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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: »Meine Brüder im stillen Busch, in Luft und Wasser« - -Author: Martin Braeß - -Release Date: June 2, 2020 [EBook #62311] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK »MEINE BRÜDER IM STILLEN *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text - ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist - ~so markiert~. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - »Meine Brüder - im stillen Busch, in Luft - und Wasser« - - von - - Martin Braeß - - 4. Band der Heimatbücherei - des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz - Dresden 1923 - - - - - Otto Wigand'sche - Buchdruckei in - Leipzig - - - - - Den Deutschen in Nordböhmen - - als Dank für ihre - dem Landesverein »Sächsischer Heimatschutz« - in schwerer Zeit geleistete Hilfe - - - - -Inhalt - - - Das Tier im Landschaftsbild unserer Heimat 5 - - Die volkstümlichsten Tiere der deutschen Märchen und Fabeln 41 - - Allerlei Fischräuber, bepelzt und befiedert 75 - - Malepartus, die Raubburg und Kinderstube von »Reinke de Vos« 109 - - Swinegel un sine Sippschaft 120 - - Vogelnester 148 - - Im Teichgebiet der sächsischen Lausitz 161 - - Die heimatliche Vogelwelt im deutschen Volksglauben 179 - - Schutz den schutzlosen Kriechtieren und Lurchen! 201 - - Sechsbeinig, achtbeinig und ohne Beine 230 - - - - -Das Tier im Landschaftsbild unserer Heimat - - -Das Leben auf unserer Erde kennt keine Schranke, kein Grenzstein -ist ihm gesetzt. Und es sind nicht nur die niedrigsten Lebewesen, -einzellige Algen, Pilze, Infusorien, die sich sozusagen überall -einstellen, nein, wenigstens von der Tierwelt gilt es, daß sich gerade -ihre höchsten Vertreter, die _Wirbeltiere_, die ganze Welt erobert -haben. - -Aus den größten Tiefen der Ozeane, wo längst keine Pflanze mehr -gedeiht, wo ewige Finsternis herrscht, bis auf die Flammen, die -sich die Tiere selbst anzünden, hat man eine erstaunliche Artenzahl -wohlorganisierter Fische ans Licht befördert, und hoch über der -Waldgrenze der Gebirge, wo nur noch kurzrasiges Gras an dem Steilhang -emporklettert und niedrige Alpenblumen ihre farbensatten Sterne dem -Sonnenstrahl öffnen, ja noch höher droben, wohin keine blühende Pflanze -mehr folgt, wo der zackige Felsengrat nackt und tot aus dem Firnschnee -zum Himmel emporstarrt, da haftet der Fuß der flüchtigen Gemse, des -Steinbocks, da pfeift im Steintrümmermeer das Murmeltier vor seiner -Höhle. Über allem Irdischen aber, an der blauen Glocke des Himmels, -schwebt in erhabener Ruhe der Adler, der König der Lüfte. - -In solcher Einsamkeit _herrscht_ dann das Tier als einzige Staffage der -Landschaft: der nackten Felsenzinnen oder des einförmigen Wüstensandes, -der weiten Meeresfläche oder des unermeßlichen Luftozeans, und nirgends -sonst erreicht der Eindruck des Lebendigen solche Stärke. - -Im übrigen aber vermag die Tierwelt nur in besonderen Ausnahmefällen -der Landschaft einen bestimmten Wesenszug aufzuprägen; sie tritt in -dieser Beziehung hinter der Pflanzenwelt weit zurück. Diese ist es, die -das Bild beherrscht; an ihr haftet das Auge. - -Düster, in blauschwärzlicher Färbung schaut der Nadelwald von den -Höhen herab auf die Ebene, wo unter der weißen Decke das Samenkorn -schlummert. Halbverschneite Hecken am Wege, ein einzelner Baum am -Rain, ein kleines Feldgehölz, das seine kahlen Äste und Zweiglein zum -bleigrauen Himmel erhebt, abgestorbene Stauden, deren Samenrispen -zwischen den Schneewehen emporragen, erhöhen den Eindruck der -Einsamkeit. Totenstille in der Natur. - -Die freundliche Au, vom gewundenen Bächlein durchfeuchtet, hat der -Frühling mit tausend Blüten geschmückt; lebensfroh schauen sie zum -Lichte empor. Vergißmeinnicht: ihr Blau ein Abbild des Himmels; -Löwenzahn, Ranunkulus, Dotterblume: goldenen Sonnen vergleichbar. Aus -den alten Weidenstümpfen streben rötliche Triebe empor mit gelbgrünen -Schmalblättern, während das Erlengestrüpp sein junges, glänzendes -Laub über das plätschernde Wasser ausbreitet, in dem sein Spiegelbild -zittert wie vor Erwartung seligster Lust. - -Vom stahlblauen Himmelsgewölbe strahlt die Julisonne herab auf die -Fruchtebene. Ein einziges Getreidefeld, wohin man nur schaut. Die -braungoldenen Weizenähren wogen wellenförmig im heißen Lufthauch, der -tosend über sie hinstreicht. Ein Bild der einförmigen Steppe; kein -Baum, kein Strauch. Hier herrschen die Fruchtgräser, von der Hand des -Landmanns angebaut. Nur am Rain glüht es rot, großblütiger Mohn, und -tiefblau schaut die Zyane aus dem lichtgelben Halmenmeer hervor. - -Der herbstliche Laubwald: in allen Farben und Tönen glänzt es und -gleißt es, vom zartesten Rosa bis zum sattesten Rot, vom lichtesten -Gelb bis zum tiefsten Bronzeton. Und wenn die goldne Oktobersonne vom -wolkenfreien Himmel herab all die Farbenflecke mit einer Fülle von -Licht, von brennender Glut überschüttet, wenn sie lange Schlaglichter -tief in den Wald wirft und helle Zitterkringel auf den Boden malt, daß -auch das abgestorbene Laub noch einmal aufleuchtet: ein Farbenbild von -wunderbarem Reiz, ein Farbeneinklang, der nicht seinesgleichen hat. - -Im Kreislauf des Jahres die _Pflanzenwelt_ ist's, die unsern -heimatlichen Landschaftsbildern ein ganz bestimmtes Gepräge verleiht. -Ihr ordnet sich alles unter, selbst der geologische Aufbau des Bodens, -der doch gleichfalls von allergrößter Bedeutung ist. Das _Tier_ aber -erscheint dem gegenüber als eine viel weniger wichtige Zugabe zum -Landschaftsbild, mehr zufällig bloß; man achtet seiner, nur weil man's -gerade bemerkt. Fehlte es, der Anblick, der ganze äußere Eindruck -wäre dennoch der gleiche; nur in besonderen Fällen wird man sich der -fehlenden Tierwelt als eines wirklichen Mangels der Landschaft bewußt. - -Und doch, wo immer es sei: ob sich die Pflanzenwelt in Macht und -Fülle aufbaut, daß die Baumriesen ihre Äste und Zweige zu gotischem -Dach über dem Wanderer wölben, oder ob nur spärliche Gräser die weite -Fläche dürftig bedecken; zu welcher Jahreszeit immer: ob der Winter -seine Herrschaft führt, daß der Waldbach, in eisige Fesseln gebannt, -nur leise plätschernd unter dem starren Panzer dahinmurmelt und der -Stamm des Hochwaldes vor Frost tiefächzend zersplittert; zu welcher -Stunde des Tages auch: ob die Mittagsglut auf der Flur liegt, drückend -schwül, kein atmendes Lüftchen, ob der Mond sein silbernes Licht -über den schlafenden Waldsee ergießt oder ob Morgennebel das Tal in -dichte Schleier hüllen -- nur ein einziges Tier in solchem Bild, ein -einziger Schrei oder Ruf, die Strophe nur eines Vögleins, und sofort -wird der Reiz der Landschaft erhöht, der ganze Eindruck in einer Weise -gesteigert, daß wir das Bild vor uns wie mit einem Schlage in ganz -anderem Lichte sehen. - -Woher dieser Zauber? Wir sind nicht mehr allein, nicht mehr die -einzig fühlende Brust; ein anderes Wesen nimmt teil an dem, was unsre -Sinne schauen, unser Herz bewegt. Das _Tier_ ist's, durch das Mutter -Natur zu uns redet, das beseelte Geschöpf. Seine Erscheinung, sein -Leben und Treiben, sein Ruf, seine Stimme: das ist der uns Menschen -verständlichste Ausdruck im Reiche der Schöpfung. - -Der nächtliche Sternenhimmel redet eine erhabene Sprache -- ach, -wie klein ist der Sterbliche doch, der andächtig zu den tausend und -abertausend funkelnden Sonnen emporschaut! Das Meer braust heran, -Woge auf Woge, ewig, gewaltig, unermeßlich, furchtbar im Sturm -- -eine Nußschale der riesige Dampfer, das Menschenleben ein Nichts. -Der massige Fels erzählt uns seine Geschichte aus nebelhaft grauer -Vorzeit, wie ihn die bebende Erde gebar, wie Jahrmillionen ihn formten, -auch das Unvergänglichste wandelnd -- wer versteht seine Sprache, -die uns allen so fremd ist! Der Krystall funkelt und gleißt, in -spiegelblanken Flächen bricht sich das Licht -- aber er spricht von -starren, toten Gesetzen. - -_Nur das Leben redet zum Leben in lebendiger Sprache_, in unsrer -Sprache, in der Muttersprache, die allen eignet, die niemand erlernt, -keiner zu erlernen braucht, die man nicht begreift mit dem Verstande, -sondern die uns von Anfang an innewohnt, tief im fühlenden Herzen. -Der Wald spricht mit uns, die einsame Wettertanne auf erhabener -Felsenwacht, die Blume am Bachesrand, das flüsternde Schilf, die -Heckenrose am Wege -- aber: »Fleisch von unserm Fleisch und Bein von -unserm Bein«, das gilt doch noch in weit höherem Grade von den Tieren, -von unsern »Brüdern«, wie sie Goethe in jenem bekannten Wort an den -»erhabenen Geist« nennt: - - »Du führst die Reiche der Lebendigen - Vor mir vorbei und lehrst mich meine Brüder - Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.« - -Die Sprache des Tieres, der Ausdruck seines Fühlens, seines Wollens -ist unsrer Sprache verwandt; dem Tiere schreiben wir, wie uns selbst, -eine Seele zu, die erkennt, die fürchtet und hofft, die liebt und -haßt. Und wenn uns der Verstand auch immer wieder zuruft, daß das -Geschöpf nicht anders handeln kann, als es handelt, daß es einem -inneren Triebe folgt, einer Naturnotwendigkeit, und daß der Tierfreund -in tausend Fällen die eignen Empfindungen und Gefühle erst in die -Brust des Tieres hineinträgt und so das Tier bis zu gewissem Grade -vermenschlicht -- warum, so frage ich, sollen wir das, was wir sehen, -nicht in unsre Sprache übersetzen? warum sollen wir absichtlich den -Eindruck zerstören, den eine sinnige Naturbetrachtung auf jedes -unverdorbene Gemüt ausübt? Der strengen Wissenschaft mag ihr Recht -bleiben, aber auch dem schlichten Naturfreund, der es im Verkehr mit -seinen Lieblingen alltäglich erfährt, daß wenigstens das höhere Tier -keineswegs eine bloße Maschine ist, ebensowenig wie der Mensch ein -willenloses Rädchen im Uhrwerk des Weltgetriebes. - -Zwischen unserm eignen Leben und dem Leben der höheren Tiere bestehen -innere Beziehungen, die schon das Kind, ja dieses vielleicht noch mehr -als der Erwachsene empfindet, und diese Fäden, die wir hinüberspinnen -zu jedem beseelten Wesen, sie sind, wenn mich mein Naturempfinden nicht -täuscht, die eigentliche, die tiefste Ursache für die _hohe Bedeutung -des Tieres im Landschaftsbild_ -- ganz gleich, ob das Lebewesen durch -seine Bewegung das Auge auf sich lenkt, ob es durch seine Färbung uns -ergötzt, durch seine Stimme unsre Aufmerksamkeit fesselt, ob es einzeln -auftritt und so den Eindruck der Einsamkeit verstärkt, oder ob ganze -Scharen das Bild beleben. - -Ach, wieviel würde uns fehlen, wenn wir durch unsern deutschen -Frühlingswald gingen und kein Vöglein würde sein Lied anstimmen, kein -Kuckucksruf, kein Trommeln der Spechte, wenn am Sommerabend kein Reh -zur Äsung auf die Waldwiese oder das Kleefeld träte, wenn die bunten -Falter nicht mehr über den Wiesenblumen gaukelten, am schilfbewachsenen -Teich der Chor der Frösche für immer verstummt wäre, wenn die -wandernden Vogelscharen nicht mehr am herbstlichen Himmel gen Süden -zögen, oder wieviel trauriger noch und öder unser nordischer Winter, -wenn die schneebedeckten Felder und das Geäst des entblätterten Baumes -nicht belebt wären von unsern gefiederten Freunden, die der Herrschaft -des rauhen Gewalthabers trotzen! - - * * * * * - -Keine Klasse des Tierreichs vermag das Landschaftsbild auch nur -annähernd so reizvoll zu beleben, wie die muntere Schar der _Vögel_. -Der Flug durch die Lüfte -- nicht an die Scholle gebunden wie -Vierfüßler oder Kriechtiere, sondern frei und froh, Überwinder der -irdischen Schwere -- dazu die auffallende Stimme, von dem zweisilbigen -Lockruf der Bachstelze oder dem einfachen Liedchen der Haubenlerche -an bis zu dem seelenvollen Gesang der Nachtigall und dem jauchzenden -Überschlag des Plattmönchs: das sind die Gaben, mit denen Mutter Natur -ihre und unsre Lieblinge wie kein anderes ihrer Geschöpfe ausgezeichnet -hat. Und durch diese beiden Eigenschaften tragen die Vögel an erster -Stelle zur Belebung des Landschaftsbildes bei. - -_Der freie Flug!_ Fühlt nicht jeder das Walten der Schönheit, wenn die -Möwenschwärme den meerumbrandeten Küstenfelsen umkreisen, wenn die -Schwalbe niedrig über dem glitzernden Dorfteich dahinschießt, ihre -Brust flüchtig ins Naß tauchend, um dann blitzschnell emporzusteigen, -höher als die schlanken Pappeln am Uferrand, wenn die Dohlen das alte -Gemäuer des Stadtturms umschwärmen, die Kiebitze über der feuchten -Wiese ihre Flugkünste zeigen, wenn der Kuckuck falkenartig von einem -Talhang zum andern hinüberwechselt, die langschwänzige Elster wie ein -Bolzen die Luft durchschneidet, oder der kleine Baumpieper von einem -Ästchen aus schief emporsteigt und sich dann in schön geschwungenem -Bogen wieder zu seinem Lieblingsplätzchen herabläßt! - -Und erst der _Raubvogel_, der König der Lüfte! Ob es ein Adler ist, -der stolz wie ein Flugzeug auf ausgebreiteten Schwingen ohne jede -Bewegung durch den Luftozean gleitet, oder ein niedliches Fälkchen, -das im Morgenglanz rüttelnd sein Spiel treibt, ein Wanderfalk, der in -rasendem Flug seiner sicheren Beute nachstürzt, der mächtige »Auf«, -der im Mondlicht lautlos durch sein Revier zieht, daß sein riesiger -Schatten gespensterhaft über die Geröllhalden und die waldumgrenzte -Gebirgswiese gleitet, oder nur ein Schleierkauz, der am dämmernden -Abend weichen Flugs über dem Sturzacker schwebt: der Anblick jedes -Raubvogels in der freien Natur löst in uns immer ein besonders starkes -Gefühl aus. Vielleicht weniger -- ich gebe es zu -- weil das Malerische -der Landschaft durch solch stolze Erscheinung gesteigert wird, als -vielmehr aus dem Grunde, weil wir uns dabei bewußt werden, noch einen -Ausschnitt, einen letzten Rest urwüchsiger Natur in unsrer leider so -verarmten Heimat vor uns zu haben. Ein Flugzeug -- ein Adler, hoch, -hoch im weiten Himmelsraum: vielleicht ist der Anblick ganz ähnlich, -aber die Wirkung auf den Beschauer, der zu beiden emporblickt, im -tiefsten Grunde verschieden! Dort stolze Bewunderung, daß es dem -Menschen gelungen ist, seinen Fuß von der Scholle zu lösen und sich -ins Reich der Lüfte zu schwingen; hier edle Freude an reiner, starker -Natur, ein Gottseidank, daß sie doch noch nicht völlig aus unserm -Lande, aus unsrer Zeit gewichen ist. Welcher Eindruck der stärkere -ist, das hängt ganz vom Beschauer selbst ab. - -Am sonnigen Frühlingsmorgen zwei _Steinadler_ über der Ebene, aus der -gegen Mittag die bayrischen Alpen aufsteigen. In schönen Spiralen -schraubt sich das Paar höher und höher, ohne Flügelschlag einander -umkreisend; bald schwebt dieser, bald jener über seinem Genossen. Den -Hochzeitsreigen üben die mächtigen Vögel; er trägt sie in unermeßliche -Höhen, daß sie dem Auge nur noch wie dunkle Punkte erscheinen. Schnell -wie der Blitz dann herab; jetzt ruhiges Schweben, und jetzt so -mächtiges Schlagen der stählernen Schwingen. - -Vom Fels zum Meer! Auf niedriger Düne stehend, begrüß' ich die Ostsee. -Nichts, nichts zu sehen als die unbegrenzte tiefgrüne See, deren -weiße Wellenkämme in endloser Folge heranrollen, und der weite Himmel -darüber -- kein Dampfer, kein Segel. Schnurgerade streckt sich die -Düne, mit Sandhafer nur dürftig bewachsen; hinter ihr Buchenwald und -ein paar Strandkiefern. Eine einzelne Seeschwalbe, ein Krähenpaar, -eine weiße Bachstelze am Strand -- aber sie sind nicht imstande, das -Gefühl der Einsamkeit und der endlosen Größe von Sand und Wasser zu -mildern. Plötzlich ein Schrei, und gleich braust es heran, dicht über -mir der gewaltige _Seeadler_. Er umkreist mich so niedrig, daß ich jede -einzelne Schwinge, die goldgelben Augen, das spitze, weißliche Gefieder -an Hals und Nacken, die orangefarbenen Fänge mit ihren schwarzen -Krallen ganz deutlich erkenne. Weiß leuchtet der Stoß. Da, noch ein -zweiter Adler, das etwas kleinere Männchen; mit hellem Schrei stürzt es -herbei. - -Ich bin in das Gebiet der Gewaltigen eingedrungen; eine hohe Kiefer -trägt ihren Horst. Wo ich auch stehe, die Adler umkreisen mich, -immer aufgeregt schreiend. Schwerfälliger ist ihr Flug als der des -Steinadlers, aber mächtig der Eindruck, mächtig und kraftvoll wie das -Astwerk der noch blattlosen Buchen, wie die rotbraunen Stämme der -uralten Föhren, gewaltig wie die Wogen der brausenden See: ein Bild -urwüchsiger Kraft. - -Auf der Seenplatte, die Norddeutschland von Ostpreußen bis Holstein -durchzieht, haust noch ein anderer Adler. Nicht zu den Größten -gehört er unter den Großen, aber er ist der Edelsten einer des edlen -Geschlechtes. Ein herrlicher Anblick, wenn der _Fischadler_ über -seinen Jagdgründen schwebt! Kaum hebt sich am Morgen der wallende -Nebel über dem dunkeln Waldsee, so erscheint, langsam die Fittiche -schwingend, der stolze Fischer über seinem Jagdgrund! Er senkt sich in -schöner Schraubenlinie herab und umkreist dann den See. Jetzt hemmt -er den Flug; wie ein Falke hängt er im Luftraum. Einen Fisch hat sein -Adlerauge entdeckt. Plötzlich, mit vorgestreckten Fängen stürzt er ins -Wasser; aber noch ehe die Wellenkreise das nahe Ufer erreicht haben, -erscheint der kühne Taucher schon wieder, den Flossenträger in den -wehrhaften Klauen. Die Wassertropfen schüttelt er vom Gefieder; dann -fliegt er heim nach seinem Horst. Still ruht wieder der Waldsee. - -Soll ich noch weiter Bilder entwerfen von dem gaukelnden Spiel der -_Turmfalken_ über den Steilwänden und zwischen den Felsenzinnen der -Talschlucht, von dem reißenden Flug des beutegierigen _Sperbers_, -der vom Gehölz her mitten in die Schar der Feldsperlinge stürzt, daß -sie die rettende Hecke kaum noch erreichen, von dem sanften, ruhigen -Schweben hoch über der Flur und noch höher über den Wipfeln des -Waldes, wie es die _Milane_ üben, der rote und der schwarzbraune, oder -von dem lautlosen Dahingleiten der _Rohrweihe_, ganz niedrig über dem -Schilf und dem im Sonnenstrahl glitzernden Wasser -- wer nur einmal -Zeuge solch eindrucksvoller Naturbilder ward, der denkt sein Lebtag -daran. - -Im Hochgebirge, wo die Felsenzinken zum tiefblauen Himmel emporstarren, -in der Flachlandschaft, die den See grün umgibt, im Hochwald unsrer -Mittelgebirge, oder draußen am Meeresgestade, wo die brandende Welle an -den Klippen zerschellt: überall bildet die Erscheinung eines Raubvogels -die wirkungsvollste Bereicherung des Landschaftsbildes, eine wertvolle -Zugabe, die den Beschauer alles andere ringsum vergessen läßt. - -Aber die Raubvögel sind nicht die einzigen Meister im Flug. Oft ist's -die Wirkung der Massen, die zur Geltung kommt. Wie prächtig ist doch -der Anblick eines nach Tausenden zählenden Schwarmes ziehender _Stare_ -im Herbste! Wahre Wolkenzüge, die fortwährend ihre Form ändern, bald -breiter, bald schmäler werden, jetzt sich teilen und jetzt sich von -neuem zu einem Riesenballe vereinen, der durch die Luft rollt. Oder -der schier endlose Zug der _Krähen_, die in lockeren Gruppen am -geröteten Abendhimmel nach ihren nächtlichen Ruheplätzen im Walde über -der Schneelandschaft lautlos dahinstreichen -- wie malerisch, wie -stimmungsvoll dieser Anblick! Anders wieder der Zug der _Kraniche_, den -man an hellen Herbsttagen bisweilen beobachten kann. Sie ziehen immer -so, daß sie einen spitzen Winkel mit zwei ungleich langen Schenkeln -bilden, jeder einzelne Vogel mit Hals und Beinen eine schnurgerade -Linie darstellend. Ein ganz eigentümliches Bild, diese zwei dunkeln, -in einem Punkt sich vereinigenden Striche, wie sie am Herbsthimmel -gen Süden stürmen, im Verein mit dem fallenden Laub, den abgeernteten -Feldern, der letzten Rose im Garten von stärkstem Eindruck auf unser -Gemüt. Werden wir sie wiedersehen, die Boten des Frühlings, noch einmal -die lieblichen Bilder erleben, die in trüben Wintertagen die Sehnsucht -nach dem erwachenden Lenz uns vor die Seele zaubert? -- -- - -Wenn die grünen Spitzen der Saat aus der leichten Schneedecke -hervorschauen, wenn das Schneeglöckchen sein Köpfchen erhebt und an den -Ruten der Haseln die Kätzchen den Blütenstaub ausstreuen, dann begrüßt -vor seinem Bretterhäuschen Freund _Star_ den aufgehenden Sonnenball mit -jauchzenden Rufen. Von den bereiften Ästen herab schwatzt der muntere -Bursche seine bescheidenen Strophen hinein in den goldenen Morgen. -Nicht genug kann er sich tun vor Freude und Lust: daheim, wieder -daheim! Im schönsten Farbenschmuck, metallisch grün und tief purpurn -läßt die Sonne sein dunkles, weißbetropftes Gefieder erscheinen: -ein liebliches Stimmungsbild, das die selige Hoffnung auf den bald -einziehenden Lenz weckt -- »Frühling, Frühling wird es nun bald!« - -Nur wenig Wochen, und die _Lerche_ steigt am Ostermorgen zum Himmel -empor, als wollte sie mit ihrem Siegesruf auch die fernsten Fernen des -Weltalls erfüllen. Höher und höher flattert das kleine Vöglein über der -lenzfrohen Saat, bis es schließlich unserm Auge entschwindet. Aber der -Lobgesang, mit dem die Sängerin dort oben die ersten Sonnenstrahlen -begrüßt, bleibt noch immer vernehmbar. Bald hallt der ganze Himmel -wider von den Jubelchören der singenden Lerchen. Nichts predigt -so laut und eindringlich das Auferstehungsfest der Natur, wie das -»melodisch gewirbelte Lied« der Lerchen, die hoch über dem sprossenden -Grün oder dem samenauswerfenden Landmann, »im blauen Raum verloren«, -jauchzen und jubilieren -- ein Lied ohne Ende, »bei dem die Saaten -lachen«. - - * * * * * - -Wohl ist das Auge der schärfste Sinn, aber die Pforte, die noch tiefer -in unser Innerstes führt, noch unmittelbarer zu Herz und Gemüt, ist das -Ohr. Und kein Zweifel, die Bedeutung der Vögel für das Landschaftsbild -beruht noch weit mehr auf ihrer hervorragenden _Stimmbegabung_, als auf -ihrer bloßen Erscheinung. Dabei wollen wir nicht nur an den jauchzenden -Ruf der Singdrossel, an die Flötenstrophe ihrer Base, der Amsel, an -Rotkehlchens sehnsuchtsvolles Lied, an die kecke Fanfare des Zaunkönigs -oder an den unvergleichlichen Gesang der Nachtigall denken, sondern -auch an andere anspruchslosere Lautäußerungen, zumal bisweilen ein -einzelner Schrei oder ein ohrenbetäubendes Stimmengewirr, aber auch ein -feiner Lockruf von der stärksten Wirkung ist und dem Landschaftsbild -eine ganz bestimmte Färbung verleihen kann. - -Vielleicht ist es nur Einbildung, nur eine schönklingende Redeweise, -wenn man behauptet, eine Beziehung herstellen zu können zwischen den -vielfältigen Stimmen der Natur und den verschiedenen Örtlichkeiten, -die durch solche Lautäußerungen belebt werden, ein leeres Geschwätz, -wenn man meint, der Lobgesang der Lerchen stimme zu der Frühlingssaat, -da unaussprechlich innige Seufzen und Schluchzen der Philomele zu -dem nächtlich dunkeln Gebüsch am Rande des Weihers; nur zu der -Meereswoge, vom heulenden Sturm gegen die Klippen gepeitscht, passe -der heisere Schrei der Möwe, und zu dem nächtlichen Hochwald der -unheimliche Eulenruf; der liebliche Gesang des Rotkehlchens gehöre -in den lichten, maiengrünen Laubwald und das Schackern der Elster -auf die beschneite Flur. Möglich, daß Vogelstimme und Örtlichkeit -wirklich nichts miteinander zu tun haben, obgleich ich darauf hinweisen -könnte, wie z. B. der Lehrmeister der Wasseramsel ohne Zweifel das auf -steinigem Grunde dahinplätschernde Gebirgsbächlein gewesen ist, mit -dessen leisem Rieseln der Gesang des am Wasser aufgewachsenen Vogels -verglichen werden kann, wie das bunte Allerlei der quecksilbernen -Rohrsänger in seiner ganzen Färbung etwas vom Froschkonzert und vom -Gurgeln des Wassers am unterwaschenen Uferrand hat; aber angenommen -auch, es seien nur liebe Erinnerungsbilder -- das jungbelaubte Eichen- -oder Buchenwäldchen im Talgrund, das beim Pirolruf vor unsrer Seele -auftaucht, der schneebedeckte Fichtenbestand, den die Strophe des -Kreuzschnabels uns vorzaubert -- soviel steht jedenfalls fest, daß -unsre Einbildung, diese oder jene örtlichen und zeitlichen Verhältnisse -harmonierten mit ganz bestimmten Vogelstimmen, durchaus lebendig ist -und täglich neue Nahrung empfängt. _Wo wir aber Harmonie empfinden, -empfinden wir Schönheit._ Nicht darauf kommt's an, ob solcher Einklang -wirklich besteht, ob der Verstand ihn ablehnt oder begründet, sondern -allein auf unsre _Empfindung_. - -Nur ein paar Beispiele, die den tiefen Eindruck der Vogelstimmen auf -unser Gemüt weit besser erläutern als viele Worte. - -Den Ruf der _Wachtel_ kennt jeder, und jedermann liebt ihn. Und doch -anmutig und lieblich kann man ihn kaum nennen. Dazu ist er zu kurz und -namentlich zu hart abgebrochen, in der Nähe sogar ziemlich gellend und -scharf. Nur aus drei Silben besteht der Ruf, ein Daktylus, der stets -wiederholt wird. Wie erklärt sich also der nachhaltige Eindruck des -Wachtelschlags und unsere Vorliebe für ihn? _Die Stimmung, die Färbung -der ganzen Umgebung, das ist die Lösung des Rätsels._ - -Dem rastlosen Treiben der Stadt haben wir den Rücken gekehrt, der -drückenden Schwüle in den staubigen Straßen sind wir entflohen. Die -heiße Sommersonne ist untergegangen, ein erfrischender Abendhauch weht -aus dem Saatgefilde. Vor uns das Dorf, in blaue Dämmerung gehüllt: -ein Bild des Friedens. Der Lerche bunte Lieder sind verstummt; nur -das gleichmäßige Zirpen der Grillen zittert einschläfernd durch die -weite Flur. Das blühende Weizenfeld hat sich dem Schlaf überlassen; -wie im Traum nickt die geschlossene Blüte des Mohns, und nur ein -paar Abendfalter taumeln über der ruhenden Flur. Da steigt der -Mond am östlichen Himmel auf, und nun tönt es vom Rande des Feldes -»pickwerwick, pickwerwick,« zehn- oder zwölfmal, dann eine Pause. -Eine zweite Wachtel gibt Antwort; in der Ferne schlägt eine dritte, -und je mehr sich die Mitternacht nähert, um so hitziger schallt es. -Erst in den frühesten Morgenstunden verstummt allmählich der muntere -Schlag. Wenn aber dann der junge Tag den nordöstlichen Himmel zu -röten beginnt, tönt es wieder gar eifrig durchs ganze Gelände, das -freundliche »Pickwerwick«, und die ersten Lerchen in der Höhe stimmen -mit ein in den Gesang des Feldes tief unter ihnen. - -Schade, ewig schade, daß die vielen Wachteln, deren Schlag mich in -meinen Jugendtagen zur Sommerszeit allabendlich erfreute, bis auf -einzelne Ausnahmen in meiner Heimat verschwunden sind. Unersetzliche -Stimmungswerte sind mit ihnen verloren gegangen; die friedlichen -Feierabende des Dorfs haben eine schwere Einbuße erlitten, und das -Leben des Landmanns ist ärmer geworden. - -Von stärkster Wirkung ist auch der _Eulenruf_. An sich unschön, ja -häßlich, heulend und schreckhaft; aber wir glauben gleichfalls eine -Harmonie mit Zeit und Ort zu fühlen, und so dürfen wir auch hier von -einer ästhetischen Bedeutung solch seltsamer Lautäußerungen sprechen. - -Der nächtliche Wald oder das einsame zerfallene Gemäuer weckt die -Einbildungskraft, so daß auch der nüchternste Mensch sich nur schwer -eines gewissen Grauens erwehren kann. Aus jedem größeren Wald, -selbst aus manchem Park erschallt um die Zeit von Frühlings Tag- und -Nachtgleiche der Ruf des Waldkauzes; oft wiederholt klingt er wie -heulendes Hohngelächter. Was ist dieser Ruf aber gegen das schauerlich -widerhallende »Buhu« des mächtigen »Aufs«, das der König der Nacht -zur Paarungszeit fast ununterbrochen hören läßt. Wer in uhureicher -Gegend, z. B. in den Waldgebirgen Bosniens nur einmal eine mondhelle -Nacht erlebt hat, wird es begreifen, daß der Uhuruf im Aberglauben, -in Märchen und Sagen eine große Rolle spielt. Unheimlich klifft und -klafft es, heult und wiehert, lacht und jauchzt es durch den dunklen -Gebirgswald. - -In unsrer engeren Heimat finden sich die weitaus größten -_Vogelgesellschaften an den Teichen und Seen_ der Lausitz. Sie -verleihen dem Landschaftsbild zu allen Jahreszeiten einen ganz -besonderen Reiz, an dem sich Auge und Ohr des Naturfreundes immer von -neuem ergötzen. - -Schon aus der Ferne vernimmt man im zeitigen Frühling, wenn kaum die -ersten grünen Spitzchen des jungen Schilfs über der Wasserfläche -hervorschauen, ein vieltöniges Stimmengewirr. Enten der verschiedensten -Art schreien und quälen; die Kiebitze, die eben von der Reise zurück -sind und von denen einige uns umgaukeln, seltsamen, wuchtelnden -Flugs, stoßen ihre zweisilbigen Klagerufe aus; Bläßhühner lassen ihre -scharfe Lockstimme hören; mit tiefem »grök grök« melden sich die -großen Haubentaucher, während ihre kleinen Vettern, die niedlichen -Zwergtaucher, hell kichern und trillern, die Rothalstaucher aber, die -lautesten ihrer Sippe, seltsam grunzen und quieken, daß man's weithin -hört von einem Teich zu dem andern. Lachmöwen sind auch schon da; -unruhig flattern sie durch die Luft. Aber noch vielmehr mögen sich -in jener Bucht verbergen, die das abgestorbene Schilf unsern Blicken -entzieht; denn hundertfach tönt das nimmermüde »Krrriäh« aus dem -geschützten Winkel. - -Wenn aber in ein paar Wochen Drossel- und Teichrohrsänger von der -Reise zurück sein werden, dann geht's noch viel lauter zu; dann hat -diese kleine quecksilberne Sängergesellschaft das Wort; »karrakiet, -karrakiet,« den ganzen Tag fast, besonders am frühesten Morgen und am -Abend bis spät in die Nacht. Kaum zur Geisterstunde gönnt man sich -eine Pause. Es ist, als wollten sie wetteifern mit dem Gequak und -Geknarr der Froschsänger, deren Stimmen die ganze Frühlingsnacht nicht -müde werden. - -Und nun treten wir durch das Röhricht ans Ufer. Da schwimmt es auf dem -Gewässer, flattert empor, taucht unter, rennt flügelschlagend über den -Wasserspiegel oder segelt hoch in der Luft. Lachmöwen wirbeln umher -wie riesige Schneeflocken oder ruhen, weißen Seerosen zu vergleichen, -in der lauschigen Bucht, die sie sich zur Brutstätte erkoren haben; -einzelne Trauerseeschwalben schießen durch die Luft; Rotschenkel -ziehen, unermüdlich rufend, ihre Kreise; hinter der Ente flattert der -Erpel von einem Teich zu dem andern: Taucher und Tauchenten üben ihre -Kunst: weg sind sie, mit einemmal verschwunden, um dann an anderer -Stelle wieder aufzutauchen. Das grünfüßige Teichhühnchen macht seinem -Weibchen den Hof; weißstirnige »Blässen« schlagen mit ihren Lappenfüßen -das Wasser; neue Ankömmlinge -- kleine Krikenten sind es -- brausen mit -seltsam schwingenden Flugtönen herbei, und ein paar Rothalsmännchen -bekämpfen einander, bellende und quiekende eifersüchtige Kriegsgesänge -ausstoßend. In der Tat, ich kann mir einen solchen Flachlandsee -meiner Heimat kaum denken ohne das bunte, vielgestaltige Leben seiner -gefiederten Bewohner, und ich weiß nicht zu entscheiden, ob es das -Auge ist oder das Ohr, durch dessen Vermittlung uns dieses nimmermüde -Treiben wirkungsvoller zum Bewußtsein kommt. Ach, wie wäre solch Teich- -oder Seenlandschaft unsrer Heimat mit einem Schlage all ihres Reizes -bar, wenn ihr plötzlich dies reiche Leben geraubt würde! - -Und diese Gefahr liegt vielleicht nicht so fern, wie die meisten wohl -glauben. Die Entenscharen haben schon hie und da in erschreckender -Weise abgenommen; wie viele Lachmöwenkolonien sind bereits völlig -verschwunden, wie viele in den letzten Jahrzehnten kleiner und kleiner -geworden! Nicht ein einziges Reiherpaar horstet mehr auf sächsischem -Boden, und der merkwürdigste Vogel unsrer Lausitzer Seenlandschaft, -die _große Rohrdommel_, ist auch bereits so selten geworden, daß man -sie für Sachsen heute schon als ein Naturdenkmal bezeichnen muß. Und -gerade das tiefe »Prumb«, das dieser reiherartige Vogel in der Stille -der Nacht ausstößt, daß man's wohl eine halbe Wegstunde weit hört, ist -wie der Uhuruf im Hochwald oder das Orgeln und Röhren des Platzhirschs -im Herbst von allergrößter Wirkung. Seltsam hört sich's an, und manches -abergläubische Männlein und Weiblein meint, ein Gespenst treibe auf der -schilfbewachsenen Insel im Teich sein unheimliches Wesen. - -Auch Instrumentalmusik wird von einigen Vögeln geübt. Da sind zunächst -die _Spechte_ zu nennen. Ihr ganzes Dasein, von der Wiege bis zur -Bahre, steht in innigster Beziehung zum Holz. Kein Wunder also, daß -sich ihre musikalische Betätigung von Anfang an dem Xylophon zugewandt -hat; sie spielen es meisterhaft. Man soll nur versuchen, es ihnen -nachzumachen, man bringt's nicht. Unser Trommeln auf irgendeinen -dürren Ast bleibt Stümperei gegenüber dem kräftigen Schnurren, wie -es besonders der Schwarzspecht, aber auch die kleineren Buntspechte -üben. Sobald der trommelnde Specht nach einem andern Baumzacken fliegt -und mit seinem Instrument wechselt, gleich gibt's einen andern, d. -h. höheren oder tieferen Ton. Dieses Lied ohne Worte ist auch ein -Liebeslied. Es paßt zu der ganzen seligen Frühlingsstimmung im Wald und -im Park und in der lenzgrünen Au, es paßt zu dem ersten Kuckucksruf und -zu dem liebeflehenden Gurren der Wildtaube, zum süßen Lied des Fitis, -wie zum kecken Reiterstückchen des Buchfinken. Den Frühlingstagen -in der sonnigen Heide würde ein eigener Reiz fehlen, wenn sich die -gefiederten Trommler nicht mehr hören ließen. - -Und nun unsre _Störche_. Kein Vogel vermag dem Dorfbild so viel -Stimmung und Reiz zu verleihen wie Adebar, unser Langbein; selbst die -lieblichen Schwalben, deren Flug und Gezwitscher das Dorf so anmutig -beleben, müssen in dieser Beziehung hinter ihm zurücktreten. Sie sind -die Schützlinge jedes einzelnen Gehöfts, der Storch aber ist der -Freund der ganzen Gemeinde, gewissermaßen ihr Vertreter innerhalb der -gefiederten Welt. Ich bin so froh, daß wir in der sächsischen Lausitz -noch eine kleine Anzahl besetzter Storchnester haben. Ist's nicht ein -hübsches, gemütliches Bild, wenn die Störche kurz vor Sonnenuntergang -zu ihrem Horst heimkehren und nun am First der strohgedeckten Scheune -stehen, wo sie sich so gut vom geröteten Abendhimmel abheben! Jetzt -vernimmt man auch ihr seltsames Klappern. Es klingt nicht schöner, als -wenn ein Stock schnell über einen hölzernen Zaun hinfährt; aber Poesie -ist's doch, Dorfpoesie, wie das Mühlengeklapper, das Dengeln der Sense, -das Klipp-klapp der Dreschflegel auf harter Tenne. Urgemütlich hallt -es von der Höhe herab durch die ganze Gemeinde zu jedermanns Freude. -Wer es nicht fühlt, daß das Klappern der Störche mehr ist, als bloßes -Geräusch, der hat keinen Sinn für die Reize des Landlebens, kein -Verständnis für das friedliche Dorfbild des Niederlandes, ja es fehlt -ihm die rechte Liebe zur Heimat. - - * * * * * - -Viel geringer in ihrer Bedeutung für das Landschaftsbild sind die -hübschen _Farben_ und _Zeichnungen_ des Vogelkleides. Mutter Natur -handelt gar fürsorglich; sie hat ihre Lieblinge so ausgestattet, daß -selbst ein bunter Vogel, wenn er ruht, nicht besonders auffällt. Der -weiße Bürzel des Eichelhähers oder der Hausschwalbe, der goldgelbe -des Grünspechts, das Weiß und Schwarz der Kiebitze, selbst das -buntschillernde Gewand des Eisvogels, das tropische Farbenkleid der -Blaurake oder des Pirols: das alles kommt doch erst während des Flugs -zur Geltung. Die Bewegung bleibt immer die Hauptsache. - -Wie ein leuchtender Funken schießt der _Eisvogel_ an uns vorüber, -metallisch grün und seidig blau, ein blitzender Edelstein von -unvergleichlicher Schönheit. Besonders in der Winterlandschaft, -wenn der Gebirgsbach das schimmernde Eis, das ihn einzwängen will, -mit weißem Gischt überschäumt und das Licht sich in den glänzenden -Schneekristallen tausendfach bricht, dann ist der wunderbare Vogel eine -geradezu märchenhafte, ich möchte sagen überirdische Erscheinung. Ist's -Wirklichkeit oder ist es ein Traum, der unser Auge getäuscht hat? - -Eine prächtige Zierde des winterlichen Waldes sind auch die -_Kreuzschnäbel_, nordische Gäste, die uns freilich nicht in jedem -Jahre reichlich besuchen. Ihr Kleid ist wundervoll johannisbeerfarben. -Wenn auf jedem Zweig dichter Schnee liegt und nur hie und da zwischen -dem reinen Weiß die schwarzgrünen Nadeln hervorschauen, dann kann man -sich an dem Farbenreiz der kleinen roten Geschöpfe, wie sie an den -Spitzen der Ästchen oder an den Zapfen herumklettern, nicht satt sehen. -Natürlich wird die Wirkung der Farbe erhöht, wenn die geselligen Vögel -in möglichst großer Zahl auftreten. Denn der einzelne dieser kleinen -Gesellschaft ist ja nur ein Punkt in dem weiten Landschaftsbild; es -müssen sich schon mehrere zu einem bunten Fleck vereinigen, ehe von -einer Farbenwirkung gesprochen werden kann. Und Sonne gehört dazu, -strahlende Sonne! - -Ist's bei den Blumen nicht ebenso? Die einzelne Blüte des Mohns, -des Windröschens, der Dotterblume, selbst ein einzelner Busch des -blühenden Heidestrauchs, der Schlehe, des Ginsters geht trotz aller -Farbenpracht in dem großen Gemälde verloren. Viele tausend gleichartige -Blumen sind dazu nötig, auf der Wiese gelbe oder blaue Flecken zu -malen, den Schlehdorn, den Obstbaum in duftigen Schnee zu hüllen, der -sandigen Heide im Spätsommer das lichtviolette Kleid zu weben, den -Berghang in Gelb oder Rosa zu tauchen, und nur wenn wir ganz nah an ein -enger begrenztes Bild herantreten, da genügen auch einzelne Blumen, -einen farbigen Eindruck hervorzurufen: ein paar Rosen am Gartenhaus, -feurige Mohnblumen am Feldrain oder ein paar Schwertlilien am kleinen -schilfumgrenzten Weiher. - -Aber gerade den farbenprächtigsten Vögeln begegnet man nur selten -in größerer Anzahl, wenigstens in unserer Heimat. Ich entsinne mich -nur ein einziges Mal einen Trupp von zwölf oder fünfzehn _Pirolen_ -angetroffen zu haben. Sie flogen zwischen den Pappelreihen der Straße -eine lange Strecke vor meinem Wagen her; dabei setzten sie sich in -regelmäßigen Zwischenräumen auf die Bäume und warteten, bis das Gefährt -herankam, um dann wogenden Flugs wieder voranzueilen. Ein bezaubernder -Anblick war's, wie das goldgelbe Kleid dieser Vögel abwechselnd -aufblitzte und verlöschte, je nachdem das grelle Sonnenlicht sie -umflutete oder die schwarzen Schatten der hohen Pappeln auf sie fielen. -Also auch hier Hand in Hand Bewegung und Farbe. - -Bei der bunten _Mandelkrähe_ habe ich einmal in der Lausitz ganz -Ähnliches erlebt; aber es waren nur vier oder fünf, die mich durch die -sandige Heide ein gut Stück begleiteten. - -Im Gesamtbild der Landschaft tut's immer erst die Masse, und in dieser -Beziehung wüßte ich keinen Vogel zu nennen, dessen Farbenkleid seinem -Aufenthaltsort so zum Schmucke gereicht, wie der weiten Wasserfläche -die schneeige _Lachmöwe_ mit ihrem zartblauen Mantel. Den vollen Genuß -gewährt aber auch hier erst die Bewegung, wenn die langflügligen -Vögel zu Hunderten in der Luft wirbeln und ihre kreischenden Stimmen -hören lassen. An der Meeresküste übertönen die _Sturm-_ oder die -_Silbermöwen_ selbst die Wogen der brandenden See, so laut diese -auch gegen die Klippen krachen und donnern. Wenn irgendein Vogel das -Geschöpf einer bestimmten Landschaft genannt werden kann, so ist es die -Möwe. Der Sturm hat ihr die bangen Armknochen und die starken Schäfte -der Schwingen gegeben; die See hat die Ruder gebildet von höchster -Vollendung: der kurze Lauf, seitlich zusammengedrückt, und Schwimmhäute -zwischen den Zehen. Das Blau des Himmels, an dem die weißen Wolken -dahinziehen, das Blau der See, mit dem Weiß der Wellenkämme geschmückt: -die Möwe trägt die gleichen Farben auf ihrem Kleid. »Flatternd schwebt -sie am Himmel, dicht fliegt sie über den Wellen; den lichten Seglern -folgt sie hinaus übers Meer, mit den Wolken zieht sie ins Land. Wo -ein See oder Teich des Himmels Bläue mit den schneeweißen Wolken -wiederspiegelt, da erkennt sie die Heimat -- die Mutter ist's, das -unendliche Meer, das blauen Auges emporschaut -- wo ein Schiff auf dem -Rücken des Stromes langsam dahinzieht, da flattert die Möwe: Grüß mir -das Meer und die felsigen Klippen am Strand und die Brandung im Sturm.« -(Aus des Verf.s Abhandlung über die Möwen in den »Lebensbildern aus der -Tierwelt«, R. Voigtländers Verlag.) - -An Farbenpracht ihrer Geschöpfe wird unsre nördliche Heimat von -südlicheren Zonen weit übertroffen. Man hat deshalb wiederholt -versucht, diesem Mangel etwas abzuhelfen, indem man sich Mühe gab, -_fremdländische Vögel_ in Deutschland einzubürgern. Jäger und -übereifrige Vogelfreunde nahmen sich der Sache an. Jene wollten sich in -ihrer Lust an Hege und Jagd nicht genügen lassen mit unsern Feld- und -Waldhühnern, mit Enten und andern Wasservögeln; diese dachten sich's so -schön, die Farbenpracht fremder Zonen in unsre Parks, Gärten und Wälder -zu verpflanzen. Beides Versuche, gegen die sich glücklicherweise die -Natur selbst wehrt. Nur eine einzige Vogelart hat sich wirklich dankbar -gezeigt, der Fasan, dessen Einbürgerung restlos gelungen ist, obgleich -nicht nur das Prachtgefieder, sondern auch das ganze Gebaren des Tieres -den Fremdling noch immer auf den ersten Blick verrät. Dagegen sind -Schopf- und Baumwachtel, Rot- und Moorhuhn sehr bald wieder von der -Bildfläche verschwunden, ebenso der amerikanische Wildputer. Und von -den chinesischen Nachtigallen, Papageien, roten Kardinälen und andern -Ausländern hat man nicht selten an dem Tage, da man sie aussetzte, das -letzte bunte Federchen gesehen. Und das ist gut so. Diese Fremdlinge -passen ebensowenig in die heimatliche Landschaft, wie Weymouthskiefer, -Roßkastanie, Robinie, amerikanische Eiche in den deutschen Wald, -während man in Gärten und Parks sich diese fremdländischen Bäume wohl -kann gefallen lassen. - -Anders das _zahme Hofgeflügel_, das ja, soweit es, zur artenreichen -Familie der Hühner gehört, gleichfalls fremdländischen Ursprungs ist. -Hier handelt es sich um Genossen des Menschen, die seine Wohnstätte -mit ihm teilen und dieser tatsächlich zu hoher Zierde gereichen; zur -freien, unberührten Natur aber würden sie gleichfalls im Widerspruch -stehen. Einen Bauernhof, und sei er noch so klein, ohne die muntere -Schar der Hühner, geführt vom farbenprächtigen Hahn, kann man sich -ebensowenig denken, wie das herrschaftliche Gut ohne den kollernden -Puter mit seinen Hennen, und wenn auf der Freitreppe vor dem Schloß -der Pfau sein glänzendes Rad schlägt, so paßt solche Farbenpracht -recht wohl zu dem Reichtum, von dem das Bild zu uns spricht. Tot -ist die Dorfstraße, wenn nicht schillernde und buntscheckige Hühner -umhertrippeln oder an den Hoftoren in den flachen Löchern ruhen, die -sie sich im Schatten des blühenden Hollers ausgescharrt haben. Wie -anmutig auch der Blick in die Höhe, wenn die Tauben ihre Flugkünste -zeigen, in weiten schön geschwungenen Bogen die ganze Ortschaft -umfliegend, bald sich trennen, bald sich wieder vereinen, um sich -endlich flatternd auf dem Dach niederzulassen, unter dem sie wohnen. - -Auch unser _zahmes Wassergeflügel_, dessen Stammväter und -mütter -bei uns Heimatrecht genießen, die Gänse und Enten und vor allem die -Schwäne, sind recht wohl imstande, das Landschaftsbild aufs reizvollste -zu beleben. Die Enten am Bach oder Dorfteich -- ach, wie gemütlich -ihr eifriges Schnattern -- die Gänseherde, die durch das Gras zieht, -militärisch in langer Reihe, aber watschelnden Ganges, der stolze -Schwan, gleich einem Schiff mit geblähten Segeln über den Spiegel des -Schloßteichs gleitend: man erfreut sich doch immer wieder an solchem -Anblick, so oft man's auch schon geschaut hat. - - * * * * * - -Hinter dem Vogel bleiben alle andern Tiere in ihrer Bedeutung für das -Landschaftsbild weit zurück. Namentlich gilt das von den _Säugetieren_, -in erster Reihe von den wildlebenden. Mäuse auf dem Felde, niedliche -Spitzmäuse zwischen dem herbstlichen Buchenlaub am Boden, ein Wiesel, -ein Igel -- von einer Bereicherung des Landschaftsbildes kann man -bei ihnen kaum sprechen, nicht einmal wenn ein paar Jungfüchse oder -Karnickel vor ihrem Bau spielen, oder wenn Freund Lampe Fersengeld -gibt, daß seine weiße Blume bei jedem Sprung im Krautacker hell -aufleuchtet wie ein Fetzen Papier, mit dem der Wind sein lustiges Spiel -treibt. - -Mit mehr Berechtigung könnten wir schon das muntere _Eichhorn_ -anführen, an dessen Kletterkünsten alt und jung sich erfreut. Man kann -dem netten, zierlichen Tierchen kaum gram sein, obgleich es viele -Untugenden hat; wo es dem deutschen Walde fehlt, da vermissen wir's -ungern. Auch die _Fledermäuse_ beleben den dämmernden Abend, der sich -über die Flußlandschaft senkt, in eigenartiger Weise. Viele Freunde -haben sie nicht unter den Menschen, und doch im Vorfrühling ist mir die -erste Fledermaus, die sich aus dem Winterversteck gewagt hat und deren -Zickzackflug sich so seltsam vom geröteten Abendhimmel abhebt, eine gar -liebe Erscheinung, ein Frühlingsbote, den ich ebenso freudig begrüße, -wie den ersten Zitronenfalter, den ersten Flötenruf der Amsel, das -erste Quaken der Frösche. - -Von den wildlebenden Säugetieren kommt eigentlich nur das _Hochwild_ -für das Landschaftsbild in Betracht: Rot- und Rehwild, in manchem -Herrschaftspark Damwild, weiter das Schwarzwild und im Hochgebirge -das Krickelwild. Ein schmucker _Sechserbock_ im Buchenwalde, mit dem -geperlten Gehörn zwischen den Lauschern, wie er erhobenen Kopfes -verhofft, um dann in weiten Fluchten leichtfüßig über Stock und Stein -zu setzen, eine Ricke mit ihrem Kitzchen auf der Waldwiese äsend, -_Rotwild_, das gegen Abend aus dem Dunkel des Hochwaldes tritt, oder -halbzahmes _Damwild_, das sich im Schloßpark unter dem Schatten -mächtiger Baumriesen gelagert hat: liebliche Bilder sind es, die -keineswegs nur das Herz des Jägers entzücken, sondern jeden erfreuen, -der im Verkehr mit der Natur Genuß und Befriedigung findet. Und wenn im -Herbst der _Brunfthirsch_ orgelt und schreit, in der Dämmerung abends -oder frühmorgens, daß es dröhnend und röchelnd über die Waldblöße -schallt, ich glaube, es kann sich niemand des Eindrucks solcher Laute -entziehen. Ein Stück ursprünglicher, unverdorbener Natur tritt uns in -ihnen entgegen, um so wertvoller, je seltener wir Großstadtmenschen -uns dem unmittelbaren Verkehr mit der Natur hingeben können. Dankbar -erkennen wir's dann an, daß allein einem streng durchgeführten -Jagdschutz solch erhebende Stimmungsbilder auf unserm heimatlichen -Boden zu verdanken sind. Der Uhuruf ist in unsern sächsischen -Gebirgswäldern verhallt; möge nie die Zeit kommen, wo man nicht mehr -den Schrei des Brunfthirsches vernimmt, der seinen Gegner zum Zweikampf -fordert! Ein gut Stück urwüchsigen Waldeszaubers wäre für immer dahin. - -Wie ein Recke aus vergangenen Tagen mutet uns das _Wildschwein_ an. -Seine ganze Erscheinung hat gewiß wenig Anziehendes an sich; ein -rauher, borstiger Geselle ist solch ein Keiler, und auch sie, die -Bache, ist eine ungemütliche Dame, aller Anmut, jedes Reizes bar. -Aber im Winter, wenn der Forst tief verschneit ist und das Leben -erstorben scheint, bis auf ein paar Krähen, die sich mit heiserem -Schrei im Wipfel der hohen Föhren einschwingen, daß der Schnee, einer -leichten Staubwolke gleich, dahinfliegt, dann vermögen zwei oder drei -»Schwarzkittel« der Landschaft eine Stimmung von außerordentlicher -Stärke zu verleihen. Die gedrungenen dunkeln Gestalten heben sich so -gut von der weißen Schneedecke ab. Dampf hüllt sie ein, Rauhreif deckt -ihr borstiges Kleid, und am Rüssel haftet der Schnee bis hinauf zu den -Sehern. Sie verachten den eisbärtigen Herrscher des Nordens, der ihnen -nichts anhaben kann; unter dem Schnee wühlen sie doch ihre Nahrung -hervor. Selbst die härteste Schneekruste, die das Reh laufkrank macht, -daß es leicht dem Fuchse zur Beute fällt, brechen sie auf, und die -Kälte fürchten sie noch weniger; denn sie haben sich im Herbst, dank -der Eichel- und Buchelmast, feist herangefressen. - -Im Hochgebirge ist es die _Gemse_, welche die nackten Felsengrate und -Steintrümmermeere, die Steilhänge und die höchsten Alpenmatten reizvoll -belebt. Wem nur einmal das Glück geworden ist, vielleicht am frühen -Morgen ein Rudel zu belauschen, das seinen Durst an dem schwarzblauen, -goldumränderten Meerauge tief unten im starren Felsenzirkus löscht und -dann den Menschen bemerkt und erschrickt -- hei! wie schnell geht's in -dem harten Gestein hinauf bis zum zackigen Grat, hinter dem eins nach -dem andern verschwindet -- der vergißt's sein Lebtag nicht wieder. - -Im Gewänd kletternde _Hausziegen_ mögen, aus weiter Ferne gesehen, -einen ganz ähnlichen Anblick gewähren, wie ruhig äsendes Krickelwild, -und so mancher Alpenbesucher, der nur das friedliche Haustier -beobachtete, wird in dem Wahn, er habe Gemsen belauscht, hochbefriedigt -aus den Bergen heimkehren. Gewiß, die äußere Erscheinung bietet -viel Ähnliches, aber der Gefühlswert ist in beiden Fällen doch ganz -verschieden. Dort ein Tier der freien Natur, hier ein vom Menschen -abhängiges Geschöpf; dort Freiheit und Ursprünglichkeit, hier Zwang -und Kultur. Wie grundverschieden die Stimmungen, die solcher Gegensatz -im Beschauer auslöst! Wir sehen ja nicht nur mit unserm leiblichen -Auge, sondern zugleich mit einem inneren Sinn. Damit soll jedoch nicht -geleugnet werden, daß auch unsern vierfüßigen _Haustieren_ eine große -Bedeutung für das Landschaftsbild zukommt. Tausend Gemälde älterer und -neuerer Maler führen es uns immer wieder vor Augen. - -Wir brauchen nur an die buntscheckigen _Rinder_ zu denken, die auf dem -grünen sonnigen Plan weiden oder wiederkäuend im Schatten hoher Bäume -ruhen, an die blökende _Schafherde_, die langsam am Berghange hinzieht, -an die munteren _Fohlen_, die sich in der Koppel nach Herzenslust -tummeln: anmutige Bilder, die den Frieden des Landlebens atmen. Aber -selbst ein einzelnes Tier, ein einzelnes Gefährt kann der Landschaft -einen bestimmten Stimmungsgehalt geben: der breitstirnige Stier vor dem -Pflug, wie der Postwagen auf der Landstraße. - - * * * * * - -Den kaltblütigen Wirbeltieren, also _Kriechtieren_, _Lurchen_ und -_Fischen_, brauchen wir kaum unsre Aufmerksamkeit zu schenken. Ihr -verstecktes Leben bringt es mit sich, daß sie auf das Landschaftsbild -nicht bestimmend einwirken, wobei ich jedoch nicht leugnen will, daß -kleine Ausschnitte der Landschaft, z. B. ein Tümpel im verlassenen -Steinbruch durch Tritonen und Salamander, ein steiniger Hang durch -schnelle Eidechsen, ein Gebirgssee oder ein Waldbach durch die hübsch -gepunkteten, flinken Forellen, die hie und da emporschnellen, um nach -Insekten zu schnappen, an Reiz gewinnt. - -Aber in einer Hinsicht spielen doch auch ein paar Amphibien keine ganz -unwichtige Rolle. Ich meine gewisse _Froschlurche_, den Wasserfrosch, -den Laubfrosch und die Unke, deren Einzel- oder Chorgesang weithin -durch die stille Landschaft schallt. Wenn wir auf der Stufenleiter der -Tiere aufwärts steigen, so sind es diese Lurche, bei denen wir zuerst -einer wirklichen Vokalmusik begegnen, einer Lautäußerung durch die -Stimme, dem Uranfang einer Sprache. Alle andern tiefer stehenden Tiere, -namentlich die Insekten, üben höchstens Instrumentalmusik aus[1]; der -Frosch aber ist der erste Sänger. Kraftvoll versteht er seine Stimme -zu gebrauchen; bestimmte melodische Sätze wechseln und kehren in -regelmäßiger Folge wieder, und sein angeborenes Gefühl für die Zeitmaße -ist hervorragend, man muß es ihm lassen. - - [1] Wenn man auch bei den brummenden und summenden Insekten, - den Bienen, Hummeln, Fliegen u. a., von Stimmorganen, wenn - man vom »Singen« der Mücken redet, so ist nicht viel dagegen - einzuwenden; denn in der Tat werden solche Lautäußerungen mit - Hilfe der Atemluft hervorgerufen, die durch die Atemlöcher, - die sog. »Stigmen« streicht. Aber die Art der Insektenatmung - ist doch eine ganz andere, als die der höheren Tiere, bei - denen die Stimmbildung in der Hauptsache der Luftröhre und - dem Kehlkopf zukommt. - -Ein lauwarmer Frühlingsabend hat sich über den schilfumsäumten Teich -gesenkt. Wir sind ans Ufer getreten. Die _Frösche_, deren Chorgesang -uns aus der Ferne entgegenschallte, schweigen jetzt, vergrämt durch -die leisen Erschütterungen des Bodens infolge unserer Tritte. Nur -die Wellen glucksen am Uferrand, und leise flüstert das Schilf im -Abendhauche. Die Rohrsänger sind es, die zuerst die feierliche Stille -unterbrechen: schnarrende, quietschende, pfeifende Töne, ein buntes -Durcheinander, aber immer im Takt. Horch, jetzt auch ein paar gurgelnde -Laute aus der Tiefe des Schilfs: »gluck, gluck«, und zwei oder drei -knarrende Töne: »koax, koax«. Bald wagen's auch andere, hohe Tenöre -und tiefe Baßstimmen, trillernd und volltönend, bis sich die ganze -Gesellschaft an diesem Singsang beteiligt: »brekeke koax, brekekeke, -tuu tuu«. Je mehr der Mond, der hinter den alten Weiden auftaucht, -sein volles Licht über den Teich ergießt, um so eifriger schallt es: -Frösche und Rohrsänger im Wettgesang, daß es weithin schallt über die -schlafende Flur. Die Motive verschieden, die Stimmen höher und tiefer -in seltsam wechselnden Sprüngen hinauf und hinab, ein musikalischer -Mischmasch; aber es paßt alles zusammen, zumal das ganze Konzert von -einem streng innegehaltenen Rhythmus beherrscht wird. Dieser wird -noch besonders dadurch betont, daß einzelne Sängergruppen auf einmal -ein Weilchen schweigen, um dann mit voller Kraft wieder einzufallen. -Jetzt singt es hier, jetzt da; bald knarrt und quakt nur eine kleine -Gesellschaft noch, bald singt wieder der ganze Chor, als sollte er das -Versäumte nachholen. Solches Ab- und Anschwellen wirkt besonders in -größerer Entfernung recht auffallend; es ist, als ob uns der Nachtwind -bald mehr, bald weniger Tonwellen zutrüge, ein rhythmischer Wechsel, -der den Reiz des Froschkonzerts wesentlich erhöht. - -Fleißigere Sänger gibt's nicht, als Rohrsänger und Frösche. Selbst die -Nachtigall macht 'mal eine längere Pause zu mitternächtiger Stunde; der -Nachtschwalbe »Spinnen« schweigt mitunter ein Weilchen, und auch die -verliebten Käuze im Kiefernwald gönnen sich hin und wieder ein wenig -Ruhe. Nur der Singsang des Teichs verstummt nie völlig; seine Bewohner, -so scheint es, bedürfen des Schlafs nicht. Das gilt besonders von den -unermüdlich quakenden Fröschen. Kaltblüter nennen wir sie. Gewiß, ihre -schlüpfrige Haut fühlt sich kalt an, ihr Fleisch und ihr Blut; aber -drin im Herzen, da sitzt es, unsichtbar, das Herz im Herzen, glühend -heiß, voll Sehnsucht, voll Liebe, und wes das Herz voll ist, des geht -der Mund über. - -Zu allen Zeiten ist man sich des Reizes bewußt gewesen, der vom -Froschgesang ausgeht, und es sind nur naturfremde oder krankhafte -Menschen, die solchen Minnesang verwünschen. Wieviel ärmer wäre die -Frühlingsnacht an unsern Teichen, wenn deren Bewohner, die grünen -Wasserfrösche, ebenso stumm wären, wie ihre braunen Vettern im Grase, -von denen man höchstens ein paar knurrende Laute vernimmt. Da ist mir -der grüne Teichsänger doch hundertmal lieber. Sein Lied stimmt zu den -andern Schilfliedern, bringt Leben in die Natur, und wo Leben und -Stimmung, wo Bewegung und Einklang, da erkenne ich Schönheit. - -Auch der _Laubfrosch_, unser Wetterprophet, läßt sich bisweilen die -ganze Nacht hören. Er hat sich einen Sängerplatz in der Höhe, im Grün -von Baum oder Strauch erkoren, von wo nun sein hastig hervorgestoßenes -»äpp, äpp, äpp« durch die Frühlingsnacht hallt, seltsam anzuhören und -lustig zugleich. Der kleine Kerl dünkt sich so wichtig. - -Von tieferem Eindruck auf unser Gemüt ist der Einzelruf oder auch der -melodische Rundgesang der _Unken_, die den Dorfweiher oder den Tümpel -draußen im Wiesental bewohnen. Wie Glocken läutet's geheimnisvoll -aus der Tiefe »ung, ung, ung ...«, feierlich, ernst, schwermütig und -traurig, fast immer derselbe Ton, von gleicher Stärke und Höhe. Zu dem -dunkeln, ernsten Weiher mit den Wasserrosen, die im Mondlicht nur matt -und unsicher leuchten, während die schwarzen Schatten der Pappeln auf -der Wasserfläche erzittern, stimmen die melancholischen Glockentöne der -Unken so wunderbar, daß jeder den Eindruck dieser Naturlaute empfindet. - - * * * * * - -Auch manche _Insekten_, namentlich wenn sie in größeren Scharen -auftreten, sind für das ganze Landschaftsbild von Bedeutung. Wir -brauchen nur an die graziösen _Libellen_ zu denken, die jedem Gewässer, -dem Fluß und Bach mit ihren erlenbestandenen Ufern, dem schilfumsäumten -Teich, selbst dem reizlosen Mühlgraben zur Zierde gereichen. -»Wasser-« oder auch »Schlankjungfern« hat sie das Volk getauft, um -den bezaubernden Reiz dieser zarten Wesen zum Ausdruck zu bringen, -im Flug wie im Sitzen von einer Anmut, die nicht ihresgleichen hat. -Oder wer möchte sie missen, die _Bienen_ und die andern Hautflügler, -die mit Gesumm und Gebrumm im Mai den schneeigen Obstbaum, im Juli -die duftende Linde, im August die blühende Heide besuchen! Ein zartes -Getön, wie von Millionen silberner oder gläserner Glöckchen erfüllt die -sonnige Luft. Oder soll ich an die Musik der _Heupferde_ erinnern, die -in der sommerlichen Mittagsglut die Blumen und Gräser zum Schlummer -einlullt, oder an das Zirpen der _Grillen_, das so stimmungsvoll am -Abend durch die Flur zittert. Das einzelne Tierchen leistet wohl wenig -als Musikant, aber tausend und abertausend vereinigt erzeugen ein -eindrucksvolles Getön, das leise über die Landschaft dahinschwebt, -einem zarten Schleier aus gesponnenem Glas vergleichbar. - -Von weit höherer Bedeutung ist die artenreiche Gruppe der -_Tagschmetterlinge_. Wie stimmen doch diese leichtbeschwingten, zarten -Geschöpfe, die Sinnbilder eines heiteren, frohen Lebensgenusses, zu -dem sommerlichen Naturbilde mit der Fülle des Lichts und der Farben! -In anmutigstem Spiel gaukeln sie von einer Blume zur andern, haschen -und fliehen sich, bringen Bewegung und Leben. Möchtest du sie missen -auf der sommerlichen Heimatflur? Oder denke an die Frühlingsboten, -den ersten Zitronenfalter, das erste Pfauenauge! Ein trügerischer -Sonnenblick hat den Winterschläfer geweckt, daß er sein sicheres -Versteck verlassen hat und nun über der blumenleeren Erde ruhlos -dahinflattert. Armes Tier, Schneewolken ziehen auf, hinter denen sich -die Sonne versteckt; wie bald bist du erstarrt! Aber umsonst gelebt -hast du nicht. Wir sind dem Frühling begegnet! so jubelt's in uns. Ein -vorzeitig »Sommervöglein« nur, und doch etwas Großes! - -Leider sind die schönen Falter in unsrer Heimat seit ein paar -Jahrzehnten recht selten geworden, namentlich in der Nähe der -großen Städte. Selbst die gewöhnlichsten Arten, wie Trauermantel, -Admiral, Distelfalter u. a., haben in ganz auffallender Weise an Zahl -abgenommen. Segelfaltern und Schwalbenschwänzen, die unser Jungenherz -in der schönen Jahreszeit täglich erfreuten, begegnet man nur noch -ausnahmsweise, und die selteneren Nachtschmetterlinge, wie rotes und -blaues Ordensband, Wolfsmilch-, Ligusterschwärmer u. a., die auch vor -einem halben Jahrhundert durchaus nicht häufig waren, scheinen heute -fast schon ausgestorben zu sein. Gewiß tragen die Schmetterlingssammler -einen Teil der Schuld; aber die Hauptursache dieser bedauerlichen -Verarmung der Natur liegt in der fortgeschrittenen Kultivierung des -Bodens, wodurch den Raupen vielfach ihre Nahrungspflanzen entzogen -worden sind. Jedes Winkelchen wird ausgenutzt, alles Unkraut beseitigt; -die Aussaat des Getreides ist reiner als ehemals, die Siedelungen der -Menschen sind gewachsen und der Verkehr ist gestiegen. - - * * * * * - -Die Bedeutung der Tierwelt für das Landschaftsbild kommt uns vielfach -erst dann so recht zum Bewußtsein, wenn dieser Reiz, der von dem -beseelten Geschöpf ausgeht, irgendwo völlig fehlt. Das Tier bildet -einen wesentlichen, zum Ganzen gehörigen Teil der Heimat. Die Harmonie, -die Schönheit ist beeinträchtigt, sobald die dem Landschaftsbild -eigentümlichen Vertreter der Tierwelt verschwunden sind. Der Reichtum, -die Mannigfaltigkeit der Natur hat dann eine schwere Einbuße erlitten --- schweigend steht der Wald, tot liegt der See, öde die Flur. Verarmt -ist die Heimat und mit ihr unser Leben. - -Alle, deren Beruf in Beziehung zur Natur steht, an erster Stelle -der Landmann, der Förster, der Gärtner, der Fischer, sollten sich -der vielfach hart bedrängten Tierwelt der Heimat annehmen. Nicht um -klingende Münze, sondern um edlere Güter handelt es sich, um den -unermeßlichen Wert einer reichen, unverdorbenen Natur. - - - - -Die volkstümlichsten Tiere der deutschen Märchen und Fabeln - - -Wenn ich mir als Kind das Paradies der Schöpfungsgeschichte vorstellte, -da war es nicht etwa die oasenartige Landschaft mit ihren Palmen und -Fruchtbäumen, mit ihren sprudelnden Quellen und Wasserbächen und mit -all den unbekannten, üppig wuchernden Stauden und fremdartigen Blumen, -wie sie die Bilderbibel mir zeigte, sondern das freundliche grüne -Flußtal meiner sächsischen Heimat. Kein schöneres Fleckchen Erde konnte -ich mir denken, als diese sanfte, von bewaldeten Höhenzügen umgrenzte -Au, durch die mein lieber Heimatfluß zwischen sattgrünen Wiesen seinen -Weg nimmt. Hier eine Gruppe mächtiger Eichen und silberstämmiger -Buchen, dort dunkles Erlen- und lichtes Weidengestrüpp, das seine -Arme weithin über das Wasser breitet; an anderer Stelle, inselartig -abgegrenzt, ein dichtes Fichtenwäldchen, ein Laubholzbestand aus Ulmen -und Ahornbäumen, mit Haseln und Wildrosen umsäumt, daneben ein Busch -junger Birken; am Fuße der Talhänge aber große und kleine Felsblöcke in -wirrem Durcheinander, über die das Grün des Adlerfarns schirmartig sich -breitet und Weidenröschen ihre roten Blütentrauben erheben, während -weißflockige Johanniswedel ihr Bild im Wasser schauen, das sich hier -dicht an den Steilhang hinandrängt. - -Mitten hinein in die Herrlichkeit dachte ich mir nun Adam und Eva -gesetzt, und ich bevölkerte die liebliche Au mit dem »Gevögel, dem Vieh -und Gewürm«, davon uns die Bibel erzählt. Aber nicht an die Riesen der -Tierwelt dachte ich, Elefant, Giraffe und Nashorn, auch nicht an die -Affen und Papageien, die der Bibelmaler auf dem Bilde so friedlich -vereinigt hatte, die _Tiere der Heimat_ waren es, die sich hier -wirklich ein Stelldichein gaben. Und sie genügten mir, ich kannte sie -aber auch alle. - -Das Hochwild trat am Abend aus dem dunklen Tann zur Äsung auf die -Wiese; die Fähe schnürte von ihrem Bau, vor dem die Jungfüchse -spielten, nach dem andern Talhang hinüber; rote Eichkätzchen -kletterten die glatten Stämme der Fichten empor und knapperten an -den Jungtrieben; die Igelmutter führte ihre hoffnungsfrohe Schar -durch das raschelnde Laub; auf dem feuchten Grund des Buchenwaldes -gelbfleckige Erdsalamander; im Sumpf Ringelnattern und Frösche; in den -Wassergräben gelbbauchige Unken, Kamm- und Teichmolche; auf der Wiese -Schmetterlinge ohne Zahl, Heupferde, Maulwürfe und Schermäuse. Und erst -im und am Flusse, welch fröhliches Leben: zierliche Wasserjungfern -mit tiefblauen oder glasartigen Netzflügeln, Wasserläufer und kleine -silberglänzende Fischchen in unendlicher Menge. Überall aber das -fröhliche Heer der gefiederten Welt: Schwälbchen, die so hurtig über -dem Wasser dahinschossen; von dem Eichenhain her lustiger Kuckucksruf, -dem des Pfingstvogels Flöte Antwort gab; im Unterholz das geschwätzige -Plauderliedchen der Gartengrasmücke oder der jubelnde Überschlag des -Plattmönchs; im Hochwald das Gezeter zänkischer Eichelhäher, das -Trommeln der Buntspechte, das Gurren der Ringeltauben; über allem aber, -hoch am strahlenden Himmel ein Bussardpaar, einander umkreisend, ohne -Flügelschlag schwimmend im Luftozean. - -Aber auch _Haustiere_ fanden ihren Weg nach meinem Garten Eden. Am -Hange hütete Thomas, der alte Schäfer vom Rittergut, seine sanfte -Herde; am Ufer Jungvieh auf eingekoppelter Weide, und auf dem Fluß -schnatternde Gänse und Enten. Brauchte ich da noch andere Tiere aus -fernen Zonen? Oh, es war eine große, eine unübersehbare Reihe, die da -vor Adam in geordnetem Zuge vorbeimarschierte, hüpfte, schwamm oder -kroch, als der Schöpfer all die Tiere zum Menschen brachte, »daß er -sähe, wie er sie nennete«; denn wie jener sie nannte, so sollten sie -heißen ihr Leben lang. - -Da hüpfte die vorlaute Elster heran im schwarzweißen Kleid; -wohlgefällig wippte sie ihre grün und purpurn schillernde Schleppe auf -und ab und schaute neugierig zu dem ersten Menschen hinüber, wobei sie -mit Markolf, dem Eichelhäher, fortgesetzt plauderte. »Plapperelster -sollst du heißen dein Leben lang, du schwatzhaftes Wesen«, sagte Adam, -und schackernd schwang sich der langschwänzige Vogel in die Wipfel -der Bäume. Da nahten zögernd die sanften Wollenträger, der Bock mit -den geringelten Hörnern und neben ihm seine hornlose Gattin. »Schaf -sei euer Name hinfort!« entschied der Mensch, »denn ihr seht ebenso -dumm aus, wie ihr in Wirklichkeit seid!« Schon trabte das Borstenvieh -grunzend herbei, Füße und Rüssel vom schlammigen Boden besudelt, in dem -es soeben noch gewühlt hatte. »Schwein nenne ich dich -- frage nicht -weiter; du weißt schon warum!« und so ging's vorüber in endlosem Zug: -Adler und Gimpel, der stachlige Igel, der furchtsame Hase, Frosch -und Unke, Käfer und Spinne, das Gewürm, das im Grase herankroch, und -die Fische im Fluß, zwei-, vier-, sechs-, achtbeinig und ohne Beine, -befiedert, bepelzt, beschuppt und nackthäutig; sie alle bekamen ihre -Namen, die sie heute noch tragen. Was war doch der erste Mensch für ein -weises Geschöpf! - -Und von dieser Weisheit hatte auch ich kleines Menschenkind ein -Stückchen geerbt. Denn in der kindlichen Phantasie liegt Weisheit und -Wahrheit wie im kindlichen Spiel, Weisheit und Wahrheit wie in jenen -köstlich-naiven Worten des biblischen Schöpfungsberichts. Nicht die -leblose Welt ist's, nicht Erde, Wasser und Stein, nicht die blitzenden -Krystalle sind's, die farbigen Kiesel, ja nicht 'mal die Bäume und -Sträucher im Wald oder Garten, nicht die bunten duftenden Blumen, die -das Interesse des ersten Menschen zuerst auf sich lenken, sondern die -_Tiere_. - -Und wie Adam, der erste Mensch, am Schöpfungsmorgen dem »Gevögel, -dem Vieh und dem Gewürm« seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte -und nichts von den andern Herrlichkeiten sah, die Gottvater um ihn -aufgebaut hatte -- die Tiere mußten erst ihre Namen haben, ehe er sich -den Fruchtbäumen des Gartens Eden zuwandte -- _so bringt auch heute -noch jedes Kind seine erste Teilnahme, seine erste Liebe den Tieren -entgegen_. Noch ehe unsre Kleinen Worte zu lallen beginnen, hören sie -auf die Stimme des Vogels und beobachten die Bewegungen von Katze und -Hund. Und sie geben, wie Johannes Fischart so reizend sagt, »nach jrer -Notturfft Namen, brauchen den ererbt Adams gwalt, der jedem Geschöpff -ein Nam' gab bald«. »Wauwau« der Hund und »Miau« die Katze, »Muh« -die Kuh und »Piep-piep« das Spätzlein. Ja es kommt vor, daß solch -kleines Menschenkind mit den genannten Tieren seiner Umgebung innigere -Freundschaft geschlossen hat, als mit dem strengen Papa, den es nur -selten sieht und vor dem es sich fürchtet. Es ist auch, als ob die -Tiere diese Zuneigung der Kinder fühlen: - - »Solch blüend alter frisch, - Vmbsonst so lieblich gstalt nit ist, - Auch offt das Wild vnd Vieh bewegt, - Da es, zu dem ein gfallen trägt.« - -Und wenn dann der Kleine seine ersten Entdeckungsreisen in Hof und -Garten unternimmt, wie weitet sich da der Kreis solcher Freundschaft! -Das bunte Marienkäferchen, die Schnecke mit ihren spaßhaften -Fühlhörnern, der summende Maikäfer oder der Schnellkäfer, das hüpfende -Heupferd sind seine Lieblinge. Der Tag, an dem der Star das erstemal -wieder vor seinem Bretterhäuschen sitzt, wird zum Festtag. Klopfenden -Herzens lauschen die Kinder dem stillen Glück der Hausrotschwänzchen, -die im verborgenen Winkel der Gartenlaube ihre Jungen aufziehen, bis -endlich die Stunde kommt, wo die kleinen grauen Federbällchen den -ersten Schritt in die Welt wagen. - -Und dann die Geschichten und die Lieder, die unsre Kleinen am liebsten -hören und singen, die Bilderbücher, die sie am liebsten besehen, -handeln nicht die meisten von Tieren? Der böse Wolf, der Rotkäppchen -verschlang, der Fuchs, der die Gans gestohlen hat, der Storch, der den -Eltern die Kinder bringt, eins nach dem andern, bisweilen auch zwei auf -einmal, der »gestiefelte Kater«, die »Bremer Stadtmusikanten«; ja auch -in _den_ Geschichten, in _den_ Bilderbüchern, wo Tiere nicht gerade die -Hauptrolle spielen: zur Vervollständigung und zum Schmuck der Erzählung -oder des Bildes sind sie unentbehrlich für das Kind. Wäre es denkbar, -das Märchen von Aschenbrödel ohne die Tauben, die beim Erbsenlesen -helfen: »die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen«, das -Märchen von der Gold- und der Pechmarie ohne den krähenden Haushahn? -Und warum besehen die Kinder so gern die hübschen Bilder unsers -Landsmanns Ludwig Richter? Weil er wie kaum ein anderer Maler die -Kindesseele verstanden hat, und weil sich in jeder Familienstube, die -er so anheimelnd zeichnet, ein Haustier findet, ein Hund, eine Katze. -Und auch im Freien, wo sich die Kinder tummeln, da schaut auf jedem -Bilde ein Spitz zu oder ein Spatz, ein Taubenpaar oder irgend ein -Singvogel, und dieser scheinbar so geringfügige Umstand ist für den -kleinen Beschauer von allergrößtem Reiz. - -Als ich ein Kind war, da standen mir -- ich muß es gestehen -- die -Tiere meiner Umgebung näher, und es verband mich mit ihnen ein -innigeres Verhältnis als mit den Menschen, abgesehen natürlich -von Eltern und Geschwistern. Lange ehe ich etwas von Darwins -Abstammungslehre hörte, war ich schon unbewußt ein kleiner Darwinianer; -denn mit dem Star und dem Finken, dem Hund und der Katze, der -Ringelnatter und der Kröte, dem Marienkäferchen und der Schnecke -verkehrte ich, als seien es meine Brüder und Schwestern. Und auch viel -später noch, wenn man mir vom »unvernünftigen Vieh« sprach, habe ich -nie so ganz die unüberbrückbare Kluft begriffen, den gähnenden Abgrund, -der sich zwischen dem Menschen und dem höheren Tiere auftun soll. - -Doch was rede ich von mir? Es haben's ja alle genau so oder ähnlich in -den Tagen der Kindheit getrieben. Dem Hahnenschrei legen die Kinder die -Worte unter: »Kikerikieh, ich bin das schönste Vieh«; der Goldammer -versichert sie seiner Zuneigung: »Wie, wie hab' ich dich lieb!« und -mit dem kecken Meislein spielt man Verstecken: »Sitz i da, sitz i da!« -rufen sie beide einander zu, das Vöglein droben im grünen Baum und -unten der Kleine, der zu ihm aufschaut. - -Warum ich dies alles erzähle? Weil ich nicht eindringlich genug daran -hinweisen kann, daß _das innige Verhältnis des Menschen zur Tierwelt -der Heimat etwas Ursprüngliches ist, etwas Angeborenes, daß es etwas -Triebartiges an sich hat_ und sich am reinsten in der Kindheit -offenbart, sowohl beim einzelnen Kind jeder Familie, jedes Volksstammes -und aller Zeiten, wie bei der Kindheit des Menschengeschlechts in -grauer Vergangenheit. Nur wenn wir dies wirklich erkannt haben, wird es -uns klar, warum die _Tiere_ eine so große Rolle in _Sage_ und _Märchen_ -und _Fabel_ spielen und warum der _Aberglaube_ des Volks sie mit einem -Kranz buntfarbiger Blumen umgeben hat. - -In dieser Beziehung herrscht unter allen Völkern die größte -Übereinstimmung, mögen wir an die dichtende Phantasie der uns -verwandten Kulturnationen denken oder an die zum Teil unbeholfenen -Erzählungen unzivilisierter Horden. Sie alle besitzen uralte Sagen und -Märchen, die meisten auch Fabeln und Parabeln, in denen _Tieren_ eine -Hauptrolle zukommt. Und so sind »diese kleinen spielenden Kinder der -allgegenwärtigen Muse der Poesie« _Gemeingut der Menschheit_. Ja die -Gemeinsamkeit solches Besitzes geht so weit, daß einzelne Tiermärchen -oder Tierfabeln in den entferntesten Zonen, wo eine Überlieferung oder -auch nur mittelbare Beeinflussung völlig ausgeschlossen erscheint, -durchaus miteinander übereinstimmen und vielen Tieren hier wie dort die -gleichen Wesenszüge zugeschrieben werden. Selbst unsre lieben deutschen -Märchen, die Großmütterchen am Herd ihren lauschenden Enkelkindern -erzählt, haben ihre Wurzeln zumeist nicht in der grauen Vorzeit der -germanischen Volksstämme, sondern sind im fernen Indien geboren, wie -die Forschungen der vergleichenden Literaturwissenschaft überzeugend -dargetan haben. Aber bei keinem andern Volke, das dürfen wir getrost -behaupten, sind sie mit gleich gemütvollen Zügen, namentlich auch aus -der Tierwelt, ausgestattet worden, wie bei uns Deutschen und höchstens -noch bei den Slawen. Ihnen darf man mit Recht nachrühmen, im innigsten -Verhältnis zur Tierwelt zu stehen. Die Kinder- und Hausmärchen -- ich -meine, so gemütvoll, wie sie von Gebrüder Grimm erzählt werden -- -kann kein anderes Volk aufweisen, und Fabeldichter haben gerade wir -Deutschen in reichster Fülle von Ulrich Boner und Burkard Waldis an bis -Leixner, Fulda, Bierbaum, Etzel, Ewers u. v. a. - - * * * * * - -Den freundlichen Leser, der mir bis hierher gefolgt ist, möchte ich -nun einladen, sich auf dem bemoosten Felsblock niederzulassen, der -einst unserm gemeinsamen Stammvater zum Sitz gedient hat, und möchte -an seinem geistigen Auge einen kleinen Teil der Tiere vorüberführen, -von denen unsre Märchen und Fabeln erzählen, die also unserm deutschen -Volke am nächsten stehen, die _volkstümlichsten_ sind. Dabei schalte -ich aber alle fremdländischen Tiere, selbst den König des großen -Reiches aus, ebenso unsre Haustiere. Denn ich möchte an erster Stelle -unsre »Brüder«, die mit uns die Heimaterde bewohnen, allen Lesern -recht warm an's Herz legen und Teilnahme für sie wecken. Gerade die -volkstümlichsten unter ihnen, wenigstens eine große Zahl dieser -Märchenhelden und Fabeltiere, wenn ich sie so nennen darf, bedürfen -dringend des _allgemeinen Schutzes_, sollen sie nicht in längerer oder -kürzerer Zeit spurlos aus der Heimat verschwinden. - -Der Nutzen und Schaden, den die einzelnen Tiere dem Menschen bringen, -ist bereits im Übermaß immer und immer wieder erörtert worden, und -die Bestrebungen des Naturschutzes, solch einseitiges Urteil doch -nicht als einzigen Maßstab unseres Verhaltens den Tieren gegenüber -gelten zu lassen, sind bereits Allgemeingut geworden, so daß ich kein -Wort hierüber zu verlieren brauche. Der Hinweis aber, daß eine reiche -Tierwelt zur Belebung der Landschaft in erfreulichster Weise beiträgt, -ist im vorigen Abschnitt behandelt worden, auch habe ich bereits an -anderer Stelle betont, wie eine mannigfaltige, möglichst ursprüngliche -Tierwelt für die Wissenschaft von hervorragender Bedeutung ist. Aber -ich meine, auch die _Volkstümlichkeit_ mancher Tiere -- ich denke z. B. -an den Fuchs und den Igel, den Storch, die Schwalbe, den Kuckuck, -an alle Eulen -- sollte ein recht wesentlicher Grund sein, für den -unbedingten Schutz solcher Tiere einzutreten. - -Der volkstümlichste Held des deutschen Märchens wie der deutschen -Fabel ist entschieden der _Fuchs_. Schlauer und verschlagener als alle -andern Geschöpfe, spielt er die Rolle des Betrügers. Er überlistet -die Wildente und den Hasen, den Gockel und seine Hennen, die Gans, -den Raben, den Igel, den Dachs, kurz alle Tiere in Feld und Wald, in -Haus und Hof. Selbst seinen großen Vetter Isengrim mit dem gewaltigen -Wolfsrachen, oder Braun, den Bär, der ihn mit einem Schlage seiner -mächtigen Pranken zu Boden strecken könnte, fürchtet der Spitzbube -nicht. Er kennt die Schwächen jedes einzelnen, weiß seine Gegner alle -zu foppen und spielt ihnen aufs übelste mit; selbst den Jäger führt -der Schlaue oftmals hinter's Licht. Soll es wirklich dahin kommen, daß -solch volkstümliches Tier, von dem jedes Kind zu erzählen weiß, völlig -aus unsrer Heimat verschwindet? Soll es dahin kommen, daß nie mehr ein -Fuchs unsern Weg kreuzt in sandiger Heide und daß wir den Roten nur -noch hinter den Gittern sehen im zoologischen Garten oder ausgestopft -im Museum? Das wäre doch traurig. - -Oder der _Storch_. Von ihm gilt dasselbe. Alle Kinder kennen ihn aus -den Bilderbüchern, aus mancherlei Reimen, aus dem Märchen vom »Kalif -Storch«. Daher die ganz unsagbare Freude, wenn man einen wirklich -'mal sieht droben am Strohdach der Scheune, oder einherstolzierend -auf feuchter Wiese oder auf dem Rain zwischen den Äckern, wenn man -sein gemütliches Klappern vernimmt und den ersten Flugübungen der -drei oder vier Jungen zuschaut, die den Horst zaghaft verlassen. Soll -wirklich die Zeit kommen, wo auch das letzte brütende Storchenpaar -und der letzte Horst aus unserm engeren Vaterlande verschwunden sein -wird, wie der Adler, der Reiher, der Kolkrabe und so manche andre. -Wie viel Schönheit, wie viel Poesie wäre dahin, für alle Zeiten -unwiederbringlich dahin! Mögen alle, die's angeht, dafür sorgen, daß -diese gefährdeten Tiere vor dem drohenden Untergang bewahrt bleiben -und daß sich auch noch unsre Enkelkinder an ihnen erfreuen können, wie -unsre Altvordern, die so viele gemütvolle Märchen und unterhaltsame -Fabeln von diesen Tieren zusammenreimten. - -Freilich die _großen Raubtiere_ sind längst aus unserm Lande gewichen. -Sie passen nicht mehr in unsre heutigen Verhältnisse, und es wäre -töricht, sie zurückzuwünschen. Braun, der _Bär_, der grobe, aber -gutmütige Gesell, hat innerhalb der deutschen Grenzen seit etwa hundert -Jahren das Heimatrecht verloren, und es vergeht bisweilen mehr als -ein Jahrzehnt, ehe sich 'mal wieder einer, aus Tirol versprengt, -in den bayrischen Alpen zeigt. Wie häufig aber ehemals auch in den -deutschen Mittelgebirgen Meister Petz war, das beweisen die vielen mit -»Bär« zusammengesetzten Ortsnamen, auch hier in Sachsen: Bärenfels, -Bärenhecke, Bärenburg u. a. - -Unsre Vorfahren, die alten Germanen, kannten den Bären recht gut, -hatte er doch sein Heim in allen Dickungen aufgeschlagen, von wo -er die mühsam dem Walde abgerungenen Felder heimsuchte und in die -Viehherden einbrach. Mit dem Speer bewaffnet, die Hunde zur Seite, -so zogen die germanischen Jäger auf die Bärenhatz. Das Wildbret des -gewaltigen Tieres war ihnen ebenso willkommen wie das zottige Fell, -auf dem sie, wie es im Liede heißt, lagen und -- »immer noch eins« -tranken. Mit der fortschreitenden Bodenkultur und der zunehmenden -Bevölkerung aber mußte die Zahl des großen Raubtiers zurückgehen. Dazu -kamen mancherlei Verbesserungen der Jagdwaffen und die Einführung -besonderer Jagdarten, die eine Verringerung herbeiführten. In der Zeit -von 1611 bis 1717, also innerhalb 106 Jahren, wurden in dem damaligen -Sachsen, das allerdings wesentlich größer war als unser heutiges, -nach den aufbewahrten Jagdverzeichnissen noch immer 709 Bären zur -Strecke gebracht. Heute ist der Bär selbst in den österreichischen, -den schweizer und italienischen Alpen recht selten geworden; dagegen -beherbergt ihn noch so manches Hochtal der langen Karpatenkette, sowohl -in der Slowakei wie in den rumänischen Südkarpaten. Die Bären unsrer -zoologischen Gärten stammen zum größten Teil aus Siebenbürgen, das auch -heute noch mit Recht als »Bärenland« bezeichnet wird. Ich habe die -Spuren des mächtigen Herrn der dortigen Gebirgswelt auf meinen Reisen -wiederholt beobachten können. In den ehemals ungarischen Karpaten -wurden noch vor kurzer Zeit in einem einzigen Jahre -- es steht mir die -Zahl vom Jahre 1908 zur Verfügung -- noch immer 245 Bären erlegt. - -Mit dem Bären ist vielleicht der _Dachs_ am nächsten verwandt. In -Fabel und Märchen spielt er als Meister »Grimbart« eine große Rolle. -Alle Waldgebirge Deutschlands beherbergen wohl noch den griesgrämigen -Einsiedler; aber die letzten Jahrzehnte haben doch auch mit ihm stark -aufgeräumt. Ich habe die meisten Gebirgswälder unsrer deutschen Heimat -durchstreift, bin Reineke oftmals begegnet und habe mich an dessen -hoffnungsfroher Jugend erfreut, selbst den Edel- und den Steinmarder -habe ich in freier Natur angetroffen; aber alt bin ich geworden, ehe -mir Grimbart über den Weg gelaufen ist. Das ist gewiß nur persönliches -Mißgeschick gewesen; indessen, wenigstens für unsre engere Heimat, -muß man einen besetzten Dachsbau doch bereits zu den Naturdenkmälern -zählen. In andern Gegenden freilich ist Meister Grimbart etwas häufiger. - -Der Dachs ist übrigens weit weniger Raubtier als seine entfernte -Vetternschaft, die Sippe der Marder. Wohl verschmäht er einen Junghasen -nicht, Fasanen und Hühner mögen sich vor ihm hüten; aber er vertilgt -auch Mäuse, Kerbtiere, Schnecken und Würmer, und gern frißt er allerlei -Beeren, worauf schon sein Gebiß mit den schwachen Reißzähnen hinweist. -Und so ist die Schonzeit gerechtfertigt, die er bei uns vom 1. Februar -bis zum 31. August genießt. Er ist leider das einzige Raubtier, das -sich eines solchen Vorzugs erfreut. - -Ein viel schlimmerer Geselle, mit dem Dachs gar nicht zu vergleichen, -auch nicht mit dem Bär, ist oder war der _Wolf_. Wir hören noch gern -die netten Geschichten, die das deutsche Märchen von Isengrim zu -erzählen weiß, wie er von dem schlauen Reineke, dem er an Stärke weit -überlegen ist, immer überlistet wird, wie ihn sein sprichwörtlich -gewordener »Wolfshunger« in hundert Abenteuer verwickelt und an den -Rand des Verderbens lockt; wir gedenken so gern noch der verschiedenen -Rollen, die der Wolf in der Fabel spielt, wo er im Verein mit seinem -Vetter, dem Hund, auftritt oder mit der Wildsau, dem Pferde, dem Lamm, -der Gans, dem Löwen, wie er in den meisten Fällen tüchtig verprügelt -wird oder wie er im Angesicht des Todes sein Testament macht; ja, wir -gedenken seiner noch gern als eines der volkstümlichsten Tiere, aber -wir trauern nicht um ihn und wünschen ihn nicht zurück. - -Ehemals mag der Wolf fast überall in deutschen Landen in recht großen -Scharen aufgetreten sein, in den Mittelgebirgen sowohl, wie namentlich -in den weiten Ebenen des Ostens. Wurden doch in jenen 106 Jahren allein -in Sachsen 6937 Wölfe zur Strecke gebracht, wobei die nur gelegentlich -von einzelnen Bauern erlegten nicht mitgezählt sind. Man kann sich -denken, welch furchtbare Geißel Isengrim damals für die Herden wie für -das Wild war, daß die Bewohner von Einzelhöfen, ja ganze Dorfschaften -sich zusammentaten und Treibjagden gegen den Bösen unternahmen oder -ihn in Wolfsgruben fingen und erschlugen, und daß die fürstlichen wie -geistlichen Jagdherren ihm nachstellten und Belohnungen auf seine Haut -ausschrieben, i. J. 1614 z. B. nicht weniger als vier Taler, i. J. -1730 zehn Taler, ein schönes Stück Geld damals. Vielleicht hat der -Wolf weniger der Kultur des Landes, als der fortgesetzten Verfolgung -zwangsweise weichen müssen. Für seinen Wolfshunger gab es in unserm -Vaterlande eben keinen Raum mehr. Nach Osten ist er verdrängt worden, -von wo er gegenwärtig nur vereinzelt einmal in recht strengen Wintern -über die deutsch-polnische Grenze wechselt. Im Wasgau, ebenso in der -Eifel erscheint wohl auch noch ab und zu ein versprengter Isengrim, der -dann gewöhnlich sehr schnell einer Kugel zum Opfer fällt. In Sachsen -war es bereits um die Mitte des 18. Jahrhunderts mit den Wölfen vorbei; -ja schon kurz vor dem Siebenjährigen Krieg können die Raubgesellen -hier als ausgerottet bezeichnet werden, und nur einzelne Namen wie -Wolfsgrün, Wolfsschlucht, Wolfsheim, Wolfsberg, Wolfshügel erinnern -noch an die einstige Glanzzeit der mordgierigen Bande. Aus unsrer -Dresdner Gegend scheint der Wolf schon recht frühzeitig gewichen zu -sein; wenigstens galt er hier zu Anfang des 17. Jahrhunderts bereits -als Seltenheit, sonst würde man ihm nicht i. J. 1618 eine sog. -»Wolfssäule« im Friedewald, in der Nähe der Landstraße von Meißen -nach Moritzburg, errichtet haben. Die Inschrift der 6 Meter hohen -Steinsäule, auf der ein sitzender Wolf ruht, besagt, daß Kurfürst -Johann Georg I. diesen Wolf »behetzet und beschossen« habe. Das Denkmal -ist oftmals ausgebessert worden, zuletzt i. J. 1919. - -Ein zweites Wolfsmal steht in der Heide zwischen Ottendorf und -Laußnitz, seitwärts der Königsbrücker Landstraße, am Wolfsberg. Es -erinnert an einen Wolf, der am Martinstag 1740 hier abgeschossen ward, -der erste wieder in dieser Gegend seit 56 Jahren. - -Bekannt ist auch die nur etwas über 2 Meter hohe, pyramidenförmig -zugespitzte Wolfssäule in der Dippoldiswalder Heide, an dem Wege -von Malter nach der Heidemühle. Sie zeigt in recht unbeholfenem -Flachrelief einen Wolf, darunter die Inschrift mit der Zeitangabe -6. März 1802. Ohne Zweifel ist dieser »letzte« sächsische Wolf, wie -ihn der Volksmund bezeichnet, nur ein Überläufer aus den böhmischen -Wäldern gewesen. Dort, ebenso in Schlesien, hat sich der Wolf bis zu -Beginn des 19. Jahrhunderts erhalten. Oft hört man erzählen, daß die -Wölfe i. J. 1813 der vernichteten Armee Napoleons in ganzen Rudeln -nach Deutschland, insbesondere auch nach Sachsen, gefolgt seien; doch -es fehlt der Beweis für solche recht wenig wahrscheinliche Annahme. -Wenn im letztvergangenen Jahrhundert, ja noch 1904, in Sachsen oder -nahe der sächsischen Grenze hier und da ein Wolf erlegt worden ist, -so handelte es sich um gefangene, irgendeiner Menagerie entsprungene -Tiere, falls nicht die Phantasie des glücklichen Schützen in einem -wildernden wolfsähnlichen Hunde den leibhaftigen Isengrim erblickte. -Ausführliches über die Geschichte des Wolfs in Sachsen enthält ein -Aufsatz A. Klengels in den Mitteilungen des Sächsischen Heimatschutzes, -Bd. 9, S. 97 ff. - -Auch der kleinere Vetter, der _Fuchs_, hat viel unter der Feindschaft -des Menschen zu leiden, der ihm mit Eisen und Blei und mit vergiftetem -Köder nachstellt. Aber noch immer hat es der Erzschelm verstanden, sich -zu behaupten. Jeden sucht er zu prellen, zu betrügen, der seinen Weg -kreuzt. Eine Legion lustiger Geschichten und unterhaltsamer Späße, die -sich die dichtende Phantasie zusammengereimt hat, von den Tagen Äsops -an bis zu Goethes Tierepos und den Fabeldichtern unsrer Tage. - -In jedem größeren Revier, auch bei uns im so stark bevölkerten Sachsen, -gibt es noch Füchse. »Mehr als genug!« denkt mancher Grünrock, der -seine Niederjagd liebt. Ja, in den vergangenen Kriegsjahren haben -sich die Roten eher vermehrt als vermindert. »Das Raubzeug hat im -deutschen Wald überhand genommen,« so klagte man mir, »ganz besonders -die Füchse«. Das Versäumte, glaube ich, wird bald wieder nachgeholt -sein. Der hohe Preis von Reinekes Winterbalg ist gewiß ein gewaltiger -Ansporn für den Jagdberechtigten, den Fuchs zu schießen oder ihn im -Eisen zu fangen -- ein schönes Sümmchen, das solch ein Balg bringt, der -Mühe schon wert, einmal zu nachtschlafender Zeit das warme Bett mit dem -klirrenden Frost draußen am Hochsitz zu vertauschen, auch wenn's kein -feiner »Silberfuchs« ist -- andererseits wird solch hoher Preis den -Wunsch stärken, den Fuchs im Revier nicht völlig zu missen. Heute wird -es der Jäger wohl unterlassen, falls nicht besondere Gründe vorliegen, -die Welpen mit dem noch wertlosen Balg aus ihrem Bau auszugraben, und -so wird die Zeit hoffentlich recht fern sein, wo auch der Fuchs aus dem -deutschen Walde verschwunden ist, wie Wolf, Luchs und Wildkatze. - -In den Kreisen der Landwirte und Forstleute hat man schon seit -einiger Zeit begonnen, die _Bedeutung der Raubtiere_ mehr und mehr -einzusehen, und wenn auch heute noch hie und da ein einzelner Jäger ein -geschworener Feind alles »Raubgesindels« ist, so beweist er nur, daß er -von der Lebensweise der Raubtiere, der bepelzten wie der gefiederten, -keine rechte Vorstellung hat. Gerade der Fuchs vertilgt eine Unmenge -von Mäusen, und er ist so lüstern auf dies winzige Wildbret, daß er -sich trotz aller Vorsicht und Schlauheit durch leises »Mäuseln« des -Jägers heranlocken läßt. Daneben aber frißt er auch Kerbtiere und -deren Larven, namentlich Maikäfer, Saateulenraupen und Drahtwürmer. -Daß er nur von Hühnern und Fasanen, von Hasen und Kaninchen lebe, ist -eine böse Verleumdung. Natürlich, was er überlisten kann, nimmt er -mit; selbst das Reh fällt ihm zum Opfer; aber doch nur, wenn es an den -Läufen klagt, die die harte Schneekruste ihm zerschnitten hat, und wohl -auch ohne Hilfe des Fuchses eingegangen wäre. Reineke, und das sollte -man ihm nie vergessen, ist aber auch jagdlich insofern von Nutzen, als -er an erster Stelle kümmernde, kranke und schwache Stücke erbeutet -und dadurch der Ausbreitung von Seuchen vorbeugt, sowie durch solche -Auslese den ganzen Stand des Wildes hebt und stärkt. - -Bei Bekämpfung des Raubzeugs kennen einzelne Jäger keine Rücksicht, -und es läuft ebenso häßliche wie unnötige Roheit und Tierquälerei -da mit unter. Oder ist es keine Roheit, die Fähe in der Heckezeit -abzuschießen, daß die Welpen im Bau elend verhungern müssen, oder -das Habichtsweibchen am Horst wegzuknallen und so die Jungvögel -einem elenden Tode preiszugeben? Ist's nicht Tierquälerei, den Fuchs -vierundzwanzig Stunden im Eisen sich abquälen und Eulen oder Bussarde -tagelang mit zerschmetterten Fängen in dem Marterinstrument hängen -zu lassen? Wo der Jäger sich des »Raubgesindels«, wie er's nennt, -nicht anders glaubt erwehren zu können, als daß er Fallen legt und -Eisen stellt, da hat er die Pflicht und Schuldigkeit, am frühen -Morgen nachzusehen, ob sich ein Tier gefangen hat. Wer es unterläßt, -macht sich ebenso der Aasjägerei schuldig wie einer, der auf fünfzig -Schritt Rehe oder Rotwild mit Schrot anspritzt oder ein angeschweißtes -Stück Wild nicht nachsucht. Aber den Räubern gegenüber befinden sich -die Jäger noch oft, wie _Löns_ schreibt, in einem mittelalterlichen -Irrwahn; »der Fuchs ist ihnen ein Dämon, der nachts umgeht und suchet, -was er verschlinge«. - -Von anderem Raubwild weiß das Märchen nur wenig. Den _Luchs_, der in -Deutschland bereits völlig ausgestorben ist, kennt es kaum, und wo -die Katze auftritt, da handelt es sich in den meisten Fällen um unsre -Hausmiez, nicht um die _Wildkatze_. Diese ist bis auf wenig Reste -aus den deutschen Forsten verschwunden; nur die zusammenhängenden -Waldungen, die Dickungen und Felsenklüfte an der Mosel und im Südharz -bieten Hinz, dem Kater, dem kraftstrotzenden, gelenkigen Räuber, noch -gute Verstecke. In bewohnteren Gegenden kann man die Wildkatze nicht -dulden; sie hat der Kultur weichen müssen. Aber noch recht häufig kommt -sie in den Karpaten vor, wurden doch im Jahre 1908 noch 5045 Wildkatzen -im damaligen Ungarn zur Strecke gebracht. - -Und nun unser gemütlicher _Igel_. Wer kennt es nicht, das köstliche -Märchen von »Swinegel un siner Fru«, wie sie beim Wettlauf den -flüchtigen Lampe betrügen, und die lustige Lehre, die Gebrüder Grimm -hinzufügen, »datt et gerahden is, wenn eener freet, datt he sick 'ne -Fru ut sienem Stande nimmt, un de just so uutsäht es he sülwst. Wer -also en Swinegel is, de mutt tosehn, datt siene Fro ook en Swinegel -is«. Oder wer kennt sie nicht, die Fabel vom Igel und dem Hund, der -sich an dem stachligen Gesellen die Nase blutig sticht, oder die -Geschichte vom Igel, der auswandert, weil er von allen Tieren seiner -Stacheln wegen mißachtet und beschimpft wird, und zufällig ins Land der -Stachelschweine kommt, wo alle Einwohner ganz entzückt ausrufen: - - »... welch schöne Augenweide! - Sieh nur den Fremdling mit dem Haar von Seide!« - -Woran H. H. Ewers die Moral knüpft: - - »Ja, also ist's! und schelten auch die einen - Voll Hohn dich eine Borstenkreatur, - Ein struppig Stacheltier -- so mußt du wandern: - Als Seidenviehchen loben dich die andern.« - -Ein köstliches Bild, wenn man 'mal im raschelnden Herbstlaub einer -Igelmama mit ihren vier oder fünf »lütjen Kinners« begegnet, kleinen, -spaßhaften Stachelkugeln, die man gern 'mal in die Hand nimmt. Und -dieser Mäuse- und Insektenvertilger wird -- man sollte es kaum glauben --- gleichfalls von manchem Jäger verfolgt, da sein schnupperndes -Näschen natürlich auch 'mal ein bodenständiges Nest findet und der -Igel dann nicht lange danach fragt, ob es ein paar Regenwürmer sind -oder Jungvögel, die er entdeckt hat. Ich kenne wenig Tiere, die als -Mäusefänger so nützlich, zugleich aber in ihrer ganzen Erscheinung und -in ihrem Gebaren so lustig und interessant sind wie der Igel, und ich -möchte alle Leser bitten, Swinegel und seiner Familie das allergrößte -Wohlwollen entgegenzubringen. - -_Lampe, der Hase_, kommt gleichfalls oftmals in Märchen und Fabeln vor; -er ist immer das arme, geplagte, verfolgte Tier: alles, alles will ihn -fressen, zumal der Mensch. Um sein Aussterben brauchen wir aber kaum -Sorge zu tragen. Der strenge Jagdschutz nimmt sich seiner an; denn der -Hasenbestand ist meistens der Wertmesser des ganzen Reviers, wenigstens -im Niederland. Freilich, wer in den letzten Jahren lediglich den -Ladentischen unsrer Wildbrethandlungen seine Aufmerksamkeit geschenkt -hat, die fast immer »hasenrein« waren, der muß zu der Ansicht gekommen -sein, daß man entweder Lampe neuerdings aus der Liste der jagdbaren -Tiere gestrichen und ihm ewige Schonzeit zugebilligt habe, oder daß es -mit dem Hasenfuß auf unsern Fluren für immer vorbei sei. Aber die Sache -hat andere Gründe, die ich hier nicht erörtern will. - -Allerdings mit der Jagd steht es heute schlimm genug. Überall -Wilddiebe, die ihr dunkles Gewerbe treiben! In manchem Revier sind -schon alle _Rothirsche_ abgeschossen, in fast jedem ihre Zahl stark -gezehntet worden. Und wie die fürstlichen Jagdherren gewiß manchmal -in nicht gerechtfertigter Weise zum Schaden des Landwirts, auch der -Forstwirtschaft, das Hochwild über die Maßen hegten und pflegten, -so verfällt man jetzt ins Gegenteil. Man knallt alles nieder oder -wenigstens weit mehr als nötig ist. Es erinnert dieser Vorgang ans Jahr -1848. Auch damals hat man den Rotwildstand, z. B. in unserm Sachsen, -so arg abgeschossen, daß ernstlich die Frage erörtert wurde, ob damit -nicht das Ende des Rotwilds für alle Zeiten gekommen sei. Und heute -stehen Naturfreund und weidgerechter Jäger vor derselben bangen Frage. -Nur ist keine Aussicht vorhanden, daß irgendein Jagdherr in Zukunft in -der Lage sein wird, sein Wild so zu schützen, zu hegen und zu pflegen, -wie es bisher der Fall war. - -Es tut einem das Herz weh, wenn man bedenkt, daß der _Hirsch_, von dem -die Tierfabel so manches zu berichten weiß, daß sogar das zierliche -_Reh_, das in vielen Märchen eine besonders liebliche Rolle spielt, -vielleicht in recht naher Zeit aus unsern heimatlichen Wäldern, wenn -auch nicht völlig verschwinden, so doch hier immer seltener werden -soll[2]. Die Freude an der Natur, an der Jagd, an dem Wild liegt unserm -Volke im Blut, ein Erbgut aus Urväterzeit. Und wenn es gewiß auch -eine falsche Vorstellung ist, daß die alten Germanen nur von der Jagd -lebten -- im Gegenteil, sie waren seßhafte Ackerbauern und hatten es -schon zu Beginn unsrer Zeitrechnung in der Art, wie sie ihre Ländereien -bestellten, weiter gebracht, selbst als die Römer -- so war doch die -Jagd von großer Bedeutung für sie. - - [2] Bis vor kurzem wenigstens war das zu befürchten; erst - in allerletzter Zeit scheint sich der Rehstand hier und da - wieder erfreulich gehoben zu haben. - -Aber ist sie es nicht auch noch in der Gegenwart? Es sind sich -wenig Menschen, auch die nicht, die gern einmal einen Hasenbraten -oder eine Rehkeule verzehren, darüber klar, welche ungeheuren Werte -unser Wildbestand darstellt. Man hat berechnet, daß unmittelbar vor -dem Kriege die jährliche Ausbeute an Wildbret im Deutschen Reiche -20 Millionen Kilogramm betrug, damals im Werte von wenigstens -25 Millionen Mark, daß die Decken, Schwarten, Bälge einen Marktpreis -von gegen 1½ Millionen besaßen, daß der Erlös an Geweihen und Gehörnen -etwa 1 Million betrug. Das Reich nahm beinahe 6 Millionen Mark aus -den Jagdscheinen ein, die Gemeinden schlugen 40 Millionen aus den -Jagdpachten heraus. Dazu kommen die Millionen, die Jagdaufseher, -Treiber, Hundezüchter, Waffen-, Munitions-, Jagdbekleidungsfabrikanten -u. a. verdienen. (Vgl. _H. Löns_, Kraut und Lot, S. 105 ff.) - -Aber diese volkswirtschaftliche Bedeutung der Jagd ist nicht die -Hauptsache. Der Jagdschutz, wenn er streng durchgeführt wird, erhält -uns das Wild als ein wertvolles Stück der heimatlichen Natur zur -Freude nicht nur des Jägers, sondern jedes Naturfreundes, und da sich -die Wildhege mit Erfolg immer nur in einem Gelände ausüben läßt, das -noch bis zu gewissem Grade das Gepräge der Urwüchsigkeit zeigt -- -ursprüngliche Wälder, Brüche, Moore, Heiden -- so haben wir es zu -nicht geringem Teil der Jagd zu verdanken, wenn noch nicht überall -die Ackerbausteppe und der durchforstete Nutzwald in unserm Vaterland -herrschen, sondern auch noch ab und zu ein Stück Land ein mehr oder -weniger ursprüngliches Gepräge zeigt. Jagd und Jagdpflege sind der -unbewußte Anfang des Naturschutzes und der Naturdenkmalpflege gewesen, -und daher ist es die Pflicht des Heimatschutzes, die edle weidgerechte -Jagd, deren Hauptaufgabe in der Hege und Pflege eines angemessenen -Wildstandes besteht, hochzuhalten und alle jagdlichen Bestrebungen nach -der gekennzeichneten Richtung hin zu unterstützen. »Jagdschutz« also -auch in dem Sinne: »Schutz der Jagd!« - - * * * * * - -Ungleich zahlreicher noch als die Säugetiere sind die _Vögel_, die sich -besonderer Volkstümlichkeit erfreuen und deshalb in vielen Märchen -und Fabeln auftreten. Gleich jenen haben auch die Vögel ihren König, -den _Adler_, nicht wie der Löwe ein Tier fremder Zonen, sondern ein -Bewohner unsrer Heimat. Aber wie wenige meiner Leser werden den stolzen -Vogel aus der freien Natur kennen! Bei uns in Deutschland stehen -sämtliche Adler auf der Aussterbeliste. Der _Steinadler_ horstet wohl -noch in ein oder dem andern Paar in den bayrischen Alpen, während er in -den Wäldern Ostpreußens seit Beginn unsers Jahrhunderts ausgerottet zu -sein scheint. Und doch war dieser wahrhafte König der Lüfte noch vor -hundert Jahren in manchem deutschen Mittelgebirge Brutvogel, ebenso -weitverbreitet im Niederland, in Pommern, Westpreußen, der Mark so gut -wie im Böhmer Wald oder im Riesengebirge. - -Etwas besser steht es noch heute um _See-_ und _Fischadler_; doch sind -deren Horste an der Ostseeküste und auf der norddeutschen Seenplatte -gleichfalls gezählt. Den Nachstellungen des Menschen ist der König -der Vögel zum Opfer gefallen. Auch in den Alpen ist der Anfang vom -Ende da, gezählt sind die Tage seiner Herrschaft. In Sachsen horstet -schon längst kein Adler mehr. Aber der Wanderzug führt stets noch -einige Seeadler, auch Fischadler durch unser Land. Sie kommen von der -Wasserkante oder weit aus den russischen Wäldern. Ein gefährlicher Flug -ist's. Es vergeht kein Jahr, wo nicht ein oder der andere der stolzen -Vögel von einem Schießer heruntergeknallt wird, der sich dann als -kühner »Adlerjäger« brüstet. - -Mit den nächtlichen Raubvögeln, den _Eulen_, hat sich die Märchen- -und Fabeldichtung gleichfalls viel beschäftigt; Und das ist kein -Wunder. Erst wenn die Dämmerung eintritt, beginnen die Eulen ihre -Streifzüge. Dank ihrem seidenweichen Gefieder gleiten sie geräuschlos -und deshalb geisterhaft an dem nächtlichen Wanderer vorüber, und -unheimlich klagend heult ihre Stimme aus dem dunklen Walde. Gleich -glühenden Kohlen funkeln die Riesenaugen im nächtlichen Schatten -- -wieviele Spukgeschichten mögen ihnen ihr Dasein verdanken! Das Märchen -verwendet, um die Stimmung recht gruselig zu machen, die funkelnden -Eulenaugen außerordentlich oft. - -Ich glaube, es gibt wenig Menschen, die eine besondere Vorliebe für -diese unheimlichen Gespenstertiere besitzen. Das tut mir leid, einmal -der Eulen wegen und dann auch um meiner selbst willen, da ich mich -mit meiner ausgesprochenen Passion für Käuze und Eulen aller Art -ziemlich vereinsamt fühle. Ein rechtes Verständnis für die Anmut der -Eulen habe ich nur bei den Italienern gefunden; diese betrachten ihre -Steinkäuzchen als wirkliche Hausfreunde und richten dunkle Brutplätze -unter den Dächern mit bequemen Eingängen für sie her. Allerdings -ist ihre Vorliebe für Käuze nicht frei von Eigennutz; denn der -Italiener bedient sich seiner Freunde zum Fang von Kleinvögeln. Auch -die alten Griechen, denen Verständnis und Gefühl für Schönheit doch -wahrhaftig nicht abgesprochen werden kann, erkannten die eigenartige -Eulenschönheit. Die Eule war der Pallas Athene heilig, die selbst als -»eulenäugig« bezeichnet wird; zugleich war sie das Wappentier der -Hauptstadt, das Sinnbild der Weisheit, und sogar als Glücksbotin findet -sie Erwähnung. - -Wieviel könnten wir Deutschen doch von den alten Griechen in dieser -Beziehung lernen! Bei uns heißt es: »Häßlich wie eine Nachteul'«, und -Eulenaugen gelten nicht gerade als Schönheit. Dazu ist die Eule in -deutschen Landen so recht der Unglücksvogel, dessen nächtlicher Ruf -Krankheit und Tod kündet. Auch im deutschen Märchen ist der Kauz viel -weniger der Vogel der Weisheit, als der böse Geist, der Dämon, der -Hüter verborgener Schätze, dem Menschen feindlich gesinnt, vertraut -mit der schwarzen Kunst, mit Zauberei; in der Fabel aber ist er ein -Griesgram und rechter Philister. - -Ebenso bedauerlich wie auffallend ist der Rückgang der Eulen in unsrer -Heimat. Von dem _Uhu_ will ich nicht reden -- das letzte Paar brütete -noch um die Wende unsers Jahrhunderts in den Felswänden des Hohnsteiner -Reviers. Ich fürchte, der Schutz, den man heute in allen Staatsforsten -dem seltenen Räuber gern gewähren möchte, kommt bereits zu spät, um -den »König der Nacht« zu retten. Aber auch die mittelgroßen Eulen, -wie _Wald-_ und _Schleierkauz_, _Wald-_ und _Sumpfohreule_, selbst -die kleinen _Käuzchen_ sind heutzutage viel seltener geworden als zu -meiner Jugendzeit. Man mag eine Eule aus dem Gehöft verjagen, wenn man -den Mäusejäger durchaus glaubt entbehren zu können; aber eine Eule -töten, bleibt eine Roheit und Gemeinheit, wenn auch vor unsern ganz -unzureichenden sächsischen Gesetzen der Frevler frei ausgeht. Alles, -was bewehrte Fänge und einen Krummschnabel trägt, gehört in Sachsen zu -den jagdbaren Vögeln, und auf diese findet das deutsche Reichsgesetz -keine Anwendung. Der Freibrief, den dieses mit Recht dem Turmfalken, -dem Schrei- und Seeadler, dem Bussard, der Gabelweihe und _sämtlichen -Eulen_, mit Ausnahme des Uhus, ausstellt, hat also für Sachsen keine -Gültigkeit. Hierin endlich einmal Wandel zu schaffen, ist eine -dringende Forderung des Naturschutzes an die Gesetzgebung. - -Viel mehr als die lichtscheue Eule ist im deutschen Märchen der _Rabe_ -der Vogel der Weisheit. Er hat die Gabe, in die Zukunft zu schauen -und wird so zum Verkünder kommender Ereignisse. Das hängt zweifellos -damit zusammen, daß bei unsern Altvordern der Rabe der Vogel Wodans -war, der Götterbote, der den Verkehr zwischen dem Herrscher des Himmels -und den Bewohnern der Erde vermittelte. Seine Verwandten, die Krähen -und Elstern, gelten als diebisches, zänkisches Gesindel, letztere als -besonders schwatzhaft. - -Ein anderer Götterbote war der _Storch_; doch spielt dieser in -orientalischen Erzählungen und Märchen eine weit größere Rolle als in -unserm deutschen Märchenschatz. Auch in der deutschen Fabel begegnet -man dem klappernden Hausfreund nur selten. Dagegen hat unser Volk -um Leben und Treiben des Storchs einen reichen Kranz abergläubischer -Vorstellungen gewunden, deren Ursprung sich in graue Vorzeit verliert. - -Unter den Wasservögeln ist wohl der _Schwan_ das vornehmste Märchen- -und Sagentier. Wir denken an das lustige Märchen »Schwan, kleb an!«, an -die reizende Geschichte vom kleinen »häßlichen Entlein«, das aber einem -Schwanenei entschlüpft war und bald zum bildschönen Schwan heranwuchs; -wir denken an Lohengrins Schwan und an die Schwanenritter oder an die -Schwanenjungfrauen, die auf der Donau den Nibelungen erschienen und -sie vor der Fahrt warnten, die allen den Untergang bringe. In Sachsen -brütet der Wildschwan leider nirgends; dazu sind unsre Teiche zu klein -und unsre Elbe mit ihren gemauerten Ufern viel zu nahrungsarm und zu -unruhig. Wer aber die ostpreußischen Seen kennt, der wird sich mit -Freude der anmutigen Schwimmvögel erinnern, die so manchem dieser -Gewässer einen besonderen Schmuck verleihen. Auch Seen in Brandenburg -und Mecklenburg oder der Unterlauf der Warnow unterhalb Rostock -beherbergen noch immer eine erfreuliche Anzahl der stolzen Geschöpfe. -Freilich haben die bösen Verhältnisse der Nachkriegszeit auch in ihre -Reihen starke Lücken gerissen, so daß es ernstlich an der Zeit ist, -für den Schutz dieser Tiere zu sorgen. Besonders lieblich sind die -Familienbilder, die sie zu Sommers Anfang dem Beschauer bieten, wenn -die Schwanenmutter ihre Kleinen das erstemal durchs Schilf auf die -freie Wasserfläche führt oder die grauen Dunenbällchen auf den Rücken -nimmt und mit dieser leichten Bürde zurück zum Neste gleitet. - -An zweiter Stelle wäre auch der _Gänse_ zu gedenken. Unsre geliebte -Hausgans, deren Braten alljährlich an meinem Namenstage so manchen -Mittagstisch verschönt -- im vorigen Jahre nach längerer Pause auch -den meinen, da eine freundliche Fee den köstlichen Vogel in mein Haus -flattern ließ -- stammt von der Graugans her, die gleichfalls noch -in Norddeutschland brütet und gelegentlich ihrer Herbstreisen auch -an unsre sächsischen Gewässer kommt. Sie ist eleganter in der Figur, -als unsre Haus- und Hofgenossin, auch leichter im Flug, gewandter im -Schwimmen; denn das Gänsefett belästigt sie nicht so stark wie jene. -Auch die _Ente_ mit dem goldnen Krönchen erscheint im Märchen, und -in der Fabel tritt sie zumeist mit dem Fuchs auf, der ihr den Kragen -umdrehen möchte. - -Unter den Singvögeln sind vielleicht die volkstümlichsten _Nachtigall_ -und _Lerche_. Ihr Gesang hat von jeher den Menschen begeistert. -In hundert Volksliedern wird die Nachtigall erwähnt, ja bei den -Minnesingern, die sich nicht genug tun können, die kleinen Waldvöglein -zu preisen, ist die Sängerin der Nacht so ziemlich der einzige -Vogel, der mit Namen genannt wird. Die Lerche aber ist die Sängerin -des Tages, die zum Licht emporsteigt, die mit der Morgenröte sich -erhebt, um den ganzen Himmelsraum mit ihrem Jubel zu erfüllen, zum -Preise des Schöpfers. Neben ihnen spielen in Märchen und Fabeln die -andern Kleinvögel, wie Zeisig, Rotkehlchen, Zaunkönig und Star, nur -bescheidene Rollen; sie treten in der Regel nicht allein auf, sondern -in Begleitung jener Sänger. Ich erinnere an die Fabeln vom Zeisig, vom -Kuckuck oder auch vom Wiedehopf und der Nachtigall, von der Schwalbe -und der Lerche. - -Die _Schwalbe_ ist der Vogel, der das innigste Bündnis mit dem -Menschen geschlossen hat; denn während recht viele zutrauliche Vögel -wohl die Nähe menschlicher Siedlungen aufsuchen und ihre Wohnung an -unsern Häusern, auf und unter dem Dach, am Gesims, auf einem Balkenkopf -oder in irgendeinem versteckten Winkel aufschlagen, sind es die -niedlichen Rauchschwälbchen mit dem gabelartig verlängerten Schwanz -und der rostroten Stirn, die fast ausnahmslos im Innern der Gebäude -Herberge nehmen. Dem Tragbalken des Vorhauses, der Decke des Kuh- oder -Pferdestalles, wohl auch dem Schirm einer elektrischen Lampe vertrauen -sie ihr Nestchen an. Und solche Anhänglichkeit an uns Menschen verdient -Gegenliebe, wie man sie allgemein in deutschen Landen den lieblichen -Vögelchen entgegenbringt. Eine Schwalbe zu töten oder auch nur ihr Nest -zu zerstören, ist ein schwerer Frevel, der von der rächenden Gottheit -mit langem Siechtum bestraft wird. Wo die glückverheißenden Vögel den -Hof verlassen haben und im kommenden Frühjahr nicht wieder Einkehr -halten, da zieht Unfrieden im Haus ein oder es stirbt ein Bewohner. Wer -möchte es wünschen, daß solch frommer Aberglaube doch endlich in die -Rumpelkammer längst überlebter mittelalterlicher Vorstellungen, die -nicht mehr in unsre aufgeklärte Zeit passen, geworfen werde! - -Sinnig sind manche Sagen, die von der Schwalbe berichten. Bei der -Vertreibung der ersten Menschen aus dem Paradies flog eine Schwalbe -blitzschnell an dem Flammenschwerte des zürnenden Engels vorüber, um -das arme, verstoßene Menschenpaar in seine neue unbekannte Heimat zu -begleiten. Hier ward sie ihm zur treuesten Freundin im Glück und im -Unglück. Eine andere Sage erzählt: Als Christus am Kreuze hing und, vom -Durst gequält, um Wasser flehte, da hörte eine Schwalbe des Heilands -Bitte: »Mich dürstet«. Schnell eilte sie an eine Quelle, küßte dann -des Sterbenden Lippen und träufelte einige Tropfen Wasser auf sie. -Hierauf umflog sie das Haupt des Heilands, mit ihren langen Schwingen -ihm Kühlung zufächelnd. Dabei streifte sie die blutenden Wunden, so -daß sich Stirn und Kehle rot färbten. Ähnliches weiß die Sage auch -vom _Kreuzschnabel_ zu erzählen. Bei dem Versuch, die Nägel aus dem -Kreuzesstamm zu zerren, hat sich sein Schnabel verbogen, sein Gefieder -gerötet. - -Nur ein Wort noch vom _Wiedehopf_. Er steht nicht im besten Geruch und -ist doch mit seiner Federholle und dem ansprechenden Farbenkleid ein -wunderhübscher Vogel. Heute kenne ich den Wiedehopf als sächsischen -Brutvogel nur aus der Lausitz, wo er allerdings außerordentlich selten -ist. In meiner Jugendzeit aber brüteten alljährlich mehrere Paare -in den alten Kirschbäumen, die die Viehweide des Rittergutes meiner -Heimat umgaben. Ein ganz abscheulicher Gestank, wenn man die Nase -in den Eingang solcher Kinderstube bringt; selbst die ausgeflogenen -Jungen müssen sich noch tagelang gewissermaßen auslüften, ehe sie den -Geruch verlieren, so fest sitzt er ihnen im Gefieder. In der Fabel ist -der Wiedehopf seines gekrönten Hauptes wegen der eitle Vogel, dessen -armseliger Ruf sich mit dem Gesang der unscheinbaren Nachtigall nicht -messen kann. - -Die Zahl der Vögel, die das Märchen, ganz besonders aber die deutsche -Fabel auftreten läßt, ist so groß, daß man leichter die Arten aufzählen -könnte, von denen das Volk nichts zu erzählen weiß. Kuckuck und Pfau, -Hahn und Sperling, Wachtel und Taube, Kranich und Reiher, Gimpel und -Zeisig müßte ich nennen, und ich würde noch keineswegs allen gerecht -werden. Gerade der Vogel ist von jeher der Liebling des Menschen -gewesen; seine anmutige Gestalt, sein hübsches Farbenkleid, vor allem -aber seine Stimme haben von Anfang an die Aufmerksamkeit eines jeden -auf ihn gelenkt. - - * * * * * - -Die _kaltblütigen Wirbeltiere_ stehen unserm Volke nicht so nahe; das -Verhältnis zu ihnen ist weniger innig. Ganz besonders gilt das von -den _Fischen_. In dem deutschen Märchen spielen sie eine nur sehr -bescheidene Rolle, und auch in den Fabeln tritt nur hie und da mal -der gefräßige Hecht oder der stumpfsinnige Karpfen auf. Die Fische -haben wenig zu sagen, sie sind stumm; daraus erklärt sich wohl solche -Vernachlässigung. - -Aber unter den _Lurchen_ gibt es ausgezeichnete Sänger, die mit -ihrem Lied die ganze Frühlingsnacht erfüllen: die _Frösche_ sind es. -Unsern Seen- und Teichlandschaften verleiht ihr Chorgesang einen ganz -eigentümlichen Reiz. Freilich handelt es sich dabei nur um die eine -Art, den _grünen Wasserfrosch_, während man von dem andern, dem braunen -Grasfrosch, der auf der feuchten Wiese oft in großer Anzahl vor unsern -Schritten aufspringt, nur selten einen knurrenden Laut vernimmt; ~rana -muta~, d. i. der Stumme, nannte ihn deshalb der Zoolog. Um so lebhafter -der andere, der Wasserfrosch. Er ist es, von dem das Märchen so viel -zu erzählen weiß, von seinem Schloß tief unten im feuchten Element, -wo der Froschkönig sein Reich aufgeschlagen hat und seine Herrschaft -über die ganze pausbäckige Gesellschaft ausübt. Meist handelt es sich -um Verwandlungsmärchen, um einen Fürstensohn, der in einen Frosch -verzaubert ward und dann durch die Guttat eines Menschenkindes erlöst -wird. Oder ich erinnere an Georg Rollenhagens »Froschmäuseler« aus dem -Jahre 1595, ein langatmiges Reimwerk, dem Homers »Froschmäusekrieg« -zur Grundlage diente. Die ganze wunderliche Hofhaltung der Frösche -und Mäuse wird uns hier geschildert und die blutige Schlacht zwischen -den Bewohnern des Wassers und den kleinen graufelligen Nagern des -Feldes. Und dann, wieviel alte und neue Fabeln handeln doch von dem -kaltblütigen Sänger, der bald mit der Nachtigall, bald mit dem Kuckuck -den Wettgesang anstimmt! - -Auch die _Kröte_ mit der goldenen Krone ist eine Märchengestalt, -die auf Erlösung harrt. Ich glaube, ihr schönes goldenes Auge, das -treuherzig blickt, voll Wehmut und Sehnsucht, hat es dem Menschen -angetan. Wer es fertig bringt, eine Kröte in roher Weise zu töten, muß -bar jedes Gemüts sein. - -Von den _Schlangen_ ist im Märchen manchmal die Rede. Sie sind die -Behüterinnen verborgener Schätze oder werden nur nebenbei erwähnt, -um die gruselige Stimmung, die einsame, dunkle Orte dem Menschen -einflößen, noch zu erhöhen. Selten wird eine bestimmte heimische -Schlangenart genannt, auch die giftige Kreuzotter nicht. Dagegen tritt -unter dem Namen »Hausunke« die Ringelnatter auf; ihre gelblichen oder -weißen Halbmondflecken am Hinterkopf und Hals werden als Krone gedeutet. - -Es würde zu weit führen, auch den _wirbellosen Tieren_ unsre -Aufmerksamkeit zu widmen. Auch von ihnen gibt es recht viele, die -wahrhaft volkstümlich geworden sind und besonders in der deutschen -Fabel häufig auftreten. Ich erinnere nur an Ameise, Biene, Feldgrille, -Heupferd, Leuchtkäfer oder an die Schnecke. - - * * * * * - -Schutz der Tierwelt! Es wird so viel darüber geklagt, daß die -großen Tiere der Tropen und der Polarzonen durch die unsinnige -Jagdleidenschaft der weißen Rasse ihrem Untergang mit Riesenschritten -entgegeneilen, daß die Elefanten, Giraffen und Flußpferde, ebenso die -großen Walsäugetiere oder die Büffel, die einst in ungeheuren Scharen -die weiten Ebenen Nordamerikas belebten, recht bald der Vergangenheit -angehören werden. Und nicht etwa nur die wirtschaftliche Einbuße und -der Verlust, den die Wissenschaft dadurch erleidet, rechtfertigen diese -Klage und Anklage, sondern der Frevel an der Natur ist es, der das Herz -eines jeden mit Bitterkeit und Trauer erfüllt. Aber näher doch als jene -Tiere ferner Zonen sollte uns die _heimatliche_ Tierwelt stehen. An -ihrer Erhaltung ist nicht etwa nur dem einzelnen Naturfreund gelegen, -sondern unserm ganzen Volk im allerweitesten Sinne. Wir dürfen nicht -engherzig nach Nutzen und Schaden fragen, sondern die höheren Tiere -sind mit ganz wenig Ausnahmen -- ich denke z. B. an die Kreuzotter oder -an kleine Säugetiere, die namentlich auf den Feldern als verheerende -Landplage auftreten können -- um ihrer selbst willen des allgemeinen -Schutzes wert. Wenn wir aber aus der großen Masse einige besonders -hervorheben wollen, deren Untergang am meisten beklagenswert wäre, -ein unersetzlicher Verlust nicht nur für die deutsche Landschaft, -sondern für unser ganzes Volk, so sind es die _volkstümlichen Tiere der -deutschen Märchen und Fabeln_. - - - - -Allerlei Fischräuber, bepelzt und befiedert - - -Die Ziele und Bestrebungen der Menschen sind verschieden und müssen es -sein. Was bringt mir Nutzen und Gewinn? was ist für mich persönlich -von Vorteil? was kann mir schaden? was steht mir im Wege, mein Ziel zu -erreichen? Das sind die täglichen Fragen des einzelnen. - -Aber der einzelne vermag wenig. Gleichgesinnte haben sich deshalb zu -Verbänden zusammengeschlossen, um mit vereinten Kräften das gemeinsame -Ziel zu verfolgen. Solcher Vereine oder Verbände gibt es unzählige, -und wo sie lediglich äußere Vorteile im Auge haben, wo die Frage -nach Nutzen und Schaden im Vordergrund steht, da kreuzen sich ihre -Interessen vielfach, und es treten Gegensätze hervor, die oftmals zu -erbitterten Kämpfen führen. - -Der Landwirt, der Jäger, der Fischzüchter, der Obstgärtner, der Imker -u. a., sie glauben ein Recht zu haben, mit allen Mitteln die Ziele zu -verfolgen, die ihnen ihr Beruf setzt. Sie vergessen aber nur zu leicht -dabei die Rücksichtnahme, die sie ihren Mitmenschen schuldig sind, und -nicht nur diesen, sondern unserer gemeinsamen Mutter, der Natur, der -wir alles verdanken. - -Der Jäger sucht die Feinde seines sorgsam gehegten Wildstandes -unschädlich zu machen; er stellt also auch den Raubvögeln nach, deren -herrlicher Flug das Auge und Herz des Naturfreundes erfreut, und er -fragt wenig danach, ob er dadurch den Landwirt schädigt, zu dessen -treuesten Verbündeten im Kampfe gegen die Mäuse gerade sehr viele -Raubvögel gehören. Der Fischereiberechtigte leidet den farbenprächtigen -Eisvogel nicht und fängt ihn in kleinen Tellereisen, obgleich die -Vogelfreunde sich bemühen, diesen herrlichen Edelstein der heimatlichen -Vogelwelt vor völligem Untergang zu bewahren, oder er setzt Prämien -für die Erlegung des Fischadlers und anderer Fischfeinde aus, bepelzt -und befiedert, deren Vernichtung auch die Wissenschaft beklagen muß, -sobald es sich um seltene Naturdenkmäler handelt. Der Bienenzüchter -ist den Meisen und Rotschwänzchen feindlich gesinnt, die ihm manche -Biene wegschnappen; er vergißt dabei, daß gerade diese Vögel dem -deutschen Forstmann wie dem Obstgärtner von allergrößtem Nutzen sind. -Der Pächter von Kirschplantagen klagt darüber, daß der Vogelfreund -den Star durch Aushängen von Nistkästen in mancher Gegend unseres -Vaterlandes in einer Weise vermehrt habe, daß die Kirschenernte durch -diesen Vogel arg geschmälert werde. Die Katze, die dem Gutsbesitzer -unentbehrlich ist, wird geschossen, wenn sie sich am Waldrande zeigt, -oder der Vogelschützler fängt sie in der Falle, die er in seinem Garten -aufgestellt hat. Und so geht es weiter: _überall Gegensätze, überall -Meinungsverschiedenheiten_ zwischen den Jagdschutz-, Fischereischutz-, -Vogelschutz-, Obstbau-, Bienenzüchter-, Gärtner-, Naturschutzvereinen -und ihren einzelnen Vertretern, und _jeder glaubt im Recht zu sein_, -wenn er sich über die Handlungsweise des Nachbarn bitter beklagt. - -Und doch, nur ein klein wenig gegenseitiges Verständnis, ein wenig -Rücksichtnahme, freundliches Entgegenkommen von der einen Seite wie -von der andern: wahrhaftig, mancher Streit könnte beigelegt, mancher -Zusammenstoß gemildert werden. Wir wollen doch nicht ganz aufgehen -in unsern persönlichen Interessen, nicht immer nur nach Nutzen und -Schaden fragen, nach eignem Vorteil und Gewinn. Auf eine höhere Warte -müssen wir uns stellen und das große Ganze überblicken, nicht den -einzelnen im Auge haben, sondern die Gesamtheit. So verschieden die -Bestrebungen und Ziele auch sein mögen: in dem _einen_ großen und -idealen Ziele finden wir uns schließlich doch alle zusammen: _die Natur -unsrer Heimat möchten wir so gern in ihrer heiligen, unverletzlichen -Schönheit erhalten wissen_, soweit es ohne wesentliche Schädigungen -_berechtigter_ Sonderinteressen nur irgend möglich ist. _Schutz unsrer -Heimat!_ das muß unsre Losung sein; alles andre hat sich diesem -allgemeinen Ziel unterzuordnen. - -Wer den großen, gar nicht hoch genug einzuschätzenden Vorzug besitzt, -daß ihn sein Beruf in die innigste Berührung mit der Natur bringt, der -darf nie vergessen, daß er dieser unsrer Allmutter, wie seinen weniger -begünstigten Mitmenschen gegenüber Verpflichtungen schuldet, die den -eignen persönlichen Interessen vorangehen. Und so sollten sich all -diese Begünstigten die Hand zum Bunde reichen und sich zusammenfinden -in der _Idee des Heimatschutzes_, der kein kleinliches Partei-, kein -einzelnes Berufsinteresse kennt. Die gefährdeten Geschöpfe unsrer -Heimat gilt es zu erhalten, nicht zu vernichten! Wir haben kein Recht, -die Natur zu verstümmeln. Wir wollen uns nicht nur der nützlichen und -harmlosen Tiere annehmen, sondern auch derjenigen, die sich in vielen -Einzelfällen als schädlich erweisen, und wollen diese wenigstens soweit -dulden, daß sie nicht völlig von der Bildfläche des Lebens schwinden -- -unrettbar, unwiederbringbar! - - * * * * * - -Die _Fischerei_ hat über die Menge der tierischen Feinde vielleicht -noch mehr zu klagen als die Jagd. Dabei wollen wir die kleineren -Räuber, die den Kerbtieren angehören, ganz unberücksichtigt lassen: -den Gelbrand und seine Larve, die nicht nur die junge Brut überfallen, -sondern sich auch nicht scheuen, mit ihren scharfen Freßwerkzeugen -selbst größere Fische anzubeißen, oder den Rückenschwimmer, auch -Wasserwanzen und Wasserskorpion, ebenso die äußerst räuberischen -Larven mancher anmutigen Libellen, die als fertige Insekten zu -den harmlosesten Tieren gehören. Wir wollen nur an die vielen -Fischfeinde oder, besser gesagt, an die Fischliebhaber denken, die dem -Fischereiberechtigten aus der Reihe der Wirbeltiere mancherlei Schaden -verursachen. - -Ein wirkliches Raubtier, der _Fischotter_, der Familie der -Marder angehörend, ist wohl am meisten gefürchtet. Töricht und -ungerechtfertigt wäre es, vom Fischereiberechtigten zu verlangen, -diesen bösen Fischräuber unbehelligt zu lassen. Wo er sich in unsern -Teichgebieten zeigt, die vornehmlich der Karpfen- und Schleienzucht -dienen, da bleibt dem Besitzer oder Pächter gar nichts anderes übrig, -als den Otter im Eisen zu fangen oder auf dem Anstand zu schießen -oder auch durch scharfe Otterhunde und Teckel ihn in seinem Bau -aufzustöbern; denn der Schaden, den der gewandte Schwimmer hier -anrichtet, ist unberechenbar groß, zumal der Fischotter ungleich mehr -Fische vernichtet, als er zu verzehren vermag. Auch den Möweneiern, -der Kiebitzbrut, jungen Gänsen und Enten, zahmen wie wilden, stellt -der mordgierige Räuber nach. Aber es gibt doch auch Gewässer in unserm -Vaterland, Flüsse und Bäche, wo von größerem Fischreichtum nie die -Rede sein kann. Wenn sich hier 'mal ein Fischotter zeigt und der -Fischereiberechtigte fängt nun an zu rechnen: 6 Pfund Fische täglich -zum Fraß und noch doppelt so viel aus reiner Mordlust, macht 18 Pfund -auf den Tag oder 65 Zentner im Jahre; alles halbpfündige Forellen -vielleicht -- mir schwindelt der Kopf, wenn ich dran denke, wieviel -Tausende Papiermark das ausmacht: so ist solches Rechenwerk einfach -lächerlich; denn so viel Fische beherbergt der ganze Fluß nicht, selbst -wenn man die winzigsten Schneider mitrechnet. Oder hofft der Fischer -etwa, wenn er den Übeltäter erst 'mal hat nun die 65 Zentner Fische -selbst einheimsen zu können? Vergebliche Hoffnung! Zu fischreichen -Gründen, wie sie es vielleicht ehemals waren, als die Fabriken durch -ihre Abwässer den Flußlauf noch nicht verunreinigt hatten, werden -derartige Gewässer niemals wieder sich umwandeln, ob man den Otter -gewähren läßt oder ihn wegfängt. - -Zum Glück ist der Herr der Seen und Flüsse ein kluges Geschöpf, -vorsichtig, mißtrauisch; die geringste Veränderung in der Nähe seines -Baues und Ausstieges bemerkt er sofort, und so müht sich der Fänger -in vielen Fällen vergeblich ab, den Fischräuber zu überlisten. Wir -dürfen hoffen, daß das interessante »Fischsäugetier« unserer Heimat -trotz aller Nachstellungen, wenn auch in verschwindend geringer Anzahl, -erhalten bleibt. - -Auch die Verwandten, die Mitglieder der eigentlichen _Marderfamilie_, -stellen gelegentlich den Karpfen und Schleien und selbst den flinken -Forellen nach. Gute Schwimmer sind sie alle, und was sie erreichen -können zu Land und zu Wasser, wird erbarmungslos gemordet. Aber gerade -die Vielseitigkeit ihres Speisezettels -- Eichkatzen, Wildtauben, -Häher, Krähen, allerlei Kleinvögel und ihre Eier, Mäuse und Frösche, -Ratten, Junghasen, Kaninchen, Fasanen, Eidechsen, Fische, Maikäfer usw. --- beweist, daß sowohl die größeren Arten, Baum-, Hausmarder und Iltis, -als auch die kleineren, Hermelin und Mauswiesel, neben beträchtlichem -Schaden, den sie vor allem der Niederjagd zufügen, doch auch manchen -Nutzen stiften. Wo sie sich zu stark vermehren, da soll man ihnen -Einhalt gebieten; aber sie auszurotten, wäre eine sehr bedenkliche -Maßnahme. Mäusefraß und Rattenschaden, übermäßige Vermehrung der -Eichhörnchen oder auch der Krähen und Wildtauben würden solchen -Weltverbesserern beweisen, daß sie auf dem Holzwege sind. - -Auch die kleine _Wasserspitzmaus_ wird des Fischraubes beschuldigt, und -gewiß mag ihr manche Elritze, mancher Stichling zum Opfer fallen; aber -wenn man bedenkt, daß die flinken, ewig hungrigen Spitzmäuse jedes Tier -auffressen, das sie überwältigen können, Schnecken, Egel, Libellen- und -Schwimmkäferlarven, Flohkrebse, Uferwanzen, Heuschrecken, Regenwürmer, -Raupen, Larven von Köcherfliegen u. a., wird der Fischpächter -versöhnlicher gestimmt werden und den kleinen muntern Schwimmern auch -'mal ein Fischchen gönnen. - -Über die _Wasserratte_, die im Gegensatz zu den bisher genannten -Fleisch- und Insektenfressern zu den Nagetieren zählt, sind die -Ansichten geteilt. Die einen meinen, die Wasserratte rühre kein -Fischlein an; andere dagegen behaupten, kleine Fische fielen ihr häufig -zum Opfer, und wo Fischzucht getrieben wird, dürfe es daher keine -Wasserratten geben. Allzugroß wird der Schaden jedenfalls nicht sein, -zumal der Nager durch den Fang fischfeindlicher Wasserinsekten manchen -Verlust wieder auszugleichen mag. - - * * * * * - -Aber _gefiederte_ Fischräuber gibt es viel mehr als bepelzte -- -leider, leider! Man kann es den Fischereiberechtigten wirklich nicht -verargen, wenn sie sich gegen die Konkurrenz, die ihnen von dieser -Seite zweifellos in oft recht empfindlicher Weise gemacht wird, zur -Wehr setzen. Auf der andern Seite sind gerade unter diesen gefiederten -Fischliebhabern einige, die zu den schönsten Mitgliedern der Vogelwelt -gehören und unsern Teich- und Seenlandschaften zum reizvollsten Schmuck -gereichen, so daß deren Verfolgung den Naturfreund außerordentlich -schmerzlich berühren muß. Hier ist eine Verständigung sehr schwierig. -Es muß der Fischer dem Vogelfreund ein wenig entgegenkommen, und dieser -jenem. Schon wenn jeder sich bemüht, den Standpunkt des andern zu -verstehen und zu würdigen, wird viel gewonnen sein. - -Ich denke, man sollte zunächst einmal unterscheiden, ob es sich um -_einzeln_ lebende Fischräuber handelt, z. B. den Fischadler, den -Schwarzstorch, den Eisvogel, die also mehr oder weniger als Einsiedler -hausen und ein weites Revier für sich beanspruchen, oder um solche -Vögel, die _in größerer Menge_ auftreten, wie Reiher, Möwen, Taucher -u. a. Bei jenen darf man wohl erwarten, daß der einsichtsvolle Fischer, -dem doch auch die Erhaltung der heimatlichen Natur am Herzen liegt, -ein Auge zudrückt, falls die Verhältnisse nicht besonders ungünstig -sind; es kann ja hier höchstens von einem örtlichen, nicht aber -von einem allgemeinen Schaden die Rede sein. Bei den in größerer -Anzahl auftretenden Schädlingen aber sollte man sich damit begnügen, -sie auf ein gewisses Maß zu beschränken. Und dieses Maß, das nicht -überschritten werden darf, scheint mir allerdings für manche Gegend -bereits erreicht zu sein. Indessen allgemeine Regeln, die in jedem -Einzelfall zu beachten sind, lassen sich nicht aufstellen. - -Wer den _Eisvogel_ aus dem Bereich der Fischzuchtanstalten vertreibt, -dem wird man es nicht verargen können; denn wo diese gefiederten -Fischer in größerer Anzahl regelmäßig bestimmte Setzteiche besuchen, -da wird der Schaden nicht unerheblich sein, obgleich sie nur -kleinfingerlange Fischchen erbeuten. Solche Fälle aber sind Ausnahmen. -Jedes Pärchen beansprucht ein großes Gebiet und duldet kein zweites -in unmittelbarer Nähe. Und gerade in unserer Heimat sind die Eisvögel -bereits so selten geworden, daß ich nicht weiß, ob jeder meiner Leser -schon einmal in freier Natur den leuchtenden Funken, rotgoldig glänzend -und seidig blau, an sich hat vorüberschießen sehen, oder ob er ihn -nur im ausgestopften Zustande kennt. Jedenfalls ist es selbst für -den, der mit der gefiederten Welt der Heimat vertraut ist, immer ein -Ereignis, wenn er dem Eisvogel an unsern Bächen, Flüssen und Teichen -begegnet. Ihn _überall_, wo er sich zeigt, wegzuknallen oder in kleinen -Tellereisen zu fangen, ist eine Versündigung an der Natur. An unsern -Gebirgsbächen, an unsern Flüssen, an allen Teichen, die nicht gerade -der Fischzucht dienen, sollte man den einsamen Fischer ruhig gewähren -lassen. Oder ist wirklich jemand der Meinung, der Eisvogel trage die -Schuld, daß die heimatlichen Gewässer so arm an Fischen sind? - -In dem überaus heißen und regenarmen Sommer des Jahres 1911, wo bei uns -alle Quellen versiegten, jedes Bächlein, jeder Graben austrocknete, da -sammelten sich einige Eisvögel an dem einzigen größeren Bach meiner -Heimat, der noch etwas Wasser führte; der Hunger trieb sie hierher. -Aber dem Tode entging vielleicht keiner; man schoß ab, so viel man -erreichte. Wozu? Hier, wo von gewinnbringender Fischerei nicht die -Rede sein kann, wo nur gelegentlich ein paar Forellen gefangen werden, -hätte man doch wahrhaftig den schönen Vögeln den kleinen Tribut gönnen -können, den sie beanspruchten; nach kurzer Zeit würden sie sich wieder -über ein weites Gebiet, aus dem sie die Trockenheit vertrieben hatte, -verstreut haben. Ist der Fischereiberechtigte der sogenannten wilden -Fischereien wirklich in so bedrängten Verhältnissen, daß es ihm auf -ein paar winzige Fischchen ankommt? so fragt man sich. Nimmt er lieber -den Unwillen der vielen Naturfreunde, die solche Handlungsweise mit -Recht verurteilen, auf sich, als daß er auf eine kleine Anzahl zum Teil -fast wertloser Schuppenträger verzichtet? Man möchte solch engherzigem -Pfennigrechner den geringen Verlust gern aus eigner Tasche ersetzen. - -Und nun die weitere Frage: Hat der Fischereipächter ein gesetzliches -Recht, den Eisvogel zu töten? Nach dem deutschen Vogelschutzgesetz -ist der Eisvogel ebenso geschützt wie jeder Singvogel. Bei uns in -Sachsen wird er laut eines Beschlusses des Finanzministeriums vom -3. Juni 1912 als jagdbar angesehen, »da er wirtschaftlich wesentlich -schädlich« sei[3]; doch soll er die allgemeine Schonzeit vom 1. Februar -bis mit 31. August genießen. Die Dienststellen der Forstverwaltung -sind angewiesen, ihn durchaus zu schonen. In Preußen dürfen die -Fischereiberechtigten den Eisvogel ohne Anwendung von Schußwaffen -fangen und töten, in Sachsen nicht. In Bayern aber, in Württemberg, -Baden, Mecklenburg und in fast allen andern deutschen Einzelländern ist -der Eisvogel unbedingt geschützt. Man ist sich in vielen Kreisen über -diese rechtliche Stellung unseres Vogels noch gar nicht im klaren. - - [3] Nach meiner persönlichen Auffassung ist dieser Beschluß - nicht haltbar. Alle »kleinen Feld-, Wald- und Singvögel« - sind vom Jagdrecht ausgenommen. Zugegeben auch, daß der - Eisvogel unter diesen Begriff nicht recht zu bringen ist, ein - »Wasservogel« -- und als solcher nur wäre er jagdbar -- ist - er aber gleich der Bachstelze und der Wasseramsel doch nur im - biologischen, nicht im systematischen Sinne. Und daß Nutzen - oder Schaden bei der Beurteilung, ob jagdbar oder nicht - jagdbar, berücksichtigt werden sollen, davon sagt das Gesetz - nichts. - -Sehr bedauerlich ist es auch, daß oftmals lediglich die hervorragende -Schönheit des Vogels den Anreiz zu seiner Verfolgung gibt, wie es auch -von der Mandelkrähe, dem Pirol und andern auffallend gefärbten Vögeln -gilt, die man doch gerade ihrer Schönheit wegen besonders schonen -sollte -- »Schönheit« und »schonen« sind sprachlich verwandte Wörter! -Jede Schule ist stolz darauf, wenn sie unter ihren Anschauungsobjekten -auch einen Eisvogel besitzt, und als vor einigen Jahren die Mode -aufkam, die Schüler im Zeichenunterricht ausgestopfte Vögel zeichnen -und malen zu lassen -- wie kann ein ausgestopfter Vogelbalg das Leben -in freier Natur ersetzen! -- da war die Nachfrage nach Eisvögeln -besonders stark, und trotz aller Schongesetze wurde unter den -prächtigen Vogelgestalten tüchtig aufgeräumt. Wenn der Bestand der -gefiederten Fischer weiter in dem Maße abnimmt, wie innerhalb der -letzten 30 bis 40 Jahre, so wird der schöne Vogel in kurzer Frist, -bei uns wenigstens, nur noch der Sage angehören, und die Enkel, die -vielleicht in der »guten Stube« der Großeltern den ausgestopften -Eisvogel bewundern, wie er da zwischen den goldumrandeten Tellern -und Tassen im Glasschrank seinen Platz gefunden hat, werden es nicht -glauben wollen, daß solch herrliche, tropisch gefärbte Vögel einstmals -in unsrer Heimat gelebt haben. »Warum schoß man sie ab?« so fragen die -Enkel dann, »was taten sie den bösen Menschen zuleide?« »»So manches -Fischlein holten sie sich aus Bächen und Flüssen; da ließ man keinen am -Leben!«« - -Es nützt wenig, den Fischpächter darauf hinzuweisen, wie doch auch der -Eisvogel gerade für ihn, den Fischer, einigen Nutzen stiftet, indem -er allerlei Kerbtiere und deren Larven wegfängt, die der Fischerei -großen Schaden zufügen; man denkt immer nur an die Konkurrenz durch -den gefiederten Fischer. Gewiß, seine Hauptkost bilden die kleinen -Flossenträger, die er, von seinem Sitzplatz aus eräugt und nun, ins -Wasser hinabstürzend, zu fassen sucht. Aber nicht immer wird ihm ein -Fisch zur Beute; oft ist's nur ein grauer Rückenschwimmer oder die -Larve einer Wasserjungfer, einer Köcherfliege, die er erwischt; noch -öfter aber geht der Stoß fehl. Sehr genaue Forschungen über die Nahrung -der Eisvögel hat _Liebe_ angestellt. Die Untersuchung des Kropfinhaltes -ergab, daß bei 78 v. Hdt. Fischreste, bei 22 aber die Reste von -Kerbtieren überwogen. Damit stimmen auch die Magenuntersuchungen -_Ecksteins_ überein, der in 34 Magen Fischreste, in 12 Magen -Insektenteile fand. Namentlich wenn der Eisvogel Junge im Nest hat, -treibt er eifrig Kerbtierfang; denn zunächst füttert er die Kleinen mit -Insekten und deren Brut, erst später mit Fischen aller Art. Daß er mit -Vorliebe kleine Forellen fange, ist eine grundlose Behauptung. - -Wirklich nachweisbaren Schaden wird der Eisvogel nur dort -anrichten, wo künstliche Fischzucht getrieben wird, außerdem wo er -an reichen Fischgewässern ausnahmsweise einmal in größerer Anzahl -auftreten sollte. Wenn ihn der Fischereiberechtigte, namentlich der -Forellenzüchter, an solchen Stellen zu vertreiben sucht, wird kein -verständig Urteilender etwas einzuwenden haben, und wir sollten -meinen, wie in Weinbergen und Kirschplantagen der Gebrauch des -Schießgewehrs zur Abwehr der Vögel gestattet werden kann, so dürfte -es zweckmäßig sein, wenn die Polizeibehörde -- der Stadtrat bzw. die -Amtshauptmannschaft -- ermächtigt würde, die gleiche Erlaubnis den -Besitzern von Forellenzuchtanstalten in bezug auf den Eisvogel zu -erteilen, natürlich nur nach gründlicher Prüfung jedes Einzelfalles und -bloß auf eine bestimmte kurze Zeit. Ganz verwerflich aber ist es, den -herrlichen und bei uns in Sachsen schon recht seltenen Vögeln an jedem -Orte, wo man sie antrifft, nachzustellen. - -Und was vom Eisvogel gilt, das gilt in noch erhöhtem Maße von der -_Wasseramsel_. Zwar entbehrt dieser Vogel der tropischen Farbenpracht, -aber er ist trotzdem eine der anmutigsten, lieblichsten Erscheinungen -an unsern Gebirgsbächen, und ein hübsches Kleid besitzt er auch. Das -weiße Vorhemd, das sich wirkungsvoll von der rostbraunen Unterbrust -abhebt, steht ihm ganz allerliebst. In den Bewegungen, besonders dem -fortwährenden Zucken des kurzen Schwänzchens, hat die Wasseramsel -etwas vom Zaunkönig, mit dem sie auch verwandt ist. Sie gehört zu den -Singvögeln und besitzt einen zwitschernden, grasmückenartigen Gesang. -Dem Rieseln des Wassers, das auf steinigem Grunde dahinfließt, ist das -plaudernde Lied zu vergleichen. Und wer je das Glück gehabt hat, die -Wasseramsel beim Schwimmen und Tauchen zu beobachten, der wird immer -mit Vergnügen an sie denken. - -Mit dem feuchten Element ist die Wasseramsel von frühester Jugend -an vertraut. Ihre Kinderwiege stand in einem Felsenloch am Ufer -des Gebirgsbachs oder in einem ausgehöhlten Pfahl am Wehr, hinter -dem sich das Wasser staut, vielleicht auch in dem Schaufelrad der -alten verfallenen Mühle, die längst das Klappern verlernt hat. Hier -verträumte das Vögelchen die ersten Tage seiner Kindheit. Es hörte das -Rauschen des Bächleins; es sah, wie der Sonnenstrahl in dem rieselnden -Naß unruhig glitzerte, wie die Mutter mit tropfenden Flügeln aus dem -Wässerlein auftauchte, allerlei Leckerbissen im Schnabel, den Kindern -zur willkommenen Speise. Und dem Bächlein bleibt der Vogel nun auch -sein lebenlang treu. Gewissenhaft folgt er, talab oder talauf fliegend, -all seinen Krümmungen; es ist, als müsse die Wasseramsel das rieselnde -Wasser stets unter sich haben, auf das immer ihr schöner, großer -Augenstern gerichtet ist. Und Furcht vor dem Wasser kennt unser -Vögelchen nicht. Auf einem Stein sitzt es, mitten im Strudel; dann -läuft es hinein in den schäumenden Gischt. Bis zur weißen Hemdbrust -schon reicht ihm das Wasser, jetzt bis zu den Augen, und jetzt ist -das ganze Persönchen in dem klaren Waldbach verschwunden. Mit Flügeln -und Füßen arbeitet der Vogel kräftig gegen die Strömung; dann taucht -er wieder empor und surrt, die Tropfen vom Gefieder abschüttelnd, -nach einem Ästchen, das niedrig über dem Bächlein herabhängt. Aber -nur kurz ist die Ruhe. Dicht über dem Wasser fliegt das Vöglein -weiter talaufwärts, wo es von einem andern Stein aus das Spiel von -neuem beginnt. Selbst den kleinen Wasserfall fürchtet es nicht; im -Flug durchschneidet es ihn und sucht hinter der herabstürzenden Flut -nach Nahrung, die ihm der Bach allezeit spendet. Auch im härtesten -Winter bleiben einige Stellen des lustig von Stufe zu Stufe hüpfenden -Wässerchens eisfrei, daß der niedliche Vogel auch dann keine Not -leidet. Ja mitunter läßt er schon mitten im Winter, wenn die Bäume -ringsum unter der Schneelast sich neigen und über vereistem Grund das -Bächlein talab hüpft, sein kleines Lied hören, und der kleinste der -Kleinen, Zaunkönigs Majestät, gibt ihm Antwort: »Winter, wir fürchten -dich nicht!« - -Die Nahrung der Wasseramsel besteht aus allerlei Kleingetier, wie es -jedes klare fließende Wasser am Grunde zwischen und unter den Steinen -reichlich bietet: Larven und Puppen der Wasserkäfer, der Ufer- und -Eintagsfliegen, Wassermotten, Wasserwanzen, Flohkrebschen, wohl auch -eine Wasserschnecke, gelegentlich eine Elritze oder ein Stichling. -An Forellenteichen wird es natürlich auch vorkommen, daß sich die -Wasseramsel an Forellenbrut vergreift. Aber der Schaden, den der -hauptsächlich auf Insektenkost angewiesene Vogel der Fischerei zufügt, -ist so geringfügig, daß wirklich kein Grund vorliegt, ihn zu verfolgen, -wie es noch manchmal geschieht, obgleich das Gesetz ihn unter seinen -Schutz nimmt. - -Die Talgründe unserer Heimat, z. B. die anmutigen Seitentäler der Elbe, -namentlich aber auch droben im Gebirge, wo nur immer ein klarer Bach -zu Tal rinnt, beherbergen noch immer den reizvollen Vogel. Möge er uns -erhalten bleiben, damit wir uns auch in Zukunft an dem anmutigen Leben -und Treiben des Vögleins erfreuen können! Gleich dem Eisvogel gereicht -es jedem Gebirgsbach zum lieblichsten Schmuck. - - * * * * * - -Einer der seltensten Brutvögel im Deutschen Reiche ist der -_Schwarzstorch_. Bis auf einige Paare ist er aus unserm Vaterlande -verschwunden. Unsre engere Heimat kennt ihn überhaupt nicht, höchstens -daß er ausnahmsweise einmal an einem unsrer Gewässer auf seiner Herbst- -oder Frühjahrsreise Rast macht. Ich habe den schönen Vogel wiederholt -in Bosnien und in der Herzegowina angetroffen, während ich in -Deutschland seinen Horst nur im Hannöverschen und am Darß (i. J. 1913) -gesehen habe. In Ostpreußen soll es noch mehrere besetzte Horste geben, -auch im Kreise Neu-Ruppin zählte man vor einigen Jahren noch drei Stück. - -Wenn wir wünschen, daß dieses Naturdenkmal uns wenigstens in seinen -spärlichen Resten erhalten bleibe, so werden uns sicher alle -Verständigen zustimmen, obwohl der Schwarzstorch ein großer Liebhaber -von Fischen ist. - -Unser gemütlicher Hausfreund, der _weiße Storch_ treibt gelegentlich -auch Fischfang. Sollen wir ihm deshalb böse sein? In Sachsen brütet -der Storch fast nur noch in der Lausitz, wo sich aber heute nicht -einmal ein Dutzend besetzter Horste befinden. Die Gemeinde, die ein -Storchenpaar besitzt, ist stolz auf den gefiederten Kinderfreund, -und mit Teilnahme beobachtet groß und klein alle Vorgänge, die sich -am Horst abspielen. Wer den Vögeln ein Leid antut, setzt sich dem -allgemeinen Unwillen der Bevölkerung aus. Trotzdem kommt es bisweilen -noch immer vor, daß ein Storch abgeschossen wird; man findet einen -solchen mitunter verendet im Teichgebiet. Wer ihn auf dem Gewissen -hat, weiß man nicht. Man sollte aufhören, die wenigen Störche, die -unser Sachsen noch beherbergt, mit Pulver und Schrot zu verfolgen. Sind -wir wirklich so arm geworden, daß unsre sächsischen Gewässer nicht -einmal mehr ein paar Dutzend Störchen eine kleine Zubuße zu ihrer -täglichen Nahrung spenden können? Aber auch in noch storchreichen -Gegenden Mecklenburgs, Pommerns usw. hat die Anzahl der Störche in -erschreckender Weise abgenommen. Es ist höchste Zeit, daß wir alle -unsre schützende Hand über diesen Vogel halten, der, wie die Schwalben, -zu den volkstümlichsten Erscheinungen der gefiederten Welt gehört, lieb -und wert schon unsern Voreltern in längst vergangenen Tagen. - -Auch für den _Fischadler_, der besonders das norddeutsche Seengebiet -bewohnt, habe ich schon manches gute Wort eingelegt und freundliches -Gehör gefunden. Für unser Sachsen ist der stolze Fischer als Brutvogel -schon längst verschwunden; aber auf dem Zuge weilt er gern ein paar -Tage an unsern stehenden Gewässern. Hoch über dem See zieht er dann -seine Kreise; in Spiralen schraubt er sich tiefer. Plötzlich steht -er, wie ein Falke rüttelnd, im Luftraum. Da stürzt er mit angezogenen -Schwingen hinab. Das Wasser schlägt über ihm zusammen; aber im Nu -taucht er wieder empor, einen Fisch in den Fängen. Ist es wirklich -nötig, daß man diesen herrlichen Vogel sofort, wenn er sich zeigt, -mit Pulver und Schrot empfängt? Ein paar Fische mag sein Besuch -dem Teichpächter kosten; aber wie bald ist der edle Vogel wieder -verschwunden! - - * * * * * - -Neben den bisher angeführten nur _einzeln_ auftretenden Fischräubern -gibt es aber auch Fischerei-Schädlinge, die _kolonienweise_ brüten. -Ihre Anzahl auf ein gewisses Maß zu beschränken, sie »kurz zu halten«, -wie der Jäger sagt, das ist das unveräußerliche Recht aller, die ein -unmittelbares Interesse an dem Blühen und Gedeihen der Fischerei haben. -Freilich sind dabei große Unterschiede zu machen, und _ein Kampf bis -zur Vernichtung ist unter allen Umständen verwerflich_. - -Die _Möwen_, die nur ganz geringen Schaden anrichten, da sie zu wenig -Taucher sind, um sich im tiefen Wasser der schnellen Flossenträger -bemächtigen zu können und nur an ganz seichten Stellen oder dort, wo -kleine Fische in Pfützen geraten sind, dem Fischfang obliegen, sollte -man als herrliche Zierde unsrer Gewässer ruhig gewähren lassen. Bei -uns im Binnenland handelt es sich lediglich um die _Lachmöwe_, an der -schokoladebraunen Gesichtsmaske kenntlich, die sie im Sommer trägt. -Manche Kolonie an unsern Teichen ist eingegangen, fast alle sind -schwächer geworden; der Rückgang seit zehn oder zwanzig Jahren ist -ganz auffallend. Er hängt wohl weniger damit zusammen, daß übereifrige -Fischer die Vögel beim Brutgeschäft stören, um sie zu vertreiben, als -mit dem Eierraub, der oft in rücksichtslosester Weise Jahr für Jahr -ausgeübt wird, bis die Vögel den unwirtlichen Ort verlassen und der -Besitzer der Kolonie das Nachsehen hat. - -Der Nutzen, den die Möwen für den Landwirt haben, ist unbestreitbar. -Hinter dem pflügenden Landmann flattern und schreiten sie einher, die -Insekten auflesend, die die Pflugschar freigelegt hat; ja, man kann -beobachten, wie sie selbst der Mäusejagd auf den Feldern obliegen. -Ihre Jungen füttern sie ausschließlich mit Kerbtieren, unter denen -sich viele Fischereischädlinge befinden; ich habe niemals Fischreste -an ihren Brutplätzen entdeckt. Auch an der Wasserkante macht sich der -Rückgang aller Möwenarten von Jahr zu Jahr immer mehr bemerkbar. Früher -sah man besonders bei stürmischer Witterung in den deutschen Seestädten -viele Tausende von Möwen an und über den Hafengewässern, heute nur -eine geringe Zahl. Jedenfalls hat der Fischer keinen stichhaltigen -Grund, die Möwen zu verfolgen, und wenn Badegäste am Strand und -vom Boot aus die anmutigen Segler der Lüfte, lediglich aus Übermut -und um der Schießlust zu frönen, wegknallen, so sollte die dortige -Bevölkerung den Frevlern solch verächtliches Handwerk gründlich legen. -Den Schießern als Ziel zu dienen, dazu sind die Möwen, die so recht -ein Gottesgeschenk für unsre Küstengewässer wie Binnenseen bedeuten, -wahrhaftig nicht da. - -Auf und an fast allen größeren Teichen brüten, meist in mehreren -Paaren, unsre vier _Taucher_, von denen der stattliche schöne -_Haubentaucher_ der seltenste ist. Er beansprucht eine größere -Wasserfläche als die andern und kommt deshalb, namentlich auf den -kleineren Gewässern unsrer Heimat, gewöhnlich nur vereinzelt oder in -wenigen Paaren vor. Der Fischer ist sehr schlecht auf ihn zu sprechen; -er betrachtet ihn als einen argen Räuber. Leider kann man diese Anklage -nicht widerlegen. Selbst der Hinweis darauf, daß der Vogel doch auch -viele Insekten vertilge, wird den Fischereiberechtigten kaum milder -stimmen. »Insekten?« so entgegnet er uns, »die hätten ja auch den -Fischen zur Nahrung dienen können; die Taucher verkürzen also auch noch -jenen das tägliche Brot und schädigen mich so auf doppelte Weise.« Es -ist schwer, dagegen etwas zu sagen, wenn man nicht immer wieder an -die vielen räuberischen Insektenlarven erinnern will. Das Eine aber -steht fest: bei solch einseitiger Betonung ganz bestimmter Interessen -dürfte es bald aus sein mit dem Reichtum und der Mannigfaltigkeit der -Natur. Mit demselben Recht würde der Brieftaubenzüchter fordern, daß -er alle Raubvögel, der Imker, daß er Meisen und Fliegenschnäpper, der -Obstzüchter, daß er Stare und Pirole abschießen dürfe. Wohin sollte -das führen? Die kleineren Taucher, die _Rot-_ und die _Schwarzhälse_, -namentlich aber der winzige _Zwergtaucher_, tun der Fischerei wenig -Abbruch; man sollte sie ruhig gewähren lassen. Den großen Haubentaucher -aber sollte man gleichfalls schonen, weil er selten ist, nur vereinzelt -vorkommt und dem Gewässer zur schönsten Zierde gereicht. Freilich von -Brut- und Streckteichen muß er ferngehalten werden. - -Viel schlimmere Fischräuber sind die _Kormorane_. Aber für die -deutsche Fischerei kommen diese Vögel nicht mehr in Betracht, da sie -auf deutschem Gebiet sehr stark gezehntet worden sind. Sie waren bis -zu Anfang des vorigen Jahrhunderts für ganz Norddeutschland ziemlich -selten. Um 1810 legten sie aber auf Fünen eine große Kolonie an; hier -wurden sie von den Fischern vertrieben. Ein Teil ließ sich auf Rügen -nieder, wo die Vögel das gleiche Schicksal ereilte. Dann wanderten -sie südwärts nach der Odermündung, und da man ihnen auch hier keine -Ruhe gönnte, zogen sie weiter die Oder hinan bis in die Spreegegend. -Pulver und Blei haben ihnen hier ein Ende bereitet. Es gab noch vor -50 Jahren an den verschiedensten Örtlichkeiten Deutschlands kleinere -Kolonien dieser gefräßigen Fischer, z. B. an der Müritz, am Pinnower -See bei Schwerin, am Mecklenburger Strand, an der Ostseeküste -Schleswig-Holsteins, im Oderbruch oberhalb Stettins, auf der Danziger -Nehrung, am Frischen und am Kurischen Haff, am Mauersee in Masuren -u. a. O. Heute ist das alles vorbei, und wenn wir von ein paar -vereinzelten und unsicheren Brutstätten dieser Ruderfüßler absehen, -so ist die Kormorankolonie im Kreise Schlochau in Westpreußen die -letzte des Landes. Obgleich die Kormorane großen Schaden anrichten, so -werden sie hier doch nicht vertilgt, »weil der Besitzer an den schönen -interessanten Vögeln seine Freude hat«. (Vgl. Naumann, »Die Vögel -Mitteleuropas«.) - - * * * * * - -Viel allgemeiner und auch viel gerechtfertigter sind die Klagen der -Fischer über die Schädigungen durch den _Fischreiher_, gehört doch -dieser stattliche Vogel auch heute noch vielen deutschen Ländern als -Brutvogel an. Freilich auch seine Zahl ist, wie die aller größeren -Vögel, außerordentlich zurückgegangen, und die wirklich reichbesetzten -Reiherkolonien oder Reiherstände, welche Hunderte von Horsten -vereinigen, gehören bereits zu den Seltenheiten. Viele Reiherstände -sind völlig verschwunden. Nichts erinnert mehr daran, daß einst in -den hohen Buchen und Eichen zahlreiche Horste standen; andere wieder, -erst vor kurzem erloschen, zeigen noch in den Wipfeln der Bäume die -verlassenen Brutstätten, bis schließlich ein Wintersturm die ineinander -geflochtenen Reiser zerstreut. Jedenfalls sind die Zeiten vorbei, wo -man sicher sein konnte, im Frühling und Sommer an jedem Fluß, an jedem -See wenigstens einige dieser schönen Vögel anzutreffen. - -Im Mittelalter und auch später noch, bis ins 17. Jahrhundert, erfreuten -sich edle Herren und Damen an der Reiherbeize. In frohem Zuge ritt -man von der Burg herab, gefolgt von Jagdgästen, Falkonieren und der -bellenden Meute. Zeigte sich ein Reiher, so ließ der Jagdherr und -gleich darauf eine der Damen die schnell entkappten Falken steigen, -die nun versuchten, das immer höher gehende Beutetier gemeinsam unter -sich zu bringen. »Wie auf der Fuchshatz sausen Reiter und Reiterinnen -durch dick und dünn, den sich in der Ferne fast verlierenden Kämpfern -nach. Endlich hat ein Falk die Fänge in die dicken Schwingen des -Reihers gehakt, und beide Partner wirbeln zur Erde. Der erste Reiter -packt sie, bekappt den Falken und stellt den Reiher der Dame vor.« Die -unbeschädigten Reiher, denen man nur ein paar Schmuckfedern nahm, ließ -man dann oft wieder fliegen; doch tötete man sie auch bisweilen, weil -ihr Wildbret auf vornehmen Tafeln sehr geschätzt war. - -Der Reiher gehörte damals zur »hohen Jagd«, deren Ausübung das Vorrecht -hochstehender Personen, geistlicher und weltlicher Würdenträger, war. -Die Strafen, mit denen die unbefugte Tötung eines Reihers bedroht -ward, waren äußerst hart. Kein Reiherhorst durfte zerstört, kein Ei -genommen werden, und nur dem Fischereiberechtigten war es allergnädigst -gestattet -- Scheuchen aufzustellen. In Sachsen erreichte die Falknerei -unter August dem Starken ihren Höhepunkt; es wurden stattliche Summen -für diesen Jagdsport ausgegeben, und wenn die Falken auch auf das -verschiedenste Federwild, z. B. Trappen, Gänse, Schwäne, Rebhühner, -Wachteln, losgelassen wurden, die Beizjagd des Reihers blieb doch immer -die Hauptsache. - -Wie haben sich die Zeiten gewandelt! Das deutsche Vogelschutzgesetz -hat die Reiher, sowohl den grauen Fischreiher, wie den Nachtreiher und -die Rohrdommel, auf die Liste der Geächteten gesetzt; es gewährt ihnen -in keiner Weise irgendwelchen Schutz, und die preußische Jagdordnung -vom 15. Juli 1907, die doch alle Sumpf- und Wasservögel als jagdbare -Tiere bezeichnet, schließt die grauen Reiher -- ebenso die Taucher, -Säger, Kormorane und Bläßhühner -- von diesem Vorrecht aus. In -Preußen entbehren also die Fischreiher des Jagdschutzes, während die -andern Reiherarten, eingeschlossen die Rohrdommeln, jagdbar sind. Der -Fischreiher unterliegt somit in Preußen dem freien Tierfang, d. h. er -darf auch vom Nichtjagdberechtigten allezeit gefangen, getötet und -seiner Brut beraubt werden; er ist völlig schutzlos, der Willkür eines -jeden preisgegeben. - -Bei uns in Sachsen liegen die Verhältnisse insofern etwas anders, -als die Reiher jagdbar sind. Es hat also nur der Jagdberechtigte ein -Anrecht auf sie. Irgendwelche Schon- und Hegezeit ist den Reihern -freilich versagt. Das Gesetz über die Ausübung der Fischerei vom -15. Oktober 1868 gestattet aber auch den Fischereiberechtigten, den -Fischreiher -- ebenso den Fischotter -- zu fangen und ohne Benutzung -des Schießgewehrs zu töten. Innerhalb 24 Stunden sind die auf diese -Weise erbeuteten Vögel an den Jagdberechtigten auszuliefern. Auf die -andern Reiherarten steht dem Fischer kein Anrecht zu. Ähnlich lauten -die Bestimmungen in den meisten deutschen Einzelländern. In Bayern, -Sachsen-Weimar, Hessen ist der Fischreiher wie bei uns jagdbar, in -Württemberg, Baden, Mecklenburg, Oldenburg vogelfrei wie in Preußen. - -Ich wüßte keinen einheimischen Vogel zu nennen, dessen Geschlecht in -den letzten 150 bis 200 Jahren so blutigen Verfolgungen ausgesetzt -gewesen wäre, wie der Fischreiher, und wenn diese Verfolgungen heute -auf ein geringeres Maß zurückgegangen sind, so liegt der Grund hierfür -nur in der Tatsache, daß die Reiher an Zahl außerordentlich stark -abgenommen haben. Der Haß, mit dem man dem Fischräuber begegnet, ist -der gleiche geblieben. Wo sich der schöne, schon durch seine Größe -auffallende Vogel zeigt, und sei es auch nur auf der Wanderung, -wenn er ein wenig rastet, da sucht man seiner habhaft zu werden; an -den Horstplätzen aber wird zur Brutzeit unter den Alten sowohl, wie -namentlich unter den bald flugbaren Jungen, die auf dem Horstrand -hocken, oftmals das furchtbarste Blutbad angerichtet. Am Wasser stellt -der Fischer versteckte Fangeisen auf; tollkühne Burschen klettern an -den hohen Horstbäumen empor und wagen sich bis zu den Nestern, die -häufig auf den schwankenden Enden der Äste ihren Platz haben; sie -rauben die licht-grünlichblauen Eier, deren das volle Gelege meist 4 -bis 5 Stück zählt. Prämien, von Fischereivereinen gewährt, locken immer -mehr zu rücksichtsloser Vertilgung. In der Tat, man muß sich wundern, -daß es auch heute noch im Deutschen Reiche eine Anzahl von Reiherhalden -gibt -- gegen früher allerdings nur spärliche Reste. Ich fürchte sehr, -daß auch diese in einem halben Jahrhundert fast völlig verschwunden -sein werden, und daß dann der Reiher für Deutschland als Brutvogel -ebenso selten sein wird, wie heute schwarzer Storch, Kolkrabe, Uhu oder -Wanderfalk. - -In Süddeutschland, d. h. südlich des Mains, gibt es schon jetzt kaum -noch ein paar kleinere Kolonien; sie sind fast alle in den letzten 30 -oder 50 Jahren vernichtet oder versprengt worden, so daß sich nur noch -hie und da einzelne Reiherhorste finden. Als fast einzige Ausnahme -ist die Kolonie bei Schloß Morstein an der Jagst, auf der Besitzung -des Freiherrn von Crailsheim, hervorzuheben; aber auch sie ist stark -zurückgegangen, und von den 200 Horsten, die sie vor einigen Jahren -zählte, wird wohl kaum noch die Hälfte besetzt sein, obgleich die -Besitzer von jeher den schönen Tieren Schutz gewährten und auf manche -Vorteile verzichteten. Es ist leicht möglich, daß diese Kolonie das -ehrwürdige Alter von mehr als einem halben Jahrtausend erreicht hat; -denn eine Nachricht aus dem Jahre 1586 besagt, daß die Reiher hier -schon »seit vielen hundert Jahren« horsten. Die Maingegend zählt noch -einige Reiherstände; in Mittelfranken beherbergte z. B. der Windheimer -Stadtwald Schoßbach im Forstamte Ipsheim noch vor einiger Zeit eine -Kolonie von 20 bis 25 Horsten; wie es heute um sie steht, weiß ich -nicht. Auch im Hessischen gibt es noch einige kleine Reiherhalden, -während die Kolonien bei Nürnberg, Neuhaus in der Fränkischen Schweiz -u. v. a. der Vergangenheit angehören. In ganz Elsaß-Lothringen scheint -der Fischreiher nur als Strichvogel und auch nur ausnahmsweise -vorzukommen, und in der Rheinprovinz ist sein Brutgebiet ganz -beschränkt. - -In den übrigen Ländern Mittel- und namentlich Norddeutschlands ist der -Reiher noch häufiger; er fehlt als Brutvogel wohl keiner preußischen -Provinz völlig und tritt ebenso in Oldenburg und in Mecklenburg in -mehreren Kolonien auf. Aber es gibt doch auch weite Gebiete, wo man -heute vergeblich selbst nach nur einzelnen Reiherhorsten suchen würde. -Unserm Sachsen fehlt der Reiher als Brutvogel völlig, nachdem die -letzte Kolonie auf den alten Eichen einer Insel im »Horstsee« bei -Schloß Hubertusburg durch Fällen der Bäume i. J. 1888 vernichtet worden -ist. Einige Reiher zogen sich wohl nach dem Wermsdorfer Wald zurück, -sind aber auch dort schon längst völlig verschwunden. - -Die letzte Kolonie ganz in der Nähe der sächsischen Grenze, nur 10 oder -11 ~km~ von ihr entfernt, nördlich von Königswartha, die ich i. J. -1912 besuchte, stand in einem öden Kiefernwald bei Weißkollm. Ich -konnte im ganzen 16 Horste zählen, die bis auf einen sämtlich besetzt -waren: mächtige Bauwerke aus starken Reisern, 1½ bis gegen 2 ~m~ im -Durchmesser, mit weißem Kot übertüncht. Generationen haben an diesen -Horsten gebaut, die seit Menschengedenken von den schönen Vögeln -bewohnt wurden. In jedem Jahr die gleiche Anzahl von Reiherfamilien, -nicht mehr und nicht weniger. Ein herrlicher Anblick, wenn die stolzen -Segler der Lüfte ruhigen Flugs über den uralten Föhren, die ihre Nester -tragen, in schwindelnder Höhe kreisen! Kopf und Hals sind auf den -Rücken gelegt, daß nur der lange Schnabel hervorschaut; die Ständer -werden weit nach hinten gestreckt, und in dem schönen Federbusch am -Kropf spielt lustig der Wind. Dann läßt sich ein oder der andere Reiher -auf dem Horstrand nieder und füttert die Jungen mit Fischen, die er -ihnen aus weiter Ferne im Kehlsack bringt; denn ein Gewässer findet -sich nicht in der Nähe. Wie ich mit großem Bedauern höre, ist in den -letzten Jahren die Kolonie stark zurückgegangen, vielleicht ganz -verschwunden. - -Hannover, Schleswig-Holstein, Pommern, West- und Ostpreußen beherbergen -noch immer eine stattliche Anzahl von Reiherhorsten; Posen, Schlesien, -Brandenburg, die Provinz Sachsen sind schon ärmer daran. Man sieht, -der Reiher bevorzugt im allgemeinen die Niederungen mit ihren ruhig -fließenden oder stehenden Gewässern, dazu die Meeresküste. Ob das -Jagdgebiet mehr oder weniger im freien Gelände liegt, ob dichtes -Gebüsch die Ufer besetzt oder ob finsterer Wald den See von allen -Seiten umgibt, das ist den Reihern gleich, sobald sich nur seichte -Uferstellen finden, wo sie, im flachen Wasser stehend, dem Fischfang -ungestört obliegen können. - -Die größte Reiherkolonie habe ich vor ein paar Jahren -- es war in der -zweiten Hälfte des Mai -- an der deutschen Ostseeküste besucht. Den -Ort verschweige ich; ebenso verrate ich nicht, wieviel besetzte Horste -hier auf den hohen Eichen stehen mögen. Sonst fangen die pommerschen -Boddenfischer, wenn sie's hören, sofort an zu multiplizieren, erst -die Anzahl der Reiherpaare mal zwei bis drei Dutzend spannenlanger -Fische, das Produkt mal 180 -- so viele Tage ungefähr weilt der Reiher -an seinem Brutplatz -- dann wird dividiert, nun weiß man die Kilo, und -wieder multipliziert -- man hört ganz deutlich die Goldstücke klimpern, -die man ohne die Reiher einheimsen könnte. Aber von dem Schaden, den -die Fischer sich selbst dadurch zufügen, daß auch sie so oft alles -kleine Fischgewürm, das sich in den Netzen gefangen hat, mit zu Gelde -machen, davon wollen die Leute nichts hören. - -Wenigstens 20 bis 25 ~m~ schätzte ich die Höhe der Horste. Manche -Eiche trug deren fünf oder sechs. Die Alten fütterten eifrigst, viele -brüteten aber auch noch. Die großen Vögel kreisten schreiend über den -Horstbäumen. Ihre riesigen Schatten huschten ganz eigentümlich zwischen -den Eichen, deren Kronen noch ziemlich unbelaubt waren, dahin. Es sah -noch leidlich reinlich im Nistrevier aus: ein paar Eierschalen, etwas -weißer Kot und nur ausnahmsweise ein verwesender Fisch. Wie anders, -wenn man später kommt! Da muß man in solchem Unrat förmlich waten, wie -es mir erging, als ich vor vielen Jahren einmal im Sommer eine große -Reiherkolonie an der Elbe, unterhalb Wittenberg, besuchte. - -An einem der folgenden Tage sollten einige Reiher abgeschossen werden. -Auf höheren Befehl mußte sich der Oberforstmeister dazu bequemen; denn -die Fischer hatten sich schon ein paarmal bei der Regierung beklagt, -daß man hier die Reiher, die doch so grenzenlosen Schaden anrichten, -ruhig gewähren lasse, ja sie geradezu hege und züchte. »Zwölf Stück, -nicht mehr!« so lautete die strenge Weisung, die der Oberforstmeister -uns gab, »und nicht zwei von demselben Horstbaum abschießen, damit der -Überlebende des Paares die Brut weiter aufzieht, auch peinlich darauf -achten, daß kein Reiher dabei in den Horst fällt, wodurch die Jungen -elend umkommen müssen, also nicht schießen, wenn der Reiher gerade über -seinem Nest schwebt!« Wir hatten das Dutzend schnell zusammen; denn -wenn auch nach jedem Schuß die Vögel abstreichen, sie kommen doch recht -bald wieder, falls man sich nur ein wenig hinter den Stämmen versteckt. -Die Mutterliebe läßt sie die Gefahr nicht achten. - -Die armen zwölf Stück! Für die andern hatten sie das Leben gelassen --- Opfer des Vogelschutzes, so seltsam es klingt. Ein mäßiger Abschuß -war eben unbedingt nötig, um den Klagen der Fischer etwas gerecht zu -werden. Nur auf diese Weise läßt sich die Brutkolonie dauernd erhalten. -Wir banden die prächtigen Tiere, damit sie von allen Dorfbewohnern -gesehen würden, an den Jagdwagen und fuhren durch ein paar Dörfer mehr, -als nötig gewesen wäre, wieder heimwärts. Schaut, ihr Fischer, wie man -sorgt, daß ihr die Fischräuber los werdet, und haltet den Mund nun! - -An unsern sächsischen Teichen, ja sogar an Gebirgsbächen halten sich -die Reiher, namentlich auf ihrer Wanderung, gern auf; es findet sich -überall ein Plätzchen, wo selbst das schnellfließende Wasser seinen -eiligen Lauf unterbricht. Den Hals niedergebogen, den Schnabel gesenkt, -den spähenden Blick auf den Wasserspiegel gerichtet, so schleichen -die schlanken Gestalten mit behutsamem Tritt am Ufer entlang; sie -gehen nur so weit ins Wasser, daß es ihnen höchstens an die Fersen -reicht. Bisweilen verharren sie auch stundenlang unbeweglich fast auf -demselben Fleck. Nur von Zeit zu Zeit schnellt blitzartig der Hals vor, -so daß der Schnabel, oft auch zugleich der Kopf unter der Wasserfläche -verschwindet. Selten nur geht der Stoß fehl; das Bajonett trifft sein -Ziel mit großer Sicherheit. Der zappelnde Fisch wandert sofort in den -unersättlichen Schlund. - -Außer Fischen fängt der Reiher auch Frösche, Kaulquappen, größere -Wasserkäfer, Libellen und ihre Larven, Regenwürmer; selbst den Mäusen -stellt er nach, ebenso jungen Sumpf- und Wasservögeln, und manchmal muß -er seinen Hunger mit dünnschaligen Teichmuscheln stillen. Aber Fische, -von den kleinsten angefangen bis zur Größe von etwa 20 ~cm~, daß er sie -gerade noch hinabzuwürgen vermag, sind ihm doch die liebste Kost. Nach -der Art der Flossenträger fragt der Reiher dabei nicht im geringsten. -Kleine Karpfen, Hechte, Forellen, Karauschen, die verschiedenen -Weißfischarten, Aale, Schleien, selbst Barsche und Stichlinge -- es ist -ihm alles willkommen, mehr auf die Menge sieht er als auf die Güte. - -Unter solchen Umständen kann man es dem Fischereiberechtigten nicht -verdenken, wenn er auf den hochbeinigen Mitbewerber sehr schlecht zu -sprechen ist, und es wäre jeder Versuch, diesen weißwaschen und seine -Diebereien beschönigen oder gar leugnen zu wollen, von vornherein -lächerlich. An ganz fischarmen Gewässern richtet der Räuber natürlich -keinen Schaden an, schon aus dem Grunde nicht, weil er sich dort nie -lange aufhalten wird; ebenso meidet er alle Gewässer, die sofort am -Ufer so tief einsetzen, daß er darin nicht waten kann. Auch wo regerer -Menschenverkehr Unruhe bringt, zeigen sich nur ausnahmsweise einmal -ein paar Reiher. Der Vogel findet es sehr schnell heraus, wo eine -reiche Beute seiner wartet, und sein regelmäßiges Vorkommen in einer -bestimmten Gegend ist -- ich möchte sagen, der erfreuliche Beweis -dafür, daß die Gewässer der Umgebung sehr fischreich sind. - -Naturfreunde haben zur Ehrenrettung des Reihers darauf hingewiesen, -daß dort, wo »wilde Fischerei« betrieben wird, wie vielfach in -den Gräben der Elb- und Wesermarsch, der Fischer dem Vogel nichts -vorzuwerfen habe: Raubfischerei üben sie beide, indem sie ernten, wo -sie nicht säten. Ist aber die Konkurrenz deswegen weniger ärgerlich? -Zur Brutzeit, so hat man weiter gesagt, fange der Reiher nur kleine -Fische, »Seitenschwimmer«, wie sie sich massenhaft in der Nähe der -Ufer herumtummeln. Indessen, die Horstjungen entwickeln sich schnell -und bedürfen sehr bald größerer Bissen, und außerdem aus der Unmenge -kleiner Fischlein würden doch im Laufe der Zeit wenigstens einige -große wertvolle Fische heranwachsen. Viele Flüsse und namentlich die -Boddengewässer am Meer, hat man gemeint, seien so reich an Fischen, -daß der Abbruch, den die Reiher zufügen, nicht der Rede wert wäre. Wer -so urteilt, der hat sich's sicher noch nicht klar gemacht, daß eine -größere Reiherkolonie von hundert Horsten und mehr gewiß auch gegen -hundert Zentner alljährlich an Nahrung bedarf. Freilich gefangen werden -müßte diese Menge auch erst von den Fischern, eine Arbeit, die ihnen -die Reiher abnehmen. - -Nur das eine wird man bis zu gewissem Grade gelten lassen: es fallen -mehr die Raubfische im weitesten Sinne, wie Aale, die dem Fischlaich -nachstellen, Hechte und Barsche, die den Jungfischen verderblich -werden, und minderwertige Weißfische den Reihern zur Beute, weil sich -die genannten mehr an jenen Örtlichkeiten aufhalten, wo die Vögel mit -Erfolg zu fischen vermögen, während andere, z. B. Karpfen und Schleien, -die Tiefen vorziehen und die Nähe der Ufer gewöhnlich meiden. Auch -die Forelle, die sich mit Vorliebe an steilen Ufern aufhält und unter -Steinen und Wurzeln gern Deckung sucht oder in starker Strömung auf dem -Anstand steht, ist dadurch vor den Reihern einigermaßen gesichert. Wo -aber künstliche Fischzucht getrieben wird, wo ein nach vielen Tausenden -zählendes Kapital sich verzinsen muß, da kann man den regelmäßigen -Besuch der Reiher unter keinen Umständen dulden. - -Wie bei so vielen Fragen, muß auch hier immer von Fall zu Fall -entschieden werden. Es gibt sicher unzählige Gewässer im Deutschen -Reich, wo man nicht sofort jeden Fischreiher zu fangen oder -niederzuknallen braucht, wenn sich mal einer zeigt, und ich kenne -manchen Fischereiberechtigten, der gern eine kleine Einbuße erleidet, -weil auch er an dem herrlichen Vogel, der die Landschaft belebt, seine -Freude hat. Es gibt aber auch genug Besitzer oder Pächter, die selbst -mit geringen Summen rechnen müssen. Könnte hier nicht -- natürlich -nur von Fall zu Fall -- der Staat eintreten und den Schaden ersetzen, -oder sollten sich bei der großen Naturschutzbewegung unsrer Tage -nicht einige begeisterte Vogelfreunde finden, die bereit wären, ein -Scherflein zu opfern, um ein paar Reiher, vielleicht die einzigen in -einer weiten Landschaft, zu retten? Unwirtschaftlich, so wird man -diesen Vorschlag nennen. Mag sein -- aber ich frage: Läßt sich der -Nutzen und Schaden eines Tieres immer nur berechnen nach Geld und -Geldeswert? - -Soviel steht fest: durch die maßlose Verfolgung ist der schöne Vogel -für viele Gegenden unseres Vaterlandes dem Aussterben nahegebracht. Mag -man ihn dort, wo er noch in größerer Zahl auftritt und empfindlichen -Schaden anrichtet, auch weiter kurz halten, _ein paar Reiherhorste -sollte man doch zu erhalten suchen, auch ein paar größere Kolonien -unter staatlichen Schutz stellen_. - - * * * * * - -Zu der Familie der Reiher gehört auch die _große Rohrdommel_. Sie -ist selbst in unserer sächsischen Lausitz, wo ich ihrem unheimlichen -nächtlichen Liebeslied oft und oft gelauscht habe, recht selten -geworden. Zum Glück führt sie ein verstecktes Leben, sonst wäre wohl -auch der letzte dieser interessanten Vögel schon längst verschwunden; -denn der Fischer ist auch auf die große Rohrdommel schlecht zu -sprechen. Gewiß, ihre Hauptnahrung mag in Fischen und Fischbrut -bestehen, wenn sie daneben auch viele schädliche Insekten frißt; aber -sie ist im Gegensatz zum Fischreiher ein ungesellig lebender Vogel, -der schon aus diesem Grunde nicht allzuviel Schaden anrichten wird. -Dazu kommt, daß die eigentlichen Brutteiche von der Rohrdommel gemieden -werden, weil dort gewöhnlich nicht so viel Rohr und Schilf wächst, daß -sich der scheue Vogel gut verstecken kann. Wo die große Rohrdommel -so selten ist, wie in unserer Lausitz, da sollte man sie schonen und -ihr den kleinen Tribut an Fischen gönnen. Namentlich möchte ich alle -Jäger bitten, den seltenen Vogel, wenn er gelegentlich der Entenjagd -sein Versteck verläßt, nicht abzuschießen. Es wäre doch schön, wenn er -unsrer Heimat erhalten werden könnte! Die seltene _kleine Rohrdommel_, -ein allerliebstes Zwergreiherchen, das behend im Rohrwald auf- und -abklettert, wird noch viel weniger schädlich sein; solch kleiner Magen -bedarf nicht viel. Die andern Reiher aber, _Nacht-_ und _Purpurreiher_, -sind so seltene Gäste unsrer Gewässer, daß es die Pflicht jedes -Jagdberechtigten sein muß, das Gastrecht diesen Fremdlingen gegenüber -zu wahren. - -Außer den genannten mögen auch wilde _Enten_, _Gänse_ und _Schwäne_, -dazu an der Meeresküste der mächtige _Seeadler_ manchen Schaden -anrichten, besonders wenn man bedenkt, daß doch neben den Fischen -selbst auch deren Laich für viele an und auf den Gewässern lebende -Vögel einen Leckerbissen bildet. Schließlich ist vielleicht kein -einziger Sumpf- und Wasservogel ganz freizusprechen. Wollte man sie -alle ihre gelegentlichen Übergriffe büßen lassen, so wäre es bald -vorbei mit dem reichen Leben, das die meisten Teiche und Seen noch -immer beherbergen. - -Nur einen Fischereischädling aus der Klasse der Kriechtiere wollen wir -noch erwähnen, die _Ringelnatter_. Sie ist bekanntlich eine vorzügliche -Schwimmerin. Ein wahres Vergnügen, ihr zuzusehen, wie der schlanke, -geschmeidige Schlangenleib in auserlesen schönen Windungen an der -Oberfläche des Wassers dahingleitet, den breiten Teich durchquerend -oder die Strömung des Flusses überwindend. Selbst weit hinaus ins -Meer schwimmt sie, habe ich doch einmal eine Ringelnatter im Barther -Bodden, wohl 5 ~km~ weit vom Land, vom Fischerboot aus beobachtet -und gefangen; ein fingerlanges Fischchen erbrach sie vor Schreck. An -und in unsern Fischteichen in der Lausitz gibt's Ringelnattern genug, -und ich verstehe es, daß die Fischereiberechtigten ihnen recht feind -sind, wenn es sich auch nur um kleine Flossenträger handelt, denen -die Nattern nachstellen. Im übrigen aber sind diese Schlangen ganz -unschuldige Geschöpfe, die man an jedem Gewässer, das nicht gerade der -Fischwirtschaft dient, ruhig gewähren lassen sollte. - -Wenn jeder, den es angeht, erkennen wollte, daß die _allgemeinen_ -Interessen _höher stehen_ als die besonderen des einzelnen, dann würde -uns die Sorge um den Fortbestand der sogenannten »Fischräuber« von der -Seele genommen. - - - - -Malepartus, die Raubburg und Kinderstube von »Reinke de Vos« - - -Fröhlichen Ringelreihen tanzen Buben und Mädel auf maigrünem Anger. -»Fuchs, du hast die Gans gestohlen, gib sie wieder her«, singen die -hellen Kinderstimmen dazu, und dann folgt ein anderes ausgelassenes -Spiel mit tüchtigem Rennen und Jagen; »der Fuchs kommt«, nennen sie's, -jeder spielt es so gern. - -Ja, in aller Munde ist er und allen vertraut, Freund Reineke mit der -buschigen Lunte und dem ergötzlichsten Schelmengesichtchen der Welt; -selbst das kleine Nesthäkchen auf Mutters Schoße kennt das Konterfei -des schlauen Betrügers im Bilderbuch ganz genau, und die älteren -Geschwister wissen manche Geschichte von ihm: wie er dem eitlen Raben -den Käse abschmeichelt, die unschuldigen Tauben berückt, den stolzen -»Gockelmann« packt, wie er seinem größeren Vetter, dem Wolf, so arg -mitspielt, den Hasen um seinen Schwanz bringt, wie er aber bisweilen -auch selbst genarrt wird, von der Katze und vom Hahn, ja sogar vom -harmlosen Häschen. Das Lesebuch enthält all diese schönen Geschichten, -die Brüder Grimm, Ludwig Bechstein, Hagedorn, Simrock und besonders -Robert Reinick -- es liegt schon im Namen -- den Kindern erzählt haben; -sie werden nicht müde, die hübschen Märchen und Fabeln immer von neuem -zu lesen. Und dann das plattdeutsche Epos »Reinke de Vos«, das 1498 zu -Lübeck gedruckt ward, und endlich der ganz große Dichter, hat er nicht -auch dem Fuchs ein Denkmal gesetzt, seine lustigen Streiche für alle -Zeiten verewigt! - -Ein Denkmal -- ach ja, das ist der richtige Ausdruck! Als Goethe sein -Tierepos schrieb, da galt es noch einem Lebenden; heute ist der Fuchs -aus manchem deutschen Gau verschwunden, und wenn man ihm weiter so -rücksichtslos nachstellt mit Gift und Fangeisen und tödlichem Blei, -wenn der Jäger im Frühling jeden Bau seines Reviers ausgräbt und die -niedlichen Jungfüchse den mordlustigen Hunden erbarmungslos preisgibt, -so wird es auch über kurz oder lang von Reineke heißen, wie vom Wolf, -vom Luchs und von der Wildkatze: vergangen, vorbei! Wohl lebt er dann -noch weiter im Bild, im Lied und im Märchen -- »es war einmal ...«, -aber draußen in freier Natur auf sonniger Heide läuft dem Wanderer -nie ein Fuchs mehr über den Weg, und Malepartus, die Raubburg, liegt -tot und verlassen. Höchstens hoppeln Karnickel vor ihren Eingängen; -die haben jetzt gute Zeit, wie die Mäuse im Haus, wenn die Katze vom -bösen Nachbar in der Kastenfalle gefangen und dann grausam ersäuft -ward. Vielleicht sehe ich zu schwarz. Der schlaue Betrüger hat es ja -noch immer verstanden, dem Jäger ein Schnippchen zu schlagen, und in -den größeren waldreichen Revieren, im Gebirge wie im Niederland, haust -Reineke auch heute noch und fristet sein Leben, so gut er's vermag. Ja, -während der Kriegszeit haben die Füchse, so sagte man mir, hier und da -stark an Zahl zugenommen; die Männer vom grünen Tuch standen an der -Front und hatten wichtigere Arbeit, als Jungfüchse zu graben oder den -alten Rüden und Fähen nachzustellen. Aber seit der Preis eines guten -Winterbalgs eine schwindelnde Höhe erreicht hat, ist auch die Gefahr -für den Roten, dem Jäger zum Opfer zu fallen, erheblich gestiegen. - -'s ist doch gar ein lieber Kerl trotz aller bösen Ränke und Schliche, -und erst seine hoffnungsvollen Sprößlinge -- ergötzlichere Kinder, -allezeit lustig, übermütig, flink und täppisch zugleich, gibt es weit -und breit in keiner andern Familie. - -Ich weiß einen Fuchsbau, der liegt mitten drin in der einsamen Heide. -Außer mir weiß nur noch der Förster davon, und der ist mein Freund. Er -hat mir versprochen, in diesem Jahr die alte Fähe und ihre Jungen zu -schonen, weil es der einzige Fuchsbau in dem ganzen Revier ist. Die -Karnickel unterwühlen den lockeren Boden in entsetzlicher Weise und -benagen die jungen Bäumchen der Schonung, daß man wirklich nur froh -sein kann, wenn sie jemand in Schach hält. - -Folgt mir hinaus an die Stelle! Jetzt im April ist's am lustigsten -dort. Die Birken am Weg haben ihr duftiges Brautkleid angezogen, das -sich so schön von den dunkeln Nadeln der ernsten Föhren abhebt; die -Singdrossel jubelt im Wipfel des einsamen Überständers; der Specht ist -an seiner Arbeit, und richtig -- der erste Kuckuck! Wohl hundertmal -ruft er; man freut sich doch in jedem jungen Lenz wie ein Kind, wenn -man den lieben Ruf von neuem vernimmt. - -An einem sanften Hang zwischen niedrigen Kiefern ist eine Lichtung. -Dornige Sträucher, Heidekraut, allerhand Gräser und Stauden bedecken -den Boden, auch ein Paar Bäumchen mit gelbbraunen vertrockneten Nadeln -liegen, die Stämmchen gekreuzt, wirr umher; der Herbststurm im vorigen -Jahre entwurzelte sie, denn der unterhöhlte Boden gab ihnen keinen -sicheren Halt. Ja, an zwei Stellen ist das lockere Erdreich in die -Tiefe gesunken, unregelmäßige Löcher, etwa einen Meter im Durchmesser. -Früher hauste der Dachs hier; jetzt sind es die Eingänge von Reinekes -Wohnung, zu der enge »Röhren« hinabführen. Weiter oben ist noch ein -ähnliches Loch, nicht ganz so groß, und etwas abseits ein viertes; das -ist aber verschüttet. - -Daß der Bau wirklich bewohnt ist, erkennt man sofort. Die Einfahrten -sind glatt getreten, und aus dem Innern dringt uns ein unangenehmer -Geruch entgegen, daß wir den Atem anhalten. Diesen Fuchsgeruch zu -beschreiben, ist nicht möglich; wer aber das durchdringende Parfüm nur -ein einziges Mal frisch an der Quelle eingesogen hat, der bringt's so -leicht nicht wieder aus der Nase, und unverlierbar bewahrt er's in -seinem Gedächtnis. Auch die Reste der Mahlzeiten, die hier und da vor -dem Bau liegen, verpesten mit ihren Verwesungsdüften die Luft, und -nur die vielen Schmeißfliegen, die sie umschwärmen, haben ihre Freude -daran. Hier der Flügel einer Krähe, dort eine angefressene Ratte, -daneben der Lauf eines Rehs, unter dem Kieferngestrüpp der Kopf eines -Karnickels, verschieden große Fetzen vom Fell eines Hasen, mit Blut -besudelte Federn der Ringeltaube und ganz nah an der einen Einfahrt -sogar der bleiche Schädel einer Hirschkuh; irgendwo hat die Füchsin -das verendete Tier aufgefunden und dann den abgebissenen Kopf mühsam -hierhergeschleppt. Dies alles bildet ein Stilleben eigentümlicher Art; -es redet eine deutliche Sprache von List und Gewalt, von Mordgier und --- Mutterliebe! - -Die Sonne neigt sich zur Rüste, die Wipfel der einzelnen hohen Föhren, -die auf das Jungholz herabschauen, in purpurnes Licht tauchend. Da wird -es lebendig vor dem Fuchsbau. Ein verschmitztes Gesichtchen erscheint -in einem der Eingänge; es blinzelt nach links und nach rechts und -hinauf zu dem tiefblauen Himmel. Dann mit einemmal ist der kleine Kerl -draußen. Auf den Hinterbeinen hockend, richtet er sein Köpfchen altklug -empor, als wollte er schauen, was für Wetter es heut abend gibt und wie -für morgen die Aussichten sind. Das feine Näschen schnuppert dabei nach -allen Richtungen, und das dichte Wollkleidchen an der Brust zittert; so -heftig und schnell atmet die Lunge die Luft ein und aus. Das Füchslein -sichert, es »wittert«, ob sich etwa eine Gefahr in der Nähe versteckt -hält; von der Frau Mutter hat's der Kleine gelernt und macht es nun -auch so wie sie -- oder liegt ihm diese Vorsicht von Haus aus im Blut? -Nun schüttelt das Füchslein sein licht gelblichgraues Kinderkleid, das -beim langen Schlaf in dem engen Raum etwas verdrückt ward, fährt mit -dem einen, dann mit dem andern schwärzlichen Pfötchen über die Lauscher -und über's Gesicht; aber plötzlich mit einem Hops ist es wieder -am Röhreneingang und äugt scharf in die Tiefe, ob die Geschwister -nicht nachkommen. Alle Muskeln gespannt, ohne jede Bewegung; nur der -horizontal ausgestreckte Wollschwanz schwingt ganz leise nach rechts -und nach links. - -Ein täppischer Satz zur Seite -- da ist schon der erwartete Bruder. -Er blinzelt gegen die untergehende Sonne, deren letzter Strahl sein -grau-grünliches Auge trifft. Nun kann es beginnen, das fröhliche, -ausgelassene Spiel. Mit den Perlenzähnchen haben sie einander gepackt, -jetzt im dichtwolligen Nacken, jetzt an den Pfoten, dann an der Lunte -oder am Ohr. Sie zerren ganz tüchtig, balgen und kollern sich mutwillig -am Boden umher, richten sich gegenseitig auf, mit den Vorderpfoten -einander umarmend, überschlagen sich und kugeln den Hang ein Stückchen -hinunter; doch mit raschen Sprüngen geht's wieder hinauf. In geduckter -Haltung kauern sie jetzt einander gegenüber, jeder zu neuem Angriff -bereit und einer vom andern erhoffend, daß er das hübsche Spiel wieder -beginne. Da springt der eine Partner plötzlich empor: Brüderchen hasch' -mich! Keuchend mit hängender Zunge geht es rings um den Bau, bis sie -sich wieder gepackt haben. - -Erst wenn die ausgelassenen Füchslein müde und ganz außer Atem sind, -rasten sie ein wenig in hockender oder in liegender Stellung, »alle -Viere« weit ausgestreckt. Aber während die Lunge noch keucht, daß Brust -und Weichen sich heftig bewegen, sinnt das kluge Gesichtchen mit den -listigen Augen und den aufrecht gestellten Lauschern schon wieder nach -neuem, noch tollerem Spiel. Sie zerren am Krähenflügel, machen sich -jeden Fetzen vom Hasenbalg streitig -- was der eine packt, das will der -andre gerade auch haben, »man weiß, wie Kinder sind« -- dann suchen sie -den schwirrenden Roßkäfer täppisch mit den dunkeln Pfoten zu erwischen -oder schnappen nach dem Abendfalter, der ihnen um die Nase herumfliegt. -Unterdessen sind auch die drei andern Geschwister auf der Bildfläche -erschienen, und nun geht es noch lustiger zu. »Der Jäger kommt!« -spielen sie gern. Das machen sie so: keins darf sich rühren, nicht mit -den Ohren zucken, keinen Muskel bewegen. Plötzlich springt eins in die -Höhe; einen Haken schlagend, rennt der kleine Kobold davon, so schnell -er nur kann. Im Nu stieben die andern ebenso auseinander, und in wenig -Augenblicken haben sie sich dann alle fünf auf ihrem Tummelplatz wieder -vereinigt, um das hübsche Spiel von neuem zu beginnen. - -Die Sonne ist untergegangen; grau senkt sich die Dämmerung über die -Heide. Da erscheint der Kopf der alten Füchsin im Höhleneingang; mit -Lauschern und Windfang prüft sie vorsichtig, ob alles ganz sicher sei, -fährt knurrend wieder zurück, weil etwas im Kieferngeäst raschelt -- -ein Vogel, der sein Schlafplätzchen sucht -- doch endlich steht sie im -Freien. Sie streckt sich, schüttelt den Sand und den Staub aus ihrem -rothaarigen Wams, leckt und liebkost die Kinder, die sich herandrängen, -und beteiligt sich schließlich auch ein wenig an dem muntern Spiel, da -die Kleinen gar so sehr betteln. - -Eine gute Figur macht die Alte um diese Jahreszeit nicht; sie ist -dürr und hager am ganzen Leib, und der Pelz ist verdrückt, am Bauche -sehr schütter und nicht mehr so frisch in den Farben. Das ist kein -Wunder; fünf Kinder auf einmal! Sie wollen alle gesäugt und gewärmt -sein, da kommt man schrecklich herunter. Wochenlang konnte die Füchsin -nur auf Stunden den dunkeln Bau verlassen, um den nagenden Hunger zu -stillen. Und wenn sie nichts anderes fand, als nur ein paar Mäuschen -oder irgendeinen Kleinvogel, so mußte sie kaum halbgesättigt zu den -ungeduldigen Kindern zurück; die verlangten nach Speise und fragten -nicht, ob auch der Mutter eine Mahlzeit geworden. Seit acht oder -vierzehn Tagen sind nun die Kleinen entwöhnt. Das war nicht so leicht; -immer und immer wieder suchten sie nach dem Milchquell, wenn auch die -Mutter ärgerlich knurrend sie gar unsanft zurückstieß. Die von Tag zu -Tag fester zupackenden Zähnchen konnte die Fähe an dem zarten Gesäuge -aber nicht länger ertragen, und so gab's manchen Klaps mit den Pfoten, -und das Fell wurde den Kindern oftmals ganz tüchtig geschüttelt, bis -sie schließlich begriffen, daß die Tauben und Hühner, die jungen -Karnickel oder die Mäuschen, die die Mutter mit heimbrachte, den Hunger -ebenso stillen. - -Jetzt gießt der aufgehende Mond sein silbernes Licht über die -schlafende Heide; da denkt die Alte: nun ist's Zeit für den Pirschgang! -Sie wittert nochmals nach allen Seiten; dann schleicht sie davon, -zwischen dem Pflanzengestrüpp leise dahinkriechend, daß der Bauch fast -den Boden berührt. Ein paarmal fährt sie knurrend zurück, wenn eins der -Kleinen ihr zu folgen versucht, aber bald ist sie unter den Ästen der -jungen Kiefern verschwunden. Nun seid auf der Hut, ihr Bewohner des -Feldes, ihr Mäuse, Hamster und Maulwürfe, die ihr gleichfalls so gern -zur nächtlichen Stunde aus eurer Wohnung hervorkommt: der böse Feind -ist hinter euch her! Oder ihr Fasanen- und Rebhuhnmütter, wie wird's -euch ergehen! Der Fuchs schleicht leise heran, die Nase immer gegen den -Wind, daß er die Beute von fern schon wittert -- ein Sprung, ein fester -Griff, und ihr seid in seiner Gewalt! Dem Junghäschen, das in einer -Feldfurche schläft, dem unerfahrenen Karnickel, das draußen am Waldrand -noch im Mondschein äst, der Ratte, die am Schweinekoben des Bauernhofs -sich zu schaffen macht, ergeht es nicht besser, und wehe den Hühnern -und Gänsen, wenn der Geflügelstall nicht ganz gut verwahrt ist! - -Sobald die Füchsin eine Beute gemacht hat, kehrt sie zu ihrer Wohnung -zurück; an ihre Kinder denkt sie immer zuerst; meist wird es Morgen, -ehe sie den eignen Magen befriedigt. Aber wie vorsichtig ist die Fähe, -wenn sie sich dem Bau nähert! Nie wird sie den geraden Weg nehmen; sie -umkreist vielmehr, oft stehenbleibend und lauschend, in weitem Bogen -ihr Heim. Wittert sie irgend etwas Verdächtiges, so kläfft sie, ähnlich -wie ein Hund, doch mit verhaltener Stimme, daß sich die Füchslein -in den schützenden Bau flüchten; erst wenn ihr alles ganz sicher -erscheint, schleicht sie heran. Das ist dann eine Freude! Die hungrigen -Kinder fallen über die leckere Beute her, balgen und beißen sich drum, -und jedes sucht das beste Stück zu erwischen. - -Ein Weilchen schaut die Mutter ihrer munteren Schar zu, hilft wohl -auch beim Zerlegen des Bratens; aber dann tritt sie von neuem den -nächtlichen Pirschgang an. Sind alle gesättigt, daß sie mit den Resten -der Mahlzeit nur noch ihr ausgelassenes Spiel treiben, so holt die -Füchsin vom Felde vielleicht noch ein lebendes Mäuschen, und nun geht -es dem graufelligen Tierchen nicht anders, als wenn eine Katze es -erwischt und ihren Jungen gebracht hätte. - -So kommt der Morgen heran. Schon jubelt die Drossel, Rotkehlchens Lied, -die weiche Stimme des Fitis durchzittert die Luft, und hell schmettert -der Fink seine Fanfare -- da zieht sich die ganze Gesellschaft, eins -nach dem andern, still in die Höhle zurück; sie schlafen hier bis gegen -Abend. Nur manchmal währt die Ruhe ein oder dem andern vorwitzigen -Fuchskind zu lang. Es schaut dann zu dem Höhleneingang sehnsuchtsvoll -hinaus, blinzelt mit den listigen Augen -- die Sonne scheint ihm auch -gar zu hell ins Gesicht -- und schließlich versucht es ein Schläfchen, -mitten im Toreingang zur unterirdischen Burg, wie sein zahmer Vetter, -der Hofhund, der die Vorderpfoten zur Tür seiner Hütte herausgestreckt -hat und nun gemütlich schlafend mit Schnauze und Kopf auf diesem -natürlichen Kissen ruht. Bisweilen wagen sich die Jungfüchse auch -schon mittags auf ihren Spielplatz, wenn die Maisonne hoch vom Himmel -zwischen den schlanken Stämmen auf den Fuchsbau herabscheint; aber -wirklich lustig wird's doch immer erst gegen Abend. - -Sind die Füchslein ein paar Monate alt, so dürfen sie die Mutter auf -ihren nächtlichen Streifzügen begleiten, zuerst bis zum Waldrand, -später weiter hinaus ins Saatfeld, ins Röhricht am Weiher, oder gar bis -zu den ersten Bauerngehöften des Dorfes. - -Wie man das Karnickel beschleicht, einen Junghasen würgt, den -schlafenden Vogel erwischt, zeigt ihnen die Alte. Sie begreifen -gar schnell; denn es liegt ihnen im Blut, sich mäuschenstill -heranzupirschen, jede Deckung zu benutzen und selbst in der Freude über -den gelungenen Raub keinen Augenblick die eigene Sicherheit aus dem -Auge zu lassen. - -Ein Vierteljahr mögen die Geschwister alt sein oder wenig darüber, da -unternehmen sie bereits auf eigene Faust kleine Streifzüge. Sie stellen -sich gegen Morgen gewöhnlich in der gemeinsamen Kinderstube wieder ein; -aber gelegentlich suchen sie auch ein anderes Versteck auf. - -So lösen sich ganz allmählich die Beziehungen zwischen Mutter und Kind -und zwischen den Spielkameraden. Wenn der Herbststurm durch die kahle -Heide braust, kennt keins das andere mehr, jedes geht nun seine eigenen -Wege und schlägt sich selbständig durchs Leben, das ihm der Gefahren so -viele bringt. - -Und der Vater? - -Er kümmert sich um seine Familie fast gar nicht und ist selten zu -Hause; kommt er einmal, gleich gibt's Zank, Beißen und Kläffen zwischen -den Eltern, und die Mutter ruht nicht eher, als bis Vater Reineke -wieder »verduftet«, in des Worts vollster Bedeutung. - -Die Erziehung der Kinder liegt allein auf den Schultern der Fähe; -der Rüde hält von Pädagogik nicht das geringste. Seine Losung heißt: -»Selber essen macht fett«; darum sieht er auch im Frühjahr wohlgenährt -aus, und tadellos ist sein rotbrauner Pelz. Nur wenn die Alte durch ein -herbes, Geschick den Jungen geraubt ward, mag es bisweilen vorkommen, -daß sich die Väter der vor Hunger kläffenden Kinder erbarmen und ihnen -Futter zuschleppen. - -Zur Osterzeit gibt's immer junge Füchslein im bewohnten Bau, meist fünf -bis sechs, einmal waren es sogar acht. - -Möge sich dieser Kreislauf des Lebens mit jedem Lenz, wenigstens hie -und da, in unsern deutschen Forsten erneuern! - -Es wäre traurig, wenn man ihn ganz ausrottete, den listigen, Ränke -schmiedenden Schelm! Dann würde wohl der Förster unsre Enkel an eine -Stelle im Wald führen und ihnen erzählen: »Hier färbte die rote Tinte -den letzten Fuchs im Revier; man hat ihm das hübsche Denkmal gesetzt -wie drüben im Nachbarrevier seinem Vetter, dem Wolf!« Aber mit dem -fröhlichen Leben, dem ausgelassenen Spiel vor Malepartus, der Raubburg, -wär's dann für immer vorbei. - - - - -Swinegel un sine Sippschaft - - -Ob wohl ein oder der andere meiner Leser schon einmal junge Igel -gesehen hat, so im Alter von fünf oder sechs Wochen? Das sind die -niedlichsten Dinger der Welt, die man sich denken kann, und es lohnt -schon der Mühe, im Spätsommer Gärten und Hecken, Parkanlagen, lichte -Laubwälder und namentlich Feldgehölze ein bißchen zu durchstöbern, um --- wenn man Glück hat -- die reizendste Familienidylle zu belauschen: -eine Igelmutter, die ihre vier oder fünf Kinder spazieren führt. - -Wie das im Laub raschelt von all den trippelnden Füßchen, und -wie schnell die kleinen, kurzen Beinchen laufen können, wenn die -stachlige Mutter einen Regenwurm entdeckt hat und ihn aus dem Versteck -hervorzieht, um die kleine Beute den lüsternen Kindern zu überlassen. -An jedem Ende des Unglücklichen zerrt eine der niedlichen Stachelkugeln --- zusammengerollt ist sie nicht größer als ein Billardball -- während -ein drittes Igelchen den straff gespannten, in die Länge gezerrten Wurm -mit den weißen Zähnchen zerbeißt, um schließlich für seine Mühe nichts -zu erhalten als ein Tröpfchen Saft, das sich der Kleine wohlgefällig -von dem dunkeln Schnäuzchen ableckt. - -Da ist ein Mäusebraten schon eine standfestere Grundlage der Mahlzeit, -von der doch jedes der Kinder ein Stückchen bekommt. Man muß es -selbst gesehen haben, wie schnell die Igelmutter hinter dem kleinen -Nager her ist, wenn sie dessen leises Pfeifen oder das fast unhörbare -Rascheln im Bodengestrüpp gemerkt hat. Einen Augenblick verharrt die -Alte in gestreckter Haltung; die Kopfstacheln sträuben sich ein wenig, -senken sich und sträuben sich wieder. Ein paar Schritte schleicht -sie vorwärts, und jetzt ein kleiner Satz ins Gestrüpp. Mit sicherem -Griff ist das Mäuschen gepackt; ein kurzer Aufschrei, und das Genick -des kleinen Nagers ist zerbissen. Hurtig wird das Wildbret von der -schnaufenden Mutter in mehrere Teile zerlegt, und bald sitzt jedes der -Kinder knuspernd und leise schmatzend vor seinem Stückchen, während die -Alte weiter trippelt, nach neuer Beute zu schauen. Ein Maulwurf wäre -kein schlechter Fang; aber den erwischt man nur am dämmernden Abend. -Eine Schermaus wäre gleichfalls willkommen; aber schließlich tun's auch -ein paar Mist- oder Brachkäfer, Ackerschnecken, Schmetterlingspuppen, -eine fette Werre, und wohlgenährte Regenwürmer fehlen fast nirgends. - -Nichts Trolligeres gibt es, als zu sehen, wie es die kleinen naseweisen -Igelchen der Mutter nachmachen -- was ein Häkchen werden will, -krümmt sich beizeiten. Überall kratzen und scharren sie mit ihren -krallenbewehrten Pfötchen; in jedes Loch am Boden, in jeden Winkel -zwischen dem Wurzelgeflecht und Pflanzengewirr stecken sie schnuppernd -ihr Schnäuzchen, hängen der Mutter am Rock, wenn sie glauben, jetzt hat -sie 'was Gutes gefunden, oder sie gehen auch schon ihre eignen Wege, -den Steilhang hinauf, von dem eins der Kindchen wieder herabkugelt, -trinken vom Wasser, das sich zwischen den Baumwurzeln angesammelt -hat, und schauen verdutzt dem Roßkäfer nach, der vor ihrem Näschen -vorbeisurrt. Wenn es noch heutzutage irgendwo, wie im Märchen, eine -Prinzessin gibt, die niemals in ihrem Leben gelacht hat, ich würde sie -zu solch kleiner Igelgesellschaft führen; da lernte sie aus Herzenslust -lachen. - -Einst beobachtete ich eine Igelfamilie an einem Wiesenhang, wo ein vom -Baum gefallener Apfel die Aufmerksamkeit der stachligen Gesellschaft -auf sich lenkte; von Obst aller Art sind ja die Igel große Freunde. -Durch einen unvorsichtigen Stoß kam der Apfel ins Rollen; sofort -sausten die Kleinen hinter ihm her, überstürzten sich aber und kugelten -lustig den Hang hinab, wie wir's als Kinder auch so gern taten. Unten -lag dann der Apfel im Graben am Wege und drei Igelchen neben ihm. -Schnell rollten sich diese auf und hatten bereits tüchtige Löcher in -die süße Frucht gefressen, als endlich auch die Mutter mit den beiden -Geschwistern ankam, die von oben her dem lustigen Treiben zugeschaut -hatten. - -Man sagt, der Igel trage abgefallenes Obst in der Weise in sein -Versteck, daß er es auf seine Stacheln spieße; wo viel Birnen oder -Pflaumen im Obstgarten liegen, da wälze er sich am Boden, und mit der -willkommenen Last trolle er heim. Natürlich ist das Ganze ein nett -ersonnenes Märchen. Weder mit dem Schnäuzchen, noch mit den Füßen kann -der Igel seinen Rücken erreichen; wie sollte er also das Obst fressen -oder auch nur abstreifen können? Als Junge habe ich einmal mit den -grünen Früchten der Kartoffel -- wir nannten sie »Kartoffelschneller« --- nach einem Igel geworfen. Eins der ungefährlichen Geschosse blieb -an seinem Stachelkleid hängen. Das machte mir solchen Spaß, daß ich -mir den Igel fing und ihm im Übermut seinen ganzen Rücken mit dem -seltsamen Zierrat besteckte. Dann ließ ich ihn laufen. Am folgenden Tag -sah ich ihn wieder, und da trug er noch immer eine Anzahl der grünen -Beeren auf seinem borstigen Kleid. Nicht den geringsten Versuch machte -er, sich von dem aufgedrungenen Schmuck zu befreien. - -Das Volk fabelt ferner, der Igel trage, wenn er sich sein Winterlager -zurechtmache, auf seinen Stacheln all die Stoffe zusammen, die ihn -wärmen sollen, Stroh, Laub, Moos u. dgl. Das ist auch nicht wahr. In -die natürliche oder selbstgegrabene Höhlung kratzt und schiebt er diese -Dinge mit Füßen und Schnäuzchen hinein und verwahrt besonders den -Eingang. Aber solch fester Winterschläfer, wie Bilch oder Haselmaus, -ist der Igel durchaus nicht, habe ich ihn doch mehr als einmal mitten -im Schnee angetroffen, wo er ganz lustig einhertrippelte. - -In einem unterirdischen oder wenigstens gut versteckten Lager zwischen -trockenem Laub, Gräsern und sonstigem Pflanzenwust werden die -Swinegelchen geboren. Anfangs sind es kleine, rosige Dinger, blind und -zahnlos und die winzigen weißlichen Stacheln ganz weich -- es wäre auch -sonst bei der Geburt höchst unangenehm gewesen für Mutter und Kind. Die -Alte muß auf der Hut sein, daß sie die vier oder fünf zarten Jungen mit -ihren nadelspitzen Stacheln nicht verletzt; sie deckt die Kleinen mit -den ziemlich weichen, rötlichgelben Haaren ihrer Bauchseite, zwischen -denen die Milchdrüsen liegen. Tagsüber ist säugen ihr Geschäft; in der -Nacht geht sie jagen. Die ganze Last der Kindererziehung liegt auf -ihren Schultern; der Papa lebt getrennt von der Familie, ein rechter -Einsiedler und Griesgram, und von Erziehung will er nichts wissen. -In dem warmen Lager, von der zärtlichsten Mutter behütet, wachsen -die Kleinen sehr schnell heran. Schon sind sie mit spitzen Stacheln -und scharfen Zähnchen bewaffnet, hell blicken die Äuglein, die Füße -trippeln so hurtig: bereits ganz Papa und Mama, nur klein noch und -zierlich. Wir können der Versuchung nicht widerstehen und nehmen eins -der Tierchen in die Hand -- eine Roßkastanie in stachliger Hülle. -So leicht ist die Kugel, daß wir uns an den Spitzen nicht verletzen -können. Wie wenig schüchtern der kleine Kerl doch ist! Es dauert nicht -lange, so rollt er sich auf, beschnüffelt unsre Finger und verschwindet -schließlich im Rockärmel. Wart', Kleiner, du sollst belohnt werden! -Etwas lauwarme Milch, in ein Näpfchen gegossen, wird sofort gierig -geschlürft. Dann trollt unser Igelchen weiter. Sie werden's schon -wiederfinden hier an der Hecke oder dort im Gestrüpp des Unterholzes -zwischen den Bäumen. - -Unter den freilebenden Vierfüßlern unsrer Heimat gibt es kaum ein -anderes Tier, das ich so gern habe wie den Igel, keine interessantere -Gesellschaft als eine Igelfamilie. Gesetzt, die Natur hätte den -stachligen Gesellen nicht geschaffen, die kühnste Phantasie des -Menschen würde sich solch' abenteuerliche Gestalt niemals ausgedacht -haben. Zwei besondere Eigenschaften sind es, die der Igel vereinigt: -das stachlige Kleid und die Kunst, sich zusammenzurollen. Und -diese beiden Eigenschaften machen ihn zu einem der merkwürdigsten, -seltsamsten, ja wunderlichsten Geschöpfe. - -Erfindungsreich ist der Mensch, in unserer Zeit namentlich auch auf -sozialem Gebiete. Aber alle Erfindungen haben wir doch schließlich -der Natur abgelauscht: die Ruder und das Steuer des Bootes den -Flossenträgern, die Bereitung des Holzpapiers den Wespen, und das -Neueste, mehr auf geistigem Gebiete gelegen, die »passive Resistenz« -dem Igel. Kein anderes Tier bringt diese moderne Methode der Abwehr, -der Verteidigung besser zum Ausdruck, und der Erfolg lehrt ihre -Berechtigung. Den Stärkeren angreifen? nein. Oder sich mit Krallen -und Zähnen verteidigen? warum denn? Kann man es wissen, wie's endet? -Ich ziehe mich lieber in mein Innerstes zurück, schließe mich von der -rauhen Außenwelt ab. Ich bin die Welt, ich allein; mein Wille regiert. -Schau du zu, wie du mich faßt! Deine Sache ist's, wenn du dir die -Finger blutig stößt oder die Schnauze, Gesicht, Nase und Augen! Mach' -mit mir, was du willst, ich habe Zeit und Geduld; wollen mal sehen, -wer's länger aushält, ich oder du? - -Vor uns liegt der kuglige Ballen auf dem Tisch der herbstlichen Laube. -Hei, wie das springt von winzigen Flöhen zwischen den Stacheln und hoch -in die Luft hinauf, ein Dunstkreis fröhlichen Lebens! Glaube nicht, daß -er's fühlt, all das Gekribbel, Gekrabbel. Ein schrecklicher Zustand -wär's, wie ihn wohl die mittelalterlichen Ritter in der schweren -Eisenrüstung gekannt haben: jetzt zwickt es hier, und jetzt juckt es -da, und man kann sich nicht kratzen! Unbeweglich die Kugel, nur leise -atmet's im Innern, sanft hebt und senkt sich die Wölbung -- kreuz und -quer stehen die Stacheln, durchaus nicht in der Richtung der Radien. -Bald legt sich einer nieder, ein anderer richtet sich steiler empor, -von unsichtbarer Kraft bewegt; denn es treten mehrere Hautmuskeln -an jeden einzelnen Stachel heran. Auf der Mitte des Rückens sind -die nadelspitzen Gebilde am längsten, 2 ~cm~ etwa oder noch etwas -mehr. Hübsch gezeichnet sind sie: in der Mitte lichter, am Grund und -namentlich an der Spitze viel dunkler; doch gibt's auch hellere Igel -mit gelblichen Stachelspitzen, also Brünette und Blonde, wie unter uns -Menschen. Vollkommen stielrund sind die Stacheln nicht; sie zeigen -Längsfurchen, den Blutrinnen an den Säbeln und Seitengewehren zu -vergleichen. Aber so fein sind diese Furchen, daß wir genau zusehen und -den Kopf drehen und wenden müssen, um sie bei verschieden auffallendem -Lichte zu erkennen. An einem Querschnitt kann man mittels der Lupe -leicht feststellen, daß etwa 25 Längsrinnen an jedem Stachel hinziehen, -bald mehr, bald weniger. Zwischen den Stacheln stehen weißgraue bis -rostgelbe Borsten, besonders nach den Seiten zu; ja am Bauche und im -Gesicht, an den Schenkeln und Füßen, wovon freilich jetzt nichts zu -sehen ist, haben diese borstigen Haare die Alleinherrschaft. Stacheln -wären dort nur vom Übel. - -Schon währt's uns zu lange. Willst du dich nicht endlich in deiner -natürlichen Gestalt zeigen, du Trotzkopf? Wir drehen die Kugel -vorsichtig um, daß sie auf dem Rücken liegt. Aber nur enger und fester -zieht sich der Igel zusammen. Mit Gewalt ist auch nichts zu erreichen. -Der mächtige Hautmuskel, der wie ein Mantel oder eine Kapuze vom -Rücken her das ganze Tier umgibt, ist kräftiger als unsre Hand; je -mehr wir uns mühen, auch mit Nichtachtung der stechenden Stacheln die -Kugel auseinander zu bringen, um so fester schließt sie sich. Biegsam -wie eine Weidenrute muß die Wirbelsäule unsres Freundes sein, und -auch dafür, daß sie bei dieser Zusammenrollung nicht zu stark auf das -Rückenmark drückt, hat die Natur gesorgt. Schon in den Brustwirbeln -löst sich dieses in Einzelstränge auf, die den Druck leichter vertragen. - -Aber jetzt greifen wir zu einem teuflischen Mittel, denn erschöpft -ist unsre Geduld. Tabak und Stummelpfeife kommt her! Blaue Wolken -steigen empor, die Luft mit Wohlgeruch füllend; denn Pfälzer ist's, -edles Gewächs. Wie sie springen, die Flöhe! Wirst uns noch dankbar -sein für die Entlausung! Lebhafter bewegen sich jetzt die einzelnen -Stacheln; wie eine Welle läuft's dann ganz leise über die Rundung. Die -Kugel dreht sich allmählich und löst sich ein wenig; der Rücken zeigt -wieder nach oben. Der ambrosische Duft, an den der Nichtraucher so gar -nicht gewöhnt ist, scheint ihm nicht zu behagen. Noch ein kräftiger -Gasangriff von unten her, tief hinein zwischen die borstigen Haare, und -unser Igelchen streckt sich ganz sacht und verstohlen; niemand soll's -merken, daß es endlich nachgeben will. Schon schaut ein Füßchen hervor -mit fünf starken Nägeln, zum Graben und Scharren geschaffen, jetzt ein -zweites und vorn ein niedliches Schnäuzchen; schnuppernd hebt sich's -aus der stachligen Kugel. Jetzt zeigt sich schon das Gesichtchen. -Prächtige Physiognomie! So naseweis und verschmitzt, und so lustig -blitzende Äuglein, wie schwarze Perlen auf lichtem, graubaunem Grunde. -Fein sind die Ohren gebildet, alles niedlich und spitz: das Näschen, -die dunklen Schnurren, die feinen Stichelhaare im Antlitz, darüber ein -Wall längerer Borsten, einem Helm zu vergleichen. Aber das Hübscheste -bleibt doch das verlängerte, vorn etwas aufgeworfene Schnäuzchen, das -sich schnüffelnd bald aufwärts wendet, bald abwärts, bald nach links, -bald nach rechts. Es bildet die verlängerte und freibewegliche Nase, -zugleich ein Tastorgan von höchster Vollkommenheit. In der Haut der -beweglichen Rüsselscheibe drängen sich nämlich unzählige Tastkörperchen -zusammen, mit denen der nächtliche Jäger die Gegenwart oder die Nähe -seiner Beute unter dem Laube, im feuchten Boden, im Mull von Baumhöhlen -gewissermaßen »schmeckt«, noch ehe er sie erreicht hat, gleich der -Waldschnepfe, die mit ihrem Stecher würmt, an dessen empfindlicher -Spitze ebenfalls Hunderte von Nervenendkörperchen sitzen, die dem Vogel -die leichteste Erschütterung des Erdbodens anzeigen. - -Von meinem Pfälzer, das kann ich mir denken, ist die feine Nase des -Igels nicht begeistert; er trippelt deswegen auf seinen niedrigen -Beinen an die andre Seite des Tisches, um frische Luft zu schöpfen, -wobei er uns den Genuß gewährt, auch sein winziges Schwänzchen zu -bewundern, das steif schräg nach unten gerichtet ist, wie das kurze, -fest zusammengedrehte Zöpfchen eines kleinen Mädels. Über den Geschmack -ist nicht zu streiten und über den Geruch ebensowenig. Und ob dem -unverbesserlichen Nikotinverächter der Rauch meines edlen Krautes noch -unangenehmer ist als uns der Bisamduft, den er im zeitigen Frühjahr -ausströmt, wenn er der Gattin den Hof zu machen pflegt, das können -wir nicht entscheiden. Der Igelin freilich scheint der parfümierte -Ritter zu gefallen; ihr ist's lieber, als wenn er sich ein Sträußchen -Parmaveilchen angesteckt hätte. »Wat dem einen sin Uhl, is dem annern -sin Nachtigall«. Aber nun komm wieder ins Tuch, in dem wir dich -hergebracht haben! Wir klopfen mit dem Stock auf den Tisch, sofort -rollt sich die Kugel zusammen. Wir bringen sie nun zurück zur Hecke, -von wo wir sie holten. Ein paar Minuten noch, und der Igel trollt ab. - -Schade, daß wir ihm nicht in den Mund sehen konnten; dort stehen -perlenartig aneinandergereiht 36 der niedlichsten Zähne. Denk ich sie -mir zu den Maßen eines Löwengebisses vergrößert, ein schauderhaft -mächtiges Zerstörungswerk würde es sein, obgleich die Eckzähne fehlen. -Oben und unten 6 Schneidezähne, schräg nach vorn gerichtet, dann -jederseits oben 2 Lückenzähnchen, unten nur eins, scharf wie ein -Meißel, und endlich die Backzähne, 5 oben, 4 unten auf jeder Seite, mit -scharfspitzigen Höckern versehen, so recht zum Zermalmen der Beute. Die -stärksten Knochen der Maus und der Ratte, des Frosches, der Eidechse, -die Chitinringe der Insekten, selbst Brustharnisch und Flügeldecken des -Hirschkäfers zersplittern wie Glas zwischen dem festen Gebiß, und auch -größeren Schlangen zerbeißt der stachlige Räuber im Nu die Wirbel. - -Es ist bekannt, daß sich der Igel selbst vor der Kreuzotter nicht -fürchtet und die bösartige Schlange sehr schnell bewältigt und -auffrißt. Man sagt, er sei gefeit gegen ihr Gift, genau wie der Storch. -Beides ist nicht ganz richtig. Unser Hausfreund, der Storch, frißt -die Kreuzotter nur deshalb ungestraft, weil er es versteht, ihr mit -dem Bajonettschnabel den Kopf zu zermalmen, bevor sie imstande ist, -ihren Feind mit den Giftzähnen zu verletzen. Wohin sollte sie ihn -auch beißen? In die Ständer, den Schnabel? Die Haut dieser Glieder -führt wenig Blutgefäße, und die Gefahr einer Vergiftung wäre gering. -Ähnlich wie der Storch macht es der Igel. Flink und gewandt zerbeißt -er dem unheimlichen Kriechtier Kopf und Genick. Freilich muß er schon -etwas Erfahrung besitzen, wenigstens fallen junge Igel, wenn man -sie zu einer Kreuzotter bringt, dieser gewöhnlich zum Opfer, nicht -aber alte, erfahrene Herren. Die getötete Schlange zu fressen, ist -ungefährlich, kein Fakirkunststück; denn im Verdauungskanal ist das -Gift ganz unschädlich. Es wirkt nur, wenn es ins Blut kommt. Gewiß ist -die Widerstandskraft gegen das Schlangengift beim Igel größer als bei -andern Warmblütern. Der Jahrtausende währende Kampf, den er gegen die -Otter führt, hat ihn ziemlich giftfest gemacht; aber wirklich gefeit, -wie manche wohl glauben, ist er durchaus nicht. Igel, die man von -Kreuzottern in Zunge und Mundwinkel beißen ließ, wurden ziemlich krank -und litten tagelang an den Folgen der Vergiftung; sie gesundeten aber -später wieder vollkommen. Auch unmittelbaren Gifteinspritzungen setzten -sie großen Widerstand entgegen. Die Dosis, die ein Meerschweinchen -schnell tötet, muß verzehnfacht werden, ehe ein Igel nur vorübergehend -erkrankt. Auch andere natürliche Gifte verträgt unser Stachelträger -sehr tapfer; so macht er sich gar nichts daraus, auch einmal ein paar -grüne Spanische Fliegen zu fressen, deren Genuß bei andern Tieren -den Tod, wenigstens fürchterliche Schmerzen im Rachen und in der -Speiseröhre verursacht. - -Pflanzenkost verschmäht der Igel aber auch nicht. Obst, das sahen wir -schon, ist ihm eine Lieblingskost, ebenso Beeren aller Art, desgleichen -saftreiche Wurzeln, wie Mohr- und Steckrüben; ob er auch Schwämme -verzehrt, kann ich nicht sagen. Reich ist der Speisezettel, den Mutter -Natur für ihn bereit hält. Nur das eine sollte der Gefräßige lassen, -nämlich das Plündern bodenständiger Nester; dadurch schadet der Igel -vielleicht mehr, als man denkt. So mancher Forstmann klagte mir schon, -daß der Bursche Fasaneneier getrunken, junge Schnepfen gefressen, ja -Rebhuhneier, während die Henne darauf saß und sie heftig verteidigte, -zu rauben versucht habe. Selbst junge Häschen sollen ihm bisweilen zum -Opfer fallen (?). Und der Strafe entzieht sich der stachlige Raubritter -stets; sofort ist die Kugel gebildet: greife mich an, wenn du's wagst! -Nur dem Uhu darf er's nicht sagen. Der kümmert sich nicht drum. Mit -seinen wehrhaften Krallen packt er kühn zwischen die Stacheln, und mit -dem mächtigen Schnabel löscht er dem Igel das Lebenslicht aus. - -Eigentlich sollte man meinen, die Verminderung der Raubvögel müsse den -Igeln zugute kommen wie etwa den Mitgliedern der Krähensippe oder den -Spechten. Mag sein, aber andre feindliche Kräfte sind am Werk, diesen -Vorteil aufzuheben; es scheint mir, man begegnet heute viel seltener -einmal einem Igel, als in früheren Zeiten. Der Jäger ist ihm feindlich -gesinnt; ja manche Jagdschutzvereine hatten früher den Igel mit in -die Liste des Raubzeugs aufgenommen, für dessen Erlegung Belohnungen -gezahlt wurden. Gegen jede Verfolgung sollten aber die Landwirte -entschieden Einspruch erheben, denn für sie ist der Igel als treuester -Verbündeter gegen die Mäuse ein sehr nützliches Tier. Vier, sechs -Feldmäuse zu einer Mahlzeit mit Haut und Haar zu verzehren, ist ihm -eine Kleinigkeit, und auf Insekten hat er immer Appetit; solch kleines -Getier ist überhaupt nicht zu rechnen, denkt er bei sich. - -Nur in einer Beziehung ist der Igel genügsam, im Trinken. Es muß -schon recht heiß sein, ehe er einmal aus einer Pfütze am Wege trinkt -oder aus einem der kleinen Wasserbecken, die der Wald zwischen dem -oberirdischen Wurzelgeflecht der Bäume für seine durstenden Bewohner -allzeit bereit hält. Auch die Igel, die ich tage- und wochenlang in -Gefangenschaft hielt, haben nur selten von dem Wasser geleckt, das -ich nie versäumte, in den Raum zu stellen, den ich ihnen anwies. »Mit -Wasser bleib mir ferne!« scheint ihr Losungswort zu sein. Sie verhalten -sich also ähnlich wie die meisten Raubvögel, die ja auch zugleich mit -ihrer blutigen Kost so viel Flüssigkeit aufnehmen, daß sie tagelang des -Wassers entbehren können, obgleich es auch Ausnahmen gibt. So tauchte -ein Schleierkauz jedes Stückchen Fleisch, das ich ihm gab, ins Wasser, -ehe er's verschlang. Merkwürdig ist's, daß die Igel, die alten wie -die jungen, sehr gern etwas Milch schlürfen, wobei sie wohlgefällig -schmatzen, so gut schmeckt es ihnen. - -Wollten wir als Kinder einen Igel, wenn ich so sagen darf, -»aufwickeln«, so kannten wir bei dem streng befolgten Rauchverbot nur -zwei Mittel. Das eine war Musik. Wir machten in seiner Nähe durch -Trommeln auf der Gießkanne einen Höllenspektakel. Aber das Mittel -versagte bisweilen; denn oft zog sich Meister »Struppig« nur noch -enger in sein Innerstes zurück: »Lärmt wie ihr wollt, ich halte meine -Öhrlein verschlossen!« Das andere Mittel wirkte schneller und sicherer: -ein tüchtiges Brausebad. Mitunter haben wir die stachlige Kugel auch -den Wiesenhang hinabgekollert, geradenwegs in den Bach und uns dann -teuflisch belustigt, wie sich der Igel im Wasser sofort aufrollte und, -obgleich er's nie gelernt, doch äußerst geschickt, das Näschen über dem -Wasser haltend, nach einer Stelle am Ufer schwamm, wo er am leichtesten -wieder festen Grund unter den kleinen Füßen fassen konnte. So völlig -durchnäßt, rollte er sich nie wieder sofort zusammen, sondern ließ -uns ruhig seine ganze Person betrachten, den Kopf, die Füße, das -Schwänzchen. Die Nässe des Unterleibs war offenbar seinem Schnäuzchen -viel zu unangenehm, als daß er es zwischen den triefenden Borstenhaaren -versteckt hätte. Auch der Fuchs soll den Igel ins Wasser rollen, um ihn -dann zu bewältigen. Ob es wahr ist, weiß ich freilich nicht. - -Den Igel zu essen, fällt bei uns niemand ein, obgleich sein fettes -Fleisch im Herbst gewiß ebenso gut schmecken mag, wie das des Dachses, -mit dem er ja in der Lebensweise wie in der äußeren gedrungenen Gestalt -manches gemein hat. In Spanien hat man ihn ehemals während der Fasten -häufig gegessen; ich möchte die Ausrede kennen, die man gebraucht -haben mag, um solchen Fleischgenuß zu rechtfertigen. Bekannter ist die -Vorliebe der Zigeuner für einen Igelbraten. Im Lande der Stephanskrone -war ich einst Zeuge, wie sich die braunen »Söhne Pharaos« auf dem -Felde ein Igelgericht zubereiteten. Drei Stück, die sie gefangen und -erschlagen hatten, wurden von den urwüchsigen Gesellen notdürftig -ausgeweidet, dann wieder zu einer Kugel zusammengerollt, mit feuchtem -Lehm dick umgeben und schließlich in der glühenden Asche gebacken, wie -Schinken in Brotteig. Als nach geraumer Zeit der Lehm zu bröckligem -Ziegel gebrannt war, stieß der Oberkoch mit dem Fuß die heißen Klumpen -aus der Asche heraus und zerschlug die Umhüllung. Die Stacheln und -die meisten harten Borsten blieben in ihr stecken. Was mit dem toten -Ungeziefer geschah, das weiß ich nicht, ging mich auch weiter nichts -an. Mürb war der Braten und saftig, und er schmeckte dem genügsamen -Völkchen allem Anschein nach großartig. - -Mancher Igel hat in früheren Zeiten auch für die Gesundheit des -Menschen sein Leben lassen müssen; denn der Igelleib bot bei dem oder -jenem Gebreste der leidenden Menschheit so manches sicher wirkende -Heilmittel. Selbst dem Gewerbe kam die stachlige Haut zu statten; -sie diente im alten Rom zum Karden der wollenen Tücher, desgleichen -als Hechel. Auch noch später bildete sie zu ähnlichen Zwecken einen -Handelsartikel. - -Das Volk will zwei Abarten des Igels unterscheiden: »Hundsigel« und -»Schweinsigel« -- der letztere ist der bekanntere, schon wegen des -reizenden Märchens »Swinegel un sine Fru«. Der Zoolog aber kennt -bei uns nur die eine Spezies: ~Erinaceus europaeus~. Freilich in -Südostrußland, in den Niederungen um den Kaspischen See und östlich -bis zum Baikalsee kommt noch eine andre Form vor mit etwas längeren -Ohren und kürzerem Schwanz, unten sehr hell behaart, sonst unserm -europäischen Igel ganz ähnlich. ~Erinaceus auritus~, langohriger Igel -nennt ihn der Zoolog. - -Unser Landsmann ist in fast ganz Europa heimisch, mit Ausnahme der -nördlichsten Länder, etwa vom 63° n. Br. an. Auch die waldreichen -Gebirge bewohnt unser Igel; in den Alpen steigt er bis gegen 1500 ~m~ -an, im Kaukasus gar bis 2000 ~m~. Die Wälder und Fruchtauen, die Felder -und Gärten der Ebenen und Hügelländer sind ihm aber doch lieber. -Sehr zahlreich kommt er in den weiten russischen Ebenen vor, auch im -nördlichen Asien ist er verbreitet. Dort und namentlich in Afrika -stellen sich dann auch manche andere Arten der stachelborstigen Familie -ein. Das Stachelschwein aber, das seine Heimat in den Mittelmeerländern -hat -- in Nordwestafrika, in Griechenland und in Süditalien bis -nordwärts zur römischen Campagna trifft man es an -- gehört nicht -hierher, sondern zu den Nagetieren. - -Im Verborgenen führst du dein Leben, du seltsamer Einsiedler, drolliger -»Bruder im stillen Busch«, von den Menschen wenig beachtet, von vielen -verkannt. Nur einen Ort weiß ich, der bringt dich zu Ehren, ja er nennt -sich nach dir, Iglau in Mähren. Er hat sich dein Konterfei ins Wappen -gesetzt, wie Griechenlands Hauptstadt die Eule, das Sinnbild der Pallas -Athene. Lustige Igel sind's in dem einen Feld, in dem andern aber -züngelnde Löwen mit aufgerissenen Rachen. Noble Gesellschaft, nicht -wahr? Laß sie nur spotten, die andern Tiere des Waldes: struppiges -Stacheltier, Borstenträger, Schweinigel und wie sie dich schimpfen -- -_du_ gabst der Stadt ihren Namen und nicht der König der Tiere! - - * * * * * - -Die nächsten Verwandten des Igels, die _Spitzmäuse_, sind -Gnomengestalten, die kleinsten unter den Säugetieren; ja das winzigste -Geschöpfchen, die Zwergspitzmaus, wird nur 9 ~cm~ lang, wobei das -Schwänzchen sogar mitgerechnet ist, und die häufigste Art, unsre -Waldspitzmaus, ist auch nicht viel größer: 11 ~cm~, wovon reichlich -4 ~cm~ auf den Schwanz kommen; der kleine Finger des Menschen ist meist -noch etwas größer. Alles ist zierlich an diesem Zwergengeschlecht: das -rüsselartig verlängerte Näschen, die winzigen schwarzen Perlen der -Äuglein, die niedlichen Ohren, die Pfötchen, und das Fell so weich, -ein Samthabitchen, wie es auf der ganzen Welt nicht seinesgleichen -gibt. Und gar erst die Zähnchen: köstlich diese winzigen Gebilde, -32 an Zahl, dolchspitz, scharfhöckerig; gleich den Schneiden der -Schere passen sie aufeinander oben und unten, zum Zermalmen der -harten Chitinpanzer, wie sie die Insekten tragen, geschaffen und zum -Zerschneiden von Haut und Muskeln der kleinen Beutetiere geeignet. - -Aber die Waffe allein tut's nicht, die Spitzmäuse verstehen sie auch -zu führen, und eine Tapferkeit, ja Todesverachtung steckt in diesem -Pygmäengeschlecht, daß kein Wesen sicher vor ihnen wäre, wenn sie -eben nicht zu den kleinsten Warmblütern gehörten. Wehe, wenn sich -ein anderes Tier in das Bereich der Kleinen verirrt! Jede Maus wird -angefallen und bald überwunden. Kampf auf Leben und Tod! Pardon geben, -das kennen die Spitzmäuse nicht, und der Sieger frißt den Besiegten. -Ein paar Wollfleckchen bleiben übrig, vielleicht auch das Schwänzchen. -Die Zähne vermögen selbst die stärksten Knochen der Maus zu zerknacken. -Erbitterte Kämpfe auch unter den Artgenossen, sogar unter den nächsten -Blutsverwandten. Die Mutter beißt ihr Kind tot, das sie entwöhnt hat, -wenn's wieder zu ihr zurückkehrt, und frißt es mit Stumpf und Stiel -- -nun wird's das Wiederkommen vergessen; der Gatte frißt die Gattin, die -Geliebte den Freier, der Bruder den Bruder. Keins fühlt sich sicher vor -seinen Genossen; es kommt nur darauf an, wer der Stärkere ist. Gewalt -geht vor Recht. - -Auch ihre Wohnung hat sich die Spitzmaus meist mit Gewalt erobert, ein -Mauseloch ist's. Der rechtmäßige Besitzer ist den Weg alles Fleisches -gegangen und seine hoffnungsfrohe Kinderschar mit ihm. Oft genügt der -Spitzmaus auch eine Höhlung im Wurzelgeflecht einer Buche, einer Eiche -oder eine kleine Bodenvertiefung zwischen allerlei Pflanzenwust zur -Aufnahme ihres Wochenbetts. Ende Mai, Anfang Juni ist die Kinderstube -voll jungen Lebens: fünf bis zehn winzige Dinger, nackt und unbeholfen, -blind noch und zahnlos. Piepend und winselnd suchen sie nach dem -Milchquell, wenn die Alte sich sorgsam über die rosigen Körperchen -legt. Dann herrscht Ruhe am häuslichen Herd; nur das saugende Atmen -vernimmt die glückliche Mutter, bis schließlich eins nach dem andern -die Zitze freigibt. Nun sind sie gesättigt und schlafen, und die Mutter -kann auf kurze Zeit ihre Kinder verlassen, um für die eigne Nahrung zu -sorgen. - -Nach vier Wochen schon wird sie von der kleinen Gesellschaft begleitet, -meist gegen Abend, wenn die Sonne zur Rüste gegangen ist. Fürs helle -Licht taugen die Äuglein nicht; da werden sie zugekniffen, daß sie -vollständig im Samtfellchen verschwinden. Und selbst im Dunkel der -Nacht folgen die Spitzmäuse gewiß nicht dem Auge, vielleicht auch nur -selten dem Ohr; in dem Rüsselchen haben sie, was sie bedürfen, einen -feinen Spürsinn und feinen Geruch, der Insekten und Würmer wittert -und dem Jäger die geringsten Erschütterungen des Bodens verrät, die -solch' kleine Beute verursacht. Die Spitzmäuse sind ausschließlich -Fleischfresser; sie verhungern lieber, als daß sie irgendwelche -Pflanzenkost anrühren. Und deshalb gehören sie für den Menschen zu den -nützlichsten Tieren, zumal ihr Appetit außerordentlich groß ist. Hunger -längere Zeit zu ertragen, wie etwa der Frosch es vermag, das ist einer -Spitzmaus unmöglich. Wieviel Leben steckt aber auch in dem kleinen -Warmblüter, mit dem Stumpfsinn des Lurchs nicht zu vergleichen! - -Selbst im kalten Winter sind die Spitzmäuse munter und guter Dinge; -von einem regelrechten Winterschlaf wollen sie nichts wissen. Ja ich -habe die kleine Gesellschaft nie so lebhaft gefunden, wie gerade in -der kalten Jahreszeit. Da kommen die Spitzmäuse gern von den Feldern -und Waldrändern herein nach den Ställen und Schuppen der Landwirte, -huschen nach Mäuseart überall herum und suchen, wie sie ihren Hunger -stillen. Im verborgenen Winkel zwischen dem Gebälk schlummert so manche -Insektenpuppe, und mancher Falter hat sich hier zur langen Winterruhe -zurückgezogen; Spinnen gibt's auch überall, und wenn man Glück hat, -läuft einem auch ein Mäuschen über den Weg -- dann wehe dem kleinen -Nager! - -Die Spitzmäuse haben wenig Freunde unter den Menschen. »Mäuse« sind's, -denkt der Bauer und schlägt sie tot oder zertritt sie roh mit dem -Stiefel. Da sind Spitz und auch der alte erfahrene Kater weit klüger, -als ihr Herr und dessen ganze Familie. Spitzmäuse und Mäuse können -die beiden gar wohl unterscheiden. Freilich der Kater läßt sich auch -täuschen, doch nur im ersten Augenblick; er fängt die Spitzmaus wie -jedes Mäuslein und beißt sie tot -- ein kurzer Aufschrei, dann ist -alles vorbei. Aber statt die Beute zu fressen, läßt er sein Opfer -unbeachtet liegen und wischt sich den Mund, als habe er etwas Unreines -berührt. Und der Spitz? Er fährt wohl auch auf das samtige Tierchen -los, aber er packt's nicht; denn der Moschusgeruch, den die Spitzmaus -ausströmt, ist so stark, daß keine feine Hundenase dazu gehört, um -zu erkennen, um wen sich's hier handelt. Einem anständigen Hund ist -nichts widerlicher, als solch mit Moschusparfüm behaftetes Wildbret -- -pfui Pudel! denkt sich der Spitz. Selbst Fuchs, Iltis und Steinmarder -mögen von der Spitzmaus nichts wissen, obgleich sie selbst doch -auch nicht gerade nach Veilchen oder Maiglöckchen duften. Nur die -gefiederten Mäusejäger, die Tagraubvögel, vor allem der Bussard, ebenso -die nächtlichen Eulen sind nicht so empfindlich. Sie fragen nicht -lange: ist's Spitz- oder Feldmaus? Mit ein paar Schnabelhieben wird -die Beute getötet und zerteilt, oder sie schlucken das ganze Tierchen -auf einmal hinunter, wie wir eine bittere Pille; da merkt man von dem -Moschusgeruch und dem üblen Geschmack nur wenig. - - * * * * * - -Der Dritte im Bunde der Sippe ist ein ganz abenteuerlicher Gesell; er -lebt unter der Erde, und nur in der Nacht erscheint er bisweilen an der -Oberfläche: der _Maulwurf_. Ein Samtkleidchen hat er an, so fein und -so weich wie die Spitzmaus. Das ganze Persönchen ist in dichten Pelz -eingehüllt, an dem weder Nässe noch Erdkrümchen haften; nur die Pfoten, -die Spitze des Rüssels und das letzte Ende des Schwänzchens schauen -aus dem Samtfell hervor. Die Ohren liegen versteckt und ebenso die -winzigen Äuglein. Der Plüschanzug kommt nie aus der Ordnung, mag sich -sein Träger vor- oder rückwärts in dem dunklen Erdgang bewegen; denn es -fehlt ihm der »Strich«, und nirgends zeigt sich ein »Wirbel«, wie sonst -im Fell glatthaariger Tiere. Und wie schön ist die Färbung des Kleids, -oft tiefschwarz mit fast metallischem Glanz, ins Stahlblau spiegelnd, -oft bräunlich, bisweilen auch silbergrau oder gelblich; selbst weiße -Maulwürfe finden sich, regelrechte Albinos, wenn auch nur selten. Und -weiter, die Unterseite ist selbst zwischen den Beinen ebenso dicht -behaart wie der Rücken und ebenso dunkel gefärbt. - -Heute zählt der Maulwurf gleich Marder und Hermelin mit zu den -Pelztieren, eine Ehre, die Tausende schon mit dem Leben bezahlt haben. -Aber wie klein sind die einzelnen Fellchen, eine mühsame Arbeit für den -Kürschner! Doch die Leute bezahlen's, solange es die Mode gebietet. -Und die Nachfrage nach diesem Pelzwerk war, wenigstens in den Jahren -1919 und 20, so stark, daß damals märchenhafte Preise gezahlt wurden --- 20, ja 25 Mark für solch winziges, noch nicht einmal zugerichtetes -Fellchen! Ich hätte das Gesicht unsers alten Tobias vom Rittergut sehen -mögen, wenn er das gehört hätte; die Pfeife wäre seinem zahnlosen Munde -entfallen, und wie ein Kettenhund hätte er geheult, daß ihm sein Lebtag -der Verwalter nie mehr als 12 Pfennige für einen Maulwurf bezahlt -hat. Der Alte verstand seine Kunst. In die Laufröhre, gleich neben -dem aufgestoßenen Erdhaufen, senkte er die Drahtschlinge, befestigte -ganz lose das hölzerne Häkchen daran, das bei der geringsten Berührung -heraussprang, bohrte den biegsamen Stock tief in die Erde und zog ihn -mit einem Strick zu der klug ersonnenen Falle herab. Nun geht dir's ans -Leben, du unterirdischer Wühler! Stößt du mit deinen Schaufelhänden nur -ein wenig an den hinterlistigen Haken, gleich wippt die Schlinge empor -und erwürgt bist du, noch ehe der Galgen wieder zur Ruhe gekommen ist. - -Als Kind habe ich oft dem Tobias in sein Handwerk gepfuscht und -manche Falle zerstört; denn ich hatte es gelesen, was Bechstein und -Lenz von dem Maulwurf erzählen, wie er ein gar nützliches Tier sei, -da er Regenwürmer und Engerlinge verzehre, und nur Dummheit sei's, -wenn man ihn töte. Diese Dummheit hatte sich vor ein paar Jahren -zum Wahnsinn gesteigert: Tagediebe lauerten auf Feldern und Wiesen -dem unterirdischen Gesellen auf; ja es gab Landwirte, die solchen -Maulwurfsfängern ihren Grund und Boden geradezu als Jagdrevier gegen -ein schönes Sümmchen verpachteten. Glaubt der Bauer wirklich, daß -dieser Judaslohn hinreicht, den Schaden quitt zu machen, den das Heer -der Regenwürmer und der Insektenlarven, die nun ungestört ihr Handwerk -treiben können, der jungen Saat zufügt! In mancher Gegend hat dieser -Unfug schon dazu geführt, daß die Maulwürfe selten geworden, ja hie und -da bereits verschwunden sind. Die Maulwurfshaufen, über die du dich oft -so geärgert hast, bist du los, dummer Bauer, aber ebenso deine besten -Bundesgenossen im Kampfe gegen das Ungeziefer, das nun überhand nimmt. -Zum Glück beginnt man bereits einzusehen, wie töricht es ist, den -Maulwurf zu vertreiben. In Bayern hat man ein Gesetz zum Schutze dieses -Insektenfressers geschaffen; in Sachsen freilich ist eine gleiche -Gesetzesvorlage unter den Tisch des Hauses gefallen, hauptsächlich -deshalb, weil die Mode sich von dem Pelzwerk wieder abgewandt hat, die -Fellchen infolgedessen im Preise außerordentlich gefallen sind und so -der Anreiz zur Maulwurfsjagd nicht mehr besteht. - -Auch der Nutzen des Maulwurfs wird von mancher Seite stark -angezweifelt. Regenwürmer vertilgt er; Regenwürmer aber sind nützliche -Tiere, die den Boden düngen, lockern und durchlüften. Gewiß, wo aber -diese Würmer allzu zahlreich austreten, da richten sie doch recht -merkbaren Schaden an der Saat an, indem sie die jungen Pflänzchen -massenhaft hinab in ihr unterirdisches Reich ziehen und dann von -den verwesenden Stoffen leben. Aber der Maulwurf frißt nicht nur -Regenwürmer, sondern er stellt auch den Engerlingen, diesen schlimmen -Gesellen, nach. Er folgt ihnen selbst in ihre tiefer gelegenen -Schlupfwinkel, wohin sie sich in der kalten Jahreszeit zurückziehen. -Denn zu den Winterschläfern gehört der Maulwurf ebensowenig wie die -Spitzmaus. Tag für Tag, selbst wenn bitterer Frost die oberste Schicht -der Erde in Bann hält und der Bauer denkt, es ist draußen alles Leben -erstorben, arbeitet der unterirdische Wühler unermüdlich zum Nutzen des -Landmanns, der ihm seine verborgene Tätigkeit nur allzuoft mit Undank -vergilt. Auch bei lang anhaltender Trockenheit im Sommer, wenn die -Engerlinge und andre Insektenlarven sich tiefer in die Erde eingraben, -verlegt der Maulwurf seine Jagdgründe dahin. Es wird behauptet, -daß er für die Zeit der Not auch Nahrungsspeicher einrichte, wie -weiland Joseph in Ägypten in den sieben fetten Jahren, gewissermaßen -Regenwurmmagazine, eingebaut in die Wandungen seiner unterirdischen -Gänge. Weil er aber tote Tiere nicht gern frißt, sondern allezeit -frisches Fleisch haben will, so bringe er den Würmern nur einen Biß -bei, der die Ganglienkette zerstöre, so daß sie nicht recht sterben -und nicht recht leben, auf keinen Fall aber entfliehen können. Man -will Hunderte von Würmern in ganzen Haufen beieinander gefunden haben, -denen ihr Feind die vorderen Ringe des Körpers, namentlich den sog. -»Kopflappen«, aufgerissen habe. Und vielleicht sei es weniger der Biß -selbst, als der Speichel des Maulwurfs, der die Lähmung der Würmer -verursache. - -Das Nahrungsbedürfnis unseres Insektenfressers ist, wie das aller -kleinen Warmblüter, außerordentlich groß, und deshalb kann sein Nutzen -nach dieser Richtung hin nicht hoch genug angeschlagen werden. Außerdem -durchlüften seine Gänge den Boden, was den Pflanzen zum Vorteil -gereicht. Die Erdhaufen, die er auf den Wiesen aufwirft, wird man ihm -leicht verzeihen können; mit dem Rechen läßt sich alles schnell in -Ordnung bringen. Und wenn auch durch die unterirdischen Wühlereien -ein paar Saatpflänzchen gelockert werden oder das Gras der Wiese -über dem einen oder andern Reviergang des Insektenjägers nicht recht -gedeihen will, weil die Wurzeln bloßgelegt sind, so wird das nicht viel -bedeuten. Nur im Ziergarten kann man den Maulwurf nicht dulden; aber -nach Falle und Galgen braucht man nicht gleich zu greifen. Es gibt -andre Mittel, durch die er sich leicht vertreiben läßt. Mit Petroleum -getränkte Lappen oder Heringsköpfe kann er nicht erriechen; parfümiert -man seine Gänge damit, so vergrämt man den Maulwurf. Noch sicherer ist -es, um kleine Blumenbeete Dornen oder Glassplitter ein bis zwei Fuß -tief einzugraben; sein empfindlicher Rüssel ist ihm zu lieb, als daß er -ihn sich an solchen Dingen verletzen ließ. - -Die Wohnung des Maulwurfs, eine kesselförmige Höhlung, liegt etwa einen -halben bis dreiviertel Meter unter der Erde, an einer Stelle zumeist, -die schwer zugänglich ist, z. B. unter dem Schutz einer Mauer, eines -Erdhaufens oder dichten Wurzelgeflechts. Mit Laub, Moos, Stroh ist die -Höhle gepolstert; denn sie dient nicht nur zur Wohn-, sondern auch zur -Schlaf- und bisweilen zur Wochenstube. Von dem Kessel aus erstrecken -sich strahlenförmig nach allen Richtungen mehrere Gänge, die meistens -wieder untereinander durch einen Rundgang verbunden sind. Diese Gänge -vereinigen sich in einiger Entfernung zu einer Laufröhre, die nach -dem Jagdgebiet führt. Auch vom Boden des Kessels senkt sich ein Gang -in die Tiefe, um jedoch bald wieder aufzusteigen und gleichfalls jene -Laufröhre zu erreichen. Die Wände der Röhren sind sorgfältig und sauber -geglättet; denn der Hohlraum wird hier weniger dadurch gewonnen, daß -der Maulwurf Erde auf die Oberfläche befördert, sondern dadurch, daß er -mit seinem walzenförmigen Körper den lockeren Boden zusammendrückt. - -Die sog. Maulwurfshaufen sind in der Regel auf das Jagdgebiet -beschränkt, das oftmals 60 oder 80 ~m~ vom Wohnkessel entfernt liegt. -Dieses Revier durchwühlt der Maulwurf nach allen Richtungen hin -gründlich. Täglich baut er neue Gänge, wobei er die Erdmassen mit -Nacken und Hals an die Oberfläche befördert. Wenn er »aufstößt«, bleibt -er aber in weiser Vorsicht immer noch etwas unter der Erde. Trotzdem -wird er bei dieser Tätigkeit nicht selten von einem Feind überrascht -und gepackt, vom Fox, der schnell seine Schnauze in die lockere Erde -stößt, oder vom Storch, der mit dem Bajonettschnabel tief in den -aufgeworfenen Haufen sticht. Auch der alte »Tobias« hat so manchem -Maulwurf schon aufgelauert, wenn er gerade aufstößt, was dreimal am -Tage, früh, mittags und abends, mit genauer Zeiteinteilung geschehen -soll. Schnell das Grabscheit in die Erde stoßen und herauswerfen, was -es gefaßt hat! Der überlistete Wühler fliegt mit in die Luft und ist -dann verloren. - -Wer noch nie junge Maulwürfe gesehen hat, der kann sich kaum eine -Vorstellung davon machen, wie spaßhaft diese winzigen Wesen aussehen. -Sie sind, eben geboren, nicht viel größer als eine weiße Bohne, -nackt, ganz unbehilflich, alle Glieder unfertig, Schweinsembryonen zu -vergleichen. Dabei sind sie dick und wohlgenährt, rundlich, und die -fein gefaltete Haut ist trotzdem auf Zuwachs der Leibesfülle berechnet. -Nach zehn Tagen etwa sind die Körperchen mit zartem Flaum überzogen, -durch den die rosige Haut aber noch immer durchschimmert, bis sich -die Haare zu dem weichsten Samtfellchen schließen. Noch zwei Wochen -vergehen, dann werden die Kleinen allmählich entwöhnt; Regenwürmer -und allerlei Kerbtiere trägt die Mutter herbei und verfüttert sie -stückweise an ihre Kinder. Droht eine Gefahr, so gräbt sie in Eile -eine andere Höhle und trägt ihre Jungen im Maule dahin. Namentlich -Hochwassergefahr, aber auch die Nachstellungen anderer Maulwürfe, den -Vater nicht ausgenommen, veranlassen die Mutter zu solcher Fürsorge. -Nach vieler Mühe sind die Jungen endlich so weit, daß sie der Alten auf -ihren Pirschgängen folgen können, bis sich schließlich eins nach dem -andern von der Familie trennt und nun ein selbständiges Leben beginnt. -Noch ein zweites Mal wirft die Mutter vier oder fünf Junge, die aber -erst im kommenden Frühjahr einen eigenen Hausstand gründen. - -Es gibt kaum ein anderes Säugetier, dessen Körperbau sich den -Verhältnissen, unter denen es lebt, so vollkommen angepaßt hat, wie der -Maulwurf. Oder richtiger: beim Maulwurf läßt sich die Übereinstimmung -des äußeren und inneren Baus mit der Lebensweise so deutlich erkennen, -wie wohl bei keinem andern Säugetier. Zur unterirdischen Wühlarbeit hat -die Natur den Maulwurf bestimmt, und nur unter diesem Gesichtspunkt -wird sein seltsamer Körperbau verständlich. Die Vorderfüße sind -zu wirklichen Händen umgebildet worden mit fünf Fingern, an denen -krallenartige Schaufelnägel sitzen. Sie stehen seitwärts am Körper, -die Handfläche nach hinten, der kleine Finger nach oben gerichtet. -Ihr Arbeitsradius reicht beiderseits so weit, daß der walzenförmige -Leib des Tieres in dem gegrabenen Tunnel gerade Platz findet. Kräftig -sind jene Schaufeln gebaut; ihr kurzer Stiel, den Ober- und Unterarm -darstellend, ist ganz im Körper verborgen. Starke Muskeln treten -von dem gekielten Brustbein an die Knochenwülste der Arme heran und -vermitteln diesen die Kraft, die schwere Arbeit zu leisten. Die -Hintergliedmaßen sind viel schwächer; sie haben den Körper nur vorwärts -zu schieben und zeigen deshalb gewöhnliche Füße mit Zehen und Sohlen, -wie sie auch Igel und Spitzmäuse besitzen. Auffallend stabartig -gebildet sind Hüft- und Sitzbeine; sie legen sich der Wirbelsäule an -und steifen sie, um das Vorwärtsschieben der lebendigen Bohrmaschine zu -erleichtern. - -Daß auch die winzigen Äuglein, nicht größer als ein Stecknadelkopf, -zu dem unterirdischen Leben passen, liegt auf der Hand. Im Dunkel der -Erde sind sie ganz überflüssig, und wenn auch der Maulwurf in der -Nacht aus seiner Grube hervorkommt, so genügt es ihm wohl, hell und -dunkel unterscheiden zu können. Mehr braucht er nicht; das Geruchsorgan -und der feine Tastsinn seines Rüssels verraten ihm, was er zu wissen -bedarf. Die Ohrmuscheln fehlen völlig. Sie würden als Fangtrichter für -Erdkrümchen nur hinderlich sein; auch leitet der Boden die Schallwellen -weit besser als Luft. Noch manche andere Anpassungen lassen sich -auffinden: die Halswirbel, die einander teilweise überdecken; es kommt -ja nicht auf Beweglichkeit, sondern im Gegenteil auf eine gewisse -Starrheit dieses Körperteils bei der Minierarbeit an; die Hautfalte -der Oberlippe, die sich an die Unterlippe fest anlegt und den Mund -vollkommen abschließt, daß auch den feinsten Erdteilchen der Eintritt -gewehrt wird; eine Hautfalte an der Ohröffnung, die demselben Zweck -dient usw. - -Man wird zugeben, daß der Maulwurf in seiner ganzen Erscheinung -ein besonders interessantes Tier unserer Heimat ist, dazu eins der -nützlichsten Geschöpfe, zugleich aber auch ein volkstümliches Tier, von -dem manche Fabel zu berichten weiß. Ich erinnere nur an den »Weißen -Maulwurf« von Otto Julius Bierbaum, dem die Ehre ward, daß man ihn im -Maulwurfs-Pantheon beisetzte, oder an den Maulwurf G. A. Bürgers, dem -alle Tugend nichts half; der Gärtner schlug ihn tot, weil er die schön -geebneten Blumenbeete durch seinen Aufwurf verunziert hatte. - -Kurzsichtig, töricht und vor allem undankbar ist der Mensch. Wieviel -Feinde haben doch gerade die nützlichsten Tiere! _Igel_, _Spitzmaus_, -_Maulwurf_, ein Kleeblatt, an dem jeder seine Freude haben sollte! Ich -möchte all meinen Lesern die Samtfellchen Maulwurf und Spitzmaus, ganz -besonders aber auch meinen Liebling, den stachelborstigen Igel, recht -fest an das tierfreundliche Herz drücken. Möge nie die Zeit kommen, wo -eins von diesen Dreien durch Unverstand und Roheit aus unsrer Heimat -verdrängt sein sollte! - - - - -Vogelnester - - -Von jeher hat die Bautätigkeit der Tiere die Aufmerksamkeit des -Menschen in hohem Grade auf sich gelenkt. Besonders zwei Tiergruppen -sind es, die Insekten und die Vögel, denen wir in dieser Beziehung -die höchste Bewunderung zollen müssen. Während aber bei jenen nur -eine verhältnismäßig geringe Zahl sich durch allerdings staunenswerte -Baukunst auszeichnet, verstehen es die meisten Vögel mehr oder weniger -kunstvolle Nester zu errichten. Grundverschieden sind diese nach -Bauart, Form und Material; ja sogar der einzelne Vogel derselben Art -baut bisweilen ganz abweichend -- bald frei in luftige Höhe, bald auf -den Boden, bald ins Dunkel einer Höhle -- immer aber versteht er es, -sein Nest in vollendeter Weise der Umgebung wie seinen Bedürfnissen -anzupassen, so daß jeder Architekt von dem kleinen Vogel lernen könnte. - -In der freien Natur gibt es wohl keinen Platz, der diesem oder jenem -Vogel nicht willkommen wäre, keine Örtlichkeit, die nicht Zeuge des -lieblichsten Familienlebens werden könnte. Unsre kleinen Sänger -vertrauen ihre niedlichen Nester dem Zweigwerk von Baum und Strauch -an; sie schlüpfen durch ein Astloch des Obstbaums oder stellen ihr -Nest ins Gestrüpp und dürre Laub auf den Boden. Raubvögel bauen meist -auf Felsen und hohen Bäumen; sie sind stark genug, freistehende -Horste verteidigen zu können. Auch andere große Vögel verhalten -sich ähnlich: Reiher, Störche, selbst Raben, Krähen und Elstern. Die -Rebhühner, Trappen, Lerchen und andere Feldbewohner brüten am Boden; -die Spechte, diese echtesten Baumvögel, meißeln sich eine Höhle in den -Baumstamm, die später auch von andern Höhlenbrütern benutzt wird. Die -Sumpfvögel bauen auf den Boden am Rande des Wassers, die Wasservögel -ins Röhricht von Fluß und See; die Lappentaucher errichten nicht -selten ein freischwimmendes Nest. Strandvögel vertrauen Eier und Brut -dem flachen Kies oder der steilen Klippe an, wo die Woge brandet. Die -lichtscheuen Eulen brüten an dunklen Orten, in Fels- und Mauerspalten, -in Baumhöhlen; der winzige Zaunkönig wählt für sein kugliges -Nestchen irgendeinen der tausend Schlupfwinkel seines Reviers, ein -Wurzelgeflecht, das Mauerloch einer Brücke, Lücken in einer Waldhütte, -einer Holzklafter usw. - -Aber es gibt auch Ausnahmen, die wir Menschen uns nicht so einfach -zusammenreimen können. So brüten Rohr- und Kornweihe, diese -fluggewandten Räuber, auf dem Boden; der Fischer Kormoran errichtet -seinen ungefügen Bau auf hohen Bäumen, nicht selten auch manche -Wildentenart; so brütet die Schellente bei uns mit Vorliebe in -Asthöhlen, oft recht hoch über dem Boden, und die Stockente hat -sich schon Elsternhorste als Kinderstube gewählt. Der weiße Storch -sucht den Schutz des Menschen auf, desgleichen die Haus- und die -Rauchschwalbe, während deren Base, die Uferschwalbe, obwohl sie im -übrigen ähnliche Lebensweise führt, in steile Lehm- und Erdwände Röhren -gräbt, einen Meter tief und darüber. Wer würde es dem farbenprächtigen -Eisvogel ansehen, daß er gleichfalls ins unterirdische Dunkel eines -selbstgegrabenen Stollens schlüpft, um seine Jungen zu ätzen, wer der -Hohltaube, daß sie ihr Zwillingspärchen in einem Astloch aufzieht oder -in einer verlassenen Spechtshöhle, während doch Ringel- und Turteltaube -freistehende Nester bauen! Warum errichtet der Gartenlaubvogel die -Wiege seiner Jungen in der Astgabel niedriger Bäume, alle andern -Laubvögel aber am Boden oder unmittelbar darüber, in der Vertiefung -eines alten Baumstocks u. dgl.? Warum dort ein offenes Nest, hier aber -ein kugelförmiges mit engem Eingang, geformt wie ein Backofen? Ja, wer -es wüßte! - -Strenger noch als an einer bestimmten Örtlichkeit hält jeder Vogel -an der Wahl gewisser Niststoffe fest. Kein Goldammer verzichtet auf -Pferdehaare oder Schweinsborsten; keine Entenart brütet die Eier aus, -ohne mit zartem Flaum das Innere des Nestes auszupolstern. Krähen und -Elstern tragen Erde und kleine Rasenstücke in ihren Horst; Amsel und -Ziemer verbinden die eigentlichen Niststoffe mit Lehm und mit feuchter -Erde, wodurch das unförmliche Nest oft außerordentlich schwer wird, -während ihre Verwandte, die Singdrossel, fein zerkleinerten Holzmull, -den sie mit Speichel vermischt, gleichmäßig und glatt über die -Innenwand ihres saubern Baues streicht. Feuchte Erdklümpchen benutzt -die Hausschwalbe, zartes Moos der Zaunkönig; dürres Laub bildet die -Grundlage für das Nest der Nachtigall; Flechten und Insektengespinst -verwenden Buchfink und Goldhähnchen -- kurz, jeder Vogel hat eine -ausgesprochene Vorliebe für ganz bestimmte Stoffe, und nur im Notfall -einmal wird er sie durch ähnliche Dinge ersetzen. - -Wie sich die besondere Nistweise, an der die einzelne Art mehr oder -weniger festhält, bis zu der gegenwärtigen Musterform entwickelt -hat, ist eine offene Frage. Wir wissen nicht einmal, sind die -bodenständigen Nester oder die in den Zweigen der Bäume erbauten als -die ursprünglicheren anzusehen; nimmt der Vogel, der in Höhlen brütet, -eine tiefere Stufe ein als der sogenannte Freibrüter, oder lassen uns -nicht gerade viele Höhlenbewohner, die ihr oft recht hübsch gebautes -Nestchen in ein Astloch, eine Mauerspalte stellen, vermuten, daß sie -ehemals Freibrüter waren, aber um die Sicherheit für Eier und Junge -zu erhöhen, zu dieser vollkommeneren Methode fortgeschritten sind? -Wenn wir im folgenden einige besonders eigenartige Vogelbrutstätten -betrachten wollen, und zwar in der Anordnung, daß wir von den scheinbar -einfachsten Verhältnissen ausgehen und uns zu immer kunstvollerer -Bauweise wenden, so möchten wir doch keineswegs damit behaupten, daß -dieser Gang nun auch wirklich der natürlichen Entwicklung der bei den -Vögeln geübten Baukunst entspreche. - -Einzelne Vögel begnügen sich mit der einfachen Reptilienmethode, indem -sie ohne weitere Fürsorge ihre Eier auf den Boden legen. So vertrauen -die meisten Strandläufer, viele Schnepfenvögel, Seeschwalben, manche -Möwen die Eier dem bloßen Kies an oder der kurzen Grasnarbe, ohne -daran zu denken, ein wirkliches Nest zu bauen. Auch die Nachtschwalbe -kennt ein solches nicht; auf plattem Boden brütet sie ihre beiden Eier -aus, oder auf dichtem Heidekrautgestrüpp, auf dem Moos eines niedrigen -Baumstocks u. dgl. - -Bei sehr vielen Höhlenbrütern kann man gleichfalls nicht von wirklichem -Nestbau reden; sie begnügen sich damit, die Eier ohne besondere -Unterlage einem Mauerloch, einer Felsenspalte oder einer Baumhöhle -anzuvertrauen. Die natürliche Hohlform hält Eier und Wärme zusammen; -ein wenig Erde oder Holzmull findet sich fast in jedem solchen Raume, -wodurch den Eiern wenigstens ein leidlich weiches Lager wird, und der -Schutz für den brütenden Vogel wie für die Brut ist doch ungleich -höher hier in der dunklen Höhle als draußen im Freien. Spechte, der -Wendehals, manche Eulen, die Hohltauben, der Wiedehopf u. v. a. brüten -in dieser Art, die indessen nur einen kleinen Fortschritt bedeutet im -Vergleich mit der einfachen Nistweise der Nachtschwalbe. Natürliche -Bodenvertiefungen, die dem Körper des Vogels mehr oder weniger angepaßt -waren, Verstecke im Pflanzengestrüpp und ausgefaulte Löcher im -Baumstumpf mögen die Verbindungsglieder gewesen sein. - -Etwas mehr Sorgfalt zeigen unsre Rebhühner, Trappen, manche -Seeschwalben, Möwen, Rallen u. v. a. Sie scharren eine seichte -Vertiefung in den Boden, knicken Stengel und Halme um oder bilden durch -häufiges Drehen des Körpers eine geeignete Stelle, die sie nun mit ein -paar trocknen Gräsern oberflächlich ein wenig auspolstern. Wozu sollten -auch die Jungen, z. B. die des Rebhuhns, eines künstlichen warmen -Nestes bedürfen? Sobald die Eihülle gesprengt und der Flaum getrocknet -ist, laufen sie ja doch davon, um vielleicht nie wieder an den Ort -zurückzukehren, wo sie das Licht der Welt erblickt haben. Vögel, deren -Junge längere Zeit im Neste verbleiben, sogenannte »Nesthocker«, -verwenden stets mehr Fleiß auf die Niststelle; doch verdient diese bei -vielen, die auf dem Boden oder in Höhlen brüten, noch kaum den Namen -eines eigentlichen Nestes. Die Feldlerchen z. B. suchen sich eine -kleine Vertiefung zwischen Erdschollen oder im Grase, erweitern und -runden sie nach Bedarf und tragen nun Stoppeln, Halme, zarte Wurzeln -zusammen. Mit ihrem Körper formen sie alles zu einem tiefen Napf, den -sie schließlich noch mit einzelnen Pferdehaaren u. dgl. auspolstern. -Unsre niedlichen Blaumeisen begnügen sich, falls die Höhle, die sie -gewählt haben, sehr eng ist, mit einem recht einfachen Bau: feine -Brocken faulenden Holzes, darüber ein paar Federn und Haare, das ist -alles. In weiten Hohlräumen aber sorgen sie für eine dichte Unterlage -und für ein weiches Haar- und Federpolster. Ähnlich verhalten sich auch -die andern Meisen mit Ausnahme der Schwanzmeisen. - -Einen Fortschritt zeigen schon die sogenannten »Halbhöhlenbrüter«, -welche für die Wiege ihrer Jungen irgendeinen Winkel wählen, wie -Hausrotschwanz, grauer Fliegenschnäpper, weiße Bachstelze u. a.; -auch das Rotkehlchen gehört hierher, das sich ein Versteck in einem -ausgefaulten Baumstumpf, zwischen Wurzelgeflecht, eine weite Erdhöhle -u. dgl. aussucht. Sein Nest stellt ein lockeres, kunstloses Gewebe dar, -meist auf einer Grundlage dürren Laubes. Beim Hausrotschwänzchen kann -man es genau beobachten, um wieviel vollkommener der Vogel baut, wenn -er das Nest auf einen freien, nur von oben geschützten Balkenkopf oder -hinter einen Dachsparren stellt, als wenn er sich ins Halbdunkel einer -Höhle zurückzieht. Hier nur eine ungeordnete Anhäufung von Niststoffen, -dort aber ein dichtes Gewebe mit sorgfältig gepolsterter Aushöhlung -eines zierlichen Napfes. - -Wirkliche Kunstbauten finden wir jedoch erst bei den sogenannten -Freibrütern, und zwar besonders bei denjenigen, die sich losgemacht -haben von der Scholle des Bodens und im Astwerk von Baum und Strauch -oder am Schilfhalm ein lustiges Nest bauen. Doch dürfen wir auch -manchen Höhlenbrütern, wie den Baumläufern, dem Star, Gartenrotschwanz, -Trauerfliegenfänger, eine gewisse Fertigkeit nicht absprechen. Nach -unsrer Meinung stellten diese Vögel, wie wir schon angedeutet haben, -ehemals freistehende Nester her; die seit alters geübte Bauweise -pflegen sie aber auch heute noch weiter, trotz der veränderten -Verhältnisse, nur daß sie dabei weniger sorgfältig verfahren. Man -vergleiche z. B. das Nest der Spechtmeise, die sich ein Astloch -erwählt, mit dem Bau der freibrütenden Schwanzmeise, einem der -kleinsten Vögelchen unsrer Heimat. Bei jener eine schlechte Unterlage -aus lockern Stückchen von Buchen- und Eichenblättern oder ein Wulst -dünner Schalen der Kiefernrinde; das Nest der Schwanzmeise dagegen -ein Kunstbau, kugelförmig, mit einem Schlupfloch, zusammengefilzt -aus Astmoosen, Baumflechten, Birkenschalen, Schuppen der Eichenrinde -und Haaren, überkleidet mit Spinnen- und Raupengespinst, innen aber -ausgefüttert mit Federn und Wolle. Überhaupt zeichnen sich die -kleinsten der kleinen Baumeister durch höchste Kunstfertigkeit aus. -Hoch in die herabhängenden Zweigenden einer Fichte oder Tanne hat das -winzige Goldhähnchen sein beinahe kugelförmiges Nestchen aufgehängt. In -die ziemlich glatte Außenwand sind die Spitzen der dünnen Triebe des -Nadelbaums geschickt eingeflochten, daß der kleine Bau frei in der Luft -schwebt; oben führt eine enge Öffnung ins Innere, das mit wärmenden -Federchen dicht ausgekleidet ist. Oder das Nest des Zaunkönigs: außen -nicht selten ein wüster Haufen von Stengeln, Wurzeln und Blättern, -innen aber eine dicht gefilzte Lage von grünem Moos, auf welche -schließlich das weiche Federpolster folgt. - -Auch die Finkenvögel bauen sehr hübsche Nester, an erster Stelle unser -frohschmetternder Buchfink. Hier steht ein solches auf dem hohen Stumpf -eines Fliederstrauchs, dessen Fortsetzung es nach Stellung und Form zu -bilden scheint; aufs peinlichste ist es mit Lebermoosen überzogen, wie -sie der Stamm trägt, und mit kleinen braunen Rindenstückchen beklebt, -wie sie am Boden liegen. Dadurch, daß der Vogel die Niststoffe aus -der Umgebung nimmt, paßt er das Nest dieser gewöhnlich aufs schönste -an, wodurch die Sicherheit erhöht wird. Ob dabei bisweilen auch kluge -Berechnung eine Rolle spielt, möchte ich nicht entscheiden. Ich habe -Finkennester gefunden, in deren Wand Fetzen weißen Papiers sehr -geschickt eingewebt waren -- sie standen auf weißstämmigen Birken --, -ein Nest des Zaunkönigs, das durch Verwendung grauen Mooses und grauer -Algen die Farbe der granitenen Brücke täuschend nachahmte, unter die -es gebaut war, und ein andres, dessen grüner Moosüberzug mit dem Grün -seiner Umgebung vollkommen übereinstimmte. Vielleicht ist es so, daß -der Vogel durch einen auffallenden Farbengegensatz des Nestes mit -dessen Umgebung unangenehm berührt wird und ohne viel Nachdenken die -Stoffe wählt, die in der Farbe zu der unmittelbaren Nachbarschaft -des Nestes passen. Ich entsinne mich aber auch einiger Nester, wo -von solcher Übereinstimmung nicht die Rede sein konnte; so hatte -ein Schwanzmeisenpärchen ein ganz lichtes, aus heller Baumrinde und -Laubmoosen gefilztes Nest in das dunkle Grün einer Jungfichte gestellt, -daß es weithin erkennbar war. - -Ein sehr zierliches Nest bauen auch die Rohrsänger. Von ein paar -Schilfstengeln, die in die Wandungen eingewebt sind, wird der -kegelförmige Bau getragen, die Spitze nach unten. Gespaltene -Schilfblätter, schmales Gras und biegsame Halme bilden die kunstvoll -geflochtene Wandung, in der jede Lücke mit Pflanzenwolle verstopft -ist, namentlich von der Weide. An allen Bewegungen der Halme nimmt der -luftige Bau teil, wenn der Wind durchs Schilf saust und die Spitzen -hinabbiegt bis in die Wellen des Teichs; aber der Napf ist so tief, daß -die Eier so leicht nicht herausfallen. - -Freilich gibt es auch unter unsern kleinen Sängern einige, die recht -liederlich bauen. Das gilt z. B. von unsern Grasmücken. Ich habe -Nester der kleinen Zaungrasmücke gefunden, deren Boden so locker -gewebt war, daß man kaum begreift, wie sie die Wärme zusammenhalten -können. Noch weniger dicht sind die sehr flachen Nester der Ringeltaube -gebaut; nicht selten sieht man die weißen Eier zwischen den Lücken -hindurchleuchten. Ja, es kommt vor, daß sie unter dem brütenden Vogel -durch den Boden fallen, so daß ich glaube, die Ringeltaube ist erst -nachträglich zum Freibrüter geworden, während sie früher, wie Hohl- und -Felsentaube noch heute, in Höhlungen brütete. - -Gleich der Ringeltaube verwenden fast alle größeren Vögel stärkere -oder dünnere Reiser für die äußere Wandung, wie dies das Nest des -Eichelhähers zeigt, oder die kleinen Horste der Elstern und Krähen und -die bisweilen gar gewaltigen Reisighaufen, welche Raubvögel, Reiher -und Störche zusammenschleppen. Solch ein Adlerhorst, ich denke an den -eines Fischadlers, der auf dem vertrockneten Wipfel einer uralten -Eiche stand, ist einer mächtigen Stammburg zu vergleichen. Nicht das -Paar, das jetzt droben haust, hat den riesigen, fast mannshohen Bau -gegründet, sondern vielleicht seine Großeltern vor vielen Jahren. -In jedem Frühling wird das Schloß der Väter von neuem bezogen und -mit frischen Baustoffen belegt und ausgebessert; in seinen untern -Schichten, gewissermaßen in den Kellerwohnungen, haben sich ein paar -Meisen häuslich niedergelassen, wie ja auch in der Wandung alter -Storchnester, die gleichfalls alljährlich von unsern Hausfreunden -wieder bezogen werden, nicht selten Meister Spatz seine zahlreiche -Nachkommenschaft großzieht. Verlassene Raubvogel- und Krähenhorste -dienen übrigens manchen Vögeln zur willkommenen Wohnung; am häufigsten -scheinen Waldohreule und Turmfalke von solch herrenlosem Eigentum -Besitz zu nehmen. - -Zu den hübschesten Nestern unsrer Heimat gehört das des gelbschwarzen -Pfingstvogels, des Pirols. Freischwebend hängt es, einem Klingelbeutel -vergleichbar, zwischen den Enden einer Astgabel; aus Bast, Halmen, -Wollfäden, Oberhäutchen der Birkenrinde, feinen Hobelspänen u. dgl. -ist es gar zierlich gewoben. Man begreift nicht, wie es dem Schnabel -im Verein mit den Zehen möglich ist, aus dünnen Fasern solch feines, -braungelbliches Gewebe herzustellen. - -Von den Zimmerleuten unsrer Wälder, den Spechten, war schon die -Rede; auch der Wendehals und manche Meisenarten verstehen sich auf -dies Handwerk, insofern sie vorhandene Höhlen nach ihrem Bedürfnis -vergrößern. Ähnlich ist die Tätigkeit der Minierarbeiter; nur haben -es diese nicht mit Holz, sondern mit Lehm, Sand oder Erde zu tun, -wie die Uferschwalbe, der Eisvogel und der ebenso farbenprächtige -Bienenfresser, der freilich unsrer Heimat fehlt, den ich aber an -manchen Gewässern Südungarns beobachten konnte. - -Mit Lehm und mit Erde arbeiten ferner die Maurer, zu denen unsre -Schwälbchen gehören. Unterhaltend ist es, den emsigen Tierchen -zuzuschauen. Zuerst werden feuchte Klümpchen -- meist ist es Straßenkot --- eins neben das andre in flachem Bogen an die Baustelle geklebt; -dann ruht die Arbeit bis zum nächsten Morgen. Ist jetzt das Mauerwerk -völlig trocken, so wird eine zweite Lage von Erdklümpchen so angesetzt, -daß sie die erste Schicht überragt; am dritten Morgen wird in gleicher -Weise fortgefahren. Schon geht die Arbeit leichter von statten, denn -die Vögelchen brauchen sich nicht mehr an der Hauswand anzuklammern, -sondern können auf dem bereits gemauerten fingerbreiten Rand Fuß -fassen. Schicht folgt auf Schicht, wobei auch einige Halme, Borsten, -Haare mit eingeklebt werden. Nach zwei Wochen etwa ist das kugelrunde -Nestchen der Hausschwalbe oder das halbkugelförmige der Rauchschwalbe -fertig; es bedarf nur noch der Auspolsterung mit Federn und Haaren. - -Auch die Spechtmeise versteht sich auf Mörtel und Kitt; ist das -Eingangsloch zur Baumhöhle, in der sie ihr kunstloses Nest erbaut, zu -weit, so vermauert sie es ringsum mit eingespeichelten Lehmklümpchen, -daß dem Eichhörnchen und andern Räubern der Zugang gewehrt wird. - -Im allgemeinen beteiligen sich Männchen und Weibchen am Nestbau; sehr -oft beschränkt sich aber die Tätigkeit des Männchens auf das Aufsuchen -und Herbeitragen der Niststoffe, während das Weibchen gewöhnlich die -eigentliche Künstlerin ist. Wer beispielsweise den Pirol oder den -Buchfink, bei denen sich die Geschlechter leicht unterscheiden lassen, -belauscht, wie Männchen und Weibchen gemeinsam das Nest bauen, wird -diese Verteilung der Arbeit bestätigen können. - -Das Nest ist für den Vogel weit weniger ein Wohnhaus, als man -gewöhnlich annimmt; zunächst dient es nur den Zwecken der -Fortpflanzung, und bloß gelegentlich benutzt es das Elternpaar, bei -ungünstiger Witterung darin Schutz zu finden. Auch die Nacht verbringt -der Vogel, abgesehen vom brütenden oder die Jungen wärmenden Weibchen, -meist nur in der Nähe der Niststelle. Manche bauen sich auch besondere -Schlafnester, so der Zaunkönig; andere wieder sog. Spielnester, -indem sie, wie die Grasmücken, hier und da mit dem Nestbau beginnen, -ihn aber bald wieder einstellen, um an anderer Stelle von neuem zu -probieren. Namentlich die Männchen können es im Frühjahr oft gar nicht -erwarten, daß ihr Weibchen nun endlich mit dem Nestbau Ernst mache, -und sie tragen deshalb allerlei Baustoffe ins Gezweig, um die Gattin -aufzufordern: nun ist es Zeit. - -Nicht genug staunen kann man über die peinliche Reinlichkeit der -meisten Nester -- »ein schlechter Vogel, der sein Nest beschmutzt«. Den -Kot der Jungen tragen die Höhlenbrüter im Schnabel fort, und bei den -Freibrütern -- ich denke an Schwalben, Störche u. a. -- lernen es die -Kleinen sehr bald, ihre Kehrseite so zu wenden, daß der Kot über den -Nestrand befördert wird. - -Das ganze Leben und Treiben unsrer kleinen Sänger spielt sich während -ihres kurzen Aufenthalts in der nördlichen Heimat am Nest und in dessen -nächster Umgebung ab, bis der große Tag kommt, wo das Vöglein seine -Schwingen erhebt, um dem fernen Süden zuzueilen. Nur einen einzigen -Vogel beherbergt unser Vaterland, der sich weder um Nestbau noch um -Aufzucht der Brut kümmert, das ist der Kuckuck; von ihm gilt das -lustige Sprüchlein: - - Der g'scheitste Vogel muß der Gugezer sei', - Die andern bau'n d' Nester, und er setzt sich nei'! - - - - -Im Teichgebiet der sächsischen Lausitz - - -Eigentlich war's zu einem ornithologischen Ausflug nach unserm -sächsischen »Tausendseen-Land« noch ein wenig früh im Jahre. Doch was -half's! Ich kann nicht verlangen, daß das Osterfest mit seinen Ferien -bloß meinetwegen um einige Wochen verschoben wird. Und im vorigen -Jahre konnte ich mich -- genau wie 1911 -- wenigstens einigermaßen mit -dem Ostertermin aussöhnen. Der 16. April ist doch ein ziemlich später -Zeitpunkt für das Fest, und da ich mich erst am »dritten Feiertag« -(18. April) auf den Weg machte, durfte ich hoffen, wenn auch bei weitem -noch nicht die volle Entfaltung des Vogellebens in jenem Gebiet, so -doch immer schon den vielversprechenden Anfang dazu anzutreffen. - -Es war also Aussicht vorhanden, daß ich von Dresden her ganz -gleichzeitig mit dem oder jenem Bekannten, der aus Kleinasien, Ägypten, -von den Ägäischen Inseln usw. in diesen Tagen heimzukehren pflegt, in -Baselitz, Milstrich, Königswartha oder Commerau eintreffen würde. Mit -Freund Langbein, dem Storch, klappte es auf die Minute, als ob wir -uns verabredet hätten. Freilich mancher gefiederte Nachzügler fehlte -noch; aber das schadete schließlich nicht viel. Der Vogelfreund sieht -doch auch die, die nicht da sind, und interessiert sich auch dafür, -welcher Vogel einer Gegend noch fehlt, sei es, daß er regelmäßig -recht spät kommt, oder daß er sich gegen seine Gewohnheit verzögert -hat. Den rotrückigen Würger, den Mauersegler, die Nachtschwalbe, den -Gartenlaubsänger, den Pirol, die Wachtel und namentlich die Rohrsänger -konnte ich natürlich noch nicht erwarten. - -Trotz dieser und anderer Lücken war es mir möglich, 71 Vogelarten in -meine »unblutige Schußliste« einzutragen. - -Der etwas einförmige Weg von Kamenz über Jesau nach Deutsch-Baselitz -bot nichts Besonderes. In großer Menge saßen die Stare auf Wiesen -und Feldern. Der Gesang der Lerchen erfüllte die Luft; Buchfinken -schmetterten; Kohlmeisen ließen in jedem Obstgarten ihre hellen -Glöckchenstimmen erklingen; Goldammern gaben mir ab und zu das Geleit, -während ihre plumperen Vettern, die Grauammern, von den Straßenbäumen -herab mit unermüdlicher Ausdauer ihr wenig musikalisches »zick zick -zick schnirrrrps« zirpten. Haus- und Feldsperlinge natürlich in -ausreichender Menge; ein Elsternhorst auf einer hohen Erle; aus der -Ferne der durchdringende Ruf des Grünspechts; einige Nebelkrähen, -schwerfälligen Flugs meinen Weg kreuzend, und -- eine besondere -Überraschung, daß er schon da ist -- ein Gartenammer oder, wie er -gewöhnlich heißt, ein »Ortolan«. Er saß an der Straße auf einem Baum, -ließ sich aber nicht hören. - -Deutsch-Baselitz liegt an dem größten stehenden Gewässer Sachsens, -umfaßt doch der »Großteich« etwa 400 sächs. Scheffel, das sind mehr -als 110 Hektar. In der Nähe noch einige kleinere Teiche, die alle der -sehr ergiebigen Karpfen- und Schleienzucht dienen. Der Pächter des -Guts war so freundlich, mir ein Boot zur Verfügung zu stellen und -einen Fährmann zugleich. Noch ehe man die weite Wasserfläche sieht, -hört man bereits die hellen Lockrufe der Bläßhühner, das tiefe »grök -grök« der Haubentaucher, das Grunzen und scharfe Lärmen der Rothälse, -die garstigen Schreie auffliegender Stockerpel und die wohlklingenden -Stimmen kleiner Krikenten. Einzelne Kiebitze gaukelten unruhig umher, -taumelnden Flugs, und weiße Lachmöwen tummelten sich hoch in den Lüften. - -Wir durchschreiten das abgestorbene Röhricht, um das Boot zu erreichen. -Da fesselt ein _grünfüßiges Teichhühnchen_ meine Aufmerksamkeit. In -prachtvoller Balzstellung trippelt es am Ufer vor seinem Weibchen -gar zierlich hin und her. Überraschend groß erscheint der Vogel in -dieser verliebten Haltung. Den Schwanz hat er emporgerichtet, daß -sich dessen schneeweiße Unterseite wirkungsvoll von dem übrigen -dunkeln Gefieder abhebt. Die rote Stirnplatte und der hochgelbe -Schnabel leuchten wie grellfarbige Blumen aus dem welken Schilf, und -dieselben Farben wiederholen die koketten Strumpfbänder, die der Vogel -an den Fersengelenken trägt. Jetzt läßt sich das Paar ins Wasser -gleiten; auch hier wird das Männchen nicht müde, seiner Angebeteten -den Hof zu machen. In zierlichen Bogen umschwimmt es sie, bald den -weißen Federstrauß des Schwanzes, bald die feurige Pelargonie an -der Stirnplatte ihr zukehrend -- aber plötzlich sind die beiden -verschwunden. Sie haben es wohl gemerkt, daß ich ihrem Liebesspiel -gelauscht, und sind nun untergetaucht, sich mit ihren langen Zehen im -Schilf unter dem Wasser festhaltend. - -Wir betreten das Boot und fahren ein Stück hinaus auf die Fläche. -Hunderte von Wasservögeln sind hier vereinigt. In kleineren und -größeren Trupps, auch nur in einzelnen Paaren schwimmen Bläßhühner und -Enten aller Art, Taucher und Möwen. Oft verschwinden ganze Gruppen wie -auf Kommando unter die Wasserfläche, während andere wieder auftauchen. - -Es erfordert einige Mühe, in das Durcheinander der schwimmenden, -tauchenden, niedrig über dem Wasserspiegel und hoch in den Lüften -fliegenden Arten Ordnung zu bringen. - -Die _Bläßhühner_ freilich bieten keine Schwierigkeit; sie sind sofort -zu erkennen: hühnerartig plump ihre Gestalt, das ganze Gefieder -tiefschwarz bis auf die kreideweiße, weithinleuchtende Stirnplatte. -Unruhig sind sie und recht laut; denn eifersüchtige Kämpfe werden jetzt -fast beständig unter ihnen ausgefochten. Mit gesenkten Köpfen rudern -die Nebenbuhler aufeinander los und prallen heftig schreiend zusammen, -oder sie jagen sich, die Wasserfläche mit ihren Lappenfüßen schlagend, -über den halben Teich hin, um sich dann schließlich schwerfällig in die -Luft zu erheben oder im Schilfwald einzufallen. - -Unter den Enten sind die zierlichen _Tafelenten_ die häufigsten; mein -Bootsführer, auch andere Leute in der Lausitz nennen sie »Brandenten«, -was aber falsch ist. Sie zeigen wenig Scheu, erheben sich beim Nahen -unseres Nachens immer zuletzt oder vertrauen auf ihre Fertigkeit im -Tauchen. Dreifarbig ist das Kleid des Männchens: rostbraun Kopf und -Hals, zartes Grau auf Flügeln und Rumpf; Brust und Hinterteil aber -tiefschwarz. Mit etwas eingezogenem Hals schwimmen sie friedlich in -großen Trupps umher, kein eifersüchtiges Gezänk, nur zärtlich pfeifende -Laute, tauchen gemeinschaftlich, oder es umschwärmen auch ein paar -Männchen ein einzelnes Weibchen, diesem immer getreulich folgend, wohin -es den Weg nimmt. - -Auch die kleinen _Krikenten_ sind in großen Scharen vertreten. Das -Gefieder des Erpels ist graugewellt; der dunkelbraune Kopf zeigt einen -grünglänzenden Streifen, der sich bis zur Hälfte des Halses herabzieht, -aber selbst mit dem Feldstecher aus größerer Entfernung schwerer zu -erkennen ist, als der metallisch-grüne und schwarze, weiß eingesäumte -Spiegel an den Flügeln. Die Weibchen sind unscheinbar graubraun; doch -tragen auch sie, gewissermaßen als Familienwappen, jene Flügelzier. Die -kleinsten sind immer die beweglichsten und geschäftigsten. Leicht wie -eine Feder erheben sie sich von der Wasserfläche, umkreisen in leichtem -Flug den Teich, wobei wir, sobald sie sich uns nähern, deutlich ihre -eigentümlich schwingenden Flugtöne vernehmen, und fallen dann wieder in -einer seichten Bucht ein, um hier zu gründeln, wobei, wie bei unsern -Hausenten, der hintere Körperteil senkrecht aus dem Wasser emporragt; -denn ganz unterzutauchen ist nicht ihre Art. - -Bedeutend größer als Tafel- und Krikenten sind die _Stock-_ oder -_Märzenten_, die Stammeltern unsres zahmen Hofgeflügels. Sie sind -bereits mit dem Nestbau beschäftigt, schwimmen zu Paaren umher oder -erheben sich paarweise in die Lüfte, wobei das galante Männchen stets -dem Weibchen den Vortritt läßt. Der Stockerpel ist ein prächtiges -Tier. Das metallische Grün von Kopf und Oberhals wird durch einen -schneeweißen Ring von dem Braun des Unterhalses und der Brust scharf -getrennt, und der violett-blau-grüne Spiegel ist gleichfalls ein -hübscher Schmuck. Es gibt viele unter unsern Hausenten, die sich Form -und Farbe der Federn genau so schön erhalten haben, wie wir's an den -wilden »Stocken« bewundern. - -Auch die sog. _Mittelente_ bewohnt die weite Fläche des Teiches, -wenigstens in einigen Paaren. Aus der Entfernung gesehen, erscheinen -diese Enten anspruchslos grau, das Männchen mit einem schwarzen, das -mehr bräunliche Weibchen mit einem gelbroten Schnabel. - -Viel auffallender sind die _Schellenten_ wegen ihres scheckigen -Kleides. Zwei große Felder auf den Flügeln, ebenso Brust und Hals, -auch ein Fleck an der Wange hinter dem Schnabel leuchten schneeweiß, -während der Rücken tiefschwarz gefärbt ist. Ich habe Schellenten, -allerdings nie in besonders hoher Zahl, auf fast allen größeren Teichen -der Lausitz gesehen; sie sind, obgleich ihre eigentliche Heimat weiter -im Nordosten gelegen ist, für unser Sachsen seit einiger Zeit in recht -erfreulicher Zunahme begriffen, und das ist um so verwunderlicher, -als sich diese kleinen Enten mit Vorliebe Baumhöhlen, die doch immer -seltener werden, zur Brutstätte auswählen. Mir ward von meinem Fährmann -eine solche Höhle gezeigt, wo im vorigen Jahre eine »Schelle« ihre -Jungen erbrütet hatte: ein Loch in einem wagrechten Ast einer uralten -Föhre, gegen 3 ~m~ hoch über dem Wasser, der Eingang so eng, daß man -nicht recht begreift, wie eine Ente sich hindurchzwängen kann. Hätte -wohl sehen mögen, wie die kleinen Entchen aus der dunkeln Höhle mutig -den Kopfsturz ins Wasser gewagt haben, ähnlich wie die Lummen von ihrer -Helgoländer Felsklippe hinab in die bewegte See. - -Die Schellenten hatten sich bei meinem Besuch noch nicht in Pärchen -aufgelöst, sondern hielten in größeren Trupps kameradschaftlich -zusammen. Ein Vergnügen war's, ihnen zuzuschauen, wie sie unaufhörlich -im Wasser verschwanden und dann leicht wie ein Kork wieder auftauchten; -bald waren nur wenige, bald gar keine, bald war wieder die ganze -Gesellschaft auf der Oberfläche zu sehen. - -Von den Taucherarten beherbergt der Teich den großen Haubentaucher -in mehreren Paaren, die kleineren Rothalstaucher und die noch viel -kleineren Zwergtaucherchen, die in großer Anzahl ihre Künste zeigten, -während ich Schwarzhalstaucher hier nicht bemerkte. - -Die _Haubentaucher_, deren weiße Brust bei jeder Wendung des Vogels -aufblitzt und wieder verschwindet, waren ziemlich mißtrauisch; sie -versanken im Nu unter dem Wasser, wenn sich ihnen unser Boot näherte -und tauchten erst in großer Entfernung wieder auf oder erreichten, -unter dem Wasser schwimmend, die Nähe des Ufers, wo sie das Schilf -unsern Blicken entzog. - -Viel weniger Scheu zeigten die _Rothalstaucher_; ja ein Pärchen, -das mit dem Nestbau eifrigst beschäftigt war, ließ mich bis auf -wenige Meter herankommen. Wie schön sind doch auch diese Taucher! -Rostrot der Hals, die Kehle und zwei Wangenflecken weiß; statt der -eigentlichen Haube aber zwei schöne nach hinten gerichtete Federohren. -Unermüdlich tauchten die Vögel nach allerlei Wasserpflanzen und legten -diese Baustoffe auf die Schilfkaupe, die sie sich zur Niststelle -erkoren hatten. Es war schon ein großer Klumpen, naß, schlammig und -übelriechend, zusammengetragen; aber den beiden schien's immer noch -nicht genug. - -Der kleinste der Tauchersippe, der niedliche _Zwergtaucher_, ließ -oft seine trillernde Stimme hören, eine ganze Kette perlender, etwas -absinkender Töne, die das Tierchen jedem verraten, der's nur einmal -gehört hat. Aber dem Auge zeigte sich das Taucherchen immer nur auf -kurze Sekunden; am Rande des Schilfwaldes trieb es das lustigste -Versteckspiel oder tauchte unter, sobald es sich beobachtet sah. - -Die _Lachmöwen_, die ihre braune Gesichtsmaske bereits aufgesetzt -hatten, waren wohl nur zu Besuch gekommen. Ihr eleganter Flug belebte -das Landschaftsbild reizvoll; einige ruhten auch auf der Wasserfläche -aus, weißen Seerosen zu vergleichen, oder saßen eng aneinandergereiht -auf einer Planke am Ufer. Ihre nächsten Brutplätze haben sie an manchem -Teich der preußischen Lausitz. - -Von Seeschwalben war natürlich noch keine Art zu erblicken; denn die -_Fluß-_ und _Zwergseeschwalben_ kommen erst Anfang Mai. Dagegen zeigte -sich in der Höhe ein _Fischadler_, weite Kreise über dem Gewässer -ziehend und dann langsam in der Ferne verschwindend. In der sächsischen -Lausitz brütet der edle Fischer nicht mehr; vielleicht daß die Lohsaer -Forsten jenseits der preußischen Grenze seinen Horst noch beherbergen. - -Aber einen andern Vogel, den wir auch heute noch mit Stolz als -sächsischen Landsmann bezeichnen dürfen, konnte ich hier in -Deutsch-Baselitz begrüßen, den _weißen Storch_. Es war mir eine große -Freude, den Weitgereisten unmittelbar bei seiner Ankunft willkommen zu -heißen. - -Wir saßen gerade beim Mittagessen, als das jüngste blondhaarige -Töchterchen unsers freundlichen Gastgebers ins Zimmer stürzte: »Der -Storch, der Storch ist da!« Alle sprangen auf und liefen nach der -Rückseite des Hauses. Dort stand er auf seinem alten Horst im Wipfel -einer schlank gewachsenen Linde und klapperte nach Herzenslust. So -schmuck sah er aus; geradezu blendend das Weiß seines Gefieders und -leuchtend das Korallenrot von Schnabel und Ständern. Herzerfreuend -war es zu beobachten, wie sich auf der Dorfstraße alt und jung vor -dem Storchennest einfand und strahlenden Auges zu dem »Glücksbringer« -emporschaute. Besonders ein kleines flachsköpfiges Mädel von drei -oder vier Jahren war voller Begeisterung, und altklug belehrte es -mich, daß später der Klapperstorch kleine Kinder -- ich verstand -nicht, ob bringen oder haben würde. Auch noch andere Ortschaften -der Lausitz beherbergen Störche; ich sah einen besetzten Horst beim -Rittergut Kauppa in der Nähe von Commerau, einen andern in Wartha bei -Königswartha, in Döbra, in Skaska, und überall waren die Störche, wie -man mir sagte, am gleichen Tage, am 18. April, angekommen. - -Nachmittags besichtigte ich die Einrichtungen der _Fischzucht_. Es -handelt sich fast ausschließlich um Karpfen und Schleien; bei dem -rationellen Betrieb sind die Erträgnisse außerordentlich gewachsen: -viele hundert Zentner alljährlich. Aber es gibt Herrschaften in der -Lausitz, die noch einmal so viel Fische züchten, ja das Rittergut -Königswartha, zu dem allerdings 119 Teiche gehören -- die meisten -bereits im Preußischen gelegen -- bringt unglaubliche Mengen dieser -wohlschmeckenden Flossenträger auf den Markt; dennoch sei die -Fischzucht, wie mir der dortige Fischmeister sagte, noch einer großen -Steigerung fähig. - -Darüber ließe sich viel Wissenswertes berichten; aber nicht den stummen -Bewohnern des Wassers, sondern dem sangesfrohen und geschwätzigen -Völkchen der Vögel galt mein Besuch. Während ich mich auf den -Teichdämmen unter den duftigen Jungbirken erging und bei jedem Schritt -ein halbes Dutzend Frösche, wiederholt auch sich sonnende Ringelnattern -aufjagte, sang der Fitis unermüdlich aus jedem Gebüsch sein weiches -Lied; die Singdrossel jubelt, der Zaunkönig schmettert, Blaumeischen -zetert, der Weidenlaubsänger gibt sein einförmiges »Zilp-zalp« zum -besten; aus dem Fichtenwald der häßliche Balzruf des Fasans, das Gurren -des Ringeltaubers, das Trommeln des Buntspechts und Rotkehlchens -sehnsuchtsvolle Strophe: überall selige Frühlingsstimmung. - -Gegen Abend noch eine Fahrt auf dem Großteich. Das Kollern der -_Birkhähne_, die auf einem freien, von Hochwald umsäumten Platz balzen, -schallt weithin über die Wasserfläche. Behutsam nähern wir uns. Drei -Hähne sind es, die mit ausgebreitetem »Spiel«, mit vorgestreckten -Hälsen und hängenden Flügeln umherspringen. Wir sind so nahe, daß -wir auch das Zischen der aufgeregten Tiere vernehmen und trotz der -Dämmerung das leuchtende Weiß im Federkleid und die purpurne »Rose« -über dem Auge ganz deutlich erkennen. Einige Hennen, klein und -unscheinbar, sind in der Nähe; sie laufen, Nahrung suchend, umher, -als kümmerten sie sich gar nicht um das unblutige Kampfspiel ihrer -verliebten Ritter. Jetzt hat uns die Gesellschaft bemerkt; da flattern -sie lautlos davon. Auch unser Nachen zieht leise auf seiner Bahn -weiter. Aber es dauert nicht lange, da hören wir wieder das »Rodeln« -oder »Kollern« der Hähne aus derselben Gegend. Das Birkwild ist nicht -eben scheu; es läßt sich nicht so leicht vergrämen wie der balzende -Auerhahn. - -Immer mehr senkt sich die Dämmerung über den See. Enten und Bläßhühner -werden stiller, aber das Froschkonzert schallt lauter und lauter. -Welch ohrenbetäubender Lärm wird aber in ein paar Wochen am Abend -und die ganze Nacht hindurch bis zum goldnen Morgen hier herrschen, -wenn die _Teich-_ und _Drosselrohrsänger_ zurückgekehrt sind und -nun ihr vielstimmiges Konzert geben. Heute ist's ein anderer, wenig -bekannter Nachtschwärmer, dessen weithin schallender und doch weicher -Flötenton uns erfreut. Es ist der _Triel_, der die sandigen Felder -der Lausitz, die lichten Kiefernwälder und Waldblößen bewohnt; auch -in der sächsischen Flachlandschaft westlich der Elbe ist der scheue -Dämmerungsvogel, der zu den Regenpfeifern gehört, nicht selten. Seine -Rufe -- meist zwei oder drei sich eng aneinanderschließende Flötentöne -von überaus angenehmem Wohlklang -- erhöhen den Reiz der lauwarmen -Frühlingsnacht. - -Von Eulen ließ sich in der Nähe des Dorfes nur das _Steinkäuzchen_ -hören. Erst rief ein Männchen ein paarmal sein pfeifendes »Guhk«, dann -antwortete ihm ein zweites mit demselben Gruß, und bald lockte ein -Weibchen mit hohem »Kuwiff, kuwiff«. - -Am Morgen des nächsten Tages, den als erster Sänger Hausrotschwänzchen -mit klirrender Strophe begrüßte, zeigte sich am Ufer des Großteichs in -den hohen Eichen ein _Wiedehopf_. Ich vernahm seinen kuckucksähnlichen -Ruf »upupupup« schon längst, ehe ich den hübschen Vogel mit dem -aufrichtbaren, lockeren Federbusch und dem langen, dünnen Schnabel zu -Gesicht bekam. Der muntere Bursche war außerordentlich scheu; bis auf -50 Meter nur ließ er mich herankommen. Dann flog er immer ein Stückchen -weiter auf eine andere Eiche, bis er schließlich in zuckendem, -unregelmäßigem Flug über die breite Wasserfläche setzte. - -Durch Wiesen und Felder führte mich der Weg weiter nach Milstrich. Die -reizenden Flugspiele der _Kiebitze_, die mich so nah umflatterten, daß -ich das seltsame »Wuchteln« ihrer Schwingen deutlich vernahm, belebten -die freundliche Landschaft; auch ein paar _Turmfalken_ zeigten ihre -Künste. Im Dorf sah ich die ersten Schwälbchen, zwei oder drei Paar -_Rauchschwalben_, auch eine einzelne _Hausschwalbe_; sie zwitscherten -seelenvergnügt, froh, daß die schlimme Zeit nun vorüber und Wärme und -Sonnenschein das kleine Volk der Insekten zu neuem Leben geweckt hatten. - -Zu dem Milstricher Rittergut gehören gleichfalls viele, zum Teil -recht ansehnliche Teiche. Sie sind von nur geringer Tiefe, vielleicht -einen Meter im Mittel. Das ist ein Vorzug aller stehenden Gewässer -der Lausitz; denn das Wasser erwärmt sich dadurch schnell bis auf den -Grund, was der Fischzucht förderlich ist. Außer den schon genannten -Enten, Tauchern, Wasserhühnern belebten auch kleine _Moorenten_ die -Teiche in der Nähe des Gutes. Ziemlich unscheinbar sehen diese Entchen -aus. Selbst das »Prachtkleid« des Erpels verdient kaum solchen Namen; -denn das dunkle Kastanienbraun des Kopfes und die Rostfarbe der Brust -sind nur ein bescheidener Schmuck. Die Moorenten tauchen vorzüglich. -Sobald ich mich nur ein wenig näherte, gleich waren sie unter dem -Wasser, wenn sie nicht vorzogen, unter »grrr-grrr«-Rufen abzuziehen, -stets paarweise, erst das Weibchen und hinter ihm das etwas größere -Männchen. Während des Schwimmens sehen die Moorenten sehr klein aus, -weil sie den Hals einziehen und mit dem Rumpf tiefer ins Wasser -eintauchen als andere Enten, so daß man geradezu überrascht ist, wenn -das Entchen beim Auffliegen gewiß noch einmal so groß erscheint, als -man erwartet hätte. - -Recht häufig vernahm ich den angenehmen Trillerpfiff des kleinen -_Rotschenkels_; er ist unser verbreitetster »Wasserläufer«, an den -orangeroten Füßen und dem weißen Bürzel leicht zu erkennen. Die weithin -hörbaren Lockrufe »tü, tütü, dili, dideli« und die schwirrenden Triller -sind so charakteristisch, daß es jeder Vogelkenner sofort weiß, welcher -Vogelkehle diese wohllautenden Töne entstammen. Besonders eifrig rufen -die Rotschenkel gegen Abend; dann antworten ihnen die Zwergtaucher mit -gleichfalls trillernder Strophe. - -_Weiße Bachstelzen_ und die noch zierlicheren _Gebirgsbachstelzen_ -sah ich sehr häufig; auch die reingelbe _Wiesen-_ oder _Schafstelze_, -die ungefähr drei Wochen später kommt als ihre Verwandten, war schon -da und wippte graziös von einem Schilfinselchen zum andern. Auf den -Feldern ließen sich gegen Abend die _Rebhühner_ eifrig hören, und -auch _Heidelerchen_ sangen noch spät ihr zartes, aus einer Reihe von -Pfeiflauten bestehendes Lied aus luftiger Höhe herab. - -Der folgende Tag galt dem Besuch des Königswarthaer Teichgebiets im -Norden der Ortschaft. Teich an Teich in unübersehbarer Folge, und fast -auf jedem eine stattliche Zahl von Wassergeflügel, daß dem Naturfreund -das Herz lacht. Zehntausend Morgen an Wasserfläche gehören zum -Rittergut, der kleinere Teil davon im Königswarthaer Flurgebiet, der -größere schon auf preußischem Boden. Einige von ihnen sind 50 bis -72 Hektar groß. Hier fielen mir besonders die zahlreichen _Löffelenten_ -auf. Möglich, daß ich diese schöne Ente auf den früher besuchten -Teichen übersehen oder vielleicht aus der Entfernung mit der Stockente -verwechselt hatte: jedenfalls gehört sie in dem Königswarthaer -Teichgebiet zu den ganz allgemein verbreiteten Arten. Eigentümlich ist -für sie der große, am Grunde schmale, vorn aber stark verbreiterte, -gewölbte Schnabel, dessen Form der Ente den Namen gegeben hat. In -seinem Prachtkleid führt das Männchen viel Weiß, das weithin leuchtet, -besonders am Kropf, Hals und Oberflügel. Der Kopf erglänzt schwarzgrün -wie beim Stockerpel. Unterbrust und Bauch zeigen ein schönes -Kastanienbraun. Vor dem goldgrünen, weiß eingefaßten Spiegel liegt über -der Schulter ein himmelblaues Feld, eine Farbe von eignem Reiz; sie ist -in unsrer deutschen Vogelwelt außerordentlich selten. Öfters sah ich -Löffelenten ganz in der Nähe, immer paarweise; sie sind so wenig scheu, -daß sie auch dann noch unbesorgt umherschwimmen oder gründelnd sich auf -den Kopf stellen, wenn Bläßhühner, Stockenten, selbst die zutraulichen -Tafelenten unter Geschrei geflohen sind. Fliegen auch sie endlich ab, -so geschieht es ohne jeden Laut; ohne Plätschern erheben sie sich aus -dem Wasser, und ohne jedes Geräusch fallen sie wieder ein. - -Im Parke hinter dem Herrenhause fand ich all die Vögel, die ich -hier erwarten konnte. Von den noch nicht erwähnten nenne ich nur -Wendehals, Gartenrotschwanz, Sumpfmeise, Kleiber, Baumläufer, denen -die höhlenreichen Bäume willkommene Wohnung gewähren, dazu Freibrüter -wie Hänfling und Girlitz. Auch ein paar Eichelhäher kreischten in den -Baumkronen. - -Den folgenden Tag fuhr ich nach Neschwitz, von wo aus ich die nahen -Holschaer und Quooser Teiche, den schön gelegenen Mädelteich, den -Litschen- und Neuteich, die Mauerlöcher, ferner die Radiborer Teiche -an der Luppaer Grenze, die Luttowitzer Teiche, den Bockauer Großteich, -und endlich die schönsten von allen, die Milkener Teiche besuchte. -Die ganze Gegend mit dem reichen Wechsel von Wasser, Wald, Wiese und -Feld, mit den freundlichen, zumeist wendischen Ortschaften ist von -hohem landschaftlichen Reiz, und ich freue mich, daß man all diese -liebliche Schönheit hier ungestört genießen kann. Die Gegend ist -eben noch nicht »entdeckt«, und so verliert sich wohl nur selten mal -ein Tourist in diesen Winkel der »wendischen Türkei«. Es ist nicht -möglich, alle Beobachtungen aufzuzählen, die Auge und Ohr eines -aufmerksamen Wanderers jede Minute beschäftigen: die anheimelnde -Bauart der ländlichen Höfe, die sich um den unkenreichen Dorfteich -gruppieren, die blühenden Obstbäume, die Rehe am Waldessaum, der -kreisende Mäusebussard, die Karnickel vor ihrem Bau, der wohlklingende -Ruf des Schwarzspechts, das Rucksen der Hohltaube, hier Reinekes Spur, -der seine Besuchskarte abgegeben hat, dort Gewölle vom Waldkauz, hier -die Fegstelle eines Rehbocks an zwei jungen Erlenstämmchen, ein Igel -im Gestrüpp, die Fährte des Iltis, oder manche interessante Pflanze: -im schattigen Wald die Einbeere, Knabenkraut auf der feuchten Wiese, -Sumpfveilchen auf moorigem Boden, Pestilenzwurz, Leberblümchen -u. a. Ein Eisvogel flog wie ein glühender Juwel vorüber und weckte -die Erinnerung an jenen gleichfalls farbenprächtigen Vogel, die -_Mandelkrähe_ oder _Blaurake_, die leider in Deutschland immer seltener -wird, aber im östlichen Sachsen, so bei Königswartha und in den hohen -Eichen an den Quooser Teichen noch regelmäßig als Brutvogel vorkommt. -Diesmal freilich konnte ich den wunderbar gefärbten Vogel noch nicht -begrüßen, da er erst recht spät aus seiner Winterherberge zurückkehrt. - -Nach _Fischreihern_ habe ich scharf Ausschau gehalten; aber erst am -vierten Morgen glückte es mir, einem dieser schönen Vögel zu begegnen. -Ich hatte in Commerau übernachtet und saß auf dem Damm eines der vielen -Teiche in der dortigen Heide beim Frühstück. Auf einmal hinter meinem -Rücken ein aufgeregtes Kreischen der Lachmöwen. Ich wende den Kopf -- -kaum zwanzig Schritt von mir ein Reiher, der von den Möwen bis unter -die Bäume am Damm verfolgt ward, wo sie ihn nun in die Enge treiben. Er -wird mich gewahr, schlägt heftig mit den dunkeln Fittichen, wendet und -bahnt sich den Weg mitten durch die ihn umschreiende Schar. - -Fischreiher horsten nicht mehr in der sächsischen Lausitz; aber im -nahen Lohsa-Weißcollmer Revier findet sich auf hohen Kiefern wohl auch -heute noch der Rest einer uralten Kolonie. Im Juli und August, wenn die -Jungen ausgeflogen sind, erscheinen dann mit ziemlicher Regelmäßigkeit -die schönen Fischer auch im sächsischen Teichgebiet, nicht selten mehr -als ein Dutzend auf einmal, zum Ärger der Teichbesitzer, die über die -preußischen Fischdiebe schimpfen und manchem das Lebenslicht ausblasen. - -Der merkwürdigste Vogel jener Gegend ist aber die _große Rohrdommel_. -Ihretwegen war ich nach Commerau gewandert, und ich hatte das Glück, -die ganze Nacht ihrem Liebeslied von meinem Bett aus zu lauschen. -Obgleich der Standort des Vogels mindestens eine halbe Stunde von -dem Gasthaus entfernt war, hörte ich das tiefe »Prumb« doch ganz -deutlich. Es klingt ähnlich wie das Brüllen eines Rindes, weshalb der -Vogel beim Volk »Moorochse« genannt wird. Meist hörte ich, selbst -bei dieser Entfernung, auch den viel leiseren Vorschlag. Die Silben -»ü-prumb« geben den Ruf ziemlich gut wieder. Auch am hellen Morgen, den -ganzen Vormittag, selbst in den Mittagsstunden schwieg die Rohrdommel -nicht, nur daß sie jetzt ihren Ruf statt fünf- oder sechsmal, nur -etwa dreimal hintereinander wiederholte und dann eine Pause von ein -paar Minuten eintreten ließ. Wie man bei der Birkhahnbalz aus dem -Kollern allein, das dem sog. Schleifen vorangeht, den Standort des -Hahns nur schwer bestimmen kann, so verhält sich's auch mit dem tiefen -»Prumb«-Laut des reiherartigen Vogels; es dauerte ziemlich lange, -ehe ich feststellen konnte, daß auf einer Insel in einem Teich ganz -nahe dem Rittergut Kauppa die Rohrdommel ihren Standplatz bezogen -hatte. Die Leute sagten, seit zwei bis drei Wochen ließen sich diese -unheimlichen Laute hören; daß sie von einem Vogel herrühren, wollte mir -niemand glauben. In der Nähe klingt das »Prumb« -- wohl der tiefste -Ton, den irgendein Vogel unsrer Heimat erzeugt, denn er erreicht das -~F~ der großen Oktave -- etwa so wie der Laut, den man mittels einer -recht großen Gießkanne erzeugen kann, wenn man mit voller Kraft Luft -zur Ausflußröhre hineinbläst. Ein Explosionslaut ist es, der nicht -mit dem Kehlkopf, sondern mit der Speiseröhre erzeugt wird, aus der -die hinuntergeschluckte und zusammengepreßte Luft mit großer Gewalt -herausgestoßen wird, eine Art Dudelsack, auf dem der scheue Vogel sein -unheimliches Liebeslied spielt. - -Auch im Neschwitzer Teichgebiet ließ sich die große Rohrdommel -unermüdlich hören. Leider bekam ich sie aber weder hier noch dort zu -Gesicht. Der Schilfwald hält sie versteckt, und wenn man sich ihrem -Standort nähert, so flüchtet sie geduckt durch das Röhricht, wie -der kleine Wachtelkönig durch das hohe Gras der Wiese. Aufzufliegen -entschließt sich der Vogel nur schwer; er weiß, wo er Schutz findet. - -Vielleicht gelingt es mir später, den nächtlichen Musikanten von -Angesicht zu Angesicht zu sehen, vorausgesetzt, daß er unsrer Heimat -erhalten bleibt. Ich habe sehr darum gebeten, ihn bei den Entenjagden -als interessantes Naturdenkmal zu schonen und ich wiederhole auch hier -meine Bitte. - - - - -Die heimatliche Vogelwelt im deutschen Volksglauben - - -Jahrhundertelang fließt der Fluß in dem errungenen Bett. Wann sprang -sein Quell zum erstenmal aus dem Felsen hervor? Wird einst das Wasser -verrinnen, wird die Spur verwehen, die es in das Antlitz der Erde -gegraben hat? Beharrungsstreben in der Natur trotz allen Wechsels -- -wie viele selbst der kleinsten Bächlein mögen heute noch genau so -fließen, wie weiland vor tausend Jahren! - -Mit der Kultur des Menschengeschlechts ist's, ebenso. Unerforschlich -ihr Ursprung, unbekannt Ziel und Ende, und bei allen Wechselfällen, bei -allen Umwälzungen des Lebens das Gesetz der Beharrung. Greife heraus, -was du willst, Gebräuche und Sitten, Anschauungen, Sagen und Märchen, -Sprache, Werkzeug und Kunst -- uralter Besitz ist's, vererbt von -Geschlecht zu Geschlecht. Manches wohl tot -- nur die Erinnerung, daß -es einst war, ist noch geblieben -- vieles nur scheintot -- zu neuem -Leben kann es erwachen -- das meiste aber noch frisch und in Urkraft, -wie in den Tagen der Väter. - -Unter diesem Gesichtspunkte betrachtet der denkende Mensch auch den -Aberglauben oder sagen wir lieber -- denn gemütvoller klingt es -- -den _Volksglauben_, den er noch heute im aufgeklärten zwanzigsten -Jahrhundert bei seinen Zeitgenossen antrifft. Ihn bis in die -nebelgraue Vergangenheit zurückzuverfolgen, seine verborgenen Quellen -und die vielen Bächlein aufzusuchen, die ihn immer von neuem gespeist -haben, das ist der Reiz, den solches Studium gewährt. Der andere aber -mag nichts davon wissen; er sagt: »Die Dummen werden nicht alle!« Kennt -er sich selbst so genau? Ist er wirklich ganz frei, ganz unbefangen, -oder schlummert nicht vielleicht doch irgendein kleines Überbleibsel, -ein winziger Rest dieser oder jener uralten abergläubischen -Vorstellung, ihm selbst nicht bewußt, in seiner so aufgeklärten Seele? - -Wir wählen ein eng umgrenztes Gebiet, den _Volksglauben_, der sich auf -die _gefiederte Welt unsrer Heimat_ bezieht, und zwar nur so weit, als -er _noch heute bei unsern Volksgenossen lebendig ist_. - -Da gibt es zuerst _naturwissenschaftliche Irrtümer_, die nur insofern -die Bezeichnung Volks- oder Aberglauben verdienen, als sie so seltsam -sind, jeder Erfahrung so völlig widersprechen, daß eine starke Gabe von -Leichtgläubigkeit und kindlicher Einfalt dazu gehört, wenn jemand noch -immer an solchen Widersinnigkeiten festhält. - -Ob man mir's glaubt? Das Märlein vom _Kuckuck_, unserm lieben -Frühlingsboten, der sich alljährlich im Herbst in einen raubgierigen -_Sperber_ verwandeln soll, ist auch heute bei unserm Volk noch -nicht völlig verklungen. Zehn Jahre sind's her, da saß ich mit zwei -Landwirten am Biertisch im Kretscham eines Lausitzer Dorfs. Beide -waren Jäger; so kam die Unterhaltung bald in Fluß, und wir erörterten -schließlich jene seltsame Verwandlungsgeschichte. Es waren die -vernünftigsten Menschen der Welt; aber sie ließen sich doch nur halb -überzeugen. Zwar an die Verwandlung glaubten sie nicht; aber daß der -Kuckuck auch im Winter unsrer Heimat treu bleibe und daß er, sobald -die Raupennahrung spärlicher werde, der Kleinvogelwelt nachstelle, -daß er dann ein schlimmer Räuber sei, das ließen sich beide nicht -ausreden. Der eine der Streithähne wollte einmal mitten im Winter -einen Kuckuck geschossen haben, als dieser gerade einen Finken würgte; -der andere aber hatte an einem sonnigen Maimorgen beobachtet, wie -sich der Kuckuck-Sperber oder der Sperber-Kuckuck, der eben noch -seinen prophetischen Ruf zum besten gegeben hatte, auf ein singendes -Rotkehlchen stürzte. - -Schon zu des seligen _Äsops_ Zeiten meinte man, aus dem Kuckuck werde -im Herbst ein Sperber oder ein Habicht, und dieser verwandle sich -im Frühjahr wieder in den Lenzesboten. Auch _Aristoteles_ erwähnt -den gleichen Aberglauben, dem er jedoch mit aller Entschiedenheit -entgegentritt. _Plinius_ aber muß den großen Gelehrten mißverstanden -haben, wenigstens berichtet er wieder: »Der Kuckuck entsteht aus einem -Raubvogel.« Damit war diese Transmutationslehre für viele Jahrhunderte -gesichert; bei den »Naturkündigern und Philosophi« erhielt sie sich das -ganze Mittelalter hindurch, und ein oder der andere Mann aus dem Volk -glaubt heute noch an das einfältige Märchen. - -Wer Kuckuck und Sperber kennt, wird über die Entstehung des sonderbaren -Aberglaubens nicht im Zweifel sein. Der unschuldige Kuckuck ahmt den -gefürchteten Sperber so vollkommen nach in Gestalt, Größe und Farbe, ja -sogar in der Art seines Fluges, daß der Beobachter leicht getäuscht -wird. Die Unterseite weißlich mit dunklen Querwellen, der Fächer des -Schwanzes lang und breit, das hochgelbe Auge, die gelbliche Wurzel -des Oberschnabels, der blaßgelbe Fuß, dazu der Flug, leicht, elegant -und reißend schnell wie der unsrer kleinen Raubvögel: dies, alles -sind Merkmale, die Freund Kuckuck mit dem verhaßten Sperber teilt. -Ich zweifle keinen Augenblick, daß es beim Flug über freies Feld dem -harmlosen Lenzesboten bisweilen gelingen wird, durch diese Maske seine -Feinde, die gefiederten Räuber, zu täuschen. - -Denselben Eindruck, daß der Kuckuck ein Raubvogel sei, haben offenbar -auch die Kleinvögel, wie Grasmücken, Laubvögelchen, Würger, Bachstelzen -u. a.; ihnen allen ist der Kuckuck ein gar unheimlicher Geselle. -Zeigt sich einer in ihrem Gebiet, so flattern sie erschreckt von Ast -zu Ast, ängstlich rufend, oder sie versuchen es, den vermeintlichen -Angriff gemeinsam zurückzuschlagen, indem sie den Ruhestörer mit -lautem Geschrei verfolgen. Oder sollten sie es wissen, daß ihnen -das Kuckucksweibchen sein Ei ins Nest legt, und sollten sie es nun -mit allen Mitteln versuchen, das Danaergeschenk zurückzuweisen? Ich -glaube es kaum. Durch solche Zeichen von Furcht und Aufregung unter -den Kleinvögeln wird natürlich auch der menschliche Beobachter leicht -irregeführt. - -Andere berichten, der Kuckuck verkrieche sich im Herbst in hohle Bäume, -besonders gern in Weidenstämme, auch unter Steine und in die Erde. Hier -liege er wie tot, und zwar nackend, auf seinen Federn, gleichsam in -einem warmen Bett, »faulen vnd vngefäder«, wie es beim alten _Geßner_ -heißt, dem Plinius am Ausgange des Mittelalters. - -Es ist überhaupt merkwürdig, daß man sehr vielen Vögeln, von denen -wir heute wissen, daß sie Zugvögel sind, einen _Winterschlaf_ hier in -ihrer Heimat andichtete. Die Erscheinungen in der Welt der Säugetiere, -Reptilien und Amphibien mögen einen solchen Ähnlichkeitsschluß -nahegelegt und manche Einzelbeobachtungen diese irrige Annahme bestärkt -haben. Rotschwänzchen, Turteltaube, Amsel, Nachtigall, Wachtel u. a. -verkriechen sich, so meinte man, in Baumhöhlen, Felsenritzen, unter -Baumwurzeln, in die unterwaschenen Flußufer und verbringen hier die -rauhe Jahreszeit im Halbschlaf oder in festem Winterschlaf, wobei sie --- namentlich die Wachteln -- von ihrem Fett zehren, wie Dachs oder Bär. - -Am merkwürdigsten aber waren die fabelhaften Erzählungen über das -Winterquartier von _Schwalbe_ und _Storch_. Diese Vögel sollten auf dem -Grund von Teichen, Seen und Sümpfen, ja selbst im Meer überwintern. -Hier, vom Schilfe verdeckt, ruhen die müden Geschöpfe und erquicken -im Schlaf, der dem Tode gleicht, die ermatteten Glieder. Noch vor -wenig mehr als anderthalb hundert Jahren wird diese sonderbare Ansicht -in _Kleins_ »Historie der Vögel«, Danzig 1760, auf das bestimmteste -gegen alle Einwände verteidigt, so daß man sich nicht wundern darf, -wenn weit über zweihundert Jahre früher _Luther_ in seiner Erklärung -zum 1. Buch Mose sagt: »Das Wunderwerk von den Schwalben ist aus der -Erfahrung bekannt, daß sie nämlich den Winter hindurch in dem Wasser -für tot liegen und im Sommer wieder aufleben, welches gewiß ein großer -Beweis unsrer Auferstehung ist.« Auch Luthers Zeitgenosse, der alte -_Geßner_, führt in seinem »Vogelbuch« diesen Gedanken aus; er sagt ... -»welches ich für ein wunderbar werck halt vnd für ein anbildung der -auferstentnuß vnserer cörpeln.« - -An diesem Wunderglauben hält heute wohl niemand mehr fest; aber daß -unsre Schwalben, wenigstens ein großer Teil von ihnen, in hohlen -Bäumen, unter dürrem Laub und zwischen Grasbüscheln oder auch in -ihren eigenen Nestern einen regelrechten Winterschlaf halten, dieses -Märlein spukt noch immer in unserm Volke und in den Zeitungen fort und -ist trotz aller Aufklärung seitens der Wissenschaft, wie es scheint, -nicht aus der Welt zu schaffen. Es werden selten ein paar Jahre -vergehen, wo dieser Irrtum und Aberglaube nicht immer wieder durch -einzelne »einwandfreie« Beobachtungen neue Nahrung erhielte. Und das -erklärt sich so: Vor dem Abzuge suchen die Schwalben gern gemeinsame -Schlafplätze auf, wie das Schilf an Teichen, das Fachwerk der Häuser, -auch einmal eine weite Baumhöhle. Sind die Tierchen, die vielleicht -wegen verspäteter Brut den Anschluß an die große Masse der Wanderer -versäumt haben, infolge Nahrungsmangels halb verhungert, so kann es -geschehen, daß sie in kalter Herbstnacht dutzendweise dahinsterben, -und wer sie findet, meint dann, die Schwalben hätten sich hier zum -Winterschlaf niedergelassen. Auch _Lenz_ ist überzeugt, daß diese Vögel -in Europa, wenn auch nur ausnahmsweise, einen Winterschlaf halten. - -Solche Fälle stehen durchaus nicht so vereinzelt da, wie wohl mancher -denken mag. In den letzten Jahrzehnten haben wir es mehrmals erlebt, -daß Schwalben in den naßkalten Herbsttagen -- sehr verhängnisvoll -waren für sie z. B. die ersten Oktobertage 1905 -- nicht nur einzeln, -sondern in ganzen Scharen zugrunde gingen. Selbst unter dürres Laub, -unter Grasbüschel und dergleichen hatten sich ermattete Rauchschwalben -versteckt, gemeinsam die Todesstunde erwartend. Daß man auch zwischen -dem Schilf »ganz aneinanderhangende Bündel« von Schwalben aus dem -Wasser gezogen haben will, erscheint unter solchen Umständen durchaus -nicht so unmöglich, sondern ist leicht zu erklären. Wenn aber jeder -Vogel, den einmal ein Fischer aus dem schilfigen Teich oder See -herauszieht, nun sofort als Winterschläfer ausposaunt wird, wie es -ehemals oft geschehen ist, so gibt es für solche Leichtgläubigkeit und -Urteilslosigkeit keine Entschuldigung; denn das weiß jedes Kind, daß im -Sommer und Herbst mancher Vogel den Hunden des Schützen, der auf Enten -oder andere Wasservögel jagt, nur zu leicht dadurch entgeht, daß er -zwischen das Schilf flattert und dort ins Wasser fällt. Auch der beste -Hund findet nicht jede einzelne Beute. - -Noch ein Schwalbenmärchen, das freilich mit Aberglauben gar nichts zu -tun hat -- nur das ewige Leben teilt es mit ihm -- sei hier erwähnt. -Dem _Sperling_, der sich in ein Schwalbennest einquartiert hat, so -heißt es ganz allgemein, gehe es schlecht. Die erzürnten Schwälbchen -kümmerten sich nicht um das »Besetzt, besetzt!« das ihnen der -Eindringling zuruft, und mauerten den Spatz aus Rache einfach ein, daß -er elend umkommen müsse. - -Ein Märchen ist es. Wohl flattern und schreien die rechtmäßigen -Besitzer, wohl schnappen sie im Fluge nach dem frechen Sperling; -doch der weicht nicht von der Stelle. Nach ein oder zwei Tagen geben -dann die Schwalben in der Regel ihre Angriffe auf, und der Spatz -hat nun Ruhe. »Gesiegt, gesiegt!« so höhnt er, sobald noch ein Vogel -vorüberfliegt. Wie sollten sich die ängstlich umherflatternden -Schwalben auch soviel Ruhe und Überlegung bewahren, daß sie unmittelbar -vor dem Kopf ihres zeternden Feindes die Öffnung des Nestes zumauerten, -und -- nun kommt die Hauptsache -- so dumm ist unser Spatz, »der -Allerweltsvogel, der pfiffige Gassenjunge, der Lausbub«, wahrhaftig -nicht, daß er sich solch Einmauern bei lebendigem Leibe gutmütigst -sollte gefallen lassen. Er hat auch einen Schnabel und weiß sich zu -wehren. - -Recht sonderbar ist der auch heute noch beim gemeinen Mann verbreitete -Glaube, das Nest des grünen _Erlenzeisigs_, der so gern als Stubenvogel -gehalten wird, sei unsichtbar. Ja man wollte mich sogar einmal Lügen -strafen, als ich behauptete, den Zeisig beim Füttern seiner Nestjungen -beobachtet zu haben, und das von mir vorgezeigte Nest, das mir einst -ein Junge vom Baume herabgeholt hatte, wurde für ein solches vom -Stieglitz oder vom Hänfling erklärt. - -Es ist gar keine Frage, das Nest vom Zeisig gehört zu den Vogelnestern, -die recht schwer aufzufinden sind. Meist steht es hoch oben in den -Fichten oder Tannen, von Nadelzweigen und Flechten so gut verdeckt, daß -es von unten und von den Seiten her in der Regel nicht gesehen werden -kann, und wenn man in diesem Sinne von einer »Unsichtbarkeit« des -Zeisignestes sprechen will, laß ich's wohl gelten. Selbst wer den Baum -erklettert, findet es oftmals nicht, so genau er sich auch die Stelle, -wo er die Vögel bauen oder mit Futter herzufliegen sah, gemerkt hat. -Dazu steht das Nest meist auf dem schwanken Ende eines Astes, daß es -höchstens von einem waghalsigen Jungen erreicht werden kann. - -Ich habe auch einmal sagen hören, falls der Zeisig überhaupt brüte und -sich nicht etwa auf eine »unnatürliche Art« fortpflanze, so müsse das -während des Winters, wo die Vögel umherstreichen, in einer fremden -Gegend geschehen; bei uns zulande wenigstens habe noch kein Mensch ein -einwandfreies Zeisignest gefunden. Nun, ich kann nur feststellen, daß -in den Nadelwäldern unsrer Mittelgebirge, wie im Thüringer Wald und im -Harz, alljährlich genug Zeisige ihr Fortpflanzungsgeschäft im Frühjahr -ganz ebenso betreiben, wie andere Finkenvögel auch. Und wenn man weiter -fabelt, das Nest enthalte einen Stein, der ihm jene Unsichtbarkeit -erst verleihe, und nur auf einer Wasserfläche spiegele es sich ab, so -daß man dort wohl sein Bild, nie aber das wirkliche Nest sehen könne, -so trägt solch Gerede auch nicht dazu bei, die Sache glaubwürdiger zu -machen. - -Besonders sind es unsre Hausfreunde, wie Storch, Schwalbe, -Rotschwänzchen, um die man einen ganzen Kranz abergläubischer -Vorstellungen gewunden hat. Zwar an den Storch als Kinderbringer, den -»_Adebar_«, der die Mutter ins Bein beißt, daß sie das Bett hüten muß, -glauben heutzutage selbst die kleinen sechsjährigen Mädel nicht mehr -recht und die Buben gleich gar nicht; aber daß Störche auf dem Haus -eine nahe _Hochzeit_ oder _Kindersegen_ bedeuten, daran hält man in -unsrer Lausitz, wo es zum Glück noch immer ein paar besetzte Horste -gibt, ebenso fest, wie in andern Gauen des niederdeutschen Flachlandes, -die sich zahlreicherer Störche erfreuen. Soviel Junge im Nest, -soviel Kinder sollen auch die Neuvermählten bekommen -- natürlich -nacheinander, im Laufe der Jahre; denn in Adebars Kinderstube werden -gewöhnlich vier, bisweilen auch fünf Stück zur Welt gebracht. - -Ebenso allgemein ist der Glaube, daß ein auf dem Hause brütendes -Storchenpaar jede _Feuersgefahr_ abwende; namentlich wird der -Blitzschlag ein solches Gehöft nie einäschern. Ich kenne einen Fall in -der Lausitz, wo eine Feuersbrunst tatsächlich vor einem durch Störche -gefeiten Gute halt machte. Dadurch wird natürlich der Glaube, daß das -Feuer dem Vogel und seinem Horst nichts antun könne, zur Gewißheit; -noch die Urenkel werden davon erzählen, während die Fälle, wo sich der -Schutz nicht bewährte, recht bald der Vergessenheit angehören. Ich -werde der letzte sein, der es versucht, dem Lausitzer Bauer seinen -Glauben auszureden; denn der liebe Mitbewohner des Hauses erscheint -ihm ja wegen des Feuerschutzes, den er dem Hofe gewährt, nur um so -wertvoller. - -Fast ein _heiliges_ Tier ist unser Hausstorch wie bei den Ägyptern der -Ibis oder in Indien der Geier. Wehe wer einen Storch tötet oder ihm -ein Junges raubt -- Krankheit und Armut werden des Mörders Los. Ja, -der Glaube an die Unverletzlichkeit und Heiligkeit des gefiederten -Hausfreundes ist unserm Volke so in Fleisch und Blut übergegangen, -daß selbst Forstbeamte -- es sei ihnen zur Ehre angerechnet -- davon -abstehen, einen Storch zu schießen, auch wenn sie davon überzeugt sind, -daß in ihrem Revier der langbeinige Vogel manchen Schaden anrichtet, -indem er in den Feldern weidwerkt und neben Mäusen auch 'mal einen -Junghasen erwischt oder ein bodenständiges Nest ausnimmt. Aber der -Jagdberechtigte weiß auch, daß er gut daran tut, ein Auge zuzudrücken. -Die ganze Gemeinde würde mit Recht empört sein, wenn es hieße, der -Storch, ihr Gemeindestorch, sei dem Schrot des Jägers zum Opfer -gefallen. Ich kenne einen solchen Fall aus unserer Heimat; doch steht -er zum Glück vereinzelt da. - -Wie der Storch, so sind es unsre beiden Schwalbenarten, die _Rauch-_ -und die _Mehlschwalbe_, die nicht nur in unsrer Heimat, sondern in ganz -Deutschland und weit über die deutschen Grenzen hinaus als günstige -Vorzeichen gelten. Fliegen die Schwalben über einem Hause häufig hin -und her, auch wenn sie dort nicht ihre Nester gebaut haben, so wird ein -Mädchen in diesem Hause bald Braut. Glück und Segen winkt dem kommenden -Ehestand, wenn das erste, was die Brautleute beim Austritt aus der -Kirche erblicken, ein zwitscherndes Schwalbenpärchen ist. Vom Himmel -gesandt sind diese Vögel; »Himmelsvögelchen« nennt sie der Volksmund. - -Wie dürfte jemand solch liebem Tierchen ein Leid zufügen! Wer ein -Schwalbennest zerstört, sagt der Volksmund, zerstört sein eignes Glück, -und gar eine Schwalbe zu töten ist eine schwere Sünde, die gen Himmel -schreit; der Frevler wird furchtbar bestraft mit Krankheit oder mit -schnellem Tod. Dieser fromme Aberglaube ist bei unsern Landleuten auch -heute noch so lebendig, daß sie die Belästigung seitens der Schwalben -durch Schmutz und Kot gern mit in Kauf nehmen. Selbst an heiliger -Stätte duldet man die Vögel und läßt sie ruhig ihre Nester bauen; -für jeden Kirchgänger ist's ja doch nur ein fröhlicher, trauter, -anheimelnder Anblick, wenn die heiligen Vögel durch das Heiligtum des -Herrn über der Gemeinde hin und her fliegen und ihre zwitschernden -Jungen ätzen. Auch der Araber sagt: »Die Schwalbe preist Gott und -beschmutzt die Moscheen.« - -Der Aberglaube ist der wirksamste Geleits- und Schutzbrief für unsre -Schwalben, mehr wert als jedes Gesetz. Und wer für seine Person auch -nicht solchem Aberglauben zustimmt, den Anschauungen seiner Väter und -Urväter gegenüber sollte er doch so viel Ehrfurcht haben, daß er sie -als heilige Überlieferung aus längst vergangenen Tagen beachtet und sie -weiter an seine Kinder und Enkel vermittelt. Auch von andern Tieren -läßt sich eine ganze Reihe anführen, der Storch, der Marienkäfer, die -Kreuzspinne u. a., für die alle der Aberglaube gewissermaßen die Krippe -ist, die sie nährt, und der Schutzwall, der sie und ihr Haus sichert. -Der Aberglaube hat eben auch seine guten Seiten. - -Schwalben erfreuen sich auch als _Wettervögel_ eines besonderen -Rufes. Wenn sie am Morgen hoch in den Lüften segeln, so sagt man -allgemein, wird der Tag schön, und sollten schon Gewitterwolken den -Himmel bedecken, das Unwetter zieht seitwärts. Wenn die Schwalben -aber unruhig unmittelbar über dem Boden oder an den Hauswänden dicht -vorüberflattern, so bedeutet dies Regen »nach aller Vernünftigen -Urteil«. Daß sich trotzdem einzelne der wetterkundigen Hausgenossen -bisweilen verrechnen können, ersieht man aus dem bekannten Sprichwort: -»Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.« - -In der _Volksmeteorologie_ spielen gerade die Vögel eine hervorragende -Rolle; sie werden sehr häufig befragt. Für Schwankungen im -Feuchtigkeitsgehalt, im Druck der Atmosphäre, sowie für Änderungen -der Luftelektrizität haben sie, die leichtbeschwingten Bewohner des -Luftmeers, gewiß eine viel feinere Empfindung als wir Menschen. Wer -aber die Meinung vertritt, daß man aus dem Verhalten gewisser Vögel die -Witterung auf Wochen oder Monate vorausbestimmen könne, daß die Vögel -ein »Vorgefühl« für künftige Witterungsverhältnisse besäßen, noch ehe -irgendwelche Veränderungen in der Atmosphäre eingetreten seien, der -stellt Behauptungen auf, die jeder Begründung entbehren und die -- -wenigstens teilweise -- mit unter den Begriff des Aberglaubens gehören. - -Hätten die Zugvögel ein sicheres Vorgefühl für die kommende Witterung, -so würde es ihnen nicht einfallen, so oft in ihr Unglück zu fliegen, -wie Stare, Lerchen und Schwalben, die häufig unter einem strengen -Nachwinter leiden müssen, und wenn sie den regenreichen Sommer geahnt -hätten, so würden manche Schafstelzen, Goldammern, Wachtelkönige u. a. -ihre Nester doch ein Stückchen mehr vom Wasser abgerückt haben, um der -Hochflut nicht zum Opfer zu fallen. _Wetterregeln_, aus Beobachtungen -an unserer Vogelwelt abgeleitet, gibt es unzählige. Bestätigen sie -sich, so spricht man davon; treffen sie nicht zu, so vergißt man's. Wie -beim Lotteriespiel ist's: der _eine_ Gewinn läßt die Unmasse der Nieten -verschmerzen; sie sind bald aus dem Gedächtnis verschwunden. - -Nur einige solcher Regeln will ich anführen. Der Landbewohner -schwört auf sie auch heute noch im Zeitalter des Barometers und der -Wetterwarten mit ihren täglichen Prognosen. Er will weiter in die -Zukunft blicken als nur 24 oder 36 Stunden. - -Klappert der Storch fleißig im März, so gibt es einen schönen Frühling -und einen warmen Sommer. Wenn die Stare zeitig im April brüten, so ist -ein »Wonnemond« zu erwarten, der diesen Namen auch wirklich verdient. -So lange die Lerche vor Lichtmessen (2. Februar) singt, so lange -schweigt sie, des Nachwinters wegen, nach Lichtmessen still. Auf tiefen -Schnee mag man sich vorbereiten, sobald die Saatgänse ziehen oder -Bergfinken und andere Wintergäste einfallen. Spätbrütende Rebhühner -prophezeien einen späten Winter. - -Aus dem Ruf mancher Vögel schließt der Bauer auf Regen. Wenn die -Elster viel gackert, der Pirol unausgesetzt flötet, der Wiedehopf -so eigentümlich klagt, der Wendehals schreit und der Regenpfeifer -seine Stimme hören läßt, dann soll man eilen, das ausgebreitete Heu -zusammenzuraffen, denn der Regen ist im Anzuge. Andere wieder halten -den schmucken Buchfink für den besten Wetterpropheten; wenn er seinen -bekannten schrillen »Rulschton« hören läßt: »jörk, jörk«, dann dauert's -nicht mehr lange, und es regnet in Strömen. »Gut-Wetter-Bot« ist -dagegen die Bachstelze, das »Ackermännchen«, wenn es dem Bauer hinter -dem Pfluge folgt, und die Lerche, wenn sie sich fröhlich trillernd in -die Lüfte erhebt, nicht aber zwischen den Ackerfurchen sitzend eintönig -ruft. - -Der Hahn auf dem Hof ist schon seit alters ein guter Wetterprophet. -Wenn er in den Nachtstunden kräht oder sonst auch nur heftig mit -den Flügeln schlägt, so kommt Regen und Sturm; kräht er aber am -Morgen anhaltend, so folgt ein schöner Tag. Das wußte schon _Älian_, -und noch heute heißt's bei unsern Bauern genau so. Aber gleich den -wissenschaftlichen Meteorologen ist auch der Hahn nicht gegen jeden -Irrtum gefeit, und so hat man, damit er trotzdem in allen Fällen recht -behalte, den schönen Reim ersonnen: - - »Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, - Ändert sich's Wetter oder -- 's bleibt, wie's ist.« - -Sobald es zu regnen beginnt, soll man auch die Hühner beobachten. -Treten sie sogleich unter Dach oder suchen sie den Stall auf, so wird -der Regen bald vorübergehen; laufen sie aber anfangs nur unschlüssig -hin und her und lassen sie sich endlich durch die Nässe kaum noch -stören, so hält der Regen wenigstens einen vollen Tag an. Auch wenn -sich Hühner und Tauben im Sande baden, bedeutet es Niederschläge. - -Man könnte ein ganzes Buch füllen, soviele Wetterregeln leitet der -Bewohner des Landes aus dem Verhalten der Tiere, ganz besonders aus dem -der Vögel ab. Der Ackersmann, der Schäfer, die Bäuerin, die daheim das -Regiment führt, der Jäger, der Fischer, der Gärtner, der Waldarbeiter, -der Seemann, kurz jeder, dessen Arbeit und Erwerb von der Witterung -unmittelbar abhängig ist, hat seine Erfahrungen gesammelt. Außer den -bereits genannten Vögeln wären noch Kranich und Fischreiher, der große -Brachvogel -- er wird geradezu »Gewittervogel« genannt -- Misteldrossel -und Ziemer, die verschiedenen Krähenarten, Dohle, Wachtel, Bekassine, -Turtel- und Hohltaube, Schwarz- und Grünspecht, Wald- und Steinkauz, -Sturmschwalbe, Möwe, Eisvogel, Sperling, Gans, Ente, Schwan, -Perlhuhn, Pfau u. v. a. zu erwähnen, die alle mehr oder weniger gute -Wetterpropheten sind. - -Diese volkstümlichen Voraussagen schlechtweg unsinnig zu nennen, wäre -töricht; aber wo die Grenze zwischen Dichtung und Wahrheit, zwischen -Einbildung und wirklicher Erfahrung liegt, ist nicht festzustellen, -handelt es sich doch wohl niemals um genaue Beobachtungen, die längere -Zeit fortgesetzt worden wären. - -Nur eine Prophezeiung will ich noch herausgreifen, die alle an -Kühnheit der Logik übertrumpft. Sie weckt mir liebe Erinnerungen -aus der Kinderzeit, indem sie meinem geistigen Auge, Geruchs- und -Geschmacksorgan den verheißungsvollen Anblick, den lieblichen Duft und -den köstlichen Genuß der gebratenen Gans daheim im Elternhaus wieder -vorzaubert. Der liebe Martinsvogel stellte sich am 11. November, -meinem Namenstage, stets ein. Sieht an diesem Tage das Brustbein -des festlichen Bratens braun aus, so folgt ein frostreicher, aber -schneefreier Winter; hat es dagegen eine weiße Färbung, so gibt's -Schnee in Menge. - -Ungemein groß ist die Rolle, welche die Tiere in der _Volksmedizin_ -früherer Zeiten, besonders im 16. und 17. Jahrhundert, gespielt haben. -Man braucht nur die alten Medizinaltaxen oder Apothekerordnungen jener -Zeit durchzusehen, und man wird über die Menge allein der einfachen -Arzneimittel, der sogenannten »Simplicia« erstaunt sein, die dem -Tierreich entnommen wurden. - -Dresden schlug mit der Reichhaltigkeit seiner Hofapotheke jeden -Mitbewerber auf diesem Gebiete aus dem Felde. Die sächsische Residenz -galt von jeher als eine vornehme Stadt; war es nicht vornehm, daß sie -auch viele und seltene Krankheiten in ihren Mauern beherbergte und -die Hofapotheke für eine jede ein unfehlbares Heilmittel besaß? Die -Apothekertaxe vom Jahre 1652 zählt nicht weniger als 190 Stücke aus dem -Tierreich auf, darunter Augen, Gehirn, Fett, Galle, Magen, Federn, -Mist der verschiedensten Vögel. Mit dieser Herrlichkeit ist's heute -vorbei. Aber das Volk hat sich doch noch so manches erhalten; denn die -Völker haben ein gutes Gedächtnis und bewahren, ganz wie die einzelnen -Menschen, Eindrücke aus früher Kindheit gar getreu bis ins Alter. - -Noch heute glaubt man ganz allgemein, nicht nur in unserm Erzgebirge -oder im Thüringer Wald, sondern z. B. auch im Salzkammergut, daß -der _Kreuzschnabel_, den die Gebirgsbewohner so gern im engen -Drahtbauerchen halten, Gicht, Rheumatismus und alle »Flüsse« anziehe. -Auch das Wasser, in dem sich der Kreuzschnabel gebadet hat, sei gut -gegen die Gicht wie gegen Krämpfe. Nicht selten stirbt ja gerade dieser -Vogel unter krampfartigen Erscheinungen schon nach kurzer Zeit der -Gefangenschaft, und oft bezeugen es knollige Anschwellungen an seinen -Füßen ganz deutlich, daß die Gichtknoten seines Pflegers auf ihn -übergegangen sind. - -Wer Kügelgens »Jugenderinnerungen eines alten Mannes« gelesen hat, -der wird sich mit Vergnügen des originellen Landgeistlichen Roller, -Pfarrherrn zu Lausa, erinnern, der alljährlich an die hundert _Elstern_ -im Backofen verkohlte und das so gewonnene schwarze Pulver als Medizin -weithin versandte, sogar nach dem Harz und nach Schlesien, nach -Hamburg, Königsberg und Wien. Ein fechtender Handwerksbursche hatte -dem Pfarrer »die Tugenden« der gebrannten Elster, Alster, Schalaster, -Hester, oder wie der langschwänzige Vogel sonst noch genannt wird, -gepriesen, und Roller probierte die Sache nun an seinem Bruder -Jonathan, der an epileptischen Krämpfen litt. Schon nach Monatsfrist -war das Übel behoben; der Pfarrer aber, der von der Wirksamkeit des -seltsamen Mittels fest überzeugt war, freute sich nun, daß ihm Gott -einen Weg eröffnet habe, sich für die Heilung seines Bruders dankbar zu -erweisen und wehrte beharrlich jede Bezahlung ab. Er verlangte nichts -anderes von seinen Patienten, als einen gewissenhaften Bericht, wie die -Medizin bekommen sei. - -Noch heute ist »gebrannte Elster« ein Volksmittel gegen die -»hinfallende Krankheit«. Einige wollen wissen, nur die »in den -Zwölfen«, d. h. in den zwölf Tagen zwischen Weihnachten und Heil. -Dreikönige (6. Jan.) geschossenen Elstern seien bei Krämpfen und -Epilepsie heilsam; denn um diese heilige Zeit habe die Natur all -ihre Wunderkräfte beisammen. Man glaubt auch, die Elster selbst sei -mit der »schweren Krankheit« behaftet, und deshalb vermöge sie beim -Menschen das Leiden zu heilen. Gleiches soll eben durch Gleiches -vertrieben werden. Vielleicht hat das unruhige, allzeit quecksilberne -Wesen der Elster Veranlassung gegeben, bei ihr epileptische Zufälle -anzunehmen; doch scheint es mir näherliegend, daß man die Elster, die -ein Hexentier ist, d. h. ein solches, in das sich Hexen und andere -Dämonen gern verwandeln, aus dem Grunde mit Veitstanz und Fallsucht in -Zusammenhang gebracht hat, weil dies Krankheiten sind, mit denen nach -dem Volksglauben dämonische Mächte den Menschen heimsuchen. - -Das leitet uns über auf das Gebiet des eigentlichsten Aberglaubens. - -Bekannt ist das _Kuckucksorakel_: so viel mal der Vogel ruft, so -viele Jahre hat der Frager noch zu leben. Schon i. J. 1221 wendet -sich Cäsarius Heisterbach mit Entrüstung gegen diesen altheidnischen -Aberglauben, und um dieselbe Zeit war's, da brach ein schon betagter -Mönch sein Klostergelübde, weil ihm der Gauch noch 22 Jahre geweissagt -hatte. Ob der prophetische Vogel in diesem Falle recht behalten hat, -wird leider nicht berichtet. Sollte mich freuen, wenn's so gewesen wäre. - -Heute wird wohl niemand mehr ähnliche wichtige Entscheidungen von dem -Lenzesboten abhängig machen; man zählt die einzelnen Kuckucksrufe -nur zum Spaß und aus alter Gewohnheit. Und doch, ich kenne Personen, -die ganz still und niedergeschlagen wurden, als der Kuckuck, den sie -befragten, nur zwei- oder dreimal seinen Ruf hören ließ. Solche Macht -haben uralte abergläubische Vorstellungen noch in unserm Jahrhundert, -auch wenn man sie als Dummheit erkennt. - -Der Kuckuck war als Frühlingsbote, ebenso wie der Storch, dem Donar -geweiht, der nicht nur als Herr des Gewitters, sondern auch als -Frühlingsgottheit verehrt ward. Donar weckte das Leben auf der Erde, -gab reichen Erntesegen und beschenkte die Ehen mit Nachkommenschaft. So -ward sein Bote, der Kuckuck, zum _Lebensvogel_, den man nach der Zahl -der Lenze befragt, die uns die Gottheit noch beschieden hat, der durch -seinen oft wiederholten Ruf dem Landmann Berge von Gold verspricht, daß -er die Geldstücke im Sack schon klappern hört, wenn auch nur erst die -grünen Spitzen der Saat aus dem Boden hervorschauen und die Obstbäume -nur aus ihrem Blütenansatz auf eine reiche Ernte hoffen lassen. -Auch den heiratslustigen Dorfschönen erteilt der Kuckuck auf manch' -vorwitzige Frage bereitwilligst Auskunft. - -Ob er einst verklingen wird in ferner Zukunft, dieser Glaube an den -göttlichen Vogel? Weit länger als ein Jahrtausend ist's her, da hat -christlicher Eifer die heidnischen Götter entthront und zu Dämonen -gestempelt; aus den ihnen geweihten Tieren aber hat er Teufel und Hexen -gemacht. »Hol dich der Kuckuck!« -- »Geh zum Kuckuck!« -- »In Kuckucks -Namen« und was derartige schöne Redensarten mehr sind, bei denen -sich hinter dem Kuckuck der Teufel versteckt. Der »Lebensvogel« wird -aber über diese barbarische Vergewaltigung seiner Person schließlich -doch den Sieg davontragen. Ich glaube, so lange der Kuckuck in -unsern deutschen Ländern seinen Ruf erschallen läßt, so lange wird -auch unser Volk sich den alten Glauben an die prophetische Gabe des -geheimnisvollen Vogels bewahren. Jedes Frühjahr weckt ihn von neuem -- -unsterblich die Erinnerung des Volks an seine Kindheit. - -Rechte Hexentiere sind auch die _Eulen_, die einst als Sinnbild der -Wachsamkeit, der Weisheit, des tiefen Denkens und unermüdlichen -Forschens von einem nach Schönheit und Weisheit strebenden Volk der -helläugigen Pallas Athene geweiht waren. In der christlichen Kunst ward -die Eule zum Symbol heidnischer oder irdischer Torheit; ein Kreuz, das -man häufig über ihrem Kopfe anbrachte, sollte den Sieg der Kirche über -jede teuflische Lehre bedeuten. Und noch heute bekreuzigt sich mancher, -wenn das niedliche, harmlose Steinkäuzchen sein helles »kuwitt« und -dann das gedämpfte »boh boh« hören läßt. »Das Leichen- oder Totenhuhn, -die Wehklage oder Klagemutter ruft: komm mit, komm mit, auf den -Kirchhof, hof, hof! Der Vogel kündet den Tod an.« Und nicht etwa nur -das ungebildete Volk, nein auch viele andere, die sich unendlich -erhaben dünken, glauben dem Unheil kündenden Vogel; oder wenn sie's -auch nicht glauben, sie können sich doch eines unbehaglichen Gefühls -nicht erwehren, wenn sie das Käuzchen schreien hören. - -Natürlich hat in erster Reihe das nächtliche Treiben die Eulen in -Verruf gebracht. Völlig geräuschlos, geisterhaft wie ein Schatten -gleiten sie an dem Wanderer vorüber, und es funkeln ihre riesigen -Augen. Wenn sich der Uhuruf mit dem Brausen des Sturms paart, der im -Hochwald tobt, daß die Bäume ächzen und stöhnen, gibt's ein grausig -Geheul. An dem Mond jagen die Wolken vorüber, daß sein Licht bald -verdeckt wird, bald wieder hell hervortritt zwischen den im Sturme -schwankenden Baumkronen. Selbst des Mutigsten Seele wird mit Bangen -und Grauen erfüllt. Ist es ein Wunder, daß unsre Altvordern gerade -der wilden Sturmes- und Wolkengöttin die Eule als ihr Tier neben -der nächtlichen Wildkatze geweiht haben! Zu Hexentieren sind beide -unter dem christlichen Einfluß geworden, gehaßt und verfolgt vom -unverständigen Volk. Und unter diesem Haß hat die Hauskatze, die die -Stelle ihrer wilden Verwandten eingenommen hat, noch heute ebenso -zu leiden wie sämtliche Eulen, die nützliche Schleiereule wie der -niedliche Steinkauz. - -In meiner Jugendzeit sah man es gar nicht selten, daß der Landwirt eine -Eule mit ausgebreiteten Flügeln an das Scheunentor oder an die Tür des -Viehstalls genagelt hatte. Ich glaubte, diese Unsitte habe sich längst -überlebt; aber erst vor kurzem hat mich der gleiche Anblick -- es war -in der Lausitz -- von neuem überzeugt, wie tief doch abergläubische -Vorstellungen in unserm Volk wurzeln. Vor Verhexung will der Bauer sein -Gehöft schützen. Den herumstreichenden Dämonen, die das Vieh mit bösem -Zauber bedrohen, soll das gekreuzigte Tier gewissermaßen zurufen: -»Laßt ab von dem Gut! ihr seht, wie's solch nächtlichem Gelichter -ergeht!« Allen Verständigen aber, die es sehen, ist die angenagelte -Eule nur ein Zeichen dafür, daß Dummheit, Aberglauben, Undankbarkeit -und Bosheit unter den Menschen nicht aussterben. - -Eine mittelalterliche _Hexenküche_ ohne Eulen wäre nicht denkbar. Und -wenn auch das Licht der Wissenschaft in diese Werkstätten menschlicher -Afterweisheit hineingeleuchtet hat, es wird doch auch noch heute in -verborgenen Winkeln mit Geisterbeschwören, Schatzgraben, Bereitung von -allerlei Tränklein viel Hokuspokus getrieben, und die Rolle dämonischer -Tiere, wie Elster, Eule, aber auch Katze, Fledermaus, Schlange, Kröte, -Salamander u. v. a. ist noch immer nicht ausgespielt. - -Zäh hält das Volk an den alten Vorstellungen fest -- jahrtausendelang -fließt das Wasser in dem einmal errungenen Bett. - - - - -Schutz den schutzlosen Kriechtieren und Lurchen! - - -Unter den Wirbeltieren sind die _Kriechtiere_ und _Lurche_ die -einzigen, die jedes gesetzlichen Schutzes entbehren. Strenge -Jagdgesetze nehmen sich vieler Säugetiere und einer großen Anzahl von -Vögeln an; nur der Jagdberechtigte darf sie erlegen, und wenn es nicht -gerade Raubtiere sind, so genießen sie fast alle eine gesetzliche -Schonzeit, die sich freilich in den einzelnen Ländern des Deutschen -Reichs auf etwas verschiedene Zeiten erstreckt. Außerdem stehen die -meisten nicht-jagdbaren Vögel unter der schirmenden Hand des deutschen -Vogelschutzgesetzes, das sich ihrer und ihrer Brut in weitgehendem -Maße annimmt. Jedes Schutzes bar sind nach diesem Gesetz nur wenig -Vogelarten, ja nach unsern sächsischen Gesetzen keine einzige; selbst -die Sperlinge sind nur unter gewissen Einschränkungen »vogelfrei«. -Für die Fische sorgen Fischereigesetze in den einzelnen Ländern -- -nur die _Kriechtiere und Lurche_ sind _rechtlos_, »_vogelfrei_«, der -Willkür eines jeden preisgegeben. Wenn es sich nicht gerade um Ärgernis -erregende Tierquälerei handelt, kann jeder mit diesen Geschöpfen -machen, was er will, wozu ihn die Laune treibt. Ungestraft darf er sie -und ihre Brut vernichten; da ist kein Gesetz, das ihn hindert. Jedem -Tagedieb steht es frei, hinauszuziehen an den Teich, an den Sumpf, an -den feuchten Graben der Wiese, an die steinige Halde, in den Buchenwald -und dort einzufangen, so viel immer er will, die Läden der Händler -in der Großstadt zu füllen. Und wenn es die letzte Ringelnatter am -Bachesrand wäre oder der einzige Tümpel in der ganzen Umgebung, den -Tritonen und Salamander beleben: er darf, falls sonst kein Einspruch -des Besitzers aus besonderen Gründen erhoben wird, das Gewässer -ausfischen, den Berghang absuchen und alles mitnehmen, was ihm zur -Beute wird, bis auf den letzten Rest. - -Was ist der Grund für solche Vernachlässigung und Zurücksetzung der -genannten Geschöpfe gegenüber dem weitgehenden Schutz, den namentlich -die Vogelwelt allenthalben genießt? - -Die Antwort ist nicht schwer. Der leichtbeschwingte, sangesfreudige -Vogel ist der Liebling nicht etwa nur einzelner Naturfreunde, sondern -aller Kreise unseres Volkes, und wo die Vogelwelt vielleicht doch -noch nicht ganz die Teilnahme gefunden hat, die sie verdient, da ist -es uns Naturfreunden leicht, für sie einzutreten und um Schutz und -Pflege zu werben. Dabei wird man wohl zuerst den großen Nutzen, den so -viele Vögel für den Land- und Forstwirt, den Gärtner und Obstzüchter -besitzen, ins rechte Licht stellen; denn in der Natur des Menschen -ist's nun einmal begründet, daß er in oft recht engherziger Weise -zunächst nach seinem eignen Vorteil fragt. Dann aber wird man auch -an den freien, fröhlichen Flug erinnern, an die holdselige Stimme so -vieler Vögel, an ihr Familienleben, sowohl an das innige Verhältnis der -Gatten zueinander, wie an die aufopfernde Liebe der Eltern zu ihren -Kleinen, ja selbst zu fremden verwaisten Vogelkindern. In all diesen -Wesenszügen wird der Vogel kaum von einer andern Tierklasse erreicht, -von keiner übertroffen. Und so sind die Vögel, die Lieblinge der -Schöpfung, auch die Lieblinge des Menschen geworden. Sie stehen unserm -Herzen, unserm ganzen Gefühlsleben näher als alle andern Geschöpfe, -wenigstens wenn wir von den Haustieren absehen. - -Wie anders dagegen Eidechsen, Frösche, Molche oder gar Kröten und -Schlangen! Ihr bloßer Anblick flößt, wenn auch ungerechtfertigterweise, -vielen Menschen _Ekel und Abscheu_ ein. Die schwerfälligen Bewegungen -der Kröten und Erdsalamander, die gewiß, ich gebe es zu, der Anmut -entbehren, sind manchen geradezu widerlich; aber auch der hastige Lauf -der zierlichen Eidechsen, wenn sie über das kurzrasige Gras oder den -steinigen Weg hurtig wie die Mäuse dahinhuschen, flößt schreckhaften -Menschen Angst ein; das lautlose Hingleiten der Schlangen ist vielen -unheimlich, und selbst der hüpfende Frosch ruft in schwachbesaiteten -Gemütern Entsetzen hervor. Fast auf jede Weise bewegen sich die -Kaltblüter fort: sie kriechen und hüpfen, sie schwimmen und rennen; -aber immer finden die Menschen etwas daran auszusetzen. Selbst wenn die -Kröten und Echsen fliegen könnten, ich glaube, es würde auch keinem -recht sein. - -Es gibt Menschen, denen sind Spinnen und Würmer ebenso schreckliche -Wesen, und ich kenne Damen, die laut aufkreischen, wenn ihnen 'mal ein -summender Maikäfer oder ein Mistkäfer in die Nähe kommt oder gar eine -Fledermaus ihnen um die wuschligen Haare flattert, die echten oder die -falschen -- entsetzlicher Gedanke! Aber es scheint mir, die Abneigung -gegen die Kriechtiere und Lurche ist doch noch viel allgemeiner -verbreitet; es findet sich so selten 'mal einer, der diesen verachteten -und verfolgten Tieren freundlich gesinnt ist. Und selbst wenn man mit -verständigen Gründen solche Vorurteile zu widerlegen sucht und gütlich -zuredet, sich doch den Salamander, die Blindschleiche, den Frosch -genauer zu betrachten, die Tiere wohl auch 'mal in die Hand zu nehmen, -so begegnet man bei fast allen dem hartnäckigsten Widerwillen. »So kalt -und so naß!« heißt's beim Frosch, bei der Schlange: »so glatt!« und bei -der Kröte: »so ekelhaft und giftig ihr Schleim; ich werde mich hüten.« - -Doch nicht bloß ihre äußere Erscheinung, auch die _Lebensweise_ der -Kriechtiere und Lurche ist vielen höchst unangenehm. An dunkeln Orten, -in feuchten Löchern hausen sie, in Morästen und Sümpfen; sie scheuen -vielfach das Licht des Tages, wie Kröten und Unken, die erst gegen -Abend recht lebendig werden: kurz, es sind unheimliche Geschöpfe. Kein -Wunder daher, daß sich der _Aberglaube_ ihrer bemächtigt hat, mehr -als irgend einer andern Tierklasse. Die meisten Menschen wissen nicht -viel von unsern Kaltblütern zu sagen; wenn sie aber etwas von ihnen -berichten, dann sind's gewöhnlich erlogene, abergläubische Märchen; auf -jeden Fall aber ist's etwas Böses. - -Gern räume ich ein, daß es auch gescheite Leute gibt -- meine Leser -rechne ich alle dazu, auch bin ich so glücklich, persönlich solche zu -kennen -- die nichts wissen wollen vom bösen Blick der Schlangen, vom -Unglück verkündenden Unkenruf, und was derartige Märchen mehr sind; -aber diese abergläubischen Vorstellungen, teils Jahrtausende alt, -liegen gewissermaßen in der Luft; sie umgeben die Tiere, von denen -wir sprechen, wie ein übler Dunstkreis und tragen wesentlich zu dem -Abscheu bei, den die große Menge beim Anblick unsrer Kriechtiere und -Lurche empfindet. - -»Geh mir mit solch giftigem Gewürm ein für allemal aus dem Wege!« -wie oft habe ich's hören müssen, wenn ich als Junge seelenvergnügt -eine Ringelnatter in der Hand hielt oder in der Einmachbüchse, die -ich der Mutter entwendet hatte, später in meiner »zoologischen -Botanisiertrommel« Eidechsen oder ein paar buntfleckige Molche mit -heimbrachte! Und wie oft sehe ich's heute noch: am Wiesenweg eine -Natter, die man in roher Weise gesteinigt hat, am Waldesrand eine mit -Rutenschlägen getötete Blindschleiche, an der Parkmauer eine halbtote -Kröte; erst wenn die Sonne untergeht, kann sie sterben, behauptet der -Volksglaube. - -Der _Haß_ gegen diese Tiere und ihre Verwandten ist ganz allgemein; -jeder glaubt ein Recht zu haben, sie zu vernichten, ja er schwatzt -sich's vor, es sei seine Pflicht, und mancher dumme Junge fühlt sich -als ein Held, als ein Ritter Georg, weil er eine unschuldige Natter -oder Blindschleiche erschlagen hat. Immer nur Ausnahmen, wenn sich 'mal -jemand dieser hart verfolgten Tiere erbarmt, und wer für sie eintritt, -findet kaum je Gehör, ja mit Spott und Hohn antwortet man ihm. - -Aber gilt es nicht auch von diesen Kleinen und Schwachen, den -Verachteten und Verfolgten, daß sie _Kinder der Natur_ sind, unsrer -gemeinsamen Mutter, der wir Verehrung und Liebe zollen sollen? Gehören -sie nicht auch mit zu denen, die der große Dichter »meine Brüder im -stillen Busch und im Wasser« nennt? Ihr Leben mutwillig zu vernichten, -dazu haben wir kein Recht. Hat sich die Schöpfung etwa nur deshalb -mit Pflanzen und Tieren geschmückt, »ein jegliches nach seiner Art«, -daß wir uns an ihnen vergreifen sollen, sei es aus Roheit, sei es -aus törichter Selbstüberschätzung? Heißt das nicht zerstören und -verstümmeln, was uns erheben, erquicken, erbauen und erziehen soll! -Naturschänder sind es, die anders denken und handeln, und Naturschänder -sind mir immer als die erbärmlichsten Menschen erschienen. Die Natur, -die uns der Inbegriff alles Schönen sein soll, muß uns auch ein -_Heiligtum_ sein, in noch höherem Grade unverletzlich und unantastbar -als das größte Kunstwerk. Dieses hat Menschengeist ersonnen und -Menschenhand gebildet; die Natur aber trägt den Stempel der Gottheit. - -Wer an der Natur frevelt, vergeht sich aber nicht nur an dieser, -sondern zugleich an seinen Nebenmenschen, deren natürlichste und -deshalb heiligste Rechte er mißachtet und beeinträchtigt. Denkt denn -der Frevler, der eine Blindschleiche, eine unschuldige Schlange -niederschlägt, nicht daran, daß noch andere des Weges kommen, denen der -Anblick eines solchen Tieres Freude bereitet, die den schlängelnden -Bewegungen der Natter mit Vergnügen zuschauen, ebenso dem flinken Lauf -der zierlichen Eidechsen, wenn deren Gewand im Sonnenstrahl funkelt und -gleißt, als sei es mit hundert Smaragden geschmückt, die auch gern 'mal -solch Tierchen in die Hand nehmen, um es noch genauer zu betrachten: -das allerliebste Schuppenkleid, die wie Perlen blitzenden Äuglein, -die tastende Zunge. Nun sieht man das Tier, das noch vor kurzem sich -seines Lebens freute und so manchen Naturfreund erfreut hätte, kläglich -erschlagen am Boden. Der Frevler hat mit roher Hand allem ein Ende -bereitet: dem unschuldigen Tierchen und der unschuldigen Freude. Hat -nicht jeder, auch der Ärmste ein Anrecht an die Natur? - -Von mancher Seite hat man der _Terrarien- und Aquarienliebhaberei_ den -Vorwurf gemacht, daß sie wesentlich zur Verödung der Natur beitrage. -In der Tat hat diese Liebhaberei während der letzten Jahre vor dem -Weltkriege in weiten Kreisen unsrer Bevölkerung bei jung und alt -Eingang gefunden, zum Teil auf Kosten der Stubenvogelpflege, während -in meiner Jugendzeit meist nur wir Kinder solch innigen Verkehr mit -unsern heimischen Kaltblütern pflegten. Das wachsende Interesse an den -genannten Geschöpfen kann ich nur mit Freude begrüßen. Wer Gelegenheit -hat, diese Tiere näher kennen zu lernen, wird sie auch lieben lernen. -Was man aber liebt, das sucht man zu erhalten und zu schützen. Und -so liegt es mir ganz fern, den Freund und Pfleger von Schlangen, -Eidechsen, Molchen u. dgl. tadeln zu wollen, wenn er im Frühjahr -auszieht, um seinem Terrarium oder Aquarium daheim, an dem er seine -Freude hat, Ersatz zu schaffen für das, was ihm der Winter geraubt hat. -Der verständige Freund der Natur wird durch Schutz und Pflege seiner -Lieblinge draußen in Wald und Flur, in Sumpf und Teich der Heimat -reichlich vergelten, was er ihr raubt. Das gilt vom Terrarien- und -Aquarienliebhaber genau so wie vom Freund und Pfleger der heimatlichen -Stubenvögel. - -Aber den Umstand beklage ich tief, daß nun _Fänger von Profession_ -diese an sich erfreuliche Liebhaberei zu einem Geschäft ausnutzen, -indem sie im Frühling Tag für Tag mit ihren Fanggeräten zu erbeuten -suchen, so viel sie nur können, Massenfang treiben der übelsten Art. -Der _Händler_ nimmt alles, je mehr, desto besser; er hat für alles -Verwendung. Was bei unsachgemäßer Pflege krepiert, kommt in Spiritus -und findet auch dann seine Abnehmer. Und so wimmelt es zu manchen -Zeiten in den zur Schau gestellten Glaskästen der sog. »Zoologischen -Handlungen« der Großstädte von zierlichen Eidechsen, von Nattern -und Blindschleichen, von Erdsalamandern, von Tritonen und Molchen. -Wirkliche _Raubzüge_ werden gegen die heimatliche Natur unternommen. -Nicht die Tierpflege an sich verurteile ich, sondern den Massenfang, -wie er zumeist von arbeitsscheuen, recht zweifelhaften Personen Jahr -für Jahr des Geldgewinns wegen betrieben wird. Ihnen sollte wie -den Vogelstellern durch gesetzliche Bestimmungen das lichtscheue -Handwerk gründlich gelegt werden. Freilebende Tiere zur Massenware zu -erniedrigen, ist ein Unrecht. - -Was nun aber fast ebenso schlimm, jeder kann diese lebende Ware für -verhältnismäßig wenig Geld beim Händler erstehen. Da mag so mancher, -der die Tiere im Schaufenster sieht, denken, solch ein Behältnis mit -Schlangen und Eidechsen, solch Wassergefäß mit Molchen könntest du dir -in deinem Zimmer auch einrichten, und er setzt nun die Ringelnatter, -den Laubfrosch, den Erdsalamander den ganzen Tag der Sonnenbestrahlung -aus, bringt die Tritonen in ein gefülltes Wasserglas, wo sie kein -Plätzchen zum Ausruhen finden, und um die Nahrung der Tiere kümmert -er sich auch nur wenig. Die ist schwer zu beschaffen; wen der Hunger -plagt, so denkt er, wird nicht wählerisch sein. Unter solchen Umständen -gehen die armen Geschöpfe natürlich sehr bald zugrunde. Dann ist die -ganze Herrlichkeit aus, und am Ende freut sich der Besitzer, der von -Tierpflege keine Ahnung hat, daß er die Sache wieder los ist. Der -Händler aber hat für die ganz zwecklos geopferten Tiere schon längst -wieder Ersatz. - -Das sind natürlich Auswüchse der Tierliebhaberei, Nebenerscheinungen, -die aber vom Standpunkte des Naturschutzes aus sehr zu beklagen sind. -Freilich den meisten Menschen wird's gleichgültig sein, handelt es sich -dabei doch bloß um Eidechsen, Molche und ähnliches Getier, und solch -»Ungeziefer« hat keinen wirtschaftlichen Wert, wie ihn z. B. der Vogel -besitzt, ist auch für den Haushalt der Natur ganz gleichgültig. - -Dieser allgemein verbreiteten Ansicht kann nicht scharf genug -widersprochen werden. Gewiß, unserm Fühlen, unserm ganzen Innern -steht der Vogel viel näher als Blindschleiche oder Unke; aber was den -wirtschaftlichen Nutzen der Vogelwelt betrifft, da sind doch nicht -wenige unsrer gefiederten Freunde, die manchen Schaden und Ärger -anrichten und die das Gesetz doch in seinen Schutz nimmt, und zwar mit -größtem Recht; denn der Geldbeutel allein darf nicht den Ausschlag -geben. - -Wie steht es aber in dieser Beziehung mit den Kriechtieren und -Lurchen? Ich muß diese leidige Frage nach _Nutzen und Schaden_, so -sehr es meinem Gefühl zuwider ist, hier in den Vordergrund stellen, -weil man bei unsern Tieren so gar nichts anerkennen will, was ihnen -Daseinsberechtigung geben könnte. Das Quaken der Frösche ist den -Anwohnern des Teiches verhaßt, die Schlangen sind allen greulich, -heimtückisch, gefährlich, widerlich die ganze Gesellschaft. Ich sprach -mit einer jungen Dame über unsre heimische Tierwelt und wie so viele -schuldlos verfolgte Geschöpfe dringend unseres Schutzes bedürfen. -»Sie wollen sich doch nicht etwa auch noch der giftigen Schlangen -und Salamander, der Eidechsen und Molche annehmen?« fiel sie mir ins -Wort. »Sagen Sie 'mal, Herr Professor, wozu sind denn eigentlich die -entsetzlichen, scheußlichen Kröten auf dieser Welt?« »Wozu, mein -verehrtes Fräulein,« entgegnete ich, »sind denn eigentlich Sie da? -Sie haben Ihren Beruf zu erfüllen im Haus, in der Familie, in der -menschlichen Gesellschaft, genau wie jedes andere Geschöpf in seinem -Kreise, und wenn Sie Ihrer Aufgabe in allen Stücken so treu und -gewissenhaft nachkommen wie die Kröten, die Ihnen so zuwider sind, dann -alle Hochachtung vor Ihnen! Übrigens haben Sie sich eine Kröte gewiß -noch nicht genau angesehen; sonst müßten Sie wenigstens etwas Schönes -an ihr finden, und das sind -- erschrecken Sie nicht! -- ihre Augen.« - -In mildem Goldglanz schauen die Krötenaugen uns so treuherzig und -innig an, als wollten die Tiere sagen: Tu uns nichts zuleide! Es -liegt etwas unaussprechlich Wehmütiges in diesem milden Blick, etwas -von der stillen Poesie des Weihers mit seinen Nixen und Elfen, die -sich nach dem Reiche der Menschen sehnen, etwas von märchenhaftem -Waldeszauber, etwas Ahnungsvolles und Unwirkliches. Man denkt an den -verwunschenen Prinzen, an die Kröte mit dem goldnen Krönchen, von -denen die Großmutter uns Kindern so oft erzählte. Krötenaugen blicken -ebenso sanft und träumerisch, so innig und seelenvoll wie die schönen -Augen meines Rotkehlchens oder draußen am Waldbach die großen braunen -Augensterne der Wasseramsel, und ich kann's nicht verstehen, daß -Krötenaugen geradezu zum Sinnbilde der Häßlichkeit geworden sind. Wenn -man eine Dame anschwärmen würde: »Sie einzig Verehrte, mit Ihren -Krötenaugen!« so würde das, so ehrlich es der Freund und Kenner jener -Tiere vielleicht auch meint, als eine Beleidigung gelten. Nun, eine -Beleidigung, ich gebe es zu, mag es in manchen Fällen auch tatsächlich -sein, wo man solchen Vergleich zieht, aber niemals eine Beleidigung für -das weibliche Wesen. - -Doch zurück zur Frage nach _Nutzen_ und _Schaden_. Raubtiere sind sie -alle, die Reptilien so gut wie die Lurche, nur daß letztere in ihrem -Jugendzustande, z. B. als Kaulquappen, an verwesenden Pflanzenstoffen -herumnagen. Außer Daphnien, Cyklopiden und andern Krebstierchen werden -von allen _Lurchen_ die verschiedenen Mückenarten, Würmer, Schnecken, -Larven und Puppen von Wasserinsekten, daneben die Jugendformen der -eignen Verwandtschaft verzehrt. Der gewalttätigste Lurch ist unser -_Wasserfrosch_, der Musikant. Insekten und Insektenlarven aller Art, -Spinnen, Schnecken, Würmer, Kaulquappen, Fischbrut, selbst kleine -Fischchen, aber auch junge Blindschleichen, Wassermolche: alles -würgt er hinunter. Der zierliche _Laubfrosch_ hat es auf Fliegen, -Kleinschmetterlinge, glatte Räupchen und auf allerlei Würmer abgesehen. -Die _Kröten_ und _Unken_ leben gleichfalls von Insekten, Asseln, -Spinnen, Tausendfüßern, Nacktschnecken und Würmern. - -Auch unsre _Kriechtiere_ sind Räuber; sie erjagen lebende Beute. -Die _Kreuzotter_ nährt sich von Mäusen aller Art, von Spitzmäusen, -auch Eidechsen, die sie durch ihren giftigen Biß sehr schnell tötet; -selbst jungen Vögeln mag sie bisweilen gefährlich werden. Die _glatte -Natter_, auch Haselnatter genannt, macht besonders gern auf Eidechsen -Jagd, während die _Ringelnatter_ mit Vorliebe Laub- und Grasfrösche -frißt. Als gute Schwimmerin jagt sie aber auch im Wasser nach kleinen, -etwa fingerlangen Fischen und Salamandern. Vor der gelbbauchigen -Unke freilich und dem Erdmolch scheut sie sich, gleich allen andern -Lurchjägern; denn schwarz und gelb, unsre Dresdner Stadtfarben, sind -Schreckfarben -- natürlich nur in der Tierwelt. Die _Eidechsen_ sind -hinter allerlei Kerbtieren her und und verstehen sie sehr geschickt zu -erwischen: Grillen, Heuschrecken, Schmetterlinge, Fliegen, Käfer; dazu -fressen sie Würmer, Nacktschnecken, ja sie überfallen selbst schwächere -Artgenossen, während die _Blindschleichen_, schwerfälliger in ihren -Bewegungen, auf den Fang von Regenwürmern, Schnecken und glatten Raupen -angewiesen sind. - -Aus diesen Beispielen ergibt sich, daß von einem besonderen Schaden -der Reptilien und Amphibien nicht die Rede sein kann, abgesehen von -der giftigen Kreuzotter, die aber doch nur in einzelnen Gegenden -Deutschlands häufig auftritt. Ja, die meisten Mitglieder dieser -beiden Wirbeltierklassen stiften durch die Vertilgung von Würmern und -Nacktschnecken ganz entschieden Nutzen. Daß sie auch viele Insekten -verzehren, wollen wir ihnen nicht besonders anrechnen; denn unter den -Kerbtieren gibt es nützliche, wie schädliche Arten, und in dieser -Beziehung wird keine Echse, kein Lurch eine Auswahl treffen. Daß -aber manche Wasserinsekten, die der Fischerei Schaden bringen, den -Ringelnattern und Fröschen zum Opfer fallen, darf nicht unerwähnt -bleiben. - -Besonders groß erscheint mir der Nutzen der _Kröten_. In Gärten, -besonders wo Erdbeeren oder Salat gepflanzt sind, da sollte man sich -nur freuen, wenn man ein paar Kröten begegnet; sie sind die stärksten -Vertilger der schädlichen Nacktschnecken. Das wußte schon vor einem -halben Jahrhundert mein Vater; er hieß uns Kinder, wenn wir 'mal auf -einem Spaziergang eine Kröte antrafen, den Lurch mitnehmen und ihn -in unsern Gemüsegarten setzen. Wir freuten uns stets, wenn wir dort -den dicken, wohlgenährten Kröten begegneten und sagten ihnen für ihre -freundliche Unterstützung im Kampfe gegen mancherlei Ungeziefer »danke -schön!« Später habe ich gelesen, daß englische und belgische Gärtner -den Nutzen der Kröten schon seit langer Zeit erkannt haben und daß -bei ihnen hier und da Kröten auf den öffentlichen Märkten feilgeboten -werden, um als Schutztruppe in den Gärten Verwendung zu finden. - -Unsre Kaltblüter haben eine große Menge _natürlicher Feinde_, -infolgedessen es ganz ausgeschlossen erscheint, daß Kriechtiere und -Lurche, selbst wenn wir ihnen jeden erdenkbaren Schutz gewähren -wollen, überhandnehmen könnten. Die gegen früher veränderten -Kulturverhältnisse, die sich nicht wieder zurückschrauben lassen, haben -die Lebensbedingungen unsrer Kaltblüter sehr ungünstig gestaltet, -und so wird es uns höchstens gelingen, einzelne seltene Arten, deren -Bestand gefährdet erscheint, vor dem völligen Untergang zu retten. Die -große Masse aber muß zusehen, daß ihre starke Vermehrung die Verluste -immer wieder ausgleicht, die ihnen so viele Feinde bringen. Die -_Eidechsen_ werden von den Schlangen verfolgt, von Raubvögeln, Krähen, -Würgern, von Reihern, Störchen, Haushühnern, von Marder und Wiesel, von -Igel, Dachs, Fuchs u. a., und fast all diese Eidechsenjäger sind auch -Feinde, oder besser Liebhaber der Schlangen. Selbst der _Kreuzotter_ -hilft ihr tödliches Gift nichts; sie wird vom Storch überwältigt, -ebenso vom Igel. - -Den _Lurchen_ geht es nicht besser wie den Kriechtieren; »alles, alles -will sie fressen!« Störche und Reiher, Bussarde, Krähen, Dohlen, -Elstern, Fischottern, Dachs, Wiesel, Iltis sind hinter ihnen her. Dazu -haben sie viele Feinde in ihren eignen Reihen und unter den Schlangen. -Die zarten Froschkeulen erfreuen sich auch im Tierreich vieler Verehrer. - -Natürlich bin ich weit entfernt, den genannten Lurch- und -Reptilienjägern einen Vorwurf zu machen. Sie sind es ganz gewiß nicht, -denen der Rückgang unsrer Kaltblüter zur Last fällt. _Den Menschen_ -trifft die _Schuld an der Verödung_ der Heimat, an der Vernichtung -ganzer Tiergeschlechter. Man vergegenwärtige sich nur, wie die -_Landwirtschaft_ heute jedes Winkelchen ausnutzt, die feuchten Wiesen -entwässert, die Feldgehölze und Hecken vielfach beseitigt. Sümpfe -werden ausgetrocknet und in Ackerboden verwandelt, Flußläufe geregelt, -daß das Wasser zwischen öden, geradlinigen Steinmauern in einer Rinne -dahinfließt; die Bäche werden ihrer natürlichen Ufervegetation beraubt, -Teiche, Flußarme und Altwässer zugeschüttet und die schönen Auenwälder -dem Untergange preisgegeben. Die _Forstwirtschaft_ begünstigt immer -mehr das Nadelholz, Kiefern und Fichten, wenigstens ist im Laufe -der Jahre an die Stelle so manches schönen Buchenbestandes, der -den Boden feucht hielt, einförmiges Fichtenholz getreten. Unter -all diesen Maßnahmen unsrer Zeit haben Lurche und Reptilien schwer -gelitten, schwerer noch als die Vogelwelt; ihrer versteckten Wohnsitze -sind sie beraubt worden. Die Vögel wandern aus, wo sie nicht mehr -ihre Lebensbedingungen finden; aber die Amphibien eines Sumpfes, -eines Teiches gehen samt ihrer Brut zugrunde, sobald das Gewässer -zugeschüttet wird. Die _Industrie_ ist unsern Tieren auch feindlich -gesinnt. Die Fabriken, die heute auch in das entlegenste Gebirgstal -vorgedrungen sind, verseuchen und vergiften fast jeden Graben, jeden -Bach; die Kläranlagen sind ja doch nicht imstande, dem Wasser seine -natürliche Beschaffenheit wiederzugeben. Ist's da ein Wunder, wenn die -Bewohner des fließenden Elements, die Amphibien, Fische u. a. immer -seltener werden, ja aussterben? - -In dem trocknen Sommer 1911 weilte ich in meiner Heimat an der -Freiberger Mulde. Das war kein Wasser mehr, was im Flußbett talab -floß, sondern ein Sammelsurium chemischer Lösungen, in denen kein -höheres Lebewesen sich hätte aufhalten können. Ein paar »Jungens« -kauerten am kahlen Uferrand und machten sich den Spaß, die Gasblasen -anzubrennen und explodieren zu lassen, die auf dem Wasser schwammen. -Es war just dieselbe Stelle, die mir vor vierzig Jahren als Jagdrevier -auf Ringelnattern so lieb war. Dann führte mich der Weg nach dem -Nachbardorf, in dessen Mitte ich den Dorfteich mit seiner reichen -Pflanzenwelt vergeblich suchte. Großstädtisch war alles geworden: -ein Promenadenplatz mit sein paar gußeisernen Bänken. Die Bauern -waren sehr stolz auf diesen Fortschritt der Kultur; mich aber stimmte -es traurig. Ich dachte an die Frösche und Unken, die einst die -Sommernacht mit ihrem Chor- oder Einzelgesang so reizvoll belebten, an -die Ringelnattern, die ehemals bei unserm Nahen sich von dem grünen -Uferrand hinab ins Wasser gleiten ließen, an die munteren Tritonen, die -an seichten Stellen hin und her schwammen, und an die Wasserkäfer, die -zwischen dem Entengrün ihre munteren Spiele trieben. Vergangen, vorbei! - -Der Leser wird sagen: das ist alles ganz schön, oder richtiger: das -ist alles sehr traurig, aber wir können daran nichts ändern. Wegen -der Salamander und Ringelnattern, der Frösche und Unken, die dabei -zugrunde gehen, wird sich der Landwirt nicht abhalten lassen, einen -Sumpf zu entwässern, eine feuchte Wiese trocken zu legen, wenn er's für -nötig oder vorteilhaft hält, und die Anlage von Fabriken kann auf die -Kleintierwelt erst recht keine Rücksicht nehmen. Wohin sollte solche -Rücksichtnahme auch führen? - -So meine ich das selbstverständlich auch nicht. Immerhin bin ich der -Ansicht, daß ein einzelner Grundbesitzer oder auch ein Gemeinwesen, -eine Behörde in allen Fällen recht eindringlich darüber nachdenken -sollte, ob es sich auch lohnt, solch eingreifende Veränderungen -der natürlichen Verhältnisse, wie sie die Trockenlegung eines -Sumpfes, eines Teiches zur Folge hat, herbeizuführen, und ob es -unbedingt nötig ist, gerade _den_ Graben zuzuschütten oder mit -Fabrikabwässern zu verseuchen, der schöne Molche und ein paar seltene -Fischchen beherbergt, auch im Kreise der Naturfreunde als Fundstätte -interessanter Wasserinsekten, Krebstierchen, Polypen usw. bekannt -ist. Oder ob es sich nicht vermeiden läßt, das kleine Feldgehölz -niederzuschlagen, ob die Weißdornhecke am Wege, das Gestrüpp am -steinigen Hang nicht erhalten werden kann. Dort wohnen Blindschleichen -und Eidechsen in frohem Verein; es wäre doch schade um diese -Kleintierwelt, wenn sie etwa nur einer plötzlichen Laune zum Opfer -fallen sollte. - -Vielleicht ließe sich auch auf _gesetzlichem_ Wege etwas für unsre -Kaltblüter tun. An das Vogelschutzgesetz habe ich oben erinnert. -Warum, so frage ich, gibt es nicht ein ähnliches Gesetz zum Schutze -der Reptilien und Amphibien? Ich sehe keinen Grund ein, diesen -Gedanken abzulehnen. Sie alle, die unter den heutigen Verhältnissen -so hart bedrängt werden, die Schlangen -- natürlich mit Ausnahme der -giftigen Kreuzotter -- die Eidechsen und Blindschleichen, die Kröten, -die Salamander und Teichmolche, die Laubfrösche und bis zu gewissem -Grade auch alle andern Frösche verdienen und bedürfen gesetzlicher -Maßnahmen, wollen wir sie unsrer Heimat erhalten. Und wenn es -vielleicht auch nicht an der Zeit ist, ein Reichsgesetz zu befürworten, -so könnten doch bereits jetzt einzelne Länder und Behörden mit gutem -Beispiel vorangehen und durch besondere Landesgesetze oder wenigstens -Polizeiverordnungen den Reptilien- und Amphibienjägern von Profession -das Handwerk genau so legen wie den Vogelstellern und Eierräubern. -Warum soll nur _der_ zur Verantwortung gezogen werden, der sich an -einem Vogel oder seiner Brut vergreift, während der Frevler, der eine -Kröte, eine Unke oder ihren Laich, eine Eidechse oder eine harmlose -Schlange lediglich aus Roheit vernichtet, frei ausgeht? - -Ich weiß es, daß gesetzliche Maßnahmen auf dem Gebiet des Naturschutzes -im allgemeinen wenig nützen. Aber unser Reichsvogelschutzgesetz -möchte heute doch kein einziger Naturfreund missen; es hat im Laufe -der Jahre durchaus segensreich gewirkt. Und so verspreche ich mir -auch von einem _Reptilien- und Amphibienschutzgesetz_ manches Gute. -Dabei wäre wohl zu erwägen, ob ein solches Gesetz nicht etwas mehr -Rücksicht auf die Terrarien- und Aquarienliebhaber nehmen könnte, als -unser Vogelschutzgesetz auf die Freunde der Stubenvogelpflege. Nur dem -Massenfänger und dem Händler müßte das Handwerk gelegt werden. - -Freilich, mehr als gesetzliche Bestimmungen helfen _Belehrung_ und -_vernünftige Erziehung_. Wer soll belehrt und erzogen werden? Natürlich -die Jugend. Aber nicht etwa nur von den Lehrern, sondern an erster -Stelle von den Eltern. Die _Schule_ hat es bereits bewiesen, daß es ihr -Ernst ist, die ihr anvertrauten Kinder zum Naturschutz zu erziehen. -Davon zeugen so manche Verordnungen und Maßnahmen der Schulbehörden, -die alle darauf zielen, in der Jugend die Liebe zur Heimat und die -Achtung vor der Natur und ihren Geschöpfen zu wecken und zu pflegen, -und davon zeugt in gleicher Weise die freundliche Stellung, welche die -gesamte Lehrerschaft in Dorf und Stadt, an Volksschulen wie an höheren -Schulen dem Naturschutzgedanken gegenüber von Anfang an eingenommen -hat. Ja viele, viele Lehrer sind für unsre Bestrebungen mit freudigster -Begeisterung eingetreten und haben sich im Kampfe für sie mit in -die vorderste Reihe gestellt. Einmal um der Sache selbst willen, -sodann aber auch, weil sie erkannt haben, eine wie hohe erzieherische -Bedeutung dem Heimat- und Naturschutz sowohl für den einzelnen Menschen -wie für unser ganzes Volk zukommt. - -Heute treibt der Lehrer naturgeschichtlichen Unterricht nicht -nur innerhalb des Schulzimmers, sondern er führt die Kinder oder -jungen Leute hinaus ins Freie, daß sie Pflanzen und Tiere in ihrer -natürlichen Umgebung beobachten, die _lebenden_ Wesen: die Blume am -Wegrand, die Blindschleiche am moosigen Boden, die Eidechsen an der -Geröllhalde, den Falter über der Wiese. Der trockene »beschreibende« -Naturgeschichtsunterricht, der sich mit der Betrachtung von Herbarien, -von ausgestopften Vögeln, von Spirituspräparaten aus dem Reich der -Kaltblüter, von aufgespießten Insekten begnügte, ist wohl für alle -Zeiten verlassen. Das Leben redet heute zur Jugend, und es lehrt, ohne -daß der Erzieher es nötig hat, viel Worte zu machen, Achtung vor der -Natur, vor jedem einzelnen Wesen, das ein Glied des Ganzen ist, und -damit auch Achtung vor der Gesamtheit der Schöpfung. Wenn es heute -scheinen will, daß die traurigen, tief beklagenswerten Verirrungen auf -diesem Gebiet, daß die Verrohung weiter Kreise unseres Volks, von der -man mit Recht spricht, damit nicht in Einklang zu bringen sind, so -glaube ich darin einen Trost finden zu dürfen, daß es sich nur um eine -Krankheitserscheinung handelt, die wohl überwunden werden kann. Möge -die Schule unentwegt auf dem eingeschlagenen Wege weiter schreiten! Es -ist der richtige, und er muß zum Ziele führen. - -Aber das _Elternhaus_ hat nicht gleichen Schritt gehalten. Wie -gleichgültig stehen doch die meisten Erwachsenen der heimatlichen -Tierwelt gegenüber, wenn es sich nicht gerade um ein Säugetier oder -einen Vogel handelt. Ja, Grauen und Furcht, Ekel und Abscheu flößen sie -ihren Kindern vor Schlangen, vor Kröten und Salamandern, vor Fröschen -und Kaulquappen und vor all dem »giftigen Gewürm« ein. Sie untergraben -damit die natürliche Zuneigung, die jedes unverdorbene Gemüt der -Tierwelt entgegenbringt, statt durch das eigene Beispiel das Interesse -der Kinder an den »Brüdern im stillen Busch, in Luft und Wasser« zu -pflegen und zu fördern. Da heißt es: »Was fällt dir ein, wirst doch den -ekligen Frosch nicht in die Hand nehmen!« oder: »Geh weg, dort sitzt -eine giftige Kröte!« oder: »Pfui, pfui, welch scheußliche Raupe, gleich -mach sie tot!« oder: »Eine Schlange! wie gut, daß ich die heimtückische -Otter mit dem Stock noch getroffen!« Wollte ich in gleichem Tone -fortfahren, so würde ich sagen: »Pfui Spinne, was sind das für -törichte, unwürdige, geschmacklose Redensarten Kindern gegenüber!« - -Die Kleinen, die anfangs wahllos jedes Tier in die Hand nehmen, -glauben es schließlich, was die Erwachsenen sagen; sie kreischen beim -Anblick einer Natter auf, sie graulen sich, den feuchtkalten Frosch -zu berühren und steinigen die unschuldige Kröte. »Wie die Alten -sungen, so zwitschern die Jungen.« Die Schule wird erst dann vollen -Erfolg haben, wenn die Eltern die Hand mit ans Werk legen. Häßliche, -ekelhafte Geschöpfe gibt es nicht. »Gott sahe«, sagt die Bibel in ihrer -schlichten Weise, »daß es gut war.« Und noch ein Bibelwort möchte ich -den Eltern zurufen; das lautet: »Werdet wie die Kinder!«, d. h. wie die -natürlichen, von eurer unvernünftigen Erziehung noch nicht verdorbenen -Kinder! - -Vor ein paar Jahren setzte ich einen vierzehnjährigen Bengel zur -Rede, der eben eine Ringelnatter in grausamer Weise getötet hatte. -In Glashütte war's, dem erzgebirgischen Städtchen. Der Junge kam -von der Wiese herein nach dem Marktplatz und trug die Schlange, in -eine Astgabel geklemmt, triumphierend vor sich her. Eine gröhlende -Kinderschar umgab ihn, so daß ich an den Anfang der Schillerschen -Ballade vom »Kampf mit dem Drachen« erinnert ward. Der Knabe sagte -natürlich, es sei eine giftige Schlange. Und dann berichtete er mir, -sein Vater habe gesagt, man müsse jede Schlange, der man begegne, -totschlagen, es könnte immer eine Kreuzotter sein. Die verstellten sich -manchmal. Genau dieselbe Ansicht haben mir gegenüber auch Erwachsene -geäußert, die ich wirklich für ein wenig verständiger gehalten hätte. -Man ist eben zu gleichgültig oder zu faul, sich die Merkmale unsrer -drei Schlangenarten einzuprägen, und schlägt nun alles tot, was einer -Kreuzotter ähnlich aussieht, selbst die so harmlose Blindschleiche. Ich -möchte auch wissen, wieviel Haselnattern alljährlich als Kreuzottern -an die Behörden eingeliefert und von diesen prämiiert werden. Erst -lerne man die drei Schlangenarten -- es handelt sich tatsächlich im -wesentlichen nur um drei Arten -- sicher unterscheiden, und dann, -meinetwegen, töte man die Kreuzotter, wenn man eine solche antrifft. - -Jene Kinderschar, von der ich erzählte, habe ich natürlich über das -begangene Unrecht belehrt und jedem einzelnen Kind die Merkmale der -unschuldigen Natter genau eingeprägt. Selbst die größeren Jungen -gingen hierauf still und beschämt davon. Einem kleinen blondlockigen -Mädchen aber standen die Tränen im Auge; es weinte über den Tod dieser -Schlange, genau wie es über ein verendetes Vöglein geweint haben würde. - - * * * * * - -Schlangen leben in allen Zonen der Erde; selbst in dem kalten Lappland -kommt die Kreuzotter noch bei 67° n. Br. vor, und überall werden diese -Reptilien vom Menschen gefürchtet, gehaßt und verfolgt; denn wo -immer Schlangen sich finden, da gibt es unter ihnen neben harmlosen -Geschöpfen auch tückische Wegelagerer, die den offenen Kampf scheuen -und ihrem Opfer aus dem Hinterhalt mit vergiftetem Dolch auflauern. -Namentlich in den heißen Ländern ist die Zahl der Giftschlangen sehr -groß; aber selbst in Europa leben 6 oder 7 Arten, von denen für -Mitteleuropa nicht weniger als 4 in Betracht kommen. - -Freilich nur die _Kreuzotter_ erfreut sich in unserm Vaterlande -allgemeiner Verbreitung. Ihr ist jede Örtlichkeit recht, wo sie Wärme -und Nahrung findet. Nur dem Innern großer, dunkler Wälder, die kaum -einen Sonnenstrahl durchlassen, bleibt sie fern, auch der sumpfigen -Wiese, die ihr kein trocknes Plätzchen bietet. Die andern drei, -viel selteneren Giftschlangen aber haben ihr Heim weiter südlich -aufgeschlagen, die ursinische Viper in Niederösterreich, die Sand- und -die Aspisviper namentlich in Südtirol. - -Aber selbst wenn Europa als einzige Giftschlange lediglich die -Kreuzotter beherbergte, ja wenn diese, wie es für manche deutsche -Landschaft gilt, überall außerordentlich selten wäre, ich glaube -die Schlangenfurcht unter uns Mitteleuropäern würde doch ebenso -allgemein verbreitet sein. Der gute Ruf einer Familie wird eben nur -zu leicht durch ein aus der Art geschlagenes Mitglied untergraben; -die andern müssen darunter mit leiden, in unserm Falle die giftlose -Ringel- und Haselnatter und selbst die ganz harmlose schlangenähnliche -Blindschleiche. Überall bringt man diesen Kriechtieren Mißtrauen -entgegen, und die Furcht vor dem »Otterngezücht« ist ganz allgemein. - -Auf Grund eigner Erfahrungen muß ich nun aber der Ansicht, die -_Schlangenfurcht_ sei dem Menschen _angeboren_, ganz entschieden -_widersprechen_. Ich habe darüber schon berichtet, sowohl in den -von der »Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen« -herausgegebenen »Vorträgen und Aufsätzen« wie im »Kosmos«. Führe -ich ein kleines, etwa drei- oder vierjähriges Kind ruhig an eine -Schlange heran, an eine Ringelnatter, die durch's Gras schlüpft, an -eine Haselnatter, die sich am steinigen Hang sonnt, so ist von einer -angeborenen, instinktiven Furcht des Kindes vor dem Reptil nicht das -geringste zu spüren. Im Gegenteil, das kleine Menschenkind betrachtet -das ihm bisher unbekannte Geschöpf mit dem größten Interesse. Ja, fasse -ich die Natter und bringe sie dem kindlichen Beschauer ganz nahe, so -bedarf es kaum noch des Zuredens, das Kinderhändchen greift nach ihr -und betastet das glatte Schuppenkleid; selbst vor der beweglichen Zunge -der Schlange weicht es nach einem Weilchen nicht mehr zurück. Dabei -muß ich selbstverständlich voraussetzen, daß das Kind seine natürliche -Unbefangenheit noch bewahrt hat, daß es nicht bereits Zeuge ward von -dem törichten Aufkreischen erwachsener Personen, mit dem gewöhnlich -eine Schlange, die sich 'mal zeigt, eine Blindschleiche oder Eidechse -begrüßt wird. Ich habe mehrfach derartige Versuche angestellt. Kam es -einmal zum Schreien, so trug entweder meine eigne Ungeschicklichkeit -die Schuld, oder besonders heftige Bewegungen der Natter, ein weites -Aufreißen ihres Mundes, ein unheimliches Zischen schüchterten den -kleinen Naturforscher ein. Einer jungen Katze oder einem Kaninchen -gegenüber verhält sich das Kind nicht anders. - -Wenn man mir aber entgegnet, mein eigenes ruhiges Verhalten, ja -meine bloße Gegenwart habe die Kleinen ermutigt, ihre angeborene -Schlangenfurcht zu überwinden, so antworte ich, daß es mit einem -sogenannten ursprünglichen Instinkte nicht weit her sein kann, wenn -er durch solch einfache Mittel zu überwinden, ja in sein Gegenteil -umzuwandeln ist. Auch kann ich noch folgendes Erlebnis berichten. -An einem sonnigen Maimorgen beobachtete ich ein mir bekanntes, etwa -vierjähriges Mädchen, an einem Abhang kauernd, wo es um diese Zeit -von Eidechsen geradezu wimmelte. Das Kind bemerkte mich nicht. -Seine ungeteilte Aufmerksamkeit war auf die grünschillernden Echsen -gerichtet, die aus ihren Löchern hervorkamen, um im Sonnenschein zu -spielen. Die Kleine griff nach den flinken Tierchen, sie zu fangen, was -ihr freilich niemals gelang, und laut jauchzte sie auf in heller Freude -an dem neckischen Spiel. Kein Zweifel, mit Kreuzottern oder Skorpionen -hätte sich das Kind ebenso lustig unterhalten. - -Aber auch an meine eigne Jugend darf ich erinnern, bin ich doch -gewissermaßen unter Schlangen aufgewachsen. Ringelnattern waren im -Frühjahr und Sommer meine täglichen Spielgenossen; sie bewohnten in -großer Anzahl die Uferränder des Bächleins, das durch unsern Garten -floß. An warmen Sommertagen sah man mich selten ohne solches Reptil, -oft in jeder Faust eine Schlange, wie Herkules, zum Entsetzen meiner -lieben Mutter. Aber erwürgt hab ich sie nicht -- die Schlangen nämlich. -Daß ich selbst Erwachsenen mit meinen Freunden Furcht einjagen konnte, -machte mir Spaß, um so mehr als ich solch törichte Angst nicht begriff. -Mein Vater hatte durch die ruhig verständige Art, wie er mit dem Kinde -alles, was kriecht und fliegt, voll Teilnahme betrachtete und besprach, -mich vor jeder Ansteckungsgefahr durch abergläubische Personen zu -hüten gewußt, und bald war ich einsichtsvoll genug, daß mir die -Schlangenfurcht anderer nichts anhaben konnte. _Anerzogen_ ist diese -Furcht, _nicht angeboren_, das behaupte ich aus vollster Überzeugung. - -Man redet von dem Paradies der Kindheit. Ins Paradies aber gehören -Tiere, und mit allen ist das Kind gut Freund. Indessen, die Erwachsenen -sind es, die solch paradiesisches Verhältnis unsrer Kinder zur Tierwelt -oft in unverantwortlicher Weise stören, die natürliche Teilnahme der -Kleinen zu allem, was kriecht und fliegt, untergraben, vielleicht ohne -daß sie es wollen und wissen. Wenn etwas dem Menschen angeboren ist, so -ist's nicht die Furcht vor gewissen Tieren, sondern im Gegenteil die -_Zuneigung zu allen Geschöpfen_, eine Tatsache, die in wirklich rührend -naiver Weise in der Schöpfungsgeschichte der Bibel zum Ausdruck kommt, -wo erzählt wird, daß Gott alle Tiere auf dem Felde und alle Vögel unter -dem Himmel zum ersten Menschen brachte. Freilich gleich hinter dieser -lieblichen Erzählung steht das böse, an die Schlange gerichtete Wort -des Schöpfers: »Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe, -zwischen deinem Samen und ihrem Samen.« Kein Zweifel, dieses Wort -des zürnenden Gottes trägt ein gut Teil Schuld an der übertriebenen -Schlangenfurcht, die selbst in unsern Tagen noch so viele Gemüter -beherrscht. - -Die _Kreuzotter_ -- es kann nicht oft genug wiederholt werden -- ist -die einzige Giftschlange in unsrer Heimat. Sie kann auch dem Menschen -gefährlich werden; doch gehören Unglücksfälle zu den seltenen -Ausnahmen, und gestorben ist infolge eines Kreuzotterbisses, so viel -ich weiß, in dem letzten halben Jahrhundert in Sachsen überhaupt -niemand. Eine gewisse Vorsicht, besonders an Waldrändern, sonnigen -Hügeln ist anzuraten, wenn man sich auf den Boden niederläßt; auch -vor dem Barfußgehen an solchen Stellen ist zu warnen. Aber man soll -auch nicht übertrieben ängstlich sein und durch solche Angst sich den -Genuß an der Natur beeinträchtigen lassen. Am wenigsten aber soll -man vor jeder Schlange Reißaus nehmen. Die Kreuzotter flieht, sobald -sie den Menschen bemerkt; nur wenn sie überrascht wird und keinen -andern Ausweg weiß, sucht sie sich zu verteidigen. Man präge sich doch -die Artmerkmale der Kreuzotter ein. Ihre Länge beträgt etwa 50 bis -60 ~cm~; jedenfalls ist eine Schlange, die gegen 1 ~m~ mißt, nie eine -Kreuzotter. Die Färbung kann recht verschieden sein; grau, braun oder -olivenfarben ist der Grundton. Die eigentümliche dunkle Zackenlinie, -die längs des ganzen Rückens hinläuft, hebt sich mehr oder minder gut -ab; sie besteht aus aneinanderstoßenden Rhomben. Die Unterseite ist -niemals hell oder auffallend gezeichnet. Der eigentliche Schwanz, -der sich ziemlich deutlich vom Körper absetzt, ist sehr kurz, nur -etwa 1/8 oder 1/10 der Gesamtlänge. Die Bewegungen der Otter sind -langsam, lassen auch die geschmeidigen Wendungen vermissen, die wir -an den Nattern bewundern. Jede einzelne Schuppe trägt längs der Mitte -eine kielartige Erhöhung im Gegensatz zu den ganz glatten Schuppen -der Haselnatter. Mit der bedeutend größeren _Ringelnatter_ kann man -die Kreuzotter nicht verwechseln. Deren Oberseite ist blaugrün oder -grünlichgrau gefärbt, die fast schwarzen Schilder der Bauchseite sind -weiß eingefaßt. Das untrüglichste Merkmal dieser Natter bilden aber die -beiden gelben oder weißlichgelben Halbmondflecken hinter dem Kopfe. - -Wenn behauptet wird, auch die _Kröten_ seien giftig und sie -schleuderten ihrem Feinde, dem wirklichen oder dem vermeintlichen, aus -ihren Hautdrüsen einen giftigen Saft entgegen, so ist dies eine falsche -Vorstellung. In der Angst spritzt die Kröte Urin aus, der übel riecht, -im übrigen aber ganz wirkungslos bleibt. Man muß den Lurch schon -kräftig anfassen, ehe er aus seinen Drüsen die so gefürchtete ätzende -Flüssigkeit fahren läßt. Aber auch diese ist dem Menschen gegenüber -ganz harmlos, höchstens daß sie an zarten Stellen die Haut etwas -rötet, und nur derjenige, der sich sehr viel mit Kröten beschäftigt, -wird über unangenehme Wirkungen dieses Saftes, aus dem der Chemiker -allerdings stark wirkende Giftstoffe herstellen kann, zu klagen haben. -Ähnlich verhält es sich mit dem _Feuersalamander_, der ja auch als -giftig beim Volke verschrien ist. Überhaupt glaubt der gemeine Mann, -je bunter und auffallender die Farben solch eines Kaltblüters leuchten -und glänzen, um so giftiger sei das Tier, und er hält deshalb z. B. das -grünschillernde Männchen der Zauneidechse für viel gefährlicher als das -einfacher gefärbte Weibchen. Daß solch Merkmal bei der Kreuzotter gar -nicht stimmt, macht keinem das Herz schwer. »Die Kreuzotter ist eine -Schlange, und die Schlangen sind ohne Ausnahme giftiges Otterngezücht!« -so heißt es ganz allgemein. - -Wollen wir unsre kaltblütigen Wirbeltiere der Heimat erhalten, -so kommt es an erster Stelle darauf an, solchen und ähnlichen -Aberglauben, der sich aus dem dunkelsten Mittelalter bis in unsre Tage -herübergerettet hat, endlich einmal auszurotten. Hierbei sollte uns -neben der Schule auch das Haus unterstützen. Außerdem aber erwachsen -den _Aquarien-_ und _Terrarienvereinen_ manche dankbaren Aufgaben. Wie -man Vogelschutzgebiete eingerichtet hat, so lassen sich auch Maßnahmen -treffen, die den Schutz der Kriechtiere und Lurche an bestimmten, -vielleicht nur eng begrenzten Örtlichkeiten bezwecken. Selbst ein -kleiner Verein, dem bloß geringe Mittel zur Verfügung stehen, könnte -einen steinigen, unfruchtbaren Berghang oder auch nur eine Schutthalde -erwerben, wo Eidechsen und Schlangen ihre Wohnung aufgeschlagen haben, -ebenso einen Tümpel, einen Wassergraben, einen kleinen Teich, der von -Unken und Fröschen, von Tritonen und Molchen belebt wird. Hier könnten -die Mitglieder des Vereins ihre schützende Hand über diese Tiere -halten. In vielen Fällen würde es auch genügen, einen Pachtvertrag -auf längere Zeit abzuschließen oder den Besitzer gegen eine geringe -Abfindungssumme zu verpflichten, alle Veränderungen innerhalb des -Schutzgebiets zu unterlassen, welche die Daseinsbedingungen der -schutzbedürftigen Kleintierwelt schmälern könnten. - -Namentlich wenn es sich um besondere _Seltenheiten_ handelt, sollte -man sich der bedrohten Tiere annehmen. Zu solchen Seltenheiten, ja -schon zu den eigentlichen Naturdenkmälern gehören die Sumpfschildkröte, -die Würfel- und Äskulapnatter, die Smaragd- und die Mauereidechse, -die Bergunke, die Geburtshelferkröte u. a. Sind es doch nur ganz -wenig Örtlichkeiten in Deutschland, die als Fundstätten des einen -oder des andern der genannten Kaltblüter in Betracht kommen. So -ist die Sumpfschildkröte außer in Westpreußen und den benachbarten -Gebieten nur noch im Regierungsbezirk Lüneburg, an der Unterweser, -in Schleswig-Holstein, in der Altmark, im Braunschweigischen und -in Schlesien an ganz wenig Orten bekannt. Die Äskulapnatter kommt -vereinzelt im Taunus und bei Passau vor, die Würfelnatter hat man -in der Meißner Gegend und an der Nahe angetroffen, die herrliche -Smaragdeidechse am Oberrhein und bei Passau, während es sich bei -verschiedenen preußischen Fundstellen wahrscheinlich nicht um ein -ursprüngliches Vorkommen handelt. Und so lassen sich bei einer -ganzen Reihe von Kriechtieren und Lurchen die wenigen Angaben über -ihre Wohnstätten in Deutschland an den Fingern einer Hand aufzählen. -Mag es auch wahrscheinlich, ja sogar sicher sein, daß diese Angaben -Lücken aufweisen, so viel steht jedenfalls fest, daß die genannten -Tiere über kurz oder lang ganz aus unsrer Heimat verschwinden werden, -wenn sich nicht Naturschutz-, Aquarien- und Terrarienvereine, sowie -Einzelliebhaber der hart Bedrängten tatkräftig annehmen. Auch durch -behördliche Verordnungen läßt sich wohl manches erreichen. - -_Die Erhaltung der heimatlichen Tierwelt_ muß das gemeinsame Ziel aller -Naturfreunde sein. Die verschiedensten Wege führen dahin. Möge selbst -den gefürchteten Schlangen und den verachteten Kröten gegenüber solche -Aufforderung eine freundliche Aufnahme finden! Es handelt sich um eine -ideale Aufgabe, um - - _Schutz den Schutzlosen_! - - - - -Sechsbeinig, achtbeinig und ohne Beine - - -Auch unter der niederen Tierwelt haben wir gute Bekannte und liebe -Freunde. Freilich weniger die Erwachsenen, als die Kinder. Jene -wenden sich meist mit Abscheu oder lächerlichem Widerwillen von dem -»Insektengesindel, dem Spinnengezücht und all dem Gewürm« ab -- -unnützes Ungeziefer, zu nichts anderem auf der Welt, als die Menschen -zu ängstigen und zu quälen, vom bösen Feind erschaffen, der ja auch das -Unkraut zwischen die Fruchthalme der Felder gesät hat -- während die -Kinder diesen Geschöpfen viel näher stehen. Ihr Verhältnis zu ihnen ist -weit inniger, ursprünglicher, noch ungetrübt durch den Verstand, der -immer nur Nutzen und Schaden berechnet, einzig in einem tiefen, wahren, -natürlichen Gefühl wurzelnd. Solange das Kind von dem albernen Gerede -der Erwachsenen noch verschont geblieben ist, sieht es in jedem Tier, -auch dem geringsten, ein ihm bis zu gewissem Grade verwandtes Wesen, -etwas Beseeltes, das gleich ihm empfindet. In Einfalt ahnt es den Sinn -der Dichterworte: - - »Aber du Frühlingswürmchen, - Das grünlichgolden neben mir spielt, - Du lebst und bist vielleicht - Ach, nicht unsterblich?« - -eine Frage, die der Erwachsene nur mitleidig belächelt. Ohne Scheu -nimmt das Kind den Käfer, die Raupe, die Spinne, die Schnecke, -den Regenwurm in die Hand, freut sich an ihren Bewegungen, stellt -allerlei Fragen an sie und läßt sich von seinen Freunden erzählen. -Die geschmacklosen Redensarten, wie: »eklige Raupe« oder »pfui, -die häßliche Spinne!« verdanken gewiß nicht einem Kindermund ihre -Entstehung. - -Unter den Käfern spielt natürlich der »_Sohn des Mai's_« bei unsrer -Jugend eine hervorragende Rolle. Sobald die Birken ihre schwanken -Hängeruten mit zartem Grün übersponnen haben, ziehen die Buben mit -durchlöcherten Pappkästen oder Zigarrenkisten in den Wald, um die -braunen Gesellen von den Bäumen zu schütteln und nach Hause zu bringen. -Habe es auch nicht anders getrieben -- selige Kinderzeit, wo man sich -reich fühlte, wenn man ein paar Dutzend Maikäfer sein eigen nannte! - -Wir spielten mit ihnen nach Herzenslust. Sie mußten seiltänzern, einen -kleinen Wagen oder Schlitten ziehen; auch als Handelsartikel waren sie -hochgeschätzt, besonders die mit rotem Brustschild, die »Franzosen«. -Später freilich, wenn die Käfer matt und langweilig wurden, war es aus -mit der Freundschaft, und wir warfen sie den Hühnern vor. - -In manchen Jahren traten die Maikäfer so massig auf, daß sie auch -uns Kindern zuwider wurden, und wenn wir die Verheerungen sahen, die -sie anrichteten, wie sie die jungbelaubten Eichen ganz kahl fraßen -und unsre Stare mit den Übeltätern nicht mehr fertig werden konnten, -zogen auch wir gegen sie zu Felde, genau so wie im Sommer 1922 die -Schuljugend den Kampf gegen die Nonne geführt hat. - -Andre Käfer erfreuten sich unsrer dauernden Liebe und Teilnahme. Der -goldig-grün glänzende _Rosenkäfer_, wie er mitten in der duftenden -Zentifolie sitzt, von deren zarten Blättchen er speist, war unser -Entzücken; wir hätten ihm ebensowenig ein Leid zufügen können wie -den verschiedenen _Marienkäferchen_ oder Sonnenkälbchen, die uns für -heilige Tiere galten. - -Auch der seltene _Puppenräuber_ war unser Stolz, nicht weniger so -mancher _Bockkäfer_ -- der kraftvolle Weberbock mit den lederartigen -Flügeldecken, der große Eichenbock, der zierliche Zimmerbock mit seinen -riesigen Fühlern -- alle Kameraden beneideten uns um unsern Besitz, -an dem wir uns doch nur ein paar Tage erfreuten. Ich schenkte den -Gefangenen, wenigstens damals, als ich noch keine Käfersammlung besaß, -die Freiheit bald wieder. Die Schädlinge zu töten, das kam mir nicht in -den Sinn. - -Längere Zeit, ja wochenlang hielten wir die Riesen der deutschen -Käferwelt, die _Hirschschröter_, in Gefangenschaft; mit Zuckersaft, den -sie sehr gern lecken, fristeten wir ihr Leben. In das Aquarium, das -mit Teichmolchen besetzt war, brachten wir allerlei _Schwimmkäfer_, -den Gelbrand, den pechschwarzen Wasserkäfer, den kleinen Taumelkäfer. -Wir freuten uns an ihrem lebhaften Treiben, bis wir die raubgierige -Gesellschaft, die uns die Molche und die kleinen Fischchen anfraß, -verbannen mußten. Auch die Wasserläufer, die wie auf Schlittschuhen -über das Gewässer hingleiten, erregten unsre besondere Aufmerksamkeit. - -Das höchste Entzücken haben mir aber die _Leuchtkäfer_ bereitet, die -»Johanniswürmchen«, wie wir sie nannten. Ich war schon mindestens zehn -Jahre alt, als ich das Wunder der fliegenden Funken in einer warmen, -gewitterschwülen Sommernacht zum erstenmal anstaunen durfte. Es steht -mir der Augenblick unvergeßlich im Gedächtnis, wo solch geheimnisvolle, -dem Kinde bisher völlig fremde Wunderwelt mich umgab: leuchtende -Funken, die man in die Hand nehmen konnte, ohne sich zu verbrennen, -ein »Feuerzauber«, der mich völlig in seinen Bann zog. Noch heute sind -mir die Leuchtkäfer, die so still durch das nächtlich-dunkle Gesträuch -ziehen oder wie leuchtende Lämpchen am Boden ruhen, ein geheimnisvolles -Wunder, das mich immer wieder beglückt. - -Mit den Jahren erwachte natürlich der _Sammeltrieb_ in mir; wir Jungen -spornten uns gegenseitig an und wetteiferten miteinander. Die in der -Äthernarkose getöteten und dann sauber aufgespießten und in dem Kasten -systematisch angeordneten Käfer haben mir große Freude bereitet. Ich -darf wohl sagen, vieles habe ich dabei gelernt, in der Hauptsache aber -doch nur dadurch, daß ich mir selber die Sammlung anlegte. Einige -seltenere Prachtstücke, die ich später erwarb oder die mir geschenkt -wurden, sagten mir wenig, wie mir denn allezeit die _lebenden_ Insekten -beredtere Lehrmeister gewesen sind, als ihre toten, in Reih und Glied -aufgestellten Leiber. Und so bin ich denn heute von Käfersammlungen -in der Hand von Kindern kein besonderer Freund; in den meisten Fällen -kommt nicht viel dabei heraus. Der Feuereifer, mit dem die Sache -begonnen wird, flaut oft schon im ersten Jahre ab, und bald steht die -kleine Sammlung unbeachtet in einem Winkel. - -Wo man aber doch einem Jungen, der sich für die Kleintierwelt unsrer -Heimat besonders interessiert, gestattet, sich eine derartige Sammlung -anzulegen, da sollte das Eltern- und Erzieherauge darüber wachen. -Sonst geht es ohne Tierquälerei und Versündigung an der Natur nicht -ab; denn es liegt auf der Hand, daß es auch der jugendliche Sammler -sehr bald hauptsächlich auf Seltenheiten abgesehen hat, die ihm, wenn -er seine eignen Bedürfnisse befriedigt hat, als Austauschobjekte gegen -andre Seltenheiten wertvoll sind. Keinesfalls darf das Sammeln zum -Selbstzweck werden; die _Beobachtung des lebenden Insekts in freier -Natur_ muß immer die Hauptsache bleiben. - -Ein Junge, der sich auf den Totengräber, den Ameisenlöwen, den -Goldschmied stürzt und nur daran denkt, die Tiere in die Ätherflasche -zu stecken, um sie daheim der Sammlung einzuverleiben, der bringt -sich um das beste Teil. Beobachte die Totengräber in ihrer bunten -Livree, die Aaskäfer im dunkeln Trauergewand bei ihrer Arbeit, wie -sie herbeirennen oder herbeifliegen, wenn sie den Leichnam eines -Vogels oder eines kleinen Säugetiers aus der Ferne gewittert haben, -wie sie die Erde unter dem toten Körper wegscharren und ihn gleichsam -begraben, damit die Larven, die später den Eiern der geschäftigen Käfer -entschlüpfen, sogleich Nahrung finden. Beobachte die Laufkäfer, wie sie -einen Wurm, eine Kerbtierlarve überfallen, den Ameisenlöwen, wie er -mit gehobenem Kopf und geöffneter Kieferzange in seinem Sandtrichter -sitzt und auf einen Fang lauert, die Schnell- oder Springkäfer -- -»Schmiede« sagten wir Kinder -- wie sie, lebendige Stehaufchen, so -lustig emporschnellen, um aus der Rückenlage wieder auf alle Sechse -zu kommen, die grünen Sandkäfer, wie sie auf dem öden Ufergelände -stoßweise vor dir auffliegen, oder die scharlachroten Lilienhähnchen, -die durch Aneinanderreiben der Hinterleibsringe gegen die Flügeldecken -eine so seltsam piepende Musik erzeugen, -- und du hast mehr erlebt, -als dir die Sammlung zu geben vermag. - -Die Kinder, die so glücklich sind, sich viel in freier Natur tummeln -zu dürfen, werden mit den Eigentümlichkeiten der genannten und noch -vieler anderer Kerbtiere sehr bald bekannt sein. Der seltsame Ölkäfer, -»Maiwurm« hieß er bei uns, aus dessen Beingelenken ein gelber, öliger -Saft tritt, die »spanische Fliege«, die sich zu Zeiten massenhaft -auf Eschen und andern Bäumen einfindet, die Rüsselkäfer mit ihrem -igelähnlichen Gesicht und dem stahlharten Chitinpanzer, die metallisch -glänzenden Erdflöhe u. v. a.: sie alle sind selbst dem kleinen Kind -gute Freunde. Aber doppelt glücklich die Kleinen, wenn sie sehen, -daß auch die Erwachsenen ihren Lieblingen Teilnahme entgegenbringen! -Wie leicht ist es doch, die jugendlichen Beobachter auf diese oder -jene Eigentümlichkeit ihrer sechsbeinigen Spielkameraden hinzuweisen, -ihnen allerlei Geschichten aus deren Leben zu erzählen und ihnen so -immer mehr Liebe zur Natur und zugleich Achtung vor allen Werken der -Schöpfung einzuflößen. Gerade an dieser Achtung und Ehrfurcht fehlt -es nicht selten! Vielleicht auch ist es mehr Neugier und Spieltrieb, -als Mutwille und Zerstörungssucht, wenn Kinder sich der wehrlosen -Insektenwelt gegenüber allerlei Grausamkeiten zu schulden kommen -lassen; durch ein gutes Wort, einen Hinweis auf das Wunderwerk der -Natur, das sich auch im unscheinbarsten Lebewesen offenbart, kann viel -Unheil verhütet werden, Unheil, das weniger die Schöpfung bedroht, als --- die Kindesseele. - -Auch _Schmetterlinge_ habe ich in großer Anzahl gesammelt, nachdem ich -die Kunst erlernt hatte, sie auf dem Spannbrett zu präparieren, daß sie -dann im Sammelkasten mit ausgebreiteten Flügeln ihre ganze Farbenpracht -zeigten. Damals als Kind sah ich mich auf dem Lande von einem Reichtum, -einer Mannigfaltigkeit an Groß- und Kleinschmetterlingen umgeben, daß -mir die Artenzahl unerschöpflich schien. Heute ist das anders geworden, -namentlich in der Nähe der Großstädte. Eine Verarmung an Faltern ist -eingetreten, die ich tief beklage; denn gerade die leichtbeschwingten, -bunten »Sommervöglein« sind es, die eine Landschaft aufs reizvollste -beleben, wenn sie in großen Scharen über der Wiese ihr anmutiges Spiel -treiben, von einer Blume zur andern gaukeln, sich haschen, ausgelassen -herumwirbeln, hoch in die Lüfte steigen und dann schnell wieder -herabflattern, um sich auf dem Blütenstern niederzulassen, der ihnen -Nahrung verspricht. Farbe, Bewegung, Leben -- ewig schade, daß wir -heute so selten Gelegenheit haben, uns solcher Anmut zu erfreuen! - -Gewiß, auch vor einem halben Jahrhundert waren manche -Großschmetterlinge in meiner Heimat ziemlich selten, und nicht jeden -Tag flog mir ein Segelfalter ins Netz oder ein Schwalbenschwanz, und -wenn es uns gelang, manche größere Schwärmer oder Eulen, Liguster- -oder Wolfsmilchschwärmer oder gar ein rotes Ordensband mit Hilfe -von Apfelschnitten, auf die viele Nachtfalter sehr lüstern sind, zu -erbeuten, so waren wir glücklich. - -Aber heute fehlen vielerorts auch solche Falter, die früher zu den -gewöhnlichsten Erscheinungen gehörten. Den Schmetterlingsraupen -mangelt es hier an den zur Entwicklung nötigen Nahrungspflanzen. -Wir sagten es schon: man nützt jedes Winkelchen aus und duldet kein -Unkraut; das Saatgetreide ist viel reiner geworden, und gewiß ist auch -die künstliche Düngung dem Entwicklungsgang mancher Falter höchst -nachteilig. - -Mich verdrießt es, wenn ich Jungen mit Schmetterlingsnetzen durch -die Wiesen rennen sehe: Raubzüge gegen die Natur, aus denen nichts -Ersprießliches entspringt -- in den meisten Fällen wenigstens. Nicht -übertriebene Empfindsamkeit ist es, die mich dies absprechende Urteil -fällen läßt; die Natur ist auch grausam, und dem Schmetterling wird's -gleich sein, ob er im Rachen einer Eidechse endigt, im Schnabel einer -nächtlichen Eule oder in der Äthernarkose des Sammlers. Es sind auch -kaum pädagogische Gründe -- wie verhärtet müßte mein Herz Pflanzen und -Tieren gegenüber geworden sein, wenn Schmetterlings- und Käfersammeln, -wenn Pflanzenpressen das Gemüt verrohen müßten -- nein, Schutz der -Natur ist es, wozu ich nicht eindringlich genug mahnen kann. - -Die Zeiten haben sich eben geändert, wollte auch nur ein kleiner -Bruchteil unsrer Schuljungen sich eine Schmetterlingssammlung anlegen, -so wäre es bald vorbei mit den bunten Faltern, und nur noch Weißlinge -würden in unsern Gärten flattern. Auch die Schulen sollten Maß halten -im Sammeln von Seltenheiten; einige häufiger vorkommende Vertreter der -einzelnen Gattungen und Familien genügen vollkommen. Eine Schulsammlung -soll kein Museum sein. - -Die Falter im Sammelkasten zeigen wohl ihr buntes Farbenkleid, aber -ihr Leben und Treiben kannst du doch erst in freier Natur kennen -lernen, ja selbst die Bedeutung der Farben und ihre verschiedene -Verteilung auf Vorder- und Hinterflügel bei Tag- und Nachtfaltern wirst -du erst begreifen, wenn du die leichtbeschwingten Geschöpfe in ihrer -natürlichen Umgebung beobachtest, wie sie ihre bunte Herrlichkeit -uns zeigen und dann plötzlich dank ihrer Schutzfärbung unserm Auge -entschwinden. - -Viel wertvoller als Schmetterlinge zu sammeln erscheint es mir, wenn -unsre Jugend sich mit der Aufzucht von Raupen beschäftigt und dann die -Falter, die den Puppen entschlüpfen, freiläßt. Die Knaben und Mädchen -lernen dabei gar manches und haben dann draußen im Freien, wenn sie -einen Schmetterling sehen, noch die besondere Freude, möglicherweise -einem guten Bekannten, der ihrer Zucht entstammt, begegnet zu sein. - -Viele Feinde unter den Menschen haben die _Spinnen_; selbst der -weitverbreitete Glaube, daß Spinnen Glück bringen, hilft ihnen nur -wenig. Auch diese interessanten Tiere zu beobachten, findet sich oft -für Kinder Gelegenheit, die auch von dem Erzieher wahrgenommen werden -sollte: die Kreuzspinne, wie sie ihr kunstvolles Netz baut, an dessen -Fäden sie eiligst dahinrennt, ohne sich zu verstricken, wie sie aus -ihrem Versteck hervorschießt, die Fliege packt, die ins Netz geraten -ist, und sie umspinnt, oder der seltsame Weberknecht, der »Kanker«, -wie er tagsüber in einem staubigen Winkel sitzt und gegen Abend seine -acht lächerlich langen Beine in Bewegung setzt, um auf die Jagd nach -winzigen Insekten und Spinnen zu gehen, oder die Wasserspinne, die -sich gut im Aquarium beobachten läßt; an den Wasserpflanzen spinnt -sie sich einen Wohnraum, einer Taucherglocke vergleichbar, von wo sie -hervorschießt, sobald ein kleines Wasserinsekt in die Nähe kommt. -Überhaupt das Aquarium -- in Schule und Haus gibt's kaum ein besseres -Anschauungs- und Erziehungsmittel! Tag für Tag ein unversiegbarer Born -der Belehrung. - -Daneben natürlich die Beobachtung in freier Natur, die niemals fehlen -darf. Durch den Garten, der zu meinem Elternhaus gehörte, floß ein -klares Bächlein. Nur wer selbst an solch einem Gewässer aufgewachsen -ist, vermag zu beurteilen, was das für ein empfängliches Kinderherz -bedeutet. Die hübsch gepunkteten Forellen wurden belauscht, wie sie -unbeweglich im Wasser »stehen« und dann blitzschnell davonschießen; -den Krebsen stellten wir nach, die in den Uferlöchern ihre Wohnung -hatten, gleich neben der Wasserratte; die seltsamen »Hülsenwürmer«, -die ihren weichen Hinterleib in einem Köcher bergen, den sie -aus Pflanzenstengeln, Schneckenhäuschen, Steinchen gar zierlich -zusammenfügen, erregten unser Interesse, wie die »Rattenschwanzlarven« -der Schlammfliegen und die Larven und Puppen der Stechmücken, die zu -Tausenden in einer Pfütze neben dem Bach ihrer weiteren Entwicklung -entgegensahen. Rückenschwimmer und Wasserläufer, Larven der blauen -Libellen und Eintagsfliegen, Schlammschnecken mit ihrem spindelförmigen -Haus und Tellerschnecken -- »Posthörnchen« nannten wir sie -- es ist -nicht möglich, all meine Jugendfreunde hier aufzuzählen. - -Viel Freude hatte ich als Kind an _Schneckenhäusern_. Eine kleine, -nette Sammlung, die ich mir damals anlegte. Die niedlichen Gebilde sind -oftmals so hübsch gezeichnet, und so mannigfaltig ist die Färbung auch -bei derselben Art, daß man immer wieder Neues entdeckt. Ich möchte die -Schneckenhäuser der sammellustigen Jugend aufs wärmste empfehlen; denn -ohne Sammeln, das weiß ich, geht's nun 'mal nicht ab. Beschränkt man -sich auf leere Schneckenhäuser, so tut solch Sammeln niemand weh. - -Auch Muscheln bereicherten meinen Besitz, besonders als mir eine -befreundete Familie hunderte solch zierlicher Gebilde, wie sie am -Strande herumliegen, von ihrem Seeaufenthalt mitgebracht hatte. Zu -meiner besonderen Freude fehlten auch prachtvolle tropische Formen -nicht; denn überall in den deutschen Seebädern werden auch solche -verkauft. Mein Jungenherz schwelgte in dem ungeahnten Reichtum an -Formen und Farben. - -Nur ein klein wenig Verständnis, ein klein wenig Teilnahme seitens der -Eltern solchen und ähnlichen Liebhabereien und Neigungen der Kinder -gegenüber! Der Sinn für die Natur empfängt gerade durch den schon in -jungen Jahren gepflegten Verkehr mit unsrer heimatlichen Kleintierwelt -die stärkste Anregung und damit unsre Naturschutzbewegung -- es ist -dies meine vollste Überzeugung -- die wirksamste Förderung. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die - Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. - - Korrekturen: - - S. 55: Dippoldiswaldaer → Dippoldiswalder - Wolfssäule in der {Dippoldiswalder} Heide - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of »Meine Brüder im stillen Busch, -n Luft und Wasser«, by Martin Braeß - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK »MEINE BRÜDER IM STILLEN *** - -***** This file should be named 62311-0.txt or 62311-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/2/3/1/62311/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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