diff options
Diffstat (limited to 'old/61998-h/61998-h.htm')
| -rw-r--r-- | old/61998-h/61998-h.htm | 5164 |
1 files changed, 0 insertions, 5164 deletions
diff --git a/old/61998-h/61998-h.htm b/old/61998-h/61998-h.htm deleted file mode 100644 index 7029912..0000000 --- a/old/61998-h/61998-h.htm +++ /dev/null @@ -1,5164 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - <head> - <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> - <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - <title> - The Project Gutenberg eBook of Als ich noch der Waldbauernbub war (1. Band), by Peter Rosegger. - </title> - <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> - <style type="text/css"> - -body { - margin-left: 10%; - margin-right: 10%; -} - -.chapter { - page-break-before: always; -} - -h1, h2 { - text-align: center; /* all headings centered */ - clear: both; -} - -.h2 { - text-indent: 0; - text-align: center; - font-size: x-large; -} - -p { - margin-top: 1ex; - margin-bottom: 1ex; - text-align: justify; - text-indent: 1em; -} - -.noind { - text-indent: 0; -} - -.p2 {margin-top: 2em;} - -hr { - width: 33%; - margin-top: 2em; - margin-bottom: 2em; - margin-left: 33.5%; - margin-right: 33.5%; - clear: both; -} - -hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%; } -hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%; } - -table { - margin-left: auto; - margin-right: auto; -} - -.tdr { - text-align: right; - vertical-align: bottom; -} - -.pagenum { - position: absolute; - left: 90%; - width: 8%; - font-family: sans-serif; - font-style: normal; - font-weight: normal; - font-size: small; - text-align: right; -} /* page numbers */ - -.pagenum a { - color: gray; -} - -.blockquot { - margin-left: 10%; - margin-right: 10%; -} - -.blockquot p { - text-indent: 0; -} - -.hang p { - margin-left: 2em; - text-indent: -2em; -} - -.center { - text-align: center; - text-indent: 0; -} - -.left10 { - text-indent: 0; - text-align: left; - margin-left: 10%; -} - -.right { - text-align: right; - margin-right: 10%; -} - -.larger { - font-size: larger; -} - -.smaller { - font-size: smaller; -} - -.gesperrt { - font-style: italic; -} - -/* Images */ -img { - max-width: 100%; - height: auto; -} - -.figcenter { - margin: auto; - text-align: center; -} - -/* Transcriber's notes */ -.transnote {background-color: #E6E6FA; - color: black; - font-size:smaller; - padding:0.5em; - margin-bottom:5em; -} - -.transnote p { - text-indent: 0; -} - -.corr p { - margin-left: 2em; - text-indent: -1em; -} - -img.drop { - float: left; - margin: 0 0.5em 0 0; -} - -p.drop:first-letter { - color: transparent; - visibility: hidden; - margin-left: -1.5em; -} - -@media handheld { - img.drop { - display: none; - } - - p.drop:first-letter { - color: inherit; - visibility: visible; - margin-left: 0; - } -} - </style> - </head> -<body> - - -<pre> - -The Project Gutenberg EBook of Als ich noch der Waldbauernbub war. Band 1, by -Peter Rosegger - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and -most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Als ich noch der Waldbauernbub war. Band 1 - Für die Jugend ausgewählt aus den Schriften Roseggers vom - Hamburger Jugendschriftenausschuß. - -Author: Peter Rosegger - -Annotator: W. Lottig - -Release Date: May 2, 2020 [EBook #61998] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WALDBAUERNBUB WAR *** - - - - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at https://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt. -Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>. -</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich -am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p> -</div> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/cover.jpg" alt="Cover" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<h1>Als ich noch der<br /> -Waldbauernbub war.</h1> - -<p class="center">Von <span class="larger">Peter Rosegger</span>.</p> - -<p class="center">Für die Jugend ausgewählt<br /> -aus den Schriften Roseggers<br /> -vom Hamburger Jugendschriftenausschuß.</p> - -<p class="center smaller">Einundsechzigstes bis siebzigstes Tausend.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/signet.png" alt="Signet" /> -</div> - -<p class="center larger">Leipzig,</p> - -<p class="center">Verlag von L. Staackmann.</p> - -<p class="center smaller">1905. -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p>Außerdem erschien noch:</p> - -<p class="h2">Als ich noch der Waldbauernbub war</p> - -<p class="center">II. Teil u. III. Teil.</p> - -<p class="center smaller">Von</p> - -<p class="h2">Peter Rosegger.</p> - -<p class="center">Für die Jugend ausgewählt vom Hamburger<br /> -Jugendschriftenausschuß.</p> - -<p class="center"><b>Elegant kartoniert 70 Pf.<br /> -Elegant und dauerhaft gebunden 90 Pf.</b></p> - -</div> - -<p class="noind larger">Inhalt des II. Teiles:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>In der Christnacht. – Was bei den Sternen war. – Auf der -Wacht. – Wie ich mit der Thresel ausging und mit dem -Maischel heimkam. – Als ich das Ofenhückerl war. – Als -ich um Hasenöl geschickt wurde. – Als ich mir die Welt am -Himmel baute. – Von meiner Mutter.</p></div> - -<p class="noind larger">Inhalt des III. Teiles:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>Als ich Christtagsfreude holen ging. – Das Schläfchen auf -dem Semmering. – Als ich nach Emaus zog. – Am Tage, -da die Ahne fort war. – Der Fronleichnamsaltar. – Weg -nach Maria Zell. – Als ich der Müller war. – Als ich den -Himmlischen Altäre gebaut. – Als ich im Walde beim Käthele -war. – Als die hellen Nächte waren. – Aus der Eisenhämmerzeit. -– Als ich zum Pfluge kam.</p></div> - -<p class="center p2"> -<em class="gesperrt">Alle Rechte vorbehalten.</em> -</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_iii">[III]</a></span></p> - -<h2 id="Vorwort">Vorwort.</h2> -</div> - -<p>Ihr lieben jungen Leser alle!</p> - -<p>Es ist für mich wie ein Fest, daß ich Euch, die Ihr -sicher in recht stattlicher Zahl Euch um das Waldbauernbüblein -scharen werdet, ein wenig auf diese Bekanntschaft -vorbereiten darf. Verständige Knaben und sinnige Mädchen -wie Ihr werden vor einem ernsthaften Wort gewiß nicht -davonlaufen, nicht wahr?!</p> - -<p>Mein Erstes sei, Euch – soweit Ihr's schon verstehen -könnt – auseinanderzusetzen, wie und in welcher Absicht -dies Büchlein zustande gekommen ist; wollen Eure Eltern -sich auch ein wenig heransetzen und mit zuhören, so ist mir's -um so lieber.</p> - -<p>Seht! seit Jahren hält der Hamburger Jugendschriften-Ausschuß -im Einverständnis mit den übrigen deutschen -Prüfungsausschüssen und mit vielen andern Männern und -Frauen, die es mit der deutschen Jugend gut meinen, Umschau -unter den Schätzen, die unsre Dichter ihrem Volke -geschenkt haben, ob nicht Kleinode darunter seien, deren -Schönheit auch Eurem Auge schon offen liege. Wir haben -gar kostbare Stücke der Art gefunden, ja, manch Eines sieht -aus, als sei es eigens für Kindeshand und Kindesherz erschaffen. -Da halten wir es nun nicht nur für eine unserer<span class="pagenum"><a id="Page_iv">[IV]</a></span> -schönsten Aufgaben, Euch solche Werke möglichst bequem -zugänglich zu machen, sondern wir sehen darin auch geradezu -eine unabweisbare Pflicht! und ich will den Versuch wagen, -Euch wenigstens ahnen zu lassen, um welch große Sache es -sich dabei handelt. – Ein Bild muß mir helfen:</p> - -<p>Siehst Du dort den kühnen Reiter?! – – Ob er -seine edle Kunst wohl einst auf hölzernem Kinderpferdchen -erlernt hat?! – – Du lachst mir hell ins Gesicht! – Auf -ein Roß von Fleisch und Bein hat ihn sein Vater gesetzt! -nicht sogleich auf ein wildes, ungebärdiges! – behüte! es -that's doch sein Vater! – Aber lebendig war's! und der -Knirps hat gejauchzt in hellem Vergnügen! – – Aber -schon der <em class="gesperrt">Knabe</em> merkte bald, daß das Reiten eine gar -ernsthafte Lust sei, die mit ernster, fleißiger Übung erkauft -sein wollte; dafür blitzte es aber auch heute dem <em class="gesperrt">Manne</em>, -der eben auf seinem mutigen Rappen an uns vorüberflog, -mit so eigener Freude aus den Augen, daß wir selbst unser -Herz höher schlagen fühlten. Was meinst Du? <em class="gesperrt">der</em> würde -sich doch wohl um keinen Preis auf einen elenden Droschkengaul -setzen?!! –</p> - -<p>Nun gieb acht, mein lieber aufmerksamer Zuhörer, daß -Du mich verstehst! – Wohlerfahrene Männer führen Klage, -daß große Kreise unseres Volkes die Lust an seinen Dichtern -verlernt haben, daß unabsehbar Viele an elendem Zeug, das -sie für schön halten, sich hoch ergötzen, und daß sie an dem -wahrhaft Schönen achtlos vorüberstreichen, weil sie's nicht -erkennen. Da möchten wir nun nach Kräften helfen, daß -unsere Jugend, zu der auch Ihr gehört, die Ihr mich so -helläugig anblickt, dereinst nicht solchem Irrtum verfalle. -Wir meinen, daß auch die rechte Freude am Kunstwerk eine -»ernsthafte Lust« sei, die erlernt sein will, und darum<span class="pagenum"><a id="Page_v">[V]</a></span> -möchten wir es jenem Manne nachthun, der sein Söhnlein -frühzeitig vom steifen Holzgaul auf's edle Roß hob: Wir -wollen Euch dem Einfluß der für Euch zurecht gezimmerten -Jugendschriften entrücken und Euch vor echte Kunstwerke -stellen und Euch aufgeben: Genießet sie mit ernsthafter -Freude! – Wir wissen zuversichtlich, daß dann auch Euch -einst das Auge leuchten wird, wie jenem Reiter! daß auch -Ihr Euch vom Gemeinen abkehren werdet, weil Ihr gelernt -habt das Schöne zu schätzen! –</p> - -<p>Aus solcher Absicht ist Euch im vorigen Jahre Storm's -»Pole Poppenspäler« neu geschenkt worden; aus solcher -Absicht folgt als diesjährige Weihnachtsgabe das »Waldbauernbüblein«. -Der Dichter und sein Verleger – das ist -jener Mann, der eines Schriftstellers Werk als Buch herrichten -läßt und dieses in die Welt hinaus sendet – sind -in der Absicht, recht vielen Kindern Freude zu machen, auf -unsere Bitte eingegangen; ja, sie haben uns in schönem Vertrauen -die Auswahl freigestellt, und so haben wir denn ausgewählt -nach unsrer und zu Eurer Herzenslust. Wir waren -dabei keinen Augenblick im Zweifel, daß von den vielen -Geschichten Roseggers, an denen Ihr rechtes Genießen erlernen -könntet, in allererster Reihe solche vor Euer Ohr -gehören, in denen der Dichter aus seiner eignen Kindheit, -aus seiner geliebten Waldheimat erzählt.</p> - -<p>Nun wißt Ihr, wie und in welcher Absicht das Büchlein, -das Ihr in der Hand haltet, zustande gekommen ist, -und ich könnte nun von Euch Abschied nehmen, müßte ich -nicht fürchten, daß Euch die Aufgabe, die ich Euch gestellt, -in Verlegenheit setzt. Oder habt Ihr's etwa garnicht gemerkt! -– <em class="gesperrt">Genieße diese kleinen Kunstwerke mit -ernsthafter Freude!</em> so heißt Deine Aufgabe. – O, hab<span class="pagenum"><a id="Page_vi">[VI]</a></span> -keine Angst: das Reiten zu erlernen ist viel, viel schwerer! -– Willst Du meinen Rat befolgen? Hier ist er:</p> - -<p>Lies die kleinen Geschichten nicht, wie Du sicherlich -schon manches Indianerbuch durchgelesen hast: Du weißt -wohl, in einer Angst und Hast hin zum Ende! und dann -womöglich gleich noch ein zweites! und ein drittes! – Nein, -nur das nicht! Lies sie hübsch verständig und sinnig, als -ob Du sie Dir selbst erzähltest. Bist Du noch im Zweifel, -so bitte Deine Eltern oder Deinen Lehrer oder Dein Schulfräulein, -daß Eins von ihnen Dir die eine oder andere -vorlese; dann wirst Du merken, wie Du selbst Dir die -übrigen vorlesen mußt.</p> - -<p>Vielleicht wird es Dir nun so ergehen, daß Du, wenn -Du mit der letzten Geschichte zuende bist, wieder die erste -aufschlägst und gewahr wirst, wie Dir jede nun noch viel -besser gefällt. Wenn es so kommt, dann hat Dich Deine -Aufgabe schon erfaßt. Halb unwillkürlich wirst Du Dich -jetzt hinein sinnen in das Leben und in die Gedanken und -in das Empfinden des Waldbauernbuben; ja, zuweilen wird -Dir gar sein, als wärest Du selbst der kleine Peter Rosegger. -<em class="gesperrt">Das</em>, mein braver Junge! mein liebes Mädchen! das ist -der rechte Augenblick! jetzt öffne Deine Augen! – Wenn -Du jetzt die Welt des Waldbauernbuben – in diesem -Augenblick <em class="gesperrt">Deine</em> Welt! – immer klarer und greifbarer -sich vor Dir ausbreiten siehst: das Haus, den Wald, die -Berge, die Thalweide …; wenn Du jetzt die Menschen -in dieser Welt – in diesem Augenblick <em class="gesperrt">Deine</em> Lieben, -<em class="gesperrt">Deine</em> Bekannten! – leibhaftig um Dich wandeln siehst: -den Vater, die Mutter, die Geschwister, den Vetter Jok, -den Meisensepp, die Drachenbinderin und ihren Knecht …; -wenn Dir jetzt <em class="gesperrt">Dein</em> Herz zuckt, als hörtest Du <em class="gesperrt">Deinen</em><span class="pagenum"><a id="Page_vii">[VII]</a></span> -Vater aufschluchzen um <em class="gesperrt">Dich</em>, als lägest <em class="gesperrt">Du selbst</em> in bittrer -Reue neben dem schlummernden Hiasel unter dem Kreuz, -dann, mein lieber kleiner Leser! dann hat sich Deine Aufgabe -erfüllt, und Du hast davon keine Mühe, sondern nur -edle Freude gehabt! Dann wirst Du den <em class="gesperrt">kleinen</em> Peter -ins Herz geschlossen haben, wie ich den <em class="gesperrt">großen</em>, und ihm -aus dankbarer Seele den Gruß senden, den ich jetzt Dir -und ihm zurufe, den treuen Gruß, den er so gern hört:</p> - -<p class="center"> -»Grüß Gott!«</p> -<p> -<em class="gesperrt">Hamburg</em>, im Oktober 1899. -</p> -<p class="center"> -Im Auftrage des Hamburger<br /> -Prüfungsausschusses für Jugendschriften. -</p> -<p class="right"> -<b>W. Lottig.</b> -</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_viii">[VIII]</a></span></p> - -<h2 id="Inhalt">Inhalt.</h2> - -<table summary="Inhalt"> -<tr> -<td></td><td class="tdr">Seite</td> -</tr> -<tr> -<td>1. Vom Urgroßvater, der auf der Tanne saß</td> - <td class="tdr"><a href="#Vom_Urgrossvater">1</a></td> -</tr> -<tr> -<td>2. Ums Vaterwort</td> - <td class="tdr"><a href="#Ums_Vaterwort">14</a></td> -</tr> -<tr> -<td>3. Allerlei Spielzeug</td> - <td class="tdr"><a href="#Allerlei_Spielzeug">22</a></td> -</tr> -<tr> -<td>4. Wie der Meisensepp gestorben ist</td> - <td class="tdr"><a href="#Wie_der_Meisensepp_gestorben_ist">32</a></td> -</tr> -<tr> -<td>5. Wie ich dem lieben Herrgott mein Sonntagsjöppl schenkte</td> - <td class="tdr"><a href="#Wie_ich_dem_lieben_Herrgott">43</a></td> -</tr> -<tr> -<td>6. Wie das Zicklein starb</td> - <td class="tdr"><a href="#Wie_das_Zicklein_starb">50</a></td> -</tr> -<tr> -<td>7. Dreihundert vierundsechzig und eine Nacht</td> - <td class="tdr"><a href="#Dreihundert_vierundsechzig_und_eine_Nacht">59</a></td> -</tr> -<tr> -<td>8. Als ich Bettelbub gewesen</td> - <td class="tdr"><a href="#Als_ich_Bettelbub_gewesen">66</a></td> -</tr> -<tr> -<td>9. Als ich zur Drachenbinderin ritt</td> - <td class="tdr"><a href="#Als_ich_zur_Drachenbinderin_ritt">76</a></td> -</tr> -<tr> -<td>10. Als dem kleinen Maxel das Haus niederbrannte</td> - <td class="tdr"><a href="#Als_dem_kleinen_Maxel_das_Haus">91</a></td> -</tr> -<tr> -<td>11. Als ich das erste Mal auf dem Dampfwagen saß</td> - <td class="tdr"><a href="#Als_ich_das_erste_Mal_auf_dem">98</a></td> -</tr> -<tr> -<td>12. Als ich –</td> - <td class="tdr"><a href="#Als_ich-X">107</a></td> -</tr> -</table> - -<div class="blockquot"> -<p> -Nr. 1. 4. 5. 8. 10. sind dem Buche »Waldferien«<br /> -Nr. 2. 3. 6. 7. 9. 11. 12. sind dem »Deutschen Geschichtenbuche«<br /> -entnommen.<br /> -</p> -</div> - -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_1">[1]</a></span></p> - -<h2 id="Vom_Urgrossvater"><img src="images/illu-009.png" alt="Dekoration" /><br /> -Vom Urgroßvater, der auf der Tanne saß.</h2> -</div> -<div><img class="drop" src="images/drop-a.png" alt="" /></div> -<p class="drop">An die Felder meines Vaters grenzte der Ebenwald, -der sich über Höhen weithin gegen Mitternacht erstreckte -und dort mit den Hochwaldungen des Heugrabens -und des Teufelssteins zusammenhing. Zu meiner Kindeszeit -ragte über die Fichten- und Föhrenwipfel dieses Waldes das -Gerippe einer Tanne empor, auf welcher der Sage nach -vor mehreren hundert Jahren, als der Türke im Lande -war, der Halbmond geprangt haben und unter welcher viel -Christenblut geflossen sein soll.</p> - -<p>Mich überkam immer ein Schauern, wenn ich von den -Feldern und Weiden aus dieses Tannengerippe sah; es ragte -so hoch über den Wald und streckte seine langen, kahlen, -wildverworrenen Äste so wüst gespensterhaft aus, daß es ein -unheimlicher Anblick war. Nur an einem einzigen Aste -wucherten noch einige dunkelgrüne Nadelballen, und über -diese ragte ein scharfkantiger Strunk, auf dem einst der -Wipfel gesessen. Den Wipfel mußte der Sturm oder ein -Blitzstrahl geknickt haben – die ältesten Leute der Gegend -erinnerten sich nicht, ihn auf dem Baume gesehen zu haben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_2">[2]</a></span></p> - -<p>Von der Ferne, wenn ich auf dem Stoppelfelde die -Rinder oder die Schafe weidete, sah ich die Tanne gern an; -sie stand in der Sonne rötlich beleuchtet über dem frischgrünen -Waldessaume und war so klar und rein in die Bläue des -Himmels hineingezeichnet. Dagegen stand sie an bewölkten -Tagen, oder wenn ein Gewitter heranzog, starr und dunkel -da; und wenn im Walde weit und breit alle Äste fächelten -und sich die Wipfel tief neigten im Sturme, so stand sie still, -fast ohne alle Regung und Bewegung.</p> - -<p>Wenn sich aber ein Rind in den Wald verlief und ich, -es zu suchen, an der Tanne vorüber mußte, so schlich ich -gar angstvoll dahin und gedachte an den Halbmond, an das -Christenblut und an andere entsetzliche Geschichten, die man -von diesem Baume erzählte. Ich wunderte mich aber auch -über die Riesigkeit des Stammes, der auf der einen Seite -kahl und von vielen Spalten durchfurcht, auf der anderen -aber mit rauhen, zersprungenen Rinden bedeckt war. Der -unterste Teil des Stammes war so dick, daß ihn zwei Männer -nicht hätten zu umspannen vermocht. Die ungeheuren Wurzeln, -welche zum Teil kahl dalagen, waren ebenso ineinander verschlungen -und verknöchert wie das Geäste oben.</p> - -<p>Man nannte den Baum die Türkentanne oder auch die -graue Tanne. Von einem starrsinnigen oder übermütigen -Menschen sagte man in der Gegend: »Der thut, wie wenn -er die Türkentanne als Hutsträußl hätt'!« Und heute, da der -Baum schon längst zusammengebrochen und vermodert ist, -sagt man immer noch das Sprüchlein.</p> - -<p>In der Kornernte, wenn die Leute meines Vaters, und -er voran, der Reihe nach am wogenden Getreide standen und -die »Wellen« (Garben) herausschnitten, mußte ich auf bestimmte -Plätze die Garben zusammentragen, wo sie dann zu<span class="pagenum"><a id="Page_3">[3]</a></span> -je zehn in »Deckeln« zum Trocknen aufgeschöbert wurden. -Mir war das nach dem steten Viehhüten ein angenehmes -Geschäft, umsomehr, als mir der Altknecht oft zurief: »Trag' -nur, Bub', und sei fleißig; die Garbentrager werden reich!« -Ich war sehr behend und lief mit den Garben aus allen -Kräften; aber da sagte wieder mein Vater: »Bub', Du laufst -ja wie närrisch! Du trittst Halme in den Boden und Du -beutelst die Körner aus. Laß Dir Zeit!«</p> - -<p>Als es aber gegen Abend und in die Dämmerung hineinging -und als sich die Leute immer weiter und weiter in das -Feld hineingeschnitten hatten, so daß ich mit meinen Garben -weit zurückblieb, begann ich unruhig zu werden. Besonders -kam es mir vor, als fingen sich die Äste der Türkentanne -dort, die in unsicheren Umrissen in den Abendhimmel hineinstand, -zu regen an. Ich redete mir zwar ein, es sei nicht -so, und wollte nicht hinsehen – konnte es aber doch nicht -ganz lassen.</p> - -<p>Endlich, als die Finsternis für das Kornschneiden zu -groß wurde, wischten die Leute mit taunassem Grase ihre -Sicheln ab und kamen zu mir herüber und halfen mir unter -lustigem Sang und Scherz die Garben zusammentragen. Als -wir damit fertig waren, gingen die Knechte und Mägde davon, -um in Haus und Hof noch die abendlichen Verrichtungen zu -thun; ich und mein Vater aber blieben zurück auf dem Kornfelde. -Wir schöberten die Garben auf, wobei der Vater diese -halmaufwärts aneinanderlehnte und ich sie zusammenhalten -mußte, bis er aus einer letzten Garbe den Deckel bog und -ihn auf den Schober stülpte.</p> - -<p>Dieses Schöbern war mir in meiner Kindheit die liebste -Arbeit; ich betrachtete dabei die »Romstraße« am Himmel, -die hinschießenden Sternschnuppen und die Johanniswürmchen,<span class="pagenum"><a id="Page_4">[4]</a></span> -die wie Funken um uns herumtanzten, daß ich meinte, die -Garben müßten zu brennen anfangen. Dann horchte ich wieder -auf das Zirpen der Grillen, und ich fühlte den milden Tau, -der gleich nach Sonnenuntergang die Halme und Gräser und -gar auch ein wenig mein Jöpplein befeuchtete. Ich sprach -über all das mit meinem Vater, der mir in seiner ruhigen, -gemütlichen Weise Auskunft gab und über alles seine Meinung -sagte, wozu er jedoch oft bemerkte, daß ich mich darauf nicht -verlassen solle, weil er es nicht gewiß wisse.</p> - -<p>So kurz und ernst mein Vater des Tages in der Arbeit -gegen mich war, so heiter, liebevoll und gemütlich war er -in solchen Abendstunden. Vor allem half er mir immer meine -kleine Jacke anziehen und wand mir seine Schürze, die er -in der Feldarbeit gern trug, um den Hals, daß mir nicht -kalt werde. Wenn ich ihn mahnte, daß auch er sich den Rock -zuknöpfen möge, sagte er stets: »Kind, mir ist warm genug«. -Ich hatte es oft bemerkt, wie er nach dem langen, schwierigen -Tagewerk erschöpft war, wie er sich dann für Augenblicke auf -eine Garbe niederließ und die Stirne trocknete. Er war durch -eine langwierige Krankheit ein arg mitgenommener Mann; -er wollte aber nie etwas davon merken lassen. Er dachte -nicht an sich, er dachte an unsere Mutter, an uns Kinder und -an den durch mannigfaltige Unglücksfälle herabgekommenen -Bauernhof, den er uns retten wollte.</p> - -<p>Wir sprachen beim Schöbern oft von unserem Hofe, wie -er zu meines Großvaters Zeiten gar reich und angesehen -gewesen, und wie er wieder reich und angesehen werden könne, -wenn wir Kinder, einst erwachsen, eifrig und fleißig in der -Arbeit sein würden, und wenn wir Glück hätten.</p> - -<p>In solchen Stunden beim Kornschöbern, das oft spät in -die Nacht hinein währte, sprach mein Vater mit mir auch<span class="pagenum"><a id="Page_5">[5]</a></span> -gern von dem lieben Gott. Er war vollständig ungeschult -und kannte keine Buchstaben; so mußte denn ich ihm stets -erzählen, was ich da und dort von dem lieben Gott schon -gehört und gelesen hatte. Besonders wußte ich aus Predigten -dem Vater manches zu erzählen von der Geburt des Herrn -Jesus, wie er in der Krippe eines Stalles lag, wie ihn die -Hirten besuchten und mit Lämmern, Böcken und anderen -Dingen beschenkten, wie er dann groß wurde und Wunder -wirkte und wie ihn endlich die Juden peinigten und ans Kreuz -schlugen. Gern erzählte ich auch von der Schöpfung der Welt, -von den Patriarchen und Propheten und von den Zeiten des -Heidentums. Dann sprach ich auch aus, was ich vernommen -von dem jüngsten Tage, von dem Weltgerichte und von den -ewigen Freuden, die der liebe Gott für alle armen, kummervollen -Menschen in seinem Himmel bereitet hat.</p> - -<p>Ich erzählte das alles in unserer Redeweise, daß es der -Vater verstand, und er war dadurch oft sehr ergriffen.</p> - -<p>Ein anderesmal erzählte wieder mein Vater. Er wußte -wunderbare Dinge aus den Zeiten der Ureltern, wie diese -gelebt, was sie erfahren und was sich in diesen Gegenden -einst für Sachen zugetragen, die sich in den heutigen Tagen -nicht mehr ereignen.</p> - -<p>»Hast Du noch nie darüber nachgedacht,« sagte mein -Vater einmal, »warum die Sterne am Himmel stehen?«</p> - -<p>»Ich habe noch gar nie darüber nachgedacht,« antwortete -ich.</p> - -<p>»Wir denken nicht daran,« sprach mein Vater weiter, -»weil wir das schon so gewöhnt sind.«</p> - -<p>»Es wird wohl endlich eine Zeit kommen, Vater,« sagte -ich einmal, »in welcher kein Stern mehr am Himmel steht; -in jeder Nacht fallen so viele herab.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_6">[6]</a></span></p> - -<p>»Die da herabfallen, mein Kind,« versetzte der Vater, -»das sind keine rechten Sterne, wie sie unser Herrgott zum -Leuchten erschaffen hat; – das sind Menschensterne. Stirbt -auf der Erde ein Mensch, so lischt am Himmel ein Stern -aus. Wir nennen das Sternschnuppen; – siehst Du, dort -hinter der grauen Tanne ist just wieder eine niedergegangen.«</p> - -<p>Ich schwieg nach diesen Worten eine Weile, endlich aber -fragte ich: »Warum heißen sie jenen wilden Baum dort die -graue Tanne, Vater?«</p> - -<p>Mein Vater bog eben einen Deckel ab, und als er diesen -aufgestülpt hatte, sagte er: »Du weißt, daß man ihn auch die -Türkentanne nennt. Die graue Tanne heißen sie ihn, weil -sein Geäste und sein Moos grau ist, und weil auf diesem -Baume Dein Urgroßvater die ersten grauen Haare bekommen -hat. – Wir haben hier noch sechs Schöber aufzusetzen, und -ich will Dir dieweilen eine Geschichte erzählen, die sehr merkwürdig -ist.«</p> - -<p>»Es ist schon länger als achtzig Jahre,« begann mein -Vater, »seitdem Dein Urgroßvater meine Großmutter geheiratet -hat. Er war sehr reich und schön, und er hätte die -Tochter des angesehensten Bauers zum Weib bekommen. Er -nahm aber ein armes Mädchen aus der Waldhütten herab, -das gar gut und sittsam gewesen ist. Von heute in zwei -Tagen ist der Vorabend des Festes Mariä Himmelfahrt; das -ist der Jahrestag, an welchem Dein Urgroßvater zur Werbung -in die Waldhütten ging. Es mag wohl auch im Kornschneiden -gewesen sein; er machte frühzeitig Feierabend, weil durch den -Ebenwald hinein und bis zur Waldhütten hinauf ein weiter -Weg ist. Er brachte viel Bewegung mit in die kleine Wohnung. -Der alte Waldhütter, der für die Köhler und Holzleute die -Schuhe flickte, ihnen zu Zeiten die Sägen und die Beile<span class="pagenum"><a id="Page_7">[7]</a></span> -schärfte und nebenbei Fangschlingen für Raubtiere machte – -weil es zur selben Zeit in der Gegend noch viele Wölfe gab -– der Waldhütter nun ließ seine Arbeit aus der Hand fallen -und sagte zu Deinem Urgroßvater: Aber Josef, das kann -doch nicht Dein Ernst sein, daß Du mein Lenerl zum Weib -haben willst, das wär' ja gar aus der Weis'! Dein Urgroßvater -sagte: Ja deswegen bin ich heraufgegangen den weiten -Weg, und wenn mich das Lenerl mag und es ist ihr und -Euer redlicher Willen, daß wir zusammen in den heiligen -Ehestand treten, so machen wir's heut' richtig, und wir gehen -morgen zum Richter und zum Pfarrer, und ich laß dem Lenerl -mein Haus und Hof verschreiben, wie's Recht und Brauch -ist. – Und das Mädchen hatte Deinen Urgroßvater lieb, -und es sagte, es wolle seine Hausfrau werden. Dann verzehrten -sie zusammen ein kleines Mahl, und endlich, als es -schon zu dunkeln begann, brach der Bräutigam auf zum -Heimweg.</p> - -<p>Er ging über die kleine Wiese, die vor der Waldhütten -lag, auf der aber jetzt schon die großen Bäume stehen, und -er ging über das Geschläge und abwärts durch den Wald, -und er war gar freudigen Gemütes. Er achtete nicht darauf, -daß es bereits finster geworden war, und er achtete nicht -auf das Wetterleuchten, das zur Abendzeit nach einem schwülen -Sommertag nichts Ungewöhnliches ist. Auf Eines aber wurde -er aufmerksam, er hörte von den gegenüberliegenden Waldungen -ein heulendes Gebelle. Er dachte an Wölfe, die -nicht selten in größeren Rudeln die Wälder durchzogen; er -faßte seinen Knotenstock fester und nahm einen schnelleren -Schritt. Dann hörte er wieder nichts, als zeitweilig das -Kreischen eines Nachtvogels, und sah nichts, als die dunklen -Stämme, zwischen welche der Fußsteig führte und durch<span class="pagenum"><a id="Page_8">[8]</a></span> -welche von Zeit zu Zeit das Leuchten kam. Plötzlich vernahm -er wieder das Heulen, aber nun viel näher als das -erste Mal. Er fing zu laufen an. Er lief was er konnte; -er hörte keinen Vogel mehr, er hörte nur immer das entsetzliche -Heulen, das ihm auf dem Fuße folgte. Als er <span id="corr008">sich hierauf</span> -einmal umsah, bemerkte er hinter sich durch das Geäst -funkelnde Lichter. Schon hört er das Schnaufen und Lechzen -der Raubtiere, die ihn verfolgen, schon denkt er bei sich: 's -mag sein, daß morgen kein Versprechen ist beim Pfarrer! -– da kommt er heraus zur Türkentanne. Kein anderes -Entkommen mehr möglich – rasch faßt er den Gedanken -und durch einen kühnen Sprung schwingt er sich auf den -untersten Ast des Baumes. Die Bestien sind schon da; einen -Augenblick stehen sie bewegungslos und lauern; sie gewahren -ihn auf dem Baum, sie schnaufen, und mehrere setzen die -Pfoten an die rauhe Rinde des Stammes. Dein Urgroßvater -klettert weiter hinauf und setzt sich auf einen dicken -Ast. Nun ist er wohl sicher. Unten heulen sie und scharren -an der Rinde; – es sind ihrer viele, ein ganzes Rudel. -Zur Sommerszeit war es doch selten geschehen, daß Wölfe -einen Menschen anfielen; sie mußten gereizt oder von irgend -einer andern Beute verjagt worden sein. Dein Urgroßvater -saß lange auf dem Ast; er hoffte, die Tiere würden davonziehen -und sich zerstreuen. Aber sie umringten die Tanne -und schnürfelten und heulten. Es war längst schon finstere -Nacht; gegen Mittag und Morgen hin leuchteten alle Sterne, -gegen Abend hin aber war es grau, und durch dieses Grau -schossen dann und wann Blitzscheine. Sonst war es still, -und es regte sich im Walde kein Ästchen.</p> - -<p>Dein Urgroßvater wußte nun wohl, daß er die ganze -Nacht in dieser Lage würde zubringen müssen; er besann sich<span class="pagenum"><a id="Page_9">[9]</a></span> -aber doch, ob er nicht Lärm machen und um Hilfe rufen -sollte. Er that es, aber die Bestien ließen sich nicht verscheuchen; -kein Mensch war in der Nähe, das Haus zu weit -entfernt.</p> - -<p>Damals hatte die Türkentanne unter dem abgerissenen -Wipfelstrunk, wo heute die wenigen Reiserbüschel wachsen, -noch eine dichte, vollständige Krone aus grünenden Nadeln. -Da denkt sich Dein Urgroßvater: Wenn ich denn schon einmal -hier Nachtherberge nehmen soll, so klimme ich noch weiter -hinauf unter die Krone. Und er that's und ließ sich oben -in einer Zweigung nieder, da konnte er sich recht gut an die -Äste lehnen.</p> - -<p>Unten ist's nach und nach ruhiger, aber das Wetterleuchten -wird stärker, und an der Abendseite ist dann und -wann ein fernes Donnern zu vernehmen. – Wenn ich einen -tüchtigen Ast bräche und hinabstiege und einen wilden Lärm -machte und gewaltig um mich schlüge, man meint', ich müßt' -den Rabenäsern entkommen! so denkt Dein Urgroßvater – -thut's aber nicht; er weiß zu viele Geschichten, wie Wölfe -trotz alledem Menschen zerrissen haben.</p> - -<p>Das Donnern kommt näher, alle Sterne sind verloschen -– 's ist finster wie in einem Ofen: nur unten am Fuße -des Baumes funkeln die Augensterne der Raubtiere. Wenn -es blitzt, steht wieder der ganze Wald da. Nun beginnt es -gar zu sieden und zu kochen im Gewölke wie in tausend -brauenden Kesseln. Kommt ein fürchterliches Gewitter, denkt -sich Dein Urgroßvater und verbirgt sich unter die Krone, so -gut er kann. Der Hut ist ihm hinabgefallen, und er hört -es, wie die Bestien den Filz zerfetzen. Jetzt zuckt ein Strahl -über den Himmel, es ist einen Augenblick hell, wie zur -Mittagsstunde – dann bricht in den Wolken ein Schnalzen<span class="pagenum"><a id="Page_10">[10]</a></span> -und Krachen und Knallen los, und weithin hallt es im Gewölke.</p> - -<p>Jetzt ist es still, still in den Wolken, still auf der Erde -– nur um einen gegenüberliegenden Wipfel flattert ein Nachtvogel. -Aber bald erhebt sich der Sturm, es rauscht in den -Bäumen, es tost durch die Äste, eiskalt ist der Wind. Dein -Urgroßvater klammert sich fest an das Geäste. Jetzt flammt -wieder ein Blitz, schwefelgrün erleuchtet ist der Wald; alle -Wipfel neigen sich, biegen sich tief; die nächststehenden Bäume -schlagen, es ist, als fielen sie heran. Aber die Tanne steht -starr und ragt hoch über den ganzen Wald. Unten rennen -die Raubtiere wild durcheinander und heulen. Plötzlich saust -ein Körper durch die Äste wie ein Steinwurf. Da leuchtet -es wieder – ein schneeweißer Knollen hüpft auf dem Boden -und kollert dahin. Dann finstere Nacht. Es braust, siedet, -tost, krachend stürzen Wipfel. Ein Ungeheuer mit weitschlagenden -Flügeln, im Augenblicke des Blitzes gespenstige -Schatten werfend, naht in der Luft, stürzt der Tanne zu -und birgt sich gerade über Deinem Urgroßvater in die Krone. -Ein Habicht war's, Junge, ein Habicht, der auf der Tanne -sein Nest gehabt.«</p> - -<p>Mein Vater hatte bei dieser Erzählung keine Garbe -angerührt; ich hatte den ruhigen, schlichten Mann bisher -auch nie mit solcher Lebhaftigkeit sprechen gehört.</p> - -<p>»Wie 's weiter gewesen?« fuhr er fort. »Ja, nun -brach es erst los; das war Donnerschlag auf Donnerschlag, -und beim Leuchten war zu sehen, wie weißen Wurfspießen -gleich Eiskörner auf den Wald niedersausten, an die Stämme -prallten, auf den Boden flogen und wieder hoch emporsprangen. -So oft ein Hagelknollen an den Stamm der Tanne schlug, -gab es im ganzen Baume einen hohlen Schall. Und über<span class="pagenum"><a id="Page_11">[11]</a></span> -dem Heugraben gingen Blitze nieder, und auf den jenseitigen -Wald gingen Blitze nieder; plötzlich war eine blendende Glut, -ein heißer Luftdruck, ein Schmettern, und es loderte eine Fichte.</p> - -<p>Und die Türkentanne stand da, und Dein Urgroßvater -saß unter der Krone im Geäste.</p> - -<p>Die brennende Fichte warf weithin ihren Schein, und -nun war zu sehen, wie ein rötlicher Schleier lag über dem -Walde, wie nach und nach das Gewebe der <span id="corr011">sich kreuzenden</span> Eisstücke -dünner und dünner wurde, wie viele Wipfel keine -Äste, dafür aber weiße Streifen hatten, wie endlich der -Sturm in einen mäßigen Wind überging und ein dichter -Regen rieselte.</p> - -<p>Die Donner wurden seltener und dumpfer und zogen -sich gegen Mittag und Morgen hin; aber die Blitze leuchteten -noch ununterbrochen.</p> - -<p>Am Fuße des Baumes war kein Heulen und kein Augenfunkeln -mehr. Die Raubtiere waren durch das wilde Wetter -verscheucht worden. Stieg denn Dein Urgroßvater nieder -von Ast zu Ast bis zum Boden. Und er ging heraus durch -den Wald über die Felder gegen das Haus.</p> - -<p>Es war schon nach Mitternacht.</p> - -<p>Als der Bräutigam zum Hause kommt und kein Licht in -der Stube sieht, wundert er sich, daß in einer solchen Nacht -die Leute so ruhig schlafen können. Haben aber nicht geschlafen, -waren zusammengewesen in der Stube um ein -Kerzenlicht.</p> - -<p>Sie hatten nur die Fenster mit Brettern verlehnt, weil -der Hagel alle Scheiben eingeschlagen hatte.</p> - -<p>Bist in der Waldhütten blieben, Sepp? sagte Deine -Ururgroßmutter. Dein Urgroßvater aber antwortete: Nein, -Mutter, in der Waldhütten nicht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_12">[12]</a></span></p> - -<p>Es war an dem darauffolgenden Morgen ein frischer -Harzduft gewesen im Walde – die Bäume haben geblutet -aus unzähligen Wunden. Und es war ein beschwerliches -Gehen gewesen über die Eiskörner, und es war eine sehr -kalte Luft.</p> - -<p>Und als am Frauentag die Leute über die Verheerung -und Zerstörung hin zur Kirche gingen, fanden sie im Walde -unter dem herabgeschlagenen Reisig und Moos manchen toten -Vogel und manch anderes Tier; unter einem geknickten -Wipfel lag ein toter Wolf.</p> - -<p>Dein Urgroßvater ist bei diesem Gange sehr ernst gewesen; -da sagt auf einmal das Lenerl von der Waldhütten -zu ihm: O, Du himmlisch' Mirakel! Sepp, Dir wachst ja -schon ein graues Haar!</p> - -<p>Später hat er alles erzählt, und nun nannten die -Leute den Baum, auf dem er dieselbige Nacht hat zubringen -müssen, die graue Tanne!« –</p> - -<p>Das ist die Geschichte, wie sie mir mein Vater eines -Abends beim Kornschöbern erzählt hat und wie ich sie später -aus meiner Erinnerung niedergeschrieben. Als wir dann -nach Hause gingen zur Abendsuppe und zur Nachtruhe, blickte -ich noch mehreremale hin auf den Baum, der hoch über dem -Wald in den dunklen Abendhimmel hineinstand.</p> - -<p>Von dieser Zeit ab fürchtete ich mich nicht mehr, wenn -ich an der grauen Tanne vorüberging. Und sie stand noch -jahrelang da, zur Winters- und Sommerszeit in gleicher -Gestalt – ein wild verworrenes Gerippe von Ästen, mit -den wenigen dunkelgrünen Nadelballen auf der Krone und -dem scharfkantigen Strunk über derselben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_13">[13]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ich war schon erwachsen, da war es in einer Herbstnacht, -daß mich mein Vater aufweckte und sagte: »Wenn -Du die graue Tanne willst brennen sehen, so geh' vor das -Haus!«</p> - -<p>Und als ich vor dem Hause stand, da sah ich über dem -Walde eine hohe Flamme lodern, und aus derselben qualmte -finsterer Rauch in den Sternenhimmel auf. Wir hörten -das Dröhnen der Flammen, und wir sahen das Niederstürzen -einzelner Äste; dann gingen wir wieder zu Bette. Am -Morgen stand über dem Wald ein schwarzer Strunk mit -nur wenigen Armen – und hoch am Himmel kreiste ein -Geier.</p> - -<p>Wir wußten nicht, wie sich in der stillen heiteren Nacht -der Baum entzündete, und wir wissen es noch heute nicht. -In der Gegend ist Vieles über dieses Ereignis gesprochen -worden, und man hat demselben Wunderliches und Bedeutsames -zu Grunde gelegt. Noch einige Jahre starrte der -schwarze Strunk gegen den Himmel, dann brach er nach und -nach zusammen, und nun stand nichts mehr empor über dem -Wald.</p> - -<p>Auf dem Stocke und auf den letzten Resten des Baumes, -die langsam in die Erde sinken und vermodern, wächst das -Moos.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-021.png" alt="Dekoration" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_14">[14]</a></span></p> - -<h2 id="Ums_Vaterwort"><img src="images/illu-022.png" alt="Dekoration" /><br /> -Ums Vaterwort.</h2> -</div> -<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Ich habe im Grunde keine schlechte Erziehung genossen, -sondern vielmehr gar keine. War ich ein braves, -frommes, folgsames, anstelliges Kind, so lobten mich -meine Eltern; war ich das Gegenteil, so zankten sie mich -derb aus. Das Lob that mir fast allezeit wohl, und ich -hatte dabei das Gefühl, als ob ich in die Länge ginge, weil -manche Kinder wie Pflanzen sind, die nur bei Sonnenschein -schlank wachsen.</p> - -<p>Nun war mein Vater aber der Ansicht, daß ich nicht -allein in die Länge, sondern auch in die Breite wachsen -müsse, und dafür sei der Ernst und die Strenge gut.</p> - -<p>Meine Mutter hatte nichts als Liebe.</p> - -<p>Mein Vater mochte derselben Artung sein, allein er -verstand es nicht, seiner Wärme und Liebe Ausdruck zu -geben; bei all seiner Milde hatte der mit Arbeit und Sorgen -beladene Mann ein stilles, ernstes Wesen; seinen reichen -Humor ließ er vor mir erst später spielen, als er vermuten -konnte, daß ich genug Mensch geworden sei, um denselben -aufzunehmen. In den Jahren, da ich das erste Dutzend -Hosen zerriß, gab er sich nicht just viel mit mir ab, außer<span class="pagenum"><a id="Page_15">[15]</a></span> -wenn ich etwas Unbraves angestellt hatte; in diesem Falle -ließ er seine Strenge walten. Seine Strenge und meine -Strafe bestand gewöhnlich darin, daß er vor mich hintrat -und mir mit schallenden, zornigen Worten meinen Fehler -vorhielt und die Strafe andeutete, die ich verdient hätte.</p> - -<p>Ich hatte mich beim Ausbruche der Erregung allemal -vor den Vater hingestellt, war mit niederhängenden Armen -wie versteinert vor ihm stehen geblieben und hatte ihm -während des heftigen Verweises unverwandt in sein zorniges -Angesicht geschaut. Ich bereute in meinem Innern den -Fehler stets, ich hatte das deutliche Gefühl der Schuld, aber -ich erinnere mich auch an eine andere Empfindung, die mich -bei solchen Strafpredigten überkam: es war ein eigenartiges -Zittern in mir, ein Reiz- und Lustgefühl, wenn das Donnerwetter -so recht auf mich niederging. Es kamen mir die -Thränen in die Augen, sie rieselten mir über die Wangen, -aber ich stand wie ein Bäumlein, schaute den Vater an und -hatte ein unerklärliches Wohlgefühl, das in dem Maße wuchs, -je länger und je ausdrucksvoller mein Vater vor mir wetterte.</p> - -<p>Wenn hierauf Wochen vorbeigingen, ohne daß ich etwas -heraufbeschwor, und mein Vater immer gütig und still an -mir vorüberschritt, begann in mir allmählich wieder der -Drang zu erwachen und zu reifen, etwas anzustellen, was -den Vater in Wut bringe. Das geschah nicht, um ihn zu -ärgern, denn ich hatte ihn überaus lieb; es geschah gewiß -nicht aus Bosheit, sondern aus einem anderen Grunde, dessen -ich mir damals nicht bewußt war.</p> - -<p>Da war es einmal am heiligen Christabend. Der Vater -hatte den Sommer zuvor in Mariazell ein schwarzes Kruzifixlein -gekauft, an welchem ein aus Blei gegossener Christus -und die aus demselben Material gebildeten Marterwerkzeuge<span class="pagenum"><a id="Page_16">[16]</a></span> -hingen. Dieses Heiligtum war in Verwahrung geblieben -bis auf den Christabend, an welchem es mein Vater aus -seinem Gewandkasten hervornahm und auf das Hausaltärchen -stellte. Ich nahm die Stunde wahr, da meine Eltern und -die übrigen Leute noch draußen in den Wirtschaftsgebäuden -und in der Küche zu schaffen hatten, um das hohe Fest vorzubereiten, -ich nahm das Kruzifixlein mit Gefahr meiner -geraden Glieder von der Wand, hockte mich damit in den -Ofenwinkel und begann es zu zerlegen. Es war mir eine -ganz seltsame Lust, als ich mit meinem Taschenfeitel zuerst -die Leiter, dann die Zange und den Hammer, hernach den -Hahn des Petrus und zuletzt den lieben Christus vom Kreuze -löste. Die Teile kamen mir nun getrennt viel interessanter -vor als früher im Ganzen; doch jetzt, da ich fertig war, die -Dinge wieder zusammensetzen wollte, aber nicht konnte, -fühlte ich in der Brust eine Hitze aufsteigen, auch meinte ich, -es würde mir der Hals zugebunden. – Wenn's nur beim -Ausschelten bleibt diesmal …? – Zwar sagte ich mir: -Das schwarze Kreuz ist jetzt schöner als früher; in der Hohenwanger -Kapelle steht auch ein schwarzes Kreuz, wo nichts d'ran -ist, und gehen doch die Leute hin, zu beten. Und wer braucht -zu Weihnachten einen gekreuzigten Herrgott? Da muß er -in der Krippe liegen, sagt der Pfarrer. Und das will ich -machen.</p> - -<p>Ich bog dem bleiernen Christus die Beine krumm und -die Arme über die Brust und legte ihn in das Nähkörbchen -der Mutter und stellte so mein Kripplein auf den Hausaltar, -während ich das Kreuz in dem Stroh des Elternbettes verbarg, -nicht bedenkend, daß das Körbchen die Kreuzabnahme -verraten müsse.</p> - -<p>Das Geschick erfüllte sich bald. Die Mutter bemerkte<span class="pagenum"><a id="Page_17">[17]</a></span> -es zuerst, wie närrisch doch heute der Nähkorb zu den -Heiligenbildern hinaufkäme?</p> - -<p>»Wem ist denn das Kruzifixlein da oben im Weg gewesen?« -fragte gleichzeitig mein Vater.</p> - -<p>Ich stand etwas abseits, und mir war zu Mute wie -einem Durstigen, der jetzt starken Myrrhenwein zu trinken -kriegen sollte. Indeß mahnte mich eine absonderliche Beklemmung, -jetzt womöglich noch weiter in den Hintergrund -zu treten.</p> - -<p>Mein Vater ging auf mich zu und fragte fast bescheidentlich, -ob ich nicht wisse, wo das Kreuz hingekommen -sei? Da stellte ich mich schon kerzengerade vor ihn hin und -schaute ihm ins Gesicht. Er wiederholte seine Frage, ich wies -mit der Hand gegen das Bettstroh, es kamen die Thränen, -aber ich glaube, daß ich keinen Mundwinkel verzogen habe.</p> - -<p>Der Vater suchte das Verborgene hervor und war nicht -zornig, nur überrascht, als er die Mißhandlung des Heiligtums -sah. Mein Verlangen nach dem Myrrhenwein steigerte -sich. Der Vater stellte das kahle Kruzifixlein auf den Tisch. -»Nun sehe ich wohl,« sagte er mit aller Gelassenheit und -langte seinen Hut vom Nagel, »nun sehe ich wohl, er muß -endlich rechtschaffen gestraft werden. Wenn einmal der Christi-Herrgott -nicht sicher geht …! Bleib' mir in der Stuben, -Bub'!« fuhr er mich finster an und ging dann zur Thüre -hinaus.</p> - -<p>»Spring' ihm nach und schau' zum Bitten!« rief mir -die Mutter zu, »er geht Birkenruten abschneiden.«</p> - -<p>Ich war wie an den Boden geschmiedet. Gräßlich klar -sah ich, was nun über mich kommen würde, aber ich war -außer Stande, auch nur einen Schritt zur Abwehr zu -machen. Die Mutter ging ihrer Arbeit nach, in der abendlich<span class="pagenum"><a id="Page_18">[18]</a></span> -dunkelnden Stube stand ich allein und vor mir auf dem -Tisch das verstümmelte Kruzifix. Heftig erschrak ich vor jedem -Geräusch. Im alten Uhrkasten, der dort an der Wand bis -zum Fußboden niederging, rasselte das Gewicht der Schwarzwälder-Uhr, -welche die fünfte Stunde schlug. Endlich hörte -ich draußen auch das Schnee-Abklopfen von den Schuhen, -es waren des Vaters Tritte. Als er mit dem Birkenzweig -in die Stube trat, war ich verschwunden.</p> - -<p>Er ging in die Küche und fragte mit wild herausgestoßener -Stimme, wo der Bub sei? Es begann im Hause -ein Suchen, in der Stube wurden das Bett und die Winkel -und das Gesiedel durchstöbert, in der Nebenkammer, im Oberboden -hörte ich sie herumgehen, ich hörte die Befehle, man -möge in den Ställen die Futterkrippen und in den Scheunen -Heu und Stroh durchforschen, man möge auch in den Schachen -hinausgehen und den Buben nur stracks vor den Vater -bringen – diesen Christabend solle er sich für sein Lebtag -merken! Aber sie kehrten unverrichteter Dinge zurück. Zwei -Knechte wurden nun in die Nachbarschaft geschickt, aber meine -Mutter rief, wenn ich etwa zu einem Nachbar über Feld -und Wald gegangen sei, so müsse ich ja erfrieren, es seien -mein Jöpplein und mein Hut in der Stube. Das sei doch -ein rechtes Elend mit den Kindern!</p> - -<p>Sie gingen davon, das Haus wurde fast leer, und in -der finstern Stube sah man nichts mehr als die grauen -Vierecke der Fenster. Ich stak im Uhrkasten und konnte durch -die Fugen desselben hervorgucken. Durch das Thürchen, -welches für das Aufziehen des Uhrwerkes angebracht war, -hatte ich mich hineingezwängt und innerhalb des Verschlages -hinabgelassen, so daß ich nun im Uhrkasten ganz aufrecht stand.</p> - -<p>Was ich in diesem Verstecke für Angst ausgestanden<span class="pagenum"><a id="Page_19">[19]</a></span> -habe! Daß es kein gutes Ende nehmen konnte, sah ich voraus, -und daß die von Stunde zu Stunde wachsende Aufregung -das Ende von Stunde zu Stunde gefährlicher machen -mußte, war mir auch klar. Ich verwünschte den Nähkorb, -der mich anfangs verraten hatte, ich verwünschte das Kruzifixlein -– meinen Leichtsinn zu verwünschen, darauf vergaß -ich. Es gingen Stunden hin, ich blieb in meinem aufrechtstehenden -Sarge, und schon saß mir der Eisenzapfen des -Uhrgewichtes auf dem Scheitel, und ich mußte mich womöglich -niederducken, sollte das Stehenbleiben der Uhr nicht -Anlaß zum Aufziehen derselben und somit zu meiner Entdeckung -geben. Denn endlich waren meine Eltern in die -Stube gekommen, hatten Licht gemacht und meinetwegen einen -Streit begonnen.</p> - -<p>»Ich weiß nirgends mehr zu suchen,« hatte mein Vater -gesagt und war erschöpft auf einen Stuhl gesunken.</p> - -<p>»Wenn er sich im Walde vergangen hat oder unter dem -Schnee liegt!« rief die Mutter und erhob ein lautes Weinen.</p> - -<p>»Sei still davon!« sagte der Vater, »ich mag's nicht -hören.«</p> - -<p>»Du magst es nicht hören und hast ihn mit Deiner -Herbheit selber vertrieben.«</p> - -<p>»Mit diesem Zweiglein hätte ich ihm kein Bein abgeschlagen,« -versetzte er und ließ die Birkenrute auf den -Tisch niederpfeifen.</p> - -<p>»Aber jetzt, wenn ich ihn erwisch', schlag ich einen Zaunstecken -an ihm entzwei.«</p> - -<p>»Thue es, thue es – 'leicht thut's ihm nicht mehr -weh,« sagte die Mutter und setzte das Weinen fort. »Meinst, -Du hättest Deine Kinder nur zum Zornauslassen? Da hat -der lieb' Herrgott ganz recht, wenn er sie beizeiten wieder<span class="pagenum"><a id="Page_20">[20]</a></span> -zu sich nimmt! Kinder muß man lieb haben, wenn etwas -aus ihnen werden soll.«</p> - -<p>Hierauf er: »Wer sagt denn, daß ich den Buben nicht -lieb hab'? Ins Herz hinein, Gott weiß es! Aber sagen mag -ich ihm's nicht; ich mag's nicht, und ich kann's nicht. Ihm -selber thut's nicht so weh als mir, wenn ich ihn strafen muß, -das weiß ich!«</p> - -<p>»Ich geh' noch einmal suchen!« sagte die Mutter.</p> - -<p>»Ich will auch nicht dableiben!« sagte er.</p> - -<p>»Du mußt mir einen warmen Löffel Suppe essen! 's -ist Nachtmahlszeit,« sagte sie.</p> - -<p>»Ich mag jetzt nichts essen! Ich weiß mir keinen andern -Rat,« sagte der Vater, kniete zum Tisch hin und begann -still zu beten.</p> - -<p>Die Mutter ging in die Küche, um zur neuen Suche -meine warmen Kleider zusammenzutragen für den Fall, als -man mich irgendwo halberfroren finde. In der Stube war -es wieder still, und mir in meinem Uhrkasten war's, als -müsse mir vor Leid und Pein das Herz brechen. Plötzlich -begann mein Vater aus seinem Gebete krampfhaft aufzuschluchzen. -Sein Haupt fiel nieder auf den Arm, und die -ganze Gestalt bebte.</p> - -<p>Ich that einen lauten Schrei. Nach wenigen Sekunden -war ich von Vater und Mutter aus dem Gehäuse befreit, lag -zu Füßen des Vaters und umklammerte wimmernd seine Knie.</p> - -<p>»Mein Vater, mein Vater!« das waren die einzigen -Worte, die ich stammeln konnte. Er langte mit seinen beiden -Armen nieder und hob mich auf zu seiner Brust, und mein -Haar ward feucht von seinen Zähren.</p> - -<p>Mir ist in jenem Augenblicke die Erkenntnis aufgegangen.</p> - -<p>Ich sah, wie abscheulich es sei, diesen Vater zu reizen<span class="pagenum"><a id="Page_21">[21]</a></span> -und zu beleidigen. Aber ich fand nun auch, <em class="gesperrt">warum</em> ich es -gethan hatte. Aus Sehnsucht, das Vaterantlitz vor mir zu -sehen, ihm ins Auge schauen zu können und seine zu mir -sprechende Stimme zu hören. Sollte er schon nicht mit mir -heiter sein, so wie es andere Leute waren und wie er es -damals, von Sorgen belastet, so selten gewesen, so wollte ich -wenigstens sein zorniges Auge sehen, sein herbes Wort hören; -es durchrieselte mich mit süßer Gewalt, es zog mich zu ihm -hin. Es war das Vaterauge, das Vaterwort.</p> - -<p>Kein böser Ruf mehr ist in die heilige Christnacht -geklungen, und von diesem Tage an ist vieles anders geworden. -Mein Vater war seiner Liebe zu mir und meiner Anhänglichkeit -an ihn inne geworden und hat mir in Spiel, Arbeit -und Erholung wohl viele Stunden sein liebes Angesicht, sein -treues Wort geschenkt, ohne daß ich noch einmal nötig gehabt -hätte, es mit Bosheit erschleichen zu müssen.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-029.png" alt="Dekoration" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_22">[22]</a></span></p> - -<h2 id="Allerlei_Spielzeug"><img src="images/illu-030.png" alt="Dekoration" /><br /> -Allerlei Spielzeug.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Ich habe als Kind mir meine Welt, die von Natur -höllisch klein war, auseinandergedehnt, wie mein -Vetter Simmerl den Katzenbalg, aus dem er sich -einen Tabaksbeutel machen wollte. Und es ist, bigott! ein -Sack draus worden, in welchem all' die unglaublichen -Phantastereien einer ungezogenen Bauernbubenseele vollauf -Platz gehabt haben.</p> - -<p>Wie ich mir später die Bücher, die ich nicht kaufen -konnte, selber machte, so habe ich mir auch die größten -Städte der Welt, die ich nicht sehen konnte, selber gebaut.</p> - -<p>Die jahrelange Kränklichkeit meines Vaters verschaffte -mir das Baumaterial. Die Hustenpulver vom Doktor, der -spanische Brustthee vom Kaufmann, die Medizinflaschen vom -Bader waren stets in gutes, oft sogar schneeweißes Papier -eingeschlagen; aus diesem Papier schnitzte ich mit der Nähschere -meiner Mutter oder, wenn ich diese schon zerbrochen -oder verloren hatte, mit jener der Magd, allerlei Häuser, -Kirchen, Paläste, Türme, Brücken, bog sie geschickt zur -passenden Form und stellte sie in Reihen und Gruppen auf -den Tisch. Das gesuchteste Material hiefür waren wohl die<span class="pagenum"><a id="Page_23">[23]</a></span> -alten Steuerbücheln mit ihren steifen Blättern; und kam es -freilich vor, daß über der ganzen Hauptfronte eines Herrenpalastes -das »Datum der Schuldigkeit« stand, oder ein Kirchturm -anstatt Fenster und Uhren nichts als lauter Posten -der »Abstattung« hatte. Als es aber ruchbar worden war, -daß ich meine Prachtbauten mit den blutigen Steuersummen -der Bauern aufführe, da gab's eine kleine Revolution, indem -mein Vater einmal mit der flachen Hand mir einige öffentliche -Gebäude unter den Tisch hinab wischte.</p> - -<p>Eines Tages ging ich einer Hirtenangelegenheit wegen -ins Ebenholz hinaus. Ich hatte die Magd ersucht, ob sie -mir nicht ihre heilige Monika mit in den Wald leihen möchte.</p> - -<p>»Du lieber Närrisch!« hatte die Magd geantwortet, -»wenn sie nur ganz wär', aber es ist mir die Maus dazugekommen. -Was übrig blieben ist, das magst haben.«</p> - -<p>So nahm ich das Büchlein von der heiligen Monika -mit in das Ebenholz. Aber als ich in demselben zu lesen -begonnen hatte, hub im Sacke die Nähschere meiner Mutter -zu sticheln an: ob ich die Geschichte von dieser Heiligen denn -nicht schon längst auswendig wisse? ob die Maus nicht etwa -schon das Beste weggenagt hätte? ob ich mir für diese -grauen und angefressenen Blätter eine bravere Verwendung -denken könne, als daraus die schöne Weltstadt Paris zu -bauen? – Ich wollte der alten Nähschere meiner Mutter -nicht widersprechen.</p> - -<p>Nun stand zur selben Zeit im Ebenholz noch die alte -Schlagerhütte, die einst ein Bauernhäuschen gewesen und -zwischen dem jungen Fichtenanwuchs verlassen und öde hocken -geblieben war. Die Fensterchen waren ohne Gläser, die Thür -war aus den Angeln gehoben, und auf der Schwelle wucherten -Brennesseln. Die Luft in der Hütte roch ganz moderig, und<span class="pagenum"><a id="Page_24">[24]</a></span> -jedes Geräusch wiederhallte grell an den Wänden, als wollte -das alte Zimmerholz mit dem Eintretenden allsogleich ein -Gespräch anheben. Mir war dieser Bau unheimlich gewesen -bis zu jenem Tage, da mich und unseren Knecht Marcus im -Walde ein scharfer Wetterregen überraschte und wir uns in -die Hütte flüchteten. »Ja,« hatte damals der alte Marcus -gesagt, als die Donner hallten und schallten, »ja, wir haben -heuer halt ein Schalljahr.« So nennen sie bei mir daheim -das Schaltjahr und meinen, der Name komme von dem -Schallen des Donners. Als der Regen fortwährte, fragte -mich der Marcus: »Kannst kartenspielen, Bub'?«</p> - -<p>»Zwicken und Bettlerrufen kann ich,« war meine Antwort, -»aber wir sollen lieber den Wettersegen beten.«</p> - -<p>»Da ist mir das Bettlerrufen unterhaltlicher.«</p> - -<p>»Wenn's aber einschlagt!« gab ich zu bedenken.</p> - -<p>Der Knecht zog Spielkarten aus seinem Sack, wir setzten -uns an den großen Tisch und kartelten, bis draußen die nassen -Zweige funkelten und die helle Sonne zum Fenster hereinschien.</p> - -<p>Seither war mir die Hütte heimlich. Und nun ging ich -ihr zu, setzte mich an den großen, wurmstichigen Tisch und -schnitzte aus den Blättern der »heiligen Monika« die große -Weltstadt Paris. Ich stellte die Häuser in langen Gassenreihen -auf, und die Gassen und Plätze bevölkerte ich mit blauen -Heidelbeeren und roten Preißelbeeren – erstere waren die -Männer, letztere die Frauen. Um das Königsschloß postierte -ich Reihen von Stachelbeeren, das waren die Soldaten.</p> - -<p>Als der Tisch voll geworden war und ich trunkenen -Blickes hinschaute auf die vieltürmige Stadt und ihre belebten -Gassen, die ich gegründet und wie ein Schutzgeist beschirmte, -dachte ich: Nun soll über diese Stadt aber auch<span class="pagenum"><a id="Page_25">[25]</a></span> -einmal eine rechte Straf' Gottes kommen. Wie stehts mit -einem Sturmwind? – Ich blies drein – hei, purzelten -ganze Häuserfronten über und über. Sie wurden wieder erbaut. -Da endlich aber der Abend kam und meines Bleibens -in der Hütte nicht mehr länger sein konnte, sann ich nach, -wie ich die Stadt Paris am großartigsten zu Grunde gehen -lassen könnte. – Eine Feuersbrunst? – Neunjährige Bauernjungen -tragen immer schon Streichhölzchen im Sack, weil sie -sich doch allmählich mit dem Hauptberufe des Mannes, mit -dem Tabakrauchen, bekannt zu machen trachten müssen.</p> - -<p>Das Feuer entstand mitten in der Stadt, und nach -wenigen Sekunden standen ganze Viertel in Flammen. Die -Bevölkerung war starr vor Schreck, das Feuer wogte hin, -und die Mauern zitterten, und die kahlen Ruinen ringelten -sich. Da der Königspalast verschont bleiben zu wollen schien, -so blies ich die Flammen gegen denselben hin – wehe, da -flogen die brennenden Häuser über den Tisch und auf den -Fußboden, wo in der Ecke noch ein Bund Bettstroh lag. Jetzt -wurde der Spaß Ernst. Das Papier hatte so still gebrannt, -das Stroh knisterte schon vernehmlicher, und ein greller Schein -erhellte die Hütte. Ich wollte eben davonstürzen, als unser -Knecht Marcus zur Thür hereinsprang und mit einem buschigen -Baumwipfel das Feuer totschlug.</p> - -<p>Knecht Marcus war verschwiegen, war ein dunkler Ehrenmann, -aber das sagte er mir, wenn ich mich mit Sengen -und Brennen auf den Etzel hinausspielen wolle, so thäte er -es dem Kaiser schreiben, daß er mich rechtzeitig köpfen lasse.</p> - -<p>Von diesem Tage an habe ich keine Stadt mehr gegründet -und keine mehr zerstört. Ich ging von der Architektur -zur Musik und Malerei über.</p> - -<p>Ich hatte bei herumziehenden Musikern, die vor unserer<span class="pagenum"><a id="Page_26">[26]</a></span> -Hausthür uns das Leben schön machten, allerlei Saiteninstrumente -kennen gelernt. Ich hatte einen alten Harfenisten -nach Beendigung seines Ständchens sogar einmal angesprochen, -ob er es für einen Sechser erlauben könne, daß -ich mit ihm zum nächsten Nachbar gehe, um sein Spiel dort -noch einmal zu hören; worauf der Künstler antwortete, für -einen Sechser bleibe er an unserer Thür stehen und spiele, -so lange ich wolle. Damals ist mir der ganze Wert unserer -legierten Silbersechser zum Bewußtsein gekommen. Nun -hatten wir aber an jenem Tage in unserer Stube einen alten, -brummigen Schuster, und der hatte gerade seinen Kopfwehtag. -Als ich denn vor dem spielenden Musiker, die Hände in den -Hosentaschen, dastand, die Zehen in den Sand bohrte, gleichsam, -als wollte ich mich einwurzeln, sprang plötzlich der -Schuster mit grüngelbem Gesichte zur Thür heraus und ließ -einen tollen Fluch fahren über das verteufelte Geklimper.</p> - -<p>Mitten in der Herrlichkeit brach der Harfner das Spiel -ab. Für einen solchen Baß sei sein Instrument nicht berechnet, -meinte er, rückte die Harfe auf den Buckel und ging davon. -Seit jenem Tage datiert mein Haß gegen die Schuster, die -ihren Kopfwehtag haben.</p> - -<p>Die Harfe ging mir nicht aus dem Kopfe. In unserem -Rübenkeller stand ein altes, säuerlndes Fäßchen, das mein -Vater beim Stockerwirt allemal für die drei Faschingstage -mit Apfelmost füllen ließ. Nun war es längst leer, und diese -Leere kam mir zu statten. Ich stülpte das Fäßchen auf, zog -über den Boden Zwirnsfäden wie Saiten, so daß diese je -nach ihrer Länge einen verschiedenen Ton gaben, wenn ich -sie mit dem Finger berührte. Da hatte ich ein Saiteninstrument -mit dem respektabelsten Resonanzboden. Doch -erinnere ich mich nicht mehr, inwiefern ich damit meinen<span class="pagenum"><a id="Page_27">[27]</a></span> -musikalischen Hang ausgebildet habe – ich weiß nur, daß -zum nächsten Fasching, als ich unseren tanzlustigen Mägden -auf meiner Harfe was aufspielen wollte, wieder frischer Most -in dem Fäßchen war.</p> - -<p>In denselben Jahren hatte ich mit einem jungen Studenten -Bekanntschaft gemacht, mit dem Söhnlein eines Nachbars, -welches in Graz auf Geistlich studierte, auf die Ferien -stets nach Hause kam und Reichtümer mitbrachte. Ich erwarb -mir seine Gunst, indem ich ihn öfters auf unsern Schwarzkirschbaum -lud, wo es zu schnabulieren gab. Der Student -riß zwar ein um das andere Ästlein ab, um zur süßen -Frucht zu gelangen, aber mein Vater, der sonst solcherlei -Verstümmelungen scharf ahndete, war der Meinung, einem -angehenden Priester dürfe man nichts verwehren, er würde -dereinst den Kirschbaum schon in sein Meßopfer einschließen, -daß er gedeihe und immerwährend fruchtbar sei. Der Student -war für solche Rücksichten erkenntlich und stellte mir all' seine -Bücher, Landkarten, Schreib- und Zeichenrequisiten zur Verfügung. -Den Schulfleiß des Studenten in Ehren! Dennoch -aber glaube ich, daß seine »deutschen Lesebücher für die Gymnasialklassen«, -seine »Welter's Weltgeschichte«, sein »Handbuch -des katholischen Kultus«, sein »Leitfaden der Erdkunde« -u. s. w. während der Vakanzen schier mehr strapaziert wurden, -als während des Schuljahres. Als sich der angehende Theologe -mit denselben auf sein Hirtenamt vorbereiten sollte, übte -ich mit ihnen das meine bereits aus. Doch ließ ich meine -Kühe und Ochsen Rinder sein, lag im grünen Grase und -las. – O ihr armen Bücherwürmer in den staubigen Bibliotheken, -ihr habt gar keine Ahnung davon, was im Waldschatten -ein Buch ist! – <em class="gesperrt">Viele</em> Bücher würden leicht auch -den im Walde Lagernden beunruhigen, verwirren und entmarken;<span class="pagenum"><a id="Page_28">[28]</a></span> -aber <em class="gesperrt">ein</em> Buch, ein seelenvolles Buch genießt man -dort ganz aus und gedeiht dabei. Ich denke hier an das -Lesebuch für die Gymnasialklassen, reich an Gedichten und -Aufsätzen von deutschen Klassikern. Ich konnte es nicht einmal -ganz verstehen, aber es wirkte tiefer auf mich, als alle spätere -Lektüre zusammen.</p> - -<p>Als die Kirschen alle waren und die Blätter des Baumes -gelb wurden, packte der Student seine Bücher zusammen und -ging wieder in die »Studie«.</p> - -<p>Einmal ließ er mir ein Kästchen mit Wasserfarben zurück.</p> - -<p>Jetzt schnitt ich mir ein Löckchen Haar vom Haupte, -band es an ein Stäblein, und mit solchem Pinsel begann -ich zu malen. Eine große Anzahl der Heiligenbildchen, die -heute noch in verschiedenen Gebetbüchern der Gegend zu -finden, ist mit meinem Haar gemalt worden. Die Leute -haben sich hell verwundert, wenn sie mir zugeschaut und gesehen, -wie man mir nichts dir nichts die Muttergottesen -macht. Einmal kam der alte Schneider-Jackel, Küster von -Krieglach, in unser Haus, um den Pfarrzehent abzuholen; -der sah mich malen. »Na,« sagte er fortwährend, »aber -<em class="gesperrt">da</em> gehört was dazu! Jetzt malt so ein kleiner Schlingel da -himmlische Leut'! Und daß es eine Form hat! Ein hellrotes -G'wandl, ein schön's! Ein Gesicht – wie er aber das Gesichtel -macht! Die ganze Fleischfarb' – und 's Göscherl! -Und die Augen, die blauen, wie sie auslugen! – Spitzbub, -Du! Freilich, den Heiligenglanz auch, na, der darf nicht -fehlen. Wär' nit ganz, wenn der fehlen thät'! – Schon -eine Menge so Bildln hast da! – Bist aber ein Kreuzköpfel – -Du mußt schon ein Maler werden! Alles von Dir selber -hast' gelernt? Ist viel! Ist viel das! Schau, das thät's -nit, die Bildln muß ich alle mitnehmen, 's thät's nit anders,<span class="pagenum"><a id="Page_29">[29]</a></span> -die müssen ihre heilige Weih' kriegen. Dank Dir Gott, -Schwarzkünstler, Du kleiner!«</p> - -<p>Vor meinen Augen that er die Bildchen – es waren -deren allerlei und eine große Anzahl – zusammen, schob -sie in seinen Sack und ging davon. Mir blieb der Verstand -stehen. Aber mir schwoll der Kamm, als ich bald darauf -hörte, der Küster hätte bei seiner Wallfahrt mit der Krieglacher -Kreuzschar nach Mariazell meine Heiligenbilder am -Gnadenaltare weihen lassen und sie hernach an die Wallfahrer -verteilt.</p> - -<p>Unter Anderen ist später auch der alte Riegelberger in -den Besitz eines solchen Heiligtums gekommen. Er soll es -allemal, so oft er sein Gebetbuch aufschlug, brünstig geküßt -haben; als er es aber erfuhr, von wem das Bildchen herrühre, -ist er schnurgerade in unser Haus gegangen und hat -mich zur Rede gestellt, warum ich mit heiligen Dingen Frevel -treibe? Ob ich's vielleicht leugnen wolle? Geweihte Sachen -hätte ich gemalt!</p> - -<p>»Ja,« sagte ich, »wenn Ihr das Kalb auf den Kopf -stellt, wird es freilich den Schweif in die Höhe recken.«</p> - -<p>»Willst mich fean (höhnen), Bub?«</p> - -<p>»Die Bilder sind zuerst gemalt und <em class="gesperrt">nachher</em> geweiht -worden.«</p> - -<p>Es hielt schwer, ihm die Sache begreiflich zu machen, -und er rief immer wieder aus, zerfetzen möchte er das schlechte -Zeug, wenn's ihm um die heilige Weih' nicht leid thäte.</p> - -<p>Ein andermal hatte ich mit demselben Manne eine viel -gefährlichere Begegnung. Es waren zur selben Zeit noch die -kleinen Papierzehner im Land. Ein solches Notlein habe ich -wundershalber einmal nachgemacht. Dem Knecht Marcus kam -es zu Augen, der schmunzelte das Streifchen an und ersuchte<span class="pagenum"><a id="Page_30">[30]</a></span> -mich, daß ich es ihm ein wenig leihe. Einen Tag später begegnete -ich auf dem Feldwege dem Riegelberger. Er grinste mich -schon von weitem an und lächelte mir dann freundlich zu: -»Büberl, Du wirst aufgehenkt.«</p> - -<p>»Ihr meint, weil ich so allerhand Bildeln gemalt hab'?«</p> - -<p>»Bildeln, so viel Du willst. Aber die falschen Banknoten! -Ja, lieber Freund! Einen hab' ich von Dir in der -Brieftasche und geh' gerade, mir jetzt dafür Tabak kaufen.«</p> - -<p>Ich denke, daß ich über diese Mitteilung sehr blaß -geworden bin, denn der Riegelberger sagte nun: »Auf <em class="gesperrt">ein</em> -Pfeiferl hab' ich noch in der Blader. Was giebst mir zu -Lohn, wenn ich mir das Pfeiferl jetzt mit Deinem neuen -Zehner anzünde?«</p> - -<p>In demselben Augenblick ist mir ein Gedanke durch den -Kopf geflogen, den ich einfing, weil er mir nicht schlecht -vorkam.</p> - -<p>»Ihr meint, Riegelberger, weil ich erschrocken bin?« -sagte ich; »erschrocken bin ich nur, weil Ihr den schrecklichen -Frevel begehen wollt.«</p> - -<p>»Möcht' wissen, wie so ich –?«</p> - -<p>»Das Papierzehnerl, das Ihr von mir in der Brieftasche -gehabt, ist unter meine Heiligenbilder gekommen. Ist -in Zell geweiht worden!«</p> - -<p>»Geh, geh, das Geld nimmt keine Weih' an,« versetzte -der Riegelberger.</p> - -<p>»Das Geld freilich nicht, das weiß ich, aber mein Zehner -ist keins, ist nur zum Fürwitz eins und will keins sein. -Und Ihr wollt Euch für die geweihte Sach' Tabak kaufen? -Ist schon recht, probiert es nur! werdet schon sehen, wie -Euch ein solcher Tabak in die Nase beißen wird!«</p> - -<p>Jetzt wurde der Mann zornig.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_31">[31]</a></span></p> - -<p>»Du Bub!« rief er, »wenn Du alleweil nur Leut' -foppen willst!«</p> - -<p>Er zog die Brieftasche hervor, das Papierstreifchen heraus -und zerriß es vor meinen Augen: »So, da hast Deine -Fetzen! und jetzt geh und arbeit' was, bist schon groß genug -dazu. Ich, wenn ich Dein Vater wär', wollt Dir Deine -Fabeleien und Schmierereien schon vertreiben! Arbeiten, daß -die Schwarten krachen, ist gescheiter!«</p> - -<p>S'ist doch der beste Rat gewesen, den er mir hätte -geben können. Er ist auch gar bald befolgt worden. Aber -in den Feierabendstunden habe ich meine kindischen Spiele -und künstlerischen Beschäftigungen getrieben, weit über die -Kindesjahre hinaus.</p> - -<p>Und wenn ich meine heutigen Thaten betrachte – s'ist -Alles nur Versuch und Spiel. Es war ein kleines Kind, es -ist ein großes Kind – ich bin damit zufrieden.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-039.png" alt="Dekoration" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_32">[32]</a></span></p> - -<h2 id="Wie_der_Meisensepp_gestorben_ist"><img src="images/illu-040.png" alt="Dekoration" /><br /> -Wie der Meisensepp gestorben ist.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div> -<p class="drop">In meinem Vaterhause fand sich die »Lebensbeschreibung -Jesu Christi, seiner Mutter Mariä und vieler -Heiligen Gottes«. Ein geistlicher Schatz von Pater -Cochem.</p> - -<p>Das war ein altes Buch; die Blätter waren grau, -die Kapitelanfänge hatten wunderlich große Buchstaben in -schwarzen und roten Farben. Der hölzerne Einbanddeckel -war an manchen Stellen schon wurmstichig, und eine der -ledernen Klappen hatte die Maus zernagt. Seit meines -Großvaters Tode war im Hause Niemand gewesen, der -darin hätte lesen können; was Wunder, wenn die Tierlein -Besitz nahmen von Cochems »Leben Christi« und aus dem -»geistlichen Schatz« ihre leibliche Nahrung zogen.</p> - -<p>Da kam ich, der kleine ABC-Schütz, verjagte die Würmer -aus dem Buche und fraß mich dafür selber hinein. Täglich -las ich unseren Hausleuten vor aus dem »Leben Christi«. -Den jungen Knechten und Mägden gefiel der neue Brauch -just nicht, denn sie durften dabei nicht scherzen und nicht -jodeln; die älteren Hausgenossen aber, die schon etwas gottesfürchtiger -waren, hörten mir mit Andacht zu; »und das ist,«<span class="pagenum"><a id="Page_33">[33]</a></span> -sagten sie, »als wie wenn der Pfarrer predigen thät; so -bedeut ausführen und so eine laute Stimm'!«</p> - -<p>Ich kam in den Ruf eines tüchtigen Vorlesers und -wurde ein gesuchter Mann. Wenn irgendwo in der Nachbarschaft -jemand krank lag oder zum Sterben oder wenn er -gar schon gestorben war, so daß man an seiner Leiche zur -Nacht die Totenwache hielt, so wurde ich von meinem Vater -ausgebeten, daß ich hinginge und lese. Da nahm ich das -gewichtige »Leben-Christi-Buch« unter den Arm und ging. -Es war ein hartes Tragen, und ich war dazumal ein kleinwinziger -Knirps.</p> - -<p>Einmal spät abends, als ich schon in meiner kühlen -und frischduftenden Futterkammer schlief, in welcher ich zur -Sommerszeit bisweilen das Nachtlager hatte, wurde ich -durch ein Zupfen an der Decke von unserm Knecht geweckt. -– »Sollst fein geschwind aufstehen, Peter, sollst aufstehen. -Der Meisen-Sepp hat seine Tochter geschickt, er läßt bitten, -Du sollst zu ihm kommen und ihm was vorlesen; er wollt' -sterben. Sollst aufstehen, Peter.« –</p> - -<p>So stand ich auf und zog mich eilends an. Dann nahm -ich das Buch und ging mit dem Mädchen von unserem -Hause aufwärts über die Heide und durch die Waldungen. -Das Häuschen des Meisen-Sepp stand gar einsam mitten -im Wald.</p> - -<p>Der Meisen-Sepp war in seinen jüngeren Jahren -Reuter und Waldhüter gewesen; in letzterer Zeit hatte er -sich nur mehr mit Sägeschärfen für Holzhauerleute beschäftigt. -Und da kam plötzlich die schwere Krankheit.</p> - -<p>Wie wir, ich und das Mädchen, in der stillen, sternhellen -Nacht so durch die Ödnis schritten, sagten wir Keines -ein Wort. Schweigend gingen wir neben einander hin.<span class="pagenum"><a id="Page_34">[34]</a></span> -Nur einmal flüsterte das Mädchen: »Laß her, Peter, ich -will Dir das Buch tragen.«</p> - -<p>»Das kannst nicht,« antwortete ich, »Du bist ja noch -kleiner wie ich selber.«</p> - -<p>Nach einem zweistündigen Gang sagte das Mädchen: -»Dort ist schon das Licht.«</p> - -<p>Wir sahen einen matten Schein, der aus dem Fenster -des Meisenhauses kam. Als wir diesem schon sehr nahe waren, -begegnete uns der Pfarrer, der dem Kranken die heiligen -Sakramente gereicht hatte.</p> - -<p>»Der Vater – wird er wieder gesund?« fragte das -Mädchen kleinlaut.</p> - -<p>»Ist noch nicht so alt,« sagte der Priester; »wie Gott -will, Kinder, wie Gott will.«</p> - -<p>Dann ging er davon. Wir traten in das Haus.</p> - -<p>Das war klein, und nach der Art der Waldhütten standen -die Familienstube und Schlafkammer gleich in der Küche. -Am Herd in einem Eisenhaken stak ein brennender Kienspan, -von dem die Stubendecke in einen Rauchschleier gehüllt war. -Neben dem Herde auf Stroh lagen zwei kleine Knaben und -schlummerten. Sie waren mir bekannt vom Walde her, wo -wir oft mitsammen Schwämme und Beeren suchten und dabei -unsere Herden verloren; sie waren noch um etliche Jahre -jünger als ich. An der Ofenmauer saß das Weib des Sepp, -hatte ein Kind an der Brust und sah mit großen Augen in -die flackernde Flamme des Kienspans hinein. Und hinter dem -Ofen, in der einzigen Bettstatt, die im Hause war, lag der -Kranke. Er schlief; sein Gesicht war recht eingefallen, das -grauende Haar und der Bart um's Kinn waren kurz geschnitten, -so daß mir der ganze Kopf kleiner vorkam, als -sonst, da ich den Sepp auf dem Kirchweg gesehen hatte. Die<span class="pagenum"><a id="Page_35">[35]</a></span> -Lippen waren halb offen und blaß, durch dieselben zog ein -lebhaftes Atmen.</p> - -<p>Bei unserem Eintritt erhob sich das Weib leise, sagte -eine Entschuldigung, daß sie mich aus dem Bette geplagt -habe, und lud ein, daß ich mich an den Tisch setzen und die -Eierspeise essen möge, die der Herr Pfarrer übrig gelassen -hatte, und die noch auf dem Tische stand.</p> - -<p>Bald saß ich auf demselben Fleck, den der geistliche -Herr noch hatte warm gemacht, und jetzt aß ich mit derselben -Gabel, die er hatte in den Mund geführt!</p> - -<p>»Jetzt schläft er passabel,« flüsterte das Weib, nach dem -Kranken deutend. »Vorhin hat er allweg Fäden aus der -Decke gezupft.«</p> - -<p>Ich wußte, daß man es für ein übles Zeichen auslegt, -wenn ein Schwerkranker an der Decke zupft und kratzt; »da -kratzt er sich sein Grab«. Ich entgegnete daher: »Ja, das -hat mein Vater auch gethan, als er im Nervenfieber ist gelegen. -Ist doch wieder gesund worden.«</p> - -<p>»Das mein' ich wohl auch,« sagte sie, »und der Herr -Pfarrer hat dasselbe gesagt. – Bin doch froh, die Beicht -hat der Seppel recht fleißig verrichten mögen, und ich hab' -jetzt wieder rechtschaffen Trost, daß er mir noch einmal gesund -wird. – Nur,« setzte sie ganz leise bei, »das Spanlicht -leckt alleweil so hin und her.«</p> - -<p>Wenn in einem Hause das Licht unruhig flackert, so -deutet das der Glaube des Volkes: es werde in demselben -Hause bald ein Lebenslicht auslöschen. Ich selbst glaubte an -dieses Zeichen, doch um die Häuslerin zu beruhigen, sagte -ich: »Es streicht die Luft alles zu viel durch die Fensterfugen; -ich verspür's auch.« Sie legte das schlummernde -Kind auf das Stroh; auch das Mädchen, welches mich geholt,<span class="pagenum"><a id="Page_36">[36]</a></span> -war schon zur Ruh gegangen. Wir verstopften hierauf -die Fensterfugen mit Werg.</p> - -<p>Dann sagte das Weib: »Gelt, Peter, Du bleibst mir -da über die heutige Nacht; ich wüßt mir aus Zeitlang nicht -zu helfen. Wenn er munter wird, so liest uns was vor. -Gelt, Du bist so gut?«</p> - -<p>Ich schlug das Buch auf und suchte nach einem geeigneten -Lesestück. Allein, Pater Cochem hat nicht viel geschrieben, -was armen, duldenden Menschen zum Troste sein könnte. -Pater Cochem meint, Gott wäre unendlich gerecht und die -Leute wären unsäglich schlecht, und neun Zehntel der Menschen -liefen schnurgerade der Hölle zu.</p> - -<p>Es mag ja wohl sein, dachte ich mir, daß es so ist; -aber dann darf man's nicht sagen, die Leute thäten sich nur -grämen, und des weiteren blieben sie leichtlich so schlecht wie -früher. Wenn sie sich bessern hätten wollen, so hätten sie's -längst schon gethan.</p> - -<p>Die schreckhaften Gedanken gingen wie eine zischelnde -Natter durch das Cochem'sche Buch. Fürwitzigen Leuten -gegenüber, die mich nur anhörten der »lauten Predigerstimm'« -wegen, donnerte ich die Greuel und Menschenverdammung -recht mit Vergnügen heraus; wenn ich aber an Krankenbetten -aus dem Buche las, da mußte ich meine Erfindungsgabe oft -sehr anstrengen, daß ich während des Lesens die harten Ausdrücke -milderte, die schaudererregende Darstellung der vier -letzten Dinge mäßigte und den grellen Gedanken des eifernden -Paters eine freundlichere Färbung geben konnte.</p> - -<p>So plante ich auch heute, wie ich, scheinbar aus dem -Buche lesend, dem Meisen-Sepp aus einem anderen Buche -her Worte sagen wollte von der Armut, von der Geduld, -von der Liebe zu den Menschen und wie darin die wahre Nachfolge<span class="pagenum"><a id="Page_37">[37]</a></span> -Jesu bestehe, die uns – wenn die Stunde schlüge – -durch ein sanftes Entschlummern hinüberführe in den Himmel.</p> - -<p>Endlich erwachte der Sepp. Er wendete den Kopf, sah -sein Weib und seine ruhenden Kinder an; dann erblickte er -mich und sagte mit lauter, ganz deutlicher Stimme: »Bist -doch gekommen, Peter. So dank Dir Gott, aber zum Vorlesen -werden wir heut' wohl keine Zeit haben. Anna, sei so -gut und weck' die Kinder auf.«</p> - -<p>Das Weib zuckte zusammen, fuhr mit der Hand zu -ihrem Herzen, sagte aber dann in ruhigem Tone: »Bist -wieder schlechter, Seppel? Hast ja recht gut geschlafen.«</p> - -<p>Er merkte es gleich, daß ihre Ruhe nicht echt war.</p> - -<p>»Thu' Dich nicht gar so grämen, Weib,« sprach er, -»auf der Welt ist's schon nicht anders. Weck' mir schön die -Kinder auf, aber friedsam, daß sie nicht erschrecken.«</p> - -<p>Die Häuslerin ging zum Strohlager, rüttelte mit -bebender Hand am Schaub, und die Kleinen fuhren halb -bewußtlos empor.</p> - -<p>»Ich bitt' Dich gar schön, Anna, reiß mir die Kinder -nicht so herum,« verwies der Kranke mit schwächerer Stimme, -»und die kleine Martha laß schlafen, die versteht noch nichts.«</p> - -<p>Ich blieb abseits am Tische sitzen, und mir war heiß in -der Brust. Die Angehörigen versammelten sich um den -Kranken und schluchzten.</p> - -<p>»Seid Ihr nur ruhig,« sagte der Sepp zu seinen Kindern, -»die Mutter wird Euch schon morgen länger schlafen lassen. -Josefa, thu' Dir das Hemd über die Brust zusammen, sonst -wird Dir kalt. Und jetzt – seid allweg schön brav und folgt -der Mutter, und wenn Ihr groß seid, so steht ihr bei und -verlaßt sie nicht. – Ich hab' gearbeitet meiner Tag mit -Fleiß und Müh'; gleichwohl kann ich Euch weiter nichts<span class="pagenum"><a id="Page_38">[38]</a></span> -hinterlassen, als dieses Haus und den kleinen Garten, und -den Rainacker und den Schachen dazu. Wollt' Euch's teilen, -so thut es brüderlich, aber besser ist's, Ihr haltet die Wirtschaft -zusammen und thut hausen und thut bauen. Weiters -mach' ich kein Testament, ich hab' Euch alle gleich lieb. Thut -nicht ganz vergessen auf mich, und schickt mir dann und wann -ein Vaterunser nach. – Und Euch, die zwei Buben, bitt' -ich von Herzen: Hebt mir mit dem Wildern nicht an; das -nimmt kein gutes End'. Gebt mir die Hand darauf. So. – -Wenn halt Einer von Euch das Sägefeilen wollt' lernen; -ich hab' mir damit viel Kreuzer dermacht (erworben); Werkzeug -dazu ist da. Und sonst wißt Ihr schon, wenn Ihr am -Rainacker die Erdäpfel anbaut, so setzt sie erst im Mai ein; -'s ist wohl wahr, was mein Vater fort gesagt hat: Bei den -Erdäpfeln heißt's: Baut mich an im April, komm' ich, wann -ich will; baut mich an im Mai, komm' ich glei (gleich). -– Thut Euch so Sprüchlein nur merken. – So, und jetzt -geht wieder schlafen, Kinder, daß Euch doch nicht kalt wird, -und gebt allzeit rechtschaffen Obacht auf Eure Gesundheit. -Gesundheit ist das Beste. Geht nur schlafen, Kinder.«</p> - -<p>Der Kranke schwieg und zerrte an der Decke.</p> - -<p>»Frei zu viel reden thut er mir,« flüsterte das Weib -gegen mich gewendet. Eine bei Schwerkranken plötzlich ausbrechende -Redseligkeit ist eben auch kein gutes Zeichen.</p> - -<p>Nun lag er, wie zusammengebrochen, auf dem Bette. -Das Weib zündete die Sterbekerze an.</p> - -<p>»Das nicht, Anna, das nicht,« murmelte er, »ein wenig -später. Aber einen Schluck Wasser giebst mir, gelt?«</p> - -<p>Nach dem Trinken sagte er: »So, das frisch' Wasser -ist halt doch wohl gut. Gebt mir recht auf den Brunnen -Obacht. Ja, und daß ich nicht vergeß', die schwarzen Hosen<span class="pagenum"><a id="Page_39">[39]</a></span> -und das blau' Jöppel weißt, und draußen hinter der Thür, -wo die Sägen hängen, lehnt das Hobelbrett, das leg' über -den Schleifstock und die Hanselbank; für drei Tag' wird's -wohl halten. Morgen früh, wenn der Holzjosel kommt, der -hilft mich schon hinauslegen. Schau aber fein gut, daß -die Katz' nicht dazu kommt; die Katzen gehen los und -schmecken's gleich, wenn wo eine Leich' ist. Was unten bei -der Pfarrkirche mit mir geschehen soll, das weißt schon selber. -Meinen braunen Lodenrock und den breiten Hut schenk' den -Armen. Dem Peter magst auch was geben, daß er heraufgegangen -ist. Vielleicht ist er so gut und liest morgen beim -Leichwachen was vor. Es wird ein schöner Tag sein morgen, -aber geh' nicht zu weit fort von heim, es möcht' ein Unglück -geschehen, wenn draußen in der Lauben das Licht brennt. – -Nachher, Anna, such' da im Bettstroh nach; wirst einen -alten Strumpf finden, sind etlich' Zwanziger drin.«</p> - -<p>»Seppel, streng' Dich nicht so an im Reden,« schluchzte -das Weib.</p> - -<p>»Wohl, wohl, Anna – aber aussagen muß ich's doch. -Jetzt werden wir wohl nicht mehr lang' beisammen sein. -Wir haben uns zwanzig Jahre gehabt, Anna. Du bist mein -Alles gewesen; kein Mensch kann Dir's vergelten, was Du -mir gewesen bist. Das vergeß' ich Dir nicht im Tod und -nicht im Himmel. Mich gefreut's nur, daß ich in der letzten -Stund' noch was mit Dir reden kann, und daß ich gleichwohl -so viel bei Verstand bin.«</p> - -<p>»– Stirb doch nicht gar hart, Seppel,« hauchte das -Weib und beugte sich über sein Antlitz.</p> - -<p>»Nein,« antwortete er ruhig, »bei mir ist's so, wie bei -meinem Vater: leicht gelebt und leicht gestorben. Sei nur -auch Du so, und leg' Dir's nicht schwer. Wenn wir nun<span class="pagenum"><a id="Page_40">[40]</a></span> -auch wieder jedes allein ankommen, zusammen gehören wir -gleichwohl noch, und ich heb' Dir schon ein Platzel auf im -Himmel, gleim (nahe) an meiner Seit', Anna, gleim an -meiner Seit'. Nur das thu' um Gotteswillen, die Kinder -zieh' gut auf.«</p> - -<p>Die Kinder ruhten. Es war still, und mir war, als -hörte ich irgendwo in der Stube ein leises Schnurren und -Spinnen. –</p> - -<p>Plötzlich rief der Sepp: »Anna, jetzt zünd' geschwind -die Kerzen an!«</p> - -<p>Das Weib rannte in der Stube herum und suchte nach -Feuerzeug; und es brannte ja doch der Span. – »Jetzt -hebt er an zu sterben!« wimmerte sie. Als aber die rote -Wachskerze brannte, als sie ihm dieselbe in die Hand gab, -als er den Wachsstock gelassen mit beiden Händen umfaßte -und als sie das Weihwassergefäß vom Gesimse nahm, da -wurde sie scheinbar ganz ruhig und betete laut: »Jesus, -Maria, steht ihm bei! Ihr Heiligen Gottes, steht ihm bei in -der höchsten Not, laßt seine Seele nicht verloren sein! Jesus, -ich bete zu Deinem allerheiligsten Leiden! Maria, ich rufe -Deine heiligen sieben Schmerzen an! Du, sein heiliger Schutzengel, -wenn seine Seel' vom Leib muß scheiden, führ' sie ein -zu den himmlischen Freuden!«</p> - -<p>Und sie betete lange. Sie schluchzte und weinte nicht; -nicht eine einzige Thräne stand in ihrem Auge, sie war ganz -die ergebene Beterin, die Fürbitterin.</p> - -<p>Endlich schwieg sie, beugte sich über das Haupt des -Gatten, beobachtete sein schwaches Atemholen und hauchte: -»So behüt' Dich Gott, Seppel, thu' mir meine Eltern und -unsere ganze Freundschaft (Verwandtschaft) grüßen in der -Ewigkeit. Behüt' Dich Gott, mein lieber Mann! Die heiligen<span class="pagenum"><a id="Page_41">[41]</a></span> -Engel geben Dir das Geleit', und der Herr Jesus mit seiner -Gnad' wartet schon Deiner bei der himmlischen Thür.«</p> - -<p>Er hörte es vielleicht nicht mehr. Seine blassen, halboffenen -Lippen gaben keine Antwort. Seine Augen sahen -starr zur Stubendecke empor. Und aus den gefalteten Händen -aufragend brannte die Wachskerze; sie flackerte nicht, still und -geruhsam und hell, wie eine schneeweiße Blütenknospe stand -die Flamme empor – sein Atemzug bewegte sie nicht mehr.</p> - -<p>»– Jetzt ist's gar, jetzt ist er mir gestorben!« rief -das Weib aus, schrill und herzdurchdringend, dann sank sie -nieder auf einen Schemel und begann bitterlich zu weinen.</p> - -<p>Die wieder erwachenden Kinder weinten auch; nur das -Kleinste lächelte …</p> - -<p>Die Stunde lag auf uns, wie ein schwerer Stein.</p> - -<p>Endlich richtete sich die Häuslerin – die Witwe – auf, -trocknete ihre Thränen und legte zwei Finger auf die Augen -des Toten.</p> - -<p>Die Wachskerze brannte, bis die Morgenröte aufging.</p> - -<p>Durch den Wald war ein Bote gegangen. Dann kam -ein Holzarbeiter. Der besprengte den Toten mit Weihwasser -und murmelte: »So rücken sie ein, einer nach dem andern.«</p> - -<p>Dann thaten sie dem Meisen-Sepp festtägige Kleider -an, trugen ihn hinaus in die Vorlauben und legten ihn auf -das Brett.</p> - -<p>– Das Buch ließ ich liegen auf dem Tisch, für die -Leichenwachen der nächsten Nächte, zu denen ich der Häuslerin -das Lesen zugesagt hatte. Als ich fortgehen wollte, kam -sie mit einem grünen Hut, auf welchem ein weit ausgeborsteter -Gemsbart stak.</p> - -<p>»Willst den Hut mitnehmen für Deinen Vater?« fragte -sie, »der Seppel hat Deinen Vater fortweg gern gehabt. Den<span class="pagenum"><a id="Page_42">[42]</a></span> -Gamsbart magst zum Andenken selber behalten. Bet' einmal -ein Vaterunser dafür.«</p> - -<p>Ich sagte meinen Dank, ich that noch einen unsteten -Blick gegen die Bahre hin; der Sepp lag lang gestreckt und -hielt seine Hände über der Brust gefaltet. – Dann ging ich -hinaus und abwärts durch den Wald. – Wie war's licht -und taufrisch voll Vogelgesang, voll Blütenduft – voll Leben -im Walde!</p> - -<p>Und in der Hütte, auf dem Bahrbett lag ein toter -Mensch.</p> - -<p>Ich kann die Nacht und den Morgen – das Sterben -mitten in dem unendlichen Lebensquell des Waldes nimmermehr -vergessen. Auch besitze ich heute noch den Gemsbart -zum Andenken an den Meisen-Sepp.</p> - -<p>Wenn mich die Gier anpackt nach den Freuden der -Welt, oder wenn mich die Zweifel überkommen an der -Menschheit Gottesgnadentum, oder wenn mich gar die Angst -will quälen vor meinem vielleicht noch fernen, vielleicht schon -nahen Hingang – so stecke ich den Gemsbart des Sepp auf -den Hut.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-050.png" alt="Dekoration" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_43">[43]</a></span></p> - -<h2 id="Wie_ich_dem_lieben_Herrgott"><img src="images/illu-051.png" alt="Dekoration" /><br /> -Wie ich dem lieben Herrgott mein -Sonntagsjöppl schenkte.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div> -<p class="drop">In der Kirche des Alpendorfes Ratten steht links -am Hochaltare eine fast lebensgroße Reiterstatue. -Der Reiter auf dem Pferde ist ein stolzer Kriegsmann -mit Helm und Busch und einem kohlschwarzen Schnurrbärtchen. -Er hat das breite funkelnde Schwert gezogen und -schneidet mit demselben seinen Mantel entzwei. Zu Füßen -des sich bäumenden Rosses kauert eine Bettlergestalt in -Lumpen.</p> - -<p>Als ich noch so ein nichtiger Knirps war, wie er einem -ordentlichen Menschen kaum zum Hosensack emporgeht, führte -mich meine Mutter gern in diese Kirche. In der Nähe der -Kirche steht eine Marienkapelle, die sehr gnadenvoll ist und -in welcher meine Mutter gern betete. Als oft kein Mensch -sonst mehr in der Kapelle war und vom Turme schon die -Mittagsglocke in den heißen Sommersonntag hinausklang, -kniete die Mutter immer noch in einem der Stühle und -klagte Marien ihr Anliegen. Die »liebe Frauen« saß auf -dem Altare, legte die Hand in den Schoß und bewegte -weder den Kopf, noch die Augen, noch die Hände, und da -konnte meine Mutter nachgerade sagen, was sie wollte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_44">[44]</a></span></p> - -<p>Ich hielt mich lieber in der großen Kirche auf und sah -den schönen Reiter an.</p> - -<p>Und einmal, als wir auf dem Wege nach Hause waren -und mich die Mutter an der Hand führte, und ich immer -drei Schritte machen mußte, so oft sie einen that, warf ich -meinen kleinen Kopf auf zu ihrem guten Angesichte und fragte: -»Zuweg steht denn der Reiter allfort auf der Wand oben, -und zuweg reitet er nicht zum Fenster hinaus auf die Gasse?«</p> - -<p>Da antwortete die Mutter: »Weil Du so kindische Fragen -thust und weil es nur ein Bildnis ist, das Bildnis des heiligen -Martin, der, ein Soldat, ein sehr gutthätiger frommer -Mann gewesen und jetzt im Himmel ist.«</p> - -<p>»Und ist das Roß auch im Himmel?« fragte ich.</p> - -<p>»Sobald wir zu einem rechten Platz kommen, wo wir -rasten können, so will ich Dir vom heiligen Martin was erzählen,« -sagte die Mutter und leitete mich weiter, und ich -hüpfte neben ihr her. Da wartete ich schon sehr schwer auf -das Rasten, und in einemfort rief ich: »Mutter, da ist ein -rechter Platz!«</p> - -<p>Erst als wir in den schattigen Wald hineinkamen, wo -ein platter, moosiger Stein lag, fand sie's gut genug, da -setzten wir uns nieder. Die Mutter band das Kopftuch fester -und war still, als habe sie vergessen, was sie versprochen. -Ich starrte ihr fort und fort auf den Mund, dann guckte ich -wieder zwischen den Bäumen hin, und mir war ein paarmal, -als hätte ich durch das Gehölz den schönen Reitersmann -reiten gesehen.</p> - -<p>»Ja, 'leicht wohl, mein Bübel,« begann meine Mutter -plötzlich, »allzeit soll man den Armen Hilfe reichen um -Gotteswillen. Aber so, wie der Martin gewesen, traben heutzutag -nicht viel Herrenleut' herum auf hohem Roß. – Daß<span class="pagenum"><a id="Page_45">[45]</a></span> -im Spätherbst der eiskalte Wind über unsere Schafheide -streicht, das weißt wohl, hast Dir ja selber d'rauf im vorig' -Jahr schier die Tatzelein erfroren. Siehst Du, völlig eine -solche Heide ist's auch gewesen, über die der Reitersmann -Martinus einmal geritten an einem späten Herbstabend. -Steinhart ist der Boden gefroren, und das klingt ordentlich, -so oft das Roß seinen Huf in die Erden setzt. Die Schneeflöcklein -tänzeln umher, kein einziges vergeht. Schon will -die Nacht anbrechen, und das Roß trabt über die Heide, und -der Reitersmann zieht seinen weiten Mantel zusammen, so -eng es halt hat gehen mögen. Bübel, und wie er so hinfährt, -da sieht er auf einmal ein Bettelmännlein kauern an -einem Stein; das hat nur ein zerrissenes Jöpplein an und -zittert vor Kälte und hebt sein betrübtes Auge auf zum -hohen Roß. Hu, und wie das der Reiter sieht, hält er an -sein Tier und ruft zum Bettler nieder: Ja, Du lieber armer -Mann, was soll ich Dir reichen? Gold und Silber hab' -ich nicht, und mein Schwert kannst Du nimmer brauchen. -Wie soll ich Dir helfen? – Da senkt der Bettelmann sein -weißes Haupt nieder gegen die halbentblößte Brust und thut -einen Seufzer. Der Reiter aber zieht sein Schwert, zieht -seinen Mantel von den Schultern und schneidet ihn mitten -auseinander. Den einen Teil des Kleidungsstückes läßt er -hinabfallen zu dem armen zitternden Greise: Hab' vorlieb -damit, mein notleidender Bruder! – Den andern Teil des -Mantels schlingt er, so gut es geht, um seinen eigenen Leib -und reitet davon.«</p> - -<p>So hatte meine Mutter erzählt und dabei mit ihrem -eiskalten Herbstabende den schönen Hochsommertag so frostig -gemacht, daß ich mich fast schauernd an ihr lindes Busentuch -schmiegte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_46">[46]</a></span></p> - -<p>»'s ist aber noch nicht ganz aus, mein Kind,« fuhr die -Mutter fort, »wenn Du es nun gleichwohl weißt, was der -Reiter mit dem Bettler in der Kirche bedeutet, so weißt -Du's noch nicht, was weiter geschehen ist. Wie der Reitersmann -nachher in der Nacht daheim auf seinem harten Polster -ruhsam schläft, kommt derselbige Bettler von der Heide zu -seinem Bett, zeigt ihm lächelnd den Mantelteil, zeigt ihm -die Nägelwunden an den Händen und zeigt ihm sein Angesicht, -das nicht mehr alt und kummervoll ist, das strahlet -wie die Sonnen. Derselbe Bettelmann auf der Heid' ist der -lieb' Herrgott selber gewesen. – So, Bübel, und jetzt werden -wir wieder anrucken.«</p> - -<p>Da erhoben wir uns und stiegen den Bergwald hinan.</p> - -<p>Bis wir heim kamen, waren uns zwei Bettelleute -begegnet; ich guckte jedem sehr genau in das Gesicht; ich -hab' gemeint, es dürft' doch der liebe Herrgott dahinter -stecken.</p> - -<p>Gegen Abend desselben Tages, als ich mein Sonntagskleidchen -des sparsamen Vaters wegen schon hatte ablegen -müssen und nun wieder in dem vielfarbigen Werktagshöslein -herumlief und hüpfte und nur noch das völlig neue graue -Jöppel trug, das ich nicht ablegen wollen und mir noch für -den Tagesrest erbeten hatte, und als die Mutter auch schon -lange wieder bei ihrer häuslichen Arbeit war, eilte ich gegen -die Schafheide hinauf. Ich mußte die Schäflein, worunter -auch ein weißes Lämmchen als mein Eigentum war, heim -in den Stall führen.</p> - -<p>Wie ich aber so hinhüpfe und Steinchen schleudere und -damit die goldenen Abendwolken treffen will, sehe ich plötzlich, -daß dort am Fels ein alter weißköpfiger, sehr arm gekleideter -Mann kauert. Da stehe ich erschrocken still, getraue mir keinen<span class="pagenum"><a id="Page_47">[47]</a></span> -Schritt mehr zu thun und denke bei mir: Jetzt, das ist aber -doch ganz gewiß der lieb' Herrgott.</p> - -<p>Ich habe gezittert vor Furcht und Freude, ich habe mir -gar nicht zu helfen gewußt.</p> - -<p>Wenn es doch der lieb' Herrgott ist, ja, da muß eins -ihm wohl was geben. Wenn ich jetzt heimlauf', daß die -Mutter komme und gucke und mir sage, wie ich d'ran bin, -so geht er mir zuletzt gar dieweilen davon, und es wär' -doch eine Schand' und ein Spott. Ich denk', sein wird er's -gewiß, just so hat derselb' ja auch ausgeschaut, den der -Reitersmann gesehen.</p> - -<p>Ich schlich einige Schritte nach rückwärts und begann -an meinem grauen Jöppel zu zerren. Es ging nicht leicht, -es war so fest über dem grobleinenen Hemde oben, und ich -wollte das Schnaufen verhalten, ich meinte, der Bettelmann -sollte mich früher nicht bemerken.</p> - -<p>Einen gelbangestrichenen Taschenfeitel hatte ich, nagelneu -und just scharf geschliffen. Diesen zog ich aus der Tasche, -das Röcklein nahm ich unter's Knie und begann es nun -mitten auseinander zu trennen.</p> - -<p>War bald fertig, schlich zum Bettelmann, der halb zu -schlummern schien, und legte ihm seinen Teil von meinem -Rock zu Häupten. – Hab' vorlieb damit, mein notleidender -Bruder! Das habe ich ihm still in Gedanken gesagt. Dann -nahm ich meinen Teil vom Rocke unter den Arm, lugte noch -eine Weile dem lieben Gott zu und jagte dann die Schäflein -von der Heide.</p> - -<p>In der Nacht wird er wohl kommen, dachte ich, und -da werden ihn Vater und Mutter sehen, und wir können -ihm, wenn er bei uns bleiben will, gleich das hintere Stübel -und das Hausaltarl herrichten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_48">[48]</a></span></p> - -<p>Ich lag im Schiebbettlein neben Vater und Mutter, -und ich konnte nicht schlafen. Die Nacht verging, und der, -den ich gemeint hatte, kam nicht.</p> - -<p>Am frühen Morgen aber, als der Haushahn die Knechte -und Mägde aus ihren Nestern hervorgekräht hatte, und als -draußen im Hofe schon der laute Werktag anhub, kam ein -alter Mann (sie hießen ihn den Schwamm-Veitel) zu meinem -Vater, brachte ihm den verschenkten Teil von meinem Rock -und erzählte, ich hätte denselben abends zuvor in meinem -Mutwillen zerschnitten und ihm das eine Stück an den Kopf -geworfen, wie er so ein wenig vom Schwammsuchen ausgeruht -habe auf der Schafheide.</p> - -<p>Darauf kam der Vater, eine Hand hinter dem Rücken, -ganz leicht an mein Bett geschlichen: »Geh', thu' mir's sagen, -Bub', wo hast denn Du Dein neues Sonntagsjöppel?«</p> - -<p>Das leise Schleichen mit der Hand hinter dem Rücken -war mir sogleich verdächtig vorgekommen, und jetzt ging mir -schon das Gesicht auseinander, und weinend rief ich: »Ja, -Vater, ich hab' gemeint, dem lieben Herrgott hätt' ich es -'geben.«</p> - -<p>»Jesses, Bub', Du bist aber so ein Trottel, so ein Halbnarr!« -schrie mein Vater, »für die Welt bist Du viel zu -dalkert, zum Sterben bist Du gar zu dumm. Dir muß man -mit einem rechten Besen die Seel' aus der Haut schlagen!«</p> - -<p>Wie nun die Hand mit der gewundenen Birkenrute -zum Vorschein kam, erhob ich ein Zetergeschrei.</p> - -<p>Eilte sogleich die Mutter herbei. Sie that sonst selten -Einsprache, wenn der Vater mit mir Gericht hielt, heute -aber faßte sie ihm die Hand und sagte: »'s Röckel flick' ich -'leicht wieder zusammen, Alter. Geh' jetzt mit, ich muß Dir -was sagen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_49">[49]</a></span></p> - -<p>Sie gingen beide hinaus in die Küche; ich denke, dort -haben sie über die Martinigeschichte gesprochen. Sie kamen -nach einer Weile wieder in die Stube.</p> - -<p>Der Vater sagte mit fast dumpfer Stimme: »Sei nur -still, es geschieht Dir nichts.«</p> - -<p>Und die Mutter flüsterte mir zu: »Ist schon recht, wenn -Du das Röckl dem lieben Herrgott hast wollen geben, aber -besser ist's noch, wir geben es dem armen Thalmichelbuben. -In jedem Armen steckt der liebe Gott. Schau, der heilige -Martinus hat's auch schon gewußt. So, und jetzt, mein -Bübel, hupf' auf und schlüpf' ins Höslein; der Vater ist -noch nicht allzuweit mit der birkenen Liesel.«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-057.png" alt="Dekoration" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_50">[50]</a></span></p> - -<h2 id="Wie_das_Zicklein_starb"><img src="images/illu-058.png" alt="Dekoration" /><br /> -Wie das Zicklein starb.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-e.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Ein andermal drohte die birkene Liesel wieder.</p> - -<p>Mein Vater hatte ein schneeweißes Zicklein, mein -Vetter Jok hatte einen schneeweißen Kopf. Das -Zicklein kaute gern an Halmen oder Erlzweigen; mein Vetter -gern an einem kurzen Pfeifchen. Das Zicklein hatten wir, -ich und meine noch jüngeren Geschwister, unsäglich lieb; den -Vetter Jok auch. So kamen wir auf den Gedanken: wir -sollten das Zicklein und den Vetter zusammenthun.</p> - -<p>Da war's im Heumonat, daß ich eines sonnenfreudigen -Tages all' meine Geschwister hinauslockte auf den Krautacker -und daselbst die Frage an sie that: »Wer von Euch hat -einen Hut, der kein Loch hat?«</p> - -<p>Sie untersuchten ihre Hüte und Hauben, aber durch -alle schien die Sonne und machte im Schatten auf dem -Erdboden einen oder ein paar lichte Punkte. Nur Jakoberle's -Hut war ohne Arg; den nahm ich also in die Hand und -sagte: »Der Vetter heißt Jok, und morgen ist der Jokopitag, -und jetzt, was geben wir ihm zum Bindband (Angebinde)? -Das weiße Zicklein.«</p> - -<p>»Das weiße Zicklein gehört dem Vater!« rief das kleine<span class="pagenum"><a id="Page_51">[51]</a></span> -Schwesterchen Plonele, empört über ein so eigenmächtiges -Vorhaben.</p> - -<p>»Desweg ist es ja, daß ich Euch den Hut hinhalte,« -sagte ich.</p> - -<p>»Du, Jakoberle, hast gestern dem Knierutscher-Sepp -Dein Kinigl (Kaninchen) verkauft; Du, Plonele, hast von -deinem Göden drei Groschen zum Taufpfennig gekriegt; Dir, -Mirzerle, hat vor zwei Tagen der Vater ein Haltergeld -geschenkt. Schaut, ich leg' meine ersparten fünf Kreuzer -hinein, und wir müssen zusammenthun, daß wir dem Vater -das Zicklein abkaufen mögen; und das schenken wir morgen -dem Vetter. Nu, jetzt halt' ich schon her!«</p> - -<p>Sie guckten eine Weile so drein, dann huben sie in -ihren Taschen zu suchen an. Da sagte das Plonele: »Mein -Geld hat die Mutter!« und das Mirzerle rief erschrocken: -»Das meine weiß ich nicht!« und das Jakoberle starrte auf -den Boden und murmelte: »Mein Sack hat ein Loch.«</p> - -<p>Auf diese Weise war mein Unternehmen gescheitert.</p> - -<p>Nichtsdestoweniger haben wir das schneeweiße Zicklein -geherzt. Es stieg mit den Vorderfüßchen an unsere Knie empor -und guckte uns mit seinen großen, völlig eckigen Augen -schelmisch an, als wollte es uns recht spotten, daß wir allmitsammen -nicht so viel an Vermögen hatten, um es kaufen -zu können. Es kicherte und blökte uns ordentlich aus, und -dabei sahen wir die schneeweißen Zähnchen. Es war kaum -drei Monate alt und hatte schon einen Bart; und ich und -das Jakoberle waren über sieben Jahre hinaus und mußten -uns aus grauen Baumflechten einen Bart ankleben, wenn -wir einen haben wollten. Und selbst den <em class="gesperrt">fraß</em> uns das -Zicklein vom Gesichte herab.</p> - -<p>Trotzdem hatten wir jedes das Vierfüßchen viel lieber,<span class="pagenum"><a id="Page_52">[52]</a></span> -als uns untereinander. Und ich sann auf weitere Mittel, -mit dem Tiere den Vetter zu beglücken.</p> - -<p>Als aber mittags darauf der Vater vom Felde heimfuhr, -umschwärmten wir ihn alle und zupften an seinen -Kleidern.</p> - -<p>»Vater,« sagte ich, »ist es wahr, daß die Morgenstunde -Gold im Munde hat?«</p> - -<p>Das war ja sein eigen Sprichwort, und so antwortete -er rasch: »Freilich ist das wahr.«</p> - -<p>»Vater!« riefen wir nun alle vier zugleich, »wie früh -müssen wir all' Tag aufstehen, daß Ihr uns das weiße -Zicklein gebt?«</p> - -<p>Auf diese geschäftliche Wendung schien der Vater nicht -gefaßt gewesen zu sein. Da er aber von unserem Vorhaben, -dem Vetter Jok das Zicklein zuzueignen, hörte, da bedingte -er ein halb Stündlein früher aufzustehen jeden Tag und -trat uns das liebe Tierchen ab.</p> - -<p>Das Zicklein gehörte uns. Wir beschlossen einstimmig, -schon am nächsten Morgen noch vor des Vetters Aufstehzeit – -und das war viel gesagt – aus dem Neste zu kriechen, das -Zicklein mit einem roten Halsband zu versehen und es an's -Bett des alten Jok zu führen, ehe dieser noch seinen langen, -grauen Pelz, den er Winter und Sommer trug, auf den -Leib brachte.</p> - -<p>So unser heilig Vorhaben.</p> - -<p>Aber am anderen Tage, als uns die Mutter weckte -und wir die Lider aufschlugen, schien uns die Sonne mit -solcher Gewalt in die Augen, daß wir dieselben sogleich -wieder schließen mußten, bis die Mutter mit ihrem Kopftuch -das Fenster verhüllte.</p> - -<p>Nun gab es keine Ausflucht mehr. Aber der Vetter<span class="pagenum"><a id="Page_53">[53]</a></span> -war längst schon davon mitsamt dem Pelz. Er hatte die -Schafe und die Ziegen auf die Thalweide getrieben, wo er -sie stets hütete und den ganzen Tag schmunzelnd an seinem -Pfeifchen kaute. Und die Tierchen schnappten so emsig an -den betauten Gräsern und Sträuchern, und hüpften und -scherzten so lustig auf der sonnigen Weide.</p> - -<p>Es war auch das Zicklein dabei. Und hat's dem Jok -denn niemand gesagt, daß heute sein Namenstag ist? –</p> - -<p>Zu jener Zeit, von der ich rede, sind die feuerspeienden -Streichhölzer noch nicht erfunden gewesen; dazumal war -das liebe Feuer ein rares Ding. Man konnte es nicht -so bequem mit im Sack tragen, wie heute, ohne sich das -Beinkleid zu verbrennen. Es mußte mit harten Schlägen -aus Steinen herausgetrieben werden; es mußte, kaum geboren, -mit Zunder gefüttert werden und bedurfte langer -Zeit, bis es sich in demselben so weit kräftigte, daß es -ein gröberes Köder anbiß und flügge wurde. Das Feuer -mußte zum Dienste des Menschen jedesmal förmlich erzogen -werden.</p> - -<p>Es war ein mühsam und heikel Stück Arbeit; beim -Feuermachen konnte meine sonst so milde Mutter unwirsch -werden.</p> - -<p>Die Glut, des Abends noch so sorgsam in der Herdgrube -verwahrt, war des Morgens zumeist erloschen. Was -sich die Mutter auch mühte, den Funken in der Asche wieder -anzublasen – all vergebens, das Feuer war gestorben über -Nacht. Nun ging die Schlägerei mit Stein und Stahl an; -und wir Kinder waren oft schon recht hungrig, ehvor die -Mutter das Feuer zuweg brachte, welches uns die Morgensuppe -kochen sollte.</p> - -<p>So auch am Morgen von des Vetters Namenstag.<span class="pagenum"><a id="Page_54">[54]</a></span> -Wir hatten draußen in der Küche wohl eine Weile das -Pfauchen und Feuerschlagen gehört, dann aber rief die Mutter -plötzlich aus: »'s ist gar umsonst! 's ist, wie wenn der bös' -Feind in die Herdgruben hätt' gespuckt. Und der Stein hat -keinen Funken Feuer mehr in sich, und der Schwamm ist -feucht, und die Leut' warten auf die Suppen!« Dann kam -sie in die Stube und sagte: »Geh, Peterle, ruck, und lauf -geschwind zu der Knierutscherin hinüber: Ich thät sie gar -schön von Herzen bitten, sie wollt' mir ein Haferl Glut -schicken von ihrem Herd. Und trag' ihr dafür da den Brotlaib -mit. Geh, Peterle, ruck, daß wir nachher eine Suppen -kriegen!«</p> - -<p>Ich hatte mein weißes Linnenhöselein gleich an, und -wie ich war – barfuß, barhaupt, nahm ich den runden, -recht gewichtigen Brotlaib unter den Arm und lief gegen das -Knierutscherhaus.</p> - -<p>»Du Sonnenschein,« sagte ich unterwegs, »schäm' dich, -du kannst nicht einmal ein Süpplein wärmen. Jetzt muß -ich zu der Knierutscherin um Feuer gehen. Aber wart' nur, -wird bald lustig sein auf unserem Herd; die Flammen -werden aufhüpfen über das Holz, die Mauer wird rot -leuchten, die Töpfe werden brodeln, der Rauch wird unter -den Feuerhut hinaussprudeln und den Rauchfang hinauf -und wird dich verdecken. Recht hat er, wenn er dich -verdeckt, dann essen wir die Suppen und den Sterz im -Schatten, und den Eierkuchen auch, der heut' für den -Vetter Jok gebacken wird, und du sollst von allem nichts -sehen.«</p> - -<p>Als ich nach solchem Gespräche mit der Sonne über die -Lehne ging, da stach mich ein wenig der Vorwitz. Mein -Brotlaib war so kugelrund und fest, als wäre er aus Lärchenholz<span class="pagenum"><a id="Page_55">[55]</a></span> -gedrechselt worden. Man läßt bei mir daheim das Brot -gern altgebacken werden, es langt auf diese Weise doppelt -aus, gleichwohl es zur Essenszeit zuweilen mit Eisenschlegeln -zertrümmert werden muß.</p> - -<p>Aber weil denn mein Laib gar so kugelrund war, wie -nicht leicht etwas Runderes mehr zu finden ist, so ließ ich -ihn los über die Lehne, lief ihm behende vor und fing ihn -wieder auf.</p> - -<p>War ein herzlich lustiges Spiel das, und ich hätte -mögen all' meine Geschwister herbeirufen, daß sie es sehen -und mitmachen könnten. – Wie ich nun aber so in meiner -Freude die Lehne auf- und abhüpfe, spielt mir mein Brotlaib -jählings den Streich und huscht mir wie der Wind zwischen -den Beinen durch und davon. Er eilt und hüpft hinab, -viel schneller wie ein Reh vor dem Jagdhunde – er fährt -über den Hang, setzt hoch über den Rain in die Thalweide -hinab, wo er meinen Augen entschwindet.</p> - -<p>Bin dagestanden wie ein Klotz, und hab' gemeint, ich -müßt umfallen vor Schreck und auch hinabkugeln gegen das -Thal. Ich ging eine Weile hin und her, auf und ab, und -da ich den Laib nirgends sah, schlich ich kopfhängerig davon -und ins Haus der Knierutscherin.</p> - -<p>Da brannte freilich ein schönes großes Feuer auf dem -Herde.</p> - -<p>»Was willst denn, Peterle?« fragte die Knierutscherin -freundlich.</p> - -<p>»Bei uns,« stotterte ich, »ist das Feuer ausgangen, -wir mögen uns nichts kochen, und so läßt meine Mutter -schön bitten um ein Haferl Glut, und sie thät es schon -fleißig wieder zurückstellen.«</p> - -<p>»Ihr Närrlein, Ihr, wer wird denn so ein paar Kohlen<span class="pagenum"><a id="Page_56">[56]</a></span> -zurückstellen!« rief die Knierutscherin und schürte mit der -Feuerzange Glut in einen alten Topf; »da seh', ich laß -Deiner Mutter sagen, sie soll nur schön anheizen und Dir -einen recht guten Sterz kochen. Aber schau, Peterle, daß Dir -der Wind nicht hineinbläst, sonst trägt er die Funken auf -das Dach hinauf. So, jetzt geh' nur in Gottesnamen!«</p> - -<p>So gütig war sie mit mir, und ich hatte ihr den -Brotlaib verscherzt. Deß drückt mich das Gewissen heute -noch hart.</p> - -<p>Als ich endlich mit dem Feuertopfe zurück gegen unser -Haus kam, war ich höchlich überrascht, denn da sah ich aus -dem Rauchfange bereits einen blauen Dunst hervorsteigen.</p> - -<p>»Dich soll man um den Tod schicken und nicht um -Feuer!« rief die Mutter, als ich eintrat; dabei wirtete sie -um das lustige Herdfeuer herum und sah mich gar nicht an. -Meine kaum mehr knisternden Kohlen waren so armselig -gegen dieses Feuer; ich stellte den Topf betrübt in einen -Winkel des Herdes und schlich davon. Ich war viel zu lange -ausgewesen; da war zum Glück der Vetter Jok von der Thalweide -heimgekommen, und der hatte ein Brennglas, das er -in der Sonne über einen Zunder hielt, bis derselbe glimmte. -Und jetzt war mir die verlästerte Sonne doch noch zuvorgekommen -mit dem Suppenfeuer. Ich war sehr beschämt und -vermag es heute noch nicht, der Wohlthäterin offen in das -Angesicht zu blicken.</p> - -<p>Ich schlich auf den Hausanger. Dort sah ich den -Vetter kauern in seinem langen, grauen, rotverblümten Pelz -und mit seinem weißen Haupt. Und als ich näher kam, da -sah ich, warum er hier so kauerte. Das schneeweiße Zicklein -lag vor ihm und streckte seinen Kopf und seine Füße von -sich, und der Vetter Jok zog ihm die Haut ab.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_57">[57]</a></span></p> - -<p>Sogleich hub ich laut zu weinen an. Der Vetter erhob -sich, nahm mich bei der Hand und sagte:</p> - -<p>»Da liegt es und schaut Dich an!«</p> - -<p>Und das Zicklein starrte mir mit seinen verglasten -Augen wirklich schnurgerade in das Gesicht. Und doch war -es tot.</p> - -<p>»Peterle!« lispelte der Vetter ernsthaft, »die Mutter hat -der Knierutscherin einen Brotlaib geschickt.«</p> - -<p>»Ja,« schluchzte ich, »und der ist mir davongegangen, -hinab über die Lehnten.«</p> - -<p>»Weil Du's eingestehst, Bübel,« sagte der Vetter Jok, -»so will ich die Sach' schon machen, daß Dir nichts geschieht. -Ich hab' zu der Mutter gesagt, ein Stein oder so was wär' -herabgefahren und hätt' das Zicklein erschlagen. Hab' mir's -im Geheim gleich gedacht, das Peterle steckt dahinter. Dein -Brotlaib ist schier in den Lüften dahergekommen nieder über -den hohen Rain, an mir vorbei, dem Zicklein zu, hat es -just am Kopf getroffen – ist das Dingelchen hingetorkelt -und gleich maustot gewesen. – Aber – fürcht' Dich nicht, -es bleibt beim Stein. Mit der Knierutscherin werd' ich's -auch abmachen, und jetzt sei still, Bübel, und zerr' mir das -Gesicht nicht so garstig auseinander. Auf die Nacht essen wir -das Tierlein, und die Mutter kocht uns eine Krennsuppe -dazu.«</p> - -<p>– So ist das Zicklein gestorben. Meine Geschwister -erzählten mir, ein böser, böser Stein habe es erschlagen.</p> - -<p>Die Mutter hatte mir zu Liebe meine Kohlen zum -Herdfeuer geschüttet, und bei diesem Feuer wurde das Zicklein -gebraten.</p> - -<p>Dem Vetter Jok war es vermeint gewesen; nun sollte -er davon den Braten haben. Aber er rief uns Alle zu Tisch<span class="pagenum"><a id="Page_58">[58]</a></span> -und legte uns die besten Bissen vor. Mir hat der meine -nicht gemundet.</p> - -<p>Am anderen Morgen bewaffnete sich das Jakoberle -mit einem Knittel, ging damit dem Vetter nach auf die -Thalweide und wollte den Stein sehen, der das Zicklein -erschlug.</p> - -<p>»Kind,« sagte der Vetter Jok und kaute angelegentlich -am Pfeifchen, »der ist weiter gekugelt, über den rinnt das -Wasser, der liegt in der Schlucht.«</p> - -<p>Der gute, alte Mann! Mir auf dem Herzen lag der -Stein, »der das Zicklein erschlagen«. –</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-066.png" alt="Dekoration" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_59">[59]</a></span></p> - -<h2 id="Dreihundert_vierundsechzig_und_eine_Nacht"><img src="images/illu-067.png" alt="Dekoration" /><br /> -Dreihundert vierundsechzig und eine Nacht.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Das Zicklein war dahin.</p> - -<p>Aber mein Vater hatte noch vier große Ziegen -im Stalle stehen, so wie er vier Kinder hatte, welche -zu den ersteren stets in enger Beziehung standen. Jede der -Ziegen hatte ihren kleinen Futterbarren, aus dem sie Heu -oder Klee fraß, während wir sie molken. Keine einzige gab -die Milch am leeren Barren. Die Ziegen hießen Zitzerl, -Zutzerl, Zeitzerl und Heitzerl und waren, eben auch einer -schönen Schenkung zu Folge, das Eigentum von uns Kindern. -Das Zitzerl und das Zutzerl gehörten meinen zwei Schwesterchen; -das Zeitzerl meinem achtjährigen Bruder Jakoberle, -das Heitzerl war mein!</p> - -<p>Jedes von uns pflegte und hütete sein ihm zugeteiltes -Gespons in Treue; die Milch aber thaten wir zusammen in -einen Topf, die Mutter kochte sie, der Vater schenkte uns -dazu die Brotschnitten – und Gott der Herr hat uns den -Löffel Suppe besegnet.</p> - -<p>Und wenn wir so mit den breiten Holzlöffeln, die unser -Oheim geschnitzt hatte, und die ihrer Ausdehnung wegen -für's Erste kaum in den Mund hinein, für's Zweite kaum<span class="pagenum"><a id="Page_60">[60]</a></span> -aus demselben herauszubringen waren, unser Nachtmahl ausgeschaufelt -hatten, so nahmen wir jedes unseren Roßhaarkotzen -und legten uns, eins wie's andere, in den Futterbarren -der Ziegen. Das waren eine Zeitlang unsere Betten, und -die lieben Tiere befächelten uns mit ihren weichen Bärten -die Wangen und beleckten uns die Näschen.</p> - -<p>Aber, wie wir Kindlein auch in der Krippe lagen, so -kam das Einschlafen auch nicht just immer nach dem ersten -Lecken. Ich hatte von unserer Ahne eine Menge wundersamer -Geschichten und Märchen im Kopfe. Die erzählte ich nun in -solchen Abendstunden, und meine Geschwister waren darüber -glückselig, und die Ziegen hörten auch nicht ungern zu; nur -daß diese dann und wann, wenn ihnen das Ding gar zu -unglaublich vorkam, so ein wenig vor sich hinmeckerten oder -mit den Hörnern ungeduldig an den Barren pufften. Einmal, -als ich von der Habergais erzählte, die, wenn sie um -Mitternacht auf dem Felde schreit, den Haber (Hafer) schwarz -macht, und die nichts frißt als die grauen Bärte alter Kohlenbrenner, -da begann mein Heitzerl dermaßen zu meckern, daß -die anderen drei auch mit einstimmten, bis meine Geschwister -schließlich in ein fürchterliches Gelächter ausbrachen und ich -wie ein überwiesener Aufschneider erbärmlich schweigen mußte.</p> - -<p>Von derselben Zeit an erzählte ich meinen Schlafgenossen -lange keine Geschichten, und ich nahm mir vor, mit dem -Heitzerl mein Lebtag kein Wort mehr zu reden.</p> - -<p>Da kam der Sonnwendtag. An diesem Tage kochte uns -die Mutter den üblichen Eierkuchen, mein liebstes Essen auf -der Welt. In diesem Jahre aber hatte uns der Geier die -beste Leghenne geholt, so wollte sich das Eierkörblein nicht -mehr füllen, und als am Sonnwendtag der Kuchen kam, war<span class="pagenum"><a id="Page_61">[61]</a></span> -er ein gar kleinwinzig Laibchen. Wehmütig lugte ich hin -auf den Holzteller.</p> - -<p>Mein fünfjährig Schwesterchen guckte mich an, und wie -wenn es meine Sehnsucht wahrgenommen hätte, rief es -plötzlich: »Du, Peterl, Du! wenn Du uns ein ganzes Jahr -in jeder Nacht eine Geschichte erzählen magst, so schenk' ich -Dir meinen Teil von dem Kuchen!«</p> - -<p>Dieser hochherzigen Entäußerung der Kleinen stimmten -seltsamerweise auch die anderen bei, und sie patschten in die -Händchen, und – ich ging die Bedingung ein. So stand -ich denn plötzlich am Ziele meiner Wünsche.</p> - -<p>Ich nahm meinen Kuchen unter die Jacke hinein und -ging damit in die Milchkammer, wo mich niemand sehen -und stören konnte. Dort verriegelte ich die Thür, setzte mich -auf einen umgestülpten Zuber und ließ meine zehn Finger -und das wohlgeordnete Heer meiner Zähne über den armen -Kuchen los.</p> - -<p>Aber nun kamen die Sorgen; daß meine Geschwister -strenge auf ihrer Forderung bestehen würden, daran konnte -kein Zweifel obwalten. Ich ging auf meinen Hirtenzügen -jeden Pecher, Kohlenbrenner, Halter und jedes wohlerfahrne -Weiblein, wie ich's im Wald und auf der Heide traf, um -eine Geschichte an. Es waren ergiebige Quellen, und ich -war jeden Abend in der Lage, meiner Schuldigkeit nachzukommen. -Mitunter allerdings war's ein Elend, bis ich -was Neues auftrieb, und nach einer Zeit geschah es nicht -selten, daß das Schwesterlein mich unterbrechend von seinem -Barren herüber rief: »Du! die wissen wir, die hast uns -schon erzählt!«</p> - -<p>Ich sah wohl, daß ich auf neue Wege sinnen mußte, -und war daher bemüht, das Lesen besser zu lernen, um aus<span class="pagenum"><a id="Page_62">[62]</a></span> -manchen Geschichtenbüchern, wie sie in den Waldhütten nutzlos -auf den rußigen Wandstellen herumlagen, Schätze zu ziehen. -Nun hatte ich neue Quellen: die Geschichte von der Pfalzgräfin -(das Jakoberle sagte immer Schmalzgräfin) Genovefa; -die vier Heimonskinder; die schöne Melusina; Wendelin von -Höllenstein – ganz wunderbare Dinge zu Dutzenden. Da -sagte mein Bruder wohl oft aus seiner Krippe heraus: »Mein -Kuchen reut mich gar nicht! das ist wohl so viel unmöglich -schön. Gelt, Zeitzerl?«</p> - -<p>Nun wurden die Abende zu kurz, und ich mußte eine -solche Geschichte in Fortsetzungen geben, womit aber klein -Schwesterchen schier nicht einverstanden sein wollte, denn es -behauptete, in jeder Nacht eine <em class="gesperrt">ganze</em> Geschichte! so sei es -ausgemacht.</p> - -<p>So verging das Jahr. Ich erwarb mir nach und nach -eine gewisse Fertigkeit im Erzählen und that es sogar hochdeutsch, -wie es in den Büchern stand! Oft geschah es auch, -daß sich während des Erzählens meine Zuhörer tief in die -Kotzen vergruben und vor Schauer über die Räuber- und -Geistergeschichten zu stöhnen anhuben; aber aufhören durfte -ich doch nicht.</p> - -<p>Es war schon wieder der Sonnwendtag nahe und mit -ihm die Lösung meines Vertrages. Doch – ein eigen Geschick! -– noch vor dem letzten Abend ging mir gänzlich der -Faden aus. Alle meine Erinnerungen, alle Bücher, deren ich -habhaft werden konnte, alle Männlein und Weiblein, denen -ich begegnete, waren erschöpft – Alles ausgepumpt – Alles -hoffnungslose Dürre. Bat ich meine Geschwister: »Morgen -ist der letzte Abend – schenkt ihn mir!« War ein Geschrei: -»Nein, nein, nichts schenken! Du hast Deinen Sonnwendkuchen -kriegt!« Gar die Ziegen meckerten mit.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_63">[63]</a></span></p> - -<p>Am nächsten Tage ging ich herum, wie ein verlorenes -Schaf. Da kam mir plötzlich der Gedanke: Betrüge sie! -<em class="gesperrt">dichte</em> was zusammen! Aber allsogleich schrie das Gewissen -drein: Was du erzählst, das muß wahrhaftig sein! du hast -den Kuchen wahrhaftig bekommen!</p> - -<p>Doch geschah im Laufe dieses Tages ein Ereignis, von -dem ich hoffte, daß es im Drange der Aufregung mich meiner -Pflicht entbinden würde.</p> - -<p>Mein Bruder Jakoberle verlor sein Zeitzerl. Er ging -in Kreuz und Krumm über die Heide, er ging in den Wald -und suchte weinend und rufend die Ziege. Aber endlich spät -am Abend brachte er sie heim. Ruhig aßen wir unsere Suppe, -gingen in unsere Krippen, und von mir wurde die Geschichte -verlangt.</p> - -<p>Es war still. Die Zuhörer harrten in Erwartung. Die -Ziegen scharrten im Wiederkäuen mit den Zähnen.</p> - -<p>Nun denn, so sollen sie die Geschichte haben.</p> - -<p>Ich sann – – ich begann:</p> - -<p>»Es war einmal ein großer, großer Wald gewesen. -Und in dem Wald war es allweg finster gewesen. Keine -Vöglein haben gesungen: nur der Totenvogel hat geschrien. -Wenn aber doch die andern Vögel auch gesungen, da haben -auf den Bäumen alle Äste und alle Blätter vieltausend -Thränen geweint. Mitten in diesem Wald ist eine Heide, -wie der Totenacker so still, und wer über dieselbe hingeht -und nicht umkehrt, der kommt nicht mehr zurück. Über diese -Heide sind einmal zwei blutige Knie gegangen.«</p> - -<p>»Jesses Ma–!« rief mein älteres Schwesterlein aus, -und alle Drei krochen unter die Kotzen.</p> - -<p>»Ja, zwei blutige Knie,« fuhr ich fort, »und die sind -über die Heide dahin geschwebt gegen den finsteren Wald,<span class="pagenum"><a id="Page_64">[64]</a></span> -wie eine verlorne Seele. Aber auf einmal sind die zwei -blutigen Knie –«</p> - -<p>»Ich schenk' Dir mein blaues Hosenband, wenn Du -still bist!« wimmerte mein Bruder angstvoll und verbarg -sich noch tiefer in die Decke.</p> - -<p>»– sind die zwei blutigen Knie stillgestanden,« fuhr -ich fort, »und auf dem Boden ist ein Stein gelegen, so weiß, -wie ein Leichentuch. Dann sind zwei funkelnde Lichtlein -gewesen zwischen den Bäumen, und darauf sind vier andere -blutige Knie dahergeschwebt.« –</p> - -<p>»Mein neues Paar Schuh' schenk' ich Dir, wenn Du -aufhörst!« hauchte das Jakoberle in seinem Trog und zog -aus lauter Furcht das Zeitzerl am Barte zu sich.</p> - -<p>»Und so sind alle sechs zusammengegangen durch den -finsteren Wald und heraus auf die Heide und über das -Haferfeld herab zu unserem Hause – und herein in den -Stall –«</p> - -<p>Jetzt kreischten alle Drei auf, und sie wimmerten und -wußten ihrer Angst kein Ende, und klein Schwesterlein versprach -mir mit Zagen seinen Teil von dem auch heuer wieder -zu erwartenden, morgigen Sonnwendkuchen, wenn ich aufhöre. -Ich aber fuhr fort:</p> - -<p>»Jetzt – na, jetzt hab' ich zum Anfang zu sagen vergessen, -daß die zwei ersten blutigen Knie unserem Jakoberle -und die vier letzteren seinem Zeitzerl gehört haben – wie -sie heut' im Wald herumgegangen sind.«</p> - -<p>Brach auf einmal das Gelächter los. »Jeder Mensch -hat zwei blutige Knie!« rief Schwesterlein, und die Ziegen -meckerten, daß es ein Jubel war.</p> - -<p>Ich hatte meine Rolle ausgespielt. Dreihundert vierundsechzig -Nächte lang hatte ich geglänzt als weiser, wahrhaftiger<span class="pagenum"><a id="Page_65">[65]</a></span> -Geschichtenmann; die dreihundert fünfundsechzigste hatte mich -entlarvt als argen Schwätzer.</p> - -<p>Das Versprechen in betreff des zweiten Sonnwendkuchens -wurde rückgängig gemacht; Schwesterlein erklärte, -die Zusage sei nichts als Notwehr gewesen.</p> - -<p>Und die Gläubigkeit meines Publikums hatte ich mir -verdorben ganz und gar, und wenn es in Zukunft an irgend -einem Erzählten seinen Zweifel ausdrücken wollte, so rief es -einstimmig: »Aha, das ist wieder ein blutiges Knie!«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-073.png" alt="Dekoration" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_66">[66]</a></span></p> - -<h2 id="Als_ich_Bettelbub_gewesen"><img src="images/illu-074.png" alt="Dekoration" /><br /> -Als ich Bettelbub gewesen.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Die schmale Straße, die durch den Wald ging, hatte -weißen Sand und dunkles Moos, war zur sonnigen -Zeit nicht staubig und in Regentagen nicht lehmig. -Sie zog nicht in der Schlucht, sie zog auf der sanften Bergeshöhe -hin, wo das kurze, grüne Heidekraut und in dünner -Anzahl die alten, verknöcherten Fichtenbäumchen standen. -Stellenweise ging der Weg über eitel grünen Rasen, und -kein Wagengeleise war gedrückt; behendige Ameisenvölker -trieben auf dieser Straße ihren Handel und Wandel.</p> - -<p>Und doch erstreckte sich der Weg aus Weitem her und -war von Menschen getreten. Hie und da stand etwas wie -ein Wegzeiger, eine hölzerne, wettergraue Hand wies geradeaus -oder seitab und sagte nicht, wohin. An anderen Stellen -wieder, wo ein alter, flechtenbewachsener Baumstamm hart -am Wege ragte, prangte daran ein rotangestrichenes Holzkästchen -mit einem Liebfrauenbildnis oder mit einem »Martertaferl,« -erzählend von einem Unglücksfalle, der sich an der -Stelle zugetragen, bittend um ein christlich Gebetlein. Oder -es starrte aus dem Sand- und braunen Moosboden ein -Kruzifix auf.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_67">[67]</a></span></p> - -<p>Ich habe in der weiten Welt keinen Weg mehr gefunden, -der mir so grauenhaft heilig erschienen wäre, als diese Straße, -die durch unseren Wald strich und von der wir nicht wußten, -woher sie kam und wohin sie ging. Denn doch! Erfahrene -Leute sagten es ja, sie kam aus dem fernen Ungarlande und -führte nach Mariazell. 's ist ein ewiges Wandern von Sonnenaufgang -her. Auch die wilden Türken vor drei- oder mehr -hundert Jahren sollen diesen stillen Weg herangewütet haben; -auch kleine Zigeunerbanden trippelten zuweilen auf demselben -daher, und dann einmal ein Handwerksbursche oder ein Bettelmann -oder ein Schwärzer kam des Weges und verneigte sich -vor den Bildnissen und küßte sich vom Kruzifix etliche hundert -Tage Ablaß herab.</p> - -<p>Im Ganzen jedoch war der Weg unsagbar einsam, und -die wenigen Häuser standen fernab im Thale oder auf entlegenen -Hügeln.</p> - -<p>Doch war es alle Jahre einmal, zur Zeit der Bittage, -in jener Maienwoche, in welcher unsere Religion das Fest -der Himmelfahrt des Herrn feiert, daß auf diesem Waldwege -eine förmliche Völkerwanderung ausbrach. Fremdartige -Menschen in fremden Kleidern mit seltsamer Geberde und -Sprache wallten scharenweise heran. Sie hatten braune Gesichter, -knochige Glieder und struppige Haare. Sie hatten -scharfe, glühende Augen, weiße Zähne, lange, tiefgebogene -oder kühn aufgeworfene Nasen und fremdartige Züge um die -Mundwinkel. Die Männer trugen weiße, flatternde, unten -befranste Linnenhosen, die so weit waren, daß sie aussahen -wie Kittel, und dunkelblaue Übermäntel mit breit zurückgeschlagenen -Krägen und kleine Filzhütchen mit schmalen, aufgeringelten -Krempen. Auch hatten sie blaue Westen an, besetzt -mit einer Reihe von großen Silberknöpfen. Andere trugen<span class="pagenum"><a id="Page_68">[68]</a></span> -wieder so enge weiße Beinkleider, als wären sie über und -über an die Glieder gewachsen, und anstatt mit Stiefeln -hatten sie die Waden und den Fuß in Kreuz und Krumm -mit Binden umgeben. Auch hatten dieselben Männer schwere -Übermäntel aus weißem Filze an ihren Achseln hängen, und -diese Mäntel, sowie auch die Beinkleider waren ausgeziert -mit roten oder blauen Rändern, und allerlei Geschnüre -schnörkelte sich um die Wämmser.</p> - -<p>Die Weiber trugen blauschwarze oder weiße Kittelchen, die -kaum ein bißchen über's Knie hinabgingen und bei jedem -Schritt keck hin- und herschlugen. Bei anderen wieder waren -die Kittel so eng und die schwarzen faltenlosen Schürzen so -breit, daß bei jedem Schritte die Rundungen der Gestalt -hervortraten. Ferner trugen sie hohe und schwere Stiefel, -daß unter denselben der Sand knarrte, oder sie gingen gar -barfuß und hatten Staubkrusten an den Zehen. Weiters -staken die Weiber in kurzen schwarzen Spenserchen, oder sie -hatten gar nur ein weites Hemd über Arm und Busen flattern. -Die Köpfe hatten sie turbanartig mit einem Tuche umschlungen, -unter dem die schwarzen Lockensträhne hervorquollen.</p> - -<p>So wogten sie lärmend und heulend heran, und jede -Gestalt hatte ein weißes Bündel auf den Rücken gebunden -und trug in der Hand einen weißen, glattgeschälten Stock. -Diese Stöcke waren meist frisch in unseren Wäldern geschnitten, -es waren Lärchenstäbe; auch an den Hüten trugen -die Männer frischgeschnittene Lärchenzweige und Lärchenkränze; -dieser herrliche Baum mit seinem weichen Genadel, wie er -mit dem vielgestaltigen Hochrelief der Rinde seines Schaftes -in der Form einer hellgrünen Pyramide unsere Alpenwälder -schmückt, ist in jenen fernen, flachen Gegenden, aus denen -die Scharen kamen, nimmer zu finden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_69">[69]</a></span></p> - -<p>Die fremden Gestalten, welche in kleineren Rotten und -großen Haufen einen ganzen Nachmittag lang heranströmten, -kamen aus dem Ungarlande und waren Magyaren und -Slovaken. Es waren die Volksmassen, die alljährlich einmal -aus ihren Heimatsgemeinden davonwandern, um den weiten -Weg von sechs bis acht Tagen bis zu dem weltberühmten -Wallfahrtsorte Mariazell zu wallen. Ungarische Herren und -slavische Fürsten hatten einst viel zum Ruhme und zur Verherrlichung -der Gnadenstätte zu Zell gethan, und so wogt -heute noch der Strom jener Völker dem berufenen Alpenthale -zu und macht einen Hauptteil der gesamten Wallfahrer -aus, die alljährlich in Zell erscheinen.</p> - -<p>Es waren also fromme Wallfahrerscharen, die betend -und singend unseren stillen Wald durchzogen. Jedes Häuflein -trug eine lange rote Stange mit sich, auf welcher ein Kreuz -mit bunten Bändern oder ein wallendes Fähnlein war. Vor -jedem Kruzifix oder anderen Bildnissen, wie sie am Wege -standen, verneigten sie tief diese Stange; und wenn sie zu -jener Höhung herangestiegen waren, auf welcher dem Wanderer -das erstemal die zackige Hochkette des Schwaben und der -gewaltige Felskoloß der hohen Veitsch sichtbar wird, standen -sie still und senkten dreimal fast bis zur Erde ihren Fahnenstab. -Begrüßten die Menschen aus dem Flachland die wilderhabene -Alpennatur? Nein. In der Felsenkrone jener hohen -Berge lag ihr heiliges Ziel, und das begrüßten sie mit Herz -und Geberden.</p> - -<p>An diesem Punkte waren sie nur noch eine Tagreise -entfernt von Zell; manche empfanden in solchem Gedanken -zum Wandern neue Kraft, anderen sank der Mut im Anblicke -der blauenden Alpenwände, die zu übersteigen waren. -Bisweilen schleppten die Fremdlinge einen Genossen mit sich,<span class="pagenum"><a id="Page_70">[70]</a></span> -der unterwegs erkrankt war. Einmal trugen sie auf frischer -Lärchbaumtrage die Leiche eines auf der Straße verstorbenen -Wandergenossen, um sie im nächsten Friedhofe zu -bestatten.</p> - -<p>So hallten am ersten Tage der Bittwoche die grellstimmigen -Gebete der Ungarn und die melancholischen Lieder -der Slaven durch unsere Gegend. Die Leute traten aus den -Häusern und horchten den seltsamen Stimmen; wir Kinder -aber pflegten eine andere Sitte. Wir zogen unsere zerfahrensten -Kleidchen an, und mit fliegenden Lumpen hüpften wir -der Straße zu. Dort knieten wir nieder auf den Sand, -aber so, daß wir auf unsere eigenen Fersen zu hocken kamen, -und wenn eine der Kreuzscharen nahte, so rissen wir die -Hauben vom Kopf, stellten dieselben als Gefäß vor uns hin -und schlugen zuerst mit zagender, bald mit kecker Stimme -zahlreiche Vaterunser los.</p> - -<p>Die Früchte blieben nicht aus. Männer schossen Kreuzer -in unsere Hauben, Weiber warfen uns Brot und Kuchen zu, -welche, wie die Spuren ihrer Zähne daran bewiesen, sie -ihrem eigenen Munde entzogen hatten. Andere hielten gar -an und öffneten ihre Bündel und kramten drin herum -und reichten uns Backwerk, und manch' alt' Mütterlein, -das unsertweg auf ein paar Minuten zurückgeblieben war, -konnte die Schar wohl oft stundenlang nicht mehr erreichen.</p> - -<p>Manchmal stellten die Fremden Worte an uns, die wir -nur mit glotzenden Augen zu beantworten wußten. Je seltsamer -ihr Wesen und ihre Sprache war, desto feiner und -liebreicher zeigte sich die Gabe; vielleicht dachten die Geber -an ihre Angehörigen in ferner Heimat, denen die Liebe galt, -die uns fremden Kindern erwiesen wurde. Je brauner die<span class="pagenum"><a id="Page_71">[71]</a></span> -Gesichter, desto weißer war das Brot – wir hatten die Erfahrung -bald gemacht.</p> - -<p>Bisweilen wurden wir auch in deutscher Sprache angeredet: -wie wir hießen, wem wir zugehörten, wie viel unser -Vater Ochsen hätte und ob wir auch Kornfelder besäßen. -Des Grabenbergers Natzelein war unter uns, das gab stets -die Antwort und log fürchterlich dabei: Wir gehörten armen -Holzhauerleuten an, der Vater wäre vom Baum gefallen, und -die Mutter läge krank schon seit Jahr und Tag; Ochsen -hätten wir nicht, aber zwei Ziegen hätten wir gehabt, und -die hätte der Wolf gefressen. Mit einem Kornacker wär's -schon gar nichts, aber Pilze äßen wir, und die wären heuer -noch nicht gewachsen. – Ich bohrte vor heimlicher Wut -über derlei unwahre Darstellungen die Zehen hinter mir in -die Erde hinein. Ja, das Natzelein verfing sich derart in das -Lügen, daß es schließlich selbst unsere ehrenhaften Taufnamen -falsch angab.</p> - -<p>Die guten Ungarn schlugen hell die Hände zusammen -über so arme Würmer, dann blickten sie in die Waldgegend -hinaus und meinten, es wäre leicht zu glauben, es wäre -eine elende Gegend; gar der Schnee lag noch hie und da -in den Gruben, zu einer Zeit, da auf den weiten Ebenen -draußen längst das Korn in Ähren stand. Sie griffen dann -tief in den Sack.</p> - -<p>Das Natzelein war mir seiner Aufschneidereien wegen -eigentlich recht verleidet, aber ich getraute mich vor den -Fremden kein Wort zu sagen; und wenn sie mich zuweilen -doch dahin brachten, daß ich den Mund aufmachte, so ward -das Wort so ängstlich und leise herausgemurmelt, daß sie -mich nicht verstanden. Die anderen, besonders das Natzelein, -kriegten daher immer mehr in ihre Hauben als ich; nur<span class="pagenum"><a id="Page_72">[72]</a></span> -dann und wann ein mildherziges Weiblein legte mir, dem -»Hascherl«, was bei.</p> - -<p>Einmal – ich und des Grabenbergers Natzelein waren -allein – gerade vor dem Herannahen einer größeren Schar, -nahm ich eine Stellung ein, die vorteilhafter war, als der -Platz, auf welchem das Natzelein hockte. Das Natzelein war -darüber erbost, und als die Gaben wirklich in größerer -Menge mir zuflogen, rief er aus: »Der da ist eh reich, sein -Vater hat vier Ochsen und einen großen Grund! Vater -unser, der Du bist, u. s. w.«</p> - -<p>Auf der Stelle wendete sich das Glück, und alles Brot -und Geld wäre in den Hut des Natzelein geflogen, da erhob -ein Mann, der mitten unter den Wallfahrern stand, das -Wort: »Schaut einmal den neidischen Schlingel an! Ihr -seid beide nicht so arm, als daß Ihr ohne unser Brot verhungern -müßtet, und auch nicht so reich, als daß wir Euch -die kleinen Gaben versagen wollten. Ihr seid Waldbauern-Kinder, -aber ich gebe meinen Sechser diesmal dem da, dessen -Vater vier Ochsen hat!«</p> - -<p>Mein Lebtag vergeß' ich's nimmer, wie jetzt die Batzen -in mein Häublein klangen – hell zu Dutzenden, und ich -konnte nachgerade nicht schnell genug die »Vergeltsgott« -sagen, daß auf jeden eins kam. Und da dieser wundersame -Hagel, wie ich ihn noch nie gesehen hatte, gar nicht wollte -aufhören, konnte ich die Lust in meinem Herzen nimmer -verhalten, in ein helles Wiehern und Lachen brach ich aus; -das Natzelein aber schleuderte seine fast leer gebliebene Haube -mitten in die Straße und schoß wütend in den Wald hinein.</p> - -<p>Mit Gelächter zog die Kreuzschar ab. Und ich hub an, -meine Schätze zu zählen; in der Kappe und um dieselbe, -im Sand und auf dem Moos und im Heidekraut lagen<span class="pagenum"><a id="Page_73">[73]</a></span> -die Kreuzer und Groschen und Sechser zerstreut. Und als -ich sie alle versammelt hatte, wollte ich wohl verzichten auf -alle weiteren Wallfahrertruppen, die heute noch kommen -konnten, wollte schnurstracks heim zu meinen Eltern laufen, -um ihnen das unermeßliche Glück zu verkünden. Da bin ich -plötzlich angepackt von rückwärts, zu Boden geworfen, und -auf meiner Brust reitet das Natzelein. Mit seinen strammen -Händen preßt er meine Arme tief in das Heidekraut hinein, -und so grinst er mir in's Gesicht.</p> - -<p><em class="gesperrt">Stärker</em> bin ich nicht, wie er, dachte ich bei mir, -wenn ich auch <em class="gesperrt">gescheiter</em> nicht bin, so ist's um mich gefehlt.</p> - -<p>»Du!« murmelte das Bürschlein zwischen den Zähnen -hervor, »gieb mir die Hälfte vom Geld!«</p> - -<p>»Nein,« sage ich trocken.</p> - -<p>»So nehm' ich mir's selber.«</p> - -<p>»Dann spring' ich auf.«</p> - -<p>»Aber ich laß' Dich nicht los!«</p> - -<p>»Dann kannst Du das Geld nicht nehmen.«</p> - -<p>»Ich setz' Dir meine Knie auf die Gurgel!«</p> - -<p>»Ich laß' mich umbringen.«</p> - -<p>Zum Glück hallte jetzt der Gesang einer neuen Kreuzschar. -Wir beide sprangen auf, stürzten zur Straße hin und -lallten unser Gebet.</p> - -<p>Das von den vielen Abenteuern an der Straße nur als -einzig Stücklein.</p> - -<p>Und wenn das Tagwerk vorbei, so versammelten wir -Kinder uns auf der Au, wo die Schafe noch grasten, und -tauschten unsere Gaben um, wie sie jedem eben entsprachen. -Geld war stets der gesuchteste Artikel; nur die Kinder armer -Kleinhäusler und Köhlersleute gaben feine Leckerbissen und<span class="pagenum"><a id="Page_74">[74]</a></span> -Kreuzerchen für ein schwarzes Stück Brot, wenn es nur -groß war.</p> - -<p>Am fünften Tage kehrten die Scharen stets auf demselben -Wege wieder zurück. Und jeder von den Wallfahrern -hatte an seiner Brust einen oder mehrere Rosenkränze hängen -oder Amulette, Frauenbildchen und funkelnde Kreuzlein und -Herzen. Die Mädchen trugen rote und grüne Krönlein von -Wachs auf ihrem Haupte. Die Bündel auf den Rücken -hatten sich sehr bedeutend verkleinert, und die Brote, die wir -bekamen, waren hart, und Geldstücke sprangen spärlich hervor -aus den Taschen.</p> - -<p>Doch lohnte es sich des Hockens immer noch, und die -Erwartung der Gabe war mindestens so anziehend, als die -Gabe selbst.</p> - -<p>Einmal, ich war schon an die zehn Jahre alt geworden, -kniete ich ganz allein am Stamme eines Kruzifixes, und -recht zungenfertig im Vaterunserhersagen, wie ich endlich geworden -war, kehrte ich alle Vorteile des Absammlers heraus -und hoffte reichlichen Gewinn. Da kam eine Kreuzschar; -ein paar Brötchen wurden mir zugeworfen, und sie war -vorüber. Nur ein schon betagter, gutmütig aussehender -Mann war zurückgeblieben, schritt ganz nahe an mich heran, -neigte ein wenig sein Haupt zu mir nieder und sagte: -»Bettelbub'!« Dann ging er den anderen nach.</p> - -<p>Mir war das halbe Vaterunser im Mund stecken geblieben. -Ich glotzte eine Weile um mich, dann stand ich -langsam auf und schlich von dannen.</p> - -<p>Das war mein letztes Hocken gewesen an unserer Waldstraße.</p> - -<p>– Bettelbub'! – Das Wort hat mich aufgeweckt. Ein -junger, gesunder Bursche, der stolz ist, daß sein Vater Haus<span class="pagenum"><a id="Page_75">[75]</a></span> -und Hof besitzt, ein sonst gar etwas hoffärtiger Bursche, der -mit seinem neuen grünen Hut Sonntags schon etlichemale -gleich den Knechten in's Wirtshaus gegangen ist, der es demnächst -mit dem Tabakrauchen probieren wird und der nicht -allzuselten in's Fensterglas guckt, wie es mit dem Bart steht -– ein solcher Bursche betteln!</p> - -<p>Auch das Natzelein thut's nimmer. Das Natzelein ist -ein reicher Bauer geworden, und er giebt, wenn man ihm -glauben darf, jeden Tag erklecklich Almosen an wahrhaft -dürftige Bettelleute.</p> - -<p>Und die Magyaren und die Slovaken kommen noch -heute jenen einsamen Waldweg gezogen, immer an Kinder, -die am Wege kauern, Gaben spendend, in ihrem Beten und -Flehen <em class="gesperrt">selbst</em> Bettelleute vor der Gnadenmutter zu Zell.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-083.png" alt="Dekoration" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_76">[76]</a></span></p> - -<h2 id="Als_ich_zur_Drachenbinderin_ritt"><img src="images/illu-084.png" alt="Dekoration" /><br /> -Als ich zur Drachenbinderin ritt.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-w.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Wenn mein Vater am Sonnabend beim Rasieren saß, -da mußte ich unter den Tisch <span id="corr076">kriechen</span>, weil es über -dem Tisch gefährlich war.</p> - -<p>Wenn mein Vater beim Rasieren saß, wenn er seine -Backen und Lippen dick und schneeweiß eingeseift hatte, daß -er aussah wie der Stallbub, welcher der Kuhmagd über den -Milchrahm gekommen; wenn er dann das glasglänzende -Messer schliff an seinem braunledernen Hosenträger und -hierauf langsam damit gegen die Backen fuhr, da hub er an, -den Mund und die Wangen und die Nase und das ganze -Antlitz derart zu verzerren, daß seine lieben, guten Züge -schier gar nicht mehr zu erkennen waren. Da zog er seine -beiden Lippen tief in den Mund hinein, daß er aussah wie -des Nachbars alter Veit, der keine Zähne mehr hatte; oder -er dehnte den Mund nach links oder rechts in die Quere, -wie die Köhler-Sani that, wenn sie mit den Hühnern keifte; -oder er drückte ein Auge zu und blies eine Wange an, daß -er war wie der Schneider Tinili, wenn ihn sein Weib gestreichelt -hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_77">[77]</a></span></p> - -<p>Die spaßhaftesten Gesichter der ganzen Nachbarschaft fielen -mir ein, wenn der Vater beim Rasieren saß. Und da kam -mir das Lachen.</p> - -<p>Darauf hatte mein Vater stets liebevoll gesagt: »Gieb -Ruh', Bübel.« Aber kaum die Worte gesprochen waren, -wuchs wieder ein so wunderliches Gesicht, daß ich erst recht -herausplatzte. Er guckte in den kleinen Spiegel, und schon -meinte ich, sein schiefes Antlitz werde in ein Lächeln auseinanderfließen. -Da rief er plötzlich: »Wenn Du keine Ruh' -giebst, Bub, so hau' ich Dir den Seifenpinsel hinüber!«</p> - -<p>Kroch ich denn unter den Tisch, und das Kichern schüttelte -mich, wie die Nässe den Pudel. Der Vater aber konnte -sich ruhig rasieren und war nicht mehr in Gefahr, über seine -und meine Grimassen selbst in ein unzeitiges Lachen auszubrechen.</p> - -<p>So auch war's einmal an einem Winterabend, daß der -Vater beim Seifenschüsselchen saß und ich unter dem Tisch, -als sich draußen in der Vorlauben jemand den Schnee von -den Schuhen strampfte. Gleich darauf ging die Thür auf -und ein großer Mann trat herein, dessen dichter roter -Schnurrbart Eiszapfen trug, wie draußen unser Bretterdach. -Er setzte sich gleich nieder auf eine Bank, zog eine bauchige -Tabakspfeife aus dem Lodenmantel, faßte sie mit den Vorderzähnen, -und während er Feuer schlug, sagte er: »Thust Dich -balbieren, Waldbauer?«</p> - -<p>»Ja, ich thu' mich ein wenig balbieren,« antwortete mein -Vater und kratzte mit dem Schermesser und schnitt ein wahrhaft -gottverlassenes Gesicht.</p> - -<p>»Na, ist recht,« sagte der fremde Mann.</p> - -<p>Und später, als er schon von Wolken umhüllt war und -die Eiszapfen bereits niedertröpfelten von seinem Barte, that<span class="pagenum"><a id="Page_78">[78]</a></span> -er folgende Rede: »Ich weiß nicht, Waldbauer, wirst mich -kennen oder nicht? Ich bin vor fünf Jahren einmal an -Deinem Hause vorbeigegangen und hab' beim Brunnen einen -Trunk Wasser genommen. Ich bin von der Stanz, bin der -Drachenbinderin ihr Knecht. Ich bin da um Deinen größeren -Buben.«</p> - -<p>Mir unter dem Tisch schoß es bei diesen Worten heiß -bis in die Zehen hinaus. Mein Vater hatte nur einen einzigen -größeren Buben, und der war ich. Ich duckte mich in -den finstersten Winkel hinein.</p> - -<p>»Um meinen Buben bist da?« entgegnete mein Vater, -»den magst wohl haben, den werden wir leicht entraten; -halt ja, er ist gar so viel schlimm.«</p> - -<p>Bauersleute reden gern so herum, um ihre vorwitzigen -Kinder zu necken und einzuschüchtern. Allein der Fremde -sagte: »Nicht so, Bauer, gescheiter Weis'! Die Drachenbinderin -will was aufschreiben lassen, ein Testament oder so was, -und sie weiß weit und breit Keinen zu kriegen, der das -Schreiben thät verstehen. Jetzt, da hat sie gehört, der Waldbauer -im Vorderschlag hätt' so ein ausbündig Bübel, dem -solch' Ding im kleinen Finger stecken thät; und so schickt sie -mich her und läßt Dich bitten, Bauer, Du sollst die Freundschaft -haben und ihr Deinen Buben auf einen Tag hinüberleihen; -sie wollt' ihn schon wieder fleißig zurückschicken und -ihm was geben zum Lohn.«</p> - -<p>Wie ich das gehört hatte, klopfte ich mit den Schuhspitzen -schon ein wenig an den Tischschragen – das thäte -mir gleich nicht übel gefallen.</p> - -<p>»Geh,« sagte mein Vater, da er auf einem Backen -bereits glatt gekratzt war, »wie könnt' denn mein kleiner<span class="pagenum"><a id="Page_79">[79]</a></span> -Bub' jetzt im tiefen Winter in die Stanz gehen, ist ja völlig -vier Stunden hinüber!«</p> - -<p>»Freilich wohl,« versetzte der große Mann, »deswegen -bin ich da. Er steigt mir auf den Buckel hinauf, thut die -Füß' auseinander, legt sie mir zu beiden Seiten an den -Rippen nach vorn, wo ich sie anfaß', und mit den Händen -halst er mich, wie eine Liebste, daß er nicht mag rückwärts -hinabfallen.«</p> - -<p>»Versteh's schon,« drauf mein Vater, »ist nicht nötig, -daß du mir das Buckelkraxentragen so auslegst.«</p> - -<p>»Nu, und nachher wird's wohl gehen, Waldbauer, und -wenn der Sonntagabend kommt, trag' ich Dir ihn wieder -in's Haus.«</p> - -<p>»Je nu, dasselb' weiß ich wohl, daß Du mir ihn wieder -redlich zurückstellst,« sagte mein Vater, »und wenn die -Drachenbinderin was will schreiben lassen, und wenn Du der -Drachenbinderin ihr Knecht bist, und wenn mein Bübel mit -Dir will – meinetwegen hat's keinen Anstand.«</p> - -<p>Diese letzten Worte hatte er bereits mit glattem, verjüngtem -Gesichte gesprochen.</p> - -<p>Eine kleine Weile nachher stak ich in meinem Sonntagsgewand; -glückselig über die Bedeutung, die ich so plötzlich -erlangt hatte, ging ich in der Stube auf und ab.</p> - -<p>»Du ewiger Jud', Du,« sagte mein Vater, »hast mehr -kein Sitzfleisch?«</p> - -<p>Aber mir ließ es keine Ruhe mehr. Am liebsten hätte -ich mich sogleich auf das breite Genick des großen Mannes -niedergelassen und wäre davongeritten. Da kam erst die -Mutter mit dem Sterz und sagte: »Esset ihn, ihr zwei, ehe -Ihr fortgeht!«</p> - -<p>Umsonst hatte sie es nicht gesagt; ich habe unsern breitesten<span class="pagenum"><a id="Page_80">[80]</a></span> -hölzernen Löffel nie noch so hochgeschichtet gesehen, als -zur selbigen Stunde, da ihn der fremde große Mann von -dem Sterztrog unter seinen Schnurrbart führte. Ich aber -ging in der Stube auf und ab und dachte, wie ich nun der -Drachenbinderin ihr Schreiber sein werde.</p> - -<p>Als hierauf die Sache insoweit geschlichtet war, daß die -Mutter den Sterztrog über den Herd stülpen konnte, ohne -daß auch nur ein Brosamchen herausfiel, da hüpfte ich auf -das Genick des Mannes, hielt mich am Barte fest und ritt -denn in Gottesnamen davon.</p> - -<p>Schon ging die Sonne unter; in den Thälern lagen -bläuliche Schatten, die fernen Schneehöhen der Almen hatten -einen mattroten Schein.</p> - -<p>Als mein Gaul über die kahlen Weiden aufwärts trabte, -da trug ihn der Schnee, aber als er in die Gegend des -jungen Lärchenwuchses und des Fichtenwaldes kam, da wurde -die Bodenkruste trügerisch und brach ein. Jedoch darauf war -er vorgesehen. Als wir zu einem alten, hohlen Lärchenbaum -kamen, der sein wildes Geäste recht keck in die Luft hinaus -reckte, hielt er an, langte mit der einen Hand in die schwarze -Höhlung und zog ein paar aus Weiden geflochtene Fußscheiben -hervor, die er an die Schuhsohlen band. Mit diesen -breiten Sohlen begann er die Wanderung von neuem; es -ging langsam, denn er mußte die Füße sehr weit auseinanderbiegen, -daß er die Scheiben vermitteln konnte, aber mit -solchen Entenfüßen brach er nicht mehr durch.</p> - -<p>Auf einmal, es war schon recht finster, und die Sterne -leuchteten klar, hub mein Gaul an, mir die Schuhe loszulösen, -zog sie zuletzt gar von den Füßen und that sie in seine -aufgebundene Schürze. Dann sagte er: »Jetzt Bübel, steck' -Deine Pfötelein da in meine Hosentaschen, daß die Zehen<span class="pagenum"><a id="Page_81">[81]</a></span> -nicht herabfrieren.« Meine vorgereckten Hände nahm er in -die seinen und hauchte sie mit dem warmen Atem an – -was anstatt der Handschuhe war.</p> - -<p>An meinen Wangen kratzte die Kälte, der Schnee winselte -unter den Scheiben – so ritt ich einsam fort durch den -Wald und über die Höhen. Ich ritt über den ganzen langen -Grat des Hochbürstling, wo ich nicht einmal zur Sommerszeit -noch gewesen war! Ich preßte zuweilen, wenn es schon -ganz langsam ging, meine Knie in die Weichen, und mein -Gaul ertrug es willig und ging wie er konnte, und er wußte -den Weg. Ich ritt an einem Pfahle vorbei, auf welchem -Winter und Sommer der heilige Viehpatron Erhardi stand. -Ich kannte den heiligen Erhardi von daheim; ich und er hatten -zusammen die Aufsicht über meines Vaters Herden; er war -immer viel angesehener als ich, ging ein Rind zu Grunde, -so hatte ich, der Halterbub, die Schuld; gediehen die andern -recht, so hatte er das Lob. – Es that mir wohl, daß er -sah, wie ich es zum Rittersmann gebracht, während er die -ewige Weil wie angenagelt auf dem Pfahle stand.</p> - -<p>Endlich wendete sich der Lauf, ich ritt abwärts über -Stock und Stein einem Lichtlein zu, das unten in der -Schlucht flimmerte. Und als so alle Bäume und Gegenden -an mir vorübergegangen waren und ich vor mir den dunkeln -Klumpen mit der kleinen Tafel des Lichtscheines hatte, stand -mein guter Christof still und sagte: »Du liebes Waldbauernbübel! -Da Du mir fremdem Menschen so unbesonnen gefolgt -bist – wohl könnte es sein, daß ich schon jahrelang einen -Groll hätt' gegen Deinen Vater, und daß ich Dich jetzt in eine -Räuberhöhle führte.«</p> - -<p>Horchte ich einen Augenblick so hin.</p> - -<p>Weil er zu seinen Worten nichts mehr beisetzte, so sagte<span class="pagenum"><a id="Page_82">[82]</a></span> -ich in demselben Tone: »Da mein Vater mich der Drachenbinderin -ihrem Knechte so anvertraut hat, und da ich so -unbesonnen gefolgt bin, so wird der Drachenbinderin ihr -Knecht keinen Groll haben können und mich nicht in eine -Räuberhöhle führen.«</p> - -<p>Der Mann hat nach diesen meinen Worten in seinen -Bart gepustert. Bald darauf hub er mich auf einen Strunk -und sagte: »Jetzt sind wir bei der Drachenbinderin ihrem -Hause.« Er machte an dem dunkeln Klumpen eine Thür auf -und ging hinein.</p> - -<p>In der kleinen Stube war ein Herd, auf dem ein -Häufchen Glut lag, ein Kienspan, der brannte, und ein Strohlager, -auf dem ein Kind schlief. Daneben stand ein Weib, -das schon sehr alt und gebückt war und das im Gesicht schier -so blaß und faltenreich aussah, wie das grobe Nachtkleid, in -das es gehüllt stand.</p> - -<p>Dieses Weib stieß, als wir eintraten, einige jauchzende -Töne aus, hub dann heftig zu lachen an und verbarg sich -hinter dem Herde.</p> - -<p>»Das ist die Drachenbinderin,« sagte mein Begleiter, -»sie wird gleich zu Dir reden, setze Dich dieweilen auf den -Schemel da neben dem Bett' und thu' Deine Schuh' wieder -an.«</p> - -<p>Ich that es, und er setzte sich daneben auf einen Holzblock.</p> - -<p>Als das Weib still geworden war, trippelte es am -Herde herum, und bald brachte es uns in einer Thonschüssel -eine graue dampfende Mehlsuppe und zwei beinerne Löffel -dazu. Mein Mann aß würdevoll und beharrlich, mir wollte -es nicht recht munden. Zuletzt stand der Knecht auf und sagte -leise zu mir: »Schlaf' wohl, Du Waldbauernbub'!« und -ging davon.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_83">[83]</a></span></p> - -<p>Und als ich in der schwülen Stube allein war mit dem -schlummernden Kinde und dem alten Weibe, da hub es mir -schon an, recht unheimlich zu werden. Doch nun trat die -Drachenbinderin heran, legte ihre leichte, hagere Hand an -meine Wange und sagte: »Dank' Dir Gott, unser lieber Herr, -daß Du zu mir gekommen bist! – Es währet kein halbes -Jährlein noch, seit mir meine Tochter ist gestorben. Das da« -– sie deutete auf das Kind – »ist mein junger Zweig, ist -ein gar lieber Wurm, wird mein Erbe sein. Und jetzt hör' -ich schon wieder den Tod anklopfen an meiner Thür; ich bin -alt schon an die achtzig Jahr'. Mein leblang hab' ich gespart -– mein Sargbett will ich mir wohl erbetteln von guter -Leute Herzen. Mein Mann ist früh gestorben und hat mir -das Drachenbinderhäusel, wie es genannt wird, zurückgelassen. -Meine Krankheiten haben mir das Häusel wieder gekostet – -sind's aber nicht wert gewesen. Was ich hinterlaß', ist -meinem Enkelkind zu eigen. In sein Herz geht's heut noch -nicht hinein, und in die Hand geben kann ich's keinem Menschen. -So will ich's schreiben lassen, daß es bewahrt ist. Durch den -Schulmeister in der Stanz will ich's nicht thun, und der -Doktor kann's ohne Stempelgeld nicht machen. So haben -die Leut' vom Waldbauernbuben erzählt, der wär' so hoch -gelehrt, daß er auch ohne Stempel einen letzten Willen wüßt' -zu schreiben. Und so hab' ich Dich von weiten Wegen bringen -lassen. Morgen thu' mir die Lieb, und heute geh' zur friedsamen -Ruh'.«</p> - -<p>Sie geleitete mich mit dem brennenden Span in eine -Nebenkammer; die war nur aus Brettern geschlagen. Ein -Lager von Heu und eine Decke aus dem dicken Sonntagskleide -des Weibes war da, und in einem Winkel stand ein -kleiner brauner Kasten mit zwei Türmchen, in welchen<span class="pagenum"><a id="Page_84">[84]</a></span> -Glöcklein schrillten, so oft wir auf den wankenden Fußboden -traten. Die Drachenbinderin steckte den Span in ein Turmfenster, -segnete mich mit einem Daumenkreuze und bald darauf -war ich allein in der Kammer.</p> - -<p>Es war kalt, ich fröstelte vor dem Winter und vor dem -Weibe, das meine Gastfrau war; aber noch ehe ich mich ins -Nest verkroch, machte ich mit Neugierde die Thür des Kirchleins -auf. Eine Maus huschte heraus, die hatte eben an -dem goldpapierenen Altare und der pappenen Hand des -heiligen Josef ihr Nachtmahl gehalten. Es waren Heilige -und Englein da und bunte Fähnlein und Kränzlein – ein -lieblich Spiel. Ich meinte, das sei gewiß der alten Drachenbinderin -ihre Pfarrkirche, weil das Weiblein doch schon viel -zu mühselig, um nach Stanz zum Gottesdienst zu wandern. -Ich betete vor dem Kirchlein mein Abendgebet, worin ich den -lieben Herrgott bat, mich in dieser Nacht recht zu beschützen; -dann löschte ich den Span aus, daß er nicht zu den Turmfenstern -hineinbrennen konnte und legte mich hernach in des -lieben Gottes Namen auf das Heu. – Mir kam es vor, -als wäre ich losgerissen von mir selber und ein gelehrter -Schreiber in einem fernen kalten Hause, während der wahrhaftige -Waldbauernbub gewiß daheim in dem warmen Nestlein -schlummere. Als ich endlich im Einschlafen war, hörte -ich drinnen in der Stube wieder das kurz ausgestoßene -Jauchzen und bald darauf das heftige Lachen.</p> - -<p>Was ergötzt sie denn so sehr, und wen lacht sie aus? – -Ich fürchtete mich und sann auf Flucht.</p> - -<p>Ein Standbrett wäre doch leicht ausgehoben – aber -der Schnee!</p> - -<p>Erst gegen Morgen schlief ich ein und träumte und -träumte von einer roten Maus, die allen Heiligen der Kirche<span class="pagenum"><a id="Page_85">[85]</a></span> -die rechte Hand abgebissen habe. Und zum Turmfenster sah -mein Vater mit den eingeseiften schiefen Backen heraus, und -er hielt einen brennenden Span im Mund; ich schluchzte und -kicherte zugleich und hatte heiße Angst.</p> - -<p>Als ich endlich erwachte, meinte ich, ich wäre in einem -Käfig mit silbernen Spangen, so strahlte das weiße Tageslicht -durch die aufrechten Bretterfugen. Und als ich hinausging -vor die Thür des Hauses, da staunte ich, wie eng die -Schlucht und wie fremd und hoch und winterlich die Berge -waren.</p> - -<p>Im Hause schrie das Kind und jauchzte wieder die -Drachenbinderin.</p> - -<p>Bei der Frühsuppe war auch mein Gaul wieder da; -aber er sagte schier kein Wort, er sah nur auf sein Essen, und -als dieses gar war, stand er auf, setzte seinen großmächtigen -Hut auf und ging gegen Stanz hinaus zur Kirche.</p> - -<p>Als das Weib das Kind beruhigt, die Hühner gefüttert -und andere Dinge des Hauses gethan hatte, schob es den -Holzriegel vor die äußere Thür, ging in die Kammer und -hub mit den kleinen Glocken des Kirchleins zu läuten an.</p> - -<p>Dann entzündete sie zwei Kerzen, die am Altare standen, -und dann that sie ein Gebet, wie ich meiner Tage kein ergreifenderes -gehört habe.</p> - -<p>Sie kniete vor dem Kirchlein, streckte die Hände aus -und murmelte:</p> - -<p>»Von wegen der Marterwunden Deiner rechten Hand, -Du kreuzsterbender Heiland, thu' meine verstorbenen Eltern -erretten, wenn sie noch in der Pein sind. Schon der Jahre -ein halbes Hundert sind sie in der Erden, und heut noch -hör' ich meinen Vater rufen um Hilf' mitten in der Nacht. – -Von wegen der Marterwunden Deiner linken Hand laß' Dir<span class="pagenum"><a id="Page_86">[86]</a></span> -empfohlen sein meiner Tochter Seel'. Sie hat kaum mögen -die Welt anschauen, und wie sie dem lieben Gatten das -Kindlein in die Hand will legen, da kommt der bittere Tod -und thut sie uns begraben. – Von wegen der Marterwunden -Deines rechten Fußes will ich Dich bitten wohl im -Herzen für meinen Mann und für meine Blutsfreund' und -Gutthäter und daß Du den Waldbauernbuben nicht wolltest -vergessen. – Von wegen der Marterwunden Deines linken -Fußes, Du kreuzsterbender Heiland, sei auch eingedenk in -Lieb' und Gnaden all' meiner Feinde, die mich mit Händen -haben geschlagen und mit Füßen haben getreten. Dich haben -verblendete Menschen gekreuzigt bis zum Tode, und hast ihnen -auch wohl vergeben. – Von wegen der Marterwunden Deines -heiligen Herzens sei zu tausend- und tausendmal angerufen: -Du gekreuzigter Gott, schließe mein Enkelkind in Dein göttliches -Herz. Sein Vater ist bei den Soldaten in weitem -Feld, ich hab' 'leicht kein langes Verbleiben, Du mußt dem -Kind ein Vormund sein, ich bitte Dich …!«</p> - -<p>So hatte sie gebetet. Die roten Kerzen brannten so -fromm. – Ich hab' gemeint zur selben Stund': wenn ich -der lieb' Herrgott wäre, ich stieg herab vom Himmel und -thät das Kind nehmen in meine Händ' und thät sagen: -Auf daß Du's siehst, Drachenbinderin, ich halt's an meinem -Herzen warm und will sein Vormund sein! – Ich wollt' -ihm wachsen lassen weiße Flügel, daß es könnt' fliegen in -das schönste Land.</p> - -<p>Aber ich bin der lieb' Herrgott nicht gewesen.</p> - -<p>Nach einer Weile sagte das Weib: »Jetzt heben wir -zu schreiben an.« – Aber wie wir wollten zu schreiben anheben, -da war keine Tinte, keine Feder und kein Papier. -Allmiteinander hatten wir darauf vergessen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_87">[87]</a></span></p> - -<p>Die Alte stützte ihren Kopf auf die flache Hand und -murmelte: »Das ist schon ein Elend!«</p> - -<p>Ich hatte einmal das Geschichtchen gehört von jenem -Doktor, der in Ermanglung der Dinge sein Rezept an die -Stubenthür geschrieben. – 's war hier der Nachahmung -wert; fand sich aber keine Kreide im Haus. Ich wußte mir -keinen Rat, und ich schämte mich unsagbar, daß ich ein -Schreiber ohne Feder war.</p> - -<p>»Waldbauernbub,« sagte das Weib plötzlich, »'leicht hast -Du's auch mit Kohlen gelernt?«</p> - -<p>Ja, ja, mit Kohlen, wie sie auf dem Herde lagen, das -war ein Mittel.</p> - -<p>»Und das ist in Gottesnamen mein Papierblatt,« versetzte -sie und hob die Decke eines alten Schrankes empor, -der hinter dem Ofen stand. In dem Schranke waren Lodenschnitzel, -ein Stück Linnen und ein rostiger Spaten. Als die -Drachenbinderin bemerkte, daß ich auf den Spaten blickte, -wurde sie völlig verlegen, deckte ihr altes Gesicht mit der -braunen Schürze und murmelte: »'s ist doch eine Schande!«</p> - -<p>Mir fuhr's ins Herz; ich hielt das für einen Vorwurf, -daß ich kein Schreibzeug bei mir habe.</p> - -<p>»Wirst mich rechtschaffen auslachen, Waldbauernbub!« -lispelte die Alte, »aber thu' ja nichts Schlechtes von mir -denken; ich kann halt nicht mehr, ich <em class="gesperrt">kann</em> nicht mehr, ich -bin schon gar so viel ein mühseliger Mensch.«</p> - -<p>Jetzt verstand ich vielleicht: das arme Weib schämte sich, -daß es den Spaten nicht mehr handhaben konnte und daß -dieser also rostig geworden.</p> - -<p>Ich suchte mir am Herd ein mildes Stück Kohle – -die Kiefer ist so gut und leiht mir die Feder, daß ich das<span class="pagenum"><a id="Page_88">[88]</a></span> -Testament, oder was es sein wird, der alten Drachenbinderin -vermag aufzuschreiben.</p> - -<p>Als also der graufarbige Schrank offen stand und ich -bereit war, auf die Worte des Weibes zu hören und sie zu -verzeichnen, daß sie nach vielen Jahren dem Enkel eine Botschaft -seien – da that die Alte neben mir plötzlich ein helles -Aufjauchzen. Eilig wendete sie sich seitab, jauchzte zwei- und -dreimal und brach zuletzt in ein heiseres Lachen aus.</p> - -<p>Ich zerrieb in der Angst die Kohle zwischen meinen -Fingern und schielte nach der Thür.</p> - -<p>Als das Weib eine Weile gelacht hatte, war es still, -that einen tiefen Atemzug, trocknete sich den Schweiß, wendete -sich zu mir und sagte: »So schreib. Hoch werden wir nicht -zählen, fang' aber doch an in der oberen Eck'.«</p> - -<p>Ich legte die Hand auf die oberste Ecke des Deckbrettes.</p> - -<p>Hierauf sprach das Weib folgende Worte: »Eins und eins ist -Gott allein. – Das, Du Kind meines Kindes, ist Dein Eigen.«</p> - -<p>Ich schrieb die Worte auf das Holz.</p> - -<p>»Zwei und zwei,« fuhr sie fort, »zwei und zwei ist -Mann und Weib. Drei und drei das Kind dabei. Vier und -fünf bis acht und neun, weil die Sorgen zahllos sein. – -Bet', als wenn Du keine Hand; arbeit', als wenn Dir kein -Gott bekannt. Trage Holz und denk' dabei: Kochen wird -mir Gott den Brei.« – –</p> - -<p>Als ich diese Worte geschrieben hatte, senkte die Drachenbinderin -den Deckel auf den Schrank, versperrte ihn sorgsam -und sagte zu mir: »Jetzt hast Du mir eine große Gutthat -erwiesen, jetzt ist mir ein schwermächtiger Stein vom Herzen. -Diese Truhe da ist das Vermächtnis für mein Enkelkind. – -Und jetzt kannst Du sagen, was ich Dir geben soll für -Deinen Dienst.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_89">[89]</a></span></p> - -<p>Ich schüttelte den Kopf, wollte nichts verlangen, gar nichts.</p> - -<p>»So gut schreiben lernen und so weit herreisen und -eine ganze Nacht harte Kälte leiden und zuletzt nichts dafür -nehmen wollen, das wär' sauber!« rief sie, »Waldbauernbub, -das kunnt ich nicht angehen lassen.«</p> - -<p>Ich blinzelte durch die offene Thür ein wenig in die -Kammer hinein, wo das Kirchlein stand. Das wäre eine -prächtige Heiligkeit für mein Bettlein daheim. – Da roch -sie's gleich. »Mein Hausaltar liegt Dir im Sinn,« sagte sie, -»Gotteswegen, so magst Du ihn haben. Man kann's nicht -versperren wie die Truhe, das liebe Kirchel, und die Leut' -thäten mir's doch nur verschleppen, wenn ich nicht mehr bin. -Bei Dir ist's in Ehren, und Du denkst wohl an die alte -Drachenbinderin zur heiligen Stund', wenn Du betest.«</p> - -<p>Das ganze Kirchlein hat sie mir geschenkt. Und das -war jetzt die größte Seligkeit meiner ganzen Kindschaft.</p> - -<p>Gleich wollte ich es auf die Achsel nehmen und forttragen -über die Alpe zu meinem Hause. Aber das Weib -sagte: »Du lieber Närrisch, das kunnt wohl auf alle Mittel -und Weis nicht sein. Kommt erst der Knecht heim, der wird -einen Rat schon wissen.«</p> - -<p>Und als der Knecht heimgekommen war und mit uns -das Mittagsbrot gegessen hatte, da wußte er einen Rat. -Er band mir das Kirchlein mit einem Strick auf den Rücken, -dann ließ er sich nieder vor dem Holzblock und sagte: »Jetzt, -Bübel, reit' wieder auf!«</p> - -<p>Saß ich denn das zweitemal auf seinem Nacken, steckte -die Füße in seine Hosentaschen und umschlang mit den Händen -seinen Hals. Die Alte hielt mir das erwachende Kind noch -vor, daß es mir das Händchen hinhalte, sagte noch Worte -des Dankes, schoß hinter den Ofen und jauchzte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_90">[90]</a></span></p> - -<p>Ich aber ritt davon, und an meinem Rücken klöpfelten -die Heiligen in der Kirche, und in den Türmen schrillten -bei jeder Bewegung die Glöcklein.</p> - -<p>Als der Mann mit mir emporgestiegen war bis zu den -Höhen des Bürstling und sich dort wieder die Schneescheiben -festband, da fragte ich ihn, warum denn die Drachenbinderin -allfort so jauchze und lache.</p> - -<p>»Das ist kein Jauchzen und Lachen, liebes Waldbauernbüblein,« -antwortete mir der Mann, »die Drachenbinderin -hat eine böse Krankheit zu tragen. Sie hat jahrelang so ein -Schlucksen gehabt, wie eins es bei Verkühlungen oder sonst -wie bekommen kann; sie hat nicht darauf geachtet, hat die -Sach' übergehen lassen, und so ist nach und nach, wie der -Bader sagt, das Krampfschreien und das Krampflachen daraus -geworden. Jetzt ballt sich ihr Eingeweide zusammen, und -wenn sie in der Erregung ist, so hat sie die starken Anfälle. -Sie kann schier keine Speisen mehr vertragen und sieht den -Tod vor Augen.«</p> - -<p>Ich entgegnete kein Wort, blickte auf die schneeweißen -Höhen, auf den dämmerigen Wald und sah, wie wir an -dem reinen Sonntagsnachmittag sachte abwärts stiegen gegen -mein Heimatshaus. Ich dachte, wie ich die Kirche, die ich -zum Vermächtnis bekommen, nun aufstellen wolle in der -Stube und darin Gottesdienst halten, und daß jetzt Vater -und Mutter den weiten Weg nach dem Pfarrdorfe nicht -mehr zu machen brauchten.</p> - -<p>Mein guter Gaul schritt geduldig dahin, und allweg -klingelten hinter mir die Metallglöckchen in den Türmen. – -Was läuten sie? …</p> - -<p>Die alte Drachenbinderin ist gestorben.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-098.png" alt="Dekoration" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_91">[91]</a></span></p> - -<h2 id="Als_dem_kleinen_Maxel_das_Haus"><img src="images/illu-099.png" alt="Dekoration" /><br /> -Als dem kleinen Maxel das Haus -niederbrannte.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Ich erinnere mich noch gar gut an jene Nacht.</p> - -<p>Ein dumpfer Knall, als wenn die Thür des -Schüttbodens zugeworfen worden wäre, weckte mich -auf. Und dann klopfte jemand am Fenster und rief in die -Stube herein: wer des Klein-Maxel Haus brennen sehen -wolle, der möge aufstehen und schauen gehen.</p> - -<p>Mein Vater sprang aus dem Bette, ich erhob ein -Jammergeschrei und dachte für's Nächste daran, meine -Kaninchen zu retten. Wenn bei besonderen Ereignissen wir -anderen über und über aus Rand und Band gerieten, so -war es allemal die blinde Jula, unsere alte Magd, die uns -beruhigte. So sagte sie auch jetzt, daß ja nicht unser Haus -im Feuer stehe, daß das Klein-Maxel-Haus eine halbe Stunde -weit von uns weg wäre; daß es auch nicht sicher sei, ob -das Klein-Maxel-Haus brenne, daß ein Spaßvogel vorbeigegangen -sein könne, der uns die Lug zum Fenster hereingeworfen, -und daß es möglich sei, daß gar niemand hereingeschrien -hätte, sondern uns das nur so im Traume vorgekommen -wäre.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_92">[92]</a></span></p> - -<p>Dabei streifte sie mir das Höselein und die Schuhe an, -und wir eilten vor das Haus, um zu sehen.</p> - -<p>»Auweh!« rief mein Vater, »'s ist schon Alles hin.«</p> - -<p>Über den Waldrücken herüber, der sich in einem weitgebogenen -Sattel durch die Gegend legt und das Ober- und -Unterland von einander scheidet, strebte still und hell die -Flamme auf. Man hörte kein Knistern und Knattern, das -schöne neue Haus, welches erst vor einigen Wochen fertig -geworden war, brannte wie Öl. Die Luft war feucht, die -Sterne des Himmels waren verdeckt; es murrte zuweilen -ein Donner, aber das Gewitter zog sich sachte hinaus in die -Gegenden von Birkfeld und Weitz.</p> - -<p>Ein Blitz – so erzählte nun der Mann, der uns -geweckt hatte, der Schaf-Gistel war's – wäre etlichemal -hin- und hergezuckt, hätte ein Trudenkreuz auf den Himmel -geschrieben und wäre dann niederwärts gefahren. Er wäre -aber nicht mehr ausgeloschen, der lichte Punkt an seinem -untern Ende wäre geblieben und rasch gewachsen, und da -hätte sich er, der Mann, gedacht: Schau Du, jetzt hat's den -klein Maxel troffen.</p> - -<p>»Wir müssen doch schauen gehen, daß wir was helfen -mögen,« sagte mein Vater.</p> - -<p>»Helfen willst da?« versetzte der Andere, »wo der -Donnerkeil d'reinfahrt, da rühr' ich keine Hand mehr. Der -Mensch soll unserm Herrgott nicht entgegenarbeiten, und -wenn <em class="gesperrt">der</em> einmal einen Himmletzer (Blitz) auf's Haus wirft, -so wird er auch wollen, daß es brennen soll. Hernachen mußt -wissen, ist so ein Einschlagets auch gar nicht zu löschen.«</p> - -<p>»Deine Dummheit auch nicht,« rief mein Vater, und -zornig, wie ich ihn noch selten gesehen hatte, schrie er dem -Gistel in's Gesicht: »<em class="gesperrt">Du bist blitzdumm!</em>«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_93">[93]</a></span></p> - -<p>Ließ ihn stehen und führte mich an seiner Hand rasch -davon. Wir stiegen in's Engthal hinab und gingen am -Fresenbach entlang, wo wir das Feuer nicht mehr sehen -konnten, sondern nur die Röte in den Wolken. Mein Vater -trug einen Wasserzuber bei sich, und ich riet, daß er denselben -gleich an der Fresen füllen solle. Mein Vater hörte gar -nicht d'rauf, sondern sagte mehrmals vor sich hin: »Maxel, -aber daß Dich jetzt so was treffen muß!«</p> - -<p>Ich kannte den kleinen Maxel recht gut. Es war ein -behendiges, heiteres Männlein, etwa in den Vierzigern; sein -Gesicht war voll Blatternarben, und seine Hände waren braun -und rauh wie die Rinden der Waldbäume. Er war seit -meinem Gedenken Holzhauer in Waldbach.</p> - -<p>»Wenn einem Andern das Haus niederbrennt,« sagte -mein Vater, »na, so brennt ihm halt das Haus nieder.«</p> - -<p>»Ist's beim klein' Maxel nicht so?« fragte ich.</p> - -<p>»Dem brennt alles nieder. Alles, was er gestern gehabt -hat und heut' hat und morgen hätt' haben können.«</p> - -<p>»So hat der Blitz den Maxel 'leicht selber erschlagen?«</p> - -<p>»Das wär' 's Best', Bub'. Ich vergunn' ihm das -Leben, Gottseid', ich vergunn' ihm's – aber, wenn er eh'vor -hätt' beichten mögen und in keiner Todsünd' wär' gewesen, -wollt' richtig gleich sagen, das Allerbest', wenn's ihn auch -selber troffen hätt'.«</p> - -<p>»Da wär' er jetzt schon im Himmel oben,« sagte ich.</p> - -<p>»Watsch' nur nicht so in's nasse Gras hinein. Geh' -gleim (nahe) hinter mir, und halt' Dich beim Jankerzipf an. -Vom Maxel, von dem will ich Dir jetzt was sagen.«</p> - -<p>Der Weg ging sanft berganwärts. Mein Vater erzählte.</p> - -<p>»Jetzt kann's dreißig Jahr aus sein – ist der Maxel -in's Land kommen. Armer Leute Kind. Die erst' Zeit hat er<span class="pagenum"><a id="Page_94">[94]</a></span> -bei den Bauern herum einen Halterbuben gemacht, nachher, -wie er sich ausgewachsen hat, ist er in den Holzschlag 'gangen. -Ein rechtschaffener Arbeiter und allerweil fleißig und sparsam. -Wie er Vorarbeiter ist worden, hat er sich vom Waldherrn -ausgebeten, daß er das Sauerwiesel auf der Gfarerhöh' ausreuten -und für sein Lebtag behalten dürfe, weil er so viel -gern eigen Grund und Boden hätte. Ist ihm gern zugesagt -worden, und so ist der Maxel alle Tag, wenn sie im Holzschlag -Feierabend gemacht haben, auf sein Sauerwiesel -'gangen, hat den Strupp weggeschlagen, hat Gräben gemacht, -hat Steine ausgegraben, hat die Wurzeln des Unkrautes -verbrannt – und in zwei Jahren ist das ganze Sauergütel -trocken gelegt, und es wachst gutes Gras d'rauf, und gar -ein Fleckel Brandkorn hat er anbaut. Wie es so weit angeht, -daß er's auch mit Kohlkraut hat probiert, und gesehen, -wie gut es den Hasen schmeckt, ist er um Waldbäume einkommen. -Die können sie ihm nicht schenken, wie das Sauerwiesel, -die muß er abdienen. So hat er Arbeitslohn dafür -eingelassen, und die Bäume hat er umgehauen und viereckig -gehackt und abgeschnitten zu Zimmerholz – alles in den -Feierabenden, wenn die anderen Holzknechte lang' schon auf -dem Bauch sind gelegen und ihre Pfeifen Tabak haben geraucht. -Und nachher hat er angehebt, an solchen Feierabenden -andere Holzhauer zu verzahlen, daß sie ihm bei Arbeiten -helfen, die ein einziger Mensch nicht dermachen kann, und so -hat er auf dem Sauerwiesel sein Haus gebaut. Fünf Jahr' -lang hat er daran gearbeitet, aber nachher – Du weißt ja -selber, wie es dagestanden ist mit den goldroten Wänden, mit -den hellen Fenstern und der Zierat auf dem Dach herum – -schier vornehm anzuschauen. Ein fein Gütel ist worden auf -der Sauerwiese, und wie lang' wird's denn her sein, daß<span class="pagenum"><a id="Page_95">[95]</a></span> -uns unser Pfarrer bei der Christenlehr' den klein' Maxel als -ein Beispiel des Fleißes und der Arbeitsamkeit hat aufgestellt? -Nächst Monat hat er heiraten wollen; und daß er heraufgestiegen -ist vom Waiselbuben bis zum braven Hausbesitzer -und Hausvater – Bub', da ruck' Dein Hütel! – Und jetzt -ist auf einmal alles hin. Der ganze Fleiß und alle Arbeit -die vielen Jahr' her ist umsonst. Der Maxel steht wieder -auf demselben Fleck, wie voreh'.«</p> - -<p>Ich habe dazumal meine Frömmigkeit noch aus der -Bibel bezogen, und so entgegnete ich auf des Vaters Erzählung: -»Der Himmelvater hat den Maxel halt gestraft, -daß er so auf's Zeitliche ist gegangen wie die Heiden, und -der Maxel hat sich leicht um's Ewige zu wenig gesorgt. -Sehet die Vöglein in den Lüften, sie säen nicht, sie ernten -nicht –«</p> - -<p>»Sei still!« unterbrach mich der Vater unwirsch, »der -das hat gesagt, ist der König Salomo gewest, der kann so -was schon sagen. Unsereiner sollt's probieren! – Ich kenn' -mich nimmer aus, und das sag' ich, wenn's mir so geht, -wie dem klein' Maxel, ich bin verzagt und heb an zu faullenzen. -Wenn ein Mensch mit dem Zündholz in ein Strohdach -fährt, so wird er in den Kotter gesteckt – ist auch recht, -gehört ihm nichts Anderes. Aber wenn einer vom Himmel -herunter Feuer auf das nagelneue Haus wirft, das ein armer, -braver Arbeitsmann gebaut –«</p> - -<p>Er unterbrach sich. Wir standen auf der Anhöhe, und -vor uns loderte die Wirtschaft des Klein-Maxel, und das -Haus brach eben in seinen Flammen zusammen. Mehrere -Leute waren da mit Hacken und Wassereimern, aber es war -nichts Anderes zu machen, als dazustehen und zuzuschauen, -wie die letzten Kohlenbrände in sich einstürzten. Das Feuer<span class="pagenum"><a id="Page_96">[96]</a></span> -war nicht wütend, es brüllte nicht, es krachte nicht, es fuhr -nicht wild in der Luft herum; das ganze Haus war eine -Flamme, und die qualmte heiß und weich zum Himmel auf, -von wannen sie gekommen.</p> - -<p>Eine kleine Strecke vom Brande war der Steinhaufen, -auf welchen der Maxel die Steine der Sauerwiese zusammengetragen -hatte. An demselben saß er nun, der kleine, braune, -blatternarbige Maxel, und sah auf die Glut hin, deren Hitze -auf ihn herströmte. Er war halb angekleidet, hatte seinen -schwarzen Sonntagsmantel, das einzige, was er gerettet, -über sich gehüllt. Die Leute traten nicht zu ihm; mein Vater -wollte ihm gern ein Wort der Teilnahme und des Trostes -sagen, aber er getraute sich auch nicht zu ihm. Der Maxel -lehnte so da, daß wir meinten, jetzt und jetzt müsse er aufspringen -und einen schreckbaren Fluch zum Himmel stoßen -und sich dann in die Flammen stürzen.</p> - -<p>Und endlich, als das Feuer nur mehr auf dem Erdengrund -herum leckte und aus den Aschen die kahle Mauer -des Herdes aufstarrte, erhob sich der Maxel. Er schritt -zur Glut hin, hob eine Kohle auf und zündete sich die -Pfeife an.</p> - -<p>Ich war damals doch noch klein und konnte nicht viel -denken. Aber an das erinnere ich mich: Als ich in der -Morgendämmerung den klein' Maxel vor seiner Brandstätte -stehen sah, und wie er den blauen Rauch aus der Pfeife -sog und von sich blies, da war mir in meiner Brust plötzlich -heiß. Als ob ich es fühlte, wie mächtig der Mensch ist, um -wie viel größer als sein Schicksal, und es für das Verhängnis -keinen größeren Schimpf gäbe, als wenn man ihm in -aller Seelenruhe Tabaksrauch in die Larve bläst.</p> - -<p>Und als die Pfeife brannte, setzte er sich wieder auf<span class="pagenum"><a id="Page_97">[97]</a></span> -den Steinhaufen und blickte in die Gegend hinaus. Was er -gedacht hat, das möchtet Ihr wissen? Ich auch.</p> - -<p>Später hat der klein' Maxel die Asche seines Hauses -durchwühlt und aus derselben sein Schlagbeil hervorgezogen. -Er schaftete einen neuen Stiel an, er machte es an einem -Schleifsteine der Nachbarschaft wieder scharf – und ging an -die Arbeit. Seither sind viele Jahre vorbei: Um die Sauerwiese -liegen heute schöne Felder, und auf der Brandstätte -steht ein neugegründeter Hof. Junges Volk belebt ihn, und -der Hausvater, der klein' Maxel, lehrt seine Söhne das -Arbeiten, erlaubt ihnen aber auch das Tabakrauchen. Nicht -gar zu viel – aber ein Pfeiflein zu rechter Zeit.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-105.png" alt="Dekoration" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_98">[98]</a></span></p> - -<h2 id="Als_ich_das_erste_Mal_auf_dem"><img src="images/illu-106.png" alt="Dekoration" /><br /> -Als ich das erste Mal auf dem -Dampfwagen saß.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-n.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Noch viel seltsamer als diese Geschichten waren, ist jenes -Erlebnis gewesen, das hier erzählt wird.</p> - -<p>Mein Pate, der Knierutscher Jochem – er -ruhe in Frieden! – war ein Mann, der alles glaubte, nur -nicht das Natürliche. Das Wenige von Menschenwerken, -was er begreifen konnte, war ihm göttlichen Ursprungs; das -Viele, was er nicht begreifen konnte, war ihm Hexerei und -Teufelsspuk. – Der Mensch, das bevorzugteste der Wesen, -hat zum Beispiel die Fähigkeit, das Rindsleder zu gerben -und sich Stiefel daraus zu verfertigen, damit ihn nicht an -die Zehen friere; diese Gnade hat er von Gott. Wenn -der Mensch aber hergeht und den Blitzableiter oder gar den -Telegraphen erfindet, so ist das gar nichts anderes als eine -Anfechtung des Teufels. – So hielt der Jochem den lieben -Gott für einen gutherzigen, einfältigen Alten (ganz wie er, -der Jochem, selber war), den Teufel aber für ein listiges, -abgefeimtes Kreuzköpfel, dem nicht beizukommen ist, und das -die Menschen und auch den lieben Gott von hinten und -vorn beschwindelt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_99">[99]</a></span></p> - -<p>Abgesehen von dieser hohen Meinung vom Lucifer, -Beelzebub (was weiß ich, wie sie alle heißen), war mein -Pate ein gescheiter Mann. Ich verdankte ihm manches -neue Linnenhöslein und manchen verdorbenen Magen.</p> - -<p>Sein Trost gegen die Anfechtungen des bösen Feindes -und sein Vertrauen war die Wallfahrtskirche Mariaschutz am -Semmering. Es war eine Tagreise dahin, und der Jochem -machte alljährlich einmal den Weg. Als ich schon hübsch zu -Fuße war (ich und das Zicklein waren die einzigen Wesen, -die mein Vater nicht einzuholen vermochte, wenn er uns -mit der Peitsche nachlief), wollte der Pate Jochem auch -mich einmal mitnehmen nach Mariaschutz.</p> - -<p>»Meinetweg',« sagte mein Vater, »da kann der Bub' -gleich die neue Eisenbahn sehen, die sie über den Semmering -jetzt gebaut haben. Das Loch durch den Berg soll schon -fertig sein.«</p> - -<p>»Behüt' uns der Herr,« rief der Pate, »daß wir das -Teufelszeug anschau'n! 's ist alles Blendwerk, 's ist alles -nicht wahr.«</p> - -<p>»Kann auch sein,« sagte mein Vater und ging davon.</p> - -<p>Ich und der Pate machten uns auf den Weg; wir -gingen über das Stuhleckgebirge, um ja dem Thale nicht in -die Nähe zu kommen, in welchem nach der Leut' Reden der -Teufelswagen auf und ab ging. Als wir aber auf dem -hohen Berge standen und hinabschauten in den Spitalerboden, -sahen wir einer scharfen Linie entlang einen braunen Wurm -kriechen und darüber ein Rauchwölklein schweben.</p> - -<p>»Jessas Maron!« schrie mein Pate, »das ist schon so -was! spring Bub'!« – Und wir liefen die entgegengesetzte -Seite des Berges hinunter.</p> - -<p>Gegen Abend kamen wir in die Niederung, doch –<span class="pagenum"><a id="Page_100">[100]</a></span> -entweder der Pate war hier nicht wegkundig, oder es hatte -ihn die Neugierde, die ihm zuweilen arg zusetzte, überlistet, -oder wir waren auf eine »Irrwurzen« gestiegen – anstatt -in Mariaschutz zu sein, standen wir vor einem ungeheuren -Schutthaufen, und hinter demselben war ein kohlfinsteres Loch -in den Berg hinein. Das Loch war schier so groß, daß darin -ein Haus hätte stehen können, und gar mit Fleiß und Schick -ausgemauert; und da ging eine Straße mit zwei eisernen -Leisten daher und schnurgerade in den Berg hinein.</p> - -<p>Mein Pate stand lange schweigend da und schüttelte -den Kopf; endlich murmelte er: »Jetzt stehen wir da. Das -wird die neumodische Landstraßen sein. Aber derlogen ist's, -daß sie da hineinfahren!«</p> - -<p>Kalt wie Grabesluft wehte es aus dem Loche. Weiter -hin gegen Spital in der Abendsonne stand an der eisernen -Straße ein gemauertes Häuschen; davor ragte eine hohe -Stange, auf dieser baumelten zwei blutrote Kugeln. Plötzlich -rauschte es an der Stange, und eine der Kugeln ging wie -von Geisterhand gezogen in die Höhe. Wir erschraken baß. -Daß es hier mit rechten Dingen nicht zuginge, war leicht zu -merken. Doch standen wir wie festgewurzelt.</p> - -<p>»Pate Jochem,« sagte ich leise, »hört Ihr nicht so ein -Brummen in der Erden?«</p> - -<p>»Ja freilich, Bub',« entgegnete er, »es donnert was! -es ist ein Erdbidn« (Erdbeben). Da that er schon ein kläglich -Stöhnen. Auf der eisernen Straße heran kam ein kohlschwarzes -Wesen. Es schien anfangs stillzustehen, wurde aber -immer größer und nahte mit mächtigem Schnauben und -Pfustern und stieß aus dem Rachen gewaltigen Dampf aus. -Und hintenher –</p> - -<p>»Kreuz Gottes!« rief mein Pate, »da hängen ja ganze<span class="pagenum"><a id="Page_101">[101]</a></span> -Häuser d'ran!« Und wahrhaftig, wenn wir sonst gedacht -hatten, an das Lokomotiv wären ein paar Steirerwäglein -gespannt, auf denen die Reisenden sitzen konnten, so sahen -wir nun einen ganzen Marktflecken mit vielen Fenstern heranrollen, -und zu den Fenstern schauten lebendige Menschenköpfe -heraus, und schrecklich schnell ging's, und ein solches Brausen -war, daß einem der Verstand still stand. Das bringt kein -Herrgott mehr zum Stehen! fiel's mir noch ein. Da hub der -Pate die beiden Hände empor und rief mit verzweifelter -Stimme: »Jessas, Jessas, jetzt fahren sie richtig in's Loch!«</p> - -<p>Und schon war das Ungeheuer mit seinen hundert Rädern -in der Tiefe; die Rückseite des letzten Wagens schrumpfte -zusammen, nur ein Lichtlein davon sah man noch eine Weile, -dann war alles verschwunden, blos der Boden dröhnte, und -aus dem Loche stieg still und träge der Rauch.</p> - -<p>Mein Pate wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß -vom Angesicht und starrte in den Tunnel.</p> - -<p>Dann sah er mich an und fragte: »Hast Du's auch -gesehen, Bub'?«</p> - -<p>»Ich hab's auch gesehen.«</p> - -<p>»Nachher kann's keine Blenderei gewesen sein,« murmelte -der Jochem.</p> - -<p>Wir gingen auf der Fahrstraße den Berg hinan; wir -sahen aus mehreren Schachten Rauch hervorsteigen. Tief -unter unsern Füßen im Berge ging der Dampfwagen.</p> - -<p>»Die sind hin wie des Juden Seel'!« sagte mein Pate -und meinte die Eisenbahn-Reisenden. »Die übermütigen Leut' -sind selber in's Grab gesprungen!«</p> - -<p>Beim Gasthause auf dem Semmering war es völlig -still; die großen Stallungen waren leer, die Tische in den -Gastzimmern, die Pferdetröge an der Straße waren unbesetzt.<span class="pagenum"><a id="Page_102">[102]</a></span> -Der Wirt, sonst der stolze Beherrscher dieser Straße, -lud uns höflich zu einer Jause ein.</p> - -<p>»Mir ist aller Appetit vergangen,« antwortete mein -Pate, »gescheite Leut' essen nicht viel, und ich bin heut' -um ein Stückel gescheiter worden.« Bei dem Monumente -Karl's VI. standen wir still und sahen in's Österreicherland -hinaus, das mit seinen Felsen und Schluchten und seiner -unabsehbaren Ebene vor uns ausgebreitet lag. Und als wir -dann abwärts stiegen, da sahen wir drüben in den wilden -Schroffwänden unsern Eisenbahnzug gehen – klein wie eine -Raupe – und über hohe Brücken, fürchterliche Abgründe -setzen, an schwindelnden Hängen gleiten, bei einem Loch hinein, -beim andern heraus – ganz verwunderlich.</p> - -<p>»'s ist auf der Welt ungleich, was heutzutag' die Leut' -treiben,« murmelte mein Pate.</p> - -<p>»Sie thun mit der Weltkugel kegelscheiben!« sagte ein -eben vorübergehender Handwerksbursche.</p> - -<p>Als wir nach Mariaschutz kamen, war es schon dunkel.</p> - -<p>Wir gingen in die Kirche, wo das rote Lämpchen -brannte, und beteten.</p> - -<p>Dann genossen wir beim Wirt ein kleines Nachtmahl -und gingen an den Kammern der Stallmägde vorüber auf -den Heuboden, um zu schlafen.</p> - -<p>Wir lagen schon eine Weile. Ich konnte unter der Last -der Eindrücke und unter der Stimmung des Fremdseins -kein Auge schließen, vermutete jedoch, daß der Pate bereits süß -schlummere; da that dieser plötzlich den Mund auf und sagte:</p> - -<p>»Schlafst schon, Bub'?«</p> - -<p>»Nein,« antwortete ich.</p> - -<p>»Du,« sagte er, »mich reitet der Teufel!«</p> - -<p>Ich erschrak. So was an einem Wallfahrtsort, das -war unerhört.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_103">[103]</a></span></p> - -<p>»Ich muß vor dem Schlafengehen keinen Weihbrunn' -genommen haben,« flüsterte er, »'s giebt mir keine Ruh', 's -ist arg, Bub'.«</p> - -<p>»Was denn, Pate?« fragte ich mit warmer Teilnahme.</p> - -<p>»Na, morgen, wenn ich kommuniziere, leicht wird's -besser,« beruhigte er sich selbst.</p> - -<p>»Thut Euch was weh', Pate?«</p> - -<p>»'s ist eine Dummheit. Was meinst, Bübel, weil wir -schon so nah' dabei sind, probieren wir's?«</p> - -<p>Da ich ihn nicht verstand, so gab ich keine Antwort.</p> - -<p>»Was kann uns geschehen?« fuhr der Pate fort, »wenn's -die andern thun, warum nicht wir auch? Ich lass' mir's -kosten.«</p> - -<p>Er schwätzt im Traum, dachte ich bei mir selber und -horchte mit Fleiß.</p> - -<p>»Da werden sie einmal schauen,« fuhr er fort, »wenn -wir heimkommen und sagen, daß wir auf dem Dampfwagen -gefahren sind!«</p> - -<p>Ich war gleich dabei.</p> - -<p>»Aber eine Sündhaftigkeit ist's!« murmelte er, »na, -leicht wird's morgen besser, und jetzt thun wir in Gottes -Namen schlafen.«</p> - -<p>Am andern Tage gingen wir beichten und kommunizieren -und rutschten auf den Knieen um den Altar herum. -Aber als wir heimwärts lenkten, da meinte der Pate nur, -er wolle sich dieweilen gar nichts vornehmen, er wolle nur -den Semmering-Bahnhof sehen, und wir lenkten unsern Weg -dahin.</p> - -<p>Beim Semmering-Bahnhof sahen wir das Loch auf der -andern Seite. War auch kohlfinster. – Ein Zug von Wien -war angezeigt. Mein Pate unterhandelte mit dem Bahnbeamten,<span class="pagenum"><a id="Page_104">[104]</a></span> -er wolle zwei Sechser geben, und gleich hinter dem -Berg, wo das Loch aufhört, wollten wir wieder absteigen.</p> - -<p>»Gleich hinter dem Berg, wo das Loch aufhört, hält -der Zug nicht,« sagte der Bahnbeamte lachend.</p> - -<p>»Aber wenn wir absteigen wollen!« meinte der Jochem.</p> - -<p>»Ihr müßt bis Spital fahren. Ist für zwei Personen -zweiunddreißig Kreuzer Münz.«</p> - -<p>Mein Pate meinte, er lasse sich was kosten, aber so viel -wie die hohen Herren könne er armer Schlucker nicht geben; -zudem sei an uns beiden ja kein Gewicht da. – Es half -nichts; der Beamte ließ nicht handeln. Der Pate zahlte; -ich mußte zwei »gute« Kreuzer beisteuern. Mittlerweile kroch -aus dem nächsten, unteren Tunnel der Zug hervor, schnaufte -heran, und ich glaubte schon, das gewaltige Ding wolle -nicht anhalten. Es zischte und spie und ächzte – da stand -es still.</p> - -<p>Wie ein Huhn, dem man das Hirn aus dem Kopfe -geschnitten, so stand der Pate da, und so stand ich da. Wir -wären nicht zum Einsteigen gekommen; da schupfte der -Schaffner den Paten in einen Waggon und mich nach. In -demselben Augenblicke wurde der Zug abgeläutet, und ich hörte -noch, wie der in's Coupé stolpernde Jochem murmelte: »Das -ist meine Totenglocke.« Jetzt sahen wir's aber: im Waggon -waren Bänke, schier wie in einer Kirche; und als wir zum -Fenster hinausschauten – »Jessas und Maron!« schrie mein -Pate, »da draußen fliegt ja eine Mauer vorbei!« – Jetzt -wurde es finster, und wir sahen, daß an der Wand unseres -knarrenden Stübchens eine Öllampe brannte. Draußen in -der Nacht rauschte und toste es, als wären wir von gewaltigen -Wasserfällen umgeben, und ein- um's anderemal -hallten schauerliche Pfiffe. Wir reisten unter der Erde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_105">[105]</a></span></p> - -<p>Der Pate hielt die Hände auf dem Schoß gefaltet und -hauchte: »In Gottes Namen. Jetzt geb' ich mich in alles -drein. Warum bin ich der dreidoppelte Narr gewesen.«</p> - -<p>Zehn Vaterunser lang mochten wir so begraben gewesen -sein, da lichtete es sich wieder, draußen flog die Mauer, -flogen die Telegraphenstangen und die Bäume, und wir fuhren -im grünen Thale.</p> - -<p>Mein Pate stieß mich an der Seite: »Du, Bub'! Das -ist gar aus der Weis' gewesen, aber jetzt – jetzt hebt's mir -an zu gefallen. Richtig wahr, der Dampfwagen ist was -Schönes! Jegerl und jerum, da ist ja schon das Spitalerdorf! -Und wir sind erst eine Viertelstunde gefahren! Du, -da haben wir unser Geld noch nicht abgesessen. Ich denk', -Bub', wir bleiben noch sitzen.«</p> - -<p>Mir war's recht. Ich betrachtete das Zeug von innen, -und ich blickte in die fliegende Gegend hinaus, konnte aber -nicht klug werden. Und mein Pate rief: »Na, Bub', die -Leut' sind gescheit! Und daheim werden sie Augen machen! -Hätt' ich das Geld dazu, ich ließe mich, wie ich jetzt sitz', -auf unsern Berg hinauffahren!«</p> - -<p>»Mürzzuschlag!« rief der Schaffner. Der Wagen stand; -wir schwindelten zur Thür hinaus.</p> - -<p>Der Thürsteher nahm uns die Papierschnitzel ab, die -wir beim Einsteigen bekommen hatten, und vertrat uns den -Ausgang. »He, Vetter!« rief er, »diese Karten galten nur -bis Spital. Da heißt's nachzahlen und zwar das Doppelte -für zwei Personen; macht einen Gulden sechs Kreuzer!«</p> - -<p>Ich starrte meinen Paten an, mein Pate mich. »Bub',« -sagte dieser endlich mit sehr umflorter Stimme, »hast Du -ein Geld bei Dir?«</p> - -<p>»Ich hab' kein Geld bei mir,« schluchzte ich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_106">[106]</a></span></p> - -<p>»Ich hab' auch keins mehr,« murmelte der Jochem.</p> - -<p>Wir wurden in eine Kanzlei geschoben, dort mußten -wir unsere Taschen umkehren. Ein blaues Sacktuch, das -für uns Beide war und das die Herren nicht anrührten, ein -hart Rindlein Brot, eine rußige Tabakspfeife, ein Taschenfeitel, -etwas Schwamm und Feuerstein, der Beichtzettel von -Mariaschutz und der lederne Geldbeutel endlich, in dem sich -nichts befand als ein geweihtes Messing-Amuletchen, das der -Pate stets mit sich trug im festen Glauben, daß sein Geld -nicht ganz ausgehe, so lange er das geweihte Ding im Sacke -habe. Es hatte sich auch bewährt bis auf diesen Tag – -und jetzt war's auf einmal aus mit seiner Kraft. – Wir -durften unsere Habseligkeiten zwar wieder einstecken, wurden -aber stundenlang auf dem Bahnhofe zurückbehalten und -mußten mehrere Verhöre bestehen.</p> - -<p>Endlich, als schon der Tag zur Neige ging, zur Zeit, -da nach so rascher Fahrt wir leicht schon hätten zu Hause -sein können, wurden wir entlassen, um nun den Weg über -Berg und Thal in stockfinsterer Nacht zurückzulegen.</p> - -<p>Als wir durch den Ausgang des Bahnhofes schlichen, -murmelte mein Pate: »Beim Dampfwagen da – 's ist doch -der Teufel dabei!«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-114.png" alt="Dekoration" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_107">[107]</a></span></p> - -<h2 id="Als_ich-X"><img src="images/illu-115.png" alt="Dekoration" /><br /> -Als ich –</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-e.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Einst war in unserem Waldhause ein alter Knecht, der -einen gloriosen Spitznamen hatte – er hieß der -Thalerbüchsen-Toni.</p> - -<p>Er besaß nämlich – ob als Erbschaft oder als Ersparnis, -das ist nicht ergründet worden – einen kleinen -Schatz von alten Silbermünzen, teils mit Bildnissen Maria -Theresia's, Friedrich's des Großen, teils mit dem Bilde der -Mutter Gottes oder mit dem Zeichen von Krummstab und -Schwert, von Adlern, Löwen, zweiköpfigen Tigern, von Kreuzen -und Ringen, seltsamen Buchstaben oder anderen geheimnisvollen -Markierungen. Etliche dieser Münzen, die wir, ohne -Unterschied des Landes, der Prägung und der Größe, Thaler -nannten, sollen sogar vom dreißigjährigen Kriege hergestammt -haben. Den Schatz hielt Toni, der Knecht, eingeschachtelt in -einer runden, blutrot angestrichenen Holzbüchse. Wenn nun -der Feierabend kam oder eine stille Feiertagsstunde war, -holte er aus seiner Kleidertruhe die Büchse hervor, aber -nicht etwa, um nach alter Geizhalsart für sich allein darin -zu wühlen und zu schwelgen, sondern um die Thalerfreude -mit seinen Hausgenossen zu teilen, ihnen nach seiner Weise -die Geldstücke zu erklären, sie dann auf dem Tische klingen<span class="pagenum"><a id="Page_108">[108]</a></span> -zu lassen, um die Feinheit des Silbers zu bekunden, und sich -an den gierigen Blicken zu weiden, die auf seine schönen -Thaler niederstachen.</p> - -<p>Sobald jedoch die Leute merkten, es fiele bei dieser wiederholten -Silberbeschau weiter nichts für sie aus, wurde ihnen -die Sache langweilig, und sie sagten: »Geh, laß uns in Ruh', -Toni, mit Deinen alten blinden Schimmeln, wenn Du keinen -herschenkst, so wollen wir sie auch gar nicht sehen.« Derlei -undankbare und lieblose Bemerkungen verdrossen den Knecht -Toni allemal so tief, daß er in dem betreffenden Hause sofort -den Dienst kündigte und in einen anderen Hof zog, wo man -die Thalersammlung, die den Inhalt seines Knechtelebens -ausmachte, wieder besser zu würdigen verstand. – Aber die -Bauersleute sind so viel hochsinnig, sie halten nichts auf's Geld, -wenn sie es nicht kriegen. Und so kam es, daß der Toni -gar häufig seinen Dienst wechselte, trotzdem er sonst ein stiller, -zufriedener Mensch und kein schlechter Arbeiter war.</p> - -<p>Nun, so war der Thalerbüchsen-Toni auch in unser -Waldhaus gekommen, und weil er an meinem Vater einen -Mann fand, der die Geldstücke nicht nach deren Gewicht schätzte, -sondern an den Bildnissen der Könige und Kaiser und besonders -an der lieben Mutter Gottes seine Freude hatte, und weil er -an uns Kindern – ich war damals etwa acht Jahre alt – -eine jubelnde Schar von unersättlichen Bewunderern sah, so -lebte er in unserem Hause neu auf. Und jeden Abend nach -dem Vesperbrot kam er denn von seiner Gewandtruhe, die -oben im Dachgelasse stand, zu uns in die Stube, geheimnisvoll -die rote Büchse noch unter dem Rocke bergend, sie dann -langsam hervorziehend, stets mit einer Miene, als ob es das -allererstemal geschehe und er etwas unerhört Neues aufzuzeigen -hätte. Und wenn er dann am sicheren Orte des großen<span class="pagenum"><a id="Page_109">[109]</a></span> -Eichentisches saß und wir in einem festen Wall um ihn herum -waren, schraubte er mit einer bedächtigen Fertigkeit die Büchse -auf und faßte einen um den andern mit zwei Fingern an, -wie der Priester die Hostie, und begann mit seinen Auslegungen. -An jedem Stücke war eine besondere Merkwürdigkeit. Da war -eine Maria Theresia, die scheinbar ihre Augen verdrehte, wenn -man ihr die blinkende Münze Fritz des Großen gegenüberhielt. -Ein anderer Thaler zeigte noch Rostflecken vom dreißigjährigen -Kriege, von welchem der Knecht bemerkte, man müsse -nicht glauben, daß dieser Krieg dreißig Jahre lang ohne alle -Unterbrechung gedauert habe; in den meisten Nächten, besonders -aber zu den hohen Festtagen, habe man die Schlacht -unterbrochen und Freund und Feind in Gemeinschaft sein -Gebet verrichtet. – Auf einem andern Thaler war das -wahrhaftige Bildnis unserer lieben Frau und ein Ablaß -daran für den, der es küßte. Wir durften es auch küssen, -alle der Reihe nach, auch die Dienstboten, die der Knecht -gut leiden konnte; zu den andern sagte er, sie möchten sich -ihren Ablaß nur anderswo holen, sie saugeten mit ihren -ungewaschenen Mäulern leicht die ganze heilige Weihe aus -dem Silber.</p> - -<p>Besonders ein halberwachsener Bursche, der Hiasel, war -es, welcher durch manch lose Bemerkung über den Toni und -seine Büchse des alten Knechtes Unwillen in so hohem Grade -erweckt hatte, daß er nicht ein einzigmal zur Thalerschau, geschweige -zum Kusse zugelassen wurde.</p> - -<p>Der Hiasel war kurze Zeit früher als unterstandsloser, -etwas verkommener Junge des Weges gestrichen, und mein -Vater hatte ihn aufgenommen, mit gutem Hanfzeuge bekleidet, -auch ordentlich ausgefüttert, denn die ersten Wochen war der -heimatlose Bursche gar nicht zu sättigen gewesen. Dafür griff<span class="pagenum"><a id="Page_110">[110]</a></span> -der Hiasel nun auch die Arbeit flink an, war munter, und -das regelmäßige Leben schien ihm gar nicht übel zu gefallen. -Er sah jetzt recht gesund aus, war schlank gewachsen, und weil -er auch die Haare kämmte, so wollte er schier ein hübsches -Bürschlein werden. Ich, das muß ich wohl gestehen, hatte -keine besondere Zuneigung zum Hiasel, nicht allein, weil er -mir immer als Beispiel aufgestellt wurde, wenn ich mich nicht -waschen und strählen lassen wollte, sondern und viel mehr noch, -weil der Hiasel »Peitenstegga« anstatt Peitschenstecken sagte. -Er war aus dem Niederösterreich herübergekommen, und mir -war das »Fremdeln« in der Sprache unheimlich und dieses -»Peitenstegga« geradezu eine Ungeheuerlichkeit. Der Bursche -schnitt mir manchen Peitschenstecken und unterstützte mich bisweilen -in meinen kindlichen Spielen; doch niemals vermochte -ich für ihn Neigung zu fassen, da wandte ich mich zehnmal lieber -dem alten Toni und seiner Thalerbüchse zu.</p> - -<p>Des Alten schmunzelndes, wichtigthuendes Gesicht anzuschauen, -war für mich eine rechte Unterhaltung. Dieses platte, -runzelige Gesicht mit den großen Wangenknochen, mit den -völlig wasserfarbigen Äuglein, die fortwährend hinter den -buschigen Brauen Versteckens spielten, wenn die Thaler aufmarschierten, -dieses Gesicht war ein großer Spaß; und wie -der Mann als Zeichen seiner höchsten Befriedigung die furchige -Stirnhaut auf- und niederriß und selbst die Ohrläppchen bewegte -wie ein Eselein – das war doch gar zu possierlich. -Und nun kam mir auf einmal der Gedanke: Wenn der Toni -schon in seiner Lustigkeit ein so spaßiges Gesicht macht, wie -erst, wenn er zornig und wild ist? – Mit diesem Gedanken -hebt die Geschichte an.</p> - -<p>Eines Tages, als die Leute auf dem Felde waren, stieg -ich mit etwas schlotternden Beinlein die Stiege vom Dachgelaß<span class="pagenum"><a id="Page_111">[111]</a></span> -herab und freute mich auf die Stunde, wenn der Toni wieder -seine Thaler aufzeigen will und sie nicht findet. Das wird -ein Gelächter geben! Aber ich lache still und sag' den Spaß -erst am andern Tag.</p> - -<p>Es war die genötige Schnittzeit, da wird bis in die -späten Abende hinein gearbeitet, da ist's nichts mit dem -Thalergucken. Ich vergaß auch bald darauf, ich mußte Garben -tragen und dem Vater die Kornschöberlein aufspreizen helfen. -Auch waren die Kirschen reif, eine Zeit voll Sehnsucht für -mich, denn ich wagte noch nicht den Stamm emporzuklettern, -und das Niederziehen der Äste vermittelst Haken war scharf -verboten; wenn ein Ast brach, da verstand mein Vater keinen -Spaß. Das mutwillige Abreißen von Ästen nannte er: den -Nachkommen Kirschen stehlen. Das war freilich ein garstiges -Wort, und verzichtete ich schließlich doch lieber auf die so hellrot -niederleuchtenden Kirschen bis zum Samstagfeierabend, -wenn sie mir der Vater regelrecht herabholte oder es der -Hiasel that, der ein arger Kletterer war.</p> - -<p>Damals erfuhr ich, was ein böses Wort vermag. Als -der Hiasel hoch oben auf einem schaukelnden Aste saß und ihm -bei jeder Schwenkung des Hauptes die frischen Kirschengabeln -förmlich in den Mund hineinhingen, rief er zu mir nieder -in's Gras, es wäre eine Schande, daß ich noch auf keinen -Kirschbaum könne! und warf mir – der ich die Haube nach -Kirschen aufthat – ein paar feuchte Kerne hinein. Ich sprang -ergrimmt an den Baumstamm, und in wenigen Augenblicken -war ich zu meiner eigenen Überraschung oben beim Hiasel.</p> - -<p>Ich wollte eben der Jubelstimmung über meine plötzlich -eingetretene Mannhaftigkeit in einem hellen Juchschrei Luft -machen, als neben im Hause auf einmal ein unheimlicher Lärm -entstand. Der Toni sprang wie rasend zur Thür heraus,<span class="pagenum"><a id="Page_112">[112]</a></span> -hielt mit beiden Händen seinen grauen Kopf und schrie: »Mein -Geld ist weg! Mein Geld ist weg!«</p> - -<p>Ihm folgte mein Vater: der Toni solle sich doch nicht -den Kopf wegreißen, das Geld würde sich ja finden, er ließe -das ganze Haus untersuchen. Ein paar Dienstmägde zeterten: -das wäre ihnen auch auf der Welt noch nicht passiert, daß sie -sich aussuchen lassen müßten, wie Schelminnen, aber sie thäten -es von selber, würfen dem Bauer all ihre Habseligkeiten vor -die Füße, Stück für Stück, und solle er schauen, ob die -dumme Thalerbüchse darunter sei.</p> - -<p>»Die dumme Thalerbüchse!« stöhnte der alte Knecht, -»o Bauer! mein Bauer! Das Herz möchte mir zerspringen -vor lauter Unglück!« und er hub an laut zu weinen und -ging, immer noch den Kopf zwischen den Händen haltend, -um's Haus herum, als müsse die Thalerbüchse irgendwo auf -dem grünen Rasen liegen.</p> - -<p>Jetzt hörte ich auch die Stimme meiner Mutter, welche -darüber schalt, daß die Leute an ihren Gewandtruhen die -Schlüssel stecken ließen, daß sie damit leicht ein ganzes -Haus in Unehr' bringen könnten; sie halte aber dafür, der -Toni hätte in seiner verrückten Weise das Geld aufs Kornfeld -mitgeschleppt und dort verstreut. Seit Wochen sei kein -Bettler, kein Handwerksbursch' oder sonst ein Fremder in den -Hof gekommen, und daß im Haus kein Dieb lebe, das wisse -sie gewiß.</p> - -<p>Mir, der ich auf dem Kirschbaumast hockte, war wunderlich -zu Mute. Wenn ich jetzt nur wieder unten wäre! das -Ding geht höllisch schief.</p> - -<p>Im Hause wurde der Hiasel gerufen.</p> - -<p>»Wenn's eins im Haus gethan hat – niemand anderer -als der Hiasel!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_113">[113]</a></span></p> - -<p>Als der Junge dieses Wort gehört hatte, sprang er -vom Baum mit einem kecken Schwunge über die Äste hinweg -auf den Erdboden. Bald war er von den Leuten umringt. -Der Toni hatte seine Fassungskraft wieder erlangt, -er faßte daher den Hiasel am Arm und fragte, wo er das -Geld habe!</p> - -<p>Der Bursche war im Gesicht röter als die reifste Kirsche -und sagte, er wisse von keinem Gelde.</p> - -<p>Das Leugnen würde ihm nichts nutzen. Man wisse bestimmt, -daß er die Thaler genommen habe!</p> - -<p>Auf eine solche Anschuldigung ist der Bursche – überhaupt -ungewandt im Reden, aber gewohnt, herrischen Aussprüchen -sich zu fügen – ganz stumm geworden. Er stand -da wie ein Stück Holz und starrte den Ankläger schier seelenlos -an.</p> - -<p>»Wenn Du's willig sagst, wo mein Geld ist,« sprach -der Toni in milder, fast bittender Weise, »so geschieht Dir -nichts; ich lege beim Waldbauer ein Gebitt ein, daß er Dich -frei laufen laßt. Wenn Du aber leugnest, so schlage ich -Dich tot!«</p> - -<p>Und ich? Als ich merkte, welch schreckbare Wendung -mein »Spaß« zu nehmen begann, und daß die Sache jetzt -gar nicht einmal wie ein Spaß aussah, und als ich eine -Geisterstimme hörte: <em class="gesperrt">das, was Du gethan, war Diebstahl!</em> -– da war wohl mein erster Gedanke: Allsogleich sagen, -Du hast das Geld hinter der Gewandtruhe unter den Holzsparren -gesteckt. – Aber sehr rasch rief eine andere Stimme: -Das wäre zu gefährlich! Siehe, jetzt reißt er schon die Heckenrute -ab, die kriegst Du, sobald Du das Wort sagst! Denn -das Gesicht des alten Knechtes war ganz schreckbar anzusehen, -die Wut, die Ratlosigkeit und den Jammer habe ich in<span class="pagenum"><a id="Page_114">[114]</a></span> -meinem Leben nirgends so scharf ausgedrückt gefunden, als -damals auf dem Angesichte des Toni. Da gab's nichts zu lachen! -Wohl totenblaß mag ich gewesen sein, als ich mich hinter -den Kirschbaumstamm schlich, dann plötzlich Kehrt machte, ins -Haus eilte, ins Dachgelaß hinauf, die unselige Thalerbüchse -aus ihrem Versteck holte und in die sperrangelweit offene -Gewandtruhe des alten Knechtes warf.</p> - -<p>Als ich hernach wieder zum Kirschbaum zurückgekommen -war, lagen von der Heckenrute nur mehr die weißen Splitter -umher auf dem grünen Rasen; die Leute verzogen sich grollend -und scheltend, und den Waldweg entlang wankte der -Bursche mit zerrauftem Haar.</p> - -<p>Der Knecht wimmerte im Hause umher, der Vater trat -zu mir und sagte, ich hätte nun gesehen, wohin Unehrlichkeit -führe; den Hiasel habe er verjagt, und ich solle nun wieder -auf den Kirschbaum steigen.</p> - -<p>Jetzt sag's! Jetzt sag's! rief es ungestüm in mir. Aber -ich habe es nicht gesagt. Mir war, als <em class="gesperrt">könnte</em> ich es nicht -mehr sagen, als sei schon zu viel geschehen. Ich war ja für's -ganze Haus das fromme, gutmütige Büblein, das schier -den ganzen Katechismus auswendig wußte und das heilige -Evangelium lesen konnte so schön und kräftig, wie der Pfarrer -auf dem Predigtstuhl, ich sollte nun als Dieb und Schuftlein -dastehen! Hatte ich nicht die haarsträubende Entrüstung der -Leute gesehen, die sich in allen Formen über den armen Hiasel -entleert? Über mich mußte es noch ärger kommen, denn ich -war ein doppelter Bösewicht. Für einen solchen ist es doppelt -unklug, sich zu verraten – und ich habe <em class="gesperrt">nichts</em> gesagt.</p> - -<p>Hingegen bin ich jetzt fortgegangen, den Waldweg entlang, -um den Hiasel zu suchen. Ich bin, wie der Steig führt, -in den Schmithofgraben hinabgegangen und jenseits wieder<span class="pagenum"><a id="Page_115">[115]</a></span> -emporgestiegen zu den Hochwaldungen des Teufelssteingebirges. -Und auf der Höhe, dort wo der weite grüne Anger liegt, -mitten im Wald, und wo das hohe, rotangestrichene Christuskreuz -steht, dort habe ich ihn gefunden. Er lag unter dem -Kreuze und schlief, und auf seinem Antlitz lagen Spuren von -Thränen.</p> - -<p>Über den schwarzen hohen Baumwipfeln lag die Abendröte, -kein Lüftchen und kein Laut war auf dem dämmernden -Anger – ich saß neben dem schlafenden Burschen und weinte. – -Kinder weinen oft, aber es wird wohl selten sein, daß eins -so bitter, bitterlich weint, als ich's damals gethan habe, da -ich Wache hielt vor dem schlummernden Jungen, dem so grob -Unrecht geschehen war.</p> - -<p>Wecken wollte ich ihn nicht. Er war ja so müde gehetzt. -Daß er unschuldig ist, das weiß er, und wird ihm's sein lieber -Schutzengel auch im Traum sagen. Er hat nicht Vater und -Mutter, er hat nichts Gutes auf der Welt, und wenn ihm -jetzt schon fremde Sünden zugeworfen werden, weil ihn kein -Mensch in Schutz nimmt, wie erst, wenn er groß ist und -es die schlechten Leute inne werden: das ist einer zum Tragen -und Büßen …! Er soll schlafen.</p> - -<p>Ähnliches mag ich gedacht oder gefühlt haben, und ein -unendliches Mitleid kam über mich, eine Reue und eine Liebe, -und ich wußte mir vor Weinen nicht zu helfen. Als er sich -einmal ein klein wenig bewegte, da ging's mir heiß durchs -Herz, und mir verging fast der Mut, es ihm zu sagen, daß -ich das Schelmenstück gethan hätte, wofür er mißhandelt -worden. Konnte ihn das nicht gegen mich empören, wütend -machen? Konnte er mich nicht auf der Stelle totschlagen in -diesem finsteren Wald und mir dabei zuschreien: die Strafe -dafür hätte er schon im voraus empfangen?</p> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_116">[116]</a></span></p> - -<p>Aber – und das allein ist's, was aus jenem bösen -Tage heute noch milde auf mich herüberschaut – ich blieb -neben dem Schlummernden kauern und war entschlossen, nicht -eher von ihm zu gehen, als bis ich ihm alles gestanden und -abgebeten hätte. Dann wollte ich ihn mitnehmen hinein in -mein Vaterhaus, daß er alles dort habe, was ich bisher -gehabt, und das so lang, so lang, als die Heckenruten wachsen -neben dem Kirschbaum.</p> - -<p>Bevor jedoch der Hiasel aus seiner schweren Betäubung -erwachte, kam was anderes. Den Waldweg heran knarrte -ein Leiterwagen, bespannt mit zwei Ochsen, die ein Mann -leitete. Der Stegleitner von Fischbach war's, er fuhr von -seinem Walde heim – ich kannte ihn von einem Ochsentausche -her, den er etliche Wochen früher mit meinem Vater unternommen. -Trotz der tiefen Dämmerung erkannte ich auch -die Ochsen als jene, welche er von uns fortgeführt hatte. -Das heimelte mich an. Als der Stegleitner hier unter dem -Kreuze einen schlafenden und einen schluchzenden Jungen -fand, war er gar erschrocken und fragte, was das zu bedeuten -habe. Und vor den Stegleitner bin ich hierauf hingekniet, -als ob er der Bestohlene oder der Mißhandelte gewesen wäre, -und habe ihm wohl mit gefalteten Händen alles erzählt.</p> - -<p>Der Stegleitner war ein ruhiger, ernster Mann; als -ich fertig war, fragte er nur, ob ich fertig wäre, und da ich -schwieg, hat er mir folgendes gesagt: »Mit dem Hiasel hast -Du und hat Dein Vater nichts mehr zu schaffen, der gehört -jetzt mein, ich nehme ihn mit mir. Abbitten wirst Du ihm's, -wenn Du größer geworden bist, denn das – mußt Du -wissen – verjährt nicht. Für jetzt werde ich ihm sagen, -was zu sagen ist, daß sein Schutzengel seine Unschuld an's -Licht getragen hat. Mehr braucht er nicht zu wissen. Und<span class="pagenum"><a id="Page_117">[117]</a></span> -Du, Waldbauernbub, gehst jetzt heim, und was Du zu thun -hast, das weißt Du.«</p> - -<p>»Das Geld ist schon zurückgegeben,« bemerkte ich gefaßter.</p> - -<p>»Das Geld ist Mist,« sagte der Stegleitner, »die Ehre -giebst zurück. – Mein Kind!« fuhr er fort und richtete -mich mit seiner Hand auf, »schau, dort oben heben jetzt die -Sternlein an zu leuchten. Sie schauen nieder auf Dich, -wenn Du bei der Thür eintrittst in Dein Vaterhaus, sie -sehen, was Du thun wirst und was lassen – und sie brennen -fort, bis zum jüngsten Gericht!«</p> - -<p>Die Worte waren ruhig, fast leise gesprochen, und doch -war mir, als bebte vor ihnen der Erdboden unter meinen -Füßen.</p> - -<p>Der Stegleitner blieb mit seinem Gefährte noch stehen -bei dem roten Kreuz; ich that einen kurzen Blick auf den -Schläfer, und war mir, als sähe ich das Bild eines Heiligen. -Dann ging ich heimwärts; ging und lief und ahnte Gespenster, -die mir folgten.</p> - -<p>Als ich gegen unser Haus kam, hörte ich schon von -weitem die Stimme meiner Mutter, die meinen Namen rief.</p> - -<p>»Was das für ein Tag ist!« klagte sie, »Geld und Kinder -werden gestohlen, da müssen doch rein Zigeuner im Land sein!«</p> - -<p>Aber Geld und Kind hatten sich nun glücklich wieder gefunden, -und in der Stube kniete der Vater am großen Tische, -knieten die anderen Leute an den Wandbänken herum, und -sie beteten laut und gemeinstimmig den üblichen Samstagsrosenkranz. -Mir war wohl und weh. Ich kniete zum alten -Knecht Anton – recht nahe an seine Seite hin – und -begann laut mitzubeten. Sie wiederholten immer wieder -das Vaterunser und das Ave Maria, und ich stimmte in den -surrenden Ton mit ein und sagte fortwährend: »Lieber<span class="pagenum"><a id="Page_118">[118]</a></span> -Knecht, vergieb mir meine Schulden, ich habe Dir das Geld -gestohlen! Lieber Knecht, vergieb mir meine Schulden, ich -habe Dir das Geld gestohlen!«</p> - -<p>Weil der Toni entweder stark schläfrig war, oder weil -er während des Rosenkranzes in Gedanken an die wiedergefundene -Thalerbüchse schwelgte, so währte es ziemlich lang, -bis ihm mein wunderlicher Text auffiel. Endlich huben sich -seine Stirnhaut und sein Ohrläppchen an zu bewegen, er -wendete sachte sein entsetztes Gesicht und schrie in die Stube -hinein, man solle still sein und den kleinen Buben allein -weiterbeten lassen.</p> - -<p>Und als von solcher Unterbrechung überrascht alles still -war, duckte ich mich weinend in den Wandwinkel und wimmerte -laut: »Ich habe das Geld genommen!«</p> - -<p>Der Rosenkranz war für heute aus. Die Begebenheiten -spitzten sich nun rasch und scharf einem herben Ende zu, welches -Ende jedoch durch den Umstand, daß der Hiasel geborgen und -von seiner Ehrenrettung bereits durch den Stegleitner Kenntnis -haben mußte, bedeutend gemildert worden ist.</p> - -<p>Von diesem verhängnisvollen Tage an ist der Thalerbüchsen-Toni -nicht mehr lange bei uns geblieben. Aber -zum Abschiede nahm er mich an seine Gewandtruhe. Dort -öffnete er gravitätisch die Büchse und schenkte mir daraus -ein funkelndes Thalerlein als – Finderlohn.</p> - -<p>Nach Jahren, als der Toni mühselig und krank geworden -war, wollte er mit seinem Silberschatze eine »wunderthätige -Kapelle« stiften, was ihm aber der Pfarrer entschieden mißriet. -Hingegen ward ihm nahe gelegt, ob er nicht einem -braven Bauernburschen, dem dieser Silberlinge wegen einmal -Unrecht geschehen, ein kleines Angedenken hinterlassen wolle?</p> - -<p>Aber der Hiasel war nicht im Lande. Er war lange<span class="pagenum"><a id="Page_119">[119]</a></span> -im Stegleitnerhofe gewesen, und man hatte schon davon gemunkelt, -daß er dort die hübsche Haustochter heiraten werde -– da wurde die Gegend plötzlich geräumt. Alle jungen, -kräftigen Männer mußten fort. Es war die Zeit, in welcher -nach dem Sprichwort die Weibsleute um jeden Stuhl rauften, -auf dem einmal ein Mannsbild gesessen. – Wie die Meereshochflut, -die den Damm zerreißt, so brach der Feind ins -Vaterland herein. O, laßt mich schweigen von den Ereignissen -jener Tage, sie waren furchtbar groß. Der Sturm -war bald vorüber; viele Männer kehrten heim, viele blieben -auf ewig aus. Der Hiasel kam mit einem durchschossenen -Fuß zurück. Bei Königgrätz war's gewesen.</p> - -<p>»Armer Bursch,« so begrüßte der alte Stegleitner den -Heimkehrenden, »jetzt bist ein zweitesmal unschuldigerweis -geschlagen worden.«</p> - -<p>»Ich trag's,« antwortete der Hiasel, »mir ist's nur -<em class="gesperrt">ihretwegen</em> hart!«</p> - -<p>»Was ihretwegen!« sagte der Bauer, »ihre Ahndl, meine -Mutter selig, hat auch einen hinkenden Mann gehabt. Dirndel, -geh her! Schau, der Krumme kann Dir nicht so leicht davonlaufen. -Der lieb' Herrgott geb' seinen Segen dazu!«</p> - -<p>Jetzt ist die Geschichte aus. Heute ist der Hiasel angesehener -Stegleitner und sein Weib vergilt ihm – so viel -mir bekannt ist – hundertfach manch erlittene Unbill.</p> - -<p>Der alte Thalerbüchsen-Toni ist erst vor wenigen Jahren -gestorben. Der größte Teil seiner Münzen ging auf das -Begräbnis, etliche Stücke nahm er mit in seinen Sarg, darunter -das mit dem wahrhaftigen Bildnisse der Mutter Gottes. Da -ist's wohl kein Wunder, daß der Alte im Tode ein so wohlgemutes, -fast schmunzelndes Gesicht machte und im Grabe -schmunzelnd zu Asche zerfallen wird – bei den Thalern.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-098.png" alt="Dekoration" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p class="center">Verlag von L. Staackmann in Leipzig.</p> - -<p class="larger left10 p2">Jugendschriften</p> - -<p class="center">von</p> - -<p class="larger right">Peter Rosegger.</p> -</div> - -<div class="hang p2"> - -<p><b>Aus dem Walde.</b> Ausgewählte Schriften für die reifere -Jugend mit 36 Abbildungen in illustriertem Umschlag -gebunden M. 4.–.</p> - -<p><b>Ernst Und heiter</b> und so weiter. Für die reifere Jugend -ausgewählt, in illustriertem Umschlag kartoniert M. 4.–.</p> - -<p><b>Deutsches Geschichtenbuch.</b> Für die reifere Jugend -ausgewählt mit 12 Vollbildern, in illustriertem Umschlag -gebunden M. 4.–.</p> - -<p><b>Waldferien.</b> Ländliche Geschichten für die Jugend ausgewählt. -Mit 20 Abbildungen. In illustriertem Umschlag -gebunden M. 4.–.</p> - -<p><b>Waldjugend.</b> Geschichten für junge Leute von 15–70 -Jahren. Mit zahlreichen Textillustrationen und 10 Vollbildern -von Alfred Mailick. In Prachtband gebunden -M. 6.–.</p></div> - -<p class="noind p2">Ausführliches Verzeichnis über Roseggers Schriften sowie -ein neuer illustrierter Verlagskatalog steht jedem Interessenten -auf Verlangen gratis und franko zur Verfügung.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="center p2">Druck von Grimme & Trömel in Leipzig.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung -der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p> - -<p>Korrekturen:</p> -<div class="corr"> -<p> -S. 8: hierauf → sich hierauf<br /> -Als er <a href="#corr008">sich hierauf</a> einmal umsah</p> -<p> -S. 11: kreuzenden → sich kreuzenden<br /> -das Gewebe der <a href="#corr011">sich kreuzenden</a> Eisstücke</p> -<p> -S. 76: kriegen → kriechen<br /> -mußte ich unter den Tisch <a href="#corr076">kriechen</a></p> -</div> -</div> - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Als ich noch der Waldbauernbub war. -Band 1, by Peter Rosegger - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WALDBAUERNBUB WAR *** - -***** This file should be named 61998-h.htm or 61998-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/1/9/9/61998/ - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at https://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook -for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, -performances and research. They may be modified and printed and given -away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks -not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm -electronic works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the -Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. If an individual work is unprotected by copyright law in the -United States and you are located in the United States, we do not -claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, -displaying or creating derivative works based on the work as long as -all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope -that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting -free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm -works in compliance with the terms of this agreement for keeping the -Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily -comply with the terms of this agreement by keeping this work in the -same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when -you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are -in a constant state of change. If you are outside the United States, -check the laws of your country in addition to the terms of this -agreement before downloading, copying, displaying, performing, -distributing or creating derivative works based on this work or any -other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no -representations concerning the copyright status of any work in any -country outside the United States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work -on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the -phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: - - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and - most other parts of the world at no cost and with almost no - restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it - under the terms of the Project Gutenberg License included with this - eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the - United States, you'll have to check the laws of the country where you - are located before using this ebook. - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is -derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not -contain a notice indicating that it is posted with permission of the -copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in -the United States without paying any fees or charges. If you are -redistributing or providing access to a work with the phrase "Project -Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply -either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or -obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm -trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format -other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg-tm web site -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain -Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works -provided that - -* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation." - -* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm - works. - -* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - -* You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The -Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm -trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - - -</pre> - -</body> -</html> |
