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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: »Meine Brüder im stillen Busch, in Luft und Wasser« - -Author: Martin Braeß - -Release Date: June 2, 2020 [EBook #62311] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK »MEINE BRÜDER IM STILLEN *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text - ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist - ~so markiert~. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - »Meine Brüder - im stillen Busch, in Luft - und Wasser« - - von - - Martin Braeß - - 4. Band der Heimatbücherei - des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz - Dresden 1923 - - - - - Otto Wigand'sche - Buchdruckei in - Leipzig - - - - - Den Deutschen in Nordböhmen - - als Dank für ihre - dem Landesverein »Sächsischer Heimatschutz« - in schwerer Zeit geleistete Hilfe - - - - -Inhalt - - - Das Tier im Landschaftsbild unserer Heimat 5 - - Die volkstümlichsten Tiere der deutschen Märchen und Fabeln 41 - - Allerlei Fischräuber, bepelzt und befiedert 75 - - Malepartus, die Raubburg und Kinderstube von »Reinke de Vos« 109 - - Swinegel un sine Sippschaft 120 - - Vogelnester 148 - - Im Teichgebiet der sächsischen Lausitz 161 - - Die heimatliche Vogelwelt im deutschen Volksglauben 179 - - Schutz den schutzlosen Kriechtieren und Lurchen! 201 - - Sechsbeinig, achtbeinig und ohne Beine 230 - - - - -Das Tier im Landschaftsbild unserer Heimat - - -Das Leben auf unserer Erde kennt keine Schranke, kein Grenzstein -ist ihm gesetzt. Und es sind nicht nur die niedrigsten Lebewesen, -einzellige Algen, Pilze, Infusorien, die sich sozusagen überall -einstellen, nein, wenigstens von der Tierwelt gilt es, daß sich gerade -ihre höchsten Vertreter, die _Wirbeltiere_, die ganze Welt erobert -haben. - -Aus den größten Tiefen der Ozeane, wo längst keine Pflanze mehr -gedeiht, wo ewige Finsternis herrscht, bis auf die Flammen, die -sich die Tiere selbst anzünden, hat man eine erstaunliche Artenzahl -wohlorganisierter Fische ans Licht befördert, und hoch über der -Waldgrenze der Gebirge, wo nur noch kurzrasiges Gras an dem Steilhang -emporklettert und niedrige Alpenblumen ihre farbensatten Sterne dem -Sonnenstrahl öffnen, ja noch höher droben, wohin keine blühende Pflanze -mehr folgt, wo der zackige Felsengrat nackt und tot aus dem Firnschnee -zum Himmel emporstarrt, da haftet der Fuß der flüchtigen Gemse, des -Steinbocks, da pfeift im Steintrümmermeer das Murmeltier vor seiner -Höhle. Über allem Irdischen aber, an der blauen Glocke des Himmels, -schwebt in erhabener Ruhe der Adler, der König der Lüfte. - -In solcher Einsamkeit _herrscht_ dann das Tier als einzige Staffage der -Landschaft: der nackten Felsenzinnen oder des einförmigen Wüstensandes, -der weiten Meeresfläche oder des unermeßlichen Luftozeans, und nirgends -sonst erreicht der Eindruck des Lebendigen solche Stärke. - -Im übrigen aber vermag die Tierwelt nur in besonderen Ausnahmefällen -der Landschaft einen bestimmten Wesenszug aufzuprägen; sie tritt in -dieser Beziehung hinter der Pflanzenwelt weit zurück. Diese ist es, die -das Bild beherrscht; an ihr haftet das Auge. - -Düster, in blauschwärzlicher Färbung schaut der Nadelwald von den -Höhen herab auf die Ebene, wo unter der weißen Decke das Samenkorn -schlummert. Halbverschneite Hecken am Wege, ein einzelner Baum am -Rain, ein kleines Feldgehölz, das seine kahlen Äste und Zweiglein zum -bleigrauen Himmel erhebt, abgestorbene Stauden, deren Samenrispen -zwischen den Schneewehen emporragen, erhöhen den Eindruck der -Einsamkeit. Totenstille in der Natur. - -Die freundliche Au, vom gewundenen Bächlein durchfeuchtet, hat der -Frühling mit tausend Blüten geschmückt; lebensfroh schauen sie zum -Lichte empor. Vergißmeinnicht: ihr Blau ein Abbild des Himmels; -Löwenzahn, Ranunkulus, Dotterblume: goldenen Sonnen vergleichbar. Aus -den alten Weidenstümpfen streben rötliche Triebe empor mit gelbgrünen -Schmalblättern, während das Erlengestrüpp sein junges, glänzendes -Laub über das plätschernde Wasser ausbreitet, in dem sein Spiegelbild -zittert wie vor Erwartung seligster Lust. - -Vom stahlblauen Himmelsgewölbe strahlt die Julisonne herab auf die -Fruchtebene. Ein einziges Getreidefeld, wohin man nur schaut. Die -braungoldenen Weizenähren wogen wellenförmig im heißen Lufthauch, der -tosend über sie hinstreicht. Ein Bild der einförmigen Steppe; kein -Baum, kein Strauch. Hier herrschen die Fruchtgräser, von der Hand des -Landmanns angebaut. Nur am Rain glüht es rot, großblütiger Mohn, und -tiefblau schaut die Zyane aus dem lichtgelben Halmenmeer hervor. - -Der herbstliche Laubwald: in allen Farben und Tönen glänzt es und -gleißt es, vom zartesten Rosa bis zum sattesten Rot, vom lichtesten -Gelb bis zum tiefsten Bronzeton. Und wenn die goldne Oktobersonne vom -wolkenfreien Himmel herab all die Farbenflecke mit einer Fülle von -Licht, von brennender Glut überschüttet, wenn sie lange Schlaglichter -tief in den Wald wirft und helle Zitterkringel auf den Boden malt, daß -auch das abgestorbene Laub noch einmal aufleuchtet: ein Farbenbild von -wunderbarem Reiz, ein Farbeneinklang, der nicht seinesgleichen hat. - -Im Kreislauf des Jahres die _Pflanzenwelt_ ist's, die unsern -heimatlichen Landschaftsbildern ein ganz bestimmtes Gepräge verleiht. -Ihr ordnet sich alles unter, selbst der geologische Aufbau des Bodens, -der doch gleichfalls von allergrößter Bedeutung ist. Das _Tier_ aber -erscheint dem gegenüber als eine viel weniger wichtige Zugabe zum -Landschaftsbild, mehr zufällig bloß; man achtet seiner, nur weil man's -gerade bemerkt. Fehlte es, der Anblick, der ganze äußere Eindruck -wäre dennoch der gleiche; nur in besonderen Fällen wird man sich der -fehlenden Tierwelt als eines wirklichen Mangels der Landschaft bewußt. - -Und doch, wo immer es sei: ob sich die Pflanzenwelt in Macht und -Fülle aufbaut, daß die Baumriesen ihre Äste und Zweige zu gotischem -Dach über dem Wanderer wölben, oder ob nur spärliche Gräser die weite -Fläche dürftig bedecken; zu welcher Jahreszeit immer: ob der Winter -seine Herrschaft führt, daß der Waldbach, in eisige Fesseln gebannt, -nur leise plätschernd unter dem starren Panzer dahinmurmelt und der -Stamm des Hochwaldes vor Frost tiefächzend zersplittert; zu welcher -Stunde des Tages auch: ob die Mittagsglut auf der Flur liegt, drückend -schwül, kein atmendes Lüftchen, ob der Mond sein silbernes Licht -über den schlafenden Waldsee ergießt oder ob Morgennebel das Tal in -dichte Schleier hüllen -- nur ein einziges Tier in solchem Bild, ein -einziger Schrei oder Ruf, die Strophe nur eines Vögleins, und sofort -wird der Reiz der Landschaft erhöht, der ganze Eindruck in einer Weise -gesteigert, daß wir das Bild vor uns wie mit einem Schlage in ganz -anderem Lichte sehen. - -Woher dieser Zauber? Wir sind nicht mehr allein, nicht mehr die -einzig fühlende Brust; ein anderes Wesen nimmt teil an dem, was unsre -Sinne schauen, unser Herz bewegt. Das _Tier_ ist's, durch das Mutter -Natur zu uns redet, das beseelte Geschöpf. Seine Erscheinung, sein -Leben und Treiben, sein Ruf, seine Stimme: das ist der uns Menschen -verständlichste Ausdruck im Reiche der Schöpfung. - -Der nächtliche Sternenhimmel redet eine erhabene Sprache -- ach, -wie klein ist der Sterbliche doch, der andächtig zu den tausend und -abertausend funkelnden Sonnen emporschaut! Das Meer braust heran, -Woge auf Woge, ewig, gewaltig, unermeßlich, furchtbar im Sturm -- -eine Nußschale der riesige Dampfer, das Menschenleben ein Nichts. -Der massige Fels erzählt uns seine Geschichte aus nebelhaft grauer -Vorzeit, wie ihn die bebende Erde gebar, wie Jahrmillionen ihn formten, -auch das Unvergänglichste wandelnd -- wer versteht seine Sprache, -die uns allen so fremd ist! Der Krystall funkelt und gleißt, in -spiegelblanken Flächen bricht sich das Licht -- aber er spricht von -starren, toten Gesetzen. - -_Nur das Leben redet zum Leben in lebendiger Sprache_, in unsrer -Sprache, in der Muttersprache, die allen eignet, die niemand erlernt, -keiner zu erlernen braucht, die man nicht begreift mit dem Verstande, -sondern die uns von Anfang an innewohnt, tief im fühlenden Herzen. -Der Wald spricht mit uns, die einsame Wettertanne auf erhabener -Felsenwacht, die Blume am Bachesrand, das flüsternde Schilf, die -Heckenrose am Wege -- aber: »Fleisch von unserm Fleisch und Bein von -unserm Bein«, das gilt doch noch in weit höherem Grade von den Tieren, -von unsern »Brüdern«, wie sie Goethe in jenem bekannten Wort an den -»erhabenen Geist« nennt: - - »Du führst die Reiche der Lebendigen - Vor mir vorbei und lehrst mich meine Brüder - Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.« - -Die Sprache des Tieres, der Ausdruck seines Fühlens, seines Wollens -ist unsrer Sprache verwandt; dem Tiere schreiben wir, wie uns selbst, -eine Seele zu, die erkennt, die fürchtet und hofft, die liebt und -haßt. Und wenn uns der Verstand auch immer wieder zuruft, daß das -Geschöpf nicht anders handeln kann, als es handelt, daß es einem -inneren Triebe folgt, einer Naturnotwendigkeit, und daß der Tierfreund -in tausend Fällen die eignen Empfindungen und Gefühle erst in die -Brust des Tieres hineinträgt und so das Tier bis zu gewissem Grade -vermenschlicht -- warum, so frage ich, sollen wir das, was wir sehen, -nicht in unsre Sprache übersetzen? warum sollen wir absichtlich den -Eindruck zerstören, den eine sinnige Naturbetrachtung auf jedes -unverdorbene Gemüt ausübt? Der strengen Wissenschaft mag ihr Recht -bleiben, aber auch dem schlichten Naturfreund, der es im Verkehr mit -seinen Lieblingen alltäglich erfährt, daß wenigstens das höhere Tier -keineswegs eine bloße Maschine ist, ebensowenig wie der Mensch ein -willenloses Rädchen im Uhrwerk des Weltgetriebes. - -Zwischen unserm eignen Leben und dem Leben der höheren Tiere bestehen -innere Beziehungen, die schon das Kind, ja dieses vielleicht noch mehr -als der Erwachsene empfindet, und diese Fäden, die wir hinüberspinnen -zu jedem beseelten Wesen, sie sind, wenn mich mein Naturempfinden nicht -täuscht, die eigentliche, die tiefste Ursache für die _hohe Bedeutung -des Tieres im Landschaftsbild_ -- ganz gleich, ob das Lebewesen durch -seine Bewegung das Auge auf sich lenkt, ob es durch seine Färbung uns -ergötzt, durch seine Stimme unsre Aufmerksamkeit fesselt, ob es einzeln -auftritt und so den Eindruck der Einsamkeit verstärkt, oder ob ganze -Scharen das Bild beleben. - -Ach, wieviel würde uns fehlen, wenn wir durch unsern deutschen -Frühlingswald gingen und kein Vöglein würde sein Lied anstimmen, kein -Kuckucksruf, kein Trommeln der Spechte, wenn am Sommerabend kein Reh -zur Äsung auf die Waldwiese oder das Kleefeld träte, wenn die bunten -Falter nicht mehr über den Wiesenblumen gaukelten, am schilfbewachsenen -Teich der Chor der Frösche für immer verstummt wäre, wenn die -wandernden Vogelscharen nicht mehr am herbstlichen Himmel gen Süden -zögen, oder wieviel trauriger noch und öder unser nordischer Winter, -wenn die schneebedeckten Felder und das Geäst des entblätterten Baumes -nicht belebt wären von unsern gefiederten Freunden, die der Herrschaft -des rauhen Gewalthabers trotzen! - - * * * * * - -Keine Klasse des Tierreichs vermag das Landschaftsbild auch nur -annähernd so reizvoll zu beleben, wie die muntere Schar der _Vögel_. -Der Flug durch die Lüfte -- nicht an die Scholle gebunden wie -Vierfüßler oder Kriechtiere, sondern frei und froh, Überwinder der -irdischen Schwere -- dazu die auffallende Stimme, von dem zweisilbigen -Lockruf der Bachstelze oder dem einfachen Liedchen der Haubenlerche -an bis zu dem seelenvollen Gesang der Nachtigall und dem jauchzenden -Überschlag des Plattmönchs: das sind die Gaben, mit denen Mutter Natur -ihre und unsre Lieblinge wie kein anderes ihrer Geschöpfe ausgezeichnet -hat. Und durch diese beiden Eigenschaften tragen die Vögel an erster -Stelle zur Belebung des Landschaftsbildes bei. - -_Der freie Flug!_ Fühlt nicht jeder das Walten der Schönheit, wenn die -Möwenschwärme den meerumbrandeten Küstenfelsen umkreisen, wenn die -Schwalbe niedrig über dem glitzernden Dorfteich dahinschießt, ihre -Brust flüchtig ins Naß tauchend, um dann blitzschnell emporzusteigen, -höher als die schlanken Pappeln am Uferrand, wenn die Dohlen das alte -Gemäuer des Stadtturms umschwärmen, die Kiebitze über der feuchten -Wiese ihre Flugkünste zeigen, wenn der Kuckuck falkenartig von einem -Talhang zum andern hinüberwechselt, die langschwänzige Elster wie ein -Bolzen die Luft durchschneidet, oder der kleine Baumpieper von einem -Ästchen aus schief emporsteigt und sich dann in schön geschwungenem -Bogen wieder zu seinem Lieblingsplätzchen herabläßt! - -Und erst der _Raubvogel_, der König der Lüfte! Ob es ein Adler ist, -der stolz wie ein Flugzeug auf ausgebreiteten Schwingen ohne jede -Bewegung durch den Luftozean gleitet, oder ein niedliches Fälkchen, -das im Morgenglanz rüttelnd sein Spiel treibt, ein Wanderfalk, der in -rasendem Flug seiner sicheren Beute nachstürzt, der mächtige »Auf«, -der im Mondlicht lautlos durch sein Revier zieht, daß sein riesiger -Schatten gespensterhaft über die Geröllhalden und die waldumgrenzte -Gebirgswiese gleitet, oder nur ein Schleierkauz, der am dämmernden -Abend weichen Flugs über dem Sturzacker schwebt: der Anblick jedes -Raubvogels in der freien Natur löst in uns immer ein besonders starkes -Gefühl aus. Vielleicht weniger -- ich gebe es zu -- weil das Malerische -der Landschaft durch solch stolze Erscheinung gesteigert wird, als -vielmehr aus dem Grunde, weil wir uns dabei bewußt werden, noch einen -Ausschnitt, einen letzten Rest urwüchsiger Natur in unsrer leider so -verarmten Heimat vor uns zu haben. Ein Flugzeug -- ein Adler, hoch, -hoch im weiten Himmelsraum: vielleicht ist der Anblick ganz ähnlich, -aber die Wirkung auf den Beschauer, der zu beiden emporblickt, im -tiefsten Grunde verschieden! Dort stolze Bewunderung, daß es dem -Menschen gelungen ist, seinen Fuß von der Scholle zu lösen und sich -ins Reich der Lüfte zu schwingen; hier edle Freude an reiner, starker -Natur, ein Gottseidank, daß sie doch noch nicht völlig aus unserm -Lande, aus unsrer Zeit gewichen ist. Welcher Eindruck der stärkere -ist, das hängt ganz vom Beschauer selbst ab. - -Am sonnigen Frühlingsmorgen zwei _Steinadler_ über der Ebene, aus der -gegen Mittag die bayrischen Alpen aufsteigen. In schönen Spiralen -schraubt sich das Paar höher und höher, ohne Flügelschlag einander -umkreisend; bald schwebt dieser, bald jener über seinem Genossen. Den -Hochzeitsreigen üben die mächtigen Vögel; er trägt sie in unermeßliche -Höhen, daß sie dem Auge nur noch wie dunkle Punkte erscheinen. Schnell -wie der Blitz dann herab; jetzt ruhiges Schweben, und jetzt so -mächtiges Schlagen der stählernen Schwingen. - -Vom Fels zum Meer! Auf niedriger Düne stehend, begrüß' ich die Ostsee. -Nichts, nichts zu sehen als die unbegrenzte tiefgrüne See, deren -weiße Wellenkämme in endloser Folge heranrollen, und der weite Himmel -darüber -- kein Dampfer, kein Segel. Schnurgerade streckt sich die -Düne, mit Sandhafer nur dürftig bewachsen; hinter ihr Buchenwald und -ein paar Strandkiefern. Eine einzelne Seeschwalbe, ein Krähenpaar, -eine weiße Bachstelze am Strand -- aber sie sind nicht imstande, das -Gefühl der Einsamkeit und der endlosen Größe von Sand und Wasser zu -mildern. Plötzlich ein Schrei, und gleich braust es heran, dicht über -mir der gewaltige _Seeadler_. Er umkreist mich so niedrig, daß ich jede -einzelne Schwinge, die goldgelben Augen, das spitze, weißliche Gefieder -an Hals und Nacken, die orangefarbenen Fänge mit ihren schwarzen -Krallen ganz deutlich erkenne. Weiß leuchtet der Stoß. Da, noch ein -zweiter Adler, das etwas kleinere Männchen; mit hellem Schrei stürzt es -herbei. - -Ich bin in das Gebiet der Gewaltigen eingedrungen; eine hohe Kiefer -trägt ihren Horst. Wo ich auch stehe, die Adler umkreisen mich, -immer aufgeregt schreiend. Schwerfälliger ist ihr Flug als der des -Steinadlers, aber mächtig der Eindruck, mächtig und kraftvoll wie das -Astwerk der noch blattlosen Buchen, wie die rotbraunen Stämme der -uralten Föhren, gewaltig wie die Wogen der brausenden See: ein Bild -urwüchsiger Kraft. - -Auf der Seenplatte, die Norddeutschland von Ostpreußen bis Holstein -durchzieht, haust noch ein anderer Adler. Nicht zu den Größten -gehört er unter den Großen, aber er ist der Edelsten einer des edlen -Geschlechtes. Ein herrlicher Anblick, wenn der _Fischadler_ über -seinen Jagdgründen schwebt! Kaum hebt sich am Morgen der wallende -Nebel über dem dunkeln Waldsee, so erscheint, langsam die Fittiche -schwingend, der stolze Fischer über seinem Jagdgrund! Er senkt sich in -schöner Schraubenlinie herab und umkreist dann den See. Jetzt hemmt -er den Flug; wie ein Falke hängt er im Luftraum. Einen Fisch hat sein -Adlerauge entdeckt. Plötzlich, mit vorgestreckten Fängen stürzt er ins -Wasser; aber noch ehe die Wellenkreise das nahe Ufer erreicht haben, -erscheint der kühne Taucher schon wieder, den Flossenträger in den -wehrhaften Klauen. Die Wassertropfen schüttelt er vom Gefieder; dann -fliegt er heim nach seinem Horst. Still ruht wieder der Waldsee. - -Soll ich noch weiter Bilder entwerfen von dem gaukelnden Spiel der -_Turmfalken_ über den Steilwänden und zwischen den Felsenzinnen der -Talschlucht, von dem reißenden Flug des beutegierigen _Sperbers_, -der vom Gehölz her mitten in die Schar der Feldsperlinge stürzt, daß -sie die rettende Hecke kaum noch erreichen, von dem sanften, ruhigen -Schweben hoch über der Flur und noch höher über den Wipfeln des -Waldes, wie es die _Milane_ üben, der rote und der schwarzbraune, oder -von dem lautlosen Dahingleiten der _Rohrweihe_, ganz niedrig über dem -Schilf und dem im Sonnenstrahl glitzernden Wasser -- wer nur einmal -Zeuge solch eindrucksvoller Naturbilder ward, der denkt sein Lebtag -daran. - -Im Hochgebirge, wo die Felsenzinken zum tiefblauen Himmel emporstarren, -in der Flachlandschaft, die den See grün umgibt, im Hochwald unsrer -Mittelgebirge, oder draußen am Meeresgestade, wo die brandende Welle an -den Klippen zerschellt: überall bildet die Erscheinung eines Raubvogels -die wirkungsvollste Bereicherung des Landschaftsbildes, eine wertvolle -Zugabe, die den Beschauer alles andere ringsum vergessen läßt. - -Aber die Raubvögel sind nicht die einzigen Meister im Flug. Oft ist's -die Wirkung der Massen, die zur Geltung kommt. Wie prächtig ist doch -der Anblick eines nach Tausenden zählenden Schwarmes ziehender _Stare_ -im Herbste! Wahre Wolkenzüge, die fortwährend ihre Form ändern, bald -breiter, bald schmäler werden, jetzt sich teilen und jetzt sich von -neuem zu einem Riesenballe vereinen, der durch die Luft rollt. Oder -der schier endlose Zug der _Krähen_, die in lockeren Gruppen am -geröteten Abendhimmel nach ihren nächtlichen Ruheplätzen im Walde über -der Schneelandschaft lautlos dahinstreichen -- wie malerisch, wie -stimmungsvoll dieser Anblick! Anders wieder der Zug der _Kraniche_, den -man an hellen Herbsttagen bisweilen beobachten kann. Sie ziehen immer -so, daß sie einen spitzen Winkel mit zwei ungleich langen Schenkeln -bilden, jeder einzelne Vogel mit Hals und Beinen eine schnurgerade -Linie darstellend. Ein ganz eigentümliches Bild, diese zwei dunkeln, -in einem Punkt sich vereinigenden Striche, wie sie am Herbsthimmel -gen Süden stürmen, im Verein mit dem fallenden Laub, den abgeernteten -Feldern, der letzten Rose im Garten von stärkstem Eindruck auf unser -Gemüt. Werden wir sie wiedersehen, die Boten des Frühlings, noch einmal -die lieblichen Bilder erleben, die in trüben Wintertagen die Sehnsucht -nach dem erwachenden Lenz uns vor die Seele zaubert? -- -- - -Wenn die grünen Spitzen der Saat aus der leichten Schneedecke -hervorschauen, wenn das Schneeglöckchen sein Köpfchen erhebt und an den -Ruten der Haseln die Kätzchen den Blütenstaub ausstreuen, dann begrüßt -vor seinem Bretterhäuschen Freund _Star_ den aufgehenden Sonnenball mit -jauchzenden Rufen. Von den bereiften Ästen herab schwatzt der muntere -Bursche seine bescheidenen Strophen hinein in den goldenen Morgen. -Nicht genug kann er sich tun vor Freude und Lust: daheim, wieder -daheim! Im schönsten Farbenschmuck, metallisch grün und tief purpurn -läßt die Sonne sein dunkles, weißbetropftes Gefieder erscheinen: -ein liebliches Stimmungsbild, das die selige Hoffnung auf den bald -einziehenden Lenz weckt -- »Frühling, Frühling wird es nun bald!« - -Nur wenig Wochen, und die _Lerche_ steigt am Ostermorgen zum Himmel -empor, als wollte sie mit ihrem Siegesruf auch die fernsten Fernen des -Weltalls erfüllen. Höher und höher flattert das kleine Vöglein über der -lenzfrohen Saat, bis es schließlich unserm Auge entschwindet. Aber der -Lobgesang, mit dem die Sängerin dort oben die ersten Sonnenstrahlen -begrüßt, bleibt noch immer vernehmbar. Bald hallt der ganze Himmel -wider von den Jubelchören der singenden Lerchen. Nichts predigt -so laut und eindringlich das Auferstehungsfest der Natur, wie das -»melodisch gewirbelte Lied« der Lerchen, die hoch über dem sprossenden -Grün oder dem samenauswerfenden Landmann, »im blauen Raum verloren«, -jauchzen und jubilieren -- ein Lied ohne Ende, »bei dem die Saaten -lachen«. - - * * * * * - -Wohl ist das Auge der schärfste Sinn, aber die Pforte, die noch tiefer -in unser Innerstes führt, noch unmittelbarer zu Herz und Gemüt, ist das -Ohr. Und kein Zweifel, die Bedeutung der Vögel für das Landschaftsbild -beruht noch weit mehr auf ihrer hervorragenden _Stimmbegabung_, als auf -ihrer bloßen Erscheinung. Dabei wollen wir nicht nur an den jauchzenden -Ruf der Singdrossel, an die Flötenstrophe ihrer Base, der Amsel, an -Rotkehlchens sehnsuchtsvolles Lied, an die kecke Fanfare des Zaunkönigs -oder an den unvergleichlichen Gesang der Nachtigall denken, sondern -auch an andere anspruchslosere Lautäußerungen, zumal bisweilen ein -einzelner Schrei oder ein ohrenbetäubendes Stimmengewirr, aber auch ein -feiner Lockruf von der stärksten Wirkung ist und dem Landschaftsbild -eine ganz bestimmte Färbung verleihen kann. - -Vielleicht ist es nur Einbildung, nur eine schönklingende Redeweise, -wenn man behauptet, eine Beziehung herstellen zu können zwischen den -vielfältigen Stimmen der Natur und den verschiedenen Örtlichkeiten, -die durch solche Lautäußerungen belebt werden, ein leeres Geschwätz, -wenn man meint, der Lobgesang der Lerchen stimme zu der Frühlingssaat, -da unaussprechlich innige Seufzen und Schluchzen der Philomele zu -dem nächtlich dunkeln Gebüsch am Rande des Weihers; nur zu der -Meereswoge, vom heulenden Sturm gegen die Klippen gepeitscht, passe -der heisere Schrei der Möwe, und zu dem nächtlichen Hochwald der -unheimliche Eulenruf; der liebliche Gesang des Rotkehlchens gehöre -in den lichten, maiengrünen Laubwald und das Schackern der Elster -auf die beschneite Flur. Möglich, daß Vogelstimme und Örtlichkeit -wirklich nichts miteinander zu tun haben, obgleich ich darauf hinweisen -könnte, wie z. B. der Lehrmeister der Wasseramsel ohne Zweifel das auf -steinigem Grunde dahinplätschernde Gebirgsbächlein gewesen ist, mit -dessen leisem Rieseln der Gesang des am Wasser aufgewachsenen Vogels -verglichen werden kann, wie das bunte Allerlei der quecksilbernen -Rohrsänger in seiner ganzen Färbung etwas vom Froschkonzert und vom -Gurgeln des Wassers am unterwaschenen Uferrand hat; aber angenommen -auch, es seien nur liebe Erinnerungsbilder -- das jungbelaubte Eichen- -oder Buchenwäldchen im Talgrund, das beim Pirolruf vor unsrer Seele -auftaucht, der schneebedeckte Fichtenbestand, den die Strophe des -Kreuzschnabels uns vorzaubert -- soviel steht jedenfalls fest, daß -unsre Einbildung, diese oder jene örtlichen und zeitlichen Verhältnisse -harmonierten mit ganz bestimmten Vogelstimmen, durchaus lebendig ist -und täglich neue Nahrung empfängt. _Wo wir aber Harmonie empfinden, -empfinden wir Schönheit._ Nicht darauf kommt's an, ob solcher Einklang -wirklich besteht, ob der Verstand ihn ablehnt oder begründet, sondern -allein auf unsre _Empfindung_. - -Nur ein paar Beispiele, die den tiefen Eindruck der Vogelstimmen auf -unser Gemüt weit besser erläutern als viele Worte. - -Den Ruf der _Wachtel_ kennt jeder, und jedermann liebt ihn. Und doch -anmutig und lieblich kann man ihn kaum nennen. Dazu ist er zu kurz und -namentlich zu hart abgebrochen, in der Nähe sogar ziemlich gellend und -scharf. Nur aus drei Silben besteht der Ruf, ein Daktylus, der stets -wiederholt wird. Wie erklärt sich also der nachhaltige Eindruck des -Wachtelschlags und unsere Vorliebe für ihn? _Die Stimmung, die Färbung -der ganzen Umgebung, das ist die Lösung des Rätsels._ - -Dem rastlosen Treiben der Stadt haben wir den Rücken gekehrt, der -drückenden Schwüle in den staubigen Straßen sind wir entflohen. Die -heiße Sommersonne ist untergegangen, ein erfrischender Abendhauch weht -aus dem Saatgefilde. Vor uns das Dorf, in blaue Dämmerung gehüllt: -ein Bild des Friedens. Der Lerche bunte Lieder sind verstummt; nur -das gleichmäßige Zirpen der Grillen zittert einschläfernd durch die -weite Flur. Das blühende Weizenfeld hat sich dem Schlaf überlassen; -wie im Traum nickt die geschlossene Blüte des Mohns, und nur ein -paar Abendfalter taumeln über der ruhenden Flur. Da steigt der -Mond am östlichen Himmel auf, und nun tönt es vom Rande des Feldes -»pickwerwick, pickwerwick,« zehn- oder zwölfmal, dann eine Pause. -Eine zweite Wachtel gibt Antwort; in der Ferne schlägt eine dritte, -und je mehr sich die Mitternacht nähert, um so hitziger schallt es. -Erst in den frühesten Morgenstunden verstummt allmählich der muntere -Schlag. Wenn aber dann der junge Tag den nordöstlichen Himmel zu -röten beginnt, tönt es wieder gar eifrig durchs ganze Gelände, das -freundliche »Pickwerwick«, und die ersten Lerchen in der Höhe stimmen -mit ein in den Gesang des Feldes tief unter ihnen. - -Schade, ewig schade, daß die vielen Wachteln, deren Schlag mich in -meinen Jugendtagen zur Sommerszeit allabendlich erfreute, bis auf -einzelne Ausnahmen in meiner Heimat verschwunden sind. Unersetzliche -Stimmungswerte sind mit ihnen verloren gegangen; die friedlichen -Feierabende des Dorfs haben eine schwere Einbuße erlitten, und das -Leben des Landmanns ist ärmer geworden. - -Von stärkster Wirkung ist auch der _Eulenruf_. An sich unschön, ja -häßlich, heulend und schreckhaft; aber wir glauben gleichfalls eine -Harmonie mit Zeit und Ort zu fühlen, und so dürfen wir auch hier von -einer ästhetischen Bedeutung solch seltsamer Lautäußerungen sprechen. - -Der nächtliche Wald oder das einsame zerfallene Gemäuer weckt die -Einbildungskraft, so daß auch der nüchternste Mensch sich nur schwer -eines gewissen Grauens erwehren kann. Aus jedem größeren Wald, -selbst aus manchem Park erschallt um die Zeit von Frühlings Tag- und -Nachtgleiche der Ruf des Waldkauzes; oft wiederholt klingt er wie -heulendes Hohngelächter. Was ist dieser Ruf aber gegen das schauerlich -widerhallende »Buhu« des mächtigen »Aufs«, das der König der Nacht -zur Paarungszeit fast ununterbrochen hören läßt. Wer in uhureicher -Gegend, z. B. in den Waldgebirgen Bosniens nur einmal eine mondhelle -Nacht erlebt hat, wird es begreifen, daß der Uhuruf im Aberglauben, -in Märchen und Sagen eine große Rolle spielt. Unheimlich klifft und -klafft es, heult und wiehert, lacht und jauchzt es durch den dunklen -Gebirgswald. - -In unsrer engeren Heimat finden sich die weitaus größten -_Vogelgesellschaften an den Teichen und Seen_ der Lausitz. Sie -verleihen dem Landschaftsbild zu allen Jahreszeiten einen ganz -besonderen Reiz, an dem sich Auge und Ohr des Naturfreundes immer von -neuem ergötzen. - -Schon aus der Ferne vernimmt man im zeitigen Frühling, wenn kaum die -ersten grünen Spitzchen des jungen Schilfs über der Wasserfläche -hervorschauen, ein vieltöniges Stimmengewirr. Enten der verschiedensten -Art schreien und quälen; die Kiebitze, die eben von der Reise zurück -sind und von denen einige uns umgaukeln, seltsamen, wuchtelnden -Flugs, stoßen ihre zweisilbigen Klagerufe aus; Bläßhühner lassen ihre -scharfe Lockstimme hören; mit tiefem »grök grök« melden sich die -großen Haubentaucher, während ihre kleinen Vettern, die niedlichen -Zwergtaucher, hell kichern und trillern, die Rothalstaucher aber, die -lautesten ihrer Sippe, seltsam grunzen und quieken, daß man's weithin -hört von einem Teich zu dem andern. Lachmöwen sind auch schon da; -unruhig flattern sie durch die Luft. Aber noch vielmehr mögen sich -in jener Bucht verbergen, die das abgestorbene Schilf unsern Blicken -entzieht; denn hundertfach tönt das nimmermüde »Krrriäh« aus dem -geschützten Winkel. - -Wenn aber in ein paar Wochen Drossel- und Teichrohrsänger von der -Reise zurück sein werden, dann geht's noch viel lauter zu; dann hat -diese kleine quecksilberne Sängergesellschaft das Wort; »karrakiet, -karrakiet,« den ganzen Tag fast, besonders am frühesten Morgen und am -Abend bis spät in die Nacht. Kaum zur Geisterstunde gönnt man sich -eine Pause. Es ist, als wollten sie wetteifern mit dem Gequak und -Geknarr der Froschsänger, deren Stimmen die ganze Frühlingsnacht nicht -müde werden. - -Und nun treten wir durch das Röhricht ans Ufer. Da schwimmt es auf dem -Gewässer, flattert empor, taucht unter, rennt flügelschlagend über den -Wasserspiegel oder segelt hoch in der Luft. Lachmöwen wirbeln umher -wie riesige Schneeflocken oder ruhen, weißen Seerosen zu vergleichen, -in der lauschigen Bucht, die sie sich zur Brutstätte erkoren haben; -einzelne Trauerseeschwalben schießen durch die Luft; Rotschenkel -ziehen, unermüdlich rufend, ihre Kreise; hinter der Ente flattert der -Erpel von einem Teich zu dem andern: Taucher und Tauchenten üben ihre -Kunst: weg sind sie, mit einemmal verschwunden, um dann an anderer -Stelle wieder aufzutauchen. Das grünfüßige Teichhühnchen macht seinem -Weibchen den Hof; weißstirnige »Blässen« schlagen mit ihren Lappenfüßen -das Wasser; neue Ankömmlinge -- kleine Krikenten sind es -- brausen mit -seltsam schwingenden Flugtönen herbei, und ein paar Rothalsmännchen -bekämpfen einander, bellende und quiekende eifersüchtige Kriegsgesänge -ausstoßend. In der Tat, ich kann mir einen solchen Flachlandsee -meiner Heimat kaum denken ohne das bunte, vielgestaltige Leben seiner -gefiederten Bewohner, und ich weiß nicht zu entscheiden, ob es das -Auge ist oder das Ohr, durch dessen Vermittlung uns dieses nimmermüde -Treiben wirkungsvoller zum Bewußtsein kommt. Ach, wie wäre solch Teich- -oder Seenlandschaft unsrer Heimat mit einem Schlage all ihres Reizes -bar, wenn ihr plötzlich dies reiche Leben geraubt würde! - -Und diese Gefahr liegt vielleicht nicht so fern, wie die meisten wohl -glauben. Die Entenscharen haben schon hie und da in erschreckender -Weise abgenommen; wie viele Lachmöwenkolonien sind bereits völlig -verschwunden, wie viele in den letzten Jahrzehnten kleiner und kleiner -geworden! Nicht ein einziges Reiherpaar horstet mehr auf sächsischem -Boden, und der merkwürdigste Vogel unsrer Lausitzer Seenlandschaft, -die _große Rohrdommel_, ist auch bereits so selten geworden, daß man -sie für Sachsen heute schon als ein Naturdenkmal bezeichnen muß. Und -gerade das tiefe »Prumb«, das dieser reiherartige Vogel in der Stille -der Nacht ausstößt, daß man's wohl eine halbe Wegstunde weit hört, ist -wie der Uhuruf im Hochwald oder das Orgeln und Röhren des Platzhirschs -im Herbst von allergrößter Wirkung. Seltsam hört sich's an, und manches -abergläubische Männlein und Weiblein meint, ein Gespenst treibe auf der -schilfbewachsenen Insel im Teich sein unheimliches Wesen. - -Auch Instrumentalmusik wird von einigen Vögeln geübt. Da sind zunächst -die _Spechte_ zu nennen. Ihr ganzes Dasein, von der Wiege bis zur -Bahre, steht in innigster Beziehung zum Holz. Kein Wunder also, daß -sich ihre musikalische Betätigung von Anfang an dem Xylophon zugewandt -hat; sie spielen es meisterhaft. Man soll nur versuchen, es ihnen -nachzumachen, man bringt's nicht. Unser Trommeln auf irgendeinen -dürren Ast bleibt Stümperei gegenüber dem kräftigen Schnurren, wie -es besonders der Schwarzspecht, aber auch die kleineren Buntspechte -üben. Sobald der trommelnde Specht nach einem andern Baumzacken fliegt -und mit seinem Instrument wechselt, gleich gibt's einen andern, d. -h. höheren oder tieferen Ton. Dieses Lied ohne Worte ist auch ein -Liebeslied. Es paßt zu der ganzen seligen Frühlingsstimmung im Wald und -im Park und in der lenzgrünen Au, es paßt zu dem ersten Kuckucksruf und -zu dem liebeflehenden Gurren der Wildtaube, zum süßen Lied des Fitis, -wie zum kecken Reiterstückchen des Buchfinken. Den Frühlingstagen -in der sonnigen Heide würde ein eigener Reiz fehlen, wenn sich die -gefiederten Trommler nicht mehr hören ließen. - -Und nun unsre _Störche_. Kein Vogel vermag dem Dorfbild so viel -Stimmung und Reiz zu verleihen wie Adebar, unser Langbein; selbst die -lieblichen Schwalben, deren Flug und Gezwitscher das Dorf so anmutig -beleben, müssen in dieser Beziehung hinter ihm zurücktreten. Sie sind -die Schützlinge jedes einzelnen Gehöfts, der Storch aber ist der -Freund der ganzen Gemeinde, gewissermaßen ihr Vertreter innerhalb der -gefiederten Welt. Ich bin so froh, daß wir in der sächsischen Lausitz -noch eine kleine Anzahl besetzter Storchnester haben. Ist's nicht ein -hübsches, gemütliches Bild, wenn die Störche kurz vor Sonnenuntergang -zu ihrem Horst heimkehren und nun am First der strohgedeckten Scheune -stehen, wo sie sich so gut vom geröteten Abendhimmel abheben! Jetzt -vernimmt man auch ihr seltsames Klappern. Es klingt nicht schöner, als -wenn ein Stock schnell über einen hölzernen Zaun hinfährt; aber Poesie -ist's doch, Dorfpoesie, wie das Mühlengeklapper, das Dengeln der Sense, -das Klipp-klapp der Dreschflegel auf harter Tenne. Urgemütlich hallt -es von der Höhe herab durch die ganze Gemeinde zu jedermanns Freude. -Wer es nicht fühlt, daß das Klappern der Störche mehr ist, als bloßes -Geräusch, der hat keinen Sinn für die Reize des Landlebens, kein -Verständnis für das friedliche Dorfbild des Niederlandes, ja es fehlt -ihm die rechte Liebe zur Heimat. - - * * * * * - -Viel geringer in ihrer Bedeutung für das Landschaftsbild sind die -hübschen _Farben_ und _Zeichnungen_ des Vogelkleides. Mutter Natur -handelt gar fürsorglich; sie hat ihre Lieblinge so ausgestattet, daß -selbst ein bunter Vogel, wenn er ruht, nicht besonders auffällt. Der -weiße Bürzel des Eichelhähers oder der Hausschwalbe, der goldgelbe -des Grünspechts, das Weiß und Schwarz der Kiebitze, selbst das -buntschillernde Gewand des Eisvogels, das tropische Farbenkleid der -Blaurake oder des Pirols: das alles kommt doch erst während des Flugs -zur Geltung. Die Bewegung bleibt immer die Hauptsache. - -Wie ein leuchtender Funken schießt der _Eisvogel_ an uns vorüber, -metallisch grün und seidig blau, ein blitzender Edelstein von -unvergleichlicher Schönheit. Besonders in der Winterlandschaft, -wenn der Gebirgsbach das schimmernde Eis, das ihn einzwängen will, -mit weißem Gischt überschäumt und das Licht sich in den glänzenden -Schneekristallen tausendfach bricht, dann ist der wunderbare Vogel eine -geradezu märchenhafte, ich möchte sagen überirdische Erscheinung. Ist's -Wirklichkeit oder ist es ein Traum, der unser Auge getäuscht hat? - -Eine prächtige Zierde des winterlichen Waldes sind auch die -_Kreuzschnäbel_, nordische Gäste, die uns freilich nicht in jedem -Jahre reichlich besuchen. Ihr Kleid ist wundervoll johannisbeerfarben. -Wenn auf jedem Zweig dichter Schnee liegt und nur hie und da zwischen -dem reinen Weiß die schwarzgrünen Nadeln hervorschauen, dann kann man -sich an dem Farbenreiz der kleinen roten Geschöpfe, wie sie an den -Spitzen der Ästchen oder an den Zapfen herumklettern, nicht satt sehen. -Natürlich wird die Wirkung der Farbe erhöht, wenn die geselligen Vögel -in möglichst großer Zahl auftreten. Denn der einzelne dieser kleinen -Gesellschaft ist ja nur ein Punkt in dem weiten Landschaftsbild; es -müssen sich schon mehrere zu einem bunten Fleck vereinigen, ehe von -einer Farbenwirkung gesprochen werden kann. Und Sonne gehört dazu, -strahlende Sonne! - -Ist's bei den Blumen nicht ebenso? Die einzelne Blüte des Mohns, -des Windröschens, der Dotterblume, selbst ein einzelner Busch des -blühenden Heidestrauchs, der Schlehe, des Ginsters geht trotz aller -Farbenpracht in dem großen Gemälde verloren. Viele tausend gleichartige -Blumen sind dazu nötig, auf der Wiese gelbe oder blaue Flecken zu -malen, den Schlehdorn, den Obstbaum in duftigen Schnee zu hüllen, der -sandigen Heide im Spätsommer das lichtviolette Kleid zu weben, den -Berghang in Gelb oder Rosa zu tauchen, und nur wenn wir ganz nah an ein -enger begrenztes Bild herantreten, da genügen auch einzelne Blumen, -einen farbigen Eindruck hervorzurufen: ein paar Rosen am Gartenhaus, -feurige Mohnblumen am Feldrain oder ein paar Schwertlilien am kleinen -schilfumgrenzten Weiher. - -Aber gerade den farbenprächtigsten Vögeln begegnet man nur selten -in größerer Anzahl, wenigstens in unserer Heimat. Ich entsinne mich -nur ein einziges Mal einen Trupp von zwölf oder fünfzehn _Pirolen_ -angetroffen zu haben. Sie flogen zwischen den Pappelreihen der Straße -eine lange Strecke vor meinem Wagen her; dabei setzten sie sich in -regelmäßigen Zwischenräumen auf die Bäume und warteten, bis das Gefährt -herankam, um dann wogenden Flugs wieder voranzueilen. Ein bezaubernder -Anblick war's, wie das goldgelbe Kleid dieser Vögel abwechselnd -aufblitzte und verlöschte, je nachdem das grelle Sonnenlicht sie -umflutete oder die schwarzen Schatten der hohen Pappeln auf sie fielen. -Also auch hier Hand in Hand Bewegung und Farbe. - -Bei der bunten _Mandelkrähe_ habe ich einmal in der Lausitz ganz -Ähnliches erlebt; aber es waren nur vier oder fünf, die mich durch die -sandige Heide ein gut Stück begleiteten. - -Im Gesamtbild der Landschaft tut's immer erst die Masse, und in dieser -Beziehung wüßte ich keinen Vogel zu nennen, dessen Farbenkleid seinem -Aufenthaltsort so zum Schmucke gereicht, wie der weiten Wasserfläche -die schneeige _Lachmöwe_ mit ihrem zartblauen Mantel. Den vollen Genuß -gewährt aber auch hier erst die Bewegung, wenn die langflügligen -Vögel zu Hunderten in der Luft wirbeln und ihre kreischenden Stimmen -hören lassen. An der Meeresküste übertönen die _Sturm-_ oder die -_Silbermöwen_ selbst die Wogen der brandenden See, so laut diese -auch gegen die Klippen krachen und donnern. Wenn irgendein Vogel das -Geschöpf einer bestimmten Landschaft genannt werden kann, so ist es die -Möwe. Der Sturm hat ihr die bangen Armknochen und die starken Schäfte -der Schwingen gegeben; die See hat die Ruder gebildet von höchster -Vollendung: der kurze Lauf, seitlich zusammengedrückt, und Schwimmhäute -zwischen den Zehen. Das Blau des Himmels, an dem die weißen Wolken -dahinziehen, das Blau der See, mit dem Weiß der Wellenkämme geschmückt: -die Möwe trägt die gleichen Farben auf ihrem Kleid. »Flatternd schwebt -sie am Himmel, dicht fliegt sie über den Wellen; den lichten Seglern -folgt sie hinaus übers Meer, mit den Wolken zieht sie ins Land. Wo -ein See oder Teich des Himmels Bläue mit den schneeweißen Wolken -wiederspiegelt, da erkennt sie die Heimat -- die Mutter ist's, das -unendliche Meer, das blauen Auges emporschaut -- wo ein Schiff auf dem -Rücken des Stromes langsam dahinzieht, da flattert die Möwe: Grüß mir -das Meer und die felsigen Klippen am Strand und die Brandung im Sturm.« -(Aus des Verf.s Abhandlung über die Möwen in den »Lebensbildern aus der -Tierwelt«, R. Voigtländers Verlag.) - -An Farbenpracht ihrer Geschöpfe wird unsre nördliche Heimat von -südlicheren Zonen weit übertroffen. Man hat deshalb wiederholt -versucht, diesem Mangel etwas abzuhelfen, indem man sich Mühe gab, -_fremdländische Vögel_ in Deutschland einzubürgern. Jäger und -übereifrige Vogelfreunde nahmen sich der Sache an. Jene wollten sich in -ihrer Lust an Hege und Jagd nicht genügen lassen mit unsern Feld- und -Waldhühnern, mit Enten und andern Wasservögeln; diese dachten sich's so -schön, die Farbenpracht fremder Zonen in unsre Parks, Gärten und Wälder -zu verpflanzen. Beides Versuche, gegen die sich glücklicherweise die -Natur selbst wehrt. Nur eine einzige Vogelart hat sich wirklich dankbar -gezeigt, der Fasan, dessen Einbürgerung restlos gelungen ist, obgleich -nicht nur das Prachtgefieder, sondern auch das ganze Gebaren des Tieres -den Fremdling noch immer auf den ersten Blick verrät. Dagegen sind -Schopf- und Baumwachtel, Rot- und Moorhuhn sehr bald wieder von der -Bildfläche verschwunden, ebenso der amerikanische Wildputer. Und von -den chinesischen Nachtigallen, Papageien, roten Kardinälen und andern -Ausländern hat man nicht selten an dem Tage, da man sie aussetzte, das -letzte bunte Federchen gesehen. Und das ist gut so. Diese Fremdlinge -passen ebensowenig in die heimatliche Landschaft, wie Weymouthskiefer, -Roßkastanie, Robinie, amerikanische Eiche in den deutschen Wald, -während man in Gärten und Parks sich diese fremdländischen Bäume wohl -kann gefallen lassen. - -Anders das _zahme Hofgeflügel_, das ja, soweit es, zur artenreichen -Familie der Hühner gehört, gleichfalls fremdländischen Ursprungs ist. -Hier handelt es sich um Genossen des Menschen, die seine Wohnstätte -mit ihm teilen und dieser tatsächlich zu hoher Zierde gereichen; zur -freien, unberührten Natur aber würden sie gleichfalls im Widerspruch -stehen. Einen Bauernhof, und sei er noch so klein, ohne die muntere -Schar der Hühner, geführt vom farbenprächtigen Hahn, kann man sich -ebensowenig denken, wie das herrschaftliche Gut ohne den kollernden -Puter mit seinen Hennen, und wenn auf der Freitreppe vor dem Schloß -der Pfau sein glänzendes Rad schlägt, so paßt solche Farbenpracht -recht wohl zu dem Reichtum, von dem das Bild zu uns spricht. Tot -ist die Dorfstraße, wenn nicht schillernde und buntscheckige Hühner -umhertrippeln oder an den Hoftoren in den flachen Löchern ruhen, die -sie sich im Schatten des blühenden Hollers ausgescharrt haben. Wie -anmutig auch der Blick in die Höhe, wenn die Tauben ihre Flugkünste -zeigen, in weiten schön geschwungenen Bogen die ganze Ortschaft -umfliegend, bald sich trennen, bald sich wieder vereinen, um sich -endlich flatternd auf dem Dach niederzulassen, unter dem sie wohnen. - -Auch unser _zahmes Wassergeflügel_, dessen Stammväter und -mütter -bei uns Heimatrecht genießen, die Gänse und Enten und vor allem die -Schwäne, sind recht wohl imstande, das Landschaftsbild aufs reizvollste -zu beleben. Die Enten am Bach oder Dorfteich -- ach, wie gemütlich -ihr eifriges Schnattern -- die Gänseherde, die durch das Gras zieht, -militärisch in langer Reihe, aber watschelnden Ganges, der stolze -Schwan, gleich einem Schiff mit geblähten Segeln über den Spiegel des -Schloßteichs gleitend: man erfreut sich doch immer wieder an solchem -Anblick, so oft man's auch schon geschaut hat. - - * * * * * - -Hinter dem Vogel bleiben alle andern Tiere in ihrer Bedeutung für das -Landschaftsbild weit zurück. Namentlich gilt das von den _Säugetieren_, -in erster Reihe von den wildlebenden. Mäuse auf dem Felde, niedliche -Spitzmäuse zwischen dem herbstlichen Buchenlaub am Boden, ein Wiesel, -ein Igel -- von einer Bereicherung des Landschaftsbildes kann man -bei ihnen kaum sprechen, nicht einmal wenn ein paar Jungfüchse oder -Karnickel vor ihrem Bau spielen, oder wenn Freund Lampe Fersengeld -gibt, daß seine weiße Blume bei jedem Sprung im Krautacker hell -aufleuchtet wie ein Fetzen Papier, mit dem der Wind sein lustiges Spiel -treibt. - -Mit mehr Berechtigung könnten wir schon das muntere _Eichhorn_ -anführen, an dessen Kletterkünsten alt und jung sich erfreut. Man kann -dem netten, zierlichen Tierchen kaum gram sein, obgleich es viele -Untugenden hat; wo es dem deutschen Walde fehlt, da vermissen wir's -ungern. Auch die _Fledermäuse_ beleben den dämmernden Abend, der sich -über die Flußlandschaft senkt, in eigenartiger Weise. Viele Freunde -haben sie nicht unter den Menschen, und doch im Vorfrühling ist mir die -erste Fledermaus, die sich aus dem Winterversteck gewagt hat und deren -Zickzackflug sich so seltsam vom geröteten Abendhimmel abhebt, eine gar -liebe Erscheinung, ein Frühlingsbote, den ich ebenso freudig begrüße, -wie den ersten Zitronenfalter, den ersten Flötenruf der Amsel, das -erste Quaken der Frösche. - -Von den wildlebenden Säugetieren kommt eigentlich nur das _Hochwild_ -für das Landschaftsbild in Betracht: Rot- und Rehwild, in manchem -Herrschaftspark Damwild, weiter das Schwarzwild und im Hochgebirge -das Krickelwild. Ein schmucker _Sechserbock_ im Buchenwalde, mit dem -geperlten Gehörn zwischen den Lauschern, wie er erhobenen Kopfes -verhofft, um dann in weiten Fluchten leichtfüßig über Stock und Stein -zu setzen, eine Ricke mit ihrem Kitzchen auf der Waldwiese äsend, -_Rotwild_, das gegen Abend aus dem Dunkel des Hochwaldes tritt, oder -halbzahmes _Damwild_, das sich im Schloßpark unter dem Schatten -mächtiger Baumriesen gelagert hat: liebliche Bilder sind es, die -keineswegs nur das Herz des Jägers entzücken, sondern jeden erfreuen, -der im Verkehr mit der Natur Genuß und Befriedigung findet. Und wenn im -Herbst der _Brunfthirsch_ orgelt und schreit, in der Dämmerung abends -oder frühmorgens, daß es dröhnend und röchelnd über die Waldblöße -schallt, ich glaube, es kann sich niemand des Eindrucks solcher Laute -entziehen. Ein Stück ursprünglicher, unverdorbener Natur tritt uns in -ihnen entgegen, um so wertvoller, je seltener wir Großstadtmenschen -uns dem unmittelbaren Verkehr mit der Natur hingeben können. Dankbar -erkennen wir's dann an, daß allein einem streng durchgeführten -Jagdschutz solch erhebende Stimmungsbilder auf unserm heimatlichen -Boden zu verdanken sind. Der Uhuruf ist in unsern sächsischen -Gebirgswäldern verhallt; möge nie die Zeit kommen, wo man nicht mehr -den Schrei des Brunfthirsches vernimmt, der seinen Gegner zum Zweikampf -fordert! Ein gut Stück urwüchsigen Waldeszaubers wäre für immer dahin. - -Wie ein Recke aus vergangenen Tagen mutet uns das _Wildschwein_ an. -Seine ganze Erscheinung hat gewiß wenig Anziehendes an sich; ein -rauher, borstiger Geselle ist solch ein Keiler, und auch sie, die -Bache, ist eine ungemütliche Dame, aller Anmut, jedes Reizes bar. -Aber im Winter, wenn der Forst tief verschneit ist und das Leben -erstorben scheint, bis auf ein paar Krähen, die sich mit heiserem -Schrei im Wipfel der hohen Föhren einschwingen, daß der Schnee, einer -leichten Staubwolke gleich, dahinfliegt, dann vermögen zwei oder drei -»Schwarzkittel« der Landschaft eine Stimmung von außerordentlicher -Stärke zu verleihen. Die gedrungenen dunkeln Gestalten heben sich so -gut von der weißen Schneedecke ab. Dampf hüllt sie ein, Rauhreif deckt -ihr borstiges Kleid, und am Rüssel haftet der Schnee bis hinauf zu den -Sehern. Sie verachten den eisbärtigen Herrscher des Nordens, der ihnen -nichts anhaben kann; unter dem Schnee wühlen sie doch ihre Nahrung -hervor. Selbst die härteste Schneekruste, die das Reh laufkrank macht, -daß es leicht dem Fuchse zur Beute fällt, brechen sie auf, und die -Kälte fürchten sie noch weniger; denn sie haben sich im Herbst, dank -der Eichel- und Buchelmast, feist herangefressen. - -Im Hochgebirge ist es die _Gemse_, welche die nackten Felsengrate und -Steintrümmermeere, die Steilhänge und die höchsten Alpenmatten reizvoll -belebt. Wem nur einmal das Glück geworden ist, vielleicht am frühen -Morgen ein Rudel zu belauschen, das seinen Durst an dem schwarzblauen, -goldumränderten Meerauge tief unten im starren Felsenzirkus löscht und -dann den Menschen bemerkt und erschrickt -- hei! wie schnell geht's in -dem harten Gestein hinauf bis zum zackigen Grat, hinter dem eins nach -dem andern verschwindet -- der vergißt's sein Lebtag nicht wieder. - -Im Gewänd kletternde _Hausziegen_ mögen, aus weiter Ferne gesehen, -einen ganz ähnlichen Anblick gewähren, wie ruhig äsendes Krickelwild, -und so mancher Alpenbesucher, der nur das friedliche Haustier -beobachtete, wird in dem Wahn, er habe Gemsen belauscht, hochbefriedigt -aus den Bergen heimkehren. Gewiß, die äußere Erscheinung bietet -viel Ähnliches, aber der Gefühlswert ist in beiden Fällen doch ganz -verschieden. Dort ein Tier der freien Natur, hier ein vom Menschen -abhängiges Geschöpf; dort Freiheit und Ursprünglichkeit, hier Zwang -und Kultur. Wie grundverschieden die Stimmungen, die solcher Gegensatz -im Beschauer auslöst! Wir sehen ja nicht nur mit unserm leiblichen -Auge, sondern zugleich mit einem inneren Sinn. Damit soll jedoch nicht -geleugnet werden, daß auch unsern vierfüßigen _Haustieren_ eine große -Bedeutung für das Landschaftsbild zukommt. Tausend Gemälde älterer und -neuerer Maler führen es uns immer wieder vor Augen. - -Wir brauchen nur an die buntscheckigen _Rinder_ zu denken, die auf dem -grünen sonnigen Plan weiden oder wiederkäuend im Schatten hoher Bäume -ruhen, an die blökende _Schafherde_, die langsam am Berghange hinzieht, -an die munteren _Fohlen_, die sich in der Koppel nach Herzenslust -tummeln: anmutige Bilder, die den Frieden des Landlebens atmen. Aber -selbst ein einzelnes Tier, ein einzelnes Gefährt kann der Landschaft -einen bestimmten Stimmungsgehalt geben: der breitstirnige Stier vor dem -Pflug, wie der Postwagen auf der Landstraße. - - * * * * * - -Den kaltblütigen Wirbeltieren, also _Kriechtieren_, _Lurchen_ und -_Fischen_, brauchen wir kaum unsre Aufmerksamkeit zu schenken. Ihr -verstecktes Leben bringt es mit sich, daß sie auf das Landschaftsbild -nicht bestimmend einwirken, wobei ich jedoch nicht leugnen will, daß -kleine Ausschnitte der Landschaft, z. B. ein Tümpel im verlassenen -Steinbruch durch Tritonen und Salamander, ein steiniger Hang durch -schnelle Eidechsen, ein Gebirgssee oder ein Waldbach durch die hübsch -gepunkteten, flinken Forellen, die hie und da emporschnellen, um nach -Insekten zu schnappen, an Reiz gewinnt. - -Aber in einer Hinsicht spielen doch auch ein paar Amphibien keine ganz -unwichtige Rolle. Ich meine gewisse _Froschlurche_, den Wasserfrosch, -den Laubfrosch und die Unke, deren Einzel- oder Chorgesang weithin -durch die stille Landschaft schallt. Wenn wir auf der Stufenleiter der -Tiere aufwärts steigen, so sind es diese Lurche, bei denen wir zuerst -einer wirklichen Vokalmusik begegnen, einer Lautäußerung durch die -Stimme, dem Uranfang einer Sprache. Alle andern tiefer stehenden Tiere, -namentlich die Insekten, üben höchstens Instrumentalmusik aus[1]; der -Frosch aber ist der erste Sänger. Kraftvoll versteht er seine Stimme -zu gebrauchen; bestimmte melodische Sätze wechseln und kehren in -regelmäßiger Folge wieder, und sein angeborenes Gefühl für die Zeitmaße -ist hervorragend, man muß es ihm lassen. - - [1] Wenn man auch bei den brummenden und summenden Insekten, - den Bienen, Hummeln, Fliegen u. a., von Stimmorganen, wenn - man vom »Singen« der Mücken redet, so ist nicht viel dagegen - einzuwenden; denn in der Tat werden solche Lautäußerungen mit - Hilfe der Atemluft hervorgerufen, die durch die Atemlöcher, - die sog. »Stigmen« streicht. Aber die Art der Insektenatmung - ist doch eine ganz andere, als die der höheren Tiere, bei - denen die Stimmbildung in der Hauptsache der Luftröhre und - dem Kehlkopf zukommt. - -Ein lauwarmer Frühlingsabend hat sich über den schilfumsäumten Teich -gesenkt. Wir sind ans Ufer getreten. Die _Frösche_, deren Chorgesang -uns aus der Ferne entgegenschallte, schweigen jetzt, vergrämt durch -die leisen Erschütterungen des Bodens infolge unserer Tritte. Nur -die Wellen glucksen am Uferrand, und leise flüstert das Schilf im -Abendhauche. Die Rohrsänger sind es, die zuerst die feierliche Stille -unterbrechen: schnarrende, quietschende, pfeifende Töne, ein buntes -Durcheinander, aber immer im Takt. Horch, jetzt auch ein paar gurgelnde -Laute aus der Tiefe des Schilfs: »gluck, gluck«, und zwei oder drei -knarrende Töne: »koax, koax«. Bald wagen's auch andere, hohe Tenöre -und tiefe Baßstimmen, trillernd und volltönend, bis sich die ganze -Gesellschaft an diesem Singsang beteiligt: »brekeke koax, brekekeke, -tuu tuu«. Je mehr der Mond, der hinter den alten Weiden auftaucht, -sein volles Licht über den Teich ergießt, um so eifriger schallt es: -Frösche und Rohrsänger im Wettgesang, daß es weithin schallt über die -schlafende Flur. Die Motive verschieden, die Stimmen höher und tiefer -in seltsam wechselnden Sprüngen hinauf und hinab, ein musikalischer -Mischmasch; aber es paßt alles zusammen, zumal das ganze Konzert von -einem streng innegehaltenen Rhythmus beherrscht wird. Dieser wird -noch besonders dadurch betont, daß einzelne Sängergruppen auf einmal -ein Weilchen schweigen, um dann mit voller Kraft wieder einzufallen. -Jetzt singt es hier, jetzt da; bald knarrt und quakt nur eine kleine -Gesellschaft noch, bald singt wieder der ganze Chor, als sollte er das -Versäumte nachholen. Solches Ab- und Anschwellen wirkt besonders in -größerer Entfernung recht auffallend; es ist, als ob uns der Nachtwind -bald mehr, bald weniger Tonwellen zutrüge, ein rhythmischer Wechsel, -der den Reiz des Froschkonzerts wesentlich erhöht. - -Fleißigere Sänger gibt's nicht, als Rohrsänger und Frösche. Selbst die -Nachtigall macht 'mal eine längere Pause zu mitternächtiger Stunde; der -Nachtschwalbe »Spinnen« schweigt mitunter ein Weilchen, und auch die -verliebten Käuze im Kiefernwald gönnen sich hin und wieder ein wenig -Ruhe. Nur der Singsang des Teichs verstummt nie völlig; seine Bewohner, -so scheint es, bedürfen des Schlafs nicht. Das gilt besonders von den -unermüdlich quakenden Fröschen. Kaltblüter nennen wir sie. Gewiß, ihre -schlüpfrige Haut fühlt sich kalt an, ihr Fleisch und ihr Blut; aber -drin im Herzen, da sitzt es, unsichtbar, das Herz im Herzen, glühend -heiß, voll Sehnsucht, voll Liebe, und wes das Herz voll ist, des geht -der Mund über. - -Zu allen Zeiten ist man sich des Reizes bewußt gewesen, der vom -Froschgesang ausgeht, und es sind nur naturfremde oder krankhafte -Menschen, die solchen Minnesang verwünschen. Wieviel ärmer wäre die -Frühlingsnacht an unsern Teichen, wenn deren Bewohner, die grünen -Wasserfrösche, ebenso stumm wären, wie ihre braunen Vettern im Grase, -von denen man höchstens ein paar knurrende Laute vernimmt. Da ist mir -der grüne Teichsänger doch hundertmal lieber. Sein Lied stimmt zu den -andern Schilfliedern, bringt Leben in die Natur, und wo Leben und -Stimmung, wo Bewegung und Einklang, da erkenne ich Schönheit. - -Auch der _Laubfrosch_, unser Wetterprophet, läßt sich bisweilen die -ganze Nacht hören. Er hat sich einen Sängerplatz in der Höhe, im Grün -von Baum oder Strauch erkoren, von wo nun sein hastig hervorgestoßenes -»äpp, äpp, äpp« durch die Frühlingsnacht hallt, seltsam anzuhören und -lustig zugleich. Der kleine Kerl dünkt sich so wichtig. - -Von tieferem Eindruck auf unser Gemüt ist der Einzelruf oder auch der -melodische Rundgesang der _Unken_, die den Dorfweiher oder den Tümpel -draußen im Wiesental bewohnen. Wie Glocken läutet's geheimnisvoll -aus der Tiefe »ung, ung, ung ...«, feierlich, ernst, schwermütig und -traurig, fast immer derselbe Ton, von gleicher Stärke und Höhe. Zu dem -dunkeln, ernsten Weiher mit den Wasserrosen, die im Mondlicht nur matt -und unsicher leuchten, während die schwarzen Schatten der Pappeln auf -der Wasserfläche erzittern, stimmen die melancholischen Glockentöne der -Unken so wunderbar, daß jeder den Eindruck dieser Naturlaute empfindet. - - * * * * * - -Auch manche _Insekten_, namentlich wenn sie in größeren Scharen -auftreten, sind für das ganze Landschaftsbild von Bedeutung. Wir -brauchen nur an die graziösen _Libellen_ zu denken, die jedem Gewässer, -dem Fluß und Bach mit ihren erlenbestandenen Ufern, dem schilfumsäumten -Teich, selbst dem reizlosen Mühlgraben zur Zierde gereichen. -»Wasser-« oder auch »Schlankjungfern« hat sie das Volk getauft, um -den bezaubernden Reiz dieser zarten Wesen zum Ausdruck zu bringen, -im Flug wie im Sitzen von einer Anmut, die nicht ihresgleichen hat. -Oder wer möchte sie missen, die _Bienen_ und die andern Hautflügler, -die mit Gesumm und Gebrumm im Mai den schneeigen Obstbaum, im Juli -die duftende Linde, im August die blühende Heide besuchen! Ein zartes -Getön, wie von Millionen silberner oder gläserner Glöckchen erfüllt die -sonnige Luft. Oder soll ich an die Musik der _Heupferde_ erinnern, die -in der sommerlichen Mittagsglut die Blumen und Gräser zum Schlummer -einlullt, oder an das Zirpen der _Grillen_, das so stimmungsvoll am -Abend durch die Flur zittert. Das einzelne Tierchen leistet wohl wenig -als Musikant, aber tausend und abertausend vereinigt erzeugen ein -eindrucksvolles Getön, das leise über die Landschaft dahinschwebt, -einem zarten Schleier aus gesponnenem Glas vergleichbar. - -Von weit höherer Bedeutung ist die artenreiche Gruppe der -_Tagschmetterlinge_. Wie stimmen doch diese leichtbeschwingten, zarten -Geschöpfe, die Sinnbilder eines heiteren, frohen Lebensgenusses, zu -dem sommerlichen Naturbilde mit der Fülle des Lichts und der Farben! -In anmutigstem Spiel gaukeln sie von einer Blume zur andern, haschen -und fliehen sich, bringen Bewegung und Leben. Möchtest du sie missen -auf der sommerlichen Heimatflur? Oder denke an die Frühlingsboten, -den ersten Zitronenfalter, das erste Pfauenauge! Ein trügerischer -Sonnenblick hat den Winterschläfer geweckt, daß er sein sicheres -Versteck verlassen hat und nun über der blumenleeren Erde ruhlos -dahinflattert. Armes Tier, Schneewolken ziehen auf, hinter denen sich -die Sonne versteckt; wie bald bist du erstarrt! Aber umsonst gelebt -hast du nicht. Wir sind dem Frühling begegnet! so jubelt's in uns. Ein -vorzeitig »Sommervöglein« nur, und doch etwas Großes! - -Leider sind die schönen Falter in unsrer Heimat seit ein paar -Jahrzehnten recht selten geworden, namentlich in der Nähe der -großen Städte. Selbst die gewöhnlichsten Arten, wie Trauermantel, -Admiral, Distelfalter u. a., haben in ganz auffallender Weise an Zahl -abgenommen. Segelfaltern und Schwalbenschwänzen, die unser Jungenherz -in der schönen Jahreszeit täglich erfreuten, begegnet man nur noch -ausnahmsweise, und die selteneren Nachtschmetterlinge, wie rotes und -blaues Ordensband, Wolfsmilch-, Ligusterschwärmer u. a., die auch vor -einem halben Jahrhundert durchaus nicht häufig waren, scheinen heute -fast schon ausgestorben zu sein. Gewiß tragen die Schmetterlingssammler -einen Teil der Schuld; aber die Hauptursache dieser bedauerlichen -Verarmung der Natur liegt in der fortgeschrittenen Kultivierung des -Bodens, wodurch den Raupen vielfach ihre Nahrungspflanzen entzogen -worden sind. Jedes Winkelchen wird ausgenutzt, alles Unkraut beseitigt; -die Aussaat des Getreides ist reiner als ehemals, die Siedelungen der -Menschen sind gewachsen und der Verkehr ist gestiegen. - - * * * * * - -Die Bedeutung der Tierwelt für das Landschaftsbild kommt uns vielfach -erst dann so recht zum Bewußtsein, wenn dieser Reiz, der von dem -beseelten Geschöpf ausgeht, irgendwo völlig fehlt. Das Tier bildet -einen wesentlichen, zum Ganzen gehörigen Teil der Heimat. Die Harmonie, -die Schönheit ist beeinträchtigt, sobald die dem Landschaftsbild -eigentümlichen Vertreter der Tierwelt verschwunden sind. Der Reichtum, -die Mannigfaltigkeit der Natur hat dann eine schwere Einbuße erlitten --- schweigend steht der Wald, tot liegt der See, öde die Flur. Verarmt -ist die Heimat und mit ihr unser Leben. - -Alle, deren Beruf in Beziehung zur Natur steht, an erster Stelle -der Landmann, der Förster, der Gärtner, der Fischer, sollten sich -der vielfach hart bedrängten Tierwelt der Heimat annehmen. Nicht um -klingende Münze, sondern um edlere Güter handelt es sich, um den -unermeßlichen Wert einer reichen, unverdorbenen Natur. - - - - -Die volkstümlichsten Tiere der deutschen Märchen und Fabeln - - -Wenn ich mir als Kind das Paradies der Schöpfungsgeschichte vorstellte, -da war es nicht etwa die oasenartige Landschaft mit ihren Palmen und -Fruchtbäumen, mit ihren sprudelnden Quellen und Wasserbächen und mit -all den unbekannten, üppig wuchernden Stauden und fremdartigen Blumen, -wie sie die Bilderbibel mir zeigte, sondern das freundliche grüne -Flußtal meiner sächsischen Heimat. Kein schöneres Fleckchen Erde konnte -ich mir denken, als diese sanfte, von bewaldeten Höhenzügen umgrenzte -Au, durch die mein lieber Heimatfluß zwischen sattgrünen Wiesen seinen -Weg nimmt. Hier eine Gruppe mächtiger Eichen und silberstämmiger -Buchen, dort dunkles Erlen- und lichtes Weidengestrüpp, das seine -Arme weithin über das Wasser breitet; an anderer Stelle, inselartig -abgegrenzt, ein dichtes Fichtenwäldchen, ein Laubholzbestand aus Ulmen -und Ahornbäumen, mit Haseln und Wildrosen umsäumt, daneben ein Busch -junger Birken; am Fuße der Talhänge aber große und kleine Felsblöcke in -wirrem Durcheinander, über die das Grün des Adlerfarns schirmartig sich -breitet und Weidenröschen ihre roten Blütentrauben erheben, während -weißflockige Johanniswedel ihr Bild im Wasser schauen, das sich hier -dicht an den Steilhang hinandrängt. - -Mitten hinein in die Herrlichkeit dachte ich mir nun Adam und Eva -gesetzt, und ich bevölkerte die liebliche Au mit dem »Gevögel, dem Vieh -und Gewürm«, davon uns die Bibel erzählt. Aber nicht an die Riesen der -Tierwelt dachte ich, Elefant, Giraffe und Nashorn, auch nicht an die -Affen und Papageien, die der Bibelmaler auf dem Bilde so friedlich -vereinigt hatte, die _Tiere der Heimat_ waren es, die sich hier -wirklich ein Stelldichein gaben. Und sie genügten mir, ich kannte sie -aber auch alle. - -Das Hochwild trat am Abend aus dem dunklen Tann zur Äsung auf die -Wiese; die Fähe schnürte von ihrem Bau, vor dem die Jungfüchse -spielten, nach dem andern Talhang hinüber; rote Eichkätzchen -kletterten die glatten Stämme der Fichten empor und knapperten an -den Jungtrieben; die Igelmutter führte ihre hoffnungsfrohe Schar -durch das raschelnde Laub; auf dem feuchten Grund des Buchenwaldes -gelbfleckige Erdsalamander; im Sumpf Ringelnattern und Frösche; in den -Wassergräben gelbbauchige Unken, Kamm- und Teichmolche; auf der Wiese -Schmetterlinge ohne Zahl, Heupferde, Maulwürfe und Schermäuse. Und erst -im und am Flusse, welch fröhliches Leben: zierliche Wasserjungfern -mit tiefblauen oder glasartigen Netzflügeln, Wasserläufer und kleine -silberglänzende Fischchen in unendlicher Menge. Überall aber das -fröhliche Heer der gefiederten Welt: Schwälbchen, die so hurtig über -dem Wasser dahinschossen; von dem Eichenhain her lustiger Kuckucksruf, -dem des Pfingstvogels Flöte Antwort gab; im Unterholz das geschwätzige -Plauderliedchen der Gartengrasmücke oder der jubelnde Überschlag des -Plattmönchs; im Hochwald das Gezeter zänkischer Eichelhäher, das -Trommeln der Buntspechte, das Gurren der Ringeltauben; über allem aber, -hoch am strahlenden Himmel ein Bussardpaar, einander umkreisend, ohne -Flügelschlag schwimmend im Luftozean. - -Aber auch _Haustiere_ fanden ihren Weg nach meinem Garten Eden. Am -Hange hütete Thomas, der alte Schäfer vom Rittergut, seine sanfte -Herde; am Ufer Jungvieh auf eingekoppelter Weide, und auf dem Fluß -schnatternde Gänse und Enten. Brauchte ich da noch andere Tiere aus -fernen Zonen? Oh, es war eine große, eine unübersehbare Reihe, die da -vor Adam in geordnetem Zuge vorbeimarschierte, hüpfte, schwamm oder -kroch, als der Schöpfer all die Tiere zum Menschen brachte, »daß er -sähe, wie er sie nennete«; denn wie jener sie nannte, so sollten sie -heißen ihr Leben lang. - -Da hüpfte die vorlaute Elster heran im schwarzweißen Kleid; -wohlgefällig wippte sie ihre grün und purpurn schillernde Schleppe auf -und ab und schaute neugierig zu dem ersten Menschen hinüber, wobei sie -mit Markolf, dem Eichelhäher, fortgesetzt plauderte. »Plapperelster -sollst du heißen dein Leben lang, du schwatzhaftes Wesen«, sagte Adam, -und schackernd schwang sich der langschwänzige Vogel in die Wipfel -der Bäume. Da nahten zögernd die sanften Wollenträger, der Bock mit -den geringelten Hörnern und neben ihm seine hornlose Gattin. »Schaf -sei euer Name hinfort!« entschied der Mensch, »denn ihr seht ebenso -dumm aus, wie ihr in Wirklichkeit seid!« Schon trabte das Borstenvieh -grunzend herbei, Füße und Rüssel vom schlammigen Boden besudelt, in dem -es soeben noch gewühlt hatte. »Schwein nenne ich dich -- frage nicht -weiter; du weißt schon warum!« und so ging's vorüber in endlosem Zug: -Adler und Gimpel, der stachlige Igel, der furchtsame Hase, Frosch -und Unke, Käfer und Spinne, das Gewürm, das im Grase herankroch, und -die Fische im Fluß, zwei-, vier-, sechs-, achtbeinig und ohne Beine, -befiedert, bepelzt, beschuppt und nackthäutig; sie alle bekamen ihre -Namen, die sie heute noch tragen. Was war doch der erste Mensch für ein -weises Geschöpf! - -Und von dieser Weisheit hatte auch ich kleines Menschenkind ein -Stückchen geerbt. Denn in der kindlichen Phantasie liegt Weisheit und -Wahrheit wie im kindlichen Spiel, Weisheit und Wahrheit wie in jenen -köstlich-naiven Worten des biblischen Schöpfungsberichts. Nicht die -leblose Welt ist's, nicht Erde, Wasser und Stein, nicht die blitzenden -Krystalle sind's, die farbigen Kiesel, ja nicht 'mal die Bäume und -Sträucher im Wald oder Garten, nicht die bunten duftenden Blumen, die -das Interesse des ersten Menschen zuerst auf sich lenken, sondern die -_Tiere_. - -Und wie Adam, der erste Mensch, am Schöpfungsmorgen dem »Gevögel, -dem Vieh und dem Gewürm« seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte -und nichts von den andern Herrlichkeiten sah, die Gottvater um ihn -aufgebaut hatte -- die Tiere mußten erst ihre Namen haben, ehe er sich -den Fruchtbäumen des Gartens Eden zuwandte -- _so bringt auch heute -noch jedes Kind seine erste Teilnahme, seine erste Liebe den Tieren -entgegen_. Noch ehe unsre Kleinen Worte zu lallen beginnen, hören sie -auf die Stimme des Vogels und beobachten die Bewegungen von Katze und -Hund. Und sie geben, wie Johannes Fischart so reizend sagt, »nach jrer -Notturfft Namen, brauchen den ererbt Adams gwalt, der jedem Geschöpff -ein Nam' gab bald«. »Wauwau« der Hund und »Miau« die Katze, »Muh« -die Kuh und »Piep-piep« das Spätzlein. Ja es kommt vor, daß solch -kleines Menschenkind mit den genannten Tieren seiner Umgebung innigere -Freundschaft geschlossen hat, als mit dem strengen Papa, den es nur -selten sieht und vor dem es sich fürchtet. Es ist auch, als ob die -Tiere diese Zuneigung der Kinder fühlen: - - »Solch blüend alter frisch, - Vmbsonst so lieblich gstalt nit ist, - Auch offt das Wild vnd Vieh bewegt, - Da es, zu dem ein gfallen trägt.« - -Und wenn dann der Kleine seine ersten Entdeckungsreisen in Hof und -Garten unternimmt, wie weitet sich da der Kreis solcher Freundschaft! -Das bunte Marienkäferchen, die Schnecke mit ihren spaßhaften -Fühlhörnern, der summende Maikäfer oder der Schnellkäfer, das hüpfende -Heupferd sind seine Lieblinge. Der Tag, an dem der Star das erstemal -wieder vor seinem Bretterhäuschen sitzt, wird zum Festtag. Klopfenden -Herzens lauschen die Kinder dem stillen Glück der Hausrotschwänzchen, -die im verborgenen Winkel der Gartenlaube ihre Jungen aufziehen, bis -endlich die Stunde kommt, wo die kleinen grauen Federbällchen den -ersten Schritt in die Welt wagen. - -Und dann die Geschichten und die Lieder, die unsre Kleinen am liebsten -hören und singen, die Bilderbücher, die sie am liebsten besehen, -handeln nicht die meisten von Tieren? Der böse Wolf, der Rotkäppchen -verschlang, der Fuchs, der die Gans gestohlen hat, der Storch, der den -Eltern die Kinder bringt, eins nach dem andern, bisweilen auch zwei auf -einmal, der »gestiefelte Kater«, die »Bremer Stadtmusikanten«; ja auch -in _den_ Geschichten, in _den_ Bilderbüchern, wo Tiere nicht gerade die -Hauptrolle spielen: zur Vervollständigung und zum Schmuck der Erzählung -oder des Bildes sind sie unentbehrlich für das Kind. Wäre es denkbar, -das Märchen von Aschenbrödel ohne die Tauben, die beim Erbsenlesen -helfen: »die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen«, das -Märchen von der Gold- und der Pechmarie ohne den krähenden Haushahn? -Und warum besehen die Kinder so gern die hübschen Bilder unsers -Landsmanns Ludwig Richter? Weil er wie kaum ein anderer Maler die -Kindesseele verstanden hat, und weil sich in jeder Familienstube, die -er so anheimelnd zeichnet, ein Haustier findet, ein Hund, eine Katze. -Und auch im Freien, wo sich die Kinder tummeln, da schaut auf jedem -Bilde ein Spitz zu oder ein Spatz, ein Taubenpaar oder irgend ein -Singvogel, und dieser scheinbar so geringfügige Umstand ist für den -kleinen Beschauer von allergrößtem Reiz. - -Als ich ein Kind war, da standen mir -- ich muß es gestehen -- die -Tiere meiner Umgebung näher, und es verband mich mit ihnen ein -innigeres Verhältnis als mit den Menschen, abgesehen natürlich -von Eltern und Geschwistern. Lange ehe ich etwas von Darwins -Abstammungslehre hörte, war ich schon unbewußt ein kleiner Darwinianer; -denn mit dem Star und dem Finken, dem Hund und der Katze, der -Ringelnatter und der Kröte, dem Marienkäferchen und der Schnecke -verkehrte ich, als seien es meine Brüder und Schwestern. Und auch viel -später noch, wenn man mir vom »unvernünftigen Vieh« sprach, habe ich -nie so ganz die unüberbrückbare Kluft begriffen, den gähnenden Abgrund, -der sich zwischen dem Menschen und dem höheren Tiere auftun soll. - -Doch was rede ich von mir? Es haben's ja alle genau so oder ähnlich in -den Tagen der Kindheit getrieben. Dem Hahnenschrei legen die Kinder die -Worte unter: »Kikerikieh, ich bin das schönste Vieh«; der Goldammer -versichert sie seiner Zuneigung: »Wie, wie hab' ich dich lieb!« und -mit dem kecken Meislein spielt man Verstecken: »Sitz i da, sitz i da!« -rufen sie beide einander zu, das Vöglein droben im grünen Baum und -unten der Kleine, der zu ihm aufschaut. - -Warum ich dies alles erzähle? Weil ich nicht eindringlich genug daran -hinweisen kann, daß _das innige Verhältnis des Menschen zur Tierwelt -der Heimat etwas Ursprüngliches ist, etwas Angeborenes, daß es etwas -Triebartiges an sich hat_ und sich am reinsten in der Kindheit -offenbart, sowohl beim einzelnen Kind jeder Familie, jedes Volksstammes -und aller Zeiten, wie bei der Kindheit des Menschengeschlechts in -grauer Vergangenheit. Nur wenn wir dies wirklich erkannt haben, wird es -uns klar, warum die _Tiere_ eine so große Rolle in _Sage_ und _Märchen_ -und _Fabel_ spielen und warum der _Aberglaube_ des Volks sie mit einem -Kranz buntfarbiger Blumen umgeben hat. - -In dieser Beziehung herrscht unter allen Völkern die größte -Übereinstimmung, mögen wir an die dichtende Phantasie der uns -verwandten Kulturnationen denken oder an die zum Teil unbeholfenen -Erzählungen unzivilisierter Horden. Sie alle besitzen uralte Sagen und -Märchen, die meisten auch Fabeln und Parabeln, in denen _Tieren_ eine -Hauptrolle zukommt. Und so sind »diese kleinen spielenden Kinder der -allgegenwärtigen Muse der Poesie« _Gemeingut der Menschheit_. Ja die -Gemeinsamkeit solches Besitzes geht so weit, daß einzelne Tiermärchen -oder Tierfabeln in den entferntesten Zonen, wo eine Überlieferung oder -auch nur mittelbare Beeinflussung völlig ausgeschlossen erscheint, -durchaus miteinander übereinstimmen und vielen Tieren hier wie dort die -gleichen Wesenszüge zugeschrieben werden. Selbst unsre lieben deutschen -Märchen, die Großmütterchen am Herd ihren lauschenden Enkelkindern -erzählt, haben ihre Wurzeln zumeist nicht in der grauen Vorzeit der -germanischen Volksstämme, sondern sind im fernen Indien geboren, wie -die Forschungen der vergleichenden Literaturwissenschaft überzeugend -dargetan haben. Aber bei keinem andern Volke, das dürfen wir getrost -behaupten, sind sie mit gleich gemütvollen Zügen, namentlich auch aus -der Tierwelt, ausgestattet worden, wie bei uns Deutschen und höchstens -noch bei den Slawen. Ihnen darf man mit Recht nachrühmen, im innigsten -Verhältnis zur Tierwelt zu stehen. Die Kinder- und Hausmärchen -- ich -meine, so gemütvoll, wie sie von Gebrüder Grimm erzählt werden -- -kann kein anderes Volk aufweisen, und Fabeldichter haben gerade wir -Deutschen in reichster Fülle von Ulrich Boner und Burkard Waldis an bis -Leixner, Fulda, Bierbaum, Etzel, Ewers u. v. a. - - * * * * * - -Den freundlichen Leser, der mir bis hierher gefolgt ist, möchte ich -nun einladen, sich auf dem bemoosten Felsblock niederzulassen, der -einst unserm gemeinsamen Stammvater zum Sitz gedient hat, und möchte -an seinem geistigen Auge einen kleinen Teil der Tiere vorüberführen, -von denen unsre Märchen und Fabeln erzählen, die also unserm deutschen -Volke am nächsten stehen, die _volkstümlichsten_ sind. Dabei schalte -ich aber alle fremdländischen Tiere, selbst den König des großen -Reiches aus, ebenso unsre Haustiere. Denn ich möchte an erster Stelle -unsre »Brüder«, die mit uns die Heimaterde bewohnen, allen Lesern -recht warm an's Herz legen und Teilnahme für sie wecken. Gerade die -volkstümlichsten unter ihnen, wenigstens eine große Zahl dieser -Märchenhelden und Fabeltiere, wenn ich sie so nennen darf, bedürfen -dringend des _allgemeinen Schutzes_, sollen sie nicht in längerer oder -kürzerer Zeit spurlos aus der Heimat verschwinden. - -Der Nutzen und Schaden, den die einzelnen Tiere dem Menschen bringen, -ist bereits im Übermaß immer und immer wieder erörtert worden, und -die Bestrebungen des Naturschutzes, solch einseitiges Urteil doch -nicht als einzigen Maßstab unseres Verhaltens den Tieren gegenüber -gelten zu lassen, sind bereits Allgemeingut geworden, so daß ich kein -Wort hierüber zu verlieren brauche. Der Hinweis aber, daß eine reiche -Tierwelt zur Belebung der Landschaft in erfreulichster Weise beiträgt, -ist im vorigen Abschnitt behandelt worden, auch habe ich bereits an -anderer Stelle betont, wie eine mannigfaltige, möglichst ursprüngliche -Tierwelt für die Wissenschaft von hervorragender Bedeutung ist. Aber -ich meine, auch die _Volkstümlichkeit_ mancher Tiere -- ich denke z. B. -an den Fuchs und den Igel, den Storch, die Schwalbe, den Kuckuck, -an alle Eulen -- sollte ein recht wesentlicher Grund sein, für den -unbedingten Schutz solcher Tiere einzutreten. - -Der volkstümlichste Held des deutschen Märchens wie der deutschen -Fabel ist entschieden der _Fuchs_. Schlauer und verschlagener als alle -andern Geschöpfe, spielt er die Rolle des Betrügers. Er überlistet -die Wildente und den Hasen, den Gockel und seine Hennen, die Gans, -den Raben, den Igel, den Dachs, kurz alle Tiere in Feld und Wald, in -Haus und Hof. Selbst seinen großen Vetter Isengrim mit dem gewaltigen -Wolfsrachen, oder Braun, den Bär, der ihn mit einem Schlage seiner -mächtigen Pranken zu Boden strecken könnte, fürchtet der Spitzbube -nicht. Er kennt die Schwächen jedes einzelnen, weiß seine Gegner alle -zu foppen und spielt ihnen aufs übelste mit; selbst den Jäger führt -der Schlaue oftmals hinter's Licht. Soll es wirklich dahin kommen, daß -solch volkstümliches Tier, von dem jedes Kind zu erzählen weiß, völlig -aus unsrer Heimat verschwindet? Soll es dahin kommen, daß nie mehr ein -Fuchs unsern Weg kreuzt in sandiger Heide und daß wir den Roten nur -noch hinter den Gittern sehen im zoologischen Garten oder ausgestopft -im Museum? Das wäre doch traurig. - -Oder der _Storch_. Von ihm gilt dasselbe. Alle Kinder kennen ihn aus -den Bilderbüchern, aus mancherlei Reimen, aus dem Märchen vom »Kalif -Storch«. Daher die ganz unsagbare Freude, wenn man einen wirklich -'mal sieht droben am Strohdach der Scheune, oder einherstolzierend -auf feuchter Wiese oder auf dem Rain zwischen den Äckern, wenn man -sein gemütliches Klappern vernimmt und den ersten Flugübungen der -drei oder vier Jungen zuschaut, die den Horst zaghaft verlassen. Soll -wirklich die Zeit kommen, wo auch das letzte brütende Storchenpaar -und der letzte Horst aus unserm engeren Vaterlande verschwunden sein -wird, wie der Adler, der Reiher, der Kolkrabe und so manche andre. -Wie viel Schönheit, wie viel Poesie wäre dahin, für alle Zeiten -unwiederbringlich dahin! Mögen alle, die's angeht, dafür sorgen, daß -diese gefährdeten Tiere vor dem drohenden Untergang bewahrt bleiben -und daß sich auch noch unsre Enkelkinder an ihnen erfreuen können, wie -unsre Altvordern, die so viele gemütvolle Märchen und unterhaltsame -Fabeln von diesen Tieren zusammenreimten. - -Freilich die _großen Raubtiere_ sind längst aus unserm Lande gewichen. -Sie passen nicht mehr in unsre heutigen Verhältnisse, und es wäre -töricht, sie zurückzuwünschen. Braun, der _Bär_, der grobe, aber -gutmütige Gesell, hat innerhalb der deutschen Grenzen seit etwa hundert -Jahren das Heimatrecht verloren, und es vergeht bisweilen mehr als -ein Jahrzehnt, ehe sich 'mal wieder einer, aus Tirol versprengt, -in den bayrischen Alpen zeigt. Wie häufig aber ehemals auch in den -deutschen Mittelgebirgen Meister Petz war, das beweisen die vielen mit -»Bär« zusammengesetzten Ortsnamen, auch hier in Sachsen: Bärenfels, -Bärenhecke, Bärenburg u. a. - -Unsre Vorfahren, die alten Germanen, kannten den Bären recht gut, -hatte er doch sein Heim in allen Dickungen aufgeschlagen, von wo -er die mühsam dem Walde abgerungenen Felder heimsuchte und in die -Viehherden einbrach. Mit dem Speer bewaffnet, die Hunde zur Seite, -so zogen die germanischen Jäger auf die Bärenhatz. Das Wildbret des -gewaltigen Tieres war ihnen ebenso willkommen wie das zottige Fell, -auf dem sie, wie es im Liede heißt, lagen und -- »immer noch eins« -tranken. Mit der fortschreitenden Bodenkultur und der zunehmenden -Bevölkerung aber mußte die Zahl des großen Raubtiers zurückgehen. Dazu -kamen mancherlei Verbesserungen der Jagdwaffen und die Einführung -besonderer Jagdarten, die eine Verringerung herbeiführten. In der Zeit -von 1611 bis 1717, also innerhalb 106 Jahren, wurden in dem damaligen -Sachsen, das allerdings wesentlich größer war als unser heutiges, -nach den aufbewahrten Jagdverzeichnissen noch immer 709 Bären zur -Strecke gebracht. Heute ist der Bär selbst in den österreichischen, -den schweizer und italienischen Alpen recht selten geworden; dagegen -beherbergt ihn noch so manches Hochtal der langen Karpatenkette, sowohl -in der Slowakei wie in den rumänischen Südkarpaten. Die Bären unsrer -zoologischen Gärten stammen zum größten Teil aus Siebenbürgen, das auch -heute noch mit Recht als »Bärenland« bezeichnet wird. Ich habe die -Spuren des mächtigen Herrn der dortigen Gebirgswelt auf meinen Reisen -wiederholt beobachten können. In den ehemals ungarischen Karpaten -wurden noch vor kurzer Zeit in einem einzigen Jahre -- es steht mir die -Zahl vom Jahre 1908 zur Verfügung -- noch immer 245 Bären erlegt. - -Mit dem Bären ist vielleicht der _Dachs_ am nächsten verwandt. In -Fabel und Märchen spielt er als Meister »Grimbart« eine große Rolle. -Alle Waldgebirge Deutschlands beherbergen wohl noch den griesgrämigen -Einsiedler; aber die letzten Jahrzehnte haben doch auch mit ihm stark -aufgeräumt. Ich habe die meisten Gebirgswälder unsrer deutschen Heimat -durchstreift, bin Reineke oftmals begegnet und habe mich an dessen -hoffnungsfroher Jugend erfreut, selbst den Edel- und den Steinmarder -habe ich in freier Natur angetroffen; aber alt bin ich geworden, ehe -mir Grimbart über den Weg gelaufen ist. Das ist gewiß nur persönliches -Mißgeschick gewesen; indessen, wenigstens für unsre engere Heimat, -muß man einen besetzten Dachsbau doch bereits zu den Naturdenkmälern -zählen. In andern Gegenden freilich ist Meister Grimbart etwas häufiger. - -Der Dachs ist übrigens weit weniger Raubtier als seine entfernte -Vetternschaft, die Sippe der Marder. Wohl verschmäht er einen Junghasen -nicht, Fasanen und Hühner mögen sich vor ihm hüten; aber er vertilgt -auch Mäuse, Kerbtiere, Schnecken und Würmer, und gern frißt er allerlei -Beeren, worauf schon sein Gebiß mit den schwachen Reißzähnen hinweist. -Und so ist die Schonzeit gerechtfertigt, die er bei uns vom 1. Februar -bis zum 31. August genießt. Er ist leider das einzige Raubtier, das -sich eines solchen Vorzugs erfreut. - -Ein viel schlimmerer Geselle, mit dem Dachs gar nicht zu vergleichen, -auch nicht mit dem Bär, ist oder war der _Wolf_. Wir hören noch gern -die netten Geschichten, die das deutsche Märchen von Isengrim zu -erzählen weiß, wie er von dem schlauen Reineke, dem er an Stärke weit -überlegen ist, immer überlistet wird, wie ihn sein sprichwörtlich -gewordener »Wolfshunger« in hundert Abenteuer verwickelt und an den -Rand des Verderbens lockt; wir gedenken so gern noch der verschiedenen -Rollen, die der Wolf in der Fabel spielt, wo er im Verein mit seinem -Vetter, dem Hund, auftritt oder mit der Wildsau, dem Pferde, dem Lamm, -der Gans, dem Löwen, wie er in den meisten Fällen tüchtig verprügelt -wird oder wie er im Angesicht des Todes sein Testament macht; ja, wir -gedenken seiner noch gern als eines der volkstümlichsten Tiere, aber -wir trauern nicht um ihn und wünschen ihn nicht zurück. - -Ehemals mag der Wolf fast überall in deutschen Landen in recht großen -Scharen aufgetreten sein, in den Mittelgebirgen sowohl, wie namentlich -in den weiten Ebenen des Ostens. Wurden doch in jenen 106 Jahren allein -in Sachsen 6937 Wölfe zur Strecke gebracht, wobei die nur gelegentlich -von einzelnen Bauern erlegten nicht mitgezählt sind. Man kann sich -denken, welch furchtbare Geißel Isengrim damals für die Herden wie für -das Wild war, daß die Bewohner von Einzelhöfen, ja ganze Dorfschaften -sich zusammentaten und Treibjagden gegen den Bösen unternahmen oder -ihn in Wolfsgruben fingen und erschlugen, und daß die fürstlichen wie -geistlichen Jagdherren ihm nachstellten und Belohnungen auf seine Haut -ausschrieben, i. J. 1614 z. B. nicht weniger als vier Taler, i. J. -1730 zehn Taler, ein schönes Stück Geld damals. Vielleicht hat der -Wolf weniger der Kultur des Landes, als der fortgesetzten Verfolgung -zwangsweise weichen müssen. Für seinen Wolfshunger gab es in unserm -Vaterlande eben keinen Raum mehr. Nach Osten ist er verdrängt worden, -von wo er gegenwärtig nur vereinzelt einmal in recht strengen Wintern -über die deutsch-polnische Grenze wechselt. Im Wasgau, ebenso in der -Eifel erscheint wohl auch noch ab und zu ein versprengter Isengrim, der -dann gewöhnlich sehr schnell einer Kugel zum Opfer fällt. In Sachsen -war es bereits um die Mitte des 18. Jahrhunderts mit den Wölfen vorbei; -ja schon kurz vor dem Siebenjährigen Krieg können die Raubgesellen -hier als ausgerottet bezeichnet werden, und nur einzelne Namen wie -Wolfsgrün, Wolfsschlucht, Wolfsheim, Wolfsberg, Wolfshügel erinnern -noch an die einstige Glanzzeit der mordgierigen Bande. Aus unsrer -Dresdner Gegend scheint der Wolf schon recht frühzeitig gewichen zu -sein; wenigstens galt er hier zu Anfang des 17. Jahrhunderts bereits -als Seltenheit, sonst würde man ihm nicht i. J. 1618 eine sog. -»Wolfssäule« im Friedewald, in der Nähe der Landstraße von Meißen -nach Moritzburg, errichtet haben. Die Inschrift der 6 Meter hohen -Steinsäule, auf der ein sitzender Wolf ruht, besagt, daß Kurfürst -Johann Georg I. diesen Wolf »behetzet und beschossen« habe. Das Denkmal -ist oftmals ausgebessert worden, zuletzt i. J. 1919. - -Ein zweites Wolfsmal steht in der Heide zwischen Ottendorf und -Laußnitz, seitwärts der Königsbrücker Landstraße, am Wolfsberg. Es -erinnert an einen Wolf, der am Martinstag 1740 hier abgeschossen ward, -der erste wieder in dieser Gegend seit 56 Jahren. - -Bekannt ist auch die nur etwas über 2 Meter hohe, pyramidenförmig -zugespitzte Wolfssäule in der Dippoldiswalder Heide, an dem Wege -von Malter nach der Heidemühle. Sie zeigt in recht unbeholfenem -Flachrelief einen Wolf, darunter die Inschrift mit der Zeitangabe -6. März 1802. Ohne Zweifel ist dieser »letzte« sächsische Wolf, wie -ihn der Volksmund bezeichnet, nur ein Überläufer aus den böhmischen -Wäldern gewesen. Dort, ebenso in Schlesien, hat sich der Wolf bis zu -Beginn des 19. Jahrhunderts erhalten. Oft hört man erzählen, daß die -Wölfe i. J. 1813 der vernichteten Armee Napoleons in ganzen Rudeln -nach Deutschland, insbesondere auch nach Sachsen, gefolgt seien; doch -es fehlt der Beweis für solche recht wenig wahrscheinliche Annahme. -Wenn im letztvergangenen Jahrhundert, ja noch 1904, in Sachsen oder -nahe der sächsischen Grenze hier und da ein Wolf erlegt worden ist, -so handelte es sich um gefangene, irgendeiner Menagerie entsprungene -Tiere, falls nicht die Phantasie des glücklichen Schützen in einem -wildernden wolfsähnlichen Hunde den leibhaftigen Isengrim erblickte. -Ausführliches über die Geschichte des Wolfs in Sachsen enthält ein -Aufsatz A. Klengels in den Mitteilungen des Sächsischen Heimatschutzes, -Bd. 9, S. 97 ff. - -Auch der kleinere Vetter, der _Fuchs_, hat viel unter der Feindschaft -des Menschen zu leiden, der ihm mit Eisen und Blei und mit vergiftetem -Köder nachstellt. Aber noch immer hat es der Erzschelm verstanden, sich -zu behaupten. Jeden sucht er zu prellen, zu betrügen, der seinen Weg -kreuzt. Eine Legion lustiger Geschichten und unterhaltsamer Späße, die -sich die dichtende Phantasie zusammengereimt hat, von den Tagen Äsops -an bis zu Goethes Tierepos und den Fabeldichtern unsrer Tage. - -In jedem größeren Revier, auch bei uns im so stark bevölkerten Sachsen, -gibt es noch Füchse. »Mehr als genug!« denkt mancher Grünrock, der -seine Niederjagd liebt. Ja, in den vergangenen Kriegsjahren haben -sich die Roten eher vermehrt als vermindert. »Das Raubzeug hat im -deutschen Wald überhand genommen,« so klagte man mir, »ganz besonders -die Füchse«. Das Versäumte, glaube ich, wird bald wieder nachgeholt -sein. Der hohe Preis von Reinekes Winterbalg ist gewiß ein gewaltiger -Ansporn für den Jagdberechtigten, den Fuchs zu schießen oder ihn im -Eisen zu fangen -- ein schönes Sümmchen, das solch ein Balg bringt, der -Mühe schon wert, einmal zu nachtschlafender Zeit das warme Bett mit dem -klirrenden Frost draußen am Hochsitz zu vertauschen, auch wenn's kein -feiner »Silberfuchs« ist -- andererseits wird solch hoher Preis den -Wunsch stärken, den Fuchs im Revier nicht völlig zu missen. Heute wird -es der Jäger wohl unterlassen, falls nicht besondere Gründe vorliegen, -die Welpen mit dem noch wertlosen Balg aus ihrem Bau auszugraben, und -so wird die Zeit hoffentlich recht fern sein, wo auch der Fuchs aus dem -deutschen Walde verschwunden ist, wie Wolf, Luchs und Wildkatze. - -In den Kreisen der Landwirte und Forstleute hat man schon seit -einiger Zeit begonnen, die _Bedeutung der Raubtiere_ mehr und mehr -einzusehen, und wenn auch heute noch hie und da ein einzelner Jäger ein -geschworener Feind alles »Raubgesindels« ist, so beweist er nur, daß er -von der Lebensweise der Raubtiere, der bepelzten wie der gefiederten, -keine rechte Vorstellung hat. Gerade der Fuchs vertilgt eine Unmenge -von Mäusen, und er ist so lüstern auf dies winzige Wildbret, daß er -sich trotz aller Vorsicht und Schlauheit durch leises »Mäuseln« des -Jägers heranlocken läßt. Daneben aber frißt er auch Kerbtiere und -deren Larven, namentlich Maikäfer, Saateulenraupen und Drahtwürmer. -Daß er nur von Hühnern und Fasanen, von Hasen und Kaninchen lebe, ist -eine böse Verleumdung. Natürlich, was er überlisten kann, nimmt er -mit; selbst das Reh fällt ihm zum Opfer; aber doch nur, wenn es an den -Läufen klagt, die die harte Schneekruste ihm zerschnitten hat, und wohl -auch ohne Hilfe des Fuchses eingegangen wäre. Reineke, und das sollte -man ihm nie vergessen, ist aber auch jagdlich insofern von Nutzen, als -er an erster Stelle kümmernde, kranke und schwache Stücke erbeutet -und dadurch der Ausbreitung von Seuchen vorbeugt, sowie durch solche -Auslese den ganzen Stand des Wildes hebt und stärkt. - -Bei Bekämpfung des Raubzeugs kennen einzelne Jäger keine Rücksicht, -und es läuft ebenso häßliche wie unnötige Roheit und Tierquälerei -da mit unter. Oder ist es keine Roheit, die Fähe in der Heckezeit -abzuschießen, daß die Welpen im Bau elend verhungern müssen, oder -das Habichtsweibchen am Horst wegzuknallen und so die Jungvögel -einem elenden Tode preiszugeben? Ist's nicht Tierquälerei, den Fuchs -vierundzwanzig Stunden im Eisen sich abquälen und Eulen oder Bussarde -tagelang mit zerschmetterten Fängen in dem Marterinstrument hängen -zu lassen? Wo der Jäger sich des »Raubgesindels«, wie er's nennt, -nicht anders glaubt erwehren zu können, als daß er Fallen legt und -Eisen stellt, da hat er die Pflicht und Schuldigkeit, am frühen -Morgen nachzusehen, ob sich ein Tier gefangen hat. Wer es unterläßt, -macht sich ebenso der Aasjägerei schuldig wie einer, der auf fünfzig -Schritt Rehe oder Rotwild mit Schrot anspritzt oder ein angeschweißtes -Stück Wild nicht nachsucht. Aber den Räubern gegenüber befinden sich -die Jäger noch oft, wie _Löns_ schreibt, in einem mittelalterlichen -Irrwahn; »der Fuchs ist ihnen ein Dämon, der nachts umgeht und suchet, -was er verschlinge«. - -Von anderem Raubwild weiß das Märchen nur wenig. Den _Luchs_, der in -Deutschland bereits völlig ausgestorben ist, kennt es kaum, und wo -die Katze auftritt, da handelt es sich in den meisten Fällen um unsre -Hausmiez, nicht um die _Wildkatze_. Diese ist bis auf wenig Reste -aus den deutschen Forsten verschwunden; nur die zusammenhängenden -Waldungen, die Dickungen und Felsenklüfte an der Mosel und im Südharz -bieten Hinz, dem Kater, dem kraftstrotzenden, gelenkigen Räuber, noch -gute Verstecke. In bewohnteren Gegenden kann man die Wildkatze nicht -dulden; sie hat der Kultur weichen müssen. Aber noch recht häufig kommt -sie in den Karpaten vor, wurden doch im Jahre 1908 noch 5045 Wildkatzen -im damaligen Ungarn zur Strecke gebracht. - -Und nun unser gemütlicher _Igel_. Wer kennt es nicht, das köstliche -Märchen von »Swinegel un siner Fru«, wie sie beim Wettlauf den -flüchtigen Lampe betrügen, und die lustige Lehre, die Gebrüder Grimm -hinzufügen, »datt et gerahden is, wenn eener freet, datt he sick 'ne -Fru ut sienem Stande nimmt, un de just so uutsäht es he sülwst. Wer -also en Swinegel is, de mutt tosehn, datt siene Fro ook en Swinegel -is«. Oder wer kennt sie nicht, die Fabel vom Igel und dem Hund, der -sich an dem stachligen Gesellen die Nase blutig sticht, oder die -Geschichte vom Igel, der auswandert, weil er von allen Tieren seiner -Stacheln wegen mißachtet und beschimpft wird, und zufällig ins Land der -Stachelschweine kommt, wo alle Einwohner ganz entzückt ausrufen: - - »... welch schöne Augenweide! - Sieh nur den Fremdling mit dem Haar von Seide!« - -Woran H. H. Ewers die Moral knüpft: - - »Ja, also ist's! und schelten auch die einen - Voll Hohn dich eine Borstenkreatur, - Ein struppig Stacheltier -- so mußt du wandern: - Als Seidenviehchen loben dich die andern.« - -Ein köstliches Bild, wenn man 'mal im raschelnden Herbstlaub einer -Igelmama mit ihren vier oder fünf »lütjen Kinners« begegnet, kleinen, -spaßhaften Stachelkugeln, die man gern 'mal in die Hand nimmt. Und -dieser Mäuse- und Insektenvertilger wird -- man sollte es kaum glauben --- gleichfalls von manchem Jäger verfolgt, da sein schnupperndes -Näschen natürlich auch 'mal ein bodenständiges Nest findet und der -Igel dann nicht lange danach fragt, ob es ein paar Regenwürmer sind -oder Jungvögel, die er entdeckt hat. Ich kenne wenig Tiere, die als -Mäusefänger so nützlich, zugleich aber in ihrer ganzen Erscheinung und -in ihrem Gebaren so lustig und interessant sind wie der Igel, und ich -möchte alle Leser bitten, Swinegel und seiner Familie das allergrößte -Wohlwollen entgegenzubringen. - -_Lampe, der Hase_, kommt gleichfalls oftmals in Märchen und Fabeln vor; -er ist immer das arme, geplagte, verfolgte Tier: alles, alles will ihn -fressen, zumal der Mensch. Um sein Aussterben brauchen wir aber kaum -Sorge zu tragen. Der strenge Jagdschutz nimmt sich seiner an; denn der -Hasenbestand ist meistens der Wertmesser des ganzen Reviers, wenigstens -im Niederland. Freilich, wer in den letzten Jahren lediglich den -Ladentischen unsrer Wildbrethandlungen seine Aufmerksamkeit geschenkt -hat, die fast immer »hasenrein« waren, der muß zu der Ansicht gekommen -sein, daß man entweder Lampe neuerdings aus der Liste der jagdbaren -Tiere gestrichen und ihm ewige Schonzeit zugebilligt habe, oder daß es -mit dem Hasenfuß auf unsern Fluren für immer vorbei sei. Aber die Sache -hat andere Gründe, die ich hier nicht erörtern will. - -Allerdings mit der Jagd steht es heute schlimm genug. Überall -Wilddiebe, die ihr dunkles Gewerbe treiben! In manchem Revier sind -schon alle _Rothirsche_ abgeschossen, in fast jedem ihre Zahl stark -gezehntet worden. Und wie die fürstlichen Jagdherren gewiß manchmal -in nicht gerechtfertigter Weise zum Schaden des Landwirts, auch der -Forstwirtschaft, das Hochwild über die Maßen hegten und pflegten, -so verfällt man jetzt ins Gegenteil. Man knallt alles nieder oder -wenigstens weit mehr als nötig ist. Es erinnert dieser Vorgang ans Jahr -1848. Auch damals hat man den Rotwildstand, z. B. in unserm Sachsen, -so arg abgeschossen, daß ernstlich die Frage erörtert wurde, ob damit -nicht das Ende des Rotwilds für alle Zeiten gekommen sei. Und heute -stehen Naturfreund und weidgerechter Jäger vor derselben bangen Frage. -Nur ist keine Aussicht vorhanden, daß irgendein Jagdherr in Zukunft in -der Lage sein wird, sein Wild so zu schützen, zu hegen und zu pflegen, -wie es bisher der Fall war. - -Es tut einem das Herz weh, wenn man bedenkt, daß der _Hirsch_, von dem -die Tierfabel so manches zu berichten weiß, daß sogar das zierliche -_Reh_, das in vielen Märchen eine besonders liebliche Rolle spielt, -vielleicht in recht naher Zeit aus unsern heimatlichen Wäldern, wenn -auch nicht völlig verschwinden, so doch hier immer seltener werden -soll[2]. Die Freude an der Natur, an der Jagd, an dem Wild liegt unserm -Volke im Blut, ein Erbgut aus Urväterzeit. Und wenn es gewiß auch -eine falsche Vorstellung ist, daß die alten Germanen nur von der Jagd -lebten -- im Gegenteil, sie waren seßhafte Ackerbauern und hatten es -schon zu Beginn unsrer Zeitrechnung in der Art, wie sie ihre Ländereien -bestellten, weiter gebracht, selbst als die Römer -- so war doch die -Jagd von großer Bedeutung für sie. - - [2] Bis vor kurzem wenigstens war das zu befürchten; erst - in allerletzter Zeit scheint sich der Rehstand hier und da - wieder erfreulich gehoben zu haben. - -Aber ist sie es nicht auch noch in der Gegenwart? Es sind sich -wenig Menschen, auch die nicht, die gern einmal einen Hasenbraten -oder eine Rehkeule verzehren, darüber klar, welche ungeheuren Werte -unser Wildbestand darstellt. Man hat berechnet, daß unmittelbar vor -dem Kriege die jährliche Ausbeute an Wildbret im Deutschen Reiche -20 Millionen Kilogramm betrug, damals im Werte von wenigstens -25 Millionen Mark, daß die Decken, Schwarten, Bälge einen Marktpreis -von gegen 1½ Millionen besaßen, daß der Erlös an Geweihen und Gehörnen -etwa 1 Million betrug. Das Reich nahm beinahe 6 Millionen Mark aus -den Jagdscheinen ein, die Gemeinden schlugen 40 Millionen aus den -Jagdpachten heraus. Dazu kommen die Millionen, die Jagdaufseher, -Treiber, Hundezüchter, Waffen-, Munitions-, Jagdbekleidungsfabrikanten -u. a. verdienen. (Vgl. _H. Löns_, Kraut und Lot, S. 105 ff.) - -Aber diese volkswirtschaftliche Bedeutung der Jagd ist nicht die -Hauptsache. Der Jagdschutz, wenn er streng durchgeführt wird, erhält -uns das Wild als ein wertvolles Stück der heimatlichen Natur zur -Freude nicht nur des Jägers, sondern jedes Naturfreundes, und da sich -die Wildhege mit Erfolg immer nur in einem Gelände ausüben läßt, das -noch bis zu gewissem Grade das Gepräge der Urwüchsigkeit zeigt -- -ursprüngliche Wälder, Brüche, Moore, Heiden -- so haben wir es zu -nicht geringem Teil der Jagd zu verdanken, wenn noch nicht überall -die Ackerbausteppe und der durchforstete Nutzwald in unserm Vaterland -herrschen, sondern auch noch ab und zu ein Stück Land ein mehr oder -weniger ursprüngliches Gepräge zeigt. Jagd und Jagdpflege sind der -unbewußte Anfang des Naturschutzes und der Naturdenkmalpflege gewesen, -und daher ist es die Pflicht des Heimatschutzes, die edle weidgerechte -Jagd, deren Hauptaufgabe in der Hege und Pflege eines angemessenen -Wildstandes besteht, hochzuhalten und alle jagdlichen Bestrebungen nach -der gekennzeichneten Richtung hin zu unterstützen. »Jagdschutz« also -auch in dem Sinne: »Schutz der Jagd!« - - * * * * * - -Ungleich zahlreicher noch als die Säugetiere sind die _Vögel_, die sich -besonderer Volkstümlichkeit erfreuen und deshalb in vielen Märchen -und Fabeln auftreten. Gleich jenen haben auch die Vögel ihren König, -den _Adler_, nicht wie der Löwe ein Tier fremder Zonen, sondern ein -Bewohner unsrer Heimat. Aber wie wenige meiner Leser werden den stolzen -Vogel aus der freien Natur kennen! Bei uns in Deutschland stehen -sämtliche Adler auf der Aussterbeliste. Der _Steinadler_ horstet wohl -noch in ein oder dem andern Paar in den bayrischen Alpen, während er in -den Wäldern Ostpreußens seit Beginn unsers Jahrhunderts ausgerottet zu -sein scheint. Und doch war dieser wahrhafte König der Lüfte noch vor -hundert Jahren in manchem deutschen Mittelgebirge Brutvogel, ebenso -weitverbreitet im Niederland, in Pommern, Westpreußen, der Mark so gut -wie im Böhmer Wald oder im Riesengebirge. - -Etwas besser steht es noch heute um _See-_ und _Fischadler_; doch sind -deren Horste an der Ostseeküste und auf der norddeutschen Seenplatte -gleichfalls gezählt. Den Nachstellungen des Menschen ist der König -der Vögel zum Opfer gefallen. Auch in den Alpen ist der Anfang vom -Ende da, gezählt sind die Tage seiner Herrschaft. In Sachsen horstet -schon längst kein Adler mehr. Aber der Wanderzug führt stets noch -einige Seeadler, auch Fischadler durch unser Land. Sie kommen von der -Wasserkante oder weit aus den russischen Wäldern. Ein gefährlicher Flug -ist's. Es vergeht kein Jahr, wo nicht ein oder der andere der stolzen -Vögel von einem Schießer heruntergeknallt wird, der sich dann als -kühner »Adlerjäger« brüstet. - -Mit den nächtlichen Raubvögeln, den _Eulen_, hat sich die Märchen- -und Fabeldichtung gleichfalls viel beschäftigt; Und das ist kein -Wunder. Erst wenn die Dämmerung eintritt, beginnen die Eulen ihre -Streifzüge. Dank ihrem seidenweichen Gefieder gleiten sie geräuschlos -und deshalb geisterhaft an dem nächtlichen Wanderer vorüber, und -unheimlich klagend heult ihre Stimme aus dem dunklen Walde. Gleich -glühenden Kohlen funkeln die Riesenaugen im nächtlichen Schatten -- -wieviele Spukgeschichten mögen ihnen ihr Dasein verdanken! Das Märchen -verwendet, um die Stimmung recht gruselig zu machen, die funkelnden -Eulenaugen außerordentlich oft. - -Ich glaube, es gibt wenig Menschen, die eine besondere Vorliebe für -diese unheimlichen Gespenstertiere besitzen. Das tut mir leid, einmal -der Eulen wegen und dann auch um meiner selbst willen, da ich mich -mit meiner ausgesprochenen Passion für Käuze und Eulen aller Art -ziemlich vereinsamt fühle. Ein rechtes Verständnis für die Anmut der -Eulen habe ich nur bei den Italienern gefunden; diese betrachten ihre -Steinkäuzchen als wirkliche Hausfreunde und richten dunkle Brutplätze -unter den Dächern mit bequemen Eingängen für sie her. Allerdings -ist ihre Vorliebe für Käuze nicht frei von Eigennutz; denn der -Italiener bedient sich seiner Freunde zum Fang von Kleinvögeln. Auch -die alten Griechen, denen Verständnis und Gefühl für Schönheit doch -wahrhaftig nicht abgesprochen werden kann, erkannten die eigenartige -Eulenschönheit. Die Eule war der Pallas Athene heilig, die selbst als -»eulenäugig« bezeichnet wird; zugleich war sie das Wappentier der -Hauptstadt, das Sinnbild der Weisheit, und sogar als Glücksbotin findet -sie Erwähnung. - -Wieviel könnten wir Deutschen doch von den alten Griechen in dieser -Beziehung lernen! Bei uns heißt es: »Häßlich wie eine Nachteul'«, und -Eulenaugen gelten nicht gerade als Schönheit. Dazu ist die Eule in -deutschen Landen so recht der Unglücksvogel, dessen nächtlicher Ruf -Krankheit und Tod kündet. Auch im deutschen Märchen ist der Kauz viel -weniger der Vogel der Weisheit, als der böse Geist, der Dämon, der -Hüter verborgener Schätze, dem Menschen feindlich gesinnt, vertraut -mit der schwarzen Kunst, mit Zauberei; in der Fabel aber ist er ein -Griesgram und rechter Philister. - -Ebenso bedauerlich wie auffallend ist der Rückgang der Eulen in unsrer -Heimat. Von dem _Uhu_ will ich nicht reden -- das letzte Paar brütete -noch um die Wende unsers Jahrhunderts in den Felswänden des Hohnsteiner -Reviers. Ich fürchte, der Schutz, den man heute in allen Staatsforsten -dem seltenen Räuber gern gewähren möchte, kommt bereits zu spät, um -den »König der Nacht« zu retten. Aber auch die mittelgroßen Eulen, -wie _Wald-_ und _Schleierkauz_, _Wald-_ und _Sumpfohreule_, selbst -die kleinen _Käuzchen_ sind heutzutage viel seltener geworden als zu -meiner Jugendzeit. Man mag eine Eule aus dem Gehöft verjagen, wenn man -den Mäusejäger durchaus glaubt entbehren zu können; aber eine Eule -töten, bleibt eine Roheit und Gemeinheit, wenn auch vor unsern ganz -unzureichenden sächsischen Gesetzen der Frevler frei ausgeht. Alles, -was bewehrte Fänge und einen Krummschnabel trägt, gehört in Sachsen zu -den jagdbaren Vögeln, und auf diese findet das deutsche Reichsgesetz -keine Anwendung. Der Freibrief, den dieses mit Recht dem Turmfalken, -dem Schrei- und Seeadler, dem Bussard, der Gabelweihe und _sämtlichen -Eulen_, mit Ausnahme des Uhus, ausstellt, hat also für Sachsen keine -Gültigkeit. Hierin endlich einmal Wandel zu schaffen, ist eine -dringende Forderung des Naturschutzes an die Gesetzgebung. - -Viel mehr als die lichtscheue Eule ist im deutschen Märchen der _Rabe_ -der Vogel der Weisheit. Er hat die Gabe, in die Zukunft zu schauen -und wird so zum Verkünder kommender Ereignisse. Das hängt zweifellos -damit zusammen, daß bei unsern Altvordern der Rabe der Vogel Wodans -war, der Götterbote, der den Verkehr zwischen dem Herrscher des Himmels -und den Bewohnern der Erde vermittelte. Seine Verwandten, die Krähen -und Elstern, gelten als diebisches, zänkisches Gesindel, letztere als -besonders schwatzhaft. - -Ein anderer Götterbote war der _Storch_; doch spielt dieser in -orientalischen Erzählungen und Märchen eine weit größere Rolle als in -unserm deutschen Märchenschatz. Auch in der deutschen Fabel begegnet -man dem klappernden Hausfreund nur selten. Dagegen hat unser Volk -um Leben und Treiben des Storchs einen reichen Kranz abergläubischer -Vorstellungen gewunden, deren Ursprung sich in graue Vorzeit verliert. - -Unter den Wasservögeln ist wohl der _Schwan_ das vornehmste Märchen- -und Sagentier. Wir denken an das lustige Märchen »Schwan, kleb an!«, an -die reizende Geschichte vom kleinen »häßlichen Entlein«, das aber einem -Schwanenei entschlüpft war und bald zum bildschönen Schwan heranwuchs; -wir denken an Lohengrins Schwan und an die Schwanenritter oder an die -Schwanenjungfrauen, die auf der Donau den Nibelungen erschienen und -sie vor der Fahrt warnten, die allen den Untergang bringe. In Sachsen -brütet der Wildschwan leider nirgends; dazu sind unsre Teiche zu klein -und unsre Elbe mit ihren gemauerten Ufern viel zu nahrungsarm und zu -unruhig. Wer aber die ostpreußischen Seen kennt, der wird sich mit -Freude der anmutigen Schwimmvögel erinnern, die so manchem dieser -Gewässer einen besonderen Schmuck verleihen. Auch Seen in Brandenburg -und Mecklenburg oder der Unterlauf der Warnow unterhalb Rostock -beherbergen noch immer eine erfreuliche Anzahl der stolzen Geschöpfe. -Freilich haben die bösen Verhältnisse der Nachkriegszeit auch in ihre -Reihen starke Lücken gerissen, so daß es ernstlich an der Zeit ist, -für den Schutz dieser Tiere zu sorgen. Besonders lieblich sind die -Familienbilder, die sie zu Sommers Anfang dem Beschauer bieten, wenn -die Schwanenmutter ihre Kleinen das erstemal durchs Schilf auf die -freie Wasserfläche führt oder die grauen Dunenbällchen auf den Rücken -nimmt und mit dieser leichten Bürde zurück zum Neste gleitet. - -An zweiter Stelle wäre auch der _Gänse_ zu gedenken. Unsre geliebte -Hausgans, deren Braten alljährlich an meinem Namenstage so manchen -Mittagstisch verschönt -- im vorigen Jahre nach längerer Pause auch -den meinen, da eine freundliche Fee den köstlichen Vogel in mein Haus -flattern ließ -- stammt von der Graugans her, die gleichfalls noch -in Norddeutschland brütet und gelegentlich ihrer Herbstreisen auch -an unsre sächsischen Gewässer kommt. Sie ist eleganter in der Figur, -als unsre Haus- und Hofgenossin, auch leichter im Flug, gewandter im -Schwimmen; denn das Gänsefett belästigt sie nicht so stark wie jene. -Auch die _Ente_ mit dem goldnen Krönchen erscheint im Märchen, und -in der Fabel tritt sie zumeist mit dem Fuchs auf, der ihr den Kragen -umdrehen möchte. - -Unter den Singvögeln sind vielleicht die volkstümlichsten _Nachtigall_ -und _Lerche_. Ihr Gesang hat von jeher den Menschen begeistert. -In hundert Volksliedern wird die Nachtigall erwähnt, ja bei den -Minnesingern, die sich nicht genug tun können, die kleinen Waldvöglein -zu preisen, ist die Sängerin der Nacht so ziemlich der einzige -Vogel, der mit Namen genannt wird. Die Lerche aber ist die Sängerin -des Tages, die zum Licht emporsteigt, die mit der Morgenröte sich -erhebt, um den ganzen Himmelsraum mit ihrem Jubel zu erfüllen, zum -Preise des Schöpfers. Neben ihnen spielen in Märchen und Fabeln die -andern Kleinvögel, wie Zeisig, Rotkehlchen, Zaunkönig und Star, nur -bescheidene Rollen; sie treten in der Regel nicht allein auf, sondern -in Begleitung jener Sänger. Ich erinnere an die Fabeln vom Zeisig, vom -Kuckuck oder auch vom Wiedehopf und der Nachtigall, von der Schwalbe -und der Lerche. - -Die _Schwalbe_ ist der Vogel, der das innigste Bündnis mit dem -Menschen geschlossen hat; denn während recht viele zutrauliche Vögel -wohl die Nähe menschlicher Siedlungen aufsuchen und ihre Wohnung an -unsern Häusern, auf und unter dem Dach, am Gesims, auf einem Balkenkopf -oder in irgendeinem versteckten Winkel aufschlagen, sind es die -niedlichen Rauchschwälbchen mit dem gabelartig verlängerten Schwanz -und der rostroten Stirn, die fast ausnahmslos im Innern der Gebäude -Herberge nehmen. Dem Tragbalken des Vorhauses, der Decke des Kuh- oder -Pferdestalles, wohl auch dem Schirm einer elektrischen Lampe vertrauen -sie ihr Nestchen an. Und solche Anhänglichkeit an uns Menschen verdient -Gegenliebe, wie man sie allgemein in deutschen Landen den lieblichen -Vögelchen entgegenbringt. Eine Schwalbe zu töten oder auch nur ihr Nest -zu zerstören, ist ein schwerer Frevel, der von der rächenden Gottheit -mit langem Siechtum bestraft wird. Wo die glückverheißenden Vögel den -Hof verlassen haben und im kommenden Frühjahr nicht wieder Einkehr -halten, da zieht Unfrieden im Haus ein oder es stirbt ein Bewohner. Wer -möchte es wünschen, daß solch frommer Aberglaube doch endlich in die -Rumpelkammer längst überlebter mittelalterlicher Vorstellungen, die -nicht mehr in unsre aufgeklärte Zeit passen, geworfen werde! - -Sinnig sind manche Sagen, die von der Schwalbe berichten. Bei der -Vertreibung der ersten Menschen aus dem Paradies flog eine Schwalbe -blitzschnell an dem Flammenschwerte des zürnenden Engels vorüber, um -das arme, verstoßene Menschenpaar in seine neue unbekannte Heimat zu -begleiten. Hier ward sie ihm zur treuesten Freundin im Glück und im -Unglück. Eine andere Sage erzählt: Als Christus am Kreuze hing und, vom -Durst gequält, um Wasser flehte, da hörte eine Schwalbe des Heilands -Bitte: »Mich dürstet«. Schnell eilte sie an eine Quelle, küßte dann -des Sterbenden Lippen und träufelte einige Tropfen Wasser auf sie. -Hierauf umflog sie das Haupt des Heilands, mit ihren langen Schwingen -ihm Kühlung zufächelnd. Dabei streifte sie die blutenden Wunden, so -daß sich Stirn und Kehle rot färbten. Ähnliches weiß die Sage auch -vom _Kreuzschnabel_ zu erzählen. Bei dem Versuch, die Nägel aus dem -Kreuzesstamm zu zerren, hat sich sein Schnabel verbogen, sein Gefieder -gerötet. - -Nur ein Wort noch vom _Wiedehopf_. Er steht nicht im besten Geruch und -ist doch mit seiner Federholle und dem ansprechenden Farbenkleid ein -wunderhübscher Vogel. Heute kenne ich den Wiedehopf als sächsischen -Brutvogel nur aus der Lausitz, wo er allerdings außerordentlich selten -ist. In meiner Jugendzeit aber brüteten alljährlich mehrere Paare -in den alten Kirschbäumen, die die Viehweide des Rittergutes meiner -Heimat umgaben. Ein ganz abscheulicher Gestank, wenn man die Nase -in den Eingang solcher Kinderstube bringt; selbst die ausgeflogenen -Jungen müssen sich noch tagelang gewissermaßen auslüften, ehe sie den -Geruch verlieren, so fest sitzt er ihnen im Gefieder. In der Fabel ist -der Wiedehopf seines gekrönten Hauptes wegen der eitle Vogel, dessen -armseliger Ruf sich mit dem Gesang der unscheinbaren Nachtigall nicht -messen kann. - -Die Zahl der Vögel, die das Märchen, ganz besonders aber die deutsche -Fabel auftreten läßt, ist so groß, daß man leichter die Arten aufzählen -könnte, von denen das Volk nichts zu erzählen weiß. Kuckuck und Pfau, -Hahn und Sperling, Wachtel und Taube, Kranich und Reiher, Gimpel und -Zeisig müßte ich nennen, und ich würde noch keineswegs allen gerecht -werden. Gerade der Vogel ist von jeher der Liebling des Menschen -gewesen; seine anmutige Gestalt, sein hübsches Farbenkleid, vor allem -aber seine Stimme haben von Anfang an die Aufmerksamkeit eines jeden -auf ihn gelenkt. - - * * * * * - -Die _kaltblütigen Wirbeltiere_ stehen unserm Volke nicht so nahe; das -Verhältnis zu ihnen ist weniger innig. Ganz besonders gilt das von -den _Fischen_. In dem deutschen Märchen spielen sie eine nur sehr -bescheidene Rolle, und auch in den Fabeln tritt nur hie und da mal -der gefräßige Hecht oder der stumpfsinnige Karpfen auf. Die Fische -haben wenig zu sagen, sie sind stumm; daraus erklärt sich wohl solche -Vernachlässigung. - -Aber unter den _Lurchen_ gibt es ausgezeichnete Sänger, die mit -ihrem Lied die ganze Frühlingsnacht erfüllen: die _Frösche_ sind es. -Unsern Seen- und Teichlandschaften verleiht ihr Chorgesang einen ganz -eigentümlichen Reiz. Freilich handelt es sich dabei nur um die eine -Art, den _grünen Wasserfrosch_, während man von dem andern, dem braunen -Grasfrosch, der auf der feuchten Wiese oft in großer Anzahl vor unsern -Schritten aufspringt, nur selten einen knurrenden Laut vernimmt; ~rana -muta~, d. i. der Stumme, nannte ihn deshalb der Zoolog. Um so lebhafter -der andere, der Wasserfrosch. Er ist es, von dem das Märchen so viel -zu erzählen weiß, von seinem Schloß tief unten im feuchten Element, -wo der Froschkönig sein Reich aufgeschlagen hat und seine Herrschaft -über die ganze pausbäckige Gesellschaft ausübt. Meist handelt es sich -um Verwandlungsmärchen, um einen Fürstensohn, der in einen Frosch -verzaubert ward und dann durch die Guttat eines Menschenkindes erlöst -wird. Oder ich erinnere an Georg Rollenhagens »Froschmäuseler« aus dem -Jahre 1595, ein langatmiges Reimwerk, dem Homers »Froschmäusekrieg« -zur Grundlage diente. Die ganze wunderliche Hofhaltung der Frösche -und Mäuse wird uns hier geschildert und die blutige Schlacht zwischen -den Bewohnern des Wassers und den kleinen graufelligen Nagern des -Feldes. Und dann, wieviel alte und neue Fabeln handeln doch von dem -kaltblütigen Sänger, der bald mit der Nachtigall, bald mit dem Kuckuck -den Wettgesang anstimmt! - -Auch die _Kröte_ mit der goldenen Krone ist eine Märchengestalt, -die auf Erlösung harrt. Ich glaube, ihr schönes goldenes Auge, das -treuherzig blickt, voll Wehmut und Sehnsucht, hat es dem Menschen -angetan. Wer es fertig bringt, eine Kröte in roher Weise zu töten, muß -bar jedes Gemüts sein. - -Von den _Schlangen_ ist im Märchen manchmal die Rede. Sie sind die -Behüterinnen verborgener Schätze oder werden nur nebenbei erwähnt, -um die gruselige Stimmung, die einsame, dunkle Orte dem Menschen -einflößen, noch zu erhöhen. Selten wird eine bestimmte heimische -Schlangenart genannt, auch die giftige Kreuzotter nicht. Dagegen tritt -unter dem Namen »Hausunke« die Ringelnatter auf; ihre gelblichen oder -weißen Halbmondflecken am Hinterkopf und Hals werden als Krone gedeutet. - -Es würde zu weit führen, auch den _wirbellosen Tieren_ unsre -Aufmerksamkeit zu widmen. Auch von ihnen gibt es recht viele, die -wahrhaft volkstümlich geworden sind und besonders in der deutschen -Fabel häufig auftreten. Ich erinnere nur an Ameise, Biene, Feldgrille, -Heupferd, Leuchtkäfer oder an die Schnecke. - - * * * * * - -Schutz der Tierwelt! Es wird so viel darüber geklagt, daß die -großen Tiere der Tropen und der Polarzonen durch die unsinnige -Jagdleidenschaft der weißen Rasse ihrem Untergang mit Riesenschritten -entgegeneilen, daß die Elefanten, Giraffen und Flußpferde, ebenso die -großen Walsäugetiere oder die Büffel, die einst in ungeheuren Scharen -die weiten Ebenen Nordamerikas belebten, recht bald der Vergangenheit -angehören werden. Und nicht etwa nur die wirtschaftliche Einbuße und -der Verlust, den die Wissenschaft dadurch erleidet, rechtfertigen diese -Klage und Anklage, sondern der Frevel an der Natur ist es, der das Herz -eines jeden mit Bitterkeit und Trauer erfüllt. Aber näher doch als jene -Tiere ferner Zonen sollte uns die _heimatliche_ Tierwelt stehen. An -ihrer Erhaltung ist nicht etwa nur dem einzelnen Naturfreund gelegen, -sondern unserm ganzen Volk im allerweitesten Sinne. Wir dürfen nicht -engherzig nach Nutzen und Schaden fragen, sondern die höheren Tiere -sind mit ganz wenig Ausnahmen -- ich denke z. B. an die Kreuzotter oder -an kleine Säugetiere, die namentlich auf den Feldern als verheerende -Landplage auftreten können -- um ihrer selbst willen des allgemeinen -Schutzes wert. Wenn wir aber aus der großen Masse einige besonders -hervorheben wollen, deren Untergang am meisten beklagenswert wäre, -ein unersetzlicher Verlust nicht nur für die deutsche Landschaft, -sondern für unser ganzes Volk, so sind es die _volkstümlichen Tiere der -deutschen Märchen und Fabeln_. - - - - -Allerlei Fischräuber, bepelzt und befiedert - - -Die Ziele und Bestrebungen der Menschen sind verschieden und müssen es -sein. Was bringt mir Nutzen und Gewinn? was ist für mich persönlich -von Vorteil? was kann mir schaden? was steht mir im Wege, mein Ziel zu -erreichen? Das sind die täglichen Fragen des einzelnen. - -Aber der einzelne vermag wenig. Gleichgesinnte haben sich deshalb zu -Verbänden zusammengeschlossen, um mit vereinten Kräften das gemeinsame -Ziel zu verfolgen. Solcher Vereine oder Verbände gibt es unzählige, -und wo sie lediglich äußere Vorteile im Auge haben, wo die Frage -nach Nutzen und Schaden im Vordergrund steht, da kreuzen sich ihre -Interessen vielfach, und es treten Gegensätze hervor, die oftmals zu -erbitterten Kämpfen führen. - -Der Landwirt, der Jäger, der Fischzüchter, der Obstgärtner, der Imker -u. a., sie glauben ein Recht zu haben, mit allen Mitteln die Ziele zu -verfolgen, die ihnen ihr Beruf setzt. Sie vergessen aber nur zu leicht -dabei die Rücksichtnahme, die sie ihren Mitmenschen schuldig sind, und -nicht nur diesen, sondern unserer gemeinsamen Mutter, der Natur, der -wir alles verdanken. - -Der Jäger sucht die Feinde seines sorgsam gehegten Wildstandes -unschädlich zu machen; er stellt also auch den Raubvögeln nach, deren -herrlicher Flug das Auge und Herz des Naturfreundes erfreut, und er -fragt wenig danach, ob er dadurch den Landwirt schädigt, zu dessen -treuesten Verbündeten im Kampfe gegen die Mäuse gerade sehr viele -Raubvögel gehören. Der Fischereiberechtigte leidet den farbenprächtigen -Eisvogel nicht und fängt ihn in kleinen Tellereisen, obgleich die -Vogelfreunde sich bemühen, diesen herrlichen Edelstein der heimatlichen -Vogelwelt vor völligem Untergang zu bewahren, oder er setzt Prämien -für die Erlegung des Fischadlers und anderer Fischfeinde aus, bepelzt -und befiedert, deren Vernichtung auch die Wissenschaft beklagen muß, -sobald es sich um seltene Naturdenkmäler handelt. Der Bienenzüchter -ist den Meisen und Rotschwänzchen feindlich gesinnt, die ihm manche -Biene wegschnappen; er vergißt dabei, daß gerade diese Vögel dem -deutschen Forstmann wie dem Obstgärtner von allergrößtem Nutzen sind. -Der Pächter von Kirschplantagen klagt darüber, daß der Vogelfreund -den Star durch Aushängen von Nistkästen in mancher Gegend unseres -Vaterlandes in einer Weise vermehrt habe, daß die Kirschenernte durch -diesen Vogel arg geschmälert werde. Die Katze, die dem Gutsbesitzer -unentbehrlich ist, wird geschossen, wenn sie sich am Waldrande zeigt, -oder der Vogelschützler fängt sie in der Falle, die er in seinem Garten -aufgestellt hat. Und so geht es weiter: _überall Gegensätze, überall -Meinungsverschiedenheiten_ zwischen den Jagdschutz-, Fischereischutz-, -Vogelschutz-, Obstbau-, Bienenzüchter-, Gärtner-, Naturschutzvereinen -und ihren einzelnen Vertretern, und _jeder glaubt im Recht zu sein_, -wenn er sich über die Handlungsweise des Nachbarn bitter beklagt. - -Und doch, nur ein klein wenig gegenseitiges Verständnis, ein wenig -Rücksichtnahme, freundliches Entgegenkommen von der einen Seite wie -von der andern: wahrhaftig, mancher Streit könnte beigelegt, mancher -Zusammenstoß gemildert werden. Wir wollen doch nicht ganz aufgehen -in unsern persönlichen Interessen, nicht immer nur nach Nutzen und -Schaden fragen, nach eignem Vorteil und Gewinn. Auf eine höhere Warte -müssen wir uns stellen und das große Ganze überblicken, nicht den -einzelnen im Auge haben, sondern die Gesamtheit. So verschieden die -Bestrebungen und Ziele auch sein mögen: in dem _einen_ großen und -idealen Ziele finden wir uns schließlich doch alle zusammen: _die Natur -unsrer Heimat möchten wir so gern in ihrer heiligen, unverletzlichen -Schönheit erhalten wissen_, soweit es ohne wesentliche Schädigungen -_berechtigter_ Sonderinteressen nur irgend möglich ist. _Schutz unsrer -Heimat!_ das muß unsre Losung sein; alles andre hat sich diesem -allgemeinen Ziel unterzuordnen. - -Wer den großen, gar nicht hoch genug einzuschätzenden Vorzug besitzt, -daß ihn sein Beruf in die innigste Berührung mit der Natur bringt, der -darf nie vergessen, daß er dieser unsrer Allmutter, wie seinen weniger -begünstigten Mitmenschen gegenüber Verpflichtungen schuldet, die den -eignen persönlichen Interessen vorangehen. Und so sollten sich all -diese Begünstigten die Hand zum Bunde reichen und sich zusammenfinden -in der _Idee des Heimatschutzes_, der kein kleinliches Partei-, kein -einzelnes Berufsinteresse kennt. Die gefährdeten Geschöpfe unsrer -Heimat gilt es zu erhalten, nicht zu vernichten! Wir haben kein Recht, -die Natur zu verstümmeln. Wir wollen uns nicht nur der nützlichen und -harmlosen Tiere annehmen, sondern auch derjenigen, die sich in vielen -Einzelfällen als schädlich erweisen, und wollen diese wenigstens soweit -dulden, daß sie nicht völlig von der Bildfläche des Lebens schwinden -- -unrettbar, unwiederbringbar! - - * * * * * - -Die _Fischerei_ hat über die Menge der tierischen Feinde vielleicht -noch mehr zu klagen als die Jagd. Dabei wollen wir die kleineren -Räuber, die den Kerbtieren angehören, ganz unberücksichtigt lassen: -den Gelbrand und seine Larve, die nicht nur die junge Brut überfallen, -sondern sich auch nicht scheuen, mit ihren scharfen Freßwerkzeugen -selbst größere Fische anzubeißen, oder den Rückenschwimmer, auch -Wasserwanzen und Wasserskorpion, ebenso die äußerst räuberischen -Larven mancher anmutigen Libellen, die als fertige Insekten zu -den harmlosesten Tieren gehören. Wir wollen nur an die vielen -Fischfeinde oder, besser gesagt, an die Fischliebhaber denken, die dem -Fischereiberechtigten aus der Reihe der Wirbeltiere mancherlei Schaden -verursachen. - -Ein wirkliches Raubtier, der _Fischotter_, der Familie der -Marder angehörend, ist wohl am meisten gefürchtet. Töricht und -ungerechtfertigt wäre es, vom Fischereiberechtigten zu verlangen, -diesen bösen Fischräuber unbehelligt zu lassen. Wo er sich in unsern -Teichgebieten zeigt, die vornehmlich der Karpfen- und Schleienzucht -dienen, da bleibt dem Besitzer oder Pächter gar nichts anderes übrig, -als den Otter im Eisen zu fangen oder auf dem Anstand zu schießen -oder auch durch scharfe Otterhunde und Teckel ihn in seinem Bau -aufzustöbern; denn der Schaden, den der gewandte Schwimmer hier -anrichtet, ist unberechenbar groß, zumal der Fischotter ungleich mehr -Fische vernichtet, als er zu verzehren vermag. Auch den Möweneiern, -der Kiebitzbrut, jungen Gänsen und Enten, zahmen wie wilden, stellt -der mordgierige Räuber nach. Aber es gibt doch auch Gewässer in unserm -Vaterland, Flüsse und Bäche, wo von größerem Fischreichtum nie die -Rede sein kann. Wenn sich hier 'mal ein Fischotter zeigt und der -Fischereiberechtigte fängt nun an zu rechnen: 6 Pfund Fische täglich -zum Fraß und noch doppelt so viel aus reiner Mordlust, macht 18 Pfund -auf den Tag oder 65 Zentner im Jahre; alles halbpfündige Forellen -vielleicht -- mir schwindelt der Kopf, wenn ich dran denke, wieviel -Tausende Papiermark das ausmacht: so ist solches Rechenwerk einfach -lächerlich; denn so viel Fische beherbergt der ganze Fluß nicht, selbst -wenn man die winzigsten Schneider mitrechnet. Oder hofft der Fischer -etwa, wenn er den Übeltäter erst 'mal hat nun die 65 Zentner Fische -selbst einheimsen zu können? Vergebliche Hoffnung! Zu fischreichen -Gründen, wie sie es vielleicht ehemals waren, als die Fabriken durch -ihre Abwässer den Flußlauf noch nicht verunreinigt hatten, werden -derartige Gewässer niemals wieder sich umwandeln, ob man den Otter -gewähren läßt oder ihn wegfängt. - -Zum Glück ist der Herr der Seen und Flüsse ein kluges Geschöpf, -vorsichtig, mißtrauisch; die geringste Veränderung in der Nähe seines -Baues und Ausstieges bemerkt er sofort, und so müht sich der Fänger -in vielen Fällen vergeblich ab, den Fischräuber zu überlisten. Wir -dürfen hoffen, daß das interessante »Fischsäugetier« unserer Heimat -trotz aller Nachstellungen, wenn auch in verschwindend geringer Anzahl, -erhalten bleibt. - -Auch die Verwandten, die Mitglieder der eigentlichen _Marderfamilie_, -stellen gelegentlich den Karpfen und Schleien und selbst den flinken -Forellen nach. Gute Schwimmer sind sie alle, und was sie erreichen -können zu Land und zu Wasser, wird erbarmungslos gemordet. Aber gerade -die Vielseitigkeit ihres Speisezettels -- Eichkatzen, Wildtauben, -Häher, Krähen, allerlei Kleinvögel und ihre Eier, Mäuse und Frösche, -Ratten, Junghasen, Kaninchen, Fasanen, Eidechsen, Fische, Maikäfer usw. --- beweist, daß sowohl die größeren Arten, Baum-, Hausmarder und Iltis, -als auch die kleineren, Hermelin und Mauswiesel, neben beträchtlichem -Schaden, den sie vor allem der Niederjagd zufügen, doch auch manchen -Nutzen stiften. Wo sie sich zu stark vermehren, da soll man ihnen -Einhalt gebieten; aber sie auszurotten, wäre eine sehr bedenkliche -Maßnahme. Mäusefraß und Rattenschaden, übermäßige Vermehrung der -Eichhörnchen oder auch der Krähen und Wildtauben würden solchen -Weltverbesserern beweisen, daß sie auf dem Holzwege sind. - -Auch die kleine _Wasserspitzmaus_ wird des Fischraubes beschuldigt, und -gewiß mag ihr manche Elritze, mancher Stichling zum Opfer fallen; aber -wenn man bedenkt, daß die flinken, ewig hungrigen Spitzmäuse jedes Tier -auffressen, das sie überwältigen können, Schnecken, Egel, Libellen- und -Schwimmkäferlarven, Flohkrebse, Uferwanzen, Heuschrecken, Regenwürmer, -Raupen, Larven von Köcherfliegen u. a., wird der Fischpächter -versöhnlicher gestimmt werden und den kleinen muntern Schwimmern auch -'mal ein Fischchen gönnen. - -Über die _Wasserratte_, die im Gegensatz zu den bisher genannten -Fleisch- und Insektenfressern zu den Nagetieren zählt, sind die -Ansichten geteilt. Die einen meinen, die Wasserratte rühre kein -Fischlein an; andere dagegen behaupten, kleine Fische fielen ihr häufig -zum Opfer, und wo Fischzucht getrieben wird, dürfe es daher keine -Wasserratten geben. Allzugroß wird der Schaden jedenfalls nicht sein, -zumal der Nager durch den Fang fischfeindlicher Wasserinsekten manchen -Verlust wieder auszugleichen mag. - - * * * * * - -Aber _gefiederte_ Fischräuber gibt es viel mehr als bepelzte -- -leider, leider! Man kann es den Fischereiberechtigten wirklich nicht -verargen, wenn sie sich gegen die Konkurrenz, die ihnen von dieser -Seite zweifellos in oft recht empfindlicher Weise gemacht wird, zur -Wehr setzen. Auf der andern Seite sind gerade unter diesen gefiederten -Fischliebhabern einige, die zu den schönsten Mitgliedern der Vogelwelt -gehören und unsern Teich- und Seenlandschaften zum reizvollsten Schmuck -gereichen, so daß deren Verfolgung den Naturfreund außerordentlich -schmerzlich berühren muß. Hier ist eine Verständigung sehr schwierig. -Es muß der Fischer dem Vogelfreund ein wenig entgegenkommen, und dieser -jenem. Schon wenn jeder sich bemüht, den Standpunkt des andern zu -verstehen und zu würdigen, wird viel gewonnen sein. - -Ich denke, man sollte zunächst einmal unterscheiden, ob es sich um -_einzeln_ lebende Fischräuber handelt, z. B. den Fischadler, den -Schwarzstorch, den Eisvogel, die also mehr oder weniger als Einsiedler -hausen und ein weites Revier für sich beanspruchen, oder um solche -Vögel, die _in größerer Menge_ auftreten, wie Reiher, Möwen, Taucher -u. a. Bei jenen darf man wohl erwarten, daß der einsichtsvolle Fischer, -dem doch auch die Erhaltung der heimatlichen Natur am Herzen liegt, -ein Auge zudrückt, falls die Verhältnisse nicht besonders ungünstig -sind; es kann ja hier höchstens von einem örtlichen, nicht aber -von einem allgemeinen Schaden die Rede sein. Bei den in größerer -Anzahl auftretenden Schädlingen aber sollte man sich damit begnügen, -sie auf ein gewisses Maß zu beschränken. Und dieses Maß, das nicht -überschritten werden darf, scheint mir allerdings für manche Gegend -bereits erreicht zu sein. Indessen allgemeine Regeln, die in jedem -Einzelfall zu beachten sind, lassen sich nicht aufstellen. - -Wer den _Eisvogel_ aus dem Bereich der Fischzuchtanstalten vertreibt, -dem wird man es nicht verargen können; denn wo diese gefiederten -Fischer in größerer Anzahl regelmäßig bestimmte Setzteiche besuchen, -da wird der Schaden nicht unerheblich sein, obgleich sie nur -kleinfingerlange Fischchen erbeuten. Solche Fälle aber sind Ausnahmen. -Jedes Pärchen beansprucht ein großes Gebiet und duldet kein zweites -in unmittelbarer Nähe. Und gerade in unserer Heimat sind die Eisvögel -bereits so selten geworden, daß ich nicht weiß, ob jeder meiner Leser -schon einmal in freier Natur den leuchtenden Funken, rotgoldig glänzend -und seidig blau, an sich hat vorüberschießen sehen, oder ob er ihn -nur im ausgestopften Zustande kennt. Jedenfalls ist es selbst für -den, der mit der gefiederten Welt der Heimat vertraut ist, immer ein -Ereignis, wenn er dem Eisvogel an unsern Bächen, Flüssen und Teichen -begegnet. Ihn _überall_, wo er sich zeigt, wegzuknallen oder in kleinen -Tellereisen zu fangen, ist eine Versündigung an der Natur. An unsern -Gebirgsbächen, an unsern Flüssen, an allen Teichen, die nicht gerade -der Fischzucht dienen, sollte man den einsamen Fischer ruhig gewähren -lassen. Oder ist wirklich jemand der Meinung, der Eisvogel trage die -Schuld, daß die heimatlichen Gewässer so arm an Fischen sind? - -In dem überaus heißen und regenarmen Sommer des Jahres 1911, wo bei uns -alle Quellen versiegten, jedes Bächlein, jeder Graben austrocknete, da -sammelten sich einige Eisvögel an dem einzigen größeren Bach meiner -Heimat, der noch etwas Wasser führte; der Hunger trieb sie hierher. -Aber dem Tode entging vielleicht keiner; man schoß ab, so viel man -erreichte. Wozu? Hier, wo von gewinnbringender Fischerei nicht die -Rede sein kann, wo nur gelegentlich ein paar Forellen gefangen werden, -hätte man doch wahrhaftig den schönen Vögeln den kleinen Tribut gönnen -können, den sie beanspruchten; nach kurzer Zeit würden sie sich wieder -über ein weites Gebiet, aus dem sie die Trockenheit vertrieben hatte, -verstreut haben. Ist der Fischereiberechtigte der sogenannten wilden -Fischereien wirklich in so bedrängten Verhältnissen, daß es ihm auf -ein paar winzige Fischchen ankommt? so fragt man sich. Nimmt er lieber -den Unwillen der vielen Naturfreunde, die solche Handlungsweise mit -Recht verurteilen, auf sich, als daß er auf eine kleine Anzahl zum Teil -fast wertloser Schuppenträger verzichtet? Man möchte solch engherzigem -Pfennigrechner den geringen Verlust gern aus eigner Tasche ersetzen. - -Und nun die weitere Frage: Hat der Fischereipächter ein gesetzliches -Recht, den Eisvogel zu töten? Nach dem deutschen Vogelschutzgesetz -ist der Eisvogel ebenso geschützt wie jeder Singvogel. Bei uns in -Sachsen wird er laut eines Beschlusses des Finanzministeriums vom -3. Juni 1912 als jagdbar angesehen, »da er wirtschaftlich wesentlich -schädlich« sei[3]; doch soll er die allgemeine Schonzeit vom 1. Februar -bis mit 31. August genießen. Die Dienststellen der Forstverwaltung -sind angewiesen, ihn durchaus zu schonen. In Preußen dürfen die -Fischereiberechtigten den Eisvogel ohne Anwendung von Schußwaffen -fangen und töten, in Sachsen nicht. In Bayern aber, in Württemberg, -Baden, Mecklenburg und in fast allen andern deutschen Einzelländern ist -der Eisvogel unbedingt geschützt. Man ist sich in vielen Kreisen über -diese rechtliche Stellung unseres Vogels noch gar nicht im klaren. - - [3] Nach meiner persönlichen Auffassung ist dieser Beschluß - nicht haltbar. Alle »kleinen Feld-, Wald- und Singvögel« - sind vom Jagdrecht ausgenommen. Zugegeben auch, daß der - Eisvogel unter diesen Begriff nicht recht zu bringen ist, ein - »Wasservogel« -- und als solcher nur wäre er jagdbar -- ist - er aber gleich der Bachstelze und der Wasseramsel doch nur im - biologischen, nicht im systematischen Sinne. Und daß Nutzen - oder Schaden bei der Beurteilung, ob jagdbar oder nicht - jagdbar, berücksichtigt werden sollen, davon sagt das Gesetz - nichts. - -Sehr bedauerlich ist es auch, daß oftmals lediglich die hervorragende -Schönheit des Vogels den Anreiz zu seiner Verfolgung gibt, wie es auch -von der Mandelkrähe, dem Pirol und andern auffallend gefärbten Vögeln -gilt, die man doch gerade ihrer Schönheit wegen besonders schonen -sollte -- »Schönheit« und »schonen« sind sprachlich verwandte Wörter! -Jede Schule ist stolz darauf, wenn sie unter ihren Anschauungsobjekten -auch einen Eisvogel besitzt, und als vor einigen Jahren die Mode -aufkam, die Schüler im Zeichenunterricht ausgestopfte Vögel zeichnen -und malen zu lassen -- wie kann ein ausgestopfter Vogelbalg das Leben -in freier Natur ersetzen! -- da war die Nachfrage nach Eisvögeln -besonders stark, und trotz aller Schongesetze wurde unter den -prächtigen Vogelgestalten tüchtig aufgeräumt. Wenn der Bestand der -gefiederten Fischer weiter in dem Maße abnimmt, wie innerhalb der -letzten 30 bis 40 Jahre, so wird der schöne Vogel in kurzer Frist, -bei uns wenigstens, nur noch der Sage angehören, und die Enkel, die -vielleicht in der »guten Stube« der Großeltern den ausgestopften -Eisvogel bewundern, wie er da zwischen den goldumrandeten Tellern -und Tassen im Glasschrank seinen Platz gefunden hat, werden es nicht -glauben wollen, daß solch herrliche, tropisch gefärbte Vögel einstmals -in unsrer Heimat gelebt haben. »Warum schoß man sie ab?« so fragen die -Enkel dann, »was taten sie den bösen Menschen zuleide?« »»So manches -Fischlein holten sie sich aus Bächen und Flüssen; da ließ man keinen am -Leben!«« - -Es nützt wenig, den Fischpächter darauf hinzuweisen, wie doch auch der -Eisvogel gerade für ihn, den Fischer, einigen Nutzen stiftet, indem -er allerlei Kerbtiere und deren Larven wegfängt, die der Fischerei -großen Schaden zufügen; man denkt immer nur an die Konkurrenz durch -den gefiederten Fischer. Gewiß, seine Hauptkost bilden die kleinen -Flossenträger, die er, von seinem Sitzplatz aus eräugt und nun, ins -Wasser hinabstürzend, zu fassen sucht. Aber nicht immer wird ihm ein -Fisch zur Beute; oft ist's nur ein grauer Rückenschwimmer oder die -Larve einer Wasserjungfer, einer Köcherfliege, die er erwischt; noch -öfter aber geht der Stoß fehl. Sehr genaue Forschungen über die Nahrung -der Eisvögel hat _Liebe_ angestellt. Die Untersuchung des Kropfinhaltes -ergab, daß bei 78 v. Hdt. Fischreste, bei 22 aber die Reste von -Kerbtieren überwogen. Damit stimmen auch die Magenuntersuchungen -_Ecksteins_ überein, der in 34 Magen Fischreste, in 12 Magen -Insektenteile fand. Namentlich wenn der Eisvogel Junge im Nest hat, -treibt er eifrig Kerbtierfang; denn zunächst füttert er die Kleinen mit -Insekten und deren Brut, erst später mit Fischen aller Art. Daß er mit -Vorliebe kleine Forellen fange, ist eine grundlose Behauptung. - -Wirklich nachweisbaren Schaden wird der Eisvogel nur dort -anrichten, wo künstliche Fischzucht getrieben wird, außerdem wo er -an reichen Fischgewässern ausnahmsweise einmal in größerer Anzahl -auftreten sollte. Wenn ihn der Fischereiberechtigte, namentlich der -Forellenzüchter, an solchen Stellen zu vertreiben sucht, wird kein -verständig Urteilender etwas einzuwenden haben, und wir sollten -meinen, wie in Weinbergen und Kirschplantagen der Gebrauch des -Schießgewehrs zur Abwehr der Vögel gestattet werden kann, so dürfte -es zweckmäßig sein, wenn die Polizeibehörde -- der Stadtrat bzw. die -Amtshauptmannschaft -- ermächtigt würde, die gleiche Erlaubnis den -Besitzern von Forellenzuchtanstalten in bezug auf den Eisvogel zu -erteilen, natürlich nur nach gründlicher Prüfung jedes Einzelfalles und -bloß auf eine bestimmte kurze Zeit. Ganz verwerflich aber ist es, den -herrlichen und bei uns in Sachsen schon recht seltenen Vögeln an jedem -Orte, wo man sie antrifft, nachzustellen. - -Und was vom Eisvogel gilt, das gilt in noch erhöhtem Maße von der -_Wasseramsel_. Zwar entbehrt dieser Vogel der tropischen Farbenpracht, -aber er ist trotzdem eine der anmutigsten, lieblichsten Erscheinungen -an unsern Gebirgsbächen, und ein hübsches Kleid besitzt er auch. Das -weiße Vorhemd, das sich wirkungsvoll von der rostbraunen Unterbrust -abhebt, steht ihm ganz allerliebst. In den Bewegungen, besonders dem -fortwährenden Zucken des kurzen Schwänzchens, hat die Wasseramsel -etwas vom Zaunkönig, mit dem sie auch verwandt ist. Sie gehört zu den -Singvögeln und besitzt einen zwitschernden, grasmückenartigen Gesang. -Dem Rieseln des Wassers, das auf steinigem Grunde dahinfließt, ist das -plaudernde Lied zu vergleichen. Und wer je das Glück gehabt hat, die -Wasseramsel beim Schwimmen und Tauchen zu beobachten, der wird immer -mit Vergnügen an sie denken. - -Mit dem feuchten Element ist die Wasseramsel von frühester Jugend -an vertraut. Ihre Kinderwiege stand in einem Felsenloch am Ufer -des Gebirgsbachs oder in einem ausgehöhlten Pfahl am Wehr, hinter -dem sich das Wasser staut, vielleicht auch in dem Schaufelrad der -alten verfallenen Mühle, die längst das Klappern verlernt hat. Hier -verträumte das Vögelchen die ersten Tage seiner Kindheit. Es hörte das -Rauschen des Bächleins; es sah, wie der Sonnenstrahl in dem rieselnden -Naß unruhig glitzerte, wie die Mutter mit tropfenden Flügeln aus dem -Wässerlein auftauchte, allerlei Leckerbissen im Schnabel, den Kindern -zur willkommenen Speise. Und dem Bächlein bleibt der Vogel nun auch -sein lebenlang treu. Gewissenhaft folgt er, talab oder talauf fliegend, -all seinen Krümmungen; es ist, als müsse die Wasseramsel das rieselnde -Wasser stets unter sich haben, auf das immer ihr schöner, großer -Augenstern gerichtet ist. Und Furcht vor dem Wasser kennt unser -Vögelchen nicht. Auf einem Stein sitzt es, mitten im Strudel; dann -läuft es hinein in den schäumenden Gischt. Bis zur weißen Hemdbrust -schon reicht ihm das Wasser, jetzt bis zu den Augen, und jetzt ist -das ganze Persönchen in dem klaren Waldbach verschwunden. Mit Flügeln -und Füßen arbeitet der Vogel kräftig gegen die Strömung; dann taucht -er wieder empor und surrt, die Tropfen vom Gefieder abschüttelnd, -nach einem Ästchen, das niedrig über dem Bächlein herabhängt. Aber -nur kurz ist die Ruhe. Dicht über dem Wasser fliegt das Vöglein -weiter talaufwärts, wo es von einem andern Stein aus das Spiel von -neuem beginnt. Selbst den kleinen Wasserfall fürchtet es nicht; im -Flug durchschneidet es ihn und sucht hinter der herabstürzenden Flut -nach Nahrung, die ihm der Bach allezeit spendet. Auch im härtesten -Winter bleiben einige Stellen des lustig von Stufe zu Stufe hüpfenden -Wässerchens eisfrei, daß der niedliche Vogel auch dann keine Not -leidet. Ja mitunter läßt er schon mitten im Winter, wenn die Bäume -ringsum unter der Schneelast sich neigen und über vereistem Grund das -Bächlein talab hüpft, sein kleines Lied hören, und der kleinste der -Kleinen, Zaunkönigs Majestät, gibt ihm Antwort: »Winter, wir fürchten -dich nicht!« - -Die Nahrung der Wasseramsel besteht aus allerlei Kleingetier, wie es -jedes klare fließende Wasser am Grunde zwischen und unter den Steinen -reichlich bietet: Larven und Puppen der Wasserkäfer, der Ufer- und -Eintagsfliegen, Wassermotten, Wasserwanzen, Flohkrebschen, wohl auch -eine Wasserschnecke, gelegentlich eine Elritze oder ein Stichling. -An Forellenteichen wird es natürlich auch vorkommen, daß sich die -Wasseramsel an Forellenbrut vergreift. Aber der Schaden, den der -hauptsächlich auf Insektenkost angewiesene Vogel der Fischerei zufügt, -ist so geringfügig, daß wirklich kein Grund vorliegt, ihn zu verfolgen, -wie es noch manchmal geschieht, obgleich das Gesetz ihn unter seinen -Schutz nimmt. - -Die Talgründe unserer Heimat, z. B. die anmutigen Seitentäler der Elbe, -namentlich aber auch droben im Gebirge, wo nur immer ein klarer Bach -zu Tal rinnt, beherbergen noch immer den reizvollen Vogel. Möge er uns -erhalten bleiben, damit wir uns auch in Zukunft an dem anmutigen Leben -und Treiben des Vögleins erfreuen können! Gleich dem Eisvogel gereicht -es jedem Gebirgsbach zum lieblichsten Schmuck. - - * * * * * - -Einer der seltensten Brutvögel im Deutschen Reiche ist der -_Schwarzstorch_. Bis auf einige Paare ist er aus unserm Vaterlande -verschwunden. Unsre engere Heimat kennt ihn überhaupt nicht, höchstens -daß er ausnahmsweise einmal an einem unsrer Gewässer auf seiner Herbst- -oder Frühjahrsreise Rast macht. Ich habe den schönen Vogel wiederholt -in Bosnien und in der Herzegowina angetroffen, während ich in -Deutschland seinen Horst nur im Hannöverschen und am Darß (i. J. 1913) -gesehen habe. In Ostpreußen soll es noch mehrere besetzte Horste geben, -auch im Kreise Neu-Ruppin zählte man vor einigen Jahren noch drei Stück. - -Wenn wir wünschen, daß dieses Naturdenkmal uns wenigstens in seinen -spärlichen Resten erhalten bleibe, so werden uns sicher alle -Verständigen zustimmen, obwohl der Schwarzstorch ein großer Liebhaber -von Fischen ist. - -Unser gemütlicher Hausfreund, der _weiße Storch_ treibt gelegentlich -auch Fischfang. Sollen wir ihm deshalb böse sein? In Sachsen brütet -der Storch fast nur noch in der Lausitz, wo sich aber heute nicht -einmal ein Dutzend besetzter Horste befinden. Die Gemeinde, die ein -Storchenpaar besitzt, ist stolz auf den gefiederten Kinderfreund, -und mit Teilnahme beobachtet groß und klein alle Vorgänge, die sich -am Horst abspielen. Wer den Vögeln ein Leid antut, setzt sich dem -allgemeinen Unwillen der Bevölkerung aus. Trotzdem kommt es bisweilen -noch immer vor, daß ein Storch abgeschossen wird; man findet einen -solchen mitunter verendet im Teichgebiet. Wer ihn auf dem Gewissen -hat, weiß man nicht. Man sollte aufhören, die wenigen Störche, die -unser Sachsen noch beherbergt, mit Pulver und Schrot zu verfolgen. Sind -wir wirklich so arm geworden, daß unsre sächsischen Gewässer nicht -einmal mehr ein paar Dutzend Störchen eine kleine Zubuße zu ihrer -täglichen Nahrung spenden können? Aber auch in noch storchreichen -Gegenden Mecklenburgs, Pommerns usw. hat die Anzahl der Störche in -erschreckender Weise abgenommen. Es ist höchste Zeit, daß wir alle -unsre schützende Hand über diesen Vogel halten, der, wie die Schwalben, -zu den volkstümlichsten Erscheinungen der gefiederten Welt gehört, lieb -und wert schon unsern Voreltern in längst vergangenen Tagen. - -Auch für den _Fischadler_, der besonders das norddeutsche Seengebiet -bewohnt, habe ich schon manches gute Wort eingelegt und freundliches -Gehör gefunden. Für unser Sachsen ist der stolze Fischer als Brutvogel -schon längst verschwunden; aber auf dem Zuge weilt er gern ein paar -Tage an unsern stehenden Gewässern. Hoch über dem See zieht er dann -seine Kreise; in Spiralen schraubt er sich tiefer. Plötzlich steht -er, wie ein Falke rüttelnd, im Luftraum. Da stürzt er mit angezogenen -Schwingen hinab. Das Wasser schlägt über ihm zusammen; aber im Nu -taucht er wieder empor, einen Fisch in den Fängen. Ist es wirklich -nötig, daß man diesen herrlichen Vogel sofort, wenn er sich zeigt, -mit Pulver und Schrot empfängt? Ein paar Fische mag sein Besuch -dem Teichpächter kosten; aber wie bald ist der edle Vogel wieder -verschwunden! - - * * * * * - -Neben den bisher angeführten nur _einzeln_ auftretenden Fischräubern -gibt es aber auch Fischerei-Schädlinge, die _kolonienweise_ brüten. -Ihre Anzahl auf ein gewisses Maß zu beschränken, sie »kurz zu halten«, -wie der Jäger sagt, das ist das unveräußerliche Recht aller, die ein -unmittelbares Interesse an dem Blühen und Gedeihen der Fischerei haben. -Freilich sind dabei große Unterschiede zu machen, und _ein Kampf bis -zur Vernichtung ist unter allen Umständen verwerflich_. - -Die _Möwen_, die nur ganz geringen Schaden anrichten, da sie zu wenig -Taucher sind, um sich im tiefen Wasser der schnellen Flossenträger -bemächtigen zu können und nur an ganz seichten Stellen oder dort, wo -kleine Fische in Pfützen geraten sind, dem Fischfang obliegen, sollte -man als herrliche Zierde unsrer Gewässer ruhig gewähren lassen. Bei -uns im Binnenland handelt es sich lediglich um die _Lachmöwe_, an der -schokoladebraunen Gesichtsmaske kenntlich, die sie im Sommer trägt. -Manche Kolonie an unsern Teichen ist eingegangen, fast alle sind -schwächer geworden; der Rückgang seit zehn oder zwanzig Jahren ist -ganz auffallend. Er hängt wohl weniger damit zusammen, daß übereifrige -Fischer die Vögel beim Brutgeschäft stören, um sie zu vertreiben, als -mit dem Eierraub, der oft in rücksichtslosester Weise Jahr für Jahr -ausgeübt wird, bis die Vögel den unwirtlichen Ort verlassen und der -Besitzer der Kolonie das Nachsehen hat. - -Der Nutzen, den die Möwen für den Landwirt haben, ist unbestreitbar. -Hinter dem pflügenden Landmann flattern und schreiten sie einher, die -Insekten auflesend, die die Pflugschar freigelegt hat; ja, man kann -beobachten, wie sie selbst der Mäusejagd auf den Feldern obliegen. -Ihre Jungen füttern sie ausschließlich mit Kerbtieren, unter denen -sich viele Fischereischädlinge befinden; ich habe niemals Fischreste -an ihren Brutplätzen entdeckt. Auch an der Wasserkante macht sich der -Rückgang aller Möwenarten von Jahr zu Jahr immer mehr bemerkbar. Früher -sah man besonders bei stürmischer Witterung in den deutschen Seestädten -viele Tausende von Möwen an und über den Hafengewässern, heute nur -eine geringe Zahl. Jedenfalls hat der Fischer keinen stichhaltigen -Grund, die Möwen zu verfolgen, und wenn Badegäste am Strand und -vom Boot aus die anmutigen Segler der Lüfte, lediglich aus Übermut -und um der Schießlust zu frönen, wegknallen, so sollte die dortige -Bevölkerung den Frevlern solch verächtliches Handwerk gründlich legen. -Den Schießern als Ziel zu dienen, dazu sind die Möwen, die so recht -ein Gottesgeschenk für unsre Küstengewässer wie Binnenseen bedeuten, -wahrhaftig nicht da. - -Auf und an fast allen größeren Teichen brüten, meist in mehreren -Paaren, unsre vier _Taucher_, von denen der stattliche schöne -_Haubentaucher_ der seltenste ist. Er beansprucht eine größere -Wasserfläche als die andern und kommt deshalb, namentlich auf den -kleineren Gewässern unsrer Heimat, gewöhnlich nur vereinzelt oder in -wenigen Paaren vor. Der Fischer ist sehr schlecht auf ihn zu sprechen; -er betrachtet ihn als einen argen Räuber. Leider kann man diese Anklage -nicht widerlegen. Selbst der Hinweis darauf, daß der Vogel doch auch -viele Insekten vertilge, wird den Fischereiberechtigten kaum milder -stimmen. »Insekten?« so entgegnet er uns, »die hätten ja auch den -Fischen zur Nahrung dienen können; die Taucher verkürzen also auch noch -jenen das tägliche Brot und schädigen mich so auf doppelte Weise.« Es -ist schwer, dagegen etwas zu sagen, wenn man nicht immer wieder an -die vielen räuberischen Insektenlarven erinnern will. Das Eine aber -steht fest: bei solch einseitiger Betonung ganz bestimmter Interessen -dürfte es bald aus sein mit dem Reichtum und der Mannigfaltigkeit der -Natur. Mit demselben Recht würde der Brieftaubenzüchter fordern, daß -er alle Raubvögel, der Imker, daß er Meisen und Fliegenschnäpper, der -Obstzüchter, daß er Stare und Pirole abschießen dürfe. Wohin sollte -das führen? Die kleineren Taucher, die _Rot-_ und die _Schwarzhälse_, -namentlich aber der winzige _Zwergtaucher_, tun der Fischerei wenig -Abbruch; man sollte sie ruhig gewähren lassen. Den großen Haubentaucher -aber sollte man gleichfalls schonen, weil er selten ist, nur vereinzelt -vorkommt und dem Gewässer zur schönsten Zierde gereicht. Freilich von -Brut- und Streckteichen muß er ferngehalten werden. - -Viel schlimmere Fischräuber sind die _Kormorane_. Aber für die -deutsche Fischerei kommen diese Vögel nicht mehr in Betracht, da sie -auf deutschem Gebiet sehr stark gezehntet worden sind. Sie waren bis -zu Anfang des vorigen Jahrhunderts für ganz Norddeutschland ziemlich -selten. Um 1810 legten sie aber auf Fünen eine große Kolonie an; hier -wurden sie von den Fischern vertrieben. Ein Teil ließ sich auf Rügen -nieder, wo die Vögel das gleiche Schicksal ereilte. Dann wanderten -sie südwärts nach der Odermündung, und da man ihnen auch hier keine -Ruhe gönnte, zogen sie weiter die Oder hinan bis in die Spreegegend. -Pulver und Blei haben ihnen hier ein Ende bereitet. Es gab noch vor -50 Jahren an den verschiedensten Örtlichkeiten Deutschlands kleinere -Kolonien dieser gefräßigen Fischer, z. B. an der Müritz, am Pinnower -See bei Schwerin, am Mecklenburger Strand, an der Ostseeküste -Schleswig-Holsteins, im Oderbruch oberhalb Stettins, auf der Danziger -Nehrung, am Frischen und am Kurischen Haff, am Mauersee in Masuren -u. a. O. Heute ist das alles vorbei, und wenn wir von ein paar -vereinzelten und unsicheren Brutstätten dieser Ruderfüßler absehen, -so ist die Kormorankolonie im Kreise Schlochau in Westpreußen die -letzte des Landes. Obgleich die Kormorane großen Schaden anrichten, so -werden sie hier doch nicht vertilgt, »weil der Besitzer an den schönen -interessanten Vögeln seine Freude hat«. (Vgl. Naumann, »Die Vögel -Mitteleuropas«.) - - * * * * * - -Viel allgemeiner und auch viel gerechtfertigter sind die Klagen der -Fischer über die Schädigungen durch den _Fischreiher_, gehört doch -dieser stattliche Vogel auch heute noch vielen deutschen Ländern als -Brutvogel an. Freilich auch seine Zahl ist, wie die aller größeren -Vögel, außerordentlich zurückgegangen, und die wirklich reichbesetzten -Reiherkolonien oder Reiherstände, welche Hunderte von Horsten -vereinigen, gehören bereits zu den Seltenheiten. Viele Reiherstände -sind völlig verschwunden. Nichts erinnert mehr daran, daß einst in -den hohen Buchen und Eichen zahlreiche Horste standen; andere wieder, -erst vor kurzem erloschen, zeigen noch in den Wipfeln der Bäume die -verlassenen Brutstätten, bis schließlich ein Wintersturm die ineinander -geflochtenen Reiser zerstreut. Jedenfalls sind die Zeiten vorbei, wo -man sicher sein konnte, im Frühling und Sommer an jedem Fluß, an jedem -See wenigstens einige dieser schönen Vögel anzutreffen. - -Im Mittelalter und auch später noch, bis ins 17. Jahrhundert, erfreuten -sich edle Herren und Damen an der Reiherbeize. In frohem Zuge ritt -man von der Burg herab, gefolgt von Jagdgästen, Falkonieren und der -bellenden Meute. Zeigte sich ein Reiher, so ließ der Jagdherr und -gleich darauf eine der Damen die schnell entkappten Falken steigen, -die nun versuchten, das immer höher gehende Beutetier gemeinsam unter -sich zu bringen. »Wie auf der Fuchshatz sausen Reiter und Reiterinnen -durch dick und dünn, den sich in der Ferne fast verlierenden Kämpfern -nach. Endlich hat ein Falk die Fänge in die dicken Schwingen des -Reihers gehakt, und beide Partner wirbeln zur Erde. Der erste Reiter -packt sie, bekappt den Falken und stellt den Reiher der Dame vor.« Die -unbeschädigten Reiher, denen man nur ein paar Schmuckfedern nahm, ließ -man dann oft wieder fliegen; doch tötete man sie auch bisweilen, weil -ihr Wildbret auf vornehmen Tafeln sehr geschätzt war. - -Der Reiher gehörte damals zur »hohen Jagd«, deren Ausübung das Vorrecht -hochstehender Personen, geistlicher und weltlicher Würdenträger, war. -Die Strafen, mit denen die unbefugte Tötung eines Reihers bedroht -ward, waren äußerst hart. Kein Reiherhorst durfte zerstört, kein Ei -genommen werden, und nur dem Fischereiberechtigten war es allergnädigst -gestattet -- Scheuchen aufzustellen. In Sachsen erreichte die Falknerei -unter August dem Starken ihren Höhepunkt; es wurden stattliche Summen -für diesen Jagdsport ausgegeben, und wenn die Falken auch auf das -verschiedenste Federwild, z. B. Trappen, Gänse, Schwäne, Rebhühner, -Wachteln, losgelassen wurden, die Beizjagd des Reihers blieb doch immer -die Hauptsache. - -Wie haben sich die Zeiten gewandelt! Das deutsche Vogelschutzgesetz -hat die Reiher, sowohl den grauen Fischreiher, wie den Nachtreiher und -die Rohrdommel, auf die Liste der Geächteten gesetzt; es gewährt ihnen -in keiner Weise irgendwelchen Schutz, und die preußische Jagdordnung -vom 15. Juli 1907, die doch alle Sumpf- und Wasservögel als jagdbare -Tiere bezeichnet, schließt die grauen Reiher -- ebenso die Taucher, -Säger, Kormorane und Bläßhühner -- von diesem Vorrecht aus. In -Preußen entbehren also die Fischreiher des Jagdschutzes, während die -andern Reiherarten, eingeschlossen die Rohrdommeln, jagdbar sind. Der -Fischreiher unterliegt somit in Preußen dem freien Tierfang, d. h. er -darf auch vom Nichtjagdberechtigten allezeit gefangen, getötet und -seiner Brut beraubt werden; er ist völlig schutzlos, der Willkür eines -jeden preisgegeben. - -Bei uns in Sachsen liegen die Verhältnisse insofern etwas anders, -als die Reiher jagdbar sind. Es hat also nur der Jagdberechtigte ein -Anrecht auf sie. Irgendwelche Schon- und Hegezeit ist den Reihern -freilich versagt. Das Gesetz über die Ausübung der Fischerei vom -15. Oktober 1868 gestattet aber auch den Fischereiberechtigten, den -Fischreiher -- ebenso den Fischotter -- zu fangen und ohne Benutzung -des Schießgewehrs zu töten. Innerhalb 24 Stunden sind die auf diese -Weise erbeuteten Vögel an den Jagdberechtigten auszuliefern. Auf die -andern Reiherarten steht dem Fischer kein Anrecht zu. Ähnlich lauten -die Bestimmungen in den meisten deutschen Einzelländern. In Bayern, -Sachsen-Weimar, Hessen ist der Fischreiher wie bei uns jagdbar, in -Württemberg, Baden, Mecklenburg, Oldenburg vogelfrei wie in Preußen. - -Ich wüßte keinen einheimischen Vogel zu nennen, dessen Geschlecht in -den letzten 150 bis 200 Jahren so blutigen Verfolgungen ausgesetzt -gewesen wäre, wie der Fischreiher, und wenn diese Verfolgungen heute -auf ein geringeres Maß zurückgegangen sind, so liegt der Grund hierfür -nur in der Tatsache, daß die Reiher an Zahl außerordentlich stark -abgenommen haben. Der Haß, mit dem man dem Fischräuber begegnet, ist -der gleiche geblieben. Wo sich der schöne, schon durch seine Größe -auffallende Vogel zeigt, und sei es auch nur auf der Wanderung, -wenn er ein wenig rastet, da sucht man seiner habhaft zu werden; an -den Horstplätzen aber wird zur Brutzeit unter den Alten sowohl, wie -namentlich unter den bald flugbaren Jungen, die auf dem Horstrand -hocken, oftmals das furchtbarste Blutbad angerichtet. Am Wasser stellt -der Fischer versteckte Fangeisen auf; tollkühne Burschen klettern an -den hohen Horstbäumen empor und wagen sich bis zu den Nestern, die -häufig auf den schwankenden Enden der Äste ihren Platz haben; sie -rauben die licht-grünlichblauen Eier, deren das volle Gelege meist 4 -bis 5 Stück zählt. Prämien, von Fischereivereinen gewährt, locken immer -mehr zu rücksichtsloser Vertilgung. In der Tat, man muß sich wundern, -daß es auch heute noch im Deutschen Reiche eine Anzahl von Reiherhalden -gibt -- gegen früher allerdings nur spärliche Reste. Ich fürchte sehr, -daß auch diese in einem halben Jahrhundert fast völlig verschwunden -sein werden, und daß dann der Reiher für Deutschland als Brutvogel -ebenso selten sein wird, wie heute schwarzer Storch, Kolkrabe, Uhu oder -Wanderfalk. - -In Süddeutschland, d. h. südlich des Mains, gibt es schon jetzt kaum -noch ein paar kleinere Kolonien; sie sind fast alle in den letzten 30 -oder 50 Jahren vernichtet oder versprengt worden, so daß sich nur noch -hie und da einzelne Reiherhorste finden. Als fast einzige Ausnahme -ist die Kolonie bei Schloß Morstein an der Jagst, auf der Besitzung -des Freiherrn von Crailsheim, hervorzuheben; aber auch sie ist stark -zurückgegangen, und von den 200 Horsten, die sie vor einigen Jahren -zählte, wird wohl kaum noch die Hälfte besetzt sein, obgleich die -Besitzer von jeher den schönen Tieren Schutz gewährten und auf manche -Vorteile verzichteten. Es ist leicht möglich, daß diese Kolonie das -ehrwürdige Alter von mehr als einem halben Jahrtausend erreicht hat; -denn eine Nachricht aus dem Jahre 1586 besagt, daß die Reiher hier -schon »seit vielen hundert Jahren« horsten. Die Maingegend zählt noch -einige Reiherstände; in Mittelfranken beherbergte z. B. der Windheimer -Stadtwald Schoßbach im Forstamte Ipsheim noch vor einiger Zeit eine -Kolonie von 20 bis 25 Horsten; wie es heute um sie steht, weiß ich -nicht. Auch im Hessischen gibt es noch einige kleine Reiherhalden, -während die Kolonien bei Nürnberg, Neuhaus in der Fränkischen Schweiz -u. v. a. der Vergangenheit angehören. In ganz Elsaß-Lothringen scheint -der Fischreiher nur als Strichvogel und auch nur ausnahmsweise -vorzukommen, und in der Rheinprovinz ist sein Brutgebiet ganz -beschränkt. - -In den übrigen Ländern Mittel- und namentlich Norddeutschlands ist der -Reiher noch häufiger; er fehlt als Brutvogel wohl keiner preußischen -Provinz völlig und tritt ebenso in Oldenburg und in Mecklenburg in -mehreren Kolonien auf. Aber es gibt doch auch weite Gebiete, wo man -heute vergeblich selbst nach nur einzelnen Reiherhorsten suchen würde. -Unserm Sachsen fehlt der Reiher als Brutvogel völlig, nachdem die -letzte Kolonie auf den alten Eichen einer Insel im »Horstsee« bei -Schloß Hubertusburg durch Fällen der Bäume i. J. 1888 vernichtet worden -ist. Einige Reiher zogen sich wohl nach dem Wermsdorfer Wald zurück, -sind aber auch dort schon längst völlig verschwunden. - -Die letzte Kolonie ganz in der Nähe der sächsischen Grenze, nur 10 oder -11 ~km~ von ihr entfernt, nördlich von Königswartha, die ich i. J. -1912 besuchte, stand in einem öden Kiefernwald bei Weißkollm. Ich -konnte im ganzen 16 Horste zählen, die bis auf einen sämtlich besetzt -waren: mächtige Bauwerke aus starken Reisern, 1½ bis gegen 2 ~m~ im -Durchmesser, mit weißem Kot übertüncht. Generationen haben an diesen -Horsten gebaut, die seit Menschengedenken von den schönen Vögeln -bewohnt wurden. In jedem Jahr die gleiche Anzahl von Reiherfamilien, -nicht mehr und nicht weniger. Ein herrlicher Anblick, wenn die stolzen -Segler der Lüfte ruhigen Flugs über den uralten Föhren, die ihre Nester -tragen, in schwindelnder Höhe kreisen! Kopf und Hals sind auf den -Rücken gelegt, daß nur der lange Schnabel hervorschaut; die Ständer -werden weit nach hinten gestreckt, und in dem schönen Federbusch am -Kropf spielt lustig der Wind. Dann läßt sich ein oder der andere Reiher -auf dem Horstrand nieder und füttert die Jungen mit Fischen, die er -ihnen aus weiter Ferne im Kehlsack bringt; denn ein Gewässer findet -sich nicht in der Nähe. Wie ich mit großem Bedauern höre, ist in den -letzten Jahren die Kolonie stark zurückgegangen, vielleicht ganz -verschwunden. - -Hannover, Schleswig-Holstein, Pommern, West- und Ostpreußen beherbergen -noch immer eine stattliche Anzahl von Reiherhorsten; Posen, Schlesien, -Brandenburg, die Provinz Sachsen sind schon ärmer daran. Man sieht, -der Reiher bevorzugt im allgemeinen die Niederungen mit ihren ruhig -fließenden oder stehenden Gewässern, dazu die Meeresküste. Ob das -Jagdgebiet mehr oder weniger im freien Gelände liegt, ob dichtes -Gebüsch die Ufer besetzt oder ob finsterer Wald den See von allen -Seiten umgibt, das ist den Reihern gleich, sobald sich nur seichte -Uferstellen finden, wo sie, im flachen Wasser stehend, dem Fischfang -ungestört obliegen können. - -Die größte Reiherkolonie habe ich vor ein paar Jahren -- es war in der -zweiten Hälfte des Mai -- an der deutschen Ostseeküste besucht. Den -Ort verschweige ich; ebenso verrate ich nicht, wieviel besetzte Horste -hier auf den hohen Eichen stehen mögen. Sonst fangen die pommerschen -Boddenfischer, wenn sie's hören, sofort an zu multiplizieren, erst -die Anzahl der Reiherpaare mal zwei bis drei Dutzend spannenlanger -Fische, das Produkt mal 180 -- so viele Tage ungefähr weilt der Reiher -an seinem Brutplatz -- dann wird dividiert, nun weiß man die Kilo, und -wieder multipliziert -- man hört ganz deutlich die Goldstücke klimpern, -die man ohne die Reiher einheimsen könnte. Aber von dem Schaden, den -die Fischer sich selbst dadurch zufügen, daß auch sie so oft alles -kleine Fischgewürm, das sich in den Netzen gefangen hat, mit zu Gelde -machen, davon wollen die Leute nichts hören. - -Wenigstens 20 bis 25 ~m~ schätzte ich die Höhe der Horste. Manche -Eiche trug deren fünf oder sechs. Die Alten fütterten eifrigst, viele -brüteten aber auch noch. Die großen Vögel kreisten schreiend über den -Horstbäumen. Ihre riesigen Schatten huschten ganz eigentümlich zwischen -den Eichen, deren Kronen noch ziemlich unbelaubt waren, dahin. Es sah -noch leidlich reinlich im Nistrevier aus: ein paar Eierschalen, etwas -weißer Kot und nur ausnahmsweise ein verwesender Fisch. Wie anders, -wenn man später kommt! Da muß man in solchem Unrat förmlich waten, wie -es mir erging, als ich vor vielen Jahren einmal im Sommer eine große -Reiherkolonie an der Elbe, unterhalb Wittenberg, besuchte. - -An einem der folgenden Tage sollten einige Reiher abgeschossen werden. -Auf höheren Befehl mußte sich der Oberforstmeister dazu bequemen; denn -die Fischer hatten sich schon ein paarmal bei der Regierung beklagt, -daß man hier die Reiher, die doch so grenzenlosen Schaden anrichten, -ruhig gewähren lasse, ja sie geradezu hege und züchte. »Zwölf Stück, -nicht mehr!« so lautete die strenge Weisung, die der Oberforstmeister -uns gab, »und nicht zwei von demselben Horstbaum abschießen, damit der -Überlebende des Paares die Brut weiter aufzieht, auch peinlich darauf -achten, daß kein Reiher dabei in den Horst fällt, wodurch die Jungen -elend umkommen müssen, also nicht schießen, wenn der Reiher gerade über -seinem Nest schwebt!« Wir hatten das Dutzend schnell zusammen; denn -wenn auch nach jedem Schuß die Vögel abstreichen, sie kommen doch recht -bald wieder, falls man sich nur ein wenig hinter den Stämmen versteckt. -Die Mutterliebe läßt sie die Gefahr nicht achten. - -Die armen zwölf Stück! Für die andern hatten sie das Leben gelassen --- Opfer des Vogelschutzes, so seltsam es klingt. Ein mäßiger Abschuß -war eben unbedingt nötig, um den Klagen der Fischer etwas gerecht zu -werden. Nur auf diese Weise läßt sich die Brutkolonie dauernd erhalten. -Wir banden die prächtigen Tiere, damit sie von allen Dorfbewohnern -gesehen würden, an den Jagdwagen und fuhren durch ein paar Dörfer mehr, -als nötig gewesen wäre, wieder heimwärts. Schaut, ihr Fischer, wie man -sorgt, daß ihr die Fischräuber los werdet, und haltet den Mund nun! - -An unsern sächsischen Teichen, ja sogar an Gebirgsbächen halten sich -die Reiher, namentlich auf ihrer Wanderung, gern auf; es findet sich -überall ein Plätzchen, wo selbst das schnellfließende Wasser seinen -eiligen Lauf unterbricht. Den Hals niedergebogen, den Schnabel gesenkt, -den spähenden Blick auf den Wasserspiegel gerichtet, so schleichen -die schlanken Gestalten mit behutsamem Tritt am Ufer entlang; sie -gehen nur so weit ins Wasser, daß es ihnen höchstens an die Fersen -reicht. Bisweilen verharren sie auch stundenlang unbeweglich fast auf -demselben Fleck. Nur von Zeit zu Zeit schnellt blitzartig der Hals vor, -so daß der Schnabel, oft auch zugleich der Kopf unter der Wasserfläche -verschwindet. Selten nur geht der Stoß fehl; das Bajonett trifft sein -Ziel mit großer Sicherheit. Der zappelnde Fisch wandert sofort in den -unersättlichen Schlund. - -Außer Fischen fängt der Reiher auch Frösche, Kaulquappen, größere -Wasserkäfer, Libellen und ihre Larven, Regenwürmer; selbst den Mäusen -stellt er nach, ebenso jungen Sumpf- und Wasservögeln, und manchmal muß -er seinen Hunger mit dünnschaligen Teichmuscheln stillen. Aber Fische, -von den kleinsten angefangen bis zur Größe von etwa 20 ~cm~, daß er sie -gerade noch hinabzuwürgen vermag, sind ihm doch die liebste Kost. Nach -der Art der Flossenträger fragt der Reiher dabei nicht im geringsten. -Kleine Karpfen, Hechte, Forellen, Karauschen, die verschiedenen -Weißfischarten, Aale, Schleien, selbst Barsche und Stichlinge -- es ist -ihm alles willkommen, mehr auf die Menge sieht er als auf die Güte. - -Unter solchen Umständen kann man es dem Fischereiberechtigten nicht -verdenken, wenn er auf den hochbeinigen Mitbewerber sehr schlecht zu -sprechen ist, und es wäre jeder Versuch, diesen weißwaschen und seine -Diebereien beschönigen oder gar leugnen zu wollen, von vornherein -lächerlich. An ganz fischarmen Gewässern richtet der Räuber natürlich -keinen Schaden an, schon aus dem Grunde nicht, weil er sich dort nie -lange aufhalten wird; ebenso meidet er alle Gewässer, die sofort am -Ufer so tief einsetzen, daß er darin nicht waten kann. Auch wo regerer -Menschenverkehr Unruhe bringt, zeigen sich nur ausnahmsweise einmal -ein paar Reiher. Der Vogel findet es sehr schnell heraus, wo eine -reiche Beute seiner wartet, und sein regelmäßiges Vorkommen in einer -bestimmten Gegend ist -- ich möchte sagen, der erfreuliche Beweis -dafür, daß die Gewässer der Umgebung sehr fischreich sind. - -Naturfreunde haben zur Ehrenrettung des Reihers darauf hingewiesen, -daß dort, wo »wilde Fischerei« betrieben wird, wie vielfach in -den Gräben der Elb- und Wesermarsch, der Fischer dem Vogel nichts -vorzuwerfen habe: Raubfischerei üben sie beide, indem sie ernten, wo -sie nicht säten. Ist aber die Konkurrenz deswegen weniger ärgerlich? -Zur Brutzeit, so hat man weiter gesagt, fange der Reiher nur kleine -Fische, »Seitenschwimmer«, wie sie sich massenhaft in der Nähe der -Ufer herumtummeln. Indessen, die Horstjungen entwickeln sich schnell -und bedürfen sehr bald größerer Bissen, und außerdem aus der Unmenge -kleiner Fischlein würden doch im Laufe der Zeit wenigstens einige -große wertvolle Fische heranwachsen. Viele Flüsse und namentlich die -Boddengewässer am Meer, hat man gemeint, seien so reich an Fischen, -daß der Abbruch, den die Reiher zufügen, nicht der Rede wert wäre. Wer -so urteilt, der hat sich's sicher noch nicht klar gemacht, daß eine -größere Reiherkolonie von hundert Horsten und mehr gewiß auch gegen -hundert Zentner alljährlich an Nahrung bedarf. Freilich gefangen werden -müßte diese Menge auch erst von den Fischern, eine Arbeit, die ihnen -die Reiher abnehmen. - -Nur das eine wird man bis zu gewissem Grade gelten lassen: es fallen -mehr die Raubfische im weitesten Sinne, wie Aale, die dem Fischlaich -nachstellen, Hechte und Barsche, die den Jungfischen verderblich -werden, und minderwertige Weißfische den Reihern zur Beute, weil sich -die genannten mehr an jenen Örtlichkeiten aufhalten, wo die Vögel mit -Erfolg zu fischen vermögen, während andere, z. B. Karpfen und Schleien, -die Tiefen vorziehen und die Nähe der Ufer gewöhnlich meiden. Auch -die Forelle, die sich mit Vorliebe an steilen Ufern aufhält und unter -Steinen und Wurzeln gern Deckung sucht oder in starker Strömung auf dem -Anstand steht, ist dadurch vor den Reihern einigermaßen gesichert. Wo -aber künstliche Fischzucht getrieben wird, wo ein nach vielen Tausenden -zählendes Kapital sich verzinsen muß, da kann man den regelmäßigen -Besuch der Reiher unter keinen Umständen dulden. - -Wie bei so vielen Fragen, muß auch hier immer von Fall zu Fall -entschieden werden. Es gibt sicher unzählige Gewässer im Deutschen -Reich, wo man nicht sofort jeden Fischreiher zu fangen oder -niederzuknallen braucht, wenn sich mal einer zeigt, und ich kenne -manchen Fischereiberechtigten, der gern eine kleine Einbuße erleidet, -weil auch er an dem herrlichen Vogel, der die Landschaft belebt, seine -Freude hat. Es gibt aber auch genug Besitzer oder Pächter, die selbst -mit geringen Summen rechnen müssen. Könnte hier nicht -- natürlich -nur von Fall zu Fall -- der Staat eintreten und den Schaden ersetzen, -oder sollten sich bei der großen Naturschutzbewegung unsrer Tage -nicht einige begeisterte Vogelfreunde finden, die bereit wären, ein -Scherflein zu opfern, um ein paar Reiher, vielleicht die einzigen in -einer weiten Landschaft, zu retten? Unwirtschaftlich, so wird man -diesen Vorschlag nennen. Mag sein -- aber ich frage: Läßt sich der -Nutzen und Schaden eines Tieres immer nur berechnen nach Geld und -Geldeswert? - -Soviel steht fest: durch die maßlose Verfolgung ist der schöne Vogel -für viele Gegenden unseres Vaterlandes dem Aussterben nahegebracht. Mag -man ihn dort, wo er noch in größerer Zahl auftritt und empfindlichen -Schaden anrichtet, auch weiter kurz halten, _ein paar Reiherhorste -sollte man doch zu erhalten suchen, auch ein paar größere Kolonien -unter staatlichen Schutz stellen_. - - * * * * * - -Zu der Familie der Reiher gehört auch die _große Rohrdommel_. Sie -ist selbst in unserer sächsischen Lausitz, wo ich ihrem unheimlichen -nächtlichen Liebeslied oft und oft gelauscht habe, recht selten -geworden. Zum Glück führt sie ein verstecktes Leben, sonst wäre wohl -auch der letzte dieser interessanten Vögel schon längst verschwunden; -denn der Fischer ist auch auf die große Rohrdommel schlecht zu -sprechen. Gewiß, ihre Hauptnahrung mag in Fischen und Fischbrut -bestehen, wenn sie daneben auch viele schädliche Insekten frißt; aber -sie ist im Gegensatz zum Fischreiher ein ungesellig lebender Vogel, -der schon aus diesem Grunde nicht allzuviel Schaden anrichten wird. -Dazu kommt, daß die eigentlichen Brutteiche von der Rohrdommel gemieden -werden, weil dort gewöhnlich nicht so viel Rohr und Schilf wächst, daß -sich der scheue Vogel gut verstecken kann. Wo die große Rohrdommel -so selten ist, wie in unserer Lausitz, da sollte man sie schonen und -ihr den kleinen Tribut an Fischen gönnen. Namentlich möchte ich alle -Jäger bitten, den seltenen Vogel, wenn er gelegentlich der Entenjagd -sein Versteck verläßt, nicht abzuschießen. Es wäre doch schön, wenn er -unsrer Heimat erhalten werden könnte! Die seltene _kleine Rohrdommel_, -ein allerliebstes Zwergreiherchen, das behend im Rohrwald auf- und -abklettert, wird noch viel weniger schädlich sein; solch kleiner Magen -bedarf nicht viel. Die andern Reiher aber, _Nacht-_ und _Purpurreiher_, -sind so seltene Gäste unsrer Gewässer, daß es die Pflicht jedes -Jagdberechtigten sein muß, das Gastrecht diesen Fremdlingen gegenüber -zu wahren. - -Außer den genannten mögen auch wilde _Enten_, _Gänse_ und _Schwäne_, -dazu an der Meeresküste der mächtige _Seeadler_ manchen Schaden -anrichten, besonders wenn man bedenkt, daß doch neben den Fischen -selbst auch deren Laich für viele an und auf den Gewässern lebende -Vögel einen Leckerbissen bildet. Schließlich ist vielleicht kein -einziger Sumpf- und Wasservogel ganz freizusprechen. Wollte man sie -alle ihre gelegentlichen Übergriffe büßen lassen, so wäre es bald -vorbei mit dem reichen Leben, das die meisten Teiche und Seen noch -immer beherbergen. - -Nur einen Fischereischädling aus der Klasse der Kriechtiere wollen wir -noch erwähnen, die _Ringelnatter_. Sie ist bekanntlich eine vorzügliche -Schwimmerin. Ein wahres Vergnügen, ihr zuzusehen, wie der schlanke, -geschmeidige Schlangenleib in auserlesen schönen Windungen an der -Oberfläche des Wassers dahingleitet, den breiten Teich durchquerend -oder die Strömung des Flusses überwindend. Selbst weit hinaus ins -Meer schwimmt sie, habe ich doch einmal eine Ringelnatter im Barther -Bodden, wohl 5 ~km~ weit vom Land, vom Fischerboot aus beobachtet -und gefangen; ein fingerlanges Fischchen erbrach sie vor Schreck. An -und in unsern Fischteichen in der Lausitz gibt's Ringelnattern genug, -und ich verstehe es, daß die Fischereiberechtigten ihnen recht feind -sind, wenn es sich auch nur um kleine Flossenträger handelt, denen -die Nattern nachstellen. Im übrigen aber sind diese Schlangen ganz -unschuldige Geschöpfe, die man an jedem Gewässer, das nicht gerade der -Fischwirtschaft dient, ruhig gewähren lassen sollte. - -Wenn jeder, den es angeht, erkennen wollte, daß die _allgemeinen_ -Interessen _höher stehen_ als die besonderen des einzelnen, dann würde -uns die Sorge um den Fortbestand der sogenannten »Fischräuber« von der -Seele genommen. - - - - -Malepartus, die Raubburg und Kinderstube von »Reinke de Vos« - - -Fröhlichen Ringelreihen tanzen Buben und Mädel auf maigrünem Anger. -»Fuchs, du hast die Gans gestohlen, gib sie wieder her«, singen die -hellen Kinderstimmen dazu, und dann folgt ein anderes ausgelassenes -Spiel mit tüchtigem Rennen und Jagen; »der Fuchs kommt«, nennen sie's, -jeder spielt es so gern. - -Ja, in aller Munde ist er und allen vertraut, Freund Reineke mit der -buschigen Lunte und dem ergötzlichsten Schelmengesichtchen der Welt; -selbst das kleine Nesthäkchen auf Mutters Schoße kennt das Konterfei -des schlauen Betrügers im Bilderbuch ganz genau, und die älteren -Geschwister wissen manche Geschichte von ihm: wie er dem eitlen Raben -den Käse abschmeichelt, die unschuldigen Tauben berückt, den stolzen -»Gockelmann« packt, wie er seinem größeren Vetter, dem Wolf, so arg -mitspielt, den Hasen um seinen Schwanz bringt, wie er aber bisweilen -auch selbst genarrt wird, von der Katze und vom Hahn, ja sogar vom -harmlosen Häschen. Das Lesebuch enthält all diese schönen Geschichten, -die Brüder Grimm, Ludwig Bechstein, Hagedorn, Simrock und besonders -Robert Reinick -- es liegt schon im Namen -- den Kindern erzählt haben; -sie werden nicht müde, die hübschen Märchen und Fabeln immer von neuem -zu lesen. Und dann das plattdeutsche Epos »Reinke de Vos«, das 1498 zu -Lübeck gedruckt ward, und endlich der ganz große Dichter, hat er nicht -auch dem Fuchs ein Denkmal gesetzt, seine lustigen Streiche für alle -Zeiten verewigt! - -Ein Denkmal -- ach ja, das ist der richtige Ausdruck! Als Goethe sein -Tierepos schrieb, da galt es noch einem Lebenden; heute ist der Fuchs -aus manchem deutschen Gau verschwunden, und wenn man ihm weiter so -rücksichtslos nachstellt mit Gift und Fangeisen und tödlichem Blei, -wenn der Jäger im Frühling jeden Bau seines Reviers ausgräbt und die -niedlichen Jungfüchse den mordlustigen Hunden erbarmungslos preisgibt, -so wird es auch über kurz oder lang von Reineke heißen, wie vom Wolf, -vom Luchs und von der Wildkatze: vergangen, vorbei! Wohl lebt er dann -noch weiter im Bild, im Lied und im Märchen -- »es war einmal ...«, -aber draußen in freier Natur auf sonniger Heide läuft dem Wanderer -nie ein Fuchs mehr über den Weg, und Malepartus, die Raubburg, liegt -tot und verlassen. Höchstens hoppeln Karnickel vor ihren Eingängen; -die haben jetzt gute Zeit, wie die Mäuse im Haus, wenn die Katze vom -bösen Nachbar in der Kastenfalle gefangen und dann grausam ersäuft -ward. Vielleicht sehe ich zu schwarz. Der schlaue Betrüger hat es ja -noch immer verstanden, dem Jäger ein Schnippchen zu schlagen, und in -den größeren waldreichen Revieren, im Gebirge wie im Niederland, haust -Reineke auch heute noch und fristet sein Leben, so gut er's vermag. Ja, -während der Kriegszeit haben die Füchse, so sagte man mir, hier und da -stark an Zahl zugenommen; die Männer vom grünen Tuch standen an der -Front und hatten wichtigere Arbeit, als Jungfüchse zu graben oder den -alten Rüden und Fähen nachzustellen. Aber seit der Preis eines guten -Winterbalgs eine schwindelnde Höhe erreicht hat, ist auch die Gefahr -für den Roten, dem Jäger zum Opfer zu fallen, erheblich gestiegen. - -'s ist doch gar ein lieber Kerl trotz aller bösen Ränke und Schliche, -und erst seine hoffnungsvollen Sprößlinge -- ergötzlichere Kinder, -allezeit lustig, übermütig, flink und täppisch zugleich, gibt es weit -und breit in keiner andern Familie. - -Ich weiß einen Fuchsbau, der liegt mitten drin in der einsamen Heide. -Außer mir weiß nur noch der Förster davon, und der ist mein Freund. Er -hat mir versprochen, in diesem Jahr die alte Fähe und ihre Jungen zu -schonen, weil es der einzige Fuchsbau in dem ganzen Revier ist. Die -Karnickel unterwühlen den lockeren Boden in entsetzlicher Weise und -benagen die jungen Bäumchen der Schonung, daß man wirklich nur froh -sein kann, wenn sie jemand in Schach hält. - -Folgt mir hinaus an die Stelle! Jetzt im April ist's am lustigsten -dort. Die Birken am Weg haben ihr duftiges Brautkleid angezogen, das -sich so schön von den dunkeln Nadeln der ernsten Föhren abhebt; die -Singdrossel jubelt im Wipfel des einsamen Überständers; der Specht ist -an seiner Arbeit, und richtig -- der erste Kuckuck! Wohl hundertmal -ruft er; man freut sich doch in jedem jungen Lenz wie ein Kind, wenn -man den lieben Ruf von neuem vernimmt. - -An einem sanften Hang zwischen niedrigen Kiefern ist eine Lichtung. -Dornige Sträucher, Heidekraut, allerhand Gräser und Stauden bedecken -den Boden, auch ein Paar Bäumchen mit gelbbraunen vertrockneten Nadeln -liegen, die Stämmchen gekreuzt, wirr umher; der Herbststurm im vorigen -Jahre entwurzelte sie, denn der unterhöhlte Boden gab ihnen keinen -sicheren Halt. Ja, an zwei Stellen ist das lockere Erdreich in die -Tiefe gesunken, unregelmäßige Löcher, etwa einen Meter im Durchmesser. -Früher hauste der Dachs hier; jetzt sind es die Eingänge von Reinekes -Wohnung, zu der enge »Röhren« hinabführen. Weiter oben ist noch ein -ähnliches Loch, nicht ganz so groß, und etwas abseits ein viertes; das -ist aber verschüttet. - -Daß der Bau wirklich bewohnt ist, erkennt man sofort. Die Einfahrten -sind glatt getreten, und aus dem Innern dringt uns ein unangenehmer -Geruch entgegen, daß wir den Atem anhalten. Diesen Fuchsgeruch zu -beschreiben, ist nicht möglich; wer aber das durchdringende Parfüm nur -ein einziges Mal frisch an der Quelle eingesogen hat, der bringt's so -leicht nicht wieder aus der Nase, und unverlierbar bewahrt er's in -seinem Gedächtnis. Auch die Reste der Mahlzeiten, die hier und da vor -dem Bau liegen, verpesten mit ihren Verwesungsdüften die Luft, und -nur die vielen Schmeißfliegen, die sie umschwärmen, haben ihre Freude -daran. Hier der Flügel einer Krähe, dort eine angefressene Ratte, -daneben der Lauf eines Rehs, unter dem Kieferngestrüpp der Kopf eines -Karnickels, verschieden große Fetzen vom Fell eines Hasen, mit Blut -besudelte Federn der Ringeltaube und ganz nah an der einen Einfahrt -sogar der bleiche Schädel einer Hirschkuh; irgendwo hat die Füchsin -das verendete Tier aufgefunden und dann den abgebissenen Kopf mühsam -hierhergeschleppt. Dies alles bildet ein Stilleben eigentümlicher Art; -es redet eine deutliche Sprache von List und Gewalt, von Mordgier und --- Mutterliebe! - -Die Sonne neigt sich zur Rüste, die Wipfel der einzelnen hohen Föhren, -die auf das Jungholz herabschauen, in purpurnes Licht tauchend. Da wird -es lebendig vor dem Fuchsbau. Ein verschmitztes Gesichtchen erscheint -in einem der Eingänge; es blinzelt nach links und nach rechts und -hinauf zu dem tiefblauen Himmel. Dann mit einemmal ist der kleine Kerl -draußen. Auf den Hinterbeinen hockend, richtet er sein Köpfchen altklug -empor, als wollte er schauen, was für Wetter es heut abend gibt und wie -für morgen die Aussichten sind. Das feine Näschen schnuppert dabei nach -allen Richtungen, und das dichte Wollkleidchen an der Brust zittert; so -heftig und schnell atmet die Lunge die Luft ein und aus. Das Füchslein -sichert, es »wittert«, ob sich etwa eine Gefahr in der Nähe versteckt -hält; von der Frau Mutter hat's der Kleine gelernt und macht es nun -auch so wie sie -- oder liegt ihm diese Vorsicht von Haus aus im Blut? -Nun schüttelt das Füchslein sein licht gelblichgraues Kinderkleid, das -beim langen Schlaf in dem engen Raum etwas verdrückt ward, fährt mit -dem einen, dann mit dem andern schwärzlichen Pfötchen über die Lauscher -und über's Gesicht; aber plötzlich mit einem Hops ist es wieder -am Röhreneingang und äugt scharf in die Tiefe, ob die Geschwister -nicht nachkommen. Alle Muskeln gespannt, ohne jede Bewegung; nur der -horizontal ausgestreckte Wollschwanz schwingt ganz leise nach rechts -und nach links. - -Ein täppischer Satz zur Seite -- da ist schon der erwartete Bruder. -Er blinzelt gegen die untergehende Sonne, deren letzter Strahl sein -grau-grünliches Auge trifft. Nun kann es beginnen, das fröhliche, -ausgelassene Spiel. Mit den Perlenzähnchen haben sie einander gepackt, -jetzt im dichtwolligen Nacken, jetzt an den Pfoten, dann an der Lunte -oder am Ohr. Sie zerren ganz tüchtig, balgen und kollern sich mutwillig -am Boden umher, richten sich gegenseitig auf, mit den Vorderpfoten -einander umarmend, überschlagen sich und kugeln den Hang ein Stückchen -hinunter; doch mit raschen Sprüngen geht's wieder hinauf. In geduckter -Haltung kauern sie jetzt einander gegenüber, jeder zu neuem Angriff -bereit und einer vom andern erhoffend, daß er das hübsche Spiel wieder -beginne. Da springt der eine Partner plötzlich empor: Brüderchen hasch' -mich! Keuchend mit hängender Zunge geht es rings um den Bau, bis sie -sich wieder gepackt haben. - -Erst wenn die ausgelassenen Füchslein müde und ganz außer Atem sind, -rasten sie ein wenig in hockender oder in liegender Stellung, »alle -Viere« weit ausgestreckt. Aber während die Lunge noch keucht, daß Brust -und Weichen sich heftig bewegen, sinnt das kluge Gesichtchen mit den -listigen Augen und den aufrecht gestellten Lauschern schon wieder nach -neuem, noch tollerem Spiel. Sie zerren am Krähenflügel, machen sich -jeden Fetzen vom Hasenbalg streitig -- was der eine packt, das will der -andre gerade auch haben, »man weiß, wie Kinder sind« -- dann suchen sie -den schwirrenden Roßkäfer täppisch mit den dunkeln Pfoten zu erwischen -oder schnappen nach dem Abendfalter, der ihnen um die Nase herumfliegt. -Unterdessen sind auch die drei andern Geschwister auf der Bildfläche -erschienen, und nun geht es noch lustiger zu. »Der Jäger kommt!« -spielen sie gern. Das machen sie so: keins darf sich rühren, nicht mit -den Ohren zucken, keinen Muskel bewegen. Plötzlich springt eins in die -Höhe; einen Haken schlagend, rennt der kleine Kobold davon, so schnell -er nur kann. Im Nu stieben die andern ebenso auseinander, und in wenig -Augenblicken haben sie sich dann alle fünf auf ihrem Tummelplatz wieder -vereinigt, um das hübsche Spiel von neuem zu beginnen. - -Die Sonne ist untergegangen; grau senkt sich die Dämmerung über die -Heide. Da erscheint der Kopf der alten Füchsin im Höhleneingang; mit -Lauschern und Windfang prüft sie vorsichtig, ob alles ganz sicher sei, -fährt knurrend wieder zurück, weil etwas im Kieferngeäst raschelt -- -ein Vogel, der sein Schlafplätzchen sucht -- doch endlich steht sie im -Freien. Sie streckt sich, schüttelt den Sand und den Staub aus ihrem -rothaarigen Wams, leckt und liebkost die Kinder, die sich herandrängen, -und beteiligt sich schließlich auch ein wenig an dem muntern Spiel, da -die Kleinen gar so sehr betteln. - -Eine gute Figur macht die Alte um diese Jahreszeit nicht; sie ist -dürr und hager am ganzen Leib, und der Pelz ist verdrückt, am Bauche -sehr schütter und nicht mehr so frisch in den Farben. Das ist kein -Wunder; fünf Kinder auf einmal! Sie wollen alle gesäugt und gewärmt -sein, da kommt man schrecklich herunter. Wochenlang konnte die Füchsin -nur auf Stunden den dunkeln Bau verlassen, um den nagenden Hunger zu -stillen. Und wenn sie nichts anderes fand, als nur ein paar Mäuschen -oder irgendeinen Kleinvogel, so mußte sie kaum halbgesättigt zu den -ungeduldigen Kindern zurück; die verlangten nach Speise und fragten -nicht, ob auch der Mutter eine Mahlzeit geworden. Seit acht oder -vierzehn Tagen sind nun die Kleinen entwöhnt. Das war nicht so leicht; -immer und immer wieder suchten sie nach dem Milchquell, wenn auch die -Mutter ärgerlich knurrend sie gar unsanft zurückstieß. Die von Tag zu -Tag fester zupackenden Zähnchen konnte die Fähe an dem zarten Gesäuge -aber nicht länger ertragen, und so gab's manchen Klaps mit den Pfoten, -und das Fell wurde den Kindern oftmals ganz tüchtig geschüttelt, bis -sie schließlich begriffen, daß die Tauben und Hühner, die jungen -Karnickel oder die Mäuschen, die die Mutter mit heimbrachte, den Hunger -ebenso stillen. - -Jetzt gießt der aufgehende Mond sein silbernes Licht über die -schlafende Heide; da denkt die Alte: nun ist's Zeit für den Pirschgang! -Sie wittert nochmals nach allen Seiten; dann schleicht sie davon, -zwischen dem Pflanzengestrüpp leise dahinkriechend, daß der Bauch fast -den Boden berührt. Ein paarmal fährt sie knurrend zurück, wenn eins der -Kleinen ihr zu folgen versucht, aber bald ist sie unter den Ästen der -jungen Kiefern verschwunden. Nun seid auf der Hut, ihr Bewohner des -Feldes, ihr Mäuse, Hamster und Maulwürfe, die ihr gleichfalls so gern -zur nächtlichen Stunde aus eurer Wohnung hervorkommt: der böse Feind -ist hinter euch her! Oder ihr Fasanen- und Rebhuhnmütter, wie wird's -euch ergehen! Der Fuchs schleicht leise heran, die Nase immer gegen den -Wind, daß er die Beute von fern schon wittert -- ein Sprung, ein fester -Griff, und ihr seid in seiner Gewalt! Dem Junghäschen, das in einer -Feldfurche schläft, dem unerfahrenen Karnickel, das draußen am Waldrand -noch im Mondschein äst, der Ratte, die am Schweinekoben des Bauernhofs -sich zu schaffen macht, ergeht es nicht besser, und wehe den Hühnern -und Gänsen, wenn der Geflügelstall nicht ganz gut verwahrt ist! - -Sobald die Füchsin eine Beute gemacht hat, kehrt sie zu ihrer Wohnung -zurück; an ihre Kinder denkt sie immer zuerst; meist wird es Morgen, -ehe sie den eignen Magen befriedigt. Aber wie vorsichtig ist die Fähe, -wenn sie sich dem Bau nähert! Nie wird sie den geraden Weg nehmen; sie -umkreist vielmehr, oft stehenbleibend und lauschend, in weitem Bogen -ihr Heim. Wittert sie irgend etwas Verdächtiges, so kläfft sie, ähnlich -wie ein Hund, doch mit verhaltener Stimme, daß sich die Füchslein -in den schützenden Bau flüchten; erst wenn ihr alles ganz sicher -erscheint, schleicht sie heran. Das ist dann eine Freude! Die hungrigen -Kinder fallen über die leckere Beute her, balgen und beißen sich drum, -und jedes sucht das beste Stück zu erwischen. - -Ein Weilchen schaut die Mutter ihrer munteren Schar zu, hilft wohl -auch beim Zerlegen des Bratens; aber dann tritt sie von neuem den -nächtlichen Pirschgang an. Sind alle gesättigt, daß sie mit den Resten -der Mahlzeit nur noch ihr ausgelassenes Spiel treiben, so holt die -Füchsin vom Felde vielleicht noch ein lebendes Mäuschen, und nun geht -es dem graufelligen Tierchen nicht anders, als wenn eine Katze es -erwischt und ihren Jungen gebracht hätte. - -So kommt der Morgen heran. Schon jubelt die Drossel, Rotkehlchens Lied, -die weiche Stimme des Fitis durchzittert die Luft, und hell schmettert -der Fink seine Fanfare -- da zieht sich die ganze Gesellschaft, eins -nach dem andern, still in die Höhle zurück; sie schlafen hier bis gegen -Abend. Nur manchmal währt die Ruhe ein oder dem andern vorwitzigen -Fuchskind zu lang. Es schaut dann zu dem Höhleneingang sehnsuchtsvoll -hinaus, blinzelt mit den listigen Augen -- die Sonne scheint ihm auch -gar zu hell ins Gesicht -- und schließlich versucht es ein Schläfchen, -mitten im Toreingang zur unterirdischen Burg, wie sein zahmer Vetter, -der Hofhund, der die Vorderpfoten zur Tür seiner Hütte herausgestreckt -hat und nun gemütlich schlafend mit Schnauze und Kopf auf diesem -natürlichen Kissen ruht. Bisweilen wagen sich die Jungfüchse auch -schon mittags auf ihren Spielplatz, wenn die Maisonne hoch vom Himmel -zwischen den schlanken Stämmen auf den Fuchsbau herabscheint; aber -wirklich lustig wird's doch immer erst gegen Abend. - -Sind die Füchslein ein paar Monate alt, so dürfen sie die Mutter auf -ihren nächtlichen Streifzügen begleiten, zuerst bis zum Waldrand, -später weiter hinaus ins Saatfeld, ins Röhricht am Weiher, oder gar bis -zu den ersten Bauerngehöften des Dorfes. - -Wie man das Karnickel beschleicht, einen Junghasen würgt, den -schlafenden Vogel erwischt, zeigt ihnen die Alte. Sie begreifen -gar schnell; denn es liegt ihnen im Blut, sich mäuschenstill -heranzupirschen, jede Deckung zu benutzen und selbst in der Freude über -den gelungenen Raub keinen Augenblick die eigene Sicherheit aus dem -Auge zu lassen. - -Ein Vierteljahr mögen die Geschwister alt sein oder wenig darüber, da -unternehmen sie bereits auf eigene Faust kleine Streifzüge. Sie stellen -sich gegen Morgen gewöhnlich in der gemeinsamen Kinderstube wieder ein; -aber gelegentlich suchen sie auch ein anderes Versteck auf. - -So lösen sich ganz allmählich die Beziehungen zwischen Mutter und Kind -und zwischen den Spielkameraden. Wenn der Herbststurm durch die kahle -Heide braust, kennt keins das andere mehr, jedes geht nun seine eigenen -Wege und schlägt sich selbständig durchs Leben, das ihm der Gefahren so -viele bringt. - -Und der Vater? - -Er kümmert sich um seine Familie fast gar nicht und ist selten zu -Hause; kommt er einmal, gleich gibt's Zank, Beißen und Kläffen zwischen -den Eltern, und die Mutter ruht nicht eher, als bis Vater Reineke -wieder »verduftet«, in des Worts vollster Bedeutung. - -Die Erziehung der Kinder liegt allein auf den Schultern der Fähe; -der Rüde hält von Pädagogik nicht das geringste. Seine Losung heißt: -»Selber essen macht fett«; darum sieht er auch im Frühjahr wohlgenährt -aus, und tadellos ist sein rotbrauner Pelz. Nur wenn die Alte durch ein -herbes, Geschick den Jungen geraubt ward, mag es bisweilen vorkommen, -daß sich die Väter der vor Hunger kläffenden Kinder erbarmen und ihnen -Futter zuschleppen. - -Zur Osterzeit gibt's immer junge Füchslein im bewohnten Bau, meist fünf -bis sechs, einmal waren es sogar acht. - -Möge sich dieser Kreislauf des Lebens mit jedem Lenz, wenigstens hie -und da, in unsern deutschen Forsten erneuern! - -Es wäre traurig, wenn man ihn ganz ausrottete, den listigen, Ränke -schmiedenden Schelm! Dann würde wohl der Förster unsre Enkel an eine -Stelle im Wald führen und ihnen erzählen: »Hier färbte die rote Tinte -den letzten Fuchs im Revier; man hat ihm das hübsche Denkmal gesetzt -wie drüben im Nachbarrevier seinem Vetter, dem Wolf!« Aber mit dem -fröhlichen Leben, dem ausgelassenen Spiel vor Malepartus, der Raubburg, -wär's dann für immer vorbei. - - - - -Swinegel un sine Sippschaft - - -Ob wohl ein oder der andere meiner Leser schon einmal junge Igel -gesehen hat, so im Alter von fünf oder sechs Wochen? Das sind die -niedlichsten Dinger der Welt, die man sich denken kann, und es lohnt -schon der Mühe, im Spätsommer Gärten und Hecken, Parkanlagen, lichte -Laubwälder und namentlich Feldgehölze ein bißchen zu durchstöbern, um --- wenn man Glück hat -- die reizendste Familienidylle zu belauschen: -eine Igelmutter, die ihre vier oder fünf Kinder spazieren führt. - -Wie das im Laub raschelt von all den trippelnden Füßchen, und -wie schnell die kleinen, kurzen Beinchen laufen können, wenn die -stachlige Mutter einen Regenwurm entdeckt hat und ihn aus dem Versteck -hervorzieht, um die kleine Beute den lüsternen Kindern zu überlassen. -An jedem Ende des Unglücklichen zerrt eine der niedlichen Stachelkugeln --- zusammengerollt ist sie nicht größer als ein Billardball -- während -ein drittes Igelchen den straff gespannten, in die Länge gezerrten Wurm -mit den weißen Zähnchen zerbeißt, um schließlich für seine Mühe nichts -zu erhalten als ein Tröpfchen Saft, das sich der Kleine wohlgefällig -von dem dunkeln Schnäuzchen ableckt. - -Da ist ein Mäusebraten schon eine standfestere Grundlage der Mahlzeit, -von der doch jedes der Kinder ein Stückchen bekommt. Man muß es -selbst gesehen haben, wie schnell die Igelmutter hinter dem kleinen -Nager her ist, wenn sie dessen leises Pfeifen oder das fast unhörbare -Rascheln im Bodengestrüpp gemerkt hat. Einen Augenblick verharrt die -Alte in gestreckter Haltung; die Kopfstacheln sträuben sich ein wenig, -senken sich und sträuben sich wieder. Ein paar Schritte schleicht -sie vorwärts, und jetzt ein kleiner Satz ins Gestrüpp. Mit sicherem -Griff ist das Mäuschen gepackt; ein kurzer Aufschrei, und das Genick -des kleinen Nagers ist zerbissen. Hurtig wird das Wildbret von der -schnaufenden Mutter in mehrere Teile zerlegt, und bald sitzt jedes der -Kinder knuspernd und leise schmatzend vor seinem Stückchen, während die -Alte weiter trippelt, nach neuer Beute zu schauen. Ein Maulwurf wäre -kein schlechter Fang; aber den erwischt man nur am dämmernden Abend. -Eine Schermaus wäre gleichfalls willkommen; aber schließlich tun's auch -ein paar Mist- oder Brachkäfer, Ackerschnecken, Schmetterlingspuppen, -eine fette Werre, und wohlgenährte Regenwürmer fehlen fast nirgends. - -Nichts Trolligeres gibt es, als zu sehen, wie es die kleinen naseweisen -Igelchen der Mutter nachmachen -- was ein Häkchen werden will, -krümmt sich beizeiten. Überall kratzen und scharren sie mit ihren -krallenbewehrten Pfötchen; in jedes Loch am Boden, in jeden Winkel -zwischen dem Wurzelgeflecht und Pflanzengewirr stecken sie schnuppernd -ihr Schnäuzchen, hängen der Mutter am Rock, wenn sie glauben, jetzt hat -sie 'was Gutes gefunden, oder sie gehen auch schon ihre eignen Wege, -den Steilhang hinauf, von dem eins der Kindchen wieder herabkugelt, -trinken vom Wasser, das sich zwischen den Baumwurzeln angesammelt -hat, und schauen verdutzt dem Roßkäfer nach, der vor ihrem Näschen -vorbeisurrt. Wenn es noch heutzutage irgendwo, wie im Märchen, eine -Prinzessin gibt, die niemals in ihrem Leben gelacht hat, ich würde sie -zu solch kleiner Igelgesellschaft führen; da lernte sie aus Herzenslust -lachen. - -Einst beobachtete ich eine Igelfamilie an einem Wiesenhang, wo ein vom -Baum gefallener Apfel die Aufmerksamkeit der stachligen Gesellschaft -auf sich lenkte; von Obst aller Art sind ja die Igel große Freunde. -Durch einen unvorsichtigen Stoß kam der Apfel ins Rollen; sofort -sausten die Kleinen hinter ihm her, überstürzten sich aber und kugelten -lustig den Hang hinab, wie wir's als Kinder auch so gern taten. Unten -lag dann der Apfel im Graben am Wege und drei Igelchen neben ihm. -Schnell rollten sich diese auf und hatten bereits tüchtige Löcher in -die süße Frucht gefressen, als endlich auch die Mutter mit den beiden -Geschwistern ankam, die von oben her dem lustigen Treiben zugeschaut -hatten. - -Man sagt, der Igel trage abgefallenes Obst in der Weise in sein -Versteck, daß er es auf seine Stacheln spieße; wo viel Birnen oder -Pflaumen im Obstgarten liegen, da wälze er sich am Boden, und mit der -willkommenen Last trolle er heim. Natürlich ist das Ganze ein nett -ersonnenes Märchen. Weder mit dem Schnäuzchen, noch mit den Füßen kann -der Igel seinen Rücken erreichen; wie sollte er also das Obst fressen -oder auch nur abstreifen können? Als Junge habe ich einmal mit den -grünen Früchten der Kartoffel -- wir nannten sie »Kartoffelschneller« --- nach einem Igel geworfen. Eins der ungefährlichen Geschosse blieb -an seinem Stachelkleid hängen. Das machte mir solchen Spaß, daß ich -mir den Igel fing und ihm im Übermut seinen ganzen Rücken mit dem -seltsamen Zierrat besteckte. Dann ließ ich ihn laufen. Am folgenden Tag -sah ich ihn wieder, und da trug er noch immer eine Anzahl der grünen -Beeren auf seinem borstigen Kleid. Nicht den geringsten Versuch machte -er, sich von dem aufgedrungenen Schmuck zu befreien. - -Das Volk fabelt ferner, der Igel trage, wenn er sich sein Winterlager -zurechtmache, auf seinen Stacheln all die Stoffe zusammen, die ihn -wärmen sollen, Stroh, Laub, Moos u. dgl. Das ist auch nicht wahr. In -die natürliche oder selbstgegrabene Höhlung kratzt und schiebt er diese -Dinge mit Füßen und Schnäuzchen hinein und verwahrt besonders den -Eingang. Aber solch fester Winterschläfer, wie Bilch oder Haselmaus, -ist der Igel durchaus nicht, habe ich ihn doch mehr als einmal mitten -im Schnee angetroffen, wo er ganz lustig einhertrippelte. - -In einem unterirdischen oder wenigstens gut versteckten Lager zwischen -trockenem Laub, Gräsern und sonstigem Pflanzenwust werden die -Swinegelchen geboren. Anfangs sind es kleine, rosige Dinger, blind und -zahnlos und die winzigen weißlichen Stacheln ganz weich -- es wäre auch -sonst bei der Geburt höchst unangenehm gewesen für Mutter und Kind. Die -Alte muß auf der Hut sein, daß sie die vier oder fünf zarten Jungen mit -ihren nadelspitzen Stacheln nicht verletzt; sie deckt die Kleinen mit -den ziemlich weichen, rötlichgelben Haaren ihrer Bauchseite, zwischen -denen die Milchdrüsen liegen. Tagsüber ist säugen ihr Geschäft; in der -Nacht geht sie jagen. Die ganze Last der Kindererziehung liegt auf -ihren Schultern; der Papa lebt getrennt von der Familie, ein rechter -Einsiedler und Griesgram, und von Erziehung will er nichts wissen. -In dem warmen Lager, von der zärtlichsten Mutter behütet, wachsen -die Kleinen sehr schnell heran. Schon sind sie mit spitzen Stacheln -und scharfen Zähnchen bewaffnet, hell blicken die Äuglein, die Füße -trippeln so hurtig: bereits ganz Papa und Mama, nur klein noch und -zierlich. Wir können der Versuchung nicht widerstehen und nehmen eins -der Tierchen in die Hand -- eine Roßkastanie in stachliger Hülle. -So leicht ist die Kugel, daß wir uns an den Spitzen nicht verletzen -können. Wie wenig schüchtern der kleine Kerl doch ist! Es dauert nicht -lange, so rollt er sich auf, beschnüffelt unsre Finger und verschwindet -schließlich im Rockärmel. Wart', Kleiner, du sollst belohnt werden! -Etwas lauwarme Milch, in ein Näpfchen gegossen, wird sofort gierig -geschlürft. Dann trollt unser Igelchen weiter. Sie werden's schon -wiederfinden hier an der Hecke oder dort im Gestrüpp des Unterholzes -zwischen den Bäumen. - -Unter den freilebenden Vierfüßlern unsrer Heimat gibt es kaum ein -anderes Tier, das ich so gern habe wie den Igel, keine interessantere -Gesellschaft als eine Igelfamilie. Gesetzt, die Natur hätte den -stachligen Gesellen nicht geschaffen, die kühnste Phantasie des -Menschen würde sich solch' abenteuerliche Gestalt niemals ausgedacht -haben. Zwei besondere Eigenschaften sind es, die der Igel vereinigt: -das stachlige Kleid und die Kunst, sich zusammenzurollen. Und -diese beiden Eigenschaften machen ihn zu einem der merkwürdigsten, -seltsamsten, ja wunderlichsten Geschöpfe. - -Erfindungsreich ist der Mensch, in unserer Zeit namentlich auch auf -sozialem Gebiete. Aber alle Erfindungen haben wir doch schließlich -der Natur abgelauscht: die Ruder und das Steuer des Bootes den -Flossenträgern, die Bereitung des Holzpapiers den Wespen, und das -Neueste, mehr auf geistigem Gebiete gelegen, die »passive Resistenz« -dem Igel. Kein anderes Tier bringt diese moderne Methode der Abwehr, -der Verteidigung besser zum Ausdruck, und der Erfolg lehrt ihre -Berechtigung. Den Stärkeren angreifen? nein. Oder sich mit Krallen -und Zähnen verteidigen? warum denn? Kann man es wissen, wie's endet? -Ich ziehe mich lieber in mein Innerstes zurück, schließe mich von der -rauhen Außenwelt ab. Ich bin die Welt, ich allein; mein Wille regiert. -Schau du zu, wie du mich faßt! Deine Sache ist's, wenn du dir die -Finger blutig stößt oder die Schnauze, Gesicht, Nase und Augen! Mach' -mit mir, was du willst, ich habe Zeit und Geduld; wollen mal sehen, -wer's länger aushält, ich oder du? - -Vor uns liegt der kuglige Ballen auf dem Tisch der herbstlichen Laube. -Hei, wie das springt von winzigen Flöhen zwischen den Stacheln und hoch -in die Luft hinauf, ein Dunstkreis fröhlichen Lebens! Glaube nicht, daß -er's fühlt, all das Gekribbel, Gekrabbel. Ein schrecklicher Zustand -wär's, wie ihn wohl die mittelalterlichen Ritter in der schweren -Eisenrüstung gekannt haben: jetzt zwickt es hier, und jetzt juckt es -da, und man kann sich nicht kratzen! Unbeweglich die Kugel, nur leise -atmet's im Innern, sanft hebt und senkt sich die Wölbung -- kreuz und -quer stehen die Stacheln, durchaus nicht in der Richtung der Radien. -Bald legt sich einer nieder, ein anderer richtet sich steiler empor, -von unsichtbarer Kraft bewegt; denn es treten mehrere Hautmuskeln -an jeden einzelnen Stachel heran. Auf der Mitte des Rückens sind -die nadelspitzen Gebilde am längsten, 2 ~cm~ etwa oder noch etwas -mehr. Hübsch gezeichnet sind sie: in der Mitte lichter, am Grund und -namentlich an der Spitze viel dunkler; doch gibt's auch hellere Igel -mit gelblichen Stachelspitzen, also Brünette und Blonde, wie unter uns -Menschen. Vollkommen stielrund sind die Stacheln nicht; sie zeigen -Längsfurchen, den Blutrinnen an den Säbeln und Seitengewehren zu -vergleichen. Aber so fein sind diese Furchen, daß wir genau zusehen und -den Kopf drehen und wenden müssen, um sie bei verschieden auffallendem -Lichte zu erkennen. An einem Querschnitt kann man mittels der Lupe -leicht feststellen, daß etwa 25 Längsrinnen an jedem Stachel hinziehen, -bald mehr, bald weniger. Zwischen den Stacheln stehen weißgraue bis -rostgelbe Borsten, besonders nach den Seiten zu; ja am Bauche und im -Gesicht, an den Schenkeln und Füßen, wovon freilich jetzt nichts zu -sehen ist, haben diese borstigen Haare die Alleinherrschaft. Stacheln -wären dort nur vom Übel. - -Schon währt's uns zu lange. Willst du dich nicht endlich in deiner -natürlichen Gestalt zeigen, du Trotzkopf? Wir drehen die Kugel -vorsichtig um, daß sie auf dem Rücken liegt. Aber nur enger und fester -zieht sich der Igel zusammen. Mit Gewalt ist auch nichts zu erreichen. -Der mächtige Hautmuskel, der wie ein Mantel oder eine Kapuze vom -Rücken her das ganze Tier umgibt, ist kräftiger als unsre Hand; je -mehr wir uns mühen, auch mit Nichtachtung der stechenden Stacheln die -Kugel auseinander zu bringen, um so fester schließt sie sich. Biegsam -wie eine Weidenrute muß die Wirbelsäule unsres Freundes sein, und -auch dafür, daß sie bei dieser Zusammenrollung nicht zu stark auf das -Rückenmark drückt, hat die Natur gesorgt. Schon in den Brustwirbeln -löst sich dieses in Einzelstränge auf, die den Druck leichter vertragen. - -Aber jetzt greifen wir zu einem teuflischen Mittel, denn erschöpft -ist unsre Geduld. Tabak und Stummelpfeife kommt her! Blaue Wolken -steigen empor, die Luft mit Wohlgeruch füllend; denn Pfälzer ist's, -edles Gewächs. Wie sie springen, die Flöhe! Wirst uns noch dankbar -sein für die Entlausung! Lebhafter bewegen sich jetzt die einzelnen -Stacheln; wie eine Welle läuft's dann ganz leise über die Rundung. Die -Kugel dreht sich allmählich und löst sich ein wenig; der Rücken zeigt -wieder nach oben. Der ambrosische Duft, an den der Nichtraucher so gar -nicht gewöhnt ist, scheint ihm nicht zu behagen. Noch ein kräftiger -Gasangriff von unten her, tief hinein zwischen die borstigen Haare, und -unser Igelchen streckt sich ganz sacht und verstohlen; niemand soll's -merken, daß es endlich nachgeben will. Schon schaut ein Füßchen hervor -mit fünf starken Nägeln, zum Graben und Scharren geschaffen, jetzt ein -zweites und vorn ein niedliches Schnäuzchen; schnuppernd hebt sich's -aus der stachligen Kugel. Jetzt zeigt sich schon das Gesichtchen. -Prächtige Physiognomie! So naseweis und verschmitzt, und so lustig -blitzende Äuglein, wie schwarze Perlen auf lichtem, graubaunem Grunde. -Fein sind die Ohren gebildet, alles niedlich und spitz: das Näschen, -die dunklen Schnurren, die feinen Stichelhaare im Antlitz, darüber ein -Wall längerer Borsten, einem Helm zu vergleichen. Aber das Hübscheste -bleibt doch das verlängerte, vorn etwas aufgeworfene Schnäuzchen, das -sich schnüffelnd bald aufwärts wendet, bald abwärts, bald nach links, -bald nach rechts. Es bildet die verlängerte und freibewegliche Nase, -zugleich ein Tastorgan von höchster Vollkommenheit. In der Haut der -beweglichen Rüsselscheibe drängen sich nämlich unzählige Tastkörperchen -zusammen, mit denen der nächtliche Jäger die Gegenwart oder die Nähe -seiner Beute unter dem Laube, im feuchten Boden, im Mull von Baumhöhlen -gewissermaßen »schmeckt«, noch ehe er sie erreicht hat, gleich der -Waldschnepfe, die mit ihrem Stecher würmt, an dessen empfindlicher -Spitze ebenfalls Hunderte von Nervenendkörperchen sitzen, die dem Vogel -die leichteste Erschütterung des Erdbodens anzeigen. - -Von meinem Pfälzer, das kann ich mir denken, ist die feine Nase des -Igels nicht begeistert; er trippelt deswegen auf seinen niedrigen -Beinen an die andre Seite des Tisches, um frische Luft zu schöpfen, -wobei er uns den Genuß gewährt, auch sein winziges Schwänzchen zu -bewundern, das steif schräg nach unten gerichtet ist, wie das kurze, -fest zusammengedrehte Zöpfchen eines kleinen Mädels. Über den Geschmack -ist nicht zu streiten und über den Geruch ebensowenig. Und ob dem -unverbesserlichen Nikotinverächter der Rauch meines edlen Krautes noch -unangenehmer ist als uns der Bisamduft, den er im zeitigen Frühjahr -ausströmt, wenn er der Gattin den Hof zu machen pflegt, das können -wir nicht entscheiden. Der Igelin freilich scheint der parfümierte -Ritter zu gefallen; ihr ist's lieber, als wenn er sich ein Sträußchen -Parmaveilchen angesteckt hätte. »Wat dem einen sin Uhl, is dem annern -sin Nachtigall«. Aber nun komm wieder ins Tuch, in dem wir dich -hergebracht haben! Wir klopfen mit dem Stock auf den Tisch, sofort -rollt sich die Kugel zusammen. Wir bringen sie nun zurück zur Hecke, -von wo wir sie holten. Ein paar Minuten noch, und der Igel trollt ab. - -Schade, daß wir ihm nicht in den Mund sehen konnten; dort stehen -perlenartig aneinandergereiht 36 der niedlichsten Zähne. Denk ich sie -mir zu den Maßen eines Löwengebisses vergrößert, ein schauderhaft -mächtiges Zerstörungswerk würde es sein, obgleich die Eckzähne fehlen. -Oben und unten 6 Schneidezähne, schräg nach vorn gerichtet, dann -jederseits oben 2 Lückenzähnchen, unten nur eins, scharf wie ein -Meißel, und endlich die Backzähne, 5 oben, 4 unten auf jeder Seite, mit -scharfspitzigen Höckern versehen, so recht zum Zermalmen der Beute. Die -stärksten Knochen der Maus und der Ratte, des Frosches, der Eidechse, -die Chitinringe der Insekten, selbst Brustharnisch und Flügeldecken des -Hirschkäfers zersplittern wie Glas zwischen dem festen Gebiß, und auch -größeren Schlangen zerbeißt der stachlige Räuber im Nu die Wirbel. - -Es ist bekannt, daß sich der Igel selbst vor der Kreuzotter nicht -fürchtet und die bösartige Schlange sehr schnell bewältigt und -auffrißt. Man sagt, er sei gefeit gegen ihr Gift, genau wie der Storch. -Beides ist nicht ganz richtig. Unser Hausfreund, der Storch, frißt -die Kreuzotter nur deshalb ungestraft, weil er es versteht, ihr mit -dem Bajonettschnabel den Kopf zu zermalmen, bevor sie imstande ist, -ihren Feind mit den Giftzähnen zu verletzen. Wohin sollte sie ihn -auch beißen? In die Ständer, den Schnabel? Die Haut dieser Glieder -führt wenig Blutgefäße, und die Gefahr einer Vergiftung wäre gering. -Ähnlich wie der Storch macht es der Igel. Flink und gewandt zerbeißt -er dem unheimlichen Kriechtier Kopf und Genick. Freilich muß er schon -etwas Erfahrung besitzen, wenigstens fallen junge Igel, wenn man -sie zu einer Kreuzotter bringt, dieser gewöhnlich zum Opfer, nicht -aber alte, erfahrene Herren. Die getötete Schlange zu fressen, ist -ungefährlich, kein Fakirkunststück; denn im Verdauungskanal ist das -Gift ganz unschädlich. Es wirkt nur, wenn es ins Blut kommt. Gewiß ist -die Widerstandskraft gegen das Schlangengift beim Igel größer als bei -andern Warmblütern. Der Jahrtausende währende Kampf, den er gegen die -Otter führt, hat ihn ziemlich giftfest gemacht; aber wirklich gefeit, -wie manche wohl glauben, ist er durchaus nicht. Igel, die man von -Kreuzottern in Zunge und Mundwinkel beißen ließ, wurden ziemlich krank -und litten tagelang an den Folgen der Vergiftung; sie gesundeten aber -später wieder vollkommen. Auch unmittelbaren Gifteinspritzungen setzten -sie großen Widerstand entgegen. Die Dosis, die ein Meerschweinchen -schnell tötet, muß verzehnfacht werden, ehe ein Igel nur vorübergehend -erkrankt. Auch andere natürliche Gifte verträgt unser Stachelträger -sehr tapfer; so macht er sich gar nichts daraus, auch einmal ein paar -grüne Spanische Fliegen zu fressen, deren Genuß bei andern Tieren -den Tod, wenigstens fürchterliche Schmerzen im Rachen und in der -Speiseröhre verursacht. - -Pflanzenkost verschmäht der Igel aber auch nicht. Obst, das sahen wir -schon, ist ihm eine Lieblingskost, ebenso Beeren aller Art, desgleichen -saftreiche Wurzeln, wie Mohr- und Steckrüben; ob er auch Schwämme -verzehrt, kann ich nicht sagen. Reich ist der Speisezettel, den Mutter -Natur für ihn bereit hält. Nur das eine sollte der Gefräßige lassen, -nämlich das Plündern bodenständiger Nester; dadurch schadet der Igel -vielleicht mehr, als man denkt. So mancher Forstmann klagte mir schon, -daß der Bursche Fasaneneier getrunken, junge Schnepfen gefressen, ja -Rebhuhneier, während die Henne darauf saß und sie heftig verteidigte, -zu rauben versucht habe. Selbst junge Häschen sollen ihm bisweilen zum -Opfer fallen (?). Und der Strafe entzieht sich der stachlige Raubritter -stets; sofort ist die Kugel gebildet: greife mich an, wenn du's wagst! -Nur dem Uhu darf er's nicht sagen. Der kümmert sich nicht drum. Mit -seinen wehrhaften Krallen packt er kühn zwischen die Stacheln, und mit -dem mächtigen Schnabel löscht er dem Igel das Lebenslicht aus. - -Eigentlich sollte man meinen, die Verminderung der Raubvögel müsse den -Igeln zugute kommen wie etwa den Mitgliedern der Krähensippe oder den -Spechten. Mag sein, aber andre feindliche Kräfte sind am Werk, diesen -Vorteil aufzuheben; es scheint mir, man begegnet heute viel seltener -einmal einem Igel, als in früheren Zeiten. Der Jäger ist ihm feindlich -gesinnt; ja manche Jagdschutzvereine hatten früher den Igel mit in -die Liste des Raubzeugs aufgenommen, für dessen Erlegung Belohnungen -gezahlt wurden. Gegen jede Verfolgung sollten aber die Landwirte -entschieden Einspruch erheben, denn für sie ist der Igel als treuester -Verbündeter gegen die Mäuse ein sehr nützliches Tier. Vier, sechs -Feldmäuse zu einer Mahlzeit mit Haut und Haar zu verzehren, ist ihm -eine Kleinigkeit, und auf Insekten hat er immer Appetit; solch kleines -Getier ist überhaupt nicht zu rechnen, denkt er bei sich. - -Nur in einer Beziehung ist der Igel genügsam, im Trinken. Es muß -schon recht heiß sein, ehe er einmal aus einer Pfütze am Wege trinkt -oder aus einem der kleinen Wasserbecken, die der Wald zwischen dem -oberirdischen Wurzelgeflecht der Bäume für seine durstenden Bewohner -allzeit bereit hält. Auch die Igel, die ich tage- und wochenlang in -Gefangenschaft hielt, haben nur selten von dem Wasser geleckt, das -ich nie versäumte, in den Raum zu stellen, den ich ihnen anwies. »Mit -Wasser bleib mir ferne!« scheint ihr Losungswort zu sein. Sie verhalten -sich also ähnlich wie die meisten Raubvögel, die ja auch zugleich mit -ihrer blutigen Kost so viel Flüssigkeit aufnehmen, daß sie tagelang des -Wassers entbehren können, obgleich es auch Ausnahmen gibt. So tauchte -ein Schleierkauz jedes Stückchen Fleisch, das ich ihm gab, ins Wasser, -ehe er's verschlang. Merkwürdig ist's, daß die Igel, die alten wie -die jungen, sehr gern etwas Milch schlürfen, wobei sie wohlgefällig -schmatzen, so gut schmeckt es ihnen. - -Wollten wir als Kinder einen Igel, wenn ich so sagen darf, -»aufwickeln«, so kannten wir bei dem streng befolgten Rauchverbot nur -zwei Mittel. Das eine war Musik. Wir machten in seiner Nähe durch -Trommeln auf der Gießkanne einen Höllenspektakel. Aber das Mittel -versagte bisweilen; denn oft zog sich Meister »Struppig« nur noch -enger in sein Innerstes zurück: »Lärmt wie ihr wollt, ich halte meine -Öhrlein verschlossen!« Das andere Mittel wirkte schneller und sicherer: -ein tüchtiges Brausebad. Mitunter haben wir die stachlige Kugel auch -den Wiesenhang hinabgekollert, geradenwegs in den Bach und uns dann -teuflisch belustigt, wie sich der Igel im Wasser sofort aufrollte und, -obgleich er's nie gelernt, doch äußerst geschickt, das Näschen über dem -Wasser haltend, nach einer Stelle am Ufer schwamm, wo er am leichtesten -wieder festen Grund unter den kleinen Füßen fassen konnte. So völlig -durchnäßt, rollte er sich nie wieder sofort zusammen, sondern ließ -uns ruhig seine ganze Person betrachten, den Kopf, die Füße, das -Schwänzchen. Die Nässe des Unterleibs war offenbar seinem Schnäuzchen -viel zu unangenehm, als daß er es zwischen den triefenden Borstenhaaren -versteckt hätte. Auch der Fuchs soll den Igel ins Wasser rollen, um ihn -dann zu bewältigen. Ob es wahr ist, weiß ich freilich nicht. - -Den Igel zu essen, fällt bei uns niemand ein, obgleich sein fettes -Fleisch im Herbst gewiß ebenso gut schmecken mag, wie das des Dachses, -mit dem er ja in der Lebensweise wie in der äußeren gedrungenen Gestalt -manches gemein hat. In Spanien hat man ihn ehemals während der Fasten -häufig gegessen; ich möchte die Ausrede kennen, die man gebraucht -haben mag, um solchen Fleischgenuß zu rechtfertigen. Bekannter ist die -Vorliebe der Zigeuner für einen Igelbraten. Im Lande der Stephanskrone -war ich einst Zeuge, wie sich die braunen »Söhne Pharaos« auf dem -Felde ein Igelgericht zubereiteten. Drei Stück, die sie gefangen und -erschlagen hatten, wurden von den urwüchsigen Gesellen notdürftig -ausgeweidet, dann wieder zu einer Kugel zusammengerollt, mit feuchtem -Lehm dick umgeben und schließlich in der glühenden Asche gebacken, wie -Schinken in Brotteig. Als nach geraumer Zeit der Lehm zu bröckligem -Ziegel gebrannt war, stieß der Oberkoch mit dem Fuß die heißen Klumpen -aus der Asche heraus und zerschlug die Umhüllung. Die Stacheln und -die meisten harten Borsten blieben in ihr stecken. Was mit dem toten -Ungeziefer geschah, das weiß ich nicht, ging mich auch weiter nichts -an. Mürb war der Braten und saftig, und er schmeckte dem genügsamen -Völkchen allem Anschein nach großartig. - -Mancher Igel hat in früheren Zeiten auch für die Gesundheit des -Menschen sein Leben lassen müssen; denn der Igelleib bot bei dem oder -jenem Gebreste der leidenden Menschheit so manches sicher wirkende -Heilmittel. Selbst dem Gewerbe kam die stachlige Haut zu statten; -sie diente im alten Rom zum Karden der wollenen Tücher, desgleichen -als Hechel. Auch noch später bildete sie zu ähnlichen Zwecken einen -Handelsartikel. - -Das Volk will zwei Abarten des Igels unterscheiden: »Hundsigel« und -»Schweinsigel« -- der letztere ist der bekanntere, schon wegen des -reizenden Märchens »Swinegel un sine Fru«. Der Zoolog aber kennt -bei uns nur die eine Spezies: ~Erinaceus europaeus~. Freilich in -Südostrußland, in den Niederungen um den Kaspischen See und östlich -bis zum Baikalsee kommt noch eine andre Form vor mit etwas längeren -Ohren und kürzerem Schwanz, unten sehr hell behaart, sonst unserm -europäischen Igel ganz ähnlich. ~Erinaceus auritus~, langohriger Igel -nennt ihn der Zoolog. - -Unser Landsmann ist in fast ganz Europa heimisch, mit Ausnahme der -nördlichsten Länder, etwa vom 63° n. Br. an. Auch die waldreichen -Gebirge bewohnt unser Igel; in den Alpen steigt er bis gegen 1500 ~m~ -an, im Kaukasus gar bis 2000 ~m~. Die Wälder und Fruchtauen, die Felder -und Gärten der Ebenen und Hügelländer sind ihm aber doch lieber. -Sehr zahlreich kommt er in den weiten russischen Ebenen vor, auch im -nördlichen Asien ist er verbreitet. Dort und namentlich in Afrika -stellen sich dann auch manche andere Arten der stachelborstigen Familie -ein. Das Stachelschwein aber, das seine Heimat in den Mittelmeerländern -hat -- in Nordwestafrika, in Griechenland und in Süditalien bis -nordwärts zur römischen Campagna trifft man es an -- gehört nicht -hierher, sondern zu den Nagetieren. - -Im Verborgenen führst du dein Leben, du seltsamer Einsiedler, drolliger -»Bruder im stillen Busch«, von den Menschen wenig beachtet, von vielen -verkannt. Nur einen Ort weiß ich, der bringt dich zu Ehren, ja er nennt -sich nach dir, Iglau in Mähren. Er hat sich dein Konterfei ins Wappen -gesetzt, wie Griechenlands Hauptstadt die Eule, das Sinnbild der Pallas -Athene. Lustige Igel sind's in dem einen Feld, in dem andern aber -züngelnde Löwen mit aufgerissenen Rachen. Noble Gesellschaft, nicht -wahr? Laß sie nur spotten, die andern Tiere des Waldes: struppiges -Stacheltier, Borstenträger, Schweinigel und wie sie dich schimpfen -- -_du_ gabst der Stadt ihren Namen und nicht der König der Tiere! - - * * * * * - -Die nächsten Verwandten des Igels, die _Spitzmäuse_, sind -Gnomengestalten, die kleinsten unter den Säugetieren; ja das winzigste -Geschöpfchen, die Zwergspitzmaus, wird nur 9 ~cm~ lang, wobei das -Schwänzchen sogar mitgerechnet ist, und die häufigste Art, unsre -Waldspitzmaus, ist auch nicht viel größer: 11 ~cm~, wovon reichlich -4 ~cm~ auf den Schwanz kommen; der kleine Finger des Menschen ist meist -noch etwas größer. Alles ist zierlich an diesem Zwergengeschlecht: das -rüsselartig verlängerte Näschen, die winzigen schwarzen Perlen der -Äuglein, die niedlichen Ohren, die Pfötchen, und das Fell so weich, -ein Samthabitchen, wie es auf der ganzen Welt nicht seinesgleichen -gibt. Und gar erst die Zähnchen: köstlich diese winzigen Gebilde, -32 an Zahl, dolchspitz, scharfhöckerig; gleich den Schneiden der -Schere passen sie aufeinander oben und unten, zum Zermalmen der -harten Chitinpanzer, wie sie die Insekten tragen, geschaffen und zum -Zerschneiden von Haut und Muskeln der kleinen Beutetiere geeignet. - -Aber die Waffe allein tut's nicht, die Spitzmäuse verstehen sie auch -zu führen, und eine Tapferkeit, ja Todesverachtung steckt in diesem -Pygmäengeschlecht, daß kein Wesen sicher vor ihnen wäre, wenn sie -eben nicht zu den kleinsten Warmblütern gehörten. Wehe, wenn sich -ein anderes Tier in das Bereich der Kleinen verirrt! Jede Maus wird -angefallen und bald überwunden. Kampf auf Leben und Tod! Pardon geben, -das kennen die Spitzmäuse nicht, und der Sieger frißt den Besiegten. -Ein paar Wollfleckchen bleiben übrig, vielleicht auch das Schwänzchen. -Die Zähne vermögen selbst die stärksten Knochen der Maus zu zerknacken. -Erbitterte Kämpfe auch unter den Artgenossen, sogar unter den nächsten -Blutsverwandten. Die Mutter beißt ihr Kind tot, das sie entwöhnt hat, -wenn's wieder zu ihr zurückkehrt, und frißt es mit Stumpf und Stiel -- -nun wird's das Wiederkommen vergessen; der Gatte frißt die Gattin, die -Geliebte den Freier, der Bruder den Bruder. Keins fühlt sich sicher vor -seinen Genossen; es kommt nur darauf an, wer der Stärkere ist. Gewalt -geht vor Recht. - -Auch ihre Wohnung hat sich die Spitzmaus meist mit Gewalt erobert, ein -Mauseloch ist's. Der rechtmäßige Besitzer ist den Weg alles Fleisches -gegangen und seine hoffnungsfrohe Kinderschar mit ihm. Oft genügt der -Spitzmaus auch eine Höhlung im Wurzelgeflecht einer Buche, einer Eiche -oder eine kleine Bodenvertiefung zwischen allerlei Pflanzenwust zur -Aufnahme ihres Wochenbetts. Ende Mai, Anfang Juni ist die Kinderstube -voll jungen Lebens: fünf bis zehn winzige Dinger, nackt und unbeholfen, -blind noch und zahnlos. Piepend und winselnd suchen sie nach dem -Milchquell, wenn die Alte sich sorgsam über die rosigen Körperchen -legt. Dann herrscht Ruhe am häuslichen Herd; nur das saugende Atmen -vernimmt die glückliche Mutter, bis schließlich eins nach dem andern -die Zitze freigibt. Nun sind sie gesättigt und schlafen, und die Mutter -kann auf kurze Zeit ihre Kinder verlassen, um für die eigne Nahrung zu -sorgen. - -Nach vier Wochen schon wird sie von der kleinen Gesellschaft begleitet, -meist gegen Abend, wenn die Sonne zur Rüste gegangen ist. Fürs helle -Licht taugen die Äuglein nicht; da werden sie zugekniffen, daß sie -vollständig im Samtfellchen verschwinden. Und selbst im Dunkel der -Nacht folgen die Spitzmäuse gewiß nicht dem Auge, vielleicht auch nur -selten dem Ohr; in dem Rüsselchen haben sie, was sie bedürfen, einen -feinen Spürsinn und feinen Geruch, der Insekten und Würmer wittert -und dem Jäger die geringsten Erschütterungen des Bodens verrät, die -solch' kleine Beute verursacht. Die Spitzmäuse sind ausschließlich -Fleischfresser; sie verhungern lieber, als daß sie irgendwelche -Pflanzenkost anrühren. Und deshalb gehören sie für den Menschen zu den -nützlichsten Tieren, zumal ihr Appetit außerordentlich groß ist. Hunger -längere Zeit zu ertragen, wie etwa der Frosch es vermag, das ist einer -Spitzmaus unmöglich. Wieviel Leben steckt aber auch in dem kleinen -Warmblüter, mit dem Stumpfsinn des Lurchs nicht zu vergleichen! - -Selbst im kalten Winter sind die Spitzmäuse munter und guter Dinge; -von einem regelrechten Winterschlaf wollen sie nichts wissen. Ja ich -habe die kleine Gesellschaft nie so lebhaft gefunden, wie gerade in -der kalten Jahreszeit. Da kommen die Spitzmäuse gern von den Feldern -und Waldrändern herein nach den Ställen und Schuppen der Landwirte, -huschen nach Mäuseart überall herum und suchen, wie sie ihren Hunger -stillen. Im verborgenen Winkel zwischen dem Gebälk schlummert so manche -Insektenpuppe, und mancher Falter hat sich hier zur langen Winterruhe -zurückgezogen; Spinnen gibt's auch überall, und wenn man Glück hat, -läuft einem auch ein Mäuschen über den Weg -- dann wehe dem kleinen -Nager! - -Die Spitzmäuse haben wenig Freunde unter den Menschen. »Mäuse« sind's, -denkt der Bauer und schlägt sie tot oder zertritt sie roh mit dem -Stiefel. Da sind Spitz und auch der alte erfahrene Kater weit klüger, -als ihr Herr und dessen ganze Familie. Spitzmäuse und Mäuse können -die beiden gar wohl unterscheiden. Freilich der Kater läßt sich auch -täuschen, doch nur im ersten Augenblick; er fängt die Spitzmaus wie -jedes Mäuslein und beißt sie tot -- ein kurzer Aufschrei, dann ist -alles vorbei. Aber statt die Beute zu fressen, läßt er sein Opfer -unbeachtet liegen und wischt sich den Mund, als habe er etwas Unreines -berührt. Und der Spitz? Er fährt wohl auch auf das samtige Tierchen -los, aber er packt's nicht; denn der Moschusgeruch, den die Spitzmaus -ausströmt, ist so stark, daß keine feine Hundenase dazu gehört, um -zu erkennen, um wen sich's hier handelt. Einem anständigen Hund ist -nichts widerlicher, als solch mit Moschusparfüm behaftetes Wildbret -- -pfui Pudel! denkt sich der Spitz. Selbst Fuchs, Iltis und Steinmarder -mögen von der Spitzmaus nichts wissen, obgleich sie selbst doch -auch nicht gerade nach Veilchen oder Maiglöckchen duften. Nur die -gefiederten Mäusejäger, die Tagraubvögel, vor allem der Bussard, ebenso -die nächtlichen Eulen sind nicht so empfindlich. Sie fragen nicht -lange: ist's Spitz- oder Feldmaus? Mit ein paar Schnabelhieben wird -die Beute getötet und zerteilt, oder sie schlucken das ganze Tierchen -auf einmal hinunter, wie wir eine bittere Pille; da merkt man von dem -Moschusgeruch und dem üblen Geschmack nur wenig. - - * * * * * - -Der Dritte im Bunde der Sippe ist ein ganz abenteuerlicher Gesell; er -lebt unter der Erde, und nur in der Nacht erscheint er bisweilen an der -Oberfläche: der _Maulwurf_. Ein Samtkleidchen hat er an, so fein und -so weich wie die Spitzmaus. Das ganze Persönchen ist in dichten Pelz -eingehüllt, an dem weder Nässe noch Erdkrümchen haften; nur die Pfoten, -die Spitze des Rüssels und das letzte Ende des Schwänzchens schauen -aus dem Samtfell hervor. Die Ohren liegen versteckt und ebenso die -winzigen Äuglein. Der Plüschanzug kommt nie aus der Ordnung, mag sich -sein Träger vor- oder rückwärts in dem dunklen Erdgang bewegen; denn es -fehlt ihm der »Strich«, und nirgends zeigt sich ein »Wirbel«, wie sonst -im Fell glatthaariger Tiere. Und wie schön ist die Färbung des Kleids, -oft tiefschwarz mit fast metallischem Glanz, ins Stahlblau spiegelnd, -oft bräunlich, bisweilen auch silbergrau oder gelblich; selbst weiße -Maulwürfe finden sich, regelrechte Albinos, wenn auch nur selten. Und -weiter, die Unterseite ist selbst zwischen den Beinen ebenso dicht -behaart wie der Rücken und ebenso dunkel gefärbt. - -Heute zählt der Maulwurf gleich Marder und Hermelin mit zu den -Pelztieren, eine Ehre, die Tausende schon mit dem Leben bezahlt haben. -Aber wie klein sind die einzelnen Fellchen, eine mühsame Arbeit für den -Kürschner! Doch die Leute bezahlen's, solange es die Mode gebietet. -Und die Nachfrage nach diesem Pelzwerk war, wenigstens in den Jahren -1919 und 20, so stark, daß damals märchenhafte Preise gezahlt wurden --- 20, ja 25 Mark für solch winziges, noch nicht einmal zugerichtetes -Fellchen! Ich hätte das Gesicht unsers alten Tobias vom Rittergut sehen -mögen, wenn er das gehört hätte; die Pfeife wäre seinem zahnlosen Munde -entfallen, und wie ein Kettenhund hätte er geheult, daß ihm sein Lebtag -der Verwalter nie mehr als 12 Pfennige für einen Maulwurf bezahlt -hat. Der Alte verstand seine Kunst. In die Laufröhre, gleich neben -dem aufgestoßenen Erdhaufen, senkte er die Drahtschlinge, befestigte -ganz lose das hölzerne Häkchen daran, das bei der geringsten Berührung -heraussprang, bohrte den biegsamen Stock tief in die Erde und zog ihn -mit einem Strick zu der klug ersonnenen Falle herab. Nun geht dir's ans -Leben, du unterirdischer Wühler! Stößt du mit deinen Schaufelhänden nur -ein wenig an den hinterlistigen Haken, gleich wippt die Schlinge empor -und erwürgt bist du, noch ehe der Galgen wieder zur Ruhe gekommen ist. - -Als Kind habe ich oft dem Tobias in sein Handwerk gepfuscht und -manche Falle zerstört; denn ich hatte es gelesen, was Bechstein und -Lenz von dem Maulwurf erzählen, wie er ein gar nützliches Tier sei, -da er Regenwürmer und Engerlinge verzehre, und nur Dummheit sei's, -wenn man ihn töte. Diese Dummheit hatte sich vor ein paar Jahren -zum Wahnsinn gesteigert: Tagediebe lauerten auf Feldern und Wiesen -dem unterirdischen Gesellen auf; ja es gab Landwirte, die solchen -Maulwurfsfängern ihren Grund und Boden geradezu als Jagdrevier gegen -ein schönes Sümmchen verpachteten. Glaubt der Bauer wirklich, daß -dieser Judaslohn hinreicht, den Schaden quitt zu machen, den das Heer -der Regenwürmer und der Insektenlarven, die nun ungestört ihr Handwerk -treiben können, der jungen Saat zufügt! In mancher Gegend hat dieser -Unfug schon dazu geführt, daß die Maulwürfe selten geworden, ja hie und -da bereits verschwunden sind. Die Maulwurfshaufen, über die du dich oft -so geärgert hast, bist du los, dummer Bauer, aber ebenso deine besten -Bundesgenossen im Kampfe gegen das Ungeziefer, das nun überhand nimmt. -Zum Glück beginnt man bereits einzusehen, wie töricht es ist, den -Maulwurf zu vertreiben. In Bayern hat man ein Gesetz zum Schutze dieses -Insektenfressers geschaffen; in Sachsen freilich ist eine gleiche -Gesetzesvorlage unter den Tisch des Hauses gefallen, hauptsächlich -deshalb, weil die Mode sich von dem Pelzwerk wieder abgewandt hat, die -Fellchen infolgedessen im Preise außerordentlich gefallen sind und so -der Anreiz zur Maulwurfsjagd nicht mehr besteht. - -Auch der Nutzen des Maulwurfs wird von mancher Seite stark -angezweifelt. Regenwürmer vertilgt er; Regenwürmer aber sind nützliche -Tiere, die den Boden düngen, lockern und durchlüften. Gewiß, wo aber -diese Würmer allzu zahlreich austreten, da richten sie doch recht -merkbaren Schaden an der Saat an, indem sie die jungen Pflänzchen -massenhaft hinab in ihr unterirdisches Reich ziehen und dann von -den verwesenden Stoffen leben. Aber der Maulwurf frißt nicht nur -Regenwürmer, sondern er stellt auch den Engerlingen, diesen schlimmen -Gesellen, nach. Er folgt ihnen selbst in ihre tiefer gelegenen -Schlupfwinkel, wohin sie sich in der kalten Jahreszeit zurückziehen. -Denn zu den Winterschläfern gehört der Maulwurf ebensowenig wie die -Spitzmaus. Tag für Tag, selbst wenn bitterer Frost die oberste Schicht -der Erde in Bann hält und der Bauer denkt, es ist draußen alles Leben -erstorben, arbeitet der unterirdische Wühler unermüdlich zum Nutzen des -Landmanns, der ihm seine verborgene Tätigkeit nur allzuoft mit Undank -vergilt. Auch bei lang anhaltender Trockenheit im Sommer, wenn die -Engerlinge und andre Insektenlarven sich tiefer in die Erde eingraben, -verlegt der Maulwurf seine Jagdgründe dahin. Es wird behauptet, -daß er für die Zeit der Not auch Nahrungsspeicher einrichte, wie -weiland Joseph in Ägypten in den sieben fetten Jahren, gewissermaßen -Regenwurmmagazine, eingebaut in die Wandungen seiner unterirdischen -Gänge. Weil er aber tote Tiere nicht gern frißt, sondern allezeit -frisches Fleisch haben will, so bringe er den Würmern nur einen Biß -bei, der die Ganglienkette zerstöre, so daß sie nicht recht sterben -und nicht recht leben, auf keinen Fall aber entfliehen können. Man -will Hunderte von Würmern in ganzen Haufen beieinander gefunden haben, -denen ihr Feind die vorderen Ringe des Körpers, namentlich den sog. -»Kopflappen«, aufgerissen habe. Und vielleicht sei es weniger der Biß -selbst, als der Speichel des Maulwurfs, der die Lähmung der Würmer -verursache. - -Das Nahrungsbedürfnis unseres Insektenfressers ist, wie das aller -kleinen Warmblüter, außerordentlich groß, und deshalb kann sein Nutzen -nach dieser Richtung hin nicht hoch genug angeschlagen werden. Außerdem -durchlüften seine Gänge den Boden, was den Pflanzen zum Vorteil -gereicht. Die Erdhaufen, die er auf den Wiesen aufwirft, wird man ihm -leicht verzeihen können; mit dem Rechen läßt sich alles schnell in -Ordnung bringen. Und wenn auch durch die unterirdischen Wühlereien -ein paar Saatpflänzchen gelockert werden oder das Gras der Wiese -über dem einen oder andern Reviergang des Insektenjägers nicht recht -gedeihen will, weil die Wurzeln bloßgelegt sind, so wird das nicht viel -bedeuten. Nur im Ziergarten kann man den Maulwurf nicht dulden; aber -nach Falle und Galgen braucht man nicht gleich zu greifen. Es gibt -andre Mittel, durch die er sich leicht vertreiben läßt. Mit Petroleum -getränkte Lappen oder Heringsköpfe kann er nicht erriechen; parfümiert -man seine Gänge damit, so vergrämt man den Maulwurf. Noch sicherer ist -es, um kleine Blumenbeete Dornen oder Glassplitter ein bis zwei Fuß -tief einzugraben; sein empfindlicher Rüssel ist ihm zu lieb, als daß er -ihn sich an solchen Dingen verletzen ließ. - -Die Wohnung des Maulwurfs, eine kesselförmige Höhlung, liegt etwa einen -halben bis dreiviertel Meter unter der Erde, an einer Stelle zumeist, -die schwer zugänglich ist, z. B. unter dem Schutz einer Mauer, eines -Erdhaufens oder dichten Wurzelgeflechts. Mit Laub, Moos, Stroh ist die -Höhle gepolstert; denn sie dient nicht nur zur Wohn-, sondern auch zur -Schlaf- und bisweilen zur Wochenstube. Von dem Kessel aus erstrecken -sich strahlenförmig nach allen Richtungen mehrere Gänge, die meistens -wieder untereinander durch einen Rundgang verbunden sind. Diese Gänge -vereinigen sich in einiger Entfernung zu einer Laufröhre, die nach -dem Jagdgebiet führt. Auch vom Boden des Kessels senkt sich ein Gang -in die Tiefe, um jedoch bald wieder aufzusteigen und gleichfalls jene -Laufröhre zu erreichen. Die Wände der Röhren sind sorgfältig und sauber -geglättet; denn der Hohlraum wird hier weniger dadurch gewonnen, daß -der Maulwurf Erde auf die Oberfläche befördert, sondern dadurch, daß er -mit seinem walzenförmigen Körper den lockeren Boden zusammendrückt. - -Die sog. Maulwurfshaufen sind in der Regel auf das Jagdgebiet -beschränkt, das oftmals 60 oder 80 ~m~ vom Wohnkessel entfernt liegt. -Dieses Revier durchwühlt der Maulwurf nach allen Richtungen hin -gründlich. Täglich baut er neue Gänge, wobei er die Erdmassen mit -Nacken und Hals an die Oberfläche befördert. Wenn er »aufstößt«, bleibt -er aber in weiser Vorsicht immer noch etwas unter der Erde. Trotzdem -wird er bei dieser Tätigkeit nicht selten von einem Feind überrascht -und gepackt, vom Fox, der schnell seine Schnauze in die lockere Erde -stößt, oder vom Storch, der mit dem Bajonettschnabel tief in den -aufgeworfenen Haufen sticht. Auch der alte »Tobias« hat so manchem -Maulwurf schon aufgelauert, wenn er gerade aufstößt, was dreimal am -Tage, früh, mittags und abends, mit genauer Zeiteinteilung geschehen -soll. Schnell das Grabscheit in die Erde stoßen und herauswerfen, was -es gefaßt hat! Der überlistete Wühler fliegt mit in die Luft und ist -dann verloren. - -Wer noch nie junge Maulwürfe gesehen hat, der kann sich kaum eine -Vorstellung davon machen, wie spaßhaft diese winzigen Wesen aussehen. -Sie sind, eben geboren, nicht viel größer als eine weiße Bohne, -nackt, ganz unbehilflich, alle Glieder unfertig, Schweinsembryonen zu -vergleichen. Dabei sind sie dick und wohlgenährt, rundlich, und die -fein gefaltete Haut ist trotzdem auf Zuwachs der Leibesfülle berechnet. -Nach zehn Tagen etwa sind die Körperchen mit zartem Flaum überzogen, -durch den die rosige Haut aber noch immer durchschimmert, bis sich -die Haare zu dem weichsten Samtfellchen schließen. Noch zwei Wochen -vergehen, dann werden die Kleinen allmählich entwöhnt; Regenwürmer -und allerlei Kerbtiere trägt die Mutter herbei und verfüttert sie -stückweise an ihre Kinder. Droht eine Gefahr, so gräbt sie in Eile -eine andere Höhle und trägt ihre Jungen im Maule dahin. Namentlich -Hochwassergefahr, aber auch die Nachstellungen anderer Maulwürfe, den -Vater nicht ausgenommen, veranlassen die Mutter zu solcher Fürsorge. -Nach vieler Mühe sind die Jungen endlich so weit, daß sie der Alten auf -ihren Pirschgängen folgen können, bis sich schließlich eins nach dem -andern von der Familie trennt und nun ein selbständiges Leben beginnt. -Noch ein zweites Mal wirft die Mutter vier oder fünf Junge, die aber -erst im kommenden Frühjahr einen eigenen Hausstand gründen. - -Es gibt kaum ein anderes Säugetier, dessen Körperbau sich den -Verhältnissen, unter denen es lebt, so vollkommen angepaßt hat, wie der -Maulwurf. Oder richtiger: beim Maulwurf läßt sich die Übereinstimmung -des äußeren und inneren Baus mit der Lebensweise so deutlich erkennen, -wie wohl bei keinem andern Säugetier. Zur unterirdischen Wühlarbeit hat -die Natur den Maulwurf bestimmt, und nur unter diesem Gesichtspunkt -wird sein seltsamer Körperbau verständlich. Die Vorderfüße sind -zu wirklichen Händen umgebildet worden mit fünf Fingern, an denen -krallenartige Schaufelnägel sitzen. Sie stehen seitwärts am Körper, -die Handfläche nach hinten, der kleine Finger nach oben gerichtet. -Ihr Arbeitsradius reicht beiderseits so weit, daß der walzenförmige -Leib des Tieres in dem gegrabenen Tunnel gerade Platz findet. Kräftig -sind jene Schaufeln gebaut; ihr kurzer Stiel, den Ober- und Unterarm -darstellend, ist ganz im Körper verborgen. Starke Muskeln treten -von dem gekielten Brustbein an die Knochenwülste der Arme heran und -vermitteln diesen die Kraft, die schwere Arbeit zu leisten. Die -Hintergliedmaßen sind viel schwächer; sie haben den Körper nur vorwärts -zu schieben und zeigen deshalb gewöhnliche Füße mit Zehen und Sohlen, -wie sie auch Igel und Spitzmäuse besitzen. Auffallend stabartig -gebildet sind Hüft- und Sitzbeine; sie legen sich der Wirbelsäule an -und steifen sie, um das Vorwärtsschieben der lebendigen Bohrmaschine zu -erleichtern. - -Daß auch die winzigen Äuglein, nicht größer als ein Stecknadelkopf, -zu dem unterirdischen Leben passen, liegt auf der Hand. Im Dunkel der -Erde sind sie ganz überflüssig, und wenn auch der Maulwurf in der -Nacht aus seiner Grube hervorkommt, so genügt es ihm wohl, hell und -dunkel unterscheiden zu können. Mehr braucht er nicht; das Geruchsorgan -und der feine Tastsinn seines Rüssels verraten ihm, was er zu wissen -bedarf. Die Ohrmuscheln fehlen völlig. Sie würden als Fangtrichter für -Erdkrümchen nur hinderlich sein; auch leitet der Boden die Schallwellen -weit besser als Luft. Noch manche andere Anpassungen lassen sich -auffinden: die Halswirbel, die einander teilweise überdecken; es kommt -ja nicht auf Beweglichkeit, sondern im Gegenteil auf eine gewisse -Starrheit dieses Körperteils bei der Minierarbeit an; die Hautfalte -der Oberlippe, die sich an die Unterlippe fest anlegt und den Mund -vollkommen abschließt, daß auch den feinsten Erdteilchen der Eintritt -gewehrt wird; eine Hautfalte an der Ohröffnung, die demselben Zweck -dient usw. - -Man wird zugeben, daß der Maulwurf in seiner ganzen Erscheinung -ein besonders interessantes Tier unserer Heimat ist, dazu eins der -nützlichsten Geschöpfe, zugleich aber auch ein volkstümliches Tier, von -dem manche Fabel zu berichten weiß. Ich erinnere nur an den »Weißen -Maulwurf« von Otto Julius Bierbaum, dem die Ehre ward, daß man ihn im -Maulwurfs-Pantheon beisetzte, oder an den Maulwurf G. A. Bürgers, dem -alle Tugend nichts half; der Gärtner schlug ihn tot, weil er die schön -geebneten Blumenbeete durch seinen Aufwurf verunziert hatte. - -Kurzsichtig, töricht und vor allem undankbar ist der Mensch. Wieviel -Feinde haben doch gerade die nützlichsten Tiere! _Igel_, _Spitzmaus_, -_Maulwurf_, ein Kleeblatt, an dem jeder seine Freude haben sollte! Ich -möchte all meinen Lesern die Samtfellchen Maulwurf und Spitzmaus, ganz -besonders aber auch meinen Liebling, den stachelborstigen Igel, recht -fest an das tierfreundliche Herz drücken. Möge nie die Zeit kommen, wo -eins von diesen Dreien durch Unverstand und Roheit aus unsrer Heimat -verdrängt sein sollte! - - - - -Vogelnester - - -Von jeher hat die Bautätigkeit der Tiere die Aufmerksamkeit des -Menschen in hohem Grade auf sich gelenkt. Besonders zwei Tiergruppen -sind es, die Insekten und die Vögel, denen wir in dieser Beziehung -die höchste Bewunderung zollen müssen. Während aber bei jenen nur -eine verhältnismäßig geringe Zahl sich durch allerdings staunenswerte -Baukunst auszeichnet, verstehen es die meisten Vögel mehr oder weniger -kunstvolle Nester zu errichten. Grundverschieden sind diese nach -Bauart, Form und Material; ja sogar der einzelne Vogel derselben Art -baut bisweilen ganz abweichend -- bald frei in luftige Höhe, bald auf -den Boden, bald ins Dunkel einer Höhle -- immer aber versteht er es, -sein Nest in vollendeter Weise der Umgebung wie seinen Bedürfnissen -anzupassen, so daß jeder Architekt von dem kleinen Vogel lernen könnte. - -In der freien Natur gibt es wohl keinen Platz, der diesem oder jenem -Vogel nicht willkommen wäre, keine Örtlichkeit, die nicht Zeuge des -lieblichsten Familienlebens werden könnte. Unsre kleinen Sänger -vertrauen ihre niedlichen Nester dem Zweigwerk von Baum und Strauch -an; sie schlüpfen durch ein Astloch des Obstbaums oder stellen ihr -Nest ins Gestrüpp und dürre Laub auf den Boden. Raubvögel bauen meist -auf Felsen und hohen Bäumen; sie sind stark genug, freistehende -Horste verteidigen zu können. Auch andere große Vögel verhalten -sich ähnlich: Reiher, Störche, selbst Raben, Krähen und Elstern. Die -Rebhühner, Trappen, Lerchen und andere Feldbewohner brüten am Boden; -die Spechte, diese echtesten Baumvögel, meißeln sich eine Höhle in den -Baumstamm, die später auch von andern Höhlenbrütern benutzt wird. Die -Sumpfvögel bauen auf den Boden am Rande des Wassers, die Wasservögel -ins Röhricht von Fluß und See; die Lappentaucher errichten nicht -selten ein freischwimmendes Nest. Strandvögel vertrauen Eier und Brut -dem flachen Kies oder der steilen Klippe an, wo die Woge brandet. Die -lichtscheuen Eulen brüten an dunklen Orten, in Fels- und Mauerspalten, -in Baumhöhlen; der winzige Zaunkönig wählt für sein kugliges -Nestchen irgendeinen der tausend Schlupfwinkel seines Reviers, ein -Wurzelgeflecht, das Mauerloch einer Brücke, Lücken in einer Waldhütte, -einer Holzklafter usw. - -Aber es gibt auch Ausnahmen, die wir Menschen uns nicht so einfach -zusammenreimen können. So brüten Rohr- und Kornweihe, diese -fluggewandten Räuber, auf dem Boden; der Fischer Kormoran errichtet -seinen ungefügen Bau auf hohen Bäumen, nicht selten auch manche -Wildentenart; so brütet die Schellente bei uns mit Vorliebe in -Asthöhlen, oft recht hoch über dem Boden, und die Stockente hat -sich schon Elsternhorste als Kinderstube gewählt. Der weiße Storch -sucht den Schutz des Menschen auf, desgleichen die Haus- und die -Rauchschwalbe, während deren Base, die Uferschwalbe, obwohl sie im -übrigen ähnliche Lebensweise führt, in steile Lehm- und Erdwände Röhren -gräbt, einen Meter tief und darüber. Wer würde es dem farbenprächtigen -Eisvogel ansehen, daß er gleichfalls ins unterirdische Dunkel eines -selbstgegrabenen Stollens schlüpft, um seine Jungen zu ätzen, wer der -Hohltaube, daß sie ihr Zwillingspärchen in einem Astloch aufzieht oder -in einer verlassenen Spechtshöhle, während doch Ringel- und Turteltaube -freistehende Nester bauen! Warum errichtet der Gartenlaubvogel die -Wiege seiner Jungen in der Astgabel niedriger Bäume, alle andern -Laubvögel aber am Boden oder unmittelbar darüber, in der Vertiefung -eines alten Baumstocks u. dgl.? Warum dort ein offenes Nest, hier aber -ein kugelförmiges mit engem Eingang, geformt wie ein Backofen? Ja, wer -es wüßte! - -Strenger noch als an einer bestimmten Örtlichkeit hält jeder Vogel -an der Wahl gewisser Niststoffe fest. Kein Goldammer verzichtet auf -Pferdehaare oder Schweinsborsten; keine Entenart brütet die Eier aus, -ohne mit zartem Flaum das Innere des Nestes auszupolstern. Krähen und -Elstern tragen Erde und kleine Rasenstücke in ihren Horst; Amsel und -Ziemer verbinden die eigentlichen Niststoffe mit Lehm und mit feuchter -Erde, wodurch das unförmliche Nest oft außerordentlich schwer wird, -während ihre Verwandte, die Singdrossel, fein zerkleinerten Holzmull, -den sie mit Speichel vermischt, gleichmäßig und glatt über die -Innenwand ihres saubern Baues streicht. Feuchte Erdklümpchen benutzt -die Hausschwalbe, zartes Moos der Zaunkönig; dürres Laub bildet die -Grundlage für das Nest der Nachtigall; Flechten und Insektengespinst -verwenden Buchfink und Goldhähnchen -- kurz, jeder Vogel hat eine -ausgesprochene Vorliebe für ganz bestimmte Stoffe, und nur im Notfall -einmal wird er sie durch ähnliche Dinge ersetzen. - -Wie sich die besondere Nistweise, an der die einzelne Art mehr oder -weniger festhält, bis zu der gegenwärtigen Musterform entwickelt -hat, ist eine offene Frage. Wir wissen nicht einmal, sind die -bodenständigen Nester oder die in den Zweigen der Bäume erbauten als -die ursprünglicheren anzusehen; nimmt der Vogel, der in Höhlen brütet, -eine tiefere Stufe ein als der sogenannte Freibrüter, oder lassen uns -nicht gerade viele Höhlenbewohner, die ihr oft recht hübsch gebautes -Nestchen in ein Astloch, eine Mauerspalte stellen, vermuten, daß sie -ehemals Freibrüter waren, aber um die Sicherheit für Eier und Junge -zu erhöhen, zu dieser vollkommeneren Methode fortgeschritten sind? -Wenn wir im folgenden einige besonders eigenartige Vogelbrutstätten -betrachten wollen, und zwar in der Anordnung, daß wir von den scheinbar -einfachsten Verhältnissen ausgehen und uns zu immer kunstvollerer -Bauweise wenden, so möchten wir doch keineswegs damit behaupten, daß -dieser Gang nun auch wirklich der natürlichen Entwicklung der bei den -Vögeln geübten Baukunst entspreche. - -Einzelne Vögel begnügen sich mit der einfachen Reptilienmethode, indem -sie ohne weitere Fürsorge ihre Eier auf den Boden legen. So vertrauen -die meisten Strandläufer, viele Schnepfenvögel, Seeschwalben, manche -Möwen die Eier dem bloßen Kies an oder der kurzen Grasnarbe, ohne -daran zu denken, ein wirkliches Nest zu bauen. Auch die Nachtschwalbe -kennt ein solches nicht; auf plattem Boden brütet sie ihre beiden Eier -aus, oder auf dichtem Heidekrautgestrüpp, auf dem Moos eines niedrigen -Baumstocks u. dgl. - -Bei sehr vielen Höhlenbrütern kann man gleichfalls nicht von wirklichem -Nestbau reden; sie begnügen sich damit, die Eier ohne besondere -Unterlage einem Mauerloch, einer Felsenspalte oder einer Baumhöhle -anzuvertrauen. Die natürliche Hohlform hält Eier und Wärme zusammen; -ein wenig Erde oder Holzmull findet sich fast in jedem solchen Raume, -wodurch den Eiern wenigstens ein leidlich weiches Lager wird, und der -Schutz für den brütenden Vogel wie für die Brut ist doch ungleich -höher hier in der dunklen Höhle als draußen im Freien. Spechte, der -Wendehals, manche Eulen, die Hohltauben, der Wiedehopf u. v. a. brüten -in dieser Art, die indessen nur einen kleinen Fortschritt bedeutet im -Vergleich mit der einfachen Nistweise der Nachtschwalbe. Natürliche -Bodenvertiefungen, die dem Körper des Vogels mehr oder weniger angepaßt -waren, Verstecke im Pflanzengestrüpp und ausgefaulte Löcher im -Baumstumpf mögen die Verbindungsglieder gewesen sein. - -Etwas mehr Sorgfalt zeigen unsre Rebhühner, Trappen, manche -Seeschwalben, Möwen, Rallen u. v. a. Sie scharren eine seichte -Vertiefung in den Boden, knicken Stengel und Halme um oder bilden durch -häufiges Drehen des Körpers eine geeignete Stelle, die sie nun mit ein -paar trocknen Gräsern oberflächlich ein wenig auspolstern. Wozu sollten -auch die Jungen, z. B. die des Rebhuhns, eines künstlichen warmen -Nestes bedürfen? Sobald die Eihülle gesprengt und der Flaum getrocknet -ist, laufen sie ja doch davon, um vielleicht nie wieder an den Ort -zurückzukehren, wo sie das Licht der Welt erblickt haben. Vögel, deren -Junge längere Zeit im Neste verbleiben, sogenannte »Nesthocker«, -verwenden stets mehr Fleiß auf die Niststelle; doch verdient diese bei -vielen, die auf dem Boden oder in Höhlen brüten, noch kaum den Namen -eines eigentlichen Nestes. Die Feldlerchen z. B. suchen sich eine -kleine Vertiefung zwischen Erdschollen oder im Grase, erweitern und -runden sie nach Bedarf und tragen nun Stoppeln, Halme, zarte Wurzeln -zusammen. Mit ihrem Körper formen sie alles zu einem tiefen Napf, den -sie schließlich noch mit einzelnen Pferdehaaren u. dgl. auspolstern. -Unsre niedlichen Blaumeisen begnügen sich, falls die Höhle, die sie -gewählt haben, sehr eng ist, mit einem recht einfachen Bau: feine -Brocken faulenden Holzes, darüber ein paar Federn und Haare, das ist -alles. In weiten Hohlräumen aber sorgen sie für eine dichte Unterlage -und für ein weiches Haar- und Federpolster. Ähnlich verhalten sich auch -die andern Meisen mit Ausnahme der Schwanzmeisen. - -Einen Fortschritt zeigen schon die sogenannten »Halbhöhlenbrüter«, -welche für die Wiege ihrer Jungen irgendeinen Winkel wählen, wie -Hausrotschwanz, grauer Fliegenschnäpper, weiße Bachstelze u. a.; -auch das Rotkehlchen gehört hierher, das sich ein Versteck in einem -ausgefaulten Baumstumpf, zwischen Wurzelgeflecht, eine weite Erdhöhle -u. dgl. aussucht. Sein Nest stellt ein lockeres, kunstloses Gewebe dar, -meist auf einer Grundlage dürren Laubes. Beim Hausrotschwänzchen kann -man es genau beobachten, um wieviel vollkommener der Vogel baut, wenn -er das Nest auf einen freien, nur von oben geschützten Balkenkopf oder -hinter einen Dachsparren stellt, als wenn er sich ins Halbdunkel einer -Höhle zurückzieht. Hier nur eine ungeordnete Anhäufung von Niststoffen, -dort aber ein dichtes Gewebe mit sorgfältig gepolsterter Aushöhlung -eines zierlichen Napfes. - -Wirkliche Kunstbauten finden wir jedoch erst bei den sogenannten -Freibrütern, und zwar besonders bei denjenigen, die sich losgemacht -haben von der Scholle des Bodens und im Astwerk von Baum und Strauch -oder am Schilfhalm ein lustiges Nest bauen. Doch dürfen wir auch -manchen Höhlenbrütern, wie den Baumläufern, dem Star, Gartenrotschwanz, -Trauerfliegenfänger, eine gewisse Fertigkeit nicht absprechen. Nach -unsrer Meinung stellten diese Vögel, wie wir schon angedeutet haben, -ehemals freistehende Nester her; die seit alters geübte Bauweise -pflegen sie aber auch heute noch weiter, trotz der veränderten -Verhältnisse, nur daß sie dabei weniger sorgfältig verfahren. Man -vergleiche z. B. das Nest der Spechtmeise, die sich ein Astloch -erwählt, mit dem Bau der freibrütenden Schwanzmeise, einem der -kleinsten Vögelchen unsrer Heimat. Bei jener eine schlechte Unterlage -aus lockern Stückchen von Buchen- und Eichenblättern oder ein Wulst -dünner Schalen der Kiefernrinde; das Nest der Schwanzmeise dagegen -ein Kunstbau, kugelförmig, mit einem Schlupfloch, zusammengefilzt -aus Astmoosen, Baumflechten, Birkenschalen, Schuppen der Eichenrinde -und Haaren, überkleidet mit Spinnen- und Raupengespinst, innen aber -ausgefüttert mit Federn und Wolle. Überhaupt zeichnen sich die -kleinsten der kleinen Baumeister durch höchste Kunstfertigkeit aus. -Hoch in die herabhängenden Zweigenden einer Fichte oder Tanne hat das -winzige Goldhähnchen sein beinahe kugelförmiges Nestchen aufgehängt. In -die ziemlich glatte Außenwand sind die Spitzen der dünnen Triebe des -Nadelbaums geschickt eingeflochten, daß der kleine Bau frei in der Luft -schwebt; oben führt eine enge Öffnung ins Innere, das mit wärmenden -Federchen dicht ausgekleidet ist. Oder das Nest des Zaunkönigs: außen -nicht selten ein wüster Haufen von Stengeln, Wurzeln und Blättern, -innen aber eine dicht gefilzte Lage von grünem Moos, auf welche -schließlich das weiche Federpolster folgt. - -Auch die Finkenvögel bauen sehr hübsche Nester, an erster Stelle unser -frohschmetternder Buchfink. Hier steht ein solches auf dem hohen Stumpf -eines Fliederstrauchs, dessen Fortsetzung es nach Stellung und Form zu -bilden scheint; aufs peinlichste ist es mit Lebermoosen überzogen, wie -sie der Stamm trägt, und mit kleinen braunen Rindenstückchen beklebt, -wie sie am Boden liegen. Dadurch, daß der Vogel die Niststoffe aus -der Umgebung nimmt, paßt er das Nest dieser gewöhnlich aufs schönste -an, wodurch die Sicherheit erhöht wird. Ob dabei bisweilen auch kluge -Berechnung eine Rolle spielt, möchte ich nicht entscheiden. Ich habe -Finkennester gefunden, in deren Wand Fetzen weißen Papiers sehr -geschickt eingewebt waren -- sie standen auf weißstämmigen Birken --, -ein Nest des Zaunkönigs, das durch Verwendung grauen Mooses und grauer -Algen die Farbe der granitenen Brücke täuschend nachahmte, unter die -es gebaut war, und ein andres, dessen grüner Moosüberzug mit dem Grün -seiner Umgebung vollkommen übereinstimmte. Vielleicht ist es so, daß -der Vogel durch einen auffallenden Farbengegensatz des Nestes mit -dessen Umgebung unangenehm berührt wird und ohne viel Nachdenken die -Stoffe wählt, die in der Farbe zu der unmittelbaren Nachbarschaft -des Nestes passen. Ich entsinne mich aber auch einiger Nester, wo -von solcher Übereinstimmung nicht die Rede sein konnte; so hatte -ein Schwanzmeisenpärchen ein ganz lichtes, aus heller Baumrinde und -Laubmoosen gefilztes Nest in das dunkle Grün einer Jungfichte gestellt, -daß es weithin erkennbar war. - -Ein sehr zierliches Nest bauen auch die Rohrsänger. Von ein paar -Schilfstengeln, die in die Wandungen eingewebt sind, wird der -kegelförmige Bau getragen, die Spitze nach unten. Gespaltene -Schilfblätter, schmales Gras und biegsame Halme bilden die kunstvoll -geflochtene Wandung, in der jede Lücke mit Pflanzenwolle verstopft -ist, namentlich von der Weide. An allen Bewegungen der Halme nimmt der -luftige Bau teil, wenn der Wind durchs Schilf saust und die Spitzen -hinabbiegt bis in die Wellen des Teichs; aber der Napf ist so tief, daß -die Eier so leicht nicht herausfallen. - -Freilich gibt es auch unter unsern kleinen Sängern einige, die recht -liederlich bauen. Das gilt z. B. von unsern Grasmücken. Ich habe -Nester der kleinen Zaungrasmücke gefunden, deren Boden so locker -gewebt war, daß man kaum begreift, wie sie die Wärme zusammenhalten -können. Noch weniger dicht sind die sehr flachen Nester der Ringeltaube -gebaut; nicht selten sieht man die weißen Eier zwischen den Lücken -hindurchleuchten. Ja, es kommt vor, daß sie unter dem brütenden Vogel -durch den Boden fallen, so daß ich glaube, die Ringeltaube ist erst -nachträglich zum Freibrüter geworden, während sie früher, wie Hohl- und -Felsentaube noch heute, in Höhlungen brütete. - -Gleich der Ringeltaube verwenden fast alle größeren Vögel stärkere -oder dünnere Reiser für die äußere Wandung, wie dies das Nest des -Eichelhähers zeigt, oder die kleinen Horste der Elstern und Krähen und -die bisweilen gar gewaltigen Reisighaufen, welche Raubvögel, Reiher -und Störche zusammenschleppen. Solch ein Adlerhorst, ich denke an den -eines Fischadlers, der auf dem vertrockneten Wipfel einer uralten -Eiche stand, ist einer mächtigen Stammburg zu vergleichen. Nicht das -Paar, das jetzt droben haust, hat den riesigen, fast mannshohen Bau -gegründet, sondern vielleicht seine Großeltern vor vielen Jahren. -In jedem Frühling wird das Schloß der Väter von neuem bezogen und -mit frischen Baustoffen belegt und ausgebessert; in seinen untern -Schichten, gewissermaßen in den Kellerwohnungen, haben sich ein paar -Meisen häuslich niedergelassen, wie ja auch in der Wandung alter -Storchnester, die gleichfalls alljährlich von unsern Hausfreunden -wieder bezogen werden, nicht selten Meister Spatz seine zahlreiche -Nachkommenschaft großzieht. Verlassene Raubvogel- und Krähenhorste -dienen übrigens manchen Vögeln zur willkommenen Wohnung; am häufigsten -scheinen Waldohreule und Turmfalke von solch herrenlosem Eigentum -Besitz zu nehmen. - -Zu den hübschesten Nestern unsrer Heimat gehört das des gelbschwarzen -Pfingstvogels, des Pirols. Freischwebend hängt es, einem Klingelbeutel -vergleichbar, zwischen den Enden einer Astgabel; aus Bast, Halmen, -Wollfäden, Oberhäutchen der Birkenrinde, feinen Hobelspänen u. dgl. -ist es gar zierlich gewoben. Man begreift nicht, wie es dem Schnabel -im Verein mit den Zehen möglich ist, aus dünnen Fasern solch feines, -braungelbliches Gewebe herzustellen. - -Von den Zimmerleuten unsrer Wälder, den Spechten, war schon die -Rede; auch der Wendehals und manche Meisenarten verstehen sich auf -dies Handwerk, insofern sie vorhandene Höhlen nach ihrem Bedürfnis -vergrößern. Ähnlich ist die Tätigkeit der Minierarbeiter; nur haben -es diese nicht mit Holz, sondern mit Lehm, Sand oder Erde zu tun, -wie die Uferschwalbe, der Eisvogel und der ebenso farbenprächtige -Bienenfresser, der freilich unsrer Heimat fehlt, den ich aber an -manchen Gewässern Südungarns beobachten konnte. - -Mit Lehm und mit Erde arbeiten ferner die Maurer, zu denen unsre -Schwälbchen gehören. Unterhaltend ist es, den emsigen Tierchen -zuzuschauen. Zuerst werden feuchte Klümpchen -- meist ist es Straßenkot --- eins neben das andre in flachem Bogen an die Baustelle geklebt; -dann ruht die Arbeit bis zum nächsten Morgen. Ist jetzt das Mauerwerk -völlig trocken, so wird eine zweite Lage von Erdklümpchen so angesetzt, -daß sie die erste Schicht überragt; am dritten Morgen wird in gleicher -Weise fortgefahren. Schon geht die Arbeit leichter von statten, denn -die Vögelchen brauchen sich nicht mehr an der Hauswand anzuklammern, -sondern können auf dem bereits gemauerten fingerbreiten Rand Fuß -fassen. Schicht folgt auf Schicht, wobei auch einige Halme, Borsten, -Haare mit eingeklebt werden. Nach zwei Wochen etwa ist das kugelrunde -Nestchen der Hausschwalbe oder das halbkugelförmige der Rauchschwalbe -fertig; es bedarf nur noch der Auspolsterung mit Federn und Haaren. - -Auch die Spechtmeise versteht sich auf Mörtel und Kitt; ist das -Eingangsloch zur Baumhöhle, in der sie ihr kunstloses Nest erbaut, zu -weit, so vermauert sie es ringsum mit eingespeichelten Lehmklümpchen, -daß dem Eichhörnchen und andern Räubern der Zugang gewehrt wird. - -Im allgemeinen beteiligen sich Männchen und Weibchen am Nestbau; sehr -oft beschränkt sich aber die Tätigkeit des Männchens auf das Aufsuchen -und Herbeitragen der Niststoffe, während das Weibchen gewöhnlich die -eigentliche Künstlerin ist. Wer beispielsweise den Pirol oder den -Buchfink, bei denen sich die Geschlechter leicht unterscheiden lassen, -belauscht, wie Männchen und Weibchen gemeinsam das Nest bauen, wird -diese Verteilung der Arbeit bestätigen können. - -Das Nest ist für den Vogel weit weniger ein Wohnhaus, als man -gewöhnlich annimmt; zunächst dient es nur den Zwecken der -Fortpflanzung, und bloß gelegentlich benutzt es das Elternpaar, bei -ungünstiger Witterung darin Schutz zu finden. Auch die Nacht verbringt -der Vogel, abgesehen vom brütenden oder die Jungen wärmenden Weibchen, -meist nur in der Nähe der Niststelle. Manche bauen sich auch besondere -Schlafnester, so der Zaunkönig; andere wieder sog. Spielnester, -indem sie, wie die Grasmücken, hier und da mit dem Nestbau beginnen, -ihn aber bald wieder einstellen, um an anderer Stelle von neuem zu -probieren. Namentlich die Männchen können es im Frühjahr oft gar nicht -erwarten, daß ihr Weibchen nun endlich mit dem Nestbau Ernst mache, -und sie tragen deshalb allerlei Baustoffe ins Gezweig, um die Gattin -aufzufordern: nun ist es Zeit. - -Nicht genug staunen kann man über die peinliche Reinlichkeit der -meisten Nester -- »ein schlechter Vogel, der sein Nest beschmutzt«. Den -Kot der Jungen tragen die Höhlenbrüter im Schnabel fort, und bei den -Freibrütern -- ich denke an Schwalben, Störche u. a. -- lernen es die -Kleinen sehr bald, ihre Kehrseite so zu wenden, daß der Kot über den -Nestrand befördert wird. - -Das ganze Leben und Treiben unsrer kleinen Sänger spielt sich während -ihres kurzen Aufenthalts in der nördlichen Heimat am Nest und in dessen -nächster Umgebung ab, bis der große Tag kommt, wo das Vöglein seine -Schwingen erhebt, um dem fernen Süden zuzueilen. Nur einen einzigen -Vogel beherbergt unser Vaterland, der sich weder um Nestbau noch um -Aufzucht der Brut kümmert, das ist der Kuckuck; von ihm gilt das -lustige Sprüchlein: - - Der g'scheitste Vogel muß der Gugezer sei', - Die andern bau'n d' Nester, und er setzt sich nei'! - - - - -Im Teichgebiet der sächsischen Lausitz - - -Eigentlich war's zu einem ornithologischen Ausflug nach unserm -sächsischen »Tausendseen-Land« noch ein wenig früh im Jahre. Doch was -half's! Ich kann nicht verlangen, daß das Osterfest mit seinen Ferien -bloß meinetwegen um einige Wochen verschoben wird. Und im vorigen -Jahre konnte ich mich -- genau wie 1911 -- wenigstens einigermaßen mit -dem Ostertermin aussöhnen. Der 16. April ist doch ein ziemlich später -Zeitpunkt für das Fest, und da ich mich erst am »dritten Feiertag« -(18. April) auf den Weg machte, durfte ich hoffen, wenn auch bei weitem -noch nicht die volle Entfaltung des Vogellebens in jenem Gebiet, so -doch immer schon den vielversprechenden Anfang dazu anzutreffen. - -Es war also Aussicht vorhanden, daß ich von Dresden her ganz -gleichzeitig mit dem oder jenem Bekannten, der aus Kleinasien, Ägypten, -von den Ägäischen Inseln usw. in diesen Tagen heimzukehren pflegt, in -Baselitz, Milstrich, Königswartha oder Commerau eintreffen würde. Mit -Freund Langbein, dem Storch, klappte es auf die Minute, als ob wir -uns verabredet hätten. Freilich mancher gefiederte Nachzügler fehlte -noch; aber das schadete schließlich nicht viel. Der Vogelfreund sieht -doch auch die, die nicht da sind, und interessiert sich auch dafür, -welcher Vogel einer Gegend noch fehlt, sei es, daß er regelmäßig -recht spät kommt, oder daß er sich gegen seine Gewohnheit verzögert -hat. Den rotrückigen Würger, den Mauersegler, die Nachtschwalbe, den -Gartenlaubsänger, den Pirol, die Wachtel und namentlich die Rohrsänger -konnte ich natürlich noch nicht erwarten. - -Trotz dieser und anderer Lücken war es mir möglich, 71 Vogelarten in -meine »unblutige Schußliste« einzutragen. - -Der etwas einförmige Weg von Kamenz über Jesau nach Deutsch-Baselitz -bot nichts Besonderes. In großer Menge saßen die Stare auf Wiesen -und Feldern. Der Gesang der Lerchen erfüllte die Luft; Buchfinken -schmetterten; Kohlmeisen ließen in jedem Obstgarten ihre hellen -Glöckchenstimmen erklingen; Goldammern gaben mir ab und zu das Geleit, -während ihre plumperen Vettern, die Grauammern, von den Straßenbäumen -herab mit unermüdlicher Ausdauer ihr wenig musikalisches »zick zick -zick schnirrrrps« zirpten. Haus- und Feldsperlinge natürlich in -ausreichender Menge; ein Elsternhorst auf einer hohen Erle; aus der -Ferne der durchdringende Ruf des Grünspechts; einige Nebelkrähen, -schwerfälligen Flugs meinen Weg kreuzend, und -- eine besondere -Überraschung, daß er schon da ist -- ein Gartenammer oder, wie er -gewöhnlich heißt, ein »Ortolan«. Er saß an der Straße auf einem Baum, -ließ sich aber nicht hören. - -Deutsch-Baselitz liegt an dem größten stehenden Gewässer Sachsens, -umfaßt doch der »Großteich« etwa 400 sächs. Scheffel, das sind mehr -als 110 Hektar. In der Nähe noch einige kleinere Teiche, die alle der -sehr ergiebigen Karpfen- und Schleienzucht dienen. Der Pächter des -Guts war so freundlich, mir ein Boot zur Verfügung zu stellen und -einen Fährmann zugleich. Noch ehe man die weite Wasserfläche sieht, -hört man bereits die hellen Lockrufe der Bläßhühner, das tiefe »grök -grök« der Haubentaucher, das Grunzen und scharfe Lärmen der Rothälse, -die garstigen Schreie auffliegender Stockerpel und die wohlklingenden -Stimmen kleiner Krikenten. Einzelne Kiebitze gaukelten unruhig umher, -taumelnden Flugs, und weiße Lachmöwen tummelten sich hoch in den Lüften. - -Wir durchschreiten das abgestorbene Röhricht, um das Boot zu erreichen. -Da fesselt ein _grünfüßiges Teichhühnchen_ meine Aufmerksamkeit. In -prachtvoller Balzstellung trippelt es am Ufer vor seinem Weibchen -gar zierlich hin und her. Überraschend groß erscheint der Vogel in -dieser verliebten Haltung. Den Schwanz hat er emporgerichtet, daß -sich dessen schneeweiße Unterseite wirkungsvoll von dem übrigen -dunkeln Gefieder abhebt. Die rote Stirnplatte und der hochgelbe -Schnabel leuchten wie grellfarbige Blumen aus dem welken Schilf, und -dieselben Farben wiederholen die koketten Strumpfbänder, die der Vogel -an den Fersengelenken trägt. Jetzt läßt sich das Paar ins Wasser -gleiten; auch hier wird das Männchen nicht müde, seiner Angebeteten -den Hof zu machen. In zierlichen Bogen umschwimmt es sie, bald den -weißen Federstrauß des Schwanzes, bald die feurige Pelargonie an -der Stirnplatte ihr zukehrend -- aber plötzlich sind die beiden -verschwunden. Sie haben es wohl gemerkt, daß ich ihrem Liebesspiel -gelauscht, und sind nun untergetaucht, sich mit ihren langen Zehen im -Schilf unter dem Wasser festhaltend. - -Wir betreten das Boot und fahren ein Stück hinaus auf die Fläche. -Hunderte von Wasservögeln sind hier vereinigt. In kleineren und -größeren Trupps, auch nur in einzelnen Paaren schwimmen Bläßhühner und -Enten aller Art, Taucher und Möwen. Oft verschwinden ganze Gruppen wie -auf Kommando unter die Wasserfläche, während andere wieder auftauchen. - -Es erfordert einige Mühe, in das Durcheinander der schwimmenden, -tauchenden, niedrig über dem Wasserspiegel und hoch in den Lüften -fliegenden Arten Ordnung zu bringen. - -Die _Bläßhühner_ freilich bieten keine Schwierigkeit; sie sind sofort -zu erkennen: hühnerartig plump ihre Gestalt, das ganze Gefieder -tiefschwarz bis auf die kreideweiße, weithinleuchtende Stirnplatte. -Unruhig sind sie und recht laut; denn eifersüchtige Kämpfe werden jetzt -fast beständig unter ihnen ausgefochten. Mit gesenkten Köpfen rudern -die Nebenbuhler aufeinander los und prallen heftig schreiend zusammen, -oder sie jagen sich, die Wasserfläche mit ihren Lappenfüßen schlagend, -über den halben Teich hin, um sich dann schließlich schwerfällig in die -Luft zu erheben oder im Schilfwald einzufallen. - -Unter den Enten sind die zierlichen _Tafelenten_ die häufigsten; mein -Bootsführer, auch andere Leute in der Lausitz nennen sie »Brandenten«, -was aber falsch ist. Sie zeigen wenig Scheu, erheben sich beim Nahen -unseres Nachens immer zuletzt oder vertrauen auf ihre Fertigkeit im -Tauchen. Dreifarbig ist das Kleid des Männchens: rostbraun Kopf und -Hals, zartes Grau auf Flügeln und Rumpf; Brust und Hinterteil aber -tiefschwarz. Mit etwas eingezogenem Hals schwimmen sie friedlich in -großen Trupps umher, kein eifersüchtiges Gezänk, nur zärtlich pfeifende -Laute, tauchen gemeinschaftlich, oder es umschwärmen auch ein paar -Männchen ein einzelnes Weibchen, diesem immer getreulich folgend, wohin -es den Weg nimmt. - -Auch die kleinen _Krikenten_ sind in großen Scharen vertreten. Das -Gefieder des Erpels ist graugewellt; der dunkelbraune Kopf zeigt einen -grünglänzenden Streifen, der sich bis zur Hälfte des Halses herabzieht, -aber selbst mit dem Feldstecher aus größerer Entfernung schwerer zu -erkennen ist, als der metallisch-grüne und schwarze, weiß eingesäumte -Spiegel an den Flügeln. Die Weibchen sind unscheinbar graubraun; doch -tragen auch sie, gewissermaßen als Familienwappen, jene Flügelzier. Die -kleinsten sind immer die beweglichsten und geschäftigsten. Leicht wie -eine Feder erheben sie sich von der Wasserfläche, umkreisen in leichtem -Flug den Teich, wobei wir, sobald sie sich uns nähern, deutlich ihre -eigentümlich schwingenden Flugtöne vernehmen, und fallen dann wieder in -einer seichten Bucht ein, um hier zu gründeln, wobei, wie bei unsern -Hausenten, der hintere Körperteil senkrecht aus dem Wasser emporragt; -denn ganz unterzutauchen ist nicht ihre Art. - -Bedeutend größer als Tafel- und Krikenten sind die _Stock-_ oder -_Märzenten_, die Stammeltern unsres zahmen Hofgeflügels. Sie sind -bereits mit dem Nestbau beschäftigt, schwimmen zu Paaren umher oder -erheben sich paarweise in die Lüfte, wobei das galante Männchen stets -dem Weibchen den Vortritt läßt. Der Stockerpel ist ein prächtiges -Tier. Das metallische Grün von Kopf und Oberhals wird durch einen -schneeweißen Ring von dem Braun des Unterhalses und der Brust scharf -getrennt, und der violett-blau-grüne Spiegel ist gleichfalls ein -hübscher Schmuck. Es gibt viele unter unsern Hausenten, die sich Form -und Farbe der Federn genau so schön erhalten haben, wie wir's an den -wilden »Stocken« bewundern. - -Auch die sog. _Mittelente_ bewohnt die weite Fläche des Teiches, -wenigstens in einigen Paaren. Aus der Entfernung gesehen, erscheinen -diese Enten anspruchslos grau, das Männchen mit einem schwarzen, das -mehr bräunliche Weibchen mit einem gelbroten Schnabel. - -Viel auffallender sind die _Schellenten_ wegen ihres scheckigen -Kleides. Zwei große Felder auf den Flügeln, ebenso Brust und Hals, -auch ein Fleck an der Wange hinter dem Schnabel leuchten schneeweiß, -während der Rücken tiefschwarz gefärbt ist. Ich habe Schellenten, -allerdings nie in besonders hoher Zahl, auf fast allen größeren Teichen -der Lausitz gesehen; sie sind, obgleich ihre eigentliche Heimat weiter -im Nordosten gelegen ist, für unser Sachsen seit einiger Zeit in recht -erfreulicher Zunahme begriffen, und das ist um so verwunderlicher, -als sich diese kleinen Enten mit Vorliebe Baumhöhlen, die doch immer -seltener werden, zur Brutstätte auswählen. Mir ward von meinem Fährmann -eine solche Höhle gezeigt, wo im vorigen Jahre eine »Schelle« ihre -Jungen erbrütet hatte: ein Loch in einem wagrechten Ast einer uralten -Föhre, gegen 3 ~m~ hoch über dem Wasser, der Eingang so eng, daß man -nicht recht begreift, wie eine Ente sich hindurchzwängen kann. Hätte -wohl sehen mögen, wie die kleinen Entchen aus der dunkeln Höhle mutig -den Kopfsturz ins Wasser gewagt haben, ähnlich wie die Lummen von ihrer -Helgoländer Felsklippe hinab in die bewegte See. - -Die Schellenten hatten sich bei meinem Besuch noch nicht in Pärchen -aufgelöst, sondern hielten in größeren Trupps kameradschaftlich -zusammen. Ein Vergnügen war's, ihnen zuzuschauen, wie sie unaufhörlich -im Wasser verschwanden und dann leicht wie ein Kork wieder auftauchten; -bald waren nur wenige, bald gar keine, bald war wieder die ganze -Gesellschaft auf der Oberfläche zu sehen. - -Von den Taucherarten beherbergt der Teich den großen Haubentaucher -in mehreren Paaren, die kleineren Rothalstaucher und die noch viel -kleineren Zwergtaucherchen, die in großer Anzahl ihre Künste zeigten, -während ich Schwarzhalstaucher hier nicht bemerkte. - -Die _Haubentaucher_, deren weiße Brust bei jeder Wendung des Vogels -aufblitzt und wieder verschwindet, waren ziemlich mißtrauisch; sie -versanken im Nu unter dem Wasser, wenn sich ihnen unser Boot näherte -und tauchten erst in großer Entfernung wieder auf oder erreichten, -unter dem Wasser schwimmend, die Nähe des Ufers, wo sie das Schilf -unsern Blicken entzog. - -Viel weniger Scheu zeigten die _Rothalstaucher_; ja ein Pärchen, -das mit dem Nestbau eifrigst beschäftigt war, ließ mich bis auf -wenige Meter herankommen. Wie schön sind doch auch diese Taucher! -Rostrot der Hals, die Kehle und zwei Wangenflecken weiß; statt der -eigentlichen Haube aber zwei schöne nach hinten gerichtete Federohren. -Unermüdlich tauchten die Vögel nach allerlei Wasserpflanzen und legten -diese Baustoffe auf die Schilfkaupe, die sie sich zur Niststelle -erkoren hatten. Es war schon ein großer Klumpen, naß, schlammig und -übelriechend, zusammengetragen; aber den beiden schien's immer noch -nicht genug. - -Der kleinste der Tauchersippe, der niedliche _Zwergtaucher_, ließ -oft seine trillernde Stimme hören, eine ganze Kette perlender, etwas -absinkender Töne, die das Tierchen jedem verraten, der's nur einmal -gehört hat. Aber dem Auge zeigte sich das Taucherchen immer nur auf -kurze Sekunden; am Rande des Schilfwaldes trieb es das lustigste -Versteckspiel oder tauchte unter, sobald es sich beobachtet sah. - -Die _Lachmöwen_, die ihre braune Gesichtsmaske bereits aufgesetzt -hatten, waren wohl nur zu Besuch gekommen. Ihr eleganter Flug belebte -das Landschaftsbild reizvoll; einige ruhten auch auf der Wasserfläche -aus, weißen Seerosen zu vergleichen, oder saßen eng aneinandergereiht -auf einer Planke am Ufer. Ihre nächsten Brutplätze haben sie an manchem -Teich der preußischen Lausitz. - -Von Seeschwalben war natürlich noch keine Art zu erblicken; denn die -_Fluß-_ und _Zwergseeschwalben_ kommen erst Anfang Mai. Dagegen zeigte -sich in der Höhe ein _Fischadler_, weite Kreise über dem Gewässer -ziehend und dann langsam in der Ferne verschwindend. In der sächsischen -Lausitz brütet der edle Fischer nicht mehr; vielleicht daß die Lohsaer -Forsten jenseits der preußischen Grenze seinen Horst noch beherbergen. - -Aber einen andern Vogel, den wir auch heute noch mit Stolz als -sächsischen Landsmann bezeichnen dürfen, konnte ich hier in -Deutsch-Baselitz begrüßen, den _weißen Storch_. Es war mir eine große -Freude, den Weitgereisten unmittelbar bei seiner Ankunft willkommen zu -heißen. - -Wir saßen gerade beim Mittagessen, als das jüngste blondhaarige -Töchterchen unsers freundlichen Gastgebers ins Zimmer stürzte: »Der -Storch, der Storch ist da!« Alle sprangen auf und liefen nach der -Rückseite des Hauses. Dort stand er auf seinem alten Horst im Wipfel -einer schlank gewachsenen Linde und klapperte nach Herzenslust. So -schmuck sah er aus; geradezu blendend das Weiß seines Gefieders und -leuchtend das Korallenrot von Schnabel und Ständern. Herzerfreuend -war es zu beobachten, wie sich auf der Dorfstraße alt und jung vor -dem Storchennest einfand und strahlenden Auges zu dem »Glücksbringer« -emporschaute. Besonders ein kleines flachsköpfiges Mädel von drei -oder vier Jahren war voller Begeisterung, und altklug belehrte es -mich, daß später der Klapperstorch kleine Kinder -- ich verstand -nicht, ob bringen oder haben würde. Auch noch andere Ortschaften -der Lausitz beherbergen Störche; ich sah einen besetzten Horst beim -Rittergut Kauppa in der Nähe von Commerau, einen andern in Wartha bei -Königswartha, in Döbra, in Skaska, und überall waren die Störche, wie -man mir sagte, am gleichen Tage, am 18. April, angekommen. - -Nachmittags besichtigte ich die Einrichtungen der _Fischzucht_. Es -handelt sich fast ausschließlich um Karpfen und Schleien; bei dem -rationellen Betrieb sind die Erträgnisse außerordentlich gewachsen: -viele hundert Zentner alljährlich. Aber es gibt Herrschaften in der -Lausitz, die noch einmal so viel Fische züchten, ja das Rittergut -Königswartha, zu dem allerdings 119 Teiche gehören -- die meisten -bereits im Preußischen gelegen -- bringt unglaubliche Mengen dieser -wohlschmeckenden Flossenträger auf den Markt; dennoch sei die -Fischzucht, wie mir der dortige Fischmeister sagte, noch einer großen -Steigerung fähig. - -Darüber ließe sich viel Wissenswertes berichten; aber nicht den stummen -Bewohnern des Wassers, sondern dem sangesfrohen und geschwätzigen -Völkchen der Vögel galt mein Besuch. Während ich mich auf den -Teichdämmen unter den duftigen Jungbirken erging und bei jedem Schritt -ein halbes Dutzend Frösche, wiederholt auch sich sonnende Ringelnattern -aufjagte, sang der Fitis unermüdlich aus jedem Gebüsch sein weiches -Lied; die Singdrossel jubelt, der Zaunkönig schmettert, Blaumeischen -zetert, der Weidenlaubsänger gibt sein einförmiges »Zilp-zalp« zum -besten; aus dem Fichtenwald der häßliche Balzruf des Fasans, das Gurren -des Ringeltaubers, das Trommeln des Buntspechts und Rotkehlchens -sehnsuchtsvolle Strophe: überall selige Frühlingsstimmung. - -Gegen Abend noch eine Fahrt auf dem Großteich. Das Kollern der -_Birkhähne_, die auf einem freien, von Hochwald umsäumten Platz balzen, -schallt weithin über die Wasserfläche. Behutsam nähern wir uns. Drei -Hähne sind es, die mit ausgebreitetem »Spiel«, mit vorgestreckten -Hälsen und hängenden Flügeln umherspringen. Wir sind so nahe, daß -wir auch das Zischen der aufgeregten Tiere vernehmen und trotz der -Dämmerung das leuchtende Weiß im Federkleid und die purpurne »Rose« -über dem Auge ganz deutlich erkennen. Einige Hennen, klein und -unscheinbar, sind in der Nähe; sie laufen, Nahrung suchend, umher, -als kümmerten sie sich gar nicht um das unblutige Kampfspiel ihrer -verliebten Ritter. Jetzt hat uns die Gesellschaft bemerkt; da flattern -sie lautlos davon. Auch unser Nachen zieht leise auf seiner Bahn -weiter. Aber es dauert nicht lange, da hören wir wieder das »Rodeln« -oder »Kollern« der Hähne aus derselben Gegend. Das Birkwild ist nicht -eben scheu; es läßt sich nicht so leicht vergrämen wie der balzende -Auerhahn. - -Immer mehr senkt sich die Dämmerung über den See. Enten und Bläßhühner -werden stiller, aber das Froschkonzert schallt lauter und lauter. -Welch ohrenbetäubender Lärm wird aber in ein paar Wochen am Abend -und die ganze Nacht hindurch bis zum goldnen Morgen hier herrschen, -wenn die _Teich-_ und _Drosselrohrsänger_ zurückgekehrt sind und -nun ihr vielstimmiges Konzert geben. Heute ist's ein anderer, wenig -bekannter Nachtschwärmer, dessen weithin schallender und doch weicher -Flötenton uns erfreut. Es ist der _Triel_, der die sandigen Felder -der Lausitz, die lichten Kiefernwälder und Waldblößen bewohnt; auch -in der sächsischen Flachlandschaft westlich der Elbe ist der scheue -Dämmerungsvogel, der zu den Regenpfeifern gehört, nicht selten. Seine -Rufe -- meist zwei oder drei sich eng aneinanderschließende Flötentöne -von überaus angenehmem Wohlklang -- erhöhen den Reiz der lauwarmen -Frühlingsnacht. - -Von Eulen ließ sich in der Nähe des Dorfes nur das _Steinkäuzchen_ -hören. Erst rief ein Männchen ein paarmal sein pfeifendes »Guhk«, dann -antwortete ihm ein zweites mit demselben Gruß, und bald lockte ein -Weibchen mit hohem »Kuwiff, kuwiff«. - -Am Morgen des nächsten Tages, den als erster Sänger Hausrotschwänzchen -mit klirrender Strophe begrüßte, zeigte sich am Ufer des Großteichs in -den hohen Eichen ein _Wiedehopf_. Ich vernahm seinen kuckucksähnlichen -Ruf »upupupup« schon längst, ehe ich den hübschen Vogel mit dem -aufrichtbaren, lockeren Federbusch und dem langen, dünnen Schnabel zu -Gesicht bekam. Der muntere Bursche war außerordentlich scheu; bis auf -50 Meter nur ließ er mich herankommen. Dann flog er immer ein Stückchen -weiter auf eine andere Eiche, bis er schließlich in zuckendem, -unregelmäßigem Flug über die breite Wasserfläche setzte. - -Durch Wiesen und Felder führte mich der Weg weiter nach Milstrich. Die -reizenden Flugspiele der _Kiebitze_, die mich so nah umflatterten, daß -ich das seltsame »Wuchteln« ihrer Schwingen deutlich vernahm, belebten -die freundliche Landschaft; auch ein paar _Turmfalken_ zeigten ihre -Künste. Im Dorf sah ich die ersten Schwälbchen, zwei oder drei Paar -_Rauchschwalben_, auch eine einzelne _Hausschwalbe_; sie zwitscherten -seelenvergnügt, froh, daß die schlimme Zeit nun vorüber und Wärme und -Sonnenschein das kleine Volk der Insekten zu neuem Leben geweckt hatten. - -Zu dem Milstricher Rittergut gehören gleichfalls viele, zum Teil -recht ansehnliche Teiche. Sie sind von nur geringer Tiefe, vielleicht -einen Meter im Mittel. Das ist ein Vorzug aller stehenden Gewässer -der Lausitz; denn das Wasser erwärmt sich dadurch schnell bis auf den -Grund, was der Fischzucht förderlich ist. Außer den schon genannten -Enten, Tauchern, Wasserhühnern belebten auch kleine _Moorenten_ die -Teiche in der Nähe des Gutes. Ziemlich unscheinbar sehen diese Entchen -aus. Selbst das »Prachtkleid« des Erpels verdient kaum solchen Namen; -denn das dunkle Kastanienbraun des Kopfes und die Rostfarbe der Brust -sind nur ein bescheidener Schmuck. Die Moorenten tauchen vorzüglich. -Sobald ich mich nur ein wenig näherte, gleich waren sie unter dem -Wasser, wenn sie nicht vorzogen, unter »grrr-grrr«-Rufen abzuziehen, -stets paarweise, erst das Weibchen und hinter ihm das etwas größere -Männchen. Während des Schwimmens sehen die Moorenten sehr klein aus, -weil sie den Hals einziehen und mit dem Rumpf tiefer ins Wasser -eintauchen als andere Enten, so daß man geradezu überrascht ist, wenn -das Entchen beim Auffliegen gewiß noch einmal so groß erscheint, als -man erwartet hätte. - -Recht häufig vernahm ich den angenehmen Trillerpfiff des kleinen -_Rotschenkels_; er ist unser verbreitetster »Wasserläufer«, an den -orangeroten Füßen und dem weißen Bürzel leicht zu erkennen. Die weithin -hörbaren Lockrufe »tü, tütü, dili, dideli« und die schwirrenden Triller -sind so charakteristisch, daß es jeder Vogelkenner sofort weiß, welcher -Vogelkehle diese wohllautenden Töne entstammen. Besonders eifrig rufen -die Rotschenkel gegen Abend; dann antworten ihnen die Zwergtaucher mit -gleichfalls trillernder Strophe. - -_Weiße Bachstelzen_ und die noch zierlicheren _Gebirgsbachstelzen_ -sah ich sehr häufig; auch die reingelbe _Wiesen-_ oder _Schafstelze_, -die ungefähr drei Wochen später kommt als ihre Verwandten, war schon -da und wippte graziös von einem Schilfinselchen zum andern. Auf den -Feldern ließen sich gegen Abend die _Rebhühner_ eifrig hören, und -auch _Heidelerchen_ sangen noch spät ihr zartes, aus einer Reihe von -Pfeiflauten bestehendes Lied aus luftiger Höhe herab. - -Der folgende Tag galt dem Besuch des Königswarthaer Teichgebiets im -Norden der Ortschaft. Teich an Teich in unübersehbarer Folge, und fast -auf jedem eine stattliche Zahl von Wassergeflügel, daß dem Naturfreund -das Herz lacht. Zehntausend Morgen an Wasserfläche gehören zum -Rittergut, der kleinere Teil davon im Königswarthaer Flurgebiet, der -größere schon auf preußischem Boden. Einige von ihnen sind 50 bis -72 Hektar groß. Hier fielen mir besonders die zahlreichen _Löffelenten_ -auf. Möglich, daß ich diese schöne Ente auf den früher besuchten -Teichen übersehen oder vielleicht aus der Entfernung mit der Stockente -verwechselt hatte: jedenfalls gehört sie in dem Königswarthaer -Teichgebiet zu den ganz allgemein verbreiteten Arten. Eigentümlich ist -für sie der große, am Grunde schmale, vorn aber stark verbreiterte, -gewölbte Schnabel, dessen Form der Ente den Namen gegeben hat. In -seinem Prachtkleid führt das Männchen viel Weiß, das weithin leuchtet, -besonders am Kropf, Hals und Oberflügel. Der Kopf erglänzt schwarzgrün -wie beim Stockerpel. Unterbrust und Bauch zeigen ein schönes -Kastanienbraun. Vor dem goldgrünen, weiß eingefaßten Spiegel liegt über -der Schulter ein himmelblaues Feld, eine Farbe von eignem Reiz; sie ist -in unsrer deutschen Vogelwelt außerordentlich selten. Öfters sah ich -Löffelenten ganz in der Nähe, immer paarweise; sie sind so wenig scheu, -daß sie auch dann noch unbesorgt umherschwimmen oder gründelnd sich auf -den Kopf stellen, wenn Bläßhühner, Stockenten, selbst die zutraulichen -Tafelenten unter Geschrei geflohen sind. Fliegen auch sie endlich ab, -so geschieht es ohne jeden Laut; ohne Plätschern erheben sie sich aus -dem Wasser, und ohne jedes Geräusch fallen sie wieder ein. - -Im Parke hinter dem Herrenhause fand ich all die Vögel, die ich -hier erwarten konnte. Von den noch nicht erwähnten nenne ich nur -Wendehals, Gartenrotschwanz, Sumpfmeise, Kleiber, Baumläufer, denen -die höhlenreichen Bäume willkommene Wohnung gewähren, dazu Freibrüter -wie Hänfling und Girlitz. Auch ein paar Eichelhäher kreischten in den -Baumkronen. - -Den folgenden Tag fuhr ich nach Neschwitz, von wo aus ich die nahen -Holschaer und Quooser Teiche, den schön gelegenen Mädelteich, den -Litschen- und Neuteich, die Mauerlöcher, ferner die Radiborer Teiche -an der Luppaer Grenze, die Luttowitzer Teiche, den Bockauer Großteich, -und endlich die schönsten von allen, die Milkener Teiche besuchte. -Die ganze Gegend mit dem reichen Wechsel von Wasser, Wald, Wiese und -Feld, mit den freundlichen, zumeist wendischen Ortschaften ist von -hohem landschaftlichen Reiz, und ich freue mich, daß man all diese -liebliche Schönheit hier ungestört genießen kann. Die Gegend ist -eben noch nicht »entdeckt«, und so verliert sich wohl nur selten mal -ein Tourist in diesen Winkel der »wendischen Türkei«. Es ist nicht -möglich, alle Beobachtungen aufzuzählen, die Auge und Ohr eines -aufmerksamen Wanderers jede Minute beschäftigen: die anheimelnde -Bauart der ländlichen Höfe, die sich um den unkenreichen Dorfteich -gruppieren, die blühenden Obstbäume, die Rehe am Waldessaum, der -kreisende Mäusebussard, die Karnickel vor ihrem Bau, der wohlklingende -Ruf des Schwarzspechts, das Rucksen der Hohltaube, hier Reinekes Spur, -der seine Besuchskarte abgegeben hat, dort Gewölle vom Waldkauz, hier -die Fegstelle eines Rehbocks an zwei jungen Erlenstämmchen, ein Igel -im Gestrüpp, die Fährte des Iltis, oder manche interessante Pflanze: -im schattigen Wald die Einbeere, Knabenkraut auf der feuchten Wiese, -Sumpfveilchen auf moorigem Boden, Pestilenzwurz, Leberblümchen -u. a. Ein Eisvogel flog wie ein glühender Juwel vorüber und weckte -die Erinnerung an jenen gleichfalls farbenprächtigen Vogel, die -_Mandelkrähe_ oder _Blaurake_, die leider in Deutschland immer seltener -wird, aber im östlichen Sachsen, so bei Königswartha und in den hohen -Eichen an den Quooser Teichen noch regelmäßig als Brutvogel vorkommt. -Diesmal freilich konnte ich den wunderbar gefärbten Vogel noch nicht -begrüßen, da er erst recht spät aus seiner Winterherberge zurückkehrt. - -Nach _Fischreihern_ habe ich scharf Ausschau gehalten; aber erst am -vierten Morgen glückte es mir, einem dieser schönen Vögel zu begegnen. -Ich hatte in Commerau übernachtet und saß auf dem Damm eines der vielen -Teiche in der dortigen Heide beim Frühstück. Auf einmal hinter meinem -Rücken ein aufgeregtes Kreischen der Lachmöwen. Ich wende den Kopf -- -kaum zwanzig Schritt von mir ein Reiher, der von den Möwen bis unter -die Bäume am Damm verfolgt ward, wo sie ihn nun in die Enge treiben. Er -wird mich gewahr, schlägt heftig mit den dunkeln Fittichen, wendet und -bahnt sich den Weg mitten durch die ihn umschreiende Schar. - -Fischreiher horsten nicht mehr in der sächsischen Lausitz; aber im -nahen Lohsa-Weißcollmer Revier findet sich auf hohen Kiefern wohl auch -heute noch der Rest einer uralten Kolonie. Im Juli und August, wenn die -Jungen ausgeflogen sind, erscheinen dann mit ziemlicher Regelmäßigkeit -die schönen Fischer auch im sächsischen Teichgebiet, nicht selten mehr -als ein Dutzend auf einmal, zum Ärger der Teichbesitzer, die über die -preußischen Fischdiebe schimpfen und manchem das Lebenslicht ausblasen. - -Der merkwürdigste Vogel jener Gegend ist aber die _große Rohrdommel_. -Ihretwegen war ich nach Commerau gewandert, und ich hatte das Glück, -die ganze Nacht ihrem Liebeslied von meinem Bett aus zu lauschen. -Obgleich der Standort des Vogels mindestens eine halbe Stunde von -dem Gasthaus entfernt war, hörte ich das tiefe »Prumb« doch ganz -deutlich. Es klingt ähnlich wie das Brüllen eines Rindes, weshalb der -Vogel beim Volk »Moorochse« genannt wird. Meist hörte ich, selbst -bei dieser Entfernung, auch den viel leiseren Vorschlag. Die Silben -»ü-prumb« geben den Ruf ziemlich gut wieder. Auch am hellen Morgen, den -ganzen Vormittag, selbst in den Mittagsstunden schwieg die Rohrdommel -nicht, nur daß sie jetzt ihren Ruf statt fünf- oder sechsmal, nur -etwa dreimal hintereinander wiederholte und dann eine Pause von ein -paar Minuten eintreten ließ. Wie man bei der Birkhahnbalz aus dem -Kollern allein, das dem sog. Schleifen vorangeht, den Standort des -Hahns nur schwer bestimmen kann, so verhält sich's auch mit dem tiefen -»Prumb«-Laut des reiherartigen Vogels; es dauerte ziemlich lange, -ehe ich feststellen konnte, daß auf einer Insel in einem Teich ganz -nahe dem Rittergut Kauppa die Rohrdommel ihren Standplatz bezogen -hatte. Die Leute sagten, seit zwei bis drei Wochen ließen sich diese -unheimlichen Laute hören; daß sie von einem Vogel herrühren, wollte mir -niemand glauben. In der Nähe klingt das »Prumb« -- wohl der tiefste -Ton, den irgendein Vogel unsrer Heimat erzeugt, denn er erreicht das -~F~ der großen Oktave -- etwa so wie der Laut, den man mittels einer -recht großen Gießkanne erzeugen kann, wenn man mit voller Kraft Luft -zur Ausflußröhre hineinbläst. Ein Explosionslaut ist es, der nicht -mit dem Kehlkopf, sondern mit der Speiseröhre erzeugt wird, aus der -die hinuntergeschluckte und zusammengepreßte Luft mit großer Gewalt -herausgestoßen wird, eine Art Dudelsack, auf dem der scheue Vogel sein -unheimliches Liebeslied spielt. - -Auch im Neschwitzer Teichgebiet ließ sich die große Rohrdommel -unermüdlich hören. Leider bekam ich sie aber weder hier noch dort zu -Gesicht. Der Schilfwald hält sie versteckt, und wenn man sich ihrem -Standort nähert, so flüchtet sie geduckt durch das Röhricht, wie -der kleine Wachtelkönig durch das hohe Gras der Wiese. Aufzufliegen -entschließt sich der Vogel nur schwer; er weiß, wo er Schutz findet. - -Vielleicht gelingt es mir später, den nächtlichen Musikanten von -Angesicht zu Angesicht zu sehen, vorausgesetzt, daß er unsrer Heimat -erhalten bleibt. Ich habe sehr darum gebeten, ihn bei den Entenjagden -als interessantes Naturdenkmal zu schonen und ich wiederhole auch hier -meine Bitte. - - - - -Die heimatliche Vogelwelt im deutschen Volksglauben - - -Jahrhundertelang fließt der Fluß in dem errungenen Bett. Wann sprang -sein Quell zum erstenmal aus dem Felsen hervor? Wird einst das Wasser -verrinnen, wird die Spur verwehen, die es in das Antlitz der Erde -gegraben hat? Beharrungsstreben in der Natur trotz allen Wechsels -- -wie viele selbst der kleinsten Bächlein mögen heute noch genau so -fließen, wie weiland vor tausend Jahren! - -Mit der Kultur des Menschengeschlechts ist's, ebenso. Unerforschlich -ihr Ursprung, unbekannt Ziel und Ende, und bei allen Wechselfällen, bei -allen Umwälzungen des Lebens das Gesetz der Beharrung. Greife heraus, -was du willst, Gebräuche und Sitten, Anschauungen, Sagen und Märchen, -Sprache, Werkzeug und Kunst -- uralter Besitz ist's, vererbt von -Geschlecht zu Geschlecht. Manches wohl tot -- nur die Erinnerung, daß -es einst war, ist noch geblieben -- vieles nur scheintot -- zu neuem -Leben kann es erwachen -- das meiste aber noch frisch und in Urkraft, -wie in den Tagen der Väter. - -Unter diesem Gesichtspunkte betrachtet der denkende Mensch auch den -Aberglauben oder sagen wir lieber -- denn gemütvoller klingt es -- -den _Volksglauben_, den er noch heute im aufgeklärten zwanzigsten -Jahrhundert bei seinen Zeitgenossen antrifft. Ihn bis in die -nebelgraue Vergangenheit zurückzuverfolgen, seine verborgenen Quellen -und die vielen Bächlein aufzusuchen, die ihn immer von neuem gespeist -haben, das ist der Reiz, den solches Studium gewährt. Der andere aber -mag nichts davon wissen; er sagt: »Die Dummen werden nicht alle!« Kennt -er sich selbst so genau? Ist er wirklich ganz frei, ganz unbefangen, -oder schlummert nicht vielleicht doch irgendein kleines Überbleibsel, -ein winziger Rest dieser oder jener uralten abergläubischen -Vorstellung, ihm selbst nicht bewußt, in seiner so aufgeklärten Seele? - -Wir wählen ein eng umgrenztes Gebiet, den _Volksglauben_, der sich auf -die _gefiederte Welt unsrer Heimat_ bezieht, und zwar nur so weit, als -er _noch heute bei unsern Volksgenossen lebendig ist_. - -Da gibt es zuerst _naturwissenschaftliche Irrtümer_, die nur insofern -die Bezeichnung Volks- oder Aberglauben verdienen, als sie so seltsam -sind, jeder Erfahrung so völlig widersprechen, daß eine starke Gabe von -Leichtgläubigkeit und kindlicher Einfalt dazu gehört, wenn jemand noch -immer an solchen Widersinnigkeiten festhält. - -Ob man mir's glaubt? Das Märlein vom _Kuckuck_, unserm lieben -Frühlingsboten, der sich alljährlich im Herbst in einen raubgierigen -_Sperber_ verwandeln soll, ist auch heute bei unserm Volk noch -nicht völlig verklungen. Zehn Jahre sind's her, da saß ich mit zwei -Landwirten am Biertisch im Kretscham eines Lausitzer Dorfs. Beide -waren Jäger; so kam die Unterhaltung bald in Fluß, und wir erörterten -schließlich jene seltsame Verwandlungsgeschichte. Es waren die -vernünftigsten Menschen der Welt; aber sie ließen sich doch nur halb -überzeugen. Zwar an die Verwandlung glaubten sie nicht; aber daß der -Kuckuck auch im Winter unsrer Heimat treu bleibe und daß er, sobald -die Raupennahrung spärlicher werde, der Kleinvogelwelt nachstelle, -daß er dann ein schlimmer Räuber sei, das ließen sich beide nicht -ausreden. Der eine der Streithähne wollte einmal mitten im Winter -einen Kuckuck geschossen haben, als dieser gerade einen Finken würgte; -der andere aber hatte an einem sonnigen Maimorgen beobachtet, wie -sich der Kuckuck-Sperber oder der Sperber-Kuckuck, der eben noch -seinen prophetischen Ruf zum besten gegeben hatte, auf ein singendes -Rotkehlchen stürzte. - -Schon zu des seligen _Äsops_ Zeiten meinte man, aus dem Kuckuck werde -im Herbst ein Sperber oder ein Habicht, und dieser verwandle sich -im Frühjahr wieder in den Lenzesboten. Auch _Aristoteles_ erwähnt -den gleichen Aberglauben, dem er jedoch mit aller Entschiedenheit -entgegentritt. _Plinius_ aber muß den großen Gelehrten mißverstanden -haben, wenigstens berichtet er wieder: »Der Kuckuck entsteht aus einem -Raubvogel.« Damit war diese Transmutationslehre für viele Jahrhunderte -gesichert; bei den »Naturkündigern und Philosophi« erhielt sie sich das -ganze Mittelalter hindurch, und ein oder der andere Mann aus dem Volk -glaubt heute noch an das einfältige Märchen. - -Wer Kuckuck und Sperber kennt, wird über die Entstehung des sonderbaren -Aberglaubens nicht im Zweifel sein. Der unschuldige Kuckuck ahmt den -gefürchteten Sperber so vollkommen nach in Gestalt, Größe und Farbe, ja -sogar in der Art seines Fluges, daß der Beobachter leicht getäuscht -wird. Die Unterseite weißlich mit dunklen Querwellen, der Fächer des -Schwanzes lang und breit, das hochgelbe Auge, die gelbliche Wurzel -des Oberschnabels, der blaßgelbe Fuß, dazu der Flug, leicht, elegant -und reißend schnell wie der unsrer kleinen Raubvögel: dies, alles -sind Merkmale, die Freund Kuckuck mit dem verhaßten Sperber teilt. -Ich zweifle keinen Augenblick, daß es beim Flug über freies Feld dem -harmlosen Lenzesboten bisweilen gelingen wird, durch diese Maske seine -Feinde, die gefiederten Räuber, zu täuschen. - -Denselben Eindruck, daß der Kuckuck ein Raubvogel sei, haben offenbar -auch die Kleinvögel, wie Grasmücken, Laubvögelchen, Würger, Bachstelzen -u. a.; ihnen allen ist der Kuckuck ein gar unheimlicher Geselle. -Zeigt sich einer in ihrem Gebiet, so flattern sie erschreckt von Ast -zu Ast, ängstlich rufend, oder sie versuchen es, den vermeintlichen -Angriff gemeinsam zurückzuschlagen, indem sie den Ruhestörer mit -lautem Geschrei verfolgen. Oder sollten sie es wissen, daß ihnen -das Kuckucksweibchen sein Ei ins Nest legt, und sollten sie es nun -mit allen Mitteln versuchen, das Danaergeschenk zurückzuweisen? Ich -glaube es kaum. Durch solche Zeichen von Furcht und Aufregung unter -den Kleinvögeln wird natürlich auch der menschliche Beobachter leicht -irregeführt. - -Andere berichten, der Kuckuck verkrieche sich im Herbst in hohle Bäume, -besonders gern in Weidenstämme, auch unter Steine und in die Erde. Hier -liege er wie tot, und zwar nackend, auf seinen Federn, gleichsam in -einem warmen Bett, »faulen vnd vngefäder«, wie es beim alten _Geßner_ -heißt, dem Plinius am Ausgange des Mittelalters. - -Es ist überhaupt merkwürdig, daß man sehr vielen Vögeln, von denen -wir heute wissen, daß sie Zugvögel sind, einen _Winterschlaf_ hier in -ihrer Heimat andichtete. Die Erscheinungen in der Welt der Säugetiere, -Reptilien und Amphibien mögen einen solchen Ähnlichkeitsschluß -nahegelegt und manche Einzelbeobachtungen diese irrige Annahme bestärkt -haben. Rotschwänzchen, Turteltaube, Amsel, Nachtigall, Wachtel u. a. -verkriechen sich, so meinte man, in Baumhöhlen, Felsenritzen, unter -Baumwurzeln, in die unterwaschenen Flußufer und verbringen hier die -rauhe Jahreszeit im Halbschlaf oder in festem Winterschlaf, wobei sie --- namentlich die Wachteln -- von ihrem Fett zehren, wie Dachs oder Bär. - -Am merkwürdigsten aber waren die fabelhaften Erzählungen über das -Winterquartier von _Schwalbe_ und _Storch_. Diese Vögel sollten auf dem -Grund von Teichen, Seen und Sümpfen, ja selbst im Meer überwintern. -Hier, vom Schilfe verdeckt, ruhen die müden Geschöpfe und erquicken -im Schlaf, der dem Tode gleicht, die ermatteten Glieder. Noch vor -wenig mehr als anderthalb hundert Jahren wird diese sonderbare Ansicht -in _Kleins_ »Historie der Vögel«, Danzig 1760, auf das bestimmteste -gegen alle Einwände verteidigt, so daß man sich nicht wundern darf, -wenn weit über zweihundert Jahre früher _Luther_ in seiner Erklärung -zum 1. Buch Mose sagt: »Das Wunderwerk von den Schwalben ist aus der -Erfahrung bekannt, daß sie nämlich den Winter hindurch in dem Wasser -für tot liegen und im Sommer wieder aufleben, welches gewiß ein großer -Beweis unsrer Auferstehung ist.« Auch Luthers Zeitgenosse, der alte -_Geßner_, führt in seinem »Vogelbuch« diesen Gedanken aus; er sagt ... -»welches ich für ein wunderbar werck halt vnd für ein anbildung der -auferstentnuß vnserer cörpeln.« - -An diesem Wunderglauben hält heute wohl niemand mehr fest; aber daß -unsre Schwalben, wenigstens ein großer Teil von ihnen, in hohlen -Bäumen, unter dürrem Laub und zwischen Grasbüscheln oder auch in -ihren eigenen Nestern einen regelrechten Winterschlaf halten, dieses -Märlein spukt noch immer in unserm Volke und in den Zeitungen fort und -ist trotz aller Aufklärung seitens der Wissenschaft, wie es scheint, -nicht aus der Welt zu schaffen. Es werden selten ein paar Jahre -vergehen, wo dieser Irrtum und Aberglaube nicht immer wieder durch -einzelne »einwandfreie« Beobachtungen neue Nahrung erhielte. Und das -erklärt sich so: Vor dem Abzuge suchen die Schwalben gern gemeinsame -Schlafplätze auf, wie das Schilf an Teichen, das Fachwerk der Häuser, -auch einmal eine weite Baumhöhle. Sind die Tierchen, die vielleicht -wegen verspäteter Brut den Anschluß an die große Masse der Wanderer -versäumt haben, infolge Nahrungsmangels halb verhungert, so kann es -geschehen, daß sie in kalter Herbstnacht dutzendweise dahinsterben, -und wer sie findet, meint dann, die Schwalben hätten sich hier zum -Winterschlaf niedergelassen. Auch _Lenz_ ist überzeugt, daß diese Vögel -in Europa, wenn auch nur ausnahmsweise, einen Winterschlaf halten. - -Solche Fälle stehen durchaus nicht so vereinzelt da, wie wohl mancher -denken mag. In den letzten Jahrzehnten haben wir es mehrmals erlebt, -daß Schwalben in den naßkalten Herbsttagen -- sehr verhängnisvoll -waren für sie z. B. die ersten Oktobertage 1905 -- nicht nur einzeln, -sondern in ganzen Scharen zugrunde gingen. Selbst unter dürres Laub, -unter Grasbüschel und dergleichen hatten sich ermattete Rauchschwalben -versteckt, gemeinsam die Todesstunde erwartend. Daß man auch zwischen -dem Schilf »ganz aneinanderhangende Bündel« von Schwalben aus dem -Wasser gezogen haben will, erscheint unter solchen Umständen durchaus -nicht so unmöglich, sondern ist leicht zu erklären. Wenn aber jeder -Vogel, den einmal ein Fischer aus dem schilfigen Teich oder See -herauszieht, nun sofort als Winterschläfer ausposaunt wird, wie es -ehemals oft geschehen ist, so gibt es für solche Leichtgläubigkeit und -Urteilslosigkeit keine Entschuldigung; denn das weiß jedes Kind, daß im -Sommer und Herbst mancher Vogel den Hunden des Schützen, der auf Enten -oder andere Wasservögel jagt, nur zu leicht dadurch entgeht, daß er -zwischen das Schilf flattert und dort ins Wasser fällt. Auch der beste -Hund findet nicht jede einzelne Beute. - -Noch ein Schwalbenmärchen, das freilich mit Aberglauben gar nichts zu -tun hat -- nur das ewige Leben teilt es mit ihm -- sei hier erwähnt. -Dem _Sperling_, der sich in ein Schwalbennest einquartiert hat, so -heißt es ganz allgemein, gehe es schlecht. Die erzürnten Schwälbchen -kümmerten sich nicht um das »Besetzt, besetzt!« das ihnen der -Eindringling zuruft, und mauerten den Spatz aus Rache einfach ein, daß -er elend umkommen müsse. - -Ein Märchen ist es. Wohl flattern und schreien die rechtmäßigen -Besitzer, wohl schnappen sie im Fluge nach dem frechen Sperling; -doch der weicht nicht von der Stelle. Nach ein oder zwei Tagen geben -dann die Schwalben in der Regel ihre Angriffe auf, und der Spatz -hat nun Ruhe. »Gesiegt, gesiegt!« so höhnt er, sobald noch ein Vogel -vorüberfliegt. Wie sollten sich die ängstlich umherflatternden -Schwalben auch soviel Ruhe und Überlegung bewahren, daß sie unmittelbar -vor dem Kopf ihres zeternden Feindes die Öffnung des Nestes zumauerten, -und -- nun kommt die Hauptsache -- so dumm ist unser Spatz, »der -Allerweltsvogel, der pfiffige Gassenjunge, der Lausbub«, wahrhaftig -nicht, daß er sich solch Einmauern bei lebendigem Leibe gutmütigst -sollte gefallen lassen. Er hat auch einen Schnabel und weiß sich zu -wehren. - -Recht sonderbar ist der auch heute noch beim gemeinen Mann verbreitete -Glaube, das Nest des grünen _Erlenzeisigs_, der so gern als Stubenvogel -gehalten wird, sei unsichtbar. Ja man wollte mich sogar einmal Lügen -strafen, als ich behauptete, den Zeisig beim Füttern seiner Nestjungen -beobachtet zu haben, und das von mir vorgezeigte Nest, das mir einst -ein Junge vom Baume herabgeholt hatte, wurde für ein solches vom -Stieglitz oder vom Hänfling erklärt. - -Es ist gar keine Frage, das Nest vom Zeisig gehört zu den Vogelnestern, -die recht schwer aufzufinden sind. Meist steht es hoch oben in den -Fichten oder Tannen, von Nadelzweigen und Flechten so gut verdeckt, daß -es von unten und von den Seiten her in der Regel nicht gesehen werden -kann, und wenn man in diesem Sinne von einer »Unsichtbarkeit« des -Zeisignestes sprechen will, laß ich's wohl gelten. Selbst wer den Baum -erklettert, findet es oftmals nicht, so genau er sich auch die Stelle, -wo er die Vögel bauen oder mit Futter herzufliegen sah, gemerkt hat. -Dazu steht das Nest meist auf dem schwanken Ende eines Astes, daß es -höchstens von einem waghalsigen Jungen erreicht werden kann. - -Ich habe auch einmal sagen hören, falls der Zeisig überhaupt brüte und -sich nicht etwa auf eine »unnatürliche Art« fortpflanze, so müsse das -während des Winters, wo die Vögel umherstreichen, in einer fremden -Gegend geschehen; bei uns zulande wenigstens habe noch kein Mensch ein -einwandfreies Zeisignest gefunden. Nun, ich kann nur feststellen, daß -in den Nadelwäldern unsrer Mittelgebirge, wie im Thüringer Wald und im -Harz, alljährlich genug Zeisige ihr Fortpflanzungsgeschäft im Frühjahr -ganz ebenso betreiben, wie andere Finkenvögel auch. Und wenn man weiter -fabelt, das Nest enthalte einen Stein, der ihm jene Unsichtbarkeit -erst verleihe, und nur auf einer Wasserfläche spiegele es sich ab, so -daß man dort wohl sein Bild, nie aber das wirkliche Nest sehen könne, -so trägt solch Gerede auch nicht dazu bei, die Sache glaubwürdiger zu -machen. - -Besonders sind es unsre Hausfreunde, wie Storch, Schwalbe, -Rotschwänzchen, um die man einen ganzen Kranz abergläubischer -Vorstellungen gewunden hat. Zwar an den Storch als Kinderbringer, den -»_Adebar_«, der die Mutter ins Bein beißt, daß sie das Bett hüten muß, -glauben heutzutage selbst die kleinen sechsjährigen Mädel nicht mehr -recht und die Buben gleich gar nicht; aber daß Störche auf dem Haus -eine nahe _Hochzeit_ oder _Kindersegen_ bedeuten, daran hält man in -unsrer Lausitz, wo es zum Glück noch immer ein paar besetzte Horste -gibt, ebenso fest, wie in andern Gauen des niederdeutschen Flachlandes, -die sich zahlreicherer Störche erfreuen. Soviel Junge im Nest, -soviel Kinder sollen auch die Neuvermählten bekommen -- natürlich -nacheinander, im Laufe der Jahre; denn in Adebars Kinderstube werden -gewöhnlich vier, bisweilen auch fünf Stück zur Welt gebracht. - -Ebenso allgemein ist der Glaube, daß ein auf dem Hause brütendes -Storchenpaar jede _Feuersgefahr_ abwende; namentlich wird der -Blitzschlag ein solches Gehöft nie einäschern. Ich kenne einen Fall in -der Lausitz, wo eine Feuersbrunst tatsächlich vor einem durch Störche -gefeiten Gute halt machte. Dadurch wird natürlich der Glaube, daß das -Feuer dem Vogel und seinem Horst nichts antun könne, zur Gewißheit; -noch die Urenkel werden davon erzählen, während die Fälle, wo sich der -Schutz nicht bewährte, recht bald der Vergessenheit angehören. Ich -werde der letzte sein, der es versucht, dem Lausitzer Bauer seinen -Glauben auszureden; denn der liebe Mitbewohner des Hauses erscheint -ihm ja wegen des Feuerschutzes, den er dem Hofe gewährt, nur um so -wertvoller. - -Fast ein _heiliges_ Tier ist unser Hausstorch wie bei den Ägyptern der -Ibis oder in Indien der Geier. Wehe wer einen Storch tötet oder ihm -ein Junges raubt -- Krankheit und Armut werden des Mörders Los. Ja, -der Glaube an die Unverletzlichkeit und Heiligkeit des gefiederten -Hausfreundes ist unserm Volke so in Fleisch und Blut übergegangen, -daß selbst Forstbeamte -- es sei ihnen zur Ehre angerechnet -- davon -abstehen, einen Storch zu schießen, auch wenn sie davon überzeugt sind, -daß in ihrem Revier der langbeinige Vogel manchen Schaden anrichtet, -indem er in den Feldern weidwerkt und neben Mäusen auch 'mal einen -Junghasen erwischt oder ein bodenständiges Nest ausnimmt. Aber der -Jagdberechtigte weiß auch, daß er gut daran tut, ein Auge zuzudrücken. -Die ganze Gemeinde würde mit Recht empört sein, wenn es hieße, der -Storch, ihr Gemeindestorch, sei dem Schrot des Jägers zum Opfer -gefallen. Ich kenne einen solchen Fall aus unserer Heimat; doch steht -er zum Glück vereinzelt da. - -Wie der Storch, so sind es unsre beiden Schwalbenarten, die _Rauch-_ -und die _Mehlschwalbe_, die nicht nur in unsrer Heimat, sondern in ganz -Deutschland und weit über die deutschen Grenzen hinaus als günstige -Vorzeichen gelten. Fliegen die Schwalben über einem Hause häufig hin -und her, auch wenn sie dort nicht ihre Nester gebaut haben, so wird ein -Mädchen in diesem Hause bald Braut. Glück und Segen winkt dem kommenden -Ehestand, wenn das erste, was die Brautleute beim Austritt aus der -Kirche erblicken, ein zwitscherndes Schwalbenpärchen ist. Vom Himmel -gesandt sind diese Vögel; »Himmelsvögelchen« nennt sie der Volksmund. - -Wie dürfte jemand solch liebem Tierchen ein Leid zufügen! Wer ein -Schwalbennest zerstört, sagt der Volksmund, zerstört sein eignes Glück, -und gar eine Schwalbe zu töten ist eine schwere Sünde, die gen Himmel -schreit; der Frevler wird furchtbar bestraft mit Krankheit oder mit -schnellem Tod. Dieser fromme Aberglaube ist bei unsern Landleuten auch -heute noch so lebendig, daß sie die Belästigung seitens der Schwalben -durch Schmutz und Kot gern mit in Kauf nehmen. Selbst an heiliger -Stätte duldet man die Vögel und läßt sie ruhig ihre Nester bauen; -für jeden Kirchgänger ist's ja doch nur ein fröhlicher, trauter, -anheimelnder Anblick, wenn die heiligen Vögel durch das Heiligtum des -Herrn über der Gemeinde hin und her fliegen und ihre zwitschernden -Jungen ätzen. Auch der Araber sagt: »Die Schwalbe preist Gott und -beschmutzt die Moscheen.« - -Der Aberglaube ist der wirksamste Geleits- und Schutzbrief für unsre -Schwalben, mehr wert als jedes Gesetz. Und wer für seine Person auch -nicht solchem Aberglauben zustimmt, den Anschauungen seiner Väter und -Urväter gegenüber sollte er doch so viel Ehrfurcht haben, daß er sie -als heilige Überlieferung aus längst vergangenen Tagen beachtet und sie -weiter an seine Kinder und Enkel vermittelt. Auch von andern Tieren -läßt sich eine ganze Reihe anführen, der Storch, der Marienkäfer, die -Kreuzspinne u. a., für die alle der Aberglaube gewissermaßen die Krippe -ist, die sie nährt, und der Schutzwall, der sie und ihr Haus sichert. -Der Aberglaube hat eben auch seine guten Seiten. - -Schwalben erfreuen sich auch als _Wettervögel_ eines besonderen -Rufes. Wenn sie am Morgen hoch in den Lüften segeln, so sagt man -allgemein, wird der Tag schön, und sollten schon Gewitterwolken den -Himmel bedecken, das Unwetter zieht seitwärts. Wenn die Schwalben -aber unruhig unmittelbar über dem Boden oder an den Hauswänden dicht -vorüberflattern, so bedeutet dies Regen »nach aller Vernünftigen -Urteil«. Daß sich trotzdem einzelne der wetterkundigen Hausgenossen -bisweilen verrechnen können, ersieht man aus dem bekannten Sprichwort: -»Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.« - -In der _Volksmeteorologie_ spielen gerade die Vögel eine hervorragende -Rolle; sie werden sehr häufig befragt. Für Schwankungen im -Feuchtigkeitsgehalt, im Druck der Atmosphäre, sowie für Änderungen -der Luftelektrizität haben sie, die leichtbeschwingten Bewohner des -Luftmeers, gewiß eine viel feinere Empfindung als wir Menschen. Wer -aber die Meinung vertritt, daß man aus dem Verhalten gewisser Vögel die -Witterung auf Wochen oder Monate vorausbestimmen könne, daß die Vögel -ein »Vorgefühl« für künftige Witterungsverhältnisse besäßen, noch ehe -irgendwelche Veränderungen in der Atmosphäre eingetreten seien, der -stellt Behauptungen auf, die jeder Begründung entbehren und die -- -wenigstens teilweise -- mit unter den Begriff des Aberglaubens gehören. - -Hätten die Zugvögel ein sicheres Vorgefühl für die kommende Witterung, -so würde es ihnen nicht einfallen, so oft in ihr Unglück zu fliegen, -wie Stare, Lerchen und Schwalben, die häufig unter einem strengen -Nachwinter leiden müssen, und wenn sie den regenreichen Sommer geahnt -hätten, so würden manche Schafstelzen, Goldammern, Wachtelkönige u. a. -ihre Nester doch ein Stückchen mehr vom Wasser abgerückt haben, um der -Hochflut nicht zum Opfer zu fallen. _Wetterregeln_, aus Beobachtungen -an unserer Vogelwelt abgeleitet, gibt es unzählige. Bestätigen sie -sich, so spricht man davon; treffen sie nicht zu, so vergißt man's. Wie -beim Lotteriespiel ist's: der _eine_ Gewinn läßt die Unmasse der Nieten -verschmerzen; sie sind bald aus dem Gedächtnis verschwunden. - -Nur einige solcher Regeln will ich anführen. Der Landbewohner -schwört auf sie auch heute noch im Zeitalter des Barometers und der -Wetterwarten mit ihren täglichen Prognosen. Er will weiter in die -Zukunft blicken als nur 24 oder 36 Stunden. - -Klappert der Storch fleißig im März, so gibt es einen schönen Frühling -und einen warmen Sommer. Wenn die Stare zeitig im April brüten, so ist -ein »Wonnemond« zu erwarten, der diesen Namen auch wirklich verdient. -So lange die Lerche vor Lichtmessen (2. Februar) singt, so lange -schweigt sie, des Nachwinters wegen, nach Lichtmessen still. Auf tiefen -Schnee mag man sich vorbereiten, sobald die Saatgänse ziehen oder -Bergfinken und andere Wintergäste einfallen. Spätbrütende Rebhühner -prophezeien einen späten Winter. - -Aus dem Ruf mancher Vögel schließt der Bauer auf Regen. Wenn die -Elster viel gackert, der Pirol unausgesetzt flötet, der Wiedehopf -so eigentümlich klagt, der Wendehals schreit und der Regenpfeifer -seine Stimme hören läßt, dann soll man eilen, das ausgebreitete Heu -zusammenzuraffen, denn der Regen ist im Anzuge. Andere wieder halten -den schmucken Buchfink für den besten Wetterpropheten; wenn er seinen -bekannten schrillen »Rulschton« hören läßt: »jörk, jörk«, dann dauert's -nicht mehr lange, und es regnet in Strömen. »Gut-Wetter-Bot« ist -dagegen die Bachstelze, das »Ackermännchen«, wenn es dem Bauer hinter -dem Pfluge folgt, und die Lerche, wenn sie sich fröhlich trillernd in -die Lüfte erhebt, nicht aber zwischen den Ackerfurchen sitzend eintönig -ruft. - -Der Hahn auf dem Hof ist schon seit alters ein guter Wetterprophet. -Wenn er in den Nachtstunden kräht oder sonst auch nur heftig mit -den Flügeln schlägt, so kommt Regen und Sturm; kräht er aber am -Morgen anhaltend, so folgt ein schöner Tag. Das wußte schon _Älian_, -und noch heute heißt's bei unsern Bauern genau so. Aber gleich den -wissenschaftlichen Meteorologen ist auch der Hahn nicht gegen jeden -Irrtum gefeit, und so hat man, damit er trotzdem in allen Fällen recht -behalte, den schönen Reim ersonnen: - - »Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, - Ändert sich's Wetter oder -- 's bleibt, wie's ist.« - -Sobald es zu regnen beginnt, soll man auch die Hühner beobachten. -Treten sie sogleich unter Dach oder suchen sie den Stall auf, so wird -der Regen bald vorübergehen; laufen sie aber anfangs nur unschlüssig -hin und her und lassen sie sich endlich durch die Nässe kaum noch -stören, so hält der Regen wenigstens einen vollen Tag an. Auch wenn -sich Hühner und Tauben im Sande baden, bedeutet es Niederschläge. - -Man könnte ein ganzes Buch füllen, soviele Wetterregeln leitet der -Bewohner des Landes aus dem Verhalten der Tiere, ganz besonders aus dem -der Vögel ab. Der Ackersmann, der Schäfer, die Bäuerin, die daheim das -Regiment führt, der Jäger, der Fischer, der Gärtner, der Waldarbeiter, -der Seemann, kurz jeder, dessen Arbeit und Erwerb von der Witterung -unmittelbar abhängig ist, hat seine Erfahrungen gesammelt. Außer den -bereits genannten Vögeln wären noch Kranich und Fischreiher, der große -Brachvogel -- er wird geradezu »Gewittervogel« genannt -- Misteldrossel -und Ziemer, die verschiedenen Krähenarten, Dohle, Wachtel, Bekassine, -Turtel- und Hohltaube, Schwarz- und Grünspecht, Wald- und Steinkauz, -Sturmschwalbe, Möwe, Eisvogel, Sperling, Gans, Ente, Schwan, -Perlhuhn, Pfau u. v. a. zu erwähnen, die alle mehr oder weniger gute -Wetterpropheten sind. - -Diese volkstümlichen Voraussagen schlechtweg unsinnig zu nennen, wäre -töricht; aber wo die Grenze zwischen Dichtung und Wahrheit, zwischen -Einbildung und wirklicher Erfahrung liegt, ist nicht festzustellen, -handelt es sich doch wohl niemals um genaue Beobachtungen, die längere -Zeit fortgesetzt worden wären. - -Nur eine Prophezeiung will ich noch herausgreifen, die alle an -Kühnheit der Logik übertrumpft. Sie weckt mir liebe Erinnerungen -aus der Kinderzeit, indem sie meinem geistigen Auge, Geruchs- und -Geschmacksorgan den verheißungsvollen Anblick, den lieblichen Duft und -den köstlichen Genuß der gebratenen Gans daheim im Elternhaus wieder -vorzaubert. Der liebe Martinsvogel stellte sich am 11. November, -meinem Namenstage, stets ein. Sieht an diesem Tage das Brustbein -des festlichen Bratens braun aus, so folgt ein frostreicher, aber -schneefreier Winter; hat es dagegen eine weiße Färbung, so gibt's -Schnee in Menge. - -Ungemein groß ist die Rolle, welche die Tiere in der _Volksmedizin_ -früherer Zeiten, besonders im 16. und 17. Jahrhundert, gespielt haben. -Man braucht nur die alten Medizinaltaxen oder Apothekerordnungen jener -Zeit durchzusehen, und man wird über die Menge allein der einfachen -Arzneimittel, der sogenannten »Simplicia« erstaunt sein, die dem -Tierreich entnommen wurden. - -Dresden schlug mit der Reichhaltigkeit seiner Hofapotheke jeden -Mitbewerber auf diesem Gebiete aus dem Felde. Die sächsische Residenz -galt von jeher als eine vornehme Stadt; war es nicht vornehm, daß sie -auch viele und seltene Krankheiten in ihren Mauern beherbergte und -die Hofapotheke für eine jede ein unfehlbares Heilmittel besaß? Die -Apothekertaxe vom Jahre 1652 zählt nicht weniger als 190 Stücke aus dem -Tierreich auf, darunter Augen, Gehirn, Fett, Galle, Magen, Federn, -Mist der verschiedensten Vögel. Mit dieser Herrlichkeit ist's heute -vorbei. Aber das Volk hat sich doch noch so manches erhalten; denn die -Völker haben ein gutes Gedächtnis und bewahren, ganz wie die einzelnen -Menschen, Eindrücke aus früher Kindheit gar getreu bis ins Alter. - -Noch heute glaubt man ganz allgemein, nicht nur in unserm Erzgebirge -oder im Thüringer Wald, sondern z. B. auch im Salzkammergut, daß -der _Kreuzschnabel_, den die Gebirgsbewohner so gern im engen -Drahtbauerchen halten, Gicht, Rheumatismus und alle »Flüsse« anziehe. -Auch das Wasser, in dem sich der Kreuzschnabel gebadet hat, sei gut -gegen die Gicht wie gegen Krämpfe. Nicht selten stirbt ja gerade dieser -Vogel unter krampfartigen Erscheinungen schon nach kurzer Zeit der -Gefangenschaft, und oft bezeugen es knollige Anschwellungen an seinen -Füßen ganz deutlich, daß die Gichtknoten seines Pflegers auf ihn -übergegangen sind. - -Wer Kügelgens »Jugenderinnerungen eines alten Mannes« gelesen hat, -der wird sich mit Vergnügen des originellen Landgeistlichen Roller, -Pfarrherrn zu Lausa, erinnern, der alljährlich an die hundert _Elstern_ -im Backofen verkohlte und das so gewonnene schwarze Pulver als Medizin -weithin versandte, sogar nach dem Harz und nach Schlesien, nach -Hamburg, Königsberg und Wien. Ein fechtender Handwerksbursche hatte -dem Pfarrer »die Tugenden« der gebrannten Elster, Alster, Schalaster, -Hester, oder wie der langschwänzige Vogel sonst noch genannt wird, -gepriesen, und Roller probierte die Sache nun an seinem Bruder -Jonathan, der an epileptischen Krämpfen litt. Schon nach Monatsfrist -war das Übel behoben; der Pfarrer aber, der von der Wirksamkeit des -seltsamen Mittels fest überzeugt war, freute sich nun, daß ihm Gott -einen Weg eröffnet habe, sich für die Heilung seines Bruders dankbar zu -erweisen und wehrte beharrlich jede Bezahlung ab. Er verlangte nichts -anderes von seinen Patienten, als einen gewissenhaften Bericht, wie die -Medizin bekommen sei. - -Noch heute ist »gebrannte Elster« ein Volksmittel gegen die -»hinfallende Krankheit«. Einige wollen wissen, nur die »in den -Zwölfen«, d. h. in den zwölf Tagen zwischen Weihnachten und Heil. -Dreikönige (6. Jan.) geschossenen Elstern seien bei Krämpfen und -Epilepsie heilsam; denn um diese heilige Zeit habe die Natur all -ihre Wunderkräfte beisammen. Man glaubt auch, die Elster selbst sei -mit der »schweren Krankheit« behaftet, und deshalb vermöge sie beim -Menschen das Leiden zu heilen. Gleiches soll eben durch Gleiches -vertrieben werden. Vielleicht hat das unruhige, allzeit quecksilberne -Wesen der Elster Veranlassung gegeben, bei ihr epileptische Zufälle -anzunehmen; doch scheint es mir näherliegend, daß man die Elster, die -ein Hexentier ist, d. h. ein solches, in das sich Hexen und andere -Dämonen gern verwandeln, aus dem Grunde mit Veitstanz und Fallsucht in -Zusammenhang gebracht hat, weil dies Krankheiten sind, mit denen nach -dem Volksglauben dämonische Mächte den Menschen heimsuchen. - -Das leitet uns über auf das Gebiet des eigentlichsten Aberglaubens. - -Bekannt ist das _Kuckucksorakel_: so viel mal der Vogel ruft, so -viele Jahre hat der Frager noch zu leben. Schon i. J. 1221 wendet -sich Cäsarius Heisterbach mit Entrüstung gegen diesen altheidnischen -Aberglauben, und um dieselbe Zeit war's, da brach ein schon betagter -Mönch sein Klostergelübde, weil ihm der Gauch noch 22 Jahre geweissagt -hatte. Ob der prophetische Vogel in diesem Falle recht behalten hat, -wird leider nicht berichtet. Sollte mich freuen, wenn's so gewesen wäre. - -Heute wird wohl niemand mehr ähnliche wichtige Entscheidungen von dem -Lenzesboten abhängig machen; man zählt die einzelnen Kuckucksrufe -nur zum Spaß und aus alter Gewohnheit. Und doch, ich kenne Personen, -die ganz still und niedergeschlagen wurden, als der Kuckuck, den sie -befragten, nur zwei- oder dreimal seinen Ruf hören ließ. Solche Macht -haben uralte abergläubische Vorstellungen noch in unserm Jahrhundert, -auch wenn man sie als Dummheit erkennt. - -Der Kuckuck war als Frühlingsbote, ebenso wie der Storch, dem Donar -geweiht, der nicht nur als Herr des Gewitters, sondern auch als -Frühlingsgottheit verehrt ward. Donar weckte das Leben auf der Erde, -gab reichen Erntesegen und beschenkte die Ehen mit Nachkommenschaft. So -ward sein Bote, der Kuckuck, zum _Lebensvogel_, den man nach der Zahl -der Lenze befragt, die uns die Gottheit noch beschieden hat, der durch -seinen oft wiederholten Ruf dem Landmann Berge von Gold verspricht, daß -er die Geldstücke im Sack schon klappern hört, wenn auch nur erst die -grünen Spitzen der Saat aus dem Boden hervorschauen und die Obstbäume -nur aus ihrem Blütenansatz auf eine reiche Ernte hoffen lassen. -Auch den heiratslustigen Dorfschönen erteilt der Kuckuck auf manch' -vorwitzige Frage bereitwilligst Auskunft. - -Ob er einst verklingen wird in ferner Zukunft, dieser Glaube an den -göttlichen Vogel? Weit länger als ein Jahrtausend ist's her, da hat -christlicher Eifer die heidnischen Götter entthront und zu Dämonen -gestempelt; aus den ihnen geweihten Tieren aber hat er Teufel und Hexen -gemacht. »Hol dich der Kuckuck!« -- »Geh zum Kuckuck!« -- »In Kuckucks -Namen« und was derartige schöne Redensarten mehr sind, bei denen -sich hinter dem Kuckuck der Teufel versteckt. Der »Lebensvogel« wird -aber über diese barbarische Vergewaltigung seiner Person schließlich -doch den Sieg davontragen. Ich glaube, so lange der Kuckuck in -unsern deutschen Ländern seinen Ruf erschallen läßt, so lange wird -auch unser Volk sich den alten Glauben an die prophetische Gabe des -geheimnisvollen Vogels bewahren. Jedes Frühjahr weckt ihn von neuem -- -unsterblich die Erinnerung des Volks an seine Kindheit. - -Rechte Hexentiere sind auch die _Eulen_, die einst als Sinnbild der -Wachsamkeit, der Weisheit, des tiefen Denkens und unermüdlichen -Forschens von einem nach Schönheit und Weisheit strebenden Volk der -helläugigen Pallas Athene geweiht waren. In der christlichen Kunst ward -die Eule zum Symbol heidnischer oder irdischer Torheit; ein Kreuz, das -man häufig über ihrem Kopfe anbrachte, sollte den Sieg der Kirche über -jede teuflische Lehre bedeuten. Und noch heute bekreuzigt sich mancher, -wenn das niedliche, harmlose Steinkäuzchen sein helles »kuwitt« und -dann das gedämpfte »boh boh« hören läßt. »Das Leichen- oder Totenhuhn, -die Wehklage oder Klagemutter ruft: komm mit, komm mit, auf den -Kirchhof, hof, hof! Der Vogel kündet den Tod an.« Und nicht etwa nur -das ungebildete Volk, nein auch viele andere, die sich unendlich -erhaben dünken, glauben dem Unheil kündenden Vogel; oder wenn sie's -auch nicht glauben, sie können sich doch eines unbehaglichen Gefühls -nicht erwehren, wenn sie das Käuzchen schreien hören. - -Natürlich hat in erster Reihe das nächtliche Treiben die Eulen in -Verruf gebracht. Völlig geräuschlos, geisterhaft wie ein Schatten -gleiten sie an dem Wanderer vorüber, und es funkeln ihre riesigen -Augen. Wenn sich der Uhuruf mit dem Brausen des Sturms paart, der im -Hochwald tobt, daß die Bäume ächzen und stöhnen, gibt's ein grausig -Geheul. An dem Mond jagen die Wolken vorüber, daß sein Licht bald -verdeckt wird, bald wieder hell hervortritt zwischen den im Sturme -schwankenden Baumkronen. Selbst des Mutigsten Seele wird mit Bangen -und Grauen erfüllt. Ist es ein Wunder, daß unsre Altvordern gerade -der wilden Sturmes- und Wolkengöttin die Eule als ihr Tier neben -der nächtlichen Wildkatze geweiht haben! Zu Hexentieren sind beide -unter dem christlichen Einfluß geworden, gehaßt und verfolgt vom -unverständigen Volk. Und unter diesem Haß hat die Hauskatze, die die -Stelle ihrer wilden Verwandten eingenommen hat, noch heute ebenso -zu leiden wie sämtliche Eulen, die nützliche Schleiereule wie der -niedliche Steinkauz. - -In meiner Jugendzeit sah man es gar nicht selten, daß der Landwirt eine -Eule mit ausgebreiteten Flügeln an das Scheunentor oder an die Tür des -Viehstalls genagelt hatte. Ich glaubte, diese Unsitte habe sich längst -überlebt; aber erst vor kurzem hat mich der gleiche Anblick -- es war -in der Lausitz -- von neuem überzeugt, wie tief doch abergläubische -Vorstellungen in unserm Volk wurzeln. Vor Verhexung will der Bauer sein -Gehöft schützen. Den herumstreichenden Dämonen, die das Vieh mit bösem -Zauber bedrohen, soll das gekreuzigte Tier gewissermaßen zurufen: -»Laßt ab von dem Gut! ihr seht, wie's solch nächtlichem Gelichter -ergeht!« Allen Verständigen aber, die es sehen, ist die angenagelte -Eule nur ein Zeichen dafür, daß Dummheit, Aberglauben, Undankbarkeit -und Bosheit unter den Menschen nicht aussterben. - -Eine mittelalterliche _Hexenküche_ ohne Eulen wäre nicht denkbar. Und -wenn auch das Licht der Wissenschaft in diese Werkstätten menschlicher -Afterweisheit hineingeleuchtet hat, es wird doch auch noch heute in -verborgenen Winkeln mit Geisterbeschwören, Schatzgraben, Bereitung von -allerlei Tränklein viel Hokuspokus getrieben, und die Rolle dämonischer -Tiere, wie Elster, Eule, aber auch Katze, Fledermaus, Schlange, Kröte, -Salamander u. v. a. ist noch immer nicht ausgespielt. - -Zäh hält das Volk an den alten Vorstellungen fest -- jahrtausendelang -fließt das Wasser in dem einmal errungenen Bett. - - - - -Schutz den schutzlosen Kriechtieren und Lurchen! - - -Unter den Wirbeltieren sind die _Kriechtiere_ und _Lurche_ die -einzigen, die jedes gesetzlichen Schutzes entbehren. Strenge -Jagdgesetze nehmen sich vieler Säugetiere und einer großen Anzahl von -Vögeln an; nur der Jagdberechtigte darf sie erlegen, und wenn es nicht -gerade Raubtiere sind, so genießen sie fast alle eine gesetzliche -Schonzeit, die sich freilich in den einzelnen Ländern des Deutschen -Reichs auf etwas verschiedene Zeiten erstreckt. Außerdem stehen die -meisten nicht-jagdbaren Vögel unter der schirmenden Hand des deutschen -Vogelschutzgesetzes, das sich ihrer und ihrer Brut in weitgehendem -Maße annimmt. Jedes Schutzes bar sind nach diesem Gesetz nur wenig -Vogelarten, ja nach unsern sächsischen Gesetzen keine einzige; selbst -die Sperlinge sind nur unter gewissen Einschränkungen »vogelfrei«. -Für die Fische sorgen Fischereigesetze in den einzelnen Ländern -- -nur die _Kriechtiere und Lurche_ sind _rechtlos_, »_vogelfrei_«, der -Willkür eines jeden preisgegeben. Wenn es sich nicht gerade um Ärgernis -erregende Tierquälerei handelt, kann jeder mit diesen Geschöpfen -machen, was er will, wozu ihn die Laune treibt. Ungestraft darf er sie -und ihre Brut vernichten; da ist kein Gesetz, das ihn hindert. Jedem -Tagedieb steht es frei, hinauszuziehen an den Teich, an den Sumpf, an -den feuchten Graben der Wiese, an die steinige Halde, in den Buchenwald -und dort einzufangen, so viel immer er will, die Läden der Händler -in der Großstadt zu füllen. Und wenn es die letzte Ringelnatter am -Bachesrand wäre oder der einzige Tümpel in der ganzen Umgebung, den -Tritonen und Salamander beleben: er darf, falls sonst kein Einspruch -des Besitzers aus besonderen Gründen erhoben wird, das Gewässer -ausfischen, den Berghang absuchen und alles mitnehmen, was ihm zur -Beute wird, bis auf den letzten Rest. - -Was ist der Grund für solche Vernachlässigung und Zurücksetzung der -genannten Geschöpfe gegenüber dem weitgehenden Schutz, den namentlich -die Vogelwelt allenthalben genießt? - -Die Antwort ist nicht schwer. Der leichtbeschwingte, sangesfreudige -Vogel ist der Liebling nicht etwa nur einzelner Naturfreunde, sondern -aller Kreise unseres Volkes, und wo die Vogelwelt vielleicht doch -noch nicht ganz die Teilnahme gefunden hat, die sie verdient, da ist -es uns Naturfreunden leicht, für sie einzutreten und um Schutz und -Pflege zu werben. Dabei wird man wohl zuerst den großen Nutzen, den so -viele Vögel für den Land- und Forstwirt, den Gärtner und Obstzüchter -besitzen, ins rechte Licht stellen; denn in der Natur des Menschen -ist's nun einmal begründet, daß er in oft recht engherziger Weise -zunächst nach seinem eignen Vorteil fragt. Dann aber wird man auch -an den freien, fröhlichen Flug erinnern, an die holdselige Stimme so -vieler Vögel, an ihr Familienleben, sowohl an das innige Verhältnis der -Gatten zueinander, wie an die aufopfernde Liebe der Eltern zu ihren -Kleinen, ja selbst zu fremden verwaisten Vogelkindern. In all diesen -Wesenszügen wird der Vogel kaum von einer andern Tierklasse erreicht, -von keiner übertroffen. Und so sind die Vögel, die Lieblinge der -Schöpfung, auch die Lieblinge des Menschen geworden. Sie stehen unserm -Herzen, unserm ganzen Gefühlsleben näher als alle andern Geschöpfe, -wenigstens wenn wir von den Haustieren absehen. - -Wie anders dagegen Eidechsen, Frösche, Molche oder gar Kröten und -Schlangen! Ihr bloßer Anblick flößt, wenn auch ungerechtfertigterweise, -vielen Menschen _Ekel und Abscheu_ ein. Die schwerfälligen Bewegungen -der Kröten und Erdsalamander, die gewiß, ich gebe es zu, der Anmut -entbehren, sind manchen geradezu widerlich; aber auch der hastige Lauf -der zierlichen Eidechsen, wenn sie über das kurzrasige Gras oder den -steinigen Weg hurtig wie die Mäuse dahinhuschen, flößt schreckhaften -Menschen Angst ein; das lautlose Hingleiten der Schlangen ist vielen -unheimlich, und selbst der hüpfende Frosch ruft in schwachbesaiteten -Gemütern Entsetzen hervor. Fast auf jede Weise bewegen sich die -Kaltblüter fort: sie kriechen und hüpfen, sie schwimmen und rennen; -aber immer finden die Menschen etwas daran auszusetzen. Selbst wenn die -Kröten und Echsen fliegen könnten, ich glaube, es würde auch keinem -recht sein. - -Es gibt Menschen, denen sind Spinnen und Würmer ebenso schreckliche -Wesen, und ich kenne Damen, die laut aufkreischen, wenn ihnen 'mal ein -summender Maikäfer oder ein Mistkäfer in die Nähe kommt oder gar eine -Fledermaus ihnen um die wuschligen Haare flattert, die echten oder die -falschen -- entsetzlicher Gedanke! Aber es scheint mir, die Abneigung -gegen die Kriechtiere und Lurche ist doch noch viel allgemeiner -verbreitet; es findet sich so selten 'mal einer, der diesen verachteten -und verfolgten Tieren freundlich gesinnt ist. Und selbst wenn man mit -verständigen Gründen solche Vorurteile zu widerlegen sucht und gütlich -zuredet, sich doch den Salamander, die Blindschleiche, den Frosch -genauer zu betrachten, die Tiere wohl auch 'mal in die Hand zu nehmen, -so begegnet man bei fast allen dem hartnäckigsten Widerwillen. »So kalt -und so naß!« heißt's beim Frosch, bei der Schlange: »so glatt!« und bei -der Kröte: »so ekelhaft und giftig ihr Schleim; ich werde mich hüten.« - -Doch nicht bloß ihre äußere Erscheinung, auch die _Lebensweise_ der -Kriechtiere und Lurche ist vielen höchst unangenehm. An dunkeln Orten, -in feuchten Löchern hausen sie, in Morästen und Sümpfen; sie scheuen -vielfach das Licht des Tages, wie Kröten und Unken, die erst gegen -Abend recht lebendig werden: kurz, es sind unheimliche Geschöpfe. Kein -Wunder daher, daß sich der _Aberglaube_ ihrer bemächtigt hat, mehr -als irgend einer andern Tierklasse. Die meisten Menschen wissen nicht -viel von unsern Kaltblütern zu sagen; wenn sie aber etwas von ihnen -berichten, dann sind's gewöhnlich erlogene, abergläubische Märchen; auf -jeden Fall aber ist's etwas Böses. - -Gern räume ich ein, daß es auch gescheite Leute gibt -- meine Leser -rechne ich alle dazu, auch bin ich so glücklich, persönlich solche zu -kennen -- die nichts wissen wollen vom bösen Blick der Schlangen, vom -Unglück verkündenden Unkenruf, und was derartige Märchen mehr sind; -aber diese abergläubischen Vorstellungen, teils Jahrtausende alt, -liegen gewissermaßen in der Luft; sie umgeben die Tiere, von denen -wir sprechen, wie ein übler Dunstkreis und tragen wesentlich zu dem -Abscheu bei, den die große Menge beim Anblick unsrer Kriechtiere und -Lurche empfindet. - -»Geh mir mit solch giftigem Gewürm ein für allemal aus dem Wege!« -wie oft habe ich's hören müssen, wenn ich als Junge seelenvergnügt -eine Ringelnatter in der Hand hielt oder in der Einmachbüchse, die -ich der Mutter entwendet hatte, später in meiner »zoologischen -Botanisiertrommel« Eidechsen oder ein paar buntfleckige Molche mit -heimbrachte! Und wie oft sehe ich's heute noch: am Wiesenweg eine -Natter, die man in roher Weise gesteinigt hat, am Waldesrand eine mit -Rutenschlägen getötete Blindschleiche, an der Parkmauer eine halbtote -Kröte; erst wenn die Sonne untergeht, kann sie sterben, behauptet der -Volksglaube. - -Der _Haß_ gegen diese Tiere und ihre Verwandten ist ganz allgemein; -jeder glaubt ein Recht zu haben, sie zu vernichten, ja er schwatzt -sich's vor, es sei seine Pflicht, und mancher dumme Junge fühlt sich -als ein Held, als ein Ritter Georg, weil er eine unschuldige Natter -oder Blindschleiche erschlagen hat. Immer nur Ausnahmen, wenn sich 'mal -jemand dieser hart verfolgten Tiere erbarmt, und wer für sie eintritt, -findet kaum je Gehör, ja mit Spott und Hohn antwortet man ihm. - -Aber gilt es nicht auch von diesen Kleinen und Schwachen, den -Verachteten und Verfolgten, daß sie _Kinder der Natur_ sind, unsrer -gemeinsamen Mutter, der wir Verehrung und Liebe zollen sollen? Gehören -sie nicht auch mit zu denen, die der große Dichter »meine Brüder im -stillen Busch und im Wasser« nennt? Ihr Leben mutwillig zu vernichten, -dazu haben wir kein Recht. Hat sich die Schöpfung etwa nur deshalb -mit Pflanzen und Tieren geschmückt, »ein jegliches nach seiner Art«, -daß wir uns an ihnen vergreifen sollen, sei es aus Roheit, sei es -aus törichter Selbstüberschätzung? Heißt das nicht zerstören und -verstümmeln, was uns erheben, erquicken, erbauen und erziehen soll! -Naturschänder sind es, die anders denken und handeln, und Naturschänder -sind mir immer als die erbärmlichsten Menschen erschienen. Die Natur, -die uns der Inbegriff alles Schönen sein soll, muß uns auch ein -_Heiligtum_ sein, in noch höherem Grade unverletzlich und unantastbar -als das größte Kunstwerk. Dieses hat Menschengeist ersonnen und -Menschenhand gebildet; die Natur aber trägt den Stempel der Gottheit. - -Wer an der Natur frevelt, vergeht sich aber nicht nur an dieser, -sondern zugleich an seinen Nebenmenschen, deren natürlichste und -deshalb heiligste Rechte er mißachtet und beeinträchtigt. Denkt denn -der Frevler, der eine Blindschleiche, eine unschuldige Schlange -niederschlägt, nicht daran, daß noch andere des Weges kommen, denen der -Anblick eines solchen Tieres Freude bereitet, die den schlängelnden -Bewegungen der Natter mit Vergnügen zuschauen, ebenso dem flinken Lauf -der zierlichen Eidechsen, wenn deren Gewand im Sonnenstrahl funkelt und -gleißt, als sei es mit hundert Smaragden geschmückt, die auch gern 'mal -solch Tierchen in die Hand nehmen, um es noch genauer zu betrachten: -das allerliebste Schuppenkleid, die wie Perlen blitzenden Äuglein, -die tastende Zunge. Nun sieht man das Tier, das noch vor kurzem sich -seines Lebens freute und so manchen Naturfreund erfreut hätte, kläglich -erschlagen am Boden. Der Frevler hat mit roher Hand allem ein Ende -bereitet: dem unschuldigen Tierchen und der unschuldigen Freude. Hat -nicht jeder, auch der Ärmste ein Anrecht an die Natur? - -Von mancher Seite hat man der _Terrarien- und Aquarienliebhaberei_ den -Vorwurf gemacht, daß sie wesentlich zur Verödung der Natur beitrage. -In der Tat hat diese Liebhaberei während der letzten Jahre vor dem -Weltkriege in weiten Kreisen unsrer Bevölkerung bei jung und alt -Eingang gefunden, zum Teil auf Kosten der Stubenvogelpflege, während -in meiner Jugendzeit meist nur wir Kinder solch innigen Verkehr mit -unsern heimischen Kaltblütern pflegten. Das wachsende Interesse an den -genannten Geschöpfen kann ich nur mit Freude begrüßen. Wer Gelegenheit -hat, diese Tiere näher kennen zu lernen, wird sie auch lieben lernen. -Was man aber liebt, das sucht man zu erhalten und zu schützen. Und -so liegt es mir ganz fern, den Freund und Pfleger von Schlangen, -Eidechsen, Molchen u. dgl. tadeln zu wollen, wenn er im Frühjahr -auszieht, um seinem Terrarium oder Aquarium daheim, an dem er seine -Freude hat, Ersatz zu schaffen für das, was ihm der Winter geraubt hat. -Der verständige Freund der Natur wird durch Schutz und Pflege seiner -Lieblinge draußen in Wald und Flur, in Sumpf und Teich der Heimat -reichlich vergelten, was er ihr raubt. Das gilt vom Terrarien- und -Aquarienliebhaber genau so wie vom Freund und Pfleger der heimatlichen -Stubenvögel. - -Aber den Umstand beklage ich tief, daß nun _Fänger von Profession_ -diese an sich erfreuliche Liebhaberei zu einem Geschäft ausnutzen, -indem sie im Frühling Tag für Tag mit ihren Fanggeräten zu erbeuten -suchen, so viel sie nur können, Massenfang treiben der übelsten Art. -Der _Händler_ nimmt alles, je mehr, desto besser; er hat für alles -Verwendung. Was bei unsachgemäßer Pflege krepiert, kommt in Spiritus -und findet auch dann seine Abnehmer. Und so wimmelt es zu manchen -Zeiten in den zur Schau gestellten Glaskästen der sog. »Zoologischen -Handlungen« der Großstädte von zierlichen Eidechsen, von Nattern -und Blindschleichen, von Erdsalamandern, von Tritonen und Molchen. -Wirkliche _Raubzüge_ werden gegen die heimatliche Natur unternommen. -Nicht die Tierpflege an sich verurteile ich, sondern den Massenfang, -wie er zumeist von arbeitsscheuen, recht zweifelhaften Personen Jahr -für Jahr des Geldgewinns wegen betrieben wird. Ihnen sollte wie -den Vogelstellern durch gesetzliche Bestimmungen das lichtscheue -Handwerk gründlich gelegt werden. Freilebende Tiere zur Massenware zu -erniedrigen, ist ein Unrecht. - -Was nun aber fast ebenso schlimm, jeder kann diese lebende Ware für -verhältnismäßig wenig Geld beim Händler erstehen. Da mag so mancher, -der die Tiere im Schaufenster sieht, denken, solch ein Behältnis mit -Schlangen und Eidechsen, solch Wassergefäß mit Molchen könntest du dir -in deinem Zimmer auch einrichten, und er setzt nun die Ringelnatter, -den Laubfrosch, den Erdsalamander den ganzen Tag der Sonnenbestrahlung -aus, bringt die Tritonen in ein gefülltes Wasserglas, wo sie kein -Plätzchen zum Ausruhen finden, und um die Nahrung der Tiere kümmert -er sich auch nur wenig. Die ist schwer zu beschaffen; wen der Hunger -plagt, so denkt er, wird nicht wählerisch sein. Unter solchen Umständen -gehen die armen Geschöpfe natürlich sehr bald zugrunde. Dann ist die -ganze Herrlichkeit aus, und am Ende freut sich der Besitzer, der von -Tierpflege keine Ahnung hat, daß er die Sache wieder los ist. Der -Händler aber hat für die ganz zwecklos geopferten Tiere schon längst -wieder Ersatz. - -Das sind natürlich Auswüchse der Tierliebhaberei, Nebenerscheinungen, -die aber vom Standpunkte des Naturschutzes aus sehr zu beklagen sind. -Freilich den meisten Menschen wird's gleichgültig sein, handelt es sich -dabei doch bloß um Eidechsen, Molche und ähnliches Getier, und solch -»Ungeziefer« hat keinen wirtschaftlichen Wert, wie ihn z. B. der Vogel -besitzt, ist auch für den Haushalt der Natur ganz gleichgültig. - -Dieser allgemein verbreiteten Ansicht kann nicht scharf genug -widersprochen werden. Gewiß, unserm Fühlen, unserm ganzen Innern -steht der Vogel viel näher als Blindschleiche oder Unke; aber was den -wirtschaftlichen Nutzen der Vogelwelt betrifft, da sind doch nicht -wenige unsrer gefiederten Freunde, die manchen Schaden und Ärger -anrichten und die das Gesetz doch in seinen Schutz nimmt, und zwar mit -größtem Recht; denn der Geldbeutel allein darf nicht den Ausschlag -geben. - -Wie steht es aber in dieser Beziehung mit den Kriechtieren und -Lurchen? Ich muß diese leidige Frage nach _Nutzen und Schaden_, so -sehr es meinem Gefühl zuwider ist, hier in den Vordergrund stellen, -weil man bei unsern Tieren so gar nichts anerkennen will, was ihnen -Daseinsberechtigung geben könnte. Das Quaken der Frösche ist den -Anwohnern des Teiches verhaßt, die Schlangen sind allen greulich, -heimtückisch, gefährlich, widerlich die ganze Gesellschaft. Ich sprach -mit einer jungen Dame über unsre heimische Tierwelt und wie so viele -schuldlos verfolgte Geschöpfe dringend unseres Schutzes bedürfen. -»Sie wollen sich doch nicht etwa auch noch der giftigen Schlangen -und Salamander, der Eidechsen und Molche annehmen?« fiel sie mir ins -Wort. »Sagen Sie 'mal, Herr Professor, wozu sind denn eigentlich die -entsetzlichen, scheußlichen Kröten auf dieser Welt?« »Wozu, mein -verehrtes Fräulein,« entgegnete ich, »sind denn eigentlich Sie da? -Sie haben Ihren Beruf zu erfüllen im Haus, in der Familie, in der -menschlichen Gesellschaft, genau wie jedes andere Geschöpf in seinem -Kreise, und wenn Sie Ihrer Aufgabe in allen Stücken so treu und -gewissenhaft nachkommen wie die Kröten, die Ihnen so zuwider sind, dann -alle Hochachtung vor Ihnen! Übrigens haben Sie sich eine Kröte gewiß -noch nicht genau angesehen; sonst müßten Sie wenigstens etwas Schönes -an ihr finden, und das sind -- erschrecken Sie nicht! -- ihre Augen.« - -In mildem Goldglanz schauen die Krötenaugen uns so treuherzig und -innig an, als wollten die Tiere sagen: Tu uns nichts zuleide! Es -liegt etwas unaussprechlich Wehmütiges in diesem milden Blick, etwas -von der stillen Poesie des Weihers mit seinen Nixen und Elfen, die -sich nach dem Reiche der Menschen sehnen, etwas von märchenhaftem -Waldeszauber, etwas Ahnungsvolles und Unwirkliches. Man denkt an den -verwunschenen Prinzen, an die Kröte mit dem goldnen Krönchen, von -denen die Großmutter uns Kindern so oft erzählte. Krötenaugen blicken -ebenso sanft und träumerisch, so innig und seelenvoll wie die schönen -Augen meines Rotkehlchens oder draußen am Waldbach die großen braunen -Augensterne der Wasseramsel, und ich kann's nicht verstehen, daß -Krötenaugen geradezu zum Sinnbilde der Häßlichkeit geworden sind. Wenn -man eine Dame anschwärmen würde: »Sie einzig Verehrte, mit Ihren -Krötenaugen!« so würde das, so ehrlich es der Freund und Kenner jener -Tiere vielleicht auch meint, als eine Beleidigung gelten. Nun, eine -Beleidigung, ich gebe es zu, mag es in manchen Fällen auch tatsächlich -sein, wo man solchen Vergleich zieht, aber niemals eine Beleidigung für -das weibliche Wesen. - -Doch zurück zur Frage nach _Nutzen_ und _Schaden_. Raubtiere sind sie -alle, die Reptilien so gut wie die Lurche, nur daß letztere in ihrem -Jugendzustande, z. B. als Kaulquappen, an verwesenden Pflanzenstoffen -herumnagen. Außer Daphnien, Cyklopiden und andern Krebstierchen werden -von allen _Lurchen_ die verschiedenen Mückenarten, Würmer, Schnecken, -Larven und Puppen von Wasserinsekten, daneben die Jugendformen der -eignen Verwandtschaft verzehrt. Der gewalttätigste Lurch ist unser -_Wasserfrosch_, der Musikant. Insekten und Insektenlarven aller Art, -Spinnen, Schnecken, Würmer, Kaulquappen, Fischbrut, selbst kleine -Fischchen, aber auch junge Blindschleichen, Wassermolche: alles -würgt er hinunter. Der zierliche _Laubfrosch_ hat es auf Fliegen, -Kleinschmetterlinge, glatte Räupchen und auf allerlei Würmer abgesehen. -Die _Kröten_ und _Unken_ leben gleichfalls von Insekten, Asseln, -Spinnen, Tausendfüßern, Nacktschnecken und Würmern. - -Auch unsre _Kriechtiere_ sind Räuber; sie erjagen lebende Beute. -Die _Kreuzotter_ nährt sich von Mäusen aller Art, von Spitzmäusen, -auch Eidechsen, die sie durch ihren giftigen Biß sehr schnell tötet; -selbst jungen Vögeln mag sie bisweilen gefährlich werden. Die _glatte -Natter_, auch Haselnatter genannt, macht besonders gern auf Eidechsen -Jagd, während die _Ringelnatter_ mit Vorliebe Laub- und Grasfrösche -frißt. Als gute Schwimmerin jagt sie aber auch im Wasser nach kleinen, -etwa fingerlangen Fischen und Salamandern. Vor der gelbbauchigen -Unke freilich und dem Erdmolch scheut sie sich, gleich allen andern -Lurchjägern; denn schwarz und gelb, unsre Dresdner Stadtfarben, sind -Schreckfarben -- natürlich nur in der Tierwelt. Die _Eidechsen_ sind -hinter allerlei Kerbtieren her und und verstehen sie sehr geschickt zu -erwischen: Grillen, Heuschrecken, Schmetterlinge, Fliegen, Käfer; dazu -fressen sie Würmer, Nacktschnecken, ja sie überfallen selbst schwächere -Artgenossen, während die _Blindschleichen_, schwerfälliger in ihren -Bewegungen, auf den Fang von Regenwürmern, Schnecken und glatten Raupen -angewiesen sind. - -Aus diesen Beispielen ergibt sich, daß von einem besonderen Schaden -der Reptilien und Amphibien nicht die Rede sein kann, abgesehen von -der giftigen Kreuzotter, die aber doch nur in einzelnen Gegenden -Deutschlands häufig auftritt. Ja, die meisten Mitglieder dieser -beiden Wirbeltierklassen stiften durch die Vertilgung von Würmern und -Nacktschnecken ganz entschieden Nutzen. Daß sie auch viele Insekten -verzehren, wollen wir ihnen nicht besonders anrechnen; denn unter den -Kerbtieren gibt es nützliche, wie schädliche Arten, und in dieser -Beziehung wird keine Echse, kein Lurch eine Auswahl treffen. Daß -aber manche Wasserinsekten, die der Fischerei Schaden bringen, den -Ringelnattern und Fröschen zum Opfer fallen, darf nicht unerwähnt -bleiben. - -Besonders groß erscheint mir der Nutzen der _Kröten_. In Gärten, -besonders wo Erdbeeren oder Salat gepflanzt sind, da sollte man sich -nur freuen, wenn man ein paar Kröten begegnet; sie sind die stärksten -Vertilger der schädlichen Nacktschnecken. Das wußte schon vor einem -halben Jahrhundert mein Vater; er hieß uns Kinder, wenn wir 'mal auf -einem Spaziergang eine Kröte antrafen, den Lurch mitnehmen und ihn -in unsern Gemüsegarten setzen. Wir freuten uns stets, wenn wir dort -den dicken, wohlgenährten Kröten begegneten und sagten ihnen für ihre -freundliche Unterstützung im Kampfe gegen mancherlei Ungeziefer »danke -schön!« Später habe ich gelesen, daß englische und belgische Gärtner -den Nutzen der Kröten schon seit langer Zeit erkannt haben und daß -bei ihnen hier und da Kröten auf den öffentlichen Märkten feilgeboten -werden, um als Schutztruppe in den Gärten Verwendung zu finden. - -Unsre Kaltblüter haben eine große Menge _natürlicher Feinde_, -infolgedessen es ganz ausgeschlossen erscheint, daß Kriechtiere und -Lurche, selbst wenn wir ihnen jeden erdenkbaren Schutz gewähren -wollen, überhandnehmen könnten. Die gegen früher veränderten -Kulturverhältnisse, die sich nicht wieder zurückschrauben lassen, haben -die Lebensbedingungen unsrer Kaltblüter sehr ungünstig gestaltet, -und so wird es uns höchstens gelingen, einzelne seltene Arten, deren -Bestand gefährdet erscheint, vor dem völligen Untergang zu retten. Die -große Masse aber muß zusehen, daß ihre starke Vermehrung die Verluste -immer wieder ausgleicht, die ihnen so viele Feinde bringen. Die -_Eidechsen_ werden von den Schlangen verfolgt, von Raubvögeln, Krähen, -Würgern, von Reihern, Störchen, Haushühnern, von Marder und Wiesel, von -Igel, Dachs, Fuchs u. a., und fast all diese Eidechsenjäger sind auch -Feinde, oder besser Liebhaber der Schlangen. Selbst der _Kreuzotter_ -hilft ihr tödliches Gift nichts; sie wird vom Storch überwältigt, -ebenso vom Igel. - -Den _Lurchen_ geht es nicht besser wie den Kriechtieren; »alles, alles -will sie fressen!« Störche und Reiher, Bussarde, Krähen, Dohlen, -Elstern, Fischottern, Dachs, Wiesel, Iltis sind hinter ihnen her. Dazu -haben sie viele Feinde in ihren eignen Reihen und unter den Schlangen. -Die zarten Froschkeulen erfreuen sich auch im Tierreich vieler Verehrer. - -Natürlich bin ich weit entfernt, den genannten Lurch- und -Reptilienjägern einen Vorwurf zu machen. Sie sind es ganz gewiß nicht, -denen der Rückgang unsrer Kaltblüter zur Last fällt. _Den Menschen_ -trifft die _Schuld an der Verödung_ der Heimat, an der Vernichtung -ganzer Tiergeschlechter. Man vergegenwärtige sich nur, wie die -_Landwirtschaft_ heute jedes Winkelchen ausnutzt, die feuchten Wiesen -entwässert, die Feldgehölze und Hecken vielfach beseitigt. Sümpfe -werden ausgetrocknet und in Ackerboden verwandelt, Flußläufe geregelt, -daß das Wasser zwischen öden, geradlinigen Steinmauern in einer Rinne -dahinfließt; die Bäche werden ihrer natürlichen Ufervegetation beraubt, -Teiche, Flußarme und Altwässer zugeschüttet und die schönen Auenwälder -dem Untergange preisgegeben. Die _Forstwirtschaft_ begünstigt immer -mehr das Nadelholz, Kiefern und Fichten, wenigstens ist im Laufe -der Jahre an die Stelle so manches schönen Buchenbestandes, der -den Boden feucht hielt, einförmiges Fichtenholz getreten. Unter -all diesen Maßnahmen unsrer Zeit haben Lurche und Reptilien schwer -gelitten, schwerer noch als die Vogelwelt; ihrer versteckten Wohnsitze -sind sie beraubt worden. Die Vögel wandern aus, wo sie nicht mehr -ihre Lebensbedingungen finden; aber die Amphibien eines Sumpfes, -eines Teiches gehen samt ihrer Brut zugrunde, sobald das Gewässer -zugeschüttet wird. Die _Industrie_ ist unsern Tieren auch feindlich -gesinnt. Die Fabriken, die heute auch in das entlegenste Gebirgstal -vorgedrungen sind, verseuchen und vergiften fast jeden Graben, jeden -Bach; die Kläranlagen sind ja doch nicht imstande, dem Wasser seine -natürliche Beschaffenheit wiederzugeben. Ist's da ein Wunder, wenn die -Bewohner des fließenden Elements, die Amphibien, Fische u. a. immer -seltener werden, ja aussterben? - -In dem trocknen Sommer 1911 weilte ich in meiner Heimat an der -Freiberger Mulde. Das war kein Wasser mehr, was im Flußbett talab -floß, sondern ein Sammelsurium chemischer Lösungen, in denen kein -höheres Lebewesen sich hätte aufhalten können. Ein paar »Jungens« -kauerten am kahlen Uferrand und machten sich den Spaß, die Gasblasen -anzubrennen und explodieren zu lassen, die auf dem Wasser schwammen. -Es war just dieselbe Stelle, die mir vor vierzig Jahren als Jagdrevier -auf Ringelnattern so lieb war. Dann führte mich der Weg nach dem -Nachbardorf, in dessen Mitte ich den Dorfteich mit seiner reichen -Pflanzenwelt vergeblich suchte. Großstädtisch war alles geworden: -ein Promenadenplatz mit sein paar gußeisernen Bänken. Die Bauern -waren sehr stolz auf diesen Fortschritt der Kultur; mich aber stimmte -es traurig. Ich dachte an die Frösche und Unken, die einst die -Sommernacht mit ihrem Chor- oder Einzelgesang so reizvoll belebten, an -die Ringelnattern, die ehemals bei unserm Nahen sich von dem grünen -Uferrand hinab ins Wasser gleiten ließen, an die munteren Tritonen, die -an seichten Stellen hin und her schwammen, und an die Wasserkäfer, die -zwischen dem Entengrün ihre munteren Spiele trieben. Vergangen, vorbei! - -Der Leser wird sagen: das ist alles ganz schön, oder richtiger: das -ist alles sehr traurig, aber wir können daran nichts ändern. Wegen -der Salamander und Ringelnattern, der Frösche und Unken, die dabei -zugrunde gehen, wird sich der Landwirt nicht abhalten lassen, einen -Sumpf zu entwässern, eine feuchte Wiese trocken zu legen, wenn er's für -nötig oder vorteilhaft hält, und die Anlage von Fabriken kann auf die -Kleintierwelt erst recht keine Rücksicht nehmen. Wohin sollte solche -Rücksichtnahme auch führen? - -So meine ich das selbstverständlich auch nicht. Immerhin bin ich der -Ansicht, daß ein einzelner Grundbesitzer oder auch ein Gemeinwesen, -eine Behörde in allen Fällen recht eindringlich darüber nachdenken -sollte, ob es sich auch lohnt, solch eingreifende Veränderungen -der natürlichen Verhältnisse, wie sie die Trockenlegung eines -Sumpfes, eines Teiches zur Folge hat, herbeizuführen, und ob es -unbedingt nötig ist, gerade _den_ Graben zuzuschütten oder mit -Fabrikabwässern zu verseuchen, der schöne Molche und ein paar seltene -Fischchen beherbergt, auch im Kreise der Naturfreunde als Fundstätte -interessanter Wasserinsekten, Krebstierchen, Polypen usw. bekannt -ist. Oder ob es sich nicht vermeiden läßt, das kleine Feldgehölz -niederzuschlagen, ob die Weißdornhecke am Wege, das Gestrüpp am -steinigen Hang nicht erhalten werden kann. Dort wohnen Blindschleichen -und Eidechsen in frohem Verein; es wäre doch schade um diese -Kleintierwelt, wenn sie etwa nur einer plötzlichen Laune zum Opfer -fallen sollte. - -Vielleicht ließe sich auch auf _gesetzlichem_ Wege etwas für unsre -Kaltblüter tun. An das Vogelschutzgesetz habe ich oben erinnert. -Warum, so frage ich, gibt es nicht ein ähnliches Gesetz zum Schutze -der Reptilien und Amphibien? Ich sehe keinen Grund ein, diesen -Gedanken abzulehnen. Sie alle, die unter den heutigen Verhältnissen -so hart bedrängt werden, die Schlangen -- natürlich mit Ausnahme der -giftigen Kreuzotter -- die Eidechsen und Blindschleichen, die Kröten, -die Salamander und Teichmolche, die Laubfrösche und bis zu gewissem -Grade auch alle andern Frösche verdienen und bedürfen gesetzlicher -Maßnahmen, wollen wir sie unsrer Heimat erhalten. Und wenn es -vielleicht auch nicht an der Zeit ist, ein Reichsgesetz zu befürworten, -so könnten doch bereits jetzt einzelne Länder und Behörden mit gutem -Beispiel vorangehen und durch besondere Landesgesetze oder wenigstens -Polizeiverordnungen den Reptilien- und Amphibienjägern von Profession -das Handwerk genau so legen wie den Vogelstellern und Eierräubern. -Warum soll nur _der_ zur Verantwortung gezogen werden, der sich an -einem Vogel oder seiner Brut vergreift, während der Frevler, der eine -Kröte, eine Unke oder ihren Laich, eine Eidechse oder eine harmlose -Schlange lediglich aus Roheit vernichtet, frei ausgeht? - -Ich weiß es, daß gesetzliche Maßnahmen auf dem Gebiet des Naturschutzes -im allgemeinen wenig nützen. Aber unser Reichsvogelschutzgesetz -möchte heute doch kein einziger Naturfreund missen; es hat im Laufe -der Jahre durchaus segensreich gewirkt. Und so verspreche ich mir -auch von einem _Reptilien- und Amphibienschutzgesetz_ manches Gute. -Dabei wäre wohl zu erwägen, ob ein solches Gesetz nicht etwas mehr -Rücksicht auf die Terrarien- und Aquarienliebhaber nehmen könnte, als -unser Vogelschutzgesetz auf die Freunde der Stubenvogelpflege. Nur dem -Massenfänger und dem Händler müßte das Handwerk gelegt werden. - -Freilich, mehr als gesetzliche Bestimmungen helfen _Belehrung_ und -_vernünftige Erziehung_. Wer soll belehrt und erzogen werden? Natürlich -die Jugend. Aber nicht etwa nur von den Lehrern, sondern an erster -Stelle von den Eltern. Die _Schule_ hat es bereits bewiesen, daß es ihr -Ernst ist, die ihr anvertrauten Kinder zum Naturschutz zu erziehen. -Davon zeugen so manche Verordnungen und Maßnahmen der Schulbehörden, -die alle darauf zielen, in der Jugend die Liebe zur Heimat und die -Achtung vor der Natur und ihren Geschöpfen zu wecken und zu pflegen, -und davon zeugt in gleicher Weise die freundliche Stellung, welche die -gesamte Lehrerschaft in Dorf und Stadt, an Volksschulen wie an höheren -Schulen dem Naturschutzgedanken gegenüber von Anfang an eingenommen -hat. Ja viele, viele Lehrer sind für unsre Bestrebungen mit freudigster -Begeisterung eingetreten und haben sich im Kampfe für sie mit in -die vorderste Reihe gestellt. Einmal um der Sache selbst willen, -sodann aber auch, weil sie erkannt haben, eine wie hohe erzieherische -Bedeutung dem Heimat- und Naturschutz sowohl für den einzelnen Menschen -wie für unser ganzes Volk zukommt. - -Heute treibt der Lehrer naturgeschichtlichen Unterricht nicht -nur innerhalb des Schulzimmers, sondern er führt die Kinder oder -jungen Leute hinaus ins Freie, daß sie Pflanzen und Tiere in ihrer -natürlichen Umgebung beobachten, die _lebenden_ Wesen: die Blume am -Wegrand, die Blindschleiche am moosigen Boden, die Eidechsen an der -Geröllhalde, den Falter über der Wiese. Der trockene »beschreibende« -Naturgeschichtsunterricht, der sich mit der Betrachtung von Herbarien, -von ausgestopften Vögeln, von Spirituspräparaten aus dem Reich der -Kaltblüter, von aufgespießten Insekten begnügte, ist wohl für alle -Zeiten verlassen. Das Leben redet heute zur Jugend, und es lehrt, ohne -daß der Erzieher es nötig hat, viel Worte zu machen, Achtung vor der -Natur, vor jedem einzelnen Wesen, das ein Glied des Ganzen ist, und -damit auch Achtung vor der Gesamtheit der Schöpfung. Wenn es heute -scheinen will, daß die traurigen, tief beklagenswerten Verirrungen auf -diesem Gebiet, daß die Verrohung weiter Kreise unseres Volks, von der -man mit Recht spricht, damit nicht in Einklang zu bringen sind, so -glaube ich darin einen Trost finden zu dürfen, daß es sich nur um eine -Krankheitserscheinung handelt, die wohl überwunden werden kann. Möge -die Schule unentwegt auf dem eingeschlagenen Wege weiter schreiten! Es -ist der richtige, und er muß zum Ziele führen. - -Aber das _Elternhaus_ hat nicht gleichen Schritt gehalten. Wie -gleichgültig stehen doch die meisten Erwachsenen der heimatlichen -Tierwelt gegenüber, wenn es sich nicht gerade um ein Säugetier oder -einen Vogel handelt. Ja, Grauen und Furcht, Ekel und Abscheu flößen sie -ihren Kindern vor Schlangen, vor Kröten und Salamandern, vor Fröschen -und Kaulquappen und vor all dem »giftigen Gewürm« ein. Sie untergraben -damit die natürliche Zuneigung, die jedes unverdorbene Gemüt der -Tierwelt entgegenbringt, statt durch das eigene Beispiel das Interesse -der Kinder an den »Brüdern im stillen Busch, in Luft und Wasser« zu -pflegen und zu fördern. Da heißt es: »Was fällt dir ein, wirst doch den -ekligen Frosch nicht in die Hand nehmen!« oder: »Geh weg, dort sitzt -eine giftige Kröte!« oder: »Pfui, pfui, welch scheußliche Raupe, gleich -mach sie tot!« oder: »Eine Schlange! wie gut, daß ich die heimtückische -Otter mit dem Stock noch getroffen!« Wollte ich in gleichem Tone -fortfahren, so würde ich sagen: »Pfui Spinne, was sind das für -törichte, unwürdige, geschmacklose Redensarten Kindern gegenüber!« - -Die Kleinen, die anfangs wahllos jedes Tier in die Hand nehmen, -glauben es schließlich, was die Erwachsenen sagen; sie kreischen beim -Anblick einer Natter auf, sie graulen sich, den feuchtkalten Frosch -zu berühren und steinigen die unschuldige Kröte. »Wie die Alten -sungen, so zwitschern die Jungen.« Die Schule wird erst dann vollen -Erfolg haben, wenn die Eltern die Hand mit ans Werk legen. Häßliche, -ekelhafte Geschöpfe gibt es nicht. »Gott sahe«, sagt die Bibel in ihrer -schlichten Weise, »daß es gut war.« Und noch ein Bibelwort möchte ich -den Eltern zurufen; das lautet: »Werdet wie die Kinder!«, d. h. wie die -natürlichen, von eurer unvernünftigen Erziehung noch nicht verdorbenen -Kinder! - -Vor ein paar Jahren setzte ich einen vierzehnjährigen Bengel zur -Rede, der eben eine Ringelnatter in grausamer Weise getötet hatte. -In Glashütte war's, dem erzgebirgischen Städtchen. Der Junge kam -von der Wiese herein nach dem Marktplatz und trug die Schlange, in -eine Astgabel geklemmt, triumphierend vor sich her. Eine gröhlende -Kinderschar umgab ihn, so daß ich an den Anfang der Schillerschen -Ballade vom »Kampf mit dem Drachen« erinnert ward. Der Knabe sagte -natürlich, es sei eine giftige Schlange. Und dann berichtete er mir, -sein Vater habe gesagt, man müsse jede Schlange, der man begegne, -totschlagen, es könnte immer eine Kreuzotter sein. Die verstellten sich -manchmal. Genau dieselbe Ansicht haben mir gegenüber auch Erwachsene -geäußert, die ich wirklich für ein wenig verständiger gehalten hätte. -Man ist eben zu gleichgültig oder zu faul, sich die Merkmale unsrer -drei Schlangenarten einzuprägen, und schlägt nun alles tot, was einer -Kreuzotter ähnlich aussieht, selbst die so harmlose Blindschleiche. Ich -möchte auch wissen, wieviel Haselnattern alljährlich als Kreuzottern -an die Behörden eingeliefert und von diesen prämiiert werden. Erst -lerne man die drei Schlangenarten -- es handelt sich tatsächlich im -wesentlichen nur um drei Arten -- sicher unterscheiden, und dann, -meinetwegen, töte man die Kreuzotter, wenn man eine solche antrifft. - -Jene Kinderschar, von der ich erzählte, habe ich natürlich über das -begangene Unrecht belehrt und jedem einzelnen Kind die Merkmale der -unschuldigen Natter genau eingeprägt. Selbst die größeren Jungen -gingen hierauf still und beschämt davon. Einem kleinen blondlockigen -Mädchen aber standen die Tränen im Auge; es weinte über den Tod dieser -Schlange, genau wie es über ein verendetes Vöglein geweint haben würde. - - * * * * * - -Schlangen leben in allen Zonen der Erde; selbst in dem kalten Lappland -kommt die Kreuzotter noch bei 67° n. Br. vor, und überall werden diese -Reptilien vom Menschen gefürchtet, gehaßt und verfolgt; denn wo -immer Schlangen sich finden, da gibt es unter ihnen neben harmlosen -Geschöpfen auch tückische Wegelagerer, die den offenen Kampf scheuen -und ihrem Opfer aus dem Hinterhalt mit vergiftetem Dolch auflauern. -Namentlich in den heißen Ländern ist die Zahl der Giftschlangen sehr -groß; aber selbst in Europa leben 6 oder 7 Arten, von denen für -Mitteleuropa nicht weniger als 4 in Betracht kommen. - -Freilich nur die _Kreuzotter_ erfreut sich in unserm Vaterlande -allgemeiner Verbreitung. Ihr ist jede Örtlichkeit recht, wo sie Wärme -und Nahrung findet. Nur dem Innern großer, dunkler Wälder, die kaum -einen Sonnenstrahl durchlassen, bleibt sie fern, auch der sumpfigen -Wiese, die ihr kein trocknes Plätzchen bietet. Die andern drei, -viel selteneren Giftschlangen aber haben ihr Heim weiter südlich -aufgeschlagen, die ursinische Viper in Niederösterreich, die Sand- und -die Aspisviper namentlich in Südtirol. - -Aber selbst wenn Europa als einzige Giftschlange lediglich die -Kreuzotter beherbergte, ja wenn diese, wie es für manche deutsche -Landschaft gilt, überall außerordentlich selten wäre, ich glaube -die Schlangenfurcht unter uns Mitteleuropäern würde doch ebenso -allgemein verbreitet sein. Der gute Ruf einer Familie wird eben nur -zu leicht durch ein aus der Art geschlagenes Mitglied untergraben; -die andern müssen darunter mit leiden, in unserm Falle die giftlose -Ringel- und Haselnatter und selbst die ganz harmlose schlangenähnliche -Blindschleiche. Überall bringt man diesen Kriechtieren Mißtrauen -entgegen, und die Furcht vor dem »Otterngezücht« ist ganz allgemein. - -Auf Grund eigner Erfahrungen muß ich nun aber der Ansicht, die -_Schlangenfurcht_ sei dem Menschen _angeboren_, ganz entschieden -_widersprechen_. Ich habe darüber schon berichtet, sowohl in den -von der »Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen« -herausgegebenen »Vorträgen und Aufsätzen« wie im »Kosmos«. Führe -ich ein kleines, etwa drei- oder vierjähriges Kind ruhig an eine -Schlange heran, an eine Ringelnatter, die durch's Gras schlüpft, an -eine Haselnatter, die sich am steinigen Hang sonnt, so ist von einer -angeborenen, instinktiven Furcht des Kindes vor dem Reptil nicht das -geringste zu spüren. Im Gegenteil, das kleine Menschenkind betrachtet -das ihm bisher unbekannte Geschöpf mit dem größten Interesse. Ja, fasse -ich die Natter und bringe sie dem kindlichen Beschauer ganz nahe, so -bedarf es kaum noch des Zuredens, das Kinderhändchen greift nach ihr -und betastet das glatte Schuppenkleid; selbst vor der beweglichen Zunge -der Schlange weicht es nach einem Weilchen nicht mehr zurück. Dabei -muß ich selbstverständlich voraussetzen, daß das Kind seine natürliche -Unbefangenheit noch bewahrt hat, daß es nicht bereits Zeuge ward von -dem törichten Aufkreischen erwachsener Personen, mit dem gewöhnlich -eine Schlange, die sich 'mal zeigt, eine Blindschleiche oder Eidechse -begrüßt wird. Ich habe mehrfach derartige Versuche angestellt. Kam es -einmal zum Schreien, so trug entweder meine eigne Ungeschicklichkeit -die Schuld, oder besonders heftige Bewegungen der Natter, ein weites -Aufreißen ihres Mundes, ein unheimliches Zischen schüchterten den -kleinen Naturforscher ein. Einer jungen Katze oder einem Kaninchen -gegenüber verhält sich das Kind nicht anders. - -Wenn man mir aber entgegnet, mein eigenes ruhiges Verhalten, ja -meine bloße Gegenwart habe die Kleinen ermutigt, ihre angeborene -Schlangenfurcht zu überwinden, so antworte ich, daß es mit einem -sogenannten ursprünglichen Instinkte nicht weit her sein kann, wenn -er durch solch einfache Mittel zu überwinden, ja in sein Gegenteil -umzuwandeln ist. Auch kann ich noch folgendes Erlebnis berichten. -An einem sonnigen Maimorgen beobachtete ich ein mir bekanntes, etwa -vierjähriges Mädchen, an einem Abhang kauernd, wo es um diese Zeit -von Eidechsen geradezu wimmelte. Das Kind bemerkte mich nicht. -Seine ungeteilte Aufmerksamkeit war auf die grünschillernden Echsen -gerichtet, die aus ihren Löchern hervorkamen, um im Sonnenschein zu -spielen. Die Kleine griff nach den flinken Tierchen, sie zu fangen, was -ihr freilich niemals gelang, und laut jauchzte sie auf in heller Freude -an dem neckischen Spiel. Kein Zweifel, mit Kreuzottern oder Skorpionen -hätte sich das Kind ebenso lustig unterhalten. - -Aber auch an meine eigne Jugend darf ich erinnern, bin ich doch -gewissermaßen unter Schlangen aufgewachsen. Ringelnattern waren im -Frühjahr und Sommer meine täglichen Spielgenossen; sie bewohnten in -großer Anzahl die Uferränder des Bächleins, das durch unsern Garten -floß. An warmen Sommertagen sah man mich selten ohne solches Reptil, -oft in jeder Faust eine Schlange, wie Herkules, zum Entsetzen meiner -lieben Mutter. Aber erwürgt hab ich sie nicht -- die Schlangen nämlich. -Daß ich selbst Erwachsenen mit meinen Freunden Furcht einjagen konnte, -machte mir Spaß, um so mehr als ich solch törichte Angst nicht begriff. -Mein Vater hatte durch die ruhig verständige Art, wie er mit dem Kinde -alles, was kriecht und fliegt, voll Teilnahme betrachtete und besprach, -mich vor jeder Ansteckungsgefahr durch abergläubische Personen zu -hüten gewußt, und bald war ich einsichtsvoll genug, daß mir die -Schlangenfurcht anderer nichts anhaben konnte. _Anerzogen_ ist diese -Furcht, _nicht angeboren_, das behaupte ich aus vollster Überzeugung. - -Man redet von dem Paradies der Kindheit. Ins Paradies aber gehören -Tiere, und mit allen ist das Kind gut Freund. Indessen, die Erwachsenen -sind es, die solch paradiesisches Verhältnis unsrer Kinder zur Tierwelt -oft in unverantwortlicher Weise stören, die natürliche Teilnahme der -Kleinen zu allem, was kriecht und fliegt, untergraben, vielleicht ohne -daß sie es wollen und wissen. Wenn etwas dem Menschen angeboren ist, so -ist's nicht die Furcht vor gewissen Tieren, sondern im Gegenteil die -_Zuneigung zu allen Geschöpfen_, eine Tatsache, die in wirklich rührend -naiver Weise in der Schöpfungsgeschichte der Bibel zum Ausdruck kommt, -wo erzählt wird, daß Gott alle Tiere auf dem Felde und alle Vögel unter -dem Himmel zum ersten Menschen brachte. Freilich gleich hinter dieser -lieblichen Erzählung steht das böse, an die Schlange gerichtete Wort -des Schöpfers: »Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe, -zwischen deinem Samen und ihrem Samen.« Kein Zweifel, dieses Wort -des zürnenden Gottes trägt ein gut Teil Schuld an der übertriebenen -Schlangenfurcht, die selbst in unsern Tagen noch so viele Gemüter -beherrscht. - -Die _Kreuzotter_ -- es kann nicht oft genug wiederholt werden -- ist -die einzige Giftschlange in unsrer Heimat. Sie kann auch dem Menschen -gefährlich werden; doch gehören Unglücksfälle zu den seltenen -Ausnahmen, und gestorben ist infolge eines Kreuzotterbisses, so viel -ich weiß, in dem letzten halben Jahrhundert in Sachsen überhaupt -niemand. Eine gewisse Vorsicht, besonders an Waldrändern, sonnigen -Hügeln ist anzuraten, wenn man sich auf den Boden niederläßt; auch -vor dem Barfußgehen an solchen Stellen ist zu warnen. Aber man soll -auch nicht übertrieben ängstlich sein und durch solche Angst sich den -Genuß an der Natur beeinträchtigen lassen. Am wenigsten aber soll -man vor jeder Schlange Reißaus nehmen. Die Kreuzotter flieht, sobald -sie den Menschen bemerkt; nur wenn sie überrascht wird und keinen -andern Ausweg weiß, sucht sie sich zu verteidigen. Man präge sich doch -die Artmerkmale der Kreuzotter ein. Ihre Länge beträgt etwa 50 bis -60 ~cm~; jedenfalls ist eine Schlange, die gegen 1 ~m~ mißt, nie eine -Kreuzotter. Die Färbung kann recht verschieden sein; grau, braun oder -olivenfarben ist der Grundton. Die eigentümliche dunkle Zackenlinie, -die längs des ganzen Rückens hinläuft, hebt sich mehr oder minder gut -ab; sie besteht aus aneinanderstoßenden Rhomben. Die Unterseite ist -niemals hell oder auffallend gezeichnet. Der eigentliche Schwanz, -der sich ziemlich deutlich vom Körper absetzt, ist sehr kurz, nur -etwa 1/8 oder 1/10 der Gesamtlänge. Die Bewegungen der Otter sind -langsam, lassen auch die geschmeidigen Wendungen vermissen, die wir -an den Nattern bewundern. Jede einzelne Schuppe trägt längs der Mitte -eine kielartige Erhöhung im Gegensatz zu den ganz glatten Schuppen -der Haselnatter. Mit der bedeutend größeren _Ringelnatter_ kann man -die Kreuzotter nicht verwechseln. Deren Oberseite ist blaugrün oder -grünlichgrau gefärbt, die fast schwarzen Schilder der Bauchseite sind -weiß eingefaßt. Das untrüglichste Merkmal dieser Natter bilden aber die -beiden gelben oder weißlichgelben Halbmondflecken hinter dem Kopfe. - -Wenn behauptet wird, auch die _Kröten_ seien giftig und sie -schleuderten ihrem Feinde, dem wirklichen oder dem vermeintlichen, aus -ihren Hautdrüsen einen giftigen Saft entgegen, so ist dies eine falsche -Vorstellung. In der Angst spritzt die Kröte Urin aus, der übel riecht, -im übrigen aber ganz wirkungslos bleibt. Man muß den Lurch schon -kräftig anfassen, ehe er aus seinen Drüsen die so gefürchtete ätzende -Flüssigkeit fahren läßt. Aber auch diese ist dem Menschen gegenüber -ganz harmlos, höchstens daß sie an zarten Stellen die Haut etwas -rötet, und nur derjenige, der sich sehr viel mit Kröten beschäftigt, -wird über unangenehme Wirkungen dieses Saftes, aus dem der Chemiker -allerdings stark wirkende Giftstoffe herstellen kann, zu klagen haben. -Ähnlich verhält es sich mit dem _Feuersalamander_, der ja auch als -giftig beim Volke verschrien ist. Überhaupt glaubt der gemeine Mann, -je bunter und auffallender die Farben solch eines Kaltblüters leuchten -und glänzen, um so giftiger sei das Tier, und er hält deshalb z. B. das -grünschillernde Männchen der Zauneidechse für viel gefährlicher als das -einfacher gefärbte Weibchen. Daß solch Merkmal bei der Kreuzotter gar -nicht stimmt, macht keinem das Herz schwer. »Die Kreuzotter ist eine -Schlange, und die Schlangen sind ohne Ausnahme giftiges Otterngezücht!« -so heißt es ganz allgemein. - -Wollen wir unsre kaltblütigen Wirbeltiere der Heimat erhalten, -so kommt es an erster Stelle darauf an, solchen und ähnlichen -Aberglauben, der sich aus dem dunkelsten Mittelalter bis in unsre Tage -herübergerettet hat, endlich einmal auszurotten. Hierbei sollte uns -neben der Schule auch das Haus unterstützen. Außerdem aber erwachsen -den _Aquarien-_ und _Terrarienvereinen_ manche dankbaren Aufgaben. Wie -man Vogelschutzgebiete eingerichtet hat, so lassen sich auch Maßnahmen -treffen, die den Schutz der Kriechtiere und Lurche an bestimmten, -vielleicht nur eng begrenzten Örtlichkeiten bezwecken. Selbst ein -kleiner Verein, dem bloß geringe Mittel zur Verfügung stehen, könnte -einen steinigen, unfruchtbaren Berghang oder auch nur eine Schutthalde -erwerben, wo Eidechsen und Schlangen ihre Wohnung aufgeschlagen haben, -ebenso einen Tümpel, einen Wassergraben, einen kleinen Teich, der von -Unken und Fröschen, von Tritonen und Molchen belebt wird. Hier könnten -die Mitglieder des Vereins ihre schützende Hand über diese Tiere -halten. In vielen Fällen würde es auch genügen, einen Pachtvertrag -auf längere Zeit abzuschließen oder den Besitzer gegen eine geringe -Abfindungssumme zu verpflichten, alle Veränderungen innerhalb des -Schutzgebiets zu unterlassen, welche die Daseinsbedingungen der -schutzbedürftigen Kleintierwelt schmälern könnten. - -Namentlich wenn es sich um besondere _Seltenheiten_ handelt, sollte -man sich der bedrohten Tiere annehmen. Zu solchen Seltenheiten, ja -schon zu den eigentlichen Naturdenkmälern gehören die Sumpfschildkröte, -die Würfel- und Äskulapnatter, die Smaragd- und die Mauereidechse, -die Bergunke, die Geburtshelferkröte u. a. Sind es doch nur ganz -wenig Örtlichkeiten in Deutschland, die als Fundstätten des einen -oder des andern der genannten Kaltblüter in Betracht kommen. So -ist die Sumpfschildkröte außer in Westpreußen und den benachbarten -Gebieten nur noch im Regierungsbezirk Lüneburg, an der Unterweser, -in Schleswig-Holstein, in der Altmark, im Braunschweigischen und -in Schlesien an ganz wenig Orten bekannt. Die Äskulapnatter kommt -vereinzelt im Taunus und bei Passau vor, die Würfelnatter hat man -in der Meißner Gegend und an der Nahe angetroffen, die herrliche -Smaragdeidechse am Oberrhein und bei Passau, während es sich bei -verschiedenen preußischen Fundstellen wahrscheinlich nicht um ein -ursprüngliches Vorkommen handelt. Und so lassen sich bei einer -ganzen Reihe von Kriechtieren und Lurchen die wenigen Angaben über -ihre Wohnstätten in Deutschland an den Fingern einer Hand aufzählen. -Mag es auch wahrscheinlich, ja sogar sicher sein, daß diese Angaben -Lücken aufweisen, so viel steht jedenfalls fest, daß die genannten -Tiere über kurz oder lang ganz aus unsrer Heimat verschwinden werden, -wenn sich nicht Naturschutz-, Aquarien- und Terrarienvereine, sowie -Einzelliebhaber der hart Bedrängten tatkräftig annehmen. Auch durch -behördliche Verordnungen läßt sich wohl manches erreichen. - -_Die Erhaltung der heimatlichen Tierwelt_ muß das gemeinsame Ziel aller -Naturfreunde sein. Die verschiedensten Wege führen dahin. Möge selbst -den gefürchteten Schlangen und den verachteten Kröten gegenüber solche -Aufforderung eine freundliche Aufnahme finden! Es handelt sich um eine -ideale Aufgabe, um - - _Schutz den Schutzlosen_! - - - - -Sechsbeinig, achtbeinig und ohne Beine - - -Auch unter der niederen Tierwelt haben wir gute Bekannte und liebe -Freunde. Freilich weniger die Erwachsenen, als die Kinder. Jene -wenden sich meist mit Abscheu oder lächerlichem Widerwillen von dem -»Insektengesindel, dem Spinnengezücht und all dem Gewürm« ab -- -unnützes Ungeziefer, zu nichts anderem auf der Welt, als die Menschen -zu ängstigen und zu quälen, vom bösen Feind erschaffen, der ja auch das -Unkraut zwischen die Fruchthalme der Felder gesät hat -- während die -Kinder diesen Geschöpfen viel näher stehen. Ihr Verhältnis zu ihnen ist -weit inniger, ursprünglicher, noch ungetrübt durch den Verstand, der -immer nur Nutzen und Schaden berechnet, einzig in einem tiefen, wahren, -natürlichen Gefühl wurzelnd. Solange das Kind von dem albernen Gerede -der Erwachsenen noch verschont geblieben ist, sieht es in jedem Tier, -auch dem geringsten, ein ihm bis zu gewissem Grade verwandtes Wesen, -etwas Beseeltes, das gleich ihm empfindet. In Einfalt ahnt es den Sinn -der Dichterworte: - - »Aber du Frühlingswürmchen, - Das grünlichgolden neben mir spielt, - Du lebst und bist vielleicht - Ach, nicht unsterblich?« - -eine Frage, die der Erwachsene nur mitleidig belächelt. Ohne Scheu -nimmt das Kind den Käfer, die Raupe, die Spinne, die Schnecke, -den Regenwurm in die Hand, freut sich an ihren Bewegungen, stellt -allerlei Fragen an sie und läßt sich von seinen Freunden erzählen. -Die geschmacklosen Redensarten, wie: »eklige Raupe« oder »pfui, -die häßliche Spinne!« verdanken gewiß nicht einem Kindermund ihre -Entstehung. - -Unter den Käfern spielt natürlich der »_Sohn des Mai's_« bei unsrer -Jugend eine hervorragende Rolle. Sobald die Birken ihre schwanken -Hängeruten mit zartem Grün übersponnen haben, ziehen die Buben mit -durchlöcherten Pappkästen oder Zigarrenkisten in den Wald, um die -braunen Gesellen von den Bäumen zu schütteln und nach Hause zu bringen. -Habe es auch nicht anders getrieben -- selige Kinderzeit, wo man sich -reich fühlte, wenn man ein paar Dutzend Maikäfer sein eigen nannte! - -Wir spielten mit ihnen nach Herzenslust. Sie mußten seiltänzern, einen -kleinen Wagen oder Schlitten ziehen; auch als Handelsartikel waren sie -hochgeschätzt, besonders die mit rotem Brustschild, die »Franzosen«. -Später freilich, wenn die Käfer matt und langweilig wurden, war es aus -mit der Freundschaft, und wir warfen sie den Hühnern vor. - -In manchen Jahren traten die Maikäfer so massig auf, daß sie auch -uns Kindern zuwider wurden, und wenn wir die Verheerungen sahen, die -sie anrichteten, wie sie die jungbelaubten Eichen ganz kahl fraßen -und unsre Stare mit den Übeltätern nicht mehr fertig werden konnten, -zogen auch wir gegen sie zu Felde, genau so wie im Sommer 1922 die -Schuljugend den Kampf gegen die Nonne geführt hat. - -Andre Käfer erfreuten sich unsrer dauernden Liebe und Teilnahme. Der -goldig-grün glänzende _Rosenkäfer_, wie er mitten in der duftenden -Zentifolie sitzt, von deren zarten Blättchen er speist, war unser -Entzücken; wir hätten ihm ebensowenig ein Leid zufügen können wie -den verschiedenen _Marienkäferchen_ oder Sonnenkälbchen, die uns für -heilige Tiere galten. - -Auch der seltene _Puppenräuber_ war unser Stolz, nicht weniger so -mancher _Bockkäfer_ -- der kraftvolle Weberbock mit den lederartigen -Flügeldecken, der große Eichenbock, der zierliche Zimmerbock mit seinen -riesigen Fühlern -- alle Kameraden beneideten uns um unsern Besitz, -an dem wir uns doch nur ein paar Tage erfreuten. Ich schenkte den -Gefangenen, wenigstens damals, als ich noch keine Käfersammlung besaß, -die Freiheit bald wieder. Die Schädlinge zu töten, das kam mir nicht in -den Sinn. - -Längere Zeit, ja wochenlang hielten wir die Riesen der deutschen -Käferwelt, die _Hirschschröter_, in Gefangenschaft; mit Zuckersaft, den -sie sehr gern lecken, fristeten wir ihr Leben. In das Aquarium, das -mit Teichmolchen besetzt war, brachten wir allerlei _Schwimmkäfer_, -den Gelbrand, den pechschwarzen Wasserkäfer, den kleinen Taumelkäfer. -Wir freuten uns an ihrem lebhaften Treiben, bis wir die raubgierige -Gesellschaft, die uns die Molche und die kleinen Fischchen anfraß, -verbannen mußten. Auch die Wasserläufer, die wie auf Schlittschuhen -über das Gewässer hingleiten, erregten unsre besondere Aufmerksamkeit. - -Das höchste Entzücken haben mir aber die _Leuchtkäfer_ bereitet, die -»Johanniswürmchen«, wie wir sie nannten. Ich war schon mindestens zehn -Jahre alt, als ich das Wunder der fliegenden Funken in einer warmen, -gewitterschwülen Sommernacht zum erstenmal anstaunen durfte. Es steht -mir der Augenblick unvergeßlich im Gedächtnis, wo solch geheimnisvolle, -dem Kinde bisher völlig fremde Wunderwelt mich umgab: leuchtende -Funken, die man in die Hand nehmen konnte, ohne sich zu verbrennen, -ein »Feuerzauber«, der mich völlig in seinen Bann zog. Noch heute sind -mir die Leuchtkäfer, die so still durch das nächtlich-dunkle Gesträuch -ziehen oder wie leuchtende Lämpchen am Boden ruhen, ein geheimnisvolles -Wunder, das mich immer wieder beglückt. - -Mit den Jahren erwachte natürlich der _Sammeltrieb_ in mir; wir Jungen -spornten uns gegenseitig an und wetteiferten miteinander. Die in der -Äthernarkose getöteten und dann sauber aufgespießten und in dem Kasten -systematisch angeordneten Käfer haben mir große Freude bereitet. Ich -darf wohl sagen, vieles habe ich dabei gelernt, in der Hauptsache aber -doch nur dadurch, daß ich mir selber die Sammlung anlegte. Einige -seltenere Prachtstücke, die ich später erwarb oder die mir geschenkt -wurden, sagten mir wenig, wie mir denn allezeit die _lebenden_ Insekten -beredtere Lehrmeister gewesen sind, als ihre toten, in Reih und Glied -aufgestellten Leiber. Und so bin ich denn heute von Käfersammlungen -in der Hand von Kindern kein besonderer Freund; in den meisten Fällen -kommt nicht viel dabei heraus. Der Feuereifer, mit dem die Sache -begonnen wird, flaut oft schon im ersten Jahre ab, und bald steht die -kleine Sammlung unbeachtet in einem Winkel. - -Wo man aber doch einem Jungen, der sich für die Kleintierwelt unsrer -Heimat besonders interessiert, gestattet, sich eine derartige Sammlung -anzulegen, da sollte das Eltern- und Erzieherauge darüber wachen. -Sonst geht es ohne Tierquälerei und Versündigung an der Natur nicht -ab; denn es liegt auf der Hand, daß es auch der jugendliche Sammler -sehr bald hauptsächlich auf Seltenheiten abgesehen hat, die ihm, wenn -er seine eignen Bedürfnisse befriedigt hat, als Austauschobjekte gegen -andre Seltenheiten wertvoll sind. Keinesfalls darf das Sammeln zum -Selbstzweck werden; die _Beobachtung des lebenden Insekts in freier -Natur_ muß immer die Hauptsache bleiben. - -Ein Junge, der sich auf den Totengräber, den Ameisenlöwen, den -Goldschmied stürzt und nur daran denkt, die Tiere in die Ätherflasche -zu stecken, um sie daheim der Sammlung einzuverleiben, der bringt -sich um das beste Teil. Beobachte die Totengräber in ihrer bunten -Livree, die Aaskäfer im dunkeln Trauergewand bei ihrer Arbeit, wie -sie herbeirennen oder herbeifliegen, wenn sie den Leichnam eines -Vogels oder eines kleinen Säugetiers aus der Ferne gewittert haben, -wie sie die Erde unter dem toten Körper wegscharren und ihn gleichsam -begraben, damit die Larven, die später den Eiern der geschäftigen Käfer -entschlüpfen, sogleich Nahrung finden. Beobachte die Laufkäfer, wie sie -einen Wurm, eine Kerbtierlarve überfallen, den Ameisenlöwen, wie er -mit gehobenem Kopf und geöffneter Kieferzange in seinem Sandtrichter -sitzt und auf einen Fang lauert, die Schnell- oder Springkäfer -- -»Schmiede« sagten wir Kinder -- wie sie, lebendige Stehaufchen, so -lustig emporschnellen, um aus der Rückenlage wieder auf alle Sechse -zu kommen, die grünen Sandkäfer, wie sie auf dem öden Ufergelände -stoßweise vor dir auffliegen, oder die scharlachroten Lilienhähnchen, -die durch Aneinanderreiben der Hinterleibsringe gegen die Flügeldecken -eine so seltsam piepende Musik erzeugen, -- und du hast mehr erlebt, -als dir die Sammlung zu geben vermag. - -Die Kinder, die so glücklich sind, sich viel in freier Natur tummeln -zu dürfen, werden mit den Eigentümlichkeiten der genannten und noch -vieler anderer Kerbtiere sehr bald bekannt sein. Der seltsame Ölkäfer, -»Maiwurm« hieß er bei uns, aus dessen Beingelenken ein gelber, öliger -Saft tritt, die »spanische Fliege«, die sich zu Zeiten massenhaft -auf Eschen und andern Bäumen einfindet, die Rüsselkäfer mit ihrem -igelähnlichen Gesicht und dem stahlharten Chitinpanzer, die metallisch -glänzenden Erdflöhe u. v. a.: sie alle sind selbst dem kleinen Kind -gute Freunde. Aber doppelt glücklich die Kleinen, wenn sie sehen, -daß auch die Erwachsenen ihren Lieblingen Teilnahme entgegenbringen! -Wie leicht ist es doch, die jugendlichen Beobachter auf diese oder -jene Eigentümlichkeit ihrer sechsbeinigen Spielkameraden hinzuweisen, -ihnen allerlei Geschichten aus deren Leben zu erzählen und ihnen so -immer mehr Liebe zur Natur und zugleich Achtung vor allen Werken der -Schöpfung einzuflößen. Gerade an dieser Achtung und Ehrfurcht fehlt -es nicht selten! Vielleicht auch ist es mehr Neugier und Spieltrieb, -als Mutwille und Zerstörungssucht, wenn Kinder sich der wehrlosen -Insektenwelt gegenüber allerlei Grausamkeiten zu schulden kommen -lassen; durch ein gutes Wort, einen Hinweis auf das Wunderwerk der -Natur, das sich auch im unscheinbarsten Lebewesen offenbart, kann viel -Unheil verhütet werden, Unheil, das weniger die Schöpfung bedroht, als --- die Kindesseele. - -Auch _Schmetterlinge_ habe ich in großer Anzahl gesammelt, nachdem ich -die Kunst erlernt hatte, sie auf dem Spannbrett zu präparieren, daß sie -dann im Sammelkasten mit ausgebreiteten Flügeln ihre ganze Farbenpracht -zeigten. Damals als Kind sah ich mich auf dem Lande von einem Reichtum, -einer Mannigfaltigkeit an Groß- und Kleinschmetterlingen umgeben, daß -mir die Artenzahl unerschöpflich schien. Heute ist das anders geworden, -namentlich in der Nähe der Großstädte. Eine Verarmung an Faltern ist -eingetreten, die ich tief beklage; denn gerade die leichtbeschwingten, -bunten »Sommervöglein« sind es, die eine Landschaft aufs reizvollste -beleben, wenn sie in großen Scharen über der Wiese ihr anmutiges Spiel -treiben, von einer Blume zur andern gaukeln, sich haschen, ausgelassen -herumwirbeln, hoch in die Lüfte steigen und dann schnell wieder -herabflattern, um sich auf dem Blütenstern niederzulassen, der ihnen -Nahrung verspricht. Farbe, Bewegung, Leben -- ewig schade, daß wir -heute so selten Gelegenheit haben, uns solcher Anmut zu erfreuen! - -Gewiß, auch vor einem halben Jahrhundert waren manche -Großschmetterlinge in meiner Heimat ziemlich selten, und nicht jeden -Tag flog mir ein Segelfalter ins Netz oder ein Schwalbenschwanz, und -wenn es uns gelang, manche größere Schwärmer oder Eulen, Liguster- -oder Wolfsmilchschwärmer oder gar ein rotes Ordensband mit Hilfe -von Apfelschnitten, auf die viele Nachtfalter sehr lüstern sind, zu -erbeuten, so waren wir glücklich. - -Aber heute fehlen vielerorts auch solche Falter, die früher zu den -gewöhnlichsten Erscheinungen gehörten. Den Schmetterlingsraupen -mangelt es hier an den zur Entwicklung nötigen Nahrungspflanzen. -Wir sagten es schon: man nützt jedes Winkelchen aus und duldet kein -Unkraut; das Saatgetreide ist viel reiner geworden, und gewiß ist auch -die künstliche Düngung dem Entwicklungsgang mancher Falter höchst -nachteilig. - -Mich verdrießt es, wenn ich Jungen mit Schmetterlingsnetzen durch -die Wiesen rennen sehe: Raubzüge gegen die Natur, aus denen nichts -Ersprießliches entspringt -- in den meisten Fällen wenigstens. Nicht -übertriebene Empfindsamkeit ist es, die mich dies absprechende Urteil -fällen läßt; die Natur ist auch grausam, und dem Schmetterling wird's -gleich sein, ob er im Rachen einer Eidechse endigt, im Schnabel einer -nächtlichen Eule oder in der Äthernarkose des Sammlers. Es sind auch -kaum pädagogische Gründe -- wie verhärtet müßte mein Herz Pflanzen und -Tieren gegenüber geworden sein, wenn Schmetterlings- und Käfersammeln, -wenn Pflanzenpressen das Gemüt verrohen müßten -- nein, Schutz der -Natur ist es, wozu ich nicht eindringlich genug mahnen kann. - -Die Zeiten haben sich eben geändert, wollte auch nur ein kleiner -Bruchteil unsrer Schuljungen sich eine Schmetterlingssammlung anlegen, -so wäre es bald vorbei mit den bunten Faltern, und nur noch Weißlinge -würden in unsern Gärten flattern. Auch die Schulen sollten Maß halten -im Sammeln von Seltenheiten; einige häufiger vorkommende Vertreter der -einzelnen Gattungen und Familien genügen vollkommen. Eine Schulsammlung -soll kein Museum sein. - -Die Falter im Sammelkasten zeigen wohl ihr buntes Farbenkleid, aber -ihr Leben und Treiben kannst du doch erst in freier Natur kennen -lernen, ja selbst die Bedeutung der Farben und ihre verschiedene -Verteilung auf Vorder- und Hinterflügel bei Tag- und Nachtfaltern wirst -du erst begreifen, wenn du die leichtbeschwingten Geschöpfe in ihrer -natürlichen Umgebung beobachtest, wie sie ihre bunte Herrlichkeit -uns zeigen und dann plötzlich dank ihrer Schutzfärbung unserm Auge -entschwinden. - -Viel wertvoller als Schmetterlinge zu sammeln erscheint es mir, wenn -unsre Jugend sich mit der Aufzucht von Raupen beschäftigt und dann die -Falter, die den Puppen entschlüpfen, freiläßt. Die Knaben und Mädchen -lernen dabei gar manches und haben dann draußen im Freien, wenn sie -einen Schmetterling sehen, noch die besondere Freude, möglicherweise -einem guten Bekannten, der ihrer Zucht entstammt, begegnet zu sein. - -Viele Feinde unter den Menschen haben die _Spinnen_; selbst der -weitverbreitete Glaube, daß Spinnen Glück bringen, hilft ihnen nur -wenig. Auch diese interessanten Tiere zu beobachten, findet sich oft -für Kinder Gelegenheit, die auch von dem Erzieher wahrgenommen werden -sollte: die Kreuzspinne, wie sie ihr kunstvolles Netz baut, an dessen -Fäden sie eiligst dahinrennt, ohne sich zu verstricken, wie sie aus -ihrem Versteck hervorschießt, die Fliege packt, die ins Netz geraten -ist, und sie umspinnt, oder der seltsame Weberknecht, der »Kanker«, -wie er tagsüber in einem staubigen Winkel sitzt und gegen Abend seine -acht lächerlich langen Beine in Bewegung setzt, um auf die Jagd nach -winzigen Insekten und Spinnen zu gehen, oder die Wasserspinne, die -sich gut im Aquarium beobachten läßt; an den Wasserpflanzen spinnt -sie sich einen Wohnraum, einer Taucherglocke vergleichbar, von wo sie -hervorschießt, sobald ein kleines Wasserinsekt in die Nähe kommt. -Überhaupt das Aquarium -- in Schule und Haus gibt's kaum ein besseres -Anschauungs- und Erziehungsmittel! Tag für Tag ein unversiegbarer Born -der Belehrung. - -Daneben natürlich die Beobachtung in freier Natur, die niemals fehlen -darf. Durch den Garten, der zu meinem Elternhaus gehörte, floß ein -klares Bächlein. Nur wer selbst an solch einem Gewässer aufgewachsen -ist, vermag zu beurteilen, was das für ein empfängliches Kinderherz -bedeutet. Die hübsch gepunkteten Forellen wurden belauscht, wie sie -unbeweglich im Wasser »stehen« und dann blitzschnell davonschießen; -den Krebsen stellten wir nach, die in den Uferlöchern ihre Wohnung -hatten, gleich neben der Wasserratte; die seltsamen »Hülsenwürmer«, -die ihren weichen Hinterleib in einem Köcher bergen, den sie -aus Pflanzenstengeln, Schneckenhäuschen, Steinchen gar zierlich -zusammenfügen, erregten unser Interesse, wie die »Rattenschwanzlarven« -der Schlammfliegen und die Larven und Puppen der Stechmücken, die zu -Tausenden in einer Pfütze neben dem Bach ihrer weiteren Entwicklung -entgegensahen. Rückenschwimmer und Wasserläufer, Larven der blauen -Libellen und Eintagsfliegen, Schlammschnecken mit ihrem spindelförmigen -Haus und Tellerschnecken -- »Posthörnchen« nannten wir sie -- es ist -nicht möglich, all meine Jugendfreunde hier aufzuzählen. - -Viel Freude hatte ich als Kind an _Schneckenhäusern_. Eine kleine, -nette Sammlung, die ich mir damals anlegte. Die niedlichen Gebilde sind -oftmals so hübsch gezeichnet, und so mannigfaltig ist die Färbung auch -bei derselben Art, daß man immer wieder Neues entdeckt. Ich möchte die -Schneckenhäuser der sammellustigen Jugend aufs wärmste empfehlen; denn -ohne Sammeln, das weiß ich, geht's nun 'mal nicht ab. Beschränkt man -sich auf leere Schneckenhäuser, so tut solch Sammeln niemand weh. - -Auch Muscheln bereicherten meinen Besitz, besonders als mir eine -befreundete Familie hunderte solch zierlicher Gebilde, wie sie am -Strande herumliegen, von ihrem Seeaufenthalt mitgebracht hatte. Zu -meiner besonderen Freude fehlten auch prachtvolle tropische Formen -nicht; denn überall in den deutschen Seebädern werden auch solche -verkauft. Mein Jungenherz schwelgte in dem ungeahnten Reichtum an -Formen und Farben. - -Nur ein klein wenig Verständnis, ein klein wenig Teilnahme seitens der -Eltern solchen und ähnlichen Liebhabereien und Neigungen der Kinder -gegenüber! Der Sinn für die Natur empfängt gerade durch den schon in -jungen Jahren gepflegten Verkehr mit unsrer heimatlichen Kleintierwelt -die stärkste Anregung und damit unsre Naturschutzbewegung -- es ist -dies meine vollste Überzeugung -- die wirksamste Förderung. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die - Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. - - Korrekturen: - - S. 55: Dippoldiswaldaer → Dippoldiswalder - Wolfssäule in der {Dippoldiswalder} Heide - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of »Meine Brüder im stillen Busch, -n Luft und Wasser«, by Martin Braeß - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK »MEINE BRÜDER IM STILLEN *** - -***** This file should be named 62311-0.txt or 62311-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/2/3/1/62311/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - diff --git a/old/62311-0.zip b/old/62311-0.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index b862ee0..0000000 --- a/old/62311-0.zip +++ /dev/null diff --git a/old/62311-h.zip b/old/62311-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 5d81d9a..0000000 --- a/old/62311-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/62311-h/62311-h.htm b/old/62311-h/62311-h.htm deleted file mode 100644 index 1ffef71..0000000 --- a/old/62311-h/62311-h.htm +++ /dev/null @@ -1,8643 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - <head> - <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> - <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - <title> - The Project Gutenberg eBook of »Meine Brüder im stillen Busch, in Luft und Wasser«, by Martin Braeß. - </title> - <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> - <style type="text/css"> - -body { - margin-left: 10%; - margin-right: 10%; -} - -.chapter { - page-break-before: always; -} - -h1, h2 { - text-align: center; /* all headings centered */ - clear: both; -} - -.h2 { - text-indent: 0; - text-align: center; - font-size: x-large; -} - -p { - margin-top: 1ex; - margin-bottom: 1ex; - text-align: justify; - text-indent: 1em; -} - -.noind { - text-indent: 0; -} - -.p2 {margin-top: 2em;} - -hr { - width: 33%; - margin-top: 2em; - margin-bottom: 2em; - margin-left: 33.5%; - margin-right: 33.5%; - clear: both; -} - -hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%; } -hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%; } - -table { - margin-left: auto; - margin-right: auto; -} - -.tdr { - text-align: right; - vertical-align: bottom; -} - -.pagenum { - position: absolute; - left: 90%; - width: 8%; - font-family: sans-serif; - font-style: normal; - font-weight: normal; - font-size: small; - text-align: right; -} /* page numbers */ - -.pagenum a { - color: gray; - /*border: 1px gray solid;*/ -} - -.center { - text-align: center; - text-indent: 0; -} - -sup { - font-size: 75%; - vertical-align: top; -} - -sub { - font-size: 75%; - vertical-align: bottom; -} - -.smaller { - font-size: smaller; -} - -.antiqua { - font-family: sans-serif; - font-style: normal; - font-size: 95%; -} - -.gesperrt { - font-style: italic; -} - -/* Images */ -img { - max-width: 100%; - height: auto; -} - -.figcenter { - margin: auto; - text-align: center; -} - -/* Footnotes */ -.footnotes {border: dashed 1px;} - -.footnote {margin-left: 10%; margin-right: 10%; font-size: 0.9em;} - -.footnote .label {position: absolute; right: 84%; text-align: right;} - -.footnote p { - text-indent: 0; -} - -.fnanchor { - vertical-align: top; - font-size: 70%; - text-decoration: none; -} - -/* Poetry */ -.poem { - margin-left:10%; - margin-right:10%; - text-align: left; -} - -.poem br {display: none;} - -.poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;} -.poem span.i0 {display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} -.poem span.i2 {display: block; margin-left: 1em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} - -/* Transcriber's notes */ -.transnote {background-color: #E6E6FA; - color: black; - font-size:smaller; - padding:0.5em; - margin-bottom:5em; -} - -.transnote p { - text-indent: 0; -} - -.corr p { - margin-left: 2em; - text-indent: -1em; -} - -p.drop { - text-indent: 0; -} - -p.drop:first-letter { - float: left; - margin: 0.15em 0.1em 0em 0em; - font-size: 250%; - line-height:0.85em; -} - -@media handheld { - p.drop:first-letter { - float: none; - margin: 0; - font-size: 100%; - } -} - - </style> - </head> -<body> - - -<pre> - -The Project Gutenberg EBook of »Meine Brüder im stillen Busch, in Luft -und Wasser«, by Martin Braeß - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. 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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: »Meine Brüder im stillen Busch, in Luft und Wasser« - -Author: Martin Braeß - -Release Date: June 2, 2020 [EBook #62311] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK »MEINE BRÜDER IM STILLEN *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt. -Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>. -Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich -am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p></div> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/cover.jpg" alt="Cover" /> -</div> - -<div class="chapter"> - -<h1>»Meine Brüder<br /> -im stillen Busch, in Luft<br /> -und Wasser«</h1> - -<p class="center smaller">von</p> - -<p class="h2">Martin Braeß</p> - -<p class="center p2">4. Band der Heimatbücherei<br /> -des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz<br /> -Dresden 1923 -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="center smaller"> -Otto Wigand'sche<br /> -Buchdruckei in<br /> -Leipzig</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="center"> -Den Deutschen in Nordböhmen</p> -<p class="center"> -als Dank für ihre<br /> -dem Landesverein »Sächsischer Heimatschutz«<br /> -in schwerer Zeit geleistete Hilfe</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<h2 id="Inhalt">Inhalt</h2> -</div> - -<table summary="Inhalt"> -<tr> -<td>Das Tier im Landschaftsbild unserer Heimat</td> - <td class="tdr"><a href="#Das_Tier_im_Landschaftsbild">5</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die volkstümlichsten Tiere der deutschen Märchen und Fabeln</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_volkstumlichsten_Tiere_der">41</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Allerlei Fischräuber, bepelzt und befiedert</td> - <td class="tdr"><a href="#Allerlei_Fischrauber_bepelzt">75</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Malepartus, die Raubburg und Kinderstube von »Reinke de Vos«</td> - <td class="tdr"><a href="#Malepartus_die_Raubburg_und">109</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Swinegel un sine Sippschaft</td> - <td class="tdr"><a href="#Swinegel_un_sine_Sippschaft">120</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Vogelnester</td> - <td class="tdr"><a href="#Vogelnester">148</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Im Teichgebiet der sächsischen Lausitz</td> - <td class="tdr"><a href="#Im_Teichgebiet_der_sachsischen_Lausitz">161</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die heimatliche Vogelwelt im deutschen Volksglauben</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_heimatliche_Vogelwelt">179</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Schutz den schutzlosen Kriechtieren und Lurchen!</td> - <td class="tdr"><a href="#Schutz_den_schutzlosen_Kriechtieren">201</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Sechsbeinig, achtbeinig und ohne Beine</td> - <td class="tdr"><a href="#Sechsbeinig_achtbeinig_und">230</a></td> -</tr> -</table> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<span class="pagenum"><a id="Page_5">[5]</a></span> - -<h2 id="Das_Tier_im_Landschaftsbild">Das Tier im Landschaftsbild -unserer Heimat</h2> -</div> - -<p class="drop">Das Leben auf unserer Erde kennt keine Schranke, -kein Grenzstein ist ihm gesetzt. Und es sind nicht -nur die niedrigsten Lebewesen, einzellige Algen, Pilze, -Infusorien, die sich sozusagen überall einstellen, nein, -wenigstens von der Tierwelt gilt es, daß sich gerade ihre -höchsten Vertreter, die <em class="gesperrt">Wirbeltiere</em>, die ganze Welt -erobert haben.</p> - -<p>Aus den größten Tiefen der Ozeane, wo längst keine -Pflanze mehr gedeiht, wo ewige Finsternis herrscht, bis -auf die Flammen, die sich die Tiere selbst anzünden, hat -man eine erstaunliche Artenzahl wohlorganisierter Fische -ans Licht befördert, und hoch über der Waldgrenze der -Gebirge, wo nur noch kurzrasiges Gras an dem Steilhang -emporklettert und niedrige Alpenblumen ihre -farbensatten Sterne dem Sonnenstrahl öffnen, ja noch -höher droben, wohin keine blühende Pflanze mehr folgt, -wo der zackige Felsengrat nackt und tot aus dem Firnschnee -zum Himmel emporstarrt, da haftet der Fuß der -flüchtigen Gemse, des Steinbocks, da pfeift im Steintrümmermeer -das Murmeltier vor seiner Höhle. Über -allem Irdischen aber, an der blauen Glocke des Himmels, -schwebt in erhabener Ruhe der Adler, der König der -Lüfte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_6">[6]</a></span></p> - -<p>In solcher Einsamkeit <em class="gesperrt">herrscht</em> dann das Tier als -einzige Staffage der Landschaft: der nackten Felsenzinnen -oder des einförmigen Wüstensandes, der weiten Meeresfläche -oder des unermeßlichen Luftozeans, und nirgends -sonst erreicht der Eindruck des Lebendigen solche Stärke.</p> - -<p>Im übrigen aber vermag die Tierwelt nur in besonderen -Ausnahmefällen der Landschaft einen bestimmten -Wesenszug aufzuprägen; sie tritt in dieser Beziehung -hinter der Pflanzenwelt weit zurück. Diese ist es, die -das Bild beherrscht; an ihr haftet das Auge.</p> - -<p>Düster, in blauschwärzlicher Färbung schaut der -Nadelwald von den Höhen herab auf die Ebene, wo -unter der weißen Decke das Samenkorn schlummert. -Halbverschneite Hecken am Wege, ein einzelner Baum -am Rain, ein kleines Feldgehölz, das seine kahlen Äste -und Zweiglein zum bleigrauen Himmel erhebt, abgestorbene -Stauden, deren Samenrispen zwischen den -Schneewehen emporragen, erhöhen den Eindruck der -Einsamkeit. Totenstille in der Natur.</p> - -<p>Die freundliche Au, vom gewundenen Bächlein durchfeuchtet, -hat der Frühling mit tausend Blüten geschmückt; -lebensfroh schauen sie zum Lichte empor. Vergißmeinnicht: -ihr Blau ein Abbild des Himmels; Löwenzahn, -Ranunkulus, Dotterblume: goldenen Sonnen vergleichbar. -Aus den alten Weidenstümpfen streben rötliche -Triebe empor mit gelbgrünen Schmalblättern, während -das Erlengestrüpp sein junges, glänzendes Laub über -das plätschernde Wasser ausbreitet, in dem sein Spiegelbild -zittert wie vor Erwartung seligster Lust.</p> - -<p>Vom stahlblauen Himmelsgewölbe strahlt die Julisonne -herab auf die Fruchtebene. Ein einziges Getreidefeld, -wohin man nur schaut. Die braungoldenen Weizenähren<span class="pagenum"><a id="Page_7">[7]</a></span> -wogen wellenförmig im heißen Lufthauch, der -tosend über sie hinstreicht. Ein Bild der einförmigen -Steppe; kein Baum, kein Strauch. Hier herrschen die -Fruchtgräser, von der Hand des Landmanns angebaut. -Nur am Rain glüht es rot, großblütiger Mohn, und -tiefblau schaut die Zyane aus dem lichtgelben Halmenmeer -hervor.</p> - -<p>Der herbstliche Laubwald: in allen Farben und -Tönen glänzt es und gleißt es, vom zartesten Rosa bis -zum sattesten Rot, vom lichtesten Gelb bis zum tiefsten -Bronzeton. Und wenn die goldne Oktobersonne vom -wolkenfreien Himmel herab all die Farbenflecke mit -einer Fülle von Licht, von brennender Glut überschüttet, -wenn sie lange Schlaglichter tief in den Wald wirft und -helle Zitterkringel auf den Boden malt, daß auch das -abgestorbene Laub noch einmal aufleuchtet: ein Farbenbild -von wunderbarem Reiz, ein Farbeneinklang, der -nicht seinesgleichen hat.</p> - -<p>Im Kreislauf des Jahres die <em class="gesperrt">Pflanzenwelt</em> -ist's, die unsern heimatlichen Landschaftsbildern ein ganz -bestimmtes Gepräge verleiht. Ihr ordnet sich alles unter, -selbst der geologische Aufbau des Bodens, der doch gleichfalls -von allergrößter Bedeutung ist. Das <em class="gesperrt">Tier</em> aber -erscheint dem gegenüber als eine viel weniger wichtige -Zugabe zum Landschaftsbild, mehr zufällig bloß; man -achtet seiner, nur weil man's gerade bemerkt. Fehlte es, -der Anblick, der ganze äußere Eindruck wäre dennoch der -gleiche; nur in besonderen Fällen wird man sich der -fehlenden Tierwelt als eines wirklichen Mangels der -Landschaft bewußt.</p> - -<p>Und doch, wo immer es sei: ob sich die Pflanzenwelt -in Macht und Fülle aufbaut, daß die Baumriesen ihre<span class="pagenum"><a id="Page_8">[8]</a></span> -Äste und Zweige zu gotischem Dach über dem Wanderer -wölben, oder ob nur spärliche Gräser die weite Fläche -dürftig bedecken; zu welcher Jahreszeit immer: ob der -Winter seine Herrschaft führt, daß der Waldbach, in -eisige Fesseln gebannt, nur leise plätschernd unter dem -starren Panzer dahinmurmelt und der Stamm des Hochwaldes -vor Frost tiefächzend zersplittert; zu welcher -Stunde des Tages auch: ob die Mittagsglut auf der -Flur liegt, drückend schwül, kein atmendes Lüftchen, ob -der Mond sein silbernes Licht über den schlafenden -Waldsee ergießt oder ob Morgennebel das Tal in dichte -Schleier hüllen – nur ein einziges Tier in solchem Bild, -ein einziger Schrei oder Ruf, die Strophe nur eines -Vögleins, und sofort wird der Reiz der Landschaft erhöht, -der ganze Eindruck in einer Weise gesteigert, daß wir -das Bild vor uns wie mit einem Schlage in ganz -anderem Lichte sehen.</p> - -<p>Woher dieser Zauber? Wir sind nicht mehr allein, -nicht mehr die einzig fühlende Brust; ein anderes Wesen -nimmt teil an dem, was unsre Sinne schauen, unser -Herz bewegt. Das <em class="gesperrt">Tier</em> ist's, durch das Mutter Natur -zu uns redet, das beseelte Geschöpf. Seine Erscheinung, -sein Leben und Treiben, sein Ruf, seine Stimme: das ist -der uns Menschen verständlichste Ausdruck im Reiche der -Schöpfung.</p> - -<p>Der nächtliche Sternenhimmel redet eine erhabene -Sprache – ach, wie klein ist der Sterbliche doch, der andächtig -zu den tausend und abertausend funkelnden Sonnen -emporschaut! Das Meer braust heran, Woge auf -Woge, ewig, gewaltig, unermeßlich, furchtbar im Sturm -– eine Nußschale der riesige Dampfer, das Menschenleben -ein Nichts. Der massige Fels erzählt uns seine Geschichte<span class="pagenum"><a id="Page_9">[9]</a></span> -aus nebelhaft grauer Vorzeit, wie ihn die bebende -Erde gebar, wie Jahrmillionen ihn formten, auch das -Unvergänglichste wandelnd – wer versteht seine Sprache, -die uns allen so fremd ist! Der Krystall funkelt und -gleißt, in spiegelblanken Flächen bricht sich das Licht – -aber er spricht von starren, toten Gesetzen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Nur das Leben redet zum Leben in lebendiger -Sprache</em>, in unsrer Sprache, in der Muttersprache, -die allen eignet, die niemand erlernt, keiner zu -erlernen braucht, die man nicht begreift mit dem Verstande, -sondern die uns von Anfang an innewohnt, tief -im fühlenden Herzen. Der Wald spricht mit uns, die einsame -Wettertanne auf erhabener Felsenwacht, die Blume -am Bachesrand, das flüsternde Schilf, die Heckenrose am -Wege – aber: »Fleisch von unserm Fleisch und Bein -von unserm Bein«, das gilt doch noch in weit höherem -Grade von den Tieren, von unsern »Brüdern«, wie sie -Goethe in jenem bekannten Wort an den »erhabenen -Geist« nennt:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Du führst die Reiche der Lebendigen<br /></span> -<span class="i0">Vor mir vorbei und lehrst mich meine Brüder<br /></span> -<span class="i0">Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Die Sprache des Tieres, der Ausdruck seines Fühlens, -seines Wollens ist unsrer Sprache verwandt; dem Tiere -schreiben wir, wie uns selbst, eine Seele zu, die erkennt, -die fürchtet und hofft, die liebt und haßt. Und wenn -uns der Verstand auch immer wieder zuruft, daß das -Geschöpf nicht anders handeln kann, als es handelt, daß -es einem inneren Triebe folgt, einer Naturnotwendigkeit, -und daß der Tierfreund in tausend Fällen die -eignen Empfindungen und Gefühle erst in die Brust -des Tieres hineinträgt und so das Tier bis zu gewissem<span class="pagenum"><a id="Page_10">[10]</a></span> -Grade vermenschlicht – warum, so frage ich, sollen wir -das, was wir sehen, nicht in unsre Sprache übersetzen? -warum sollen wir absichtlich den Eindruck zerstören, den -eine sinnige Naturbetrachtung auf jedes unverdorbene -Gemüt ausübt? Der strengen Wissenschaft mag ihr -Recht bleiben, aber auch dem schlichten Naturfreund, der -es im Verkehr mit seinen Lieblingen alltäglich erfährt, -daß wenigstens das höhere Tier keineswegs eine bloße -Maschine ist, ebensowenig wie der Mensch ein willenloses -Rädchen im Uhrwerk des Weltgetriebes.</p> - -<p>Zwischen unserm eignen Leben und dem Leben der -höheren Tiere bestehen innere Beziehungen, die schon das -Kind, ja dieses vielleicht noch mehr als der Erwachsene -empfindet, und diese Fäden, die wir hinüberspinnen zu -jedem beseelten Wesen, sie sind, wenn mich mein Naturempfinden -nicht täuscht, die eigentliche, die tiefste Ursache -für die <em class="gesperrt">hohe Bedeutung des Tieres im -Landschaftsbild</em> – ganz gleich, ob das Lebewesen -durch seine Bewegung das Auge auf sich lenkt, ob es -durch seine Färbung uns ergötzt, durch seine Stimme -unsre Aufmerksamkeit fesselt, ob es einzeln auftritt und -so den Eindruck der Einsamkeit verstärkt, oder ob ganze -Scharen das Bild beleben.</p> - -<p>Ach, wieviel würde uns fehlen, wenn wir durch -unsern deutschen Frühlingswald gingen und kein Vöglein -würde sein Lied anstimmen, kein Kuckucksruf, kein Trommeln -der Spechte, wenn am Sommerabend kein Reh -zur Äsung auf die Waldwiese oder das Kleefeld träte, -wenn die bunten Falter nicht mehr über den Wiesenblumen -gaukelten, am schilfbewachsenen Teich der Chor -der Frösche für immer verstummt wäre, wenn die wandernden -Vogelscharen nicht mehr am herbstlichen Himmel<span class="pagenum"><a id="Page_11">[11]</a></span> -gen Süden zögen, oder wieviel trauriger noch und öder -unser nordischer Winter, wenn die schneebedeckten Felder -und das Geäst des entblätterten Baumes nicht belebt -wären von unsern gefiederten Freunden, die der Herrschaft -des rauhen Gewalthabers trotzen!</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Keine Klasse des Tierreichs vermag das Landschaftsbild -auch nur annähernd so reizvoll zu beleben, wie die -muntere Schar der <em class="gesperrt">Vögel</em>. Der Flug durch die Lüfte – -nicht an die Scholle gebunden wie Vierfüßler oder -Kriechtiere, sondern frei und froh, Überwinder der irdischen -Schwere – dazu die auffallende Stimme, von dem -zweisilbigen Lockruf der Bachstelze oder dem einfachen -Liedchen der Haubenlerche an bis zu dem seelenvollen -Gesang der Nachtigall und dem jauchzenden Überschlag -des Plattmönchs: das sind die Gaben, mit denen Mutter -Natur ihre und unsre Lieblinge wie kein anderes ihrer -Geschöpfe ausgezeichnet hat. Und durch diese beiden -Eigenschaften tragen die Vögel an erster Stelle zur Belebung -des Landschaftsbildes bei.</p> - -<p><em class="gesperrt">Der freie Flug!</em> Fühlt nicht jeder das Walten -der Schönheit, wenn die Möwenschwärme den meerumbrandeten -Küstenfelsen umkreisen, wenn die Schwalbe -niedrig über dem glitzernden Dorfteich dahinschießt, ihre -Brust flüchtig ins Naß tauchend, um dann blitzschnell -emporzusteigen, höher als die schlanken Pappeln am -Uferrand, wenn die Dohlen das alte Gemäuer des -Stadtturms umschwärmen, die Kiebitze über der feuchten -Wiese ihre Flugkünste zeigen, wenn der Kuckuck falkenartig -von einem Talhang zum andern hinüberwechselt,<span class="pagenum"><a id="Page_12">[12]</a></span> -die langschwänzige Elster wie ein Bolzen die Luft durchschneidet, -oder der kleine Baumpieper von einem Ästchen -aus schief emporsteigt und sich dann in schön geschwungenem -Bogen wieder zu seinem Lieblingsplätzchen herabläßt!</p> - -<p>Und erst der <em class="gesperrt">Raubvogel</em>, der König der Lüfte! -Ob es ein Adler ist, der stolz wie ein Flugzeug auf -ausgebreiteten Schwingen ohne jede Bewegung durch -den Luftozean gleitet, oder ein niedliches Fälkchen, das -im Morgenglanz rüttelnd sein Spiel treibt, ein Wanderfalk, -der in rasendem Flug seiner sicheren Beute nachstürzt, -der mächtige »Auf«, der im Mondlicht lautlos durch -sein Revier zieht, daß sein riesiger Schatten gespensterhaft -über die Geröllhalden und die waldumgrenzte Gebirgswiese -gleitet, oder nur ein Schleierkauz, der am -dämmernden Abend weichen Flugs über dem Sturzacker -schwebt: der Anblick jedes Raubvogels in der freien -Natur löst in uns immer ein besonders starkes Gefühl -aus. Vielleicht weniger – ich gebe es zu – weil das -Malerische der Landschaft durch solch stolze Erscheinung -gesteigert wird, als vielmehr aus dem Grunde, weil wir -uns dabei bewußt werden, noch einen Ausschnitt, einen -letzten Rest urwüchsiger Natur in unsrer leider so verarmten -Heimat vor uns zu haben. Ein Flugzeug – ein -Adler, hoch, hoch im weiten Himmelsraum: vielleicht -ist der Anblick ganz ähnlich, aber die Wirkung auf den -Beschauer, der zu beiden emporblickt, im tiefsten Grunde -verschieden! Dort stolze Bewunderung, daß es dem -Menschen gelungen ist, seinen Fuß von der Scholle zu -lösen und sich ins Reich der Lüfte zu schwingen; hier edle -Freude an reiner, starker Natur, ein Gottseidank, daß sie -doch noch nicht völlig aus unserm Lande, aus unsrer Zeit<span class="pagenum"><a id="Page_13">[13]</a></span> -gewichen ist. Welcher Eindruck der stärkere ist, das hängt -ganz vom Beschauer selbst ab.</p> - -<p>Am sonnigen Frühlingsmorgen zwei <em class="gesperrt">Steinadler</em> -über der Ebene, aus der gegen Mittag die bayrischen -Alpen aufsteigen. In schönen Spiralen schraubt sich das -Paar höher und höher, ohne Flügelschlag einander umkreisend; -bald schwebt dieser, bald jener über seinem -Genossen. Den Hochzeitsreigen üben die mächtigen Vögel; -er trägt sie in unermeßliche Höhen, daß sie dem Auge nur -noch wie dunkle Punkte erscheinen. Schnell wie der Blitz -dann herab; jetzt ruhiges Schweben, und jetzt so mächtiges -Schlagen der stählernen Schwingen.</p> - -<p>Vom Fels zum Meer! Auf niedriger Düne stehend, -begrüß' ich die Ostsee. Nichts, nichts zu sehen als die unbegrenzte -tiefgrüne See, deren weiße Wellenkämme in -endloser Folge heranrollen, und der weite Himmel darüber -– kein Dampfer, kein Segel. Schnurgerade streckt -sich die Düne, mit Sandhafer nur dürftig bewachsen; -hinter ihr Buchenwald und ein paar Strandkiefern. Eine -einzelne Seeschwalbe, ein Krähenpaar, eine weiße Bachstelze -am Strand – aber sie sind nicht imstande, das -Gefühl der Einsamkeit und der endlosen Größe von -Sand und Wasser zu mildern. Plötzlich ein Schrei, und -gleich braust es heran, dicht über mir der gewaltige -<em class="gesperrt">Seeadler</em>. Er umkreist mich so niedrig, daß ich jede -einzelne Schwinge, die goldgelben Augen, das spitze, -weißliche Gefieder an Hals und Nacken, die orangefarbenen -Fänge mit ihren schwarzen Krallen ganz deutlich -erkenne. Weiß leuchtet der Stoß. Da, noch ein zweiter -Adler, das etwas kleinere Männchen; mit hellem Schrei -stürzt es herbei.</p> - -<p>Ich bin in das Gebiet der Gewaltigen eingedrungen;<span class="pagenum"><a id="Page_14">[14]</a></span> -eine hohe Kiefer trägt ihren Horst. Wo ich auch stehe, die -Adler umkreisen mich, immer aufgeregt schreiend. Schwerfälliger -ist ihr Flug als der des Steinadlers, aber mächtig -der Eindruck, mächtig und kraftvoll wie das Astwerk -der noch blattlosen Buchen, wie die rotbraunen Stämme -der uralten Föhren, gewaltig wie die Wogen der brausenden -See: ein Bild urwüchsiger Kraft.</p> - -<p>Auf der Seenplatte, die Norddeutschland von Ostpreußen -bis Holstein durchzieht, haust noch ein anderer -Adler. Nicht zu den Größten gehört er unter den Großen, -aber er ist der Edelsten einer des edlen Geschlechtes. Ein -herrlicher Anblick, wenn der <em class="gesperrt">Fischadler</em> über seinen -Jagdgründen schwebt! Kaum hebt sich am Morgen der -wallende Nebel über dem dunkeln Waldsee, so erscheint, -langsam die Fittiche schwingend, der stolze Fischer über -seinem Jagdgrund! Er senkt sich in schöner Schraubenlinie -herab und umkreist dann den See. Jetzt hemmt -er den Flug; wie ein Falke hängt er im Luftraum. -Einen Fisch hat sein Adlerauge entdeckt. Plötzlich, mit -vorgestreckten Fängen stürzt er ins Wasser; aber noch -ehe die Wellenkreise das nahe Ufer erreicht haben, erscheint -der kühne Taucher schon wieder, den Flossenträger -in den wehrhaften Klauen. Die Wassertropfen -schüttelt er vom Gefieder; dann fliegt er heim nach -seinem Horst. Still ruht wieder der Waldsee.</p> - -<p>Soll ich noch weiter Bilder entwerfen von dem gaukelnden -Spiel der <em class="gesperrt">Turmfalken</em> über den Steilwänden -und zwischen den Felsenzinnen der Talschlucht, -von dem reißenden Flug des beutegierigen <em class="gesperrt">Sperbers</em>, -der vom Gehölz her mitten in die Schar der Feldsperlinge -stürzt, daß sie die rettende Hecke kaum noch erreichen, -von dem sanften, ruhigen Schweben hoch über der Flur<span class="pagenum"><a id="Page_15">[15]</a></span> -und noch höher über den Wipfeln des Waldes, wie es -die <em class="gesperrt">Milane</em> üben, der rote und der schwarzbraune, -oder von dem lautlosen Dahingleiten der <em class="gesperrt">Rohrweihe</em>, -ganz niedrig über dem Schilf und dem im -Sonnenstrahl glitzernden Wasser – wer nur einmal -Zeuge solch eindrucksvoller Naturbilder ward, der denkt -sein Lebtag daran.</p> - -<p>Im Hochgebirge, wo die Felsenzinken zum tiefblauen -Himmel emporstarren, in der Flachlandschaft, die den -See grün umgibt, im Hochwald unsrer Mittelgebirge, -oder draußen am Meeresgestade, wo die brandende Welle -an den Klippen zerschellt: überall bildet die Erscheinung -eines Raubvogels die wirkungsvollste Bereicherung des -Landschaftsbildes, eine wertvolle Zugabe, die den Beschauer -alles andere ringsum vergessen läßt.</p> - -<p>Aber die Raubvögel sind nicht die einzigen Meister -im Flug. Oft ist's die Wirkung der Massen, die zur -Geltung kommt. Wie prächtig ist doch der Anblick eines -nach Tausenden zählenden Schwarmes ziehender <em class="gesperrt">Stare</em> -im Herbste! Wahre Wolkenzüge, die fortwährend ihre -Form ändern, bald breiter, bald schmäler werden, jetzt -sich teilen und jetzt sich von neuem zu einem Riesenballe -vereinen, der durch die Luft rollt. Oder der schier endlose -Zug der <em class="gesperrt">Krähen</em>, die in lockeren Gruppen am geröteten -Abendhimmel nach ihren nächtlichen Ruheplätzen -im Walde über der Schneelandschaft lautlos dahinstreichen -– wie malerisch, wie stimmungsvoll dieser -Anblick! Anders wieder der Zug der <em class="gesperrt">Kraniche</em>, den -man an hellen Herbsttagen bisweilen beobachten kann. -Sie ziehen immer so, daß sie einen spitzen Winkel mit -zwei ungleich langen Schenkeln bilden, jeder einzelne -Vogel mit Hals und Beinen eine schnurgerade Linie<span class="pagenum"><a id="Page_16">[16]</a></span> -darstellend. Ein ganz eigentümliches Bild, diese zwei -dunkeln, in einem Punkt sich vereinigenden Striche, wie -sie am Herbsthimmel gen Süden stürmen, im Verein -mit dem fallenden Laub, den abgeernteten Feldern, der -letzten Rose im Garten von stärkstem Eindruck auf unser -Gemüt. Werden wir sie wiedersehen, die Boten des -Frühlings, noch einmal die lieblichen Bilder erleben, -die in trüben Wintertagen die Sehnsucht nach dem erwachenden -Lenz uns vor die Seele zaubert? – –</p> - -<p>Wenn die grünen Spitzen der Saat aus der leichten -Schneedecke hervorschauen, wenn das Schneeglöckchen sein -Köpfchen erhebt und an den Ruten der Haseln die Kätzchen -den Blütenstaub ausstreuen, dann begrüßt vor -seinem Bretterhäuschen Freund <em class="gesperrt">Star</em> den aufgehenden -Sonnenball mit jauchzenden Rufen. Von den bereiften -Ästen herab schwatzt der muntere Bursche seine bescheidenen -Strophen hinein in den goldenen Morgen. Nicht -genug kann er sich tun vor Freude und Lust: daheim, -wieder daheim! Im schönsten Farbenschmuck, metallisch -grün und tief purpurn läßt die Sonne sein dunkles, -weißbetropftes Gefieder erscheinen: ein liebliches Stimmungsbild, -das die selige Hoffnung auf den bald einziehenden -Lenz weckt – »Frühling, Frühling wird es -nun bald!«</p> - -<p>Nur wenig Wochen, und die <em class="gesperrt">Lerche</em> steigt am Ostermorgen -zum Himmel empor, als wollte sie mit ihrem -Siegesruf auch die fernsten Fernen des Weltalls erfüllen. -Höher und höher flattert das kleine Vöglein über der -lenzfrohen Saat, bis es schließlich unserm Auge entschwindet. -Aber der Lobgesang, mit dem die Sängerin -dort oben die ersten Sonnenstrahlen begrüßt, bleibt noch -immer vernehmbar. Bald hallt der ganze Himmel wider<span class="pagenum"><a id="Page_17">[17]</a></span> -von den Jubelchören der singenden Lerchen. Nichts predigt -so laut und eindringlich das Auferstehungsfest der -Natur, wie das »melodisch gewirbelte Lied« der Lerchen, -die hoch über dem sprossenden Grün oder dem samenauswerfenden -Landmann, »im blauen Raum verloren«, -jauchzen und jubilieren – ein Lied ohne Ende, »bei dem -die Saaten lachen«.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Wohl ist das Auge der schärfste Sinn, aber die -Pforte, die noch tiefer in unser Innerstes führt, noch -unmittelbarer zu Herz und Gemüt, ist das Ohr. Und -kein Zweifel, die Bedeutung der Vögel für das Landschaftsbild -beruht noch weit mehr auf ihrer hervorragenden -<em class="gesperrt">Stimmbegabung</em>, als auf ihrer bloßen -Erscheinung. Dabei wollen wir nicht nur an den jauchzenden -Ruf der Singdrossel, an die Flötenstrophe ihrer -Base, der Amsel, an Rotkehlchens sehnsuchtsvolles Lied, -an die kecke Fanfare des Zaunkönigs oder an den unvergleichlichen -Gesang der Nachtigall denken, sondern -auch an andere anspruchslosere Lautäußerungen, zumal -bisweilen ein einzelner Schrei oder ein ohrenbetäubendes -Stimmengewirr, aber auch ein feiner Lockruf von der -stärksten Wirkung ist und dem Landschaftsbild eine ganz -bestimmte Färbung verleihen kann.</p> - -<p>Vielleicht ist es nur Einbildung, nur eine schönklingende -Redeweise, wenn man behauptet, eine Beziehung -herstellen zu können zwischen den vielfältigen -Stimmen der Natur und den verschiedenen Örtlichkeiten, -die durch solche Lautäußerungen belebt werden, ein -leeres Geschwätz, wenn man meint, der Lobgesang der<span class="pagenum"><a id="Page_18">[18]</a></span> -Lerchen stimme zu der Frühlingssaat, da unaussprechlich -innige Seufzen und Schluchzen der Philomele zu -dem nächtlich dunkeln Gebüsch am Rande des Weihers; -nur zu der Meereswoge, vom heulenden Sturm gegen die -Klippen gepeitscht, passe der heisere Schrei der Möwe, -und zu dem nächtlichen Hochwald der unheimliche Eulenruf; -der liebliche Gesang des Rotkehlchens gehöre in den -lichten, maiengrünen Laubwald und das Schackern der -Elster auf die beschneite Flur. Möglich, daß Vogelstimme -und Örtlichkeit wirklich nichts miteinander zu -tun haben, obgleich ich darauf hinweisen könnte, wie -z. B. der Lehrmeister der Wasseramsel ohne Zweifel -das auf steinigem Grunde dahinplätschernde Gebirgsbächlein -gewesen ist, mit dessen leisem Rieseln der Gesang -des am Wasser aufgewachsenen Vogels verglichen werden -kann, wie das bunte Allerlei der quecksilbernen Rohrsänger -in seiner ganzen Färbung etwas vom Froschkonzert -und vom Gurgeln des Wassers am unterwaschenen -Uferrand hat; aber angenommen auch, es seien nur liebe -Erinnerungsbilder – das jungbelaubte Eichen- oder -Buchenwäldchen im Talgrund, das beim Pirolruf vor -unsrer Seele auftaucht, der schneebedeckte Fichtenbestand, -den die Strophe des Kreuzschnabels uns vorzaubert – -soviel steht jedenfalls fest, daß unsre Einbildung, diese -oder jene örtlichen und zeitlichen Verhältnisse harmonierten -mit ganz bestimmten Vogelstimmen, durchaus -lebendig ist und täglich neue Nahrung empfängt. <em class="gesperrt">Wo -wir aber Harmonie empfinden, empfinden -wir Schönheit.</em> Nicht darauf kommt's an, ob -solcher Einklang wirklich besteht, ob der Verstand ihn -ablehnt oder begründet, sondern allein auf unsre <em class="gesperrt">Empfindung</em>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_19">[19]</a></span></p> - -<p>Nur ein paar Beispiele, die den tiefen Eindruck der -Vogelstimmen auf unser Gemüt weit besser erläutern -als viele Worte.</p> - -<p>Den Ruf der <em class="gesperrt">Wachtel</em> kennt jeder, und jedermann -liebt ihn. Und doch anmutig und lieblich kann man ihn -kaum nennen. Dazu ist er zu kurz und namentlich zu -hart abgebrochen, in der Nähe sogar ziemlich gellend -und scharf. Nur aus drei Silben besteht der Ruf, ein -Daktylus, der stets wiederholt wird. Wie erklärt sich -also der nachhaltige Eindruck des Wachtelschlags und -unsere Vorliebe für ihn? <em class="gesperrt">Die Stimmung, die -Färbung der ganzen Umgebung, das ist -die Lösung des Rätsels.</em></p> - -<p>Dem rastlosen Treiben der Stadt haben wir den -Rücken gekehrt, der drückenden Schwüle in den staubigen -Straßen sind wir entflohen. Die heiße Sommersonne ist -untergegangen, ein erfrischender Abendhauch weht aus -dem Saatgefilde. Vor uns das Dorf, in blaue Dämmerung -gehüllt: ein Bild des Friedens. Der Lerche bunte -Lieder sind verstummt; nur das gleichmäßige Zirpen der -Grillen zittert einschläfernd durch die weite Flur. Das -blühende Weizenfeld hat sich dem Schlaf überlassen; wie -im Traum nickt die geschlossene Blüte des Mohns, und -nur ein paar Abendfalter taumeln über der ruhenden -Flur. Da steigt der Mond am östlichen Himmel auf, -und nun tönt es vom Rande des Feldes »pickwerwick, -pickwerwick,« zehn- oder zwölfmal, dann eine Pause. -Eine zweite Wachtel gibt Antwort; in der Ferne schlägt -eine dritte, und je mehr sich die Mitternacht nähert, -um so hitziger schallt es. Erst in den frühesten Morgenstunden -verstummt allmählich der muntere Schlag. Wenn -aber dann der junge Tag den nordöstlichen Himmel zu<span class="pagenum"><a id="Page_20">[20]</a></span> -röten beginnt, tönt es wieder gar eifrig durchs ganze -Gelände, das freundliche »Pickwerwick«, und die ersten -Lerchen in der Höhe stimmen mit ein in den Gesang -des Feldes tief unter ihnen.</p> - -<p>Schade, ewig schade, daß die vielen Wachteln, deren -Schlag mich in meinen Jugendtagen zur Sommerszeit -allabendlich erfreute, bis auf einzelne Ausnahmen in -meiner Heimat verschwunden sind. Unersetzliche Stimmungswerte -sind mit ihnen verloren gegangen; die -friedlichen Feierabende des Dorfs haben eine schwere -Einbuße erlitten, und das Leben des Landmanns ist -ärmer geworden.</p> - -<p>Von stärkster Wirkung ist auch der <em class="gesperrt">Eulenruf</em>. An -sich unschön, ja häßlich, heulend und schreckhaft; aber -wir glauben gleichfalls eine Harmonie mit Zeit und -Ort zu fühlen, und so dürfen wir auch hier von einer -ästhetischen Bedeutung solch seltsamer Lautäußerungen -sprechen.</p> - -<p>Der nächtliche Wald oder das einsame zerfallene Gemäuer -weckt die Einbildungskraft, so daß auch der nüchternste -Mensch sich nur schwer eines gewissen Grauens -erwehren kann. Aus jedem größeren Wald, selbst aus -manchem Park erschallt um die Zeit von Frühlings Tag- -und Nachtgleiche der Ruf des Waldkauzes; oft wiederholt -klingt er wie heulendes Hohngelächter. Was ist -dieser Ruf aber gegen das schauerlich widerhallende -»Buhu« des mächtigen »Aufs«, das der König der Nacht -zur Paarungszeit fast ununterbrochen hören läßt. Wer -in uhureicher Gegend, z. B. in den Waldgebirgen Bosniens -nur einmal eine mondhelle Nacht erlebt hat, wird -es begreifen, daß der Uhuruf im Aberglauben, in Märchen -und Sagen eine große Rolle spielt. Unheimlich klifft<span class="pagenum"><a id="Page_21">[21]</a></span> -und klafft es, heult und wiehert, lacht und jauchzt es -durch den dunklen Gebirgswald.</p> - -<p>In unsrer engeren Heimat finden sich die weitaus -größten <em class="gesperrt">Vogelgesellschaften an den Teichen -und Seen</em> der Lausitz. Sie verleihen dem Landschaftsbild -zu allen Jahreszeiten einen ganz besonderen Reiz, -an dem sich Auge und Ohr des Naturfreundes immer -von neuem ergötzen.</p> - -<p>Schon aus der Ferne vernimmt man im zeitigen -Frühling, wenn kaum die ersten grünen Spitzchen des -jungen Schilfs über der Wasserfläche hervorschauen, ein -vieltöniges Stimmengewirr. Enten der verschiedensten -Art schreien und quälen; die Kiebitze, die eben von der -Reise zurück sind und von denen einige uns umgaukeln, -seltsamen, wuchtelnden Flugs, stoßen ihre zweisilbigen -Klagerufe aus; Bläßhühner lassen ihre scharfe Lockstimme -hören; mit tiefem »grök grök« melden sich die -großen Haubentaucher, während ihre kleinen Vettern, die -niedlichen Zwergtaucher, hell kichern und trillern, die -Rothalstaucher aber, die lautesten ihrer Sippe, seltsam -grunzen und quieken, daß man's weithin hört von einem -Teich zu dem andern. Lachmöwen sind auch schon da; -unruhig flattern sie durch die Luft. Aber noch vielmehr -mögen sich in jener Bucht verbergen, die das abgestorbene -Schilf unsern Blicken entzieht; denn hundertfach tönt -das nimmermüde »Krrriäh« aus dem geschützten Winkel.</p> - -<p>Wenn aber in ein paar Wochen Drossel- und Teichrohrsänger -von der Reise zurück sein werden, dann geht's -noch viel lauter zu; dann hat diese kleine quecksilberne -Sängergesellschaft das Wort; »karrakiet, karrakiet,« den -ganzen Tag fast, besonders am frühesten Morgen und -am Abend bis spät in die Nacht. Kaum zur Geisterstunde<span class="pagenum"><a id="Page_22">[22]</a></span> -gönnt man sich eine Pause. Es ist, als wollten sie wetteifern -mit dem Gequak und Geknarr der Froschsänger, -deren Stimmen die ganze Frühlingsnacht nicht müde -werden.</p> - -<p>Und nun treten wir durch das Röhricht ans Ufer. -Da schwimmt es auf dem Gewässer, flattert empor, taucht -unter, rennt flügelschlagend über den Wasserspiegel oder -segelt hoch in der Luft. Lachmöwen wirbeln umher wie -riesige Schneeflocken oder ruhen, weißen Seerosen zu vergleichen, -in der lauschigen Bucht, die sie sich zur Brutstätte -erkoren haben; einzelne Trauerseeschwalben schießen -durch die Luft; Rotschenkel ziehen, unermüdlich -rufend, ihre Kreise; hinter der Ente flattert der Erpel -von einem Teich zu dem andern: Taucher und Tauchenten -üben ihre Kunst: weg sind sie, mit einemmal -verschwunden, um dann an anderer Stelle wieder aufzutauchen. -Das grünfüßige Teichhühnchen macht seinem -Weibchen den Hof; weißstirnige »Blässen« schlagen mit -ihren Lappenfüßen das Wasser; neue Ankömmlinge – -kleine Krikenten sind es – brausen mit seltsam schwingenden -Flugtönen herbei, und ein paar Rothalsmännchen -bekämpfen einander, bellende und quiekende eifersüchtige -Kriegsgesänge ausstoßend. In der Tat, ich kann -mir einen solchen Flachlandsee meiner Heimat kaum denken -ohne das bunte, vielgestaltige Leben seiner gefiederten -Bewohner, und ich weiß nicht zu entscheiden, ob es -das Auge ist oder das Ohr, durch dessen Vermittlung uns -dieses nimmermüde Treiben wirkungsvoller zum Bewußtsein -kommt. Ach, wie wäre solch Teich- oder Seenlandschaft -unsrer Heimat mit einem Schlage all ihres -Reizes bar, wenn ihr plötzlich dies reiche Leben geraubt -würde!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_23">[23]</a></span></p> - -<p>Und diese Gefahr liegt vielleicht nicht so fern, wie -die meisten wohl glauben. Die Entenscharen haben schon -hie und da in erschreckender Weise abgenommen; wie -viele Lachmöwenkolonien sind bereits völlig verschwunden, -wie viele in den letzten Jahrzehnten kleiner -und kleiner geworden! Nicht ein einziges Reiherpaar -horstet mehr auf sächsischem Boden, und der merkwürdigste -Vogel unsrer Lausitzer Seenlandschaft, die <em class="gesperrt">große -Rohrdommel</em>, ist auch bereits so selten geworden, -daß man sie für Sachsen heute schon als ein Naturdenkmal -bezeichnen muß. Und gerade das tiefe »Prumb«, -das dieser reiherartige Vogel in der Stille der Nacht -ausstößt, daß man's wohl eine halbe Wegstunde weit -hört, ist wie der Uhuruf im Hochwald oder das Orgeln -und Röhren des Platzhirschs im Herbst von allergrößter -Wirkung. Seltsam hört sich's an, und manches abergläubische -Männlein und Weiblein meint, ein Gespenst -treibe auf der schilfbewachsenen Insel im Teich sein unheimliches -Wesen.</p> - -<p>Auch Instrumentalmusik wird von einigen Vögeln -geübt. Da sind zunächst die <em class="gesperrt">Spechte</em> zu nennen. Ihr -ganzes Dasein, von der Wiege bis zur Bahre, steht in -innigster Beziehung zum Holz. Kein Wunder also, -daß sich ihre musikalische Betätigung von Anfang an dem -Xylophon zugewandt hat; sie spielen es meisterhaft. Man -soll nur versuchen, es ihnen nachzumachen, man bringt's -nicht. Unser Trommeln auf irgendeinen dürren Ast -bleibt Stümperei gegenüber dem kräftigen Schnurren, -wie es besonders der Schwarzspecht, aber auch die -kleineren Buntspechte üben. Sobald der trommelnde -Specht nach einem andern Baumzacken fliegt und mit -seinem Instrument wechselt, gleich gibt's einen andern,<span class="pagenum"><a id="Page_24">[24]</a></span> -d. h. höheren oder tieferen Ton. Dieses Lied ohne -Worte ist auch ein Liebeslied. Es paßt zu der ganzen -seligen Frühlingsstimmung im Wald und im Park und -in der lenzgrünen Au, es paßt zu dem ersten Kuckucksruf -und zu dem liebeflehenden Gurren der Wildtaube, zum -süßen Lied des Fitis, wie zum kecken Reiterstückchen des -Buchfinken. Den Frühlingstagen in der sonnigen Heide -würde ein eigener Reiz fehlen, wenn sich die gefiederten -Trommler nicht mehr hören ließen.</p> - -<p>Und nun unsre <em class="gesperrt">Störche</em>. Kein Vogel vermag dem -Dorfbild so viel Stimmung und Reiz zu verleihen wie -Adebar, unser Langbein; selbst die lieblichen Schwalben, -deren Flug und Gezwitscher das Dorf so anmutig beleben, -müssen in dieser Beziehung hinter ihm zurücktreten. -Sie sind die Schützlinge jedes einzelnen Gehöfts, -der Storch aber ist der Freund der ganzen Gemeinde, -gewissermaßen ihr Vertreter innerhalb der gefiederten -Welt. Ich bin so froh, daß wir in der sächsischen -Lausitz noch eine kleine Anzahl besetzter Storchnester -haben. Ist's nicht ein hübsches, gemütliches Bild, wenn -die Störche kurz vor Sonnenuntergang zu ihrem Horst -heimkehren und nun am First der strohgedeckten Scheune -stehen, wo sie sich so gut vom geröteten Abendhimmel abheben! -Jetzt vernimmt man auch ihr seltsames Klappern. -Es klingt nicht schöner, als wenn ein Stock schnell -über einen hölzernen Zaun hinfährt; aber Poesie ist's -doch, Dorfpoesie, wie das Mühlengeklapper, das Dengeln -der Sense, das Klipp-klapp der Dreschflegel auf harter -Tenne. Urgemütlich hallt es von der Höhe herab durch -die ganze Gemeinde zu jedermanns Freude. Wer es -nicht fühlt, daß das Klappern der Störche mehr ist, als -bloßes Geräusch, der hat keinen Sinn für die Reize des<span class="pagenum"><a id="Page_25">[25]</a></span> -Landlebens, kein Verständnis für das friedliche Dorfbild -des Niederlandes, ja es fehlt ihm die rechte Liebe -zur Heimat.</p> - -<hr class="tb" /> -<div class="chapter"> -<p>Viel geringer in ihrer Bedeutung für das Landschaftsbild -sind die hübschen <em class="gesperrt">Farben</em> und <em class="gesperrt">Zeichnungen</em> -des Vogelkleides. Mutter Natur handelt gar -fürsorglich; sie hat ihre Lieblinge so ausgestattet, daß -selbst ein bunter Vogel, wenn er ruht, nicht besonders -auffällt. Der weiße Bürzel des Eichelhähers oder der -Hausschwalbe, der goldgelbe des Grünspechts, das Weiß -und Schwarz der Kiebitze, selbst das buntschillernde Gewand -des Eisvogels, das tropische Farbenkleid der Blaurake -oder des Pirols: das alles kommt doch erst während -des Flugs zur Geltung. Die Bewegung bleibt immer -die Hauptsache.</p> -</div> - -<p>Wie ein leuchtender Funken schießt der <em class="gesperrt">Eisvogel</em> -an uns vorüber, metallisch grün und seidig blau, ein -blitzender Edelstein von unvergleichlicher Schönheit. Besonders -in der Winterlandschaft, wenn der Gebirgsbach -das schimmernde Eis, das ihn einzwängen will, mit -weißem Gischt überschäumt und das Licht sich in den -glänzenden Schneekristallen tausendfach bricht, dann ist -der wunderbare Vogel eine geradezu märchenhafte, ich -möchte sagen überirdische Erscheinung. Ist's Wirklichkeit -oder ist es ein Traum, der unser Auge getäuscht hat?</p> - -<p>Eine prächtige Zierde des winterlichen Waldes sind -auch die <em class="gesperrt">Kreuzschnäbel</em>, nordische Gäste, die uns -freilich nicht in jedem Jahre reichlich besuchen. Ihr -Kleid ist wundervoll johannisbeerfarben. Wenn auf<span class="pagenum"><a id="Page_26">[26]</a></span> -jedem Zweig dichter Schnee liegt und nur hie und da -zwischen dem reinen Weiß die schwarzgrünen Nadeln -hervorschauen, dann kann man sich an dem Farbenreiz -der kleinen roten Geschöpfe, wie sie an den Spitzen der -Ästchen oder an den Zapfen herumklettern, nicht satt -sehen. Natürlich wird die Wirkung der Farbe erhöht, -wenn die geselligen Vögel in möglichst großer Zahl auftreten. -Denn der einzelne dieser kleinen Gesellschaft ist -ja nur ein Punkt in dem weiten Landschaftsbild; es -müssen sich schon mehrere zu einem bunten Fleck vereinigen, -ehe von einer Farbenwirkung gesprochen werden -kann. Und Sonne gehört dazu, strahlende Sonne!</p> - -<p>Ist's bei den Blumen nicht ebenso? Die einzelne -Blüte des Mohns, des Windröschens, der Dotterblume, -selbst ein einzelner Busch des blühenden Heidestrauchs, -der Schlehe, des Ginsters geht trotz aller Farbenpracht in -dem großen Gemälde verloren. Viele tausend gleichartige -Blumen sind dazu nötig, auf der Wiese gelbe oder -blaue Flecken zu malen, den Schlehdorn, den Obstbaum -in duftigen Schnee zu hüllen, der sandigen Heide im -Spätsommer das lichtviolette Kleid zu weben, den Berghang -in Gelb oder Rosa zu tauchen, und nur wenn wir -ganz nah an ein enger begrenztes Bild herantreten, da -genügen auch einzelne Blumen, einen farbigen Eindruck -hervorzurufen: ein paar Rosen am Gartenhaus, feurige -Mohnblumen am Feldrain oder ein paar Schwertlilien -am kleinen schilfumgrenzten Weiher.</p> - -<p>Aber gerade den farbenprächtigsten Vögeln begegnet man -nur selten in größerer Anzahl, wenigstens in unserer -Heimat. Ich entsinne mich nur ein einziges Mal -einen Trupp von zwölf oder fünfzehn <em class="gesperrt">Pirolen</em> angetroffen -zu haben. Sie flogen zwischen den Pappelreihen<span class="pagenum"><a id="Page_27">[27]</a></span> -der Straße eine lange Strecke vor meinem Wagen -her; dabei setzten sie sich in regelmäßigen Zwischenräumen -auf die Bäume und warteten, bis das Gefährt -herankam, um dann wogenden Flugs wieder voranzueilen. -Ein bezaubernder Anblick war's, wie das goldgelbe -Kleid dieser Vögel abwechselnd aufblitzte und verlöschte, -je nachdem das grelle Sonnenlicht sie umflutete -oder die schwarzen Schatten der hohen Pappeln auf sie -fielen. Also auch hier Hand in Hand Bewegung und -Farbe.</p> - -<p>Bei der bunten <em class="gesperrt">Mandelkrähe</em> habe ich einmal in -der Lausitz ganz Ähnliches erlebt; aber es waren nur -vier oder fünf, die mich durch die sandige Heide ein gut -Stück begleiteten.</p> - -<p>Im Gesamtbild der Landschaft tut's immer erst die -Masse, und in dieser Beziehung wüßte ich keinen Vogel -zu nennen, dessen Farbenkleid seinem Aufenthaltsort so -zum Schmucke gereicht, wie der weiten Wasserfläche die -schneeige <em class="gesperrt">Lachmöwe</em> mit ihrem zartblauen Mantel. -Den vollen Genuß gewährt aber auch hier erst die Bewegung, -wenn die langflügligen Vögel zu Hunderten in -der Luft wirbeln und ihre kreischenden Stimmen hören -lassen. An der Meeresküste übertönen die <em class="gesperrt">Sturm-</em> oder -die <em class="gesperrt">Silbermöwen</em> selbst die Wogen der brandenden -See, so laut diese auch gegen die Klippen krachen und -donnern. Wenn irgendein Vogel das Geschöpf einer bestimmten -Landschaft genannt werden kann, so ist es die -Möwe. Der Sturm hat ihr die bangen Armknochen und -die starken Schäfte der Schwingen gegeben; die See hat -die Ruder gebildet von höchster Vollendung: der kurze -Lauf, seitlich zusammengedrückt, und Schwimmhäute -zwischen den Zehen. Das Blau des Himmels, an dem<span class="pagenum"><a id="Page_28">[28]</a></span> -die weißen Wolken dahinziehen, das Blau der See, mit -dem Weiß der Wellenkämme geschmückt: die Möwe trägt -die gleichen Farben auf ihrem Kleid. »Flatternd schwebt -sie am Himmel, dicht fliegt sie über den Wellen; den -lichten Seglern folgt sie hinaus übers Meer, mit den -Wolken zieht sie ins Land. Wo ein See oder Teich des -Himmels Bläue mit den schneeweißen Wolken wiederspiegelt, -da erkennt sie die Heimat – die Mutter ist's, -das unendliche Meer, das blauen Auges emporschaut – -wo ein Schiff auf dem Rücken des Stromes langsam -dahinzieht, da flattert die Möwe: Grüß mir das Meer -und die felsigen Klippen am Strand und die Brandung -im Sturm.« (Aus des Verf.s Abhandlung über die -Möwen in den »Lebensbildern aus der Tierwelt«, -R. Voigtländers Verlag.)</p> - -<p>An Farbenpracht ihrer Geschöpfe wird unsre nördliche -Heimat von südlicheren Zonen weit übertroffen. Man -hat deshalb wiederholt versucht, diesem Mangel etwas -abzuhelfen, indem man sich Mühe gab, <em class="gesperrt">fremdländische -Vögel</em> in Deutschland einzubürgern. Jäger -und übereifrige Vogelfreunde nahmen sich der Sache an. -Jene wollten sich in ihrer Lust an Hege und Jagd nicht -genügen lassen mit unsern Feld- und Waldhühnern, mit -Enten und andern Wasservögeln; diese dachten sich's so -schön, die Farbenpracht fremder Zonen in unsre Parks, -Gärten und Wälder zu verpflanzen. Beides Versuche, -gegen die sich glücklicherweise die Natur selbst wehrt. Nur -eine einzige Vogelart hat sich wirklich dankbar gezeigt, -der Fasan, dessen Einbürgerung restlos gelungen ist, obgleich -nicht nur das Prachtgefieder, sondern auch das -ganze Gebaren des Tieres den Fremdling noch immer -auf den ersten Blick verrät. Dagegen sind Schopf- und<span class="pagenum"><a id="Page_29">[29]</a></span> -Baumwachtel, Rot- und Moorhuhn sehr bald wieder von -der Bildfläche verschwunden, ebenso der amerikanische -Wildputer. Und von den chinesischen Nachtigallen, Papageien, -roten Kardinälen und andern Ausländern hat -man nicht selten an dem Tage, da man sie aussetzte, das -letzte bunte Federchen gesehen. Und das ist gut so. -Diese Fremdlinge passen ebensowenig in die heimatliche -Landschaft, wie Weymouthskiefer, Roßkastanie, Robinie, -amerikanische Eiche in den deutschen Wald, während -man in Gärten und Parks sich diese fremdländischen -Bäume wohl kann gefallen lassen.</p> - -<p>Anders das <em class="gesperrt">zahme Hofgeflügel</em>, das ja, soweit -es, zur artenreichen Familie der Hühner gehört, gleichfalls -fremdländischen Ursprungs ist. Hier handelt es -sich um Genossen des Menschen, die seine Wohnstätte mit -ihm teilen und dieser tatsächlich zu hoher Zierde gereichen; -zur freien, unberührten Natur aber würden sie -gleichfalls im Widerspruch stehen. Einen Bauernhof, -und sei er noch so klein, ohne die muntere Schar der -Hühner, geführt vom farbenprächtigen Hahn, kann man -sich ebensowenig denken, wie das herrschaftliche Gut ohne -den kollernden Puter mit seinen Hennen, und wenn auf -der Freitreppe vor dem Schloß der Pfau sein glänzendes -Rad schlägt, so paßt solche Farbenpracht recht wohl zu -dem Reichtum, von dem das Bild zu uns spricht. Tot -ist die Dorfstraße, wenn nicht schillernde und buntscheckige -Hühner umhertrippeln oder an den Hoftoren in den -flachen Löchern ruhen, die sie sich im Schatten des -blühenden Hollers ausgescharrt haben. Wie anmutig -auch der Blick in die Höhe, wenn die Tauben ihre Flugkünste -zeigen, in weiten schön geschwungenen Bogen die -ganze Ortschaft umfliegend, bald sich trennen, bald sich<span class="pagenum"><a id="Page_30">[30]</a></span> -wieder vereinen, um sich endlich flatternd auf dem Dach -niederzulassen, unter dem sie wohnen.</p> - -<p>Auch unser <em class="gesperrt">zahmes Wassergeflügel</em>, dessen -Stammväter und -mütter bei uns Heimatrecht genießen, -die Gänse und Enten und vor allem die Schwäne, sind -recht wohl imstande, das Landschaftsbild aufs reizvollste -zu beleben. Die Enten am Bach oder Dorfteich – ach, -wie gemütlich ihr eifriges Schnattern – die Gänseherde, -die durch das Gras zieht, militärisch in langer Reihe, -aber watschelnden Ganges, der stolze Schwan, gleich -einem Schiff mit geblähten Segeln über den Spiegel des -Schloßteichs gleitend: man erfreut sich doch immer -wieder an solchem Anblick, so oft man's auch schon geschaut -hat.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Hinter dem Vogel bleiben alle andern Tiere in ihrer -Bedeutung für das Landschaftsbild weit zurück. Namentlich -gilt das von den <em class="gesperrt">Säugetieren</em>, in erster Reihe -von den wildlebenden. Mäuse auf dem Felde, niedliche -Spitzmäuse zwischen dem herbstlichen Buchenlaub am -Boden, ein Wiesel, ein Igel – von einer Bereicherung -des Landschaftsbildes kann man bei ihnen kaum sprechen, -nicht einmal wenn ein paar Jungfüchse oder Karnickel -vor ihrem Bau spielen, oder wenn Freund Lampe Fersengeld -gibt, daß seine weiße Blume bei jedem Sprung -im Krautacker hell aufleuchtet wie ein Fetzen Papier, -mit dem der Wind sein lustiges Spiel treibt.</p> - -<p>Mit mehr Berechtigung könnten wir schon das muntere -<em class="gesperrt">Eichhorn</em> anführen, an dessen Kletterkünsten alt -und jung sich erfreut. Man kann dem netten, zierlichen<span class="pagenum"><a id="Page_31">[31]</a></span> -Tierchen kaum gram sein, obgleich es viele Untugenden -hat; wo es dem deutschen Walde fehlt, da vermissen wir's -ungern. Auch die <em class="gesperrt">Fledermäuse</em> beleben den dämmernden -Abend, der sich über die Flußlandschaft senkt, -in eigenartiger Weise. Viele Freunde haben sie nicht -unter den Menschen, und doch im Vorfrühling ist mir -die erste Fledermaus, die sich aus dem Winterversteck -gewagt hat und deren Zickzackflug sich so seltsam vom -geröteten Abendhimmel abhebt, eine gar liebe Erscheinung, -ein Frühlingsbote, den ich ebenso freudig begrüße, -wie den ersten Zitronenfalter, den ersten Flötenruf der -Amsel, das erste Quaken der Frösche.</p> - -<p>Von den wildlebenden Säugetieren kommt eigentlich -nur das <em class="gesperrt">Hochwild</em> für das Landschaftsbild in Betracht: -Rot- und Rehwild, in manchem Herrschaftspark -Damwild, weiter das Schwarzwild und im Hochgebirge -das Krickelwild. Ein schmucker <em class="gesperrt">Sechserbock</em> im -Buchenwalde, mit dem geperlten Gehörn zwischen den -Lauschern, wie er erhobenen Kopfes verhofft, um dann -in weiten Fluchten leichtfüßig über Stock und Stein zu -setzen, eine Ricke mit ihrem Kitzchen auf der Waldwiese -äsend, <em class="gesperrt">Rotwild</em>, das gegen Abend aus dem Dunkel -des Hochwaldes tritt, oder halbzahmes <em class="gesperrt">Damwild</em>, -das sich im Schloßpark unter dem Schatten mächtiger -Baumriesen gelagert hat: liebliche Bilder sind es, die -keineswegs nur das Herz des Jägers entzücken, sondern -jeden erfreuen, der im Verkehr mit der Natur Genuß -und Befriedigung findet. Und wenn im Herbst der -<em class="gesperrt">Brunfthirsch</em> orgelt und schreit, in der Dämmerung -abends oder frühmorgens, daß es dröhnend und röchelnd -über die Waldblöße schallt, ich glaube, es kann sich niemand -des Eindrucks solcher Laute entziehen. Ein Stück<span class="pagenum"><a id="Page_32">[32]</a></span> -ursprünglicher, unverdorbener Natur tritt uns in ihnen -entgegen, um so wertvoller, je seltener wir Großstadtmenschen -uns dem unmittelbaren Verkehr mit der Natur -hingeben können. Dankbar erkennen wir's dann an, daß -allein einem streng durchgeführten Jagdschutz solch erhebende -Stimmungsbilder auf unserm heimatlichen -Boden zu verdanken sind. Der Uhuruf ist in unsern -sächsischen Gebirgswäldern verhallt; möge nie die Zeit -kommen, wo man nicht mehr den Schrei des Brunfthirsches -vernimmt, der seinen Gegner zum Zweikampf -fordert! Ein gut Stück urwüchsigen Waldeszaubers wäre -für immer dahin.</p> - -<p>Wie ein Recke aus vergangenen Tagen mutet uns das -<em class="gesperrt">Wildschwein</em> an. Seine ganze Erscheinung hat gewiß -wenig Anziehendes an sich; ein rauher, borstiger -Geselle ist solch ein Keiler, und auch sie, die Bache, ist -eine ungemütliche Dame, aller Anmut, jedes Reizes bar. -Aber im Winter, wenn der Forst tief verschneit ist und -das Leben erstorben scheint, bis auf ein paar Krähen, -die sich mit heiserem Schrei im Wipfel der hohen Föhren -einschwingen, daß der Schnee, einer leichten Staubwolke -gleich, dahinfliegt, dann vermögen zwei oder drei »Schwarzkittel« -der Landschaft eine Stimmung von außerordentlicher -Stärke zu verleihen. Die gedrungenen dunkeln -Gestalten heben sich so gut von der weißen Schneedecke -ab. Dampf hüllt sie ein, Rauhreif deckt ihr borstiges -Kleid, und am Rüssel haftet der Schnee bis hinauf zu -den Sehern. Sie verachten den eisbärtigen Herrscher -des Nordens, der ihnen nichts anhaben kann; unter dem -Schnee wühlen sie doch ihre Nahrung hervor. Selbst die -härteste Schneekruste, die das Reh laufkrank macht, daß -es leicht dem Fuchse zur Beute fällt, brechen sie auf, und<span class="pagenum"><a id="Page_33">[33]</a></span> -die Kälte fürchten sie noch weniger; denn sie haben sich -im Herbst, dank der Eichel- und Buchelmast, feist herangefressen.</p> - -<p>Im Hochgebirge ist es die <em class="gesperrt">Gemse</em>, welche die nackten -Felsengrate und Steintrümmermeere, die Steilhänge -und die höchsten Alpenmatten reizvoll belebt. Wem nur -einmal das Glück geworden ist, vielleicht am frühen -Morgen ein Rudel zu belauschen, das seinen Durst an -dem schwarzblauen, goldumränderten Meerauge tief -unten im starren Felsenzirkus löscht und dann den Menschen -bemerkt und erschrickt – hei! wie schnell geht's in -dem harten Gestein hinauf bis zum zackigen Grat, hinter -dem eins nach dem andern verschwindet – der vergißt's -sein Lebtag nicht wieder.</p> - -<p>Im Gewänd kletternde <em class="gesperrt">Hausziegen</em> mögen, aus -weiter Ferne gesehen, einen ganz ähnlichen Anblick gewähren, -wie ruhig äsendes Krickelwild, und so mancher -Alpenbesucher, der nur das friedliche Haustier beobachtete, -wird in dem Wahn, er habe Gemsen belauscht, hochbefriedigt -aus den Bergen heimkehren. Gewiß, die -äußere Erscheinung bietet viel Ähnliches, aber der Gefühlswert -ist in beiden Fällen doch ganz verschieden. -Dort ein Tier der freien Natur, hier ein vom Menschen -abhängiges Geschöpf; dort Freiheit und Ursprünglichkeit, -hier Zwang und Kultur. Wie grundverschieden die -Stimmungen, die solcher Gegensatz im Beschauer auslöst! -Wir sehen ja nicht nur mit unserm leiblichen Auge, sondern -zugleich mit einem inneren Sinn. Damit soll jedoch -nicht geleugnet werden, daß auch unsern vierfüßigen -<em class="gesperrt">Haustieren</em> eine große Bedeutung für das Landschaftsbild -zukommt. Tausend Gemälde älterer und -neuerer Maler führen es uns immer wieder vor Augen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_34">[34]</a></span></p> - -<p>Wir brauchen nur an die buntscheckigen <em class="gesperrt">Rinder</em> zu -denken, die auf dem grünen sonnigen Plan weiden oder -wiederkäuend im Schatten hoher Bäume ruhen, an die -blökende <em class="gesperrt">Schafherde</em>, die langsam am Berghange -hinzieht, an die munteren <em class="gesperrt">Fohlen</em>, die sich in der -Koppel nach Herzenslust tummeln: anmutige Bilder, -die den Frieden des Landlebens atmen. Aber selbst ein -einzelnes Tier, ein einzelnes Gefährt kann der Landschaft -einen bestimmten Stimmungsgehalt geben: der -breitstirnige Stier vor dem Pflug, wie der Postwagen -auf der Landstraße.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Den kaltblütigen Wirbeltieren, also <em class="gesperrt">Kriechtieren</em>, -<em class="gesperrt">Lurchen</em> und <em class="gesperrt">Fischen</em>, brauchen wir kaum unsre Aufmerksamkeit -zu schenken. Ihr verstecktes Leben bringt es -mit sich, daß sie auf das Landschaftsbild nicht bestimmend -einwirken, wobei ich jedoch nicht leugnen will, daß -kleine Ausschnitte der Landschaft, z. B. ein Tümpel im -verlassenen Steinbruch durch Tritonen und Salamander, -ein steiniger Hang durch schnelle Eidechsen, ein Gebirgssee -oder ein Waldbach durch die hübsch gepunkteten, -flinken Forellen, die hie und da emporschnellen, um nach -Insekten zu schnappen, an Reiz gewinnt.</p> - -<p>Aber in einer Hinsicht spielen doch auch ein paar Amphibien -keine ganz unwichtige Rolle. Ich meine gewisse -<em class="gesperrt">Froschlurche</em>, den Wasserfrosch, den Laubfrosch und -die Unke, deren Einzel- oder Chorgesang weithin durch -die stille Landschaft schallt. Wenn wir auf der Stufenleiter -der Tiere aufwärts steigen, so sind es diese Lurche, -bei denen wir zuerst einer wirklichen Vokalmusik begegnen,<span class="pagenum"><a id="Page_35">[35]</a></span> -einer Lautäußerung durch die Stimme, dem Uranfang -einer Sprache. Alle andern tiefer stehenden -Tiere, namentlich die Insekten, üben höchstens Instrumentalmusik -aus<a id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">1</a>; der Frosch aber ist der erste Sänger. -Kraftvoll versteht er seine Stimme zu gebrauchen; bestimmte -melodische Sätze wechseln und kehren in regelmäßiger -Folge wieder, und sein angeborenes Gefühl für -die Zeitmaße ist hervorragend, man muß es ihm lassen.</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">1</span></a> Wenn man auch bei den brummenden und summenden Insekten, -den Bienen, Hummeln, Fliegen u. a., von Stimmorganen, -wenn man vom »Singen« der Mücken redet, so ist nicht viel dagegen -einzuwenden; denn in der Tat werden solche Lautäußerungen mit -Hilfe der Atemluft hervorgerufen, die durch die Atemlöcher, die sog. -»Stigmen« streicht. Aber die Art der Insektenatmung ist doch eine -ganz andere, als die der höheren Tiere, bei denen die Stimmbildung -in der Hauptsache der Luftröhre und dem Kehlkopf zukommt.</p></div> -</div> - -<p>Ein lauwarmer Frühlingsabend hat sich über den -schilfumsäumten Teich gesenkt. Wir sind ans Ufer getreten. -Die <em class="gesperrt">Frösche</em>, deren Chorgesang uns aus der -Ferne entgegenschallte, schweigen jetzt, vergrämt durch die -leisen Erschütterungen des Bodens infolge unserer Tritte. -Nur die Wellen glucksen am Uferrand, und leise flüstert -das Schilf im Abendhauche. Die Rohrsänger sind es, -die zuerst die feierliche Stille unterbrechen: schnarrende, -quietschende, pfeifende Töne, ein buntes Durcheinander, -aber immer im Takt. Horch, jetzt auch ein paar gurgelnde -Laute aus der Tiefe des Schilfs: »gluck, gluck«, -und zwei oder drei knarrende Töne: »koax, koax«. Bald -wagen's auch andere, hohe Tenöre und tiefe Baßstimmen, -trillernd und volltönend, bis sich die ganze Gesellschaft an -diesem Singsang beteiligt: »brekeke koax, brekekeke, tuu -tuu«. Je mehr der Mond, der hinter den alten Weiden -auftaucht, sein volles Licht über den Teich ergießt, um<span class="pagenum"><a id="Page_36">[36]</a></span> -so eifriger schallt es: Frösche und Rohrsänger im Wettgesang, -daß es weithin schallt über die schlafende Flur. -Die Motive verschieden, die Stimmen höher und tiefer -in seltsam wechselnden Sprüngen hinauf und hinab, ein -musikalischer Mischmasch; aber es paßt alles zusammen, -zumal das ganze Konzert von einem streng innegehaltenen -Rhythmus beherrscht wird. Dieser wird noch besonders -dadurch betont, daß einzelne Sängergruppen auf -einmal ein Weilchen schweigen, um dann mit voller -Kraft wieder einzufallen. Jetzt singt es hier, jetzt da; -bald knarrt und quakt nur eine kleine Gesellschaft noch, -bald singt wieder der ganze Chor, als sollte er das Versäumte -nachholen. Solches Ab- und Anschwellen wirkt -besonders in größerer Entfernung recht auffallend; es -ist, als ob uns der Nachtwind bald mehr, bald weniger -Tonwellen zutrüge, ein rhythmischer Wechsel, der den -Reiz des Froschkonzerts wesentlich erhöht.</p> - -<p>Fleißigere Sänger gibt's nicht, als Rohrsänger und -Frösche. Selbst die Nachtigall macht 'mal eine längere -Pause zu mitternächtiger Stunde; der Nachtschwalbe -»Spinnen« schweigt mitunter ein Weilchen, und auch die -verliebten Käuze im Kiefernwald gönnen sich hin und -wieder ein wenig Ruhe. Nur der Singsang des Teichs -verstummt nie völlig; seine Bewohner, so scheint es, bedürfen -des Schlafs nicht. Das gilt besonders von den -unermüdlich quakenden Fröschen. Kaltblüter nennen -wir sie. Gewiß, ihre schlüpfrige Haut fühlt sich kalt an, -ihr Fleisch und ihr Blut; aber drin im Herzen, da sitzt -es, unsichtbar, das Herz im Herzen, glühend heiß, voll -Sehnsucht, voll Liebe, und wes das Herz voll ist, des -geht der Mund über.</p> - -<p>Zu allen Zeiten ist man sich des Reizes bewußt gewesen,<span class="pagenum"><a id="Page_37">[37]</a></span> -der vom Froschgesang ausgeht, und es sind nur -naturfremde oder krankhafte Menschen, die solchen -Minnesang verwünschen. Wieviel ärmer wäre die -Frühlingsnacht an unsern Teichen, wenn deren Bewohner, -die grünen Wasserfrösche, ebenso stumm wären, -wie ihre braunen Vettern im Grase, von denen man -höchstens ein paar knurrende Laute vernimmt. Da ist -mir der grüne Teichsänger doch hundertmal lieber. Sein -Lied stimmt zu den andern Schilfliedern, bringt Leben -in die Natur, und wo Leben und Stimmung, wo Bewegung -und Einklang, da erkenne ich Schönheit.</p> - -<p>Auch der <em class="gesperrt">Laubfrosch</em>, unser Wetterprophet, läßt -sich bisweilen die ganze Nacht hören. Er hat sich einen -Sängerplatz in der Höhe, im Grün von Baum oder -Strauch erkoren, von wo nun sein hastig hervorgestoßenes -»äpp, äpp, äpp« durch die Frühlingsnacht hallt, seltsam -anzuhören und lustig zugleich. Der kleine Kerl dünkt -sich so wichtig.</p> - -<p>Von tieferem Eindruck auf unser Gemüt ist der -Einzelruf oder auch der melodische Rundgesang der -<em class="gesperrt">Unken</em>, die den Dorfweiher oder den Tümpel draußen -im Wiesental bewohnen. Wie Glocken läutet's geheimnisvoll -aus der Tiefe »ung, ung, ung …«, feierlich, -ernst, schwermütig und traurig, fast immer derselbe Ton, -von gleicher Stärke und Höhe. Zu dem dunkeln, ernsten -Weiher mit den Wasserrosen, die im Mondlicht nur matt -und unsicher leuchten, während die schwarzen Schatten -der Pappeln auf der Wasserfläche erzittern, stimmen die -melancholischen Glockentöne der Unken so wunderbar, daß -jeder den Eindruck dieser Naturlaute empfindet.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_38">[38]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Auch manche <em class="gesperrt">Insekten</em>, namentlich wenn sie in -größeren Scharen auftreten, sind für das ganze Landschaftsbild -von Bedeutung. Wir brauchen nur an die -graziösen <em class="gesperrt">Libellen</em> zu denken, die jedem Gewässer, -dem Fluß und Bach mit ihren erlenbestandenen Ufern, -dem schilfumsäumten Teich, selbst dem reizlosen Mühlgraben -zur Zierde gereichen. »Wasser-« oder auch -»Schlankjungfern« hat sie das Volk getauft, um den bezaubernden -Reiz dieser zarten Wesen zum Ausdruck zu -bringen, im Flug wie im Sitzen von einer Anmut, die -nicht ihresgleichen hat. Oder wer möchte sie missen, die -<em class="gesperrt">Bienen</em> und die andern Hautflügler, die mit Gesumm -und Gebrumm im Mai den schneeigen Obstbaum, im -Juli die duftende Linde, im August die blühende Heide -besuchen! Ein zartes Getön, wie von Millionen silberner -oder gläserner Glöckchen erfüllt die sonnige Luft. Oder -soll ich an die Musik der <em class="gesperrt">Heupferde</em> erinnern, die -in der sommerlichen Mittagsglut die Blumen und Gräser -zum Schlummer einlullt, oder an das Zirpen der -<em class="gesperrt">Grillen</em>, das so stimmungsvoll am Abend durch die -Flur zittert. Das einzelne Tierchen leistet wohl wenig -als Musikant, aber tausend und abertausend vereinigt -erzeugen ein eindrucksvolles Getön, das leise über die -Landschaft dahinschwebt, einem zarten Schleier aus gesponnenem -Glas vergleichbar.</p> - -<p>Von weit höherer Bedeutung ist die artenreiche -Gruppe der <em class="gesperrt">Tagschmetterlinge</em>. Wie stimmen -doch diese leichtbeschwingten, zarten Geschöpfe, die Sinnbilder -eines heiteren, frohen Lebensgenusses, zu dem -sommerlichen Naturbilde mit der Fülle des Lichts und -der Farben! In anmutigstem Spiel gaukeln sie von -einer Blume zur andern, haschen und fliehen sich, bringen<span class="pagenum"><a id="Page_39">[39]</a></span> -Bewegung und Leben. Möchtest du sie missen auf der -sommerlichen Heimatflur? Oder denke an die Frühlingsboten, -den ersten Zitronenfalter, das erste Pfauenauge! -Ein trügerischer Sonnenblick hat den Winterschläfer geweckt, -daß er sein sicheres Versteck verlassen hat und nun -über der blumenleeren Erde ruhlos dahinflattert. Armes -Tier, Schneewolken ziehen auf, hinter denen sich die -Sonne versteckt; wie bald bist du erstarrt! Aber umsonst -gelebt hast du nicht. Wir sind dem Frühling begegnet! -so jubelt's in uns. Ein vorzeitig »Sommervöglein« -nur, und doch etwas Großes!</p> - -<p>Leider sind die schönen Falter in unsrer Heimat seit -ein paar Jahrzehnten recht selten geworden, namentlich -in der Nähe der großen Städte. Selbst die gewöhnlichsten -Arten, wie Trauermantel, Admiral, Distelfalter -u. a., haben in ganz auffallender Weise an Zahl abgenommen. -Segelfaltern und Schwalbenschwänzen, die -unser Jungenherz in der schönen Jahreszeit täglich erfreuten, -begegnet man nur noch ausnahmsweise, und -die selteneren Nachtschmetterlinge, wie rotes und blaues -Ordensband, Wolfsmilch-, Ligusterschwärmer u. a., die -auch vor einem halben Jahrhundert durchaus nicht -häufig waren, scheinen heute fast schon ausgestorben zu -sein. Gewiß tragen die Schmetterlingssammler einen Teil -der Schuld; aber die Hauptursache dieser bedauerlichen -Verarmung der Natur liegt in der fortgeschrittenen Kultivierung -des Bodens, wodurch den Raupen vielfach ihre -Nahrungspflanzen entzogen worden sind. Jedes Winkelchen -wird ausgenutzt, alles Unkraut beseitigt; die Aussaat -des Getreides ist reiner als ehemals, die Siedelungen der -Menschen sind gewachsen und der Verkehr ist gestiegen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_40">[40]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Bedeutung der Tierwelt für das Landschaftsbild -kommt uns vielfach erst dann so recht zum Bewußtsein, -wenn dieser Reiz, der von dem beseelten Geschöpf ausgeht, -irgendwo völlig fehlt. Das Tier bildet einen wesentlichen, -zum Ganzen gehörigen Teil der Heimat. Die -Harmonie, die Schönheit ist beeinträchtigt, sobald die -dem Landschaftsbild eigentümlichen Vertreter der Tierwelt -verschwunden sind. Der Reichtum, die Mannigfaltigkeit -der Natur hat dann eine schwere Einbuße erlitten -– schweigend steht der Wald, tot liegt der See, -öde die Flur. Verarmt ist die Heimat und mit ihr unser -Leben.</p> - -<p>Alle, deren Beruf in Beziehung zur Natur steht, an -erster Stelle der Landmann, der Förster, der Gärtner, -der Fischer, sollten sich der vielfach hart bedrängten Tierwelt -der Heimat annehmen. Nicht um klingende Münze, -sondern um edlere Güter handelt es sich, um den unermeßlichen -Wert einer reichen, unverdorbenen Natur.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_41">[41]</a></span></p> - -<h2 id="Die_volkstumlichsten_Tiere_der">Die volkstümlichsten Tiere der -deutschen Märchen und Fabeln</h2> -</div> - -<p class="drop">Wenn ich mir als Kind das Paradies der Schöpfungsgeschichte -vorstellte, da war es nicht etwa die -oasenartige Landschaft mit ihren Palmen und Fruchtbäumen, -mit ihren sprudelnden Quellen und Wasserbächen -und mit all den unbekannten, üppig wuchernden -Stauden und fremdartigen Blumen, wie sie die Bilderbibel -mir zeigte, sondern das freundliche grüne Flußtal -meiner sächsischen Heimat. Kein schöneres Fleckchen Erde -konnte ich mir denken, als diese sanfte, von bewaldeten -Höhenzügen umgrenzte Au, durch die mein lieber Heimatfluß -zwischen sattgrünen Wiesen seinen Weg nimmt. -Hier eine Gruppe mächtiger Eichen und silberstämmiger -Buchen, dort dunkles Erlen- und lichtes Weidengestrüpp, -das seine Arme weithin über das Wasser breitet; an -anderer Stelle, inselartig abgegrenzt, ein dichtes Fichtenwäldchen, -ein Laubholzbestand aus Ulmen und Ahornbäumen, -mit Haseln und Wildrosen umsäumt, daneben -ein Busch junger Birken; am Fuße der Talhänge aber -große und kleine Felsblöcke in wirrem Durcheinander, -über die das Grün des Adlerfarns schirmartig sich breitet -und Weidenröschen ihre roten Blütentrauben erheben, -während weißflockige Johanniswedel ihr Bild im Wasser -schauen, das sich hier dicht an den Steilhang hinandrängt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_42">[42]</a></span></p> - -<p>Mitten hinein in die Herrlichkeit dachte ich mir nun -Adam und Eva gesetzt, und ich bevölkerte die liebliche -Au mit dem »Gevögel, dem Vieh und Gewürm«, davon -uns die Bibel erzählt. Aber nicht an die Riesen der Tierwelt -dachte ich, Elefant, Giraffe und Nashorn, auch nicht -an die Affen und Papageien, die der Bibelmaler auf -dem Bilde so friedlich vereinigt hatte, die <em class="gesperrt">Tiere der -Heimat</em> waren es, die sich hier wirklich ein Stelldichein -gaben. Und sie genügten mir, ich kannte sie aber -auch alle.</p> - -<p>Das Hochwild trat am Abend aus dem dunklen Tann -zur Äsung auf die Wiese; die Fähe schnürte von ihrem -Bau, vor dem die Jungfüchse spielten, nach dem andern -Talhang hinüber; rote Eichkätzchen kletterten die glatten -Stämme der Fichten empor und knapperten an den -Jungtrieben; die Igelmutter führte ihre hoffnungsfrohe -Schar durch das raschelnde Laub; auf dem feuchten -Grund des Buchenwaldes gelbfleckige Erdsalamander; -im Sumpf Ringelnattern und Frösche; in den Wassergräben -gelbbauchige Unken, Kamm- und Teichmolche; -auf der Wiese Schmetterlinge ohne Zahl, Heupferde, -Maulwürfe und Schermäuse. Und erst im und am -Flusse, welch fröhliches Leben: zierliche Wasserjungfern -mit tiefblauen oder glasartigen Netzflügeln, Wasserläufer -und kleine silberglänzende Fischchen in unendlicher -Menge. Überall aber das fröhliche Heer der gefiederten -Welt: Schwälbchen, die so hurtig über dem -Wasser dahinschossen; von dem Eichenhain her lustiger -Kuckucksruf, dem des Pfingstvogels Flöte Antwort -gab; im Unterholz das geschwätzige Plauderliedchen der -Gartengrasmücke oder der jubelnde Überschlag des Plattmönchs; -im Hochwald das Gezeter zänkischer Eichelhäher,<span class="pagenum"><a id="Page_43">[43]</a></span> -das Trommeln der Buntspechte, das Gurren der Ringeltauben; -über allem aber, hoch am strahlenden Himmel -ein Bussardpaar, einander umkreisend, ohne Flügelschlag -schwimmend im Luftozean.</p> - -<p>Aber auch <em class="gesperrt">Haustiere</em> fanden ihren Weg nach -meinem Garten Eden. Am Hange hütete Thomas, der -alte Schäfer vom Rittergut, seine sanfte Herde; am Ufer -Jungvieh auf eingekoppelter Weide, und auf dem Fluß -schnatternde Gänse und Enten. Brauchte ich da noch -andere Tiere aus fernen Zonen? Oh, es war eine große, -eine unübersehbare Reihe, die da vor Adam in geordnetem -Zuge vorbeimarschierte, hüpfte, schwamm oder -kroch, als der Schöpfer all die Tiere zum Menschen -brachte, »daß er sähe, wie er sie nennete«; denn wie -jener sie nannte, so sollten sie heißen ihr Leben lang.</p> - -<p>Da hüpfte die vorlaute Elster heran im schwarzweißen -Kleid; wohlgefällig wippte sie ihre grün und -purpurn schillernde Schleppe auf und ab und schaute -neugierig zu dem ersten Menschen hinüber, wobei sie mit -Markolf, dem Eichelhäher, fortgesetzt plauderte. »Plapperelster -sollst du heißen dein Leben lang, du schwatzhaftes -Wesen«, sagte Adam, und schackernd schwang sich der -langschwänzige Vogel in die Wipfel der Bäume. Da -nahten zögernd die sanften Wollenträger, der Bock mit -den geringelten Hörnern und neben ihm seine hornlose -Gattin. »Schaf sei euer Name hinfort!« entschied der -Mensch, »denn ihr seht ebenso dumm aus, wie ihr in -Wirklichkeit seid!« Schon trabte das Borstenvieh grunzend -herbei, Füße und Rüssel vom schlammigen Boden -besudelt, in dem es soeben noch gewühlt hatte. »Schwein -nenne ich dich – frage nicht weiter; du weißt schon -warum!« und so ging's vorüber in endlosem Zug: Adler<span class="pagenum"><a id="Page_44">[44]</a></span> -und Gimpel, der stachlige Igel, der furchtsame Hase, -Frosch und Unke, Käfer und Spinne, das Gewürm, das -im Grase herankroch, und die Fische im Fluß, zwei-, -vier-, sechs-, achtbeinig und ohne Beine, befiedert, bepelzt, -beschuppt und nackthäutig; sie alle bekamen ihre -Namen, die sie heute noch tragen. Was war doch der -erste Mensch für ein weises Geschöpf!</p> - -<p>Und von dieser Weisheit hatte auch ich kleines -Menschenkind ein Stückchen geerbt. Denn in der kindlichen -Phantasie liegt Weisheit und Wahrheit wie im -kindlichen Spiel, Weisheit und Wahrheit wie in jenen -köstlich-naiven Worten des biblischen Schöpfungsberichts. -Nicht die leblose Welt ist's, nicht Erde, Wasser und Stein, -nicht die blitzenden Krystalle sind's, die farbigen Kiesel, -ja nicht 'mal die Bäume und Sträucher im Wald oder -Garten, nicht die bunten duftenden Blumen, die das -Interesse des ersten Menschen zuerst auf sich lenken, -sondern die <em class="gesperrt">Tiere</em>.</p> - -<p>Und wie Adam, der erste Mensch, am Schöpfungsmorgen -dem »Gevögel, dem Vieh und dem Gewürm« -seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte und nichts von -den andern Herrlichkeiten sah, die Gottvater um ihn -aufgebaut hatte – die Tiere mußten erst ihre Namen -haben, ehe er sich den Fruchtbäumen des Gartens Eden -zuwandte – <em class="gesperrt">so bringt auch heute noch jedes -Kind seine erste Teilnahme, seine erste -Liebe den Tieren entgegen</em>. Noch ehe unsre -Kleinen Worte zu lallen beginnen, hören sie auf die -Stimme des Vogels und beobachten die Bewegungen -von Katze und Hund. Und sie geben, wie Johannes -Fischart so reizend sagt, »nach jrer Notturfft Namen, -brauchen den ererbt Adams gwalt, der jedem Geschöpff<span class="pagenum"><a id="Page_45">[45]</a></span> -ein Nam' gab bald«. »Wauwau« der Hund und »Miau« -die Katze, »Muh« die Kuh und »Piep-piep« das Spätzlein. -Ja es kommt vor, daß solch kleines Menschenkind -mit den genannten Tieren seiner Umgebung innigere -Freundschaft geschlossen hat, als mit dem strengen Papa, -den es nur selten sieht und vor dem es sich fürchtet. Es -ist auch, als ob die Tiere diese Zuneigung der Kinder -fühlen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Solch blüend alter frisch,<br /></span> -<span class="i0">Vmbsonst so lieblich gstalt nit ist,<br /></span> -<span class="i0">Auch offt das Wild vnd Vieh bewegt,<br /></span> -<span class="i0">Da es, zu dem ein gfallen trägt.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Und wenn dann der Kleine seine ersten Entdeckungsreisen -in Hof und Garten unternimmt, wie weitet sich da -der Kreis solcher Freundschaft! Das bunte Marienkäferchen, -die Schnecke mit ihren spaßhaften Fühlhörnern, -der summende Maikäfer oder der Schnellkäfer, das hüpfende -Heupferd sind seine Lieblinge. Der Tag, an dem -der Star das erstemal wieder vor seinem Bretterhäuschen -sitzt, wird zum Festtag. Klopfenden Herzens lauschen -die Kinder dem stillen Glück der Hausrotschwänzchen, -die im verborgenen Winkel der Gartenlaube ihre Jungen -aufziehen, bis endlich die Stunde kommt, wo die kleinen -grauen Federbällchen den ersten Schritt in die Welt -wagen.</p> - -<p>Und dann die Geschichten und die Lieder, die unsre -Kleinen am liebsten hören und singen, die Bilderbücher, -die sie am liebsten besehen, handeln nicht die meisten -von Tieren? Der böse Wolf, der Rotkäppchen verschlang, -der Fuchs, der die Gans gestohlen hat, der Storch, der -den Eltern die Kinder bringt, eins nach dem andern, -bisweilen auch zwei auf einmal, der »gestiefelte Kater«,<span class="pagenum"><a id="Page_46">[46]</a></span> -die »Bremer Stadtmusikanten«; ja auch in <em class="gesperrt">den</em> Geschichten, -in <em class="gesperrt">den</em> Bilderbüchern, wo Tiere nicht gerade -die Hauptrolle spielen: zur Vervollständigung und zum -Schmuck der Erzählung oder des Bildes sind sie unentbehrlich -für das Kind. Wäre es denkbar, das Märchen -von Aschenbrödel ohne die Tauben, die beim Erbsenlesen -helfen: »die guten ins Töpfchen, die schlechten ins -Kröpfchen«, das Märchen von der Gold- und der Pechmarie -ohne den krähenden Haushahn? Und warum besehen -die Kinder so gern die hübschen Bilder unsers -Landsmanns Ludwig Richter? Weil er wie kaum ein -anderer Maler die Kindesseele verstanden hat, und weil -sich in jeder Familienstube, die er so anheimelnd zeichnet, -ein Haustier findet, ein Hund, eine Katze. Und auch im -Freien, wo sich die Kinder tummeln, da schaut auf jedem -Bilde ein Spitz zu oder ein Spatz, ein Taubenpaar oder -irgend ein Singvogel, und dieser scheinbar so geringfügige -Umstand ist für den kleinen Beschauer von allergrößtem -Reiz.</p> - -<p>Als ich ein Kind war, da standen mir – ich muß es -gestehen – die Tiere meiner Umgebung näher, und es -verband mich mit ihnen ein innigeres Verhältnis als -mit den Menschen, abgesehen natürlich von Eltern und -Geschwistern. Lange ehe ich etwas von Darwins Abstammungslehre -hörte, war ich schon unbewußt ein kleiner -Darwinianer; denn mit dem Star und dem Finken, -dem Hund und der Katze, der Ringelnatter und der -Kröte, dem Marienkäferchen und der Schnecke verkehrte -ich, als seien es meine Brüder und Schwestern. Und -auch viel später noch, wenn man mir vom »unvernünftigen -Vieh« sprach, habe ich nie so ganz die unüberbrückbare -Kluft begriffen, den gähnenden Abgrund, der sich<span class="pagenum"><a id="Page_47">[47]</a></span> -zwischen dem Menschen und dem höheren Tiere auftun -soll.</p> - -<p>Doch was rede ich von mir? Es haben's ja alle genau -so oder ähnlich in den Tagen der Kindheit getrieben. -Dem Hahnenschrei legen die Kinder die Worte unter: -»Kikerikieh, ich bin das schönste Vieh«; der Goldammer -versichert sie seiner Zuneigung: »Wie, wie hab' ich dich -lieb!« und mit dem kecken Meislein spielt man Verstecken: -»Sitz i da, sitz i da!« rufen sie beide einander zu, -das Vöglein droben im grünen Baum und unten der -Kleine, der zu ihm aufschaut.</p> - -<p>Warum ich dies alles erzähle? Weil ich nicht eindringlich -genug daran hinweisen kann, daß <em class="gesperrt">das innige -Verhältnis des Menschen zur Tierwelt -der Heimat etwas Ursprüngliches ist, -etwas Angeborenes, daß es etwas Triebartiges -an sich hat</em> und sich am reinsten in der -Kindheit offenbart, sowohl beim einzelnen Kind jeder -Familie, jedes Volksstammes und aller Zeiten, wie bei -der Kindheit des Menschengeschlechts in grauer Vergangenheit. -Nur wenn wir dies wirklich erkannt haben, -wird es uns klar, warum die <em class="gesperrt">Tiere</em> eine so große -Rolle in <em class="gesperrt">Sage</em> und <em class="gesperrt">Märchen</em> und <em class="gesperrt">Fabel</em> spielen -und warum der <em class="gesperrt">Aberglaube</em> des Volks sie mit einem -Kranz buntfarbiger Blumen umgeben hat.</p> - -<p>In dieser Beziehung herrscht unter allen Völkern die -größte Übereinstimmung, mögen wir an die dichtende -Phantasie der uns verwandten Kulturnationen denken -oder an die zum Teil unbeholfenen Erzählungen unzivilisierter -Horden. Sie alle besitzen uralte Sagen und -Märchen, die meisten auch Fabeln und Parabeln, in -denen <em class="gesperrt">Tieren</em> eine Hauptrolle zukommt. Und so sind<span class="pagenum"><a id="Page_48">[48]</a></span> -»diese kleinen spielenden Kinder der allgegenwärtigen -Muse der Poesie« <em class="gesperrt">Gemeingut der Menschheit</em>. -Ja die Gemeinsamkeit solches Besitzes geht so weit, daß -einzelne Tiermärchen oder Tierfabeln in den entferntesten -Zonen, wo eine Überlieferung oder auch nur -mittelbare Beeinflussung völlig ausgeschlossen erscheint, -durchaus miteinander übereinstimmen und vielen Tieren -hier wie dort die gleichen Wesenszüge zugeschrieben -werden. Selbst unsre lieben deutschen Märchen, die -Großmütterchen am Herd ihren lauschenden Enkelkindern -erzählt, haben ihre Wurzeln zumeist nicht in der grauen -Vorzeit der germanischen Volksstämme, sondern sind im -fernen Indien geboren, wie die Forschungen der vergleichenden -Literaturwissenschaft überzeugend dargetan -haben. Aber bei keinem andern Volke, das dürfen wir -getrost behaupten, sind sie mit gleich gemütvollen Zügen, -namentlich auch aus der Tierwelt, ausgestattet worden, -wie bei uns Deutschen und höchstens noch bei den Slawen. -Ihnen darf man mit Recht nachrühmen, im innigsten -Verhältnis zur Tierwelt zu stehen. Die Kinder- und -Hausmärchen – ich meine, so gemütvoll, wie sie von -Gebrüder Grimm erzählt werden – kann kein anderes -Volk aufweisen, und Fabeldichter haben gerade wir -Deutschen in reichster Fülle von Ulrich Boner und Burkard -Waldis an bis Leixner, Fulda, Bierbaum, Etzel, -Ewers u. v. a.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Den freundlichen Leser, der mir bis hierher gefolgt -ist, möchte ich nun einladen, sich auf dem bemoosten -Felsblock niederzulassen, der einst unserm gemeinsamen -Stammvater zum Sitz gedient hat, und möchte an seinem<span class="pagenum"><a id="Page_49">[49]</a></span> -geistigen Auge einen kleinen Teil der Tiere vorüberführen, -von denen unsre Märchen und Fabeln erzählen, -die also unserm deutschen Volke am nächsten stehen, die -<em class="gesperrt">volkstümlichsten</em> sind. Dabei schalte ich aber alle -fremdländischen Tiere, selbst den König des großen -Reiches aus, ebenso unsre Haustiere. Denn ich möchte -an erster Stelle unsre »Brüder«, die mit uns die Heimaterde -bewohnen, allen Lesern recht warm an's Herz legen -und Teilnahme für sie wecken. Gerade die volkstümlichsten -unter ihnen, wenigstens eine große Zahl dieser -Märchenhelden und Fabeltiere, wenn ich sie so nennen -darf, bedürfen dringend des <em class="gesperrt">allgemeinen Schutzes</em>, -sollen sie nicht in längerer oder kürzerer Zeit spurlos -aus der Heimat verschwinden.</p> - -<p>Der Nutzen und Schaden, den die einzelnen Tiere -dem Menschen bringen, ist bereits im Übermaß immer -und immer wieder erörtert worden, und die Bestrebungen -des Naturschutzes, solch einseitiges Urteil doch nicht als -einzigen Maßstab unseres Verhaltens den Tieren gegenüber -gelten zu lassen, sind bereits Allgemeingut geworden, -so daß ich kein Wort hierüber zu verlieren -brauche. Der Hinweis aber, daß eine reiche Tierwelt -zur Belebung der Landschaft in erfreulichster Weise beiträgt, -ist im vorigen Abschnitt behandelt worden, auch -habe ich bereits an anderer Stelle betont, wie eine -mannigfaltige, möglichst ursprüngliche Tierwelt für die -Wissenschaft von hervorragender Bedeutung ist. Aber -ich meine, auch die <em class="gesperrt">Volkstümlichkeit</em> mancher -Tiere – ich denke z. B. an den Fuchs und den Igel, den -Storch, die Schwalbe, den Kuckuck, an alle Eulen – sollte -ein recht wesentlicher Grund sein, für den unbedingten -Schutz solcher Tiere einzutreten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_50">[50]</a></span></p> - -<p>Der volkstümlichste Held des deutschen Märchens wie -der deutschen Fabel ist entschieden der <em class="gesperrt">Fuchs</em>. Schlauer -und verschlagener als alle andern Geschöpfe, spielt er -die Rolle des Betrügers. Er überlistet die Wildente und -den Hasen, den Gockel und seine Hennen, die Gans, den -Raben, den Igel, den Dachs, kurz alle Tiere in Feld und -Wald, in Haus und Hof. Selbst seinen großen Vetter -Isengrim mit dem gewaltigen Wolfsrachen, oder Braun, -den Bär, der ihn mit einem Schlage seiner mächtigen -Pranken zu Boden strecken könnte, fürchtet der Spitzbube -nicht. Er kennt die Schwächen jedes einzelnen, weiß -seine Gegner alle zu foppen und spielt ihnen aufs übelste -mit; selbst den Jäger führt der Schlaue oftmals hinter's -Licht. Soll es wirklich dahin kommen, daß solch volkstümliches -Tier, von dem jedes Kind zu erzählen weiß, -völlig aus unsrer Heimat verschwindet? Soll es dahin -kommen, daß nie mehr ein Fuchs unsern Weg kreuzt in -sandiger Heide und daß wir den Roten nur noch hinter -den Gittern sehen im zoologischen Garten oder ausgestopft -im Museum? Das wäre doch traurig.</p> - -<p>Oder der <em class="gesperrt">Storch</em>. Von ihm gilt dasselbe. Alle -Kinder kennen ihn aus den Bilderbüchern, aus mancherlei -Reimen, aus dem Märchen vom »Kalif Storch«. -Daher die ganz unsagbare Freude, wenn man einen -wirklich 'mal sieht droben am Strohdach der Scheune, -oder einherstolzierend auf feuchter Wiese oder auf dem -Rain zwischen den Äckern, wenn man sein gemütliches -Klappern vernimmt und den ersten Flugübungen der -drei oder vier Jungen zuschaut, die den Horst zaghaft -verlassen. Soll wirklich die Zeit kommen, wo auch das -letzte brütende Storchenpaar und der letzte Horst aus -unserm engeren Vaterlande verschwunden sein wird, wie<span class="pagenum"><a id="Page_51">[51]</a></span> -der Adler, der Reiher, der Kolkrabe und so manche -andre. Wie viel Schönheit, wie viel Poesie wäre dahin, -für alle Zeiten unwiederbringlich dahin! Mögen alle, -die's angeht, dafür sorgen, daß diese gefährdeten Tiere -vor dem drohenden Untergang bewahrt bleiben und daß -sich auch noch unsre Enkelkinder an ihnen erfreuen -können, wie unsre Altvordern, die so viele gemütvolle -Märchen und unterhaltsame Fabeln von diesen Tieren -zusammenreimten.</p> - -<p>Freilich die <em class="gesperrt">großen Raubtiere</em> sind längst aus -unserm Lande gewichen. Sie passen nicht mehr in unsre -heutigen Verhältnisse, und es wäre töricht, sie zurückzuwünschen. -Braun, der <em class="gesperrt">Bär</em>, der grobe, aber gutmütige -Gesell, hat innerhalb der deutschen Grenzen seit -etwa hundert Jahren das Heimatrecht verloren, und es -vergeht bisweilen mehr als ein Jahrzehnt, ehe sich 'mal -wieder einer, aus Tirol versprengt, in den bayrischen -Alpen zeigt. Wie häufig aber ehemals auch in den -deutschen Mittelgebirgen Meister Petz war, das beweisen -die vielen mit »Bär« zusammengesetzten Ortsnamen, -auch hier in Sachsen: Bärenfels, Bärenhecke, Bärenburg -u. a.</p> - -<p>Unsre Vorfahren, die alten Germanen, kannten den -Bären recht gut, hatte er doch sein Heim in allen -Dickungen aufgeschlagen, von wo er die mühsam dem -Walde abgerungenen Felder heimsuchte und in die Viehherden -einbrach. Mit dem Speer bewaffnet, die Hunde -zur Seite, so zogen die germanischen Jäger auf die -Bärenhatz. Das Wildbret des gewaltigen Tieres war -ihnen ebenso willkommen wie das zottige Fell, auf dem -sie, wie es im Liede heißt, lagen und – »immer noch eins« -tranken. Mit der fortschreitenden Bodenkultur und der<span class="pagenum"><a id="Page_52">[52]</a></span> -zunehmenden Bevölkerung aber mußte die Zahl des -großen Raubtiers zurückgehen. Dazu kamen mancherlei -Verbesserungen der Jagdwaffen und die Einführung besonderer -Jagdarten, die eine Verringerung herbeiführten. -In der Zeit von 1611 bis 1717, also innerhalb -106 Jahren, wurden in dem damaligen Sachsen, das -allerdings wesentlich größer war als unser heutiges, nach -den aufbewahrten Jagdverzeichnissen noch immer 709 Bären -zur Strecke gebracht. Heute ist der Bär selbst in -den österreichischen, den schweizer und italienischen -Alpen recht selten geworden; dagegen beherbergt ihn -noch so manches Hochtal der langen Karpatenkette, sowohl -in der Slowakei wie in den rumänischen Südkarpaten. -Die Bären unsrer zoologischen Gärten stammen -zum größten Teil aus Siebenbürgen, das auch heute noch -mit Recht als »Bärenland« bezeichnet wird. Ich habe -die Spuren des mächtigen Herrn der dortigen Gebirgswelt -auf meinen Reisen wiederholt beobachten können. -In den ehemals ungarischen Karpaten wurden noch -vor kurzer Zeit in einem einzigen Jahre – es steht mir -die Zahl vom Jahre 1908 zur Verfügung – noch immer -245 Bären erlegt.</p> - -<p>Mit dem Bären ist vielleicht der <em class="gesperrt">Dachs</em> am nächsten -verwandt. In Fabel und Märchen spielt er als Meister -»Grimbart« eine große Rolle. Alle Waldgebirge -Deutschlands beherbergen wohl noch den griesgrämigen -Einsiedler; aber die letzten Jahrzehnte haben doch auch -mit ihm stark aufgeräumt. Ich habe die meisten Gebirgswälder -unsrer deutschen Heimat durchstreift, bin -Reineke oftmals begegnet und habe mich an dessen hoffnungsfroher -Jugend erfreut, selbst den Edel- und den -Steinmarder habe ich in freier Natur angetroffen; aber<span class="pagenum"><a id="Page_53">[53]</a></span> -alt bin ich geworden, ehe mir Grimbart über den Weg -gelaufen ist. Das ist gewiß nur persönliches Mißgeschick -gewesen; indessen, wenigstens für unsre engere -Heimat, muß man einen besetzten Dachsbau doch bereits -zu den Naturdenkmälern zählen. In andern Gegenden -freilich ist Meister Grimbart etwas häufiger.</p> - -<p>Der Dachs ist übrigens weit weniger Raubtier als -seine entfernte Vetternschaft, die Sippe der Marder. -Wohl verschmäht er einen Junghasen nicht, Fasanen und -Hühner mögen sich vor ihm hüten; aber er vertilgt auch -Mäuse, Kerbtiere, Schnecken und Würmer, und gern frißt -er allerlei Beeren, worauf schon sein Gebiß mit den -schwachen Reißzähnen hinweist. Und so ist die Schonzeit -gerechtfertigt, die er bei uns vom 1. Februar bis -zum 31. August genießt. Er ist leider das einzige Raubtier, -das sich eines solchen Vorzugs erfreut.</p> - -<p>Ein viel schlimmerer Geselle, mit dem Dachs gar nicht -zu vergleichen, auch nicht mit dem Bär, ist oder war der -<em class="gesperrt">Wolf</em>. Wir hören noch gern die netten Geschichten, die -das deutsche Märchen von Isengrim zu erzählen weiß, -wie er von dem schlauen Reineke, dem er an Stärke -weit überlegen ist, immer überlistet wird, wie ihn sein -sprichwörtlich gewordener »Wolfshunger« in hundert -Abenteuer verwickelt und an den Rand des Verderbens -lockt; wir gedenken so gern noch der verschiedenen Rollen, -die der Wolf in der Fabel spielt, wo er im Verein mit -seinem Vetter, dem Hund, auftritt oder mit der Wildsau, -dem Pferde, dem Lamm, der Gans, dem Löwen, wie er -in den meisten Fällen tüchtig verprügelt wird oder wie -er im Angesicht des Todes sein Testament macht; ja, wir -gedenken seiner noch gern als eines der volkstümlichsten<span class="pagenum"><a id="Page_54">[54]</a></span> -Tiere, aber wir trauern nicht um ihn und wünschen ihn -nicht zurück.</p> - -<p>Ehemals mag der Wolf fast überall in deutschen Landen -in recht großen Scharen aufgetreten sein, in den -Mittelgebirgen sowohl, wie namentlich in den weiten -Ebenen des Ostens. Wurden doch in jenen 106 Jahren -allein in Sachsen 6937 Wölfe zur Strecke gebracht, wobei -die nur gelegentlich von einzelnen Bauern erlegten nicht -mitgezählt sind. Man kann sich denken, welch furchtbare -Geißel Isengrim damals für die Herden wie für das -Wild war, daß die Bewohner von Einzelhöfen, ja ganze -Dorfschaften sich zusammentaten und Treibjagden gegen -den Bösen unternahmen oder ihn in Wolfsgruben fingen -und erschlugen, und daß die fürstlichen wie geistlichen -Jagdherren ihm nachstellten und Belohnungen auf seine -Haut ausschrieben, i. J. 1614 z. B. nicht weniger als -vier Taler, i. J. 1730 zehn Taler, ein schönes Stück Geld -damals. Vielleicht hat der Wolf weniger der Kultur -des Landes, als der fortgesetzten Verfolgung zwangsweise -weichen müssen. Für seinen Wolfshunger gab es -in unserm Vaterlande eben keinen Raum mehr. Nach -Osten ist er verdrängt worden, von wo er gegenwärtig -nur vereinzelt einmal in recht strengen Wintern über -die deutsch-polnische Grenze wechselt. Im Wasgau, -ebenso in der Eifel erscheint wohl auch noch ab und zu -ein versprengter Isengrim, der dann gewöhnlich sehr -schnell einer Kugel zum Opfer fällt. In Sachsen war -es bereits um die Mitte des 18. Jahrhunderts mit den -Wölfen vorbei; ja schon kurz vor dem Siebenjährigen -Krieg können die Raubgesellen hier als ausgerottet bezeichnet -werden, und nur einzelne Namen wie Wolfsgrün, -Wolfsschlucht, Wolfsheim, Wolfsberg, Wolfshügel<span class="pagenum"><a id="Page_55">[55]</a></span> -erinnern noch an die einstige Glanzzeit der mordgierigen -Bande. Aus unsrer Dresdner Gegend scheint der Wolf -schon recht frühzeitig gewichen zu sein; wenigstens galt -er hier zu Anfang des 17. Jahrhunderts bereits als -Seltenheit, sonst würde man ihm nicht i. J. 1618 eine -sog. »Wolfssäule« im Friedewald, in der Nähe der Landstraße -von Meißen nach Moritzburg, errichtet haben. Die -Inschrift der 6 Meter hohen Steinsäule, auf der ein -sitzender Wolf ruht, besagt, daß Kurfürst Johann Georg I. -diesen Wolf »behetzet und beschossen« habe. Das Denkmal -ist oftmals ausgebessert worden, zuletzt i. J. 1919.</p> - -<p>Ein zweites Wolfsmal steht in der Heide zwischen -Ottendorf und Laußnitz, seitwärts der Königsbrücker -Landstraße, am Wolfsberg. Es erinnert an einen Wolf, -der am Martinstag 1740 hier abgeschossen ward, der -erste wieder in dieser Gegend seit 56 Jahren.</p> - -<p>Bekannt ist auch die nur etwas über 2 Meter hohe, -pyramidenförmig zugespitzte Wolfssäule in der <span id="corr055">Dippoldiswalder</span> -Heide, an dem Wege von Malter nach der -Heidemühle. Sie zeigt in recht unbeholfenem Flachrelief -einen Wolf, darunter die Inschrift mit der Zeitangabe -6. März 1802. Ohne Zweifel ist dieser »letzte« -sächsische Wolf, wie ihn der Volksmund bezeichnet, nur -ein Überläufer aus den böhmischen Wäldern gewesen. -Dort, ebenso in Schlesien, hat sich der Wolf bis zu Beginn -des 19. Jahrhunderts erhalten. Oft hört man erzählen, -daß die Wölfe i. J. 1813 der vernichteten Armee -Napoleons in ganzen Rudeln nach Deutschland, insbesondere -auch nach Sachsen, gefolgt seien; doch es fehlt -der Beweis für solche recht wenig wahrscheinliche Annahme. -Wenn im letztvergangenen Jahrhundert, ja noch -1904, in Sachsen oder nahe der sächsischen Grenze hier und<span class="pagenum"><a id="Page_56">[56]</a></span> -da ein Wolf erlegt worden ist, so handelte es sich um -gefangene, irgendeiner Menagerie entsprungene Tiere, -falls nicht die Phantasie des glücklichen Schützen in einem -wildernden wolfsähnlichen Hunde den leibhaftigen Isengrim -erblickte. Ausführliches über die Geschichte des -Wolfs in Sachsen enthält ein Aufsatz A. Klengels in -den Mitteilungen des Sächsischen Heimatschutzes, Bd. 9, -S. 97 ff.</p> - -<p>Auch der kleinere Vetter, der <em class="gesperrt">Fuchs</em>, hat viel unter -der Feindschaft des Menschen zu leiden, der ihm mit -Eisen und Blei und mit vergiftetem Köder nachstellt. -Aber noch immer hat es der Erzschelm verstanden, sich zu -behaupten. Jeden sucht er zu prellen, zu betrügen, der -seinen Weg kreuzt. Eine Legion lustiger Geschichten und -unterhaltsamer Späße, die sich die dichtende Phantasie -zusammengereimt hat, von den Tagen Äsops an bis zu -Goethes Tierepos und den Fabeldichtern unsrer Tage.</p> - -<p>In jedem größeren Revier, auch bei uns im so stark -bevölkerten Sachsen, gibt es noch Füchse. »Mehr als -genug!« denkt mancher Grünrock, der seine Niederjagd -liebt. Ja, in den vergangenen Kriegsjahren haben sich -die Roten eher vermehrt als vermindert. »Das Raubzeug -hat im deutschen Wald überhand genommen,« so -klagte man mir, »ganz besonders die Füchse«. Das Versäumte, -glaube ich, wird bald wieder nachgeholt sein. -Der hohe Preis von Reinekes Winterbalg ist gewiß ein -gewaltiger Ansporn für den Jagdberechtigten, den Fuchs -zu schießen oder ihn im Eisen zu fangen – ein schönes -Sümmchen, das solch ein Balg bringt, der Mühe schon -wert, einmal zu nachtschlafender Zeit das warme Bett -mit dem klirrenden Frost draußen am Hochsitz zu vertauschen, -auch wenn's kein feiner »Silberfuchs« ist – andererseits<span class="pagenum"><a id="Page_57">[57]</a></span> -wird solch hoher Preis den Wunsch stärken, -den Fuchs im Revier nicht völlig zu missen. Heute wird -es der Jäger wohl unterlassen, falls nicht besondere -Gründe vorliegen, die Welpen mit dem noch wertlosen -Balg aus ihrem Bau auszugraben, und so wird die Zeit -hoffentlich recht fern sein, wo auch der Fuchs aus dem -deutschen Walde verschwunden ist, wie Wolf, Luchs und -Wildkatze.</p> - -<p>In den Kreisen der Landwirte und Forstleute hat -man schon seit einiger Zeit begonnen, die <em class="gesperrt">Bedeutung -der Raubtiere</em> mehr und mehr einzusehen, und -wenn auch heute noch hie und da ein einzelner Jäger -ein geschworener Feind alles »Raubgesindels« ist, so beweist -er nur, daß er von der Lebensweise der Raubtiere, -der bepelzten wie der gefiederten, keine rechte Vorstellung -hat. Gerade der Fuchs vertilgt eine Unmenge -von Mäusen, und er ist so lüstern auf dies winzige Wildbret, -daß er sich trotz aller Vorsicht und Schlauheit durch -leises »Mäuseln« des Jägers heranlocken läßt. Daneben -aber frißt er auch Kerbtiere und deren Larven, namentlich -Maikäfer, Saateulenraupen und Drahtwürmer. Daß -er nur von Hühnern und Fasanen, von Hasen und -Kaninchen lebe, ist eine böse Verleumdung. Natürlich, -was er überlisten kann, nimmt er mit; selbst das Reh -fällt ihm zum Opfer; aber doch nur, wenn es an den -Läufen klagt, die die harte Schneekruste ihm zerschnitten -hat, und wohl auch ohne Hilfe des Fuchses eingegangen -wäre. Reineke, und das sollte man ihm nie vergessen, -ist aber auch jagdlich insofern von Nutzen, als er an -erster Stelle kümmernde, kranke und schwache Stücke erbeutet -und dadurch der Ausbreitung von Seuchen vorbeugt,<span class="pagenum"><a id="Page_58">[58]</a></span> -sowie durch solche Auslese den ganzen Stand des -Wildes hebt und stärkt.</p> - -<p>Bei Bekämpfung des Raubzeugs kennen einzelne -Jäger keine Rücksicht, und es läuft ebenso häßliche wie -unnötige Roheit und Tierquälerei da mit unter. Oder ist -es keine Roheit, die Fähe in der Heckezeit abzuschießen, -daß die Welpen im Bau elend verhungern müssen, oder -das Habichtsweibchen am Horst wegzuknallen und so die -Jungvögel einem elenden Tode preiszugeben? Ist's nicht -Tierquälerei, den Fuchs vierundzwanzig Stunden im -Eisen sich abquälen und Eulen oder Bussarde tagelang -mit zerschmetterten Fängen in dem Marterinstrument -hängen zu lassen? Wo der Jäger sich des »Raubgesindels«, -wie er's nennt, nicht anders glaubt erwehren zu -können, als daß er Fallen legt und Eisen stellt, da hat er -die Pflicht und Schuldigkeit, am frühen Morgen nachzusehen, -ob sich ein Tier gefangen hat. Wer es unterläßt, -macht sich ebenso der Aasjägerei schuldig wie einer, -der auf fünfzig Schritt Rehe oder Rotwild mit Schrot -anspritzt oder ein angeschweißtes Stück Wild nicht nachsucht. -Aber den Räubern gegenüber befinden sich die -Jäger noch oft, wie <em class="gesperrt">Löns</em> schreibt, in einem mittelalterlichen -Irrwahn; »der Fuchs ist ihnen ein Dämon, der -nachts umgeht und suchet, was er verschlinge«.</p> - -<p>Von anderem Raubwild weiß das Märchen nur -wenig. Den <em class="gesperrt">Luchs</em>, der in Deutschland bereits völlig -ausgestorben ist, kennt es kaum, und wo die Katze auftritt, -da handelt es sich in den meisten Fällen um unsre -Hausmiez, nicht um die <em class="gesperrt">Wildkatze</em>. Diese ist bis auf -wenig Reste aus den deutschen Forsten verschwunden; -nur die zusammenhängenden Waldungen, die Dickungen -und Felsenklüfte an der Mosel und im Südharz bieten<span class="pagenum"><a id="Page_59">[59]</a></span> -Hinz, dem Kater, dem kraftstrotzenden, gelenkigen Räuber, -noch gute Verstecke. In bewohnteren Gegenden kann -man die Wildkatze nicht dulden; sie hat der Kultur -weichen müssen. Aber noch recht häufig kommt sie in -den Karpaten vor, wurden doch im Jahre 1908 noch -5045 Wildkatzen im damaligen Ungarn zur Strecke gebracht.</p> - -<p>Und nun unser gemütlicher <em class="gesperrt">Igel</em>. Wer kennt es nicht, -das köstliche Märchen von »Swinegel un siner Fru«, wie -sie beim Wettlauf den flüchtigen Lampe betrügen, und -die lustige Lehre, die Gebrüder Grimm hinzufügen, »datt -et gerahden is, wenn eener freet, datt he sick 'ne Fru ut -sienem Stande nimmt, un de just so uutsäht es he sülwst. -Wer also en Swinegel is, de mutt tosehn, datt siene Fro -ook en Swinegel is«. Oder wer kennt sie nicht, die Fabel -vom Igel und dem Hund, der sich an dem stachligen Gesellen -die Nase blutig sticht, oder die Geschichte vom Igel, -der auswandert, weil er von allen Tieren seiner Stacheln -wegen mißachtet und beschimpft wird, und zufällig ins -Land der Stachelschweine kommt, wo alle Einwohner -ganz entzückt ausrufen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»… welch schöne Augenweide!<br /></span> -<span class="i0">Sieh nur den Fremdling mit dem Haar von Seide!«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">Woran H. H. Ewers die Moral knüpft:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Ja, also ist's! und schelten auch die einen<br /></span> -<span class="i0">Voll Hohn dich eine Borstenkreatur,<br /></span> -<span class="i0">Ein struppig Stacheltier – so mußt du wandern:<br /></span> -<span class="i0">Als Seidenviehchen loben dich die andern.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Ein köstliches Bild, wenn man 'mal im raschelnden -Herbstlaub einer Igelmama mit ihren vier oder fünf -»lütjen Kinners« begegnet, kleinen, spaßhaften Stachelkugeln,<span class="pagenum"><a id="Page_60">[60]</a></span> -die man gern 'mal in die Hand nimmt. Und -dieser Mäuse- und Insektenvertilger wird – man sollte -es kaum glauben – gleichfalls von manchem Jäger verfolgt, -da sein schnupperndes Näschen natürlich auch 'mal -ein bodenständiges Nest findet und der Igel dann nicht -lange danach fragt, ob es ein paar Regenwürmer sind -oder Jungvögel, die er entdeckt hat. Ich kenne wenig -Tiere, die als Mäusefänger so nützlich, zugleich aber in -ihrer ganzen Erscheinung und in ihrem Gebaren so -lustig und interessant sind wie der Igel, und ich möchte -alle Leser bitten, Swinegel und seiner Familie das allergrößte -Wohlwollen entgegenzubringen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Lampe, der Hase</em>, kommt gleichfalls oftmals in -Märchen und Fabeln vor; er ist immer das arme, geplagte, -verfolgte Tier: alles, alles will ihn fressen, zumal -der Mensch. Um sein Aussterben brauchen wir aber -kaum Sorge zu tragen. Der strenge Jagdschutz nimmt -sich seiner an; denn der Hasenbestand ist meistens der -Wertmesser des ganzen Reviers, wenigstens im Niederland. -Freilich, wer in den letzten Jahren lediglich den -Ladentischen unsrer Wildbrethandlungen seine Aufmerksamkeit -geschenkt hat, die fast immer »hasenrein« waren, -der muß zu der Ansicht gekommen sein, daß man entweder -Lampe neuerdings aus der Liste der jagdbaren -Tiere gestrichen und ihm ewige Schonzeit zugebilligt -habe, oder daß es mit dem Hasenfuß auf unsern Fluren -für immer vorbei sei. Aber die Sache hat andere Gründe, -die ich hier nicht erörtern will.</p> - -<p>Allerdings mit der Jagd steht es heute schlimm genug. -Überall Wilddiebe, die ihr dunkles Gewerbe treiben! -In manchem Revier sind schon alle <em class="gesperrt">Rothirsche</em> abgeschossen, -in fast jedem ihre Zahl stark gezehntet worden.<span class="pagenum"><a id="Page_61">[61]</a></span> -Und wie die fürstlichen Jagdherren gewiß manchmal in -nicht gerechtfertigter Weise zum Schaden des Landwirts, -auch der Forstwirtschaft, das Hochwild über die Maßen -hegten und pflegten, so verfällt man jetzt ins Gegenteil. -Man knallt alles nieder oder wenigstens weit mehr als -nötig ist. Es erinnert dieser Vorgang ans Jahr 1848. -Auch damals hat man den Rotwildstand, z. B. in unserm -Sachsen, so arg abgeschossen, daß ernstlich die Frage erörtert -wurde, ob damit nicht das Ende des Rotwilds für -alle Zeiten gekommen sei. Und heute stehen Naturfreund -und weidgerechter Jäger vor derselben bangen Frage. -Nur ist keine Aussicht vorhanden, daß irgendein Jagdherr -in Zukunft in der Lage sein wird, sein Wild so zu -schützen, zu hegen und zu pflegen, wie es bisher der Fall -war.</p> - -<p>Es tut einem das Herz weh, wenn man bedenkt, daß -der <em class="gesperrt">Hirsch</em>, von dem die Tierfabel so manches zu berichten -weiß, daß sogar das zierliche <em class="gesperrt">Reh</em>, das in vielen -Märchen eine besonders liebliche Rolle spielt, vielleicht -in recht naher Zeit aus unsern heimatlichen Wäldern, -wenn auch nicht völlig verschwinden, so doch hier immer -seltener werden soll<a id="FNanchor_2_2"></a><a href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">2</a>. Die Freude an der Natur, an -der Jagd, an dem Wild liegt unserm Volke im Blut, ein -Erbgut aus Urväterzeit. Und wenn es gewiß auch eine -falsche Vorstellung ist, daß die alten Germanen nur von -der Jagd lebten – im Gegenteil, sie waren seßhafte -Ackerbauern und hatten es schon zu Beginn unsrer Zeitrechnung -in der Art, wie sie ihre Ländereien bestellten,<span class="pagenum"><a id="Page_62">[62]</a></span> -weiter gebracht, selbst als die Römer – so war doch die -Jagd von großer Bedeutung für sie.</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_2_2"></a><a href="#FNanchor_2_2"><span class="label">2</span></a> Bis vor kurzem wenigstens war das zu befürchten; erst in -allerletzter Zeit scheint sich der Rehstand hier und da wieder erfreulich -gehoben zu haben.</p></div> -</div> -<p>Aber ist sie es nicht auch noch in der Gegenwart? -Es sind sich wenig Menschen, auch die nicht, die gern einmal -einen Hasenbraten oder eine Rehkeule verzehren, -darüber klar, welche ungeheuren Werte unser Wildbestand -darstellt. Man hat berechnet, daß unmittelbar vor -dem Kriege die jährliche Ausbeute an Wildbret im Deutschen -Reiche 20 Millionen Kilogramm betrug, damals -im Werte von wenigstens 25 Millionen Mark, daß die -Decken, Schwarten, Bälge einen Marktpreis von gegen -1½ Millionen besaßen, daß der Erlös an Geweihen und -Gehörnen etwa 1 Million betrug. Das Reich nahm beinahe -6 Millionen Mark aus den Jagdscheinen ein, die -Gemeinden schlugen 40 Millionen aus den Jagdpachten -heraus. Dazu kommen die Millionen, die Jagdaufseher, -Treiber, Hundezüchter, Waffen-, Munitions-, Jagdbekleidungsfabrikanten -u. a. verdienen. (Vgl. <em class="gesperrt">H. Löns</em>, -Kraut und Lot, S. 105 ff.)</p> - -<p>Aber diese volkswirtschaftliche Bedeutung der Jagd ist -nicht die Hauptsache. Der Jagdschutz, wenn er streng -durchgeführt wird, erhält uns das Wild als ein wertvolles -Stück der heimatlichen Natur zur Freude nicht -nur des Jägers, sondern jedes Naturfreundes, und da -sich die Wildhege mit Erfolg immer nur in einem Gelände -ausüben läßt, das noch bis zu gewissem Grade -das Gepräge der Urwüchsigkeit zeigt – ursprüngliche -Wälder, Brüche, Moore, Heiden – so haben wir es zu -nicht geringem Teil der Jagd zu verdanken, wenn noch -nicht überall die Ackerbausteppe und der durchforstete -Nutzwald in unserm Vaterland herrschen, sondern auch -noch ab und zu ein Stück Land ein mehr oder weniger<span class="pagenum"><a id="Page_63">[63]</a></span> -ursprüngliches Gepräge zeigt. Jagd und Jagdpflege sind -der unbewußte Anfang des Naturschutzes und der Naturdenkmalpflege -gewesen, und daher ist es die Pflicht des -Heimatschutzes, die edle weidgerechte Jagd, deren Hauptaufgabe -in der Hege und Pflege eines angemessenen -Wildstandes besteht, hochzuhalten und alle jagdlichen -Bestrebungen nach der gekennzeichneten Richtung hin zu -unterstützen. »Jagdschutz« also auch in dem Sinne: -»Schutz der Jagd!«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ungleich zahlreicher noch als die Säugetiere sind die -<em class="gesperrt">Vögel</em>, die sich besonderer Volkstümlichkeit erfreuen -und deshalb in vielen Märchen und Fabeln auftreten. -Gleich jenen haben auch die Vögel ihren König, den -<em class="gesperrt">Adler</em>, nicht wie der Löwe ein Tier fremder Zonen, -sondern ein Bewohner unsrer Heimat. Aber wie wenige -meiner Leser werden den stolzen Vogel aus der freien -Natur kennen! Bei uns in Deutschland stehen sämtliche -Adler auf der Aussterbeliste. Der <em class="gesperrt">Steinadler</em> -horstet wohl noch in ein oder dem andern Paar in den -bayrischen Alpen, während er in den Wäldern Ostpreußens -seit Beginn unsers Jahrhunderts ausgerottet -zu sein scheint. Und doch war dieser wahrhafte König -der Lüfte noch vor hundert Jahren in manchem deutschen -Mittelgebirge Brutvogel, ebenso weitverbreitet im Niederland, -in Pommern, Westpreußen, der Mark so gut -wie im Böhmer Wald oder im Riesengebirge.</p> - -<p>Etwas besser steht es noch heute um <em class="gesperrt">See-</em> und -<em class="gesperrt">Fischadler</em>; doch sind deren Horste an der Ostseeküste -und auf der norddeutschen Seenplatte gleichfalls gezählt.<span class="pagenum"><a id="Page_64">[64]</a></span> -Den Nachstellungen des Menschen ist der König -der Vögel zum Opfer gefallen. Auch in den Alpen ist -der Anfang vom Ende da, gezählt sind die Tage seiner -Herrschaft. In Sachsen horstet schon längst kein Adler -mehr. Aber der Wanderzug führt stets noch einige Seeadler, -auch Fischadler durch unser Land. Sie kommen -von der Wasserkante oder weit aus den russischen Wäldern. -Ein gefährlicher Flug ist's. Es vergeht kein Jahr, -wo nicht ein oder der andere der stolzen Vögel von einem -Schießer heruntergeknallt wird, der sich dann als kühner -»Adlerjäger« brüstet.</p> - -<p>Mit den nächtlichen Raubvögeln, den <em class="gesperrt">Eulen</em>, hat -sich die Märchen- und Fabeldichtung gleichfalls viel beschäftigt; -Und das ist kein Wunder. Erst wenn die -Dämmerung eintritt, beginnen die Eulen ihre Streifzüge. -Dank ihrem seidenweichen Gefieder gleiten sie -geräuschlos und deshalb geisterhaft an dem nächtlichen -Wanderer vorüber, und unheimlich klagend heult ihre -Stimme aus dem dunklen Walde. Gleich glühenden -Kohlen funkeln die Riesenaugen im nächtlichen Schatten -– wieviele Spukgeschichten mögen ihnen ihr Dasein verdanken! -Das Märchen verwendet, um die Stimmung -recht gruselig zu machen, die funkelnden Eulenaugen -außerordentlich oft.</p> - -<p>Ich glaube, es gibt wenig Menschen, die eine besondere -Vorliebe für diese unheimlichen Gespenstertiere -besitzen. Das tut mir leid, einmal der Eulen wegen -und dann auch um meiner selbst willen, da ich mich mit -meiner ausgesprochenen Passion für Käuze und Eulen -aller Art ziemlich vereinsamt fühle. Ein rechtes Verständnis -für die Anmut der Eulen habe ich nur bei den -Italienern gefunden; diese betrachten ihre Steinkäuzchen<span class="pagenum"><a id="Page_65">[65]</a></span> -als wirkliche Hausfreunde und richten dunkle Brutplätze -unter den Dächern mit bequemen Eingängen für sie her. -Allerdings ist ihre Vorliebe für Käuze nicht frei von -Eigennutz; denn der Italiener bedient sich seiner Freunde -zum Fang von Kleinvögeln. Auch die alten Griechen, -denen Verständnis und Gefühl für Schönheit doch wahrhaftig -nicht abgesprochen werden kann, erkannten die -eigenartige Eulenschönheit. Die Eule war der Pallas -Athene heilig, die selbst als »eulenäugig« bezeichnet -wird; zugleich war sie das Wappentier der Hauptstadt, -das Sinnbild der Weisheit, und sogar als Glücksbotin -findet sie Erwähnung.</p> - -<p>Wieviel könnten wir Deutschen doch von den alten -Griechen in dieser Beziehung lernen! Bei uns heißt es: -»Häßlich wie eine Nachteul'«, und Eulenaugen gelten -nicht gerade als Schönheit. Dazu ist die Eule in deutschen -Landen so recht der Unglücksvogel, dessen nächtlicher Ruf -Krankheit und Tod kündet. Auch im deutschen Märchen -ist der Kauz viel weniger der Vogel der Weisheit, als -der böse Geist, der Dämon, der Hüter verborgener -Schätze, dem Menschen feindlich gesinnt, vertraut mit der -schwarzen Kunst, mit Zauberei; in der Fabel aber ist er -ein Griesgram und rechter Philister.</p> - -<p>Ebenso bedauerlich wie auffallend ist der Rückgang -der Eulen in unsrer Heimat. Von dem <em class="gesperrt">Uhu</em> will ich -nicht reden – das letzte Paar brütete noch um die Wende -unsers Jahrhunderts in den Felswänden des Hohnsteiner -Reviers. Ich fürchte, der Schutz, den man heute -in allen Staatsforsten dem seltenen Räuber gern gewähren -möchte, kommt bereits zu spät, um den »König -der Nacht« zu retten. Aber auch die mittelgroßen Eulen, -wie <em class="gesperrt">Wald-</em> und <em class="gesperrt">Schleierkauz</em>, <em class="gesperrt">Wald-</em> und<span class="pagenum"><a id="Page_66">[66]</a></span> -<em class="gesperrt">Sumpfohreule</em>, selbst die kleinen <em class="gesperrt">Käuzchen</em> -sind heutzutage viel seltener geworden als zu meiner -Jugendzeit. Man mag eine Eule aus dem Gehöft verjagen, -wenn man den Mäusejäger durchaus glaubt entbehren -zu können; aber eine Eule töten, bleibt eine -Roheit und Gemeinheit, wenn auch vor unsern ganz -unzureichenden sächsischen Gesetzen der Frevler frei ausgeht. -Alles, was bewehrte Fänge und einen Krummschnabel -trägt, gehört in Sachsen zu den jagdbaren -Vögeln, und auf diese findet das deutsche Reichsgesetz -keine Anwendung. Der Freibrief, den dieses mit Recht -dem Turmfalken, dem Schrei- und Seeadler, dem Bussard, -der Gabelweihe und <em class="gesperrt">sämtlichen Eulen</em>, mit Ausnahme -des Uhus, ausstellt, hat also für Sachsen keine -Gültigkeit. Hierin endlich einmal Wandel zu schaffen, -ist eine dringende Forderung des Naturschutzes an die -Gesetzgebung.</p> - -<p>Viel mehr als die lichtscheue Eule ist im deutschen -Märchen der <em class="gesperrt">Rabe</em> der Vogel der Weisheit. Er hat -die Gabe, in die Zukunft zu schauen und wird so zum -Verkünder kommender Ereignisse. Das hängt zweifellos -damit zusammen, daß bei unsern Altvordern der Rabe -der Vogel Wodans war, der Götterbote, der den Verkehr -zwischen dem Herrscher des Himmels und den Bewohnern -der Erde vermittelte. Seine Verwandten, die -Krähen und Elstern, gelten als diebisches, zänkisches -Gesindel, letztere als besonders schwatzhaft.</p> - -<p>Ein anderer Götterbote war der <em class="gesperrt">Storch</em>; doch spielt -dieser in orientalischen Erzählungen und Märchen eine -weit größere Rolle als in unserm deutschen Märchenschatz. -Auch in der deutschen Fabel begegnet man dem -klappernden Hausfreund nur selten. Dagegen hat unser<span class="pagenum"><a id="Page_67">[67]</a></span> -Volk um Leben und Treiben des Storchs einen reichen -Kranz abergläubischer Vorstellungen gewunden, deren -Ursprung sich in graue Vorzeit verliert.</p> - -<p>Unter den Wasservögeln ist wohl der <em class="gesperrt">Schwan</em> das -vornehmste Märchen- und Sagentier. Wir denken an -das lustige Märchen »Schwan, kleb an!«, an die reizende -Geschichte vom kleinen »häßlichen Entlein«, das aber -einem Schwanenei entschlüpft war und bald zum bildschönen -Schwan heranwuchs; wir denken an Lohengrins -Schwan und an die Schwanenritter oder an die -Schwanenjungfrauen, die auf der Donau den Nibelungen -erschienen und sie vor der Fahrt warnten, die allen den -Untergang bringe. In Sachsen brütet der Wildschwan -leider nirgends; dazu sind unsre Teiche zu klein und -unsre Elbe mit ihren gemauerten Ufern viel zu -nahrungsarm und zu unruhig. Wer aber die ostpreußischen -Seen kennt, der wird sich mit Freude der -anmutigen Schwimmvögel erinnern, die so manchem -dieser Gewässer einen besonderen Schmuck verleihen. -Auch Seen in Brandenburg und Mecklenburg oder der -Unterlauf der Warnow unterhalb Rostock beherbergen -noch immer eine erfreuliche Anzahl der stolzen Geschöpfe. -Freilich haben die bösen Verhältnisse der Nachkriegszeit -auch in ihre Reihen starke Lücken gerissen, so daß es -ernstlich an der Zeit ist, für den Schutz dieser Tiere zu -sorgen. Besonders lieblich sind die Familienbilder, die -sie zu Sommers Anfang dem Beschauer bieten, wenn die -Schwanenmutter ihre Kleinen das erstemal durchs Schilf -auf die freie Wasserfläche führt oder die grauen Dunenbällchen -auf den Rücken nimmt und mit dieser leichten -Bürde zurück zum Neste gleitet.</p> - -<p>An zweiter Stelle wäre auch der <em class="gesperrt">Gänse</em> zu gedenken.<span class="pagenum"><a id="Page_68">[68]</a></span> -Unsre geliebte Hausgans, deren Braten alljährlich -an meinem Namenstage so manchen Mittagstisch -verschönt – im vorigen Jahre nach längerer Pause auch -den meinen, da eine freundliche Fee den köstlichen Vogel -in mein Haus flattern ließ – stammt von der Graugans -her, die gleichfalls noch in Norddeutschland brütet und -gelegentlich ihrer Herbstreisen auch an unsre sächsischen -Gewässer kommt. Sie ist eleganter in der Figur, als -unsre Haus- und Hofgenossin, auch leichter im Flug, gewandter -im Schwimmen; denn das Gänsefett belästigt -sie nicht so stark wie jene. Auch die <em class="gesperrt">Ente</em> mit dem -goldnen Krönchen erscheint im Märchen, und in der -Fabel tritt sie zumeist mit dem Fuchs auf, der ihr den -Kragen umdrehen möchte.</p> - -<p>Unter den Singvögeln sind vielleicht die volkstümlichsten -<em class="gesperrt">Nachtigall</em> und <em class="gesperrt">Lerche</em>. Ihr Gesang hat -von jeher den Menschen begeistert. In hundert Volksliedern -wird die Nachtigall erwähnt, ja bei den Minnesingern, -die sich nicht genug tun können, die kleinen -Waldvöglein zu preisen, ist die Sängerin der Nacht so -ziemlich der einzige Vogel, der mit Namen genannt wird. -Die Lerche aber ist die Sängerin des Tages, die zum -Licht emporsteigt, die mit der Morgenröte sich erhebt, -um den ganzen Himmelsraum mit ihrem Jubel zu erfüllen, -zum Preise des Schöpfers. Neben ihnen spielen -in Märchen und Fabeln die andern Kleinvögel, wie -Zeisig, Rotkehlchen, Zaunkönig und Star, nur bescheidene -Rollen; sie treten in der Regel nicht allein auf, sondern -in Begleitung jener Sänger. Ich erinnere an die Fabeln -vom Zeisig, vom Kuckuck oder auch vom Wiedehopf und -der Nachtigall, von der Schwalbe und der Lerche.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Schwalbe</em> ist der Vogel, der das innigste<span class="pagenum"><a id="Page_69">[69]</a></span> -Bündnis mit dem Menschen geschlossen hat; denn während -recht viele zutrauliche Vögel wohl die Nähe -menschlicher Siedlungen aufsuchen und ihre Wohnung -an unsern Häusern, auf und unter dem Dach, am Gesims, -auf einem Balkenkopf oder in irgendeinem versteckten -Winkel aufschlagen, sind es die niedlichen Rauchschwälbchen -mit dem gabelartig verlängerten Schwanz und der -rostroten Stirn, die fast ausnahmslos im Innern der -Gebäude Herberge nehmen. Dem Tragbalken des Vorhauses, -der Decke des Kuh- oder Pferdestalles, wohl auch -dem Schirm einer elektrischen Lampe vertrauen sie ihr -Nestchen an. Und solche Anhänglichkeit an uns Menschen -verdient Gegenliebe, wie man sie allgemein in -deutschen Landen den lieblichen Vögelchen entgegenbringt. -Eine Schwalbe zu töten oder auch nur ihr Nest -zu zerstören, ist ein schwerer Frevel, der von der rächenden -Gottheit mit langem Siechtum bestraft wird. Wo -die glückverheißenden Vögel den Hof verlassen haben und -im kommenden Frühjahr nicht wieder Einkehr halten, -da zieht Unfrieden im Haus ein oder es stirbt ein Bewohner. -Wer möchte es wünschen, daß solch frommer -Aberglaube doch endlich in die Rumpelkammer längst -überlebter mittelalterlicher Vorstellungen, die nicht mehr -in unsre aufgeklärte Zeit passen, geworfen werde!</p> - -<p>Sinnig sind manche Sagen, die von der Schwalbe -berichten. Bei der Vertreibung der ersten Menschen aus -dem Paradies flog eine Schwalbe blitzschnell an dem -Flammenschwerte des zürnenden Engels vorüber, um das -arme, verstoßene Menschenpaar in seine neue unbekannte -Heimat zu begleiten. Hier ward sie ihm zur treuesten -Freundin im Glück und im Unglück. Eine andere Sage -erzählt: Als Christus am Kreuze hing und, vom Durst<span class="pagenum"><a id="Page_70">[70]</a></span> -gequält, um Wasser flehte, da hörte eine Schwalbe des -Heilands Bitte: »Mich dürstet«. Schnell eilte sie an -eine Quelle, küßte dann des Sterbenden Lippen und -träufelte einige Tropfen Wasser auf sie. Hierauf umflog -sie das Haupt des Heilands, mit ihren langen -Schwingen ihm Kühlung zufächelnd. Dabei streifte sie -die blutenden Wunden, so daß sich Stirn und Kehle rot -färbten. Ähnliches weiß die Sage auch vom <em class="gesperrt">Kreuzschnabel</em> -zu erzählen. Bei dem Versuch, die Nägel -aus dem Kreuzesstamm zu zerren, hat sich sein Schnabel -verbogen, sein Gefieder gerötet.</p> - -<p>Nur ein Wort noch vom <em class="gesperrt">Wiedehopf</em>. Er steht -nicht im besten Geruch und ist doch mit seiner Federholle -und dem ansprechenden Farbenkleid ein wunderhübscher -Vogel. Heute kenne ich den Wiedehopf als -sächsischen Brutvogel nur aus der Lausitz, wo er allerdings -außerordentlich selten ist. In meiner Jugendzeit -aber brüteten alljährlich mehrere Paare in den alten -Kirschbäumen, die die Viehweide des Rittergutes meiner -Heimat umgaben. Ein ganz abscheulicher Gestank, wenn -man die Nase in den Eingang solcher Kinderstube bringt; -selbst die ausgeflogenen Jungen müssen sich noch tagelang -gewissermaßen auslüften, ehe sie den Geruch verlieren, -so fest sitzt er ihnen im Gefieder. In der Fabel -ist der Wiedehopf seines gekrönten Hauptes wegen der -eitle Vogel, dessen armseliger Ruf sich mit dem Gesang -der unscheinbaren Nachtigall nicht messen kann.</p> - -<p>Die Zahl der Vögel, die das Märchen, ganz besonders -aber die deutsche Fabel auftreten läßt, ist so groß, daß -man leichter die Arten aufzählen könnte, von denen das -Volk nichts zu erzählen weiß. Kuckuck und Pfau, -Hahn und Sperling, Wachtel und Taube, Kranich und<span class="pagenum"><a id="Page_71">[71]</a></span> -Reiher, Gimpel und Zeisig müßte ich nennen, und ich -würde noch keineswegs allen gerecht werden. Gerade -der Vogel ist von jeher der Liebling des Menschen gewesen; -seine anmutige Gestalt, sein hübsches Farbenkleid, -vor allem aber seine Stimme haben von Anfang -an die Aufmerksamkeit eines jeden auf ihn gelenkt.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die <em class="gesperrt">kaltblütigen Wirbeltiere</em> stehen unserm -Volke nicht so nahe; das Verhältnis zu ihnen ist weniger -innig. Ganz besonders gilt das von den <em class="gesperrt">Fischen</em>. In -dem deutschen Märchen spielen sie eine nur sehr bescheidene -Rolle, und auch in den Fabeln tritt nur hie -und da mal der gefräßige Hecht oder der stumpfsinnige -Karpfen auf. Die Fische haben wenig zu sagen, sie sind -stumm; daraus erklärt sich wohl solche Vernachlässigung.</p> - -<p>Aber unter den <em class="gesperrt">Lurchen</em> gibt es ausgezeichnete -Sänger, die mit ihrem Lied die ganze Frühlingsnacht -erfüllen: die <em class="gesperrt">Frösche</em> sind es. Unsern Seen- und Teichlandschaften -verleiht ihr Chorgesang einen ganz eigentümlichen -Reiz. Freilich handelt es sich dabei nur um -die eine Art, den <em class="gesperrt">grünen Wasserfrosch</em>, während -man von dem andern, dem braunen Grasfrosch, der auf -der feuchten Wiese oft in großer Anzahl vor unsern -Schritten aufspringt, nur selten einen knurrenden Laut -vernimmt; <em class="antiqua">rana muta</em>, d. i. der Stumme, nannte ihn -deshalb der Zoolog. Um so lebhafter der andere, der -Wasserfrosch. Er ist es, von dem das Märchen so viel -zu erzählen weiß, von seinem Schloß tief unten im feuchten -Element, wo der Froschkönig sein Reich aufgeschlagen -hat und seine Herrschaft über die ganze pausbäckige<span class="pagenum"><a id="Page_72">[72]</a></span> -Gesellschaft ausübt. Meist handelt es sich um -Verwandlungsmärchen, um einen Fürstensohn, der in -einen Frosch verzaubert ward und dann durch die Guttat -eines Menschenkindes erlöst wird. Oder ich erinnere an -Georg Rollenhagens »Froschmäuseler« aus dem Jahre -1595, ein langatmiges Reimwerk, dem Homers »Froschmäusekrieg« -zur Grundlage diente. Die ganze wunderliche -Hofhaltung der Frösche und Mäuse wird uns hier -geschildert und die blutige Schlacht zwischen den Bewohnern -des Wassers und den kleinen graufelligen -Nagern des Feldes. Und dann, wieviel alte und neue -Fabeln handeln doch von dem kaltblütigen Sänger, der -bald mit der Nachtigall, bald mit dem Kuckuck den -Wettgesang anstimmt!</p> - -<p>Auch die <em class="gesperrt">Kröte</em> mit der goldenen Krone ist eine -Märchengestalt, die auf Erlösung harrt. Ich glaube, ihr -schönes goldenes Auge, das treuherzig blickt, voll Wehmut -und Sehnsucht, hat es dem Menschen angetan. Wer -es fertig bringt, eine Kröte in roher Weise zu töten, -muß bar jedes Gemüts sein.</p> - -<p>Von den <em class="gesperrt">Schlangen</em> ist im Märchen manchmal -die Rede. Sie sind die Behüterinnen verborgener Schätze -oder werden nur nebenbei erwähnt, um die gruselige -Stimmung, die einsame, dunkle Orte dem Menschen -einflößen, noch zu erhöhen. Selten wird eine bestimmte -heimische Schlangenart genannt, auch die giftige Kreuzotter -nicht. Dagegen tritt unter dem Namen »Hausunke« -die Ringelnatter auf; ihre gelblichen oder weißen Halbmondflecken -am Hinterkopf und Hals werden als Krone -gedeutet.</p> - -<p>Es würde zu weit führen, auch den <em class="gesperrt">wirbellosen -Tieren</em> unsre Aufmerksamkeit zu widmen. Auch von<span class="pagenum"><a id="Page_73">[73]</a></span> -ihnen gibt es recht viele, die wahrhaft volkstümlich geworden -sind und besonders in der deutschen Fabel häufig -auftreten. Ich erinnere nur an Ameise, Biene, Feldgrille, -Heupferd, Leuchtkäfer oder an die Schnecke.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Schutz der Tierwelt! Es wird so viel darüber geklagt, -daß die großen Tiere der Tropen und der Polarzonen -durch die unsinnige Jagdleidenschaft der weißen -Rasse ihrem Untergang mit Riesenschritten entgegeneilen, -daß die Elefanten, Giraffen und Flußpferde, -ebenso die großen Walsäugetiere oder die Büffel, die -einst in ungeheuren Scharen die weiten Ebenen Nordamerikas -belebten, recht bald der Vergangenheit angehören -werden. Und nicht etwa nur die wirtschaftliche -Einbuße und der Verlust, den die Wissenschaft dadurch -erleidet, rechtfertigen diese Klage und Anklage, sondern -der Frevel an der Natur ist es, der das Herz eines jeden -mit Bitterkeit und Trauer erfüllt. Aber näher doch als -jene Tiere ferner Zonen sollte uns die <em class="gesperrt">heimatliche</em> -Tierwelt stehen. An ihrer Erhaltung ist nicht etwa -nur dem einzelnen Naturfreund gelegen, sondern unserm -ganzen Volk im allerweitesten Sinne. Wir dürfen nicht -engherzig nach Nutzen und Schaden fragen, sondern die -höheren Tiere sind mit ganz wenig Ausnahmen – ich -denke z. B. an die Kreuzotter oder an kleine Säugetiere, -die namentlich auf den Feldern als verheerende Landplage -auftreten können – um ihrer selbst willen des -allgemeinen Schutzes wert. Wenn wir aber aus der -großen Masse einige besonders hervorheben wollen, deren<span class="pagenum"><a id="Page_74">[74]</a></span> -Untergang am meisten beklagenswert wäre, ein unersetzlicher -Verlust nicht nur für die deutsche Landschaft, sondern -für unser ganzes Volk, so sind es die <em class="gesperrt">volkstümlichen -Tiere der deutschen Märchen -und Fabeln</em>.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_75">[75]</a></span></p> - -<h2 id="Allerlei_Fischrauber_bepelzt">Allerlei Fischräuber, bepelzt -und befiedert</h2> -</div> - -<p class="drop">Die Ziele und Bestrebungen der Menschen sind verschieden -und müssen es sein. Was bringt mir -Nutzen und Gewinn? was ist für mich persönlich von -Vorteil? was kann mir schaden? was steht mir im -Wege, mein Ziel zu erreichen? Das sind die täglichen -Fragen des einzelnen.</p> - -<p>Aber der einzelne vermag wenig. Gleichgesinnte -haben sich deshalb zu Verbänden zusammengeschlossen, -um mit vereinten Kräften das gemeinsame Ziel zu -verfolgen. Solcher Vereine oder Verbände gibt es unzählige, -und wo sie lediglich äußere Vorteile im Auge -haben, wo die Frage nach Nutzen und Schaden im -Vordergrund steht, da kreuzen sich ihre Interessen vielfach, -und es treten Gegensätze hervor, die oftmals zu -erbitterten Kämpfen führen.</p> - -<p>Der Landwirt, der Jäger, der Fischzüchter, der Obstgärtner, -der Imker u. a., sie glauben ein Recht zu haben, -mit allen Mitteln die Ziele zu verfolgen, die ihnen ihr -Beruf setzt. Sie vergessen aber nur zu leicht dabei die -Rücksichtnahme, die sie ihren Mitmenschen schuldig sind, -und nicht nur diesen, sondern unserer gemeinsamen -Mutter, der Natur, der wir alles verdanken.</p> - -<p>Der Jäger sucht die Feinde seines sorgsam gehegten -Wildstandes unschädlich zu machen; er stellt also auch<span class="pagenum"><a id="Page_76">[76]</a></span> -den Raubvögeln nach, deren herrlicher Flug das Auge -und Herz des Naturfreundes erfreut, und er fragt wenig -danach, ob er dadurch den Landwirt schädigt, zu dessen -treuesten Verbündeten im Kampfe gegen die Mäuse gerade -sehr viele Raubvögel gehören. Der Fischereiberechtigte -leidet den farbenprächtigen Eisvogel nicht und fängt -ihn in kleinen Tellereisen, obgleich die Vogelfreunde -sich bemühen, diesen herrlichen Edelstein der heimatlichen -Vogelwelt vor völligem Untergang zu bewahren, -oder er setzt Prämien für die Erlegung des Fischadlers -und anderer Fischfeinde aus, bepelzt und befiedert, deren -Vernichtung auch die Wissenschaft beklagen muß, sobald -es sich um seltene Naturdenkmäler handelt. Der Bienenzüchter -ist den Meisen und Rotschwänzchen feindlich gesinnt, -die ihm manche Biene wegschnappen; er vergißt -dabei, daß gerade diese Vögel dem deutschen Forstmann -wie dem Obstgärtner von allergrößtem Nutzen sind. Der -Pächter von Kirschplantagen klagt darüber, daß der -Vogelfreund den Star durch Aushängen von Nistkästen -in mancher Gegend unseres Vaterlandes in einer Weise -vermehrt habe, daß die Kirschenernte durch diesen Vogel -arg geschmälert werde. Die Katze, die dem Gutsbesitzer -unentbehrlich ist, wird geschossen, wenn sie sich am Waldrande -zeigt, oder der Vogelschützler fängt sie in der Falle, -die er in seinem Garten aufgestellt hat. Und so geht -es weiter: <em class="gesperrt">überall Gegensätze, überall Meinungsverschiedenheiten</em> -zwischen den Jagdschutz-, -Fischereischutz-, Vogelschutz-, Obstbau-, Bienenzüchter-, -Gärtner-, Naturschutzvereinen und ihren einzelnen -Vertretern, und <em class="gesperrt">jeder glaubt im Recht zu -sein</em>, wenn er sich über die Handlungsweise des Nachbarn -bitter beklagt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_77">[77]</a></span></p> - -<p>Und doch, nur ein klein wenig gegenseitiges Verständnis, -ein wenig Rücksichtnahme, freundliches Entgegenkommen -von der einen Seite wie von der andern: -wahrhaftig, mancher Streit könnte beigelegt, mancher -Zusammenstoß gemildert werden. Wir wollen doch nicht -ganz aufgehen in unsern persönlichen Interessen, nicht -immer nur nach Nutzen und Schaden fragen, nach eignem -Vorteil und Gewinn. Auf eine höhere Warte müssen -wir uns stellen und das große Ganze überblicken, nicht -den einzelnen im Auge haben, sondern die Gesamtheit. -So verschieden die Bestrebungen und Ziele auch sein -mögen: in dem <em class="gesperrt">einen</em> großen und idealen Ziele finden -wir uns schließlich doch alle zusammen: <em class="gesperrt">die Natur -unsrer Heimat möchten wir so gern in ihrer -heiligen, unverletzlichen Schönheit erhalten -wissen</em>, soweit es ohne wesentliche Schädigungen -<em class="gesperrt">berechtigter</em> Sonderinteressen nur irgend -möglich ist. <em class="gesperrt">Schutz unsrer Heimat!</em> das muß unsre -Losung sein; alles andre hat sich diesem allgemeinen Ziel -unterzuordnen.</p> - -<p>Wer den großen, gar nicht hoch genug einzuschätzenden -Vorzug besitzt, daß ihn sein Beruf in die innigste Berührung -mit der Natur bringt, der darf nie vergessen, -daß er dieser unsrer Allmutter, wie seinen weniger -begünstigten Mitmenschen gegenüber Verpflichtungen -schuldet, die den eignen persönlichen Interessen vorangehen. -Und so sollten sich all diese Begünstigten die -Hand zum Bunde reichen und sich zusammenfinden in -der <em class="gesperrt">Idee des Heimatschutzes</em>, der kein kleinliches -Partei-, kein einzelnes Berufsinteresse kennt. Die gefährdeten -Geschöpfe unsrer Heimat gilt es zu erhalten, -nicht zu vernichten! Wir haben kein Recht, die Natur<span class="pagenum"><a id="Page_78">[78]</a></span> -zu verstümmeln. Wir wollen uns nicht nur der nützlichen -und harmlosen Tiere annehmen, sondern auch derjenigen, -die sich in vielen Einzelfällen als schädlich erweisen, -und wollen diese wenigstens soweit dulden, daß -sie nicht völlig von der Bildfläche des Lebens schwinden -– unrettbar, unwiederbringbar!</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die <em class="gesperrt">Fischerei</em> hat über die Menge der tierischen -Feinde vielleicht noch mehr zu klagen als die Jagd. -Dabei wollen wir die kleineren Räuber, die den Kerbtieren -angehören, ganz unberücksichtigt lassen: den Gelbrand -und seine Larve, die nicht nur die junge Brut überfallen, -sondern sich auch nicht scheuen, mit ihren scharfen -Freßwerkzeugen selbst größere Fische anzubeißen, oder den -Rückenschwimmer, auch Wasserwanzen und Wasserskorpion, -ebenso die äußerst räuberischen Larven mancher -anmutigen Libellen, die als fertige Insekten zu den -harmlosesten Tieren gehören. Wir wollen nur an die -vielen Fischfeinde oder, besser gesagt, an die Fischliebhaber -denken, die dem Fischereiberechtigten aus der Reihe -der Wirbeltiere mancherlei Schaden verursachen.</p> - -<p>Ein wirkliches Raubtier, der <em class="gesperrt">Fischotter</em>, der -Familie der Marder angehörend, ist wohl am meisten -gefürchtet. Töricht und ungerechtfertigt wäre es, vom -Fischereiberechtigten zu verlangen, diesen bösen Fischräuber -unbehelligt zu lassen. Wo er sich in unsern Teichgebieten -zeigt, die vornehmlich der Karpfen- und Schleienzucht -dienen, da bleibt dem Besitzer oder Pächter gar -nichts anderes übrig, als den Otter im Eisen zu fangen -oder auf dem Anstand zu schießen oder auch durch scharfe<span class="pagenum"><a id="Page_79">[79]</a></span> -Otterhunde und Teckel ihn in seinem Bau aufzustöbern; -denn der Schaden, den der gewandte Schwimmer hier -anrichtet, ist unberechenbar groß, zumal der Fischotter -ungleich mehr Fische vernichtet, als er zu verzehren vermag. -Auch den Möweneiern, der Kiebitzbrut, jungen -Gänsen und Enten, zahmen wie wilden, stellt der mordgierige -Räuber nach. Aber es gibt doch auch Gewässer -in unserm Vaterland, Flüsse und Bäche, wo von größerem -Fischreichtum nie die Rede sein kann. Wenn sich hier -'mal ein Fischotter zeigt und der Fischereiberechtigte fängt -nun an zu rechnen: 6 Pfund Fische täglich zum Fraß -und noch doppelt so viel aus reiner Mordlust, macht -18 Pfund auf den Tag oder 65 Zentner im Jahre; alles -halbpfündige Forellen vielleicht – mir schwindelt der -Kopf, wenn ich dran denke, wieviel Tausende Papiermark -das ausmacht: so ist solches Rechenwerk einfach -lächerlich; denn so viel Fische beherbergt der ganze Fluß -nicht, selbst wenn man die winzigsten Schneider mitrechnet. -Oder hofft der Fischer etwa, wenn er den Übeltäter -erst 'mal hat nun die 65 Zentner Fische selbst einheimsen -zu können? Vergebliche Hoffnung! Zu fischreichen -Gründen, wie sie es vielleicht ehemals waren, -als die Fabriken durch ihre Abwässer den Flußlauf -noch nicht verunreinigt hatten, werden derartige Gewässer -niemals wieder sich umwandeln, ob man den -Otter gewähren läßt oder ihn wegfängt.</p> - -<p>Zum Glück ist der Herr der Seen und Flüsse ein -kluges Geschöpf, vorsichtig, mißtrauisch; die geringste Veränderung -in der Nähe seines Baues und Ausstieges -bemerkt er sofort, und so müht sich der Fänger in vielen -Fällen vergeblich ab, den Fischräuber zu überlisten. Wir -dürfen hoffen, daß das interessante »Fischsäugetier«<span class="pagenum"><a id="Page_80">[80]</a></span> -unserer Heimat trotz aller Nachstellungen, wenn auch in -verschwindend geringer Anzahl, erhalten bleibt.</p> - -<p>Auch die Verwandten, die Mitglieder der eigentlichen -<em class="gesperrt">Marderfamilie</em>, stellen gelegentlich den -Karpfen und Schleien und selbst den flinken Forellen -nach. Gute Schwimmer sind sie alle, und was sie erreichen -können zu Land und zu Wasser, wird erbarmungslos -gemordet. Aber gerade die Vielseitigkeit ihres -Speisezettels – Eichkatzen, Wildtauben, Häher, Krähen, -allerlei Kleinvögel und ihre Eier, Mäuse und Frösche, -Ratten, Junghasen, Kaninchen, Fasanen, Eidechsen, -Fische, Maikäfer usw. – beweist, daß sowohl die größeren -Arten, Baum-, Hausmarder und Iltis, als auch die -kleineren, Hermelin und Mauswiesel, neben beträchtlichem -Schaden, den sie vor allem der Niederjagd zufügen, -doch auch manchen Nutzen stiften. Wo sie sich zu -stark vermehren, da soll man ihnen Einhalt gebieten; -aber sie auszurotten, wäre eine sehr bedenkliche Maßnahme. -Mäusefraß und Rattenschaden, übermäßige Vermehrung -der Eichhörnchen oder auch der Krähen und -Wildtauben würden solchen Weltverbesserern beweisen, -daß sie auf dem Holzwege sind.</p> - -<p>Auch die kleine <em class="gesperrt">Wasserspitzmaus</em> wird des -Fischraubes beschuldigt, und gewiß mag ihr manche -Elritze, mancher Stichling zum Opfer fallen; aber wenn -man bedenkt, daß die flinken, ewig hungrigen Spitzmäuse -jedes Tier auffressen, das sie überwältigen können, -Schnecken, Egel, Libellen- und Schwimmkäferlarven, -Flohkrebse, Uferwanzen, Heuschrecken, Regenwürmer, -Raupen, Larven von Köcherfliegen u. a., wird der Fischpächter -versöhnlicher gestimmt werden und den kleinen -muntern Schwimmern auch 'mal ein Fischchen gönnen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_81">[81]</a></span></p> - -<p>Über die <em class="gesperrt">Wasserratte</em>, die im Gegensatz zu den -bisher genannten Fleisch- und Insektenfressern zu den -Nagetieren zählt, sind die Ansichten geteilt. Die einen -meinen, die Wasserratte rühre kein Fischlein an; andere -dagegen behaupten, kleine Fische fielen ihr häufig zum -Opfer, und wo Fischzucht getrieben wird, dürfe es daher -keine Wasserratten geben. Allzugroß wird der Schaden -jedenfalls nicht sein, zumal der Nager durch den Fang -fischfeindlicher Wasserinsekten manchen Verlust wieder -auszugleichen mag.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Aber <em class="gesperrt">gefiederte</em> Fischräuber gibt es viel mehr -als bepelzte – leider, leider! Man kann es den Fischereiberechtigten -wirklich nicht verargen, wenn sie sich gegen -die Konkurrenz, die ihnen von dieser Seite zweifellos -in oft recht empfindlicher Weise gemacht wird, zur Wehr -setzen. Auf der andern Seite sind gerade unter diesen -gefiederten Fischliebhabern einige, die zu den schönsten -Mitgliedern der Vogelwelt gehören und unsern Teich- -und Seenlandschaften zum reizvollsten Schmuck gereichen, -so daß deren Verfolgung den Naturfreund außerordentlich -schmerzlich berühren muß. Hier ist eine Verständigung -sehr schwierig. Es muß der Fischer dem Vogelfreund -ein wenig entgegenkommen, und dieser jenem. -Schon wenn jeder sich bemüht, den Standpunkt des -andern zu verstehen und zu würdigen, wird viel gewonnen -sein.</p> - -<p>Ich denke, man sollte zunächst einmal unterscheiden, -ob es sich um <em class="gesperrt">einzeln</em> lebende Fischräuber handelt, -z. B. den Fischadler, den Schwarzstorch, den Eisvogel,<span class="pagenum"><a id="Page_82">[82]</a></span> -die also mehr oder weniger als Einsiedler hausen und -ein weites Revier für sich beanspruchen, oder um solche -Vögel, die <em class="gesperrt">in größerer Menge</em> auftreten, wie -Reiher, Möwen, Taucher u. a. Bei jenen darf man -wohl erwarten, daß der einsichtsvolle Fischer, dem doch -auch die Erhaltung der heimatlichen Natur am Herzen -liegt, ein Auge zudrückt, falls die Verhältnisse nicht besonders -ungünstig sind; es kann ja hier höchstens von -einem örtlichen, nicht aber von einem allgemeinen -Schaden die Rede sein. Bei den in größerer Anzahl -auftretenden Schädlingen aber sollte man sich damit begnügen, -sie auf ein gewisses Maß zu beschränken. Und -dieses Maß, das nicht überschritten werden darf, scheint -mir allerdings für manche Gegend bereits erreicht zu -sein. Indessen allgemeine Regeln, die in jedem Einzelfall -zu beachten sind, lassen sich nicht aufstellen.</p> - -<p>Wer den <em class="gesperrt">Eisvogel</em> aus dem Bereich der Fischzuchtanstalten -vertreibt, dem wird man es nicht verargen -können; denn wo diese gefiederten Fischer in größerer -Anzahl regelmäßig bestimmte Setzteiche besuchen, da wird -der Schaden nicht unerheblich sein, obgleich sie nur kleinfingerlange -Fischchen erbeuten. Solche Fälle aber sind -Ausnahmen. Jedes Pärchen beansprucht ein großes Gebiet -und duldet kein zweites in unmittelbarer Nähe. -Und gerade in unserer Heimat sind die Eisvögel bereits -so selten geworden, daß ich nicht weiß, ob jeder meiner -Leser schon einmal in freier Natur den leuchtenden Funken, -rotgoldig glänzend und seidig blau, an sich hat vorüberschießen -sehen, oder ob er ihn nur im ausgestopften -Zustande kennt. Jedenfalls ist es selbst für den, der mit -der gefiederten Welt der Heimat vertraut ist, immer -ein Ereignis, wenn er dem Eisvogel an unsern Bächen,<span class="pagenum"><a id="Page_83">[83]</a></span> -Flüssen und Teichen begegnet. Ihn <em class="gesperrt">überall</em>, wo er -sich zeigt, wegzuknallen oder in kleinen Tellereisen zu -fangen, ist eine Versündigung an der Natur. An unsern -Gebirgsbächen, an unsern Flüssen, an allen Teichen, die -nicht gerade der Fischzucht dienen, sollte man den einsamen -Fischer ruhig gewähren lassen. Oder ist wirklich -jemand der Meinung, der Eisvogel trage die Schuld, -daß die heimatlichen Gewässer so arm an Fischen sind?</p> - -<p>In dem überaus heißen und regenarmen Sommer -des Jahres 1911, wo bei uns alle Quellen versiegten, -jedes Bächlein, jeder Graben austrocknete, da sammelten -sich einige Eisvögel an dem einzigen größeren Bach -meiner Heimat, der noch etwas Wasser führte; der -Hunger trieb sie hierher. Aber dem Tode entging vielleicht -keiner; man schoß ab, so viel man erreichte. Wozu? -Hier, wo von gewinnbringender Fischerei nicht die Rede -sein kann, wo nur gelegentlich ein paar Forellen gefangen -werden, hätte man doch wahrhaftig den schönen -Vögeln den kleinen Tribut gönnen können, den sie beanspruchten; -nach kurzer Zeit würden sie sich wieder über -ein weites Gebiet, aus dem sie die Trockenheit vertrieben -hatte, verstreut haben. Ist der Fischereiberechtigte der -sogenannten wilden Fischereien wirklich in so bedrängten -Verhältnissen, daß es ihm auf ein paar winzige Fischchen -ankommt? so fragt man sich. Nimmt er lieber den Unwillen -der vielen Naturfreunde, die solche Handlungsweise -mit Recht verurteilen, auf sich, als daß er auf -eine kleine Anzahl zum Teil fast wertloser Schuppenträger -verzichtet? Man möchte solch engherzigem -Pfennigrechner den geringen Verlust gern aus eigner -Tasche ersetzen.</p> - -<p>Und nun die weitere Frage: Hat der Fischereipächter<span class="pagenum"><a id="Page_84">[84]</a></span> -ein gesetzliches Recht, den Eisvogel zu töten? Nach dem -deutschen Vogelschutzgesetz ist der Eisvogel ebenso geschützt -wie jeder Singvogel. Bei uns in Sachsen wird er laut -eines Beschlusses des Finanzministeriums vom 3. Juni -1912 als jagdbar angesehen, »da er wirtschaftlich wesentlich -schädlich« sei<a id="FNanchor_3_3"></a><a href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">3</a>; doch soll er die allgemeine Schonzeit -vom 1. Februar bis mit 31. August genießen. Die -Dienststellen der Forstverwaltung sind angewiesen, ihn -durchaus zu schonen. In Preußen dürfen die Fischereiberechtigten -den Eisvogel ohne Anwendung von Schußwaffen -fangen und töten, in Sachsen nicht. In Bayern -aber, in Württemberg, Baden, Mecklenburg und in fast -allen andern deutschen Einzelländern ist der Eisvogel -unbedingt geschützt. Man ist sich in vielen Kreisen über -diese rechtliche Stellung unseres Vogels noch gar nicht -im klaren.</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_3_3"></a><a href="#FNanchor_3_3"><span class="label">3</span></a> Nach meiner persönlichen Auffassung ist dieser Beschluß nicht -haltbar. Alle »kleinen Feld-, Wald- und Singvögel« sind vom -Jagdrecht ausgenommen. Zugegeben auch, daß der Eisvogel unter -diesen Begriff nicht recht zu bringen ist, ein »Wasservogel« – und -als solcher nur wäre er jagdbar – ist er aber gleich der Bachstelze -und der Wasseramsel doch nur im biologischen, nicht im systematischen -Sinne. Und daß Nutzen oder Schaden bei der Beurteilung, -ob jagdbar oder nicht jagdbar, berücksichtigt werden sollen, -davon sagt das Gesetz nichts.</p></div> -</div> - -<p>Sehr bedauerlich ist es auch, daß oftmals lediglich -die hervorragende Schönheit des Vogels den Anreiz zu -seiner Verfolgung gibt, wie es auch von der Mandelkrähe, -dem Pirol und andern auffallend gefärbten -Vögeln gilt, die man doch gerade ihrer Schönheit wegen -besonders schonen sollte – »Schönheit« und »schonen« -sind sprachlich verwandte Wörter! Jede Schule ist stolz -darauf, wenn sie unter ihren Anschauungsobjekten auch<span class="pagenum"><a id="Page_85">[85]</a></span> -einen Eisvogel besitzt, und als vor einigen Jahren die -Mode aufkam, die Schüler im Zeichenunterricht ausgestopfte -Vögel zeichnen und malen zu lassen – wie -kann ein ausgestopfter Vogelbalg das Leben in freier -Natur ersetzen! – da war die Nachfrage nach Eisvögeln -besonders stark, und trotz aller Schongesetze wurde unter -den prächtigen Vogelgestalten tüchtig aufgeräumt. Wenn -der Bestand der gefiederten Fischer weiter in dem Maße -abnimmt, wie innerhalb der letzten 30 bis 40 Jahre, -so wird der schöne Vogel in kurzer Frist, bei uns wenigstens, -nur noch der Sage angehören, und die Enkel, die -vielleicht in der »guten Stube« der Großeltern den ausgestopften -Eisvogel bewundern, wie er da zwischen den -goldumrandeten Tellern und Tassen im Glasschrank -seinen Platz gefunden hat, werden es nicht glauben -wollen, daß solch herrliche, tropisch gefärbte Vögel einstmals -in unsrer Heimat gelebt haben. »Warum schoß -man sie ab?« so fragen die Enkel dann, »was taten sie -den bösen Menschen zuleide?« »»So manches Fischlein -holten sie sich aus Bächen und Flüssen; da ließ man -keinen am Leben!««</p> - -<p>Es nützt wenig, den Fischpächter darauf hinzuweisen, -wie doch auch der Eisvogel gerade für ihn, den Fischer, -einigen Nutzen stiftet, indem er allerlei Kerbtiere und -deren Larven wegfängt, die der Fischerei großen Schaden -zufügen; man denkt immer nur an die Konkurrenz durch -den gefiederten Fischer. Gewiß, seine Hauptkost bilden -die kleinen Flossenträger, die er, von seinem Sitzplatz -aus eräugt und nun, ins Wasser hinabstürzend, zu fassen -sucht. Aber nicht immer wird ihm ein Fisch zur Beute; -oft ist's nur ein grauer Rückenschwimmer oder die Larve -einer Wasserjungfer, einer Köcherfliege, die er erwischt;<span class="pagenum"><a id="Page_86">[86]</a></span> -noch öfter aber geht der Stoß fehl. Sehr genaue Forschungen -über die Nahrung der Eisvögel hat <em class="gesperrt">Liebe</em> -angestellt. Die Untersuchung des Kropfinhaltes ergab, -daß bei 78 v. Hdt. Fischreste, bei 22 aber die Reste von -Kerbtieren überwogen. Damit stimmen auch die Magenuntersuchungen -<em class="gesperrt">Ecksteins</em> überein, der in 34 Magen -Fischreste, in 12 Magen Insektenteile fand. Namentlich -wenn der Eisvogel Junge im Nest hat, treibt er eifrig -Kerbtierfang; denn zunächst füttert er die Kleinen mit -Insekten und deren Brut, erst später mit Fischen aller -Art. Daß er mit Vorliebe kleine Forellen fange, ist -eine grundlose Behauptung.</p> - -<p>Wirklich nachweisbaren Schaden wird der Eisvogel -nur dort anrichten, wo künstliche Fischzucht getrieben -wird, außerdem wo er an reichen Fischgewässern ausnahmsweise -einmal in größerer Anzahl auftreten sollte. -Wenn ihn der Fischereiberechtigte, namentlich der Forellenzüchter, -an solchen Stellen zu vertreiben sucht, wird -kein verständig Urteilender etwas einzuwenden haben, -und wir sollten meinen, wie in Weinbergen und Kirschplantagen -der Gebrauch des Schießgewehrs zur Abwehr -der Vögel gestattet werden kann, so dürfte es zweckmäßig -sein, wenn die Polizeibehörde – der Stadtrat bzw. die -Amtshauptmannschaft – ermächtigt würde, die gleiche -Erlaubnis den Besitzern von Forellenzuchtanstalten in -bezug auf den Eisvogel zu erteilen, natürlich nur nach -gründlicher Prüfung jedes Einzelfalles und bloß auf -eine bestimmte kurze Zeit. Ganz verwerflich aber ist es, -den herrlichen und bei uns in Sachsen schon recht seltenen -Vögeln an jedem Orte, wo man sie antrifft, nachzustellen.</p> - -<p>Und was vom Eisvogel gilt, das gilt in noch erhöhtem -Maße von der <em class="gesperrt">Wasseramsel</em>. Zwar entbehrt dieser<span class="pagenum"><a id="Page_87">[87]</a></span> -Vogel der tropischen Farbenpracht, aber er ist trotzdem -eine der anmutigsten, lieblichsten Erscheinungen an unsern -Gebirgsbächen, und ein hübsches Kleid besitzt er -auch. Das weiße Vorhemd, das sich wirkungsvoll von -der rostbraunen Unterbrust abhebt, steht ihm ganz allerliebst. -In den Bewegungen, besonders dem fortwährenden -Zucken des kurzen Schwänzchens, hat die Wasseramsel -etwas vom Zaunkönig, mit dem sie auch verwandt -ist. Sie gehört zu den Singvögeln und besitzt einen -zwitschernden, grasmückenartigen Gesang. Dem Rieseln -des Wassers, das auf steinigem Grunde dahinfließt, ist -das plaudernde Lied zu vergleichen. Und wer je das -Glück gehabt hat, die Wasseramsel beim Schwimmen -und Tauchen zu beobachten, der wird immer mit Vergnügen -an sie denken.</p> - -<p>Mit dem feuchten Element ist die Wasseramsel von -frühester Jugend an vertraut. Ihre Kinderwiege stand -in einem Felsenloch am Ufer des Gebirgsbachs oder in -einem ausgehöhlten Pfahl am Wehr, hinter dem sich -das Wasser staut, vielleicht auch in dem Schaufelrad der -alten verfallenen Mühle, die längst das Klappern verlernt -hat. Hier verträumte das Vögelchen die ersten -Tage seiner Kindheit. Es hörte das Rauschen des Bächleins; -es sah, wie der Sonnenstrahl in dem rieselnden -Naß unruhig glitzerte, wie die Mutter mit tropfenden -Flügeln aus dem Wässerlein auftauchte, allerlei Leckerbissen -im Schnabel, den Kindern zur willkommenen -Speise. Und dem Bächlein bleibt der Vogel nun auch -sein lebenlang treu. Gewissenhaft folgt er, talab oder -talauf fliegend, all seinen Krümmungen; es ist, als -müsse die Wasseramsel das rieselnde Wasser stets unter -sich haben, auf das immer ihr schöner, großer Augenstern<span class="pagenum"><a id="Page_88">[88]</a></span> -gerichtet ist. Und Furcht vor dem Wasser kennt unser -Vögelchen nicht. Auf einem Stein sitzt es, mitten im -Strudel; dann läuft es hinein in den schäumenden Gischt. -Bis zur weißen Hemdbrust schon reicht ihm das Wasser, -jetzt bis zu den Augen, und jetzt ist das ganze Persönchen -in dem klaren Waldbach verschwunden. Mit Flügeln -und Füßen arbeitet der Vogel kräftig gegen die Strömung; -dann taucht er wieder empor und surrt, die -Tropfen vom Gefieder abschüttelnd, nach einem Ästchen, -das niedrig über dem Bächlein herabhängt. Aber nur -kurz ist die Ruhe. Dicht über dem Wasser fliegt das -Vöglein weiter talaufwärts, wo es von einem andern -Stein aus das Spiel von neuem beginnt. Selbst den -kleinen Wasserfall fürchtet es nicht; im Flug durchschneidet -es ihn und sucht hinter der herabstürzenden -Flut nach Nahrung, die ihm der Bach allezeit spendet. -Auch im härtesten Winter bleiben einige Stellen des -lustig von Stufe zu Stufe hüpfenden Wässerchens eisfrei, -daß der niedliche Vogel auch dann keine Not leidet. Ja -mitunter läßt er schon mitten im Winter, wenn die -Bäume ringsum unter der Schneelast sich neigen und -über vereistem Grund das Bächlein talab hüpft, sein -kleines Lied hören, und der kleinste der Kleinen, Zaunkönigs -Majestät, gibt ihm Antwort: »Winter, wir fürchten -dich nicht!«</p> - -<p>Die Nahrung der Wasseramsel besteht aus allerlei -Kleingetier, wie es jedes klare fließende Wasser am -Grunde zwischen und unter den Steinen reichlich bietet: -Larven und Puppen der Wasserkäfer, der Ufer- und Eintagsfliegen, -Wassermotten, Wasserwanzen, Flohkrebschen, -wohl auch eine Wasserschnecke, gelegentlich eine Elritze -oder ein Stichling. An Forellenteichen wird es natürlich<span class="pagenum"><a id="Page_89">[89]</a></span> -auch vorkommen, daß sich die Wasseramsel an Forellenbrut -vergreift. Aber der Schaden, den der hauptsächlich -auf Insektenkost angewiesene Vogel der Fischerei zufügt, -ist so geringfügig, daß wirklich kein Grund vorliegt, -ihn zu verfolgen, wie es noch manchmal geschieht, obgleich -das Gesetz ihn unter seinen Schutz nimmt.</p> - -<p>Die Talgründe unserer Heimat, z. B. die anmutigen -Seitentäler der Elbe, namentlich aber auch droben im -Gebirge, wo nur immer ein klarer Bach zu Tal rinnt, beherbergen -noch immer den reizvollen Vogel. Möge er -uns erhalten bleiben, damit wir uns auch in Zukunft -an dem anmutigen Leben und Treiben des Vögleins -erfreuen können! Gleich dem Eisvogel gereicht es jedem -Gebirgsbach zum lieblichsten Schmuck.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Einer der seltensten Brutvögel im Deutschen Reiche ist -der <em class="gesperrt">Schwarzstorch</em>. Bis auf einige Paare ist er aus -unserm Vaterlande verschwunden. Unsre engere Heimat -kennt ihn überhaupt nicht, höchstens daß er ausnahmsweise -einmal an einem unsrer Gewässer auf -seiner Herbst- oder Frühjahrsreise Rast macht. Ich habe -den schönen Vogel wiederholt in Bosnien und in der -Herzegowina angetroffen, während ich in Deutschland -seinen Horst nur im Hannöverschen und am Darß (i. J. -1913) gesehen habe. In Ostpreußen soll es noch mehrere -besetzte Horste geben, auch im Kreise Neu-Ruppin zählte -man vor einigen Jahren noch drei Stück.</p> - -<p>Wenn wir wünschen, daß dieses Naturdenkmal -uns wenigstens in seinen spärlichen Resten erhalten -bleibe, so werden uns sicher alle Verständigen zustimmen,<span class="pagenum"><a id="Page_90">[90]</a></span> -obwohl der Schwarzstorch ein großer Liebhaber von -Fischen ist.</p> - -<p>Unser gemütlicher Hausfreund, der <em class="gesperrt">weiße Storch</em> -treibt gelegentlich auch Fischfang. Sollen wir ihm deshalb -böse sein? In Sachsen brütet der Storch fast nur -noch in der Lausitz, wo sich aber heute nicht einmal -ein Dutzend besetzter Horste befinden. Die Gemeinde, die -ein Storchenpaar besitzt, ist stolz auf den gefiederten -Kinderfreund, und mit Teilnahme beobachtet groß und -klein alle Vorgänge, die sich am Horst abspielen. Wer -den Vögeln ein Leid antut, setzt sich dem allgemeinen -Unwillen der Bevölkerung aus. Trotzdem kommt es bisweilen -noch immer vor, daß ein Storch abgeschossen wird; -man findet einen solchen mitunter verendet im Teichgebiet. -Wer ihn auf dem Gewissen hat, weiß man nicht. -Man sollte aufhören, die wenigen Störche, die unser -Sachsen noch beherbergt, mit Pulver und Schrot zu verfolgen. -Sind wir wirklich so arm geworden, daß unsre -sächsischen Gewässer nicht einmal mehr ein paar Dutzend -Störchen eine kleine Zubuße zu ihrer täglichen Nahrung -spenden können? Aber auch in noch storchreichen Gegenden -Mecklenburgs, Pommerns usw. hat die Anzahl der -Störche in erschreckender Weise abgenommen. Es ist -höchste Zeit, daß wir alle unsre schützende Hand über -diesen Vogel halten, der, wie die Schwalben, zu den -volkstümlichsten Erscheinungen der gefiederten Welt gehört, -lieb und wert schon unsern Voreltern in längst -vergangenen Tagen.</p> - -<p>Auch für den <em class="gesperrt">Fischadler</em>, der besonders das norddeutsche -Seengebiet bewohnt, habe ich schon manches gute -Wort eingelegt und freundliches Gehör gefunden. Für -unser Sachsen ist der stolze Fischer als Brutvogel schon<span class="pagenum"><a id="Page_91">[91]</a></span> -längst verschwunden; aber auf dem Zuge weilt er gern -ein paar Tage an unsern stehenden Gewässern. Hoch -über dem See zieht er dann seine Kreise; in Spiralen -schraubt er sich tiefer. Plötzlich steht er, wie ein Falke -rüttelnd, im Luftraum. Da stürzt er mit angezogenen -Schwingen hinab. Das Wasser schlägt über ihm zusammen; -aber im Nu taucht er wieder empor, einen Fisch -in den Fängen. Ist es wirklich nötig, daß man diesen -herrlichen Vogel sofort, wenn er sich zeigt, mit Pulver -und Schrot empfängt? Ein paar Fische mag sein Besuch -dem Teichpächter kosten; aber wie bald ist der edle Vogel -wieder verschwunden!</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Neben den bisher angeführten nur <em class="gesperrt">einzeln</em> auftretenden -Fischräubern gibt es aber auch Fischerei-Schädlinge, -die <em class="gesperrt">kolonienweise</em> brüten. Ihre Anzahl -auf ein gewisses Maß zu beschränken, sie »kurz zu -halten«, wie der Jäger sagt, das ist das unveräußerliche -Recht aller, die ein unmittelbares Interesse an dem -Blühen und Gedeihen der Fischerei haben. Freilich sind -dabei große Unterschiede zu machen, und <em class="gesperrt">ein Kampf -bis zur Vernichtung ist unter allen Umständen -verwerflich</em>.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Möwen</em>, die nur ganz geringen Schaden anrichten, -da sie zu wenig Taucher sind, um sich im tiefen -Wasser der schnellen Flossenträger bemächtigen zu können -und nur an ganz seichten Stellen oder dort, wo kleine -Fische in Pfützen geraten sind, dem Fischfang obliegen, -sollte man als herrliche Zierde unsrer Gewässer ruhig -gewähren lassen. Bei uns im Binnenland handelt es<span class="pagenum"><a id="Page_92">[92]</a></span> -sich lediglich um die <em class="gesperrt">Lachmöwe</em>, an der schokoladebraunen -Gesichtsmaske kenntlich, die sie im Sommer -trägt. Manche Kolonie an unsern Teichen ist eingegangen, -fast alle sind schwächer geworden; der Rückgang -seit zehn oder zwanzig Jahren ist ganz auffallend. -Er hängt wohl weniger damit zusammen, daß übereifrige -Fischer die Vögel beim Brutgeschäft stören, um -sie zu vertreiben, als mit dem Eierraub, der oft in rücksichtslosester -Weise Jahr für Jahr ausgeübt wird, bis -die Vögel den unwirtlichen Ort verlassen und der Besitzer -der Kolonie das Nachsehen hat.</p> - -<p>Der Nutzen, den die Möwen für den Landwirt haben, -ist unbestreitbar. Hinter dem pflügenden Landmann -flattern und schreiten sie einher, die Insekten auflesend, -die die Pflugschar freigelegt hat; ja, man kann beobachten, -wie sie selbst der Mäusejagd auf den Feldern obliegen. -Ihre Jungen füttern sie ausschließlich mit Kerbtieren, -unter denen sich viele Fischereischädlinge befinden; -ich habe niemals Fischreste an ihren Brutplätzen entdeckt. -Auch an der Wasserkante macht sich der Rückgang aller -Möwenarten von Jahr zu Jahr immer mehr bemerkbar. -Früher sah man besonders bei stürmischer Witterung in -den deutschen Seestädten viele Tausende von Möwen an -und über den Hafengewässern, heute nur eine geringe -Zahl. Jedenfalls hat der Fischer keinen stichhaltigen -Grund, die Möwen zu verfolgen, und wenn Badegäste -am Strand und vom Boot aus die anmutigen Segler -der Lüfte, lediglich aus Übermut und um der Schießlust -zu frönen, wegknallen, so sollte die dortige Bevölkerung -den Frevlern solch verächtliches Handwerk gründlich -legen. Den Schießern als Ziel zu dienen, dazu sind die<span class="pagenum"><a id="Page_93">[93]</a></span> -Möwen, die so recht ein Gottesgeschenk für unsre Küstengewässer -wie Binnenseen bedeuten, wahrhaftig nicht da.</p> - -<p>Auf und an fast allen größeren Teichen brüten, meist -in mehreren Paaren, unsre vier <em class="gesperrt">Taucher</em>, von denen -der stattliche schöne <em class="gesperrt">Haubentaucher</em> der seltenste ist. -Er beansprucht eine größere Wasserfläche als die andern -und kommt deshalb, namentlich auf den kleineren Gewässern -unsrer Heimat, gewöhnlich nur vereinzelt oder -in wenigen Paaren vor. Der Fischer ist sehr schlecht auf -ihn zu sprechen; er betrachtet ihn als einen argen -Räuber. Leider kann man diese Anklage nicht widerlegen. -Selbst der Hinweis darauf, daß der Vogel doch -auch viele Insekten vertilge, wird den Fischereiberechtigten -kaum milder stimmen. »Insekten?« so entgegnet er -uns, »die hätten ja auch den Fischen zur Nahrung dienen -können; die Taucher verkürzen also auch noch jenen das -tägliche Brot und schädigen mich so auf doppelte Weise.« -Es ist schwer, dagegen etwas zu sagen, wenn man nicht -immer wieder an die vielen räuberischen Insektenlarven -erinnern will. Das Eine aber steht fest: bei solch einseitiger -Betonung ganz bestimmter Interessen dürfte es -bald aus sein mit dem Reichtum und der Mannigfaltigkeit -der Natur. Mit demselben Recht würde der Brieftaubenzüchter -fordern, daß er alle Raubvögel, der Imker, -daß er Meisen und Fliegenschnäpper, der Obstzüchter, -daß er Stare und Pirole abschießen dürfe. Wohin sollte -das führen? Die kleineren Taucher, die <em class="gesperrt">Rot-</em> und -die <em class="gesperrt">Schwarzhälse</em>, namentlich aber der winzige -<em class="gesperrt">Zwergtaucher</em>, tun der Fischerei wenig Abbruch; -man sollte sie ruhig gewähren lassen. Den großen Haubentaucher -aber sollte man gleichfalls schonen, weil er -selten ist, nur vereinzelt vorkommt und dem Gewässer<span class="pagenum"><a id="Page_94">[94]</a></span> -zur schönsten Zierde gereicht. Freilich von Brut- und -Streckteichen muß er ferngehalten werden.</p> - -<p>Viel schlimmere Fischräuber sind die <em class="gesperrt">Kormorane</em>. -Aber für die deutsche Fischerei kommen diese Vögel nicht -mehr in Betracht, da sie auf deutschem Gebiet sehr stark -gezehntet worden sind. Sie waren bis zu Anfang des -vorigen Jahrhunderts für ganz Norddeutschland ziemlich -selten. Um 1810 legten sie aber auf Fünen eine große -Kolonie an; hier wurden sie von den Fischern vertrieben. -Ein Teil ließ sich auf Rügen nieder, wo die Vögel das -gleiche Schicksal ereilte. Dann wanderten sie südwärts -nach der Odermündung, und da man ihnen auch hier -keine Ruhe gönnte, zogen sie weiter die Oder hinan bis -in die Spreegegend. Pulver und Blei haben ihnen hier -ein Ende bereitet. Es gab noch vor 50 Jahren an -den verschiedensten Örtlichkeiten Deutschlands kleinere -Kolonien dieser gefräßigen Fischer, z. B. an der Müritz, -am Pinnower See bei Schwerin, am Mecklenburger -Strand, an der Ostseeküste Schleswig-Holsteins, im -Oderbruch oberhalb Stettins, auf der Danziger Nehrung, -am Frischen und am Kurischen Haff, am Mauersee in -Masuren u. a. O. Heute ist das alles vorbei, und wenn -wir von ein paar vereinzelten und unsicheren Brutstätten -dieser Ruderfüßler absehen, so ist die Kormorankolonie im -Kreise Schlochau in Westpreußen die letzte des Landes. -Obgleich die Kormorane großen Schaden anrichten, so -werden sie hier doch nicht vertilgt, »weil der Besitzer an -den schönen interessanten Vögeln seine Freude hat«. -(Vgl. Naumann, »Die Vögel Mitteleuropas«.)</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_95">[95]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Viel allgemeiner und auch viel gerechtfertigter sind -die Klagen der Fischer über die Schädigungen durch den -<em class="gesperrt">Fischreiher</em>, gehört doch dieser stattliche Vogel auch -heute noch vielen deutschen Ländern als Brutvogel an. -Freilich auch seine Zahl ist, wie die aller größeren Vögel, -außerordentlich zurückgegangen, und die wirklich reichbesetzten -Reiherkolonien oder Reiherstände, welche Hunderte -von Horsten vereinigen, gehören bereits zu den -Seltenheiten. Viele Reiherstände sind völlig verschwunden. -Nichts erinnert mehr daran, daß einst in den hohen -Buchen und Eichen zahlreiche Horste standen; andere -wieder, erst vor kurzem erloschen, zeigen noch in den -Wipfeln der Bäume die verlassenen Brutstätten, bis -schließlich ein Wintersturm die ineinander geflochtenen -Reiser zerstreut. Jedenfalls sind die Zeiten vorbei, wo -man sicher sein konnte, im Frühling und Sommer an -jedem Fluß, an jedem See wenigstens einige dieser -schönen Vögel anzutreffen.</p> - -<p>Im Mittelalter und auch später noch, bis ins 17. Jahrhundert, -erfreuten sich edle Herren und Damen an der -Reiherbeize. In frohem Zuge ritt man von der Burg -herab, gefolgt von Jagdgästen, Falkonieren und der -bellenden Meute. Zeigte sich ein Reiher, so ließ der -Jagdherr und gleich darauf eine der Damen die schnell -entkappten Falken steigen, die nun versuchten, das immer -höher gehende Beutetier gemeinsam unter sich zu bringen. -»Wie auf der Fuchshatz sausen Reiter und Reiterinnen -durch dick und dünn, den sich in der Ferne fast verlierenden -Kämpfern nach. Endlich hat ein Falk die Fänge in -die dicken Schwingen des Reihers gehakt, und beide -Partner wirbeln zur Erde. Der erste Reiter packt sie, bekappt -den Falken und stellt den Reiher der Dame vor.«<span class="pagenum"><a id="Page_96">[96]</a></span> -Die unbeschädigten Reiher, denen man nur ein paar -Schmuckfedern nahm, ließ man dann oft wieder fliegen; -doch tötete man sie auch bisweilen, weil ihr Wildbret -auf vornehmen Tafeln sehr geschätzt war.</p> - -<p>Der Reiher gehörte damals zur »hohen Jagd«, deren -Ausübung das Vorrecht hochstehender Personen, geistlicher -und weltlicher Würdenträger, war. Die Strafen, -mit denen die unbefugte Tötung eines Reihers bedroht -ward, waren äußerst hart. Kein Reiherhorst durfte zerstört, -kein Ei genommen werden, und nur dem Fischereiberechtigten -war es allergnädigst gestattet – Scheuchen -aufzustellen. In Sachsen erreichte die Falknerei unter -August dem Starken ihren Höhepunkt; es wurden stattliche -Summen für diesen Jagdsport ausgegeben, und -wenn die Falken auch auf das verschiedenste Federwild, -z. B. Trappen, Gänse, Schwäne, Rebhühner, Wachteln, -losgelassen wurden, die Beizjagd des Reihers blieb doch -immer die Hauptsache.</p> - -<p>Wie haben sich die Zeiten gewandelt! Das deutsche -Vogelschutzgesetz hat die Reiher, sowohl den grauen Fischreiher, -wie den Nachtreiher und die Rohrdommel, auf -die Liste der Geächteten gesetzt; es gewährt ihnen in -keiner Weise irgendwelchen Schutz, und die preußische -Jagdordnung vom 15. Juli 1907, die doch alle Sumpf- -und Wasservögel als jagdbare Tiere bezeichnet, schließt -die grauen Reiher – ebenso die Taucher, Säger, Kormorane -und Bläßhühner – von diesem Vorrecht aus. -In Preußen entbehren also die Fischreiher des Jagdschutzes, -während die andern Reiherarten, eingeschlossen -die Rohrdommeln, jagdbar sind. Der Fischreiher unterliegt -somit in Preußen dem freien Tierfang, d. h. er darf -auch vom Nichtjagdberechtigten allezeit gefangen, getötet<span class="pagenum"><a id="Page_97">[97]</a></span> -und seiner Brut beraubt werden; er ist völlig schutzlos, -der Willkür eines jeden preisgegeben.</p> - -<p>Bei uns in Sachsen liegen die Verhältnisse insofern -etwas anders, als die Reiher jagdbar sind. Es hat also -nur der Jagdberechtigte ein Anrecht auf sie. Irgendwelche -Schon- und Hegezeit ist den Reihern freilich versagt. -Das Gesetz über die Ausübung der Fischerei vom -15. Oktober 1868 gestattet aber auch den Fischereiberechtigten, -den Fischreiher – ebenso den Fischotter – zu -fangen und ohne Benutzung des Schießgewehrs zu töten. -Innerhalb 24 Stunden sind die auf diese Weise erbeuteten -Vögel an den Jagdberechtigten auszuliefern. -Auf die andern Reiherarten steht dem Fischer kein Anrecht -zu. Ähnlich lauten die Bestimmungen in den -meisten deutschen Einzelländern. In Bayern, Sachsen-Weimar, -Hessen ist der Fischreiher wie bei uns jagdbar, -in Württemberg, Baden, Mecklenburg, Oldenburg vogelfrei -wie in Preußen.</p> - -<p>Ich wüßte keinen einheimischen Vogel zu nennen, -dessen Geschlecht in den letzten 150 bis 200 Jahren so -blutigen Verfolgungen ausgesetzt gewesen wäre, wie der -Fischreiher, und wenn diese Verfolgungen heute auf ein -geringeres Maß zurückgegangen sind, so liegt der Grund -hierfür nur in der Tatsache, daß die Reiher an Zahl -außerordentlich stark abgenommen haben. Der Haß, mit -dem man dem Fischräuber begegnet, ist der gleiche geblieben. -Wo sich der schöne, schon durch seine Größe auffallende -Vogel zeigt, und sei es auch nur auf der Wanderung, -wenn er ein wenig rastet, da sucht man seiner habhaft -zu werden; an den Horstplätzen aber wird zur Brutzeit -unter den Alten sowohl, wie namentlich unter den -bald flugbaren Jungen, die auf dem Horstrand hocken,<span class="pagenum"><a id="Page_98">[98]</a></span> -oftmals das furchtbarste Blutbad angerichtet. Am Wasser -stellt der Fischer versteckte Fangeisen auf; tollkühne -Burschen klettern an den hohen Horstbäumen empor und -wagen sich bis zu den Nestern, die häufig auf den schwankenden -Enden der Äste ihren Platz haben; sie rauben -die licht-grünlichblauen Eier, deren das volle Gelege -meist 4 bis 5 Stück zählt. Prämien, von Fischereivereinen -gewährt, locken immer mehr zu rücksichtsloser -Vertilgung. In der Tat, man muß sich wundern, daß -es auch heute noch im Deutschen Reiche eine Anzahl von -Reiherhalden gibt – gegen früher allerdings nur spärliche -Reste. Ich fürchte sehr, daß auch diese in einem -halben Jahrhundert fast völlig verschwunden sein werden, -und daß dann der Reiher für Deutschland als Brutvogel -ebenso selten sein wird, wie heute schwarzer Storch, -Kolkrabe, Uhu oder Wanderfalk.</p> - -<p>In Süddeutschland, d. h. südlich des Mains, gibt es -schon jetzt kaum noch ein paar kleinere Kolonien; sie sind -fast alle in den letzten 30 oder 50 Jahren vernichtet oder -versprengt worden, so daß sich nur noch hie und da einzelne -Reiherhorste finden. Als fast einzige Ausnahme -ist die Kolonie bei Schloß Morstein an der Jagst, auf der -Besitzung des Freiherrn von Crailsheim, hervorzuheben; -aber auch sie ist stark zurückgegangen, und von den 200 Horsten, -die sie vor einigen Jahren zählte, wird wohl -kaum noch die Hälfte besetzt sein, obgleich die Besitzer von -jeher den schönen Tieren Schutz gewährten und auf -manche Vorteile verzichteten. Es ist leicht möglich, daß -diese Kolonie das ehrwürdige Alter von mehr als einem -halben Jahrtausend erreicht hat; denn eine Nachricht aus -dem Jahre 1586 besagt, daß die Reiher hier schon »seit -vielen hundert Jahren« horsten. Die Maingegend zählt<span class="pagenum"><a id="Page_99">[99]</a></span> -noch einige Reiherstände; in Mittelfranken beherbergte -z. B. der Windheimer Stadtwald Schoßbach im Forstamte -Ipsheim noch vor einiger Zeit eine Kolonie von -20 bis 25 Horsten; wie es heute um sie steht, weiß ich -nicht. Auch im Hessischen gibt es noch einige kleine -Reiherhalden, während die Kolonien bei Nürnberg, Neuhaus -in der Fränkischen Schweiz u. v. a. der Vergangenheit -angehören. In ganz Elsaß-Lothringen scheint der -Fischreiher nur als Strichvogel und auch nur ausnahmsweise -vorzukommen, und in der Rheinprovinz ist sein -Brutgebiet ganz beschränkt.</p> - -<p>In den übrigen Ländern Mittel- und namentlich -Norddeutschlands ist der Reiher noch häufiger; er fehlt -als Brutvogel wohl keiner preußischen Provinz völlig -und tritt ebenso in Oldenburg und in Mecklenburg in -mehreren Kolonien auf. Aber es gibt doch auch weite -Gebiete, wo man heute vergeblich selbst nach nur einzelnen -Reiherhorsten suchen würde. Unserm Sachsen -fehlt der Reiher als Brutvogel völlig, nachdem die letzte -Kolonie auf den alten Eichen einer Insel im »Horstsee« -bei Schloß Hubertusburg durch Fällen der Bäume i. J. -1888 vernichtet worden ist. Einige Reiher zogen sich -wohl nach dem Wermsdorfer Wald zurück, sind aber -auch dort schon längst völlig verschwunden.</p> - -<p>Die letzte Kolonie ganz in der Nähe der sächsischen -Grenze, nur 10 oder 11 <em class="antiqua">km</em> von ihr entfernt, nördlich von -Königswartha, die ich i. J. 1912 besuchte, stand in einem -öden Kiefernwald bei Weißkollm. Ich konnte im ganzen -16 Horste zählen, die bis auf einen sämtlich besetzt waren: -mächtige Bauwerke aus starken Reisern, 1½ bis gegen -2 <em class="antiqua">m</em> im Durchmesser, mit weißem Kot übertüncht. Generationen -haben an diesen Horsten gebaut, die seit<span class="pagenum"><a id="Page_100">[100]</a></span> -Menschengedenken von den schönen Vögeln bewohnt -wurden. In jedem Jahr die gleiche Anzahl von -Reiherfamilien, nicht mehr und nicht weniger. Ein -herrlicher Anblick, wenn die stolzen Segler der Lüfte -ruhigen Flugs über den uralten Föhren, die ihre Nester -tragen, in schwindelnder Höhe kreisen! Kopf und Hals -sind auf den Rücken gelegt, daß nur der lange Schnabel -hervorschaut; die Ständer werden weit nach hinten gestreckt, -und in dem schönen Federbusch am Kropf spielt -lustig der Wind. Dann läßt sich ein oder der andere -Reiher auf dem Horstrand nieder und füttert die Jungen -mit Fischen, die er ihnen aus weiter Ferne im Kehlsack -bringt; denn ein Gewässer findet sich nicht in der Nähe. -Wie ich mit großem Bedauern höre, ist in den letzten -Jahren die Kolonie stark zurückgegangen, vielleicht ganz -verschwunden.</p> - -<p>Hannover, Schleswig-Holstein, Pommern, West- und -Ostpreußen beherbergen noch immer eine stattliche Anzahl -von Reiherhorsten; Posen, Schlesien, Brandenburg, -die Provinz Sachsen sind schon ärmer daran. Man sieht, -der Reiher bevorzugt im allgemeinen die Niederungen -mit ihren ruhig fließenden oder stehenden Gewässern, -dazu die Meeresküste. Ob das Jagdgebiet mehr oder -weniger im freien Gelände liegt, ob dichtes Gebüsch die -Ufer besetzt oder ob finsterer Wald den See von allen -Seiten umgibt, das ist den Reihern gleich, sobald sich -nur seichte Uferstellen finden, wo sie, im flachen Wasser -stehend, dem Fischfang ungestört obliegen können.</p> - -<p>Die größte Reiherkolonie habe ich vor ein paar Jahren -– es war in der zweiten Hälfte des Mai – an der -deutschen Ostseeküste besucht. Den Ort verschweige ich; -ebenso verrate ich nicht, wieviel besetzte Horste hier auf<span class="pagenum"><a id="Page_101">[101]</a></span> -den hohen Eichen stehen mögen. Sonst fangen die pommerschen -Boddenfischer, wenn sie's hören, sofort an zu -multiplizieren, erst die Anzahl der Reiherpaare mal -zwei bis drei Dutzend spannenlanger Fische, das Produkt -mal 180 – so viele Tage ungefähr weilt der Reiher an -seinem Brutplatz – dann wird dividiert, nun weiß man -die Kilo, und wieder multipliziert – man hört ganz -deutlich die Goldstücke klimpern, die man ohne die Reiher -einheimsen könnte. Aber von dem Schaden, den die -Fischer sich selbst dadurch zufügen, daß auch sie so oft alles -kleine Fischgewürm, das sich in den Netzen gefangen hat, -mit zu Gelde machen, davon wollen die Leute nichts -hören.</p> - -<p>Wenigstens 20 bis 25 <em class="antiqua">m</em> schätzte ich die Höhe der Horste. -Manche Eiche trug deren fünf oder sechs. Die Alten -fütterten eifrigst, viele brüteten aber auch noch. Die -großen Vögel kreisten schreiend über den Horstbäumen. -Ihre riesigen Schatten huschten ganz eigentümlich -zwischen den Eichen, deren Kronen noch ziemlich unbelaubt -waren, dahin. Es sah noch leidlich reinlich im -Nistrevier aus: ein paar Eierschalen, etwas weißer Kot -und nur ausnahmsweise ein verwesender Fisch. Wie -anders, wenn man später kommt! Da muß man in -solchem Unrat förmlich waten, wie es mir erging, als ich -vor vielen Jahren einmal im Sommer eine große -Reiherkolonie an der Elbe, unterhalb Wittenberg, besuchte.</p> - -<p>An einem der folgenden Tage sollten einige Reiher -abgeschossen werden. Auf höheren Befehl mußte sich der -Oberforstmeister dazu bequemen; denn die Fischer hatten -sich schon ein paarmal bei der Regierung beklagt, daß -man hier die Reiher, die doch so grenzenlosen Schaden<span class="pagenum"><a id="Page_102">[102]</a></span> -anrichten, ruhig gewähren lasse, ja sie geradezu hege -und züchte. »Zwölf Stück, nicht mehr!« so lautete die -strenge Weisung, die der Oberforstmeister uns gab, »und -nicht zwei von demselben Horstbaum abschießen, damit -der Überlebende des Paares die Brut weiter aufzieht, -auch peinlich darauf achten, daß kein Reiher dabei in -den Horst fällt, wodurch die Jungen elend umkommen -müssen, also nicht schießen, wenn der Reiher gerade über -seinem Nest schwebt!« Wir hatten das Dutzend schnell -zusammen; denn wenn auch nach jedem Schuß die Vögel -abstreichen, sie kommen doch recht bald wieder, falls man -sich nur ein wenig hinter den Stämmen versteckt. Die -Mutterliebe läßt sie die Gefahr nicht achten.</p> - -<p>Die armen zwölf Stück! Für die andern hatten sie -das Leben gelassen – Opfer des Vogelschutzes, so seltsam -es klingt. Ein mäßiger Abschuß war eben unbedingt -nötig, um den Klagen der Fischer etwas gerecht zu -werden. Nur auf diese Weise läßt sich die Brutkolonie -dauernd erhalten. Wir banden die prächtigen Tiere, -damit sie von allen Dorfbewohnern gesehen würden, an -den Jagdwagen und fuhren durch ein paar Dörfer mehr, -als nötig gewesen wäre, wieder heimwärts. Schaut, ihr -Fischer, wie man sorgt, daß ihr die Fischräuber los -werdet, und haltet den Mund nun!</p> - -<p>An unsern sächsischen Teichen, ja sogar an Gebirgsbächen -halten sich die Reiher, namentlich auf ihrer -Wanderung, gern auf; es findet sich überall ein Plätzchen, -wo selbst das schnellfließende Wasser seinen eiligen -Lauf unterbricht. Den Hals niedergebogen, den Schnabel -gesenkt, den spähenden Blick auf den Wasserspiegel gerichtet, -so schleichen die schlanken Gestalten mit behutsamem -Tritt am Ufer entlang; sie gehen nur so weit ins<span class="pagenum"><a id="Page_103">[103]</a></span> -Wasser, daß es ihnen höchstens an die Fersen reicht. -Bisweilen verharren sie auch stundenlang unbeweglich -fast auf demselben Fleck. Nur von Zeit zu Zeit schnellt -blitzartig der Hals vor, so daß der Schnabel, oft auch -zugleich der Kopf unter der Wasserfläche verschwindet. -Selten nur geht der Stoß fehl; das Bajonett trifft sein -Ziel mit großer Sicherheit. Der zappelnde Fisch wandert -sofort in den unersättlichen Schlund.</p> - -<p>Außer Fischen fängt der Reiher auch Frösche, Kaulquappen, -größere Wasserkäfer, Libellen und ihre Larven, -Regenwürmer; selbst den Mäusen stellt er nach, ebenso -jungen Sumpf- und Wasservögeln, und manchmal muß -er seinen Hunger mit dünnschaligen Teichmuscheln stillen. -Aber Fische, von den kleinsten angefangen bis zur Größe -von etwa 20 <em class="antiqua">cm</em>, daß er sie gerade noch hinabzuwürgen -vermag, sind ihm doch die liebste Kost. Nach der Art -der Flossenträger fragt der Reiher dabei nicht im -geringsten. Kleine Karpfen, Hechte, Forellen, Karauschen, -die verschiedenen Weißfischarten, Aale, Schleien, selbst -Barsche und Stichlinge – es ist ihm alles willkommen, -mehr auf die Menge sieht er als auf die Güte.</p> - -<p>Unter solchen Umständen kann man es dem Fischereiberechtigten -nicht verdenken, wenn er auf den hochbeinigen -Mitbewerber sehr schlecht zu sprechen ist, und -es wäre jeder Versuch, diesen weißwaschen und seine -Diebereien beschönigen oder gar leugnen zu wollen, von -vornherein lächerlich. An ganz fischarmen Gewässern -richtet der Räuber natürlich keinen Schaden an, schon -aus dem Grunde nicht, weil er sich dort nie lange aufhalten -wird; ebenso meidet er alle Gewässer, die sofort -am Ufer so tief einsetzen, daß er darin nicht waten kann. -Auch wo regerer Menschenverkehr Unruhe bringt, zeigen<span class="pagenum"><a id="Page_104">[104]</a></span> -sich nur ausnahmsweise einmal ein paar Reiher. Der -Vogel findet es sehr schnell heraus, wo eine reiche Beute -seiner wartet, und sein regelmäßiges Vorkommen in -einer bestimmten Gegend ist – ich möchte sagen, der -erfreuliche Beweis dafür, daß die Gewässer der Umgebung -sehr fischreich sind.</p> - -<p>Naturfreunde haben zur Ehrenrettung des Reihers -darauf hingewiesen, daß dort, wo »wilde Fischerei« betrieben -wird, wie vielfach in den Gräben der Elb- und -Wesermarsch, der Fischer dem Vogel nichts vorzuwerfen -habe: Raubfischerei üben sie beide, indem sie ernten, wo -sie nicht säten. Ist aber die Konkurrenz deswegen -weniger ärgerlich? Zur Brutzeit, so hat man weiter -gesagt, fange der Reiher nur kleine Fische, »Seitenschwimmer«, -wie sie sich massenhaft in der Nähe der Ufer -herumtummeln. Indessen, die Horstjungen entwickeln -sich schnell und bedürfen sehr bald größerer Bissen, und -außerdem aus der Unmenge kleiner Fischlein würden -doch im Laufe der Zeit wenigstens einige große wertvolle -Fische heranwachsen. Viele Flüsse und namentlich -die Boddengewässer am Meer, hat man gemeint, seien -so reich an Fischen, daß der Abbruch, den die Reiher zufügen, -nicht der Rede wert wäre. Wer so urteilt, der -hat sich's sicher noch nicht klar gemacht, daß eine größere -Reiherkolonie von hundert Horsten und mehr gewiß auch -gegen hundert Zentner alljährlich an Nahrung bedarf. -Freilich gefangen werden müßte diese Menge auch erst -von den Fischern, eine Arbeit, die ihnen die Reiher abnehmen.</p> - -<p>Nur das eine wird man bis zu gewissem Grade gelten -lassen: es fallen mehr die Raubfische im weitesten Sinne, -wie Aale, die dem Fischlaich nachstellen, Hechte und<span class="pagenum"><a id="Page_105">[105]</a></span> -Barsche, die den Jungfischen verderblich werden, und -minderwertige Weißfische den Reihern zur Beute, weil -sich die genannten mehr an jenen Örtlichkeiten aufhalten, -wo die Vögel mit Erfolg zu fischen vermögen, während -andere, z. B. Karpfen und Schleien, die Tiefen vorziehen -und die Nähe der Ufer gewöhnlich meiden. Auch die -Forelle, die sich mit Vorliebe an steilen Ufern aufhält -und unter Steinen und Wurzeln gern Deckung sucht oder -in starker Strömung auf dem Anstand steht, ist dadurch -vor den Reihern einigermaßen gesichert. Wo aber künstliche -Fischzucht getrieben wird, wo ein nach vielen -Tausenden zählendes Kapital sich verzinsen muß, da kann -man den regelmäßigen Besuch der Reiher unter keinen -Umständen dulden.</p> - -<p>Wie bei so vielen Fragen, muß auch hier immer von -Fall zu Fall entschieden werden. Es gibt sicher unzählige -Gewässer im Deutschen Reich, wo man nicht sofort -jeden Fischreiher zu fangen oder niederzuknallen -braucht, wenn sich mal einer zeigt, und ich kenne manchen -Fischereiberechtigten, der gern eine kleine Einbuße erleidet, -weil auch er an dem herrlichen Vogel, der die -Landschaft belebt, seine Freude hat. Es gibt aber auch -genug Besitzer oder Pächter, die selbst mit geringen -Summen rechnen müssen. Könnte hier nicht – natürlich -nur von Fall zu Fall – der Staat eintreten und den -Schaden ersetzen, oder sollten sich bei der großen Naturschutzbewegung -unsrer Tage nicht einige begeisterte Vogelfreunde -finden, die bereit wären, ein Scherflein zu -opfern, um ein paar Reiher, vielleicht die einzigen in -einer weiten Landschaft, zu retten? Unwirtschaftlich, so -wird man diesen Vorschlag nennen. Mag sein – aber<span class="pagenum"><a id="Page_106">[106]</a></span> -ich frage: Läßt sich der Nutzen und Schaden eines Tieres -immer nur berechnen nach Geld und Geldeswert?</p> - -<p>Soviel steht fest: durch die maßlose Verfolgung ist -der schöne Vogel für viele Gegenden unseres Vaterlandes -dem Aussterben nahegebracht. Mag man ihn dort, wo -er noch in größerer Zahl auftritt und empfindlichen -Schaden anrichtet, auch weiter kurz halten, <em class="gesperrt">ein paar -Reiherhorste sollte man doch zu erhalten -suchen, auch ein paar größere Kolonien -unter staatlichen Schutz stellen</em>.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Zu der Familie der Reiher gehört auch die <em class="gesperrt">große -Rohrdommel</em>. Sie ist selbst in unserer sächsischen -Lausitz, wo ich ihrem unheimlichen nächtlichen Liebeslied -oft und oft gelauscht habe, recht selten geworden. Zum -Glück führt sie ein verstecktes Leben, sonst wäre wohl -auch der letzte dieser interessanten Vögel schon längst verschwunden; -denn der Fischer ist auch auf die große Rohrdommel -schlecht zu sprechen. Gewiß, ihre Hauptnahrung -mag in Fischen und Fischbrut bestehen, wenn sie daneben -auch viele schädliche Insekten frißt; aber sie ist im -Gegensatz zum Fischreiher ein ungesellig lebender Vogel, -der schon aus diesem Grunde nicht allzuviel Schaden anrichten -wird. Dazu kommt, daß die eigentlichen Brutteiche -von der Rohrdommel gemieden werden, weil dort -gewöhnlich nicht so viel Rohr und Schilf wächst, daß sich -der scheue Vogel gut verstecken kann. Wo die große -Rohrdommel so selten ist, wie in unserer Lausitz, da -sollte man sie schonen und ihr den kleinen Tribut an -Fischen gönnen. Namentlich möchte ich alle Jäger<span class="pagenum"><a id="Page_107">[107]</a></span> -bitten, den seltenen Vogel, wenn er gelegentlich der -Entenjagd sein Versteck verläßt, nicht abzuschießen. Es -wäre doch schön, wenn er unsrer Heimat erhalten werden -könnte! Die seltene <em class="gesperrt">kleine Rohrdommel</em>, -ein allerliebstes Zwergreiherchen, das behend im Rohrwald -auf- und abklettert, wird noch viel weniger schädlich -sein; solch kleiner Magen bedarf nicht viel. Die -andern Reiher aber, <em class="gesperrt">Nacht-</em> und <em class="gesperrt">Purpurreiher</em>, -sind so seltene Gäste unsrer Gewässer, daß es die Pflicht -jedes Jagdberechtigten sein muß, das Gastrecht diesen -Fremdlingen gegenüber zu wahren.</p> - -<p>Außer den genannten mögen auch wilde <em class="gesperrt">Enten</em>, -<em class="gesperrt">Gänse</em> und <em class="gesperrt">Schwäne</em>, dazu an der Meeresküste der -mächtige <em class="gesperrt">Seeadler</em> manchen Schaden anrichten, besonders -wenn man bedenkt, daß doch neben den Fischen -selbst auch deren Laich für viele an und auf den Gewässern -lebende Vögel einen Leckerbissen bildet. Schließlich -ist vielleicht kein einziger Sumpf- und Wasservogel -ganz freizusprechen. Wollte man sie alle ihre gelegentlichen -Übergriffe büßen lassen, so wäre es bald vorbei -mit dem reichen Leben, das die meisten Teiche und Seen -noch immer beherbergen.</p> - -<p>Nur einen Fischereischädling aus der Klasse der -Kriechtiere wollen wir noch erwähnen, die <em class="gesperrt">Ringelnatter</em>. -Sie ist bekanntlich eine vorzügliche Schwimmerin. -Ein wahres Vergnügen, ihr zuzusehen, wie der -schlanke, geschmeidige Schlangenleib in auserlesen schönen -Windungen an der Oberfläche des Wassers dahingleitet, -den breiten Teich durchquerend oder die Strömung des -Flusses überwindend. Selbst weit hinaus ins Meer -schwimmt sie, habe ich doch einmal eine Ringelnatter im -Barther Bodden, wohl 5 <em class="antiqua">km</em> weit vom Land, vom<span class="pagenum"><a id="Page_108">[108]</a></span> -Fischerboot aus beobachtet und gefangen; ein fingerlanges -Fischchen erbrach sie vor Schreck. An und in -unsern Fischteichen in der Lausitz gibt's Ringelnattern -genug, und ich verstehe es, daß die Fischereiberechtigten -ihnen recht feind sind, wenn es sich auch nur um kleine -Flossenträger handelt, denen die Nattern nachstellen. Im -übrigen aber sind diese Schlangen ganz unschuldige Geschöpfe, -die man an jedem Gewässer, das nicht gerade der -Fischwirtschaft dient, ruhig gewähren lassen sollte.</p> - -<p>Wenn jeder, den es angeht, erkennen wollte, daß die -<em class="gesperrt">allgemeinen</em> Interessen <em class="gesperrt">höher stehen</em> als die -besonderen des einzelnen, dann würde uns die Sorge um -den Fortbestand der sogenannten »Fischräuber« von der -Seele genommen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_109">[109]</a></span></p> - -<h2 id="Malepartus_die_Raubburg_und">Malepartus, die Raubburg und -Kinderstube von »Reinke de Vos«</h2> -</div> - -<p class="drop">Fröhlichen Ringelreihen tanzen Buben und Mädel -auf maigrünem Anger. »Fuchs, du hast die -Gans gestohlen, gib sie wieder her«, singen die hellen -Kinderstimmen dazu, und dann folgt ein anderes ausgelassenes -Spiel mit tüchtigem Rennen und Jagen; »der -Fuchs kommt«, nennen sie's, jeder spielt es so gern.</p> - -<p>Ja, in aller Munde ist er und allen vertraut, Freund -Reineke mit der buschigen Lunte und dem ergötzlichsten -Schelmengesichtchen der Welt; selbst das kleine Nesthäkchen -auf Mutters Schoße kennt das Konterfei des schlauen -Betrügers im Bilderbuch ganz genau, und die älteren -Geschwister wissen manche Geschichte von ihm: wie er -dem eitlen Raben den Käse abschmeichelt, die unschuldigen -Tauben berückt, den stolzen »Gockelmann« packt, -wie er seinem größeren Vetter, dem Wolf, so arg mitspielt, -den Hasen um seinen Schwanz bringt, wie er aber -bisweilen auch selbst genarrt wird, von der Katze und -vom Hahn, ja sogar vom harmlosen Häschen. Das Lesebuch -enthält all diese schönen Geschichten, die Brüder Grimm, -Ludwig Bechstein, Hagedorn, Simrock und besonders -Robert Reinick – es liegt schon im Namen – den Kindern -erzählt haben; sie werden nicht müde, die hübschen -Märchen und Fabeln immer von neuem zu lesen. Und<span class="pagenum"><a id="Page_110">[110]</a></span> -dann das plattdeutsche Epos »Reinke de Vos«, das 1498 -zu Lübeck gedruckt ward, und endlich der ganz große Dichter, -hat er nicht auch dem Fuchs ein Denkmal gesetzt, seine -lustigen Streiche für alle Zeiten verewigt!</p> - -<p>Ein Denkmal – ach ja, das ist der richtige Ausdruck! -Als Goethe sein Tierepos schrieb, da galt es noch einem -Lebenden; heute ist der Fuchs aus manchem deutschen -Gau verschwunden, und wenn man ihm weiter so rücksichtslos -nachstellt mit Gift und Fangeisen und tödlichem -Blei, wenn der Jäger im Frühling jeden Bau seines -Reviers ausgräbt und die niedlichen Jungfüchse den -mordlustigen Hunden erbarmungslos preisgibt, so wird -es auch über kurz oder lang von Reineke heißen, wie vom -Wolf, vom Luchs und von der Wildkatze: vergangen, -vorbei! Wohl lebt er dann noch weiter im Bild, im Lied -und im Märchen – »es war einmal …«, aber draußen -in freier Natur auf sonniger Heide läuft dem Wanderer -nie ein Fuchs mehr über den Weg, und Malepartus, -die Raubburg, liegt tot und verlassen. Höchstens hoppeln -Karnickel vor ihren Eingängen; die haben jetzt gute -Zeit, wie die Mäuse im Haus, wenn die Katze vom bösen -Nachbar in der Kastenfalle gefangen und dann grausam -ersäuft ward. Vielleicht sehe ich zu schwarz. Der schlaue -Betrüger hat es ja noch immer verstanden, dem Jäger -ein Schnippchen zu schlagen, und in den größeren waldreichen -Revieren, im Gebirge wie im Niederland, haust -Reineke auch heute noch und fristet sein Leben, so gut -er's vermag. Ja, während der Kriegszeit haben die -Füchse, so sagte man mir, hier und da stark an Zahl -zugenommen; die Männer vom grünen Tuch standen an -der Front und hatten wichtigere Arbeit, als Jungfüchse -zu graben oder den alten Rüden und Fähen nachzustellen.<span class="pagenum"><a id="Page_111">[111]</a></span> -Aber seit der Preis eines guten Winterbalgs -eine schwindelnde Höhe erreicht hat, ist auch die Gefahr -für den Roten, dem Jäger zum Opfer zu fallen, erheblich -gestiegen.</p> - -<p>'s ist doch gar ein lieber Kerl trotz aller bösen Ränke -und Schliche, und erst seine hoffnungsvollen Sprößlinge -– ergötzlichere Kinder, allezeit lustig, übermütig, flink -und täppisch zugleich, gibt es weit und breit in keiner -andern Familie.</p> - -<p>Ich weiß einen Fuchsbau, der liegt mitten drin in -der einsamen Heide. Außer mir weiß nur noch der -Förster davon, und der ist mein Freund. Er hat mir -versprochen, in diesem Jahr die alte Fähe und ihre -Jungen zu schonen, weil es der einzige Fuchsbau in dem -ganzen Revier ist. Die Karnickel unterwühlen den -lockeren Boden in entsetzlicher Weise und benagen die -jungen Bäumchen der Schonung, daß man wirklich nur -froh sein kann, wenn sie jemand in Schach hält.</p> - -<p>Folgt mir hinaus an die Stelle! Jetzt im April ist's -am lustigsten dort. Die Birken am Weg haben ihr duftiges -Brautkleid angezogen, das sich so schön von den -dunkeln Nadeln der ernsten Föhren abhebt; die Singdrossel -jubelt im Wipfel des einsamen Überständers; der -Specht ist an seiner Arbeit, und richtig – der erste -Kuckuck! Wohl hundertmal ruft er; man freut sich doch -in jedem jungen Lenz wie ein Kind, wenn man den -lieben Ruf von neuem vernimmt.</p> - -<p>An einem sanften Hang zwischen niedrigen Kiefern -ist eine Lichtung. Dornige Sträucher, Heidekraut, allerhand -Gräser und Stauden bedecken den Boden, auch ein -Paar Bäumchen mit gelbbraunen vertrockneten Nadeln -liegen, die Stämmchen gekreuzt, wirr umher; der Herbststurm<span class="pagenum"><a id="Page_112">[112]</a></span> -im vorigen Jahre entwurzelte sie, denn der unterhöhlte -Boden gab ihnen keinen sicheren Halt. Ja, an -zwei Stellen ist das lockere Erdreich in die Tiefe gesunken, -unregelmäßige Löcher, etwa einen Meter im -Durchmesser. Früher hauste der Dachs hier; jetzt sind es -die Eingänge von Reinekes Wohnung, zu der enge -»Röhren« hinabführen. Weiter oben ist noch ein ähnliches -Loch, nicht ganz so groß, und etwas abseits ein -viertes; das ist aber verschüttet.</p> - -<p>Daß der Bau wirklich bewohnt ist, erkennt man sofort. -Die Einfahrten sind glatt getreten, und aus dem -Innern dringt uns ein unangenehmer Geruch entgegen, -daß wir den Atem anhalten. Diesen Fuchsgeruch zu beschreiben, -ist nicht möglich; wer aber das durchdringende -Parfüm nur ein einziges Mal frisch an der Quelle eingesogen -hat, der bringt's so leicht nicht wieder aus der -Nase, und unverlierbar bewahrt er's in seinem Gedächtnis. -Auch die Reste der Mahlzeiten, die hier und da -vor dem Bau liegen, verpesten mit ihren Verwesungsdüften -die Luft, und nur die vielen Schmeißfliegen, die -sie umschwärmen, haben ihre Freude daran. Hier der -Flügel einer Krähe, dort eine angefressene Ratte, daneben -der Lauf eines Rehs, unter dem Kieferngestrüpp -der Kopf eines Karnickels, verschieden große Fetzen vom -Fell eines Hasen, mit Blut besudelte Federn der Ringeltaube -und ganz nah an der einen Einfahrt sogar der -bleiche Schädel einer Hirschkuh; irgendwo hat die Füchsin -das verendete Tier aufgefunden und dann den abgebissenen -Kopf mühsam hierhergeschleppt. Dies alles -bildet ein Stilleben eigentümlicher Art; es redet eine -deutliche Sprache von List und Gewalt, von Mordgier -und – Mutterliebe!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_113">[113]</a></span></p> - -<p>Die Sonne neigt sich zur Rüste, die Wipfel der einzelnen -hohen Föhren, die auf das Jungholz herabschauen, -in purpurnes Licht tauchend. Da wird es lebendig vor -dem Fuchsbau. Ein verschmitztes Gesichtchen erscheint in -einem der Eingänge; es blinzelt nach links und nach -rechts und hinauf zu dem tiefblauen Himmel. Dann -mit einemmal ist der kleine Kerl draußen. Auf den -Hinterbeinen hockend, richtet er sein Köpfchen altklug -empor, als wollte er schauen, was für Wetter es heut -abend gibt und wie für morgen die Aussichten sind. -Das feine Näschen schnuppert dabei nach allen Richtungen, -und das dichte Wollkleidchen an der Brust zittert; -so heftig und schnell atmet die Lunge die Luft ein -und aus. Das Füchslein sichert, es »wittert«, ob sich -etwa eine Gefahr in der Nähe versteckt hält; von der -Frau Mutter hat's der Kleine gelernt und macht es nun -auch so wie sie – oder liegt ihm diese Vorsicht von Haus -aus im Blut? Nun schüttelt das Füchslein sein licht -gelblichgraues Kinderkleid, das beim langen Schlaf in -dem engen Raum etwas verdrückt ward, fährt mit dem -einen, dann mit dem andern schwärzlichen Pfötchen über -die Lauscher und über's Gesicht; aber plötzlich mit einem -Hops ist es wieder am Röhreneingang und äugt scharf -in die Tiefe, ob die Geschwister nicht nachkommen. Alle -Muskeln gespannt, ohne jede Bewegung; nur der horizontal -ausgestreckte Wollschwanz schwingt ganz leise nach -rechts und nach links.</p> - -<p>Ein täppischer Satz zur Seite – da ist schon der erwartete -Bruder. Er blinzelt gegen die untergehende Sonne, -deren letzter Strahl sein grau-grünliches Auge trifft. -Nun kann es beginnen, das fröhliche, ausgelassene Spiel. -Mit den Perlenzähnchen haben sie einander gepackt, jetzt<span class="pagenum"><a id="Page_114">[114]</a></span> -im dichtwolligen Nacken, jetzt an den Pfoten, dann an -der Lunte oder am Ohr. Sie zerren ganz tüchtig, balgen -und kollern sich mutwillig am Boden umher, richten sich -gegenseitig auf, mit den Vorderpfoten einander umarmend, -überschlagen sich und kugeln den Hang ein Stückchen -hinunter; doch mit raschen Sprüngen geht's wieder -hinauf. In geduckter Haltung kauern sie jetzt einander -gegenüber, jeder zu neuem Angriff bereit und einer vom -andern erhoffend, daß er das hübsche Spiel wieder beginne. -Da springt der eine Partner plötzlich empor: -Brüderchen hasch' mich! Keuchend mit hängender Zunge -geht es rings um den Bau, bis sie sich wieder gepackt -haben.</p> - -<p>Erst wenn die ausgelassenen Füchslein müde und -ganz außer Atem sind, rasten sie ein wenig in hockender -oder in liegender Stellung, »alle Viere« weit ausgestreckt. -Aber während die Lunge noch keucht, daß Brust und -Weichen sich heftig bewegen, sinnt das kluge Gesichtchen -mit den listigen Augen und den aufrecht gestellten Lauschern -schon wieder nach neuem, noch tollerem Spiel. Sie -zerren am Krähenflügel, machen sich jeden Fetzen vom -Hasenbalg streitig – was der eine packt, das will der -andre gerade auch haben, »man weiß, wie Kinder sind« -– dann suchen sie den schwirrenden Roßkäfer täppisch -mit den dunkeln Pfoten zu erwischen oder schnappen nach -dem Abendfalter, der ihnen um die Nase herumfliegt. -Unterdessen sind auch die drei andern Geschwister auf der -Bildfläche erschienen, und nun geht es noch lustiger zu. -»Der Jäger kommt!« spielen sie gern. Das machen sie -so: keins darf sich rühren, nicht mit den Ohren zucken, -keinen Muskel bewegen. Plötzlich springt eins in die -Höhe; einen Haken schlagend, rennt der kleine Kobold<span class="pagenum"><a id="Page_115">[115]</a></span> -davon, so schnell er nur kann. Im Nu stieben die andern -ebenso auseinander, und in wenig Augenblicken haben -sie sich dann alle fünf auf ihrem Tummelplatz wieder -vereinigt, um das hübsche Spiel von neuem zu beginnen.</p> - -<p>Die Sonne ist untergegangen; grau senkt sich die -Dämmerung über die Heide. Da erscheint der Kopf der -alten Füchsin im Höhleneingang; mit Lauschern und -Windfang prüft sie vorsichtig, ob alles ganz sicher sei, -fährt knurrend wieder zurück, weil etwas im Kieferngeäst -raschelt – ein Vogel, der sein Schlafplätzchen -sucht – doch endlich steht sie im Freien. Sie streckt sich, -schüttelt den Sand und den Staub aus ihrem rothaarigen -Wams, leckt und liebkost die Kinder, die sich herandrängen, -und beteiligt sich schließlich auch ein wenig an -dem muntern Spiel, da die Kleinen gar so sehr betteln.</p> - -<p>Eine gute Figur macht die Alte um diese Jahreszeit -nicht; sie ist dürr und hager am ganzen Leib, und der -Pelz ist verdrückt, am Bauche sehr schütter und nicht mehr -so frisch in den Farben. Das ist kein Wunder; fünf -Kinder auf einmal! Sie wollen alle gesäugt und gewärmt -sein, da kommt man schrecklich herunter. Wochenlang -konnte die Füchsin nur auf Stunden den dunkeln -Bau verlassen, um den nagenden Hunger zu stillen. Und -wenn sie nichts anderes fand, als nur ein paar Mäuschen -oder irgendeinen Kleinvogel, so mußte sie kaum -halbgesättigt zu den ungeduldigen Kindern zurück; die -verlangten nach Speise und fragten nicht, ob auch der -Mutter eine Mahlzeit geworden. Seit acht oder vierzehn -Tagen sind nun die Kleinen entwöhnt. Das war -nicht so leicht; immer und immer wieder suchten sie nach -dem Milchquell, wenn auch die Mutter ärgerlich knurrend -sie gar unsanft zurückstieß. Die von Tag zu Tag<span class="pagenum"><a id="Page_116">[116]</a></span> -fester zupackenden Zähnchen konnte die Fähe an dem -zarten Gesäuge aber nicht länger ertragen, und so gab's -manchen Klaps mit den Pfoten, und das Fell wurde den -Kindern oftmals ganz tüchtig geschüttelt, bis sie schließlich -begriffen, daß die Tauben und Hühner, die jungen -Karnickel oder die Mäuschen, die die Mutter mit heimbrachte, -den Hunger ebenso stillen.</p> - -<p>Jetzt gießt der aufgehende Mond sein silbernes Licht -über die schlafende Heide; da denkt die Alte: nun ist's -Zeit für den Pirschgang! Sie wittert nochmals nach -allen Seiten; dann schleicht sie davon, zwischen dem -Pflanzengestrüpp leise dahinkriechend, daß der Bauch -fast den Boden berührt. Ein paarmal fährt sie knurrend -zurück, wenn eins der Kleinen ihr zu folgen versucht, -aber bald ist sie unter den Ästen der jungen Kiefern verschwunden. -Nun seid auf der Hut, ihr Bewohner des -Feldes, ihr Mäuse, Hamster und Maulwürfe, die ihr -gleichfalls so gern zur nächtlichen Stunde aus eurer -Wohnung hervorkommt: der böse Feind ist hinter euch -her! Oder ihr Fasanen- und Rebhuhnmütter, wie wird's -euch ergehen! Der Fuchs schleicht leise heran, die Nase -immer gegen den Wind, daß er die Beute von fern schon -wittert – ein Sprung, ein fester Griff, und ihr seid in -seiner Gewalt! Dem Junghäschen, das in einer Feldfurche -schläft, dem unerfahrenen Karnickel, das draußen -am Waldrand noch im Mondschein äst, der Ratte, die -am Schweinekoben des Bauernhofs sich zu schaffen macht, -ergeht es nicht besser, und wehe den Hühnern und -Gänsen, wenn der Geflügelstall nicht ganz gut verwahrt -ist!</p> - -<p>Sobald die Füchsin eine Beute gemacht hat, kehrt sie -zu ihrer Wohnung zurück; an ihre Kinder denkt sie<span class="pagenum"><a id="Page_117">[117]</a></span> -immer zuerst; meist wird es Morgen, ehe sie den eignen -Magen befriedigt. Aber wie vorsichtig ist die Fähe, -wenn sie sich dem Bau nähert! Nie wird sie den geraden -Weg nehmen; sie umkreist vielmehr, oft stehenbleibend -und lauschend, in weitem Bogen ihr Heim. Wittert sie -irgend etwas Verdächtiges, so kläfft sie, ähnlich wie ein -Hund, doch mit verhaltener Stimme, daß sich die Füchslein -in den schützenden Bau flüchten; erst wenn ihr alles -ganz sicher erscheint, schleicht sie heran. Das ist dann -eine Freude! Die hungrigen Kinder fallen über die -leckere Beute her, balgen und beißen sich drum, und -jedes sucht das beste Stück zu erwischen.</p> - -<p>Ein Weilchen schaut die Mutter ihrer munteren -Schar zu, hilft wohl auch beim Zerlegen des Bratens; -aber dann tritt sie von neuem den nächtlichen Pirschgang -an. Sind alle gesättigt, daß sie mit den Resten der -Mahlzeit nur noch ihr ausgelassenes Spiel treiben, so -holt die Füchsin vom Felde vielleicht noch ein lebendes -Mäuschen, und nun geht es dem graufelligen Tierchen -nicht anders, als wenn eine Katze es erwischt und ihren -Jungen gebracht hätte.</p> - -<p>So kommt der Morgen heran. Schon jubelt die -Drossel, Rotkehlchens Lied, die weiche Stimme des Fitis -durchzittert die Luft, und hell schmettert der Fink seine -Fanfare – da zieht sich die ganze Gesellschaft, eins nach -dem andern, still in die Höhle zurück; sie schlafen hier -bis gegen Abend. Nur manchmal währt die Ruhe ein -oder dem andern vorwitzigen Fuchskind zu lang. Es -schaut dann zu dem Höhleneingang sehnsuchtsvoll hinaus, -blinzelt mit den listigen Augen – die Sonne scheint ihm -auch gar zu hell ins Gesicht – und schließlich versucht es -ein Schläfchen, mitten im Toreingang zur unterirdischen<span class="pagenum"><a id="Page_118">[118]</a></span> -Burg, wie sein zahmer Vetter, der Hofhund, der die -Vorderpfoten zur Tür seiner Hütte herausgestreckt hat -und nun gemütlich schlafend mit Schnauze und Kopf -auf diesem natürlichen Kissen ruht. Bisweilen wagen -sich die Jungfüchse auch schon mittags auf ihren Spielplatz, -wenn die Maisonne hoch vom Himmel zwischen -den schlanken Stämmen auf den Fuchsbau herabscheint; -aber wirklich lustig wird's doch immer erst gegen Abend.</p> - -<p>Sind die Füchslein ein paar Monate alt, so dürfen -sie die Mutter auf ihren nächtlichen Streifzügen begleiten, -zuerst bis zum Waldrand, später weiter hinaus -ins Saatfeld, ins Röhricht am Weiher, oder gar bis zu -den ersten Bauerngehöften des Dorfes.</p> - -<p>Wie man das Karnickel beschleicht, einen Junghasen -würgt, den schlafenden Vogel erwischt, zeigt ihnen die -Alte. Sie begreifen gar schnell; denn es liegt ihnen im -Blut, sich mäuschenstill heranzupirschen, jede Deckung zu -benutzen und selbst in der Freude über den gelungenen -Raub keinen Augenblick die eigene Sicherheit aus dem -Auge zu lassen.</p> - -<p>Ein Vierteljahr mögen die Geschwister alt sein oder -wenig darüber, da unternehmen sie bereits auf eigene -Faust kleine Streifzüge. Sie stellen sich gegen Morgen -gewöhnlich in der gemeinsamen Kinderstube wieder ein; -aber gelegentlich suchen sie auch ein anderes Versteck auf.</p> - -<p>So lösen sich ganz allmählich die Beziehungen zwischen -Mutter und Kind und zwischen den Spielkameraden. -Wenn der Herbststurm durch die kahle Heide braust, kennt -keins das andere mehr, jedes geht nun seine eigenen -Wege und schlägt sich selbständig durchs Leben, das ihm -der Gefahren so viele bringt.</p> - -<p>Und der Vater?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_119">[119]</a></span></p> - -<p>Er kümmert sich um seine Familie fast gar nicht und -ist selten zu Hause; kommt er einmal, gleich gibt's Zank, -Beißen und Kläffen zwischen den Eltern, und die Mutter -ruht nicht eher, als bis Vater Reineke wieder »verduftet«, -in des Worts vollster Bedeutung.</p> - -<p>Die Erziehung der Kinder liegt allein auf den -Schultern der Fähe; der Rüde hält von Pädagogik nicht -das geringste. Seine Losung heißt: »Selber essen macht -fett«; darum sieht er auch im Frühjahr wohlgenährt aus, -und tadellos ist sein rotbrauner Pelz. Nur wenn die -Alte durch ein herbes, Geschick den Jungen geraubt ward, -mag es bisweilen vorkommen, daß sich die Väter der -vor Hunger kläffenden Kinder erbarmen und ihnen -Futter zuschleppen.</p> - -<p>Zur Osterzeit gibt's immer junge Füchslein im bewohnten -Bau, meist fünf bis sechs, einmal waren es -sogar acht.</p> - -<p>Möge sich dieser Kreislauf des Lebens mit jedem -Lenz, wenigstens hie und da, in unsern deutschen Forsten -erneuern!</p> - -<p>Es wäre traurig, wenn man ihn ganz ausrottete, -den listigen, Ränke schmiedenden Schelm! Dann würde -wohl der Förster unsre Enkel an eine Stelle im Wald -führen und ihnen erzählen: »Hier färbte die rote Tinte -den letzten Fuchs im Revier; man hat ihm das hübsche -Denkmal gesetzt wie drüben im Nachbarrevier seinem -Vetter, dem Wolf!« Aber mit dem fröhlichen Leben, -dem ausgelassenen Spiel vor Malepartus, der Raubburg, -wär's dann für immer vorbei.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_120">[120]</a></span></p> - -<h2 id="Swinegel_un_sine_Sippschaft">Swinegel un sine Sippschaft</h2> -</div> - -<p class="drop">Ob wohl ein oder der andere meiner Leser schon -einmal junge Igel gesehen hat, so im Alter von -fünf oder sechs Wochen? Das sind die niedlichsten -Dinger der Welt, die man sich denken kann, und es lohnt -schon der Mühe, im Spätsommer Gärten und Hecken, -Parkanlagen, lichte Laubwälder und namentlich Feldgehölze -ein bißchen zu durchstöbern, um – wenn man -Glück hat – die reizendste Familienidylle zu belauschen: -eine Igelmutter, die ihre vier oder fünf Kinder spazieren -führt.</p> - -<p>Wie das im Laub raschelt von all den trippelnden -Füßchen, und wie schnell die kleinen, kurzen Beinchen -laufen können, wenn die stachlige Mutter einen Regenwurm -entdeckt hat und ihn aus dem Versteck hervorzieht, -um die kleine Beute den lüsternen Kindern zu überlassen. -An jedem Ende des Unglücklichen zerrt eine der -niedlichen Stachelkugeln – zusammengerollt ist sie nicht -größer als ein Billardball – während ein drittes -Igelchen den straff gespannten, in die Länge gezerrten -Wurm mit den weißen Zähnchen zerbeißt, um schließlich -für seine Mühe nichts zu erhalten als ein Tröpfchen -Saft, das sich der Kleine wohlgefällig von dem dunkeln -Schnäuzchen ableckt.</p> - -<p>Da ist ein Mäusebraten schon eine standfestere Grundlage -der Mahlzeit, von der doch jedes der Kinder ein<span class="pagenum"><a id="Page_121">[121]</a></span> -Stückchen bekommt. Man muß es selbst gesehen haben, -wie schnell die Igelmutter hinter dem kleinen Nager her -ist, wenn sie dessen leises Pfeifen oder das fast unhörbare -Rascheln im Bodengestrüpp gemerkt hat. Einen Augenblick -verharrt die Alte in gestreckter Haltung; die Kopfstacheln -sträuben sich ein wenig, senken sich und sträuben -sich wieder. Ein paar Schritte schleicht sie vorwärts, und -jetzt ein kleiner Satz ins Gestrüpp. Mit sicherem Griff -ist das Mäuschen gepackt; ein kurzer Aufschrei, und das -Genick des kleinen Nagers ist zerbissen. Hurtig wird -das Wildbret von der schnaufenden Mutter in mehrere -Teile zerlegt, und bald sitzt jedes der Kinder knuspernd -und leise schmatzend vor seinem Stückchen, während die -Alte weiter trippelt, nach neuer Beute zu schauen. Ein -Maulwurf wäre kein schlechter Fang; aber den erwischt -man nur am dämmernden Abend. Eine Schermaus -wäre gleichfalls willkommen; aber schließlich tun's auch -ein paar Mist- oder Brachkäfer, Ackerschnecken, Schmetterlingspuppen, -eine fette Werre, und wohlgenährte -Regenwürmer fehlen fast nirgends.</p> - -<p>Nichts Trolligeres gibt es, als zu sehen, wie es die -kleinen naseweisen Igelchen der Mutter nachmachen – -was ein Häkchen werden will, krümmt sich beizeiten. -Überall kratzen und scharren sie mit ihren krallenbewehrten -Pfötchen; in jedes Loch am Boden, in jeden -Winkel zwischen dem Wurzelgeflecht und Pflanzengewirr -stecken sie schnuppernd ihr Schnäuzchen, hängen der -Mutter am Rock, wenn sie glauben, jetzt hat sie 'was -Gutes gefunden, oder sie gehen auch schon ihre eignen -Wege, den Steilhang hinauf, von dem eins der Kindchen -wieder herabkugelt, trinken vom Wasser, das sich -zwischen den Baumwurzeln angesammelt hat, und schauen<span class="pagenum"><a id="Page_122">[122]</a></span> -verdutzt dem Roßkäfer nach, der vor ihrem Näschen -vorbeisurrt. Wenn es noch heutzutage irgendwo, wie im -Märchen, eine Prinzessin gibt, die niemals in ihrem -Leben gelacht hat, ich würde sie zu solch kleiner Igelgesellschaft -führen; da lernte sie aus Herzenslust lachen.</p> - -<p>Einst beobachtete ich eine Igelfamilie an einem -Wiesenhang, wo ein vom Baum gefallener Apfel die -Aufmerksamkeit der stachligen Gesellschaft auf sich lenkte; -von Obst aller Art sind ja die Igel große Freunde. -Durch einen unvorsichtigen Stoß kam der Apfel ins -Rollen; sofort sausten die Kleinen hinter ihm her, überstürzten -sich aber und kugelten lustig den Hang hinab, -wie wir's als Kinder auch so gern taten. Unten lag -dann der Apfel im Graben am Wege und drei Igelchen -neben ihm. Schnell rollten sich diese auf und hatten -bereits tüchtige Löcher in die süße Frucht gefressen, als -endlich auch die Mutter mit den beiden Geschwistern -ankam, die von oben her dem lustigen Treiben zugeschaut -hatten.</p> - -<p>Man sagt, der Igel trage abgefallenes Obst in der -Weise in sein Versteck, daß er es auf seine Stacheln -spieße; wo viel Birnen oder Pflaumen im Obstgarten -liegen, da wälze er sich am Boden, und mit der willkommenen -Last trolle er heim. Natürlich ist das Ganze -ein nett ersonnenes Märchen. Weder mit dem Schnäuzchen, -noch mit den Füßen kann der Igel seinen Rücken -erreichen; wie sollte er also das Obst fressen oder auch -nur abstreifen können? Als Junge habe ich einmal mit -den grünen Früchten der Kartoffel – wir nannten sie -»Kartoffelschneller« – nach einem Igel geworfen. Eins -der ungefährlichen Geschosse blieb an seinem Stachelkleid -hängen. Das machte mir solchen Spaß, daß ich mir den<span class="pagenum"><a id="Page_123">[123]</a></span> -Igel fing und ihm im Übermut seinen ganzen Rücken -mit dem seltsamen Zierrat besteckte. Dann ließ ich ihn -laufen. Am folgenden Tag sah ich ihn wieder, und da -trug er noch immer eine Anzahl der grünen Beeren auf -seinem borstigen Kleid. Nicht den geringsten Versuch -machte er, sich von dem aufgedrungenen Schmuck zu befreien.</p> - -<p>Das Volk fabelt ferner, der Igel trage, wenn er sich -sein Winterlager zurechtmache, auf seinen Stacheln all -die Stoffe zusammen, die ihn wärmen sollen, Stroh, -Laub, Moos u. dgl. Das ist auch nicht wahr. In die -natürliche oder selbstgegrabene Höhlung kratzt und schiebt -er diese Dinge mit Füßen und Schnäuzchen hinein und -verwahrt besonders den Eingang. Aber solch fester -Winterschläfer, wie Bilch oder Haselmaus, ist der Igel -durchaus nicht, habe ich ihn doch mehr als einmal mitten -im Schnee angetroffen, wo er ganz lustig einhertrippelte.</p> - -<p>In einem unterirdischen oder wenigstens gut versteckten -Lager zwischen trockenem Laub, Gräsern und -sonstigem Pflanzenwust werden die Swinegelchen geboren. -Anfangs sind es kleine, rosige Dinger, blind und -zahnlos und die winzigen weißlichen Stacheln ganz -weich – es wäre auch sonst bei der Geburt höchst unangenehm -gewesen für Mutter und Kind. Die Alte -muß auf der Hut sein, daß sie die vier oder fünf zarten -Jungen mit ihren nadelspitzen Stacheln nicht verletzt; -sie deckt die Kleinen mit den ziemlich weichen, rötlichgelben -Haaren ihrer Bauchseite, zwischen denen die -Milchdrüsen liegen. Tagsüber ist säugen ihr Geschäft; -in der Nacht geht sie jagen. Die ganze Last der Kindererziehung -liegt auf ihren Schultern; der Papa lebt getrennt -von der Familie, ein rechter Einsiedler und<span class="pagenum"><a id="Page_124">[124]</a></span> -Griesgram, und von Erziehung will er nichts wissen. -In dem warmen Lager, von der zärtlichsten Mutter -behütet, wachsen die Kleinen sehr schnell heran. -Schon sind sie mit spitzen Stacheln und scharfen Zähnchen -bewaffnet, hell blicken die Äuglein, die Füße trippeln so -hurtig: bereits ganz Papa und Mama, nur klein noch -und zierlich. Wir können der Versuchung nicht widerstehen -und nehmen eins der Tierchen in die Hand – eine -Roßkastanie in stachliger Hülle. So leicht ist die Kugel, -daß wir uns an den Spitzen nicht verletzen können. Wie -wenig schüchtern der kleine Kerl doch ist! Es dauert -nicht lange, so rollt er sich auf, beschnüffelt unsre Finger -und verschwindet schließlich im Rockärmel. Wart', -Kleiner, du sollst belohnt werden! Etwas lauwarme -Milch, in ein Näpfchen gegossen, wird sofort gierig geschlürft. -Dann trollt unser Igelchen weiter. Sie -werden's schon wiederfinden hier an der Hecke oder dort -im Gestrüpp des Unterholzes zwischen den Bäumen.</p> - -<p>Unter den freilebenden Vierfüßlern unsrer Heimat -gibt es kaum ein anderes Tier, das ich so gern habe wie -den Igel, keine interessantere Gesellschaft als eine Igelfamilie. -Gesetzt, die Natur hätte den stachligen Gesellen -nicht geschaffen, die kühnste Phantasie des Menschen -würde sich solch' abenteuerliche Gestalt niemals ausgedacht -haben. Zwei besondere Eigenschaften sind es, -die der Igel vereinigt: das stachlige Kleid und die Kunst, -sich zusammenzurollen. Und diese beiden Eigenschaften -machen ihn zu einem der merkwürdigsten, seltsamsten, ja -wunderlichsten Geschöpfe.</p> - -<p>Erfindungsreich ist der Mensch, in unserer Zeit -namentlich auch auf sozialem Gebiete. Aber alle Erfindungen -haben wir doch schließlich der Natur abgelauscht:<span class="pagenum"><a id="Page_125">[125]</a></span> -die Ruder und das Steuer des Bootes den -Flossenträgern, die Bereitung des Holzpapiers den -Wespen, und das Neueste, mehr auf geistigem Gebiete -gelegen, die »passive Resistenz« dem Igel. Kein anderes -Tier bringt diese moderne Methode der Abwehr, der -Verteidigung besser zum Ausdruck, und der Erfolg lehrt -ihre Berechtigung. Den Stärkeren angreifen? nein. -Oder sich mit Krallen und Zähnen verteidigen? warum -denn? Kann man es wissen, wie's endet? Ich ziehe mich -lieber in mein Innerstes zurück, schließe mich von der -rauhen Außenwelt ab. Ich bin die Welt, ich allein; -mein Wille regiert. Schau du zu, wie du mich faßt! -Deine Sache ist's, wenn du dir die Finger blutig stößt -oder die Schnauze, Gesicht, Nase und Augen! Mach' mit -mir, was du willst, ich habe Zeit und Geduld; wollen -mal sehen, wer's länger aushält, ich oder du?</p> - -<p>Vor uns liegt der kuglige Ballen auf dem Tisch der -herbstlichen Laube. Hei, wie das springt von winzigen -Flöhen zwischen den Stacheln und hoch in die Luft -hinauf, ein Dunstkreis fröhlichen Lebens! Glaube nicht, -daß er's fühlt, all das Gekribbel, Gekrabbel. Ein schrecklicher -Zustand wär's, wie ihn wohl die mittelalterlichen -Ritter in der schweren Eisenrüstung gekannt haben: -jetzt zwickt es hier, und jetzt juckt es da, und man kann -sich nicht kratzen! Unbeweglich die Kugel, nur leise -atmet's im Innern, sanft hebt und senkt sich die Wölbung -– kreuz und quer stehen die Stacheln, durchaus -nicht in der Richtung der Radien. Bald legt sich einer -nieder, ein anderer richtet sich steiler empor, von unsichtbarer -Kraft bewegt; denn es treten mehrere Hautmuskeln -an jeden einzelnen Stachel heran. Auf der Mitte -des Rückens sind die nadelspitzen Gebilde am längsten,<span class="pagenum"><a id="Page_126">[126]</a></span> -2 <em class="antiqua">cm</em> etwa oder noch etwas mehr. Hübsch gezeichnet sind -sie: in der Mitte lichter, am Grund und namentlich an -der Spitze viel dunkler; doch gibt's auch hellere Igel -mit gelblichen Stachelspitzen, also Brünette und Blonde, -wie unter uns Menschen. Vollkommen stielrund sind -die Stacheln nicht; sie zeigen Längsfurchen, den Blutrinnen -an den Säbeln und Seitengewehren zu vergleichen. -Aber so fein sind diese Furchen, daß wir genau -zusehen und den Kopf drehen und wenden müssen, um -sie bei verschieden auffallendem Lichte zu erkennen. An -einem Querschnitt kann man mittels der Lupe leicht -feststellen, daß etwa 25 Längsrinnen an jedem Stachel -hinziehen, bald mehr, bald weniger. Zwischen den Stacheln -stehen weißgraue bis rostgelbe Borsten, besonders -nach den Seiten zu; ja am Bauche und im Gesicht, an -den Schenkeln und Füßen, wovon freilich jetzt nichts zu -sehen ist, haben diese borstigen Haare die Alleinherrschaft. -Stacheln wären dort nur vom Übel.</p> - -<p>Schon währt's uns zu lange. Willst du dich nicht -endlich in deiner natürlichen Gestalt zeigen, du Trotzkopf? -Wir drehen die Kugel vorsichtig um, daß sie auf -dem Rücken liegt. Aber nur enger und fester zieht sich -der Igel zusammen. Mit Gewalt ist auch nichts zu erreichen. -Der mächtige Hautmuskel, der wie ein Mantel -oder eine Kapuze vom Rücken her das ganze Tier umgibt, -ist kräftiger als unsre Hand; je mehr wir uns -mühen, auch mit Nichtachtung der stechenden Stacheln die -Kugel auseinander zu bringen, um so fester schließt sie -sich. Biegsam wie eine Weidenrute muß die Wirbelsäule -unsres Freundes sein, und auch dafür, daß sie bei -dieser Zusammenrollung nicht zu stark auf das Rückenmark -drückt, hat die Natur gesorgt. Schon in den Brustwirbeln<span class="pagenum"><a id="Page_127">[127]</a></span> -löst sich dieses in Einzelstränge auf, die den -Druck leichter vertragen.</p> - -<p>Aber jetzt greifen wir zu einem teuflischen Mittel, -denn erschöpft ist unsre Geduld. Tabak und Stummelpfeife -kommt her! Blaue Wolken steigen empor, die Luft -mit Wohlgeruch füllend; denn Pfälzer ist's, edles Gewächs. -Wie sie springen, die Flöhe! Wirst uns noch -dankbar sein für die Entlausung! Lebhafter bewegen -sich jetzt die einzelnen Stacheln; wie eine Welle läuft's -dann ganz leise über die Rundung. Die Kugel dreht -sich allmählich und löst sich ein wenig; der Rücken zeigt -wieder nach oben. Der ambrosische Duft, an den der -Nichtraucher so gar nicht gewöhnt ist, scheint ihm nicht -zu behagen. Noch ein kräftiger Gasangriff von unten -her, tief hinein zwischen die borstigen Haare, und unser -Igelchen streckt sich ganz sacht und verstohlen; niemand -soll's merken, daß es endlich nachgeben will. Schon -schaut ein Füßchen hervor mit fünf starken Nägeln, zum -Graben und Scharren geschaffen, jetzt ein zweites und -vorn ein niedliches Schnäuzchen; schnuppernd hebt sich's -aus der stachligen Kugel. Jetzt zeigt sich schon das Gesichtchen. -Prächtige Physiognomie! So naseweis und verschmitzt, -und so lustig blitzende Äuglein, wie schwarze -Perlen auf lichtem, graubaunem Grunde. Fein sind die -Ohren gebildet, alles niedlich und spitz: das Näschen, -die dunklen Schnurren, die feinen Stichelhaare im -Antlitz, darüber ein Wall längerer Borsten, einem Helm -zu vergleichen. Aber das Hübscheste bleibt doch das verlängerte, -vorn etwas aufgeworfene Schnäuzchen, das sich -schnüffelnd bald aufwärts wendet, bald abwärts, bald -nach links, bald nach rechts. Es bildet die verlängerte -und freibewegliche Nase, zugleich ein Tastorgan von<span class="pagenum"><a id="Page_128">[128]</a></span> -höchster Vollkommenheit. In der Haut der beweglichen -Rüsselscheibe drängen sich nämlich unzählige Tastkörperchen -zusammen, mit denen der nächtliche Jäger die -Gegenwart oder die Nähe seiner Beute unter dem Laube, -im feuchten Boden, im Mull von Baumhöhlen gewissermaßen -»schmeckt«, noch ehe er sie erreicht hat, gleich der -Waldschnepfe, die mit ihrem Stecher würmt, an dessen -empfindlicher Spitze ebenfalls Hunderte von Nervenendkörperchen -sitzen, die dem Vogel die leichteste Erschütterung -des Erdbodens anzeigen.</p> - -<p>Von meinem Pfälzer, das kann ich mir denken, ist -die feine Nase des Igels nicht begeistert; er trippelt deswegen -auf seinen niedrigen Beinen an die andre Seite -des Tisches, um frische Luft zu schöpfen, wobei er uns -den Genuß gewährt, auch sein winziges Schwänzchen zu -bewundern, das steif schräg nach unten gerichtet ist, wie -das kurze, fest zusammengedrehte Zöpfchen eines kleinen -Mädels. Über den Geschmack ist nicht zu streiten und -über den Geruch ebensowenig. Und ob dem unverbesserlichen -Nikotinverächter der Rauch meines edlen Krautes -noch unangenehmer ist als uns der Bisamduft, den er -im zeitigen Frühjahr ausströmt, wenn er der Gattin -den Hof zu machen pflegt, das können wir nicht entscheiden. -Der Igelin freilich scheint der parfümierte -Ritter zu gefallen; ihr ist's lieber, als wenn er sich -ein Sträußchen Parmaveilchen angesteckt hätte. »Wat -dem einen sin Uhl, is dem annern sin Nachtigall«. Aber -nun komm wieder ins Tuch, in dem wir dich hergebracht -haben! Wir klopfen mit dem Stock auf den Tisch, sofort -rollt sich die Kugel zusammen. Wir bringen sie nun -zurück zur Hecke, von wo wir sie holten. Ein paar -Minuten noch, und der Igel trollt ab.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_129">[129]</a></span></p> - -<p>Schade, daß wir ihm nicht in den Mund sehen -konnten; dort stehen perlenartig aneinandergereiht 36 -der niedlichsten Zähne. Denk ich sie mir zu den Maßen -eines Löwengebisses vergrößert, ein schauderhaft mächtiges -Zerstörungswerk würde es sein, obgleich die Eckzähne -fehlen. Oben und unten 6 Schneidezähne, schräg -nach vorn gerichtet, dann jederseits oben 2 Lückenzähnchen, -unten nur eins, scharf wie ein Meißel, und endlich -die Backzähne, 5 oben, 4 unten auf jeder Seite, mit -scharfspitzigen Höckern versehen, so recht zum Zermalmen -der Beute. Die stärksten Knochen der Maus und der -Ratte, des Frosches, der Eidechse, die Chitinringe der -Insekten, selbst Brustharnisch und Flügeldecken des -Hirschkäfers zersplittern wie Glas zwischen dem festen -Gebiß, und auch größeren Schlangen zerbeißt der stachlige -Räuber im Nu die Wirbel.</p> - -<p>Es ist bekannt, daß sich der Igel selbst vor der Kreuzotter -nicht fürchtet und die bösartige Schlange sehr -schnell bewältigt und auffrißt. Man sagt, er sei gefeit -gegen ihr Gift, genau wie der Storch. Beides ist nicht -ganz richtig. Unser Hausfreund, der Storch, frißt die -Kreuzotter nur deshalb ungestraft, weil er es versteht, -ihr mit dem Bajonettschnabel den Kopf zu zermalmen, -bevor sie imstande ist, ihren Feind mit den Giftzähnen -zu verletzen. Wohin sollte sie ihn auch beißen? In die -Ständer, den Schnabel? Die Haut dieser Glieder führt -wenig Blutgefäße, und die Gefahr einer Vergiftung -wäre gering. Ähnlich wie der Storch macht es der Igel. -Flink und gewandt zerbeißt er dem unheimlichen Kriechtier -Kopf und Genick. Freilich muß er schon etwas Erfahrung -besitzen, wenigstens fallen junge Igel, wenn -man sie zu einer Kreuzotter bringt, dieser gewöhnlich<span class="pagenum"><a id="Page_130">[130]</a></span> -zum Opfer, nicht aber alte, erfahrene Herren. Die getötete -Schlange zu fressen, ist ungefährlich, kein Fakirkunststück; -denn im Verdauungskanal ist das Gift ganz -unschädlich. Es wirkt nur, wenn es ins Blut kommt. -Gewiß ist die Widerstandskraft gegen das Schlangengift -beim Igel größer als bei andern Warmblütern. Der -Jahrtausende währende Kampf, den er gegen die Otter -führt, hat ihn ziemlich giftfest gemacht; aber wirklich -gefeit, wie manche wohl glauben, ist er durchaus nicht. -Igel, die man von Kreuzottern in Zunge und Mundwinkel -beißen ließ, wurden ziemlich krank und litten -tagelang an den Folgen der Vergiftung; sie gesundeten -aber später wieder vollkommen. Auch unmittelbaren -Gifteinspritzungen setzten sie großen Widerstand entgegen. -Die Dosis, die ein Meerschweinchen schnell tötet, -muß verzehnfacht werden, ehe ein Igel nur vorübergehend -erkrankt. Auch andere natürliche Gifte verträgt -unser Stachelträger sehr tapfer; so macht er sich gar nichts -daraus, auch einmal ein paar grüne Spanische Fliegen -zu fressen, deren Genuß bei andern Tieren den Tod, -wenigstens fürchterliche Schmerzen im Rachen und in -der Speiseröhre verursacht.</p> - -<p>Pflanzenkost verschmäht der Igel aber auch nicht. -Obst, das sahen wir schon, ist ihm eine Lieblingskost, -ebenso Beeren aller Art, desgleichen saftreiche Wurzeln, -wie Mohr- und Steckrüben; ob er auch Schwämme verzehrt, -kann ich nicht sagen. Reich ist der Speisezettel, -den Mutter Natur für ihn bereit hält. Nur das eine -sollte der Gefräßige lassen, nämlich das Plündern bodenständiger -Nester; dadurch schadet der Igel vielleicht mehr, -als man denkt. So mancher Forstmann klagte mir schon, -daß der Bursche Fasaneneier getrunken, junge Schnepfen<span class="pagenum"><a id="Page_131">[131]</a></span> -gefressen, ja Rebhuhneier, während die Henne darauf -saß und sie heftig verteidigte, zu rauben versucht habe. -Selbst junge Häschen sollen ihm bisweilen zum Opfer -fallen (?). Und der Strafe entzieht sich der stachlige -Raubritter stets; sofort ist die Kugel gebildet: greife -mich an, wenn du's wagst! Nur dem Uhu darf -er's nicht sagen. Der kümmert sich nicht drum. Mit -seinen wehrhaften Krallen packt er kühn zwischen die -Stacheln, und mit dem mächtigen Schnabel löscht er dem -Igel das Lebenslicht aus.</p> - -<p>Eigentlich sollte man meinen, die Verminderung der -Raubvögel müsse den Igeln zugute kommen wie etwa -den Mitgliedern der Krähensippe oder den Spechten. -Mag sein, aber andre feindliche Kräfte sind am Werk, -diesen Vorteil aufzuheben; es scheint mir, man begegnet -heute viel seltener einmal einem Igel, als in früheren -Zeiten. Der Jäger ist ihm feindlich gesinnt; ja manche -Jagdschutzvereine hatten früher den Igel mit in die -Liste des Raubzeugs aufgenommen, für dessen Erlegung -Belohnungen gezahlt wurden. Gegen jede Verfolgung -sollten aber die Landwirte entschieden Einspruch erheben, -denn für sie ist der Igel als treuester Verbündeter gegen -die Mäuse ein sehr nützliches Tier. Vier, sechs Feldmäuse -zu einer Mahlzeit mit Haut und Haar zu verzehren, -ist ihm eine Kleinigkeit, und auf Insekten hat -er immer Appetit; solch kleines Getier ist überhaupt -nicht zu rechnen, denkt er bei sich.</p> - -<p>Nur in einer Beziehung ist der Igel genügsam, im -Trinken. Es muß schon recht heiß sein, ehe er einmal aus -einer Pfütze am Wege trinkt oder aus einem der kleinen -Wasserbecken, die der Wald zwischen dem oberirdischen -Wurzelgeflecht der Bäume für seine durstenden Bewohner<span class="pagenum"><a id="Page_132">[132]</a></span> -allzeit bereit hält. Auch die Igel, die ich tage- -und wochenlang in Gefangenschaft hielt, haben nur selten -von dem Wasser geleckt, das ich nie versäumte, in den -Raum zu stellen, den ich ihnen anwies. »Mit Wasser -bleib mir ferne!« scheint ihr Losungswort zu sein. Sie -verhalten sich also ähnlich wie die meisten Raubvögel, -die ja auch zugleich mit ihrer blutigen Kost so viel -Flüssigkeit aufnehmen, daß sie tagelang des Wassers entbehren -können, obgleich es auch Ausnahmen gibt. So -tauchte ein Schleierkauz jedes Stückchen Fleisch, das ich -ihm gab, ins Wasser, ehe er's verschlang. Merkwürdig -ist's, daß die Igel, die alten wie die jungen, sehr gern -etwas Milch schlürfen, wobei sie wohlgefällig schmatzen, -so gut schmeckt es ihnen.</p> - -<p>Wollten wir als Kinder einen Igel, wenn ich so -sagen darf, »aufwickeln«, so kannten wir bei dem streng -befolgten Rauchverbot nur zwei Mittel. Das eine war -Musik. Wir machten in seiner Nähe durch Trommeln -auf der Gießkanne einen Höllenspektakel. Aber das -Mittel versagte bisweilen; denn oft zog sich Meister -»Struppig« nur noch enger in sein Innerstes zurück: -»Lärmt wie ihr wollt, ich halte meine Öhrlein verschlossen!« -Das andere Mittel wirkte schneller und -sicherer: ein tüchtiges Brausebad. Mitunter haben wir -die stachlige Kugel auch den Wiesenhang hinabgekollert, -geradenwegs in den Bach und uns dann teuflisch belustigt, -wie sich der Igel im Wasser sofort aufrollte und, -obgleich er's nie gelernt, doch äußerst geschickt, das Näschen -über dem Wasser haltend, nach einer Stelle am -Ufer schwamm, wo er am leichtesten wieder festen Grund -unter den kleinen Füßen fassen konnte. So völlig durchnäßt, -rollte er sich nie wieder sofort zusammen, sondern<span class="pagenum"><a id="Page_133">[133]</a></span> -ließ uns ruhig seine ganze Person betrachten, den Kopf, -die Füße, das Schwänzchen. Die Nässe des Unterleibs -war offenbar seinem Schnäuzchen viel zu unangenehm, -als daß er es zwischen den triefenden Borstenhaaren versteckt -hätte. Auch der Fuchs soll den Igel ins Wasser -rollen, um ihn dann zu bewältigen. Ob es wahr ist, -weiß ich freilich nicht.</p> - -<p>Den Igel zu essen, fällt bei uns niemand ein, obgleich -sein fettes Fleisch im Herbst gewiß ebenso gut -schmecken mag, wie das des Dachses, mit dem er ja in -der Lebensweise wie in der äußeren gedrungenen Gestalt -manches gemein hat. In Spanien hat man ihn -ehemals während der Fasten häufig gegessen; ich möchte -die Ausrede kennen, die man gebraucht haben mag, um -solchen Fleischgenuß zu rechtfertigen. Bekannter ist die -Vorliebe der Zigeuner für einen Igelbraten. Im Lande -der Stephanskrone war ich einst Zeuge, wie sich die -braunen »Söhne Pharaos« auf dem Felde ein Igelgericht -zubereiteten. Drei Stück, die sie gefangen und erschlagen -hatten, wurden von den urwüchsigen Gesellen notdürftig -ausgeweidet, dann wieder zu einer Kugel zusammengerollt, -mit feuchtem Lehm dick umgeben und schließlich -in der glühenden Asche gebacken, wie Schinken in Brotteig. -Als nach geraumer Zeit der Lehm zu bröckligem -Ziegel gebrannt war, stieß der Oberkoch mit dem Fuß -die heißen Klumpen aus der Asche heraus und zerschlug -die Umhüllung. Die Stacheln und die meisten harten -Borsten blieben in ihr stecken. Was mit dem toten Ungeziefer -geschah, das weiß ich nicht, ging mich auch weiter -nichts an. Mürb war der Braten und saftig, und er -schmeckte dem genügsamen Völkchen allem Anschein nach -großartig.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_134">[134]</a></span></p> - -<p>Mancher Igel hat in früheren Zeiten auch für die -Gesundheit des Menschen sein Leben lassen müssen; denn -der Igelleib bot bei dem oder jenem Gebreste der leidenden -Menschheit so manches sicher wirkende Heilmittel. -Selbst dem Gewerbe kam die stachlige Haut zu statten; -sie diente im alten Rom zum Karden der wollenen -Tücher, desgleichen als Hechel. Auch noch später bildete -sie zu ähnlichen Zwecken einen Handelsartikel.</p> - -<p>Das Volk will zwei Abarten des Igels unterscheiden: -»Hundsigel« und »Schweinsigel« – der letztere ist der -bekanntere, schon wegen des reizenden Märchens »Swinegel -un sine Fru«. Der Zoolog aber kennt bei uns -nur die eine Spezies: <em class="antiqua">Erinaceus europaeus</em>. Freilich -in Südostrußland, in den Niederungen um den Kaspischen -See und östlich bis zum Baikalsee kommt noch eine -andre Form vor mit etwas längeren Ohren und kürzerem -Schwanz, unten sehr hell behaart, sonst unserm -europäischen Igel ganz ähnlich. <em class="antiqua">Erinaceus auritus</em>, -langohriger Igel nennt ihn der Zoolog.</p> - -<p>Unser Landsmann ist in fast ganz Europa heimisch, -mit Ausnahme der nördlichsten Länder, etwa vom -63° n. Br. an. Auch die waldreichen Gebirge bewohnt -unser Igel; in den Alpen steigt er bis gegen 1500 <em class="antiqua">m</em> an, -im Kaukasus gar bis 2000 <em class="antiqua">m</em>. Die Wälder und Fruchtauen, -die Felder und Gärten der Ebenen und Hügelländer -sind ihm aber doch lieber. Sehr zahlreich kommt -er in den weiten russischen Ebenen vor, auch im nördlichen -Asien ist er verbreitet. Dort und namentlich in -Afrika stellen sich dann auch manche andere Arten der -stachelborstigen Familie ein. Das Stachelschwein aber, -das seine Heimat in den Mittelmeerländern hat – in -Nordwestafrika, in Griechenland und in Süditalien bis<span class="pagenum"><a id="Page_135">[135]</a></span> -nordwärts zur römischen Campagna trifft man es an – -gehört nicht hierher, sondern zu den Nagetieren.</p> - -<p>Im Verborgenen führst du dein Leben, du seltsamer -Einsiedler, drolliger »Bruder im stillen Busch«, von den -Menschen wenig beachtet, von vielen verkannt. Nur -einen Ort weiß ich, der bringt dich zu Ehren, ja er -nennt sich nach dir, Iglau in Mähren. Er hat sich dein -Konterfei ins Wappen gesetzt, wie Griechenlands -Hauptstadt die Eule, das Sinnbild der Pallas Athene. -Lustige Igel sind's in dem einen Feld, in dem andern -aber züngelnde Löwen mit aufgerissenen Rachen. Noble -Gesellschaft, nicht wahr? Laß sie nur spotten, die andern -Tiere des Waldes: struppiges Stacheltier, Borstenträger, -Schweinigel und wie sie dich schimpfen – <em class="gesperrt">du</em> -gabst der Stadt ihren Namen und nicht der König der -Tiere!</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die nächsten Verwandten des Igels, die <em class="gesperrt">Spitzmäuse</em>, -sind Gnomengestalten, die kleinsten unter den -Säugetieren; ja das winzigste Geschöpfchen, die Zwergspitzmaus, -wird nur 9 <em class="antiqua">cm</em> lang, wobei das Schwänzchen -sogar mitgerechnet ist, und die häufigste Art, unsre -Waldspitzmaus, ist auch nicht viel größer: 11 <em class="antiqua">cm</em>, wovon -reichlich 4 <em class="antiqua">cm</em> auf den Schwanz kommen; der kleine -Finger des Menschen ist meist noch etwas größer. Alles -ist zierlich an diesem Zwergengeschlecht: das rüsselartig -verlängerte Näschen, die winzigen schwarzen Perlen der -Äuglein, die niedlichen Ohren, die Pfötchen, und das -Fell so weich, ein Samthabitchen, wie es auf der ganzen -Welt nicht seinesgleichen gibt. Und gar erst die Zähnchen:<span class="pagenum"><a id="Page_136">[136]</a></span> -köstlich diese winzigen Gebilde, 32 an Zahl, dolchspitz, -scharfhöckerig; gleich den Schneiden der Schere -passen sie aufeinander oben und unten, zum Zermalmen -der harten Chitinpanzer, wie sie die Insekten tragen, -geschaffen und zum Zerschneiden von Haut und Muskeln -der kleinen Beutetiere geeignet.</p> - -<p>Aber die Waffe allein tut's nicht, die Spitzmäuse -verstehen sie auch zu führen, und eine Tapferkeit, ja -Todesverachtung steckt in diesem Pygmäengeschlecht, daß -kein Wesen sicher vor ihnen wäre, wenn sie eben nicht -zu den kleinsten Warmblütern gehörten. Wehe, wenn -sich ein anderes Tier in das Bereich der Kleinen verirrt! -Jede Maus wird angefallen und bald überwunden. -Kampf auf Leben und Tod! Pardon geben, das -kennen die Spitzmäuse nicht, und der Sieger frißt den -Besiegten. Ein paar Wollfleckchen bleiben übrig, vielleicht -auch das Schwänzchen. Die Zähne vermögen selbst -die stärksten Knochen der Maus zu zerknacken. Erbitterte -Kämpfe auch unter den Artgenossen, sogar unter den -nächsten Blutsverwandten. Die Mutter beißt ihr Kind -tot, das sie entwöhnt hat, wenn's wieder zu ihr zurückkehrt, -und frißt es mit Stumpf und Stiel – nun wird's -das Wiederkommen vergessen; der Gatte frißt die Gattin, -die Geliebte den Freier, der Bruder den Bruder. Keins -fühlt sich sicher vor seinen Genossen; es kommt nur -darauf an, wer der Stärkere ist. Gewalt geht vor Recht.</p> - -<p>Auch ihre Wohnung hat sich die Spitzmaus meist mit -Gewalt erobert, ein Mauseloch ist's. Der rechtmäßige -Besitzer ist den Weg alles Fleisches gegangen und seine -hoffnungsfrohe Kinderschar mit ihm. Oft genügt der -Spitzmaus auch eine Höhlung im Wurzelgeflecht einer -Buche, einer Eiche oder eine kleine Bodenvertiefung<span class="pagenum"><a id="Page_137">[137]</a></span> -zwischen allerlei Pflanzenwust zur Aufnahme ihres -Wochenbetts. Ende Mai, Anfang Juni ist die Kinderstube -voll jungen Lebens: fünf bis zehn winzige Dinger, -nackt und unbeholfen, blind noch und zahnlos. Piepend -und winselnd suchen sie nach dem Milchquell, wenn die -Alte sich sorgsam über die rosigen Körperchen legt. -Dann herrscht Ruhe am häuslichen Herd; nur das -saugende Atmen vernimmt die glückliche Mutter, bis -schließlich eins nach dem andern die Zitze freigibt. Nun -sind sie gesättigt und schlafen, und die Mutter kann auf -kurze Zeit ihre Kinder verlassen, um für die eigne Nahrung -zu sorgen.</p> - -<p>Nach vier Wochen schon wird sie von der kleinen Gesellschaft -begleitet, meist gegen Abend, wenn die Sonne -zur Rüste gegangen ist. Fürs helle Licht taugen die -Äuglein nicht; da werden sie zugekniffen, daß sie vollständig -im Samtfellchen verschwinden. Und selbst im -Dunkel der Nacht folgen die Spitzmäuse gewiß nicht dem -Auge, vielleicht auch nur selten dem Ohr; in dem Rüsselchen -haben sie, was sie bedürfen, einen feinen Spürsinn -und feinen Geruch, der Insekten und Würmer wittert -und dem Jäger die geringsten Erschütterungen des -Bodens verrät, die solch' kleine Beute verursacht. Die -Spitzmäuse sind ausschließlich Fleischfresser; sie verhungern -lieber, als daß sie irgendwelche Pflanzenkost -anrühren. Und deshalb gehören sie für den Menschen -zu den nützlichsten Tieren, zumal ihr Appetit außerordentlich -groß ist. Hunger längere Zeit zu ertragen, -wie etwa der Frosch es vermag, das ist einer Spitzmaus -unmöglich. Wieviel Leben steckt aber auch in dem -kleinen Warmblüter, mit dem Stumpfsinn des Lurchs -nicht zu vergleichen!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_138">[138]</a></span></p> - -<p>Selbst im kalten Winter sind die Spitzmäuse munter -und guter Dinge; von einem regelrechten Winterschlaf -wollen sie nichts wissen. Ja ich habe die kleine Gesellschaft -nie so lebhaft gefunden, wie gerade in der kalten -Jahreszeit. Da kommen die Spitzmäuse gern von den -Feldern und Waldrändern herein nach den Ställen und -Schuppen der Landwirte, huschen nach Mäuseart überall -herum und suchen, wie sie ihren Hunger stillen. Im -verborgenen Winkel zwischen dem Gebälk schlummert so -manche Insektenpuppe, und mancher Falter hat sich hier -zur langen Winterruhe zurückgezogen; Spinnen gibt's -auch überall, und wenn man Glück hat, läuft einem auch -ein Mäuschen über den Weg – dann wehe dem kleinen -Nager!</p> - -<p>Die Spitzmäuse haben wenig Freunde unter den -Menschen. »Mäuse« sind's, denkt der Bauer und schlägt -sie tot oder zertritt sie roh mit dem Stiefel. Da sind -Spitz und auch der alte erfahrene Kater weit klüger, als -ihr Herr und dessen ganze Familie. Spitzmäuse und -Mäuse können die beiden gar wohl unterscheiden. Freilich -der Kater läßt sich auch täuschen, doch nur im ersten -Augenblick; er fängt die Spitzmaus wie jedes Mäuslein -und beißt sie tot – ein kurzer Aufschrei, dann ist alles -vorbei. Aber statt die Beute zu fressen, läßt er sein -Opfer unbeachtet liegen und wischt sich den Mund, als -habe er etwas Unreines berührt. Und der Spitz? Er -fährt wohl auch auf das samtige Tierchen los, aber er -packt's nicht; denn der Moschusgeruch, den die Spitzmaus -ausströmt, ist so stark, daß keine feine Hundenase dazu -gehört, um zu erkennen, um wen sich's hier handelt. -Einem anständigen Hund ist nichts widerlicher, als solch -mit Moschusparfüm behaftetes Wildbret – pfui Pudel!<span class="pagenum"><a id="Page_139">[139]</a></span> -denkt sich der Spitz. Selbst Fuchs, Iltis und Steinmarder -mögen von der Spitzmaus nichts wissen, obgleich -sie selbst doch auch nicht gerade nach Veilchen oder Maiglöckchen -duften. Nur die gefiederten Mäusejäger, die -Tagraubvögel, vor allem der Bussard, ebenso die nächtlichen -Eulen sind nicht so empfindlich. Sie fragen nicht -lange: ist's Spitz- oder Feldmaus? Mit ein paar -Schnabelhieben wird die Beute getötet und zerteilt, -oder sie schlucken das ganze Tierchen auf einmal hinunter, -wie wir eine bittere Pille; da merkt man von -dem Moschusgeruch und dem üblen Geschmack nur wenig.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Dritte im Bunde der Sippe ist ein ganz abenteuerlicher -Gesell; er lebt unter der Erde, und nur in -der Nacht erscheint er bisweilen an der Oberfläche: der -<em class="gesperrt">Maulwurf</em>. Ein Samtkleidchen hat er an, so fein -und so weich wie die Spitzmaus. Das ganze Persönchen -ist in dichten Pelz eingehüllt, an dem weder Nässe -noch Erdkrümchen haften; nur die Pfoten, die Spitze -des Rüssels und das letzte Ende des Schwänzchens -schauen aus dem Samtfell hervor. Die Ohren liegen -versteckt und ebenso die winzigen Äuglein. Der Plüschanzug -kommt nie aus der Ordnung, mag sich sein Träger -vor- oder rückwärts in dem dunklen Erdgang bewegen; -denn es fehlt ihm der »Strich«, und nirgends zeigt sich -ein »Wirbel«, wie sonst im Fell glatthaariger Tiere. -Und wie schön ist die Färbung des Kleids, oft tiefschwarz -mit fast metallischem Glanz, ins Stahlblau spiegelnd, -oft bräunlich, bisweilen auch silbergrau oder -gelblich; selbst weiße Maulwürfe finden sich, regelrechte<span class="pagenum"><a id="Page_140">[140]</a></span> -Albinos, wenn auch nur selten. Und weiter, die Unterseite -ist selbst zwischen den Beinen ebenso dicht behaart -wie der Rücken und ebenso dunkel gefärbt.</p> - -<p>Heute zählt der Maulwurf gleich Marder und Hermelin -mit zu den Pelztieren, eine Ehre, die Tausende -schon mit dem Leben bezahlt haben. Aber wie klein -sind die einzelnen Fellchen, eine mühsame Arbeit für -den Kürschner! Doch die Leute bezahlen's, solange es -die Mode gebietet. Und die Nachfrage nach diesem Pelzwerk -war, wenigstens in den Jahren 1919 und 20, so stark, -daß damals märchenhafte Preise gezahlt wurden – 20, ja -25 Mark für solch winziges, noch nicht einmal zugerichtetes -Fellchen! Ich hätte das Gesicht unsers alten Tobias -vom Rittergut sehen mögen, wenn er das gehört hätte; -die Pfeife wäre seinem zahnlosen Munde entfallen, und -wie ein Kettenhund hätte er geheult, daß ihm sein Lebtag -der Verwalter nie mehr als 12 Pfennige für einen -Maulwurf bezahlt hat. Der Alte verstand seine Kunst. -In die Laufröhre, gleich neben dem aufgestoßenen Erdhaufen, -senkte er die Drahtschlinge, befestigte ganz lose -das hölzerne Häkchen daran, das bei der geringsten Berührung -heraussprang, bohrte den biegsamen Stock tief -in die Erde und zog ihn mit einem Strick zu der klug -ersonnenen Falle herab. Nun geht dir's ans Leben, du -unterirdischer Wühler! Stößt du mit deinen Schaufelhänden -nur ein wenig an den hinterlistigen Haken, -gleich wippt die Schlinge empor und erwürgt bist du, -noch ehe der Galgen wieder zur Ruhe gekommen ist.</p> - -<p>Als Kind habe ich oft dem Tobias in sein Handwerk -gepfuscht und manche Falle zerstört; denn ich hatte es -gelesen, was Bechstein und Lenz von dem Maulwurf -erzählen, wie er ein gar nützliches Tier sei, da er Regenwürmer<span class="pagenum"><a id="Page_141">[141]</a></span> -und Engerlinge verzehre, und nur Dummheit -sei's, wenn man ihn töte. Diese Dummheit hatte sich -vor ein paar Jahren zum Wahnsinn gesteigert: Tagediebe -lauerten auf Feldern und Wiesen dem unterirdischen -Gesellen auf; ja es gab Landwirte, die solchen -Maulwurfsfängern ihren Grund und Boden geradezu -als Jagdrevier gegen ein schönes Sümmchen verpachteten. -Glaubt der Bauer wirklich, daß dieser Judaslohn -hinreicht, den Schaden quitt zu machen, den das Heer -der Regenwürmer und der Insektenlarven, die nun ungestört -ihr Handwerk treiben können, der jungen Saat -zufügt! In mancher Gegend hat dieser Unfug schon dazu -geführt, daß die Maulwürfe selten geworden, ja hie und -da bereits verschwunden sind. Die Maulwurfshaufen, -über die du dich oft so geärgert hast, bist du los, dummer -Bauer, aber ebenso deine besten Bundesgenossen im -Kampfe gegen das Ungeziefer, das nun überhand nimmt. -Zum Glück beginnt man bereits einzusehen, wie töricht -es ist, den Maulwurf zu vertreiben. In Bayern hat -man ein Gesetz zum Schutze dieses Insektenfressers geschaffen; -in Sachsen freilich ist eine gleiche Gesetzesvorlage -unter den Tisch des Hauses gefallen, hauptsächlich -deshalb, weil die Mode sich von dem Pelzwerk -wieder abgewandt hat, die Fellchen infolgedessen im -Preise außerordentlich gefallen sind und so der Anreiz -zur Maulwurfsjagd nicht mehr besteht.</p> - -<p>Auch der Nutzen des Maulwurfs wird von mancher -Seite stark angezweifelt. Regenwürmer vertilgt er; -Regenwürmer aber sind nützliche Tiere, die den Boden -düngen, lockern und durchlüften. Gewiß, wo aber diese -Würmer allzu zahlreich austreten, da richten sie doch -recht merkbaren Schaden an der Saat an, indem sie die<span class="pagenum"><a id="Page_142">[142]</a></span> -jungen Pflänzchen massenhaft hinab in ihr unterirdisches -Reich ziehen und dann von den verwesenden Stoffen -leben. Aber der Maulwurf frißt nicht nur Regenwürmer, -sondern er stellt auch den Engerlingen, diesen -schlimmen Gesellen, nach. Er folgt ihnen selbst in ihre -tiefer gelegenen Schlupfwinkel, wohin sie sich in der -kalten Jahreszeit zurückziehen. Denn zu den Winterschläfern -gehört der Maulwurf ebensowenig wie die -Spitzmaus. Tag für Tag, selbst wenn bitterer Frost -die oberste Schicht der Erde in Bann hält und der -Bauer denkt, es ist draußen alles Leben erstorben, -arbeitet der unterirdische Wühler unermüdlich zum -Nutzen des Landmanns, der ihm seine verborgene Tätigkeit -nur allzuoft mit Undank vergilt. Auch bei lang -anhaltender Trockenheit im Sommer, wenn die Engerlinge -und andre Insektenlarven sich tiefer in die Erde -eingraben, verlegt der Maulwurf seine Jagdgründe -dahin. Es wird behauptet, daß er für die Zeit der Not -auch Nahrungsspeicher einrichte, wie weiland Joseph in -Ägypten in den sieben fetten Jahren, gewissermaßen -Regenwurmmagazine, eingebaut in die Wandungen -seiner unterirdischen Gänge. Weil er aber tote Tiere -nicht gern frißt, sondern allezeit frisches Fleisch haben -will, so bringe er den Würmern nur einen Biß bei, der -die Ganglienkette zerstöre, so daß sie nicht recht sterben -und nicht recht leben, auf keinen Fall aber entfliehen -können. Man will Hunderte von Würmern in ganzen -Haufen beieinander gefunden haben, denen ihr Feind -die vorderen Ringe des Körpers, namentlich den sog. -»Kopflappen«, aufgerissen habe. Und vielleicht sei es -weniger der Biß selbst, als der Speichel des Maulwurfs, -der die Lähmung der Würmer verursache.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_143">[143]</a></span></p> - -<p>Das Nahrungsbedürfnis unseres Insektenfressers ist, -wie das aller kleinen Warmblüter, außerordentlich groß, -und deshalb kann sein Nutzen nach dieser Richtung hin -nicht hoch genug angeschlagen werden. Außerdem durchlüften -seine Gänge den Boden, was den Pflanzen zum -Vorteil gereicht. Die Erdhaufen, die er auf den Wiesen -aufwirft, wird man ihm leicht verzeihen können; mit -dem Rechen läßt sich alles schnell in Ordnung bringen. -Und wenn auch durch die unterirdischen Wühlereien ein -paar Saatpflänzchen gelockert werden oder das Gras -der Wiese über dem einen oder andern Reviergang des -Insektenjägers nicht recht gedeihen will, weil die -Wurzeln bloßgelegt sind, so wird das nicht viel bedeuten. -Nur im Ziergarten kann man den Maulwurf nicht -dulden; aber nach Falle und Galgen braucht man nicht -gleich zu greifen. Es gibt andre Mittel, durch die er -sich leicht vertreiben läßt. Mit Petroleum getränkte -Lappen oder Heringsköpfe kann er nicht erriechen; parfümiert -man seine Gänge damit, so vergrämt man den -Maulwurf. Noch sicherer ist es, um kleine Blumenbeete -Dornen oder Glassplitter ein bis zwei Fuß tief einzugraben; -sein empfindlicher Rüssel ist ihm zu lieb, als -daß er ihn sich an solchen Dingen verletzen ließ.</p> - -<p>Die Wohnung des Maulwurfs, eine kesselförmige -Höhlung, liegt etwa einen halben bis dreiviertel Meter -unter der Erde, an einer Stelle zumeist, die schwer zugänglich -ist, z. B. unter dem Schutz einer Mauer, eines -Erdhaufens oder dichten Wurzelgeflechts. Mit Laub, -Moos, Stroh ist die Höhle gepolstert; denn sie dient -nicht nur zur Wohn-, sondern auch zur Schlaf- und bisweilen -zur Wochenstube. Von dem Kessel aus erstrecken -sich strahlenförmig nach allen Richtungen mehrere<span class="pagenum"><a id="Page_144">[144]</a></span> -Gänge, die meistens wieder untereinander durch einen -Rundgang verbunden sind. Diese Gänge vereinigen sich -in einiger Entfernung zu einer Laufröhre, die nach dem -Jagdgebiet führt. Auch vom Boden des Kessels senkt -sich ein Gang in die Tiefe, um jedoch bald wieder aufzusteigen -und gleichfalls jene Laufröhre zu erreichen. -Die Wände der Röhren sind sorgfältig und sauber geglättet; -denn der Hohlraum wird hier weniger dadurch -gewonnen, daß der Maulwurf Erde auf die Oberfläche -befördert, sondern dadurch, daß er mit seinem walzenförmigen -Körper den lockeren Boden zusammendrückt.</p> - -<p>Die sog. Maulwurfshaufen sind in der Regel auf -das Jagdgebiet beschränkt, das oftmals 60 oder 80 <em class="antiqua">m</em> -vom Wohnkessel entfernt liegt. Dieses Revier durchwühlt -der Maulwurf nach allen Richtungen hin gründlich. -Täglich baut er neue Gänge, wobei er die Erdmassen -mit Nacken und Hals an die Oberfläche befördert. -Wenn er »aufstößt«, bleibt er aber in weiser -Vorsicht immer noch etwas unter der Erde. Trotzdem -wird er bei dieser Tätigkeit nicht selten von einem Feind -überrascht und gepackt, vom Fox, der schnell seine -Schnauze in die lockere Erde stößt, oder vom Storch, der -mit dem Bajonettschnabel tief in den aufgeworfenen -Haufen sticht. Auch der alte »Tobias« hat so manchem -Maulwurf schon aufgelauert, wenn er gerade aufstößt, -was dreimal am Tage, früh, mittags und abends, mit -genauer Zeiteinteilung geschehen soll. Schnell das Grabscheit -in die Erde stoßen und herauswerfen, was es gefaßt -hat! Der überlistete Wühler fliegt mit in die Luft -und ist dann verloren.</p> - -<p>Wer noch nie junge Maulwürfe gesehen hat, der -kann sich kaum eine Vorstellung davon machen, wie<span class="pagenum"><a id="Page_145">[145]</a></span> -spaßhaft diese winzigen Wesen aussehen. Sie sind, eben -geboren, nicht viel größer als eine weiße Bohne, nackt, -ganz unbehilflich, alle Glieder unfertig, Schweinsembryonen -zu vergleichen. Dabei sind sie dick und -wohlgenährt, rundlich, und die fein gefaltete Haut ist -trotzdem auf Zuwachs der Leibesfülle berechnet. Nach -zehn Tagen etwa sind die Körperchen mit zartem Flaum -überzogen, durch den die rosige Haut aber noch immer -durchschimmert, bis sich die Haare zu dem weichsten -Samtfellchen schließen. Noch zwei Wochen vergehen, -dann werden die Kleinen allmählich entwöhnt; Regenwürmer -und allerlei Kerbtiere trägt die Mutter herbei -und verfüttert sie stückweise an ihre Kinder. Droht eine -Gefahr, so gräbt sie in Eile eine andere Höhle und trägt -ihre Jungen im Maule dahin. Namentlich Hochwassergefahr, -aber auch die Nachstellungen anderer Maulwürfe, -den Vater nicht ausgenommen, veranlassen die -Mutter zu solcher Fürsorge. Nach vieler Mühe sind die -Jungen endlich so weit, daß sie der Alten auf ihren -Pirschgängen folgen können, bis sich schließlich eins nach -dem andern von der Familie trennt und nun ein selbständiges -Leben beginnt. Noch ein zweites Mal wirft -die Mutter vier oder fünf Junge, die aber erst im kommenden -Frühjahr einen eigenen Hausstand gründen.</p> - -<p>Es gibt kaum ein anderes Säugetier, dessen Körperbau -sich den Verhältnissen, unter denen es lebt, so vollkommen -angepaßt hat, wie der Maulwurf. Oder richtiger: -beim Maulwurf läßt sich die Übereinstimmung -des äußeren und inneren Baus mit der Lebensweise so -deutlich erkennen, wie wohl bei keinem andern Säugetier. -Zur unterirdischen Wühlarbeit hat die Natur den -Maulwurf bestimmt, und nur unter diesem Gesichtspunkt<span class="pagenum"><a id="Page_146">[146]</a></span> -wird sein seltsamer Körperbau verständlich. Die -Vorderfüße sind zu wirklichen Händen umgebildet -worden mit fünf Fingern, an denen krallenartige -Schaufelnägel sitzen. Sie stehen seitwärts am Körper, -die Handfläche nach hinten, der kleine Finger nach oben -gerichtet. Ihr Arbeitsradius reicht beiderseits so weit, -daß der walzenförmige Leib des Tieres in dem gegrabenen -Tunnel gerade Platz findet. Kräftig sind jene -Schaufeln gebaut; ihr kurzer Stiel, den Ober- und -Unterarm darstellend, ist ganz im Körper verborgen. -Starke Muskeln treten von dem gekielten Brustbein an -die Knochenwülste der Arme heran und vermitteln diesen -die Kraft, die schwere Arbeit zu leisten. Die Hintergliedmaßen -sind viel schwächer; sie haben den Körper -nur vorwärts zu schieben und zeigen deshalb gewöhnliche -Füße mit Zehen und Sohlen, wie sie auch Igel und -Spitzmäuse besitzen. Auffallend stabartig gebildet sind -Hüft- und Sitzbeine; sie legen sich der Wirbelsäule an -und steifen sie, um das Vorwärtsschieben der lebendigen -Bohrmaschine zu erleichtern.</p> - -<p>Daß auch die winzigen Äuglein, nicht größer als ein -Stecknadelkopf, zu dem unterirdischen Leben passen, liegt -auf der Hand. Im Dunkel der Erde sind sie ganz überflüssig, -und wenn auch der Maulwurf in der Nacht aus -seiner Grube hervorkommt, so genügt es ihm wohl, hell -und dunkel unterscheiden zu können. Mehr braucht er -nicht; das Geruchsorgan und der feine Tastsinn seines -Rüssels verraten ihm, was er zu wissen bedarf. Die -Ohrmuscheln fehlen völlig. Sie würden als Fangtrichter -für Erdkrümchen nur hinderlich sein; auch leitet der -Boden die Schallwellen weit besser als Luft. Noch -manche andere Anpassungen lassen sich auffinden: die<span class="pagenum"><a id="Page_147">[147]</a></span> -Halswirbel, die einander teilweise überdecken; es kommt -ja nicht auf Beweglichkeit, sondern im Gegenteil auf -eine gewisse Starrheit dieses Körperteils bei der Minierarbeit -an; die Hautfalte der Oberlippe, die sich an die -Unterlippe fest anlegt und den Mund vollkommen abschließt, -daß auch den feinsten Erdteilchen der Eintritt -gewehrt wird; eine Hautfalte an der Ohröffnung, die -demselben Zweck dient usw.</p> - -<p>Man wird zugeben, daß der Maulwurf in seiner -ganzen Erscheinung ein besonders interessantes Tier -unserer Heimat ist, dazu eins der nützlichsten Geschöpfe, -zugleich aber auch ein volkstümliches Tier, von dem -manche Fabel zu berichten weiß. Ich erinnere nur an -den »Weißen Maulwurf« von Otto Julius Bierbaum, -dem die Ehre ward, daß man ihn im Maulwurfs-Pantheon -beisetzte, oder an den Maulwurf G. A. Bürgers, -dem alle Tugend nichts half; der Gärtner schlug ihn tot, -weil er die schön geebneten Blumenbeete durch seinen -Aufwurf verunziert hatte.</p> - -<p>Kurzsichtig, töricht und vor allem undankbar ist der -Mensch. Wieviel Feinde haben doch gerade die nützlichsten -Tiere! <em class="gesperrt">Igel</em>, <em class="gesperrt">Spitzmaus</em>, <em class="gesperrt">Maulwurf</em>, -ein Kleeblatt, an dem jeder seine Freude haben -sollte! Ich möchte all meinen Lesern die Samtfellchen -Maulwurf und Spitzmaus, ganz besonders aber auch -meinen Liebling, den stachelborstigen Igel, recht fest an -das tierfreundliche Herz drücken. Möge nie die Zeit -kommen, wo eins von diesen Dreien durch Unverstand -und Roheit aus unsrer Heimat verdrängt sein sollte!</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_148">[148]</a></span></p> - -<h2 id="Vogelnester">Vogelnester</h2> -</div> - -<p class="drop">Von jeher hat die Bautätigkeit der Tiere die Aufmerksamkeit -des Menschen in hohem Grade auf -sich gelenkt. Besonders zwei Tiergruppen sind es, die -Insekten und die Vögel, denen wir in dieser Beziehung -die höchste Bewunderung zollen müssen. Während aber -bei jenen nur eine verhältnismäßig geringe Zahl sich -durch allerdings staunenswerte Baukunst auszeichnet, -verstehen es die meisten Vögel mehr oder weniger kunstvolle -Nester zu errichten. Grundverschieden sind diese -nach Bauart, Form und Material; ja sogar der einzelne -Vogel derselben Art baut bisweilen ganz abweichend – -bald frei in luftige Höhe, bald auf den Boden, bald ins -Dunkel einer Höhle – immer aber versteht er es, sein -Nest in vollendeter Weise der Umgebung wie seinen Bedürfnissen -anzupassen, so daß jeder Architekt von dem -kleinen Vogel lernen könnte.</p> - -<p>In der freien Natur gibt es wohl keinen Platz, der -diesem oder jenem Vogel nicht willkommen wäre, keine -Örtlichkeit, die nicht Zeuge des lieblichsten Familienlebens -werden könnte. Unsre kleinen Sänger vertrauen -ihre niedlichen Nester dem Zweigwerk von Baum und -Strauch an; sie schlüpfen durch ein Astloch des Obstbaums -oder stellen ihr Nest ins Gestrüpp und dürre Laub auf -den Boden. Raubvögel bauen meist auf Felsen und hohen -Bäumen; sie sind stark genug, freistehende Horste verteidigen<span class="pagenum"><a id="Page_149">[149]</a></span> -zu können. Auch andere große Vögel verhalten -sich ähnlich: Reiher, Störche, selbst Raben, Krähen und -Elstern. Die Rebhühner, Trappen, Lerchen und andere -Feldbewohner brüten am Boden; die Spechte, diese echtesten -Baumvögel, meißeln sich eine Höhle in den Baumstamm, -die später auch von andern Höhlenbrütern benutzt -wird. Die Sumpfvögel bauen auf den Boden am -Rande des Wassers, die Wasservögel ins Röhricht von -Fluß und See; die Lappentaucher errichten nicht selten -ein freischwimmendes Nest. Strandvögel vertrauen -Eier und Brut dem flachen Kies oder der steilen Klippe -an, wo die Woge brandet. Die lichtscheuen Eulen brüten -an dunklen Orten, in Fels- und Mauerspalten, in Baumhöhlen; -der winzige Zaunkönig wählt für sein kugliges -Nestchen irgendeinen der tausend Schlupfwinkel seines -Reviers, ein Wurzelgeflecht, das Mauerloch einer Brücke, -Lücken in einer Waldhütte, einer Holzklafter usw.</p> - -<p>Aber es gibt auch Ausnahmen, die wir Menschen -uns nicht so einfach zusammenreimen können. So brüten -Rohr- und Kornweihe, diese fluggewandten Räuber, auf -dem Boden; der Fischer Kormoran errichtet seinen ungefügen -Bau auf hohen Bäumen, nicht selten auch manche -Wildentenart; so brütet die Schellente bei uns mit Vorliebe -in Asthöhlen, oft recht hoch über dem Boden, und -die Stockente hat sich schon Elsternhorste als Kinderstube -gewählt. Der weiße Storch sucht den Schutz des Menschen -auf, desgleichen die Haus- und die Rauchschwalbe, während -deren Base, die Uferschwalbe, obwohl sie im übrigen -ähnliche Lebensweise führt, in steile Lehm- und Erdwände -Röhren gräbt, einen Meter tief und darüber. -Wer würde es dem farbenprächtigen Eisvogel ansehen, -daß er gleichfalls ins unterirdische Dunkel eines selbstgegrabenen<span class="pagenum"><a id="Page_150">[150]</a></span> -Stollens schlüpft, um seine Jungen zu ätzen, -wer der Hohltaube, daß sie ihr Zwillingspärchen in -einem Astloch aufzieht oder in einer verlassenen Spechtshöhle, -während doch Ringel- und Turteltaube freistehende -Nester bauen! Warum errichtet der Gartenlaubvogel -die Wiege seiner Jungen in der Astgabel -niedriger Bäume, alle andern Laubvögel aber am Boden -oder unmittelbar darüber, in der Vertiefung eines alten -Baumstocks u. dgl.? Warum dort ein offenes Nest, hier -aber ein kugelförmiges mit engem Eingang, geformt wie -ein Backofen? Ja, wer es wüßte!</p> - -<p>Strenger noch als an einer bestimmten Örtlichkeit -hält jeder Vogel an der Wahl gewisser Niststoffe fest. -Kein Goldammer verzichtet auf Pferdehaare oder -Schweinsborsten; keine Entenart brütet die Eier aus, -ohne mit zartem Flaum das Innere des Nestes auszupolstern. -Krähen und Elstern tragen Erde und kleine -Rasenstücke in ihren Horst; Amsel und Ziemer verbinden -die eigentlichen Niststoffe mit Lehm und mit feuchter -Erde, wodurch das unförmliche Nest oft außerordentlich -schwer wird, während ihre Verwandte, die Singdrossel, -fein zerkleinerten Holzmull, den sie mit Speichel vermischt, -gleichmäßig und glatt über die Innenwand ihres -saubern Baues streicht. Feuchte Erdklümpchen benutzt -die Hausschwalbe, zartes Moos der Zaunkönig; dürres -Laub bildet die Grundlage für das Nest der Nachtigall; -Flechten und Insektengespinst verwenden Buchfink und -Goldhähnchen – kurz, jeder Vogel hat eine ausgesprochene -Vorliebe für ganz bestimmte Stoffe, und nur im -Notfall einmal wird er sie durch ähnliche Dinge ersetzen.</p> - -<p>Wie sich die besondere Nistweise, an der die einzelne -Art mehr oder weniger festhält, bis zu der gegenwärtigen<span class="pagenum"><a id="Page_151">[151]</a></span> -Musterform entwickelt hat, ist eine offene Frage. -Wir wissen nicht einmal, sind die bodenständigen Nester -oder die in den Zweigen der Bäume erbauten als die -ursprünglicheren anzusehen; nimmt der Vogel, der in -Höhlen brütet, eine tiefere Stufe ein als der sogenannte -Freibrüter, oder lassen uns nicht gerade viele Höhlenbewohner, -die ihr oft recht hübsch gebautes Nestchen in -ein Astloch, eine Mauerspalte stellen, vermuten, daß sie -ehemals Freibrüter waren, aber um die Sicherheit für -Eier und Junge zu erhöhen, zu dieser vollkommeneren -Methode fortgeschritten sind? Wenn wir im folgenden -einige besonders eigenartige Vogelbrutstätten betrachten -wollen, und zwar in der Anordnung, daß wir von den -scheinbar einfachsten Verhältnissen ausgehen und uns -zu immer kunstvollerer Bauweise wenden, so möchten -wir doch keineswegs damit behaupten, daß dieser Gang -nun auch wirklich der natürlichen Entwicklung der bei -den Vögeln geübten Baukunst entspreche.</p> - -<p>Einzelne Vögel begnügen sich mit der einfachen Reptilienmethode, -indem sie ohne weitere Fürsorge ihre -Eier auf den Boden legen. So vertrauen die meisten -Strandläufer, viele Schnepfenvögel, Seeschwalben, -manche Möwen die Eier dem bloßen Kies an oder der -kurzen Grasnarbe, ohne daran zu denken, ein wirkliches -Nest zu bauen. Auch die Nachtschwalbe kennt ein solches -nicht; auf plattem Boden brütet sie ihre beiden Eier aus, -oder auf dichtem Heidekrautgestrüpp, auf dem Moos -eines niedrigen Baumstocks u. dgl.</p> - -<p>Bei sehr vielen Höhlenbrütern kann man gleichfalls -nicht von wirklichem Nestbau reden; sie begnügen sich -damit, die Eier ohne besondere Unterlage einem Mauerloch, -einer Felsenspalte oder einer Baumhöhle anzuvertrauen.<span class="pagenum"><a id="Page_152">[152]</a></span> -Die natürliche Hohlform hält Eier und Wärme -zusammen; ein wenig Erde oder Holzmull findet sich -fast in jedem solchen Raume, wodurch den Eiern wenigstens -ein leidlich weiches Lager wird, und der Schutz für -den brütenden Vogel wie für die Brut ist doch ungleich -höher hier in der dunklen Höhle als draußen im Freien. -Spechte, der Wendehals, manche Eulen, die Hohltauben, -der Wiedehopf u. v. a. brüten in dieser Art, die indessen -nur einen kleinen Fortschritt bedeutet im Vergleich mit -der einfachen Nistweise der Nachtschwalbe. Natürliche -Bodenvertiefungen, die dem Körper des Vogels mehr -oder weniger angepaßt waren, Verstecke im Pflanzengestrüpp -und ausgefaulte Löcher im Baumstumpf mögen -die Verbindungsglieder gewesen sein.</p> - -<p>Etwas mehr Sorgfalt zeigen unsre Rebhühner, Trappen, -manche Seeschwalben, Möwen, Rallen u. v. a. Sie -scharren eine seichte Vertiefung in den Boden, knicken -Stengel und Halme um oder bilden durch häufiges -Drehen des Körpers eine geeignete Stelle, die sie nun -mit ein paar trocknen Gräsern oberflächlich ein wenig -auspolstern. Wozu sollten auch die Jungen, z. B. die des -Rebhuhns, eines künstlichen warmen Nestes bedürfen? -Sobald die Eihülle gesprengt und der Flaum getrocknet -ist, laufen sie ja doch davon, um vielleicht nie wieder -an den Ort zurückzukehren, wo sie das Licht der Welt -erblickt haben. Vögel, deren Junge längere Zeit im -Neste verbleiben, sogenannte »Nesthocker«, verwenden -stets mehr Fleiß auf die Niststelle; doch verdient diese -bei vielen, die auf dem Boden oder in Höhlen brüten, -noch kaum den Namen eines eigentlichen Nestes. Die -Feldlerchen z. B. suchen sich eine kleine Vertiefung -zwischen Erdschollen oder im Grase, erweitern und runden<span class="pagenum"><a id="Page_153">[153]</a></span> -sie nach Bedarf und tragen nun Stoppeln, Halme, -zarte Wurzeln zusammen. Mit ihrem Körper formen sie -alles zu einem tiefen Napf, den sie schließlich noch mit -einzelnen Pferdehaaren u. dgl. auspolstern. Unsre niedlichen -Blaumeisen begnügen sich, falls die Höhle, die sie -gewählt haben, sehr eng ist, mit einem recht einfachen -Bau: feine Brocken faulenden Holzes, darüber ein paar -Federn und Haare, das ist alles. In weiten Hohlräumen -aber sorgen sie für eine dichte Unterlage und für ein -weiches Haar- und Federpolster. Ähnlich verhalten sich -auch die andern Meisen mit Ausnahme der Schwanzmeisen.</p> - -<p>Einen Fortschritt zeigen schon die sogenannten »Halbhöhlenbrüter«, -welche für die Wiege ihrer Jungen -irgendeinen Winkel wählen, wie Hausrotschwanz, -grauer Fliegenschnäpper, weiße Bachstelze u. a.; auch -das Rotkehlchen gehört hierher, das sich ein Versteck -in einem ausgefaulten Baumstumpf, zwischen Wurzelgeflecht, -eine weite Erdhöhle u. dgl. aussucht. Sein Nest -stellt ein lockeres, kunstloses Gewebe dar, meist auf einer -Grundlage dürren Laubes. Beim Hausrotschwänzchen -kann man es genau beobachten, um wieviel vollkommener -der Vogel baut, wenn er das Nest auf einen freien, -nur von oben geschützten Balkenkopf oder hinter einen -Dachsparren stellt, als wenn er sich ins Halbdunkel -einer Höhle zurückzieht. Hier nur eine ungeordnete Anhäufung -von Niststoffen, dort aber ein dichtes Gewebe -mit sorgfältig gepolsterter Aushöhlung eines zierlichen -Napfes.</p> - -<p>Wirkliche Kunstbauten finden wir jedoch erst bei den -sogenannten Freibrütern, und zwar besonders bei denjenigen, -die sich losgemacht haben von der Scholle des<span class="pagenum"><a id="Page_154">[154]</a></span> -Bodens und im Astwerk von Baum und Strauch oder -am Schilfhalm ein lustiges Nest bauen. Doch dürfen -wir auch manchen Höhlenbrütern, wie den Baumläufern, -dem Star, Gartenrotschwanz, Trauerfliegenfänger, eine -gewisse Fertigkeit nicht absprechen. Nach unsrer Meinung -stellten diese Vögel, wie wir schon angedeutet -haben, ehemals freistehende Nester her; die seit alters -geübte Bauweise pflegen sie aber auch heute noch weiter, -trotz der veränderten Verhältnisse, nur daß sie dabei -weniger sorgfältig verfahren. Man vergleiche z. B. das -Nest der Spechtmeise, die sich ein Astloch erwählt, mit -dem Bau der freibrütenden Schwanzmeise, einem der -kleinsten Vögelchen unsrer Heimat. Bei jener eine -schlechte Unterlage aus lockern Stückchen von Buchen- -und Eichenblättern oder ein Wulst dünner Schalen der -Kiefernrinde; das Nest der Schwanzmeise dagegen ein -Kunstbau, kugelförmig, mit einem Schlupfloch, zusammengefilzt -aus Astmoosen, Baumflechten, Birkenschalen, -Schuppen der Eichenrinde und Haaren, überkleidet -mit Spinnen- und Raupengespinst, innen aber -ausgefüttert mit Federn und Wolle. Überhaupt zeichnen -sich die kleinsten der kleinen Baumeister durch höchste -Kunstfertigkeit aus. Hoch in die herabhängenden Zweigenden -einer Fichte oder Tanne hat das winzige Goldhähnchen -sein beinahe kugelförmiges Nestchen aufgehängt. -In die ziemlich glatte Außenwand sind die -Spitzen der dünnen Triebe des Nadelbaums geschickt eingeflochten, -daß der kleine Bau frei in der Luft schwebt; -oben führt eine enge Öffnung ins Innere, das mit wärmenden -Federchen dicht ausgekleidet ist. Oder das Nest -des Zaunkönigs: außen nicht selten ein wüster Haufen -von Stengeln, Wurzeln und Blättern, innen aber eine<span class="pagenum"><a id="Page_155">[155]</a></span> -dicht gefilzte Lage von grünem Moos, auf welche schließlich -das weiche Federpolster folgt.</p> - -<p>Auch die Finkenvögel bauen sehr hübsche Nester, an -erster Stelle unser frohschmetternder Buchfink. Hier -steht ein solches auf dem hohen Stumpf eines Fliederstrauchs, -dessen Fortsetzung es nach Stellung und Form -zu bilden scheint; aufs peinlichste ist es mit Lebermoosen -überzogen, wie sie der Stamm trägt, und mit -kleinen braunen Rindenstückchen beklebt, wie sie am -Boden liegen. Dadurch, daß der Vogel die Niststoffe -aus der Umgebung nimmt, paßt er das Nest dieser gewöhnlich -aufs schönste an, wodurch die Sicherheit erhöht -wird. Ob dabei bisweilen auch kluge Berechnung eine -Rolle spielt, möchte ich nicht entscheiden. Ich habe Finkennester -gefunden, in deren Wand Fetzen weißen Papiers -sehr geschickt eingewebt waren – sie standen auf -weißstämmigen Birken –, ein Nest des Zaunkönigs, das -durch Verwendung grauen Mooses und grauer Algen -die Farbe der granitenen Brücke täuschend nachahmte, -unter die es gebaut war, und ein andres, dessen grüner -Moosüberzug mit dem Grün seiner Umgebung vollkommen -übereinstimmte. Vielleicht ist es so, daß der Vogel -durch einen auffallenden Farbengegensatz des Nestes mit -dessen Umgebung unangenehm berührt wird und ohne -viel Nachdenken die Stoffe wählt, die in der Farbe zu -der unmittelbaren Nachbarschaft des Nestes passen. Ich -entsinne mich aber auch einiger Nester, wo von solcher -Übereinstimmung nicht die Rede sein konnte; so hatte -ein Schwanzmeisenpärchen ein ganz lichtes, aus heller -Baumrinde und Laubmoosen gefilztes Nest in das dunkle -Grün einer Jungfichte gestellt, daß es weithin erkennbar -war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_156">[156]</a></span></p> - -<p>Ein sehr zierliches Nest bauen auch die Rohrsänger. -Von ein paar Schilfstengeln, die in die Wandungen eingewebt -sind, wird der kegelförmige Bau getragen, die -Spitze nach unten. Gespaltene Schilfblätter, schmales -Gras und biegsame Halme bilden die kunstvoll geflochtene -Wandung, in der jede Lücke mit Pflanzenwolle verstopft -ist, namentlich von der Weide. An allen Bewegungen -der Halme nimmt der luftige Bau teil, wenn -der Wind durchs Schilf saust und die Spitzen hinabbiegt -bis in die Wellen des Teichs; aber der Napf ist so tief, -daß die Eier so leicht nicht herausfallen.</p> - -<p>Freilich gibt es auch unter unsern kleinen Sängern -einige, die recht liederlich bauen. Das gilt z. B. von -unsern Grasmücken. Ich habe Nester der kleinen Zaungrasmücke -gefunden, deren Boden so locker gewebt war, -daß man kaum begreift, wie sie die Wärme zusammenhalten -können. Noch weniger dicht sind die sehr flachen -Nester der Ringeltaube gebaut; nicht selten sieht man -die weißen Eier zwischen den Lücken hindurchleuchten. -Ja, es kommt vor, daß sie unter dem brütenden Vogel -durch den Boden fallen, so daß ich glaube, die Ringeltaube -ist erst nachträglich zum Freibrüter geworden, -während sie früher, wie Hohl- und Felsentaube noch -heute, in Höhlungen brütete.</p> - -<p>Gleich der Ringeltaube verwenden fast alle größeren -Vögel stärkere oder dünnere Reiser für die äußere Wandung, -wie dies das Nest des Eichelhähers zeigt, oder die -kleinen Horste der Elstern und Krähen und die bisweilen -gar gewaltigen Reisighaufen, welche Raubvögel, Reiher -und Störche zusammenschleppen. Solch ein Adlerhorst, -ich denke an den eines Fischadlers, der auf dem vertrockneten -Wipfel einer uralten Eiche stand, ist einer mächtigen<span class="pagenum"><a id="Page_157">[157]</a></span> -Stammburg zu vergleichen. Nicht das Paar, das -jetzt droben haust, hat den riesigen, fast mannshohen -Bau gegründet, sondern vielleicht seine Großeltern vor -vielen Jahren. In jedem Frühling wird das Schloß -der Väter von neuem bezogen und mit frischen Baustoffen -belegt und ausgebessert; in seinen untern Schichten, -gewissermaßen in den Kellerwohnungen, haben sich -ein paar Meisen häuslich niedergelassen, wie ja auch in -der Wandung alter Storchnester, die gleichfalls alljährlich -von unsern Hausfreunden wieder bezogen werden, -nicht selten Meister Spatz seine zahlreiche Nachkommenschaft -großzieht. Verlassene Raubvogel- und Krähenhorste -dienen übrigens manchen Vögeln zur willkommenen -Wohnung; am häufigsten scheinen Waldohreule und -Turmfalke von solch herrenlosem Eigentum Besitz zu -nehmen.</p> - -<p>Zu den hübschesten Nestern unsrer Heimat gehört das -des gelbschwarzen Pfingstvogels, des Pirols. Freischwebend -hängt es, einem Klingelbeutel vergleichbar, -zwischen den Enden einer Astgabel; aus Bast, Halmen, -Wollfäden, Oberhäutchen der Birkenrinde, feinen Hobelspänen -u. dgl. ist es gar zierlich gewoben. Man begreift -nicht, wie es dem Schnabel im Verein mit den Zehen -möglich ist, aus dünnen Fasern solch feines, braungelbliches -Gewebe herzustellen.</p> - -<p>Von den Zimmerleuten unsrer Wälder, den Spechten, -war schon die Rede; auch der Wendehals und -manche Meisenarten verstehen sich auf dies Handwerk, -insofern sie vorhandene Höhlen nach ihrem Bedürfnis -vergrößern. Ähnlich ist die Tätigkeit der Minierarbeiter; -nur haben es diese nicht mit Holz, sondern mit Lehm, -Sand oder Erde zu tun, wie die Uferschwalbe, der Eisvogel<span class="pagenum"><a id="Page_158">[158]</a></span> -und der ebenso farbenprächtige Bienenfresser, der -freilich unsrer Heimat fehlt, den ich aber an manchen Gewässern -Südungarns beobachten konnte.</p> - -<p>Mit Lehm und mit Erde arbeiten ferner die Maurer, -zu denen unsre Schwälbchen gehören. Unterhaltend ist -es, den emsigen Tierchen zuzuschauen. Zuerst werden -feuchte Klümpchen – meist ist es Straßenkot – eins -neben das andre in flachem Bogen an die Baustelle geklebt; -dann ruht die Arbeit bis zum nächsten Morgen. -Ist jetzt das Mauerwerk völlig trocken, so wird eine -zweite Lage von Erdklümpchen so angesetzt, daß sie die -erste Schicht überragt; am dritten Morgen wird in gleicher -Weise fortgefahren. Schon geht die Arbeit leichter -von statten, denn die Vögelchen brauchen sich nicht mehr -an der Hauswand anzuklammern, sondern können auf -dem bereits gemauerten fingerbreiten Rand Fuß fassen. -Schicht folgt auf Schicht, wobei auch einige Halme, Borsten, -Haare mit eingeklebt werden. Nach zwei Wochen -etwa ist das kugelrunde Nestchen der Hausschwalbe oder -das halbkugelförmige der Rauchschwalbe fertig; es bedarf -nur noch der Auspolsterung mit Federn und -Haaren.</p> - -<p>Auch die Spechtmeise versteht sich auf Mörtel und -Kitt; ist das Eingangsloch zur Baumhöhle, in der sie ihr -kunstloses Nest erbaut, zu weit, so vermauert sie es -ringsum mit eingespeichelten Lehmklümpchen, daß dem -Eichhörnchen und andern Räubern der Zugang gewehrt -wird.</p> - -<p>Im allgemeinen beteiligen sich Männchen und Weibchen -am Nestbau; sehr oft beschränkt sich aber die Tätigkeit -des Männchens auf das Aufsuchen und Herbeitragen -der Niststoffe, während das Weibchen gewöhnlich<span class="pagenum"><a id="Page_159">[159]</a></span> -die eigentliche Künstlerin ist. Wer beispielsweise den -Pirol oder den Buchfink, bei denen sich die Geschlechter -leicht unterscheiden lassen, belauscht, wie Männchen und -Weibchen gemeinsam das Nest bauen, wird diese Verteilung -der Arbeit bestätigen können.</p> - -<p>Das Nest ist für den Vogel weit weniger ein Wohnhaus, -als man gewöhnlich annimmt; zunächst dient es -nur den Zwecken der Fortpflanzung, und bloß gelegentlich -benutzt es das Elternpaar, bei ungünstiger Witterung -darin Schutz zu finden. Auch die Nacht verbringt -der Vogel, abgesehen vom brütenden oder die Jungen -wärmenden Weibchen, meist nur in der Nähe der Niststelle. -Manche bauen sich auch besondere Schlafnester, -so der Zaunkönig; andere wieder sog. Spielnester, indem -sie, wie die Grasmücken, hier und da mit dem Nestbau -beginnen, ihn aber bald wieder einstellen, um an anderer -Stelle von neuem zu probieren. Namentlich die -Männchen können es im Frühjahr oft gar nicht erwarten, -daß ihr Weibchen nun endlich mit dem Nestbau -Ernst mache, und sie tragen deshalb allerlei Baustoffe -ins Gezweig, um die Gattin aufzufordern: nun ist es -Zeit.</p> - -<p>Nicht genug staunen kann man über die peinliche -Reinlichkeit der meisten Nester – »ein schlechter Vogel, -der sein Nest beschmutzt«. Den Kot der Jungen tragen -die Höhlenbrüter im Schnabel fort, und bei den Freibrütern -– ich denke an Schwalben, Störche u. a. – -lernen es die Kleinen sehr bald, ihre Kehrseite so zu -wenden, daß der Kot über den Nestrand befördert wird.</p> - -<p>Das ganze Leben und Treiben unsrer kleinen Sänger -spielt sich während ihres kurzen Aufenthalts in der nördlichen -Heimat am Nest und in dessen nächster Umgebung<span class="pagenum"><a id="Page_160">[160]</a></span> -ab, bis der große Tag kommt, wo das Vöglein seine -Schwingen erhebt, um dem fernen Süden zuzueilen. Nur -einen einzigen Vogel beherbergt unser Vaterland, der -sich weder um Nestbau noch um Aufzucht der Brut kümmert, -das ist der Kuckuck; von ihm gilt das lustige -Sprüchlein:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Der g'scheitste Vogel muß der Gugezer sei',<br /></span> -<span class="i0">Die andern bau'n d' Nester, und er setzt sich nei'!<br /></span> -</div></div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_161">[161]</a></span></p> - -<h2 id="Im_Teichgebiet_der_sachsischen_Lausitz">Im Teichgebiet der sächsischen Lausitz</h2> -</div> - -<p class="drop">Eigentlich war's zu einem ornithologischen Ausflug -nach unserm sächsischen »Tausendseen-Land« noch ein -wenig früh im Jahre. Doch was half's! Ich kann nicht -verlangen, daß das Osterfest mit seinen Ferien bloß -meinetwegen um einige Wochen verschoben wird. Und -im vorigen Jahre konnte ich mich – genau wie 1911 – -wenigstens einigermaßen mit dem Ostertermin aussöhnen. -Der 16. April ist doch ein ziemlich später Zeitpunkt -für das Fest, und da ich mich erst am »dritten -Feiertag« (18. April) auf den Weg machte, durfte ich -hoffen, wenn auch bei weitem noch nicht die volle Entfaltung -des Vogellebens in jenem Gebiet, so doch immer -schon den vielversprechenden Anfang dazu anzutreffen.</p> - -<p>Es war also Aussicht vorhanden, daß ich von Dresden -her ganz gleichzeitig mit dem oder jenem Bekannten, -der aus Kleinasien, Ägypten, von den Ägäischen Inseln -usw. in diesen Tagen heimzukehren pflegt, in Baselitz, -Milstrich, Königswartha oder Commerau eintreffen -würde. Mit Freund Langbein, dem Storch, klappte es -auf die Minute, als ob wir uns verabredet hätten. Freilich -mancher gefiederte Nachzügler fehlte noch; aber das -schadete schließlich nicht viel. Der Vogelfreund sieht doch -auch die, die nicht da sind, und interessiert sich auch dafür, -welcher Vogel einer Gegend noch fehlt, sei es, daß -er regelmäßig recht spät kommt, oder daß er sich gegen<span class="pagenum"><a id="Page_162">[162]</a></span> -seine Gewohnheit verzögert hat. Den rotrückigen Würger, -den Mauersegler, die Nachtschwalbe, den Gartenlaubsänger, -den Pirol, die Wachtel und namentlich die -Rohrsänger konnte ich natürlich noch nicht erwarten.</p> - -<p>Trotz dieser und anderer Lücken war es mir möglich, -71 Vogelarten in meine »unblutige Schußliste« einzutragen.</p> - -<p>Der etwas einförmige Weg von Kamenz über Jesau -nach Deutsch-Baselitz bot nichts Besonderes. In großer -Menge saßen die Stare auf Wiesen und Feldern. Der -Gesang der Lerchen erfüllte die Luft; Buchfinken schmetterten; -Kohlmeisen ließen in jedem Obstgarten ihre hellen -Glöckchenstimmen erklingen; Goldammern gaben -mir ab und zu das Geleit, während ihre plumperen -Vettern, die Grauammern, von den Straßenbäumen -herab mit unermüdlicher Ausdauer ihr wenig musikalisches -»zick zick zick schnirrrrps« zirpten. Haus- und -Feldsperlinge natürlich in ausreichender Menge; ein -Elsternhorst auf einer hohen Erle; aus der Ferne der -durchdringende Ruf des Grünspechts; einige Nebelkrähen, -schwerfälligen Flugs meinen Weg kreuzend, -und – eine besondere Überraschung, daß er schon da ist – -ein Gartenammer oder, wie er gewöhnlich heißt, ein -»Ortolan«. Er saß an der Straße auf einem Baum, -ließ sich aber nicht hören.</p> - -<p>Deutsch-Baselitz liegt an dem größten stehenden Gewässer -Sachsens, umfaßt doch der »Großteich« etwa -400 sächs. Scheffel, das sind mehr als 110 Hektar. In -der Nähe noch einige kleinere Teiche, die alle der sehr -ergiebigen Karpfen- und Schleienzucht dienen. Der -Pächter des Guts war so freundlich, mir ein Boot zur -Verfügung zu stellen und einen Fährmann zugleich. Noch<span class="pagenum"><a id="Page_163">[163]</a></span> -ehe man die weite Wasserfläche sieht, hört man bereits -die hellen Lockrufe der Bläßhühner, das tiefe »grök grök« -der Haubentaucher, das Grunzen und scharfe Lärmen der -Rothälse, die garstigen Schreie auffliegender Stockerpel -und die wohlklingenden Stimmen kleiner Krikenten. -Einzelne Kiebitze gaukelten unruhig umher, taumelnden -Flugs, und weiße Lachmöwen tummelten sich hoch in -den Lüften.</p> - -<p>Wir durchschreiten das abgestorbene Röhricht, um -das Boot zu erreichen. Da fesselt ein <em class="gesperrt">grünfüßiges -Teichhühnchen</em> meine Aufmerksamkeit. In prachtvoller -Balzstellung trippelt es am Ufer vor seinem -Weibchen gar zierlich hin und her. Überraschend groß -erscheint der Vogel in dieser verliebten Haltung. Den -Schwanz hat er emporgerichtet, daß sich dessen schneeweiße -Unterseite wirkungsvoll von dem übrigen dunkeln -Gefieder abhebt. Die rote Stirnplatte und der hochgelbe -Schnabel leuchten wie grellfarbige Blumen aus dem -welken Schilf, und dieselben Farben wiederholen die -koketten Strumpfbänder, die der Vogel an den Fersengelenken -trägt. Jetzt läßt sich das Paar ins Wasser -gleiten; auch hier wird das Männchen nicht müde, seiner -Angebeteten den Hof zu machen. In zierlichen Bogen -umschwimmt es sie, bald den weißen Federstrauß des -Schwanzes, bald die feurige Pelargonie an der Stirnplatte -ihr zukehrend – aber plötzlich sind die beiden verschwunden. -Sie haben es wohl gemerkt, daß ich ihrem -Liebesspiel gelauscht, und sind nun untergetaucht, sich -mit ihren langen Zehen im Schilf unter dem Wasser festhaltend.</p> - -<p>Wir betreten das Boot und fahren ein Stück hinaus -auf die Fläche. Hunderte von Wasservögeln sind hier<span class="pagenum"><a id="Page_164">[164]</a></span> -vereinigt. In kleineren und größeren Trupps, auch nur -in einzelnen Paaren schwimmen Bläßhühner und Enten -aller Art, Taucher und Möwen. Oft verschwinden -ganze Gruppen wie auf Kommando unter die Wasserfläche, -während andere wieder auftauchen.</p> - -<p>Es erfordert einige Mühe, in das Durcheinander der -schwimmenden, tauchenden, niedrig über dem Wasserspiegel -und hoch in den Lüften fliegenden Arten Ordnung -zu bringen.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Bläßhühner</em> freilich bieten keine Schwierigkeit; -sie sind sofort zu erkennen: hühnerartig plump ihre -Gestalt, das ganze Gefieder tiefschwarz bis auf die -kreideweiße, weithinleuchtende Stirnplatte. Unruhig -sind sie und recht laut; denn eifersüchtige Kämpfe werden -jetzt fast beständig unter ihnen ausgefochten. Mit -gesenkten Köpfen rudern die Nebenbuhler aufeinander los -und prallen heftig schreiend zusammen, oder sie jagen sich, -die Wasserfläche mit ihren Lappenfüßen schlagend, über -den halben Teich hin, um sich dann schließlich schwerfällig -in die Luft zu erheben oder im Schilfwald einzufallen.</p> - -<p>Unter den Enten sind die zierlichen <em class="gesperrt">Tafelenten</em> -die häufigsten; mein Bootsführer, auch andere Leute -in der Lausitz nennen sie »Brandenten«, was aber falsch -ist. Sie zeigen wenig Scheu, erheben sich beim Nahen -unseres Nachens immer zuletzt oder vertrauen auf ihre -Fertigkeit im Tauchen. Dreifarbig ist das Kleid des -Männchens: rostbraun Kopf und Hals, zartes Grau auf -Flügeln und Rumpf; Brust und Hinterteil aber tiefschwarz. -Mit etwas eingezogenem Hals schwimmen sie -friedlich in großen Trupps umher, kein eifersüchtiges Gezänk, -nur zärtlich pfeifende Laute, tauchen gemeinschaftlich,<span class="pagenum"><a id="Page_165">[165]</a></span> -oder es umschwärmen auch ein paar Männchen ein -einzelnes Weibchen, diesem immer getreulich folgend, -wohin es den Weg nimmt.</p> - -<p>Auch die kleinen <em class="gesperrt">Krikenten</em> sind in großen -Scharen vertreten. Das Gefieder des Erpels ist graugewellt; -der dunkelbraune Kopf zeigt einen grünglänzenden -Streifen, der sich bis zur Hälfte des Halses herabzieht, -aber selbst mit dem Feldstecher aus größerer Entfernung -schwerer zu erkennen ist, als der metallisch-grüne -und schwarze, weiß eingesäumte Spiegel an den Flügeln. -Die Weibchen sind unscheinbar graubraun; doch tragen -auch sie, gewissermaßen als Familienwappen, jene Flügelzier. -Die kleinsten sind immer die beweglichsten und -geschäftigsten. Leicht wie eine Feder erheben sie sich von -der Wasserfläche, umkreisen in leichtem Flug den Teich, -wobei wir, sobald sie sich uns nähern, deutlich ihre eigentümlich -schwingenden Flugtöne vernehmen, und fallen -dann wieder in einer seichten Bucht ein, um hier zu -gründeln, wobei, wie bei unsern Hausenten, der hintere -Körperteil senkrecht aus dem Wasser emporragt; denn -ganz unterzutauchen ist nicht ihre Art.</p> - -<p>Bedeutend größer als Tafel- und Krikenten sind die -<em class="gesperrt">Stock-</em> oder <em class="gesperrt">Märzenten</em>, die Stammeltern unsres -zahmen Hofgeflügels. Sie sind bereits mit dem Nestbau -beschäftigt, schwimmen zu Paaren umher oder erheben -sich paarweise in die Lüfte, wobei das galante Männchen -stets dem Weibchen den Vortritt läßt. Der Stockerpel -ist ein prächtiges Tier. Das metallische Grün von -Kopf und Oberhals wird durch einen schneeweißen Ring -von dem Braun des Unterhalses und der Brust scharf getrennt, -und der violett-blau-grüne Spiegel ist gleichfalls -ein hübscher Schmuck. Es gibt viele unter unsern Hausenten,<span class="pagenum"><a id="Page_166">[166]</a></span> -die sich Form und Farbe der Federn genau so -schön erhalten haben, wie wir's an den wilden »Stocken« -bewundern.</p> - -<p>Auch die sog. <em class="gesperrt">Mittelente</em> bewohnt die weite -Fläche des Teiches, wenigstens in einigen Paaren. Aus -der Entfernung gesehen, erscheinen diese Enten anspruchslos -grau, das Männchen mit einem schwarzen, -das mehr bräunliche Weibchen mit einem gelbroten -Schnabel.</p> - -<p>Viel auffallender sind die <em class="gesperrt">Schellenten</em> wegen ihres -scheckigen Kleides. Zwei große Felder auf den Flügeln, -ebenso Brust und Hals, auch ein Fleck an der Wange -hinter dem Schnabel leuchten schneeweiß, während der -Rücken tiefschwarz gefärbt ist. Ich habe Schellenten, -allerdings nie in besonders hoher Zahl, auf fast allen -größeren Teichen der Lausitz gesehen; sie sind, obgleich -ihre eigentliche Heimat weiter im Nordosten gelegen ist, -für unser Sachsen seit einiger Zeit in recht erfreulicher -Zunahme begriffen, und das ist um so verwunderlicher, -als sich diese kleinen Enten mit Vorliebe Baumhöhlen, -die doch immer seltener werden, zur Brutstätte auswählen. -Mir ward von meinem Fährmann eine solche -Höhle gezeigt, wo im vorigen Jahre eine »Schelle« ihre -Jungen erbrütet hatte: ein Loch in einem wagrechten -Ast einer uralten Föhre, gegen 3 <em class="antiqua">m</em> hoch über dem -Wasser, der Eingang so eng, daß man nicht recht begreift, -wie eine Ente sich hindurchzwängen kann. Hätte wohl -sehen mögen, wie die kleinen Entchen aus der dunkeln -Höhle mutig den Kopfsturz ins Wasser gewagt haben, -ähnlich wie die Lummen von ihrer Helgoländer Felsklippe -hinab in die bewegte See.</p> - -<p>Die Schellenten hatten sich bei meinem Besuch noch<span class="pagenum"><a id="Page_167">[167]</a></span> -nicht in Pärchen aufgelöst, sondern hielten in größeren -Trupps kameradschaftlich zusammen. Ein Vergnügen -war's, ihnen zuzuschauen, wie sie unaufhörlich im Wasser -verschwanden und dann leicht wie ein Kork wieder auftauchten; -bald waren nur wenige, bald gar keine, bald -war wieder die ganze Gesellschaft auf der Oberfläche zu -sehen.</p> - -<p>Von den Taucherarten beherbergt der Teich den -großen Haubentaucher in mehreren Paaren, die kleineren -Rothalstaucher und die noch viel kleineren Zwergtaucherchen, -die in großer Anzahl ihre Künste zeigten, -während ich Schwarzhalstaucher hier nicht bemerkte.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Haubentaucher</em>, deren weiße Brust bei -jeder Wendung des Vogels aufblitzt und wieder verschwindet, -waren ziemlich mißtrauisch; sie versanken im -Nu unter dem Wasser, wenn sich ihnen unser Boot -näherte und tauchten erst in großer Entfernung wieder -auf oder erreichten, unter dem Wasser schwimmend, die -Nähe des Ufers, wo sie das Schilf unsern Blicken entzog.</p> - -<p>Viel weniger Scheu zeigten die <em class="gesperrt">Rothalstaucher</em>; -ja ein Pärchen, das mit dem Nestbau eifrigst beschäftigt -war, ließ mich bis auf wenige Meter herankommen. Wie -schön sind doch auch diese Taucher! Rostrot der Hals, die -Kehle und zwei Wangenflecken weiß; statt der eigentlichen -Haube aber zwei schöne nach hinten gerichtete -Federohren. Unermüdlich tauchten die Vögel nach allerlei -Wasserpflanzen und legten diese Baustoffe auf die -Schilfkaupe, die sie sich zur Niststelle erkoren hatten. -Es war schon ein großer Klumpen, naß, schlammig und -übelriechend, zusammengetragen; aber den beiden schien's -immer noch nicht genug.</p> - -<p>Der kleinste der Tauchersippe, der niedliche <em class="gesperrt">Zwergtaucher</em>,<span class="pagenum"><a id="Page_168">[168]</a></span> -ließ oft seine trillernde Stimme hören, eine -ganze Kette perlender, etwas absinkender Töne, die das -Tierchen jedem verraten, der's nur einmal gehört hat. -Aber dem Auge zeigte sich das Taucherchen immer nur -auf kurze Sekunden; am Rande des Schilfwaldes trieb -es das lustigste Versteckspiel oder tauchte unter, sobald es -sich beobachtet sah.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Lachmöwen</em>, die ihre braune Gesichtsmaske -bereits aufgesetzt hatten, waren wohl nur zu Besuch gekommen. -Ihr eleganter Flug belebte das Landschaftsbild -reizvoll; einige ruhten auch auf der Wasserfläche -aus, weißen Seerosen zu vergleichen, oder saßen eng aneinandergereiht -auf einer Planke am Ufer. Ihre nächsten -Brutplätze haben sie an manchem Teich der preußischen -Lausitz.</p> - -<p>Von Seeschwalben war natürlich noch keine Art zu erblicken; -denn die <em class="gesperrt">Fluß-</em> und <em class="gesperrt">Zwergseeschwalben</em> -kommen erst Anfang Mai. Dagegen zeigte sich in der -Höhe ein <em class="gesperrt">Fischadler</em>, weite Kreise über dem Gewässer -ziehend und dann langsam in der Ferne verschwindend. -In der sächsischen Lausitz brütet der edle -Fischer nicht mehr; vielleicht daß die Lohsaer Forsten -jenseits der preußischen Grenze seinen Horst noch beherbergen.</p> - -<p>Aber einen andern Vogel, den wir auch heute noch -mit Stolz als sächsischen Landsmann bezeichnen dürfen, -konnte ich hier in Deutsch-Baselitz begrüßen, den <em class="gesperrt">weißen -Storch</em>. Es war mir eine große Freude, den Weitgereisten -unmittelbar bei seiner Ankunft willkommen zu -heißen.</p> - -<p>Wir saßen gerade beim Mittagessen, als das jüngste -blondhaarige Töchterchen unsers freundlichen Gastgebers<span class="pagenum"><a id="Page_169">[169]</a></span> -ins Zimmer stürzte: »Der Storch, der Storch ist da!« -Alle sprangen auf und liefen nach der Rückseite des -Hauses. Dort stand er auf seinem alten Horst im Wipfel -einer schlank gewachsenen Linde und klapperte nach -Herzenslust. So schmuck sah er aus; geradezu blendend -das Weiß seines Gefieders und leuchtend das Korallenrot -von Schnabel und Ständern. Herzerfreuend war es -zu beobachten, wie sich auf der Dorfstraße alt und jung -vor dem Storchennest einfand und strahlenden Auges zu -dem »Glücksbringer« emporschaute. Besonders ein kleines -flachsköpfiges Mädel von drei oder vier Jahren war -voller Begeisterung, und altklug belehrte es mich, daß -später der Klapperstorch kleine Kinder – ich verstand -nicht, ob bringen oder haben würde. Auch noch andere -Ortschaften der Lausitz beherbergen Störche; ich sah einen -besetzten Horst beim Rittergut Kauppa in der Nähe von -Commerau, einen andern in Wartha bei Königswartha, -in Döbra, in Skaska, und überall waren die Störche, wie -man mir sagte, am gleichen Tage, am 18. April, angekommen.</p> - -<p>Nachmittags besichtigte ich die Einrichtungen der -<em class="gesperrt">Fischzucht</em>. Es handelt sich fast ausschließlich um -Karpfen und Schleien; bei dem rationellen Betrieb sind -die Erträgnisse außerordentlich gewachsen: viele hundert -Zentner alljährlich. Aber es gibt Herrschaften in der -Lausitz, die noch einmal so viel Fische züchten, ja -das Rittergut Königswartha, zu dem allerdings 119 Teiche -gehören – die meisten bereits im Preußischen -gelegen – bringt unglaubliche Mengen dieser wohlschmeckenden -Flossenträger auf den Markt; dennoch sei -die Fischzucht, wie mir der dortige Fischmeister sagte, -noch einer großen Steigerung fähig.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_170">[170]</a></span></p> - -<p>Darüber ließe sich viel Wissenswertes berichten; aber -nicht den stummen Bewohnern des Wassers, sondern -dem sangesfrohen und geschwätzigen Völkchen der Vögel -galt mein Besuch. Während ich mich auf den Teichdämmen -unter den duftigen Jungbirken erging und bei -jedem Schritt ein halbes Dutzend Frösche, wiederholt -auch sich sonnende Ringelnattern aufjagte, sang der Fitis -unermüdlich aus jedem Gebüsch sein weiches Lied; die -Singdrossel jubelt, der Zaunkönig schmettert, Blaumeischen -zetert, der Weidenlaubsänger gibt sein einförmiges -»Zilp-zalp« zum besten; aus dem Fichtenwald der häßliche -Balzruf des Fasans, das Gurren des Ringeltaubers, -das Trommeln des Buntspechts und Rotkehlchens sehnsuchtsvolle -Strophe: überall selige Frühlingsstimmung.</p> - -<p>Gegen Abend noch eine Fahrt auf dem Großteich. -Das Kollern der <em class="gesperrt">Birkhähne</em>, die auf einem freien, -von Hochwald umsäumten Platz balzen, schallt weithin -über die Wasserfläche. Behutsam nähern wir uns. Drei -Hähne sind es, die mit ausgebreitetem »Spiel«, mit vorgestreckten -Hälsen und hängenden Flügeln umherspringen. -Wir sind so nahe, daß wir auch das Zischen -der aufgeregten Tiere vernehmen und trotz der Dämmerung -das leuchtende Weiß im Federkleid und die purpurne -»Rose« über dem Auge ganz deutlich erkennen. -Einige Hennen, klein und unscheinbar, sind in der Nähe; -sie laufen, Nahrung suchend, umher, als kümmerten sie -sich gar nicht um das unblutige Kampfspiel ihrer verliebten -Ritter. Jetzt hat uns die Gesellschaft bemerkt; -da flattern sie lautlos davon. Auch unser Nachen zieht -leise auf seiner Bahn weiter. Aber es dauert nicht lange, -da hören wir wieder das »Rodeln« oder »Kollern« der -Hähne aus derselben Gegend. Das Birkwild ist nicht<span class="pagenum"><a id="Page_171">[171]</a></span> -eben scheu; es läßt sich nicht so leicht vergrämen wie der -balzende Auerhahn.</p> - -<p>Immer mehr senkt sich die Dämmerung über den -See. Enten und Bläßhühner werden stiller, aber das -Froschkonzert schallt lauter und lauter. Welch ohrenbetäubender -Lärm wird aber in ein paar Wochen am -Abend und die ganze Nacht hindurch bis zum goldnen -Morgen hier herrschen, wenn die <em class="gesperrt">Teich-</em> und <em class="gesperrt">Drosselrohrsänger</em> -zurückgekehrt sind und nun ihr vielstimmiges -Konzert geben. Heute ist's ein anderer, wenig -bekannter Nachtschwärmer, dessen weithin schallender -und doch weicher Flötenton uns erfreut. Es ist der -<em class="gesperrt">Triel</em>, der die sandigen Felder der Lausitz, die lichten -Kiefernwälder und Waldblößen bewohnt; auch in der -sächsischen Flachlandschaft westlich der Elbe ist der scheue -Dämmerungsvogel, der zu den Regenpfeifern gehört, -nicht selten. Seine Rufe – meist zwei oder drei sich -eng aneinanderschließende Flötentöne von überaus angenehmem -Wohlklang – erhöhen den Reiz der lauwarmen -Frühlingsnacht.</p> - -<p>Von Eulen ließ sich in der Nähe des Dorfes nur das -<em class="gesperrt">Steinkäuzchen</em> hören. Erst rief ein Männchen ein -paarmal sein pfeifendes »Guhk«, dann antwortete ihm -ein zweites mit demselben Gruß, und bald lockte ein -Weibchen mit hohem »Kuwiff, kuwiff«.</p> - -<p>Am Morgen des nächsten Tages, den als erster -Sänger Hausrotschwänzchen mit klirrender Strophe begrüßte, -zeigte sich am Ufer des Großteichs in den hohen -Eichen ein <em class="gesperrt">Wiedehopf</em>. Ich vernahm seinen kuckucksähnlichen -Ruf »upupupup« schon längst, ehe ich den -hübschen Vogel mit dem aufrichtbaren, lockeren Federbusch -und dem langen, dünnen Schnabel zu Gesicht bekam.<span class="pagenum"><a id="Page_172">[172]</a></span> -Der muntere Bursche war außerordentlich scheu; -bis auf 50 Meter nur ließ er mich herankommen. Dann -flog er immer ein Stückchen weiter auf eine andere -Eiche, bis er schließlich in zuckendem, unregelmäßigem -Flug über die breite Wasserfläche setzte.</p> - -<p>Durch Wiesen und Felder führte mich der Weg weiter -nach Milstrich. Die reizenden Flugspiele der <em class="gesperrt">Kiebitze</em>, -die mich so nah umflatterten, daß ich das seltsame -»Wuchteln« ihrer Schwingen deutlich vernahm, belebten -die freundliche Landschaft; auch ein paar <em class="gesperrt">Turmfalken</em> -zeigten ihre Künste. Im Dorf sah ich die ersten -Schwälbchen, zwei oder drei Paar <em class="gesperrt">Rauchschwalben</em>, -auch eine einzelne <em class="gesperrt">Hausschwalbe</em>; sie zwitscherten -seelenvergnügt, froh, daß die schlimme Zeit nun vorüber -und Wärme und Sonnenschein das kleine Volk der Insekten -zu neuem Leben geweckt hatten.</p> - -<p>Zu dem Milstricher Rittergut gehören gleichfalls -viele, zum Teil recht ansehnliche Teiche. Sie sind von -nur geringer Tiefe, vielleicht einen Meter im Mittel. -Das ist ein Vorzug aller stehenden Gewässer der Lausitz; -denn das Wasser erwärmt sich dadurch schnell bis auf -den Grund, was der Fischzucht förderlich ist. Außer den -schon genannten Enten, Tauchern, Wasserhühnern belebten -auch kleine <em class="gesperrt">Moorenten</em> die Teiche in der Nähe -des Gutes. Ziemlich unscheinbar sehen diese Entchen -aus. Selbst das »Prachtkleid« des Erpels verdient kaum -solchen Namen; denn das dunkle Kastanienbraun des -Kopfes und die Rostfarbe der Brust sind nur ein bescheidener -Schmuck. Die Moorenten tauchen vorzüglich. -Sobald ich mich nur ein wenig näherte, gleich waren sie -unter dem Wasser, wenn sie nicht vorzogen, unter »grrr-grrr«-Rufen -abzuziehen, stets paarweise, erst das Weibchen<span class="pagenum"><a id="Page_173">[173]</a></span> -und hinter ihm das etwas größere Männchen. -Während des Schwimmens sehen die Moorenten sehr -klein aus, weil sie den Hals einziehen und mit dem -Rumpf tiefer ins Wasser eintauchen als andere Enten, -so daß man geradezu überrascht ist, wenn das Entchen -beim Auffliegen gewiß noch einmal so groß erscheint, als -man erwartet hätte.</p> - -<p>Recht häufig vernahm ich den angenehmen Trillerpfiff -des kleinen <em class="gesperrt">Rotschenkels</em>; er ist unser verbreitetster -»Wasserläufer«, an den orangeroten Füßen und dem -weißen Bürzel leicht zu erkennen. Die weithin hörbaren -Lockrufe »tü, tütü, dili, dideli« und die schwirrenden -Triller sind so charakteristisch, daß es jeder Vogelkenner -sofort weiß, welcher Vogelkehle diese wohllautenden Töne -entstammen. Besonders eifrig rufen die Rotschenkel -gegen Abend; dann antworten ihnen die Zwergtaucher -mit gleichfalls trillernder Strophe.</p> - -<p><em class="gesperrt">Weiße Bachstelzen</em> und die noch zierlicheren -<em class="gesperrt">Gebirgsbachstelzen</em> sah ich sehr häufig; auch die -reingelbe <em class="gesperrt">Wiesen-</em> oder <em class="gesperrt">Schafstelze</em>, die ungefähr -drei Wochen später kommt als ihre Verwandten, war -schon da und wippte graziös von einem Schilfinselchen -zum andern. Auf den Feldern ließen sich gegen Abend -die <em class="gesperrt">Rebhühner</em> eifrig hören, und auch <em class="gesperrt">Heidelerchen</em> -sangen noch spät ihr zartes, aus einer Reihe -von Pfeiflauten bestehendes Lied aus luftiger Höhe -herab.</p> - -<p>Der folgende Tag galt dem Besuch des Königswarthaer -Teichgebiets im Norden der Ortschaft. Teich -an Teich in unübersehbarer Folge, und fast auf jedem -eine stattliche Zahl von Wassergeflügel, daß dem Naturfreund -das Herz lacht. Zehntausend Morgen an Wasserfläche<span class="pagenum"><a id="Page_174">[174]</a></span> -gehören zum Rittergut, der kleinere Teil davon -im Königswarthaer Flurgebiet, der größere schon auf -preußischem Boden. Einige von ihnen sind 50 bis 72 Hektar -groß. Hier fielen mir besonders die zahlreichen -<em class="gesperrt">Löffelenten</em> auf. Möglich, daß ich diese schöne Ente -auf den früher besuchten Teichen übersehen oder vielleicht -aus der Entfernung mit der Stockente verwechselt -hatte: jedenfalls gehört sie in dem Königswarthaer -Teichgebiet zu den ganz allgemein verbreiteten Arten. -Eigentümlich ist für sie der große, am Grunde schmale, -vorn aber stark verbreiterte, gewölbte Schnabel, dessen -Form der Ente den Namen gegeben hat. In -seinem Prachtkleid führt das Männchen viel Weiß, das -weithin leuchtet, besonders am Kropf, Hals und Oberflügel. -Der Kopf erglänzt schwarzgrün wie beim Stockerpel. -Unterbrust und Bauch zeigen ein schönes Kastanienbraun. -Vor dem goldgrünen, weiß eingefaßten -Spiegel liegt über der Schulter ein himmelblaues Feld, -eine Farbe von eignem Reiz; sie ist in unsrer deutschen -Vogelwelt außerordentlich selten. Öfters sah ich Löffelenten -ganz in der Nähe, immer paarweise; sie sind so -wenig scheu, daß sie auch dann noch unbesorgt umherschwimmen -oder gründelnd sich auf den Kopf stellen, -wenn Bläßhühner, Stockenten, selbst die zutraulichen -Tafelenten unter Geschrei geflohen sind. Fliegen auch -sie endlich ab, so geschieht es ohne jeden Laut; ohne -Plätschern erheben sie sich aus dem Wasser, und ohne -jedes Geräusch fallen sie wieder ein.</p> - -<p>Im Parke hinter dem Herrenhause fand ich all die -Vögel, die ich hier erwarten konnte. Von den noch nicht -erwähnten nenne ich nur Wendehals, Gartenrotschwanz, -Sumpfmeise, Kleiber, Baumläufer, denen die höhlenreichen<span class="pagenum"><a id="Page_175">[175]</a></span> -Bäume willkommene Wohnung gewähren, dazu -Freibrüter wie Hänfling und Girlitz. Auch ein paar -Eichelhäher kreischten in den Baumkronen.</p> - -<p>Den folgenden Tag fuhr ich nach Neschwitz, von wo -aus ich die nahen Holschaer und Quooser Teiche, den -schön gelegenen Mädelteich, den Litschen- und Neuteich, -die Mauerlöcher, ferner die Radiborer Teiche an der -Luppaer Grenze, die Luttowitzer Teiche, den Bockauer -Großteich, und endlich die schönsten von allen, die Milkener -Teiche besuchte. Die ganze Gegend mit dem reichen -Wechsel von Wasser, Wald, Wiese und Feld, mit den -freundlichen, zumeist wendischen Ortschaften ist von -hohem landschaftlichen Reiz, und ich freue mich, daß man -all diese liebliche Schönheit hier ungestört genießen kann. -Die Gegend ist eben noch nicht »entdeckt«, und so verliert -sich wohl nur selten mal ein Tourist in diesen Winkel -der »wendischen Türkei«. Es ist nicht möglich, alle Beobachtungen -aufzuzählen, die Auge und Ohr eines aufmerksamen -Wanderers jede Minute beschäftigen: die anheimelnde -Bauart der ländlichen Höfe, die sich um den -unkenreichen Dorfteich gruppieren, die blühenden Obstbäume, -die Rehe am Waldessaum, der kreisende Mäusebussard, -die Karnickel vor ihrem Bau, der wohlklingende -Ruf des Schwarzspechts, das Rucksen der Hohltaube, hier -Reinekes Spur, der seine Besuchskarte abgegeben hat, -dort Gewölle vom Waldkauz, hier die Fegstelle eines -Rehbocks an zwei jungen Erlenstämmchen, ein Igel im -Gestrüpp, die Fährte des Iltis, oder manche interessante -Pflanze: im schattigen Wald die Einbeere, Knabenkraut -auf der feuchten Wiese, Sumpfveilchen auf moorigem -Boden, Pestilenzwurz, Leberblümchen u. a. Ein Eisvogel -flog wie ein glühender Juwel vorüber und weckte<span class="pagenum"><a id="Page_176">[176]</a></span> -die Erinnerung an jenen gleichfalls farbenprächtigen -Vogel, die <em class="gesperrt">Mandelkrähe</em> oder <em class="gesperrt">Blaurake</em>, die -leider in Deutschland immer seltener wird, aber im östlichen -Sachsen, so bei Königswartha und in den hohen -Eichen an den Quooser Teichen noch regelmäßig als -Brutvogel vorkommt. Diesmal freilich konnte ich den -wunderbar gefärbten Vogel noch nicht begrüßen, da er -erst recht spät aus seiner Winterherberge zurückkehrt.</p> - -<p>Nach <em class="gesperrt">Fischreihern</em> habe ich scharf Ausschau gehalten; -aber erst am vierten Morgen glückte es mir, -einem dieser schönen Vögel zu begegnen. Ich hatte in -Commerau übernachtet und saß auf dem Damm eines -der vielen Teiche in der dortigen Heide beim Frühstück. -Auf einmal hinter meinem Rücken ein aufgeregtes -Kreischen der Lachmöwen. Ich wende den Kopf – kaum -zwanzig Schritt von mir ein Reiher, der von den Möwen -bis unter die Bäume am Damm verfolgt ward, wo sie -ihn nun in die Enge treiben. Er wird mich gewahr, -schlägt heftig mit den dunkeln Fittichen, wendet und -bahnt sich den Weg mitten durch die ihn umschreiende -Schar.</p> - -<p>Fischreiher horsten nicht mehr in der sächsischen Lausitz; -aber im nahen Lohsa-Weißcollmer Revier findet -sich auf hohen Kiefern wohl auch heute noch der Rest -einer uralten Kolonie. Im Juli und August, wenn die -Jungen ausgeflogen sind, erscheinen dann mit ziemlicher -Regelmäßigkeit die schönen Fischer auch im sächsischen -Teichgebiet, nicht selten mehr als ein Dutzend auf einmal, -zum Ärger der Teichbesitzer, die über die preußischen -Fischdiebe schimpfen und manchem das Lebenslicht ausblasen.</p> - -<p>Der merkwürdigste Vogel jener Gegend ist aber die<span class="pagenum"><a id="Page_177">[177]</a></span> -<em class="gesperrt">große Rohrdommel</em>. Ihretwegen war ich nach -Commerau gewandert, und ich hatte das Glück, die ganze -Nacht ihrem Liebeslied von meinem Bett aus zu lauschen. -Obgleich der Standort des Vogels mindestens -eine halbe Stunde von dem Gasthaus entfernt war, hörte -ich das tiefe »Prumb« doch ganz deutlich. Es klingt ähnlich -wie das Brüllen eines Rindes, weshalb der Vogel -beim Volk »Moorochse« genannt wird. Meist hörte ich, -selbst bei dieser Entfernung, auch den viel leiseren Vorschlag. -Die Silben »ü-prumb« geben den Ruf ziemlich -gut wieder. Auch am hellen Morgen, den ganzen Vormittag, -selbst in den Mittagsstunden schwieg die Rohrdommel -nicht, nur daß sie jetzt ihren Ruf statt fünf- -oder sechsmal, nur etwa dreimal hintereinander wiederholte -und dann eine Pause von ein paar Minuten eintreten -ließ. Wie man bei der Birkhahnbalz aus dem -Kollern allein, das dem sog. Schleifen vorangeht, den -Standort des Hahns nur schwer bestimmen kann, so verhält -sich's auch mit dem tiefen »Prumb«-Laut des reiherartigen -Vogels; es dauerte ziemlich lange, ehe ich feststellen -konnte, daß auf einer Insel in einem Teich ganz -nahe dem Rittergut Kauppa die Rohrdommel ihren -Standplatz bezogen hatte. Die Leute sagten, seit zwei -bis drei Wochen ließen sich diese unheimlichen Laute -hören; daß sie von einem Vogel herrühren, wollte mir -niemand glauben. In der Nähe klingt das »Prumb« -– wohl der tiefste Ton, den irgendein Vogel unsrer -Heimat erzeugt, denn er erreicht das <em class="antiqua">F</em> der großen Oktave -– etwa so wie der Laut, den man mittels einer -recht großen Gießkanne erzeugen kann, wenn man mit -voller Kraft Luft zur Ausflußröhre hineinbläst. Ein -Explosionslaut ist es, der nicht mit dem Kehlkopf, sondern<span class="pagenum"><a id="Page_178">[178]</a></span> -mit der Speiseröhre erzeugt wird, aus der die hinuntergeschluckte -und zusammengepreßte Luft mit großer -Gewalt herausgestoßen wird, eine Art Dudelsack, auf dem -der scheue Vogel sein unheimliches Liebeslied spielt.</p> - -<p>Auch im Neschwitzer Teichgebiet ließ sich die große -Rohrdommel unermüdlich hören. Leider bekam ich sie -aber weder hier noch dort zu Gesicht. Der Schilfwald -hält sie versteckt, und wenn man sich ihrem Standort -nähert, so flüchtet sie geduckt durch das Röhricht, wie der -kleine Wachtelkönig durch das hohe Gras der Wiese. -Aufzufliegen entschließt sich der Vogel nur schwer; er -weiß, wo er Schutz findet.</p> - -<p>Vielleicht gelingt es mir später, den nächtlichen Musikanten -von Angesicht zu Angesicht zu sehen, vorausgesetzt, -daß er unsrer Heimat erhalten bleibt. Ich habe sehr -darum gebeten, ihn bei den Entenjagden als interessantes -Naturdenkmal zu schonen und ich wiederhole auch -hier meine Bitte.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_179">[179]</a></span></p> - -<h2 id="Die_heimatliche_Vogelwelt">Die heimatliche Vogelwelt -im deutschen Volksglauben</h2> -</div> - -<p class="drop">Jahrhundertelang fließt der Fluß in dem errungenen -Bett. Wann sprang sein Quell zum erstenmal aus -dem Felsen hervor? Wird einst das Wasser verrinnen, -wird die Spur verwehen, die es in das Antlitz der Erde -gegraben hat? Beharrungsstreben in der Natur trotz -allen Wechsels – wie viele selbst der kleinsten Bächlein -mögen heute noch genau so fließen, wie weiland vor -tausend Jahren!</p> - -<p>Mit der Kultur des Menschengeschlechts ist's, ebenso. -Unerforschlich ihr Ursprung, unbekannt Ziel und Ende, -und bei allen Wechselfällen, bei allen Umwälzungen des -Lebens das Gesetz der Beharrung. Greife heraus, was -du willst, Gebräuche und Sitten, Anschauungen, Sagen -und Märchen, Sprache, Werkzeug und Kunst – uralter -Besitz ist's, vererbt von Geschlecht zu Geschlecht. Manches -wohl tot – nur die Erinnerung, daß es einst war, ist -noch geblieben – vieles nur scheintot – zu neuem Leben -kann es erwachen – das meiste aber noch frisch und in -Urkraft, wie in den Tagen der Väter.</p> - -<p>Unter diesem Gesichtspunkte betrachtet der denkende -Mensch auch den Aberglauben oder sagen wir lieber – -denn gemütvoller klingt es – den <em class="gesperrt">Volksglauben</em>, -den er noch heute im aufgeklärten zwanzigsten Jahrhundert<span class="pagenum"><a id="Page_180">[180]</a></span> -bei seinen Zeitgenossen antrifft. Ihn bis in die -nebelgraue Vergangenheit zurückzuverfolgen, seine verborgenen -Quellen und die vielen Bächlein aufzusuchen, -die ihn immer von neuem gespeist haben, das ist der -Reiz, den solches Studium gewährt. Der andere aber -mag nichts davon wissen; er sagt: »Die Dummen werden -nicht alle!« Kennt er sich selbst so genau? Ist er wirklich -ganz frei, ganz unbefangen, oder schlummert nicht -vielleicht doch irgendein kleines Überbleibsel, ein winziger -Rest dieser oder jener uralten abergläubischen -Vorstellung, ihm selbst nicht bewußt, in seiner so aufgeklärten -Seele?</p> - -<p>Wir wählen ein eng umgrenztes Gebiet, den -<em class="gesperrt">Volksglauben</em>, der sich auf die <em class="gesperrt">gefiederte -Welt unsrer Heimat</em> bezieht, und zwar nur so -weit, als er <em class="gesperrt">noch heute bei unsern Volksgenossen -lebendig ist</em>.</p> - -<p>Da gibt es zuerst <em class="gesperrt">naturwissenschaftliche -Irrtümer</em>, die nur insofern die Bezeichnung Volks- -oder Aberglauben verdienen, als sie so seltsam sind, jeder -Erfahrung so völlig widersprechen, daß eine starke Gabe -von Leichtgläubigkeit und kindlicher Einfalt dazu gehört, -wenn jemand noch immer an solchen Widersinnigkeiten -festhält.</p> - -<p>Ob man mir's glaubt? Das Märlein vom <em class="gesperrt">Kuckuck</em>, -unserm lieben Frühlingsboten, der sich alljährlich im -Herbst in einen raubgierigen <em class="gesperrt">Sperber</em> verwandeln -soll, ist auch heute bei unserm Volk noch nicht völlig -verklungen. Zehn Jahre sind's her, da saß ich mit zwei -Landwirten am Biertisch im Kretscham eines Lausitzer -Dorfs. Beide waren Jäger; so kam die Unterhaltung -bald in Fluß, und wir erörterten schließlich jene seltsame<span class="pagenum"><a id="Page_181">[181]</a></span> -Verwandlungsgeschichte. Es waren die vernünftigsten -Menschen der Welt; aber sie ließen sich doch nur -halb überzeugen. Zwar an die Verwandlung glaubten -sie nicht; aber daß der Kuckuck auch im Winter unsrer -Heimat treu bleibe und daß er, sobald die Raupennahrung -spärlicher werde, der Kleinvogelwelt nachstelle, -daß er dann ein schlimmer Räuber sei, das ließen sich -beide nicht ausreden. Der eine der Streithähne wollte -einmal mitten im Winter einen Kuckuck geschossen haben, -als dieser gerade einen Finken würgte; der andere aber -hatte an einem sonnigen Maimorgen beobachtet, wie sich -der Kuckuck-Sperber oder der Sperber-Kuckuck, der eben -noch seinen prophetischen Ruf zum besten gegeben hatte, -auf ein singendes Rotkehlchen stürzte.</p> - -<p>Schon zu des seligen <em class="gesperrt">Äsops</em> Zeiten meinte man, -aus dem Kuckuck werde im Herbst ein Sperber oder ein -Habicht, und dieser verwandle sich im Frühjahr wieder -in den Lenzesboten. Auch <em class="gesperrt">Aristoteles</em> erwähnt den -gleichen Aberglauben, dem er jedoch mit aller Entschiedenheit -entgegentritt. <em class="gesperrt">Plinius</em> aber muß den -großen Gelehrten mißverstanden haben, wenigstens berichtet -er wieder: »Der Kuckuck entsteht aus einem -Raubvogel.« Damit war diese Transmutationslehre -für viele Jahrhunderte gesichert; bei den »Naturkündigern -und Philosophi« erhielt sie sich das ganze Mittelalter -hindurch, und ein oder der andere Mann aus -dem Volk glaubt heute noch an das einfältige Märchen.</p> - -<p>Wer Kuckuck und Sperber kennt, wird über die Entstehung -des sonderbaren Aberglaubens nicht im Zweifel -sein. Der unschuldige Kuckuck ahmt den gefürchteten -Sperber so vollkommen nach in Gestalt, Größe und -Farbe, ja sogar in der Art seines Fluges, daß der Beobachter<span class="pagenum"><a id="Page_182">[182]</a></span> -leicht getäuscht wird. Die Unterseite weißlich -mit dunklen Querwellen, der Fächer des Schwanzes -lang und breit, das hochgelbe Auge, die gelbliche Wurzel -des Oberschnabels, der blaßgelbe Fuß, dazu der -Flug, leicht, elegant und reißend schnell wie der unsrer -kleinen Raubvögel: dies, alles sind Merkmale, die -Freund Kuckuck mit dem verhaßten Sperber teilt. Ich -zweifle keinen Augenblick, daß es beim Flug über freies -Feld dem harmlosen Lenzesboten bisweilen gelingen -wird, durch diese Maske seine Feinde, die gefiederten -Räuber, zu täuschen.</p> - -<p>Denselben Eindruck, daß der Kuckuck ein Raubvogel -sei, haben offenbar auch die Kleinvögel, wie Grasmücken, -Laubvögelchen, Würger, Bachstelzen u. a.; ihnen allen -ist der Kuckuck ein gar unheimlicher Geselle. Zeigt sich -einer in ihrem Gebiet, so flattern sie erschreckt von Ast -zu Ast, ängstlich rufend, oder sie versuchen es, den vermeintlichen -Angriff gemeinsam zurückzuschlagen, indem -sie den Ruhestörer mit lautem Geschrei verfolgen. Oder -sollten sie es wissen, daß ihnen das Kuckucksweibchen sein -Ei ins Nest legt, und sollten sie es nun mit allen Mitteln -versuchen, das Danaergeschenk zurückzuweisen? -Ich glaube es kaum. Durch solche Zeichen von Furcht -und Aufregung unter den Kleinvögeln wird natürlich -auch der menschliche Beobachter leicht irregeführt.</p> - -<p>Andere berichten, der Kuckuck verkrieche sich im -Herbst in hohle Bäume, besonders gern in Weidenstämme, -auch unter Steine und in die Erde. Hier liege -er wie tot, und zwar nackend, auf seinen Federn, gleichsam -in einem warmen Bett, »faulen vnd vngefäder«, -wie es beim alten <em class="gesperrt">Geßner</em> heißt, dem Plinius am -Ausgange des Mittelalters.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_183">[183]</a></span></p> - -<p>Es ist überhaupt merkwürdig, daß man sehr vielen -Vögeln, von denen wir heute wissen, daß sie Zugvögel -sind, einen <em class="gesperrt">Winterschlaf</em> hier in ihrer Heimat andichtete. -Die Erscheinungen in der Welt der Säugetiere, -Reptilien und Amphibien mögen einen solchen Ähnlichkeitsschluß -nahegelegt und manche Einzelbeobachtungen -diese irrige Annahme bestärkt haben. Rotschwänzchen, -Turteltaube, Amsel, Nachtigall, Wachtel u. a. verkriechen -sich, so meinte man, in Baumhöhlen, Felsenritzen, -unter Baumwurzeln, in die unterwaschenen Flußufer -und verbringen hier die rauhe Jahreszeit im Halbschlaf -oder in festem Winterschlaf, wobei sie – namentlich -die Wachteln – von ihrem Fett zehren, wie Dachs -oder Bär.</p> - -<p>Am merkwürdigsten aber waren die fabelhaften Erzählungen -über das Winterquartier von <em class="gesperrt">Schwalbe</em> -und <em class="gesperrt">Storch</em>. Diese Vögel sollten auf dem Grund von -Teichen, Seen und Sümpfen, ja selbst im Meer überwintern. -Hier, vom Schilfe verdeckt, ruhen die müden -Geschöpfe und erquicken im Schlaf, der dem Tode gleicht, -die ermatteten Glieder. Noch vor wenig mehr als -anderthalb hundert Jahren wird diese sonderbare Ansicht -in <em class="gesperrt">Kleins</em> »Historie der Vögel«, Danzig 1760, -auf das bestimmteste gegen alle Einwände verteidigt, -so daß man sich nicht wundern darf, wenn weit über -zweihundert Jahre früher <em class="gesperrt">Luther</em> in seiner Erklärung -zum 1. Buch Mose sagt: »Das Wunderwerk von den -Schwalben ist aus der Erfahrung bekannt, daß sie nämlich -den Winter hindurch in dem Wasser für tot liegen -und im Sommer wieder aufleben, welches gewiß ein -großer Beweis unsrer Auferstehung ist.« Auch Luthers -Zeitgenosse, der alte <em class="gesperrt">Geßner</em>, führt in seinem »Vogelbuch«<span class="pagenum"><a id="Page_184">[184]</a></span> -diesen Gedanken aus; er sagt … »welches ich -für ein wunderbar werck halt vnd für ein anbildung -der auferstentnuß vnserer cörpeln.«</p> - -<p>An diesem Wunderglauben hält heute wohl niemand -mehr fest; aber daß unsre Schwalben, wenigstens -ein großer Teil von ihnen, in hohlen Bäumen, unter -dürrem Laub und zwischen Grasbüscheln oder auch in -ihren eigenen Nestern einen regelrechten Winterschlaf -halten, dieses Märlein spukt noch immer in unserm -Volke und in den Zeitungen fort und ist trotz aller Aufklärung -seitens der Wissenschaft, wie es scheint, nicht -aus der Welt zu schaffen. Es werden selten ein paar -Jahre vergehen, wo dieser Irrtum und Aberglaube -nicht immer wieder durch einzelne »einwandfreie« Beobachtungen -neue Nahrung erhielte. Und das erklärt -sich so: Vor dem Abzuge suchen die Schwalben gern gemeinsame -Schlafplätze auf, wie das Schilf an Teichen, -das Fachwerk der Häuser, auch einmal eine weite Baumhöhle. -Sind die Tierchen, die vielleicht wegen verspäteter -Brut den Anschluß an die große Masse der -Wanderer versäumt haben, infolge Nahrungsmangels -halb verhungert, so kann es geschehen, daß sie in kalter -Herbstnacht dutzendweise dahinsterben, und wer sie findet, -meint dann, die Schwalben hätten sich hier zum Winterschlaf -niedergelassen. Auch <em class="gesperrt">Lenz</em> ist überzeugt, daß -diese Vögel in Europa, wenn auch nur ausnahmsweise, -einen Winterschlaf halten.</p> - -<p>Solche Fälle stehen durchaus nicht so vereinzelt da, -wie wohl mancher denken mag. In den letzten Jahrzehnten -haben wir es mehrmals erlebt, daß Schwalben -in den naßkalten Herbsttagen – sehr verhängnisvoll -waren für sie z. B. die ersten Oktobertage 1905 – nicht<span class="pagenum"><a id="Page_185">[185]</a></span> -nur einzeln, sondern in ganzen Scharen zugrunde gingen. -Selbst unter dürres Laub, unter Grasbüschel und dergleichen -hatten sich ermattete Rauchschwalben versteckt, -gemeinsam die Todesstunde erwartend. Daß man auch -zwischen dem Schilf »ganz aneinanderhangende Bündel« -von Schwalben aus dem Wasser gezogen haben will, erscheint -unter solchen Umständen durchaus nicht so unmöglich, -sondern ist leicht zu erklären. Wenn aber jeder -Vogel, den einmal ein Fischer aus dem schilfigen Teich -oder See herauszieht, nun sofort als Winterschläfer -ausposaunt wird, wie es ehemals oft geschehen ist, so -gibt es für solche Leichtgläubigkeit und Urteilslosigkeit -keine Entschuldigung; denn das weiß jedes Kind, daß im -Sommer und Herbst mancher Vogel den Hunden des -Schützen, der auf Enten oder andere Wasservögel jagt, -nur zu leicht dadurch entgeht, daß er zwischen das Schilf -flattert und dort ins Wasser fällt. Auch der beste Hund -findet nicht jede einzelne Beute.</p> - -<p>Noch ein Schwalbenmärchen, das freilich mit Aberglauben -gar nichts zu tun hat – nur das ewige Leben -teilt es mit ihm – sei hier erwähnt. Dem <em class="gesperrt">Sperling</em>, -der sich in ein Schwalbennest einquartiert hat, so heißt -es ganz allgemein, gehe es schlecht. Die erzürnten -Schwälbchen kümmerten sich nicht um das »Besetzt, besetzt!« -das ihnen der Eindringling zuruft, und mauerten -den Spatz aus Rache einfach ein, daß er elend umkommen -müsse.</p> - -<p>Ein Märchen ist es. Wohl flattern und schreien die -rechtmäßigen Besitzer, wohl schnappen sie im Fluge nach -dem frechen Sperling; doch der weicht nicht von der -Stelle. Nach ein oder zwei Tagen geben dann die -Schwalben in der Regel ihre Angriffe auf, und der<span class="pagenum"><a id="Page_186">[186]</a></span> -Spatz hat nun Ruhe. »Gesiegt, gesiegt!« so höhnt er, -sobald noch ein Vogel vorüberfliegt. Wie sollten sich -die ängstlich umherflatternden Schwalben auch soviel -Ruhe und Überlegung bewahren, daß sie unmittelbar -vor dem Kopf ihres zeternden Feindes die Öffnung des -Nestes zumauerten, und – nun kommt die Hauptsache – -so dumm ist unser Spatz, »der Allerweltsvogel, der pfiffige -Gassenjunge, der Lausbub«, wahrhaftig nicht, daß -er sich solch Einmauern bei lebendigem Leibe gutmütigst -sollte gefallen lassen. Er hat auch einen Schnabel und -weiß sich zu wehren.</p> - -<p>Recht sonderbar ist der auch heute noch beim gemeinen -Mann verbreitete Glaube, das Nest des grünen -<em class="gesperrt">Erlenzeisigs</em>, der so gern als Stubenvogel gehalten -wird, sei unsichtbar. Ja man wollte mich sogar -einmal Lügen strafen, als ich behauptete, den Zeisig -beim Füttern seiner Nestjungen beobachtet zu haben, -und das von mir vorgezeigte Nest, das mir einst ein -Junge vom Baume herabgeholt hatte, wurde für ein -solches vom Stieglitz oder vom Hänfling erklärt.</p> - -<p>Es ist gar keine Frage, das Nest vom Zeisig gehört -zu den Vogelnestern, die recht schwer aufzufinden sind. -Meist steht es hoch oben in den Fichten oder Tannen, -von Nadelzweigen und Flechten so gut verdeckt, daß es -von unten und von den Seiten her in der Regel nicht -gesehen werden kann, und wenn man in diesem Sinne -von einer »Unsichtbarkeit« des Zeisignestes sprechen will, -laß ich's wohl gelten. Selbst wer den Baum erklettert, -findet es oftmals nicht, so genau er sich auch die Stelle, -wo er die Vögel bauen oder mit Futter herzufliegen sah, -gemerkt hat. Dazu steht das Nest meist auf dem schwanken<span class="pagenum"><a id="Page_187">[187]</a></span> -Ende eines Astes, daß es höchstens von einem waghalsigen -Jungen erreicht werden kann.</p> - -<p>Ich habe auch einmal sagen hören, falls der Zeisig -überhaupt brüte und sich nicht etwa auf eine »unnatürliche -Art« fortpflanze, so müsse das während des Winters, -wo die Vögel umherstreichen, in einer fremden -Gegend geschehen; bei uns zulande wenigstens habe -noch kein Mensch ein einwandfreies Zeisignest gefunden. -Nun, ich kann nur feststellen, daß in den Nadelwäldern -unsrer Mittelgebirge, wie im Thüringer Wald und im -Harz, alljährlich genug Zeisige ihr Fortpflanzungsgeschäft -im Frühjahr ganz ebenso betreiben, wie andere -Finkenvögel auch. Und wenn man weiter fabelt, das -Nest enthalte einen Stein, der ihm jene Unsichtbarkeit erst -verleihe, und nur auf einer Wasserfläche spiegele es sich -ab, so daß man dort wohl sein Bild, nie aber das wirkliche -Nest sehen könne, so trägt solch Gerede auch nicht -dazu bei, die Sache glaubwürdiger zu machen.</p> - -<p>Besonders sind es unsre Hausfreunde, wie Storch, -Schwalbe, Rotschwänzchen, um die man einen ganzen -Kranz abergläubischer Vorstellungen gewunden hat. -Zwar an den Storch als Kinderbringer, den »<em class="gesperrt">Adebar</em>«, -der die Mutter ins Bein beißt, daß sie das Bett -hüten muß, glauben heutzutage selbst die kleinen sechsjährigen -Mädel nicht mehr recht und die Buben gleich -gar nicht; aber daß Störche auf dem Haus eine nahe -<em class="gesperrt">Hochzeit</em> oder <em class="gesperrt">Kindersegen</em> bedeuten, daran hält -man in unsrer Lausitz, wo es zum Glück noch immer -ein paar besetzte Horste gibt, ebenso fest, wie in andern -Gauen des niederdeutschen Flachlandes, die sich zahlreicherer -Störche erfreuen. Soviel Junge im Nest, soviel -Kinder sollen auch die Neuvermählten bekommen –<span class="pagenum"><a id="Page_188">[188]</a></span> -natürlich nacheinander, im Laufe der Jahre; denn in -Adebars Kinderstube werden gewöhnlich vier, bisweilen -auch fünf Stück zur Welt gebracht.</p> - -<p>Ebenso allgemein ist der Glaube, daß ein auf dem -Hause brütendes Storchenpaar jede <em class="gesperrt">Feuersgefahr</em> -abwende; namentlich wird der Blitzschlag ein solches Gehöft -nie einäschern. Ich kenne einen Fall in der Lausitz, -wo eine Feuersbrunst tatsächlich vor einem durch Störche -gefeiten Gute halt machte. Dadurch wird natürlich der -Glaube, daß das Feuer dem Vogel und seinem Horst -nichts antun könne, zur Gewißheit; noch die Urenkel -werden davon erzählen, während die Fälle, wo sich der -Schutz nicht bewährte, recht bald der Vergessenheit angehören. -Ich werde der letzte sein, der es versucht, dem -Lausitzer Bauer seinen Glauben auszureden; denn der -liebe Mitbewohner des Hauses erscheint ihm ja wegen -des Feuerschutzes, den er dem Hofe gewährt, nur um so -wertvoller.</p> - -<p>Fast ein <em class="gesperrt">heiliges</em> Tier ist unser Hausstorch wie -bei den Ägyptern der Ibis oder in Indien der Geier. -Wehe wer einen Storch tötet oder ihm ein Junges -raubt – Krankheit und Armut werden des Mörders -Los. Ja, der Glaube an die Unverletzlichkeit und Heiligkeit -des gefiederten Hausfreundes ist unserm Volke -so in Fleisch und Blut übergegangen, daß selbst Forstbeamte -– es sei ihnen zur Ehre angerechnet – davon -abstehen, einen Storch zu schießen, auch wenn sie davon -überzeugt sind, daß in ihrem Revier der langbeinige -Vogel manchen Schaden anrichtet, indem er in den Feldern -weidwerkt und neben Mäusen auch 'mal einen -Junghasen erwischt oder ein bodenständiges Nest ausnimmt. -Aber der Jagdberechtigte weiß auch, daß er gut<span class="pagenum"><a id="Page_189">[189]</a></span> -daran tut, ein Auge zuzudrücken. Die ganze Gemeinde -würde mit Recht empört sein, wenn es hieße, der Storch, -ihr Gemeindestorch, sei dem Schrot des Jägers zum -Opfer gefallen. Ich kenne einen solchen Fall aus unserer -Heimat; doch steht er zum Glück vereinzelt da.</p> - -<p>Wie der Storch, so sind es unsre beiden Schwalbenarten, -die <em class="gesperrt">Rauch-</em> und die <em class="gesperrt">Mehlschwalbe</em>, die -nicht nur in unsrer Heimat, sondern in ganz Deutschland -und weit über die deutschen Grenzen hinaus als günstige -Vorzeichen gelten. Fliegen die Schwalben über -einem Hause häufig hin und her, auch wenn sie dort -nicht ihre Nester gebaut haben, so wird ein Mädchen in -diesem Hause bald Braut. Glück und Segen winkt dem -kommenden Ehestand, wenn das erste, was die Brautleute -beim Austritt aus der Kirche erblicken, ein zwitscherndes -Schwalbenpärchen ist. Vom Himmel gesandt -sind diese Vögel; »Himmelsvögelchen« nennt sie der -Volksmund.</p> - -<p>Wie dürfte jemand solch liebem Tierchen ein Leid -zufügen! Wer ein Schwalbennest zerstört, sagt der -Volksmund, zerstört sein eignes Glück, und gar eine -Schwalbe zu töten ist eine schwere Sünde, die gen Himmel -schreit; der Frevler wird furchtbar bestraft mit -Krankheit oder mit schnellem Tod. Dieser fromme Aberglaube -ist bei unsern Landleuten auch heute noch so -lebendig, daß sie die Belästigung seitens der Schwalben -durch Schmutz und Kot gern mit in Kauf nehmen. -Selbst an heiliger Stätte duldet man die Vögel und -läßt sie ruhig ihre Nester bauen; für jeden Kirchgänger -ist's ja doch nur ein fröhlicher, trauter, anheimelnder -Anblick, wenn die heiligen Vögel durch das Heiligtum -des Herrn über der Gemeinde hin und her fliegen und<span class="pagenum"><a id="Page_190">[190]</a></span> -ihre zwitschernden Jungen ätzen. Auch der Araber sagt: -»Die Schwalbe preist Gott und beschmutzt die Moscheen.«</p> - -<p>Der Aberglaube ist der wirksamste Geleits- und -Schutzbrief für unsre Schwalben, mehr wert als jedes -Gesetz. Und wer für seine Person auch nicht solchem -Aberglauben zustimmt, den Anschauungen seiner Väter -und Urväter gegenüber sollte er doch so viel Ehrfurcht -haben, daß er sie als heilige Überlieferung aus längst -vergangenen Tagen beachtet und sie weiter an seine -Kinder und Enkel vermittelt. Auch von andern Tieren -läßt sich eine ganze Reihe anführen, der Storch, der -Marienkäfer, die Kreuzspinne u. a., für die alle der -Aberglaube gewissermaßen die Krippe ist, die sie nährt, -und der Schutzwall, der sie und ihr Haus sichert. Der -Aberglaube hat eben auch seine guten Seiten.</p> - -<p>Schwalben erfreuen sich auch als <em class="gesperrt">Wettervögel</em> -eines besonderen Rufes. Wenn sie am Morgen hoch in -den Lüften segeln, so sagt man allgemein, wird der Tag -schön, und sollten schon Gewitterwolken den Himmel bedecken, -das Unwetter zieht seitwärts. Wenn die Schwalben -aber unruhig unmittelbar über dem Boden oder an -den Hauswänden dicht vorüberflattern, so bedeutet dies -Regen »nach aller Vernünftigen Urteil«. Daß sich trotzdem -einzelne der wetterkundigen Hausgenossen bisweilen -verrechnen können, ersieht man aus dem bekannten -Sprichwort: »Eine Schwalbe macht noch keinen -Sommer.«</p> - -<p>In der <em class="gesperrt">Volksmeteorologie</em> spielen gerade die -Vögel eine hervorragende Rolle; sie werden sehr häufig -befragt. Für Schwankungen im Feuchtigkeitsgehalt, im -Druck der Atmosphäre, sowie für Änderungen der Luftelektrizität -haben sie, die leichtbeschwingten Bewohner<span class="pagenum"><a id="Page_191">[191]</a></span> -des Luftmeers, gewiß eine viel feinere Empfindung als -wir Menschen. Wer aber die Meinung vertritt, daß -man aus dem Verhalten gewisser Vögel die Witterung -auf Wochen oder Monate vorausbestimmen könne, daß -die Vögel ein »Vorgefühl« für künftige Witterungsverhältnisse -besäßen, noch ehe irgendwelche Veränderungen -in der Atmosphäre eingetreten seien, der stellt Behauptungen -auf, die jeder Begründung entbehren und die – -wenigstens teilweise – mit unter den Begriff des -Aberglaubens gehören.</p> - -<p>Hätten die Zugvögel ein sicheres Vorgefühl für die -kommende Witterung, so würde es ihnen nicht einfallen, -so oft in ihr Unglück zu fliegen, wie Stare, Lerchen und -Schwalben, die häufig unter einem strengen Nachwinter -leiden müssen, und wenn sie den regenreichen Sommer -geahnt hätten, so würden manche Schafstelzen, Goldammern, -Wachtelkönige u. a. ihre Nester doch ein Stückchen -mehr vom Wasser abgerückt haben, um der Hochflut -nicht zum Opfer zu fallen. <em class="gesperrt">Wetterregeln</em>, aus Beobachtungen -an unserer Vogelwelt abgeleitet, gibt es -unzählige. Bestätigen sie sich, so spricht man davon; -treffen sie nicht zu, so vergißt man's. Wie beim Lotteriespiel -ist's: der <em class="gesperrt">eine</em> Gewinn läßt die Unmasse der -Nieten verschmerzen; sie sind bald aus dem Gedächtnis -verschwunden.</p> - -<p>Nur einige solcher Regeln will ich anführen. Der -Landbewohner schwört auf sie auch heute noch im Zeitalter -des Barometers und der Wetterwarten mit ihren -täglichen Prognosen. Er will weiter in die Zukunft -blicken als nur 24 oder 36 Stunden.</p> - -<p>Klappert der Storch fleißig im März, so gibt es -einen schönen Frühling und einen warmen Sommer.<span class="pagenum"><a id="Page_192">[192]</a></span> -Wenn die Stare zeitig im April brüten, so ist ein -»Wonnemond« zu erwarten, der diesen Namen auch -wirklich verdient. So lange die Lerche vor Lichtmessen -(2. Februar) singt, so lange schweigt sie, des Nachwinters -wegen, nach Lichtmessen still. Auf tiefen Schnee -mag man sich vorbereiten, sobald die Saatgänse ziehen -oder Bergfinken und andere Wintergäste einfallen. -Spätbrütende Rebhühner prophezeien einen späten -Winter.</p> - -<p>Aus dem Ruf mancher Vögel schließt der Bauer auf -Regen. Wenn die Elster viel gackert, der Pirol unausgesetzt -flötet, der Wiedehopf so eigentümlich klagt, der -Wendehals schreit und der Regenpfeifer seine Stimme -hören läßt, dann soll man eilen, das ausgebreitete Heu -zusammenzuraffen, denn der Regen ist im Anzuge. Andere -wieder halten den schmucken Buchfink für den -besten Wetterpropheten; wenn er seinen bekannten -schrillen »Rulschton« hören läßt: »jörk, jörk«, dann -dauert's nicht mehr lange, und es regnet in Strömen. -»Gut-Wetter-Bot« ist dagegen die Bachstelze, das »Ackermännchen«, -wenn es dem Bauer hinter dem Pfluge -folgt, und die Lerche, wenn sie sich fröhlich trillernd in -die Lüfte erhebt, nicht aber zwischen den Ackerfurchen -sitzend eintönig ruft.</p> - -<p>Der Hahn auf dem Hof ist schon seit alters ein guter -Wetterprophet. Wenn er in den Nachtstunden kräht oder -sonst auch nur heftig mit den Flügeln schlägt, so kommt -Regen und Sturm; kräht er aber am Morgen anhaltend, -so folgt ein schöner Tag. Das wußte schon <em class="gesperrt">Älian</em>, -und noch heute heißt's bei unsern Bauern genau so. -Aber gleich den wissenschaftlichen Meteorologen ist auch<span class="pagenum"><a id="Page_193">[193]</a></span> -der Hahn nicht gegen jeden Irrtum gefeit, und so hat -man, damit er trotzdem in allen Fällen recht behalte, -den schönen Reim ersonnen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Wenn der Hahn kräht auf dem Mist,<br /></span> -<span class="i0">Ändert sich's Wetter oder – 's bleibt, wie's ist.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Sobald es zu regnen beginnt, soll man auch die -Hühner beobachten. Treten sie sogleich unter Dach oder -suchen sie den Stall auf, so wird der Regen bald vorübergehen; -laufen sie aber anfangs nur unschlüssig hin -und her und lassen sie sich endlich durch die Nässe kaum -noch stören, so hält der Regen wenigstens einen vollen -Tag an. Auch wenn sich Hühner und Tauben im Sande -baden, bedeutet es Niederschläge.</p> - -<p>Man könnte ein ganzes Buch füllen, soviele Wetterregeln -leitet der Bewohner des Landes aus dem Verhalten -der Tiere, ganz besonders aus dem der Vögel ab. -Der Ackersmann, der Schäfer, die Bäuerin, die daheim -das Regiment führt, der Jäger, der Fischer, der Gärtner, -der Waldarbeiter, der Seemann, kurz jeder, dessen Arbeit -und Erwerb von der Witterung unmittelbar abhängig -ist, hat seine Erfahrungen gesammelt. Außer den -bereits genannten Vögeln wären noch Kranich und Fischreiher, -der große Brachvogel – er wird geradezu »Gewittervogel« -genannt – Misteldrossel und Ziemer, die -verschiedenen Krähenarten, Dohle, Wachtel, Bekassine, -Turtel- und Hohltaube, Schwarz- und Grünspecht, Wald- -und Steinkauz, Sturmschwalbe, Möwe, Eisvogel, Sperling, -Gans, Ente, Schwan, Perlhuhn, Pfau u. v. a. zu -erwähnen, die alle mehr oder weniger gute Wetterpropheten -sind.</p> - -<p>Diese volkstümlichen Voraussagen schlechtweg unsinnig -zu nennen, wäre töricht; aber wo die Grenze<span class="pagenum"><a id="Page_194">[194]</a></span> -zwischen Dichtung und Wahrheit, zwischen Einbildung -und wirklicher Erfahrung liegt, ist nicht festzustellen, -handelt es sich doch wohl niemals um genaue Beobachtungen, -die längere Zeit fortgesetzt worden wären.</p> - -<p>Nur eine Prophezeiung will ich noch herausgreifen, -die alle an Kühnheit der Logik übertrumpft. Sie weckt -mir liebe Erinnerungen aus der Kinderzeit, indem sie -meinem geistigen Auge, Geruchs- und Geschmacksorgan -den verheißungsvollen Anblick, den lieblichen Duft und -den köstlichen Genuß der gebratenen Gans daheim im -Elternhaus wieder vorzaubert. Der liebe Martinsvogel -stellte sich am 11. November, meinem Namenstage, stets -ein. Sieht an diesem Tage das Brustbein des festlichen -Bratens braun aus, so folgt ein frostreicher, aber schneefreier -Winter; hat es dagegen eine weiße Färbung, so -gibt's Schnee in Menge.</p> - -<p>Ungemein groß ist die Rolle, welche die Tiere in der -<em class="gesperrt">Volksmedizin</em> früherer Zeiten, besonders im 16. -und 17. Jahrhundert, gespielt haben. Man braucht nur -die alten Medizinaltaxen oder Apothekerordnungen -jener Zeit durchzusehen, und man wird über die Menge -allein der einfachen Arzneimittel, der sogenannten -»Simplicia« erstaunt sein, die dem Tierreich entnommen -wurden.</p> - -<p>Dresden schlug mit der Reichhaltigkeit seiner Hofapotheke -jeden Mitbewerber auf diesem Gebiete aus dem -Felde. Die sächsische Residenz galt von jeher als eine -vornehme Stadt; war es nicht vornehm, daß sie auch -viele und seltene Krankheiten in ihren Mauern beherbergte -und die Hofapotheke für eine jede ein unfehlbares -Heilmittel besaß? Die Apothekertaxe vom Jahre 1652 -zählt nicht weniger als 190 Stücke aus dem Tierreich<span class="pagenum"><a id="Page_195">[195]</a></span> -auf, darunter Augen, Gehirn, Fett, Galle, Magen, -Federn, Mist der verschiedensten Vögel. Mit dieser Herrlichkeit -ist's heute vorbei. Aber das Volk hat sich doch -noch so manches erhalten; denn die Völker haben ein -gutes Gedächtnis und bewahren, ganz wie die einzelnen -Menschen, Eindrücke aus früher Kindheit gar getreu bis -ins Alter.</p> - -<p>Noch heute glaubt man ganz allgemein, nicht nur in -unserm Erzgebirge oder im Thüringer Wald, sondern -z. B. auch im Salzkammergut, daß der <em class="gesperrt">Kreuzschnabel</em>, -den die Gebirgsbewohner so gern im engen -Drahtbauerchen halten, Gicht, Rheumatismus und alle -»Flüsse« anziehe. Auch das Wasser, in dem sich der -Kreuzschnabel gebadet hat, sei gut gegen die Gicht wie -gegen Krämpfe. Nicht selten stirbt ja gerade dieser Vogel -unter krampfartigen Erscheinungen schon nach kurzer -Zeit der Gefangenschaft, und oft bezeugen es knollige -Anschwellungen an seinen Füßen ganz deutlich, daß die -Gichtknoten seines Pflegers auf ihn übergegangen sind.</p> - -<p>Wer Kügelgens »Jugenderinnerungen eines alten -Mannes« gelesen hat, der wird sich mit Vergnügen des -originellen Landgeistlichen Roller, Pfarrherrn zu Lausa, -erinnern, der alljährlich an die hundert <em class="gesperrt">Elstern</em> im -Backofen verkohlte und das so gewonnene schwarze Pulver -als Medizin weithin versandte, sogar nach dem -Harz und nach Schlesien, nach Hamburg, Königsberg -und Wien. Ein fechtender Handwerksbursche hatte dem -Pfarrer »die Tugenden« der gebrannten Elster, Alster, -Schalaster, Hester, oder wie der langschwänzige Vogel -sonst noch genannt wird, gepriesen, und Roller probierte -die Sache nun an seinem Bruder Jonathan, der an epileptischen -Krämpfen litt. Schon nach Monatsfrist war<span class="pagenum"><a id="Page_196">[196]</a></span> -das Übel behoben; der Pfarrer aber, der von der Wirksamkeit -des seltsamen Mittels fest überzeugt war, freute -sich nun, daß ihm Gott einen Weg eröffnet habe, sich für -die Heilung seines Bruders dankbar zu erweisen und -wehrte beharrlich jede Bezahlung ab. Er verlangte -nichts anderes von seinen Patienten, als einen gewissenhaften -Bericht, wie die Medizin bekommen sei.</p> - -<p>Noch heute ist »gebrannte Elster« ein Volksmittel -gegen die »hinfallende Krankheit«. Einige wollen -wissen, nur die »in den Zwölfen«, d. h. in den zwölf -Tagen zwischen Weihnachten und Heil. Dreikönige (6. Jan.) -geschossenen Elstern seien bei Krämpfen und Epilepsie -heilsam; denn um diese heilige Zeit habe die Natur -all ihre Wunderkräfte beisammen. Man glaubt auch, -die Elster selbst sei mit der »schweren Krankheit« behaftet, -und deshalb vermöge sie beim Menschen das -Leiden zu heilen. Gleiches soll eben durch Gleiches vertrieben -werden. Vielleicht hat das unruhige, allzeit -quecksilberne Wesen der Elster Veranlassung gegeben, -bei ihr epileptische Zufälle anzunehmen; doch scheint es -mir näherliegend, daß man die Elster, die ein Hexentier -ist, d. h. ein solches, in das sich Hexen und andere -Dämonen gern verwandeln, aus dem Grunde mit Veitstanz -und Fallsucht in Zusammenhang gebracht hat, weil -dies Krankheiten sind, mit denen nach dem Volksglauben -dämonische Mächte den Menschen heimsuchen.</p> - -<p>Das leitet uns über auf das Gebiet des eigentlichsten -Aberglaubens.</p> - -<p>Bekannt ist das <em class="gesperrt">Kuckucksorakel</em>: so viel mal der -Vogel ruft, so viele Jahre hat der Frager noch zu leben. -Schon i. J. 1221 wendet sich Cäsarius Heisterbach mit -Entrüstung gegen diesen altheidnischen Aberglauben,<span class="pagenum"><a id="Page_197">[197]</a></span> -und um dieselbe Zeit war's, da brach ein schon betagter -Mönch sein Klostergelübde, weil ihm der Gauch noch -22 Jahre geweissagt hatte. Ob der prophetische Vogel -in diesem Falle recht behalten hat, wird leider nicht berichtet. -Sollte mich freuen, wenn's so gewesen wäre.</p> - -<p>Heute wird wohl niemand mehr ähnliche wichtige -Entscheidungen von dem Lenzesboten abhängig machen; -man zählt die einzelnen Kuckucksrufe nur zum Spaß -und aus alter Gewohnheit. Und doch, ich kenne Personen, -die ganz still und niedergeschlagen wurden, als der -Kuckuck, den sie befragten, nur zwei- oder dreimal seinen -Ruf hören ließ. Solche Macht haben uralte abergläubische -Vorstellungen noch in unserm Jahrhundert, -auch wenn man sie als Dummheit erkennt.</p> - -<p>Der Kuckuck war als Frühlingsbote, ebenso wie der -Storch, dem Donar geweiht, der nicht nur als Herr des -Gewitters, sondern auch als Frühlingsgottheit verehrt -ward. Donar weckte das Leben auf der Erde, gab reichen -Erntesegen und beschenkte die Ehen mit Nachkommenschaft. -So ward sein Bote, der Kuckuck, zum <em class="gesperrt">Lebensvogel</em>, -den man nach der Zahl der Lenze befragt, die -uns die Gottheit noch beschieden hat, der durch seinen oft -wiederholten Ruf dem Landmann Berge von Gold verspricht, -daß er die Geldstücke im Sack schon klappern hört, -wenn auch nur erst die grünen Spitzen der Saat aus -dem Boden hervorschauen und die Obstbäume nur aus -ihrem Blütenansatz auf eine reiche Ernte hoffen lassen. -Auch den heiratslustigen Dorfschönen erteilt der Kuckuck -auf manch' vorwitzige Frage bereitwilligst Auskunft.</p> - -<p>Ob er einst verklingen wird in ferner Zukunft, dieser -Glaube an den göttlichen Vogel? Weit länger als ein -Jahrtausend ist's her, da hat christlicher Eifer die heidnischen<span class="pagenum"><a id="Page_198">[198]</a></span> -Götter entthront und zu Dämonen gestempelt; -aus den ihnen geweihten Tieren aber hat er Teufel und -Hexen gemacht. »Hol dich der Kuckuck!« – »Geh zum -Kuckuck!« – »In Kuckucks Namen« und was derartige -schöne Redensarten mehr sind, bei denen sich hinter dem -Kuckuck der Teufel versteckt. Der »Lebensvogel« wird -aber über diese barbarische Vergewaltigung seiner Person -schließlich doch den Sieg davontragen. Ich glaube, -so lange der Kuckuck in unsern deutschen Ländern seinen -Ruf erschallen läßt, so lange wird auch unser Volk sich -den alten Glauben an die prophetische Gabe des geheimnisvollen -Vogels bewahren. Jedes Frühjahr weckt -ihn von neuem – unsterblich die Erinnerung des Volks -an seine Kindheit.</p> - -<p>Rechte Hexentiere sind auch die <em class="gesperrt">Eulen</em>, die einst -als Sinnbild der Wachsamkeit, der Weisheit, des tiefen -Denkens und unermüdlichen Forschens von einem nach -Schönheit und Weisheit strebenden Volk der helläugigen -Pallas Athene geweiht waren. In der christlichen Kunst -ward die Eule zum Symbol heidnischer oder irdischer -Torheit; ein Kreuz, das man häufig über ihrem Kopfe -anbrachte, sollte den Sieg der Kirche über jede teuflische -Lehre bedeuten. Und noch heute bekreuzigt sich mancher, -wenn das niedliche, harmlose Steinkäuzchen sein helles -»kuwitt« und dann das gedämpfte »boh boh« hören läßt. -»Das Leichen- oder Totenhuhn, die Wehklage oder -Klagemutter ruft: komm mit, komm mit, auf den Kirchhof, -hof, hof! Der Vogel kündet den Tod an.« Und nicht -etwa nur das ungebildete Volk, nein auch viele andere, -die sich unendlich erhaben dünken, glauben dem Unheil -kündenden Vogel; oder wenn sie's auch nicht glauben, sie<span class="pagenum"><a id="Page_199">[199]</a></span> -können sich doch eines unbehaglichen Gefühls nicht erwehren, -wenn sie das Käuzchen schreien hören.</p> - -<p>Natürlich hat in erster Reihe das nächtliche Treiben -die Eulen in Verruf gebracht. Völlig geräuschlos, geisterhaft -wie ein Schatten gleiten sie an dem Wanderer vorüber, -und es funkeln ihre riesigen Augen. Wenn sich der -Uhuruf mit dem Brausen des Sturms paart, der im -Hochwald tobt, daß die Bäume ächzen und stöhnen, gibt's -ein grausig Geheul. An dem Mond jagen die Wolken -vorüber, daß sein Licht bald verdeckt wird, bald wieder -hell hervortritt zwischen den im Sturme schwankenden -Baumkronen. Selbst des Mutigsten Seele wird mit -Bangen und Grauen erfüllt. Ist es ein Wunder, daß -unsre Altvordern gerade der wilden Sturmes- und -Wolkengöttin die Eule als ihr Tier neben der nächtlichen -Wildkatze geweiht haben! Zu Hexentieren sind -beide unter dem christlichen Einfluß geworden, gehaßt -und verfolgt vom unverständigen Volk. Und unter -diesem Haß hat die Hauskatze, die die Stelle ihrer wilden -Verwandten eingenommen hat, noch heute ebenso zu -leiden wie sämtliche Eulen, die nützliche Schleiereule wie -der niedliche Steinkauz.</p> - -<p>In meiner Jugendzeit sah man es gar nicht selten, -daß der Landwirt eine Eule mit ausgebreiteten Flügeln -an das Scheunentor oder an die Tür des Viehstalls genagelt -hatte. Ich glaubte, diese Unsitte habe sich längst -überlebt; aber erst vor kurzem hat mich der gleiche Anblick -– es war in der Lausitz – von neuem überzeugt, -wie tief doch abergläubische Vorstellungen in unserm -Volk wurzeln. Vor Verhexung will der Bauer sein Gehöft -schützen. Den herumstreichenden Dämonen, die das -Vieh mit bösem Zauber bedrohen, soll das gekreuzigte<span class="pagenum"><a id="Page_200">[200]</a></span> -Tier gewissermaßen zurufen: »Laßt ab von dem Gut! ihr -seht, wie's solch nächtlichem Gelichter ergeht!« Allen Verständigen -aber, die es sehen, ist die angenagelte Eule -nur ein Zeichen dafür, daß Dummheit, Aberglauben, -Undankbarkeit und Bosheit unter den Menschen nicht -aussterben.</p> - -<p>Eine mittelalterliche <em class="gesperrt">Hexenküche</em> ohne Eulen -wäre nicht denkbar. Und wenn auch das Licht der -Wissenschaft in diese Werkstätten menschlicher Afterweisheit -hineingeleuchtet hat, es wird doch auch noch -heute in verborgenen Winkeln mit Geisterbeschwören, -Schatzgraben, Bereitung von allerlei Tränklein viel -Hokuspokus getrieben, und die Rolle dämonischer Tiere, -wie Elster, Eule, aber auch Katze, Fledermaus, Schlange, -Kröte, Salamander u. v. a. ist noch immer nicht ausgespielt.</p> - -<p>Zäh hält das Volk an den alten Vorstellungen fest – -jahrtausendelang fließt das Wasser in dem einmal errungenen -Bett.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_201">[201]</a></span></p> - -<h2 id="Schutz_den_schutzlosen_Kriechtieren">Schutz den schutzlosen Kriechtieren -und Lurchen!</h2> -</div> - -<p class="drop">Unter den Wirbeltieren sind die <em class="gesperrt">Kriechtiere</em> und -<em class="gesperrt">Lurche</em> die einzigen, die jedes gesetzlichen Schutzes -entbehren. Strenge Jagdgesetze nehmen sich vieler Säugetiere -und einer großen Anzahl von Vögeln an; nur der -Jagdberechtigte darf sie erlegen, und wenn es nicht gerade -Raubtiere sind, so genießen sie fast alle eine gesetzliche -Schonzeit, die sich freilich in den einzelnen Ländern -des Deutschen Reichs auf etwas verschiedene Zeiten erstreckt. -Außerdem stehen die meisten nicht-jagdbaren Vögel -unter der schirmenden Hand des deutschen Vogelschutzgesetzes, -das sich ihrer und ihrer Brut in weitgehendem -Maße annimmt. Jedes Schutzes bar sind nach diesem -Gesetz nur wenig Vogelarten, ja nach unsern sächsischen -Gesetzen keine einzige; selbst die Sperlinge sind nur unter -gewissen Einschränkungen »vogelfrei«. Für die Fische -sorgen Fischereigesetze in den einzelnen Ländern – nur -die <em class="gesperrt">Kriechtiere und Lurche</em> sind <em class="gesperrt">rechtlos</em>, -»<em class="gesperrt">vogelfrei</em>«, der Willkür eines jeden preisgegeben. -Wenn es sich nicht gerade um Ärgernis erregende -Tierquälerei handelt, kann jeder mit diesen Geschöpfen -machen, was er will, wozu ihn die Laune treibt. Ungestraft -darf er sie und ihre Brut vernichten; da ist kein -Gesetz, das ihn hindert. Jedem Tagedieb steht es frei,<span class="pagenum"><a id="Page_202">[202]</a></span> -hinauszuziehen an den Teich, an den Sumpf, an den -feuchten Graben der Wiese, an die steinige Halde, in den -Buchenwald und dort einzufangen, so viel immer er -will, die Läden der Händler in der Großstadt zu füllen. -Und wenn es die letzte Ringelnatter am Bachesrand -wäre oder der einzige Tümpel in der ganzen Umgebung, -den Tritonen und Salamander beleben: er darf, falls -sonst kein Einspruch des Besitzers aus besonderen Gründen -erhoben wird, das Gewässer ausfischen, den Berghang -absuchen und alles mitnehmen, was ihm zur Beute -wird, bis auf den letzten Rest.</p> - -<p>Was ist der Grund für solche Vernachlässigung und -Zurücksetzung der genannten Geschöpfe gegenüber dem -weitgehenden Schutz, den namentlich die Vogelwelt -allenthalben genießt?</p> - -<p>Die Antwort ist nicht schwer. Der leichtbeschwingte, -sangesfreudige Vogel ist der Liebling nicht etwa nur -einzelner Naturfreunde, sondern aller Kreise unseres -Volkes, und wo die Vogelwelt vielleicht doch noch nicht -ganz die Teilnahme gefunden hat, die sie verdient, da ist -es uns Naturfreunden leicht, für sie einzutreten und um -Schutz und Pflege zu werben. Dabei wird man wohl -zuerst den großen Nutzen, den so viele Vögel für den -Land- und Forstwirt, den Gärtner und Obstzüchter besitzen, -ins rechte Licht stellen; denn in der Natur des -Menschen ist's nun einmal begründet, daß er in oft recht -engherziger Weise zunächst nach seinem eignen Vorteil -fragt. Dann aber wird man auch an den freien, fröhlichen -Flug erinnern, an die holdselige Stimme so vieler -Vögel, an ihr Familienleben, sowohl an das innige Verhältnis -der Gatten zueinander, wie an die aufopfernde -Liebe der Eltern zu ihren Kleinen, ja selbst zu fremden<span class="pagenum"><a id="Page_203">[203]</a></span> -verwaisten Vogelkindern. In all diesen Wesenszügen -wird der Vogel kaum von einer andern Tierklasse erreicht, -von keiner übertroffen. Und so sind die Vögel, -die Lieblinge der Schöpfung, auch die Lieblinge des -Menschen geworden. Sie stehen unserm Herzen, unserm -ganzen Gefühlsleben näher als alle andern Geschöpfe, -wenigstens wenn wir von den Haustieren absehen.</p> - -<p>Wie anders dagegen Eidechsen, Frösche, Molche oder -gar Kröten und Schlangen! Ihr bloßer Anblick flößt, -wenn auch ungerechtfertigterweise, vielen Menschen -<em class="gesperrt">Ekel und Abscheu</em> ein. Die schwerfälligen Bewegungen -der Kröten und Erdsalamander, die gewiß, ich -gebe es zu, der Anmut entbehren, sind manchen geradezu -widerlich; aber auch der hastige Lauf der zierlichen -Eidechsen, wenn sie über das kurzrasige Gras oder den -steinigen Weg hurtig wie die Mäuse dahinhuschen, flößt -schreckhaften Menschen Angst ein; das lautlose Hingleiten -der Schlangen ist vielen unheimlich, und selbst der -hüpfende Frosch ruft in schwachbesaiteten Gemütern Entsetzen -hervor. Fast auf jede Weise bewegen sich die Kaltblüter -fort: sie kriechen und hüpfen, sie schwimmen und -rennen; aber immer finden die Menschen etwas daran -auszusetzen. Selbst wenn die Kröten und Echsen fliegen -könnten, ich glaube, es würde auch keinem recht sein.</p> - -<p>Es gibt Menschen, denen sind Spinnen und Würmer -ebenso schreckliche Wesen, und ich kenne Damen, -die laut aufkreischen, wenn ihnen 'mal ein summender -Maikäfer oder ein Mistkäfer in die Nähe kommt oder -gar eine Fledermaus ihnen um die wuschligen Haare -flattert, die echten oder die falschen – entsetzlicher Gedanke! -Aber es scheint mir, die Abneigung gegen die -Kriechtiere und Lurche ist doch noch viel allgemeiner<span class="pagenum"><a id="Page_204">[204]</a></span> -verbreitet; es findet sich so selten 'mal einer, der diesen -verachteten und verfolgten Tieren freundlich gesinnt ist. -Und selbst wenn man mit verständigen Gründen solche -Vorurteile zu widerlegen sucht und gütlich zuredet, sich -doch den Salamander, die Blindschleiche, den Frosch genauer -zu betrachten, die Tiere wohl auch 'mal in die -Hand zu nehmen, so begegnet man bei fast allen dem -hartnäckigsten Widerwillen. »So kalt und so naß!« -heißt's beim Frosch, bei der Schlange: »so glatt!« und -bei der Kröte: »so ekelhaft und giftig ihr Schleim; ich -werde mich hüten.«</p> - -<p>Doch nicht bloß ihre äußere Erscheinung, auch die -<em class="gesperrt">Lebensweise</em> der Kriechtiere und Lurche ist vielen -höchst unangenehm. An dunkeln Orten, in feuchten -Löchern hausen sie, in Morästen und Sümpfen; sie -scheuen vielfach das Licht des Tages, wie Kröten und -Unken, die erst gegen Abend recht lebendig werden: -kurz, es sind unheimliche Geschöpfe. Kein Wunder daher, -daß sich der <em class="gesperrt">Aberglaube</em> ihrer bemächtigt hat, mehr -als irgend einer andern Tierklasse. Die meisten Menschen -wissen nicht viel von unsern Kaltblütern zu sagen; -wenn sie aber etwas von ihnen berichten, dann sind's -gewöhnlich erlogene, abergläubische Märchen; auf jeden -Fall aber ist's etwas Böses.</p> - -<p>Gern räume ich ein, daß es auch gescheite Leute gibt -– meine Leser rechne ich alle dazu, auch bin ich so glücklich, -persönlich solche zu kennen – die nichts wissen -wollen vom bösen Blick der Schlangen, vom Unglück -verkündenden Unkenruf, und was derartige Märchen -mehr sind; aber diese abergläubischen Vorstellungen, -teils Jahrtausende alt, liegen gewissermaßen in der -Luft; sie umgeben die Tiere, von denen wir sprechen,<span class="pagenum"><a id="Page_205">[205]</a></span> -wie ein übler Dunstkreis und tragen wesentlich zu dem -Abscheu bei, den die große Menge beim Anblick unsrer -Kriechtiere und Lurche empfindet.</p> - -<p>»Geh mir mit solch giftigem Gewürm ein für allemal -aus dem Wege!« wie oft habe ich's hören müssen, wenn -ich als Junge seelenvergnügt eine Ringelnatter in der -Hand hielt oder in der Einmachbüchse, die ich der Mutter -entwendet hatte, später in meiner »zoologischen Botanisiertrommel« -Eidechsen oder ein paar buntfleckige Molche -mit heimbrachte! Und wie oft sehe ich's heute noch: am -Wiesenweg eine Natter, die man in roher Weise gesteinigt -hat, am Waldesrand eine mit Rutenschlägen -getötete Blindschleiche, an der Parkmauer eine halbtote -Kröte; erst wenn die Sonne untergeht, kann sie sterben, -behauptet der Volksglaube.</p> - -<p>Der <em class="gesperrt">Haß</em> gegen diese Tiere und ihre Verwandten ist -ganz allgemein; jeder glaubt ein Recht zu haben, sie zu -vernichten, ja er schwatzt sich's vor, es sei seine Pflicht, -und mancher dumme Junge fühlt sich als ein Held, als -ein Ritter Georg, weil er eine unschuldige Natter oder -Blindschleiche erschlagen hat. Immer nur Ausnahmen, -wenn sich 'mal jemand dieser hart verfolgten Tiere erbarmt, -und wer für sie eintritt, findet kaum je Gehör, ja -mit Spott und Hohn antwortet man ihm.</p> - -<p>Aber gilt es nicht auch von diesen Kleinen und -Schwachen, den Verachteten und Verfolgten, daß sie -<em class="gesperrt">Kinder der Natur</em> sind, unsrer gemeinsamen Mutter, -der wir Verehrung und Liebe zollen sollen? Gehören -sie nicht auch mit zu denen, die der große Dichter -»meine Brüder im stillen Busch und im Wasser« nennt? -Ihr Leben mutwillig zu vernichten, dazu haben wir kein -Recht. Hat sich die Schöpfung etwa nur deshalb mit<span class="pagenum"><a id="Page_206">[206]</a></span> -Pflanzen und Tieren geschmückt, »ein jegliches nach seiner -Art«, daß wir uns an ihnen vergreifen sollen, sei es aus -Roheit, sei es aus törichter Selbstüberschätzung? Heißt -das nicht zerstören und verstümmeln, was uns erheben, -erquicken, erbauen und erziehen soll! Naturschänder sind -es, die anders denken und handeln, und Naturschänder -sind mir immer als die erbärmlichsten Menschen erschienen. -Die Natur, die uns der Inbegriff alles Schönen -sein soll, muß uns auch ein <em class="gesperrt">Heiligtum</em> sein, in noch -höherem Grade unverletzlich und unantastbar als das -größte Kunstwerk. Dieses hat Menschengeist ersonnen -und Menschenhand gebildet; die Natur aber trägt den -Stempel der Gottheit.</p> - -<p>Wer an der Natur frevelt, vergeht sich aber nicht nur -an dieser, sondern zugleich an seinen Nebenmenschen, -deren natürlichste und deshalb heiligste Rechte er mißachtet -und beeinträchtigt. Denkt denn der Frevler, der -eine Blindschleiche, eine unschuldige Schlange niederschlägt, -nicht daran, daß noch andere des Weges kommen, -denen der Anblick eines solchen Tieres Freude bereitet, -die den schlängelnden Bewegungen der Natter mit Vergnügen -zuschauen, ebenso dem flinken Lauf der zierlichen -Eidechsen, wenn deren Gewand im Sonnenstrahl funkelt -und gleißt, als sei es mit hundert Smaragden geschmückt, -die auch gern 'mal solch Tierchen in die Hand nehmen, -um es noch genauer zu betrachten: das allerliebste -Schuppenkleid, die wie Perlen blitzenden Äuglein, die -tastende Zunge. Nun sieht man das Tier, das noch vor -kurzem sich seines Lebens freute und so manchen Naturfreund -erfreut hätte, kläglich erschlagen am Boden. Der -Frevler hat mit roher Hand allem ein Ende bereitet: -dem unschuldigen Tierchen und der unschuldigen Freude.<span class="pagenum"><a id="Page_207">[207]</a></span> -Hat nicht jeder, auch der Ärmste ein Anrecht an die -Natur?</p> - -<p>Von mancher Seite hat man der <em class="gesperrt">Terrarien- -und Aquarienliebhaberei</em> den Vorwurf gemacht, -daß sie wesentlich zur Verödung der Natur beitrage. -In der Tat hat diese Liebhaberei während der -letzten Jahre vor dem Weltkriege in weiten Kreisen -unsrer Bevölkerung bei jung und alt Eingang gefunden, -zum Teil auf Kosten der Stubenvogelpflege, -während in meiner Jugendzeit meist nur wir Kinder -solch innigen Verkehr mit unsern heimischen Kaltblütern -pflegten. Das wachsende Interesse an den genannten -Geschöpfen kann ich nur mit Freude begrüßen. Wer -Gelegenheit hat, diese Tiere näher kennen zu lernen, -wird sie auch lieben lernen. Was man aber liebt, das -sucht man zu erhalten und zu schützen. Und so liegt es -mir ganz fern, den Freund und Pfleger von Schlangen, -Eidechsen, Molchen u. dgl. tadeln zu wollen, wenn er im -Frühjahr auszieht, um seinem Terrarium oder Aquarium -daheim, an dem er seine Freude hat, Ersatz zu -schaffen für das, was ihm der Winter geraubt hat. Der -verständige Freund der Natur wird durch Schutz und -Pflege seiner Lieblinge draußen in Wald und Flur, in -Sumpf und Teich der Heimat reichlich vergelten, was er -ihr raubt. Das gilt vom Terrarien- und Aquarienliebhaber -genau so wie vom Freund und Pfleger der heimatlichen -Stubenvögel.</p> - -<p>Aber den Umstand beklage ich tief, daß nun <em class="gesperrt">Fänger -von Profession</em> diese an sich erfreuliche Liebhaberei -zu einem Geschäft ausnutzen, indem sie im Frühling -Tag für Tag mit ihren Fanggeräten zu erbeuten -suchen, so viel sie nur können, Massenfang treiben der<span class="pagenum"><a id="Page_208">[208]</a></span> -übelsten Art. Der <em class="gesperrt">Händler</em> nimmt alles, je mehr, -desto besser; er hat für alles Verwendung. Was bei unsachgemäßer -Pflege krepiert, kommt in Spiritus und -findet auch dann seine Abnehmer. Und so wimmelt es -zu manchen Zeiten in den zur Schau gestellten Glaskästen -der sog. »Zoologischen Handlungen« der Großstädte -von zierlichen Eidechsen, von Nattern und Blindschleichen, -von Erdsalamandern, von Tritonen und -Molchen. Wirkliche <em class="gesperrt">Raubzüge</em> werden gegen die -heimatliche Natur unternommen. Nicht die Tierpflege -an sich verurteile ich, sondern den Massenfang, wie er zumeist -von arbeitsscheuen, recht zweifelhaften Personen -Jahr für Jahr des Geldgewinns wegen betrieben wird. -Ihnen sollte wie den Vogelstellern durch gesetzliche Bestimmungen -das lichtscheue Handwerk gründlich gelegt -werden. Freilebende Tiere zur Massenware zu erniedrigen, -ist ein Unrecht.</p> - -<p>Was nun aber fast ebenso schlimm, jeder kann diese -lebende Ware für verhältnismäßig wenig Geld beim -Händler erstehen. Da mag so mancher, der die Tiere im -Schaufenster sieht, denken, solch ein Behältnis mit -Schlangen und Eidechsen, solch Wassergefäß mit Molchen -könntest du dir in deinem Zimmer auch einrichten, und -er setzt nun die Ringelnatter, den Laubfrosch, den Erdsalamander -den ganzen Tag der Sonnenbestrahlung aus, -bringt die Tritonen in ein gefülltes Wasserglas, wo sie -kein Plätzchen zum Ausruhen finden, und um die Nahrung -der Tiere kümmert er sich auch nur wenig. Die ist -schwer zu beschaffen; wen der Hunger plagt, so denkt er, -wird nicht wählerisch sein. Unter solchen Umständen -gehen die armen Geschöpfe natürlich sehr bald zugrunde. -Dann ist die ganze Herrlichkeit aus, und am Ende freut<span class="pagenum"><a id="Page_209">[209]</a></span> -sich der Besitzer, der von Tierpflege keine Ahnung hat, -daß er die Sache wieder los ist. Der Händler aber hat -für die ganz zwecklos geopferten Tiere schon längst wieder -Ersatz.</p> - -<p>Das sind natürlich Auswüchse der Tierliebhaberei, -Nebenerscheinungen, die aber vom Standpunkte des -Naturschutzes aus sehr zu beklagen sind. Freilich den -meisten Menschen wird's gleichgültig sein, handelt es sich -dabei doch bloß um Eidechsen, Molche und ähnliches Getier, -und solch »Ungeziefer« hat keinen wirtschaftlichen -Wert, wie ihn z. B. der Vogel besitzt, ist auch für den -Haushalt der Natur ganz gleichgültig.</p> - -<p>Dieser allgemein verbreiteten Ansicht kann nicht -scharf genug widersprochen werden. Gewiß, unserm Fühlen, -unserm ganzen Innern steht der Vogel viel näher -als Blindschleiche oder Unke; aber was den wirtschaftlichen -Nutzen der Vogelwelt betrifft, da sind doch nicht -wenige unsrer gefiederten Freunde, die manchen Schaden -und Ärger anrichten und die das Gesetz doch in seinen -Schutz nimmt, und zwar mit größtem Recht; denn der -Geldbeutel allein darf nicht den Ausschlag geben.</p> - -<p>Wie steht es aber in dieser Beziehung mit den Kriechtieren -und Lurchen? Ich muß diese leidige Frage nach -<em class="gesperrt">Nutzen und Schaden</em>, so sehr es meinem Gefühl -zuwider ist, hier in den Vordergrund stellen, weil man -bei unsern Tieren so gar nichts anerkennen will, was -ihnen Daseinsberechtigung geben könnte. Das Quaken -der Frösche ist den Anwohnern des Teiches verhaßt, die -Schlangen sind allen greulich, heimtückisch, gefährlich, -widerlich die ganze Gesellschaft. Ich sprach mit einer -jungen Dame über unsre heimische Tierwelt und wie so -viele schuldlos verfolgte Geschöpfe dringend unseres<span class="pagenum"><a id="Page_210">[210]</a></span> -Schutzes bedürfen. »Sie wollen sich doch nicht etwa auch -noch der giftigen Schlangen und Salamander, der Eidechsen -und Molche annehmen?« fiel sie mir ins Wort. -»Sagen Sie 'mal, Herr Professor, wozu sind denn eigentlich -die entsetzlichen, scheußlichen Kröten auf dieser -Welt?« »Wozu, mein verehrtes Fräulein,« entgegnete -ich, »sind denn eigentlich Sie da? Sie haben Ihren -Beruf zu erfüllen im Haus, in der Familie, in der -menschlichen Gesellschaft, genau wie jedes andere Geschöpf -in seinem Kreise, und wenn Sie Ihrer Aufgabe -in allen Stücken so treu und gewissenhaft nachkommen -wie die Kröten, die Ihnen so zuwider sind, dann alle -Hochachtung vor Ihnen! Übrigens haben Sie sich eine -Kröte gewiß noch nicht genau angesehen; sonst müßten -Sie wenigstens etwas Schönes an ihr finden, und das -sind – erschrecken Sie nicht! – ihre Augen.«</p> - -<p>In mildem Goldglanz schauen die Krötenaugen uns -so treuherzig und innig an, als wollten die Tiere sagen: -Tu uns nichts zuleide! Es liegt etwas unaussprechlich -Wehmütiges in diesem milden Blick, etwas von der -stillen Poesie des Weihers mit seinen Nixen und Elfen, -die sich nach dem Reiche der Menschen sehnen, etwas von -märchenhaftem Waldeszauber, etwas Ahnungsvolles -und Unwirkliches. Man denkt an den verwunschenen -Prinzen, an die Kröte mit dem goldnen Krönchen, von -denen die Großmutter uns Kindern so oft erzählte. -Krötenaugen blicken ebenso sanft und träumerisch, so -innig und seelenvoll wie die schönen Augen meines Rotkehlchens -oder draußen am Waldbach die großen -braunen Augensterne der Wasseramsel, und ich kann's -nicht verstehen, daß Krötenaugen geradezu zum Sinnbilde -der Häßlichkeit geworden sind. Wenn man eine<span class="pagenum"><a id="Page_211">[211]</a></span> -Dame anschwärmen würde: »Sie einzig Verehrte, mit -Ihren Krötenaugen!« so würde das, so ehrlich es der -Freund und Kenner jener Tiere vielleicht auch meint, -als eine Beleidigung gelten. Nun, eine Beleidigung, -ich gebe es zu, mag es in manchen Fällen auch tatsächlich -sein, wo man solchen Vergleich zieht, aber niemals -eine Beleidigung für das weibliche Wesen.</p> - -<p>Doch zurück zur Frage nach <em class="gesperrt">Nutzen</em> und <em class="gesperrt">Schaden</em>. -Raubtiere sind sie alle, die Reptilien so gut wie die -Lurche, nur daß letztere in ihrem Jugendzustande, z. B. -als Kaulquappen, an verwesenden Pflanzenstoffen -herumnagen. Außer Daphnien, Cyklopiden und andern -Krebstierchen werden von allen <em class="gesperrt">Lurchen</em> die verschiedenen -Mückenarten, Würmer, Schnecken, Larven und -Puppen von Wasserinsekten, daneben die Jugendformen -der eignen Verwandtschaft verzehrt. Der gewalttätigste -Lurch ist unser <em class="gesperrt">Wasserfrosch</em>, der Musikant. Insekten -und Insektenlarven aller Art, Spinnen, Schnecken, -Würmer, Kaulquappen, Fischbrut, selbst kleine Fischchen, -aber auch junge Blindschleichen, Wassermolche: -alles würgt er hinunter. Der zierliche <em class="gesperrt">Laubfrosch</em> -hat es auf Fliegen, Kleinschmetterlinge, glatte Räupchen -und auf allerlei Würmer abgesehen. Die <em class="gesperrt">Kröten</em> -und <em class="gesperrt">Unken</em> leben gleichfalls von Insekten, Asseln, -Spinnen, Tausendfüßern, Nacktschnecken und Würmern.</p> - -<p>Auch unsre <em class="gesperrt">Kriechtiere</em> sind Räuber; sie erjagen -lebende Beute. Die <em class="gesperrt">Kreuzotter</em> nährt sich -von Mäusen aller Art, von Spitzmäusen, auch Eidechsen, -die sie durch ihren giftigen Biß sehr schnell tötet; selbst -jungen Vögeln mag sie bisweilen gefährlich werden. -Die <em class="gesperrt">glatte Natter</em>, auch Haselnatter genannt, macht -besonders gern auf Eidechsen Jagd, während die <em class="gesperrt">Ringelnatter</em><span class="pagenum"><a id="Page_212">[212]</a></span> -mit Vorliebe Laub- und Grasfrösche frißt. -Als gute Schwimmerin jagt sie aber auch im Wasser -nach kleinen, etwa fingerlangen Fischen und Salamandern. -Vor der gelbbauchigen Unke freilich und dem -Erdmolch scheut sie sich, gleich allen andern Lurchjägern; -denn schwarz und gelb, unsre Dresdner Stadtfarben, -sind Schreckfarben – natürlich nur in der Tierwelt. -Die <em class="gesperrt">Eidechsen</em> sind hinter allerlei Kerbtieren her und -und verstehen sie sehr geschickt zu erwischen: Grillen, Heuschrecken, -Schmetterlinge, Fliegen, Käfer; dazu fressen -sie Würmer, Nacktschnecken, ja sie überfallen selbst schwächere -Artgenossen, während die <em class="gesperrt">Blindschleichen</em>, -schwerfälliger in ihren Bewegungen, auf den Fang von -Regenwürmern, Schnecken und glatten Raupen angewiesen -sind.</p> - -<p>Aus diesen Beispielen ergibt sich, daß von einem besonderen -Schaden der Reptilien und Amphibien nicht -die Rede sein kann, abgesehen von der giftigen Kreuzotter, -die aber doch nur in einzelnen Gegenden Deutschlands -häufig auftritt. Ja, die meisten Mitglieder dieser -beiden Wirbeltierklassen stiften durch die Vertilgung -von Würmern und Nacktschnecken ganz entschieden -Nutzen. Daß sie auch viele Insekten verzehren, wollen -wir ihnen nicht besonders anrechnen; denn unter den -Kerbtieren gibt es nützliche, wie schädliche Arten, und -in dieser Beziehung wird keine Echse, kein Lurch eine -Auswahl treffen. Daß aber manche Wasserinsekten, die -der Fischerei Schaden bringen, den Ringelnattern und -Fröschen zum Opfer fallen, darf nicht unerwähnt bleiben.</p> - -<p>Besonders groß erscheint mir der Nutzen der <em class="gesperrt">Kröten</em>. -In Gärten, besonders wo Erdbeeren oder Salat -gepflanzt sind, da sollte man sich nur freuen, wenn man<span class="pagenum"><a id="Page_213">[213]</a></span> -ein paar Kröten begegnet; sie sind die stärksten Vertilger -der schädlichen Nacktschnecken. Das wußte schon -vor einem halben Jahrhundert mein Vater; er hieß uns -Kinder, wenn wir 'mal auf einem Spaziergang eine -Kröte antrafen, den Lurch mitnehmen und ihn in unsern -Gemüsegarten setzen. Wir freuten uns stets, wenn -wir dort den dicken, wohlgenährten Kröten begegneten -und sagten ihnen für ihre freundliche Unterstützung im -Kampfe gegen mancherlei Ungeziefer »danke schön!« -Später habe ich gelesen, daß englische und belgische Gärtner -den Nutzen der Kröten schon seit langer Zeit erkannt -haben und daß bei ihnen hier und da Kröten auf den -öffentlichen Märkten feilgeboten werden, um als Schutztruppe -in den Gärten Verwendung zu finden.</p> - -<p>Unsre Kaltblüter haben eine große Menge <em class="gesperrt">natürlicher -Feinde</em>, infolgedessen es ganz ausgeschlossen -erscheint, daß Kriechtiere und Lurche, selbst wenn wir -ihnen jeden erdenkbaren Schutz gewähren wollen, überhandnehmen -könnten. Die gegen früher veränderten -Kulturverhältnisse, die sich nicht wieder zurückschrauben -lassen, haben die Lebensbedingungen unsrer Kaltblüter -sehr ungünstig gestaltet, und so wird es uns höchstens -gelingen, einzelne seltene Arten, deren Bestand gefährdet -erscheint, vor dem völligen Untergang zu retten. -Die große Masse aber muß zusehen, daß ihre starke Vermehrung -die Verluste immer wieder ausgleicht, die -ihnen so viele Feinde bringen. Die <em class="gesperrt">Eidechsen</em> werden -von den Schlangen verfolgt, von Raubvögeln, -Krähen, Würgern, von Reihern, Störchen, Haushühnern, -von Marder und Wiesel, von Igel, Dachs, Fuchs -u. a., und fast all diese Eidechsenjäger sind auch Feinde, -oder besser Liebhaber der Schlangen. Selbst der<span class="pagenum"><a id="Page_214">[214]</a></span> -<em class="gesperrt">Kreuzotter</em> hilft ihr tödliches Gift nichts; sie wird -vom Storch überwältigt, ebenso vom Igel.</p> - -<p>Den <em class="gesperrt">Lurchen</em> geht es nicht besser wie den Kriechtieren; -»alles, alles will sie fressen!« Störche und Reiher, -Bussarde, Krähen, Dohlen, Elstern, Fischottern, -Dachs, Wiesel, Iltis sind hinter ihnen her. Dazu haben -sie viele Feinde in ihren eignen Reihen und unter den -Schlangen. Die zarten Froschkeulen erfreuen sich auch -im Tierreich vieler Verehrer.</p> - -<p>Natürlich bin ich weit entfernt, den genannten -Lurch- und Reptilienjägern einen Vorwurf zu machen. -Sie sind es ganz gewiß nicht, denen der Rückgang unsrer -Kaltblüter zur Last fällt. <em class="gesperrt">Den Menschen</em> trifft die -<em class="gesperrt">Schuld an der Verödung</em> der Heimat, an der -Vernichtung ganzer Tiergeschlechter. Man vergegenwärtige -sich nur, wie die <em class="gesperrt">Landwirtschaft</em> heute jedes -Winkelchen ausnutzt, die feuchten Wiesen entwässert, die -Feldgehölze und Hecken vielfach beseitigt. Sümpfe werden -ausgetrocknet und in Ackerboden verwandelt, Flußläufe -geregelt, daß das Wasser zwischen öden, geradlinigen -Steinmauern in einer Rinne dahinfließt; die -Bäche werden ihrer natürlichen Ufervegetation beraubt, -Teiche, Flußarme und Altwässer zugeschüttet und die -schönen Auenwälder dem Untergange preisgegeben. -Die <em class="gesperrt">Forstwirtschaft</em> begünstigt immer mehr das -Nadelholz, Kiefern und Fichten, wenigstens ist im Laufe -der Jahre an die Stelle so manches schönen Buchenbestandes, -der den Boden feucht hielt, einförmiges Fichtenholz -getreten. Unter all diesen Maßnahmen unsrer Zeit haben -Lurche und Reptilien schwer gelitten, schwerer noch als -die Vogelwelt; ihrer versteckten Wohnsitze sind sie beraubt -worden. Die Vögel wandern aus, wo sie nicht<span class="pagenum"><a id="Page_215">[215]</a></span> -mehr ihre Lebensbedingungen finden; aber die Amphibien -eines Sumpfes, eines Teiches gehen samt ihrer -Brut zugrunde, sobald das Gewässer zugeschüttet wird. -Die <em class="gesperrt">Industrie</em> ist unsern Tieren auch feindlich gesinnt. -Die Fabriken, die heute auch in das entlegenste -Gebirgstal vorgedrungen sind, verseuchen und vergiften -fast jeden Graben, jeden Bach; die Kläranlagen sind -ja doch nicht imstande, dem Wasser seine natürliche Beschaffenheit -wiederzugeben. Ist's da ein Wunder, wenn -die Bewohner des fließenden Elements, die Amphibien, -Fische u. a. immer seltener werden, ja aussterben?</p> - -<p>In dem trocknen Sommer 1911 weilte ich in meiner -Heimat an der Freiberger Mulde. Das war kein Wasser -mehr, was im Flußbett talab floß, sondern ein Sammelsurium -chemischer Lösungen, in denen kein höheres Lebewesen -sich hätte aufhalten können. Ein paar »Jungens« -kauerten am kahlen Uferrand und machten sich den -Spaß, die Gasblasen anzubrennen und explodieren zu -lassen, die auf dem Wasser schwammen. Es war just -dieselbe Stelle, die mir vor vierzig Jahren als Jagdrevier -auf Ringelnattern so lieb war. Dann führte mich -der Weg nach dem Nachbardorf, in dessen Mitte ich den -Dorfteich mit seiner reichen Pflanzenwelt vergeblich -suchte. Großstädtisch war alles geworden: ein Promenadenplatz -mit sein paar gußeisernen Bänken. Die -Bauern waren sehr stolz auf diesen Fortschritt der Kultur; -mich aber stimmte es traurig. Ich dachte an die -Frösche und Unken, die einst die Sommernacht mit -ihrem Chor- oder Einzelgesang so reizvoll belebten, an -die Ringelnattern, die ehemals bei unserm Nahen sich -von dem grünen Uferrand hinab ins Wasser gleiten -ließen, an die munteren Tritonen, die an seichten Stellen<span class="pagenum"><a id="Page_216">[216]</a></span> -hin und her schwammen, und an die Wasserkäfer, -die zwischen dem Entengrün ihre munteren Spiele trieben. -Vergangen, vorbei!</p> - -<p>Der Leser wird sagen: das ist alles ganz schön, oder -richtiger: das ist alles sehr traurig, aber wir können -daran nichts ändern. Wegen der Salamander und -Ringelnattern, der Frösche und Unken, die dabei zugrunde -gehen, wird sich der Landwirt nicht abhalten -lassen, einen Sumpf zu entwässern, eine feuchte Wiese -trocken zu legen, wenn er's für nötig oder vorteilhaft -hält, und die Anlage von Fabriken kann auf die Kleintierwelt -erst recht keine Rücksicht nehmen. Wohin sollte -solche Rücksichtnahme auch führen?</p> - -<p>So meine ich das selbstverständlich auch nicht. Immerhin -bin ich der Ansicht, daß ein einzelner Grundbesitzer -oder auch ein Gemeinwesen, eine Behörde in -allen Fällen recht eindringlich darüber nachdenken sollte, -ob es sich auch lohnt, solch eingreifende Veränderungen -der natürlichen Verhältnisse, wie sie die Trockenlegung -eines Sumpfes, eines Teiches zur Folge hat, herbeizuführen, -und ob es unbedingt nötig ist, gerade <em class="gesperrt">den</em> -Graben zuzuschütten oder mit Fabrikabwässern zu verseuchen, -der schöne Molche und ein paar seltene Fischchen -beherbergt, auch im Kreise der Naturfreunde als Fundstätte -interessanter Wasserinsekten, Krebstierchen, Polypen -usw. bekannt ist. Oder ob es sich nicht vermeiden -läßt, das kleine Feldgehölz niederzuschlagen, ob die -Weißdornhecke am Wege, das Gestrüpp am steinigen -Hang nicht erhalten werden kann. Dort wohnen Blindschleichen -und Eidechsen in frohem Verein; es wäre doch -schade um diese Kleintierwelt, wenn sie etwa nur einer -plötzlichen Laune zum Opfer fallen sollte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_217">[217]</a></span></p> - -<p>Vielleicht ließe sich auch auf <em class="gesperrt">gesetzlichem</em> Wege -etwas für unsre Kaltblüter tun. An das Vogelschutzgesetz -habe ich oben erinnert. Warum, so frage ich, gibt -es nicht ein ähnliches Gesetz zum Schutze der Reptilien -und Amphibien? Ich sehe keinen Grund ein, diesen Gedanken -abzulehnen. Sie alle, die unter den heutigen -Verhältnissen so hart bedrängt werden, die Schlangen -– natürlich mit Ausnahme der giftigen Kreuzotter – -die Eidechsen und Blindschleichen, die Kröten, die Salamander -und Teichmolche, die Laubfrösche und bis zu -gewissem Grade auch alle andern Frösche verdienen und -bedürfen gesetzlicher Maßnahmen, wollen wir sie unsrer -Heimat erhalten. Und wenn es vielleicht auch nicht an -der Zeit ist, ein Reichsgesetz zu befürworten, so könnten -doch bereits jetzt einzelne Länder und Behörden mit -gutem Beispiel vorangehen und durch besondere Landesgesetze -oder wenigstens Polizeiverordnungen den -Reptilien- und Amphibienjägern von Profession das -Handwerk genau so legen wie den Vogelstellern und -Eierräubern. Warum soll nur <em class="gesperrt">der</em> zur Verantwortung -gezogen werden, der sich an einem Vogel oder seiner -Brut vergreift, während der Frevler, der eine Kröte, -eine Unke oder ihren Laich, eine Eidechse oder eine -harmlose Schlange lediglich aus Roheit vernichtet, frei -ausgeht?</p> - -<p>Ich weiß es, daß gesetzliche Maßnahmen auf dem Gebiet -des Naturschutzes im allgemeinen wenig nützen. -Aber unser Reichsvogelschutzgesetz möchte heute doch kein -einziger Naturfreund missen; es hat im Laufe der Jahre -durchaus segensreich gewirkt. Und so verspreche ich mir -auch von einem <em class="gesperrt">Reptilien- und Amphibienschutzgesetz</em> -manches Gute. Dabei wäre wohl zu<span class="pagenum"><a id="Page_218">[218]</a></span> -erwägen, ob ein solches Gesetz nicht etwas mehr Rücksicht -auf die Terrarien- und Aquarienliebhaber nehmen -könnte, als unser Vogelschutzgesetz auf die Freunde der -Stubenvogelpflege. Nur dem Massenfänger und dem -Händler müßte das Handwerk gelegt werden.</p> - -<p>Freilich, mehr als gesetzliche Bestimmungen helfen -<em class="gesperrt">Belehrung</em> und <em class="gesperrt">vernünftige Erziehung</em>. -Wer soll belehrt und erzogen werden? Natürlich die -Jugend. Aber nicht etwa nur von den Lehrern, sondern -an erster Stelle von den Eltern. Die <em class="gesperrt">Schule</em> -hat es bereits bewiesen, daß es ihr Ernst ist, die ihr anvertrauten -Kinder zum Naturschutz zu erziehen. Davon -zeugen so manche Verordnungen und Maßnahmen der -Schulbehörden, die alle darauf zielen, in der Jugend -die Liebe zur Heimat und die Achtung vor der Natur -und ihren Geschöpfen zu wecken und zu pflegen, und -davon zeugt in gleicher Weise die freundliche Stellung, -welche die gesamte Lehrerschaft in Dorf und Stadt, an -Volksschulen wie an höheren Schulen dem Naturschutzgedanken -gegenüber von Anfang an eingenommen hat. -Ja viele, viele Lehrer sind für unsre Bestrebungen mit -freudigster Begeisterung eingetreten und haben sich im -Kampfe für sie mit in die vorderste Reihe gestellt. -Einmal um der Sache selbst willen, sodann aber auch, -weil sie erkannt haben, eine wie hohe erzieherische Bedeutung -dem Heimat- und Naturschutz sowohl für den -einzelnen Menschen wie für unser ganzes Volk zukommt.</p> - -<p>Heute treibt der Lehrer naturgeschichtlichen Unterricht -nicht nur innerhalb des Schulzimmers, sondern er -führt die Kinder oder jungen Leute hinaus ins Freie, -daß sie Pflanzen und Tiere in ihrer natürlichen Umgebung -beobachten, die <em class="gesperrt">lebenden</em> Wesen: die Blume<span class="pagenum"><a id="Page_219">[219]</a></span> -am Wegrand, die Blindschleiche am moosigen Boden, -die Eidechsen an der Geröllhalde, den Falter über der -Wiese. Der trockene »beschreibende« Naturgeschichtsunterricht, -der sich mit der Betrachtung von Herbarien, -von ausgestopften Vögeln, von Spirituspräparaten aus -dem Reich der Kaltblüter, von aufgespießten Insekten -begnügte, ist wohl für alle Zeiten verlassen. Das Leben -redet heute zur Jugend, und es lehrt, ohne daß der Erzieher -es nötig hat, viel Worte zu machen, Achtung vor -der Natur, vor jedem einzelnen Wesen, das ein Glied -des Ganzen ist, und damit auch Achtung vor der Gesamtheit -der Schöpfung. Wenn es heute scheinen will, -daß die traurigen, tief beklagenswerten Verirrungen -auf diesem Gebiet, daß die Verrohung weiter Kreise -unseres Volks, von der man mit Recht spricht, damit -nicht in Einklang zu bringen sind, so glaube ich darin -einen Trost finden zu dürfen, daß es sich nur um eine -Krankheitserscheinung handelt, die wohl überwunden -werden kann. Möge die Schule unentwegt auf dem eingeschlagenen -Wege weiter schreiten! Es ist der richtige, -und er muß zum Ziele führen.</p> - -<p>Aber das <em class="gesperrt">Elternhaus</em> hat nicht gleichen Schritt -gehalten. Wie gleichgültig stehen doch die meisten Erwachsenen -der heimatlichen Tierwelt gegenüber, wenn -es sich nicht gerade um ein Säugetier oder einen Vogel -handelt. Ja, Grauen und Furcht, Ekel und Abscheu -flößen sie ihren Kindern vor Schlangen, vor Kröten -und Salamandern, vor Fröschen und Kaulquappen und -vor all dem »giftigen Gewürm« ein. Sie untergraben -damit die natürliche Zuneigung, die jedes unverdorbene -Gemüt der Tierwelt entgegenbringt, statt durch das -eigene Beispiel das Interesse der Kinder an den »Brüdern<span class="pagenum"><a id="Page_220">[220]</a></span> -im stillen Busch, in Luft und Wasser« zu pflegen -und zu fördern. Da heißt es: »Was fällt dir ein, wirst -doch den ekligen Frosch nicht in die Hand nehmen!« -oder: »Geh weg, dort sitzt eine giftige Kröte!« oder: -»Pfui, pfui, welch scheußliche Raupe, gleich mach sie -tot!« oder: »Eine Schlange! wie gut, daß ich die heimtückische -Otter mit dem Stock noch getroffen!« Wollte -ich in gleichem Tone fortfahren, so würde ich sagen: -»Pfui Spinne, was sind das für törichte, unwürdige, -geschmacklose Redensarten Kindern gegenüber!«</p> - -<p>Die Kleinen, die anfangs wahllos jedes Tier in die -Hand nehmen, glauben es schließlich, was die Erwachsenen -sagen; sie kreischen beim Anblick einer Natter auf, -sie graulen sich, den feuchtkalten Frosch zu berühren und -steinigen die unschuldige Kröte. »Wie die Alten sungen, -so zwitschern die Jungen.« Die Schule wird erst -dann vollen Erfolg haben, wenn die Eltern die Hand -mit ans Werk legen. Häßliche, ekelhafte Geschöpfe gibt -es nicht. »Gott sahe«, sagt die Bibel in ihrer schlichten -Weise, »daß es gut war.« Und noch ein Bibelwort -möchte ich den Eltern zurufen; das lautet: »Werdet wie -die Kinder!«, d. h. wie die natürlichen, von eurer unvernünftigen -Erziehung noch nicht verdorbenen Kinder!</p> - -<p>Vor ein paar Jahren setzte ich einen vierzehnjährigen -Bengel zur Rede, der eben eine Ringelnatter in -grausamer Weise getötet hatte. In Glashütte war's, -dem erzgebirgischen Städtchen. Der Junge kam von der -Wiese herein nach dem Marktplatz und trug die -Schlange, in eine Astgabel geklemmt, triumphierend vor -sich her. Eine gröhlende Kinderschar umgab ihn, so daß -ich an den Anfang der Schillerschen Ballade vom -»Kampf mit dem Drachen« erinnert ward. Der Knabe<span class="pagenum"><a id="Page_221">[221]</a></span> -sagte natürlich, es sei eine giftige Schlange. Und dann -berichtete er mir, sein Vater habe gesagt, man müsse jede -Schlange, der man begegne, totschlagen, es könnte -immer eine Kreuzotter sein. Die verstellten sich manchmal. -Genau dieselbe Ansicht haben mir gegenüber auch -Erwachsene geäußert, die ich wirklich für ein wenig -verständiger gehalten hätte. Man ist eben zu gleichgültig -oder zu faul, sich die Merkmale unsrer drei -Schlangenarten einzuprägen, und schlägt nun alles tot, -was einer Kreuzotter ähnlich aussieht, selbst die so -harmlose Blindschleiche. Ich möchte auch wissen, wieviel -Haselnattern alljährlich als Kreuzottern an die -Behörden eingeliefert und von diesen prämiiert werden. -Erst lerne man die drei Schlangenarten – es -handelt sich tatsächlich im wesentlichen nur um drei -Arten – sicher unterscheiden, und dann, meinetwegen, -töte man die Kreuzotter, wenn man eine solche antrifft.</p> - -<p>Jene Kinderschar, von der ich erzählte, habe ich -natürlich über das begangene Unrecht belehrt und jedem -einzelnen Kind die Merkmale der unschuldigen Natter -genau eingeprägt. Selbst die größeren Jungen gingen -hierauf still und beschämt davon. Einem kleinen blondlockigen -Mädchen aber standen die Tränen im Auge; es -weinte über den Tod dieser Schlange, genau wie es über -ein verendetes Vöglein geweint haben würde.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Schlangen leben in allen Zonen der Erde; selbst in -dem kalten Lappland kommt die Kreuzotter noch bei -67° n. Br. vor, und überall werden diese Reptilien vom<span class="pagenum"><a id="Page_222">[222]</a></span> -Menschen gefürchtet, gehaßt und verfolgt; denn wo -immer Schlangen sich finden, da gibt es unter ihnen -neben harmlosen Geschöpfen auch tückische Wegelagerer, -die den offenen Kampf scheuen und ihrem Opfer aus -dem Hinterhalt mit vergiftetem Dolch auflauern. -Namentlich in den heißen Ländern ist die Zahl der -Giftschlangen sehr groß; aber selbst in Europa leben 6 -oder 7 Arten, von denen für Mitteleuropa nicht weniger -als 4 in Betracht kommen.</p> - -<p>Freilich nur die <em class="gesperrt">Kreuzotter</em> erfreut sich in -unserm Vaterlande allgemeiner Verbreitung. Ihr ist -jede Örtlichkeit recht, wo sie Wärme und Nahrung findet. -Nur dem Innern großer, dunkler Wälder, die kaum -einen Sonnenstrahl durchlassen, bleibt sie fern, auch der -sumpfigen Wiese, die ihr kein trocknes Plätzchen bietet. -Die andern drei, viel selteneren Giftschlangen aber -haben ihr Heim weiter südlich aufgeschlagen, die ursinische -Viper in Niederösterreich, die Sand- und die -Aspisviper namentlich in Südtirol.</p> - -<p>Aber selbst wenn Europa als einzige Giftschlange -lediglich die Kreuzotter beherbergte, ja wenn diese, wie -es für manche deutsche Landschaft gilt, überall außerordentlich -selten wäre, ich glaube die Schlangenfurcht -unter uns Mitteleuropäern würde doch ebenso allgemein -verbreitet sein. Der gute Ruf einer Familie wird eben -nur zu leicht durch ein aus der Art geschlagenes Mitglied -untergraben; die andern müssen darunter mit leiden, -in unserm Falle die giftlose Ringel- und Haselnatter -und selbst die ganz harmlose schlangenähnliche -Blindschleiche. Überall bringt man diesen Kriechtieren -Mißtrauen entgegen, und die Furcht vor dem »Otterngezücht« -ist ganz allgemein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_223">[223]</a></span></p> - -<p>Auf Grund eigner Erfahrungen muß ich nun aber -der Ansicht, die <em class="gesperrt">Schlangenfurcht</em> sei dem Menschen -<em class="gesperrt">angeboren</em>, ganz entschieden <em class="gesperrt">widersprechen</em>. -Ich habe darüber schon berichtet, sowohl in den von der -»Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen« -herausgegebenen »Vorträgen und Aufsätzen« wie im -»Kosmos«. Führe ich ein kleines, etwa drei- oder vierjähriges -Kind ruhig an eine Schlange heran, an eine -Ringelnatter, die durch's Gras schlüpft, an eine Haselnatter, -die sich am steinigen Hang sonnt, so ist von einer -angeborenen, instinktiven Furcht des Kindes vor dem -Reptil nicht das geringste zu spüren. Im Gegenteil, -das kleine Menschenkind betrachtet das ihm bisher unbekannte -Geschöpf mit dem größten Interesse. Ja, fasse -ich die Natter und bringe sie dem kindlichen Beschauer -ganz nahe, so bedarf es kaum noch des Zuredens, das -Kinderhändchen greift nach ihr und betastet das glatte -Schuppenkleid; selbst vor der beweglichen Zunge der -Schlange weicht es nach einem Weilchen nicht mehr -zurück. Dabei muß ich selbstverständlich voraussetzen, -daß das Kind seine natürliche Unbefangenheit noch bewahrt -hat, daß es nicht bereits Zeuge ward von dem -törichten Aufkreischen erwachsener Personen, mit dem -gewöhnlich eine Schlange, die sich 'mal zeigt, eine Blindschleiche -oder Eidechse begrüßt wird. Ich habe mehrfach -derartige Versuche angestellt. Kam es einmal zum -Schreien, so trug entweder meine eigne Ungeschicklichkeit -die Schuld, oder besonders heftige Bewegungen der -Natter, ein weites Aufreißen ihres Mundes, ein unheimliches -Zischen schüchterten den kleinen Naturforscher -ein. Einer jungen Katze oder einem Kaninchen gegenüber -verhält sich das Kind nicht anders.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_224">[224]</a></span></p> - -<p>Wenn man mir aber entgegnet, mein eigenes ruhiges -Verhalten, ja meine bloße Gegenwart habe die -Kleinen ermutigt, ihre angeborene Schlangenfurcht zu -überwinden, so antworte ich, daß es mit einem sogenannten -ursprünglichen Instinkte nicht weit her sein -kann, wenn er durch solch einfache Mittel zu überwinden, -ja in sein Gegenteil umzuwandeln ist. Auch kann ich -noch folgendes Erlebnis berichten. An einem sonnigen -Maimorgen beobachtete ich ein mir bekanntes, etwa -vierjähriges Mädchen, an einem Abhang kauernd, wo -es um diese Zeit von Eidechsen geradezu wimmelte. Das -Kind bemerkte mich nicht. Seine ungeteilte Aufmerksamkeit -war auf die grünschillernden Echsen gerichtet, -die aus ihren Löchern hervorkamen, um im Sonnenschein -zu spielen. Die Kleine griff nach den flinken Tierchen, -sie zu fangen, was ihr freilich niemals gelang, und laut -jauchzte sie auf in heller Freude an dem neckischen Spiel. -Kein Zweifel, mit Kreuzottern oder Skorpionen hätte -sich das Kind ebenso lustig unterhalten.</p> - -<p>Aber auch an meine eigne Jugend darf ich erinnern, -bin ich doch gewissermaßen unter Schlangen aufgewachsen. -Ringelnattern waren im Frühjahr und Sommer -meine täglichen Spielgenossen; sie bewohnten in großer -Anzahl die Uferränder des Bächleins, das durch unsern -Garten floß. An warmen Sommertagen sah man mich -selten ohne solches Reptil, oft in jeder Faust eine -Schlange, wie Herkules, zum Entsetzen meiner lieben -Mutter. Aber erwürgt hab ich sie nicht – die Schlangen -nämlich. Daß ich selbst Erwachsenen mit meinen -Freunden Furcht einjagen konnte, machte mir Spaß, um -so mehr als ich solch törichte Angst nicht begriff. Mein -Vater hatte durch die ruhig verständige Art, wie er mit<span class="pagenum"><a id="Page_225">[225]</a></span> -dem Kinde alles, was kriecht und fliegt, voll Teilnahme -betrachtete und besprach, mich vor jeder Ansteckungsgefahr -durch abergläubische Personen zu hüten gewußt, -und bald war ich einsichtsvoll genug, daß mir die -Schlangenfurcht anderer nichts anhaben konnte. <em class="gesperrt">Anerzogen</em> -ist diese Furcht, <em class="gesperrt">nicht angeboren</em>, das -behaupte ich aus vollster Überzeugung.</p> - -<p>Man redet von dem Paradies der Kindheit. Ins -Paradies aber gehören Tiere, und mit allen ist das Kind -gut Freund. Indessen, die Erwachsenen sind es, die solch -paradiesisches Verhältnis unsrer Kinder zur Tierwelt oft -in unverantwortlicher Weise stören, die natürliche Teilnahme -der Kleinen zu allem, was kriecht und fliegt, -untergraben, vielleicht ohne daß sie es wollen und -wissen. Wenn etwas dem Menschen angeboren ist, so -ist's nicht die Furcht vor gewissen Tieren, sondern im -Gegenteil die <em class="gesperrt">Zuneigung zu allen Geschöpfen</em>, -eine Tatsache, die in wirklich rührend naiver Weise in -der Schöpfungsgeschichte der Bibel zum Ausdruck kommt, -wo erzählt wird, daß Gott alle Tiere auf dem Felde und -alle Vögel unter dem Himmel zum ersten Menschen -brachte. Freilich gleich hinter dieser lieblichen Erzählung -steht das böse, an die Schlange gerichtete Wort des -Schöpfers: »Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und -dem Weibe, zwischen deinem Samen und ihrem Samen.« -Kein Zweifel, dieses Wort des zürnenden Gottes trägt -ein gut Teil Schuld an der übertriebenen Schlangenfurcht, -die selbst in unsern Tagen noch so viele Gemüter -beherrscht.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Kreuzotter</em> – es kann nicht oft genug -wiederholt werden – ist die einzige Giftschlange in -unsrer Heimat. Sie kann auch dem Menschen gefährlich<span class="pagenum"><a id="Page_226">[226]</a></span> -werden; doch gehören Unglücksfälle zu den seltenen Ausnahmen, -und gestorben ist infolge eines Kreuzotterbisses, -so viel ich weiß, in dem letzten halben Jahrhundert in -Sachsen überhaupt niemand. Eine gewisse Vorsicht, besonders -an Waldrändern, sonnigen Hügeln ist anzuraten, -wenn man sich auf den Boden niederläßt; auch -vor dem Barfußgehen an solchen Stellen ist zu warnen. -Aber man soll auch nicht übertrieben ängstlich sein und -durch solche Angst sich den Genuß an der Natur beeinträchtigen -lassen. Am wenigsten aber soll man vor jeder -Schlange Reißaus nehmen. Die Kreuzotter flieht, sobald -sie den Menschen bemerkt; nur wenn sie überrascht wird -und keinen andern Ausweg weiß, sucht sie sich zu verteidigen. -Man präge sich doch die Artmerkmale der -Kreuzotter ein. Ihre Länge beträgt etwa 50 bis 60 <em class="antiqua">cm</em>; -jedenfalls ist eine Schlange, die gegen 1 <em class="antiqua">m</em> mißt, nie -eine Kreuzotter. Die Färbung kann recht verschieden -sein; grau, braun oder olivenfarben ist der Grundton. -Die eigentümliche dunkle Zackenlinie, die längs des ganzen -Rückens hinläuft, hebt sich mehr oder minder gut -ab; sie besteht aus aneinanderstoßenden Rhomben. Die -Unterseite ist niemals hell oder auffallend gezeichnet. -Der eigentliche Schwanz, der sich ziemlich deutlich vom -Körper absetzt, ist sehr kurz, nur etwa <sup>1</sup>/<sub>8</sub> oder <sup>1</sup>/<sub>10</sub> der -Gesamtlänge. Die Bewegungen der Otter sind langsam, -lassen auch die geschmeidigen Wendungen vermissen, die -wir an den Nattern bewundern. Jede einzelne Schuppe -trägt längs der Mitte eine kielartige Erhöhung im -Gegensatz zu den ganz glatten Schuppen der Haselnatter. -Mit der bedeutend größeren <em class="gesperrt">Ringelnatter</em> kann -man die Kreuzotter nicht verwechseln. Deren Oberseite -ist blaugrün oder grünlichgrau gefärbt, die fast schwarzen<span class="pagenum"><a id="Page_227">[227]</a></span> -Schilder der Bauchseite sind weiß eingefaßt. Das untrüglichste -Merkmal dieser Natter bilden aber die beiden -gelben oder weißlichgelben Halbmondflecken hinter dem -Kopfe.</p> - -<p>Wenn behauptet wird, auch die <em class="gesperrt">Kröten</em> seien giftig -und sie schleuderten ihrem Feinde, dem wirklichen oder -dem vermeintlichen, aus ihren Hautdrüsen einen giftigen -Saft entgegen, so ist dies eine falsche Vorstellung. In -der Angst spritzt die Kröte Urin aus, der übel riecht, -im übrigen aber ganz wirkungslos bleibt. Man muß -den Lurch schon kräftig anfassen, ehe er aus seinen Drüsen -die so gefürchtete ätzende Flüssigkeit fahren läßt. Aber -auch diese ist dem Menschen gegenüber ganz harmlos, -höchstens daß sie an zarten Stellen die Haut etwas rötet, -und nur derjenige, der sich sehr viel mit Kröten beschäftigt, -wird über unangenehme Wirkungen dieses -Saftes, aus dem der Chemiker allerdings stark wirkende -Giftstoffe herstellen kann, zu klagen haben. Ähnlich verhält -es sich mit dem <em class="gesperrt">Feuersalamander</em>, der ja -auch als giftig beim Volke verschrien ist. Überhaupt -glaubt der gemeine Mann, je bunter und auffallender -die Farben solch eines Kaltblüters leuchten und glänzen, -um so giftiger sei das Tier, und er hält deshalb z. B. -das grünschillernde Männchen der Zauneidechse für viel -gefährlicher als das einfacher gefärbte Weibchen. Daß -solch Merkmal bei der Kreuzotter gar nicht stimmt, macht -keinem das Herz schwer. »Die Kreuzotter ist eine -Schlange, und die Schlangen sind ohne Ausnahme giftiges -Otterngezücht!« so heißt es ganz allgemein.</p> - -<p>Wollen wir unsre kaltblütigen Wirbeltiere der -Heimat erhalten, so kommt es an erster Stelle darauf an, -solchen und ähnlichen Aberglauben, der sich aus dem<span class="pagenum"><a id="Page_228">[228]</a></span> -dunkelsten Mittelalter bis in unsre Tage herübergerettet -hat, endlich einmal auszurotten. Hierbei sollte uns neben -der Schule auch das Haus unterstützen. Außerdem aber -erwachsen den <em class="gesperrt">Aquarien-</em> und <em class="gesperrt">Terrarienvereinen</em> -manche dankbaren Aufgaben. Wie man Vogelschutzgebiete -eingerichtet hat, so lassen sich auch Maßnahmen -treffen, die den Schutz der Kriechtiere und -Lurche an bestimmten, vielleicht nur eng begrenzten Örtlichkeiten -bezwecken. Selbst ein kleiner Verein, dem bloß -geringe Mittel zur Verfügung stehen, könnte einen -steinigen, unfruchtbaren Berghang oder auch nur eine -Schutthalde erwerben, wo Eidechsen und Schlangen ihre -Wohnung aufgeschlagen haben, ebenso einen Tümpel, -einen Wassergraben, einen kleinen Teich, der von Unken -und Fröschen, von Tritonen und Molchen belebt wird. -Hier könnten die Mitglieder des Vereins ihre schützende -Hand über diese Tiere halten. In vielen Fällen würde -es auch genügen, einen Pachtvertrag auf längere -Zeit abzuschließen oder den Besitzer gegen eine geringe -Abfindungssumme zu verpflichten, alle Veränderungen -innerhalb des Schutzgebiets zu unterlassen, welche die -Daseinsbedingungen der schutzbedürftigen Kleintierwelt -schmälern könnten.</p> - -<p>Namentlich wenn es sich um besondere <em class="gesperrt">Seltenheiten</em> -handelt, sollte man sich der bedrohten Tiere -annehmen. Zu solchen Seltenheiten, ja schon zu den -eigentlichen Naturdenkmälern gehören die Sumpfschildkröte, -die Würfel- und Äskulapnatter, die Smaragd- und -die Mauereidechse, die Bergunke, die Geburtshelferkröte -u. a. Sind es doch nur ganz wenig Örtlichkeiten in -Deutschland, die als Fundstätten des einen oder des -andern der genannten Kaltblüter in Betracht kommen.<span class="pagenum"><a id="Page_229">[229]</a></span> -So ist die Sumpfschildkröte außer in Westpreußen und -den benachbarten Gebieten nur noch im Regierungsbezirk -Lüneburg, an der Unterweser, in Schleswig-Holstein, -in der Altmark, im Braunschweigischen und in -Schlesien an ganz wenig Orten bekannt. Die Äskulapnatter -kommt vereinzelt im Taunus und bei Passau vor, -die Würfelnatter hat man in der Meißner Gegend -und an der Nahe angetroffen, die herrliche Smaragdeidechse -am Oberrhein und bei Passau, während es sich -bei verschiedenen preußischen Fundstellen wahrscheinlich -nicht um ein ursprüngliches Vorkommen handelt. Und -so lassen sich bei einer ganzen Reihe von Kriechtieren -und Lurchen die wenigen Angaben über ihre Wohnstätten -in Deutschland an den Fingern einer Hand aufzählen. -Mag es auch wahrscheinlich, ja sogar sicher sein, -daß diese Angaben Lücken aufweisen, so viel steht jedenfalls -fest, daß die genannten Tiere über kurz oder lang -ganz aus unsrer Heimat verschwinden werden, wenn sich -nicht Naturschutz-, Aquarien- und Terrarienvereine, sowie -Einzelliebhaber der hart Bedrängten tatkräftig annehmen. -Auch durch behördliche Verordnungen läßt sich -wohl manches erreichen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Die Erhaltung der heimatlichen Tierwelt</em> -muß das gemeinsame Ziel aller Naturfreunde -sein. Die verschiedensten Wege führen dahin. Möge -selbst den gefürchteten Schlangen und den verachteten -Kröten gegenüber solche Aufforderung eine freundliche -Aufnahme finden! Es handelt sich um eine ideale Aufgabe, -um</p> - -<p class="center"> -<em class="gesperrt">Schutz den Schutzlosen</em>! -</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_230">[230]</a></span></p> - -<h2 id="Sechsbeinig_achtbeinig_und">Sechsbeinig, achtbeinig und -ohne Beine</h2> -</div> - -<p class="drop">Auch unter der niederen Tierwelt haben wir gute -Bekannte und liebe Freunde. Freilich weniger -die Erwachsenen, als die Kinder. Jene wenden sich meist -mit Abscheu oder lächerlichem Widerwillen von dem -»Insektengesindel, dem Spinnengezücht und all dem Gewürm« -ab – unnützes Ungeziefer, zu nichts anderem -auf der Welt, als die Menschen zu ängstigen und zu -quälen, vom bösen Feind erschaffen, der ja auch das -Unkraut zwischen die Fruchthalme der Felder gesät hat – -während die Kinder diesen Geschöpfen viel näher stehen. -Ihr Verhältnis zu ihnen ist weit inniger, ursprünglicher, -noch ungetrübt durch den Verstand, der immer nur Nutzen -und Schaden berechnet, einzig in einem tiefen, wahren, -natürlichen Gefühl wurzelnd. Solange das Kind von -dem albernen Gerede der Erwachsenen noch verschont geblieben -ist, sieht es in jedem Tier, auch dem geringsten, -ein ihm bis zu gewissem Grade verwandtes Wesen, -etwas Beseeltes, das gleich ihm empfindet. In Einfalt -ahnt es den Sinn der Dichterworte:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i2">»Aber du Frühlingswürmchen,<br /></span> -<span class="i0">Das grünlichgolden neben mir spielt,<br /></span> -<span class="i0">Du lebst und bist vielleicht<br /></span> -<span class="i0">Ach, nicht unsterblich?«<br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_231">[231]</a></span></p> -<p class="noind">eine Frage, die der Erwachsene nur mitleidig belächelt. -Ohne Scheu nimmt das Kind den Käfer, die Raupe, die -Spinne, die Schnecke, den Regenwurm in die Hand, freut -sich an ihren Bewegungen, stellt allerlei Fragen an sie -und läßt sich von seinen Freunden erzählen. Die geschmacklosen -Redensarten, wie: »eklige Raupe« oder -»pfui, die häßliche Spinne!« verdanken gewiß nicht einem -Kindermund ihre Entstehung.</p> - -<p>Unter den Käfern spielt natürlich der »<em class="gesperrt">Sohn des -Mai's</em>« bei unsrer Jugend eine hervorragende Rolle. -Sobald die Birken ihre schwanken Hängeruten mit zartem -Grün übersponnen haben, ziehen die Buben mit -durchlöcherten Pappkästen oder Zigarrenkisten in den -Wald, um die braunen Gesellen von den Bäumen zu -schütteln und nach Hause zu bringen. Habe es auch nicht -anders getrieben – selige Kinderzeit, wo man sich reich -fühlte, wenn man ein paar Dutzend Maikäfer sein eigen -nannte!</p> - -<p>Wir spielten mit ihnen nach Herzenslust. Sie mußten -seiltänzern, einen kleinen Wagen oder Schlitten ziehen; -auch als Handelsartikel waren sie hochgeschätzt, besonders -die mit rotem Brustschild, die »Franzosen«. Später freilich, -wenn die Käfer matt und langweilig wurden, war -es aus mit der Freundschaft, und wir warfen sie den -Hühnern vor.</p> - -<p>In manchen Jahren traten die Maikäfer so massig -auf, daß sie auch uns Kindern zuwider wurden, und -wenn wir die Verheerungen sahen, die sie anrichteten, -wie sie die jungbelaubten Eichen ganz kahl fraßen und -unsre Stare mit den Übeltätern nicht mehr fertig werden -konnten, zogen auch wir gegen sie zu Felde, genau so<span class="pagenum"><a id="Page_232">[232]</a></span> -wie im Sommer 1922 die Schuljugend den Kampf gegen -die Nonne geführt hat.</p> - -<p>Andre Käfer erfreuten sich unsrer dauernden Liebe -und Teilnahme. Der goldig-grün glänzende <em class="gesperrt">Rosenkäfer</em>, -wie er mitten in der duftenden Zentifolie sitzt, -von deren zarten Blättchen er speist, war unser Entzücken; -wir hätten ihm ebensowenig ein Leid zufügen -können wie den verschiedenen <em class="gesperrt">Marienkäferchen</em> -oder Sonnenkälbchen, die uns für heilige Tiere galten.</p> - -<p>Auch der seltene <em class="gesperrt">Puppenräuber</em> war unser Stolz, -nicht weniger so mancher <em class="gesperrt">Bockkäfer</em> – der kraftvolle -Weberbock mit den lederartigen Flügeldecken, der große -Eichenbock, der zierliche Zimmerbock mit seinen riesigen -Fühlern – alle Kameraden beneideten uns um unsern -Besitz, an dem wir uns doch nur ein paar Tage erfreuten. -Ich schenkte den Gefangenen, wenigstens damals, -als ich noch keine Käfersammlung besaß, die Freiheit -bald wieder. Die Schädlinge zu töten, das kam mir -nicht in den Sinn.</p> - -<p>Längere Zeit, ja wochenlang hielten wir die Riesen -der deutschen Käferwelt, die <em class="gesperrt">Hirschschröter</em>, in -Gefangenschaft; mit Zuckersaft, den sie sehr gern lecken, -fristeten wir ihr Leben. In das Aquarium, das -mit Teichmolchen besetzt war, brachten wir allerlei -<em class="gesperrt">Schwimmkäfer</em>, den Gelbrand, den pechschwarzen -Wasserkäfer, den kleinen Taumelkäfer. Wir freuten uns -an ihrem lebhaften Treiben, bis wir die raubgierige -Gesellschaft, die uns die Molche und die kleinen Fischchen -anfraß, verbannen mußten. Auch die Wasserläufer, die -wie auf Schlittschuhen über das Gewässer hingleiten, erregten -unsre besondere Aufmerksamkeit.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_233">[233]</a></span></p> - -<p>Das höchste Entzücken haben mir aber die <em class="gesperrt">Leuchtkäfer</em> -bereitet, die »Johanniswürmchen«, wie wir sie -nannten. Ich war schon mindestens zehn Jahre alt, als -ich das Wunder der fliegenden Funken in einer warmen, -gewitterschwülen Sommernacht zum erstenmal anstaunen -durfte. Es steht mir der Augenblick unvergeßlich im -Gedächtnis, wo solch geheimnisvolle, dem Kinde bisher -völlig fremde Wunderwelt mich umgab: leuchtende Funken, -die man in die Hand nehmen konnte, ohne sich zu -verbrennen, ein »Feuerzauber«, der mich völlig in seinen -Bann zog. Noch heute sind mir die Leuchtkäfer, die so -still durch das nächtlich-dunkle Gesträuch ziehen oder wie -leuchtende Lämpchen am Boden ruhen, ein geheimnisvolles -Wunder, das mich immer wieder beglückt.</p> - -<p>Mit den Jahren erwachte natürlich der <em class="gesperrt">Sammeltrieb</em> -in mir; wir Jungen spornten uns gegenseitig an -und wetteiferten miteinander. Die in der Äthernarkose -getöteten und dann sauber aufgespießten und in dem -Kasten systematisch angeordneten Käfer haben mir große -Freude bereitet. Ich darf wohl sagen, vieles habe ich -dabei gelernt, in der Hauptsache aber doch nur dadurch, -daß ich mir selber die Sammlung anlegte. Einige seltenere -Prachtstücke, die ich später erwarb oder die mir -geschenkt wurden, sagten mir wenig, wie mir denn allezeit -die <em class="gesperrt">lebenden</em> Insekten beredtere Lehrmeister gewesen -sind, als ihre toten, in Reih und Glied aufgestellten -Leiber. Und so bin ich denn heute von Käfersammlungen -in der Hand von Kindern kein besonderer -Freund; in den meisten Fällen kommt nicht viel dabei -heraus. Der Feuereifer, mit dem die Sache begonnen -wird, flaut oft schon im ersten Jahre ab, und bald steht -die kleine Sammlung unbeachtet in einem Winkel.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_234">[234]</a></span></p> - -<p>Wo man aber doch einem Jungen, der sich für die -Kleintierwelt unsrer Heimat besonders interessiert, gestattet, -sich eine derartige Sammlung anzulegen, da sollte -das Eltern- und Erzieherauge darüber wachen. Sonst -geht es ohne Tierquälerei und Versündigung an der -Natur nicht ab; denn es liegt auf der Hand, daß es -auch der jugendliche Sammler sehr bald hauptsächlich auf -Seltenheiten abgesehen hat, die ihm, wenn er seine eignen -Bedürfnisse befriedigt hat, als Austauschobjekte gegen -andre Seltenheiten wertvoll sind. Keinesfalls darf das -Sammeln zum Selbstzweck werden; die <em class="gesperrt">Beobachtung -des lebenden Insekts in freier Natur</em> muß -immer die Hauptsache bleiben.</p> - -<p>Ein Junge, der sich auf den Totengräber, den -Ameisenlöwen, den Goldschmied stürzt und nur daran -denkt, die Tiere in die Ätherflasche zu stecken, um sie -daheim der Sammlung einzuverleiben, der bringt sich -um das beste Teil. Beobachte die Totengräber in ihrer -bunten Livree, die Aaskäfer im dunkeln Trauergewand -bei ihrer Arbeit, wie sie herbeirennen oder herbeifliegen, -wenn sie den Leichnam eines Vogels oder eines kleinen -Säugetiers aus der Ferne gewittert haben, wie sie die -Erde unter dem toten Körper wegscharren und ihn gleichsam -begraben, damit die Larven, die später den Eiern -der geschäftigen Käfer entschlüpfen, sogleich Nahrung -finden. Beobachte die Laufkäfer, wie sie einen Wurm, -eine Kerbtierlarve überfallen, den Ameisenlöwen, wie -er mit gehobenem Kopf und geöffneter Kieferzange in -seinem Sandtrichter sitzt und auf einen Fang lauert, die -Schnell- oder Springkäfer – »Schmiede« sagten wir -Kinder – wie sie, lebendige Stehaufchen, so lustig -emporschnellen, um aus der Rückenlage wieder auf alle<span class="pagenum"><a id="Page_235">[235]</a></span> -Sechse zu kommen, die grünen Sandkäfer, wie sie auf -dem öden Ufergelände stoßweise vor dir auffliegen, oder -die scharlachroten Lilienhähnchen, die durch Aneinanderreiben -der Hinterleibsringe gegen die Flügeldecken eine -so seltsam piepende Musik erzeugen, – und du hast mehr -erlebt, als dir die Sammlung zu geben vermag.</p> - -<p>Die Kinder, die so glücklich sind, sich viel in freier -Natur tummeln zu dürfen, werden mit den Eigentümlichkeiten -der genannten und noch vieler anderer Kerbtiere -sehr bald bekannt sein. Der seltsame Ölkäfer, »Maiwurm« -hieß er bei uns, aus dessen Beingelenken ein -gelber, öliger Saft tritt, die »spanische Fliege«, die sich -zu Zeiten massenhaft auf Eschen und andern Bäumen -einfindet, die Rüsselkäfer mit ihrem igelähnlichen Gesicht -und dem stahlharten Chitinpanzer, die metallisch -glänzenden Erdflöhe u. v. a.: sie alle sind selbst dem -kleinen Kind gute Freunde. Aber doppelt glücklich die -Kleinen, wenn sie sehen, daß auch die Erwachsenen ihren -Lieblingen Teilnahme entgegenbringen! Wie leicht ist -es doch, die jugendlichen Beobachter auf diese oder jene -Eigentümlichkeit ihrer sechsbeinigen Spielkameraden -hinzuweisen, ihnen allerlei Geschichten aus deren Leben -zu erzählen und ihnen so immer mehr Liebe zur Natur -und zugleich Achtung vor allen Werken der Schöpfung -einzuflößen. Gerade an dieser Achtung und Ehrfurcht -fehlt es nicht selten! Vielleicht auch ist es mehr Neugier -und Spieltrieb, als Mutwille und Zerstörungssucht, wenn -Kinder sich der wehrlosen Insektenwelt gegenüber allerlei -Grausamkeiten zu schulden kommen lassen; durch ein -gutes Wort, einen Hinweis auf das Wunderwerk der -Natur, das sich auch im unscheinbarsten Lebewesen offenbart,<span class="pagenum"><a id="Page_236">[236]</a></span> -kann viel Unheil verhütet werden, Unheil, das -weniger die Schöpfung bedroht, als – die Kindesseele.</p> - -<p>Auch <em class="gesperrt">Schmetterlinge</em> habe ich in großer Anzahl -gesammelt, nachdem ich die Kunst erlernt hatte, sie auf -dem Spannbrett zu präparieren, daß sie dann im Sammelkasten -mit ausgebreiteten Flügeln ihre ganze Farbenpracht -zeigten. Damals als Kind sah ich mich auf dem -Lande von einem Reichtum, einer Mannigfaltigkeit an -Groß- und Kleinschmetterlingen umgeben, daß mir die -Artenzahl unerschöpflich schien. Heute ist das anders geworden, -namentlich in der Nähe der Großstädte. Eine -Verarmung an Faltern ist eingetreten, die ich tief beklage; -denn gerade die leichtbeschwingten, bunten -»Sommervöglein« sind es, die eine Landschaft aufs reizvollste -beleben, wenn sie in großen Scharen über der -Wiese ihr anmutiges Spiel treiben, von einer Blume -zur andern gaukeln, sich haschen, ausgelassen herumwirbeln, -hoch in die Lüfte steigen und dann schnell wieder -herabflattern, um sich auf dem Blütenstern niederzulassen, -der ihnen Nahrung verspricht. Farbe, Bewegung, -Leben – ewig schade, daß wir heute so selten Gelegenheit -haben, uns solcher Anmut zu erfreuen!</p> - -<p>Gewiß, auch vor einem halben Jahrhundert waren -manche Großschmetterlinge in meiner Heimat ziemlich -selten, und nicht jeden Tag flog mir ein Segelfalter ins -Netz oder ein Schwalbenschwanz, und wenn es uns gelang, -manche größere Schwärmer oder Eulen, Liguster- -oder Wolfsmilchschwärmer oder gar ein rotes Ordensband -mit Hilfe von Apfelschnitten, auf die viele Nachtfalter -sehr lüstern sind, zu erbeuten, so waren wir -glücklich.</p> - -<p>Aber heute fehlen vielerorts auch solche Falter, die<span class="pagenum"><a id="Page_237">[237]</a></span> -früher zu den gewöhnlichsten Erscheinungen gehörten. -Den Schmetterlingsraupen mangelt es hier an den zur -Entwicklung nötigen Nahrungspflanzen. Wir sagten es -schon: man nützt jedes Winkelchen aus und duldet kein -Unkraut; das Saatgetreide ist viel reiner geworden, und -gewiß ist auch die künstliche Düngung dem Entwicklungsgang -mancher Falter höchst nachteilig.</p> - -<p>Mich verdrießt es, wenn ich Jungen mit Schmetterlingsnetzen -durch die Wiesen rennen sehe: Raubzüge -gegen die Natur, aus denen nichts Ersprießliches entspringt -– in den meisten Fällen wenigstens. Nicht -übertriebene Empfindsamkeit ist es, die mich dies absprechende -Urteil fällen läßt; die Natur ist auch grausam, -und dem Schmetterling wird's gleich sein, ob er im -Rachen einer Eidechse endigt, im Schnabel einer nächtlichen -Eule oder in der Äthernarkose des Sammlers. -Es sind auch kaum pädagogische Gründe – wie verhärtet -müßte mein Herz Pflanzen und Tieren gegenüber -geworden sein, wenn Schmetterlings- und Käfersammeln, -wenn Pflanzenpressen das Gemüt verrohen müßten – -nein, Schutz der Natur ist es, wozu ich nicht eindringlich -genug mahnen kann.</p> - -<p>Die Zeiten haben sich eben geändert, wollte auch -nur ein kleiner Bruchteil unsrer Schuljungen sich eine -Schmetterlingssammlung anlegen, so wäre es bald vorbei -mit den bunten Faltern, und nur noch Weißlinge -würden in unsern Gärten flattern. Auch die Schulen -sollten Maß halten im Sammeln von Seltenheiten; -einige häufiger vorkommende Vertreter der einzelnen -Gattungen und Familien genügen vollkommen. Eine -Schulsammlung soll kein Museum sein.</p> - -<p>Die Falter im Sammelkasten zeigen wohl ihr buntes<span class="pagenum"><a id="Page_238">[238]</a></span> -Farbenkleid, aber ihr Leben und Treiben kannst du doch -erst in freier Natur kennen lernen, ja selbst die Bedeutung -der Farben und ihre verschiedene Verteilung auf -Vorder- und Hinterflügel bei Tag- und Nachtfaltern -wirst du erst begreifen, wenn du die leichtbeschwingten -Geschöpfe in ihrer natürlichen Umgebung beobachtest, -wie sie ihre bunte Herrlichkeit uns zeigen und dann -plötzlich dank ihrer Schutzfärbung unserm Auge entschwinden.</p> - -<p>Viel wertvoller als Schmetterlinge zu sammeln erscheint -es mir, wenn unsre Jugend sich mit der Aufzucht -von Raupen beschäftigt und dann die Falter, die den -Puppen entschlüpfen, freiläßt. Die Knaben und Mädchen -lernen dabei gar manches und haben dann draußen im -Freien, wenn sie einen Schmetterling sehen, noch die besondere -Freude, möglicherweise einem guten Bekannten, -der ihrer Zucht entstammt, begegnet zu sein.</p> - -<p>Viele Feinde unter den Menschen haben die <em class="gesperrt">Spinnen</em>; -selbst der weitverbreitete Glaube, daß Spinnen -Glück bringen, hilft ihnen nur wenig. Auch diese interessanten -Tiere zu beobachten, findet sich oft für Kinder -Gelegenheit, die auch von dem Erzieher wahrgenommen -werden sollte: die Kreuzspinne, wie sie ihr kunstvolles -Netz baut, an dessen Fäden sie eiligst dahinrennt, ohne -sich zu verstricken, wie sie aus ihrem Versteck hervorschießt, -die Fliege packt, die ins Netz geraten ist, und sie -umspinnt, oder der seltsame Weberknecht, der »Kanker«, -wie er tagsüber in einem staubigen Winkel sitzt und -gegen Abend seine acht lächerlich langen Beine in Bewegung -setzt, um auf die Jagd nach winzigen Insekten -und Spinnen zu gehen, oder die Wasserspinne, die sich -gut im Aquarium beobachten läßt; an den Wasserpflanzen<span class="pagenum"><a id="Page_239">[239]</a></span> -spinnt sie sich einen Wohnraum, einer Taucherglocke -vergleichbar, von wo sie hervorschießt, sobald ein kleines -Wasserinsekt in die Nähe kommt. Überhaupt das Aquarium -– in Schule und Haus gibt's kaum ein besseres -Anschauungs- und Erziehungsmittel! Tag für Tag ein -unversiegbarer Born der Belehrung.</p> - -<p>Daneben natürlich die Beobachtung in freier Natur, -die niemals fehlen darf. Durch den Garten, der zu -meinem Elternhaus gehörte, floß ein klares Bächlein. -Nur wer selbst an solch einem Gewässer aufgewachsen ist, -vermag zu beurteilen, was das für ein empfängliches -Kinderherz bedeutet. Die hübsch gepunkteten Forellen -wurden belauscht, wie sie unbeweglich im Wasser -»stehen« und dann blitzschnell davonschießen; den -Krebsen stellten wir nach, die in den Uferlöchern ihre -Wohnung hatten, gleich neben der Wasserratte; die seltsamen -»Hülsenwürmer«, die ihren weichen Hinterleib in -einem Köcher bergen, den sie aus Pflanzenstengeln, -Schneckenhäuschen, Steinchen gar zierlich zusammenfügen, -erregten unser Interesse, wie die »Rattenschwanzlarven« -der Schlammfliegen und die Larven und Puppen -der Stechmücken, die zu Tausenden in einer Pfütze -neben dem Bach ihrer weiteren Entwicklung entgegensahen. -Rückenschwimmer und Wasserläufer, Larven der -blauen Libellen und Eintagsfliegen, Schlammschnecken -mit ihrem spindelförmigen Haus und Tellerschnecken – -»Posthörnchen« nannten wir sie – es ist nicht möglich, -all meine Jugendfreunde hier aufzuzählen.</p> - -<p>Viel Freude hatte ich als Kind an <em class="gesperrt">Schneckenhäusern</em>. -Eine kleine, nette Sammlung, die ich mir -damals anlegte. Die niedlichen Gebilde sind oftmals so -hübsch gezeichnet, und so mannigfaltig ist die Färbung<span class="pagenum"><a id="Page_240">[240]</a></span> -auch bei derselben Art, daß man immer wieder Neues -entdeckt. Ich möchte die Schneckenhäuser der sammellustigen -Jugend aufs wärmste empfehlen; denn ohne -Sammeln, das weiß ich, geht's nun 'mal nicht ab. Beschränkt -man sich auf leere Schneckenhäuser, so tut solch -Sammeln niemand weh.</p> - -<p>Auch Muscheln bereicherten meinen Besitz, besonders -als mir eine befreundete Familie hunderte solch zierlicher -Gebilde, wie sie am Strande herumliegen, von -ihrem Seeaufenthalt mitgebracht hatte. Zu meiner besonderen -Freude fehlten auch prachtvolle tropische Formen -nicht; denn überall in den deutschen Seebädern -werden auch solche verkauft. Mein Jungenherz schwelgte -in dem ungeahnten Reichtum an Formen und Farben.</p> - -<p>Nur ein klein wenig Verständnis, ein klein wenig -Teilnahme seitens der Eltern solchen und ähnlichen -Liebhabereien und Neigungen der Kinder gegenüber! -Der Sinn für die Natur empfängt gerade durch den -schon in jungen Jahren gepflegten Verkehr mit unsrer -heimatlichen Kleintierwelt die stärkste Anregung und -damit unsre Naturschutzbewegung – es ist dies meine -vollste Überzeugung – die wirksamste Förderung.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p> - -<p>Korrekturen:</p> -<div class="corr"> -<p> -S. 55: Dippoldiswaldaer → Dippoldiswalder<br /> -Wolfssäule in der <a href="#corr055">Dippoldiswalder</a> Heide</p> -</div> -</div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of »Meine Brüder im stillen Busch, -n Luft und Wasser«, by Martin Braeß - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK »MEINE BRÜDER IM STILLEN *** - -***** This file should be named 62311-h.htm or 62311-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/2/3/1/62311/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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