Am bestem -gefällt mir folgende:</p> - -<div class="poetry-container s5 antiqua"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Truth crushed to earth shall rise again;</div> - <div class="verse mleft1">The eternal years of God are hers;</div> -<span class="pagenum"><a name="Seite_283" id="Seite_283">[S. 283]</a></span> - <div class="verse">But Error, wounded, writhes with pain,</div> - <div class="verse mleft1">And dies among his worshipers.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Sie kann sich mit einem Schlage in den Mittelpunkt der Begebenheiten -einer Erzählung versetzen. Sie freut sich, wenn die Gerechtigkeit -siegt, sie ist traurig, wenn die Tugend unterliegt, und ihr Antlitz -strahlt vor Bewunderung und Ehrfurcht, wenn Heldentaten geschildert -werden. Sie dringt sogar in den Geist der Schlacht ein, und sagt: „Ich -glaube, es ist die Pflicht der Männer, gegen Uebeltäter und Tyrannen zu -kämpfen.“</p> - -<hr class="r10" /> - -<p>Fräulein Sullivans zusammenhängende Darstellung in dem Jahresbericht -des Perkinsschen Institutes für 1891 lautet folgendermaßen:</p> - -<p class="mtop2">Im Verlaufe der letzten drei Jahre hat Helen immer größere Fortschritte -in der Aneignung der Sprache gemacht. Sie hat einen Vorteil vor -normalen Kindern voraus, nämlich den, daß keine äußere Störung sie von -ihren Studien ablenkt.</p> - -<p>Aber dieser Vorteil schließt andererseits auch einen Nachteil ein; -die Gefahr einer übermäßigen geistigen Anstrengung. Ihr Geist ist so -geartet, daß sie sich in einem Zustand fieberischer Unruhe befindet, -sobald sie sich bewußt wird, daß es etwas gibt, was sie nicht versteht. -Ich kann mich keines Falles erinnern, in dem sie geneigt gewesen wäre, -eine Arbeit liegen zu lassen, wenn sie fühlte, es handle sich dabei um -etwas, was sie nicht verstand. Wenn ich ihr riet, eine Rechenaufgabe -bis zum anderen Tag liegen zu lassen, antwortete sie: „Ich glaube, es -würde meinen Geist kräftigen, wenn ich sie jetzt löste.“ —</p> - -<p>Vor einiger Zeit sprachen wir eines Abends über Tariffragen. Helen -wünschte, ich möchte ihr den Gegenstand er<span class="pagenum"><a name="Seite_284" id="Seite_284">[S. 284]</a></span>klären. Ich sagte: „Nein, -das kannst du jetzt noch nicht verstehen.“ — Sie schwieg einen -Augenblick; dann aber fragte sie erregt: „Woher wissen Sie denn, daß -ich es nicht verstehen kann? Ich habe einen klaren Verstand. Sie müssen -bedenken, liebes Fräulein, daß bei den Griechen die Eltern sehr eifrig -um ihre Kinder besorgt waren und ihnen Gelegenheit gaben, weise Reden -zu hören, und ich glaube, sie verstanden wenigstens einen Teil von dem -Gesagten.“ — Ich habe gefunden, es ist das beste, ihr nicht zu sagen, -sie könne etwas nicht verstehen, weil sie fast unfehlbar dabei in -Aufregung gerät.</p> - -<p>Vor nicht allzu langer Zeit suchte ich ihr zu zeigen, wie sie aus -ihren Baukastensteinen einen Turm errichten könne. Als die Ausführung -etwas verwickelt wurde, brachte die leiseste Erschütterung den Bau zum -Einsturz. Nach einer Weile verlor ich die Geduld und sagte ihr, ich -fürchtete, sie könne mit dem Turm nicht zustande kommen; ich wollte -ihn für sie bauen; allein sie wollte nichts davon wissen. Sie war -fest entschlossen, den Turm selbst zu bauen, und beinahe drei Stunden -arbeitete sie unermüdlich weiter, sammelte geduldig die Steine auf, -wenn sie zusammengefallen waren, und begann von neuem, bis endlich -ihre Arbeit von Erfolg gekrönt war. Der Turm stand in jeder Einzelheit -vollendet da.</p> - -<p>Bis zum Oktober 1889 hielt ich es für das beste, mich bei Helens -Unterricht an keinen geregelten Stundenplan zu binden. Die ersten -beiden Jahre ihres geistigen Lebens glich sie einem Kinde in einem -fremden Lande, wo ihr alles neu und verworren vorkam, und solange sie -sich noch keine genügende Kenntnis der Sprache angeeignet hatte, war es -unmöglich, ihr systematischen Unterricht zu erteilen.</p> - -<p>Außerdem war Helens Wißbegierde während dieser Jahre so groß, daß -ihre Fortschritte in der Aneignung der Sprache gehemmt worden wären, -wenn die Beantwortung der fort<span class="pagenum"><a name="Seite_285" id="Seite_285">[S. 285]</a></span>während auftauchenden Fragen bis nach -der Beendigung der Unterrichtsstunde verschoben worden wäre. Aller -Wahrscheinlichkeit nach würde sie dann die Frage vergessen haben und -eine gute Gelegenheit zur Erläuterung eines Punktes von wirklichem -Interesse verloren gegangen sein. Daher habe ich es stets für das -beste gehalten, meiner Schülerin alles, was sie zu wissen verlangte, -klarzumachen, mochte es nun auf den gerade vorliegenden Gegenstand -Bezug haben oder nicht.</p> - -<p>Seit dem Oktober 1889 wurde der Unterricht systematischer und umfaßte -Rechnen, Geographie, Zoologie, Botanik und Lesen.</p> - -<p>Im Rechnen hat sie bedeutende Fortschritte gemacht. Sie kann -multiplizieren, addieren, subtrahieren und dividieren und scheint die -Rechnungsoperationen zu verstehen; sie steht jetzt bei den unechten -Brüchen. Auch im schriftlichen Rechnen sind ihre Leistungen gut. Ihr -Geist arbeitet so rasch, daß, wenn ich ihr ein Exempel aufgebe, sie mir -oft schon die richtige Antwort gibt, ehe ich Zeit habe, ihr die ganze -Frage in die Hand zu schreiben. Auf die sprachliche Form achtet sie bei -der Stellung einer Aufgabe wenig und fragt selten nach der Bedeutung -ihr unbekannter Wörter oder Redewendungen. Als ihr einst eine Aufgabe -großes Kopfzerbrechen machte, schlug ich ihr vor, einen Spaziergang zu -machen, dann würde sie ihr vielleicht leichter fallen. Sie schüttelte -aber energisch den Kopf und sagte: Meine Feinde würden glauben, ich -liefe vor ihnen davon. Nein, ich muß ausharren und sie jetzt überwinden -— und sie tat es.</p> - -<p>Der intellektuelle Fortschritt, den Helen in den letzten beiden Jahren -gemacht hat, zeigt sich in ihrer zunehmenden Beherrschung der Sprache -und ihrer Fähigkeit, feinere Nuancen in der Bedeutung der Wörter zu -erkennen, deutlicher als in jedem anderen Unterrichtszweige.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_286" id="Seite_286">[S. 286]</a></span></p> - -<p>Es vergeht nicht ein Tag, ohne daß sie eine ganze Anzahl neuer Wörter -lernt, und dies sind nicht nur die Bezeichnungen konkreter Gegenstände. -Zum Beispiel wünschte sie eines Tages die Bedeutung folgender Wörter -kennenzulernen: <span class="antiqua">phenomenon</span>, <span class="antiqua">comprise</span>, <span class="antiqua">energy</span>, -<span class="antiqua">reproduction</span>, <span class="antiqua">extraordinary</span>, <span class="antiqua">perpetual</span> und -<span class="antiqua">mystery</span>. Einige dieser Wörter haben mehrere Bedeutungen, die, -von einfacheren beginnend, allmählich zu abstrakteren emporsteigen. -Es würde ein aussichtsloses Unternehmen gewesen sein, Helen die -feineren Bedeutungen des Wortes <span class="antiqua">mystery</span> klarzumachen, aber sie -begriff mit leichter Mühe, daß es etwas Verborgenes oder Verstecktes -bedeute, und wenn sie erst größere Fortschritte gemacht hat, wird sie -die feinen Bedeutungen des Wortes ebenso leicht auffassen wie jetzt -die einfacheren. Bei der Behandlung eines Themas läßt es sich gar -nicht vermeiden daß anfangs Wörter und Konstruktionen vorkommen, die -nicht eher voll verstanden werden können, als bis der Schüler einen -bedeutenden Fortschritt gemacht hat; ich habe es jedoch für das beste -gehalten, meiner Schülerin anfangs nur einfache Erläuterungen zu -geben in der Meinung, daß diese, mögen sie auch etwas unbestimmt und -unvollständig sein, einander unterstützen werden und daß das, was heut -unklar ist, morgen klar sein wird.</p> - -<p>Ich betrachte meine Schülerin als ein freies und selbsttätiges Wesen, -dessen spontane Antriebe meine zuverlässigsten Führer sein müssen. -Ich habe stets zu Helen genau so gesprochen wie zu einem sehenden und -hörenden Kinde und darauf gedrungen, daß die anderen es ebenso machten. -Wenn mich jemand fragt, ob sie dies oder jenes verstehen werde, -antworte ich stets: Es kommt gar nicht darauf an, ob sie jedes einzelne -Wort eines Satzes versteht oder nicht. Sie wird die Bedeutung der ihr -unbekannten Wörter aus deren Verbindung mit anderen erraten, die ihr -schon bekannt sind.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_287" id="Seite_287">[S. 287]</a></span></p> - -<p id="Wortspiel">Die Auswahl der Bücher, die Helen lesen sollte, habe ich nie mit Bezug -auf die Taubheit und Blindheit meiner Schülerin getroffen. Sie liest -nur die Bücher, an deren Lektüre sich sehende und hörende Kinder ihres -Alters erfreuen. Natürlich war es anfangs notwendig, daß der Inhalt -leicht verständlich und fesselnd und daß die Sprache rein und schlicht -war. Sie hatte die Druckschrift erlernt, und eine Zeitlang hatte sie -sich damit unterhalten, mit Hilfe von Pappstreifen, auf denen die -Wörter in erhöhten Lettern gedruckt waren, einfache Sätze zu bilden; -aber diese Sätze standen in keiner näheren Beziehung zueinander. Eines -Morgens fingen wir eine Maus, und ich verfiel auf den Gedanken, Helens -Interesse mit Hilfe einer lebenden Maus und einer lebenden Katze -anzuregen, indem ich einige Sätze in einer Weise zusammenstellte, daß -sie eine kleine Geschichte bildeten, um ihr so einen neuen Begriff von -dem Werte der Sprache zu geben. Ich stellte also die folgenden Sätze in -dem Rahmen zusammen und gab ihn Helen: „Die Katze sitzt auf der Kiste. -Eine Maus sitzt in der Kiste. Die Katze kann die Maus sehen. Die Katze -möchte die Maus gern fressen. Laß die Katze die Maus nicht fangen! -Die Katze kann etwas Milch bekommen, und die Maus kann etwas Kuchen -bekommen.“ Das Wort »<span class="antiqua">the</span>« war ihr unbekannt, und sie wollte es -natürlich erklärt haben. Da es aber bei dem damaligen Stande ihrer -Ausbildung zwecklos gewesen wäre, ihr seinen Gebrauch zu erklären, so -machte ich gar nicht erst einen Versuch dazu, sondern leitete ihren -Finger zum nächsten Worte hin, das sie mit einem strahlenden Lächeln -erkannte. Als ich nun ihre Hand auf die Katze legte, die auf der Kiste -saß, stieß sie einen leichten Schrei der Ueberraschung aus, und der -übrige Teil des Satzes wurde ihr sofort klar. Als sie die Wörter des -zweiten Satzes gelesen hatte, zeigte ich ihr, daß sich wirklich eine -Maus in der Kiste befand. Dann bewegte sie ihren Finger mit<span class="pagenum"><a name="Seite_288" id="Seite_288">[S. 288]</a></span> einem -Ausdruck regen Interesses bis zur nächsten Zeile. „Die Katze kann die -Maus sehen.“ Hierbei ließ ich die Katze die Maus erblicken und Helen -die Katze befühlen. Der Ausdruck in den Zügen des kleinen Mädchens -verriet, daß es ganz erstaunt war. Ich lenkte nun Helens Aufmerksamkeit -auf die folgende Zeile, und obgleich sie nur die drei Wörter cat, eat -und mouse kannte, verstand sie doch sofort den Inhalt des Satzes. -Sie nahm die Katze weg und setzte sie auf den Fußboden, indem sie -zugleich den Rahmen über die Kiste deckte. Als sie las: „Laß die Katze -die Maus nicht fangen!“ (<span class="antiqua">Do not let the cat get the mouse!</span>), -bemerkte sie die Negation in dem Satze und schien zu begreifen, daß -die Katze die Maus nicht fangen dürfe. <span class="antiqua">Get</span> und <span class="antiqua">let</span> -waren ihr unbekannt. Die Wörter des letzten Satzes waren ihr bekannt, -und sie war entzückt, als sie die Erlaubnis erhielt, sie in die Tat -umzusetzen. Aus den Zeichen, die sie machte, entnahm ich, daß sie eine -neue Geschichte wünschte, und ich gab ihr ein Buch mit ganz kurzen und -in der einfachsten Sprache gehaltenen Erzählungen. Sie ließ ihre Finger -über die Zeilen gleiten, fand die Wörter heraus, die sie kannte, und -erriet die Bedeutung der übrigen — alles in einer Weise, die auch den -konservativsten Pädagogen zu der Ueberzeugung bringen würde, daß ein -kleines taubstummes Kind, wenn ihm die Gelegenheit dazu geboten wird, -ebenso leicht und auf ebenso natürlichem Wege lesen lernt wie normale -Kinder.</p> - -<p>Ich bin darum überzeugt, daß Helens Gewandtheit im englischen Ausdruck -großenteils eine Folge ihrer fleißigen Lektüre ist. Sie liest oft zwei -bis drei Stunden hintereinander und legt selbst dann das Buch nur -widerstrebend zur Seite. Als wir eines Tages die Bibliothek verließen, -erschien sie mir ernster als gewöhnlich, und ich erkundigte mich nach -der Ursache davon. „Ich muß daran denken, wieviel klüger wir<span class="pagenum"><a name="Seite_289" id="Seite_289">[S. 289]</a></span> immer -sind, wenn wir hier herauskommen, als wenn wir hineingehen,“ — lautete -ihre Antwort.</p> - -<p>Auf die Frage, warum sie Bücher so sehr liebe, erwiderte sie einst: -Weil sie mir so viel Interessantes über Dinge erzählen, die ich nicht -sehen kann, und weil sie niemals müde oder schlechter Laune sind wie -die Menschen. Sie erzählen mir alles und jedes, was ich zu wissen -wünsche. —</p> - -<p>Als wir Dickens’ »<span class="antiqua">Child’s History of England</span>« lasen, kamen -wir an den Satz: „Noch war der Mut der Briten nicht gebrochen“. Ich -fragte, was dies nach ihrer Meinung bedeute. Sie entgegnete: „Ich -glaube, es bedeutet, daß die tapferen Briten nicht entmutigt waren, daß -die Römer so viele Schlachten gewonnen hatten, und sie nur umsomehr -zu vertreiben wünschten.“ — Es wäre ihr nicht möglich gewesen, die -einzelnen Wörter dieses Satzes zu erklären, und doch faßte sie den Sinn -der Stelle ganz richtig auf und war imstande, ihn mit ihren eigenen -Worten wiederzugeben. Die nächsten Zeilen enthalten noch schwieriger -zu verstehende Wendungen: „Als Suetonius das Land verließ, griffen -sie seine Truppen an und eroberten die Insel Anglesea zurück.“ — -Ihre Erläuterung dieses Satzes lautete folgendermaßen: „Es bedeutet, -daß, als der römische General fortgegangen war, die Briten wiederum -zu kämpfen begannen, und weil die römischen Soldaten keinen General -hatten, der ihnen hätte sagen können, was sie tun sollten, so wurden -sie von den Briten überwunden und verloren die Insel, die sie erobert -hatten.“ —</p> - -<p>Sie zieht geistige Beschäftigungen Handarbeiten vor und liebt Häkeln, -Stricken und dergl. nicht in dem Maße wie viele blinde Kinder; aber -sie will es ihnen durchaus in allen Leistungen gleichtun. Sie hat die -Benutzung der Schreibmaschine erlernt und schreibt sehr korrekt, wenn -auch bis jetzt<span class="pagenum"><a name="Seite_290" id="Seite_290">[S. 290]</a></span> noch nicht allzuschnell, da sie erst die Uebung von -nicht ganz einem Monat hinter sich hat.</p> - -<p>Vor länger als zwei Jahren lehrte ein Vetter sie das -Telegraphenalphabet, indem er ihr die Punkte und Striche mit seinem -Finger auf dem Rücken ihrer Hand vormachte. So oft sie jemanden -antrifft, der mit diesem System bekannt ist, so ist sie erfreut, es bei -der Unterhaltung in Anwendung bringen zu können. Ich habe gefunden, -daß es ein bequemes Verständigungsmittel zwischen uns abgibt, wenn -sich Helen in einiger Entfernung von mir befindet, denn es macht es -mir möglich, mit ihr zu sprechen, indem ich mit meinem Fuße auf den -Boden klopfe. Sie fühlt die Erschütterungen und versteht, was ich ihr -mitzuteilen habe.</p> - -<p>Man hatte in Gelehrtenkreisen gehofft, eine so hervorragend begabte -Natur wie Helen würde, wenn sie völlig auf ihre eigenen Hilfskräfte -angewiesen bliebe, Gelegenheit bieten, verschiedene psychologische -Fragen, die von <span class="antiqua">Dr.</span> Howe noch nicht erschöpfend beantwortet worden -waren, ihrer Lösung näher zu bringen; aber diese Hoffnungen sollten -nicht in Erfüllung gehen. Bei Helen war ebenso wie bei Laura Bridgman -eine Enttäuschung unvermeidlich. Es ist unmöglich, ein Kind inmitten -der Gesellschaft so zu isolieren, daß es von den Anschauungen derer, -mit denen es zusammenlebt, ganz unbeeinflußt bleibt. Bei Helen hätte -eine solche Absicht nur dadurch erreicht werden können, daß man sie dem -Verkehr mit anderen, der ihrer Natur so unentbehrlich ist, entzogen -hätte.</p> - -<p>Es mußte allen, die die rasche Entwickelung von Helens Anlagen -beobachteten, klar sein, daß es unmöglich war, ihren wißbegierigen -Geist auf die Dauer von der Beschäftigung mit den unergründlichen -Geheimnissen des Lebens abzuhalten. Aber es wurde große Sorgfalt darauf -verwandt, ihre Gedanken nicht vor der Zeit auf Gegenstände zu lenken, -die für<span class="pagenum"><a name="Seite_291" id="Seite_291">[S. 291]</a></span> jedermann ein unentwirrbares Rätsel bleiben. Kinder stellen -tiefe Fragen, erhalten aber oft seichte Antworten, oder, um richtiger -zu sprechen, sie beruhigen sich bei solchen Antworten.</p> - -<p>„Woher bin ich gekommen?“ — und „Wohin werde ich gehen, wenn ich -sterbe?“ — waren Fragen, die Helen stellte, als sie acht Jahre alt -war. Aber die Erklärungen, die sie damals zu verstehen vermochte, waren -unzulänglich, obgleich sie sie zum Schweigen brachten, bis ihr Geist -seine höheren Kräfte zu äußern und sie aus zahllosen Eindrücken und -Vorstellungen, die ihr aus Büchern und ihren täglichen Erfahrungen -zuströmten, allgemeine Schlüsse zu ziehen begann. Ihr Geist forschte -nach der Ursache der Dinge.</p> - -<p>Sowie ihre Beobachtung der Naturerscheinungen umfassender und ihr -Wortvorrat reicher und feiner wurde, sodaß sie imstande war, ihre -eigenen Begriffe und Ideen klar auszudrücken und ebenso die Gedanken -und Erfahrungen anderer zu verstehen, erkannte sie die Beschränktheit -der menschlichen Schöpfungskraft und sah ein, daß eine andere Macht, -die höher sei als die menschliche, die Erde, die Sonne und die tausend -Naturgegenstände, mit denen sie völlig vertraut war, geschaffen haben -müsse.</p> - -<p id="Gott_I">Schließlich fragte sie eines Tages nach einem Namen für diese Macht, -deren Vorhandensein sie schon in ihrem Inneren erkannt hatte.</p> - -<p>Durch Charles Kingsley’s »<span class="antiqua">Greek Heroes</span>« war sie mit den schönen -Sagen über die griechischen Götter und Göttinnen bekannt geworden, und -die Wörter Gott, Himmel, Seele und eine große Menge ähnlicher Ausdrücke -mußten ihr schon in ihren Büchern begegnet sein.</p> - -<p>Sie hatte niemals nach der Bedeutung solcher Wörter gefragt, auch nie -eine Bemerkung gemacht, wenn sie vorkamen, und bis zum Februar 1889 -hatte niemand zu ihr von Gott<span class="pagenum"><a name="Seite_292" id="Seite_292">[S. 292]</a></span> gesprochen. Zu jener Zeit versuchte -eine liebe Verwandte, die zugleich eine eifrige Christin war, Helen -von Gott zu erzählen; da diese Dame aber nicht Worte gebrauchte, -die der Fassungskraft des Kindes angemessen waren, so machten diese -Unterredungen wenig Eindruck auf Helen. Als ich später mit ihr sprach, -sagte sie: „Ich habe Ihnen etwas sehr Spaßiges mitzuteilen. A. sagt, -Gott habe mich und jedermann aus Erde gemacht; das muß aber ein Scherz -sein. Ich bestehe doch aus Fleisch und Blut und Knochen, nicht wahr?“ -— und dabei untersuchte sie mit offenbarer Genugtuung ihren Arm und -lachte aus Herzensgrunde. Nach einem Weilchen fuhr sie fort: „A. sagt, -Gott sei überall, und er sei die Liebe; aber ich kann mir niemand -denken, der aus Liebe besteht. Liebe ist nur etwas in unserem Herzen -drin. Dann sagte A. noch etwas sehr Komisches. Sie sagte, er (nämlich -Gott) sei mein lieber Vater. Ich mußte darüber sehr lachen, denn ich -weiß, mein Vater heißt Arthur Keller.“ —</p> - -<p>Ich setzte ihr auseinander, sie sei noch nicht imstande, das Gesagte -zu verstehen, und brachte sie mit leichter Mühe zu der Einsicht, es -sei besser, über solche Dinge erst dann zu sprechen, wenn sie klüger -geworden sei.</p> - -<p>Im Laufe ihrer Lektüre war sie auf den Ausdruck »Mutter Natur« -gestoßen, und lange Zeit pflegte sie alles, was nach ihrem Dafürhalten -die menschliche Kraft überstieg, der Mutter Natur zuzuschreiben. Wenn -sie vom Wachstum einer Pflanze sprach, sagte sie: „Mutter Natur sendet -den Sonnenschein und den Regen, damit die Bäume und das Gras und die -Blumen wachsen können.“ —</p> - -<p>Eines Abends schien Helen nach dem Abendessen etwas ernster zu sein, -und Frau H. fragte sie, woran sie dächte. „Ich denke daran, wieviel die -liebe Mutter Natur in der Frühlingszeit zu tun hat,“ — antwortete sie. -Als sie gefragt<span class="pagenum"><a name="Seite_293" id="Seite_293">[S. 293]</a></span> wurde, warum, erwiderte sie: „Weil sie für so viele -Kinder zu sorgen hat. Sie ist die Mutter aller Dinge, der Blumen, Bäume -und Winde.“ —</p> - -<p>„In welcher Weise sorgt denn Mutter Natur für die Blumen?“ — fragte -ich. „Sie sendet den Sonnenschein und den Regen, damit sie wachsen -können,“ — antwortete sie, und nach einem Weilchen fuhr sie fort: „Ich -denke mir, der Sonnenschein ist Mutter Naturs warmes Lächeln, und die -Regentropfen sind ihre Tränen.“ —</p> - -<p>Später sagte sie: „Ich weiß nicht, ob Mutter Natur mich erschaffen -hat. Ich denke mir, meine Mutter erhielt mich vom Himmel her, aber -ich weiß nicht, wo dieser Ort ist. Ich weiß, daß Tausendschönchen und -Stiefmütterchen aus Samenkörnern kommen, die in die Erde gelegt worden -sind; aber Kinder wachsen nicht aus der Erde hervor, das weiß ich ganz -bestimmt. Ich habe noch nie eine Kindespflanze gesehen. Aber ich kann -mir nicht vorstellen, wer die Mutter Natur geschaffen hat, können -Sie es? Ich liebe den schönen Frühling, weil die knospenden Bäume, -die blühenden Blumen und das zarte grüne Laub mein Herz mit Freude -erfüllen. Ich muß jetzt in meinen Garten gehen. Die Tausendschönchen -und Stiefmütterchen werden glauben, ich habe sie vergessen.“ —</p> - -<p>Seit dem Mai 1890 war es mir klar, daß ihre Entwickelung soweit -fortgeschritten war, daß die religiösen Anschauungen der Personen ihrer -Umgebung ihr nicht länger vorenthalten werden konnten. Sie bestürmte -mich förmlich mit Fragen, die der Ausfluß ihrer regen Intelligenz waren.</p> - -<p>Anfang Mai schrieb sie folgende Fragen in ihr Notizbuch: „Ich möchte -über Dinge schreiben, die ich nicht verstehe. Wer schuf die Erde und -die Meere und alles? Was macht die Sonne heiß? Wo war ich, ehe ich -zu Mutter kam? Ich weiß, daß Pflanzen aus Samenkörnern emporwachsen, -die in der<span class="pagenum"><a name="Seite_294" id="Seite_294">[S. 294]</a></span> Erde liegen, aber ich bin fest überzeugt, daß Menschen -nicht auf diese Weise entstehen. Ich habe noch nie eine Kindespflanze -gesehen. Kleine Vögel und Hühnchen kommen aus Eiern. Ich habe sie -gesehen. Was war das Ei, ehe es ein Ei war? Warum fällt die Erde nicht, -da sie doch so groß und schwer ist? Sagen Sie mir etwas, was Vater -Natur tut. Kann ich das Buch, die Bibel genannt, lesen? Bitte, sagen -Sie Ihrer kleinen Schülerin viele Dinge, wenn Sie viele Zeit haben.“ —</p> - -<p>Kann man, wenn man diese Fragen gelesen hat, daran zweifeln, daß das -Kind, das imstande war, sie zu stellen, auch imstande war, wenigstens -die einfachsten Antworten auf dieselben zu verstehen? Während Helens -ganzer Erziehung habe ich unverrückbar daran festgehalten, daß sie -verstehen kann, was sie zu wissen wünscht. Hätte freilich in Helens -Geist kein solcher Denkprozeß stattgefunden wie der, von dem diese -Fragen Zeugnis ablegen, so würde jegliche Erklärung dieser Punkte für -sie unverständlich gewesen sein. Ohne jenes Maß geistiger Entwickelung -und Regsamkeit, durch das man befähigt wird, die Notwendigkeit einer -übermenschlichen schöpferischen Kraft einzusehen, ist keine Erklärung -von Naturerscheinungen möglich.</p> - -<p>Nachdem es ihr gelungen war, die Ideen, die langsam in ihrem Geist -herangewachsen waren, in Worte zu fassen, schienen sie plötzlich all -ihr Denken in Anspruch zu nehmen, und sie wollte durchaus alles erklärt -haben. Als wir kurze Zeit, nachdem sie diese Fragen niedergeschrieben -hatte, an einem großen Globus vorüberkamen, blieb sie vor ihm stehen -und fragte: „Wer hat die <em class="gesperrt">wirkliche</em> Welt geschaffen?“ — Ich -antwortete: „Niemand weiß es, wie die Erde, die Sonne und alle die -Weltkörper, die wir Sterne nennen, entstanden sind; aber ich will dir -erzählen, wie kluge Männer es versucht haben, sich deren Entstehung -klarzumachen und die großen, geheimnisvollen Kräfte der Natur zu -enthüllen.“ —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_295" id="Seite_295">[S. 295]</a></span></p> - -<p id="Gott_II">Sie wußte, daß die Griechen viele Götter hatten, denen sie verschiedene -Kräfte beilegten, weil sie glaubten, die Sonne, der Blitz und hundert -andere Naturkräfte seien unabhängige, übermenschliche Wesen. Aber nach -vielem Nachdenken und Forschen, sagte ich ihr, seien die Menschen -zu der Ueberzeugung gelangt, daß all diese Kräfte nur Offenbarungen -einer einzigen Macht seien, und dieser Macht hätten sie den Namen Gott -gegeben.</p> - -<p>Ein paar Minuten war sie still und dachte offenbar angestrengt nach. -Dann fragte sie: „Wer hat Gott geschaffen?“ — Ich war genötigt, diese -Frage ausweichend zu beantworten, denn ich konnte ihr das Geheimnis -eines durch sich selbst existierenden Wesens nicht erklären. In der Tat -würden viele ihrer eifrigen Fragen eine viel klügere Person, als ich -bin, in Verwirrung gesetzt haben. Hier sind einige von ihnen: „Woraus -machte Gott die neuen Welten? Woher nahm er die Erde, das Wasser, -die Samenkörner und die ersten Tiere? Wo ist Gott? Haben Sie Gott je -gesehen?“ — Ich sagte ihr, Gott sei allgegenwärtig, und sie dürfe -sich ihn nicht als Person denken, sondern als das Leben, den Geist, -die Seele aller Dinge. Sie unterbrach mich: „Nicht alle Dinge haben -Leben. Die Felsen haben kein Leben und können nicht denken.“ — Man -muß sie oft daran erinnern, daß es unendlich viele Dinge gibt, die die -weisesten Leute auf der Welt nicht zu erklären vermögen.</p> - -<p>Helen hat nie Unterricht über Dogmen oder Glaubensbekenntnisse -erhalten, noch ist je ein Versuch gemacht worden, ihre Aufmerksamkeit -mit Gewalt auf religiöse Lehrmeinungen zu lenken. Da ich mir meiner -eigenen Unfähigkeit voll bewußt war, ihr irgendwelche zulängliche -Erklärung von den Geheimnissen zu geben, die mit den Begriffen Gott, -Seele, Unsterblichkeit verbunden sind, so hielt ich es stets für meine -Pflicht, so wenig wie möglich mit meiner Schülerin über religiöse Dinge -zu<span class="pagenum"><a name="Seite_296" id="Seite_296">[S. 296]</a></span> sprechen. Der hochwürdige Herr Philips Brooks<a name="FNAnker_27_27" id="FNAnker_27_27"></a><a href="#Fussnote_27_27" class="fnanchor">[27]</a> hat ihr die -Vaterliebe Gottes in ergreifender Weise dargelegt.</p> - -<p>Sie hat bis jetzt noch nicht in der Bibel lesen dürfen, weil ich nicht -weiß, wie sie dies gegenwärtig tun kann, ohne einen ganz irrigen -Begriff von den Eigenschaften Gottes zu bekommen. Ich habe ihr bereits -in schlichter Sprache von dem herrlichen, hilfsbereiten Leben Jesu und -seinem qualvollen Tode erzählt. Die Erzählung rührte sie tief, als sie -sie zum ersten Male hörte.</p> - -<p>Als sie auf unsere Unterredung zurückkam, so geschah dies, um zu -fragen: „Warum ging Jesus nicht fort, sodaß ihn seine Feinde nicht -finden konnten?“ — Die Wunder Jesu betrachtete sie mit sehr kritischem -Auge. Als ihr erzählt wurde, daß Jesus auf dem See einherwandelte, um -seinen Jüngern entgegenzugehen, sagte sie sehr entschieden: „Es heißt -nicht <em class="gesperrt">wandelte</em>, sondern <em class="gesperrt">schwamm</em>.“ — Als ich ihr davon -erzählte, daß Jesus Tote auferweckt habe, wurde sie ganz stutzig und -sagte: „Das glaube ich nicht, daß ein Toter wieder lebendig werden -kann.“ —</p> - -<p>Eines Tages sagte sie traurig: „Ich bin taub und blind. Das ist der -Grund, warum ich den lieben Gott nicht sehen kann.“ — Ich lehrte sie -das Wort unsichtbar (<span class="antiqua">invisible</span>) und erwiderte ihr: „Wir können -Gott nicht mit unseren Augen sehen, weil er ein Geist ist; wenn aber -unsere Herzen voll von Güte und Sanftmut sind, dann sehen wir ihn, weil -wir ihm dann ähnlicher sind.“ —</p> - -<p>Ein anderesmal fragte sie: „Was ist eine Seele?“ — „Niemand weiß, was -die Seele ist,“ — entgegnete ich; „aber das wissen wir, daß sie nicht -der Körper ist und daß sie der Teil von uns ist, der denkt, liebt und -hofft und der, wie die<span class="pagenum"><a name="Seite_297" id="Seite_297">[S. 297]</a></span> Christen glauben, weiterleben wird, wenn der -Körper tot ist.“ — Dann fragte ich sie: „Kannst du dir deine Seele -getrennt vom Körper denken?“ — „O ja,“ antwortete sie; „ich dachte -vor einer Stunde sehr lebhaft an Herrn Anagnos, und da war mein Geist -— meine Seele, verbesserte sie sich — in Athen, aber mein Körper -war hier im Unterrichtszimmer.“ — In diesem Augenblicke schien ihr -ein anderer Gedanke durch den Kopf zu gehen, denn sie fügte hinzu: -„Aber Herr Anagnos sprach nicht zu meiner Seele.“ — Ich erklärte ihr, -daß auch die Seele unsichtbar oder mit anderen Worten, ohne sinnlich -wahrnehmbare Gestalt sei. „Aber wenn ich niederschreibe, was meine -Seele denkt,“ versetzte sie, „dann wird sie sichtbar, und die Worte -sind dann ihr Körper.“</p> - -<p>Längere Zeit darauf sagte Helen zu mir: „Ich möchte sechzehnhundert -Jahre leben.“ — Auf die Frage, ob sie nicht <em class="gesperrt">für immer</em> in einem -schönen Lande, Himmel genannt, leben wolle, erwiderte sie zunächst: -„Wo liegt der Himmel?“ — Ich mußte zugestehen, dies nicht zu wissen, -äußerte aber die Vermutung, es könnte einer von den Sternen sein. Ein -Weilchen darauf sagte sie nun: „Wollen Sie nicht die Freundlichkeit -haben, zuerst hinzugehen und mir dann alles über ihn erzählen?“ — und -fuhr dann fort: „Tuscumbia ist eine sehr hübsche kleine Stadt.“ — Es -verging mehr als ein Jahr, ehe sie auf das Thema zurückkam, und als sie -dies tat, waren ihre Fragen sehr zahlreich und dringend. Sie fragte: -„Wo liegt der Himmel und wie sieht es dort aus? Warum können wir über -den Himmel nicht soviel wissen wie über fremde Länder?“ — Ich erklärte -ihr in sehr einfacher Sprache, es könne viel Orte mit dem Namen Himmel -geben, aber der Hauptsache nach sei er ein Zustand — die Erfüllung des -Sehnens des Herzens, die Befriedigung seiner Wünsche; der Himmel sei -überall dort zu finden, wo das Rechte anerkannt, ausgeübt und geliebt -werde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_298" id="Seite_298">[S. 298]</a></span></p> - -<p>Vor dem Gedanken an den Tod schrak sie mit augenscheinlichem Schauder -zurück. Als ihr vor kurzem ein von ihrem Bruder erlegter Hirsch -gezeigt wurde, war sie sehr traurig, und fragte bekümmert: „Warum -muß alles sterben, selbst der schnellfüßige Hirsch?“ — Ein andermal -fragte sie mich: „Glauben Sie nicht, daß wir alle viel glücklicher -sein würden, wenn wir nicht zu sterben hätten?“ — „Nein,“ entgegnete -ich, „denn wenn es keinen Tod gäbe, so würde unsere Welt mit lebenden -Geschöpfen bald so überfüllt sein, daß keines von ihnen behaglich leben -könnte.“ — „Aber,“ erwiderte Helen rasch, „meiner Meinung nach hätte -Gott ebensogut mehrere Welten erschaffen können, wie er diese eine -erschaffen hat.“ —</p> - -<p>Als ihr einige Freundinnen von der großen Glückseligkeit erzählten, die -unser in einem anderen Leben warte, fragte sie sofort: „Woher wissen -Sie das, wenn Sie noch nicht tot gewesen sind?“ —</p> - -<p>Der Umstand, daß sie ganz gebräuchliche Worte und Redewendungen -mitunter in buchstäblichem Sinne nimmt, beweist, wie nötig es für uns -ist, uns zu vergewissern, daß sie diese in ihrer richtigen Bedeutung -auffaßt. Als ihr vor kurzem erzählt wurde, die Ungarn seien geborene -Musiker, so fragte sie erstaunt: „Singen sie denn, wenn sie geboren -werden?“ — Als ihre Freundin hinzufügte, daß einige Schülerinnen, -die sie in Budapest gesehen habe, mehr als hundert Melodien in ihrem -Kopfe hätten, antwortete sie lachend: „Dann wird es in ihrem Kopfe wohl -sehr geräuschvoll zugehen.“ — Sie besitzt einen scharfen Blick für -das Lächerliche, und anstatt sich durch eine bildliche Ausdrucksweise -in Verlegenheit setzen zu lassen, ergötzt sie sich oft an ihrer allzu -wörtlichen Auffassung der betreffenden Redewendungen.</p> - -<p>Als ihr einmal gesagt worden war, die Seele sei gestaltlos,<span class="pagenum"><a name="Seite_299" id="Seite_299">[S. 299]</a></span> stutzte -sie bei Davids Worten: ‚Er führet meine Seele‘. — „Hat sie Füße? Kann -sie gehen? Ist sie blind?“ fragte sie, denn für die war die Vorstellung -des Geführtwerdens mit der Vorstellung des Blindseins verknüpft.</p> - -<p>Von allem, was Helen in Unruhe und Verwirrung versetzt, stimmt sie -nichts so traurig, wie die Erkenntnis von dem Vorhandensein des -Schlechten, und von den Leiden, die aus diesem entspringen. Lange -Zeit hindurch war es möglich, sie vor dieser Erkenntnis zu bewahren, -und es wird stets verhältnismäßig leicht sein, sie vor persönlicher -Berührung mit Laster und Verderbtheit zu behüten. Die Tatsache, daß -die Sünde existiert und daß großes Elend aus ihr entspringt, dämmerte -ihrem Geiste allmählich auf, je mehr sie das tägliche Leben und seine -Erfahrungen kennen lernte. Es mußte ihr die Notwendigkeit von Gesetzen -und Strafen erklärt werden. Es wurde ihr sehr schwer, das Vorhandensein -des Uebels in der Welt mit der Vorstellung von Gott zu vereinigen, die -man ihr eingeprägt hatte.</p> - -<p>Eines Tages fragte sie: „Sorgt Gott allezeit für uns?“ — Als ihr dies -bejaht wurde, fuhr sie fort: „Warum hat er denn dann meine kleine -Schwester heute morgen fallen lassen, sodaß sie sich den Kopf so arg -zerschlagen hat?“ — Ein andermal fragte sie nach der Allmacht und -Güte Gottes. Man hatte ihr von einem schrecklichen Sturme auf der See -erzählt, bei dem mehrere Menschen ihr Leben eingebüßt hatten, und sie -fragte: „Warum hat Gott die Leute nicht gerettet, wenn er alles zu tun -vermag?“</p> - -<p>Umgeben von liebenden Angehörigen und Freunden und unter veredelnden -Einflüssen aufgewachsen, hat Helen vom Beginne ihrer geistigen -Entwickelung an stets bereitwillig das Rechte getan. Sie erkennt mit -unfehlbarem Instinkt, was recht ist, und tut es mit Freuden. Sie hält -die eine schlechte Hand<span class="pagenum"><a name="Seite_300" id="Seite_300">[S. 300]</a></span>lung nicht für harmlos, eine andere nicht für -bedeutungslos, eine dritte nicht für unbeabsichtigt. Für ihre reine -Seele ist alles Schlechte gleich häßlich.</p> - -<p class="mtop2">Die letzten Aeußerungen Fräulein Sullivans über ihre Methode finden -sich in dem Berichte, den sie für die im Juli 1894 in Chautauqua -abgehaltene Versammlung der »Amerikanischen Vereinigung zur Förderung -der Unterweisung der Taubstummen im Sprechen« verfaßt hat. Es heißt -darin unter anderem:</p> - -<p>Sie dürfen nicht glauben, daß Helen mit einem Schlage den Wortschatz -der englischen Sprache zu beherrschen lernte, sobald sie den Gedanken, -daß jeder Gegenstand eine Bezeichnung habe, erfaßte, oder daß »ihre -geistigen Fähigkeiten in voller Waffenrüstung wie Pallas Athene aus -Zeus’ Haupt aus der totenähnlichen Erstarrung, in der sie lebend -schlummerten, emporstiegen«, wie einer ihrer begeisterten Bewunderer -uns glauben machen möchte. Zu Anfang waren die Wörter, Redewendungen -und Sätze, deren sie sich zum Ausdruck ihrer Gedanken bediente, -sämtlich Nachahmungen derer, die wir in der Unterhaltung mit ihr -angewandt hatten und die ihr Gedächtnis unbewußt festgehalten hatte. -Und in der Tat, dies trifft auf die Sprache aller Kinder zu. Ihre -Sprache ist die Erinnerung an die Sprache, die sie in ihrem Elternhause -gehört haben. Die fortwährende Wiederholung der im täglichen Leben -üblichen Unterhaltung hat ihrem Gedächtnis gewisse Wörter und -Redewendungen eingeprägt, und wenn sie zu sprechen beginnen, so liefert -ihnen ihr Gedächtnis die Wörter, die sie stammeln. Gleicherweise ist -die Sprache der Gebildeten die Erinnerung an die Sprache der Bücher.</p> - -<p>Die Sprache wächst aus dem Leben, dessen Bedürfnissen und Erfahrungen -hervor. Anfangs war der Geist meiner kleinen Schülerin völlig leer. -Sie hatte in einer Welt gelebt,<span class="pagenum"><a name="Seite_301" id="Seite_301">[S. 301]</a></span> die sie nicht erkennen konnte. -Sprache und Erkenntnis sind unlöslich miteinander verknüpft; sie -stehen zueinander in wechselseitiger Beziehung. Gute Leistungen im -Gebrauch der Sprache setzen eine wirkliche Kenntnis der Dinge voraus -und hängen von dieser ab. Sobald Helen die Vorstellung faßte, daß -jeder Gegenstand eine Bezeichnung habe und daß diese Bezeichnungen -mit Hilfe des Fingeralphabets anderen übermittelt werden können, -ging ich dazu über, ihr Interesse an den Dingen, deren Bezeichnungen -sie mit so offenkundiger Freude buchstabieren lernte, wachzurufen. -Niemals erteilte ich ihr Unterricht im Sprechen lediglich zu -Unterrichtszwecken, sondern ich bediente mich stets der Sprache als -eines Mittels zur Gedankenübertragung, und so fiel die Erlernung der -Sprache mit der Aneignung von Kenntnissen zusammen. Um die Sprache in -vernünftiger Weise zu gebrauchen, muß man etwas haben, worüber man -spricht, und dies ist wieder das Ergebnis von Erfahrungen, die man -gemacht hat. Kein Maß von Sprachübung wird unsere Kinder befähigen, die -Sprache leicht und fließend zu handhaben, wenn sie sich nicht in ihrem -Innern klargemacht haben, was sie sagen wollen, oder wenn es uns nicht -gelungen ist, in ihnen den Wunsch rege zu machen, zu erfahren, was im -Innern anderer Menschen vorgeht.</p> - -<p>Anfangs band ich mich bei meinem Unterricht an keinen bestimmten -Plan. Ich suchte stets herauszufinden, wofür sich Helen am meisten -interessierte, und machte dies zum Ausgangspunkt der neuen Lektion, -mochte es nun mit dem Gegenstand, den ich mir zu behandeln vorgenommen -hatte, zusammenhängen oder nicht. Während der ersten beiden Jahre -ihrer geistigen Entwickelung hielt ich Helen sehr selten zum Schreiben -an. Um schreiben zu können, muß man einen Stoff haben, über den man -schreibt, und dies erfordert wiederum einige geistige Vorbereitung. -Das Gedächtnis muß einen Vorrat von Vor<span class="pagenum"><a name="Seite_302" id="Seite_302">[S. 302]</a></span>stellungen haben und der Geist -muß durch Wissen bereichert sein, bevor das Schreiben eine naturgemäße -und angenehme Arbeit wird. Unsere Kinder werden, glaube ich, nur zu -häufig zum Schreiben angehalten, ehe sie etwas zu sagen haben. Man -lehre sie denken, lesen und aussprechen, was sie meinen, und sie werden -schreiben, weil sie nicht anders können.</p> - -<p>Helen eignete sich die Sprache mehr durch Uebung und Gewohnheit an, als -durch das Erlernen von Regeln und Definitionen. Die Grammatik mit ihrer -verwirrenden Menge von Klassifikationen, Bezeichnungen und Paradigmen -war aus dem Unterrichte gänzlich verbannt. Sie erlernte die Sprache -dadurch, daß sie mit der lebenden Sprache selbst in Berührung gebracht -wurde; sie lernte diese aus der täglichen Unterhaltung und aus ihren -Büchern kennen und wurde veranlaßt, sie in der mannigfaltigsten Weise -hin- und herzuwenden, bis sie imstande war, sie richtig zu gebrauchen. -Zweifellos sprach ich mehr und anhaltender mit meinen Fingern, als ich -es mit meinem Munde hätte zu tun brauchen; denn wenn sie hätte sehen -und hören können, so würde sie in Bezug auf Unterhaltung und Belehrung -weniger von mir abhängig gewesen sein.</p> - -<p>Ich glaube, jedes Kind hat in seinem Innern wertvolle Eigenschaften -verborgen, die belebt und entwickelt werden können, wenn wir nur den -richtigen Weg einschlagen; niemals werden wir aber die höheren Naturen -unter uns in angemessener Weise entwickeln, wenn wir fortfahren, ihren -Geist mit den sogenannten Anfangsgründen vollzustopfen. Die Mathematik -wird sie nie zu liebevollen Wesen machen, und ebensowenig wird die -Kenntnis von der Größe und der Gestalt der Erde sie zur Würdigung von -deren Schönheiten befähigen. Statt dessen wollen wir die Kinder in den -ersten Jahren lieber dazu anleiten, ihren höchsten Genuß in der Natur -zu finden. Wir wollen sie auf den Feldern umherspringen lassen, ihnen<span class="pagenum"><a name="Seite_303" id="Seite_303">[S. 303]</a></span> -von Tieren erzählen und sie zur Beobachtung der realen Dinge anhalten. -Kinder werden sich unter gesunden Verhältnissen selbst erziehen. Sie -bedürfen viel mehr einer liebevollen Leitung als der Belehrung.</p> - -<p>Ich glaube, daß zu Helens fließendem Sprechen viel der Umstand -beigetragen hat, daß fast jeder Eindruck, den sie empfängt, ihr durch -das Medium der Sprache vermittelt wird. Aber abgesehen von Helens -natürlicher Beanlagung zum Erlernen der Sprache und dem günstigen -Einflusse ihrer Umgebung werden wir, glaube ich, finden, daß der -beständige Umgang mit guten Büchern von der größten Bedeutung für -ihre Erziehung gewesen ist. Es ist nicht erforderlich, daß ein Kind -jedes Wort in einem Buche verstehe, wenn es dasselbe mit Genuß und -Nutzen lesen soll. In der Tat sollten nur solche Erklärungen gegeben -werden, die wirklich wesentlich sind. Helen nahm die Sprache in sich -auf, die sie anfangs noch nicht verstehen konnte, die aber in ihrem -Geiste zurückblieb, bis sie ihrer bedurfte, und die Worte sich von -selbst ihrer Unterhaltung und ihren schriftlichen Ausarbeitungen -anschmiegten. In der Tat ist von einigen behauptet worden, daß sie -zuviel lese, daß sie einen großen Teil ihrer schöpferischen Kraft -in der Freude an Büchern zersplittere, daß, während sie selbständig -urteilen und sich ausdrücken könne, sie die Dinge lediglich durch die -Augen anderer betrachte und sich in deren Sprache ausdrücke; allein -ich bin überzeugt, daß selbständiges Arbeiten ohne Vorbereitung -durch fleißige Lektüre ein Ding der Unmöglichkeit ist. Helen hat die -besten und reinsten Muster in der Sprache beständig vor Augen, und -ihre Unterhaltung sowie ihre schriftlichen Darlegungen sind unbewußte -Erinnerungen an das, was sie gelesen hat. Das Lesen sollte meines -Erachtens unabhängig von den sonstigen Schularbeiten betrieben werden. -Kinder sollten zum Lesen rein des Vergnügens wegen<span class="pagenum"><a name="Seite_304" id="Seite_304">[S. 304]</a></span> ermuntert werden. -Die Haltung, die ein Kind seinen Büchern gegenüber einnimmt, sollte die -der unbewußten Empfänglichkeit sein. Die großen Werke der Dichtkunst -sollten einen Teil seines Lebens ausmachen, sowie sie einst der wahre -Lebensinhalt für ihre Urheber waren. Es ist richtig, je empfänglicher -und phantasiereicher der Geist ist, der das in der Literatur Gebotene -aufnimmt, desto genauer werden auch die feinsten Züge wiedergegeben. -Helen besitzt ein lebhaftes Empfinden, ein frisches, leicht erregbares -Interesse an allem, einen geistigen Einblick in das Wesen des -künstlerischen Temperaments und infolgedessen natürlich eine lebhaftere -und intensivere Freude am Leben, einfach als Leben aufgefaßt, an der -Natur, an Büchern und an Menschen als minderbegabte Sterbliche. Ihr -Geist ist von den hohen Gedanken und den Idealen der großen Dichter so -erfüllt, daß ihr nichts als Gemeinplatz erscheint, denn ihre Phantasie -schmückt das ganze Leben mit ihren eigenen reichen Farben aus.</p> - -<hr class="r10" /> - -<p>Fräulein Sullivan hat mit ihrer Methode dort eingesetzt, wo <span class="antiqua">Dr.</span> Howe -aufgehört hat. Er erfand das Instrument, das physische Werkzeug, aber -das Lehren der Sprache ist etwas ganz anderes als das mechanische -Mittel, durch das die Sprache gelehrt werden kann. Durch Versuche, -durch die Beobachtung anderer Kinder gelangte Fräulein Sullivan auf -den praktischen Weg, die Sprache nach der natürlichen Methode zu -lehren. Nach dieser »natürlichen Methode« hatte <span class="antiqua">Dr.</span> Howe gesucht, sich -aber nie zu dem Gedanken aufschwingen können, daß man ein taubstummes -Kind nicht jedes Wort einzeln für sich durch Definition lehren darf, -sondern daß ihm die Sprache durch unaufhörliche Wiederholung von -Wörtern, die es nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_305" id="Seite_305">[S. 305]</a></span> versteht, beigebracht werden muß. Und hierin -besteht Fräulein Sullivans große Entdeckung. Den ganzen Tag hindurch -vom frühen Morgen bis zum späten Abend buchstabierte Fräulein Sullivan -unverdrossen in die Hand ihrer Schülerin, und hierdurch fing Helen -Keller Wörter auf, genau so wie das Kind in der Wiege Wörter auffängt, -dadurch, daß es sie zu Tausenden hört, ehe es ein einziges gebraucht, -und die Wörter mit der Gelegenheit, bei der sie gesprochen wurden, -in der Erinnerung verknüpft. So lernt es, daß Wörter Gegenstände, -Handlungen, Empfindungen bezeichnen. Dieses ist das erste Prinzip bei -Fräulein Sullivans Methode, ein Prinzip, das praktische Ergebnisse -gezeitigt hat und das, soviel ich finden kann, niemals bei der -Erziehung eines taubstummen Kindes, geschweige denn eines taubstummen -und blinden, praktisch angewandt worden ist, ehe es Fräulein Sullivan -bei Helen Keller versuchte. Und dieses Prinzip ist auch nicht eher klar -formuliert worden, bevor Fräulein Sullivan ihre Briefe schrieb.</p> - -<p>Das zweite Prinzip bei ihrer Methode (die numerische Reihenfolge ist -natürlich willkürlich) besteht darin, mit dem Kinde nie über Dinge -zu sprechen, die ihm unangenehm oder langweilig sind. In der ersten -Taubstummenschule, die Fräulein Sullivan überhaupt besuchte, war die -Lehrerin damit beschäftigt, auf der Wandtafel den Kindern mittels -geschriebener Worte etwas mitzuteilen, was diese nicht zu wissen -verlangten, während sie die besuchenden Gäste mit der größten Neugierde -umringten und dadurch den Beweis lieferten, daß es tausenderlei Dinge -gab, die sie zu wissen verlangten. Warum knüpfte die Lehrerin beim -Sprachunterricht nicht an das an, wofür sich die Kinder interessierten?</p> - -<p>Verwandt mit dem Grundsatz, mit dem Kinde nur über Dinge zu sprechen, -für die es sich interessiert, ist der weitere, einem Kinde, das Fragen -stellt, niemals den Mund zu verbieten,<span class="pagenum"><a name="Seite_306" id="Seite_306">[S. 306]</a></span> sondern seine Fragen so gut -wie möglich zu beantworten. Fräulein Sullivan paßte ihre Ausführungen -weder in Inhalt noch in Form dem vermeintlichen niedrigen Stande der -Intelligenz des Kindes an, sondern ersuchte jedermann, mit Helen -natürlich zu sprechen, ihr ganze Sätze und vernünftige Gedanken -mitzuteilen, gleichviel, ob Helen sie verstehe oder nicht. So erkannte -Fräulein Sullivan, was so viele noch nicht begreifen wollen, daß nach -der ersten allereinfachsten Definition von »Hut«, »Tasse«, »gehen«, -»sitzen« die Spracheinheit für das Kind der Satz ist, wie dieser -ebenfalls die Spracheinheit der Erwachsenen darstellt.</p> - -<p>So schuf sich Fräulein Sullivan eine Methode, die so einfach ist und -so sehr alles künstlichen Zuschnittes ermangelt, daß ihre Methode eher -die Verneinung jeder Methodik zu sein scheint. Es ist zweifelhaft, ob -wir etwas von Helen Keller erfahren hätten, wenn Fräulein Sullivan -nicht schon vorher mit anderen Kindern verkehrt hätte. Durch deren -Beobachtung lernte sie ihren Zögling soviel wie möglich wie ein -normales Kind behandeln.</p> - -<p>Das Fingeralphabet war nicht das einzige Mittel, Helen die Kenntnis -von Wörtern beizubringen. Bücher ergänzten das Fingeralphabet, -ja kamen diesem vielleicht an Bedeutung für den Sprachunterricht -gleich. Helen saß voller Eifer über ihnen, bevor sie lesen konnte, -anfänglich nicht des Inhaltes wegen, sondern um die Wörter, die sie -kannte, herauszufinden, und die Erläuterung neuer Wörter durch den -Zusammenhang, durch die Verbindung mit schon bekannten, bereicherten -Helens Wortschatz. Die Bücher sind der Speicher der Sprache, und -jedes Kind, mag es taub sein oder nicht, muß lernen, wenn seine -Aufmerksamkeit in irgend einer Weise auf gedruckte Blätter gelenkt -wird. Es lernt nicht dadurch, daß es liest, was es versteht, sondern -dadurch, daß es Wörter liest die es nicht versteht,<span class="pagenum"><a name="Seite_307" id="Seite_307">[S. 307]</a></span> und deren es -sich später erinnert. Und obgleich wenig Kinder ein so frühreifes -Interesse an Büchern nehmen wie Helen Keller, so kann doch die -natürliche Neugierde eines jeden Kindes auf gedruckte Blätter gelenkt -werden, namentlich, wenn der Lehrer geschickt ist und ein Wörterspiel -einleitet, wie es Fräulein Sullivan tat (s. <a href="#Wortspiel">S. 287 f.</a>). Helen Keller -soll eine besondere Sprachbegabung besitzen. Richtiger würde man sagen, -sie besitze eine besondere Begabung für das Denken, und ihre Vorliebe -für die Sprache sei auf den Umstand zurückzuführen, daß die Sprache für -sie gleichbedeutend mit Leben ist. Die Sprache war kein besonderes Fach -für sie wie Geographie oder Arithmetik, sondern das Mittel, durch das -sie zur Kenntnis äußerer Dinge gelangte.</p> - -<p>Als sie im Alter von vierzehn Jahren erst wenige Unterrichtsstunden im -Deutschen gehabt hatte, überlas sie den Text von »Wilhelm Tell« und -versuchte die Handlung des Stückes herauszufinden. Von der Grammatik -wußte sie nichts und kümmerte sich auch nicht um sie. Sie lernte die -Sprache von der Sprache selbst, und dies ist neben dem Hören der -Sprache eine lebendigere und am Ende auch leichtere Art und Weise, eine -fremde Sprache zu erlernen, als unsere Schulmethode, mit der Grammatik -zu beginnen. Auf dieselbe Weise spielte sie mit dem Latein, indem sie -nicht allein aus den Lektionen lernte, die ihr erster lateinischer -Lehrer ihr gab, sondern auch daraus, daß sie die Worte eines Textes -immer und immer wieder überlas — ein Spiel, das sie für sich selbst -trieb.</p> - -<p>Herr John D. Wright, einer ihrer Lehrer an der Wright-Humason-Schule, -schreibt über Helen:</p> - -<p>Oft fand ich sie, wenn sie einen Augenblick freie Zeit hatte, in ihrer -Lieblingsecke auf einem Armstuhle sitzen, auf dessen Seitenlehnen -das schwere in Blindendruck hergestellte Buch ruhte, während sie -ihren Finger langsam über die Zeilen von<span class="pagenum"><a name="Seite_308" id="Seite_308">[S. 308]</a></span> Molières Lustspiel -»<span class="antiqua">Le Médecin malgré lui</span>« gleiten ließ und bei den komischen -Situationen und humoristischen Zügen leise vor sich hin lachte. Damals -war ihr Wortvorrat im Französischen noch sehr klein, aber unter -Zuhilfenahme ihres Verstandes vermochte sie die Bedeutung der Wörter -zu erraten, sodaß sie sich den Sinn zusammensetzte wie ein Kind das -Zusammenlegespiel betreibt. Die Folge davon war, daß nach Verlauf -weniger Wochen wir beide, sie und ich, eines Abends eine höchst -heitere Stunde verlebten, in der sie mir die ganze Handlung des Dramas -erzählte, wobei sie mit großem Behagen bei dem darin herrschenden Humor -und blendenden Witze verweilte. Es war keine Unterrichtsstunde, sondern -nur eine ihrer Erholungen. —</p> - -<p>So ist Helen Kellers Sprachbegabung identisch mit ihrer gesamten -geistigen Begabung, die sich wegen des außerordentlichen Wertes, den -die Sprache für das junge Mädchen besitzt, auf diese geworfen hat.</p> - -<p>Man hat die Frage aufgeworfen, ob Helen Kellers Leistungen ihrer -natürlichen Befähigung oder der bei ihrem Unterricht benutzten Methode -zu verdanken seien. Ohne allen Zweifel würde eine Lehrerin, und -wenn sie zehnmal so genial gewesen wäre wie Fräulein Sullivan, ihre -Schülerin nicht so weit haben bringen können wie Helen Keller, wenn -sie es mit einem unbegabten und geistig minderwertigen Kinde zu tun -gehabt hätte. Andererseits würde aber Helen Keller unzweifelhaft, auch -wenn sie noch zehnmal soviel Genie besessen hätte, sich nicht zu dem -entwickelt haben, was sie ist, wenn sie nicht vom ersten Augenblick an, -namentlich zu Anfang eine so vortreffliche Erziehung genossen hätte.</p> - -<p>Fräulein Sullivan ist eine Persönlichkeit von ungewöhnlichen -Fähigkeiten. Ihre Methode wird, von einem anderen Lehrer ausgeübt, -nicht dieselben Erfolge zeitigen. Fräulein Sullivans starker -selbständiger Geist hat viel von seiner Spann<span class="pagenum"><a name="Seite_309" id="Seite_309">[S. 309]</a></span>kraft auf ihre -Schülerin übertragen. Dies heißt aber nicht, daß Fräulein Keller -sich in vollständiger Abhängigkeit von ihrer Lehrerin befindet. Es -wird erzählt, daß sie im Alter von acht Jahren einmal, als jemand -sie zu etwas zu bewegen suchte, eine Weile ernst dasaß und dann auf -die Frage, was ihr fehle, antwortete: <span class="antiqua">I am preparing to assert my -independence.</span> Eine solche eigenwillige Persönlichkeit kann nicht in -völliger Abhängigkeit aufwachsen, selbst nicht unter dem Einfluß eines -Willens, der so stark ist wie der Fräulein Sullivans. Aber letztere hat -vermöge ihrer natürlichen Veranlagung vieles für ihren Zögling getan, -was sich nicht analysieren oder auf ein Prinzip zurückführen läßt: sie -hat ihr die Anregungen zu teil werden lassen, die in dem Wesen der -wahren Freundschaft begründet sind, die die Kräfte beider Teile weit -mehr zur Entfaltung bringt als sie hemmt. Wenn Fräulein Keller außerdem -ein »Engel an Sanftmut und Güte« ist, wenn sie eine starke Liebe »zu -allem Guten und Schönen« hegt, so verdankt sie sicher etwas davon der -Lehrerin, die volle sechzehn Jahre hindurch beständig um sie gewesen -ist.</p> - -<p>Fräulein Sullivan hat demnach vieles für Fräulein Keller getan, -was keine andere Lehrerin in genau derselben Weise für eine andere -Schülerin hätte tun können. Um eine zweite Helen Keller heranzubilden, -müßte man eine zweite Annie Sullivan haben. Um ein anderes taubstummes -und blindes Kind sorgfältig zu erziehen, dazu braucht man nur einen -anderen Lehrer, der unter günstigen Verhältnissen tätig ist, eine -Fülle von äußeren Interessen besitzt, stets mit seinem Zögling -zusammenlebt, völlig freie Hand hat und die Prinzipien, die zu finden -Fräulein Sullivan ihm die Mühe erspart hat, nach seinen Bedürfnissen -anwendet, indem er sie modifiziert und ergänzt, je nachdem er es für -nötig erachtet; ebenso muß der Zögling gesund, von guten natürlichen -Anlagen und jung genug<span class="pagenum"><a name="Seite_310" id="Seite_310">[S. 310]</a></span> sein, um noch Bildungsfähigkeit zu besitzen. -Jedes taubstumme oder taubstumme und blinde Kind kann, wofern es gesund -ist, unterrichtet werden. Und die einzigen, die dies zu tun vermögen, -sind die Eltern, oder ein Hauslehrer, nicht die Schule. Dieser Satz -wird von den Leitern von Taubstummenanstalten sicher auf das heftigste -bekämpft werden. Unzweifelhaft ist die Taubstummenanstalt die einzige -Möglichkeit für den staatlichen Unterricht. Aber es ist klar, daß das, -worin das taubstumme Kind unterwiesen werden soll, gerade das ist, was -andere Kinder lernen, bevor sie überhaupt in die Schule gehen. Als -Fräulein Sullivan in den Geflügelhof trat, ein junges Hühnchen aufhob -und mit Helen darüber sprach (s. <a href="#Gefluegelhof">S. 236</a>), so erteilte sie eine Art von -Unterricht, der innerhalb der vier Wände unmöglich ist.</p> - -<p>Augenscheinlich befindet sich <span class="antiqua">Dr.</span> Howe im Irrtum, wenn er sagt: Ein -Lehrer kann kein Kind sein. Gerade dies ist es, was der Lehrer eines -taubstummen Kindes sein muß, selbst ein Kind, bereit, zu spielen und -herumzutollen und an allem kindlichen Tun Interesse zu finden.</p> - -<p>Wesentlich für Helen Kellers Entwickelung war der Umstand, daß sie -während der ersten neunzehn Monate ihres Lebens sehen und hören konnte. -Dies bedeutete eine gewisse geistige Entwickelung. Außerdem besaß sie -von ihren Eltern her gute körperliche und geistige Anlagen. Sie drückte -ihre Gedanken durch Zeichen aus, ehe sie sprechen lernte. Frau Keller -äußerte in einem Briefe, daß Helen vor ihrer Krankheit für all und -jedes Zeichen gebrauchte, und glaubte, diese Angewohnheit sei schuld -daran, daß das Kind so spät sprechen gelernt habe. Nach der Krankheit, -als sie vollständig auf Zeichen angewiesen war, entwickelte sich Helens -Neigung zur Gestikulation. Wie weit sich andere ihr verständlich machen -konnten, läßt sich schwer feststellen, aber sie erkannte viel von dem, -was<span class="pagenum"><a name="Seite_311" id="Seite_311">[S. 311]</a></span> um sie herum vorging. Sie wußte, daß andere ihre Lippen bewegten, -sie »sah« ihren Vater eine Zeitung lesen, und als dieser sie beiseite -gelegt hatte, setzte sie sich auf seinen Stuhl und hielt die Zeitung -vor ihr Gesicht (s. <a href="#Zeitung">S. 14</a>). Ihre anfänglichen Wutausbrüche waren ein -unglücklicher Ausdruck ihrer angeborenen Charakterstärke, die durch die -Erziehung später in geschulte und geregelte Kraft umgewandelt wurde.</p> - -<p>So war es denn eine dankbare Aufgabe für Fräulein Sullivan, einer -solchen Schülerin ihre Hingebung, ihre Intelligenz und ihre vor keiner -Schwierigkeit zurückschreckende Willfährigkeit zu widmen. Fräulein -Sullivans Methode war so vorzüglich, daß jedermann deren Richtigkeit -anerkennen müßte, selbst wenn sie keinen Erfolg gehabt hätte. -Zudem besaß Fräulein Sullivan eine große Energie. Und schließlich -begünstigten alle Umstände diesen ersten Unterricht, bei dem Lehrerin -und Schülerin in untrennbarer Gemeinschaft miteinander spielten, sich -gegenseitig ergründeten und gegenseitig erzogen.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_23_23" id="Fussnote_23_23"></a><a href="#FNAnker_23_23"><span class="label">[23]</span></a> Vergl. „<span class="antiqua">The life and Education of Laura Dewey -Bridgman</span>“ von Mary Swift Lamson. — Jerusalem, Laura Bridgman. Eine -psychologische Studie.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_24_24" id="Fussnote_24_24"></a><a href="#FNAnker_24_24"><span class="label">[24]</span></a> -Vergl. auch <a href="#Vierzehntes_Kapitel">S. 62 ff.</a></p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_25_25" id="Fussnote_25_25"></a><a href="#FNAnker_25_25"><span class="label">[25]</span></a> -Vergl. <a href="#Brief_3_10_1887">S. 148.</a></p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_26_26" id="Fussnote_26_26"></a><a href="#FNAnker_26_26"><span class="label">[26]</span></a> -Vergl. <a href="#Brief_24_10_1887">S. 149.</a></p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_27_27" id="Fussnote_27_27"></a><a href="#FNAnker_27_27"><span class="label">[27]</span></a> -Siehe <a href="#Philips_Brooks">S. 135.</a></p> - -</div> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 class="padtop2" id="Helen_Kellers_Sprache">Helen Kellers -Sprache.</h3> - -</div> - -<p class="s5 center mbot2">Fräulein Sullivans Bericht über Helens Unterricht in der -Lautsprache. — Eigentümlichkeiten von Helens Aussprache. — -Ansprache Helens in Mt. Airy bei Philadelphia.</p> - -<p>Fräulein Keller hat selbst erzählt, in welcher Weise sie sprechen -gelernt hat (s. <a href="#Dreizehntes_Kapitel">S. 57 ff.</a>). Eine wichtige Ergänzung zu dieser -Darstellung bieten die Mitteilungen Fräulein Sullivans in dem -Jahresbericht des Perkinsschen Instituts für 1891. Es heißt darin unter -anderem:</p> - -<p>„Ich wußte, daß Laura Bridgman dasselbe instinktive Ver<span class="pagenum"><a name="Seite_312" id="Seite_312">[S. 312]</a></span>langen wie -Helen gezeigt hatte, Töne hervorzubringen, und sogar etliche einfache -Wörter auszusprechen gelernt hatte, die zu gebrauchen ihr großes -Vergnügen machte, und ich zweifelte nicht im geringsten, daß Helen -mindestens soviel wie sie erreichen könne. Ich glaubte jedoch, daß der -Vorteil, der ihr daraus erwachsen würde, in keinem Verhältnis zu dem -Aufwande an Zeit und Mühe stehen werde, den ein solches Experiment -erfordert hätte.</p> - -<p>Außerdem macht der Mangel an Kontrolle durch das Gehör die Stimme -eintönig und oft sehr unangenehm, und eine solche Sprache ist in der -Regel, außer für die näheren Bekannten des Sprechenden, unverständlich.</p> - -<p>Die Aneignung der Sprache durch taube Kinder, die noch keinen sonstigen -Unterricht genossen haben, geht langsam und oft mühevoll vor sich. -Es wird, wie es mir scheint, häufig zuviel Wert auf die Unterweisung -eines tauben Kindes in der Lautsprache gelegt — ein Umstand, der für -die geistige Entwickelung des Zöglings von Nachteil sein kann. In der -Tat ist die Lautsprache ein ungenügendes Erziehungsmittel, während -der Gebrauch des Fingeralphabets die geistige Regsamkeit fördert -und kräftigt, da durch dieses das Kind in nahe Berührung mit seiner -Muttersprache gebracht wird und die höchsten und abstraktesten Ideen -seinem Geiste leicht und vollständig vermittelt werden können. Helens -Beispiel beweist, daß es auch für die Aneignung der Lautsprache ein -Hilfsmittel von unschätzbarem Werte ist. Sie war mit den Wörtern -und der Konstruktion der Sätze schon vollständig vertraut und hatte -nur noch mechanische Schwierigkeiten zu überwinden. Außerdem wußte -sie, was die Sprache ihr für einen Genuß gewähren würde, und diese -genaue Erkenntnis des Zieles ihres Strebens bereitete ihr schon eine -Vorfreude, die alle Mühsal leicht machte. Das unterrichtete taube Kind, -das zum Artikulieren<span class="pagenum"><a name="Seite_313" id="Seite_313">[S. 313]</a></span> angehalten wird, kennt sein Ziel nicht, und die -Unterweisung im Sprechen ist ihm lange Zeit lästig und bedeutungslos.</p> - -<p>Ehe ich die Art und Weise schildere, in der Helen sprechen lernte, -dürfte es angebracht sein, kurz zu erwähnen, in welchem Maße sie -ihre Stimmorgane gebraucht hatte, ehe sie regelmäßigen Unterricht im -Artikulieren erhielt. Als sie im Alter von neunzehn Monaten von der -Krankheit befallen wurde, die den Verlust des Gesichts und Gehörs -herbeiführte, begann sie gerade sprechen zu lernen. Das bedeutungsleere -Stammeln des kleinen Kindes wurde von Tag zu Tage immer mehr zu -bewußten, willkürlichen Zeichen für das, was es fühlte und dachte. -Aber die Krankheit hemmte ihre Fortschritte in der Aneignung der -Lautsprache, und als ihre körperliche Gesundheit zurückkehrte, fand -es sich, daß sie aufgehört hatte, verständlich zu sprechen, weil sie -keinen Laut mehr hörte. Sie fuhr fort, ihre Stimmorgane mechanisch zu -gebrauchen, wie es die Kinder in der Regel tun. Ihr Weinen und Lachen -sowie der Klang ihrer Stimme, wenn sie einzelne Wortelemente aussprach, -waren vollkommen natürlich, aber das Kind verband offenbar keinen -Sinn mit ihnen, und mit einer einzigen Ausnahme brachte es dieselben -nicht in der Absicht hervor, sich mit seiner Umgebung zu verständigen, -sondern aus dem bloßen Bedürfnisse, sein angeborenes, organisches, -ererbtes Ausdrucksvermögen zu üben. Mit dem Worte <span class="antiqua">water</span>, das -eines der ersten war, die ihre kleinen Lippen bilden lernten, verband -Helen jedoch stets einen Sinn, und es war dies das einzige Wort, das -sie auch nach dem Verluste ihres Gehörs zu gebrauchen fortfuhr. Ihre -Aussprache des Wortes wurde jedoch allmählich undeutlich, und als ich -sie kennen lernte, war nur noch ein eigentümliches Geräusch davon -übrig. Nichtsdestoweniger war es das einzige Zeichen, das sie stets für -Wasser gebrauchte, und sie vergaß das gesprochene Symbol nicht eher, -als sie das Wort mit ihren<span class="pagenum"><a name="Seite_314" id="Seite_314">[S. 314]</a></span> Fingern buchstabieren gelernt hatte. Das -Wort <span class="antiqua">water</span> und die Gebärde, die dem Worte »Lebewohl« entspricht, -schienen alles zu sein, was das Kind von den natürlichen und erworbenen -Zeichen behalten hatte, mit denen es vor seiner Krankheit vertraut -geworden war.</p> - -<p>Als sie durch den Gefühlssinn (ich gebrauche das Wort in dem -umfassendsten Sinne, sodaß es alle Tasteindrücke einschließt) mit ihrer -Umgebung bekannt wurde, empfand sie immer dringender das Bedürfnis, -sich mit derselben zu verständigen. Ihre Händchen befühlten jeden -Gegenstand und beobachteten jede Bewegung der Personen, mit denen sie -zusammenkam, und sie ahmte diese Bewegungen rasch nach.</p> - -<p>Als ich in Tuscumbia eintraf, hatte sie sich über sechzig Zeichen -zurechtgemacht, die alle nachahmender Natur waren und von ihren -Bekannten leicht verstanden wurden. So oft sie etwas sehr dringend -verlangte, gestikulierte sie auf höchst ausdrucksvolle Art. Gelang -es ihr nicht, sich verständlich zu machen, so wurde sie heftig. In -den Jahren ihrer geistigen Kerkerhaft war sie gänzlich auf Zeichen -angewiesen und konnte sich selbst keinerlei Art Lautsprache schaffen, -die imstande gewesen wäre, Gedanken auszudrücken. Es scheint jedoch, -daß sie noch während ihrer Leidenszeit die Lippenbewegungen ihrer -Mutter verfolgte.</p> - -<p>Wenn sie unbeschäftigt war, so irrte sie ruhelos durch das ganze Haus -und stieß dabei sonderbare, obgleich selten unangenehme Töne aus. Ich -habe sie ihre Puppe wiegen sehen, wobei sie ein beständiges monotones -Summen hervorbrachte, während sie mit den Fingern der anderen Hand -die Bewegungen ihrer Lippen verfolgte. Dies war eine Nachahmung des -Wiegengesanges ihrer Mutter. Gelegentlich brach sie in ein lustiges -Gelächter aus, und dann streckte sie ihre Hand aus, und legte sie -irgend jemand, der sich in ihrer Nähe<span class="pagenum"><a name="Seite_315" id="Seite_315">[S. 315]</a></span> befand, auf den Mund, um sich -zu vergewissern, ob er ebenfalls lache. Konnte sie kein Lächeln -entdecken, so gestikulierte sie erregt und versuchte ihre Gedanken zum -Ausdruck zu bringen; wenn es ihr aber nicht gelang, den anderen zum -Lachen zu bringen, so saß sie ein paar Augenblicke mit verwirrtem und -enttäuschtem Gesichtsausdruck still da. Die einzigen Wörter, die sie -vor dem März 1890 mit einiger Deutlichkeit auszusprechen gelernt hatte, -waren <span class="antiqua">papa</span>, <span class="antiqua">mamma</span>, <span class="antiqua">baby</span>, <span class="antiqua">sister</span>. Diese -Wörter hatte sie ohne besondere Unterweisung ihren Bekannten von den -Lippen abgelesen. Man sieht, sie enthalten drei vokalische und sechs -konsonantische Elemente, und diese bildeten die Grundlage für ihren -ersten wirklichen Unterricht im Sprechen.</p> - -<p>Zu Ende der ersten Lektion war sie imstande, folgende Laute deutlich -auszusprechen<a name="FNAnker_28_28" id="FNAnker_28_28"></a><a href="#Fussnote_28_28" class="fnanchor">[28]</a>: <span class="antiqua">a, ä, â, ē, ĭ, ô, c</span> (weich wie <span class="antiqua">s</span> und -hart wie <span class="antiqua">k</span>), <span class="antiqua">g</span> (hart), <span class="antiqua">b, l, n, m, t, p, s, u, k, -f</span> und <span class="antiqua">d</span>. Die Aussprache mehrerer miteinander verbundener -harter Konsonanten in demselben Wort fällt ihr jetzt noch schwer; oft -unterdrückt sie den einen und verändert den anderen, und manchmal -ersetzt sie beide durch einen ähnlichen Laut mit einer sanften -Aspiration. Anfangs machte sich die Verwechselung von <span class="antiqua">l</span> und -<span class="antiqua">r</span> bei ihrem Sprechen recht bemerkbar. Wiederholt wollte sie -den einen Laut für den anderen gebrauchen. Die große Schwierigkeit in -der Aussprache des <span class="antiqua">r</span> machte diesen Laut zu einem der letzten, -die sie bemeisterte. Auch das <span class="antiqua">ch</span>, <span class="antiqua">sh</span> und <span class="antiqua">g</span> -verursachten ihr viele Mühe, und sie spricht sie jetzt noch nicht -deutlich aus.</p> - -<p>Als sie noch nicht eine volle Woche gesprochen hatte, traf sie eines -Tages einen ihrer Bekannten, Herrn Rodocanachi; sie begann sofort -sich mit der Aussprache seines Namens abzumühen, und ließ nicht eher -nach, als bis sie imstande war, das Wort deutlich zu artikulieren. -Ihr Interesse erlahmte keinen<span class="pagenum"><a name="Seite_316" id="Seite_316">[S. 316]</a></span> Augenblick, und in ihrem Eifer, die -Schwierigkeiten zu überwinden, die sich ihr von allen Seiten in den Weg -stellten, strengte sie ihre Kräfte bis zum äußersten an und erlernte in -elf Lektionen sämtliche einzelnen Elemente der Sprache.“ —</p> - -<p class="mtop2">Gegenwärtig ist ihre Stimme leise und angenehm. Ihre Sprache entbehrt -jedoch der Mannigfaltigkeit und Modulation; sie fließt in einem -singenden Tonfalle fort, wenn sie laut liest, und wenn sie einigermaßen -laut spricht, so bewegt sich ihre Stimme um zwei bis drei Mitteltöne -herum. Ihre Stimme besitzt einen ausgesprochen aspirierten Klang; sie -hört sich an, als würde auf den Laut zuviel Atem verwendet. Einige -von ihren Tönen sind musikalisch und wohlklingend. Erzählt sie eine -Kindergeschichte oder trägt sie etwas Pathetisches vor, so gleitet -ihre Stimme in angenehmen Uebergängen von einem Tone zum anderen. -Ihre Vortragsweise erinnert dann an das nicht völlig gut getroffene -Verweilen bei langen Wörtern, das man bei einem Kinde wahrnimmt, -welches eine feierliche Geschichte erzählt.</p> - -<p>Der Hauptmangel an Helens Sprache besteht in dem Fehlen der -Satzbetonung und der Mannigfaltigkeit der Modulation bei dem -Aussprechen der einzelnen Satzglieder. Fräulein Keller betont jedes -Wort wie ein Ausländer, der noch mit den einzelnen Satzbestandteilen -zu kämpfen hat, oder wie Kinder zuweilen in der Schule lesen, wenn sie -jedes Wort für sich aussprechen.</p> - -<p>Außer dem Englischen spricht sie Französisch und Deutsch. Ihr Freund, -Herr John Hitz, dessen Muttersprache das Deutsche ist, bezeichnet -ihre Aussprache als ganz vorzüglich. Ein anderer Freund, der sowohl -mit dem Englischen wie mit dem Französischen vertraut ist, findet ihr -Französisch viel verständlicher<span class="pagenum"><a name="Seite_317" id="Seite_317">[S. 317]</a></span> als ihr Englisch. Wenn sie englisch -spricht, so verteilt sie die Betonung wie im Französischen und legt -nicht genügend Nachdruck auf die accentuierten Silben; auch ist ihre -Aussprache desselben Wortes von einem Tage zum anderen verschieden.</p> - -<p>Sie begeht mitunter Fehler in der Aussprache, wenn sie laut liest -und dabei auf ein Wort stößt, das sie noch nie zuvor ausgesprochen -hat, mag sie es auch schon verschiedene Male geschrieben haben. Diese -Schwierigkeit wird sich jedoch nebst einigen anderen beseitigen lassen, -sobald sie und Fräulein Sullivan mehr Zeit haben. Seit 1894 haben sie -sich so in ihre Bücher vergraben, daß sie alles vernachlässigten, was -nicht unmittelbar mit der nächstliegenden Aufgabe der erfolgreichen -Absolvierung ihrer Studien zusammenhing.</p> - -<p>Als Helen die Wright-Humason-Schule in New York besuchte, bemühte -sich <span class="antiqua">Dr.</span> Humason, ihre Stimme zu verbessern, und zwar nicht nur die -<em class="gesperrt">Aussprache</em>, und stellte mit ihr Laut- und Stimmübungen an.</p> - -<p>Es läßt sich schwer sagen, ob Fräulein Kellers Sprache leicht zu -verstehen ist oder nicht. Manche verstehen sie leicht, andere nicht. -Ihre näheren Bekannten sind an ihre Sprache gewöhnt und vergessen, -daß diese von der normalen abweicht. Kinder finden es selten schwer, -sie zu verstehen; dies erklärt sich daraus, daß Helens bedachtsame, -wohlabgemessene Sprache der ihrigen gleicht, bevor sie sich den -Kunstgriff der Erwachsenen angeeignet haben, alle Wörter eines Satzes -in einem Atemzug zu sprechen. Fräulein Keller soll besser sprechen als -die meisten Tauben.</p> - -<p>Im Ablesen von den Lippen ist sie nicht so gewandt und geschickt, -wie von manchen behauptet wird. Es ist für sie höchst mühsam und -umständlich, sich auf diesem Wege Kenntnis von dem zu verschaffen, -was man ihr mitteilen will, wenn nicht Fräulein Sullivan oder jemand -anders, der sich auf das Finger<span class="pagenum"><a name="Seite_318" id="Seite_318">[S. 318]</a></span>alphabet versteht, zugegen ist, um -Fräulein Keller die gesprochenen Worte in die Hand zu buchstabieren.</p> - -<p>Präsident Roosevelt hatte im Frühjahr 1902 wenig Schwierigkeit, sich -Fräulein Keller verständlich zu machen; sie verstand jedes Wort, denn -des Präsidenten Sprache ist äußerst deutlich.</p> - -<p>Man darf nicht vergessen, daß das Sprechen in keiner Weise etwas -zu Fräulein Kellers erster Erziehung beitrug, obgleich sie ohne -Sprachfertigkeit schwerlich imstande gewesen wäre, die höheren Schulen -und die Universität zu besuchen. Aber sie weiß besser als sonst -jemand, was für einen unermeßlichen Wert die Sprache für sie hat. Das -beredteste Zeugnis dafür legt die Ansprache ab, die Helen am 8. Juli -1896 bei der fünften Versammlung der »Amerikanischen Vereinigung zur -Förderung der Unterweisung der Taubstummen im Sprechen« in Mt. Airy bei -Philadelphia gehalten hat. Sie lautet folgendermaßen:</p> - -<p class="mtop2">Wüßten Sie, welche Freude mich beseelt, daß ich imstande bin, heute -zu Ihnen zu sprechen, so würden Sie, glaube ich, einen Begriff von -dem Werte der Sprache für die Tauben erhalten und verstehen, weshalb -ich es wünsche, daß jedes taubstumme Kind auf dieser ganzen großen -Welt Gelegenheit fände, sprechen zu lernen. Ich weiß, daß über diesen -Gegenstand viel gesprochen und geschrieben worden ist und daß in Bezug -auf den mündlichen Unterricht eine große Meinungsverschiedenheit -zwischen den Taubstummenlehrern herrscht. Es erscheint mir äußerst -seltsam, daß hier überhaupt von einer Meinungsverschiedenheit die Rede -sein kann; ich kann nicht verstehen, wie jemand, der sich für unsere -Erziehung interessiert, uns die Genugtuung nicht soll nachfühlen -können, die wir empfinden, wenn wir imstande sind, unsere Gedanken in -lebendigen Worten auszudrücken. Ich für meine Person wenigstens<span class="pagenum"><a name="Seite_319" id="Seite_319">[S. 319]</a></span> pflege -beständig zu sprechen, und ich weiß nicht, wie ich Ihnen den Genuß -schildern soll, den mir dieses gewährt. Natürlich weiß ich, daß es für -Fremde nicht immer leicht ist, mich zu verstehen, aber auch das wird -sich nach und nach ändern, und inzwischen habe ich das unaussprechliche -Glück, zu wissen, daß meine Angehörigen und Freunde sich über meine -Fähigkeit zu sprechen freuen. Meine kleine Schwester und mein kleiner -Bruder haben es gern, wenn ich ihnen an den langen Sommerabenden -Geschichten erzähle, und meine Mutter und meine Lehrerin bitten mich -oft, ihnen aus meinen Lieblingsbüchern vorzulesen. Ebenso bespreche -ich politische Dinge mit meinem geliebten Vater, und wir entscheiden -die verwickeltsten Fragen gerade so befriedigend für uns, wie wenn ich -sehen und hören könnte. So sehen Sie, was die Sprache für ein Segen -für mich ist. Sie bringt mich in engere und zärtlichere Beziehungen -zu denen, die ich liebe, und ermöglicht es mir, mich der trauten -Gesellschaft einer großen Zahl von Menschen zu erfreuen, von der ich -völlig abgeschnitten sein würde, wenn ich nicht sprechen könnte.</p> - -<p>Ich kann mich noch der Zeit entsinnen, bevor ich sprechen lernte, -und wie ich mich bemühte, meine Gedanken mittels des Fingeralphabets -auszudrücken — wie meine Gedanken fortwährend gegen meine -Fingerspitzen schlugen wie kleine Vögel, die nach Freiheit strebten, -bis eines Tages Fräulein Fuller ihnen die Kerkertür weit öffnete und -sie entfliehen ließ. Ich möchte wohl wissen, ob sie sich noch daran -erinnert, wie munter und fröhlich sie ihre Schwingen entfalteten und -davonflatterten. Natürlich fiel ihnen das Fliegen anfangs ziemlich -schwer. Die Sprachschwingen waren schwach und gebrochen und hatten alle -Anmut und Schönheit verloren, die sie einst besessen hatten; es war -in der Tat nichts übriggeblieben als der Trieb, zu fliegen; aber dies -war immerhin schon etwas. Wer<span class="pagenum"><a name="Seite_320" id="Seite_320">[S. 320]</a></span> den Trieb zum Schweben in sich fühlt, -kann nie mehr mit dem Kriechen zufrieden sein. Nichtsdestoweniger -aber kam es mir bisweilen vor, als würde ich meine Sprachschwingen -nie so gebrauchen können, wie ich sie nach Gottes Ratschluß benutzen -sollte; es stellten sich mir so viele Hindernisse in den Weg, ich -mußte so viele Enttäuschungen erfahren; aber ich ermüdete nicht, da -ich wohl wußte, daß Geduld und Ausdauer am Ende den Sieg erringen. Und -während ich unausgesetzt an mir arbeitete, baute ich die schönsten -Luftschlösser und gab mich den entzückendsten Träumen hin, daß einst -eine Zeit kommen würde, da ich so sprechen würde wie andere Menschen, -und der Gedanke an die Freude, die meine Mutter empfinden würde, wenn -sie noch einmal meine Stimme hören könnte, versüßte mir jede Mühe und -machte jeden Fehlschlag zu einem Ansporn, mich das nächstemal noch -mehr anzustrengen. Daher möchte ich zu denen, die sprechen lernen, und -ebenso zu denen, die diese sprechen lehren, sagen: Seid gutes Mutes! -Denkt nicht an die Fehlschläge von heute, sondern an den Erfolg, der -morgen kommen wird. Ihr habt euch eine schwierige Aufgabe gestellt, -aber ihr werdet euer Ziel erreichen, wenn ihr Ausdauer besitzet und -ihr werdet Freude am Ueberwinden von Schwierigkeiten, Genuß am Begehen -rauher Pfade finden — eine Genugtuung, die euch vielleicht nie -zuteil würde, wenn ihr nicht ab und zu rückwärts glittet, wenn die -Straße stets eben und glatt wäre. Beherziget die Wahrheit, daß keine -Anstrengung, die wir machen, um ein herrliches Ziel zu erreichen, je -verloren geht. Einst, irgendwo, irgendwie werden wir finden, was wir -suchen. Ja, wir werden sprechen und auch singen, wie wir nach Gottes -Ratschluß sprechen und singen <em class="gesperrt">sollen</em>.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_28_28" id="Fussnote_28_28"></a><a href="#FNAnker_28_28"><span class="label">[28]</span></a> Die Buchstaben bezeichnen <em class="gesperrt">englische</em> Laute!</p> - -</div> - -</div> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_321" id="Seite_321">[S. 321]</a></span></p> - -<h3 class="padtop2" id="Helen_Keller_als_Schriftstellerin">Helen -Keller als Schriftstellerin.</h3> - -</div> - -<p class="s5 center mbot2">Helen Kellers hervorragende stilistische Begabung und deren Pflege. -— Gute Lektüre. — Unausgesetzte Kontrolle der Stilübungen Helens -durch Fräulein Sullivan. — Fräulein Sullivans Darstellung der -Episode mit dem »Frostkönig«. — Gegenüberstellung der beiden -Fassungen des Märchens. — Fräulein Canbys Aeußerungen über den -Zwischenfall. — Allgemeine Betrachtungen über den »Frostkönig«. — -Kleinerer Aufsatz Helens über ihr Traumleben.</p> - -<p>Niemand kann Fräulein Kellers Selbstbiographie lesen, ohne die -Empfindung zu haben, daß sie ein außergewöhnlich gutes Englisch -schreibt. Jeder Aufsatzlehrer weiß, daß er seine Schüler dahin bringen -kann, ohne syntaktische und phraseologische Fehler zu schreiben. Eben -diese Korrektheit ist es, die sich Fräulein Kellers früheste Erziehung -als ein Ziel gesteckt hat, das jedes gesunde Kind erreichen kann, für -die aber auch die Analysis dieser Erziehung eine Erklärung bietet. -Diejenigen, die Helen zu einer Ausnahme stempeln möchten, die sich -durch keinerlei Analyse ihrer ersten Erziehung erklären ließe, berufen -sich zur Unterstützung ihrer Behauptung auf die außerordentliche -Gewandtheit, mit der sie schon als Kind die Sprache handhabte.</p> - -<p>Diese Berufung ist bis zu einem gewissen Grade gerechtfertigt, denn in -der Tat sind der Wohllaut der Sprache und die Schönheit der Gedanken, -die den vollendeten Stil ausmachen, freie Gaben der Götter. Kein Lehrer -hätte Helen für die Schönheiten der Sprache und das feinere Herüber- -und Hinüberspielen der Gedanken empfänglich machen können, das seinen -Ausdruck in wohlklingenden Wortzusammenstellungen sucht.</p> - -<p>Andererseits kann aber die angeborene stilistische Begabung unterdrückt -oder gepflegt werden. Kein Genie vermag aus sich selbst heraus eine -schöne Sprache zu schaffen. Der Stoff, aus welchem sich der gute -Stil bildet, muß dem Geiste in<span class="pagenum"><a name="Seite_322" id="Seite_322">[S. 322]</a></span> guter Form von außen her zugeführt -werden. Kein noch so begabtes Kind wird ein gutes Englisch schreiben -können, wenn es nicht von Jugend auf gutes Englisch gehört hat. In -diesem Punkte, wie in allen anderen, hat sich Fräulein Sullivan als -weise Lehrerin bewährt. Hätte sie kein Gefühl und keine Begeisterung -für gutes Englisch besessen, so würde Helen Keller unter dem Einfluß -der »Jugendliteratur« aufgewachsen sein, die unter dem Vorwande -eines für Kinder berechneten einfachen Stils das Niveau der Sprache -herunterdrückt, als ob Kinderbücher nicht auch in gutem Stile abgefaßt -sein könnten, wie z. B. Robinson Crusoe.</p> - -<p>Schriebe Fräulein Sullivan ein gewähltes Englisch, so ließe sich die -Schönheit von Helen Kellers Stil zum Teil unmittelbar erklären. Aber -die mitgeteilten Auszüge aus Fräulein Sullivans Briefen und Berichten -weisen, obgleich sie klar und deutlich sind, nicht die Schönheit -auf, durch die sich Helen Kellers Englisch auszeichnet. Was sie als -Lehrerin des Englischen geleistet hat, darf nicht nach ihrer eigenen -stilistischen Gewandtheit bemessen werden. Der Grund, weswegen sie -ihrer Schülerin so viele gute Bücher vorlas, liegt zum Teil darin, -daß sie erst vor kurzem ihr Augenlicht wieder erlangt hatte. Als sie -Helen Kellers Lehrerin wurde, war sie eben erst zum Bewußtsein der in -den Büchern ruhenden Schätze erwacht, von denen sie während der langen -Jahre ihrer Blindheit ausgeschlossen gewesen war.</p> - -<p>In Hauptmann Kellers Bibliothek fand sie ausgezeichnete Bücher -vor: Lambs »<span class="antiqua">Tales from Shakespeare</span>« und die noch -vortrefflicheren Schriften von Montaigne. Nach Ablauf des ersten, dem -Elementarunterricht gewidmeten Jahres betrachtete sie ihre Schülerin -als mit ihr auf demselben Standpunkt stehend, und nun lasen beide die -guten Bücher zusammen, und erfreuten sich an ihnen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_323" id="Seite_323">[S. 323]</a></span></p> - -<p>Außer der Wahl guter Bücher gibt es noch einen anderen Grund für -Fräulein Kellers ausgezeichnete schriftstellerische Leistungen, -der Fräulein Sullivans ausschließliches Verdienst ist. Es ist die -unermüdliche und unablässige Kontrolle, die sie in ihrer gesamten -Tätigkeit kundgibt. Sie gestattete ihrer Schülerin niemals, einen Brief -abzuschicken, der Verstöße gegen den guten Geschmack enthielt, sondern -ließ sie ihn immer und immer wieder abschreiben, bis er nicht nur -fehlerlos, sondern auch gut stilisiert war.</p> - -<p>Ein weiterer Umstand, der zu Helen Kellers meisterhafter Beherrschung -der englischen Sprache beigetragen hat, besteht gerade darin, daß -sie des Gesichts und Gehörs beraubt ist. Die Nachteile der Taubheit -und Blindheit waren überwunden worden, und die Vorteile blieben. Sie -zeichnet sich vor anderen Tauben aus, weil sie unterrichtet wurde, als -wäre sie normal. Andererseits veranlaßt sie der spezielle Wert, den -die Sprache für sie hat (während die Vollsinnigen diese als ebenso -selbstverständlich betrachten wie den Gebrauch ihrer rechten Hand), zum -Nachdenken über die Sprache und zu deren Wertschätzung. Die Sprache war -Helens Befreierin, die sie vom ersten Augenblick an liebte.</p> - -<p id="Beginn_Frostkoenig">Den besten Beweis für Helens frühzeitige Gewandtheit im Gebrauche der -englischen Sprache liefert der Zwischenfall mit dem »Frostkönig«. Zu -der Darstellung, welche Fräulein Keller selbst davon gibt,<a name="FNAnker_29_29" id="FNAnker_29_29"></a><a href="#Fussnote_29_29" class="fnanchor">[29]</a> tritt -ergänzend ein Brief Fräulein Sullivans an den Leiter des »Volta-Bureau« -John Hitz in Washington. Es heißt darin unter anderem:</p> - -<p>„Vielleicht entsinnen Sie sich, daß in meinem Aufsatz,<a name="FNAnker_30_30" id="FNAnker_30_30"></a><a href="#Fussnote_30_30" class="fnanchor">[30]</a><span class="pagenum"><a name="Seite_324" id="Seite_324">[S. 324]</a></span> in -dem ich Helens ungewöhnliches Gedächtnis erwähne, sich auch die -Bemerkung findet, daß sie in ihrem Geist viele Ausdrucksformen zu -bewahren scheint, die sie zu der Zeit, als sie ihr mitgeteilt wurden, -wahrscheinlich noch nicht verstand, daß aber mit fortschreitender -Entwickelung die in ihrem Gedächtnis aufbewahrte Sprache ganz -oder teilweise ihren Ausdruck in Helens Unterhaltung oder ihren -schriftlichen Aeußerungen findet, je nachdem sich diese Ausdrucksformen -mehr oder weniger ihren neuen Erfahrungen anpassen.<a name="FNAnker_31_31" id="FNAnker_31_31"></a><a href="#Fussnote_31_31" class="fnanchor">[31]</a> Zweifellos ist -dies bei jedem<span class="pagenum"><a name="Seite_325" id="Seite_325">[S. 325]</a></span> intelligenten Kinde der Fall und verdient vielleicht -bei Helen nur von dem Gesichtspunkte aus besondere Erwähnung, daß -man von einem des Gesichts und Gehörs beraubten Kinde nicht eine so -bedeutende geistige Begabung erwartet, wie sie dieses kleine Mädchen -tatsächlich zeigt. Es ist daher auch sehr leicht möglich, daß wir -geneigt sind, vieles, was wir in Helens Entwickelung entdecken, als -wunderbar zu betrachten, was aber in der Tat eine solche Bezeichnung -gar nicht verdient.</p> - -<p>Ich möchte hinzufügen, daß, während ich nie verkannt habe, daß Helen -vielfach Gebrauch von solchen Schilderungen und Vergleichen machte, wie -sie ihrer lebhaften Phantasie und feinen poetischen Natur entsprachen, -mich neuere Beobachtungen davon überzeugt haben, daß ich früher noch -nicht in vollem Maße erkannt habe, bis zu welchem Grade sie sich die -Sprache ihrer Lieblingsschriftsteller zu eigen macht. In den ersten -Jahren ihrer Erziehung hatte ich volle Kenntnis von allen Büchern, die -sie las, und von nahezu allen Erzählungen, die wir ihr vorlasen, und -konnte ohne Schwierigkeit die Quelle aller Anlehnungen feststellen, -die ich in ihren schriftlichen Aeußerungen oder ihrer Unterhaltung -bemerkte, und ich habe mich immer recht gefreut, zu beobachten, wie -angemessen sie die Ausdrücke eines Lieblingsschriftstellers in ihren -eigenen Ausarbeitungen anwendet.</p> - -<p>Die folgenden Auszüge aus einigen ihrer veröffentlichten Briefe -beweisen, wie stark dieses Vermögen, eine schöne Sprache im Gedächtnis -zu bewahren, bei ihr ausgebildet ist. An einem schönen sonnigen Tage -zu Beginn des Frühlings, den wir im Norden zubrachten, schien die -balsamische Atmosphäre in ihr die Empfindung geweckt zu haben, die -Longfellow im »Hiawatha« ausspricht, und sie singt beinahe mit dem -Dichter: Die Erde erzitterte unter dem Jubel des neuerwachenden Lebens. -Mein Herz sang vor lauter Freude. Ich dachte an<span class="pagenum"><a name="Seite_326" id="Seite_326">[S. 326]</a></span> mein teures Vaterhaus. -Ich wußte, daß in jenem sonnigen Lande der Lenz schon in all seiner -Pracht erschienen war, mit all seinen Vögeln und all seinen Blüten, all -seinen Blumen und seinen Gräsern. —</p> - -<p class="mbot1">Um dieselbe Zeit gibt sie in einem Briefe an eine Freundin, in dem -sie ihrer südlichen Heimat gedenkt, eine so genaue Umschreibung eines -Gedichtes eines ihrer Lieblingsschrifststeller, daß ich die Auszüge aus -Helens Brief und dem Gedichte selbst nebeneinanderstellen möchte.<a name="FNAnker_A" id="FNAnker_A"></a><a href="#Fussnote_A" class="fnanchor">[A]</a></p> - -<div class="w80p"> - -<p class="center"><b>Aus Helens Brief.</b></p> - -<p class="p0 antiqua">The blue-bird with his azure plumes, the thrush clad all in brown, the -robin jerking his spasmodic throat, the oriole drifting like a flake of -fire, the jolly bobolink and his happy mate, the mockingbird imitating -the notes of all, the red-bird with his one sweet trill, and the busy -little wren, are all making the trees in our front yard ring with their -glad songs.</p> - -<p class="center mtop2"><b>Aus dem »Spring« betitelten Gedichte von Oliver Wendell Holmes.</b></p> - -<div class="poetry-container antiqua"> - <div class="poetry"> - <div class="verse">The blue-bird, breathing from his azure plumes</div> - <div class="verse">The fragrance borrowed from the myrtle blooms;</div> - <div class="verse">The thrush, poor wanderer, dropping meekly down,</div> - <div class="verse">Clad in his remnant of autumnal brown;</div> - <div class="verse">The oriole, drifting like a flake of fire</div> - <div class="verse">Rent by a whirlwind from a blazing spire;</div> - <div class="verse">The robin, jerking his spasmodic throat,</div> - <div class="verse">Repeats imperious, his staccato note;</div> - <div class="verse">The crack-brained bobolink courts his crazy mate,</div> - <div class="verse">Poised on a bullrush tipsy with his weight:</div> - <div class="verse">Nay, in his cage the lone canary sings,</div> - <div class="verse">Feels the soft air, and spreads his idle wings.</div> - </div> -</div> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_327" id="Seite_327">[S. 327]</a></span></p> - -<p class="mtop2" id="Andersens_Maerchen">In einem Briefe an eine Freundin im Perkinsschen Institute vom 17. Mai -1889 gibt sie eine Nachbildung eines Andersenschen Märchens, das ich -ihr kurz zuvor vorgelesen hatte.<a name="FNAnker_32_32" id="FNAnker_32_32"></a><a href="#Fussnote_32_32" class="fnanchor">[32]</a></p> - -<p>Ihre Bewunderung für die eindrucksvollen Belehrungen, die Bischof -Brooks ihr über die Vaterliebe Gottes erteilt hatte, war sehr groß. -In einem seiner Briefe spricht er davon, wie Gott uns in allen Dingen -von seiner Liebe predigt, und sagt: Er schreibt auf alle Wände des -großen Hauses der Natur, in dem wir leben, daß er unser Vater ist. Im -darauffolgenden Jahre sagte sie in Andover: Die Welt scheint mir voller -Güte, Schönheit und Liebe zu sein, und wie dankbar müssen wir unserem -himmlischen Vater sein, der uns so viel Veranlassung zur Freude gegeben -hat! Seine Liebe und Treue stehen mit großen Lettern auf allen Wänden -der Natur geschrieben. —</p> - -<p>Später, als Helen mit so vielen Menschen in Berührung kam, die sich -ungezwungen mit ihr unterhalten konnten, wurde sie mit manchen Werken -bekannt, von denen ich nichts wußte; auch fand sie in Hochdruckbüchern, -bei deren Lektüre ich ihr nicht folgen konnte, viel Material zur -Ausbildung ihres Geschmackes an poetischen Schilderungen. Die Blätter -des Buches, das sie liest, werden ihr zu Gemälden, denen ihre Phantasie -Leben und Farbe verleiht. Die Bilder, die die Sprache des Buches in -ihrem Gedächtnis zurückläßt, scheinen einen unauslöschlichen Eindruck -auf sie zu machen, und oft, wenn sie einer ähnlichen Situation -gegenübersteht, strömt dieselbe Sprache mit wunderbarer Genauigkeit -wieder hervor.</p> - -<p>Helens Geist ist so geartet, daß die leiseste Anregung genügt, ihr -die denkbar größte Fülle äußerer Eindrücke zu vermitteln. Als wir -eines Tages in Alabama in der Nähe der<span class="pagenum"><a name="Seite_328" id="Seite_328">[S. 328]</a></span> Quellen an den Hügelabhängen -Feldblumen pflückten, schien sie gleich beim ersten Male zu begreifen, -daß die Quellen von Bergen umgeben seien, und rief aus: Die Berge -drängen sich um die Quellen, um ihr eigenes schönes Spiegelbild zu -betrachten. — Ich weiß nicht, woher sie diese Ausdrücke hatte; doch -ist soviel klar, daß sie ihr von außen zugeflossen sein müssen, da -es für ein des Gesichtes beraubtes Kind wohl schwerlich möglich sein -dürfte, von selbst auf eine solche Vorstellung zu verfallen. In der -Schilderung eines Ausflugs nach Lexington schreibt sie: — Während wir -weiterfuhren, konnten wir sehen, wie die Herrscher des Waldes ihre -stolzen Wipfel zu den kleinen Kindern des Waldbodens niederbeugten, -um den Geheimnissen zu lauschen, die diese ihnen zuflüsterten. Die -Anemone, das wilde Veilchen, das Leberblümchen und die komischen -kleinen aufgerollten Farne schauten uns alle unter den braunen Blättern -hervor an. — Sie schließt ihren Brief mit den Worten: Ich muß zu Bett -gehen, denn Morpheus hat meine Augenlider mit seinem goldenen Stabe -berührt. —</p> - -<p id="Briefe_Feb_1890">Schon zwei Jahre vor dem Zwischenfall mit dem »Frostkönig« hatte Helen -in einem Briefe an Herrn Anagnos (vom 2. und 3. Februar 1890) den -wesentlichen Inhalt eines anderen Märchens von Fräulein Canby, »<span class="antiqua">The -Rose Fairies</span>« als einen Traum erzählt, den sie vor langer Zeit -gehabt habe.<a name="FNAnker_33_33" id="FNAnker_33_33"></a><a href="#Fussnote_33_33" class="fnanchor">[33]</a></p> - -<p class="mbot1">Es mögen nun die beiden Fassungen der Frostmärchen einander -gegenübergestellt werden.<a name="FNAnker_B" id="FNAnker_B"></a><a href="#Fussnote_B" class="fnanchor">[B]</a></p> - -<div class="w90p"> - -<p class="s4 center u mtop2">Die Frostelfen.</p> - -<p class="center">(Aus »Birdie und seine Freunde, die Elfen«)<br /> -von Margaret T. Canby.</p> - -<p>König Frost oder Jack Frost, wie er mitunter genannt wird, wohnt in -einem kalten Lande fern im Norden; aber jedes<span class="pagenum"><a name="Seite_329" id="Seite_329">[S. 329]</a></span> Jahr unternimmt -er eine Reise über die ganze Erde in einem Wagen von goldenen Wolken, -der von einem starken, pfeilschnellen Rosse, »Nordwind« mit Namen, -gezogen wird. Wohin ihn auch sein Weg führt, überall verrichtet er -viele wunderbare Dinge: er schlägt Brücken über jeden Strom, die -so durchsichtig wie Glas und dabei doch so fest wie Eisen sind; er -schläfert die Blumen und Kräuter durch eine bloße Berührung mit seiner -Hand ein, und sie beugen sich alle nieder und versinken in die warme -Erde, bis der Frühling zurückkehrt; dann zaubert er, damit wir um die -Blumen nicht weinen, an unseren Fensterscheiben liebliche Ranken und -Zweige seiner weißen nordischen Blumen oder zarte kleine Wälder von -Elfentannen hin, schlohweiß und gar prächtig anzusehen. Doch sein -wunderbarstes Werk ist die Bemalung der Bäume, die nach Vollendung -der Arbeit aussehen, als wären sie mit dem glänzendsten Gold und den -funkelndsten Rubinen überzogen, und schön genug sind, um uns über die -Flucht des Sommers zu trösten.</p> - -<p>Ich will euch nun erzählen, wie König Frost zuerst auf den Gedanken -an eine solche Arbeit kam, denn es ist eine sonderbare Geschichte. Ihr -müßt wissen, daß dieser König wie<span class="pagenum"><a name="Seite_330" id="Seite_330">[S. 330]</a></span> alle andern Könige große -Schätze von Gold und Edelsteinen in seinem Palaste hatte; da er aber -ein gutmütiger alter Mann ist, hält er seine Reichtümer nicht für immer -verschlossen, sondern sucht mit ihrer Hilfe Gutes zu tun und andere -glücklich zu machen. Er hat zwei Nachbarn, die noch weiter nördlich -wohnen; der eine ist König Winter, ein rauher, unfreundlicher alter -Fürst, der so hart und grausam ist, daß er sich freut, wenn er den -Armen wehe tun und sie zum Weinen bringen kann. Der andere Nachbar aber -ist Santa Claus, ein stattlicher, gutherziger, lustiger alter Mann, der -gern Gutes tut und den Armen sowie den artigen Kindern zu Weihnachten -Geschenke bringt.</p> - -<p>Nun, eines Tages dachte König Frost darüber nach, was er wohl mit -seinem Schatze gutes stiften könne, und entschloß sich einen Teil -seinem freundlichen Nachbar Santa Claus zum Einkauf von Lebensmitteln -und Kleidern für die Armen zu schicken, damit diese nicht so viel zu -leiden hätten, wenn König Winter sich ihren Häusern näherte. So rief -er seine lustigen kleinen Elfen zusammen, zeigte ihnen eine Anzahl von -Gefäßen und Vasen voller Gold und Edelsteine und befahl ihnen, diese -sorgsam nach dem Palaste<span class="pagenum"><a name="Seite_331" id="Seite_331">[S. 331]</a></span> Santa Claus’ zu tragen und sie ihm mit -Empfehlungen von König Frost zu übergeben. Er wird schon wissen, wie -er den Schatz am besten verwenden soll, setzte Jack Frost hinzu; dann -befahl er den Elfen, sich unterwegs nicht aufzuhalten, sondern sein -Gebot rasch auszuführen.</p> - -<p>Die Elfen versprachen Gehorsam und machten sich bald auf den Weg, indem -sie die großen gläsernen Gefäße und Vasen nachschleppten, so gut sie -konnten, und ab und zu ein wenig über die schwere Arbeit brummten; denn -es waren faule Elfen, die lieber spielten als arbeiteten. Schließlich -gelangten sie in einen großen Wald, und da sie ganz ermüdet waren, -beschlossen sie, ein wenig zu rasten und sich nach Nüssen umzusehen, -bevor sie ihre Wanderung fortsetzten. Damit aber der Schatz nicht -gestohlen werden sollte, versteckten sie die Gefäße unter das dichte -Laub der Bäume, indem sie die einen hoch oben in der Nähe der Wipfel, -andere an verschiedenen Stellen der Bäume unterbrachten, bis sie -glaubten, niemand könne sie mehr finden.</p> - -<p>Dann begannen sie, umherzustreifen nach Nüssen zu suchen und auf die -Bäume zu klettern, um die Früchte herunterzuschütteln, und arbeiteten -zu ihrem eigenen<span class="pagenum"><a name="Seite_332" id="Seite_332">[S. 332]</a></span> Vergnügen viel angestrengter, als sie es je -auf das Geheiß ihres Herrn getan hatten; denn es ist eine sonderbare -Tatsache, daß Elfen und Kinder sich niemals über Mühe und Arbeit -beschweren, wenn sie dabei ihre eigene Belustigung im Auge haben, -während sie oft brummen, wenn von ihnen eine Arbeit zum besten anderer -verlangt wird.</p> - -<p>Die Frostelfen waren bei ihrem Nüssesammeln so geschäftig und -ausgelassen, daß sie bald ihren Auftrag und den Befehl des Königs, -sich zu beeilen, vergaßen; als es aber bei ihrem Spiele Mittag wurde, -sahen sie endlich den Grund ein, weshalb ihnen Eile anbefohlen worden -war; denn, obgleich sie ihrer Meinung nach den Schatz sehr sorgfältig -versteckt hatten, so hatten sie ihn doch nicht vor der Gewalt der Frau -Sonne geschützt, die eine Feindin Jack Frosts war und sich freute, wenn -sie ihm einen Schabernack spielen und Schaden zufügen konnte.</p> - -<p>Ihre strahlenden Augen entdeckten bald die Gefäße mit dem Schatze auf -den Bäumen, und da die faulen Elfen sie bis zur Mittagsstunde, wenn -Frau Sonne am stärksten ist, hier gelassen hatten, so begann das zarte -Glas zu schmelzen und zu zerbrechen, und in kurzer Zeit waren alle -Gefäße und Vasen gesprungen oder<span class="pagenum"><a name="Seite_333" id="Seite_333">[S. 333]</a></span> entzwei gegangen, und ebenso -schmolzen die in ihnen enthaltenen kostbaren Schätze und rannen in -Strömen von Gold und Purpur langsam über die Bäume und Sträucher des -Waldes.</p> - -<p>Eine Zeitlang bemerkten die Frostelfen dieses sonderbare Ereignis -nicht, denn sie hatten sich in das Gras gelagert, so weit von den -Wipfeln der Bäume entfernt, daß es lange dauerte, ehe der wunderbare -Schatzregen sie erreichte; endlich aber sagte der eine von ihnen: -Horch, ich glaube, es regnet; ich höre die niederfallenden Tropfen. -Die anderen lachten und erklärten ihm, es regne selten, wenn die Sonne -scheine; als sie aber genauer aufpaßten, hörten sie deutlich, wie im -ganzen Walde die Tropfen von den Bäumen herabfielen und von einem -Blatt zum anderen glitten, bis sie auf die Brombeersträucher, neben -denen die Elfen saßen, herabklatschten. Jetzt entdeckten sie zu ihrem -großen Verdruß, daß die Regentropfen geschmolzene Rubinen waren, die -auf den Blättern erstarrten und sie augenblicklich mit leuchtendem -Rot überzogen. Als sie sich dann die Bäume ringsum genauer ansahen, -bemerkten sie, daß der gesamte Schatz wegschmolz und daß sich ein -großer Teil davon bereits über die Blätter der Eichen und<span class="pagenum"><a name="Seite_334" id="Seite_334">[S. 334]</a></span> -Ahornbäume ergossen hatte, die in ihrem prächtigen Gewande von Gold und -Bronze, Purpur und Smaragd weithin leuchteten. Es gewährte einen sehr -schönen Anblick; aber die faulen Elfen waren über das Unglück, das ihr -Ungehorsam verschuldet hatte, zu sehr, erschricken, als daß sie die -Schönheit des Waldes hätten bewundern können, und im Nu suchten sie -sich in dem Gebüsch zu verstecken, damit König Frost sie nicht finden -und strafen könne.</p> - -<p>Ihre Befürchtungen waren wohlbegründet, denn ihre lange Abwesenheit -hatte den König beunruhigt, und er hatte sich aufgemacht, um nach -seinen lässigen Dienern zu sehen, und eben, als sie sich alle versteckt -hatten, kam er langsam einhergeschritten und sah sich überall nach -den Elfen um. Natürlich bemerkte er bald das Glänzen des Laubes -und entdeckte auch deren Ursache, als er die zerbrochenen Gefäße -und Vasen erblickte, aus denen der geschmolzene Schatz noch immer -heruntertropfte. Und als er zu den Nußbäumen kam und die von den faulen -Elfen zurückgelassenen Schalen und die Spuren ihres Umhertollens -bemerkte, wußte er sofort, was sie angestellt hatten und daß sie ihm -ungehorsam gewesen waren, indem sie bei ihrer Wanderung durch den Wald<span class="pagenum"><a name="Seite_335" id="Seite_335">[S. 335]</a></span> -gespielt und die Zeit versäumt hatten.</p> - -<p>König Frost runzelte die Stirn und machte zuerst ein sehr böses -Gesicht, und seine Elfen zitterten vor Furcht und duckten sich noch -tiefer in ihre Verstecke. In diesem Augenblick aber kamen zwei kleine -Kinder daher gehüpft, und obgleich sie den König Frost und die Elfen -nicht sehen konnten, bemerkten sie doch die prächtige Färbung des -Laubes, lachten vor Entzücken und begannen große Sträuße für ihre -Mutter zu pflücken. Die Blätter sind so schön wie Blumen, sagten sie, -nannten die gelben »Butternäpfchen« und die roten »Rosen« und waren -sehr fröhlich, als sie singend durch den Wald weiter zogen.</p> - -<p>Ihre Freude besänftigte König Frosts Zorn; auch er begann die bemalten -Bäume zu bewundern und sagte schließlich zu sich selber: Meine Schätze -sind nicht verloren, wenn sie kleine Kinder glücklich machen. Ich will -meinen faulen, gedankenlosen Elfen nicht zürnen, denn sie haben mich -eine neue Art, Gutes zu tun, gelehrt. Als die Frostelfen diese Worte -hörten, krochen sie einer nach dem anderen aus ihren Verstecken hervor, -knieten vor ihrem Herrn nieder, gestanden ihre Schuld ein und baten -ihn um Verzeihung. Er war zwar noch eine Weile ungehalten<span class="pagenum"><a name="Seite_336" id="Seite_336">[S. 336]</a></span> und -schalt sie tüchtig aus; bald aber wurde er milder und erklärte, er -wolle ihnen diesmal noch verzeihen; ihre einzige Strafe solle darin -bestehen, daß sie noch mehr Schätze in den Wald tragen und in den -Bäumen verstecken sollten, bis das gesamte Laub mit Hilfe der Frau -Sonne mit Gold- und Purpurfarben bedeckt sei.</p> - -<p>Die Elfen dankten ihm für seine Verzeihung und versprachen, recht -angestrengt zu arbeiten, um seine Huld wiederzugewinnen, und der -gutherzige König nahm sie alle auf seine Arme und trug sie sicher heim -in seinen Palast. Von dieser Zeit an, glaube ich, ist es ein Teil von -Jack Frosts Aufgaben, die Bäume mit den glühenden Farben, die wir -im Herbste erblicken, zu bemalen, und wenn sie nicht mit Gold und -Edelsteinen bedeckt sind, so weiß ich nicht, auf welche Weise er sie so -glänzend macht; wißt ihr es vielleicht?</p> - -<p class="s4 center u mtop2">Der Frostkönig.</p> - -<p class="center">Von Helen A. Keller</p> - -<p>König Frost wohnt in einem schönen Palast fern im Norden, in dem Lande -des ewigem Schnees. Der Palast, der über alle Beschreibung prächtig -ist, war schon vor Jahrhunderten, unter der Regierung des Königs -Gletscher, erbaut. In geringer Entfernung von dem Palaste könnten -wir ihn leicht für ein Gebirge halten, dessen Gipfel sich zum Himmel -erheben, um den letzten Kuß des scheidenden Tages zu empfangen. Wenn -wir aber näher kommen, so werden wir bald unseren Irrtum bemerken. Was -wir für Bergesspitzen hielten, sind in Wahrheit Tausende von weithin -glänzenden Türmen. Nichts kann schöner sein als die Architektur dieses -Eispalastes. Die Wände sind merkwürdigerweise aus massiven Eisblöcken -erbaut, die in klippenartige Türme auslaufen. Das Portal des Palastes -liegt am Ende eines überwölbten Ganges und wird Tag und Nacht durch -zwölf grimmig aussehende Eisbären bewacht.</p> - -<p>Doch, Kinder, ihr müßt dem König Frost bei der ersten Gelegenheit, die -sich euch biet einen Besuch abstatten und euch diesen wundervollen -Palast selber ansehen. Der alte König wird euch freundlich willkommen -heißen, denn er liebt die Kinder, und es ist sein Hauptvergnügen, ihnen -Freude zu bereiten.</p> - -<p>Ihr müßt wissen, daß König Frost wie alle anderen Könige große Schätze -von Gold und Edelsteinen besitzt: da er aber ein freigebiger alter -Fürst ist so so er bestrebt, einen richtigen Gebrauch von seinen -Reichtümern zu machen. So verrichtet er, wohin ihn auch sein Weg -führt, viele wunderbare Dinge; er schlägt Brücken über jeden Strom, -so durchsichtig wie Glas und doch oft so fest wie Eisen; er schüttelt -die Waldbäume, bis die reifen Nüsse lachenden Kindern in den Schoß -fallen; er schläfert mit einer Berührung seiner Hand ein, und damit -wir uns nicht nach den strahlenden Blumengesichtern sehnen, bemalt er -das Laub mit Gold-, Purpur- und Smaragdfarben, und wenn er mit seiner -Arbeit fertig ist, so sind die Bäume so schön, daß wir uns über die -Flucht des Sommers trösten. Ich will euch erzählen, wie König Frost -auf den Gedanken verfallen ist, das Laub zu bemalen, denn es ist eine -sonderbare Geschichte.</p> - -<p>Eines Tages dachte König Frost, während er sein großes Vermögen einer -Durchsicht unterzog und überlegte, was er damit wohl Gutes stiften -könne, mit einem Male an seinen freundlichen alten Nachbar Santa Claus. -Ich will meine Schätze an Santa Claus senden, sagte der König zu sich -selber. Er ist der richtige Mann dazu, sie gut zu verwenden, denn er -weiß, wo die Armen und Unglücklichen wohnen, und sein gütiges altes -Herz steckt immer voller Pläne, sie zu unterstützen. So rief er denn -die lustigen kleinen Elfen seines Hofstaates zusammen, zeigte ihnen -die Gefäße und, Vasen, die seine Schätze enthielten, und befahl ihnen, -sie so rasch wie möglich nach Santa Claus’ Palaste zu tragen. Die -Elfen versprachen Gehorsam und waren im Nu auf und davon, indem sie -die schweren Gefäße und Vasen hinter sich herschleppten, so gut sie -konnten, und ab und zu ein wenig über die schwere Arbeit brummten; denn -es waren faule Elfen, die lieber spielten als arbeiteten. Nach einiger -Zeit kamen sie in einen großen Wald, und da sie müde und hungrig waren, -beschlossen sie ein wenig zu rasten und sich nach Nüssen umzusehen, ehe -sie ihre Wanderung weiter fortsetzten. Da sie aber glaubten, ihr Schatz -könne ihnen inzwischen gestohlen werden, so verbargen sie die Gefäße -in dem dichten grünen Laub der verschiedenen Bäume und waren sicher, -daß niemand sie finden könne. Dann begannen sie lustig umherzustreifen, -um sich Nüsse zu suchen, auf die Bäume zu klettern, neugierig in die -leeren Vogelnester zu schauen und hinter den Bäumen Verstecken zu -spielen. Diese unartigen Elfen waren nun bei ihrem Herumtollen so -geschäftig und so lustig, daß sie ihren Auftrag und ihres Herrn Befehl, -sich zu beeilen, ganz vergaßen, aber bald entdeckten sie zu ihrem -Verdruß, warum ihnen Eile anbefohlen worden war, denn obgleich sie -ihrer Meinung nach den Schatz sorgfältig versteckt hatten, so hatten -die strahlenden Augen der Königin Sonne doch die Gefäße zwischen dem -Laube erspäht, und da sie und König Frost sich über die beste Art, der -Welt Gutes zu tun, nie einigen konnten, so war sie froh, eine gute -Gelegenheit zu haben, ihrem ein wenig rauhen Nebenbuhler einen Streich -zu spielen. Königin Sonne lachte still vor sich hin, als die zarten -Gefäße zu schmelzen und zu zerbrechen begannen. Schließlich waren alle -Gefäße und Vasen gesprungen oder entzweigegangen, und ebenso schmolzen -die in ihnen enthaltenen Edelsteine und rannen in kleinen Strömen über -die Bäume und Sträuche des Waldes.</p> - -<p>Noch bemerkten die faulen Elfen nicht, was sich ereignete, denn -sie hatten sich in das Gras gelagert, und es dauerte lange, ehe -der wunderbare Schatzregen sie erreichte; schließlich aber hörten -sie deutlich, wie die Tropfen gleich einem Regen im ganzen Walde -herabfielen und von einem Blatt zum anderen glitten, bis sie auf die -kleinen Sträucher, neben denen die Elfen saßen, herabklatschten. Jetzt -entdeckten sie zu ihrem Erstaunen, daß die Regentropfen geschmolzene -Rubine waren, die auf den Blättern erstarrten und sie augenblicklich -mit Purpur und Gold überzogen. Dann sahen sie, als sie sich genauer -umblickten, daß ein großer Teil des Schatzes bereits geschmolzen war, -denn die Eichen- und Ahornbäume waren in prächtige Gewänder von Gold-, -Purpur- und Smaragdfarbe gehüllt. Es gewährte einen sehr schönen -Anblick; aber die ungehorsamen Elfen waren zu sehr erschrocken, als daß -sie die Schönheit der Bäume hätten wahrnehmen können. Sie fürchteten, -König Frost könne kommen und sie strafen. So versteckten sie sich denn -zwischen den Sträuchern und warteten schweigend auf das, was sich -ereignen würde. Ihre Befürchtungen waren wohlbegründet, denn ihre -lange Abwesenheit hatte den König beunruhigt, er bestieg den Nordwind -und ritt aus, um seine säumigen Boten zu suchen. Natürlich war er -noch nicht weit gekommen, als er das Glänzen des Laubes bemerkte, und -er erriet rasch die Ursache davon, als er die zerbrochenen Gefäße -bemerkte, aus denen der Schatz noch immer herunter tropfte. Zuerst war -König Frost sehr zornig, und die Elfen zitterten und duckten sich noch -tiefer in ihre Verstecke, und ich weiß nicht, was geschehen, wäre, wenn -nicht gerade in diesem Augenblick eine Schar von Knaben und Mädchen den -Wald betreten hätte. Als die Kinder die Bäume alle in den herrlichen -Farben schimmern sahen, klatschten sie in die Hände, stießen ein -Freudengeschrei aus und begannen sofort große Sträuße zu pflücken, um -sie mit nach Hause zu nehmen. Die Blätter sind so hübsch wie die Blumen! -riefen sie in ihrem Entzücken. Ihre Freude verscheuchte den Zorn aus -König Frosts Herzen und glättete seine gerunzelten Augenbrauen, und -auch er begann die bemalten Bäume zu bewundern. Er sagte zu sich -selber: Meine Schätze sind nicht verloren, wenn sie kleine Kinder -glücklich machen. Meine faulen Elfen und meine grimmige Feindin haben -mich eine neue Art, Gutes zu tun, gelehrt.</p> - -<p>Als die Elfen dies hörten, wurde es ihnen bedeutend leichter ums Herz, -und sie kamen aus ihren Verstecken hervor, gestanden ihre Schuld ein -und baten ihren Herrn um Verzeihung.</p> - -<p>Seit dieser Zeit hat es König Frost stets großes Vergnügen gemacht, -die Blätter mit den glühenden Farben, die wir im Herbste erblicken, zu -bemalen, und wenn sie nicht mit Gold und Edelsteinen bedeckt sind, so -kann ich mir nicht denken, was sie so glänzend macht; könnt ihr es euch -vielleicht denken?</p> - -</div> - -<p class="mtop2">Wenn das Märchen von den »Frostelfen«, bemerkt Fräulein Sullivan zu den -beiden Erzählungen, Helen im Sommer 1888 vorgelesen wurde, so konnte -sie damals noch nicht viel davon verstanden haben, denn sie hatte erst -seit dem März 1887 Unterricht gehabt.</p> - -<p>Ist es möglich, daß die Sprache des Märchens in ihrem Geiste -schlummernd gelegen hat, bis meine Schilderung von der Schönheit -der Herbstlandschaft sie ihr im Jahre 1891 wieder lebendig vor ihr -geistiges Auge brachte?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_337" id="Seite_337">[S. 337]</a></span></p> - -<p id="Rosenelfen">Noch eine andere Tatsache ist in diesem Zusammenhange von großer -Bedeutung. Das Märchen »Die Rosenelfen« war in demselben Bande -erschienen wie »Die Frostelfen« und somit Helen wahrscheinlich um -dieselbe Zeit wie dieses vorgelesen worden.</p> - -<p>Nun spricht Helen in ihrem Briefe vom Februar 1890 (s. oben <a href="#Briefe_Feb_1890">S. 328</a>), -von diesem Märchen Fräulein Canbys als <em class="gesperrt">von einem Traume, den sie -vor sehr langer Zeit als ganz kleines Kind gehabt habe</em>. Sicherlich -werden anderthalb Jahre einem kleinen Mädchen wie Helen als »sehr lange -Zeit« erscheinen; wir haben daher Veranlassung zu der Annahme, daß die -Märchen ihr spätestens im Sommer 1888 vorgelesen worden sein müssen.</p> - -<hr class="r10" /> - -<p>Helen Keller erwähnt (<a href="#Fauntleroy_III">S. 68</a>) einen freundlichen Brief, den ihr Fräulein -Canby geschrieben habe. Auch mit Fräulein Sullivan trat die genannte -Dame in Briefwechsel. So schrieb sie ihr z. B. am 9. März 1892 unter -anderem: „Was für einen wunderbar regen Geist und was für ein treues -Gedächtnis muß dieses begabte Kind besitzen! Hätte sich Helen eines -kurzen Märchens erinnert und es niedergeschrieben, kurz nachdem sie -es gehört hatte, so würde dies schon ein Wunder gewesen sein; aber -das Märchen ein einzigesmal vor drei Jahren gehört zu haben und noch -dazu auf eine Weise, daß weder ihre Eltern noch ihre Lehrerin darauf -zurückkommen und die Erinnerung daran auffrischen konnten, und dann -imstande gewesen zu sein, es so lebendig wiederzugeben und sogar noch -einige selbständige Striche hinzuzufügen, die in völligem Einklang mit -dem übrigen stehen und das Original in der Tat verbessern — das ist -etwas, was sehr wenige Mädchen<span class="pagenum"><a name="Seite_338" id="Seite_338">[S. 338]</a></span> reiferen Alters, die im Besitze aller -Vorteile des Sehens, Hörens und selbst großer schriftstellerischer -Begabung sind, so gut geleistet hätten, wenn sie überhaupt dazu -imstande gewesen wären. Unter diesen Umständen sehe ich nicht ein, -wie irgendjemand so lieblos sein kann, dies ein Plagiat zu nennen; -es ist eine wunderbare Leistung des Gedächtnisses und steht einzig -in seiner Art da. Ich habe viele Kinder gekannt, habe mein ganzes -Leben in ihrer Mitte zugebracht und kenne keinen größeren Genuß, als -mich mit ihnen zu unterhalten, sie zu erheitern und ihre Geistes- -und Charakterzüge ruhig zu beobachten; aber ich entsinne mich keines -Mädchens von Helens Alter, das den gleichen Wissensdurst gehabt und -über dieselbe Fülle literarischer und allgemeiner Bildung sowie über -dieselbe schriftstellerische Begabung verfügt hätte wie Helen. Sie ist -in der Tat ein Wunderkind. Vielen Dank für Helens Tagebuch! Es läßt -mich klarer als zuvor die große Enttäuschung erkennen, die das liebe -Kind zu erdulden gehabt hat. Bitte, sagen Sie ihr, wie sehr ich sie in -mein Herz geschlossen habe und daß sie sich keine Gedanken mehr darüber -machen soll. Niemand darf sagen, sie habe unrecht getan, und eines -Tages wird sie eine große schöne Erzählung oder ein Gedicht schreiben, -das vielen Menschen Freude machen wird. Sagen Sie ihr, ein paar bittere -Tropfen seien in jedermanns Lebenskelch enthalten, und es bleibe uns -nichts anderes übrig, als die bitteren geduldig, und die süßen dankbar -hinzunehmen.“</p> - -<hr class="r10" /> - -<p>Der Zwischenfall hatte, wie aus Helens eigener Darstellung hervorgeht, -auf sie und auf Fräulein Sullivan eine geradezu vernichtende Wirkung. -Letztere fürchtete, der Neigung zur Nachahmung, die in Wirklichkeit -Fräulein Keller zur Schriftstellerin<span class="pagenum"><a name="Seite_339" id="Seite_339">[S. 339]</a></span> gemacht hat, allzugroßen -Spielraum gelassen zu haben. Aber jetzt, da sie auf der Universität -zusammen mit ihrem Zögling in die Geheimnisse des geistigen Schaffens -eingedrungen ist, weiß sie, daß der Stil jedes Schriftstellers und -in der Tat jedes Menschen, mag er gebildet oder ungebildet sein, -eine Erinnerung ist, die sich aus allem, was er gelesen und gehört -hat, zusammensetzt. Der Quellen seines Wortschatzes ist er sich -größtenteils so wenig bewußt wie des Augenblickes, in dem er die -Nahrung zu sich nahm, die einen Teil seines Daumennagels bilden sollte. -Bei der Mehrzahl von uns kreuzen und vermischen sich die Zuflüsse -aus den verschiedensten Quellen. Ein Kind, dem nur wenige Quellen -zur Verfügung stehen, kann das, was es aus jeder einzelnen zieht, -getrennt halten. In dieser Lage war Helen Keller, die den Wortlaut -einer Geschichte, die sie zu der Zeit, als sie ihr vorgelesen wurde, -noch nicht ganz verstand, fast unverändert und ohne Vermischung mit -anderen Vorstellungen in ihrem Geiste bewahrte. Die Bedeutung dieses -Umstandes kann nicht hoch genug bewertet werden. Er liefert den -Beweis dafür, daß der Geist des Kindes Worte in sich aufspeichert, -die es gehört hat, und daß diese hier gleichsam auf der Lauer liegen, -stets bereit, hervorzutreten, wenn der äußere Anreiz dazu eintritt. -Der Grund, weswegen wir diesen Prozeß bei normalen Kindern nicht -wahrnehmen, liegt darin, daß wir sie selten als Ganzes beobachten, und -daß sie ihre geistige Nahrung aus so vielen Quellen beziehen, daß die -Erinnerungsbilder verworren sind und sich gegenseitig aufheben. Das -Märchen vom »Frostkönig« trat jedoch nicht unverändert aus Helens Geist -hervor, sondern war durch die Eigenart des Kindes umgeformt worden -und hatte sich in Worte gekleidet, die aus anderen Quellen stammten. -Der Stil von Helens Fassung ist sogar in manchen Beziehungen besser -als der von Fräulein Canbys Erzählung. Sie weist die naive Phantasie -eines echten<span class="pagenum"><a name="Seite_340" id="Seite_340">[S. 340]</a></span> Volksmärchens auf, während Fräulein Canbys Erzählung -ersichtlich für Kinder von einer älteren Person geschrieben ist, die -die Art und Weise eines Feenmärchens annimmt und didaktische Wendungen -nicht immer vermeidet. Helens Märchen ist in demselben Sinne ein -Original, wie die dichterische Bearbeitung einer alten Sage ein solches -ist.</p> - -<p>Aller Sprachgebrauch beruht auf Nachahmung, und jemandes Stil ist ein -Ausfluß aller Stilarten, die ihm vorgekommen sind.</p> - -<p>Der einzige Weg, ein gutes Englisch schreiben zu lernen, ist der, es zu -lesen und zu hören. Daher kommt es, daß man jedes Kind ein korrektes -Englisch lehren kann, wenn man es kein anderes lesen oder hören läßt. -Bei einem Kinde ist die Scheidung des Besseren von dem Schlechteren -nicht bewußt; es ist der Sklave seiner sprachlichen Erfahrung.</p> - -<p>Der gewöhnliche Mensch wird sich nie von der irrigen Auffassung -losmachen können, daß die Worte dem Gedanken gehorchen, daß man zuerst -denkt und das Gedachte dann in Worte kleidet. Es muß allerdings zuerst -die Absicht, der Wunsch vorhanden sein, etwas auszusprechen, aber der -Gedanke nimmt meistenteils erst dann feste Form an, wenn er in Worte -gekleidet ist; auf jeden Fall wird der Gedanke dadurch, daß er in -Worten ausgedrückt wird, ein selbständiges Gebilde. Worte rufen oft -Gedankengänge hervor, und wer das Wort beherrscht, wird Bedeutenderes -sagen, als er sonst vermöchte. Als Helen Keller den »Frostkönig« -schrieb, sagte sie mehr, als sie selbst glaubte.</p> - -<p>Wer einen Satz aus Wörtern bildet, spricht nicht seine Weisheit aus, -sondern die Weisheit des Volkes, dessen Leben in den Worten enthalten -ist, selbst wenn sie vorher noch nie in dieser bestimmten Weise -zusammengesetzt worden sind. Wer Geschichten schreiben kann, denkt an -zu schreibende Geschichten. Das Medium der Sprache ruft den Gedanken -hervor, den es<span class="pagenum"><a name="Seite_341" id="Seite_341">[S. 341]</a></span> begleitet, und je bedeutender das Medium ist, desto -tiefer sind die Gedanken.</p> - -<p>Gebildet ist der, dessen Ausdrucksweise gebildet ist. Der Träger des -Denkens ist die Sprache, und im Gebrauch der Sprache muß das taube Kind -so gut wie jedes andere unterrichtet werden. Gebt ihm die Sprache, -und es erhält mit ihr das Material, aus dem die Sprache gebildet ist, -das Denken und die Erfahrungen seines Volkes. Die Sprache muß eine -von einem Volke gebrauchte sein, nicht ein Kunstprodukt. Volapük ist -ein Unsinn. Das taube Kind, das nur die Gebärdensprache kennt, bleibt -bei allen Völkern ein Fremdling; seine Gedanken sind nicht die eines -Engländers, eines Deutschen oder eines Franzosen. Das Vaterunser in der -Zeichensprache ist nicht das Vaterunser im Englischen.</p> - -<p>De Quincey sagt in seiner Abhandlung über den Stil, das beste Englisch -finde sich in den Briefen der gebildeten vornehmen Engländerinnen, -weil diese nur einige gute Bücher gelesen haben und nicht durch den -Zeitungsstil, den Jargon der Straße, des Marktes und der öffentlichen -Versammlungen verdorben worden sind.</p> - -<p>Genau diese selben äußeren Umstände kommen für Helen Kellers Englisch -in Betracht. In den ersten Jahren ihrer Erziehung bekam sie nur -gute Sachen zum Lesen; einiges darunter war allerdings trivial und -zeichnete sich auch nicht besonders durch seinen Stil aus, aber -nichts war nach Form oder Inhalt geradezu schlecht. Diese glücklichen -Verhältnisse haben ihr ganzes bisheriges Leben lang angedauert. Sie hat -sich an Werken der Phantasie genährt und aus diesen den Stil großer -Schriftsteller in ihr starkes, zähes Gedächtnis aufgenommen. Als sie -zwölf Jahre alt war, wurde sie gefragt, was für ein Buch sie auf eine -lange Eisenbahnfahrt mitnehmen wolle. »Das verlorene Paradies«, war -ihre Antwort, und sie las das Werk im Zuge.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_342" id="Seite_342">[S. 342]</a></span></p> - -<p>In den Tagen, als Helen den ersten Entwurf ihrer Lebensgeschichte -für den »Youth’s Companion« verfaßte,<a name="FNAnker_34_34" id="FNAnker_34_34"></a><a href="#Fussnote_34_34" class="fnanchor">[34]</a> schrieb ihr <span class="antiqua">Dr.</span> -Holmes: „Ich bin entzückt über den Stil Ihrer Briefe. Es ist nichts -Affektiertes in ihnen enthalten, und da sie Ihnen unmittelbar von -Herzen kommen, so gehen sie auch mir unmittelbar zu Herzen.“</p> - -<p>In den Jahren des Uebergangs vom Kinde zur Jungfrau verlor Helens -Stil seine frühere Schlichtheit und wurde steif und, wie sie sich -selbst ausdrückte, gedrechselt. Damals wurde Fräulein Sullivan oft -von der Furcht befallen, daß die Fortschritte ihrer Schülerin mit dem -Ende der Kindheit aufhören würden. Zuweilen schien es Fräulein Keller -an Geschmeidigkeit zu gebrechen; ihr Gedankengang bewegte sich in -herkömmlichen Redewendungen, und sie schien nicht die Kraft zu haben, -diese zu ändern oder in neue Bahnen zu lenken, und erst als sie die -Kunst des Ausdrucks zum Gegenstand eines bewußten Studiums gemacht hat, -hat sie aufgehört, das Opfer der Phrase zu sein. Charles T. Copeland, -der lange Jahre hindurch Professor der englischen Sprache und Literatur -an der Harvard- und der Radcliffe-Universität gewesen ist, erklärte -einst: „In einigen ihrer Arbeiten hat sie gezeigt, daß sie besser -schreiben kann, als irgend ein Schüler oder eine Schülerin, die ich je -gehabt habe. Sie besitzt ein ausgezeichnetes »Ohr« für den Fluß der -Perioden.“ —</p> - -<p>In allem, was Fräulein Keller geschrieben hat, zeigt sich, wie bei den -meisten großen englischen Schriftstellern, unverkennbar der Einfluß -des Stils der Bibel. In ihrer Selbstbiographie finden sich viele -Zitate aus der Bibel, entweder als gesonderte Einfügungen in den -Text oder in diesen hineinverwoben, während das Ganze ein durchaus -selbständiges Gepräge trägt.<span class="pagenum"><a name="Seite_343" id="Seite_343">[S. 343]</a></span> Ihr Wortschatz umfaßt alle Ausdrücke, die -andere gebrauchen, und die Erklärung dieser Erscheinung und zugleich -das Vernunftmäßige, das darin liegt, muß jedermann einleuchten. Es -liegt kein Grund vor, warum sie alle Wörter, die einen Gehörs- oder -Gesichtseindruck bezeichnen, aus ihrem Wörterbuche streichen sollte. -Solange sie die Wörter richtig gebraucht, sollte man ihr das Recht -einräumen, sie nach freiem Ermessen zu verwenden und dürfte von ihr -nicht verlangen, daß sie sich auf einen Wortschatz beschränke, der -ihrem Mangel an Seh- und Hörvermögen entspreche. In Bezug auf die -Form sowohl wie den Inhalt ihres Buches müssen wir der Künstlerin -zugestehen, was wir der Autobiographin versagen. Dazu kommt, daß für -»wahrnehmen« von den Blinden die Ausdrücke »blicken« und »sehen« -und von den Tauben »hören« gebraucht werden; es sind allgemein -verständliche und gebräuchlichere Wörter. Nur ein Wortklauber könnte -daran denken, den Blinden auf den Terminus »wahrnehmen« festnageln -zu wollen, wenn »sehen« und »blicken« um so viel natürlicher sind -und außerdem allgemein sowohl die Bedeutung des geistigen wie des -sinnlichen Erkennens haben. Wenn Fräulein Keller eine Statue befühlt, -so sagt sie in ihrer natürlichen Ausdrucksweise, während ihre Finger -über den Marmor gleiten: Sie sieht aus wie ein Kopf der Flora. —</p> - -<p>Andererseits ist es richtig, daß sie in ihren Schilderungen das -künstlerisch Beste dann leistet, wenn sie sich streng an ihre eigenen -sinnlichen Wahrnehmungen hält, und genau dasselbe gilt von allen -Künstlern.</p> - -<p>Infolge des Unterrichts in der letzten Zeit hat sie gelernt, ein gut -Teil ihrer herkömmlichen Ausdrucksweise über Bord zu werfen und über -Erfahrungen ihres Lebens zu schreiben, die sie selbst gewonnen hat. Sie -hat mehr und mehr begonnen, den Stil aufzugeben, den sie aus Büchern -entlehnte und<span class="pagenum"><a name="Seite_344" id="Seite_344">[S. 344]</a></span> den sie zu gebrauchen suchte, weil sie wie andere -Menschen zu schreiben wünschte; sie hat gelernt, daß sie das Beste -gibt, wenn sie »fühlt«, wie die Lilien hin- und herschwanken, sich die -Rosen in die Hand drücken läßt und von der Hitze spricht, die für sie -Licht bedeutet.</p> - -<p>Fräulein Kellers Selbstbiographie umfaßt nahezu alles, was sie zu -veröffentlichen beabsichtigte.<a name="FNAnker_35_35" id="FNAnker_35_35"></a><a href="#Fussnote_35_35" class="fnanchor">[35]</a> Es existieren jedoch noch einige -kleinere Aufsätze, die weder so formlos wie ihre Briefe noch so -sorgfältig abgefaßt sind wie ihre Lebensgeschichte. Einer von diesen -enthält Mitteilungen über ihr Traumleben, die bei einer Blinden von -doppeltem Interesse sind; wir lassen ihn daher noch in Uebersetzung -folgen.</p> - -<p class="center">* <span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>„O, die Streiche, die die Nixe von Traumland uns während des Schlafes -spielen! Ich glaube, es sind die Spaßmacher des himmlischen Hofhalts. -Oft nehmen sie die Gestalt von Aufsatzthemen an, um mich zu verspotten, -sie stolzieren auf der Bühne des Schlafes wie die törichten Jungfrauen -einher, nur daß sie anstatt der leeren Lampen saubere Kollegienhefte -in ihren Händen halten. Ein andermal examinieren sie mich kreuz und -quer in allen Fächern, die ich je studiert habe, und stellen Fragen an -mich, die so leicht zu beantworten sind, wie die folgende: Wie hieß -die erste Maus, über die sich Hippopotamos, der Satrap von Cambridge -unter Astyages, dem Großvater Kyros’ des Großen, ärgerte? Ich wache vor -Entsetzen auf, während mir noch die Worte in den Ohren klingen: Eine -Antwort oder das Leben!</p> - -<p>Solchergestalt sind die verzerrten Phantasien, die durch die Seele -eines Mädchens ziehen, das die Universität besucht<span class="pagenum"><a name="Seite_345" id="Seite_345">[S. 345]</a></span> und, wie ich -es tue, in einer Atmosphäre von Ideen und Begriffen lebt, die halb -Gedanken, halb Gefühle sind, die sich gegenseitig drängen und jagen, -bis man beinahe verrückt wird. Ich habe selten Träume, die nicht im -Zusammenhange mit dem stehen, was ich wirklich denke und fühle; aber -eines Nachts schien sich meine ganze Natur verwandelt zu haben, und -ich stand als mächtiger, furchtbarer Mann vor den Augen der Welt da. -Selbstverständlich liebe ich den Frieden und hasse den Krieg nebst -allem, was zum Kriege gehört; in der blutbefleckten Laufbahn Napoleons -erblicke ich nichts Bewundernswertes, abgesehen von seinem Ende. -Nichtsdestoweniger war in jener Nacht der Geist jenes mitleidslosen -Menschenschlächters in mich gefahren! Ich werde es nie vergessen, -wie die Kampfeswut in meinen Adern tobte — es schien, als wolle das -stürmische Schlagen meines Herzens mir den Atem nehmen. Ich ritt einen -feurigen Renner — ich kann noch jetzt das ungeduldige Emporwerfen -seines Kopfes und den Schauer fühlen, der beim ersten Kanonendonner -durch seinen Körper rann.</p> - -<p>Von dem Gipfel des Hügels aus, auf dem ich stand, sah ich meine Truppen -über eine sonnenbeschienene Ebene anstürmen wie zornige Wellen, -und als sie sich bewegten, erblickte ich das Grün der Felder, das -aussah wie die kühlen Täler zwischen den Wogen. Trompeten erklangen -mitten in den unaufhörlichen Trommelwirbel und den Massenschritt der -heranmarschierenden Bataillone hinein. Ich spornte mein schnaubendes -Roß, schwang mein Schwert in die Höhe und rief: Ich komme! Blickt auf -mich, Krieger — Europa! Ich stürzte mich in die heranbrausenden Wogen -wie ein starker Schwimmer in die Brandung taucht und stieß — ach, es -ist die Wahrheit! — gegen den Bettpfosten.</p> - -<p>Jetzt schlafe ich selten, ohne zu träumen; bevor aber Fräulein Sullivan -zu mir kam, waren meine Träume selten<span class="pagenum"><a name="Seite_346" id="Seite_346">[S. 346]</a></span> und mit Ausnahme derer von rein -physischer Natur, gedankenarm und zusammenhanglos. In meinen Träumen -fiel stets etwas plötzlich und schwer herab, und mitunter schien mich -meine Wärterin für mein unfreundliches Benehmen, das ich im Laufe des -Tages gegen sie gezeigt hatte, zu züchtigen und mir meine Fußtritte und -mein Kneifen mit Wucherzinsen heimzuzahlen. Ich fuhr aus meinem Schlafe -empor unter verzweifelten Anstrengungen, meiner Peinigerin zu entgehen. -Ich aß sehr gern Bananen und eines Nachts träumte mir, ich fände eine -lange Schnur mit diesen Früchten in dem Speisezimmer, in der Nähe des -Buffets, alle geschält und von köstlicher Reife, und alles, was ich zu -tun hatte, war, daß ich mich unter die Schnur stellte und aß, soviel -ich konnte.</p> - -<p>Nachdem Fräulein Sullivan zu mir gekommen war, träumte ich umso öfter, -je mehr ich lernte; aber mit dem Erwachen meines Geistes stellten -sich oft schreckhafte Phantasien und unbestimmte Furchtanwandlungen -ein, die meinen Schlaf lange Zeit zu einem sehr unruhigen machten. -Ich fürchtete mich vor der Dunkelheit und liebte das Kaminfeuer. -Sein warmer Hauch kam mir wie die Liebkosung einer Menschenhand vor, -ich glaubte wirklich, es sei ein beseeltes Wesen, imstande, mich zu -lieben und zu beschützen. An einem kalten Winterabend war ich allein -in meinem Zimmer. Fräulein Sullivan hatte das Licht gelöscht und war -fortgegangen, in der Meinung, ich schliefe schon. Mit einem Male fühlte -ich mein Bett erzittern, und es war mir, als spränge ein Wolf auf mich -zu und heulte mich an. Es war nur ein Traum, aber ich hielt ihn für -Wirklichkeit und geriet in das größte Entsetzen. Ich wagte nicht zu -schreien, aber ich wagte auch nicht im Bett zu bleiben. Vielleicht war -der Traum eine verworrene Erinnerung an das Märchen vom Rotkäppchen, -das ich vor kurzem gehört hatte. Jedenfalls schlüpfte ich aus dem -Bett und kauerte mich dicht<span class="pagenum"><a name="Seite_347" id="Seite_347">[S. 347]</a></span> neben dem Feuer nieder, das noch nicht -ausgebrannt war. Sobald ich seine Wärme fühlte, war ich beruhigt, und -ich saß lange Zeit da und sah es in leuchtenden Wogen höher und immer -höher steigen. Schließlich übermannte mich der Schlaf, und als Fräulein -Sullivan zurückkehrte, fand sie mich in eine Decke gehüllt am Herde -liegen.</p> - -<p>Oft, wenn ich träume, ziehen Gedanken durch meinen Sinn wie vermummte -Schatten, schweigend und in weiter Ferne, und verschwinden dann. -Vielleicht sind es die Geister von Gedanken, die einst den Geist eines -Vorfahren von mir bevölkerten. Zu anderen Zeiten fallen die Dinge, -die ich gelernt habe, und die, in denen ich unterrichtet worden bin, -von mir ab, wie die Eidechse ihre Haut abstreift, und ich erblicke -dann meine Seele so, wie Gott sie sieht. Es gibt auch schöne, seltene -Augenblicke, in denen ich im Traumland sehe und höre. Wie, wenn in -meinen wachen Stunden ein Ton durch die schweigenden Hallen des Gehörs -erklänge? Wie, wenn ein Strahl des Lichtes durch die dunklen Gemächer -meiner Seele blitzte? Was würde sich dann ereignen? frage ich mich -immer und immer wieder. Würde die allzustraff gespannte Saite des -Lebens springen? Würde das Herz, überwältigt von freudigem Schreck, -infolge des Uebermaßes von Glück aufhören zu schlagen?</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_29_29" id="Fussnote_29_29"></a><a href="#FNAnker_29_29"><span class="label">[29]</span></a> -Vergl. <a href="#Vierzehntes_Kapitel">S. 62 ff.</a></p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_30_30" id="Fussnote_30_30"></a><a href="#FNAnker_30_30"><span class="label">[30]</span></a> Gemeint ist der Beitrag Fräulein Sullivans zu dem von dem -genannten Bureau herausgegebenen »Souvenir Helen Keller« (vergl. -<a href="#Zweiter_Aufsatz">S. 205</a>).</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_31_31" id="Fussnote_31_31"></a><a href="#FNAnker_31_31"><span class="label">[31]</span></a> Fräulein Sullivan führt in ihrem Aufsatze folgendes an: -Im Laufe des Winters (1891/92) ging ich mit Helen einmal während eines -leichten Schneegestöbers in den Hof und ließ sie die herunterfallenden -Flocken befühlen. Sie schien sich darüber sehr zu freuen. Als wir -wieder hineingingen, äußerte sie folgende Worte: <span class="antiqua">Out of the -cloud-folds of his garments Winter shakes the snow</span>. Ich fragte sie, -wo sie dies gelesen habe, sie erwiderte, sie könne sich nicht erinnern, -es gelesen zu haben, und schien sich auch nicht zu entsinnen, daß ihr -die Worte von irgend jemand mitgeteilt worden seien. Da ich selbst -diese Worte nie gehört hatte, fragte ich mehrere meiner Bekannten, ob -sie sich ihrer erinnern könnten; doch schien dies bei niemand von ihnen -der Fall zu sein. Die Lehrer des Instituts versicherten, daß diese -Stelle sich in keinem in Hochdruck hergestellten Buche der Bibliothek -befinde; aber eine Dame, Fräulein Marret, unterzog sich der Aufgabe, -mit gewöhnlichen Typen gedruckte Gedichtsammlungen durchzusehen, -ihre Mühe wurde auch belohnt, sie fand in einem der kleinen Gedachte -Longfellows mit dem Titel: »<span class="antiqua">Snow-flakes</span>« -folgende Verse: </p> - -<div class="poetry-container antiqua"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Out of the bosom of the air,</div> - <div class="verse">Out of the cloud-folds of her garments shaken,</div> - <div class="verse">Over the woodlands brown and bare,</div> - <div class="verse">Over the harvest-fields forsaken,</div> - <div class="verse">Silent, and soft, and slow,</div> - <div class="verse">Descends the snow.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Es scheint, daß irgendjemand Helen diese Verse des Dichters einmal -mitgeteilt hat und daß sie ihr im Gedächtnis haften geblieben sind bis -sie sich heute früh bei dem Schneetreiben ihrer wieder erinnerte.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_32_32" id="Fussnote_32_32"></a><a href="#FNAnker_32_32"><span class="label">[32]</span></a> -<a href="#Bezug_Andersen">S. 157 ff.</a></p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_33_33" id="Fussnote_33_33"></a><a href="#FNAnker_33_33"><span class="label">[33]</span></a> -Vergl. <a href="#Rosenelfen">S. 337.</a></p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_34_34" id="Fussnote_34_34"></a><a href="#FNAnker_34_34"><span class="label">[34]</span></a> -Siehe <a href="#Youth_s_Companion">S. 73 ff.</a></p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_35_35" id="Fussnote_35_35"></a><a href="#FNAnker_35_35"><span class="label">[35]</span></a> Im Jahre 1905 erschien ein größerer Essay von ihr, -»<span class="antiqua">Optimism</span>«.</p> - -</div> - -</div> - -<hr class="r10" /> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of Project Gutenberg's Die Geschichte meines Lebens, by Helen Keller - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GESCHICHTE MEINES LEBENS *** - -***** This file should be named 62735-h.htm or 62735-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/2/7/3/62735/ - -Produced by Norbert H. 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It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at -http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at -809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email -business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact -information can be found at the Foundation's web site and official -page at http://pglaf.org - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To -SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any -particular state visit http://pglaf.org - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. -To donate, please visit: http://pglaf.org/donate - - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic -works. - -Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm -concept of a library of electronic works that could be freely shared -with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project -Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. - - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. -unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - http://www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - -</pre> - -</body> -</html> diff --git a/old/62735-h/images/cover.jpg b/old/62735-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index dec6c02..0000000 --- a/old/62735-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/62735-h/images/faksimile.jpg b/old/62735-h/images/faksimile.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 4982a8f..0000000 --- a/old/62735-h/images/faksimile.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/62735-h/images/frontispiz.jpg b/old/62735-h/images/frontispiz.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 9fcf3ab..0000000 --- a/old/62735-h/images/frontispiz.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/62735-h/images/frontispiz_gross.jpg b/old/62735-h/images/frontispiz_gross.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 17dca65..0000000 --- a/old/62735-h/images/frontispiz_gross.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/62735-h/images/img_p005.jpg b/old/62735-h/images/img_p005.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 1039419..0000000 --- a/old/62735-h/images/img_p005.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/62735-h/images/img_p039.jpg b/old/62735-h/images/img_p039.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 1ba6c22..0000000 --- a/old/62735-h/images/img_p039.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/62735-h/images/img_p084.jpg b/old/62735-h/images/img_p084.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 48436b8..0000000 --- a/old/62735-h/images/img_p084.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/62735-h/images/img_p132.jpg b/old/62735-h/images/img_p132.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index a2006e4..0000000 --- a/old/62735-h/images/img_p132.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/62735-h/images/img_p170.jpg b/old/62735-h/images/img_p170.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 21ab62d..0000000 --- a/old/62735-h/images/img_p170.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/62735-h/images/img_p186.jpg b/old/62735-h/images/img_p186.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 32c6f88..0000000 --- a/old/62735-h/images/img_p186.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/62735-h/images/img_p192.jpg b/old/62735-h/images/img_p192.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 36035b3..0000000 --- a/old/62735-h/images/img_p192.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/62735-h/images/signet.jpg b/old/62735-h/images/signet.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index eb04b53..0000000 --- a/old/62735-h/images/signet.jpg +++ /dev/null |
