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-The Project Gutenberg EBook of »Meine Brüder im stillen Busch, in Luft
-und Wasser«, by Martin Braeß
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: »Meine Brüder im stillen Busch, in Luft und Wasser«
-
-Author: Martin Braeß
-
-Release Date: June 2, 2020 [EBook #62311]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK »MEINE BRÜDER IM STILLEN ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net
-
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-
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-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
- ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
- ~so markiert~.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
- »Meine Brüder
- im stillen Busch, in Luft
- und Wasser«
-
- von
-
- Martin Braeß
-
- 4. Band der Heimatbücherei
- des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz
- Dresden 1923
-
-
-
-
- Otto Wigand'sche
- Buchdruckei in
- Leipzig
-
-
-
-
- Den Deutschen in Nordböhmen
-
- als Dank für ihre
- dem Landesverein »Sächsischer Heimatschutz«
- in schwerer Zeit geleistete Hilfe
-
-
-
-
-Inhalt
-
-
- Das Tier im Landschaftsbild unserer Heimat 5
-
- Die volkstümlichsten Tiere der deutschen Märchen und Fabeln 41
-
- Allerlei Fischräuber, bepelzt und befiedert 75
-
- Malepartus, die Raubburg und Kinderstube von »Reinke de Vos« 109
-
- Swinegel un sine Sippschaft 120
-
- Vogelnester 148
-
- Im Teichgebiet der sächsischen Lausitz 161
-
- Die heimatliche Vogelwelt im deutschen Volksglauben 179
-
- Schutz den schutzlosen Kriechtieren und Lurchen! 201
-
- Sechsbeinig, achtbeinig und ohne Beine 230
-
-
-
-
-Das Tier im Landschaftsbild unserer Heimat
-
-
-Das Leben auf unserer Erde kennt keine Schranke, kein Grenzstein
-ist ihm gesetzt. Und es sind nicht nur die niedrigsten Lebewesen,
-einzellige Algen, Pilze, Infusorien, die sich sozusagen überall
-einstellen, nein, wenigstens von der Tierwelt gilt es, daß sich gerade
-ihre höchsten Vertreter, die _Wirbeltiere_, die ganze Welt erobert
-haben.
-
-Aus den größten Tiefen der Ozeane, wo längst keine Pflanze mehr
-gedeiht, wo ewige Finsternis herrscht, bis auf die Flammen, die
-sich die Tiere selbst anzünden, hat man eine erstaunliche Artenzahl
-wohlorganisierter Fische ans Licht befördert, und hoch über der
-Waldgrenze der Gebirge, wo nur noch kurzrasiges Gras an dem Steilhang
-emporklettert und niedrige Alpenblumen ihre farbensatten Sterne dem
-Sonnenstrahl öffnen, ja noch höher droben, wohin keine blühende Pflanze
-mehr folgt, wo der zackige Felsengrat nackt und tot aus dem Firnschnee
-zum Himmel emporstarrt, da haftet der Fuß der flüchtigen Gemse, des
-Steinbocks, da pfeift im Steintrümmermeer das Murmeltier vor seiner
-Höhle. Über allem Irdischen aber, an der blauen Glocke des Himmels,
-schwebt in erhabener Ruhe der Adler, der König der Lüfte.
-
-In solcher Einsamkeit _herrscht_ dann das Tier als einzige Staffage der
-Landschaft: der nackten Felsenzinnen oder des einförmigen Wüstensandes,
-der weiten Meeresfläche oder des unermeßlichen Luftozeans, und nirgends
-sonst erreicht der Eindruck des Lebendigen solche Stärke.
-
-Im übrigen aber vermag die Tierwelt nur in besonderen Ausnahmefällen
-der Landschaft einen bestimmten Wesenszug aufzuprägen; sie tritt in
-dieser Beziehung hinter der Pflanzenwelt weit zurück. Diese ist es, die
-das Bild beherrscht; an ihr haftet das Auge.
-
-Düster, in blauschwärzlicher Färbung schaut der Nadelwald von den
-Höhen herab auf die Ebene, wo unter der weißen Decke das Samenkorn
-schlummert. Halbverschneite Hecken am Wege, ein einzelner Baum am
-Rain, ein kleines Feldgehölz, das seine kahlen Äste und Zweiglein zum
-bleigrauen Himmel erhebt, abgestorbene Stauden, deren Samenrispen
-zwischen den Schneewehen emporragen, erhöhen den Eindruck der
-Einsamkeit. Totenstille in der Natur.
-
-Die freundliche Au, vom gewundenen Bächlein durchfeuchtet, hat der
-Frühling mit tausend Blüten geschmückt; lebensfroh schauen sie zum
-Lichte empor. Vergißmeinnicht: ihr Blau ein Abbild des Himmels;
-Löwenzahn, Ranunkulus, Dotterblume: goldenen Sonnen vergleichbar. Aus
-den alten Weidenstümpfen streben rötliche Triebe empor mit gelbgrünen
-Schmalblättern, während das Erlengestrüpp sein junges, glänzendes
-Laub über das plätschernde Wasser ausbreitet, in dem sein Spiegelbild
-zittert wie vor Erwartung seligster Lust.
-
-Vom stahlblauen Himmelsgewölbe strahlt die Julisonne herab auf die
-Fruchtebene. Ein einziges Getreidefeld, wohin man nur schaut. Die
-braungoldenen Weizenähren wogen wellenförmig im heißen Lufthauch, der
-tosend über sie hinstreicht. Ein Bild der einförmigen Steppe; kein
-Baum, kein Strauch. Hier herrschen die Fruchtgräser, von der Hand des
-Landmanns angebaut. Nur am Rain glüht es rot, großblütiger Mohn, und
-tiefblau schaut die Zyane aus dem lichtgelben Halmenmeer hervor.
-
-Der herbstliche Laubwald: in allen Farben und Tönen glänzt es und
-gleißt es, vom zartesten Rosa bis zum sattesten Rot, vom lichtesten
-Gelb bis zum tiefsten Bronzeton. Und wenn die goldne Oktobersonne vom
-wolkenfreien Himmel herab all die Farbenflecke mit einer Fülle von
-Licht, von brennender Glut überschüttet, wenn sie lange Schlaglichter
-tief in den Wald wirft und helle Zitterkringel auf den Boden malt, daß
-auch das abgestorbene Laub noch einmal aufleuchtet: ein Farbenbild von
-wunderbarem Reiz, ein Farbeneinklang, der nicht seinesgleichen hat.
-
-Im Kreislauf des Jahres die _Pflanzenwelt_ ist's, die unsern
-heimatlichen Landschaftsbildern ein ganz bestimmtes Gepräge verleiht.
-Ihr ordnet sich alles unter, selbst der geologische Aufbau des Bodens,
-der doch gleichfalls von allergrößter Bedeutung ist. Das _Tier_ aber
-erscheint dem gegenüber als eine viel weniger wichtige Zugabe zum
-Landschaftsbild, mehr zufällig bloß; man achtet seiner, nur weil man's
-gerade bemerkt. Fehlte es, der Anblick, der ganze äußere Eindruck
-wäre dennoch der gleiche; nur in besonderen Fällen wird man sich der
-fehlenden Tierwelt als eines wirklichen Mangels der Landschaft bewußt.
-
-Und doch, wo immer es sei: ob sich die Pflanzenwelt in Macht und
-Fülle aufbaut, daß die Baumriesen ihre Äste und Zweige zu gotischem
-Dach über dem Wanderer wölben, oder ob nur spärliche Gräser die weite
-Fläche dürftig bedecken; zu welcher Jahreszeit immer: ob der Winter
-seine Herrschaft führt, daß der Waldbach, in eisige Fesseln gebannt,
-nur leise plätschernd unter dem starren Panzer dahinmurmelt und der
-Stamm des Hochwaldes vor Frost tiefächzend zersplittert; zu welcher
-Stunde des Tages auch: ob die Mittagsglut auf der Flur liegt, drückend
-schwül, kein atmendes Lüftchen, ob der Mond sein silbernes Licht
-über den schlafenden Waldsee ergießt oder ob Morgennebel das Tal in
-dichte Schleier hüllen -- nur ein einziges Tier in solchem Bild, ein
-einziger Schrei oder Ruf, die Strophe nur eines Vögleins, und sofort
-wird der Reiz der Landschaft erhöht, der ganze Eindruck in einer Weise
-gesteigert, daß wir das Bild vor uns wie mit einem Schlage in ganz
-anderem Lichte sehen.
-
-Woher dieser Zauber? Wir sind nicht mehr allein, nicht mehr die
-einzig fühlende Brust; ein anderes Wesen nimmt teil an dem, was unsre
-Sinne schauen, unser Herz bewegt. Das _Tier_ ist's, durch das Mutter
-Natur zu uns redet, das beseelte Geschöpf. Seine Erscheinung, sein
-Leben und Treiben, sein Ruf, seine Stimme: das ist der uns Menschen
-verständlichste Ausdruck im Reiche der Schöpfung.
-
-Der nächtliche Sternenhimmel redet eine erhabene Sprache -- ach,
-wie klein ist der Sterbliche doch, der andächtig zu den tausend und
-abertausend funkelnden Sonnen emporschaut! Das Meer braust heran,
-Woge auf Woge, ewig, gewaltig, unermeßlich, furchtbar im Sturm --
-eine Nußschale der riesige Dampfer, das Menschenleben ein Nichts.
-Der massige Fels erzählt uns seine Geschichte aus nebelhaft grauer
-Vorzeit, wie ihn die bebende Erde gebar, wie Jahrmillionen ihn formten,
-auch das Unvergänglichste wandelnd -- wer versteht seine Sprache,
-die uns allen so fremd ist! Der Krystall funkelt und gleißt, in
-spiegelblanken Flächen bricht sich das Licht -- aber er spricht von
-starren, toten Gesetzen.
-
-_Nur das Leben redet zum Leben in lebendiger Sprache_, in unsrer
-Sprache, in der Muttersprache, die allen eignet, die niemand erlernt,
-keiner zu erlernen braucht, die man nicht begreift mit dem Verstande,
-sondern die uns von Anfang an innewohnt, tief im fühlenden Herzen.
-Der Wald spricht mit uns, die einsame Wettertanne auf erhabener
-Felsenwacht, die Blume am Bachesrand, das flüsternde Schilf, die
-Heckenrose am Wege -- aber: »Fleisch von unserm Fleisch und Bein von
-unserm Bein«, das gilt doch noch in weit höherem Grade von den Tieren,
-von unsern »Brüdern«, wie sie Goethe in jenem bekannten Wort an den
-»erhabenen Geist« nennt:
-
- »Du führst die Reiche der Lebendigen
- Vor mir vorbei und lehrst mich meine Brüder
- Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.«
-
-Die Sprache des Tieres, der Ausdruck seines Fühlens, seines Wollens
-ist unsrer Sprache verwandt; dem Tiere schreiben wir, wie uns selbst,
-eine Seele zu, die erkennt, die fürchtet und hofft, die liebt und
-haßt. Und wenn uns der Verstand auch immer wieder zuruft, daß das
-Geschöpf nicht anders handeln kann, als es handelt, daß es einem
-inneren Triebe folgt, einer Naturnotwendigkeit, und daß der Tierfreund
-in tausend Fällen die eignen Empfindungen und Gefühle erst in die
-Brust des Tieres hineinträgt und so das Tier bis zu gewissem Grade
-vermenschlicht -- warum, so frage ich, sollen wir das, was wir sehen,
-nicht in unsre Sprache übersetzen? warum sollen wir absichtlich den
-Eindruck zerstören, den eine sinnige Naturbetrachtung auf jedes
-unverdorbene Gemüt ausübt? Der strengen Wissenschaft mag ihr Recht
-bleiben, aber auch dem schlichten Naturfreund, der es im Verkehr mit
-seinen Lieblingen alltäglich erfährt, daß wenigstens das höhere Tier
-keineswegs eine bloße Maschine ist, ebensowenig wie der Mensch ein
-willenloses Rädchen im Uhrwerk des Weltgetriebes.
-
-Zwischen unserm eignen Leben und dem Leben der höheren Tiere bestehen
-innere Beziehungen, die schon das Kind, ja dieses vielleicht noch mehr
-als der Erwachsene empfindet, und diese Fäden, die wir hinüberspinnen
-zu jedem beseelten Wesen, sie sind, wenn mich mein Naturempfinden nicht
-täuscht, die eigentliche, die tiefste Ursache für die _hohe Bedeutung
-des Tieres im Landschaftsbild_ -- ganz gleich, ob das Lebewesen durch
-seine Bewegung das Auge auf sich lenkt, ob es durch seine Färbung uns
-ergötzt, durch seine Stimme unsre Aufmerksamkeit fesselt, ob es einzeln
-auftritt und so den Eindruck der Einsamkeit verstärkt, oder ob ganze
-Scharen das Bild beleben.
-
-Ach, wieviel würde uns fehlen, wenn wir durch unsern deutschen
-Frühlingswald gingen und kein Vöglein würde sein Lied anstimmen, kein
-Kuckucksruf, kein Trommeln der Spechte, wenn am Sommerabend kein Reh
-zur Äsung auf die Waldwiese oder das Kleefeld träte, wenn die bunten
-Falter nicht mehr über den Wiesenblumen gaukelten, am schilfbewachsenen
-Teich der Chor der Frösche für immer verstummt wäre, wenn die
-wandernden Vogelscharen nicht mehr am herbstlichen Himmel gen Süden
-zögen, oder wieviel trauriger noch und öder unser nordischer Winter,
-wenn die schneebedeckten Felder und das Geäst des entblätterten Baumes
-nicht belebt wären von unsern gefiederten Freunden, die der Herrschaft
-des rauhen Gewalthabers trotzen!
-
- * * * * *
-
-Keine Klasse des Tierreichs vermag das Landschaftsbild auch nur
-annähernd so reizvoll zu beleben, wie die muntere Schar der _Vögel_.
-Der Flug durch die Lüfte -- nicht an die Scholle gebunden wie
-Vierfüßler oder Kriechtiere, sondern frei und froh, Überwinder der
-irdischen Schwere -- dazu die auffallende Stimme, von dem zweisilbigen
-Lockruf der Bachstelze oder dem einfachen Liedchen der Haubenlerche
-an bis zu dem seelenvollen Gesang der Nachtigall und dem jauchzenden
-Überschlag des Plattmönchs: das sind die Gaben, mit denen Mutter Natur
-ihre und unsre Lieblinge wie kein anderes ihrer Geschöpfe ausgezeichnet
-hat. Und durch diese beiden Eigenschaften tragen die Vögel an erster
-Stelle zur Belebung des Landschaftsbildes bei.
-
-_Der freie Flug!_ Fühlt nicht jeder das Walten der Schönheit, wenn die
-Möwenschwärme den meerumbrandeten Küstenfelsen umkreisen, wenn die
-Schwalbe niedrig über dem glitzernden Dorfteich dahinschießt, ihre
-Brust flüchtig ins Naß tauchend, um dann blitzschnell emporzusteigen,
-höher als die schlanken Pappeln am Uferrand, wenn die Dohlen das alte
-Gemäuer des Stadtturms umschwärmen, die Kiebitze über der feuchten
-Wiese ihre Flugkünste zeigen, wenn der Kuckuck falkenartig von einem
-Talhang zum andern hinüberwechselt, die langschwänzige Elster wie ein
-Bolzen die Luft durchschneidet, oder der kleine Baumpieper von einem
-Ästchen aus schief emporsteigt und sich dann in schön geschwungenem
-Bogen wieder zu seinem Lieblingsplätzchen herabläßt!
-
-Und erst der _Raubvogel_, der König der Lüfte! Ob es ein Adler ist,
-der stolz wie ein Flugzeug auf ausgebreiteten Schwingen ohne jede
-Bewegung durch den Luftozean gleitet, oder ein niedliches Fälkchen,
-das im Morgenglanz rüttelnd sein Spiel treibt, ein Wanderfalk, der in
-rasendem Flug seiner sicheren Beute nachstürzt, der mächtige »Auf«,
-der im Mondlicht lautlos durch sein Revier zieht, daß sein riesiger
-Schatten gespensterhaft über die Geröllhalden und die waldumgrenzte
-Gebirgswiese gleitet, oder nur ein Schleierkauz, der am dämmernden
-Abend weichen Flugs über dem Sturzacker schwebt: der Anblick jedes
-Raubvogels in der freien Natur löst in uns immer ein besonders starkes
-Gefühl aus. Vielleicht weniger -- ich gebe es zu -- weil das Malerische
-der Landschaft durch solch stolze Erscheinung gesteigert wird, als
-vielmehr aus dem Grunde, weil wir uns dabei bewußt werden, noch einen
-Ausschnitt, einen letzten Rest urwüchsiger Natur in unsrer leider so
-verarmten Heimat vor uns zu haben. Ein Flugzeug -- ein Adler, hoch,
-hoch im weiten Himmelsraum: vielleicht ist der Anblick ganz ähnlich,
-aber die Wirkung auf den Beschauer, der zu beiden emporblickt, im
-tiefsten Grunde verschieden! Dort stolze Bewunderung, daß es dem
-Menschen gelungen ist, seinen Fuß von der Scholle zu lösen und sich
-ins Reich der Lüfte zu schwingen; hier edle Freude an reiner, starker
-Natur, ein Gottseidank, daß sie doch noch nicht völlig aus unserm
-Lande, aus unsrer Zeit gewichen ist. Welcher Eindruck der stärkere
-ist, das hängt ganz vom Beschauer selbst ab.
-
-Am sonnigen Frühlingsmorgen zwei _Steinadler_ über der Ebene, aus der
-gegen Mittag die bayrischen Alpen aufsteigen. In schönen Spiralen
-schraubt sich das Paar höher und höher, ohne Flügelschlag einander
-umkreisend; bald schwebt dieser, bald jener über seinem Genossen. Den
-Hochzeitsreigen üben die mächtigen Vögel; er trägt sie in unermeßliche
-Höhen, daß sie dem Auge nur noch wie dunkle Punkte erscheinen. Schnell
-wie der Blitz dann herab; jetzt ruhiges Schweben, und jetzt so
-mächtiges Schlagen der stählernen Schwingen.
-
-Vom Fels zum Meer! Auf niedriger Düne stehend, begrüß' ich die Ostsee.
-Nichts, nichts zu sehen als die unbegrenzte tiefgrüne See, deren
-weiße Wellenkämme in endloser Folge heranrollen, und der weite Himmel
-darüber -- kein Dampfer, kein Segel. Schnurgerade streckt sich die
-Düne, mit Sandhafer nur dürftig bewachsen; hinter ihr Buchenwald und
-ein paar Strandkiefern. Eine einzelne Seeschwalbe, ein Krähenpaar,
-eine weiße Bachstelze am Strand -- aber sie sind nicht imstande, das
-Gefühl der Einsamkeit und der endlosen Größe von Sand und Wasser zu
-mildern. Plötzlich ein Schrei, und gleich braust es heran, dicht über
-mir der gewaltige _Seeadler_. Er umkreist mich so niedrig, daß ich jede
-einzelne Schwinge, die goldgelben Augen, das spitze, weißliche Gefieder
-an Hals und Nacken, die orangefarbenen Fänge mit ihren schwarzen
-Krallen ganz deutlich erkenne. Weiß leuchtet der Stoß. Da, noch ein
-zweiter Adler, das etwas kleinere Männchen; mit hellem Schrei stürzt es
-herbei.
-
-Ich bin in das Gebiet der Gewaltigen eingedrungen; eine hohe Kiefer
-trägt ihren Horst. Wo ich auch stehe, die Adler umkreisen mich,
-immer aufgeregt schreiend. Schwerfälliger ist ihr Flug als der des
-Steinadlers, aber mächtig der Eindruck, mächtig und kraftvoll wie das
-Astwerk der noch blattlosen Buchen, wie die rotbraunen Stämme der
-uralten Föhren, gewaltig wie die Wogen der brausenden See: ein Bild
-urwüchsiger Kraft.
-
-Auf der Seenplatte, die Norddeutschland von Ostpreußen bis Holstein
-durchzieht, haust noch ein anderer Adler. Nicht zu den Größten
-gehört er unter den Großen, aber er ist der Edelsten einer des edlen
-Geschlechtes. Ein herrlicher Anblick, wenn der _Fischadler_ über
-seinen Jagdgründen schwebt! Kaum hebt sich am Morgen der wallende
-Nebel über dem dunkeln Waldsee, so erscheint, langsam die Fittiche
-schwingend, der stolze Fischer über seinem Jagdgrund! Er senkt sich in
-schöner Schraubenlinie herab und umkreist dann den See. Jetzt hemmt
-er den Flug; wie ein Falke hängt er im Luftraum. Einen Fisch hat sein
-Adlerauge entdeckt. Plötzlich, mit vorgestreckten Fängen stürzt er ins
-Wasser; aber noch ehe die Wellenkreise das nahe Ufer erreicht haben,
-erscheint der kühne Taucher schon wieder, den Flossenträger in den
-wehrhaften Klauen. Die Wassertropfen schüttelt er vom Gefieder; dann
-fliegt er heim nach seinem Horst. Still ruht wieder der Waldsee.
-
-Soll ich noch weiter Bilder entwerfen von dem gaukelnden Spiel der
-_Turmfalken_ über den Steilwänden und zwischen den Felsenzinnen der
-Talschlucht, von dem reißenden Flug des beutegierigen _Sperbers_,
-der vom Gehölz her mitten in die Schar der Feldsperlinge stürzt, daß
-sie die rettende Hecke kaum noch erreichen, von dem sanften, ruhigen
-Schweben hoch über der Flur und noch höher über den Wipfeln des
-Waldes, wie es die _Milane_ üben, der rote und der schwarzbraune, oder
-von dem lautlosen Dahingleiten der _Rohrweihe_, ganz niedrig über dem
-Schilf und dem im Sonnenstrahl glitzernden Wasser -- wer nur einmal
-Zeuge solch eindrucksvoller Naturbilder ward, der denkt sein Lebtag
-daran.
-
-Im Hochgebirge, wo die Felsenzinken zum tiefblauen Himmel emporstarren,
-in der Flachlandschaft, die den See grün umgibt, im Hochwald unsrer
-Mittelgebirge, oder draußen am Meeresgestade, wo die brandende Welle an
-den Klippen zerschellt: überall bildet die Erscheinung eines Raubvogels
-die wirkungsvollste Bereicherung des Landschaftsbildes, eine wertvolle
-Zugabe, die den Beschauer alles andere ringsum vergessen läßt.
-
-Aber die Raubvögel sind nicht die einzigen Meister im Flug. Oft ist's
-die Wirkung der Massen, die zur Geltung kommt. Wie prächtig ist doch
-der Anblick eines nach Tausenden zählenden Schwarmes ziehender _Stare_
-im Herbste! Wahre Wolkenzüge, die fortwährend ihre Form ändern, bald
-breiter, bald schmäler werden, jetzt sich teilen und jetzt sich von
-neuem zu einem Riesenballe vereinen, der durch die Luft rollt. Oder
-der schier endlose Zug der _Krähen_, die in lockeren Gruppen am
-geröteten Abendhimmel nach ihren nächtlichen Ruheplätzen im Walde über
-der Schneelandschaft lautlos dahinstreichen -- wie malerisch, wie
-stimmungsvoll dieser Anblick! Anders wieder der Zug der _Kraniche_, den
-man an hellen Herbsttagen bisweilen beobachten kann. Sie ziehen immer
-so, daß sie einen spitzen Winkel mit zwei ungleich langen Schenkeln
-bilden, jeder einzelne Vogel mit Hals und Beinen eine schnurgerade
-Linie darstellend. Ein ganz eigentümliches Bild, diese zwei dunkeln,
-in einem Punkt sich vereinigenden Striche, wie sie am Herbsthimmel
-gen Süden stürmen, im Verein mit dem fallenden Laub, den abgeernteten
-Feldern, der letzten Rose im Garten von stärkstem Eindruck auf unser
-Gemüt. Werden wir sie wiedersehen, die Boten des Frühlings, noch einmal
-die lieblichen Bilder erleben, die in trüben Wintertagen die Sehnsucht
-nach dem erwachenden Lenz uns vor die Seele zaubert? -- --
-
-Wenn die grünen Spitzen der Saat aus der leichten Schneedecke
-hervorschauen, wenn das Schneeglöckchen sein Köpfchen erhebt und an den
-Ruten der Haseln die Kätzchen den Blütenstaub ausstreuen, dann begrüßt
-vor seinem Bretterhäuschen Freund _Star_ den aufgehenden Sonnenball mit
-jauchzenden Rufen. Von den bereiften Ästen herab schwatzt der muntere
-Bursche seine bescheidenen Strophen hinein in den goldenen Morgen.
-Nicht genug kann er sich tun vor Freude und Lust: daheim, wieder
-daheim! Im schönsten Farbenschmuck, metallisch grün und tief purpurn
-läßt die Sonne sein dunkles, weißbetropftes Gefieder erscheinen:
-ein liebliches Stimmungsbild, das die selige Hoffnung auf den bald
-einziehenden Lenz weckt -- »Frühling, Frühling wird es nun bald!«
-
-Nur wenig Wochen, und die _Lerche_ steigt am Ostermorgen zum Himmel
-empor, als wollte sie mit ihrem Siegesruf auch die fernsten Fernen des
-Weltalls erfüllen. Höher und höher flattert das kleine Vöglein über der
-lenzfrohen Saat, bis es schließlich unserm Auge entschwindet. Aber der
-Lobgesang, mit dem die Sängerin dort oben die ersten Sonnenstrahlen
-begrüßt, bleibt noch immer vernehmbar. Bald hallt der ganze Himmel
-wider von den Jubelchören der singenden Lerchen. Nichts predigt
-so laut und eindringlich das Auferstehungsfest der Natur, wie das
-»melodisch gewirbelte Lied« der Lerchen, die hoch über dem sprossenden
-Grün oder dem samenauswerfenden Landmann, »im blauen Raum verloren«,
-jauchzen und jubilieren -- ein Lied ohne Ende, »bei dem die Saaten
-lachen«.
-
- * * * * *
-
-Wohl ist das Auge der schärfste Sinn, aber die Pforte, die noch tiefer
-in unser Innerstes führt, noch unmittelbarer zu Herz und Gemüt, ist das
-Ohr. Und kein Zweifel, die Bedeutung der Vögel für das Landschaftsbild
-beruht noch weit mehr auf ihrer hervorragenden _Stimmbegabung_, als auf
-ihrer bloßen Erscheinung. Dabei wollen wir nicht nur an den jauchzenden
-Ruf der Singdrossel, an die Flötenstrophe ihrer Base, der Amsel, an
-Rotkehlchens sehnsuchtsvolles Lied, an die kecke Fanfare des Zaunkönigs
-oder an den unvergleichlichen Gesang der Nachtigall denken, sondern
-auch an andere anspruchslosere Lautäußerungen, zumal bisweilen ein
-einzelner Schrei oder ein ohrenbetäubendes Stimmengewirr, aber auch ein
-feiner Lockruf von der stärksten Wirkung ist und dem Landschaftsbild
-eine ganz bestimmte Färbung verleihen kann.
-
-Vielleicht ist es nur Einbildung, nur eine schönklingende Redeweise,
-wenn man behauptet, eine Beziehung herstellen zu können zwischen den
-vielfältigen Stimmen der Natur und den verschiedenen Örtlichkeiten,
-die durch solche Lautäußerungen belebt werden, ein leeres Geschwätz,
-wenn man meint, der Lobgesang der Lerchen stimme zu der Frühlingssaat,
-da unaussprechlich innige Seufzen und Schluchzen der Philomele zu
-dem nächtlich dunkeln Gebüsch am Rande des Weihers; nur zu der
-Meereswoge, vom heulenden Sturm gegen die Klippen gepeitscht, passe
-der heisere Schrei der Möwe, und zu dem nächtlichen Hochwald der
-unheimliche Eulenruf; der liebliche Gesang des Rotkehlchens gehöre
-in den lichten, maiengrünen Laubwald und das Schackern der Elster
-auf die beschneite Flur. Möglich, daß Vogelstimme und Örtlichkeit
-wirklich nichts miteinander zu tun haben, obgleich ich darauf hinweisen
-könnte, wie z. B. der Lehrmeister der Wasseramsel ohne Zweifel das auf
-steinigem Grunde dahinplätschernde Gebirgsbächlein gewesen ist, mit
-dessen leisem Rieseln der Gesang des am Wasser aufgewachsenen Vogels
-verglichen werden kann, wie das bunte Allerlei der quecksilbernen
-Rohrsänger in seiner ganzen Färbung etwas vom Froschkonzert und vom
-Gurgeln des Wassers am unterwaschenen Uferrand hat; aber angenommen
-auch, es seien nur liebe Erinnerungsbilder -- das jungbelaubte Eichen-
-oder Buchenwäldchen im Talgrund, das beim Pirolruf vor unsrer Seele
-auftaucht, der schneebedeckte Fichtenbestand, den die Strophe des
-Kreuzschnabels uns vorzaubert -- soviel steht jedenfalls fest, daß
-unsre Einbildung, diese oder jene örtlichen und zeitlichen Verhältnisse
-harmonierten mit ganz bestimmten Vogelstimmen, durchaus lebendig ist
-und täglich neue Nahrung empfängt. _Wo wir aber Harmonie empfinden,
-empfinden wir Schönheit._ Nicht darauf kommt's an, ob solcher Einklang
-wirklich besteht, ob der Verstand ihn ablehnt oder begründet, sondern
-allein auf unsre _Empfindung_.
-
-Nur ein paar Beispiele, die den tiefen Eindruck der Vogelstimmen auf
-unser Gemüt weit besser erläutern als viele Worte.
-
-Den Ruf der _Wachtel_ kennt jeder, und jedermann liebt ihn. Und doch
-anmutig und lieblich kann man ihn kaum nennen. Dazu ist er zu kurz und
-namentlich zu hart abgebrochen, in der Nähe sogar ziemlich gellend und
-scharf. Nur aus drei Silben besteht der Ruf, ein Daktylus, der stets
-wiederholt wird. Wie erklärt sich also der nachhaltige Eindruck des
-Wachtelschlags und unsere Vorliebe für ihn? _Die Stimmung, die Färbung
-der ganzen Umgebung, das ist die Lösung des Rätsels._
-
-Dem rastlosen Treiben der Stadt haben wir den Rücken gekehrt, der
-drückenden Schwüle in den staubigen Straßen sind wir entflohen. Die
-heiße Sommersonne ist untergegangen, ein erfrischender Abendhauch weht
-aus dem Saatgefilde. Vor uns das Dorf, in blaue Dämmerung gehüllt:
-ein Bild des Friedens. Der Lerche bunte Lieder sind verstummt; nur
-das gleichmäßige Zirpen der Grillen zittert einschläfernd durch die
-weite Flur. Das blühende Weizenfeld hat sich dem Schlaf überlassen;
-wie im Traum nickt die geschlossene Blüte des Mohns, und nur ein
-paar Abendfalter taumeln über der ruhenden Flur. Da steigt der
-Mond am östlichen Himmel auf, und nun tönt es vom Rande des Feldes
-»pickwerwick, pickwerwick,« zehn- oder zwölfmal, dann eine Pause.
-Eine zweite Wachtel gibt Antwort; in der Ferne schlägt eine dritte,
-und je mehr sich die Mitternacht nähert, um so hitziger schallt es.
-Erst in den frühesten Morgenstunden verstummt allmählich der muntere
-Schlag. Wenn aber dann der junge Tag den nordöstlichen Himmel zu
-röten beginnt, tönt es wieder gar eifrig durchs ganze Gelände, das
-freundliche »Pickwerwick«, und die ersten Lerchen in der Höhe stimmen
-mit ein in den Gesang des Feldes tief unter ihnen.
-
-Schade, ewig schade, daß die vielen Wachteln, deren Schlag mich in
-meinen Jugendtagen zur Sommerszeit allabendlich erfreute, bis auf
-einzelne Ausnahmen in meiner Heimat verschwunden sind. Unersetzliche
-Stimmungswerte sind mit ihnen verloren gegangen; die friedlichen
-Feierabende des Dorfs haben eine schwere Einbuße erlitten, und das
-Leben des Landmanns ist ärmer geworden.
-
-Von stärkster Wirkung ist auch der _Eulenruf_. An sich unschön, ja
-häßlich, heulend und schreckhaft; aber wir glauben gleichfalls eine
-Harmonie mit Zeit und Ort zu fühlen, und so dürfen wir auch hier von
-einer ästhetischen Bedeutung solch seltsamer Lautäußerungen sprechen.
-
-Der nächtliche Wald oder das einsame zerfallene Gemäuer weckt die
-Einbildungskraft, so daß auch der nüchternste Mensch sich nur schwer
-eines gewissen Grauens erwehren kann. Aus jedem größeren Wald,
-selbst aus manchem Park erschallt um die Zeit von Frühlings Tag- und
-Nachtgleiche der Ruf des Waldkauzes; oft wiederholt klingt er wie
-heulendes Hohngelächter. Was ist dieser Ruf aber gegen das schauerlich
-widerhallende »Buhu« des mächtigen »Aufs«, das der König der Nacht
-zur Paarungszeit fast ununterbrochen hören läßt. Wer in uhureicher
-Gegend, z. B. in den Waldgebirgen Bosniens nur einmal eine mondhelle
-Nacht erlebt hat, wird es begreifen, daß der Uhuruf im Aberglauben,
-in Märchen und Sagen eine große Rolle spielt. Unheimlich klifft und
-klafft es, heult und wiehert, lacht und jauchzt es durch den dunklen
-Gebirgswald.
-
-In unsrer engeren Heimat finden sich die weitaus größten
-_Vogelgesellschaften an den Teichen und Seen_ der Lausitz. Sie
-verleihen dem Landschaftsbild zu allen Jahreszeiten einen ganz
-besonderen Reiz, an dem sich Auge und Ohr des Naturfreundes immer von
-neuem ergötzen.
-
-Schon aus der Ferne vernimmt man im zeitigen Frühling, wenn kaum die
-ersten grünen Spitzchen des jungen Schilfs über der Wasserfläche
-hervorschauen, ein vieltöniges Stimmengewirr. Enten der verschiedensten
-Art schreien und quälen; die Kiebitze, die eben von der Reise zurück
-sind und von denen einige uns umgaukeln, seltsamen, wuchtelnden
-Flugs, stoßen ihre zweisilbigen Klagerufe aus; Bläßhühner lassen ihre
-scharfe Lockstimme hören; mit tiefem »grök grök« melden sich die
-großen Haubentaucher, während ihre kleinen Vettern, die niedlichen
-Zwergtaucher, hell kichern und trillern, die Rothalstaucher aber, die
-lautesten ihrer Sippe, seltsam grunzen und quieken, daß man's weithin
-hört von einem Teich zu dem andern. Lachmöwen sind auch schon da;
-unruhig flattern sie durch die Luft. Aber noch vielmehr mögen sich
-in jener Bucht verbergen, die das abgestorbene Schilf unsern Blicken
-entzieht; denn hundertfach tönt das nimmermüde »Krrriäh« aus dem
-geschützten Winkel.
-
-Wenn aber in ein paar Wochen Drossel- und Teichrohrsänger von der
-Reise zurück sein werden, dann geht's noch viel lauter zu; dann hat
-diese kleine quecksilberne Sängergesellschaft das Wort; »karrakiet,
-karrakiet,« den ganzen Tag fast, besonders am frühesten Morgen und am
-Abend bis spät in die Nacht. Kaum zur Geisterstunde gönnt man sich
-eine Pause. Es ist, als wollten sie wetteifern mit dem Gequak und
-Geknarr der Froschsänger, deren Stimmen die ganze Frühlingsnacht nicht
-müde werden.
-
-Und nun treten wir durch das Röhricht ans Ufer. Da schwimmt es auf dem
-Gewässer, flattert empor, taucht unter, rennt flügelschlagend über den
-Wasserspiegel oder segelt hoch in der Luft. Lachmöwen wirbeln umher
-wie riesige Schneeflocken oder ruhen, weißen Seerosen zu vergleichen,
-in der lauschigen Bucht, die sie sich zur Brutstätte erkoren haben;
-einzelne Trauerseeschwalben schießen durch die Luft; Rotschenkel
-ziehen, unermüdlich rufend, ihre Kreise; hinter der Ente flattert der
-Erpel von einem Teich zu dem andern: Taucher und Tauchenten üben ihre
-Kunst: weg sind sie, mit einemmal verschwunden, um dann an anderer
-Stelle wieder aufzutauchen. Das grünfüßige Teichhühnchen macht seinem
-Weibchen den Hof; weißstirnige »Blässen« schlagen mit ihren Lappenfüßen
-das Wasser; neue Ankömmlinge -- kleine Krikenten sind es -- brausen mit
-seltsam schwingenden Flugtönen herbei, und ein paar Rothalsmännchen
-bekämpfen einander, bellende und quiekende eifersüchtige Kriegsgesänge
-ausstoßend. In der Tat, ich kann mir einen solchen Flachlandsee
-meiner Heimat kaum denken ohne das bunte, vielgestaltige Leben seiner
-gefiederten Bewohner, und ich weiß nicht zu entscheiden, ob es das
-Auge ist oder das Ohr, durch dessen Vermittlung uns dieses nimmermüde
-Treiben wirkungsvoller zum Bewußtsein kommt. Ach, wie wäre solch Teich-
-oder Seenlandschaft unsrer Heimat mit einem Schlage all ihres Reizes
-bar, wenn ihr plötzlich dies reiche Leben geraubt würde!
-
-Und diese Gefahr liegt vielleicht nicht so fern, wie die meisten wohl
-glauben. Die Entenscharen haben schon hie und da in erschreckender
-Weise abgenommen; wie viele Lachmöwenkolonien sind bereits völlig
-verschwunden, wie viele in den letzten Jahrzehnten kleiner und kleiner
-geworden! Nicht ein einziges Reiherpaar horstet mehr auf sächsischem
-Boden, und der merkwürdigste Vogel unsrer Lausitzer Seenlandschaft,
-die _große Rohrdommel_, ist auch bereits so selten geworden, daß man
-sie für Sachsen heute schon als ein Naturdenkmal bezeichnen muß. Und
-gerade das tiefe »Prumb«, das dieser reiherartige Vogel in der Stille
-der Nacht ausstößt, daß man's wohl eine halbe Wegstunde weit hört, ist
-wie der Uhuruf im Hochwald oder das Orgeln und Röhren des Platzhirschs
-im Herbst von allergrößter Wirkung. Seltsam hört sich's an, und manches
-abergläubische Männlein und Weiblein meint, ein Gespenst treibe auf der
-schilfbewachsenen Insel im Teich sein unheimliches Wesen.
-
-Auch Instrumentalmusik wird von einigen Vögeln geübt. Da sind zunächst
-die _Spechte_ zu nennen. Ihr ganzes Dasein, von der Wiege bis zur
-Bahre, steht in innigster Beziehung zum Holz. Kein Wunder also, daß
-sich ihre musikalische Betätigung von Anfang an dem Xylophon zugewandt
-hat; sie spielen es meisterhaft. Man soll nur versuchen, es ihnen
-nachzumachen, man bringt's nicht. Unser Trommeln auf irgendeinen
-dürren Ast bleibt Stümperei gegenüber dem kräftigen Schnurren, wie
-es besonders der Schwarzspecht, aber auch die kleineren Buntspechte
-üben. Sobald der trommelnde Specht nach einem andern Baumzacken fliegt
-und mit seinem Instrument wechselt, gleich gibt's einen andern, d.
-h. höheren oder tieferen Ton. Dieses Lied ohne Worte ist auch ein
-Liebeslied. Es paßt zu der ganzen seligen Frühlingsstimmung im Wald und
-im Park und in der lenzgrünen Au, es paßt zu dem ersten Kuckucksruf und
-zu dem liebeflehenden Gurren der Wildtaube, zum süßen Lied des Fitis,
-wie zum kecken Reiterstückchen des Buchfinken. Den Frühlingstagen
-in der sonnigen Heide würde ein eigener Reiz fehlen, wenn sich die
-gefiederten Trommler nicht mehr hören ließen.
-
-Und nun unsre _Störche_. Kein Vogel vermag dem Dorfbild so viel
-Stimmung und Reiz zu verleihen wie Adebar, unser Langbein; selbst die
-lieblichen Schwalben, deren Flug und Gezwitscher das Dorf so anmutig
-beleben, müssen in dieser Beziehung hinter ihm zurücktreten. Sie sind
-die Schützlinge jedes einzelnen Gehöfts, der Storch aber ist der
-Freund der ganzen Gemeinde, gewissermaßen ihr Vertreter innerhalb der
-gefiederten Welt. Ich bin so froh, daß wir in der sächsischen Lausitz
-noch eine kleine Anzahl besetzter Storchnester haben. Ist's nicht ein
-hübsches, gemütliches Bild, wenn die Störche kurz vor Sonnenuntergang
-zu ihrem Horst heimkehren und nun am First der strohgedeckten Scheune
-stehen, wo sie sich so gut vom geröteten Abendhimmel abheben! Jetzt
-vernimmt man auch ihr seltsames Klappern. Es klingt nicht schöner, als
-wenn ein Stock schnell über einen hölzernen Zaun hinfährt; aber Poesie
-ist's doch, Dorfpoesie, wie das Mühlengeklapper, das Dengeln der Sense,
-das Klipp-klapp der Dreschflegel auf harter Tenne. Urgemütlich hallt
-es von der Höhe herab durch die ganze Gemeinde zu jedermanns Freude.
-Wer es nicht fühlt, daß das Klappern der Störche mehr ist, als bloßes
-Geräusch, der hat keinen Sinn für die Reize des Landlebens, kein
-Verständnis für das friedliche Dorfbild des Niederlandes, ja es fehlt
-ihm die rechte Liebe zur Heimat.
-
- * * * * *
-
-Viel geringer in ihrer Bedeutung für das Landschaftsbild sind die
-hübschen _Farben_ und _Zeichnungen_ des Vogelkleides. Mutter Natur
-handelt gar fürsorglich; sie hat ihre Lieblinge so ausgestattet, daß
-selbst ein bunter Vogel, wenn er ruht, nicht besonders auffällt. Der
-weiße Bürzel des Eichelhähers oder der Hausschwalbe, der goldgelbe
-des Grünspechts, das Weiß und Schwarz der Kiebitze, selbst das
-buntschillernde Gewand des Eisvogels, das tropische Farbenkleid der
-Blaurake oder des Pirols: das alles kommt doch erst während des Flugs
-zur Geltung. Die Bewegung bleibt immer die Hauptsache.
-
-Wie ein leuchtender Funken schießt der _Eisvogel_ an uns vorüber,
-metallisch grün und seidig blau, ein blitzender Edelstein von
-unvergleichlicher Schönheit. Besonders in der Winterlandschaft,
-wenn der Gebirgsbach das schimmernde Eis, das ihn einzwängen will,
-mit weißem Gischt überschäumt und das Licht sich in den glänzenden
-Schneekristallen tausendfach bricht, dann ist der wunderbare Vogel eine
-geradezu märchenhafte, ich möchte sagen überirdische Erscheinung. Ist's
-Wirklichkeit oder ist es ein Traum, der unser Auge getäuscht hat?
-
-Eine prächtige Zierde des winterlichen Waldes sind auch die
-_Kreuzschnäbel_, nordische Gäste, die uns freilich nicht in jedem
-Jahre reichlich besuchen. Ihr Kleid ist wundervoll johannisbeerfarben.
-Wenn auf jedem Zweig dichter Schnee liegt und nur hie und da zwischen
-dem reinen Weiß die schwarzgrünen Nadeln hervorschauen, dann kann man
-sich an dem Farbenreiz der kleinen roten Geschöpfe, wie sie an den
-Spitzen der Ästchen oder an den Zapfen herumklettern, nicht satt sehen.
-Natürlich wird die Wirkung der Farbe erhöht, wenn die geselligen Vögel
-in möglichst großer Zahl auftreten. Denn der einzelne dieser kleinen
-Gesellschaft ist ja nur ein Punkt in dem weiten Landschaftsbild; es
-müssen sich schon mehrere zu einem bunten Fleck vereinigen, ehe von
-einer Farbenwirkung gesprochen werden kann. Und Sonne gehört dazu,
-strahlende Sonne!
-
-Ist's bei den Blumen nicht ebenso? Die einzelne Blüte des Mohns,
-des Windröschens, der Dotterblume, selbst ein einzelner Busch des
-blühenden Heidestrauchs, der Schlehe, des Ginsters geht trotz aller
-Farbenpracht in dem großen Gemälde verloren. Viele tausend gleichartige
-Blumen sind dazu nötig, auf der Wiese gelbe oder blaue Flecken zu
-malen, den Schlehdorn, den Obstbaum in duftigen Schnee zu hüllen, der
-sandigen Heide im Spätsommer das lichtviolette Kleid zu weben, den
-Berghang in Gelb oder Rosa zu tauchen, und nur wenn wir ganz nah an ein
-enger begrenztes Bild herantreten, da genügen auch einzelne Blumen,
-einen farbigen Eindruck hervorzurufen: ein paar Rosen am Gartenhaus,
-feurige Mohnblumen am Feldrain oder ein paar Schwertlilien am kleinen
-schilfumgrenzten Weiher.
-
-Aber gerade den farbenprächtigsten Vögeln begegnet man nur selten
-in größerer Anzahl, wenigstens in unserer Heimat. Ich entsinne mich
-nur ein einziges Mal einen Trupp von zwölf oder fünfzehn _Pirolen_
-angetroffen zu haben. Sie flogen zwischen den Pappelreihen der Straße
-eine lange Strecke vor meinem Wagen her; dabei setzten sie sich in
-regelmäßigen Zwischenräumen auf die Bäume und warteten, bis das Gefährt
-herankam, um dann wogenden Flugs wieder voranzueilen. Ein bezaubernder
-Anblick war's, wie das goldgelbe Kleid dieser Vögel abwechselnd
-aufblitzte und verlöschte, je nachdem das grelle Sonnenlicht sie
-umflutete oder die schwarzen Schatten der hohen Pappeln auf sie fielen.
-Also auch hier Hand in Hand Bewegung und Farbe.
-
-Bei der bunten _Mandelkrähe_ habe ich einmal in der Lausitz ganz
-Ähnliches erlebt; aber es waren nur vier oder fünf, die mich durch die
-sandige Heide ein gut Stück begleiteten.
-
-Im Gesamtbild der Landschaft tut's immer erst die Masse, und in dieser
-Beziehung wüßte ich keinen Vogel zu nennen, dessen Farbenkleid seinem
-Aufenthaltsort so zum Schmucke gereicht, wie der weiten Wasserfläche
-die schneeige _Lachmöwe_ mit ihrem zartblauen Mantel. Den vollen Genuß
-gewährt aber auch hier erst die Bewegung, wenn die langflügligen
-Vögel zu Hunderten in der Luft wirbeln und ihre kreischenden Stimmen
-hören lassen. An der Meeresküste übertönen die _Sturm-_ oder die
-_Silbermöwen_ selbst die Wogen der brandenden See, so laut diese
-auch gegen die Klippen krachen und donnern. Wenn irgendein Vogel das
-Geschöpf einer bestimmten Landschaft genannt werden kann, so ist es die
-Möwe. Der Sturm hat ihr die bangen Armknochen und die starken Schäfte
-der Schwingen gegeben; die See hat die Ruder gebildet von höchster
-Vollendung: der kurze Lauf, seitlich zusammengedrückt, und Schwimmhäute
-zwischen den Zehen. Das Blau des Himmels, an dem die weißen Wolken
-dahinziehen, das Blau der See, mit dem Weiß der Wellenkämme geschmückt:
-die Möwe trägt die gleichen Farben auf ihrem Kleid. »Flatternd schwebt
-sie am Himmel, dicht fliegt sie über den Wellen; den lichten Seglern
-folgt sie hinaus übers Meer, mit den Wolken zieht sie ins Land. Wo
-ein See oder Teich des Himmels Bläue mit den schneeweißen Wolken
-wiederspiegelt, da erkennt sie die Heimat -- die Mutter ist's, das
-unendliche Meer, das blauen Auges emporschaut -- wo ein Schiff auf dem
-Rücken des Stromes langsam dahinzieht, da flattert die Möwe: Grüß mir
-das Meer und die felsigen Klippen am Strand und die Brandung im Sturm.«
-(Aus des Verf.s Abhandlung über die Möwen in den »Lebensbildern aus der
-Tierwelt«, R. Voigtländers Verlag.)
-
-An Farbenpracht ihrer Geschöpfe wird unsre nördliche Heimat von
-südlicheren Zonen weit übertroffen. Man hat deshalb wiederholt
-versucht, diesem Mangel etwas abzuhelfen, indem man sich Mühe gab,
-_fremdländische Vögel_ in Deutschland einzubürgern. Jäger und
-übereifrige Vogelfreunde nahmen sich der Sache an. Jene wollten sich in
-ihrer Lust an Hege und Jagd nicht genügen lassen mit unsern Feld- und
-Waldhühnern, mit Enten und andern Wasservögeln; diese dachten sich's so
-schön, die Farbenpracht fremder Zonen in unsre Parks, Gärten und Wälder
-zu verpflanzen. Beides Versuche, gegen die sich glücklicherweise die
-Natur selbst wehrt. Nur eine einzige Vogelart hat sich wirklich dankbar
-gezeigt, der Fasan, dessen Einbürgerung restlos gelungen ist, obgleich
-nicht nur das Prachtgefieder, sondern auch das ganze Gebaren des Tieres
-den Fremdling noch immer auf den ersten Blick verrät. Dagegen sind
-Schopf- und Baumwachtel, Rot- und Moorhuhn sehr bald wieder von der
-Bildfläche verschwunden, ebenso der amerikanische Wildputer. Und von
-den chinesischen Nachtigallen, Papageien, roten Kardinälen und andern
-Ausländern hat man nicht selten an dem Tage, da man sie aussetzte, das
-letzte bunte Federchen gesehen. Und das ist gut so. Diese Fremdlinge
-passen ebensowenig in die heimatliche Landschaft, wie Weymouthskiefer,
-Roßkastanie, Robinie, amerikanische Eiche in den deutschen Wald,
-während man in Gärten und Parks sich diese fremdländischen Bäume wohl
-kann gefallen lassen.
-
-Anders das _zahme Hofgeflügel_, das ja, soweit es, zur artenreichen
-Familie der Hühner gehört, gleichfalls fremdländischen Ursprungs ist.
-Hier handelt es sich um Genossen des Menschen, die seine Wohnstätte
-mit ihm teilen und dieser tatsächlich zu hoher Zierde gereichen; zur
-freien, unberührten Natur aber würden sie gleichfalls im Widerspruch
-stehen. Einen Bauernhof, und sei er noch so klein, ohne die muntere
-Schar der Hühner, geführt vom farbenprächtigen Hahn, kann man sich
-ebensowenig denken, wie das herrschaftliche Gut ohne den kollernden
-Puter mit seinen Hennen, und wenn auf der Freitreppe vor dem Schloß
-der Pfau sein glänzendes Rad schlägt, so paßt solche Farbenpracht
-recht wohl zu dem Reichtum, von dem das Bild zu uns spricht. Tot
-ist die Dorfstraße, wenn nicht schillernde und buntscheckige Hühner
-umhertrippeln oder an den Hoftoren in den flachen Löchern ruhen, die
-sie sich im Schatten des blühenden Hollers ausgescharrt haben. Wie
-anmutig auch der Blick in die Höhe, wenn die Tauben ihre Flugkünste
-zeigen, in weiten schön geschwungenen Bogen die ganze Ortschaft
-umfliegend, bald sich trennen, bald sich wieder vereinen, um sich
-endlich flatternd auf dem Dach niederzulassen, unter dem sie wohnen.
-
-Auch unser _zahmes Wassergeflügel_, dessen Stammväter und -mütter
-bei uns Heimatrecht genießen, die Gänse und Enten und vor allem die
-Schwäne, sind recht wohl imstande, das Landschaftsbild aufs reizvollste
-zu beleben. Die Enten am Bach oder Dorfteich -- ach, wie gemütlich
-ihr eifriges Schnattern -- die Gänseherde, die durch das Gras zieht,
-militärisch in langer Reihe, aber watschelnden Ganges, der stolze
-Schwan, gleich einem Schiff mit geblähten Segeln über den Spiegel des
-Schloßteichs gleitend: man erfreut sich doch immer wieder an solchem
-Anblick, so oft man's auch schon geschaut hat.
-
- * * * * *
-
-Hinter dem Vogel bleiben alle andern Tiere in ihrer Bedeutung für das
-Landschaftsbild weit zurück. Namentlich gilt das von den _Säugetieren_,
-in erster Reihe von den wildlebenden. Mäuse auf dem Felde, niedliche
-Spitzmäuse zwischen dem herbstlichen Buchenlaub am Boden, ein Wiesel,
-ein Igel -- von einer Bereicherung des Landschaftsbildes kann man
-bei ihnen kaum sprechen, nicht einmal wenn ein paar Jungfüchse oder
-Karnickel vor ihrem Bau spielen, oder wenn Freund Lampe Fersengeld
-gibt, daß seine weiße Blume bei jedem Sprung im Krautacker hell
-aufleuchtet wie ein Fetzen Papier, mit dem der Wind sein lustiges Spiel
-treibt.
-
-Mit mehr Berechtigung könnten wir schon das muntere _Eichhorn_
-anführen, an dessen Kletterkünsten alt und jung sich erfreut. Man kann
-dem netten, zierlichen Tierchen kaum gram sein, obgleich es viele
-Untugenden hat; wo es dem deutschen Walde fehlt, da vermissen wir's
-ungern. Auch die _Fledermäuse_ beleben den dämmernden Abend, der sich
-über die Flußlandschaft senkt, in eigenartiger Weise. Viele Freunde
-haben sie nicht unter den Menschen, und doch im Vorfrühling ist mir die
-erste Fledermaus, die sich aus dem Winterversteck gewagt hat und deren
-Zickzackflug sich so seltsam vom geröteten Abendhimmel abhebt, eine gar
-liebe Erscheinung, ein Frühlingsbote, den ich ebenso freudig begrüße,
-wie den ersten Zitronenfalter, den ersten Flötenruf der Amsel, das
-erste Quaken der Frösche.
-
-Von den wildlebenden Säugetieren kommt eigentlich nur das _Hochwild_
-für das Landschaftsbild in Betracht: Rot- und Rehwild, in manchem
-Herrschaftspark Damwild, weiter das Schwarzwild und im Hochgebirge
-das Krickelwild. Ein schmucker _Sechserbock_ im Buchenwalde, mit dem
-geperlten Gehörn zwischen den Lauschern, wie er erhobenen Kopfes
-verhofft, um dann in weiten Fluchten leichtfüßig über Stock und Stein
-zu setzen, eine Ricke mit ihrem Kitzchen auf der Waldwiese äsend,
-_Rotwild_, das gegen Abend aus dem Dunkel des Hochwaldes tritt, oder
-halbzahmes _Damwild_, das sich im Schloßpark unter dem Schatten
-mächtiger Baumriesen gelagert hat: liebliche Bilder sind es, die
-keineswegs nur das Herz des Jägers entzücken, sondern jeden erfreuen,
-der im Verkehr mit der Natur Genuß und Befriedigung findet. Und wenn im
-Herbst der _Brunfthirsch_ orgelt und schreit, in der Dämmerung abends
-oder frühmorgens, daß es dröhnend und röchelnd über die Waldblöße
-schallt, ich glaube, es kann sich niemand des Eindrucks solcher Laute
-entziehen. Ein Stück ursprünglicher, unverdorbener Natur tritt uns in
-ihnen entgegen, um so wertvoller, je seltener wir Großstadtmenschen
-uns dem unmittelbaren Verkehr mit der Natur hingeben können. Dankbar
-erkennen wir's dann an, daß allein einem streng durchgeführten
-Jagdschutz solch erhebende Stimmungsbilder auf unserm heimatlichen
-Boden zu verdanken sind. Der Uhuruf ist in unsern sächsischen
-Gebirgswäldern verhallt; möge nie die Zeit kommen, wo man nicht mehr
-den Schrei des Brunfthirsches vernimmt, der seinen Gegner zum Zweikampf
-fordert! Ein gut Stück urwüchsigen Waldeszaubers wäre für immer dahin.
-
-Wie ein Recke aus vergangenen Tagen mutet uns das _Wildschwein_ an.
-Seine ganze Erscheinung hat gewiß wenig Anziehendes an sich; ein
-rauher, borstiger Geselle ist solch ein Keiler, und auch sie, die
-Bache, ist eine ungemütliche Dame, aller Anmut, jedes Reizes bar.
-Aber im Winter, wenn der Forst tief verschneit ist und das Leben
-erstorben scheint, bis auf ein paar Krähen, die sich mit heiserem
-Schrei im Wipfel der hohen Föhren einschwingen, daß der Schnee, einer
-leichten Staubwolke gleich, dahinfliegt, dann vermögen zwei oder drei
-»Schwarzkittel« der Landschaft eine Stimmung von außerordentlicher
-Stärke zu verleihen. Die gedrungenen dunkeln Gestalten heben sich so
-gut von der weißen Schneedecke ab. Dampf hüllt sie ein, Rauhreif deckt
-ihr borstiges Kleid, und am Rüssel haftet der Schnee bis hinauf zu den
-Sehern. Sie verachten den eisbärtigen Herrscher des Nordens, der ihnen
-nichts anhaben kann; unter dem Schnee wühlen sie doch ihre Nahrung
-hervor. Selbst die härteste Schneekruste, die das Reh laufkrank macht,
-daß es leicht dem Fuchse zur Beute fällt, brechen sie auf, und die
-Kälte fürchten sie noch weniger; denn sie haben sich im Herbst, dank
-der Eichel- und Buchelmast, feist herangefressen.
-
-Im Hochgebirge ist es die _Gemse_, welche die nackten Felsengrate und
-Steintrümmermeere, die Steilhänge und die höchsten Alpenmatten reizvoll
-belebt. Wem nur einmal das Glück geworden ist, vielleicht am frühen
-Morgen ein Rudel zu belauschen, das seinen Durst an dem schwarzblauen,
-goldumränderten Meerauge tief unten im starren Felsenzirkus löscht und
-dann den Menschen bemerkt und erschrickt -- hei! wie schnell geht's in
-dem harten Gestein hinauf bis zum zackigen Grat, hinter dem eins nach
-dem andern verschwindet -- der vergißt's sein Lebtag nicht wieder.
-
-Im Gewänd kletternde _Hausziegen_ mögen, aus weiter Ferne gesehen,
-einen ganz ähnlichen Anblick gewähren, wie ruhig äsendes Krickelwild,
-und so mancher Alpenbesucher, der nur das friedliche Haustier
-beobachtete, wird in dem Wahn, er habe Gemsen belauscht, hochbefriedigt
-aus den Bergen heimkehren. Gewiß, die äußere Erscheinung bietet
-viel Ähnliches, aber der Gefühlswert ist in beiden Fällen doch ganz
-verschieden. Dort ein Tier der freien Natur, hier ein vom Menschen
-abhängiges Geschöpf; dort Freiheit und Ursprünglichkeit, hier Zwang
-und Kultur. Wie grundverschieden die Stimmungen, die solcher Gegensatz
-im Beschauer auslöst! Wir sehen ja nicht nur mit unserm leiblichen
-Auge, sondern zugleich mit einem inneren Sinn. Damit soll jedoch nicht
-geleugnet werden, daß auch unsern vierfüßigen _Haustieren_ eine große
-Bedeutung für das Landschaftsbild zukommt. Tausend Gemälde älterer und
-neuerer Maler führen es uns immer wieder vor Augen.
-
-Wir brauchen nur an die buntscheckigen _Rinder_ zu denken, die auf dem
-grünen sonnigen Plan weiden oder wiederkäuend im Schatten hoher Bäume
-ruhen, an die blökende _Schafherde_, die langsam am Berghange hinzieht,
-an die munteren _Fohlen_, die sich in der Koppel nach Herzenslust
-tummeln: anmutige Bilder, die den Frieden des Landlebens atmen. Aber
-selbst ein einzelnes Tier, ein einzelnes Gefährt kann der Landschaft
-einen bestimmten Stimmungsgehalt geben: der breitstirnige Stier vor dem
-Pflug, wie der Postwagen auf der Landstraße.
-
- * * * * *
-
-Den kaltblütigen Wirbeltieren, also _Kriechtieren_, _Lurchen_ und
-_Fischen_, brauchen wir kaum unsre Aufmerksamkeit zu schenken. Ihr
-verstecktes Leben bringt es mit sich, daß sie auf das Landschaftsbild
-nicht bestimmend einwirken, wobei ich jedoch nicht leugnen will, daß
-kleine Ausschnitte der Landschaft, z. B. ein Tümpel im verlassenen
-Steinbruch durch Tritonen und Salamander, ein steiniger Hang durch
-schnelle Eidechsen, ein Gebirgssee oder ein Waldbach durch die hübsch
-gepunkteten, flinken Forellen, die hie und da emporschnellen, um nach
-Insekten zu schnappen, an Reiz gewinnt.
-
-Aber in einer Hinsicht spielen doch auch ein paar Amphibien keine ganz
-unwichtige Rolle. Ich meine gewisse _Froschlurche_, den Wasserfrosch,
-den Laubfrosch und die Unke, deren Einzel- oder Chorgesang weithin
-durch die stille Landschaft schallt. Wenn wir auf der Stufenleiter der
-Tiere aufwärts steigen, so sind es diese Lurche, bei denen wir zuerst
-einer wirklichen Vokalmusik begegnen, einer Lautäußerung durch die
-Stimme, dem Uranfang einer Sprache. Alle andern tiefer stehenden Tiere,
-namentlich die Insekten, üben höchstens Instrumentalmusik aus[1]; der
-Frosch aber ist der erste Sänger. Kraftvoll versteht er seine Stimme
-zu gebrauchen; bestimmte melodische Sätze wechseln und kehren in
-regelmäßiger Folge wieder, und sein angeborenes Gefühl für die Zeitmaße
-ist hervorragend, man muß es ihm lassen.
-
- [1] Wenn man auch bei den brummenden und summenden Insekten,
- den Bienen, Hummeln, Fliegen u. a., von Stimmorganen, wenn
- man vom »Singen« der Mücken redet, so ist nicht viel dagegen
- einzuwenden; denn in der Tat werden solche Lautäußerungen mit
- Hilfe der Atemluft hervorgerufen, die durch die Atemlöcher,
- die sog. »Stigmen« streicht. Aber die Art der Insektenatmung
- ist doch eine ganz andere, als die der höheren Tiere, bei
- denen die Stimmbildung in der Hauptsache der Luftröhre und
- dem Kehlkopf zukommt.
-
-Ein lauwarmer Frühlingsabend hat sich über den schilfumsäumten Teich
-gesenkt. Wir sind ans Ufer getreten. Die _Frösche_, deren Chorgesang
-uns aus der Ferne entgegenschallte, schweigen jetzt, vergrämt durch
-die leisen Erschütterungen des Bodens infolge unserer Tritte. Nur
-die Wellen glucksen am Uferrand, und leise flüstert das Schilf im
-Abendhauche. Die Rohrsänger sind es, die zuerst die feierliche Stille
-unterbrechen: schnarrende, quietschende, pfeifende Töne, ein buntes
-Durcheinander, aber immer im Takt. Horch, jetzt auch ein paar gurgelnde
-Laute aus der Tiefe des Schilfs: »gluck, gluck«, und zwei oder drei
-knarrende Töne: »koax, koax«. Bald wagen's auch andere, hohe Tenöre
-und tiefe Baßstimmen, trillernd und volltönend, bis sich die ganze
-Gesellschaft an diesem Singsang beteiligt: »brekeke koax, brekekeke,
-tuu tuu«. Je mehr der Mond, der hinter den alten Weiden auftaucht,
-sein volles Licht über den Teich ergießt, um so eifriger schallt es:
-Frösche und Rohrsänger im Wettgesang, daß es weithin schallt über die
-schlafende Flur. Die Motive verschieden, die Stimmen höher und tiefer
-in seltsam wechselnden Sprüngen hinauf und hinab, ein musikalischer
-Mischmasch; aber es paßt alles zusammen, zumal das ganze Konzert von
-einem streng innegehaltenen Rhythmus beherrscht wird. Dieser wird
-noch besonders dadurch betont, daß einzelne Sängergruppen auf einmal
-ein Weilchen schweigen, um dann mit voller Kraft wieder einzufallen.
-Jetzt singt es hier, jetzt da; bald knarrt und quakt nur eine kleine
-Gesellschaft noch, bald singt wieder der ganze Chor, als sollte er das
-Versäumte nachholen. Solches Ab- und Anschwellen wirkt besonders in
-größerer Entfernung recht auffallend; es ist, als ob uns der Nachtwind
-bald mehr, bald weniger Tonwellen zutrüge, ein rhythmischer Wechsel,
-der den Reiz des Froschkonzerts wesentlich erhöht.
-
-Fleißigere Sänger gibt's nicht, als Rohrsänger und Frösche. Selbst die
-Nachtigall macht 'mal eine längere Pause zu mitternächtiger Stunde; der
-Nachtschwalbe »Spinnen« schweigt mitunter ein Weilchen, und auch die
-verliebten Käuze im Kiefernwald gönnen sich hin und wieder ein wenig
-Ruhe. Nur der Singsang des Teichs verstummt nie völlig; seine Bewohner,
-so scheint es, bedürfen des Schlafs nicht. Das gilt besonders von den
-unermüdlich quakenden Fröschen. Kaltblüter nennen wir sie. Gewiß, ihre
-schlüpfrige Haut fühlt sich kalt an, ihr Fleisch und ihr Blut; aber
-drin im Herzen, da sitzt es, unsichtbar, das Herz im Herzen, glühend
-heiß, voll Sehnsucht, voll Liebe, und wes das Herz voll ist, des geht
-der Mund über.
-
-Zu allen Zeiten ist man sich des Reizes bewußt gewesen, der vom
-Froschgesang ausgeht, und es sind nur naturfremde oder krankhafte
-Menschen, die solchen Minnesang verwünschen. Wieviel ärmer wäre die
-Frühlingsnacht an unsern Teichen, wenn deren Bewohner, die grünen
-Wasserfrösche, ebenso stumm wären, wie ihre braunen Vettern im Grase,
-von denen man höchstens ein paar knurrende Laute vernimmt. Da ist mir
-der grüne Teichsänger doch hundertmal lieber. Sein Lied stimmt zu den
-andern Schilfliedern, bringt Leben in die Natur, und wo Leben und
-Stimmung, wo Bewegung und Einklang, da erkenne ich Schönheit.
-
-Auch der _Laubfrosch_, unser Wetterprophet, läßt sich bisweilen die
-ganze Nacht hören. Er hat sich einen Sängerplatz in der Höhe, im Grün
-von Baum oder Strauch erkoren, von wo nun sein hastig hervorgestoßenes
-»äpp, äpp, äpp« durch die Frühlingsnacht hallt, seltsam anzuhören und
-lustig zugleich. Der kleine Kerl dünkt sich so wichtig.
-
-Von tieferem Eindruck auf unser Gemüt ist der Einzelruf oder auch der
-melodische Rundgesang der _Unken_, die den Dorfweiher oder den Tümpel
-draußen im Wiesental bewohnen. Wie Glocken läutet's geheimnisvoll
-aus der Tiefe »ung, ung, ung ...«, feierlich, ernst, schwermütig und
-traurig, fast immer derselbe Ton, von gleicher Stärke und Höhe. Zu dem
-dunkeln, ernsten Weiher mit den Wasserrosen, die im Mondlicht nur matt
-und unsicher leuchten, während die schwarzen Schatten der Pappeln auf
-der Wasserfläche erzittern, stimmen die melancholischen Glockentöne der
-Unken so wunderbar, daß jeder den Eindruck dieser Naturlaute empfindet.
-
- * * * * *
-
-Auch manche _Insekten_, namentlich wenn sie in größeren Scharen
-auftreten, sind für das ganze Landschaftsbild von Bedeutung. Wir
-brauchen nur an die graziösen _Libellen_ zu denken, die jedem Gewässer,
-dem Fluß und Bach mit ihren erlenbestandenen Ufern, dem schilfumsäumten
-Teich, selbst dem reizlosen Mühlgraben zur Zierde gereichen.
-»Wasser-« oder auch »Schlankjungfern« hat sie das Volk getauft, um
-den bezaubernden Reiz dieser zarten Wesen zum Ausdruck zu bringen,
-im Flug wie im Sitzen von einer Anmut, die nicht ihresgleichen hat.
-Oder wer möchte sie missen, die _Bienen_ und die andern Hautflügler,
-die mit Gesumm und Gebrumm im Mai den schneeigen Obstbaum, im Juli
-die duftende Linde, im August die blühende Heide besuchen! Ein zartes
-Getön, wie von Millionen silberner oder gläserner Glöckchen erfüllt die
-sonnige Luft. Oder soll ich an die Musik der _Heupferde_ erinnern, die
-in der sommerlichen Mittagsglut die Blumen und Gräser zum Schlummer
-einlullt, oder an das Zirpen der _Grillen_, das so stimmungsvoll am
-Abend durch die Flur zittert. Das einzelne Tierchen leistet wohl wenig
-als Musikant, aber tausend und abertausend vereinigt erzeugen ein
-eindrucksvolles Getön, das leise über die Landschaft dahinschwebt,
-einem zarten Schleier aus gesponnenem Glas vergleichbar.
-
-Von weit höherer Bedeutung ist die artenreiche Gruppe der
-_Tagschmetterlinge_. Wie stimmen doch diese leichtbeschwingten, zarten
-Geschöpfe, die Sinnbilder eines heiteren, frohen Lebensgenusses, zu
-dem sommerlichen Naturbilde mit der Fülle des Lichts und der Farben!
-In anmutigstem Spiel gaukeln sie von einer Blume zur andern, haschen
-und fliehen sich, bringen Bewegung und Leben. Möchtest du sie missen
-auf der sommerlichen Heimatflur? Oder denke an die Frühlingsboten,
-den ersten Zitronenfalter, das erste Pfauenauge! Ein trügerischer
-Sonnenblick hat den Winterschläfer geweckt, daß er sein sicheres
-Versteck verlassen hat und nun über der blumenleeren Erde ruhlos
-dahinflattert. Armes Tier, Schneewolken ziehen auf, hinter denen sich
-die Sonne versteckt; wie bald bist du erstarrt! Aber umsonst gelebt
-hast du nicht. Wir sind dem Frühling begegnet! so jubelt's in uns. Ein
-vorzeitig »Sommervöglein« nur, und doch etwas Großes!
-
-Leider sind die schönen Falter in unsrer Heimat seit ein paar
-Jahrzehnten recht selten geworden, namentlich in der Nähe der
-großen Städte. Selbst die gewöhnlichsten Arten, wie Trauermantel,
-Admiral, Distelfalter u. a., haben in ganz auffallender Weise an Zahl
-abgenommen. Segelfaltern und Schwalbenschwänzen, die unser Jungenherz
-in der schönen Jahreszeit täglich erfreuten, begegnet man nur noch
-ausnahmsweise, und die selteneren Nachtschmetterlinge, wie rotes und
-blaues Ordensband, Wolfsmilch-, Ligusterschwärmer u. a., die auch vor
-einem halben Jahrhundert durchaus nicht häufig waren, scheinen heute
-fast schon ausgestorben zu sein. Gewiß tragen die Schmetterlingssammler
-einen Teil der Schuld; aber die Hauptursache dieser bedauerlichen
-Verarmung der Natur liegt in der fortgeschrittenen Kultivierung des
-Bodens, wodurch den Raupen vielfach ihre Nahrungspflanzen entzogen
-worden sind. Jedes Winkelchen wird ausgenutzt, alles Unkraut beseitigt;
-die Aussaat des Getreides ist reiner als ehemals, die Siedelungen der
-Menschen sind gewachsen und der Verkehr ist gestiegen.
-
- * * * * *
-
-Die Bedeutung der Tierwelt für das Landschaftsbild kommt uns vielfach
-erst dann so recht zum Bewußtsein, wenn dieser Reiz, der von dem
-beseelten Geschöpf ausgeht, irgendwo völlig fehlt. Das Tier bildet
-einen wesentlichen, zum Ganzen gehörigen Teil der Heimat. Die Harmonie,
-die Schönheit ist beeinträchtigt, sobald die dem Landschaftsbild
-eigentümlichen Vertreter der Tierwelt verschwunden sind. Der Reichtum,
-die Mannigfaltigkeit der Natur hat dann eine schwere Einbuße erlitten
--- schweigend steht der Wald, tot liegt der See, öde die Flur. Verarmt
-ist die Heimat und mit ihr unser Leben.
-
-Alle, deren Beruf in Beziehung zur Natur steht, an erster Stelle
-der Landmann, der Förster, der Gärtner, der Fischer, sollten sich
-der vielfach hart bedrängten Tierwelt der Heimat annehmen. Nicht um
-klingende Münze, sondern um edlere Güter handelt es sich, um den
-unermeßlichen Wert einer reichen, unverdorbenen Natur.
-
-
-
-
-Die volkstümlichsten Tiere der deutschen Märchen und Fabeln
-
-
-Wenn ich mir als Kind das Paradies der Schöpfungsgeschichte vorstellte,
-da war es nicht etwa die oasenartige Landschaft mit ihren Palmen und
-Fruchtbäumen, mit ihren sprudelnden Quellen und Wasserbächen und mit
-all den unbekannten, üppig wuchernden Stauden und fremdartigen Blumen,
-wie sie die Bilderbibel mir zeigte, sondern das freundliche grüne
-Flußtal meiner sächsischen Heimat. Kein schöneres Fleckchen Erde konnte
-ich mir denken, als diese sanfte, von bewaldeten Höhenzügen umgrenzte
-Au, durch die mein lieber Heimatfluß zwischen sattgrünen Wiesen seinen
-Weg nimmt. Hier eine Gruppe mächtiger Eichen und silberstämmiger
-Buchen, dort dunkles Erlen- und lichtes Weidengestrüpp, das seine
-Arme weithin über das Wasser breitet; an anderer Stelle, inselartig
-abgegrenzt, ein dichtes Fichtenwäldchen, ein Laubholzbestand aus Ulmen
-und Ahornbäumen, mit Haseln und Wildrosen umsäumt, daneben ein Busch
-junger Birken; am Fuße der Talhänge aber große und kleine Felsblöcke in
-wirrem Durcheinander, über die das Grün des Adlerfarns schirmartig sich
-breitet und Weidenröschen ihre roten Blütentrauben erheben, während
-weißflockige Johanniswedel ihr Bild im Wasser schauen, das sich hier
-dicht an den Steilhang hinandrängt.
-
-Mitten hinein in die Herrlichkeit dachte ich mir nun Adam und Eva
-gesetzt, und ich bevölkerte die liebliche Au mit dem »Gevögel, dem Vieh
-und Gewürm«, davon uns die Bibel erzählt. Aber nicht an die Riesen der
-Tierwelt dachte ich, Elefant, Giraffe und Nashorn, auch nicht an die
-Affen und Papageien, die der Bibelmaler auf dem Bilde so friedlich
-vereinigt hatte, die _Tiere der Heimat_ waren es, die sich hier
-wirklich ein Stelldichein gaben. Und sie genügten mir, ich kannte sie
-aber auch alle.
-
-Das Hochwild trat am Abend aus dem dunklen Tann zur Äsung auf die
-Wiese; die Fähe schnürte von ihrem Bau, vor dem die Jungfüchse
-spielten, nach dem andern Talhang hinüber; rote Eichkätzchen
-kletterten die glatten Stämme der Fichten empor und knapperten an
-den Jungtrieben; die Igelmutter führte ihre hoffnungsfrohe Schar
-durch das raschelnde Laub; auf dem feuchten Grund des Buchenwaldes
-gelbfleckige Erdsalamander; im Sumpf Ringelnattern und Frösche; in den
-Wassergräben gelbbauchige Unken, Kamm- und Teichmolche; auf der Wiese
-Schmetterlinge ohne Zahl, Heupferde, Maulwürfe und Schermäuse. Und erst
-im und am Flusse, welch fröhliches Leben: zierliche Wasserjungfern
-mit tiefblauen oder glasartigen Netzflügeln, Wasserläufer und kleine
-silberglänzende Fischchen in unendlicher Menge. Überall aber das
-fröhliche Heer der gefiederten Welt: Schwälbchen, die so hurtig über
-dem Wasser dahinschossen; von dem Eichenhain her lustiger Kuckucksruf,
-dem des Pfingstvogels Flöte Antwort gab; im Unterholz das geschwätzige
-Plauderliedchen der Gartengrasmücke oder der jubelnde Überschlag des
-Plattmönchs; im Hochwald das Gezeter zänkischer Eichelhäher, das
-Trommeln der Buntspechte, das Gurren der Ringeltauben; über allem aber,
-hoch am strahlenden Himmel ein Bussardpaar, einander umkreisend, ohne
-Flügelschlag schwimmend im Luftozean.
-
-Aber auch _Haustiere_ fanden ihren Weg nach meinem Garten Eden. Am
-Hange hütete Thomas, der alte Schäfer vom Rittergut, seine sanfte
-Herde; am Ufer Jungvieh auf eingekoppelter Weide, und auf dem Fluß
-schnatternde Gänse und Enten. Brauchte ich da noch andere Tiere aus
-fernen Zonen? Oh, es war eine große, eine unübersehbare Reihe, die da
-vor Adam in geordnetem Zuge vorbeimarschierte, hüpfte, schwamm oder
-kroch, als der Schöpfer all die Tiere zum Menschen brachte, »daß er
-sähe, wie er sie nennete«; denn wie jener sie nannte, so sollten sie
-heißen ihr Leben lang.
-
-Da hüpfte die vorlaute Elster heran im schwarzweißen Kleid;
-wohlgefällig wippte sie ihre grün und purpurn schillernde Schleppe auf
-und ab und schaute neugierig zu dem ersten Menschen hinüber, wobei sie
-mit Markolf, dem Eichelhäher, fortgesetzt plauderte. »Plapperelster
-sollst du heißen dein Leben lang, du schwatzhaftes Wesen«, sagte Adam,
-und schackernd schwang sich der langschwänzige Vogel in die Wipfel
-der Bäume. Da nahten zögernd die sanften Wollenträger, der Bock mit
-den geringelten Hörnern und neben ihm seine hornlose Gattin. »Schaf
-sei euer Name hinfort!« entschied der Mensch, »denn ihr seht ebenso
-dumm aus, wie ihr in Wirklichkeit seid!« Schon trabte das Borstenvieh
-grunzend herbei, Füße und Rüssel vom schlammigen Boden besudelt, in dem
-es soeben noch gewühlt hatte. »Schwein nenne ich dich -- frage nicht
-weiter; du weißt schon warum!« und so ging's vorüber in endlosem Zug:
-Adler und Gimpel, der stachlige Igel, der furchtsame Hase, Frosch
-und Unke, Käfer und Spinne, das Gewürm, das im Grase herankroch, und
-die Fische im Fluß, zwei-, vier-, sechs-, achtbeinig und ohne Beine,
-befiedert, bepelzt, beschuppt und nackthäutig; sie alle bekamen ihre
-Namen, die sie heute noch tragen. Was war doch der erste Mensch für ein
-weises Geschöpf!
-
-Und von dieser Weisheit hatte auch ich kleines Menschenkind ein
-Stückchen geerbt. Denn in der kindlichen Phantasie liegt Weisheit und
-Wahrheit wie im kindlichen Spiel, Weisheit und Wahrheit wie in jenen
-köstlich-naiven Worten des biblischen Schöpfungsberichts. Nicht die
-leblose Welt ist's, nicht Erde, Wasser und Stein, nicht die blitzenden
-Krystalle sind's, die farbigen Kiesel, ja nicht 'mal die Bäume und
-Sträucher im Wald oder Garten, nicht die bunten duftenden Blumen, die
-das Interesse des ersten Menschen zuerst auf sich lenken, sondern die
-_Tiere_.
-
-Und wie Adam, der erste Mensch, am Schöpfungsmorgen dem »Gevögel,
-dem Vieh und dem Gewürm« seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte
-und nichts von den andern Herrlichkeiten sah, die Gottvater um ihn
-aufgebaut hatte -- die Tiere mußten erst ihre Namen haben, ehe er sich
-den Fruchtbäumen des Gartens Eden zuwandte -- _so bringt auch heute
-noch jedes Kind seine erste Teilnahme, seine erste Liebe den Tieren
-entgegen_. Noch ehe unsre Kleinen Worte zu lallen beginnen, hören sie
-auf die Stimme des Vogels und beobachten die Bewegungen von Katze und
-Hund. Und sie geben, wie Johannes Fischart so reizend sagt, »nach jrer
-Notturfft Namen, brauchen den ererbt Adams gwalt, der jedem Geschöpff
-ein Nam' gab bald«. »Wauwau« der Hund und »Miau« die Katze, »Muh«
-die Kuh und »Piep-piep« das Spätzlein. Ja es kommt vor, daß solch
-kleines Menschenkind mit den genannten Tieren seiner Umgebung innigere
-Freundschaft geschlossen hat, als mit dem strengen Papa, den es nur
-selten sieht und vor dem es sich fürchtet. Es ist auch, als ob die
-Tiere diese Zuneigung der Kinder fühlen:
-
- »Solch blüend alter frisch,
- Vmbsonst so lieblich gstalt nit ist,
- Auch offt das Wild vnd Vieh bewegt,
- Da es, zu dem ein gfallen trägt.«
-
-Und wenn dann der Kleine seine ersten Entdeckungsreisen in Hof und
-Garten unternimmt, wie weitet sich da der Kreis solcher Freundschaft!
-Das bunte Marienkäferchen, die Schnecke mit ihren spaßhaften
-Fühlhörnern, der summende Maikäfer oder der Schnellkäfer, das hüpfende
-Heupferd sind seine Lieblinge. Der Tag, an dem der Star das erstemal
-wieder vor seinem Bretterhäuschen sitzt, wird zum Festtag. Klopfenden
-Herzens lauschen die Kinder dem stillen Glück der Hausrotschwänzchen,
-die im verborgenen Winkel der Gartenlaube ihre Jungen aufziehen, bis
-endlich die Stunde kommt, wo die kleinen grauen Federbällchen den
-ersten Schritt in die Welt wagen.
-
-Und dann die Geschichten und die Lieder, die unsre Kleinen am liebsten
-hören und singen, die Bilderbücher, die sie am liebsten besehen,
-handeln nicht die meisten von Tieren? Der böse Wolf, der Rotkäppchen
-verschlang, der Fuchs, der die Gans gestohlen hat, der Storch, der den
-Eltern die Kinder bringt, eins nach dem andern, bisweilen auch zwei auf
-einmal, der »gestiefelte Kater«, die »Bremer Stadtmusikanten«; ja auch
-in _den_ Geschichten, in _den_ Bilderbüchern, wo Tiere nicht gerade die
-Hauptrolle spielen: zur Vervollständigung und zum Schmuck der Erzählung
-oder des Bildes sind sie unentbehrlich für das Kind. Wäre es denkbar,
-das Märchen von Aschenbrödel ohne die Tauben, die beim Erbsenlesen
-helfen: »die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen«, das
-Märchen von der Gold- und der Pechmarie ohne den krähenden Haushahn?
-Und warum besehen die Kinder so gern die hübschen Bilder unsers
-Landsmanns Ludwig Richter? Weil er wie kaum ein anderer Maler die
-Kindesseele verstanden hat, und weil sich in jeder Familienstube, die
-er so anheimelnd zeichnet, ein Haustier findet, ein Hund, eine Katze.
-Und auch im Freien, wo sich die Kinder tummeln, da schaut auf jedem
-Bilde ein Spitz zu oder ein Spatz, ein Taubenpaar oder irgend ein
-Singvogel, und dieser scheinbar so geringfügige Umstand ist für den
-kleinen Beschauer von allergrößtem Reiz.
-
-Als ich ein Kind war, da standen mir -- ich muß es gestehen -- die
-Tiere meiner Umgebung näher, und es verband mich mit ihnen ein
-innigeres Verhältnis als mit den Menschen, abgesehen natürlich
-von Eltern und Geschwistern. Lange ehe ich etwas von Darwins
-Abstammungslehre hörte, war ich schon unbewußt ein kleiner Darwinianer;
-denn mit dem Star und dem Finken, dem Hund und der Katze, der
-Ringelnatter und der Kröte, dem Marienkäferchen und der Schnecke
-verkehrte ich, als seien es meine Brüder und Schwestern. Und auch viel
-später noch, wenn man mir vom »unvernünftigen Vieh« sprach, habe ich
-nie so ganz die unüberbrückbare Kluft begriffen, den gähnenden Abgrund,
-der sich zwischen dem Menschen und dem höheren Tiere auftun soll.
-
-Doch was rede ich von mir? Es haben's ja alle genau so oder ähnlich in
-den Tagen der Kindheit getrieben. Dem Hahnenschrei legen die Kinder die
-Worte unter: »Kikerikieh, ich bin das schönste Vieh«; der Goldammer
-versichert sie seiner Zuneigung: »Wie, wie hab' ich dich lieb!« und
-mit dem kecken Meislein spielt man Verstecken: »Sitz i da, sitz i da!«
-rufen sie beide einander zu, das Vöglein droben im grünen Baum und
-unten der Kleine, der zu ihm aufschaut.
-
-Warum ich dies alles erzähle? Weil ich nicht eindringlich genug daran
-hinweisen kann, daß _das innige Verhältnis des Menschen zur Tierwelt
-der Heimat etwas Ursprüngliches ist, etwas Angeborenes, daß es etwas
-Triebartiges an sich hat_ und sich am reinsten in der Kindheit
-offenbart, sowohl beim einzelnen Kind jeder Familie, jedes Volksstammes
-und aller Zeiten, wie bei der Kindheit des Menschengeschlechts in
-grauer Vergangenheit. Nur wenn wir dies wirklich erkannt haben, wird es
-uns klar, warum die _Tiere_ eine so große Rolle in _Sage_ und _Märchen_
-und _Fabel_ spielen und warum der _Aberglaube_ des Volks sie mit einem
-Kranz buntfarbiger Blumen umgeben hat.
-
-In dieser Beziehung herrscht unter allen Völkern die größte
-Übereinstimmung, mögen wir an die dichtende Phantasie der uns
-verwandten Kulturnationen denken oder an die zum Teil unbeholfenen
-Erzählungen unzivilisierter Horden. Sie alle besitzen uralte Sagen und
-Märchen, die meisten auch Fabeln und Parabeln, in denen _Tieren_ eine
-Hauptrolle zukommt. Und so sind »diese kleinen spielenden Kinder der
-allgegenwärtigen Muse der Poesie« _Gemeingut der Menschheit_. Ja die
-Gemeinsamkeit solches Besitzes geht so weit, daß einzelne Tiermärchen
-oder Tierfabeln in den entferntesten Zonen, wo eine Überlieferung oder
-auch nur mittelbare Beeinflussung völlig ausgeschlossen erscheint,
-durchaus miteinander übereinstimmen und vielen Tieren hier wie dort die
-gleichen Wesenszüge zugeschrieben werden. Selbst unsre lieben deutschen
-Märchen, die Großmütterchen am Herd ihren lauschenden Enkelkindern
-erzählt, haben ihre Wurzeln zumeist nicht in der grauen Vorzeit der
-germanischen Volksstämme, sondern sind im fernen Indien geboren, wie
-die Forschungen der vergleichenden Literaturwissenschaft überzeugend
-dargetan haben. Aber bei keinem andern Volke, das dürfen wir getrost
-behaupten, sind sie mit gleich gemütvollen Zügen, namentlich auch aus
-der Tierwelt, ausgestattet worden, wie bei uns Deutschen und höchstens
-noch bei den Slawen. Ihnen darf man mit Recht nachrühmen, im innigsten
-Verhältnis zur Tierwelt zu stehen. Die Kinder- und Hausmärchen -- ich
-meine, so gemütvoll, wie sie von Gebrüder Grimm erzählt werden --
-kann kein anderes Volk aufweisen, und Fabeldichter haben gerade wir
-Deutschen in reichster Fülle von Ulrich Boner und Burkard Waldis an bis
-Leixner, Fulda, Bierbaum, Etzel, Ewers u. v. a.
-
- * * * * *
-
-Den freundlichen Leser, der mir bis hierher gefolgt ist, möchte ich
-nun einladen, sich auf dem bemoosten Felsblock niederzulassen, der
-einst unserm gemeinsamen Stammvater zum Sitz gedient hat, und möchte
-an seinem geistigen Auge einen kleinen Teil der Tiere vorüberführen,
-von denen unsre Märchen und Fabeln erzählen, die also unserm deutschen
-Volke am nächsten stehen, die _volkstümlichsten_ sind. Dabei schalte
-ich aber alle fremdländischen Tiere, selbst den König des großen
-Reiches aus, ebenso unsre Haustiere. Denn ich möchte an erster Stelle
-unsre »Brüder«, die mit uns die Heimaterde bewohnen, allen Lesern
-recht warm an's Herz legen und Teilnahme für sie wecken. Gerade die
-volkstümlichsten unter ihnen, wenigstens eine große Zahl dieser
-Märchenhelden und Fabeltiere, wenn ich sie so nennen darf, bedürfen
-dringend des _allgemeinen Schutzes_, sollen sie nicht in längerer oder
-kürzerer Zeit spurlos aus der Heimat verschwinden.
-
-Der Nutzen und Schaden, den die einzelnen Tiere dem Menschen bringen,
-ist bereits im Übermaß immer und immer wieder erörtert worden, und
-die Bestrebungen des Naturschutzes, solch einseitiges Urteil doch
-nicht als einzigen Maßstab unseres Verhaltens den Tieren gegenüber
-gelten zu lassen, sind bereits Allgemeingut geworden, so daß ich kein
-Wort hierüber zu verlieren brauche. Der Hinweis aber, daß eine reiche
-Tierwelt zur Belebung der Landschaft in erfreulichster Weise beiträgt,
-ist im vorigen Abschnitt behandelt worden, auch habe ich bereits an
-anderer Stelle betont, wie eine mannigfaltige, möglichst ursprüngliche
-Tierwelt für die Wissenschaft von hervorragender Bedeutung ist. Aber
-ich meine, auch die _Volkstümlichkeit_ mancher Tiere -- ich denke z. B.
-an den Fuchs und den Igel, den Storch, die Schwalbe, den Kuckuck,
-an alle Eulen -- sollte ein recht wesentlicher Grund sein, für den
-unbedingten Schutz solcher Tiere einzutreten.
-
-Der volkstümlichste Held des deutschen Märchens wie der deutschen
-Fabel ist entschieden der _Fuchs_. Schlauer und verschlagener als alle
-andern Geschöpfe, spielt er die Rolle des Betrügers. Er überlistet
-die Wildente und den Hasen, den Gockel und seine Hennen, die Gans,
-den Raben, den Igel, den Dachs, kurz alle Tiere in Feld und Wald, in
-Haus und Hof. Selbst seinen großen Vetter Isengrim mit dem gewaltigen
-Wolfsrachen, oder Braun, den Bär, der ihn mit einem Schlage seiner
-mächtigen Pranken zu Boden strecken könnte, fürchtet der Spitzbube
-nicht. Er kennt die Schwächen jedes einzelnen, weiß seine Gegner alle
-zu foppen und spielt ihnen aufs übelste mit; selbst den Jäger führt
-der Schlaue oftmals hinter's Licht. Soll es wirklich dahin kommen, daß
-solch volkstümliches Tier, von dem jedes Kind zu erzählen weiß, völlig
-aus unsrer Heimat verschwindet? Soll es dahin kommen, daß nie mehr ein
-Fuchs unsern Weg kreuzt in sandiger Heide und daß wir den Roten nur
-noch hinter den Gittern sehen im zoologischen Garten oder ausgestopft
-im Museum? Das wäre doch traurig.
-
-Oder der _Storch_. Von ihm gilt dasselbe. Alle Kinder kennen ihn aus
-den Bilderbüchern, aus mancherlei Reimen, aus dem Märchen vom »Kalif
-Storch«. Daher die ganz unsagbare Freude, wenn man einen wirklich
-'mal sieht droben am Strohdach der Scheune, oder einherstolzierend
-auf feuchter Wiese oder auf dem Rain zwischen den Äckern, wenn man
-sein gemütliches Klappern vernimmt und den ersten Flugübungen der
-drei oder vier Jungen zuschaut, die den Horst zaghaft verlassen. Soll
-wirklich die Zeit kommen, wo auch das letzte brütende Storchenpaar
-und der letzte Horst aus unserm engeren Vaterlande verschwunden sein
-wird, wie der Adler, der Reiher, der Kolkrabe und so manche andre.
-Wie viel Schönheit, wie viel Poesie wäre dahin, für alle Zeiten
-unwiederbringlich dahin! Mögen alle, die's angeht, dafür sorgen, daß
-diese gefährdeten Tiere vor dem drohenden Untergang bewahrt bleiben
-und daß sich auch noch unsre Enkelkinder an ihnen erfreuen können, wie
-unsre Altvordern, die so viele gemütvolle Märchen und unterhaltsame
-Fabeln von diesen Tieren zusammenreimten.
-
-Freilich die _großen Raubtiere_ sind längst aus unserm Lande gewichen.
-Sie passen nicht mehr in unsre heutigen Verhältnisse, und es wäre
-töricht, sie zurückzuwünschen. Braun, der _Bär_, der grobe, aber
-gutmütige Gesell, hat innerhalb der deutschen Grenzen seit etwa hundert
-Jahren das Heimatrecht verloren, und es vergeht bisweilen mehr als
-ein Jahrzehnt, ehe sich 'mal wieder einer, aus Tirol versprengt,
-in den bayrischen Alpen zeigt. Wie häufig aber ehemals auch in den
-deutschen Mittelgebirgen Meister Petz war, das beweisen die vielen mit
-»Bär« zusammengesetzten Ortsnamen, auch hier in Sachsen: Bärenfels,
-Bärenhecke, Bärenburg u. a.
-
-Unsre Vorfahren, die alten Germanen, kannten den Bären recht gut,
-hatte er doch sein Heim in allen Dickungen aufgeschlagen, von wo
-er die mühsam dem Walde abgerungenen Felder heimsuchte und in die
-Viehherden einbrach. Mit dem Speer bewaffnet, die Hunde zur Seite,
-so zogen die germanischen Jäger auf die Bärenhatz. Das Wildbret des
-gewaltigen Tieres war ihnen ebenso willkommen wie das zottige Fell,
-auf dem sie, wie es im Liede heißt, lagen und -- »immer noch eins«
-tranken. Mit der fortschreitenden Bodenkultur und der zunehmenden
-Bevölkerung aber mußte die Zahl des großen Raubtiers zurückgehen. Dazu
-kamen mancherlei Verbesserungen der Jagdwaffen und die Einführung
-besonderer Jagdarten, die eine Verringerung herbeiführten. In der Zeit
-von 1611 bis 1717, also innerhalb 106 Jahren, wurden in dem damaligen
-Sachsen, das allerdings wesentlich größer war als unser heutiges,
-nach den aufbewahrten Jagdverzeichnissen noch immer 709 Bären zur
-Strecke gebracht. Heute ist der Bär selbst in den österreichischen,
-den schweizer und italienischen Alpen recht selten geworden; dagegen
-beherbergt ihn noch so manches Hochtal der langen Karpatenkette, sowohl
-in der Slowakei wie in den rumänischen Südkarpaten. Die Bären unsrer
-zoologischen Gärten stammen zum größten Teil aus Siebenbürgen, das auch
-heute noch mit Recht als »Bärenland« bezeichnet wird. Ich habe die
-Spuren des mächtigen Herrn der dortigen Gebirgswelt auf meinen Reisen
-wiederholt beobachten können. In den ehemals ungarischen Karpaten
-wurden noch vor kurzer Zeit in einem einzigen Jahre -- es steht mir die
-Zahl vom Jahre 1908 zur Verfügung -- noch immer 245 Bären erlegt.
-
-Mit dem Bären ist vielleicht der _Dachs_ am nächsten verwandt. In
-Fabel und Märchen spielt er als Meister »Grimbart« eine große Rolle.
-Alle Waldgebirge Deutschlands beherbergen wohl noch den griesgrämigen
-Einsiedler; aber die letzten Jahrzehnte haben doch auch mit ihm stark
-aufgeräumt. Ich habe die meisten Gebirgswälder unsrer deutschen Heimat
-durchstreift, bin Reineke oftmals begegnet und habe mich an dessen
-hoffnungsfroher Jugend erfreut, selbst den Edel- und den Steinmarder
-habe ich in freier Natur angetroffen; aber alt bin ich geworden, ehe
-mir Grimbart über den Weg gelaufen ist. Das ist gewiß nur persönliches
-Mißgeschick gewesen; indessen, wenigstens für unsre engere Heimat,
-muß man einen besetzten Dachsbau doch bereits zu den Naturdenkmälern
-zählen. In andern Gegenden freilich ist Meister Grimbart etwas häufiger.
-
-Der Dachs ist übrigens weit weniger Raubtier als seine entfernte
-Vetternschaft, die Sippe der Marder. Wohl verschmäht er einen Junghasen
-nicht, Fasanen und Hühner mögen sich vor ihm hüten; aber er vertilgt
-auch Mäuse, Kerbtiere, Schnecken und Würmer, und gern frißt er allerlei
-Beeren, worauf schon sein Gebiß mit den schwachen Reißzähnen hinweist.
-Und so ist die Schonzeit gerechtfertigt, die er bei uns vom 1. Februar
-bis zum 31. August genießt. Er ist leider das einzige Raubtier, das
-sich eines solchen Vorzugs erfreut.
-
-Ein viel schlimmerer Geselle, mit dem Dachs gar nicht zu vergleichen,
-auch nicht mit dem Bär, ist oder war der _Wolf_. Wir hören noch gern
-die netten Geschichten, die das deutsche Märchen von Isengrim zu
-erzählen weiß, wie er von dem schlauen Reineke, dem er an Stärke weit
-überlegen ist, immer überlistet wird, wie ihn sein sprichwörtlich
-gewordener »Wolfshunger« in hundert Abenteuer verwickelt und an den
-Rand des Verderbens lockt; wir gedenken so gern noch der verschiedenen
-Rollen, die der Wolf in der Fabel spielt, wo er im Verein mit seinem
-Vetter, dem Hund, auftritt oder mit der Wildsau, dem Pferde, dem Lamm,
-der Gans, dem Löwen, wie er in den meisten Fällen tüchtig verprügelt
-wird oder wie er im Angesicht des Todes sein Testament macht; ja, wir
-gedenken seiner noch gern als eines der volkstümlichsten Tiere, aber
-wir trauern nicht um ihn und wünschen ihn nicht zurück.
-
-Ehemals mag der Wolf fast überall in deutschen Landen in recht großen
-Scharen aufgetreten sein, in den Mittelgebirgen sowohl, wie namentlich
-in den weiten Ebenen des Ostens. Wurden doch in jenen 106 Jahren allein
-in Sachsen 6937 Wölfe zur Strecke gebracht, wobei die nur gelegentlich
-von einzelnen Bauern erlegten nicht mitgezählt sind. Man kann sich
-denken, welch furchtbare Geißel Isengrim damals für die Herden wie für
-das Wild war, daß die Bewohner von Einzelhöfen, ja ganze Dorfschaften
-sich zusammentaten und Treibjagden gegen den Bösen unternahmen oder
-ihn in Wolfsgruben fingen und erschlugen, und daß die fürstlichen wie
-geistlichen Jagdherren ihm nachstellten und Belohnungen auf seine Haut
-ausschrieben, i. J. 1614 z. B. nicht weniger als vier Taler, i. J.
-1730 zehn Taler, ein schönes Stück Geld damals. Vielleicht hat der
-Wolf weniger der Kultur des Landes, als der fortgesetzten Verfolgung
-zwangsweise weichen müssen. Für seinen Wolfshunger gab es in unserm
-Vaterlande eben keinen Raum mehr. Nach Osten ist er verdrängt worden,
-von wo er gegenwärtig nur vereinzelt einmal in recht strengen Wintern
-über die deutsch-polnische Grenze wechselt. Im Wasgau, ebenso in der
-Eifel erscheint wohl auch noch ab und zu ein versprengter Isengrim, der
-dann gewöhnlich sehr schnell einer Kugel zum Opfer fällt. In Sachsen
-war es bereits um die Mitte des 18. Jahrhunderts mit den Wölfen vorbei;
-ja schon kurz vor dem Siebenjährigen Krieg können die Raubgesellen
-hier als ausgerottet bezeichnet werden, und nur einzelne Namen wie
-Wolfsgrün, Wolfsschlucht, Wolfsheim, Wolfsberg, Wolfshügel erinnern
-noch an die einstige Glanzzeit der mordgierigen Bande. Aus unsrer
-Dresdner Gegend scheint der Wolf schon recht frühzeitig gewichen zu
-sein; wenigstens galt er hier zu Anfang des 17. Jahrhunderts bereits
-als Seltenheit, sonst würde man ihm nicht i. J. 1618 eine sog.
-»Wolfssäule« im Friedewald, in der Nähe der Landstraße von Meißen
-nach Moritzburg, errichtet haben. Die Inschrift der 6 Meter hohen
-Steinsäule, auf der ein sitzender Wolf ruht, besagt, daß Kurfürst
-Johann Georg I. diesen Wolf »behetzet und beschossen« habe. Das Denkmal
-ist oftmals ausgebessert worden, zuletzt i. J. 1919.
-
-Ein zweites Wolfsmal steht in der Heide zwischen Ottendorf und
-Laußnitz, seitwärts der Königsbrücker Landstraße, am Wolfsberg. Es
-erinnert an einen Wolf, der am Martinstag 1740 hier abgeschossen ward,
-der erste wieder in dieser Gegend seit 56 Jahren.
-
-Bekannt ist auch die nur etwas über 2 Meter hohe, pyramidenförmig
-zugespitzte Wolfssäule in der Dippoldiswalder Heide, an dem Wege
-von Malter nach der Heidemühle. Sie zeigt in recht unbeholfenem
-Flachrelief einen Wolf, darunter die Inschrift mit der Zeitangabe
-6. März 1802. Ohne Zweifel ist dieser »letzte« sächsische Wolf, wie
-ihn der Volksmund bezeichnet, nur ein Überläufer aus den böhmischen
-Wäldern gewesen. Dort, ebenso in Schlesien, hat sich der Wolf bis zu
-Beginn des 19. Jahrhunderts erhalten. Oft hört man erzählen, daß die
-Wölfe i. J. 1813 der vernichteten Armee Napoleons in ganzen Rudeln
-nach Deutschland, insbesondere auch nach Sachsen, gefolgt seien; doch
-es fehlt der Beweis für solche recht wenig wahrscheinliche Annahme.
-Wenn im letztvergangenen Jahrhundert, ja noch 1904, in Sachsen oder
-nahe der sächsischen Grenze hier und da ein Wolf erlegt worden ist,
-so handelte es sich um gefangene, irgendeiner Menagerie entsprungene
-Tiere, falls nicht die Phantasie des glücklichen Schützen in einem
-wildernden wolfsähnlichen Hunde den leibhaftigen Isengrim erblickte.
-Ausführliches über die Geschichte des Wolfs in Sachsen enthält ein
-Aufsatz A. Klengels in den Mitteilungen des Sächsischen Heimatschutzes,
-Bd. 9, S. 97 ff.
-
-Auch der kleinere Vetter, der _Fuchs_, hat viel unter der Feindschaft
-des Menschen zu leiden, der ihm mit Eisen und Blei und mit vergiftetem
-Köder nachstellt. Aber noch immer hat es der Erzschelm verstanden, sich
-zu behaupten. Jeden sucht er zu prellen, zu betrügen, der seinen Weg
-kreuzt. Eine Legion lustiger Geschichten und unterhaltsamer Späße, die
-sich die dichtende Phantasie zusammengereimt hat, von den Tagen Äsops
-an bis zu Goethes Tierepos und den Fabeldichtern unsrer Tage.
-
-In jedem größeren Revier, auch bei uns im so stark bevölkerten Sachsen,
-gibt es noch Füchse. »Mehr als genug!« denkt mancher Grünrock, der
-seine Niederjagd liebt. Ja, in den vergangenen Kriegsjahren haben
-sich die Roten eher vermehrt als vermindert. »Das Raubzeug hat im
-deutschen Wald überhand genommen,« so klagte man mir, »ganz besonders
-die Füchse«. Das Versäumte, glaube ich, wird bald wieder nachgeholt
-sein. Der hohe Preis von Reinekes Winterbalg ist gewiß ein gewaltiger
-Ansporn für den Jagdberechtigten, den Fuchs zu schießen oder ihn im
-Eisen zu fangen -- ein schönes Sümmchen, das solch ein Balg bringt, der
-Mühe schon wert, einmal zu nachtschlafender Zeit das warme Bett mit dem
-klirrenden Frost draußen am Hochsitz zu vertauschen, auch wenn's kein
-feiner »Silberfuchs« ist -- andererseits wird solch hoher Preis den
-Wunsch stärken, den Fuchs im Revier nicht völlig zu missen. Heute wird
-es der Jäger wohl unterlassen, falls nicht besondere Gründe vorliegen,
-die Welpen mit dem noch wertlosen Balg aus ihrem Bau auszugraben, und
-so wird die Zeit hoffentlich recht fern sein, wo auch der Fuchs aus dem
-deutschen Walde verschwunden ist, wie Wolf, Luchs und Wildkatze.
-
-In den Kreisen der Landwirte und Forstleute hat man schon seit
-einiger Zeit begonnen, die _Bedeutung der Raubtiere_ mehr und mehr
-einzusehen, und wenn auch heute noch hie und da ein einzelner Jäger ein
-geschworener Feind alles »Raubgesindels« ist, so beweist er nur, daß er
-von der Lebensweise der Raubtiere, der bepelzten wie der gefiederten,
-keine rechte Vorstellung hat. Gerade der Fuchs vertilgt eine Unmenge
-von Mäusen, und er ist so lüstern auf dies winzige Wildbret, daß er
-sich trotz aller Vorsicht und Schlauheit durch leises »Mäuseln« des
-Jägers heranlocken läßt. Daneben aber frißt er auch Kerbtiere und
-deren Larven, namentlich Maikäfer, Saateulenraupen und Drahtwürmer.
-Daß er nur von Hühnern und Fasanen, von Hasen und Kaninchen lebe, ist
-eine böse Verleumdung. Natürlich, was er überlisten kann, nimmt er
-mit; selbst das Reh fällt ihm zum Opfer; aber doch nur, wenn es an den
-Läufen klagt, die die harte Schneekruste ihm zerschnitten hat, und wohl
-auch ohne Hilfe des Fuchses eingegangen wäre. Reineke, und das sollte
-man ihm nie vergessen, ist aber auch jagdlich insofern von Nutzen, als
-er an erster Stelle kümmernde, kranke und schwache Stücke erbeutet
-und dadurch der Ausbreitung von Seuchen vorbeugt, sowie durch solche
-Auslese den ganzen Stand des Wildes hebt und stärkt.
-
-Bei Bekämpfung des Raubzeugs kennen einzelne Jäger keine Rücksicht,
-und es läuft ebenso häßliche wie unnötige Roheit und Tierquälerei
-da mit unter. Oder ist es keine Roheit, die Fähe in der Heckezeit
-abzuschießen, daß die Welpen im Bau elend verhungern müssen, oder
-das Habichtsweibchen am Horst wegzuknallen und so die Jungvögel
-einem elenden Tode preiszugeben? Ist's nicht Tierquälerei, den Fuchs
-vierundzwanzig Stunden im Eisen sich abquälen und Eulen oder Bussarde
-tagelang mit zerschmetterten Fängen in dem Marterinstrument hängen
-zu lassen? Wo der Jäger sich des »Raubgesindels«, wie er's nennt,
-nicht anders glaubt erwehren zu können, als daß er Fallen legt und
-Eisen stellt, da hat er die Pflicht und Schuldigkeit, am frühen
-Morgen nachzusehen, ob sich ein Tier gefangen hat. Wer es unterläßt,
-macht sich ebenso der Aasjägerei schuldig wie einer, der auf fünfzig
-Schritt Rehe oder Rotwild mit Schrot anspritzt oder ein angeschweißtes
-Stück Wild nicht nachsucht. Aber den Räubern gegenüber befinden sich
-die Jäger noch oft, wie _Löns_ schreibt, in einem mittelalterlichen
-Irrwahn; »der Fuchs ist ihnen ein Dämon, der nachts umgeht und suchet,
-was er verschlinge«.
-
-Von anderem Raubwild weiß das Märchen nur wenig. Den _Luchs_, der in
-Deutschland bereits völlig ausgestorben ist, kennt es kaum, und wo
-die Katze auftritt, da handelt es sich in den meisten Fällen um unsre
-Hausmiez, nicht um die _Wildkatze_. Diese ist bis auf wenig Reste
-aus den deutschen Forsten verschwunden; nur die zusammenhängenden
-Waldungen, die Dickungen und Felsenklüfte an der Mosel und im Südharz
-bieten Hinz, dem Kater, dem kraftstrotzenden, gelenkigen Räuber, noch
-gute Verstecke. In bewohnteren Gegenden kann man die Wildkatze nicht
-dulden; sie hat der Kultur weichen müssen. Aber noch recht häufig kommt
-sie in den Karpaten vor, wurden doch im Jahre 1908 noch 5045 Wildkatzen
-im damaligen Ungarn zur Strecke gebracht.
-
-Und nun unser gemütlicher _Igel_. Wer kennt es nicht, das köstliche
-Märchen von »Swinegel un siner Fru«, wie sie beim Wettlauf den
-flüchtigen Lampe betrügen, und die lustige Lehre, die Gebrüder Grimm
-hinzufügen, »datt et gerahden is, wenn eener freet, datt he sick 'ne
-Fru ut sienem Stande nimmt, un de just so uutsäht es he sülwst. Wer
-also en Swinegel is, de mutt tosehn, datt siene Fro ook en Swinegel
-is«. Oder wer kennt sie nicht, die Fabel vom Igel und dem Hund, der
-sich an dem stachligen Gesellen die Nase blutig sticht, oder die
-Geschichte vom Igel, der auswandert, weil er von allen Tieren seiner
-Stacheln wegen mißachtet und beschimpft wird, und zufällig ins Land der
-Stachelschweine kommt, wo alle Einwohner ganz entzückt ausrufen:
-
- »... welch schöne Augenweide!
- Sieh nur den Fremdling mit dem Haar von Seide!«
-
-Woran H. H. Ewers die Moral knüpft:
-
- »Ja, also ist's! und schelten auch die einen
- Voll Hohn dich eine Borstenkreatur,
- Ein struppig Stacheltier -- so mußt du wandern:
- Als Seidenviehchen loben dich die andern.«
-
-Ein köstliches Bild, wenn man 'mal im raschelnden Herbstlaub einer
-Igelmama mit ihren vier oder fünf »lütjen Kinners« begegnet, kleinen,
-spaßhaften Stachelkugeln, die man gern 'mal in die Hand nimmt. Und
-dieser Mäuse- und Insektenvertilger wird -- man sollte es kaum glauben
--- gleichfalls von manchem Jäger verfolgt, da sein schnupperndes
-Näschen natürlich auch 'mal ein bodenständiges Nest findet und der
-Igel dann nicht lange danach fragt, ob es ein paar Regenwürmer sind
-oder Jungvögel, die er entdeckt hat. Ich kenne wenig Tiere, die als
-Mäusefänger so nützlich, zugleich aber in ihrer ganzen Erscheinung und
-in ihrem Gebaren so lustig und interessant sind wie der Igel, und ich
-möchte alle Leser bitten, Swinegel und seiner Familie das allergrößte
-Wohlwollen entgegenzubringen.
-
-_Lampe, der Hase_, kommt gleichfalls oftmals in Märchen und Fabeln vor;
-er ist immer das arme, geplagte, verfolgte Tier: alles, alles will ihn
-fressen, zumal der Mensch. Um sein Aussterben brauchen wir aber kaum
-Sorge zu tragen. Der strenge Jagdschutz nimmt sich seiner an; denn der
-Hasenbestand ist meistens der Wertmesser des ganzen Reviers, wenigstens
-im Niederland. Freilich, wer in den letzten Jahren lediglich den
-Ladentischen unsrer Wildbrethandlungen seine Aufmerksamkeit geschenkt
-hat, die fast immer »hasenrein« waren, der muß zu der Ansicht gekommen
-sein, daß man entweder Lampe neuerdings aus der Liste der jagdbaren
-Tiere gestrichen und ihm ewige Schonzeit zugebilligt habe, oder daß es
-mit dem Hasenfuß auf unsern Fluren für immer vorbei sei. Aber die Sache
-hat andere Gründe, die ich hier nicht erörtern will.
-
-Allerdings mit der Jagd steht es heute schlimm genug. Überall
-Wilddiebe, die ihr dunkles Gewerbe treiben! In manchem Revier sind
-schon alle _Rothirsche_ abgeschossen, in fast jedem ihre Zahl stark
-gezehntet worden. Und wie die fürstlichen Jagdherren gewiß manchmal
-in nicht gerechtfertigter Weise zum Schaden des Landwirts, auch der
-Forstwirtschaft, das Hochwild über die Maßen hegten und pflegten,
-so verfällt man jetzt ins Gegenteil. Man knallt alles nieder oder
-wenigstens weit mehr als nötig ist. Es erinnert dieser Vorgang ans Jahr
-1848. Auch damals hat man den Rotwildstand, z. B. in unserm Sachsen,
-so arg abgeschossen, daß ernstlich die Frage erörtert wurde, ob damit
-nicht das Ende des Rotwilds für alle Zeiten gekommen sei. Und heute
-stehen Naturfreund und weidgerechter Jäger vor derselben bangen Frage.
-Nur ist keine Aussicht vorhanden, daß irgendein Jagdherr in Zukunft in
-der Lage sein wird, sein Wild so zu schützen, zu hegen und zu pflegen,
-wie es bisher der Fall war.
-
-Es tut einem das Herz weh, wenn man bedenkt, daß der _Hirsch_, von dem
-die Tierfabel so manches zu berichten weiß, daß sogar das zierliche
-_Reh_, das in vielen Märchen eine besonders liebliche Rolle spielt,
-vielleicht in recht naher Zeit aus unsern heimatlichen Wäldern, wenn
-auch nicht völlig verschwinden, so doch hier immer seltener werden
-soll[2]. Die Freude an der Natur, an der Jagd, an dem Wild liegt unserm
-Volke im Blut, ein Erbgut aus Urväterzeit. Und wenn es gewiß auch
-eine falsche Vorstellung ist, daß die alten Germanen nur von der Jagd
-lebten -- im Gegenteil, sie waren seßhafte Ackerbauern und hatten es
-schon zu Beginn unsrer Zeitrechnung in der Art, wie sie ihre Ländereien
-bestellten, weiter gebracht, selbst als die Römer -- so war doch die
-Jagd von großer Bedeutung für sie.
-
- [2] Bis vor kurzem wenigstens war das zu befürchten; erst
- in allerletzter Zeit scheint sich der Rehstand hier und da
- wieder erfreulich gehoben zu haben.
-
-Aber ist sie es nicht auch noch in der Gegenwart? Es sind sich
-wenig Menschen, auch die nicht, die gern einmal einen Hasenbraten
-oder eine Rehkeule verzehren, darüber klar, welche ungeheuren Werte
-unser Wildbestand darstellt. Man hat berechnet, daß unmittelbar vor
-dem Kriege die jährliche Ausbeute an Wildbret im Deutschen Reiche
-20 Millionen Kilogramm betrug, damals im Werte von wenigstens
-25 Millionen Mark, daß die Decken, Schwarten, Bälge einen Marktpreis
-von gegen 1½ Millionen besaßen, daß der Erlös an Geweihen und Gehörnen
-etwa 1 Million betrug. Das Reich nahm beinahe 6 Millionen Mark aus
-den Jagdscheinen ein, die Gemeinden schlugen 40 Millionen aus den
-Jagdpachten heraus. Dazu kommen die Millionen, die Jagdaufseher,
-Treiber, Hundezüchter, Waffen-, Munitions-, Jagdbekleidungsfabrikanten
-u. a. verdienen. (Vgl. _H. Löns_, Kraut und Lot, S. 105 ff.)
-
-Aber diese volkswirtschaftliche Bedeutung der Jagd ist nicht die
-Hauptsache. Der Jagdschutz, wenn er streng durchgeführt wird, erhält
-uns das Wild als ein wertvolles Stück der heimatlichen Natur zur
-Freude nicht nur des Jägers, sondern jedes Naturfreundes, und da sich
-die Wildhege mit Erfolg immer nur in einem Gelände ausüben läßt, das
-noch bis zu gewissem Grade das Gepräge der Urwüchsigkeit zeigt --
-ursprüngliche Wälder, Brüche, Moore, Heiden -- so haben wir es zu
-nicht geringem Teil der Jagd zu verdanken, wenn noch nicht überall
-die Ackerbausteppe und der durchforstete Nutzwald in unserm Vaterland
-herrschen, sondern auch noch ab und zu ein Stück Land ein mehr oder
-weniger ursprüngliches Gepräge zeigt. Jagd und Jagdpflege sind der
-unbewußte Anfang des Naturschutzes und der Naturdenkmalpflege gewesen,
-und daher ist es die Pflicht des Heimatschutzes, die edle weidgerechte
-Jagd, deren Hauptaufgabe in der Hege und Pflege eines angemessenen
-Wildstandes besteht, hochzuhalten und alle jagdlichen Bestrebungen nach
-der gekennzeichneten Richtung hin zu unterstützen. »Jagdschutz« also
-auch in dem Sinne: »Schutz der Jagd!«
-
- * * * * *
-
-Ungleich zahlreicher noch als die Säugetiere sind die _Vögel_, die sich
-besonderer Volkstümlichkeit erfreuen und deshalb in vielen Märchen
-und Fabeln auftreten. Gleich jenen haben auch die Vögel ihren König,
-den _Adler_, nicht wie der Löwe ein Tier fremder Zonen, sondern ein
-Bewohner unsrer Heimat. Aber wie wenige meiner Leser werden den stolzen
-Vogel aus der freien Natur kennen! Bei uns in Deutschland stehen
-sämtliche Adler auf der Aussterbeliste. Der _Steinadler_ horstet wohl
-noch in ein oder dem andern Paar in den bayrischen Alpen, während er in
-den Wäldern Ostpreußens seit Beginn unsers Jahrhunderts ausgerottet zu
-sein scheint. Und doch war dieser wahrhafte König der Lüfte noch vor
-hundert Jahren in manchem deutschen Mittelgebirge Brutvogel, ebenso
-weitverbreitet im Niederland, in Pommern, Westpreußen, der Mark so gut
-wie im Böhmer Wald oder im Riesengebirge.
-
-Etwas besser steht es noch heute um _See-_ und _Fischadler_; doch sind
-deren Horste an der Ostseeküste und auf der norddeutschen Seenplatte
-gleichfalls gezählt. Den Nachstellungen des Menschen ist der König
-der Vögel zum Opfer gefallen. Auch in den Alpen ist der Anfang vom
-Ende da, gezählt sind die Tage seiner Herrschaft. In Sachsen horstet
-schon längst kein Adler mehr. Aber der Wanderzug führt stets noch
-einige Seeadler, auch Fischadler durch unser Land. Sie kommen von der
-Wasserkante oder weit aus den russischen Wäldern. Ein gefährlicher Flug
-ist's. Es vergeht kein Jahr, wo nicht ein oder der andere der stolzen
-Vögel von einem Schießer heruntergeknallt wird, der sich dann als
-kühner »Adlerjäger« brüstet.
-
-Mit den nächtlichen Raubvögeln, den _Eulen_, hat sich die Märchen-
-und Fabeldichtung gleichfalls viel beschäftigt; Und das ist kein
-Wunder. Erst wenn die Dämmerung eintritt, beginnen die Eulen ihre
-Streifzüge. Dank ihrem seidenweichen Gefieder gleiten sie geräuschlos
-und deshalb geisterhaft an dem nächtlichen Wanderer vorüber, und
-unheimlich klagend heult ihre Stimme aus dem dunklen Walde. Gleich
-glühenden Kohlen funkeln die Riesenaugen im nächtlichen Schatten --
-wieviele Spukgeschichten mögen ihnen ihr Dasein verdanken! Das Märchen
-verwendet, um die Stimmung recht gruselig zu machen, die funkelnden
-Eulenaugen außerordentlich oft.
-
-Ich glaube, es gibt wenig Menschen, die eine besondere Vorliebe für
-diese unheimlichen Gespenstertiere besitzen. Das tut mir leid, einmal
-der Eulen wegen und dann auch um meiner selbst willen, da ich mich
-mit meiner ausgesprochenen Passion für Käuze und Eulen aller Art
-ziemlich vereinsamt fühle. Ein rechtes Verständnis für die Anmut der
-Eulen habe ich nur bei den Italienern gefunden; diese betrachten ihre
-Steinkäuzchen als wirkliche Hausfreunde und richten dunkle Brutplätze
-unter den Dächern mit bequemen Eingängen für sie her. Allerdings
-ist ihre Vorliebe für Käuze nicht frei von Eigennutz; denn der
-Italiener bedient sich seiner Freunde zum Fang von Kleinvögeln. Auch
-die alten Griechen, denen Verständnis und Gefühl für Schönheit doch
-wahrhaftig nicht abgesprochen werden kann, erkannten die eigenartige
-Eulenschönheit. Die Eule war der Pallas Athene heilig, die selbst als
-»eulenäugig« bezeichnet wird; zugleich war sie das Wappentier der
-Hauptstadt, das Sinnbild der Weisheit, und sogar als Glücksbotin findet
-sie Erwähnung.
-
-Wieviel könnten wir Deutschen doch von den alten Griechen in dieser
-Beziehung lernen! Bei uns heißt es: »Häßlich wie eine Nachteul'«, und
-Eulenaugen gelten nicht gerade als Schönheit. Dazu ist die Eule in
-deutschen Landen so recht der Unglücksvogel, dessen nächtlicher Ruf
-Krankheit und Tod kündet. Auch im deutschen Märchen ist der Kauz viel
-weniger der Vogel der Weisheit, als der böse Geist, der Dämon, der
-Hüter verborgener Schätze, dem Menschen feindlich gesinnt, vertraut
-mit der schwarzen Kunst, mit Zauberei; in der Fabel aber ist er ein
-Griesgram und rechter Philister.
-
-Ebenso bedauerlich wie auffallend ist der Rückgang der Eulen in unsrer
-Heimat. Von dem _Uhu_ will ich nicht reden -- das letzte Paar brütete
-noch um die Wende unsers Jahrhunderts in den Felswänden des Hohnsteiner
-Reviers. Ich fürchte, der Schutz, den man heute in allen Staatsforsten
-dem seltenen Räuber gern gewähren möchte, kommt bereits zu spät, um
-den »König der Nacht« zu retten. Aber auch die mittelgroßen Eulen,
-wie _Wald-_ und _Schleierkauz_, _Wald-_ und _Sumpfohreule_, selbst
-die kleinen _Käuzchen_ sind heutzutage viel seltener geworden als zu
-meiner Jugendzeit. Man mag eine Eule aus dem Gehöft verjagen, wenn man
-den Mäusejäger durchaus glaubt entbehren zu können; aber eine Eule
-töten, bleibt eine Roheit und Gemeinheit, wenn auch vor unsern ganz
-unzureichenden sächsischen Gesetzen der Frevler frei ausgeht. Alles,
-was bewehrte Fänge und einen Krummschnabel trägt, gehört in Sachsen zu
-den jagdbaren Vögeln, und auf diese findet das deutsche Reichsgesetz
-keine Anwendung. Der Freibrief, den dieses mit Recht dem Turmfalken,
-dem Schrei- und Seeadler, dem Bussard, der Gabelweihe und _sämtlichen
-Eulen_, mit Ausnahme des Uhus, ausstellt, hat also für Sachsen keine
-Gültigkeit. Hierin endlich einmal Wandel zu schaffen, ist eine
-dringende Forderung des Naturschutzes an die Gesetzgebung.
-
-Viel mehr als die lichtscheue Eule ist im deutschen Märchen der _Rabe_
-der Vogel der Weisheit. Er hat die Gabe, in die Zukunft zu schauen
-und wird so zum Verkünder kommender Ereignisse. Das hängt zweifellos
-damit zusammen, daß bei unsern Altvordern der Rabe der Vogel Wodans
-war, der Götterbote, der den Verkehr zwischen dem Herrscher des Himmels
-und den Bewohnern der Erde vermittelte. Seine Verwandten, die Krähen
-und Elstern, gelten als diebisches, zänkisches Gesindel, letztere als
-besonders schwatzhaft.
-
-Ein anderer Götterbote war der _Storch_; doch spielt dieser in
-orientalischen Erzählungen und Märchen eine weit größere Rolle als in
-unserm deutschen Märchenschatz. Auch in der deutschen Fabel begegnet
-man dem klappernden Hausfreund nur selten. Dagegen hat unser Volk
-um Leben und Treiben des Storchs einen reichen Kranz abergläubischer
-Vorstellungen gewunden, deren Ursprung sich in graue Vorzeit verliert.
-
-Unter den Wasservögeln ist wohl der _Schwan_ das vornehmste Märchen-
-und Sagentier. Wir denken an das lustige Märchen »Schwan, kleb an!«, an
-die reizende Geschichte vom kleinen »häßlichen Entlein«, das aber einem
-Schwanenei entschlüpft war und bald zum bildschönen Schwan heranwuchs;
-wir denken an Lohengrins Schwan und an die Schwanenritter oder an die
-Schwanenjungfrauen, die auf der Donau den Nibelungen erschienen und
-sie vor der Fahrt warnten, die allen den Untergang bringe. In Sachsen
-brütet der Wildschwan leider nirgends; dazu sind unsre Teiche zu klein
-und unsre Elbe mit ihren gemauerten Ufern viel zu nahrungsarm und zu
-unruhig. Wer aber die ostpreußischen Seen kennt, der wird sich mit
-Freude der anmutigen Schwimmvögel erinnern, die so manchem dieser
-Gewässer einen besonderen Schmuck verleihen. Auch Seen in Brandenburg
-und Mecklenburg oder der Unterlauf der Warnow unterhalb Rostock
-beherbergen noch immer eine erfreuliche Anzahl der stolzen Geschöpfe.
-Freilich haben die bösen Verhältnisse der Nachkriegszeit auch in ihre
-Reihen starke Lücken gerissen, so daß es ernstlich an der Zeit ist,
-für den Schutz dieser Tiere zu sorgen. Besonders lieblich sind die
-Familienbilder, die sie zu Sommers Anfang dem Beschauer bieten, wenn
-die Schwanenmutter ihre Kleinen das erstemal durchs Schilf auf die
-freie Wasserfläche führt oder die grauen Dunenbällchen auf den Rücken
-nimmt und mit dieser leichten Bürde zurück zum Neste gleitet.
-
-An zweiter Stelle wäre auch der _Gänse_ zu gedenken. Unsre geliebte
-Hausgans, deren Braten alljährlich an meinem Namenstage so manchen
-Mittagstisch verschönt -- im vorigen Jahre nach längerer Pause auch
-den meinen, da eine freundliche Fee den köstlichen Vogel in mein Haus
-flattern ließ -- stammt von der Graugans her, die gleichfalls noch
-in Norddeutschland brütet und gelegentlich ihrer Herbstreisen auch
-an unsre sächsischen Gewässer kommt. Sie ist eleganter in der Figur,
-als unsre Haus- und Hofgenossin, auch leichter im Flug, gewandter im
-Schwimmen; denn das Gänsefett belästigt sie nicht so stark wie jene.
-Auch die _Ente_ mit dem goldnen Krönchen erscheint im Märchen, und
-in der Fabel tritt sie zumeist mit dem Fuchs auf, der ihr den Kragen
-umdrehen möchte.
-
-Unter den Singvögeln sind vielleicht die volkstümlichsten _Nachtigall_
-und _Lerche_. Ihr Gesang hat von jeher den Menschen begeistert.
-In hundert Volksliedern wird die Nachtigall erwähnt, ja bei den
-Minnesingern, die sich nicht genug tun können, die kleinen Waldvöglein
-zu preisen, ist die Sängerin der Nacht so ziemlich der einzige
-Vogel, der mit Namen genannt wird. Die Lerche aber ist die Sängerin
-des Tages, die zum Licht emporsteigt, die mit der Morgenröte sich
-erhebt, um den ganzen Himmelsraum mit ihrem Jubel zu erfüllen, zum
-Preise des Schöpfers. Neben ihnen spielen in Märchen und Fabeln die
-andern Kleinvögel, wie Zeisig, Rotkehlchen, Zaunkönig und Star, nur
-bescheidene Rollen; sie treten in der Regel nicht allein auf, sondern
-in Begleitung jener Sänger. Ich erinnere an die Fabeln vom Zeisig, vom
-Kuckuck oder auch vom Wiedehopf und der Nachtigall, von der Schwalbe
-und der Lerche.
-
-Die _Schwalbe_ ist der Vogel, der das innigste Bündnis mit dem
-Menschen geschlossen hat; denn während recht viele zutrauliche Vögel
-wohl die Nähe menschlicher Siedlungen aufsuchen und ihre Wohnung an
-unsern Häusern, auf und unter dem Dach, am Gesims, auf einem Balkenkopf
-oder in irgendeinem versteckten Winkel aufschlagen, sind es die
-niedlichen Rauchschwälbchen mit dem gabelartig verlängerten Schwanz
-und der rostroten Stirn, die fast ausnahmslos im Innern der Gebäude
-Herberge nehmen. Dem Tragbalken des Vorhauses, der Decke des Kuh- oder
-Pferdestalles, wohl auch dem Schirm einer elektrischen Lampe vertrauen
-sie ihr Nestchen an. Und solche Anhänglichkeit an uns Menschen verdient
-Gegenliebe, wie man sie allgemein in deutschen Landen den lieblichen
-Vögelchen entgegenbringt. Eine Schwalbe zu töten oder auch nur ihr Nest
-zu zerstören, ist ein schwerer Frevel, der von der rächenden Gottheit
-mit langem Siechtum bestraft wird. Wo die glückverheißenden Vögel den
-Hof verlassen haben und im kommenden Frühjahr nicht wieder Einkehr
-halten, da zieht Unfrieden im Haus ein oder es stirbt ein Bewohner. Wer
-möchte es wünschen, daß solch frommer Aberglaube doch endlich in die
-Rumpelkammer längst überlebter mittelalterlicher Vorstellungen, die
-nicht mehr in unsre aufgeklärte Zeit passen, geworfen werde!
-
-Sinnig sind manche Sagen, die von der Schwalbe berichten. Bei der
-Vertreibung der ersten Menschen aus dem Paradies flog eine Schwalbe
-blitzschnell an dem Flammenschwerte des zürnenden Engels vorüber, um
-das arme, verstoßene Menschenpaar in seine neue unbekannte Heimat zu
-begleiten. Hier ward sie ihm zur treuesten Freundin im Glück und im
-Unglück. Eine andere Sage erzählt: Als Christus am Kreuze hing und, vom
-Durst gequält, um Wasser flehte, da hörte eine Schwalbe des Heilands
-Bitte: »Mich dürstet«. Schnell eilte sie an eine Quelle, küßte dann
-des Sterbenden Lippen und träufelte einige Tropfen Wasser auf sie.
-Hierauf umflog sie das Haupt des Heilands, mit ihren langen Schwingen
-ihm Kühlung zufächelnd. Dabei streifte sie die blutenden Wunden, so
-daß sich Stirn und Kehle rot färbten. Ähnliches weiß die Sage auch
-vom _Kreuzschnabel_ zu erzählen. Bei dem Versuch, die Nägel aus dem
-Kreuzesstamm zu zerren, hat sich sein Schnabel verbogen, sein Gefieder
-gerötet.
-
-Nur ein Wort noch vom _Wiedehopf_. Er steht nicht im besten Geruch und
-ist doch mit seiner Federholle und dem ansprechenden Farbenkleid ein
-wunderhübscher Vogel. Heute kenne ich den Wiedehopf als sächsischen
-Brutvogel nur aus der Lausitz, wo er allerdings außerordentlich selten
-ist. In meiner Jugendzeit aber brüteten alljährlich mehrere Paare
-in den alten Kirschbäumen, die die Viehweide des Rittergutes meiner
-Heimat umgaben. Ein ganz abscheulicher Gestank, wenn man die Nase
-in den Eingang solcher Kinderstube bringt; selbst die ausgeflogenen
-Jungen müssen sich noch tagelang gewissermaßen auslüften, ehe sie den
-Geruch verlieren, so fest sitzt er ihnen im Gefieder. In der Fabel ist
-der Wiedehopf seines gekrönten Hauptes wegen der eitle Vogel, dessen
-armseliger Ruf sich mit dem Gesang der unscheinbaren Nachtigall nicht
-messen kann.
-
-Die Zahl der Vögel, die das Märchen, ganz besonders aber die deutsche
-Fabel auftreten läßt, ist so groß, daß man leichter die Arten aufzählen
-könnte, von denen das Volk nichts zu erzählen weiß. Kuckuck und Pfau,
-Hahn und Sperling, Wachtel und Taube, Kranich und Reiher, Gimpel und
-Zeisig müßte ich nennen, und ich würde noch keineswegs allen gerecht
-werden. Gerade der Vogel ist von jeher der Liebling des Menschen
-gewesen; seine anmutige Gestalt, sein hübsches Farbenkleid, vor allem
-aber seine Stimme haben von Anfang an die Aufmerksamkeit eines jeden
-auf ihn gelenkt.
-
- * * * * *
-
-Die _kaltblütigen Wirbeltiere_ stehen unserm Volke nicht so nahe; das
-Verhältnis zu ihnen ist weniger innig. Ganz besonders gilt das von
-den _Fischen_. In dem deutschen Märchen spielen sie eine nur sehr
-bescheidene Rolle, und auch in den Fabeln tritt nur hie und da mal
-der gefräßige Hecht oder der stumpfsinnige Karpfen auf. Die Fische
-haben wenig zu sagen, sie sind stumm; daraus erklärt sich wohl solche
-Vernachlässigung.
-
-Aber unter den _Lurchen_ gibt es ausgezeichnete Sänger, die mit
-ihrem Lied die ganze Frühlingsnacht erfüllen: die _Frösche_ sind es.
-Unsern Seen- und Teichlandschaften verleiht ihr Chorgesang einen ganz
-eigentümlichen Reiz. Freilich handelt es sich dabei nur um die eine
-Art, den _grünen Wasserfrosch_, während man von dem andern, dem braunen
-Grasfrosch, der auf der feuchten Wiese oft in großer Anzahl vor unsern
-Schritten aufspringt, nur selten einen knurrenden Laut vernimmt; ~rana
-muta~, d. i. der Stumme, nannte ihn deshalb der Zoolog. Um so lebhafter
-der andere, der Wasserfrosch. Er ist es, von dem das Märchen so viel
-zu erzählen weiß, von seinem Schloß tief unten im feuchten Element,
-wo der Froschkönig sein Reich aufgeschlagen hat und seine Herrschaft
-über die ganze pausbäckige Gesellschaft ausübt. Meist handelt es sich
-um Verwandlungsmärchen, um einen Fürstensohn, der in einen Frosch
-verzaubert ward und dann durch die Guttat eines Menschenkindes erlöst
-wird. Oder ich erinnere an Georg Rollenhagens »Froschmäuseler« aus dem
-Jahre 1595, ein langatmiges Reimwerk, dem Homers »Froschmäusekrieg«
-zur Grundlage diente. Die ganze wunderliche Hofhaltung der Frösche
-und Mäuse wird uns hier geschildert und die blutige Schlacht zwischen
-den Bewohnern des Wassers und den kleinen graufelligen Nagern des
-Feldes. Und dann, wieviel alte und neue Fabeln handeln doch von dem
-kaltblütigen Sänger, der bald mit der Nachtigall, bald mit dem Kuckuck
-den Wettgesang anstimmt!
-
-Auch die _Kröte_ mit der goldenen Krone ist eine Märchengestalt,
-die auf Erlösung harrt. Ich glaube, ihr schönes goldenes Auge, das
-treuherzig blickt, voll Wehmut und Sehnsucht, hat es dem Menschen
-angetan. Wer es fertig bringt, eine Kröte in roher Weise zu töten, muß
-bar jedes Gemüts sein.
-
-Von den _Schlangen_ ist im Märchen manchmal die Rede. Sie sind die
-Behüterinnen verborgener Schätze oder werden nur nebenbei erwähnt,
-um die gruselige Stimmung, die einsame, dunkle Orte dem Menschen
-einflößen, noch zu erhöhen. Selten wird eine bestimmte heimische
-Schlangenart genannt, auch die giftige Kreuzotter nicht. Dagegen tritt
-unter dem Namen »Hausunke« die Ringelnatter auf; ihre gelblichen oder
-weißen Halbmondflecken am Hinterkopf und Hals werden als Krone gedeutet.
-
-Es würde zu weit führen, auch den _wirbellosen Tieren_ unsre
-Aufmerksamkeit zu widmen. Auch von ihnen gibt es recht viele, die
-wahrhaft volkstümlich geworden sind und besonders in der deutschen
-Fabel häufig auftreten. Ich erinnere nur an Ameise, Biene, Feldgrille,
-Heupferd, Leuchtkäfer oder an die Schnecke.
-
- * * * * *
-
-Schutz der Tierwelt! Es wird so viel darüber geklagt, daß die
-großen Tiere der Tropen und der Polarzonen durch die unsinnige
-Jagdleidenschaft der weißen Rasse ihrem Untergang mit Riesenschritten
-entgegeneilen, daß die Elefanten, Giraffen und Flußpferde, ebenso die
-großen Walsäugetiere oder die Büffel, die einst in ungeheuren Scharen
-die weiten Ebenen Nordamerikas belebten, recht bald der Vergangenheit
-angehören werden. Und nicht etwa nur die wirtschaftliche Einbuße und
-der Verlust, den die Wissenschaft dadurch erleidet, rechtfertigen diese
-Klage und Anklage, sondern der Frevel an der Natur ist es, der das Herz
-eines jeden mit Bitterkeit und Trauer erfüllt. Aber näher doch als jene
-Tiere ferner Zonen sollte uns die _heimatliche_ Tierwelt stehen. An
-ihrer Erhaltung ist nicht etwa nur dem einzelnen Naturfreund gelegen,
-sondern unserm ganzen Volk im allerweitesten Sinne. Wir dürfen nicht
-engherzig nach Nutzen und Schaden fragen, sondern die höheren Tiere
-sind mit ganz wenig Ausnahmen -- ich denke z. B. an die Kreuzotter oder
-an kleine Säugetiere, die namentlich auf den Feldern als verheerende
-Landplage auftreten können -- um ihrer selbst willen des allgemeinen
-Schutzes wert. Wenn wir aber aus der großen Masse einige besonders
-hervorheben wollen, deren Untergang am meisten beklagenswert wäre,
-ein unersetzlicher Verlust nicht nur für die deutsche Landschaft,
-sondern für unser ganzes Volk, so sind es die _volkstümlichen Tiere der
-deutschen Märchen und Fabeln_.
-
-
-
-
-Allerlei Fischräuber, bepelzt und befiedert
-
-
-Die Ziele und Bestrebungen der Menschen sind verschieden und müssen es
-sein. Was bringt mir Nutzen und Gewinn? was ist für mich persönlich
-von Vorteil? was kann mir schaden? was steht mir im Wege, mein Ziel zu
-erreichen? Das sind die täglichen Fragen des einzelnen.
-
-Aber der einzelne vermag wenig. Gleichgesinnte haben sich deshalb zu
-Verbänden zusammengeschlossen, um mit vereinten Kräften das gemeinsame
-Ziel zu verfolgen. Solcher Vereine oder Verbände gibt es unzählige,
-und wo sie lediglich äußere Vorteile im Auge haben, wo die Frage
-nach Nutzen und Schaden im Vordergrund steht, da kreuzen sich ihre
-Interessen vielfach, und es treten Gegensätze hervor, die oftmals zu
-erbitterten Kämpfen führen.
-
-Der Landwirt, der Jäger, der Fischzüchter, der Obstgärtner, der Imker
-u. a., sie glauben ein Recht zu haben, mit allen Mitteln die Ziele zu
-verfolgen, die ihnen ihr Beruf setzt. Sie vergessen aber nur zu leicht
-dabei die Rücksichtnahme, die sie ihren Mitmenschen schuldig sind, und
-nicht nur diesen, sondern unserer gemeinsamen Mutter, der Natur, der
-wir alles verdanken.
-
-Der Jäger sucht die Feinde seines sorgsam gehegten Wildstandes
-unschädlich zu machen; er stellt also auch den Raubvögeln nach, deren
-herrlicher Flug das Auge und Herz des Naturfreundes erfreut, und er
-fragt wenig danach, ob er dadurch den Landwirt schädigt, zu dessen
-treuesten Verbündeten im Kampfe gegen die Mäuse gerade sehr viele
-Raubvögel gehören. Der Fischereiberechtigte leidet den farbenprächtigen
-Eisvogel nicht und fängt ihn in kleinen Tellereisen, obgleich die
-Vogelfreunde sich bemühen, diesen herrlichen Edelstein der heimatlichen
-Vogelwelt vor völligem Untergang zu bewahren, oder er setzt Prämien
-für die Erlegung des Fischadlers und anderer Fischfeinde aus, bepelzt
-und befiedert, deren Vernichtung auch die Wissenschaft beklagen muß,
-sobald es sich um seltene Naturdenkmäler handelt. Der Bienenzüchter
-ist den Meisen und Rotschwänzchen feindlich gesinnt, die ihm manche
-Biene wegschnappen; er vergißt dabei, daß gerade diese Vögel dem
-deutschen Forstmann wie dem Obstgärtner von allergrößtem Nutzen sind.
-Der Pächter von Kirschplantagen klagt darüber, daß der Vogelfreund
-den Star durch Aushängen von Nistkästen in mancher Gegend unseres
-Vaterlandes in einer Weise vermehrt habe, daß die Kirschenernte durch
-diesen Vogel arg geschmälert werde. Die Katze, die dem Gutsbesitzer
-unentbehrlich ist, wird geschossen, wenn sie sich am Waldrande zeigt,
-oder der Vogelschützler fängt sie in der Falle, die er in seinem Garten
-aufgestellt hat. Und so geht es weiter: _überall Gegensätze, überall
-Meinungsverschiedenheiten_ zwischen den Jagdschutz-, Fischereischutz-,
-Vogelschutz-, Obstbau-, Bienenzüchter-, Gärtner-, Naturschutzvereinen
-und ihren einzelnen Vertretern, und _jeder glaubt im Recht zu sein_,
-wenn er sich über die Handlungsweise des Nachbarn bitter beklagt.
-
-Und doch, nur ein klein wenig gegenseitiges Verständnis, ein wenig
-Rücksichtnahme, freundliches Entgegenkommen von der einen Seite wie
-von der andern: wahrhaftig, mancher Streit könnte beigelegt, mancher
-Zusammenstoß gemildert werden. Wir wollen doch nicht ganz aufgehen
-in unsern persönlichen Interessen, nicht immer nur nach Nutzen und
-Schaden fragen, nach eignem Vorteil und Gewinn. Auf eine höhere Warte
-müssen wir uns stellen und das große Ganze überblicken, nicht den
-einzelnen im Auge haben, sondern die Gesamtheit. So verschieden die
-Bestrebungen und Ziele auch sein mögen: in dem _einen_ großen und
-idealen Ziele finden wir uns schließlich doch alle zusammen: _die Natur
-unsrer Heimat möchten wir so gern in ihrer heiligen, unverletzlichen
-Schönheit erhalten wissen_, soweit es ohne wesentliche Schädigungen
-_berechtigter_ Sonderinteressen nur irgend möglich ist. _Schutz unsrer
-Heimat!_ das muß unsre Losung sein; alles andre hat sich diesem
-allgemeinen Ziel unterzuordnen.
-
-Wer den großen, gar nicht hoch genug einzuschätzenden Vorzug besitzt,
-daß ihn sein Beruf in die innigste Berührung mit der Natur bringt, der
-darf nie vergessen, daß er dieser unsrer Allmutter, wie seinen weniger
-begünstigten Mitmenschen gegenüber Verpflichtungen schuldet, die den
-eignen persönlichen Interessen vorangehen. Und so sollten sich all
-diese Begünstigten die Hand zum Bunde reichen und sich zusammenfinden
-in der _Idee des Heimatschutzes_, der kein kleinliches Partei-, kein
-einzelnes Berufsinteresse kennt. Die gefährdeten Geschöpfe unsrer
-Heimat gilt es zu erhalten, nicht zu vernichten! Wir haben kein Recht,
-die Natur zu verstümmeln. Wir wollen uns nicht nur der nützlichen und
-harmlosen Tiere annehmen, sondern auch derjenigen, die sich in vielen
-Einzelfällen als schädlich erweisen, und wollen diese wenigstens soweit
-dulden, daß sie nicht völlig von der Bildfläche des Lebens schwinden --
-unrettbar, unwiederbringbar!
-
- * * * * *
-
-Die _Fischerei_ hat über die Menge der tierischen Feinde vielleicht
-noch mehr zu klagen als die Jagd. Dabei wollen wir die kleineren
-Räuber, die den Kerbtieren angehören, ganz unberücksichtigt lassen:
-den Gelbrand und seine Larve, die nicht nur die junge Brut überfallen,
-sondern sich auch nicht scheuen, mit ihren scharfen Freßwerkzeugen
-selbst größere Fische anzubeißen, oder den Rückenschwimmer, auch
-Wasserwanzen und Wasserskorpion, ebenso die äußerst räuberischen
-Larven mancher anmutigen Libellen, die als fertige Insekten zu
-den harmlosesten Tieren gehören. Wir wollen nur an die vielen
-Fischfeinde oder, besser gesagt, an die Fischliebhaber denken, die dem
-Fischereiberechtigten aus der Reihe der Wirbeltiere mancherlei Schaden
-verursachen.
-
-Ein wirkliches Raubtier, der _Fischotter_, der Familie der
-Marder angehörend, ist wohl am meisten gefürchtet. Töricht und
-ungerechtfertigt wäre es, vom Fischereiberechtigten zu verlangen,
-diesen bösen Fischräuber unbehelligt zu lassen. Wo er sich in unsern
-Teichgebieten zeigt, die vornehmlich der Karpfen- und Schleienzucht
-dienen, da bleibt dem Besitzer oder Pächter gar nichts anderes übrig,
-als den Otter im Eisen zu fangen oder auf dem Anstand zu schießen
-oder auch durch scharfe Otterhunde und Teckel ihn in seinem Bau
-aufzustöbern; denn der Schaden, den der gewandte Schwimmer hier
-anrichtet, ist unberechenbar groß, zumal der Fischotter ungleich mehr
-Fische vernichtet, als er zu verzehren vermag. Auch den Möweneiern,
-der Kiebitzbrut, jungen Gänsen und Enten, zahmen wie wilden, stellt
-der mordgierige Räuber nach. Aber es gibt doch auch Gewässer in unserm
-Vaterland, Flüsse und Bäche, wo von größerem Fischreichtum nie die
-Rede sein kann. Wenn sich hier 'mal ein Fischotter zeigt und der
-Fischereiberechtigte fängt nun an zu rechnen: 6 Pfund Fische täglich
-zum Fraß und noch doppelt so viel aus reiner Mordlust, macht 18 Pfund
-auf den Tag oder 65 Zentner im Jahre; alles halbpfündige Forellen
-vielleicht -- mir schwindelt der Kopf, wenn ich dran denke, wieviel
-Tausende Papiermark das ausmacht: so ist solches Rechenwerk einfach
-lächerlich; denn so viel Fische beherbergt der ganze Fluß nicht, selbst
-wenn man die winzigsten Schneider mitrechnet. Oder hofft der Fischer
-etwa, wenn er den Übeltäter erst 'mal hat nun die 65 Zentner Fische
-selbst einheimsen zu können? Vergebliche Hoffnung! Zu fischreichen
-Gründen, wie sie es vielleicht ehemals waren, als die Fabriken durch
-ihre Abwässer den Flußlauf noch nicht verunreinigt hatten, werden
-derartige Gewässer niemals wieder sich umwandeln, ob man den Otter
-gewähren läßt oder ihn wegfängt.
-
-Zum Glück ist der Herr der Seen und Flüsse ein kluges Geschöpf,
-vorsichtig, mißtrauisch; die geringste Veränderung in der Nähe seines
-Baues und Ausstieges bemerkt er sofort, und so müht sich der Fänger
-in vielen Fällen vergeblich ab, den Fischräuber zu überlisten. Wir
-dürfen hoffen, daß das interessante »Fischsäugetier« unserer Heimat
-trotz aller Nachstellungen, wenn auch in verschwindend geringer Anzahl,
-erhalten bleibt.
-
-Auch die Verwandten, die Mitglieder der eigentlichen _Marderfamilie_,
-stellen gelegentlich den Karpfen und Schleien und selbst den flinken
-Forellen nach. Gute Schwimmer sind sie alle, und was sie erreichen
-können zu Land und zu Wasser, wird erbarmungslos gemordet. Aber gerade
-die Vielseitigkeit ihres Speisezettels -- Eichkatzen, Wildtauben,
-Häher, Krähen, allerlei Kleinvögel und ihre Eier, Mäuse und Frösche,
-Ratten, Junghasen, Kaninchen, Fasanen, Eidechsen, Fische, Maikäfer usw.
--- beweist, daß sowohl die größeren Arten, Baum-, Hausmarder und Iltis,
-als auch die kleineren, Hermelin und Mauswiesel, neben beträchtlichem
-Schaden, den sie vor allem der Niederjagd zufügen, doch auch manchen
-Nutzen stiften. Wo sie sich zu stark vermehren, da soll man ihnen
-Einhalt gebieten; aber sie auszurotten, wäre eine sehr bedenkliche
-Maßnahme. Mäusefraß und Rattenschaden, übermäßige Vermehrung der
-Eichhörnchen oder auch der Krähen und Wildtauben würden solchen
-Weltverbesserern beweisen, daß sie auf dem Holzwege sind.
-
-Auch die kleine _Wasserspitzmaus_ wird des Fischraubes beschuldigt, und
-gewiß mag ihr manche Elritze, mancher Stichling zum Opfer fallen; aber
-wenn man bedenkt, daß die flinken, ewig hungrigen Spitzmäuse jedes Tier
-auffressen, das sie überwältigen können, Schnecken, Egel, Libellen- und
-Schwimmkäferlarven, Flohkrebse, Uferwanzen, Heuschrecken, Regenwürmer,
-Raupen, Larven von Köcherfliegen u. a., wird der Fischpächter
-versöhnlicher gestimmt werden und den kleinen muntern Schwimmern auch
-'mal ein Fischchen gönnen.
-
-Über die _Wasserratte_, die im Gegensatz zu den bisher genannten
-Fleisch- und Insektenfressern zu den Nagetieren zählt, sind die
-Ansichten geteilt. Die einen meinen, die Wasserratte rühre kein
-Fischlein an; andere dagegen behaupten, kleine Fische fielen ihr häufig
-zum Opfer, und wo Fischzucht getrieben wird, dürfe es daher keine
-Wasserratten geben. Allzugroß wird der Schaden jedenfalls nicht sein,
-zumal der Nager durch den Fang fischfeindlicher Wasserinsekten manchen
-Verlust wieder auszugleichen mag.
-
- * * * * *
-
-Aber _gefiederte_ Fischräuber gibt es viel mehr als bepelzte --
-leider, leider! Man kann es den Fischereiberechtigten wirklich nicht
-verargen, wenn sie sich gegen die Konkurrenz, die ihnen von dieser
-Seite zweifellos in oft recht empfindlicher Weise gemacht wird, zur
-Wehr setzen. Auf der andern Seite sind gerade unter diesen gefiederten
-Fischliebhabern einige, die zu den schönsten Mitgliedern der Vogelwelt
-gehören und unsern Teich- und Seenlandschaften zum reizvollsten Schmuck
-gereichen, so daß deren Verfolgung den Naturfreund außerordentlich
-schmerzlich berühren muß. Hier ist eine Verständigung sehr schwierig.
-Es muß der Fischer dem Vogelfreund ein wenig entgegenkommen, und dieser
-jenem. Schon wenn jeder sich bemüht, den Standpunkt des andern zu
-verstehen und zu würdigen, wird viel gewonnen sein.
-
-Ich denke, man sollte zunächst einmal unterscheiden, ob es sich um
-_einzeln_ lebende Fischräuber handelt, z. B. den Fischadler, den
-Schwarzstorch, den Eisvogel, die also mehr oder weniger als Einsiedler
-hausen und ein weites Revier für sich beanspruchen, oder um solche
-Vögel, die _in größerer Menge_ auftreten, wie Reiher, Möwen, Taucher
-u. a. Bei jenen darf man wohl erwarten, daß der einsichtsvolle Fischer,
-dem doch auch die Erhaltung der heimatlichen Natur am Herzen liegt,
-ein Auge zudrückt, falls die Verhältnisse nicht besonders ungünstig
-sind; es kann ja hier höchstens von einem örtlichen, nicht aber
-von einem allgemeinen Schaden die Rede sein. Bei den in größerer
-Anzahl auftretenden Schädlingen aber sollte man sich damit begnügen,
-sie auf ein gewisses Maß zu beschränken. Und dieses Maß, das nicht
-überschritten werden darf, scheint mir allerdings für manche Gegend
-bereits erreicht zu sein. Indessen allgemeine Regeln, die in jedem
-Einzelfall zu beachten sind, lassen sich nicht aufstellen.
-
-Wer den _Eisvogel_ aus dem Bereich der Fischzuchtanstalten vertreibt,
-dem wird man es nicht verargen können; denn wo diese gefiederten
-Fischer in größerer Anzahl regelmäßig bestimmte Setzteiche besuchen,
-da wird der Schaden nicht unerheblich sein, obgleich sie nur
-kleinfingerlange Fischchen erbeuten. Solche Fälle aber sind Ausnahmen.
-Jedes Pärchen beansprucht ein großes Gebiet und duldet kein zweites
-in unmittelbarer Nähe. Und gerade in unserer Heimat sind die Eisvögel
-bereits so selten geworden, daß ich nicht weiß, ob jeder meiner Leser
-schon einmal in freier Natur den leuchtenden Funken, rotgoldig glänzend
-und seidig blau, an sich hat vorüberschießen sehen, oder ob er ihn
-nur im ausgestopften Zustande kennt. Jedenfalls ist es selbst für
-den, der mit der gefiederten Welt der Heimat vertraut ist, immer ein
-Ereignis, wenn er dem Eisvogel an unsern Bächen, Flüssen und Teichen
-begegnet. Ihn _überall_, wo er sich zeigt, wegzuknallen oder in kleinen
-Tellereisen zu fangen, ist eine Versündigung an der Natur. An unsern
-Gebirgsbächen, an unsern Flüssen, an allen Teichen, die nicht gerade
-der Fischzucht dienen, sollte man den einsamen Fischer ruhig gewähren
-lassen. Oder ist wirklich jemand der Meinung, der Eisvogel trage die
-Schuld, daß die heimatlichen Gewässer so arm an Fischen sind?
-
-In dem überaus heißen und regenarmen Sommer des Jahres 1911, wo bei uns
-alle Quellen versiegten, jedes Bächlein, jeder Graben austrocknete, da
-sammelten sich einige Eisvögel an dem einzigen größeren Bach meiner
-Heimat, der noch etwas Wasser führte; der Hunger trieb sie hierher.
-Aber dem Tode entging vielleicht keiner; man schoß ab, so viel man
-erreichte. Wozu? Hier, wo von gewinnbringender Fischerei nicht die
-Rede sein kann, wo nur gelegentlich ein paar Forellen gefangen werden,
-hätte man doch wahrhaftig den schönen Vögeln den kleinen Tribut gönnen
-können, den sie beanspruchten; nach kurzer Zeit würden sie sich wieder
-über ein weites Gebiet, aus dem sie die Trockenheit vertrieben hatte,
-verstreut haben. Ist der Fischereiberechtigte der sogenannten wilden
-Fischereien wirklich in so bedrängten Verhältnissen, daß es ihm auf
-ein paar winzige Fischchen ankommt? so fragt man sich. Nimmt er lieber
-den Unwillen der vielen Naturfreunde, die solche Handlungsweise mit
-Recht verurteilen, auf sich, als daß er auf eine kleine Anzahl zum Teil
-fast wertloser Schuppenträger verzichtet? Man möchte solch engherzigem
-Pfennigrechner den geringen Verlust gern aus eigner Tasche ersetzen.
-
-Und nun die weitere Frage: Hat der Fischereipächter ein gesetzliches
-Recht, den Eisvogel zu töten? Nach dem deutschen Vogelschutzgesetz
-ist der Eisvogel ebenso geschützt wie jeder Singvogel. Bei uns in
-Sachsen wird er laut eines Beschlusses des Finanzministeriums vom
-3. Juni 1912 als jagdbar angesehen, »da er wirtschaftlich wesentlich
-schädlich« sei[3]; doch soll er die allgemeine Schonzeit vom 1. Februar
-bis mit 31. August genießen. Die Dienststellen der Forstverwaltung
-sind angewiesen, ihn durchaus zu schonen. In Preußen dürfen die
-Fischereiberechtigten den Eisvogel ohne Anwendung von Schußwaffen
-fangen und töten, in Sachsen nicht. In Bayern aber, in Württemberg,
-Baden, Mecklenburg und in fast allen andern deutschen Einzelländern ist
-der Eisvogel unbedingt geschützt. Man ist sich in vielen Kreisen über
-diese rechtliche Stellung unseres Vogels noch gar nicht im klaren.
-
- [3] Nach meiner persönlichen Auffassung ist dieser Beschluß
- nicht haltbar. Alle »kleinen Feld-, Wald- und Singvögel«
- sind vom Jagdrecht ausgenommen. Zugegeben auch, daß der
- Eisvogel unter diesen Begriff nicht recht zu bringen ist, ein
- »Wasservogel« -- und als solcher nur wäre er jagdbar -- ist
- er aber gleich der Bachstelze und der Wasseramsel doch nur im
- biologischen, nicht im systematischen Sinne. Und daß Nutzen
- oder Schaden bei der Beurteilung, ob jagdbar oder nicht
- jagdbar, berücksichtigt werden sollen, davon sagt das Gesetz
- nichts.
-
-Sehr bedauerlich ist es auch, daß oftmals lediglich die hervorragende
-Schönheit des Vogels den Anreiz zu seiner Verfolgung gibt, wie es auch
-von der Mandelkrähe, dem Pirol und andern auffallend gefärbten Vögeln
-gilt, die man doch gerade ihrer Schönheit wegen besonders schonen
-sollte -- »Schönheit« und »schonen« sind sprachlich verwandte Wörter!
-Jede Schule ist stolz darauf, wenn sie unter ihren Anschauungsobjekten
-auch einen Eisvogel besitzt, und als vor einigen Jahren die Mode
-aufkam, die Schüler im Zeichenunterricht ausgestopfte Vögel zeichnen
-und malen zu lassen -- wie kann ein ausgestopfter Vogelbalg das Leben
-in freier Natur ersetzen! -- da war die Nachfrage nach Eisvögeln
-besonders stark, und trotz aller Schongesetze wurde unter den
-prächtigen Vogelgestalten tüchtig aufgeräumt. Wenn der Bestand der
-gefiederten Fischer weiter in dem Maße abnimmt, wie innerhalb der
-letzten 30 bis 40 Jahre, so wird der schöne Vogel in kurzer Frist,
-bei uns wenigstens, nur noch der Sage angehören, und die Enkel, die
-vielleicht in der »guten Stube« der Großeltern den ausgestopften
-Eisvogel bewundern, wie er da zwischen den goldumrandeten Tellern
-und Tassen im Glasschrank seinen Platz gefunden hat, werden es nicht
-glauben wollen, daß solch herrliche, tropisch gefärbte Vögel einstmals
-in unsrer Heimat gelebt haben. »Warum schoß man sie ab?« so fragen die
-Enkel dann, »was taten sie den bösen Menschen zuleide?« »»So manches
-Fischlein holten sie sich aus Bächen und Flüssen; da ließ man keinen am
-Leben!««
-
-Es nützt wenig, den Fischpächter darauf hinzuweisen, wie doch auch der
-Eisvogel gerade für ihn, den Fischer, einigen Nutzen stiftet, indem
-er allerlei Kerbtiere und deren Larven wegfängt, die der Fischerei
-großen Schaden zufügen; man denkt immer nur an die Konkurrenz durch
-den gefiederten Fischer. Gewiß, seine Hauptkost bilden die kleinen
-Flossenträger, die er, von seinem Sitzplatz aus eräugt und nun, ins
-Wasser hinabstürzend, zu fassen sucht. Aber nicht immer wird ihm ein
-Fisch zur Beute; oft ist's nur ein grauer Rückenschwimmer oder die
-Larve einer Wasserjungfer, einer Köcherfliege, die er erwischt; noch
-öfter aber geht der Stoß fehl. Sehr genaue Forschungen über die Nahrung
-der Eisvögel hat _Liebe_ angestellt. Die Untersuchung des Kropfinhaltes
-ergab, daß bei 78 v. Hdt. Fischreste, bei 22 aber die Reste von
-Kerbtieren überwogen. Damit stimmen auch die Magenuntersuchungen
-_Ecksteins_ überein, der in 34 Magen Fischreste, in 12 Magen
-Insektenteile fand. Namentlich wenn der Eisvogel Junge im Nest hat,
-treibt er eifrig Kerbtierfang; denn zunächst füttert er die Kleinen mit
-Insekten und deren Brut, erst später mit Fischen aller Art. Daß er mit
-Vorliebe kleine Forellen fange, ist eine grundlose Behauptung.
-
-Wirklich nachweisbaren Schaden wird der Eisvogel nur dort
-anrichten, wo künstliche Fischzucht getrieben wird, außerdem wo er
-an reichen Fischgewässern ausnahmsweise einmal in größerer Anzahl
-auftreten sollte. Wenn ihn der Fischereiberechtigte, namentlich der
-Forellenzüchter, an solchen Stellen zu vertreiben sucht, wird kein
-verständig Urteilender etwas einzuwenden haben, und wir sollten
-meinen, wie in Weinbergen und Kirschplantagen der Gebrauch des
-Schießgewehrs zur Abwehr der Vögel gestattet werden kann, so dürfte
-es zweckmäßig sein, wenn die Polizeibehörde -- der Stadtrat bzw. die
-Amtshauptmannschaft -- ermächtigt würde, die gleiche Erlaubnis den
-Besitzern von Forellenzuchtanstalten in bezug auf den Eisvogel zu
-erteilen, natürlich nur nach gründlicher Prüfung jedes Einzelfalles und
-bloß auf eine bestimmte kurze Zeit. Ganz verwerflich aber ist es, den
-herrlichen und bei uns in Sachsen schon recht seltenen Vögeln an jedem
-Orte, wo man sie antrifft, nachzustellen.
-
-Und was vom Eisvogel gilt, das gilt in noch erhöhtem Maße von der
-_Wasseramsel_. Zwar entbehrt dieser Vogel der tropischen Farbenpracht,
-aber er ist trotzdem eine der anmutigsten, lieblichsten Erscheinungen
-an unsern Gebirgsbächen, und ein hübsches Kleid besitzt er auch. Das
-weiße Vorhemd, das sich wirkungsvoll von der rostbraunen Unterbrust
-abhebt, steht ihm ganz allerliebst. In den Bewegungen, besonders dem
-fortwährenden Zucken des kurzen Schwänzchens, hat die Wasseramsel
-etwas vom Zaunkönig, mit dem sie auch verwandt ist. Sie gehört zu den
-Singvögeln und besitzt einen zwitschernden, grasmückenartigen Gesang.
-Dem Rieseln des Wassers, das auf steinigem Grunde dahinfließt, ist das
-plaudernde Lied zu vergleichen. Und wer je das Glück gehabt hat, die
-Wasseramsel beim Schwimmen und Tauchen zu beobachten, der wird immer
-mit Vergnügen an sie denken.
-
-Mit dem feuchten Element ist die Wasseramsel von frühester Jugend
-an vertraut. Ihre Kinderwiege stand in einem Felsenloch am Ufer
-des Gebirgsbachs oder in einem ausgehöhlten Pfahl am Wehr, hinter
-dem sich das Wasser staut, vielleicht auch in dem Schaufelrad der
-alten verfallenen Mühle, die längst das Klappern verlernt hat. Hier
-verträumte das Vögelchen die ersten Tage seiner Kindheit. Es hörte das
-Rauschen des Bächleins; es sah, wie der Sonnenstrahl in dem rieselnden
-Naß unruhig glitzerte, wie die Mutter mit tropfenden Flügeln aus dem
-Wässerlein auftauchte, allerlei Leckerbissen im Schnabel, den Kindern
-zur willkommenen Speise. Und dem Bächlein bleibt der Vogel nun auch
-sein lebenlang treu. Gewissenhaft folgt er, talab oder talauf fliegend,
-all seinen Krümmungen; es ist, als müsse die Wasseramsel das rieselnde
-Wasser stets unter sich haben, auf das immer ihr schöner, großer
-Augenstern gerichtet ist. Und Furcht vor dem Wasser kennt unser
-Vögelchen nicht. Auf einem Stein sitzt es, mitten im Strudel; dann
-läuft es hinein in den schäumenden Gischt. Bis zur weißen Hemdbrust
-schon reicht ihm das Wasser, jetzt bis zu den Augen, und jetzt ist
-das ganze Persönchen in dem klaren Waldbach verschwunden. Mit Flügeln
-und Füßen arbeitet der Vogel kräftig gegen die Strömung; dann taucht
-er wieder empor und surrt, die Tropfen vom Gefieder abschüttelnd,
-nach einem Ästchen, das niedrig über dem Bächlein herabhängt. Aber
-nur kurz ist die Ruhe. Dicht über dem Wasser fliegt das Vöglein
-weiter talaufwärts, wo es von einem andern Stein aus das Spiel von
-neuem beginnt. Selbst den kleinen Wasserfall fürchtet es nicht; im
-Flug durchschneidet es ihn und sucht hinter der herabstürzenden Flut
-nach Nahrung, die ihm der Bach allezeit spendet. Auch im härtesten
-Winter bleiben einige Stellen des lustig von Stufe zu Stufe hüpfenden
-Wässerchens eisfrei, daß der niedliche Vogel auch dann keine Not
-leidet. Ja mitunter läßt er schon mitten im Winter, wenn die Bäume
-ringsum unter der Schneelast sich neigen und über vereistem Grund das
-Bächlein talab hüpft, sein kleines Lied hören, und der kleinste der
-Kleinen, Zaunkönigs Majestät, gibt ihm Antwort: »Winter, wir fürchten
-dich nicht!«
-
-Die Nahrung der Wasseramsel besteht aus allerlei Kleingetier, wie es
-jedes klare fließende Wasser am Grunde zwischen und unter den Steinen
-reichlich bietet: Larven und Puppen der Wasserkäfer, der Ufer- und
-Eintagsfliegen, Wassermotten, Wasserwanzen, Flohkrebschen, wohl auch
-eine Wasserschnecke, gelegentlich eine Elritze oder ein Stichling.
-An Forellenteichen wird es natürlich auch vorkommen, daß sich die
-Wasseramsel an Forellenbrut vergreift. Aber der Schaden, den der
-hauptsächlich auf Insektenkost angewiesene Vogel der Fischerei zufügt,
-ist so geringfügig, daß wirklich kein Grund vorliegt, ihn zu verfolgen,
-wie es noch manchmal geschieht, obgleich das Gesetz ihn unter seinen
-Schutz nimmt.
-
-Die Talgründe unserer Heimat, z. B. die anmutigen Seitentäler der Elbe,
-namentlich aber auch droben im Gebirge, wo nur immer ein klarer Bach
-zu Tal rinnt, beherbergen noch immer den reizvollen Vogel. Möge er uns
-erhalten bleiben, damit wir uns auch in Zukunft an dem anmutigen Leben
-und Treiben des Vögleins erfreuen können! Gleich dem Eisvogel gereicht
-es jedem Gebirgsbach zum lieblichsten Schmuck.
-
- * * * * *
-
-Einer der seltensten Brutvögel im Deutschen Reiche ist der
-_Schwarzstorch_. Bis auf einige Paare ist er aus unserm Vaterlande
-verschwunden. Unsre engere Heimat kennt ihn überhaupt nicht, höchstens
-daß er ausnahmsweise einmal an einem unsrer Gewässer auf seiner Herbst-
-oder Frühjahrsreise Rast macht. Ich habe den schönen Vogel wiederholt
-in Bosnien und in der Herzegowina angetroffen, während ich in
-Deutschland seinen Horst nur im Hannöverschen und am Darß (i. J. 1913)
-gesehen habe. In Ostpreußen soll es noch mehrere besetzte Horste geben,
-auch im Kreise Neu-Ruppin zählte man vor einigen Jahren noch drei Stück.
-
-Wenn wir wünschen, daß dieses Naturdenkmal uns wenigstens in seinen
-spärlichen Resten erhalten bleibe, so werden uns sicher alle
-Verständigen zustimmen, obwohl der Schwarzstorch ein großer Liebhaber
-von Fischen ist.
-
-Unser gemütlicher Hausfreund, der _weiße Storch_ treibt gelegentlich
-auch Fischfang. Sollen wir ihm deshalb böse sein? In Sachsen brütet
-der Storch fast nur noch in der Lausitz, wo sich aber heute nicht
-einmal ein Dutzend besetzter Horste befinden. Die Gemeinde, die ein
-Storchenpaar besitzt, ist stolz auf den gefiederten Kinderfreund,
-und mit Teilnahme beobachtet groß und klein alle Vorgänge, die sich
-am Horst abspielen. Wer den Vögeln ein Leid antut, setzt sich dem
-allgemeinen Unwillen der Bevölkerung aus. Trotzdem kommt es bisweilen
-noch immer vor, daß ein Storch abgeschossen wird; man findet einen
-solchen mitunter verendet im Teichgebiet. Wer ihn auf dem Gewissen
-hat, weiß man nicht. Man sollte aufhören, die wenigen Störche, die
-unser Sachsen noch beherbergt, mit Pulver und Schrot zu verfolgen. Sind
-wir wirklich so arm geworden, daß unsre sächsischen Gewässer nicht
-einmal mehr ein paar Dutzend Störchen eine kleine Zubuße zu ihrer
-täglichen Nahrung spenden können? Aber auch in noch storchreichen
-Gegenden Mecklenburgs, Pommerns usw. hat die Anzahl der Störche in
-erschreckender Weise abgenommen. Es ist höchste Zeit, daß wir alle
-unsre schützende Hand über diesen Vogel halten, der, wie die Schwalben,
-zu den volkstümlichsten Erscheinungen der gefiederten Welt gehört, lieb
-und wert schon unsern Voreltern in längst vergangenen Tagen.
-
-Auch für den _Fischadler_, der besonders das norddeutsche Seengebiet
-bewohnt, habe ich schon manches gute Wort eingelegt und freundliches
-Gehör gefunden. Für unser Sachsen ist der stolze Fischer als Brutvogel
-schon längst verschwunden; aber auf dem Zuge weilt er gern ein paar
-Tage an unsern stehenden Gewässern. Hoch über dem See zieht er dann
-seine Kreise; in Spiralen schraubt er sich tiefer. Plötzlich steht
-er, wie ein Falke rüttelnd, im Luftraum. Da stürzt er mit angezogenen
-Schwingen hinab. Das Wasser schlägt über ihm zusammen; aber im Nu
-taucht er wieder empor, einen Fisch in den Fängen. Ist es wirklich
-nötig, daß man diesen herrlichen Vogel sofort, wenn er sich zeigt,
-mit Pulver und Schrot empfängt? Ein paar Fische mag sein Besuch
-dem Teichpächter kosten; aber wie bald ist der edle Vogel wieder
-verschwunden!
-
- * * * * *
-
-Neben den bisher angeführten nur _einzeln_ auftretenden Fischräubern
-gibt es aber auch Fischerei-Schädlinge, die _kolonienweise_ brüten.
-Ihre Anzahl auf ein gewisses Maß zu beschränken, sie »kurz zu halten«,
-wie der Jäger sagt, das ist das unveräußerliche Recht aller, die ein
-unmittelbares Interesse an dem Blühen und Gedeihen der Fischerei haben.
-Freilich sind dabei große Unterschiede zu machen, und _ein Kampf bis
-zur Vernichtung ist unter allen Umständen verwerflich_.
-
-Die _Möwen_, die nur ganz geringen Schaden anrichten, da sie zu wenig
-Taucher sind, um sich im tiefen Wasser der schnellen Flossenträger
-bemächtigen zu können und nur an ganz seichten Stellen oder dort, wo
-kleine Fische in Pfützen geraten sind, dem Fischfang obliegen, sollte
-man als herrliche Zierde unsrer Gewässer ruhig gewähren lassen. Bei
-uns im Binnenland handelt es sich lediglich um die _Lachmöwe_, an der
-schokoladebraunen Gesichtsmaske kenntlich, die sie im Sommer trägt.
-Manche Kolonie an unsern Teichen ist eingegangen, fast alle sind
-schwächer geworden; der Rückgang seit zehn oder zwanzig Jahren ist
-ganz auffallend. Er hängt wohl weniger damit zusammen, daß übereifrige
-Fischer die Vögel beim Brutgeschäft stören, um sie zu vertreiben, als
-mit dem Eierraub, der oft in rücksichtslosester Weise Jahr für Jahr
-ausgeübt wird, bis die Vögel den unwirtlichen Ort verlassen und der
-Besitzer der Kolonie das Nachsehen hat.
-
-Der Nutzen, den die Möwen für den Landwirt haben, ist unbestreitbar.
-Hinter dem pflügenden Landmann flattern und schreiten sie einher, die
-Insekten auflesend, die die Pflugschar freigelegt hat; ja, man kann
-beobachten, wie sie selbst der Mäusejagd auf den Feldern obliegen.
-Ihre Jungen füttern sie ausschließlich mit Kerbtieren, unter denen
-sich viele Fischereischädlinge befinden; ich habe niemals Fischreste
-an ihren Brutplätzen entdeckt. Auch an der Wasserkante macht sich der
-Rückgang aller Möwenarten von Jahr zu Jahr immer mehr bemerkbar. Früher
-sah man besonders bei stürmischer Witterung in den deutschen Seestädten
-viele Tausende von Möwen an und über den Hafengewässern, heute nur
-eine geringe Zahl. Jedenfalls hat der Fischer keinen stichhaltigen
-Grund, die Möwen zu verfolgen, und wenn Badegäste am Strand und
-vom Boot aus die anmutigen Segler der Lüfte, lediglich aus Übermut
-und um der Schießlust zu frönen, wegknallen, so sollte die dortige
-Bevölkerung den Frevlern solch verächtliches Handwerk gründlich legen.
-Den Schießern als Ziel zu dienen, dazu sind die Möwen, die so recht
-ein Gottesgeschenk für unsre Küstengewässer wie Binnenseen bedeuten,
-wahrhaftig nicht da.
-
-Auf und an fast allen größeren Teichen brüten, meist in mehreren
-Paaren, unsre vier _Taucher_, von denen der stattliche schöne
-_Haubentaucher_ der seltenste ist. Er beansprucht eine größere
-Wasserfläche als die andern und kommt deshalb, namentlich auf den
-kleineren Gewässern unsrer Heimat, gewöhnlich nur vereinzelt oder in
-wenigen Paaren vor. Der Fischer ist sehr schlecht auf ihn zu sprechen;
-er betrachtet ihn als einen argen Räuber. Leider kann man diese Anklage
-nicht widerlegen. Selbst der Hinweis darauf, daß der Vogel doch auch
-viele Insekten vertilge, wird den Fischereiberechtigten kaum milder
-stimmen. »Insekten?« so entgegnet er uns, »die hätten ja auch den
-Fischen zur Nahrung dienen können; die Taucher verkürzen also auch noch
-jenen das tägliche Brot und schädigen mich so auf doppelte Weise.« Es
-ist schwer, dagegen etwas zu sagen, wenn man nicht immer wieder an
-die vielen räuberischen Insektenlarven erinnern will. Das Eine aber
-steht fest: bei solch einseitiger Betonung ganz bestimmter Interessen
-dürfte es bald aus sein mit dem Reichtum und der Mannigfaltigkeit der
-Natur. Mit demselben Recht würde der Brieftaubenzüchter fordern, daß
-er alle Raubvögel, der Imker, daß er Meisen und Fliegenschnäpper, der
-Obstzüchter, daß er Stare und Pirole abschießen dürfe. Wohin sollte
-das führen? Die kleineren Taucher, die _Rot-_ und die _Schwarzhälse_,
-namentlich aber der winzige _Zwergtaucher_, tun der Fischerei wenig
-Abbruch; man sollte sie ruhig gewähren lassen. Den großen Haubentaucher
-aber sollte man gleichfalls schonen, weil er selten ist, nur vereinzelt
-vorkommt und dem Gewässer zur schönsten Zierde gereicht. Freilich von
-Brut- und Streckteichen muß er ferngehalten werden.
-
-Viel schlimmere Fischräuber sind die _Kormorane_. Aber für die
-deutsche Fischerei kommen diese Vögel nicht mehr in Betracht, da sie
-auf deutschem Gebiet sehr stark gezehntet worden sind. Sie waren bis
-zu Anfang des vorigen Jahrhunderts für ganz Norddeutschland ziemlich
-selten. Um 1810 legten sie aber auf Fünen eine große Kolonie an; hier
-wurden sie von den Fischern vertrieben. Ein Teil ließ sich auf Rügen
-nieder, wo die Vögel das gleiche Schicksal ereilte. Dann wanderten
-sie südwärts nach der Odermündung, und da man ihnen auch hier keine
-Ruhe gönnte, zogen sie weiter die Oder hinan bis in die Spreegegend.
-Pulver und Blei haben ihnen hier ein Ende bereitet. Es gab noch vor
-50 Jahren an den verschiedensten Örtlichkeiten Deutschlands kleinere
-Kolonien dieser gefräßigen Fischer, z. B. an der Müritz, am Pinnower
-See bei Schwerin, am Mecklenburger Strand, an der Ostseeküste
-Schleswig-Holsteins, im Oderbruch oberhalb Stettins, auf der Danziger
-Nehrung, am Frischen und am Kurischen Haff, am Mauersee in Masuren
-u. a. O. Heute ist das alles vorbei, und wenn wir von ein paar
-vereinzelten und unsicheren Brutstätten dieser Ruderfüßler absehen,
-so ist die Kormorankolonie im Kreise Schlochau in Westpreußen die
-letzte des Landes. Obgleich die Kormorane großen Schaden anrichten, so
-werden sie hier doch nicht vertilgt, »weil der Besitzer an den schönen
-interessanten Vögeln seine Freude hat«. (Vgl. Naumann, »Die Vögel
-Mitteleuropas«.)
-
- * * * * *
-
-Viel allgemeiner und auch viel gerechtfertigter sind die Klagen der
-Fischer über die Schädigungen durch den _Fischreiher_, gehört doch
-dieser stattliche Vogel auch heute noch vielen deutschen Ländern als
-Brutvogel an. Freilich auch seine Zahl ist, wie die aller größeren
-Vögel, außerordentlich zurückgegangen, und die wirklich reichbesetzten
-Reiherkolonien oder Reiherstände, welche Hunderte von Horsten
-vereinigen, gehören bereits zu den Seltenheiten. Viele Reiherstände
-sind völlig verschwunden. Nichts erinnert mehr daran, daß einst in
-den hohen Buchen und Eichen zahlreiche Horste standen; andere wieder,
-erst vor kurzem erloschen, zeigen noch in den Wipfeln der Bäume die
-verlassenen Brutstätten, bis schließlich ein Wintersturm die ineinander
-geflochtenen Reiser zerstreut. Jedenfalls sind die Zeiten vorbei, wo
-man sicher sein konnte, im Frühling und Sommer an jedem Fluß, an jedem
-See wenigstens einige dieser schönen Vögel anzutreffen.
-
-Im Mittelalter und auch später noch, bis ins 17. Jahrhundert, erfreuten
-sich edle Herren und Damen an der Reiherbeize. In frohem Zuge ritt
-man von der Burg herab, gefolgt von Jagdgästen, Falkonieren und der
-bellenden Meute. Zeigte sich ein Reiher, so ließ der Jagdherr und
-gleich darauf eine der Damen die schnell entkappten Falken steigen,
-die nun versuchten, das immer höher gehende Beutetier gemeinsam unter
-sich zu bringen. »Wie auf der Fuchshatz sausen Reiter und Reiterinnen
-durch dick und dünn, den sich in der Ferne fast verlierenden Kämpfern
-nach. Endlich hat ein Falk die Fänge in die dicken Schwingen des
-Reihers gehakt, und beide Partner wirbeln zur Erde. Der erste Reiter
-packt sie, bekappt den Falken und stellt den Reiher der Dame vor.« Die
-unbeschädigten Reiher, denen man nur ein paar Schmuckfedern nahm, ließ
-man dann oft wieder fliegen; doch tötete man sie auch bisweilen, weil
-ihr Wildbret auf vornehmen Tafeln sehr geschätzt war.
-
-Der Reiher gehörte damals zur »hohen Jagd«, deren Ausübung das Vorrecht
-hochstehender Personen, geistlicher und weltlicher Würdenträger, war.
-Die Strafen, mit denen die unbefugte Tötung eines Reihers bedroht
-ward, waren äußerst hart. Kein Reiherhorst durfte zerstört, kein Ei
-genommen werden, und nur dem Fischereiberechtigten war es allergnädigst
-gestattet -- Scheuchen aufzustellen. In Sachsen erreichte die Falknerei
-unter August dem Starken ihren Höhepunkt; es wurden stattliche Summen
-für diesen Jagdsport ausgegeben, und wenn die Falken auch auf das
-verschiedenste Federwild, z. B. Trappen, Gänse, Schwäne, Rebhühner,
-Wachteln, losgelassen wurden, die Beizjagd des Reihers blieb doch immer
-die Hauptsache.
-
-Wie haben sich die Zeiten gewandelt! Das deutsche Vogelschutzgesetz
-hat die Reiher, sowohl den grauen Fischreiher, wie den Nachtreiher und
-die Rohrdommel, auf die Liste der Geächteten gesetzt; es gewährt ihnen
-in keiner Weise irgendwelchen Schutz, und die preußische Jagdordnung
-vom 15. Juli 1907, die doch alle Sumpf- und Wasservögel als jagdbare
-Tiere bezeichnet, schließt die grauen Reiher -- ebenso die Taucher,
-Säger, Kormorane und Bläßhühner -- von diesem Vorrecht aus. In
-Preußen entbehren also die Fischreiher des Jagdschutzes, während die
-andern Reiherarten, eingeschlossen die Rohrdommeln, jagdbar sind. Der
-Fischreiher unterliegt somit in Preußen dem freien Tierfang, d. h. er
-darf auch vom Nichtjagdberechtigten allezeit gefangen, getötet und
-seiner Brut beraubt werden; er ist völlig schutzlos, der Willkür eines
-jeden preisgegeben.
-
-Bei uns in Sachsen liegen die Verhältnisse insofern etwas anders,
-als die Reiher jagdbar sind. Es hat also nur der Jagdberechtigte ein
-Anrecht auf sie. Irgendwelche Schon- und Hegezeit ist den Reihern
-freilich versagt. Das Gesetz über die Ausübung der Fischerei vom
-15. Oktober 1868 gestattet aber auch den Fischereiberechtigten, den
-Fischreiher -- ebenso den Fischotter -- zu fangen und ohne Benutzung
-des Schießgewehrs zu töten. Innerhalb 24 Stunden sind die auf diese
-Weise erbeuteten Vögel an den Jagdberechtigten auszuliefern. Auf die
-andern Reiherarten steht dem Fischer kein Anrecht zu. Ähnlich lauten
-die Bestimmungen in den meisten deutschen Einzelländern. In Bayern,
-Sachsen-Weimar, Hessen ist der Fischreiher wie bei uns jagdbar, in
-Württemberg, Baden, Mecklenburg, Oldenburg vogelfrei wie in Preußen.
-
-Ich wüßte keinen einheimischen Vogel zu nennen, dessen Geschlecht in
-den letzten 150 bis 200 Jahren so blutigen Verfolgungen ausgesetzt
-gewesen wäre, wie der Fischreiher, und wenn diese Verfolgungen heute
-auf ein geringeres Maß zurückgegangen sind, so liegt der Grund hierfür
-nur in der Tatsache, daß die Reiher an Zahl außerordentlich stark
-abgenommen haben. Der Haß, mit dem man dem Fischräuber begegnet, ist
-der gleiche geblieben. Wo sich der schöne, schon durch seine Größe
-auffallende Vogel zeigt, und sei es auch nur auf der Wanderung,
-wenn er ein wenig rastet, da sucht man seiner habhaft zu werden; an
-den Horstplätzen aber wird zur Brutzeit unter den Alten sowohl, wie
-namentlich unter den bald flugbaren Jungen, die auf dem Horstrand
-hocken, oftmals das furchtbarste Blutbad angerichtet. Am Wasser stellt
-der Fischer versteckte Fangeisen auf; tollkühne Burschen klettern an
-den hohen Horstbäumen empor und wagen sich bis zu den Nestern, die
-häufig auf den schwankenden Enden der Äste ihren Platz haben; sie
-rauben die licht-grünlichblauen Eier, deren das volle Gelege meist 4
-bis 5 Stück zählt. Prämien, von Fischereivereinen gewährt, locken immer
-mehr zu rücksichtsloser Vertilgung. In der Tat, man muß sich wundern,
-daß es auch heute noch im Deutschen Reiche eine Anzahl von Reiherhalden
-gibt -- gegen früher allerdings nur spärliche Reste. Ich fürchte sehr,
-daß auch diese in einem halben Jahrhundert fast völlig verschwunden
-sein werden, und daß dann der Reiher für Deutschland als Brutvogel
-ebenso selten sein wird, wie heute schwarzer Storch, Kolkrabe, Uhu oder
-Wanderfalk.
-
-In Süddeutschland, d. h. südlich des Mains, gibt es schon jetzt kaum
-noch ein paar kleinere Kolonien; sie sind fast alle in den letzten 30
-oder 50 Jahren vernichtet oder versprengt worden, so daß sich nur noch
-hie und da einzelne Reiherhorste finden. Als fast einzige Ausnahme
-ist die Kolonie bei Schloß Morstein an der Jagst, auf der Besitzung
-des Freiherrn von Crailsheim, hervorzuheben; aber auch sie ist stark
-zurückgegangen, und von den 200 Horsten, die sie vor einigen Jahren
-zählte, wird wohl kaum noch die Hälfte besetzt sein, obgleich die
-Besitzer von jeher den schönen Tieren Schutz gewährten und auf manche
-Vorteile verzichteten. Es ist leicht möglich, daß diese Kolonie das
-ehrwürdige Alter von mehr als einem halben Jahrtausend erreicht hat;
-denn eine Nachricht aus dem Jahre 1586 besagt, daß die Reiher hier
-schon »seit vielen hundert Jahren« horsten. Die Maingegend zählt noch
-einige Reiherstände; in Mittelfranken beherbergte z. B. der Windheimer
-Stadtwald Schoßbach im Forstamte Ipsheim noch vor einiger Zeit eine
-Kolonie von 20 bis 25 Horsten; wie es heute um sie steht, weiß ich
-nicht. Auch im Hessischen gibt es noch einige kleine Reiherhalden,
-während die Kolonien bei Nürnberg, Neuhaus in der Fränkischen Schweiz
-u. v. a. der Vergangenheit angehören. In ganz Elsaß-Lothringen scheint
-der Fischreiher nur als Strichvogel und auch nur ausnahmsweise
-vorzukommen, und in der Rheinprovinz ist sein Brutgebiet ganz
-beschränkt.
-
-In den übrigen Ländern Mittel- und namentlich Norddeutschlands ist der
-Reiher noch häufiger; er fehlt als Brutvogel wohl keiner preußischen
-Provinz völlig und tritt ebenso in Oldenburg und in Mecklenburg in
-mehreren Kolonien auf. Aber es gibt doch auch weite Gebiete, wo man
-heute vergeblich selbst nach nur einzelnen Reiherhorsten suchen würde.
-Unserm Sachsen fehlt der Reiher als Brutvogel völlig, nachdem die
-letzte Kolonie auf den alten Eichen einer Insel im »Horstsee« bei
-Schloß Hubertusburg durch Fällen der Bäume i. J. 1888 vernichtet worden
-ist. Einige Reiher zogen sich wohl nach dem Wermsdorfer Wald zurück,
-sind aber auch dort schon längst völlig verschwunden.
-
-Die letzte Kolonie ganz in der Nähe der sächsischen Grenze, nur 10 oder
-11 ~km~ von ihr entfernt, nördlich von Königswartha, die ich i. J.
-1912 besuchte, stand in einem öden Kiefernwald bei Weißkollm. Ich
-konnte im ganzen 16 Horste zählen, die bis auf einen sämtlich besetzt
-waren: mächtige Bauwerke aus starken Reisern, 1½ bis gegen 2 ~m~ im
-Durchmesser, mit weißem Kot übertüncht. Generationen haben an diesen
-Horsten gebaut, die seit Menschengedenken von den schönen Vögeln
-bewohnt wurden. In jedem Jahr die gleiche Anzahl von Reiherfamilien,
-nicht mehr und nicht weniger. Ein herrlicher Anblick, wenn die stolzen
-Segler der Lüfte ruhigen Flugs über den uralten Föhren, die ihre Nester
-tragen, in schwindelnder Höhe kreisen! Kopf und Hals sind auf den
-Rücken gelegt, daß nur der lange Schnabel hervorschaut; die Ständer
-werden weit nach hinten gestreckt, und in dem schönen Federbusch am
-Kropf spielt lustig der Wind. Dann läßt sich ein oder der andere Reiher
-auf dem Horstrand nieder und füttert die Jungen mit Fischen, die er
-ihnen aus weiter Ferne im Kehlsack bringt; denn ein Gewässer findet
-sich nicht in der Nähe. Wie ich mit großem Bedauern höre, ist in den
-letzten Jahren die Kolonie stark zurückgegangen, vielleicht ganz
-verschwunden.
-
-Hannover, Schleswig-Holstein, Pommern, West- und Ostpreußen beherbergen
-noch immer eine stattliche Anzahl von Reiherhorsten; Posen, Schlesien,
-Brandenburg, die Provinz Sachsen sind schon ärmer daran. Man sieht,
-der Reiher bevorzugt im allgemeinen die Niederungen mit ihren ruhig
-fließenden oder stehenden Gewässern, dazu die Meeresküste. Ob das
-Jagdgebiet mehr oder weniger im freien Gelände liegt, ob dichtes
-Gebüsch die Ufer besetzt oder ob finsterer Wald den See von allen
-Seiten umgibt, das ist den Reihern gleich, sobald sich nur seichte
-Uferstellen finden, wo sie, im flachen Wasser stehend, dem Fischfang
-ungestört obliegen können.
-
-Die größte Reiherkolonie habe ich vor ein paar Jahren -- es war in der
-zweiten Hälfte des Mai -- an der deutschen Ostseeküste besucht. Den
-Ort verschweige ich; ebenso verrate ich nicht, wieviel besetzte Horste
-hier auf den hohen Eichen stehen mögen. Sonst fangen die pommerschen
-Boddenfischer, wenn sie's hören, sofort an zu multiplizieren, erst
-die Anzahl der Reiherpaare mal zwei bis drei Dutzend spannenlanger
-Fische, das Produkt mal 180 -- so viele Tage ungefähr weilt der Reiher
-an seinem Brutplatz -- dann wird dividiert, nun weiß man die Kilo, und
-wieder multipliziert -- man hört ganz deutlich die Goldstücke klimpern,
-die man ohne die Reiher einheimsen könnte. Aber von dem Schaden, den
-die Fischer sich selbst dadurch zufügen, daß auch sie so oft alles
-kleine Fischgewürm, das sich in den Netzen gefangen hat, mit zu Gelde
-machen, davon wollen die Leute nichts hören.
-
-Wenigstens 20 bis 25 ~m~ schätzte ich die Höhe der Horste. Manche
-Eiche trug deren fünf oder sechs. Die Alten fütterten eifrigst, viele
-brüteten aber auch noch. Die großen Vögel kreisten schreiend über den
-Horstbäumen. Ihre riesigen Schatten huschten ganz eigentümlich zwischen
-den Eichen, deren Kronen noch ziemlich unbelaubt waren, dahin. Es sah
-noch leidlich reinlich im Nistrevier aus: ein paar Eierschalen, etwas
-weißer Kot und nur ausnahmsweise ein verwesender Fisch. Wie anders,
-wenn man später kommt! Da muß man in solchem Unrat förmlich waten, wie
-es mir erging, als ich vor vielen Jahren einmal im Sommer eine große
-Reiherkolonie an der Elbe, unterhalb Wittenberg, besuchte.
-
-An einem der folgenden Tage sollten einige Reiher abgeschossen werden.
-Auf höheren Befehl mußte sich der Oberforstmeister dazu bequemen; denn
-die Fischer hatten sich schon ein paarmal bei der Regierung beklagt,
-daß man hier die Reiher, die doch so grenzenlosen Schaden anrichten,
-ruhig gewähren lasse, ja sie geradezu hege und züchte. »Zwölf Stück,
-nicht mehr!« so lautete die strenge Weisung, die der Oberforstmeister
-uns gab, »und nicht zwei von demselben Horstbaum abschießen, damit der
-Überlebende des Paares die Brut weiter aufzieht, auch peinlich darauf
-achten, daß kein Reiher dabei in den Horst fällt, wodurch die Jungen
-elend umkommen müssen, also nicht schießen, wenn der Reiher gerade über
-seinem Nest schwebt!« Wir hatten das Dutzend schnell zusammen; denn
-wenn auch nach jedem Schuß die Vögel abstreichen, sie kommen doch recht
-bald wieder, falls man sich nur ein wenig hinter den Stämmen versteckt.
-Die Mutterliebe läßt sie die Gefahr nicht achten.
-
-Die armen zwölf Stück! Für die andern hatten sie das Leben gelassen
--- Opfer des Vogelschutzes, so seltsam es klingt. Ein mäßiger Abschuß
-war eben unbedingt nötig, um den Klagen der Fischer etwas gerecht zu
-werden. Nur auf diese Weise läßt sich die Brutkolonie dauernd erhalten.
-Wir banden die prächtigen Tiere, damit sie von allen Dorfbewohnern
-gesehen würden, an den Jagdwagen und fuhren durch ein paar Dörfer mehr,
-als nötig gewesen wäre, wieder heimwärts. Schaut, ihr Fischer, wie man
-sorgt, daß ihr die Fischräuber los werdet, und haltet den Mund nun!
-
-An unsern sächsischen Teichen, ja sogar an Gebirgsbächen halten sich
-die Reiher, namentlich auf ihrer Wanderung, gern auf; es findet sich
-überall ein Plätzchen, wo selbst das schnellfließende Wasser seinen
-eiligen Lauf unterbricht. Den Hals niedergebogen, den Schnabel gesenkt,
-den spähenden Blick auf den Wasserspiegel gerichtet, so schleichen
-die schlanken Gestalten mit behutsamem Tritt am Ufer entlang; sie
-gehen nur so weit ins Wasser, daß es ihnen höchstens an die Fersen
-reicht. Bisweilen verharren sie auch stundenlang unbeweglich fast auf
-demselben Fleck. Nur von Zeit zu Zeit schnellt blitzartig der Hals vor,
-so daß der Schnabel, oft auch zugleich der Kopf unter der Wasserfläche
-verschwindet. Selten nur geht der Stoß fehl; das Bajonett trifft sein
-Ziel mit großer Sicherheit. Der zappelnde Fisch wandert sofort in den
-unersättlichen Schlund.
-
-Außer Fischen fängt der Reiher auch Frösche, Kaulquappen, größere
-Wasserkäfer, Libellen und ihre Larven, Regenwürmer; selbst den Mäusen
-stellt er nach, ebenso jungen Sumpf- und Wasservögeln, und manchmal muß
-er seinen Hunger mit dünnschaligen Teichmuscheln stillen. Aber Fische,
-von den kleinsten angefangen bis zur Größe von etwa 20 ~cm~, daß er sie
-gerade noch hinabzuwürgen vermag, sind ihm doch die liebste Kost. Nach
-der Art der Flossenträger fragt der Reiher dabei nicht im geringsten.
-Kleine Karpfen, Hechte, Forellen, Karauschen, die verschiedenen
-Weißfischarten, Aale, Schleien, selbst Barsche und Stichlinge -- es ist
-ihm alles willkommen, mehr auf die Menge sieht er als auf die Güte.
-
-Unter solchen Umständen kann man es dem Fischereiberechtigten nicht
-verdenken, wenn er auf den hochbeinigen Mitbewerber sehr schlecht zu
-sprechen ist, und es wäre jeder Versuch, diesen weißwaschen und seine
-Diebereien beschönigen oder gar leugnen zu wollen, von vornherein
-lächerlich. An ganz fischarmen Gewässern richtet der Räuber natürlich
-keinen Schaden an, schon aus dem Grunde nicht, weil er sich dort nie
-lange aufhalten wird; ebenso meidet er alle Gewässer, die sofort am
-Ufer so tief einsetzen, daß er darin nicht waten kann. Auch wo regerer
-Menschenverkehr Unruhe bringt, zeigen sich nur ausnahmsweise einmal
-ein paar Reiher. Der Vogel findet es sehr schnell heraus, wo eine
-reiche Beute seiner wartet, und sein regelmäßiges Vorkommen in einer
-bestimmten Gegend ist -- ich möchte sagen, der erfreuliche Beweis
-dafür, daß die Gewässer der Umgebung sehr fischreich sind.
-
-Naturfreunde haben zur Ehrenrettung des Reihers darauf hingewiesen,
-daß dort, wo »wilde Fischerei« betrieben wird, wie vielfach in
-den Gräben der Elb- und Wesermarsch, der Fischer dem Vogel nichts
-vorzuwerfen habe: Raubfischerei üben sie beide, indem sie ernten, wo
-sie nicht säten. Ist aber die Konkurrenz deswegen weniger ärgerlich?
-Zur Brutzeit, so hat man weiter gesagt, fange der Reiher nur kleine
-Fische, »Seitenschwimmer«, wie sie sich massenhaft in der Nähe der
-Ufer herumtummeln. Indessen, die Horstjungen entwickeln sich schnell
-und bedürfen sehr bald größerer Bissen, und außerdem aus der Unmenge
-kleiner Fischlein würden doch im Laufe der Zeit wenigstens einige
-große wertvolle Fische heranwachsen. Viele Flüsse und namentlich die
-Boddengewässer am Meer, hat man gemeint, seien so reich an Fischen,
-daß der Abbruch, den die Reiher zufügen, nicht der Rede wert wäre. Wer
-so urteilt, der hat sich's sicher noch nicht klar gemacht, daß eine
-größere Reiherkolonie von hundert Horsten und mehr gewiß auch gegen
-hundert Zentner alljährlich an Nahrung bedarf. Freilich gefangen werden
-müßte diese Menge auch erst von den Fischern, eine Arbeit, die ihnen
-die Reiher abnehmen.
-
-Nur das eine wird man bis zu gewissem Grade gelten lassen: es fallen
-mehr die Raubfische im weitesten Sinne, wie Aale, die dem Fischlaich
-nachstellen, Hechte und Barsche, die den Jungfischen verderblich
-werden, und minderwertige Weißfische den Reihern zur Beute, weil sich
-die genannten mehr an jenen Örtlichkeiten aufhalten, wo die Vögel mit
-Erfolg zu fischen vermögen, während andere, z. B. Karpfen und Schleien,
-die Tiefen vorziehen und die Nähe der Ufer gewöhnlich meiden. Auch
-die Forelle, die sich mit Vorliebe an steilen Ufern aufhält und unter
-Steinen und Wurzeln gern Deckung sucht oder in starker Strömung auf dem
-Anstand steht, ist dadurch vor den Reihern einigermaßen gesichert. Wo
-aber künstliche Fischzucht getrieben wird, wo ein nach vielen Tausenden
-zählendes Kapital sich verzinsen muß, da kann man den regelmäßigen
-Besuch der Reiher unter keinen Umständen dulden.
-
-Wie bei so vielen Fragen, muß auch hier immer von Fall zu Fall
-entschieden werden. Es gibt sicher unzählige Gewässer im Deutschen
-Reich, wo man nicht sofort jeden Fischreiher zu fangen oder
-niederzuknallen braucht, wenn sich mal einer zeigt, und ich kenne
-manchen Fischereiberechtigten, der gern eine kleine Einbuße erleidet,
-weil auch er an dem herrlichen Vogel, der die Landschaft belebt, seine
-Freude hat. Es gibt aber auch genug Besitzer oder Pächter, die selbst
-mit geringen Summen rechnen müssen. Könnte hier nicht -- natürlich
-nur von Fall zu Fall -- der Staat eintreten und den Schaden ersetzen,
-oder sollten sich bei der großen Naturschutzbewegung unsrer Tage
-nicht einige begeisterte Vogelfreunde finden, die bereit wären, ein
-Scherflein zu opfern, um ein paar Reiher, vielleicht die einzigen in
-einer weiten Landschaft, zu retten? Unwirtschaftlich, so wird man
-diesen Vorschlag nennen. Mag sein -- aber ich frage: Läßt sich der
-Nutzen und Schaden eines Tieres immer nur berechnen nach Geld und
-Geldeswert?
-
-Soviel steht fest: durch die maßlose Verfolgung ist der schöne Vogel
-für viele Gegenden unseres Vaterlandes dem Aussterben nahegebracht. Mag
-man ihn dort, wo er noch in größerer Zahl auftritt und empfindlichen
-Schaden anrichtet, auch weiter kurz halten, _ein paar Reiherhorste
-sollte man doch zu erhalten suchen, auch ein paar größere Kolonien
-unter staatlichen Schutz stellen_.
-
- * * * * *
-
-Zu der Familie der Reiher gehört auch die _große Rohrdommel_. Sie
-ist selbst in unserer sächsischen Lausitz, wo ich ihrem unheimlichen
-nächtlichen Liebeslied oft und oft gelauscht habe, recht selten
-geworden. Zum Glück führt sie ein verstecktes Leben, sonst wäre wohl
-auch der letzte dieser interessanten Vögel schon längst verschwunden;
-denn der Fischer ist auch auf die große Rohrdommel schlecht zu
-sprechen. Gewiß, ihre Hauptnahrung mag in Fischen und Fischbrut
-bestehen, wenn sie daneben auch viele schädliche Insekten frißt; aber
-sie ist im Gegensatz zum Fischreiher ein ungesellig lebender Vogel,
-der schon aus diesem Grunde nicht allzuviel Schaden anrichten wird.
-Dazu kommt, daß die eigentlichen Brutteiche von der Rohrdommel gemieden
-werden, weil dort gewöhnlich nicht so viel Rohr und Schilf wächst, daß
-sich der scheue Vogel gut verstecken kann. Wo die große Rohrdommel
-so selten ist, wie in unserer Lausitz, da sollte man sie schonen und
-ihr den kleinen Tribut an Fischen gönnen. Namentlich möchte ich alle
-Jäger bitten, den seltenen Vogel, wenn er gelegentlich der Entenjagd
-sein Versteck verläßt, nicht abzuschießen. Es wäre doch schön, wenn er
-unsrer Heimat erhalten werden könnte! Die seltene _kleine Rohrdommel_,
-ein allerliebstes Zwergreiherchen, das behend im Rohrwald auf- und
-abklettert, wird noch viel weniger schädlich sein; solch kleiner Magen
-bedarf nicht viel. Die andern Reiher aber, _Nacht-_ und _Purpurreiher_,
-sind so seltene Gäste unsrer Gewässer, daß es die Pflicht jedes
-Jagdberechtigten sein muß, das Gastrecht diesen Fremdlingen gegenüber
-zu wahren.
-
-Außer den genannten mögen auch wilde _Enten_, _Gänse_ und _Schwäne_,
-dazu an der Meeresküste der mächtige _Seeadler_ manchen Schaden
-anrichten, besonders wenn man bedenkt, daß doch neben den Fischen
-selbst auch deren Laich für viele an und auf den Gewässern lebende
-Vögel einen Leckerbissen bildet. Schließlich ist vielleicht kein
-einziger Sumpf- und Wasservogel ganz freizusprechen. Wollte man sie
-alle ihre gelegentlichen Übergriffe büßen lassen, so wäre es bald
-vorbei mit dem reichen Leben, das die meisten Teiche und Seen noch
-immer beherbergen.
-
-Nur einen Fischereischädling aus der Klasse der Kriechtiere wollen wir
-noch erwähnen, die _Ringelnatter_. Sie ist bekanntlich eine vorzügliche
-Schwimmerin. Ein wahres Vergnügen, ihr zuzusehen, wie der schlanke,
-geschmeidige Schlangenleib in auserlesen schönen Windungen an der
-Oberfläche des Wassers dahingleitet, den breiten Teich durchquerend
-oder die Strömung des Flusses überwindend. Selbst weit hinaus ins
-Meer schwimmt sie, habe ich doch einmal eine Ringelnatter im Barther
-Bodden, wohl 5 ~km~ weit vom Land, vom Fischerboot aus beobachtet
-und gefangen; ein fingerlanges Fischchen erbrach sie vor Schreck. An
-und in unsern Fischteichen in der Lausitz gibt's Ringelnattern genug,
-und ich verstehe es, daß die Fischereiberechtigten ihnen recht feind
-sind, wenn es sich auch nur um kleine Flossenträger handelt, denen
-die Nattern nachstellen. Im übrigen aber sind diese Schlangen ganz
-unschuldige Geschöpfe, die man an jedem Gewässer, das nicht gerade der
-Fischwirtschaft dient, ruhig gewähren lassen sollte.
-
-Wenn jeder, den es angeht, erkennen wollte, daß die _allgemeinen_
-Interessen _höher stehen_ als die besonderen des einzelnen, dann würde
-uns die Sorge um den Fortbestand der sogenannten »Fischräuber« von der
-Seele genommen.
-
-
-
-
-Malepartus, die Raubburg und Kinderstube von »Reinke de Vos«
-
-
-Fröhlichen Ringelreihen tanzen Buben und Mädel auf maigrünem Anger.
-»Fuchs, du hast die Gans gestohlen, gib sie wieder her«, singen die
-hellen Kinderstimmen dazu, und dann folgt ein anderes ausgelassenes
-Spiel mit tüchtigem Rennen und Jagen; »der Fuchs kommt«, nennen sie's,
-jeder spielt es so gern.
-
-Ja, in aller Munde ist er und allen vertraut, Freund Reineke mit der
-buschigen Lunte und dem ergötzlichsten Schelmengesichtchen der Welt;
-selbst das kleine Nesthäkchen auf Mutters Schoße kennt das Konterfei
-des schlauen Betrügers im Bilderbuch ganz genau, und die älteren
-Geschwister wissen manche Geschichte von ihm: wie er dem eitlen Raben
-den Käse abschmeichelt, die unschuldigen Tauben berückt, den stolzen
-»Gockelmann« packt, wie er seinem größeren Vetter, dem Wolf, so arg
-mitspielt, den Hasen um seinen Schwanz bringt, wie er aber bisweilen
-auch selbst genarrt wird, von der Katze und vom Hahn, ja sogar vom
-harmlosen Häschen. Das Lesebuch enthält all diese schönen Geschichten,
-die Brüder Grimm, Ludwig Bechstein, Hagedorn, Simrock und besonders
-Robert Reinick -- es liegt schon im Namen -- den Kindern erzählt haben;
-sie werden nicht müde, die hübschen Märchen und Fabeln immer von neuem
-zu lesen. Und dann das plattdeutsche Epos »Reinke de Vos«, das 1498 zu
-Lübeck gedruckt ward, und endlich der ganz große Dichter, hat er nicht
-auch dem Fuchs ein Denkmal gesetzt, seine lustigen Streiche für alle
-Zeiten verewigt!
-
-Ein Denkmal -- ach ja, das ist der richtige Ausdruck! Als Goethe sein
-Tierepos schrieb, da galt es noch einem Lebenden; heute ist der Fuchs
-aus manchem deutschen Gau verschwunden, und wenn man ihm weiter so
-rücksichtslos nachstellt mit Gift und Fangeisen und tödlichem Blei,
-wenn der Jäger im Frühling jeden Bau seines Reviers ausgräbt und die
-niedlichen Jungfüchse den mordlustigen Hunden erbarmungslos preisgibt,
-so wird es auch über kurz oder lang von Reineke heißen, wie vom Wolf,
-vom Luchs und von der Wildkatze: vergangen, vorbei! Wohl lebt er dann
-noch weiter im Bild, im Lied und im Märchen -- »es war einmal ...«,
-aber draußen in freier Natur auf sonniger Heide läuft dem Wanderer
-nie ein Fuchs mehr über den Weg, und Malepartus, die Raubburg, liegt
-tot und verlassen. Höchstens hoppeln Karnickel vor ihren Eingängen;
-die haben jetzt gute Zeit, wie die Mäuse im Haus, wenn die Katze vom
-bösen Nachbar in der Kastenfalle gefangen und dann grausam ersäuft
-ward. Vielleicht sehe ich zu schwarz. Der schlaue Betrüger hat es ja
-noch immer verstanden, dem Jäger ein Schnippchen zu schlagen, und in
-den größeren waldreichen Revieren, im Gebirge wie im Niederland, haust
-Reineke auch heute noch und fristet sein Leben, so gut er's vermag. Ja,
-während der Kriegszeit haben die Füchse, so sagte man mir, hier und da
-stark an Zahl zugenommen; die Männer vom grünen Tuch standen an der
-Front und hatten wichtigere Arbeit, als Jungfüchse zu graben oder den
-alten Rüden und Fähen nachzustellen. Aber seit der Preis eines guten
-Winterbalgs eine schwindelnde Höhe erreicht hat, ist auch die Gefahr
-für den Roten, dem Jäger zum Opfer zu fallen, erheblich gestiegen.
-
-'s ist doch gar ein lieber Kerl trotz aller bösen Ränke und Schliche,
-und erst seine hoffnungsvollen Sprößlinge -- ergötzlichere Kinder,
-allezeit lustig, übermütig, flink und täppisch zugleich, gibt es weit
-und breit in keiner andern Familie.
-
-Ich weiß einen Fuchsbau, der liegt mitten drin in der einsamen Heide.
-Außer mir weiß nur noch der Förster davon, und der ist mein Freund. Er
-hat mir versprochen, in diesem Jahr die alte Fähe und ihre Jungen zu
-schonen, weil es der einzige Fuchsbau in dem ganzen Revier ist. Die
-Karnickel unterwühlen den lockeren Boden in entsetzlicher Weise und
-benagen die jungen Bäumchen der Schonung, daß man wirklich nur froh
-sein kann, wenn sie jemand in Schach hält.
-
-Folgt mir hinaus an die Stelle! Jetzt im April ist's am lustigsten
-dort. Die Birken am Weg haben ihr duftiges Brautkleid angezogen, das
-sich so schön von den dunkeln Nadeln der ernsten Föhren abhebt; die
-Singdrossel jubelt im Wipfel des einsamen Überständers; der Specht ist
-an seiner Arbeit, und richtig -- der erste Kuckuck! Wohl hundertmal
-ruft er; man freut sich doch in jedem jungen Lenz wie ein Kind, wenn
-man den lieben Ruf von neuem vernimmt.
-
-An einem sanften Hang zwischen niedrigen Kiefern ist eine Lichtung.
-Dornige Sträucher, Heidekraut, allerhand Gräser und Stauden bedecken
-den Boden, auch ein Paar Bäumchen mit gelbbraunen vertrockneten Nadeln
-liegen, die Stämmchen gekreuzt, wirr umher; der Herbststurm im vorigen
-Jahre entwurzelte sie, denn der unterhöhlte Boden gab ihnen keinen
-sicheren Halt. Ja, an zwei Stellen ist das lockere Erdreich in die
-Tiefe gesunken, unregelmäßige Löcher, etwa einen Meter im Durchmesser.
-Früher hauste der Dachs hier; jetzt sind es die Eingänge von Reinekes
-Wohnung, zu der enge »Röhren« hinabführen. Weiter oben ist noch ein
-ähnliches Loch, nicht ganz so groß, und etwas abseits ein viertes; das
-ist aber verschüttet.
-
-Daß der Bau wirklich bewohnt ist, erkennt man sofort. Die Einfahrten
-sind glatt getreten, und aus dem Innern dringt uns ein unangenehmer
-Geruch entgegen, daß wir den Atem anhalten. Diesen Fuchsgeruch zu
-beschreiben, ist nicht möglich; wer aber das durchdringende Parfüm nur
-ein einziges Mal frisch an der Quelle eingesogen hat, der bringt's so
-leicht nicht wieder aus der Nase, und unverlierbar bewahrt er's in
-seinem Gedächtnis. Auch die Reste der Mahlzeiten, die hier und da vor
-dem Bau liegen, verpesten mit ihren Verwesungsdüften die Luft, und
-nur die vielen Schmeißfliegen, die sie umschwärmen, haben ihre Freude
-daran. Hier der Flügel einer Krähe, dort eine angefressene Ratte,
-daneben der Lauf eines Rehs, unter dem Kieferngestrüpp der Kopf eines
-Karnickels, verschieden große Fetzen vom Fell eines Hasen, mit Blut
-besudelte Federn der Ringeltaube und ganz nah an der einen Einfahrt
-sogar der bleiche Schädel einer Hirschkuh; irgendwo hat die Füchsin
-das verendete Tier aufgefunden und dann den abgebissenen Kopf mühsam
-hierhergeschleppt. Dies alles bildet ein Stilleben eigentümlicher Art;
-es redet eine deutliche Sprache von List und Gewalt, von Mordgier und
--- Mutterliebe!
-
-Die Sonne neigt sich zur Rüste, die Wipfel der einzelnen hohen Föhren,
-die auf das Jungholz herabschauen, in purpurnes Licht tauchend. Da wird
-es lebendig vor dem Fuchsbau. Ein verschmitztes Gesichtchen erscheint
-in einem der Eingänge; es blinzelt nach links und nach rechts und
-hinauf zu dem tiefblauen Himmel. Dann mit einemmal ist der kleine Kerl
-draußen. Auf den Hinterbeinen hockend, richtet er sein Köpfchen altklug
-empor, als wollte er schauen, was für Wetter es heut abend gibt und wie
-für morgen die Aussichten sind. Das feine Näschen schnuppert dabei nach
-allen Richtungen, und das dichte Wollkleidchen an der Brust zittert; so
-heftig und schnell atmet die Lunge die Luft ein und aus. Das Füchslein
-sichert, es »wittert«, ob sich etwa eine Gefahr in der Nähe versteckt
-hält; von der Frau Mutter hat's der Kleine gelernt und macht es nun
-auch so wie sie -- oder liegt ihm diese Vorsicht von Haus aus im Blut?
-Nun schüttelt das Füchslein sein licht gelblichgraues Kinderkleid, das
-beim langen Schlaf in dem engen Raum etwas verdrückt ward, fährt mit
-dem einen, dann mit dem andern schwärzlichen Pfötchen über die Lauscher
-und über's Gesicht; aber plötzlich mit einem Hops ist es wieder
-am Röhreneingang und äugt scharf in die Tiefe, ob die Geschwister
-nicht nachkommen. Alle Muskeln gespannt, ohne jede Bewegung; nur der
-horizontal ausgestreckte Wollschwanz schwingt ganz leise nach rechts
-und nach links.
-
-Ein täppischer Satz zur Seite -- da ist schon der erwartete Bruder.
-Er blinzelt gegen die untergehende Sonne, deren letzter Strahl sein
-grau-grünliches Auge trifft. Nun kann es beginnen, das fröhliche,
-ausgelassene Spiel. Mit den Perlenzähnchen haben sie einander gepackt,
-jetzt im dichtwolligen Nacken, jetzt an den Pfoten, dann an der Lunte
-oder am Ohr. Sie zerren ganz tüchtig, balgen und kollern sich mutwillig
-am Boden umher, richten sich gegenseitig auf, mit den Vorderpfoten
-einander umarmend, überschlagen sich und kugeln den Hang ein Stückchen
-hinunter; doch mit raschen Sprüngen geht's wieder hinauf. In geduckter
-Haltung kauern sie jetzt einander gegenüber, jeder zu neuem Angriff
-bereit und einer vom andern erhoffend, daß er das hübsche Spiel wieder
-beginne. Da springt der eine Partner plötzlich empor: Brüderchen hasch'
-mich! Keuchend mit hängender Zunge geht es rings um den Bau, bis sie
-sich wieder gepackt haben.
-
-Erst wenn die ausgelassenen Füchslein müde und ganz außer Atem sind,
-rasten sie ein wenig in hockender oder in liegender Stellung, »alle
-Viere« weit ausgestreckt. Aber während die Lunge noch keucht, daß Brust
-und Weichen sich heftig bewegen, sinnt das kluge Gesichtchen mit den
-listigen Augen und den aufrecht gestellten Lauschern schon wieder nach
-neuem, noch tollerem Spiel. Sie zerren am Krähenflügel, machen sich
-jeden Fetzen vom Hasenbalg streitig -- was der eine packt, das will der
-andre gerade auch haben, »man weiß, wie Kinder sind« -- dann suchen sie
-den schwirrenden Roßkäfer täppisch mit den dunkeln Pfoten zu erwischen
-oder schnappen nach dem Abendfalter, der ihnen um die Nase herumfliegt.
-Unterdessen sind auch die drei andern Geschwister auf der Bildfläche
-erschienen, und nun geht es noch lustiger zu. »Der Jäger kommt!«
-spielen sie gern. Das machen sie so: keins darf sich rühren, nicht mit
-den Ohren zucken, keinen Muskel bewegen. Plötzlich springt eins in die
-Höhe; einen Haken schlagend, rennt der kleine Kobold davon, so schnell
-er nur kann. Im Nu stieben die andern ebenso auseinander, und in wenig
-Augenblicken haben sie sich dann alle fünf auf ihrem Tummelplatz wieder
-vereinigt, um das hübsche Spiel von neuem zu beginnen.
-
-Die Sonne ist untergegangen; grau senkt sich die Dämmerung über die
-Heide. Da erscheint der Kopf der alten Füchsin im Höhleneingang; mit
-Lauschern und Windfang prüft sie vorsichtig, ob alles ganz sicher sei,
-fährt knurrend wieder zurück, weil etwas im Kieferngeäst raschelt --
-ein Vogel, der sein Schlafplätzchen sucht -- doch endlich steht sie im
-Freien. Sie streckt sich, schüttelt den Sand und den Staub aus ihrem
-rothaarigen Wams, leckt und liebkost die Kinder, die sich herandrängen,
-und beteiligt sich schließlich auch ein wenig an dem muntern Spiel, da
-die Kleinen gar so sehr betteln.
-
-Eine gute Figur macht die Alte um diese Jahreszeit nicht; sie ist
-dürr und hager am ganzen Leib, und der Pelz ist verdrückt, am Bauche
-sehr schütter und nicht mehr so frisch in den Farben. Das ist kein
-Wunder; fünf Kinder auf einmal! Sie wollen alle gesäugt und gewärmt
-sein, da kommt man schrecklich herunter. Wochenlang konnte die Füchsin
-nur auf Stunden den dunkeln Bau verlassen, um den nagenden Hunger zu
-stillen. Und wenn sie nichts anderes fand, als nur ein paar Mäuschen
-oder irgendeinen Kleinvogel, so mußte sie kaum halbgesättigt zu den
-ungeduldigen Kindern zurück; die verlangten nach Speise und fragten
-nicht, ob auch der Mutter eine Mahlzeit geworden. Seit acht oder
-vierzehn Tagen sind nun die Kleinen entwöhnt. Das war nicht so leicht;
-immer und immer wieder suchten sie nach dem Milchquell, wenn auch die
-Mutter ärgerlich knurrend sie gar unsanft zurückstieß. Die von Tag zu
-Tag fester zupackenden Zähnchen konnte die Fähe an dem zarten Gesäuge
-aber nicht länger ertragen, und so gab's manchen Klaps mit den Pfoten,
-und das Fell wurde den Kindern oftmals ganz tüchtig geschüttelt, bis
-sie schließlich begriffen, daß die Tauben und Hühner, die jungen
-Karnickel oder die Mäuschen, die die Mutter mit heimbrachte, den Hunger
-ebenso stillen.
-
-Jetzt gießt der aufgehende Mond sein silbernes Licht über die
-schlafende Heide; da denkt die Alte: nun ist's Zeit für den Pirschgang!
-Sie wittert nochmals nach allen Seiten; dann schleicht sie davon,
-zwischen dem Pflanzengestrüpp leise dahinkriechend, daß der Bauch fast
-den Boden berührt. Ein paarmal fährt sie knurrend zurück, wenn eins der
-Kleinen ihr zu folgen versucht, aber bald ist sie unter den Ästen der
-jungen Kiefern verschwunden. Nun seid auf der Hut, ihr Bewohner des
-Feldes, ihr Mäuse, Hamster und Maulwürfe, die ihr gleichfalls so gern
-zur nächtlichen Stunde aus eurer Wohnung hervorkommt: der böse Feind
-ist hinter euch her! Oder ihr Fasanen- und Rebhuhnmütter, wie wird's
-euch ergehen! Der Fuchs schleicht leise heran, die Nase immer gegen den
-Wind, daß er die Beute von fern schon wittert -- ein Sprung, ein fester
-Griff, und ihr seid in seiner Gewalt! Dem Junghäschen, das in einer
-Feldfurche schläft, dem unerfahrenen Karnickel, das draußen am Waldrand
-noch im Mondschein äst, der Ratte, die am Schweinekoben des Bauernhofs
-sich zu schaffen macht, ergeht es nicht besser, und wehe den Hühnern
-und Gänsen, wenn der Geflügelstall nicht ganz gut verwahrt ist!
-
-Sobald die Füchsin eine Beute gemacht hat, kehrt sie zu ihrer Wohnung
-zurück; an ihre Kinder denkt sie immer zuerst; meist wird es Morgen,
-ehe sie den eignen Magen befriedigt. Aber wie vorsichtig ist die Fähe,
-wenn sie sich dem Bau nähert! Nie wird sie den geraden Weg nehmen; sie
-umkreist vielmehr, oft stehenbleibend und lauschend, in weitem Bogen
-ihr Heim. Wittert sie irgend etwas Verdächtiges, so kläfft sie, ähnlich
-wie ein Hund, doch mit verhaltener Stimme, daß sich die Füchslein
-in den schützenden Bau flüchten; erst wenn ihr alles ganz sicher
-erscheint, schleicht sie heran. Das ist dann eine Freude! Die hungrigen
-Kinder fallen über die leckere Beute her, balgen und beißen sich drum,
-und jedes sucht das beste Stück zu erwischen.
-
-Ein Weilchen schaut die Mutter ihrer munteren Schar zu, hilft wohl
-auch beim Zerlegen des Bratens; aber dann tritt sie von neuem den
-nächtlichen Pirschgang an. Sind alle gesättigt, daß sie mit den Resten
-der Mahlzeit nur noch ihr ausgelassenes Spiel treiben, so holt die
-Füchsin vom Felde vielleicht noch ein lebendes Mäuschen, und nun geht
-es dem graufelligen Tierchen nicht anders, als wenn eine Katze es
-erwischt und ihren Jungen gebracht hätte.
-
-So kommt der Morgen heran. Schon jubelt die Drossel, Rotkehlchens Lied,
-die weiche Stimme des Fitis durchzittert die Luft, und hell schmettert
-der Fink seine Fanfare -- da zieht sich die ganze Gesellschaft, eins
-nach dem andern, still in die Höhle zurück; sie schlafen hier bis gegen
-Abend. Nur manchmal währt die Ruhe ein oder dem andern vorwitzigen
-Fuchskind zu lang. Es schaut dann zu dem Höhleneingang sehnsuchtsvoll
-hinaus, blinzelt mit den listigen Augen -- die Sonne scheint ihm auch
-gar zu hell ins Gesicht -- und schließlich versucht es ein Schläfchen,
-mitten im Toreingang zur unterirdischen Burg, wie sein zahmer Vetter,
-der Hofhund, der die Vorderpfoten zur Tür seiner Hütte herausgestreckt
-hat und nun gemütlich schlafend mit Schnauze und Kopf auf diesem
-natürlichen Kissen ruht. Bisweilen wagen sich die Jungfüchse auch
-schon mittags auf ihren Spielplatz, wenn die Maisonne hoch vom Himmel
-zwischen den schlanken Stämmen auf den Fuchsbau herabscheint; aber
-wirklich lustig wird's doch immer erst gegen Abend.
-
-Sind die Füchslein ein paar Monate alt, so dürfen sie die Mutter auf
-ihren nächtlichen Streifzügen begleiten, zuerst bis zum Waldrand,
-später weiter hinaus ins Saatfeld, ins Röhricht am Weiher, oder gar bis
-zu den ersten Bauerngehöften des Dorfes.
-
-Wie man das Karnickel beschleicht, einen Junghasen würgt, den
-schlafenden Vogel erwischt, zeigt ihnen die Alte. Sie begreifen
-gar schnell; denn es liegt ihnen im Blut, sich mäuschenstill
-heranzupirschen, jede Deckung zu benutzen und selbst in der Freude über
-den gelungenen Raub keinen Augenblick die eigene Sicherheit aus dem
-Auge zu lassen.
-
-Ein Vierteljahr mögen die Geschwister alt sein oder wenig darüber, da
-unternehmen sie bereits auf eigene Faust kleine Streifzüge. Sie stellen
-sich gegen Morgen gewöhnlich in der gemeinsamen Kinderstube wieder ein;
-aber gelegentlich suchen sie auch ein anderes Versteck auf.
-
-So lösen sich ganz allmählich die Beziehungen zwischen Mutter und Kind
-und zwischen den Spielkameraden. Wenn der Herbststurm durch die kahle
-Heide braust, kennt keins das andere mehr, jedes geht nun seine eigenen
-Wege und schlägt sich selbständig durchs Leben, das ihm der Gefahren so
-viele bringt.
-
-Und der Vater?
-
-Er kümmert sich um seine Familie fast gar nicht und ist selten zu
-Hause; kommt er einmal, gleich gibt's Zank, Beißen und Kläffen zwischen
-den Eltern, und die Mutter ruht nicht eher, als bis Vater Reineke
-wieder »verduftet«, in des Worts vollster Bedeutung.
-
-Die Erziehung der Kinder liegt allein auf den Schultern der Fähe;
-der Rüde hält von Pädagogik nicht das geringste. Seine Losung heißt:
-»Selber essen macht fett«; darum sieht er auch im Frühjahr wohlgenährt
-aus, und tadellos ist sein rotbrauner Pelz. Nur wenn die Alte durch ein
-herbes, Geschick den Jungen geraubt ward, mag es bisweilen vorkommen,
-daß sich die Väter der vor Hunger kläffenden Kinder erbarmen und ihnen
-Futter zuschleppen.
-
-Zur Osterzeit gibt's immer junge Füchslein im bewohnten Bau, meist fünf
-bis sechs, einmal waren es sogar acht.
-
-Möge sich dieser Kreislauf des Lebens mit jedem Lenz, wenigstens hie
-und da, in unsern deutschen Forsten erneuern!
-
-Es wäre traurig, wenn man ihn ganz ausrottete, den listigen, Ränke
-schmiedenden Schelm! Dann würde wohl der Förster unsre Enkel an eine
-Stelle im Wald führen und ihnen erzählen: »Hier färbte die rote Tinte
-den letzten Fuchs im Revier; man hat ihm das hübsche Denkmal gesetzt
-wie drüben im Nachbarrevier seinem Vetter, dem Wolf!« Aber mit dem
-fröhlichen Leben, dem ausgelassenen Spiel vor Malepartus, der Raubburg,
-wär's dann für immer vorbei.
-
-
-
-
-Swinegel un sine Sippschaft
-
-
-Ob wohl ein oder der andere meiner Leser schon einmal junge Igel
-gesehen hat, so im Alter von fünf oder sechs Wochen? Das sind die
-niedlichsten Dinger der Welt, die man sich denken kann, und es lohnt
-schon der Mühe, im Spätsommer Gärten und Hecken, Parkanlagen, lichte
-Laubwälder und namentlich Feldgehölze ein bißchen zu durchstöbern, um
--- wenn man Glück hat -- die reizendste Familienidylle zu belauschen:
-eine Igelmutter, die ihre vier oder fünf Kinder spazieren führt.
-
-Wie das im Laub raschelt von all den trippelnden Füßchen, und
-wie schnell die kleinen, kurzen Beinchen laufen können, wenn die
-stachlige Mutter einen Regenwurm entdeckt hat und ihn aus dem Versteck
-hervorzieht, um die kleine Beute den lüsternen Kindern zu überlassen.
-An jedem Ende des Unglücklichen zerrt eine der niedlichen Stachelkugeln
--- zusammengerollt ist sie nicht größer als ein Billardball -- während
-ein drittes Igelchen den straff gespannten, in die Länge gezerrten Wurm
-mit den weißen Zähnchen zerbeißt, um schließlich für seine Mühe nichts
-zu erhalten als ein Tröpfchen Saft, das sich der Kleine wohlgefällig
-von dem dunkeln Schnäuzchen ableckt.
-
-Da ist ein Mäusebraten schon eine standfestere Grundlage der Mahlzeit,
-von der doch jedes der Kinder ein Stückchen bekommt. Man muß es
-selbst gesehen haben, wie schnell die Igelmutter hinter dem kleinen
-Nager her ist, wenn sie dessen leises Pfeifen oder das fast unhörbare
-Rascheln im Bodengestrüpp gemerkt hat. Einen Augenblick verharrt die
-Alte in gestreckter Haltung; die Kopfstacheln sträuben sich ein wenig,
-senken sich und sträuben sich wieder. Ein paar Schritte schleicht
-sie vorwärts, und jetzt ein kleiner Satz ins Gestrüpp. Mit sicherem
-Griff ist das Mäuschen gepackt; ein kurzer Aufschrei, und das Genick
-des kleinen Nagers ist zerbissen. Hurtig wird das Wildbret von der
-schnaufenden Mutter in mehrere Teile zerlegt, und bald sitzt jedes der
-Kinder knuspernd und leise schmatzend vor seinem Stückchen, während die
-Alte weiter trippelt, nach neuer Beute zu schauen. Ein Maulwurf wäre
-kein schlechter Fang; aber den erwischt man nur am dämmernden Abend.
-Eine Schermaus wäre gleichfalls willkommen; aber schließlich tun's auch
-ein paar Mist- oder Brachkäfer, Ackerschnecken, Schmetterlingspuppen,
-eine fette Werre, und wohlgenährte Regenwürmer fehlen fast nirgends.
-
-Nichts Trolligeres gibt es, als zu sehen, wie es die kleinen naseweisen
-Igelchen der Mutter nachmachen -- was ein Häkchen werden will,
-krümmt sich beizeiten. Überall kratzen und scharren sie mit ihren
-krallenbewehrten Pfötchen; in jedes Loch am Boden, in jeden Winkel
-zwischen dem Wurzelgeflecht und Pflanzengewirr stecken sie schnuppernd
-ihr Schnäuzchen, hängen der Mutter am Rock, wenn sie glauben, jetzt hat
-sie 'was Gutes gefunden, oder sie gehen auch schon ihre eignen Wege,
-den Steilhang hinauf, von dem eins der Kindchen wieder herabkugelt,
-trinken vom Wasser, das sich zwischen den Baumwurzeln angesammelt
-hat, und schauen verdutzt dem Roßkäfer nach, der vor ihrem Näschen
-vorbeisurrt. Wenn es noch heutzutage irgendwo, wie im Märchen, eine
-Prinzessin gibt, die niemals in ihrem Leben gelacht hat, ich würde sie
-zu solch kleiner Igelgesellschaft führen; da lernte sie aus Herzenslust
-lachen.
-
-Einst beobachtete ich eine Igelfamilie an einem Wiesenhang, wo ein vom
-Baum gefallener Apfel die Aufmerksamkeit der stachligen Gesellschaft
-auf sich lenkte; von Obst aller Art sind ja die Igel große Freunde.
-Durch einen unvorsichtigen Stoß kam der Apfel ins Rollen; sofort
-sausten die Kleinen hinter ihm her, überstürzten sich aber und kugelten
-lustig den Hang hinab, wie wir's als Kinder auch so gern taten. Unten
-lag dann der Apfel im Graben am Wege und drei Igelchen neben ihm.
-Schnell rollten sich diese auf und hatten bereits tüchtige Löcher in
-die süße Frucht gefressen, als endlich auch die Mutter mit den beiden
-Geschwistern ankam, die von oben her dem lustigen Treiben zugeschaut
-hatten.
-
-Man sagt, der Igel trage abgefallenes Obst in der Weise in sein
-Versteck, daß er es auf seine Stacheln spieße; wo viel Birnen oder
-Pflaumen im Obstgarten liegen, da wälze er sich am Boden, und mit der
-willkommenen Last trolle er heim. Natürlich ist das Ganze ein nett
-ersonnenes Märchen. Weder mit dem Schnäuzchen, noch mit den Füßen kann
-der Igel seinen Rücken erreichen; wie sollte er also das Obst fressen
-oder auch nur abstreifen können? Als Junge habe ich einmal mit den
-grünen Früchten der Kartoffel -- wir nannten sie »Kartoffelschneller«
--- nach einem Igel geworfen. Eins der ungefährlichen Geschosse blieb
-an seinem Stachelkleid hängen. Das machte mir solchen Spaß, daß ich
-mir den Igel fing und ihm im Übermut seinen ganzen Rücken mit dem
-seltsamen Zierrat besteckte. Dann ließ ich ihn laufen. Am folgenden Tag
-sah ich ihn wieder, und da trug er noch immer eine Anzahl der grünen
-Beeren auf seinem borstigen Kleid. Nicht den geringsten Versuch machte
-er, sich von dem aufgedrungenen Schmuck zu befreien.
-
-Das Volk fabelt ferner, der Igel trage, wenn er sich sein Winterlager
-zurechtmache, auf seinen Stacheln all die Stoffe zusammen, die ihn
-wärmen sollen, Stroh, Laub, Moos u. dgl. Das ist auch nicht wahr. In
-die natürliche oder selbstgegrabene Höhlung kratzt und schiebt er diese
-Dinge mit Füßen und Schnäuzchen hinein und verwahrt besonders den
-Eingang. Aber solch fester Winterschläfer, wie Bilch oder Haselmaus,
-ist der Igel durchaus nicht, habe ich ihn doch mehr als einmal mitten
-im Schnee angetroffen, wo er ganz lustig einhertrippelte.
-
-In einem unterirdischen oder wenigstens gut versteckten Lager zwischen
-trockenem Laub, Gräsern und sonstigem Pflanzenwust werden die
-Swinegelchen geboren. Anfangs sind es kleine, rosige Dinger, blind und
-zahnlos und die winzigen weißlichen Stacheln ganz weich -- es wäre auch
-sonst bei der Geburt höchst unangenehm gewesen für Mutter und Kind. Die
-Alte muß auf der Hut sein, daß sie die vier oder fünf zarten Jungen mit
-ihren nadelspitzen Stacheln nicht verletzt; sie deckt die Kleinen mit
-den ziemlich weichen, rötlichgelben Haaren ihrer Bauchseite, zwischen
-denen die Milchdrüsen liegen. Tagsüber ist säugen ihr Geschäft; in der
-Nacht geht sie jagen. Die ganze Last der Kindererziehung liegt auf
-ihren Schultern; der Papa lebt getrennt von der Familie, ein rechter
-Einsiedler und Griesgram, und von Erziehung will er nichts wissen.
-In dem warmen Lager, von der zärtlichsten Mutter behütet, wachsen
-die Kleinen sehr schnell heran. Schon sind sie mit spitzen Stacheln
-und scharfen Zähnchen bewaffnet, hell blicken die Äuglein, die Füße
-trippeln so hurtig: bereits ganz Papa und Mama, nur klein noch und
-zierlich. Wir können der Versuchung nicht widerstehen und nehmen eins
-der Tierchen in die Hand -- eine Roßkastanie in stachliger Hülle.
-So leicht ist die Kugel, daß wir uns an den Spitzen nicht verletzen
-können. Wie wenig schüchtern der kleine Kerl doch ist! Es dauert nicht
-lange, so rollt er sich auf, beschnüffelt unsre Finger und verschwindet
-schließlich im Rockärmel. Wart', Kleiner, du sollst belohnt werden!
-Etwas lauwarme Milch, in ein Näpfchen gegossen, wird sofort gierig
-geschlürft. Dann trollt unser Igelchen weiter. Sie werden's schon
-wiederfinden hier an der Hecke oder dort im Gestrüpp des Unterholzes
-zwischen den Bäumen.
-
-Unter den freilebenden Vierfüßlern unsrer Heimat gibt es kaum ein
-anderes Tier, das ich so gern habe wie den Igel, keine interessantere
-Gesellschaft als eine Igelfamilie. Gesetzt, die Natur hätte den
-stachligen Gesellen nicht geschaffen, die kühnste Phantasie des
-Menschen würde sich solch' abenteuerliche Gestalt niemals ausgedacht
-haben. Zwei besondere Eigenschaften sind es, die der Igel vereinigt:
-das stachlige Kleid und die Kunst, sich zusammenzurollen. Und
-diese beiden Eigenschaften machen ihn zu einem der merkwürdigsten,
-seltsamsten, ja wunderlichsten Geschöpfe.
-
-Erfindungsreich ist der Mensch, in unserer Zeit namentlich auch auf
-sozialem Gebiete. Aber alle Erfindungen haben wir doch schließlich
-der Natur abgelauscht: die Ruder und das Steuer des Bootes den
-Flossenträgern, die Bereitung des Holzpapiers den Wespen, und das
-Neueste, mehr auf geistigem Gebiete gelegen, die »passive Resistenz«
-dem Igel. Kein anderes Tier bringt diese moderne Methode der Abwehr,
-der Verteidigung besser zum Ausdruck, und der Erfolg lehrt ihre
-Berechtigung. Den Stärkeren angreifen? nein. Oder sich mit Krallen
-und Zähnen verteidigen? warum denn? Kann man es wissen, wie's endet?
-Ich ziehe mich lieber in mein Innerstes zurück, schließe mich von der
-rauhen Außenwelt ab. Ich bin die Welt, ich allein; mein Wille regiert.
-Schau du zu, wie du mich faßt! Deine Sache ist's, wenn du dir die
-Finger blutig stößt oder die Schnauze, Gesicht, Nase und Augen! Mach'
-mit mir, was du willst, ich habe Zeit und Geduld; wollen mal sehen,
-wer's länger aushält, ich oder du?
-
-Vor uns liegt der kuglige Ballen auf dem Tisch der herbstlichen Laube.
-Hei, wie das springt von winzigen Flöhen zwischen den Stacheln und hoch
-in die Luft hinauf, ein Dunstkreis fröhlichen Lebens! Glaube nicht, daß
-er's fühlt, all das Gekribbel, Gekrabbel. Ein schrecklicher Zustand
-wär's, wie ihn wohl die mittelalterlichen Ritter in der schweren
-Eisenrüstung gekannt haben: jetzt zwickt es hier, und jetzt juckt es
-da, und man kann sich nicht kratzen! Unbeweglich die Kugel, nur leise
-atmet's im Innern, sanft hebt und senkt sich die Wölbung -- kreuz und
-quer stehen die Stacheln, durchaus nicht in der Richtung der Radien.
-Bald legt sich einer nieder, ein anderer richtet sich steiler empor,
-von unsichtbarer Kraft bewegt; denn es treten mehrere Hautmuskeln
-an jeden einzelnen Stachel heran. Auf der Mitte des Rückens sind
-die nadelspitzen Gebilde am längsten, 2 ~cm~ etwa oder noch etwas
-mehr. Hübsch gezeichnet sind sie: in der Mitte lichter, am Grund und
-namentlich an der Spitze viel dunkler; doch gibt's auch hellere Igel
-mit gelblichen Stachelspitzen, also Brünette und Blonde, wie unter uns
-Menschen. Vollkommen stielrund sind die Stacheln nicht; sie zeigen
-Längsfurchen, den Blutrinnen an den Säbeln und Seitengewehren zu
-vergleichen. Aber so fein sind diese Furchen, daß wir genau zusehen und
-den Kopf drehen und wenden müssen, um sie bei verschieden auffallendem
-Lichte zu erkennen. An einem Querschnitt kann man mittels der Lupe
-leicht feststellen, daß etwa 25 Längsrinnen an jedem Stachel hinziehen,
-bald mehr, bald weniger. Zwischen den Stacheln stehen weißgraue bis
-rostgelbe Borsten, besonders nach den Seiten zu; ja am Bauche und im
-Gesicht, an den Schenkeln und Füßen, wovon freilich jetzt nichts zu
-sehen ist, haben diese borstigen Haare die Alleinherrschaft. Stacheln
-wären dort nur vom Übel.
-
-Schon währt's uns zu lange. Willst du dich nicht endlich in deiner
-natürlichen Gestalt zeigen, du Trotzkopf? Wir drehen die Kugel
-vorsichtig um, daß sie auf dem Rücken liegt. Aber nur enger und fester
-zieht sich der Igel zusammen. Mit Gewalt ist auch nichts zu erreichen.
-Der mächtige Hautmuskel, der wie ein Mantel oder eine Kapuze vom
-Rücken her das ganze Tier umgibt, ist kräftiger als unsre Hand; je
-mehr wir uns mühen, auch mit Nichtachtung der stechenden Stacheln die
-Kugel auseinander zu bringen, um so fester schließt sie sich. Biegsam
-wie eine Weidenrute muß die Wirbelsäule unsres Freundes sein, und
-auch dafür, daß sie bei dieser Zusammenrollung nicht zu stark auf das
-Rückenmark drückt, hat die Natur gesorgt. Schon in den Brustwirbeln
-löst sich dieses in Einzelstränge auf, die den Druck leichter vertragen.
-
-Aber jetzt greifen wir zu einem teuflischen Mittel, denn erschöpft
-ist unsre Geduld. Tabak und Stummelpfeife kommt her! Blaue Wolken
-steigen empor, die Luft mit Wohlgeruch füllend; denn Pfälzer ist's,
-edles Gewächs. Wie sie springen, die Flöhe! Wirst uns noch dankbar
-sein für die Entlausung! Lebhafter bewegen sich jetzt die einzelnen
-Stacheln; wie eine Welle läuft's dann ganz leise über die Rundung. Die
-Kugel dreht sich allmählich und löst sich ein wenig; der Rücken zeigt
-wieder nach oben. Der ambrosische Duft, an den der Nichtraucher so gar
-nicht gewöhnt ist, scheint ihm nicht zu behagen. Noch ein kräftiger
-Gasangriff von unten her, tief hinein zwischen die borstigen Haare, und
-unser Igelchen streckt sich ganz sacht und verstohlen; niemand soll's
-merken, daß es endlich nachgeben will. Schon schaut ein Füßchen hervor
-mit fünf starken Nägeln, zum Graben und Scharren geschaffen, jetzt ein
-zweites und vorn ein niedliches Schnäuzchen; schnuppernd hebt sich's
-aus der stachligen Kugel. Jetzt zeigt sich schon das Gesichtchen.
-Prächtige Physiognomie! So naseweis und verschmitzt, und so lustig
-blitzende Äuglein, wie schwarze Perlen auf lichtem, graubaunem Grunde.
-Fein sind die Ohren gebildet, alles niedlich und spitz: das Näschen,
-die dunklen Schnurren, die feinen Stichelhaare im Antlitz, darüber ein
-Wall längerer Borsten, einem Helm zu vergleichen. Aber das Hübscheste
-bleibt doch das verlängerte, vorn etwas aufgeworfene Schnäuzchen, das
-sich schnüffelnd bald aufwärts wendet, bald abwärts, bald nach links,
-bald nach rechts. Es bildet die verlängerte und freibewegliche Nase,
-zugleich ein Tastorgan von höchster Vollkommenheit. In der Haut der
-beweglichen Rüsselscheibe drängen sich nämlich unzählige Tastkörperchen
-zusammen, mit denen der nächtliche Jäger die Gegenwart oder die Nähe
-seiner Beute unter dem Laube, im feuchten Boden, im Mull von Baumhöhlen
-gewissermaßen »schmeckt«, noch ehe er sie erreicht hat, gleich der
-Waldschnepfe, die mit ihrem Stecher würmt, an dessen empfindlicher
-Spitze ebenfalls Hunderte von Nervenendkörperchen sitzen, die dem Vogel
-die leichteste Erschütterung des Erdbodens anzeigen.
-
-Von meinem Pfälzer, das kann ich mir denken, ist die feine Nase des
-Igels nicht begeistert; er trippelt deswegen auf seinen niedrigen
-Beinen an die andre Seite des Tisches, um frische Luft zu schöpfen,
-wobei er uns den Genuß gewährt, auch sein winziges Schwänzchen zu
-bewundern, das steif schräg nach unten gerichtet ist, wie das kurze,
-fest zusammengedrehte Zöpfchen eines kleinen Mädels. Über den Geschmack
-ist nicht zu streiten und über den Geruch ebensowenig. Und ob dem
-unverbesserlichen Nikotinverächter der Rauch meines edlen Krautes noch
-unangenehmer ist als uns der Bisamduft, den er im zeitigen Frühjahr
-ausströmt, wenn er der Gattin den Hof zu machen pflegt, das können
-wir nicht entscheiden. Der Igelin freilich scheint der parfümierte
-Ritter zu gefallen; ihr ist's lieber, als wenn er sich ein Sträußchen
-Parmaveilchen angesteckt hätte. »Wat dem einen sin Uhl, is dem annern
-sin Nachtigall«. Aber nun komm wieder ins Tuch, in dem wir dich
-hergebracht haben! Wir klopfen mit dem Stock auf den Tisch, sofort
-rollt sich die Kugel zusammen. Wir bringen sie nun zurück zur Hecke,
-von wo wir sie holten. Ein paar Minuten noch, und der Igel trollt ab.
-
-Schade, daß wir ihm nicht in den Mund sehen konnten; dort stehen
-perlenartig aneinandergereiht 36 der niedlichsten Zähne. Denk ich sie
-mir zu den Maßen eines Löwengebisses vergrößert, ein schauderhaft
-mächtiges Zerstörungswerk würde es sein, obgleich die Eckzähne fehlen.
-Oben und unten 6 Schneidezähne, schräg nach vorn gerichtet, dann
-jederseits oben 2 Lückenzähnchen, unten nur eins, scharf wie ein
-Meißel, und endlich die Backzähne, 5 oben, 4 unten auf jeder Seite, mit
-scharfspitzigen Höckern versehen, so recht zum Zermalmen der Beute. Die
-stärksten Knochen der Maus und der Ratte, des Frosches, der Eidechse,
-die Chitinringe der Insekten, selbst Brustharnisch und Flügeldecken des
-Hirschkäfers zersplittern wie Glas zwischen dem festen Gebiß, und auch
-größeren Schlangen zerbeißt der stachlige Räuber im Nu die Wirbel.
-
-Es ist bekannt, daß sich der Igel selbst vor der Kreuzotter nicht
-fürchtet und die bösartige Schlange sehr schnell bewältigt und
-auffrißt. Man sagt, er sei gefeit gegen ihr Gift, genau wie der Storch.
-Beides ist nicht ganz richtig. Unser Hausfreund, der Storch, frißt
-die Kreuzotter nur deshalb ungestraft, weil er es versteht, ihr mit
-dem Bajonettschnabel den Kopf zu zermalmen, bevor sie imstande ist,
-ihren Feind mit den Giftzähnen zu verletzen. Wohin sollte sie ihn
-auch beißen? In die Ständer, den Schnabel? Die Haut dieser Glieder
-führt wenig Blutgefäße, und die Gefahr einer Vergiftung wäre gering.
-Ähnlich wie der Storch macht es der Igel. Flink und gewandt zerbeißt
-er dem unheimlichen Kriechtier Kopf und Genick. Freilich muß er schon
-etwas Erfahrung besitzen, wenigstens fallen junge Igel, wenn man
-sie zu einer Kreuzotter bringt, dieser gewöhnlich zum Opfer, nicht
-aber alte, erfahrene Herren. Die getötete Schlange zu fressen, ist
-ungefährlich, kein Fakirkunststück; denn im Verdauungskanal ist das
-Gift ganz unschädlich. Es wirkt nur, wenn es ins Blut kommt. Gewiß ist
-die Widerstandskraft gegen das Schlangengift beim Igel größer als bei
-andern Warmblütern. Der Jahrtausende währende Kampf, den er gegen die
-Otter führt, hat ihn ziemlich giftfest gemacht; aber wirklich gefeit,
-wie manche wohl glauben, ist er durchaus nicht. Igel, die man von
-Kreuzottern in Zunge und Mundwinkel beißen ließ, wurden ziemlich krank
-und litten tagelang an den Folgen der Vergiftung; sie gesundeten aber
-später wieder vollkommen. Auch unmittelbaren Gifteinspritzungen setzten
-sie großen Widerstand entgegen. Die Dosis, die ein Meerschweinchen
-schnell tötet, muß verzehnfacht werden, ehe ein Igel nur vorübergehend
-erkrankt. Auch andere natürliche Gifte verträgt unser Stachelträger
-sehr tapfer; so macht er sich gar nichts daraus, auch einmal ein paar
-grüne Spanische Fliegen zu fressen, deren Genuß bei andern Tieren
-den Tod, wenigstens fürchterliche Schmerzen im Rachen und in der
-Speiseröhre verursacht.
-
-Pflanzenkost verschmäht der Igel aber auch nicht. Obst, das sahen wir
-schon, ist ihm eine Lieblingskost, ebenso Beeren aller Art, desgleichen
-saftreiche Wurzeln, wie Mohr- und Steckrüben; ob er auch Schwämme
-verzehrt, kann ich nicht sagen. Reich ist der Speisezettel, den Mutter
-Natur für ihn bereit hält. Nur das eine sollte der Gefräßige lassen,
-nämlich das Plündern bodenständiger Nester; dadurch schadet der Igel
-vielleicht mehr, als man denkt. So mancher Forstmann klagte mir schon,
-daß der Bursche Fasaneneier getrunken, junge Schnepfen gefressen, ja
-Rebhuhneier, während die Henne darauf saß und sie heftig verteidigte,
-zu rauben versucht habe. Selbst junge Häschen sollen ihm bisweilen zum
-Opfer fallen (?). Und der Strafe entzieht sich der stachlige Raubritter
-stets; sofort ist die Kugel gebildet: greife mich an, wenn du's wagst!
-Nur dem Uhu darf er's nicht sagen. Der kümmert sich nicht drum. Mit
-seinen wehrhaften Krallen packt er kühn zwischen die Stacheln, und mit
-dem mächtigen Schnabel löscht er dem Igel das Lebenslicht aus.
-
-Eigentlich sollte man meinen, die Verminderung der Raubvögel müsse den
-Igeln zugute kommen wie etwa den Mitgliedern der Krähensippe oder den
-Spechten. Mag sein, aber andre feindliche Kräfte sind am Werk, diesen
-Vorteil aufzuheben; es scheint mir, man begegnet heute viel seltener
-einmal einem Igel, als in früheren Zeiten. Der Jäger ist ihm feindlich
-gesinnt; ja manche Jagdschutzvereine hatten früher den Igel mit in
-die Liste des Raubzeugs aufgenommen, für dessen Erlegung Belohnungen
-gezahlt wurden. Gegen jede Verfolgung sollten aber die Landwirte
-entschieden Einspruch erheben, denn für sie ist der Igel als treuester
-Verbündeter gegen die Mäuse ein sehr nützliches Tier. Vier, sechs
-Feldmäuse zu einer Mahlzeit mit Haut und Haar zu verzehren, ist ihm
-eine Kleinigkeit, und auf Insekten hat er immer Appetit; solch kleines
-Getier ist überhaupt nicht zu rechnen, denkt er bei sich.
-
-Nur in einer Beziehung ist der Igel genügsam, im Trinken. Es muß
-schon recht heiß sein, ehe er einmal aus einer Pfütze am Wege trinkt
-oder aus einem der kleinen Wasserbecken, die der Wald zwischen dem
-oberirdischen Wurzelgeflecht der Bäume für seine durstenden Bewohner
-allzeit bereit hält. Auch die Igel, die ich tage- und wochenlang in
-Gefangenschaft hielt, haben nur selten von dem Wasser geleckt, das
-ich nie versäumte, in den Raum zu stellen, den ich ihnen anwies. »Mit
-Wasser bleib mir ferne!« scheint ihr Losungswort zu sein. Sie verhalten
-sich also ähnlich wie die meisten Raubvögel, die ja auch zugleich mit
-ihrer blutigen Kost so viel Flüssigkeit aufnehmen, daß sie tagelang des
-Wassers entbehren können, obgleich es auch Ausnahmen gibt. So tauchte
-ein Schleierkauz jedes Stückchen Fleisch, das ich ihm gab, ins Wasser,
-ehe er's verschlang. Merkwürdig ist's, daß die Igel, die alten wie
-die jungen, sehr gern etwas Milch schlürfen, wobei sie wohlgefällig
-schmatzen, so gut schmeckt es ihnen.
-
-Wollten wir als Kinder einen Igel, wenn ich so sagen darf,
-»aufwickeln«, so kannten wir bei dem streng befolgten Rauchverbot nur
-zwei Mittel. Das eine war Musik. Wir machten in seiner Nähe durch
-Trommeln auf der Gießkanne einen Höllenspektakel. Aber das Mittel
-versagte bisweilen; denn oft zog sich Meister »Struppig« nur noch
-enger in sein Innerstes zurück: »Lärmt wie ihr wollt, ich halte meine
-Öhrlein verschlossen!« Das andere Mittel wirkte schneller und sicherer:
-ein tüchtiges Brausebad. Mitunter haben wir die stachlige Kugel auch
-den Wiesenhang hinabgekollert, geradenwegs in den Bach und uns dann
-teuflisch belustigt, wie sich der Igel im Wasser sofort aufrollte und,
-obgleich er's nie gelernt, doch äußerst geschickt, das Näschen über dem
-Wasser haltend, nach einer Stelle am Ufer schwamm, wo er am leichtesten
-wieder festen Grund unter den kleinen Füßen fassen konnte. So völlig
-durchnäßt, rollte er sich nie wieder sofort zusammen, sondern ließ
-uns ruhig seine ganze Person betrachten, den Kopf, die Füße, das
-Schwänzchen. Die Nässe des Unterleibs war offenbar seinem Schnäuzchen
-viel zu unangenehm, als daß er es zwischen den triefenden Borstenhaaren
-versteckt hätte. Auch der Fuchs soll den Igel ins Wasser rollen, um ihn
-dann zu bewältigen. Ob es wahr ist, weiß ich freilich nicht.
-
-Den Igel zu essen, fällt bei uns niemand ein, obgleich sein fettes
-Fleisch im Herbst gewiß ebenso gut schmecken mag, wie das des Dachses,
-mit dem er ja in der Lebensweise wie in der äußeren gedrungenen Gestalt
-manches gemein hat. In Spanien hat man ihn ehemals während der Fasten
-häufig gegessen; ich möchte die Ausrede kennen, die man gebraucht
-haben mag, um solchen Fleischgenuß zu rechtfertigen. Bekannter ist die
-Vorliebe der Zigeuner für einen Igelbraten. Im Lande der Stephanskrone
-war ich einst Zeuge, wie sich die braunen »Söhne Pharaos« auf dem
-Felde ein Igelgericht zubereiteten. Drei Stück, die sie gefangen und
-erschlagen hatten, wurden von den urwüchsigen Gesellen notdürftig
-ausgeweidet, dann wieder zu einer Kugel zusammengerollt, mit feuchtem
-Lehm dick umgeben und schließlich in der glühenden Asche gebacken, wie
-Schinken in Brotteig. Als nach geraumer Zeit der Lehm zu bröckligem
-Ziegel gebrannt war, stieß der Oberkoch mit dem Fuß die heißen Klumpen
-aus der Asche heraus und zerschlug die Umhüllung. Die Stacheln und
-die meisten harten Borsten blieben in ihr stecken. Was mit dem toten
-Ungeziefer geschah, das weiß ich nicht, ging mich auch weiter nichts
-an. Mürb war der Braten und saftig, und er schmeckte dem genügsamen
-Völkchen allem Anschein nach großartig.
-
-Mancher Igel hat in früheren Zeiten auch für die Gesundheit des
-Menschen sein Leben lassen müssen; denn der Igelleib bot bei dem oder
-jenem Gebreste der leidenden Menschheit so manches sicher wirkende
-Heilmittel. Selbst dem Gewerbe kam die stachlige Haut zu statten;
-sie diente im alten Rom zum Karden der wollenen Tücher, desgleichen
-als Hechel. Auch noch später bildete sie zu ähnlichen Zwecken einen
-Handelsartikel.
-
-Das Volk will zwei Abarten des Igels unterscheiden: »Hundsigel« und
-»Schweinsigel« -- der letztere ist der bekanntere, schon wegen des
-reizenden Märchens »Swinegel un sine Fru«. Der Zoolog aber kennt
-bei uns nur die eine Spezies: ~Erinaceus europaeus~. Freilich in
-Südostrußland, in den Niederungen um den Kaspischen See und östlich
-bis zum Baikalsee kommt noch eine andre Form vor mit etwas längeren
-Ohren und kürzerem Schwanz, unten sehr hell behaart, sonst unserm
-europäischen Igel ganz ähnlich. ~Erinaceus auritus~, langohriger Igel
-nennt ihn der Zoolog.
-
-Unser Landsmann ist in fast ganz Europa heimisch, mit Ausnahme der
-nördlichsten Länder, etwa vom 63° n. Br. an. Auch die waldreichen
-Gebirge bewohnt unser Igel; in den Alpen steigt er bis gegen 1500 ~m~
-an, im Kaukasus gar bis 2000 ~m~. Die Wälder und Fruchtauen, die Felder
-und Gärten der Ebenen und Hügelländer sind ihm aber doch lieber.
-Sehr zahlreich kommt er in den weiten russischen Ebenen vor, auch im
-nördlichen Asien ist er verbreitet. Dort und namentlich in Afrika
-stellen sich dann auch manche andere Arten der stachelborstigen Familie
-ein. Das Stachelschwein aber, das seine Heimat in den Mittelmeerländern
-hat -- in Nordwestafrika, in Griechenland und in Süditalien bis
-nordwärts zur römischen Campagna trifft man es an -- gehört nicht
-hierher, sondern zu den Nagetieren.
-
-Im Verborgenen führst du dein Leben, du seltsamer Einsiedler, drolliger
-»Bruder im stillen Busch«, von den Menschen wenig beachtet, von vielen
-verkannt. Nur einen Ort weiß ich, der bringt dich zu Ehren, ja er nennt
-sich nach dir, Iglau in Mähren. Er hat sich dein Konterfei ins Wappen
-gesetzt, wie Griechenlands Hauptstadt die Eule, das Sinnbild der Pallas
-Athene. Lustige Igel sind's in dem einen Feld, in dem andern aber
-züngelnde Löwen mit aufgerissenen Rachen. Noble Gesellschaft, nicht
-wahr? Laß sie nur spotten, die andern Tiere des Waldes: struppiges
-Stacheltier, Borstenträger, Schweinigel und wie sie dich schimpfen --
-_du_ gabst der Stadt ihren Namen und nicht der König der Tiere!
-
- * * * * *
-
-Die nächsten Verwandten des Igels, die _Spitzmäuse_, sind
-Gnomengestalten, die kleinsten unter den Säugetieren; ja das winzigste
-Geschöpfchen, die Zwergspitzmaus, wird nur 9 ~cm~ lang, wobei das
-Schwänzchen sogar mitgerechnet ist, und die häufigste Art, unsre
-Waldspitzmaus, ist auch nicht viel größer: 11 ~cm~, wovon reichlich
-4 ~cm~ auf den Schwanz kommen; der kleine Finger des Menschen ist meist
-noch etwas größer. Alles ist zierlich an diesem Zwergengeschlecht: das
-rüsselartig verlängerte Näschen, die winzigen schwarzen Perlen der
-Äuglein, die niedlichen Ohren, die Pfötchen, und das Fell so weich,
-ein Samthabitchen, wie es auf der ganzen Welt nicht seinesgleichen
-gibt. Und gar erst die Zähnchen: köstlich diese winzigen Gebilde,
-32 an Zahl, dolchspitz, scharfhöckerig; gleich den Schneiden der
-Schere passen sie aufeinander oben und unten, zum Zermalmen der
-harten Chitinpanzer, wie sie die Insekten tragen, geschaffen und zum
-Zerschneiden von Haut und Muskeln der kleinen Beutetiere geeignet.
-
-Aber die Waffe allein tut's nicht, die Spitzmäuse verstehen sie auch
-zu führen, und eine Tapferkeit, ja Todesverachtung steckt in diesem
-Pygmäengeschlecht, daß kein Wesen sicher vor ihnen wäre, wenn sie
-eben nicht zu den kleinsten Warmblütern gehörten. Wehe, wenn sich
-ein anderes Tier in das Bereich der Kleinen verirrt! Jede Maus wird
-angefallen und bald überwunden. Kampf auf Leben und Tod! Pardon geben,
-das kennen die Spitzmäuse nicht, und der Sieger frißt den Besiegten.
-Ein paar Wollfleckchen bleiben übrig, vielleicht auch das Schwänzchen.
-Die Zähne vermögen selbst die stärksten Knochen der Maus zu zerknacken.
-Erbitterte Kämpfe auch unter den Artgenossen, sogar unter den nächsten
-Blutsverwandten. Die Mutter beißt ihr Kind tot, das sie entwöhnt hat,
-wenn's wieder zu ihr zurückkehrt, und frißt es mit Stumpf und Stiel --
-nun wird's das Wiederkommen vergessen; der Gatte frißt die Gattin, die
-Geliebte den Freier, der Bruder den Bruder. Keins fühlt sich sicher vor
-seinen Genossen; es kommt nur darauf an, wer der Stärkere ist. Gewalt
-geht vor Recht.
-
-Auch ihre Wohnung hat sich die Spitzmaus meist mit Gewalt erobert, ein
-Mauseloch ist's. Der rechtmäßige Besitzer ist den Weg alles Fleisches
-gegangen und seine hoffnungsfrohe Kinderschar mit ihm. Oft genügt der
-Spitzmaus auch eine Höhlung im Wurzelgeflecht einer Buche, einer Eiche
-oder eine kleine Bodenvertiefung zwischen allerlei Pflanzenwust zur
-Aufnahme ihres Wochenbetts. Ende Mai, Anfang Juni ist die Kinderstube
-voll jungen Lebens: fünf bis zehn winzige Dinger, nackt und unbeholfen,
-blind noch und zahnlos. Piepend und winselnd suchen sie nach dem
-Milchquell, wenn die Alte sich sorgsam über die rosigen Körperchen
-legt. Dann herrscht Ruhe am häuslichen Herd; nur das saugende Atmen
-vernimmt die glückliche Mutter, bis schließlich eins nach dem andern
-die Zitze freigibt. Nun sind sie gesättigt und schlafen, und die Mutter
-kann auf kurze Zeit ihre Kinder verlassen, um für die eigne Nahrung zu
-sorgen.
-
-Nach vier Wochen schon wird sie von der kleinen Gesellschaft begleitet,
-meist gegen Abend, wenn die Sonne zur Rüste gegangen ist. Fürs helle
-Licht taugen die Äuglein nicht; da werden sie zugekniffen, daß sie
-vollständig im Samtfellchen verschwinden. Und selbst im Dunkel der
-Nacht folgen die Spitzmäuse gewiß nicht dem Auge, vielleicht auch nur
-selten dem Ohr; in dem Rüsselchen haben sie, was sie bedürfen, einen
-feinen Spürsinn und feinen Geruch, der Insekten und Würmer wittert
-und dem Jäger die geringsten Erschütterungen des Bodens verrät, die
-solch' kleine Beute verursacht. Die Spitzmäuse sind ausschließlich
-Fleischfresser; sie verhungern lieber, als daß sie irgendwelche
-Pflanzenkost anrühren. Und deshalb gehören sie für den Menschen zu den
-nützlichsten Tieren, zumal ihr Appetit außerordentlich groß ist. Hunger
-längere Zeit zu ertragen, wie etwa der Frosch es vermag, das ist einer
-Spitzmaus unmöglich. Wieviel Leben steckt aber auch in dem kleinen
-Warmblüter, mit dem Stumpfsinn des Lurchs nicht zu vergleichen!
-
-Selbst im kalten Winter sind die Spitzmäuse munter und guter Dinge;
-von einem regelrechten Winterschlaf wollen sie nichts wissen. Ja ich
-habe die kleine Gesellschaft nie so lebhaft gefunden, wie gerade in
-der kalten Jahreszeit. Da kommen die Spitzmäuse gern von den Feldern
-und Waldrändern herein nach den Ställen und Schuppen der Landwirte,
-huschen nach Mäuseart überall herum und suchen, wie sie ihren Hunger
-stillen. Im verborgenen Winkel zwischen dem Gebälk schlummert so manche
-Insektenpuppe, und mancher Falter hat sich hier zur langen Winterruhe
-zurückgezogen; Spinnen gibt's auch überall, und wenn man Glück hat,
-läuft einem auch ein Mäuschen über den Weg -- dann wehe dem kleinen
-Nager!
-
-Die Spitzmäuse haben wenig Freunde unter den Menschen. »Mäuse« sind's,
-denkt der Bauer und schlägt sie tot oder zertritt sie roh mit dem
-Stiefel. Da sind Spitz und auch der alte erfahrene Kater weit klüger,
-als ihr Herr und dessen ganze Familie. Spitzmäuse und Mäuse können
-die beiden gar wohl unterscheiden. Freilich der Kater läßt sich auch
-täuschen, doch nur im ersten Augenblick; er fängt die Spitzmaus wie
-jedes Mäuslein und beißt sie tot -- ein kurzer Aufschrei, dann ist
-alles vorbei. Aber statt die Beute zu fressen, läßt er sein Opfer
-unbeachtet liegen und wischt sich den Mund, als habe er etwas Unreines
-berührt. Und der Spitz? Er fährt wohl auch auf das samtige Tierchen
-los, aber er packt's nicht; denn der Moschusgeruch, den die Spitzmaus
-ausströmt, ist so stark, daß keine feine Hundenase dazu gehört, um
-zu erkennen, um wen sich's hier handelt. Einem anständigen Hund ist
-nichts widerlicher, als solch mit Moschusparfüm behaftetes Wildbret --
-pfui Pudel! denkt sich der Spitz. Selbst Fuchs, Iltis und Steinmarder
-mögen von der Spitzmaus nichts wissen, obgleich sie selbst doch
-auch nicht gerade nach Veilchen oder Maiglöckchen duften. Nur die
-gefiederten Mäusejäger, die Tagraubvögel, vor allem der Bussard, ebenso
-die nächtlichen Eulen sind nicht so empfindlich. Sie fragen nicht
-lange: ist's Spitz- oder Feldmaus? Mit ein paar Schnabelhieben wird
-die Beute getötet und zerteilt, oder sie schlucken das ganze Tierchen
-auf einmal hinunter, wie wir eine bittere Pille; da merkt man von dem
-Moschusgeruch und dem üblen Geschmack nur wenig.
-
- * * * * *
-
-Der Dritte im Bunde der Sippe ist ein ganz abenteuerlicher Gesell; er
-lebt unter der Erde, und nur in der Nacht erscheint er bisweilen an der
-Oberfläche: der _Maulwurf_. Ein Samtkleidchen hat er an, so fein und
-so weich wie die Spitzmaus. Das ganze Persönchen ist in dichten Pelz
-eingehüllt, an dem weder Nässe noch Erdkrümchen haften; nur die Pfoten,
-die Spitze des Rüssels und das letzte Ende des Schwänzchens schauen
-aus dem Samtfell hervor. Die Ohren liegen versteckt und ebenso die
-winzigen Äuglein. Der Plüschanzug kommt nie aus der Ordnung, mag sich
-sein Träger vor- oder rückwärts in dem dunklen Erdgang bewegen; denn es
-fehlt ihm der »Strich«, und nirgends zeigt sich ein »Wirbel«, wie sonst
-im Fell glatthaariger Tiere. Und wie schön ist die Färbung des Kleids,
-oft tiefschwarz mit fast metallischem Glanz, ins Stahlblau spiegelnd,
-oft bräunlich, bisweilen auch silbergrau oder gelblich; selbst weiße
-Maulwürfe finden sich, regelrechte Albinos, wenn auch nur selten. Und
-weiter, die Unterseite ist selbst zwischen den Beinen ebenso dicht
-behaart wie der Rücken und ebenso dunkel gefärbt.
-
-Heute zählt der Maulwurf gleich Marder und Hermelin mit zu den
-Pelztieren, eine Ehre, die Tausende schon mit dem Leben bezahlt haben.
-Aber wie klein sind die einzelnen Fellchen, eine mühsame Arbeit für den
-Kürschner! Doch die Leute bezahlen's, solange es die Mode gebietet.
-Und die Nachfrage nach diesem Pelzwerk war, wenigstens in den Jahren
-1919 und 20, so stark, daß damals märchenhafte Preise gezahlt wurden
--- 20, ja 25 Mark für solch winziges, noch nicht einmal zugerichtetes
-Fellchen! Ich hätte das Gesicht unsers alten Tobias vom Rittergut sehen
-mögen, wenn er das gehört hätte; die Pfeife wäre seinem zahnlosen Munde
-entfallen, und wie ein Kettenhund hätte er geheult, daß ihm sein Lebtag
-der Verwalter nie mehr als 12 Pfennige für einen Maulwurf bezahlt
-hat. Der Alte verstand seine Kunst. In die Laufröhre, gleich neben
-dem aufgestoßenen Erdhaufen, senkte er die Drahtschlinge, befestigte
-ganz lose das hölzerne Häkchen daran, das bei der geringsten Berührung
-heraussprang, bohrte den biegsamen Stock tief in die Erde und zog ihn
-mit einem Strick zu der klug ersonnenen Falle herab. Nun geht dir's ans
-Leben, du unterirdischer Wühler! Stößt du mit deinen Schaufelhänden nur
-ein wenig an den hinterlistigen Haken, gleich wippt die Schlinge empor
-und erwürgt bist du, noch ehe der Galgen wieder zur Ruhe gekommen ist.
-
-Als Kind habe ich oft dem Tobias in sein Handwerk gepfuscht und
-manche Falle zerstört; denn ich hatte es gelesen, was Bechstein und
-Lenz von dem Maulwurf erzählen, wie er ein gar nützliches Tier sei,
-da er Regenwürmer und Engerlinge verzehre, und nur Dummheit sei's,
-wenn man ihn töte. Diese Dummheit hatte sich vor ein paar Jahren
-zum Wahnsinn gesteigert: Tagediebe lauerten auf Feldern und Wiesen
-dem unterirdischen Gesellen auf; ja es gab Landwirte, die solchen
-Maulwurfsfängern ihren Grund und Boden geradezu als Jagdrevier gegen
-ein schönes Sümmchen verpachteten. Glaubt der Bauer wirklich, daß
-dieser Judaslohn hinreicht, den Schaden quitt zu machen, den das Heer
-der Regenwürmer und der Insektenlarven, die nun ungestört ihr Handwerk
-treiben können, der jungen Saat zufügt! In mancher Gegend hat dieser
-Unfug schon dazu geführt, daß die Maulwürfe selten geworden, ja hie und
-da bereits verschwunden sind. Die Maulwurfshaufen, über die du dich oft
-so geärgert hast, bist du los, dummer Bauer, aber ebenso deine besten
-Bundesgenossen im Kampfe gegen das Ungeziefer, das nun überhand nimmt.
-Zum Glück beginnt man bereits einzusehen, wie töricht es ist, den
-Maulwurf zu vertreiben. In Bayern hat man ein Gesetz zum Schutze dieses
-Insektenfressers geschaffen; in Sachsen freilich ist eine gleiche
-Gesetzesvorlage unter den Tisch des Hauses gefallen, hauptsächlich
-deshalb, weil die Mode sich von dem Pelzwerk wieder abgewandt hat, die
-Fellchen infolgedessen im Preise außerordentlich gefallen sind und so
-der Anreiz zur Maulwurfsjagd nicht mehr besteht.
-
-Auch der Nutzen des Maulwurfs wird von mancher Seite stark
-angezweifelt. Regenwürmer vertilgt er; Regenwürmer aber sind nützliche
-Tiere, die den Boden düngen, lockern und durchlüften. Gewiß, wo aber
-diese Würmer allzu zahlreich austreten, da richten sie doch recht
-merkbaren Schaden an der Saat an, indem sie die jungen Pflänzchen
-massenhaft hinab in ihr unterirdisches Reich ziehen und dann von
-den verwesenden Stoffen leben. Aber der Maulwurf frißt nicht nur
-Regenwürmer, sondern er stellt auch den Engerlingen, diesen schlimmen
-Gesellen, nach. Er folgt ihnen selbst in ihre tiefer gelegenen
-Schlupfwinkel, wohin sie sich in der kalten Jahreszeit zurückziehen.
-Denn zu den Winterschläfern gehört der Maulwurf ebensowenig wie die
-Spitzmaus. Tag für Tag, selbst wenn bitterer Frost die oberste Schicht
-der Erde in Bann hält und der Bauer denkt, es ist draußen alles Leben
-erstorben, arbeitet der unterirdische Wühler unermüdlich zum Nutzen des
-Landmanns, der ihm seine verborgene Tätigkeit nur allzuoft mit Undank
-vergilt. Auch bei lang anhaltender Trockenheit im Sommer, wenn die
-Engerlinge und andre Insektenlarven sich tiefer in die Erde eingraben,
-verlegt der Maulwurf seine Jagdgründe dahin. Es wird behauptet,
-daß er für die Zeit der Not auch Nahrungsspeicher einrichte, wie
-weiland Joseph in Ägypten in den sieben fetten Jahren, gewissermaßen
-Regenwurmmagazine, eingebaut in die Wandungen seiner unterirdischen
-Gänge. Weil er aber tote Tiere nicht gern frißt, sondern allezeit
-frisches Fleisch haben will, so bringe er den Würmern nur einen Biß
-bei, der die Ganglienkette zerstöre, so daß sie nicht recht sterben
-und nicht recht leben, auf keinen Fall aber entfliehen können. Man
-will Hunderte von Würmern in ganzen Haufen beieinander gefunden haben,
-denen ihr Feind die vorderen Ringe des Körpers, namentlich den sog.
-»Kopflappen«, aufgerissen habe. Und vielleicht sei es weniger der Biß
-selbst, als der Speichel des Maulwurfs, der die Lähmung der Würmer
-verursache.
-
-Das Nahrungsbedürfnis unseres Insektenfressers ist, wie das aller
-kleinen Warmblüter, außerordentlich groß, und deshalb kann sein Nutzen
-nach dieser Richtung hin nicht hoch genug angeschlagen werden. Außerdem
-durchlüften seine Gänge den Boden, was den Pflanzen zum Vorteil
-gereicht. Die Erdhaufen, die er auf den Wiesen aufwirft, wird man ihm
-leicht verzeihen können; mit dem Rechen läßt sich alles schnell in
-Ordnung bringen. Und wenn auch durch die unterirdischen Wühlereien
-ein paar Saatpflänzchen gelockert werden oder das Gras der Wiese
-über dem einen oder andern Reviergang des Insektenjägers nicht recht
-gedeihen will, weil die Wurzeln bloßgelegt sind, so wird das nicht viel
-bedeuten. Nur im Ziergarten kann man den Maulwurf nicht dulden; aber
-nach Falle und Galgen braucht man nicht gleich zu greifen. Es gibt
-andre Mittel, durch die er sich leicht vertreiben läßt. Mit Petroleum
-getränkte Lappen oder Heringsköpfe kann er nicht erriechen; parfümiert
-man seine Gänge damit, so vergrämt man den Maulwurf. Noch sicherer ist
-es, um kleine Blumenbeete Dornen oder Glassplitter ein bis zwei Fuß
-tief einzugraben; sein empfindlicher Rüssel ist ihm zu lieb, als daß er
-ihn sich an solchen Dingen verletzen ließ.
-
-Die Wohnung des Maulwurfs, eine kesselförmige Höhlung, liegt etwa einen
-halben bis dreiviertel Meter unter der Erde, an einer Stelle zumeist,
-die schwer zugänglich ist, z. B. unter dem Schutz einer Mauer, eines
-Erdhaufens oder dichten Wurzelgeflechts. Mit Laub, Moos, Stroh ist die
-Höhle gepolstert; denn sie dient nicht nur zur Wohn-, sondern auch zur
-Schlaf- und bisweilen zur Wochenstube. Von dem Kessel aus erstrecken
-sich strahlenförmig nach allen Richtungen mehrere Gänge, die meistens
-wieder untereinander durch einen Rundgang verbunden sind. Diese Gänge
-vereinigen sich in einiger Entfernung zu einer Laufröhre, die nach
-dem Jagdgebiet führt. Auch vom Boden des Kessels senkt sich ein Gang
-in die Tiefe, um jedoch bald wieder aufzusteigen und gleichfalls jene
-Laufröhre zu erreichen. Die Wände der Röhren sind sorgfältig und sauber
-geglättet; denn der Hohlraum wird hier weniger dadurch gewonnen, daß
-der Maulwurf Erde auf die Oberfläche befördert, sondern dadurch, daß er
-mit seinem walzenförmigen Körper den lockeren Boden zusammendrückt.
-
-Die sog. Maulwurfshaufen sind in der Regel auf das Jagdgebiet
-beschränkt, das oftmals 60 oder 80 ~m~ vom Wohnkessel entfernt liegt.
-Dieses Revier durchwühlt der Maulwurf nach allen Richtungen hin
-gründlich. Täglich baut er neue Gänge, wobei er die Erdmassen mit
-Nacken und Hals an die Oberfläche befördert. Wenn er »aufstößt«, bleibt
-er aber in weiser Vorsicht immer noch etwas unter der Erde. Trotzdem
-wird er bei dieser Tätigkeit nicht selten von einem Feind überrascht
-und gepackt, vom Fox, der schnell seine Schnauze in die lockere Erde
-stößt, oder vom Storch, der mit dem Bajonettschnabel tief in den
-aufgeworfenen Haufen sticht. Auch der alte »Tobias« hat so manchem
-Maulwurf schon aufgelauert, wenn er gerade aufstößt, was dreimal am
-Tage, früh, mittags und abends, mit genauer Zeiteinteilung geschehen
-soll. Schnell das Grabscheit in die Erde stoßen und herauswerfen, was
-es gefaßt hat! Der überlistete Wühler fliegt mit in die Luft und ist
-dann verloren.
-
-Wer noch nie junge Maulwürfe gesehen hat, der kann sich kaum eine
-Vorstellung davon machen, wie spaßhaft diese winzigen Wesen aussehen.
-Sie sind, eben geboren, nicht viel größer als eine weiße Bohne,
-nackt, ganz unbehilflich, alle Glieder unfertig, Schweinsembryonen zu
-vergleichen. Dabei sind sie dick und wohlgenährt, rundlich, und die
-fein gefaltete Haut ist trotzdem auf Zuwachs der Leibesfülle berechnet.
-Nach zehn Tagen etwa sind die Körperchen mit zartem Flaum überzogen,
-durch den die rosige Haut aber noch immer durchschimmert, bis sich
-die Haare zu dem weichsten Samtfellchen schließen. Noch zwei Wochen
-vergehen, dann werden die Kleinen allmählich entwöhnt; Regenwürmer
-und allerlei Kerbtiere trägt die Mutter herbei und verfüttert sie
-stückweise an ihre Kinder. Droht eine Gefahr, so gräbt sie in Eile
-eine andere Höhle und trägt ihre Jungen im Maule dahin. Namentlich
-Hochwassergefahr, aber auch die Nachstellungen anderer Maulwürfe, den
-Vater nicht ausgenommen, veranlassen die Mutter zu solcher Fürsorge.
-Nach vieler Mühe sind die Jungen endlich so weit, daß sie der Alten auf
-ihren Pirschgängen folgen können, bis sich schließlich eins nach dem
-andern von der Familie trennt und nun ein selbständiges Leben beginnt.
-Noch ein zweites Mal wirft die Mutter vier oder fünf Junge, die aber
-erst im kommenden Frühjahr einen eigenen Hausstand gründen.
-
-Es gibt kaum ein anderes Säugetier, dessen Körperbau sich den
-Verhältnissen, unter denen es lebt, so vollkommen angepaßt hat, wie der
-Maulwurf. Oder richtiger: beim Maulwurf läßt sich die Übereinstimmung
-des äußeren und inneren Baus mit der Lebensweise so deutlich erkennen,
-wie wohl bei keinem andern Säugetier. Zur unterirdischen Wühlarbeit hat
-die Natur den Maulwurf bestimmt, und nur unter diesem Gesichtspunkt
-wird sein seltsamer Körperbau verständlich. Die Vorderfüße sind
-zu wirklichen Händen umgebildet worden mit fünf Fingern, an denen
-krallenartige Schaufelnägel sitzen. Sie stehen seitwärts am Körper,
-die Handfläche nach hinten, der kleine Finger nach oben gerichtet.
-Ihr Arbeitsradius reicht beiderseits so weit, daß der walzenförmige
-Leib des Tieres in dem gegrabenen Tunnel gerade Platz findet. Kräftig
-sind jene Schaufeln gebaut; ihr kurzer Stiel, den Ober- und Unterarm
-darstellend, ist ganz im Körper verborgen. Starke Muskeln treten
-von dem gekielten Brustbein an die Knochenwülste der Arme heran und
-vermitteln diesen die Kraft, die schwere Arbeit zu leisten. Die
-Hintergliedmaßen sind viel schwächer; sie haben den Körper nur vorwärts
-zu schieben und zeigen deshalb gewöhnliche Füße mit Zehen und Sohlen,
-wie sie auch Igel und Spitzmäuse besitzen. Auffallend stabartig
-gebildet sind Hüft- und Sitzbeine; sie legen sich der Wirbelsäule an
-und steifen sie, um das Vorwärtsschieben der lebendigen Bohrmaschine zu
-erleichtern.
-
-Daß auch die winzigen Äuglein, nicht größer als ein Stecknadelkopf,
-zu dem unterirdischen Leben passen, liegt auf der Hand. Im Dunkel der
-Erde sind sie ganz überflüssig, und wenn auch der Maulwurf in der
-Nacht aus seiner Grube hervorkommt, so genügt es ihm wohl, hell und
-dunkel unterscheiden zu können. Mehr braucht er nicht; das Geruchsorgan
-und der feine Tastsinn seines Rüssels verraten ihm, was er zu wissen
-bedarf. Die Ohrmuscheln fehlen völlig. Sie würden als Fangtrichter für
-Erdkrümchen nur hinderlich sein; auch leitet der Boden die Schallwellen
-weit besser als Luft. Noch manche andere Anpassungen lassen sich
-auffinden: die Halswirbel, die einander teilweise überdecken; es kommt
-ja nicht auf Beweglichkeit, sondern im Gegenteil auf eine gewisse
-Starrheit dieses Körperteils bei der Minierarbeit an; die Hautfalte
-der Oberlippe, die sich an die Unterlippe fest anlegt und den Mund
-vollkommen abschließt, daß auch den feinsten Erdteilchen der Eintritt
-gewehrt wird; eine Hautfalte an der Ohröffnung, die demselben Zweck
-dient usw.
-
-Man wird zugeben, daß der Maulwurf in seiner ganzen Erscheinung
-ein besonders interessantes Tier unserer Heimat ist, dazu eins der
-nützlichsten Geschöpfe, zugleich aber auch ein volkstümliches Tier, von
-dem manche Fabel zu berichten weiß. Ich erinnere nur an den »Weißen
-Maulwurf« von Otto Julius Bierbaum, dem die Ehre ward, daß man ihn im
-Maulwurfs-Pantheon beisetzte, oder an den Maulwurf G. A. Bürgers, dem
-alle Tugend nichts half; der Gärtner schlug ihn tot, weil er die schön
-geebneten Blumenbeete durch seinen Aufwurf verunziert hatte.
-
-Kurzsichtig, töricht und vor allem undankbar ist der Mensch. Wieviel
-Feinde haben doch gerade die nützlichsten Tiere! _Igel_, _Spitzmaus_,
-_Maulwurf_, ein Kleeblatt, an dem jeder seine Freude haben sollte! Ich
-möchte all meinen Lesern die Samtfellchen Maulwurf und Spitzmaus, ganz
-besonders aber auch meinen Liebling, den stachelborstigen Igel, recht
-fest an das tierfreundliche Herz drücken. Möge nie die Zeit kommen, wo
-eins von diesen Dreien durch Unverstand und Roheit aus unsrer Heimat
-verdrängt sein sollte!
-
-
-
-
-Vogelnester
-
-
-Von jeher hat die Bautätigkeit der Tiere die Aufmerksamkeit des
-Menschen in hohem Grade auf sich gelenkt. Besonders zwei Tiergruppen
-sind es, die Insekten und die Vögel, denen wir in dieser Beziehung
-die höchste Bewunderung zollen müssen. Während aber bei jenen nur
-eine verhältnismäßig geringe Zahl sich durch allerdings staunenswerte
-Baukunst auszeichnet, verstehen es die meisten Vögel mehr oder weniger
-kunstvolle Nester zu errichten. Grundverschieden sind diese nach
-Bauart, Form und Material; ja sogar der einzelne Vogel derselben Art
-baut bisweilen ganz abweichend -- bald frei in luftige Höhe, bald auf
-den Boden, bald ins Dunkel einer Höhle -- immer aber versteht er es,
-sein Nest in vollendeter Weise der Umgebung wie seinen Bedürfnissen
-anzupassen, so daß jeder Architekt von dem kleinen Vogel lernen könnte.
-
-In der freien Natur gibt es wohl keinen Platz, der diesem oder jenem
-Vogel nicht willkommen wäre, keine Örtlichkeit, die nicht Zeuge des
-lieblichsten Familienlebens werden könnte. Unsre kleinen Sänger
-vertrauen ihre niedlichen Nester dem Zweigwerk von Baum und Strauch
-an; sie schlüpfen durch ein Astloch des Obstbaums oder stellen ihr
-Nest ins Gestrüpp und dürre Laub auf den Boden. Raubvögel bauen meist
-auf Felsen und hohen Bäumen; sie sind stark genug, freistehende
-Horste verteidigen zu können. Auch andere große Vögel verhalten
-sich ähnlich: Reiher, Störche, selbst Raben, Krähen und Elstern. Die
-Rebhühner, Trappen, Lerchen und andere Feldbewohner brüten am Boden;
-die Spechte, diese echtesten Baumvögel, meißeln sich eine Höhle in den
-Baumstamm, die später auch von andern Höhlenbrütern benutzt wird. Die
-Sumpfvögel bauen auf den Boden am Rande des Wassers, die Wasservögel
-ins Röhricht von Fluß und See; die Lappentaucher errichten nicht
-selten ein freischwimmendes Nest. Strandvögel vertrauen Eier und Brut
-dem flachen Kies oder der steilen Klippe an, wo die Woge brandet. Die
-lichtscheuen Eulen brüten an dunklen Orten, in Fels- und Mauerspalten,
-in Baumhöhlen; der winzige Zaunkönig wählt für sein kugliges
-Nestchen irgendeinen der tausend Schlupfwinkel seines Reviers, ein
-Wurzelgeflecht, das Mauerloch einer Brücke, Lücken in einer Waldhütte,
-einer Holzklafter usw.
-
-Aber es gibt auch Ausnahmen, die wir Menschen uns nicht so einfach
-zusammenreimen können. So brüten Rohr- und Kornweihe, diese
-fluggewandten Räuber, auf dem Boden; der Fischer Kormoran errichtet
-seinen ungefügen Bau auf hohen Bäumen, nicht selten auch manche
-Wildentenart; so brütet die Schellente bei uns mit Vorliebe in
-Asthöhlen, oft recht hoch über dem Boden, und die Stockente hat
-sich schon Elsternhorste als Kinderstube gewählt. Der weiße Storch
-sucht den Schutz des Menschen auf, desgleichen die Haus- und die
-Rauchschwalbe, während deren Base, die Uferschwalbe, obwohl sie im
-übrigen ähnliche Lebensweise führt, in steile Lehm- und Erdwände Röhren
-gräbt, einen Meter tief und darüber. Wer würde es dem farbenprächtigen
-Eisvogel ansehen, daß er gleichfalls ins unterirdische Dunkel eines
-selbstgegrabenen Stollens schlüpft, um seine Jungen zu ätzen, wer der
-Hohltaube, daß sie ihr Zwillingspärchen in einem Astloch aufzieht oder
-in einer verlassenen Spechtshöhle, während doch Ringel- und Turteltaube
-freistehende Nester bauen! Warum errichtet der Gartenlaubvogel die
-Wiege seiner Jungen in der Astgabel niedriger Bäume, alle andern
-Laubvögel aber am Boden oder unmittelbar darüber, in der Vertiefung
-eines alten Baumstocks u. dgl.? Warum dort ein offenes Nest, hier aber
-ein kugelförmiges mit engem Eingang, geformt wie ein Backofen? Ja, wer
-es wüßte!
-
-Strenger noch als an einer bestimmten Örtlichkeit hält jeder Vogel
-an der Wahl gewisser Niststoffe fest. Kein Goldammer verzichtet auf
-Pferdehaare oder Schweinsborsten; keine Entenart brütet die Eier aus,
-ohne mit zartem Flaum das Innere des Nestes auszupolstern. Krähen und
-Elstern tragen Erde und kleine Rasenstücke in ihren Horst; Amsel und
-Ziemer verbinden die eigentlichen Niststoffe mit Lehm und mit feuchter
-Erde, wodurch das unförmliche Nest oft außerordentlich schwer wird,
-während ihre Verwandte, die Singdrossel, fein zerkleinerten Holzmull,
-den sie mit Speichel vermischt, gleichmäßig und glatt über die
-Innenwand ihres saubern Baues streicht. Feuchte Erdklümpchen benutzt
-die Hausschwalbe, zartes Moos der Zaunkönig; dürres Laub bildet die
-Grundlage für das Nest der Nachtigall; Flechten und Insektengespinst
-verwenden Buchfink und Goldhähnchen -- kurz, jeder Vogel hat eine
-ausgesprochene Vorliebe für ganz bestimmte Stoffe, und nur im Notfall
-einmal wird er sie durch ähnliche Dinge ersetzen.
-
-Wie sich die besondere Nistweise, an der die einzelne Art mehr oder
-weniger festhält, bis zu der gegenwärtigen Musterform entwickelt
-hat, ist eine offene Frage. Wir wissen nicht einmal, sind die
-bodenständigen Nester oder die in den Zweigen der Bäume erbauten als
-die ursprünglicheren anzusehen; nimmt der Vogel, der in Höhlen brütet,
-eine tiefere Stufe ein als der sogenannte Freibrüter, oder lassen uns
-nicht gerade viele Höhlenbewohner, die ihr oft recht hübsch gebautes
-Nestchen in ein Astloch, eine Mauerspalte stellen, vermuten, daß sie
-ehemals Freibrüter waren, aber um die Sicherheit für Eier und Junge
-zu erhöhen, zu dieser vollkommeneren Methode fortgeschritten sind?
-Wenn wir im folgenden einige besonders eigenartige Vogelbrutstätten
-betrachten wollen, und zwar in der Anordnung, daß wir von den scheinbar
-einfachsten Verhältnissen ausgehen und uns zu immer kunstvollerer
-Bauweise wenden, so möchten wir doch keineswegs damit behaupten, daß
-dieser Gang nun auch wirklich der natürlichen Entwicklung der bei den
-Vögeln geübten Baukunst entspreche.
-
-Einzelne Vögel begnügen sich mit der einfachen Reptilienmethode, indem
-sie ohne weitere Fürsorge ihre Eier auf den Boden legen. So vertrauen
-die meisten Strandläufer, viele Schnepfenvögel, Seeschwalben, manche
-Möwen die Eier dem bloßen Kies an oder der kurzen Grasnarbe, ohne
-daran zu denken, ein wirkliches Nest zu bauen. Auch die Nachtschwalbe
-kennt ein solches nicht; auf plattem Boden brütet sie ihre beiden Eier
-aus, oder auf dichtem Heidekrautgestrüpp, auf dem Moos eines niedrigen
-Baumstocks u. dgl.
-
-Bei sehr vielen Höhlenbrütern kann man gleichfalls nicht von wirklichem
-Nestbau reden; sie begnügen sich damit, die Eier ohne besondere
-Unterlage einem Mauerloch, einer Felsenspalte oder einer Baumhöhle
-anzuvertrauen. Die natürliche Hohlform hält Eier und Wärme zusammen;
-ein wenig Erde oder Holzmull findet sich fast in jedem solchen Raume,
-wodurch den Eiern wenigstens ein leidlich weiches Lager wird, und der
-Schutz für den brütenden Vogel wie für die Brut ist doch ungleich
-höher hier in der dunklen Höhle als draußen im Freien. Spechte, der
-Wendehals, manche Eulen, die Hohltauben, der Wiedehopf u. v. a. brüten
-in dieser Art, die indessen nur einen kleinen Fortschritt bedeutet im
-Vergleich mit der einfachen Nistweise der Nachtschwalbe. Natürliche
-Bodenvertiefungen, die dem Körper des Vogels mehr oder weniger angepaßt
-waren, Verstecke im Pflanzengestrüpp und ausgefaulte Löcher im
-Baumstumpf mögen die Verbindungsglieder gewesen sein.
-
-Etwas mehr Sorgfalt zeigen unsre Rebhühner, Trappen, manche
-Seeschwalben, Möwen, Rallen u. v. a. Sie scharren eine seichte
-Vertiefung in den Boden, knicken Stengel und Halme um oder bilden durch
-häufiges Drehen des Körpers eine geeignete Stelle, die sie nun mit ein
-paar trocknen Gräsern oberflächlich ein wenig auspolstern. Wozu sollten
-auch die Jungen, z. B. die des Rebhuhns, eines künstlichen warmen
-Nestes bedürfen? Sobald die Eihülle gesprengt und der Flaum getrocknet
-ist, laufen sie ja doch davon, um vielleicht nie wieder an den Ort
-zurückzukehren, wo sie das Licht der Welt erblickt haben. Vögel, deren
-Junge längere Zeit im Neste verbleiben, sogenannte »Nesthocker«,
-verwenden stets mehr Fleiß auf die Niststelle; doch verdient diese bei
-vielen, die auf dem Boden oder in Höhlen brüten, noch kaum den Namen
-eines eigentlichen Nestes. Die Feldlerchen z. B. suchen sich eine
-kleine Vertiefung zwischen Erdschollen oder im Grase, erweitern und
-runden sie nach Bedarf und tragen nun Stoppeln, Halme, zarte Wurzeln
-zusammen. Mit ihrem Körper formen sie alles zu einem tiefen Napf, den
-sie schließlich noch mit einzelnen Pferdehaaren u. dgl. auspolstern.
-Unsre niedlichen Blaumeisen begnügen sich, falls die Höhle, die sie
-gewählt haben, sehr eng ist, mit einem recht einfachen Bau: feine
-Brocken faulenden Holzes, darüber ein paar Federn und Haare, das ist
-alles. In weiten Hohlräumen aber sorgen sie für eine dichte Unterlage
-und für ein weiches Haar- und Federpolster. Ähnlich verhalten sich auch
-die andern Meisen mit Ausnahme der Schwanzmeisen.
-
-Einen Fortschritt zeigen schon die sogenannten »Halbhöhlenbrüter«,
-welche für die Wiege ihrer Jungen irgendeinen Winkel wählen, wie
-Hausrotschwanz, grauer Fliegenschnäpper, weiße Bachstelze u. a.;
-auch das Rotkehlchen gehört hierher, das sich ein Versteck in einem
-ausgefaulten Baumstumpf, zwischen Wurzelgeflecht, eine weite Erdhöhle
-u. dgl. aussucht. Sein Nest stellt ein lockeres, kunstloses Gewebe dar,
-meist auf einer Grundlage dürren Laubes. Beim Hausrotschwänzchen kann
-man es genau beobachten, um wieviel vollkommener der Vogel baut, wenn
-er das Nest auf einen freien, nur von oben geschützten Balkenkopf oder
-hinter einen Dachsparren stellt, als wenn er sich ins Halbdunkel einer
-Höhle zurückzieht. Hier nur eine ungeordnete Anhäufung von Niststoffen,
-dort aber ein dichtes Gewebe mit sorgfältig gepolsterter Aushöhlung
-eines zierlichen Napfes.
-
-Wirkliche Kunstbauten finden wir jedoch erst bei den sogenannten
-Freibrütern, und zwar besonders bei denjenigen, die sich losgemacht
-haben von der Scholle des Bodens und im Astwerk von Baum und Strauch
-oder am Schilfhalm ein lustiges Nest bauen. Doch dürfen wir auch
-manchen Höhlenbrütern, wie den Baumläufern, dem Star, Gartenrotschwanz,
-Trauerfliegenfänger, eine gewisse Fertigkeit nicht absprechen. Nach
-unsrer Meinung stellten diese Vögel, wie wir schon angedeutet haben,
-ehemals freistehende Nester her; die seit alters geübte Bauweise
-pflegen sie aber auch heute noch weiter, trotz der veränderten
-Verhältnisse, nur daß sie dabei weniger sorgfältig verfahren. Man
-vergleiche z. B. das Nest der Spechtmeise, die sich ein Astloch
-erwählt, mit dem Bau der freibrütenden Schwanzmeise, einem der
-kleinsten Vögelchen unsrer Heimat. Bei jener eine schlechte Unterlage
-aus lockern Stückchen von Buchen- und Eichenblättern oder ein Wulst
-dünner Schalen der Kiefernrinde; das Nest der Schwanzmeise dagegen
-ein Kunstbau, kugelförmig, mit einem Schlupfloch, zusammengefilzt
-aus Astmoosen, Baumflechten, Birkenschalen, Schuppen der Eichenrinde
-und Haaren, überkleidet mit Spinnen- und Raupengespinst, innen aber
-ausgefüttert mit Federn und Wolle. Überhaupt zeichnen sich die
-kleinsten der kleinen Baumeister durch höchste Kunstfertigkeit aus.
-Hoch in die herabhängenden Zweigenden einer Fichte oder Tanne hat das
-winzige Goldhähnchen sein beinahe kugelförmiges Nestchen aufgehängt. In
-die ziemlich glatte Außenwand sind die Spitzen der dünnen Triebe des
-Nadelbaums geschickt eingeflochten, daß der kleine Bau frei in der Luft
-schwebt; oben führt eine enge Öffnung ins Innere, das mit wärmenden
-Federchen dicht ausgekleidet ist. Oder das Nest des Zaunkönigs: außen
-nicht selten ein wüster Haufen von Stengeln, Wurzeln und Blättern,
-innen aber eine dicht gefilzte Lage von grünem Moos, auf welche
-schließlich das weiche Federpolster folgt.
-
-Auch die Finkenvögel bauen sehr hübsche Nester, an erster Stelle unser
-frohschmetternder Buchfink. Hier steht ein solches auf dem hohen Stumpf
-eines Fliederstrauchs, dessen Fortsetzung es nach Stellung und Form zu
-bilden scheint; aufs peinlichste ist es mit Lebermoosen überzogen, wie
-sie der Stamm trägt, und mit kleinen braunen Rindenstückchen beklebt,
-wie sie am Boden liegen. Dadurch, daß der Vogel die Niststoffe aus
-der Umgebung nimmt, paßt er das Nest dieser gewöhnlich aufs schönste
-an, wodurch die Sicherheit erhöht wird. Ob dabei bisweilen auch kluge
-Berechnung eine Rolle spielt, möchte ich nicht entscheiden. Ich habe
-Finkennester gefunden, in deren Wand Fetzen weißen Papiers sehr
-geschickt eingewebt waren -- sie standen auf weißstämmigen Birken --,
-ein Nest des Zaunkönigs, das durch Verwendung grauen Mooses und grauer
-Algen die Farbe der granitenen Brücke täuschend nachahmte, unter die
-es gebaut war, und ein andres, dessen grüner Moosüberzug mit dem Grün
-seiner Umgebung vollkommen übereinstimmte. Vielleicht ist es so, daß
-der Vogel durch einen auffallenden Farbengegensatz des Nestes mit
-dessen Umgebung unangenehm berührt wird und ohne viel Nachdenken die
-Stoffe wählt, die in der Farbe zu der unmittelbaren Nachbarschaft
-des Nestes passen. Ich entsinne mich aber auch einiger Nester, wo
-von solcher Übereinstimmung nicht die Rede sein konnte; so hatte
-ein Schwanzmeisenpärchen ein ganz lichtes, aus heller Baumrinde und
-Laubmoosen gefilztes Nest in das dunkle Grün einer Jungfichte gestellt,
-daß es weithin erkennbar war.
-
-Ein sehr zierliches Nest bauen auch die Rohrsänger. Von ein paar
-Schilfstengeln, die in die Wandungen eingewebt sind, wird der
-kegelförmige Bau getragen, die Spitze nach unten. Gespaltene
-Schilfblätter, schmales Gras und biegsame Halme bilden die kunstvoll
-geflochtene Wandung, in der jede Lücke mit Pflanzenwolle verstopft
-ist, namentlich von der Weide. An allen Bewegungen der Halme nimmt der
-luftige Bau teil, wenn der Wind durchs Schilf saust und die Spitzen
-hinabbiegt bis in die Wellen des Teichs; aber der Napf ist so tief, daß
-die Eier so leicht nicht herausfallen.
-
-Freilich gibt es auch unter unsern kleinen Sängern einige, die recht
-liederlich bauen. Das gilt z. B. von unsern Grasmücken. Ich habe
-Nester der kleinen Zaungrasmücke gefunden, deren Boden so locker
-gewebt war, daß man kaum begreift, wie sie die Wärme zusammenhalten
-können. Noch weniger dicht sind die sehr flachen Nester der Ringeltaube
-gebaut; nicht selten sieht man die weißen Eier zwischen den Lücken
-hindurchleuchten. Ja, es kommt vor, daß sie unter dem brütenden Vogel
-durch den Boden fallen, so daß ich glaube, die Ringeltaube ist erst
-nachträglich zum Freibrüter geworden, während sie früher, wie Hohl- und
-Felsentaube noch heute, in Höhlungen brütete.
-
-Gleich der Ringeltaube verwenden fast alle größeren Vögel stärkere
-oder dünnere Reiser für die äußere Wandung, wie dies das Nest des
-Eichelhähers zeigt, oder die kleinen Horste der Elstern und Krähen und
-die bisweilen gar gewaltigen Reisighaufen, welche Raubvögel, Reiher
-und Störche zusammenschleppen. Solch ein Adlerhorst, ich denke an den
-eines Fischadlers, der auf dem vertrockneten Wipfel einer uralten
-Eiche stand, ist einer mächtigen Stammburg zu vergleichen. Nicht das
-Paar, das jetzt droben haust, hat den riesigen, fast mannshohen Bau
-gegründet, sondern vielleicht seine Großeltern vor vielen Jahren.
-In jedem Frühling wird das Schloß der Väter von neuem bezogen und
-mit frischen Baustoffen belegt und ausgebessert; in seinen untern
-Schichten, gewissermaßen in den Kellerwohnungen, haben sich ein paar
-Meisen häuslich niedergelassen, wie ja auch in der Wandung alter
-Storchnester, die gleichfalls alljährlich von unsern Hausfreunden
-wieder bezogen werden, nicht selten Meister Spatz seine zahlreiche
-Nachkommenschaft großzieht. Verlassene Raubvogel- und Krähenhorste
-dienen übrigens manchen Vögeln zur willkommenen Wohnung; am häufigsten
-scheinen Waldohreule und Turmfalke von solch herrenlosem Eigentum
-Besitz zu nehmen.
-
-Zu den hübschesten Nestern unsrer Heimat gehört das des gelbschwarzen
-Pfingstvogels, des Pirols. Freischwebend hängt es, einem Klingelbeutel
-vergleichbar, zwischen den Enden einer Astgabel; aus Bast, Halmen,
-Wollfäden, Oberhäutchen der Birkenrinde, feinen Hobelspänen u. dgl.
-ist es gar zierlich gewoben. Man begreift nicht, wie es dem Schnabel
-im Verein mit den Zehen möglich ist, aus dünnen Fasern solch feines,
-braungelbliches Gewebe herzustellen.
-
-Von den Zimmerleuten unsrer Wälder, den Spechten, war schon die
-Rede; auch der Wendehals und manche Meisenarten verstehen sich auf
-dies Handwerk, insofern sie vorhandene Höhlen nach ihrem Bedürfnis
-vergrößern. Ähnlich ist die Tätigkeit der Minierarbeiter; nur haben
-es diese nicht mit Holz, sondern mit Lehm, Sand oder Erde zu tun,
-wie die Uferschwalbe, der Eisvogel und der ebenso farbenprächtige
-Bienenfresser, der freilich unsrer Heimat fehlt, den ich aber an
-manchen Gewässern Südungarns beobachten konnte.
-
-Mit Lehm und mit Erde arbeiten ferner die Maurer, zu denen unsre
-Schwälbchen gehören. Unterhaltend ist es, den emsigen Tierchen
-zuzuschauen. Zuerst werden feuchte Klümpchen -- meist ist es Straßenkot
--- eins neben das andre in flachem Bogen an die Baustelle geklebt;
-dann ruht die Arbeit bis zum nächsten Morgen. Ist jetzt das Mauerwerk
-völlig trocken, so wird eine zweite Lage von Erdklümpchen so angesetzt,
-daß sie die erste Schicht überragt; am dritten Morgen wird in gleicher
-Weise fortgefahren. Schon geht die Arbeit leichter von statten, denn
-die Vögelchen brauchen sich nicht mehr an der Hauswand anzuklammern,
-sondern können auf dem bereits gemauerten fingerbreiten Rand Fuß
-fassen. Schicht folgt auf Schicht, wobei auch einige Halme, Borsten,
-Haare mit eingeklebt werden. Nach zwei Wochen etwa ist das kugelrunde
-Nestchen der Hausschwalbe oder das halbkugelförmige der Rauchschwalbe
-fertig; es bedarf nur noch der Auspolsterung mit Federn und Haaren.
-
-Auch die Spechtmeise versteht sich auf Mörtel und Kitt; ist das
-Eingangsloch zur Baumhöhle, in der sie ihr kunstloses Nest erbaut, zu
-weit, so vermauert sie es ringsum mit eingespeichelten Lehmklümpchen,
-daß dem Eichhörnchen und andern Räubern der Zugang gewehrt wird.
-
-Im allgemeinen beteiligen sich Männchen und Weibchen am Nestbau; sehr
-oft beschränkt sich aber die Tätigkeit des Männchens auf das Aufsuchen
-und Herbeitragen der Niststoffe, während das Weibchen gewöhnlich die
-eigentliche Künstlerin ist. Wer beispielsweise den Pirol oder den
-Buchfink, bei denen sich die Geschlechter leicht unterscheiden lassen,
-belauscht, wie Männchen und Weibchen gemeinsam das Nest bauen, wird
-diese Verteilung der Arbeit bestätigen können.
-
-Das Nest ist für den Vogel weit weniger ein Wohnhaus, als man
-gewöhnlich annimmt; zunächst dient es nur den Zwecken der
-Fortpflanzung, und bloß gelegentlich benutzt es das Elternpaar, bei
-ungünstiger Witterung darin Schutz zu finden. Auch die Nacht verbringt
-der Vogel, abgesehen vom brütenden oder die Jungen wärmenden Weibchen,
-meist nur in der Nähe der Niststelle. Manche bauen sich auch besondere
-Schlafnester, so der Zaunkönig; andere wieder sog. Spielnester,
-indem sie, wie die Grasmücken, hier und da mit dem Nestbau beginnen,
-ihn aber bald wieder einstellen, um an anderer Stelle von neuem zu
-probieren. Namentlich die Männchen können es im Frühjahr oft gar nicht
-erwarten, daß ihr Weibchen nun endlich mit dem Nestbau Ernst mache,
-und sie tragen deshalb allerlei Baustoffe ins Gezweig, um die Gattin
-aufzufordern: nun ist es Zeit.
-
-Nicht genug staunen kann man über die peinliche Reinlichkeit der
-meisten Nester -- »ein schlechter Vogel, der sein Nest beschmutzt«. Den
-Kot der Jungen tragen die Höhlenbrüter im Schnabel fort, und bei den
-Freibrütern -- ich denke an Schwalben, Störche u. a. -- lernen es die
-Kleinen sehr bald, ihre Kehrseite so zu wenden, daß der Kot über den
-Nestrand befördert wird.
-
-Das ganze Leben und Treiben unsrer kleinen Sänger spielt sich während
-ihres kurzen Aufenthalts in der nördlichen Heimat am Nest und in dessen
-nächster Umgebung ab, bis der große Tag kommt, wo das Vöglein seine
-Schwingen erhebt, um dem fernen Süden zuzueilen. Nur einen einzigen
-Vogel beherbergt unser Vaterland, der sich weder um Nestbau noch um
-Aufzucht der Brut kümmert, das ist der Kuckuck; von ihm gilt das
-lustige Sprüchlein:
-
- Der g'scheitste Vogel muß der Gugezer sei',
- Die andern bau'n d' Nester, und er setzt sich nei'!
-
-
-
-
-Im Teichgebiet der sächsischen Lausitz
-
-
-Eigentlich war's zu einem ornithologischen Ausflug nach unserm
-sächsischen »Tausendseen-Land« noch ein wenig früh im Jahre. Doch was
-half's! Ich kann nicht verlangen, daß das Osterfest mit seinen Ferien
-bloß meinetwegen um einige Wochen verschoben wird. Und im vorigen
-Jahre konnte ich mich -- genau wie 1911 -- wenigstens einigermaßen mit
-dem Ostertermin aussöhnen. Der 16. April ist doch ein ziemlich später
-Zeitpunkt für das Fest, und da ich mich erst am »dritten Feiertag«
-(18. April) auf den Weg machte, durfte ich hoffen, wenn auch bei weitem
-noch nicht die volle Entfaltung des Vogellebens in jenem Gebiet, so
-doch immer schon den vielversprechenden Anfang dazu anzutreffen.
-
-Es war also Aussicht vorhanden, daß ich von Dresden her ganz
-gleichzeitig mit dem oder jenem Bekannten, der aus Kleinasien, Ägypten,
-von den Ägäischen Inseln usw. in diesen Tagen heimzukehren pflegt, in
-Baselitz, Milstrich, Königswartha oder Commerau eintreffen würde. Mit
-Freund Langbein, dem Storch, klappte es auf die Minute, als ob wir
-uns verabredet hätten. Freilich mancher gefiederte Nachzügler fehlte
-noch; aber das schadete schließlich nicht viel. Der Vogelfreund sieht
-doch auch die, die nicht da sind, und interessiert sich auch dafür,
-welcher Vogel einer Gegend noch fehlt, sei es, daß er regelmäßig
-recht spät kommt, oder daß er sich gegen seine Gewohnheit verzögert
-hat. Den rotrückigen Würger, den Mauersegler, die Nachtschwalbe, den
-Gartenlaubsänger, den Pirol, die Wachtel und namentlich die Rohrsänger
-konnte ich natürlich noch nicht erwarten.
-
-Trotz dieser und anderer Lücken war es mir möglich, 71 Vogelarten in
-meine »unblutige Schußliste« einzutragen.
-
-Der etwas einförmige Weg von Kamenz über Jesau nach Deutsch-Baselitz
-bot nichts Besonderes. In großer Menge saßen die Stare auf Wiesen
-und Feldern. Der Gesang der Lerchen erfüllte die Luft; Buchfinken
-schmetterten; Kohlmeisen ließen in jedem Obstgarten ihre hellen
-Glöckchenstimmen erklingen; Goldammern gaben mir ab und zu das Geleit,
-während ihre plumperen Vettern, die Grauammern, von den Straßenbäumen
-herab mit unermüdlicher Ausdauer ihr wenig musikalisches »zick zick
-zick schnirrrrps« zirpten. Haus- und Feldsperlinge natürlich in
-ausreichender Menge; ein Elsternhorst auf einer hohen Erle; aus der
-Ferne der durchdringende Ruf des Grünspechts; einige Nebelkrähen,
-schwerfälligen Flugs meinen Weg kreuzend, und -- eine besondere
-Überraschung, daß er schon da ist -- ein Gartenammer oder, wie er
-gewöhnlich heißt, ein »Ortolan«. Er saß an der Straße auf einem Baum,
-ließ sich aber nicht hören.
-
-Deutsch-Baselitz liegt an dem größten stehenden Gewässer Sachsens,
-umfaßt doch der »Großteich« etwa 400 sächs. Scheffel, das sind mehr
-als 110 Hektar. In der Nähe noch einige kleinere Teiche, die alle der
-sehr ergiebigen Karpfen- und Schleienzucht dienen. Der Pächter des
-Guts war so freundlich, mir ein Boot zur Verfügung zu stellen und
-einen Fährmann zugleich. Noch ehe man die weite Wasserfläche sieht,
-hört man bereits die hellen Lockrufe der Bläßhühner, das tiefe »grök
-grök« der Haubentaucher, das Grunzen und scharfe Lärmen der Rothälse,
-die garstigen Schreie auffliegender Stockerpel und die wohlklingenden
-Stimmen kleiner Krikenten. Einzelne Kiebitze gaukelten unruhig umher,
-taumelnden Flugs, und weiße Lachmöwen tummelten sich hoch in den Lüften.
-
-Wir durchschreiten das abgestorbene Röhricht, um das Boot zu erreichen.
-Da fesselt ein _grünfüßiges Teichhühnchen_ meine Aufmerksamkeit. In
-prachtvoller Balzstellung trippelt es am Ufer vor seinem Weibchen
-gar zierlich hin und her. Überraschend groß erscheint der Vogel in
-dieser verliebten Haltung. Den Schwanz hat er emporgerichtet, daß
-sich dessen schneeweiße Unterseite wirkungsvoll von dem übrigen
-dunkeln Gefieder abhebt. Die rote Stirnplatte und der hochgelbe
-Schnabel leuchten wie grellfarbige Blumen aus dem welken Schilf, und
-dieselben Farben wiederholen die koketten Strumpfbänder, die der Vogel
-an den Fersengelenken trägt. Jetzt läßt sich das Paar ins Wasser
-gleiten; auch hier wird das Männchen nicht müde, seiner Angebeteten
-den Hof zu machen. In zierlichen Bogen umschwimmt es sie, bald den
-weißen Federstrauß des Schwanzes, bald die feurige Pelargonie an
-der Stirnplatte ihr zukehrend -- aber plötzlich sind die beiden
-verschwunden. Sie haben es wohl gemerkt, daß ich ihrem Liebesspiel
-gelauscht, und sind nun untergetaucht, sich mit ihren langen Zehen im
-Schilf unter dem Wasser festhaltend.
-
-Wir betreten das Boot und fahren ein Stück hinaus auf die Fläche.
-Hunderte von Wasservögeln sind hier vereinigt. In kleineren und
-größeren Trupps, auch nur in einzelnen Paaren schwimmen Bläßhühner und
-Enten aller Art, Taucher und Möwen. Oft verschwinden ganze Gruppen wie
-auf Kommando unter die Wasserfläche, während andere wieder auftauchen.
-
-Es erfordert einige Mühe, in das Durcheinander der schwimmenden,
-tauchenden, niedrig über dem Wasserspiegel und hoch in den Lüften
-fliegenden Arten Ordnung zu bringen.
-
-Die _Bläßhühner_ freilich bieten keine Schwierigkeit; sie sind sofort
-zu erkennen: hühnerartig plump ihre Gestalt, das ganze Gefieder
-tiefschwarz bis auf die kreideweiße, weithinleuchtende Stirnplatte.
-Unruhig sind sie und recht laut; denn eifersüchtige Kämpfe werden jetzt
-fast beständig unter ihnen ausgefochten. Mit gesenkten Köpfen rudern
-die Nebenbuhler aufeinander los und prallen heftig schreiend zusammen,
-oder sie jagen sich, die Wasserfläche mit ihren Lappenfüßen schlagend,
-über den halben Teich hin, um sich dann schließlich schwerfällig in die
-Luft zu erheben oder im Schilfwald einzufallen.
-
-Unter den Enten sind die zierlichen _Tafelenten_ die häufigsten; mein
-Bootsführer, auch andere Leute in der Lausitz nennen sie »Brandenten«,
-was aber falsch ist. Sie zeigen wenig Scheu, erheben sich beim Nahen
-unseres Nachens immer zuletzt oder vertrauen auf ihre Fertigkeit im
-Tauchen. Dreifarbig ist das Kleid des Männchens: rostbraun Kopf und
-Hals, zartes Grau auf Flügeln und Rumpf; Brust und Hinterteil aber
-tiefschwarz. Mit etwas eingezogenem Hals schwimmen sie friedlich in
-großen Trupps umher, kein eifersüchtiges Gezänk, nur zärtlich pfeifende
-Laute, tauchen gemeinschaftlich, oder es umschwärmen auch ein paar
-Männchen ein einzelnes Weibchen, diesem immer getreulich folgend, wohin
-es den Weg nimmt.
-
-Auch die kleinen _Krikenten_ sind in großen Scharen vertreten. Das
-Gefieder des Erpels ist graugewellt; der dunkelbraune Kopf zeigt einen
-grünglänzenden Streifen, der sich bis zur Hälfte des Halses herabzieht,
-aber selbst mit dem Feldstecher aus größerer Entfernung schwerer zu
-erkennen ist, als der metallisch-grüne und schwarze, weiß eingesäumte
-Spiegel an den Flügeln. Die Weibchen sind unscheinbar graubraun; doch
-tragen auch sie, gewissermaßen als Familienwappen, jene Flügelzier. Die
-kleinsten sind immer die beweglichsten und geschäftigsten. Leicht wie
-eine Feder erheben sie sich von der Wasserfläche, umkreisen in leichtem
-Flug den Teich, wobei wir, sobald sie sich uns nähern, deutlich ihre
-eigentümlich schwingenden Flugtöne vernehmen, und fallen dann wieder in
-einer seichten Bucht ein, um hier zu gründeln, wobei, wie bei unsern
-Hausenten, der hintere Körperteil senkrecht aus dem Wasser emporragt;
-denn ganz unterzutauchen ist nicht ihre Art.
-
-Bedeutend größer als Tafel- und Krikenten sind die _Stock-_ oder
-_Märzenten_, die Stammeltern unsres zahmen Hofgeflügels. Sie sind
-bereits mit dem Nestbau beschäftigt, schwimmen zu Paaren umher oder
-erheben sich paarweise in die Lüfte, wobei das galante Männchen stets
-dem Weibchen den Vortritt läßt. Der Stockerpel ist ein prächtiges
-Tier. Das metallische Grün von Kopf und Oberhals wird durch einen
-schneeweißen Ring von dem Braun des Unterhalses und der Brust scharf
-getrennt, und der violett-blau-grüne Spiegel ist gleichfalls ein
-hübscher Schmuck. Es gibt viele unter unsern Hausenten, die sich Form
-und Farbe der Federn genau so schön erhalten haben, wie wir's an den
-wilden »Stocken« bewundern.
-
-Auch die sog. _Mittelente_ bewohnt die weite Fläche des Teiches,
-wenigstens in einigen Paaren. Aus der Entfernung gesehen, erscheinen
-diese Enten anspruchslos grau, das Männchen mit einem schwarzen, das
-mehr bräunliche Weibchen mit einem gelbroten Schnabel.
-
-Viel auffallender sind die _Schellenten_ wegen ihres scheckigen
-Kleides. Zwei große Felder auf den Flügeln, ebenso Brust und Hals,
-auch ein Fleck an der Wange hinter dem Schnabel leuchten schneeweiß,
-während der Rücken tiefschwarz gefärbt ist. Ich habe Schellenten,
-allerdings nie in besonders hoher Zahl, auf fast allen größeren Teichen
-der Lausitz gesehen; sie sind, obgleich ihre eigentliche Heimat weiter
-im Nordosten gelegen ist, für unser Sachsen seit einiger Zeit in recht
-erfreulicher Zunahme begriffen, und das ist um so verwunderlicher,
-als sich diese kleinen Enten mit Vorliebe Baumhöhlen, die doch immer
-seltener werden, zur Brutstätte auswählen. Mir ward von meinem Fährmann
-eine solche Höhle gezeigt, wo im vorigen Jahre eine »Schelle« ihre
-Jungen erbrütet hatte: ein Loch in einem wagrechten Ast einer uralten
-Föhre, gegen 3 ~m~ hoch über dem Wasser, der Eingang so eng, daß man
-nicht recht begreift, wie eine Ente sich hindurchzwängen kann. Hätte
-wohl sehen mögen, wie die kleinen Entchen aus der dunkeln Höhle mutig
-den Kopfsturz ins Wasser gewagt haben, ähnlich wie die Lummen von ihrer
-Helgoländer Felsklippe hinab in die bewegte See.
-
-Die Schellenten hatten sich bei meinem Besuch noch nicht in Pärchen
-aufgelöst, sondern hielten in größeren Trupps kameradschaftlich
-zusammen. Ein Vergnügen war's, ihnen zuzuschauen, wie sie unaufhörlich
-im Wasser verschwanden und dann leicht wie ein Kork wieder auftauchten;
-bald waren nur wenige, bald gar keine, bald war wieder die ganze
-Gesellschaft auf der Oberfläche zu sehen.
-
-Von den Taucherarten beherbergt der Teich den großen Haubentaucher
-in mehreren Paaren, die kleineren Rothalstaucher und die noch viel
-kleineren Zwergtaucherchen, die in großer Anzahl ihre Künste zeigten,
-während ich Schwarzhalstaucher hier nicht bemerkte.
-
-Die _Haubentaucher_, deren weiße Brust bei jeder Wendung des Vogels
-aufblitzt und wieder verschwindet, waren ziemlich mißtrauisch; sie
-versanken im Nu unter dem Wasser, wenn sich ihnen unser Boot näherte
-und tauchten erst in großer Entfernung wieder auf oder erreichten,
-unter dem Wasser schwimmend, die Nähe des Ufers, wo sie das Schilf
-unsern Blicken entzog.
-
-Viel weniger Scheu zeigten die _Rothalstaucher_; ja ein Pärchen,
-das mit dem Nestbau eifrigst beschäftigt war, ließ mich bis auf
-wenige Meter herankommen. Wie schön sind doch auch diese Taucher!
-Rostrot der Hals, die Kehle und zwei Wangenflecken weiß; statt der
-eigentlichen Haube aber zwei schöne nach hinten gerichtete Federohren.
-Unermüdlich tauchten die Vögel nach allerlei Wasserpflanzen und legten
-diese Baustoffe auf die Schilfkaupe, die sie sich zur Niststelle
-erkoren hatten. Es war schon ein großer Klumpen, naß, schlammig und
-übelriechend, zusammengetragen; aber den beiden schien's immer noch
-nicht genug.
-
-Der kleinste der Tauchersippe, der niedliche _Zwergtaucher_, ließ
-oft seine trillernde Stimme hören, eine ganze Kette perlender, etwas
-absinkender Töne, die das Tierchen jedem verraten, der's nur einmal
-gehört hat. Aber dem Auge zeigte sich das Taucherchen immer nur auf
-kurze Sekunden; am Rande des Schilfwaldes trieb es das lustigste
-Versteckspiel oder tauchte unter, sobald es sich beobachtet sah.
-
-Die _Lachmöwen_, die ihre braune Gesichtsmaske bereits aufgesetzt
-hatten, waren wohl nur zu Besuch gekommen. Ihr eleganter Flug belebte
-das Landschaftsbild reizvoll; einige ruhten auch auf der Wasserfläche
-aus, weißen Seerosen zu vergleichen, oder saßen eng aneinandergereiht
-auf einer Planke am Ufer. Ihre nächsten Brutplätze haben sie an manchem
-Teich der preußischen Lausitz.
-
-Von Seeschwalben war natürlich noch keine Art zu erblicken; denn die
-_Fluß-_ und _Zwergseeschwalben_ kommen erst Anfang Mai. Dagegen zeigte
-sich in der Höhe ein _Fischadler_, weite Kreise über dem Gewässer
-ziehend und dann langsam in der Ferne verschwindend. In der sächsischen
-Lausitz brütet der edle Fischer nicht mehr; vielleicht daß die Lohsaer
-Forsten jenseits der preußischen Grenze seinen Horst noch beherbergen.
-
-Aber einen andern Vogel, den wir auch heute noch mit Stolz als
-sächsischen Landsmann bezeichnen dürfen, konnte ich hier in
-Deutsch-Baselitz begrüßen, den _weißen Storch_. Es war mir eine große
-Freude, den Weitgereisten unmittelbar bei seiner Ankunft willkommen zu
-heißen.
-
-Wir saßen gerade beim Mittagessen, als das jüngste blondhaarige
-Töchterchen unsers freundlichen Gastgebers ins Zimmer stürzte: »Der
-Storch, der Storch ist da!« Alle sprangen auf und liefen nach der
-Rückseite des Hauses. Dort stand er auf seinem alten Horst im Wipfel
-einer schlank gewachsenen Linde und klapperte nach Herzenslust. So
-schmuck sah er aus; geradezu blendend das Weiß seines Gefieders und
-leuchtend das Korallenrot von Schnabel und Ständern. Herzerfreuend
-war es zu beobachten, wie sich auf der Dorfstraße alt und jung vor
-dem Storchennest einfand und strahlenden Auges zu dem »Glücksbringer«
-emporschaute. Besonders ein kleines flachsköpfiges Mädel von drei
-oder vier Jahren war voller Begeisterung, und altklug belehrte es
-mich, daß später der Klapperstorch kleine Kinder -- ich verstand
-nicht, ob bringen oder haben würde. Auch noch andere Ortschaften
-der Lausitz beherbergen Störche; ich sah einen besetzten Horst beim
-Rittergut Kauppa in der Nähe von Commerau, einen andern in Wartha bei
-Königswartha, in Döbra, in Skaska, und überall waren die Störche, wie
-man mir sagte, am gleichen Tage, am 18. April, angekommen.
-
-Nachmittags besichtigte ich die Einrichtungen der _Fischzucht_. Es
-handelt sich fast ausschließlich um Karpfen und Schleien; bei dem
-rationellen Betrieb sind die Erträgnisse außerordentlich gewachsen:
-viele hundert Zentner alljährlich. Aber es gibt Herrschaften in der
-Lausitz, die noch einmal so viel Fische züchten, ja das Rittergut
-Königswartha, zu dem allerdings 119 Teiche gehören -- die meisten
-bereits im Preußischen gelegen -- bringt unglaubliche Mengen dieser
-wohlschmeckenden Flossenträger auf den Markt; dennoch sei die
-Fischzucht, wie mir der dortige Fischmeister sagte, noch einer großen
-Steigerung fähig.
-
-Darüber ließe sich viel Wissenswertes berichten; aber nicht den stummen
-Bewohnern des Wassers, sondern dem sangesfrohen und geschwätzigen
-Völkchen der Vögel galt mein Besuch. Während ich mich auf den
-Teichdämmen unter den duftigen Jungbirken erging und bei jedem Schritt
-ein halbes Dutzend Frösche, wiederholt auch sich sonnende Ringelnattern
-aufjagte, sang der Fitis unermüdlich aus jedem Gebüsch sein weiches
-Lied; die Singdrossel jubelt, der Zaunkönig schmettert, Blaumeischen
-zetert, der Weidenlaubsänger gibt sein einförmiges »Zilp-zalp« zum
-besten; aus dem Fichtenwald der häßliche Balzruf des Fasans, das Gurren
-des Ringeltaubers, das Trommeln des Buntspechts und Rotkehlchens
-sehnsuchtsvolle Strophe: überall selige Frühlingsstimmung.
-
-Gegen Abend noch eine Fahrt auf dem Großteich. Das Kollern der
-_Birkhähne_, die auf einem freien, von Hochwald umsäumten Platz balzen,
-schallt weithin über die Wasserfläche. Behutsam nähern wir uns. Drei
-Hähne sind es, die mit ausgebreitetem »Spiel«, mit vorgestreckten
-Hälsen und hängenden Flügeln umherspringen. Wir sind so nahe, daß
-wir auch das Zischen der aufgeregten Tiere vernehmen und trotz der
-Dämmerung das leuchtende Weiß im Federkleid und die purpurne »Rose«
-über dem Auge ganz deutlich erkennen. Einige Hennen, klein und
-unscheinbar, sind in der Nähe; sie laufen, Nahrung suchend, umher,
-als kümmerten sie sich gar nicht um das unblutige Kampfspiel ihrer
-verliebten Ritter. Jetzt hat uns die Gesellschaft bemerkt; da flattern
-sie lautlos davon. Auch unser Nachen zieht leise auf seiner Bahn
-weiter. Aber es dauert nicht lange, da hören wir wieder das »Rodeln«
-oder »Kollern« der Hähne aus derselben Gegend. Das Birkwild ist nicht
-eben scheu; es läßt sich nicht so leicht vergrämen wie der balzende
-Auerhahn.
-
-Immer mehr senkt sich die Dämmerung über den See. Enten und Bläßhühner
-werden stiller, aber das Froschkonzert schallt lauter und lauter.
-Welch ohrenbetäubender Lärm wird aber in ein paar Wochen am Abend
-und die ganze Nacht hindurch bis zum goldnen Morgen hier herrschen,
-wenn die _Teich-_ und _Drosselrohrsänger_ zurückgekehrt sind und
-nun ihr vielstimmiges Konzert geben. Heute ist's ein anderer, wenig
-bekannter Nachtschwärmer, dessen weithin schallender und doch weicher
-Flötenton uns erfreut. Es ist der _Triel_, der die sandigen Felder
-der Lausitz, die lichten Kiefernwälder und Waldblößen bewohnt; auch
-in der sächsischen Flachlandschaft westlich der Elbe ist der scheue
-Dämmerungsvogel, der zu den Regenpfeifern gehört, nicht selten. Seine
-Rufe -- meist zwei oder drei sich eng aneinanderschließende Flötentöne
-von überaus angenehmem Wohlklang -- erhöhen den Reiz der lauwarmen
-Frühlingsnacht.
-
-Von Eulen ließ sich in der Nähe des Dorfes nur das _Steinkäuzchen_
-hören. Erst rief ein Männchen ein paarmal sein pfeifendes »Guhk«, dann
-antwortete ihm ein zweites mit demselben Gruß, und bald lockte ein
-Weibchen mit hohem »Kuwiff, kuwiff«.
-
-Am Morgen des nächsten Tages, den als erster Sänger Hausrotschwänzchen
-mit klirrender Strophe begrüßte, zeigte sich am Ufer des Großteichs in
-den hohen Eichen ein _Wiedehopf_. Ich vernahm seinen kuckucksähnlichen
-Ruf »upupupup« schon längst, ehe ich den hübschen Vogel mit dem
-aufrichtbaren, lockeren Federbusch und dem langen, dünnen Schnabel zu
-Gesicht bekam. Der muntere Bursche war außerordentlich scheu; bis auf
-50 Meter nur ließ er mich herankommen. Dann flog er immer ein Stückchen
-weiter auf eine andere Eiche, bis er schließlich in zuckendem,
-unregelmäßigem Flug über die breite Wasserfläche setzte.
-
-Durch Wiesen und Felder führte mich der Weg weiter nach Milstrich. Die
-reizenden Flugspiele der _Kiebitze_, die mich so nah umflatterten, daß
-ich das seltsame »Wuchteln« ihrer Schwingen deutlich vernahm, belebten
-die freundliche Landschaft; auch ein paar _Turmfalken_ zeigten ihre
-Künste. Im Dorf sah ich die ersten Schwälbchen, zwei oder drei Paar
-_Rauchschwalben_, auch eine einzelne _Hausschwalbe_; sie zwitscherten
-seelenvergnügt, froh, daß die schlimme Zeit nun vorüber und Wärme und
-Sonnenschein das kleine Volk der Insekten zu neuem Leben geweckt hatten.
-
-Zu dem Milstricher Rittergut gehören gleichfalls viele, zum Teil
-recht ansehnliche Teiche. Sie sind von nur geringer Tiefe, vielleicht
-einen Meter im Mittel. Das ist ein Vorzug aller stehenden Gewässer
-der Lausitz; denn das Wasser erwärmt sich dadurch schnell bis auf den
-Grund, was der Fischzucht förderlich ist. Außer den schon genannten
-Enten, Tauchern, Wasserhühnern belebten auch kleine _Moorenten_ die
-Teiche in der Nähe des Gutes. Ziemlich unscheinbar sehen diese Entchen
-aus. Selbst das »Prachtkleid« des Erpels verdient kaum solchen Namen;
-denn das dunkle Kastanienbraun des Kopfes und die Rostfarbe der Brust
-sind nur ein bescheidener Schmuck. Die Moorenten tauchen vorzüglich.
-Sobald ich mich nur ein wenig näherte, gleich waren sie unter dem
-Wasser, wenn sie nicht vorzogen, unter »grrr-grrr«-Rufen abzuziehen,
-stets paarweise, erst das Weibchen und hinter ihm das etwas größere
-Männchen. Während des Schwimmens sehen die Moorenten sehr klein aus,
-weil sie den Hals einziehen und mit dem Rumpf tiefer ins Wasser
-eintauchen als andere Enten, so daß man geradezu überrascht ist, wenn
-das Entchen beim Auffliegen gewiß noch einmal so groß erscheint, als
-man erwartet hätte.
-
-Recht häufig vernahm ich den angenehmen Trillerpfiff des kleinen
-_Rotschenkels_; er ist unser verbreitetster »Wasserläufer«, an den
-orangeroten Füßen und dem weißen Bürzel leicht zu erkennen. Die weithin
-hörbaren Lockrufe »tü, tütü, dili, dideli« und die schwirrenden Triller
-sind so charakteristisch, daß es jeder Vogelkenner sofort weiß, welcher
-Vogelkehle diese wohllautenden Töne entstammen. Besonders eifrig rufen
-die Rotschenkel gegen Abend; dann antworten ihnen die Zwergtaucher mit
-gleichfalls trillernder Strophe.
-
-_Weiße Bachstelzen_ und die noch zierlicheren _Gebirgsbachstelzen_
-sah ich sehr häufig; auch die reingelbe _Wiesen-_ oder _Schafstelze_,
-die ungefähr drei Wochen später kommt als ihre Verwandten, war schon
-da und wippte graziös von einem Schilfinselchen zum andern. Auf den
-Feldern ließen sich gegen Abend die _Rebhühner_ eifrig hören, und
-auch _Heidelerchen_ sangen noch spät ihr zartes, aus einer Reihe von
-Pfeiflauten bestehendes Lied aus luftiger Höhe herab.
-
-Der folgende Tag galt dem Besuch des Königswarthaer Teichgebiets im
-Norden der Ortschaft. Teich an Teich in unübersehbarer Folge, und fast
-auf jedem eine stattliche Zahl von Wassergeflügel, daß dem Naturfreund
-das Herz lacht. Zehntausend Morgen an Wasserfläche gehören zum
-Rittergut, der kleinere Teil davon im Königswarthaer Flurgebiet, der
-größere schon auf preußischem Boden. Einige von ihnen sind 50 bis
-72 Hektar groß. Hier fielen mir besonders die zahlreichen _Löffelenten_
-auf. Möglich, daß ich diese schöne Ente auf den früher besuchten
-Teichen übersehen oder vielleicht aus der Entfernung mit der Stockente
-verwechselt hatte: jedenfalls gehört sie in dem Königswarthaer
-Teichgebiet zu den ganz allgemein verbreiteten Arten. Eigentümlich ist
-für sie der große, am Grunde schmale, vorn aber stark verbreiterte,
-gewölbte Schnabel, dessen Form der Ente den Namen gegeben hat. In
-seinem Prachtkleid führt das Männchen viel Weiß, das weithin leuchtet,
-besonders am Kropf, Hals und Oberflügel. Der Kopf erglänzt schwarzgrün
-wie beim Stockerpel. Unterbrust und Bauch zeigen ein schönes
-Kastanienbraun. Vor dem goldgrünen, weiß eingefaßten Spiegel liegt über
-der Schulter ein himmelblaues Feld, eine Farbe von eignem Reiz; sie ist
-in unsrer deutschen Vogelwelt außerordentlich selten. Öfters sah ich
-Löffelenten ganz in der Nähe, immer paarweise; sie sind so wenig scheu,
-daß sie auch dann noch unbesorgt umherschwimmen oder gründelnd sich auf
-den Kopf stellen, wenn Bläßhühner, Stockenten, selbst die zutraulichen
-Tafelenten unter Geschrei geflohen sind. Fliegen auch sie endlich ab,
-so geschieht es ohne jeden Laut; ohne Plätschern erheben sie sich aus
-dem Wasser, und ohne jedes Geräusch fallen sie wieder ein.
-
-Im Parke hinter dem Herrenhause fand ich all die Vögel, die ich
-hier erwarten konnte. Von den noch nicht erwähnten nenne ich nur
-Wendehals, Gartenrotschwanz, Sumpfmeise, Kleiber, Baumläufer, denen
-die höhlenreichen Bäume willkommene Wohnung gewähren, dazu Freibrüter
-wie Hänfling und Girlitz. Auch ein paar Eichelhäher kreischten in den
-Baumkronen.
-
-Den folgenden Tag fuhr ich nach Neschwitz, von wo aus ich die nahen
-Holschaer und Quooser Teiche, den schön gelegenen Mädelteich, den
-Litschen- und Neuteich, die Mauerlöcher, ferner die Radiborer Teiche
-an der Luppaer Grenze, die Luttowitzer Teiche, den Bockauer Großteich,
-und endlich die schönsten von allen, die Milkener Teiche besuchte.
-Die ganze Gegend mit dem reichen Wechsel von Wasser, Wald, Wiese und
-Feld, mit den freundlichen, zumeist wendischen Ortschaften ist von
-hohem landschaftlichen Reiz, und ich freue mich, daß man all diese
-liebliche Schönheit hier ungestört genießen kann. Die Gegend ist
-eben noch nicht »entdeckt«, und so verliert sich wohl nur selten mal
-ein Tourist in diesen Winkel der »wendischen Türkei«. Es ist nicht
-möglich, alle Beobachtungen aufzuzählen, die Auge und Ohr eines
-aufmerksamen Wanderers jede Minute beschäftigen: die anheimelnde
-Bauart der ländlichen Höfe, die sich um den unkenreichen Dorfteich
-gruppieren, die blühenden Obstbäume, die Rehe am Waldessaum, der
-kreisende Mäusebussard, die Karnickel vor ihrem Bau, der wohlklingende
-Ruf des Schwarzspechts, das Rucksen der Hohltaube, hier Reinekes Spur,
-der seine Besuchskarte abgegeben hat, dort Gewölle vom Waldkauz, hier
-die Fegstelle eines Rehbocks an zwei jungen Erlenstämmchen, ein Igel
-im Gestrüpp, die Fährte des Iltis, oder manche interessante Pflanze:
-im schattigen Wald die Einbeere, Knabenkraut auf der feuchten Wiese,
-Sumpfveilchen auf moorigem Boden, Pestilenzwurz, Leberblümchen
-u. a. Ein Eisvogel flog wie ein glühender Juwel vorüber und weckte
-die Erinnerung an jenen gleichfalls farbenprächtigen Vogel, die
-_Mandelkrähe_ oder _Blaurake_, die leider in Deutschland immer seltener
-wird, aber im östlichen Sachsen, so bei Königswartha und in den hohen
-Eichen an den Quooser Teichen noch regelmäßig als Brutvogel vorkommt.
-Diesmal freilich konnte ich den wunderbar gefärbten Vogel noch nicht
-begrüßen, da er erst recht spät aus seiner Winterherberge zurückkehrt.
-
-Nach _Fischreihern_ habe ich scharf Ausschau gehalten; aber erst am
-vierten Morgen glückte es mir, einem dieser schönen Vögel zu begegnen.
-Ich hatte in Commerau übernachtet und saß auf dem Damm eines der vielen
-Teiche in der dortigen Heide beim Frühstück. Auf einmal hinter meinem
-Rücken ein aufgeregtes Kreischen der Lachmöwen. Ich wende den Kopf --
-kaum zwanzig Schritt von mir ein Reiher, der von den Möwen bis unter
-die Bäume am Damm verfolgt ward, wo sie ihn nun in die Enge treiben. Er
-wird mich gewahr, schlägt heftig mit den dunkeln Fittichen, wendet und
-bahnt sich den Weg mitten durch die ihn umschreiende Schar.
-
-Fischreiher horsten nicht mehr in der sächsischen Lausitz; aber im
-nahen Lohsa-Weißcollmer Revier findet sich auf hohen Kiefern wohl auch
-heute noch der Rest einer uralten Kolonie. Im Juli und August, wenn die
-Jungen ausgeflogen sind, erscheinen dann mit ziemlicher Regelmäßigkeit
-die schönen Fischer auch im sächsischen Teichgebiet, nicht selten mehr
-als ein Dutzend auf einmal, zum Ärger der Teichbesitzer, die über die
-preußischen Fischdiebe schimpfen und manchem das Lebenslicht ausblasen.
-
-Der merkwürdigste Vogel jener Gegend ist aber die _große Rohrdommel_.
-Ihretwegen war ich nach Commerau gewandert, und ich hatte das Glück,
-die ganze Nacht ihrem Liebeslied von meinem Bett aus zu lauschen.
-Obgleich der Standort des Vogels mindestens eine halbe Stunde von
-dem Gasthaus entfernt war, hörte ich das tiefe »Prumb« doch ganz
-deutlich. Es klingt ähnlich wie das Brüllen eines Rindes, weshalb der
-Vogel beim Volk »Moorochse« genannt wird. Meist hörte ich, selbst
-bei dieser Entfernung, auch den viel leiseren Vorschlag. Die Silben
-»ü-prumb« geben den Ruf ziemlich gut wieder. Auch am hellen Morgen, den
-ganzen Vormittag, selbst in den Mittagsstunden schwieg die Rohrdommel
-nicht, nur daß sie jetzt ihren Ruf statt fünf- oder sechsmal, nur
-etwa dreimal hintereinander wiederholte und dann eine Pause von ein
-paar Minuten eintreten ließ. Wie man bei der Birkhahnbalz aus dem
-Kollern allein, das dem sog. Schleifen vorangeht, den Standort des
-Hahns nur schwer bestimmen kann, so verhält sich's auch mit dem tiefen
-»Prumb«-Laut des reiherartigen Vogels; es dauerte ziemlich lange,
-ehe ich feststellen konnte, daß auf einer Insel in einem Teich ganz
-nahe dem Rittergut Kauppa die Rohrdommel ihren Standplatz bezogen
-hatte. Die Leute sagten, seit zwei bis drei Wochen ließen sich diese
-unheimlichen Laute hören; daß sie von einem Vogel herrühren, wollte mir
-niemand glauben. In der Nähe klingt das »Prumb« -- wohl der tiefste
-Ton, den irgendein Vogel unsrer Heimat erzeugt, denn er erreicht das
-~F~ der großen Oktave -- etwa so wie der Laut, den man mittels einer
-recht großen Gießkanne erzeugen kann, wenn man mit voller Kraft Luft
-zur Ausflußröhre hineinbläst. Ein Explosionslaut ist es, der nicht
-mit dem Kehlkopf, sondern mit der Speiseröhre erzeugt wird, aus der
-die hinuntergeschluckte und zusammengepreßte Luft mit großer Gewalt
-herausgestoßen wird, eine Art Dudelsack, auf dem der scheue Vogel sein
-unheimliches Liebeslied spielt.
-
-Auch im Neschwitzer Teichgebiet ließ sich die große Rohrdommel
-unermüdlich hören. Leider bekam ich sie aber weder hier noch dort zu
-Gesicht. Der Schilfwald hält sie versteckt, und wenn man sich ihrem
-Standort nähert, so flüchtet sie geduckt durch das Röhricht, wie
-der kleine Wachtelkönig durch das hohe Gras der Wiese. Aufzufliegen
-entschließt sich der Vogel nur schwer; er weiß, wo er Schutz findet.
-
-Vielleicht gelingt es mir später, den nächtlichen Musikanten von
-Angesicht zu Angesicht zu sehen, vorausgesetzt, daß er unsrer Heimat
-erhalten bleibt. Ich habe sehr darum gebeten, ihn bei den Entenjagden
-als interessantes Naturdenkmal zu schonen und ich wiederhole auch hier
-meine Bitte.
-
-
-
-
-Die heimatliche Vogelwelt im deutschen Volksglauben
-
-
-Jahrhundertelang fließt der Fluß in dem errungenen Bett. Wann sprang
-sein Quell zum erstenmal aus dem Felsen hervor? Wird einst das Wasser
-verrinnen, wird die Spur verwehen, die es in das Antlitz der Erde
-gegraben hat? Beharrungsstreben in der Natur trotz allen Wechsels --
-wie viele selbst der kleinsten Bächlein mögen heute noch genau so
-fließen, wie weiland vor tausend Jahren!
-
-Mit der Kultur des Menschengeschlechts ist's, ebenso. Unerforschlich
-ihr Ursprung, unbekannt Ziel und Ende, und bei allen Wechselfällen, bei
-allen Umwälzungen des Lebens das Gesetz der Beharrung. Greife heraus,
-was du willst, Gebräuche und Sitten, Anschauungen, Sagen und Märchen,
-Sprache, Werkzeug und Kunst -- uralter Besitz ist's, vererbt von
-Geschlecht zu Geschlecht. Manches wohl tot -- nur die Erinnerung, daß
-es einst war, ist noch geblieben -- vieles nur scheintot -- zu neuem
-Leben kann es erwachen -- das meiste aber noch frisch und in Urkraft,
-wie in den Tagen der Väter.
-
-Unter diesem Gesichtspunkte betrachtet der denkende Mensch auch den
-Aberglauben oder sagen wir lieber -- denn gemütvoller klingt es --
-den _Volksglauben_, den er noch heute im aufgeklärten zwanzigsten
-Jahrhundert bei seinen Zeitgenossen antrifft. Ihn bis in die
-nebelgraue Vergangenheit zurückzuverfolgen, seine verborgenen Quellen
-und die vielen Bächlein aufzusuchen, die ihn immer von neuem gespeist
-haben, das ist der Reiz, den solches Studium gewährt. Der andere aber
-mag nichts davon wissen; er sagt: »Die Dummen werden nicht alle!« Kennt
-er sich selbst so genau? Ist er wirklich ganz frei, ganz unbefangen,
-oder schlummert nicht vielleicht doch irgendein kleines Überbleibsel,
-ein winziger Rest dieser oder jener uralten abergläubischen
-Vorstellung, ihm selbst nicht bewußt, in seiner so aufgeklärten Seele?
-
-Wir wählen ein eng umgrenztes Gebiet, den _Volksglauben_, der sich auf
-die _gefiederte Welt unsrer Heimat_ bezieht, und zwar nur so weit, als
-er _noch heute bei unsern Volksgenossen lebendig ist_.
-
-Da gibt es zuerst _naturwissenschaftliche Irrtümer_, die nur insofern
-die Bezeichnung Volks- oder Aberglauben verdienen, als sie so seltsam
-sind, jeder Erfahrung so völlig widersprechen, daß eine starke Gabe von
-Leichtgläubigkeit und kindlicher Einfalt dazu gehört, wenn jemand noch
-immer an solchen Widersinnigkeiten festhält.
-
-Ob man mir's glaubt? Das Märlein vom _Kuckuck_, unserm lieben
-Frühlingsboten, der sich alljährlich im Herbst in einen raubgierigen
-_Sperber_ verwandeln soll, ist auch heute bei unserm Volk noch
-nicht völlig verklungen. Zehn Jahre sind's her, da saß ich mit zwei
-Landwirten am Biertisch im Kretscham eines Lausitzer Dorfs. Beide
-waren Jäger; so kam die Unterhaltung bald in Fluß, und wir erörterten
-schließlich jene seltsame Verwandlungsgeschichte. Es waren die
-vernünftigsten Menschen der Welt; aber sie ließen sich doch nur halb
-überzeugen. Zwar an die Verwandlung glaubten sie nicht; aber daß der
-Kuckuck auch im Winter unsrer Heimat treu bleibe und daß er, sobald
-die Raupennahrung spärlicher werde, der Kleinvogelwelt nachstelle,
-daß er dann ein schlimmer Räuber sei, das ließen sich beide nicht
-ausreden. Der eine der Streithähne wollte einmal mitten im Winter
-einen Kuckuck geschossen haben, als dieser gerade einen Finken würgte;
-der andere aber hatte an einem sonnigen Maimorgen beobachtet, wie
-sich der Kuckuck-Sperber oder der Sperber-Kuckuck, der eben noch
-seinen prophetischen Ruf zum besten gegeben hatte, auf ein singendes
-Rotkehlchen stürzte.
-
-Schon zu des seligen _Äsops_ Zeiten meinte man, aus dem Kuckuck werde
-im Herbst ein Sperber oder ein Habicht, und dieser verwandle sich
-im Frühjahr wieder in den Lenzesboten. Auch _Aristoteles_ erwähnt
-den gleichen Aberglauben, dem er jedoch mit aller Entschiedenheit
-entgegentritt. _Plinius_ aber muß den großen Gelehrten mißverstanden
-haben, wenigstens berichtet er wieder: »Der Kuckuck entsteht aus einem
-Raubvogel.« Damit war diese Transmutationslehre für viele Jahrhunderte
-gesichert; bei den »Naturkündigern und Philosophi« erhielt sie sich das
-ganze Mittelalter hindurch, und ein oder der andere Mann aus dem Volk
-glaubt heute noch an das einfältige Märchen.
-
-Wer Kuckuck und Sperber kennt, wird über die Entstehung des sonderbaren
-Aberglaubens nicht im Zweifel sein. Der unschuldige Kuckuck ahmt den
-gefürchteten Sperber so vollkommen nach in Gestalt, Größe und Farbe, ja
-sogar in der Art seines Fluges, daß der Beobachter leicht getäuscht
-wird. Die Unterseite weißlich mit dunklen Querwellen, der Fächer des
-Schwanzes lang und breit, das hochgelbe Auge, die gelbliche Wurzel
-des Oberschnabels, der blaßgelbe Fuß, dazu der Flug, leicht, elegant
-und reißend schnell wie der unsrer kleinen Raubvögel: dies, alles
-sind Merkmale, die Freund Kuckuck mit dem verhaßten Sperber teilt.
-Ich zweifle keinen Augenblick, daß es beim Flug über freies Feld dem
-harmlosen Lenzesboten bisweilen gelingen wird, durch diese Maske seine
-Feinde, die gefiederten Räuber, zu täuschen.
-
-Denselben Eindruck, daß der Kuckuck ein Raubvogel sei, haben offenbar
-auch die Kleinvögel, wie Grasmücken, Laubvögelchen, Würger, Bachstelzen
-u. a.; ihnen allen ist der Kuckuck ein gar unheimlicher Geselle.
-Zeigt sich einer in ihrem Gebiet, so flattern sie erschreckt von Ast
-zu Ast, ängstlich rufend, oder sie versuchen es, den vermeintlichen
-Angriff gemeinsam zurückzuschlagen, indem sie den Ruhestörer mit
-lautem Geschrei verfolgen. Oder sollten sie es wissen, daß ihnen
-das Kuckucksweibchen sein Ei ins Nest legt, und sollten sie es nun
-mit allen Mitteln versuchen, das Danaergeschenk zurückzuweisen? Ich
-glaube es kaum. Durch solche Zeichen von Furcht und Aufregung unter
-den Kleinvögeln wird natürlich auch der menschliche Beobachter leicht
-irregeführt.
-
-Andere berichten, der Kuckuck verkrieche sich im Herbst in hohle Bäume,
-besonders gern in Weidenstämme, auch unter Steine und in die Erde. Hier
-liege er wie tot, und zwar nackend, auf seinen Federn, gleichsam in
-einem warmen Bett, »faulen vnd vngefäder«, wie es beim alten _Geßner_
-heißt, dem Plinius am Ausgange des Mittelalters.
-
-Es ist überhaupt merkwürdig, daß man sehr vielen Vögeln, von denen
-wir heute wissen, daß sie Zugvögel sind, einen _Winterschlaf_ hier in
-ihrer Heimat andichtete. Die Erscheinungen in der Welt der Säugetiere,
-Reptilien und Amphibien mögen einen solchen Ähnlichkeitsschluß
-nahegelegt und manche Einzelbeobachtungen diese irrige Annahme bestärkt
-haben. Rotschwänzchen, Turteltaube, Amsel, Nachtigall, Wachtel u. a.
-verkriechen sich, so meinte man, in Baumhöhlen, Felsenritzen, unter
-Baumwurzeln, in die unterwaschenen Flußufer und verbringen hier die
-rauhe Jahreszeit im Halbschlaf oder in festem Winterschlaf, wobei sie
--- namentlich die Wachteln -- von ihrem Fett zehren, wie Dachs oder Bär.
-
-Am merkwürdigsten aber waren die fabelhaften Erzählungen über das
-Winterquartier von _Schwalbe_ und _Storch_. Diese Vögel sollten auf dem
-Grund von Teichen, Seen und Sümpfen, ja selbst im Meer überwintern.
-Hier, vom Schilfe verdeckt, ruhen die müden Geschöpfe und erquicken
-im Schlaf, der dem Tode gleicht, die ermatteten Glieder. Noch vor
-wenig mehr als anderthalb hundert Jahren wird diese sonderbare Ansicht
-in _Kleins_ »Historie der Vögel«, Danzig 1760, auf das bestimmteste
-gegen alle Einwände verteidigt, so daß man sich nicht wundern darf,
-wenn weit über zweihundert Jahre früher _Luther_ in seiner Erklärung
-zum 1. Buch Mose sagt: »Das Wunderwerk von den Schwalben ist aus der
-Erfahrung bekannt, daß sie nämlich den Winter hindurch in dem Wasser
-für tot liegen und im Sommer wieder aufleben, welches gewiß ein großer
-Beweis unsrer Auferstehung ist.« Auch Luthers Zeitgenosse, der alte
-_Geßner_, führt in seinem »Vogelbuch« diesen Gedanken aus; er sagt ...
-»welches ich für ein wunderbar werck halt vnd für ein anbildung der
-auferstentnuß vnserer cörpeln.«
-
-An diesem Wunderglauben hält heute wohl niemand mehr fest; aber daß
-unsre Schwalben, wenigstens ein großer Teil von ihnen, in hohlen
-Bäumen, unter dürrem Laub und zwischen Grasbüscheln oder auch in
-ihren eigenen Nestern einen regelrechten Winterschlaf halten, dieses
-Märlein spukt noch immer in unserm Volke und in den Zeitungen fort und
-ist trotz aller Aufklärung seitens der Wissenschaft, wie es scheint,
-nicht aus der Welt zu schaffen. Es werden selten ein paar Jahre
-vergehen, wo dieser Irrtum und Aberglaube nicht immer wieder durch
-einzelne »einwandfreie« Beobachtungen neue Nahrung erhielte. Und das
-erklärt sich so: Vor dem Abzuge suchen die Schwalben gern gemeinsame
-Schlafplätze auf, wie das Schilf an Teichen, das Fachwerk der Häuser,
-auch einmal eine weite Baumhöhle. Sind die Tierchen, die vielleicht
-wegen verspäteter Brut den Anschluß an die große Masse der Wanderer
-versäumt haben, infolge Nahrungsmangels halb verhungert, so kann es
-geschehen, daß sie in kalter Herbstnacht dutzendweise dahinsterben,
-und wer sie findet, meint dann, die Schwalben hätten sich hier zum
-Winterschlaf niedergelassen. Auch _Lenz_ ist überzeugt, daß diese Vögel
-in Europa, wenn auch nur ausnahmsweise, einen Winterschlaf halten.
-
-Solche Fälle stehen durchaus nicht so vereinzelt da, wie wohl mancher
-denken mag. In den letzten Jahrzehnten haben wir es mehrmals erlebt,
-daß Schwalben in den naßkalten Herbsttagen -- sehr verhängnisvoll
-waren für sie z. B. die ersten Oktobertage 1905 -- nicht nur einzeln,
-sondern in ganzen Scharen zugrunde gingen. Selbst unter dürres Laub,
-unter Grasbüschel und dergleichen hatten sich ermattete Rauchschwalben
-versteckt, gemeinsam die Todesstunde erwartend. Daß man auch zwischen
-dem Schilf »ganz aneinanderhangende Bündel« von Schwalben aus dem
-Wasser gezogen haben will, erscheint unter solchen Umständen durchaus
-nicht so unmöglich, sondern ist leicht zu erklären. Wenn aber jeder
-Vogel, den einmal ein Fischer aus dem schilfigen Teich oder See
-herauszieht, nun sofort als Winterschläfer ausposaunt wird, wie es
-ehemals oft geschehen ist, so gibt es für solche Leichtgläubigkeit und
-Urteilslosigkeit keine Entschuldigung; denn das weiß jedes Kind, daß im
-Sommer und Herbst mancher Vogel den Hunden des Schützen, der auf Enten
-oder andere Wasservögel jagt, nur zu leicht dadurch entgeht, daß er
-zwischen das Schilf flattert und dort ins Wasser fällt. Auch der beste
-Hund findet nicht jede einzelne Beute.
-
-Noch ein Schwalbenmärchen, das freilich mit Aberglauben gar nichts zu
-tun hat -- nur das ewige Leben teilt es mit ihm -- sei hier erwähnt.
-Dem _Sperling_, der sich in ein Schwalbennest einquartiert hat, so
-heißt es ganz allgemein, gehe es schlecht. Die erzürnten Schwälbchen
-kümmerten sich nicht um das »Besetzt, besetzt!« das ihnen der
-Eindringling zuruft, und mauerten den Spatz aus Rache einfach ein, daß
-er elend umkommen müsse.
-
-Ein Märchen ist es. Wohl flattern und schreien die rechtmäßigen
-Besitzer, wohl schnappen sie im Fluge nach dem frechen Sperling;
-doch der weicht nicht von der Stelle. Nach ein oder zwei Tagen geben
-dann die Schwalben in der Regel ihre Angriffe auf, und der Spatz
-hat nun Ruhe. »Gesiegt, gesiegt!« so höhnt er, sobald noch ein Vogel
-vorüberfliegt. Wie sollten sich die ängstlich umherflatternden
-Schwalben auch soviel Ruhe und Überlegung bewahren, daß sie unmittelbar
-vor dem Kopf ihres zeternden Feindes die Öffnung des Nestes zumauerten,
-und -- nun kommt die Hauptsache -- so dumm ist unser Spatz, »der
-Allerweltsvogel, der pfiffige Gassenjunge, der Lausbub«, wahrhaftig
-nicht, daß er sich solch Einmauern bei lebendigem Leibe gutmütigst
-sollte gefallen lassen. Er hat auch einen Schnabel und weiß sich zu
-wehren.
-
-Recht sonderbar ist der auch heute noch beim gemeinen Mann verbreitete
-Glaube, das Nest des grünen _Erlenzeisigs_, der so gern als Stubenvogel
-gehalten wird, sei unsichtbar. Ja man wollte mich sogar einmal Lügen
-strafen, als ich behauptete, den Zeisig beim Füttern seiner Nestjungen
-beobachtet zu haben, und das von mir vorgezeigte Nest, das mir einst
-ein Junge vom Baume herabgeholt hatte, wurde für ein solches vom
-Stieglitz oder vom Hänfling erklärt.
-
-Es ist gar keine Frage, das Nest vom Zeisig gehört zu den Vogelnestern,
-die recht schwer aufzufinden sind. Meist steht es hoch oben in den
-Fichten oder Tannen, von Nadelzweigen und Flechten so gut verdeckt, daß
-es von unten und von den Seiten her in der Regel nicht gesehen werden
-kann, und wenn man in diesem Sinne von einer »Unsichtbarkeit« des
-Zeisignestes sprechen will, laß ich's wohl gelten. Selbst wer den Baum
-erklettert, findet es oftmals nicht, so genau er sich auch die Stelle,
-wo er die Vögel bauen oder mit Futter herzufliegen sah, gemerkt hat.
-Dazu steht das Nest meist auf dem schwanken Ende eines Astes, daß es
-höchstens von einem waghalsigen Jungen erreicht werden kann.
-
-Ich habe auch einmal sagen hören, falls der Zeisig überhaupt brüte und
-sich nicht etwa auf eine »unnatürliche Art« fortpflanze, so müsse das
-während des Winters, wo die Vögel umherstreichen, in einer fremden
-Gegend geschehen; bei uns zulande wenigstens habe noch kein Mensch ein
-einwandfreies Zeisignest gefunden. Nun, ich kann nur feststellen, daß
-in den Nadelwäldern unsrer Mittelgebirge, wie im Thüringer Wald und im
-Harz, alljährlich genug Zeisige ihr Fortpflanzungsgeschäft im Frühjahr
-ganz ebenso betreiben, wie andere Finkenvögel auch. Und wenn man weiter
-fabelt, das Nest enthalte einen Stein, der ihm jene Unsichtbarkeit
-erst verleihe, und nur auf einer Wasserfläche spiegele es sich ab, so
-daß man dort wohl sein Bild, nie aber das wirkliche Nest sehen könne,
-so trägt solch Gerede auch nicht dazu bei, die Sache glaubwürdiger zu
-machen.
-
-Besonders sind es unsre Hausfreunde, wie Storch, Schwalbe,
-Rotschwänzchen, um die man einen ganzen Kranz abergläubischer
-Vorstellungen gewunden hat. Zwar an den Storch als Kinderbringer, den
-»_Adebar_«, der die Mutter ins Bein beißt, daß sie das Bett hüten muß,
-glauben heutzutage selbst die kleinen sechsjährigen Mädel nicht mehr
-recht und die Buben gleich gar nicht; aber daß Störche auf dem Haus
-eine nahe _Hochzeit_ oder _Kindersegen_ bedeuten, daran hält man in
-unsrer Lausitz, wo es zum Glück noch immer ein paar besetzte Horste
-gibt, ebenso fest, wie in andern Gauen des niederdeutschen Flachlandes,
-die sich zahlreicherer Störche erfreuen. Soviel Junge im Nest,
-soviel Kinder sollen auch die Neuvermählten bekommen -- natürlich
-nacheinander, im Laufe der Jahre; denn in Adebars Kinderstube werden
-gewöhnlich vier, bisweilen auch fünf Stück zur Welt gebracht.
-
-Ebenso allgemein ist der Glaube, daß ein auf dem Hause brütendes
-Storchenpaar jede _Feuersgefahr_ abwende; namentlich wird der
-Blitzschlag ein solches Gehöft nie einäschern. Ich kenne einen Fall in
-der Lausitz, wo eine Feuersbrunst tatsächlich vor einem durch Störche
-gefeiten Gute halt machte. Dadurch wird natürlich der Glaube, daß das
-Feuer dem Vogel und seinem Horst nichts antun könne, zur Gewißheit;
-noch die Urenkel werden davon erzählen, während die Fälle, wo sich der
-Schutz nicht bewährte, recht bald der Vergessenheit angehören. Ich
-werde der letzte sein, der es versucht, dem Lausitzer Bauer seinen
-Glauben auszureden; denn der liebe Mitbewohner des Hauses erscheint
-ihm ja wegen des Feuerschutzes, den er dem Hofe gewährt, nur um so
-wertvoller.
-
-Fast ein _heiliges_ Tier ist unser Hausstorch wie bei den Ägyptern der
-Ibis oder in Indien der Geier. Wehe wer einen Storch tötet oder ihm
-ein Junges raubt -- Krankheit und Armut werden des Mörders Los. Ja,
-der Glaube an die Unverletzlichkeit und Heiligkeit des gefiederten
-Hausfreundes ist unserm Volke so in Fleisch und Blut übergegangen,
-daß selbst Forstbeamte -- es sei ihnen zur Ehre angerechnet -- davon
-abstehen, einen Storch zu schießen, auch wenn sie davon überzeugt sind,
-daß in ihrem Revier der langbeinige Vogel manchen Schaden anrichtet,
-indem er in den Feldern weidwerkt und neben Mäusen auch 'mal einen
-Junghasen erwischt oder ein bodenständiges Nest ausnimmt. Aber der
-Jagdberechtigte weiß auch, daß er gut daran tut, ein Auge zuzudrücken.
-Die ganze Gemeinde würde mit Recht empört sein, wenn es hieße, der
-Storch, ihr Gemeindestorch, sei dem Schrot des Jägers zum Opfer
-gefallen. Ich kenne einen solchen Fall aus unserer Heimat; doch steht
-er zum Glück vereinzelt da.
-
-Wie der Storch, so sind es unsre beiden Schwalbenarten, die _Rauch-_
-und die _Mehlschwalbe_, die nicht nur in unsrer Heimat, sondern in ganz
-Deutschland und weit über die deutschen Grenzen hinaus als günstige
-Vorzeichen gelten. Fliegen die Schwalben über einem Hause häufig hin
-und her, auch wenn sie dort nicht ihre Nester gebaut haben, so wird ein
-Mädchen in diesem Hause bald Braut. Glück und Segen winkt dem kommenden
-Ehestand, wenn das erste, was die Brautleute beim Austritt aus der
-Kirche erblicken, ein zwitscherndes Schwalbenpärchen ist. Vom Himmel
-gesandt sind diese Vögel; »Himmelsvögelchen« nennt sie der Volksmund.
-
-Wie dürfte jemand solch liebem Tierchen ein Leid zufügen! Wer ein
-Schwalbennest zerstört, sagt der Volksmund, zerstört sein eignes Glück,
-und gar eine Schwalbe zu töten ist eine schwere Sünde, die gen Himmel
-schreit; der Frevler wird furchtbar bestraft mit Krankheit oder mit
-schnellem Tod. Dieser fromme Aberglaube ist bei unsern Landleuten auch
-heute noch so lebendig, daß sie die Belästigung seitens der Schwalben
-durch Schmutz und Kot gern mit in Kauf nehmen. Selbst an heiliger
-Stätte duldet man die Vögel und läßt sie ruhig ihre Nester bauen;
-für jeden Kirchgänger ist's ja doch nur ein fröhlicher, trauter,
-anheimelnder Anblick, wenn die heiligen Vögel durch das Heiligtum des
-Herrn über der Gemeinde hin und her fliegen und ihre zwitschernden
-Jungen ätzen. Auch der Araber sagt: »Die Schwalbe preist Gott und
-beschmutzt die Moscheen.«
-
-Der Aberglaube ist der wirksamste Geleits- und Schutzbrief für unsre
-Schwalben, mehr wert als jedes Gesetz. Und wer für seine Person auch
-nicht solchem Aberglauben zustimmt, den Anschauungen seiner Väter und
-Urväter gegenüber sollte er doch so viel Ehrfurcht haben, daß er sie
-als heilige Überlieferung aus längst vergangenen Tagen beachtet und sie
-weiter an seine Kinder und Enkel vermittelt. Auch von andern Tieren
-läßt sich eine ganze Reihe anführen, der Storch, der Marienkäfer, die
-Kreuzspinne u. a., für die alle der Aberglaube gewissermaßen die Krippe
-ist, die sie nährt, und der Schutzwall, der sie und ihr Haus sichert.
-Der Aberglaube hat eben auch seine guten Seiten.
-
-Schwalben erfreuen sich auch als _Wettervögel_ eines besonderen
-Rufes. Wenn sie am Morgen hoch in den Lüften segeln, so sagt man
-allgemein, wird der Tag schön, und sollten schon Gewitterwolken den
-Himmel bedecken, das Unwetter zieht seitwärts. Wenn die Schwalben
-aber unruhig unmittelbar über dem Boden oder an den Hauswänden dicht
-vorüberflattern, so bedeutet dies Regen »nach aller Vernünftigen
-Urteil«. Daß sich trotzdem einzelne der wetterkundigen Hausgenossen
-bisweilen verrechnen können, ersieht man aus dem bekannten Sprichwort:
-»Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.«
-
-In der _Volksmeteorologie_ spielen gerade die Vögel eine hervorragende
-Rolle; sie werden sehr häufig befragt. Für Schwankungen im
-Feuchtigkeitsgehalt, im Druck der Atmosphäre, sowie für Änderungen
-der Luftelektrizität haben sie, die leichtbeschwingten Bewohner des
-Luftmeers, gewiß eine viel feinere Empfindung als wir Menschen. Wer
-aber die Meinung vertritt, daß man aus dem Verhalten gewisser Vögel die
-Witterung auf Wochen oder Monate vorausbestimmen könne, daß die Vögel
-ein »Vorgefühl« für künftige Witterungsverhältnisse besäßen, noch ehe
-irgendwelche Veränderungen in der Atmosphäre eingetreten seien, der
-stellt Behauptungen auf, die jeder Begründung entbehren und die --
-wenigstens teilweise -- mit unter den Begriff des Aberglaubens gehören.
-
-Hätten die Zugvögel ein sicheres Vorgefühl für die kommende Witterung,
-so würde es ihnen nicht einfallen, so oft in ihr Unglück zu fliegen,
-wie Stare, Lerchen und Schwalben, die häufig unter einem strengen
-Nachwinter leiden müssen, und wenn sie den regenreichen Sommer geahnt
-hätten, so würden manche Schafstelzen, Goldammern, Wachtelkönige u. a.
-ihre Nester doch ein Stückchen mehr vom Wasser abgerückt haben, um der
-Hochflut nicht zum Opfer zu fallen. _Wetterregeln_, aus Beobachtungen
-an unserer Vogelwelt abgeleitet, gibt es unzählige. Bestätigen sie
-sich, so spricht man davon; treffen sie nicht zu, so vergißt man's. Wie
-beim Lotteriespiel ist's: der _eine_ Gewinn läßt die Unmasse der Nieten
-verschmerzen; sie sind bald aus dem Gedächtnis verschwunden.
-
-Nur einige solcher Regeln will ich anführen. Der Landbewohner
-schwört auf sie auch heute noch im Zeitalter des Barometers und der
-Wetterwarten mit ihren täglichen Prognosen. Er will weiter in die
-Zukunft blicken als nur 24 oder 36 Stunden.
-
-Klappert der Storch fleißig im März, so gibt es einen schönen Frühling
-und einen warmen Sommer. Wenn die Stare zeitig im April brüten, so ist
-ein »Wonnemond« zu erwarten, der diesen Namen auch wirklich verdient.
-So lange die Lerche vor Lichtmessen (2. Februar) singt, so lange
-schweigt sie, des Nachwinters wegen, nach Lichtmessen still. Auf tiefen
-Schnee mag man sich vorbereiten, sobald die Saatgänse ziehen oder
-Bergfinken und andere Wintergäste einfallen. Spätbrütende Rebhühner
-prophezeien einen späten Winter.
-
-Aus dem Ruf mancher Vögel schließt der Bauer auf Regen. Wenn die
-Elster viel gackert, der Pirol unausgesetzt flötet, der Wiedehopf
-so eigentümlich klagt, der Wendehals schreit und der Regenpfeifer
-seine Stimme hören läßt, dann soll man eilen, das ausgebreitete Heu
-zusammenzuraffen, denn der Regen ist im Anzuge. Andere wieder halten
-den schmucken Buchfink für den besten Wetterpropheten; wenn er seinen
-bekannten schrillen »Rulschton« hören läßt: »jörk, jörk«, dann dauert's
-nicht mehr lange, und es regnet in Strömen. »Gut-Wetter-Bot« ist
-dagegen die Bachstelze, das »Ackermännchen«, wenn es dem Bauer hinter
-dem Pfluge folgt, und die Lerche, wenn sie sich fröhlich trillernd in
-die Lüfte erhebt, nicht aber zwischen den Ackerfurchen sitzend eintönig
-ruft.
-
-Der Hahn auf dem Hof ist schon seit alters ein guter Wetterprophet.
-Wenn er in den Nachtstunden kräht oder sonst auch nur heftig mit
-den Flügeln schlägt, so kommt Regen und Sturm; kräht er aber am
-Morgen anhaltend, so folgt ein schöner Tag. Das wußte schon _Älian_,
-und noch heute heißt's bei unsern Bauern genau so. Aber gleich den
-wissenschaftlichen Meteorologen ist auch der Hahn nicht gegen jeden
-Irrtum gefeit, und so hat man, damit er trotzdem in allen Fällen recht
-behalte, den schönen Reim ersonnen:
-
- »Wenn der Hahn kräht auf dem Mist,
- Ändert sich's Wetter oder -- 's bleibt, wie's ist.«
-
-Sobald es zu regnen beginnt, soll man auch die Hühner beobachten.
-Treten sie sogleich unter Dach oder suchen sie den Stall auf, so wird
-der Regen bald vorübergehen; laufen sie aber anfangs nur unschlüssig
-hin und her und lassen sie sich endlich durch die Nässe kaum noch
-stören, so hält der Regen wenigstens einen vollen Tag an. Auch wenn
-sich Hühner und Tauben im Sande baden, bedeutet es Niederschläge.
-
-Man könnte ein ganzes Buch füllen, soviele Wetterregeln leitet der
-Bewohner des Landes aus dem Verhalten der Tiere, ganz besonders aus dem
-der Vögel ab. Der Ackersmann, der Schäfer, die Bäuerin, die daheim das
-Regiment führt, der Jäger, der Fischer, der Gärtner, der Waldarbeiter,
-der Seemann, kurz jeder, dessen Arbeit und Erwerb von der Witterung
-unmittelbar abhängig ist, hat seine Erfahrungen gesammelt. Außer den
-bereits genannten Vögeln wären noch Kranich und Fischreiher, der große
-Brachvogel -- er wird geradezu »Gewittervogel« genannt -- Misteldrossel
-und Ziemer, die verschiedenen Krähenarten, Dohle, Wachtel, Bekassine,
-Turtel- und Hohltaube, Schwarz- und Grünspecht, Wald- und Steinkauz,
-Sturmschwalbe, Möwe, Eisvogel, Sperling, Gans, Ente, Schwan,
-Perlhuhn, Pfau u. v. a. zu erwähnen, die alle mehr oder weniger gute
-Wetterpropheten sind.
-
-Diese volkstümlichen Voraussagen schlechtweg unsinnig zu nennen, wäre
-töricht; aber wo die Grenze zwischen Dichtung und Wahrheit, zwischen
-Einbildung und wirklicher Erfahrung liegt, ist nicht festzustellen,
-handelt es sich doch wohl niemals um genaue Beobachtungen, die längere
-Zeit fortgesetzt worden wären.
-
-Nur eine Prophezeiung will ich noch herausgreifen, die alle an
-Kühnheit der Logik übertrumpft. Sie weckt mir liebe Erinnerungen
-aus der Kinderzeit, indem sie meinem geistigen Auge, Geruchs- und
-Geschmacksorgan den verheißungsvollen Anblick, den lieblichen Duft und
-den köstlichen Genuß der gebratenen Gans daheim im Elternhaus wieder
-vorzaubert. Der liebe Martinsvogel stellte sich am 11. November,
-meinem Namenstage, stets ein. Sieht an diesem Tage das Brustbein
-des festlichen Bratens braun aus, so folgt ein frostreicher, aber
-schneefreier Winter; hat es dagegen eine weiße Färbung, so gibt's
-Schnee in Menge.
-
-Ungemein groß ist die Rolle, welche die Tiere in der _Volksmedizin_
-früherer Zeiten, besonders im 16. und 17. Jahrhundert, gespielt haben.
-Man braucht nur die alten Medizinaltaxen oder Apothekerordnungen jener
-Zeit durchzusehen, und man wird über die Menge allein der einfachen
-Arzneimittel, der sogenannten »Simplicia« erstaunt sein, die dem
-Tierreich entnommen wurden.
-
-Dresden schlug mit der Reichhaltigkeit seiner Hofapotheke jeden
-Mitbewerber auf diesem Gebiete aus dem Felde. Die sächsische Residenz
-galt von jeher als eine vornehme Stadt; war es nicht vornehm, daß sie
-auch viele und seltene Krankheiten in ihren Mauern beherbergte und
-die Hofapotheke für eine jede ein unfehlbares Heilmittel besaß? Die
-Apothekertaxe vom Jahre 1652 zählt nicht weniger als 190 Stücke aus dem
-Tierreich auf, darunter Augen, Gehirn, Fett, Galle, Magen, Federn,
-Mist der verschiedensten Vögel. Mit dieser Herrlichkeit ist's heute
-vorbei. Aber das Volk hat sich doch noch so manches erhalten; denn die
-Völker haben ein gutes Gedächtnis und bewahren, ganz wie die einzelnen
-Menschen, Eindrücke aus früher Kindheit gar getreu bis ins Alter.
-
-Noch heute glaubt man ganz allgemein, nicht nur in unserm Erzgebirge
-oder im Thüringer Wald, sondern z. B. auch im Salzkammergut, daß
-der _Kreuzschnabel_, den die Gebirgsbewohner so gern im engen
-Drahtbauerchen halten, Gicht, Rheumatismus und alle »Flüsse« anziehe.
-Auch das Wasser, in dem sich der Kreuzschnabel gebadet hat, sei gut
-gegen die Gicht wie gegen Krämpfe. Nicht selten stirbt ja gerade dieser
-Vogel unter krampfartigen Erscheinungen schon nach kurzer Zeit der
-Gefangenschaft, und oft bezeugen es knollige Anschwellungen an seinen
-Füßen ganz deutlich, daß die Gichtknoten seines Pflegers auf ihn
-übergegangen sind.
-
-Wer Kügelgens »Jugenderinnerungen eines alten Mannes« gelesen hat,
-der wird sich mit Vergnügen des originellen Landgeistlichen Roller,
-Pfarrherrn zu Lausa, erinnern, der alljährlich an die hundert _Elstern_
-im Backofen verkohlte und das so gewonnene schwarze Pulver als Medizin
-weithin versandte, sogar nach dem Harz und nach Schlesien, nach
-Hamburg, Königsberg und Wien. Ein fechtender Handwerksbursche hatte
-dem Pfarrer »die Tugenden« der gebrannten Elster, Alster, Schalaster,
-Hester, oder wie der langschwänzige Vogel sonst noch genannt wird,
-gepriesen, und Roller probierte die Sache nun an seinem Bruder
-Jonathan, der an epileptischen Krämpfen litt. Schon nach Monatsfrist
-war das Übel behoben; der Pfarrer aber, der von der Wirksamkeit des
-seltsamen Mittels fest überzeugt war, freute sich nun, daß ihm Gott
-einen Weg eröffnet habe, sich für die Heilung seines Bruders dankbar zu
-erweisen und wehrte beharrlich jede Bezahlung ab. Er verlangte nichts
-anderes von seinen Patienten, als einen gewissenhaften Bericht, wie die
-Medizin bekommen sei.
-
-Noch heute ist »gebrannte Elster« ein Volksmittel gegen die
-»hinfallende Krankheit«. Einige wollen wissen, nur die »in den
-Zwölfen«, d. h. in den zwölf Tagen zwischen Weihnachten und Heil.
-Dreikönige (6. Jan.) geschossenen Elstern seien bei Krämpfen und
-Epilepsie heilsam; denn um diese heilige Zeit habe die Natur all
-ihre Wunderkräfte beisammen. Man glaubt auch, die Elster selbst sei
-mit der »schweren Krankheit« behaftet, und deshalb vermöge sie beim
-Menschen das Leiden zu heilen. Gleiches soll eben durch Gleiches
-vertrieben werden. Vielleicht hat das unruhige, allzeit quecksilberne
-Wesen der Elster Veranlassung gegeben, bei ihr epileptische Zufälle
-anzunehmen; doch scheint es mir näherliegend, daß man die Elster, die
-ein Hexentier ist, d. h. ein solches, in das sich Hexen und andere
-Dämonen gern verwandeln, aus dem Grunde mit Veitstanz und Fallsucht in
-Zusammenhang gebracht hat, weil dies Krankheiten sind, mit denen nach
-dem Volksglauben dämonische Mächte den Menschen heimsuchen.
-
-Das leitet uns über auf das Gebiet des eigentlichsten Aberglaubens.
-
-Bekannt ist das _Kuckucksorakel_: so viel mal der Vogel ruft, so
-viele Jahre hat der Frager noch zu leben. Schon i. J. 1221 wendet
-sich Cäsarius Heisterbach mit Entrüstung gegen diesen altheidnischen
-Aberglauben, und um dieselbe Zeit war's, da brach ein schon betagter
-Mönch sein Klostergelübde, weil ihm der Gauch noch 22 Jahre geweissagt
-hatte. Ob der prophetische Vogel in diesem Falle recht behalten hat,
-wird leider nicht berichtet. Sollte mich freuen, wenn's so gewesen wäre.
-
-Heute wird wohl niemand mehr ähnliche wichtige Entscheidungen von dem
-Lenzesboten abhängig machen; man zählt die einzelnen Kuckucksrufe
-nur zum Spaß und aus alter Gewohnheit. Und doch, ich kenne Personen,
-die ganz still und niedergeschlagen wurden, als der Kuckuck, den sie
-befragten, nur zwei- oder dreimal seinen Ruf hören ließ. Solche Macht
-haben uralte abergläubische Vorstellungen noch in unserm Jahrhundert,
-auch wenn man sie als Dummheit erkennt.
-
-Der Kuckuck war als Frühlingsbote, ebenso wie der Storch, dem Donar
-geweiht, der nicht nur als Herr des Gewitters, sondern auch als
-Frühlingsgottheit verehrt ward. Donar weckte das Leben auf der Erde,
-gab reichen Erntesegen und beschenkte die Ehen mit Nachkommenschaft. So
-ward sein Bote, der Kuckuck, zum _Lebensvogel_, den man nach der Zahl
-der Lenze befragt, die uns die Gottheit noch beschieden hat, der durch
-seinen oft wiederholten Ruf dem Landmann Berge von Gold verspricht, daß
-er die Geldstücke im Sack schon klappern hört, wenn auch nur erst die
-grünen Spitzen der Saat aus dem Boden hervorschauen und die Obstbäume
-nur aus ihrem Blütenansatz auf eine reiche Ernte hoffen lassen.
-Auch den heiratslustigen Dorfschönen erteilt der Kuckuck auf manch'
-vorwitzige Frage bereitwilligst Auskunft.
-
-Ob er einst verklingen wird in ferner Zukunft, dieser Glaube an den
-göttlichen Vogel? Weit länger als ein Jahrtausend ist's her, da hat
-christlicher Eifer die heidnischen Götter entthront und zu Dämonen
-gestempelt; aus den ihnen geweihten Tieren aber hat er Teufel und Hexen
-gemacht. »Hol dich der Kuckuck!« -- »Geh zum Kuckuck!« -- »In Kuckucks
-Namen« und was derartige schöne Redensarten mehr sind, bei denen
-sich hinter dem Kuckuck der Teufel versteckt. Der »Lebensvogel« wird
-aber über diese barbarische Vergewaltigung seiner Person schließlich
-doch den Sieg davontragen. Ich glaube, so lange der Kuckuck in
-unsern deutschen Ländern seinen Ruf erschallen läßt, so lange wird
-auch unser Volk sich den alten Glauben an die prophetische Gabe des
-geheimnisvollen Vogels bewahren. Jedes Frühjahr weckt ihn von neuem --
-unsterblich die Erinnerung des Volks an seine Kindheit.
-
-Rechte Hexentiere sind auch die _Eulen_, die einst als Sinnbild der
-Wachsamkeit, der Weisheit, des tiefen Denkens und unermüdlichen
-Forschens von einem nach Schönheit und Weisheit strebenden Volk der
-helläugigen Pallas Athene geweiht waren. In der christlichen Kunst ward
-die Eule zum Symbol heidnischer oder irdischer Torheit; ein Kreuz, das
-man häufig über ihrem Kopfe anbrachte, sollte den Sieg der Kirche über
-jede teuflische Lehre bedeuten. Und noch heute bekreuzigt sich mancher,
-wenn das niedliche, harmlose Steinkäuzchen sein helles »kuwitt« und
-dann das gedämpfte »boh boh« hören läßt. »Das Leichen- oder Totenhuhn,
-die Wehklage oder Klagemutter ruft: komm mit, komm mit, auf den
-Kirchhof, hof, hof! Der Vogel kündet den Tod an.« Und nicht etwa nur
-das ungebildete Volk, nein auch viele andere, die sich unendlich
-erhaben dünken, glauben dem Unheil kündenden Vogel; oder wenn sie's
-auch nicht glauben, sie können sich doch eines unbehaglichen Gefühls
-nicht erwehren, wenn sie das Käuzchen schreien hören.
-
-Natürlich hat in erster Reihe das nächtliche Treiben die Eulen in
-Verruf gebracht. Völlig geräuschlos, geisterhaft wie ein Schatten
-gleiten sie an dem Wanderer vorüber, und es funkeln ihre riesigen
-Augen. Wenn sich der Uhuruf mit dem Brausen des Sturms paart, der im
-Hochwald tobt, daß die Bäume ächzen und stöhnen, gibt's ein grausig
-Geheul. An dem Mond jagen die Wolken vorüber, daß sein Licht bald
-verdeckt wird, bald wieder hell hervortritt zwischen den im Sturme
-schwankenden Baumkronen. Selbst des Mutigsten Seele wird mit Bangen
-und Grauen erfüllt. Ist es ein Wunder, daß unsre Altvordern gerade
-der wilden Sturmes- und Wolkengöttin die Eule als ihr Tier neben
-der nächtlichen Wildkatze geweiht haben! Zu Hexentieren sind beide
-unter dem christlichen Einfluß geworden, gehaßt und verfolgt vom
-unverständigen Volk. Und unter diesem Haß hat die Hauskatze, die die
-Stelle ihrer wilden Verwandten eingenommen hat, noch heute ebenso
-zu leiden wie sämtliche Eulen, die nützliche Schleiereule wie der
-niedliche Steinkauz.
-
-In meiner Jugendzeit sah man es gar nicht selten, daß der Landwirt eine
-Eule mit ausgebreiteten Flügeln an das Scheunentor oder an die Tür des
-Viehstalls genagelt hatte. Ich glaubte, diese Unsitte habe sich längst
-überlebt; aber erst vor kurzem hat mich der gleiche Anblick -- es war
-in der Lausitz -- von neuem überzeugt, wie tief doch abergläubische
-Vorstellungen in unserm Volk wurzeln. Vor Verhexung will der Bauer sein
-Gehöft schützen. Den herumstreichenden Dämonen, die das Vieh mit bösem
-Zauber bedrohen, soll das gekreuzigte Tier gewissermaßen zurufen:
-»Laßt ab von dem Gut! ihr seht, wie's solch nächtlichem Gelichter
-ergeht!« Allen Verständigen aber, die es sehen, ist die angenagelte
-Eule nur ein Zeichen dafür, daß Dummheit, Aberglauben, Undankbarkeit
-und Bosheit unter den Menschen nicht aussterben.
-
-Eine mittelalterliche _Hexenküche_ ohne Eulen wäre nicht denkbar. Und
-wenn auch das Licht der Wissenschaft in diese Werkstätten menschlicher
-Afterweisheit hineingeleuchtet hat, es wird doch auch noch heute in
-verborgenen Winkeln mit Geisterbeschwören, Schatzgraben, Bereitung von
-allerlei Tränklein viel Hokuspokus getrieben, und die Rolle dämonischer
-Tiere, wie Elster, Eule, aber auch Katze, Fledermaus, Schlange, Kröte,
-Salamander u. v. a. ist noch immer nicht ausgespielt.
-
-Zäh hält das Volk an den alten Vorstellungen fest -- jahrtausendelang
-fließt das Wasser in dem einmal errungenen Bett.
-
-
-
-
-Schutz den schutzlosen Kriechtieren und Lurchen!
-
-
-Unter den Wirbeltieren sind die _Kriechtiere_ und _Lurche_ die
-einzigen, die jedes gesetzlichen Schutzes entbehren. Strenge
-Jagdgesetze nehmen sich vieler Säugetiere und einer großen Anzahl von
-Vögeln an; nur der Jagdberechtigte darf sie erlegen, und wenn es nicht
-gerade Raubtiere sind, so genießen sie fast alle eine gesetzliche
-Schonzeit, die sich freilich in den einzelnen Ländern des Deutschen
-Reichs auf etwas verschiedene Zeiten erstreckt. Außerdem stehen die
-meisten nicht-jagdbaren Vögel unter der schirmenden Hand des deutschen
-Vogelschutzgesetzes, das sich ihrer und ihrer Brut in weitgehendem
-Maße annimmt. Jedes Schutzes bar sind nach diesem Gesetz nur wenig
-Vogelarten, ja nach unsern sächsischen Gesetzen keine einzige; selbst
-die Sperlinge sind nur unter gewissen Einschränkungen »vogelfrei«.
-Für die Fische sorgen Fischereigesetze in den einzelnen Ländern --
-nur die _Kriechtiere und Lurche_ sind _rechtlos_, »_vogelfrei_«, der
-Willkür eines jeden preisgegeben. Wenn es sich nicht gerade um Ärgernis
-erregende Tierquälerei handelt, kann jeder mit diesen Geschöpfen
-machen, was er will, wozu ihn die Laune treibt. Ungestraft darf er sie
-und ihre Brut vernichten; da ist kein Gesetz, das ihn hindert. Jedem
-Tagedieb steht es frei, hinauszuziehen an den Teich, an den Sumpf, an
-den feuchten Graben der Wiese, an die steinige Halde, in den Buchenwald
-und dort einzufangen, so viel immer er will, die Läden der Händler
-in der Großstadt zu füllen. Und wenn es die letzte Ringelnatter am
-Bachesrand wäre oder der einzige Tümpel in der ganzen Umgebung, den
-Tritonen und Salamander beleben: er darf, falls sonst kein Einspruch
-des Besitzers aus besonderen Gründen erhoben wird, das Gewässer
-ausfischen, den Berghang absuchen und alles mitnehmen, was ihm zur
-Beute wird, bis auf den letzten Rest.
-
-Was ist der Grund für solche Vernachlässigung und Zurücksetzung der
-genannten Geschöpfe gegenüber dem weitgehenden Schutz, den namentlich
-die Vogelwelt allenthalben genießt?
-
-Die Antwort ist nicht schwer. Der leichtbeschwingte, sangesfreudige
-Vogel ist der Liebling nicht etwa nur einzelner Naturfreunde, sondern
-aller Kreise unseres Volkes, und wo die Vogelwelt vielleicht doch
-noch nicht ganz die Teilnahme gefunden hat, die sie verdient, da ist
-es uns Naturfreunden leicht, für sie einzutreten und um Schutz und
-Pflege zu werben. Dabei wird man wohl zuerst den großen Nutzen, den so
-viele Vögel für den Land- und Forstwirt, den Gärtner und Obstzüchter
-besitzen, ins rechte Licht stellen; denn in der Natur des Menschen
-ist's nun einmal begründet, daß er in oft recht engherziger Weise
-zunächst nach seinem eignen Vorteil fragt. Dann aber wird man auch
-an den freien, fröhlichen Flug erinnern, an die holdselige Stimme so
-vieler Vögel, an ihr Familienleben, sowohl an das innige Verhältnis der
-Gatten zueinander, wie an die aufopfernde Liebe der Eltern zu ihren
-Kleinen, ja selbst zu fremden verwaisten Vogelkindern. In all diesen
-Wesenszügen wird der Vogel kaum von einer andern Tierklasse erreicht,
-von keiner übertroffen. Und so sind die Vögel, die Lieblinge der
-Schöpfung, auch die Lieblinge des Menschen geworden. Sie stehen unserm
-Herzen, unserm ganzen Gefühlsleben näher als alle andern Geschöpfe,
-wenigstens wenn wir von den Haustieren absehen.
-
-Wie anders dagegen Eidechsen, Frösche, Molche oder gar Kröten und
-Schlangen! Ihr bloßer Anblick flößt, wenn auch ungerechtfertigterweise,
-vielen Menschen _Ekel und Abscheu_ ein. Die schwerfälligen Bewegungen
-der Kröten und Erdsalamander, die gewiß, ich gebe es zu, der Anmut
-entbehren, sind manchen geradezu widerlich; aber auch der hastige Lauf
-der zierlichen Eidechsen, wenn sie über das kurzrasige Gras oder den
-steinigen Weg hurtig wie die Mäuse dahinhuschen, flößt schreckhaften
-Menschen Angst ein; das lautlose Hingleiten der Schlangen ist vielen
-unheimlich, und selbst der hüpfende Frosch ruft in schwachbesaiteten
-Gemütern Entsetzen hervor. Fast auf jede Weise bewegen sich die
-Kaltblüter fort: sie kriechen und hüpfen, sie schwimmen und rennen;
-aber immer finden die Menschen etwas daran auszusetzen. Selbst wenn die
-Kröten und Echsen fliegen könnten, ich glaube, es würde auch keinem
-recht sein.
-
-Es gibt Menschen, denen sind Spinnen und Würmer ebenso schreckliche
-Wesen, und ich kenne Damen, die laut aufkreischen, wenn ihnen 'mal ein
-summender Maikäfer oder ein Mistkäfer in die Nähe kommt oder gar eine
-Fledermaus ihnen um die wuschligen Haare flattert, die echten oder die
-falschen -- entsetzlicher Gedanke! Aber es scheint mir, die Abneigung
-gegen die Kriechtiere und Lurche ist doch noch viel allgemeiner
-verbreitet; es findet sich so selten 'mal einer, der diesen verachteten
-und verfolgten Tieren freundlich gesinnt ist. Und selbst wenn man mit
-verständigen Gründen solche Vorurteile zu widerlegen sucht und gütlich
-zuredet, sich doch den Salamander, die Blindschleiche, den Frosch
-genauer zu betrachten, die Tiere wohl auch 'mal in die Hand zu nehmen,
-so begegnet man bei fast allen dem hartnäckigsten Widerwillen. »So kalt
-und so naß!« heißt's beim Frosch, bei der Schlange: »so glatt!« und bei
-der Kröte: »so ekelhaft und giftig ihr Schleim; ich werde mich hüten.«
-
-Doch nicht bloß ihre äußere Erscheinung, auch die _Lebensweise_ der
-Kriechtiere und Lurche ist vielen höchst unangenehm. An dunkeln Orten,
-in feuchten Löchern hausen sie, in Morästen und Sümpfen; sie scheuen
-vielfach das Licht des Tages, wie Kröten und Unken, die erst gegen
-Abend recht lebendig werden: kurz, es sind unheimliche Geschöpfe. Kein
-Wunder daher, daß sich der _Aberglaube_ ihrer bemächtigt hat, mehr
-als irgend einer andern Tierklasse. Die meisten Menschen wissen nicht
-viel von unsern Kaltblütern zu sagen; wenn sie aber etwas von ihnen
-berichten, dann sind's gewöhnlich erlogene, abergläubische Märchen; auf
-jeden Fall aber ist's etwas Böses.
-
-Gern räume ich ein, daß es auch gescheite Leute gibt -- meine Leser
-rechne ich alle dazu, auch bin ich so glücklich, persönlich solche zu
-kennen -- die nichts wissen wollen vom bösen Blick der Schlangen, vom
-Unglück verkündenden Unkenruf, und was derartige Märchen mehr sind;
-aber diese abergläubischen Vorstellungen, teils Jahrtausende alt,
-liegen gewissermaßen in der Luft; sie umgeben die Tiere, von denen
-wir sprechen, wie ein übler Dunstkreis und tragen wesentlich zu dem
-Abscheu bei, den die große Menge beim Anblick unsrer Kriechtiere und
-Lurche empfindet.
-
-»Geh mir mit solch giftigem Gewürm ein für allemal aus dem Wege!«
-wie oft habe ich's hören müssen, wenn ich als Junge seelenvergnügt
-eine Ringelnatter in der Hand hielt oder in der Einmachbüchse, die
-ich der Mutter entwendet hatte, später in meiner »zoologischen
-Botanisiertrommel« Eidechsen oder ein paar buntfleckige Molche mit
-heimbrachte! Und wie oft sehe ich's heute noch: am Wiesenweg eine
-Natter, die man in roher Weise gesteinigt hat, am Waldesrand eine mit
-Rutenschlägen getötete Blindschleiche, an der Parkmauer eine halbtote
-Kröte; erst wenn die Sonne untergeht, kann sie sterben, behauptet der
-Volksglaube.
-
-Der _Haß_ gegen diese Tiere und ihre Verwandten ist ganz allgemein;
-jeder glaubt ein Recht zu haben, sie zu vernichten, ja er schwatzt
-sich's vor, es sei seine Pflicht, und mancher dumme Junge fühlt sich
-als ein Held, als ein Ritter Georg, weil er eine unschuldige Natter
-oder Blindschleiche erschlagen hat. Immer nur Ausnahmen, wenn sich 'mal
-jemand dieser hart verfolgten Tiere erbarmt, und wer für sie eintritt,
-findet kaum je Gehör, ja mit Spott und Hohn antwortet man ihm.
-
-Aber gilt es nicht auch von diesen Kleinen und Schwachen, den
-Verachteten und Verfolgten, daß sie _Kinder der Natur_ sind, unsrer
-gemeinsamen Mutter, der wir Verehrung und Liebe zollen sollen? Gehören
-sie nicht auch mit zu denen, die der große Dichter »meine Brüder im
-stillen Busch und im Wasser« nennt? Ihr Leben mutwillig zu vernichten,
-dazu haben wir kein Recht. Hat sich die Schöpfung etwa nur deshalb
-mit Pflanzen und Tieren geschmückt, »ein jegliches nach seiner Art«,
-daß wir uns an ihnen vergreifen sollen, sei es aus Roheit, sei es
-aus törichter Selbstüberschätzung? Heißt das nicht zerstören und
-verstümmeln, was uns erheben, erquicken, erbauen und erziehen soll!
-Naturschänder sind es, die anders denken und handeln, und Naturschänder
-sind mir immer als die erbärmlichsten Menschen erschienen. Die Natur,
-die uns der Inbegriff alles Schönen sein soll, muß uns auch ein
-_Heiligtum_ sein, in noch höherem Grade unverletzlich und unantastbar
-als das größte Kunstwerk. Dieses hat Menschengeist ersonnen und
-Menschenhand gebildet; die Natur aber trägt den Stempel der Gottheit.
-
-Wer an der Natur frevelt, vergeht sich aber nicht nur an dieser,
-sondern zugleich an seinen Nebenmenschen, deren natürlichste und
-deshalb heiligste Rechte er mißachtet und beeinträchtigt. Denkt denn
-der Frevler, der eine Blindschleiche, eine unschuldige Schlange
-niederschlägt, nicht daran, daß noch andere des Weges kommen, denen der
-Anblick eines solchen Tieres Freude bereitet, die den schlängelnden
-Bewegungen der Natter mit Vergnügen zuschauen, ebenso dem flinken Lauf
-der zierlichen Eidechsen, wenn deren Gewand im Sonnenstrahl funkelt und
-gleißt, als sei es mit hundert Smaragden geschmückt, die auch gern 'mal
-solch Tierchen in die Hand nehmen, um es noch genauer zu betrachten:
-das allerliebste Schuppenkleid, die wie Perlen blitzenden Äuglein,
-die tastende Zunge. Nun sieht man das Tier, das noch vor kurzem sich
-seines Lebens freute und so manchen Naturfreund erfreut hätte, kläglich
-erschlagen am Boden. Der Frevler hat mit roher Hand allem ein Ende
-bereitet: dem unschuldigen Tierchen und der unschuldigen Freude. Hat
-nicht jeder, auch der Ärmste ein Anrecht an die Natur?
-
-Von mancher Seite hat man der _Terrarien- und Aquarienliebhaberei_ den
-Vorwurf gemacht, daß sie wesentlich zur Verödung der Natur beitrage.
-In der Tat hat diese Liebhaberei während der letzten Jahre vor dem
-Weltkriege in weiten Kreisen unsrer Bevölkerung bei jung und alt
-Eingang gefunden, zum Teil auf Kosten der Stubenvogelpflege, während
-in meiner Jugendzeit meist nur wir Kinder solch innigen Verkehr mit
-unsern heimischen Kaltblütern pflegten. Das wachsende Interesse an den
-genannten Geschöpfen kann ich nur mit Freude begrüßen. Wer Gelegenheit
-hat, diese Tiere näher kennen zu lernen, wird sie auch lieben lernen.
-Was man aber liebt, das sucht man zu erhalten und zu schützen. Und
-so liegt es mir ganz fern, den Freund und Pfleger von Schlangen,
-Eidechsen, Molchen u. dgl. tadeln zu wollen, wenn er im Frühjahr
-auszieht, um seinem Terrarium oder Aquarium daheim, an dem er seine
-Freude hat, Ersatz zu schaffen für das, was ihm der Winter geraubt hat.
-Der verständige Freund der Natur wird durch Schutz und Pflege seiner
-Lieblinge draußen in Wald und Flur, in Sumpf und Teich der Heimat
-reichlich vergelten, was er ihr raubt. Das gilt vom Terrarien- und
-Aquarienliebhaber genau so wie vom Freund und Pfleger der heimatlichen
-Stubenvögel.
-
-Aber den Umstand beklage ich tief, daß nun _Fänger von Profession_
-diese an sich erfreuliche Liebhaberei zu einem Geschäft ausnutzen,
-indem sie im Frühling Tag für Tag mit ihren Fanggeräten zu erbeuten
-suchen, so viel sie nur können, Massenfang treiben der übelsten Art.
-Der _Händler_ nimmt alles, je mehr, desto besser; er hat für alles
-Verwendung. Was bei unsachgemäßer Pflege krepiert, kommt in Spiritus
-und findet auch dann seine Abnehmer. Und so wimmelt es zu manchen
-Zeiten in den zur Schau gestellten Glaskästen der sog. »Zoologischen
-Handlungen« der Großstädte von zierlichen Eidechsen, von Nattern
-und Blindschleichen, von Erdsalamandern, von Tritonen und Molchen.
-Wirkliche _Raubzüge_ werden gegen die heimatliche Natur unternommen.
-Nicht die Tierpflege an sich verurteile ich, sondern den Massenfang,
-wie er zumeist von arbeitsscheuen, recht zweifelhaften Personen Jahr
-für Jahr des Geldgewinns wegen betrieben wird. Ihnen sollte wie
-den Vogelstellern durch gesetzliche Bestimmungen das lichtscheue
-Handwerk gründlich gelegt werden. Freilebende Tiere zur Massenware zu
-erniedrigen, ist ein Unrecht.
-
-Was nun aber fast ebenso schlimm, jeder kann diese lebende Ware für
-verhältnismäßig wenig Geld beim Händler erstehen. Da mag so mancher,
-der die Tiere im Schaufenster sieht, denken, solch ein Behältnis mit
-Schlangen und Eidechsen, solch Wassergefäß mit Molchen könntest du dir
-in deinem Zimmer auch einrichten, und er setzt nun die Ringelnatter,
-den Laubfrosch, den Erdsalamander den ganzen Tag der Sonnenbestrahlung
-aus, bringt die Tritonen in ein gefülltes Wasserglas, wo sie kein
-Plätzchen zum Ausruhen finden, und um die Nahrung der Tiere kümmert
-er sich auch nur wenig. Die ist schwer zu beschaffen; wen der Hunger
-plagt, so denkt er, wird nicht wählerisch sein. Unter solchen Umständen
-gehen die armen Geschöpfe natürlich sehr bald zugrunde. Dann ist die
-ganze Herrlichkeit aus, und am Ende freut sich der Besitzer, der von
-Tierpflege keine Ahnung hat, daß er die Sache wieder los ist. Der
-Händler aber hat für die ganz zwecklos geopferten Tiere schon längst
-wieder Ersatz.
-
-Das sind natürlich Auswüchse der Tierliebhaberei, Nebenerscheinungen,
-die aber vom Standpunkte des Naturschutzes aus sehr zu beklagen sind.
-Freilich den meisten Menschen wird's gleichgültig sein, handelt es sich
-dabei doch bloß um Eidechsen, Molche und ähnliches Getier, und solch
-»Ungeziefer« hat keinen wirtschaftlichen Wert, wie ihn z. B. der Vogel
-besitzt, ist auch für den Haushalt der Natur ganz gleichgültig.
-
-Dieser allgemein verbreiteten Ansicht kann nicht scharf genug
-widersprochen werden. Gewiß, unserm Fühlen, unserm ganzen Innern
-steht der Vogel viel näher als Blindschleiche oder Unke; aber was den
-wirtschaftlichen Nutzen der Vogelwelt betrifft, da sind doch nicht
-wenige unsrer gefiederten Freunde, die manchen Schaden und Ärger
-anrichten und die das Gesetz doch in seinen Schutz nimmt, und zwar mit
-größtem Recht; denn der Geldbeutel allein darf nicht den Ausschlag
-geben.
-
-Wie steht es aber in dieser Beziehung mit den Kriechtieren und
-Lurchen? Ich muß diese leidige Frage nach _Nutzen und Schaden_, so
-sehr es meinem Gefühl zuwider ist, hier in den Vordergrund stellen,
-weil man bei unsern Tieren so gar nichts anerkennen will, was ihnen
-Daseinsberechtigung geben könnte. Das Quaken der Frösche ist den
-Anwohnern des Teiches verhaßt, die Schlangen sind allen greulich,
-heimtückisch, gefährlich, widerlich die ganze Gesellschaft. Ich sprach
-mit einer jungen Dame über unsre heimische Tierwelt und wie so viele
-schuldlos verfolgte Geschöpfe dringend unseres Schutzes bedürfen.
-»Sie wollen sich doch nicht etwa auch noch der giftigen Schlangen
-und Salamander, der Eidechsen und Molche annehmen?« fiel sie mir ins
-Wort. »Sagen Sie 'mal, Herr Professor, wozu sind denn eigentlich die
-entsetzlichen, scheußlichen Kröten auf dieser Welt?« »Wozu, mein
-verehrtes Fräulein,« entgegnete ich, »sind denn eigentlich Sie da?
-Sie haben Ihren Beruf zu erfüllen im Haus, in der Familie, in der
-menschlichen Gesellschaft, genau wie jedes andere Geschöpf in seinem
-Kreise, und wenn Sie Ihrer Aufgabe in allen Stücken so treu und
-gewissenhaft nachkommen wie die Kröten, die Ihnen so zuwider sind, dann
-alle Hochachtung vor Ihnen! Übrigens haben Sie sich eine Kröte gewiß
-noch nicht genau angesehen; sonst müßten Sie wenigstens etwas Schönes
-an ihr finden, und das sind -- erschrecken Sie nicht! -- ihre Augen.«
-
-In mildem Goldglanz schauen die Krötenaugen uns so treuherzig und
-innig an, als wollten die Tiere sagen: Tu uns nichts zuleide! Es
-liegt etwas unaussprechlich Wehmütiges in diesem milden Blick, etwas
-von der stillen Poesie des Weihers mit seinen Nixen und Elfen, die
-sich nach dem Reiche der Menschen sehnen, etwas von märchenhaftem
-Waldeszauber, etwas Ahnungsvolles und Unwirkliches. Man denkt an den
-verwunschenen Prinzen, an die Kröte mit dem goldnen Krönchen, von
-denen die Großmutter uns Kindern so oft erzählte. Krötenaugen blicken
-ebenso sanft und träumerisch, so innig und seelenvoll wie die schönen
-Augen meines Rotkehlchens oder draußen am Waldbach die großen braunen
-Augensterne der Wasseramsel, und ich kann's nicht verstehen, daß
-Krötenaugen geradezu zum Sinnbilde der Häßlichkeit geworden sind. Wenn
-man eine Dame anschwärmen würde: »Sie einzig Verehrte, mit Ihren
-Krötenaugen!« so würde das, so ehrlich es der Freund und Kenner jener
-Tiere vielleicht auch meint, als eine Beleidigung gelten. Nun, eine
-Beleidigung, ich gebe es zu, mag es in manchen Fällen auch tatsächlich
-sein, wo man solchen Vergleich zieht, aber niemals eine Beleidigung für
-das weibliche Wesen.
-
-Doch zurück zur Frage nach _Nutzen_ und _Schaden_. Raubtiere sind sie
-alle, die Reptilien so gut wie die Lurche, nur daß letztere in ihrem
-Jugendzustande, z. B. als Kaulquappen, an verwesenden Pflanzenstoffen
-herumnagen. Außer Daphnien, Cyklopiden und andern Krebstierchen werden
-von allen _Lurchen_ die verschiedenen Mückenarten, Würmer, Schnecken,
-Larven und Puppen von Wasserinsekten, daneben die Jugendformen der
-eignen Verwandtschaft verzehrt. Der gewalttätigste Lurch ist unser
-_Wasserfrosch_, der Musikant. Insekten und Insektenlarven aller Art,
-Spinnen, Schnecken, Würmer, Kaulquappen, Fischbrut, selbst kleine
-Fischchen, aber auch junge Blindschleichen, Wassermolche: alles
-würgt er hinunter. Der zierliche _Laubfrosch_ hat es auf Fliegen,
-Kleinschmetterlinge, glatte Räupchen und auf allerlei Würmer abgesehen.
-Die _Kröten_ und _Unken_ leben gleichfalls von Insekten, Asseln,
-Spinnen, Tausendfüßern, Nacktschnecken und Würmern.
-
-Auch unsre _Kriechtiere_ sind Räuber; sie erjagen lebende Beute.
-Die _Kreuzotter_ nährt sich von Mäusen aller Art, von Spitzmäusen,
-auch Eidechsen, die sie durch ihren giftigen Biß sehr schnell tötet;
-selbst jungen Vögeln mag sie bisweilen gefährlich werden. Die _glatte
-Natter_, auch Haselnatter genannt, macht besonders gern auf Eidechsen
-Jagd, während die _Ringelnatter_ mit Vorliebe Laub- und Grasfrösche
-frißt. Als gute Schwimmerin jagt sie aber auch im Wasser nach kleinen,
-etwa fingerlangen Fischen und Salamandern. Vor der gelbbauchigen
-Unke freilich und dem Erdmolch scheut sie sich, gleich allen andern
-Lurchjägern; denn schwarz und gelb, unsre Dresdner Stadtfarben, sind
-Schreckfarben -- natürlich nur in der Tierwelt. Die _Eidechsen_ sind
-hinter allerlei Kerbtieren her und und verstehen sie sehr geschickt zu
-erwischen: Grillen, Heuschrecken, Schmetterlinge, Fliegen, Käfer; dazu
-fressen sie Würmer, Nacktschnecken, ja sie überfallen selbst schwächere
-Artgenossen, während die _Blindschleichen_, schwerfälliger in ihren
-Bewegungen, auf den Fang von Regenwürmern, Schnecken und glatten Raupen
-angewiesen sind.
-
-Aus diesen Beispielen ergibt sich, daß von einem besonderen Schaden
-der Reptilien und Amphibien nicht die Rede sein kann, abgesehen von
-der giftigen Kreuzotter, die aber doch nur in einzelnen Gegenden
-Deutschlands häufig auftritt. Ja, die meisten Mitglieder dieser
-beiden Wirbeltierklassen stiften durch die Vertilgung von Würmern und
-Nacktschnecken ganz entschieden Nutzen. Daß sie auch viele Insekten
-verzehren, wollen wir ihnen nicht besonders anrechnen; denn unter den
-Kerbtieren gibt es nützliche, wie schädliche Arten, und in dieser
-Beziehung wird keine Echse, kein Lurch eine Auswahl treffen. Daß
-aber manche Wasserinsekten, die der Fischerei Schaden bringen, den
-Ringelnattern und Fröschen zum Opfer fallen, darf nicht unerwähnt
-bleiben.
-
-Besonders groß erscheint mir der Nutzen der _Kröten_. In Gärten,
-besonders wo Erdbeeren oder Salat gepflanzt sind, da sollte man sich
-nur freuen, wenn man ein paar Kröten begegnet; sie sind die stärksten
-Vertilger der schädlichen Nacktschnecken. Das wußte schon vor einem
-halben Jahrhundert mein Vater; er hieß uns Kinder, wenn wir 'mal auf
-einem Spaziergang eine Kröte antrafen, den Lurch mitnehmen und ihn
-in unsern Gemüsegarten setzen. Wir freuten uns stets, wenn wir dort
-den dicken, wohlgenährten Kröten begegneten und sagten ihnen für ihre
-freundliche Unterstützung im Kampfe gegen mancherlei Ungeziefer »danke
-schön!« Später habe ich gelesen, daß englische und belgische Gärtner
-den Nutzen der Kröten schon seit langer Zeit erkannt haben und daß
-bei ihnen hier und da Kröten auf den öffentlichen Märkten feilgeboten
-werden, um als Schutztruppe in den Gärten Verwendung zu finden.
-
-Unsre Kaltblüter haben eine große Menge _natürlicher Feinde_,
-infolgedessen es ganz ausgeschlossen erscheint, daß Kriechtiere und
-Lurche, selbst wenn wir ihnen jeden erdenkbaren Schutz gewähren
-wollen, überhandnehmen könnten. Die gegen früher veränderten
-Kulturverhältnisse, die sich nicht wieder zurückschrauben lassen, haben
-die Lebensbedingungen unsrer Kaltblüter sehr ungünstig gestaltet,
-und so wird es uns höchstens gelingen, einzelne seltene Arten, deren
-Bestand gefährdet erscheint, vor dem völligen Untergang zu retten. Die
-große Masse aber muß zusehen, daß ihre starke Vermehrung die Verluste
-immer wieder ausgleicht, die ihnen so viele Feinde bringen. Die
-_Eidechsen_ werden von den Schlangen verfolgt, von Raubvögeln, Krähen,
-Würgern, von Reihern, Störchen, Haushühnern, von Marder und Wiesel, von
-Igel, Dachs, Fuchs u. a., und fast all diese Eidechsenjäger sind auch
-Feinde, oder besser Liebhaber der Schlangen. Selbst der _Kreuzotter_
-hilft ihr tödliches Gift nichts; sie wird vom Storch überwältigt,
-ebenso vom Igel.
-
-Den _Lurchen_ geht es nicht besser wie den Kriechtieren; »alles, alles
-will sie fressen!« Störche und Reiher, Bussarde, Krähen, Dohlen,
-Elstern, Fischottern, Dachs, Wiesel, Iltis sind hinter ihnen her. Dazu
-haben sie viele Feinde in ihren eignen Reihen und unter den Schlangen.
-Die zarten Froschkeulen erfreuen sich auch im Tierreich vieler Verehrer.
-
-Natürlich bin ich weit entfernt, den genannten Lurch- und
-Reptilienjägern einen Vorwurf zu machen. Sie sind es ganz gewiß nicht,
-denen der Rückgang unsrer Kaltblüter zur Last fällt. _Den Menschen_
-trifft die _Schuld an der Verödung_ der Heimat, an der Vernichtung
-ganzer Tiergeschlechter. Man vergegenwärtige sich nur, wie die
-_Landwirtschaft_ heute jedes Winkelchen ausnutzt, die feuchten Wiesen
-entwässert, die Feldgehölze und Hecken vielfach beseitigt. Sümpfe
-werden ausgetrocknet und in Ackerboden verwandelt, Flußläufe geregelt,
-daß das Wasser zwischen öden, geradlinigen Steinmauern in einer Rinne
-dahinfließt; die Bäche werden ihrer natürlichen Ufervegetation beraubt,
-Teiche, Flußarme und Altwässer zugeschüttet und die schönen Auenwälder
-dem Untergange preisgegeben. Die _Forstwirtschaft_ begünstigt immer
-mehr das Nadelholz, Kiefern und Fichten, wenigstens ist im Laufe
-der Jahre an die Stelle so manches schönen Buchenbestandes, der
-den Boden feucht hielt, einförmiges Fichtenholz getreten. Unter
-all diesen Maßnahmen unsrer Zeit haben Lurche und Reptilien schwer
-gelitten, schwerer noch als die Vogelwelt; ihrer versteckten Wohnsitze
-sind sie beraubt worden. Die Vögel wandern aus, wo sie nicht mehr
-ihre Lebensbedingungen finden; aber die Amphibien eines Sumpfes,
-eines Teiches gehen samt ihrer Brut zugrunde, sobald das Gewässer
-zugeschüttet wird. Die _Industrie_ ist unsern Tieren auch feindlich
-gesinnt. Die Fabriken, die heute auch in das entlegenste Gebirgstal
-vorgedrungen sind, verseuchen und vergiften fast jeden Graben, jeden
-Bach; die Kläranlagen sind ja doch nicht imstande, dem Wasser seine
-natürliche Beschaffenheit wiederzugeben. Ist's da ein Wunder, wenn die
-Bewohner des fließenden Elements, die Amphibien, Fische u. a. immer
-seltener werden, ja aussterben?
-
-In dem trocknen Sommer 1911 weilte ich in meiner Heimat an der
-Freiberger Mulde. Das war kein Wasser mehr, was im Flußbett talab
-floß, sondern ein Sammelsurium chemischer Lösungen, in denen kein
-höheres Lebewesen sich hätte aufhalten können. Ein paar »Jungens«
-kauerten am kahlen Uferrand und machten sich den Spaß, die Gasblasen
-anzubrennen und explodieren zu lassen, die auf dem Wasser schwammen.
-Es war just dieselbe Stelle, die mir vor vierzig Jahren als Jagdrevier
-auf Ringelnattern so lieb war. Dann führte mich der Weg nach dem
-Nachbardorf, in dessen Mitte ich den Dorfteich mit seiner reichen
-Pflanzenwelt vergeblich suchte. Großstädtisch war alles geworden:
-ein Promenadenplatz mit sein paar gußeisernen Bänken. Die Bauern
-waren sehr stolz auf diesen Fortschritt der Kultur; mich aber stimmte
-es traurig. Ich dachte an die Frösche und Unken, die einst die
-Sommernacht mit ihrem Chor- oder Einzelgesang so reizvoll belebten, an
-die Ringelnattern, die ehemals bei unserm Nahen sich von dem grünen
-Uferrand hinab ins Wasser gleiten ließen, an die munteren Tritonen, die
-an seichten Stellen hin und her schwammen, und an die Wasserkäfer, die
-zwischen dem Entengrün ihre munteren Spiele trieben. Vergangen, vorbei!
-
-Der Leser wird sagen: das ist alles ganz schön, oder richtiger: das
-ist alles sehr traurig, aber wir können daran nichts ändern. Wegen
-der Salamander und Ringelnattern, der Frösche und Unken, die dabei
-zugrunde gehen, wird sich der Landwirt nicht abhalten lassen, einen
-Sumpf zu entwässern, eine feuchte Wiese trocken zu legen, wenn er's für
-nötig oder vorteilhaft hält, und die Anlage von Fabriken kann auf die
-Kleintierwelt erst recht keine Rücksicht nehmen. Wohin sollte solche
-Rücksichtnahme auch führen?
-
-So meine ich das selbstverständlich auch nicht. Immerhin bin ich der
-Ansicht, daß ein einzelner Grundbesitzer oder auch ein Gemeinwesen,
-eine Behörde in allen Fällen recht eindringlich darüber nachdenken
-sollte, ob es sich auch lohnt, solch eingreifende Veränderungen
-der natürlichen Verhältnisse, wie sie die Trockenlegung eines
-Sumpfes, eines Teiches zur Folge hat, herbeizuführen, und ob es
-unbedingt nötig ist, gerade _den_ Graben zuzuschütten oder mit
-Fabrikabwässern zu verseuchen, der schöne Molche und ein paar seltene
-Fischchen beherbergt, auch im Kreise der Naturfreunde als Fundstätte
-interessanter Wasserinsekten, Krebstierchen, Polypen usw. bekannt
-ist. Oder ob es sich nicht vermeiden läßt, das kleine Feldgehölz
-niederzuschlagen, ob die Weißdornhecke am Wege, das Gestrüpp am
-steinigen Hang nicht erhalten werden kann. Dort wohnen Blindschleichen
-und Eidechsen in frohem Verein; es wäre doch schade um diese
-Kleintierwelt, wenn sie etwa nur einer plötzlichen Laune zum Opfer
-fallen sollte.
-
-Vielleicht ließe sich auch auf _gesetzlichem_ Wege etwas für unsre
-Kaltblüter tun. An das Vogelschutzgesetz habe ich oben erinnert.
-Warum, so frage ich, gibt es nicht ein ähnliches Gesetz zum Schutze
-der Reptilien und Amphibien? Ich sehe keinen Grund ein, diesen
-Gedanken abzulehnen. Sie alle, die unter den heutigen Verhältnissen
-so hart bedrängt werden, die Schlangen -- natürlich mit Ausnahme der
-giftigen Kreuzotter -- die Eidechsen und Blindschleichen, die Kröten,
-die Salamander und Teichmolche, die Laubfrösche und bis zu gewissem
-Grade auch alle andern Frösche verdienen und bedürfen gesetzlicher
-Maßnahmen, wollen wir sie unsrer Heimat erhalten. Und wenn es
-vielleicht auch nicht an der Zeit ist, ein Reichsgesetz zu befürworten,
-so könnten doch bereits jetzt einzelne Länder und Behörden mit gutem
-Beispiel vorangehen und durch besondere Landesgesetze oder wenigstens
-Polizeiverordnungen den Reptilien- und Amphibienjägern von Profession
-das Handwerk genau so legen wie den Vogelstellern und Eierräubern.
-Warum soll nur _der_ zur Verantwortung gezogen werden, der sich an
-einem Vogel oder seiner Brut vergreift, während der Frevler, der eine
-Kröte, eine Unke oder ihren Laich, eine Eidechse oder eine harmlose
-Schlange lediglich aus Roheit vernichtet, frei ausgeht?
-
-Ich weiß es, daß gesetzliche Maßnahmen auf dem Gebiet des Naturschutzes
-im allgemeinen wenig nützen. Aber unser Reichsvogelschutzgesetz
-möchte heute doch kein einziger Naturfreund missen; es hat im Laufe
-der Jahre durchaus segensreich gewirkt. Und so verspreche ich mir
-auch von einem _Reptilien- und Amphibienschutzgesetz_ manches Gute.
-Dabei wäre wohl zu erwägen, ob ein solches Gesetz nicht etwas mehr
-Rücksicht auf die Terrarien- und Aquarienliebhaber nehmen könnte, als
-unser Vogelschutzgesetz auf die Freunde der Stubenvogelpflege. Nur dem
-Massenfänger und dem Händler müßte das Handwerk gelegt werden.
-
-Freilich, mehr als gesetzliche Bestimmungen helfen _Belehrung_ und
-_vernünftige Erziehung_. Wer soll belehrt und erzogen werden? Natürlich
-die Jugend. Aber nicht etwa nur von den Lehrern, sondern an erster
-Stelle von den Eltern. Die _Schule_ hat es bereits bewiesen, daß es ihr
-Ernst ist, die ihr anvertrauten Kinder zum Naturschutz zu erziehen.
-Davon zeugen so manche Verordnungen und Maßnahmen der Schulbehörden,
-die alle darauf zielen, in der Jugend die Liebe zur Heimat und die
-Achtung vor der Natur und ihren Geschöpfen zu wecken und zu pflegen,
-und davon zeugt in gleicher Weise die freundliche Stellung, welche die
-gesamte Lehrerschaft in Dorf und Stadt, an Volksschulen wie an höheren
-Schulen dem Naturschutzgedanken gegenüber von Anfang an eingenommen
-hat. Ja viele, viele Lehrer sind für unsre Bestrebungen mit freudigster
-Begeisterung eingetreten und haben sich im Kampfe für sie mit in
-die vorderste Reihe gestellt. Einmal um der Sache selbst willen,
-sodann aber auch, weil sie erkannt haben, eine wie hohe erzieherische
-Bedeutung dem Heimat- und Naturschutz sowohl für den einzelnen Menschen
-wie für unser ganzes Volk zukommt.
-
-Heute treibt der Lehrer naturgeschichtlichen Unterricht nicht
-nur innerhalb des Schulzimmers, sondern er führt die Kinder oder
-jungen Leute hinaus ins Freie, daß sie Pflanzen und Tiere in ihrer
-natürlichen Umgebung beobachten, die _lebenden_ Wesen: die Blume am
-Wegrand, die Blindschleiche am moosigen Boden, die Eidechsen an der
-Geröllhalde, den Falter über der Wiese. Der trockene »beschreibende«
-Naturgeschichtsunterricht, der sich mit der Betrachtung von Herbarien,
-von ausgestopften Vögeln, von Spirituspräparaten aus dem Reich der
-Kaltblüter, von aufgespießten Insekten begnügte, ist wohl für alle
-Zeiten verlassen. Das Leben redet heute zur Jugend, und es lehrt, ohne
-daß der Erzieher es nötig hat, viel Worte zu machen, Achtung vor der
-Natur, vor jedem einzelnen Wesen, das ein Glied des Ganzen ist, und
-damit auch Achtung vor der Gesamtheit der Schöpfung. Wenn es heute
-scheinen will, daß die traurigen, tief beklagenswerten Verirrungen auf
-diesem Gebiet, daß die Verrohung weiter Kreise unseres Volks, von der
-man mit Recht spricht, damit nicht in Einklang zu bringen sind, so
-glaube ich darin einen Trost finden zu dürfen, daß es sich nur um eine
-Krankheitserscheinung handelt, die wohl überwunden werden kann. Möge
-die Schule unentwegt auf dem eingeschlagenen Wege weiter schreiten! Es
-ist der richtige, und er muß zum Ziele führen.
-
-Aber das _Elternhaus_ hat nicht gleichen Schritt gehalten. Wie
-gleichgültig stehen doch die meisten Erwachsenen der heimatlichen
-Tierwelt gegenüber, wenn es sich nicht gerade um ein Säugetier oder
-einen Vogel handelt. Ja, Grauen und Furcht, Ekel und Abscheu flößen sie
-ihren Kindern vor Schlangen, vor Kröten und Salamandern, vor Fröschen
-und Kaulquappen und vor all dem »giftigen Gewürm« ein. Sie untergraben
-damit die natürliche Zuneigung, die jedes unverdorbene Gemüt der
-Tierwelt entgegenbringt, statt durch das eigene Beispiel das Interesse
-der Kinder an den »Brüdern im stillen Busch, in Luft und Wasser« zu
-pflegen und zu fördern. Da heißt es: »Was fällt dir ein, wirst doch den
-ekligen Frosch nicht in die Hand nehmen!« oder: »Geh weg, dort sitzt
-eine giftige Kröte!« oder: »Pfui, pfui, welch scheußliche Raupe, gleich
-mach sie tot!« oder: »Eine Schlange! wie gut, daß ich die heimtückische
-Otter mit dem Stock noch getroffen!« Wollte ich in gleichem Tone
-fortfahren, so würde ich sagen: »Pfui Spinne, was sind das für
-törichte, unwürdige, geschmacklose Redensarten Kindern gegenüber!«
-
-Die Kleinen, die anfangs wahllos jedes Tier in die Hand nehmen,
-glauben es schließlich, was die Erwachsenen sagen; sie kreischen beim
-Anblick einer Natter auf, sie graulen sich, den feuchtkalten Frosch
-zu berühren und steinigen die unschuldige Kröte. »Wie die Alten
-sungen, so zwitschern die Jungen.« Die Schule wird erst dann vollen
-Erfolg haben, wenn die Eltern die Hand mit ans Werk legen. Häßliche,
-ekelhafte Geschöpfe gibt es nicht. »Gott sahe«, sagt die Bibel in ihrer
-schlichten Weise, »daß es gut war.« Und noch ein Bibelwort möchte ich
-den Eltern zurufen; das lautet: »Werdet wie die Kinder!«, d. h. wie die
-natürlichen, von eurer unvernünftigen Erziehung noch nicht verdorbenen
-Kinder!
-
-Vor ein paar Jahren setzte ich einen vierzehnjährigen Bengel zur
-Rede, der eben eine Ringelnatter in grausamer Weise getötet hatte.
-In Glashütte war's, dem erzgebirgischen Städtchen. Der Junge kam
-von der Wiese herein nach dem Marktplatz und trug die Schlange, in
-eine Astgabel geklemmt, triumphierend vor sich her. Eine gröhlende
-Kinderschar umgab ihn, so daß ich an den Anfang der Schillerschen
-Ballade vom »Kampf mit dem Drachen« erinnert ward. Der Knabe sagte
-natürlich, es sei eine giftige Schlange. Und dann berichtete er mir,
-sein Vater habe gesagt, man müsse jede Schlange, der man begegne,
-totschlagen, es könnte immer eine Kreuzotter sein. Die verstellten sich
-manchmal. Genau dieselbe Ansicht haben mir gegenüber auch Erwachsene
-geäußert, die ich wirklich für ein wenig verständiger gehalten hätte.
-Man ist eben zu gleichgültig oder zu faul, sich die Merkmale unsrer
-drei Schlangenarten einzuprägen, und schlägt nun alles tot, was einer
-Kreuzotter ähnlich aussieht, selbst die so harmlose Blindschleiche. Ich
-möchte auch wissen, wieviel Haselnattern alljährlich als Kreuzottern
-an die Behörden eingeliefert und von diesen prämiiert werden. Erst
-lerne man die drei Schlangenarten -- es handelt sich tatsächlich im
-wesentlichen nur um drei Arten -- sicher unterscheiden, und dann,
-meinetwegen, töte man die Kreuzotter, wenn man eine solche antrifft.
-
-Jene Kinderschar, von der ich erzählte, habe ich natürlich über das
-begangene Unrecht belehrt und jedem einzelnen Kind die Merkmale der
-unschuldigen Natter genau eingeprägt. Selbst die größeren Jungen
-gingen hierauf still und beschämt davon. Einem kleinen blondlockigen
-Mädchen aber standen die Tränen im Auge; es weinte über den Tod dieser
-Schlange, genau wie es über ein verendetes Vöglein geweint haben würde.
-
- * * * * *
-
-Schlangen leben in allen Zonen der Erde; selbst in dem kalten Lappland
-kommt die Kreuzotter noch bei 67° n. Br. vor, und überall werden diese
-Reptilien vom Menschen gefürchtet, gehaßt und verfolgt; denn wo
-immer Schlangen sich finden, da gibt es unter ihnen neben harmlosen
-Geschöpfen auch tückische Wegelagerer, die den offenen Kampf scheuen
-und ihrem Opfer aus dem Hinterhalt mit vergiftetem Dolch auflauern.
-Namentlich in den heißen Ländern ist die Zahl der Giftschlangen sehr
-groß; aber selbst in Europa leben 6 oder 7 Arten, von denen für
-Mitteleuropa nicht weniger als 4 in Betracht kommen.
-
-Freilich nur die _Kreuzotter_ erfreut sich in unserm Vaterlande
-allgemeiner Verbreitung. Ihr ist jede Örtlichkeit recht, wo sie Wärme
-und Nahrung findet. Nur dem Innern großer, dunkler Wälder, die kaum
-einen Sonnenstrahl durchlassen, bleibt sie fern, auch der sumpfigen
-Wiese, die ihr kein trocknes Plätzchen bietet. Die andern drei,
-viel selteneren Giftschlangen aber haben ihr Heim weiter südlich
-aufgeschlagen, die ursinische Viper in Niederösterreich, die Sand- und
-die Aspisviper namentlich in Südtirol.
-
-Aber selbst wenn Europa als einzige Giftschlange lediglich die
-Kreuzotter beherbergte, ja wenn diese, wie es für manche deutsche
-Landschaft gilt, überall außerordentlich selten wäre, ich glaube
-die Schlangenfurcht unter uns Mitteleuropäern würde doch ebenso
-allgemein verbreitet sein. Der gute Ruf einer Familie wird eben nur
-zu leicht durch ein aus der Art geschlagenes Mitglied untergraben;
-die andern müssen darunter mit leiden, in unserm Falle die giftlose
-Ringel- und Haselnatter und selbst die ganz harmlose schlangenähnliche
-Blindschleiche. Überall bringt man diesen Kriechtieren Mißtrauen
-entgegen, und die Furcht vor dem »Otterngezücht« ist ganz allgemein.
-
-Auf Grund eigner Erfahrungen muß ich nun aber der Ansicht, die
-_Schlangenfurcht_ sei dem Menschen _angeboren_, ganz entschieden
-_widersprechen_. Ich habe darüber schon berichtet, sowohl in den
-von der »Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen«
-herausgegebenen »Vorträgen und Aufsätzen« wie im »Kosmos«. Führe
-ich ein kleines, etwa drei- oder vierjähriges Kind ruhig an eine
-Schlange heran, an eine Ringelnatter, die durch's Gras schlüpft, an
-eine Haselnatter, die sich am steinigen Hang sonnt, so ist von einer
-angeborenen, instinktiven Furcht des Kindes vor dem Reptil nicht das
-geringste zu spüren. Im Gegenteil, das kleine Menschenkind betrachtet
-das ihm bisher unbekannte Geschöpf mit dem größten Interesse. Ja, fasse
-ich die Natter und bringe sie dem kindlichen Beschauer ganz nahe, so
-bedarf es kaum noch des Zuredens, das Kinderhändchen greift nach ihr
-und betastet das glatte Schuppenkleid; selbst vor der beweglichen Zunge
-der Schlange weicht es nach einem Weilchen nicht mehr zurück. Dabei
-muß ich selbstverständlich voraussetzen, daß das Kind seine natürliche
-Unbefangenheit noch bewahrt hat, daß es nicht bereits Zeuge ward von
-dem törichten Aufkreischen erwachsener Personen, mit dem gewöhnlich
-eine Schlange, die sich 'mal zeigt, eine Blindschleiche oder Eidechse
-begrüßt wird. Ich habe mehrfach derartige Versuche angestellt. Kam es
-einmal zum Schreien, so trug entweder meine eigne Ungeschicklichkeit
-die Schuld, oder besonders heftige Bewegungen der Natter, ein weites
-Aufreißen ihres Mundes, ein unheimliches Zischen schüchterten den
-kleinen Naturforscher ein. Einer jungen Katze oder einem Kaninchen
-gegenüber verhält sich das Kind nicht anders.
-
-Wenn man mir aber entgegnet, mein eigenes ruhiges Verhalten, ja
-meine bloße Gegenwart habe die Kleinen ermutigt, ihre angeborene
-Schlangenfurcht zu überwinden, so antworte ich, daß es mit einem
-sogenannten ursprünglichen Instinkte nicht weit her sein kann, wenn
-er durch solch einfache Mittel zu überwinden, ja in sein Gegenteil
-umzuwandeln ist. Auch kann ich noch folgendes Erlebnis berichten.
-An einem sonnigen Maimorgen beobachtete ich ein mir bekanntes, etwa
-vierjähriges Mädchen, an einem Abhang kauernd, wo es um diese Zeit
-von Eidechsen geradezu wimmelte. Das Kind bemerkte mich nicht.
-Seine ungeteilte Aufmerksamkeit war auf die grünschillernden Echsen
-gerichtet, die aus ihren Löchern hervorkamen, um im Sonnenschein zu
-spielen. Die Kleine griff nach den flinken Tierchen, sie zu fangen, was
-ihr freilich niemals gelang, und laut jauchzte sie auf in heller Freude
-an dem neckischen Spiel. Kein Zweifel, mit Kreuzottern oder Skorpionen
-hätte sich das Kind ebenso lustig unterhalten.
-
-Aber auch an meine eigne Jugend darf ich erinnern, bin ich doch
-gewissermaßen unter Schlangen aufgewachsen. Ringelnattern waren im
-Frühjahr und Sommer meine täglichen Spielgenossen; sie bewohnten in
-großer Anzahl die Uferränder des Bächleins, das durch unsern Garten
-floß. An warmen Sommertagen sah man mich selten ohne solches Reptil,
-oft in jeder Faust eine Schlange, wie Herkules, zum Entsetzen meiner
-lieben Mutter. Aber erwürgt hab ich sie nicht -- die Schlangen nämlich.
-Daß ich selbst Erwachsenen mit meinen Freunden Furcht einjagen konnte,
-machte mir Spaß, um so mehr als ich solch törichte Angst nicht begriff.
-Mein Vater hatte durch die ruhig verständige Art, wie er mit dem Kinde
-alles, was kriecht und fliegt, voll Teilnahme betrachtete und besprach,
-mich vor jeder Ansteckungsgefahr durch abergläubische Personen zu
-hüten gewußt, und bald war ich einsichtsvoll genug, daß mir die
-Schlangenfurcht anderer nichts anhaben konnte. _Anerzogen_ ist diese
-Furcht, _nicht angeboren_, das behaupte ich aus vollster Überzeugung.
-
-Man redet von dem Paradies der Kindheit. Ins Paradies aber gehören
-Tiere, und mit allen ist das Kind gut Freund. Indessen, die Erwachsenen
-sind es, die solch paradiesisches Verhältnis unsrer Kinder zur Tierwelt
-oft in unverantwortlicher Weise stören, die natürliche Teilnahme der
-Kleinen zu allem, was kriecht und fliegt, untergraben, vielleicht ohne
-daß sie es wollen und wissen. Wenn etwas dem Menschen angeboren ist, so
-ist's nicht die Furcht vor gewissen Tieren, sondern im Gegenteil die
-_Zuneigung zu allen Geschöpfen_, eine Tatsache, die in wirklich rührend
-naiver Weise in der Schöpfungsgeschichte der Bibel zum Ausdruck kommt,
-wo erzählt wird, daß Gott alle Tiere auf dem Felde und alle Vögel unter
-dem Himmel zum ersten Menschen brachte. Freilich gleich hinter dieser
-lieblichen Erzählung steht das böse, an die Schlange gerichtete Wort
-des Schöpfers: »Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe,
-zwischen deinem Samen und ihrem Samen.« Kein Zweifel, dieses Wort
-des zürnenden Gottes trägt ein gut Teil Schuld an der übertriebenen
-Schlangenfurcht, die selbst in unsern Tagen noch so viele Gemüter
-beherrscht.
-
-Die _Kreuzotter_ -- es kann nicht oft genug wiederholt werden -- ist
-die einzige Giftschlange in unsrer Heimat. Sie kann auch dem Menschen
-gefährlich werden; doch gehören Unglücksfälle zu den seltenen
-Ausnahmen, und gestorben ist infolge eines Kreuzotterbisses, so viel
-ich weiß, in dem letzten halben Jahrhundert in Sachsen überhaupt
-niemand. Eine gewisse Vorsicht, besonders an Waldrändern, sonnigen
-Hügeln ist anzuraten, wenn man sich auf den Boden niederläßt; auch
-vor dem Barfußgehen an solchen Stellen ist zu warnen. Aber man soll
-auch nicht übertrieben ängstlich sein und durch solche Angst sich den
-Genuß an der Natur beeinträchtigen lassen. Am wenigsten aber soll
-man vor jeder Schlange Reißaus nehmen. Die Kreuzotter flieht, sobald
-sie den Menschen bemerkt; nur wenn sie überrascht wird und keinen
-andern Ausweg weiß, sucht sie sich zu verteidigen. Man präge sich doch
-die Artmerkmale der Kreuzotter ein. Ihre Länge beträgt etwa 50 bis
-60 ~cm~; jedenfalls ist eine Schlange, die gegen 1 ~m~ mißt, nie eine
-Kreuzotter. Die Färbung kann recht verschieden sein; grau, braun oder
-olivenfarben ist der Grundton. Die eigentümliche dunkle Zackenlinie,
-die längs des ganzen Rückens hinläuft, hebt sich mehr oder minder gut
-ab; sie besteht aus aneinanderstoßenden Rhomben. Die Unterseite ist
-niemals hell oder auffallend gezeichnet. Der eigentliche Schwanz,
-der sich ziemlich deutlich vom Körper absetzt, ist sehr kurz, nur
-etwa 1/8 oder 1/10 der Gesamtlänge. Die Bewegungen der Otter sind
-langsam, lassen auch die geschmeidigen Wendungen vermissen, die wir
-an den Nattern bewundern. Jede einzelne Schuppe trägt längs der Mitte
-eine kielartige Erhöhung im Gegensatz zu den ganz glatten Schuppen
-der Haselnatter. Mit der bedeutend größeren _Ringelnatter_ kann man
-die Kreuzotter nicht verwechseln. Deren Oberseite ist blaugrün oder
-grünlichgrau gefärbt, die fast schwarzen Schilder der Bauchseite sind
-weiß eingefaßt. Das untrüglichste Merkmal dieser Natter bilden aber die
-beiden gelben oder weißlichgelben Halbmondflecken hinter dem Kopfe.
-
-Wenn behauptet wird, auch die _Kröten_ seien giftig und sie
-schleuderten ihrem Feinde, dem wirklichen oder dem vermeintlichen, aus
-ihren Hautdrüsen einen giftigen Saft entgegen, so ist dies eine falsche
-Vorstellung. In der Angst spritzt die Kröte Urin aus, der übel riecht,
-im übrigen aber ganz wirkungslos bleibt. Man muß den Lurch schon
-kräftig anfassen, ehe er aus seinen Drüsen die so gefürchtete ätzende
-Flüssigkeit fahren läßt. Aber auch diese ist dem Menschen gegenüber
-ganz harmlos, höchstens daß sie an zarten Stellen die Haut etwas
-rötet, und nur derjenige, der sich sehr viel mit Kröten beschäftigt,
-wird über unangenehme Wirkungen dieses Saftes, aus dem der Chemiker
-allerdings stark wirkende Giftstoffe herstellen kann, zu klagen haben.
-Ähnlich verhält es sich mit dem _Feuersalamander_, der ja auch als
-giftig beim Volke verschrien ist. Überhaupt glaubt der gemeine Mann,
-je bunter und auffallender die Farben solch eines Kaltblüters leuchten
-und glänzen, um so giftiger sei das Tier, und er hält deshalb z. B. das
-grünschillernde Männchen der Zauneidechse für viel gefährlicher als das
-einfacher gefärbte Weibchen. Daß solch Merkmal bei der Kreuzotter gar
-nicht stimmt, macht keinem das Herz schwer. »Die Kreuzotter ist eine
-Schlange, und die Schlangen sind ohne Ausnahme giftiges Otterngezücht!«
-so heißt es ganz allgemein.
-
-Wollen wir unsre kaltblütigen Wirbeltiere der Heimat erhalten,
-so kommt es an erster Stelle darauf an, solchen und ähnlichen
-Aberglauben, der sich aus dem dunkelsten Mittelalter bis in unsre Tage
-herübergerettet hat, endlich einmal auszurotten. Hierbei sollte uns
-neben der Schule auch das Haus unterstützen. Außerdem aber erwachsen
-den _Aquarien-_ und _Terrarienvereinen_ manche dankbaren Aufgaben. Wie
-man Vogelschutzgebiete eingerichtet hat, so lassen sich auch Maßnahmen
-treffen, die den Schutz der Kriechtiere und Lurche an bestimmten,
-vielleicht nur eng begrenzten Örtlichkeiten bezwecken. Selbst ein
-kleiner Verein, dem bloß geringe Mittel zur Verfügung stehen, könnte
-einen steinigen, unfruchtbaren Berghang oder auch nur eine Schutthalde
-erwerben, wo Eidechsen und Schlangen ihre Wohnung aufgeschlagen haben,
-ebenso einen Tümpel, einen Wassergraben, einen kleinen Teich, der von
-Unken und Fröschen, von Tritonen und Molchen belebt wird. Hier könnten
-die Mitglieder des Vereins ihre schützende Hand über diese Tiere
-halten. In vielen Fällen würde es auch genügen, einen Pachtvertrag
-auf längere Zeit abzuschließen oder den Besitzer gegen eine geringe
-Abfindungssumme zu verpflichten, alle Veränderungen innerhalb des
-Schutzgebiets zu unterlassen, welche die Daseinsbedingungen der
-schutzbedürftigen Kleintierwelt schmälern könnten.
-
-Namentlich wenn es sich um besondere _Seltenheiten_ handelt, sollte
-man sich der bedrohten Tiere annehmen. Zu solchen Seltenheiten, ja
-schon zu den eigentlichen Naturdenkmälern gehören die Sumpfschildkröte,
-die Würfel- und Äskulapnatter, die Smaragd- und die Mauereidechse,
-die Bergunke, die Geburtshelferkröte u. a. Sind es doch nur ganz
-wenig Örtlichkeiten in Deutschland, die als Fundstätten des einen
-oder des andern der genannten Kaltblüter in Betracht kommen. So
-ist die Sumpfschildkröte außer in Westpreußen und den benachbarten
-Gebieten nur noch im Regierungsbezirk Lüneburg, an der Unterweser,
-in Schleswig-Holstein, in der Altmark, im Braunschweigischen und
-in Schlesien an ganz wenig Orten bekannt. Die Äskulapnatter kommt
-vereinzelt im Taunus und bei Passau vor, die Würfelnatter hat man
-in der Meißner Gegend und an der Nahe angetroffen, die herrliche
-Smaragdeidechse am Oberrhein und bei Passau, während es sich bei
-verschiedenen preußischen Fundstellen wahrscheinlich nicht um ein
-ursprüngliches Vorkommen handelt. Und so lassen sich bei einer
-ganzen Reihe von Kriechtieren und Lurchen die wenigen Angaben über
-ihre Wohnstätten in Deutschland an den Fingern einer Hand aufzählen.
-Mag es auch wahrscheinlich, ja sogar sicher sein, daß diese Angaben
-Lücken aufweisen, so viel steht jedenfalls fest, daß die genannten
-Tiere über kurz oder lang ganz aus unsrer Heimat verschwinden werden,
-wenn sich nicht Naturschutz-, Aquarien- und Terrarienvereine, sowie
-Einzelliebhaber der hart Bedrängten tatkräftig annehmen. Auch durch
-behördliche Verordnungen läßt sich wohl manches erreichen.
-
-_Die Erhaltung der heimatlichen Tierwelt_ muß das gemeinsame Ziel aller
-Naturfreunde sein. Die verschiedensten Wege führen dahin. Möge selbst
-den gefürchteten Schlangen und den verachteten Kröten gegenüber solche
-Aufforderung eine freundliche Aufnahme finden! Es handelt sich um eine
-ideale Aufgabe, um
-
- _Schutz den Schutzlosen_!
-
-
-
-
-Sechsbeinig, achtbeinig und ohne Beine
-
-
-Auch unter der niederen Tierwelt haben wir gute Bekannte und liebe
-Freunde. Freilich weniger die Erwachsenen, als die Kinder. Jene
-wenden sich meist mit Abscheu oder lächerlichem Widerwillen von dem
-»Insektengesindel, dem Spinnengezücht und all dem Gewürm« ab --
-unnützes Ungeziefer, zu nichts anderem auf der Welt, als die Menschen
-zu ängstigen und zu quälen, vom bösen Feind erschaffen, der ja auch das
-Unkraut zwischen die Fruchthalme der Felder gesät hat -- während die
-Kinder diesen Geschöpfen viel näher stehen. Ihr Verhältnis zu ihnen ist
-weit inniger, ursprünglicher, noch ungetrübt durch den Verstand, der
-immer nur Nutzen und Schaden berechnet, einzig in einem tiefen, wahren,
-natürlichen Gefühl wurzelnd. Solange das Kind von dem albernen Gerede
-der Erwachsenen noch verschont geblieben ist, sieht es in jedem Tier,
-auch dem geringsten, ein ihm bis zu gewissem Grade verwandtes Wesen,
-etwas Beseeltes, das gleich ihm empfindet. In Einfalt ahnt es den Sinn
-der Dichterworte:
-
- »Aber du Frühlingswürmchen,
- Das grünlichgolden neben mir spielt,
- Du lebst und bist vielleicht
- Ach, nicht unsterblich?«
-
-eine Frage, die der Erwachsene nur mitleidig belächelt. Ohne Scheu
-nimmt das Kind den Käfer, die Raupe, die Spinne, die Schnecke,
-den Regenwurm in die Hand, freut sich an ihren Bewegungen, stellt
-allerlei Fragen an sie und läßt sich von seinen Freunden erzählen.
-Die geschmacklosen Redensarten, wie: »eklige Raupe« oder »pfui,
-die häßliche Spinne!« verdanken gewiß nicht einem Kindermund ihre
-Entstehung.
-
-Unter den Käfern spielt natürlich der »_Sohn des Mai's_« bei unsrer
-Jugend eine hervorragende Rolle. Sobald die Birken ihre schwanken
-Hängeruten mit zartem Grün übersponnen haben, ziehen die Buben mit
-durchlöcherten Pappkästen oder Zigarrenkisten in den Wald, um die
-braunen Gesellen von den Bäumen zu schütteln und nach Hause zu bringen.
-Habe es auch nicht anders getrieben -- selige Kinderzeit, wo man sich
-reich fühlte, wenn man ein paar Dutzend Maikäfer sein eigen nannte!
-
-Wir spielten mit ihnen nach Herzenslust. Sie mußten seiltänzern, einen
-kleinen Wagen oder Schlitten ziehen; auch als Handelsartikel waren sie
-hochgeschätzt, besonders die mit rotem Brustschild, die »Franzosen«.
-Später freilich, wenn die Käfer matt und langweilig wurden, war es aus
-mit der Freundschaft, und wir warfen sie den Hühnern vor.
-
-In manchen Jahren traten die Maikäfer so massig auf, daß sie auch
-uns Kindern zuwider wurden, und wenn wir die Verheerungen sahen, die
-sie anrichteten, wie sie die jungbelaubten Eichen ganz kahl fraßen
-und unsre Stare mit den Übeltätern nicht mehr fertig werden konnten,
-zogen auch wir gegen sie zu Felde, genau so wie im Sommer 1922 die
-Schuljugend den Kampf gegen die Nonne geführt hat.
-
-Andre Käfer erfreuten sich unsrer dauernden Liebe und Teilnahme. Der
-goldig-grün glänzende _Rosenkäfer_, wie er mitten in der duftenden
-Zentifolie sitzt, von deren zarten Blättchen er speist, war unser
-Entzücken; wir hätten ihm ebensowenig ein Leid zufügen können wie
-den verschiedenen _Marienkäferchen_ oder Sonnenkälbchen, die uns für
-heilige Tiere galten.
-
-Auch der seltene _Puppenräuber_ war unser Stolz, nicht weniger so
-mancher _Bockkäfer_ -- der kraftvolle Weberbock mit den lederartigen
-Flügeldecken, der große Eichenbock, der zierliche Zimmerbock mit seinen
-riesigen Fühlern -- alle Kameraden beneideten uns um unsern Besitz,
-an dem wir uns doch nur ein paar Tage erfreuten. Ich schenkte den
-Gefangenen, wenigstens damals, als ich noch keine Käfersammlung besaß,
-die Freiheit bald wieder. Die Schädlinge zu töten, das kam mir nicht in
-den Sinn.
-
-Längere Zeit, ja wochenlang hielten wir die Riesen der deutschen
-Käferwelt, die _Hirschschröter_, in Gefangenschaft; mit Zuckersaft, den
-sie sehr gern lecken, fristeten wir ihr Leben. In das Aquarium, das
-mit Teichmolchen besetzt war, brachten wir allerlei _Schwimmkäfer_,
-den Gelbrand, den pechschwarzen Wasserkäfer, den kleinen Taumelkäfer.
-Wir freuten uns an ihrem lebhaften Treiben, bis wir die raubgierige
-Gesellschaft, die uns die Molche und die kleinen Fischchen anfraß,
-verbannen mußten. Auch die Wasserläufer, die wie auf Schlittschuhen
-über das Gewässer hingleiten, erregten unsre besondere Aufmerksamkeit.
-
-Das höchste Entzücken haben mir aber die _Leuchtkäfer_ bereitet, die
-»Johanniswürmchen«, wie wir sie nannten. Ich war schon mindestens zehn
-Jahre alt, als ich das Wunder der fliegenden Funken in einer warmen,
-gewitterschwülen Sommernacht zum erstenmal anstaunen durfte. Es steht
-mir der Augenblick unvergeßlich im Gedächtnis, wo solch geheimnisvolle,
-dem Kinde bisher völlig fremde Wunderwelt mich umgab: leuchtende
-Funken, die man in die Hand nehmen konnte, ohne sich zu verbrennen,
-ein »Feuerzauber«, der mich völlig in seinen Bann zog. Noch heute sind
-mir die Leuchtkäfer, die so still durch das nächtlich-dunkle Gesträuch
-ziehen oder wie leuchtende Lämpchen am Boden ruhen, ein geheimnisvolles
-Wunder, das mich immer wieder beglückt.
-
-Mit den Jahren erwachte natürlich der _Sammeltrieb_ in mir; wir Jungen
-spornten uns gegenseitig an und wetteiferten miteinander. Die in der
-Äthernarkose getöteten und dann sauber aufgespießten und in dem Kasten
-systematisch angeordneten Käfer haben mir große Freude bereitet. Ich
-darf wohl sagen, vieles habe ich dabei gelernt, in der Hauptsache aber
-doch nur dadurch, daß ich mir selber die Sammlung anlegte. Einige
-seltenere Prachtstücke, die ich später erwarb oder die mir geschenkt
-wurden, sagten mir wenig, wie mir denn allezeit die _lebenden_ Insekten
-beredtere Lehrmeister gewesen sind, als ihre toten, in Reih und Glied
-aufgestellten Leiber. Und so bin ich denn heute von Käfersammlungen
-in der Hand von Kindern kein besonderer Freund; in den meisten Fällen
-kommt nicht viel dabei heraus. Der Feuereifer, mit dem die Sache
-begonnen wird, flaut oft schon im ersten Jahre ab, und bald steht die
-kleine Sammlung unbeachtet in einem Winkel.
-
-Wo man aber doch einem Jungen, der sich für die Kleintierwelt unsrer
-Heimat besonders interessiert, gestattet, sich eine derartige Sammlung
-anzulegen, da sollte das Eltern- und Erzieherauge darüber wachen.
-Sonst geht es ohne Tierquälerei und Versündigung an der Natur nicht
-ab; denn es liegt auf der Hand, daß es auch der jugendliche Sammler
-sehr bald hauptsächlich auf Seltenheiten abgesehen hat, die ihm, wenn
-er seine eignen Bedürfnisse befriedigt hat, als Austauschobjekte gegen
-andre Seltenheiten wertvoll sind. Keinesfalls darf das Sammeln zum
-Selbstzweck werden; die _Beobachtung des lebenden Insekts in freier
-Natur_ muß immer die Hauptsache bleiben.
-
-Ein Junge, der sich auf den Totengräber, den Ameisenlöwen, den
-Goldschmied stürzt und nur daran denkt, die Tiere in die Ätherflasche
-zu stecken, um sie daheim der Sammlung einzuverleiben, der bringt
-sich um das beste Teil. Beobachte die Totengräber in ihrer bunten
-Livree, die Aaskäfer im dunkeln Trauergewand bei ihrer Arbeit, wie
-sie herbeirennen oder herbeifliegen, wenn sie den Leichnam eines
-Vogels oder eines kleinen Säugetiers aus der Ferne gewittert haben,
-wie sie die Erde unter dem toten Körper wegscharren und ihn gleichsam
-begraben, damit die Larven, die später den Eiern der geschäftigen Käfer
-entschlüpfen, sogleich Nahrung finden. Beobachte die Laufkäfer, wie sie
-einen Wurm, eine Kerbtierlarve überfallen, den Ameisenlöwen, wie er
-mit gehobenem Kopf und geöffneter Kieferzange in seinem Sandtrichter
-sitzt und auf einen Fang lauert, die Schnell- oder Springkäfer --
-»Schmiede« sagten wir Kinder -- wie sie, lebendige Stehaufchen, so
-lustig emporschnellen, um aus der Rückenlage wieder auf alle Sechse
-zu kommen, die grünen Sandkäfer, wie sie auf dem öden Ufergelände
-stoßweise vor dir auffliegen, oder die scharlachroten Lilienhähnchen,
-die durch Aneinanderreiben der Hinterleibsringe gegen die Flügeldecken
-eine so seltsam piepende Musik erzeugen, -- und du hast mehr erlebt,
-als dir die Sammlung zu geben vermag.
-
-Die Kinder, die so glücklich sind, sich viel in freier Natur tummeln
-zu dürfen, werden mit den Eigentümlichkeiten der genannten und noch
-vieler anderer Kerbtiere sehr bald bekannt sein. Der seltsame Ölkäfer,
-»Maiwurm« hieß er bei uns, aus dessen Beingelenken ein gelber, öliger
-Saft tritt, die »spanische Fliege«, die sich zu Zeiten massenhaft
-auf Eschen und andern Bäumen einfindet, die Rüsselkäfer mit ihrem
-igelähnlichen Gesicht und dem stahlharten Chitinpanzer, die metallisch
-glänzenden Erdflöhe u. v. a.: sie alle sind selbst dem kleinen Kind
-gute Freunde. Aber doppelt glücklich die Kleinen, wenn sie sehen,
-daß auch die Erwachsenen ihren Lieblingen Teilnahme entgegenbringen!
-Wie leicht ist es doch, die jugendlichen Beobachter auf diese oder
-jene Eigentümlichkeit ihrer sechsbeinigen Spielkameraden hinzuweisen,
-ihnen allerlei Geschichten aus deren Leben zu erzählen und ihnen so
-immer mehr Liebe zur Natur und zugleich Achtung vor allen Werken der
-Schöpfung einzuflößen. Gerade an dieser Achtung und Ehrfurcht fehlt
-es nicht selten! Vielleicht auch ist es mehr Neugier und Spieltrieb,
-als Mutwille und Zerstörungssucht, wenn Kinder sich der wehrlosen
-Insektenwelt gegenüber allerlei Grausamkeiten zu schulden kommen
-lassen; durch ein gutes Wort, einen Hinweis auf das Wunderwerk der
-Natur, das sich auch im unscheinbarsten Lebewesen offenbart, kann viel
-Unheil verhütet werden, Unheil, das weniger die Schöpfung bedroht, als
--- die Kindesseele.
-
-Auch _Schmetterlinge_ habe ich in großer Anzahl gesammelt, nachdem ich
-die Kunst erlernt hatte, sie auf dem Spannbrett zu präparieren, daß sie
-dann im Sammelkasten mit ausgebreiteten Flügeln ihre ganze Farbenpracht
-zeigten. Damals als Kind sah ich mich auf dem Lande von einem Reichtum,
-einer Mannigfaltigkeit an Groß- und Kleinschmetterlingen umgeben, daß
-mir die Artenzahl unerschöpflich schien. Heute ist das anders geworden,
-namentlich in der Nähe der Großstädte. Eine Verarmung an Faltern ist
-eingetreten, die ich tief beklage; denn gerade die leichtbeschwingten,
-bunten »Sommervöglein« sind es, die eine Landschaft aufs reizvollste
-beleben, wenn sie in großen Scharen über der Wiese ihr anmutiges Spiel
-treiben, von einer Blume zur andern gaukeln, sich haschen, ausgelassen
-herumwirbeln, hoch in die Lüfte steigen und dann schnell wieder
-herabflattern, um sich auf dem Blütenstern niederzulassen, der ihnen
-Nahrung verspricht. Farbe, Bewegung, Leben -- ewig schade, daß wir
-heute so selten Gelegenheit haben, uns solcher Anmut zu erfreuen!
-
-Gewiß, auch vor einem halben Jahrhundert waren manche
-Großschmetterlinge in meiner Heimat ziemlich selten, und nicht jeden
-Tag flog mir ein Segelfalter ins Netz oder ein Schwalbenschwanz, und
-wenn es uns gelang, manche größere Schwärmer oder Eulen, Liguster-
-oder Wolfsmilchschwärmer oder gar ein rotes Ordensband mit Hilfe
-von Apfelschnitten, auf die viele Nachtfalter sehr lüstern sind, zu
-erbeuten, so waren wir glücklich.
-
-Aber heute fehlen vielerorts auch solche Falter, die früher zu den
-gewöhnlichsten Erscheinungen gehörten. Den Schmetterlingsraupen
-mangelt es hier an den zur Entwicklung nötigen Nahrungspflanzen.
-Wir sagten es schon: man nützt jedes Winkelchen aus und duldet kein
-Unkraut; das Saatgetreide ist viel reiner geworden, und gewiß ist auch
-die künstliche Düngung dem Entwicklungsgang mancher Falter höchst
-nachteilig.
-
-Mich verdrießt es, wenn ich Jungen mit Schmetterlingsnetzen durch
-die Wiesen rennen sehe: Raubzüge gegen die Natur, aus denen nichts
-Ersprießliches entspringt -- in den meisten Fällen wenigstens. Nicht
-übertriebene Empfindsamkeit ist es, die mich dies absprechende Urteil
-fällen läßt; die Natur ist auch grausam, und dem Schmetterling wird's
-gleich sein, ob er im Rachen einer Eidechse endigt, im Schnabel einer
-nächtlichen Eule oder in der Äthernarkose des Sammlers. Es sind auch
-kaum pädagogische Gründe -- wie verhärtet müßte mein Herz Pflanzen und
-Tieren gegenüber geworden sein, wenn Schmetterlings- und Käfersammeln,
-wenn Pflanzenpressen das Gemüt verrohen müßten -- nein, Schutz der
-Natur ist es, wozu ich nicht eindringlich genug mahnen kann.
-
-Die Zeiten haben sich eben geändert, wollte auch nur ein kleiner
-Bruchteil unsrer Schuljungen sich eine Schmetterlingssammlung anlegen,
-so wäre es bald vorbei mit den bunten Faltern, und nur noch Weißlinge
-würden in unsern Gärten flattern. Auch die Schulen sollten Maß halten
-im Sammeln von Seltenheiten; einige häufiger vorkommende Vertreter der
-einzelnen Gattungen und Familien genügen vollkommen. Eine Schulsammlung
-soll kein Museum sein.
-
-Die Falter im Sammelkasten zeigen wohl ihr buntes Farbenkleid, aber
-ihr Leben und Treiben kannst du doch erst in freier Natur kennen
-lernen, ja selbst die Bedeutung der Farben und ihre verschiedene
-Verteilung auf Vorder- und Hinterflügel bei Tag- und Nachtfaltern wirst
-du erst begreifen, wenn du die leichtbeschwingten Geschöpfe in ihrer
-natürlichen Umgebung beobachtest, wie sie ihre bunte Herrlichkeit
-uns zeigen und dann plötzlich dank ihrer Schutzfärbung unserm Auge
-entschwinden.
-
-Viel wertvoller als Schmetterlinge zu sammeln erscheint es mir, wenn
-unsre Jugend sich mit der Aufzucht von Raupen beschäftigt und dann die
-Falter, die den Puppen entschlüpfen, freiläßt. Die Knaben und Mädchen
-lernen dabei gar manches und haben dann draußen im Freien, wenn sie
-einen Schmetterling sehen, noch die besondere Freude, möglicherweise
-einem guten Bekannten, der ihrer Zucht entstammt, begegnet zu sein.
-
-Viele Feinde unter den Menschen haben die _Spinnen_; selbst der
-weitverbreitete Glaube, daß Spinnen Glück bringen, hilft ihnen nur
-wenig. Auch diese interessanten Tiere zu beobachten, findet sich oft
-für Kinder Gelegenheit, die auch von dem Erzieher wahrgenommen werden
-sollte: die Kreuzspinne, wie sie ihr kunstvolles Netz baut, an dessen
-Fäden sie eiligst dahinrennt, ohne sich zu verstricken, wie sie aus
-ihrem Versteck hervorschießt, die Fliege packt, die ins Netz geraten
-ist, und sie umspinnt, oder der seltsame Weberknecht, der »Kanker«,
-wie er tagsüber in einem staubigen Winkel sitzt und gegen Abend seine
-acht lächerlich langen Beine in Bewegung setzt, um auf die Jagd nach
-winzigen Insekten und Spinnen zu gehen, oder die Wasserspinne, die
-sich gut im Aquarium beobachten läßt; an den Wasserpflanzen spinnt
-sie sich einen Wohnraum, einer Taucherglocke vergleichbar, von wo sie
-hervorschießt, sobald ein kleines Wasserinsekt in die Nähe kommt.
-Überhaupt das Aquarium -- in Schule und Haus gibt's kaum ein besseres
-Anschauungs- und Erziehungsmittel! Tag für Tag ein unversiegbarer Born
-der Belehrung.
-
-Daneben natürlich die Beobachtung in freier Natur, die niemals fehlen
-darf. Durch den Garten, der zu meinem Elternhaus gehörte, floß ein
-klares Bächlein. Nur wer selbst an solch einem Gewässer aufgewachsen
-ist, vermag zu beurteilen, was das für ein empfängliches Kinderherz
-bedeutet. Die hübsch gepunkteten Forellen wurden belauscht, wie sie
-unbeweglich im Wasser »stehen« und dann blitzschnell davonschießen;
-den Krebsen stellten wir nach, die in den Uferlöchern ihre Wohnung
-hatten, gleich neben der Wasserratte; die seltsamen »Hülsenwürmer«,
-die ihren weichen Hinterleib in einem Köcher bergen, den sie
-aus Pflanzenstengeln, Schneckenhäuschen, Steinchen gar zierlich
-zusammenfügen, erregten unser Interesse, wie die »Rattenschwanzlarven«
-der Schlammfliegen und die Larven und Puppen der Stechmücken, die zu
-Tausenden in einer Pfütze neben dem Bach ihrer weiteren Entwicklung
-entgegensahen. Rückenschwimmer und Wasserläufer, Larven der blauen
-Libellen und Eintagsfliegen, Schlammschnecken mit ihrem spindelförmigen
-Haus und Tellerschnecken -- »Posthörnchen« nannten wir sie -- es ist
-nicht möglich, all meine Jugendfreunde hier aufzuzählen.
-
-Viel Freude hatte ich als Kind an _Schneckenhäusern_. Eine kleine,
-nette Sammlung, die ich mir damals anlegte. Die niedlichen Gebilde sind
-oftmals so hübsch gezeichnet, und so mannigfaltig ist die Färbung auch
-bei derselben Art, daß man immer wieder Neues entdeckt. Ich möchte die
-Schneckenhäuser der sammellustigen Jugend aufs wärmste empfehlen; denn
-ohne Sammeln, das weiß ich, geht's nun 'mal nicht ab. Beschränkt man
-sich auf leere Schneckenhäuser, so tut solch Sammeln niemand weh.
-
-Auch Muscheln bereicherten meinen Besitz, besonders als mir eine
-befreundete Familie hunderte solch zierlicher Gebilde, wie sie am
-Strande herumliegen, von ihrem Seeaufenthalt mitgebracht hatte. Zu
-meiner besonderen Freude fehlten auch prachtvolle tropische Formen
-nicht; denn überall in den deutschen Seebädern werden auch solche
-verkauft. Mein Jungenherz schwelgte in dem ungeahnten Reichtum an
-Formen und Farben.
-
-Nur ein klein wenig Verständnis, ein klein wenig Teilnahme seitens der
-Eltern solchen und ähnlichen Liebhabereien und Neigungen der Kinder
-gegenüber! Der Sinn für die Natur empfängt gerade durch den schon in
-jungen Jahren gepflegten Verkehr mit unsrer heimatlichen Kleintierwelt
-die stärkste Anregung und damit unsre Naturschutzbewegung -- es ist
-dies meine vollste Überzeugung -- die wirksamste Förderung.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
- Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-
- Korrekturen:
-
- S. 55: Dippoldiswaldaer → Dippoldiswalder
- Wolfssäule in der {Dippoldiswalder} Heide
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of »Meine Brüder im stillen Busch,
-n Luft und Wasser«, by Martin Braeß
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK »MEINE BRÜDER IM STILLEN ***
-
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- The Project Gutenberg eBook of »Meine Brüder im stillen Busch, in Luft und Wasser«, by Martin Braeß.
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-
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- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of »Meine Brüder im stillen Busch, in Luft
-und Wasser«, by Martin Braeß
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: »Meine Brüder im stillen Busch, in Luft und Wasser«
-
-Author: Martin Braeß
-
-Release Date: June 2, 2020 [EBook #62311]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK »MEINE BRÜDER IM STILLEN ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.
-Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich
-am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p></div>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/cover.jpg" alt="Cover" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h1>»Meine Brüder<br />
-im stillen Busch, in Luft<br />
-und Wasser«</h1>
-
-<p class="center smaller">von</p>
-
-<p class="h2">Martin Braeß</p>
-
-<p class="center p2">4. Band der Heimatbücherei<br />
-des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz<br />
-Dresden 1923
-</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center smaller">
-Otto Wigand'sche<br />
-Buchdruckei in<br />
-Leipzig</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">
-Den Deutschen in Nordböhmen</p>
-<p class="center">
-als Dank für ihre<br />
-dem Landesverein »Sächsischer Heimatschutz«<br />
-in schwerer Zeit geleistete Hilfe</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="Inhalt">Inhalt</h2>
-</div>
-
-<table summary="Inhalt">
-<tr>
-<td>Das Tier im Landschaftsbild unserer Heimat</td>
- <td class="tdr"><a href="#Das_Tier_im_Landschaftsbild">5</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die volkstümlichsten Tiere der deutschen Märchen und Fabeln</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_volkstumlichsten_Tiere_der">41</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Allerlei Fischräuber, bepelzt und befiedert</td>
- <td class="tdr"><a href="#Allerlei_Fischrauber_bepelzt">75</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Malepartus, die Raubburg und Kinderstube von »Reinke de Vos«</td>
- <td class="tdr"><a href="#Malepartus_die_Raubburg_und">109</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Swinegel un sine Sippschaft</td>
- <td class="tdr"><a href="#Swinegel_un_sine_Sippschaft">120</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Vogelnester</td>
- <td class="tdr"><a href="#Vogelnester">148</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Im Teichgebiet der sächsischen Lausitz</td>
- <td class="tdr"><a href="#Im_Teichgebiet_der_sachsischen_Lausitz">161</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die heimatliche Vogelwelt im deutschen Volksglauben</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_heimatliche_Vogelwelt">179</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Schutz den schutzlosen Kriechtieren und Lurchen!</td>
- <td class="tdr"><a href="#Schutz_den_schutzlosen_Kriechtieren">201</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Sechsbeinig, achtbeinig und ohne Beine</td>
- <td class="tdr"><a href="#Sechsbeinig_achtbeinig_und">230</a></td>
-</tr>
-</table>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<span class="pagenum"><a id="Page_5">[5]</a></span>
-
-<h2 id="Das_Tier_im_Landschaftsbild">Das Tier im Landschaftsbild
-unserer Heimat</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Das Leben auf unserer Erde kennt keine Schranke,
-kein Grenzstein ist ihm gesetzt. Und es sind nicht
-nur die niedrigsten Lebewesen, einzellige Algen, Pilze,
-Infusorien, die sich sozusagen überall einstellen, nein,
-wenigstens von der Tierwelt gilt es, daß sich gerade ihre
-höchsten Vertreter, die <em class="gesperrt">Wirbeltiere</em>, die ganze Welt
-erobert haben.</p>
-
-<p>Aus den größten Tiefen der Ozeane, wo längst keine
-Pflanze mehr gedeiht, wo ewige Finsternis herrscht, bis
-auf die Flammen, die sich die Tiere selbst anzünden, hat
-man eine erstaunliche Artenzahl wohlorganisierter Fische
-ans Licht befördert, und hoch über der Waldgrenze der
-Gebirge, wo nur noch kurzrasiges Gras an dem Steilhang
-emporklettert und niedrige Alpenblumen ihre
-farbensatten Sterne dem Sonnenstrahl öffnen, ja noch
-höher droben, wohin keine blühende Pflanze mehr folgt,
-wo der zackige Felsengrat nackt und tot aus dem Firnschnee
-zum Himmel emporstarrt, da haftet der Fuß der
-flüchtigen Gemse, des Steinbocks, da pfeift im Steintrümmermeer
-das Murmeltier vor seiner Höhle. Über
-allem Irdischen aber, an der blauen Glocke des Himmels,
-schwebt in erhabener Ruhe der Adler, der König der
-Lüfte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_6">[6]</a></span></p>
-
-<p>In solcher Einsamkeit <em class="gesperrt">herrscht</em> dann das Tier als
-einzige Staffage der Landschaft: der nackten Felsenzinnen
-oder des einförmigen Wüstensandes, der weiten Meeresfläche
-oder des unermeßlichen Luftozeans, und nirgends
-sonst erreicht der Eindruck des Lebendigen solche Stärke.</p>
-
-<p>Im übrigen aber vermag die Tierwelt nur in besonderen
-Ausnahmefällen der Landschaft einen bestimmten
-Wesenszug aufzuprägen; sie tritt in dieser Beziehung
-hinter der Pflanzenwelt weit zurück. Diese ist es, die
-das Bild beherrscht; an ihr haftet das Auge.</p>
-
-<p>Düster, in blauschwärzlicher Färbung schaut der
-Nadelwald von den Höhen herab auf die Ebene, wo
-unter der weißen Decke das Samenkorn schlummert.
-Halbverschneite Hecken am Wege, ein einzelner Baum
-am Rain, ein kleines Feldgehölz, das seine kahlen Äste
-und Zweiglein zum bleigrauen Himmel erhebt, abgestorbene
-Stauden, deren Samenrispen zwischen den
-Schneewehen emporragen, erhöhen den Eindruck der
-Einsamkeit. Totenstille in der Natur.</p>
-
-<p>Die freundliche Au, vom gewundenen Bächlein durchfeuchtet,
-hat der Frühling mit tausend Blüten geschmückt;
-lebensfroh schauen sie zum Lichte empor. Vergißmeinnicht:
-ihr Blau ein Abbild des Himmels; Löwenzahn,
-Ranunkulus, Dotterblume: goldenen Sonnen vergleichbar.
-Aus den alten Weidenstümpfen streben rötliche
-Triebe empor mit gelbgrünen Schmalblättern, während
-das Erlengestrüpp sein junges, glänzendes Laub über
-das plätschernde Wasser ausbreitet, in dem sein Spiegelbild
-zittert wie vor Erwartung seligster Lust.</p>
-
-<p>Vom stahlblauen Himmelsgewölbe strahlt die Julisonne
-herab auf die Fruchtebene. Ein einziges Getreidefeld,
-wohin man nur schaut. Die braungoldenen Weizenähren<span class="pagenum"><a id="Page_7">[7]</a></span>
-wogen wellenförmig im heißen Lufthauch, der
-tosend über sie hinstreicht. Ein Bild der einförmigen
-Steppe; kein Baum, kein Strauch. Hier herrschen die
-Fruchtgräser, von der Hand des Landmanns angebaut.
-Nur am Rain glüht es rot, großblütiger Mohn, und
-tiefblau schaut die Zyane aus dem lichtgelben Halmenmeer
-hervor.</p>
-
-<p>Der herbstliche Laubwald: in allen Farben und
-Tönen glänzt es und gleißt es, vom zartesten Rosa bis
-zum sattesten Rot, vom lichtesten Gelb bis zum tiefsten
-Bronzeton. Und wenn die goldne Oktobersonne vom
-wolkenfreien Himmel herab all die Farbenflecke mit
-einer Fülle von Licht, von brennender Glut überschüttet,
-wenn sie lange Schlaglichter tief in den Wald wirft und
-helle Zitterkringel auf den Boden malt, daß auch das
-abgestorbene Laub noch einmal aufleuchtet: ein Farbenbild
-von wunderbarem Reiz, ein Farbeneinklang, der
-nicht seinesgleichen hat.</p>
-
-<p>Im Kreislauf des Jahres die <em class="gesperrt">Pflanzenwelt</em>
-ist's, die unsern heimatlichen Landschaftsbildern ein ganz
-bestimmtes Gepräge verleiht. Ihr ordnet sich alles unter,
-selbst der geologische Aufbau des Bodens, der doch gleichfalls
-von allergrößter Bedeutung ist. Das <em class="gesperrt">Tier</em> aber
-erscheint dem gegenüber als eine viel weniger wichtige
-Zugabe zum Landschaftsbild, mehr zufällig bloß; man
-achtet seiner, nur weil man's gerade bemerkt. Fehlte es,
-der Anblick, der ganze äußere Eindruck wäre dennoch der
-gleiche; nur in besonderen Fällen wird man sich der
-fehlenden Tierwelt als eines wirklichen Mangels der
-Landschaft bewußt.</p>
-
-<p>Und doch, wo immer es sei: ob sich die Pflanzenwelt
-in Macht und Fülle aufbaut, daß die Baumriesen ihre<span class="pagenum"><a id="Page_8">[8]</a></span>
-Äste und Zweige zu gotischem Dach über dem Wanderer
-wölben, oder ob nur spärliche Gräser die weite Fläche
-dürftig bedecken; zu welcher Jahreszeit immer: ob der
-Winter seine Herrschaft führt, daß der Waldbach, in
-eisige Fesseln gebannt, nur leise plätschernd unter dem
-starren Panzer dahinmurmelt und der Stamm des Hochwaldes
-vor Frost tiefächzend zersplittert; zu welcher
-Stunde des Tages auch: ob die Mittagsglut auf der
-Flur liegt, drückend schwül, kein atmendes Lüftchen, ob
-der Mond sein silbernes Licht über den schlafenden
-Waldsee ergießt oder ob Morgennebel das Tal in dichte
-Schleier hüllen &ndash; nur ein einziges Tier in solchem Bild,
-ein einziger Schrei oder Ruf, die Strophe nur eines
-Vögleins, und sofort wird der Reiz der Landschaft erhöht,
-der ganze Eindruck in einer Weise gesteigert, daß wir
-das Bild vor uns wie mit einem Schlage in ganz
-anderem Lichte sehen.</p>
-
-<p>Woher dieser Zauber? Wir sind nicht mehr allein,
-nicht mehr die einzig fühlende Brust; ein anderes Wesen
-nimmt teil an dem, was unsre Sinne schauen, unser
-Herz bewegt. Das <em class="gesperrt">Tier</em> ist's, durch das Mutter Natur
-zu uns redet, das beseelte Geschöpf. Seine Erscheinung,
-sein Leben und Treiben, sein Ruf, seine Stimme: das ist
-der uns Menschen verständlichste Ausdruck im Reiche der
-Schöpfung.</p>
-
-<p>Der nächtliche Sternenhimmel redet eine erhabene
-Sprache &ndash; ach, wie klein ist der Sterbliche doch, der andächtig
-zu den tausend und abertausend funkelnden Sonnen
-emporschaut! Das Meer braust heran, Woge auf
-Woge, ewig, gewaltig, unermeßlich, furchtbar im Sturm
-&ndash; eine Nußschale der riesige Dampfer, das Menschenleben
-ein Nichts. Der massige Fels erzählt uns seine Geschichte<span class="pagenum"><a id="Page_9">[9]</a></span>
-aus nebelhaft grauer Vorzeit, wie ihn die bebende
-Erde gebar, wie Jahrmillionen ihn formten, auch das
-Unvergänglichste wandelnd &ndash; wer versteht seine Sprache,
-die uns allen so fremd ist! Der Krystall funkelt und
-gleißt, in spiegelblanken Flächen bricht sich das Licht &ndash;
-aber er spricht von starren, toten Gesetzen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Nur das Leben redet zum Leben in lebendiger
-Sprache</em>, in unsrer Sprache, in der Muttersprache,
-die allen eignet, die niemand erlernt, keiner zu
-erlernen braucht, die man nicht begreift mit dem Verstande,
-sondern die uns von Anfang an innewohnt, tief
-im fühlenden Herzen. Der Wald spricht mit uns, die einsame
-Wettertanne auf erhabener Felsenwacht, die Blume
-am Bachesrand, das flüsternde Schilf, die Heckenrose am
-Wege &ndash; aber: »Fleisch von unserm Fleisch und Bein
-von unserm Bein«, das gilt doch noch in weit höherem
-Grade von den Tieren, von unsern »Brüdern«, wie sie
-Goethe in jenem bekannten Wort an den »erhabenen
-Geist« nennt:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Du führst die Reiche der Lebendigen<br /></span>
-<span class="i0">Vor mir vorbei und lehrst mich meine Brüder<br /></span>
-<span class="i0">Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Die Sprache des Tieres, der Ausdruck seines Fühlens,
-seines Wollens ist unsrer Sprache verwandt; dem Tiere
-schreiben wir, wie uns selbst, eine Seele zu, die erkennt,
-die fürchtet und hofft, die liebt und haßt. Und wenn
-uns der Verstand auch immer wieder zuruft, daß das
-Geschöpf nicht anders handeln kann, als es handelt, daß
-es einem inneren Triebe folgt, einer Naturnotwendigkeit,
-und daß der Tierfreund in tausend Fällen die
-eignen Empfindungen und Gefühle erst in die Brust
-des Tieres hineinträgt und so das Tier bis zu gewissem<span class="pagenum"><a id="Page_10">[10]</a></span>
-Grade vermenschlicht &ndash; warum, so frage ich, sollen wir
-das, was wir sehen, nicht in unsre Sprache übersetzen?
-warum sollen wir absichtlich den Eindruck zerstören, den
-eine sinnige Naturbetrachtung auf jedes unverdorbene
-Gemüt ausübt? Der strengen Wissenschaft mag ihr
-Recht bleiben, aber auch dem schlichten Naturfreund, der
-es im Verkehr mit seinen Lieblingen alltäglich erfährt,
-daß wenigstens das höhere Tier keineswegs eine bloße
-Maschine ist, ebensowenig wie der Mensch ein willenloses
-Rädchen im Uhrwerk des Weltgetriebes.</p>
-
-<p>Zwischen unserm eignen Leben und dem Leben der
-höheren Tiere bestehen innere Beziehungen, die schon das
-Kind, ja dieses vielleicht noch mehr als der Erwachsene
-empfindet, und diese Fäden, die wir hinüberspinnen zu
-jedem beseelten Wesen, sie sind, wenn mich mein Naturempfinden
-nicht täuscht, die eigentliche, die tiefste Ursache
-für die <em class="gesperrt">hohe Bedeutung des Tieres im
-Landschaftsbild</em> &ndash; ganz gleich, ob das Lebewesen
-durch seine Bewegung das Auge auf sich lenkt, ob es
-durch seine Färbung uns ergötzt, durch seine Stimme
-unsre Aufmerksamkeit fesselt, ob es einzeln auftritt und
-so den Eindruck der Einsamkeit verstärkt, oder ob ganze
-Scharen das Bild beleben.</p>
-
-<p>Ach, wieviel würde uns fehlen, wenn wir durch
-unsern deutschen Frühlingswald gingen und kein Vöglein
-würde sein Lied anstimmen, kein Kuckucksruf, kein Trommeln
-der Spechte, wenn am Sommerabend kein Reh
-zur Äsung auf die Waldwiese oder das Kleefeld träte,
-wenn die bunten Falter nicht mehr über den Wiesenblumen
-gaukelten, am schilfbewachsenen Teich der Chor
-der Frösche für immer verstummt wäre, wenn die wandernden
-Vogelscharen nicht mehr am herbstlichen Himmel<span class="pagenum"><a id="Page_11">[11]</a></span>
-gen Süden zögen, oder wieviel trauriger noch und öder
-unser nordischer Winter, wenn die schneebedeckten Felder
-und das Geäst des entblätterten Baumes nicht belebt
-wären von unsern gefiederten Freunden, die der Herrschaft
-des rauhen Gewalthabers trotzen!</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Keine Klasse des Tierreichs vermag das Landschaftsbild
-auch nur annähernd so reizvoll zu beleben, wie die
-muntere Schar der <em class="gesperrt">Vögel</em>. Der Flug durch die Lüfte &ndash;
-nicht an die Scholle gebunden wie Vierfüßler oder
-Kriechtiere, sondern frei und froh, Überwinder der irdischen
-Schwere &ndash; dazu die auffallende Stimme, von dem
-zweisilbigen Lockruf der Bachstelze oder dem einfachen
-Liedchen der Haubenlerche an bis zu dem seelenvollen
-Gesang der Nachtigall und dem jauchzenden Überschlag
-des Plattmönchs: das sind die Gaben, mit denen Mutter
-Natur ihre und unsre Lieblinge wie kein anderes ihrer
-Geschöpfe ausgezeichnet hat. Und durch diese beiden
-Eigenschaften tragen die Vögel an erster Stelle zur Belebung
-des Landschaftsbildes bei.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Der freie Flug!</em> Fühlt nicht jeder das Walten
-der Schönheit, wenn die Möwenschwärme den meerumbrandeten
-Küstenfelsen umkreisen, wenn die Schwalbe
-niedrig über dem glitzernden Dorfteich dahinschießt, ihre
-Brust flüchtig ins Naß tauchend, um dann blitzschnell
-emporzusteigen, höher als die schlanken Pappeln am
-Uferrand, wenn die Dohlen das alte Gemäuer des
-Stadtturms umschwärmen, die Kiebitze über der feuchten
-Wiese ihre Flugkünste zeigen, wenn der Kuckuck falkenartig
-von einem Talhang zum andern hinüberwechselt,<span class="pagenum"><a id="Page_12">[12]</a></span>
-die langschwänzige Elster wie ein Bolzen die Luft durchschneidet,
-oder der kleine Baumpieper von einem Ästchen
-aus schief emporsteigt und sich dann in schön geschwungenem
-Bogen wieder zu seinem Lieblingsplätzchen herabläßt!</p>
-
-<p>Und erst der <em class="gesperrt">Raubvogel</em>, der König der Lüfte!
-Ob es ein Adler ist, der stolz wie ein Flugzeug auf
-ausgebreiteten Schwingen ohne jede Bewegung durch
-den Luftozean gleitet, oder ein niedliches Fälkchen, das
-im Morgenglanz rüttelnd sein Spiel treibt, ein Wanderfalk,
-der in rasendem Flug seiner sicheren Beute nachstürzt,
-der mächtige »Auf«, der im Mondlicht lautlos durch
-sein Revier zieht, daß sein riesiger Schatten gespensterhaft
-über die Geröllhalden und die waldumgrenzte Gebirgswiese
-gleitet, oder nur ein Schleierkauz, der am
-dämmernden Abend weichen Flugs über dem Sturzacker
-schwebt: der Anblick jedes Raubvogels in der freien
-Natur löst in uns immer ein besonders starkes Gefühl
-aus. Vielleicht weniger &ndash; ich gebe es zu &ndash; weil das
-Malerische der Landschaft durch solch stolze Erscheinung
-gesteigert wird, als vielmehr aus dem Grunde, weil wir
-uns dabei bewußt werden, noch einen Ausschnitt, einen
-letzten Rest urwüchsiger Natur in unsrer leider so verarmten
-Heimat vor uns zu haben. Ein Flugzeug &ndash; ein
-Adler, hoch, hoch im weiten Himmelsraum: vielleicht
-ist der Anblick ganz ähnlich, aber die Wirkung auf den
-Beschauer, der zu beiden emporblickt, im tiefsten Grunde
-verschieden! Dort stolze Bewunderung, daß es dem
-Menschen gelungen ist, seinen Fuß von der Scholle zu
-lösen und sich ins Reich der Lüfte zu schwingen; hier edle
-Freude an reiner, starker Natur, ein Gottseidank, daß sie
-doch noch nicht völlig aus unserm Lande, aus unsrer Zeit<span class="pagenum"><a id="Page_13">[13]</a></span>
-gewichen ist. Welcher Eindruck der stärkere ist, das hängt
-ganz vom Beschauer selbst ab.</p>
-
-<p>Am sonnigen Frühlingsmorgen zwei <em class="gesperrt">Steinadler</em>
-über der Ebene, aus der gegen Mittag die bayrischen
-Alpen aufsteigen. In schönen Spiralen schraubt sich das
-Paar höher und höher, ohne Flügelschlag einander umkreisend;
-bald schwebt dieser, bald jener über seinem
-Genossen. Den Hochzeitsreigen üben die mächtigen Vögel;
-er trägt sie in unermeßliche Höhen, daß sie dem Auge nur
-noch wie dunkle Punkte erscheinen. Schnell wie der Blitz
-dann herab; jetzt ruhiges Schweben, und jetzt so mächtiges
-Schlagen der stählernen Schwingen.</p>
-
-<p>Vom Fels zum Meer! Auf niedriger Düne stehend,
-begrüß' ich die Ostsee. Nichts, nichts zu sehen als die unbegrenzte
-tiefgrüne See, deren weiße Wellenkämme in
-endloser Folge heranrollen, und der weite Himmel darüber
-&ndash; kein Dampfer, kein Segel. Schnurgerade streckt
-sich die Düne, mit Sandhafer nur dürftig bewachsen;
-hinter ihr Buchenwald und ein paar Strandkiefern. Eine
-einzelne Seeschwalbe, ein Krähenpaar, eine weiße Bachstelze
-am Strand &ndash; aber sie sind nicht imstande, das
-Gefühl der Einsamkeit und der endlosen Größe von
-Sand und Wasser zu mildern. Plötzlich ein Schrei, und
-gleich braust es heran, dicht über mir der gewaltige
-<em class="gesperrt">Seeadler</em>. Er umkreist mich so niedrig, daß ich jede
-einzelne Schwinge, die goldgelben Augen, das spitze,
-weißliche Gefieder an Hals und Nacken, die orangefarbenen
-Fänge mit ihren schwarzen Krallen ganz deutlich
-erkenne. Weiß leuchtet der Stoß. Da, noch ein zweiter
-Adler, das etwas kleinere Männchen; mit hellem Schrei
-stürzt es herbei.</p>
-
-<p>Ich bin in das Gebiet der Gewaltigen eingedrungen;<span class="pagenum"><a id="Page_14">[14]</a></span>
-eine hohe Kiefer trägt ihren Horst. Wo ich auch stehe, die
-Adler umkreisen mich, immer aufgeregt schreiend. Schwerfälliger
-ist ihr Flug als der des Steinadlers, aber mächtig
-der Eindruck, mächtig und kraftvoll wie das Astwerk
-der noch blattlosen Buchen, wie die rotbraunen Stämme
-der uralten Föhren, gewaltig wie die Wogen der brausenden
-See: ein Bild urwüchsiger Kraft.</p>
-
-<p>Auf der Seenplatte, die Norddeutschland von Ostpreußen
-bis Holstein durchzieht, haust noch ein anderer
-Adler. Nicht zu den Größten gehört er unter den Großen,
-aber er ist der Edelsten einer des edlen Geschlechtes. Ein
-herrlicher Anblick, wenn der <em class="gesperrt">Fischadler</em> über seinen
-Jagdgründen schwebt! Kaum hebt sich am Morgen der
-wallende Nebel über dem dunkeln Waldsee, so erscheint,
-langsam die Fittiche schwingend, der stolze Fischer über
-seinem Jagdgrund! Er senkt sich in schöner Schraubenlinie
-herab und umkreist dann den See. Jetzt hemmt
-er den Flug; wie ein Falke hängt er im Luftraum.
-Einen Fisch hat sein Adlerauge entdeckt. Plötzlich, mit
-vorgestreckten Fängen stürzt er ins Wasser; aber noch
-ehe die Wellenkreise das nahe Ufer erreicht haben, erscheint
-der kühne Taucher schon wieder, den Flossenträger
-in den wehrhaften Klauen. Die Wassertropfen
-schüttelt er vom Gefieder; dann fliegt er heim nach
-seinem Horst. Still ruht wieder der Waldsee.</p>
-
-<p>Soll ich noch weiter Bilder entwerfen von dem gaukelnden
-Spiel der <em class="gesperrt">Turmfalken</em> über den Steilwänden
-und zwischen den Felsenzinnen der Talschlucht,
-von dem reißenden Flug des beutegierigen <em class="gesperrt">Sperbers</em>,
-der vom Gehölz her mitten in die Schar der Feldsperlinge
-stürzt, daß sie die rettende Hecke kaum noch erreichen,
-von dem sanften, ruhigen Schweben hoch über der Flur<span class="pagenum"><a id="Page_15">[15]</a></span>
-und noch höher über den Wipfeln des Waldes, wie es
-die <em class="gesperrt">Milane</em> üben, der rote und der schwarzbraune,
-oder von dem lautlosen Dahingleiten der <em class="gesperrt">Rohrweihe</em>,
-ganz niedrig über dem Schilf und dem im
-Sonnenstrahl glitzernden Wasser &ndash; wer nur einmal
-Zeuge solch eindrucksvoller Naturbilder ward, der denkt
-sein Lebtag daran.</p>
-
-<p>Im Hochgebirge, wo die Felsenzinken zum tiefblauen
-Himmel emporstarren, in der Flachlandschaft, die den
-See grün umgibt, im Hochwald unsrer Mittelgebirge,
-oder draußen am Meeresgestade, wo die brandende Welle
-an den Klippen zerschellt: überall bildet die Erscheinung
-eines Raubvogels die wirkungsvollste Bereicherung des
-Landschaftsbildes, eine wertvolle Zugabe, die den Beschauer
-alles andere ringsum vergessen läßt.</p>
-
-<p>Aber die Raubvögel sind nicht die einzigen Meister
-im Flug. Oft ist's die Wirkung der Massen, die zur
-Geltung kommt. Wie prächtig ist doch der Anblick eines
-nach Tausenden zählenden Schwarmes ziehender <em class="gesperrt">Stare</em>
-im Herbste! Wahre Wolkenzüge, die fortwährend ihre
-Form ändern, bald breiter, bald schmäler werden, jetzt
-sich teilen und jetzt sich von neuem zu einem Riesenballe
-vereinen, der durch die Luft rollt. Oder der schier endlose
-Zug der <em class="gesperrt">Krähen</em>, die in lockeren Gruppen am geröteten
-Abendhimmel nach ihren nächtlichen Ruheplätzen
-im Walde über der Schneelandschaft lautlos dahinstreichen
-&ndash; wie malerisch, wie stimmungsvoll dieser
-Anblick! Anders wieder der Zug der <em class="gesperrt">Kraniche</em>, den
-man an hellen Herbsttagen bisweilen beobachten kann.
-Sie ziehen immer so, daß sie einen spitzen Winkel mit
-zwei ungleich langen Schenkeln bilden, jeder einzelne
-Vogel mit Hals und Beinen eine schnurgerade Linie<span class="pagenum"><a id="Page_16">[16]</a></span>
-darstellend. Ein ganz eigentümliches Bild, diese zwei
-dunkeln, in einem Punkt sich vereinigenden Striche, wie
-sie am Herbsthimmel gen Süden stürmen, im Verein
-mit dem fallenden Laub, den abgeernteten Feldern, der
-letzten Rose im Garten von stärkstem Eindruck auf unser
-Gemüt. Werden wir sie wiedersehen, die Boten des
-Frühlings, noch einmal die lieblichen Bilder erleben,
-die in trüben Wintertagen die Sehnsucht nach dem erwachenden
-Lenz uns vor die Seele zaubert?&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Wenn die grünen Spitzen der Saat aus der leichten
-Schneedecke hervorschauen, wenn das Schneeglöckchen sein
-Köpfchen erhebt und an den Ruten der Haseln die Kätzchen
-den Blütenstaub ausstreuen, dann begrüßt vor
-seinem Bretterhäuschen Freund <em class="gesperrt">Star</em> den aufgehenden
-Sonnenball mit jauchzenden Rufen. Von den bereiften
-Ästen herab schwatzt der muntere Bursche seine bescheidenen
-Strophen hinein in den goldenen Morgen. Nicht
-genug kann er sich tun vor Freude und Lust: daheim,
-wieder daheim! Im schönsten Farbenschmuck, metallisch
-grün und tief purpurn läßt die Sonne sein dunkles,
-weißbetropftes Gefieder erscheinen: ein liebliches Stimmungsbild,
-das die selige Hoffnung auf den bald einziehenden
-Lenz weckt &ndash; »Frühling, Frühling wird es
-nun bald!«</p>
-
-<p>Nur wenig Wochen, und die <em class="gesperrt">Lerche</em> steigt am Ostermorgen
-zum Himmel empor, als wollte sie mit ihrem
-Siegesruf auch die fernsten Fernen des Weltalls erfüllen.
-Höher und höher flattert das kleine Vöglein über der
-lenzfrohen Saat, bis es schließlich unserm Auge entschwindet.
-Aber der Lobgesang, mit dem die Sängerin
-dort oben die ersten Sonnenstrahlen begrüßt, bleibt noch
-immer vernehmbar. Bald hallt der ganze Himmel wider<span class="pagenum"><a id="Page_17">[17]</a></span>
-von den Jubelchören der singenden Lerchen. Nichts predigt
-so laut und eindringlich das Auferstehungsfest der
-Natur, wie das »melodisch gewirbelte Lied« der Lerchen,
-die hoch über dem sprossenden Grün oder dem samenauswerfenden
-Landmann, »im blauen Raum verloren«,
-jauchzen und jubilieren &ndash; ein Lied ohne Ende, »bei dem
-die Saaten lachen«.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Wohl ist das Auge der schärfste Sinn, aber die
-Pforte, die noch tiefer in unser Innerstes führt, noch
-unmittelbarer zu Herz und Gemüt, ist das Ohr. Und
-kein Zweifel, die Bedeutung der Vögel für das Landschaftsbild
-beruht noch weit mehr auf ihrer hervorragenden
-<em class="gesperrt">Stimmbegabung</em>, als auf ihrer bloßen
-Erscheinung. Dabei wollen wir nicht nur an den jauchzenden
-Ruf der Singdrossel, an die Flötenstrophe ihrer
-Base, der Amsel, an Rotkehlchens sehnsuchtsvolles Lied,
-an die kecke Fanfare des Zaunkönigs oder an den unvergleichlichen
-Gesang der Nachtigall denken, sondern
-auch an andere anspruchslosere Lautäußerungen, zumal
-bisweilen ein einzelner Schrei oder ein ohrenbetäubendes
-Stimmengewirr, aber auch ein feiner Lockruf von der
-stärksten Wirkung ist und dem Landschaftsbild eine ganz
-bestimmte Färbung verleihen kann.</p>
-
-<p>Vielleicht ist es nur Einbildung, nur eine schönklingende
-Redeweise, wenn man behauptet, eine Beziehung
-herstellen zu können zwischen den vielfältigen
-Stimmen der Natur und den verschiedenen Örtlichkeiten,
-die durch solche Lautäußerungen belebt werden, ein
-leeres Geschwätz, wenn man meint, der Lobgesang der<span class="pagenum"><a id="Page_18">[18]</a></span>
-Lerchen stimme zu der Frühlingssaat, da unaussprechlich
-innige Seufzen und Schluchzen der Philomele zu
-dem nächtlich dunkeln Gebüsch am Rande des Weihers;
-nur zu der Meereswoge, vom heulenden Sturm gegen die
-Klippen gepeitscht, passe der heisere Schrei der Möwe,
-und zu dem nächtlichen Hochwald der unheimliche Eulenruf;
-der liebliche Gesang des Rotkehlchens gehöre in den
-lichten, maiengrünen Laubwald und das Schackern der
-Elster auf die beschneite Flur. Möglich, daß Vogelstimme
-und Örtlichkeit wirklich nichts miteinander zu
-tun haben, obgleich ich darauf hinweisen könnte, wie
-z.&nbsp;B. der Lehrmeister der Wasseramsel ohne Zweifel
-das auf steinigem Grunde dahinplätschernde Gebirgsbächlein
-gewesen ist, mit dessen leisem Rieseln der Gesang
-des am Wasser aufgewachsenen Vogels verglichen werden
-kann, wie das bunte Allerlei der quecksilbernen Rohrsänger
-in seiner ganzen Färbung etwas vom Froschkonzert
-und vom Gurgeln des Wassers am unterwaschenen
-Uferrand hat; aber angenommen auch, es seien nur liebe
-Erinnerungsbilder &ndash; das jungbelaubte Eichen- oder
-Buchenwäldchen im Talgrund, das beim Pirolruf vor
-unsrer Seele auftaucht, der schneebedeckte Fichtenbestand,
-den die Strophe des Kreuzschnabels uns vorzaubert &ndash;
-soviel steht jedenfalls fest, daß unsre Einbildung, diese
-oder jene örtlichen und zeitlichen Verhältnisse harmonierten
-mit ganz bestimmten Vogelstimmen, durchaus
-lebendig ist und täglich neue Nahrung empfängt. <em class="gesperrt">Wo
-wir aber Harmonie empfinden, empfinden
-wir Schönheit.</em> Nicht darauf kommt's an, ob
-solcher Einklang wirklich besteht, ob der Verstand ihn
-ablehnt oder begründet, sondern allein auf unsre <em class="gesperrt">Empfindung</em>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_19">[19]</a></span></p>
-
-<p>Nur ein paar Beispiele, die den tiefen Eindruck der
-Vogelstimmen auf unser Gemüt weit besser erläutern
-als viele Worte.</p>
-
-<p>Den Ruf der <em class="gesperrt">Wachtel</em> kennt jeder, und jedermann
-liebt ihn. Und doch anmutig und lieblich kann man ihn
-kaum nennen. Dazu ist er zu kurz und namentlich zu
-hart abgebrochen, in der Nähe sogar ziemlich gellend
-und scharf. Nur aus drei Silben besteht der Ruf, ein
-Daktylus, der stets wiederholt wird. Wie erklärt sich
-also der nachhaltige Eindruck des Wachtelschlags und
-unsere Vorliebe für ihn? <em class="gesperrt">Die Stimmung, die
-Färbung der ganzen Umgebung, das ist
-die Lösung des Rätsels.</em></p>
-
-<p>Dem rastlosen Treiben der Stadt haben wir den
-Rücken gekehrt, der drückenden Schwüle in den staubigen
-Straßen sind wir entflohen. Die heiße Sommersonne ist
-untergegangen, ein erfrischender Abendhauch weht aus
-dem Saatgefilde. Vor uns das Dorf, in blaue Dämmerung
-gehüllt: ein Bild des Friedens. Der Lerche bunte
-Lieder sind verstummt; nur das gleichmäßige Zirpen der
-Grillen zittert einschläfernd durch die weite Flur. Das
-blühende Weizenfeld hat sich dem Schlaf überlassen; wie
-im Traum nickt die geschlossene Blüte des Mohns, und
-nur ein paar Abendfalter taumeln über der ruhenden
-Flur. Da steigt der Mond am östlichen Himmel auf,
-und nun tönt es vom Rande des Feldes »pickwerwick,
-pickwerwick,« zehn- oder zwölfmal, dann eine Pause.
-Eine zweite Wachtel gibt Antwort; in der Ferne schlägt
-eine dritte, und je mehr sich die Mitternacht nähert,
-um so hitziger schallt es. Erst in den frühesten Morgenstunden
-verstummt allmählich der muntere Schlag. Wenn
-aber dann der junge Tag den nordöstlichen Himmel zu<span class="pagenum"><a id="Page_20">[20]</a></span>
-röten beginnt, tönt es wieder gar eifrig durchs ganze
-Gelände, das freundliche »Pickwerwick«, und die ersten
-Lerchen in der Höhe stimmen mit ein in den Gesang
-des Feldes tief unter ihnen.</p>
-
-<p>Schade, ewig schade, daß die vielen Wachteln, deren
-Schlag mich in meinen Jugendtagen zur Sommerszeit
-allabendlich erfreute, bis auf einzelne Ausnahmen in
-meiner Heimat verschwunden sind. Unersetzliche Stimmungswerte
-sind mit ihnen verloren gegangen; die
-friedlichen Feierabende des Dorfs haben eine schwere
-Einbuße erlitten, und das Leben des Landmanns ist
-ärmer geworden.</p>
-
-<p>Von stärkster Wirkung ist auch der <em class="gesperrt">Eulenruf</em>. An
-sich unschön, ja häßlich, heulend und schreckhaft; aber
-wir glauben gleichfalls eine Harmonie mit Zeit und
-Ort zu fühlen, und so dürfen wir auch hier von einer
-ästhetischen Bedeutung solch seltsamer Lautäußerungen
-sprechen.</p>
-
-<p>Der nächtliche Wald oder das einsame zerfallene Gemäuer
-weckt die Einbildungskraft, so daß auch der nüchternste
-Mensch sich nur schwer eines gewissen Grauens
-erwehren kann. Aus jedem größeren Wald, selbst aus
-manchem Park erschallt um die Zeit von Frühlings Tag-
-und Nachtgleiche der Ruf des Waldkauzes; oft wiederholt
-klingt er wie heulendes Hohngelächter. Was ist
-dieser Ruf aber gegen das schauerlich widerhallende
-»Buhu« des mächtigen »Aufs«, das der König der Nacht
-zur Paarungszeit fast ununterbrochen hören läßt. Wer
-in uhureicher Gegend, z.&nbsp;B. in den Waldgebirgen Bosniens
-nur einmal eine mondhelle Nacht erlebt hat, wird
-es begreifen, daß der Uhuruf im Aberglauben, in Märchen
-und Sagen eine große Rolle spielt. Unheimlich klifft<span class="pagenum"><a id="Page_21">[21]</a></span>
-und klafft es, heult und wiehert, lacht und jauchzt es
-durch den dunklen Gebirgswald.</p>
-
-<p>In unsrer engeren Heimat finden sich die weitaus
-größten <em class="gesperrt">Vogelgesellschaften an den Teichen
-und Seen</em> der Lausitz. Sie verleihen dem Landschaftsbild
-zu allen Jahreszeiten einen ganz besonderen Reiz,
-an dem sich Auge und Ohr des Naturfreundes immer
-von neuem ergötzen.</p>
-
-<p>Schon aus der Ferne vernimmt man im zeitigen
-Frühling, wenn kaum die ersten grünen Spitzchen des
-jungen Schilfs über der Wasserfläche hervorschauen, ein
-vieltöniges Stimmengewirr. Enten der verschiedensten
-Art schreien und quälen; die Kiebitze, die eben von der
-Reise zurück sind und von denen einige uns umgaukeln,
-seltsamen, wuchtelnden Flugs, stoßen ihre zweisilbigen
-Klagerufe aus; Bläßhühner lassen ihre scharfe Lockstimme
-hören; mit tiefem »grök grök« melden sich die
-großen Haubentaucher, während ihre kleinen Vettern, die
-niedlichen Zwergtaucher, hell kichern und trillern, die
-Rothalstaucher aber, die lautesten ihrer Sippe, seltsam
-grunzen und quieken, daß man's weithin hört von einem
-Teich zu dem andern. Lachmöwen sind auch schon da;
-unruhig flattern sie durch die Luft. Aber noch vielmehr
-mögen sich in jener Bucht verbergen, die das abgestorbene
-Schilf unsern Blicken entzieht; denn hundertfach tönt
-das nimmermüde »Krrriäh« aus dem geschützten Winkel.</p>
-
-<p>Wenn aber in ein paar Wochen Drossel- und Teichrohrsänger
-von der Reise zurück sein werden, dann geht's
-noch viel lauter zu; dann hat diese kleine quecksilberne
-Sängergesellschaft das Wort; »karrakiet, karrakiet,« den
-ganzen Tag fast, besonders am frühesten Morgen und
-am Abend bis spät in die Nacht. Kaum zur Geisterstunde<span class="pagenum"><a id="Page_22">[22]</a></span>
-gönnt man sich eine Pause. Es ist, als wollten sie wetteifern
-mit dem Gequak und Geknarr der Froschsänger,
-deren Stimmen die ganze Frühlingsnacht nicht müde
-werden.</p>
-
-<p>Und nun treten wir durch das Röhricht ans Ufer.
-Da schwimmt es auf dem Gewässer, flattert empor, taucht
-unter, rennt flügelschlagend über den Wasserspiegel oder
-segelt hoch in der Luft. Lachmöwen wirbeln umher wie
-riesige Schneeflocken oder ruhen, weißen Seerosen zu vergleichen,
-in der lauschigen Bucht, die sie sich zur Brutstätte
-erkoren haben; einzelne Trauerseeschwalben schießen
-durch die Luft; Rotschenkel ziehen, unermüdlich
-rufend, ihre Kreise; hinter der Ente flattert der Erpel
-von einem Teich zu dem andern: Taucher und Tauchenten
-üben ihre Kunst: weg sind sie, mit einemmal
-verschwunden, um dann an anderer Stelle wieder aufzutauchen.
-Das grünfüßige Teichhühnchen macht seinem
-Weibchen den Hof; weißstirnige »Blässen« schlagen mit
-ihren Lappenfüßen das Wasser; neue Ankömmlinge &ndash;
-kleine Krikenten sind es &ndash; brausen mit seltsam schwingenden
-Flugtönen herbei, und ein paar Rothalsmännchen
-bekämpfen einander, bellende und quiekende eifersüchtige
-Kriegsgesänge ausstoßend. In der Tat, ich kann
-mir einen solchen Flachlandsee meiner Heimat kaum denken
-ohne das bunte, vielgestaltige Leben seiner gefiederten
-Bewohner, und ich weiß nicht zu entscheiden, ob es
-das Auge ist oder das Ohr, durch dessen Vermittlung uns
-dieses nimmermüde Treiben wirkungsvoller zum Bewußtsein
-kommt. Ach, wie wäre solch Teich- oder Seenlandschaft
-unsrer Heimat mit einem Schlage all ihres
-Reizes bar, wenn ihr plötzlich dies reiche Leben geraubt
-würde!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_23">[23]</a></span></p>
-
-<p>Und diese Gefahr liegt vielleicht nicht so fern, wie
-die meisten wohl glauben. Die Entenscharen haben schon
-hie und da in erschreckender Weise abgenommen; wie
-viele Lachmöwenkolonien sind bereits völlig verschwunden,
-wie viele in den letzten Jahrzehnten kleiner
-und kleiner geworden! Nicht ein einziges Reiherpaar
-horstet mehr auf sächsischem Boden, und der merkwürdigste
-Vogel unsrer Lausitzer Seenlandschaft, die <em class="gesperrt">große
-Rohrdommel</em>, ist auch bereits so selten geworden,
-daß man sie für Sachsen heute schon als ein Naturdenkmal
-bezeichnen muß. Und gerade das tiefe »Prumb«,
-das dieser reiherartige Vogel in der Stille der Nacht
-ausstößt, daß man's wohl eine halbe Wegstunde weit
-hört, ist wie der Uhuruf im Hochwald oder das Orgeln
-und Röhren des Platzhirschs im Herbst von allergrößter
-Wirkung. Seltsam hört sich's an, und manches abergläubische
-Männlein und Weiblein meint, ein Gespenst
-treibe auf der schilfbewachsenen Insel im Teich sein unheimliches
-Wesen.</p>
-
-<p>Auch Instrumentalmusik wird von einigen Vögeln
-geübt. Da sind zunächst die <em class="gesperrt">Spechte</em> zu nennen. Ihr
-ganzes Dasein, von der Wiege bis zur Bahre, steht in
-innigster Beziehung zum Holz. Kein Wunder also,
-daß sich ihre musikalische Betätigung von Anfang an dem
-Xylophon zugewandt hat; sie spielen es meisterhaft. Man
-soll nur versuchen, es ihnen nachzumachen, man bringt's
-nicht. Unser Trommeln auf irgendeinen dürren Ast
-bleibt Stümperei gegenüber dem kräftigen Schnurren,
-wie es besonders der Schwarzspecht, aber auch die
-kleineren Buntspechte üben. Sobald der trommelnde
-Specht nach einem andern Baumzacken fliegt und mit
-seinem Instrument wechselt, gleich gibt's einen andern,<span class="pagenum"><a id="Page_24">[24]</a></span>
-d. h. höheren oder tieferen Ton. Dieses Lied ohne
-Worte ist auch ein Liebeslied. Es paßt zu der ganzen
-seligen Frühlingsstimmung im Wald und im Park und
-in der lenzgrünen Au, es paßt zu dem ersten Kuckucksruf
-und zu dem liebeflehenden Gurren der Wildtaube, zum
-süßen Lied des Fitis, wie zum kecken Reiterstückchen des
-Buchfinken. Den Frühlingstagen in der sonnigen Heide
-würde ein eigener Reiz fehlen, wenn sich die gefiederten
-Trommler nicht mehr hören ließen.</p>
-
-<p>Und nun unsre <em class="gesperrt">Störche</em>. Kein Vogel vermag dem
-Dorfbild so viel Stimmung und Reiz zu verleihen wie
-Adebar, unser Langbein; selbst die lieblichen Schwalben,
-deren Flug und Gezwitscher das Dorf so anmutig beleben,
-müssen in dieser Beziehung hinter ihm zurücktreten.
-Sie sind die Schützlinge jedes einzelnen Gehöfts,
-der Storch aber ist der Freund der ganzen Gemeinde,
-gewissermaßen ihr Vertreter innerhalb der gefiederten
-Welt. Ich bin so froh, daß wir in der sächsischen
-Lausitz noch eine kleine Anzahl besetzter Storchnester
-haben. Ist's nicht ein hübsches, gemütliches Bild, wenn
-die Störche kurz vor Sonnenuntergang zu ihrem Horst
-heimkehren und nun am First der strohgedeckten Scheune
-stehen, wo sie sich so gut vom geröteten Abendhimmel abheben!
-Jetzt vernimmt man auch ihr seltsames Klappern.
-Es klingt nicht schöner, als wenn ein Stock schnell
-über einen hölzernen Zaun hinfährt; aber Poesie ist's
-doch, Dorfpoesie, wie das Mühlengeklapper, das Dengeln
-der Sense, das Klipp-klapp der Dreschflegel auf harter
-Tenne. Urgemütlich hallt es von der Höhe herab durch
-die ganze Gemeinde zu jedermanns Freude. Wer es
-nicht fühlt, daß das Klappern der Störche mehr ist, als
-bloßes Geräusch, der hat keinen Sinn für die Reize des<span class="pagenum"><a id="Page_25">[25]</a></span>
-Landlebens, kein Verständnis für das friedliche Dorfbild
-des Niederlandes, ja es fehlt ihm die rechte Liebe
-zur Heimat.</p>
-
-<hr class="tb" />
-<div class="chapter">
-<p>Viel geringer in ihrer Bedeutung für das Landschaftsbild
-sind die hübschen <em class="gesperrt">Farben</em> und <em class="gesperrt">Zeichnungen</em>
-des Vogelkleides. Mutter Natur handelt gar
-fürsorglich; sie hat ihre Lieblinge so ausgestattet, daß
-selbst ein bunter Vogel, wenn er ruht, nicht besonders
-auffällt. Der weiße Bürzel des Eichelhähers oder der
-Hausschwalbe, der goldgelbe des Grünspechts, das Weiß
-und Schwarz der Kiebitze, selbst das buntschillernde Gewand
-des Eisvogels, das tropische Farbenkleid der Blaurake
-oder des Pirols: das alles kommt doch erst während
-des Flugs zur Geltung. Die Bewegung bleibt immer
-die Hauptsache.</p>
-</div>
-
-<p>Wie ein leuchtender Funken schießt der <em class="gesperrt">Eisvogel</em>
-an uns vorüber, metallisch grün und seidig blau, ein
-blitzender Edelstein von unvergleichlicher Schönheit. Besonders
-in der Winterlandschaft, wenn der Gebirgsbach
-das schimmernde Eis, das ihn einzwängen will, mit
-weißem Gischt überschäumt und das Licht sich in den
-glänzenden Schneekristallen tausendfach bricht, dann ist
-der wunderbare Vogel eine geradezu märchenhafte, ich
-möchte sagen überirdische Erscheinung. Ist's Wirklichkeit
-oder ist es ein Traum, der unser Auge getäuscht hat?</p>
-
-<p>Eine prächtige Zierde des winterlichen Waldes sind
-auch die <em class="gesperrt">Kreuzschnäbel</em>, nordische Gäste, die uns
-freilich nicht in jedem Jahre reichlich besuchen. Ihr
-Kleid ist wundervoll johannisbeerfarben. Wenn auf<span class="pagenum"><a id="Page_26">[26]</a></span>
-jedem Zweig dichter Schnee liegt und nur hie und da
-zwischen dem reinen Weiß die schwarzgrünen Nadeln
-hervorschauen, dann kann man sich an dem Farbenreiz
-der kleinen roten Geschöpfe, wie sie an den Spitzen der
-Ästchen oder an den Zapfen herumklettern, nicht satt
-sehen. Natürlich wird die Wirkung der Farbe erhöht,
-wenn die geselligen Vögel in möglichst großer Zahl auftreten.
-Denn der einzelne dieser kleinen Gesellschaft ist
-ja nur ein Punkt in dem weiten Landschaftsbild; es
-müssen sich schon mehrere zu einem bunten Fleck vereinigen,
-ehe von einer Farbenwirkung gesprochen werden
-kann. Und Sonne gehört dazu, strahlende Sonne!</p>
-
-<p>Ist's bei den Blumen nicht ebenso? Die einzelne
-Blüte des Mohns, des Windröschens, der Dotterblume,
-selbst ein einzelner Busch des blühenden Heidestrauchs,
-der Schlehe, des Ginsters geht trotz aller Farbenpracht in
-dem großen Gemälde verloren. Viele tausend gleichartige
-Blumen sind dazu nötig, auf der Wiese gelbe oder
-blaue Flecken zu malen, den Schlehdorn, den Obstbaum
-in duftigen Schnee zu hüllen, der sandigen Heide im
-Spätsommer das lichtviolette Kleid zu weben, den Berghang
-in Gelb oder Rosa zu tauchen, und nur wenn wir
-ganz nah an ein enger begrenztes Bild herantreten, da
-genügen auch einzelne Blumen, einen farbigen Eindruck
-hervorzurufen: ein paar Rosen am Gartenhaus, feurige
-Mohnblumen am Feldrain oder ein paar Schwertlilien
-am kleinen schilfumgrenzten Weiher.</p>
-
-<p>Aber gerade den farbenprächtigsten Vögeln begegnet man
-nur selten in größerer Anzahl, wenigstens in unserer
-Heimat. Ich entsinne mich nur ein einziges Mal
-einen Trupp von zwölf oder fünfzehn <em class="gesperrt">Pirolen</em> angetroffen
-zu haben. Sie flogen zwischen den Pappelreihen<span class="pagenum"><a id="Page_27">[27]</a></span>
-der Straße eine lange Strecke vor meinem Wagen
-her; dabei setzten sie sich in regelmäßigen Zwischenräumen
-auf die Bäume und warteten, bis das Gefährt
-herankam, um dann wogenden Flugs wieder voranzueilen.
-Ein bezaubernder Anblick war's, wie das goldgelbe
-Kleid dieser Vögel abwechselnd aufblitzte und verlöschte,
-je nachdem das grelle Sonnenlicht sie umflutete
-oder die schwarzen Schatten der hohen Pappeln auf sie
-fielen. Also auch hier Hand in Hand Bewegung und
-Farbe.</p>
-
-<p>Bei der bunten <em class="gesperrt">Mandelkrähe</em> habe ich einmal in
-der Lausitz ganz Ähnliches erlebt; aber es waren nur
-vier oder fünf, die mich durch die sandige Heide ein gut
-Stück begleiteten.</p>
-
-<p>Im Gesamtbild der Landschaft tut's immer erst die
-Masse, und in dieser Beziehung wüßte ich keinen Vogel
-zu nennen, dessen Farbenkleid seinem Aufenthaltsort so
-zum Schmucke gereicht, wie der weiten Wasserfläche die
-schneeige <em class="gesperrt">Lachmöwe</em> mit ihrem zartblauen Mantel.
-Den vollen Genuß gewährt aber auch hier erst die Bewegung,
-wenn die langflügligen Vögel zu Hunderten in
-der Luft wirbeln und ihre kreischenden Stimmen hören
-lassen. An der Meeresküste übertönen die <em class="gesperrt">Sturm-</em> oder
-die <em class="gesperrt">Silbermöwen</em> selbst die Wogen der brandenden
-See, so laut diese auch gegen die Klippen krachen und
-donnern. Wenn irgendein Vogel das Geschöpf einer bestimmten
-Landschaft genannt werden kann, so ist es die
-Möwe. Der Sturm hat ihr die bangen Armknochen und
-die starken Schäfte der Schwingen gegeben; die See hat
-die Ruder gebildet von höchster Vollendung: der kurze
-Lauf, seitlich zusammengedrückt, und Schwimmhäute
-zwischen den Zehen. Das Blau des Himmels, an dem<span class="pagenum"><a id="Page_28">[28]</a></span>
-die weißen Wolken dahinziehen, das Blau der See, mit
-dem Weiß der Wellenkämme geschmückt: die Möwe trägt
-die gleichen Farben auf ihrem Kleid. »Flatternd schwebt
-sie am Himmel, dicht fliegt sie über den Wellen; den
-lichten Seglern folgt sie hinaus übers Meer, mit den
-Wolken zieht sie ins Land. Wo ein See oder Teich des
-Himmels Bläue mit den schneeweißen Wolken wiederspiegelt,
-da erkennt sie die Heimat &ndash; die Mutter ist's,
-das unendliche Meer, das blauen Auges emporschaut &ndash;
-wo ein Schiff auf dem Rücken des Stromes langsam
-dahinzieht, da flattert die Möwe: Grüß mir das Meer
-und die felsigen Klippen am Strand und die Brandung
-im Sturm.« (Aus des Verf.s Abhandlung über die
-Möwen in den »Lebensbildern aus der Tierwelt«,
-R. Voigtländers Verlag.)</p>
-
-<p>An Farbenpracht ihrer Geschöpfe wird unsre nördliche
-Heimat von südlicheren Zonen weit übertroffen. Man
-hat deshalb wiederholt versucht, diesem Mangel etwas
-abzuhelfen, indem man sich Mühe gab, <em class="gesperrt">fremdländische
-Vögel</em> in Deutschland einzubürgern. Jäger
-und übereifrige Vogelfreunde nahmen sich der Sache an.
-Jene wollten sich in ihrer Lust an Hege und Jagd nicht
-genügen lassen mit unsern Feld- und Waldhühnern, mit
-Enten und andern Wasservögeln; diese dachten sich's so
-schön, die Farbenpracht fremder Zonen in unsre Parks,
-Gärten und Wälder zu verpflanzen. Beides Versuche,
-gegen die sich glücklicherweise die Natur selbst wehrt. Nur
-eine einzige Vogelart hat sich wirklich dankbar gezeigt,
-der Fasan, dessen Einbürgerung restlos gelungen ist, obgleich
-nicht nur das Prachtgefieder, sondern auch das
-ganze Gebaren des Tieres den Fremdling noch immer
-auf den ersten Blick verrät. Dagegen sind Schopf- und<span class="pagenum"><a id="Page_29">[29]</a></span>
-Baumwachtel, Rot- und Moorhuhn sehr bald wieder von
-der Bildfläche verschwunden, ebenso der amerikanische
-Wildputer. Und von den chinesischen Nachtigallen, Papageien,
-roten Kardinälen und andern Ausländern hat
-man nicht selten an dem Tage, da man sie aussetzte, das
-letzte bunte Federchen gesehen. Und das ist gut so.
-Diese Fremdlinge passen ebensowenig in die heimatliche
-Landschaft, wie Weymouthskiefer, Roßkastanie, Robinie,
-amerikanische Eiche in den deutschen Wald, während
-man in Gärten und Parks sich diese fremdländischen
-Bäume wohl kann gefallen lassen.</p>
-
-<p>Anders das <em class="gesperrt">zahme Hofgeflügel</em>, das ja, soweit
-es, zur artenreichen Familie der Hühner gehört, gleichfalls
-fremdländischen Ursprungs ist. Hier handelt es
-sich um Genossen des Menschen, die seine Wohnstätte mit
-ihm teilen und dieser tatsächlich zu hoher Zierde gereichen;
-zur freien, unberührten Natur aber würden sie
-gleichfalls im Widerspruch stehen. Einen Bauernhof,
-und sei er noch so klein, ohne die muntere Schar der
-Hühner, geführt vom farbenprächtigen Hahn, kann man
-sich ebensowenig denken, wie das herrschaftliche Gut ohne
-den kollernden Puter mit seinen Hennen, und wenn auf
-der Freitreppe vor dem Schloß der Pfau sein glänzendes
-Rad schlägt, so paßt solche Farbenpracht recht wohl zu
-dem Reichtum, von dem das Bild zu uns spricht. Tot
-ist die Dorfstraße, wenn nicht schillernde und buntscheckige
-Hühner umhertrippeln oder an den Hoftoren in den
-flachen Löchern ruhen, die sie sich im Schatten des
-blühenden Hollers ausgescharrt haben. Wie anmutig
-auch der Blick in die Höhe, wenn die Tauben ihre Flugkünste
-zeigen, in weiten schön geschwungenen Bogen die
-ganze Ortschaft umfliegend, bald sich trennen, bald sich<span class="pagenum"><a id="Page_30">[30]</a></span>
-wieder vereinen, um sich endlich flatternd auf dem Dach
-niederzulassen, unter dem sie wohnen.</p>
-
-<p>Auch unser <em class="gesperrt">zahmes Wassergeflügel</em>, dessen
-Stammväter und -mütter bei uns Heimatrecht genießen,
-die Gänse und Enten und vor allem die Schwäne, sind
-recht wohl imstande, das Landschaftsbild aufs reizvollste
-zu beleben. Die Enten am Bach oder Dorfteich &ndash; ach,
-wie gemütlich ihr eifriges Schnattern &ndash; die Gänseherde,
-die durch das Gras zieht, militärisch in langer Reihe,
-aber watschelnden Ganges, der stolze Schwan, gleich
-einem Schiff mit geblähten Segeln über den Spiegel des
-Schloßteichs gleitend: man erfreut sich doch immer
-wieder an solchem Anblick, so oft man's auch schon geschaut
-hat.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Hinter dem Vogel bleiben alle andern Tiere in ihrer
-Bedeutung für das Landschaftsbild weit zurück. Namentlich
-gilt das von den <em class="gesperrt">Säugetieren</em>, in erster Reihe
-von den wildlebenden. Mäuse auf dem Felde, niedliche
-Spitzmäuse zwischen dem herbstlichen Buchenlaub am
-Boden, ein Wiesel, ein Igel &ndash; von einer Bereicherung
-des Landschaftsbildes kann man bei ihnen kaum sprechen,
-nicht einmal wenn ein paar Jungfüchse oder Karnickel
-vor ihrem Bau spielen, oder wenn Freund Lampe Fersengeld
-gibt, daß seine weiße Blume bei jedem Sprung
-im Krautacker hell aufleuchtet wie ein Fetzen Papier,
-mit dem der Wind sein lustiges Spiel treibt.</p>
-
-<p>Mit mehr Berechtigung könnten wir schon das muntere
-<em class="gesperrt">Eichhorn</em> anführen, an dessen Kletterkünsten alt
-und jung sich erfreut. Man kann dem netten, zierlichen<span class="pagenum"><a id="Page_31">[31]</a></span>
-Tierchen kaum gram sein, obgleich es viele Untugenden
-hat; wo es dem deutschen Walde fehlt, da vermissen wir's
-ungern. Auch die <em class="gesperrt">Fledermäuse</em> beleben den dämmernden
-Abend, der sich über die Flußlandschaft senkt,
-in eigenartiger Weise. Viele Freunde haben sie nicht
-unter den Menschen, und doch im Vorfrühling ist mir
-die erste Fledermaus, die sich aus dem Winterversteck
-gewagt hat und deren Zickzackflug sich so seltsam vom
-geröteten Abendhimmel abhebt, eine gar liebe Erscheinung,
-ein Frühlingsbote, den ich ebenso freudig begrüße,
-wie den ersten Zitronenfalter, den ersten Flötenruf der
-Amsel, das erste Quaken der Frösche.</p>
-
-<p>Von den wildlebenden Säugetieren kommt eigentlich
-nur das <em class="gesperrt">Hochwild</em> für das Landschaftsbild in Betracht:
-Rot- und Rehwild, in manchem Herrschaftspark
-Damwild, weiter das Schwarzwild und im Hochgebirge
-das Krickelwild. Ein schmucker <em class="gesperrt">Sechserbock</em> im
-Buchenwalde, mit dem geperlten Gehörn zwischen den
-Lauschern, wie er erhobenen Kopfes verhofft, um dann
-in weiten Fluchten leichtfüßig über Stock und Stein zu
-setzen, eine Ricke mit ihrem Kitzchen auf der Waldwiese
-äsend, <em class="gesperrt">Rotwild</em>, das gegen Abend aus dem Dunkel
-des Hochwaldes tritt, oder halbzahmes <em class="gesperrt">Damwild</em>,
-das sich im Schloßpark unter dem Schatten mächtiger
-Baumriesen gelagert hat: liebliche Bilder sind es, die
-keineswegs nur das Herz des Jägers entzücken, sondern
-jeden erfreuen, der im Verkehr mit der Natur Genuß
-und Befriedigung findet. Und wenn im Herbst der
-<em class="gesperrt">Brunfthirsch</em> orgelt und schreit, in der Dämmerung
-abends oder frühmorgens, daß es dröhnend und röchelnd
-über die Waldblöße schallt, ich glaube, es kann sich niemand
-des Eindrucks solcher Laute entziehen. Ein Stück<span class="pagenum"><a id="Page_32">[32]</a></span>
-ursprünglicher, unverdorbener Natur tritt uns in ihnen
-entgegen, um so wertvoller, je seltener wir Großstadtmenschen
-uns dem unmittelbaren Verkehr mit der Natur
-hingeben können. Dankbar erkennen wir's dann an, daß
-allein einem streng durchgeführten Jagdschutz solch erhebende
-Stimmungsbilder auf unserm heimatlichen
-Boden zu verdanken sind. Der Uhuruf ist in unsern
-sächsischen Gebirgswäldern verhallt; möge nie die Zeit
-kommen, wo man nicht mehr den Schrei des Brunfthirsches
-vernimmt, der seinen Gegner zum Zweikampf
-fordert! Ein gut Stück urwüchsigen Waldeszaubers wäre
-für immer dahin.</p>
-
-<p>Wie ein Recke aus vergangenen Tagen mutet uns das
-<em class="gesperrt">Wildschwein</em> an. Seine ganze Erscheinung hat gewiß
-wenig Anziehendes an sich; ein rauher, borstiger
-Geselle ist solch ein Keiler, und auch sie, die Bache, ist
-eine ungemütliche Dame, aller Anmut, jedes Reizes bar.
-Aber im Winter, wenn der Forst tief verschneit ist und
-das Leben erstorben scheint, bis auf ein paar Krähen,
-die sich mit heiserem Schrei im Wipfel der hohen Föhren
-einschwingen, daß der Schnee, einer leichten Staubwolke
-gleich, dahinfliegt, dann vermögen zwei oder drei »Schwarzkittel«
-der Landschaft eine Stimmung von außerordentlicher
-Stärke zu verleihen. Die gedrungenen dunkeln
-Gestalten heben sich so gut von der weißen Schneedecke
-ab. Dampf hüllt sie ein, Rauhreif deckt ihr borstiges
-Kleid, und am Rüssel haftet der Schnee bis hinauf zu
-den Sehern. Sie verachten den eisbärtigen Herrscher
-des Nordens, der ihnen nichts anhaben kann; unter dem
-Schnee wühlen sie doch ihre Nahrung hervor. Selbst die
-härteste Schneekruste, die das Reh laufkrank macht, daß
-es leicht dem Fuchse zur Beute fällt, brechen sie auf, und<span class="pagenum"><a id="Page_33">[33]</a></span>
-die Kälte fürchten sie noch weniger; denn sie haben sich
-im Herbst, dank der Eichel- und Buchelmast, feist herangefressen.</p>
-
-<p>Im Hochgebirge ist es die <em class="gesperrt">Gemse</em>, welche die nackten
-Felsengrate und Steintrümmermeere, die Steilhänge
-und die höchsten Alpenmatten reizvoll belebt. Wem nur
-einmal das Glück geworden ist, vielleicht am frühen
-Morgen ein Rudel zu belauschen, das seinen Durst an
-dem schwarzblauen, goldumränderten Meerauge tief
-unten im starren Felsenzirkus löscht und dann den Menschen
-bemerkt und erschrickt &ndash; hei! wie schnell geht's in
-dem harten Gestein hinauf bis zum zackigen Grat, hinter
-dem eins nach dem andern verschwindet &ndash; der vergißt's
-sein Lebtag nicht wieder.</p>
-
-<p>Im Gewänd kletternde <em class="gesperrt">Hausziegen</em> mögen, aus
-weiter Ferne gesehen, einen ganz ähnlichen Anblick gewähren,
-wie ruhig äsendes Krickelwild, und so mancher
-Alpenbesucher, der nur das friedliche Haustier beobachtete,
-wird in dem Wahn, er habe Gemsen belauscht, hochbefriedigt
-aus den Bergen heimkehren. Gewiß, die
-äußere Erscheinung bietet viel Ähnliches, aber der Gefühlswert
-ist in beiden Fällen doch ganz verschieden.
-Dort ein Tier der freien Natur, hier ein vom Menschen
-abhängiges Geschöpf; dort Freiheit und Ursprünglichkeit,
-hier Zwang und Kultur. Wie grundverschieden die
-Stimmungen, die solcher Gegensatz im Beschauer auslöst!
-Wir sehen ja nicht nur mit unserm leiblichen Auge, sondern
-zugleich mit einem inneren Sinn. Damit soll jedoch
-nicht geleugnet werden, daß auch unsern vierfüßigen
-<em class="gesperrt">Haustieren</em> eine große Bedeutung für das Landschaftsbild
-zukommt. Tausend Gemälde älterer und
-neuerer Maler führen es uns immer wieder vor Augen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_34">[34]</a></span></p>
-
-<p>Wir brauchen nur an die buntscheckigen <em class="gesperrt">Rinder</em> zu
-denken, die auf dem grünen sonnigen Plan weiden oder
-wiederkäuend im Schatten hoher Bäume ruhen, an die
-blökende <em class="gesperrt">Schafherde</em>, die langsam am Berghange
-hinzieht, an die munteren <em class="gesperrt">Fohlen</em>, die sich in der
-Koppel nach Herzenslust tummeln: anmutige Bilder,
-die den Frieden des Landlebens atmen. Aber selbst ein
-einzelnes Tier, ein einzelnes Gefährt kann der Landschaft
-einen bestimmten Stimmungsgehalt geben: der
-breitstirnige Stier vor dem Pflug, wie der Postwagen
-auf der Landstraße.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Den kaltblütigen Wirbeltieren, also <em class="gesperrt">Kriechtieren</em>,
-<em class="gesperrt">Lurchen</em> und <em class="gesperrt">Fischen</em>, brauchen wir kaum unsre Aufmerksamkeit
-zu schenken. Ihr verstecktes Leben bringt es
-mit sich, daß sie auf das Landschaftsbild nicht bestimmend
-einwirken, wobei ich jedoch nicht leugnen will, daß
-kleine Ausschnitte der Landschaft, z.&nbsp;B. ein Tümpel im
-verlassenen Steinbruch durch Tritonen und Salamander,
-ein steiniger Hang durch schnelle Eidechsen, ein Gebirgssee
-oder ein Waldbach durch die hübsch gepunkteten,
-flinken Forellen, die hie und da emporschnellen, um nach
-Insekten zu schnappen, an Reiz gewinnt.</p>
-
-<p>Aber in einer Hinsicht spielen doch auch ein paar Amphibien
-keine ganz unwichtige Rolle. Ich meine gewisse
-<em class="gesperrt">Froschlurche</em>, den Wasserfrosch, den Laubfrosch und
-die Unke, deren Einzel- oder Chorgesang weithin durch
-die stille Landschaft schallt. Wenn wir auf der Stufenleiter
-der Tiere aufwärts steigen, so sind es diese Lurche,
-bei denen wir zuerst einer wirklichen Vokalmusik begegnen,<span class="pagenum"><a id="Page_35">[35]</a></span>
-einer Lautäußerung durch die Stimme, dem Uranfang
-einer Sprache. Alle andern tiefer stehenden
-Tiere, namentlich die Insekten, üben höchstens Instrumentalmusik
-aus<a id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">1</a>; der Frosch aber ist der erste Sänger.
-Kraftvoll versteht er seine Stimme zu gebrauchen; bestimmte
-melodische Sätze wechseln und kehren in regelmäßiger
-Folge wieder, und sein angeborenes Gefühl für
-die Zeitmaße ist hervorragend, man muß es ihm lassen.</p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">1</span></a> Wenn man auch bei den brummenden und summenden Insekten,
-den Bienen, Hummeln, Fliegen u.&nbsp;a., von Stimmorganen,
-wenn man vom »Singen« der Mücken redet, so ist nicht viel dagegen
-einzuwenden; denn in der Tat werden solche Lautäußerungen mit
-Hilfe der Atemluft hervorgerufen, die durch die Atemlöcher, die sog.
-»Stigmen« streicht. Aber die Art der Insektenatmung ist doch eine
-ganz andere, als die der höheren Tiere, bei denen die Stimmbildung
-in der Hauptsache der Luftröhre und dem Kehlkopf zukommt.</p></div>
-</div>
-
-<p>Ein lauwarmer Frühlingsabend hat sich über den
-schilfumsäumten Teich gesenkt. Wir sind ans Ufer getreten.
-Die <em class="gesperrt">Frösche</em>, deren Chorgesang uns aus der
-Ferne entgegenschallte, schweigen jetzt, vergrämt durch die
-leisen Erschütterungen des Bodens infolge unserer Tritte.
-Nur die Wellen glucksen am Uferrand, und leise flüstert
-das Schilf im Abendhauche. Die Rohrsänger sind es,
-die zuerst die feierliche Stille unterbrechen: schnarrende,
-quietschende, pfeifende Töne, ein buntes Durcheinander,
-aber immer im Takt. Horch, jetzt auch ein paar gurgelnde
-Laute aus der Tiefe des Schilfs: »gluck, gluck«,
-und zwei oder drei knarrende Töne: »koax, koax«. Bald
-wagen's auch andere, hohe Tenöre und tiefe Baßstimmen,
-trillernd und volltönend, bis sich die ganze Gesellschaft an
-diesem Singsang beteiligt: »brekeke koax, brekekeke, tuu
-tuu«. Je mehr der Mond, der hinter den alten Weiden
-auftaucht, sein volles Licht über den Teich ergießt, um<span class="pagenum"><a id="Page_36">[36]</a></span>
-so eifriger schallt es: Frösche und Rohrsänger im Wettgesang,
-daß es weithin schallt über die schlafende Flur.
-Die Motive verschieden, die Stimmen höher und tiefer
-in seltsam wechselnden Sprüngen hinauf und hinab, ein
-musikalischer Mischmasch; aber es paßt alles zusammen,
-zumal das ganze Konzert von einem streng innegehaltenen
-Rhythmus beherrscht wird. Dieser wird noch besonders
-dadurch betont, daß einzelne Sängergruppen auf
-einmal ein Weilchen schweigen, um dann mit voller
-Kraft wieder einzufallen. Jetzt singt es hier, jetzt da;
-bald knarrt und quakt nur eine kleine Gesellschaft noch,
-bald singt wieder der ganze Chor, als sollte er das Versäumte
-nachholen. Solches Ab- und Anschwellen wirkt
-besonders in größerer Entfernung recht auffallend; es
-ist, als ob uns der Nachtwind bald mehr, bald weniger
-Tonwellen zutrüge, ein rhythmischer Wechsel, der den
-Reiz des Froschkonzerts wesentlich erhöht.</p>
-
-<p>Fleißigere Sänger gibt's nicht, als Rohrsänger und
-Frösche. Selbst die Nachtigall macht 'mal eine längere
-Pause zu mitternächtiger Stunde; der Nachtschwalbe
-»Spinnen« schweigt mitunter ein Weilchen, und auch die
-verliebten Käuze im Kiefernwald gönnen sich hin und
-wieder ein wenig Ruhe. Nur der Singsang des Teichs
-verstummt nie völlig; seine Bewohner, so scheint es, bedürfen
-des Schlafs nicht. Das gilt besonders von den
-unermüdlich quakenden Fröschen. Kaltblüter nennen
-wir sie. Gewiß, ihre schlüpfrige Haut fühlt sich kalt an,
-ihr Fleisch und ihr Blut; aber drin im Herzen, da sitzt
-es, unsichtbar, das Herz im Herzen, glühend heiß, voll
-Sehnsucht, voll Liebe, und wes das Herz voll ist, des
-geht der Mund über.</p>
-
-<p>Zu allen Zeiten ist man sich des Reizes bewußt gewesen,<span class="pagenum"><a id="Page_37">[37]</a></span>
-der vom Froschgesang ausgeht, und es sind nur
-naturfremde oder krankhafte Menschen, die solchen
-Minnesang verwünschen. Wieviel ärmer wäre die
-Frühlingsnacht an unsern Teichen, wenn deren Bewohner,
-die grünen Wasserfrösche, ebenso stumm wären,
-wie ihre braunen Vettern im Grase, von denen man
-höchstens ein paar knurrende Laute vernimmt. Da ist
-mir der grüne Teichsänger doch hundertmal lieber. Sein
-Lied stimmt zu den andern Schilfliedern, bringt Leben
-in die Natur, und wo Leben und Stimmung, wo Bewegung
-und Einklang, da erkenne ich Schönheit.</p>
-
-<p>Auch der <em class="gesperrt">Laubfrosch</em>, unser Wetterprophet, läßt
-sich bisweilen die ganze Nacht hören. Er hat sich einen
-Sängerplatz in der Höhe, im Grün von Baum oder
-Strauch erkoren, von wo nun sein hastig hervorgestoßenes
-»äpp, äpp, äpp« durch die Frühlingsnacht hallt, seltsam
-anzuhören und lustig zugleich. Der kleine Kerl dünkt
-sich so wichtig.</p>
-
-<p>Von tieferem Eindruck auf unser Gemüt ist der
-Einzelruf oder auch der melodische Rundgesang der
-<em class="gesperrt">Unken</em>, die den Dorfweiher oder den Tümpel draußen
-im Wiesental bewohnen. Wie Glocken läutet's geheimnisvoll
-aus der Tiefe »ung, ung, ung&nbsp;…«, feierlich,
-ernst, schwermütig und traurig, fast immer derselbe Ton,
-von gleicher Stärke und Höhe. Zu dem dunkeln, ernsten
-Weiher mit den Wasserrosen, die im Mondlicht nur matt
-und unsicher leuchten, während die schwarzen Schatten
-der Pappeln auf der Wasserfläche erzittern, stimmen die
-melancholischen Glockentöne der Unken so wunderbar, daß
-jeder den Eindruck dieser Naturlaute empfindet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_38">[38]</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Auch manche <em class="gesperrt">Insekten</em>, namentlich wenn sie in
-größeren Scharen auftreten, sind für das ganze Landschaftsbild
-von Bedeutung. Wir brauchen nur an die
-graziösen <em class="gesperrt">Libellen</em> zu denken, die jedem Gewässer,
-dem Fluß und Bach mit ihren erlenbestandenen Ufern,
-dem schilfumsäumten Teich, selbst dem reizlosen Mühlgraben
-zur Zierde gereichen. »Wasser-« oder auch
-»Schlankjungfern« hat sie das Volk getauft, um den bezaubernden
-Reiz dieser zarten Wesen zum Ausdruck zu
-bringen, im Flug wie im Sitzen von einer Anmut, die
-nicht ihresgleichen hat. Oder wer möchte sie missen, die
-<em class="gesperrt">Bienen</em> und die andern Hautflügler, die mit Gesumm
-und Gebrumm im Mai den schneeigen Obstbaum, im
-Juli die duftende Linde, im August die blühende Heide
-besuchen! Ein zartes Getön, wie von Millionen silberner
-oder gläserner Glöckchen erfüllt die sonnige Luft. Oder
-soll ich an die Musik der <em class="gesperrt">Heupferde</em> erinnern, die
-in der sommerlichen Mittagsglut die Blumen und Gräser
-zum Schlummer einlullt, oder an das Zirpen der
-<em class="gesperrt">Grillen</em>, das so stimmungsvoll am Abend durch die
-Flur zittert. Das einzelne Tierchen leistet wohl wenig
-als Musikant, aber tausend und abertausend vereinigt
-erzeugen ein eindrucksvolles Getön, das leise über die
-Landschaft dahinschwebt, einem zarten Schleier aus gesponnenem
-Glas vergleichbar.</p>
-
-<p>Von weit höherer Bedeutung ist die artenreiche
-Gruppe der <em class="gesperrt">Tagschmetterlinge</em>. Wie stimmen
-doch diese leichtbeschwingten, zarten Geschöpfe, die Sinnbilder
-eines heiteren, frohen Lebensgenusses, zu dem
-sommerlichen Naturbilde mit der Fülle des Lichts und
-der Farben! In anmutigstem Spiel gaukeln sie von
-einer Blume zur andern, haschen und fliehen sich, bringen<span class="pagenum"><a id="Page_39">[39]</a></span>
-Bewegung und Leben. Möchtest du sie missen auf der
-sommerlichen Heimatflur? Oder denke an die Frühlingsboten,
-den ersten Zitronenfalter, das erste Pfauenauge!
-Ein trügerischer Sonnenblick hat den Winterschläfer geweckt,
-daß er sein sicheres Versteck verlassen hat und nun
-über der blumenleeren Erde ruhlos dahinflattert. Armes
-Tier, Schneewolken ziehen auf, hinter denen sich die
-Sonne versteckt; wie bald bist du erstarrt! Aber umsonst
-gelebt hast du nicht. Wir sind dem Frühling begegnet!
-so jubelt's in uns. Ein vorzeitig »Sommervöglein«
-nur, und doch etwas Großes!</p>
-
-<p>Leider sind die schönen Falter in unsrer Heimat seit
-ein paar Jahrzehnten recht selten geworden, namentlich
-in der Nähe der großen Städte. Selbst die gewöhnlichsten
-Arten, wie Trauermantel, Admiral, Distelfalter
-u.&nbsp;a., haben in ganz auffallender Weise an Zahl abgenommen.
-Segelfaltern und Schwalbenschwänzen, die
-unser Jungenherz in der schönen Jahreszeit täglich erfreuten,
-begegnet man nur noch ausnahmsweise, und
-die selteneren Nachtschmetterlinge, wie rotes und blaues
-Ordensband, Wolfsmilch-, Ligusterschwärmer u.&nbsp;a., die
-auch vor einem halben Jahrhundert durchaus nicht
-häufig waren, scheinen heute fast schon ausgestorben zu
-sein. Gewiß tragen die Schmetterlingssammler einen Teil
-der Schuld; aber die Hauptursache dieser bedauerlichen
-Verarmung der Natur liegt in der fortgeschrittenen Kultivierung
-des Bodens, wodurch den Raupen vielfach ihre
-Nahrungspflanzen entzogen worden sind. Jedes Winkelchen
-wird ausgenutzt, alles Unkraut beseitigt; die Aussaat
-des Getreides ist reiner als ehemals, die Siedelungen der
-Menschen sind gewachsen und der Verkehr ist gestiegen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_40">[40]</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die Bedeutung der Tierwelt für das Landschaftsbild
-kommt uns vielfach erst dann so recht zum Bewußtsein,
-wenn dieser Reiz, der von dem beseelten Geschöpf ausgeht,
-irgendwo völlig fehlt. Das Tier bildet einen wesentlichen,
-zum Ganzen gehörigen Teil der Heimat. Die
-Harmonie, die Schönheit ist beeinträchtigt, sobald die
-dem Landschaftsbild eigentümlichen Vertreter der Tierwelt
-verschwunden sind. Der Reichtum, die Mannigfaltigkeit
-der Natur hat dann eine schwere Einbuße erlitten
-&ndash; schweigend steht der Wald, tot liegt der See,
-öde die Flur. Verarmt ist die Heimat und mit ihr unser
-Leben.</p>
-
-<p>Alle, deren Beruf in Beziehung zur Natur steht, an
-erster Stelle der Landmann, der Förster, der Gärtner,
-der Fischer, sollten sich der vielfach hart bedrängten Tierwelt
-der Heimat annehmen. Nicht um klingende Münze,
-sondern um edlere Güter handelt es sich, um den unermeßlichen
-Wert einer reichen, unverdorbenen Natur.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_41">[41]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_volkstumlichsten_Tiere_der">Die volkstümlichsten Tiere der
-deutschen Märchen und Fabeln</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Wenn ich mir als Kind das Paradies der Schöpfungsgeschichte
-vorstellte, da war es nicht etwa die
-oasenartige Landschaft mit ihren Palmen und Fruchtbäumen,
-mit ihren sprudelnden Quellen und Wasserbächen
-und mit all den unbekannten, üppig wuchernden
-Stauden und fremdartigen Blumen, wie sie die Bilderbibel
-mir zeigte, sondern das freundliche grüne Flußtal
-meiner sächsischen Heimat. Kein schöneres Fleckchen Erde
-konnte ich mir denken, als diese sanfte, von bewaldeten
-Höhenzügen umgrenzte Au, durch die mein lieber Heimatfluß
-zwischen sattgrünen Wiesen seinen Weg nimmt.
-Hier eine Gruppe mächtiger Eichen und silberstämmiger
-Buchen, dort dunkles Erlen- und lichtes Weidengestrüpp,
-das seine Arme weithin über das Wasser breitet; an
-anderer Stelle, inselartig abgegrenzt, ein dichtes Fichtenwäldchen,
-ein Laubholzbestand aus Ulmen und Ahornbäumen,
-mit Haseln und Wildrosen umsäumt, daneben
-ein Busch junger Birken; am Fuße der Talhänge aber
-große und kleine Felsblöcke in wirrem Durcheinander,
-über die das Grün des Adlerfarns schirmartig sich breitet
-und Weidenröschen ihre roten Blütentrauben erheben,
-während weißflockige Johanniswedel ihr Bild im Wasser
-schauen, das sich hier dicht an den Steilhang hinandrängt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_42">[42]</a></span></p>
-
-<p>Mitten hinein in die Herrlichkeit dachte ich mir nun
-Adam und Eva gesetzt, und ich bevölkerte die liebliche
-Au mit dem »Gevögel, dem Vieh und Gewürm«, davon
-uns die Bibel erzählt. Aber nicht an die Riesen der Tierwelt
-dachte ich, Elefant, Giraffe und Nashorn, auch nicht
-an die Affen und Papageien, die der Bibelmaler auf
-dem Bilde so friedlich vereinigt hatte, die <em class="gesperrt">Tiere der
-Heimat</em> waren es, die sich hier wirklich ein Stelldichein
-gaben. Und sie genügten mir, ich kannte sie aber
-auch alle.</p>
-
-<p>Das Hochwild trat am Abend aus dem dunklen Tann
-zur Äsung auf die Wiese; die Fähe schnürte von ihrem
-Bau, vor dem die Jungfüchse spielten, nach dem andern
-Talhang hinüber; rote Eichkätzchen kletterten die glatten
-Stämme der Fichten empor und knapperten an den
-Jungtrieben; die Igelmutter führte ihre hoffnungsfrohe
-Schar durch das raschelnde Laub; auf dem feuchten
-Grund des Buchenwaldes gelbfleckige Erdsalamander;
-im Sumpf Ringelnattern und Frösche; in den Wassergräben
-gelbbauchige Unken, Kamm- und Teichmolche;
-auf der Wiese Schmetterlinge ohne Zahl, Heupferde,
-Maulwürfe und Schermäuse. Und erst im und am
-Flusse, welch fröhliches Leben: zierliche Wasserjungfern
-mit tiefblauen oder glasartigen Netzflügeln, Wasserläufer
-und kleine silberglänzende Fischchen in unendlicher
-Menge. Überall aber das fröhliche Heer der gefiederten
-Welt: Schwälbchen, die so hurtig über dem
-Wasser dahinschossen; von dem Eichenhain her lustiger
-Kuckucksruf, dem des Pfingstvogels Flöte Antwort
-gab; im Unterholz das geschwätzige Plauderliedchen der
-Gartengrasmücke oder der jubelnde Überschlag des Plattmönchs;
-im Hochwald das Gezeter zänkischer Eichelhäher,<span class="pagenum"><a id="Page_43">[43]</a></span>
-das Trommeln der Buntspechte, das Gurren der Ringeltauben;
-über allem aber, hoch am strahlenden Himmel
-ein Bussardpaar, einander umkreisend, ohne Flügelschlag
-schwimmend im Luftozean.</p>
-
-<p>Aber auch <em class="gesperrt">Haustiere</em> fanden ihren Weg nach
-meinem Garten Eden. Am Hange hütete Thomas, der
-alte Schäfer vom Rittergut, seine sanfte Herde; am Ufer
-Jungvieh auf eingekoppelter Weide, und auf dem Fluß
-schnatternde Gänse und Enten. Brauchte ich da noch
-andere Tiere aus fernen Zonen? Oh, es war eine große,
-eine unübersehbare Reihe, die da vor Adam in geordnetem
-Zuge vorbeimarschierte, hüpfte, schwamm oder
-kroch, als der Schöpfer all die Tiere zum Menschen
-brachte, »daß er sähe, wie er sie nennete«; denn wie
-jener sie nannte, so sollten sie heißen ihr Leben lang.</p>
-
-<p>Da hüpfte die vorlaute Elster heran im schwarzweißen
-Kleid; wohlgefällig wippte sie ihre grün und
-purpurn schillernde Schleppe auf und ab und schaute
-neugierig zu dem ersten Menschen hinüber, wobei sie mit
-Markolf, dem Eichelhäher, fortgesetzt plauderte. »Plapperelster
-sollst du heißen dein Leben lang, du schwatzhaftes
-Wesen«, sagte Adam, und schackernd schwang sich der
-langschwänzige Vogel in die Wipfel der Bäume. Da
-nahten zögernd die sanften Wollenträger, der Bock mit
-den geringelten Hörnern und neben ihm seine hornlose
-Gattin. »Schaf sei euer Name hinfort!« entschied der
-Mensch, »denn ihr seht ebenso dumm aus, wie ihr in
-Wirklichkeit seid!« Schon trabte das Borstenvieh grunzend
-herbei, Füße und Rüssel vom schlammigen Boden
-besudelt, in dem es soeben noch gewühlt hatte. »Schwein
-nenne ich dich &ndash; frage nicht weiter; du weißt schon
-warum!« und so ging's vorüber in endlosem Zug: Adler<span class="pagenum"><a id="Page_44">[44]</a></span>
-und Gimpel, der stachlige Igel, der furchtsame Hase,
-Frosch und Unke, Käfer und Spinne, das Gewürm, das
-im Grase herankroch, und die Fische im Fluß, zwei-,
-vier-, sechs-, achtbeinig und ohne Beine, befiedert, bepelzt,
-beschuppt und nackthäutig; sie alle bekamen ihre
-Namen, die sie heute noch tragen. Was war doch der
-erste Mensch für ein weises Geschöpf!</p>
-
-<p>Und von dieser Weisheit hatte auch ich kleines
-Menschenkind ein Stückchen geerbt. Denn in der kindlichen
-Phantasie liegt Weisheit und Wahrheit wie im
-kindlichen Spiel, Weisheit und Wahrheit wie in jenen
-köstlich-naiven Worten des biblischen Schöpfungsberichts.
-Nicht die leblose Welt ist's, nicht Erde, Wasser und Stein,
-nicht die blitzenden Krystalle sind's, die farbigen Kiesel,
-ja nicht 'mal die Bäume und Sträucher im Wald oder
-Garten, nicht die bunten duftenden Blumen, die das
-Interesse des ersten Menschen zuerst auf sich lenken,
-sondern die <em class="gesperrt">Tiere</em>.</p>
-
-<p>Und wie Adam, der erste Mensch, am Schöpfungsmorgen
-dem »Gevögel, dem Vieh und dem Gewürm«
-seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte und nichts von
-den andern Herrlichkeiten sah, die Gottvater um ihn
-aufgebaut hatte &ndash; die Tiere mußten erst ihre Namen
-haben, ehe er sich den Fruchtbäumen des Gartens Eden
-zuwandte &ndash; <em class="gesperrt">so bringt auch heute noch jedes
-Kind seine erste Teilnahme, seine erste
-Liebe den Tieren entgegen</em>. Noch ehe unsre
-Kleinen Worte zu lallen beginnen, hören sie auf die
-Stimme des Vogels und beobachten die Bewegungen
-von Katze und Hund. Und sie geben, wie Johannes
-Fischart so reizend sagt, »nach jrer Notturfft Namen,
-brauchen den ererbt Adams gwalt, der jedem Geschöpff<span class="pagenum"><a id="Page_45">[45]</a></span>
-ein Nam' gab bald«. »Wauwau« der Hund und »Miau«
-die Katze, »Muh« die Kuh und »Piep-piep« das Spätzlein.
-Ja es kommt vor, daß solch kleines Menschenkind
-mit den genannten Tieren seiner Umgebung innigere
-Freundschaft geschlossen hat, als mit dem strengen Papa,
-den es nur selten sieht und vor dem es sich fürchtet. Es
-ist auch, als ob die Tiere diese Zuneigung der Kinder
-fühlen:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Solch blüend alter frisch,<br /></span>
-<span class="i0">Vmbsonst so lieblich gstalt nit ist,<br /></span>
-<span class="i0">Auch offt das Wild vnd Vieh bewegt,<br /></span>
-<span class="i0">Da es, zu dem ein gfallen trägt.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Und wenn dann der Kleine seine ersten Entdeckungsreisen
-in Hof und Garten unternimmt, wie weitet sich da
-der Kreis solcher Freundschaft! Das bunte Marienkäferchen,
-die Schnecke mit ihren spaßhaften Fühlhörnern,
-der summende Maikäfer oder der Schnellkäfer, das hüpfende
-Heupferd sind seine Lieblinge. Der Tag, an dem
-der Star das erstemal wieder vor seinem Bretterhäuschen
-sitzt, wird zum Festtag. Klopfenden Herzens lauschen
-die Kinder dem stillen Glück der Hausrotschwänzchen,
-die im verborgenen Winkel der Gartenlaube ihre Jungen
-aufziehen, bis endlich die Stunde kommt, wo die kleinen
-grauen Federbällchen den ersten Schritt in die Welt
-wagen.</p>
-
-<p>Und dann die Geschichten und die Lieder, die unsre
-Kleinen am liebsten hören und singen, die Bilderbücher,
-die sie am liebsten besehen, handeln nicht die meisten
-von Tieren? Der böse Wolf, der Rotkäppchen verschlang,
-der Fuchs, der die Gans gestohlen hat, der Storch, der
-den Eltern die Kinder bringt, eins nach dem andern,
-bisweilen auch zwei auf einmal, der »gestiefelte Kater«,<span class="pagenum"><a id="Page_46">[46]</a></span>
-die »Bremer Stadtmusikanten«; ja auch in <em class="gesperrt">den</em> Geschichten,
-in <em class="gesperrt">den</em> Bilderbüchern, wo Tiere nicht gerade
-die Hauptrolle spielen: zur Vervollständigung und zum
-Schmuck der Erzählung oder des Bildes sind sie unentbehrlich
-für das Kind. Wäre es denkbar, das Märchen
-von Aschenbrödel ohne die Tauben, die beim Erbsenlesen
-helfen: »die guten ins Töpfchen, die schlechten ins
-Kröpfchen«, das Märchen von der Gold- und der Pechmarie
-ohne den krähenden Haushahn? Und warum besehen
-die Kinder so gern die hübschen Bilder unsers
-Landsmanns Ludwig Richter? Weil er wie kaum ein
-anderer Maler die Kindesseele verstanden hat, und weil
-sich in jeder Familienstube, die er so anheimelnd zeichnet,
-ein Haustier findet, ein Hund, eine Katze. Und auch im
-Freien, wo sich die Kinder tummeln, da schaut auf jedem
-Bilde ein Spitz zu oder ein Spatz, ein Taubenpaar oder
-irgend ein Singvogel, und dieser scheinbar so geringfügige
-Umstand ist für den kleinen Beschauer von allergrößtem
-Reiz.</p>
-
-<p>Als ich ein Kind war, da standen mir &ndash; ich muß es
-gestehen &ndash; die Tiere meiner Umgebung näher, und es
-verband mich mit ihnen ein innigeres Verhältnis als
-mit den Menschen, abgesehen natürlich von Eltern und
-Geschwistern. Lange ehe ich etwas von Darwins Abstammungslehre
-hörte, war ich schon unbewußt ein kleiner
-Darwinianer; denn mit dem Star und dem Finken,
-dem Hund und der Katze, der Ringelnatter und der
-Kröte, dem Marienkäferchen und der Schnecke verkehrte
-ich, als seien es meine Brüder und Schwestern. Und
-auch viel später noch, wenn man mir vom »unvernünftigen
-Vieh« sprach, habe ich nie so ganz die unüberbrückbare
-Kluft begriffen, den gähnenden Abgrund, der sich<span class="pagenum"><a id="Page_47">[47]</a></span>
-zwischen dem Menschen und dem höheren Tiere auftun
-soll.</p>
-
-<p>Doch was rede ich von mir? Es haben's ja alle genau
-so oder ähnlich in den Tagen der Kindheit getrieben.
-Dem Hahnenschrei legen die Kinder die Worte unter:
-»Kikerikieh, ich bin das schönste Vieh«; der Goldammer
-versichert sie seiner Zuneigung: »Wie, wie hab' ich dich
-lieb!« und mit dem kecken Meislein spielt man Verstecken:
-»Sitz i da, sitz i da!« rufen sie beide einander zu,
-das Vöglein droben im grünen Baum und unten der
-Kleine, der zu ihm aufschaut.</p>
-
-<p>Warum ich dies alles erzähle? Weil ich nicht eindringlich
-genug daran hinweisen kann, daß <em class="gesperrt">das innige
-Verhältnis des Menschen zur Tierwelt
-der Heimat etwas Ursprüngliches ist,
-etwas Angeborenes, daß es etwas Triebartiges
-an sich hat</em> und sich am reinsten in der
-Kindheit offenbart, sowohl beim einzelnen Kind jeder
-Familie, jedes Volksstammes und aller Zeiten, wie bei
-der Kindheit des Menschengeschlechts in grauer Vergangenheit.
-Nur wenn wir dies wirklich erkannt haben,
-wird es uns klar, warum die <em class="gesperrt">Tiere</em> eine so große
-Rolle in <em class="gesperrt">Sage</em> und <em class="gesperrt">Märchen</em> und <em class="gesperrt">Fabel</em> spielen
-und warum der <em class="gesperrt">Aberglaube</em> des Volks sie mit einem
-Kranz buntfarbiger Blumen umgeben hat.</p>
-
-<p>In dieser Beziehung herrscht unter allen Völkern die
-größte Übereinstimmung, mögen wir an die dichtende
-Phantasie der uns verwandten Kulturnationen denken
-oder an die zum Teil unbeholfenen Erzählungen unzivilisierter
-Horden. Sie alle besitzen uralte Sagen und
-Märchen, die meisten auch Fabeln und Parabeln, in
-denen <em class="gesperrt">Tieren</em> eine Hauptrolle zukommt. Und so sind<span class="pagenum"><a id="Page_48">[48]</a></span>
-»diese kleinen spielenden Kinder der allgegenwärtigen
-Muse der Poesie« <em class="gesperrt">Gemeingut der Menschheit</em>.
-Ja die Gemeinsamkeit solches Besitzes geht so weit, daß
-einzelne Tiermärchen oder Tierfabeln in den entferntesten
-Zonen, wo eine Überlieferung oder auch nur
-mittelbare Beeinflussung völlig ausgeschlossen erscheint,
-durchaus miteinander übereinstimmen und vielen Tieren
-hier wie dort die gleichen Wesenszüge zugeschrieben
-werden. Selbst unsre lieben deutschen Märchen, die
-Großmütterchen am Herd ihren lauschenden Enkelkindern
-erzählt, haben ihre Wurzeln zumeist nicht in der grauen
-Vorzeit der germanischen Volksstämme, sondern sind im
-fernen Indien geboren, wie die Forschungen der vergleichenden
-Literaturwissenschaft überzeugend dargetan
-haben. Aber bei keinem andern Volke, das dürfen wir
-getrost behaupten, sind sie mit gleich gemütvollen Zügen,
-namentlich auch aus der Tierwelt, ausgestattet worden,
-wie bei uns Deutschen und höchstens noch bei den Slawen.
-Ihnen darf man mit Recht nachrühmen, im innigsten
-Verhältnis zur Tierwelt zu stehen. Die Kinder- und
-Hausmärchen &ndash; ich meine, so gemütvoll, wie sie von
-Gebrüder Grimm erzählt werden &ndash; kann kein anderes
-Volk aufweisen, und Fabeldichter haben gerade wir
-Deutschen in reichster Fülle von Ulrich Boner und Burkard
-Waldis an bis Leixner, Fulda, Bierbaum, Etzel,
-Ewers u.&nbsp;v.&nbsp;a.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Den freundlichen Leser, der mir bis hierher gefolgt
-ist, möchte ich nun einladen, sich auf dem bemoosten
-Felsblock niederzulassen, der einst unserm gemeinsamen
-Stammvater zum Sitz gedient hat, und möchte an seinem<span class="pagenum"><a id="Page_49">[49]</a></span>
-geistigen Auge einen kleinen Teil der Tiere vorüberführen,
-von denen unsre Märchen und Fabeln erzählen,
-die also unserm deutschen Volke am nächsten stehen, die
-<em class="gesperrt">volkstümlichsten</em> sind. Dabei schalte ich aber alle
-fremdländischen Tiere, selbst den König des großen
-Reiches aus, ebenso unsre Haustiere. Denn ich möchte
-an erster Stelle unsre »Brüder«, die mit uns die Heimaterde
-bewohnen, allen Lesern recht warm an's Herz legen
-und Teilnahme für sie wecken. Gerade die volkstümlichsten
-unter ihnen, wenigstens eine große Zahl dieser
-Märchenhelden und Fabeltiere, wenn ich sie so nennen
-darf, bedürfen dringend des <em class="gesperrt">allgemeinen Schutzes</em>,
-sollen sie nicht in längerer oder kürzerer Zeit spurlos
-aus der Heimat verschwinden.</p>
-
-<p>Der Nutzen und Schaden, den die einzelnen Tiere
-dem Menschen bringen, ist bereits im Übermaß immer
-und immer wieder erörtert worden, und die Bestrebungen
-des Naturschutzes, solch einseitiges Urteil doch nicht als
-einzigen Maßstab unseres Verhaltens den Tieren gegenüber
-gelten zu lassen, sind bereits Allgemeingut geworden,
-so daß ich kein Wort hierüber zu verlieren
-brauche. Der Hinweis aber, daß eine reiche Tierwelt
-zur Belebung der Landschaft in erfreulichster Weise beiträgt,
-ist im vorigen Abschnitt behandelt worden, auch
-habe ich bereits an anderer Stelle betont, wie eine
-mannigfaltige, möglichst ursprüngliche Tierwelt für die
-Wissenschaft von hervorragender Bedeutung ist. Aber
-ich meine, auch die <em class="gesperrt">Volkstümlichkeit</em> mancher
-Tiere &ndash; ich denke z.&nbsp;B. an den Fuchs und den Igel, den
-Storch, die Schwalbe, den Kuckuck, an alle Eulen &ndash; sollte
-ein recht wesentlicher Grund sein, für den unbedingten
-Schutz solcher Tiere einzutreten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_50">[50]</a></span></p>
-
-<p>Der volkstümlichste Held des deutschen Märchens wie
-der deutschen Fabel ist entschieden der <em class="gesperrt">Fuchs</em>. Schlauer
-und verschlagener als alle andern Geschöpfe, spielt er
-die Rolle des Betrügers. Er überlistet die Wildente und
-den Hasen, den Gockel und seine Hennen, die Gans, den
-Raben, den Igel, den Dachs, kurz alle Tiere in Feld und
-Wald, in Haus und Hof. Selbst seinen großen Vetter
-Isengrim mit dem gewaltigen Wolfsrachen, oder Braun,
-den Bär, der ihn mit einem Schlage seiner mächtigen
-Pranken zu Boden strecken könnte, fürchtet der Spitzbube
-nicht. Er kennt die Schwächen jedes einzelnen, weiß
-seine Gegner alle zu foppen und spielt ihnen aufs übelste
-mit; selbst den Jäger führt der Schlaue oftmals hinter's
-Licht. Soll es wirklich dahin kommen, daß solch volkstümliches
-Tier, von dem jedes Kind zu erzählen weiß,
-völlig aus unsrer Heimat verschwindet? Soll es dahin
-kommen, daß nie mehr ein Fuchs unsern Weg kreuzt in
-sandiger Heide und daß wir den Roten nur noch hinter
-den Gittern sehen im zoologischen Garten oder ausgestopft
-im Museum? Das wäre doch traurig.</p>
-
-<p>Oder der <em class="gesperrt">Storch</em>. Von ihm gilt dasselbe. Alle
-Kinder kennen ihn aus den Bilderbüchern, aus mancherlei
-Reimen, aus dem Märchen vom »Kalif Storch«.
-Daher die ganz unsagbare Freude, wenn man einen
-wirklich 'mal sieht droben am Strohdach der Scheune,
-oder einherstolzierend auf feuchter Wiese oder auf dem
-Rain zwischen den Äckern, wenn man sein gemütliches
-Klappern vernimmt und den ersten Flugübungen der
-drei oder vier Jungen zuschaut, die den Horst zaghaft
-verlassen. Soll wirklich die Zeit kommen, wo auch das
-letzte brütende Storchenpaar und der letzte Horst aus
-unserm engeren Vaterlande verschwunden sein wird, wie<span class="pagenum"><a id="Page_51">[51]</a></span>
-der Adler, der Reiher, der Kolkrabe und so manche
-andre. Wie viel Schönheit, wie viel Poesie wäre dahin,
-für alle Zeiten unwiederbringlich dahin! Mögen alle,
-die's angeht, dafür sorgen, daß diese gefährdeten Tiere
-vor dem drohenden Untergang bewahrt bleiben und daß
-sich auch noch unsre Enkelkinder an ihnen erfreuen
-können, wie unsre Altvordern, die so viele gemütvolle
-Märchen und unterhaltsame Fabeln von diesen Tieren
-zusammenreimten.</p>
-
-<p>Freilich die <em class="gesperrt">großen Raubtiere</em> sind längst aus
-unserm Lande gewichen. Sie passen nicht mehr in unsre
-heutigen Verhältnisse, und es wäre töricht, sie zurückzuwünschen.
-Braun, der <em class="gesperrt">Bär</em>, der grobe, aber gutmütige
-Gesell, hat innerhalb der deutschen Grenzen seit
-etwa hundert Jahren das Heimatrecht verloren, und es
-vergeht bisweilen mehr als ein Jahrzehnt, ehe sich 'mal
-wieder einer, aus Tirol versprengt, in den bayrischen
-Alpen zeigt. Wie häufig aber ehemals auch in den
-deutschen Mittelgebirgen Meister Petz war, das beweisen
-die vielen mit »Bär« zusammengesetzten Ortsnamen,
-auch hier in Sachsen: Bärenfels, Bärenhecke, Bärenburg
-u.&nbsp;a.</p>
-
-<p>Unsre Vorfahren, die alten Germanen, kannten den
-Bären recht gut, hatte er doch sein Heim in allen
-Dickungen aufgeschlagen, von wo er die mühsam dem
-Walde abgerungenen Felder heimsuchte und in die Viehherden
-einbrach. Mit dem Speer bewaffnet, die Hunde
-zur Seite, so zogen die germanischen Jäger auf die
-Bärenhatz. Das Wildbret des gewaltigen Tieres war
-ihnen ebenso willkommen wie das zottige Fell, auf dem
-sie, wie es im Liede heißt, lagen und &ndash; »immer noch eins«
-tranken. Mit der fortschreitenden Bodenkultur und der<span class="pagenum"><a id="Page_52">[52]</a></span>
-zunehmenden Bevölkerung aber mußte die Zahl des
-großen Raubtiers zurückgehen. Dazu kamen mancherlei
-Verbesserungen der Jagdwaffen und die Einführung besonderer
-Jagdarten, die eine Verringerung herbeiführten.
-In der Zeit von 1611 bis 1717, also innerhalb
-106&nbsp;Jahren, wurden in dem damaligen Sachsen, das
-allerdings wesentlich größer war als unser heutiges, nach
-den aufbewahrten Jagdverzeichnissen noch immer 709&nbsp;Bären
-zur Strecke gebracht. Heute ist der Bär selbst in
-den österreichischen, den schweizer und italienischen
-Alpen recht selten geworden; dagegen beherbergt ihn
-noch so manches Hochtal der langen Karpatenkette, sowohl
-in der Slowakei wie in den rumänischen Südkarpaten.
-Die Bären unsrer zoologischen Gärten stammen
-zum größten Teil aus Siebenbürgen, das auch heute noch
-mit Recht als »Bärenland« bezeichnet wird. Ich habe
-die Spuren des mächtigen Herrn der dortigen Gebirgswelt
-auf meinen Reisen wiederholt beobachten können.
-In den ehemals ungarischen Karpaten wurden noch
-vor kurzer Zeit in einem einzigen Jahre &ndash; es steht mir
-die Zahl vom Jahre 1908 zur Verfügung &ndash; noch immer
-245&nbsp;Bären erlegt.</p>
-
-<p>Mit dem Bären ist vielleicht der <em class="gesperrt">Dachs</em> am nächsten
-verwandt. In Fabel und Märchen spielt er als Meister
-»Grimbart« eine große Rolle. Alle Waldgebirge
-Deutschlands beherbergen wohl noch den griesgrämigen
-Einsiedler; aber die letzten Jahrzehnte haben doch auch
-mit ihm stark aufgeräumt. Ich habe die meisten Gebirgswälder
-unsrer deutschen Heimat durchstreift, bin
-Reineke oftmals begegnet und habe mich an dessen hoffnungsfroher
-Jugend erfreut, selbst den Edel- und den
-Steinmarder habe ich in freier Natur angetroffen; aber<span class="pagenum"><a id="Page_53">[53]</a></span>
-alt bin ich geworden, ehe mir Grimbart über den Weg
-gelaufen ist. Das ist gewiß nur persönliches Mißgeschick
-gewesen; indessen, wenigstens für unsre engere
-Heimat, muß man einen besetzten Dachsbau doch bereits
-zu den Naturdenkmälern zählen. In andern Gegenden
-freilich ist Meister Grimbart etwas häufiger.</p>
-
-<p>Der Dachs ist übrigens weit weniger Raubtier als
-seine entfernte Vetternschaft, die Sippe der Marder.
-Wohl verschmäht er einen Junghasen nicht, Fasanen und
-Hühner mögen sich vor ihm hüten; aber er vertilgt auch
-Mäuse, Kerbtiere, Schnecken und Würmer, und gern frißt
-er allerlei Beeren, worauf schon sein Gebiß mit den
-schwachen Reißzähnen hinweist. Und so ist die Schonzeit
-gerechtfertigt, die er bei uns vom 1.&nbsp;Februar bis
-zum 31.&nbsp;August genießt. Er ist leider das einzige Raubtier,
-das sich eines solchen Vorzugs erfreut.</p>
-
-<p>Ein viel schlimmerer Geselle, mit dem Dachs gar nicht
-zu vergleichen, auch nicht mit dem Bär, ist oder war der
-<em class="gesperrt">Wolf</em>. Wir hören noch gern die netten Geschichten, die
-das deutsche Märchen von Isengrim zu erzählen weiß,
-wie er von dem schlauen Reineke, dem er an Stärke
-weit überlegen ist, immer überlistet wird, wie ihn sein
-sprichwörtlich gewordener »Wolfshunger« in hundert
-Abenteuer verwickelt und an den Rand des Verderbens
-lockt; wir gedenken so gern noch der verschiedenen Rollen,
-die der Wolf in der Fabel spielt, wo er im Verein mit
-seinem Vetter, dem Hund, auftritt oder mit der Wildsau,
-dem Pferde, dem Lamm, der Gans, dem Löwen, wie er
-in den meisten Fällen tüchtig verprügelt wird oder wie
-er im Angesicht des Todes sein Testament macht; ja, wir
-gedenken seiner noch gern als eines der volkstümlichsten<span class="pagenum"><a id="Page_54">[54]</a></span>
-Tiere, aber wir trauern nicht um ihn und wünschen ihn
-nicht zurück.</p>
-
-<p>Ehemals mag der Wolf fast überall in deutschen Landen
-in recht großen Scharen aufgetreten sein, in den
-Mittelgebirgen sowohl, wie namentlich in den weiten
-Ebenen des Ostens. Wurden doch in jenen 106&nbsp;Jahren
-allein in Sachsen 6937&nbsp;Wölfe zur Strecke gebracht, wobei
-die nur gelegentlich von einzelnen Bauern erlegten nicht
-mitgezählt sind. Man kann sich denken, welch furchtbare
-Geißel Isengrim damals für die Herden wie für das
-Wild war, daß die Bewohner von Einzelhöfen, ja ganze
-Dorfschaften sich zusammentaten und Treibjagden gegen
-den Bösen unternahmen oder ihn in Wolfsgruben fingen
-und erschlugen, und daß die fürstlichen wie geistlichen
-Jagdherren ihm nachstellten und Belohnungen auf seine
-Haut ausschrieben, i.&nbsp;J. 1614 z.&nbsp;B. nicht weniger als
-vier Taler, i.&nbsp;J. 1730 zehn Taler, ein schönes Stück Geld
-damals. Vielleicht hat der Wolf weniger der Kultur
-des Landes, als der fortgesetzten Verfolgung zwangsweise
-weichen müssen. Für seinen Wolfshunger gab es
-in unserm Vaterlande eben keinen Raum mehr. Nach
-Osten ist er verdrängt worden, von wo er gegenwärtig
-nur vereinzelt einmal in recht strengen Wintern über
-die deutsch-polnische Grenze wechselt. Im Wasgau,
-ebenso in der Eifel erscheint wohl auch noch ab und zu
-ein versprengter Isengrim, der dann gewöhnlich sehr
-schnell einer Kugel zum Opfer fällt. In Sachsen war
-es bereits um die Mitte des 18.&nbsp;Jahrhunderts mit den
-Wölfen vorbei; ja schon kurz vor dem Siebenjährigen
-Krieg können die Raubgesellen hier als ausgerottet bezeichnet
-werden, und nur einzelne Namen wie Wolfsgrün,
-Wolfsschlucht, Wolfsheim, Wolfsberg, Wolfshügel<span class="pagenum"><a id="Page_55">[55]</a></span>
-erinnern noch an die einstige Glanzzeit der mordgierigen
-Bande. Aus unsrer Dresdner Gegend scheint der Wolf
-schon recht frühzeitig gewichen zu sein; wenigstens galt
-er hier zu Anfang des 17.&nbsp;Jahrhunderts bereits als
-Seltenheit, sonst würde man ihm nicht i.&nbsp;J. 1618 eine
-sog. »Wolfssäule« im Friedewald, in der Nähe der Landstraße
-von Meißen nach Moritzburg, errichtet haben. Die
-Inschrift der 6&nbsp;Meter hohen Steinsäule, auf der ein
-sitzender Wolf ruht, besagt, daß Kurfürst Johann Georg I.
-diesen Wolf »behetzet und beschossen« habe. Das Denkmal
-ist oftmals ausgebessert worden, zuletzt i.&nbsp;J. 1919.</p>
-
-<p>Ein zweites Wolfsmal steht in der Heide zwischen
-Ottendorf und Laußnitz, seitwärts der Königsbrücker
-Landstraße, am Wolfsberg. Es erinnert an einen Wolf,
-der am Martinstag 1740 hier abgeschossen ward, der
-erste wieder in dieser Gegend seit 56&nbsp;Jahren.</p>
-
-<p>Bekannt ist auch die nur etwas über 2&nbsp;Meter hohe,
-pyramidenförmig zugespitzte Wolfssäule in der <span id="corr055">Dippoldiswalder</span>
-Heide, an dem Wege von Malter nach der
-Heidemühle. Sie zeigt in recht unbeholfenem Flachrelief
-einen Wolf, darunter die Inschrift mit der Zeitangabe
-6.&nbsp;März 1802. Ohne Zweifel ist dieser »letzte«
-sächsische Wolf, wie ihn der Volksmund bezeichnet, nur
-ein Überläufer aus den böhmischen Wäldern gewesen.
-Dort, ebenso in Schlesien, hat sich der Wolf bis zu Beginn
-des 19.&nbsp;Jahrhunderts erhalten. Oft hört man erzählen,
-daß die Wölfe i.&nbsp;J. 1813 der vernichteten Armee
-Napoleons in ganzen Rudeln nach Deutschland, insbesondere
-auch nach Sachsen, gefolgt seien; doch es fehlt
-der Beweis für solche recht wenig wahrscheinliche Annahme.
-Wenn im letztvergangenen Jahrhundert, ja noch
-1904, in Sachsen oder nahe der sächsischen Grenze hier und<span class="pagenum"><a id="Page_56">[56]</a></span>
-da ein Wolf erlegt worden ist, so handelte es sich um
-gefangene, irgendeiner Menagerie entsprungene Tiere,
-falls nicht die Phantasie des glücklichen Schützen in einem
-wildernden wolfsähnlichen Hunde den leibhaftigen Isengrim
-erblickte. Ausführliches über die Geschichte des
-Wolfs in Sachsen enthält ein Aufsatz A. Klengels in
-den Mitteilungen des Sächsischen Heimatschutzes, Bd.&nbsp;9,
-S.&nbsp;97&nbsp;ff.</p>
-
-<p>Auch der kleinere Vetter, der <em class="gesperrt">Fuchs</em>, hat viel unter
-der Feindschaft des Menschen zu leiden, der ihm mit
-Eisen und Blei und mit vergiftetem Köder nachstellt.
-Aber noch immer hat es der Erzschelm verstanden, sich zu
-behaupten. Jeden sucht er zu prellen, zu betrügen, der
-seinen Weg kreuzt. Eine Legion lustiger Geschichten und
-unterhaltsamer Späße, die sich die dichtende Phantasie
-zusammengereimt hat, von den Tagen Äsops an bis zu
-Goethes Tierepos und den Fabeldichtern unsrer Tage.</p>
-
-<p>In jedem größeren Revier, auch bei uns im so stark
-bevölkerten Sachsen, gibt es noch Füchse. »Mehr als
-genug!« denkt mancher Grünrock, der seine Niederjagd
-liebt. Ja, in den vergangenen Kriegsjahren haben sich
-die Roten eher vermehrt als vermindert. »Das Raubzeug
-hat im deutschen Wald überhand genommen,« so
-klagte man mir, »ganz besonders die Füchse«. Das Versäumte,
-glaube ich, wird bald wieder nachgeholt sein.
-Der hohe Preis von Reinekes Winterbalg ist gewiß ein
-gewaltiger Ansporn für den Jagdberechtigten, den Fuchs
-zu schießen oder ihn im Eisen zu fangen &ndash; ein schönes
-Sümmchen, das solch ein Balg bringt, der Mühe schon
-wert, einmal zu nachtschlafender Zeit das warme Bett
-mit dem klirrenden Frost draußen am Hochsitz zu vertauschen,
-auch wenn's kein feiner »Silberfuchs« ist &ndash; andererseits<span class="pagenum"><a id="Page_57">[57]</a></span>
-wird solch hoher Preis den Wunsch stärken,
-den Fuchs im Revier nicht völlig zu missen. Heute wird
-es der Jäger wohl unterlassen, falls nicht besondere
-Gründe vorliegen, die Welpen mit dem noch wertlosen
-Balg aus ihrem Bau auszugraben, und so wird die Zeit
-hoffentlich recht fern sein, wo auch der Fuchs aus dem
-deutschen Walde verschwunden ist, wie Wolf, Luchs und
-Wildkatze.</p>
-
-<p>In den Kreisen der Landwirte und Forstleute hat
-man schon seit einiger Zeit begonnen, die <em class="gesperrt">Bedeutung
-der Raubtiere</em> mehr und mehr einzusehen, und
-wenn auch heute noch hie und da ein einzelner Jäger
-ein geschworener Feind alles »Raubgesindels« ist, so beweist
-er nur, daß er von der Lebensweise der Raubtiere,
-der bepelzten wie der gefiederten, keine rechte Vorstellung
-hat. Gerade der Fuchs vertilgt eine Unmenge
-von Mäusen, und er ist so lüstern auf dies winzige Wildbret,
-daß er sich trotz aller Vorsicht und Schlauheit durch
-leises »Mäuseln« des Jägers heranlocken läßt. Daneben
-aber frißt er auch Kerbtiere und deren Larven, namentlich
-Maikäfer, Saateulenraupen und Drahtwürmer. Daß
-er nur von Hühnern und Fasanen, von Hasen und
-Kaninchen lebe, ist eine böse Verleumdung. Natürlich,
-was er überlisten kann, nimmt er mit; selbst das Reh
-fällt ihm zum Opfer; aber doch nur, wenn es an den
-Läufen klagt, die die harte Schneekruste ihm zerschnitten
-hat, und wohl auch ohne Hilfe des Fuchses eingegangen
-wäre. Reineke, und das sollte man ihm nie vergessen,
-ist aber auch jagdlich insofern von Nutzen, als er an
-erster Stelle kümmernde, kranke und schwache Stücke erbeutet
-und dadurch der Ausbreitung von Seuchen vorbeugt,<span class="pagenum"><a id="Page_58">[58]</a></span>
-sowie durch solche Auslese den ganzen Stand des
-Wildes hebt und stärkt.</p>
-
-<p>Bei Bekämpfung des Raubzeugs kennen einzelne
-Jäger keine Rücksicht, und es läuft ebenso häßliche wie
-unnötige Roheit und Tierquälerei da mit unter. Oder ist
-es keine Roheit, die Fähe in der Heckezeit abzuschießen,
-daß die Welpen im Bau elend verhungern müssen, oder
-das Habichtsweibchen am Horst wegzuknallen und so die
-Jungvögel einem elenden Tode preiszugeben? Ist's nicht
-Tierquälerei, den Fuchs vierundzwanzig Stunden im
-Eisen sich abquälen und Eulen oder Bussarde tagelang
-mit zerschmetterten Fängen in dem Marterinstrument
-hängen zu lassen? Wo der Jäger sich des »Raubgesindels«,
-wie er's nennt, nicht anders glaubt erwehren zu
-können, als daß er Fallen legt und Eisen stellt, da hat er
-die Pflicht und Schuldigkeit, am frühen Morgen nachzusehen,
-ob sich ein Tier gefangen hat. Wer es unterläßt,
-macht sich ebenso der Aasjägerei schuldig wie einer,
-der auf fünfzig Schritt Rehe oder Rotwild mit Schrot
-anspritzt oder ein angeschweißtes Stück Wild nicht nachsucht.
-Aber den Räubern gegenüber befinden sich die
-Jäger noch oft, wie <em class="gesperrt">Löns</em> schreibt, in einem mittelalterlichen
-Irrwahn; »der Fuchs ist ihnen ein Dämon, der
-nachts umgeht und suchet, was er verschlinge«.</p>
-
-<p>Von anderem Raubwild weiß das Märchen nur
-wenig. Den <em class="gesperrt">Luchs</em>, der in Deutschland bereits völlig
-ausgestorben ist, kennt es kaum, und wo die Katze auftritt,
-da handelt es sich in den meisten Fällen um unsre
-Hausmiez, nicht um die <em class="gesperrt">Wildkatze</em>. Diese ist bis auf
-wenig Reste aus den deutschen Forsten verschwunden;
-nur die zusammenhängenden Waldungen, die Dickungen
-und Felsenklüfte an der Mosel und im Südharz bieten<span class="pagenum"><a id="Page_59">[59]</a></span>
-Hinz, dem Kater, dem kraftstrotzenden, gelenkigen Räuber,
-noch gute Verstecke. In bewohnteren Gegenden kann
-man die Wildkatze nicht dulden; sie hat der Kultur
-weichen müssen. Aber noch recht häufig kommt sie in
-den Karpaten vor, wurden doch im Jahre 1908 noch
-5045&nbsp;Wildkatzen im damaligen Ungarn zur Strecke gebracht.</p>
-
-<p>Und nun unser gemütlicher <em class="gesperrt">Igel</em>. Wer kennt es nicht,
-das köstliche Märchen von »Swinegel un siner Fru«, wie
-sie beim Wettlauf den flüchtigen Lampe betrügen, und
-die lustige Lehre, die Gebrüder Grimm hinzufügen, »datt
-et gerahden is, wenn eener freet, datt he sick 'ne Fru ut
-sienem Stande nimmt, un de just so uutsäht es he sülwst.
-Wer also en Swinegel is, de mutt tosehn, datt siene Fro
-ook en Swinegel is«. Oder wer kennt sie nicht, die Fabel
-vom Igel und dem Hund, der sich an dem stachligen Gesellen
-die Nase blutig sticht, oder die Geschichte vom Igel,
-der auswandert, weil er von allen Tieren seiner Stacheln
-wegen mißachtet und beschimpft wird, und zufällig ins
-Land der Stachelschweine kommt, wo alle Einwohner
-ganz entzückt ausrufen:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»…&nbsp;welch schöne Augenweide!<br /></span>
-<span class="i0">Sieh nur den Fremdling mit dem Haar von Seide!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">Woran H. H. Ewers die Moral knüpft:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Ja, also ist's! und schelten auch die einen<br /></span>
-<span class="i0">Voll Hohn dich eine Borstenkreatur,<br /></span>
-<span class="i0">Ein struppig Stacheltier &ndash; so mußt du wandern:<br /></span>
-<span class="i0">Als Seidenviehchen loben dich die andern.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Ein köstliches Bild, wenn man 'mal im raschelnden
-Herbstlaub einer Igelmama mit ihren vier oder fünf
-»lütjen Kinners« begegnet, kleinen, spaßhaften Stachelkugeln,<span class="pagenum"><a id="Page_60">[60]</a></span>
-die man gern 'mal in die Hand nimmt. Und
-dieser Mäuse- und Insektenvertilger wird &ndash; man sollte
-es kaum glauben &ndash; gleichfalls von manchem Jäger verfolgt,
-da sein schnupperndes Näschen natürlich auch 'mal
-ein bodenständiges Nest findet und der Igel dann nicht
-lange danach fragt, ob es ein paar Regenwürmer sind
-oder Jungvögel, die er entdeckt hat. Ich kenne wenig
-Tiere, die als Mäusefänger so nützlich, zugleich aber in
-ihrer ganzen Erscheinung und in ihrem Gebaren so
-lustig und interessant sind wie der Igel, und ich möchte
-alle Leser bitten, Swinegel und seiner Familie das allergrößte
-Wohlwollen entgegenzubringen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Lampe, der Hase</em>, kommt gleichfalls oftmals in
-Märchen und Fabeln vor; er ist immer das arme, geplagte,
-verfolgte Tier: alles, alles will ihn fressen, zumal
-der Mensch. Um sein Aussterben brauchen wir aber
-kaum Sorge zu tragen. Der strenge Jagdschutz nimmt
-sich seiner an; denn der Hasenbestand ist meistens der
-Wertmesser des ganzen Reviers, wenigstens im Niederland.
-Freilich, wer in den letzten Jahren lediglich den
-Ladentischen unsrer Wildbrethandlungen seine Aufmerksamkeit
-geschenkt hat, die fast immer »hasenrein« waren,
-der muß zu der Ansicht gekommen sein, daß man entweder
-Lampe neuerdings aus der Liste der jagdbaren
-Tiere gestrichen und ihm ewige Schonzeit zugebilligt
-habe, oder daß es mit dem Hasenfuß auf unsern Fluren
-für immer vorbei sei. Aber die Sache hat andere Gründe,
-die ich hier nicht erörtern will.</p>
-
-<p>Allerdings mit der Jagd steht es heute schlimm genug.
-Überall Wilddiebe, die ihr dunkles Gewerbe treiben!
-In manchem Revier sind schon alle <em class="gesperrt">Rothirsche</em> abgeschossen,
-in fast jedem ihre Zahl stark gezehntet worden.<span class="pagenum"><a id="Page_61">[61]</a></span>
-Und wie die fürstlichen Jagdherren gewiß manchmal in
-nicht gerechtfertigter Weise zum Schaden des Landwirts,
-auch der Forstwirtschaft, das Hochwild über die Maßen
-hegten und pflegten, so verfällt man jetzt ins Gegenteil.
-Man knallt alles nieder oder wenigstens weit mehr als
-nötig ist. Es erinnert dieser Vorgang ans Jahr 1848.
-Auch damals hat man den Rotwildstand, z.&nbsp;B. in unserm
-Sachsen, so arg abgeschossen, daß ernstlich die Frage erörtert
-wurde, ob damit nicht das Ende des Rotwilds für
-alle Zeiten gekommen sei. Und heute stehen Naturfreund
-und weidgerechter Jäger vor derselben bangen Frage.
-Nur ist keine Aussicht vorhanden, daß irgendein Jagdherr
-in Zukunft in der Lage sein wird, sein Wild so zu
-schützen, zu hegen und zu pflegen, wie es bisher der Fall
-war.</p>
-
-<p>Es tut einem das Herz weh, wenn man bedenkt, daß
-der <em class="gesperrt">Hirsch</em>, von dem die Tierfabel so manches zu berichten
-weiß, daß sogar das zierliche <em class="gesperrt">Reh</em>, das in vielen
-Märchen eine besonders liebliche Rolle spielt, vielleicht
-in recht naher Zeit aus unsern heimatlichen Wäldern,
-wenn auch nicht völlig verschwinden, so doch hier immer
-seltener werden soll<a id="FNanchor_2_2"></a><a href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">2</a>. Die Freude an der Natur, an
-der Jagd, an dem Wild liegt unserm Volke im Blut, ein
-Erbgut aus Urväterzeit. Und wenn es gewiß auch eine
-falsche Vorstellung ist, daß die alten Germanen nur von
-der Jagd lebten &ndash; im Gegenteil, sie waren seßhafte
-Ackerbauern und hatten es schon zu Beginn unsrer Zeitrechnung
-in der Art, wie sie ihre Ländereien bestellten,<span class="pagenum"><a id="Page_62">[62]</a></span>
-weiter gebracht, selbst als die Römer &ndash; so war doch die
-Jagd von großer Bedeutung für sie.</p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_2_2"></a><a href="#FNanchor_2_2"><span class="label">2</span></a> Bis vor kurzem wenigstens war das zu befürchten; erst in
-allerletzter Zeit scheint sich der Rehstand hier und da wieder erfreulich
-gehoben zu haben.</p></div>
-</div>
-<p>Aber ist sie es nicht auch noch in der Gegenwart?
-Es sind sich wenig Menschen, auch die nicht, die gern einmal
-einen Hasenbraten oder eine Rehkeule verzehren,
-darüber klar, welche ungeheuren Werte unser Wildbestand
-darstellt. Man hat berechnet, daß unmittelbar vor
-dem Kriege die jährliche Ausbeute an Wildbret im Deutschen
-Reiche 20&nbsp;Millionen Kilogramm betrug, damals
-im Werte von wenigstens 25&nbsp;Millionen Mark, daß die
-Decken, Schwarten, Bälge einen Marktpreis von gegen
-1½&nbsp;Millionen besaßen, daß der Erlös an Geweihen und
-Gehörnen etwa 1&nbsp;Million betrug. Das Reich nahm beinahe
-6&nbsp;Millionen Mark aus den Jagdscheinen ein, die
-Gemeinden schlugen 40&nbsp;Millionen aus den Jagdpachten
-heraus. Dazu kommen die Millionen, die Jagdaufseher,
-Treiber, Hundezüchter, Waffen-, Munitions-, Jagdbekleidungsfabrikanten
-u.&nbsp;a. verdienen. (Vgl. <em class="gesperrt">H. Löns</em>,
-Kraut und Lot, S.&nbsp;105&nbsp;ff.)</p>
-
-<p>Aber diese volkswirtschaftliche Bedeutung der Jagd ist
-nicht die Hauptsache. Der Jagdschutz, wenn er streng
-durchgeführt wird, erhält uns das Wild als ein wertvolles
-Stück der heimatlichen Natur zur Freude nicht
-nur des Jägers, sondern jedes Naturfreundes, und da
-sich die Wildhege mit Erfolg immer nur in einem Gelände
-ausüben läßt, das noch bis zu gewissem Grade
-das Gepräge der Urwüchsigkeit zeigt &ndash; ursprüngliche
-Wälder, Brüche, Moore, Heiden &ndash; so haben wir es zu
-nicht geringem Teil der Jagd zu verdanken, wenn noch
-nicht überall die Ackerbausteppe und der durchforstete
-Nutzwald in unserm Vaterland herrschen, sondern auch
-noch ab und zu ein Stück Land ein mehr oder weniger<span class="pagenum"><a id="Page_63">[63]</a></span>
-ursprüngliches Gepräge zeigt. Jagd und Jagdpflege sind
-der unbewußte Anfang des Naturschutzes und der Naturdenkmalpflege
-gewesen, und daher ist es die Pflicht des
-Heimatschutzes, die edle weidgerechte Jagd, deren Hauptaufgabe
-in der Hege und Pflege eines angemessenen
-Wildstandes besteht, hochzuhalten und alle jagdlichen
-Bestrebungen nach der gekennzeichneten Richtung hin zu
-unterstützen. »Jagdschutz« also auch in dem Sinne:
-»Schutz der Jagd!«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Ungleich zahlreicher noch als die Säugetiere sind die
-<em class="gesperrt">Vögel</em>, die sich besonderer Volkstümlichkeit erfreuen
-und deshalb in vielen Märchen und Fabeln auftreten.
-Gleich jenen haben auch die Vögel ihren König, den
-<em class="gesperrt">Adler</em>, nicht wie der Löwe ein Tier fremder Zonen,
-sondern ein Bewohner unsrer Heimat. Aber wie wenige
-meiner Leser werden den stolzen Vogel aus der freien
-Natur kennen! Bei uns in Deutschland stehen sämtliche
-Adler auf der Aussterbeliste. Der <em class="gesperrt">Steinadler</em>
-horstet wohl noch in ein oder dem andern Paar in den
-bayrischen Alpen, während er in den Wäldern Ostpreußens
-seit Beginn unsers Jahrhunderts ausgerottet
-zu sein scheint. Und doch war dieser wahrhafte König
-der Lüfte noch vor hundert Jahren in manchem deutschen
-Mittelgebirge Brutvogel, ebenso weitverbreitet im Niederland,
-in Pommern, Westpreußen, der Mark so gut
-wie im Böhmer Wald oder im Riesengebirge.</p>
-
-<p>Etwas besser steht es noch heute um <em class="gesperrt">See-</em> und
-<em class="gesperrt">Fischadler</em>; doch sind deren Horste an der Ostseeküste
-und auf der norddeutschen Seenplatte gleichfalls gezählt.<span class="pagenum"><a id="Page_64">[64]</a></span>
-Den Nachstellungen des Menschen ist der König
-der Vögel zum Opfer gefallen. Auch in den Alpen ist
-der Anfang vom Ende da, gezählt sind die Tage seiner
-Herrschaft. In Sachsen horstet schon längst kein Adler
-mehr. Aber der Wanderzug führt stets noch einige Seeadler,
-auch Fischadler durch unser Land. Sie kommen
-von der Wasserkante oder weit aus den russischen Wäldern.
-Ein gefährlicher Flug ist's. Es vergeht kein Jahr,
-wo nicht ein oder der andere der stolzen Vögel von einem
-Schießer heruntergeknallt wird, der sich dann als kühner
-»Adlerjäger« brüstet.</p>
-
-<p>Mit den nächtlichen Raubvögeln, den <em class="gesperrt">Eulen</em>, hat
-sich die Märchen- und Fabeldichtung gleichfalls viel beschäftigt;
-Und das ist kein Wunder. Erst wenn die
-Dämmerung eintritt, beginnen die Eulen ihre Streifzüge.
-Dank ihrem seidenweichen Gefieder gleiten sie
-geräuschlos und deshalb geisterhaft an dem nächtlichen
-Wanderer vorüber, und unheimlich klagend heult ihre
-Stimme aus dem dunklen Walde. Gleich glühenden
-Kohlen funkeln die Riesenaugen im nächtlichen Schatten
-&ndash; wieviele Spukgeschichten mögen ihnen ihr Dasein verdanken!
-Das Märchen verwendet, um die Stimmung
-recht gruselig zu machen, die funkelnden Eulenaugen
-außerordentlich oft.</p>
-
-<p>Ich glaube, es gibt wenig Menschen, die eine besondere
-Vorliebe für diese unheimlichen Gespenstertiere
-besitzen. Das tut mir leid, einmal der Eulen wegen
-und dann auch um meiner selbst willen, da ich mich mit
-meiner ausgesprochenen Passion für Käuze und Eulen
-aller Art ziemlich vereinsamt fühle. Ein rechtes Verständnis
-für die Anmut der Eulen habe ich nur bei den
-Italienern gefunden; diese betrachten ihre Steinkäuzchen<span class="pagenum"><a id="Page_65">[65]</a></span>
-als wirkliche Hausfreunde und richten dunkle Brutplätze
-unter den Dächern mit bequemen Eingängen für sie her.
-Allerdings ist ihre Vorliebe für Käuze nicht frei von
-Eigennutz; denn der Italiener bedient sich seiner Freunde
-zum Fang von Kleinvögeln. Auch die alten Griechen,
-denen Verständnis und Gefühl für Schönheit doch wahrhaftig
-nicht abgesprochen werden kann, erkannten die
-eigenartige Eulenschönheit. Die Eule war der Pallas
-Athene heilig, die selbst als »eulenäugig« bezeichnet
-wird; zugleich war sie das Wappentier der Hauptstadt,
-das Sinnbild der Weisheit, und sogar als Glücksbotin
-findet sie Erwähnung.</p>
-
-<p>Wieviel könnten wir Deutschen doch von den alten
-Griechen in dieser Beziehung lernen! Bei uns heißt es:
-»Häßlich wie eine Nachteul'«, und Eulenaugen gelten
-nicht gerade als Schönheit. Dazu ist die Eule in deutschen
-Landen so recht der Unglücksvogel, dessen nächtlicher Ruf
-Krankheit und Tod kündet. Auch im deutschen Märchen
-ist der Kauz viel weniger der Vogel der Weisheit, als
-der böse Geist, der Dämon, der Hüter verborgener
-Schätze, dem Menschen feindlich gesinnt, vertraut mit der
-schwarzen Kunst, mit Zauberei; in der Fabel aber ist er
-ein Griesgram und rechter Philister.</p>
-
-<p>Ebenso bedauerlich wie auffallend ist der Rückgang
-der Eulen in unsrer Heimat. Von dem <em class="gesperrt">Uhu</em> will ich
-nicht reden &ndash; das letzte Paar brütete noch um die Wende
-unsers Jahrhunderts in den Felswänden des Hohnsteiner
-Reviers. Ich fürchte, der Schutz, den man heute
-in allen Staatsforsten dem seltenen Räuber gern gewähren
-möchte, kommt bereits zu spät, um den »König
-der Nacht« zu retten. Aber auch die mittelgroßen Eulen,
-wie <em class="gesperrt">Wald-</em> und <em class="gesperrt">Schleierkauz</em>, <em class="gesperrt">Wald-</em> und<span class="pagenum"><a id="Page_66">[66]</a></span>
-<em class="gesperrt">Sumpfohreule</em>, selbst die kleinen <em class="gesperrt">Käuzchen</em>
-sind heutzutage viel seltener geworden als zu meiner
-Jugendzeit. Man mag eine Eule aus dem Gehöft verjagen,
-wenn man den Mäusejäger durchaus glaubt entbehren
-zu können; aber eine Eule töten, bleibt eine
-Roheit und Gemeinheit, wenn auch vor unsern ganz
-unzureichenden sächsischen Gesetzen der Frevler frei ausgeht.
-Alles, was bewehrte Fänge und einen Krummschnabel
-trägt, gehört in Sachsen zu den jagdbaren
-Vögeln, und auf diese findet das deutsche Reichsgesetz
-keine Anwendung. Der Freibrief, den dieses mit Recht
-dem Turmfalken, dem Schrei- und Seeadler, dem Bussard,
-der Gabelweihe und <em class="gesperrt">sämtlichen Eulen</em>, mit Ausnahme
-des Uhus, ausstellt, hat also für Sachsen keine
-Gültigkeit. Hierin endlich einmal Wandel zu schaffen,
-ist eine dringende Forderung des Naturschutzes an die
-Gesetzgebung.</p>
-
-<p>Viel mehr als die lichtscheue Eule ist im deutschen
-Märchen der <em class="gesperrt">Rabe</em> der Vogel der Weisheit. Er hat
-die Gabe, in die Zukunft zu schauen und wird so zum
-Verkünder kommender Ereignisse. Das hängt zweifellos
-damit zusammen, daß bei unsern Altvordern der Rabe
-der Vogel Wodans war, der Götterbote, der den Verkehr
-zwischen dem Herrscher des Himmels und den Bewohnern
-der Erde vermittelte. Seine Verwandten, die
-Krähen und Elstern, gelten als diebisches, zänkisches
-Gesindel, letztere als besonders schwatzhaft.</p>
-
-<p>Ein anderer Götterbote war der <em class="gesperrt">Storch</em>; doch spielt
-dieser in orientalischen Erzählungen und Märchen eine
-weit größere Rolle als in unserm deutschen Märchenschatz.
-Auch in der deutschen Fabel begegnet man dem
-klappernden Hausfreund nur selten. Dagegen hat unser<span class="pagenum"><a id="Page_67">[67]</a></span>
-Volk um Leben und Treiben des Storchs einen reichen
-Kranz abergläubischer Vorstellungen gewunden, deren
-Ursprung sich in graue Vorzeit verliert.</p>
-
-<p>Unter den Wasservögeln ist wohl der <em class="gesperrt">Schwan</em> das
-vornehmste Märchen- und Sagentier. Wir denken an
-das lustige Märchen »Schwan, kleb an!«, an die reizende
-Geschichte vom kleinen »häßlichen Entlein«, das aber
-einem Schwanenei entschlüpft war und bald zum bildschönen
-Schwan heranwuchs; wir denken an Lohengrins
-Schwan und an die Schwanenritter oder an die
-Schwanenjungfrauen, die auf der Donau den Nibelungen
-erschienen und sie vor der Fahrt warnten, die allen den
-Untergang bringe. In Sachsen brütet der Wildschwan
-leider nirgends; dazu sind unsre Teiche zu klein und
-unsre Elbe mit ihren gemauerten Ufern viel zu
-nahrungsarm und zu unruhig. Wer aber die ostpreußischen
-Seen kennt, der wird sich mit Freude der
-anmutigen Schwimmvögel erinnern, die so manchem
-dieser Gewässer einen besonderen Schmuck verleihen.
-Auch Seen in Brandenburg und Mecklenburg oder der
-Unterlauf der Warnow unterhalb Rostock beherbergen
-noch immer eine erfreuliche Anzahl der stolzen Geschöpfe.
-Freilich haben die bösen Verhältnisse der Nachkriegszeit
-auch in ihre Reihen starke Lücken gerissen, so daß es
-ernstlich an der Zeit ist, für den Schutz dieser Tiere zu
-sorgen. Besonders lieblich sind die Familienbilder, die
-sie zu Sommers Anfang dem Beschauer bieten, wenn die
-Schwanenmutter ihre Kleinen das erstemal durchs Schilf
-auf die freie Wasserfläche führt oder die grauen Dunenbällchen
-auf den Rücken nimmt und mit dieser leichten
-Bürde zurück zum Neste gleitet.</p>
-
-<p>An zweiter Stelle wäre auch der <em class="gesperrt">Gänse</em> zu gedenken.<span class="pagenum"><a id="Page_68">[68]</a></span>
-Unsre geliebte Hausgans, deren Braten alljährlich
-an meinem Namenstage so manchen Mittagstisch
-verschönt &ndash; im vorigen Jahre nach längerer Pause auch
-den meinen, da eine freundliche Fee den köstlichen Vogel
-in mein Haus flattern ließ &ndash; stammt von der Graugans
-her, die gleichfalls noch in Norddeutschland brütet und
-gelegentlich ihrer Herbstreisen auch an unsre sächsischen
-Gewässer kommt. Sie ist eleganter in der Figur, als
-unsre Haus- und Hofgenossin, auch leichter im Flug, gewandter
-im Schwimmen; denn das Gänsefett belästigt
-sie nicht so stark wie jene. Auch die <em class="gesperrt">Ente</em> mit dem
-goldnen Krönchen erscheint im Märchen, und in der
-Fabel tritt sie zumeist mit dem Fuchs auf, der ihr den
-Kragen umdrehen möchte.</p>
-
-<p>Unter den Singvögeln sind vielleicht die volkstümlichsten
-<em class="gesperrt">Nachtigall</em> und <em class="gesperrt">Lerche</em>. Ihr Gesang hat
-von jeher den Menschen begeistert. In hundert Volksliedern
-wird die Nachtigall erwähnt, ja bei den Minnesingern,
-die sich nicht genug tun können, die kleinen
-Waldvöglein zu preisen, ist die Sängerin der Nacht so
-ziemlich der einzige Vogel, der mit Namen genannt wird.
-Die Lerche aber ist die Sängerin des Tages, die zum
-Licht emporsteigt, die mit der Morgenröte sich erhebt,
-um den ganzen Himmelsraum mit ihrem Jubel zu erfüllen,
-zum Preise des Schöpfers. Neben ihnen spielen
-in Märchen und Fabeln die andern Kleinvögel, wie
-Zeisig, Rotkehlchen, Zaunkönig und Star, nur bescheidene
-Rollen; sie treten in der Regel nicht allein auf, sondern
-in Begleitung jener Sänger. Ich erinnere an die Fabeln
-vom Zeisig, vom Kuckuck oder auch vom Wiedehopf und
-der Nachtigall, von der Schwalbe und der Lerche.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Schwalbe</em> ist der Vogel, der das innigste<span class="pagenum"><a id="Page_69">[69]</a></span>
-Bündnis mit dem Menschen geschlossen hat; denn während
-recht viele zutrauliche Vögel wohl die Nähe
-menschlicher Siedlungen aufsuchen und ihre Wohnung
-an unsern Häusern, auf und unter dem Dach, am Gesims,
-auf einem Balkenkopf oder in irgendeinem versteckten
-Winkel aufschlagen, sind es die niedlichen Rauchschwälbchen
-mit dem gabelartig verlängerten Schwanz und der
-rostroten Stirn, die fast ausnahmslos im Innern der
-Gebäude Herberge nehmen. Dem Tragbalken des Vorhauses,
-der Decke des Kuh- oder Pferdestalles, wohl auch
-dem Schirm einer elektrischen Lampe vertrauen sie ihr
-Nestchen an. Und solche Anhänglichkeit an uns Menschen
-verdient Gegenliebe, wie man sie allgemein in
-deutschen Landen den lieblichen Vögelchen entgegenbringt.
-Eine Schwalbe zu töten oder auch nur ihr Nest
-zu zerstören, ist ein schwerer Frevel, der von der rächenden
-Gottheit mit langem Siechtum bestraft wird. Wo
-die glückverheißenden Vögel den Hof verlassen haben und
-im kommenden Frühjahr nicht wieder Einkehr halten,
-da zieht Unfrieden im Haus ein oder es stirbt ein Bewohner.
-Wer möchte es wünschen, daß solch frommer
-Aberglaube doch endlich in die Rumpelkammer längst
-überlebter mittelalterlicher Vorstellungen, die nicht mehr
-in unsre aufgeklärte Zeit passen, geworfen werde!</p>
-
-<p>Sinnig sind manche Sagen, die von der Schwalbe
-berichten. Bei der Vertreibung der ersten Menschen aus
-dem Paradies flog eine Schwalbe blitzschnell an dem
-Flammenschwerte des zürnenden Engels vorüber, um das
-arme, verstoßene Menschenpaar in seine neue unbekannte
-Heimat zu begleiten. Hier ward sie ihm zur treuesten
-Freundin im Glück und im Unglück. Eine andere Sage
-erzählt: Als Christus am Kreuze hing und, vom Durst<span class="pagenum"><a id="Page_70">[70]</a></span>
-gequält, um Wasser flehte, da hörte eine Schwalbe des
-Heilands Bitte: »Mich dürstet«. Schnell eilte sie an
-eine Quelle, küßte dann des Sterbenden Lippen und
-träufelte einige Tropfen Wasser auf sie. Hierauf umflog
-sie das Haupt des Heilands, mit ihren langen
-Schwingen ihm Kühlung zufächelnd. Dabei streifte sie
-die blutenden Wunden, so daß sich Stirn und Kehle rot
-färbten. Ähnliches weiß die Sage auch vom <em class="gesperrt">Kreuzschnabel</em>
-zu erzählen. Bei dem Versuch, die Nägel
-aus dem Kreuzesstamm zu zerren, hat sich sein Schnabel
-verbogen, sein Gefieder gerötet.</p>
-
-<p>Nur ein Wort noch vom <em class="gesperrt">Wiedehopf</em>. Er steht
-nicht im besten Geruch und ist doch mit seiner Federholle
-und dem ansprechenden Farbenkleid ein wunderhübscher
-Vogel. Heute kenne ich den Wiedehopf als
-sächsischen Brutvogel nur aus der Lausitz, wo er allerdings
-außerordentlich selten ist. In meiner Jugendzeit
-aber brüteten alljährlich mehrere Paare in den alten
-Kirschbäumen, die die Viehweide des Rittergutes meiner
-Heimat umgaben. Ein ganz abscheulicher Gestank, wenn
-man die Nase in den Eingang solcher Kinderstube bringt;
-selbst die ausgeflogenen Jungen müssen sich noch tagelang
-gewissermaßen auslüften, ehe sie den Geruch verlieren,
-so fest sitzt er ihnen im Gefieder. In der Fabel
-ist der Wiedehopf seines gekrönten Hauptes wegen der
-eitle Vogel, dessen armseliger Ruf sich mit dem Gesang
-der unscheinbaren Nachtigall nicht messen kann.</p>
-
-<p>Die Zahl der Vögel, die das Märchen, ganz besonders
-aber die deutsche Fabel auftreten läßt, ist so groß, daß
-man leichter die Arten aufzählen könnte, von denen das
-Volk nichts zu erzählen weiß. Kuckuck und Pfau,
-Hahn und Sperling, Wachtel und Taube, Kranich und<span class="pagenum"><a id="Page_71">[71]</a></span>
-Reiher, Gimpel und Zeisig müßte ich nennen, und ich
-würde noch keineswegs allen gerecht werden. Gerade
-der Vogel ist von jeher der Liebling des Menschen gewesen;
-seine anmutige Gestalt, sein hübsches Farbenkleid,
-vor allem aber seine Stimme haben von Anfang
-an die Aufmerksamkeit eines jeden auf ihn gelenkt.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die <em class="gesperrt">kaltblütigen Wirbeltiere</em> stehen unserm
-Volke nicht so nahe; das Verhältnis zu ihnen ist weniger
-innig. Ganz besonders gilt das von den <em class="gesperrt">Fischen</em>. In
-dem deutschen Märchen spielen sie eine nur sehr bescheidene
-Rolle, und auch in den Fabeln tritt nur hie
-und da mal der gefräßige Hecht oder der stumpfsinnige
-Karpfen auf. Die Fische haben wenig zu sagen, sie sind
-stumm; daraus erklärt sich wohl solche Vernachlässigung.</p>
-
-<p>Aber unter den <em class="gesperrt">Lurchen</em> gibt es ausgezeichnete
-Sänger, die mit ihrem Lied die ganze Frühlingsnacht
-erfüllen: die <em class="gesperrt">Frösche</em> sind es. Unsern Seen- und Teichlandschaften
-verleiht ihr Chorgesang einen ganz eigentümlichen
-Reiz. Freilich handelt es sich dabei nur um
-die eine Art, den <em class="gesperrt">grünen Wasserfrosch</em>, während
-man von dem andern, dem braunen Grasfrosch, der auf
-der feuchten Wiese oft in großer Anzahl vor unsern
-Schritten aufspringt, nur selten einen knurrenden Laut
-vernimmt; <em class="antiqua">rana muta</em>, d. i. der Stumme, nannte ihn
-deshalb der Zoolog. Um so lebhafter der andere, der
-Wasserfrosch. Er ist es, von dem das Märchen so viel
-zu erzählen weiß, von seinem Schloß tief unten im feuchten
-Element, wo der Froschkönig sein Reich aufgeschlagen
-hat und seine Herrschaft über die ganze pausbäckige<span class="pagenum"><a id="Page_72">[72]</a></span>
-Gesellschaft ausübt. Meist handelt es sich um
-Verwandlungsmärchen, um einen Fürstensohn, der in
-einen Frosch verzaubert ward und dann durch die Guttat
-eines Menschenkindes erlöst wird. Oder ich erinnere an
-Georg Rollenhagens »Froschmäuseler« aus dem Jahre
-1595, ein langatmiges Reimwerk, dem Homers »Froschmäusekrieg«
-zur Grundlage diente. Die ganze wunderliche
-Hofhaltung der Frösche und Mäuse wird uns hier
-geschildert und die blutige Schlacht zwischen den Bewohnern
-des Wassers und den kleinen graufelligen
-Nagern des Feldes. Und dann, wieviel alte und neue
-Fabeln handeln doch von dem kaltblütigen Sänger, der
-bald mit der Nachtigall, bald mit dem Kuckuck den
-Wettgesang anstimmt!</p>
-
-<p>Auch die <em class="gesperrt">Kröte</em> mit der goldenen Krone ist eine
-Märchengestalt, die auf Erlösung harrt. Ich glaube, ihr
-schönes goldenes Auge, das treuherzig blickt, voll Wehmut
-und Sehnsucht, hat es dem Menschen angetan. Wer
-es fertig bringt, eine Kröte in roher Weise zu töten,
-muß bar jedes Gemüts sein.</p>
-
-<p>Von den <em class="gesperrt">Schlangen</em> ist im Märchen manchmal
-die Rede. Sie sind die Behüterinnen verborgener Schätze
-oder werden nur nebenbei erwähnt, um die gruselige
-Stimmung, die einsame, dunkle Orte dem Menschen
-einflößen, noch zu erhöhen. Selten wird eine bestimmte
-heimische Schlangenart genannt, auch die giftige Kreuzotter
-nicht. Dagegen tritt unter dem Namen »Hausunke«
-die Ringelnatter auf; ihre gelblichen oder weißen Halbmondflecken
-am Hinterkopf und Hals werden als Krone
-gedeutet.</p>
-
-<p>Es würde zu weit führen, auch den <em class="gesperrt">wirbellosen
-Tieren</em> unsre Aufmerksamkeit zu widmen. Auch von<span class="pagenum"><a id="Page_73">[73]</a></span>
-ihnen gibt es recht viele, die wahrhaft volkstümlich geworden
-sind und besonders in der deutschen Fabel häufig
-auftreten. Ich erinnere nur an Ameise, Biene, Feldgrille,
-Heupferd, Leuchtkäfer oder an die Schnecke.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Schutz der Tierwelt! Es wird so viel darüber geklagt,
-daß die großen Tiere der Tropen und der Polarzonen
-durch die unsinnige Jagdleidenschaft der weißen
-Rasse ihrem Untergang mit Riesenschritten entgegeneilen,
-daß die Elefanten, Giraffen und Flußpferde,
-ebenso die großen Walsäugetiere oder die Büffel, die
-einst in ungeheuren Scharen die weiten Ebenen Nordamerikas
-belebten, recht bald der Vergangenheit angehören
-werden. Und nicht etwa nur die wirtschaftliche
-Einbuße und der Verlust, den die Wissenschaft dadurch
-erleidet, rechtfertigen diese Klage und Anklage, sondern
-der Frevel an der Natur ist es, der das Herz eines jeden
-mit Bitterkeit und Trauer erfüllt. Aber näher doch als
-jene Tiere ferner Zonen sollte uns die <em class="gesperrt">heimatliche</em>
-Tierwelt stehen. An ihrer Erhaltung ist nicht etwa
-nur dem einzelnen Naturfreund gelegen, sondern unserm
-ganzen Volk im allerweitesten Sinne. Wir dürfen nicht
-engherzig nach Nutzen und Schaden fragen, sondern die
-höheren Tiere sind mit ganz wenig Ausnahmen &ndash; ich
-denke z.&nbsp;B. an die Kreuzotter oder an kleine Säugetiere,
-die namentlich auf den Feldern als verheerende Landplage
-auftreten können &ndash; um ihrer selbst willen des
-allgemeinen Schutzes wert. Wenn wir aber aus der
-großen Masse einige besonders hervorheben wollen, deren<span class="pagenum"><a id="Page_74">[74]</a></span>
-Untergang am meisten beklagenswert wäre, ein unersetzlicher
-Verlust nicht nur für die deutsche Landschaft, sondern
-für unser ganzes Volk, so sind es die <em class="gesperrt">volkstümlichen
-Tiere der deutschen Märchen
-und Fabeln</em>.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_75">[75]</a></span></p>
-
-<h2 id="Allerlei_Fischrauber_bepelzt">Allerlei Fischräuber, bepelzt
-und befiedert</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Die Ziele und Bestrebungen der Menschen sind verschieden
-und müssen es sein. Was bringt mir
-Nutzen und Gewinn? was ist für mich persönlich von
-Vorteil? was kann mir schaden? was steht mir im
-Wege, mein Ziel zu erreichen? Das sind die täglichen
-Fragen des einzelnen.</p>
-
-<p>Aber der einzelne vermag wenig. Gleichgesinnte
-haben sich deshalb zu Verbänden zusammengeschlossen,
-um mit vereinten Kräften das gemeinsame Ziel zu
-verfolgen. Solcher Vereine oder Verbände gibt es unzählige,
-und wo sie lediglich äußere Vorteile im Auge
-haben, wo die Frage nach Nutzen und Schaden im
-Vordergrund steht, da kreuzen sich ihre Interessen vielfach,
-und es treten Gegensätze hervor, die oftmals zu
-erbitterten Kämpfen führen.</p>
-
-<p>Der Landwirt, der Jäger, der Fischzüchter, der Obstgärtner,
-der Imker u.&nbsp;a., sie glauben ein Recht zu haben,
-mit allen Mitteln die Ziele zu verfolgen, die ihnen ihr
-Beruf setzt. Sie vergessen aber nur zu leicht dabei die
-Rücksichtnahme, die sie ihren Mitmenschen schuldig sind,
-und nicht nur diesen, sondern unserer gemeinsamen
-Mutter, der Natur, der wir alles verdanken.</p>
-
-<p>Der Jäger sucht die Feinde seines sorgsam gehegten
-Wildstandes unschädlich zu machen; er stellt also auch<span class="pagenum"><a id="Page_76">[76]</a></span>
-den Raubvögeln nach, deren herrlicher Flug das Auge
-und Herz des Naturfreundes erfreut, und er fragt wenig
-danach, ob er dadurch den Landwirt schädigt, zu dessen
-treuesten Verbündeten im Kampfe gegen die Mäuse gerade
-sehr viele Raubvögel gehören. Der Fischereiberechtigte
-leidet den farbenprächtigen Eisvogel nicht und fängt
-ihn in kleinen Tellereisen, obgleich die Vogelfreunde
-sich bemühen, diesen herrlichen Edelstein der heimatlichen
-Vogelwelt vor völligem Untergang zu bewahren,
-oder er setzt Prämien für die Erlegung des Fischadlers
-und anderer Fischfeinde aus, bepelzt und befiedert, deren
-Vernichtung auch die Wissenschaft beklagen muß, sobald
-es sich um seltene Naturdenkmäler handelt. Der Bienenzüchter
-ist den Meisen und Rotschwänzchen feindlich gesinnt,
-die ihm manche Biene wegschnappen; er vergißt
-dabei, daß gerade diese Vögel dem deutschen Forstmann
-wie dem Obstgärtner von allergrößtem Nutzen sind. Der
-Pächter von Kirschplantagen klagt darüber, daß der
-Vogelfreund den Star durch Aushängen von Nistkästen
-in mancher Gegend unseres Vaterlandes in einer Weise
-vermehrt habe, daß die Kirschenernte durch diesen Vogel
-arg geschmälert werde. Die Katze, die dem Gutsbesitzer
-unentbehrlich ist, wird geschossen, wenn sie sich am Waldrande
-zeigt, oder der Vogelschützler fängt sie in der Falle,
-die er in seinem Garten aufgestellt hat. Und so geht
-es weiter: <em class="gesperrt">überall Gegensätze, überall Meinungsverschiedenheiten</em>
-zwischen den Jagdschutz-,
-Fischereischutz-, Vogelschutz-, Obstbau-, Bienenzüchter-,
-Gärtner-, Naturschutzvereinen und ihren einzelnen
-Vertretern, und <em class="gesperrt">jeder glaubt im Recht zu
-sein</em>, wenn er sich über die Handlungsweise des Nachbarn
-bitter beklagt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_77">[77]</a></span></p>
-
-<p>Und doch, nur ein klein wenig gegenseitiges Verständnis,
-ein wenig Rücksichtnahme, freundliches Entgegenkommen
-von der einen Seite wie von der andern:
-wahrhaftig, mancher Streit könnte beigelegt, mancher
-Zusammenstoß gemildert werden. Wir wollen doch nicht
-ganz aufgehen in unsern persönlichen Interessen, nicht
-immer nur nach Nutzen und Schaden fragen, nach eignem
-Vorteil und Gewinn. Auf eine höhere Warte müssen
-wir uns stellen und das große Ganze überblicken, nicht
-den einzelnen im Auge haben, sondern die Gesamtheit.
-So verschieden die Bestrebungen und Ziele auch sein
-mögen: in dem <em class="gesperrt">einen</em> großen und idealen Ziele finden
-wir uns schließlich doch alle zusammen: <em class="gesperrt">die Natur
-unsrer Heimat möchten wir so gern in ihrer
-heiligen, unverletzlichen Schönheit erhalten
-wissen</em>, soweit es ohne wesentliche Schädigungen
-<em class="gesperrt">berechtigter</em> Sonderinteressen nur irgend
-möglich ist. <em class="gesperrt">Schutz unsrer Heimat!</em> das muß unsre
-Losung sein; alles andre hat sich diesem allgemeinen Ziel
-unterzuordnen.</p>
-
-<p>Wer den großen, gar nicht hoch genug einzuschätzenden
-Vorzug besitzt, daß ihn sein Beruf in die innigste Berührung
-mit der Natur bringt, der darf nie vergessen,
-daß er dieser unsrer Allmutter, wie seinen weniger
-begünstigten Mitmenschen gegenüber Verpflichtungen
-schuldet, die den eignen persönlichen Interessen vorangehen.
-Und so sollten sich all diese Begünstigten die
-Hand zum Bunde reichen und sich zusammenfinden in
-der <em class="gesperrt">Idee des Heimatschutzes</em>, der kein kleinliches
-Partei-, kein einzelnes Berufsinteresse kennt. Die gefährdeten
-Geschöpfe unsrer Heimat gilt es zu erhalten,
-nicht zu vernichten! Wir haben kein Recht, die Natur<span class="pagenum"><a id="Page_78">[78]</a></span>
-zu verstümmeln. Wir wollen uns nicht nur der nützlichen
-und harmlosen Tiere annehmen, sondern auch derjenigen,
-die sich in vielen Einzelfällen als schädlich erweisen,
-und wollen diese wenigstens soweit dulden, daß
-sie nicht völlig von der Bildfläche des Lebens schwinden
-&ndash; unrettbar, unwiederbringbar!</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Fischerei</em> hat über die Menge der tierischen
-Feinde vielleicht noch mehr zu klagen als die Jagd.
-Dabei wollen wir die kleineren Räuber, die den Kerbtieren
-angehören, ganz unberücksichtigt lassen: den Gelbrand
-und seine Larve, die nicht nur die junge Brut überfallen,
-sondern sich auch nicht scheuen, mit ihren scharfen
-Freßwerkzeugen selbst größere Fische anzubeißen, oder den
-Rückenschwimmer, auch Wasserwanzen und Wasserskorpion,
-ebenso die äußerst räuberischen Larven mancher
-anmutigen Libellen, die als fertige Insekten zu den
-harmlosesten Tieren gehören. Wir wollen nur an die
-vielen Fischfeinde oder, besser gesagt, an die Fischliebhaber
-denken, die dem Fischereiberechtigten aus der Reihe
-der Wirbeltiere mancherlei Schaden verursachen.</p>
-
-<p>Ein wirkliches Raubtier, der <em class="gesperrt">Fischotter</em>, der
-Familie der Marder angehörend, ist wohl am meisten
-gefürchtet. Töricht und ungerechtfertigt wäre es, vom
-Fischereiberechtigten zu verlangen, diesen bösen Fischräuber
-unbehelligt zu lassen. Wo er sich in unsern Teichgebieten
-zeigt, die vornehmlich der Karpfen- und Schleienzucht
-dienen, da bleibt dem Besitzer oder Pächter gar
-nichts anderes übrig, als den Otter im Eisen zu fangen
-oder auf dem Anstand zu schießen oder auch durch scharfe<span class="pagenum"><a id="Page_79">[79]</a></span>
-Otterhunde und Teckel ihn in seinem Bau aufzustöbern;
-denn der Schaden, den der gewandte Schwimmer hier
-anrichtet, ist unberechenbar groß, zumal der Fischotter
-ungleich mehr Fische vernichtet, als er zu verzehren vermag.
-Auch den Möweneiern, der Kiebitzbrut, jungen
-Gänsen und Enten, zahmen wie wilden, stellt der mordgierige
-Räuber nach. Aber es gibt doch auch Gewässer
-in unserm Vaterland, Flüsse und Bäche, wo von größerem
-Fischreichtum nie die Rede sein kann. Wenn sich hier
-'mal ein Fischotter zeigt und der Fischereiberechtigte fängt
-nun an zu rechnen: 6&nbsp;Pfund Fische täglich zum Fraß
-und noch doppelt so viel aus reiner Mordlust, macht
-18&nbsp;Pfund auf den Tag oder 65&nbsp;Zentner im Jahre; alles
-halbpfündige Forellen vielleicht &ndash; mir schwindelt der
-Kopf, wenn ich dran denke, wieviel Tausende Papiermark
-das ausmacht: so ist solches Rechenwerk einfach
-lächerlich; denn so viel Fische beherbergt der ganze Fluß
-nicht, selbst wenn man die winzigsten Schneider mitrechnet.
-Oder hofft der Fischer etwa, wenn er den Übeltäter
-erst 'mal hat nun die 65&nbsp;Zentner Fische selbst einheimsen
-zu können? Vergebliche Hoffnung! Zu fischreichen
-Gründen, wie sie es vielleicht ehemals waren,
-als die Fabriken durch ihre Abwässer den Flußlauf
-noch nicht verunreinigt hatten, werden derartige Gewässer
-niemals wieder sich umwandeln, ob man den
-Otter gewähren läßt oder ihn wegfängt.</p>
-
-<p>Zum Glück ist der Herr der Seen und Flüsse ein
-kluges Geschöpf, vorsichtig, mißtrauisch; die geringste Veränderung
-in der Nähe seines Baues und Ausstieges
-bemerkt er sofort, und so müht sich der Fänger in vielen
-Fällen vergeblich ab, den Fischräuber zu überlisten. Wir
-dürfen hoffen, daß das interessante »Fischsäugetier«<span class="pagenum"><a id="Page_80">[80]</a></span>
-unserer Heimat trotz aller Nachstellungen, wenn auch in
-verschwindend geringer Anzahl, erhalten bleibt.</p>
-
-<p>Auch die Verwandten, die Mitglieder der eigentlichen
-<em class="gesperrt">Marderfamilie</em>, stellen gelegentlich den
-Karpfen und Schleien und selbst den flinken Forellen
-nach. Gute Schwimmer sind sie alle, und was sie erreichen
-können zu Land und zu Wasser, wird erbarmungslos
-gemordet. Aber gerade die Vielseitigkeit ihres
-Speisezettels &ndash; Eichkatzen, Wildtauben, Häher, Krähen,
-allerlei Kleinvögel und ihre Eier, Mäuse und Frösche,
-Ratten, Junghasen, Kaninchen, Fasanen, Eidechsen,
-Fische, Maikäfer usw. &ndash; beweist, daß sowohl die größeren
-Arten, Baum-, Hausmarder und Iltis, als auch die
-kleineren, Hermelin und Mauswiesel, neben beträchtlichem
-Schaden, den sie vor allem der Niederjagd zufügen,
-doch auch manchen Nutzen stiften. Wo sie sich zu
-stark vermehren, da soll man ihnen Einhalt gebieten;
-aber sie auszurotten, wäre eine sehr bedenkliche Maßnahme.
-Mäusefraß und Rattenschaden, übermäßige Vermehrung
-der Eichhörnchen oder auch der Krähen und
-Wildtauben würden solchen Weltverbesserern beweisen,
-daß sie auf dem Holzwege sind.</p>
-
-<p>Auch die kleine <em class="gesperrt">Wasserspitzmaus</em> wird des
-Fischraubes beschuldigt, und gewiß mag ihr manche
-Elritze, mancher Stichling zum Opfer fallen; aber wenn
-man bedenkt, daß die flinken, ewig hungrigen Spitzmäuse
-jedes Tier auffressen, das sie überwältigen können,
-Schnecken, Egel, Libellen- und Schwimmkäferlarven,
-Flohkrebse, Uferwanzen, Heuschrecken, Regenwürmer,
-Raupen, Larven von Köcherfliegen u.&nbsp;a., wird der Fischpächter
-versöhnlicher gestimmt werden und den kleinen
-muntern Schwimmern auch 'mal ein Fischchen gönnen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_81">[81]</a></span></p>
-
-<p>Über die <em class="gesperrt">Wasserratte</em>, die im Gegensatz zu den
-bisher genannten Fleisch- und Insektenfressern zu den
-Nagetieren zählt, sind die Ansichten geteilt. Die einen
-meinen, die Wasserratte rühre kein Fischlein an; andere
-dagegen behaupten, kleine Fische fielen ihr häufig zum
-Opfer, und wo Fischzucht getrieben wird, dürfe es daher
-keine Wasserratten geben. Allzugroß wird der Schaden
-jedenfalls nicht sein, zumal der Nager durch den Fang
-fischfeindlicher Wasserinsekten manchen Verlust wieder
-auszugleichen mag.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Aber <em class="gesperrt">gefiederte</em> Fischräuber gibt es viel mehr
-als bepelzte &ndash; leider, leider! Man kann es den Fischereiberechtigten
-wirklich nicht verargen, wenn sie sich gegen
-die Konkurrenz, die ihnen von dieser Seite zweifellos
-in oft recht empfindlicher Weise gemacht wird, zur Wehr
-setzen. Auf der andern Seite sind gerade unter diesen
-gefiederten Fischliebhabern einige, die zu den schönsten
-Mitgliedern der Vogelwelt gehören und unsern Teich-
-und Seenlandschaften zum reizvollsten Schmuck gereichen,
-so daß deren Verfolgung den Naturfreund außerordentlich
-schmerzlich berühren muß. Hier ist eine Verständigung
-sehr schwierig. Es muß der Fischer dem Vogelfreund
-ein wenig entgegenkommen, und dieser jenem.
-Schon wenn jeder sich bemüht, den Standpunkt des
-andern zu verstehen und zu würdigen, wird viel gewonnen
-sein.</p>
-
-<p>Ich denke, man sollte zunächst einmal unterscheiden,
-ob es sich um <em class="gesperrt">einzeln</em> lebende Fischräuber handelt,
-z.&nbsp;B. den Fischadler, den Schwarzstorch, den Eisvogel,<span class="pagenum"><a id="Page_82">[82]</a></span>
-die also mehr oder weniger als Einsiedler hausen und
-ein weites Revier für sich beanspruchen, oder um solche
-Vögel, die <em class="gesperrt">in größerer Menge</em> auftreten, wie
-Reiher, Möwen, Taucher u.&nbsp;a. Bei jenen darf man
-wohl erwarten, daß der einsichtsvolle Fischer, dem doch
-auch die Erhaltung der heimatlichen Natur am Herzen
-liegt, ein Auge zudrückt, falls die Verhältnisse nicht besonders
-ungünstig sind; es kann ja hier höchstens von
-einem örtlichen, nicht aber von einem allgemeinen
-Schaden die Rede sein. Bei den in größerer Anzahl
-auftretenden Schädlingen aber sollte man sich damit begnügen,
-sie auf ein gewisses Maß zu beschränken. Und
-dieses Maß, das nicht überschritten werden darf, scheint
-mir allerdings für manche Gegend bereits erreicht zu
-sein. Indessen allgemeine Regeln, die in jedem Einzelfall
-zu beachten sind, lassen sich nicht aufstellen.</p>
-
-<p>Wer den <em class="gesperrt">Eisvogel</em> aus dem Bereich der Fischzuchtanstalten
-vertreibt, dem wird man es nicht verargen
-können; denn wo diese gefiederten Fischer in größerer
-Anzahl regelmäßig bestimmte Setzteiche besuchen, da wird
-der Schaden nicht unerheblich sein, obgleich sie nur kleinfingerlange
-Fischchen erbeuten. Solche Fälle aber sind
-Ausnahmen. Jedes Pärchen beansprucht ein großes Gebiet
-und duldet kein zweites in unmittelbarer Nähe.
-Und gerade in unserer Heimat sind die Eisvögel bereits
-so selten geworden, daß ich nicht weiß, ob jeder meiner
-Leser schon einmal in freier Natur den leuchtenden Funken,
-rotgoldig glänzend und seidig blau, an sich hat vorüberschießen
-sehen, oder ob er ihn nur im ausgestopften
-Zustande kennt. Jedenfalls ist es selbst für den, der mit
-der gefiederten Welt der Heimat vertraut ist, immer
-ein Ereignis, wenn er dem Eisvogel an unsern Bächen,<span class="pagenum"><a id="Page_83">[83]</a></span>
-Flüssen und Teichen begegnet. Ihn <em class="gesperrt">überall</em>, wo er
-sich zeigt, wegzuknallen oder in kleinen Tellereisen zu
-fangen, ist eine Versündigung an der Natur. An unsern
-Gebirgsbächen, an unsern Flüssen, an allen Teichen, die
-nicht gerade der Fischzucht dienen, sollte man den einsamen
-Fischer ruhig gewähren lassen. Oder ist wirklich
-jemand der Meinung, der Eisvogel trage die Schuld,
-daß die heimatlichen Gewässer so arm an Fischen sind?</p>
-
-<p>In dem überaus heißen und regenarmen Sommer
-des Jahres 1911, wo bei uns alle Quellen versiegten,
-jedes Bächlein, jeder Graben austrocknete, da sammelten
-sich einige Eisvögel an dem einzigen größeren Bach
-meiner Heimat, der noch etwas Wasser führte; der
-Hunger trieb sie hierher. Aber dem Tode entging vielleicht
-keiner; man schoß ab, so viel man erreichte. Wozu?
-Hier, wo von gewinnbringender Fischerei nicht die Rede
-sein kann, wo nur gelegentlich ein paar Forellen gefangen
-werden, hätte man doch wahrhaftig den schönen
-Vögeln den kleinen Tribut gönnen können, den sie beanspruchten;
-nach kurzer Zeit würden sie sich wieder über
-ein weites Gebiet, aus dem sie die Trockenheit vertrieben
-hatte, verstreut haben. Ist der Fischereiberechtigte der
-sogenannten wilden Fischereien wirklich in so bedrängten
-Verhältnissen, daß es ihm auf ein paar winzige Fischchen
-ankommt? so fragt man sich. Nimmt er lieber den Unwillen
-der vielen Naturfreunde, die solche Handlungsweise
-mit Recht verurteilen, auf sich, als daß er auf
-eine kleine Anzahl zum Teil fast wertloser Schuppenträger
-verzichtet? Man möchte solch engherzigem
-Pfennigrechner den geringen Verlust gern aus eigner
-Tasche ersetzen.</p>
-
-<p>Und nun die weitere Frage: Hat der Fischereipächter<span class="pagenum"><a id="Page_84">[84]</a></span>
-ein gesetzliches Recht, den Eisvogel zu töten? Nach dem
-deutschen Vogelschutzgesetz ist der Eisvogel ebenso geschützt
-wie jeder Singvogel. Bei uns in Sachsen wird er laut
-eines Beschlusses des Finanzministeriums vom 3.&nbsp;Juni
-1912 als jagdbar angesehen, »da er wirtschaftlich wesentlich
-schädlich« sei<a id="FNanchor_3_3"></a><a href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">3</a>; doch soll er die allgemeine Schonzeit
-vom 1.&nbsp;Februar bis mit 31.&nbsp;August genießen. Die
-Dienststellen der Forstverwaltung sind angewiesen, ihn
-durchaus zu schonen. In Preußen dürfen die Fischereiberechtigten
-den Eisvogel ohne Anwendung von Schußwaffen
-fangen und töten, in Sachsen nicht. In Bayern
-aber, in Württemberg, Baden, Mecklenburg und in fast
-allen andern deutschen Einzelländern ist der Eisvogel
-unbedingt geschützt. Man ist sich in vielen Kreisen über
-diese rechtliche Stellung unseres Vogels noch gar nicht
-im klaren.</p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_3_3"></a><a href="#FNanchor_3_3"><span class="label">3</span></a> Nach meiner persönlichen Auffassung ist dieser Beschluß nicht
-haltbar. Alle »kleinen Feld-, Wald- und Singvögel« sind vom
-Jagdrecht ausgenommen. Zugegeben auch, daß der Eisvogel unter
-diesen Begriff nicht recht zu bringen ist, ein »Wasservogel« &ndash; und
-als solcher nur wäre er jagdbar &ndash; ist er aber gleich der Bachstelze
-und der Wasseramsel doch nur im biologischen, nicht im systematischen
-Sinne. Und daß Nutzen oder Schaden bei der Beurteilung,
-ob jagdbar oder nicht jagdbar, berücksichtigt werden sollen,
-davon sagt das Gesetz nichts.</p></div>
-</div>
-
-<p>Sehr bedauerlich ist es auch, daß oftmals lediglich
-die hervorragende Schönheit des Vogels den Anreiz zu
-seiner Verfolgung gibt, wie es auch von der Mandelkrähe,
-dem Pirol und andern auffallend gefärbten
-Vögeln gilt, die man doch gerade ihrer Schönheit wegen
-besonders schonen sollte &ndash; »Schönheit« und »schonen«
-sind sprachlich verwandte Wörter! Jede Schule ist stolz
-darauf, wenn sie unter ihren Anschauungsobjekten auch<span class="pagenum"><a id="Page_85">[85]</a></span>
-einen Eisvogel besitzt, und als vor einigen Jahren die
-Mode aufkam, die Schüler im Zeichenunterricht ausgestopfte
-Vögel zeichnen und malen zu lassen &ndash; wie
-kann ein ausgestopfter Vogelbalg das Leben in freier
-Natur ersetzen! &ndash; da war die Nachfrage nach Eisvögeln
-besonders stark, und trotz aller Schongesetze wurde unter
-den prächtigen Vogelgestalten tüchtig aufgeräumt. Wenn
-der Bestand der gefiederten Fischer weiter in dem Maße
-abnimmt, wie innerhalb der letzten 30 bis 40&nbsp;Jahre,
-so wird der schöne Vogel in kurzer Frist, bei uns wenigstens,
-nur noch der Sage angehören, und die Enkel, die
-vielleicht in der »guten Stube« der Großeltern den ausgestopften
-Eisvogel bewundern, wie er da zwischen den
-goldumrandeten Tellern und Tassen im Glasschrank
-seinen Platz gefunden hat, werden es nicht glauben
-wollen, daß solch herrliche, tropisch gefärbte Vögel einstmals
-in unsrer Heimat gelebt haben. »Warum schoß
-man sie ab?« so fragen die Enkel dann, »was taten sie
-den bösen Menschen zuleide?« »»So manches Fischlein
-holten sie sich aus Bächen und Flüssen; da ließ man
-keinen am Leben!««</p>
-
-<p>Es nützt wenig, den Fischpächter darauf hinzuweisen,
-wie doch auch der Eisvogel gerade für ihn, den Fischer,
-einigen Nutzen stiftet, indem er allerlei Kerbtiere und
-deren Larven wegfängt, die der Fischerei großen Schaden
-zufügen; man denkt immer nur an die Konkurrenz durch
-den gefiederten Fischer. Gewiß, seine Hauptkost bilden
-die kleinen Flossenträger, die er, von seinem Sitzplatz
-aus eräugt und nun, ins Wasser hinabstürzend, zu fassen
-sucht. Aber nicht immer wird ihm ein Fisch zur Beute;
-oft ist's nur ein grauer Rückenschwimmer oder die Larve
-einer Wasserjungfer, einer Köcherfliege, die er erwischt;<span class="pagenum"><a id="Page_86">[86]</a></span>
-noch öfter aber geht der Stoß fehl. Sehr genaue Forschungen
-über die Nahrung der Eisvögel hat <em class="gesperrt">Liebe</em>
-angestellt. Die Untersuchung des Kropfinhaltes ergab,
-daß bei 78&nbsp;v.&nbsp;Hdt. Fischreste, bei 22 aber die Reste von
-Kerbtieren überwogen. Damit stimmen auch die Magenuntersuchungen
-<em class="gesperrt">Ecksteins</em> überein, der in 34&nbsp;Magen
-Fischreste, in 12&nbsp;Magen Insektenteile fand. Namentlich
-wenn der Eisvogel Junge im Nest hat, treibt er eifrig
-Kerbtierfang; denn zunächst füttert er die Kleinen mit
-Insekten und deren Brut, erst später mit Fischen aller
-Art. Daß er mit Vorliebe kleine Forellen fange, ist
-eine grundlose Behauptung.</p>
-
-<p>Wirklich nachweisbaren Schaden wird der Eisvogel
-nur dort anrichten, wo künstliche Fischzucht getrieben
-wird, außerdem wo er an reichen Fischgewässern ausnahmsweise
-einmal in größerer Anzahl auftreten sollte.
-Wenn ihn der Fischereiberechtigte, namentlich der Forellenzüchter,
-an solchen Stellen zu vertreiben sucht, wird
-kein verständig Urteilender etwas einzuwenden haben,
-und wir sollten meinen, wie in Weinbergen und Kirschplantagen
-der Gebrauch des Schießgewehrs zur Abwehr
-der Vögel gestattet werden kann, so dürfte es zweckmäßig
-sein, wenn die Polizeibehörde &ndash; der Stadtrat bzw. die
-Amtshauptmannschaft &ndash; ermächtigt würde, die gleiche
-Erlaubnis den Besitzern von Forellenzuchtanstalten in
-bezug auf den Eisvogel zu erteilen, natürlich nur nach
-gründlicher Prüfung jedes Einzelfalles und bloß auf
-eine bestimmte kurze Zeit. Ganz verwerflich aber ist es,
-den herrlichen und bei uns in Sachsen schon recht seltenen
-Vögeln an jedem Orte, wo man sie antrifft, nachzustellen.</p>
-
-<p>Und was vom Eisvogel gilt, das gilt in noch erhöhtem
-Maße von der <em class="gesperrt">Wasseramsel</em>. Zwar entbehrt dieser<span class="pagenum"><a id="Page_87">[87]</a></span>
-Vogel der tropischen Farbenpracht, aber er ist trotzdem
-eine der anmutigsten, lieblichsten Erscheinungen an unsern
-Gebirgsbächen, und ein hübsches Kleid besitzt er
-auch. Das weiße Vorhemd, das sich wirkungsvoll von
-der rostbraunen Unterbrust abhebt, steht ihm ganz allerliebst.
-In den Bewegungen, besonders dem fortwährenden
-Zucken des kurzen Schwänzchens, hat die Wasseramsel
-etwas vom Zaunkönig, mit dem sie auch verwandt
-ist. Sie gehört zu den Singvögeln und besitzt einen
-zwitschernden, grasmückenartigen Gesang. Dem Rieseln
-des Wassers, das auf steinigem Grunde dahinfließt, ist
-das plaudernde Lied zu vergleichen. Und wer je das
-Glück gehabt hat, die Wasseramsel beim Schwimmen
-und Tauchen zu beobachten, der wird immer mit Vergnügen
-an sie denken.</p>
-
-<p>Mit dem feuchten Element ist die Wasseramsel von
-frühester Jugend an vertraut. Ihre Kinderwiege stand
-in einem Felsenloch am Ufer des Gebirgsbachs oder in
-einem ausgehöhlten Pfahl am Wehr, hinter dem sich
-das Wasser staut, vielleicht auch in dem Schaufelrad der
-alten verfallenen Mühle, die längst das Klappern verlernt
-hat. Hier verträumte das Vögelchen die ersten
-Tage seiner Kindheit. Es hörte das Rauschen des Bächleins;
-es sah, wie der Sonnenstrahl in dem rieselnden
-Naß unruhig glitzerte, wie die Mutter mit tropfenden
-Flügeln aus dem Wässerlein auftauchte, allerlei Leckerbissen
-im Schnabel, den Kindern zur willkommenen
-Speise. Und dem Bächlein bleibt der Vogel nun auch
-sein lebenlang treu. Gewissenhaft folgt er, talab oder
-talauf fliegend, all seinen Krümmungen; es ist, als
-müsse die Wasseramsel das rieselnde Wasser stets unter
-sich haben, auf das immer ihr schöner, großer Augenstern<span class="pagenum"><a id="Page_88">[88]</a></span>
-gerichtet ist. Und Furcht vor dem Wasser kennt unser
-Vögelchen nicht. Auf einem Stein sitzt es, mitten im
-Strudel; dann läuft es hinein in den schäumenden Gischt.
-Bis zur weißen Hemdbrust schon reicht ihm das Wasser,
-jetzt bis zu den Augen, und jetzt ist das ganze Persönchen
-in dem klaren Waldbach verschwunden. Mit Flügeln
-und Füßen arbeitet der Vogel kräftig gegen die Strömung;
-dann taucht er wieder empor und surrt, die
-Tropfen vom Gefieder abschüttelnd, nach einem Ästchen,
-das niedrig über dem Bächlein herabhängt. Aber nur
-kurz ist die Ruhe. Dicht über dem Wasser fliegt das
-Vöglein weiter talaufwärts, wo es von einem andern
-Stein aus das Spiel von neuem beginnt. Selbst den
-kleinen Wasserfall fürchtet es nicht; im Flug durchschneidet
-es ihn und sucht hinter der herabstürzenden
-Flut nach Nahrung, die ihm der Bach allezeit spendet.
-Auch im härtesten Winter bleiben einige Stellen des
-lustig von Stufe zu Stufe hüpfenden Wässerchens eisfrei,
-daß der niedliche Vogel auch dann keine Not leidet. Ja
-mitunter läßt er schon mitten im Winter, wenn die
-Bäume ringsum unter der Schneelast sich neigen und
-über vereistem Grund das Bächlein talab hüpft, sein
-kleines Lied hören, und der kleinste der Kleinen, Zaunkönigs
-Majestät, gibt ihm Antwort: »Winter, wir fürchten
-dich nicht!«</p>
-
-<p>Die Nahrung der Wasseramsel besteht aus allerlei
-Kleingetier, wie es jedes klare fließende Wasser am
-Grunde zwischen und unter den Steinen reichlich bietet:
-Larven und Puppen der Wasserkäfer, der Ufer- und Eintagsfliegen,
-Wassermotten, Wasserwanzen, Flohkrebschen,
-wohl auch eine Wasserschnecke, gelegentlich eine Elritze
-oder ein Stichling. An Forellenteichen wird es natürlich<span class="pagenum"><a id="Page_89">[89]</a></span>
-auch vorkommen, daß sich die Wasseramsel an Forellenbrut
-vergreift. Aber der Schaden, den der hauptsächlich
-auf Insektenkost angewiesene Vogel der Fischerei zufügt,
-ist so geringfügig, daß wirklich kein Grund vorliegt,
-ihn zu verfolgen, wie es noch manchmal geschieht, obgleich
-das Gesetz ihn unter seinen Schutz nimmt.</p>
-
-<p>Die Talgründe unserer Heimat, z.&nbsp;B. die anmutigen
-Seitentäler der Elbe, namentlich aber auch droben im
-Gebirge, wo nur immer ein klarer Bach zu Tal rinnt, beherbergen
-noch immer den reizvollen Vogel. Möge er
-uns erhalten bleiben, damit wir uns auch in Zukunft
-an dem anmutigen Leben und Treiben des Vögleins
-erfreuen können! Gleich dem Eisvogel gereicht es jedem
-Gebirgsbach zum lieblichsten Schmuck.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Einer der seltensten Brutvögel im Deutschen Reiche ist
-der <em class="gesperrt">Schwarzstorch</em>. Bis auf einige Paare ist er aus
-unserm Vaterlande verschwunden. Unsre engere Heimat
-kennt ihn überhaupt nicht, höchstens daß er ausnahmsweise
-einmal an einem unsrer Gewässer auf
-seiner Herbst- oder Frühjahrsreise Rast macht. Ich habe
-den schönen Vogel wiederholt in Bosnien und in der
-Herzegowina angetroffen, während ich in Deutschland
-seinen Horst nur im Hannöverschen und am Darß (i.&nbsp;J.
-1913) gesehen habe. In Ostpreußen soll es noch mehrere
-besetzte Horste geben, auch im Kreise Neu-Ruppin zählte
-man vor einigen Jahren noch drei Stück.</p>
-
-<p>Wenn wir wünschen, daß dieses Naturdenkmal
-uns wenigstens in seinen spärlichen Resten erhalten
-bleibe, so werden uns sicher alle Verständigen zustimmen,<span class="pagenum"><a id="Page_90">[90]</a></span>
-obwohl der Schwarzstorch ein großer Liebhaber von
-Fischen ist.</p>
-
-<p>Unser gemütlicher Hausfreund, der <em class="gesperrt">weiße Storch</em>
-treibt gelegentlich auch Fischfang. Sollen wir ihm deshalb
-böse sein? In Sachsen brütet der Storch fast nur
-noch in der Lausitz, wo sich aber heute nicht einmal
-ein Dutzend besetzter Horste befinden. Die Gemeinde, die
-ein Storchenpaar besitzt, ist stolz auf den gefiederten
-Kinderfreund, und mit Teilnahme beobachtet groß und
-klein alle Vorgänge, die sich am Horst abspielen. Wer
-den Vögeln ein Leid antut, setzt sich dem allgemeinen
-Unwillen der Bevölkerung aus. Trotzdem kommt es bisweilen
-noch immer vor, daß ein Storch abgeschossen wird;
-man findet einen solchen mitunter verendet im Teichgebiet.
-Wer ihn auf dem Gewissen hat, weiß man nicht.
-Man sollte aufhören, die wenigen Störche, die unser
-Sachsen noch beherbergt, mit Pulver und Schrot zu verfolgen.
-Sind wir wirklich so arm geworden, daß unsre
-sächsischen Gewässer nicht einmal mehr ein paar Dutzend
-Störchen eine kleine Zubuße zu ihrer täglichen Nahrung
-spenden können? Aber auch in noch storchreichen Gegenden
-Mecklenburgs, Pommerns usw. hat die Anzahl der
-Störche in erschreckender Weise abgenommen. Es ist
-höchste Zeit, daß wir alle unsre schützende Hand über
-diesen Vogel halten, der, wie die Schwalben, zu den
-volkstümlichsten Erscheinungen der gefiederten Welt gehört,
-lieb und wert schon unsern Voreltern in längst
-vergangenen Tagen.</p>
-
-<p>Auch für den <em class="gesperrt">Fischadler</em>, der besonders das norddeutsche
-Seengebiet bewohnt, habe ich schon manches gute
-Wort eingelegt und freundliches Gehör gefunden. Für
-unser Sachsen ist der stolze Fischer als Brutvogel schon<span class="pagenum"><a id="Page_91">[91]</a></span>
-längst verschwunden; aber auf dem Zuge weilt er gern
-ein paar Tage an unsern stehenden Gewässern. Hoch
-über dem See zieht er dann seine Kreise; in Spiralen
-schraubt er sich tiefer. Plötzlich steht er, wie ein Falke
-rüttelnd, im Luftraum. Da stürzt er mit angezogenen
-Schwingen hinab. Das Wasser schlägt über ihm zusammen;
-aber im Nu taucht er wieder empor, einen Fisch
-in den Fängen. Ist es wirklich nötig, daß man diesen
-herrlichen Vogel sofort, wenn er sich zeigt, mit Pulver
-und Schrot empfängt? Ein paar Fische mag sein Besuch
-dem Teichpächter kosten; aber wie bald ist der edle Vogel
-wieder verschwunden!</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Neben den bisher angeführten nur <em class="gesperrt">einzeln</em> auftretenden
-Fischräubern gibt es aber auch Fischerei-Schädlinge,
-die <em class="gesperrt">kolonienweise</em> brüten. Ihre Anzahl
-auf ein gewisses Maß zu beschränken, sie »kurz zu
-halten«, wie der Jäger sagt, das ist das unveräußerliche
-Recht aller, die ein unmittelbares Interesse an dem
-Blühen und Gedeihen der Fischerei haben. Freilich sind
-dabei große Unterschiede zu machen, und <em class="gesperrt">ein Kampf
-bis zur Vernichtung ist unter allen Umständen
-verwerflich</em>.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Möwen</em>, die nur ganz geringen Schaden anrichten,
-da sie zu wenig Taucher sind, um sich im tiefen
-Wasser der schnellen Flossenträger bemächtigen zu können
-und nur an ganz seichten Stellen oder dort, wo kleine
-Fische in Pfützen geraten sind, dem Fischfang obliegen,
-sollte man als herrliche Zierde unsrer Gewässer ruhig
-gewähren lassen. Bei uns im Binnenland handelt es<span class="pagenum"><a id="Page_92">[92]</a></span>
-sich lediglich um die <em class="gesperrt">Lachmöwe</em>, an der schokoladebraunen
-Gesichtsmaske kenntlich, die sie im Sommer
-trägt. Manche Kolonie an unsern Teichen ist eingegangen,
-fast alle sind schwächer geworden; der Rückgang
-seit zehn oder zwanzig Jahren ist ganz auffallend.
-Er hängt wohl weniger damit zusammen, daß übereifrige
-Fischer die Vögel beim Brutgeschäft stören, um
-sie zu vertreiben, als mit dem Eierraub, der oft in rücksichtslosester
-Weise Jahr für Jahr ausgeübt wird, bis
-die Vögel den unwirtlichen Ort verlassen und der Besitzer
-der Kolonie das Nachsehen hat.</p>
-
-<p>Der Nutzen, den die Möwen für den Landwirt haben,
-ist unbestreitbar. Hinter dem pflügenden Landmann
-flattern und schreiten sie einher, die Insekten auflesend,
-die die Pflugschar freigelegt hat; ja, man kann beobachten,
-wie sie selbst der Mäusejagd auf den Feldern obliegen.
-Ihre Jungen füttern sie ausschließlich mit Kerbtieren,
-unter denen sich viele Fischereischädlinge befinden;
-ich habe niemals Fischreste an ihren Brutplätzen entdeckt.
-Auch an der Wasserkante macht sich der Rückgang aller
-Möwenarten von Jahr zu Jahr immer mehr bemerkbar.
-Früher sah man besonders bei stürmischer Witterung in
-den deutschen Seestädten viele Tausende von Möwen an
-und über den Hafengewässern, heute nur eine geringe
-Zahl. Jedenfalls hat der Fischer keinen stichhaltigen
-Grund, die Möwen zu verfolgen, und wenn Badegäste
-am Strand und vom Boot aus die anmutigen Segler
-der Lüfte, lediglich aus Übermut und um der Schießlust
-zu frönen, wegknallen, so sollte die dortige Bevölkerung
-den Frevlern solch verächtliches Handwerk gründlich
-legen. Den Schießern als Ziel zu dienen, dazu sind die<span class="pagenum"><a id="Page_93">[93]</a></span>
-Möwen, die so recht ein Gottesgeschenk für unsre Küstengewässer
-wie Binnenseen bedeuten, wahrhaftig nicht da.</p>
-
-<p>Auf und an fast allen größeren Teichen brüten, meist
-in mehreren Paaren, unsre vier <em class="gesperrt">Taucher</em>, von denen
-der stattliche schöne <em class="gesperrt">Haubentaucher</em> der seltenste ist.
-Er beansprucht eine größere Wasserfläche als die andern
-und kommt deshalb, namentlich auf den kleineren Gewässern
-unsrer Heimat, gewöhnlich nur vereinzelt oder
-in wenigen Paaren vor. Der Fischer ist sehr schlecht auf
-ihn zu sprechen; er betrachtet ihn als einen argen
-Räuber. Leider kann man diese Anklage nicht widerlegen.
-Selbst der Hinweis darauf, daß der Vogel doch
-auch viele Insekten vertilge, wird den Fischereiberechtigten
-kaum milder stimmen. »Insekten?« so entgegnet er
-uns, »die hätten ja auch den Fischen zur Nahrung dienen
-können; die Taucher verkürzen also auch noch jenen das
-tägliche Brot und schädigen mich so auf doppelte Weise.«
-Es ist schwer, dagegen etwas zu sagen, wenn man nicht
-immer wieder an die vielen räuberischen Insektenlarven
-erinnern will. Das Eine aber steht fest: bei solch einseitiger
-Betonung ganz bestimmter Interessen dürfte es
-bald aus sein mit dem Reichtum und der Mannigfaltigkeit
-der Natur. Mit demselben Recht würde der Brieftaubenzüchter
-fordern, daß er alle Raubvögel, der Imker,
-daß er Meisen und Fliegenschnäpper, der Obstzüchter,
-daß er Stare und Pirole abschießen dürfe. Wohin sollte
-das führen? Die kleineren Taucher, die <em class="gesperrt">Rot-</em> und
-die <em class="gesperrt">Schwarzhälse</em>, namentlich aber der winzige
-<em class="gesperrt">Zwergtaucher</em>, tun der Fischerei wenig Abbruch;
-man sollte sie ruhig gewähren lassen. Den großen Haubentaucher
-aber sollte man gleichfalls schonen, weil er
-selten ist, nur vereinzelt vorkommt und dem Gewässer<span class="pagenum"><a id="Page_94">[94]</a></span>
-zur schönsten Zierde gereicht. Freilich von Brut- und
-Streckteichen muß er ferngehalten werden.</p>
-
-<p>Viel schlimmere Fischräuber sind die <em class="gesperrt">Kormorane</em>.
-Aber für die deutsche Fischerei kommen diese Vögel nicht
-mehr in Betracht, da sie auf deutschem Gebiet sehr stark
-gezehntet worden sind. Sie waren bis zu Anfang des
-vorigen Jahrhunderts für ganz Norddeutschland ziemlich
-selten. Um 1810 legten sie aber auf Fünen eine große
-Kolonie an; hier wurden sie von den Fischern vertrieben.
-Ein Teil ließ sich auf Rügen nieder, wo die Vögel das
-gleiche Schicksal ereilte. Dann wanderten sie südwärts
-nach der Odermündung, und da man ihnen auch hier
-keine Ruhe gönnte, zogen sie weiter die Oder hinan bis
-in die Spreegegend. Pulver und Blei haben ihnen hier
-ein Ende bereitet. Es gab noch vor 50&nbsp;Jahren an
-den verschiedensten Örtlichkeiten Deutschlands kleinere
-Kolonien dieser gefräßigen Fischer, z.&nbsp;B. an der Müritz,
-am Pinnower See bei Schwerin, am Mecklenburger
-Strand, an der Ostseeküste Schleswig-Holsteins, im
-Oderbruch oberhalb Stettins, auf der Danziger Nehrung,
-am Frischen und am Kurischen Haff, am Mauersee in
-Masuren u.&nbsp;a.&nbsp;O. Heute ist das alles vorbei, und wenn
-wir von ein paar vereinzelten und unsicheren Brutstätten
-dieser Ruderfüßler absehen, so ist die Kormorankolonie im
-Kreise Schlochau in Westpreußen die letzte des Landes.
-Obgleich die Kormorane großen Schaden anrichten, so
-werden sie hier doch nicht vertilgt, »weil der Besitzer an
-den schönen interessanten Vögeln seine Freude hat«.
-(Vgl. Naumann, »Die Vögel Mitteleuropas«.)</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_95">[95]</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Viel allgemeiner und auch viel gerechtfertigter sind
-die Klagen der Fischer über die Schädigungen durch den
-<em class="gesperrt">Fischreiher</em>, gehört doch dieser stattliche Vogel auch
-heute noch vielen deutschen Ländern als Brutvogel an.
-Freilich auch seine Zahl ist, wie die aller größeren Vögel,
-außerordentlich zurückgegangen, und die wirklich reichbesetzten
-Reiherkolonien oder Reiherstände, welche Hunderte
-von Horsten vereinigen, gehören bereits zu den
-Seltenheiten. Viele Reiherstände sind völlig verschwunden.
-Nichts erinnert mehr daran, daß einst in den hohen
-Buchen und Eichen zahlreiche Horste standen; andere
-wieder, erst vor kurzem erloschen, zeigen noch in den
-Wipfeln der Bäume die verlassenen Brutstätten, bis
-schließlich ein Wintersturm die ineinander geflochtenen
-Reiser zerstreut. Jedenfalls sind die Zeiten vorbei, wo
-man sicher sein konnte, im Frühling und Sommer an
-jedem Fluß, an jedem See wenigstens einige dieser
-schönen Vögel anzutreffen.</p>
-
-<p>Im Mittelalter und auch später noch, bis ins 17.&nbsp;Jahrhundert,
-erfreuten sich edle Herren und Damen an der
-Reiherbeize. In frohem Zuge ritt man von der Burg
-herab, gefolgt von Jagdgästen, Falkonieren und der
-bellenden Meute. Zeigte sich ein Reiher, so ließ der
-Jagdherr und gleich darauf eine der Damen die schnell
-entkappten Falken steigen, die nun versuchten, das immer
-höher gehende Beutetier gemeinsam unter sich zu bringen.
-»Wie auf der Fuchshatz sausen Reiter und Reiterinnen
-durch dick und dünn, den sich in der Ferne fast verlierenden
-Kämpfern nach. Endlich hat ein Falk die Fänge in
-die dicken Schwingen des Reihers gehakt, und beide
-Partner wirbeln zur Erde. Der erste Reiter packt sie, bekappt
-den Falken und stellt den Reiher der Dame vor.«<span class="pagenum"><a id="Page_96">[96]</a></span>
-Die unbeschädigten Reiher, denen man nur ein paar
-Schmuckfedern nahm, ließ man dann oft wieder fliegen;
-doch tötete man sie auch bisweilen, weil ihr Wildbret
-auf vornehmen Tafeln sehr geschätzt war.</p>
-
-<p>Der Reiher gehörte damals zur »hohen Jagd«, deren
-Ausübung das Vorrecht hochstehender Personen, geistlicher
-und weltlicher Würdenträger, war. Die Strafen,
-mit denen die unbefugte Tötung eines Reihers bedroht
-ward, waren äußerst hart. Kein Reiherhorst durfte zerstört,
-kein Ei genommen werden, und nur dem Fischereiberechtigten
-war es allergnädigst gestattet &ndash; Scheuchen
-aufzustellen. In Sachsen erreichte die Falknerei unter
-August dem Starken ihren Höhepunkt; es wurden stattliche
-Summen für diesen Jagdsport ausgegeben, und
-wenn die Falken auch auf das verschiedenste Federwild,
-z.&nbsp;B. Trappen, Gänse, Schwäne, Rebhühner, Wachteln,
-losgelassen wurden, die Beizjagd des Reihers blieb doch
-immer die Hauptsache.</p>
-
-<p>Wie haben sich die Zeiten gewandelt! Das deutsche
-Vogelschutzgesetz hat die Reiher, sowohl den grauen Fischreiher,
-wie den Nachtreiher und die Rohrdommel, auf
-die Liste der Geächteten gesetzt; es gewährt ihnen in
-keiner Weise irgendwelchen Schutz, und die preußische
-Jagdordnung vom 15.&nbsp;Juli 1907, die doch alle Sumpf-
-und Wasservögel als jagdbare Tiere bezeichnet, schließt
-die grauen Reiher &ndash; ebenso die Taucher, Säger, Kormorane
-und Bläßhühner &ndash; von diesem Vorrecht aus.
-In Preußen entbehren also die Fischreiher des Jagdschutzes,
-während die andern Reiherarten, eingeschlossen
-die Rohrdommeln, jagdbar sind. Der Fischreiher unterliegt
-somit in Preußen dem freien Tierfang, d. h. er darf
-auch vom Nichtjagdberechtigten allezeit gefangen, getötet<span class="pagenum"><a id="Page_97">[97]</a></span>
-und seiner Brut beraubt werden; er ist völlig schutzlos,
-der Willkür eines jeden preisgegeben.</p>
-
-<p>Bei uns in Sachsen liegen die Verhältnisse insofern
-etwas anders, als die Reiher jagdbar sind. Es hat also
-nur der Jagdberechtigte ein Anrecht auf sie. Irgendwelche
-Schon- und Hegezeit ist den Reihern freilich versagt.
-Das Gesetz über die Ausübung der Fischerei vom
-15.&nbsp;Oktober 1868 gestattet aber auch den Fischereiberechtigten,
-den Fischreiher &ndash; ebenso den Fischotter &ndash; zu
-fangen und ohne Benutzung des Schießgewehrs zu töten.
-Innerhalb 24&nbsp;Stunden sind die auf diese Weise erbeuteten
-Vögel an den Jagdberechtigten auszuliefern.
-Auf die andern Reiherarten steht dem Fischer kein Anrecht
-zu. Ähnlich lauten die Bestimmungen in den
-meisten deutschen Einzelländern. In Bayern, Sachsen-Weimar,
-Hessen ist der Fischreiher wie bei uns jagdbar,
-in Württemberg, Baden, Mecklenburg, Oldenburg vogelfrei
-wie in Preußen.</p>
-
-<p>Ich wüßte keinen einheimischen Vogel zu nennen,
-dessen Geschlecht in den letzten 150 bis 200&nbsp;Jahren so
-blutigen Verfolgungen ausgesetzt gewesen wäre, wie der
-Fischreiher, und wenn diese Verfolgungen heute auf ein
-geringeres Maß zurückgegangen sind, so liegt der Grund
-hierfür nur in der Tatsache, daß die Reiher an Zahl
-außerordentlich stark abgenommen haben. Der Haß, mit
-dem man dem Fischräuber begegnet, ist der gleiche geblieben.
-Wo sich der schöne, schon durch seine Größe auffallende
-Vogel zeigt, und sei es auch nur auf der Wanderung,
-wenn er ein wenig rastet, da sucht man seiner habhaft
-zu werden; an den Horstplätzen aber wird zur Brutzeit
-unter den Alten sowohl, wie namentlich unter den
-bald flugbaren Jungen, die auf dem Horstrand hocken,<span class="pagenum"><a id="Page_98">[98]</a></span>
-oftmals das furchtbarste Blutbad angerichtet. Am Wasser
-stellt der Fischer versteckte Fangeisen auf; tollkühne
-Burschen klettern an den hohen Horstbäumen empor und
-wagen sich bis zu den Nestern, die häufig auf den schwankenden
-Enden der Äste ihren Platz haben; sie rauben
-die licht-grünlichblauen Eier, deren das volle Gelege
-meist 4 bis 5&nbsp;Stück zählt. Prämien, von Fischereivereinen
-gewährt, locken immer mehr zu rücksichtsloser
-Vertilgung. In der Tat, man muß sich wundern, daß
-es auch heute noch im Deutschen Reiche eine Anzahl von
-Reiherhalden gibt &ndash; gegen früher allerdings nur spärliche
-Reste. Ich fürchte sehr, daß auch diese in einem
-halben Jahrhundert fast völlig verschwunden sein werden,
-und daß dann der Reiher für Deutschland als Brutvogel
-ebenso selten sein wird, wie heute schwarzer Storch,
-Kolkrabe, Uhu oder Wanderfalk.</p>
-
-<p>In Süddeutschland, d. h. südlich des Mains, gibt es
-schon jetzt kaum noch ein paar kleinere Kolonien; sie sind
-fast alle in den letzten 30 oder 50&nbsp;Jahren vernichtet oder
-versprengt worden, so daß sich nur noch hie und da einzelne
-Reiherhorste finden. Als fast einzige Ausnahme
-ist die Kolonie bei Schloß Morstein an der Jagst, auf der
-Besitzung des Freiherrn von Crailsheim, hervorzuheben;
-aber auch sie ist stark zurückgegangen, und von den 200&nbsp;Horsten,
-die sie vor einigen Jahren zählte, wird wohl
-kaum noch die Hälfte besetzt sein, obgleich die Besitzer von
-jeher den schönen Tieren Schutz gewährten und auf
-manche Vorteile verzichteten. Es ist leicht möglich, daß
-diese Kolonie das ehrwürdige Alter von mehr als einem
-halben Jahrtausend erreicht hat; denn eine Nachricht aus
-dem Jahre 1586 besagt, daß die Reiher hier schon »seit
-vielen hundert Jahren« horsten. Die Maingegend zählt<span class="pagenum"><a id="Page_99">[99]</a></span>
-noch einige Reiherstände; in Mittelfranken beherbergte
-z.&nbsp;B. der Windheimer Stadtwald Schoßbach im Forstamte
-Ipsheim noch vor einiger Zeit eine Kolonie von
-20 bis 25&nbsp;Horsten; wie es heute um sie steht, weiß ich
-nicht. Auch im Hessischen gibt es noch einige kleine
-Reiherhalden, während die Kolonien bei Nürnberg, Neuhaus
-in der Fränkischen Schweiz u.&nbsp;v.&nbsp;a. der Vergangenheit
-angehören. In ganz Elsaß-Lothringen scheint der
-Fischreiher nur als Strichvogel und auch nur ausnahmsweise
-vorzukommen, und in der Rheinprovinz ist sein
-Brutgebiet ganz beschränkt.</p>
-
-<p>In den übrigen Ländern Mittel- und namentlich
-Norddeutschlands ist der Reiher noch häufiger; er fehlt
-als Brutvogel wohl keiner preußischen Provinz völlig
-und tritt ebenso in Oldenburg und in Mecklenburg in
-mehreren Kolonien auf. Aber es gibt doch auch weite
-Gebiete, wo man heute vergeblich selbst nach nur einzelnen
-Reiherhorsten suchen würde. Unserm Sachsen
-fehlt der Reiher als Brutvogel völlig, nachdem die letzte
-Kolonie auf den alten Eichen einer Insel im »Horstsee«
-bei Schloß Hubertusburg durch Fällen der Bäume i. J.
-1888 vernichtet worden ist. Einige Reiher zogen sich
-wohl nach dem Wermsdorfer Wald zurück, sind aber
-auch dort schon längst völlig verschwunden.</p>
-
-<p>Die letzte Kolonie ganz in der Nähe der sächsischen
-Grenze, nur 10 oder 11&nbsp;<em class="antiqua">km</em> von ihr entfernt, nördlich von
-Königswartha, die ich i.&nbsp;J. 1912 besuchte, stand in einem
-öden Kiefernwald bei Weißkollm. Ich konnte im ganzen
-16&nbsp;Horste zählen, die bis auf einen sämtlich besetzt waren:
-mächtige Bauwerke aus starken Reisern, 1½ bis gegen
-2&nbsp;<em class="antiqua">m</em> im Durchmesser, mit weißem Kot übertüncht. Generationen
-haben an diesen Horsten gebaut, die seit<span class="pagenum"><a id="Page_100">[100]</a></span>
-Menschengedenken von den schönen Vögeln bewohnt
-wurden. In jedem Jahr die gleiche Anzahl von
-Reiherfamilien, nicht mehr und nicht weniger. Ein
-herrlicher Anblick, wenn die stolzen Segler der Lüfte
-ruhigen Flugs über den uralten Föhren, die ihre Nester
-tragen, in schwindelnder Höhe kreisen! Kopf und Hals
-sind auf den Rücken gelegt, daß nur der lange Schnabel
-hervorschaut; die Ständer werden weit nach hinten gestreckt,
-und in dem schönen Federbusch am Kropf spielt
-lustig der Wind. Dann läßt sich ein oder der andere
-Reiher auf dem Horstrand nieder und füttert die Jungen
-mit Fischen, die er ihnen aus weiter Ferne im Kehlsack
-bringt; denn ein Gewässer findet sich nicht in der Nähe.
-Wie ich mit großem Bedauern höre, ist in den letzten
-Jahren die Kolonie stark zurückgegangen, vielleicht ganz
-verschwunden.</p>
-
-<p>Hannover, Schleswig-Holstein, Pommern, West- und
-Ostpreußen beherbergen noch immer eine stattliche Anzahl
-von Reiherhorsten; Posen, Schlesien, Brandenburg,
-die Provinz Sachsen sind schon ärmer daran. Man sieht,
-der Reiher bevorzugt im allgemeinen die Niederungen
-mit ihren ruhig fließenden oder stehenden Gewässern,
-dazu die Meeresküste. Ob das Jagdgebiet mehr oder
-weniger im freien Gelände liegt, ob dichtes Gebüsch die
-Ufer besetzt oder ob finsterer Wald den See von allen
-Seiten umgibt, das ist den Reihern gleich, sobald sich
-nur seichte Uferstellen finden, wo sie, im flachen Wasser
-stehend, dem Fischfang ungestört obliegen können.</p>
-
-<p>Die größte Reiherkolonie habe ich vor ein paar Jahren
-&ndash; es war in der zweiten Hälfte des Mai &ndash; an der
-deutschen Ostseeküste besucht. Den Ort verschweige ich;
-ebenso verrate ich nicht, wieviel besetzte Horste hier auf<span class="pagenum"><a id="Page_101">[101]</a></span>
-den hohen Eichen stehen mögen. Sonst fangen die pommerschen
-Boddenfischer, wenn sie's hören, sofort an zu
-multiplizieren, erst die Anzahl der Reiherpaare mal
-zwei bis drei Dutzend spannenlanger Fische, das Produkt
-mal 180 &ndash; so viele Tage ungefähr weilt der Reiher an
-seinem Brutplatz &ndash; dann wird dividiert, nun weiß man
-die Kilo, und wieder multipliziert &ndash; man hört ganz
-deutlich die Goldstücke klimpern, die man ohne die Reiher
-einheimsen könnte. Aber von dem Schaden, den die
-Fischer sich selbst dadurch zufügen, daß auch sie so oft alles
-kleine Fischgewürm, das sich in den Netzen gefangen hat,
-mit zu Gelde machen, davon wollen die Leute nichts
-hören.</p>
-
-<p>Wenigstens 20 bis 25&nbsp;<em class="antiqua">m</em> schätzte ich die Höhe der Horste.
-Manche Eiche trug deren fünf oder sechs. Die Alten
-fütterten eifrigst, viele brüteten aber auch noch. Die
-großen Vögel kreisten schreiend über den Horstbäumen.
-Ihre riesigen Schatten huschten ganz eigentümlich
-zwischen den Eichen, deren Kronen noch ziemlich unbelaubt
-waren, dahin. Es sah noch leidlich reinlich im
-Nistrevier aus: ein paar Eierschalen, etwas weißer Kot
-und nur ausnahmsweise ein verwesender Fisch. Wie
-anders, wenn man später kommt! Da muß man in
-solchem Unrat förmlich waten, wie es mir erging, als ich
-vor vielen Jahren einmal im Sommer eine große
-Reiherkolonie an der Elbe, unterhalb Wittenberg, besuchte.</p>
-
-<p>An einem der folgenden Tage sollten einige Reiher
-abgeschossen werden. Auf höheren Befehl mußte sich der
-Oberforstmeister dazu bequemen; denn die Fischer hatten
-sich schon ein paarmal bei der Regierung beklagt, daß
-man hier die Reiher, die doch so grenzenlosen Schaden<span class="pagenum"><a id="Page_102">[102]</a></span>
-anrichten, ruhig gewähren lasse, ja sie geradezu hege
-und züchte. »Zwölf Stück, nicht mehr!« so lautete die
-strenge Weisung, die der Oberforstmeister uns gab, »und
-nicht zwei von demselben Horstbaum abschießen, damit
-der Überlebende des Paares die Brut weiter aufzieht,
-auch peinlich darauf achten, daß kein Reiher dabei in
-den Horst fällt, wodurch die Jungen elend umkommen
-müssen, also nicht schießen, wenn der Reiher gerade über
-seinem Nest schwebt!« Wir hatten das Dutzend schnell
-zusammen; denn wenn auch nach jedem Schuß die Vögel
-abstreichen, sie kommen doch recht bald wieder, falls man
-sich nur ein wenig hinter den Stämmen versteckt. Die
-Mutterliebe läßt sie die Gefahr nicht achten.</p>
-
-<p>Die armen zwölf Stück! Für die andern hatten sie
-das Leben gelassen &ndash; Opfer des Vogelschutzes, so seltsam
-es klingt. Ein mäßiger Abschuß war eben unbedingt
-nötig, um den Klagen der Fischer etwas gerecht zu
-werden. Nur auf diese Weise läßt sich die Brutkolonie
-dauernd erhalten. Wir banden die prächtigen Tiere,
-damit sie von allen Dorfbewohnern gesehen würden, an
-den Jagdwagen und fuhren durch ein paar Dörfer mehr,
-als nötig gewesen wäre, wieder heimwärts. Schaut, ihr
-Fischer, wie man sorgt, daß ihr die Fischräuber los
-werdet, und haltet den Mund nun!</p>
-
-<p>An unsern sächsischen Teichen, ja sogar an Gebirgsbächen
-halten sich die Reiher, namentlich auf ihrer
-Wanderung, gern auf; es findet sich überall ein Plätzchen,
-wo selbst das schnellfließende Wasser seinen eiligen
-Lauf unterbricht. Den Hals niedergebogen, den Schnabel
-gesenkt, den spähenden Blick auf den Wasserspiegel gerichtet,
-so schleichen die schlanken Gestalten mit behutsamem
-Tritt am Ufer entlang; sie gehen nur so weit ins<span class="pagenum"><a id="Page_103">[103]</a></span>
-Wasser, daß es ihnen höchstens an die Fersen reicht.
-Bisweilen verharren sie auch stundenlang unbeweglich
-fast auf demselben Fleck. Nur von Zeit zu Zeit schnellt
-blitzartig der Hals vor, so daß der Schnabel, oft auch
-zugleich der Kopf unter der Wasserfläche verschwindet.
-Selten nur geht der Stoß fehl; das Bajonett trifft sein
-Ziel mit großer Sicherheit. Der zappelnde Fisch wandert
-sofort in den unersättlichen Schlund.</p>
-
-<p>Außer Fischen fängt der Reiher auch Frösche, Kaulquappen,
-größere Wasserkäfer, Libellen und ihre Larven,
-Regenwürmer; selbst den Mäusen stellt er nach, ebenso
-jungen Sumpf- und Wasservögeln, und manchmal muß
-er seinen Hunger mit dünnschaligen Teichmuscheln stillen.
-Aber Fische, von den kleinsten angefangen bis zur Größe
-von etwa 20&nbsp;<em class="antiqua">cm</em>, daß er sie gerade noch hinabzuwürgen
-vermag, sind ihm doch die liebste Kost. Nach der Art
-der Flossenträger fragt der Reiher dabei nicht im
-geringsten. Kleine Karpfen, Hechte, Forellen, Karauschen,
-die verschiedenen Weißfischarten, Aale, Schleien, selbst
-Barsche und Stichlinge &ndash; es ist ihm alles willkommen,
-mehr auf die Menge sieht er als auf die Güte.</p>
-
-<p>Unter solchen Umständen kann man es dem Fischereiberechtigten
-nicht verdenken, wenn er auf den hochbeinigen
-Mitbewerber sehr schlecht zu sprechen ist, und
-es wäre jeder Versuch, diesen weißwaschen und seine
-Diebereien beschönigen oder gar leugnen zu wollen, von
-vornherein lächerlich. An ganz fischarmen Gewässern
-richtet der Räuber natürlich keinen Schaden an, schon
-aus dem Grunde nicht, weil er sich dort nie lange aufhalten
-wird; ebenso meidet er alle Gewässer, die sofort
-am Ufer so tief einsetzen, daß er darin nicht waten kann.
-Auch wo regerer Menschenverkehr Unruhe bringt, zeigen<span class="pagenum"><a id="Page_104">[104]</a></span>
-sich nur ausnahmsweise einmal ein paar Reiher. Der
-Vogel findet es sehr schnell heraus, wo eine reiche Beute
-seiner wartet, und sein regelmäßiges Vorkommen in
-einer bestimmten Gegend ist &ndash; ich möchte sagen, der
-erfreuliche Beweis dafür, daß die Gewässer der Umgebung
-sehr fischreich sind.</p>
-
-<p>Naturfreunde haben zur Ehrenrettung des Reihers
-darauf hingewiesen, daß dort, wo »wilde Fischerei« betrieben
-wird, wie vielfach in den Gräben der Elb- und
-Wesermarsch, der Fischer dem Vogel nichts vorzuwerfen
-habe: Raubfischerei üben sie beide, indem sie ernten, wo
-sie nicht säten. Ist aber die Konkurrenz deswegen
-weniger ärgerlich? Zur Brutzeit, so hat man weiter
-gesagt, fange der Reiher nur kleine Fische, »Seitenschwimmer«,
-wie sie sich massenhaft in der Nähe der Ufer
-herumtummeln. Indessen, die Horstjungen entwickeln
-sich schnell und bedürfen sehr bald größerer Bissen, und
-außerdem aus der Unmenge kleiner Fischlein würden
-doch im Laufe der Zeit wenigstens einige große wertvolle
-Fische heranwachsen. Viele Flüsse und namentlich
-die Boddengewässer am Meer, hat man gemeint, seien
-so reich an Fischen, daß der Abbruch, den die Reiher zufügen,
-nicht der Rede wert wäre. Wer so urteilt, der
-hat sich's sicher noch nicht klar gemacht, daß eine größere
-Reiherkolonie von hundert Horsten und mehr gewiß auch
-gegen hundert Zentner alljährlich an Nahrung bedarf.
-Freilich gefangen werden müßte diese Menge auch erst
-von den Fischern, eine Arbeit, die ihnen die Reiher abnehmen.</p>
-
-<p>Nur das eine wird man bis zu gewissem Grade gelten
-lassen: es fallen mehr die Raubfische im weitesten Sinne,
-wie Aale, die dem Fischlaich nachstellen, Hechte und<span class="pagenum"><a id="Page_105">[105]</a></span>
-Barsche, die den Jungfischen verderblich werden, und
-minderwertige Weißfische den Reihern zur Beute, weil
-sich die genannten mehr an jenen Örtlichkeiten aufhalten,
-wo die Vögel mit Erfolg zu fischen vermögen, während
-andere, z.&nbsp;B. Karpfen und Schleien, die Tiefen vorziehen
-und die Nähe der Ufer gewöhnlich meiden. Auch die
-Forelle, die sich mit Vorliebe an steilen Ufern aufhält
-und unter Steinen und Wurzeln gern Deckung sucht oder
-in starker Strömung auf dem Anstand steht, ist dadurch
-vor den Reihern einigermaßen gesichert. Wo aber künstliche
-Fischzucht getrieben wird, wo ein nach vielen
-Tausenden zählendes Kapital sich verzinsen muß, da kann
-man den regelmäßigen Besuch der Reiher unter keinen
-Umständen dulden.</p>
-
-<p>Wie bei so vielen Fragen, muß auch hier immer von
-Fall zu Fall entschieden werden. Es gibt sicher unzählige
-Gewässer im Deutschen Reich, wo man nicht sofort
-jeden Fischreiher zu fangen oder niederzuknallen
-braucht, wenn sich mal einer zeigt, und ich kenne manchen
-Fischereiberechtigten, der gern eine kleine Einbuße erleidet,
-weil auch er an dem herrlichen Vogel, der die
-Landschaft belebt, seine Freude hat. Es gibt aber auch
-genug Besitzer oder Pächter, die selbst mit geringen
-Summen rechnen müssen. Könnte hier nicht &ndash; natürlich
-nur von Fall zu Fall &ndash; der Staat eintreten und den
-Schaden ersetzen, oder sollten sich bei der großen Naturschutzbewegung
-unsrer Tage nicht einige begeisterte Vogelfreunde
-finden, die bereit wären, ein Scherflein zu
-opfern, um ein paar Reiher, vielleicht die einzigen in
-einer weiten Landschaft, zu retten? Unwirtschaftlich, so
-wird man diesen Vorschlag nennen. Mag sein &ndash; aber<span class="pagenum"><a id="Page_106">[106]</a></span>
-ich frage: Läßt sich der Nutzen und Schaden eines Tieres
-immer nur berechnen nach Geld und Geldeswert?</p>
-
-<p>Soviel steht fest: durch die maßlose Verfolgung ist
-der schöne Vogel für viele Gegenden unseres Vaterlandes
-dem Aussterben nahegebracht. Mag man ihn dort, wo
-er noch in größerer Zahl auftritt und empfindlichen
-Schaden anrichtet, auch weiter kurz halten, <em class="gesperrt">ein paar
-Reiherhorste sollte man doch zu erhalten
-suchen, auch ein paar größere Kolonien
-unter staatlichen Schutz stellen</em>.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Zu der Familie der Reiher gehört auch die <em class="gesperrt">große
-Rohrdommel</em>. Sie ist selbst in unserer sächsischen
-Lausitz, wo ich ihrem unheimlichen nächtlichen Liebeslied
-oft und oft gelauscht habe, recht selten geworden. Zum
-Glück führt sie ein verstecktes Leben, sonst wäre wohl
-auch der letzte dieser interessanten Vögel schon längst verschwunden;
-denn der Fischer ist auch auf die große Rohrdommel
-schlecht zu sprechen. Gewiß, ihre Hauptnahrung
-mag in Fischen und Fischbrut bestehen, wenn sie daneben
-auch viele schädliche Insekten frißt; aber sie ist im
-Gegensatz zum Fischreiher ein ungesellig lebender Vogel,
-der schon aus diesem Grunde nicht allzuviel Schaden anrichten
-wird. Dazu kommt, daß die eigentlichen Brutteiche
-von der Rohrdommel gemieden werden, weil dort
-gewöhnlich nicht so viel Rohr und Schilf wächst, daß sich
-der scheue Vogel gut verstecken kann. Wo die große
-Rohrdommel so selten ist, wie in unserer Lausitz, da
-sollte man sie schonen und ihr den kleinen Tribut an
-Fischen gönnen. Namentlich möchte ich alle Jäger<span class="pagenum"><a id="Page_107">[107]</a></span>
-bitten, den seltenen Vogel, wenn er gelegentlich der
-Entenjagd sein Versteck verläßt, nicht abzuschießen. Es
-wäre doch schön, wenn er unsrer Heimat erhalten werden
-könnte! Die seltene <em class="gesperrt">kleine Rohrdommel</em>,
-ein allerliebstes Zwergreiherchen, das behend im Rohrwald
-auf- und abklettert, wird noch viel weniger schädlich
-sein; solch kleiner Magen bedarf nicht viel. Die
-andern Reiher aber, <em class="gesperrt">Nacht-</em> und <em class="gesperrt">Purpurreiher</em>,
-sind so seltene Gäste unsrer Gewässer, daß es die Pflicht
-jedes Jagdberechtigten sein muß, das Gastrecht diesen
-Fremdlingen gegenüber zu wahren.</p>
-
-<p>Außer den genannten mögen auch wilde <em class="gesperrt">Enten</em>,
-<em class="gesperrt">Gänse</em> und <em class="gesperrt">Schwäne</em>, dazu an der Meeresküste der
-mächtige <em class="gesperrt">Seeadler</em> manchen Schaden anrichten, besonders
-wenn man bedenkt, daß doch neben den Fischen
-selbst auch deren Laich für viele an und auf den Gewässern
-lebende Vögel einen Leckerbissen bildet. Schließlich
-ist vielleicht kein einziger Sumpf- und Wasservogel
-ganz freizusprechen. Wollte man sie alle ihre gelegentlichen
-Übergriffe büßen lassen, so wäre es bald vorbei
-mit dem reichen Leben, das die meisten Teiche und Seen
-noch immer beherbergen.</p>
-
-<p>Nur einen Fischereischädling aus der Klasse der
-Kriechtiere wollen wir noch erwähnen, die <em class="gesperrt">Ringelnatter</em>.
-Sie ist bekanntlich eine vorzügliche Schwimmerin.
-Ein wahres Vergnügen, ihr zuzusehen, wie der
-schlanke, geschmeidige Schlangenleib in auserlesen schönen
-Windungen an der Oberfläche des Wassers dahingleitet,
-den breiten Teich durchquerend oder die Strömung des
-Flusses überwindend. Selbst weit hinaus ins Meer
-schwimmt sie, habe ich doch einmal eine Ringelnatter im
-Barther Bodden, wohl 5&nbsp;<em class="antiqua">km</em> weit vom Land, vom<span class="pagenum"><a id="Page_108">[108]</a></span>
-Fischerboot aus beobachtet und gefangen; ein fingerlanges
-Fischchen erbrach sie vor Schreck. An und in
-unsern Fischteichen in der Lausitz gibt's Ringelnattern
-genug, und ich verstehe es, daß die Fischereiberechtigten
-ihnen recht feind sind, wenn es sich auch nur um kleine
-Flossenträger handelt, denen die Nattern nachstellen. Im
-übrigen aber sind diese Schlangen ganz unschuldige Geschöpfe,
-die man an jedem Gewässer, das nicht gerade der
-Fischwirtschaft dient, ruhig gewähren lassen sollte.</p>
-
-<p>Wenn jeder, den es angeht, erkennen wollte, daß die
-<em class="gesperrt">allgemeinen</em> Interessen <em class="gesperrt">höher stehen</em> als die
-besonderen des einzelnen, dann würde uns die Sorge um
-den Fortbestand der sogenannten »Fischräuber« von der
-Seele genommen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_109">[109]</a></span></p>
-
-<h2 id="Malepartus_die_Raubburg_und">Malepartus, die Raubburg und
-Kinderstube von »Reinke de Vos«</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Fröhlichen Ringelreihen tanzen Buben und Mädel
-auf maigrünem Anger. »Fuchs, du hast die
-Gans gestohlen, gib sie wieder her«, singen die hellen
-Kinderstimmen dazu, und dann folgt ein anderes ausgelassenes
-Spiel mit tüchtigem Rennen und Jagen; »der
-Fuchs kommt«, nennen sie's, jeder spielt es so gern.</p>
-
-<p>Ja, in aller Munde ist er und allen vertraut, Freund
-Reineke mit der buschigen Lunte und dem ergötzlichsten
-Schelmengesichtchen der Welt; selbst das kleine Nesthäkchen
-auf Mutters Schoße kennt das Konterfei des schlauen
-Betrügers im Bilderbuch ganz genau, und die älteren
-Geschwister wissen manche Geschichte von ihm: wie er
-dem eitlen Raben den Käse abschmeichelt, die unschuldigen
-Tauben berückt, den stolzen »Gockelmann« packt,
-wie er seinem größeren Vetter, dem Wolf, so arg mitspielt,
-den Hasen um seinen Schwanz bringt, wie er aber
-bisweilen auch selbst genarrt wird, von der Katze und
-vom Hahn, ja sogar vom harmlosen Häschen. Das Lesebuch
-enthält all diese schönen Geschichten, die Brüder Grimm,
-Ludwig Bechstein, Hagedorn, Simrock und besonders
-Robert Reinick &ndash; es liegt schon im Namen &ndash; den Kindern
-erzählt haben; sie werden nicht müde, die hübschen
-Märchen und Fabeln immer von neuem zu lesen. Und<span class="pagenum"><a id="Page_110">[110]</a></span>
-dann das plattdeutsche Epos »Reinke de Vos«, das 1498
-zu Lübeck gedruckt ward, und endlich der ganz große Dichter,
-hat er nicht auch dem Fuchs ein Denkmal gesetzt, seine
-lustigen Streiche für alle Zeiten verewigt!</p>
-
-<p>Ein Denkmal &ndash; ach ja, das ist der richtige Ausdruck!
-Als Goethe sein Tierepos schrieb, da galt es noch einem
-Lebenden; heute ist der Fuchs aus manchem deutschen
-Gau verschwunden, und wenn man ihm weiter so rücksichtslos
-nachstellt mit Gift und Fangeisen und tödlichem
-Blei, wenn der Jäger im Frühling jeden Bau seines
-Reviers ausgräbt und die niedlichen Jungfüchse den
-mordlustigen Hunden erbarmungslos preisgibt, so wird
-es auch über kurz oder lang von Reineke heißen, wie vom
-Wolf, vom Luchs und von der Wildkatze: vergangen,
-vorbei! Wohl lebt er dann noch weiter im Bild, im Lied
-und im Märchen &ndash; »es war einmal&nbsp;…«, aber draußen
-in freier Natur auf sonniger Heide läuft dem Wanderer
-nie ein Fuchs mehr über den Weg, und Malepartus,
-die Raubburg, liegt tot und verlassen. Höchstens hoppeln
-Karnickel vor ihren Eingängen; die haben jetzt gute
-Zeit, wie die Mäuse im Haus, wenn die Katze vom bösen
-Nachbar in der Kastenfalle gefangen und dann grausam
-ersäuft ward. Vielleicht sehe ich zu schwarz. Der schlaue
-Betrüger hat es ja noch immer verstanden, dem Jäger
-ein Schnippchen zu schlagen, und in den größeren waldreichen
-Revieren, im Gebirge wie im Niederland, haust
-Reineke auch heute noch und fristet sein Leben, so gut
-er's vermag. Ja, während der Kriegszeit haben die
-Füchse, so sagte man mir, hier und da stark an Zahl
-zugenommen; die Männer vom grünen Tuch standen an
-der Front und hatten wichtigere Arbeit, als Jungfüchse
-zu graben oder den alten Rüden und Fähen nachzustellen.<span class="pagenum"><a id="Page_111">[111]</a></span>
-Aber seit der Preis eines guten Winterbalgs
-eine schwindelnde Höhe erreicht hat, ist auch die Gefahr
-für den Roten, dem Jäger zum Opfer zu fallen, erheblich
-gestiegen.</p>
-
-<p>'s ist doch gar ein lieber Kerl trotz aller bösen Ränke
-und Schliche, und erst seine hoffnungsvollen Sprößlinge
-&ndash; ergötzlichere Kinder, allezeit lustig, übermütig, flink
-und täppisch zugleich, gibt es weit und breit in keiner
-andern Familie.</p>
-
-<p>Ich weiß einen Fuchsbau, der liegt mitten drin in
-der einsamen Heide. Außer mir weiß nur noch der
-Förster davon, und der ist mein Freund. Er hat mir
-versprochen, in diesem Jahr die alte Fähe und ihre
-Jungen zu schonen, weil es der einzige Fuchsbau in dem
-ganzen Revier ist. Die Karnickel unterwühlen den
-lockeren Boden in entsetzlicher Weise und benagen die
-jungen Bäumchen der Schonung, daß man wirklich nur
-froh sein kann, wenn sie jemand in Schach hält.</p>
-
-<p>Folgt mir hinaus an die Stelle! Jetzt im April ist's
-am lustigsten dort. Die Birken am Weg haben ihr duftiges
-Brautkleid angezogen, das sich so schön von den
-dunkeln Nadeln der ernsten Föhren abhebt; die Singdrossel
-jubelt im Wipfel des einsamen Überständers; der
-Specht ist an seiner Arbeit, und richtig &ndash; der erste
-Kuckuck! Wohl hundertmal ruft er; man freut sich doch
-in jedem jungen Lenz wie ein Kind, wenn man den
-lieben Ruf von neuem vernimmt.</p>
-
-<p>An einem sanften Hang zwischen niedrigen Kiefern
-ist eine Lichtung. Dornige Sträucher, Heidekraut, allerhand
-Gräser und Stauden bedecken den Boden, auch ein
-Paar Bäumchen mit gelbbraunen vertrockneten Nadeln
-liegen, die Stämmchen gekreuzt, wirr umher; der Herbststurm<span class="pagenum"><a id="Page_112">[112]</a></span>
-im vorigen Jahre entwurzelte sie, denn der unterhöhlte
-Boden gab ihnen keinen sicheren Halt. Ja, an
-zwei Stellen ist das lockere Erdreich in die Tiefe gesunken,
-unregelmäßige Löcher, etwa einen Meter im
-Durchmesser. Früher hauste der Dachs hier; jetzt sind es
-die Eingänge von Reinekes Wohnung, zu der enge
-»Röhren« hinabführen. Weiter oben ist noch ein ähnliches
-Loch, nicht ganz so groß, und etwas abseits ein
-viertes; das ist aber verschüttet.</p>
-
-<p>Daß der Bau wirklich bewohnt ist, erkennt man sofort.
-Die Einfahrten sind glatt getreten, und aus dem
-Innern dringt uns ein unangenehmer Geruch entgegen,
-daß wir den Atem anhalten. Diesen Fuchsgeruch zu beschreiben,
-ist nicht möglich; wer aber das durchdringende
-Parfüm nur ein einziges Mal frisch an der Quelle eingesogen
-hat, der bringt's so leicht nicht wieder aus der
-Nase, und unverlierbar bewahrt er's in seinem Gedächtnis.
-Auch die Reste der Mahlzeiten, die hier und da
-vor dem Bau liegen, verpesten mit ihren Verwesungsdüften
-die Luft, und nur die vielen Schmeißfliegen, die
-sie umschwärmen, haben ihre Freude daran. Hier der
-Flügel einer Krähe, dort eine angefressene Ratte, daneben
-der Lauf eines Rehs, unter dem Kieferngestrüpp
-der Kopf eines Karnickels, verschieden große Fetzen vom
-Fell eines Hasen, mit Blut besudelte Federn der Ringeltaube
-und ganz nah an der einen Einfahrt sogar der
-bleiche Schädel einer Hirschkuh; irgendwo hat die Füchsin
-das verendete Tier aufgefunden und dann den abgebissenen
-Kopf mühsam hierhergeschleppt. Dies alles
-bildet ein Stilleben eigentümlicher Art; es redet eine
-deutliche Sprache von List und Gewalt, von Mordgier
-und &ndash; Mutterliebe!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_113">[113]</a></span></p>
-
-<p>Die Sonne neigt sich zur Rüste, die Wipfel der einzelnen
-hohen Föhren, die auf das Jungholz herabschauen,
-in purpurnes Licht tauchend. Da wird es lebendig vor
-dem Fuchsbau. Ein verschmitztes Gesichtchen erscheint in
-einem der Eingänge; es blinzelt nach links und nach
-rechts und hinauf zu dem tiefblauen Himmel. Dann
-mit einemmal ist der kleine Kerl draußen. Auf den
-Hinterbeinen hockend, richtet er sein Köpfchen altklug
-empor, als wollte er schauen, was für Wetter es heut
-abend gibt und wie für morgen die Aussichten sind.
-Das feine Näschen schnuppert dabei nach allen Richtungen,
-und das dichte Wollkleidchen an der Brust zittert;
-so heftig und schnell atmet die Lunge die Luft ein
-und aus. Das Füchslein sichert, es »wittert«, ob sich
-etwa eine Gefahr in der Nähe versteckt hält; von der
-Frau Mutter hat's der Kleine gelernt und macht es nun
-auch so wie sie &ndash; oder liegt ihm diese Vorsicht von Haus
-aus im Blut? Nun schüttelt das Füchslein sein licht
-gelblichgraues Kinderkleid, das beim langen Schlaf in
-dem engen Raum etwas verdrückt ward, fährt mit dem
-einen, dann mit dem andern schwärzlichen Pfötchen über
-die Lauscher und über's Gesicht; aber plötzlich mit einem
-Hops ist es wieder am Röhreneingang und äugt scharf
-in die Tiefe, ob die Geschwister nicht nachkommen. Alle
-Muskeln gespannt, ohne jede Bewegung; nur der horizontal
-ausgestreckte Wollschwanz schwingt ganz leise nach
-rechts und nach links.</p>
-
-<p>Ein täppischer Satz zur Seite &ndash; da ist schon der erwartete
-Bruder. Er blinzelt gegen die untergehende Sonne,
-deren letzter Strahl sein grau-grünliches Auge trifft.
-Nun kann es beginnen, das fröhliche, ausgelassene Spiel.
-Mit den Perlenzähnchen haben sie einander gepackt, jetzt<span class="pagenum"><a id="Page_114">[114]</a></span>
-im dichtwolligen Nacken, jetzt an den Pfoten, dann an
-der Lunte oder am Ohr. Sie zerren ganz tüchtig, balgen
-und kollern sich mutwillig am Boden umher, richten sich
-gegenseitig auf, mit den Vorderpfoten einander umarmend,
-überschlagen sich und kugeln den Hang ein Stückchen
-hinunter; doch mit raschen Sprüngen geht's wieder
-hinauf. In geduckter Haltung kauern sie jetzt einander
-gegenüber, jeder zu neuem Angriff bereit und einer vom
-andern erhoffend, daß er das hübsche Spiel wieder beginne.
-Da springt der eine Partner plötzlich empor:
-Brüderchen hasch' mich! Keuchend mit hängender Zunge
-geht es rings um den Bau, bis sie sich wieder gepackt
-haben.</p>
-
-<p>Erst wenn die ausgelassenen Füchslein müde und
-ganz außer Atem sind, rasten sie ein wenig in hockender
-oder in liegender Stellung, »alle Viere« weit ausgestreckt.
-Aber während die Lunge noch keucht, daß Brust und
-Weichen sich heftig bewegen, sinnt das kluge Gesichtchen
-mit den listigen Augen und den aufrecht gestellten Lauschern
-schon wieder nach neuem, noch tollerem Spiel. Sie
-zerren am Krähenflügel, machen sich jeden Fetzen vom
-Hasenbalg streitig &ndash; was der eine packt, das will der
-andre gerade auch haben, »man weiß, wie Kinder sind«
-&ndash; dann suchen sie den schwirrenden Roßkäfer täppisch
-mit den dunkeln Pfoten zu erwischen oder schnappen nach
-dem Abendfalter, der ihnen um die Nase herumfliegt.
-Unterdessen sind auch die drei andern Geschwister auf der
-Bildfläche erschienen, und nun geht es noch lustiger zu.
-»Der Jäger kommt!« spielen sie gern. Das machen sie
-so: keins darf sich rühren, nicht mit den Ohren zucken,
-keinen Muskel bewegen. Plötzlich springt eins in die
-Höhe; einen Haken schlagend, rennt der kleine Kobold<span class="pagenum"><a id="Page_115">[115]</a></span>
-davon, so schnell er nur kann. Im Nu stieben die andern
-ebenso auseinander, und in wenig Augenblicken haben
-sie sich dann alle fünf auf ihrem Tummelplatz wieder
-vereinigt, um das hübsche Spiel von neuem zu beginnen.</p>
-
-<p>Die Sonne ist untergegangen; grau senkt sich die
-Dämmerung über die Heide. Da erscheint der Kopf der
-alten Füchsin im Höhleneingang; mit Lauschern und
-Windfang prüft sie vorsichtig, ob alles ganz sicher sei,
-fährt knurrend wieder zurück, weil etwas im Kieferngeäst
-raschelt &ndash; ein Vogel, der sein Schlafplätzchen
-sucht &ndash; doch endlich steht sie im Freien. Sie streckt sich,
-schüttelt den Sand und den Staub aus ihrem rothaarigen
-Wams, leckt und liebkost die Kinder, die sich herandrängen,
-und beteiligt sich schließlich auch ein wenig an
-dem muntern Spiel, da die Kleinen gar so sehr betteln.</p>
-
-<p>Eine gute Figur macht die Alte um diese Jahreszeit
-nicht; sie ist dürr und hager am ganzen Leib, und der
-Pelz ist verdrückt, am Bauche sehr schütter und nicht mehr
-so frisch in den Farben. Das ist kein Wunder; fünf
-Kinder auf einmal! Sie wollen alle gesäugt und gewärmt
-sein, da kommt man schrecklich herunter. Wochenlang
-konnte die Füchsin nur auf Stunden den dunkeln
-Bau verlassen, um den nagenden Hunger zu stillen. Und
-wenn sie nichts anderes fand, als nur ein paar Mäuschen
-oder irgendeinen Kleinvogel, so mußte sie kaum
-halbgesättigt zu den ungeduldigen Kindern zurück; die
-verlangten nach Speise und fragten nicht, ob auch der
-Mutter eine Mahlzeit geworden. Seit acht oder vierzehn
-Tagen sind nun die Kleinen entwöhnt. Das war
-nicht so leicht; immer und immer wieder suchten sie nach
-dem Milchquell, wenn auch die Mutter ärgerlich knurrend
-sie gar unsanft zurückstieß. Die von Tag zu Tag<span class="pagenum"><a id="Page_116">[116]</a></span>
-fester zupackenden Zähnchen konnte die Fähe an dem
-zarten Gesäuge aber nicht länger ertragen, und so gab's
-manchen Klaps mit den Pfoten, und das Fell wurde den
-Kindern oftmals ganz tüchtig geschüttelt, bis sie schließlich
-begriffen, daß die Tauben und Hühner, die jungen
-Karnickel oder die Mäuschen, die die Mutter mit heimbrachte,
-den Hunger ebenso stillen.</p>
-
-<p>Jetzt gießt der aufgehende Mond sein silbernes Licht
-über die schlafende Heide; da denkt die Alte: nun ist's
-Zeit für den Pirschgang! Sie wittert nochmals nach
-allen Seiten; dann schleicht sie davon, zwischen dem
-Pflanzengestrüpp leise dahinkriechend, daß der Bauch
-fast den Boden berührt. Ein paarmal fährt sie knurrend
-zurück, wenn eins der Kleinen ihr zu folgen versucht,
-aber bald ist sie unter den Ästen der jungen Kiefern verschwunden.
-Nun seid auf der Hut, ihr Bewohner des
-Feldes, ihr Mäuse, Hamster und Maulwürfe, die ihr
-gleichfalls so gern zur nächtlichen Stunde aus eurer
-Wohnung hervorkommt: der böse Feind ist hinter euch
-her! Oder ihr Fasanen- und Rebhuhnmütter, wie wird's
-euch ergehen! Der Fuchs schleicht leise heran, die Nase
-immer gegen den Wind, daß er die Beute von fern schon
-wittert &ndash; ein Sprung, ein fester Griff, und ihr seid in
-seiner Gewalt! Dem Junghäschen, das in einer Feldfurche
-schläft, dem unerfahrenen Karnickel, das draußen
-am Waldrand noch im Mondschein äst, der Ratte, die
-am Schweinekoben des Bauernhofs sich zu schaffen macht,
-ergeht es nicht besser, und wehe den Hühnern und
-Gänsen, wenn der Geflügelstall nicht ganz gut verwahrt
-ist!</p>
-
-<p>Sobald die Füchsin eine Beute gemacht hat, kehrt sie
-zu ihrer Wohnung zurück; an ihre Kinder denkt sie<span class="pagenum"><a id="Page_117">[117]</a></span>
-immer zuerst; meist wird es Morgen, ehe sie den eignen
-Magen befriedigt. Aber wie vorsichtig ist die Fähe,
-wenn sie sich dem Bau nähert! Nie wird sie den geraden
-Weg nehmen; sie umkreist vielmehr, oft stehenbleibend
-und lauschend, in weitem Bogen ihr Heim. Wittert sie
-irgend etwas Verdächtiges, so kläfft sie, ähnlich wie ein
-Hund, doch mit verhaltener Stimme, daß sich die Füchslein
-in den schützenden Bau flüchten; erst wenn ihr alles
-ganz sicher erscheint, schleicht sie heran. Das ist dann
-eine Freude! Die hungrigen Kinder fallen über die
-leckere Beute her, balgen und beißen sich drum, und
-jedes sucht das beste Stück zu erwischen.</p>
-
-<p>Ein Weilchen schaut die Mutter ihrer munteren
-Schar zu, hilft wohl auch beim Zerlegen des Bratens;
-aber dann tritt sie von neuem den nächtlichen Pirschgang
-an. Sind alle gesättigt, daß sie mit den Resten der
-Mahlzeit nur noch ihr ausgelassenes Spiel treiben, so
-holt die Füchsin vom Felde vielleicht noch ein lebendes
-Mäuschen, und nun geht es dem graufelligen Tierchen
-nicht anders, als wenn eine Katze es erwischt und ihren
-Jungen gebracht hätte.</p>
-
-<p>So kommt der Morgen heran. Schon jubelt die
-Drossel, Rotkehlchens Lied, die weiche Stimme des Fitis
-durchzittert die Luft, und hell schmettert der Fink seine
-Fanfare &ndash; da zieht sich die ganze Gesellschaft, eins nach
-dem andern, still in die Höhle zurück; sie schlafen hier
-bis gegen Abend. Nur manchmal währt die Ruhe ein
-oder dem andern vorwitzigen Fuchskind zu lang. Es
-schaut dann zu dem Höhleneingang sehnsuchtsvoll hinaus,
-blinzelt mit den listigen Augen &ndash; die Sonne scheint ihm
-auch gar zu hell ins Gesicht &ndash; und schließlich versucht es
-ein Schläfchen, mitten im Toreingang zur unterirdischen<span class="pagenum"><a id="Page_118">[118]</a></span>
-Burg, wie sein zahmer Vetter, der Hofhund, der die
-Vorderpfoten zur Tür seiner Hütte herausgestreckt hat
-und nun gemütlich schlafend mit Schnauze und Kopf
-auf diesem natürlichen Kissen ruht. Bisweilen wagen
-sich die Jungfüchse auch schon mittags auf ihren Spielplatz,
-wenn die Maisonne hoch vom Himmel zwischen
-den schlanken Stämmen auf den Fuchsbau herabscheint;
-aber wirklich lustig wird's doch immer erst gegen Abend.</p>
-
-<p>Sind die Füchslein ein paar Monate alt, so dürfen
-sie die Mutter auf ihren nächtlichen Streifzügen begleiten,
-zuerst bis zum Waldrand, später weiter hinaus
-ins Saatfeld, ins Röhricht am Weiher, oder gar bis zu
-den ersten Bauerngehöften des Dorfes.</p>
-
-<p>Wie man das Karnickel beschleicht, einen Junghasen
-würgt, den schlafenden Vogel erwischt, zeigt ihnen die
-Alte. Sie begreifen gar schnell; denn es liegt ihnen im
-Blut, sich mäuschenstill heranzupirschen, jede Deckung zu
-benutzen und selbst in der Freude über den gelungenen
-Raub keinen Augenblick die eigene Sicherheit aus dem
-Auge zu lassen.</p>
-
-<p>Ein Vierteljahr mögen die Geschwister alt sein oder
-wenig darüber, da unternehmen sie bereits auf eigene
-Faust kleine Streifzüge. Sie stellen sich gegen Morgen
-gewöhnlich in der gemeinsamen Kinderstube wieder ein;
-aber gelegentlich suchen sie auch ein anderes Versteck auf.</p>
-
-<p>So lösen sich ganz allmählich die Beziehungen zwischen
-Mutter und Kind und zwischen den Spielkameraden.
-Wenn der Herbststurm durch die kahle Heide braust, kennt
-keins das andere mehr, jedes geht nun seine eigenen
-Wege und schlägt sich selbständig durchs Leben, das ihm
-der Gefahren so viele bringt.</p>
-
-<p>Und der Vater?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_119">[119]</a></span></p>
-
-<p>Er kümmert sich um seine Familie fast gar nicht und
-ist selten zu Hause; kommt er einmal, gleich gibt's Zank,
-Beißen und Kläffen zwischen den Eltern, und die Mutter
-ruht nicht eher, als bis Vater Reineke wieder »verduftet«,
-in des Worts vollster Bedeutung.</p>
-
-<p>Die Erziehung der Kinder liegt allein auf den
-Schultern der Fähe; der Rüde hält von Pädagogik nicht
-das geringste. Seine Losung heißt: »Selber essen macht
-fett«; darum sieht er auch im Frühjahr wohlgenährt aus,
-und tadellos ist sein rotbrauner Pelz. Nur wenn die
-Alte durch ein herbes, Geschick den Jungen geraubt ward,
-mag es bisweilen vorkommen, daß sich die Väter der
-vor Hunger kläffenden Kinder erbarmen und ihnen
-Futter zuschleppen.</p>
-
-<p>Zur Osterzeit gibt's immer junge Füchslein im bewohnten
-Bau, meist fünf bis sechs, einmal waren es
-sogar acht.</p>
-
-<p>Möge sich dieser Kreislauf des Lebens mit jedem
-Lenz, wenigstens hie und da, in unsern deutschen Forsten
-erneuern!</p>
-
-<p>Es wäre traurig, wenn man ihn ganz ausrottete,
-den listigen, Ränke schmiedenden Schelm! Dann würde
-wohl der Förster unsre Enkel an eine Stelle im Wald
-führen und ihnen erzählen: »Hier färbte die rote Tinte
-den letzten Fuchs im Revier; man hat ihm das hübsche
-Denkmal gesetzt wie drüben im Nachbarrevier seinem
-Vetter, dem Wolf!« Aber mit dem fröhlichen Leben,
-dem ausgelassenen Spiel vor Malepartus, der Raubburg,
-wär's dann für immer vorbei.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_120">[120]</a></span></p>
-
-<h2 id="Swinegel_un_sine_Sippschaft">Swinegel un sine Sippschaft</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Ob wohl ein oder der andere meiner Leser schon
-einmal junge Igel gesehen hat, so im Alter von
-fünf oder sechs Wochen? Das sind die niedlichsten
-Dinger der Welt, die man sich denken kann, und es lohnt
-schon der Mühe, im Spätsommer Gärten und Hecken,
-Parkanlagen, lichte Laubwälder und namentlich Feldgehölze
-ein bißchen zu durchstöbern, um &ndash; wenn man
-Glück hat &ndash; die reizendste Familienidylle zu belauschen:
-eine Igelmutter, die ihre vier oder fünf Kinder spazieren
-führt.</p>
-
-<p>Wie das im Laub raschelt von all den trippelnden
-Füßchen, und wie schnell die kleinen, kurzen Beinchen
-laufen können, wenn die stachlige Mutter einen Regenwurm
-entdeckt hat und ihn aus dem Versteck hervorzieht,
-um die kleine Beute den lüsternen Kindern zu überlassen.
-An jedem Ende des Unglücklichen zerrt eine der
-niedlichen Stachelkugeln &ndash; zusammengerollt ist sie nicht
-größer als ein Billardball &ndash; während ein drittes
-Igelchen den straff gespannten, in die Länge gezerrten
-Wurm mit den weißen Zähnchen zerbeißt, um schließlich
-für seine Mühe nichts zu erhalten als ein Tröpfchen
-Saft, das sich der Kleine wohlgefällig von dem dunkeln
-Schnäuzchen ableckt.</p>
-
-<p>Da ist ein Mäusebraten schon eine standfestere Grundlage
-der Mahlzeit, von der doch jedes der Kinder ein<span class="pagenum"><a id="Page_121">[121]</a></span>
-Stückchen bekommt. Man muß es selbst gesehen haben,
-wie schnell die Igelmutter hinter dem kleinen Nager her
-ist, wenn sie dessen leises Pfeifen oder das fast unhörbare
-Rascheln im Bodengestrüpp gemerkt hat. Einen Augenblick
-verharrt die Alte in gestreckter Haltung; die Kopfstacheln
-sträuben sich ein wenig, senken sich und sträuben
-sich wieder. Ein paar Schritte schleicht sie vorwärts, und
-jetzt ein kleiner Satz ins Gestrüpp. Mit sicherem Griff
-ist das Mäuschen gepackt; ein kurzer Aufschrei, und das
-Genick des kleinen Nagers ist zerbissen. Hurtig wird
-das Wildbret von der schnaufenden Mutter in mehrere
-Teile zerlegt, und bald sitzt jedes der Kinder knuspernd
-und leise schmatzend vor seinem Stückchen, während die
-Alte weiter trippelt, nach neuer Beute zu schauen. Ein
-Maulwurf wäre kein schlechter Fang; aber den erwischt
-man nur am dämmernden Abend. Eine Schermaus
-wäre gleichfalls willkommen; aber schließlich tun's auch
-ein paar Mist- oder Brachkäfer, Ackerschnecken, Schmetterlingspuppen,
-eine fette Werre, und wohlgenährte
-Regenwürmer fehlen fast nirgends.</p>
-
-<p>Nichts Trolligeres gibt es, als zu sehen, wie es die
-kleinen naseweisen Igelchen der Mutter nachmachen &ndash;
-was ein Häkchen werden will, krümmt sich beizeiten.
-Überall kratzen und scharren sie mit ihren krallenbewehrten
-Pfötchen; in jedes Loch am Boden, in jeden
-Winkel zwischen dem Wurzelgeflecht und Pflanzengewirr
-stecken sie schnuppernd ihr Schnäuzchen, hängen der
-Mutter am Rock, wenn sie glauben, jetzt hat sie 'was
-Gutes gefunden, oder sie gehen auch schon ihre eignen
-Wege, den Steilhang hinauf, von dem eins der Kindchen
-wieder herabkugelt, trinken vom Wasser, das sich
-zwischen den Baumwurzeln angesammelt hat, und schauen<span class="pagenum"><a id="Page_122">[122]</a></span>
-verdutzt dem Roßkäfer nach, der vor ihrem Näschen
-vorbeisurrt. Wenn es noch heutzutage irgendwo, wie im
-Märchen, eine Prinzessin gibt, die niemals in ihrem
-Leben gelacht hat, ich würde sie zu solch kleiner Igelgesellschaft
-führen; da lernte sie aus Herzenslust lachen.</p>
-
-<p>Einst beobachtete ich eine Igelfamilie an einem
-Wiesenhang, wo ein vom Baum gefallener Apfel die
-Aufmerksamkeit der stachligen Gesellschaft auf sich lenkte;
-von Obst aller Art sind ja die Igel große Freunde.
-Durch einen unvorsichtigen Stoß kam der Apfel ins
-Rollen; sofort sausten die Kleinen hinter ihm her, überstürzten
-sich aber und kugelten lustig den Hang hinab,
-wie wir's als Kinder auch so gern taten. Unten lag
-dann der Apfel im Graben am Wege und drei Igelchen
-neben ihm. Schnell rollten sich diese auf und hatten
-bereits tüchtige Löcher in die süße Frucht gefressen, als
-endlich auch die Mutter mit den beiden Geschwistern
-ankam, die von oben her dem lustigen Treiben zugeschaut
-hatten.</p>
-
-<p>Man sagt, der Igel trage abgefallenes Obst in der
-Weise in sein Versteck, daß er es auf seine Stacheln
-spieße; wo viel Birnen oder Pflaumen im Obstgarten
-liegen, da wälze er sich am Boden, und mit der willkommenen
-Last trolle er heim. Natürlich ist das Ganze
-ein nett ersonnenes Märchen. Weder mit dem Schnäuzchen,
-noch mit den Füßen kann der Igel seinen Rücken
-erreichen; wie sollte er also das Obst fressen oder auch
-nur abstreifen können? Als Junge habe ich einmal mit
-den grünen Früchten der Kartoffel &ndash; wir nannten sie
-»Kartoffelschneller« &ndash; nach einem Igel geworfen. Eins
-der ungefährlichen Geschosse blieb an seinem Stachelkleid
-hängen. Das machte mir solchen Spaß, daß ich mir den<span class="pagenum"><a id="Page_123">[123]</a></span>
-Igel fing und ihm im Übermut seinen ganzen Rücken
-mit dem seltsamen Zierrat besteckte. Dann ließ ich ihn
-laufen. Am folgenden Tag sah ich ihn wieder, und da
-trug er noch immer eine Anzahl der grünen Beeren auf
-seinem borstigen Kleid. Nicht den geringsten Versuch
-machte er, sich von dem aufgedrungenen Schmuck zu befreien.</p>
-
-<p>Das Volk fabelt ferner, der Igel trage, wenn er sich
-sein Winterlager zurechtmache, auf seinen Stacheln all
-die Stoffe zusammen, die ihn wärmen sollen, Stroh,
-Laub, Moos u.&nbsp;dgl. Das ist auch nicht wahr. In die
-natürliche oder selbstgegrabene Höhlung kratzt und schiebt
-er diese Dinge mit Füßen und Schnäuzchen hinein und
-verwahrt besonders den Eingang. Aber solch fester
-Winterschläfer, wie Bilch oder Haselmaus, ist der Igel
-durchaus nicht, habe ich ihn doch mehr als einmal mitten
-im Schnee angetroffen, wo er ganz lustig einhertrippelte.</p>
-
-<p>In einem unterirdischen oder wenigstens gut versteckten
-Lager zwischen trockenem Laub, Gräsern und
-sonstigem Pflanzenwust werden die Swinegelchen geboren.
-Anfangs sind es kleine, rosige Dinger, blind und
-zahnlos und die winzigen weißlichen Stacheln ganz
-weich &ndash; es wäre auch sonst bei der Geburt höchst unangenehm
-gewesen für Mutter und Kind. Die Alte
-muß auf der Hut sein, daß sie die vier oder fünf zarten
-Jungen mit ihren nadelspitzen Stacheln nicht verletzt;
-sie deckt die Kleinen mit den ziemlich weichen, rötlichgelben
-Haaren ihrer Bauchseite, zwischen denen die
-Milchdrüsen liegen. Tagsüber ist säugen ihr Geschäft;
-in der Nacht geht sie jagen. Die ganze Last der Kindererziehung
-liegt auf ihren Schultern; der Papa lebt getrennt
-von der Familie, ein rechter Einsiedler und<span class="pagenum"><a id="Page_124">[124]</a></span>
-Griesgram, und von Erziehung will er nichts wissen.
-In dem warmen Lager, von der zärtlichsten Mutter
-behütet, wachsen die Kleinen sehr schnell heran.
-Schon sind sie mit spitzen Stacheln und scharfen Zähnchen
-bewaffnet, hell blicken die Äuglein, die Füße trippeln so
-hurtig: bereits ganz Papa und Mama, nur klein noch
-und zierlich. Wir können der Versuchung nicht widerstehen
-und nehmen eins der Tierchen in die Hand &ndash; eine
-Roßkastanie in stachliger Hülle. So leicht ist die Kugel,
-daß wir uns an den Spitzen nicht verletzen können. Wie
-wenig schüchtern der kleine Kerl doch ist! Es dauert
-nicht lange, so rollt er sich auf, beschnüffelt unsre Finger
-und verschwindet schließlich im Rockärmel. Wart',
-Kleiner, du sollst belohnt werden! Etwas lauwarme
-Milch, in ein Näpfchen gegossen, wird sofort gierig geschlürft.
-Dann trollt unser Igelchen weiter. Sie
-werden's schon wiederfinden hier an der Hecke oder dort
-im Gestrüpp des Unterholzes zwischen den Bäumen.</p>
-
-<p>Unter den freilebenden Vierfüßlern unsrer Heimat
-gibt es kaum ein anderes Tier, das ich so gern habe wie
-den Igel, keine interessantere Gesellschaft als eine Igelfamilie.
-Gesetzt, die Natur hätte den stachligen Gesellen
-nicht geschaffen, die kühnste Phantasie des Menschen
-würde sich solch' abenteuerliche Gestalt niemals ausgedacht
-haben. Zwei besondere Eigenschaften sind es,
-die der Igel vereinigt: das stachlige Kleid und die Kunst,
-sich zusammenzurollen. Und diese beiden Eigenschaften
-machen ihn zu einem der merkwürdigsten, seltsamsten, ja
-wunderlichsten Geschöpfe.</p>
-
-<p>Erfindungsreich ist der Mensch, in unserer Zeit
-namentlich auch auf sozialem Gebiete. Aber alle Erfindungen
-haben wir doch schließlich der Natur abgelauscht:<span class="pagenum"><a id="Page_125">[125]</a></span>
-die Ruder und das Steuer des Bootes den
-Flossenträgern, die Bereitung des Holzpapiers den
-Wespen, und das Neueste, mehr auf geistigem Gebiete
-gelegen, die »passive Resistenz« dem Igel. Kein anderes
-Tier bringt diese moderne Methode der Abwehr, der
-Verteidigung besser zum Ausdruck, und der Erfolg lehrt
-ihre Berechtigung. Den Stärkeren angreifen? nein.
-Oder sich mit Krallen und Zähnen verteidigen? warum
-denn? Kann man es wissen, wie's endet? Ich ziehe mich
-lieber in mein Innerstes zurück, schließe mich von der
-rauhen Außenwelt ab. Ich bin die Welt, ich allein;
-mein Wille regiert. Schau du zu, wie du mich faßt!
-Deine Sache ist's, wenn du dir die Finger blutig stößt
-oder die Schnauze, Gesicht, Nase und Augen! Mach' mit
-mir, was du willst, ich habe Zeit und Geduld; wollen
-mal sehen, wer's länger aushält, ich oder du?</p>
-
-<p>Vor uns liegt der kuglige Ballen auf dem Tisch der
-herbstlichen Laube. Hei, wie das springt von winzigen
-Flöhen zwischen den Stacheln und hoch in die Luft
-hinauf, ein Dunstkreis fröhlichen Lebens! Glaube nicht,
-daß er's fühlt, all das Gekribbel, Gekrabbel. Ein schrecklicher
-Zustand wär's, wie ihn wohl die mittelalterlichen
-Ritter in der schweren Eisenrüstung gekannt haben:
-jetzt zwickt es hier, und jetzt juckt es da, und man kann
-sich nicht kratzen! Unbeweglich die Kugel, nur leise
-atmet's im Innern, sanft hebt und senkt sich die Wölbung
-&ndash; kreuz und quer stehen die Stacheln, durchaus
-nicht in der Richtung der Radien. Bald legt sich einer
-nieder, ein anderer richtet sich steiler empor, von unsichtbarer
-Kraft bewegt; denn es treten mehrere Hautmuskeln
-an jeden einzelnen Stachel heran. Auf der Mitte
-des Rückens sind die nadelspitzen Gebilde am längsten,<span class="pagenum"><a id="Page_126">[126]</a></span>
-2&nbsp;<em class="antiqua">cm</em> etwa oder noch etwas mehr. Hübsch gezeichnet sind
-sie: in der Mitte lichter, am Grund und namentlich an
-der Spitze viel dunkler; doch gibt's auch hellere Igel
-mit gelblichen Stachelspitzen, also Brünette und Blonde,
-wie unter uns Menschen. Vollkommen stielrund sind
-die Stacheln nicht; sie zeigen Längsfurchen, den Blutrinnen
-an den Säbeln und Seitengewehren zu vergleichen.
-Aber so fein sind diese Furchen, daß wir genau
-zusehen und den Kopf drehen und wenden müssen, um
-sie bei verschieden auffallendem Lichte zu erkennen. An
-einem Querschnitt kann man mittels der Lupe leicht
-feststellen, daß etwa 25&nbsp;Längsrinnen an jedem Stachel
-hinziehen, bald mehr, bald weniger. Zwischen den Stacheln
-stehen weißgraue bis rostgelbe Borsten, besonders
-nach den Seiten zu; ja am Bauche und im Gesicht, an
-den Schenkeln und Füßen, wovon freilich jetzt nichts zu
-sehen ist, haben diese borstigen Haare die Alleinherrschaft.
-Stacheln wären dort nur vom Übel.</p>
-
-<p>Schon währt's uns zu lange. Willst du dich nicht
-endlich in deiner natürlichen Gestalt zeigen, du Trotzkopf?
-Wir drehen die Kugel vorsichtig um, daß sie auf
-dem Rücken liegt. Aber nur enger und fester zieht sich
-der Igel zusammen. Mit Gewalt ist auch nichts zu erreichen.
-Der mächtige Hautmuskel, der wie ein Mantel
-oder eine Kapuze vom Rücken her das ganze Tier umgibt,
-ist kräftiger als unsre Hand; je mehr wir uns
-mühen, auch mit Nichtachtung der stechenden Stacheln die
-Kugel auseinander zu bringen, um so fester schließt sie
-sich. Biegsam wie eine Weidenrute muß die Wirbelsäule
-unsres Freundes sein, und auch dafür, daß sie bei
-dieser Zusammenrollung nicht zu stark auf das Rückenmark
-drückt, hat die Natur gesorgt. Schon in den Brustwirbeln<span class="pagenum"><a id="Page_127">[127]</a></span>
-löst sich dieses in Einzelstränge auf, die den
-Druck leichter vertragen.</p>
-
-<p>Aber jetzt greifen wir zu einem teuflischen Mittel,
-denn erschöpft ist unsre Geduld. Tabak und Stummelpfeife
-kommt her! Blaue Wolken steigen empor, die Luft
-mit Wohlgeruch füllend; denn Pfälzer ist's, edles Gewächs.
-Wie sie springen, die Flöhe! Wirst uns noch
-dankbar sein für die Entlausung! Lebhafter bewegen
-sich jetzt die einzelnen Stacheln; wie eine Welle läuft's
-dann ganz leise über die Rundung. Die Kugel dreht
-sich allmählich und löst sich ein wenig; der Rücken zeigt
-wieder nach oben. Der ambrosische Duft, an den der
-Nichtraucher so gar nicht gewöhnt ist, scheint ihm nicht
-zu behagen. Noch ein kräftiger Gasangriff von unten
-her, tief hinein zwischen die borstigen Haare, und unser
-Igelchen streckt sich ganz sacht und verstohlen; niemand
-soll's merken, daß es endlich nachgeben will. Schon
-schaut ein Füßchen hervor mit fünf starken Nägeln, zum
-Graben und Scharren geschaffen, jetzt ein zweites und
-vorn ein niedliches Schnäuzchen; schnuppernd hebt sich's
-aus der stachligen Kugel. Jetzt zeigt sich schon das Gesichtchen.
-Prächtige Physiognomie! So naseweis und verschmitzt,
-und so lustig blitzende Äuglein, wie schwarze
-Perlen auf lichtem, graubaunem Grunde. Fein sind die
-Ohren gebildet, alles niedlich und spitz: das Näschen,
-die dunklen Schnurren, die feinen Stichelhaare im
-Antlitz, darüber ein Wall längerer Borsten, einem Helm
-zu vergleichen. Aber das Hübscheste bleibt doch das verlängerte,
-vorn etwas aufgeworfene Schnäuzchen, das sich
-schnüffelnd bald aufwärts wendet, bald abwärts, bald
-nach links, bald nach rechts. Es bildet die verlängerte
-und freibewegliche Nase, zugleich ein Tastorgan von<span class="pagenum"><a id="Page_128">[128]</a></span>
-höchster Vollkommenheit. In der Haut der beweglichen
-Rüsselscheibe drängen sich nämlich unzählige Tastkörperchen
-zusammen, mit denen der nächtliche Jäger die
-Gegenwart oder die Nähe seiner Beute unter dem Laube,
-im feuchten Boden, im Mull von Baumhöhlen gewissermaßen
-»schmeckt«, noch ehe er sie erreicht hat, gleich der
-Waldschnepfe, die mit ihrem Stecher würmt, an dessen
-empfindlicher Spitze ebenfalls Hunderte von Nervenendkörperchen
-sitzen, die dem Vogel die leichteste Erschütterung
-des Erdbodens anzeigen.</p>
-
-<p>Von meinem Pfälzer, das kann ich mir denken, ist
-die feine Nase des Igels nicht begeistert; er trippelt deswegen
-auf seinen niedrigen Beinen an die andre Seite
-des Tisches, um frische Luft zu schöpfen, wobei er uns
-den Genuß gewährt, auch sein winziges Schwänzchen zu
-bewundern, das steif schräg nach unten gerichtet ist, wie
-das kurze, fest zusammengedrehte Zöpfchen eines kleinen
-Mädels. Über den Geschmack ist nicht zu streiten und
-über den Geruch ebensowenig. Und ob dem unverbesserlichen
-Nikotinverächter der Rauch meines edlen Krautes
-noch unangenehmer ist als uns der Bisamduft, den er
-im zeitigen Frühjahr ausströmt, wenn er der Gattin
-den Hof zu machen pflegt, das können wir nicht entscheiden.
-Der Igelin freilich scheint der parfümierte
-Ritter zu gefallen; ihr ist's lieber, als wenn er sich
-ein Sträußchen Parmaveilchen angesteckt hätte. »Wat
-dem einen sin Uhl, is dem annern sin Nachtigall«. Aber
-nun komm wieder ins Tuch, in dem wir dich hergebracht
-haben! Wir klopfen mit dem Stock auf den Tisch, sofort
-rollt sich die Kugel zusammen. Wir bringen sie nun
-zurück zur Hecke, von wo wir sie holten. Ein paar
-Minuten noch, und der Igel trollt ab.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_129">[129]</a></span></p>
-
-<p>Schade, daß wir ihm nicht in den Mund sehen
-konnten; dort stehen perlenartig aneinandergereiht 36
-der niedlichsten Zähne. Denk ich sie mir zu den Maßen
-eines Löwengebisses vergrößert, ein schauderhaft mächtiges
-Zerstörungswerk würde es sein, obgleich die Eckzähne
-fehlen. Oben und unten 6&nbsp;Schneidezähne, schräg
-nach vorn gerichtet, dann jederseits oben 2&nbsp;Lückenzähnchen,
-unten nur eins, scharf wie ein Meißel, und endlich
-die Backzähne, 5 oben, 4 unten auf jeder Seite, mit
-scharfspitzigen Höckern versehen, so recht zum Zermalmen
-der Beute. Die stärksten Knochen der Maus und der
-Ratte, des Frosches, der Eidechse, die Chitinringe der
-Insekten, selbst Brustharnisch und Flügeldecken des
-Hirschkäfers zersplittern wie Glas zwischen dem festen
-Gebiß, und auch größeren Schlangen zerbeißt der stachlige
-Räuber im Nu die Wirbel.</p>
-
-<p>Es ist bekannt, daß sich der Igel selbst vor der Kreuzotter
-nicht fürchtet und die bösartige Schlange sehr
-schnell bewältigt und auffrißt. Man sagt, er sei gefeit
-gegen ihr Gift, genau wie der Storch. Beides ist nicht
-ganz richtig. Unser Hausfreund, der Storch, frißt die
-Kreuzotter nur deshalb ungestraft, weil er es versteht,
-ihr mit dem Bajonettschnabel den Kopf zu zermalmen,
-bevor sie imstande ist, ihren Feind mit den Giftzähnen
-zu verletzen. Wohin sollte sie ihn auch beißen? In die
-Ständer, den Schnabel? Die Haut dieser Glieder führt
-wenig Blutgefäße, und die Gefahr einer Vergiftung
-wäre gering. Ähnlich wie der Storch macht es der Igel.
-Flink und gewandt zerbeißt er dem unheimlichen Kriechtier
-Kopf und Genick. Freilich muß er schon etwas Erfahrung
-besitzen, wenigstens fallen junge Igel, wenn
-man sie zu einer Kreuzotter bringt, dieser gewöhnlich<span class="pagenum"><a id="Page_130">[130]</a></span>
-zum Opfer, nicht aber alte, erfahrene Herren. Die getötete
-Schlange zu fressen, ist ungefährlich, kein Fakirkunststück;
-denn im Verdauungskanal ist das Gift ganz
-unschädlich. Es wirkt nur, wenn es ins Blut kommt.
-Gewiß ist die Widerstandskraft gegen das Schlangengift
-beim Igel größer als bei andern Warmblütern. Der
-Jahrtausende währende Kampf, den er gegen die Otter
-führt, hat ihn ziemlich giftfest gemacht; aber wirklich
-gefeit, wie manche wohl glauben, ist er durchaus nicht.
-Igel, die man von Kreuzottern in Zunge und Mundwinkel
-beißen ließ, wurden ziemlich krank und litten
-tagelang an den Folgen der Vergiftung; sie gesundeten
-aber später wieder vollkommen. Auch unmittelbaren
-Gifteinspritzungen setzten sie großen Widerstand entgegen.
-Die Dosis, die ein Meerschweinchen schnell tötet,
-muß verzehnfacht werden, ehe ein Igel nur vorübergehend
-erkrankt. Auch andere natürliche Gifte verträgt
-unser Stachelträger sehr tapfer; so macht er sich gar nichts
-daraus, auch einmal ein paar grüne Spanische Fliegen
-zu fressen, deren Genuß bei andern Tieren den Tod,
-wenigstens fürchterliche Schmerzen im Rachen und in
-der Speiseröhre verursacht.</p>
-
-<p>Pflanzenkost verschmäht der Igel aber auch nicht.
-Obst, das sahen wir schon, ist ihm eine Lieblingskost,
-ebenso Beeren aller Art, desgleichen saftreiche Wurzeln,
-wie Mohr- und Steckrüben; ob er auch Schwämme verzehrt,
-kann ich nicht sagen. Reich ist der Speisezettel,
-den Mutter Natur für ihn bereit hält. Nur das eine
-sollte der Gefräßige lassen, nämlich das Plündern bodenständiger
-Nester; dadurch schadet der Igel vielleicht mehr,
-als man denkt. So mancher Forstmann klagte mir schon,
-daß der Bursche Fasaneneier getrunken, junge Schnepfen<span class="pagenum"><a id="Page_131">[131]</a></span>
-gefressen, ja Rebhuhneier, während die Henne darauf
-saß und sie heftig verteidigte, zu rauben versucht habe.
-Selbst junge Häschen sollen ihm bisweilen zum Opfer
-fallen (?). Und der Strafe entzieht sich der stachlige
-Raubritter stets; sofort ist die Kugel gebildet: greife
-mich an, wenn du's wagst! Nur dem Uhu darf
-er's nicht sagen. Der kümmert sich nicht drum. Mit
-seinen wehrhaften Krallen packt er kühn zwischen die
-Stacheln, und mit dem mächtigen Schnabel löscht er dem
-Igel das Lebenslicht aus.</p>
-
-<p>Eigentlich sollte man meinen, die Verminderung der
-Raubvögel müsse den Igeln zugute kommen wie etwa
-den Mitgliedern der Krähensippe oder den Spechten.
-Mag sein, aber andre feindliche Kräfte sind am Werk,
-diesen Vorteil aufzuheben; es scheint mir, man begegnet
-heute viel seltener einmal einem Igel, als in früheren
-Zeiten. Der Jäger ist ihm feindlich gesinnt; ja manche
-Jagdschutzvereine hatten früher den Igel mit in die
-Liste des Raubzeugs aufgenommen, für dessen Erlegung
-Belohnungen gezahlt wurden. Gegen jede Verfolgung
-sollten aber die Landwirte entschieden Einspruch erheben,
-denn für sie ist der Igel als treuester Verbündeter gegen
-die Mäuse ein sehr nützliches Tier. Vier, sechs Feldmäuse
-zu einer Mahlzeit mit Haut und Haar zu verzehren,
-ist ihm eine Kleinigkeit, und auf Insekten hat
-er immer Appetit; solch kleines Getier ist überhaupt
-nicht zu rechnen, denkt er bei sich.</p>
-
-<p>Nur in einer Beziehung ist der Igel genügsam, im
-Trinken. Es muß schon recht heiß sein, ehe er einmal aus
-einer Pfütze am Wege trinkt oder aus einem der kleinen
-Wasserbecken, die der Wald zwischen dem oberirdischen
-Wurzelgeflecht der Bäume für seine durstenden Bewohner<span class="pagenum"><a id="Page_132">[132]</a></span>
-allzeit bereit hält. Auch die Igel, die ich tage-
-und wochenlang in Gefangenschaft hielt, haben nur selten
-von dem Wasser geleckt, das ich nie versäumte, in den
-Raum zu stellen, den ich ihnen anwies. »Mit Wasser
-bleib mir ferne!« scheint ihr Losungswort zu sein. Sie
-verhalten sich also ähnlich wie die meisten Raubvögel,
-die ja auch zugleich mit ihrer blutigen Kost so viel
-Flüssigkeit aufnehmen, daß sie tagelang des Wassers entbehren
-können, obgleich es auch Ausnahmen gibt. So
-tauchte ein Schleierkauz jedes Stückchen Fleisch, das ich
-ihm gab, ins Wasser, ehe er's verschlang. Merkwürdig
-ist's, daß die Igel, die alten wie die jungen, sehr gern
-etwas Milch schlürfen, wobei sie wohlgefällig schmatzen,
-so gut schmeckt es ihnen.</p>
-
-<p>Wollten wir als Kinder einen Igel, wenn ich so
-sagen darf, »aufwickeln«, so kannten wir bei dem streng
-befolgten Rauchverbot nur zwei Mittel. Das eine war
-Musik. Wir machten in seiner Nähe durch Trommeln
-auf der Gießkanne einen Höllenspektakel. Aber das
-Mittel versagte bisweilen; denn oft zog sich Meister
-»Struppig« nur noch enger in sein Innerstes zurück:
-»Lärmt wie ihr wollt, ich halte meine Öhrlein verschlossen!«
-Das andere Mittel wirkte schneller und
-sicherer: ein tüchtiges Brausebad. Mitunter haben wir
-die stachlige Kugel auch den Wiesenhang hinabgekollert,
-geradenwegs in den Bach und uns dann teuflisch belustigt,
-wie sich der Igel im Wasser sofort aufrollte und,
-obgleich er's nie gelernt, doch äußerst geschickt, das Näschen
-über dem Wasser haltend, nach einer Stelle am
-Ufer schwamm, wo er am leichtesten wieder festen Grund
-unter den kleinen Füßen fassen konnte. So völlig durchnäßt,
-rollte er sich nie wieder sofort zusammen, sondern<span class="pagenum"><a id="Page_133">[133]</a></span>
-ließ uns ruhig seine ganze Person betrachten, den Kopf,
-die Füße, das Schwänzchen. Die Nässe des Unterleibs
-war offenbar seinem Schnäuzchen viel zu unangenehm,
-als daß er es zwischen den triefenden Borstenhaaren versteckt
-hätte. Auch der Fuchs soll den Igel ins Wasser
-rollen, um ihn dann zu bewältigen. Ob es wahr ist,
-weiß ich freilich nicht.</p>
-
-<p>Den Igel zu essen, fällt bei uns niemand ein, obgleich
-sein fettes Fleisch im Herbst gewiß ebenso gut
-schmecken mag, wie das des Dachses, mit dem er ja in
-der Lebensweise wie in der äußeren gedrungenen Gestalt
-manches gemein hat. In Spanien hat man ihn
-ehemals während der Fasten häufig gegessen; ich möchte
-die Ausrede kennen, die man gebraucht haben mag, um
-solchen Fleischgenuß zu rechtfertigen. Bekannter ist die
-Vorliebe der Zigeuner für einen Igelbraten. Im Lande
-der Stephanskrone war ich einst Zeuge, wie sich die
-braunen »Söhne Pharaos« auf dem Felde ein Igelgericht
-zubereiteten. Drei Stück, die sie gefangen und erschlagen
-hatten, wurden von den urwüchsigen Gesellen notdürftig
-ausgeweidet, dann wieder zu einer Kugel zusammengerollt,
-mit feuchtem Lehm dick umgeben und schließlich
-in der glühenden Asche gebacken, wie Schinken in Brotteig.
-Als nach geraumer Zeit der Lehm zu bröckligem
-Ziegel gebrannt war, stieß der Oberkoch mit dem Fuß
-die heißen Klumpen aus der Asche heraus und zerschlug
-die Umhüllung. Die Stacheln und die meisten harten
-Borsten blieben in ihr stecken. Was mit dem toten Ungeziefer
-geschah, das weiß ich nicht, ging mich auch weiter
-nichts an. Mürb war der Braten und saftig, und er
-schmeckte dem genügsamen Völkchen allem Anschein nach
-großartig.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_134">[134]</a></span></p>
-
-<p>Mancher Igel hat in früheren Zeiten auch für die
-Gesundheit des Menschen sein Leben lassen müssen; denn
-der Igelleib bot bei dem oder jenem Gebreste der leidenden
-Menschheit so manches sicher wirkende Heilmittel.
-Selbst dem Gewerbe kam die stachlige Haut zu statten;
-sie diente im alten Rom zum Karden der wollenen
-Tücher, desgleichen als Hechel. Auch noch später bildete
-sie zu ähnlichen Zwecken einen Handelsartikel.</p>
-
-<p>Das Volk will zwei Abarten des Igels unterscheiden:
-»Hundsigel« und »Schweinsigel« &ndash; der letztere ist der
-bekanntere, schon wegen des reizenden Märchens »Swinegel
-un sine Fru«. Der Zoolog aber kennt bei uns
-nur die eine Spezies: <em class="antiqua">Erinaceus europaeus</em>. Freilich
-in Südostrußland, in den Niederungen um den Kaspischen
-See und östlich bis zum Baikalsee kommt noch eine
-andre Form vor mit etwas längeren Ohren und kürzerem
-Schwanz, unten sehr hell behaart, sonst unserm
-europäischen Igel ganz ähnlich. <em class="antiqua">Erinaceus auritus</em>,
-langohriger Igel nennt ihn der Zoolog.</p>
-
-<p>Unser Landsmann ist in fast ganz Europa heimisch,
-mit Ausnahme der nördlichsten Länder, etwa vom
-63°&nbsp;n.&nbsp;Br. an. Auch die waldreichen Gebirge bewohnt
-unser Igel; in den Alpen steigt er bis gegen 1500&nbsp;<em class="antiqua">m</em> an,
-im Kaukasus gar bis 2000&nbsp;<em class="antiqua">m</em>. Die Wälder und Fruchtauen,
-die Felder und Gärten der Ebenen und Hügelländer
-sind ihm aber doch lieber. Sehr zahlreich kommt
-er in den weiten russischen Ebenen vor, auch im nördlichen
-Asien ist er verbreitet. Dort und namentlich in
-Afrika stellen sich dann auch manche andere Arten der
-stachelborstigen Familie ein. Das Stachelschwein aber,
-das seine Heimat in den Mittelmeerländern hat &ndash; in
-Nordwestafrika, in Griechenland und in Süditalien bis<span class="pagenum"><a id="Page_135">[135]</a></span>
-nordwärts zur römischen Campagna trifft man es an &ndash;
-gehört nicht hierher, sondern zu den Nagetieren.</p>
-
-<p>Im Verborgenen führst du dein Leben, du seltsamer
-Einsiedler, drolliger »Bruder im stillen Busch«, von den
-Menschen wenig beachtet, von vielen verkannt. Nur
-einen Ort weiß ich, der bringt dich zu Ehren, ja er
-nennt sich nach dir, Iglau in Mähren. Er hat sich dein
-Konterfei ins Wappen gesetzt, wie Griechenlands
-Hauptstadt die Eule, das Sinnbild der Pallas Athene.
-Lustige Igel sind's in dem einen Feld, in dem andern
-aber züngelnde Löwen mit aufgerissenen Rachen. Noble
-Gesellschaft, nicht wahr? Laß sie nur spotten, die andern
-Tiere des Waldes: struppiges Stacheltier, Borstenträger,
-Schweinigel und wie sie dich schimpfen &ndash; <em class="gesperrt">du</em>
-gabst der Stadt ihren Namen und nicht der König der
-Tiere!</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die nächsten Verwandten des Igels, die <em class="gesperrt">Spitzmäuse</em>,
-sind Gnomengestalten, die kleinsten unter den
-Säugetieren; ja das winzigste Geschöpfchen, die Zwergspitzmaus,
-wird nur 9&nbsp;<em class="antiqua">cm</em> lang, wobei das Schwänzchen
-sogar mitgerechnet ist, und die häufigste Art, unsre
-Waldspitzmaus, ist auch nicht viel größer: 11&nbsp;<em class="antiqua">cm</em>, wovon
-reichlich 4&nbsp;<em class="antiqua">cm</em> auf den Schwanz kommen; der kleine
-Finger des Menschen ist meist noch etwas größer. Alles
-ist zierlich an diesem Zwergengeschlecht: das rüsselartig
-verlängerte Näschen, die winzigen schwarzen Perlen der
-Äuglein, die niedlichen Ohren, die Pfötchen, und das
-Fell so weich, ein Samthabitchen, wie es auf der ganzen
-Welt nicht seinesgleichen gibt. Und gar erst die Zähnchen:<span class="pagenum"><a id="Page_136">[136]</a></span>
-köstlich diese winzigen Gebilde, 32 an Zahl, dolchspitz,
-scharfhöckerig; gleich den Schneiden der Schere
-passen sie aufeinander oben und unten, zum Zermalmen
-der harten Chitinpanzer, wie sie die Insekten tragen,
-geschaffen und zum Zerschneiden von Haut und Muskeln
-der kleinen Beutetiere geeignet.</p>
-
-<p>Aber die Waffe allein tut's nicht, die Spitzmäuse
-verstehen sie auch zu führen, und eine Tapferkeit, ja
-Todesverachtung steckt in diesem Pygmäengeschlecht, daß
-kein Wesen sicher vor ihnen wäre, wenn sie eben nicht
-zu den kleinsten Warmblütern gehörten. Wehe, wenn
-sich ein anderes Tier in das Bereich der Kleinen verirrt!
-Jede Maus wird angefallen und bald überwunden.
-Kampf auf Leben und Tod! Pardon geben, das
-kennen die Spitzmäuse nicht, und der Sieger frißt den
-Besiegten. Ein paar Wollfleckchen bleiben übrig, vielleicht
-auch das Schwänzchen. Die Zähne vermögen selbst
-die stärksten Knochen der Maus zu zerknacken. Erbitterte
-Kämpfe auch unter den Artgenossen, sogar unter den
-nächsten Blutsverwandten. Die Mutter beißt ihr Kind
-tot, das sie entwöhnt hat, wenn's wieder zu ihr zurückkehrt,
-und frißt es mit Stumpf und Stiel &ndash; nun wird's
-das Wiederkommen vergessen; der Gatte frißt die Gattin,
-die Geliebte den Freier, der Bruder den Bruder. Keins
-fühlt sich sicher vor seinen Genossen; es kommt nur
-darauf an, wer der Stärkere ist. Gewalt geht vor Recht.</p>
-
-<p>Auch ihre Wohnung hat sich die Spitzmaus meist mit
-Gewalt erobert, ein Mauseloch ist's. Der rechtmäßige
-Besitzer ist den Weg alles Fleisches gegangen und seine
-hoffnungsfrohe Kinderschar mit ihm. Oft genügt der
-Spitzmaus auch eine Höhlung im Wurzelgeflecht einer
-Buche, einer Eiche oder eine kleine Bodenvertiefung<span class="pagenum"><a id="Page_137">[137]</a></span>
-zwischen allerlei Pflanzenwust zur Aufnahme ihres
-Wochenbetts. Ende Mai, Anfang Juni ist die Kinderstube
-voll jungen Lebens: fünf bis zehn winzige Dinger,
-nackt und unbeholfen, blind noch und zahnlos. Piepend
-und winselnd suchen sie nach dem Milchquell, wenn die
-Alte sich sorgsam über die rosigen Körperchen legt.
-Dann herrscht Ruhe am häuslichen Herd; nur das
-saugende Atmen vernimmt die glückliche Mutter, bis
-schließlich eins nach dem andern die Zitze freigibt. Nun
-sind sie gesättigt und schlafen, und die Mutter kann auf
-kurze Zeit ihre Kinder verlassen, um für die eigne Nahrung
-zu sorgen.</p>
-
-<p>Nach vier Wochen schon wird sie von der kleinen Gesellschaft
-begleitet, meist gegen Abend, wenn die Sonne
-zur Rüste gegangen ist. Fürs helle Licht taugen die
-Äuglein nicht; da werden sie zugekniffen, daß sie vollständig
-im Samtfellchen verschwinden. Und selbst im
-Dunkel der Nacht folgen die Spitzmäuse gewiß nicht dem
-Auge, vielleicht auch nur selten dem Ohr; in dem Rüsselchen
-haben sie, was sie bedürfen, einen feinen Spürsinn
-und feinen Geruch, der Insekten und Würmer wittert
-und dem Jäger die geringsten Erschütterungen des
-Bodens verrät, die solch' kleine Beute verursacht. Die
-Spitzmäuse sind ausschließlich Fleischfresser; sie verhungern
-lieber, als daß sie irgendwelche Pflanzenkost
-anrühren. Und deshalb gehören sie für den Menschen
-zu den nützlichsten Tieren, zumal ihr Appetit außerordentlich
-groß ist. Hunger längere Zeit zu ertragen,
-wie etwa der Frosch es vermag, das ist einer Spitzmaus
-unmöglich. Wieviel Leben steckt aber auch in dem
-kleinen Warmblüter, mit dem Stumpfsinn des Lurchs
-nicht zu vergleichen!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_138">[138]</a></span></p>
-
-<p>Selbst im kalten Winter sind die Spitzmäuse munter
-und guter Dinge; von einem regelrechten Winterschlaf
-wollen sie nichts wissen. Ja ich habe die kleine Gesellschaft
-nie so lebhaft gefunden, wie gerade in der kalten
-Jahreszeit. Da kommen die Spitzmäuse gern von den
-Feldern und Waldrändern herein nach den Ställen und
-Schuppen der Landwirte, huschen nach Mäuseart überall
-herum und suchen, wie sie ihren Hunger stillen. Im
-verborgenen Winkel zwischen dem Gebälk schlummert so
-manche Insektenpuppe, und mancher Falter hat sich hier
-zur langen Winterruhe zurückgezogen; Spinnen gibt's
-auch überall, und wenn man Glück hat, läuft einem auch
-ein Mäuschen über den Weg &ndash; dann wehe dem kleinen
-Nager!</p>
-
-<p>Die Spitzmäuse haben wenig Freunde unter den
-Menschen. »Mäuse« sind's, denkt der Bauer und schlägt
-sie tot oder zertritt sie roh mit dem Stiefel. Da sind
-Spitz und auch der alte erfahrene Kater weit klüger, als
-ihr Herr und dessen ganze Familie. Spitzmäuse und
-Mäuse können die beiden gar wohl unterscheiden. Freilich
-der Kater läßt sich auch täuschen, doch nur im ersten
-Augenblick; er fängt die Spitzmaus wie jedes Mäuslein
-und beißt sie tot &ndash; ein kurzer Aufschrei, dann ist alles
-vorbei. Aber statt die Beute zu fressen, läßt er sein
-Opfer unbeachtet liegen und wischt sich den Mund, als
-habe er etwas Unreines berührt. Und der Spitz? Er
-fährt wohl auch auf das samtige Tierchen los, aber er
-packt's nicht; denn der Moschusgeruch, den die Spitzmaus
-ausströmt, ist so stark, daß keine feine Hundenase dazu
-gehört, um zu erkennen, um wen sich's hier handelt.
-Einem anständigen Hund ist nichts widerlicher, als solch
-mit Moschusparfüm behaftetes Wildbret &ndash; pfui Pudel!<span class="pagenum"><a id="Page_139">[139]</a></span>
-denkt sich der Spitz. Selbst Fuchs, Iltis und Steinmarder
-mögen von der Spitzmaus nichts wissen, obgleich
-sie selbst doch auch nicht gerade nach Veilchen oder Maiglöckchen
-duften. Nur die gefiederten Mäusejäger, die
-Tagraubvögel, vor allem der Bussard, ebenso die nächtlichen
-Eulen sind nicht so empfindlich. Sie fragen nicht
-lange: ist's Spitz- oder Feldmaus? Mit ein paar
-Schnabelhieben wird die Beute getötet und zerteilt,
-oder sie schlucken das ganze Tierchen auf einmal hinunter,
-wie wir eine bittere Pille; da merkt man von
-dem Moschusgeruch und dem üblen Geschmack nur wenig.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Der Dritte im Bunde der Sippe ist ein ganz abenteuerlicher
-Gesell; er lebt unter der Erde, und nur in
-der Nacht erscheint er bisweilen an der Oberfläche: der
-<em class="gesperrt">Maulwurf</em>. Ein Samtkleidchen hat er an, so fein
-und so weich wie die Spitzmaus. Das ganze Persönchen
-ist in dichten Pelz eingehüllt, an dem weder Nässe
-noch Erdkrümchen haften; nur die Pfoten, die Spitze
-des Rüssels und das letzte Ende des Schwänzchens
-schauen aus dem Samtfell hervor. Die Ohren liegen
-versteckt und ebenso die winzigen Äuglein. Der Plüschanzug
-kommt nie aus der Ordnung, mag sich sein Träger
-vor- oder rückwärts in dem dunklen Erdgang bewegen;
-denn es fehlt ihm der »Strich«, und nirgends zeigt sich
-ein »Wirbel«, wie sonst im Fell glatthaariger Tiere.
-Und wie schön ist die Färbung des Kleids, oft tiefschwarz
-mit fast metallischem Glanz, ins Stahlblau spiegelnd,
-oft bräunlich, bisweilen auch silbergrau oder
-gelblich; selbst weiße Maulwürfe finden sich, regelrechte<span class="pagenum"><a id="Page_140">[140]</a></span>
-Albinos, wenn auch nur selten. Und weiter, die Unterseite
-ist selbst zwischen den Beinen ebenso dicht behaart
-wie der Rücken und ebenso dunkel gefärbt.</p>
-
-<p>Heute zählt der Maulwurf gleich Marder und Hermelin
-mit zu den Pelztieren, eine Ehre, die Tausende
-schon mit dem Leben bezahlt haben. Aber wie klein
-sind die einzelnen Fellchen, eine mühsame Arbeit für
-den Kürschner! Doch die Leute bezahlen's, solange es
-die Mode gebietet. Und die Nachfrage nach diesem Pelzwerk
-war, wenigstens in den Jahren 1919 und 20, so stark,
-daß damals märchenhafte Preise gezahlt wurden &ndash; 20, ja
-25&nbsp;Mark für solch winziges, noch nicht einmal zugerichtetes
-Fellchen! Ich hätte das Gesicht unsers alten Tobias
-vom Rittergut sehen mögen, wenn er das gehört hätte;
-die Pfeife wäre seinem zahnlosen Munde entfallen, und
-wie ein Kettenhund hätte er geheult, daß ihm sein Lebtag
-der Verwalter nie mehr als 12&nbsp;Pfennige für einen
-Maulwurf bezahlt hat. Der Alte verstand seine Kunst.
-In die Laufröhre, gleich neben dem aufgestoßenen Erdhaufen,
-senkte er die Drahtschlinge, befestigte ganz lose
-das hölzerne Häkchen daran, das bei der geringsten Berührung
-heraussprang, bohrte den biegsamen Stock tief
-in die Erde und zog ihn mit einem Strick zu der klug
-ersonnenen Falle herab. Nun geht dir's ans Leben, du
-unterirdischer Wühler! Stößt du mit deinen Schaufelhänden
-nur ein wenig an den hinterlistigen Haken,
-gleich wippt die Schlinge empor und erwürgt bist du,
-noch ehe der Galgen wieder zur Ruhe gekommen ist.</p>
-
-<p>Als Kind habe ich oft dem Tobias in sein Handwerk
-gepfuscht und manche Falle zerstört; denn ich hatte es
-gelesen, was Bechstein und Lenz von dem Maulwurf
-erzählen, wie er ein gar nützliches Tier sei, da er Regenwürmer<span class="pagenum"><a id="Page_141">[141]</a></span>
-und Engerlinge verzehre, und nur Dummheit
-sei's, wenn man ihn töte. Diese Dummheit hatte sich
-vor ein paar Jahren zum Wahnsinn gesteigert: Tagediebe
-lauerten auf Feldern und Wiesen dem unterirdischen
-Gesellen auf; ja es gab Landwirte, die solchen
-Maulwurfsfängern ihren Grund und Boden geradezu
-als Jagdrevier gegen ein schönes Sümmchen verpachteten.
-Glaubt der Bauer wirklich, daß dieser Judaslohn
-hinreicht, den Schaden quitt zu machen, den das Heer
-der Regenwürmer und der Insektenlarven, die nun ungestört
-ihr Handwerk treiben können, der jungen Saat
-zufügt! In mancher Gegend hat dieser Unfug schon dazu
-geführt, daß die Maulwürfe selten geworden, ja hie und
-da bereits verschwunden sind. Die Maulwurfshaufen,
-über die du dich oft so geärgert hast, bist du los, dummer
-Bauer, aber ebenso deine besten Bundesgenossen im
-Kampfe gegen das Ungeziefer, das nun überhand nimmt.
-Zum Glück beginnt man bereits einzusehen, wie töricht
-es ist, den Maulwurf zu vertreiben. In Bayern hat
-man ein Gesetz zum Schutze dieses Insektenfressers geschaffen;
-in Sachsen freilich ist eine gleiche Gesetzesvorlage
-unter den Tisch des Hauses gefallen, hauptsächlich
-deshalb, weil die Mode sich von dem Pelzwerk
-wieder abgewandt hat, die Fellchen infolgedessen im
-Preise außerordentlich gefallen sind und so der Anreiz
-zur Maulwurfsjagd nicht mehr besteht.</p>
-
-<p>Auch der Nutzen des Maulwurfs wird von mancher
-Seite stark angezweifelt. Regenwürmer vertilgt er;
-Regenwürmer aber sind nützliche Tiere, die den Boden
-düngen, lockern und durchlüften. Gewiß, wo aber diese
-Würmer allzu zahlreich austreten, da richten sie doch
-recht merkbaren Schaden an der Saat an, indem sie die<span class="pagenum"><a id="Page_142">[142]</a></span>
-jungen Pflänzchen massenhaft hinab in ihr unterirdisches
-Reich ziehen und dann von den verwesenden Stoffen
-leben. Aber der Maulwurf frißt nicht nur Regenwürmer,
-sondern er stellt auch den Engerlingen, diesen
-schlimmen Gesellen, nach. Er folgt ihnen selbst in ihre
-tiefer gelegenen Schlupfwinkel, wohin sie sich in der
-kalten Jahreszeit zurückziehen. Denn zu den Winterschläfern
-gehört der Maulwurf ebensowenig wie die
-Spitzmaus. Tag für Tag, selbst wenn bitterer Frost
-die oberste Schicht der Erde in Bann hält und der
-Bauer denkt, es ist draußen alles Leben erstorben,
-arbeitet der unterirdische Wühler unermüdlich zum
-Nutzen des Landmanns, der ihm seine verborgene Tätigkeit
-nur allzuoft mit Undank vergilt. Auch bei lang
-anhaltender Trockenheit im Sommer, wenn die Engerlinge
-und andre Insektenlarven sich tiefer in die Erde
-eingraben, verlegt der Maulwurf seine Jagdgründe
-dahin. Es wird behauptet, daß er für die Zeit der Not
-auch Nahrungsspeicher einrichte, wie weiland Joseph in
-Ägypten in den sieben fetten Jahren, gewissermaßen
-Regenwurmmagazine, eingebaut in die Wandungen
-seiner unterirdischen Gänge. Weil er aber tote Tiere
-nicht gern frißt, sondern allezeit frisches Fleisch haben
-will, so bringe er den Würmern nur einen Biß bei, der
-die Ganglienkette zerstöre, so daß sie nicht recht sterben
-und nicht recht leben, auf keinen Fall aber entfliehen
-können. Man will Hunderte von Würmern in ganzen
-Haufen beieinander gefunden haben, denen ihr Feind
-die vorderen Ringe des Körpers, namentlich den sog.
-»Kopflappen«, aufgerissen habe. Und vielleicht sei es
-weniger der Biß selbst, als der Speichel des Maulwurfs,
-der die Lähmung der Würmer verursache.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_143">[143]</a></span></p>
-
-<p>Das Nahrungsbedürfnis unseres Insektenfressers ist,
-wie das aller kleinen Warmblüter, außerordentlich groß,
-und deshalb kann sein Nutzen nach dieser Richtung hin
-nicht hoch genug angeschlagen werden. Außerdem durchlüften
-seine Gänge den Boden, was den Pflanzen zum
-Vorteil gereicht. Die Erdhaufen, die er auf den Wiesen
-aufwirft, wird man ihm leicht verzeihen können; mit
-dem Rechen läßt sich alles schnell in Ordnung bringen.
-Und wenn auch durch die unterirdischen Wühlereien ein
-paar Saatpflänzchen gelockert werden oder das Gras
-der Wiese über dem einen oder andern Reviergang des
-Insektenjägers nicht recht gedeihen will, weil die
-Wurzeln bloßgelegt sind, so wird das nicht viel bedeuten.
-Nur im Ziergarten kann man den Maulwurf nicht
-dulden; aber nach Falle und Galgen braucht man nicht
-gleich zu greifen. Es gibt andre Mittel, durch die er
-sich leicht vertreiben läßt. Mit Petroleum getränkte
-Lappen oder Heringsköpfe kann er nicht erriechen; parfümiert
-man seine Gänge damit, so vergrämt man den
-Maulwurf. Noch sicherer ist es, um kleine Blumenbeete
-Dornen oder Glassplitter ein bis zwei Fuß tief einzugraben;
-sein empfindlicher Rüssel ist ihm zu lieb, als
-daß er ihn sich an solchen Dingen verletzen ließ.</p>
-
-<p>Die Wohnung des Maulwurfs, eine kesselförmige
-Höhlung, liegt etwa einen halben bis dreiviertel Meter
-unter der Erde, an einer Stelle zumeist, die schwer zugänglich
-ist, z.&nbsp;B. unter dem Schutz einer Mauer, eines
-Erdhaufens oder dichten Wurzelgeflechts. Mit Laub,
-Moos, Stroh ist die Höhle gepolstert; denn sie dient
-nicht nur zur Wohn-, sondern auch zur Schlaf- und bisweilen
-zur Wochenstube. Von dem Kessel aus erstrecken
-sich strahlenförmig nach allen Richtungen mehrere<span class="pagenum"><a id="Page_144">[144]</a></span>
-Gänge, die meistens wieder untereinander durch einen
-Rundgang verbunden sind. Diese Gänge vereinigen sich
-in einiger Entfernung zu einer Laufröhre, die nach dem
-Jagdgebiet führt. Auch vom Boden des Kessels senkt
-sich ein Gang in die Tiefe, um jedoch bald wieder aufzusteigen
-und gleichfalls jene Laufröhre zu erreichen.
-Die Wände der Röhren sind sorgfältig und sauber geglättet;
-denn der Hohlraum wird hier weniger dadurch
-gewonnen, daß der Maulwurf Erde auf die Oberfläche
-befördert, sondern dadurch, daß er mit seinem walzenförmigen
-Körper den lockeren Boden zusammendrückt.</p>
-
-<p>Die sog. Maulwurfshaufen sind in der Regel auf
-das Jagdgebiet beschränkt, das oftmals 60 oder 80&nbsp;<em class="antiqua">m</em>
-vom Wohnkessel entfernt liegt. Dieses Revier durchwühlt
-der Maulwurf nach allen Richtungen hin gründlich.
-Täglich baut er neue Gänge, wobei er die Erdmassen
-mit Nacken und Hals an die Oberfläche befördert.
-Wenn er »aufstößt«, bleibt er aber in weiser
-Vorsicht immer noch etwas unter der Erde. Trotzdem
-wird er bei dieser Tätigkeit nicht selten von einem Feind
-überrascht und gepackt, vom Fox, der schnell seine
-Schnauze in die lockere Erde stößt, oder vom Storch, der
-mit dem Bajonettschnabel tief in den aufgeworfenen
-Haufen sticht. Auch der alte »Tobias« hat so manchem
-Maulwurf schon aufgelauert, wenn er gerade aufstößt,
-was dreimal am Tage, früh, mittags und abends, mit
-genauer Zeiteinteilung geschehen soll. Schnell das Grabscheit
-in die Erde stoßen und herauswerfen, was es gefaßt
-hat! Der überlistete Wühler fliegt mit in die Luft
-und ist dann verloren.</p>
-
-<p>Wer noch nie junge Maulwürfe gesehen hat, der
-kann sich kaum eine Vorstellung davon machen, wie<span class="pagenum"><a id="Page_145">[145]</a></span>
-spaßhaft diese winzigen Wesen aussehen. Sie sind, eben
-geboren, nicht viel größer als eine weiße Bohne, nackt,
-ganz unbehilflich, alle Glieder unfertig, Schweinsembryonen
-zu vergleichen. Dabei sind sie dick und
-wohlgenährt, rundlich, und die fein gefaltete Haut ist
-trotzdem auf Zuwachs der Leibesfülle berechnet. Nach
-zehn Tagen etwa sind die Körperchen mit zartem Flaum
-überzogen, durch den die rosige Haut aber noch immer
-durchschimmert, bis sich die Haare zu dem weichsten
-Samtfellchen schließen. Noch zwei Wochen vergehen,
-dann werden die Kleinen allmählich entwöhnt; Regenwürmer
-und allerlei Kerbtiere trägt die Mutter herbei
-und verfüttert sie stückweise an ihre Kinder. Droht eine
-Gefahr, so gräbt sie in Eile eine andere Höhle und trägt
-ihre Jungen im Maule dahin. Namentlich Hochwassergefahr,
-aber auch die Nachstellungen anderer Maulwürfe,
-den Vater nicht ausgenommen, veranlassen die
-Mutter zu solcher Fürsorge. Nach vieler Mühe sind die
-Jungen endlich so weit, daß sie der Alten auf ihren
-Pirschgängen folgen können, bis sich schließlich eins nach
-dem andern von der Familie trennt und nun ein selbständiges
-Leben beginnt. Noch ein zweites Mal wirft
-die Mutter vier oder fünf Junge, die aber erst im kommenden
-Frühjahr einen eigenen Hausstand gründen.</p>
-
-<p>Es gibt kaum ein anderes Säugetier, dessen Körperbau
-sich den Verhältnissen, unter denen es lebt, so vollkommen
-angepaßt hat, wie der Maulwurf. Oder richtiger:
-beim Maulwurf läßt sich die Übereinstimmung
-des äußeren und inneren Baus mit der Lebensweise so
-deutlich erkennen, wie wohl bei keinem andern Säugetier.
-Zur unterirdischen Wühlarbeit hat die Natur den
-Maulwurf bestimmt, und nur unter diesem Gesichtspunkt<span class="pagenum"><a id="Page_146">[146]</a></span>
-wird sein seltsamer Körperbau verständlich. Die
-Vorderfüße sind zu wirklichen Händen umgebildet
-worden mit fünf Fingern, an denen krallenartige
-Schaufelnägel sitzen. Sie stehen seitwärts am Körper,
-die Handfläche nach hinten, der kleine Finger nach oben
-gerichtet. Ihr Arbeitsradius reicht beiderseits so weit,
-daß der walzenförmige Leib des Tieres in dem gegrabenen
-Tunnel gerade Platz findet. Kräftig sind jene
-Schaufeln gebaut; ihr kurzer Stiel, den Ober- und
-Unterarm darstellend, ist ganz im Körper verborgen.
-Starke Muskeln treten von dem gekielten Brustbein an
-die Knochenwülste der Arme heran und vermitteln diesen
-die Kraft, die schwere Arbeit zu leisten. Die Hintergliedmaßen
-sind viel schwächer; sie haben den Körper
-nur vorwärts zu schieben und zeigen deshalb gewöhnliche
-Füße mit Zehen und Sohlen, wie sie auch Igel und
-Spitzmäuse besitzen. Auffallend stabartig gebildet sind
-Hüft- und Sitzbeine; sie legen sich der Wirbelsäule an
-und steifen sie, um das Vorwärtsschieben der lebendigen
-Bohrmaschine zu erleichtern.</p>
-
-<p>Daß auch die winzigen Äuglein, nicht größer als ein
-Stecknadelkopf, zu dem unterirdischen Leben passen, liegt
-auf der Hand. Im Dunkel der Erde sind sie ganz überflüssig,
-und wenn auch der Maulwurf in der Nacht aus
-seiner Grube hervorkommt, so genügt es ihm wohl, hell
-und dunkel unterscheiden zu können. Mehr braucht er
-nicht; das Geruchsorgan und der feine Tastsinn seines
-Rüssels verraten ihm, was er zu wissen bedarf. Die
-Ohrmuscheln fehlen völlig. Sie würden als Fangtrichter
-für Erdkrümchen nur hinderlich sein; auch leitet der
-Boden die Schallwellen weit besser als Luft. Noch
-manche andere Anpassungen lassen sich auffinden: die<span class="pagenum"><a id="Page_147">[147]</a></span>
-Halswirbel, die einander teilweise überdecken; es kommt
-ja nicht auf Beweglichkeit, sondern im Gegenteil auf
-eine gewisse Starrheit dieses Körperteils bei der Minierarbeit
-an; die Hautfalte der Oberlippe, die sich an die
-Unterlippe fest anlegt und den Mund vollkommen abschließt,
-daß auch den feinsten Erdteilchen der Eintritt
-gewehrt wird; eine Hautfalte an der Ohröffnung, die
-demselben Zweck dient usw.</p>
-
-<p>Man wird zugeben, daß der Maulwurf in seiner
-ganzen Erscheinung ein besonders interessantes Tier
-unserer Heimat ist, dazu eins der nützlichsten Geschöpfe,
-zugleich aber auch ein volkstümliches Tier, von dem
-manche Fabel zu berichten weiß. Ich erinnere nur an
-den »Weißen Maulwurf« von Otto Julius Bierbaum,
-dem die Ehre ward, daß man ihn im Maulwurfs-Pantheon
-beisetzte, oder an den Maulwurf G. A. Bürgers,
-dem alle Tugend nichts half; der Gärtner schlug ihn tot,
-weil er die schön geebneten Blumenbeete durch seinen
-Aufwurf verunziert hatte.</p>
-
-<p>Kurzsichtig, töricht und vor allem undankbar ist der
-Mensch. Wieviel Feinde haben doch gerade die nützlichsten
-Tiere! <em class="gesperrt">Igel</em>, <em class="gesperrt">Spitzmaus</em>, <em class="gesperrt">Maulwurf</em>,
-ein Kleeblatt, an dem jeder seine Freude haben
-sollte! Ich möchte all meinen Lesern die Samtfellchen
-Maulwurf und Spitzmaus, ganz besonders aber auch
-meinen Liebling, den stachelborstigen Igel, recht fest an
-das tierfreundliche Herz drücken. Möge nie die Zeit
-kommen, wo eins von diesen Dreien durch Unverstand
-und Roheit aus unsrer Heimat verdrängt sein sollte!</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_148">[148]</a></span></p>
-
-<h2 id="Vogelnester">Vogelnester</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Von jeher hat die Bautätigkeit der Tiere die Aufmerksamkeit
-des Menschen in hohem Grade auf
-sich gelenkt. Besonders zwei Tiergruppen sind es, die
-Insekten und die Vögel, denen wir in dieser Beziehung
-die höchste Bewunderung zollen müssen. Während aber
-bei jenen nur eine verhältnismäßig geringe Zahl sich
-durch allerdings staunenswerte Baukunst auszeichnet,
-verstehen es die meisten Vögel mehr oder weniger kunstvolle
-Nester zu errichten. Grundverschieden sind diese
-nach Bauart, Form und Material; ja sogar der einzelne
-Vogel derselben Art baut bisweilen ganz abweichend &ndash;
-bald frei in luftige Höhe, bald auf den Boden, bald ins
-Dunkel einer Höhle &ndash; immer aber versteht er es, sein
-Nest in vollendeter Weise der Umgebung wie seinen Bedürfnissen
-anzupassen, so daß jeder Architekt von dem
-kleinen Vogel lernen könnte.</p>
-
-<p>In der freien Natur gibt es wohl keinen Platz, der
-diesem oder jenem Vogel nicht willkommen wäre, keine
-Örtlichkeit, die nicht Zeuge des lieblichsten Familienlebens
-werden könnte. Unsre kleinen Sänger vertrauen
-ihre niedlichen Nester dem Zweigwerk von Baum und
-Strauch an; sie schlüpfen durch ein Astloch des Obstbaums
-oder stellen ihr Nest ins Gestrüpp und dürre Laub auf
-den Boden. Raubvögel bauen meist auf Felsen und hohen
-Bäumen; sie sind stark genug, freistehende Horste verteidigen<span class="pagenum"><a id="Page_149">[149]</a></span>
-zu können. Auch andere große Vögel verhalten
-sich ähnlich: Reiher, Störche, selbst Raben, Krähen und
-Elstern. Die Rebhühner, Trappen, Lerchen und andere
-Feldbewohner brüten am Boden; die Spechte, diese echtesten
-Baumvögel, meißeln sich eine Höhle in den Baumstamm,
-die später auch von andern Höhlenbrütern benutzt
-wird. Die Sumpfvögel bauen auf den Boden am
-Rande des Wassers, die Wasservögel ins Röhricht von
-Fluß und See; die Lappentaucher errichten nicht selten
-ein freischwimmendes Nest. Strandvögel vertrauen
-Eier und Brut dem flachen Kies oder der steilen Klippe
-an, wo die Woge brandet. Die lichtscheuen Eulen brüten
-an dunklen Orten, in Fels- und Mauerspalten, in Baumhöhlen;
-der winzige Zaunkönig wählt für sein kugliges
-Nestchen irgendeinen der tausend Schlupfwinkel seines
-Reviers, ein Wurzelgeflecht, das Mauerloch einer Brücke,
-Lücken in einer Waldhütte, einer Holzklafter usw.</p>
-
-<p>Aber es gibt auch Ausnahmen, die wir Menschen
-uns nicht so einfach zusammenreimen können. So brüten
-Rohr- und Kornweihe, diese fluggewandten Räuber, auf
-dem Boden; der Fischer Kormoran errichtet seinen ungefügen
-Bau auf hohen Bäumen, nicht selten auch manche
-Wildentenart; so brütet die Schellente bei uns mit Vorliebe
-in Asthöhlen, oft recht hoch über dem Boden, und
-die Stockente hat sich schon Elsternhorste als Kinderstube
-gewählt. Der weiße Storch sucht den Schutz des Menschen
-auf, desgleichen die Haus- und die Rauchschwalbe, während
-deren Base, die Uferschwalbe, obwohl sie im übrigen
-ähnliche Lebensweise führt, in steile Lehm- und Erdwände
-Röhren gräbt, einen Meter tief und darüber.
-Wer würde es dem farbenprächtigen Eisvogel ansehen,
-daß er gleichfalls ins unterirdische Dunkel eines selbstgegrabenen<span class="pagenum"><a id="Page_150">[150]</a></span>
-Stollens schlüpft, um seine Jungen zu ätzen,
-wer der Hohltaube, daß sie ihr Zwillingspärchen in
-einem Astloch aufzieht oder in einer verlassenen Spechtshöhle,
-während doch Ringel- und Turteltaube freistehende
-Nester bauen! Warum errichtet der Gartenlaubvogel
-die Wiege seiner Jungen in der Astgabel
-niedriger Bäume, alle andern Laubvögel aber am Boden
-oder unmittelbar darüber, in der Vertiefung eines alten
-Baumstocks u.&nbsp;dgl.? Warum dort ein offenes Nest, hier
-aber ein kugelförmiges mit engem Eingang, geformt wie
-ein Backofen? Ja, wer es wüßte!</p>
-
-<p>Strenger noch als an einer bestimmten Örtlichkeit
-hält jeder Vogel an der Wahl gewisser Niststoffe fest.
-Kein Goldammer verzichtet auf Pferdehaare oder
-Schweinsborsten; keine Entenart brütet die Eier aus,
-ohne mit zartem Flaum das Innere des Nestes auszupolstern.
-Krähen und Elstern tragen Erde und kleine
-Rasenstücke in ihren Horst; Amsel und Ziemer verbinden
-die eigentlichen Niststoffe mit Lehm und mit feuchter
-Erde, wodurch das unförmliche Nest oft außerordentlich
-schwer wird, während ihre Verwandte, die Singdrossel,
-fein zerkleinerten Holzmull, den sie mit Speichel vermischt,
-gleichmäßig und glatt über die Innenwand ihres
-saubern Baues streicht. Feuchte Erdklümpchen benutzt
-die Hausschwalbe, zartes Moos der Zaunkönig; dürres
-Laub bildet die Grundlage für das Nest der Nachtigall;
-Flechten und Insektengespinst verwenden Buchfink und
-Goldhähnchen &ndash; kurz, jeder Vogel hat eine ausgesprochene
-Vorliebe für ganz bestimmte Stoffe, und nur im
-Notfall einmal wird er sie durch ähnliche Dinge ersetzen.</p>
-
-<p>Wie sich die besondere Nistweise, an der die einzelne
-Art mehr oder weniger festhält, bis zu der gegenwärtigen<span class="pagenum"><a id="Page_151">[151]</a></span>
-Musterform entwickelt hat, ist eine offene Frage.
-Wir wissen nicht einmal, sind die bodenständigen Nester
-oder die in den Zweigen der Bäume erbauten als die
-ursprünglicheren anzusehen; nimmt der Vogel, der in
-Höhlen brütet, eine tiefere Stufe ein als der sogenannte
-Freibrüter, oder lassen uns nicht gerade viele Höhlenbewohner,
-die ihr oft recht hübsch gebautes Nestchen in
-ein Astloch, eine Mauerspalte stellen, vermuten, daß sie
-ehemals Freibrüter waren, aber um die Sicherheit für
-Eier und Junge zu erhöhen, zu dieser vollkommeneren
-Methode fortgeschritten sind? Wenn wir im folgenden
-einige besonders eigenartige Vogelbrutstätten betrachten
-wollen, und zwar in der Anordnung, daß wir von den
-scheinbar einfachsten Verhältnissen ausgehen und uns
-zu immer kunstvollerer Bauweise wenden, so möchten
-wir doch keineswegs damit behaupten, daß dieser Gang
-nun auch wirklich der natürlichen Entwicklung der bei
-den Vögeln geübten Baukunst entspreche.</p>
-
-<p>Einzelne Vögel begnügen sich mit der einfachen Reptilienmethode,
-indem sie ohne weitere Fürsorge ihre
-Eier auf den Boden legen. So vertrauen die meisten
-Strandläufer, viele Schnepfenvögel, Seeschwalben,
-manche Möwen die Eier dem bloßen Kies an oder der
-kurzen Grasnarbe, ohne daran zu denken, ein wirkliches
-Nest zu bauen. Auch die Nachtschwalbe kennt ein solches
-nicht; auf plattem Boden brütet sie ihre beiden Eier aus,
-oder auf dichtem Heidekrautgestrüpp, auf dem Moos
-eines niedrigen Baumstocks u.&nbsp;dgl.</p>
-
-<p>Bei sehr vielen Höhlenbrütern kann man gleichfalls
-nicht von wirklichem Nestbau reden; sie begnügen sich
-damit, die Eier ohne besondere Unterlage einem Mauerloch,
-einer Felsenspalte oder einer Baumhöhle anzuvertrauen.<span class="pagenum"><a id="Page_152">[152]</a></span>
-Die natürliche Hohlform hält Eier und Wärme
-zusammen; ein wenig Erde oder Holzmull findet sich
-fast in jedem solchen Raume, wodurch den Eiern wenigstens
-ein leidlich weiches Lager wird, und der Schutz für
-den brütenden Vogel wie für die Brut ist doch ungleich
-höher hier in der dunklen Höhle als draußen im Freien.
-Spechte, der Wendehals, manche Eulen, die Hohltauben,
-der Wiedehopf u.&nbsp;v.&nbsp;a. brüten in dieser Art, die indessen
-nur einen kleinen Fortschritt bedeutet im Vergleich mit
-der einfachen Nistweise der Nachtschwalbe. Natürliche
-Bodenvertiefungen, die dem Körper des Vogels mehr
-oder weniger angepaßt waren, Verstecke im Pflanzengestrüpp
-und ausgefaulte Löcher im Baumstumpf mögen
-die Verbindungsglieder gewesen sein.</p>
-
-<p>Etwas mehr Sorgfalt zeigen unsre Rebhühner, Trappen,
-manche Seeschwalben, Möwen, Rallen u.&nbsp;v.&nbsp;a. Sie
-scharren eine seichte Vertiefung in den Boden, knicken
-Stengel und Halme um oder bilden durch häufiges
-Drehen des Körpers eine geeignete Stelle, die sie nun
-mit ein paar trocknen Gräsern oberflächlich ein wenig
-auspolstern. Wozu sollten auch die Jungen, z.&nbsp;B. die des
-Rebhuhns, eines künstlichen warmen Nestes bedürfen?
-Sobald die Eihülle gesprengt und der Flaum getrocknet
-ist, laufen sie ja doch davon, um vielleicht nie wieder
-an den Ort zurückzukehren, wo sie das Licht der Welt
-erblickt haben. Vögel, deren Junge längere Zeit im
-Neste verbleiben, sogenannte »Nesthocker«, verwenden
-stets mehr Fleiß auf die Niststelle; doch verdient diese
-bei vielen, die auf dem Boden oder in Höhlen brüten,
-noch kaum den Namen eines eigentlichen Nestes. Die
-Feldlerchen z.&nbsp;B. suchen sich eine kleine Vertiefung
-zwischen Erdschollen oder im Grase, erweitern und runden<span class="pagenum"><a id="Page_153">[153]</a></span>
-sie nach Bedarf und tragen nun Stoppeln, Halme,
-zarte Wurzeln zusammen. Mit ihrem Körper formen sie
-alles zu einem tiefen Napf, den sie schließlich noch mit
-einzelnen Pferdehaaren u.&nbsp;dgl. auspolstern. Unsre niedlichen
-Blaumeisen begnügen sich, falls die Höhle, die sie
-gewählt haben, sehr eng ist, mit einem recht einfachen
-Bau: feine Brocken faulenden Holzes, darüber ein paar
-Federn und Haare, das ist alles. In weiten Hohlräumen
-aber sorgen sie für eine dichte Unterlage und für ein
-weiches Haar- und Federpolster. Ähnlich verhalten sich
-auch die andern Meisen mit Ausnahme der Schwanzmeisen.</p>
-
-<p>Einen Fortschritt zeigen schon die sogenannten »Halbhöhlenbrüter«,
-welche für die Wiege ihrer Jungen
-irgendeinen Winkel wählen, wie Hausrotschwanz,
-grauer Fliegenschnäpper, weiße Bachstelze u.&nbsp;a.; auch
-das Rotkehlchen gehört hierher, das sich ein Versteck
-in einem ausgefaulten Baumstumpf, zwischen Wurzelgeflecht,
-eine weite Erdhöhle u.&nbsp;dgl. aussucht. Sein Nest
-stellt ein lockeres, kunstloses Gewebe dar, meist auf einer
-Grundlage dürren Laubes. Beim Hausrotschwänzchen
-kann man es genau beobachten, um wieviel vollkommener
-der Vogel baut, wenn er das Nest auf einen freien,
-nur von oben geschützten Balkenkopf oder hinter einen
-Dachsparren stellt, als wenn er sich ins Halbdunkel
-einer Höhle zurückzieht. Hier nur eine ungeordnete Anhäufung
-von Niststoffen, dort aber ein dichtes Gewebe
-mit sorgfältig gepolsterter Aushöhlung eines zierlichen
-Napfes.</p>
-
-<p>Wirkliche Kunstbauten finden wir jedoch erst bei den
-sogenannten Freibrütern, und zwar besonders bei denjenigen,
-die sich losgemacht haben von der Scholle des<span class="pagenum"><a id="Page_154">[154]</a></span>
-Bodens und im Astwerk von Baum und Strauch oder
-am Schilfhalm ein lustiges Nest bauen. Doch dürfen
-wir auch manchen Höhlenbrütern, wie den Baumläufern,
-dem Star, Gartenrotschwanz, Trauerfliegenfänger, eine
-gewisse Fertigkeit nicht absprechen. Nach unsrer Meinung
-stellten diese Vögel, wie wir schon angedeutet
-haben, ehemals freistehende Nester her; die seit alters
-geübte Bauweise pflegen sie aber auch heute noch weiter,
-trotz der veränderten Verhältnisse, nur daß sie dabei
-weniger sorgfältig verfahren. Man vergleiche z.&nbsp;B. das
-Nest der Spechtmeise, die sich ein Astloch erwählt, mit
-dem Bau der freibrütenden Schwanzmeise, einem der
-kleinsten Vögelchen unsrer Heimat. Bei jener eine
-schlechte Unterlage aus lockern Stückchen von Buchen-
-und Eichenblättern oder ein Wulst dünner Schalen der
-Kiefernrinde; das Nest der Schwanzmeise dagegen ein
-Kunstbau, kugelförmig, mit einem Schlupfloch, zusammengefilzt
-aus Astmoosen, Baumflechten, Birkenschalen,
-Schuppen der Eichenrinde und Haaren, überkleidet
-mit Spinnen- und Raupengespinst, innen aber
-ausgefüttert mit Federn und Wolle. Überhaupt zeichnen
-sich die kleinsten der kleinen Baumeister durch höchste
-Kunstfertigkeit aus. Hoch in die herabhängenden Zweigenden
-einer Fichte oder Tanne hat das winzige Goldhähnchen
-sein beinahe kugelförmiges Nestchen aufgehängt.
-In die ziemlich glatte Außenwand sind die
-Spitzen der dünnen Triebe des Nadelbaums geschickt eingeflochten,
-daß der kleine Bau frei in der Luft schwebt;
-oben führt eine enge Öffnung ins Innere, das mit wärmenden
-Federchen dicht ausgekleidet ist. Oder das Nest
-des Zaunkönigs: außen nicht selten ein wüster Haufen
-von Stengeln, Wurzeln und Blättern, innen aber eine<span class="pagenum"><a id="Page_155">[155]</a></span>
-dicht gefilzte Lage von grünem Moos, auf welche schließlich
-das weiche Federpolster folgt.</p>
-
-<p>Auch die Finkenvögel bauen sehr hübsche Nester, an
-erster Stelle unser frohschmetternder Buchfink. Hier
-steht ein solches auf dem hohen Stumpf eines Fliederstrauchs,
-dessen Fortsetzung es nach Stellung und Form
-zu bilden scheint; aufs peinlichste ist es mit Lebermoosen
-überzogen, wie sie der Stamm trägt, und mit
-kleinen braunen Rindenstückchen beklebt, wie sie am
-Boden liegen. Dadurch, daß der Vogel die Niststoffe
-aus der Umgebung nimmt, paßt er das Nest dieser gewöhnlich
-aufs schönste an, wodurch die Sicherheit erhöht
-wird. Ob dabei bisweilen auch kluge Berechnung eine
-Rolle spielt, möchte ich nicht entscheiden. Ich habe Finkennester
-gefunden, in deren Wand Fetzen weißen Papiers
-sehr geschickt eingewebt waren &ndash; sie standen auf
-weißstämmigen Birken&nbsp;&ndash;, ein Nest des Zaunkönigs, das
-durch Verwendung grauen Mooses und grauer Algen
-die Farbe der granitenen Brücke täuschend nachahmte,
-unter die es gebaut war, und ein andres, dessen grüner
-Moosüberzug mit dem Grün seiner Umgebung vollkommen
-übereinstimmte. Vielleicht ist es so, daß der Vogel
-durch einen auffallenden Farbengegensatz des Nestes mit
-dessen Umgebung unangenehm berührt wird und ohne
-viel Nachdenken die Stoffe wählt, die in der Farbe zu
-der unmittelbaren Nachbarschaft des Nestes passen. Ich
-entsinne mich aber auch einiger Nester, wo von solcher
-Übereinstimmung nicht die Rede sein konnte; so hatte
-ein Schwanzmeisenpärchen ein ganz lichtes, aus heller
-Baumrinde und Laubmoosen gefilztes Nest in das dunkle
-Grün einer Jungfichte gestellt, daß es weithin erkennbar
-war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_156">[156]</a></span></p>
-
-<p>Ein sehr zierliches Nest bauen auch die Rohrsänger.
-Von ein paar Schilfstengeln, die in die Wandungen eingewebt
-sind, wird der kegelförmige Bau getragen, die
-Spitze nach unten. Gespaltene Schilfblätter, schmales
-Gras und biegsame Halme bilden die kunstvoll geflochtene
-Wandung, in der jede Lücke mit Pflanzenwolle verstopft
-ist, namentlich von der Weide. An allen Bewegungen
-der Halme nimmt der luftige Bau teil, wenn
-der Wind durchs Schilf saust und die Spitzen hinabbiegt
-bis in die Wellen des Teichs; aber der Napf ist so tief,
-daß die Eier so leicht nicht herausfallen.</p>
-
-<p>Freilich gibt es auch unter unsern kleinen Sängern
-einige, die recht liederlich bauen. Das gilt z.&nbsp;B. von
-unsern Grasmücken. Ich habe Nester der kleinen Zaungrasmücke
-gefunden, deren Boden so locker gewebt war,
-daß man kaum begreift, wie sie die Wärme zusammenhalten
-können. Noch weniger dicht sind die sehr flachen
-Nester der Ringeltaube gebaut; nicht selten sieht man
-die weißen Eier zwischen den Lücken hindurchleuchten.
-Ja, es kommt vor, daß sie unter dem brütenden Vogel
-durch den Boden fallen, so daß ich glaube, die Ringeltaube
-ist erst nachträglich zum Freibrüter geworden,
-während sie früher, wie Hohl- und Felsentaube noch
-heute, in Höhlungen brütete.</p>
-
-<p>Gleich der Ringeltaube verwenden fast alle größeren
-Vögel stärkere oder dünnere Reiser für die äußere Wandung,
-wie dies das Nest des Eichelhähers zeigt, oder die
-kleinen Horste der Elstern und Krähen und die bisweilen
-gar gewaltigen Reisighaufen, welche Raubvögel, Reiher
-und Störche zusammenschleppen. Solch ein Adlerhorst,
-ich denke an den eines Fischadlers, der auf dem vertrockneten
-Wipfel einer uralten Eiche stand, ist einer mächtigen<span class="pagenum"><a id="Page_157">[157]</a></span>
-Stammburg zu vergleichen. Nicht das Paar, das
-jetzt droben haust, hat den riesigen, fast mannshohen
-Bau gegründet, sondern vielleicht seine Großeltern vor
-vielen Jahren. In jedem Frühling wird das Schloß
-der Väter von neuem bezogen und mit frischen Baustoffen
-belegt und ausgebessert; in seinen untern Schichten,
-gewissermaßen in den Kellerwohnungen, haben sich
-ein paar Meisen häuslich niedergelassen, wie ja auch in
-der Wandung alter Storchnester, die gleichfalls alljährlich
-von unsern Hausfreunden wieder bezogen werden,
-nicht selten Meister Spatz seine zahlreiche Nachkommenschaft
-großzieht. Verlassene Raubvogel- und Krähenhorste
-dienen übrigens manchen Vögeln zur willkommenen
-Wohnung; am häufigsten scheinen Waldohreule und
-Turmfalke von solch herrenlosem Eigentum Besitz zu
-nehmen.</p>
-
-<p>Zu den hübschesten Nestern unsrer Heimat gehört das
-des gelbschwarzen Pfingstvogels, des Pirols. Freischwebend
-hängt es, einem Klingelbeutel vergleichbar,
-zwischen den Enden einer Astgabel; aus Bast, Halmen,
-Wollfäden, Oberhäutchen der Birkenrinde, feinen Hobelspänen
-u.&nbsp;dgl. ist es gar zierlich gewoben. Man begreift
-nicht, wie es dem Schnabel im Verein mit den Zehen
-möglich ist, aus dünnen Fasern solch feines, braungelbliches
-Gewebe herzustellen.</p>
-
-<p>Von den Zimmerleuten unsrer Wälder, den Spechten,
-war schon die Rede; auch der Wendehals und
-manche Meisenarten verstehen sich auf dies Handwerk,
-insofern sie vorhandene Höhlen nach ihrem Bedürfnis
-vergrößern. Ähnlich ist die Tätigkeit der Minierarbeiter;
-nur haben es diese nicht mit Holz, sondern mit Lehm,
-Sand oder Erde zu tun, wie die Uferschwalbe, der Eisvogel<span class="pagenum"><a id="Page_158">[158]</a></span>
-und der ebenso farbenprächtige Bienenfresser, der
-freilich unsrer Heimat fehlt, den ich aber an manchen Gewässern
-Südungarns beobachten konnte.</p>
-
-<p>Mit Lehm und mit Erde arbeiten ferner die Maurer,
-zu denen unsre Schwälbchen gehören. Unterhaltend ist
-es, den emsigen Tierchen zuzuschauen. Zuerst werden
-feuchte Klümpchen &ndash; meist ist es Straßenkot &ndash; eins
-neben das andre in flachem Bogen an die Baustelle geklebt;
-dann ruht die Arbeit bis zum nächsten Morgen.
-Ist jetzt das Mauerwerk völlig trocken, so wird eine
-zweite Lage von Erdklümpchen so angesetzt, daß sie die
-erste Schicht überragt; am dritten Morgen wird in gleicher
-Weise fortgefahren. Schon geht die Arbeit leichter
-von statten, denn die Vögelchen brauchen sich nicht mehr
-an der Hauswand anzuklammern, sondern können auf
-dem bereits gemauerten fingerbreiten Rand Fuß fassen.
-Schicht folgt auf Schicht, wobei auch einige Halme, Borsten,
-Haare mit eingeklebt werden. Nach zwei Wochen
-etwa ist das kugelrunde Nestchen der Hausschwalbe oder
-das halbkugelförmige der Rauchschwalbe fertig; es bedarf
-nur noch der Auspolsterung mit Federn und
-Haaren.</p>
-
-<p>Auch die Spechtmeise versteht sich auf Mörtel und
-Kitt; ist das Eingangsloch zur Baumhöhle, in der sie ihr
-kunstloses Nest erbaut, zu weit, so vermauert sie es
-ringsum mit eingespeichelten Lehmklümpchen, daß dem
-Eichhörnchen und andern Räubern der Zugang gewehrt
-wird.</p>
-
-<p>Im allgemeinen beteiligen sich Männchen und Weibchen
-am Nestbau; sehr oft beschränkt sich aber die Tätigkeit
-des Männchens auf das Aufsuchen und Herbeitragen
-der Niststoffe, während das Weibchen gewöhnlich<span class="pagenum"><a id="Page_159">[159]</a></span>
-die eigentliche Künstlerin ist. Wer beispielsweise den
-Pirol oder den Buchfink, bei denen sich die Geschlechter
-leicht unterscheiden lassen, belauscht, wie Männchen und
-Weibchen gemeinsam das Nest bauen, wird diese Verteilung
-der Arbeit bestätigen können.</p>
-
-<p>Das Nest ist für den Vogel weit weniger ein Wohnhaus,
-als man gewöhnlich annimmt; zunächst dient es
-nur den Zwecken der Fortpflanzung, und bloß gelegentlich
-benutzt es das Elternpaar, bei ungünstiger Witterung
-darin Schutz zu finden. Auch die Nacht verbringt
-der Vogel, abgesehen vom brütenden oder die Jungen
-wärmenden Weibchen, meist nur in der Nähe der Niststelle.
-Manche bauen sich auch besondere Schlafnester,
-so der Zaunkönig; andere wieder sog. Spielnester, indem
-sie, wie die Grasmücken, hier und da mit dem Nestbau
-beginnen, ihn aber bald wieder einstellen, um an anderer
-Stelle von neuem zu probieren. Namentlich die
-Männchen können es im Frühjahr oft gar nicht erwarten,
-daß ihr Weibchen nun endlich mit dem Nestbau
-Ernst mache, und sie tragen deshalb allerlei Baustoffe
-ins Gezweig, um die Gattin aufzufordern: nun ist es
-Zeit.</p>
-
-<p>Nicht genug staunen kann man über die peinliche
-Reinlichkeit der meisten Nester &ndash; »ein schlechter Vogel,
-der sein Nest beschmutzt«. Den Kot der Jungen tragen
-die Höhlenbrüter im Schnabel fort, und bei den Freibrütern
-&ndash; ich denke an Schwalben, Störche u.&nbsp;a. &ndash;
-lernen es die Kleinen sehr bald, ihre Kehrseite so zu
-wenden, daß der Kot über den Nestrand befördert wird.</p>
-
-<p>Das ganze Leben und Treiben unsrer kleinen Sänger
-spielt sich während ihres kurzen Aufenthalts in der nördlichen
-Heimat am Nest und in dessen nächster Umgebung<span class="pagenum"><a id="Page_160">[160]</a></span>
-ab, bis der große Tag kommt, wo das Vöglein seine
-Schwingen erhebt, um dem fernen Süden zuzueilen. Nur
-einen einzigen Vogel beherbergt unser Vaterland, der
-sich weder um Nestbau noch um Aufzucht der Brut kümmert,
-das ist der Kuckuck; von ihm gilt das lustige
-Sprüchlein:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Der g'scheitste Vogel muß der Gugezer sei',<br /></span>
-<span class="i0">Die andern bau'n d' Nester, und er setzt sich nei'!<br /></span>
-</div></div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_161">[161]</a></span></p>
-
-<h2 id="Im_Teichgebiet_der_sachsischen_Lausitz">Im Teichgebiet der sächsischen Lausitz</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Eigentlich war's zu einem ornithologischen Ausflug
-nach unserm sächsischen »Tausendseen-Land« noch ein
-wenig früh im Jahre. Doch was half's! Ich kann nicht
-verlangen, daß das Osterfest mit seinen Ferien bloß
-meinetwegen um einige Wochen verschoben wird. Und
-im vorigen Jahre konnte ich mich &ndash; genau wie 1911 &ndash;
-wenigstens einigermaßen mit dem Ostertermin aussöhnen.
-Der 16.&nbsp;April ist doch ein ziemlich später Zeitpunkt
-für das Fest, und da ich mich erst am »dritten
-Feiertag« (18.&nbsp;April) auf den Weg machte, durfte ich
-hoffen, wenn auch bei weitem noch nicht die volle Entfaltung
-des Vogellebens in jenem Gebiet, so doch immer
-schon den vielversprechenden Anfang dazu anzutreffen.</p>
-
-<p>Es war also Aussicht vorhanden, daß ich von Dresden
-her ganz gleichzeitig mit dem oder jenem Bekannten,
-der aus Kleinasien, Ägypten, von den Ägäischen Inseln
-usw. in diesen Tagen heimzukehren pflegt, in Baselitz,
-Milstrich, Königswartha oder Commerau eintreffen
-würde. Mit Freund Langbein, dem Storch, klappte es
-auf die Minute, als ob wir uns verabredet hätten. Freilich
-mancher gefiederte Nachzügler fehlte noch; aber das
-schadete schließlich nicht viel. Der Vogelfreund sieht doch
-auch die, die nicht da sind, und interessiert sich auch dafür,
-welcher Vogel einer Gegend noch fehlt, sei es, daß
-er regelmäßig recht spät kommt, oder daß er sich gegen<span class="pagenum"><a id="Page_162">[162]</a></span>
-seine Gewohnheit verzögert hat. Den rotrückigen Würger,
-den Mauersegler, die Nachtschwalbe, den Gartenlaubsänger,
-den Pirol, die Wachtel und namentlich die
-Rohrsänger konnte ich natürlich noch nicht erwarten.</p>
-
-<p>Trotz dieser und anderer Lücken war es mir möglich,
-71&nbsp;Vogelarten in meine »unblutige Schußliste« einzutragen.</p>
-
-<p>Der etwas einförmige Weg von Kamenz über Jesau
-nach Deutsch-Baselitz bot nichts Besonderes. In großer
-Menge saßen die Stare auf Wiesen und Feldern. Der
-Gesang der Lerchen erfüllte die Luft; Buchfinken schmetterten;
-Kohlmeisen ließen in jedem Obstgarten ihre hellen
-Glöckchenstimmen erklingen; Goldammern gaben
-mir ab und zu das Geleit, während ihre plumperen
-Vettern, die Grauammern, von den Straßenbäumen
-herab mit unermüdlicher Ausdauer ihr wenig musikalisches
-»zick zick zick schnirrrrps« zirpten. Haus- und
-Feldsperlinge natürlich in ausreichender Menge; ein
-Elsternhorst auf einer hohen Erle; aus der Ferne der
-durchdringende Ruf des Grünspechts; einige Nebelkrähen,
-schwerfälligen Flugs meinen Weg kreuzend,
-und &ndash; eine besondere Überraschung, daß er schon da ist &ndash;
-ein Gartenammer oder, wie er gewöhnlich heißt, ein
-»Ortolan«. Er saß an der Straße auf einem Baum,
-ließ sich aber nicht hören.</p>
-
-<p>Deutsch-Baselitz liegt an dem größten stehenden Gewässer
-Sachsens, umfaßt doch der »Großteich« etwa
-400 sächs. Scheffel, das sind mehr als 110&nbsp;Hektar. In
-der Nähe noch einige kleinere Teiche, die alle der sehr
-ergiebigen Karpfen- und Schleienzucht dienen. Der
-Pächter des Guts war so freundlich, mir ein Boot zur
-Verfügung zu stellen und einen Fährmann zugleich. Noch<span class="pagenum"><a id="Page_163">[163]</a></span>
-ehe man die weite Wasserfläche sieht, hört man bereits
-die hellen Lockrufe der Bläßhühner, das tiefe »grök grök«
-der Haubentaucher, das Grunzen und scharfe Lärmen der
-Rothälse, die garstigen Schreie auffliegender Stockerpel
-und die wohlklingenden Stimmen kleiner Krikenten.
-Einzelne Kiebitze gaukelten unruhig umher, taumelnden
-Flugs, und weiße Lachmöwen tummelten sich hoch in
-den Lüften.</p>
-
-<p>Wir durchschreiten das abgestorbene Röhricht, um
-das Boot zu erreichen. Da fesselt ein <em class="gesperrt">grünfüßiges
-Teichhühnchen</em> meine Aufmerksamkeit. In prachtvoller
-Balzstellung trippelt es am Ufer vor seinem
-Weibchen gar zierlich hin und her. Überraschend groß
-erscheint der Vogel in dieser verliebten Haltung. Den
-Schwanz hat er emporgerichtet, daß sich dessen schneeweiße
-Unterseite wirkungsvoll von dem übrigen dunkeln
-Gefieder abhebt. Die rote Stirnplatte und der hochgelbe
-Schnabel leuchten wie grellfarbige Blumen aus dem
-welken Schilf, und dieselben Farben wiederholen die
-koketten Strumpfbänder, die der Vogel an den Fersengelenken
-trägt. Jetzt läßt sich das Paar ins Wasser
-gleiten; auch hier wird das Männchen nicht müde, seiner
-Angebeteten den Hof zu machen. In zierlichen Bogen
-umschwimmt es sie, bald den weißen Federstrauß des
-Schwanzes, bald die feurige Pelargonie an der Stirnplatte
-ihr zukehrend &ndash; aber plötzlich sind die beiden verschwunden.
-Sie haben es wohl gemerkt, daß ich ihrem
-Liebesspiel gelauscht, und sind nun untergetaucht, sich
-mit ihren langen Zehen im Schilf unter dem Wasser festhaltend.</p>
-
-<p>Wir betreten das Boot und fahren ein Stück hinaus
-auf die Fläche. Hunderte von Wasservögeln sind hier<span class="pagenum"><a id="Page_164">[164]</a></span>
-vereinigt. In kleineren und größeren Trupps, auch nur
-in einzelnen Paaren schwimmen Bläßhühner und Enten
-aller Art, Taucher und Möwen. Oft verschwinden
-ganze Gruppen wie auf Kommando unter die Wasserfläche,
-während andere wieder auftauchen.</p>
-
-<p>Es erfordert einige Mühe, in das Durcheinander der
-schwimmenden, tauchenden, niedrig über dem Wasserspiegel
-und hoch in den Lüften fliegenden Arten Ordnung
-zu bringen.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Bläßhühner</em> freilich bieten keine Schwierigkeit;
-sie sind sofort zu erkennen: hühnerartig plump ihre
-Gestalt, das ganze Gefieder tiefschwarz bis auf die
-kreideweiße, weithinleuchtende Stirnplatte. Unruhig
-sind sie und recht laut; denn eifersüchtige Kämpfe werden
-jetzt fast beständig unter ihnen ausgefochten. Mit
-gesenkten Köpfen rudern die Nebenbuhler aufeinander los
-und prallen heftig schreiend zusammen, oder sie jagen sich,
-die Wasserfläche mit ihren Lappenfüßen schlagend, über
-den halben Teich hin, um sich dann schließlich schwerfällig
-in die Luft zu erheben oder im Schilfwald einzufallen.</p>
-
-<p>Unter den Enten sind die zierlichen <em class="gesperrt">Tafelenten</em>
-die häufigsten; mein Bootsführer, auch andere Leute
-in der Lausitz nennen sie »Brandenten«, was aber falsch
-ist. Sie zeigen wenig Scheu, erheben sich beim Nahen
-unseres Nachens immer zuletzt oder vertrauen auf ihre
-Fertigkeit im Tauchen. Dreifarbig ist das Kleid des
-Männchens: rostbraun Kopf und Hals, zartes Grau auf
-Flügeln und Rumpf; Brust und Hinterteil aber tiefschwarz.
-Mit etwas eingezogenem Hals schwimmen sie
-friedlich in großen Trupps umher, kein eifersüchtiges Gezänk,
-nur zärtlich pfeifende Laute, tauchen gemeinschaftlich,<span class="pagenum"><a id="Page_165">[165]</a></span>
-oder es umschwärmen auch ein paar Männchen ein
-einzelnes Weibchen, diesem immer getreulich folgend,
-wohin es den Weg nimmt.</p>
-
-<p>Auch die kleinen <em class="gesperrt">Krikenten</em> sind in großen
-Scharen vertreten. Das Gefieder des Erpels ist graugewellt;
-der dunkelbraune Kopf zeigt einen grünglänzenden
-Streifen, der sich bis zur Hälfte des Halses herabzieht,
-aber selbst mit dem Feldstecher aus größerer Entfernung
-schwerer zu erkennen ist, als der metallisch-grüne
-und schwarze, weiß eingesäumte Spiegel an den Flügeln.
-Die Weibchen sind unscheinbar graubraun; doch tragen
-auch sie, gewissermaßen als Familienwappen, jene Flügelzier.
-Die kleinsten sind immer die beweglichsten und
-geschäftigsten. Leicht wie eine Feder erheben sie sich von
-der Wasserfläche, umkreisen in leichtem Flug den Teich,
-wobei wir, sobald sie sich uns nähern, deutlich ihre eigentümlich
-schwingenden Flugtöne vernehmen, und fallen
-dann wieder in einer seichten Bucht ein, um hier zu
-gründeln, wobei, wie bei unsern Hausenten, der hintere
-Körperteil senkrecht aus dem Wasser emporragt; denn
-ganz unterzutauchen ist nicht ihre Art.</p>
-
-<p>Bedeutend größer als Tafel- und Krikenten sind die
-<em class="gesperrt">Stock-</em> oder <em class="gesperrt">Märzenten</em>, die Stammeltern unsres
-zahmen Hofgeflügels. Sie sind bereits mit dem Nestbau
-beschäftigt, schwimmen zu Paaren umher oder erheben
-sich paarweise in die Lüfte, wobei das galante Männchen
-stets dem Weibchen den Vortritt läßt. Der Stockerpel
-ist ein prächtiges Tier. Das metallische Grün von
-Kopf und Oberhals wird durch einen schneeweißen Ring
-von dem Braun des Unterhalses und der Brust scharf getrennt,
-und der violett-blau-grüne Spiegel ist gleichfalls
-ein hübscher Schmuck. Es gibt viele unter unsern Hausenten,<span class="pagenum"><a id="Page_166">[166]</a></span>
-die sich Form und Farbe der Federn genau so
-schön erhalten haben, wie wir's an den wilden »Stocken«
-bewundern.</p>
-
-<p>Auch die sog. <em class="gesperrt">Mittelente</em> bewohnt die weite
-Fläche des Teiches, wenigstens in einigen Paaren. Aus
-der Entfernung gesehen, erscheinen diese Enten anspruchslos
-grau, das Männchen mit einem schwarzen,
-das mehr bräunliche Weibchen mit einem gelbroten
-Schnabel.</p>
-
-<p>Viel auffallender sind die <em class="gesperrt">Schellenten</em> wegen ihres
-scheckigen Kleides. Zwei große Felder auf den Flügeln,
-ebenso Brust und Hals, auch ein Fleck an der Wange
-hinter dem Schnabel leuchten schneeweiß, während der
-Rücken tiefschwarz gefärbt ist. Ich habe Schellenten,
-allerdings nie in besonders hoher Zahl, auf fast allen
-größeren Teichen der Lausitz gesehen; sie sind, obgleich
-ihre eigentliche Heimat weiter im Nordosten gelegen ist,
-für unser Sachsen seit einiger Zeit in recht erfreulicher
-Zunahme begriffen, und das ist um so verwunderlicher,
-als sich diese kleinen Enten mit Vorliebe Baumhöhlen,
-die doch immer seltener werden, zur Brutstätte auswählen.
-Mir ward von meinem Fährmann eine solche
-Höhle gezeigt, wo im vorigen Jahre eine »Schelle« ihre
-Jungen erbrütet hatte: ein Loch in einem wagrechten
-Ast einer uralten Föhre, gegen 3&nbsp;<em class="antiqua">m</em> hoch über dem
-Wasser, der Eingang so eng, daß man nicht recht begreift,
-wie eine Ente sich hindurchzwängen kann. Hätte wohl
-sehen mögen, wie die kleinen Entchen aus der dunkeln
-Höhle mutig den Kopfsturz ins Wasser gewagt haben,
-ähnlich wie die Lummen von ihrer Helgoländer Felsklippe
-hinab in die bewegte See.</p>
-
-<p>Die Schellenten hatten sich bei meinem Besuch noch<span class="pagenum"><a id="Page_167">[167]</a></span>
-nicht in Pärchen aufgelöst, sondern hielten in größeren
-Trupps kameradschaftlich zusammen. Ein Vergnügen
-war's, ihnen zuzuschauen, wie sie unaufhörlich im Wasser
-verschwanden und dann leicht wie ein Kork wieder auftauchten;
-bald waren nur wenige, bald gar keine, bald
-war wieder die ganze Gesellschaft auf der Oberfläche zu
-sehen.</p>
-
-<p>Von den Taucherarten beherbergt der Teich den
-großen Haubentaucher in mehreren Paaren, die kleineren
-Rothalstaucher und die noch viel kleineren Zwergtaucherchen,
-die in großer Anzahl ihre Künste zeigten,
-während ich Schwarzhalstaucher hier nicht bemerkte.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Haubentaucher</em>, deren weiße Brust bei
-jeder Wendung des Vogels aufblitzt und wieder verschwindet,
-waren ziemlich mißtrauisch; sie versanken im
-Nu unter dem Wasser, wenn sich ihnen unser Boot
-näherte und tauchten erst in großer Entfernung wieder
-auf oder erreichten, unter dem Wasser schwimmend, die
-Nähe des Ufers, wo sie das Schilf unsern Blicken entzog.</p>
-
-<p>Viel weniger Scheu zeigten die <em class="gesperrt">Rothalstaucher</em>;
-ja ein Pärchen, das mit dem Nestbau eifrigst beschäftigt
-war, ließ mich bis auf wenige Meter herankommen. Wie
-schön sind doch auch diese Taucher! Rostrot der Hals, die
-Kehle und zwei Wangenflecken weiß; statt der eigentlichen
-Haube aber zwei schöne nach hinten gerichtete
-Federohren. Unermüdlich tauchten die Vögel nach allerlei
-Wasserpflanzen und legten diese Baustoffe auf die
-Schilfkaupe, die sie sich zur Niststelle erkoren hatten.
-Es war schon ein großer Klumpen, naß, schlammig und
-übelriechend, zusammengetragen; aber den beiden schien's
-immer noch nicht genug.</p>
-
-<p>Der kleinste der Tauchersippe, der niedliche <em class="gesperrt">Zwergtaucher</em>,<span class="pagenum"><a id="Page_168">[168]</a></span>
-ließ oft seine trillernde Stimme hören, eine
-ganze Kette perlender, etwas absinkender Töne, die das
-Tierchen jedem verraten, der's nur einmal gehört hat.
-Aber dem Auge zeigte sich das Taucherchen immer nur
-auf kurze Sekunden; am Rande des Schilfwaldes trieb
-es das lustigste Versteckspiel oder tauchte unter, sobald es
-sich beobachtet sah.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Lachmöwen</em>, die ihre braune Gesichtsmaske
-bereits aufgesetzt hatten, waren wohl nur zu Besuch gekommen.
-Ihr eleganter Flug belebte das Landschaftsbild
-reizvoll; einige ruhten auch auf der Wasserfläche
-aus, weißen Seerosen zu vergleichen, oder saßen eng aneinandergereiht
-auf einer Planke am Ufer. Ihre nächsten
-Brutplätze haben sie an manchem Teich der preußischen
-Lausitz.</p>
-
-<p>Von Seeschwalben war natürlich noch keine Art zu erblicken;
-denn die <em class="gesperrt">Fluß-</em> und <em class="gesperrt">Zwergseeschwalben</em>
-kommen erst Anfang Mai. Dagegen zeigte sich in der
-Höhe ein <em class="gesperrt">Fischadler</em>, weite Kreise über dem Gewässer
-ziehend und dann langsam in der Ferne verschwindend.
-In der sächsischen Lausitz brütet der edle
-Fischer nicht mehr; vielleicht daß die Lohsaer Forsten
-jenseits der preußischen Grenze seinen Horst noch beherbergen.</p>
-
-<p>Aber einen andern Vogel, den wir auch heute noch
-mit Stolz als sächsischen Landsmann bezeichnen dürfen,
-konnte ich hier in Deutsch-Baselitz begrüßen, den <em class="gesperrt">weißen
-Storch</em>. Es war mir eine große Freude, den Weitgereisten
-unmittelbar bei seiner Ankunft willkommen zu
-heißen.</p>
-
-<p>Wir saßen gerade beim Mittagessen, als das jüngste
-blondhaarige Töchterchen unsers freundlichen Gastgebers<span class="pagenum"><a id="Page_169">[169]</a></span>
-ins Zimmer stürzte: »Der Storch, der Storch ist da!«
-Alle sprangen auf und liefen nach der Rückseite des
-Hauses. Dort stand er auf seinem alten Horst im Wipfel
-einer schlank gewachsenen Linde und klapperte nach
-Herzenslust. So schmuck sah er aus; geradezu blendend
-das Weiß seines Gefieders und leuchtend das Korallenrot
-von Schnabel und Ständern. Herzerfreuend war es
-zu beobachten, wie sich auf der Dorfstraße alt und jung
-vor dem Storchennest einfand und strahlenden Auges zu
-dem »Glücksbringer« emporschaute. Besonders ein kleines
-flachsköpfiges Mädel von drei oder vier Jahren war
-voller Begeisterung, und altklug belehrte es mich, daß
-später der Klapperstorch kleine Kinder &ndash; ich verstand
-nicht, ob bringen oder haben würde. Auch noch andere
-Ortschaften der Lausitz beherbergen Störche; ich sah einen
-besetzten Horst beim Rittergut Kauppa in der Nähe von
-Commerau, einen andern in Wartha bei Königswartha,
-in Döbra, in Skaska, und überall waren die Störche, wie
-man mir sagte, am gleichen Tage, am 18.&nbsp;April, angekommen.</p>
-
-<p>Nachmittags besichtigte ich die Einrichtungen der
-<em class="gesperrt">Fischzucht</em>. Es handelt sich fast ausschließlich um
-Karpfen und Schleien; bei dem rationellen Betrieb sind
-die Erträgnisse außerordentlich gewachsen: viele hundert
-Zentner alljährlich. Aber es gibt Herrschaften in der
-Lausitz, die noch einmal so viel Fische züchten, ja
-das Rittergut Königswartha, zu dem allerdings 119&nbsp;Teiche
-gehören &ndash; die meisten bereits im Preußischen
-gelegen &ndash; bringt unglaubliche Mengen dieser wohlschmeckenden
-Flossenträger auf den Markt; dennoch sei
-die Fischzucht, wie mir der dortige Fischmeister sagte,
-noch einer großen Steigerung fähig.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_170">[170]</a></span></p>
-
-<p>Darüber ließe sich viel Wissenswertes berichten; aber
-nicht den stummen Bewohnern des Wassers, sondern
-dem sangesfrohen und geschwätzigen Völkchen der Vögel
-galt mein Besuch. Während ich mich auf den Teichdämmen
-unter den duftigen Jungbirken erging und bei
-jedem Schritt ein halbes Dutzend Frösche, wiederholt
-auch sich sonnende Ringelnattern aufjagte, sang der Fitis
-unermüdlich aus jedem Gebüsch sein weiches Lied; die
-Singdrossel jubelt, der Zaunkönig schmettert, Blaumeischen
-zetert, der Weidenlaubsänger gibt sein einförmiges
-»Zilp-zalp« zum besten; aus dem Fichtenwald der häßliche
-Balzruf des Fasans, das Gurren des Ringeltaubers,
-das Trommeln des Buntspechts und Rotkehlchens sehnsuchtsvolle
-Strophe: überall selige Frühlingsstimmung.</p>
-
-<p>Gegen Abend noch eine Fahrt auf dem Großteich.
-Das Kollern der <em class="gesperrt">Birkhähne</em>, die auf einem freien,
-von Hochwald umsäumten Platz balzen, schallt weithin
-über die Wasserfläche. Behutsam nähern wir uns. Drei
-Hähne sind es, die mit ausgebreitetem »Spiel«, mit vorgestreckten
-Hälsen und hängenden Flügeln umherspringen.
-Wir sind so nahe, daß wir auch das Zischen
-der aufgeregten Tiere vernehmen und trotz der Dämmerung
-das leuchtende Weiß im Federkleid und die purpurne
-»Rose« über dem Auge ganz deutlich erkennen.
-Einige Hennen, klein und unscheinbar, sind in der Nähe;
-sie laufen, Nahrung suchend, umher, als kümmerten sie
-sich gar nicht um das unblutige Kampfspiel ihrer verliebten
-Ritter. Jetzt hat uns die Gesellschaft bemerkt;
-da flattern sie lautlos davon. Auch unser Nachen zieht
-leise auf seiner Bahn weiter. Aber es dauert nicht lange,
-da hören wir wieder das »Rodeln« oder »Kollern« der
-Hähne aus derselben Gegend. Das Birkwild ist nicht<span class="pagenum"><a id="Page_171">[171]</a></span>
-eben scheu; es läßt sich nicht so leicht vergrämen wie der
-balzende Auerhahn.</p>
-
-<p>Immer mehr senkt sich die Dämmerung über den
-See. Enten und Bläßhühner werden stiller, aber das
-Froschkonzert schallt lauter und lauter. Welch ohrenbetäubender
-Lärm wird aber in ein paar Wochen am
-Abend und die ganze Nacht hindurch bis zum goldnen
-Morgen hier herrschen, wenn die <em class="gesperrt">Teich-</em> und <em class="gesperrt">Drosselrohrsänger</em>
-zurückgekehrt sind und nun ihr vielstimmiges
-Konzert geben. Heute ist's ein anderer, wenig
-bekannter Nachtschwärmer, dessen weithin schallender
-und doch weicher Flötenton uns erfreut. Es ist der
-<em class="gesperrt">Triel</em>, der die sandigen Felder der Lausitz, die lichten
-Kiefernwälder und Waldblößen bewohnt; auch in der
-sächsischen Flachlandschaft westlich der Elbe ist der scheue
-Dämmerungsvogel, der zu den Regenpfeifern gehört,
-nicht selten. Seine Rufe &ndash; meist zwei oder drei sich
-eng aneinanderschließende Flötentöne von überaus angenehmem
-Wohlklang &ndash; erhöhen den Reiz der lauwarmen
-Frühlingsnacht.</p>
-
-<p>Von Eulen ließ sich in der Nähe des Dorfes nur das
-<em class="gesperrt">Steinkäuzchen</em> hören. Erst rief ein Männchen ein
-paarmal sein pfeifendes »Guhk«, dann antwortete ihm
-ein zweites mit demselben Gruß, und bald lockte ein
-Weibchen mit hohem »Kuwiff, kuwiff«.</p>
-
-<p>Am Morgen des nächsten Tages, den als erster
-Sänger Hausrotschwänzchen mit klirrender Strophe begrüßte,
-zeigte sich am Ufer des Großteichs in den hohen
-Eichen ein <em class="gesperrt">Wiedehopf</em>. Ich vernahm seinen kuckucksähnlichen
-Ruf »upupupup« schon längst, ehe ich den
-hübschen Vogel mit dem aufrichtbaren, lockeren Federbusch
-und dem langen, dünnen Schnabel zu Gesicht bekam.<span class="pagenum"><a id="Page_172">[172]</a></span>
-Der muntere Bursche war außerordentlich scheu;
-bis auf 50&nbsp;Meter nur ließ er mich herankommen. Dann
-flog er immer ein Stückchen weiter auf eine andere
-Eiche, bis er schließlich in zuckendem, unregelmäßigem
-Flug über die breite Wasserfläche setzte.</p>
-
-<p>Durch Wiesen und Felder führte mich der Weg weiter
-nach Milstrich. Die reizenden Flugspiele der <em class="gesperrt">Kiebitze</em>,
-die mich so nah umflatterten, daß ich das seltsame
-»Wuchteln« ihrer Schwingen deutlich vernahm, belebten
-die freundliche Landschaft; auch ein paar <em class="gesperrt">Turmfalken</em>
-zeigten ihre Künste. Im Dorf sah ich die ersten
-Schwälbchen, zwei oder drei Paar <em class="gesperrt">Rauchschwalben</em>,
-auch eine einzelne <em class="gesperrt">Hausschwalbe</em>; sie zwitscherten
-seelenvergnügt, froh, daß die schlimme Zeit nun vorüber
-und Wärme und Sonnenschein das kleine Volk der Insekten
-zu neuem Leben geweckt hatten.</p>
-
-<p>Zu dem Milstricher Rittergut gehören gleichfalls
-viele, zum Teil recht ansehnliche Teiche. Sie sind von
-nur geringer Tiefe, vielleicht einen Meter im Mittel.
-Das ist ein Vorzug aller stehenden Gewässer der Lausitz;
-denn das Wasser erwärmt sich dadurch schnell bis auf
-den Grund, was der Fischzucht förderlich ist. Außer den
-schon genannten Enten, Tauchern, Wasserhühnern belebten
-auch kleine <em class="gesperrt">Moorenten</em> die Teiche in der Nähe
-des Gutes. Ziemlich unscheinbar sehen diese Entchen
-aus. Selbst das »Prachtkleid« des Erpels verdient kaum
-solchen Namen; denn das dunkle Kastanienbraun des
-Kopfes und die Rostfarbe der Brust sind nur ein bescheidener
-Schmuck. Die Moorenten tauchen vorzüglich.
-Sobald ich mich nur ein wenig näherte, gleich waren sie
-unter dem Wasser, wenn sie nicht vorzogen, unter »grrr-grrr«-Rufen
-abzuziehen, stets paarweise, erst das Weibchen<span class="pagenum"><a id="Page_173">[173]</a></span>
-und hinter ihm das etwas größere Männchen.
-Während des Schwimmens sehen die Moorenten sehr
-klein aus, weil sie den Hals einziehen und mit dem
-Rumpf tiefer ins Wasser eintauchen als andere Enten,
-so daß man geradezu überrascht ist, wenn das Entchen
-beim Auffliegen gewiß noch einmal so groß erscheint, als
-man erwartet hätte.</p>
-
-<p>Recht häufig vernahm ich den angenehmen Trillerpfiff
-des kleinen <em class="gesperrt">Rotschenkels</em>; er ist unser verbreitetster
-»Wasserläufer«, an den orangeroten Füßen und dem
-weißen Bürzel leicht zu erkennen. Die weithin hörbaren
-Lockrufe »tü, tütü, dili, dideli« und die schwirrenden
-Triller sind so charakteristisch, daß es jeder Vogelkenner
-sofort weiß, welcher Vogelkehle diese wohllautenden Töne
-entstammen. Besonders eifrig rufen die Rotschenkel
-gegen Abend; dann antworten ihnen die Zwergtaucher
-mit gleichfalls trillernder Strophe.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Weiße Bachstelzen</em> und die noch zierlicheren
-<em class="gesperrt">Gebirgsbachstelzen</em> sah ich sehr häufig; auch die
-reingelbe <em class="gesperrt">Wiesen-</em> oder <em class="gesperrt">Schafstelze</em>, die ungefähr
-drei Wochen später kommt als ihre Verwandten, war
-schon da und wippte graziös von einem Schilfinselchen
-zum andern. Auf den Feldern ließen sich gegen Abend
-die <em class="gesperrt">Rebhühner</em> eifrig hören, und auch <em class="gesperrt">Heidelerchen</em>
-sangen noch spät ihr zartes, aus einer Reihe
-von Pfeiflauten bestehendes Lied aus luftiger Höhe
-herab.</p>
-
-<p>Der folgende Tag galt dem Besuch des Königswarthaer
-Teichgebiets im Norden der Ortschaft. Teich
-an Teich in unübersehbarer Folge, und fast auf jedem
-eine stattliche Zahl von Wassergeflügel, daß dem Naturfreund
-das Herz lacht. Zehntausend Morgen an Wasserfläche<span class="pagenum"><a id="Page_174">[174]</a></span>
-gehören zum Rittergut, der kleinere Teil davon
-im Königswarthaer Flurgebiet, der größere schon auf
-preußischem Boden. Einige von ihnen sind 50 bis 72&nbsp;Hektar
-groß. Hier fielen mir besonders die zahlreichen
-<em class="gesperrt">Löffelenten</em> auf. Möglich, daß ich diese schöne Ente
-auf den früher besuchten Teichen übersehen oder vielleicht
-aus der Entfernung mit der Stockente verwechselt
-hatte: jedenfalls gehört sie in dem Königswarthaer
-Teichgebiet zu den ganz allgemein verbreiteten Arten.
-Eigentümlich ist für sie der große, am Grunde schmale,
-vorn aber stark verbreiterte, gewölbte Schnabel, dessen
-Form der Ente den Namen gegeben hat. In
-seinem Prachtkleid führt das Männchen viel Weiß, das
-weithin leuchtet, besonders am Kropf, Hals und Oberflügel.
-Der Kopf erglänzt schwarzgrün wie beim Stockerpel.
-Unterbrust und Bauch zeigen ein schönes Kastanienbraun.
-Vor dem goldgrünen, weiß eingefaßten
-Spiegel liegt über der Schulter ein himmelblaues Feld,
-eine Farbe von eignem Reiz; sie ist in unsrer deutschen
-Vogelwelt außerordentlich selten. Öfters sah ich Löffelenten
-ganz in der Nähe, immer paarweise; sie sind so
-wenig scheu, daß sie auch dann noch unbesorgt umherschwimmen
-oder gründelnd sich auf den Kopf stellen,
-wenn Bläßhühner, Stockenten, selbst die zutraulichen
-Tafelenten unter Geschrei geflohen sind. Fliegen auch
-sie endlich ab, so geschieht es ohne jeden Laut; ohne
-Plätschern erheben sie sich aus dem Wasser, und ohne
-jedes Geräusch fallen sie wieder ein.</p>
-
-<p>Im Parke hinter dem Herrenhause fand ich all die
-Vögel, die ich hier erwarten konnte. Von den noch nicht
-erwähnten nenne ich nur Wendehals, Gartenrotschwanz,
-Sumpfmeise, Kleiber, Baumläufer, denen die höhlenreichen<span class="pagenum"><a id="Page_175">[175]</a></span>
-Bäume willkommene Wohnung gewähren, dazu
-Freibrüter wie Hänfling und Girlitz. Auch ein paar
-Eichelhäher kreischten in den Baumkronen.</p>
-
-<p>Den folgenden Tag fuhr ich nach Neschwitz, von wo
-aus ich die nahen Holschaer und Quooser Teiche, den
-schön gelegenen Mädelteich, den Litschen- und Neuteich,
-die Mauerlöcher, ferner die Radiborer Teiche an der
-Luppaer Grenze, die Luttowitzer Teiche, den Bockauer
-Großteich, und endlich die schönsten von allen, die Milkener
-Teiche besuchte. Die ganze Gegend mit dem reichen
-Wechsel von Wasser, Wald, Wiese und Feld, mit den
-freundlichen, zumeist wendischen Ortschaften ist von
-hohem landschaftlichen Reiz, und ich freue mich, daß man
-all diese liebliche Schönheit hier ungestört genießen kann.
-Die Gegend ist eben noch nicht »entdeckt«, und so verliert
-sich wohl nur selten mal ein Tourist in diesen Winkel
-der »wendischen Türkei«. Es ist nicht möglich, alle Beobachtungen
-aufzuzählen, die Auge und Ohr eines aufmerksamen
-Wanderers jede Minute beschäftigen: die anheimelnde
-Bauart der ländlichen Höfe, die sich um den
-unkenreichen Dorfteich gruppieren, die blühenden Obstbäume,
-die Rehe am Waldessaum, der kreisende Mäusebussard,
-die Karnickel vor ihrem Bau, der wohlklingende
-Ruf des Schwarzspechts, das Rucksen der Hohltaube, hier
-Reinekes Spur, der seine Besuchskarte abgegeben hat,
-dort Gewölle vom Waldkauz, hier die Fegstelle eines
-Rehbocks an zwei jungen Erlenstämmchen, ein Igel im
-Gestrüpp, die Fährte des Iltis, oder manche interessante
-Pflanze: im schattigen Wald die Einbeere, Knabenkraut
-auf der feuchten Wiese, Sumpfveilchen auf moorigem
-Boden, Pestilenzwurz, Leberblümchen u.&nbsp;a. Ein Eisvogel
-flog wie ein glühender Juwel vorüber und weckte<span class="pagenum"><a id="Page_176">[176]</a></span>
-die Erinnerung an jenen gleichfalls farbenprächtigen
-Vogel, die <em class="gesperrt">Mandelkrähe</em> oder <em class="gesperrt">Blaurake</em>, die
-leider in Deutschland immer seltener wird, aber im östlichen
-Sachsen, so bei Königswartha und in den hohen
-Eichen an den Quooser Teichen noch regelmäßig als
-Brutvogel vorkommt. Diesmal freilich konnte ich den
-wunderbar gefärbten Vogel noch nicht begrüßen, da er
-erst recht spät aus seiner Winterherberge zurückkehrt.</p>
-
-<p>Nach <em class="gesperrt">Fischreihern</em> habe ich scharf Ausschau gehalten;
-aber erst am vierten Morgen glückte es mir,
-einem dieser schönen Vögel zu begegnen. Ich hatte in
-Commerau übernachtet und saß auf dem Damm eines
-der vielen Teiche in der dortigen Heide beim Frühstück.
-Auf einmal hinter meinem Rücken ein aufgeregtes
-Kreischen der Lachmöwen. Ich wende den Kopf &ndash; kaum
-zwanzig Schritt von mir ein Reiher, der von den Möwen
-bis unter die Bäume am Damm verfolgt ward, wo sie
-ihn nun in die Enge treiben. Er wird mich gewahr,
-schlägt heftig mit den dunkeln Fittichen, wendet und
-bahnt sich den Weg mitten durch die ihn umschreiende
-Schar.</p>
-
-<p>Fischreiher horsten nicht mehr in der sächsischen Lausitz;
-aber im nahen Lohsa-Weißcollmer Revier findet
-sich auf hohen Kiefern wohl auch heute noch der Rest
-einer uralten Kolonie. Im Juli und August, wenn die
-Jungen ausgeflogen sind, erscheinen dann mit ziemlicher
-Regelmäßigkeit die schönen Fischer auch im sächsischen
-Teichgebiet, nicht selten mehr als ein Dutzend auf einmal,
-zum Ärger der Teichbesitzer, die über die preußischen
-Fischdiebe schimpfen und manchem das Lebenslicht ausblasen.</p>
-
-<p>Der merkwürdigste Vogel jener Gegend ist aber die<span class="pagenum"><a id="Page_177">[177]</a></span>
-<em class="gesperrt">große Rohrdommel</em>. Ihretwegen war ich nach
-Commerau gewandert, und ich hatte das Glück, die ganze
-Nacht ihrem Liebeslied von meinem Bett aus zu lauschen.
-Obgleich der Standort des Vogels mindestens
-eine halbe Stunde von dem Gasthaus entfernt war, hörte
-ich das tiefe »Prumb« doch ganz deutlich. Es klingt ähnlich
-wie das Brüllen eines Rindes, weshalb der Vogel
-beim Volk »Moorochse« genannt wird. Meist hörte ich,
-selbst bei dieser Entfernung, auch den viel leiseren Vorschlag.
-Die Silben »ü-prumb« geben den Ruf ziemlich
-gut wieder. Auch am hellen Morgen, den ganzen Vormittag,
-selbst in den Mittagsstunden schwieg die Rohrdommel
-nicht, nur daß sie jetzt ihren Ruf statt fünf-
-oder sechsmal, nur etwa dreimal hintereinander wiederholte
-und dann eine Pause von ein paar Minuten eintreten
-ließ. Wie man bei der Birkhahnbalz aus dem
-Kollern allein, das dem sog. Schleifen vorangeht, den
-Standort des Hahns nur schwer bestimmen kann, so verhält
-sich's auch mit dem tiefen »Prumb«-Laut des reiherartigen
-Vogels; es dauerte ziemlich lange, ehe ich feststellen
-konnte, daß auf einer Insel in einem Teich ganz
-nahe dem Rittergut Kauppa die Rohrdommel ihren
-Standplatz bezogen hatte. Die Leute sagten, seit zwei
-bis drei Wochen ließen sich diese unheimlichen Laute
-hören; daß sie von einem Vogel herrühren, wollte mir
-niemand glauben. In der Nähe klingt das »Prumb«
-&ndash; wohl der tiefste Ton, den irgendein Vogel unsrer
-Heimat erzeugt, denn er erreicht das <em class="antiqua">F</em> der großen Oktave
-&ndash; etwa so wie der Laut, den man mittels einer
-recht großen Gießkanne erzeugen kann, wenn man mit
-voller Kraft Luft zur Ausflußröhre hineinbläst. Ein
-Explosionslaut ist es, der nicht mit dem Kehlkopf, sondern<span class="pagenum"><a id="Page_178">[178]</a></span>
-mit der Speiseröhre erzeugt wird, aus der die hinuntergeschluckte
-und zusammengepreßte Luft mit großer
-Gewalt herausgestoßen wird, eine Art Dudelsack, auf dem
-der scheue Vogel sein unheimliches Liebeslied spielt.</p>
-
-<p>Auch im Neschwitzer Teichgebiet ließ sich die große
-Rohrdommel unermüdlich hören. Leider bekam ich sie
-aber weder hier noch dort zu Gesicht. Der Schilfwald
-hält sie versteckt, und wenn man sich ihrem Standort
-nähert, so flüchtet sie geduckt durch das Röhricht, wie der
-kleine Wachtelkönig durch das hohe Gras der Wiese.
-Aufzufliegen entschließt sich der Vogel nur schwer; er
-weiß, wo er Schutz findet.</p>
-
-<p>Vielleicht gelingt es mir später, den nächtlichen Musikanten
-von Angesicht zu Angesicht zu sehen, vorausgesetzt,
-daß er unsrer Heimat erhalten bleibt. Ich habe sehr
-darum gebeten, ihn bei den Entenjagden als interessantes
-Naturdenkmal zu schonen und ich wiederhole auch
-hier meine Bitte.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_179">[179]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_heimatliche_Vogelwelt">Die heimatliche Vogelwelt
-im deutschen Volksglauben</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Jahrhundertelang fließt der Fluß in dem errungenen
-Bett. Wann sprang sein Quell zum erstenmal aus
-dem Felsen hervor? Wird einst das Wasser verrinnen,
-wird die Spur verwehen, die es in das Antlitz der Erde
-gegraben hat? Beharrungsstreben in der Natur trotz
-allen Wechsels &ndash; wie viele selbst der kleinsten Bächlein
-mögen heute noch genau so fließen, wie weiland vor
-tausend Jahren!</p>
-
-<p>Mit der Kultur des Menschengeschlechts ist's, ebenso.
-Unerforschlich ihr Ursprung, unbekannt Ziel und Ende,
-und bei allen Wechselfällen, bei allen Umwälzungen des
-Lebens das Gesetz der Beharrung. Greife heraus, was
-du willst, Gebräuche und Sitten, Anschauungen, Sagen
-und Märchen, Sprache, Werkzeug und Kunst &ndash; uralter
-Besitz ist's, vererbt von Geschlecht zu Geschlecht. Manches
-wohl tot &ndash; nur die Erinnerung, daß es einst war, ist
-noch geblieben &ndash; vieles nur scheintot &ndash; zu neuem Leben
-kann es erwachen &ndash; das meiste aber noch frisch und in
-Urkraft, wie in den Tagen der Väter.</p>
-
-<p>Unter diesem Gesichtspunkte betrachtet der denkende
-Mensch auch den Aberglauben oder sagen wir lieber &ndash;
-denn gemütvoller klingt es &ndash; den <em class="gesperrt">Volksglauben</em>,
-den er noch heute im aufgeklärten zwanzigsten Jahrhundert<span class="pagenum"><a id="Page_180">[180]</a></span>
-bei seinen Zeitgenossen antrifft. Ihn bis in die
-nebelgraue Vergangenheit zurückzuverfolgen, seine verborgenen
-Quellen und die vielen Bächlein aufzusuchen,
-die ihn immer von neuem gespeist haben, das ist der
-Reiz, den solches Studium gewährt. Der andere aber
-mag nichts davon wissen; er sagt: »Die Dummen werden
-nicht alle!« Kennt er sich selbst so genau? Ist er wirklich
-ganz frei, ganz unbefangen, oder schlummert nicht
-vielleicht doch irgendein kleines Überbleibsel, ein winziger
-Rest dieser oder jener uralten abergläubischen
-Vorstellung, ihm selbst nicht bewußt, in seiner so aufgeklärten
-Seele?</p>
-
-<p>Wir wählen ein eng umgrenztes Gebiet, den
-<em class="gesperrt">Volksglauben</em>, der sich auf die <em class="gesperrt">gefiederte
-Welt unsrer Heimat</em> bezieht, und zwar nur so
-weit, als er <em class="gesperrt">noch heute bei unsern Volksgenossen
-lebendig ist</em>.</p>
-
-<p>Da gibt es zuerst <em class="gesperrt">naturwissenschaftliche
-Irrtümer</em>, die nur insofern die Bezeichnung Volks-
-oder Aberglauben verdienen, als sie so seltsam sind, jeder
-Erfahrung so völlig widersprechen, daß eine starke Gabe
-von Leichtgläubigkeit und kindlicher Einfalt dazu gehört,
-wenn jemand noch immer an solchen Widersinnigkeiten
-festhält.</p>
-
-<p>Ob man mir's glaubt? Das Märlein vom <em class="gesperrt">Kuckuck</em>,
-unserm lieben Frühlingsboten, der sich alljährlich im
-Herbst in einen raubgierigen <em class="gesperrt">Sperber</em> verwandeln
-soll, ist auch heute bei unserm Volk noch nicht völlig
-verklungen. Zehn Jahre sind's her, da saß ich mit zwei
-Landwirten am Biertisch im Kretscham eines Lausitzer
-Dorfs. Beide waren Jäger; so kam die Unterhaltung
-bald in Fluß, und wir erörterten schließlich jene seltsame<span class="pagenum"><a id="Page_181">[181]</a></span>
-Verwandlungsgeschichte. Es waren die vernünftigsten
-Menschen der Welt; aber sie ließen sich doch nur
-halb überzeugen. Zwar an die Verwandlung glaubten
-sie nicht; aber daß der Kuckuck auch im Winter unsrer
-Heimat treu bleibe und daß er, sobald die Raupennahrung
-spärlicher werde, der Kleinvogelwelt nachstelle,
-daß er dann ein schlimmer Räuber sei, das ließen sich
-beide nicht ausreden. Der eine der Streithähne wollte
-einmal mitten im Winter einen Kuckuck geschossen haben,
-als dieser gerade einen Finken würgte; der andere aber
-hatte an einem sonnigen Maimorgen beobachtet, wie sich
-der Kuckuck-Sperber oder der Sperber-Kuckuck, der eben
-noch seinen prophetischen Ruf zum besten gegeben hatte,
-auf ein singendes Rotkehlchen stürzte.</p>
-
-<p>Schon zu des seligen <em class="gesperrt">Äsops</em> Zeiten meinte man,
-aus dem Kuckuck werde im Herbst ein Sperber oder ein
-Habicht, und dieser verwandle sich im Frühjahr wieder
-in den Lenzesboten. Auch <em class="gesperrt">Aristoteles</em> erwähnt den
-gleichen Aberglauben, dem er jedoch mit aller Entschiedenheit
-entgegentritt. <em class="gesperrt">Plinius</em> aber muß den
-großen Gelehrten mißverstanden haben, wenigstens berichtet
-er wieder: »Der Kuckuck entsteht aus einem
-Raubvogel.« Damit war diese Transmutationslehre
-für viele Jahrhunderte gesichert; bei den »Naturkündigern
-und Philosophi« erhielt sie sich das ganze Mittelalter
-hindurch, und ein oder der andere Mann aus
-dem Volk glaubt heute noch an das einfältige Märchen.</p>
-
-<p>Wer Kuckuck und Sperber kennt, wird über die Entstehung
-des sonderbaren Aberglaubens nicht im Zweifel
-sein. Der unschuldige Kuckuck ahmt den gefürchteten
-Sperber so vollkommen nach in Gestalt, Größe und
-Farbe, ja sogar in der Art seines Fluges, daß der Beobachter<span class="pagenum"><a id="Page_182">[182]</a></span>
-leicht getäuscht wird. Die Unterseite weißlich
-mit dunklen Querwellen, der Fächer des Schwanzes
-lang und breit, das hochgelbe Auge, die gelbliche Wurzel
-des Oberschnabels, der blaßgelbe Fuß, dazu der
-Flug, leicht, elegant und reißend schnell wie der unsrer
-kleinen Raubvögel: dies, alles sind Merkmale, die
-Freund Kuckuck mit dem verhaßten Sperber teilt. Ich
-zweifle keinen Augenblick, daß es beim Flug über freies
-Feld dem harmlosen Lenzesboten bisweilen gelingen
-wird, durch diese Maske seine Feinde, die gefiederten
-Räuber, zu täuschen.</p>
-
-<p>Denselben Eindruck, daß der Kuckuck ein Raubvogel
-sei, haben offenbar auch die Kleinvögel, wie Grasmücken,
-Laubvögelchen, Würger, Bachstelzen u.&nbsp;a.; ihnen allen
-ist der Kuckuck ein gar unheimlicher Geselle. Zeigt sich
-einer in ihrem Gebiet, so flattern sie erschreckt von Ast
-zu Ast, ängstlich rufend, oder sie versuchen es, den vermeintlichen
-Angriff gemeinsam zurückzuschlagen, indem
-sie den Ruhestörer mit lautem Geschrei verfolgen. Oder
-sollten sie es wissen, daß ihnen das Kuckucksweibchen sein
-Ei ins Nest legt, und sollten sie es nun mit allen Mitteln
-versuchen, das Danaergeschenk zurückzuweisen?
-Ich glaube es kaum. Durch solche Zeichen von Furcht
-und Aufregung unter den Kleinvögeln wird natürlich
-auch der menschliche Beobachter leicht irregeführt.</p>
-
-<p>Andere berichten, der Kuckuck verkrieche sich im
-Herbst in hohle Bäume, besonders gern in Weidenstämme,
-auch unter Steine und in die Erde. Hier liege
-er wie tot, und zwar nackend, auf seinen Federn, gleichsam
-in einem warmen Bett, »faulen vnd vngefäder«,
-wie es beim alten <em class="gesperrt">Geßner</em> heißt, dem Plinius am
-Ausgange des Mittelalters.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_183">[183]</a></span></p>
-
-<p>Es ist überhaupt merkwürdig, daß man sehr vielen
-Vögeln, von denen wir heute wissen, daß sie Zugvögel
-sind, einen <em class="gesperrt">Winterschlaf</em> hier in ihrer Heimat andichtete.
-Die Erscheinungen in der Welt der Säugetiere,
-Reptilien und Amphibien mögen einen solchen Ähnlichkeitsschluß
-nahegelegt und manche Einzelbeobachtungen
-diese irrige Annahme bestärkt haben. Rotschwänzchen,
-Turteltaube, Amsel, Nachtigall, Wachtel u.&nbsp;a. verkriechen
-sich, so meinte man, in Baumhöhlen, Felsenritzen,
-unter Baumwurzeln, in die unterwaschenen Flußufer
-und verbringen hier die rauhe Jahreszeit im Halbschlaf
-oder in festem Winterschlaf, wobei sie &ndash; namentlich
-die Wachteln &ndash; von ihrem Fett zehren, wie Dachs
-oder Bär.</p>
-
-<p>Am merkwürdigsten aber waren die fabelhaften Erzählungen
-über das Winterquartier von <em class="gesperrt">Schwalbe</em>
-und <em class="gesperrt">Storch</em>. Diese Vögel sollten auf dem Grund von
-Teichen, Seen und Sümpfen, ja selbst im Meer überwintern.
-Hier, vom Schilfe verdeckt, ruhen die müden
-Geschöpfe und erquicken im Schlaf, der dem Tode gleicht,
-die ermatteten Glieder. Noch vor wenig mehr als
-anderthalb hundert Jahren wird diese sonderbare Ansicht
-in <em class="gesperrt">Kleins</em> »Historie der Vögel«, Danzig 1760,
-auf das bestimmteste gegen alle Einwände verteidigt,
-so daß man sich nicht wundern darf, wenn weit über
-zweihundert Jahre früher <em class="gesperrt">Luther</em> in seiner Erklärung
-zum 1.&nbsp;Buch Mose sagt: »Das Wunderwerk von den
-Schwalben ist aus der Erfahrung bekannt, daß sie nämlich
-den Winter hindurch in dem Wasser für tot liegen
-und im Sommer wieder aufleben, welches gewiß ein
-großer Beweis unsrer Auferstehung ist.« Auch Luthers
-Zeitgenosse, der alte <em class="gesperrt">Geßner</em>, führt in seinem »Vogelbuch«<span class="pagenum"><a id="Page_184">[184]</a></span>
-diesen Gedanken aus; er sagt … »welches ich
-für ein wunderbar werck halt vnd für ein anbildung
-der auferstentnuß vnserer cörpeln.«</p>
-
-<p>An diesem Wunderglauben hält heute wohl niemand
-mehr fest; aber daß unsre Schwalben, wenigstens
-ein großer Teil von ihnen, in hohlen Bäumen, unter
-dürrem Laub und zwischen Grasbüscheln oder auch in
-ihren eigenen Nestern einen regelrechten Winterschlaf
-halten, dieses Märlein spukt noch immer in unserm
-Volke und in den Zeitungen fort und ist trotz aller Aufklärung
-seitens der Wissenschaft, wie es scheint, nicht
-aus der Welt zu schaffen. Es werden selten ein paar
-Jahre vergehen, wo dieser Irrtum und Aberglaube
-nicht immer wieder durch einzelne »einwandfreie« Beobachtungen
-neue Nahrung erhielte. Und das erklärt
-sich so: Vor dem Abzuge suchen die Schwalben gern gemeinsame
-Schlafplätze auf, wie das Schilf an Teichen,
-das Fachwerk der Häuser, auch einmal eine weite Baumhöhle.
-Sind die Tierchen, die vielleicht wegen verspäteter
-Brut den Anschluß an die große Masse der
-Wanderer versäumt haben, infolge Nahrungsmangels
-halb verhungert, so kann es geschehen, daß sie in kalter
-Herbstnacht dutzendweise dahinsterben, und wer sie findet,
-meint dann, die Schwalben hätten sich hier zum Winterschlaf
-niedergelassen. Auch <em class="gesperrt">Lenz</em> ist überzeugt, daß
-diese Vögel in Europa, wenn auch nur ausnahmsweise,
-einen Winterschlaf halten.</p>
-
-<p>Solche Fälle stehen durchaus nicht so vereinzelt da,
-wie wohl mancher denken mag. In den letzten Jahrzehnten
-haben wir es mehrmals erlebt, daß Schwalben
-in den naßkalten Herbsttagen &ndash; sehr verhängnisvoll
-waren für sie z.&nbsp;B. die ersten Oktobertage 1905 &ndash; nicht<span class="pagenum"><a id="Page_185">[185]</a></span>
-nur einzeln, sondern in ganzen Scharen zugrunde gingen.
-Selbst unter dürres Laub, unter Grasbüschel und dergleichen
-hatten sich ermattete Rauchschwalben versteckt,
-gemeinsam die Todesstunde erwartend. Daß man auch
-zwischen dem Schilf »ganz aneinanderhangende Bündel«
-von Schwalben aus dem Wasser gezogen haben will, erscheint
-unter solchen Umständen durchaus nicht so unmöglich,
-sondern ist leicht zu erklären. Wenn aber jeder
-Vogel, den einmal ein Fischer aus dem schilfigen Teich
-oder See herauszieht, nun sofort als Winterschläfer
-ausposaunt wird, wie es ehemals oft geschehen ist, so
-gibt es für solche Leichtgläubigkeit und Urteilslosigkeit
-keine Entschuldigung; denn das weiß jedes Kind, daß im
-Sommer und Herbst mancher Vogel den Hunden des
-Schützen, der auf Enten oder andere Wasservögel jagt,
-nur zu leicht dadurch entgeht, daß er zwischen das Schilf
-flattert und dort ins Wasser fällt. Auch der beste Hund
-findet nicht jede einzelne Beute.</p>
-
-<p>Noch ein Schwalbenmärchen, das freilich mit Aberglauben
-gar nichts zu tun hat &ndash; nur das ewige Leben
-teilt es mit ihm &ndash; sei hier erwähnt. Dem <em class="gesperrt">Sperling</em>,
-der sich in ein Schwalbennest einquartiert hat, so heißt
-es ganz allgemein, gehe es schlecht. Die erzürnten
-Schwälbchen kümmerten sich nicht um das »Besetzt, besetzt!«
-das ihnen der Eindringling zuruft, und mauerten
-den Spatz aus Rache einfach ein, daß er elend umkommen
-müsse.</p>
-
-<p>Ein Märchen ist es. Wohl flattern und schreien die
-rechtmäßigen Besitzer, wohl schnappen sie im Fluge nach
-dem frechen Sperling; doch der weicht nicht von der
-Stelle. Nach ein oder zwei Tagen geben dann die
-Schwalben in der Regel ihre Angriffe auf, und der<span class="pagenum"><a id="Page_186">[186]</a></span>
-Spatz hat nun Ruhe. »Gesiegt, gesiegt!« so höhnt er,
-sobald noch ein Vogel vorüberfliegt. Wie sollten sich
-die ängstlich umherflatternden Schwalben auch soviel
-Ruhe und Überlegung bewahren, daß sie unmittelbar
-vor dem Kopf ihres zeternden Feindes die Öffnung des
-Nestes zumauerten, und &ndash; nun kommt die Hauptsache &ndash;
-so dumm ist unser Spatz, »der Allerweltsvogel, der pfiffige
-Gassenjunge, der Lausbub«, wahrhaftig nicht, daß
-er sich solch Einmauern bei lebendigem Leibe gutmütigst
-sollte gefallen lassen. Er hat auch einen Schnabel und
-weiß sich zu wehren.</p>
-
-<p>Recht sonderbar ist der auch heute noch beim gemeinen
-Mann verbreitete Glaube, das Nest des grünen
-<em class="gesperrt">Erlenzeisigs</em>, der so gern als Stubenvogel gehalten
-wird, sei unsichtbar. Ja man wollte mich sogar
-einmal Lügen strafen, als ich behauptete, den Zeisig
-beim Füttern seiner Nestjungen beobachtet zu haben,
-und das von mir vorgezeigte Nest, das mir einst ein
-Junge vom Baume herabgeholt hatte, wurde für ein
-solches vom Stieglitz oder vom Hänfling erklärt.</p>
-
-<p>Es ist gar keine Frage, das Nest vom Zeisig gehört
-zu den Vogelnestern, die recht schwer aufzufinden sind.
-Meist steht es hoch oben in den Fichten oder Tannen,
-von Nadelzweigen und Flechten so gut verdeckt, daß es
-von unten und von den Seiten her in der Regel nicht
-gesehen werden kann, und wenn man in diesem Sinne
-von einer »Unsichtbarkeit« des Zeisignestes sprechen will,
-laß ich's wohl gelten. Selbst wer den Baum erklettert,
-findet es oftmals nicht, so genau er sich auch die Stelle,
-wo er die Vögel bauen oder mit Futter herzufliegen sah,
-gemerkt hat. Dazu steht das Nest meist auf dem schwanken<span class="pagenum"><a id="Page_187">[187]</a></span>
-Ende eines Astes, daß es höchstens von einem waghalsigen
-Jungen erreicht werden kann.</p>
-
-<p>Ich habe auch einmal sagen hören, falls der Zeisig
-überhaupt brüte und sich nicht etwa auf eine »unnatürliche
-Art« fortpflanze, so müsse das während des Winters,
-wo die Vögel umherstreichen, in einer fremden
-Gegend geschehen; bei uns zulande wenigstens habe
-noch kein Mensch ein einwandfreies Zeisignest gefunden.
-Nun, ich kann nur feststellen, daß in den Nadelwäldern
-unsrer Mittelgebirge, wie im Thüringer Wald und im
-Harz, alljährlich genug Zeisige ihr Fortpflanzungsgeschäft
-im Frühjahr ganz ebenso betreiben, wie andere
-Finkenvögel auch. Und wenn man weiter fabelt, das
-Nest enthalte einen Stein, der ihm jene Unsichtbarkeit erst
-verleihe, und nur auf einer Wasserfläche spiegele es sich
-ab, so daß man dort wohl sein Bild, nie aber das wirkliche
-Nest sehen könne, so trägt solch Gerede auch nicht
-dazu bei, die Sache glaubwürdiger zu machen.</p>
-
-<p>Besonders sind es unsre Hausfreunde, wie Storch,
-Schwalbe, Rotschwänzchen, um die man einen ganzen
-Kranz abergläubischer Vorstellungen gewunden hat.
-Zwar an den Storch als Kinderbringer, den »<em class="gesperrt">Adebar</em>«,
-der die Mutter ins Bein beißt, daß sie das Bett
-hüten muß, glauben heutzutage selbst die kleinen sechsjährigen
-Mädel nicht mehr recht und die Buben gleich
-gar nicht; aber daß Störche auf dem Haus eine nahe
-<em class="gesperrt">Hochzeit</em> oder <em class="gesperrt">Kindersegen</em> bedeuten, daran hält
-man in unsrer Lausitz, wo es zum Glück noch immer
-ein paar besetzte Horste gibt, ebenso fest, wie in andern
-Gauen des niederdeutschen Flachlandes, die sich zahlreicherer
-Störche erfreuen. Soviel Junge im Nest, soviel
-Kinder sollen auch die Neuvermählten bekommen &ndash;<span class="pagenum"><a id="Page_188">[188]</a></span>
-natürlich nacheinander, im Laufe der Jahre; denn in
-Adebars Kinderstube werden gewöhnlich vier, bisweilen
-auch fünf Stück zur Welt gebracht.</p>
-
-<p>Ebenso allgemein ist der Glaube, daß ein auf dem
-Hause brütendes Storchenpaar jede <em class="gesperrt">Feuersgefahr</em>
-abwende; namentlich wird der Blitzschlag ein solches Gehöft
-nie einäschern. Ich kenne einen Fall in der Lausitz,
-wo eine Feuersbrunst tatsächlich vor einem durch Störche
-gefeiten Gute halt machte. Dadurch wird natürlich der
-Glaube, daß das Feuer dem Vogel und seinem Horst
-nichts antun könne, zur Gewißheit; noch die Urenkel
-werden davon erzählen, während die Fälle, wo sich der
-Schutz nicht bewährte, recht bald der Vergessenheit angehören.
-Ich werde der letzte sein, der es versucht, dem
-Lausitzer Bauer seinen Glauben auszureden; denn der
-liebe Mitbewohner des Hauses erscheint ihm ja wegen
-des Feuerschutzes, den er dem Hofe gewährt, nur um so
-wertvoller.</p>
-
-<p>Fast ein <em class="gesperrt">heiliges</em> Tier ist unser Hausstorch wie
-bei den Ägyptern der Ibis oder in Indien der Geier.
-Wehe wer einen Storch tötet oder ihm ein Junges
-raubt &ndash; Krankheit und Armut werden des Mörders
-Los. Ja, der Glaube an die Unverletzlichkeit und Heiligkeit
-des gefiederten Hausfreundes ist unserm Volke
-so in Fleisch und Blut übergegangen, daß selbst Forstbeamte
-&ndash; es sei ihnen zur Ehre angerechnet &ndash; davon
-abstehen, einen Storch zu schießen, auch wenn sie davon
-überzeugt sind, daß in ihrem Revier der langbeinige
-Vogel manchen Schaden anrichtet, indem er in den Feldern
-weidwerkt und neben Mäusen auch 'mal einen
-Junghasen erwischt oder ein bodenständiges Nest ausnimmt.
-Aber der Jagdberechtigte weiß auch, daß er gut<span class="pagenum"><a id="Page_189">[189]</a></span>
-daran tut, ein Auge zuzudrücken. Die ganze Gemeinde
-würde mit Recht empört sein, wenn es hieße, der Storch,
-ihr Gemeindestorch, sei dem Schrot des Jägers zum
-Opfer gefallen. Ich kenne einen solchen Fall aus unserer
-Heimat; doch steht er zum Glück vereinzelt da.</p>
-
-<p>Wie der Storch, so sind es unsre beiden Schwalbenarten,
-die <em class="gesperrt">Rauch-</em> und die <em class="gesperrt">Mehlschwalbe</em>, die
-nicht nur in unsrer Heimat, sondern in ganz Deutschland
-und weit über die deutschen Grenzen hinaus als günstige
-Vorzeichen gelten. Fliegen die Schwalben über
-einem Hause häufig hin und her, auch wenn sie dort
-nicht ihre Nester gebaut haben, so wird ein Mädchen in
-diesem Hause bald Braut. Glück und Segen winkt dem
-kommenden Ehestand, wenn das erste, was die Brautleute
-beim Austritt aus der Kirche erblicken, ein zwitscherndes
-Schwalbenpärchen ist. Vom Himmel gesandt
-sind diese Vögel; »Himmelsvögelchen« nennt sie der
-Volksmund.</p>
-
-<p>Wie dürfte jemand solch liebem Tierchen ein Leid
-zufügen! Wer ein Schwalbennest zerstört, sagt der
-Volksmund, zerstört sein eignes Glück, und gar eine
-Schwalbe zu töten ist eine schwere Sünde, die gen Himmel
-schreit; der Frevler wird furchtbar bestraft mit
-Krankheit oder mit schnellem Tod. Dieser fromme Aberglaube
-ist bei unsern Landleuten auch heute noch so
-lebendig, daß sie die Belästigung seitens der Schwalben
-durch Schmutz und Kot gern mit in Kauf nehmen.
-Selbst an heiliger Stätte duldet man die Vögel und
-läßt sie ruhig ihre Nester bauen; für jeden Kirchgänger
-ist's ja doch nur ein fröhlicher, trauter, anheimelnder
-Anblick, wenn die heiligen Vögel durch das Heiligtum
-des Herrn über der Gemeinde hin und her fliegen und<span class="pagenum"><a id="Page_190">[190]</a></span>
-ihre zwitschernden Jungen ätzen. Auch der Araber sagt:
-»Die Schwalbe preist Gott und beschmutzt die Moscheen.«</p>
-
-<p>Der Aberglaube ist der wirksamste Geleits- und
-Schutzbrief für unsre Schwalben, mehr wert als jedes
-Gesetz. Und wer für seine Person auch nicht solchem
-Aberglauben zustimmt, den Anschauungen seiner Väter
-und Urväter gegenüber sollte er doch so viel Ehrfurcht
-haben, daß er sie als heilige Überlieferung aus längst
-vergangenen Tagen beachtet und sie weiter an seine
-Kinder und Enkel vermittelt. Auch von andern Tieren
-läßt sich eine ganze Reihe anführen, der Storch, der
-Marienkäfer, die Kreuzspinne u.&nbsp;a., für die alle der
-Aberglaube gewissermaßen die Krippe ist, die sie nährt,
-und der Schutzwall, der sie und ihr Haus sichert. Der
-Aberglaube hat eben auch seine guten Seiten.</p>
-
-<p>Schwalben erfreuen sich auch als <em class="gesperrt">Wettervögel</em>
-eines besonderen Rufes. Wenn sie am Morgen hoch in
-den Lüften segeln, so sagt man allgemein, wird der Tag
-schön, und sollten schon Gewitterwolken den Himmel bedecken,
-das Unwetter zieht seitwärts. Wenn die Schwalben
-aber unruhig unmittelbar über dem Boden oder an
-den Hauswänden dicht vorüberflattern, so bedeutet dies
-Regen »nach aller Vernünftigen Urteil«. Daß sich trotzdem
-einzelne der wetterkundigen Hausgenossen bisweilen
-verrechnen können, ersieht man aus dem bekannten
-Sprichwort: »Eine Schwalbe macht noch keinen
-Sommer.«</p>
-
-<p>In der <em class="gesperrt">Volksmeteorologie</em> spielen gerade die
-Vögel eine hervorragende Rolle; sie werden sehr häufig
-befragt. Für Schwankungen im Feuchtigkeitsgehalt, im
-Druck der Atmosphäre, sowie für Änderungen der Luftelektrizität
-haben sie, die leichtbeschwingten Bewohner<span class="pagenum"><a id="Page_191">[191]</a></span>
-des Luftmeers, gewiß eine viel feinere Empfindung als
-wir Menschen. Wer aber die Meinung vertritt, daß
-man aus dem Verhalten gewisser Vögel die Witterung
-auf Wochen oder Monate vorausbestimmen könne, daß
-die Vögel ein »Vorgefühl« für künftige Witterungsverhältnisse
-besäßen, noch ehe irgendwelche Veränderungen
-in der Atmosphäre eingetreten seien, der stellt Behauptungen
-auf, die jeder Begründung entbehren und die &ndash;
-wenigstens teilweise &ndash; mit unter den Begriff des
-Aberglaubens gehören.</p>
-
-<p>Hätten die Zugvögel ein sicheres Vorgefühl für die
-kommende Witterung, so würde es ihnen nicht einfallen,
-so oft in ihr Unglück zu fliegen, wie Stare, Lerchen und
-Schwalben, die häufig unter einem strengen Nachwinter
-leiden müssen, und wenn sie den regenreichen Sommer
-geahnt hätten, so würden manche Schafstelzen, Goldammern,
-Wachtelkönige u.&nbsp;a. ihre Nester doch ein Stückchen
-mehr vom Wasser abgerückt haben, um der Hochflut
-nicht zum Opfer zu fallen. <em class="gesperrt">Wetterregeln</em>, aus Beobachtungen
-an unserer Vogelwelt abgeleitet, gibt es
-unzählige. Bestätigen sie sich, so spricht man davon;
-treffen sie nicht zu, so vergißt man's. Wie beim Lotteriespiel
-ist's: der <em class="gesperrt">eine</em> Gewinn läßt die Unmasse der
-Nieten verschmerzen; sie sind bald aus dem Gedächtnis
-verschwunden.</p>
-
-<p>Nur einige solcher Regeln will ich anführen. Der
-Landbewohner schwört auf sie auch heute noch im Zeitalter
-des Barometers und der Wetterwarten mit ihren
-täglichen Prognosen. Er will weiter in die Zukunft
-blicken als nur 24 oder 36&nbsp;Stunden.</p>
-
-<p>Klappert der Storch fleißig im März, so gibt es
-einen schönen Frühling und einen warmen Sommer.<span class="pagenum"><a id="Page_192">[192]</a></span>
-Wenn die Stare zeitig im April brüten, so ist ein
-»Wonnemond« zu erwarten, der diesen Namen auch
-wirklich verdient. So lange die Lerche vor Lichtmessen
-(2.&nbsp;Februar) singt, so lange schweigt sie, des Nachwinters
-wegen, nach Lichtmessen still. Auf tiefen Schnee
-mag man sich vorbereiten, sobald die Saatgänse ziehen
-oder Bergfinken und andere Wintergäste einfallen.
-Spätbrütende Rebhühner prophezeien einen späten
-Winter.</p>
-
-<p>Aus dem Ruf mancher Vögel schließt der Bauer auf
-Regen. Wenn die Elster viel gackert, der Pirol unausgesetzt
-flötet, der Wiedehopf so eigentümlich klagt, der
-Wendehals schreit und der Regenpfeifer seine Stimme
-hören läßt, dann soll man eilen, das ausgebreitete Heu
-zusammenzuraffen, denn der Regen ist im Anzuge. Andere
-wieder halten den schmucken Buchfink für den
-besten Wetterpropheten; wenn er seinen bekannten
-schrillen »Rulschton« hören läßt: »jörk, jörk«, dann
-dauert's nicht mehr lange, und es regnet in Strömen.
-»Gut-Wetter-Bot« ist dagegen die Bachstelze, das »Ackermännchen«,
-wenn es dem Bauer hinter dem Pfluge
-folgt, und die Lerche, wenn sie sich fröhlich trillernd in
-die Lüfte erhebt, nicht aber zwischen den Ackerfurchen
-sitzend eintönig ruft.</p>
-
-<p>Der Hahn auf dem Hof ist schon seit alters ein guter
-Wetterprophet. Wenn er in den Nachtstunden kräht oder
-sonst auch nur heftig mit den Flügeln schlägt, so kommt
-Regen und Sturm; kräht er aber am Morgen anhaltend,
-so folgt ein schöner Tag. Das wußte schon <em class="gesperrt">Älian</em>,
-und noch heute heißt's bei unsern Bauern genau so.
-Aber gleich den wissenschaftlichen Meteorologen ist auch<span class="pagenum"><a id="Page_193">[193]</a></span>
-der Hahn nicht gegen jeden Irrtum gefeit, und so hat
-man, damit er trotzdem in allen Fällen recht behalte,
-den schönen Reim ersonnen:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Wenn der Hahn kräht auf dem Mist,<br /></span>
-<span class="i0">Ändert sich's Wetter oder &ndash; 's bleibt, wie's ist.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Sobald es zu regnen beginnt, soll man auch die
-Hühner beobachten. Treten sie sogleich unter Dach oder
-suchen sie den Stall auf, so wird der Regen bald vorübergehen;
-laufen sie aber anfangs nur unschlüssig hin
-und her und lassen sie sich endlich durch die Nässe kaum
-noch stören, so hält der Regen wenigstens einen vollen
-Tag an. Auch wenn sich Hühner und Tauben im Sande
-baden, bedeutet es Niederschläge.</p>
-
-<p>Man könnte ein ganzes Buch füllen, soviele Wetterregeln
-leitet der Bewohner des Landes aus dem Verhalten
-der Tiere, ganz besonders aus dem der Vögel ab.
-Der Ackersmann, der Schäfer, die Bäuerin, die daheim
-das Regiment führt, der Jäger, der Fischer, der Gärtner,
-der Waldarbeiter, der Seemann, kurz jeder, dessen Arbeit
-und Erwerb von der Witterung unmittelbar abhängig
-ist, hat seine Erfahrungen gesammelt. Außer den
-bereits genannten Vögeln wären noch Kranich und Fischreiher,
-der große Brachvogel &ndash; er wird geradezu »Gewittervogel«
-genannt &ndash; Misteldrossel und Ziemer, die
-verschiedenen Krähenarten, Dohle, Wachtel, Bekassine,
-Turtel- und Hohltaube, Schwarz- und Grünspecht, Wald-
-und Steinkauz, Sturmschwalbe, Möwe, Eisvogel, Sperling,
-Gans, Ente, Schwan, Perlhuhn, Pfau u.&nbsp;v.&nbsp;a. zu
-erwähnen, die alle mehr oder weniger gute Wetterpropheten
-sind.</p>
-
-<p>Diese volkstümlichen Voraussagen schlechtweg unsinnig
-zu nennen, wäre töricht; aber wo die Grenze<span class="pagenum"><a id="Page_194">[194]</a></span>
-zwischen Dichtung und Wahrheit, zwischen Einbildung
-und wirklicher Erfahrung liegt, ist nicht festzustellen,
-handelt es sich doch wohl niemals um genaue Beobachtungen,
-die längere Zeit fortgesetzt worden wären.</p>
-
-<p>Nur eine Prophezeiung will ich noch herausgreifen,
-die alle an Kühnheit der Logik übertrumpft. Sie weckt
-mir liebe Erinnerungen aus der Kinderzeit, indem sie
-meinem geistigen Auge, Geruchs- und Geschmacksorgan
-den verheißungsvollen Anblick, den lieblichen Duft und
-den köstlichen Genuß der gebratenen Gans daheim im
-Elternhaus wieder vorzaubert. Der liebe Martinsvogel
-stellte sich am 11.&nbsp;November, meinem Namenstage, stets
-ein. Sieht an diesem Tage das Brustbein des festlichen
-Bratens braun aus, so folgt ein frostreicher, aber schneefreier
-Winter; hat es dagegen eine weiße Färbung, so
-gibt's Schnee in Menge.</p>
-
-<p>Ungemein groß ist die Rolle, welche die Tiere in der
-<em class="gesperrt">Volksmedizin</em> früherer Zeiten, besonders im 16.
-und 17.&nbsp;Jahrhundert, gespielt haben. Man braucht nur
-die alten Medizinaltaxen oder Apothekerordnungen
-jener Zeit durchzusehen, und man wird über die Menge
-allein der einfachen Arzneimittel, der sogenannten
-»Simplicia« erstaunt sein, die dem Tierreich entnommen
-wurden.</p>
-
-<p>Dresden schlug mit der Reichhaltigkeit seiner Hofapotheke
-jeden Mitbewerber auf diesem Gebiete aus dem
-Felde. Die sächsische Residenz galt von jeher als eine
-vornehme Stadt; war es nicht vornehm, daß sie auch
-viele und seltene Krankheiten in ihren Mauern beherbergte
-und die Hofapotheke für eine jede ein unfehlbares
-Heilmittel besaß? Die Apothekertaxe vom Jahre 1652
-zählt nicht weniger als 190&nbsp;Stücke aus dem Tierreich<span class="pagenum"><a id="Page_195">[195]</a></span>
-auf, darunter Augen, Gehirn, Fett, Galle, Magen,
-Federn, Mist der verschiedensten Vögel. Mit dieser Herrlichkeit
-ist's heute vorbei. Aber das Volk hat sich doch
-noch so manches erhalten; denn die Völker haben ein
-gutes Gedächtnis und bewahren, ganz wie die einzelnen
-Menschen, Eindrücke aus früher Kindheit gar getreu bis
-ins Alter.</p>
-
-<p>Noch heute glaubt man ganz allgemein, nicht nur in
-unserm Erzgebirge oder im Thüringer Wald, sondern
-z.&nbsp;B. auch im Salzkammergut, daß der <em class="gesperrt">Kreuzschnabel</em>,
-den die Gebirgsbewohner so gern im engen
-Drahtbauerchen halten, Gicht, Rheumatismus und alle
-»Flüsse« anziehe. Auch das Wasser, in dem sich der
-Kreuzschnabel gebadet hat, sei gut gegen die Gicht wie
-gegen Krämpfe. Nicht selten stirbt ja gerade dieser Vogel
-unter krampfartigen Erscheinungen schon nach kurzer
-Zeit der Gefangenschaft, und oft bezeugen es knollige
-Anschwellungen an seinen Füßen ganz deutlich, daß die
-Gichtknoten seines Pflegers auf ihn übergegangen sind.</p>
-
-<p>Wer Kügelgens »Jugenderinnerungen eines alten
-Mannes« gelesen hat, der wird sich mit Vergnügen des
-originellen Landgeistlichen Roller, Pfarrherrn zu Lausa,
-erinnern, der alljährlich an die hundert <em class="gesperrt">Elstern</em> im
-Backofen verkohlte und das so gewonnene schwarze Pulver
-als Medizin weithin versandte, sogar nach dem
-Harz und nach Schlesien, nach Hamburg, Königsberg
-und Wien. Ein fechtender Handwerksbursche hatte dem
-Pfarrer »die Tugenden« der gebrannten Elster, Alster,
-Schalaster, Hester, oder wie der langschwänzige Vogel
-sonst noch genannt wird, gepriesen, und Roller probierte
-die Sache nun an seinem Bruder Jonathan, der an epileptischen
-Krämpfen litt. Schon nach Monatsfrist war<span class="pagenum"><a id="Page_196">[196]</a></span>
-das Übel behoben; der Pfarrer aber, der von der Wirksamkeit
-des seltsamen Mittels fest überzeugt war, freute
-sich nun, daß ihm Gott einen Weg eröffnet habe, sich für
-die Heilung seines Bruders dankbar zu erweisen und
-wehrte beharrlich jede Bezahlung ab. Er verlangte
-nichts anderes von seinen Patienten, als einen gewissenhaften
-Bericht, wie die Medizin bekommen sei.</p>
-
-<p>Noch heute ist »gebrannte Elster« ein Volksmittel
-gegen die »hinfallende Krankheit«. Einige wollen
-wissen, nur die »in den Zwölfen«, d. h. in den zwölf
-Tagen zwischen Weihnachten und Heil. Dreikönige (6.&nbsp;Jan.)
-geschossenen Elstern seien bei Krämpfen und Epilepsie
-heilsam; denn um diese heilige Zeit habe die Natur
-all ihre Wunderkräfte beisammen. Man glaubt auch,
-die Elster selbst sei mit der »schweren Krankheit« behaftet,
-und deshalb vermöge sie beim Menschen das
-Leiden zu heilen. Gleiches soll eben durch Gleiches vertrieben
-werden. Vielleicht hat das unruhige, allzeit
-quecksilberne Wesen der Elster Veranlassung gegeben,
-bei ihr epileptische Zufälle anzunehmen; doch scheint es
-mir näherliegend, daß man die Elster, die ein Hexentier
-ist, d. h. ein solches, in das sich Hexen und andere
-Dämonen gern verwandeln, aus dem Grunde mit Veitstanz
-und Fallsucht in Zusammenhang gebracht hat, weil
-dies Krankheiten sind, mit denen nach dem Volksglauben
-dämonische Mächte den Menschen heimsuchen.</p>
-
-<p>Das leitet uns über auf das Gebiet des eigentlichsten
-Aberglaubens.</p>
-
-<p>Bekannt ist das <em class="gesperrt">Kuckucksorakel</em>: so viel mal der
-Vogel ruft, so viele Jahre hat der Frager noch zu leben.
-Schon i.&nbsp;J. 1221 wendet sich Cäsarius Heisterbach mit
-Entrüstung gegen diesen altheidnischen Aberglauben,<span class="pagenum"><a id="Page_197">[197]</a></span>
-und um dieselbe Zeit war's, da brach ein schon betagter
-Mönch sein Klostergelübde, weil ihm der Gauch noch
-22&nbsp;Jahre geweissagt hatte. Ob der prophetische Vogel
-in diesem Falle recht behalten hat, wird leider nicht berichtet.
-Sollte mich freuen, wenn's so gewesen wäre.</p>
-
-<p>Heute wird wohl niemand mehr ähnliche wichtige
-Entscheidungen von dem Lenzesboten abhängig machen;
-man zählt die einzelnen Kuckucksrufe nur zum Spaß
-und aus alter Gewohnheit. Und doch, ich kenne Personen,
-die ganz still und niedergeschlagen wurden, als der
-Kuckuck, den sie befragten, nur zwei- oder dreimal seinen
-Ruf hören ließ. Solche Macht haben uralte abergläubische
-Vorstellungen noch in unserm Jahrhundert,
-auch wenn man sie als Dummheit erkennt.</p>
-
-<p>Der Kuckuck war als Frühlingsbote, ebenso wie der
-Storch, dem Donar geweiht, der nicht nur als Herr des
-Gewitters, sondern auch als Frühlingsgottheit verehrt
-ward. Donar weckte das Leben auf der Erde, gab reichen
-Erntesegen und beschenkte die Ehen mit Nachkommenschaft.
-So ward sein Bote, der Kuckuck, zum <em class="gesperrt">Lebensvogel</em>,
-den man nach der Zahl der Lenze befragt, die
-uns die Gottheit noch beschieden hat, der durch seinen oft
-wiederholten Ruf dem Landmann Berge von Gold verspricht,
-daß er die Geldstücke im Sack schon klappern hört,
-wenn auch nur erst die grünen Spitzen der Saat aus
-dem Boden hervorschauen und die Obstbäume nur aus
-ihrem Blütenansatz auf eine reiche Ernte hoffen lassen.
-Auch den heiratslustigen Dorfschönen erteilt der Kuckuck
-auf manch' vorwitzige Frage bereitwilligst Auskunft.</p>
-
-<p>Ob er einst verklingen wird in ferner Zukunft, dieser
-Glaube an den göttlichen Vogel? Weit länger als ein
-Jahrtausend ist's her, da hat christlicher Eifer die heidnischen<span class="pagenum"><a id="Page_198">[198]</a></span>
-Götter entthront und zu Dämonen gestempelt;
-aus den ihnen geweihten Tieren aber hat er Teufel und
-Hexen gemacht. »Hol dich der Kuckuck!« &ndash; »Geh zum
-Kuckuck!« &ndash; »In Kuckucks Namen« und was derartige
-schöne Redensarten mehr sind, bei denen sich hinter dem
-Kuckuck der Teufel versteckt. Der »Lebensvogel« wird
-aber über diese barbarische Vergewaltigung seiner Person
-schließlich doch den Sieg davontragen. Ich glaube,
-so lange der Kuckuck in unsern deutschen Ländern seinen
-Ruf erschallen läßt, so lange wird auch unser Volk sich
-den alten Glauben an die prophetische Gabe des geheimnisvollen
-Vogels bewahren. Jedes Frühjahr weckt
-ihn von neuem &ndash; unsterblich die Erinnerung des Volks
-an seine Kindheit.</p>
-
-<p>Rechte Hexentiere sind auch die <em class="gesperrt">Eulen</em>, die einst
-als Sinnbild der Wachsamkeit, der Weisheit, des tiefen
-Denkens und unermüdlichen Forschens von einem nach
-Schönheit und Weisheit strebenden Volk der helläugigen
-Pallas Athene geweiht waren. In der christlichen Kunst
-ward die Eule zum Symbol heidnischer oder irdischer
-Torheit; ein Kreuz, das man häufig über ihrem Kopfe
-anbrachte, sollte den Sieg der Kirche über jede teuflische
-Lehre bedeuten. Und noch heute bekreuzigt sich mancher,
-wenn das niedliche, harmlose Steinkäuzchen sein helles
-»kuwitt« und dann das gedämpfte »boh boh« hören läßt.
-»Das Leichen- oder Totenhuhn, die Wehklage oder
-Klagemutter ruft: komm mit, komm mit, auf den Kirchhof,
-hof, hof! Der Vogel kündet den Tod an.« Und nicht
-etwa nur das ungebildete Volk, nein auch viele andere,
-die sich unendlich erhaben dünken, glauben dem Unheil
-kündenden Vogel; oder wenn sie's auch nicht glauben, sie<span class="pagenum"><a id="Page_199">[199]</a></span>
-können sich doch eines unbehaglichen Gefühls nicht erwehren,
-wenn sie das Käuzchen schreien hören.</p>
-
-<p>Natürlich hat in erster Reihe das nächtliche Treiben
-die Eulen in Verruf gebracht. Völlig geräuschlos, geisterhaft
-wie ein Schatten gleiten sie an dem Wanderer vorüber,
-und es funkeln ihre riesigen Augen. Wenn sich der
-Uhuruf mit dem Brausen des Sturms paart, der im
-Hochwald tobt, daß die Bäume ächzen und stöhnen, gibt's
-ein grausig Geheul. An dem Mond jagen die Wolken
-vorüber, daß sein Licht bald verdeckt wird, bald wieder
-hell hervortritt zwischen den im Sturme schwankenden
-Baumkronen. Selbst des Mutigsten Seele wird mit
-Bangen und Grauen erfüllt. Ist es ein Wunder, daß
-unsre Altvordern gerade der wilden Sturmes- und
-Wolkengöttin die Eule als ihr Tier neben der nächtlichen
-Wildkatze geweiht haben! Zu Hexentieren sind
-beide unter dem christlichen Einfluß geworden, gehaßt
-und verfolgt vom unverständigen Volk. Und unter
-diesem Haß hat die Hauskatze, die die Stelle ihrer wilden
-Verwandten eingenommen hat, noch heute ebenso zu
-leiden wie sämtliche Eulen, die nützliche Schleiereule wie
-der niedliche Steinkauz.</p>
-
-<p>In meiner Jugendzeit sah man es gar nicht selten,
-daß der Landwirt eine Eule mit ausgebreiteten Flügeln
-an das Scheunentor oder an die Tür des Viehstalls genagelt
-hatte. Ich glaubte, diese Unsitte habe sich längst
-überlebt; aber erst vor kurzem hat mich der gleiche Anblick
-&ndash; es war in der Lausitz &ndash; von neuem überzeugt,
-wie tief doch abergläubische Vorstellungen in unserm
-Volk wurzeln. Vor Verhexung will der Bauer sein Gehöft
-schützen. Den herumstreichenden Dämonen, die das
-Vieh mit bösem Zauber bedrohen, soll das gekreuzigte<span class="pagenum"><a id="Page_200">[200]</a></span>
-Tier gewissermaßen zurufen: »Laßt ab von dem Gut! ihr
-seht, wie's solch nächtlichem Gelichter ergeht!« Allen Verständigen
-aber, die es sehen, ist die angenagelte Eule
-nur ein Zeichen dafür, daß Dummheit, Aberglauben,
-Undankbarkeit und Bosheit unter den Menschen nicht
-aussterben.</p>
-
-<p>Eine mittelalterliche <em class="gesperrt">Hexenküche</em> ohne Eulen
-wäre nicht denkbar. Und wenn auch das Licht der
-Wissenschaft in diese Werkstätten menschlicher Afterweisheit
-hineingeleuchtet hat, es wird doch auch noch
-heute in verborgenen Winkeln mit Geisterbeschwören,
-Schatzgraben, Bereitung von allerlei Tränklein viel
-Hokuspokus getrieben, und die Rolle dämonischer Tiere,
-wie Elster, Eule, aber auch Katze, Fledermaus, Schlange,
-Kröte, Salamander u.&nbsp;v.&nbsp;a. ist noch immer nicht ausgespielt.</p>
-
-<p>Zäh hält das Volk an den alten Vorstellungen fest &ndash;
-jahrtausendelang fließt das Wasser in dem einmal errungenen
-Bett.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_201">[201]</a></span></p>
-
-<h2 id="Schutz_den_schutzlosen_Kriechtieren">Schutz den schutzlosen Kriechtieren
-und Lurchen!</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Unter den Wirbeltieren sind die <em class="gesperrt">Kriechtiere</em> und
-<em class="gesperrt">Lurche</em> die einzigen, die jedes gesetzlichen Schutzes
-entbehren. Strenge Jagdgesetze nehmen sich vieler Säugetiere
-und einer großen Anzahl von Vögeln an; nur der
-Jagdberechtigte darf sie erlegen, und wenn es nicht gerade
-Raubtiere sind, so genießen sie fast alle eine gesetzliche
-Schonzeit, die sich freilich in den einzelnen Ländern
-des Deutschen Reichs auf etwas verschiedene Zeiten erstreckt.
-Außerdem stehen die meisten nicht-jagdbaren Vögel
-unter der schirmenden Hand des deutschen Vogelschutzgesetzes,
-das sich ihrer und ihrer Brut in weitgehendem
-Maße annimmt. Jedes Schutzes bar sind nach diesem
-Gesetz nur wenig Vogelarten, ja nach unsern sächsischen
-Gesetzen keine einzige; selbst die Sperlinge sind nur unter
-gewissen Einschränkungen »vogelfrei«. Für die Fische
-sorgen Fischereigesetze in den einzelnen Ländern &ndash; nur
-die <em class="gesperrt">Kriechtiere und Lurche</em> sind <em class="gesperrt">rechtlos</em>,
-»<em class="gesperrt">vogelfrei</em>«, der Willkür eines jeden preisgegeben.
-Wenn es sich nicht gerade um Ärgernis erregende
-Tierquälerei handelt, kann jeder mit diesen Geschöpfen
-machen, was er will, wozu ihn die Laune treibt. Ungestraft
-darf er sie und ihre Brut vernichten; da ist kein
-Gesetz, das ihn hindert. Jedem Tagedieb steht es frei,<span class="pagenum"><a id="Page_202">[202]</a></span>
-hinauszuziehen an den Teich, an den Sumpf, an den
-feuchten Graben der Wiese, an die steinige Halde, in den
-Buchenwald und dort einzufangen, so viel immer er
-will, die Läden der Händler in der Großstadt zu füllen.
-Und wenn es die letzte Ringelnatter am Bachesrand
-wäre oder der einzige Tümpel in der ganzen Umgebung,
-den Tritonen und Salamander beleben: er darf, falls
-sonst kein Einspruch des Besitzers aus besonderen Gründen
-erhoben wird, das Gewässer ausfischen, den Berghang
-absuchen und alles mitnehmen, was ihm zur Beute
-wird, bis auf den letzten Rest.</p>
-
-<p>Was ist der Grund für solche Vernachlässigung und
-Zurücksetzung der genannten Geschöpfe gegenüber dem
-weitgehenden Schutz, den namentlich die Vogelwelt
-allenthalben genießt?</p>
-
-<p>Die Antwort ist nicht schwer. Der leichtbeschwingte,
-sangesfreudige Vogel ist der Liebling nicht etwa nur
-einzelner Naturfreunde, sondern aller Kreise unseres
-Volkes, und wo die Vogelwelt vielleicht doch noch nicht
-ganz die Teilnahme gefunden hat, die sie verdient, da ist
-es uns Naturfreunden leicht, für sie einzutreten und um
-Schutz und Pflege zu werben. Dabei wird man wohl
-zuerst den großen Nutzen, den so viele Vögel für den
-Land- und Forstwirt, den Gärtner und Obstzüchter besitzen,
-ins rechte Licht stellen; denn in der Natur des
-Menschen ist's nun einmal begründet, daß er in oft recht
-engherziger Weise zunächst nach seinem eignen Vorteil
-fragt. Dann aber wird man auch an den freien, fröhlichen
-Flug erinnern, an die holdselige Stimme so vieler
-Vögel, an ihr Familienleben, sowohl an das innige Verhältnis
-der Gatten zueinander, wie an die aufopfernde
-Liebe der Eltern zu ihren Kleinen, ja selbst zu fremden<span class="pagenum"><a id="Page_203">[203]</a></span>
-verwaisten Vogelkindern. In all diesen Wesenszügen
-wird der Vogel kaum von einer andern Tierklasse erreicht,
-von keiner übertroffen. Und so sind die Vögel,
-die Lieblinge der Schöpfung, auch die Lieblinge des
-Menschen geworden. Sie stehen unserm Herzen, unserm
-ganzen Gefühlsleben näher als alle andern Geschöpfe,
-wenigstens wenn wir von den Haustieren absehen.</p>
-
-<p>Wie anders dagegen Eidechsen, Frösche, Molche oder
-gar Kröten und Schlangen! Ihr bloßer Anblick flößt,
-wenn auch ungerechtfertigterweise, vielen Menschen
-<em class="gesperrt">Ekel und Abscheu</em> ein. Die schwerfälligen Bewegungen
-der Kröten und Erdsalamander, die gewiß, ich
-gebe es zu, der Anmut entbehren, sind manchen geradezu
-widerlich; aber auch der hastige Lauf der zierlichen
-Eidechsen, wenn sie über das kurzrasige Gras oder den
-steinigen Weg hurtig wie die Mäuse dahinhuschen, flößt
-schreckhaften Menschen Angst ein; das lautlose Hingleiten
-der Schlangen ist vielen unheimlich, und selbst der
-hüpfende Frosch ruft in schwachbesaiteten Gemütern Entsetzen
-hervor. Fast auf jede Weise bewegen sich die Kaltblüter
-fort: sie kriechen und hüpfen, sie schwimmen und
-rennen; aber immer finden die Menschen etwas daran
-auszusetzen. Selbst wenn die Kröten und Echsen fliegen
-könnten, ich glaube, es würde auch keinem recht sein.</p>
-
-<p>Es gibt Menschen, denen sind Spinnen und Würmer
-ebenso schreckliche Wesen, und ich kenne Damen,
-die laut aufkreischen, wenn ihnen 'mal ein summender
-Maikäfer oder ein Mistkäfer in die Nähe kommt oder
-gar eine Fledermaus ihnen um die wuschligen Haare
-flattert, die echten oder die falschen &ndash; entsetzlicher Gedanke!
-Aber es scheint mir, die Abneigung gegen die
-Kriechtiere und Lurche ist doch noch viel allgemeiner<span class="pagenum"><a id="Page_204">[204]</a></span>
-verbreitet; es findet sich so selten 'mal einer, der diesen
-verachteten und verfolgten Tieren freundlich gesinnt ist.
-Und selbst wenn man mit verständigen Gründen solche
-Vorurteile zu widerlegen sucht und gütlich zuredet, sich
-doch den Salamander, die Blindschleiche, den Frosch genauer
-zu betrachten, die Tiere wohl auch 'mal in die
-Hand zu nehmen, so begegnet man bei fast allen dem
-hartnäckigsten Widerwillen. »So kalt und so naß!«
-heißt's beim Frosch, bei der Schlange: »so glatt!« und
-bei der Kröte: »so ekelhaft und giftig ihr Schleim; ich
-werde mich hüten.«</p>
-
-<p>Doch nicht bloß ihre äußere Erscheinung, auch die
-<em class="gesperrt">Lebensweise</em> der Kriechtiere und Lurche ist vielen
-höchst unangenehm. An dunkeln Orten, in feuchten
-Löchern hausen sie, in Morästen und Sümpfen; sie
-scheuen vielfach das Licht des Tages, wie Kröten und
-Unken, die erst gegen Abend recht lebendig werden:
-kurz, es sind unheimliche Geschöpfe. Kein Wunder daher,
-daß sich der <em class="gesperrt">Aberglaube</em> ihrer bemächtigt hat, mehr
-als irgend einer andern Tierklasse. Die meisten Menschen
-wissen nicht viel von unsern Kaltblütern zu sagen;
-wenn sie aber etwas von ihnen berichten, dann sind's
-gewöhnlich erlogene, abergläubische Märchen; auf jeden
-Fall aber ist's etwas Böses.</p>
-
-<p>Gern räume ich ein, daß es auch gescheite Leute gibt
-&ndash; meine Leser rechne ich alle dazu, auch bin ich so glücklich,
-persönlich solche zu kennen &ndash; die nichts wissen
-wollen vom bösen Blick der Schlangen, vom Unglück
-verkündenden Unkenruf, und was derartige Märchen
-mehr sind; aber diese abergläubischen Vorstellungen,
-teils Jahrtausende alt, liegen gewissermaßen in der
-Luft; sie umgeben die Tiere, von denen wir sprechen,<span class="pagenum"><a id="Page_205">[205]</a></span>
-wie ein übler Dunstkreis und tragen wesentlich zu dem
-Abscheu bei, den die große Menge beim Anblick unsrer
-Kriechtiere und Lurche empfindet.</p>
-
-<p>»Geh mir mit solch giftigem Gewürm ein für allemal
-aus dem Wege!« wie oft habe ich's hören müssen, wenn
-ich als Junge seelenvergnügt eine Ringelnatter in der
-Hand hielt oder in der Einmachbüchse, die ich der Mutter
-entwendet hatte, später in meiner »zoologischen Botanisiertrommel«
-Eidechsen oder ein paar buntfleckige Molche
-mit heimbrachte! Und wie oft sehe ich's heute noch: am
-Wiesenweg eine Natter, die man in roher Weise gesteinigt
-hat, am Waldesrand eine mit Rutenschlägen
-getötete Blindschleiche, an der Parkmauer eine halbtote
-Kröte; erst wenn die Sonne untergeht, kann sie sterben,
-behauptet der Volksglaube.</p>
-
-<p>Der <em class="gesperrt">Haß</em> gegen diese Tiere und ihre Verwandten ist
-ganz allgemein; jeder glaubt ein Recht zu haben, sie zu
-vernichten, ja er schwatzt sich's vor, es sei seine Pflicht,
-und mancher dumme Junge fühlt sich als ein Held, als
-ein Ritter Georg, weil er eine unschuldige Natter oder
-Blindschleiche erschlagen hat. Immer nur Ausnahmen,
-wenn sich 'mal jemand dieser hart verfolgten Tiere erbarmt,
-und wer für sie eintritt, findet kaum je Gehör, ja
-mit Spott und Hohn antwortet man ihm.</p>
-
-<p>Aber gilt es nicht auch von diesen Kleinen und
-Schwachen, den Verachteten und Verfolgten, daß sie
-<em class="gesperrt">Kinder der Natur</em> sind, unsrer gemeinsamen Mutter,
-der wir Verehrung und Liebe zollen sollen? Gehören
-sie nicht auch mit zu denen, die der große Dichter
-»meine Brüder im stillen Busch und im Wasser« nennt?
-Ihr Leben mutwillig zu vernichten, dazu haben wir kein
-Recht. Hat sich die Schöpfung etwa nur deshalb mit<span class="pagenum"><a id="Page_206">[206]</a></span>
-Pflanzen und Tieren geschmückt, »ein jegliches nach seiner
-Art«, daß wir uns an ihnen vergreifen sollen, sei es aus
-Roheit, sei es aus törichter Selbstüberschätzung? Heißt
-das nicht zerstören und verstümmeln, was uns erheben,
-erquicken, erbauen und erziehen soll! Naturschänder sind
-es, die anders denken und handeln, und Naturschänder
-sind mir immer als die erbärmlichsten Menschen erschienen.
-Die Natur, die uns der Inbegriff alles Schönen
-sein soll, muß uns auch ein <em class="gesperrt">Heiligtum</em> sein, in noch
-höherem Grade unverletzlich und unantastbar als das
-größte Kunstwerk. Dieses hat Menschengeist ersonnen
-und Menschenhand gebildet; die Natur aber trägt den
-Stempel der Gottheit.</p>
-
-<p>Wer an der Natur frevelt, vergeht sich aber nicht nur
-an dieser, sondern zugleich an seinen Nebenmenschen,
-deren natürlichste und deshalb heiligste Rechte er mißachtet
-und beeinträchtigt. Denkt denn der Frevler, der
-eine Blindschleiche, eine unschuldige Schlange niederschlägt,
-nicht daran, daß noch andere des Weges kommen,
-denen der Anblick eines solchen Tieres Freude bereitet,
-die den schlängelnden Bewegungen der Natter mit Vergnügen
-zuschauen, ebenso dem flinken Lauf der zierlichen
-Eidechsen, wenn deren Gewand im Sonnenstrahl funkelt
-und gleißt, als sei es mit hundert Smaragden geschmückt,
-die auch gern 'mal solch Tierchen in die Hand nehmen,
-um es noch genauer zu betrachten: das allerliebste
-Schuppenkleid, die wie Perlen blitzenden Äuglein, die
-tastende Zunge. Nun sieht man das Tier, das noch vor
-kurzem sich seines Lebens freute und so manchen Naturfreund
-erfreut hätte, kläglich erschlagen am Boden. Der
-Frevler hat mit roher Hand allem ein Ende bereitet:
-dem unschuldigen Tierchen und der unschuldigen Freude.<span class="pagenum"><a id="Page_207">[207]</a></span>
-Hat nicht jeder, auch der Ärmste ein Anrecht an die
-Natur?</p>
-
-<p>Von mancher Seite hat man der <em class="gesperrt">Terrarien-
-und Aquarienliebhaberei</em> den Vorwurf gemacht,
-daß sie wesentlich zur Verödung der Natur beitrage.
-In der Tat hat diese Liebhaberei während der
-letzten Jahre vor dem Weltkriege in weiten Kreisen
-unsrer Bevölkerung bei jung und alt Eingang gefunden,
-zum Teil auf Kosten der Stubenvogelpflege,
-während in meiner Jugendzeit meist nur wir Kinder
-solch innigen Verkehr mit unsern heimischen Kaltblütern
-pflegten. Das wachsende Interesse an den genannten
-Geschöpfen kann ich nur mit Freude begrüßen. Wer
-Gelegenheit hat, diese Tiere näher kennen zu lernen,
-wird sie auch lieben lernen. Was man aber liebt, das
-sucht man zu erhalten und zu schützen. Und so liegt es
-mir ganz fern, den Freund und Pfleger von Schlangen,
-Eidechsen, Molchen u.&nbsp;dgl. tadeln zu wollen, wenn er im
-Frühjahr auszieht, um seinem Terrarium oder Aquarium
-daheim, an dem er seine Freude hat, Ersatz zu
-schaffen für das, was ihm der Winter geraubt hat. Der
-verständige Freund der Natur wird durch Schutz und
-Pflege seiner Lieblinge draußen in Wald und Flur, in
-Sumpf und Teich der Heimat reichlich vergelten, was er
-ihr raubt. Das gilt vom Terrarien- und Aquarienliebhaber
-genau so wie vom Freund und Pfleger der heimatlichen
-Stubenvögel.</p>
-
-<p>Aber den Umstand beklage ich tief, daß nun <em class="gesperrt">Fänger
-von Profession</em> diese an sich erfreuliche Liebhaberei
-zu einem Geschäft ausnutzen, indem sie im Frühling
-Tag für Tag mit ihren Fanggeräten zu erbeuten
-suchen, so viel sie nur können, Massenfang treiben der<span class="pagenum"><a id="Page_208">[208]</a></span>
-übelsten Art. Der <em class="gesperrt">Händler</em> nimmt alles, je mehr,
-desto besser; er hat für alles Verwendung. Was bei unsachgemäßer
-Pflege krepiert, kommt in Spiritus und
-findet auch dann seine Abnehmer. Und so wimmelt es
-zu manchen Zeiten in den zur Schau gestellten Glaskästen
-der sog. »Zoologischen Handlungen« der Großstädte
-von zierlichen Eidechsen, von Nattern und Blindschleichen,
-von Erdsalamandern, von Tritonen und
-Molchen. Wirkliche <em class="gesperrt">Raubzüge</em> werden gegen die
-heimatliche Natur unternommen. Nicht die Tierpflege
-an sich verurteile ich, sondern den Massenfang, wie er zumeist
-von arbeitsscheuen, recht zweifelhaften Personen
-Jahr für Jahr des Geldgewinns wegen betrieben wird.
-Ihnen sollte wie den Vogelstellern durch gesetzliche Bestimmungen
-das lichtscheue Handwerk gründlich gelegt
-werden. Freilebende Tiere zur Massenware zu erniedrigen,
-ist ein Unrecht.</p>
-
-<p>Was nun aber fast ebenso schlimm, jeder kann diese
-lebende Ware für verhältnismäßig wenig Geld beim
-Händler erstehen. Da mag so mancher, der die Tiere im
-Schaufenster sieht, denken, solch ein Behältnis mit
-Schlangen und Eidechsen, solch Wassergefäß mit Molchen
-könntest du dir in deinem Zimmer auch einrichten, und
-er setzt nun die Ringelnatter, den Laubfrosch, den Erdsalamander
-den ganzen Tag der Sonnenbestrahlung aus,
-bringt die Tritonen in ein gefülltes Wasserglas, wo sie
-kein Plätzchen zum Ausruhen finden, und um die Nahrung
-der Tiere kümmert er sich auch nur wenig. Die ist
-schwer zu beschaffen; wen der Hunger plagt, so denkt er,
-wird nicht wählerisch sein. Unter solchen Umständen
-gehen die armen Geschöpfe natürlich sehr bald zugrunde.
-Dann ist die ganze Herrlichkeit aus, und am Ende freut<span class="pagenum"><a id="Page_209">[209]</a></span>
-sich der Besitzer, der von Tierpflege keine Ahnung hat,
-daß er die Sache wieder los ist. Der Händler aber hat
-für die ganz zwecklos geopferten Tiere schon längst wieder
-Ersatz.</p>
-
-<p>Das sind natürlich Auswüchse der Tierliebhaberei,
-Nebenerscheinungen, die aber vom Standpunkte des
-Naturschutzes aus sehr zu beklagen sind. Freilich den
-meisten Menschen wird's gleichgültig sein, handelt es sich
-dabei doch bloß um Eidechsen, Molche und ähnliches Getier,
-und solch »Ungeziefer« hat keinen wirtschaftlichen
-Wert, wie ihn z.&nbsp;B. der Vogel besitzt, ist auch für den
-Haushalt der Natur ganz gleichgültig.</p>
-
-<p>Dieser allgemein verbreiteten Ansicht kann nicht
-scharf genug widersprochen werden. Gewiß, unserm Fühlen,
-unserm ganzen Innern steht der Vogel viel näher
-als Blindschleiche oder Unke; aber was den wirtschaftlichen
-Nutzen der Vogelwelt betrifft, da sind doch nicht
-wenige unsrer gefiederten Freunde, die manchen Schaden
-und Ärger anrichten und die das Gesetz doch in seinen
-Schutz nimmt, und zwar mit größtem Recht; denn der
-Geldbeutel allein darf nicht den Ausschlag geben.</p>
-
-<p>Wie steht es aber in dieser Beziehung mit den Kriechtieren
-und Lurchen? Ich muß diese leidige Frage nach
-<em class="gesperrt">Nutzen und Schaden</em>, so sehr es meinem Gefühl
-zuwider ist, hier in den Vordergrund stellen, weil man
-bei unsern Tieren so gar nichts anerkennen will, was
-ihnen Daseinsberechtigung geben könnte. Das Quaken
-der Frösche ist den Anwohnern des Teiches verhaßt, die
-Schlangen sind allen greulich, heimtückisch, gefährlich,
-widerlich die ganze Gesellschaft. Ich sprach mit einer
-jungen Dame über unsre heimische Tierwelt und wie so
-viele schuldlos verfolgte Geschöpfe dringend unseres<span class="pagenum"><a id="Page_210">[210]</a></span>
-Schutzes bedürfen. »Sie wollen sich doch nicht etwa auch
-noch der giftigen Schlangen und Salamander, der Eidechsen
-und Molche annehmen?« fiel sie mir ins Wort.
-»Sagen Sie 'mal, Herr Professor, wozu sind denn eigentlich
-die entsetzlichen, scheußlichen Kröten auf dieser
-Welt?« »Wozu, mein verehrtes Fräulein,« entgegnete
-ich, »sind denn eigentlich Sie da? Sie haben Ihren
-Beruf zu erfüllen im Haus, in der Familie, in der
-menschlichen Gesellschaft, genau wie jedes andere Geschöpf
-in seinem Kreise, und wenn Sie Ihrer Aufgabe
-in allen Stücken so treu und gewissenhaft nachkommen
-wie die Kröten, die Ihnen so zuwider sind, dann alle
-Hochachtung vor Ihnen! Übrigens haben Sie sich eine
-Kröte gewiß noch nicht genau angesehen; sonst müßten
-Sie wenigstens etwas Schönes an ihr finden, und das
-sind &ndash; erschrecken Sie nicht! &ndash; ihre Augen.«</p>
-
-<p>In mildem Goldglanz schauen die Krötenaugen uns
-so treuherzig und innig an, als wollten die Tiere sagen:
-Tu uns nichts zuleide! Es liegt etwas unaussprechlich
-Wehmütiges in diesem milden Blick, etwas von der
-stillen Poesie des Weihers mit seinen Nixen und Elfen,
-die sich nach dem Reiche der Menschen sehnen, etwas von
-märchenhaftem Waldeszauber, etwas Ahnungsvolles
-und Unwirkliches. Man denkt an den verwunschenen
-Prinzen, an die Kröte mit dem goldnen Krönchen, von
-denen die Großmutter uns Kindern so oft erzählte.
-Krötenaugen blicken ebenso sanft und träumerisch, so
-innig und seelenvoll wie die schönen Augen meines Rotkehlchens
-oder draußen am Waldbach die großen
-braunen Augensterne der Wasseramsel, und ich kann's
-nicht verstehen, daß Krötenaugen geradezu zum Sinnbilde
-der Häßlichkeit geworden sind. Wenn man eine<span class="pagenum"><a id="Page_211">[211]</a></span>
-Dame anschwärmen würde: »Sie einzig Verehrte, mit
-Ihren Krötenaugen!« so würde das, so ehrlich es der
-Freund und Kenner jener Tiere vielleicht auch meint,
-als eine Beleidigung gelten. Nun, eine Beleidigung,
-ich gebe es zu, mag es in manchen Fällen auch tatsächlich
-sein, wo man solchen Vergleich zieht, aber niemals
-eine Beleidigung für das weibliche Wesen.</p>
-
-<p>Doch zurück zur Frage nach <em class="gesperrt">Nutzen</em> und <em class="gesperrt">Schaden</em>.
-Raubtiere sind sie alle, die Reptilien so gut wie die
-Lurche, nur daß letztere in ihrem Jugendzustande, z.&nbsp;B.
-als Kaulquappen, an verwesenden Pflanzenstoffen
-herumnagen. Außer Daphnien, Cyklopiden und andern
-Krebstierchen werden von allen <em class="gesperrt">Lurchen</em> die verschiedenen
-Mückenarten, Würmer, Schnecken, Larven und
-Puppen von Wasserinsekten, daneben die Jugendformen
-der eignen Verwandtschaft verzehrt. Der gewalttätigste
-Lurch ist unser <em class="gesperrt">Wasserfrosch</em>, der Musikant. Insekten
-und Insektenlarven aller Art, Spinnen, Schnecken,
-Würmer, Kaulquappen, Fischbrut, selbst kleine Fischchen,
-aber auch junge Blindschleichen, Wassermolche:
-alles würgt er hinunter. Der zierliche <em class="gesperrt">Laubfrosch</em>
-hat es auf Fliegen, Kleinschmetterlinge, glatte Räupchen
-und auf allerlei Würmer abgesehen. Die <em class="gesperrt">Kröten</em>
-und <em class="gesperrt">Unken</em> leben gleichfalls von Insekten, Asseln,
-Spinnen, Tausendfüßern, Nacktschnecken und Würmern.</p>
-
-<p>Auch unsre <em class="gesperrt">Kriechtiere</em> sind Räuber; sie erjagen
-lebende Beute. Die <em class="gesperrt">Kreuzotter</em> nährt sich
-von Mäusen aller Art, von Spitzmäusen, auch Eidechsen,
-die sie durch ihren giftigen Biß sehr schnell tötet; selbst
-jungen Vögeln mag sie bisweilen gefährlich werden.
-Die <em class="gesperrt">glatte Natter</em>, auch Haselnatter genannt, macht
-besonders gern auf Eidechsen Jagd, während die <em class="gesperrt">Ringelnatter</em><span class="pagenum"><a id="Page_212">[212]</a></span>
-mit Vorliebe Laub- und Grasfrösche frißt.
-Als gute Schwimmerin jagt sie aber auch im Wasser
-nach kleinen, etwa fingerlangen Fischen und Salamandern.
-Vor der gelbbauchigen Unke freilich und dem
-Erdmolch scheut sie sich, gleich allen andern Lurchjägern;
-denn schwarz und gelb, unsre Dresdner Stadtfarben,
-sind Schreckfarben &ndash; natürlich nur in der Tierwelt.
-Die <em class="gesperrt">Eidechsen</em> sind hinter allerlei Kerbtieren her und
-und verstehen sie sehr geschickt zu erwischen: Grillen, Heuschrecken,
-Schmetterlinge, Fliegen, Käfer; dazu fressen
-sie Würmer, Nacktschnecken, ja sie überfallen selbst schwächere
-Artgenossen, während die <em class="gesperrt">Blindschleichen</em>,
-schwerfälliger in ihren Bewegungen, auf den Fang von
-Regenwürmern, Schnecken und glatten Raupen angewiesen
-sind.</p>
-
-<p>Aus diesen Beispielen ergibt sich, daß von einem besonderen
-Schaden der Reptilien und Amphibien nicht
-die Rede sein kann, abgesehen von der giftigen Kreuzotter,
-die aber doch nur in einzelnen Gegenden Deutschlands
-häufig auftritt. Ja, die meisten Mitglieder dieser
-beiden Wirbeltierklassen stiften durch die Vertilgung
-von Würmern und Nacktschnecken ganz entschieden
-Nutzen. Daß sie auch viele Insekten verzehren, wollen
-wir ihnen nicht besonders anrechnen; denn unter den
-Kerbtieren gibt es nützliche, wie schädliche Arten, und
-in dieser Beziehung wird keine Echse, kein Lurch eine
-Auswahl treffen. Daß aber manche Wasserinsekten, die
-der Fischerei Schaden bringen, den Ringelnattern und
-Fröschen zum Opfer fallen, darf nicht unerwähnt bleiben.</p>
-
-<p>Besonders groß erscheint mir der Nutzen der <em class="gesperrt">Kröten</em>.
-In Gärten, besonders wo Erdbeeren oder Salat
-gepflanzt sind, da sollte man sich nur freuen, wenn man<span class="pagenum"><a id="Page_213">[213]</a></span>
-ein paar Kröten begegnet; sie sind die stärksten Vertilger
-der schädlichen Nacktschnecken. Das wußte schon
-vor einem halben Jahrhundert mein Vater; er hieß uns
-Kinder, wenn wir 'mal auf einem Spaziergang eine
-Kröte antrafen, den Lurch mitnehmen und ihn in unsern
-Gemüsegarten setzen. Wir freuten uns stets, wenn
-wir dort den dicken, wohlgenährten Kröten begegneten
-und sagten ihnen für ihre freundliche Unterstützung im
-Kampfe gegen mancherlei Ungeziefer »danke schön!«
-Später habe ich gelesen, daß englische und belgische Gärtner
-den Nutzen der Kröten schon seit langer Zeit erkannt
-haben und daß bei ihnen hier und da Kröten auf den
-öffentlichen Märkten feilgeboten werden, um als Schutztruppe
-in den Gärten Verwendung zu finden.</p>
-
-<p>Unsre Kaltblüter haben eine große Menge <em class="gesperrt">natürlicher
-Feinde</em>, infolgedessen es ganz ausgeschlossen
-erscheint, daß Kriechtiere und Lurche, selbst wenn wir
-ihnen jeden erdenkbaren Schutz gewähren wollen, überhandnehmen
-könnten. Die gegen früher veränderten
-Kulturverhältnisse, die sich nicht wieder zurückschrauben
-lassen, haben die Lebensbedingungen unsrer Kaltblüter
-sehr ungünstig gestaltet, und so wird es uns höchstens
-gelingen, einzelne seltene Arten, deren Bestand gefährdet
-erscheint, vor dem völligen Untergang zu retten.
-Die große Masse aber muß zusehen, daß ihre starke Vermehrung
-die Verluste immer wieder ausgleicht, die
-ihnen so viele Feinde bringen. Die <em class="gesperrt">Eidechsen</em> werden
-von den Schlangen verfolgt, von Raubvögeln,
-Krähen, Würgern, von Reihern, Störchen, Haushühnern,
-von Marder und Wiesel, von Igel, Dachs, Fuchs
-u.&nbsp;a., und fast all diese Eidechsenjäger sind auch Feinde,
-oder besser Liebhaber der Schlangen. Selbst der<span class="pagenum"><a id="Page_214">[214]</a></span>
-<em class="gesperrt">Kreuzotter</em> hilft ihr tödliches Gift nichts; sie wird
-vom Storch überwältigt, ebenso vom Igel.</p>
-
-<p>Den <em class="gesperrt">Lurchen</em> geht es nicht besser wie den Kriechtieren;
-»alles, alles will sie fressen!« Störche und Reiher,
-Bussarde, Krähen, Dohlen, Elstern, Fischottern,
-Dachs, Wiesel, Iltis sind hinter ihnen her. Dazu haben
-sie viele Feinde in ihren eignen Reihen und unter den
-Schlangen. Die zarten Froschkeulen erfreuen sich auch
-im Tierreich vieler Verehrer.</p>
-
-<p>Natürlich bin ich weit entfernt, den genannten
-Lurch- und Reptilienjägern einen Vorwurf zu machen.
-Sie sind es ganz gewiß nicht, denen der Rückgang unsrer
-Kaltblüter zur Last fällt. <em class="gesperrt">Den Menschen</em> trifft die
-<em class="gesperrt">Schuld an der Verödung</em> der Heimat, an der
-Vernichtung ganzer Tiergeschlechter. Man vergegenwärtige
-sich nur, wie die <em class="gesperrt">Landwirtschaft</em> heute jedes
-Winkelchen ausnutzt, die feuchten Wiesen entwässert, die
-Feldgehölze und Hecken vielfach beseitigt. Sümpfe werden
-ausgetrocknet und in Ackerboden verwandelt, Flußläufe
-geregelt, daß das Wasser zwischen öden, geradlinigen
-Steinmauern in einer Rinne dahinfließt; die
-Bäche werden ihrer natürlichen Ufervegetation beraubt,
-Teiche, Flußarme und Altwässer zugeschüttet und die
-schönen Auenwälder dem Untergange preisgegeben.
-Die <em class="gesperrt">Forstwirtschaft</em> begünstigt immer mehr das
-Nadelholz, Kiefern und Fichten, wenigstens ist im Laufe
-der Jahre an die Stelle so manches schönen Buchenbestandes,
-der den Boden feucht hielt, einförmiges Fichtenholz
-getreten. Unter all diesen Maßnahmen unsrer Zeit haben
-Lurche und Reptilien schwer gelitten, schwerer noch als
-die Vogelwelt; ihrer versteckten Wohnsitze sind sie beraubt
-worden. Die Vögel wandern aus, wo sie nicht<span class="pagenum"><a id="Page_215">[215]</a></span>
-mehr ihre Lebensbedingungen finden; aber die Amphibien
-eines Sumpfes, eines Teiches gehen samt ihrer
-Brut zugrunde, sobald das Gewässer zugeschüttet wird.
-Die <em class="gesperrt">Industrie</em> ist unsern Tieren auch feindlich gesinnt.
-Die Fabriken, die heute auch in das entlegenste
-Gebirgstal vorgedrungen sind, verseuchen und vergiften
-fast jeden Graben, jeden Bach; die Kläranlagen sind
-ja doch nicht imstande, dem Wasser seine natürliche Beschaffenheit
-wiederzugeben. Ist's da ein Wunder, wenn
-die Bewohner des fließenden Elements, die Amphibien,
-Fische u.&nbsp;a. immer seltener werden, ja aussterben?</p>
-
-<p>In dem trocknen Sommer 1911 weilte ich in meiner
-Heimat an der Freiberger Mulde. Das war kein Wasser
-mehr, was im Flußbett talab floß, sondern ein Sammelsurium
-chemischer Lösungen, in denen kein höheres Lebewesen
-sich hätte aufhalten können. Ein paar »Jungens«
-kauerten am kahlen Uferrand und machten sich den
-Spaß, die Gasblasen anzubrennen und explodieren zu
-lassen, die auf dem Wasser schwammen. Es war just
-dieselbe Stelle, die mir vor vierzig Jahren als Jagdrevier
-auf Ringelnattern so lieb war. Dann führte mich
-der Weg nach dem Nachbardorf, in dessen Mitte ich den
-Dorfteich mit seiner reichen Pflanzenwelt vergeblich
-suchte. Großstädtisch war alles geworden: ein Promenadenplatz
-mit sein paar gußeisernen Bänken. Die
-Bauern waren sehr stolz auf diesen Fortschritt der Kultur;
-mich aber stimmte es traurig. Ich dachte an die
-Frösche und Unken, die einst die Sommernacht mit
-ihrem Chor- oder Einzelgesang so reizvoll belebten, an
-die Ringelnattern, die ehemals bei unserm Nahen sich
-von dem grünen Uferrand hinab ins Wasser gleiten
-ließen, an die munteren Tritonen, die an seichten Stellen<span class="pagenum"><a id="Page_216">[216]</a></span>
-hin und her schwammen, und an die Wasserkäfer,
-die zwischen dem Entengrün ihre munteren Spiele trieben.
-Vergangen, vorbei!</p>
-
-<p>Der Leser wird sagen: das ist alles ganz schön, oder
-richtiger: das ist alles sehr traurig, aber wir können
-daran nichts ändern. Wegen der Salamander und
-Ringelnattern, der Frösche und Unken, die dabei zugrunde
-gehen, wird sich der Landwirt nicht abhalten
-lassen, einen Sumpf zu entwässern, eine feuchte Wiese
-trocken zu legen, wenn er's für nötig oder vorteilhaft
-hält, und die Anlage von Fabriken kann auf die Kleintierwelt
-erst recht keine Rücksicht nehmen. Wohin sollte
-solche Rücksichtnahme auch führen?</p>
-
-<p>So meine ich das selbstverständlich auch nicht. Immerhin
-bin ich der Ansicht, daß ein einzelner Grundbesitzer
-oder auch ein Gemeinwesen, eine Behörde in
-allen Fällen recht eindringlich darüber nachdenken sollte,
-ob es sich auch lohnt, solch eingreifende Veränderungen
-der natürlichen Verhältnisse, wie sie die Trockenlegung
-eines Sumpfes, eines Teiches zur Folge hat, herbeizuführen,
-und ob es unbedingt nötig ist, gerade <em class="gesperrt">den</em>
-Graben zuzuschütten oder mit Fabrikabwässern zu verseuchen,
-der schöne Molche und ein paar seltene Fischchen
-beherbergt, auch im Kreise der Naturfreunde als Fundstätte
-interessanter Wasserinsekten, Krebstierchen, Polypen
-usw. bekannt ist. Oder ob es sich nicht vermeiden
-läßt, das kleine Feldgehölz niederzuschlagen, ob die
-Weißdornhecke am Wege, das Gestrüpp am steinigen
-Hang nicht erhalten werden kann. Dort wohnen Blindschleichen
-und Eidechsen in frohem Verein; es wäre doch
-schade um diese Kleintierwelt, wenn sie etwa nur einer
-plötzlichen Laune zum Opfer fallen sollte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_217">[217]</a></span></p>
-
-<p>Vielleicht ließe sich auch auf <em class="gesperrt">gesetzlichem</em> Wege
-etwas für unsre Kaltblüter tun. An das Vogelschutzgesetz
-habe ich oben erinnert. Warum, so frage ich, gibt
-es nicht ein ähnliches Gesetz zum Schutze der Reptilien
-und Amphibien? Ich sehe keinen Grund ein, diesen Gedanken
-abzulehnen. Sie alle, die unter den heutigen
-Verhältnissen so hart bedrängt werden, die Schlangen
-&ndash; natürlich mit Ausnahme der giftigen Kreuzotter &ndash;
-die Eidechsen und Blindschleichen, die Kröten, die Salamander
-und Teichmolche, die Laubfrösche und bis zu
-gewissem Grade auch alle andern Frösche verdienen und
-bedürfen gesetzlicher Maßnahmen, wollen wir sie unsrer
-Heimat erhalten. Und wenn es vielleicht auch nicht an
-der Zeit ist, ein Reichsgesetz zu befürworten, so könnten
-doch bereits jetzt einzelne Länder und Behörden mit
-gutem Beispiel vorangehen und durch besondere Landesgesetze
-oder wenigstens Polizeiverordnungen den
-Reptilien- und Amphibienjägern von Profession das
-Handwerk genau so legen wie den Vogelstellern und
-Eierräubern. Warum soll nur <em class="gesperrt">der</em> zur Verantwortung
-gezogen werden, der sich an einem Vogel oder seiner
-Brut vergreift, während der Frevler, der eine Kröte,
-eine Unke oder ihren Laich, eine Eidechse oder eine
-harmlose Schlange lediglich aus Roheit vernichtet, frei
-ausgeht?</p>
-
-<p>Ich weiß es, daß gesetzliche Maßnahmen auf dem Gebiet
-des Naturschutzes im allgemeinen wenig nützen.
-Aber unser Reichsvogelschutzgesetz möchte heute doch kein
-einziger Naturfreund missen; es hat im Laufe der Jahre
-durchaus segensreich gewirkt. Und so verspreche ich mir
-auch von einem <em class="gesperrt">Reptilien- und Amphibienschutzgesetz</em>
-manches Gute. Dabei wäre wohl zu<span class="pagenum"><a id="Page_218">[218]</a></span>
-erwägen, ob ein solches Gesetz nicht etwas mehr Rücksicht
-auf die Terrarien- und Aquarienliebhaber nehmen
-könnte, als unser Vogelschutzgesetz auf die Freunde der
-Stubenvogelpflege. Nur dem Massenfänger und dem
-Händler müßte das Handwerk gelegt werden.</p>
-
-<p>Freilich, mehr als gesetzliche Bestimmungen helfen
-<em class="gesperrt">Belehrung</em> und <em class="gesperrt">vernünftige Erziehung</em>.
-Wer soll belehrt und erzogen werden? Natürlich die
-Jugend. Aber nicht etwa nur von den Lehrern, sondern
-an erster Stelle von den Eltern. Die <em class="gesperrt">Schule</em>
-hat es bereits bewiesen, daß es ihr Ernst ist, die ihr anvertrauten
-Kinder zum Naturschutz zu erziehen. Davon
-zeugen so manche Verordnungen und Maßnahmen der
-Schulbehörden, die alle darauf zielen, in der Jugend
-die Liebe zur Heimat und die Achtung vor der Natur
-und ihren Geschöpfen zu wecken und zu pflegen, und
-davon zeugt in gleicher Weise die freundliche Stellung,
-welche die gesamte Lehrerschaft in Dorf und Stadt, an
-Volksschulen wie an höheren Schulen dem Naturschutzgedanken
-gegenüber von Anfang an eingenommen hat.
-Ja viele, viele Lehrer sind für unsre Bestrebungen mit
-freudigster Begeisterung eingetreten und haben sich im
-Kampfe für sie mit in die vorderste Reihe gestellt.
-Einmal um der Sache selbst willen, sodann aber auch,
-weil sie erkannt haben, eine wie hohe erzieherische Bedeutung
-dem Heimat- und Naturschutz sowohl für den
-einzelnen Menschen wie für unser ganzes Volk zukommt.</p>
-
-<p>Heute treibt der Lehrer naturgeschichtlichen Unterricht
-nicht nur innerhalb des Schulzimmers, sondern er
-führt die Kinder oder jungen Leute hinaus ins Freie,
-daß sie Pflanzen und Tiere in ihrer natürlichen Umgebung
-beobachten, die <em class="gesperrt">lebenden</em> Wesen: die Blume<span class="pagenum"><a id="Page_219">[219]</a></span>
-am Wegrand, die Blindschleiche am moosigen Boden,
-die Eidechsen an der Geröllhalde, den Falter über der
-Wiese. Der trockene »beschreibende« Naturgeschichtsunterricht,
-der sich mit der Betrachtung von Herbarien,
-von ausgestopften Vögeln, von Spirituspräparaten aus
-dem Reich der Kaltblüter, von aufgespießten Insekten
-begnügte, ist wohl für alle Zeiten verlassen. Das Leben
-redet heute zur Jugend, und es lehrt, ohne daß der Erzieher
-es nötig hat, viel Worte zu machen, Achtung vor
-der Natur, vor jedem einzelnen Wesen, das ein Glied
-des Ganzen ist, und damit auch Achtung vor der Gesamtheit
-der Schöpfung. Wenn es heute scheinen will,
-daß die traurigen, tief beklagenswerten Verirrungen
-auf diesem Gebiet, daß die Verrohung weiter Kreise
-unseres Volks, von der man mit Recht spricht, damit
-nicht in Einklang zu bringen sind, so glaube ich darin
-einen Trost finden zu dürfen, daß es sich nur um eine
-Krankheitserscheinung handelt, die wohl überwunden
-werden kann. Möge die Schule unentwegt auf dem eingeschlagenen
-Wege weiter schreiten! Es ist der richtige,
-und er muß zum Ziele führen.</p>
-
-<p>Aber das <em class="gesperrt">Elternhaus</em> hat nicht gleichen Schritt
-gehalten. Wie gleichgültig stehen doch die meisten Erwachsenen
-der heimatlichen Tierwelt gegenüber, wenn
-es sich nicht gerade um ein Säugetier oder einen Vogel
-handelt. Ja, Grauen und Furcht, Ekel und Abscheu
-flößen sie ihren Kindern vor Schlangen, vor Kröten
-und Salamandern, vor Fröschen und Kaulquappen und
-vor all dem »giftigen Gewürm« ein. Sie untergraben
-damit die natürliche Zuneigung, die jedes unverdorbene
-Gemüt der Tierwelt entgegenbringt, statt durch das
-eigene Beispiel das Interesse der Kinder an den »Brüdern<span class="pagenum"><a id="Page_220">[220]</a></span>
-im stillen Busch, in Luft und Wasser« zu pflegen
-und zu fördern. Da heißt es: »Was fällt dir ein, wirst
-doch den ekligen Frosch nicht in die Hand nehmen!«
-oder: »Geh weg, dort sitzt eine giftige Kröte!« oder:
-»Pfui, pfui, welch scheußliche Raupe, gleich mach sie
-tot!« oder: »Eine Schlange! wie gut, daß ich die heimtückische
-Otter mit dem Stock noch getroffen!« Wollte
-ich in gleichem Tone fortfahren, so würde ich sagen:
-»Pfui Spinne, was sind das für törichte, unwürdige,
-geschmacklose Redensarten Kindern gegenüber!«</p>
-
-<p>Die Kleinen, die anfangs wahllos jedes Tier in die
-Hand nehmen, glauben es schließlich, was die Erwachsenen
-sagen; sie kreischen beim Anblick einer Natter auf,
-sie graulen sich, den feuchtkalten Frosch zu berühren und
-steinigen die unschuldige Kröte. »Wie die Alten sungen,
-so zwitschern die Jungen.« Die Schule wird erst
-dann vollen Erfolg haben, wenn die Eltern die Hand
-mit ans Werk legen. Häßliche, ekelhafte Geschöpfe gibt
-es nicht. »Gott sahe«, sagt die Bibel in ihrer schlichten
-Weise, »daß es gut war.« Und noch ein Bibelwort
-möchte ich den Eltern zurufen; das lautet: »Werdet wie
-die Kinder!«, d. h. wie die natürlichen, von eurer unvernünftigen
-Erziehung noch nicht verdorbenen Kinder!</p>
-
-<p>Vor ein paar Jahren setzte ich einen vierzehnjährigen
-Bengel zur Rede, der eben eine Ringelnatter in
-grausamer Weise getötet hatte. In Glashütte war's,
-dem erzgebirgischen Städtchen. Der Junge kam von der
-Wiese herein nach dem Marktplatz und trug die
-Schlange, in eine Astgabel geklemmt, triumphierend vor
-sich her. Eine gröhlende Kinderschar umgab ihn, so daß
-ich an den Anfang der Schillerschen Ballade vom
-»Kampf mit dem Drachen« erinnert ward. Der Knabe<span class="pagenum"><a id="Page_221">[221]</a></span>
-sagte natürlich, es sei eine giftige Schlange. Und dann
-berichtete er mir, sein Vater habe gesagt, man müsse jede
-Schlange, der man begegne, totschlagen, es könnte
-immer eine Kreuzotter sein. Die verstellten sich manchmal.
-Genau dieselbe Ansicht haben mir gegenüber auch
-Erwachsene geäußert, die ich wirklich für ein wenig
-verständiger gehalten hätte. Man ist eben zu gleichgültig
-oder zu faul, sich die Merkmale unsrer drei
-Schlangenarten einzuprägen, und schlägt nun alles tot,
-was einer Kreuzotter ähnlich aussieht, selbst die so
-harmlose Blindschleiche. Ich möchte auch wissen, wieviel
-Haselnattern alljährlich als Kreuzottern an die
-Behörden eingeliefert und von diesen prämiiert werden.
-Erst lerne man die drei Schlangenarten &ndash; es
-handelt sich tatsächlich im wesentlichen nur um drei
-Arten &ndash; sicher unterscheiden, und dann, meinetwegen,
-töte man die Kreuzotter, wenn man eine solche antrifft.</p>
-
-<p>Jene Kinderschar, von der ich erzählte, habe ich
-natürlich über das begangene Unrecht belehrt und jedem
-einzelnen Kind die Merkmale der unschuldigen Natter
-genau eingeprägt. Selbst die größeren Jungen gingen
-hierauf still und beschämt davon. Einem kleinen blondlockigen
-Mädchen aber standen die Tränen im Auge; es
-weinte über den Tod dieser Schlange, genau wie es über
-ein verendetes Vöglein geweint haben würde.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Schlangen leben in allen Zonen der Erde; selbst in
-dem kalten Lappland kommt die Kreuzotter noch bei
-67°&nbsp;n.&nbsp;Br. vor, und überall werden diese Reptilien vom<span class="pagenum"><a id="Page_222">[222]</a></span>
-Menschen gefürchtet, gehaßt und verfolgt; denn wo
-immer Schlangen sich finden, da gibt es unter ihnen
-neben harmlosen Geschöpfen auch tückische Wegelagerer,
-die den offenen Kampf scheuen und ihrem Opfer aus
-dem Hinterhalt mit vergiftetem Dolch auflauern.
-Namentlich in den heißen Ländern ist die Zahl der
-Giftschlangen sehr groß; aber selbst in Europa leben 6
-oder 7&nbsp;Arten, von denen für Mitteleuropa nicht weniger
-als 4 in Betracht kommen.</p>
-
-<p>Freilich nur die <em class="gesperrt">Kreuzotter</em> erfreut sich in
-unserm Vaterlande allgemeiner Verbreitung. Ihr ist
-jede Örtlichkeit recht, wo sie Wärme und Nahrung findet.
-Nur dem Innern großer, dunkler Wälder, die kaum
-einen Sonnenstrahl durchlassen, bleibt sie fern, auch der
-sumpfigen Wiese, die ihr kein trocknes Plätzchen bietet.
-Die andern drei, viel selteneren Giftschlangen aber
-haben ihr Heim weiter südlich aufgeschlagen, die ursinische
-Viper in Niederösterreich, die Sand- und die
-Aspisviper namentlich in Südtirol.</p>
-
-<p>Aber selbst wenn Europa als einzige Giftschlange
-lediglich die Kreuzotter beherbergte, ja wenn diese, wie
-es für manche deutsche Landschaft gilt, überall außerordentlich
-selten wäre, ich glaube die Schlangenfurcht
-unter uns Mitteleuropäern würde doch ebenso allgemein
-verbreitet sein. Der gute Ruf einer Familie wird eben
-nur zu leicht durch ein aus der Art geschlagenes Mitglied
-untergraben; die andern müssen darunter mit leiden,
-in unserm Falle die giftlose Ringel- und Haselnatter
-und selbst die ganz harmlose schlangenähnliche
-Blindschleiche. Überall bringt man diesen Kriechtieren
-Mißtrauen entgegen, und die Furcht vor dem »Otterngezücht«
-ist ganz allgemein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_223">[223]</a></span></p>
-
-<p>Auf Grund eigner Erfahrungen muß ich nun aber
-der Ansicht, die <em class="gesperrt">Schlangenfurcht</em> sei dem Menschen
-<em class="gesperrt">angeboren</em>, ganz entschieden <em class="gesperrt">widersprechen</em>.
-Ich habe darüber schon berichtet, sowohl in den von der
-»Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen«
-herausgegebenen »Vorträgen und Aufsätzen« wie im
-»Kosmos«. Führe ich ein kleines, etwa drei- oder vierjähriges
-Kind ruhig an eine Schlange heran, an eine
-Ringelnatter, die durch's Gras schlüpft, an eine Haselnatter,
-die sich am steinigen Hang sonnt, so ist von einer
-angeborenen, instinktiven Furcht des Kindes vor dem
-Reptil nicht das geringste zu spüren. Im Gegenteil,
-das kleine Menschenkind betrachtet das ihm bisher unbekannte
-Geschöpf mit dem größten Interesse. Ja, fasse
-ich die Natter und bringe sie dem kindlichen Beschauer
-ganz nahe, so bedarf es kaum noch des Zuredens, das
-Kinderhändchen greift nach ihr und betastet das glatte
-Schuppenkleid; selbst vor der beweglichen Zunge der
-Schlange weicht es nach einem Weilchen nicht mehr
-zurück. Dabei muß ich selbstverständlich voraussetzen,
-daß das Kind seine natürliche Unbefangenheit noch bewahrt
-hat, daß es nicht bereits Zeuge ward von dem
-törichten Aufkreischen erwachsener Personen, mit dem
-gewöhnlich eine Schlange, die sich 'mal zeigt, eine Blindschleiche
-oder Eidechse begrüßt wird. Ich habe mehrfach
-derartige Versuche angestellt. Kam es einmal zum
-Schreien, so trug entweder meine eigne Ungeschicklichkeit
-die Schuld, oder besonders heftige Bewegungen der
-Natter, ein weites Aufreißen ihres Mundes, ein unheimliches
-Zischen schüchterten den kleinen Naturforscher
-ein. Einer jungen Katze oder einem Kaninchen gegenüber
-verhält sich das Kind nicht anders.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_224">[224]</a></span></p>
-
-<p>Wenn man mir aber entgegnet, mein eigenes ruhiges
-Verhalten, ja meine bloße Gegenwart habe die
-Kleinen ermutigt, ihre angeborene Schlangenfurcht zu
-überwinden, so antworte ich, daß es mit einem sogenannten
-ursprünglichen Instinkte nicht weit her sein
-kann, wenn er durch solch einfache Mittel zu überwinden,
-ja in sein Gegenteil umzuwandeln ist. Auch kann ich
-noch folgendes Erlebnis berichten. An einem sonnigen
-Maimorgen beobachtete ich ein mir bekanntes, etwa
-vierjähriges Mädchen, an einem Abhang kauernd, wo
-es um diese Zeit von Eidechsen geradezu wimmelte. Das
-Kind bemerkte mich nicht. Seine ungeteilte Aufmerksamkeit
-war auf die grünschillernden Echsen gerichtet,
-die aus ihren Löchern hervorkamen, um im Sonnenschein
-zu spielen. Die Kleine griff nach den flinken Tierchen,
-sie zu fangen, was ihr freilich niemals gelang, und laut
-jauchzte sie auf in heller Freude an dem neckischen Spiel.
-Kein Zweifel, mit Kreuzottern oder Skorpionen hätte
-sich das Kind ebenso lustig unterhalten.</p>
-
-<p>Aber auch an meine eigne Jugend darf ich erinnern,
-bin ich doch gewissermaßen unter Schlangen aufgewachsen.
-Ringelnattern waren im Frühjahr und Sommer
-meine täglichen Spielgenossen; sie bewohnten in großer
-Anzahl die Uferränder des Bächleins, das durch unsern
-Garten floß. An warmen Sommertagen sah man mich
-selten ohne solches Reptil, oft in jeder Faust eine
-Schlange, wie Herkules, zum Entsetzen meiner lieben
-Mutter. Aber erwürgt hab ich sie nicht &ndash; die Schlangen
-nämlich. Daß ich selbst Erwachsenen mit meinen
-Freunden Furcht einjagen konnte, machte mir Spaß, um
-so mehr als ich solch törichte Angst nicht begriff. Mein
-Vater hatte durch die ruhig verständige Art, wie er mit<span class="pagenum"><a id="Page_225">[225]</a></span>
-dem Kinde alles, was kriecht und fliegt, voll Teilnahme
-betrachtete und besprach, mich vor jeder Ansteckungsgefahr
-durch abergläubische Personen zu hüten gewußt,
-und bald war ich einsichtsvoll genug, daß mir die
-Schlangenfurcht anderer nichts anhaben konnte. <em class="gesperrt">Anerzogen</em>
-ist diese Furcht, <em class="gesperrt">nicht angeboren</em>, das
-behaupte ich aus vollster Überzeugung.</p>
-
-<p>Man redet von dem Paradies der Kindheit. Ins
-Paradies aber gehören Tiere, und mit allen ist das Kind
-gut Freund. Indessen, die Erwachsenen sind es, die solch
-paradiesisches Verhältnis unsrer Kinder zur Tierwelt oft
-in unverantwortlicher Weise stören, die natürliche Teilnahme
-der Kleinen zu allem, was kriecht und fliegt,
-untergraben, vielleicht ohne daß sie es wollen und
-wissen. Wenn etwas dem Menschen angeboren ist, so
-ist's nicht die Furcht vor gewissen Tieren, sondern im
-Gegenteil die <em class="gesperrt">Zuneigung zu allen Geschöpfen</em>,
-eine Tatsache, die in wirklich rührend naiver Weise in
-der Schöpfungsgeschichte der Bibel zum Ausdruck kommt,
-wo erzählt wird, daß Gott alle Tiere auf dem Felde und
-alle Vögel unter dem Himmel zum ersten Menschen
-brachte. Freilich gleich hinter dieser lieblichen Erzählung
-steht das böse, an die Schlange gerichtete Wort des
-Schöpfers: »Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und
-dem Weibe, zwischen deinem Samen und ihrem Samen.«
-Kein Zweifel, dieses Wort des zürnenden Gottes trägt
-ein gut Teil Schuld an der übertriebenen Schlangenfurcht,
-die selbst in unsern Tagen noch so viele Gemüter
-beherrscht.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Kreuzotter</em> &ndash; es kann nicht oft genug
-wiederholt werden &ndash; ist die einzige Giftschlange in
-unsrer Heimat. Sie kann auch dem Menschen gefährlich<span class="pagenum"><a id="Page_226">[226]</a></span>
-werden; doch gehören Unglücksfälle zu den seltenen Ausnahmen,
-und gestorben ist infolge eines Kreuzotterbisses,
-so viel ich weiß, in dem letzten halben Jahrhundert in
-Sachsen überhaupt niemand. Eine gewisse Vorsicht, besonders
-an Waldrändern, sonnigen Hügeln ist anzuraten,
-wenn man sich auf den Boden niederläßt; auch
-vor dem Barfußgehen an solchen Stellen ist zu warnen.
-Aber man soll auch nicht übertrieben ängstlich sein und
-durch solche Angst sich den Genuß an der Natur beeinträchtigen
-lassen. Am wenigsten aber soll man vor jeder
-Schlange Reißaus nehmen. Die Kreuzotter flieht, sobald
-sie den Menschen bemerkt; nur wenn sie überrascht wird
-und keinen andern Ausweg weiß, sucht sie sich zu verteidigen.
-Man präge sich doch die Artmerkmale der
-Kreuzotter ein. Ihre Länge beträgt etwa 50 bis 60&nbsp;<em class="antiqua">cm</em>;
-jedenfalls ist eine Schlange, die gegen 1&nbsp;<em class="antiqua">m</em> mißt, nie
-eine Kreuzotter. Die Färbung kann recht verschieden
-sein; grau, braun oder olivenfarben ist der Grundton.
-Die eigentümliche dunkle Zackenlinie, die längs des ganzen
-Rückens hinläuft, hebt sich mehr oder minder gut
-ab; sie besteht aus aneinanderstoßenden Rhomben. Die
-Unterseite ist niemals hell oder auffallend gezeichnet.
-Der eigentliche Schwanz, der sich ziemlich deutlich vom
-Körper absetzt, ist sehr kurz, nur etwa <sup>1</sup>/<sub>8</sub> oder <sup>1</sup>/<sub>10</sub> der
-Gesamtlänge. Die Bewegungen der Otter sind langsam,
-lassen auch die geschmeidigen Wendungen vermissen, die
-wir an den Nattern bewundern. Jede einzelne Schuppe
-trägt längs der Mitte eine kielartige Erhöhung im
-Gegensatz zu den ganz glatten Schuppen der Haselnatter.
-Mit der bedeutend größeren <em class="gesperrt">Ringelnatter</em> kann
-man die Kreuzotter nicht verwechseln. Deren Oberseite
-ist blaugrün oder grünlichgrau gefärbt, die fast schwarzen<span class="pagenum"><a id="Page_227">[227]</a></span>
-Schilder der Bauchseite sind weiß eingefaßt. Das untrüglichste
-Merkmal dieser Natter bilden aber die beiden
-gelben oder weißlichgelben Halbmondflecken hinter dem
-Kopfe.</p>
-
-<p>Wenn behauptet wird, auch die <em class="gesperrt">Kröten</em> seien giftig
-und sie schleuderten ihrem Feinde, dem wirklichen oder
-dem vermeintlichen, aus ihren Hautdrüsen einen giftigen
-Saft entgegen, so ist dies eine falsche Vorstellung. In
-der Angst spritzt die Kröte Urin aus, der übel riecht,
-im übrigen aber ganz wirkungslos bleibt. Man muß
-den Lurch schon kräftig anfassen, ehe er aus seinen Drüsen
-die so gefürchtete ätzende Flüssigkeit fahren läßt. Aber
-auch diese ist dem Menschen gegenüber ganz harmlos,
-höchstens daß sie an zarten Stellen die Haut etwas rötet,
-und nur derjenige, der sich sehr viel mit Kröten beschäftigt,
-wird über unangenehme Wirkungen dieses
-Saftes, aus dem der Chemiker allerdings stark wirkende
-Giftstoffe herstellen kann, zu klagen haben. Ähnlich verhält
-es sich mit dem <em class="gesperrt">Feuersalamander</em>, der ja
-auch als giftig beim Volke verschrien ist. Überhaupt
-glaubt der gemeine Mann, je bunter und auffallender
-die Farben solch eines Kaltblüters leuchten und glänzen,
-um so giftiger sei das Tier, und er hält deshalb z.&nbsp;B.
-das grünschillernde Männchen der Zauneidechse für viel
-gefährlicher als das einfacher gefärbte Weibchen. Daß
-solch Merkmal bei der Kreuzotter gar nicht stimmt, macht
-keinem das Herz schwer. »Die Kreuzotter ist eine
-Schlange, und die Schlangen sind ohne Ausnahme giftiges
-Otterngezücht!« so heißt es ganz allgemein.</p>
-
-<p>Wollen wir unsre kaltblütigen Wirbeltiere der
-Heimat erhalten, so kommt es an erster Stelle darauf an,
-solchen und ähnlichen Aberglauben, der sich aus dem<span class="pagenum"><a id="Page_228">[228]</a></span>
-dunkelsten Mittelalter bis in unsre Tage herübergerettet
-hat, endlich einmal auszurotten. Hierbei sollte uns neben
-der Schule auch das Haus unterstützen. Außerdem aber
-erwachsen den <em class="gesperrt">Aquarien-</em> und <em class="gesperrt">Terrarienvereinen</em>
-manche dankbaren Aufgaben. Wie man Vogelschutzgebiete
-eingerichtet hat, so lassen sich auch Maßnahmen
-treffen, die den Schutz der Kriechtiere und
-Lurche an bestimmten, vielleicht nur eng begrenzten Örtlichkeiten
-bezwecken. Selbst ein kleiner Verein, dem bloß
-geringe Mittel zur Verfügung stehen, könnte einen
-steinigen, unfruchtbaren Berghang oder auch nur eine
-Schutthalde erwerben, wo Eidechsen und Schlangen ihre
-Wohnung aufgeschlagen haben, ebenso einen Tümpel,
-einen Wassergraben, einen kleinen Teich, der von Unken
-und Fröschen, von Tritonen und Molchen belebt wird.
-Hier könnten die Mitglieder des Vereins ihre schützende
-Hand über diese Tiere halten. In vielen Fällen würde
-es auch genügen, einen Pachtvertrag auf längere
-Zeit abzuschließen oder den Besitzer gegen eine geringe
-Abfindungssumme zu verpflichten, alle Veränderungen
-innerhalb des Schutzgebiets zu unterlassen, welche die
-Daseinsbedingungen der schutzbedürftigen Kleintierwelt
-schmälern könnten.</p>
-
-<p>Namentlich wenn es sich um besondere <em class="gesperrt">Seltenheiten</em>
-handelt, sollte man sich der bedrohten Tiere
-annehmen. Zu solchen Seltenheiten, ja schon zu den
-eigentlichen Naturdenkmälern gehören die Sumpfschildkröte,
-die Würfel- und Äskulapnatter, die Smaragd- und
-die Mauereidechse, die Bergunke, die Geburtshelferkröte
-u.&nbsp;a. Sind es doch nur ganz wenig Örtlichkeiten in
-Deutschland, die als Fundstätten des einen oder des
-andern der genannten Kaltblüter in Betracht kommen.<span class="pagenum"><a id="Page_229">[229]</a></span>
-So ist die Sumpfschildkröte außer in Westpreußen und
-den benachbarten Gebieten nur noch im Regierungsbezirk
-Lüneburg, an der Unterweser, in Schleswig-Holstein,
-in der Altmark, im Braunschweigischen und in
-Schlesien an ganz wenig Orten bekannt. Die Äskulapnatter
-kommt vereinzelt im Taunus und bei Passau vor,
-die Würfelnatter hat man in der Meißner Gegend
-und an der Nahe angetroffen, die herrliche Smaragdeidechse
-am Oberrhein und bei Passau, während es sich
-bei verschiedenen preußischen Fundstellen wahrscheinlich
-nicht um ein ursprüngliches Vorkommen handelt. Und
-so lassen sich bei einer ganzen Reihe von Kriechtieren
-und Lurchen die wenigen Angaben über ihre Wohnstätten
-in Deutschland an den Fingern einer Hand aufzählen.
-Mag es auch wahrscheinlich, ja sogar sicher sein,
-daß diese Angaben Lücken aufweisen, so viel steht jedenfalls
-fest, daß die genannten Tiere über kurz oder lang
-ganz aus unsrer Heimat verschwinden werden, wenn sich
-nicht Naturschutz-, Aquarien- und Terrarienvereine, sowie
-Einzelliebhaber der hart Bedrängten tatkräftig annehmen.
-Auch durch behördliche Verordnungen läßt sich
-wohl manches erreichen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Die Erhaltung der heimatlichen Tierwelt</em>
-muß das gemeinsame Ziel aller Naturfreunde
-sein. Die verschiedensten Wege führen dahin. Möge
-selbst den gefürchteten Schlangen und den verachteten
-Kröten gegenüber solche Aufforderung eine freundliche
-Aufnahme finden! Es handelt sich um eine ideale Aufgabe,
-um</p>
-
-<p class="center">
-<em class="gesperrt">Schutz den Schutzlosen</em>!
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_230">[230]</a></span></p>
-
-<h2 id="Sechsbeinig_achtbeinig_und">Sechsbeinig, achtbeinig und
-ohne Beine</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Auch unter der niederen Tierwelt haben wir gute
-Bekannte und liebe Freunde. Freilich weniger
-die Erwachsenen, als die Kinder. Jene wenden sich meist
-mit Abscheu oder lächerlichem Widerwillen von dem
-»Insektengesindel, dem Spinnengezücht und all dem Gewürm«
-ab &ndash; unnützes Ungeziefer, zu nichts anderem
-auf der Welt, als die Menschen zu ängstigen und zu
-quälen, vom bösen Feind erschaffen, der ja auch das
-Unkraut zwischen die Fruchthalme der Felder gesät hat &ndash;
-während die Kinder diesen Geschöpfen viel näher stehen.
-Ihr Verhältnis zu ihnen ist weit inniger, ursprünglicher,
-noch ungetrübt durch den Verstand, der immer nur Nutzen
-und Schaden berechnet, einzig in einem tiefen, wahren,
-natürlichen Gefühl wurzelnd. Solange das Kind von
-dem albernen Gerede der Erwachsenen noch verschont geblieben
-ist, sieht es in jedem Tier, auch dem geringsten,
-ein ihm bis zu gewissem Grade verwandtes Wesen,
-etwas Beseeltes, das gleich ihm empfindet. In Einfalt
-ahnt es den Sinn der Dichterworte:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i2">»Aber du Frühlingswürmchen,<br /></span>
-<span class="i0">Das grünlichgolden neben mir spielt,<br /></span>
-<span class="i0">Du lebst und bist vielleicht<br /></span>
-<span class="i0">Ach, nicht unsterblich?«<br /></span>
-</div></div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_231">[231]</a></span></p>
-<p class="noind">eine Frage, die der Erwachsene nur mitleidig belächelt.
-Ohne Scheu nimmt das Kind den Käfer, die Raupe, die
-Spinne, die Schnecke, den Regenwurm in die Hand, freut
-sich an ihren Bewegungen, stellt allerlei Fragen an sie
-und läßt sich von seinen Freunden erzählen. Die geschmacklosen
-Redensarten, wie: »eklige Raupe« oder
-»pfui, die häßliche Spinne!« verdanken gewiß nicht einem
-Kindermund ihre Entstehung.</p>
-
-<p>Unter den Käfern spielt natürlich der »<em class="gesperrt">Sohn des
-Mai's</em>« bei unsrer Jugend eine hervorragende Rolle.
-Sobald die Birken ihre schwanken Hängeruten mit zartem
-Grün übersponnen haben, ziehen die Buben mit
-durchlöcherten Pappkästen oder Zigarrenkisten in den
-Wald, um die braunen Gesellen von den Bäumen zu
-schütteln und nach Hause zu bringen. Habe es auch nicht
-anders getrieben &ndash; selige Kinderzeit, wo man sich reich
-fühlte, wenn man ein paar Dutzend Maikäfer sein eigen
-nannte!</p>
-
-<p>Wir spielten mit ihnen nach Herzenslust. Sie mußten
-seiltänzern, einen kleinen Wagen oder Schlitten ziehen;
-auch als Handelsartikel waren sie hochgeschätzt, besonders
-die mit rotem Brustschild, die »Franzosen«. Später freilich,
-wenn die Käfer matt und langweilig wurden, war
-es aus mit der Freundschaft, und wir warfen sie den
-Hühnern vor.</p>
-
-<p>In manchen Jahren traten die Maikäfer so massig
-auf, daß sie auch uns Kindern zuwider wurden, und
-wenn wir die Verheerungen sahen, die sie anrichteten,
-wie sie die jungbelaubten Eichen ganz kahl fraßen und
-unsre Stare mit den Übeltätern nicht mehr fertig werden
-konnten, zogen auch wir gegen sie zu Felde, genau so<span class="pagenum"><a id="Page_232">[232]</a></span>
-wie im Sommer 1922 die Schuljugend den Kampf gegen
-die Nonne geführt hat.</p>
-
-<p>Andre Käfer erfreuten sich unsrer dauernden Liebe
-und Teilnahme. Der goldig-grün glänzende <em class="gesperrt">Rosenkäfer</em>,
-wie er mitten in der duftenden Zentifolie sitzt,
-von deren zarten Blättchen er speist, war unser Entzücken;
-wir hätten ihm ebensowenig ein Leid zufügen
-können wie den verschiedenen <em class="gesperrt">Marienkäferchen</em>
-oder Sonnenkälbchen, die uns für heilige Tiere galten.</p>
-
-<p>Auch der seltene <em class="gesperrt">Puppenräuber</em> war unser Stolz,
-nicht weniger so mancher <em class="gesperrt">Bockkäfer</em> &ndash; der kraftvolle
-Weberbock mit den lederartigen Flügeldecken, der große
-Eichenbock, der zierliche Zimmerbock mit seinen riesigen
-Fühlern &ndash; alle Kameraden beneideten uns um unsern
-Besitz, an dem wir uns doch nur ein paar Tage erfreuten.
-Ich schenkte den Gefangenen, wenigstens damals,
-als ich noch keine Käfersammlung besaß, die Freiheit
-bald wieder. Die Schädlinge zu töten, das kam mir
-nicht in den Sinn.</p>
-
-<p>Längere Zeit, ja wochenlang hielten wir die Riesen
-der deutschen Käferwelt, die <em class="gesperrt">Hirschschröter</em>, in
-Gefangenschaft; mit Zuckersaft, den sie sehr gern lecken,
-fristeten wir ihr Leben. In das Aquarium, das
-mit Teichmolchen besetzt war, brachten wir allerlei
-<em class="gesperrt">Schwimmkäfer</em>, den Gelbrand, den pechschwarzen
-Wasserkäfer, den kleinen Taumelkäfer. Wir freuten uns
-an ihrem lebhaften Treiben, bis wir die raubgierige
-Gesellschaft, die uns die Molche und die kleinen Fischchen
-anfraß, verbannen mußten. Auch die Wasserläufer, die
-wie auf Schlittschuhen über das Gewässer hingleiten, erregten
-unsre besondere Aufmerksamkeit.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_233">[233]</a></span></p>
-
-<p>Das höchste Entzücken haben mir aber die <em class="gesperrt">Leuchtkäfer</em>
-bereitet, die »Johanniswürmchen«, wie wir sie
-nannten. Ich war schon mindestens zehn Jahre alt, als
-ich das Wunder der fliegenden Funken in einer warmen,
-gewitterschwülen Sommernacht zum erstenmal anstaunen
-durfte. Es steht mir der Augenblick unvergeßlich im
-Gedächtnis, wo solch geheimnisvolle, dem Kinde bisher
-völlig fremde Wunderwelt mich umgab: leuchtende Funken,
-die man in die Hand nehmen konnte, ohne sich zu
-verbrennen, ein »Feuerzauber«, der mich völlig in seinen
-Bann zog. Noch heute sind mir die Leuchtkäfer, die so
-still durch das nächtlich-dunkle Gesträuch ziehen oder wie
-leuchtende Lämpchen am Boden ruhen, ein geheimnisvolles
-Wunder, das mich immer wieder beglückt.</p>
-
-<p>Mit den Jahren erwachte natürlich der <em class="gesperrt">Sammeltrieb</em>
-in mir; wir Jungen spornten uns gegenseitig an
-und wetteiferten miteinander. Die in der Äthernarkose
-getöteten und dann sauber aufgespießten und in dem
-Kasten systematisch angeordneten Käfer haben mir große
-Freude bereitet. Ich darf wohl sagen, vieles habe ich
-dabei gelernt, in der Hauptsache aber doch nur dadurch,
-daß ich mir selber die Sammlung anlegte. Einige seltenere
-Prachtstücke, die ich später erwarb oder die mir
-geschenkt wurden, sagten mir wenig, wie mir denn allezeit
-die <em class="gesperrt">lebenden</em> Insekten beredtere Lehrmeister gewesen
-sind, als ihre toten, in Reih und Glied aufgestellten
-Leiber. Und so bin ich denn heute von Käfersammlungen
-in der Hand von Kindern kein besonderer
-Freund; in den meisten Fällen kommt nicht viel dabei
-heraus. Der Feuereifer, mit dem die Sache begonnen
-wird, flaut oft schon im ersten Jahre ab, und bald steht
-die kleine Sammlung unbeachtet in einem Winkel.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_234">[234]</a></span></p>
-
-<p>Wo man aber doch einem Jungen, der sich für die
-Kleintierwelt unsrer Heimat besonders interessiert, gestattet,
-sich eine derartige Sammlung anzulegen, da sollte
-das Eltern- und Erzieherauge darüber wachen. Sonst
-geht es ohne Tierquälerei und Versündigung an der
-Natur nicht ab; denn es liegt auf der Hand, daß es
-auch der jugendliche Sammler sehr bald hauptsächlich auf
-Seltenheiten abgesehen hat, die ihm, wenn er seine eignen
-Bedürfnisse befriedigt hat, als Austauschobjekte gegen
-andre Seltenheiten wertvoll sind. Keinesfalls darf das
-Sammeln zum Selbstzweck werden; die <em class="gesperrt">Beobachtung
-des lebenden Insekts in freier Natur</em> muß
-immer die Hauptsache bleiben.</p>
-
-<p>Ein Junge, der sich auf den Totengräber, den
-Ameisenlöwen, den Goldschmied stürzt und nur daran
-denkt, die Tiere in die Ätherflasche zu stecken, um sie
-daheim der Sammlung einzuverleiben, der bringt sich
-um das beste Teil. Beobachte die Totengräber in ihrer
-bunten Livree, die Aaskäfer im dunkeln Trauergewand
-bei ihrer Arbeit, wie sie herbeirennen oder herbeifliegen,
-wenn sie den Leichnam eines Vogels oder eines kleinen
-Säugetiers aus der Ferne gewittert haben, wie sie die
-Erde unter dem toten Körper wegscharren und ihn gleichsam
-begraben, damit die Larven, die später den Eiern
-der geschäftigen Käfer entschlüpfen, sogleich Nahrung
-finden. Beobachte die Laufkäfer, wie sie einen Wurm,
-eine Kerbtierlarve überfallen, den Ameisenlöwen, wie
-er mit gehobenem Kopf und geöffneter Kieferzange in
-seinem Sandtrichter sitzt und auf einen Fang lauert, die
-Schnell- oder Springkäfer &ndash; »Schmiede« sagten wir
-Kinder &ndash; wie sie, lebendige Stehaufchen, so lustig
-emporschnellen, um aus der Rückenlage wieder auf alle<span class="pagenum"><a id="Page_235">[235]</a></span>
-Sechse zu kommen, die grünen Sandkäfer, wie sie auf
-dem öden Ufergelände stoßweise vor dir auffliegen, oder
-die scharlachroten Lilienhähnchen, die durch Aneinanderreiben
-der Hinterleibsringe gegen die Flügeldecken eine
-so seltsam piepende Musik erzeugen, &ndash; und du hast mehr
-erlebt, als dir die Sammlung zu geben vermag.</p>
-
-<p>Die Kinder, die so glücklich sind, sich viel in freier
-Natur tummeln zu dürfen, werden mit den Eigentümlichkeiten
-der genannten und noch vieler anderer Kerbtiere
-sehr bald bekannt sein. Der seltsame Ölkäfer, »Maiwurm«
-hieß er bei uns, aus dessen Beingelenken ein
-gelber, öliger Saft tritt, die »spanische Fliege«, die sich
-zu Zeiten massenhaft auf Eschen und andern Bäumen
-einfindet, die Rüsselkäfer mit ihrem igelähnlichen Gesicht
-und dem stahlharten Chitinpanzer, die metallisch
-glänzenden Erdflöhe u.&nbsp;v.&nbsp;a.: sie alle sind selbst dem
-kleinen Kind gute Freunde. Aber doppelt glücklich die
-Kleinen, wenn sie sehen, daß auch die Erwachsenen ihren
-Lieblingen Teilnahme entgegenbringen! Wie leicht ist
-es doch, die jugendlichen Beobachter auf diese oder jene
-Eigentümlichkeit ihrer sechsbeinigen Spielkameraden
-hinzuweisen, ihnen allerlei Geschichten aus deren Leben
-zu erzählen und ihnen so immer mehr Liebe zur Natur
-und zugleich Achtung vor allen Werken der Schöpfung
-einzuflößen. Gerade an dieser Achtung und Ehrfurcht
-fehlt es nicht selten! Vielleicht auch ist es mehr Neugier
-und Spieltrieb, als Mutwille und Zerstörungssucht, wenn
-Kinder sich der wehrlosen Insektenwelt gegenüber allerlei
-Grausamkeiten zu schulden kommen lassen; durch ein
-gutes Wort, einen Hinweis auf das Wunderwerk der
-Natur, das sich auch im unscheinbarsten Lebewesen offenbart,<span class="pagenum"><a id="Page_236">[236]</a></span>
-kann viel Unheil verhütet werden, Unheil, das
-weniger die Schöpfung bedroht, als &ndash; die Kindesseele.</p>
-
-<p>Auch <em class="gesperrt">Schmetterlinge</em> habe ich in großer Anzahl
-gesammelt, nachdem ich die Kunst erlernt hatte, sie auf
-dem Spannbrett zu präparieren, daß sie dann im Sammelkasten
-mit ausgebreiteten Flügeln ihre ganze Farbenpracht
-zeigten. Damals als Kind sah ich mich auf dem
-Lande von einem Reichtum, einer Mannigfaltigkeit an
-Groß- und Kleinschmetterlingen umgeben, daß mir die
-Artenzahl unerschöpflich schien. Heute ist das anders geworden,
-namentlich in der Nähe der Großstädte. Eine
-Verarmung an Faltern ist eingetreten, die ich tief beklage;
-denn gerade die leichtbeschwingten, bunten
-»Sommervöglein« sind es, die eine Landschaft aufs reizvollste
-beleben, wenn sie in großen Scharen über der
-Wiese ihr anmutiges Spiel treiben, von einer Blume
-zur andern gaukeln, sich haschen, ausgelassen herumwirbeln,
-hoch in die Lüfte steigen und dann schnell wieder
-herabflattern, um sich auf dem Blütenstern niederzulassen,
-der ihnen Nahrung verspricht. Farbe, Bewegung,
-Leben &ndash; ewig schade, daß wir heute so selten Gelegenheit
-haben, uns solcher Anmut zu erfreuen!</p>
-
-<p>Gewiß, auch vor einem halben Jahrhundert waren
-manche Großschmetterlinge in meiner Heimat ziemlich
-selten, und nicht jeden Tag flog mir ein Segelfalter ins
-Netz oder ein Schwalbenschwanz, und wenn es uns gelang,
-manche größere Schwärmer oder Eulen, Liguster-
-oder Wolfsmilchschwärmer oder gar ein rotes Ordensband
-mit Hilfe von Apfelschnitten, auf die viele Nachtfalter
-sehr lüstern sind, zu erbeuten, so waren wir
-glücklich.</p>
-
-<p>Aber heute fehlen vielerorts auch solche Falter, die<span class="pagenum"><a id="Page_237">[237]</a></span>
-früher zu den gewöhnlichsten Erscheinungen gehörten.
-Den Schmetterlingsraupen mangelt es hier an den zur
-Entwicklung nötigen Nahrungspflanzen. Wir sagten es
-schon: man nützt jedes Winkelchen aus und duldet kein
-Unkraut; das Saatgetreide ist viel reiner geworden, und
-gewiß ist auch die künstliche Düngung dem Entwicklungsgang
-mancher Falter höchst nachteilig.</p>
-
-<p>Mich verdrießt es, wenn ich Jungen mit Schmetterlingsnetzen
-durch die Wiesen rennen sehe: Raubzüge
-gegen die Natur, aus denen nichts Ersprießliches entspringt
-&ndash; in den meisten Fällen wenigstens. Nicht
-übertriebene Empfindsamkeit ist es, die mich dies absprechende
-Urteil fällen läßt; die Natur ist auch grausam,
-und dem Schmetterling wird's gleich sein, ob er im
-Rachen einer Eidechse endigt, im Schnabel einer nächtlichen
-Eule oder in der Äthernarkose des Sammlers.
-Es sind auch kaum pädagogische Gründe &ndash; wie verhärtet
-müßte mein Herz Pflanzen und Tieren gegenüber
-geworden sein, wenn Schmetterlings- und Käfersammeln,
-wenn Pflanzenpressen das Gemüt verrohen müßten &ndash;
-nein, Schutz der Natur ist es, wozu ich nicht eindringlich
-genug mahnen kann.</p>
-
-<p>Die Zeiten haben sich eben geändert, wollte auch
-nur ein kleiner Bruchteil unsrer Schuljungen sich eine
-Schmetterlingssammlung anlegen, so wäre es bald vorbei
-mit den bunten Faltern, und nur noch Weißlinge
-würden in unsern Gärten flattern. Auch die Schulen
-sollten Maß halten im Sammeln von Seltenheiten;
-einige häufiger vorkommende Vertreter der einzelnen
-Gattungen und Familien genügen vollkommen. Eine
-Schulsammlung soll kein Museum sein.</p>
-
-<p>Die Falter im Sammelkasten zeigen wohl ihr buntes<span class="pagenum"><a id="Page_238">[238]</a></span>
-Farbenkleid, aber ihr Leben und Treiben kannst du doch
-erst in freier Natur kennen lernen, ja selbst die Bedeutung
-der Farben und ihre verschiedene Verteilung auf
-Vorder- und Hinterflügel bei Tag- und Nachtfaltern
-wirst du erst begreifen, wenn du die leichtbeschwingten
-Geschöpfe in ihrer natürlichen Umgebung beobachtest,
-wie sie ihre bunte Herrlichkeit uns zeigen und dann
-plötzlich dank ihrer Schutzfärbung unserm Auge entschwinden.</p>
-
-<p>Viel wertvoller als Schmetterlinge zu sammeln erscheint
-es mir, wenn unsre Jugend sich mit der Aufzucht
-von Raupen beschäftigt und dann die Falter, die den
-Puppen entschlüpfen, freiläßt. Die Knaben und Mädchen
-lernen dabei gar manches und haben dann draußen im
-Freien, wenn sie einen Schmetterling sehen, noch die besondere
-Freude, möglicherweise einem guten Bekannten,
-der ihrer Zucht entstammt, begegnet zu sein.</p>
-
-<p>Viele Feinde unter den Menschen haben die <em class="gesperrt">Spinnen</em>;
-selbst der weitverbreitete Glaube, daß Spinnen
-Glück bringen, hilft ihnen nur wenig. Auch diese interessanten
-Tiere zu beobachten, findet sich oft für Kinder
-Gelegenheit, die auch von dem Erzieher wahrgenommen
-werden sollte: die Kreuzspinne, wie sie ihr kunstvolles
-Netz baut, an dessen Fäden sie eiligst dahinrennt, ohne
-sich zu verstricken, wie sie aus ihrem Versteck hervorschießt,
-die Fliege packt, die ins Netz geraten ist, und sie
-umspinnt, oder der seltsame Weberknecht, der »Kanker«,
-wie er tagsüber in einem staubigen Winkel sitzt und
-gegen Abend seine acht lächerlich langen Beine in Bewegung
-setzt, um auf die Jagd nach winzigen Insekten
-und Spinnen zu gehen, oder die Wasserspinne, die sich
-gut im Aquarium beobachten läßt; an den Wasserpflanzen<span class="pagenum"><a id="Page_239">[239]</a></span>
-spinnt sie sich einen Wohnraum, einer Taucherglocke
-vergleichbar, von wo sie hervorschießt, sobald ein kleines
-Wasserinsekt in die Nähe kommt. Überhaupt das Aquarium
-&ndash; in Schule und Haus gibt's kaum ein besseres
-Anschauungs- und Erziehungsmittel! Tag für Tag ein
-unversiegbarer Born der Belehrung.</p>
-
-<p>Daneben natürlich die Beobachtung in freier Natur,
-die niemals fehlen darf. Durch den Garten, der zu
-meinem Elternhaus gehörte, floß ein klares Bächlein.
-Nur wer selbst an solch einem Gewässer aufgewachsen ist,
-vermag zu beurteilen, was das für ein empfängliches
-Kinderherz bedeutet. Die hübsch gepunkteten Forellen
-wurden belauscht, wie sie unbeweglich im Wasser
-»stehen« und dann blitzschnell davonschießen; den
-Krebsen stellten wir nach, die in den Uferlöchern ihre
-Wohnung hatten, gleich neben der Wasserratte; die seltsamen
-»Hülsenwürmer«, die ihren weichen Hinterleib in
-einem Köcher bergen, den sie aus Pflanzenstengeln,
-Schneckenhäuschen, Steinchen gar zierlich zusammenfügen,
-erregten unser Interesse, wie die »Rattenschwanzlarven«
-der Schlammfliegen und die Larven und Puppen
-der Stechmücken, die zu Tausenden in einer Pfütze
-neben dem Bach ihrer weiteren Entwicklung entgegensahen.
-Rückenschwimmer und Wasserläufer, Larven der
-blauen Libellen und Eintagsfliegen, Schlammschnecken
-mit ihrem spindelförmigen Haus und Tellerschnecken &ndash;
-»Posthörnchen« nannten wir sie &ndash; es ist nicht möglich,
-all meine Jugendfreunde hier aufzuzählen.</p>
-
-<p>Viel Freude hatte ich als Kind an <em class="gesperrt">Schneckenhäusern</em>.
-Eine kleine, nette Sammlung, die ich mir
-damals anlegte. Die niedlichen Gebilde sind oftmals so
-hübsch gezeichnet, und so mannigfaltig ist die Färbung<span class="pagenum"><a id="Page_240">[240]</a></span>
-auch bei derselben Art, daß man immer wieder Neues
-entdeckt. Ich möchte die Schneckenhäuser der sammellustigen
-Jugend aufs wärmste empfehlen; denn ohne
-Sammeln, das weiß ich, geht's nun 'mal nicht ab. Beschränkt
-man sich auf leere Schneckenhäuser, so tut solch
-Sammeln niemand weh.</p>
-
-<p>Auch Muscheln bereicherten meinen Besitz, besonders
-als mir eine befreundete Familie hunderte solch zierlicher
-Gebilde, wie sie am Strande herumliegen, von
-ihrem Seeaufenthalt mitgebracht hatte. Zu meiner besonderen
-Freude fehlten auch prachtvolle tropische Formen
-nicht; denn überall in den deutschen Seebädern
-werden auch solche verkauft. Mein Jungenherz schwelgte
-in dem ungeahnten Reichtum an Formen und Farben.</p>
-
-<p>Nur ein klein wenig Verständnis, ein klein wenig
-Teilnahme seitens der Eltern solchen und ähnlichen
-Liebhabereien und Neigungen der Kinder gegenüber!
-Der Sinn für die Natur empfängt gerade durch den
-schon in jungen Jahren gepflegten Verkehr mit unsrer
-heimatlichen Kleintierwelt die stärkste Anregung und
-damit unsre Naturschutzbewegung &ndash; es ist dies meine
-vollste Überzeugung &ndash; die wirksamste Förderung.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-<div class="corr">
-<p>
-S. 55: Dippoldiswaldaer → Dippoldiswalder<br />
-Wolfssäule in der <a href="#corr055">Dippoldiswalder</a> Heide</p>
-</div>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of »Meine Brüder im stillen Busch,
-n Luft und Wasser«, by Martin Braeß
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK »MEINE BRÜDER IM STILLEN ***
-
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