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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #61998 (https://www.gutenberg.org/ebooks/61998)
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-The Project Gutenberg EBook of Als ich noch der Waldbauernbub war. Band 1, by
-Peter Rosegger
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Als ich noch der Waldbauernbub war. Band 1
- Für die Jugend ausgewählt aus den Schriften Roseggers vom
- Hamburger Jugendschriftenausschuß.
-
-Author: Peter Rosegger
-
-Annotator: W. Lottig
-
-Release Date: May 2, 2020 [EBook #61998]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WALDBAUERNBUB WAR ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at https://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter
- Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original fetter Text ist =so
- dargestellt=.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
- Als ich noch der
- Waldbauernbub war.
-
- Von =Peter Rosegger=.
-
- Für die Jugend ausgewählt
- aus den Schriften Roseggers
- vom Hamburger Jugendschriftenausschuß.
-
- Einundsechzigstes bis siebzigstes Tausend.
-
- [Illustration]
-
- Leipzig,
-
- Verlag von L. Staackmann.
-
- 1905.
-
-
-
-
-Außerdem erschien noch:
-
-
-Als ich noch der Waldbauernbub war
-
-II. Teil u. III. Teil.
-
-Von
-
-Peter Rosegger.
-
-Für die Jugend ausgewählt vom Hamburger Jugendschriftenausschuß.
-
-Elegant kartoniert 70 Pf. Elegant und dauerhaft gebunden 90 Pf.
-
-Inhalt des II. Teiles:
-
- In der Christnacht. -- Was bei den Sternen war. -- Auf der
- Wacht. -- Wie ich mit der Thresel ausging und mit dem
- Maischel heimkam. -- Als ich das Ofenhückerl war. -- Als
- ich um Hasenöl geschickt wurde. -- Als ich mir die Welt
- am Himmel baute. -- Von meiner Mutter.
-
-
-Inhalt des III. Teiles:
-
- Als ich Christtagsfreude holen ging. -- Das Schläfchen auf
- dem Semmering. -- Als ich nach Emaus zog. -- Am Tage,
- da die Ahne fort war. -- Der Fronleichnamsaltar. -- Weg
- nach Maria Zell. -- Als ich der Müller war. -- Als ich
- den Himmlischen Altäre gebaut. -- Als ich im Walde beim
- Käthele war. -- Als die hellen Nächte waren. -- Aus der
- Eisenhämmerzeit. -- Als ich zum Pfluge kam.
-
-
- _Alle Rechte vorbehalten._
-
-
-
-
-Vorwort.
-
-
-Ihr lieben jungen Leser alle!
-
-Es ist für mich wie ein Fest, daß ich Euch, die Ihr sicher in recht
-stattlicher Zahl Euch um das Waldbauernbüblein scharen werdet, ein
-wenig auf diese Bekanntschaft vorbereiten darf. Verständige Knaben und
-sinnige Mädchen wie Ihr werden vor einem ernsthaften Wort gewiß nicht
-davonlaufen, nicht wahr?!
-
-Mein Erstes sei, Euch -- soweit Ihr's schon verstehen könnt --
-auseinanderzusetzen, wie und in welcher Absicht dies Büchlein zustande
-gekommen ist; wollen Eure Eltern sich auch ein wenig heransetzen und
-mit zuhören, so ist mir's um so lieber.
-
-Seht! seit Jahren hält der Hamburger Jugendschriften-Ausschuß im
-Einverständnis mit den übrigen deutschen Prüfungsausschüssen und mit
-vielen andern Männern und Frauen, die es mit der deutschen Jugend gut
-meinen, Umschau unter den Schätzen, die unsre Dichter ihrem Volke
-geschenkt haben, ob nicht Kleinode darunter seien, deren Schönheit
-auch Eurem Auge schon offen liege. Wir haben gar kostbare Stücke
-der Art gefunden, ja, manch Eines sieht aus, als sei es eigens für
-Kindeshand und Kindesherz erschaffen. Da halten wir es nun nicht nur
-für eine unserer schönsten Aufgaben, Euch solche Werke möglichst
-bequem zugänglich zu machen, sondern wir sehen darin auch geradezu eine
-unabweisbare Pflicht! und ich will den Versuch wagen, Euch wenigstens
-ahnen zu lassen, um welch große Sache es sich dabei handelt. -- Ein
-Bild muß mir helfen:
-
-Siehst Du dort den kühnen Reiter?! -- -- Ob er seine edle Kunst wohl
-einst auf hölzernem Kinderpferdchen erlernt hat?! -- -- Du lachst mir
-hell ins Gesicht! -- Auf ein Roß von Fleisch und Bein hat ihn sein
-Vater gesetzt! nicht sogleich auf ein wildes, ungebärdiges! -- behüte!
-es that's doch sein Vater! -- Aber lebendig war's! und der Knirps hat
-gejauchzt in hellem Vergnügen! -- -- Aber schon der _Knabe_ merkte
-bald, daß das Reiten eine gar ernsthafte Lust sei, die mit ernster,
-fleißiger Übung erkauft sein wollte; dafür blitzte es aber auch heute
-dem _Manne_, der eben auf seinem mutigen Rappen an uns vorüberflog,
-mit so eigener Freude aus den Augen, daß wir selbst unser Herz höher
-schlagen fühlten. Was meinst Du? _der_ würde sich doch wohl um keinen
-Preis auf einen elenden Droschkengaul setzen?!! --
-
-Nun gieb acht, mein lieber aufmerksamer Zuhörer, daß Du mich verstehst!
--- Wohlerfahrene Männer führen Klage, daß große Kreise unseres Volkes
-die Lust an seinen Dichtern verlernt haben, daß unabsehbar Viele an
-elendem Zeug, das sie für schön halten, sich hoch ergötzen, und daß
-sie an dem wahrhaft Schönen achtlos vorüberstreichen, weil sie's nicht
-erkennen. Da möchten wir nun nach Kräften helfen, daß unsere Jugend,
-zu der auch Ihr gehört, die Ihr mich so helläugig anblickt, dereinst
-nicht solchem Irrtum verfalle. Wir meinen, daß auch die rechte Freude
-am Kunstwerk eine »ernsthafte Lust« sei, die erlernt sein will,
-und darum möchten wir es jenem Manne nachthun, der sein Söhnlein
-frühzeitig vom steifen Holzgaul auf's edle Roß hob: Wir wollen Euch
-dem Einfluß der für Euch zurecht gezimmerten Jugendschriften entrücken
-und Euch vor echte Kunstwerke stellen und Euch aufgeben: Genießet sie
-mit ernsthafter Freude! -- Wir wissen zuversichtlich, daß dann auch
-Euch einst das Auge leuchten wird, wie jenem Reiter! daß auch Ihr Euch
-vom Gemeinen abkehren werdet, weil Ihr gelernt habt das Schöne zu
-schätzen! --
-
-Aus solcher Absicht ist Euch im vorigen Jahre Storm's »Pole
-Poppenspäler« neu geschenkt worden; aus solcher Absicht folgt als
-diesjährige Weihnachtsgabe das »Waldbauernbüblein«. Der Dichter und
-sein Verleger -- das ist jener Mann, der eines Schriftstellers Werk
-als Buch herrichten läßt und dieses in die Welt hinaus sendet -- sind
-in der Absicht, recht vielen Kindern Freude zu machen, auf unsere
-Bitte eingegangen; ja, sie haben uns in schönem Vertrauen die Auswahl
-freigestellt, und so haben wir denn ausgewählt nach unsrer und zu Eurer
-Herzenslust. Wir waren dabei keinen Augenblick im Zweifel, daß von den
-vielen Geschichten Roseggers, an denen Ihr rechtes Genießen erlernen
-könntet, in allererster Reihe solche vor Euer Ohr gehören, in denen der
-Dichter aus seiner eignen Kindheit, aus seiner geliebten Waldheimat
-erzählt.
-
-Nun wißt Ihr, wie und in welcher Absicht das Büchlein, das Ihr in
-der Hand haltet, zustande gekommen ist, und ich könnte nun von Euch
-Abschied nehmen, müßte ich nicht fürchten, daß Euch die Aufgabe, die
-ich Euch gestellt, in Verlegenheit setzt. Oder habt Ihr's etwa garnicht
-gemerkt! -- _Genieße diese kleinen Kunstwerke mit ernsthafter Freude!_
-so heißt Deine Aufgabe. -- O, hab keine Angst: das Reiten zu erlernen
-ist viel, viel schwerer! -- Willst Du meinen Rat befolgen? Hier ist er:
-
-Lies die kleinen Geschichten nicht, wie Du sicherlich schon manches
-Indianerbuch durchgelesen hast: Du weißt wohl, in einer Angst und Hast
-hin zum Ende! und dann womöglich gleich noch ein zweites! und ein
-drittes! -- Nein, nur das nicht! Lies sie hübsch verständig und sinnig,
-als ob Du sie Dir selbst erzähltest. Bist Du noch im Zweifel, so bitte
-Deine Eltern oder Deinen Lehrer oder Dein Schulfräulein, daß Eins von
-ihnen Dir die eine oder andere vorlese; dann wirst Du merken, wie Du
-selbst Dir die übrigen vorlesen mußt.
-
-Vielleicht wird es Dir nun so ergehen, daß Du, wenn Du mit der letzten
-Geschichte zuende bist, wieder die erste aufschlägst und gewahr wirst,
-wie Dir jede nun noch viel besser gefällt. Wenn es so kommt, dann hat
-Dich Deine Aufgabe schon erfaßt. Halb unwillkürlich wirst Du Dich jetzt
-hinein sinnen in das Leben und in die Gedanken und in das Empfinden
-des Waldbauernbuben; ja, zuweilen wird Dir gar sein, als wärest Du
-selbst der kleine Peter Rosegger. _Das_, mein braver Junge! mein liebes
-Mädchen! das ist der rechte Augenblick! jetzt öffne Deine Augen! --
-Wenn Du jetzt die Welt des Waldbauernbuben -- in diesem Augenblick
-_Deine_ Welt! -- immer klarer und greifbarer sich vor Dir ausbreiten
-siehst: das Haus, den Wald, die Berge, die Thalweide ...; wenn Du jetzt
-die Menschen in dieser Welt -- in diesem Augenblick _Deine_ Lieben,
-_Deine_ Bekannten! -- leibhaftig um Dich wandeln siehst: den Vater,
-die Mutter, die Geschwister, den Vetter Jok, den Meisensepp, die
-Drachenbinderin und ihren Knecht ...; wenn Dir jetzt _Dein_ Herz zuckt,
-als hörtest Du _Deinen_ Vater aufschluchzen um _Dich_, als lägest _Du
-selbst_ in bittrer Reue neben dem schlummernden Hiasel unter dem Kreuz,
-dann, mein lieber kleiner Leser! dann hat sich Deine Aufgabe erfüllt,
-und Du hast davon keine Mühe, sondern nur edle Freude gehabt! Dann
-wirst Du den _kleinen_ Peter ins Herz geschlossen haben, wie ich den
-_großen_, und ihm aus dankbarer Seele den Gruß senden, den ich jetzt
-Dir und ihm zurufe, den treuen Gruß, den er so gern hört:
-
- »Grüß Gott!«
-
- _Hamburg_, im Oktober 1899.
-
- Im Auftrage des Hamburger
- Prüfungsausschusses für Jugendschriften.
-
- =W. Lottig.=
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- Seite
-
- 1. Vom Urgroßvater, der auf der Tanne saß 1
-
- 2. Ums Vaterwort 14
-
- 3. Allerlei Spielzeug 22
-
- 4. Wie der Meisensepp gestorben ist 32
-
- 5. Wie ich dem lieben Herrgott mein Sonntagsjöppl schenkte 43
-
- 6. Wie das Zicklein starb 50
-
- 7. Dreihundert vierundsechzig und eine Nacht 59
-
- 8. Als ich Bettelbub gewesen 66
-
- 9. Als ich zur Drachenbinderin ritt 76
-
- 10. Als dem kleinen Maxel das Haus niederbrannte 91
-
- 11. Als ich das erste Mal auf dem Dampfwagen saß 98
-
- 12. Als ich -- 107
-
-
- Nr. 1. 4. 5. 8. 10. sind dem Buche »Waldferien«
- Nr. 2. 3. 6. 7. 9. 11. 12. sind dem »Deutschen Geschichtenbuche«
- entnommen.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Vom Urgroßvater, der auf der Tanne saß.
-
-
-An die Felder meines Vaters grenzte der Ebenwald, der sich über Höhen
-weithin gegen Mitternacht erstreckte und dort mit den Hochwaldungen des
-Heugrabens und des Teufelssteins zusammenhing. Zu meiner Kindeszeit
-ragte über die Fichten- und Föhrenwipfel dieses Waldes das Gerippe
-einer Tanne empor, auf welcher der Sage nach vor mehreren hundert
-Jahren, als der Türke im Lande war, der Halbmond geprangt haben und
-unter welcher viel Christenblut geflossen sein soll.
-
-Mich überkam immer ein Schauern, wenn ich von den Feldern und
-Weiden aus dieses Tannengerippe sah; es ragte so hoch über den Wald
-und streckte seine langen, kahlen, wildverworrenen Äste so wüst
-gespensterhaft aus, daß es ein unheimlicher Anblick war. Nur an einem
-einzigen Aste wucherten noch einige dunkelgrüne Nadelballen, und
-über diese ragte ein scharfkantiger Strunk, auf dem einst der Wipfel
-gesessen. Den Wipfel mußte der Sturm oder ein Blitzstrahl geknickt
-haben -- die ältesten Leute der Gegend erinnerten sich nicht, ihn auf
-dem Baume gesehen zu haben.
-
-Von der Ferne, wenn ich auf dem Stoppelfelde die Rinder oder die
-Schafe weidete, sah ich die Tanne gern an; sie stand in der Sonne
-rötlich beleuchtet über dem frischgrünen Waldessaume und war so klar
-und rein in die Bläue des Himmels hineingezeichnet. Dagegen stand sie
-an bewölkten Tagen, oder wenn ein Gewitter heranzog, starr und dunkel
-da; und wenn im Walde weit und breit alle Äste fächelten und sich die
-Wipfel tief neigten im Sturme, so stand sie still, fast ohne alle
-Regung und Bewegung.
-
-Wenn sich aber ein Rind in den Wald verlief und ich, es zu suchen,
-an der Tanne vorüber mußte, so schlich ich gar angstvoll dahin
-und gedachte an den Halbmond, an das Christenblut und an andere
-entsetzliche Geschichten, die man von diesem Baume erzählte. Ich
-wunderte mich aber auch über die Riesigkeit des Stammes, der auf der
-einen Seite kahl und von vielen Spalten durchfurcht, auf der anderen
-aber mit rauhen, zersprungenen Rinden bedeckt war. Der unterste Teil
-des Stammes war so dick, daß ihn zwei Männer nicht hätten zu umspannen
-vermocht. Die ungeheuren Wurzeln, welche zum Teil kahl dalagen, waren
-ebenso ineinander verschlungen und verknöchert wie das Geäste oben.
-
-Man nannte den Baum die Türkentanne oder auch die graue Tanne. Von
-einem starrsinnigen oder übermütigen Menschen sagte man in der Gegend:
-»Der thut, wie wenn er die Türkentanne als Hutsträußl hätt'!« Und
-heute, da der Baum schon längst zusammengebrochen und vermodert ist,
-sagt man immer noch das Sprüchlein.
-
-In der Kornernte, wenn die Leute meines Vaters, und er voran,
-der Reihe nach am wogenden Getreide standen und die »Wellen«
-(Garben) herausschnitten, mußte ich auf bestimmte Plätze die Garben
-zusammentragen, wo sie dann zu je zehn in »Deckeln« zum Trocknen
-aufgeschöbert wurden. Mir war das nach dem steten Viehhüten ein
-angenehmes Geschäft, umsomehr, als mir der Altknecht oft zurief: »Trag'
-nur, Bub', und sei fleißig; die Garbentrager werden reich!« Ich war
-sehr behend und lief mit den Garben aus allen Kräften; aber da sagte
-wieder mein Vater: »Bub', Du laufst ja wie närrisch! Du trittst Halme
-in den Boden und Du beutelst die Körner aus. Laß Dir Zeit!«
-
-Als es aber gegen Abend und in die Dämmerung hineinging und als sich
-die Leute immer weiter und weiter in das Feld hineingeschnitten
-hatten, so daß ich mit meinen Garben weit zurückblieb, begann ich
-unruhig zu werden. Besonders kam es mir vor, als fingen sich die Äste
-der Türkentanne dort, die in unsicheren Umrissen in den Abendhimmel
-hineinstand, zu regen an. Ich redete mir zwar ein, es sei nicht so, und
-wollte nicht hinsehen -- konnte es aber doch nicht ganz lassen.
-
-Endlich, als die Finsternis für das Kornschneiden zu groß wurde,
-wischten die Leute mit taunassem Grase ihre Sicheln ab und kamen zu
-mir herüber und halfen mir unter lustigem Sang und Scherz die Garben
-zusammentragen. Als wir damit fertig waren, gingen die Knechte und
-Mägde davon, um in Haus und Hof noch die abendlichen Verrichtungen
-zu thun; ich und mein Vater aber blieben zurück auf dem Kornfelde.
-Wir schöberten die Garben auf, wobei der Vater diese halmaufwärts
-aneinanderlehnte und ich sie zusammenhalten mußte, bis er aus einer
-letzten Garbe den Deckel bog und ihn auf den Schober stülpte.
-
-Dieses Schöbern war mir in meiner Kindheit die liebste Arbeit; ich
-betrachtete dabei die »Romstraße« am Himmel, die hinschießenden
-Sternschnuppen und die Johanniswürmchen, die wie Funken um uns
-herumtanzten, daß ich meinte, die Garben müßten zu brennen anfangen.
-Dann horchte ich wieder auf das Zirpen der Grillen, und ich fühlte den
-milden Tau, der gleich nach Sonnenuntergang die Halme und Gräser und
-gar auch ein wenig mein Jöpplein befeuchtete. Ich sprach über all das
-mit meinem Vater, der mir in seiner ruhigen, gemütlichen Weise Auskunft
-gab und über alles seine Meinung sagte, wozu er jedoch oft bemerkte,
-daß ich mich darauf nicht verlassen solle, weil er es nicht gewiß wisse.
-
-So kurz und ernst mein Vater des Tages in der Arbeit gegen mich war,
-so heiter, liebevoll und gemütlich war er in solchen Abendstunden.
-Vor allem half er mir immer meine kleine Jacke anziehen und wand mir
-seine Schürze, die er in der Feldarbeit gern trug, um den Hals, daß
-mir nicht kalt werde. Wenn ich ihn mahnte, daß auch er sich den Rock
-zuknöpfen möge, sagte er stets: »Kind, mir ist warm genug«. Ich hatte
-es oft bemerkt, wie er nach dem langen, schwierigen Tagewerk erschöpft
-war, wie er sich dann für Augenblicke auf eine Garbe niederließ und
-die Stirne trocknete. Er war durch eine langwierige Krankheit ein arg
-mitgenommener Mann; er wollte aber nie etwas davon merken lassen. Er
-dachte nicht an sich, er dachte an unsere Mutter, an uns Kinder und an
-den durch mannigfaltige Unglücksfälle herabgekommenen Bauernhof, den er
-uns retten wollte.
-
-Wir sprachen beim Schöbern oft von unserem Hofe, wie er zu meines
-Großvaters Zeiten gar reich und angesehen gewesen, und wie er wieder
-reich und angesehen werden könne, wenn wir Kinder, einst erwachsen,
-eifrig und fleißig in der Arbeit sein würden, und wenn wir Glück hätten.
-
-In solchen Stunden beim Kornschöbern, das oft spät in die Nacht hinein
-währte, sprach mein Vater mit mir auch gern von dem lieben Gott.
-Er war vollständig ungeschult und kannte keine Buchstaben; so mußte
-denn ich ihm stets erzählen, was ich da und dort von dem lieben Gott
-schon gehört und gelesen hatte. Besonders wußte ich aus Predigten dem
-Vater manches zu erzählen von der Geburt des Herrn Jesus, wie er in
-der Krippe eines Stalles lag, wie ihn die Hirten besuchten und mit
-Lämmern, Böcken und anderen Dingen beschenkten, wie er dann groß wurde
-und Wunder wirkte und wie ihn endlich die Juden peinigten und ans
-Kreuz schlugen. Gern erzählte ich auch von der Schöpfung der Welt, von
-den Patriarchen und Propheten und von den Zeiten des Heidentums. Dann
-sprach ich auch aus, was ich vernommen von dem jüngsten Tage, von dem
-Weltgerichte und von den ewigen Freuden, die der liebe Gott für alle
-armen, kummervollen Menschen in seinem Himmel bereitet hat.
-
-Ich erzählte das alles in unserer Redeweise, daß es der Vater verstand,
-und er war dadurch oft sehr ergriffen.
-
-Ein anderesmal erzählte wieder mein Vater. Er wußte wunderbare Dinge
-aus den Zeiten der Ureltern, wie diese gelebt, was sie erfahren und was
-sich in diesen Gegenden einst für Sachen zugetragen, die sich in den
-heutigen Tagen nicht mehr ereignen.
-
-»Hast Du noch nie darüber nachgedacht,« sagte mein Vater einmal, »warum
-die Sterne am Himmel stehen?«
-
-»Ich habe noch gar nie darüber nachgedacht,« antwortete ich.
-
-»Wir denken nicht daran,« sprach mein Vater weiter, »weil wir das schon
-so gewöhnt sind.«
-
-»Es wird wohl endlich eine Zeit kommen, Vater,« sagte ich einmal, »in
-welcher kein Stern mehr am Himmel steht; in jeder Nacht fallen so viele
-herab.«
-
-»Die da herabfallen, mein Kind,« versetzte der Vater, »das sind keine
-rechten Sterne, wie sie unser Herrgott zum Leuchten erschaffen hat; --
-das sind Menschensterne. Stirbt auf der Erde ein Mensch, so lischt am
-Himmel ein Stern aus. Wir nennen das Sternschnuppen; -- siehst Du, dort
-hinter der grauen Tanne ist just wieder eine niedergegangen.«
-
-Ich schwieg nach diesen Worten eine Weile, endlich aber fragte ich:
-»Warum heißen sie jenen wilden Baum dort die graue Tanne, Vater?«
-
-Mein Vater bog eben einen Deckel ab, und als er diesen aufgestülpt
-hatte, sagte er: »Du weißt, daß man ihn auch die Türkentanne nennt.
-Die graue Tanne heißen sie ihn, weil sein Geäste und sein Moos grau
-ist, und weil auf diesem Baume Dein Urgroßvater die ersten grauen Haare
-bekommen hat. -- Wir haben hier noch sechs Schöber aufzusetzen, und ich
-will Dir dieweilen eine Geschichte erzählen, die sehr merkwürdig ist.«
-
-»Es ist schon länger als achtzig Jahre,« begann mein Vater, »seitdem
-Dein Urgroßvater meine Großmutter geheiratet hat. Er war sehr reich
-und schön, und er hätte die Tochter des angesehensten Bauers zum Weib
-bekommen. Er nahm aber ein armes Mädchen aus der Waldhütten herab,
-das gar gut und sittsam gewesen ist. Von heute in zwei Tagen ist
-der Vorabend des Festes Mariä Himmelfahrt; das ist der Jahrestag,
-an welchem Dein Urgroßvater zur Werbung in die Waldhütten ging. Es
-mag wohl auch im Kornschneiden gewesen sein; er machte frühzeitig
-Feierabend, weil durch den Ebenwald hinein und bis zur Waldhütten
-hinauf ein weiter Weg ist. Er brachte viel Bewegung mit in die kleine
-Wohnung. Der alte Waldhütter, der für die Köhler und Holzleute die
-Schuhe flickte, ihnen zu Zeiten die Sägen und die Beile schärfte und
-nebenbei Fangschlingen für Raubtiere machte -- weil es zur selben
-Zeit in der Gegend noch viele Wölfe gab -- der Waldhütter nun ließ
-seine Arbeit aus der Hand fallen und sagte zu Deinem Urgroßvater: Aber
-Josef, das kann doch nicht Dein Ernst sein, daß Du mein Lenerl zum Weib
-haben willst, das wär' ja gar aus der Weis'! Dein Urgroßvater sagte:
-Ja deswegen bin ich heraufgegangen den weiten Weg, und wenn mich das
-Lenerl mag und es ist ihr und Euer redlicher Willen, daß wir zusammen
-in den heiligen Ehestand treten, so machen wir's heut' richtig, und
-wir gehen morgen zum Richter und zum Pfarrer, und ich laß dem Lenerl
-mein Haus und Hof verschreiben, wie's Recht und Brauch ist. -- Und das
-Mädchen hatte Deinen Urgroßvater lieb, und es sagte, es wolle seine
-Hausfrau werden. Dann verzehrten sie zusammen ein kleines Mahl, und
-endlich, als es schon zu dunkeln begann, brach der Bräutigam auf zum
-Heimweg.
-
-Er ging über die kleine Wiese, die vor der Waldhütten lag, auf der aber
-jetzt schon die großen Bäume stehen, und er ging über das Geschläge und
-abwärts durch den Wald, und er war gar freudigen Gemütes. Er achtete
-nicht darauf, daß es bereits finster geworden war, und er achtete nicht
-auf das Wetterleuchten, das zur Abendzeit nach einem schwülen Sommertag
-nichts Ungewöhnliches ist. Auf Eines aber wurde er aufmerksam, er hörte
-von den gegenüberliegenden Waldungen ein heulendes Gebelle. Er dachte
-an Wölfe, die nicht selten in größeren Rudeln die Wälder durchzogen;
-er faßte seinen Knotenstock fester und nahm einen schnelleren Schritt.
-Dann hörte er wieder nichts, als zeitweilig das Kreischen eines
-Nachtvogels, und sah nichts, als die dunklen Stämme, zwischen welche
-der Fußsteig führte und durch welche von Zeit zu Zeit das Leuchten
-kam. Plötzlich vernahm er wieder das Heulen, aber nun viel näher als
-das erste Mal. Er fing zu laufen an. Er lief was er konnte; er hörte
-keinen Vogel mehr, er hörte nur immer das entsetzliche Heulen, das
-ihm auf dem Fuße folgte. Als er sich hierauf einmal umsah, bemerkte
-er hinter sich durch das Geäst funkelnde Lichter. Schon hört er das
-Schnaufen und Lechzen der Raubtiere, die ihn verfolgen, schon denkt er
-bei sich: 's mag sein, daß morgen kein Versprechen ist beim Pfarrer! --
-da kommt er heraus zur Türkentanne. Kein anderes Entkommen mehr möglich
--- rasch faßt er den Gedanken und durch einen kühnen Sprung schwingt er
-sich auf den untersten Ast des Baumes. Die Bestien sind schon da; einen
-Augenblick stehen sie bewegungslos und lauern; sie gewahren ihn auf dem
-Baum, sie schnaufen, und mehrere setzen die Pfoten an die rauhe Rinde
-des Stammes. Dein Urgroßvater klettert weiter hinauf und setzt sich auf
-einen dicken Ast. Nun ist er wohl sicher. Unten heulen sie und scharren
-an der Rinde; -- es sind ihrer viele, ein ganzes Rudel. Zur Sommerszeit
-war es doch selten geschehen, daß Wölfe einen Menschen anfielen; sie
-mußten gereizt oder von irgend einer andern Beute verjagt worden sein.
-Dein Urgroßvater saß lange auf dem Ast; er hoffte, die Tiere würden
-davonziehen und sich zerstreuen. Aber sie umringten die Tanne und
-schnürfelten und heulten. Es war längst schon finstere Nacht; gegen
-Mittag und Morgen hin leuchteten alle Sterne, gegen Abend hin aber war
-es grau, und durch dieses Grau schossen dann und wann Blitzscheine.
-Sonst war es still, und es regte sich im Walde kein Ästchen.
-
-Dein Urgroßvater wußte nun wohl, daß er die ganze Nacht in dieser Lage
-würde zubringen müssen; er besann sich aber doch, ob er nicht Lärm
-machen und um Hilfe rufen sollte. Er that es, aber die Bestien ließen
-sich nicht verscheuchen; kein Mensch war in der Nähe, das Haus zu weit
-entfernt.
-
-Damals hatte die Türkentanne unter dem abgerissenen Wipfelstrunk, wo
-heute die wenigen Reiserbüschel wachsen, noch eine dichte, vollständige
-Krone aus grünenden Nadeln. Da denkt sich Dein Urgroßvater: Wenn ich
-denn schon einmal hier Nachtherberge nehmen soll, so klimme ich noch
-weiter hinauf unter die Krone. Und er that's und ließ sich oben in
-einer Zweigung nieder, da konnte er sich recht gut an die Äste lehnen.
-
-Unten ist's nach und nach ruhiger, aber das Wetterleuchten wird
-stärker, und an der Abendseite ist dann und wann ein fernes Donnern zu
-vernehmen. -- Wenn ich einen tüchtigen Ast bräche und hinabstiege und
-einen wilden Lärm machte und gewaltig um mich schlüge, man meint', ich
-müßt' den Rabenäsern entkommen! so denkt Dein Urgroßvater -- thut's
-aber nicht; er weiß zu viele Geschichten, wie Wölfe trotz alledem
-Menschen zerrissen haben.
-
-Das Donnern kommt näher, alle Sterne sind verloschen -- 's ist finster
-wie in einem Ofen: nur unten am Fuße des Baumes funkeln die Augensterne
-der Raubtiere. Wenn es blitzt, steht wieder der ganze Wald da. Nun
-beginnt es gar zu sieden und zu kochen im Gewölke wie in tausend
-brauenden Kesseln. Kommt ein fürchterliches Gewitter, denkt sich
-Dein Urgroßvater und verbirgt sich unter die Krone, so gut er kann.
-Der Hut ist ihm hinabgefallen, und er hört es, wie die Bestien den
-Filz zerfetzen. Jetzt zuckt ein Strahl über den Himmel, es ist einen
-Augenblick hell, wie zur Mittagsstunde -- dann bricht in den Wolken ein
-Schnalzen und Krachen und Knallen los, und weithin hallt es im Gewölke.
-
-Jetzt ist es still, still in den Wolken, still auf der Erde -- nur um
-einen gegenüberliegenden Wipfel flattert ein Nachtvogel. Aber bald
-erhebt sich der Sturm, es rauscht in den Bäumen, es tost durch die
-Äste, eiskalt ist der Wind. Dein Urgroßvater klammert sich fest an das
-Geäste. Jetzt flammt wieder ein Blitz, schwefelgrün erleuchtet ist der
-Wald; alle Wipfel neigen sich, biegen sich tief; die nächststehenden
-Bäume schlagen, es ist, als fielen sie heran. Aber die Tanne steht
-starr und ragt hoch über den ganzen Wald. Unten rennen die Raubtiere
-wild durcheinander und heulen. Plötzlich saust ein Körper durch die
-Äste wie ein Steinwurf. Da leuchtet es wieder -- ein schneeweißer
-Knollen hüpft auf dem Boden und kollert dahin. Dann finstere Nacht.
-Es braust, siedet, tost, krachend stürzen Wipfel. Ein Ungeheuer mit
-weitschlagenden Flügeln, im Augenblicke des Blitzes gespenstige
-Schatten werfend, naht in der Luft, stürzt der Tanne zu und birgt sich
-gerade über Deinem Urgroßvater in die Krone. Ein Habicht war's, Junge,
-ein Habicht, der auf der Tanne sein Nest gehabt.«
-
-Mein Vater hatte bei dieser Erzählung keine Garbe angerührt; ich hatte
-den ruhigen, schlichten Mann bisher auch nie mit solcher Lebhaftigkeit
-sprechen gehört.
-
-»Wie 's weiter gewesen?« fuhr er fort. »Ja, nun brach es erst los; das
-war Donnerschlag auf Donnerschlag, und beim Leuchten war zu sehen, wie
-weißen Wurfspießen gleich Eiskörner auf den Wald niedersausten, an die
-Stämme prallten, auf den Boden flogen und wieder hoch emporsprangen. So
-oft ein Hagelknollen an den Stamm der Tanne schlug, gab es im ganzen
-Baume einen hohlen Schall. Und über dem Heugraben gingen Blitze
-nieder, und auf den jenseitigen Wald gingen Blitze nieder; plötzlich
-war eine blendende Glut, ein heißer Luftdruck, ein Schmettern, und es
-loderte eine Fichte.
-
-Und die Türkentanne stand da, und Dein Urgroßvater saß unter der Krone
-im Geäste.
-
-Die brennende Fichte warf weithin ihren Schein, und nun war zu sehen,
-wie ein rötlicher Schleier lag über dem Walde, wie nach und nach das
-Gewebe der sich kreuzenden Eisstücke dünner und dünner wurde, wie viele
-Wipfel keine Äste, dafür aber weiße Streifen hatten, wie endlich der
-Sturm in einen mäßigen Wind überging und ein dichter Regen rieselte.
-
-Die Donner wurden seltener und dumpfer und zogen sich gegen Mittag und
-Morgen hin; aber die Blitze leuchteten noch ununterbrochen.
-
-Am Fuße des Baumes war kein Heulen und kein Augenfunkeln mehr. Die
-Raubtiere waren durch das wilde Wetter verscheucht worden. Stieg denn
-Dein Urgroßvater nieder von Ast zu Ast bis zum Boden. Und er ging
-heraus durch den Wald über die Felder gegen das Haus.
-
-Es war schon nach Mitternacht.
-
-Als der Bräutigam zum Hause kommt und kein Licht in der Stube sieht,
-wundert er sich, daß in einer solchen Nacht die Leute so ruhig schlafen
-können. Haben aber nicht geschlafen, waren zusammengewesen in der Stube
-um ein Kerzenlicht.
-
-Sie hatten nur die Fenster mit Brettern verlehnt, weil der Hagel alle
-Scheiben eingeschlagen hatte.
-
-Bist in der Waldhütten blieben, Sepp? sagte Deine Ururgroßmutter. Dein
-Urgroßvater aber antwortete: Nein, Mutter, in der Waldhütten nicht.
-
-Es war an dem darauffolgenden Morgen ein frischer Harzduft gewesen im
-Walde -- die Bäume haben geblutet aus unzähligen Wunden. Und es war ein
-beschwerliches Gehen gewesen über die Eiskörner, und es war eine sehr
-kalte Luft.
-
-Und als am Frauentag die Leute über die Verheerung und Zerstörung hin
-zur Kirche gingen, fanden sie im Walde unter dem herabgeschlagenen
-Reisig und Moos manchen toten Vogel und manch anderes Tier; unter einem
-geknickten Wipfel lag ein toter Wolf.
-
-Dein Urgroßvater ist bei diesem Gange sehr ernst gewesen; da sagt auf
-einmal das Lenerl von der Waldhütten zu ihm: O, Du himmlisch' Mirakel!
-Sepp, Dir wachst ja schon ein graues Haar!
-
-Später hat er alles erzählt, und nun nannten die Leute den Baum, auf
-dem er dieselbige Nacht hat zubringen müssen, die graue Tanne!« --
-
-Das ist die Geschichte, wie sie mir mein Vater eines Abends beim
-Kornschöbern erzählt hat und wie ich sie später aus meiner Erinnerung
-niedergeschrieben. Als wir dann nach Hause gingen zur Abendsuppe und
-zur Nachtruhe, blickte ich noch mehreremale hin auf den Baum, der hoch
-über dem Wald in den dunklen Abendhimmel hineinstand.
-
-Von dieser Zeit ab fürchtete ich mich nicht mehr, wenn ich an der
-grauen Tanne vorüberging. Und sie stand noch jahrelang da, zur Winters-
-und Sommerszeit in gleicher Gestalt -- ein wild verworrenes Gerippe von
-Ästen, mit den wenigen dunkelgrünen Nadelballen auf der Krone und dem
-scharfkantigen Strunk über derselben.
-
- * * * * *
-
-Ich war schon erwachsen, da war es in einer Herbstnacht, daß mich mein
-Vater aufweckte und sagte: »Wenn Du die graue Tanne willst brennen
-sehen, so geh' vor das Haus!«
-
-Und als ich vor dem Hause stand, da sah ich über dem Walde eine hohe
-Flamme lodern, und aus derselben qualmte finsterer Rauch in den
-Sternenhimmel auf. Wir hörten das Dröhnen der Flammen, und wir sahen
-das Niederstürzen einzelner Äste; dann gingen wir wieder zu Bette. Am
-Morgen stand über dem Wald ein schwarzer Strunk mit nur wenigen Armen
--- und hoch am Himmel kreiste ein Geier.
-
-Wir wußten nicht, wie sich in der stillen heiteren Nacht der Baum
-entzündete, und wir wissen es noch heute nicht. In der Gegend ist
-Vieles über dieses Ereignis gesprochen worden, und man hat demselben
-Wunderliches und Bedeutsames zu Grunde gelegt. Noch einige Jahre
-starrte der schwarze Strunk gegen den Himmel, dann brach er nach und
-nach zusammen, und nun stand nichts mehr empor über dem Wald.
-
-Auf dem Stocke und auf den letzten Resten des Baumes, die langsam in
-die Erde sinken und vermodern, wächst das Moos.
-
-[Illustration]
-
-
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-
-[Illustration]
-
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-
-
-Ums Vaterwort.
-
-
-Ich habe im Grunde keine schlechte Erziehung genossen, sondern vielmehr
-gar keine. War ich ein braves, frommes, folgsames, anstelliges Kind, so
-lobten mich meine Eltern; war ich das Gegenteil, so zankten sie mich
-derb aus. Das Lob that mir fast allezeit wohl, und ich hatte dabei das
-Gefühl, als ob ich in die Länge ginge, weil manche Kinder wie Pflanzen
-sind, die nur bei Sonnenschein schlank wachsen.
-
-Nun war mein Vater aber der Ansicht, daß ich nicht allein in die Länge,
-sondern auch in die Breite wachsen müsse, und dafür sei der Ernst und
-die Strenge gut.
-
-Meine Mutter hatte nichts als Liebe.
-
-Mein Vater mochte derselben Artung sein, allein er verstand es nicht,
-seiner Wärme und Liebe Ausdruck zu geben; bei all seiner Milde hatte
-der mit Arbeit und Sorgen beladene Mann ein stilles, ernstes Wesen;
-seinen reichen Humor ließ er vor mir erst später spielen, als er
-vermuten konnte, daß ich genug Mensch geworden sei, um denselben
-aufzunehmen. In den Jahren, da ich das erste Dutzend Hosen zerriß, gab
-er sich nicht just viel mit mir ab, außer wenn ich etwas Unbraves
-angestellt hatte; in diesem Falle ließ er seine Strenge walten. Seine
-Strenge und meine Strafe bestand gewöhnlich darin, daß er vor mich
-hintrat und mir mit schallenden, zornigen Worten meinen Fehler vorhielt
-und die Strafe andeutete, die ich verdient hätte.
-
-Ich hatte mich beim Ausbruche der Erregung allemal vor den Vater
-hingestellt, war mit niederhängenden Armen wie versteinert vor
-ihm stehen geblieben und hatte ihm während des heftigen Verweises
-unverwandt in sein zorniges Angesicht geschaut. Ich bereute in meinem
-Innern den Fehler stets, ich hatte das deutliche Gefühl der Schuld,
-aber ich erinnere mich auch an eine andere Empfindung, die mich bei
-solchen Strafpredigten überkam: es war ein eigenartiges Zittern in
-mir, ein Reiz- und Lustgefühl, wenn das Donnerwetter so recht auf mich
-niederging. Es kamen mir die Thränen in die Augen, sie rieselten mir
-über die Wangen, aber ich stand wie ein Bäumlein, schaute den Vater
-an und hatte ein unerklärliches Wohlgefühl, das in dem Maße wuchs, je
-länger und je ausdrucksvoller mein Vater vor mir wetterte.
-
-Wenn hierauf Wochen vorbeigingen, ohne daß ich etwas heraufbeschwor,
-und mein Vater immer gütig und still an mir vorüberschritt, begann
-in mir allmählich wieder der Drang zu erwachen und zu reifen, etwas
-anzustellen, was den Vater in Wut bringe. Das geschah nicht, um ihn zu
-ärgern, denn ich hatte ihn überaus lieb; es geschah gewiß nicht aus
-Bosheit, sondern aus einem anderen Grunde, dessen ich mir damals nicht
-bewußt war.
-
-Da war es einmal am heiligen Christabend. Der Vater hatte den Sommer
-zuvor in Mariazell ein schwarzes Kruzifixlein gekauft, an welchem
-ein aus Blei gegossener Christus und die aus demselben Material
-gebildeten Marterwerkzeuge hingen. Dieses Heiligtum war in Verwahrung
-geblieben bis auf den Christabend, an welchem es mein Vater aus seinem
-Gewandkasten hervornahm und auf das Hausaltärchen stellte. Ich nahm
-die Stunde wahr, da meine Eltern und die übrigen Leute noch draußen in
-den Wirtschaftsgebäuden und in der Küche zu schaffen hatten, um das
-hohe Fest vorzubereiten, ich nahm das Kruzifixlein mit Gefahr meiner
-geraden Glieder von der Wand, hockte mich damit in den Ofenwinkel und
-begann es zu zerlegen. Es war mir eine ganz seltsame Lust, als ich
-mit meinem Taschenfeitel zuerst die Leiter, dann die Zange und den
-Hammer, hernach den Hahn des Petrus und zuletzt den lieben Christus vom
-Kreuze löste. Die Teile kamen mir nun getrennt viel interessanter vor
-als früher im Ganzen; doch jetzt, da ich fertig war, die Dinge wieder
-zusammensetzen wollte, aber nicht konnte, fühlte ich in der Brust eine
-Hitze aufsteigen, auch meinte ich, es würde mir der Hals zugebunden. --
-Wenn's nur beim Ausschelten bleibt diesmal ...? -- Zwar sagte ich mir:
-Das schwarze Kreuz ist jetzt schöner als früher; in der Hohenwanger
-Kapelle steht auch ein schwarzes Kreuz, wo nichts d'ran ist, und
-gehen doch die Leute hin, zu beten. Und wer braucht zu Weihnachten
-einen gekreuzigten Herrgott? Da muß er in der Krippe liegen, sagt der
-Pfarrer. Und das will ich machen.
-
-Ich bog dem bleiernen Christus die Beine krumm und die Arme über
-die Brust und legte ihn in das Nähkörbchen der Mutter und stellte
-so mein Kripplein auf den Hausaltar, während ich das Kreuz in dem
-Stroh des Elternbettes verbarg, nicht bedenkend, daß das Körbchen die
-Kreuzabnahme verraten müsse.
-
-Das Geschick erfüllte sich bald. Die Mutter bemerkte es zuerst, wie
-närrisch doch heute der Nähkorb zu den Heiligenbildern hinaufkäme?
-
-»Wem ist denn das Kruzifixlein da oben im Weg gewesen?« fragte
-gleichzeitig mein Vater.
-
-Ich stand etwas abseits, und mir war zu Mute wie einem Durstigen, der
-jetzt starken Myrrhenwein zu trinken kriegen sollte. Indeß mahnte mich
-eine absonderliche Beklemmung, jetzt womöglich noch weiter in den
-Hintergrund zu treten.
-
-Mein Vater ging auf mich zu und fragte fast bescheidentlich, ob ich
-nicht wisse, wo das Kreuz hingekommen sei? Da stellte ich mich schon
-kerzengerade vor ihn hin und schaute ihm ins Gesicht. Er wiederholte
-seine Frage, ich wies mit der Hand gegen das Bettstroh, es kamen die
-Thränen, aber ich glaube, daß ich keinen Mundwinkel verzogen habe.
-
-Der Vater suchte das Verborgene hervor und war nicht zornig, nur
-überrascht, als er die Mißhandlung des Heiligtums sah. Mein Verlangen
-nach dem Myrrhenwein steigerte sich. Der Vater stellte das kahle
-Kruzifixlein auf den Tisch. »Nun sehe ich wohl,« sagte er mit aller
-Gelassenheit und langte seinen Hut vom Nagel, »nun sehe ich wohl,
-er muß endlich rechtschaffen gestraft werden. Wenn einmal der
-Christi-Herrgott nicht sicher geht ...! Bleib' mir in der Stuben,
-Bub'!« fuhr er mich finster an und ging dann zur Thüre hinaus.
-
-»Spring' ihm nach und schau' zum Bitten!« rief mir die Mutter zu, »er
-geht Birkenruten abschneiden.«
-
-Ich war wie an den Boden geschmiedet. Gräßlich klar sah ich, was nun
-über mich kommen würde, aber ich war außer Stande, auch nur einen
-Schritt zur Abwehr zu machen. Die Mutter ging ihrer Arbeit nach, in der
-abendlich dunkelnden Stube stand ich allein und vor mir auf dem Tisch
-das verstümmelte Kruzifix. Heftig erschrak ich vor jedem Geräusch. Im
-alten Uhrkasten, der dort an der Wand bis zum Fußboden niederging,
-rasselte das Gewicht der Schwarzwälder-Uhr, welche die fünfte Stunde
-schlug. Endlich hörte ich draußen auch das Schnee-Abklopfen von den
-Schuhen, es waren des Vaters Tritte. Als er mit dem Birkenzweig in die
-Stube trat, war ich verschwunden.
-
-Er ging in die Küche und fragte mit wild herausgestoßener Stimme, wo
-der Bub sei? Es begann im Hause ein Suchen, in der Stube wurden das
-Bett und die Winkel und das Gesiedel durchstöbert, in der Nebenkammer,
-im Oberboden hörte ich sie herumgehen, ich hörte die Befehle, man möge
-in den Ställen die Futterkrippen und in den Scheunen Heu und Stroh
-durchforschen, man möge auch in den Schachen hinausgehen und den Buben
-nur stracks vor den Vater bringen -- diesen Christabend solle er sich
-für sein Lebtag merken! Aber sie kehrten unverrichteter Dinge zurück.
-Zwei Knechte wurden nun in die Nachbarschaft geschickt, aber meine
-Mutter rief, wenn ich etwa zu einem Nachbar über Feld und Wald gegangen
-sei, so müsse ich ja erfrieren, es seien mein Jöpplein und mein Hut in
-der Stube. Das sei doch ein rechtes Elend mit den Kindern!
-
-Sie gingen davon, das Haus wurde fast leer, und in der finstern Stube
-sah man nichts mehr als die grauen Vierecke der Fenster. Ich stak im
-Uhrkasten und konnte durch die Fugen desselben hervorgucken. Durch das
-Thürchen, welches für das Aufziehen des Uhrwerkes angebracht war, hatte
-ich mich hineingezwängt und innerhalb des Verschlages hinabgelassen, so
-daß ich nun im Uhrkasten ganz aufrecht stand.
-
-Was ich in diesem Verstecke für Angst ausgestanden habe! Daß es kein
-gutes Ende nehmen konnte, sah ich voraus, und daß die von Stunde zu
-Stunde wachsende Aufregung das Ende von Stunde zu Stunde gefährlicher
-machen mußte, war mir auch klar. Ich verwünschte den Nähkorb, der mich
-anfangs verraten hatte, ich verwünschte das Kruzifixlein -- meinen
-Leichtsinn zu verwünschen, darauf vergaß ich. Es gingen Stunden hin,
-ich blieb in meinem aufrechtstehenden Sarge, und schon saß mir der
-Eisenzapfen des Uhrgewichtes auf dem Scheitel, und ich mußte mich
-womöglich niederducken, sollte das Stehenbleiben der Uhr nicht Anlaß
-zum Aufziehen derselben und somit zu meiner Entdeckung geben. Denn
-endlich waren meine Eltern in die Stube gekommen, hatten Licht gemacht
-und meinetwegen einen Streit begonnen.
-
-»Ich weiß nirgends mehr zu suchen,« hatte mein Vater gesagt und war
-erschöpft auf einen Stuhl gesunken.
-
-»Wenn er sich im Walde vergangen hat oder unter dem Schnee liegt!« rief
-die Mutter und erhob ein lautes Weinen.
-
-»Sei still davon!« sagte der Vater, »ich mag's nicht hören.«
-
-»Du magst es nicht hören und hast ihn mit Deiner Herbheit selber
-vertrieben.«
-
-»Mit diesem Zweiglein hätte ich ihm kein Bein abgeschlagen,« versetzte
-er und ließ die Birkenrute auf den Tisch niederpfeifen.
-
-»Aber jetzt, wenn ich ihn erwisch', schlag ich einen Zaunstecken an ihm
-entzwei.«
-
-»Thue es, thue es -- 'leicht thut's ihm nicht mehr weh,« sagte die
-Mutter und setzte das Weinen fort. »Meinst, Du hättest Deine Kinder nur
-zum Zornauslassen? Da hat der lieb' Herrgott ganz recht, wenn er sie
-beizeiten wieder zu sich nimmt! Kinder muß man lieb haben, wenn etwas
-aus ihnen werden soll.«
-
-Hierauf er: »Wer sagt denn, daß ich den Buben nicht lieb hab'? Ins Herz
-hinein, Gott weiß es! Aber sagen mag ich ihm's nicht; ich mag's nicht,
-und ich kann's nicht. Ihm selber thut's nicht so weh als mir, wenn ich
-ihn strafen muß, das weiß ich!«
-
-»Ich geh' noch einmal suchen!« sagte die Mutter.
-
-»Ich will auch nicht dableiben!« sagte er.
-
-»Du mußt mir einen warmen Löffel Suppe essen! 's ist Nachtmahlszeit,«
-sagte sie.
-
-»Ich mag jetzt nichts essen! Ich weiß mir keinen andern Rat,« sagte der
-Vater, kniete zum Tisch hin und begann still zu beten.
-
-Die Mutter ging in die Küche, um zur neuen Suche meine warmen Kleider
-zusammenzutragen für den Fall, als man mich irgendwo halberfroren
-finde. In der Stube war es wieder still, und mir in meinem Uhrkasten
-war's, als müsse mir vor Leid und Pein das Herz brechen. Plötzlich
-begann mein Vater aus seinem Gebete krampfhaft aufzuschluchzen. Sein
-Haupt fiel nieder auf den Arm, und die ganze Gestalt bebte.
-
-Ich that einen lauten Schrei. Nach wenigen Sekunden war ich von Vater
-und Mutter aus dem Gehäuse befreit, lag zu Füßen des Vaters und
-umklammerte wimmernd seine Knie.
-
-»Mein Vater, mein Vater!« das waren die einzigen Worte, die ich
-stammeln konnte. Er langte mit seinen beiden Armen nieder und hob mich
-auf zu seiner Brust, und mein Haar ward feucht von seinen Zähren.
-
-Mir ist in jenem Augenblicke die Erkenntnis aufgegangen.
-
-Ich sah, wie abscheulich es sei, diesen Vater zu reizen und zu
-beleidigen. Aber ich fand nun auch, _warum_ ich es gethan hatte. Aus
-Sehnsucht, das Vaterantlitz vor mir zu sehen, ihm ins Auge schauen
-zu können und seine zu mir sprechende Stimme zu hören. Sollte er
-schon nicht mit mir heiter sein, so wie es andere Leute waren und
-wie er es damals, von Sorgen belastet, so selten gewesen, so wollte
-ich wenigstens sein zorniges Auge sehen, sein herbes Wort hören; es
-durchrieselte mich mit süßer Gewalt, es zog mich zu ihm hin. Es war das
-Vaterauge, das Vaterwort.
-
-Kein böser Ruf mehr ist in die heilige Christnacht geklungen, und von
-diesem Tage an ist vieles anders geworden. Mein Vater war seiner Liebe
-zu mir und meiner Anhänglichkeit an ihn inne geworden und hat mir in
-Spiel, Arbeit und Erholung wohl viele Stunden sein liebes Angesicht,
-sein treues Wort geschenkt, ohne daß ich noch einmal nötig gehabt
-hätte, es mit Bosheit erschleichen zu müssen.
-
-[Illustration]
-
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-
-[Illustration]
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-
-
-Allerlei Spielzeug.
-
-
-Ich habe als Kind mir meine Welt, die von Natur höllisch klein war,
-auseinandergedehnt, wie mein Vetter Simmerl den Katzenbalg, aus dem er
-sich einen Tabaksbeutel machen wollte. Und es ist, bigott! ein Sack
-draus worden, in welchem all' die unglaublichen Phantastereien einer
-ungezogenen Bauernbubenseele vollauf Platz gehabt haben.
-
-Wie ich mir später die Bücher, die ich nicht kaufen konnte, selber
-machte, so habe ich mir auch die größten Städte der Welt, die ich nicht
-sehen konnte, selber gebaut.
-
-Die jahrelange Kränklichkeit meines Vaters verschaffte mir das
-Baumaterial. Die Hustenpulver vom Doktor, der spanische Brustthee vom
-Kaufmann, die Medizinflaschen vom Bader waren stets in gutes, oft sogar
-schneeweißes Papier eingeschlagen; aus diesem Papier schnitzte ich mit
-der Nähschere meiner Mutter oder, wenn ich diese schon zerbrochen oder
-verloren hatte, mit jener der Magd, allerlei Häuser, Kirchen, Paläste,
-Türme, Brücken, bog sie geschickt zur passenden Form und stellte sie
-in Reihen und Gruppen auf den Tisch. Das gesuchteste Material hiefür
-waren wohl die alten Steuerbücheln mit ihren steifen Blättern; und kam
-es freilich vor, daß über der ganzen Hauptfronte eines Herrenpalastes
-das »Datum der Schuldigkeit« stand, oder ein Kirchturm anstatt Fenster
-und Uhren nichts als lauter Posten der »Abstattung« hatte. Als es
-aber ruchbar worden war, daß ich meine Prachtbauten mit den blutigen
-Steuersummen der Bauern aufführe, da gab's eine kleine Revolution,
-indem mein Vater einmal mit der flachen Hand mir einige öffentliche
-Gebäude unter den Tisch hinab wischte.
-
-Eines Tages ging ich einer Hirtenangelegenheit wegen ins Ebenholz
-hinaus. Ich hatte die Magd ersucht, ob sie mir nicht ihre heilige
-Monika mit in den Wald leihen möchte.
-
-»Du lieber Närrisch!« hatte die Magd geantwortet, »wenn sie nur ganz
-wär', aber es ist mir die Maus dazugekommen. Was übrig blieben ist, das
-magst haben.«
-
-So nahm ich das Büchlein von der heiligen Monika mit in das Ebenholz.
-Aber als ich in demselben zu lesen begonnen hatte, hub im Sacke die
-Nähschere meiner Mutter zu sticheln an: ob ich die Geschichte von
-dieser Heiligen denn nicht schon längst auswendig wisse? ob die Maus
-nicht etwa schon das Beste weggenagt hätte? ob ich mir für diese grauen
-und angefressenen Blätter eine bravere Verwendung denken könne, als
-daraus die schöne Weltstadt Paris zu bauen? -- Ich wollte der alten
-Nähschere meiner Mutter nicht widersprechen.
-
-Nun stand zur selben Zeit im Ebenholz noch die alte Schlagerhütte, die
-einst ein Bauernhäuschen gewesen und zwischen dem jungen Fichtenanwuchs
-verlassen und öde hocken geblieben war. Die Fensterchen waren ohne
-Gläser, die Thür war aus den Angeln gehoben, und auf der Schwelle
-wucherten Brennesseln. Die Luft in der Hütte roch ganz moderig, und
-jedes Geräusch wiederhallte grell an den Wänden, als wollte das alte
-Zimmerholz mit dem Eintretenden allsogleich ein Gespräch anheben.
-Mir war dieser Bau unheimlich gewesen bis zu jenem Tage, da mich und
-unseren Knecht Marcus im Walde ein scharfer Wetterregen überraschte und
-wir uns in die Hütte flüchteten. »Ja,« hatte damals der alte Marcus
-gesagt, als die Donner hallten und schallten, »ja, wir haben heuer
-halt ein Schalljahr.« So nennen sie bei mir daheim das Schaltjahr und
-meinen, der Name komme von dem Schallen des Donners. Als der Regen
-fortwährte, fragte mich der Marcus: »Kannst kartenspielen, Bub'?«
-
-»Zwicken und Bettlerrufen kann ich,« war meine Antwort, »aber wir
-sollen lieber den Wettersegen beten.«
-
-»Da ist mir das Bettlerrufen unterhaltlicher.«
-
-»Wenn's aber einschlagt!« gab ich zu bedenken.
-
-Der Knecht zog Spielkarten aus seinem Sack, wir setzten uns an den
-großen Tisch und kartelten, bis draußen die nassen Zweige funkelten und
-die helle Sonne zum Fenster hereinschien.
-
-Seither war mir die Hütte heimlich. Und nun ging ich ihr zu, setzte
-mich an den großen, wurmstichigen Tisch und schnitzte aus den Blättern
-der »heiligen Monika« die große Weltstadt Paris. Ich stellte die Häuser
-in langen Gassenreihen auf, und die Gassen und Plätze bevölkerte ich
-mit blauen Heidelbeeren und roten Preißelbeeren -- erstere waren die
-Männer, letztere die Frauen. Um das Königsschloß postierte ich Reihen
-von Stachelbeeren, das waren die Soldaten.
-
-Als der Tisch voll geworden war und ich trunkenen Blickes hinschaute
-auf die vieltürmige Stadt und ihre belebten Gassen, die ich gegründet
-und wie ein Schutzgeist beschirmte, dachte ich: Nun soll über diese
-Stadt aber auch einmal eine rechte Straf' Gottes kommen. Wie stehts
-mit einem Sturmwind? -- Ich blies drein -- hei, purzelten ganze
-Häuserfronten über und über. Sie wurden wieder erbaut. Da endlich
-aber der Abend kam und meines Bleibens in der Hütte nicht mehr länger
-sein konnte, sann ich nach, wie ich die Stadt Paris am großartigsten
-zu Grunde gehen lassen könnte. -- Eine Feuersbrunst? -- Neunjährige
-Bauernjungen tragen immer schon Streichhölzchen im Sack, weil sie sich
-doch allmählich mit dem Hauptberufe des Mannes, mit dem Tabakrauchen,
-bekannt zu machen trachten müssen.
-
-Das Feuer entstand mitten in der Stadt, und nach wenigen Sekunden
-standen ganze Viertel in Flammen. Die Bevölkerung war starr vor
-Schreck, das Feuer wogte hin, und die Mauern zitterten, und die kahlen
-Ruinen ringelten sich. Da der Königspalast verschont bleiben zu
-wollen schien, so blies ich die Flammen gegen denselben hin -- wehe,
-da flogen die brennenden Häuser über den Tisch und auf den Fußboden,
-wo in der Ecke noch ein Bund Bettstroh lag. Jetzt wurde der Spaß
-Ernst. Das Papier hatte so still gebrannt, das Stroh knisterte schon
-vernehmlicher, und ein greller Schein erhellte die Hütte. Ich wollte
-eben davonstürzen, als unser Knecht Marcus zur Thür hereinsprang und
-mit einem buschigen Baumwipfel das Feuer totschlug.
-
-Knecht Marcus war verschwiegen, war ein dunkler Ehrenmann, aber das
-sagte er mir, wenn ich mich mit Sengen und Brennen auf den Etzel
-hinausspielen wolle, so thäte er es dem Kaiser schreiben, daß er mich
-rechtzeitig köpfen lasse.
-
-Von diesem Tage an habe ich keine Stadt mehr gegründet und keine mehr
-zerstört. Ich ging von der Architektur zur Musik und Malerei über.
-
-Ich hatte bei herumziehenden Musikern, die vor unserer Hausthür uns
-das Leben schön machten, allerlei Saiteninstrumente kennen gelernt. Ich
-hatte einen alten Harfenisten nach Beendigung seines Ständchens sogar
-einmal angesprochen, ob er es für einen Sechser erlauben könne, daß ich
-mit ihm zum nächsten Nachbar gehe, um sein Spiel dort noch einmal zu
-hören; worauf der Künstler antwortete, für einen Sechser bleibe er an
-unserer Thür stehen und spiele, so lange ich wolle. Damals ist mir der
-ganze Wert unserer legierten Silbersechser zum Bewußtsein gekommen. Nun
-hatten wir aber an jenem Tage in unserer Stube einen alten, brummigen
-Schuster, und der hatte gerade seinen Kopfwehtag. Als ich denn vor dem
-spielenden Musiker, die Hände in den Hosentaschen, dastand, die Zehen
-in den Sand bohrte, gleichsam, als wollte ich mich einwurzeln, sprang
-plötzlich der Schuster mit grüngelbem Gesichte zur Thür heraus und ließ
-einen tollen Fluch fahren über das verteufelte Geklimper.
-
-Mitten in der Herrlichkeit brach der Harfner das Spiel ab. Für einen
-solchen Baß sei sein Instrument nicht berechnet, meinte er, rückte die
-Harfe auf den Buckel und ging davon. Seit jenem Tage datiert mein Haß
-gegen die Schuster, die ihren Kopfwehtag haben.
-
-Die Harfe ging mir nicht aus dem Kopfe. In unserem Rübenkeller stand
-ein altes, säuerlndes Fäßchen, das mein Vater beim Stockerwirt allemal
-für die drei Faschingstage mit Apfelmost füllen ließ. Nun war es längst
-leer, und diese Leere kam mir zu statten. Ich stülpte das Fäßchen
-auf, zog über den Boden Zwirnsfäden wie Saiten, so daß diese je nach
-ihrer Länge einen verschiedenen Ton gaben, wenn ich sie mit dem Finger
-berührte. Da hatte ich ein Saiteninstrument mit dem respektabelsten
-Resonanzboden. Doch erinnere ich mich nicht mehr, inwiefern ich damit
-meinen musikalischen Hang ausgebildet habe -- ich weiß nur, daß zum
-nächsten Fasching, als ich unseren tanzlustigen Mägden auf meiner Harfe
-was aufspielen wollte, wieder frischer Most in dem Fäßchen war.
-
-In denselben Jahren hatte ich mit einem jungen Studenten Bekanntschaft
-gemacht, mit dem Söhnlein eines Nachbars, welches in Graz auf Geistlich
-studierte, auf die Ferien stets nach Hause kam und Reichtümer
-mitbrachte. Ich erwarb mir seine Gunst, indem ich ihn öfters auf unsern
-Schwarzkirschbaum lud, wo es zu schnabulieren gab. Der Student riß zwar
-ein um das andere Ästlein ab, um zur süßen Frucht zu gelangen, aber
-mein Vater, der sonst solcherlei Verstümmelungen scharf ahndete, war
-der Meinung, einem angehenden Priester dürfe man nichts verwehren, er
-würde dereinst den Kirschbaum schon in sein Meßopfer einschließen, daß
-er gedeihe und immerwährend fruchtbar sei. Der Student war für solche
-Rücksichten erkenntlich und stellte mir all' seine Bücher, Landkarten,
-Schreib- und Zeichenrequisiten zur Verfügung. Den Schulfleiß des
-Studenten in Ehren! Dennoch aber glaube ich, daß seine »deutschen
-Lesebücher für die Gymnasialklassen«, seine »Welter's Weltgeschichte«,
-sein »Handbuch des katholischen Kultus«, sein »Leitfaden der Erdkunde«
-u. s. w. während der Vakanzen schier mehr strapaziert wurden, als
-während des Schuljahres. Als sich der angehende Theologe mit denselben
-auf sein Hirtenamt vorbereiten sollte, übte ich mit ihnen das meine
-bereits aus. Doch ließ ich meine Kühe und Ochsen Rinder sein, lag im
-grünen Grase und las. -- O ihr armen Bücherwürmer in den staubigen
-Bibliotheken, ihr habt gar keine Ahnung davon, was im Waldschatten
-ein Buch ist! -- _Viele_ Bücher würden leicht auch den im Walde
-Lagernden beunruhigen, verwirren und entmarken; aber _ein_ Buch, ein
-seelenvolles Buch genießt man dort ganz aus und gedeiht dabei. Ich
-denke hier an das Lesebuch für die Gymnasialklassen, reich an Gedichten
-und Aufsätzen von deutschen Klassikern. Ich konnte es nicht einmal ganz
-verstehen, aber es wirkte tiefer auf mich, als alle spätere Lektüre
-zusammen.
-
-Als die Kirschen alle waren und die Blätter des Baumes gelb wurden,
-packte der Student seine Bücher zusammen und ging wieder in die
-»Studie«.
-
-Einmal ließ er mir ein Kästchen mit Wasserfarben zurück.
-
-Jetzt schnitt ich mir ein Löckchen Haar vom Haupte, band es an ein
-Stäblein, und mit solchem Pinsel begann ich zu malen. Eine große Anzahl
-der Heiligenbildchen, die heute noch in verschiedenen Gebetbüchern
-der Gegend zu finden, ist mit meinem Haar gemalt worden. Die Leute
-haben sich hell verwundert, wenn sie mir zugeschaut und gesehen, wie
-man mir nichts dir nichts die Muttergottesen macht. Einmal kam der
-alte Schneider-Jackel, Küster von Krieglach, in unser Haus, um den
-Pfarrzehent abzuholen; der sah mich malen. »Na,« sagte er fortwährend,
-»aber _da_ gehört was dazu! Jetzt malt so ein kleiner Schlingel da
-himmlische Leut'! Und daß es eine Form hat! Ein hellrotes G'wandl, ein
-schön's! Ein Gesicht -- wie er aber das Gesichtel macht! Die ganze
-Fleischfarb' -- und 's Göscherl! Und die Augen, die blauen, wie sie
-auslugen! -- Spitzbub, Du! Freilich, den Heiligenglanz auch, na, der
-darf nicht fehlen. Wär' nit ganz, wenn der fehlen thät'! -- Schon eine
-Menge so Bildln hast da! -- Bist aber ein Kreuzköpfel -- Du mußt schon
-ein Maler werden! Alles von Dir selber hast' gelernt? Ist viel! Ist
-viel das! Schau, das thät's nit, die Bildln muß ich alle mitnehmen, 's
-thät's nit anders, die müssen ihre heilige Weih' kriegen. Dank Dir
-Gott, Schwarzkünstler, Du kleiner!«
-
-Vor meinen Augen that er die Bildchen -- es waren deren allerlei und
-eine große Anzahl -- zusammen, schob sie in seinen Sack und ging davon.
-Mir blieb der Verstand stehen. Aber mir schwoll der Kamm, als ich bald
-darauf hörte, der Küster hätte bei seiner Wallfahrt mit der Krieglacher
-Kreuzschar nach Mariazell meine Heiligenbilder am Gnadenaltare weihen
-lassen und sie hernach an die Wallfahrer verteilt.
-
-Unter Anderen ist später auch der alte Riegelberger in den Besitz
-eines solchen Heiligtums gekommen. Er soll es allemal, so oft er sein
-Gebetbuch aufschlug, brünstig geküßt haben; als er es aber erfuhr, von
-wem das Bildchen herrühre, ist er schnurgerade in unser Haus gegangen
-und hat mich zur Rede gestellt, warum ich mit heiligen Dingen Frevel
-treibe? Ob ich's vielleicht leugnen wolle? Geweihte Sachen hätte ich
-gemalt!
-
-»Ja,« sagte ich, »wenn Ihr das Kalb auf den Kopf stellt, wird es
-freilich den Schweif in die Höhe recken.«
-
-»Willst mich fean (höhnen), Bub?«
-
-»Die Bilder sind zuerst gemalt und _nachher_ geweiht worden.«
-
-Es hielt schwer, ihm die Sache begreiflich zu machen, und er rief immer
-wieder aus, zerfetzen möchte er das schlechte Zeug, wenn's ihm um die
-heilige Weih' nicht leid thäte.
-
-Ein andermal hatte ich mit demselben Manne eine viel gefährlichere
-Begegnung. Es waren zur selben Zeit noch die kleinen Papierzehner im
-Land. Ein solches Notlein habe ich wundershalber einmal nachgemacht.
-Dem Knecht Marcus kam es zu Augen, der schmunzelte das Streifchen an
-und ersuchte mich, daß ich es ihm ein wenig leihe. Einen Tag später
-begegnete ich auf dem Feldwege dem Riegelberger. Er grinste mich schon
-von weitem an und lächelte mir dann freundlich zu: »Büberl, Du wirst
-aufgehenkt.«
-
-»Ihr meint, weil ich so allerhand Bildeln gemalt hab'?«
-
-»Bildeln, so viel Du willst. Aber die falschen Banknoten! Ja, lieber
-Freund! Einen hab' ich von Dir in der Brieftasche und geh' gerade, mir
-jetzt dafür Tabak kaufen.«
-
-Ich denke, daß ich über diese Mitteilung sehr blaß geworden bin, denn
-der Riegelberger sagte nun: »Auf _ein_ Pfeiferl hab' ich noch in der
-Blader. Was giebst mir zu Lohn, wenn ich mir das Pfeiferl jetzt mit
-Deinem neuen Zehner anzünde?«
-
-In demselben Augenblick ist mir ein Gedanke durch den Kopf geflogen,
-den ich einfing, weil er mir nicht schlecht vorkam.
-
-»Ihr meint, Riegelberger, weil ich erschrocken bin?« sagte ich;
-»erschrocken bin ich nur, weil Ihr den schrecklichen Frevel begehen
-wollt.«
-
-»Möcht' wissen, wie so ich --?«
-
-»Das Papierzehnerl, das Ihr von mir in der Brieftasche gehabt, ist
-unter meine Heiligenbilder gekommen. Ist in Zell geweiht worden!«
-
-»Geh, geh, das Geld nimmt keine Weih' an,« versetzte der Riegelberger.
-
-»Das Geld freilich nicht, das weiß ich, aber mein Zehner ist keins, ist
-nur zum Fürwitz eins und will keins sein. Und Ihr wollt Euch für die
-geweihte Sach' Tabak kaufen? Ist schon recht, probiert es nur! werdet
-schon sehen, wie Euch ein solcher Tabak in die Nase beißen wird!«
-
-Jetzt wurde der Mann zornig.
-
-»Du Bub!« rief er, »wenn Du alleweil nur Leut' foppen willst!«
-
-Er zog die Brieftasche hervor, das Papierstreifchen heraus und zerriß
-es vor meinen Augen: »So, da hast Deine Fetzen! und jetzt geh und
-arbeit' was, bist schon groß genug dazu. Ich, wenn ich Dein Vater wär',
-wollt Dir Deine Fabeleien und Schmierereien schon vertreiben! Arbeiten,
-daß die Schwarten krachen, ist gescheiter!«
-
-S'ist doch der beste Rat gewesen, den er mir hätte geben können. Er ist
-auch gar bald befolgt worden. Aber in den Feierabendstunden habe ich
-meine kindischen Spiele und künstlerischen Beschäftigungen getrieben,
-weit über die Kindesjahre hinaus.
-
-Und wenn ich meine heutigen Thaten betrachte -- s'ist Alles nur Versuch
-und Spiel. Es war ein kleines Kind, es ist ein großes Kind -- ich bin
-damit zufrieden.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Wie der Meisensepp gestorben ist.
-
-
-In meinem Vaterhause fand sich die »Lebensbeschreibung Jesu Christi,
-seiner Mutter Mariä und vieler Heiligen Gottes«. Ein geistlicher Schatz
-von Pater Cochem.
-
-Das war ein altes Buch; die Blätter waren grau, die Kapitelanfänge
-hatten wunderlich große Buchstaben in schwarzen und roten Farben.
-Der hölzerne Einbanddeckel war an manchen Stellen schon wurmstichig,
-und eine der ledernen Klappen hatte die Maus zernagt. Seit meines
-Großvaters Tode war im Hause Niemand gewesen, der darin hätte lesen
-können; was Wunder, wenn die Tierlein Besitz nahmen von Cochems »Leben
-Christi« und aus dem »geistlichen Schatz« ihre leibliche Nahrung zogen.
-
-Da kam ich, der kleine ABC-Schütz, verjagte die Würmer aus dem Buche
-und fraß mich dafür selber hinein. Täglich las ich unseren Hausleuten
-vor aus dem »Leben Christi«. Den jungen Knechten und Mägden gefiel der
-neue Brauch just nicht, denn sie durften dabei nicht scherzen und nicht
-jodeln; die älteren Hausgenossen aber, die schon etwas gottesfürchtiger
-waren, hörten mir mit Andacht zu; »und das ist,« sagten sie, »als wie
-wenn der Pfarrer predigen thät; so bedeut ausführen und so eine laute
-Stimm'!«
-
-Ich kam in den Ruf eines tüchtigen Vorlesers und wurde ein gesuchter
-Mann. Wenn irgendwo in der Nachbarschaft jemand krank lag oder zum
-Sterben oder wenn er gar schon gestorben war, so daß man an seiner
-Leiche zur Nacht die Totenwache hielt, so wurde ich von meinem Vater
-ausgebeten, daß ich hinginge und lese. Da nahm ich das gewichtige
-»Leben-Christi-Buch« unter den Arm und ging. Es war ein hartes Tragen,
-und ich war dazumal ein kleinwinziger Knirps.
-
-Einmal spät abends, als ich schon in meiner kühlen und frischduftenden
-Futterkammer schlief, in welcher ich zur Sommerszeit bisweilen das
-Nachtlager hatte, wurde ich durch ein Zupfen an der Decke von unserm
-Knecht geweckt. -- »Sollst fein geschwind aufstehen, Peter, sollst
-aufstehen. Der Meisen-Sepp hat seine Tochter geschickt, er läßt bitten,
-Du sollst zu ihm kommen und ihm was vorlesen; er wollt' sterben. Sollst
-aufstehen, Peter.« --
-
-So stand ich auf und zog mich eilends an. Dann nahm ich das Buch und
-ging mit dem Mädchen von unserem Hause aufwärts über die Heide und
-durch die Waldungen. Das Häuschen des Meisen-Sepp stand gar einsam
-mitten im Wald.
-
-Der Meisen-Sepp war in seinen jüngeren Jahren Reuter und Waldhüter
-gewesen; in letzterer Zeit hatte er sich nur mehr mit Sägeschärfen für
-Holzhauerleute beschäftigt. Und da kam plötzlich die schwere Krankheit.
-
-Wie wir, ich und das Mädchen, in der stillen, sternhellen Nacht so
-durch die Ödnis schritten, sagten wir Keines ein Wort. Schweigend
-gingen wir neben einander hin. Nur einmal flüsterte das Mädchen: »Laß
-her, Peter, ich will Dir das Buch tragen.«
-
-»Das kannst nicht,« antwortete ich, »Du bist ja noch kleiner wie ich
-selber.«
-
-Nach einem zweistündigen Gang sagte das Mädchen: »Dort ist schon das
-Licht.«
-
-Wir sahen einen matten Schein, der aus dem Fenster des Meisenhauses
-kam. Als wir diesem schon sehr nahe waren, begegnete uns der Pfarrer,
-der dem Kranken die heiligen Sakramente gereicht hatte.
-
-»Der Vater -- wird er wieder gesund?« fragte das Mädchen kleinlaut.
-
-»Ist noch nicht so alt,« sagte der Priester; »wie Gott will, Kinder,
-wie Gott will.«
-
-Dann ging er davon. Wir traten in das Haus.
-
-Das war klein, und nach der Art der Waldhütten standen die
-Familienstube und Schlafkammer gleich in der Küche. Am Herd in einem
-Eisenhaken stak ein brennender Kienspan, von dem die Stubendecke in
-einen Rauchschleier gehüllt war. Neben dem Herde auf Stroh lagen zwei
-kleine Knaben und schlummerten. Sie waren mir bekannt vom Walde her,
-wo wir oft mitsammen Schwämme und Beeren suchten und dabei unsere
-Herden verloren; sie waren noch um etliche Jahre jünger als ich. An der
-Ofenmauer saß das Weib des Sepp, hatte ein Kind an der Brust und sah
-mit großen Augen in die flackernde Flamme des Kienspans hinein. Und
-hinter dem Ofen, in der einzigen Bettstatt, die im Hause war, lag der
-Kranke. Er schlief; sein Gesicht war recht eingefallen, das grauende
-Haar und der Bart um's Kinn waren kurz geschnitten, so daß mir der
-ganze Kopf kleiner vorkam, als sonst, da ich den Sepp auf dem Kirchweg
-gesehen hatte. Die Lippen waren halb offen und blaß, durch dieselben
-zog ein lebhaftes Atmen.
-
-Bei unserem Eintritt erhob sich das Weib leise, sagte eine
-Entschuldigung, daß sie mich aus dem Bette geplagt habe, und lud ein,
-daß ich mich an den Tisch setzen und die Eierspeise essen möge, die der
-Herr Pfarrer übrig gelassen hatte, und die noch auf dem Tische stand.
-
-Bald saß ich auf demselben Fleck, den der geistliche Herr noch hatte
-warm gemacht, und jetzt aß ich mit derselben Gabel, die er hatte in den
-Mund geführt!
-
-»Jetzt schläft er passabel,« flüsterte das Weib, nach dem Kranken
-deutend. »Vorhin hat er allweg Fäden aus der Decke gezupft.«
-
-Ich wußte, daß man es für ein übles Zeichen auslegt, wenn ein
-Schwerkranker an der Decke zupft und kratzt; »da kratzt er sich sein
-Grab«. Ich entgegnete daher: »Ja, das hat mein Vater auch gethan, als
-er im Nervenfieber ist gelegen. Ist doch wieder gesund worden.«
-
-»Das mein' ich wohl auch,« sagte sie, »und der Herr Pfarrer hat
-dasselbe gesagt. -- Bin doch froh, die Beicht hat der Seppel recht
-fleißig verrichten mögen, und ich hab' jetzt wieder rechtschaffen
-Trost, daß er mir noch einmal gesund wird. -- Nur,« setzte sie ganz
-leise bei, »das Spanlicht leckt alleweil so hin und her.«
-
-Wenn in einem Hause das Licht unruhig flackert, so deutet das der
-Glaube des Volkes: es werde in demselben Hause bald ein Lebenslicht
-auslöschen. Ich selbst glaubte an dieses Zeichen, doch um die Häuslerin
-zu beruhigen, sagte ich: »Es streicht die Luft alles zu viel durch die
-Fensterfugen; ich verspür's auch.« Sie legte das schlummernde Kind auf
-das Stroh; auch das Mädchen, welches mich geholt, war schon zur Ruh
-gegangen. Wir verstopften hierauf die Fensterfugen mit Werg.
-
-Dann sagte das Weib: »Gelt, Peter, Du bleibst mir da über die heutige
-Nacht; ich wüßt mir aus Zeitlang nicht zu helfen. Wenn er munter wird,
-so liest uns was vor. Gelt, Du bist so gut?«
-
-Ich schlug das Buch auf und suchte nach einem geeigneten Lesestück.
-Allein, Pater Cochem hat nicht viel geschrieben, was armen, duldenden
-Menschen zum Troste sein könnte. Pater Cochem meint, Gott wäre
-unendlich gerecht und die Leute wären unsäglich schlecht, und neun
-Zehntel der Menschen liefen schnurgerade der Hölle zu.
-
-Es mag ja wohl sein, dachte ich mir, daß es so ist; aber dann darf
-man's nicht sagen, die Leute thäten sich nur grämen, und des weiteren
-blieben sie leichtlich so schlecht wie früher. Wenn sie sich bessern
-hätten wollen, so hätten sie's längst schon gethan.
-
-Die schreckhaften Gedanken gingen wie eine zischelnde Natter durch
-das Cochem'sche Buch. Fürwitzigen Leuten gegenüber, die mich nur
-anhörten der »lauten Predigerstimm'« wegen, donnerte ich die Greuel
-und Menschenverdammung recht mit Vergnügen heraus; wenn ich aber an
-Krankenbetten aus dem Buche las, da mußte ich meine Erfindungsgabe
-oft sehr anstrengen, daß ich während des Lesens die harten Ausdrücke
-milderte, die schaudererregende Darstellung der vier letzten
-Dinge mäßigte und den grellen Gedanken des eifernden Paters eine
-freundlichere Färbung geben konnte.
-
-So plante ich auch heute, wie ich, scheinbar aus dem Buche lesend, dem
-Meisen-Sepp aus einem anderen Buche her Worte sagen wollte von der
-Armut, von der Geduld, von der Liebe zu den Menschen und wie darin die
-wahre Nachfolge Jesu bestehe, die uns -- wenn die Stunde schlüge --
-durch ein sanftes Entschlummern hinüberführe in den Himmel.
-
-Endlich erwachte der Sepp. Er wendete den Kopf, sah sein Weib und seine
-ruhenden Kinder an; dann erblickte er mich und sagte mit lauter, ganz
-deutlicher Stimme: »Bist doch gekommen, Peter. So dank Dir Gott, aber
-zum Vorlesen werden wir heut' wohl keine Zeit haben. Anna, sei so gut
-und weck' die Kinder auf.«
-
-Das Weib zuckte zusammen, fuhr mit der Hand zu ihrem Herzen, sagte aber
-dann in ruhigem Tone: »Bist wieder schlechter, Seppel? Hast ja recht
-gut geschlafen.«
-
-Er merkte es gleich, daß ihre Ruhe nicht echt war.
-
-»Thu' Dich nicht gar so grämen, Weib,« sprach er, »auf der Welt ist's
-schon nicht anders. Weck' mir schön die Kinder auf, aber friedsam, daß
-sie nicht erschrecken.«
-
-Die Häuslerin ging zum Strohlager, rüttelte mit bebender Hand am
-Schaub, und die Kleinen fuhren halb bewußtlos empor.
-
-»Ich bitt' Dich gar schön, Anna, reiß mir die Kinder nicht so herum,«
-verwies der Kranke mit schwächerer Stimme, »und die kleine Martha laß
-schlafen, die versteht noch nichts.«
-
-Ich blieb abseits am Tische sitzen, und mir war heiß in der Brust. Die
-Angehörigen versammelten sich um den Kranken und schluchzten.
-
-»Seid Ihr nur ruhig,« sagte der Sepp zu seinen Kindern, »die Mutter
-wird Euch schon morgen länger schlafen lassen. Josefa, thu' Dir das
-Hemd über die Brust zusammen, sonst wird Dir kalt. Und jetzt -- seid
-allweg schön brav und folgt der Mutter, und wenn Ihr groß seid, so
-steht ihr bei und verlaßt sie nicht. -- Ich hab' gearbeitet meiner
-Tag mit Fleiß und Müh'; gleichwohl kann ich Euch weiter nichts
-hinterlassen, als dieses Haus und den kleinen Garten, und den Rainacker
-und den Schachen dazu. Wollt' Euch's teilen, so thut es brüderlich,
-aber besser ist's, Ihr haltet die Wirtschaft zusammen und thut hausen
-und thut bauen. Weiters mach' ich kein Testament, ich hab' Euch alle
-gleich lieb. Thut nicht ganz vergessen auf mich, und schickt mir dann
-und wann ein Vaterunser nach. -- Und Euch, die zwei Buben, bitt' ich
-von Herzen: Hebt mir mit dem Wildern nicht an; das nimmt kein gutes
-End'. Gebt mir die Hand darauf. So. -- Wenn halt Einer von Euch das
-Sägefeilen wollt' lernen; ich hab' mir damit viel Kreuzer dermacht
-(erworben); Werkzeug dazu ist da. Und sonst wißt Ihr schon, wenn Ihr
-am Rainacker die Erdäpfel anbaut, so setzt sie erst im Mai ein; 's ist
-wohl wahr, was mein Vater fort gesagt hat: Bei den Erdäpfeln heißt's:
-Baut mich an im April, komm' ich, wann ich will; baut mich an im Mai,
-komm' ich glei (gleich). -- Thut Euch so Sprüchlein nur merken. -- So,
-und jetzt geht wieder schlafen, Kinder, daß Euch doch nicht kalt wird,
-und gebt allzeit rechtschaffen Obacht auf Eure Gesundheit. Gesundheit
-ist das Beste. Geht nur schlafen, Kinder.«
-
-Der Kranke schwieg und zerrte an der Decke.
-
-»Frei zu viel reden thut er mir,« flüsterte das Weib gegen mich
-gewendet. Eine bei Schwerkranken plötzlich ausbrechende Redseligkeit
-ist eben auch kein gutes Zeichen.
-
-Nun lag er, wie zusammengebrochen, auf dem Bette. Das Weib zündete die
-Sterbekerze an.
-
-»Das nicht, Anna, das nicht,« murmelte er, »ein wenig später. Aber
-einen Schluck Wasser giebst mir, gelt?«
-
-Nach dem Trinken sagte er: »So, das frisch' Wasser ist halt doch wohl
-gut. Gebt mir recht auf den Brunnen Obacht. Ja, und daß ich nicht
-vergeß', die schwarzen Hosen und das blau' Jöppel weißt, und draußen
-hinter der Thür, wo die Sägen hängen, lehnt das Hobelbrett, das leg'
-über den Schleifstock und die Hanselbank; für drei Tag' wird's wohl
-halten. Morgen früh, wenn der Holzjosel kommt, der hilft mich schon
-hinauslegen. Schau aber fein gut, daß die Katz' nicht dazu kommt; die
-Katzen gehen los und schmecken's gleich, wenn wo eine Leich' ist. Was
-unten bei der Pfarrkirche mit mir geschehen soll, das weißt schon
-selber. Meinen braunen Lodenrock und den breiten Hut schenk' den Armen.
-Dem Peter magst auch was geben, daß er heraufgegangen ist. Vielleicht
-ist er so gut und liest morgen beim Leichwachen was vor. Es wird ein
-schöner Tag sein morgen, aber geh' nicht zu weit fort von heim, es
-möcht' ein Unglück geschehen, wenn draußen in der Lauben das Licht
-brennt. -- Nachher, Anna, such' da im Bettstroh nach; wirst einen alten
-Strumpf finden, sind etlich' Zwanziger drin.«
-
-»Seppel, streng' Dich nicht so an im Reden,« schluchzte das Weib.
-
-»Wohl, wohl, Anna -- aber aussagen muß ich's doch. Jetzt werden wir
-wohl nicht mehr lang' beisammen sein. Wir haben uns zwanzig Jahre
-gehabt, Anna. Du bist mein Alles gewesen; kein Mensch kann Dir's
-vergelten, was Du mir gewesen bist. Das vergeß' ich Dir nicht im
-Tod und nicht im Himmel. Mich gefreut's nur, daß ich in der letzten
-Stund' noch was mit Dir reden kann, und daß ich gleichwohl so viel bei
-Verstand bin.«
-
-»-- Stirb doch nicht gar hart, Seppel,« hauchte das Weib und beugte
-sich über sein Antlitz.
-
-»Nein,« antwortete er ruhig, »bei mir ist's so, wie bei meinem Vater:
-leicht gelebt und leicht gestorben. Sei nur auch Du so, und leg' Dir's
-nicht schwer. Wenn wir nun auch wieder jedes allein ankommen, zusammen
-gehören wir gleichwohl noch, und ich heb' Dir schon ein Platzel auf im
-Himmel, gleim (nahe) an meiner Seit', Anna, gleim an meiner Seit'. Nur
-das thu' um Gotteswillen, die Kinder zieh' gut auf.«
-
-Die Kinder ruhten. Es war still, und mir war, als hörte ich irgendwo in
-der Stube ein leises Schnurren und Spinnen. --
-
-Plötzlich rief der Sepp: »Anna, jetzt zünd' geschwind die Kerzen an!«
-
-Das Weib rannte in der Stube herum und suchte nach Feuerzeug; und es
-brannte ja doch der Span. -- »Jetzt hebt er an zu sterben!« wimmerte
-sie. Als aber die rote Wachskerze brannte, als sie ihm dieselbe in die
-Hand gab, als er den Wachsstock gelassen mit beiden Händen umfaßte und
-als sie das Weihwassergefäß vom Gesimse nahm, da wurde sie scheinbar
-ganz ruhig und betete laut: »Jesus, Maria, steht ihm bei! Ihr Heiligen
-Gottes, steht ihm bei in der höchsten Not, laßt seine Seele nicht
-verloren sein! Jesus, ich bete zu Deinem allerheiligsten Leiden!
-Maria, ich rufe Deine heiligen sieben Schmerzen an! Du, sein heiliger
-Schutzengel, wenn seine Seel' vom Leib muß scheiden, führ' sie ein zu
-den himmlischen Freuden!«
-
-Und sie betete lange. Sie schluchzte und weinte nicht; nicht eine
-einzige Thräne stand in ihrem Auge, sie war ganz die ergebene Beterin,
-die Fürbitterin.
-
-Endlich schwieg sie, beugte sich über das Haupt des Gatten, beobachtete
-sein schwaches Atemholen und hauchte: »So behüt' Dich Gott, Seppel,
-thu' mir meine Eltern und unsere ganze Freundschaft (Verwandtschaft)
-grüßen in der Ewigkeit. Behüt' Dich Gott, mein lieber Mann! Die
-heiligen Engel geben Dir das Geleit', und der Herr Jesus mit seiner
-Gnad' wartet schon Deiner bei der himmlischen Thür.«
-
-Er hörte es vielleicht nicht mehr. Seine blassen, halboffenen Lippen
-gaben keine Antwort. Seine Augen sahen starr zur Stubendecke empor.
-Und aus den gefalteten Händen aufragend brannte die Wachskerze; sie
-flackerte nicht, still und geruhsam und hell, wie eine schneeweiße
-Blütenknospe stand die Flamme empor -- sein Atemzug bewegte sie nicht
-mehr.
-
-»-- Jetzt ist's gar, jetzt ist er mir gestorben!« rief das Weib aus,
-schrill und herzdurchdringend, dann sank sie nieder auf einen Schemel
-und begann bitterlich zu weinen.
-
-Die wieder erwachenden Kinder weinten auch; nur das Kleinste
-lächelte ...
-
-Die Stunde lag auf uns, wie ein schwerer Stein.
-
-Endlich richtete sich die Häuslerin -- die Witwe -- auf, trocknete ihre
-Thränen und legte zwei Finger auf die Augen des Toten.
-
-Die Wachskerze brannte, bis die Morgenröte aufging.
-
-Durch den Wald war ein Bote gegangen. Dann kam ein Holzarbeiter. Der
-besprengte den Toten mit Weihwasser und murmelte: »So rücken sie ein,
-einer nach dem andern.«
-
-Dann thaten sie dem Meisen-Sepp festtägige Kleider an, trugen ihn
-hinaus in die Vorlauben und legten ihn auf das Brett.
-
--- Das Buch ließ ich liegen auf dem Tisch, für die Leichenwachen der
-nächsten Nächte, zu denen ich der Häuslerin das Lesen zugesagt hatte.
-Als ich fortgehen wollte, kam sie mit einem grünen Hut, auf welchem ein
-weit ausgeborsteter Gemsbart stak.
-
-»Willst den Hut mitnehmen für Deinen Vater?« fragte sie, »der Seppel
-hat Deinen Vater fortweg gern gehabt. Den Gamsbart magst zum Andenken
-selber behalten. Bet' einmal ein Vaterunser dafür.«
-
-Ich sagte meinen Dank, ich that noch einen unsteten Blick gegen die
-Bahre hin; der Sepp lag lang gestreckt und hielt seine Hände über der
-Brust gefaltet. -- Dann ging ich hinaus und abwärts durch den Wald. --
-Wie war's licht und taufrisch voll Vogelgesang, voll Blütenduft -- voll
-Leben im Walde!
-
-Und in der Hütte, auf dem Bahrbett lag ein toter Mensch.
-
-Ich kann die Nacht und den Morgen -- das Sterben mitten in dem
-unendlichen Lebensquell des Waldes nimmermehr vergessen. Auch besitze
-ich heute noch den Gemsbart zum Andenken an den Meisen-Sepp.
-
-Wenn mich die Gier anpackt nach den Freuden der Welt, oder wenn mich
-die Zweifel überkommen an der Menschheit Gottesgnadentum, oder wenn
-mich gar die Angst will quälen vor meinem vielleicht noch fernen,
-vielleicht schon nahen Hingang -- so stecke ich den Gemsbart des Sepp
-auf den Hut.
-
-[Illustration]
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-[Illustration]
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-
-Wie ich dem lieben Herrgott mein Sonntagsjöppl schenkte.
-
-
-In der Kirche des Alpendorfes Ratten steht links am Hochaltare
-eine fast lebensgroße Reiterstatue. Der Reiter auf dem Pferde ist
-ein stolzer Kriegsmann mit Helm und Busch und einem kohlschwarzen
-Schnurrbärtchen. Er hat das breite funkelnde Schwert gezogen und
-schneidet mit demselben seinen Mantel entzwei. Zu Füßen des sich
-bäumenden Rosses kauert eine Bettlergestalt in Lumpen.
-
-Als ich noch so ein nichtiger Knirps war, wie er einem ordentlichen
-Menschen kaum zum Hosensack emporgeht, führte mich meine Mutter gern
-in diese Kirche. In der Nähe der Kirche steht eine Marienkapelle, die
-sehr gnadenvoll ist und in welcher meine Mutter gern betete. Als oft
-kein Mensch sonst mehr in der Kapelle war und vom Turme schon die
-Mittagsglocke in den heißen Sommersonntag hinausklang, kniete die
-Mutter immer noch in einem der Stühle und klagte Marien ihr Anliegen.
-Die »liebe Frauen« saß auf dem Altare, legte die Hand in den Schoß und
-bewegte weder den Kopf, noch die Augen, noch die Hände, und da konnte
-meine Mutter nachgerade sagen, was sie wollte.
-
-Ich hielt mich lieber in der großen Kirche auf und sah den schönen
-Reiter an.
-
-Und einmal, als wir auf dem Wege nach Hause waren und mich die Mutter
-an der Hand führte, und ich immer drei Schritte machen mußte, so
-oft sie einen that, warf ich meinen kleinen Kopf auf zu ihrem guten
-Angesichte und fragte: »Zuweg steht denn der Reiter allfort auf der
-Wand oben, und zuweg reitet er nicht zum Fenster hinaus auf die Gasse?«
-
-Da antwortete die Mutter: »Weil Du so kindische Fragen thust und weil
-es nur ein Bildnis ist, das Bildnis des heiligen Martin, der, ein
-Soldat, ein sehr gutthätiger frommer Mann gewesen und jetzt im Himmel
-ist.«
-
-»Und ist das Roß auch im Himmel?« fragte ich.
-
-»Sobald wir zu einem rechten Platz kommen, wo wir rasten können, so
-will ich Dir vom heiligen Martin was erzählen,« sagte die Mutter und
-leitete mich weiter, und ich hüpfte neben ihr her. Da wartete ich schon
-sehr schwer auf das Rasten, und in einemfort rief ich: »Mutter, da ist
-ein rechter Platz!«
-
-Erst als wir in den schattigen Wald hineinkamen, wo ein platter,
-moosiger Stein lag, fand sie's gut genug, da setzten wir uns nieder.
-Die Mutter band das Kopftuch fester und war still, als habe sie
-vergessen, was sie versprochen. Ich starrte ihr fort und fort auf den
-Mund, dann guckte ich wieder zwischen den Bäumen hin, und mir war ein
-paarmal, als hätte ich durch das Gehölz den schönen Reitersmann reiten
-gesehen.
-
-»Ja, 'leicht wohl, mein Bübel,« begann meine Mutter plötzlich, »allzeit
-soll man den Armen Hilfe reichen um Gotteswillen. Aber so, wie der
-Martin gewesen, traben heutzutag nicht viel Herrenleut' herum auf hohem
-Roß. -- Daß im Spätherbst der eiskalte Wind über unsere Schafheide
-streicht, das weißt wohl, hast Dir ja selber d'rauf im vorig' Jahr
-schier die Tatzelein erfroren. Siehst Du, völlig eine solche Heide
-ist's auch gewesen, über die der Reitersmann Martinus einmal geritten
-an einem späten Herbstabend. Steinhart ist der Boden gefroren, und
-das klingt ordentlich, so oft das Roß seinen Huf in die Erden setzt.
-Die Schneeflöcklein tänzeln umher, kein einziges vergeht. Schon
-will die Nacht anbrechen, und das Roß trabt über die Heide, und der
-Reitersmann zieht seinen weiten Mantel zusammen, so eng es halt hat
-gehen mögen. Bübel, und wie er so hinfährt, da sieht er auf einmal
-ein Bettelmännlein kauern an einem Stein; das hat nur ein zerrissenes
-Jöpplein an und zittert vor Kälte und hebt sein betrübtes Auge auf zum
-hohen Roß. Hu, und wie das der Reiter sieht, hält er an sein Tier und
-ruft zum Bettler nieder: Ja, Du lieber armer Mann, was soll ich Dir
-reichen? Gold und Silber hab' ich nicht, und mein Schwert kannst Du
-nimmer brauchen. Wie soll ich Dir helfen? -- Da senkt der Bettelmann
-sein weißes Haupt nieder gegen die halbentblößte Brust und thut einen
-Seufzer. Der Reiter aber zieht sein Schwert, zieht seinen Mantel von
-den Schultern und schneidet ihn mitten auseinander. Den einen Teil des
-Kleidungsstückes läßt er hinabfallen zu dem armen zitternden Greise:
-Hab' vorlieb damit, mein notleidender Bruder! -- Den andern Teil des
-Mantels schlingt er, so gut es geht, um seinen eigenen Leib und reitet
-davon.«
-
-So hatte meine Mutter erzählt und dabei mit ihrem eiskalten
-Herbstabende den schönen Hochsommertag so frostig gemacht, daß ich mich
-fast schauernd an ihr lindes Busentuch schmiegte.
-
-»'s ist aber noch nicht ganz aus, mein Kind,« fuhr die Mutter fort,
-»wenn Du es nun gleichwohl weißt, was der Reiter mit dem Bettler in
-der Kirche bedeutet, so weißt Du's noch nicht, was weiter geschehen
-ist. Wie der Reitersmann nachher in der Nacht daheim auf seinem
-harten Polster ruhsam schläft, kommt derselbige Bettler von der Heide
-zu seinem Bett, zeigt ihm lächelnd den Mantelteil, zeigt ihm die
-Nägelwunden an den Händen und zeigt ihm sein Angesicht, das nicht
-mehr alt und kummervoll ist, das strahlet wie die Sonnen. Derselbe
-Bettelmann auf der Heid' ist der lieb' Herrgott selber gewesen. -- So,
-Bübel, und jetzt werden wir wieder anrucken.«
-
-Da erhoben wir uns und stiegen den Bergwald hinan.
-
-Bis wir heim kamen, waren uns zwei Bettelleute begegnet; ich guckte
-jedem sehr genau in das Gesicht; ich hab' gemeint, es dürft' doch der
-liebe Herrgott dahinter stecken.
-
-Gegen Abend desselben Tages, als ich mein Sonntagskleidchen des
-sparsamen Vaters wegen schon hatte ablegen müssen und nun wieder in
-dem vielfarbigen Werktagshöslein herumlief und hüpfte und nur noch das
-völlig neue graue Jöppel trug, das ich nicht ablegen wollen und mir
-noch für den Tagesrest erbeten hatte, und als die Mutter auch schon
-lange wieder bei ihrer häuslichen Arbeit war, eilte ich gegen die
-Schafheide hinauf. Ich mußte die Schäflein, worunter auch ein weißes
-Lämmchen als mein Eigentum war, heim in den Stall führen.
-
-Wie ich aber so hinhüpfe und Steinchen schleudere und damit die
-goldenen Abendwolken treffen will, sehe ich plötzlich, daß dort am Fels
-ein alter weißköpfiger, sehr arm gekleideter Mann kauert. Da stehe ich
-erschrocken still, getraue mir keinen Schritt mehr zu thun und denke
-bei mir: Jetzt, das ist aber doch ganz gewiß der lieb' Herrgott.
-
-Ich habe gezittert vor Furcht und Freude, ich habe mir gar nicht zu
-helfen gewußt.
-
-Wenn es doch der lieb' Herrgott ist, ja, da muß eins ihm wohl was
-geben. Wenn ich jetzt heimlauf', daß die Mutter komme und gucke und mir
-sage, wie ich d'ran bin, so geht er mir zuletzt gar dieweilen davon,
-und es wär' doch eine Schand' und ein Spott. Ich denk', sein wird er's
-gewiß, just so hat derselb' ja auch ausgeschaut, den der Reitersmann
-gesehen.
-
-Ich schlich einige Schritte nach rückwärts und begann an meinem grauen
-Jöppel zu zerren. Es ging nicht leicht, es war so fest über dem
-grobleinenen Hemde oben, und ich wollte das Schnaufen verhalten, ich
-meinte, der Bettelmann sollte mich früher nicht bemerken.
-
-Einen gelbangestrichenen Taschenfeitel hatte ich, nagelneu und just
-scharf geschliffen. Diesen zog ich aus der Tasche, das Röcklein nahm
-ich unter's Knie und begann es nun mitten auseinander zu trennen.
-
-War bald fertig, schlich zum Bettelmann, der halb zu schlummern schien,
-und legte ihm seinen Teil von meinem Rock zu Häupten. -- Hab' vorlieb
-damit, mein notleidender Bruder! Das habe ich ihm still in Gedanken
-gesagt. Dann nahm ich meinen Teil vom Rocke unter den Arm, lugte noch
-eine Weile dem lieben Gott zu und jagte dann die Schäflein von der
-Heide.
-
-In der Nacht wird er wohl kommen, dachte ich, und da werden ihn Vater
-und Mutter sehen, und wir können ihm, wenn er bei uns bleiben will,
-gleich das hintere Stübel und das Hausaltarl herrichten.
-
-Ich lag im Schiebbettlein neben Vater und Mutter, und ich konnte nicht
-schlafen. Die Nacht verging, und der, den ich gemeint hatte, kam nicht.
-
-Am frühen Morgen aber, als der Haushahn die Knechte und Mägde aus ihren
-Nestern hervorgekräht hatte, und als draußen im Hofe schon der laute
-Werktag anhub, kam ein alter Mann (sie hießen ihn den Schwamm-Veitel)
-zu meinem Vater, brachte ihm den verschenkten Teil von meinem Rock
-und erzählte, ich hätte denselben abends zuvor in meinem Mutwillen
-zerschnitten und ihm das eine Stück an den Kopf geworfen, wie er so ein
-wenig vom Schwammsuchen ausgeruht habe auf der Schafheide.
-
-Darauf kam der Vater, eine Hand hinter dem Rücken, ganz leicht an mein
-Bett geschlichen: »Geh', thu' mir's sagen, Bub', wo hast denn Du Dein
-neues Sonntagsjöppel?«
-
-Das leise Schleichen mit der Hand hinter dem Rücken war mir sogleich
-verdächtig vorgekommen, und jetzt ging mir schon das Gesicht
-auseinander, und weinend rief ich: »Ja, Vater, ich hab' gemeint, dem
-lieben Herrgott hätt' ich es 'geben.«
-
-»Jesses, Bub', Du bist aber so ein Trottel, so ein Halbnarr!« schrie
-mein Vater, »für die Welt bist Du viel zu dalkert, zum Sterben bist Du
-gar zu dumm. Dir muß man mit einem rechten Besen die Seel' aus der Haut
-schlagen!«
-
-Wie nun die Hand mit der gewundenen Birkenrute zum Vorschein kam, erhob
-ich ein Zetergeschrei.
-
-Eilte sogleich die Mutter herbei. Sie that sonst selten Einsprache,
-wenn der Vater mit mir Gericht hielt, heute aber faßte sie ihm die Hand
-und sagte: »'s Röckel flick' ich 'leicht wieder zusammen, Alter. Geh'
-jetzt mit, ich muß Dir was sagen.«
-
-Sie gingen beide hinaus in die Küche; ich denke, dort haben sie über
-die Martinigeschichte gesprochen. Sie kamen nach einer Weile wieder in
-die Stube.
-
-Der Vater sagte mit fast dumpfer Stimme: »Sei nur still, es geschieht
-Dir nichts.«
-
-Und die Mutter flüsterte mir zu: »Ist schon recht, wenn Du das Röckl
-dem lieben Herrgott hast wollen geben, aber besser ist's noch, wir
-geben es dem armen Thalmichelbuben. In jedem Armen steckt der liebe
-Gott. Schau, der heilige Martinus hat's auch schon gewußt. So, und
-jetzt, mein Bübel, hupf' auf und schlüpf' ins Höslein; der Vater ist
-noch nicht allzuweit mit der birkenen Liesel.«
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-[Illustration]
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-
-[Illustration]
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-
-
-Wie das Zicklein starb.
-
-
-Ein andermal drohte die birkene Liesel wieder.
-
-Mein Vater hatte ein schneeweißes Zicklein, mein Vetter Jok hatte einen
-schneeweißen Kopf. Das Zicklein kaute gern an Halmen oder Erlzweigen;
-mein Vetter gern an einem kurzen Pfeifchen. Das Zicklein hatten wir,
-ich und meine noch jüngeren Geschwister, unsäglich lieb; den Vetter Jok
-auch. So kamen wir auf den Gedanken: wir sollten das Zicklein und den
-Vetter zusammenthun.
-
-Da war's im Heumonat, daß ich eines sonnenfreudigen Tages all' meine
-Geschwister hinauslockte auf den Krautacker und daselbst die Frage an
-sie that: »Wer von Euch hat einen Hut, der kein Loch hat?«
-
-Sie untersuchten ihre Hüte und Hauben, aber durch alle schien die Sonne
-und machte im Schatten auf dem Erdboden einen oder ein paar lichte
-Punkte. Nur Jakoberle's Hut war ohne Arg; den nahm ich also in die Hand
-und sagte: »Der Vetter heißt Jok, und morgen ist der Jokopitag, und
-jetzt, was geben wir ihm zum Bindband (Angebinde)? Das weiße Zicklein.«
-
-»Das weiße Zicklein gehört dem Vater!« rief das kleine Schwesterchen
-Plonele, empört über ein so eigenmächtiges Vorhaben.
-
-»Desweg ist es ja, daß ich Euch den Hut hinhalte,« sagte ich.
-
-»Du, Jakoberle, hast gestern dem Knierutscher-Sepp Dein Kinigl
-(Kaninchen) verkauft; Du, Plonele, hast von deinem Göden drei Groschen
-zum Taufpfennig gekriegt; Dir, Mirzerle, hat vor zwei Tagen der Vater
-ein Haltergeld geschenkt. Schaut, ich leg' meine ersparten fünf Kreuzer
-hinein, und wir müssen zusammenthun, daß wir dem Vater das Zicklein
-abkaufen mögen; und das schenken wir morgen dem Vetter. Nu, jetzt halt'
-ich schon her!«
-
-Sie guckten eine Weile so drein, dann huben sie in ihren Taschen zu
-suchen an. Da sagte das Plonele: »Mein Geld hat die Mutter!« und
-das Mirzerle rief erschrocken: »Das meine weiß ich nicht!« und das
-Jakoberle starrte auf den Boden und murmelte: »Mein Sack hat ein Loch.«
-
-Auf diese Weise war mein Unternehmen gescheitert.
-
-Nichtsdestoweniger haben wir das schneeweiße Zicklein geherzt. Es stieg
-mit den Vorderfüßchen an unsere Knie empor und guckte uns mit seinen
-großen, völlig eckigen Augen schelmisch an, als wollte es uns recht
-spotten, daß wir allmitsammen nicht so viel an Vermögen hatten, um
-es kaufen zu können. Es kicherte und blökte uns ordentlich aus, und
-dabei sahen wir die schneeweißen Zähnchen. Es war kaum drei Monate
-alt und hatte schon einen Bart; und ich und das Jakoberle waren über
-sieben Jahre hinaus und mußten uns aus grauen Baumflechten einen Bart
-ankleben, wenn wir einen haben wollten. Und selbst den _fraß_ uns das
-Zicklein vom Gesichte herab.
-
-Trotzdem hatten wir jedes das Vierfüßchen viel lieber, als uns
-untereinander. Und ich sann auf weitere Mittel, mit dem Tiere den
-Vetter zu beglücken.
-
-Als aber mittags darauf der Vater vom Felde heimfuhr, umschwärmten wir
-ihn alle und zupften an seinen Kleidern.
-
-»Vater,« sagte ich, »ist es wahr, daß die Morgenstunde Gold im Munde
-hat?«
-
-Das war ja sein eigen Sprichwort, und so antwortete er rasch: »Freilich
-ist das wahr.«
-
-»Vater!« riefen wir nun alle vier zugleich, »wie früh müssen wir all'
-Tag aufstehen, daß Ihr uns das weiße Zicklein gebt?«
-
-Auf diese geschäftliche Wendung schien der Vater nicht gefaßt gewesen
-zu sein. Da er aber von unserem Vorhaben, dem Vetter Jok das Zicklein
-zuzueignen, hörte, da bedingte er ein halb Stündlein früher aufzustehen
-jeden Tag und trat uns das liebe Tierchen ab.
-
-Das Zicklein gehörte uns. Wir beschlossen einstimmig, schon am nächsten
-Morgen noch vor des Vetters Aufstehzeit -- und das war viel gesagt --
-aus dem Neste zu kriechen, das Zicklein mit einem roten Halsband zu
-versehen und es an's Bett des alten Jok zu führen, ehe dieser noch
-seinen langen, grauen Pelz, den er Winter und Sommer trug, auf den Leib
-brachte.
-
-So unser heilig Vorhaben.
-
-Aber am anderen Tage, als uns die Mutter weckte und wir die Lider
-aufschlugen, schien uns die Sonne mit solcher Gewalt in die Augen, daß
-wir dieselben sogleich wieder schließen mußten, bis die Mutter mit
-ihrem Kopftuch das Fenster verhüllte.
-
-Nun gab es keine Ausflucht mehr. Aber der Vetter war längst schon
-davon mitsamt dem Pelz. Er hatte die Schafe und die Ziegen auf die
-Thalweide getrieben, wo er sie stets hütete und den ganzen Tag
-schmunzelnd an seinem Pfeifchen kaute. Und die Tierchen schnappten so
-emsig an den betauten Gräsern und Sträuchern, und hüpften und scherzten
-so lustig auf der sonnigen Weide.
-
-Es war auch das Zicklein dabei. Und hat's dem Jok denn niemand gesagt,
-daß heute sein Namenstag ist? --
-
-Zu jener Zeit, von der ich rede, sind die feuerspeienden Streichhölzer
-noch nicht erfunden gewesen; dazumal war das liebe Feuer ein rares
-Ding. Man konnte es nicht so bequem mit im Sack tragen, wie heute,
-ohne sich das Beinkleid zu verbrennen. Es mußte mit harten Schlägen
-aus Steinen herausgetrieben werden; es mußte, kaum geboren, mit Zunder
-gefüttert werden und bedurfte langer Zeit, bis es sich in demselben so
-weit kräftigte, daß es ein gröberes Köder anbiß und flügge wurde. Das
-Feuer mußte zum Dienste des Menschen jedesmal förmlich erzogen werden.
-
-Es war ein mühsam und heikel Stück Arbeit; beim Feuermachen konnte
-meine sonst so milde Mutter unwirsch werden.
-
-Die Glut, des Abends noch so sorgsam in der Herdgrube verwahrt, war
-des Morgens zumeist erloschen. Was sich die Mutter auch mühte, den
-Funken in der Asche wieder anzublasen -- all vergebens, das Feuer war
-gestorben über Nacht. Nun ging die Schlägerei mit Stein und Stahl an;
-und wir Kinder waren oft schon recht hungrig, ehvor die Mutter das
-Feuer zuweg brachte, welches uns die Morgensuppe kochen sollte.
-
-So auch am Morgen von des Vetters Namenstag. Wir hatten draußen in
-der Küche wohl eine Weile das Pfauchen und Feuerschlagen gehört, dann
-aber rief die Mutter plötzlich aus: »'s ist gar umsonst! 's ist, wie
-wenn der bös' Feind in die Herdgruben hätt' gespuckt. Und der Stein
-hat keinen Funken Feuer mehr in sich, und der Schwamm ist feucht, und
-die Leut' warten auf die Suppen!« Dann kam sie in die Stube und sagte:
-»Geh, Peterle, ruck, und lauf geschwind zu der Knierutscherin hinüber:
-Ich thät sie gar schön von Herzen bitten, sie wollt' mir ein Haferl
-Glut schicken von ihrem Herd. Und trag' ihr dafür da den Brotlaib mit.
-Geh, Peterle, ruck, daß wir nachher eine Suppen kriegen!«
-
-Ich hatte mein weißes Linnenhöselein gleich an, und wie ich war --
-barfuß, barhaupt, nahm ich den runden, recht gewichtigen Brotlaib unter
-den Arm und lief gegen das Knierutscherhaus.
-
-»Du Sonnenschein,« sagte ich unterwegs, »schäm' dich, du kannst nicht
-einmal ein Süpplein wärmen. Jetzt muß ich zu der Knierutscherin
-um Feuer gehen. Aber wart' nur, wird bald lustig sein auf unserem
-Herd; die Flammen werden aufhüpfen über das Holz, die Mauer wird rot
-leuchten, die Töpfe werden brodeln, der Rauch wird unter den Feuerhut
-hinaussprudeln und den Rauchfang hinauf und wird dich verdecken. Recht
-hat er, wenn er dich verdeckt, dann essen wir die Suppen und den Sterz
-im Schatten, und den Eierkuchen auch, der heut' für den Vetter Jok
-gebacken wird, und du sollst von allem nichts sehen.«
-
-Als ich nach solchem Gespräche mit der Sonne über die Lehne ging, da
-stach mich ein wenig der Vorwitz. Mein Brotlaib war so kugelrund und
-fest, als wäre er aus Lärchenholz gedrechselt worden. Man läßt bei
-mir daheim das Brot gern altgebacken werden, es langt auf diese Weise
-doppelt aus, gleichwohl es zur Essenszeit zuweilen mit Eisenschlegeln
-zertrümmert werden muß.
-
-Aber weil denn mein Laib gar so kugelrund war, wie nicht leicht etwas
-Runderes mehr zu finden ist, so ließ ich ihn los über die Lehne, lief
-ihm behende vor und fing ihn wieder auf.
-
-War ein herzlich lustiges Spiel das, und ich hätte mögen all' meine
-Geschwister herbeirufen, daß sie es sehen und mitmachen könnten. -- Wie
-ich nun aber so in meiner Freude die Lehne auf- und abhüpfe, spielt mir
-mein Brotlaib jählings den Streich und huscht mir wie der Wind zwischen
-den Beinen durch und davon. Er eilt und hüpft hinab, viel schneller wie
-ein Reh vor dem Jagdhunde -- er fährt über den Hang, setzt hoch über
-den Rain in die Thalweide hinab, wo er meinen Augen entschwindet.
-
-Bin dagestanden wie ein Klotz, und hab' gemeint, ich müßt umfallen vor
-Schreck und auch hinabkugeln gegen das Thal. Ich ging eine Weile hin
-und her, auf und ab, und da ich den Laib nirgends sah, schlich ich
-kopfhängerig davon und ins Haus der Knierutscherin.
-
-Da brannte freilich ein schönes großes Feuer auf dem Herde.
-
-»Was willst denn, Peterle?« fragte die Knierutscherin freundlich.
-
-»Bei uns,« stotterte ich, »ist das Feuer ausgangen, wir mögen uns
-nichts kochen, und so läßt meine Mutter schön bitten um ein Haferl
-Glut, und sie thät es schon fleißig wieder zurückstellen.«
-
-»Ihr Närrlein, Ihr, wer wird denn so ein paar Kohlen zurückstellen!«
-rief die Knierutscherin und schürte mit der Feuerzange Glut in einen
-alten Topf; »da seh', ich laß Deiner Mutter sagen, sie soll nur schön
-anheizen und Dir einen recht guten Sterz kochen. Aber schau, Peterle,
-daß Dir der Wind nicht hineinbläst, sonst trägt er die Funken auf das
-Dach hinauf. So, jetzt geh' nur in Gottesnamen!«
-
-So gütig war sie mit mir, und ich hatte ihr den Brotlaib verscherzt.
-Deß drückt mich das Gewissen heute noch hart.
-
-Als ich endlich mit dem Feuertopfe zurück gegen unser Haus kam, war ich
-höchlich überrascht, denn da sah ich aus dem Rauchfange bereits einen
-blauen Dunst hervorsteigen.
-
-»Dich soll man um den Tod schicken und nicht um Feuer!« rief die
-Mutter, als ich eintrat; dabei wirtete sie um das lustige Herdfeuer
-herum und sah mich gar nicht an. Meine kaum mehr knisternden Kohlen
-waren so armselig gegen dieses Feuer; ich stellte den Topf betrübt
-in einen Winkel des Herdes und schlich davon. Ich war viel zu lange
-ausgewesen; da war zum Glück der Vetter Jok von der Thalweide
-heimgekommen, und der hatte ein Brennglas, das er in der Sonne über
-einen Zunder hielt, bis derselbe glimmte. Und jetzt war mir die
-verlästerte Sonne doch noch zuvorgekommen mit dem Suppenfeuer. Ich war
-sehr beschämt und vermag es heute noch nicht, der Wohlthäterin offen in
-das Angesicht zu blicken.
-
-Ich schlich auf den Hausanger. Dort sah ich den Vetter kauern in seinem
-langen, grauen, rotverblümten Pelz und mit seinem weißen Haupt. Und als
-ich näher kam, da sah ich, warum er hier so kauerte. Das schneeweiße
-Zicklein lag vor ihm und streckte seinen Kopf und seine Füße von sich,
-und der Vetter Jok zog ihm die Haut ab.
-
-Sogleich hub ich laut zu weinen an. Der Vetter erhob sich, nahm mich
-bei der Hand und sagte:
-
-»Da liegt es und schaut Dich an!«
-
-Und das Zicklein starrte mir mit seinen verglasten Augen wirklich
-schnurgerade in das Gesicht. Und doch war es tot.
-
-»Peterle!« lispelte der Vetter ernsthaft, »die Mutter hat der
-Knierutscherin einen Brotlaib geschickt.«
-
-»Ja,« schluchzte ich, »und der ist mir davongegangen, hinab über die
-Lehnten.«
-
-»Weil Du's eingestehst, Bübel,« sagte der Vetter Jok, »so will ich die
-Sach' schon machen, daß Dir nichts geschieht. Ich hab' zu der Mutter
-gesagt, ein Stein oder so was wär' herabgefahren und hätt' das Zicklein
-erschlagen. Hab' mir's im Geheim gleich gedacht, das Peterle steckt
-dahinter. Dein Brotlaib ist schier in den Lüften dahergekommen nieder
-über den hohen Rain, an mir vorbei, dem Zicklein zu, hat es just am
-Kopf getroffen -- ist das Dingelchen hingetorkelt und gleich maustot
-gewesen. -- Aber -- fürcht' Dich nicht, es bleibt beim Stein. Mit der
-Knierutscherin werd' ich's auch abmachen, und jetzt sei still, Bübel,
-und zerr' mir das Gesicht nicht so garstig auseinander. Auf die Nacht
-essen wir das Tierlein, und die Mutter kocht uns eine Krennsuppe dazu.«
-
--- So ist das Zicklein gestorben. Meine Geschwister erzählten mir, ein
-böser, böser Stein habe es erschlagen.
-
-Die Mutter hatte mir zu Liebe meine Kohlen zum Herdfeuer geschüttet,
-und bei diesem Feuer wurde das Zicklein gebraten.
-
-Dem Vetter Jok war es vermeint gewesen; nun sollte er davon den Braten
-haben. Aber er rief uns Alle zu Tisch und legte uns die besten Bissen
-vor. Mir hat der meine nicht gemundet.
-
-Am anderen Morgen bewaffnete sich das Jakoberle mit einem Knittel, ging
-damit dem Vetter nach auf die Thalweide und wollte den Stein sehen, der
-das Zicklein erschlug.
-
-»Kind,« sagte der Vetter Jok und kaute angelegentlich am Pfeifchen,
-»der ist weiter gekugelt, über den rinnt das Wasser, der liegt in der
-Schlucht.«
-
-Der gute, alte Mann! Mir auf dem Herzen lag der Stein, »der das
-Zicklein erschlagen«. --
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Dreihundert vierundsechzig und eine Nacht.
-
-
-Das Zicklein war dahin.
-
-Aber mein Vater hatte noch vier große Ziegen im Stalle stehen, so wie
-er vier Kinder hatte, welche zu den ersteren stets in enger Beziehung
-standen. Jede der Ziegen hatte ihren kleinen Futterbarren, aus dem
-sie Heu oder Klee fraß, während wir sie molken. Keine einzige gab die
-Milch am leeren Barren. Die Ziegen hießen Zitzerl, Zutzerl, Zeitzerl
-und Heitzerl und waren, eben auch einer schönen Schenkung zu Folge, das
-Eigentum von uns Kindern. Das Zitzerl und das Zutzerl gehörten meinen
-zwei Schwesterchen; das Zeitzerl meinem achtjährigen Bruder Jakoberle,
-das Heitzerl war mein!
-
-Jedes von uns pflegte und hütete sein ihm zugeteiltes Gespons in Treue;
-die Milch aber thaten wir zusammen in einen Topf, die Mutter kochte
-sie, der Vater schenkte uns dazu die Brotschnitten -- und Gott der Herr
-hat uns den Löffel Suppe besegnet.
-
-Und wenn wir so mit den breiten Holzlöffeln, die unser Oheim geschnitzt
-hatte, und die ihrer Ausdehnung wegen für's Erste kaum in den Mund
-hinein, für's Zweite kaum aus demselben herauszubringen waren,
-unser Nachtmahl ausgeschaufelt hatten, so nahmen wir jedes unseren
-Roßhaarkotzen und legten uns, eins wie's andere, in den Futterbarren
-der Ziegen. Das waren eine Zeitlang unsere Betten, und die lieben Tiere
-befächelten uns mit ihren weichen Bärten die Wangen und beleckten uns
-die Näschen.
-
-Aber, wie wir Kindlein auch in der Krippe lagen, so kam das Einschlafen
-auch nicht just immer nach dem ersten Lecken. Ich hatte von unserer
-Ahne eine Menge wundersamer Geschichten und Märchen im Kopfe. Die
-erzählte ich nun in solchen Abendstunden, und meine Geschwister waren
-darüber glückselig, und die Ziegen hörten auch nicht ungern zu; nur daß
-diese dann und wann, wenn ihnen das Ding gar zu unglaublich vorkam,
-so ein wenig vor sich hinmeckerten oder mit den Hörnern ungeduldig
-an den Barren pufften. Einmal, als ich von der Habergais erzählte,
-die, wenn sie um Mitternacht auf dem Felde schreit, den Haber (Hafer)
-schwarz macht, und die nichts frißt als die grauen Bärte alter
-Kohlenbrenner, da begann mein Heitzerl dermaßen zu meckern, daß die
-anderen drei auch mit einstimmten, bis meine Geschwister schließlich in
-ein fürchterliches Gelächter ausbrachen und ich wie ein überwiesener
-Aufschneider erbärmlich schweigen mußte.
-
-Von derselben Zeit an erzählte ich meinen Schlafgenossen lange keine
-Geschichten, und ich nahm mir vor, mit dem Heitzerl mein Lebtag kein
-Wort mehr zu reden.
-
-Da kam der Sonnwendtag. An diesem Tage kochte uns die Mutter den
-üblichen Eierkuchen, mein liebstes Essen auf der Welt. In diesem Jahre
-aber hatte uns der Geier die beste Leghenne geholt, so wollte sich das
-Eierkörblein nicht mehr füllen, und als am Sonnwendtag der Kuchen kam,
-war er ein gar kleinwinzig Laibchen. Wehmütig lugte ich hin auf den
-Holzteller.
-
-Mein fünfjährig Schwesterchen guckte mich an, und wie wenn es meine
-Sehnsucht wahrgenommen hätte, rief es plötzlich: »Du, Peterl, Du! wenn
-Du uns ein ganzes Jahr in jeder Nacht eine Geschichte erzählen magst,
-so schenk' ich Dir meinen Teil von dem Kuchen!«
-
-Dieser hochherzigen Entäußerung der Kleinen stimmten seltsamerweise
-auch die anderen bei, und sie patschten in die Händchen, und -- ich
-ging die Bedingung ein. So stand ich denn plötzlich am Ziele meiner
-Wünsche.
-
-Ich nahm meinen Kuchen unter die Jacke hinein und ging damit in die
-Milchkammer, wo mich niemand sehen und stören konnte. Dort verriegelte
-ich die Thür, setzte mich auf einen umgestülpten Zuber und ließ meine
-zehn Finger und das wohlgeordnete Heer meiner Zähne über den armen
-Kuchen los.
-
-Aber nun kamen die Sorgen; daß meine Geschwister strenge auf ihrer
-Forderung bestehen würden, daran konnte kein Zweifel obwalten. Ich
-ging auf meinen Hirtenzügen jeden Pecher, Kohlenbrenner, Halter und
-jedes wohlerfahrne Weiblein, wie ich's im Wald und auf der Heide
-traf, um eine Geschichte an. Es waren ergiebige Quellen, und ich war
-jeden Abend in der Lage, meiner Schuldigkeit nachzukommen. Mitunter
-allerdings war's ein Elend, bis ich was Neues auftrieb, und nach einer
-Zeit geschah es nicht selten, daß das Schwesterlein mich unterbrechend
-von seinem Barren herüber rief: »Du! die wissen wir, die hast uns schon
-erzählt!«
-
-Ich sah wohl, daß ich auf neue Wege sinnen mußte, und war daher bemüht,
-das Lesen besser zu lernen, um aus manchen Geschichtenbüchern, wie
-sie in den Waldhütten nutzlos auf den rußigen Wandstellen herumlagen,
-Schätze zu ziehen. Nun hatte ich neue Quellen: die Geschichte von der
-Pfalzgräfin (das Jakoberle sagte immer Schmalzgräfin) Genovefa; die
-vier Heimonskinder; die schöne Melusina; Wendelin von Höllenstein --
-ganz wunderbare Dinge zu Dutzenden. Da sagte mein Bruder wohl oft aus
-seiner Krippe heraus: »Mein Kuchen reut mich gar nicht! das ist wohl so
-viel unmöglich schön. Gelt, Zeitzerl?«
-
-Nun wurden die Abende zu kurz, und ich mußte eine solche Geschichte
-in Fortsetzungen geben, womit aber klein Schwesterchen schier nicht
-einverstanden sein wollte, denn es behauptete, in jeder Nacht eine
-_ganze_ Geschichte! so sei es ausgemacht.
-
-So verging das Jahr. Ich erwarb mir nach und nach eine gewisse
-Fertigkeit im Erzählen und that es sogar hochdeutsch, wie es in den
-Büchern stand! Oft geschah es auch, daß sich während des Erzählens
-meine Zuhörer tief in die Kotzen vergruben und vor Schauer über die
-Räuber- und Geistergeschichten zu stöhnen anhuben; aber aufhören durfte
-ich doch nicht.
-
-Es war schon wieder der Sonnwendtag nahe und mit ihm die Lösung meines
-Vertrages. Doch -- ein eigen Geschick! -- noch vor dem letzten Abend
-ging mir gänzlich der Faden aus. Alle meine Erinnerungen, alle Bücher,
-deren ich habhaft werden konnte, alle Männlein und Weiblein, denen ich
-begegnete, waren erschöpft -- Alles ausgepumpt -- Alles hoffnungslose
-Dürre. Bat ich meine Geschwister: »Morgen ist der letzte Abend --
-schenkt ihn mir!« War ein Geschrei: »Nein, nein, nichts schenken! Du
-hast Deinen Sonnwendkuchen kriegt!« Gar die Ziegen meckerten mit.
-
-Am nächsten Tage ging ich herum, wie ein verlorenes Schaf. Da kam
-mir plötzlich der Gedanke: Betrüge sie! _dichte_ was zusammen! Aber
-allsogleich schrie das Gewissen drein: Was du erzählst, das muß
-wahrhaftig sein! du hast den Kuchen wahrhaftig bekommen!
-
-Doch geschah im Laufe dieses Tages ein Ereignis, von dem ich hoffte,
-daß es im Drange der Aufregung mich meiner Pflicht entbinden würde.
-
-Mein Bruder Jakoberle verlor sein Zeitzerl. Er ging in Kreuz und Krumm
-über die Heide, er ging in den Wald und suchte weinend und rufend die
-Ziege. Aber endlich spät am Abend brachte er sie heim. Ruhig aßen
-wir unsere Suppe, gingen in unsere Krippen, und von mir wurde die
-Geschichte verlangt.
-
-Es war still. Die Zuhörer harrten in Erwartung. Die Ziegen scharrten im
-Wiederkäuen mit den Zähnen.
-
-Nun denn, so sollen sie die Geschichte haben.
-
-Ich sann -- -- ich begann:
-
-»Es war einmal ein großer, großer Wald gewesen. Und in dem Wald
-war es allweg finster gewesen. Keine Vöglein haben gesungen: nur
-der Totenvogel hat geschrien. Wenn aber doch die andern Vögel
-auch gesungen, da haben auf den Bäumen alle Äste und alle Blätter
-vieltausend Thränen geweint. Mitten in diesem Wald ist eine Heide,
-wie der Totenacker so still, und wer über dieselbe hingeht und nicht
-umkehrt, der kommt nicht mehr zurück. Über diese Heide sind einmal zwei
-blutige Knie gegangen.«
-
-»Jesses Ma--!« rief mein älteres Schwesterlein aus, und alle Drei
-krochen unter die Kotzen.
-
-»Ja, zwei blutige Knie,« fuhr ich fort, »und die sind über die Heide
-dahin geschwebt gegen den finsteren Wald, wie eine verlorne Seele.
-Aber auf einmal sind die zwei blutigen Knie --«
-
-»Ich schenk' Dir mein blaues Hosenband, wenn Du still bist!« wimmerte
-mein Bruder angstvoll und verbarg sich noch tiefer in die Decke.
-
-»-- sind die zwei blutigen Knie stillgestanden,« fuhr ich fort, »und
-auf dem Boden ist ein Stein gelegen, so weiß, wie ein Leichentuch. Dann
-sind zwei funkelnde Lichtlein gewesen zwischen den Bäumen, und darauf
-sind vier andere blutige Knie dahergeschwebt.« --
-
-»Mein neues Paar Schuh' schenk' ich Dir, wenn Du aufhörst!« hauchte
-das Jakoberle in seinem Trog und zog aus lauter Furcht das Zeitzerl am
-Barte zu sich.
-
-»Und so sind alle sechs zusammengegangen durch den finsteren Wald und
-heraus auf die Heide und über das Haferfeld herab zu unserem Hause --
-und herein in den Stall --«
-
-Jetzt kreischten alle Drei auf, und sie wimmerten und wußten ihrer
-Angst kein Ende, und klein Schwesterlein versprach mir mit Zagen seinen
-Teil von dem auch heuer wieder zu erwartenden, morgigen Sonnwendkuchen,
-wenn ich aufhöre. Ich aber fuhr fort:
-
-»Jetzt -- na, jetzt hab' ich zum Anfang zu sagen vergessen, daß die
-zwei ersten blutigen Knie unserem Jakoberle und die vier letzteren
-seinem Zeitzerl gehört haben -- wie sie heut' im Wald herumgegangen
-sind.«
-
-Brach auf einmal das Gelächter los. »Jeder Mensch hat zwei blutige
-Knie!« rief Schwesterlein, und die Ziegen meckerten, daß es ein Jubel
-war.
-
-Ich hatte meine Rolle ausgespielt. Dreihundert vierundsechzig Nächte
-lang hatte ich geglänzt als weiser, wahrhaftiger Geschichtenmann; die
-dreihundert fünfundsechzigste hatte mich entlarvt als argen Schwätzer.
-
-Das Versprechen in betreff des zweiten Sonnwendkuchens wurde rückgängig
-gemacht; Schwesterlein erklärte, die Zusage sei nichts als Notwehr
-gewesen.
-
-Und die Gläubigkeit meines Publikums hatte ich mir verdorben ganz und
-gar, und wenn es in Zukunft an irgend einem Erzählten seinen Zweifel
-ausdrücken wollte, so rief es einstimmig: »Aha, das ist wieder ein
-blutiges Knie!«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Als ich Bettelbub gewesen.
-
-
-Die schmale Straße, die durch den Wald ging, hatte weißen Sand und
-dunkles Moos, war zur sonnigen Zeit nicht staubig und in Regentagen
-nicht lehmig. Sie zog nicht in der Schlucht, sie zog auf der sanften
-Bergeshöhe hin, wo das kurze, grüne Heidekraut und in dünner Anzahl die
-alten, verknöcherten Fichtenbäumchen standen. Stellenweise ging der Weg
-über eitel grünen Rasen, und kein Wagengeleise war gedrückt; behendige
-Ameisenvölker trieben auf dieser Straße ihren Handel und Wandel.
-
-Und doch erstreckte sich der Weg aus Weitem her und war von Menschen
-getreten. Hie und da stand etwas wie ein Wegzeiger, eine hölzerne,
-wettergraue Hand wies geradeaus oder seitab und sagte nicht, wohin. An
-anderen Stellen wieder, wo ein alter, flechtenbewachsener Baumstamm
-hart am Wege ragte, prangte daran ein rotangestrichenes Holzkästchen
-mit einem Liebfrauenbildnis oder mit einem »Martertaferl,« erzählend
-von einem Unglücksfalle, der sich an der Stelle zugetragen, bittend um
-ein christlich Gebetlein. Oder es starrte aus dem Sand- und braunen
-Moosboden ein Kruzifix auf.
-
-Ich habe in der weiten Welt keinen Weg mehr gefunden, der mir so
-grauenhaft heilig erschienen wäre, als diese Straße, die durch unseren
-Wald strich und von der wir nicht wußten, woher sie kam und wohin sie
-ging. Denn doch! Erfahrene Leute sagten es ja, sie kam aus dem fernen
-Ungarlande und führte nach Mariazell. 's ist ein ewiges Wandern von
-Sonnenaufgang her. Auch die wilden Türken vor drei- oder mehr hundert
-Jahren sollen diesen stillen Weg herangewütet haben; auch kleine
-Zigeunerbanden trippelten zuweilen auf demselben daher, und dann einmal
-ein Handwerksbursche oder ein Bettelmann oder ein Schwärzer kam des
-Weges und verneigte sich vor den Bildnissen und küßte sich vom Kruzifix
-etliche hundert Tage Ablaß herab.
-
-Im Ganzen jedoch war der Weg unsagbar einsam, und die wenigen Häuser
-standen fernab im Thale oder auf entlegenen Hügeln.
-
-Doch war es alle Jahre einmal, zur Zeit der Bittage, in jener
-Maienwoche, in welcher unsere Religion das Fest der Himmelfahrt des
-Herrn feiert, daß auf diesem Waldwege eine förmliche Völkerwanderung
-ausbrach. Fremdartige Menschen in fremden Kleidern mit seltsamer
-Geberde und Sprache wallten scharenweise heran. Sie hatten braune
-Gesichter, knochige Glieder und struppige Haare. Sie hatten scharfe,
-glühende Augen, weiße Zähne, lange, tiefgebogene oder kühn aufgeworfene
-Nasen und fremdartige Züge um die Mundwinkel. Die Männer trugen
-weiße, flatternde, unten befranste Linnenhosen, die so weit waren,
-daß sie aussahen wie Kittel, und dunkelblaue Übermäntel mit breit
-zurückgeschlagenen Krägen und kleine Filzhütchen mit schmalen,
-aufgeringelten Krempen. Auch hatten sie blaue Westen an, besetzt
-mit einer Reihe von großen Silberknöpfen. Andere trugen wieder so
-enge weiße Beinkleider, als wären sie über und über an die Glieder
-gewachsen, und anstatt mit Stiefeln hatten sie die Waden und den Fuß
-in Kreuz und Krumm mit Binden umgeben. Auch hatten dieselben Männer
-schwere Übermäntel aus weißem Filze an ihren Achseln hängen, und diese
-Mäntel, sowie auch die Beinkleider waren ausgeziert mit roten oder
-blauen Rändern, und allerlei Geschnüre schnörkelte sich um die Wämmser.
-
-Die Weiber trugen blauschwarze oder weiße Kittelchen, die kaum ein
-bißchen über's Knie hinabgingen und bei jedem Schritt keck hin- und
-herschlugen. Bei anderen wieder waren die Kittel so eng und die
-schwarzen faltenlosen Schürzen so breit, daß bei jedem Schritte die
-Rundungen der Gestalt hervortraten. Ferner trugen sie hohe und schwere
-Stiefel, daß unter denselben der Sand knarrte, oder sie gingen gar
-barfuß und hatten Staubkrusten an den Zehen. Weiters staken die Weiber
-in kurzen schwarzen Spenserchen, oder sie hatten gar nur ein weites
-Hemd über Arm und Busen flattern. Die Köpfe hatten sie turbanartig
-mit einem Tuche umschlungen, unter dem die schwarzen Lockensträhne
-hervorquollen.
-
-So wogten sie lärmend und heulend heran, und jede Gestalt hatte ein
-weißes Bündel auf den Rücken gebunden und trug in der Hand einen
-weißen, glattgeschälten Stock. Diese Stöcke waren meist frisch in
-unseren Wäldern geschnitten, es waren Lärchenstäbe; auch an den Hüten
-trugen die Männer frischgeschnittene Lärchenzweige und Lärchenkränze;
-dieser herrliche Baum mit seinem weichen Genadel, wie er mit dem
-vielgestaltigen Hochrelief der Rinde seines Schaftes in der Form einer
-hellgrünen Pyramide unsere Alpenwälder schmückt, ist in jenen fernen,
-flachen Gegenden, aus denen die Scharen kamen, nimmer zu finden.
-
-Die fremden Gestalten, welche in kleineren Rotten und großen Haufen
-einen ganzen Nachmittag lang heranströmten, kamen aus dem Ungarlande
-und waren Magyaren und Slovaken. Es waren die Volksmassen, die
-alljährlich einmal aus ihren Heimatsgemeinden davonwandern, um
-den weiten Weg von sechs bis acht Tagen bis zu dem weltberühmten
-Wallfahrtsorte Mariazell zu wallen. Ungarische Herren und slavische
-Fürsten hatten einst viel zum Ruhme und zur Verherrlichung der
-Gnadenstätte zu Zell gethan, und so wogt heute noch der Strom jener
-Völker dem berufenen Alpenthale zu und macht einen Hauptteil der
-gesamten Wallfahrer aus, die alljährlich in Zell erscheinen.
-
-Es waren also fromme Wallfahrerscharen, die betend und singend unseren
-stillen Wald durchzogen. Jedes Häuflein trug eine lange rote Stange
-mit sich, auf welcher ein Kreuz mit bunten Bändern oder ein wallendes
-Fähnlein war. Vor jedem Kruzifix oder anderen Bildnissen, wie sie am
-Wege standen, verneigten sie tief diese Stange; und wenn sie zu jener
-Höhung herangestiegen waren, auf welcher dem Wanderer das erstemal die
-zackige Hochkette des Schwaben und der gewaltige Felskoloß der hohen
-Veitsch sichtbar wird, standen sie still und senkten dreimal fast bis
-zur Erde ihren Fahnenstab. Begrüßten die Menschen aus dem Flachland die
-wilderhabene Alpennatur? Nein. In der Felsenkrone jener hohen Berge lag
-ihr heiliges Ziel, und das begrüßten sie mit Herz und Geberden.
-
-An diesem Punkte waren sie nur noch eine Tagreise entfernt von
-Zell; manche empfanden in solchem Gedanken zum Wandern neue Kraft,
-anderen sank der Mut im Anblicke der blauenden Alpenwände, die
-zu übersteigen waren. Bisweilen schleppten die Fremdlinge einen
-Genossen mit sich, der unterwegs erkrankt war. Einmal trugen sie auf
-frischer Lärchbaumtrage die Leiche eines auf der Straße verstorbenen
-Wandergenossen, um sie im nächsten Friedhofe zu bestatten.
-
-So hallten am ersten Tage der Bittwoche die grellstimmigen Gebete
-der Ungarn und die melancholischen Lieder der Slaven durch unsere
-Gegend. Die Leute traten aus den Häusern und horchten den seltsamen
-Stimmen; wir Kinder aber pflegten eine andere Sitte. Wir zogen unsere
-zerfahrensten Kleidchen an, und mit fliegenden Lumpen hüpften wir der
-Straße zu. Dort knieten wir nieder auf den Sand, aber so, daß wir auf
-unsere eigenen Fersen zu hocken kamen, und wenn eine der Kreuzscharen
-nahte, so rissen wir die Hauben vom Kopf, stellten dieselben als Gefäß
-vor uns hin und schlugen zuerst mit zagender, bald mit kecker Stimme
-zahlreiche Vaterunser los.
-
-Die Früchte blieben nicht aus. Männer schossen Kreuzer in unsere
-Hauben, Weiber warfen uns Brot und Kuchen zu, welche, wie die Spuren
-ihrer Zähne daran bewiesen, sie ihrem eigenen Munde entzogen hatten.
-Andere hielten gar an und öffneten ihre Bündel und kramten drin herum
-und reichten uns Backwerk, und manch' alt' Mütterlein, das unsertweg
-auf ein paar Minuten zurückgeblieben war, konnte die Schar wohl oft
-stundenlang nicht mehr erreichen.
-
-Manchmal stellten die Fremden Worte an uns, die wir nur mit glotzenden
-Augen zu beantworten wußten. Je seltsamer ihr Wesen und ihre Sprache
-war, desto feiner und liebreicher zeigte sich die Gabe; vielleicht
-dachten die Geber an ihre Angehörigen in ferner Heimat, denen die
-Liebe galt, die uns fremden Kindern erwiesen wurde. Je brauner die
-Gesichter, desto weißer war das Brot -- wir hatten die Erfahrung bald
-gemacht.
-
-Bisweilen wurden wir auch in deutscher Sprache angeredet: wie wir
-hießen, wem wir zugehörten, wie viel unser Vater Ochsen hätte und ob
-wir auch Kornfelder besäßen. Des Grabenbergers Natzelein war unter uns,
-das gab stets die Antwort und log fürchterlich dabei: Wir gehörten
-armen Holzhauerleuten an, der Vater wäre vom Baum gefallen, und die
-Mutter läge krank schon seit Jahr und Tag; Ochsen hätten wir nicht,
-aber zwei Ziegen hätten wir gehabt, und die hätte der Wolf gefressen.
-Mit einem Kornacker wär's schon gar nichts, aber Pilze äßen wir, und
-die wären heuer noch nicht gewachsen. -- Ich bohrte vor heimlicher Wut
-über derlei unwahre Darstellungen die Zehen hinter mir in die Erde
-hinein. Ja, das Natzelein verfing sich derart in das Lügen, daß es
-schließlich selbst unsere ehrenhaften Taufnamen falsch angab.
-
-Die guten Ungarn schlugen hell die Hände zusammen über so arme Würmer,
-dann blickten sie in die Waldgegend hinaus und meinten, es wäre leicht
-zu glauben, es wäre eine elende Gegend; gar der Schnee lag noch hie
-und da in den Gruben, zu einer Zeit, da auf den weiten Ebenen draußen
-längst das Korn in Ähren stand. Sie griffen dann tief in den Sack.
-
-Das Natzelein war mir seiner Aufschneidereien wegen eigentlich recht
-verleidet, aber ich getraute mich vor den Fremden kein Wort zu sagen;
-und wenn sie mich zuweilen doch dahin brachten, daß ich den Mund
-aufmachte, so ward das Wort so ängstlich und leise herausgemurmelt,
-daß sie mich nicht verstanden. Die anderen, besonders das Natzelein,
-kriegten daher immer mehr in ihre Hauben als ich; nur dann und wann
-ein mildherziges Weiblein legte mir, dem »Hascherl«, was bei.
-
-Einmal -- ich und des Grabenbergers Natzelein waren allein -- gerade
-vor dem Herannahen einer größeren Schar, nahm ich eine Stellung ein,
-die vorteilhafter war, als der Platz, auf welchem das Natzelein hockte.
-Das Natzelein war darüber erbost, und als die Gaben wirklich in
-größerer Menge mir zuflogen, rief er aus: »Der da ist eh reich, sein
-Vater hat vier Ochsen und einen großen Grund! Vater unser, der Du bist,
-u. s. w.«
-
-Auf der Stelle wendete sich das Glück, und alles Brot und Geld wäre in
-den Hut des Natzelein geflogen, da erhob ein Mann, der mitten unter den
-Wallfahrern stand, das Wort: »Schaut einmal den neidischen Schlingel
-an! Ihr seid beide nicht so arm, als daß Ihr ohne unser Brot verhungern
-müßtet, und auch nicht so reich, als daß wir Euch die kleinen Gaben
-versagen wollten. Ihr seid Waldbauern-Kinder, aber ich gebe meinen
-Sechser diesmal dem da, dessen Vater vier Ochsen hat!«
-
-Mein Lebtag vergeß' ich's nimmer, wie jetzt die Batzen in mein Häublein
-klangen -- hell zu Dutzenden, und ich konnte nachgerade nicht schnell
-genug die »Vergeltsgott« sagen, daß auf jeden eins kam. Und da dieser
-wundersame Hagel, wie ich ihn noch nie gesehen hatte, gar nicht wollte
-aufhören, konnte ich die Lust in meinem Herzen nimmer verhalten, in ein
-helles Wiehern und Lachen brach ich aus; das Natzelein aber schleuderte
-seine fast leer gebliebene Haube mitten in die Straße und schoß wütend
-in den Wald hinein.
-
-Mit Gelächter zog die Kreuzschar ab. Und ich hub an, meine Schätze zu
-zählen; in der Kappe und um dieselbe, im Sand und auf dem Moos und
-im Heidekraut lagen die Kreuzer und Groschen und Sechser zerstreut.
-Und als ich sie alle versammelt hatte, wollte ich wohl verzichten auf
-alle weiteren Wallfahrertruppen, die heute noch kommen konnten, wollte
-schnurstracks heim zu meinen Eltern laufen, um ihnen das unermeßliche
-Glück zu verkünden. Da bin ich plötzlich angepackt von rückwärts, zu
-Boden geworfen, und auf meiner Brust reitet das Natzelein. Mit seinen
-strammen Händen preßt er meine Arme tief in das Heidekraut hinein, und
-so grinst er mir in's Gesicht.
-
-_Stärker_ bin ich nicht, wie er, dachte ich bei mir, wenn ich auch
-_gescheiter_ nicht bin, so ist's um mich gefehlt.
-
-»Du!« murmelte das Bürschlein zwischen den Zähnen hervor, »gieb mir die
-Hälfte vom Geld!«
-
-»Nein,« sage ich trocken.
-
-»So nehm' ich mir's selber.«
-
-»Dann spring' ich auf.«
-
-»Aber ich laß' Dich nicht los!«
-
-»Dann kannst Du das Geld nicht nehmen.«
-
-»Ich setz' Dir meine Knie auf die Gurgel!«
-
-»Ich laß' mich umbringen.«
-
-Zum Glück hallte jetzt der Gesang einer neuen Kreuzschar. Wir beide
-sprangen auf, stürzten zur Straße hin und lallten unser Gebet.
-
-Das von den vielen Abenteuern an der Straße nur als einzig Stücklein.
-
-Und wenn das Tagwerk vorbei, so versammelten wir Kinder uns auf der
-Au, wo die Schafe noch grasten, und tauschten unsere Gaben um, wie sie
-jedem eben entsprachen. Geld war stets der gesuchteste Artikel; nur die
-Kinder armer Kleinhäusler und Köhlersleute gaben feine Leckerbissen
-und Kreuzerchen für ein schwarzes Stück Brot, wenn es nur groß war.
-
-Am fünften Tage kehrten die Scharen stets auf demselben Wege wieder
-zurück. Und jeder von den Wallfahrern hatte an seiner Brust einen oder
-mehrere Rosenkränze hängen oder Amulette, Frauenbildchen und funkelnde
-Kreuzlein und Herzen. Die Mädchen trugen rote und grüne Krönlein von
-Wachs auf ihrem Haupte. Die Bündel auf den Rücken hatten sich sehr
-bedeutend verkleinert, und die Brote, die wir bekamen, waren hart, und
-Geldstücke sprangen spärlich hervor aus den Taschen.
-
-Doch lohnte es sich des Hockens immer noch, und die Erwartung der Gabe
-war mindestens so anziehend, als die Gabe selbst.
-
-Einmal, ich war schon an die zehn Jahre alt geworden, kniete ich
-ganz allein am Stamme eines Kruzifixes, und recht zungenfertig im
-Vaterunserhersagen, wie ich endlich geworden war, kehrte ich alle
-Vorteile des Absammlers heraus und hoffte reichlichen Gewinn. Da kam
-eine Kreuzschar; ein paar Brötchen wurden mir zugeworfen, und sie
-war vorüber. Nur ein schon betagter, gutmütig aussehender Mann war
-zurückgeblieben, schritt ganz nahe an mich heran, neigte ein wenig sein
-Haupt zu mir nieder und sagte: »Bettelbub'!« Dann ging er den anderen
-nach.
-
-Mir war das halbe Vaterunser im Mund stecken geblieben. Ich glotzte
-eine Weile um mich, dann stand ich langsam auf und schlich von dannen.
-
-Das war mein letztes Hocken gewesen an unserer Waldstraße.
-
--- Bettelbub'! -- Das Wort hat mich aufgeweckt. Ein junger, gesunder
-Bursche, der stolz ist, daß sein Vater Haus und Hof besitzt, ein
-sonst gar etwas hoffärtiger Bursche, der mit seinem neuen grünen Hut
-Sonntags schon etlichemale gleich den Knechten in's Wirtshaus gegangen
-ist, der es demnächst mit dem Tabakrauchen probieren wird und der nicht
-allzuselten in's Fensterglas guckt, wie es mit dem Bart steht -- ein
-solcher Bursche betteln!
-
-Auch das Natzelein thut's nimmer. Das Natzelein ist ein reicher
-Bauer geworden, und er giebt, wenn man ihm glauben darf, jeden Tag
-erklecklich Almosen an wahrhaft dürftige Bettelleute.
-
-Und die Magyaren und die Slovaken kommen noch heute jenen einsamen
-Waldweg gezogen, immer an Kinder, die am Wege kauern, Gaben spendend,
-in ihrem Beten und Flehen _selbst_ Bettelleute vor der Gnadenmutter zu
-Zell.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Als ich zur Drachenbinderin ritt.
-
-
-Wenn mein Vater am Sonnabend beim Rasieren saß, da mußte ich unter den
-Tisch kriechen, weil es über dem Tisch gefährlich war.
-
-Wenn mein Vater beim Rasieren saß, wenn er seine Backen und Lippen
-dick und schneeweiß eingeseift hatte, daß er aussah wie der Stallbub,
-welcher der Kuhmagd über den Milchrahm gekommen; wenn er dann das
-glasglänzende Messer schliff an seinem braunledernen Hosenträger und
-hierauf langsam damit gegen die Backen fuhr, da hub er an, den Mund und
-die Wangen und die Nase und das ganze Antlitz derart zu verzerren, daß
-seine lieben, guten Züge schier gar nicht mehr zu erkennen waren. Da
-zog er seine beiden Lippen tief in den Mund hinein, daß er aussah wie
-des Nachbars alter Veit, der keine Zähne mehr hatte; oder er dehnte den
-Mund nach links oder rechts in die Quere, wie die Köhler-Sani that,
-wenn sie mit den Hühnern keifte; oder er drückte ein Auge zu und blies
-eine Wange an, daß er war wie der Schneider Tinili, wenn ihn sein Weib
-gestreichelt hatte.
-
-Die spaßhaftesten Gesichter der ganzen Nachbarschaft fielen mir ein,
-wenn der Vater beim Rasieren saß. Und da kam mir das Lachen.
-
-Darauf hatte mein Vater stets liebevoll gesagt: »Gieb Ruh', Bübel.«
-Aber kaum die Worte gesprochen waren, wuchs wieder ein so wunderliches
-Gesicht, daß ich erst recht herausplatzte. Er guckte in den kleinen
-Spiegel, und schon meinte ich, sein schiefes Antlitz werde in ein
-Lächeln auseinanderfließen. Da rief er plötzlich: »Wenn Du keine Ruh'
-giebst, Bub, so hau' ich Dir den Seifenpinsel hinüber!«
-
-Kroch ich denn unter den Tisch, und das Kichern schüttelte mich, wie
-die Nässe den Pudel. Der Vater aber konnte sich ruhig rasieren und war
-nicht mehr in Gefahr, über seine und meine Grimassen selbst in ein
-unzeitiges Lachen auszubrechen.
-
-So auch war's einmal an einem Winterabend, daß der Vater beim
-Seifenschüsselchen saß und ich unter dem Tisch, als sich draußen in der
-Vorlauben jemand den Schnee von den Schuhen strampfte. Gleich darauf
-ging die Thür auf und ein großer Mann trat herein, dessen dichter roter
-Schnurrbart Eiszapfen trug, wie draußen unser Bretterdach. Er setzte
-sich gleich nieder auf eine Bank, zog eine bauchige Tabakspfeife aus
-dem Lodenmantel, faßte sie mit den Vorderzähnen, und während er Feuer
-schlug, sagte er: »Thust Dich balbieren, Waldbauer?«
-
-»Ja, ich thu' mich ein wenig balbieren,« antwortete mein Vater und
-kratzte mit dem Schermesser und schnitt ein wahrhaft gottverlassenes
-Gesicht.
-
-»Na, ist recht,« sagte der fremde Mann.
-
-Und später, als er schon von Wolken umhüllt war und die Eiszapfen
-bereits niedertröpfelten von seinem Barte, that er folgende Rede:
-»Ich weiß nicht, Waldbauer, wirst mich kennen oder nicht? Ich bin
-vor fünf Jahren einmal an Deinem Hause vorbeigegangen und hab' beim
-Brunnen einen Trunk Wasser genommen. Ich bin von der Stanz, bin der
-Drachenbinderin ihr Knecht. Ich bin da um Deinen größeren Buben.«
-
-Mir unter dem Tisch schoß es bei diesen Worten heiß bis in die Zehen
-hinaus. Mein Vater hatte nur einen einzigen größeren Buben, und der war
-ich. Ich duckte mich in den finstersten Winkel hinein.
-
-»Um meinen Buben bist da?« entgegnete mein Vater, »den magst wohl
-haben, den werden wir leicht entraten; halt ja, er ist gar so viel
-schlimm.«
-
-Bauersleute reden gern so herum, um ihre vorwitzigen Kinder zu necken
-und einzuschüchtern. Allein der Fremde sagte: »Nicht so, Bauer,
-gescheiter Weis'! Die Drachenbinderin will was aufschreiben lassen, ein
-Testament oder so was, und sie weiß weit und breit Keinen zu kriegen,
-der das Schreiben thät verstehen. Jetzt, da hat sie gehört, der
-Waldbauer im Vorderschlag hätt' so ein ausbündig Bübel, dem solch' Ding
-im kleinen Finger stecken thät; und so schickt sie mich her und läßt
-Dich bitten, Bauer, Du sollst die Freundschaft haben und ihr Deinen
-Buben auf einen Tag hinüberleihen; sie wollt' ihn schon wieder fleißig
-zurückschicken und ihm was geben zum Lohn.«
-
-Wie ich das gehört hatte, klopfte ich mit den Schuhspitzen schon ein
-wenig an den Tischschragen -- das thäte mir gleich nicht übel gefallen.
-
-»Geh,« sagte mein Vater, da er auf einem Backen bereits glatt gekratzt
-war, »wie könnt' denn mein kleiner Bub' jetzt im tiefen Winter in die
-Stanz gehen, ist ja völlig vier Stunden hinüber!«
-
-»Freilich wohl,« versetzte der große Mann, »deswegen bin ich da. Er
-steigt mir auf den Buckel hinauf, thut die Füß' auseinander, legt
-sie mir zu beiden Seiten an den Rippen nach vorn, wo ich sie anfaß',
-und mit den Händen halst er mich, wie eine Liebste, daß er nicht mag
-rückwärts hinabfallen.«
-
-»Versteh's schon,« drauf mein Vater, »ist nicht nötig, daß du mir das
-Buckelkraxentragen so auslegst.«
-
-»Nu, und nachher wird's wohl gehen, Waldbauer, und wenn der
-Sonntagabend kommt, trag' ich Dir ihn wieder in's Haus.«
-
-»Je nu, dasselb' weiß ich wohl, daß Du mir ihn wieder redlich
-zurückstellst,« sagte mein Vater, »und wenn die Drachenbinderin was
-will schreiben lassen, und wenn Du der Drachenbinderin ihr Knecht bist,
-und wenn mein Bübel mit Dir will -- meinetwegen hat's keinen Anstand.«
-
-Diese letzten Worte hatte er bereits mit glattem, verjüngtem Gesichte
-gesprochen.
-
-Eine kleine Weile nachher stak ich in meinem Sonntagsgewand; glückselig
-über die Bedeutung, die ich so plötzlich erlangt hatte, ging ich in der
-Stube auf und ab.
-
-»Du ewiger Jud', Du,« sagte mein Vater, »hast mehr kein Sitzfleisch?«
-
-Aber mir ließ es keine Ruhe mehr. Am liebsten hätte ich mich sogleich
-auf das breite Genick des großen Mannes niedergelassen und wäre
-davongeritten. Da kam erst die Mutter mit dem Sterz und sagte: »Esset
-ihn, ihr zwei, ehe Ihr fortgeht!«
-
-Umsonst hatte sie es nicht gesagt; ich habe unsern breitesten
-hölzernen Löffel nie noch so hochgeschichtet gesehen, als zur selbigen
-Stunde, da ihn der fremde große Mann von dem Sterztrog unter seinen
-Schnurrbart führte. Ich aber ging in der Stube auf und ab und dachte,
-wie ich nun der Drachenbinderin ihr Schreiber sein werde.
-
-Als hierauf die Sache insoweit geschlichtet war, daß die Mutter
-den Sterztrog über den Herd stülpen konnte, ohne daß auch nur ein
-Brosamchen herausfiel, da hüpfte ich auf das Genick des Mannes, hielt
-mich am Barte fest und ritt denn in Gottesnamen davon.
-
-Schon ging die Sonne unter; in den Thälern lagen bläuliche Schatten,
-die fernen Schneehöhen der Almen hatten einen mattroten Schein.
-
-Als mein Gaul über die kahlen Weiden aufwärts trabte, da trug ihn
-der Schnee, aber als er in die Gegend des jungen Lärchenwuchses und
-des Fichtenwaldes kam, da wurde die Bodenkruste trügerisch und brach
-ein. Jedoch darauf war er vorgesehen. Als wir zu einem alten, hohlen
-Lärchenbaum kamen, der sein wildes Geäste recht keck in die Luft
-hinaus reckte, hielt er an, langte mit der einen Hand in die schwarze
-Höhlung und zog ein paar aus Weiden geflochtene Fußscheiben hervor,
-die er an die Schuhsohlen band. Mit diesen breiten Sohlen begann er
-die Wanderung von neuem; es ging langsam, denn er mußte die Füße sehr
-weit auseinanderbiegen, daß er die Scheiben vermitteln konnte, aber mit
-solchen Entenfüßen brach er nicht mehr durch.
-
-Auf einmal, es war schon recht finster, und die Sterne leuchteten klar,
-hub mein Gaul an, mir die Schuhe loszulösen, zog sie zuletzt gar von
-den Füßen und that sie in seine aufgebundene Schürze. Dann sagte er:
-»Jetzt Bübel, steck' Deine Pfötelein da in meine Hosentaschen, daß
-die Zehen nicht herabfrieren.« Meine vorgereckten Hände nahm er in
-die seinen und hauchte sie mit dem warmen Atem an -- was anstatt der
-Handschuhe war.
-
-An meinen Wangen kratzte die Kälte, der Schnee winselte unter den
-Scheiben -- so ritt ich einsam fort durch den Wald und über die Höhen.
-Ich ritt über den ganzen langen Grat des Hochbürstling, wo ich nicht
-einmal zur Sommerszeit noch gewesen war! Ich preßte zuweilen, wenn
-es schon ganz langsam ging, meine Knie in die Weichen, und mein Gaul
-ertrug es willig und ging wie er konnte, und er wußte den Weg. Ich
-ritt an einem Pfahle vorbei, auf welchem Winter und Sommer der heilige
-Viehpatron Erhardi stand. Ich kannte den heiligen Erhardi von daheim;
-ich und er hatten zusammen die Aufsicht über meines Vaters Herden; er
-war immer viel angesehener als ich, ging ein Rind zu Grunde, so hatte
-ich, der Halterbub, die Schuld; gediehen die andern recht, so hatte er
-das Lob. -- Es that mir wohl, daß er sah, wie ich es zum Rittersmann
-gebracht, während er die ewige Weil wie angenagelt auf dem Pfahle stand.
-
-Endlich wendete sich der Lauf, ich ritt abwärts über Stock und Stein
-einem Lichtlein zu, das unten in der Schlucht flimmerte. Und als so
-alle Bäume und Gegenden an mir vorübergegangen waren und ich vor mir
-den dunkeln Klumpen mit der kleinen Tafel des Lichtscheines hatte,
-stand mein guter Christof still und sagte: »Du liebes Waldbauernbübel!
-Da Du mir fremdem Menschen so unbesonnen gefolgt bist -- wohl könnte es
-sein, daß ich schon jahrelang einen Groll hätt' gegen Deinen Vater, und
-daß ich Dich jetzt in eine Räuberhöhle führte.«
-
-Horchte ich einen Augenblick so hin.
-
-Weil er zu seinen Worten nichts mehr beisetzte, so sagte ich in
-demselben Tone: »Da mein Vater mich der Drachenbinderin ihrem Knechte
-so anvertraut hat, und da ich so unbesonnen gefolgt bin, so wird der
-Drachenbinderin ihr Knecht keinen Groll haben können und mich nicht in
-eine Räuberhöhle führen.«
-
-Der Mann hat nach diesen meinen Worten in seinen Bart gepustert. Bald
-darauf hub er mich auf einen Strunk und sagte: »Jetzt sind wir bei der
-Drachenbinderin ihrem Hause.« Er machte an dem dunkeln Klumpen eine
-Thür auf und ging hinein.
-
-In der kleinen Stube war ein Herd, auf dem ein Häufchen Glut lag, ein
-Kienspan, der brannte, und ein Strohlager, auf dem ein Kind schlief.
-Daneben stand ein Weib, das schon sehr alt und gebückt war und das
-im Gesicht schier so blaß und faltenreich aussah, wie das grobe
-Nachtkleid, in das es gehüllt stand.
-
-Dieses Weib stieß, als wir eintraten, einige jauchzende Töne aus, hub
-dann heftig zu lachen an und verbarg sich hinter dem Herde.
-
-»Das ist die Drachenbinderin,« sagte mein Begleiter, »sie wird gleich
-zu Dir reden, setze Dich dieweilen auf den Schemel da neben dem Bett'
-und thu' Deine Schuh' wieder an.«
-
-Ich that es, und er setzte sich daneben auf einen Holzblock.
-
-Als das Weib still geworden war, trippelte es am Herde herum, und bald
-brachte es uns in einer Thonschüssel eine graue dampfende Mehlsuppe und
-zwei beinerne Löffel dazu. Mein Mann aß würdevoll und beharrlich, mir
-wollte es nicht recht munden. Zuletzt stand der Knecht auf und sagte
-leise zu mir: »Schlaf' wohl, Du Waldbauernbub'!« und ging davon.
-
-Und als ich in der schwülen Stube allein war mit dem schlummernden
-Kinde und dem alten Weibe, da hub es mir schon an, recht unheimlich zu
-werden. Doch nun trat die Drachenbinderin heran, legte ihre leichte,
-hagere Hand an meine Wange und sagte: »Dank' Dir Gott, unser lieber
-Herr, daß Du zu mir gekommen bist! -- Es währet kein halbes Jährlein
-noch, seit mir meine Tochter ist gestorben. Das da« -- sie deutete
-auf das Kind -- »ist mein junger Zweig, ist ein gar lieber Wurm, wird
-mein Erbe sein. Und jetzt hör' ich schon wieder den Tod anklopfen an
-meiner Thür; ich bin alt schon an die achtzig Jahr'. Mein leblang
-hab' ich gespart -- mein Sargbett will ich mir wohl erbetteln von
-guter Leute Herzen. Mein Mann ist früh gestorben und hat mir das
-Drachenbinderhäusel, wie es genannt wird, zurückgelassen. Meine
-Krankheiten haben mir das Häusel wieder gekostet -- sind's aber nicht
-wert gewesen. Was ich hinterlaß', ist meinem Enkelkind zu eigen. In
-sein Herz geht's heut noch nicht hinein, und in die Hand geben kann
-ich's keinem Menschen. So will ich's schreiben lassen, daß es bewahrt
-ist. Durch den Schulmeister in der Stanz will ich's nicht thun, und der
-Doktor kann's ohne Stempelgeld nicht machen. So haben die Leut' vom
-Waldbauernbuben erzählt, der wär' so hoch gelehrt, daß er auch ohne
-Stempel einen letzten Willen wüßt' zu schreiben. Und so hab' ich Dich
-von weiten Wegen bringen lassen. Morgen thu' mir die Lieb, und heute
-geh' zur friedsamen Ruh'.«
-
-Sie geleitete mich mit dem brennenden Span in eine Nebenkammer; die
-war nur aus Brettern geschlagen. Ein Lager von Heu und eine Decke
-aus dem dicken Sonntagskleide des Weibes war da, und in einem Winkel
-stand ein kleiner brauner Kasten mit zwei Türmchen, in welchen
-Glöcklein schrillten, so oft wir auf den wankenden Fußboden traten. Die
-Drachenbinderin steckte den Span in ein Turmfenster, segnete mich mit
-einem Daumenkreuze und bald darauf war ich allein in der Kammer.
-
-Es war kalt, ich fröstelte vor dem Winter und vor dem Weibe, das meine
-Gastfrau war; aber noch ehe ich mich ins Nest verkroch, machte ich
-mit Neugierde die Thür des Kirchleins auf. Eine Maus huschte heraus,
-die hatte eben an dem goldpapierenen Altare und der pappenen Hand des
-heiligen Josef ihr Nachtmahl gehalten. Es waren Heilige und Englein da
-und bunte Fähnlein und Kränzlein -- ein lieblich Spiel. Ich meinte, das
-sei gewiß der alten Drachenbinderin ihre Pfarrkirche, weil das Weiblein
-doch schon viel zu mühselig, um nach Stanz zum Gottesdienst zu wandern.
-Ich betete vor dem Kirchlein mein Abendgebet, worin ich den lieben
-Herrgott bat, mich in dieser Nacht recht zu beschützen; dann löschte
-ich den Span aus, daß er nicht zu den Turmfenstern hineinbrennen konnte
-und legte mich hernach in des lieben Gottes Namen auf das Heu. -- Mir
-kam es vor, als wäre ich losgerissen von mir selber und ein gelehrter
-Schreiber in einem fernen kalten Hause, während der wahrhaftige
-Waldbauernbub gewiß daheim in dem warmen Nestlein schlummere. Als ich
-endlich im Einschlafen war, hörte ich drinnen in der Stube wieder das
-kurz ausgestoßene Jauchzen und bald darauf das heftige Lachen.
-
-Was ergötzt sie denn so sehr, und wen lacht sie aus? -- Ich fürchtete
-mich und sann auf Flucht.
-
-Ein Standbrett wäre doch leicht ausgehoben -- aber der Schnee!
-
-Erst gegen Morgen schlief ich ein und träumte und träumte von einer
-roten Maus, die allen Heiligen der Kirche die rechte Hand abgebissen
-habe. Und zum Turmfenster sah mein Vater mit den eingeseiften schiefen
-Backen heraus, und er hielt einen brennenden Span im Mund; ich
-schluchzte und kicherte zugleich und hatte heiße Angst.
-
-Als ich endlich erwachte, meinte ich, ich wäre in einem Käfig mit
-silbernen Spangen, so strahlte das weiße Tageslicht durch die
-aufrechten Bretterfugen. Und als ich hinausging vor die Thür des
-Hauses, da staunte ich, wie eng die Schlucht und wie fremd und hoch und
-winterlich die Berge waren.
-
-Im Hause schrie das Kind und jauchzte wieder die Drachenbinderin.
-
-Bei der Frühsuppe war auch mein Gaul wieder da; aber er sagte schier
-kein Wort, er sah nur auf sein Essen, und als dieses gar war, stand er
-auf, setzte seinen großmächtigen Hut auf und ging gegen Stanz hinaus
-zur Kirche.
-
-Als das Weib das Kind beruhigt, die Hühner gefüttert und andere Dinge
-des Hauses gethan hatte, schob es den Holzriegel vor die äußere Thür,
-ging in die Kammer und hub mit den kleinen Glocken des Kirchleins zu
-läuten an.
-
-Dann entzündete sie zwei Kerzen, die am Altare standen, und dann that
-sie ein Gebet, wie ich meiner Tage kein ergreifenderes gehört habe.
-
-Sie kniete vor dem Kirchlein, streckte die Hände aus und murmelte:
-
-»Von wegen der Marterwunden Deiner rechten Hand, Du kreuzsterbender
-Heiland, thu' meine verstorbenen Eltern erretten, wenn sie noch in der
-Pein sind. Schon der Jahre ein halbes Hundert sind sie in der Erden,
-und heut noch hör' ich meinen Vater rufen um Hilf' mitten in der Nacht.
--- Von wegen der Marterwunden Deiner linken Hand laß' Dir empfohlen
-sein meiner Tochter Seel'. Sie hat kaum mögen die Welt anschauen,
-und wie sie dem lieben Gatten das Kindlein in die Hand will legen,
-da kommt der bittere Tod und thut sie uns begraben. -- Von wegen
-der Marterwunden Deines rechten Fußes will ich Dich bitten wohl im
-Herzen für meinen Mann und für meine Blutsfreund' und Gutthäter und
-daß Du den Waldbauernbuben nicht wolltest vergessen. -- Von wegen der
-Marterwunden Deines linken Fußes, Du kreuzsterbender Heiland, sei auch
-eingedenk in Lieb' und Gnaden all' meiner Feinde, die mich mit Händen
-haben geschlagen und mit Füßen haben getreten. Dich haben verblendete
-Menschen gekreuzigt bis zum Tode, und hast ihnen auch wohl vergeben. --
-Von wegen der Marterwunden Deines heiligen Herzens sei zu tausend- und
-tausendmal angerufen: Du gekreuzigter Gott, schließe mein Enkelkind in
-Dein göttliches Herz. Sein Vater ist bei den Soldaten in weitem Feld,
-ich hab' 'leicht kein langes Verbleiben, Du mußt dem Kind ein Vormund
-sein, ich bitte Dich ...!«
-
-So hatte sie gebetet. Die roten Kerzen brannten so fromm. -- Ich hab'
-gemeint zur selben Stund': wenn ich der lieb' Herrgott wäre, ich stieg
-herab vom Himmel und thät das Kind nehmen in meine Händ' und thät
-sagen: Auf daß Du's siehst, Drachenbinderin, ich halt's an meinem
-Herzen warm und will sein Vormund sein! -- Ich wollt' ihm wachsen
-lassen weiße Flügel, daß es könnt' fliegen in das schönste Land.
-
-Aber ich bin der lieb' Herrgott nicht gewesen.
-
-Nach einer Weile sagte das Weib: »Jetzt heben wir zu schreiben an.« --
-Aber wie wir wollten zu schreiben anheben, da war keine Tinte, keine
-Feder und kein Papier. Allmiteinander hatten wir darauf vergessen.
-
-Die Alte stützte ihren Kopf auf die flache Hand und murmelte: »Das ist
-schon ein Elend!«
-
-Ich hatte einmal das Geschichtchen gehört von jenem Doktor, der in
-Ermanglung der Dinge sein Rezept an die Stubenthür geschrieben. -- 's
-war hier der Nachahmung wert; fand sich aber keine Kreide im Haus.
-Ich wußte mir keinen Rat, und ich schämte mich unsagbar, daß ich ein
-Schreiber ohne Feder war.
-
-»Waldbauernbub,« sagte das Weib plötzlich, »'leicht hast Du's auch mit
-Kohlen gelernt?«
-
-Ja, ja, mit Kohlen, wie sie auf dem Herde lagen, das war ein Mittel.
-
-»Und das ist in Gottesnamen mein Papierblatt,« versetzte sie und hob
-die Decke eines alten Schrankes empor, der hinter dem Ofen stand. In
-dem Schranke waren Lodenschnitzel, ein Stück Linnen und ein rostiger
-Spaten. Als die Drachenbinderin bemerkte, daß ich auf den Spaten
-blickte, wurde sie völlig verlegen, deckte ihr altes Gesicht mit der
-braunen Schürze und murmelte: »'s ist doch eine Schande!«
-
-Mir fuhr's ins Herz; ich hielt das für einen Vorwurf, daß ich kein
-Schreibzeug bei mir habe.
-
-»Wirst mich rechtschaffen auslachen, Waldbauernbub!« lispelte die Alte,
-»aber thu' ja nichts Schlechtes von mir denken; ich kann halt nicht
-mehr, ich _kann_ nicht mehr, ich bin schon gar so viel ein mühseliger
-Mensch.«
-
-Jetzt verstand ich vielleicht: das arme Weib schämte sich, daß es den
-Spaten nicht mehr handhaben konnte und daß dieser also rostig geworden.
-
-Ich suchte mir am Herd ein mildes Stück Kohle -- die Kiefer ist so gut
-und leiht mir die Feder, daß ich das Testament, oder was es sein wird,
-der alten Drachenbinderin vermag aufzuschreiben.
-
-Als also der graufarbige Schrank offen stand und ich bereit war, auf
-die Worte des Weibes zu hören und sie zu verzeichnen, daß sie nach
-vielen Jahren dem Enkel eine Botschaft seien -- da that die Alte neben
-mir plötzlich ein helles Aufjauchzen. Eilig wendete sie sich seitab,
-jauchzte zwei- und dreimal und brach zuletzt in ein heiseres Lachen aus.
-
-Ich zerrieb in der Angst die Kohle zwischen meinen Fingern und schielte
-nach der Thür.
-
-Als das Weib eine Weile gelacht hatte, war es still, that einen tiefen
-Atemzug, trocknete sich den Schweiß, wendete sich zu mir und sagte: »So
-schreib. Hoch werden wir nicht zählen, fang' aber doch an in der oberen
-Eck'.«
-
-Ich legte die Hand auf die oberste Ecke des Deckbrettes.
-
-Hierauf sprach das Weib folgende Worte: »Eins und eins ist Gott allein.
--- Das, Du Kind meines Kindes, ist Dein Eigen.«
-
-Ich schrieb die Worte auf das Holz.
-
-»Zwei und zwei,« fuhr sie fort, »zwei und zwei ist Mann und Weib. Drei
-und drei das Kind dabei. Vier und fünf bis acht und neun, weil die
-Sorgen zahllos sein. -- Bet', als wenn Du keine Hand; arbeit', als wenn
-Dir kein Gott bekannt. Trage Holz und denk' dabei: Kochen wird mir Gott
-den Brei.« -- --
-
-Als ich diese Worte geschrieben hatte, senkte die Drachenbinderin
-den Deckel auf den Schrank, versperrte ihn sorgsam und sagte zu mir:
-»Jetzt hast Du mir eine große Gutthat erwiesen, jetzt ist mir ein
-schwermächtiger Stein vom Herzen. Diese Truhe da ist das Vermächtnis
-für mein Enkelkind. -- Und jetzt kannst Du sagen, was ich Dir geben
-soll für Deinen Dienst.«
-
-Ich schüttelte den Kopf, wollte nichts verlangen, gar nichts.
-
-»So gut schreiben lernen und so weit herreisen und eine ganze Nacht
-harte Kälte leiden und zuletzt nichts dafür nehmen wollen, das wär'
-sauber!« rief sie, »Waldbauernbub, das kunnt ich nicht angehen lassen.«
-
-Ich blinzelte durch die offene Thür ein wenig in die Kammer hinein,
-wo das Kirchlein stand. Das wäre eine prächtige Heiligkeit für mein
-Bettlein daheim. -- Da roch sie's gleich. »Mein Hausaltar liegt Dir im
-Sinn,« sagte sie, »Gotteswegen, so magst Du ihn haben. Man kann's nicht
-versperren wie die Truhe, das liebe Kirchel, und die Leut' thäten mir's
-doch nur verschleppen, wenn ich nicht mehr bin. Bei Dir ist's in Ehren,
-und Du denkst wohl an die alte Drachenbinderin zur heiligen Stund',
-wenn Du betest.«
-
-Das ganze Kirchlein hat sie mir geschenkt. Und das war jetzt die größte
-Seligkeit meiner ganzen Kindschaft.
-
-Gleich wollte ich es auf die Achsel nehmen und forttragen über die Alpe
-zu meinem Hause. Aber das Weib sagte: »Du lieber Närrisch, das kunnt
-wohl auf alle Mittel und Weis nicht sein. Kommt erst der Knecht heim,
-der wird einen Rat schon wissen.«
-
-Und als der Knecht heimgekommen war und mit uns das Mittagsbrot
-gegessen hatte, da wußte er einen Rat. Er band mir das Kirchlein mit
-einem Strick auf den Rücken, dann ließ er sich nieder vor dem Holzblock
-und sagte: »Jetzt, Bübel, reit' wieder auf!«
-
-Saß ich denn das zweitemal auf seinem Nacken, steckte die Füße in seine
-Hosentaschen und umschlang mit den Händen seinen Hals. Die Alte hielt
-mir das erwachende Kind noch vor, daß es mir das Händchen hinhalte,
-sagte noch Worte des Dankes, schoß hinter den Ofen und jauchzte.
-
-Ich aber ritt davon, und an meinem Rücken klöpfelten die Heiligen
-in der Kirche, und in den Türmen schrillten bei jeder Bewegung die
-Glöcklein.
-
-Als der Mann mit mir emporgestiegen war bis zu den Höhen des Bürstling
-und sich dort wieder die Schneescheiben festband, da fragte ich ihn,
-warum denn die Drachenbinderin allfort so jauchze und lache.
-
-»Das ist kein Jauchzen und Lachen, liebes Waldbauernbüblein,«
-antwortete mir der Mann, »die Drachenbinderin hat eine böse Krankheit
-zu tragen. Sie hat jahrelang so ein Schlucksen gehabt, wie eins es
-bei Verkühlungen oder sonst wie bekommen kann; sie hat nicht darauf
-geachtet, hat die Sach' übergehen lassen, und so ist nach und nach,
-wie der Bader sagt, das Krampfschreien und das Krampflachen daraus
-geworden. Jetzt ballt sich ihr Eingeweide zusammen, und wenn sie in der
-Erregung ist, so hat sie die starken Anfälle. Sie kann schier keine
-Speisen mehr vertragen und sieht den Tod vor Augen.«
-
-Ich entgegnete kein Wort, blickte auf die schneeweißen Höhen, auf den
-dämmerigen Wald und sah, wie wir an dem reinen Sonntagsnachmittag
-sachte abwärts stiegen gegen mein Heimatshaus. Ich dachte, wie ich die
-Kirche, die ich zum Vermächtnis bekommen, nun aufstellen wolle in der
-Stube und darin Gottesdienst halten, und daß jetzt Vater und Mutter den
-weiten Weg nach dem Pfarrdorfe nicht mehr zu machen brauchten.
-
-Mein guter Gaul schritt geduldig dahin, und allweg klingelten hinter
-mir die Metallglöckchen in den Türmen. -- Was läuten sie? ...
-
-Die alte Drachenbinderin ist gestorben.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
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-
-
-Als dem kleinen Maxel das Haus niederbrannte.
-
-
-Ich erinnere mich noch gar gut an jene Nacht.
-
-Ein dumpfer Knall, als wenn die Thür des Schüttbodens zugeworfen worden
-wäre, weckte mich auf. Und dann klopfte jemand am Fenster und rief in
-die Stube herein: wer des Klein-Maxel Haus brennen sehen wolle, der
-möge aufstehen und schauen gehen.
-
-Mein Vater sprang aus dem Bette, ich erhob ein Jammergeschrei und
-dachte für's Nächste daran, meine Kaninchen zu retten. Wenn bei
-besonderen Ereignissen wir anderen über und über aus Rand und Band
-gerieten, so war es allemal die blinde Jula, unsere alte Magd, die uns
-beruhigte. So sagte sie auch jetzt, daß ja nicht unser Haus im Feuer
-stehe, daß das Klein-Maxel-Haus eine halbe Stunde weit von uns weg
-wäre; daß es auch nicht sicher sei, ob das Klein-Maxel-Haus brenne, daß
-ein Spaßvogel vorbeigegangen sein könne, der uns die Lug zum Fenster
-hereingeworfen, und daß es möglich sei, daß gar niemand hereingeschrien
-hätte, sondern uns das nur so im Traume vorgekommen wäre.
-
-Dabei streifte sie mir das Höselein und die Schuhe an, und wir eilten
-vor das Haus, um zu sehen.
-
-»Auweh!« rief mein Vater, »'s ist schon Alles hin.«
-
-Über den Waldrücken herüber, der sich in einem weitgebogenen Sattel
-durch die Gegend legt und das Ober- und Unterland von einander
-scheidet, strebte still und hell die Flamme auf. Man hörte kein
-Knistern und Knattern, das schöne neue Haus, welches erst vor einigen
-Wochen fertig geworden war, brannte wie Öl. Die Luft war feucht, die
-Sterne des Himmels waren verdeckt; es murrte zuweilen ein Donner, aber
-das Gewitter zog sich sachte hinaus in die Gegenden von Birkfeld und
-Weitz.
-
-Ein Blitz -- so erzählte nun der Mann, der uns geweckt hatte, der
-Schaf-Gistel war's -- wäre etlichemal hin- und hergezuckt, hätte ein
-Trudenkreuz auf den Himmel geschrieben und wäre dann niederwärts
-gefahren. Er wäre aber nicht mehr ausgeloschen, der lichte Punkt an
-seinem untern Ende wäre geblieben und rasch gewachsen, und da hätte
-sich er, der Mann, gedacht: Schau Du, jetzt hat's den klein Maxel
-troffen.
-
-»Wir müssen doch schauen gehen, daß wir was helfen mögen,« sagte mein
-Vater.
-
-»Helfen willst da?« versetzte der Andere, »wo der Donnerkeil
-d'reinfahrt, da rühr' ich keine Hand mehr. Der Mensch soll unserm
-Herrgott nicht entgegenarbeiten, und wenn _der_ einmal einen Himmletzer
-(Blitz) auf's Haus wirft, so wird er auch wollen, daß es brennen soll.
-Hernachen mußt wissen, ist so ein Einschlagets auch gar nicht zu
-löschen.«
-
-»Deine Dummheit auch nicht,« rief mein Vater, und zornig, wie ich ihn
-noch selten gesehen hatte, schrie er dem Gistel in's Gesicht: »_Du bist
-blitzdumm!_«
-
-Ließ ihn stehen und führte mich an seiner Hand rasch davon. Wir stiegen
-in's Engthal hinab und gingen am Fresenbach entlang, wo wir das Feuer
-nicht mehr sehen konnten, sondern nur die Röte in den Wolken. Mein
-Vater trug einen Wasserzuber bei sich, und ich riet, daß er denselben
-gleich an der Fresen füllen solle. Mein Vater hörte gar nicht d'rauf,
-sondern sagte mehrmals vor sich hin: »Maxel, aber daß Dich jetzt so was
-treffen muß!«
-
-Ich kannte den kleinen Maxel recht gut. Es war ein behendiges, heiteres
-Männlein, etwa in den Vierzigern; sein Gesicht war voll Blatternarben,
-und seine Hände waren braun und rauh wie die Rinden der Waldbäume. Er
-war seit meinem Gedenken Holzhauer in Waldbach.
-
-»Wenn einem Andern das Haus niederbrennt,« sagte mein Vater, »na, so
-brennt ihm halt das Haus nieder.«
-
-»Ist's beim klein' Maxel nicht so?« fragte ich.
-
-»Dem brennt alles nieder. Alles, was er gestern gehabt hat und heut'
-hat und morgen hätt' haben können.«
-
-»So hat der Blitz den Maxel 'leicht selber erschlagen?«
-
-»Das wär' 's Best', Bub'. Ich vergunn' ihm das Leben, Gottseid',
-ich vergunn' ihm's -- aber, wenn er eh'vor hätt' beichten mögen und
-in keiner Todsünd' wär' gewesen, wollt' richtig gleich sagen, das
-Allerbest', wenn's ihn auch selber troffen hätt'.«
-
-»Da wär' er jetzt schon im Himmel oben,« sagte ich.
-
-»Watsch' nur nicht so in's nasse Gras hinein. Geh' gleim (nahe) hinter
-mir, und halt' Dich beim Jankerzipf an. Vom Maxel, von dem will ich Dir
-jetzt was sagen.«
-
-Der Weg ging sanft berganwärts. Mein Vater erzählte.
-
-»Jetzt kann's dreißig Jahr aus sein -- ist der Maxel in's Land kommen.
-Armer Leute Kind. Die erst' Zeit hat er bei den Bauern herum einen
-Halterbuben gemacht, nachher, wie er sich ausgewachsen hat, ist er in
-den Holzschlag 'gangen. Ein rechtschaffener Arbeiter und allerweil
-fleißig und sparsam. Wie er Vorarbeiter ist worden, hat er sich vom
-Waldherrn ausgebeten, daß er das Sauerwiesel auf der Gfarerhöh'
-ausreuten und für sein Lebtag behalten dürfe, weil er so viel gern
-eigen Grund und Boden hätte. Ist ihm gern zugesagt worden, und so
-ist der Maxel alle Tag, wenn sie im Holzschlag Feierabend gemacht
-haben, auf sein Sauerwiesel 'gangen, hat den Strupp weggeschlagen,
-hat Gräben gemacht, hat Steine ausgegraben, hat die Wurzeln des
-Unkrautes verbrannt -- und in zwei Jahren ist das ganze Sauergütel
-trocken gelegt, und es wachst gutes Gras d'rauf, und gar ein Fleckel
-Brandkorn hat er anbaut. Wie es so weit angeht, daß er's auch mit
-Kohlkraut hat probiert, und gesehen, wie gut es den Hasen schmeckt,
-ist er um Waldbäume einkommen. Die können sie ihm nicht schenken, wie
-das Sauerwiesel, die muß er abdienen. So hat er Arbeitslohn dafür
-eingelassen, und die Bäume hat er umgehauen und viereckig gehackt und
-abgeschnitten zu Zimmerholz -- alles in den Feierabenden, wenn die
-anderen Holzknechte lang' schon auf dem Bauch sind gelegen und ihre
-Pfeifen Tabak haben geraucht. Und nachher hat er angehebt, an solchen
-Feierabenden andere Holzhauer zu verzahlen, daß sie ihm bei Arbeiten
-helfen, die ein einziger Mensch nicht dermachen kann, und so hat er
-auf dem Sauerwiesel sein Haus gebaut. Fünf Jahr' lang hat er daran
-gearbeitet, aber nachher -- Du weißt ja selber, wie es dagestanden
-ist mit den goldroten Wänden, mit den hellen Fenstern und der Zierat
-auf dem Dach herum -- schier vornehm anzuschauen. Ein fein Gütel ist
-worden auf der Sauerwiese, und wie lang' wird's denn her sein, daß uns
-unser Pfarrer bei der Christenlehr' den klein' Maxel als ein Beispiel
-des Fleißes und der Arbeitsamkeit hat aufgestellt? Nächst Monat hat er
-heiraten wollen; und daß er heraufgestiegen ist vom Waiselbuben bis
-zum braven Hausbesitzer und Hausvater -- Bub', da ruck' Dein Hütel! --
-Und jetzt ist auf einmal alles hin. Der ganze Fleiß und alle Arbeit
-die vielen Jahr' her ist umsonst. Der Maxel steht wieder auf demselben
-Fleck, wie voreh'.«
-
-Ich habe dazumal meine Frömmigkeit noch aus der Bibel bezogen, und so
-entgegnete ich auf des Vaters Erzählung: »Der Himmelvater hat den Maxel
-halt gestraft, daß er so auf's Zeitliche ist gegangen wie die Heiden,
-und der Maxel hat sich leicht um's Ewige zu wenig gesorgt. Sehet die
-Vöglein in den Lüften, sie säen nicht, sie ernten nicht --«
-
-»Sei still!« unterbrach mich der Vater unwirsch, »der das hat gesagt,
-ist der König Salomo gewest, der kann so was schon sagen. Unsereiner
-sollt's probieren! -- Ich kenn' mich nimmer aus, und das sag' ich,
-wenn's mir so geht, wie dem klein' Maxel, ich bin verzagt und heb an zu
-faullenzen. Wenn ein Mensch mit dem Zündholz in ein Strohdach fährt,
-so wird er in den Kotter gesteckt -- ist auch recht, gehört ihm nichts
-Anderes. Aber wenn einer vom Himmel herunter Feuer auf das nagelneue
-Haus wirft, das ein armer, braver Arbeitsmann gebaut --«
-
-Er unterbrach sich. Wir standen auf der Anhöhe, und vor uns loderte die
-Wirtschaft des Klein-Maxel, und das Haus brach eben in seinen Flammen
-zusammen. Mehrere Leute waren da mit Hacken und Wassereimern, aber es
-war nichts Anderes zu machen, als dazustehen und zuzuschauen, wie die
-letzten Kohlenbrände in sich einstürzten. Das Feuer war nicht wütend,
-es brüllte nicht, es krachte nicht, es fuhr nicht wild in der Luft
-herum; das ganze Haus war eine Flamme, und die qualmte heiß und weich
-zum Himmel auf, von wannen sie gekommen.
-
-Eine kleine Strecke vom Brande war der Steinhaufen, auf welchen der
-Maxel die Steine der Sauerwiese zusammengetragen hatte. An demselben
-saß er nun, der kleine, braune, blatternarbige Maxel, und sah auf die
-Glut hin, deren Hitze auf ihn herströmte. Er war halb angekleidet,
-hatte seinen schwarzen Sonntagsmantel, das einzige, was er gerettet,
-über sich gehüllt. Die Leute traten nicht zu ihm; mein Vater wollte ihm
-gern ein Wort der Teilnahme und des Trostes sagen, aber er getraute
-sich auch nicht zu ihm. Der Maxel lehnte so da, daß wir meinten, jetzt
-und jetzt müsse er aufspringen und einen schreckbaren Fluch zum Himmel
-stoßen und sich dann in die Flammen stürzen.
-
-Und endlich, als das Feuer nur mehr auf dem Erdengrund herum leckte und
-aus den Aschen die kahle Mauer des Herdes aufstarrte, erhob sich der
-Maxel. Er schritt zur Glut hin, hob eine Kohle auf und zündete sich die
-Pfeife an.
-
-Ich war damals doch noch klein und konnte nicht viel denken. Aber an
-das erinnere ich mich: Als ich in der Morgendämmerung den klein' Maxel
-vor seiner Brandstätte stehen sah, und wie er den blauen Rauch aus der
-Pfeife sog und von sich blies, da war mir in meiner Brust plötzlich
-heiß. Als ob ich es fühlte, wie mächtig der Mensch ist, um wie viel
-größer als sein Schicksal, und es für das Verhängnis keinen größeren
-Schimpf gäbe, als wenn man ihm in aller Seelenruhe Tabaksrauch in die
-Larve bläst.
-
-Und als die Pfeife brannte, setzte er sich wieder auf den Steinhaufen
-und blickte in die Gegend hinaus. Was er gedacht hat, das möchtet Ihr
-wissen? Ich auch.
-
-Später hat der klein' Maxel die Asche seines Hauses durchwühlt und aus
-derselben sein Schlagbeil hervorgezogen. Er schaftete einen neuen Stiel
-an, er machte es an einem Schleifsteine der Nachbarschaft wieder scharf
--- und ging an die Arbeit. Seither sind viele Jahre vorbei: Um die
-Sauerwiese liegen heute schöne Felder, und auf der Brandstätte steht
-ein neugegründeter Hof. Junges Volk belebt ihn, und der Hausvater, der
-klein' Maxel, lehrt seine Söhne das Arbeiten, erlaubt ihnen aber auch
-das Tabakrauchen. Nicht gar zu viel -- aber ein Pfeiflein zu rechter
-Zeit.
-
-[Illustration]
-
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-
-[Illustration]
-
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-
-Als ich das erste Mal auf dem Dampfwagen saß.
-
-
-Noch viel seltsamer als diese Geschichten waren, ist jenes Erlebnis
-gewesen, das hier erzählt wird.
-
-Mein Pate, der Knierutscher Jochem -- er ruhe in Frieden! -- war
-ein Mann, der alles glaubte, nur nicht das Natürliche. Das Wenige
-von Menschenwerken, was er begreifen konnte, war ihm göttlichen
-Ursprungs; das Viele, was er nicht begreifen konnte, war ihm Hexerei
-und Teufelsspuk. -- Der Mensch, das bevorzugteste der Wesen, hat zum
-Beispiel die Fähigkeit, das Rindsleder zu gerben und sich Stiefel
-daraus zu verfertigen, damit ihn nicht an die Zehen friere; diese Gnade
-hat er von Gott. Wenn der Mensch aber hergeht und den Blitzableiter
-oder gar den Telegraphen erfindet, so ist das gar nichts anderes als
-eine Anfechtung des Teufels. -- So hielt der Jochem den lieben Gott für
-einen gutherzigen, einfältigen Alten (ganz wie er, der Jochem, selber
-war), den Teufel aber für ein listiges, abgefeimtes Kreuzköpfel, dem
-nicht beizukommen ist, und das die Menschen und auch den lieben Gott
-von hinten und vorn beschwindelt.
-
-Abgesehen von dieser hohen Meinung vom Lucifer, Beelzebub (was weiß
-ich, wie sie alle heißen), war mein Pate ein gescheiter Mann. Ich
-verdankte ihm manches neue Linnenhöslein und manchen verdorbenen Magen.
-
-Sein Trost gegen die Anfechtungen des bösen Feindes und sein Vertrauen
-war die Wallfahrtskirche Mariaschutz am Semmering. Es war eine Tagreise
-dahin, und der Jochem machte alljährlich einmal den Weg. Als ich schon
-hübsch zu Fuße war (ich und das Zicklein waren die einzigen Wesen, die
-mein Vater nicht einzuholen vermochte, wenn er uns mit der Peitsche
-nachlief), wollte der Pate Jochem auch mich einmal mitnehmen nach
-Mariaschutz.
-
-»Meinetweg',« sagte mein Vater, »da kann der Bub' gleich die neue
-Eisenbahn sehen, die sie über den Semmering jetzt gebaut haben. Das
-Loch durch den Berg soll schon fertig sein.«
-
-»Behüt' uns der Herr,« rief der Pate, »daß wir das Teufelszeug
-anschau'n! 's ist alles Blendwerk, 's ist alles nicht wahr.«
-
-»Kann auch sein,« sagte mein Vater und ging davon.
-
-Ich und der Pate machten uns auf den Weg; wir gingen über das
-Stuhleckgebirge, um ja dem Thale nicht in die Nähe zu kommen, in
-welchem nach der Leut' Reden der Teufelswagen auf und ab ging.
-Als wir aber auf dem hohen Berge standen und hinabschauten in den
-Spitalerboden, sahen wir einer scharfen Linie entlang einen braunen
-Wurm kriechen und darüber ein Rauchwölklein schweben.
-
-»Jessas Maron!« schrie mein Pate, »das ist schon so was! spring Bub'!«
--- Und wir liefen die entgegengesetzte Seite des Berges hinunter.
-
-Gegen Abend kamen wir in die Niederung, doch -- entweder der Pate war
-hier nicht wegkundig, oder es hatte ihn die Neugierde, die ihm zuweilen
-arg zusetzte, überlistet, oder wir waren auf eine »Irrwurzen« gestiegen
--- anstatt in Mariaschutz zu sein, standen wir vor einem ungeheuren
-Schutthaufen, und hinter demselben war ein kohlfinsteres Loch in den
-Berg hinein. Das Loch war schier so groß, daß darin ein Haus hätte
-stehen können, und gar mit Fleiß und Schick ausgemauert; und da ging
-eine Straße mit zwei eisernen Leisten daher und schnurgerade in den
-Berg hinein.
-
-Mein Pate stand lange schweigend da und schüttelte den Kopf; endlich
-murmelte er: »Jetzt stehen wir da. Das wird die neumodische Landstraßen
-sein. Aber derlogen ist's, daß sie da hineinfahren!«
-
-Kalt wie Grabesluft wehte es aus dem Loche. Weiter hin gegen Spital in
-der Abendsonne stand an der eisernen Straße ein gemauertes Häuschen;
-davor ragte eine hohe Stange, auf dieser baumelten zwei blutrote
-Kugeln. Plötzlich rauschte es an der Stange, und eine der Kugeln ging
-wie von Geisterhand gezogen in die Höhe. Wir erschraken baß. Daß es
-hier mit rechten Dingen nicht zuginge, war leicht zu merken. Doch
-standen wir wie festgewurzelt.
-
-»Pate Jochem,« sagte ich leise, »hört Ihr nicht so ein Brummen in der
-Erden?«
-
-»Ja freilich, Bub',« entgegnete er, »es donnert was! es ist ein
-Erdbidn« (Erdbeben). Da that er schon ein kläglich Stöhnen. Auf der
-eisernen Straße heran kam ein kohlschwarzes Wesen. Es schien anfangs
-stillzustehen, wurde aber immer größer und nahte mit mächtigem
-Schnauben und Pfustern und stieß aus dem Rachen gewaltigen Dampf aus.
-Und hintenher --
-
-»Kreuz Gottes!« rief mein Pate, »da hängen ja ganze Häuser d'ran!«
-Und wahrhaftig, wenn wir sonst gedacht hatten, an das Lokomotiv wären
-ein paar Steirerwäglein gespannt, auf denen die Reisenden sitzen
-konnten, so sahen wir nun einen ganzen Marktflecken mit vielen Fenstern
-heranrollen, und zu den Fenstern schauten lebendige Menschenköpfe
-heraus, und schrecklich schnell ging's, und ein solches Brausen war,
-daß einem der Verstand still stand. Das bringt kein Herrgott mehr zum
-Stehen! fiel's mir noch ein. Da hub der Pate die beiden Hände empor
-und rief mit verzweifelter Stimme: »Jessas, Jessas, jetzt fahren sie
-richtig in's Loch!«
-
-Und schon war das Ungeheuer mit seinen hundert Rädern in der Tiefe; die
-Rückseite des letzten Wagens schrumpfte zusammen, nur ein Lichtlein
-davon sah man noch eine Weile, dann war alles verschwunden, blos der
-Boden dröhnte, und aus dem Loche stieg still und träge der Rauch.
-
-Mein Pate wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß vom Angesicht und
-starrte in den Tunnel.
-
-Dann sah er mich an und fragte: »Hast Du's auch gesehen, Bub'?«
-
-»Ich hab's auch gesehen.«
-
-»Nachher kann's keine Blenderei gewesen sein,« murmelte der Jochem.
-
-Wir gingen auf der Fahrstraße den Berg hinan; wir sahen aus mehreren
-Schachten Rauch hervorsteigen. Tief unter unsern Füßen im Berge ging
-der Dampfwagen.
-
-»Die sind hin wie des Juden Seel'!« sagte mein Pate und meinte die
-Eisenbahn-Reisenden. »Die übermütigen Leut' sind selber in's Grab
-gesprungen!«
-
-Beim Gasthause auf dem Semmering war es völlig still; die großen
-Stallungen waren leer, die Tische in den Gastzimmern, die Pferdetröge
-an der Straße waren unbesetzt. Der Wirt, sonst der stolze Beherrscher
-dieser Straße, lud uns höflich zu einer Jause ein.
-
-»Mir ist aller Appetit vergangen,« antwortete mein Pate, »gescheite
-Leut' essen nicht viel, und ich bin heut' um ein Stückel gescheiter
-worden.« Bei dem Monumente Karl's VI. standen wir still und sahen in's
-Österreicherland hinaus, das mit seinen Felsen und Schluchten und
-seiner unabsehbaren Ebene vor uns ausgebreitet lag. Und als wir dann
-abwärts stiegen, da sahen wir drüben in den wilden Schroffwänden unsern
-Eisenbahnzug gehen -- klein wie eine Raupe -- und über hohe Brücken,
-fürchterliche Abgründe setzen, an schwindelnden Hängen gleiten, bei
-einem Loch hinein, beim andern heraus -- ganz verwunderlich.
-
-»'s ist auf der Welt ungleich, was heutzutag' die Leut' treiben,«
-murmelte mein Pate.
-
-»Sie thun mit der Weltkugel kegelscheiben!« sagte ein eben
-vorübergehender Handwerksbursche.
-
-Als wir nach Mariaschutz kamen, war es schon dunkel.
-
-Wir gingen in die Kirche, wo das rote Lämpchen brannte, und beteten.
-
-Dann genossen wir beim Wirt ein kleines Nachtmahl und gingen an den
-Kammern der Stallmägde vorüber auf den Heuboden, um zu schlafen.
-
-Wir lagen schon eine Weile. Ich konnte unter der Last der Eindrücke
-und unter der Stimmung des Fremdseins kein Auge schließen, vermutete
-jedoch, daß der Pate bereits süß schlummere; da that dieser plötzlich
-den Mund auf und sagte:
-
-»Schlafst schon, Bub'?«
-
-»Nein,« antwortete ich.
-
-»Du,« sagte er, »mich reitet der Teufel!«
-
-Ich erschrak. So was an einem Wallfahrtsort, das war unerhört.
-
-»Ich muß vor dem Schlafengehen keinen Weihbrunn' genommen haben,«
-flüsterte er, »'s giebt mir keine Ruh', 's ist arg, Bub'.«
-
-»Was denn, Pate?« fragte ich mit warmer Teilnahme.
-
-»Na, morgen, wenn ich kommuniziere, leicht wird's besser,« beruhigte er
-sich selbst.
-
-»Thut Euch was weh', Pate?«
-
-»'s ist eine Dummheit. Was meinst, Bübel, weil wir schon so nah' dabei
-sind, probieren wir's?«
-
-Da ich ihn nicht verstand, so gab ich keine Antwort.
-
-»Was kann uns geschehen?« fuhr der Pate fort, »wenn's die andern thun,
-warum nicht wir auch? Ich lass' mir's kosten.«
-
-Er schwätzt im Traum, dachte ich bei mir selber und horchte mit Fleiß.
-
-»Da werden sie einmal schauen,« fuhr er fort, »wenn wir heimkommen und
-sagen, daß wir auf dem Dampfwagen gefahren sind!«
-
-Ich war gleich dabei.
-
-»Aber eine Sündhaftigkeit ist's!« murmelte er, »na, leicht wird's
-morgen besser, und jetzt thun wir in Gottes Namen schlafen.«
-
-Am andern Tage gingen wir beichten und kommunizieren und rutschten
-auf den Knieen um den Altar herum. Aber als wir heimwärts lenkten, da
-meinte der Pate nur, er wolle sich dieweilen gar nichts vornehmen, er
-wolle nur den Semmering-Bahnhof sehen, und wir lenkten unsern Weg dahin.
-
-Beim Semmering-Bahnhof sahen wir das Loch auf der andern Seite.
-War auch kohlfinster. -- Ein Zug von Wien war angezeigt. Mein Pate
-unterhandelte mit dem Bahnbeamten, er wolle zwei Sechser geben,
-und gleich hinter dem Berg, wo das Loch aufhört, wollten wir wieder
-absteigen.
-
-»Gleich hinter dem Berg, wo das Loch aufhört, hält der Zug nicht,«
-sagte der Bahnbeamte lachend.
-
-»Aber wenn wir absteigen wollen!« meinte der Jochem.
-
-»Ihr müßt bis Spital fahren. Ist für zwei Personen zweiunddreißig
-Kreuzer Münz.«
-
-Mein Pate meinte, er lasse sich was kosten, aber so viel wie die hohen
-Herren könne er armer Schlucker nicht geben; zudem sei an uns beiden
-ja kein Gewicht da. -- Es half nichts; der Beamte ließ nicht handeln.
-Der Pate zahlte; ich mußte zwei »gute« Kreuzer beisteuern. Mittlerweile
-kroch aus dem nächsten, unteren Tunnel der Zug hervor, schnaufte heran,
-und ich glaubte schon, das gewaltige Ding wolle nicht anhalten. Es
-zischte und spie und ächzte -- da stand es still.
-
-Wie ein Huhn, dem man das Hirn aus dem Kopfe geschnitten, so stand der
-Pate da, und so stand ich da. Wir wären nicht zum Einsteigen gekommen;
-da schupfte der Schaffner den Paten in einen Waggon und mich nach. In
-demselben Augenblicke wurde der Zug abgeläutet, und ich hörte noch, wie
-der in's Coupé stolpernde Jochem murmelte: »Das ist meine Totenglocke.«
-Jetzt sahen wir's aber: im Waggon waren Bänke, schier wie in einer
-Kirche; und als wir zum Fenster hinausschauten -- »Jessas und Maron!«
-schrie mein Pate, »da draußen fliegt ja eine Mauer vorbei!« -- Jetzt
-wurde es finster, und wir sahen, daß an der Wand unseres knarrenden
-Stübchens eine Öllampe brannte. Draußen in der Nacht rauschte und toste
-es, als wären wir von gewaltigen Wasserfällen umgeben, und ein- um's
-anderemal hallten schauerliche Pfiffe. Wir reisten unter der Erde.
-
-Der Pate hielt die Hände auf dem Schoß gefaltet und hauchte: »In
-Gottes Namen. Jetzt geb' ich mich in alles drein. Warum bin ich der
-dreidoppelte Narr gewesen.«
-
-Zehn Vaterunser lang mochten wir so begraben gewesen sein, da lichtete
-es sich wieder, draußen flog die Mauer, flogen die Telegraphenstangen
-und die Bäume, und wir fuhren im grünen Thale.
-
-Mein Pate stieß mich an der Seite: »Du, Bub'! Das ist gar aus der Weis'
-gewesen, aber jetzt -- jetzt hebt's mir an zu gefallen. Richtig wahr,
-der Dampfwagen ist was Schönes! Jegerl und jerum, da ist ja schon
-das Spitalerdorf! Und wir sind erst eine Viertelstunde gefahren! Du,
-da haben wir unser Geld noch nicht abgesessen. Ich denk', Bub', wir
-bleiben noch sitzen.«
-
-Mir war's recht. Ich betrachtete das Zeug von innen, und ich blickte in
-die fliegende Gegend hinaus, konnte aber nicht klug werden. Und mein
-Pate rief: »Na, Bub', die Leut' sind gescheit! Und daheim werden sie
-Augen machen! Hätt' ich das Geld dazu, ich ließe mich, wie ich jetzt
-sitz', auf unsern Berg hinauffahren!«
-
-»Mürzzuschlag!« rief der Schaffner. Der Wagen stand; wir schwindelten
-zur Thür hinaus.
-
-Der Thürsteher nahm uns die Papierschnitzel ab, die wir beim Einsteigen
-bekommen hatten, und vertrat uns den Ausgang. »He, Vetter!« rief er,
-»diese Karten galten nur bis Spital. Da heißt's nachzahlen und zwar das
-Doppelte für zwei Personen; macht einen Gulden sechs Kreuzer!«
-
-Ich starrte meinen Paten an, mein Pate mich. »Bub',« sagte dieser
-endlich mit sehr umflorter Stimme, »hast Du ein Geld bei Dir?«
-
-»Ich hab' kein Geld bei mir,« schluchzte ich.
-
-»Ich hab' auch keins mehr,« murmelte der Jochem.
-
-Wir wurden in eine Kanzlei geschoben, dort mußten wir unsere Taschen
-umkehren. Ein blaues Sacktuch, das für uns Beide war und das die Herren
-nicht anrührten, ein hart Rindlein Brot, eine rußige Tabakspfeife,
-ein Taschenfeitel, etwas Schwamm und Feuerstein, der Beichtzettel von
-Mariaschutz und der lederne Geldbeutel endlich, in dem sich nichts
-befand als ein geweihtes Messing-Amuletchen, das der Pate stets mit
-sich trug im festen Glauben, daß sein Geld nicht ganz ausgehe, so lange
-er das geweihte Ding im Sacke habe. Es hatte sich auch bewährt bis
-auf diesen Tag -- und jetzt war's auf einmal aus mit seiner Kraft. --
-Wir durften unsere Habseligkeiten zwar wieder einstecken, wurden aber
-stundenlang auf dem Bahnhofe zurückbehalten und mußten mehrere Verhöre
-bestehen.
-
-Endlich, als schon der Tag zur Neige ging, zur Zeit, da nach so
-rascher Fahrt wir leicht schon hätten zu Hause sein können, wurden wir
-entlassen, um nun den Weg über Berg und Thal in stockfinsterer Nacht
-zurückzulegen.
-
-Als wir durch den Ausgang des Bahnhofes schlichen, murmelte mein Pate:
-»Beim Dampfwagen da -- 's ist doch der Teufel dabei!«
-
-[Illustration]
-
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-
-[Illustration]
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-
-Als ich --
-
-
-Einst war in unserem Waldhause ein alter Knecht, der einen gloriosen
-Spitznamen hatte -- er hieß der Thalerbüchsen-Toni.
-
-Er besaß nämlich -- ob als Erbschaft oder als Ersparnis, das ist nicht
-ergründet worden -- einen kleinen Schatz von alten Silbermünzen, teils
-mit Bildnissen Maria Theresia's, Friedrich's des Großen, teils mit dem
-Bilde der Mutter Gottes oder mit dem Zeichen von Krummstab und Schwert,
-von Adlern, Löwen, zweiköpfigen Tigern, von Kreuzen und Ringen,
-seltsamen Buchstaben oder anderen geheimnisvollen Markierungen. Etliche
-dieser Münzen, die wir, ohne Unterschied des Landes, der Prägung und
-der Größe, Thaler nannten, sollen sogar vom dreißigjährigen Kriege
-hergestammt haben. Den Schatz hielt Toni, der Knecht, eingeschachtelt
-in einer runden, blutrot angestrichenen Holzbüchse. Wenn nun der
-Feierabend kam oder eine stille Feiertagsstunde war, holte er aus
-seiner Kleidertruhe die Büchse hervor, aber nicht etwa, um nach alter
-Geizhalsart für sich allein darin zu wühlen und zu schwelgen, sondern
-um die Thalerfreude mit seinen Hausgenossen zu teilen, ihnen nach
-seiner Weise die Geldstücke zu erklären, sie dann auf dem Tische
-klingen zu lassen, um die Feinheit des Silbers zu bekunden, und
-sich an den gierigen Blicken zu weiden, die auf seine schönen Thaler
-niederstachen.
-
-Sobald jedoch die Leute merkten, es fiele bei dieser wiederholten
-Silberbeschau weiter nichts für sie aus, wurde ihnen die Sache
-langweilig, und sie sagten: »Geh, laß uns in Ruh', Toni, mit Deinen
-alten blinden Schimmeln, wenn Du keinen herschenkst, so wollen wir
-sie auch gar nicht sehen.« Derlei undankbare und lieblose Bemerkungen
-verdrossen den Knecht Toni allemal so tief, daß er in dem betreffenden
-Hause sofort den Dienst kündigte und in einen anderen Hof zog, wo man
-die Thalersammlung, die den Inhalt seines Knechtelebens ausmachte,
-wieder besser zu würdigen verstand. -- Aber die Bauersleute sind so
-viel hochsinnig, sie halten nichts auf's Geld, wenn sie es nicht
-kriegen. Und so kam es, daß der Toni gar häufig seinen Dienst
-wechselte, trotzdem er sonst ein stiller, zufriedener Mensch und kein
-schlechter Arbeiter war.
-
-Nun, so war der Thalerbüchsen-Toni auch in unser Waldhaus gekommen,
-und weil er an meinem Vater einen Mann fand, der die Geldstücke nicht
-nach deren Gewicht schätzte, sondern an den Bildnissen der Könige und
-Kaiser und besonders an der lieben Mutter Gottes seine Freude hatte,
-und weil er an uns Kindern -- ich war damals etwa acht Jahre alt --
-eine jubelnde Schar von unersättlichen Bewunderern sah, so lebte er
-in unserem Hause neu auf. Und jeden Abend nach dem Vesperbrot kam er
-denn von seiner Gewandtruhe, die oben im Dachgelasse stand, zu uns in
-die Stube, geheimnisvoll die rote Büchse noch unter dem Rocke bergend,
-sie dann langsam hervorziehend, stets mit einer Miene, als ob es das
-allererstemal geschehe und er etwas unerhört Neues aufzuzeigen hätte.
-Und wenn er dann am sicheren Orte des großen Eichentisches saß und
-wir in einem festen Wall um ihn herum waren, schraubte er mit einer
-bedächtigen Fertigkeit die Büchse auf und faßte einen um den andern
-mit zwei Fingern an, wie der Priester die Hostie, und begann mit
-seinen Auslegungen. An jedem Stücke war eine besondere Merkwürdigkeit.
-Da war eine Maria Theresia, die scheinbar ihre Augen verdrehte, wenn
-man ihr die blinkende Münze Fritz des Großen gegenüberhielt. Ein
-anderer Thaler zeigte noch Rostflecken vom dreißigjährigen Kriege,
-von welchem der Knecht bemerkte, man müsse nicht glauben, daß dieser
-Krieg dreißig Jahre lang ohne alle Unterbrechung gedauert habe; in den
-meisten Nächten, besonders aber zu den hohen Festtagen, habe man die
-Schlacht unterbrochen und Freund und Feind in Gemeinschaft sein Gebet
-verrichtet. -- Auf einem andern Thaler war das wahrhaftige Bildnis
-unserer lieben Frau und ein Ablaß daran für den, der es küßte. Wir
-durften es auch küssen, alle der Reihe nach, auch die Dienstboten, die
-der Knecht gut leiden konnte; zu den andern sagte er, sie möchten sich
-ihren Ablaß nur anderswo holen, sie saugeten mit ihren ungewaschenen
-Mäulern leicht die ganze heilige Weihe aus dem Silber.
-
-Besonders ein halberwachsener Bursche, der Hiasel, war es, welcher
-durch manch lose Bemerkung über den Toni und seine Büchse des alten
-Knechtes Unwillen in so hohem Grade erweckt hatte, daß er nicht ein
-einzigmal zur Thalerschau, geschweige zum Kusse zugelassen wurde.
-
-Der Hiasel war kurze Zeit früher als unterstandsloser, etwas
-verkommener Junge des Weges gestrichen, und mein Vater hatte
-ihn aufgenommen, mit gutem Hanfzeuge bekleidet, auch ordentlich
-ausgefüttert, denn die ersten Wochen war der heimatlose Bursche gar
-nicht zu sättigen gewesen. Dafür griff der Hiasel nun auch die
-Arbeit flink an, war munter, und das regelmäßige Leben schien ihm gar
-nicht übel zu gefallen. Er sah jetzt recht gesund aus, war schlank
-gewachsen, und weil er auch die Haare kämmte, so wollte er schier ein
-hübsches Bürschlein werden. Ich, das muß ich wohl gestehen, hatte
-keine besondere Zuneigung zum Hiasel, nicht allein, weil er mir
-immer als Beispiel aufgestellt wurde, wenn ich mich nicht waschen
-und strählen lassen wollte, sondern und viel mehr noch, weil der
-Hiasel »Peitenstegga« anstatt Peitschenstecken sagte. Er war aus
-dem Niederösterreich herübergekommen, und mir war das »Fremdeln«
-in der Sprache unheimlich und dieses »Peitenstegga« geradezu eine
-Ungeheuerlichkeit. Der Bursche schnitt mir manchen Peitschenstecken und
-unterstützte mich bisweilen in meinen kindlichen Spielen; doch niemals
-vermochte ich für ihn Neigung zu fassen, da wandte ich mich zehnmal
-lieber dem alten Toni und seiner Thalerbüchse zu.
-
-Des Alten schmunzelndes, wichtigthuendes Gesicht anzuschauen, war für
-mich eine rechte Unterhaltung. Dieses platte, runzelige Gesicht mit
-den großen Wangenknochen, mit den völlig wasserfarbigen Äuglein, die
-fortwährend hinter den buschigen Brauen Versteckens spielten, wenn
-die Thaler aufmarschierten, dieses Gesicht war ein großer Spaß; und
-wie der Mann als Zeichen seiner höchsten Befriedigung die furchige
-Stirnhaut auf- und niederriß und selbst die Ohrläppchen bewegte wie ein
-Eselein -- das war doch gar zu possierlich. Und nun kam mir auf einmal
-der Gedanke: Wenn der Toni schon in seiner Lustigkeit ein so spaßiges
-Gesicht macht, wie erst, wenn er zornig und wild ist? -- Mit diesem
-Gedanken hebt die Geschichte an.
-
-Eines Tages, als die Leute auf dem Felde waren, stieg ich mit etwas
-schlotternden Beinlein die Stiege vom Dachgelaß herab und freute mich
-auf die Stunde, wenn der Toni wieder seine Thaler aufzeigen will und
-sie nicht findet. Das wird ein Gelächter geben! Aber ich lache still
-und sag' den Spaß erst am andern Tag.
-
-Es war die genötige Schnittzeit, da wird bis in die späten Abende
-hinein gearbeitet, da ist's nichts mit dem Thalergucken. Ich
-vergaß auch bald darauf, ich mußte Garben tragen und dem Vater die
-Kornschöberlein aufspreizen helfen. Auch waren die Kirschen reif, eine
-Zeit voll Sehnsucht für mich, denn ich wagte noch nicht den Stamm
-emporzuklettern, und das Niederziehen der Äste vermittelst Haken war
-scharf verboten; wenn ein Ast brach, da verstand mein Vater keinen
-Spaß. Das mutwillige Abreißen von Ästen nannte er: den Nachkommen
-Kirschen stehlen. Das war freilich ein garstiges Wort, und verzichtete
-ich schließlich doch lieber auf die so hellrot niederleuchtenden
-Kirschen bis zum Samstagfeierabend, wenn sie mir der Vater regelrecht
-herabholte oder es der Hiasel that, der ein arger Kletterer war.
-
-Damals erfuhr ich, was ein böses Wort vermag. Als der Hiasel hoch
-oben auf einem schaukelnden Aste saß und ihm bei jeder Schwenkung des
-Hauptes die frischen Kirschengabeln förmlich in den Mund hineinhingen,
-rief er zu mir nieder in's Gras, es wäre eine Schande, daß ich noch
-auf keinen Kirschbaum könne! und warf mir -- der ich die Haube nach
-Kirschen aufthat -- ein paar feuchte Kerne hinein. Ich sprang ergrimmt
-an den Baumstamm, und in wenigen Augenblicken war ich zu meiner eigenen
-Überraschung oben beim Hiasel.
-
-Ich wollte eben der Jubelstimmung über meine plötzlich eingetretene
-Mannhaftigkeit in einem hellen Juchschrei Luft machen, als neben im
-Hause auf einmal ein unheimlicher Lärm entstand. Der Toni sprang wie
-rasend zur Thür heraus, hielt mit beiden Händen seinen grauen Kopf und
-schrie: »Mein Geld ist weg! Mein Geld ist weg!«
-
-Ihm folgte mein Vater: der Toni solle sich doch nicht den Kopf
-wegreißen, das Geld würde sich ja finden, er ließe das ganze Haus
-untersuchen. Ein paar Dienstmägde zeterten: das wäre ihnen auch auf der
-Welt noch nicht passiert, daß sie sich aussuchen lassen müßten, wie
-Schelminnen, aber sie thäten es von selber, würfen dem Bauer all ihre
-Habseligkeiten vor die Füße, Stück für Stück, und solle er schauen, ob
-die dumme Thalerbüchse darunter sei.
-
-»Die dumme Thalerbüchse!« stöhnte der alte Knecht, »o Bauer! mein
-Bauer! Das Herz möchte mir zerspringen vor lauter Unglück!« und er hub
-an laut zu weinen und ging, immer noch den Kopf zwischen den Händen
-haltend, um's Haus herum, als müsse die Thalerbüchse irgendwo auf dem
-grünen Rasen liegen.
-
-Jetzt hörte ich auch die Stimme meiner Mutter, welche darüber schalt,
-daß die Leute an ihren Gewandtruhen die Schlüssel stecken ließen,
-daß sie damit leicht ein ganzes Haus in Unehr' bringen könnten; sie
-halte aber dafür, der Toni hätte in seiner verrückten Weise das Geld
-aufs Kornfeld mitgeschleppt und dort verstreut. Seit Wochen sei kein
-Bettler, kein Handwerksbursch' oder sonst ein Fremder in den Hof
-gekommen, und daß im Haus kein Dieb lebe, das wisse sie gewiß.
-
-Mir, der ich auf dem Kirschbaumast hockte, war wunderlich zu Mute. Wenn
-ich jetzt nur wieder unten wäre! das Ding geht höllisch schief.
-
-Im Hause wurde der Hiasel gerufen.
-
-»Wenn's eins im Haus gethan hat -- niemand anderer als der Hiasel!«
-
-Als der Junge dieses Wort gehört hatte, sprang er vom Baum mit einem
-kecken Schwunge über die Äste hinweg auf den Erdboden. Bald war er von
-den Leuten umringt. Der Toni hatte seine Fassungskraft wieder erlangt,
-er faßte daher den Hiasel am Arm und fragte, wo er das Geld habe!
-
-Der Bursche war im Gesicht röter als die reifste Kirsche und sagte, er
-wisse von keinem Gelde.
-
-Das Leugnen würde ihm nichts nutzen. Man wisse bestimmt, daß er die
-Thaler genommen habe!
-
-Auf eine solche Anschuldigung ist der Bursche -- überhaupt ungewandt
-im Reden, aber gewohnt, herrischen Aussprüchen sich zu fügen -- ganz
-stumm geworden. Er stand da wie ein Stück Holz und starrte den Ankläger
-schier seelenlos an.
-
-»Wenn Du's willig sagst, wo mein Geld ist,« sprach der Toni in milder,
-fast bittender Weise, »so geschieht Dir nichts; ich lege beim Waldbauer
-ein Gebitt ein, daß er Dich frei laufen laßt. Wenn Du aber leugnest, so
-schlage ich Dich tot!«
-
-Und ich? Als ich merkte, welch schreckbare Wendung mein »Spaß« zu
-nehmen begann, und daß die Sache jetzt gar nicht einmal wie ein Spaß
-aussah, und als ich eine Geisterstimme hörte: _das, was Du gethan, war
-Diebstahl!_ -- da war wohl mein erster Gedanke: Allsogleich sagen, Du
-hast das Geld hinter der Gewandtruhe unter den Holzsparren gesteckt.
--- Aber sehr rasch rief eine andere Stimme: Das wäre zu gefährlich!
-Siehe, jetzt reißt er schon die Heckenrute ab, die kriegst Du, sobald
-Du das Wort sagst! Denn das Gesicht des alten Knechtes war ganz
-schreckbar anzusehen, die Wut, die Ratlosigkeit und den Jammer habe
-ich in meinem Leben nirgends so scharf ausgedrückt gefunden, als
-damals auf dem Angesichte des Toni. Da gab's nichts zu lachen! Wohl
-totenblaß mag ich gewesen sein, als ich mich hinter den Kirschbaumstamm
-schlich, dann plötzlich Kehrt machte, ins Haus eilte, ins Dachgelaß
-hinauf, die unselige Thalerbüchse aus ihrem Versteck holte und in die
-sperrangelweit offene Gewandtruhe des alten Knechtes warf.
-
-Als ich hernach wieder zum Kirschbaum zurückgekommen war, lagen von der
-Heckenrute nur mehr die weißen Splitter umher auf dem grünen Rasen; die
-Leute verzogen sich grollend und scheltend, und den Waldweg entlang
-wankte der Bursche mit zerrauftem Haar.
-
-Der Knecht wimmerte im Hause umher, der Vater trat zu mir und sagte,
-ich hätte nun gesehen, wohin Unehrlichkeit führe; den Hiasel habe er
-verjagt, und ich solle nun wieder auf den Kirschbaum steigen.
-
-Jetzt sag's! Jetzt sag's! rief es ungestüm in mir. Aber ich habe es
-nicht gesagt. Mir war, als _könnte_ ich es nicht mehr sagen, als sei
-schon zu viel geschehen. Ich war ja für's ganze Haus das fromme,
-gutmütige Büblein, das schier den ganzen Katechismus auswendig wußte
-und das heilige Evangelium lesen konnte so schön und kräftig, wie der
-Pfarrer auf dem Predigtstuhl, ich sollte nun als Dieb und Schuftlein
-dastehen! Hatte ich nicht die haarsträubende Entrüstung der Leute
-gesehen, die sich in allen Formen über den armen Hiasel entleert? Über
-mich mußte es noch ärger kommen, denn ich war ein doppelter Bösewicht.
-Für einen solchen ist es doppelt unklug, sich zu verraten -- und ich
-habe _nichts_ gesagt.
-
-Hingegen bin ich jetzt fortgegangen, den Waldweg entlang, um den
-Hiasel zu suchen. Ich bin, wie der Steig führt, in den Schmithofgraben
-hinabgegangen und jenseits wieder emporgestiegen zu den Hochwaldungen
-des Teufelssteingebirges. Und auf der Höhe, dort wo der weite grüne
-Anger liegt, mitten im Wald, und wo das hohe, rotangestrichene
-Christuskreuz steht, dort habe ich ihn gefunden. Er lag unter dem
-Kreuze und schlief, und auf seinem Antlitz lagen Spuren von Thränen.
-
-Über den schwarzen hohen Baumwipfeln lag die Abendröte, kein Lüftchen
-und kein Laut war auf dem dämmernden Anger -- ich saß neben dem
-schlafenden Burschen und weinte. -- Kinder weinen oft, aber es wird
-wohl selten sein, daß eins so bitter, bitterlich weint, als ich's
-damals gethan habe, da ich Wache hielt vor dem schlummernden Jungen,
-dem so grob Unrecht geschehen war.
-
-Wecken wollte ich ihn nicht. Er war ja so müde gehetzt. Daß er
-unschuldig ist, das weiß er, und wird ihm's sein lieber Schutzengel
-auch im Traum sagen. Er hat nicht Vater und Mutter, er hat nichts Gutes
-auf der Welt, und wenn ihm jetzt schon fremde Sünden zugeworfen werden,
-weil ihn kein Mensch in Schutz nimmt, wie erst, wenn er groß ist und
-es die schlechten Leute inne werden: das ist einer zum Tragen und
-Büßen ...! Er soll schlafen.
-
-Ähnliches mag ich gedacht oder gefühlt haben, und ein unendliches
-Mitleid kam über mich, eine Reue und eine Liebe, und ich wußte mir vor
-Weinen nicht zu helfen. Als er sich einmal ein klein wenig bewegte,
-da ging's mir heiß durchs Herz, und mir verging fast der Mut, es ihm
-zu sagen, daß ich das Schelmenstück gethan hätte, wofür er mißhandelt
-worden. Konnte ihn das nicht gegen mich empören, wütend machen? Konnte
-er mich nicht auf der Stelle totschlagen in diesem finsteren Wald
-und mir dabei zuschreien: die Strafe dafür hätte er schon im voraus
-empfangen?
-
-Aber -- und das allein ist's, was aus jenem bösen Tage heute noch milde
-auf mich herüberschaut -- ich blieb neben dem Schlummernden kauern und
-war entschlossen, nicht eher von ihm zu gehen, als bis ich ihm alles
-gestanden und abgebeten hätte. Dann wollte ich ihn mitnehmen hinein in
-mein Vaterhaus, daß er alles dort habe, was ich bisher gehabt, und das
-so lang, so lang, als die Heckenruten wachsen neben dem Kirschbaum.
-
-Bevor jedoch der Hiasel aus seiner schweren Betäubung erwachte, kam was
-anderes. Den Waldweg heran knarrte ein Leiterwagen, bespannt mit zwei
-Ochsen, die ein Mann leitete. Der Stegleitner von Fischbach war's, er
-fuhr von seinem Walde heim -- ich kannte ihn von einem Ochsentausche
-her, den er etliche Wochen früher mit meinem Vater unternommen. Trotz
-der tiefen Dämmerung erkannte ich auch die Ochsen als jene, welche er
-von uns fortgeführt hatte. Das heimelte mich an. Als der Stegleitner
-hier unter dem Kreuze einen schlafenden und einen schluchzenden Jungen
-fand, war er gar erschrocken und fragte, was das zu bedeuten habe.
-Und vor den Stegleitner bin ich hierauf hingekniet, als ob er der
-Bestohlene oder der Mißhandelte gewesen wäre, und habe ihm wohl mit
-gefalteten Händen alles erzählt.
-
-Der Stegleitner war ein ruhiger, ernster Mann; als ich fertig war,
-fragte er nur, ob ich fertig wäre, und da ich schwieg, hat er mir
-folgendes gesagt: »Mit dem Hiasel hast Du und hat Dein Vater nichts
-mehr zu schaffen, der gehört jetzt mein, ich nehme ihn mit mir.
-Abbitten wirst Du ihm's, wenn Du größer geworden bist, denn das -- mußt
-Du wissen -- verjährt nicht. Für jetzt werde ich ihm sagen, was zu
-sagen ist, daß sein Schutzengel seine Unschuld an's Licht getragen hat.
-Mehr braucht er nicht zu wissen. Und Du, Waldbauernbub, gehst jetzt
-heim, und was Du zu thun hast, das weißt Du.«
-
-»Das Geld ist schon zurückgegeben,« bemerkte ich gefaßter.
-
-»Das Geld ist Mist,« sagte der Stegleitner, »die Ehre giebst zurück. --
-Mein Kind!« fuhr er fort und richtete mich mit seiner Hand auf, »schau,
-dort oben heben jetzt die Sternlein an zu leuchten. Sie schauen nieder
-auf Dich, wenn Du bei der Thür eintrittst in Dein Vaterhaus, sie sehen,
-was Du thun wirst und was lassen -- und sie brennen fort, bis zum
-jüngsten Gericht!«
-
-Die Worte waren ruhig, fast leise gesprochen, und doch war mir, als
-bebte vor ihnen der Erdboden unter meinen Füßen.
-
-Der Stegleitner blieb mit seinem Gefährte noch stehen bei dem roten
-Kreuz; ich that einen kurzen Blick auf den Schläfer, und war mir, als
-sähe ich das Bild eines Heiligen. Dann ging ich heimwärts; ging und
-lief und ahnte Gespenster, die mir folgten.
-
-Als ich gegen unser Haus kam, hörte ich schon von weitem die Stimme
-meiner Mutter, die meinen Namen rief.
-
-»Was das für ein Tag ist!« klagte sie, »Geld und Kinder werden
-gestohlen, da müssen doch rein Zigeuner im Land sein!«
-
-Aber Geld und Kind hatten sich nun glücklich wieder gefunden, und in
-der Stube kniete der Vater am großen Tische, knieten die anderen Leute
-an den Wandbänken herum, und sie beteten laut und gemeinstimmig den
-üblichen Samstagsrosenkranz. Mir war wohl und weh. Ich kniete zum
-alten Knecht Anton -- recht nahe an seine Seite hin -- und begann
-laut mitzubeten. Sie wiederholten immer wieder das Vaterunser und das
-Ave Maria, und ich stimmte in den surrenden Ton mit ein und sagte
-fortwährend: »Lieber Knecht, vergieb mir meine Schulden, ich habe Dir
-das Geld gestohlen! Lieber Knecht, vergieb mir meine Schulden, ich habe
-Dir das Geld gestohlen!«
-
-Weil der Toni entweder stark schläfrig war, oder weil er während des
-Rosenkranzes in Gedanken an die wiedergefundene Thalerbüchse schwelgte,
-so währte es ziemlich lang, bis ihm mein wunderlicher Text auffiel.
-Endlich huben sich seine Stirnhaut und sein Ohrläppchen an zu bewegen,
-er wendete sachte sein entsetztes Gesicht und schrie in die Stube
-hinein, man solle still sein und den kleinen Buben allein weiterbeten
-lassen.
-
-Und als von solcher Unterbrechung überrascht alles still war, duckte
-ich mich weinend in den Wandwinkel und wimmerte laut: »Ich habe das
-Geld genommen!«
-
-Der Rosenkranz war für heute aus. Die Begebenheiten spitzten sich nun
-rasch und scharf einem herben Ende zu, welches Ende jedoch durch den
-Umstand, daß der Hiasel geborgen und von seiner Ehrenrettung bereits
-durch den Stegleitner Kenntnis haben mußte, bedeutend gemildert worden
-ist.
-
-Von diesem verhängnisvollen Tage an ist der Thalerbüchsen-Toni nicht
-mehr lange bei uns geblieben. Aber zum Abschiede nahm er mich an seine
-Gewandtruhe. Dort öffnete er gravitätisch die Büchse und schenkte mir
-daraus ein funkelndes Thalerlein als -- Finderlohn.
-
-Nach Jahren, als der Toni mühselig und krank geworden war, wollte er
-mit seinem Silberschatze eine »wunderthätige Kapelle« stiften, was ihm
-aber der Pfarrer entschieden mißriet. Hingegen ward ihm nahe gelegt,
-ob er nicht einem braven Bauernburschen, dem dieser Silberlinge wegen
-einmal Unrecht geschehen, ein kleines Angedenken hinterlassen wolle?
-
-Aber der Hiasel war nicht im Lande. Er war lange im Stegleitnerhofe
-gewesen, und man hatte schon davon gemunkelt, daß er dort die hübsche
-Haustochter heiraten werde -- da wurde die Gegend plötzlich geräumt.
-Alle jungen, kräftigen Männer mußten fort. Es war die Zeit, in welcher
-nach dem Sprichwort die Weibsleute um jeden Stuhl rauften, auf dem
-einmal ein Mannsbild gesessen. -- Wie die Meereshochflut, die den
-Damm zerreißt, so brach der Feind ins Vaterland herein. O, laßt mich
-schweigen von den Ereignissen jener Tage, sie waren furchtbar groß.
-Der Sturm war bald vorüber; viele Männer kehrten heim, viele blieben
-auf ewig aus. Der Hiasel kam mit einem durchschossenen Fuß zurück. Bei
-Königgrätz war's gewesen.
-
-»Armer Bursch,« so begrüßte der alte Stegleitner den Heimkehrenden,
-»jetzt bist ein zweitesmal unschuldigerweis geschlagen worden.«
-
-»Ich trag's,« antwortete der Hiasel, »mir ist's nur _ihretwegen_ hart!«
-
-»Was ihretwegen!« sagte der Bauer, »ihre Ahndl, meine Mutter selig, hat
-auch einen hinkenden Mann gehabt. Dirndel, geh her! Schau, der Krumme
-kann Dir nicht so leicht davonlaufen. Der lieb' Herrgott geb' seinen
-Segen dazu!«
-
-Jetzt ist die Geschichte aus. Heute ist der Hiasel angesehener
-Stegleitner und sein Weib vergilt ihm -- so viel mir bekannt ist --
-hundertfach manch erlittene Unbill.
-
-Der alte Thalerbüchsen-Toni ist erst vor wenigen Jahren gestorben. Der
-größte Teil seiner Münzen ging auf das Begräbnis, etliche Stücke nahm
-er mit in seinen Sarg, darunter das mit dem wahrhaftigen Bildnisse der
-Mutter Gottes. Da ist's wohl kein Wunder, daß der Alte im Tode ein so
-wohlgemutes, fast schmunzelndes Gesicht machte und im Grabe schmunzelnd
-zu Asche zerfallen wird -- bei den Thalern.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Verlag von L. Staackmann in Leipzig.
-
-
-Jugendschriften
-
-von
-
-Peter Rosegger.
-
- =Aus dem Walde.= Ausgewählte Schriften für die reifere Jugend
- mit 36 Abbildungen in illustriertem Umschlag gebunden M. 4.--.
-
- =Ernst Und heiter= und so weiter. Für die reifere Jugend
- ausgewählt, in illustriertem Umschlag kartoniert M. 4.--.
-
- =Deutsches Geschichtenbuch.= Für die reifere Jugend ausgewählt
- mit 12 Vollbildern, in illustriertem Umschlag gebunden M.
- 4.--.
-
- =Waldferien.= Ländliche Geschichten für die Jugend ausgewählt.
- Mit 20 Abbildungen. In illustriertem Umschlag gebunden M.
- 4.--.
-
- =Waldjugend.= Geschichten für junge Leute von 15--70 Jahren.
- Mit zahlreichen Textillustrationen und 10 Vollbildern von
- Alfred Mailick. In Prachtband gebunden M. 6.--.
-
-Ausführliches Verzeichnis über Roseggers Schriften sowie ein neuer
-illustrierter Verlagskatalog steht jedem Interessenten auf Verlangen
-gratis und franko zur Verfügung.
-
-
- Druck von Grimme & Trömel in Leipzig.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
- Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-
- Korrekturen:
-
- S. 8: hierauf → sich hierauf
- Als er {sich hierauf} einmal umsah
-
- S. 11: kreuzenden → sich kreuzenden
- das Gewebe der {sich kreuzenden} Eisstücke
-
- S. 76: kriegen → kriechen
- mußte ich unter den Tisch {kriechen}
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Als ich noch der Waldbauernbub war.
-Band 1, by Peter Rosegger
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WALDBAUERNBUB WAR ***
-
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- The Project Gutenberg eBook of Als ich noch der Waldbauernbub war (1. Band), by Peter Rosegger.
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-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Als ich noch der Waldbauernbub war. Band 1, by
-Peter Rosegger
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Als ich noch der Waldbauernbub war. Band 1
- Für die Jugend ausgewählt aus den Schriften Roseggers vom
- Hamburger Jugendschriftenausschuß.
-
-Author: Peter Rosegger
-
-Annotator: W. Lottig
-
-Release Date: May 2, 2020 [EBook #61998]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WALDBAUERNBUB WAR ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at https://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.
-</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich
-am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/cover.jpg" alt="Cover" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h1>Als ich noch der<br />
-Waldbauernbub war.</h1>
-
-<p class="center">Von <span class="larger">Peter Rosegger</span>.</p>
-
-<p class="center">Für die Jugend ausgewählt<br />
-aus den Schriften Roseggers<br />
-vom Hamburger Jugendschriftenausschuß.</p>
-
-<p class="center smaller">Einundsechzigstes bis siebzigstes Tausend.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/signet.png" alt="Signet" />
-</div>
-
-<p class="center larger">Leipzig,</p>
-
-<p class="center">Verlag von L. Staackmann.</p>
-
-<p class="center smaller">1905.
-</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p>Außerdem erschien noch:</p>
-
-<p class="h2">Als ich noch der Waldbauernbub war</p>
-
-<p class="center">II. Teil u. III. Teil.</p>
-
-<p class="center smaller">Von</p>
-
-<p class="h2">Peter Rosegger.</p>
-
-<p class="center">Für die Jugend ausgewählt vom Hamburger<br />
-Jugendschriftenausschuß.</p>
-
-<p class="center"><b>Elegant kartoniert 70 Pf.<br />
-Elegant und dauerhaft gebunden 90 Pf.</b></p>
-
-</div>
-
-<p class="noind larger">Inhalt des II. Teiles:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>In der Christnacht. &ndash; Was bei den Sternen war. &ndash; Auf der
-Wacht. &ndash; Wie ich mit der Thresel ausging und mit dem
-Maischel heimkam. &ndash; Als ich das Ofenhückerl war. &ndash; Als
-ich um Hasenöl geschickt wurde. &ndash; Als ich mir die Welt am
-Himmel baute. &ndash; Von meiner Mutter.</p></div>
-
-<p class="noind larger">Inhalt des III. Teiles:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>Als ich Christtagsfreude holen ging. &ndash; Das Schläfchen auf
-dem Semmering. &ndash; Als ich nach Emaus zog. &ndash; Am Tage,
-da die Ahne fort war. &ndash; Der Fronleichnamsaltar. &ndash; Weg
-nach Maria Zell. &ndash; Als ich der Müller war. &ndash; Als ich den
-Himmlischen Altäre gebaut. &ndash; Als ich im Walde beim Käthele
-war. &ndash; Als die hellen Nächte waren. &ndash; Aus der Eisenhämmerzeit.
-&ndash; Als ich zum Pfluge kam.</p></div>
-
-<p class="center p2">
-<em class="gesperrt">Alle Rechte vorbehalten.</em>
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_iii">[III]</a></span></p>
-
-<h2 id="Vorwort">Vorwort.</h2>
-</div>
-
-<p>Ihr lieben jungen Leser alle!</p>
-
-<p>Es ist für mich wie ein Fest, daß ich Euch, die Ihr
-sicher in recht stattlicher Zahl Euch um das Waldbauernbüblein
-scharen werdet, ein wenig auf diese Bekanntschaft
-vorbereiten darf. Verständige Knaben und sinnige Mädchen
-wie Ihr werden vor einem ernsthaften Wort gewiß nicht
-davonlaufen, nicht wahr?!</p>
-
-<p>Mein Erstes sei, Euch &ndash; soweit Ihr's schon verstehen
-könnt &ndash; auseinanderzusetzen, wie und in welcher Absicht
-dies Büchlein zustande gekommen ist; wollen Eure Eltern
-sich auch ein wenig heransetzen und mit zuhören, so ist mir's
-um so lieber.</p>
-
-<p>Seht! seit Jahren hält der Hamburger Jugendschriften-Ausschuß
-im Einverständnis mit den übrigen deutschen
-Prüfungsausschüssen und mit vielen andern Männern und
-Frauen, die es mit der deutschen Jugend gut meinen, Umschau
-unter den Schätzen, die unsre Dichter ihrem Volke
-geschenkt haben, ob nicht Kleinode darunter seien, deren
-Schönheit auch Eurem Auge schon offen liege. Wir haben
-gar kostbare Stücke der Art gefunden, ja, manch Eines sieht
-aus, als sei es eigens für Kindeshand und Kindesherz erschaffen.
-Da halten wir es nun nicht nur für eine unserer<span class="pagenum"><a id="Page_iv">[IV]</a></span>
-schönsten Aufgaben, Euch solche Werke möglichst bequem
-zugänglich zu machen, sondern wir sehen darin auch geradezu
-eine unabweisbare Pflicht! und ich will den Versuch wagen,
-Euch wenigstens ahnen zu lassen, um welch große Sache es
-sich dabei handelt. &ndash; Ein Bild muß mir helfen:</p>
-
-<p>Siehst Du dort den kühnen Reiter?! &ndash;&nbsp;&ndash; Ob er
-seine edle Kunst wohl einst auf hölzernem Kinderpferdchen
-erlernt hat?! &ndash;&nbsp;&ndash; Du lachst mir hell ins Gesicht! &ndash; Auf
-ein Roß von Fleisch und Bein hat ihn sein Vater gesetzt!
-nicht sogleich auf ein wildes, ungebärdiges! &ndash; behüte! es
-that's doch sein Vater! &ndash; Aber lebendig war's! und der
-Knirps hat gejauchzt in hellem Vergnügen! &ndash;&nbsp;&ndash; Aber
-schon der <em class="gesperrt">Knabe</em> merkte bald, daß das Reiten eine gar
-ernsthafte Lust sei, die mit ernster, fleißiger Übung erkauft
-sein wollte; dafür blitzte es aber auch heute dem <em class="gesperrt">Manne</em>,
-der eben auf seinem mutigen Rappen an uns vorüberflog,
-mit so eigener Freude aus den Augen, daß wir selbst unser
-Herz höher schlagen fühlten. Was meinst Du? <em class="gesperrt">der</em> würde
-sich doch wohl um keinen Preis auf einen elenden Droschkengaul
-setzen?!!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nun gieb acht, mein lieber aufmerksamer Zuhörer, daß
-Du mich verstehst! &ndash; Wohlerfahrene Männer führen Klage,
-daß große Kreise unseres Volkes die Lust an seinen Dichtern
-verlernt haben, daß unabsehbar Viele an elendem Zeug, das
-sie für schön halten, sich hoch ergötzen, und daß sie an dem
-wahrhaft Schönen achtlos vorüberstreichen, weil sie's nicht
-erkennen. Da möchten wir nun nach Kräften helfen, daß
-unsere Jugend, zu der auch Ihr gehört, die Ihr mich so
-helläugig anblickt, dereinst nicht solchem Irrtum verfalle.
-Wir meinen, daß auch die rechte Freude am Kunstwerk eine
-»ernsthafte Lust« sei, die erlernt sein will, und darum<span class="pagenum"><a id="Page_v">[V]</a></span>
-möchten wir es jenem Manne nachthun, der sein Söhnlein
-frühzeitig vom steifen Holzgaul auf's edle Roß hob: Wir
-wollen Euch dem Einfluß der für Euch zurecht gezimmerten
-Jugendschriften entrücken und Euch vor echte Kunstwerke
-stellen und Euch aufgeben: Genießet sie mit ernsthafter
-Freude! &ndash; Wir wissen zuversichtlich, daß dann auch Euch
-einst das Auge leuchten wird, wie jenem Reiter! daß auch
-Ihr Euch vom Gemeinen abkehren werdet, weil Ihr gelernt
-habt das Schöne zu schätzen!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Aus solcher Absicht ist Euch im vorigen Jahre Storm's
-»Pole Poppenspäler« neu geschenkt worden; aus solcher
-Absicht folgt als diesjährige Weihnachtsgabe das »Waldbauernbüblein«.
-Der Dichter und sein Verleger &ndash; das ist
-jener Mann, der eines Schriftstellers Werk als Buch herrichten
-läßt und dieses in die Welt hinaus sendet &ndash; sind
-in der Absicht, recht vielen Kindern Freude zu machen, auf
-unsere Bitte eingegangen; ja, sie haben uns in schönem Vertrauen
-die Auswahl freigestellt, und so haben wir denn ausgewählt
-nach unsrer und zu Eurer Herzenslust. Wir waren
-dabei keinen Augenblick im Zweifel, daß von den vielen
-Geschichten Roseggers, an denen Ihr rechtes Genießen erlernen
-könntet, in allererster Reihe solche vor Euer Ohr
-gehören, in denen der Dichter aus seiner eignen Kindheit,
-aus seiner geliebten Waldheimat erzählt.</p>
-
-<p>Nun wißt Ihr, wie und in welcher Absicht das Büchlein,
-das Ihr in der Hand haltet, zustande gekommen ist,
-und ich könnte nun von Euch Abschied nehmen, müßte ich
-nicht fürchten, daß Euch die Aufgabe, die ich Euch gestellt,
-in Verlegenheit setzt. Oder habt Ihr's etwa garnicht gemerkt!
-&ndash; <em class="gesperrt">Genieße diese kleinen Kunstwerke mit
-ernsthafter Freude!</em> so heißt Deine Aufgabe. &ndash; O, hab<span class="pagenum"><a id="Page_vi">[VI]</a></span>
-keine Angst: das Reiten zu erlernen ist viel, viel schwerer!
-&ndash; Willst Du meinen Rat befolgen? Hier ist er:</p>
-
-<p>Lies die kleinen Geschichten nicht, wie Du sicherlich
-schon manches Indianerbuch durchgelesen hast: Du weißt
-wohl, in einer Angst und Hast hin zum Ende! und dann
-womöglich gleich noch ein zweites! und ein drittes! &ndash; Nein,
-nur das nicht! Lies sie hübsch verständig und sinnig, als
-ob Du sie Dir selbst erzähltest. Bist Du noch im Zweifel,
-so bitte Deine Eltern oder Deinen Lehrer oder Dein Schulfräulein,
-daß Eins von ihnen Dir die eine oder andere
-vorlese; dann wirst Du merken, wie Du selbst Dir die
-übrigen vorlesen mußt.</p>
-
-<p>Vielleicht wird es Dir nun so ergehen, daß Du, wenn
-Du mit der letzten Geschichte zuende bist, wieder die erste
-aufschlägst und gewahr wirst, wie Dir jede nun noch viel
-besser gefällt. Wenn es so kommt, dann hat Dich Deine
-Aufgabe schon erfaßt. Halb unwillkürlich wirst Du Dich
-jetzt hinein sinnen in das Leben und in die Gedanken und
-in das Empfinden des Waldbauernbuben; ja, zuweilen wird
-Dir gar sein, als wärest Du selbst der kleine Peter Rosegger.
-<em class="gesperrt">Das</em>, mein braver Junge! mein liebes Mädchen! das ist
-der rechte Augenblick! jetzt öffne Deine Augen! &ndash; Wenn
-Du jetzt die Welt des Waldbauernbuben &ndash; in diesem
-Augenblick <em class="gesperrt">Deine</em> Welt! &ndash; immer klarer und greifbarer
-sich vor Dir ausbreiten siehst: das Haus, den Wald, die
-Berge, die Thalweide&nbsp;…; wenn Du jetzt die Menschen
-in dieser Welt &ndash; in diesem Augenblick <em class="gesperrt">Deine</em> Lieben,
-<em class="gesperrt">Deine</em> Bekannten! &ndash; leibhaftig um Dich wandeln siehst:
-den Vater, die Mutter, die Geschwister, den Vetter Jok,
-den Meisensepp, die Drachenbinderin und ihren Knecht&nbsp;…;
-wenn Dir jetzt <em class="gesperrt">Dein</em> Herz zuckt, als hörtest Du <em class="gesperrt">Deinen</em><span class="pagenum"><a id="Page_vii">[VII]</a></span>
-Vater aufschluchzen um <em class="gesperrt">Dich</em>, als lägest <em class="gesperrt">Du selbst</em> in bittrer
-Reue neben dem schlummernden Hiasel unter dem Kreuz,
-dann, mein lieber kleiner Leser! dann hat sich Deine Aufgabe
-erfüllt, und Du hast davon keine Mühe, sondern nur
-edle Freude gehabt! Dann wirst Du den <em class="gesperrt">kleinen</em> Peter
-ins Herz geschlossen haben, wie ich den <em class="gesperrt">großen</em>, und ihm
-aus dankbarer Seele den Gruß senden, den ich jetzt Dir
-und ihm zurufe, den treuen Gruß, den er so gern hört:</p>
-
-<p class="center">
-»Grüß Gott!«</p>
-<p>
-<em class="gesperrt">Hamburg</em>, im Oktober 1899.
-</p>
-<p class="center">
-Im Auftrage des Hamburger<br />
-Prüfungsausschusses für Jugendschriften.
-</p>
-<p class="right">
-<b>W. Lottig.</b>
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_viii">[VIII]</a></span></p>
-
-<h2 id="Inhalt">Inhalt.</h2>
-
-<table summary="Inhalt">
-<tr>
-<td></td><td class="tdr">Seite</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>1. Vom Urgroßvater, der auf der Tanne saß</td>
- <td class="tdr"><a href="#Vom_Urgrossvater">1</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>2. Ums Vaterwort</td>
- <td class="tdr"><a href="#Ums_Vaterwort">14</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>3. Allerlei Spielzeug</td>
- <td class="tdr"><a href="#Allerlei_Spielzeug">22</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>4. Wie der Meisensepp gestorben ist</td>
- <td class="tdr"><a href="#Wie_der_Meisensepp_gestorben_ist">32</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>5. Wie ich dem lieben Herrgott mein Sonntagsjöppl schenkte</td>
- <td class="tdr"><a href="#Wie_ich_dem_lieben_Herrgott">43</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>6. Wie das Zicklein starb</td>
- <td class="tdr"><a href="#Wie_das_Zicklein_starb">50</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>7. Dreihundert vierundsechzig und eine Nacht</td>
- <td class="tdr"><a href="#Dreihundert_vierundsechzig_und_eine_Nacht">59</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>8. Als ich Bettelbub gewesen</td>
- <td class="tdr"><a href="#Als_ich_Bettelbub_gewesen">66</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>9. Als ich zur Drachenbinderin ritt</td>
- <td class="tdr"><a href="#Als_ich_zur_Drachenbinderin_ritt">76</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>10. Als dem kleinen Maxel das Haus niederbrannte</td>
- <td class="tdr"><a href="#Als_dem_kleinen_Maxel_das_Haus">91</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>11. Als ich das erste Mal auf dem Dampfwagen saß</td>
- <td class="tdr"><a href="#Als_ich_das_erste_Mal_auf_dem">98</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>12. Als ich&nbsp;&ndash;</td>
- <td class="tdr"><a href="#Als_ich-X">107</a></td>
-</tr>
-</table>
-
-<div class="blockquot">
-<p>
-Nr. 1. 4. 5. 8. 10. sind dem Buche »Waldferien«<br />
-Nr. 2. 3. 6. 7. 9. 11. 12. sind dem »Deutschen Geschichtenbuche«<br />
-entnommen.<br />
-</p>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_1">[1]</a></span></p>
-
-<h2 id="Vom_Urgrossvater"><img src="images/illu-009.png" alt="Dekoration" /><br />
-Vom Urgroßvater, der auf der Tanne saß.</h2>
-</div>
-<div><img class="drop" src="images/drop-a.png" alt="" /></div>
-<p class="drop">An die Felder meines Vaters grenzte der Ebenwald,
-der sich über Höhen weithin gegen Mitternacht erstreckte
-und dort mit den Hochwaldungen des Heugrabens
-und des Teufelssteins zusammenhing. Zu meiner Kindeszeit
-ragte über die Fichten- und Föhrenwipfel dieses Waldes das
-Gerippe einer Tanne empor, auf welcher der Sage nach
-vor mehreren hundert Jahren, als der Türke im Lande
-war, der Halbmond geprangt haben und unter welcher viel
-Christenblut geflossen sein soll.</p>
-
-<p>Mich überkam immer ein Schauern, wenn ich von den
-Feldern und Weiden aus dieses Tannengerippe sah; es ragte
-so hoch über den Wald und streckte seine langen, kahlen,
-wildverworrenen Äste so wüst gespensterhaft aus, daß es ein
-unheimlicher Anblick war. Nur an einem einzigen Aste
-wucherten noch einige dunkelgrüne Nadelballen, und über
-diese ragte ein scharfkantiger Strunk, auf dem einst der
-Wipfel gesessen. Den Wipfel mußte der Sturm oder ein
-Blitzstrahl geknickt haben &ndash; die ältesten Leute der Gegend
-erinnerten sich nicht, ihn auf dem Baume gesehen zu haben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_2">[2]</a></span></p>
-
-<p>Von der Ferne, wenn ich auf dem Stoppelfelde die
-Rinder oder die Schafe weidete, sah ich die Tanne gern an;
-sie stand in der Sonne rötlich beleuchtet über dem frischgrünen
-Waldessaume und war so klar und rein in die Bläue des
-Himmels hineingezeichnet. Dagegen stand sie an bewölkten
-Tagen, oder wenn ein Gewitter heranzog, starr und dunkel
-da; und wenn im Walde weit und breit alle Äste fächelten
-und sich die Wipfel tief neigten im Sturme, so stand sie still,
-fast ohne alle Regung und Bewegung.</p>
-
-<p>Wenn sich aber ein Rind in den Wald verlief und ich,
-es zu suchen, an der Tanne vorüber mußte, so schlich ich
-gar angstvoll dahin und gedachte an den Halbmond, an das
-Christenblut und an andere entsetzliche Geschichten, die man
-von diesem Baume erzählte. Ich wunderte mich aber auch
-über die Riesigkeit des Stammes, der auf der einen Seite
-kahl und von vielen Spalten durchfurcht, auf der anderen
-aber mit rauhen, zersprungenen Rinden bedeckt war. Der
-unterste Teil des Stammes war so dick, daß ihn zwei Männer
-nicht hätten zu umspannen vermocht. Die ungeheuren Wurzeln,
-welche zum Teil kahl dalagen, waren ebenso ineinander verschlungen
-und verknöchert wie das Geäste oben.</p>
-
-<p>Man nannte den Baum die Türkentanne oder auch die
-graue Tanne. Von einem starrsinnigen oder übermütigen
-Menschen sagte man in der Gegend: »Der thut, wie wenn
-er die Türkentanne als Hutsträußl hätt'!« Und heute, da der
-Baum schon längst zusammengebrochen und vermodert ist,
-sagt man immer noch das Sprüchlein.</p>
-
-<p>In der Kornernte, wenn die Leute meines Vaters, und
-er voran, der Reihe nach am wogenden Getreide standen und
-die »Wellen« (Garben) herausschnitten, mußte ich auf bestimmte
-Plätze die Garben zusammentragen, wo sie dann zu<span class="pagenum"><a id="Page_3">[3]</a></span>
-je zehn in »Deckeln« zum Trocknen aufgeschöbert wurden.
-Mir war das nach dem steten Viehhüten ein angenehmes
-Geschäft, umsomehr, als mir der Altknecht oft zurief: »Trag'
-nur, Bub', und sei fleißig; die Garbentrager werden reich!«
-Ich war sehr behend und lief mit den Garben aus allen
-Kräften; aber da sagte wieder mein Vater: »Bub', Du laufst
-ja wie närrisch! Du trittst Halme in den Boden und Du
-beutelst die Körner aus. Laß Dir Zeit!«</p>
-
-<p>Als es aber gegen Abend und in die Dämmerung hineinging
-und als sich die Leute immer weiter und weiter in das
-Feld hineingeschnitten hatten, so daß ich mit meinen Garben
-weit zurückblieb, begann ich unruhig zu werden. Besonders
-kam es mir vor, als fingen sich die Äste der Türkentanne
-dort, die in unsicheren Umrissen in den Abendhimmel hineinstand,
-zu regen an. Ich redete mir zwar ein, es sei nicht
-so, und wollte nicht hinsehen &ndash; konnte es aber doch nicht
-ganz lassen.</p>
-
-<p>Endlich, als die Finsternis für das Kornschneiden zu
-groß wurde, wischten die Leute mit taunassem Grase ihre
-Sicheln ab und kamen zu mir herüber und halfen mir unter
-lustigem Sang und Scherz die Garben zusammentragen. Als
-wir damit fertig waren, gingen die Knechte und Mägde davon,
-um in Haus und Hof noch die abendlichen Verrichtungen zu
-thun; ich und mein Vater aber blieben zurück auf dem Kornfelde.
-Wir schöberten die Garben auf, wobei der Vater diese
-halmaufwärts aneinanderlehnte und ich sie zusammenhalten
-mußte, bis er aus einer letzten Garbe den Deckel bog und
-ihn auf den Schober stülpte.</p>
-
-<p>Dieses Schöbern war mir in meiner Kindheit die liebste
-Arbeit; ich betrachtete dabei die »Romstraße« am Himmel,
-die hinschießenden Sternschnuppen und die Johanniswürmchen,<span class="pagenum"><a id="Page_4">[4]</a></span>
-die wie Funken um uns herumtanzten, daß ich meinte, die
-Garben müßten zu brennen anfangen. Dann horchte ich wieder
-auf das Zirpen der Grillen, und ich fühlte den milden Tau,
-der gleich nach Sonnenuntergang die Halme und Gräser und
-gar auch ein wenig mein Jöpplein befeuchtete. Ich sprach
-über all das mit meinem Vater, der mir in seiner ruhigen,
-gemütlichen Weise Auskunft gab und über alles seine Meinung
-sagte, wozu er jedoch oft bemerkte, daß ich mich darauf nicht
-verlassen solle, weil er es nicht gewiß wisse.</p>
-
-<p>So kurz und ernst mein Vater des Tages in der Arbeit
-gegen mich war, so heiter, liebevoll und gemütlich war er
-in solchen Abendstunden. Vor allem half er mir immer meine
-kleine Jacke anziehen und wand mir seine Schürze, die er
-in der Feldarbeit gern trug, um den Hals, daß mir nicht
-kalt werde. Wenn ich ihn mahnte, daß auch er sich den Rock
-zuknöpfen möge, sagte er stets: »Kind, mir ist warm genug«.
-Ich hatte es oft bemerkt, wie er nach dem langen, schwierigen
-Tagewerk erschöpft war, wie er sich dann für Augenblicke auf
-eine Garbe niederließ und die Stirne trocknete. Er war durch
-eine langwierige Krankheit ein arg mitgenommener Mann;
-er wollte aber nie etwas davon merken lassen. Er dachte
-nicht an sich, er dachte an unsere Mutter, an uns Kinder und
-an den durch mannigfaltige Unglücksfälle herabgekommenen
-Bauernhof, den er uns retten wollte.</p>
-
-<p>Wir sprachen beim Schöbern oft von unserem Hofe, wie
-er zu meines Großvaters Zeiten gar reich und angesehen
-gewesen, und wie er wieder reich und angesehen werden könne,
-wenn wir Kinder, einst erwachsen, eifrig und fleißig in der
-Arbeit sein würden, und wenn wir Glück hätten.</p>
-
-<p>In solchen Stunden beim Kornschöbern, das oft spät in
-die Nacht hinein währte, sprach mein Vater mit mir auch<span class="pagenum"><a id="Page_5">[5]</a></span>
-gern von dem lieben Gott. Er war vollständig ungeschult
-und kannte keine Buchstaben; so mußte denn ich ihm stets
-erzählen, was ich da und dort von dem lieben Gott schon
-gehört und gelesen hatte. Besonders wußte ich aus Predigten
-dem Vater manches zu erzählen von der Geburt des Herrn
-Jesus, wie er in der Krippe eines Stalles lag, wie ihn die
-Hirten besuchten und mit Lämmern, Böcken und anderen
-Dingen beschenkten, wie er dann groß wurde und Wunder
-wirkte und wie ihn endlich die Juden peinigten und ans Kreuz
-schlugen. Gern erzählte ich auch von der Schöpfung der Welt,
-von den Patriarchen und Propheten und von den Zeiten des
-Heidentums. Dann sprach ich auch aus, was ich vernommen
-von dem jüngsten Tage, von dem Weltgerichte und von den
-ewigen Freuden, die der liebe Gott für alle armen, kummervollen
-Menschen in seinem Himmel bereitet hat.</p>
-
-<p>Ich erzählte das alles in unserer Redeweise, daß es der
-Vater verstand, und er war dadurch oft sehr ergriffen.</p>
-
-<p>Ein anderesmal erzählte wieder mein Vater. Er wußte
-wunderbare Dinge aus den Zeiten der Ureltern, wie diese
-gelebt, was sie erfahren und was sich in diesen Gegenden
-einst für Sachen zugetragen, die sich in den heutigen Tagen
-nicht mehr ereignen.</p>
-
-<p>»Hast Du noch nie darüber nachgedacht,« sagte mein
-Vater einmal, »warum die Sterne am Himmel stehen?«</p>
-
-<p>»Ich habe noch gar nie darüber nachgedacht,« antwortete
-ich.</p>
-
-<p>»Wir denken nicht daran,« sprach mein Vater weiter,
-»weil wir das schon so gewöhnt sind.«</p>
-
-<p>»Es wird wohl endlich eine Zeit kommen, Vater,« sagte
-ich einmal, »in welcher kein Stern mehr am Himmel steht;
-in jeder Nacht fallen so viele herab.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_6">[6]</a></span></p>
-
-<p>»Die da herabfallen, mein Kind,« versetzte der Vater,
-»das sind keine rechten Sterne, wie sie unser Herrgott zum
-Leuchten erschaffen hat; &ndash; das sind Menschensterne. Stirbt
-auf der Erde ein Mensch, so lischt am Himmel ein Stern
-aus. Wir nennen das Sternschnuppen; &ndash; siehst Du, dort
-hinter der grauen Tanne ist just wieder eine niedergegangen.«</p>
-
-<p>Ich schwieg nach diesen Worten eine Weile, endlich aber
-fragte ich: »Warum heißen sie jenen wilden Baum dort die
-graue Tanne, Vater?«</p>
-
-<p>Mein Vater bog eben einen Deckel ab, und als er diesen
-aufgestülpt hatte, sagte er: »Du weißt, daß man ihn auch die
-Türkentanne nennt. Die graue Tanne heißen sie ihn, weil
-sein Geäste und sein Moos grau ist, und weil auf diesem
-Baume Dein Urgroßvater die ersten grauen Haare bekommen
-hat. &ndash; Wir haben hier noch sechs Schöber aufzusetzen, und
-ich will Dir dieweilen eine Geschichte erzählen, die sehr merkwürdig
-ist.«</p>
-
-<p>»Es ist schon länger als achtzig Jahre,« begann mein
-Vater, »seitdem Dein Urgroßvater meine Großmutter geheiratet
-hat. Er war sehr reich und schön, und er hätte die
-Tochter des angesehensten Bauers zum Weib bekommen. Er
-nahm aber ein armes Mädchen aus der Waldhütten herab,
-das gar gut und sittsam gewesen ist. Von heute in zwei
-Tagen ist der Vorabend des Festes Mariä Himmelfahrt; das
-ist der Jahrestag, an welchem Dein Urgroßvater zur Werbung
-in die Waldhütten ging. Es mag wohl auch im Kornschneiden
-gewesen sein; er machte frühzeitig Feierabend, weil durch den
-Ebenwald hinein und bis zur Waldhütten hinauf ein weiter
-Weg ist. Er brachte viel Bewegung mit in die kleine Wohnung.
-Der alte Waldhütter, der für die Köhler und Holzleute die
-Schuhe flickte, ihnen zu Zeiten die Sägen und die Beile<span class="pagenum"><a id="Page_7">[7]</a></span>
-schärfte und nebenbei Fangschlingen für Raubtiere machte &ndash;
-weil es zur selben Zeit in der Gegend noch viele Wölfe gab
-&ndash; der Waldhütter nun ließ seine Arbeit aus der Hand fallen
-und sagte zu Deinem Urgroßvater: Aber Josef, das kann
-doch nicht Dein Ernst sein, daß Du mein Lenerl zum Weib
-haben willst, das wär' ja gar aus der Weis'! Dein Urgroßvater
-sagte: Ja deswegen bin ich heraufgegangen den weiten
-Weg, und wenn mich das Lenerl mag und es ist ihr und
-Euer redlicher Willen, daß wir zusammen in den heiligen
-Ehestand treten, so machen wir's heut' richtig, und wir gehen
-morgen zum Richter und zum Pfarrer, und ich laß dem Lenerl
-mein Haus und Hof verschreiben, wie's Recht und Brauch
-ist. &ndash; Und das Mädchen hatte Deinen Urgroßvater lieb,
-und es sagte, es wolle seine Hausfrau werden. Dann verzehrten
-sie zusammen ein kleines Mahl, und endlich, als es
-schon zu dunkeln begann, brach der Bräutigam auf zum
-Heimweg.</p>
-
-<p>Er ging über die kleine Wiese, die vor der Waldhütten
-lag, auf der aber jetzt schon die großen Bäume stehen, und
-er ging über das Geschläge und abwärts durch den Wald,
-und er war gar freudigen Gemütes. Er achtete nicht darauf,
-daß es bereits finster geworden war, und er achtete nicht
-auf das Wetterleuchten, das zur Abendzeit nach einem schwülen
-Sommertag nichts Ungewöhnliches ist. Auf Eines aber wurde
-er aufmerksam, er hörte von den gegenüberliegenden Waldungen
-ein heulendes Gebelle. Er dachte an Wölfe, die
-nicht selten in größeren Rudeln die Wälder durchzogen; er
-faßte seinen Knotenstock fester und nahm einen schnelleren
-Schritt. Dann hörte er wieder nichts, als zeitweilig das
-Kreischen eines Nachtvogels, und sah nichts, als die dunklen
-Stämme, zwischen welche der Fußsteig führte und durch<span class="pagenum"><a id="Page_8">[8]</a></span>
-welche von Zeit zu Zeit das Leuchten kam. Plötzlich vernahm
-er wieder das Heulen, aber nun viel näher als das
-erste Mal. Er fing zu laufen an. Er lief was er konnte;
-er hörte keinen Vogel mehr, er hörte nur immer das entsetzliche
-Heulen, das ihm auf dem Fuße folgte. Als er <span id="corr008">sich hierauf</span>
-einmal umsah, bemerkte er hinter sich durch das Geäst
-funkelnde Lichter. Schon hört er das Schnaufen und Lechzen
-der Raubtiere, die ihn verfolgen, schon denkt er bei sich: 's
-mag sein, daß morgen kein Versprechen ist beim Pfarrer!
-&ndash; da kommt er heraus zur Türkentanne. Kein anderes
-Entkommen mehr möglich &ndash; rasch faßt er den Gedanken
-und durch einen kühnen Sprung schwingt er sich auf den
-untersten Ast des Baumes. Die Bestien sind schon da; einen
-Augenblick stehen sie bewegungslos und lauern; sie gewahren
-ihn auf dem Baum, sie schnaufen, und mehrere setzen die
-Pfoten an die rauhe Rinde des Stammes. Dein Urgroßvater
-klettert weiter hinauf und setzt sich auf einen dicken
-Ast. Nun ist er wohl sicher. Unten heulen sie und scharren
-an der Rinde; &ndash; es sind ihrer viele, ein ganzes Rudel.
-Zur Sommerszeit war es doch selten geschehen, daß Wölfe
-einen Menschen anfielen; sie mußten gereizt oder von irgend
-einer andern Beute verjagt worden sein. Dein Urgroßvater
-saß lange auf dem Ast; er hoffte, die Tiere würden davonziehen
-und sich zerstreuen. Aber sie umringten die Tanne
-und schnürfelten und heulten. Es war längst schon finstere
-Nacht; gegen Mittag und Morgen hin leuchteten alle Sterne,
-gegen Abend hin aber war es grau, und durch dieses Grau
-schossen dann und wann Blitzscheine. Sonst war es still,
-und es regte sich im Walde kein Ästchen.</p>
-
-<p>Dein Urgroßvater wußte nun wohl, daß er die ganze
-Nacht in dieser Lage würde zubringen müssen; er besann sich<span class="pagenum"><a id="Page_9">[9]</a></span>
-aber doch, ob er nicht Lärm machen und um Hilfe rufen
-sollte. Er that es, aber die Bestien ließen sich nicht verscheuchen;
-kein Mensch war in der Nähe, das Haus zu weit
-entfernt.</p>
-
-<p>Damals hatte die Türkentanne unter dem abgerissenen
-Wipfelstrunk, wo heute die wenigen Reiserbüschel wachsen,
-noch eine dichte, vollständige Krone aus grünenden Nadeln.
-Da denkt sich Dein Urgroßvater: Wenn ich denn schon einmal
-hier Nachtherberge nehmen soll, so klimme ich noch weiter
-hinauf unter die Krone. Und er that's und ließ sich oben
-in einer Zweigung nieder, da konnte er sich recht gut an die
-Äste lehnen.</p>
-
-<p>Unten ist's nach und nach ruhiger, aber das Wetterleuchten
-wird stärker, und an der Abendseite ist dann und
-wann ein fernes Donnern zu vernehmen. &ndash; Wenn ich einen
-tüchtigen Ast bräche und hinabstiege und einen wilden Lärm
-machte und gewaltig um mich schlüge, man meint', ich müßt'
-den Rabenäsern entkommen! so denkt Dein Urgroßvater &ndash;
-thut's aber nicht; er weiß zu viele Geschichten, wie Wölfe
-trotz alledem Menschen zerrissen haben.</p>
-
-<p>Das Donnern kommt näher, alle Sterne sind verloschen
-&ndash; 's ist finster wie in einem Ofen: nur unten am Fuße
-des Baumes funkeln die Augensterne der Raubtiere. Wenn
-es blitzt, steht wieder der ganze Wald da. Nun beginnt es
-gar zu sieden und zu kochen im Gewölke wie in tausend
-brauenden Kesseln. Kommt ein fürchterliches Gewitter, denkt
-sich Dein Urgroßvater und verbirgt sich unter die Krone, so
-gut er kann. Der Hut ist ihm hinabgefallen, und er hört
-es, wie die Bestien den Filz zerfetzen. Jetzt zuckt ein Strahl
-über den Himmel, es ist einen Augenblick hell, wie zur
-Mittagsstunde &ndash; dann bricht in den Wolken ein Schnalzen<span class="pagenum"><a id="Page_10">[10]</a></span>
-und Krachen und Knallen los, und weithin hallt es im Gewölke.</p>
-
-<p>Jetzt ist es still, still in den Wolken, still auf der Erde
-&ndash; nur um einen gegenüberliegenden Wipfel flattert ein Nachtvogel.
-Aber bald erhebt sich der Sturm, es rauscht in den
-Bäumen, es tost durch die Äste, eiskalt ist der Wind. Dein
-Urgroßvater klammert sich fest an das Geäste. Jetzt flammt
-wieder ein Blitz, schwefelgrün erleuchtet ist der Wald; alle
-Wipfel neigen sich, biegen sich tief; die nächststehenden Bäume
-schlagen, es ist, als fielen sie heran. Aber die Tanne steht
-starr und ragt hoch über den ganzen Wald. Unten rennen
-die Raubtiere wild durcheinander und heulen. Plötzlich saust
-ein Körper durch die Äste wie ein Steinwurf. Da leuchtet
-es wieder &ndash; ein schneeweißer Knollen hüpft auf dem Boden
-und kollert dahin. Dann finstere Nacht. Es braust, siedet,
-tost, krachend stürzen Wipfel. Ein Ungeheuer mit weitschlagenden
-Flügeln, im Augenblicke des Blitzes gespenstige
-Schatten werfend, naht in der Luft, stürzt der Tanne zu
-und birgt sich gerade über Deinem Urgroßvater in die Krone.
-Ein Habicht war's, Junge, ein Habicht, der auf der Tanne
-sein Nest gehabt.«</p>
-
-<p>Mein Vater hatte bei dieser Erzählung keine Garbe
-angerührt; ich hatte den ruhigen, schlichten Mann bisher
-auch nie mit solcher Lebhaftigkeit sprechen gehört.</p>
-
-<p>»Wie 's weiter gewesen?« fuhr er fort. »Ja, nun
-brach es erst los; das war Donnerschlag auf Donnerschlag,
-und beim Leuchten war zu sehen, wie weißen Wurfspießen
-gleich Eiskörner auf den Wald niedersausten, an die Stämme
-prallten, auf den Boden flogen und wieder hoch emporsprangen.
-So oft ein Hagelknollen an den Stamm der Tanne schlug,
-gab es im ganzen Baume einen hohlen Schall. Und über<span class="pagenum"><a id="Page_11">[11]</a></span>
-dem Heugraben gingen Blitze nieder, und auf den jenseitigen
-Wald gingen Blitze nieder; plötzlich war eine blendende Glut,
-ein heißer Luftdruck, ein Schmettern, und es loderte eine Fichte.</p>
-
-<p>Und die Türkentanne stand da, und Dein Urgroßvater
-saß unter der Krone im Geäste.</p>
-
-<p>Die brennende Fichte warf weithin ihren Schein, und
-nun war zu sehen, wie ein rötlicher Schleier lag über dem
-Walde, wie nach und nach das Gewebe der <span id="corr011">sich kreuzenden</span> Eisstücke
-dünner und dünner wurde, wie viele Wipfel keine
-Äste, dafür aber weiße Streifen hatten, wie endlich der
-Sturm in einen mäßigen Wind überging und ein dichter
-Regen rieselte.</p>
-
-<p>Die Donner wurden seltener und dumpfer und zogen
-sich gegen Mittag und Morgen hin; aber die Blitze leuchteten
-noch ununterbrochen.</p>
-
-<p>Am Fuße des Baumes war kein Heulen und kein Augenfunkeln
-mehr. Die Raubtiere waren durch das wilde Wetter
-verscheucht worden. Stieg denn Dein Urgroßvater nieder
-von Ast zu Ast bis zum Boden. Und er ging heraus durch
-den Wald über die Felder gegen das Haus.</p>
-
-<p>Es war schon nach Mitternacht.</p>
-
-<p>Als der Bräutigam zum Hause kommt und kein Licht in
-der Stube sieht, wundert er sich, daß in einer solchen Nacht
-die Leute so ruhig schlafen können. Haben aber nicht geschlafen,
-waren zusammengewesen in der Stube um ein
-Kerzenlicht.</p>
-
-<p>Sie hatten nur die Fenster mit Brettern verlehnt, weil
-der Hagel alle Scheiben eingeschlagen hatte.</p>
-
-<p>Bist in der Waldhütten blieben, Sepp? sagte Deine
-Ururgroßmutter. Dein Urgroßvater aber antwortete: Nein,
-Mutter, in der Waldhütten nicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_12">[12]</a></span></p>
-
-<p>Es war an dem darauffolgenden Morgen ein frischer
-Harzduft gewesen im Walde &ndash; die Bäume haben geblutet
-aus unzähligen Wunden. Und es war ein beschwerliches
-Gehen gewesen über die Eiskörner, und es war eine sehr
-kalte Luft.</p>
-
-<p>Und als am Frauentag die Leute über die Verheerung
-und Zerstörung hin zur Kirche gingen, fanden sie im Walde
-unter dem herabgeschlagenen Reisig und Moos manchen toten
-Vogel und manch anderes Tier; unter einem geknickten
-Wipfel lag ein toter Wolf.</p>
-
-<p>Dein Urgroßvater ist bei diesem Gange sehr ernst gewesen;
-da sagt auf einmal das Lenerl von der Waldhütten
-zu ihm: O, Du himmlisch' Mirakel! Sepp, Dir wachst ja
-schon ein graues Haar!</p>
-
-<p>Später hat er alles erzählt, und nun nannten die
-Leute den Baum, auf dem er dieselbige Nacht hat zubringen
-müssen, die graue Tanne!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Das ist die Geschichte, wie sie mir mein Vater eines
-Abends beim Kornschöbern erzählt hat und wie ich sie später
-aus meiner Erinnerung niedergeschrieben. Als wir dann
-nach Hause gingen zur Abendsuppe und zur Nachtruhe, blickte
-ich noch mehreremale hin auf den Baum, der hoch über dem
-Wald in den dunklen Abendhimmel hineinstand.</p>
-
-<p>Von dieser Zeit ab fürchtete ich mich nicht mehr, wenn
-ich an der grauen Tanne vorüberging. Und sie stand noch
-jahrelang da, zur Winters- und Sommerszeit in gleicher
-Gestalt &ndash; ein wild verworrenes Gerippe von Ästen, mit
-den wenigen dunkelgrünen Nadelballen auf der Krone und
-dem scharfkantigen Strunk über derselben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_13">[13]</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Ich war schon erwachsen, da war es in einer Herbstnacht,
-daß mich mein Vater aufweckte und sagte: »Wenn
-Du die graue Tanne willst brennen sehen, so geh' vor das
-Haus!«</p>
-
-<p>Und als ich vor dem Hause stand, da sah ich über dem
-Walde eine hohe Flamme lodern, und aus derselben qualmte
-finsterer Rauch in den Sternenhimmel auf. Wir hörten
-das Dröhnen der Flammen, und wir sahen das Niederstürzen
-einzelner Äste; dann gingen wir wieder zu Bette. Am
-Morgen stand über dem Wald ein schwarzer Strunk mit
-nur wenigen Armen &ndash; und hoch am Himmel kreiste ein
-Geier.</p>
-
-<p>Wir wußten nicht, wie sich in der stillen heiteren Nacht
-der Baum entzündete, und wir wissen es noch heute nicht.
-In der Gegend ist Vieles über dieses Ereignis gesprochen
-worden, und man hat demselben Wunderliches und Bedeutsames
-zu Grunde gelegt. Noch einige Jahre starrte der
-schwarze Strunk gegen den Himmel, dann brach er nach und
-nach zusammen, und nun stand nichts mehr empor über dem
-Wald.</p>
-
-<p>Auf dem Stocke und auf den letzten Resten des Baumes,
-die langsam in die Erde sinken und vermodern, wächst das
-Moos.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-021.png" alt="Dekoration" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_14">[14]</a></span></p>
-
-<h2 id="Ums_Vaterwort"><img src="images/illu-022.png" alt="Dekoration" /><br />
-Ums Vaterwort.</h2>
-</div>
-<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div>
-<p class="drop">Ich habe im Grunde keine schlechte Erziehung genossen,
-sondern vielmehr gar keine. War ich ein braves,
-frommes, folgsames, anstelliges Kind, so lobten mich
-meine Eltern; war ich das Gegenteil, so zankten sie mich
-derb aus. Das Lob that mir fast allezeit wohl, und ich
-hatte dabei das Gefühl, als ob ich in die Länge ginge, weil
-manche Kinder wie Pflanzen sind, die nur bei Sonnenschein
-schlank wachsen.</p>
-
-<p>Nun war mein Vater aber der Ansicht, daß ich nicht
-allein in die Länge, sondern auch in die Breite wachsen
-müsse, und dafür sei der Ernst und die Strenge gut.</p>
-
-<p>Meine Mutter hatte nichts als Liebe.</p>
-
-<p>Mein Vater mochte derselben Artung sein, allein er
-verstand es nicht, seiner Wärme und Liebe Ausdruck zu
-geben; bei all seiner Milde hatte der mit Arbeit und Sorgen
-beladene Mann ein stilles, ernstes Wesen; seinen reichen
-Humor ließ er vor mir erst später spielen, als er vermuten
-konnte, daß ich genug Mensch geworden sei, um denselben
-aufzunehmen. In den Jahren, da ich das erste Dutzend
-Hosen zerriß, gab er sich nicht just viel mit mir ab, außer<span class="pagenum"><a id="Page_15">[15]</a></span>
-wenn ich etwas Unbraves angestellt hatte; in diesem Falle
-ließ er seine Strenge walten. Seine Strenge und meine
-Strafe bestand gewöhnlich darin, daß er vor mich hintrat
-und mir mit schallenden, zornigen Worten meinen Fehler
-vorhielt und die Strafe andeutete, die ich verdient hätte.</p>
-
-<p>Ich hatte mich beim Ausbruche der Erregung allemal
-vor den Vater hingestellt, war mit niederhängenden Armen
-wie versteinert vor ihm stehen geblieben und hatte ihm
-während des heftigen Verweises unverwandt in sein zorniges
-Angesicht geschaut. Ich bereute in meinem Innern den
-Fehler stets, ich hatte das deutliche Gefühl der Schuld, aber
-ich erinnere mich auch an eine andere Empfindung, die mich
-bei solchen Strafpredigten überkam: es war ein eigenartiges
-Zittern in mir, ein Reiz- und Lustgefühl, wenn das Donnerwetter
-so recht auf mich niederging. Es kamen mir die
-Thränen in die Augen, sie rieselten mir über die Wangen,
-aber ich stand wie ein Bäumlein, schaute den Vater an und
-hatte ein unerklärliches Wohlgefühl, das in dem Maße wuchs,
-je länger und je ausdrucksvoller mein Vater vor mir wetterte.</p>
-
-<p>Wenn hierauf Wochen vorbeigingen, ohne daß ich etwas
-heraufbeschwor, und mein Vater immer gütig und still an
-mir vorüberschritt, begann in mir allmählich wieder der
-Drang zu erwachen und zu reifen, etwas anzustellen, was
-den Vater in Wut bringe. Das geschah nicht, um ihn zu
-ärgern, denn ich hatte ihn überaus lieb; es geschah gewiß
-nicht aus Bosheit, sondern aus einem anderen Grunde, dessen
-ich mir damals nicht bewußt war.</p>
-
-<p>Da war es einmal am heiligen Christabend. Der Vater
-hatte den Sommer zuvor in Mariazell ein schwarzes Kruzifixlein
-gekauft, an welchem ein aus Blei gegossener Christus
-und die aus demselben Material gebildeten Marterwerkzeuge<span class="pagenum"><a id="Page_16">[16]</a></span>
-hingen. Dieses Heiligtum war in Verwahrung geblieben
-bis auf den Christabend, an welchem es mein Vater aus
-seinem Gewandkasten hervornahm und auf das Hausaltärchen
-stellte. Ich nahm die Stunde wahr, da meine Eltern und
-die übrigen Leute noch draußen in den Wirtschaftsgebäuden
-und in der Küche zu schaffen hatten, um das hohe Fest vorzubereiten,
-ich nahm das Kruzifixlein mit Gefahr meiner
-geraden Glieder von der Wand, hockte mich damit in den
-Ofenwinkel und begann es zu zerlegen. Es war mir eine
-ganz seltsame Lust, als ich mit meinem Taschenfeitel zuerst
-die Leiter, dann die Zange und den Hammer, hernach den
-Hahn des Petrus und zuletzt den lieben Christus vom Kreuze
-löste. Die Teile kamen mir nun getrennt viel interessanter
-vor als früher im Ganzen; doch jetzt, da ich fertig war, die
-Dinge wieder zusammensetzen wollte, aber nicht konnte,
-fühlte ich in der Brust eine Hitze aufsteigen, auch meinte ich,
-es würde mir der Hals zugebunden. &ndash; Wenn's nur beim
-Ausschelten bleibt diesmal&nbsp;…? &ndash; Zwar sagte ich mir:
-Das schwarze Kreuz ist jetzt schöner als früher; in der Hohenwanger
-Kapelle steht auch ein schwarzes Kreuz, wo nichts d'ran
-ist, und gehen doch die Leute hin, zu beten. Und wer braucht
-zu Weihnachten einen gekreuzigten Herrgott? Da muß er
-in der Krippe liegen, sagt der Pfarrer. Und das will ich
-machen.</p>
-
-<p>Ich bog dem bleiernen Christus die Beine krumm und
-die Arme über die Brust und legte ihn in das Nähkörbchen
-der Mutter und stellte so mein Kripplein auf den Hausaltar,
-während ich das Kreuz in dem Stroh des Elternbettes verbarg,
-nicht bedenkend, daß das Körbchen die Kreuzabnahme
-verraten müsse.</p>
-
-<p>Das Geschick erfüllte sich bald. Die Mutter bemerkte<span class="pagenum"><a id="Page_17">[17]</a></span>
-es zuerst, wie närrisch doch heute der Nähkorb zu den
-Heiligenbildern hinaufkäme?</p>
-
-<p>»Wem ist denn das Kruzifixlein da oben im Weg gewesen?«
-fragte gleichzeitig mein Vater.</p>
-
-<p>Ich stand etwas abseits, und mir war zu Mute wie
-einem Durstigen, der jetzt starken Myrrhenwein zu trinken
-kriegen sollte. Indeß mahnte mich eine absonderliche Beklemmung,
-jetzt womöglich noch weiter in den Hintergrund
-zu treten.</p>
-
-<p>Mein Vater ging auf mich zu und fragte fast bescheidentlich,
-ob ich nicht wisse, wo das Kreuz hingekommen
-sei? Da stellte ich mich schon kerzengerade vor ihn hin und
-schaute ihm ins Gesicht. Er wiederholte seine Frage, ich wies
-mit der Hand gegen das Bettstroh, es kamen die Thränen,
-aber ich glaube, daß ich keinen Mundwinkel verzogen habe.</p>
-
-<p>Der Vater suchte das Verborgene hervor und war nicht
-zornig, nur überrascht, als er die Mißhandlung des Heiligtums
-sah. Mein Verlangen nach dem Myrrhenwein steigerte
-sich. Der Vater stellte das kahle Kruzifixlein auf den Tisch.
-»Nun sehe ich wohl,« sagte er mit aller Gelassenheit und
-langte seinen Hut vom Nagel, »nun sehe ich wohl, er muß
-endlich rechtschaffen gestraft werden. Wenn einmal der Christi-Herrgott
-nicht sicher geht&nbsp;…! Bleib' mir in der Stuben,
-Bub'!« fuhr er mich finster an und ging dann zur Thüre
-hinaus.</p>
-
-<p>»Spring' ihm nach und schau' zum Bitten!« rief mir
-die Mutter zu, »er geht Birkenruten abschneiden.«</p>
-
-<p>Ich war wie an den Boden geschmiedet. Gräßlich klar
-sah ich, was nun über mich kommen würde, aber ich war
-außer Stande, auch nur einen Schritt zur Abwehr zu
-machen. Die Mutter ging ihrer Arbeit nach, in der abendlich<span class="pagenum"><a id="Page_18">[18]</a></span>
-dunkelnden Stube stand ich allein und vor mir auf dem
-Tisch das verstümmelte Kruzifix. Heftig erschrak ich vor jedem
-Geräusch. Im alten Uhrkasten, der dort an der Wand bis
-zum Fußboden niederging, rasselte das Gewicht der Schwarzwälder-Uhr,
-welche die fünfte Stunde schlug. Endlich hörte
-ich draußen auch das Schnee-Abklopfen von den Schuhen,
-es waren des Vaters Tritte. Als er mit dem Birkenzweig
-in die Stube trat, war ich verschwunden.</p>
-
-<p>Er ging in die Küche und fragte mit wild herausgestoßener
-Stimme, wo der Bub sei? Es begann im Hause
-ein Suchen, in der Stube wurden das Bett und die Winkel
-und das Gesiedel durchstöbert, in der Nebenkammer, im Oberboden
-hörte ich sie herumgehen, ich hörte die Befehle, man
-möge in den Ställen die Futterkrippen und in den Scheunen
-Heu und Stroh durchforschen, man möge auch in den Schachen
-hinausgehen und den Buben nur stracks vor den Vater
-bringen &ndash; diesen Christabend solle er sich für sein Lebtag
-merken! Aber sie kehrten unverrichteter Dinge zurück. Zwei
-Knechte wurden nun in die Nachbarschaft geschickt, aber meine
-Mutter rief, wenn ich etwa zu einem Nachbar über Feld
-und Wald gegangen sei, so müsse ich ja erfrieren, es seien
-mein Jöpplein und mein Hut in der Stube. Das sei doch
-ein rechtes Elend mit den Kindern!</p>
-
-<p>Sie gingen davon, das Haus wurde fast leer, und in
-der finstern Stube sah man nichts mehr als die grauen
-Vierecke der Fenster. Ich stak im Uhrkasten und konnte durch
-die Fugen desselben hervorgucken. Durch das Thürchen,
-welches für das Aufziehen des Uhrwerkes angebracht war,
-hatte ich mich hineingezwängt und innerhalb des Verschlages
-hinabgelassen, so daß ich nun im Uhrkasten ganz aufrecht stand.</p>
-
-<p>Was ich in diesem Verstecke für Angst ausgestanden<span class="pagenum"><a id="Page_19">[19]</a></span>
-habe! Daß es kein gutes Ende nehmen konnte, sah ich voraus,
-und daß die von Stunde zu Stunde wachsende Aufregung
-das Ende von Stunde zu Stunde gefährlicher machen
-mußte, war mir auch klar. Ich verwünschte den Nähkorb,
-der mich anfangs verraten hatte, ich verwünschte das Kruzifixlein
-&ndash; meinen Leichtsinn zu verwünschen, darauf vergaß
-ich. Es gingen Stunden hin, ich blieb in meinem aufrechtstehenden
-Sarge, und schon saß mir der Eisenzapfen des
-Uhrgewichtes auf dem Scheitel, und ich mußte mich womöglich
-niederducken, sollte das Stehenbleiben der Uhr nicht
-Anlaß zum Aufziehen derselben und somit zu meiner Entdeckung
-geben. Denn endlich waren meine Eltern in die
-Stube gekommen, hatten Licht gemacht und meinetwegen einen
-Streit begonnen.</p>
-
-<p>»Ich weiß nirgends mehr zu suchen,« hatte mein Vater
-gesagt und war erschöpft auf einen Stuhl gesunken.</p>
-
-<p>»Wenn er sich im Walde vergangen hat oder unter dem
-Schnee liegt!« rief die Mutter und erhob ein lautes Weinen.</p>
-
-<p>»Sei still davon!« sagte der Vater, »ich mag's nicht
-hören.«</p>
-
-<p>»Du magst es nicht hören und hast ihn mit Deiner
-Herbheit selber vertrieben.«</p>
-
-<p>»Mit diesem Zweiglein hätte ich ihm kein Bein abgeschlagen,«
-versetzte er und ließ die Birkenrute auf den
-Tisch niederpfeifen.</p>
-
-<p>»Aber jetzt, wenn ich ihn erwisch', schlag ich einen Zaunstecken
-an ihm entzwei.«</p>
-
-<p>»Thue es, thue es &ndash; 'leicht thut's ihm nicht mehr
-weh,« sagte die Mutter und setzte das Weinen fort. »Meinst,
-Du hättest Deine Kinder nur zum Zornauslassen? Da hat
-der lieb' Herrgott ganz recht, wenn er sie beizeiten wieder<span class="pagenum"><a id="Page_20">[20]</a></span>
-zu sich nimmt! Kinder muß man lieb haben, wenn etwas
-aus ihnen werden soll.«</p>
-
-<p>Hierauf er: »Wer sagt denn, daß ich den Buben nicht
-lieb hab'? Ins Herz hinein, Gott weiß es! Aber sagen mag
-ich ihm's nicht; ich mag's nicht, und ich kann's nicht. Ihm
-selber thut's nicht so weh als mir, wenn ich ihn strafen muß,
-das weiß ich!«</p>
-
-<p>»Ich geh' noch einmal suchen!« sagte die Mutter.</p>
-
-<p>»Ich will auch nicht dableiben!« sagte er.</p>
-
-<p>»Du mußt mir einen warmen Löffel Suppe essen! 's
-ist Nachtmahlszeit,« sagte sie.</p>
-
-<p>»Ich mag jetzt nichts essen! Ich weiß mir keinen andern
-Rat,« sagte der Vater, kniete zum Tisch hin und begann
-still zu beten.</p>
-
-<p>Die Mutter ging in die Küche, um zur neuen Suche
-meine warmen Kleider zusammenzutragen für den Fall, als
-man mich irgendwo halberfroren finde. In der Stube war
-es wieder still, und mir in meinem Uhrkasten war's, als
-müsse mir vor Leid und Pein das Herz brechen. Plötzlich
-begann mein Vater aus seinem Gebete krampfhaft aufzuschluchzen.
-Sein Haupt fiel nieder auf den Arm, und die
-ganze Gestalt bebte.</p>
-
-<p>Ich that einen lauten Schrei. Nach wenigen Sekunden
-war ich von Vater und Mutter aus dem Gehäuse befreit, lag
-zu Füßen des Vaters und umklammerte wimmernd seine Knie.</p>
-
-<p>»Mein Vater, mein Vater!« das waren die einzigen
-Worte, die ich stammeln konnte. Er langte mit seinen beiden
-Armen nieder und hob mich auf zu seiner Brust, und mein
-Haar ward feucht von seinen Zähren.</p>
-
-<p>Mir ist in jenem Augenblicke die Erkenntnis aufgegangen.</p>
-
-<p>Ich sah, wie abscheulich es sei, diesen Vater zu reizen<span class="pagenum"><a id="Page_21">[21]</a></span>
-und zu beleidigen. Aber ich fand nun auch, <em class="gesperrt">warum</em> ich es
-gethan hatte. Aus Sehnsucht, das Vaterantlitz vor mir zu
-sehen, ihm ins Auge schauen zu können und seine zu mir
-sprechende Stimme zu hören. Sollte er schon nicht mit mir
-heiter sein, so wie es andere Leute waren und wie er es
-damals, von Sorgen belastet, so selten gewesen, so wollte ich
-wenigstens sein zorniges Auge sehen, sein herbes Wort hören;
-es durchrieselte mich mit süßer Gewalt, es zog mich zu ihm
-hin. Es war das Vaterauge, das Vaterwort.</p>
-
-<p>Kein böser Ruf mehr ist in die heilige Christnacht
-geklungen, und von diesem Tage an ist vieles anders geworden.
-Mein Vater war seiner Liebe zu mir und meiner Anhänglichkeit
-an ihn inne geworden und hat mir in Spiel, Arbeit
-und Erholung wohl viele Stunden sein liebes Angesicht, sein
-treues Wort geschenkt, ohne daß ich noch einmal nötig gehabt
-hätte, es mit Bosheit erschleichen zu müssen.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-029.png" alt="Dekoration" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_22">[22]</a></span></p>
-
-<h2 id="Allerlei_Spielzeug"><img src="images/illu-030.png" alt="Dekoration" /><br />
-Allerlei Spielzeug.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div>
-<p class="drop">Ich habe als Kind mir meine Welt, die von Natur
-höllisch klein war, auseinandergedehnt, wie mein
-Vetter Simmerl den Katzenbalg, aus dem er sich
-einen Tabaksbeutel machen wollte. Und es ist, bigott! ein
-Sack draus worden, in welchem all' die unglaublichen
-Phantastereien einer ungezogenen Bauernbubenseele vollauf
-Platz gehabt haben.</p>
-
-<p>Wie ich mir später die Bücher, die ich nicht kaufen
-konnte, selber machte, so habe ich mir auch die größten
-Städte der Welt, die ich nicht sehen konnte, selber gebaut.</p>
-
-<p>Die jahrelange Kränklichkeit meines Vaters verschaffte
-mir das Baumaterial. Die Hustenpulver vom Doktor, der
-spanische Brustthee vom Kaufmann, die Medizinflaschen vom
-Bader waren stets in gutes, oft sogar schneeweißes Papier
-eingeschlagen; aus diesem Papier schnitzte ich mit der Nähschere
-meiner Mutter oder, wenn ich diese schon zerbrochen
-oder verloren hatte, mit jener der Magd, allerlei Häuser,
-Kirchen, Paläste, Türme, Brücken, bog sie geschickt zur
-passenden Form und stellte sie in Reihen und Gruppen auf
-den Tisch. Das gesuchteste Material hiefür waren wohl die<span class="pagenum"><a id="Page_23">[23]</a></span>
-alten Steuerbücheln mit ihren steifen Blättern; und kam es
-freilich vor, daß über der ganzen Hauptfronte eines Herrenpalastes
-das »Datum der Schuldigkeit« stand, oder ein Kirchturm
-anstatt Fenster und Uhren nichts als lauter Posten
-der »Abstattung« hatte. Als es aber ruchbar worden war,
-daß ich meine Prachtbauten mit den blutigen Steuersummen
-der Bauern aufführe, da gab's eine kleine Revolution, indem
-mein Vater einmal mit der flachen Hand mir einige öffentliche
-Gebäude unter den Tisch hinab wischte.</p>
-
-<p>Eines Tages ging ich einer Hirtenangelegenheit wegen
-ins Ebenholz hinaus. Ich hatte die Magd ersucht, ob sie
-mir nicht ihre heilige Monika mit in den Wald leihen möchte.</p>
-
-<p>»Du lieber Närrisch!« hatte die Magd geantwortet,
-»wenn sie nur ganz wär', aber es ist mir die Maus dazugekommen.
-Was übrig blieben ist, das magst haben.«</p>
-
-<p>So nahm ich das Büchlein von der heiligen Monika
-mit in das Ebenholz. Aber als ich in demselben zu lesen
-begonnen hatte, hub im Sacke die Nähschere meiner Mutter
-zu sticheln an: ob ich die Geschichte von dieser Heiligen denn
-nicht schon längst auswendig wisse? ob die Maus nicht etwa
-schon das Beste weggenagt hätte? ob ich mir für diese
-grauen und angefressenen Blätter eine bravere Verwendung
-denken könne, als daraus die schöne Weltstadt Paris zu
-bauen? &ndash; Ich wollte der alten Nähschere meiner Mutter
-nicht widersprechen.</p>
-
-<p>Nun stand zur selben Zeit im Ebenholz noch die alte
-Schlagerhütte, die einst ein Bauernhäuschen gewesen und
-zwischen dem jungen Fichtenanwuchs verlassen und öde hocken
-geblieben war. Die Fensterchen waren ohne Gläser, die Thür
-war aus den Angeln gehoben, und auf der Schwelle wucherten
-Brennesseln. Die Luft in der Hütte roch ganz moderig, und<span class="pagenum"><a id="Page_24">[24]</a></span>
-jedes Geräusch wiederhallte grell an den Wänden, als wollte
-das alte Zimmerholz mit dem Eintretenden allsogleich ein
-Gespräch anheben. Mir war dieser Bau unheimlich gewesen
-bis zu jenem Tage, da mich und unseren Knecht Marcus im
-Walde ein scharfer Wetterregen überraschte und wir uns in
-die Hütte flüchteten. »Ja,« hatte damals der alte Marcus
-gesagt, als die Donner hallten und schallten, »ja, wir haben
-heuer halt ein Schalljahr.« So nennen sie bei mir daheim
-das Schaltjahr und meinen, der Name komme von dem
-Schallen des Donners. Als der Regen fortwährte, fragte
-mich der Marcus: »Kannst kartenspielen, Bub'?«</p>
-
-<p>»Zwicken und Bettlerrufen kann ich,« war meine Antwort,
-»aber wir sollen lieber den Wettersegen beten.«</p>
-
-<p>»Da ist mir das Bettlerrufen unterhaltlicher.«</p>
-
-<p>»Wenn's aber einschlagt!« gab ich zu bedenken.</p>
-
-<p>Der Knecht zog Spielkarten aus seinem Sack, wir setzten
-uns an den großen Tisch und kartelten, bis draußen die nassen
-Zweige funkelten und die helle Sonne zum Fenster hereinschien.</p>
-
-<p>Seither war mir die Hütte heimlich. Und nun ging ich
-ihr zu, setzte mich an den großen, wurmstichigen Tisch und
-schnitzte aus den Blättern der »heiligen Monika« die große
-Weltstadt Paris. Ich stellte die Häuser in langen Gassenreihen
-auf, und die Gassen und Plätze bevölkerte ich mit blauen
-Heidelbeeren und roten Preißelbeeren &ndash; erstere waren die
-Männer, letztere die Frauen. Um das Königsschloß postierte
-ich Reihen von Stachelbeeren, das waren die Soldaten.</p>
-
-<p>Als der Tisch voll geworden war und ich trunkenen
-Blickes hinschaute auf die vieltürmige Stadt und ihre belebten
-Gassen, die ich gegründet und wie ein Schutzgeist beschirmte,
-dachte ich: Nun soll über diese Stadt aber auch<span class="pagenum"><a id="Page_25">[25]</a></span>
-einmal eine rechte Straf' Gottes kommen. Wie stehts mit
-einem Sturmwind? &ndash; Ich blies drein &ndash; hei, purzelten
-ganze Häuserfronten über und über. Sie wurden wieder erbaut.
-Da endlich aber der Abend kam und meines Bleibens
-in der Hütte nicht mehr länger sein konnte, sann ich nach,
-wie ich die Stadt Paris am großartigsten zu Grunde gehen
-lassen könnte. &ndash; Eine Feuersbrunst? &ndash; Neunjährige Bauernjungen
-tragen immer schon Streichhölzchen im Sack, weil sie
-sich doch allmählich mit dem Hauptberufe des Mannes, mit
-dem Tabakrauchen, bekannt zu machen trachten müssen.</p>
-
-<p>Das Feuer entstand mitten in der Stadt, und nach
-wenigen Sekunden standen ganze Viertel in Flammen. Die
-Bevölkerung war starr vor Schreck, das Feuer wogte hin,
-und die Mauern zitterten, und die kahlen Ruinen ringelten
-sich. Da der Königspalast verschont bleiben zu wollen schien,
-so blies ich die Flammen gegen denselben hin &ndash; wehe, da
-flogen die brennenden Häuser über den Tisch und auf den
-Fußboden, wo in der Ecke noch ein Bund Bettstroh lag. Jetzt
-wurde der Spaß Ernst. Das Papier hatte so still gebrannt,
-das Stroh knisterte schon vernehmlicher, und ein greller Schein
-erhellte die Hütte. Ich wollte eben davonstürzen, als unser
-Knecht Marcus zur Thür hereinsprang und mit einem buschigen
-Baumwipfel das Feuer totschlug.</p>
-
-<p>Knecht Marcus war verschwiegen, war ein dunkler Ehrenmann,
-aber das sagte er mir, wenn ich mich mit Sengen
-und Brennen auf den Etzel hinausspielen wolle, so thäte er
-es dem Kaiser schreiben, daß er mich rechtzeitig köpfen lasse.</p>
-
-<p>Von diesem Tage an habe ich keine Stadt mehr gegründet
-und keine mehr zerstört. Ich ging von der Architektur
-zur Musik und Malerei über.</p>
-
-<p>Ich hatte bei herumziehenden Musikern, die vor unserer<span class="pagenum"><a id="Page_26">[26]</a></span>
-Hausthür uns das Leben schön machten, allerlei Saiteninstrumente
-kennen gelernt. Ich hatte einen alten Harfenisten
-nach Beendigung seines Ständchens sogar einmal angesprochen,
-ob er es für einen Sechser erlauben könne, daß
-ich mit ihm zum nächsten Nachbar gehe, um sein Spiel dort
-noch einmal zu hören; worauf der Künstler antwortete, für
-einen Sechser bleibe er an unserer Thür stehen und spiele,
-so lange ich wolle. Damals ist mir der ganze Wert unserer
-legierten Silbersechser zum Bewußtsein gekommen. Nun
-hatten wir aber an jenem Tage in unserer Stube einen alten,
-brummigen Schuster, und der hatte gerade seinen Kopfwehtag.
-Als ich denn vor dem spielenden Musiker, die Hände in den
-Hosentaschen, dastand, die Zehen in den Sand bohrte, gleichsam,
-als wollte ich mich einwurzeln, sprang plötzlich der
-Schuster mit grüngelbem Gesichte zur Thür heraus und ließ
-einen tollen Fluch fahren über das verteufelte Geklimper.</p>
-
-<p>Mitten in der Herrlichkeit brach der Harfner das Spiel
-ab. Für einen solchen Baß sei sein Instrument nicht berechnet,
-meinte er, rückte die Harfe auf den Buckel und ging davon.
-Seit jenem Tage datiert mein Haß gegen die Schuster, die
-ihren Kopfwehtag haben.</p>
-
-<p>Die Harfe ging mir nicht aus dem Kopfe. In unserem
-Rübenkeller stand ein altes, säuerlndes Fäßchen, das mein
-Vater beim Stockerwirt allemal für die drei Faschingstage
-mit Apfelmost füllen ließ. Nun war es längst leer, und diese
-Leere kam mir zu statten. Ich stülpte das Fäßchen auf, zog
-über den Boden Zwirnsfäden wie Saiten, so daß diese je
-nach ihrer Länge einen verschiedenen Ton gaben, wenn ich
-sie mit dem Finger berührte. Da hatte ich ein Saiteninstrument
-mit dem respektabelsten Resonanzboden. Doch
-erinnere ich mich nicht mehr, inwiefern ich damit meinen<span class="pagenum"><a id="Page_27">[27]</a></span>
-musikalischen Hang ausgebildet habe &ndash; ich weiß nur, daß
-zum nächsten Fasching, als ich unseren tanzlustigen Mägden
-auf meiner Harfe was aufspielen wollte, wieder frischer Most
-in dem Fäßchen war.</p>
-
-<p>In denselben Jahren hatte ich mit einem jungen Studenten
-Bekanntschaft gemacht, mit dem Söhnlein eines Nachbars,
-welches in Graz auf Geistlich studierte, auf die Ferien
-stets nach Hause kam und Reichtümer mitbrachte. Ich erwarb
-mir seine Gunst, indem ich ihn öfters auf unsern Schwarzkirschbaum
-lud, wo es zu schnabulieren gab. Der Student
-riß zwar ein um das andere Ästlein ab, um zur süßen
-Frucht zu gelangen, aber mein Vater, der sonst solcherlei
-Verstümmelungen scharf ahndete, war der Meinung, einem
-angehenden Priester dürfe man nichts verwehren, er würde
-dereinst den Kirschbaum schon in sein Meßopfer einschließen,
-daß er gedeihe und immerwährend fruchtbar sei. Der Student
-war für solche Rücksichten erkenntlich und stellte mir all' seine
-Bücher, Landkarten, Schreib- und Zeichenrequisiten zur Verfügung.
-Den Schulfleiß des Studenten in Ehren! Dennoch
-aber glaube ich, daß seine »deutschen Lesebücher für die Gymnasialklassen«,
-seine »Welter's Weltgeschichte«, sein »Handbuch
-des katholischen Kultus«, sein »Leitfaden der Erdkunde«
-u. s. w. während der Vakanzen schier mehr strapaziert wurden,
-als während des Schuljahres. Als sich der angehende Theologe
-mit denselben auf sein Hirtenamt vorbereiten sollte, übte
-ich mit ihnen das meine bereits aus. Doch ließ ich meine
-Kühe und Ochsen Rinder sein, lag im grünen Grase und
-las. &ndash; O ihr armen Bücherwürmer in den staubigen Bibliotheken,
-ihr habt gar keine Ahnung davon, was im Waldschatten
-ein Buch ist! &ndash; <em class="gesperrt">Viele</em> Bücher würden leicht auch
-den im Walde Lagernden beunruhigen, verwirren und entmarken;<span class="pagenum"><a id="Page_28">[28]</a></span>
-aber <em class="gesperrt">ein</em> Buch, ein seelenvolles Buch genießt man
-dort ganz aus und gedeiht dabei. Ich denke hier an das
-Lesebuch für die Gymnasialklassen, reich an Gedichten und
-Aufsätzen von deutschen Klassikern. Ich konnte es nicht einmal
-ganz verstehen, aber es wirkte tiefer auf mich, als alle spätere
-Lektüre zusammen.</p>
-
-<p>Als die Kirschen alle waren und die Blätter des Baumes
-gelb wurden, packte der Student seine Bücher zusammen und
-ging wieder in die »Studie«.</p>
-
-<p>Einmal ließ er mir ein Kästchen mit Wasserfarben zurück.</p>
-
-<p>Jetzt schnitt ich mir ein Löckchen Haar vom Haupte,
-band es an ein Stäblein, und mit solchem Pinsel begann
-ich zu malen. Eine große Anzahl der Heiligenbildchen, die
-heute noch in verschiedenen Gebetbüchern der Gegend zu
-finden, ist mit meinem Haar gemalt worden. Die Leute
-haben sich hell verwundert, wenn sie mir zugeschaut und gesehen,
-wie man mir nichts dir nichts die Muttergottesen
-macht. Einmal kam der alte Schneider-Jackel, Küster von
-Krieglach, in unser Haus, um den Pfarrzehent abzuholen;
-der sah mich malen. »Na,« sagte er fortwährend, »aber
-<em class="gesperrt">da</em> gehört was dazu! Jetzt malt so ein kleiner Schlingel da
-himmlische Leut'! Und daß es eine Form hat! Ein hellrotes
-G'wandl, ein schön's! Ein Gesicht &ndash; wie er aber das Gesichtel
-macht! Die ganze Fleischfarb' &ndash; und 's Göscherl!
-Und die Augen, die blauen, wie sie auslugen! &ndash; Spitzbub,
-Du! Freilich, den Heiligenglanz auch, na, der darf nicht
-fehlen. Wär' nit ganz, wenn der fehlen thät'! &ndash; Schon
-eine Menge so Bildln hast da! &ndash; Bist aber ein Kreuzköpfel &ndash;
-Du mußt schon ein Maler werden! Alles von Dir selber
-hast' gelernt? Ist viel! Ist viel das! Schau, das thät's
-nit, die Bildln muß ich alle mitnehmen, 's thät's nit anders,<span class="pagenum"><a id="Page_29">[29]</a></span>
-die müssen ihre heilige Weih' kriegen. Dank Dir Gott,
-Schwarzkünstler, Du kleiner!«</p>
-
-<p>Vor meinen Augen that er die Bildchen &ndash; es waren
-deren allerlei und eine große Anzahl &ndash; zusammen, schob
-sie in seinen Sack und ging davon. Mir blieb der Verstand
-stehen. Aber mir schwoll der Kamm, als ich bald darauf
-hörte, der Küster hätte bei seiner Wallfahrt mit der Krieglacher
-Kreuzschar nach Mariazell meine Heiligenbilder am
-Gnadenaltare weihen lassen und sie hernach an die Wallfahrer
-verteilt.</p>
-
-<p>Unter Anderen ist später auch der alte Riegelberger in
-den Besitz eines solchen Heiligtums gekommen. Er soll es
-allemal, so oft er sein Gebetbuch aufschlug, brünstig geküßt
-haben; als er es aber erfuhr, von wem das Bildchen herrühre,
-ist er schnurgerade in unser Haus gegangen und hat
-mich zur Rede gestellt, warum ich mit heiligen Dingen Frevel
-treibe? Ob ich's vielleicht leugnen wolle? Geweihte Sachen
-hätte ich gemalt!</p>
-
-<p>»Ja,« sagte ich, »wenn Ihr das Kalb auf den Kopf
-stellt, wird es freilich den Schweif in die Höhe recken.«</p>
-
-<p>»Willst mich fean (höhnen), Bub?«</p>
-
-<p>»Die Bilder sind zuerst gemalt und <em class="gesperrt">nachher</em> geweiht
-worden.«</p>
-
-<p>Es hielt schwer, ihm die Sache begreiflich zu machen,
-und er rief immer wieder aus, zerfetzen möchte er das schlechte
-Zeug, wenn's ihm um die heilige Weih' nicht leid thäte.</p>
-
-<p>Ein andermal hatte ich mit demselben Manne eine viel
-gefährlichere Begegnung. Es waren zur selben Zeit noch die
-kleinen Papierzehner im Land. Ein solches Notlein habe ich
-wundershalber einmal nachgemacht. Dem Knecht Marcus kam
-es zu Augen, der schmunzelte das Streifchen an und ersuchte<span class="pagenum"><a id="Page_30">[30]</a></span>
-mich, daß ich es ihm ein wenig leihe. Einen Tag später begegnete
-ich auf dem Feldwege dem Riegelberger. Er grinste mich
-schon von weitem an und lächelte mir dann freundlich zu:
-»Büberl, Du wirst aufgehenkt.«</p>
-
-<p>»Ihr meint, weil ich so allerhand Bildeln gemalt hab'?«</p>
-
-<p>»Bildeln, so viel Du willst. Aber die falschen Banknoten!
-Ja, lieber Freund! Einen hab' ich von Dir in der
-Brieftasche und geh' gerade, mir jetzt dafür Tabak kaufen.«</p>
-
-<p>Ich denke, daß ich über diese Mitteilung sehr blaß
-geworden bin, denn der Riegelberger sagte nun: »Auf <em class="gesperrt">ein</em>
-Pfeiferl hab' ich noch in der Blader. Was giebst mir zu
-Lohn, wenn ich mir das Pfeiferl jetzt mit Deinem neuen
-Zehner anzünde?«</p>
-
-<p>In demselben Augenblick ist mir ein Gedanke durch den
-Kopf geflogen, den ich einfing, weil er mir nicht schlecht
-vorkam.</p>
-
-<p>»Ihr meint, Riegelberger, weil ich erschrocken bin?«
-sagte ich; »erschrocken bin ich nur, weil Ihr den schrecklichen
-Frevel begehen wollt.«</p>
-
-<p>»Möcht' wissen, wie so ich&nbsp;&ndash;?«</p>
-
-<p>»Das Papierzehnerl, das Ihr von mir in der Brieftasche
-gehabt, ist unter meine Heiligenbilder gekommen. Ist
-in Zell geweiht worden!«</p>
-
-<p>»Geh, geh, das Geld nimmt keine Weih' an,« versetzte
-der Riegelberger.</p>
-
-<p>»Das Geld freilich nicht, das weiß ich, aber mein Zehner
-ist keins, ist nur zum Fürwitz eins und will keins sein.
-Und Ihr wollt Euch für die geweihte Sach' Tabak kaufen?
-Ist schon recht, probiert es nur! werdet schon sehen, wie
-Euch ein solcher Tabak in die Nase beißen wird!«</p>
-
-<p>Jetzt wurde der Mann zornig.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_31">[31]</a></span></p>
-
-<p>»Du Bub!« rief er, »wenn Du alleweil nur Leut'
-foppen willst!«</p>
-
-<p>Er zog die Brieftasche hervor, das Papierstreifchen heraus
-und zerriß es vor meinen Augen: »So, da hast Deine
-Fetzen! und jetzt geh und arbeit' was, bist schon groß genug
-dazu. Ich, wenn ich Dein Vater wär', wollt Dir Deine
-Fabeleien und Schmierereien schon vertreiben! Arbeiten, daß
-die Schwarten krachen, ist gescheiter!«</p>
-
-<p>S'ist doch der beste Rat gewesen, den er mir hätte
-geben können. Er ist auch gar bald befolgt worden. Aber
-in den Feierabendstunden habe ich meine kindischen Spiele
-und künstlerischen Beschäftigungen getrieben, weit über die
-Kindesjahre hinaus.</p>
-
-<p>Und wenn ich meine heutigen Thaten betrachte &ndash; s'ist
-Alles nur Versuch und Spiel. Es war ein kleines Kind, es
-ist ein großes Kind &ndash; ich bin damit zufrieden.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-039.png" alt="Dekoration" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_32">[32]</a></span></p>
-
-<h2 id="Wie_der_Meisensepp_gestorben_ist"><img src="images/illu-040.png" alt="Dekoration" /><br />
-Wie der Meisensepp gestorben ist.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div>
-<p class="drop">In meinem Vaterhause fand sich die »Lebensbeschreibung
-Jesu Christi, seiner Mutter Mariä und vieler
-Heiligen Gottes«. Ein geistlicher Schatz von Pater
-Cochem.</p>
-
-<p>Das war ein altes Buch; die Blätter waren grau,
-die Kapitelanfänge hatten wunderlich große Buchstaben in
-schwarzen und roten Farben. Der hölzerne Einbanddeckel
-war an manchen Stellen schon wurmstichig, und eine der
-ledernen Klappen hatte die Maus zernagt. Seit meines
-Großvaters Tode war im Hause Niemand gewesen, der
-darin hätte lesen können; was Wunder, wenn die Tierlein
-Besitz nahmen von Cochems »Leben Christi« und aus dem
-»geistlichen Schatz« ihre leibliche Nahrung zogen.</p>
-
-<p>Da kam ich, der kleine ABC-Schütz, verjagte die Würmer
-aus dem Buche und fraß mich dafür selber hinein. Täglich
-las ich unseren Hausleuten vor aus dem »Leben Christi«.
-Den jungen Knechten und Mägden gefiel der neue Brauch
-just nicht, denn sie durften dabei nicht scherzen und nicht
-jodeln; die älteren Hausgenossen aber, die schon etwas gottesfürchtiger
-waren, hörten mir mit Andacht zu; »und das ist,«<span class="pagenum"><a id="Page_33">[33]</a></span>
-sagten sie, »als wie wenn der Pfarrer predigen thät; so
-bedeut ausführen und so eine laute Stimm'!«</p>
-
-<p>Ich kam in den Ruf eines tüchtigen Vorlesers und
-wurde ein gesuchter Mann. Wenn irgendwo in der Nachbarschaft
-jemand krank lag oder zum Sterben oder wenn er
-gar schon gestorben war, so daß man an seiner Leiche zur
-Nacht die Totenwache hielt, so wurde ich von meinem Vater
-ausgebeten, daß ich hinginge und lese. Da nahm ich das
-gewichtige »Leben-Christi-Buch« unter den Arm und ging.
-Es war ein hartes Tragen, und ich war dazumal ein kleinwinziger
-Knirps.</p>
-
-<p>Einmal spät abends, als ich schon in meiner kühlen
-und frischduftenden Futterkammer schlief, in welcher ich zur
-Sommerszeit bisweilen das Nachtlager hatte, wurde ich
-durch ein Zupfen an der Decke von unserm Knecht geweckt.
-&ndash; »Sollst fein geschwind aufstehen, Peter, sollst aufstehen.
-Der Meisen-Sepp hat seine Tochter geschickt, er läßt bitten,
-Du sollst zu ihm kommen und ihm was vorlesen; er wollt'
-sterben. Sollst aufstehen, Peter.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>So stand ich auf und zog mich eilends an. Dann nahm
-ich das Buch und ging mit dem Mädchen von unserem
-Hause aufwärts über die Heide und durch die Waldungen.
-Das Häuschen des Meisen-Sepp stand gar einsam mitten
-im Wald.</p>
-
-<p>Der Meisen-Sepp war in seinen jüngeren Jahren
-Reuter und Waldhüter gewesen; in letzterer Zeit hatte er
-sich nur mehr mit Sägeschärfen für Holzhauerleute beschäftigt.
-Und da kam plötzlich die schwere Krankheit.</p>
-
-<p>Wie wir, ich und das Mädchen, in der stillen, sternhellen
-Nacht so durch die Ödnis schritten, sagten wir Keines
-ein Wort. Schweigend gingen wir neben einander hin.<span class="pagenum"><a id="Page_34">[34]</a></span>
-Nur einmal flüsterte das Mädchen: »Laß her, Peter, ich
-will Dir das Buch tragen.«</p>
-
-<p>»Das kannst nicht,« antwortete ich, »Du bist ja noch
-kleiner wie ich selber.«</p>
-
-<p>Nach einem zweistündigen Gang sagte das Mädchen:
-»Dort ist schon das Licht.«</p>
-
-<p>Wir sahen einen matten Schein, der aus dem Fenster
-des Meisenhauses kam. Als wir diesem schon sehr nahe waren,
-begegnete uns der Pfarrer, der dem Kranken die heiligen
-Sakramente gereicht hatte.</p>
-
-<p>»Der Vater &ndash; wird er wieder gesund?« fragte das
-Mädchen kleinlaut.</p>
-
-<p>»Ist noch nicht so alt,« sagte der Priester; »wie Gott
-will, Kinder, wie Gott will.«</p>
-
-<p>Dann ging er davon. Wir traten in das Haus.</p>
-
-<p>Das war klein, und nach der Art der Waldhütten standen
-die Familienstube und Schlafkammer gleich in der Küche.
-Am Herd in einem Eisenhaken stak ein brennender Kienspan,
-von dem die Stubendecke in einen Rauchschleier gehüllt war.
-Neben dem Herde auf Stroh lagen zwei kleine Knaben und
-schlummerten. Sie waren mir bekannt vom Walde her, wo
-wir oft mitsammen Schwämme und Beeren suchten und dabei
-unsere Herden verloren; sie waren noch um etliche Jahre
-jünger als ich. An der Ofenmauer saß das Weib des Sepp,
-hatte ein Kind an der Brust und sah mit großen Augen in
-die flackernde Flamme des Kienspans hinein. Und hinter dem
-Ofen, in der einzigen Bettstatt, die im Hause war, lag der
-Kranke. Er schlief; sein Gesicht war recht eingefallen, das
-grauende Haar und der Bart um's Kinn waren kurz geschnitten,
-so daß mir der ganze Kopf kleiner vorkam, als
-sonst, da ich den Sepp auf dem Kirchweg gesehen hatte. Die<span class="pagenum"><a id="Page_35">[35]</a></span>
-Lippen waren halb offen und blaß, durch dieselben zog ein
-lebhaftes Atmen.</p>
-
-<p>Bei unserem Eintritt erhob sich das Weib leise, sagte
-eine Entschuldigung, daß sie mich aus dem Bette geplagt
-habe, und lud ein, daß ich mich an den Tisch setzen und die
-Eierspeise essen möge, die der Herr Pfarrer übrig gelassen
-hatte, und die noch auf dem Tische stand.</p>
-
-<p>Bald saß ich auf demselben Fleck, den der geistliche
-Herr noch hatte warm gemacht, und jetzt aß ich mit derselben
-Gabel, die er hatte in den Mund geführt!</p>
-
-<p>»Jetzt schläft er passabel,« flüsterte das Weib, nach dem
-Kranken deutend. »Vorhin hat er allweg Fäden aus der
-Decke gezupft.«</p>
-
-<p>Ich wußte, daß man es für ein übles Zeichen auslegt,
-wenn ein Schwerkranker an der Decke zupft und kratzt; »da
-kratzt er sich sein Grab«. Ich entgegnete daher: »Ja, das
-hat mein Vater auch gethan, als er im Nervenfieber ist gelegen.
-Ist doch wieder gesund worden.«</p>
-
-<p>»Das mein' ich wohl auch,« sagte sie, »und der Herr
-Pfarrer hat dasselbe gesagt. &ndash; Bin doch froh, die Beicht
-hat der Seppel recht fleißig verrichten mögen, und ich hab'
-jetzt wieder rechtschaffen Trost, daß er mir noch einmal gesund
-wird. &ndash; Nur,« setzte sie ganz leise bei, »das Spanlicht
-leckt alleweil so hin und her.«</p>
-
-<p>Wenn in einem Hause das Licht unruhig flackert, so
-deutet das der Glaube des Volkes: es werde in demselben
-Hause bald ein Lebenslicht auslöschen. Ich selbst glaubte an
-dieses Zeichen, doch um die Häuslerin zu beruhigen, sagte
-ich: »Es streicht die Luft alles zu viel durch die Fensterfugen;
-ich verspür's auch.« Sie legte das schlummernde
-Kind auf das Stroh; auch das Mädchen, welches mich geholt,<span class="pagenum"><a id="Page_36">[36]</a></span>
-war schon zur Ruh gegangen. Wir verstopften hierauf
-die Fensterfugen mit Werg.</p>
-
-<p>Dann sagte das Weib: »Gelt, Peter, Du bleibst mir
-da über die heutige Nacht; ich wüßt mir aus Zeitlang nicht
-zu helfen. Wenn er munter wird, so liest uns was vor.
-Gelt, Du bist so gut?«</p>
-
-<p>Ich schlug das Buch auf und suchte nach einem geeigneten
-Lesestück. Allein, Pater Cochem hat nicht viel geschrieben,
-was armen, duldenden Menschen zum Troste sein könnte.
-Pater Cochem meint, Gott wäre unendlich gerecht und die
-Leute wären unsäglich schlecht, und neun Zehntel der Menschen
-liefen schnurgerade der Hölle zu.</p>
-
-<p>Es mag ja wohl sein, dachte ich mir, daß es so ist;
-aber dann darf man's nicht sagen, die Leute thäten sich nur
-grämen, und des weiteren blieben sie leichtlich so schlecht wie
-früher. Wenn sie sich bessern hätten wollen, so hätten sie's
-längst schon gethan.</p>
-
-<p>Die schreckhaften Gedanken gingen wie eine zischelnde
-Natter durch das Cochem'sche Buch. Fürwitzigen Leuten
-gegenüber, die mich nur anhörten der »lauten Predigerstimm'«
-wegen, donnerte ich die Greuel und Menschenverdammung
-recht mit Vergnügen heraus; wenn ich aber an Krankenbetten
-aus dem Buche las, da mußte ich meine Erfindungsgabe oft
-sehr anstrengen, daß ich während des Lesens die harten Ausdrücke
-milderte, die schaudererregende Darstellung der vier
-letzten Dinge mäßigte und den grellen Gedanken des eifernden
-Paters eine freundlichere Färbung geben konnte.</p>
-
-<p>So plante ich auch heute, wie ich, scheinbar aus dem
-Buche lesend, dem Meisen-Sepp aus einem anderen Buche
-her Worte sagen wollte von der Armut, von der Geduld,
-von der Liebe zu den Menschen und wie darin die wahre Nachfolge<span class="pagenum"><a id="Page_37">[37]</a></span>
-Jesu bestehe, die uns &ndash; wenn die Stunde schlüge &ndash;
-durch ein sanftes Entschlummern hinüberführe in den Himmel.</p>
-
-<p>Endlich erwachte der Sepp. Er wendete den Kopf, sah
-sein Weib und seine ruhenden Kinder an; dann erblickte er
-mich und sagte mit lauter, ganz deutlicher Stimme: »Bist
-doch gekommen, Peter. So dank Dir Gott, aber zum Vorlesen
-werden wir heut' wohl keine Zeit haben. Anna, sei so
-gut und weck' die Kinder auf.«</p>
-
-<p>Das Weib zuckte zusammen, fuhr mit der Hand zu
-ihrem Herzen, sagte aber dann in ruhigem Tone: »Bist
-wieder schlechter, Seppel? Hast ja recht gut geschlafen.«</p>
-
-<p>Er merkte es gleich, daß ihre Ruhe nicht echt war.</p>
-
-<p>»Thu' Dich nicht gar so grämen, Weib,« sprach er,
-»auf der Welt ist's schon nicht anders. Weck' mir schön die
-Kinder auf, aber friedsam, daß sie nicht erschrecken.«</p>
-
-<p>Die Häuslerin ging zum Strohlager, rüttelte mit
-bebender Hand am Schaub, und die Kleinen fuhren halb
-bewußtlos empor.</p>
-
-<p>»Ich bitt' Dich gar schön, Anna, reiß mir die Kinder
-nicht so herum,« verwies der Kranke mit schwächerer Stimme,
-»und die kleine Martha laß schlafen, die versteht noch nichts.«</p>
-
-<p>Ich blieb abseits am Tische sitzen, und mir war heiß in
-der Brust. Die Angehörigen versammelten sich um den
-Kranken und schluchzten.</p>
-
-<p>»Seid Ihr nur ruhig,« sagte der Sepp zu seinen Kindern,
-»die Mutter wird Euch schon morgen länger schlafen lassen.
-Josefa, thu' Dir das Hemd über die Brust zusammen, sonst
-wird Dir kalt. Und jetzt &ndash; seid allweg schön brav und folgt
-der Mutter, und wenn Ihr groß seid, so steht ihr bei und
-verlaßt sie nicht. &ndash; Ich hab' gearbeitet meiner Tag mit
-Fleiß und Müh'; gleichwohl kann ich Euch weiter nichts<span class="pagenum"><a id="Page_38">[38]</a></span>
-hinterlassen, als dieses Haus und den kleinen Garten, und
-den Rainacker und den Schachen dazu. Wollt' Euch's teilen,
-so thut es brüderlich, aber besser ist's, Ihr haltet die Wirtschaft
-zusammen und thut hausen und thut bauen. Weiters
-mach' ich kein Testament, ich hab' Euch alle gleich lieb. Thut
-nicht ganz vergessen auf mich, und schickt mir dann und wann
-ein Vaterunser nach. &ndash; Und Euch, die zwei Buben, bitt'
-ich von Herzen: Hebt mir mit dem Wildern nicht an; das
-nimmt kein gutes End'. Gebt mir die Hand darauf. So. &ndash;
-Wenn halt Einer von Euch das Sägefeilen wollt' lernen;
-ich hab' mir damit viel Kreuzer dermacht (erworben); Werkzeug
-dazu ist da. Und sonst wißt Ihr schon, wenn Ihr am
-Rainacker die Erdäpfel anbaut, so setzt sie erst im Mai ein;
-'s ist wohl wahr, was mein Vater fort gesagt hat: Bei den
-Erdäpfeln heißt's: Baut mich an im April, komm' ich, wann
-ich will; baut mich an im Mai, komm' ich glei (gleich).
-&ndash; Thut Euch so Sprüchlein nur merken. &ndash; So, und jetzt
-geht wieder schlafen, Kinder, daß Euch doch nicht kalt wird,
-und gebt allzeit rechtschaffen Obacht auf Eure Gesundheit.
-Gesundheit ist das Beste. Geht nur schlafen, Kinder.«</p>
-
-<p>Der Kranke schwieg und zerrte an der Decke.</p>
-
-<p>»Frei zu viel reden thut er mir,« flüsterte das Weib
-gegen mich gewendet. Eine bei Schwerkranken plötzlich ausbrechende
-Redseligkeit ist eben auch kein gutes Zeichen.</p>
-
-<p>Nun lag er, wie zusammengebrochen, auf dem Bette.
-Das Weib zündete die Sterbekerze an.</p>
-
-<p>»Das nicht, Anna, das nicht,« murmelte er, »ein wenig
-später. Aber einen Schluck Wasser giebst mir, gelt?«</p>
-
-<p>Nach dem Trinken sagte er: »So, das frisch' Wasser
-ist halt doch wohl gut. Gebt mir recht auf den Brunnen
-Obacht. Ja, und daß ich nicht vergeß', die schwarzen Hosen<span class="pagenum"><a id="Page_39">[39]</a></span>
-und das blau' Jöppel weißt, und draußen hinter der Thür,
-wo die Sägen hängen, lehnt das Hobelbrett, das leg' über
-den Schleifstock und die Hanselbank; für drei Tag' wird's
-wohl halten. Morgen früh, wenn der Holzjosel kommt, der
-hilft mich schon hinauslegen. Schau aber fein gut, daß
-die Katz' nicht dazu kommt; die Katzen gehen los und
-schmecken's gleich, wenn wo eine Leich' ist. Was unten bei
-der Pfarrkirche mit mir geschehen soll, das weißt schon selber.
-Meinen braunen Lodenrock und den breiten Hut schenk' den
-Armen. Dem Peter magst auch was geben, daß er heraufgegangen
-ist. Vielleicht ist er so gut und liest morgen beim
-Leichwachen was vor. Es wird ein schöner Tag sein morgen,
-aber geh' nicht zu weit fort von heim, es möcht' ein Unglück
-geschehen, wenn draußen in der Lauben das Licht brennt. &ndash;
-Nachher, Anna, such' da im Bettstroh nach; wirst einen
-alten Strumpf finden, sind etlich' Zwanziger drin.«</p>
-
-<p>»Seppel, streng' Dich nicht so an im Reden,« schluchzte
-das Weib.</p>
-
-<p>»Wohl, wohl, Anna &ndash; aber aussagen muß ich's doch.
-Jetzt werden wir wohl nicht mehr lang' beisammen sein.
-Wir haben uns zwanzig Jahre gehabt, Anna. Du bist mein
-Alles gewesen; kein Mensch kann Dir's vergelten, was Du
-mir gewesen bist. Das vergeß' ich Dir nicht im Tod und
-nicht im Himmel. Mich gefreut's nur, daß ich in der letzten
-Stund' noch was mit Dir reden kann, und daß ich gleichwohl
-so viel bei Verstand bin.«</p>
-
-<p>»&ndash;&nbsp;Stirb doch nicht gar hart, Seppel,« hauchte das
-Weib und beugte sich über sein Antlitz.</p>
-
-<p>»Nein,« antwortete er ruhig, »bei mir ist's so, wie bei
-meinem Vater: leicht gelebt und leicht gestorben. Sei nur
-auch Du so, und leg' Dir's nicht schwer. Wenn wir nun<span class="pagenum"><a id="Page_40">[40]</a></span>
-auch wieder jedes allein ankommen, zusammen gehören wir
-gleichwohl noch, und ich heb' Dir schon ein Platzel auf im
-Himmel, gleim (nahe) an meiner Seit', Anna, gleim an
-meiner Seit'. Nur das thu' um Gotteswillen, die Kinder
-zieh' gut auf.«</p>
-
-<p>Die Kinder ruhten. Es war still, und mir war, als
-hörte ich irgendwo in der Stube ein leises Schnurren und
-Spinnen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Plötzlich rief der Sepp: »Anna, jetzt zünd' geschwind
-die Kerzen an!«</p>
-
-<p>Das Weib rannte in der Stube herum und suchte nach
-Feuerzeug; und es brannte ja doch der Span. &ndash; »Jetzt
-hebt er an zu sterben!« wimmerte sie. Als aber die rote
-Wachskerze brannte, als sie ihm dieselbe in die Hand gab,
-als er den Wachsstock gelassen mit beiden Händen umfaßte
-und als sie das Weihwassergefäß vom Gesimse nahm, da
-wurde sie scheinbar ganz ruhig und betete laut: »Jesus,
-Maria, steht ihm bei! Ihr Heiligen Gottes, steht ihm bei in
-der höchsten Not, laßt seine Seele nicht verloren sein! Jesus,
-ich bete zu Deinem allerheiligsten Leiden! Maria, ich rufe
-Deine heiligen sieben Schmerzen an! Du, sein heiliger Schutzengel,
-wenn seine Seel' vom Leib muß scheiden, führ' sie ein
-zu den himmlischen Freuden!«</p>
-
-<p>Und sie betete lange. Sie schluchzte und weinte nicht;
-nicht eine einzige Thräne stand in ihrem Auge, sie war ganz
-die ergebene Beterin, die Fürbitterin.</p>
-
-<p>Endlich schwieg sie, beugte sich über das Haupt des
-Gatten, beobachtete sein schwaches Atemholen und hauchte:
-»So behüt' Dich Gott, Seppel, thu' mir meine Eltern und
-unsere ganze Freundschaft (Verwandtschaft) grüßen in der
-Ewigkeit. Behüt' Dich Gott, mein lieber Mann! Die heiligen<span class="pagenum"><a id="Page_41">[41]</a></span>
-Engel geben Dir das Geleit', und der Herr Jesus mit seiner
-Gnad' wartet schon Deiner bei der himmlischen Thür.«</p>
-
-<p>Er hörte es vielleicht nicht mehr. Seine blassen, halboffenen
-Lippen gaben keine Antwort. Seine Augen sahen
-starr zur Stubendecke empor. Und aus den gefalteten Händen
-aufragend brannte die Wachskerze; sie flackerte nicht, still und
-geruhsam und hell, wie eine schneeweiße Blütenknospe stand
-die Flamme empor &ndash; sein Atemzug bewegte sie nicht mehr.</p>
-
-<p>»&ndash;&nbsp;Jetzt ist's gar, jetzt ist er mir gestorben!« rief
-das Weib aus, schrill und herzdurchdringend, dann sank sie
-nieder auf einen Schemel und begann bitterlich zu weinen.</p>
-
-<p>Die wieder erwachenden Kinder weinten auch; nur das
-Kleinste lächelte&nbsp;…</p>
-
-<p>Die Stunde lag auf uns, wie ein schwerer Stein.</p>
-
-<p>Endlich richtete sich die Häuslerin &ndash; die Witwe &ndash; auf,
-trocknete ihre Thränen und legte zwei Finger auf die Augen
-des Toten.</p>
-
-<p>Die Wachskerze brannte, bis die Morgenröte aufging.</p>
-
-<p>Durch den Wald war ein Bote gegangen. Dann kam
-ein Holzarbeiter. Der besprengte den Toten mit Weihwasser
-und murmelte: »So rücken sie ein, einer nach dem andern.«</p>
-
-<p>Dann thaten sie dem Meisen-Sepp festtägige Kleider
-an, trugen ihn hinaus in die Vorlauben und legten ihn auf
-das Brett.</p>
-
-<p>&ndash;&nbsp;Das Buch ließ ich liegen auf dem Tisch, für die
-Leichenwachen der nächsten Nächte, zu denen ich der Häuslerin
-das Lesen zugesagt hatte. Als ich fortgehen wollte, kam
-sie mit einem grünen Hut, auf welchem ein weit ausgeborsteter
-Gemsbart stak.</p>
-
-<p>»Willst den Hut mitnehmen für Deinen Vater?« fragte
-sie, »der Seppel hat Deinen Vater fortweg gern gehabt. Den<span class="pagenum"><a id="Page_42">[42]</a></span>
-Gamsbart magst zum Andenken selber behalten. Bet' einmal
-ein Vaterunser dafür.«</p>
-
-<p>Ich sagte meinen Dank, ich that noch einen unsteten
-Blick gegen die Bahre hin; der Sepp lag lang gestreckt und
-hielt seine Hände über der Brust gefaltet. &ndash; Dann ging ich
-hinaus und abwärts durch den Wald. &ndash; Wie war's licht
-und taufrisch voll Vogelgesang, voll Blütenduft &ndash; voll Leben
-im Walde!</p>
-
-<p>Und in der Hütte, auf dem Bahrbett lag ein toter
-Mensch.</p>
-
-<p>Ich kann die Nacht und den Morgen &ndash; das Sterben
-mitten in dem unendlichen Lebensquell des Waldes nimmermehr
-vergessen. Auch besitze ich heute noch den Gemsbart
-zum Andenken an den Meisen-Sepp.</p>
-
-<p>Wenn mich die Gier anpackt nach den Freuden der
-Welt, oder wenn mich die Zweifel überkommen an der
-Menschheit Gottesgnadentum, oder wenn mich gar die Angst
-will quälen vor meinem vielleicht noch fernen, vielleicht schon
-nahen Hingang &ndash; so stecke ich den Gemsbart des Sepp auf
-den Hut.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-050.png" alt="Dekoration" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_43">[43]</a></span></p>
-
-<h2 id="Wie_ich_dem_lieben_Herrgott"><img src="images/illu-051.png" alt="Dekoration" /><br />
-Wie ich dem lieben Herrgott mein
-Sonntagsjöppl schenkte.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div>
-<p class="drop">In der Kirche des Alpendorfes Ratten steht links
-am Hochaltare eine fast lebensgroße Reiterstatue.
-Der Reiter auf dem Pferde ist ein stolzer Kriegsmann
-mit Helm und Busch und einem kohlschwarzen Schnurrbärtchen.
-Er hat das breite funkelnde Schwert gezogen und
-schneidet mit demselben seinen Mantel entzwei. Zu Füßen
-des sich bäumenden Rosses kauert eine Bettlergestalt in
-Lumpen.</p>
-
-<p>Als ich noch so ein nichtiger Knirps war, wie er einem
-ordentlichen Menschen kaum zum Hosensack emporgeht, führte
-mich meine Mutter gern in diese Kirche. In der Nähe der
-Kirche steht eine Marienkapelle, die sehr gnadenvoll ist und
-in welcher meine Mutter gern betete. Als oft kein Mensch
-sonst mehr in der Kapelle war und vom Turme schon die
-Mittagsglocke in den heißen Sommersonntag hinausklang,
-kniete die Mutter immer noch in einem der Stühle und
-klagte Marien ihr Anliegen. Die »liebe Frauen« saß auf
-dem Altare, legte die Hand in den Schoß und bewegte
-weder den Kopf, noch die Augen, noch die Hände, und da
-konnte meine Mutter nachgerade sagen, was sie wollte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_44">[44]</a></span></p>
-
-<p>Ich hielt mich lieber in der großen Kirche auf und sah
-den schönen Reiter an.</p>
-
-<p>Und einmal, als wir auf dem Wege nach Hause waren
-und mich die Mutter an der Hand führte, und ich immer
-drei Schritte machen mußte, so oft sie einen that, warf ich
-meinen kleinen Kopf auf zu ihrem guten Angesichte und fragte:
-»Zuweg steht denn der Reiter allfort auf der Wand oben,
-und zuweg reitet er nicht zum Fenster hinaus auf die Gasse?«</p>
-
-<p>Da antwortete die Mutter: »Weil Du so kindische Fragen
-thust und weil es nur ein Bildnis ist, das Bildnis des heiligen
-Martin, der, ein Soldat, ein sehr gutthätiger frommer
-Mann gewesen und jetzt im Himmel ist.«</p>
-
-<p>»Und ist das Roß auch im Himmel?« fragte ich.</p>
-
-<p>»Sobald wir zu einem rechten Platz kommen, wo wir
-rasten können, so will ich Dir vom heiligen Martin was erzählen,«
-sagte die Mutter und leitete mich weiter, und ich
-hüpfte neben ihr her. Da wartete ich schon sehr schwer auf
-das Rasten, und in einemfort rief ich: »Mutter, da ist ein
-rechter Platz!«</p>
-
-<p>Erst als wir in den schattigen Wald hineinkamen, wo
-ein platter, moosiger Stein lag, fand sie's gut genug, da
-setzten wir uns nieder. Die Mutter band das Kopftuch fester
-und war still, als habe sie vergessen, was sie versprochen.
-Ich starrte ihr fort und fort auf den Mund, dann guckte ich
-wieder zwischen den Bäumen hin, und mir war ein paarmal,
-als hätte ich durch das Gehölz den schönen Reitersmann
-reiten gesehen.</p>
-
-<p>»Ja, 'leicht wohl, mein Bübel,« begann meine Mutter
-plötzlich, »allzeit soll man den Armen Hilfe reichen um
-Gotteswillen. Aber so, wie der Martin gewesen, traben heutzutag
-nicht viel Herrenleut' herum auf hohem Roß. &ndash; Daß<span class="pagenum"><a id="Page_45">[45]</a></span>
-im Spätherbst der eiskalte Wind über unsere Schafheide
-streicht, das weißt wohl, hast Dir ja selber d'rauf im vorig'
-Jahr schier die Tatzelein erfroren. Siehst Du, völlig eine
-solche Heide ist's auch gewesen, über die der Reitersmann
-Martinus einmal geritten an einem späten Herbstabend.
-Steinhart ist der Boden gefroren, und das klingt ordentlich,
-so oft das Roß seinen Huf in die Erden setzt. Die Schneeflöcklein
-tänzeln umher, kein einziges vergeht. Schon will
-die Nacht anbrechen, und das Roß trabt über die Heide, und
-der Reitersmann zieht seinen weiten Mantel zusammen, so
-eng es halt hat gehen mögen. Bübel, und wie er so hinfährt,
-da sieht er auf einmal ein Bettelmännlein kauern an
-einem Stein; das hat nur ein zerrissenes Jöpplein an und
-zittert vor Kälte und hebt sein betrübtes Auge auf zum
-hohen Roß. Hu, und wie das der Reiter sieht, hält er an
-sein Tier und ruft zum Bettler nieder: Ja, Du lieber armer
-Mann, was soll ich Dir reichen? Gold und Silber hab'
-ich nicht, und mein Schwert kannst Du nimmer brauchen.
-Wie soll ich Dir helfen? &ndash; Da senkt der Bettelmann sein
-weißes Haupt nieder gegen die halbentblößte Brust und thut
-einen Seufzer. Der Reiter aber zieht sein Schwert, zieht
-seinen Mantel von den Schultern und schneidet ihn mitten
-auseinander. Den einen Teil des Kleidungsstückes läßt er
-hinabfallen zu dem armen zitternden Greise: Hab' vorlieb
-damit, mein notleidender Bruder! &ndash; Den andern Teil des
-Mantels schlingt er, so gut es geht, um seinen eigenen Leib
-und reitet davon.«</p>
-
-<p>So hatte meine Mutter erzählt und dabei mit ihrem
-eiskalten Herbstabende den schönen Hochsommertag so frostig
-gemacht, daß ich mich fast schauernd an ihr lindes Busentuch
-schmiegte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_46">[46]</a></span></p>
-
-<p>»'s ist aber noch nicht ganz aus, mein Kind,« fuhr die
-Mutter fort, »wenn Du es nun gleichwohl weißt, was der
-Reiter mit dem Bettler in der Kirche bedeutet, so weißt
-Du's noch nicht, was weiter geschehen ist. Wie der Reitersmann
-nachher in der Nacht daheim auf seinem harten Polster
-ruhsam schläft, kommt derselbige Bettler von der Heide zu
-seinem Bett, zeigt ihm lächelnd den Mantelteil, zeigt ihm
-die Nägelwunden an den Händen und zeigt ihm sein Angesicht,
-das nicht mehr alt und kummervoll ist, das strahlet
-wie die Sonnen. Derselbe Bettelmann auf der Heid' ist der
-lieb' Herrgott selber gewesen. &ndash; So, Bübel, und jetzt werden
-wir wieder anrucken.«</p>
-
-<p>Da erhoben wir uns und stiegen den Bergwald hinan.</p>
-
-<p>Bis wir heim kamen, waren uns zwei Bettelleute
-begegnet; ich guckte jedem sehr genau in das Gesicht; ich
-hab' gemeint, es dürft' doch der liebe Herrgott dahinter
-stecken.</p>
-
-<p>Gegen Abend desselben Tages, als ich mein Sonntagskleidchen
-des sparsamen Vaters wegen schon hatte ablegen
-müssen und nun wieder in dem vielfarbigen Werktagshöslein
-herumlief und hüpfte und nur noch das völlig neue graue
-Jöppel trug, das ich nicht ablegen wollen und mir noch für
-den Tagesrest erbeten hatte, und als die Mutter auch schon
-lange wieder bei ihrer häuslichen Arbeit war, eilte ich gegen
-die Schafheide hinauf. Ich mußte die Schäflein, worunter
-auch ein weißes Lämmchen als mein Eigentum war, heim
-in den Stall führen.</p>
-
-<p>Wie ich aber so hinhüpfe und Steinchen schleudere und
-damit die goldenen Abendwolken treffen will, sehe ich plötzlich,
-daß dort am Fels ein alter weißköpfiger, sehr arm gekleideter
-Mann kauert. Da stehe ich erschrocken still, getraue mir keinen<span class="pagenum"><a id="Page_47">[47]</a></span>
-Schritt mehr zu thun und denke bei mir: Jetzt, das ist aber
-doch ganz gewiß der lieb' Herrgott.</p>
-
-<p>Ich habe gezittert vor Furcht und Freude, ich habe mir
-gar nicht zu helfen gewußt.</p>
-
-<p>Wenn es doch der lieb' Herrgott ist, ja, da muß eins
-ihm wohl was geben. Wenn ich jetzt heimlauf', daß die
-Mutter komme und gucke und mir sage, wie ich d'ran bin,
-so geht er mir zuletzt gar dieweilen davon, und es wär'
-doch eine Schand' und ein Spott. Ich denk', sein wird er's
-gewiß, just so hat derselb' ja auch ausgeschaut, den der
-Reitersmann gesehen.</p>
-
-<p>Ich schlich einige Schritte nach rückwärts und begann
-an meinem grauen Jöppel zu zerren. Es ging nicht leicht,
-es war so fest über dem grobleinenen Hemde oben, und ich
-wollte das Schnaufen verhalten, ich meinte, der Bettelmann
-sollte mich früher nicht bemerken.</p>
-
-<p>Einen gelbangestrichenen Taschenfeitel hatte ich, nagelneu
-und just scharf geschliffen. Diesen zog ich aus der Tasche,
-das Röcklein nahm ich unter's Knie und begann es nun
-mitten auseinander zu trennen.</p>
-
-<p>War bald fertig, schlich zum Bettelmann, der halb zu
-schlummern schien, und legte ihm seinen Teil von meinem
-Rock zu Häupten. &ndash; Hab' vorlieb damit, mein notleidender
-Bruder! Das habe ich ihm still in Gedanken gesagt. Dann
-nahm ich meinen Teil vom Rocke unter den Arm, lugte noch
-eine Weile dem lieben Gott zu und jagte dann die Schäflein
-von der Heide.</p>
-
-<p>In der Nacht wird er wohl kommen, dachte ich, und
-da werden ihn Vater und Mutter sehen, und wir können
-ihm, wenn er bei uns bleiben will, gleich das hintere Stübel
-und das Hausaltarl herrichten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_48">[48]</a></span></p>
-
-<p>Ich lag im Schiebbettlein neben Vater und Mutter,
-und ich konnte nicht schlafen. Die Nacht verging, und der,
-den ich gemeint hatte, kam nicht.</p>
-
-<p>Am frühen Morgen aber, als der Haushahn die Knechte
-und Mägde aus ihren Nestern hervorgekräht hatte, und als
-draußen im Hofe schon der laute Werktag anhub, kam ein
-alter Mann (sie hießen ihn den Schwamm-Veitel) zu meinem
-Vater, brachte ihm den verschenkten Teil von meinem Rock
-und erzählte, ich hätte denselben abends zuvor in meinem
-Mutwillen zerschnitten und ihm das eine Stück an den Kopf
-geworfen, wie er so ein wenig vom Schwammsuchen ausgeruht
-habe auf der Schafheide.</p>
-
-<p>Darauf kam der Vater, eine Hand hinter dem Rücken,
-ganz leicht an mein Bett geschlichen: »Geh', thu' mir's sagen,
-Bub', wo hast denn Du Dein neues Sonntagsjöppel?«</p>
-
-<p>Das leise Schleichen mit der Hand hinter dem Rücken
-war mir sogleich verdächtig vorgekommen, und jetzt ging mir
-schon das Gesicht auseinander, und weinend rief ich: »Ja,
-Vater, ich hab' gemeint, dem lieben Herrgott hätt' ich es
-'geben.«</p>
-
-<p>»Jesses, Bub', Du bist aber so ein Trottel, so ein Halbnarr!«
-schrie mein Vater, »für die Welt bist Du viel zu
-dalkert, zum Sterben bist Du gar zu dumm. Dir muß man
-mit einem rechten Besen die Seel' aus der Haut schlagen!«</p>
-
-<p>Wie nun die Hand mit der gewundenen Birkenrute
-zum Vorschein kam, erhob ich ein Zetergeschrei.</p>
-
-<p>Eilte sogleich die Mutter herbei. Sie that sonst selten
-Einsprache, wenn der Vater mit mir Gericht hielt, heute
-aber faßte sie ihm die Hand und sagte: »'s Röckel flick' ich
-'leicht wieder zusammen, Alter. Geh' jetzt mit, ich muß Dir
-was sagen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_49">[49]</a></span></p>
-
-<p>Sie gingen beide hinaus in die Küche; ich denke, dort
-haben sie über die Martinigeschichte gesprochen. Sie kamen
-nach einer Weile wieder in die Stube.</p>
-
-<p>Der Vater sagte mit fast dumpfer Stimme: »Sei nur
-still, es geschieht Dir nichts.«</p>
-
-<p>Und die Mutter flüsterte mir zu: »Ist schon recht, wenn
-Du das Röckl dem lieben Herrgott hast wollen geben, aber
-besser ist's noch, wir geben es dem armen Thalmichelbuben.
-In jedem Armen steckt der liebe Gott. Schau, der heilige
-Martinus hat's auch schon gewußt. So, und jetzt, mein
-Bübel, hupf' auf und schlüpf' ins Höslein; der Vater ist
-noch nicht allzuweit mit der birkenen Liesel.«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-057.png" alt="Dekoration" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_50">[50]</a></span></p>
-
-<h2 id="Wie_das_Zicklein_starb"><img src="images/illu-058.png" alt="Dekoration" /><br />
-Wie das Zicklein starb.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-e.png" alt="" /></div>
-<p class="drop">Ein andermal drohte die birkene Liesel wieder.</p>
-
-<p>Mein Vater hatte ein schneeweißes Zicklein, mein
-Vetter Jok hatte einen schneeweißen Kopf. Das
-Zicklein kaute gern an Halmen oder Erlzweigen; mein Vetter
-gern an einem kurzen Pfeifchen. Das Zicklein hatten wir,
-ich und meine noch jüngeren Geschwister, unsäglich lieb; den
-Vetter Jok auch. So kamen wir auf den Gedanken: wir
-sollten das Zicklein und den Vetter zusammenthun.</p>
-
-<p>Da war's im Heumonat, daß ich eines sonnenfreudigen
-Tages all' meine Geschwister hinauslockte auf den Krautacker
-und daselbst die Frage an sie that: »Wer von Euch hat
-einen Hut, der kein Loch hat?«</p>
-
-<p>Sie untersuchten ihre Hüte und Hauben, aber durch
-alle schien die Sonne und machte im Schatten auf dem
-Erdboden einen oder ein paar lichte Punkte. Nur Jakoberle's
-Hut war ohne Arg; den nahm ich also in die Hand und
-sagte: »Der Vetter heißt Jok, und morgen ist der Jokopitag,
-und jetzt, was geben wir ihm zum Bindband (Angebinde)?
-Das weiße Zicklein.«</p>
-
-<p>»Das weiße Zicklein gehört dem Vater!« rief das kleine<span class="pagenum"><a id="Page_51">[51]</a></span>
-Schwesterchen Plonele, empört über ein so eigenmächtiges
-Vorhaben.</p>
-
-<p>»Desweg ist es ja, daß ich Euch den Hut hinhalte,«
-sagte ich.</p>
-
-<p>»Du, Jakoberle, hast gestern dem Knierutscher-Sepp
-Dein Kinigl (Kaninchen) verkauft; Du, Plonele, hast von
-deinem Göden drei Groschen zum Taufpfennig gekriegt; Dir,
-Mirzerle, hat vor zwei Tagen der Vater ein Haltergeld
-geschenkt. Schaut, ich leg' meine ersparten fünf Kreuzer
-hinein, und wir müssen zusammenthun, daß wir dem Vater
-das Zicklein abkaufen mögen; und das schenken wir morgen
-dem Vetter. Nu, jetzt halt' ich schon her!«</p>
-
-<p>Sie guckten eine Weile so drein, dann huben sie in
-ihren Taschen zu suchen an. Da sagte das Plonele: »Mein
-Geld hat die Mutter!« und das Mirzerle rief erschrocken:
-»Das meine weiß ich nicht!« und das Jakoberle starrte auf
-den Boden und murmelte: »Mein Sack hat ein Loch.«</p>
-
-<p>Auf diese Weise war mein Unternehmen gescheitert.</p>
-
-<p>Nichtsdestoweniger haben wir das schneeweiße Zicklein
-geherzt. Es stieg mit den Vorderfüßchen an unsere Knie empor
-und guckte uns mit seinen großen, völlig eckigen Augen
-schelmisch an, als wollte es uns recht spotten, daß wir allmitsammen
-nicht so viel an Vermögen hatten, um es kaufen
-zu können. Es kicherte und blökte uns ordentlich aus, und
-dabei sahen wir die schneeweißen Zähnchen. Es war kaum
-drei Monate alt und hatte schon einen Bart; und ich und
-das Jakoberle waren über sieben Jahre hinaus und mußten
-uns aus grauen Baumflechten einen Bart ankleben, wenn
-wir einen haben wollten. Und selbst den <em class="gesperrt">fraß</em> uns das
-Zicklein vom Gesichte herab.</p>
-
-<p>Trotzdem hatten wir jedes das Vierfüßchen viel lieber,<span class="pagenum"><a id="Page_52">[52]</a></span>
-als uns untereinander. Und ich sann auf weitere Mittel,
-mit dem Tiere den Vetter zu beglücken.</p>
-
-<p>Als aber mittags darauf der Vater vom Felde heimfuhr,
-umschwärmten wir ihn alle und zupften an seinen
-Kleidern.</p>
-
-<p>»Vater,« sagte ich, »ist es wahr, daß die Morgenstunde
-Gold im Munde hat?«</p>
-
-<p>Das war ja sein eigen Sprichwort, und so antwortete
-er rasch: »Freilich ist das wahr.«</p>
-
-<p>»Vater!« riefen wir nun alle vier zugleich, »wie früh
-müssen wir all' Tag aufstehen, daß Ihr uns das weiße
-Zicklein gebt?«</p>
-
-<p>Auf diese geschäftliche Wendung schien der Vater nicht
-gefaßt gewesen zu sein. Da er aber von unserem Vorhaben,
-dem Vetter Jok das Zicklein zuzueignen, hörte, da bedingte
-er ein halb Stündlein früher aufzustehen jeden Tag und
-trat uns das liebe Tierchen ab.</p>
-
-<p>Das Zicklein gehörte uns. Wir beschlossen einstimmig,
-schon am nächsten Morgen noch vor des Vetters Aufstehzeit &ndash;
-und das war viel gesagt &ndash; aus dem Neste zu kriechen, das
-Zicklein mit einem roten Halsband zu versehen und es an's
-Bett des alten Jok zu führen, ehe dieser noch seinen langen,
-grauen Pelz, den er Winter und Sommer trug, auf den
-Leib brachte.</p>
-
-<p>So unser heilig Vorhaben.</p>
-
-<p>Aber am anderen Tage, als uns die Mutter weckte
-und wir die Lider aufschlugen, schien uns die Sonne mit
-solcher Gewalt in die Augen, daß wir dieselben sogleich
-wieder schließen mußten, bis die Mutter mit ihrem Kopftuch
-das Fenster verhüllte.</p>
-
-<p>Nun gab es keine Ausflucht mehr. Aber der Vetter<span class="pagenum"><a id="Page_53">[53]</a></span>
-war längst schon davon mitsamt dem Pelz. Er hatte die
-Schafe und die Ziegen auf die Thalweide getrieben, wo er
-sie stets hütete und den ganzen Tag schmunzelnd an seinem
-Pfeifchen kaute. Und die Tierchen schnappten so emsig an
-den betauten Gräsern und Sträuchern, und hüpften und
-scherzten so lustig auf der sonnigen Weide.</p>
-
-<p>Es war auch das Zicklein dabei. Und hat's dem Jok
-denn niemand gesagt, daß heute sein Namenstag ist?&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Zu jener Zeit, von der ich rede, sind die feuerspeienden
-Streichhölzer noch nicht erfunden gewesen; dazumal war
-das liebe Feuer ein rares Ding. Man konnte es nicht
-so bequem mit im Sack tragen, wie heute, ohne sich das
-Beinkleid zu verbrennen. Es mußte mit harten Schlägen
-aus Steinen herausgetrieben werden; es mußte, kaum geboren,
-mit Zunder gefüttert werden und bedurfte langer
-Zeit, bis es sich in demselben so weit kräftigte, daß es
-ein gröberes Köder anbiß und flügge wurde. Das Feuer
-mußte zum Dienste des Menschen jedesmal förmlich erzogen
-werden.</p>
-
-<p>Es war ein mühsam und heikel Stück Arbeit; beim
-Feuermachen konnte meine sonst so milde Mutter unwirsch
-werden.</p>
-
-<p>Die Glut, des Abends noch so sorgsam in der Herdgrube
-verwahrt, war des Morgens zumeist erloschen. Was
-sich die Mutter auch mühte, den Funken in der Asche wieder
-anzublasen &ndash; all vergebens, das Feuer war gestorben über
-Nacht. Nun ging die Schlägerei mit Stein und Stahl an;
-und wir Kinder waren oft schon recht hungrig, ehvor die
-Mutter das Feuer zuweg brachte, welches uns die Morgensuppe
-kochen sollte.</p>
-
-<p>So auch am Morgen von des Vetters Namenstag.<span class="pagenum"><a id="Page_54">[54]</a></span>
-Wir hatten draußen in der Küche wohl eine Weile das
-Pfauchen und Feuerschlagen gehört, dann aber rief die Mutter
-plötzlich aus: »'s ist gar umsonst! 's ist, wie wenn der bös'
-Feind in die Herdgruben hätt' gespuckt. Und der Stein hat
-keinen Funken Feuer mehr in sich, und der Schwamm ist
-feucht, und die Leut' warten auf die Suppen!« Dann kam
-sie in die Stube und sagte: »Geh, Peterle, ruck, und lauf
-geschwind zu der Knierutscherin hinüber: Ich thät sie gar
-schön von Herzen bitten, sie wollt' mir ein Haferl Glut
-schicken von ihrem Herd. Und trag' ihr dafür da den Brotlaib
-mit. Geh, Peterle, ruck, daß wir nachher eine Suppen
-kriegen!«</p>
-
-<p>Ich hatte mein weißes Linnenhöselein gleich an, und
-wie ich war &ndash; barfuß, barhaupt, nahm ich den runden,
-recht gewichtigen Brotlaib unter den Arm und lief gegen das
-Knierutscherhaus.</p>
-
-<p>»Du Sonnenschein,« sagte ich unterwegs, »schäm' dich,
-du kannst nicht einmal ein Süpplein wärmen. Jetzt muß
-ich zu der Knierutscherin um Feuer gehen. Aber wart' nur,
-wird bald lustig sein auf unserem Herd; die Flammen
-werden aufhüpfen über das Holz, die Mauer wird rot
-leuchten, die Töpfe werden brodeln, der Rauch wird unter
-den Feuerhut hinaussprudeln und den Rauchfang hinauf
-und wird dich verdecken. Recht hat er, wenn er dich
-verdeckt, dann essen wir die Suppen und den Sterz im
-Schatten, und den Eierkuchen auch, der heut' für den
-Vetter Jok gebacken wird, und du sollst von allem nichts
-sehen.«</p>
-
-<p>Als ich nach solchem Gespräche mit der Sonne über die
-Lehne ging, da stach mich ein wenig der Vorwitz. Mein
-Brotlaib war so kugelrund und fest, als wäre er aus Lärchenholz<span class="pagenum"><a id="Page_55">[55]</a></span>
-gedrechselt worden. Man läßt bei mir daheim das Brot
-gern altgebacken werden, es langt auf diese Weise doppelt
-aus, gleichwohl es zur Essenszeit zuweilen mit Eisenschlegeln
-zertrümmert werden muß.</p>
-
-<p>Aber weil denn mein Laib gar so kugelrund war, wie
-nicht leicht etwas Runderes mehr zu finden ist, so ließ ich
-ihn los über die Lehne, lief ihm behende vor und fing ihn
-wieder auf.</p>
-
-<p>War ein herzlich lustiges Spiel das, und ich hätte
-mögen all' meine Geschwister herbeirufen, daß sie es sehen
-und mitmachen könnten. &ndash; Wie ich nun aber so in meiner
-Freude die Lehne auf- und abhüpfe, spielt mir mein Brotlaib
-jählings den Streich und huscht mir wie der Wind zwischen
-den Beinen durch und davon. Er eilt und hüpft hinab,
-viel schneller wie ein Reh vor dem Jagdhunde &ndash; er fährt
-über den Hang, setzt hoch über den Rain in die Thalweide
-hinab, wo er meinen Augen entschwindet.</p>
-
-<p>Bin dagestanden wie ein Klotz, und hab' gemeint, ich
-müßt umfallen vor Schreck und auch hinabkugeln gegen das
-Thal. Ich ging eine Weile hin und her, auf und ab, und
-da ich den Laib nirgends sah, schlich ich kopfhängerig davon
-und ins Haus der Knierutscherin.</p>
-
-<p>Da brannte freilich ein schönes großes Feuer auf dem
-Herde.</p>
-
-<p>»Was willst denn, Peterle?« fragte die Knierutscherin
-freundlich.</p>
-
-<p>»Bei uns,« stotterte ich, »ist das Feuer ausgangen,
-wir mögen uns nichts kochen, und so läßt meine Mutter
-schön bitten um ein Haferl Glut, und sie thät es schon
-fleißig wieder zurückstellen.«</p>
-
-<p>»Ihr Närrlein, Ihr, wer wird denn so ein paar Kohlen<span class="pagenum"><a id="Page_56">[56]</a></span>
-zurückstellen!« rief die Knierutscherin und schürte mit der
-Feuerzange Glut in einen alten Topf; »da seh', ich laß
-Deiner Mutter sagen, sie soll nur schön anheizen und Dir
-einen recht guten Sterz kochen. Aber schau, Peterle, daß Dir
-der Wind nicht hineinbläst, sonst trägt er die Funken auf
-das Dach hinauf. So, jetzt geh' nur in Gottesnamen!«</p>
-
-<p>So gütig war sie mit mir, und ich hatte ihr den
-Brotlaib verscherzt. Deß drückt mich das Gewissen heute
-noch hart.</p>
-
-<p>Als ich endlich mit dem Feuertopfe zurück gegen unser
-Haus kam, war ich höchlich überrascht, denn da sah ich aus
-dem Rauchfange bereits einen blauen Dunst hervorsteigen.</p>
-
-<p>»Dich soll man um den Tod schicken und nicht um
-Feuer!« rief die Mutter, als ich eintrat; dabei wirtete sie
-um das lustige Herdfeuer herum und sah mich gar nicht an.
-Meine kaum mehr knisternden Kohlen waren so armselig
-gegen dieses Feuer; ich stellte den Topf betrübt in einen
-Winkel des Herdes und schlich davon. Ich war viel zu lange
-ausgewesen; da war zum Glück der Vetter Jok von der Thalweide
-heimgekommen, und der hatte ein Brennglas, das er
-in der Sonne über einen Zunder hielt, bis derselbe glimmte.
-Und jetzt war mir die verlästerte Sonne doch noch zuvorgekommen
-mit dem Suppenfeuer. Ich war sehr beschämt und
-vermag es heute noch nicht, der Wohlthäterin offen in das
-Angesicht zu blicken.</p>
-
-<p>Ich schlich auf den Hausanger. Dort sah ich den
-Vetter kauern in seinem langen, grauen, rotverblümten Pelz
-und mit seinem weißen Haupt. Und als ich näher kam, da
-sah ich, warum er hier so kauerte. Das schneeweiße Zicklein
-lag vor ihm und streckte seinen Kopf und seine Füße von
-sich, und der Vetter Jok zog ihm die Haut ab.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_57">[57]</a></span></p>
-
-<p>Sogleich hub ich laut zu weinen an. Der Vetter erhob
-sich, nahm mich bei der Hand und sagte:</p>
-
-<p>»Da liegt es und schaut Dich an!«</p>
-
-<p>Und das Zicklein starrte mir mit seinen verglasten
-Augen wirklich schnurgerade in das Gesicht. Und doch war
-es tot.</p>
-
-<p>»Peterle!« lispelte der Vetter ernsthaft, »die Mutter hat
-der Knierutscherin einen Brotlaib geschickt.«</p>
-
-<p>»Ja,« schluchzte ich, »und der ist mir davongegangen,
-hinab über die Lehnten.«</p>
-
-<p>»Weil Du's eingestehst, Bübel,« sagte der Vetter Jok,
-»so will ich die Sach' schon machen, daß Dir nichts geschieht.
-Ich hab' zu der Mutter gesagt, ein Stein oder so was wär'
-herabgefahren und hätt' das Zicklein erschlagen. Hab' mir's
-im Geheim gleich gedacht, das Peterle steckt dahinter. Dein
-Brotlaib ist schier in den Lüften dahergekommen nieder über
-den hohen Rain, an mir vorbei, dem Zicklein zu, hat es
-just am Kopf getroffen &ndash; ist das Dingelchen hingetorkelt
-und gleich maustot gewesen. &ndash; Aber &ndash; fürcht' Dich nicht,
-es bleibt beim Stein. Mit der Knierutscherin werd' ich's
-auch abmachen, und jetzt sei still, Bübel, und zerr' mir das
-Gesicht nicht so garstig auseinander. Auf die Nacht essen wir
-das Tierlein, und die Mutter kocht uns eine Krennsuppe
-dazu.«</p>
-
-<p>&ndash;&nbsp;So ist das Zicklein gestorben. Meine Geschwister
-erzählten mir, ein böser, böser Stein habe es erschlagen.</p>
-
-<p>Die Mutter hatte mir zu Liebe meine Kohlen zum
-Herdfeuer geschüttet, und bei diesem Feuer wurde das Zicklein
-gebraten.</p>
-
-<p>Dem Vetter Jok war es vermeint gewesen; nun sollte
-er davon den Braten haben. Aber er rief uns Alle zu Tisch<span class="pagenum"><a id="Page_58">[58]</a></span>
-und legte uns die besten Bissen vor. Mir hat der meine
-nicht gemundet.</p>
-
-<p>Am anderen Morgen bewaffnete sich das Jakoberle
-mit einem Knittel, ging damit dem Vetter nach auf die
-Thalweide und wollte den Stein sehen, der das Zicklein
-erschlug.</p>
-
-<p>»Kind,« sagte der Vetter Jok und kaute angelegentlich
-am Pfeifchen, »der ist weiter gekugelt, über den rinnt das
-Wasser, der liegt in der Schlucht.«</p>
-
-<p>Der gute, alte Mann! Mir auf dem Herzen lag der
-Stein, »der das Zicklein erschlagen«.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-066.png" alt="Dekoration" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_59">[59]</a></span></p>
-
-<h2 id="Dreihundert_vierundsechzig_und_eine_Nacht"><img src="images/illu-067.png" alt="Dekoration" /><br />
-Dreihundert vierundsechzig und eine Nacht.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div>
-<p class="drop">Das Zicklein war dahin.</p>
-
-<p>Aber mein Vater hatte noch vier große Ziegen
-im Stalle stehen, so wie er vier Kinder hatte, welche
-zu den ersteren stets in enger Beziehung standen. Jede der
-Ziegen hatte ihren kleinen Futterbarren, aus dem sie Heu
-oder Klee fraß, während wir sie molken. Keine einzige gab
-die Milch am leeren Barren. Die Ziegen hießen Zitzerl,
-Zutzerl, Zeitzerl und Heitzerl und waren, eben auch einer
-schönen Schenkung zu Folge, das Eigentum von uns Kindern.
-Das Zitzerl und das Zutzerl gehörten meinen zwei Schwesterchen;
-das Zeitzerl meinem achtjährigen Bruder Jakoberle,
-das Heitzerl war mein!</p>
-
-<p>Jedes von uns pflegte und hütete sein ihm zugeteiltes
-Gespons in Treue; die Milch aber thaten wir zusammen in
-einen Topf, die Mutter kochte sie, der Vater schenkte uns
-dazu die Brotschnitten &ndash; und Gott der Herr hat uns den
-Löffel Suppe besegnet.</p>
-
-<p>Und wenn wir so mit den breiten Holzlöffeln, die unser
-Oheim geschnitzt hatte, und die ihrer Ausdehnung wegen
-für's Erste kaum in den Mund hinein, für's Zweite kaum<span class="pagenum"><a id="Page_60">[60]</a></span>
-aus demselben herauszubringen waren, unser Nachtmahl ausgeschaufelt
-hatten, so nahmen wir jedes unseren Roßhaarkotzen
-und legten uns, eins wie's andere, in den Futterbarren
-der Ziegen. Das waren eine Zeitlang unsere Betten, und
-die lieben Tiere befächelten uns mit ihren weichen Bärten
-die Wangen und beleckten uns die Näschen.</p>
-
-<p>Aber, wie wir Kindlein auch in der Krippe lagen, so
-kam das Einschlafen auch nicht just immer nach dem ersten
-Lecken. Ich hatte von unserer Ahne eine Menge wundersamer
-Geschichten und Märchen im Kopfe. Die erzählte ich nun in
-solchen Abendstunden, und meine Geschwister waren darüber
-glückselig, und die Ziegen hörten auch nicht ungern zu; nur
-daß diese dann und wann, wenn ihnen das Ding gar zu
-unglaublich vorkam, so ein wenig vor sich hinmeckerten oder
-mit den Hörnern ungeduldig an den Barren pufften. Einmal,
-als ich von der Habergais erzählte, die, wenn sie um
-Mitternacht auf dem Felde schreit, den Haber (Hafer) schwarz
-macht, und die nichts frißt als die grauen Bärte alter Kohlenbrenner,
-da begann mein Heitzerl dermaßen zu meckern, daß
-die anderen drei auch mit einstimmten, bis meine Geschwister
-schließlich in ein fürchterliches Gelächter ausbrachen und ich
-wie ein überwiesener Aufschneider erbärmlich schweigen mußte.</p>
-
-<p>Von derselben Zeit an erzählte ich meinen Schlafgenossen
-lange keine Geschichten, und ich nahm mir vor, mit dem
-Heitzerl mein Lebtag kein Wort mehr zu reden.</p>
-
-<p>Da kam der Sonnwendtag. An diesem Tage kochte uns
-die Mutter den üblichen Eierkuchen, mein liebstes Essen auf
-der Welt. In diesem Jahre aber hatte uns der Geier die
-beste Leghenne geholt, so wollte sich das Eierkörblein nicht
-mehr füllen, und als am Sonnwendtag der Kuchen kam, war<span class="pagenum"><a id="Page_61">[61]</a></span>
-er ein gar kleinwinzig Laibchen. Wehmütig lugte ich hin
-auf den Holzteller.</p>
-
-<p>Mein fünfjährig Schwesterchen guckte mich an, und wie
-wenn es meine Sehnsucht wahrgenommen hätte, rief es
-plötzlich: »Du, Peterl, Du! wenn Du uns ein ganzes Jahr
-in jeder Nacht eine Geschichte erzählen magst, so schenk' ich
-Dir meinen Teil von dem Kuchen!«</p>
-
-<p>Dieser hochherzigen Entäußerung der Kleinen stimmten
-seltsamerweise auch die anderen bei, und sie patschten in die
-Händchen, und &ndash; ich ging die Bedingung ein. So stand
-ich denn plötzlich am Ziele meiner Wünsche.</p>
-
-<p>Ich nahm meinen Kuchen unter die Jacke hinein und
-ging damit in die Milchkammer, wo mich niemand sehen
-und stören konnte. Dort verriegelte ich die Thür, setzte mich
-auf einen umgestülpten Zuber und ließ meine zehn Finger
-und das wohlgeordnete Heer meiner Zähne über den armen
-Kuchen los.</p>
-
-<p>Aber nun kamen die Sorgen; daß meine Geschwister
-strenge auf ihrer Forderung bestehen würden, daran konnte
-kein Zweifel obwalten. Ich ging auf meinen Hirtenzügen
-jeden Pecher, Kohlenbrenner, Halter und jedes wohlerfahrne
-Weiblein, wie ich's im Wald und auf der Heide traf, um
-eine Geschichte an. Es waren ergiebige Quellen, und ich
-war jeden Abend in der Lage, meiner Schuldigkeit nachzukommen.
-Mitunter allerdings war's ein Elend, bis ich
-was Neues auftrieb, und nach einer Zeit geschah es nicht
-selten, daß das Schwesterlein mich unterbrechend von seinem
-Barren herüber rief: »Du! die wissen wir, die hast uns
-schon erzählt!«</p>
-
-<p>Ich sah wohl, daß ich auf neue Wege sinnen mußte,
-und war daher bemüht, das Lesen besser zu lernen, um aus<span class="pagenum"><a id="Page_62">[62]</a></span>
-manchen Geschichtenbüchern, wie sie in den Waldhütten nutzlos
-auf den rußigen Wandstellen herumlagen, Schätze zu ziehen.
-Nun hatte ich neue Quellen: die Geschichte von der Pfalzgräfin
-(das Jakoberle sagte immer Schmalzgräfin) Genovefa;
-die vier Heimonskinder; die schöne Melusina; Wendelin von
-Höllenstein &ndash; ganz wunderbare Dinge zu Dutzenden. Da
-sagte mein Bruder wohl oft aus seiner Krippe heraus: »Mein
-Kuchen reut mich gar nicht! das ist wohl so viel unmöglich
-schön. Gelt, Zeitzerl?«</p>
-
-<p>Nun wurden die Abende zu kurz, und ich mußte eine
-solche Geschichte in Fortsetzungen geben, womit aber klein
-Schwesterchen schier nicht einverstanden sein wollte, denn es
-behauptete, in jeder Nacht eine <em class="gesperrt">ganze</em> Geschichte! so sei es
-ausgemacht.</p>
-
-<p>So verging das Jahr. Ich erwarb mir nach und nach
-eine gewisse Fertigkeit im Erzählen und that es sogar hochdeutsch,
-wie es in den Büchern stand! Oft geschah es auch,
-daß sich während des Erzählens meine Zuhörer tief in die
-Kotzen vergruben und vor Schauer über die Räuber- und
-Geistergeschichten zu stöhnen anhuben; aber aufhören durfte
-ich doch nicht.</p>
-
-<p>Es war schon wieder der Sonnwendtag nahe und mit
-ihm die Lösung meines Vertrages. Doch &ndash; ein eigen Geschick!
-&ndash; noch vor dem letzten Abend ging mir gänzlich der
-Faden aus. Alle meine Erinnerungen, alle Bücher, deren ich
-habhaft werden konnte, alle Männlein und Weiblein, denen
-ich begegnete, waren erschöpft &ndash; Alles ausgepumpt &ndash; Alles
-hoffnungslose Dürre. Bat ich meine Geschwister: »Morgen
-ist der letzte Abend &ndash; schenkt ihn mir!« War ein Geschrei:
-»Nein, nein, nichts schenken! Du hast Deinen Sonnwendkuchen
-kriegt!« Gar die Ziegen meckerten mit.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_63">[63]</a></span></p>
-
-<p>Am nächsten Tage ging ich herum, wie ein verlorenes
-Schaf. Da kam mir plötzlich der Gedanke: Betrüge sie!
-<em class="gesperrt">dichte</em> was zusammen! Aber allsogleich schrie das Gewissen
-drein: Was du erzählst, das muß wahrhaftig sein! du hast
-den Kuchen wahrhaftig bekommen!</p>
-
-<p>Doch geschah im Laufe dieses Tages ein Ereignis, von
-dem ich hoffte, daß es im Drange der Aufregung mich meiner
-Pflicht entbinden würde.</p>
-
-<p>Mein Bruder Jakoberle verlor sein Zeitzerl. Er ging
-in Kreuz und Krumm über die Heide, er ging in den Wald
-und suchte weinend und rufend die Ziege. Aber endlich spät
-am Abend brachte er sie heim. Ruhig aßen wir unsere Suppe,
-gingen in unsere Krippen, und von mir wurde die Geschichte
-verlangt.</p>
-
-<p>Es war still. Die Zuhörer harrten in Erwartung. Die
-Ziegen scharrten im Wiederkäuen mit den Zähnen.</p>
-
-<p>Nun denn, so sollen sie die Geschichte haben.</p>
-
-<p>Ich sann &ndash;&nbsp;&ndash; ich begann:</p>
-
-<p>»Es war einmal ein großer, großer Wald gewesen.
-Und in dem Wald war es allweg finster gewesen. Keine
-Vöglein haben gesungen: nur der Totenvogel hat geschrien.
-Wenn aber doch die andern Vögel auch gesungen, da haben
-auf den Bäumen alle Äste und alle Blätter vieltausend
-Thränen geweint. Mitten in diesem Wald ist eine Heide,
-wie der Totenacker so still, und wer über dieselbe hingeht
-und nicht umkehrt, der kommt nicht mehr zurück. Über diese
-Heide sind einmal zwei blutige Knie gegangen.«</p>
-
-<p>»Jesses Ma&ndash;!« rief mein älteres Schwesterlein aus,
-und alle Drei krochen unter die Kotzen.</p>
-
-<p>»Ja, zwei blutige Knie,« fuhr ich fort, »und die sind
-über die Heide dahin geschwebt gegen den finsteren Wald,<span class="pagenum"><a id="Page_64">[64]</a></span>
-wie eine verlorne Seele. Aber auf einmal sind die zwei
-blutigen Knie&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ich schenk' Dir mein blaues Hosenband, wenn Du
-still bist!« wimmerte mein Bruder angstvoll und verbarg
-sich noch tiefer in die Decke.</p>
-
-<p>»&ndash;&nbsp;sind die zwei blutigen Knie stillgestanden,« fuhr
-ich fort, »und auf dem Boden ist ein Stein gelegen, so weiß,
-wie ein Leichentuch. Dann sind zwei funkelnde Lichtlein
-gewesen zwischen den Bäumen, und darauf sind vier andere
-blutige Knie dahergeschwebt.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Mein neues Paar Schuh' schenk' ich Dir, wenn Du
-aufhörst!« hauchte das Jakoberle in seinem Trog und zog
-aus lauter Furcht das Zeitzerl am Barte zu sich.</p>
-
-<p>»Und so sind alle sechs zusammengegangen durch den
-finsteren Wald und heraus auf die Heide und über das
-Haferfeld herab zu unserem Hause &ndash; und herein in den
-Stall&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Jetzt kreischten alle Drei auf, und sie wimmerten und
-wußten ihrer Angst kein Ende, und klein Schwesterlein versprach
-mir mit Zagen seinen Teil von dem auch heuer wieder
-zu erwartenden, morgigen Sonnwendkuchen, wenn ich aufhöre.
-Ich aber fuhr fort:</p>
-
-<p>»Jetzt &ndash; na, jetzt hab' ich zum Anfang zu sagen vergessen,
-daß die zwei ersten blutigen Knie unserem Jakoberle
-und die vier letzteren seinem Zeitzerl gehört haben &ndash; wie
-sie heut' im Wald herumgegangen sind.«</p>
-
-<p>Brach auf einmal das Gelächter los. »Jeder Mensch
-hat zwei blutige Knie!« rief Schwesterlein, und die Ziegen
-meckerten, daß es ein Jubel war.</p>
-
-<p>Ich hatte meine Rolle ausgespielt. Dreihundert vierundsechzig
-Nächte lang hatte ich geglänzt als weiser, wahrhaftiger<span class="pagenum"><a id="Page_65">[65]</a></span>
-Geschichtenmann; die dreihundert fünfundsechzigste hatte mich
-entlarvt als argen Schwätzer.</p>
-
-<p>Das Versprechen in betreff des zweiten Sonnwendkuchens
-wurde rückgängig gemacht; Schwesterlein erklärte,
-die Zusage sei nichts als Notwehr gewesen.</p>
-
-<p>Und die Gläubigkeit meines Publikums hatte ich mir
-verdorben ganz und gar, und wenn es in Zukunft an irgend
-einem Erzählten seinen Zweifel ausdrücken wollte, so rief es
-einstimmig: »Aha, das ist wieder ein blutiges Knie!«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-073.png" alt="Dekoration" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_66">[66]</a></span></p>
-
-<h2 id="Als_ich_Bettelbub_gewesen"><img src="images/illu-074.png" alt="Dekoration" /><br />
-Als ich Bettelbub gewesen.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div>
-<p class="drop">Die schmale Straße, die durch den Wald ging, hatte
-weißen Sand und dunkles Moos, war zur sonnigen
-Zeit nicht staubig und in Regentagen nicht lehmig.
-Sie zog nicht in der Schlucht, sie zog auf der sanften Bergeshöhe
-hin, wo das kurze, grüne Heidekraut und in dünner
-Anzahl die alten, verknöcherten Fichtenbäumchen standen.
-Stellenweise ging der Weg über eitel grünen Rasen, und
-kein Wagengeleise war gedrückt; behendige Ameisenvölker
-trieben auf dieser Straße ihren Handel und Wandel.</p>
-
-<p>Und doch erstreckte sich der Weg aus Weitem her und
-war von Menschen getreten. Hie und da stand etwas wie
-ein Wegzeiger, eine hölzerne, wettergraue Hand wies geradeaus
-oder seitab und sagte nicht, wohin. An anderen Stellen
-wieder, wo ein alter, flechtenbewachsener Baumstamm hart
-am Wege ragte, prangte daran ein rotangestrichenes Holzkästchen
-mit einem Liebfrauenbildnis oder mit einem »Martertaferl,«
-erzählend von einem Unglücksfalle, der sich an der
-Stelle zugetragen, bittend um ein christlich Gebetlein. Oder
-es starrte aus dem Sand- und braunen Moosboden ein
-Kruzifix auf.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_67">[67]</a></span></p>
-
-<p>Ich habe in der weiten Welt keinen Weg mehr gefunden,
-der mir so grauenhaft heilig erschienen wäre, als diese Straße,
-die durch unseren Wald strich und von der wir nicht wußten,
-woher sie kam und wohin sie ging. Denn doch! Erfahrene
-Leute sagten es ja, sie kam aus dem fernen Ungarlande und
-führte nach Mariazell. 's ist ein ewiges Wandern von Sonnenaufgang
-her. Auch die wilden Türken vor drei- oder mehr
-hundert Jahren sollen diesen stillen Weg herangewütet haben;
-auch kleine Zigeunerbanden trippelten zuweilen auf demselben
-daher, und dann einmal ein Handwerksbursche oder ein Bettelmann
-oder ein Schwärzer kam des Weges und verneigte sich
-vor den Bildnissen und küßte sich vom Kruzifix etliche hundert
-Tage Ablaß herab.</p>
-
-<p>Im Ganzen jedoch war der Weg unsagbar einsam, und
-die wenigen Häuser standen fernab im Thale oder auf entlegenen
-Hügeln.</p>
-
-<p>Doch war es alle Jahre einmal, zur Zeit der Bittage,
-in jener Maienwoche, in welcher unsere Religion das Fest
-der Himmelfahrt des Herrn feiert, daß auf diesem Waldwege
-eine förmliche Völkerwanderung ausbrach. Fremdartige
-Menschen in fremden Kleidern mit seltsamer Geberde und
-Sprache wallten scharenweise heran. Sie hatten braune Gesichter,
-knochige Glieder und struppige Haare. Sie hatten
-scharfe, glühende Augen, weiße Zähne, lange, tiefgebogene
-oder kühn aufgeworfene Nasen und fremdartige Züge um die
-Mundwinkel. Die Männer trugen weiße, flatternde, unten
-befranste Linnenhosen, die so weit waren, daß sie aussahen
-wie Kittel, und dunkelblaue Übermäntel mit breit zurückgeschlagenen
-Krägen und kleine Filzhütchen mit schmalen, aufgeringelten
-Krempen. Auch hatten sie blaue Westen an, besetzt
-mit einer Reihe von großen Silberknöpfen. Andere trugen<span class="pagenum"><a id="Page_68">[68]</a></span>
-wieder so enge weiße Beinkleider, als wären sie über und
-über an die Glieder gewachsen, und anstatt mit Stiefeln
-hatten sie die Waden und den Fuß in Kreuz und Krumm
-mit Binden umgeben. Auch hatten dieselben Männer schwere
-Übermäntel aus weißem Filze an ihren Achseln hängen, und
-diese Mäntel, sowie auch die Beinkleider waren ausgeziert
-mit roten oder blauen Rändern, und allerlei Geschnüre
-schnörkelte sich um die Wämmser.</p>
-
-<p>Die Weiber trugen blauschwarze oder weiße Kittelchen, die
-kaum ein bißchen über's Knie hinabgingen und bei jedem
-Schritt keck hin- und herschlugen. Bei anderen wieder waren
-die Kittel so eng und die schwarzen faltenlosen Schürzen so
-breit, daß bei jedem Schritte die Rundungen der Gestalt
-hervortraten. Ferner trugen sie hohe und schwere Stiefel,
-daß unter denselben der Sand knarrte, oder sie gingen gar
-barfuß und hatten Staubkrusten an den Zehen. Weiters
-staken die Weiber in kurzen schwarzen Spenserchen, oder sie
-hatten gar nur ein weites Hemd über Arm und Busen flattern.
-Die Köpfe hatten sie turbanartig mit einem Tuche umschlungen,
-unter dem die schwarzen Lockensträhne hervorquollen.</p>
-
-<p>So wogten sie lärmend und heulend heran, und jede
-Gestalt hatte ein weißes Bündel auf den Rücken gebunden
-und trug in der Hand einen weißen, glattgeschälten Stock.
-Diese Stöcke waren meist frisch in unseren Wäldern geschnitten,
-es waren Lärchenstäbe; auch an den Hüten trugen
-die Männer frischgeschnittene Lärchenzweige und Lärchenkränze;
-dieser herrliche Baum mit seinem weichen Genadel, wie er
-mit dem vielgestaltigen Hochrelief der Rinde seines Schaftes
-in der Form einer hellgrünen Pyramide unsere Alpenwälder
-schmückt, ist in jenen fernen, flachen Gegenden, aus denen
-die Scharen kamen, nimmer zu finden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_69">[69]</a></span></p>
-
-<p>Die fremden Gestalten, welche in kleineren Rotten und
-großen Haufen einen ganzen Nachmittag lang heranströmten,
-kamen aus dem Ungarlande und waren Magyaren und
-Slovaken. Es waren die Volksmassen, die alljährlich einmal
-aus ihren Heimatsgemeinden davonwandern, um den weiten
-Weg von sechs bis acht Tagen bis zu dem weltberühmten
-Wallfahrtsorte Mariazell zu wallen. Ungarische Herren und
-slavische Fürsten hatten einst viel zum Ruhme und zur Verherrlichung
-der Gnadenstätte zu Zell gethan, und so wogt
-heute noch der Strom jener Völker dem berufenen Alpenthale
-zu und macht einen Hauptteil der gesamten Wallfahrer
-aus, die alljährlich in Zell erscheinen.</p>
-
-<p>Es waren also fromme Wallfahrerscharen, die betend
-und singend unseren stillen Wald durchzogen. Jedes Häuflein
-trug eine lange rote Stange mit sich, auf welcher ein Kreuz
-mit bunten Bändern oder ein wallendes Fähnlein war. Vor
-jedem Kruzifix oder anderen Bildnissen, wie sie am Wege
-standen, verneigten sie tief diese Stange; und wenn sie zu
-jener Höhung herangestiegen waren, auf welcher dem Wanderer
-das erstemal die zackige Hochkette des Schwaben und der
-gewaltige Felskoloß der hohen Veitsch sichtbar wird, standen
-sie still und senkten dreimal fast bis zur Erde ihren Fahnenstab.
-Begrüßten die Menschen aus dem Flachland die wilderhabene
-Alpennatur? Nein. In der Felsenkrone jener hohen
-Berge lag ihr heiliges Ziel, und das begrüßten sie mit Herz
-und Geberden.</p>
-
-<p>An diesem Punkte waren sie nur noch eine Tagreise
-entfernt von Zell; manche empfanden in solchem Gedanken
-zum Wandern neue Kraft, anderen sank der Mut im Anblicke
-der blauenden Alpenwände, die zu übersteigen waren.
-Bisweilen schleppten die Fremdlinge einen Genossen mit sich,<span class="pagenum"><a id="Page_70">[70]</a></span>
-der unterwegs erkrankt war. Einmal trugen sie auf frischer
-Lärchbaumtrage die Leiche eines auf der Straße verstorbenen
-Wandergenossen, um sie im nächsten Friedhofe zu
-bestatten.</p>
-
-<p>So hallten am ersten Tage der Bittwoche die grellstimmigen
-Gebete der Ungarn und die melancholischen Lieder
-der Slaven durch unsere Gegend. Die Leute traten aus den
-Häusern und horchten den seltsamen Stimmen; wir Kinder
-aber pflegten eine andere Sitte. Wir zogen unsere zerfahrensten
-Kleidchen an, und mit fliegenden Lumpen hüpften wir
-der Straße zu. Dort knieten wir nieder auf den Sand,
-aber so, daß wir auf unsere eigenen Fersen zu hocken kamen,
-und wenn eine der Kreuzscharen nahte, so rissen wir die
-Hauben vom Kopf, stellten dieselben als Gefäß vor uns hin
-und schlugen zuerst mit zagender, bald mit kecker Stimme
-zahlreiche Vaterunser los.</p>
-
-<p>Die Früchte blieben nicht aus. Männer schossen Kreuzer
-in unsere Hauben, Weiber warfen uns Brot und Kuchen zu,
-welche, wie die Spuren ihrer Zähne daran bewiesen, sie
-ihrem eigenen Munde entzogen hatten. Andere hielten gar
-an und öffneten ihre Bündel und kramten drin herum
-und reichten uns Backwerk, und manch' alt' Mütterlein,
-das unsertweg auf ein paar Minuten zurückgeblieben war,
-konnte die Schar wohl oft stundenlang nicht mehr erreichen.</p>
-
-<p>Manchmal stellten die Fremden Worte an uns, die wir
-nur mit glotzenden Augen zu beantworten wußten. Je seltsamer
-ihr Wesen und ihre Sprache war, desto feiner und
-liebreicher zeigte sich die Gabe; vielleicht dachten die Geber
-an ihre Angehörigen in ferner Heimat, denen die Liebe galt,
-die uns fremden Kindern erwiesen wurde. Je brauner die<span class="pagenum"><a id="Page_71">[71]</a></span>
-Gesichter, desto weißer war das Brot &ndash; wir hatten die Erfahrung
-bald gemacht.</p>
-
-<p>Bisweilen wurden wir auch in deutscher Sprache angeredet:
-wie wir hießen, wem wir zugehörten, wie viel unser
-Vater Ochsen hätte und ob wir auch Kornfelder besäßen.
-Des Grabenbergers Natzelein war unter uns, das gab stets
-die Antwort und log fürchterlich dabei: Wir gehörten armen
-Holzhauerleuten an, der Vater wäre vom Baum gefallen, und
-die Mutter läge krank schon seit Jahr und Tag; Ochsen
-hätten wir nicht, aber zwei Ziegen hätten wir gehabt, und
-die hätte der Wolf gefressen. Mit einem Kornacker wär's
-schon gar nichts, aber Pilze äßen wir, und die wären heuer
-noch nicht gewachsen. &ndash; Ich bohrte vor heimlicher Wut
-über derlei unwahre Darstellungen die Zehen hinter mir in
-die Erde hinein. Ja, das Natzelein verfing sich derart in das
-Lügen, daß es schließlich selbst unsere ehrenhaften Taufnamen
-falsch angab.</p>
-
-<p>Die guten Ungarn schlugen hell die Hände zusammen
-über so arme Würmer, dann blickten sie in die Waldgegend
-hinaus und meinten, es wäre leicht zu glauben, es wäre
-eine elende Gegend; gar der Schnee lag noch hie und da
-in den Gruben, zu einer Zeit, da auf den weiten Ebenen
-draußen längst das Korn in Ähren stand. Sie griffen dann
-tief in den Sack.</p>
-
-<p>Das Natzelein war mir seiner Aufschneidereien wegen
-eigentlich recht verleidet, aber ich getraute mich vor den
-Fremden kein Wort zu sagen; und wenn sie mich zuweilen
-doch dahin brachten, daß ich den Mund aufmachte, so ward
-das Wort so ängstlich und leise herausgemurmelt, daß sie
-mich nicht verstanden. Die anderen, besonders das Natzelein,
-kriegten daher immer mehr in ihre Hauben als ich; nur<span class="pagenum"><a id="Page_72">[72]</a></span>
-dann und wann ein mildherziges Weiblein legte mir, dem
-»Hascherl«, was bei.</p>
-
-<p>Einmal &ndash; ich und des Grabenbergers Natzelein waren
-allein &ndash; gerade vor dem Herannahen einer größeren Schar,
-nahm ich eine Stellung ein, die vorteilhafter war, als der
-Platz, auf welchem das Natzelein hockte. Das Natzelein war
-darüber erbost, und als die Gaben wirklich in größerer
-Menge mir zuflogen, rief er aus: »Der da ist eh reich, sein
-Vater hat vier Ochsen und einen großen Grund! Vater
-unser, der Du bist, u. s. w.«</p>
-
-<p>Auf der Stelle wendete sich das Glück, und alles Brot
-und Geld wäre in den Hut des Natzelein geflogen, da erhob
-ein Mann, der mitten unter den Wallfahrern stand, das
-Wort: »Schaut einmal den neidischen Schlingel an! Ihr
-seid beide nicht so arm, als daß Ihr ohne unser Brot verhungern
-müßtet, und auch nicht so reich, als daß wir Euch
-die kleinen Gaben versagen wollten. Ihr seid Waldbauern-Kinder,
-aber ich gebe meinen Sechser diesmal dem da, dessen
-Vater vier Ochsen hat!«</p>
-
-<p>Mein Lebtag vergeß' ich's nimmer, wie jetzt die Batzen
-in mein Häublein klangen &ndash; hell zu Dutzenden, und ich
-konnte nachgerade nicht schnell genug die »Vergeltsgott«
-sagen, daß auf jeden eins kam. Und da dieser wundersame
-Hagel, wie ich ihn noch nie gesehen hatte, gar nicht wollte
-aufhören, konnte ich die Lust in meinem Herzen nimmer
-verhalten, in ein helles Wiehern und Lachen brach ich aus;
-das Natzelein aber schleuderte seine fast leer gebliebene Haube
-mitten in die Straße und schoß wütend in den Wald hinein.</p>
-
-<p>Mit Gelächter zog die Kreuzschar ab. Und ich hub an,
-meine Schätze zu zählen; in der Kappe und um dieselbe,
-im Sand und auf dem Moos und im Heidekraut lagen<span class="pagenum"><a id="Page_73">[73]</a></span>
-die Kreuzer und Groschen und Sechser zerstreut. Und als
-ich sie alle versammelt hatte, wollte ich wohl verzichten auf
-alle weiteren Wallfahrertruppen, die heute noch kommen
-konnten, wollte schnurstracks heim zu meinen Eltern laufen,
-um ihnen das unermeßliche Glück zu verkünden. Da bin ich
-plötzlich angepackt von rückwärts, zu Boden geworfen, und
-auf meiner Brust reitet das Natzelein. Mit seinen strammen
-Händen preßt er meine Arme tief in das Heidekraut hinein,
-und so grinst er mir in's Gesicht.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Stärker</em> bin ich nicht, wie er, dachte ich bei mir,
-wenn ich auch <em class="gesperrt">gescheiter</em> nicht bin, so ist's um mich gefehlt.</p>
-
-<p>»Du!« murmelte das Bürschlein zwischen den Zähnen
-hervor, »gieb mir die Hälfte vom Geld!«</p>
-
-<p>»Nein,« sage ich trocken.</p>
-
-<p>»So nehm' ich mir's selber.«</p>
-
-<p>»Dann spring' ich auf.«</p>
-
-<p>»Aber ich laß' Dich nicht los!«</p>
-
-<p>»Dann kannst Du das Geld nicht nehmen.«</p>
-
-<p>»Ich setz' Dir meine Knie auf die Gurgel!«</p>
-
-<p>»Ich laß' mich umbringen.«</p>
-
-<p>Zum Glück hallte jetzt der Gesang einer neuen Kreuzschar.
-Wir beide sprangen auf, stürzten zur Straße hin und
-lallten unser Gebet.</p>
-
-<p>Das von den vielen Abenteuern an der Straße nur als
-einzig Stücklein.</p>
-
-<p>Und wenn das Tagwerk vorbei, so versammelten wir
-Kinder uns auf der Au, wo die Schafe noch grasten, und
-tauschten unsere Gaben um, wie sie jedem eben entsprachen.
-Geld war stets der gesuchteste Artikel; nur die Kinder armer
-Kleinhäusler und Köhlersleute gaben feine Leckerbissen und<span class="pagenum"><a id="Page_74">[74]</a></span>
-Kreuzerchen für ein schwarzes Stück Brot, wenn es nur
-groß war.</p>
-
-<p>Am fünften Tage kehrten die Scharen stets auf demselben
-Wege wieder zurück. Und jeder von den Wallfahrern
-hatte an seiner Brust einen oder mehrere Rosenkränze hängen
-oder Amulette, Frauenbildchen und funkelnde Kreuzlein und
-Herzen. Die Mädchen trugen rote und grüne Krönlein von
-Wachs auf ihrem Haupte. Die Bündel auf den Rücken
-hatten sich sehr bedeutend verkleinert, und die Brote, die wir
-bekamen, waren hart, und Geldstücke sprangen spärlich hervor
-aus den Taschen.</p>
-
-<p>Doch lohnte es sich des Hockens immer noch, und die
-Erwartung der Gabe war mindestens so anziehend, als die
-Gabe selbst.</p>
-
-<p>Einmal, ich war schon an die zehn Jahre alt geworden,
-kniete ich ganz allein am Stamme eines Kruzifixes, und
-recht zungenfertig im Vaterunserhersagen, wie ich endlich geworden
-war, kehrte ich alle Vorteile des Absammlers heraus
-und hoffte reichlichen Gewinn. Da kam eine Kreuzschar;
-ein paar Brötchen wurden mir zugeworfen, und sie war
-vorüber. Nur ein schon betagter, gutmütig aussehender
-Mann war zurückgeblieben, schritt ganz nahe an mich heran,
-neigte ein wenig sein Haupt zu mir nieder und sagte:
-»Bettelbub'!« Dann ging er den anderen nach.</p>
-
-<p>Mir war das halbe Vaterunser im Mund stecken geblieben.
-Ich glotzte eine Weile um mich, dann stand ich
-langsam auf und schlich von dannen.</p>
-
-<p>Das war mein letztes Hocken gewesen an unserer Waldstraße.</p>
-
-<p>&ndash;&nbsp;Bettelbub'! &ndash; Das Wort hat mich aufgeweckt. Ein
-junger, gesunder Bursche, der stolz ist, daß sein Vater Haus<span class="pagenum"><a id="Page_75">[75]</a></span>
-und Hof besitzt, ein sonst gar etwas hoffärtiger Bursche, der
-mit seinem neuen grünen Hut Sonntags schon etlichemale
-gleich den Knechten in's Wirtshaus gegangen ist, der es demnächst
-mit dem Tabakrauchen probieren wird und der nicht
-allzuselten in's Fensterglas guckt, wie es mit dem Bart steht
-&ndash; ein solcher Bursche betteln!</p>
-
-<p>Auch das Natzelein thut's nimmer. Das Natzelein ist
-ein reicher Bauer geworden, und er giebt, wenn man ihm
-glauben darf, jeden Tag erklecklich Almosen an wahrhaft
-dürftige Bettelleute.</p>
-
-<p>Und die Magyaren und die Slovaken kommen noch
-heute jenen einsamen Waldweg gezogen, immer an Kinder,
-die am Wege kauern, Gaben spendend, in ihrem Beten und
-Flehen <em class="gesperrt">selbst</em> Bettelleute vor der Gnadenmutter zu Zell.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-083.png" alt="Dekoration" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_76">[76]</a></span></p>
-
-<h2 id="Als_ich_zur_Drachenbinderin_ritt"><img src="images/illu-084.png" alt="Dekoration" /><br />
-Als ich zur Drachenbinderin ritt.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-w.png" alt="" /></div>
-<p class="drop">Wenn mein Vater am Sonnabend beim Rasieren saß,
-da mußte ich unter den Tisch <span id="corr076">kriechen</span>, weil es über
-dem Tisch gefährlich war.</p>
-
-<p>Wenn mein Vater beim Rasieren saß, wenn er seine
-Backen und Lippen dick und schneeweiß eingeseift hatte, daß
-er aussah wie der Stallbub, welcher der Kuhmagd über den
-Milchrahm gekommen; wenn er dann das glasglänzende
-Messer schliff an seinem braunledernen Hosenträger und
-hierauf langsam damit gegen die Backen fuhr, da hub er an,
-den Mund und die Wangen und die Nase und das ganze
-Antlitz derart zu verzerren, daß seine lieben, guten Züge
-schier gar nicht mehr zu erkennen waren. Da zog er seine
-beiden Lippen tief in den Mund hinein, daß er aussah wie
-des Nachbars alter Veit, der keine Zähne mehr hatte; oder
-er dehnte den Mund nach links oder rechts in die Quere,
-wie die Köhler-Sani that, wenn sie mit den Hühnern keifte;
-oder er drückte ein Auge zu und blies eine Wange an, daß
-er war wie der Schneider Tinili, wenn ihn sein Weib gestreichelt
-hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_77">[77]</a></span></p>
-
-<p>Die spaßhaftesten Gesichter der ganzen Nachbarschaft fielen
-mir ein, wenn der Vater beim Rasieren saß. Und da kam
-mir das Lachen.</p>
-
-<p>Darauf hatte mein Vater stets liebevoll gesagt: »Gieb
-Ruh', Bübel.« Aber kaum die Worte gesprochen waren,
-wuchs wieder ein so wunderliches Gesicht, daß ich erst recht
-herausplatzte. Er guckte in den kleinen Spiegel, und schon
-meinte ich, sein schiefes Antlitz werde in ein Lächeln auseinanderfließen.
-Da rief er plötzlich: »Wenn Du keine Ruh'
-giebst, Bub, so hau' ich Dir den Seifenpinsel hinüber!«</p>
-
-<p>Kroch ich denn unter den Tisch, und das Kichern schüttelte
-mich, wie die Nässe den Pudel. Der Vater aber konnte
-sich ruhig rasieren und war nicht mehr in Gefahr, über seine
-und meine Grimassen selbst in ein unzeitiges Lachen auszubrechen.</p>
-
-<p>So auch war's einmal an einem Winterabend, daß der
-Vater beim Seifenschüsselchen saß und ich unter dem Tisch,
-als sich draußen in der Vorlauben jemand den Schnee von
-den Schuhen strampfte. Gleich darauf ging die Thür auf
-und ein großer Mann trat herein, dessen dichter roter
-Schnurrbart Eiszapfen trug, wie draußen unser Bretterdach.
-Er setzte sich gleich nieder auf eine Bank, zog eine bauchige
-Tabakspfeife aus dem Lodenmantel, faßte sie mit den Vorderzähnen,
-und während er Feuer schlug, sagte er: »Thust Dich
-balbieren, Waldbauer?«</p>
-
-<p>»Ja, ich thu' mich ein wenig balbieren,« antwortete mein
-Vater und kratzte mit dem Schermesser und schnitt ein wahrhaft
-gottverlassenes Gesicht.</p>
-
-<p>»Na, ist recht,« sagte der fremde Mann.</p>
-
-<p>Und später, als er schon von Wolken umhüllt war und
-die Eiszapfen bereits niedertröpfelten von seinem Barte, that<span class="pagenum"><a id="Page_78">[78]</a></span>
-er folgende Rede: »Ich weiß nicht, Waldbauer, wirst mich
-kennen oder nicht? Ich bin vor fünf Jahren einmal an
-Deinem Hause vorbeigegangen und hab' beim Brunnen einen
-Trunk Wasser genommen. Ich bin von der Stanz, bin der
-Drachenbinderin ihr Knecht. Ich bin da um Deinen größeren
-Buben.«</p>
-
-<p>Mir unter dem Tisch schoß es bei diesen Worten heiß
-bis in die Zehen hinaus. Mein Vater hatte nur einen einzigen
-größeren Buben, und der war ich. Ich duckte mich in
-den finstersten Winkel hinein.</p>
-
-<p>»Um meinen Buben bist da?« entgegnete mein Vater,
-»den magst wohl haben, den werden wir leicht entraten;
-halt ja, er ist gar so viel schlimm.«</p>
-
-<p>Bauersleute reden gern so herum, um ihre vorwitzigen
-Kinder zu necken und einzuschüchtern. Allein der Fremde
-sagte: »Nicht so, Bauer, gescheiter Weis'! Die Drachenbinderin
-will was aufschreiben lassen, ein Testament oder so was,
-und sie weiß weit und breit Keinen zu kriegen, der das
-Schreiben thät verstehen. Jetzt, da hat sie gehört, der Waldbauer
-im Vorderschlag hätt' so ein ausbündig Bübel, dem
-solch' Ding im kleinen Finger stecken thät; und so schickt sie
-mich her und läßt Dich bitten, Bauer, Du sollst die Freundschaft
-haben und ihr Deinen Buben auf einen Tag hinüberleihen;
-sie wollt' ihn schon wieder fleißig zurückschicken und
-ihm was geben zum Lohn.«</p>
-
-<p>Wie ich das gehört hatte, klopfte ich mit den Schuhspitzen
-schon ein wenig an den Tischschragen &ndash; das thäte
-mir gleich nicht übel gefallen.</p>
-
-<p>»Geh,« sagte mein Vater, da er auf einem Backen
-bereits glatt gekratzt war, »wie könnt' denn mein kleiner<span class="pagenum"><a id="Page_79">[79]</a></span>
-Bub' jetzt im tiefen Winter in die Stanz gehen, ist ja völlig
-vier Stunden hinüber!«</p>
-
-<p>»Freilich wohl,« versetzte der große Mann, »deswegen
-bin ich da. Er steigt mir auf den Buckel hinauf, thut die
-Füß' auseinander, legt sie mir zu beiden Seiten an den
-Rippen nach vorn, wo ich sie anfaß', und mit den Händen
-halst er mich, wie eine Liebste, daß er nicht mag rückwärts
-hinabfallen.«</p>
-
-<p>»Versteh's schon,« drauf mein Vater, »ist nicht nötig,
-daß du mir das Buckelkraxentragen so auslegst.«</p>
-
-<p>»Nu, und nachher wird's wohl gehen, Waldbauer, und
-wenn der Sonntagabend kommt, trag' ich Dir ihn wieder
-in's Haus.«</p>
-
-<p>»Je nu, dasselb' weiß ich wohl, daß Du mir ihn wieder
-redlich zurückstellst,« sagte mein Vater, »und wenn die
-Drachenbinderin was will schreiben lassen, und wenn Du der
-Drachenbinderin ihr Knecht bist, und wenn mein Bübel mit
-Dir will &ndash; meinetwegen hat's keinen Anstand.«</p>
-
-<p>Diese letzten Worte hatte er bereits mit glattem, verjüngtem
-Gesichte gesprochen.</p>
-
-<p>Eine kleine Weile nachher stak ich in meinem Sonntagsgewand;
-glückselig über die Bedeutung, die ich so plötzlich
-erlangt hatte, ging ich in der Stube auf und ab.</p>
-
-<p>»Du ewiger Jud', Du,« sagte mein Vater, »hast mehr
-kein Sitzfleisch?«</p>
-
-<p>Aber mir ließ es keine Ruhe mehr. Am liebsten hätte
-ich mich sogleich auf das breite Genick des großen Mannes
-niedergelassen und wäre davongeritten. Da kam erst die
-Mutter mit dem Sterz und sagte: »Esset ihn, ihr zwei, ehe
-Ihr fortgeht!«</p>
-
-<p>Umsonst hatte sie es nicht gesagt; ich habe unsern breitesten<span class="pagenum"><a id="Page_80">[80]</a></span>
-hölzernen Löffel nie noch so hochgeschichtet gesehen, als
-zur selbigen Stunde, da ihn der fremde große Mann von
-dem Sterztrog unter seinen Schnurrbart führte. Ich aber
-ging in der Stube auf und ab und dachte, wie ich nun der
-Drachenbinderin ihr Schreiber sein werde.</p>
-
-<p>Als hierauf die Sache insoweit geschlichtet war, daß die
-Mutter den Sterztrog über den Herd stülpen konnte, ohne
-daß auch nur ein Brosamchen herausfiel, da hüpfte ich auf
-das Genick des Mannes, hielt mich am Barte fest und ritt
-denn in Gottesnamen davon.</p>
-
-<p>Schon ging die Sonne unter; in den Thälern lagen
-bläuliche Schatten, die fernen Schneehöhen der Almen hatten
-einen mattroten Schein.</p>
-
-<p>Als mein Gaul über die kahlen Weiden aufwärts trabte,
-da trug ihn der Schnee, aber als er in die Gegend des
-jungen Lärchenwuchses und des Fichtenwaldes kam, da wurde
-die Bodenkruste trügerisch und brach ein. Jedoch darauf war
-er vorgesehen. Als wir zu einem alten, hohlen Lärchenbaum
-kamen, der sein wildes Geäste recht keck in die Luft hinaus
-reckte, hielt er an, langte mit der einen Hand in die schwarze
-Höhlung und zog ein paar aus Weiden geflochtene Fußscheiben
-hervor, die er an die Schuhsohlen band. Mit diesen
-breiten Sohlen begann er die Wanderung von neuem; es
-ging langsam, denn er mußte die Füße sehr weit auseinanderbiegen,
-daß er die Scheiben vermitteln konnte, aber mit
-solchen Entenfüßen brach er nicht mehr durch.</p>
-
-<p>Auf einmal, es war schon recht finster, und die Sterne
-leuchteten klar, hub mein Gaul an, mir die Schuhe loszulösen,
-zog sie zuletzt gar von den Füßen und that sie in seine
-aufgebundene Schürze. Dann sagte er: »Jetzt Bübel, steck'
-Deine Pfötelein da in meine Hosentaschen, daß die Zehen<span class="pagenum"><a id="Page_81">[81]</a></span>
-nicht herabfrieren.« Meine vorgereckten Hände nahm er in
-die seinen und hauchte sie mit dem warmen Atem an &ndash;
-was anstatt der Handschuhe war.</p>
-
-<p>An meinen Wangen kratzte die Kälte, der Schnee winselte
-unter den Scheiben &ndash; so ritt ich einsam fort durch den
-Wald und über die Höhen. Ich ritt über den ganzen langen
-Grat des Hochbürstling, wo ich nicht einmal zur Sommerszeit
-noch gewesen war! Ich preßte zuweilen, wenn es schon
-ganz langsam ging, meine Knie in die Weichen, und mein
-Gaul ertrug es willig und ging wie er konnte, und er wußte
-den Weg. Ich ritt an einem Pfahle vorbei, auf welchem
-Winter und Sommer der heilige Viehpatron Erhardi stand.
-Ich kannte den heiligen Erhardi von daheim; ich und er hatten
-zusammen die Aufsicht über meines Vaters Herden; er war
-immer viel angesehener als ich, ging ein Rind zu Grunde,
-so hatte ich, der Halterbub, die Schuld; gediehen die andern
-recht, so hatte er das Lob. &ndash; Es that mir wohl, daß er
-sah, wie ich es zum Rittersmann gebracht, während er die
-ewige Weil wie angenagelt auf dem Pfahle stand.</p>
-
-<p>Endlich wendete sich der Lauf, ich ritt abwärts über
-Stock und Stein einem Lichtlein zu, das unten in der
-Schlucht flimmerte. Und als so alle Bäume und Gegenden
-an mir vorübergegangen waren und ich vor mir den dunkeln
-Klumpen mit der kleinen Tafel des Lichtscheines hatte, stand
-mein guter Christof still und sagte: »Du liebes Waldbauernbübel!
-Da Du mir fremdem Menschen so unbesonnen gefolgt
-bist &ndash; wohl könnte es sein, daß ich schon jahrelang einen
-Groll hätt' gegen Deinen Vater, und daß ich Dich jetzt in eine
-Räuberhöhle führte.«</p>
-
-<p>Horchte ich einen Augenblick so hin.</p>
-
-<p>Weil er zu seinen Worten nichts mehr beisetzte, so sagte<span class="pagenum"><a id="Page_82">[82]</a></span>
-ich in demselben Tone: »Da mein Vater mich der Drachenbinderin
-ihrem Knechte so anvertraut hat, und da ich so
-unbesonnen gefolgt bin, so wird der Drachenbinderin ihr
-Knecht keinen Groll haben können und mich nicht in eine
-Räuberhöhle führen.«</p>
-
-<p>Der Mann hat nach diesen meinen Worten in seinen
-Bart gepustert. Bald darauf hub er mich auf einen Strunk
-und sagte: »Jetzt sind wir bei der Drachenbinderin ihrem
-Hause.« Er machte an dem dunkeln Klumpen eine Thür auf
-und ging hinein.</p>
-
-<p>In der kleinen Stube war ein Herd, auf dem ein
-Häufchen Glut lag, ein Kienspan, der brannte, und ein Strohlager,
-auf dem ein Kind schlief. Daneben stand ein Weib,
-das schon sehr alt und gebückt war und das im Gesicht schier
-so blaß und faltenreich aussah, wie das grobe Nachtkleid, in
-das es gehüllt stand.</p>
-
-<p>Dieses Weib stieß, als wir eintraten, einige jauchzende
-Töne aus, hub dann heftig zu lachen an und verbarg sich
-hinter dem Herde.</p>
-
-<p>»Das ist die Drachenbinderin,« sagte mein Begleiter,
-»sie wird gleich zu Dir reden, setze Dich dieweilen auf den
-Schemel da neben dem Bett' und thu' Deine Schuh' wieder
-an.«</p>
-
-<p>Ich that es, und er setzte sich daneben auf einen Holzblock.</p>
-
-<p>Als das Weib still geworden war, trippelte es am
-Herde herum, und bald brachte es uns in einer Thonschüssel
-eine graue dampfende Mehlsuppe und zwei beinerne Löffel
-dazu. Mein Mann aß würdevoll und beharrlich, mir wollte
-es nicht recht munden. Zuletzt stand der Knecht auf und sagte
-leise zu mir: »Schlaf' wohl, Du Waldbauernbub'!« und
-ging davon.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_83">[83]</a></span></p>
-
-<p>Und als ich in der schwülen Stube allein war mit dem
-schlummernden Kinde und dem alten Weibe, da hub es mir
-schon an, recht unheimlich zu werden. Doch nun trat die
-Drachenbinderin heran, legte ihre leichte, hagere Hand an
-meine Wange und sagte: »Dank' Dir Gott, unser lieber Herr,
-daß Du zu mir gekommen bist! &ndash; Es währet kein halbes
-Jährlein noch, seit mir meine Tochter ist gestorben. Das da«
-&ndash; sie deutete auf das Kind &ndash; »ist mein junger Zweig, ist
-ein gar lieber Wurm, wird mein Erbe sein. Und jetzt hör'
-ich schon wieder den Tod anklopfen an meiner Thür; ich bin
-alt schon an die achtzig Jahr'. Mein leblang hab' ich gespart
-&ndash; mein Sargbett will ich mir wohl erbetteln von guter
-Leute Herzen. Mein Mann ist früh gestorben und hat mir
-das Drachenbinderhäusel, wie es genannt wird, zurückgelassen.
-Meine Krankheiten haben mir das Häusel wieder gekostet &ndash;
-sind's aber nicht wert gewesen. Was ich hinterlaß', ist
-meinem Enkelkind zu eigen. In sein Herz geht's heut noch
-nicht hinein, und in die Hand geben kann ich's keinem Menschen.
-So will ich's schreiben lassen, daß es bewahrt ist. Durch den
-Schulmeister in der Stanz will ich's nicht thun, und der
-Doktor kann's ohne Stempelgeld nicht machen. So haben
-die Leut' vom Waldbauernbuben erzählt, der wär' so hoch
-gelehrt, daß er auch ohne Stempel einen letzten Willen wüßt'
-zu schreiben. Und so hab' ich Dich von weiten Wegen bringen
-lassen. Morgen thu' mir die Lieb, und heute geh' zur friedsamen
-Ruh'.«</p>
-
-<p>Sie geleitete mich mit dem brennenden Span in eine
-Nebenkammer; die war nur aus Brettern geschlagen. Ein
-Lager von Heu und eine Decke aus dem dicken Sonntagskleide
-des Weibes war da, und in einem Winkel stand ein
-kleiner brauner Kasten mit zwei Türmchen, in welchen<span class="pagenum"><a id="Page_84">[84]</a></span>
-Glöcklein schrillten, so oft wir auf den wankenden Fußboden
-traten. Die Drachenbinderin steckte den Span in ein Turmfenster,
-segnete mich mit einem Daumenkreuze und bald darauf
-war ich allein in der Kammer.</p>
-
-<p>Es war kalt, ich fröstelte vor dem Winter und vor dem
-Weibe, das meine Gastfrau war; aber noch ehe ich mich ins
-Nest verkroch, machte ich mit Neugierde die Thür des Kirchleins
-auf. Eine Maus huschte heraus, die hatte eben an
-dem goldpapierenen Altare und der pappenen Hand des
-heiligen Josef ihr Nachtmahl gehalten. Es waren Heilige
-und Englein da und bunte Fähnlein und Kränzlein &ndash; ein
-lieblich Spiel. Ich meinte, das sei gewiß der alten Drachenbinderin
-ihre Pfarrkirche, weil das Weiblein doch schon viel
-zu mühselig, um nach Stanz zum Gottesdienst zu wandern.
-Ich betete vor dem Kirchlein mein Abendgebet, worin ich den
-lieben Herrgott bat, mich in dieser Nacht recht zu beschützen;
-dann löschte ich den Span aus, daß er nicht zu den Turmfenstern
-hineinbrennen konnte und legte mich hernach in des
-lieben Gottes Namen auf das Heu. &ndash; Mir kam es vor,
-als wäre ich losgerissen von mir selber und ein gelehrter
-Schreiber in einem fernen kalten Hause, während der wahrhaftige
-Waldbauernbub gewiß daheim in dem warmen Nestlein
-schlummere. Als ich endlich im Einschlafen war, hörte
-ich drinnen in der Stube wieder das kurz ausgestoßene
-Jauchzen und bald darauf das heftige Lachen.</p>
-
-<p>Was ergötzt sie denn so sehr, und wen lacht sie aus? &ndash;
-Ich fürchtete mich und sann auf Flucht.</p>
-
-<p>Ein Standbrett wäre doch leicht ausgehoben &ndash; aber
-der Schnee!</p>
-
-<p>Erst gegen Morgen schlief ich ein und träumte und
-träumte von einer roten Maus, die allen Heiligen der Kirche<span class="pagenum"><a id="Page_85">[85]</a></span>
-die rechte Hand abgebissen habe. Und zum Turmfenster sah
-mein Vater mit den eingeseiften schiefen Backen heraus, und
-er hielt einen brennenden Span im Mund; ich schluchzte und
-kicherte zugleich und hatte heiße Angst.</p>
-
-<p>Als ich endlich erwachte, meinte ich, ich wäre in einem
-Käfig mit silbernen Spangen, so strahlte das weiße Tageslicht
-durch die aufrechten Bretterfugen. Und als ich hinausging
-vor die Thür des Hauses, da staunte ich, wie eng die
-Schlucht und wie fremd und hoch und winterlich die Berge
-waren.</p>
-
-<p>Im Hause schrie das Kind und jauchzte wieder die
-Drachenbinderin.</p>
-
-<p>Bei der Frühsuppe war auch mein Gaul wieder da;
-aber er sagte schier kein Wort, er sah nur auf sein Essen, und
-als dieses gar war, stand er auf, setzte seinen großmächtigen
-Hut auf und ging gegen Stanz hinaus zur Kirche.</p>
-
-<p>Als das Weib das Kind beruhigt, die Hühner gefüttert
-und andere Dinge des Hauses gethan hatte, schob es den
-Holzriegel vor die äußere Thür, ging in die Kammer und
-hub mit den kleinen Glocken des Kirchleins zu läuten an.</p>
-
-<p>Dann entzündete sie zwei Kerzen, die am Altare standen,
-und dann that sie ein Gebet, wie ich meiner Tage kein ergreifenderes
-gehört habe.</p>
-
-<p>Sie kniete vor dem Kirchlein, streckte die Hände aus
-und murmelte:</p>
-
-<p>»Von wegen der Marterwunden Deiner rechten Hand,
-Du kreuzsterbender Heiland, thu' meine verstorbenen Eltern
-erretten, wenn sie noch in der Pein sind. Schon der Jahre
-ein halbes Hundert sind sie in der Erden, und heut noch
-hör' ich meinen Vater rufen um Hilf' mitten in der Nacht. &ndash;
-Von wegen der Marterwunden Deiner linken Hand laß' Dir<span class="pagenum"><a id="Page_86">[86]</a></span>
-empfohlen sein meiner Tochter Seel'. Sie hat kaum mögen
-die Welt anschauen, und wie sie dem lieben Gatten das
-Kindlein in die Hand will legen, da kommt der bittere Tod
-und thut sie uns begraben. &ndash; Von wegen der Marterwunden
-Deines rechten Fußes will ich Dich bitten wohl im
-Herzen für meinen Mann und für meine Blutsfreund' und
-Gutthäter und daß Du den Waldbauernbuben nicht wolltest
-vergessen. &ndash; Von wegen der Marterwunden Deines linken
-Fußes, Du kreuzsterbender Heiland, sei auch eingedenk in
-Lieb' und Gnaden all' meiner Feinde, die mich mit Händen
-haben geschlagen und mit Füßen haben getreten. Dich haben
-verblendete Menschen gekreuzigt bis zum Tode, und hast ihnen
-auch wohl vergeben. &ndash; Von wegen der Marterwunden Deines
-heiligen Herzens sei zu tausend- und tausendmal angerufen:
-Du gekreuzigter Gott, schließe mein Enkelkind in Dein göttliches
-Herz. Sein Vater ist bei den Soldaten in weitem
-Feld, ich hab' 'leicht kein langes Verbleiben, Du mußt dem
-Kind ein Vormund sein, ich bitte Dich&nbsp;…!«</p>
-
-<p>So hatte sie gebetet. Die roten Kerzen brannten so
-fromm. &ndash; Ich hab' gemeint zur selben Stund': wenn ich
-der lieb' Herrgott wäre, ich stieg herab vom Himmel und
-thät das Kind nehmen in meine Händ' und thät sagen:
-Auf daß Du's siehst, Drachenbinderin, ich halt's an meinem
-Herzen warm und will sein Vormund sein! &ndash; Ich wollt'
-ihm wachsen lassen weiße Flügel, daß es könnt' fliegen in
-das schönste Land.</p>
-
-<p>Aber ich bin der lieb' Herrgott nicht gewesen.</p>
-
-<p>Nach einer Weile sagte das Weib: »Jetzt heben wir
-zu schreiben an.« &ndash; Aber wie wir wollten zu schreiben anheben,
-da war keine Tinte, keine Feder und kein Papier.
-Allmiteinander hatten wir darauf vergessen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_87">[87]</a></span></p>
-
-<p>Die Alte stützte ihren Kopf auf die flache Hand und
-murmelte: »Das ist schon ein Elend!«</p>
-
-<p>Ich hatte einmal das Geschichtchen gehört von jenem
-Doktor, der in Ermanglung der Dinge sein Rezept an die
-Stubenthür geschrieben. &ndash; 's war hier der Nachahmung
-wert; fand sich aber keine Kreide im Haus. Ich wußte mir
-keinen Rat, und ich schämte mich unsagbar, daß ich ein
-Schreiber ohne Feder war.</p>
-
-<p>»Waldbauernbub,« sagte das Weib plötzlich, »'leicht hast
-Du's auch mit Kohlen gelernt?«</p>
-
-<p>Ja, ja, mit Kohlen, wie sie auf dem Herde lagen, das
-war ein Mittel.</p>
-
-<p>»Und das ist in Gottesnamen mein Papierblatt,« versetzte
-sie und hob die Decke eines alten Schrankes empor,
-der hinter dem Ofen stand. In dem Schranke waren Lodenschnitzel,
-ein Stück Linnen und ein rostiger Spaten. Als die
-Drachenbinderin bemerkte, daß ich auf den Spaten blickte,
-wurde sie völlig verlegen, deckte ihr altes Gesicht mit der
-braunen Schürze und murmelte: »'s ist doch eine Schande!«</p>
-
-<p>Mir fuhr's ins Herz; ich hielt das für einen Vorwurf,
-daß ich kein Schreibzeug bei mir habe.</p>
-
-<p>»Wirst mich rechtschaffen auslachen, Waldbauernbub!«
-lispelte die Alte, »aber thu' ja nichts Schlechtes von mir
-denken; ich kann halt nicht mehr, ich <em class="gesperrt">kann</em> nicht mehr, ich
-bin schon gar so viel ein mühseliger Mensch.«</p>
-
-<p>Jetzt verstand ich vielleicht: das arme Weib schämte sich,
-daß es den Spaten nicht mehr handhaben konnte und daß
-dieser also rostig geworden.</p>
-
-<p>Ich suchte mir am Herd ein mildes Stück Kohle &ndash;
-die Kiefer ist so gut und leiht mir die Feder, daß ich das<span class="pagenum"><a id="Page_88">[88]</a></span>
-Testament, oder was es sein wird, der alten Drachenbinderin
-vermag aufzuschreiben.</p>
-
-<p>Als also der graufarbige Schrank offen stand und ich
-bereit war, auf die Worte des Weibes zu hören und sie zu
-verzeichnen, daß sie nach vielen Jahren dem Enkel eine Botschaft
-seien &ndash; da that die Alte neben mir plötzlich ein helles
-Aufjauchzen. Eilig wendete sie sich seitab, jauchzte zwei- und
-dreimal und brach zuletzt in ein heiseres Lachen aus.</p>
-
-<p>Ich zerrieb in der Angst die Kohle zwischen meinen
-Fingern und schielte nach der Thür.</p>
-
-<p>Als das Weib eine Weile gelacht hatte, war es still,
-that einen tiefen Atemzug, trocknete sich den Schweiß, wendete
-sich zu mir und sagte: »So schreib. Hoch werden wir nicht
-zählen, fang' aber doch an in der oberen Eck'.«</p>
-
-<p>Ich legte die Hand auf die oberste Ecke des Deckbrettes.</p>
-
-<p>Hierauf sprach das Weib folgende Worte: »Eins und eins ist
-Gott allein. &ndash; Das, Du Kind meines Kindes, ist Dein Eigen.«</p>
-
-<p>Ich schrieb die Worte auf das Holz.</p>
-
-<p>»Zwei und zwei,« fuhr sie fort, »zwei und zwei ist
-Mann und Weib. Drei und drei das Kind dabei. Vier und
-fünf bis acht und neun, weil die Sorgen zahllos sein. &ndash;
-Bet', als wenn Du keine Hand; arbeit', als wenn Dir kein
-Gott bekannt. Trage Holz und denk' dabei: Kochen wird
-mir Gott den Brei.«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Als ich diese Worte geschrieben hatte, senkte die Drachenbinderin
-den Deckel auf den Schrank, versperrte ihn sorgsam
-und sagte zu mir: »Jetzt hast Du mir eine große Gutthat
-erwiesen, jetzt ist mir ein schwermächtiger Stein vom Herzen.
-Diese Truhe da ist das Vermächtnis für mein Enkelkind. &ndash;
-Und jetzt kannst Du sagen, was ich Dir geben soll für
-Deinen Dienst.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_89">[89]</a></span></p>
-
-<p>Ich schüttelte den Kopf, wollte nichts verlangen, gar nichts.</p>
-
-<p>»So gut schreiben lernen und so weit herreisen und
-eine ganze Nacht harte Kälte leiden und zuletzt nichts dafür
-nehmen wollen, das wär' sauber!« rief sie, »Waldbauernbub,
-das kunnt ich nicht angehen lassen.«</p>
-
-<p>Ich blinzelte durch die offene Thür ein wenig in die
-Kammer hinein, wo das Kirchlein stand. Das wäre eine
-prächtige Heiligkeit für mein Bettlein daheim. &ndash; Da roch
-sie's gleich. »Mein Hausaltar liegt Dir im Sinn,« sagte sie,
-»Gotteswegen, so magst Du ihn haben. Man kann's nicht
-versperren wie die Truhe, das liebe Kirchel, und die Leut'
-thäten mir's doch nur verschleppen, wenn ich nicht mehr bin.
-Bei Dir ist's in Ehren, und Du denkst wohl an die alte
-Drachenbinderin zur heiligen Stund', wenn Du betest.«</p>
-
-<p>Das ganze Kirchlein hat sie mir geschenkt. Und das
-war jetzt die größte Seligkeit meiner ganzen Kindschaft.</p>
-
-<p>Gleich wollte ich es auf die Achsel nehmen und forttragen
-über die Alpe zu meinem Hause. Aber das Weib
-sagte: »Du lieber Närrisch, das kunnt wohl auf alle Mittel
-und Weis nicht sein. Kommt erst der Knecht heim, der wird
-einen Rat schon wissen.«</p>
-
-<p>Und als der Knecht heimgekommen war und mit uns
-das Mittagsbrot gegessen hatte, da wußte er einen Rat.
-Er band mir das Kirchlein mit einem Strick auf den Rücken,
-dann ließ er sich nieder vor dem Holzblock und sagte: »Jetzt,
-Bübel, reit' wieder auf!«</p>
-
-<p>Saß ich denn das zweitemal auf seinem Nacken, steckte
-die Füße in seine Hosentaschen und umschlang mit den Händen
-seinen Hals. Die Alte hielt mir das erwachende Kind noch
-vor, daß es mir das Händchen hinhalte, sagte noch Worte
-des Dankes, schoß hinter den Ofen und jauchzte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_90">[90]</a></span></p>
-
-<p>Ich aber ritt davon, und an meinem Rücken klöpfelten
-die Heiligen in der Kirche, und in den Türmen schrillten
-bei jeder Bewegung die Glöcklein.</p>
-
-<p>Als der Mann mit mir emporgestiegen war bis zu den
-Höhen des Bürstling und sich dort wieder die Schneescheiben
-festband, da fragte ich ihn, warum denn die Drachenbinderin
-allfort so jauchze und lache.</p>
-
-<p>»Das ist kein Jauchzen und Lachen, liebes Waldbauernbüblein,«
-antwortete mir der Mann, »die Drachenbinderin
-hat eine böse Krankheit zu tragen. Sie hat jahrelang so ein
-Schlucksen gehabt, wie eins es bei Verkühlungen oder sonst
-wie bekommen kann; sie hat nicht darauf geachtet, hat die
-Sach' übergehen lassen, und so ist nach und nach, wie der
-Bader sagt, das Krampfschreien und das Krampflachen daraus
-geworden. Jetzt ballt sich ihr Eingeweide zusammen, und
-wenn sie in der Erregung ist, so hat sie die starken Anfälle.
-Sie kann schier keine Speisen mehr vertragen und sieht den
-Tod vor Augen.«</p>
-
-<p>Ich entgegnete kein Wort, blickte auf die schneeweißen
-Höhen, auf den dämmerigen Wald und sah, wie wir an
-dem reinen Sonntagsnachmittag sachte abwärts stiegen gegen
-mein Heimatshaus. Ich dachte, wie ich die Kirche, die ich
-zum Vermächtnis bekommen, nun aufstellen wolle in der
-Stube und darin Gottesdienst halten, und daß jetzt Vater
-und Mutter den weiten Weg nach dem Pfarrdorfe nicht
-mehr zu machen brauchten.</p>
-
-<p>Mein guter Gaul schritt geduldig dahin, und allweg
-klingelten hinter mir die Metallglöckchen in den Türmen. &ndash;
-Was läuten sie?&nbsp;…</p>
-
-<p>Die alte Drachenbinderin ist gestorben.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-098.png" alt="Dekoration" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_91">[91]</a></span></p>
-
-<h2 id="Als_dem_kleinen_Maxel_das_Haus"><img src="images/illu-099.png" alt="Dekoration" /><br />
-Als dem kleinen Maxel das Haus
-niederbrannte.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div>
-<p class="drop">Ich erinnere mich noch gar gut an jene Nacht.</p>
-
-<p>Ein dumpfer Knall, als wenn die Thür des
-Schüttbodens zugeworfen worden wäre, weckte mich
-auf. Und dann klopfte jemand am Fenster und rief in die
-Stube herein: wer des Klein-Maxel Haus brennen sehen
-wolle, der möge aufstehen und schauen gehen.</p>
-
-<p>Mein Vater sprang aus dem Bette, ich erhob ein
-Jammergeschrei und dachte für's Nächste daran, meine
-Kaninchen zu retten. Wenn bei besonderen Ereignissen wir
-anderen über und über aus Rand und Band gerieten, so
-war es allemal die blinde Jula, unsere alte Magd, die uns
-beruhigte. So sagte sie auch jetzt, daß ja nicht unser Haus
-im Feuer stehe, daß das Klein-Maxel-Haus eine halbe Stunde
-weit von uns weg wäre; daß es auch nicht sicher sei, ob
-das Klein-Maxel-Haus brenne, daß ein Spaßvogel vorbeigegangen
-sein könne, der uns die Lug zum Fenster hereingeworfen,
-und daß es möglich sei, daß gar niemand hereingeschrien
-hätte, sondern uns das nur so im Traume vorgekommen
-wäre.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_92">[92]</a></span></p>
-
-<p>Dabei streifte sie mir das Höselein und die Schuhe an,
-und wir eilten vor das Haus, um zu sehen.</p>
-
-<p>»Auweh!« rief mein Vater, »'s ist schon Alles hin.«</p>
-
-<p>Über den Waldrücken herüber, der sich in einem weitgebogenen
-Sattel durch die Gegend legt und das Ober- und
-Unterland von einander scheidet, strebte still und hell die
-Flamme auf. Man hörte kein Knistern und Knattern, das
-schöne neue Haus, welches erst vor einigen Wochen fertig
-geworden war, brannte wie Öl. Die Luft war feucht, die
-Sterne des Himmels waren verdeckt; es murrte zuweilen
-ein Donner, aber das Gewitter zog sich sachte hinaus in die
-Gegenden von Birkfeld und Weitz.</p>
-
-<p>Ein Blitz &ndash; so erzählte nun der Mann, der uns
-geweckt hatte, der Schaf-Gistel war's &ndash; wäre etlichemal
-hin- und hergezuckt, hätte ein Trudenkreuz auf den Himmel
-geschrieben und wäre dann niederwärts gefahren. Er wäre
-aber nicht mehr ausgeloschen, der lichte Punkt an seinem
-untern Ende wäre geblieben und rasch gewachsen, und da
-hätte sich er, der Mann, gedacht: Schau Du, jetzt hat's den
-klein Maxel troffen.</p>
-
-<p>»Wir müssen doch schauen gehen, daß wir was helfen
-mögen,« sagte mein Vater.</p>
-
-<p>»Helfen willst da?« versetzte der Andere, »wo der
-Donnerkeil d'reinfahrt, da rühr' ich keine Hand mehr. Der
-Mensch soll unserm Herrgott nicht entgegenarbeiten, und
-wenn <em class="gesperrt">der</em> einmal einen Himmletzer (Blitz) auf's Haus wirft,
-so wird er auch wollen, daß es brennen soll. Hernachen mußt
-wissen, ist so ein Einschlagets auch gar nicht zu löschen.«</p>
-
-<p>»Deine Dummheit auch nicht,« rief mein Vater, und
-zornig, wie ich ihn noch selten gesehen hatte, schrie er dem
-Gistel in's Gesicht: »<em class="gesperrt">Du bist blitzdumm!</em>«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_93">[93]</a></span></p>
-
-<p>Ließ ihn stehen und führte mich an seiner Hand rasch
-davon. Wir stiegen in's Engthal hinab und gingen am
-Fresenbach entlang, wo wir das Feuer nicht mehr sehen
-konnten, sondern nur die Röte in den Wolken. Mein Vater
-trug einen Wasserzuber bei sich, und ich riet, daß er denselben
-gleich an der Fresen füllen solle. Mein Vater hörte gar
-nicht d'rauf, sondern sagte mehrmals vor sich hin: »Maxel,
-aber daß Dich jetzt so was treffen muß!«</p>
-
-<p>Ich kannte den kleinen Maxel recht gut. Es war ein
-behendiges, heiteres Männlein, etwa in den Vierzigern; sein
-Gesicht war voll Blatternarben, und seine Hände waren braun
-und rauh wie die Rinden der Waldbäume. Er war seit
-meinem Gedenken Holzhauer in Waldbach.</p>
-
-<p>»Wenn einem Andern das Haus niederbrennt,« sagte
-mein Vater, »na, so brennt ihm halt das Haus nieder.«</p>
-
-<p>»Ist's beim klein' Maxel nicht so?« fragte ich.</p>
-
-<p>»Dem brennt alles nieder. Alles, was er gestern gehabt
-hat und heut' hat und morgen hätt' haben können.«</p>
-
-<p>»So hat der Blitz den Maxel 'leicht selber erschlagen?«</p>
-
-<p>»Das wär' 's Best', Bub'. Ich vergunn' ihm das
-Leben, Gottseid', ich vergunn' ihm's &ndash; aber, wenn er eh'vor
-hätt' beichten mögen und in keiner Todsünd' wär' gewesen,
-wollt' richtig gleich sagen, das Allerbest', wenn's ihn auch
-selber troffen hätt'.«</p>
-
-<p>»Da wär' er jetzt schon im Himmel oben,« sagte ich.</p>
-
-<p>»Watsch' nur nicht so in's nasse Gras hinein. Geh'
-gleim (nahe) hinter mir, und halt' Dich beim Jankerzipf an.
-Vom Maxel, von dem will ich Dir jetzt was sagen.«</p>
-
-<p>Der Weg ging sanft berganwärts. Mein Vater erzählte.</p>
-
-<p>»Jetzt kann's dreißig Jahr aus sein &ndash; ist der Maxel
-in's Land kommen. Armer Leute Kind. Die erst' Zeit hat er<span class="pagenum"><a id="Page_94">[94]</a></span>
-bei den Bauern herum einen Halterbuben gemacht, nachher,
-wie er sich ausgewachsen hat, ist er in den Holzschlag 'gangen.
-Ein rechtschaffener Arbeiter und allerweil fleißig und sparsam.
-Wie er Vorarbeiter ist worden, hat er sich vom Waldherrn
-ausgebeten, daß er das Sauerwiesel auf der Gfarerhöh' ausreuten
-und für sein Lebtag behalten dürfe, weil er so viel
-gern eigen Grund und Boden hätte. Ist ihm gern zugesagt
-worden, und so ist der Maxel alle Tag, wenn sie im Holzschlag
-Feierabend gemacht haben, auf sein Sauerwiesel
-'gangen, hat den Strupp weggeschlagen, hat Gräben gemacht,
-hat Steine ausgegraben, hat die Wurzeln des Unkrautes
-verbrannt &ndash; und in zwei Jahren ist das ganze Sauergütel
-trocken gelegt, und es wachst gutes Gras d'rauf, und gar
-ein Fleckel Brandkorn hat er anbaut. Wie es so weit angeht,
-daß er's auch mit Kohlkraut hat probiert, und gesehen,
-wie gut es den Hasen schmeckt, ist er um Waldbäume einkommen.
-Die können sie ihm nicht schenken, wie das Sauerwiesel,
-die muß er abdienen. So hat er Arbeitslohn dafür
-eingelassen, und die Bäume hat er umgehauen und viereckig
-gehackt und abgeschnitten zu Zimmerholz &ndash; alles in den
-Feierabenden, wenn die anderen Holzknechte lang' schon auf
-dem Bauch sind gelegen und ihre Pfeifen Tabak haben geraucht.
-Und nachher hat er angehebt, an solchen Feierabenden
-andere Holzhauer zu verzahlen, daß sie ihm bei Arbeiten
-helfen, die ein einziger Mensch nicht dermachen kann, und so
-hat er auf dem Sauerwiesel sein Haus gebaut. Fünf Jahr'
-lang hat er daran gearbeitet, aber nachher &ndash; Du weißt ja
-selber, wie es dagestanden ist mit den goldroten Wänden, mit
-den hellen Fenstern und der Zierat auf dem Dach herum &ndash;
-schier vornehm anzuschauen. Ein fein Gütel ist worden auf
-der Sauerwiese, und wie lang' wird's denn her sein, daß<span class="pagenum"><a id="Page_95">[95]</a></span>
-uns unser Pfarrer bei der Christenlehr' den klein' Maxel als
-ein Beispiel des Fleißes und der Arbeitsamkeit hat aufgestellt?
-Nächst Monat hat er heiraten wollen; und daß er heraufgestiegen
-ist vom Waiselbuben bis zum braven Hausbesitzer
-und Hausvater &ndash; Bub', da ruck' Dein Hütel! &ndash; Und jetzt
-ist auf einmal alles hin. Der ganze Fleiß und alle Arbeit
-die vielen Jahr' her ist umsonst. Der Maxel steht wieder
-auf demselben Fleck, wie voreh'.«</p>
-
-<p>Ich habe dazumal meine Frömmigkeit noch aus der
-Bibel bezogen, und so entgegnete ich auf des Vaters Erzählung:
-»Der Himmelvater hat den Maxel halt gestraft,
-daß er so auf's Zeitliche ist gegangen wie die Heiden, und
-der Maxel hat sich leicht um's Ewige zu wenig gesorgt.
-Sehet die Vöglein in den Lüften, sie säen nicht, sie ernten
-nicht&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Sei still!« unterbrach mich der Vater unwirsch, »der
-das hat gesagt, ist der König Salomo gewest, der kann so
-was schon sagen. Unsereiner sollt's probieren! &ndash; Ich kenn'
-mich nimmer aus, und das sag' ich, wenn's mir so geht,
-wie dem klein' Maxel, ich bin verzagt und heb an zu faullenzen.
-Wenn ein Mensch mit dem Zündholz in ein Strohdach
-fährt, so wird er in den Kotter gesteckt &ndash; ist auch recht,
-gehört ihm nichts Anderes. Aber wenn einer vom Himmel
-herunter Feuer auf das nagelneue Haus wirft, das ein armer,
-braver Arbeitsmann gebaut&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Er unterbrach sich. Wir standen auf der Anhöhe, und
-vor uns loderte die Wirtschaft des Klein-Maxel, und das
-Haus brach eben in seinen Flammen zusammen. Mehrere
-Leute waren da mit Hacken und Wassereimern, aber es war
-nichts Anderes zu machen, als dazustehen und zuzuschauen,
-wie die letzten Kohlenbrände in sich einstürzten. Das Feuer<span class="pagenum"><a id="Page_96">[96]</a></span>
-war nicht wütend, es brüllte nicht, es krachte nicht, es fuhr
-nicht wild in der Luft herum; das ganze Haus war eine
-Flamme, und die qualmte heiß und weich zum Himmel auf,
-von wannen sie gekommen.</p>
-
-<p>Eine kleine Strecke vom Brande war der Steinhaufen,
-auf welchen der Maxel die Steine der Sauerwiese zusammengetragen
-hatte. An demselben saß er nun, der kleine, braune,
-blatternarbige Maxel, und sah auf die Glut hin, deren Hitze
-auf ihn herströmte. Er war halb angekleidet, hatte seinen
-schwarzen Sonntagsmantel, das einzige, was er gerettet,
-über sich gehüllt. Die Leute traten nicht zu ihm; mein Vater
-wollte ihm gern ein Wort der Teilnahme und des Trostes
-sagen, aber er getraute sich auch nicht zu ihm. Der Maxel
-lehnte so da, daß wir meinten, jetzt und jetzt müsse er aufspringen
-und einen schreckbaren Fluch zum Himmel stoßen
-und sich dann in die Flammen stürzen.</p>
-
-<p>Und endlich, als das Feuer nur mehr auf dem Erdengrund
-herum leckte und aus den Aschen die kahle Mauer
-des Herdes aufstarrte, erhob sich der Maxel. Er schritt
-zur Glut hin, hob eine Kohle auf und zündete sich die
-Pfeife an.</p>
-
-<p>Ich war damals doch noch klein und konnte nicht viel
-denken. Aber an das erinnere ich mich: Als ich in der
-Morgendämmerung den klein' Maxel vor seiner Brandstätte
-stehen sah, und wie er den blauen Rauch aus der Pfeife
-sog und von sich blies, da war mir in meiner Brust plötzlich
-heiß. Als ob ich es fühlte, wie mächtig der Mensch ist, um
-wie viel größer als sein Schicksal, und es für das Verhängnis
-keinen größeren Schimpf gäbe, als wenn man ihm in
-aller Seelenruhe Tabaksrauch in die Larve bläst.</p>
-
-<p>Und als die Pfeife brannte, setzte er sich wieder auf<span class="pagenum"><a id="Page_97">[97]</a></span>
-den Steinhaufen und blickte in die Gegend hinaus. Was er
-gedacht hat, das möchtet Ihr wissen? Ich auch.</p>
-
-<p>Später hat der klein' Maxel die Asche seines Hauses
-durchwühlt und aus derselben sein Schlagbeil hervorgezogen.
-Er schaftete einen neuen Stiel an, er machte es an einem
-Schleifsteine der Nachbarschaft wieder scharf &ndash; und ging an
-die Arbeit. Seither sind viele Jahre vorbei: Um die Sauerwiese
-liegen heute schöne Felder, und auf der Brandstätte
-steht ein neugegründeter Hof. Junges Volk belebt ihn, und
-der Hausvater, der klein' Maxel, lehrt seine Söhne das
-Arbeiten, erlaubt ihnen aber auch das Tabakrauchen. Nicht
-gar zu viel &ndash; aber ein Pfeiflein zu rechter Zeit.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-105.png" alt="Dekoration" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_98">[98]</a></span></p>
-
-<h2 id="Als_ich_das_erste_Mal_auf_dem"><img src="images/illu-106.png" alt="Dekoration" /><br />
-Als ich das erste Mal auf dem
-Dampfwagen saß.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-n.png" alt="" /></div>
-<p class="drop">Noch viel seltsamer als diese Geschichten waren, ist jenes
-Erlebnis gewesen, das hier erzählt wird.</p>
-
-<p>Mein Pate, der Knierutscher Jochem &ndash; er
-ruhe in Frieden! &ndash; war ein Mann, der alles glaubte, nur
-nicht das Natürliche. Das Wenige von Menschenwerken,
-was er begreifen konnte, war ihm göttlichen Ursprungs; das
-Viele, was er nicht begreifen konnte, war ihm Hexerei und
-Teufelsspuk. &ndash; Der Mensch, das bevorzugteste der Wesen,
-hat zum Beispiel die Fähigkeit, das Rindsleder zu gerben
-und sich Stiefel daraus zu verfertigen, damit ihn nicht an
-die Zehen friere; diese Gnade hat er von Gott. Wenn
-der Mensch aber hergeht und den Blitzableiter oder gar den
-Telegraphen erfindet, so ist das gar nichts anderes als eine
-Anfechtung des Teufels. &ndash; So hielt der Jochem den lieben
-Gott für einen gutherzigen, einfältigen Alten (ganz wie er,
-der Jochem, selber war), den Teufel aber für ein listiges,
-abgefeimtes Kreuzköpfel, dem nicht beizukommen ist, und das
-die Menschen und auch den lieben Gott von hinten und
-vorn beschwindelt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_99">[99]</a></span></p>
-
-<p>Abgesehen von dieser hohen Meinung vom Lucifer,
-Beelzebub (was weiß ich, wie sie alle heißen), war mein
-Pate ein gescheiter Mann. Ich verdankte ihm manches
-neue Linnenhöslein und manchen verdorbenen Magen.</p>
-
-<p>Sein Trost gegen die Anfechtungen des bösen Feindes
-und sein Vertrauen war die Wallfahrtskirche Mariaschutz am
-Semmering. Es war eine Tagreise dahin, und der Jochem
-machte alljährlich einmal den Weg. Als ich schon hübsch zu
-Fuße war (ich und das Zicklein waren die einzigen Wesen,
-die mein Vater nicht einzuholen vermochte, wenn er uns
-mit der Peitsche nachlief), wollte der Pate Jochem auch
-mich einmal mitnehmen nach Mariaschutz.</p>
-
-<p>»Meinetweg',« sagte mein Vater, »da kann der Bub'
-gleich die neue Eisenbahn sehen, die sie über den Semmering
-jetzt gebaut haben. Das Loch durch den Berg soll schon
-fertig sein.«</p>
-
-<p>»Behüt' uns der Herr,« rief der Pate, »daß wir das
-Teufelszeug anschau'n! 's ist alles Blendwerk, 's ist alles
-nicht wahr.«</p>
-
-<p>»Kann auch sein,« sagte mein Vater und ging davon.</p>
-
-<p>Ich und der Pate machten uns auf den Weg; wir
-gingen über das Stuhleckgebirge, um ja dem Thale nicht in
-die Nähe zu kommen, in welchem nach der Leut' Reden der
-Teufelswagen auf und ab ging. Als wir aber auf dem
-hohen Berge standen und hinabschauten in den Spitalerboden,
-sahen wir einer scharfen Linie entlang einen braunen Wurm
-kriechen und darüber ein Rauchwölklein schweben.</p>
-
-<p>»Jessas Maron!« schrie mein Pate, »das ist schon so
-was! spring Bub'!« &ndash; Und wir liefen die entgegengesetzte
-Seite des Berges hinunter.</p>
-
-<p>Gegen Abend kamen wir in die Niederung, doch &ndash;<span class="pagenum"><a id="Page_100">[100]</a></span>
-entweder der Pate war hier nicht wegkundig, oder es hatte
-ihn die Neugierde, die ihm zuweilen arg zusetzte, überlistet,
-oder wir waren auf eine »Irrwurzen« gestiegen &ndash; anstatt
-in Mariaschutz zu sein, standen wir vor einem ungeheuren
-Schutthaufen, und hinter demselben war ein kohlfinsteres Loch
-in den Berg hinein. Das Loch war schier so groß, daß darin
-ein Haus hätte stehen können, und gar mit Fleiß und Schick
-ausgemauert; und da ging eine Straße mit zwei eisernen
-Leisten daher und schnurgerade in den Berg hinein.</p>
-
-<p>Mein Pate stand lange schweigend da und schüttelte
-den Kopf; endlich murmelte er: »Jetzt stehen wir da. Das
-wird die neumodische Landstraßen sein. Aber derlogen ist's,
-daß sie da hineinfahren!«</p>
-
-<p>Kalt wie Grabesluft wehte es aus dem Loche. Weiter
-hin gegen Spital in der Abendsonne stand an der eisernen
-Straße ein gemauertes Häuschen; davor ragte eine hohe
-Stange, auf dieser baumelten zwei blutrote Kugeln. Plötzlich
-rauschte es an der Stange, und eine der Kugeln ging wie
-von Geisterhand gezogen in die Höhe. Wir erschraken baß.
-Daß es hier mit rechten Dingen nicht zuginge, war leicht zu
-merken. Doch standen wir wie festgewurzelt.</p>
-
-<p>»Pate Jochem,« sagte ich leise, »hört Ihr nicht so ein
-Brummen in der Erden?«</p>
-
-<p>»Ja freilich, Bub',« entgegnete er, »es donnert was!
-es ist ein Erdbidn« (Erdbeben). Da that er schon ein kläglich
-Stöhnen. Auf der eisernen Straße heran kam ein kohlschwarzes
-Wesen. Es schien anfangs stillzustehen, wurde aber
-immer größer und nahte mit mächtigem Schnauben und
-Pfustern und stieß aus dem Rachen gewaltigen Dampf aus.
-Und hintenher&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Kreuz Gottes!« rief mein Pate, »da hängen ja ganze<span class="pagenum"><a id="Page_101">[101]</a></span>
-Häuser d'ran!« Und wahrhaftig, wenn wir sonst gedacht
-hatten, an das Lokomotiv wären ein paar Steirerwäglein
-gespannt, auf denen die Reisenden sitzen konnten, so sahen
-wir nun einen ganzen Marktflecken mit vielen Fenstern heranrollen,
-und zu den Fenstern schauten lebendige Menschenköpfe
-heraus, und schrecklich schnell ging's, und ein solches Brausen
-war, daß einem der Verstand still stand. Das bringt kein
-Herrgott mehr zum Stehen! fiel's mir noch ein. Da hub der
-Pate die beiden Hände empor und rief mit verzweifelter
-Stimme: »Jessas, Jessas, jetzt fahren sie richtig in's Loch!«</p>
-
-<p>Und schon war das Ungeheuer mit seinen hundert Rädern
-in der Tiefe; die Rückseite des letzten Wagens schrumpfte
-zusammen, nur ein Lichtlein davon sah man noch eine Weile,
-dann war alles verschwunden, blos der Boden dröhnte, und
-aus dem Loche stieg still und träge der Rauch.</p>
-
-<p>Mein Pate wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß
-vom Angesicht und starrte in den Tunnel.</p>
-
-<p>Dann sah er mich an und fragte: »Hast Du's auch
-gesehen, Bub'?«</p>
-
-<p>»Ich hab's auch gesehen.«</p>
-
-<p>»Nachher kann's keine Blenderei gewesen sein,« murmelte
-der Jochem.</p>
-
-<p>Wir gingen auf der Fahrstraße den Berg hinan; wir
-sahen aus mehreren Schachten Rauch hervorsteigen. Tief
-unter unsern Füßen im Berge ging der Dampfwagen.</p>
-
-<p>»Die sind hin wie des Juden Seel'!« sagte mein Pate
-und meinte die Eisenbahn-Reisenden. »Die übermütigen Leut'
-sind selber in's Grab gesprungen!«</p>
-
-<p>Beim Gasthause auf dem Semmering war es völlig
-still; die großen Stallungen waren leer, die Tische in den
-Gastzimmern, die Pferdetröge an der Straße waren unbesetzt.<span class="pagenum"><a id="Page_102">[102]</a></span>
-Der Wirt, sonst der stolze Beherrscher dieser Straße,
-lud uns höflich zu einer Jause ein.</p>
-
-<p>»Mir ist aller Appetit vergangen,« antwortete mein
-Pate, »gescheite Leut' essen nicht viel, und ich bin heut'
-um ein Stückel gescheiter worden.« Bei dem Monumente
-Karl's VI. standen wir still und sahen in's Österreicherland
-hinaus, das mit seinen Felsen und Schluchten und seiner
-unabsehbaren Ebene vor uns ausgebreitet lag. Und als wir
-dann abwärts stiegen, da sahen wir drüben in den wilden
-Schroffwänden unsern Eisenbahnzug gehen &ndash; klein wie eine
-Raupe &ndash; und über hohe Brücken, fürchterliche Abgründe
-setzen, an schwindelnden Hängen gleiten, bei einem Loch hinein,
-beim andern heraus &ndash; ganz verwunderlich.</p>
-
-<p>»'s ist auf der Welt ungleich, was heutzutag' die Leut'
-treiben,« murmelte mein Pate.</p>
-
-<p>»Sie thun mit der Weltkugel kegelscheiben!« sagte ein
-eben vorübergehender Handwerksbursche.</p>
-
-<p>Als wir nach Mariaschutz kamen, war es schon dunkel.</p>
-
-<p>Wir gingen in die Kirche, wo das rote Lämpchen
-brannte, und beteten.</p>
-
-<p>Dann genossen wir beim Wirt ein kleines Nachtmahl
-und gingen an den Kammern der Stallmägde vorüber auf
-den Heuboden, um zu schlafen.</p>
-
-<p>Wir lagen schon eine Weile. Ich konnte unter der Last
-der Eindrücke und unter der Stimmung des Fremdseins
-kein Auge schließen, vermutete jedoch, daß der Pate bereits süß
-schlummere; da that dieser plötzlich den Mund auf und sagte:</p>
-
-<p>»Schlafst schon, Bub'?«</p>
-
-<p>»Nein,« antwortete ich.</p>
-
-<p>»Du,« sagte er, »mich reitet der Teufel!«</p>
-
-<p>Ich erschrak. So was an einem Wallfahrtsort, das
-war unerhört.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_103">[103]</a></span></p>
-
-<p>»Ich muß vor dem Schlafengehen keinen Weihbrunn'
-genommen haben,« flüsterte er, »'s giebt mir keine Ruh', 's
-ist arg, Bub'.«</p>
-
-<p>»Was denn, Pate?« fragte ich mit warmer Teilnahme.</p>
-
-<p>»Na, morgen, wenn ich kommuniziere, leicht wird's
-besser,« beruhigte er sich selbst.</p>
-
-<p>»Thut Euch was weh', Pate?«</p>
-
-<p>»'s ist eine Dummheit. Was meinst, Bübel, weil wir
-schon so nah' dabei sind, probieren wir's?«</p>
-
-<p>Da ich ihn nicht verstand, so gab ich keine Antwort.</p>
-
-<p>»Was kann uns geschehen?« fuhr der Pate fort, »wenn's
-die andern thun, warum nicht wir auch? Ich lass' mir's
-kosten.«</p>
-
-<p>Er schwätzt im Traum, dachte ich bei mir selber und
-horchte mit Fleiß.</p>
-
-<p>»Da werden sie einmal schauen,« fuhr er fort, »wenn
-wir heimkommen und sagen, daß wir auf dem Dampfwagen
-gefahren sind!«</p>
-
-<p>Ich war gleich dabei.</p>
-
-<p>»Aber eine Sündhaftigkeit ist's!« murmelte er, »na,
-leicht wird's morgen besser, und jetzt thun wir in Gottes
-Namen schlafen.«</p>
-
-<p>Am andern Tage gingen wir beichten und kommunizieren
-und rutschten auf den Knieen um den Altar herum.
-Aber als wir heimwärts lenkten, da meinte der Pate nur,
-er wolle sich dieweilen gar nichts vornehmen, er wolle nur
-den Semmering-Bahnhof sehen, und wir lenkten unsern Weg
-dahin.</p>
-
-<p>Beim Semmering-Bahnhof sahen wir das Loch auf der
-andern Seite. War auch kohlfinster. &ndash; Ein Zug von Wien
-war angezeigt. Mein Pate unterhandelte mit dem Bahnbeamten,<span class="pagenum"><a id="Page_104">[104]</a></span>
-er wolle zwei Sechser geben, und gleich hinter dem
-Berg, wo das Loch aufhört, wollten wir wieder absteigen.</p>
-
-<p>»Gleich hinter dem Berg, wo das Loch aufhört, hält
-der Zug nicht,« sagte der Bahnbeamte lachend.</p>
-
-<p>»Aber wenn wir absteigen wollen!« meinte der Jochem.</p>
-
-<p>»Ihr müßt bis Spital fahren. Ist für zwei Personen
-zweiunddreißig Kreuzer Münz.«</p>
-
-<p>Mein Pate meinte, er lasse sich was kosten, aber so viel
-wie die hohen Herren könne er armer Schlucker nicht geben;
-zudem sei an uns beiden ja kein Gewicht da. &ndash; Es half
-nichts; der Beamte ließ nicht handeln. Der Pate zahlte;
-ich mußte zwei »gute« Kreuzer beisteuern. Mittlerweile kroch
-aus dem nächsten, unteren Tunnel der Zug hervor, schnaufte
-heran, und ich glaubte schon, das gewaltige Ding wolle
-nicht anhalten. Es zischte und spie und ächzte &ndash; da stand
-es still.</p>
-
-<p>Wie ein Huhn, dem man das Hirn aus dem Kopfe
-geschnitten, so stand der Pate da, und so stand ich da. Wir
-wären nicht zum Einsteigen gekommen; da schupfte der
-Schaffner den Paten in einen Waggon und mich nach. In
-demselben Augenblicke wurde der Zug abgeläutet, und ich hörte
-noch, wie der in's Coupé stolpernde Jochem murmelte: »Das
-ist meine Totenglocke.« Jetzt sahen wir's aber: im Waggon
-waren Bänke, schier wie in einer Kirche; und als wir zum
-Fenster hinausschauten &ndash; »Jessas und Maron!« schrie mein
-Pate, »da draußen fliegt ja eine Mauer vorbei!« &ndash; Jetzt
-wurde es finster, und wir sahen, daß an der Wand unseres
-knarrenden Stübchens eine Öllampe brannte. Draußen in
-der Nacht rauschte und toste es, als wären wir von gewaltigen
-Wasserfällen umgeben, und ein- um's anderemal
-hallten schauerliche Pfiffe. Wir reisten unter der Erde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_105">[105]</a></span></p>
-
-<p>Der Pate hielt die Hände auf dem Schoß gefaltet und
-hauchte: »In Gottes Namen. Jetzt geb' ich mich in alles
-drein. Warum bin ich der dreidoppelte Narr gewesen.«</p>
-
-<p>Zehn Vaterunser lang mochten wir so begraben gewesen
-sein, da lichtete es sich wieder, draußen flog die Mauer,
-flogen die Telegraphenstangen und die Bäume, und wir fuhren
-im grünen Thale.</p>
-
-<p>Mein Pate stieß mich an der Seite: »Du, Bub'! Das
-ist gar aus der Weis' gewesen, aber jetzt &ndash; jetzt hebt's mir
-an zu gefallen. Richtig wahr, der Dampfwagen ist was
-Schönes! Jegerl und jerum, da ist ja schon das Spitalerdorf!
-Und wir sind erst eine Viertelstunde gefahren! Du,
-da haben wir unser Geld noch nicht abgesessen. Ich denk',
-Bub', wir bleiben noch sitzen.«</p>
-
-<p>Mir war's recht. Ich betrachtete das Zeug von innen,
-und ich blickte in die fliegende Gegend hinaus, konnte aber
-nicht klug werden. Und mein Pate rief: »Na, Bub', die
-Leut' sind gescheit! Und daheim werden sie Augen machen!
-Hätt' ich das Geld dazu, ich ließe mich, wie ich jetzt sitz',
-auf unsern Berg hinauffahren!«</p>
-
-<p>»Mürzzuschlag!« rief der Schaffner. Der Wagen stand;
-wir schwindelten zur Thür hinaus.</p>
-
-<p>Der Thürsteher nahm uns die Papierschnitzel ab, die
-wir beim Einsteigen bekommen hatten, und vertrat uns den
-Ausgang. »He, Vetter!« rief er, »diese Karten galten nur
-bis Spital. Da heißt's nachzahlen und zwar das Doppelte
-für zwei Personen; macht einen Gulden sechs Kreuzer!«</p>
-
-<p>Ich starrte meinen Paten an, mein Pate mich. »Bub',«
-sagte dieser endlich mit sehr umflorter Stimme, »hast Du
-ein Geld bei Dir?«</p>
-
-<p>»Ich hab' kein Geld bei mir,« schluchzte ich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_106">[106]</a></span></p>
-
-<p>»Ich hab' auch keins mehr,« murmelte der Jochem.</p>
-
-<p>Wir wurden in eine Kanzlei geschoben, dort mußten
-wir unsere Taschen umkehren. Ein blaues Sacktuch, das
-für uns Beide war und das die Herren nicht anrührten, ein
-hart Rindlein Brot, eine rußige Tabakspfeife, ein Taschenfeitel,
-etwas Schwamm und Feuerstein, der Beichtzettel von
-Mariaschutz und der lederne Geldbeutel endlich, in dem sich
-nichts befand als ein geweihtes Messing-Amuletchen, das der
-Pate stets mit sich trug im festen Glauben, daß sein Geld
-nicht ganz ausgehe, so lange er das geweihte Ding im Sacke
-habe. Es hatte sich auch bewährt bis auf diesen Tag &ndash;
-und jetzt war's auf einmal aus mit seiner Kraft. &ndash; Wir
-durften unsere Habseligkeiten zwar wieder einstecken, wurden
-aber stundenlang auf dem Bahnhofe zurückbehalten und
-mußten mehrere Verhöre bestehen.</p>
-
-<p>Endlich, als schon der Tag zur Neige ging, zur Zeit,
-da nach so rascher Fahrt wir leicht schon hätten zu Hause
-sein können, wurden wir entlassen, um nun den Weg über
-Berg und Thal in stockfinsterer Nacht zurückzulegen.</p>
-
-<p>Als wir durch den Ausgang des Bahnhofes schlichen,
-murmelte mein Pate: »Beim Dampfwagen da &ndash; 's ist doch
-der Teufel dabei!«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-114.png" alt="Dekoration" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_107">[107]</a></span></p>
-
-<h2 id="Als_ich-X"><img src="images/illu-115.png" alt="Dekoration" /><br />
-Als ich&nbsp;&ndash;</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-e.png" alt="" /></div>
-<p class="drop">Einst war in unserem Waldhause ein alter Knecht, der
-einen gloriosen Spitznamen hatte &ndash; er hieß der
-Thalerbüchsen-Toni.</p>
-
-<p>Er besaß nämlich &ndash; ob als Erbschaft oder als Ersparnis,
-das ist nicht ergründet worden &ndash; einen kleinen
-Schatz von alten Silbermünzen, teils mit Bildnissen Maria
-Theresia's, Friedrich's des Großen, teils mit dem Bilde der
-Mutter Gottes oder mit dem Zeichen von Krummstab und
-Schwert, von Adlern, Löwen, zweiköpfigen Tigern, von Kreuzen
-und Ringen, seltsamen Buchstaben oder anderen geheimnisvollen
-Markierungen. Etliche dieser Münzen, die wir, ohne
-Unterschied des Landes, der Prägung und der Größe, Thaler
-nannten, sollen sogar vom dreißigjährigen Kriege hergestammt
-haben. Den Schatz hielt Toni, der Knecht, eingeschachtelt in
-einer runden, blutrot angestrichenen Holzbüchse. Wenn nun
-der Feierabend kam oder eine stille Feiertagsstunde war,
-holte er aus seiner Kleidertruhe die Büchse hervor, aber
-nicht etwa, um nach alter Geizhalsart für sich allein darin
-zu wühlen und zu schwelgen, sondern um die Thalerfreude
-mit seinen Hausgenossen zu teilen, ihnen nach seiner Weise
-die Geldstücke zu erklären, sie dann auf dem Tische klingen<span class="pagenum"><a id="Page_108">[108]</a></span>
-zu lassen, um die Feinheit des Silbers zu bekunden, und sich
-an den gierigen Blicken zu weiden, die auf seine schönen
-Thaler niederstachen.</p>
-
-<p>Sobald jedoch die Leute merkten, es fiele bei dieser wiederholten
-Silberbeschau weiter nichts für sie aus, wurde ihnen
-die Sache langweilig, und sie sagten: »Geh, laß uns in Ruh',
-Toni, mit Deinen alten blinden Schimmeln, wenn Du keinen
-herschenkst, so wollen wir sie auch gar nicht sehen.« Derlei
-undankbare und lieblose Bemerkungen verdrossen den Knecht
-Toni allemal so tief, daß er in dem betreffenden Hause sofort
-den Dienst kündigte und in einen anderen Hof zog, wo man
-die Thalersammlung, die den Inhalt seines Knechtelebens
-ausmachte, wieder besser zu würdigen verstand. &ndash; Aber die
-Bauersleute sind so viel hochsinnig, sie halten nichts auf's Geld,
-wenn sie es nicht kriegen. Und so kam es, daß der Toni
-gar häufig seinen Dienst wechselte, trotzdem er sonst ein stiller,
-zufriedener Mensch und kein schlechter Arbeiter war.</p>
-
-<p>Nun, so war der Thalerbüchsen-Toni auch in unser
-Waldhaus gekommen, und weil er an meinem Vater einen
-Mann fand, der die Geldstücke nicht nach deren Gewicht schätzte,
-sondern an den Bildnissen der Könige und Kaiser und besonders
-an der lieben Mutter Gottes seine Freude hatte, und weil er
-an uns Kindern &ndash; ich war damals etwa acht Jahre alt &ndash;
-eine jubelnde Schar von unersättlichen Bewunderern sah, so
-lebte er in unserem Hause neu auf. Und jeden Abend nach
-dem Vesperbrot kam er denn von seiner Gewandtruhe, die
-oben im Dachgelasse stand, zu uns in die Stube, geheimnisvoll
-die rote Büchse noch unter dem Rocke bergend, sie dann
-langsam hervorziehend, stets mit einer Miene, als ob es das
-allererstemal geschehe und er etwas unerhört Neues aufzuzeigen
-hätte. Und wenn er dann am sicheren Orte des großen<span class="pagenum"><a id="Page_109">[109]</a></span>
-Eichentisches saß und wir in einem festen Wall um ihn herum
-waren, schraubte er mit einer bedächtigen Fertigkeit die Büchse
-auf und faßte einen um den andern mit zwei Fingern an,
-wie der Priester die Hostie, und begann mit seinen Auslegungen.
-An jedem Stücke war eine besondere Merkwürdigkeit. Da war
-eine Maria Theresia, die scheinbar ihre Augen verdrehte, wenn
-man ihr die blinkende Münze Fritz des Großen gegenüberhielt.
-Ein anderer Thaler zeigte noch Rostflecken vom dreißigjährigen
-Kriege, von welchem der Knecht bemerkte, man müsse
-nicht glauben, daß dieser Krieg dreißig Jahre lang ohne alle
-Unterbrechung gedauert habe; in den meisten Nächten, besonders
-aber zu den hohen Festtagen, habe man die Schlacht
-unterbrochen und Freund und Feind in Gemeinschaft sein
-Gebet verrichtet. &ndash; Auf einem andern Thaler war das
-wahrhaftige Bildnis unserer lieben Frau und ein Ablaß
-daran für den, der es küßte. Wir durften es auch küssen,
-alle der Reihe nach, auch die Dienstboten, die der Knecht
-gut leiden konnte; zu den andern sagte er, sie möchten sich
-ihren Ablaß nur anderswo holen, sie saugeten mit ihren
-ungewaschenen Mäulern leicht die ganze heilige Weihe aus
-dem Silber.</p>
-
-<p>Besonders ein halberwachsener Bursche, der Hiasel, war
-es, welcher durch manch lose Bemerkung über den Toni und
-seine Büchse des alten Knechtes Unwillen in so hohem Grade
-erweckt hatte, daß er nicht ein einzigmal zur Thalerschau, geschweige
-zum Kusse zugelassen wurde.</p>
-
-<p>Der Hiasel war kurze Zeit früher als unterstandsloser,
-etwas verkommener Junge des Weges gestrichen, und mein
-Vater hatte ihn aufgenommen, mit gutem Hanfzeuge bekleidet,
-auch ordentlich ausgefüttert, denn die ersten Wochen war der
-heimatlose Bursche gar nicht zu sättigen gewesen. Dafür griff<span class="pagenum"><a id="Page_110">[110]</a></span>
-der Hiasel nun auch die Arbeit flink an, war munter, und
-das regelmäßige Leben schien ihm gar nicht übel zu gefallen.
-Er sah jetzt recht gesund aus, war schlank gewachsen, und weil
-er auch die Haare kämmte, so wollte er schier ein hübsches
-Bürschlein werden. Ich, das muß ich wohl gestehen, hatte
-keine besondere Zuneigung zum Hiasel, nicht allein, weil er
-mir immer als Beispiel aufgestellt wurde, wenn ich mich nicht
-waschen und strählen lassen wollte, sondern und viel mehr noch,
-weil der Hiasel »Peitenstegga« anstatt Peitschenstecken sagte.
-Er war aus dem Niederösterreich herübergekommen, und mir
-war das »Fremdeln« in der Sprache unheimlich und dieses
-»Peitenstegga« geradezu eine Ungeheuerlichkeit. Der Bursche
-schnitt mir manchen Peitschenstecken und unterstützte mich bisweilen
-in meinen kindlichen Spielen; doch niemals vermochte
-ich für ihn Neigung zu fassen, da wandte ich mich zehnmal lieber
-dem alten Toni und seiner Thalerbüchse zu.</p>
-
-<p>Des Alten schmunzelndes, wichtigthuendes Gesicht anzuschauen,
-war für mich eine rechte Unterhaltung. Dieses platte,
-runzelige Gesicht mit den großen Wangenknochen, mit den
-völlig wasserfarbigen Äuglein, die fortwährend hinter den
-buschigen Brauen Versteckens spielten, wenn die Thaler aufmarschierten,
-dieses Gesicht war ein großer Spaß; und wie
-der Mann als Zeichen seiner höchsten Befriedigung die furchige
-Stirnhaut auf- und niederriß und selbst die Ohrläppchen bewegte
-wie ein Eselein &ndash; das war doch gar zu possierlich.
-Und nun kam mir auf einmal der Gedanke: Wenn der Toni
-schon in seiner Lustigkeit ein so spaßiges Gesicht macht, wie
-erst, wenn er zornig und wild ist? &ndash; Mit diesem Gedanken
-hebt die Geschichte an.</p>
-
-<p>Eines Tages, als die Leute auf dem Felde waren, stieg
-ich mit etwas schlotternden Beinlein die Stiege vom Dachgelaß<span class="pagenum"><a id="Page_111">[111]</a></span>
-herab und freute mich auf die Stunde, wenn der Toni wieder
-seine Thaler aufzeigen will und sie nicht findet. Das wird
-ein Gelächter geben! Aber ich lache still und sag' den Spaß
-erst am andern Tag.</p>
-
-<p>Es war die genötige Schnittzeit, da wird bis in die
-späten Abende hinein gearbeitet, da ist's nichts mit dem
-Thalergucken. Ich vergaß auch bald darauf, ich mußte Garben
-tragen und dem Vater die Kornschöberlein aufspreizen helfen.
-Auch waren die Kirschen reif, eine Zeit voll Sehnsucht für
-mich, denn ich wagte noch nicht den Stamm emporzuklettern,
-und das Niederziehen der Äste vermittelst Haken war scharf
-verboten; wenn ein Ast brach, da verstand mein Vater keinen
-Spaß. Das mutwillige Abreißen von Ästen nannte er: den
-Nachkommen Kirschen stehlen. Das war freilich ein garstiges
-Wort, und verzichtete ich schließlich doch lieber auf die so hellrot
-niederleuchtenden Kirschen bis zum Samstagfeierabend,
-wenn sie mir der Vater regelrecht herabholte oder es der
-Hiasel that, der ein arger Kletterer war.</p>
-
-<p>Damals erfuhr ich, was ein böses Wort vermag. Als
-der Hiasel hoch oben auf einem schaukelnden Aste saß und ihm
-bei jeder Schwenkung des Hauptes die frischen Kirschengabeln
-förmlich in den Mund hineinhingen, rief er zu mir nieder
-in's Gras, es wäre eine Schande, daß ich noch auf keinen
-Kirschbaum könne! und warf mir &ndash; der ich die Haube nach
-Kirschen aufthat &ndash; ein paar feuchte Kerne hinein. Ich sprang
-ergrimmt an den Baumstamm, und in wenigen Augenblicken
-war ich zu meiner eigenen Überraschung oben beim Hiasel.</p>
-
-<p>Ich wollte eben der Jubelstimmung über meine plötzlich
-eingetretene Mannhaftigkeit in einem hellen Juchschrei Luft
-machen, als neben im Hause auf einmal ein unheimlicher Lärm
-entstand. Der Toni sprang wie rasend zur Thür heraus,<span class="pagenum"><a id="Page_112">[112]</a></span>
-hielt mit beiden Händen seinen grauen Kopf und schrie: »Mein
-Geld ist weg! Mein Geld ist weg!«</p>
-
-<p>Ihm folgte mein Vater: der Toni solle sich doch nicht
-den Kopf wegreißen, das Geld würde sich ja finden, er ließe
-das ganze Haus untersuchen. Ein paar Dienstmägde zeterten:
-das wäre ihnen auch auf der Welt noch nicht passiert, daß sie
-sich aussuchen lassen müßten, wie Schelminnen, aber sie thäten
-es von selber, würfen dem Bauer all ihre Habseligkeiten vor
-die Füße, Stück für Stück, und solle er schauen, ob die
-dumme Thalerbüchse darunter sei.</p>
-
-<p>»Die dumme Thalerbüchse!« stöhnte der alte Knecht,
-»o Bauer! mein Bauer! Das Herz möchte mir zerspringen
-vor lauter Unglück!« und er hub an laut zu weinen und
-ging, immer noch den Kopf zwischen den Händen haltend,
-um's Haus herum, als müsse die Thalerbüchse irgendwo auf
-dem grünen Rasen liegen.</p>
-
-<p>Jetzt hörte ich auch die Stimme meiner Mutter, welche
-darüber schalt, daß die Leute an ihren Gewandtruhen die
-Schlüssel stecken ließen, daß sie damit leicht ein ganzes
-Haus in Unehr' bringen könnten; sie halte aber dafür, der
-Toni hätte in seiner verrückten Weise das Geld aufs Kornfeld
-mitgeschleppt und dort verstreut. Seit Wochen sei kein
-Bettler, kein Handwerksbursch' oder sonst ein Fremder in den
-Hof gekommen, und daß im Haus kein Dieb lebe, das wisse
-sie gewiß.</p>
-
-<p>Mir, der ich auf dem Kirschbaumast hockte, war wunderlich
-zu Mute. Wenn ich jetzt nur wieder unten wäre! das
-Ding geht höllisch schief.</p>
-
-<p>Im Hause wurde der Hiasel gerufen.</p>
-
-<p>»Wenn's eins im Haus gethan hat &ndash; niemand anderer
-als der Hiasel!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_113">[113]</a></span></p>
-
-<p>Als der Junge dieses Wort gehört hatte, sprang er
-vom Baum mit einem kecken Schwunge über die Äste hinweg
-auf den Erdboden. Bald war er von den Leuten umringt.
-Der Toni hatte seine Fassungskraft wieder erlangt,
-er faßte daher den Hiasel am Arm und fragte, wo er das
-Geld habe!</p>
-
-<p>Der Bursche war im Gesicht röter als die reifste Kirsche
-und sagte, er wisse von keinem Gelde.</p>
-
-<p>Das Leugnen würde ihm nichts nutzen. Man wisse bestimmt,
-daß er die Thaler genommen habe!</p>
-
-<p>Auf eine solche Anschuldigung ist der Bursche &ndash; überhaupt
-ungewandt im Reden, aber gewohnt, herrischen Aussprüchen
-sich zu fügen &ndash; ganz stumm geworden. Er stand
-da wie ein Stück Holz und starrte den Ankläger schier seelenlos
-an.</p>
-
-<p>»Wenn Du's willig sagst, wo mein Geld ist,« sprach
-der Toni in milder, fast bittender Weise, »so geschieht Dir
-nichts; ich lege beim Waldbauer ein Gebitt ein, daß er Dich
-frei laufen laßt. Wenn Du aber leugnest, so schlage ich
-Dich tot!«</p>
-
-<p>Und ich? Als ich merkte, welch schreckbare Wendung
-mein »Spaß« zu nehmen begann, und daß die Sache jetzt
-gar nicht einmal wie ein Spaß aussah, und als ich eine
-Geisterstimme hörte: <em class="gesperrt">das, was Du gethan, war Diebstahl!</em>
-&ndash; da war wohl mein erster Gedanke: Allsogleich sagen,
-Du hast das Geld hinter der Gewandtruhe unter den Holzsparren
-gesteckt. &ndash; Aber sehr rasch rief eine andere Stimme:
-Das wäre zu gefährlich! Siehe, jetzt reißt er schon die Heckenrute
-ab, die kriegst Du, sobald Du das Wort sagst! Denn
-das Gesicht des alten Knechtes war ganz schreckbar anzusehen,
-die Wut, die Ratlosigkeit und den Jammer habe ich in<span class="pagenum"><a id="Page_114">[114]</a></span>
-meinem Leben nirgends so scharf ausgedrückt gefunden, als
-damals auf dem Angesichte des Toni. Da gab's nichts zu lachen!
-Wohl totenblaß mag ich gewesen sein, als ich mich hinter
-den Kirschbaumstamm schlich, dann plötzlich Kehrt machte, ins
-Haus eilte, ins Dachgelaß hinauf, die unselige Thalerbüchse
-aus ihrem Versteck holte und in die sperrangelweit offene
-Gewandtruhe des alten Knechtes warf.</p>
-
-<p>Als ich hernach wieder zum Kirschbaum zurückgekommen
-war, lagen von der Heckenrute nur mehr die weißen Splitter
-umher auf dem grünen Rasen; die Leute verzogen sich grollend
-und scheltend, und den Waldweg entlang wankte der
-Bursche mit zerrauftem Haar.</p>
-
-<p>Der Knecht wimmerte im Hause umher, der Vater trat
-zu mir und sagte, ich hätte nun gesehen, wohin Unehrlichkeit
-führe; den Hiasel habe er verjagt, und ich solle nun wieder
-auf den Kirschbaum steigen.</p>
-
-<p>Jetzt sag's! Jetzt sag's! rief es ungestüm in mir. Aber
-ich habe es nicht gesagt. Mir war, als <em class="gesperrt">könnte</em> ich es nicht
-mehr sagen, als sei schon zu viel geschehen. Ich war ja für's
-ganze Haus das fromme, gutmütige Büblein, das schier
-den ganzen Katechismus auswendig wußte und das heilige
-Evangelium lesen konnte so schön und kräftig, wie der Pfarrer
-auf dem Predigtstuhl, ich sollte nun als Dieb und Schuftlein
-dastehen! Hatte ich nicht die haarsträubende Entrüstung der
-Leute gesehen, die sich in allen Formen über den armen Hiasel
-entleert? Über mich mußte es noch ärger kommen, denn ich
-war ein doppelter Bösewicht. Für einen solchen ist es doppelt
-unklug, sich zu verraten &ndash; und ich habe <em class="gesperrt">nichts</em> gesagt.</p>
-
-<p>Hingegen bin ich jetzt fortgegangen, den Waldweg entlang,
-um den Hiasel zu suchen. Ich bin, wie der Steig führt,
-in den Schmithofgraben hinabgegangen und jenseits wieder<span class="pagenum"><a id="Page_115">[115]</a></span>
-emporgestiegen zu den Hochwaldungen des Teufelssteingebirges.
-Und auf der Höhe, dort wo der weite grüne Anger liegt,
-mitten im Wald, und wo das hohe, rotangestrichene Christuskreuz
-steht, dort habe ich ihn gefunden. Er lag unter dem
-Kreuze und schlief, und auf seinem Antlitz lagen Spuren von
-Thränen.</p>
-
-<p>Über den schwarzen hohen Baumwipfeln lag die Abendröte,
-kein Lüftchen und kein Laut war auf dem dämmernden
-Anger &ndash; ich saß neben dem schlafenden Burschen und weinte. &ndash;
-Kinder weinen oft, aber es wird wohl selten sein, daß eins
-so bitter, bitterlich weint, als ich's damals gethan habe, da
-ich Wache hielt vor dem schlummernden Jungen, dem so grob
-Unrecht geschehen war.</p>
-
-<p>Wecken wollte ich ihn nicht. Er war ja so müde gehetzt.
-Daß er unschuldig ist, das weiß er, und wird ihm's sein lieber
-Schutzengel auch im Traum sagen. Er hat nicht Vater und
-Mutter, er hat nichts Gutes auf der Welt, und wenn ihm
-jetzt schon fremde Sünden zugeworfen werden, weil ihn kein
-Mensch in Schutz nimmt, wie erst, wenn er groß ist und
-es die schlechten Leute inne werden: das ist einer zum Tragen
-und Büßen&nbsp;…! Er soll schlafen.</p>
-
-<p>Ähnliches mag ich gedacht oder gefühlt haben, und ein
-unendliches Mitleid kam über mich, eine Reue und eine Liebe,
-und ich wußte mir vor Weinen nicht zu helfen. Als er sich
-einmal ein klein wenig bewegte, da ging's mir heiß durchs
-Herz, und mir verging fast der Mut, es ihm zu sagen, daß
-ich das Schelmenstück gethan hätte, wofür er mißhandelt
-worden. Konnte ihn das nicht gegen mich empören, wütend
-machen? Konnte er mich nicht auf der Stelle totschlagen in
-diesem finsteren Wald und mir dabei zuschreien: die Strafe
-dafür hätte er schon im voraus empfangen?</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_116">[116]</a></span></p>
-
-<p>Aber &ndash; und das allein ist's, was aus jenem bösen
-Tage heute noch milde auf mich herüberschaut &ndash; ich blieb
-neben dem Schlummernden kauern und war entschlossen, nicht
-eher von ihm zu gehen, als bis ich ihm alles gestanden und
-abgebeten hätte. Dann wollte ich ihn mitnehmen hinein in
-mein Vaterhaus, daß er alles dort habe, was ich bisher
-gehabt, und das so lang, so lang, als die Heckenruten wachsen
-neben dem Kirschbaum.</p>
-
-<p>Bevor jedoch der Hiasel aus seiner schweren Betäubung
-erwachte, kam was anderes. Den Waldweg heran knarrte
-ein Leiterwagen, bespannt mit zwei Ochsen, die ein Mann
-leitete. Der Stegleitner von Fischbach war's, er fuhr von
-seinem Walde heim &ndash; ich kannte ihn von einem Ochsentausche
-her, den er etliche Wochen früher mit meinem Vater unternommen.
-Trotz der tiefen Dämmerung erkannte ich auch
-die Ochsen als jene, welche er von uns fortgeführt hatte.
-Das heimelte mich an. Als der Stegleitner hier unter dem
-Kreuze einen schlafenden und einen schluchzenden Jungen
-fand, war er gar erschrocken und fragte, was das zu bedeuten
-habe. Und vor den Stegleitner bin ich hierauf hingekniet,
-als ob er der Bestohlene oder der Mißhandelte gewesen wäre,
-und habe ihm wohl mit gefalteten Händen alles erzählt.</p>
-
-<p>Der Stegleitner war ein ruhiger, ernster Mann; als
-ich fertig war, fragte er nur, ob ich fertig wäre, und da ich
-schwieg, hat er mir folgendes gesagt: »Mit dem Hiasel hast
-Du und hat Dein Vater nichts mehr zu schaffen, der gehört
-jetzt mein, ich nehme ihn mit mir. Abbitten wirst Du ihm's,
-wenn Du größer geworden bist, denn das &ndash; mußt Du
-wissen &ndash; verjährt nicht. Für jetzt werde ich ihm sagen,
-was zu sagen ist, daß sein Schutzengel seine Unschuld an's
-Licht getragen hat. Mehr braucht er nicht zu wissen. Und<span class="pagenum"><a id="Page_117">[117]</a></span>
-Du, Waldbauernbub, gehst jetzt heim, und was Du zu thun
-hast, das weißt Du.«</p>
-
-<p>»Das Geld ist schon zurückgegeben,« bemerkte ich gefaßter.</p>
-
-<p>»Das Geld ist Mist,« sagte der Stegleitner, »die Ehre
-giebst zurück. &ndash; Mein Kind!« fuhr er fort und richtete
-mich mit seiner Hand auf, »schau, dort oben heben jetzt die
-Sternlein an zu leuchten. Sie schauen nieder auf Dich,
-wenn Du bei der Thür eintrittst in Dein Vaterhaus, sie
-sehen, was Du thun wirst und was lassen &ndash; und sie brennen
-fort, bis zum jüngsten Gericht!«</p>
-
-<p>Die Worte waren ruhig, fast leise gesprochen, und doch
-war mir, als bebte vor ihnen der Erdboden unter meinen
-Füßen.</p>
-
-<p>Der Stegleitner blieb mit seinem Gefährte noch stehen
-bei dem roten Kreuz; ich that einen kurzen Blick auf den
-Schläfer, und war mir, als sähe ich das Bild eines Heiligen.
-Dann ging ich heimwärts; ging und lief und ahnte Gespenster,
-die mir folgten.</p>
-
-<p>Als ich gegen unser Haus kam, hörte ich schon von
-weitem die Stimme meiner Mutter, die meinen Namen rief.</p>
-
-<p>»Was das für ein Tag ist!« klagte sie, »Geld und Kinder
-werden gestohlen, da müssen doch rein Zigeuner im Land sein!«</p>
-
-<p>Aber Geld und Kind hatten sich nun glücklich wieder gefunden,
-und in der Stube kniete der Vater am großen Tische,
-knieten die anderen Leute an den Wandbänken herum, und
-sie beteten laut und gemeinstimmig den üblichen Samstagsrosenkranz.
-Mir war wohl und weh. Ich kniete zum alten
-Knecht Anton &ndash; recht nahe an seine Seite hin &ndash; und
-begann laut mitzubeten. Sie wiederholten immer wieder
-das Vaterunser und das Ave Maria, und ich stimmte in den
-surrenden Ton mit ein und sagte fortwährend: »Lieber<span class="pagenum"><a id="Page_118">[118]</a></span>
-Knecht, vergieb mir meine Schulden, ich habe Dir das Geld
-gestohlen! Lieber Knecht, vergieb mir meine Schulden, ich
-habe Dir das Geld gestohlen!«</p>
-
-<p>Weil der Toni entweder stark schläfrig war, oder weil
-er während des Rosenkranzes in Gedanken an die wiedergefundene
-Thalerbüchse schwelgte, so währte es ziemlich lang,
-bis ihm mein wunderlicher Text auffiel. Endlich huben sich
-seine Stirnhaut und sein Ohrläppchen an zu bewegen, er
-wendete sachte sein entsetztes Gesicht und schrie in die Stube
-hinein, man solle still sein und den kleinen Buben allein
-weiterbeten lassen.</p>
-
-<p>Und als von solcher Unterbrechung überrascht alles still
-war, duckte ich mich weinend in den Wandwinkel und wimmerte
-laut: »Ich habe das Geld genommen!«</p>
-
-<p>Der Rosenkranz war für heute aus. Die Begebenheiten
-spitzten sich nun rasch und scharf einem herben Ende zu, welches
-Ende jedoch durch den Umstand, daß der Hiasel geborgen und
-von seiner Ehrenrettung bereits durch den Stegleitner Kenntnis
-haben mußte, bedeutend gemildert worden ist.</p>
-
-<p>Von diesem verhängnisvollen Tage an ist der Thalerbüchsen-Toni
-nicht mehr lange bei uns geblieben. Aber
-zum Abschiede nahm er mich an seine Gewandtruhe. Dort
-öffnete er gravitätisch die Büchse und schenkte mir daraus
-ein funkelndes Thalerlein als &ndash; Finderlohn.</p>
-
-<p>Nach Jahren, als der Toni mühselig und krank geworden
-war, wollte er mit seinem Silberschatze eine »wunderthätige
-Kapelle« stiften, was ihm aber der Pfarrer entschieden mißriet.
-Hingegen ward ihm nahe gelegt, ob er nicht einem
-braven Bauernburschen, dem dieser Silberlinge wegen einmal
-Unrecht geschehen, ein kleines Angedenken hinterlassen wolle?</p>
-
-<p>Aber der Hiasel war nicht im Lande. Er war lange<span class="pagenum"><a id="Page_119">[119]</a></span>
-im Stegleitnerhofe gewesen, und man hatte schon davon gemunkelt,
-daß er dort die hübsche Haustochter heiraten werde
-&ndash; da wurde die Gegend plötzlich geräumt. Alle jungen,
-kräftigen Männer mußten fort. Es war die Zeit, in welcher
-nach dem Sprichwort die Weibsleute um jeden Stuhl rauften,
-auf dem einmal ein Mannsbild gesessen. &ndash; Wie die Meereshochflut,
-die den Damm zerreißt, so brach der Feind ins
-Vaterland herein. O, laßt mich schweigen von den Ereignissen
-jener Tage, sie waren furchtbar groß. Der Sturm
-war bald vorüber; viele Männer kehrten heim, viele blieben
-auf ewig aus. Der Hiasel kam mit einem durchschossenen
-Fuß zurück. Bei Königgrätz war's gewesen.</p>
-
-<p>»Armer Bursch,« so begrüßte der alte Stegleitner den
-Heimkehrenden, »jetzt bist ein zweitesmal unschuldigerweis
-geschlagen worden.«</p>
-
-<p>»Ich trag's,« antwortete der Hiasel, »mir ist's nur
-<em class="gesperrt">ihretwegen</em> hart!«</p>
-
-<p>»Was ihretwegen!« sagte der Bauer, »ihre Ahndl, meine
-Mutter selig, hat auch einen hinkenden Mann gehabt. Dirndel,
-geh her! Schau, der Krumme kann Dir nicht so leicht davonlaufen.
-Der lieb' Herrgott geb' seinen Segen dazu!«</p>
-
-<p>Jetzt ist die Geschichte aus. Heute ist der Hiasel angesehener
-Stegleitner und sein Weib vergilt ihm &ndash; so viel
-mir bekannt ist &ndash; hundertfach manch erlittene Unbill.</p>
-
-<p>Der alte Thalerbüchsen-Toni ist erst vor wenigen Jahren
-gestorben. Der größte Teil seiner Münzen ging auf das
-Begräbnis, etliche Stücke nahm er mit in seinen Sarg, darunter
-das mit dem wahrhaftigen Bildnisse der Mutter Gottes. Da
-ist's wohl kein Wunder, daß der Alte im Tode ein so wohlgemutes,
-fast schmunzelndes Gesicht machte und im Grabe
-schmunzelnd zu Asche zerfallen wird &ndash; bei den Thalern.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-098.png" alt="Dekoration" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">Verlag von L. Staackmann in Leipzig.</p>
-
-<p class="larger left10 p2">Jugendschriften</p>
-
-<p class="center">von</p>
-
-<p class="larger right">Peter Rosegger.</p>
-</div>
-
-<div class="hang p2">
-
-<p><b>Aus dem Walde.</b> Ausgewählte Schriften für die reifere
-Jugend mit 36 Abbildungen in illustriertem Umschlag
-gebunden M. 4.&ndash;.</p>
-
-<p><b>Ernst Und heiter</b> und so weiter. Für die reifere Jugend
-ausgewählt, in illustriertem Umschlag kartoniert M. 4.&ndash;.</p>
-
-<p><b>Deutsches Geschichtenbuch.</b> Für die reifere Jugend
-ausgewählt mit 12 Vollbildern, in illustriertem Umschlag
-gebunden M. 4.&ndash;.</p>
-
-<p><b>Waldferien.</b> Ländliche Geschichten für die Jugend ausgewählt.
-Mit 20 Abbildungen. In illustriertem Umschlag
-gebunden M. 4.&ndash;.</p>
-
-<p><b>Waldjugend.</b> Geschichten für junge Leute von 15&ndash;70
-Jahren. Mit zahlreichen Textillustrationen und 10 Vollbildern
-von Alfred Mailick. In Prachtband gebunden
-M. 6.&ndash;.</p></div>
-
-<p class="noind p2">Ausführliches Verzeichnis über Roseggers Schriften sowie
-ein neuer illustrierter Verlagskatalog steht jedem Interessenten
-auf Verlangen gratis und franko zur Verfügung.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="center p2">Druck von Grimme &amp; Trömel in Leipzig.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung
-der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-<div class="corr">
-<p>
-S. 8: hierauf → sich hierauf<br />
-Als er <a href="#corr008">sich hierauf</a> einmal umsah</p>
-<p>
-S. 11: kreuzenden → sich kreuzenden<br />
-das Gewebe der <a href="#corr011">sich kreuzenden</a> Eisstücke</p>
-<p>
-S. 76: kriegen → kriechen<br />
-mußte ich unter den Tisch <a href="#corr076">kriechen</a></p>
-</div>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Als ich noch der Waldbauernbub war.
-Band 1, by Peter Rosegger
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WALDBAUERNBUB WAR ***
-
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index 24ebf4d..0000000
--- a/old/61998-h/images/illu-099.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/61998-h/images/illu-105.png b/old/61998-h/images/illu-105.png
deleted file mode 100644
index af8a9a4..0000000
--- a/old/61998-h/images/illu-105.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/61998-h/images/illu-106.png b/old/61998-h/images/illu-106.png
deleted file mode 100644
index 5f50cb2..0000000
--- a/old/61998-h/images/illu-106.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/61998-h/images/illu-114.png b/old/61998-h/images/illu-114.png
deleted file mode 100644
index 0b96956..0000000
--- a/old/61998-h/images/illu-114.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/61998-h/images/illu-115.png b/old/61998-h/images/illu-115.png
deleted file mode 100644
index 7d7157c..0000000
--- a/old/61998-h/images/illu-115.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/61998-h/images/signet.png b/old/61998-h/images/signet.png
deleted file mode 100644
index 96e65ba..0000000
--- a/old/61998-h/images/signet.png
+++ /dev/null
Binary files differ